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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE vor mitgliedern
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die Apokalypse des Johannes
Ein Zyklus von zwolf Vortragen
mit einem einleitenden offentlichen Vortrag
gehalten in Niirnberg
vom 17. bis 30. Juni 1908
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlafJverwaltung
Die Herausgabe besorgten J. Waeger("f) und H.Wiesberger
1. Auflage (Zyklus 6, «Die Theosophie an der Hand
der Apokalypse»), Berlin 1911
2. Auflage (Zyklus 6, Zweitdruck,
«Die Apokalypse des Johannes*)
Berlin 1928
3. Auflage (erste Buchausgabe, mit 7 Bildtafeln)
Dornach 1945
4. Auflage (mit 14 Bildtafeln)
Dornach 1954
5., neu durchgesehene Auflage
(mit Anhang und Reproduktion der 7 Siegel)
Gesamtausgabe Dornach 1962
6., neu durchgesehene Auflage
(photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1979
7. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe 1985
Bibliographie-Nr. 104
Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Zeichnungen im Text nach Unterlagen in den Vortragsschriften,
ausgefuhrt von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlafJverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1979 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG, Schaffhausen
ISBN 3-7274-1040-X
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, muft gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden : «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafkn auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Aus dem Geleitwort von Marie Steiner zur ersten Buchausgabe
von 1945 9
Offentlicher Vortrag, Niirnberg, 17. Juni 1908 11
Geisteswissenschaft, Evangelium und Menschheitszukunft
Erster Vortrag, Niirnberg, 18. Juni 1908 34
Die Apokalypse als Darstellung der christlichen Ehrweihung
Zweiter Vortrag, 19. Juni 1908 51
Das Wesen der Einweihung. Das erste und zweite Siegelbild
Dritter Vortrag, 20. Juni 1908 66
Die Briefe an die sieben Gemeinden
Vierter Vortrag, 21. Juni 1908 87
Die sieben Siegel und ihre Enthiillung
Funfter Vortrag, 22. Juni 1908 104
Die Entwickelung des Menschen im Zusammenhang mit der kosmi-
schen Entwickelung der Erde. Die vierundzwanzig Altesten und das
glaserne Meer
Sechster Vortrag, 23. Juni 1908 118
Der Mensch in der lemurischen und atiantischen Zeit. Das Myste-
rium von Golgatha
Siebenter Vortrag, 24. Juni 1908 137
Die Herausbildung der selbstbewufiten Personlichkeit. Das Hinein-
gehen in den Abgrund. Die gute und die bose Rasse
Achter Vortrag, 25. Juni 1908 156
Die Zukunft der Menschheitsentwickelung. Die Kulturen der sieben
Siegel und der sieben Posaunen
Neunter Vortrag, 26. Juni 1908 174
Das Hineingehen in die vergeistigte Erde. Das Weib, mit der Sonne
bekleidet. Das Tier mit den sieben Kopfen und zehn Hornern
Zehnter Vortrag, 27. Juni 1908 191
Der Gang der Entwickelung durch die sieben Zustande des Be-
wuCtseins, des Lebens und der Form. Das Ausgieften der Zornes-
schalen
Elfter Vortrag, 29. Juni 1908 214
Die Zahl 666, Sorat, der Sonnendamon. Der Fall Babylons und die
Hochzeit des Lammes. Das neue Jerusalem. Michael iiberwindet den
Drachen
Zwolfter Vortrag, 30. Juni 1908 234
Der Erste und der zweite Tod. Der neue Himmel und die neue Erde.
Der Ursprung der Apokalypse
Hinweise 259
Sonderhinweis zur Entwicklung der Zahl 666 im 1 1. Vortrag . . 263
Zeichen und Entwicklung der drei Logoi in der Menschheit.
Niederschrift Rudolf Steiners fur Edouard Schure im Mai 1906 264
Korrekturen gegeniiber der 5. Auflage 1962 270
Ausfuhrliche Inhaltsangaben von Marie Steiner zur ersten Buch-
ausgabe der Vortrage 272
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 281
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 283
Abbildungen der Sieben Apokalyptischen Siegel . . . nach 284
A.us dem Geleitwort von Marie Steiner
%ur erst en Buchausgabe 1945
Als Privatdruck in Maschinenschrift ist dieser in die Apokalypse
einfiihrende Vortragszyklus schon in zwei Auflagen erschienen.
Lange Zeit haben die Herausgeber, trotz vieler Bitten, gezogert, ihn
als Buch herauszubringen, weil jene, die 1908 das gesprochene
Wort gehort haben, in der Nachschrift durch die Kiirzungen ge-
stort wurden, welche der Stenograph nicht hatte umgehen konnen,
wenn er bis zum SchluB durchhalten sollte. So wurde etwas von der
erlebten Erschiitterung vermiBt: das Ziindende des im geistigen
Feuer erstrahlenden Wbrtes. Jetzt, nach vielen Jahren, fallt das
nicht mehr so storend auf ; es treten die gewaltigen Inhalte in ihrer
objektiven GroBe hervor, und die Schlichtheit der Sprache scheint
dem Drangen der suchenden Seele entgegenzukommen, ohne der
Bedeutsamkeit des Stories Abbruch zu tun. Wiederholungen und
erlauternde Zwischenbetrachtungen helfen dem Verstandnis weiter —
reichen gleichsam dem Wanderer, der die steiien Hohen erklimmen
will, eine geistige Hand.
GEISTESWISSENSCHAFT, EVANGELIUM
UND MENSCHHEITSZUKUNFT
Offentlicher Vortrag
Niirnberg, 17Juni 1908
Niirnberg kann im Herbst dieses Jahres eine schone Jahrhundert-
feier begehen. Denn es war im Herbst 1 808, als diese Stadt in ihren
Mauern einen der groBten deutschen Geister aufgenommen hat,
einen derjenigen deutschen Geister, von denen freilich heme nicht
gerade viel gesprochen wird, dessen Werke noch weniger verstan-
den werden, der aber fiir die Zukunft des menschlichen Geistes-
lebens, wenn er einst verstanden werden wird, sehr viel bedeuten
wird. Er ist allerdings schwer zu verstehen, und deshalb mag es
einige Zeit dauern, bis die Menschen ihn wieder begreifen werden.
Im Herbst 1808 wurde Hegel Dkektor des Koniglichen Gym-
nasiums in Niirnberg.
Hegel hat einen Ausspruch getan, den wir vielleicht gerade heute
als einen Richtspruch an die Spitze unserer Betrachtungen setzen
diirfen. Hegel sagte: Der tiehte Gedanke ist mit der Gestalt Christi:
mit dem Geschichtlichen und AuBerlichen vereinigt, und das ist
eben das GroBe der christlichen Religion, daB sie bei aller dieser
Tiefe leicht vom BewuBtsein in auBerlicher Hinsicht aufzufassen ist
und zugleich zum tieferen Eindringen auffordert. Sie ist so fiir jede
Stufe der Bildung und befriedigt zugleich die hochsten Anforde-
rungen. — Das sind Worte Hegels, des deutschen Philosophen.
DaB die christliche Religion, daB die Verkiindigung des Evange-
liums fiir jede Stufe des BewuBtseins begreiflich ist, das hat eine
Zeit gelehrt, die fast schon nach Jahrtausenden zu rechnen ist. DaB
sie auffordert zu den tiefsten Gedanken, zu dem tiefsten Eindringen
in die Weisheitslehren des Menschentums iiberhaupt, das zu zeigen
wird eine der Aufgaben sein der anthroposophischen Geistesstro-
mung, der Geisteswissenschaft, wenn diese in ihrem richtigen Sinn,
in ihren innersten Impulsen erfaBt und zum Herrn des mensch-
lichen Lebens gemacht werden wird. Man wiirde die heutige Be-
trachtung miBverstehen, wenn man des Glaubens ware, Anthropo-
sophie oder Geisteswissenschaft sei in irgendeiner Beziehung eine
neue Religion, wolle irgendein neues Religionsbekenntnis an die
Stelle eines aiten setzen. Man mochte sogar, um nur ja nicht
miBverstanden zu werden, sagen: Wird einmal Geisteswissenschaft
nchtig verstanden werden, dann wird man sich klar sein dariiber,
daB sie als solche zwar die festeste, die sicherste Stiitze des religio-
sen Lebens ist, daB sie selbst aber keine Religion ist, daB sie daher
auch keiner Religion jemals als solcher widersprechen wird. Etwas
anderes ist es aber, daB sie das Instrument sein kann, das Werk-
zeug, um die tiefsten Weistiimer und Wahrheiten und die ernstesten
und lebensvollsten Geheimnisse der Religionen zu erklaren und
zum Verstandnis zu bringen.
Es liegt vielleicht etwas fern, wenn man, um das Verhaltnis von
der Anthroposophie zu den Urkunden dieser oder jener Religion
zu schildern — und heute werden wir es mit den religiosen Urkun-
den des Christentums zu tun haben — , den Vergleich macht: An-
throposophie verhalt sich zu den religiosen Urkunden wie die
mathematische Lehre zu den Urkunden, welche im Laufe der ge-
schichtlichen Entwickelung der Menschheit als mathematische Lehr-
bucher oder Biicher iiberhaupt aufgetreten sind. Da haben wir ein
altes Buch, das eigentlich nur der mit der Mathematik bewanderte
Geschichtsforscher naher ins Auge faBt: die Geometrie des Euklid.
Sie enthalt zum erstenmal in einer schulmaBigen Weise dasjenige
aus der Mathematik und Geometrie, was heute die Kinder in der
Schule schon lernen. Wie wenige aber dieser Kinder werden sich
dessen bewuBt, daB alles das, was sie iiber parallele Linien, iiber das
Dreieck, iiber die Winkel und so weiter lernen, in jenem alten
Buche steht, daB es da zum erstenmal der Menschheit geschenkt
worden ist! Mit Recht erweckt man im Kinde das BewuBtsein, daB
man diese Dinge aus sich selbst einsehen kann, daB, wenn der
menschliche Geist seine Krafte in Bewegung setzt und sie anwen-
det auf die Formen des Raumes, daB er diese Formen einzusehen
imstande ist ganz ohne Riicksicht auf jenes alte Buch. Einer aber,
der vielleicht gar nichts gewuBt hat von diesem Buch und die
mathematischen und geometrischen Lehren in sich aufgenommen
hat, er wird, wenn er es einmal kennenlernt, es in dem richtigen
Sinne wiirdigen und verstehen. Er wird zu schatzen wissen, was
derjenige der Menschheit gegeben hat, der dieses Buch zum ersten-
mal vor ihren Geist hingestellt hat.
So mochte man das Verhaltnis der Geisteswissenschaft zu den
religiosen Urkunden charakterisieren. Die Quellen der Geisteswissen-
schaft sind so, daB die Geisteswissenschaft auf keinerlei Urkunden,
auf keinerlei Uberlieferung angewiesen sein soil, wenn sie ihrem
richtigen Impulse nach verstanden wird. So wie uns das andere
Wissen der Menschheit die Erkenntnis der umliegenden Sinnes-
welt dadurch verschafft, daB der Mensch seine Krafte frei gebraucht,
so verschaffen uns die tieferliegenden, zunachst in der Menschen-
seele schlummernden geistigen, iibersinnlichen Krafte und Fahig-
keiten die Erkenntnis dessen, was als Ubersinnliches, als Unsicht-
bares allem Sichtbaren zugrunde liegt. Ebenso wie der Mensch, wenn
er seine Sinneswerkzeuge gebraucht, imstande ist, das, was sich dem
auBeren Sinnesscheine darbietet, wahrzunehmen, wie er imstande
ist, das Wahrgenommene mit seinem Verstande zu verbinden und zu
verkniipfen, ebenso ist der Mensch, wenn er die durch die Geistes-
wissenschaft ihm iiberlieferten Methoden gebraucht, imstande, hin-
ter die Kulissen des sinnlichen Daseins zu schauen, dorthin, wo die
geistigen Ursachen liegen, wo die Wesen weben und arbeiten, die
das sinnliche Auge nicht sieht, die das sinnliche Ohr nicht hort,
wohl aber das iibersinnliche. So liegt im freien Gebrauch der
menschlichen Krafte, wenn sie auch bei einem groBen Teil der
heutigen Menschheit als iibersinnliche Krafte noch schlummern,
die Quelle, die unabhangige freie Quelle geistigen Wissens, wie im
freien Gebrauch der auf die Sinneswelt gerichteten Krafte die
Quelle des auBeren Wissens liegt. Dann aber, wenn auf irgendeine
Weise der Mensch sich in den Besitz der Erkenntnisse gesetzt hat,
welche ihn einfiihren in das iibersinnliche hinter dem Sinnlichen,
in das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren, wenn er sich davon ein
ebensolches Wissen erwirbt, wie es das sinnliche Wissen von den
auBeren Gegenst'anden und Geschehnissen ist, dann mag er, aus-
geriistet mit diesem iibersinnlichen Wissen, ebenso an die Uber-
lieferung gehen, an die Biicher und Dokumente, an die Urkunden,
durch die im Laufe der Entwickelung Kunde zu den Menschen ge-
kommen ist iiber das iibersinnliche Gebiet, wie der Geometer heran-
tritt an die Geometrie des Euklid. Und dann priift er sie von einem
ahnlichen Standpunkt aus, wie der heutige Geometer die Geometrie
des Euklid priift. Dann kann er diese Urkunden ihrem wahren
Wert nach schatzen und anerkennen. Und derjenige, der diesen
Weg geht, der wirklich ausgeriistet mit den Erkenntnissen der iiber-
sinnlichen Welt herantritt an die Urkunden der christlichen Ver-
kiindigung, fur den verlieren diese Urkunden wahrhaftig nicht an
Wert. Ja, im Gegenteil, sie erscheinen in hoherem Glanz, als sie
erst dem bloB glaubigen Gemiit erschienen sind. Sie zeigen, daJ3 sie
tiefere Weistiimer enthalten, als der Mensch friiher vor der anthro-
posophischen Erkenntnis geahnt hat.
Aber noch iiber eine Frage miissen wir uns klar werden, damit
wir die richtige Stellung gewinnen gegeniiber dem Verhaltnis der
Anthroposophie zu den religiosen Urkunden. Fragen wir uns ein-
mal: Wer ist der bessere Betrachter der Geometrie des Euklid, der-
jenige, der die Worte des Buches wortlich iibersetzen kann und,
ohne erst eingedrungen zu sein in den Geist der Geometrie, den
Inhalt des Buches enthiillen will, oder derjenige, welcher erst Geo-
metrie versteht und daher auch die Geometrie in jenem Buch zu
finden weiB? — Denken wir uns einen bloBen Philologen gegen-
iiber dem Geometriebuch des Euklid, einen, der nichts verstiinde
von Geometrie: wieviel Unrichtiges wiirde da herauskommen, wenn
er den Sinn des Buches enthiillen wollte! So haben es viele mit den
religiosen Urkunden gemacht, selbst solche, die berufen sein soli-
ten, den wahren Sinn derselben zu ergriinden. Sie sind an diese
Urkunden herangegangen, ohne daB sie erst, unabhangig von
ihnen, etwas wuBten von dem, was iiber das Ubersinnliche zu er-
griinden ist. So haben wir heute recht sorgfaltige Erklarungen der
religiosen Urkunden, Erklarungen, die alles zusammentragen aus
der Zeitgeschichte heraus, wie diese Urkunden zum Beispiel ent-
standen sind, aber die Erklarungen nehmen sich ebenso aus wie
die Erklarungen der Geometrie des Euklid durch einen Nicht-
geometer.
Erkenntnis der Religion — das wollen wir festhalten — ist etwas,
was man nur gewinnen kann, wenn man es mit Hilfe der auf
geisteswissenschaftlichem Wege gewonnenen Erkenntnisse betrach-
tet, obwohl Anthroposophie nur ein Werkzeug des religiosen Le-
bens sein kann, niemals eine Religion selber. Religion wird cha-
rakterisiert am besten durch den Inhalt des menschlichen Herzens,
des menschlichen Gemiites, jener Summe von Empfindungen und
Gefuhlen, durch die der Mensch hinauf schickt das Beste, was er an
Empfanglichkeit in seiner Seele hat, zu den iibersinnlichen Wesen-
heiten und Kraften. Von dem Feuer dieses Gemiitsinhaltes, von der
Starke dieser Empfindungen, von der Art dieser Gefiihle hangt der
Charakter der Religion eines Menschen ab, so wie von dem warmen
Pulsschlag in unserer Brust, von dem Gefiihle fur Schonheit es ab-
hangt, wie der Mensch einem Bilde gegeniibertritt. Der Inhalt des
religiosen Lebens ist gewiB das, was wir die geistige, die iibersinn-
liche Welt nennen. Aber ebensowenig wie asthetisch-kiinstlerisches
Empfinden dasselbe ist wie das, was wir nennen geistiges Erfassen
der inneren kiinstlerischen Gesetze — obwohl das geistige Erfassen
derselben das Kunstverstandnis erhohen wird — y ebensowenig ist
jene Weisheit, jene Wissenschaft, welche in die geistigen Welten
einfiihrt, und Religion selber das gleiche. Diese Wissenschaft wird
das religiose Empfinden, das religiose Fiihlen ernster, wiirdiger,
groBer, umfangreicher machen, aber selber Religion will sie nicht
sein, wenn sie im richtigen Sinne verstanden wird, obwohl sie zur
Religion fiihren mag.
Wenn wir nunmehr von diesem geisteswissenschaftlichen Stand-
punkt die Kraft und Bedeutung, den Sinn und den Geist der christ-
lichen Religionsverkundigung verstehen wollen, dann miissen wir
weit im geistigen Leben ausgreifen. Wir miissen den Blick werfen
in Zeiten urferner Vergangenheit, mit anderen Worten, wir miissen
zuriickgreifen bis in die vorreligiose Zeit der Menschheit, wir miis-
sen versuchen, die Entstehung der Religion ins Auge zu fassen. Gibt
es eine vorreligiose Zeit der Menschheit? Ja, es war einmal eine
Zeit auf der Erde, in der es keine Religion gegeben hat. Auch die
Geisteswissenschaft muB eine solche Frage bejahen, obwohl in
einem ganz anderen Sinne, als die materialistische Kulturweisheit
es tut. Was bedeutet die Religion fur die Menschheit? Religion war
und wird noch lange fur die Menschheit das sein, was schon ihr
Wort ausdriickt. Das Wort Religion bedeutet: Verbindung des Men-
schen mit seinem Gottlichen, mit der geistigen Welt. Und im we-
sentlichen sind die religiosen Zeiten solche, in denen der Mensch
sich nach der Vereinigung mit dem Gottlichen sehnte, sei es aus
den Quellen eines Wissens oder aus einer gewissen Empflndung
heraus, oder deshalb, weil er fiihlte, daB sein Wille nur stark sein
kann, wenn er von gottlicher Kraft durchstromt ist. Solche Zeiten,
in denen der Mensch sozusagen mehr in sich ahnte, als daJ3 er etwas
AuBeres wuBte, in denen er die iibersinnliche Welt mehr ahnte,
denn daB er sie geschaut, daB er sie um sich gehabt hatte, das sind
die religiosen Zeiten unserer Erde. Und vor diesen Zeiten gab es
andere Zeiten, wo der Mensch ein solch ahnendes, lechzendes Ver-
binden mit der geistig-ubersinnlichen Welt nicht brauchte, deshalb
nicht brauchte, weil er von dieser iibersinnlichen Welt, von dieser
geistigen Welt wuBte, wie der Mensch der Gegenwart weiB von
den sinnlichen Dingen. Braucht der Mensch iiberzeugt zu werden,
daB es Steine, Baume, Tiere gibt? Braucht er irgendeine Urkunde,
eine Lehre dariiber, die ihm bezeugt oder ihn ahnen laBt, daB es
Steine, Pflanzen, Tiere gibt? Nein, denn er sieht sie, er erschaut sie
um sich herum, und deshalb braucht er eine solche Religion des
Sinnlichen nicht. Denken wir uns einen Menschen, der in ganz
anderen Welten lebte, mit ganz anderen Sinnesorganen, Erkenntnis-
organen ausgeriistet, der nicht die Steine, Pflanzen, Tiere sehen
wiirde, weil sie unsichtbar waren fur ihn, denken wir uns einen
solchen Menschen, dem durch Schriften oder sonstwie die Kunde
gegeben wiirde von Steinen, Pflanzen, Tieren: Was ware dasjenige,
was fur Sie Anschauung, Erfahrung, unmittelbares Wissen ist, was
ware das fur ihn? — Religion ware es fiir diesen Menschen. Wenn
irgendwo in einem Buche stehen wiirde, es gibt Steine, Pflanzen,
Tiere, dann ware das fiir diesen Menschen Religion, denn er hat es
niemals gesehen.
Es gab fiir den Menschen eine Zeit, wo er inmitten derjenigen
geistigen Wesenheiten und Tatsachen schon gelebt hat, von denen
ihm heute die Religionen und die Weishekslehren Kunde tun.
Das Wort Entwickelung ist heute auf vielen Gebieten der Welt-
anschauung ein Zauberwort geworden, aber es wird von der
auBeren Wissenschaft doch nur angewendet auf auBere, sinnliche
Tatsachen. Fiir denjenigen, der geisteswissenschaftlich die Welt be-
trachtet, fiir den ist alles, alles in Entwickelung, vor alien Dingen
das menschliche BewuBtsein. Der Zustand des menschlichen Be-
wuBtseins, in dem Sie heute leben, durch den Sie, wenn Sie des
Morgens aufwachen, vermoge Ihrer Sinnesorgane die Sinnenwelt
sehen und begreifen, dieser Zustand des BewuBtseins hat sich aus
einem anderen entwickelt. In der Geisteswissenschaft nennen wir
diesen BewuBtseinszustand das sogenannte helle TagesbewuBtsein.
Aber dieses helle TagesbewuBtsein hat sich herausentwickelt aus
einem uralten anderen BewuBtsein, das wir das dammerhafte Bilder-
bewuBtsein der Menschheit nennen. Da kommen wir allerdings auf
friihe Entwickelungszustande der Menschheit zuriick, von denen
eine auBere Anthropologic nichts meldet, aus dem Grunde nicht,
weil sie sich nur der sinnlichen Instrumente und der Methoden des
Verstandes bedient. Sie glaubt, daB der Mensch Zustande durch-
gemacht habe in urferner Vergangenheit, die eigentlich dieselben
sind, wie sie heute unsere tierischen Wesen durchmachen.
In friiheren Vortragen wurde schon darauf hingewiesen, wie wir
uns geisteswissenschaftlich das Verhaltnis des Menschen zu den
tierischen Wesen zu denken haben. Niemals war der Mensch ein sol-
ches Wesen wie das heutige Tier es ist. Er stammt nicht von Wesen-
heiten ab, die so waren wie die heutigen Tiere. Die Entwickelungs-
formen, aus denen sich der Mensch herausgebildet hat, die wiirden,
wenn wir sie schildern wollten, sich sehr unahnlich den heutigen
Tieren erweisen. Die heutigen Tiere sind gleichsam auf friiheren
Entwickelungsstufen zuriickgebliebene Wesenheiten, die diese frii-
heren Entwickelungsstufen konserviert und sie in die Verhartung
gebracht haben. Der Mensch ist iiber seine friiheren Entwickelungs-
stufen hinausgewachsen, die Tiere sind darunter heruntergewach-
sen. So sehen wir in der Tierwelt etwas wie zuriickgebliebene Brii-
der der Menschheit, die aber nicht mehr die Form dieser friiheren
Entwickelungsstufen tragen. Die friiheren Entwickelungsstufen ver-
liefen in einer Zeit, wo die Erde andere Lebensbedingungen hatte,
in der noch nicht die Elemente so verteilt waren wie heute, wo
nicht der Mensch mit einem solchen Korper behaftet war wie heute
und doch Mensch war. Er hat warten konnen, bildlich gesprochen,
innerhalb des Entwickelungsganges mit seinem Hereinsteigen in
das Fleisch, hat warten konnen bis zu der Zeit, wo diese neischliche
Materialitat so hat werden konnen, daB er die Kraft des heutigen
Geistes entwickeln konnte. Die Tiere haben nicht warten konnen,
sie sind auf friiherer Stufe verhartet worden, haben friiher Fleisch
angenommen, als es am Platze war. Daher muBten sie zuriick-
bleiben. So werden wir uns vorstellen konnen, daB der Mensch
unter anderen Bedingungen und in anderen BewuBtseinsformen
gelebt hat als heute. Wenn wir diese BewuBtseinsformen Tausende
und Tausende von Jahren zuriickverfolgen, werden wir immer
andere finden. Was wir heute logisches Denken nennen, Intellekt
und Verstand, das hat sich erst spater in der Menschheit entwickelt.
Viel starker waren Krafte der Menschen, die heute schon im Ab-
nehmen begrifTen sind, zum Beispiel das Gedachtnis. Das war in
einer friiheren Zeit ungeheuer viel mehr entwickelt als heute.
Durch die zunehmende Verstandeskultur der Menschheit ist das
Gedachtnis wesentlich in den Hintergrund getreten.
Wer mit einigermaBen sehenden praktischen Augen in die Welt
blickt, kann heute noch erkennen, daB dasjenige, was so aus der
Geisteswissenschaft heraus gesagt wird, nicht in der Luft schwebt.
Man konnte sagen: Wenn das wahr ist, dann muBten die heutigen
Menschen, die durch irgendeinen Zufall zuriickgeblieben sind, zei-
gen, daB sie gerade im Gedachtnis am wenigsten zuriickgeblieben
sind. Sie muBten auch zeigen, daB, wenn man bei kiinstlich zuriick-
gehaltenen Menschen sich bemiiht, ihnen Intellektualitat beizubrin-
gen, das Gedachtnis darunter leidet. Hier in dieser Stadt konnte
man einen charakteristischen Fall dieser Art betrachten.
Der nicht hoch genug zu schatzende Professor Daumer hat
diesen Fall gut beobachtet an jenem fur viele so ratselhaften Men-
schen, der einmal auf geheimnisvolle Weise in diese Stadt hier
hereinversetzt worden ist, und der auf ebenso geheimnisvolle Weise
in Ansbach den Tod gefunden hat; derselbe, von dem ein Schrift-
steller sagt, um das Geheimnisvolle seines Lebens anzudeuten, daB,
als man ihn hinausgetragen hat, ein Tag war, wo an der einen Seite
am Rande des Himmels die Sonne unterging und auf der entgegen-
gesetzten Seite der Mond aufstieg. Sie wissen, daB ich von Kaspar
Hauser rede. Wenn Sie absehen von allem Pro und Kontra, das in
bezug auf diesen Fall geltend gemacht worden ist, wenn Sie nur
auf das sehen, was unter alien Umstanden belegt ist, so werden Sie
wissen, daB dieser Findling, der einfach einmal da war auf der
StraBe, der, weil man nicht wuBte, woher er gekommen war, das
Kind Europas genannt worden ist, daB er nicht lesen, nicht rechnen
konnte, als man ihn fand. Er hatte in einem Alter von zwanzig
Jahren nichts von dem, was durch den Intellekt erworben wird,
aber merkwiirdigerweise hatte er ein wunderbares Gedachtnis. Als
man anfing ihn zu unterrichten, als die Logik in seine Seele trat,
schwand das Gedachtnis. Dieser Ubergang im BewuBtsein war auch
noch mit etwas anderem verbunden. Eine unbegreiflkhe, geradezu
eingeborene Wahrhaftigkeit war urspriingiich in ihm, und gerade
an dieser Wahrhaftigkeit wurde er immer mehr und mehr irre. Je
mehr er an der Intellektualitat naschen durfte, desto mehr schwand
sie dahin.
Wir konnten manches studieren, wenn wir in diese Seele uns
vertieften, die kiinstlich zuriickgehalten worden war. Und gar nicht
so unbegriindet ist fur denjenigen, der auf dem Boden der Geistes-
wissenschaft steht, die Volkstradition, die die gelehrten Leute von
heute nicht glauben und die da berichtet, daB Kaspar Hauser, als
er noch gar nichts wuBte, noch gar keine Ahnung davon hatte, daB
es Wesen auBer ihm von verschiedener Gestalt gebe, daB er da eine
merkwiirdige Wirkung ausubte, wenn er mit ganz wiitenden Tie-
ren zusammengebracht wurde. Die wilden Tiere duckten sich und
wurden ganz sanftmiitig. Es stromte von ihm etwas aus, was
bewirkte, daB solch ein Tier, das jeden anderen zornig annel, sanft
wurde. WIe gesagt, wir konnten, weil sich solch ein Fall darbietet,
der aus der Geisteswissenschaft heraus verstanden werden kann,
tief in die Seele dieser merkwiirdigen und fur viele so ratselhaften
Personlichkeit eindringen, und es wiirde sich Ihnen ein Fall vor-
malen, aus dem Sie sehen konnten, daB alles das, was aus dem
gewohnlichen Leben nicht zu erklaren ist, durch die Geisteswissen-
schaft zuruckgefiihrt wird auf geistige Tatsachen. Freilich konnen
solche geistigen Tatsachen nicht durch Spekulation, sondern nur
durch geistige Beobachtung gewonnen werden, aber verstandlich
sind sie fur das allseitig umfassende und logische Denken.
Das alles sollte nur gesagt sein, um Ihnen zu zeigen, wie Sie den
Weg finden konnen zu dem Gedanken, daB sich der heutige Be-
wuBtseinszustand herausentwickelt hat aus einem uralten anderen
BewuBtseinszustand, in dem der Mensch nicht in einer unmittel-
baren Beriihrung mit den Sinnesgegenstanden im heutigen Sinne
stand, dafiir aber mit den geistigen Tatsachen und Wesen in Be-
ziehung war. Da sah der Mensch nicht die physische Gestalt des
anderen, die es ja auch in der heutigen Form damals noch gar nicht
gegeben hat. Wenn sich ihm eine andere Wesenheit naherte, stieg
in seiner Seele etwas wie ein Traumbild auf. Je nachdem, wie es
gestaltet und gefarbt war, zeigte es ihm an, ob die Wesenheit ihm
sympathisch oder antipathisch gesinnt war. Ein solches BewuBtsein
nahm die geistigen Tatsachen und dadurch die geistige Welt iiber-
haupt wahr. So wie der Mensch heute mit fleischlichen Wesen
zusammen ist, so lebte er in jener Zeit, wenn er den Blick auf sich
selber richtete und sich selbst Seele und Geist war, unter geistigen
Wesenheiten. Sie waren vorhanden fur ihn. Er war ein Geist unter
Geistern. Wenn er auch nur eine Art TraumbewuBtsein hatte, so
waren doch die Bilder, die in ihm aufstiegen, in einem lebendigen
Verhaltnis zu seiner Umgebung. Das war die alte Zeit, in welcher
der Mensch noch in einer geistigen Welt lebte, aus der er spater
heruntergestiegen ist, um sich eine sinnliche Fleischlichkeit zu
schaffen fur das fur ihn passende heutige BewuBtsein. Die Tiere
waren schon da als physische Wesenheiten, als der Mensch noch in
geistigen Regionen wahrnahm. Der Mensch lebte dazumal unter
geistigen Wesen, und ebensowenig wie Sie eines Beweises bediir-
fen, urn iiberzeugt zu sein vom Dasein des Steines, der Pflanzen,
der Tiere, ebensowenig brauchte der Mensch in dieser Urzeit ein
irgendwie geartetes Zeugnis, um von geistigen Wesen iiberzeugt
zu sein. Er lebte unter Geistern und Gottern, deshalb brauchte er
keine Religion. Das war die vorreligiose Zeit.
Dann ist der Mensch heruntergestiegen, die friihere BewuBt-
seinsform hat sich in die heutige verwandelt. Der Mensch sieht
nicht mehr im Raume schwebende Far ben und Formen, sondern
die Farben sind iiber die Oberflachen der sinnlichen Dinge hin-
gelegt. In demselben MaBe, wie der Mensch lernte, seine auBeren
Sinne auf die auBere Sinneswelt zu richten, in demselben MaBe zog
sich diese auBere Sinneswelt wie ein Schleier, wie die groBe Maja
hin iiber die geistige Welt, und der Mensch muBte durch diese
Hiille hindurch Kunde erhalten von der geistigen Welt. Religion
wurde notwendig.
Es gibt aber auch einen Zustand zwischen der Zeit, die dem reli-
giosen BewuBtsein vorangeht, und der des eigentlichen religiosen
BewuBtseins; es gibt einen solchen Zwischenzustand. Aus ihm her-
aus stammen die Mythologien, die Sagen, die Geschichten der Vol-
ker von den geistigen Wei ten. Es ist eine Gelehrsamkeit vom grii-
nen Tisch, die nichts von den wirklichen geistigen Vorgangen
ahnt, die da behauptet, die Gestalten der nordischen oder deutschen
Mythologie, der griechischen Mythologie, alle die Urkunden von
den Gottern und Gottertaten seien Erdichtungen der Volksphan-
tasie. Das sind nicht Erdichtungen der Volksphantasie. Das Volk
dichtet nicht so, daB es sagt, wenn man einzelne Wolken hinstrei-
chen sieht, das seien Schafchen. DaB das Volk so dichte, ist eine
Dichtung unserer heutigen Gelehrsamkeit, die voll lebhafter Phan-
tasie in solchen Dingen ist. Die Wahrheit ist eine ganz andere.
Alles, was in den alten Gottersagen und Geschichten enthalten ist,
sind die letzten Uberbleibsel, die letzten Erinnerungen aus dem vor-
religiosen BewuBtsein. Kunde ist den Menschen geblieben von
dem, was sie selbst gesehen haben. Diese Menschen, die Wotan,
Thor, Zeus und so weiter beschreiben, sie haben es deshalb getan,
weil in ihnen eine Erinnerung daran vorhanden war, daB man sol-
ches einmal erlebt hatte. Brocken, zum Teil abgerissene Stiicke von
dem, was man einst erlebt hatte, das sind die Mythologien.
Noch in anderer Beziehung war der Zwischenzustand vorhan-
den. Auch in der Zeit, als die gescheiten Menschen, sagen wir ein-
mal, schon sehr gescheit waren, da gab es noch immer solche, die
wenigstens in Ausnahmezustanden — nennen Sie sie Entriicktheit
oder auch Verriicktheit, wie Sie wollen — hineinschauen konnten in
die geistigen Welten, die noch wahrnehmen konnten, was friiher
die Menschen in ihrer Mehrheit sahen. Die erzahlten, daJ3 sie selbst
noch etwas gesehen haben von der geistigen Welt. Das verband
sich so mit den Erinnerungen, daB ein lebendiger Glaube lebte in
den Volkern. Das war ein Ubergangszustand zu dem eigentlich
religiosen Zustand.
Und wie wurde der eigentlich religiose Zustand angebahnt in
der Menschheit? Dadurch, daB der Mensch die Mittel und Wege
fand, sein Inneres so zu entwickeln, daB er die Welten, aus denen
er herausgewachsen ist, die er im dumpfen BewuBtsein einstmals
gesehen hatte, wiederum sehen, wiederum schauen kann. Da kom-
men wir auf ein Kapitel, das fur manchen modernen Menschen
recht wenig Wahrscheinliches enthalt, zu dem Kapitel von den
Eingeweihten. Was sind Eingeweihte der Menschheit? Eingeweihte
waren diejenigen Menschen, welche ihr eigenes seelisches und gei-
stiges Innere so entfalteten durch gewisse Methoden, daB sie wieder
hineinwuchsen in die geistige Welt. Einweihung gibt es! Es schlum-
mern in jeder Seele iibersinnliche Krafte und Fahigkeiten. Es gibt
oder kann wenigstens geben fiir jeden Menschen solch einen groBen,
gewaltigen Augenblick, wo diese Krafte erwachen. Diesen Augen-
blick konnen wir vor unsere Seele riicken, wenn wir uns vorstellen,
wie die andere menschliche Entwickelung war. Sprechen wir mit
Goethes Worten, so konnen wir sagen: Wir schauen zuriick in Zei-
ten ferner Vergangenheit, in denen im heutigen physischen Men-
schenleibe noch kein solches physisches Auge vorhanden war, kein
solches physisches Ohr wie heute. Zuriick schauen wir in jene Zei-
ten, in denen an den Stellen, wo diese Organe jetzt sind, gleich-
giiltige Organe waren, die nicht sehen und horen konnten. Es gab
fur den physischen Menschen eine Zeit, wo solche blinde Organe
zu Leuchtpunkten sich entwickelten, wo sie sich ailmahlich mehr
und mehr entfalteten, bis fur sie das Licht auftauchte. Ebenso gab
es einen Zeitpunkt, wo des Menschen Ohr so weit war, daB die vor-
her stumme Welt sich in Tonen und Harmonien offenbarte. —
Ebenso wie die Sonne mit ihren Kraften daran arbeitete, seine
Augen aus seinem Organismus herauszubilden, ebenso kann der
Mensch heute seinem Geiste nach so leben, daB sich die vielfach
fur ihn heute gleichgiiltigen geistig-seelischen Organe in ahnlicher
Weise entwickeln. Der Augenblick ist moglich, ist fur viele schon
dagewesen, wo sich ihre Seele und ihr Geist so umbilden, wie sich
einmal umgebildet hat die auBere physische Organisation. Neue
Augen und neue Ohren entstehen, durch die aus dem geistig flnste-
ren und stummen Umkreis heraus das Licht hineinscheint und die
Tone hineinklingen. Entwickelung ist moglich, auch zum Hinein-
leben in die hoheren Welten. Das ist Einweihung. Und in den
Mysterienschulen werden ebenso die Methoden dieser Einweihung
den Menschen an die Hand gegeben wie in der auBeren Welt die
Methoden, sagen wir, des chemischen Laboratoriums oder der bio-
logischen Forschung. Der Unterschied zwischen den Methoden der
auBeren Wissenschaft und der Einweihung ist nur, daB die auBere
Wissenschaft sich Instrumente und auBere Hilfsapparate zurecht-
zurichten hat. Fur denjenigen aber, der Eingeweihter werden will,
gibt es nur ein einziges Instrument, das er ausbilden muB, und das
ist er selbst in alien seinen Kraften. So wie im Eisen die magne-
tische Kraft schlummern kann, so schlummert in der menschlichen
Seele die Kraft, einzudringen in die geistige Licht- und Tonwelt.
So kam die Zeit, wo nur das Physisch-Sinnliche im Normalen
gesehen wurde und wo die Fiihrer der Menschheit aus solchen Ein-
geweihten bestanden, die hineinschauen konnten in die geistigen
Welten, die Mitteilung machen, Erklarung geben konnten iiber die
Tatsachen der geistigen Welt, in welcher der Mensch friiher
gelebt hatte.
Die erste Stufe der Einweihung, wohin fiihrt sie? Wie stellt sie
sich dar der menschlichen Seele? Glauben Sie nicht, da!3 diese Ent-
wickelung nur in philosophischem Spekulieren, im Ausspintisieren
von Begriffen, im Yerfeinern der Begriffe besteht. Das, was der
Mensch an Begriffen hat iiber die auBere Sinneswelt, das verwan-
delt sich in dem Menschen, der hineinwachst in die geistige Welt.
Es wird so, daB der Mensch jetzt nicht mehr durch scharf kon-
turierte Begriffe begreift, sondern durch Bilder, durch Imaginatio-
nen. Denn der Mensch wachst hinein in das geistige, weltschopfe-
rische Verfahren. So bestimmt und fest umrissen wie die Gegen-
st'ande der Sinneswelt sind eben nur diese sinnlichen Gegenst'ande.
Im weltschopferischen Verfahren haben Sie nicht das Tier mit den
festen Umrissen. Da haben Sie etwas wie ein Bild zugrunde gelegt,
aus dem die verschiedenen auBeren Gestalten entstehen konnen,
eine lebendige, in sich gegliederte Wirklichkeit. Man muB sich
streng auf den Boden des Wortes Goethes stellen: «Alles Verg'ang-
liche ist nur ein Gleichnis.» In Bildern lernt der Eingeweihte zu-
n'achst erkennen und begreifen, lernt er hinaufsteigen in die gei-
stige Welt. Da muB sein BewuBtsein beweglicher werden als das-
jenige, das uns dient zum Begreifen der um uns liegenden Sinnes-
welt. Deshalb nennt man diese Stufe der Entwickelung das imagina-
tive BewuBtsein. Es fiihrt den Menschen wieder hinein in die gei-
stige Welt, aber nicht in dammerhafter Weise. Dieses zu erringende
WeihebewuBtsein ist klar und hell, wie es der Mensch im hellen
TagesbewuBtsein hat, wie dieses TagesbewuBtsein selbst. Der
Mensch wird dadurch bereichert, daB er zu dem TagesbewuBtsein
das BewuBtsein der geistigen Welt hinzugewinnt. So lebt er in dem
imaginativen BewuBtsein in der ersten Einweihungsstufe. Und was
diejenigen, die so eingeweiht waren, in den geistigen Wei ten erfuh-
ren, davon ist in den Urkunden, in den Dokumenten der Mensch-
heit Mitteilung geschehen, geradeso wie von der niedrigen Wissen-
schaft der Geometrie durch Euklid der Menschheit Mitteilung
gemacht worden ist. Wir wissen, was in diesen Urkunden steht, wir
erkennen es, wenn wir zuriickgehen auf die Quelle, auf das Schauen
der Eingeweihten.
So war es innerhalb der Menschheit bis zu der Erscheinung der
groBten Wesenheit, die iiber den Erdball geschritten ist, des Christus
Jesus. Mit seiner Erscheinung tritt ein neues Element in die Ent-
wickelung ein. Wenn wir uns klarmachen wollen, worin das wesent-
lich Neue, das der Menschheit durch den Christus Jesus geschenkt
worden ist, besteht, dann miissen wir beachten, daB in alien vor-
christlichen Einweihungsstatten der Mensch so eingeweiht wurde,
daB ein volliges Herausgehen aus der iibrigen menschheitlichen
Entwickelung notwendig war, ein Arbeiten an seiner Seele in Stat-
ten des tiefsten Geheimnisses. Und wir miissen uns vor alien Din-
gen klarmachen, daB noch immer etwas vorhanden war im BewuBt-
sein des Menschen von einem Uberrest, wenn er sich wiederum
heraufhob in die geistige Welt, jenes alten, bloB traumhaften Bilder-
bewuBtseins. Der Mensch muBte hinwegeilen aus dieser Welt der
Sinne, um in die geistige Welt eintreten zu konnen. DaB das heute
nkht mehr notwendig ist, das wurde herbeigefiihrt durch die Er-
scheinung des Christus Jesus auf der Erde. Dadurch, daB das
Christus-Prinzip in die Menschheit eingetreten ist, ist das Zentral-
wesen, das Mittelpunktswesen der geistigen Welt geschichtlich,
historisch in einem Menschen einmal auf dieser Erde dagewesen,
dasselbe Wesen, nach dem sich gesehnt haben alle diejenigen, die
ein religioses Leben entwickelt haben, die geschaut haben in den
Einweihungsstatten, die weggeschritten sind von der sinnlichen
Welt, um in die geistige Welt einzutreten. Das Wesen, von dem
verkiindet worden ist, daB ihm der Mensch als seinem Hochsten
gegenubersteht, das ist mit dem Christus Jesus in die Menschheits-
geschichte eingetreten. Und derjenige, der etwas versteht von
echter Geisteswissenschaft, weiB, daB alle religiose Verkiindigung
vor dem Erscheinen des Christus Jesus eine Vorverkiindigung des
Christus Jesus ist.
Wenn die alten Eingeweihten von dem Hochsten haben spre-
chen wollen, was ihnen in der Geisteswelt zuganglich war, was sie
haben schauen konnen als den Urgrund aller Dinge, dann haben
sie in den verschiedensten Namen von dem Christus Jesus gespro-
chen. Wir brauchen uns nur an ein Beispiel, an das Alte Testa-
ment zu erinnern, das auch eine Vorherverkiindigung ist. Wir erin-
nern uns daran, wie Moses, als er sein Volk fiihren sollte, den Auf-
trag erhielt: Sage deinem Volke, daB das, was du tun sollst, der
Herr, der Gott, dir gesagt hat. — Da sagt Moses: Wie werden mir
die Leute glauben, wie werde ich ihnen eine Uberzeugung bei-
bringen konnen? Was muB ich sagen, wenn sie mich fragen: Wer
hat dich geschickt? — Und es wird ihm der Auftrag: Sage, der
«Ich-bin», der hat dich geschickt. — Lesen Sie es nach und verglei-
chen Sie es, so genau Sie konnen, mit dem Urtext. Sie werden
sehen, um was es sich dabei handelt. Der «Ich-bin», was soli das
heiBen? Der «Ich-bin» ist der Name fur die gottliche Wesenheit,
das Christus-Prinzip des Menschen, fur die Wesenheit, die der
Mensch einem Tropfen, einem Funken nach in sich spurt, wenn er
«Ich bin» sagen kann. Der Stein kann nicht «Ich bin» sagen, die
Pflanze kann nicht «Ich bin», das Tier kann nicht «Ich bin» sagen.
Der Mensch ist die Krone der Schopfung dadurch, daB er zu sich
«Ich bin» sagen kann, daB er einen Namen sprechen kann, der
fur keinen anderen giiltig ist als fur den, der ihn ausspricht. «Ich»
konnen Sie sich nur selbst nennen. Kein anderer kann Sie «Ich»
nennen. Hier spricht die Seele mit sich selbst, in jenem Worte, wo
hinein nur ein Wesen Zugang hat, das durch keinen auBeren Sinn,
auf keinem auBeren Weg zu der Seele kommt. Hier spricht der
Gott. Daher wurde der Name «Ich-bin» der Gottheit, welche die
Welt erfiillt, gegeben. Sage, der «Ich-bin» hat es dir gesagt! — so
sollte Moses seinem Volke sagen.
Nur langsam lernen die Menschen den tiefen Sinn dieses «Ich-
bin» vollig verstehen. Nicht gleich haben sich die Menschen als
Einzelmenschen gefiihlt. Sie konnen es finden noch im Alten Testa-
ment: da fiihlten sich die Menschen noch nicht als Einzelmenschen.
Auch die Angehorigen der deutschen Stamme, selbst noch in den
Zeiten der christlichen Kirche, fiihlten sich nicht als Einzelmen-
schen. Denken Sie zuriick an die Cherusker, Teutonen und so wei-
ter, an die deutschen Stamme, in deren Land nun das heutige
Deutschland ist. Der einzelne Cherusker fiihlte mehr das Stam-
mes-Ich, dem gegeniiber er sich als Glied erschien. Der einzelne
hatte nicht in der scharfen Weise, wie heute, «Ich bin» gesagt. Er
fiihlte sich zusammengefiigt zum einigen Organismus derjenigen,
die blutsverwandt waren.
Den weitesten Umkreis nimmt diese Blutsverwandtschaft bei
den Bekennern des Alten Testaments ein. Der einzelne fiihlt sich
geborgen im ganzen Volk. Dieses ist fur ihn von einem Ich be-
herrscht. Er weiB es, was es heiBt: «Ich und der Vater Abraham
sind eins», denn er verfolgt die Blutsverwandtschaft durch die
Generationen hinauf bis Abraham. Er weiB sich geborgen, wenn
er iiber sein Einzel-Ich hinausgehen will, in dem Vater Abraham,
von dem all das Blut, das der auBere Trager fur das gemeinsame
Volks-Ich ist, hinunterflieBt in die Generationen.
Nun, wenn wir mit dem Ausspruch, der jedem Bekenner des Alten
Testamentes ein Hohes bedeutet, vergleichen, was der Christus Jesus
hingestellt hat, dann haben wir wie blitzartig beleuchtet den gan-
zen Fortschritt, der durch die christliche Entwickelung hervor-
gerufen wurde. «Ehe denn Abraham war, war das <Ich-bin>.» Was
heiBt das: Vor Abraham war das «Ich-bin»? — So ist namlkh die
richtige Ubersetzung und Interpretation der betreffenden Bibel-
stelle. Das heiBt: Geht zuriick durch alle Generationen, ihr flndet
etwas in euch selbst, in eurer Einzelindividualkat, das noch ewiger
ist als das, was durch alle blutsverwandten Generationen flieBt. Ehe
die Ahnherren waren, war das «Ich-bin», jenes Wesen, das in jeden
Menschen hineinzieht, von dem jede Menschenseele etwas unmittel-
bar fiihlen kann in sich selbst. Nicht ich und der Vater Abraham,
nicht ich und ein zeitlicher Vater, sondern ich und der geistige
Vater, der an nichts Vergangliches gebunden ist, wir sind eins. «Ich
und der Vater sind eins.» In dem einzelnen Menschen findet sich
der Vater. Das gottliche Prinzip lebt in ihm, etwas, was da war,
was da ist, was da sein wird.
Die Menschen werden, nachdem sie durch fast zwei Jahrtausende
eigentlich erst angefangen haben die Kraft dieses Weltenimpulses
zu fiihlen, in kiinftigen Zeiten voll erkennen, was dieser Sprung
innerhalb der Erdenmission und Erdenentwickelung fur den Men-
schen bedeutet. Dasjenige, was man nur einsehen konnte, wenn
man hinwegging iiber das Einzeldasein, iiber den einzelnen Men-
schen, wenn man den Geist eines ganzen Stammes faBte, das war
es, was die alten Eingeweihten erreichen wollten.
Wenn in der gewohnlichen Welt irgendein Mensch das horte, so
sagte er: Das Ich ist etwas Vergangliches, das anfangt mit der Ge-
burt und aufhort mit dem Tode. — Wurde er aber eingeweiht in das
Geheimnis der Mysterien, dann sah er dasjenige, was der andere
spiirte und empfand, als dasselbe, was durch das Blut der Genera-
tionen rollt, was ein wirkliches Wesen ist, dann sah er seinen
Stammesgeist. Was nur im geistigen Reich, aber nicht in der
auBeren Wirklichkeit erreichbar ist, das konnte er schauen. Einen
Gott, der durch das Blut der Generationen rinnt, konnte er schauen.
Geistesauge gegeniiber Geistesauge vor diesem Gotte stehen, das
konnte man nur in den Mysterien.
Diejenigen, die mit dem vollen Verstandnis als seine intimen
Schuler um den Christus Jesus waren, sie hatten das BewuBtsein,
daB ein Wesen geistig-gottlicher Natur fur die auBeren Sinne in
einer geschlossenen fleischlich-menschlichen Personlichkeit vor
ihnen stand. Als den ersten empfanden sie den Christus Jesus, als
den ersten, der im einzelnen Menschen einen solchen Geist in sich
hatte, wie ihn sonst nur zusammengehorige Menschenmassen in
sich fiihlten und wie er sonst nur in der geistigen Welt fiir die Ein-
geweihten zu schauen war. Der Erstling unter den Menschen war er.
Je mehr der Mensch individuell wird, desto mehr kann er Liebe-
trager werden. Wo das Blut die Menschen zusammenkettet, da lie-
ben die Menschen aus dem Grunde, weil sie durch das Blut hin-
gefiihrt werden zu dem, was sie lieben sollen. Wird dem Menschen
die Individualist zuerteilt, hegt und pflegt er den Gottesfunken in
sich, dann miissen die Impulse der Liebe, die Wellen der Liebe von
Mensch zu Mensch gehen aus freiem Herzen heraus. Und so hat
der Mensch mit diesem neuen Impuls das alte Band der Liebe, die
an das Blut gebunden ist, bereichert. Die Liebe geht nach und nach
iiber in die geistige Liebe, die von Seele zu Seele flieBt, die zuletzt
die ganze Menschhek umfassen wird mit einem gemeinschaftlichen
Band allgemeiner Bruderliebe. Der Christus Jesus aber ist die Kraft,
die lebendige Kraft, durch die, so wie sie in der Geschichte war,
wie sie sich auBeren Augen zeigte, zum erstenmal die Menschhek
zur Verbriiderung gebracht worden ist. Und die Menschen werden
lernen, dieses Band der Bruderliebe als das vollendete, als das ver-
geistigte Christentum aufzufassen.
Man sagt heute leicht: Die Theosophie soil den einheitlichen
Wahrheitskern in alien Religionen suchen, denn alle Religionen
enthalten ja ganz das gleiche. — Die Menschen, die so sagen, die die
Religionen nur vergleichen, um das abstrakt Gleiche zu suchen,
verstehen nichts vom Entwickelungsprinzip. Nicht umsonst ent-
wickelt sich die Welt. Wahr ist es, in jeder Religion ist die Wahr-
heit enthalten, aber indem sie sich von Form zu Form entwickelt,
entwickelt sie sich zu hoheren Formen. Der Wahrheit nach konnen
Sie allerdings, wenn Sie tief genug forschen wollen, das, was das
Christentum an Lehren enthalt, in den anderen Religionen auch
finden. Neue Lehren hat das Christentum nicht gebracht. Aber das
Wesentliche im Christentum liegt nicht in den Lehren. Nehmen
Sie die vorchristlichen Religionsstifter. Bei ihnen kommt es darauf
an, was sie gelehrt haben. Denken Sie sich, diese Religionsstifter
waren unbekannt geblieben; was sie gelehrt haben, das ware ge-
blieben. Damk hatte die Menschhek genug. Beim Christus Jesus
aber kommt es nicht darauf an. Bei ihm kommt es darauf an, daB
er da war, daB er im physischen Leibe hier auf dieser Erde gelebt
hat. Nicht der Glaube an seine Lehre, sondern an seine Personlich-
keit ist das Ausschlaggebende, daB man hingeschaut hat darauf,
daB er der Erstgeborene unter denen war, die da sterben konnen,
bei dem man fragt: Wiirdest auch du in der Lage, in der ich mich
befinde, so fiihlen wie ich? Wiirdest auch du so denken, wie ich
nun denke, so wollen, wie ich will? — Das ist das Wichtige, daB er
das groBte Vorbild als Persdnlichkek ist, bei dem es nicht darauf
ankommt, hinzuhoren auf seine Lehren, sondern darauf, ihn selbst
anzuschauen, wie er es getan hat. Daher sagen die intimen Schiiler
des Christus Jesus etwas ganz anderes als die Schiiler und Jiinger
anderer Religionsstifter. Diese sagen: Der Herr hat dieses, hat jenes
gelehrt. Die Schiiler des Christus Jesus aber sagen: Nicht ausge-
kliigelte Mythen etwa und Lehren sagen wir euch, sondern das
sagen wir euch, was unsere Augen selbst gesehen, unsere Ohren
selbst gehort haben. Wir haben die Stimme gehort, unsere Hande
haben beriihrt den Quell des Lebens, damit wir Gemeinschaft
haben mit euch. — Und Christus Jesus selber sprach: Zeugen sollt
ihr mir sein in Jerusalem, in Judaa, bis ans Ende der Welt. — Da-
mit ist etwas sehr Wichtiges gesagt: Zeugen sollt ihr mir sein bis
ans Ende der Welt. Das heiBt: Es werden immer solche da sein
jeder2eit, die ebenso wie jene in Judaa und Galilaa aus dem un-
mittelbaren Wissen heraus sagen konnen, wer Christus war im
Sinne des Evangeliums.
Im Sinne des Evangeliums, was bedeutet das? Nichts anderes,
als daB er von Anfang an das Prinzip war, das in allem SchafTen
lebte. Er sagt es: Glaubt ihr nicht an mich, so glaubt wenigstens
an Moses, denn wenn ihr an Moses glaubt, so glaubt ihr an mich,
denn Moses hat von mir gesprochen. — Wir haben es heme schon
gesehen, von ihm hat Moses gesprochen, als er hingewiesen hat
darauf: Der «Ich-bin» hat es mir gesagt — der «Ich-bin», der aber
nur geistig wahrnehmbar war bis dahin. DaB der Christus sichtbar
in die Erscheinung, sichtbar in die Welt getreten ist als Mensch
unter Menschen, das ist es, was den Unterschied des Christus-Evan-
geliums ausmacht gegeniiber der gottlichen Verkiindigung von
anderen Religionen. Denn bei diesen war alle geistige Weisheit auf
etwas gerich tet, was auBerhalb der Welt war. Jetzt, mit Christus
Jesus, kam etwas in die Welt, was als Sinneserscheinung selbst be-
griffen werden sollte. Was empfanden die ersten Jiinger als das
Ideal ihrer Weisheit? Nicht mehr bloB zu begreifen, wie die Gei-
ster im Geisterlande leben, sondern wie das hochste Prinzip in
dieser geschichtlichen Personlichkeit des Christus Jesus hat auf
Erden vorhanden sein konnen.
Es ist viel leichter, dieser Personlichkeit die Gottheit abzu-
leugnen, als so zu empfinden. Darin besteht der Unterschied einer
gewissen Lehre der ersten Zeit des Christentums von dem, was man
inneres Christentum nennt, der Unterschied zwischen Gnosis und
esoterischem Christentum. Die Gnosis erkennt Chrisms in seiner
Gottlichkeit zwar an, aber sie hatte sich nie aufschwingen konnen
bis zu der Anschauung, daB das «Wort» Fleisch geworden ist und
unter uns gewohnt hat, so wie es der Schreiber des Johannes-Evan-
geliums betont. Er sagt: Nicht nur als etwas, was bloB im Un-
sichtbaren zu begreifen ist, sollt ihr den Christus Jesus ansehen,
sondern als das Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns ge-
wohnt hat. Ihr sollt wissen, daB mit dieser menschlichen Person-
lichkeit eine Kraft erschienen ist, die in fernste Zukunft hinein
wirken wird, die die wirkliche, geistige Liebe als eine Kraft um den
Erdkreis herumspinnen wird, die da wirkt und lebt in allem, das in
die Zukunft hinein lebt. — Und iibergibt sich der Mensch dieser
Kraft, dann wachst er in die geistige Welt hinein, aus der er
heruntergestiegen ist. Wieder hinaufsteigen wird er bis dahin, wo-
hinein der Eingeweihte heute schon schauen kann. Abstreifen wird
der Mensch das Sinnliche, wenn er in die geistige Welt eindringt.
Wie der Schuler, der in alten Zeiten eingeweiht wurde, einen
Riickblick haben konnte auf die alten, auf die vergangenen Zeiten
des Geisteslebens, so erhalten diejenigen, welche im christlichen
Sinne eingeweiht werden, durch die Teilnahme an den Impulsen
des Christus Jesus die Fahigkeit zu sehen, was aus dieser unserer
Erdenwelt wird, wenn die Menschen im Sinne des Christus-Impulses
wirken. Wie man zuriickblicken kann auf die friiheren Zustande,
so kann man, von dem Anfangspunkte der Erscheinung des Chri-
stus ausgehend, hinblicken in die fernste Zukunft. Man kann sagen:
So wird das BewuBtsein sich wieder verandern, so wird der Mensch
stehen im Verhaltnis der geistigen zur Sinnenwelt. — Wahrend so
die friihere Einweihung eine Einweihung in die Vergangenheit, in
uralte Weisheit ist, geht die christliche Einweihung dahin, dem Ein-
zuweihenden die Zukunft zu enthiillen. Das ist das Notwendige,
daB der Mensch nicht nur eingeweiht wird fur seine Weisheit, fiir
sein Gemiit, sondern daB er eingeweiht wird fiir seinen Willen.
Denn dadurch weiB er, was er tun soli, daB er sich Ziele setzen
kann fiir die Zukunft. Der sinnliche Alltagsmensch setzt sich Ziele
fiir den Nachmittag, fur den Abend, den Morgen. Der geistige
Mensch vermag aus den geistigen Prinzipien heraus feme Ziele
sich zu setzen, die seinen Wiilen durchpulsen, seine Krafte lebendig
machen. So der Menschhek Ziele setzen, das heiBt im wahren hoch-
sten Sinn, im Sinn des urspriinglichen christiichen Prinzips, das
Christentum esoterisch erfassen. So hat es derjenige verstanden, der
das groBe Prinzip der Einweihung des Willens geschrieben hat, der
die Apokalypse geschrieben hat. Man versteht die Apokalypse
schlecht, wenn man sie nicht versteht als den Impulsgeber fiir die
Zukunft, fiir das Handeln, fiir die Tat.
Alle die Dinge, die wir heute an uns voriiberziehen lieBen, sie
sind aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft her-
aus zu verstehen. Nur Skizzenhaftes konnte ich heute geben. Wenn
man aus der Geisteswissenschaft heraus begreift, was hinter dem
Sinnlichen steht, dann sieht man auch hin mit dem Verstandnis
auf das, was verkiindet worden ist in den Evangelien, was verkiin-
det worden ist im apokalyptischen Werk. Und je weiter man geht
in dem Eindringen, in der Vertiefung nach den iibersinnlichen
Welten hin, desto Tieferes wird man in den christiichen Urkunden
finden. Mit hoherem Glanz, mit tieferem Wahrheitsgehalt und In-
halt erscheinen einem die christiichen Urkunden, wenn man, ge-
scharft mit dem geistigen Blick, wie er gewonnen werden kann
mit Hilfe der Anthroposophie, hingeht zu diesen Urkunden. Wahr
ist es: Das einfachste Gemut kann ahnen, welche Wahrheiten im
Christentum stecken. Nicht immer aber wird sich das BewuBtsein
mit einer Ahnung begniigen konnen, es wird sich hoher entwickeln
und wissen, erkennen wollen. Doch auch dann, wenn es sich zu den
hochsten Weisheiten erhebt, wird es immer noch tiefe Geheimnisse
geben im Christentum. Es ist fiir das einfachste Gemiit, aber auch
fiir die hochstentwickelte Intellektualitat. Der Eingeweihte erlebt
es wieder als Bilder. Daher mag das naive BewuBtsein ahnen,
welche Wahrheiten darin schlummern, aber der Mensch wird nach
Erkenntnis verlangen und nicht nach Glauben, und auch dann wird
er im Christentum Befriedigung finden. Er wird im Christentum
den vollen befriedigenden Inhalt finden konnen, wenn ihm durch
die Geisteswissenschaft die Erklarungen der Evangelien gegeben
werden. Daher wird die Geisteswissenschaft an die Stelle selbst der
hochsten alten Philosophien treten. Sie wird Zeugnis ablegen von
dem uns eingangs vorgefiihrten schonen Hegelwort: Der tiefste
Gedanke ist mit der Gestalt des Christus Jesus, mit der geschicht-
lichen und auBerlichen, verkniipft, und jede Art von BewuBtsein —
das ist das GroBe am Christentum — kann der AuBerlichkeit nach
dieses Christentum begreifen. Zugleich aber werden die tiefst ein-
dringenden Weisheiten durch das Christentum herausgefordert. Fur
jede Stufe der Bildung ist das Christentum, aber es kann gerecht
werden den hochsten Anforderungen.
ERSTER VORTRAG
Niirnberg, 18. Juni 1908
Es wird uns nunmehr durch eine Reihe von Tagen ein sehr bedeut-
sames, sehr tiefes anthroposophisches Thema beschaftigen. Bevor
wir an unsere Betrachtungen herangehen, lassen Sie mich die tiefste
Befriedigung dariiber aussprechen, daB wir vor Freunden aus so
vielerlei Gegenden Deutschlands, ja Europas iiber dieses, tiefe und
bedeutsame Thema hier Betrachtungen anstellen diirfen. Vor alien
Dingen gilt es, diese Befriedigung auszusprechen unseren lieben
Niirnberger Freunden, die ihrerseits gewiB nicht minder froh sein
werden als derjenige, der zu ihnen spricht, hier in dieser Stadt
durch eine verhaltnismaBig langere Zeit anthroposophisches Leben
gemeinsam mit den auswartigen Freunden zu pflegen. Es ist ja
gerade in dieser Stadt neben dem eifrigsten Streben nach Erkennt-
nis der groBen geisteswissenschaftlichen Wahrheiten immer auch
so sehr geltend gewesen und mit so tiefem Verstandnis zur Darstel-
lung gebracht worden, was anthroposophische Gesinnung, was
wahrhaft anthroposophisches Leben ist, dieses anthroposophische
Leben, das wir nur dann verstehen, wenn die geisteswissenschaft-
lichen Lehren uns nicht bloB etwas sind, was uns theoretisch be-
schaftigt, sondern wenn sie uns etwas werden, was unser eigenes
Leben bis in die tiefsten Tiefen der Seele hinein durchgeistigt,
durchfeuert, hebt, was uns aber auch in engeren Banden zusammen-
schlingt mit unseren Mitmenschen, mit der ganzen Welt. Es be-
deutet viel fur den Menschen, zu fuhlen, daB alles, was uns auBer-
lich in der sinnlichen "Welt, im sinnlich-sichtbaren Dasein entgegen-
tritt, so erscheinen kann wie die auBere Physiognomie eines zu-
grunde liegenden unsichtbaren, iibersinnlichen Daseins. Die Welt
mit allem, was darinnen ist, wird ja schlieBlich dem, der die
Anthroposophie ins Leben einfiihrt, immer mehr und mehr ein
physiognomischer Ausdruck des gdttlich-geistig Wesenhaften, und
wenn er die Welt des Sichtbaren um sich herum betrachtet, wird es
ihm sein, wie wenn er von den Ziigen eines Menschenantlitzes
durchdringt zu dem Herzen, zu der Seele des Menschen. Gegeniiber
alledem, was auBerlich ihm entgegentritt in Bergen und Felsen, in
dem Pflanzenkleid der Erde, in Tieren und Menschen, was ihm
entgegentritt in aller uns umgebenden Welt, in alien Beschaftigun-
gen der Menschen, wird es ihm sein, als ob es ein physiogno-
mischer Ausdruck, als ob es die Miene ware eines zugrunde liegen-
den gottlich-geistigen Daseins. Und neues Leben ersprieBt ihm aus
all dieser Betrachtungsweise und durchdringt ihn, und eine andere,
edle Art von Begeisterung befeuert das, was er unternehmen will.
Nur eines kleinen symptomatischen Beispiels meiner letzten Er-
fahrungen auf einer meiner Vortragsreisen lassen Sie mich geden-
ken. Das Beispiel, das ich Ihnen anfuhren will, zeigt, wie die Welt-
geschichte, wenn man sie als Ausdruck des Gottlich-Geistigen be-
trachtet, iiberall bedeutsam erscheint, iiberall eine neue Sprache zu
uns redet. Da konnte ich vor einigen Wochen in Skandinavien
wahrnehmen, wie in dem ganzen Leben unseres europaischen Nor-
dens alles noch einen Nachklang jenes alten Daseins der nor-
dischen Welt verrat, wo alles Geistige durchsetzt war von dem
BewuBtsein der Wesenheiten, die hinter den nordischen Gotter-
gestalten der Mythe stehen. Man mochte sagen, daB in jenen Lan-
dern aus allem, was einem entgegentritt, Nachklange zu verneh-
men sind dessen, was als das alte nordische Geistesleben die Ein-
geweihten der Druidenmysterien, der Drottenmysterien ihren Schii-
lern mitteilten. Da wird man gewahr, wie der Zauberhauch jenes
Geisteslebens den Norden durchsetzt, und man sieht etwas wie den
Ausdruck schdner karmischer Zusammenhange. Man sieht sich, wie
mir das gestattet war in Uppsala, sozusagen mitten hineingestellt in
alles das, wenn man vor sich hat die erste der germanischen Bibel-
iibersetzungen, den Silbernen Kodex des Ulfilas. Er ist hingekom-
men nach Uppsala wie durch karmische Verwickelungen eigener
Art. Er war ja vorher in Prag. Im Schwedischen Krieg wurde er
erbeutet und nach Uppsala gebracht, und da liegt er nun, ein Wahr-
zeichen fur das, was den durchdringt, der ein biBchen tiefer hinein-
zublicken vermag in das alte Mysterienwesen. Es ist ja dieses My-
sterienwesen, dieses Eindringen in die geistige Welt innerhalb der
alten europaischen Kulturen durchsetzt und durchzogen von einem
gemeinsamen merkwiirdigen Zug, den tiefer spiirten diejenigen,
welche die Weihe erhalten haben in jenen alten Zeiten. Wie ein
tragischer Zug ging es durch ihre Herzen, wenn ihnen klargemacht
wurde, daB sie zwar hineinblicken konnten in die Geheimnisse des
Daseins, daB aber in der Zukunft etwas kommen werde, das wie
eine vollendete Ratselldsung erscheint. Immer und immer wieder
wutden sie darauf hingewiesen, daB hereinstrahlen solle ein hdheres
Licht in jenes Wissen, das man in den alten Mysterien erkunden
konnte. Man darf sagen, daB prophetisch hingewiesen wurde in
alien diesen alten Mysterien auf das, was da kommen sollte in der
Zukunft, auf die Erscheinung des Christus Jesus. Der Ton, die Ge-
sinnung der Erwartung, die Stimmung der Prophetie lag in diesem
nordischen Mysterienwesen.
Wir miissen soldi einen Satz, wie ich ihn jetzt aussprechen
werde, nicht zwangen und nicht drangen, nicht pressen und nicht
zu scharf in Konturen denken. Er soil nur symptomatisch ausspre-
chen, was als tiefere Wahrheit zugrunde liegt. Aber es ist in dem,
was wie ein letztes Blatt geblieben ist aus den Traditionen der alt-
germanischen Mysterien, es ist in der Siegfriedsage etwas wie ein
Hineingeheimnissen jener Gesinnung vorhanden. Wenn wir darauf
hingewiesen werden, daB Siegfried wirklich der Reprasentant ist
der altnordischen Einweihung, wenn wir hingewiesen werden dar-
auf, daB an der Stelle, wo er verwundbar ist, ein Blatt liegt, daB
diese Stelle am Riicken sich befindet, dann fiihlt der, der so etwas
symptomatisch zu fiihlen vermag: Das ist die Stelle, wo etwas
anderes liegen wird beim Menschen, wenn jene Verwundung ihn
nicht mehr treffen kann, die die Eingeweihten der altnordischen
Mysterien noch erleiden konnten. — Die Stelle soil zuhullen das
Kreuz. Da soil es liegen, das Kreuz des Christus Jesus; da lag es
noch nicht beim Eingeweihten der altnordischen Mysterien. Dar-
auf wird hingedeutet in den alten Mysterien der germanischen V61-
ker in der Siegfriedsage. Und so wird selbst da noch symptomatisch
angedeutet, wie zusammenstimmend gedacht werden sollen die
alten Einweihungen der Druiden, der Drotten, mit den Mysterien
des Christentums. Daran erinnert wie ein physiognomischer Aus-
druck dieses Hingestelltsein der ersten germanischen Bibeliiberset-
zung in die nordische Welt hinein. Und daft es wie eine karmische
Verkettung ist, das mag Ihnen noch der Umstand wiederum sym-
bolisieren, daB einstmals elf Blatter aus diesem Silbernen Kodex
gestohlen worden sind, und daB der spatere Besitzer derselben
solche Gewissensbisse empfunden hat, daB er diese elf Blatter nicht
behalten wollte, sondern sie wiederum zuriickgab. Wie gesagt, man
soli solche Dinge nicht pressen und drangen, sondern sie als bild-
liche Darstellungen auffassen jener karmischen Verwickelungen,
die sich physiognomisch zum Ausdruck bringen in dem Hinein-
gestelltsein der ersten germanischen Bibelubersetzung in die nor-
dische Welt. Und wie hier dieses Ereignis der Geschichte, so wird
uns alles, was uns im Leben entgegentritt, GroBes und Kleines, ver-
tieft und mit einem neuen Licht durchstrahlt durch die anthro-
posophische Gesinnung, die sich darin bekundet, daB man in allem
physisch Wahrnehmbaren den physiognomischen Ausdruck eines
Ubersinnlich-Geistigen erblickt.
DaB es sich so verhalt, diese Uberzeugung moge uns durchdrin-
gen gerade wahrend dieses Kursus. Und aus solch einer Uberzeu-
gung heraus mag der Geist, mogen die Gefiihle stromen, die wah-
rend der zwolf apokalyptischen Vortrage in unsere Seele flieBen, die
unsere Herzen durchdringen sollen. Innerhalb dieser Gesinnung
wollen wir an diesen Kursus herantreten, der das tiefste Dokument
des Christentums, die Apokalypse des Johannes, zum Ankniipfungs-
punkte nimmt, weil an dieses Dokument die tiefsten Wahrheiten
des Christentums wirklich zwanglos angeschlossen werden konnen.
Denn es ist nichts Geringeres in diesem Dokument enthalten als
ein groBer Teil der Mysterien des Christentums, es ist darin ent-
halten das Tiefste von dem, was wir als das esoterische Christen-
tum zu bezeichnen haben. Kein Wunder daher, daB von alien
christlichen Dokumenten auch gerade dieses Dokument am aller-
meisten miBverstanden worden ist. Es ist fast vom Anbeginn der
christlichen Geistesstromung an miBverstanden worden von alien
denen, die nicht zu den eigentlichen christlichen Eingeweihten ge-
horten. Und es ist miBverstanden worden in den verschiedensten
Zeiten immer in dem Sinne, in dem Stile, wie diese verschiedenen
Zeiten gedacht und gesonnen haben. MiBverstanden ist es worden
von den Zeiten, die, man darf sagen, spirituell-materialistisch ge-
dacht haben, von den Zeiten, die groBe Religionsstromungen
hineingezwangt haben in einseitiges fanatisches Parteigetriebe, und
es ist miBverstanden worden in der neueren Zeit von denjenigen,
welche im groben, im sinnlichsten Materialismus glaubten die
R'atsel der Welt losen zu konnen.
Die hohen geistigen Wahrheiten, die im Ausgangspunkte des
Christentums verkiindet worden sind und zu deren Anschauung
diejenigen gebracht wurden, die sie verstehen konnten, sie liegen
angedeutet, soweit das in einer Schrift geschehen kann, in der Apo-
kalypse des Johannes, in der sogenannten kanonischen Apokalypse.
Aber schon in den ersten Zeiten des Christentums waren die Exo-
teriker wenig geeignet, das tief Spirituelle, das gemeint ist im
esoterischen Christentum, zu verstehen. Und so trat denn in den
allerersten Zeiten des Christentums in der Exoterik die Anschauung
auf, daB sich Dinge, die sich zunachst fur die Weltentwickelung
abspielen im Geistig-Spirituellen, die erkennbar und erschaubar
sind fur den, der hineinschauen kann in die geistigen Welten, daB
sich solche rein spirituellen Vorgange auBerlich in dem materiellen
Kulturleben abspielen sollten. Und so kam es, daB, wahrend der
Schreiber der Apokalypse die Ergebnisse seiner Einweihung, seiner
christlichen Initiation darin zum Ausdrucke brachte, die anderen
sie nur exoterisch verstanden und der Meinung waren, daB sich
das, was der groBe Seher geschaut und wovon der Eingeweihte
weiB, daB es sich in Jahrtausenden spirkuell erkennbar abspielt, in
der allernachsten Zeit abspielen miisse im auBerlich sinnlich-sicht-
baren Leben. So kam denn die Anschauung zustande, als ob fur die
sinnlich nachste Zeit der Schreiber etwas gemeint hatte wie ein
in den sinnlich-physischen Wolken stattfindendes Herabkommen,
Wiederkommen des Christus Jesus. Als das nicht eintrat, da ver-
langerte man einfach die Frist und sagte: Nun ja, es hat fur die
Erde mit der Erscheinung des Christus Jesus eine neue Zeit begon-
nen gegeniiber dem, was ais alte Religiositat da war. Aber es wird
— und jetzt faBte man das wiederum sinnlich auf — tausend Jahre
dauern, da werden sich die nachsten Ereignisse physisch-sinnlich
vollziehen, die in der Apokalypse dargestellt sind. — So kam es, daB
tatsachlich, als hereinzog das Jahr 1000, viele Leute auf das Heran-
kommen irgendeiner dem Christentum feindlichen Macht warteten,
auf einen Antichrist, der in der sinnlichen Welt auftreten sollte.
Und als das wiederum nicht eintrat, da wurde sozusagen eine neue
Fristverlangerung angesetzt, zu gleicher Zeit aber die ganze Vorher-
sagung der Apokalypse in eine gewisse Symbolik hinaufgeriickt,
wahrend man sich bei den groben Exoterikern diese Vorhersagung
ziemlich greifbar vorgestellt hatte. Mit dem Heraufriicken einer
materiahstischen Weltanschauung kam man fiir diese Dinge in eine
gewisse Symbolik hinein. Man sah in den auBeren Ereignissen sym-
bolische Andeutungen.
So kam herauf im zwolften Jahrhundert der Mann, der anfangs
des dreizehnten Jahrhunderts starb, Joachim von Floris, der eine
denkwiirdige Erklarung dieser geheimnisvollen Urkunde des Chri-
stentums gab. Er war namlich der Ansicht, daB im Christentum
eine tiefe spirituelle Macht ruhe, daB diese Macht immer mehr
und mehr zur Ausbreitung kommen miisse, daB aber das auBere
Christentum immer dieses esoterische Christentum verauBerlicht
habe. Und so kam bei manchem die Anschauung dieses Mannes
zur Geltung, wonach in der Papstkirche, in dieser VerauBerlichung
der Spiritualkat des Christentums, etwas Antichristliches, etwas
Feindliches zu suchen sei. Und besonders genahrt wurde in den
nachsten Jahrhunderten diese Anschauung dadurch, daB auf den
Spiritualismus des Christentums, auf das gemiitlich-geistige Element
bei gewissen Orden ein hoher Wert gelegt worden ist. So fand
Joachim von Floris Anhanger innerhalb der Kreise der Franzis-
kaner, die im Papste etwas wie die Symbolisierung des Antichrist
sahen. Dann ging in der Zeit des Protestantismus diese Anschau-
ung auf diejenigen iiber, die in der Romischen Kirche eine Abtriin-
nige des Christentums sahen, die innerhalb des Protestantismus die
Rettung des Christentums erblickten. Sie sahen erst recht im Papst
das Symbolum des Antichrists, und der Papst zahlte es dadurch
heim, daB er wiederum in Luther den Antichrist sah.
So verstand man die Apokalypse in einer Weise, daB jede Partei
sie in den Dienst ihrer eigenen Anschauung, ihrer eigenen Mei-
nung riickte. Die andere Partei war immer der Antichrist, und die-
jenige, der man selbst angehorte, identifizierte man mit dem
wahren Christentum. Das ging herauf bis in die neuere Zeit, wo
der moderne Materialismus kam, mit dem sich an Grobheit selbst
jener Materialismus nicht vergleichen laBt, den ich Ihnen fur die
ersten Jahrhunderte des Christentums geschildert habe. Denn da-
mals bestand noch ein spiritueller Glaube, eine gewisse spirituelle
Auffassung. Die Menschen konnten es nur nicht verstehen, weil sie
keine Eingeweihten unter sich hatten. Es war ein gewisser spiri-
tueller Sinn da, denn wenn man sich auch grobsinnlich vorstellte,
daB sich ein Wesen in einer Wolke herabsenken wiirde, so gehorte
doch dazu ein spiritueller Glaube. Ein solches spirituelles Leben
war bei dem groben Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts
nicht mehr moglich. Die Gedanken, die sich so ein rechter Mate-
rialist des neunzehnten Jahrhunderts von der Apokalypse macht,
kann man etwa so charakterisieren: In die Zukunft sehen kann
kein Mensch, denn ich selbst kann es nicht. Etwas anderes, als was
ich sehe, kann ein anderer auch nicht sehen. Davon zu reden, daB
es Eingeweihte gibt, das ist ein alter Aberglaube. So etwas gibt es
nicht. Also gilt als Norm das, was ich weiB. Ich sehe kaum das,
was in den nachsten zehn Jahren geschieht, also kann kein Mensch
etwas dariiber aussagen, was iiber Jahrtausende geschehen soli.
Folglich muB der, der die Apokalypse geschrieben hat, wenn er
iiberhaupt als ehrlicher Mensch genommen werden will, etwas ge-
meint haben, was er schon gesehen hat, denn ich weiB auch nur
von dem, was sich schon abgespielt hat und was durch Dokumente
vermittelt ist. Also konnte auch der Schreiber der Apokalypse
nichts anderes sehen. Was kann er demnach erzahlen? Nur das,
was bis zu ihm geschehen war. Folglich ist es selbstverstandlich,
daB man in den Ereignissen der Apokalypse, in den Konflikten zwi-
schen der guten, der weisen, der schonen Welt und der haBHchen,
der torichten, der bosen Welt, daB man in jenem dramatischen
Gegeniiberstellen nichts anderes zu sehen hat als etwas, was der
Mann selbst erlebt hat, was schon geschehen war. — So spricht der
moderne Materialist. Er meint: Der Apokalyptiker schildert so, wie
ich schildere.
Was war denn ungefahr das Schrecklichste fur einen Christen
der ersten Jahrhunderte? Dieses Schrecklichste muftte fur ihn sein
das Tier, das sich aufbaumt gegen die geistige Macht des Christen-
tums, gegen das wahre Christentum. Ungliickseligerweise haben
nun einige Menschen die Glocken etwas lauten hbren, haben aber
nicht verspiirt das richtige Zusammenschlagen.
Innerhalb gewisser esoterischer Schulen hatte man eine Art von
Zahlenschrift. Gewisse Worte, die man nicht in gewdhnlicher
Schrift mitteilen wollte, brachte man durch Zahlen zum Aus-
drucke. Und es war ja, wie vieles andere, so auch etwas von den
tiefen Geheimnissen der Apokalypse in Zahlen hineingeheimniBt,
besonders jenes dramatische Ereignis in die Zahl 666. Man wuBte,
daB man Zahlen in besonderer Weise zu behandeln hat, nament-
lich aber, wenn so griindlich darauf hingewiesen wird wie mit den
Worten: «Hier ist Weisheit.» «Die Zahl des Tieres ist 666. » Bei
solchen Hinweisen wuBte man, daB man fur Zahlen gewisse Buch-
staben einzusetzen hat, um zu wissen, was gemeint ist. Diejenigen
nun, die etwas gehort hatten und doch nichts wirklich wuBten,
haben in ihrer materialistischen Anschauung herausgekriegt, daB,
wenn man statt der Zahl 666 Buchstaben einsetzt, das Wort
«Nero» oder « Caesar Nero» herauskommt. Und heute konnen Sie
in einem groBen Teil der Literatur, die sich mit der Enthullung der
Apokalypse befaBt, lesen: Da war en friiher die Leute so toricht,
daB sie alles mogliche in diese Stelle hineingeheimniBt haben, aber
jetzt ist das ein gelostes Problem. Jetzt wissen wir, daB nichts
anderes gemeint 1st als Nero, « Caesar Nero», und es ist klar, daB
die Apokalypse zu einer Zeit geschrieben worden ist, als Nero
schon gelebt hatte, und daB der Schreiber mit all dem hat sagen
wollen, daB in Nero der Antichrist aufgetreten sei; daB also das,
was in diesem dramatischen Element liegt, eine Steigerung vorher-
gehender Elemente ist. Nun darf man mir nachforschen, was un-
mittelbar vorher geschehen ist. Dann kommt man darauf, was der
Apokalyptiker hat schildern wollen. Es wird berichtet, daB in Klein-
asien Erdbeben stattgefunden haben, als der Kampf zwischen Nero
und dem Christentum wiitete. Also sind das die Erdbeben, die der
Apokalyptiker erwahnt bei der Eroffnung der Siegel und beim Er-
tonen der Posaunen. Er spricht auch von Heuschreckenplagen.
Richtig, es wird ja mitgeteilt, daB zur Zeit der Christenverfolgung
durch Nero auch Heuschreckenplagen auftraten. Also erzahlt er
von diesen. — So hat es das neunzehnte Jahrhundert dahin gebracht,
das tiefste Dokument des Christentums zu vermaterialisieren, darin
nichts zu sehen als die Schilderung dessen, was man eben durch
die materialistische Betrachtung der Welt finden kann. Das sollte
nur gesagt werden, um anzudeuten, wie griindlich gerade dieses
tiefste, bedeutsamste Dokument des esoterischen Christentums miB-
verstanden worden ist.
Und nunmehr wollen wir alles, was iiber das Historische der
Apokalypse zu sagen ist, uns fur die Zeit aufsparen, wo wir das,
was in der Apokalypse liegt, begriffen haben, das heiBt, wir wollen
es auf die letzten Vortrage verschieben. Fur den, der sich schon ein
wenig in die Anthroposophie hineingefunden hat, kann es keinen
Zweifel daruber geben, daB schon mit den Einleitungsworten der
Apokalypse darauf hingewiesen wird, was sie sein soli. Wir brau-
chen uns nur zu erinnern, daB es heiBt: Der, von dem der Inhalt
der Apokalypse herriihrt, ist hinversetzt worden in eine Insel-
Einsamkeit, die von jeher mit einer Art heiliger Atmosphare durch-
drungen war, an eine Statte alter Mysterienkultur. Und wenn uns
gesagt wird, daB derselbe, der den Inhalt der Apokalypse gibt, im
Geiste war und daB er das, was er gibt, im Geiste wahrgenommen
hat, so mag uns das zunachst ein Hinweis darauf sein, daB der In-
halt der Apokalypse einem hoheren BewuBtseinszustand entstammt,
den der Mensch durch die Entwickelung der inneren Seelenschop-
fungsfahigkeit erreicht, durch die Einweihung. Was man nicht
innerhalb der Sinneswelt sehen und horen kann, nicht mit auBeren
Sinnen wahrnehmen kann, ist in der Weise, wie es durch das Chri-
stentum der Welt mitgeteilt werden konnte, in der sogenannten
geheimen Offenbarung des Johannes enthalten. Also die Schil-
derung einer Einweihung, einer christlichen Einweihung haben wir
in der Apokalypse des Johannes vor uns. Wir brauchen uns nur
einmal, man mochte sagen, fliichtig vor die Seele zu rufen, was
Einweihung ist. Wir werden ja immer tiefer eindringen in dieses
Thema, in die Frage: Was geht innerhalb der Einweihung vor? —
und immer tiefer werden wir die Frage behandeln: Wie verhalt
sich Einweihung zu dem Inhalt der Apokalypse? — Aber wir wer-
den zunachst etwas wie eine Kohlenzeichnung in groben Strichen
hinstellen, und dann erst werden wir an die Ausmalung der Einzel-
heiten gehen.
Einweihung ist Entwickelung der in jeder Seele schlummernden
Krafte und Fahigkeiten. Will man sich ein Bild davon machen, wie
sie im Realen vor sich geht, dann muB man vor alien Dingen sich
klar vor Augen stellen, wie das BewuBtsein des heutigen normalen
Menschen ist; dann wird man auch erkennen, wie das BewuBtsein
des Eingeweihten sich unterscheidet von dem des heutigen Men-
schen. Wie ist denn das BewuBtsein des normalen heutigen Men-
schen? Es ist ein wechselndes. Zwei ganz verschiedene BewuBtseins-
zustande wechseln miteinander ab, der im Tagwachen und der im
nachtlichen Schlaf. Das BewuBtsein, das wir im Tagwachen haben,
besteht darin, daB wir um uns herum die sinnlichen Gegenstande
wahrnehmen und sie verkniipfen durch Begriffe, die auch nur
durch ein sinnliches Werkzeug gebildet werden konnen, durch das
menschliche Gehirn. Dann trkt jede Nacht heraus aus den niedrig-
sten Gliedern der menschlichen Wesenheit, aus dem physischen
und Atherleib, der astralische Leib und das Ich, und damit versin-
ken fur das BewuBtsein des heutigen Menschen die sinnlichen
Gegenstande um ihn herum in Dunkelheit, und nicht nur diese,
denn bis zum Wiederaufwachen ist, was man vollige BewuBtlosig-
keit nennt, vorhanden. Finsternis breitet sich aus um den Menschen.
Denn der astralische Leib des Menschen ist heute im normalen Zu-
stande so organisiert, daB er fur sich selber nicht wahrzunehmen ver-
mag, was in seiner Umgebung ist. Er muB Instrumente haben. Diese
Instrumente sind die physischen Sinne. Daher muB er morgens unter-
tauchen in den physischen Leib und sich der sinnlichen Werkzeuge
bedienen. Warum sieht der astralische Leib nichts, wenn er w'ah-
rend des Nachtschlafes in der Geistwelt ist? Warum nimmt er nicht
wahr? Aus demselben Grande, warum ein physischer Leib, in dem
kein Auge und kein Ohr ware, nicht physische Farben und phy-
sische Tone wahrnehmen konnte. Der astralische Leib hat keine
Organe zum Wahrnehmen in der astralischen Welt. Der physische
Leib war in grauer Vorzeit in derselben Lage. Er hatte auch das
noch nicht, was sp'ater plastisch in ihn hineingearbeitet worden ist
als Ohr und Auge. Die auBeren Elemente und Krafte meiBelten
ihn aus, bildeten ihm die Augen und die Ohren, und damit wurde
diese Welt fur ihn offenbar, die vorher fur ihn auch geheim war.
Denken wir uns einmal, es konnte der astralische Leib, der heute
in derselben Lage ist wie der physische Leib friiher, so behandelt
werden, daB man ihm Organe eingliederte in der Weise, wie das
Sonnenlicht die physischen Augen, wie die tonvolle Welt die phy-
sischen Ohren plastisch hineingearbeitet hat in die weiche Masse
des physischen Menschenleibes. Denken wir uns, in die plastische
Masse des Astralleibes konnte man Organe hineinarbeiten, dann
wiirde der astralische Leib in dieselbe Lage kommen wie der heu-
tige physische Leib. Darum handelt es sich, daB man in diesen
astralischen Leib hineinarbeitet wie ein Plastiker, der den Ton
formt, die Wahrnehmungsorgane fur die iibersinnliche Welt. Das
muB das erste sein. Wenn der Mensch sehend werden will, muB
sein astralischer Leib so behandelt werden wie eine Tonmasse von
dem Bildhauer: Man muB Organe hineinarbeiten. Das war in der
Tat jederzeit das, was in den Einweihungsschulen und in den My-
sterien getan wurde. In den astralischen Leib wurden plastisch die
Organe hineingearbeitet.
Worin besteht nun die Tatigkeit, durch weiche in den astra-
lischen Leib plastisch hineingearbeitet werden die Organe? Es
konnte jemand auf den Gedanken kommen, man miisse doch diesen
Leib erst vor sich haben, bevor man die Organe in ihn hineinarbei-
ten kann. Man konnte sagen: Wenn ich den astralischen Leib her-
ausnehmen und vor mir haben konnte, dann konnte ich die Organe
hineinarbeiten. — Das ware nicht der tichtige Weg, und das ist vor
alien Dingen nicht der Weg der modernen Einweihung. GewiB,
ein Eingeweihter, der imstande ist, in den geistigen Welten zu
leben, konnte, wenn in der Nacht der astralische Leib drauBen ist,
wie ein Bildhauer hineinarbeiten die Organe. Aber das hieBe mit
dem Menschen etwas vornehmen, wovon er selbst nichts weiB, das
hieBe in seine Freiheitssphare eingreifen, mit AusschlieBung seines
BewuBtseins. Wir werden sehen, warum das schon seit langerer
Zeit und insbesondere in der heutigen Zeit niemals geschehen darf.
Deshalb muBte auch schon in solchen esoterischen Schulen wie in
der pythagoraischen oder altagyptischen Schule alles vermieden
werden, wodurch die Eingeweihten etwa von auBen gearbeitet
hatten an dem astralischen Leib, der aus dem physischen und Ather-
leibe des Einzuweihenden herausgenommen war. Das muBte schon
beim ersten Angreifen der Sache wegbleiben. Es muBte eben der
erste Schritt zur Einweihung unternommen werden am Menschen
in der ganz gewohnlichen physischen Welt, in derselben Welt, wo
der Mensch mit seinen physischen Sinnen wahrnimmt. Aber wie
das machen, da ja doch gerade das physische Wahrnehmen, als es
in der Erdenevolution eintrat, einen Schleier iiber die geistige Welt
gezogen hat, die der Mensch friiher, wenn auch bei dumpfem Be-
wuBtsein, hat wahrnehmen konnen, wie also von der physischen
Welt aus auf den astralischen Leib wirken?
Da mussen wir uns vor die Seele fiihren, wie es ist mit diesem
gewohnlichen sinnlichen Wahrnehmen des Tages. Was geschieht
denn, wahrend der Mensch tagsiiber wahrnimmt? Denken Sie ein-
mal an Ihr tagliches Leben, verfolgen Sie es von Schritt zu Schritt.
Bei jedem Schritt dringen Eindriicke der AuBenwelt an Sie heran.
Sie nehmen sie wahr, Sie sehen, horen, riechen und so weiter. Die
Eindriicke bei dieser oder jener Arbeit stiirmen den ganzen Tag
an Sie heran, Sie verarbeiten sie mit Ihrem Intellekt. Der Dichter,
der nicht selbst ein Inspirierter ist, durchdringt sie mit seiner Phan-
tasie. Das ist alles wahr. Aber alles dies kann zunachst nicht dazu
fiihren, dafi das Ubersinnlkh-Geistige, das hinter dem Sinnlichen
und Materiellen ist, dem Menschen zum BewuBtsein kommt. War-
um kommt es ihm nicht zum BewuBtsein? Weil diese ganze Tatig-
keit, die der Mensch gegeniiber der Umwelt ausiibt, dem astra-
lischen Leib des Menschen, so wie er heute seiner eigentlichen
Wesenheit nach ist, nicht entspricht. Damals, als in urferner Ver-
gangenheit der astralische Leib, der dem Menschen eigen war, die
Bilder der astralischen Wahrnehmungen aufsteigen sah, jene Bilder
von Lust und Leid, von Sympathie und Antipathie, da waren die
inneren Impulse vorhanden, die geistigen Impulse, die im Men-
schen aufsteigen lieBen, was Organe formte. Diese sind ertotet wor-
den damals, als der Mensch fahig wurde, alle Einflusse von auBen
auf sich zustromen zu lassen. Heute ist es nicht moglich, daB aus
all den Eindrucken, die der Mensch wahrend des Tages erhalt, im
astralischen Leib etwas bleibt, was bildsam, plastisch fur ihn ist.
Der Vorgang des Wahrnehmens ist so: Den ganzen Tag iiber
kommen die Eindriicke der AuBenwelt an uns heran. Diese wirken
durch die physischen Sinne auf den Atherleib und astralischen Leib,
bis sie dem Ich bewuBt werden. Im astralischen Leib driicken sich
die Wirkungen dessen aus, was auf den physischen Leib ausgeiibt
wird. Wenn Lichteindriicke stattfinden, so empfangt das Auge Ein-
driicke. Der Lichteindruck gibt einen Eindruck auf den Ather- und
Astralleib, und das Ich wird sich dieses Eindruckes bewuBt. So ver-
halt es sich auch mit den Eindrucken auf das Ohr und die anderen
Sinne. Dieses ganze Tagesleben wirkt daher den ganzen Tag iiber
auf den Astralkorper ein. Der Astralkorper ist immer tatig unter
der Einwirkung der AuBenwelt. Jetzt tritt er abends heraus. Da hat
er in sich keine Krafte, um die Eindriicke bewuBt werden zu lassen,
die jetzt in seiner Umgebung sind. Die alten Krafte des Wahrneh-
mens in der urfernen Vergangenheit sind ertotet worden beim
ersten Wahrnehmen der gegenwartigen Sinneswelt. In der Nacht
hat er keine Krafte, weil das ganze Tagesleben ungeeignet ist, etwas
im astralischen Leib zuriickzulassen, was bildend auf den Astral-
leib wirken konnte. Alle Dinge, wie Sie sie ringsherum anschauen,
iiben Wirkungen bis auf den Astralleib aus. Aber was da bewirkt
wird, ist nicht in der Lage, Gestaltungen zu schaffen, die zu astra-
len Organen werden konnten. Das muB der erste Schritt der Ein-
weihung sein: den Menschen wahrend des Tageslebens etwas tun
zu lassen, in seiner Seele sich etwas abspielen zu lassen, was fort-
wirkt, wenn der astralische Leib in der Nacht herausgezogen wird
aus dem physischen und Atherleib. Also denken Sie sich, bildlich
gesprochen, es wiirde, wahrend der Mensch bei vollem BewuBtsein
ist, ihm etwas gegeben, was er zu tun hatte, was er abspielen lassen
sollte und was so gewahlt ware, so gegliedert, daB es nicht aufhorte
zu wirken, wenn der Tag voriiber ist. Denken Sie sich diese Wir-
kung als einen Ton, der fortklingt, wenn der Astralleib heraus ist;
dieses Fortklingen waren dann die Krafte, die nun an dem astra-
lischen Leib so wirkten, so plastisch arbeiteten, wie einstmals die
auBeren Krafte am physischen Korper gearbeitet haben. Das war
immer der erste Schritt der Einweihung: den Menschen wahrend
des Tageslebens etwas tun zu lassen, was nachklingt im Nacht-
leben. Ailes das, was man genannt hat Meditation, Konzentration
und die sonstigen Ubungen, die der Mensch vorgenommen hat
wahrend seines Tageslebens, sie sind nichts anderes als Verrichtun-
gen der Seele, die nicht in ihren Wirkungen ersterben, wenn der
Astralleib herausgeht, sondern die nachklingen und in der Nacht
zu bildenden Kraften werden im astralischen Leib.
Das nennt man die Reinigung des Astralleibes, die Reinigung
von dem, was dem Astralleib nicht angemessen ist. Das war der
erste Schritt, der auch die Katharsis genannt wurde, die Reinigung.
Sie war noch keine Arbeit in iibersinnlichen Welten. Sie bestand in
Ubungen der Seele, die der Mensch tagsiiber machte, wie eine
Trainierung der Seele. Sie bestand in der Aneignung gewisser
Lebensformen, gewisser Lebensgesinnungen, einer gewissen Art, das
Leben zu behandeln, so daB es nachklingen konnte, und das arbei-
tete am astralischen Leib, bis er sich umgewandelt hatte, bis sich
Organe in ihm entwickelt hatten.
Wenn der Mensch so weit war, daB diese Organe aus dem astra-
lischen Leib herausgegliedert waren, dann war das nachste, daB
alles das, was so in den astralischen Leib hineingestaltet worden
war, sich im Atherleib abdruckte. Wie sich die Schrift eines
Petschaft abdruckt im Siegellack, so muBte sich alles, was in den
Astralleib hineingearbeitet war, im Atherleib abdrucken. Dieses
Abdrucken ist der nachste Schritt der Einweihung: Erleuchtung
nannte man das. Denn damit war zu gieicher Zeit ein bedeutungs-
voller Moment in der Einweihung gekommen. Da trat eine geistige
Welt in der Umwelt des Menschen auf , so wie vorher die sinnliche
Welt da war. Diese Stufe ist zu gieicher Zeit charakterisiert da-
durch, daB die Vorgange der auBeren geistigen Welt sich nicht so
ausdriicken, wie es die physisch-sinnlichen Dinge tun, sondern in
Bildern. Die geistige Welt driickt sich auf dieser Stufe der Erleuch-
tung zuerst in Bildern aus. Der Mensch sieht Bilder. Denken Sie
an den alten Eingeweihten, von dem ich gestern angedeutet habe,
daB er die Volksgruppenseele gesehen hat. Wenn er so weit war,
dann sah er diese Gruppenseele zunachst in Bildern. Denken wir
zum Beispiel an einen Eingeweihten, wie Ezechiel einer war. Als
die Erleuchtung fur ihn begann, traten ihm geistige Wesenheiten
als Volks-, als Gruppenseelen entgegen. Er fiihlte sich in ihrer
Mitte. Gruppenseelen in Form vier symbolischer Tiere traten ihm
entgegen.
So kam in bedeutungsvollen Bildern zunachst die geistige Welt
an den Menschen heran. Das war die erste Stufe. Dann folgte das
Weiterhineinleben in den Atherleib. Dem, was zunachst wie ein
Siegelabdruck vorhanden war, folgte ein weiteres Hineinleben in
den Atherleib. Da beginnt zu den Bildern hinzuzutreten das, was
man die Spharenmusik genannt hat. Die hohere geistige Welt wird
als Ton wahrgenommen. Der hohere Eingeweihte beginnt, nach-
dem er durch die Erleuchtung die geistige Welt in Bildern wahr-
genommen hat, geistig hinzulauschen auf jene Tone, die fur das
geistige Ohr wahrnehmbar sind. Dann kommt man an die spatere
Umwandlung des Atherleibes, und da tritt uns in einer noch hohe-
ren Sphare noch etwas anderes entgegen. Tone konnen Sie noch
horen, wenn Sie zum Beispiel hier einen Wandschirm haben und
hinter ihm ein Mensch spricht, den Sie nicht sehen. So etwa ist es
mit der geistigen Welt. Zuerst tritt sie in Bildern auf, dann tont
sie heriiber, und es fallt die letzte Hiille weg — sozusagen wie
wenn wir einen Schirm wegtaten, hinter dem der Mensch steht
und spricht: Wir sehen den Menschen selbst — : Wir sehen die gei-
stige Welt selbst, die Wesen der geistigen Welt. Zuerst nehmen wir
wahr die Bilder, dann die Tone, dann die Wesen und endlich das
Leben dieser Wesen. Man kann ja ohnedies das, was als Bilder in
der sogenannten imaginativen Welt ist, nur andeuten, indem man
Bilder aus der sinnlichen Welt als Symbole gebraucht. Man kann
nur eine Vorstellung von der Spharenharmonie geben durch Ver-
gleiche mit der sinnlichen Musik. Was laBt sich nun vergleichen
mit dem wesenhaften Ausdruck auf der dritten Stufe? Damit laBt
sich nur vergleichen das, was heute das Innerste des Menschen aus-
macht, sein Wirken im Sinne des gottlichen Weltenwollens. Wirkt
der Mensch im Sinne des Willens jener geistigen Wesenheiten, die
unsere Welt vorwartsbringen, dann wird das Wesen in ihm diesen
Wesen ahnlich werden, dann wird er wahrnehmen in dieser Sphare.
Das, was in ihm widerstrebt der Weltenevolution, was die Welt
zunickhalt in ihrem Fortschritt, das nimmt er wahr als etwas, was
ausgeschaltet werden muB in dieser Welt, was wie eine letzte Hulle
fallen muB.
So nimmt der Mensch erst eine Bilderwelt wahr als den sym-
bolischen Ausdruck der geistigen Welt, dann eine Welt der Spharen-
harmonie als den symbolischen Ausdruck einer hoheren geistigen
Sphare, dann eine Welt von geistigen Wesenheiten, von denen er
heute nur dadurch sich eine Vorstellung machen kann, daB er sie
mit dem Innersten seines eigenen Wesens vergleicht, mit dem, was
in ihm wirkt im Sinne der guten Krafte oder aber im Sinne der
bosen geistigen Krafte.
Diese Stufen macht der Einzuweihende durch und diese Stufen
sind getreulich abgebildet in der Apokalypse des Johannes. Aus-
gegangen wird da von der physischen Welt. Gesagt wird dasjenige,
was zunachst zu sagen ist mit den Mitteln der physischen Welt, in
den sieben Briefen. Was man innerhalb der physischen Kultur tun
will, was man denen sagen will, die in der physischen Welt wirken,
man sagt es ihnen in Briefen. Denn das Wort, das im Briefe aus-
gedriickt wird, das kann innerhalb der sinnlichen Welt seine Wir-
kung tun. Die erste Stufe gibt Symbole, die bezogen werden miis-
sen auf das, was sie in der geistigen Welt ausdriicken: Nach den
sieben Briefen kommt die Welt der sieben Siegel, die Welt der
Bilder, der ersten Stufe der Einweihung. Dann kommt die Welt der
Spharenharmonie, die Welt, wie sie derjenige wahrnimmt, der gei-
stig horen kann. Sie ist dargestellt in den sieben Posaunen. Die
nachste Welt, wo der Eingeweihte Wesenheiten wahrnimmt, ist
dargestellt durch das, was als Wesenheiten auf dieser Stufe auftritt
und was abstreift die Schalen der Krafte, die den guten gegenteilig
sind. Das Gegenteil der gottlichen Liebe ist der gottliche Zorn. Die
wahre Gestalt der gottlichen Liebe, die die Welt vorwartsbringt,
wird in dieser dritten Sphare wahrgenommen von denen, die fur
die physische Welt abgestreift haben die sieben Zornesschalen.
So wird der Einzuweihende stufenweise hinaufgeftihrt die Ein-
weihungsspharen. In den sieben Briefen der Apokalypse des Johan-
nes haben wir das, was den sieben Kategorien der physischen Welt
gehort, in den sieben Siegeln, was der astralisch-imaginativen Welt
gehort, in den sieben Posaunen das, was der devachanischen hohe-
ren Welt gehort, und in den sieben Zornesschalen das, was ab-
geworfen werden muB, wenn der Mensch sich erheben will in das
hochste Geistige, das zunachst fur unsere Welt zu erreichen ist,
weil dieses hochste Geistige noch mit unserer Welt zusammenhangt.
Nur die auBere Struktur wollten wir heute hinstellen von dem,
was die Apokalypse des Johannes ist. Fliichtige und wenige Striche
sind es, die uns hindeuten konnten darauf, daB die Apokalypse ein
Einweihungsbuch ist. Morgen werden wir daran gehen, die ersten
Schritte zur Ausfiihrung dieser fiuchtigen Zeichnung zu machen.
ZWEITER VORTRAG
Niirnberg, 19Juni 1908
In einer Art Einleitung haben wir gestern den Geist der Apo-
kalypse des Johannes im allgemeinen charakterisiert. Wir versuch-
ten einige groBe Richtlinien hinzustellen, durch die uns kiarwerden
kann, daB in dieser Apokalypse dasjenige geschildert ist, was man
nennen kann eine christliche Einweihung oder eine christliche
Initiation. Es wird heute meine Aufgabe sein, Ihnen das Wesen
der Einweihung oder Initiation im allgemeinen darzustellen, Ihnen
zu schildern, was vorgeht im Menschen, wenn er durch die Ein-
weihung in die Lage versetzt werden soil, selber hineinzuschauen
in jene geistigen Welten, die hinter den sinnlichen Welten liegen,
und es wird ferner meine Aufgabe sein, in einigen groBeren Ziigen
zu schildern, welcher Art die Erlebnisse innerhalb der Einweihung
sind. Denn nur dadurch, daB wir uns ein wenig genauer einlassen
auf das Wesen der Einweihung, nur dadurch konnen wir diese
bedeutende religiose Urkunde der Apokalypse nach und nach zu
unserem Verstandnis bringen.
Zunachst mussen wir noch einmal die beiden BewuBtseins-
zustande des Menschen genau betrachten, also jenen BewuBtseins-
zustand, der vom Morgen, wenn der Mensch aufwacht, dauert bis
zum Abend, wenn er einschlaft, und den anderen BewuBtseins-
zustand, der mit dem Einschlafen beginnt und mit dem Aufwachen
endigt. Wir haben uns oft vor die Seele gefiihrt, daB der Mensch,
so wie er uns in seiner heutigen Gestalt entgegentritt, zunachst eine
vierfache Wesenheit ist, daB er besteht aus dem physischen Leib,
dem Atherleib, dem astralischen Leib und dem Ich. In der auBeren
Form erscheinen dem hellsehenden BewuBtsein diese vier Glieder
so, daB zunachst, wie eine Art Kern, in der Mitte der physische
Menschenleib ist. Lassen Sie uns nur ganz schematisch die Sache
vor unsere Augen stellen (es wird gezeichnet). Dieser physische
Leib ist durchdrungen wahrend des Tages von dem sogenannten
Atherleib, der nur ganz wenig, zunachst urn den Kopf herum, wie
ein heller Lichtschein hervorragt, der aber den Kopf ganz durch-
dringt. Weiter nach unten wird der Ather- oder Lebensleib immer
nebelhafter und undeutlicher, und je mehr wir uns den unteren
Gliedern des Menschen nahern, desto weniger zeigt er die Form
des physischen Leibes in so strengem Sinne.
Diese zwei Glieder der menschlichen Wesenheit sind nun
wiederum bei Tage eingehiillt von dem, was wir den astralischen
Leib nennen, der nach alien Seiten wie ein Ellipsoid, wie eine Ei-
form herausragt und in seiner Grundform leuchtende Strahlen hat,
die eigentlich so aussehen, wie wenn sie von auBen nach innen
laufen und von auBen nach innen den Menschen durchdringen
wiirden. In diesen Astralleib sind hineingezeichnet eine Unsumme
von verschiedenerlei Figuren, alle moglichen Arten von Linien
und Strahlen, manche blitzartig, manche in sonderbaren Windun-
gen. Das alles umgibt in den mannigfaltigsten Lichterscheinungen
den Menschen. Der astralische Leib ist der Ausdruck seiner Leiden-
schaften, seiner Instinkte, Triebe und Begierden, aber auch aller
seiner Gedanken und Vorstellungen. In diesem astralischen Leib
sieht das hellseherische BewuBtsein alles abgebildet, was man see-
lische Erlebnisse nennt, von dem niedersten Triebe an bis hinauf
zum hochsten sittlichen Ideale. Und dann haben wir das vierte
Glied der menschlichen Wesenheit, das man so zeichnen mochte,
als ob etwas Strahlen hereinsendet an den Punkt, der etwa einen
Zentimeter hinter der Stirne liegt. Das wiirde die schematische Dar-
stellung des viergliedrigen Menschen sein. Wir werden im Laufe
dieser Vortrage sehen, wie sich die einzelnen Teile im Ganzen aus-
nehmen.
Das also ist der Mensch wahrend des Tages, vom Morgen, wenn
er aufwacht, bis zum Abend, wenn er einschlaft. Abends nun, wenn
er einschlaft, bleiben im Bette liegen der physische und der Ather-
leib, und es zeigt sich eine Art Herausstromen dessen, was wir als
den astralischen Leib bezeichnet haben. Das « Herausstromen » ist
etwas ungenau ausgedriickt. Eigentlich ist es, wie wenn eine Art
Nebel sich bildete, so daB wir also in der Nacht den aus dem phy-
sischen und atherischen Leib herausgegangenen astralischen Leib
wie eine Art von spiraligem Nebel um den Menschen herum sehen,
wahrenddem das vierte Glied der menschlichen Wesenheit nach
der einen Seite hin fast ganz verschwindet, das heiBt ins Un-
bestimmte verlauft. Der nach unten verlaufende Teil des Astral-
leibes ist nur sehr schwach zu sehen, der obere Teil wird als der
herausgetretene astralische Leib angesprochen.
Nun haben wir schon gestern betont, was fur den Menschen zu
geschehen hat, wenn er die Einweihung empfangen soil. Wenn der
Mensch sich nur mit dem beschaftigt, womit sich die Menschen in
unserem Zeitalter gemeiniglich befassen, so kann er keine Ein-
weihung erhalten. Der Mensch muB so vorbereitet werden, daB er
wahrend des gewohnlichen Tageslebens jene Ubungen macht, die
ihm von den Eingeweihtenschulen vorgeschrieben werden, Medi-
tation, Konzentration und so weiter. Diese Ubungen sind im
Grunde genommen in bezug auf ihre Bedeutung fur den Menschen
bei alien Einweihungsschulen dieselben. Sie sind nur insofern ein
wenig voneinander verschieden, als sie, je weiter wir zuriickgehen
in die vorchristlichen Einweihungsschulen, mehr darauf gerichtet
sind, das Denken, die Denkkrafte zu iiben, zu trainieren. Je mehr
wir uns den christlichen Zeiten nahern, desto mehr sind sie dar-
auf gerichtet, die Gemiitskr'afte zu schulen, und je naher wir den
neueren Zeiten kommen, desto mehr sehen wir, wie in den so-
genannten Rosenkreuzerschulungen, durch die Forderungen und
Bediirfnisse der Menschheit bedingt, eine besondere Art der Wil-
lenskultur, der Willensiibungen eingefiihrt wird. Wenn auch die
Meditationen zunachst ahnliche sind wie in den anderen vorchrist-
lichen Schulen, so herrscht doch iiberall auf dem Grunde der Rosen-
kreuzeriibungen eine besondere Schulung des Willenselementes.
Worauf es aber ankommt und was ebenso erreicht wurde durch die
Ubungen der orientalischen Mysterienschulung, wie bei der agyp-
tischen und der pythagoraischen Schule und so weiter, und was
auch die Wirkung jener Ubungen ausmacht, die vorzugsweise
von der Meditation des Johannes-Evangeliums ausgehen, das ist,
daB auf den Menschen wahrend des Tageslebens, wenn auch nur
durch kurze Zeit, meinetwegen nur fiinf oder fiinfzehn Minuten,
so gewirkt wird, daB die Wirkung auch dann bleibt, wenn jener
Zustand beim schlafenden Menschen eintritt, wo der astralische
Leib herausgeht. Bei einem Menschen, der solche, sagen wir,
okkulte Ubungen macht, bei dem zeigt nach und nach der astra-
lische Leib in der Nacht die mannigfaltigsten Veranderungen. Er
weist andere Lichterscheinungen auf, er zeigt jene plastische Glie-
derung der Organe, von der wir schon gesprochen ha ben; und dann
wird das immer deutlicher und deutlicher. Der astralische Leib
bekommt nach und nach eine innere Organisation, wie sie der phy-
sische Leib in seinen Augen, Ohren und so weiter hat.
Das wiirde aber noch immer nicht dahin fxihren, viel zu schauen,
insbesondere nicht beim heutigen Menschen. Allerdings, einiges
nimmt der Mensch schon wahr, wenn seine inneren Organe eine
Weile ausgebildet sind. Dann beginnt er, wahrend des Schlafes ein
BewuBtsein zu haben. Geistige Umwelten dammern heraus aus der
sonstigen allgemeinen Finsternis. Was da der Mensch wahrnehmen
kann, was namentlich in den alteren Zeiten der Mensch wahr-
genommen hat, denn heute ist es schon seltener, das sind wunder-
bare Bilder pflanzlichen Lebens. Das sind die primitivsten Er-
rungenschaften des Hellsehertums. Wo friiher nur die Finsternis
der BewuBtlosigkeit war, steigt etwas wie ein traumhaft Leben-
diges, aber Wirkliches von einer Art Pflanzengebilde auf. Und vie-
les von dem, was Ihnen geschildert ist in den Mythologien der
alten Volker, ist auf diese Art gesehen worden. Wenn geschildert
wird in Sagen, daB Wotan, Wile und We einen Baum am Strande
fanden und daB sie daraus den Menschen gebildet haben, so weist
das darauf hin, daB es zuerst in einem solchen Bilde geschaut wor-
den ist. In alien Mythologien konnen Sie diese primitive Art des
Schauens, des pflanzlichen Schauens wahrnehmen. Die Schilderung
eines solchen Schauens ist auch das Paradies, namentlich mit seinen
beiden Baumen der Erkenntnis und des Lebens; das ist das Ergeb-
nis dieses astralischen Schauens. Und nicht umsonst wird Ihnen in
der Genesis selber angedeutet, daB das Paradies und das, was iiber-
haupt in dem Beginn der biblischen Darstellung geschildert wird,
geschaut worden ist. Man muB nur erst die Bibel lesen lernen, dann
wird man schon verstehen, wie tief und bedeutsam sie diesen
geheimnisvollen Zustand festhalt in ihren Schilderungen. So wie
man heute lehrt iiber das Paradies, iiber den Beginn der Bibel, hat
man friiher nicht gelehrt. Da hat man hingewiesen darauf: Adam
verflel in einen Schlaf — und das war jener Schlaf, so sagte man
den ersten Christen, in welchem Adam riickschauend die Erschei-
nungen wahrnahm, die im Beginne der Genesis geschildert werden.
Erst heute glaubt man, daB solche Worte wie «Adam verfiel in
einen Schlaf » zufallig dastehen. Sie stehen nicht zufallig da. Jedes
Wort in der Bibel ist von einer tiefen Bedeutung, und erst derjenige
kann die Bibel verstehen, der jedes einzelne Wort zu wiirdigen weiB.
Das ist also das Erste. Dann aber muBte in den vorchristlichen
Mysterien noch etwas Besonderes eintreten. Wenn der Mensch also
lange Zeit hindurch — und das dauerte sehr lange — seine Ubungen
gemacht hatte, wenn er das ungefahr aufgenommen hatte, was
notig war, urn Ordnung zu schaflen in seiner Seele, wenn er in sich
aufgenommen hatte das, was wir etwa heute Anthroposophie nen-
nen, dann wurde er zuletzt der eigentlichen alten Initiation teil-
haftig. Worin bestand diese alte Einweihung?
Es geniigt nicht, daB im astralischen Leib die Organe ausgebildet
werden. Sie miissen sich abdrucken im Atherleib. Wie das Petschaft
seine Buchstaben abdruckt im Siegellack, so miissen die Organe des
astralischen Leibes abgedruckt werden im Atherleib. Zu diesem
Zwecke wurde in alten Einweihungen der einzuweihende Schiiier
in eine ganz besondere Lage gebracht. Er wurde namlich drei-
einhalb Tage hindurch in einen todahnlichen Zustand gebracht.
Wir werden immer mehr erkennen, daB jener Zustand heute nicht
mehr durchgefiihrt werden kann und darf, sondern daB man jetzt
andere Mittel der Einweihung hat. Ich schildere jetzt die vorchrist-
liche Einweihung. In dieser wurde der Einzuweihende durch drei-
einhalb Tage von dem, der das verstand, in einen todahnlichen Zu-
stand gebracht. Entweder wurde er in eine Art kleinen Gemaches
gelegt, in eine Art Grab. Da ruhte er in einem Zustand von Todes-
schlaf. Oder aber er wurde in einer besonderen Lage an ein Kreuz
gebunden mit ausgestreckten Handen, denn das fordert das Ein-
treten jenes Zustandes, den man erzielen wollte.
Wir wissen aus den mannigfaltigsten Vortragen, daB der Tod
beim Menschen dadurch eintritt, daB der Atherleib mit dem astra-
lischen Leib und dem Ich herausgeht und nur der physische Leib
zuriickbleibt. Da tritt etwas im Tode ein, was niemals sonst zwi-
schen Geburt und Tod im regelmaBigen Verlauf des Lebens ein-
getreten ist. Der Atherleib hat niemals, audi im tiefsten Schlafe
nicht, den physischen Leib verlassen, sondern war immer darinnen.
Im Tode verl'aBt der Atherleib den physischen Leib. Wahrend
jenes todesahnlichen Zustandes nun verlieB wenigstens ein Teil des
Atherleibes auch den physischen Leib, so daB also ein Teil des
Atherleibes, der sonst darinnen war, in diesem Zustand sich drauBen
befand. Man schildert das, wie Sie wissen, in mehr exoterischen
Vortragen dadurch, daB man sagt, der Atherleib werde heraus-
gezogen. Das ist nicht eigentlich der Fall. Aber diese feinen Unter-
scheidungen konnen wir erst jetzt machen. So also haben wir wah-
rend dieser dreieinhalb Tage, wahrend welcher der Priester-Initiator
den. Einzuweihenden wohl iiberwachte, den Menschen in einem
Zustande, daB nur sein unterer Teil mit dem Atherleib vereinigt
war. Das ist der Moment, wo sich der astralische Leib mit all dem,
was er an Organen in sich ausgebildet hat, abdruckt im Atherleibe.
In diesem Moment tritt die Erleuchtung ein. Wenn der Einzu-
weihende nach dreieinhalb Tagen erweckt wurde, dann war bei
ihm das eingetreten, was man die Erleuchtung nennt, dasjenige,
was folgen muBte auf die Reinigung, die bloB in der Ausbildung
der Organe des astralischen Leibes besteht. Jetzt war der Schiiler
ein Wissender in der geistigen Welt. Was er friiher gesehen hatte,
war nur eine Vorstufe des Schauens. Diese Welt, die aus einer Art
von Gebilden bestand, die vorzugsweise Pflanzen nachbildete, sie
erganzte sich jetzt durch wesentlich neue Gebilde.
Nun kommen wir dahin, genauer zu charakterisieren, was der
Eingeweihte anting zu schauen. Jetzt, wo er bis zur Erleuchtung
gefuhrt war, da war es ihm klar, wenn er erweckt wurde, daB er
etwas gesehen hatte, was er vorher niemals in sein Wissen hatte
aufnehmen konnen. Was hatte er denn gesehen? Was konnte er
sich in gewisser Beziehung als bedeutsames Erinnerungsbild seines
Schauens vor die Seele rufen? Wenn wir uns klarmachen wollen,
was der Betreffende gesehen hatte, dann miissen wir ein wenig hin-
blicken auf die Entwickelung des Menschen. Wir miissen uns erin-
nern, daB erst allmahlich der Mensch jenen Grad individuellen
BewuBtseins bekommen hatte, den er heute hat. DaB er in einer
solchen Weise zu sich Ich sagen kann, wie er es heute tut, das war
nicht immer der Fall. Wir brauchen nur zuriickzugehen in die Zeit,
als die Cherusker, Heruler und so weiter in den Gegenden wohn-
ten, wo heute die Deutschen leben. Da fuhlte sich der einzelne
nicht als Einzelmenschen-Ich, sondern als Glied seines Stammes.
Wie die Finger sich nicht fiihlen als etwas fur sich Bestehendes, so
fuhlte der einzelne Cherusker nicht in der Weise, daB er zu sich
unbedingt Ich sagte. Das Ich war das Ich des ganzen Stammes. Der
Stamm stellte einen Organismus dar, und zusammengehorige Grup-
pen von Menschen, die in der Blutsverwandtschaft verbunden
waren, hatten sozusagen eine gemeinschaftliche Ich-Seele. Wie
heute Ihre zwei Arme zu Ihrem Ich gehoren, so waren Sie selbst
Glieder einer groBeren Gemeinschaft in jenen Zeiten.
Das ist ja noch deutlich ausgesprochen bei dem Volke, das sich
bekennt zum Alten Testamente. Da fuhlte sich als ein Glied des
Volkes jeder einzelne. Es ist so, daB der einzelne nicht im hochsten
Sinne von sich sprach, wenn er das gewohnliche Ich aussprach,
sondern daB er etwas Tieferes fuhlte, wenn er sagte: «Ich und der
Vater Abraham sind eins.» Denn fur ihn ging bis Abraham hinauf
ein gewisses Ich-BewuBtsein, das durch alle Generationen von
Abraham bis zum einzelnen herunterkam. Was blutsverwandt war,
das war in einem Ich beschlossen. Es war wie eine gemeinsame Ich-
Gruppenseele, die das ganze Volk umfaBte, und diejenigen, die die
Dinge durchschauten, sagten sich: Das, was wirklich unser inner-
stes, unvergangliches Wesen ausmacht, das wohnt nicht im einzel-
nen, das wohnt im ganzen Volke. Alle einzelnen Glieder gehoren
zu diesem gemeinsamen Ich. — Daher war sich auch jeder solcher
Bekenner klar: Stirbt er, dann vereinigt er sich mit einer unsicht-
baren Wesenheit, die hinaufgeht bis zum Vater Abraham. Wirklich
fiihlte der einzelne, daB er hinaufkam in den SchoB Abrahams. Da
fiihite er sich wie im Unverganglichen geborgen in der Gruppen-
seele des Volkes. Diese Gruppenseele des ganzen Volkes konnte
nicht heruntersteigen auf den physischen Plan. Da sahen sie nur
einzelne Menschengestalten. Aber die waren ihnen nicht die Wirk-
lichkeit, sondern die Wirklichkeit war in der geistigen Welt. Sie
ahnten, daB das, was durch das Blut flieBt, das Gottliche sei. Und
weil sie den Gott sehen muBten in Jehova, nannten sie dieses Gott-
liche Jahve, oder audi sein Antlitz: Michael. Als geistige Gruppen-
seele des Volkes betrachteten sie Jahve.
Der einzelne Mensch hier konnte diese geistigen Wesenheken
nicht sehen. Der Eingeweihte, der den groBen Moment erlebte, wo
der astralische Leib in den Atherleib hineingedruckt wurde1, der
bekam zuerst die wichtigsten Gruppenseelen zu schauen. Wenn wir
namlich zuriickschauen in die alten Zeiten der Menschheit, so fin-
den wir uberall, daB das gegenwartige Ich sich herausentwickelt
hat aus solchem GruppenbewuBtsein, Gruppen-Ich, so daB fur den
Seher, wenn er zuriickschaut, die einzelnen Menschen immer mehr
zusammenstromen in die Gruppenseelen. Nun gibt es hauptsach-
lich vier Typen von Gruppenseelen, vier Urbilder von Gruppen-
seelen. Wenn man alle verschiedenen Gruppenseelen der verschie-
denen Seelen nimmt, so haben sie eine gewisse Ahnlichkeit, aber
auch Verschiedenheiten. Teilt man sie ein, so erhalt man vier Grup-
pen, vier Urbilder. Man bekommt sie deutlich zu sehen, wenn man
hellseherisch zuriickschaut in jene Zeit, als der Mensch noch nicht
im Fleische war, noch nicht herabgestiegen war auf die Efde. Denn
jetzt miissen wir uns genauer darstellen den Moment, wo der
Mensch herabgestiegen ist ins Fleisch aus den geistigen Regionen.
Wir konnen diesen Moment nur in groBen Symbolen schildern.
Einmal gab es eine Zeit, wo unsere Erde eine viel weichere
Materie hatte als heute, wo noch nicht Fels und Stein so verfestigt
waren wie heute, wo die Pflanzenformen noch anders aussahen, wo
das Ganze wie ein Urmeer in Wasserhohlen eingebettet war, wo
Luft und Wasser nicht geschieden waren, wo von all den Wesen,
die heute auf der Erde wohnen, Tiere und Pflanzen im Wasser aus-
gebildet waren. Als die mineralischen Wesen anfingen ihre heutige
Form zu bekommen, da konnte man sagen: Der Mensch trat aus
der Unsichtbarkeit hervor. So stellte er sich dem Einzuweihenden
dar. AuBen mit einer Art von Schale umgeben, stieg er aus den
Regionen herunter, die heute die Luftregionen sind. Der Mensch
war noch nicht dicht physisch da, als das Tier schon im Fleisch
vorhanden war. Er war eine feine Luftwesenheit, selbst in den
lemurischen Zeiten noch. Und er hat sich so herausgegliedert, daB
sich das hellseherische Bild darstellt mit den vier Gruppenseelen:
auf der einen Seite wie ein Lowenbild, auf der anderen wie das
Bild eines Stieres, oben wie das eines Adlers, und in der Mitte
unten etwas, was schon menschenahnlich ist. So zeigt sich das hell-
seherische Bild. So kommt aus dem Dunkel des Geisterlandes her-
aus der Mensch. Und das, was ihn an Kraft ausgebildet hat, das
erscheint in einer Art Regenbogenbildung. Die mehr physischen
Krafte umgeben die ganze Bildung dieses Menschen wie ein Regen-
bogen. — Man muB auf den verschiedensten Gebieten und in der
verschiedensten Weise dieses Menschwerden schildern. Jetzt wird
es geschildert, wie es dem Forscher im Ruckblick erscheint: wie
diese vier Gruppenseelen sich herausgestaltet haben aus dem
gemeinsamen Gottlich-Menschlichen, das heruntersteigt. Man hat
von jeher diesen Moment symboiisch in die Form gebracht, die Sie
auf dem zweiten der sogenannten sieben okkulten Siegel dargestellt
finden. Das ist die symbolische Darstellung, sie ist aber mehr als
ein bloBes Symbolum. Da haben Sie herauskommend aus dem
unbestimmten Geistigen diese vier Gruppenseelen, den Regen-
bogen ringsherum und eine Zwolfzahl. Wir miissen auch verstehen,
was diese Zwolfzahl bedeutet.
Wenn Sie das herauskommen sehen, was eben geschildert wor-
den ist, so haben Sie hellseherisch das Gefuhl: Das ist von etwas
umgeben, was ganz anderer Wesenheit und Art ist als das, was da
heraustritt aus dem unbestimmten Geistigen. Und das, wovon es
umgeben ist, das symbolisierte man in alten Zeiten in dem Tier-
kreis, in den zwolf Zeichen des Tierkreises. — Der Moment des Ein-
tretens in das Hellsehen ist noch mit mancherlei anderen Erlebnis-
sen verkniipft. Das erste, was der, dessen Atherleib heraustritt,
wahrnimmt, ist: er kommt sich vor, wie wenn er groBer und groBer
wiirde und sich ausdehnte iiber das, was er da wahrnimmt. Es
kommt der Moment, wo der Eingeweihte sich sagt: Ich sehe nicht
bloB diese vier Gestalten, sondern ich bin da drinnen, ich habe
mein Wesen dariiber ausgedehnt. — Er identifiziert sich damit. Er
nimmt das wahr, was durch die zwolf Sternbilder, durch die Zwolf-
zahl symbolisiert wird. Was sich da ausdehnt ringsherum um das,
was sich enthiillt, das werden wir am besten verstehen, wenn wir
uns wieder daran erinnern, daB unsere Erde friihere Verkorperun-
gen durchgemacht hat. Wir wissen ja: Bevor die Erde Erde wurde,
ging sie durch den Zustand des Saturns, dann durch den der Sonne,
dann durch den des Mondes, und dann erst wurde sie Erde im heu-
tigen Sinne. Das war notwendig. Denn nur dadurch war es mog-
lich, daB auf der heutigen Erde die Wesenheiten herauskamen, die
eben herausgekommen sind. Die muBten sich allmahlich durch
solche Verwandlungsformen hindurcharbeiten.
Wenn wir also in urferne Vergangenheit zuriickblicken, so
schauen wir auf den ersten Zustand unserer Erde, den des alten
Saturns, der im Anfange seines Daseins noch nicht einmal leuch-
tete. Er war eine Art Warmezustand. Sie hatten ihn nicht so
sehen konnen wie eine gl'anzende Kugel, sondern wenn Sie sich
dem Saturn genahert hatten, wiirden Sie in einen warmeren
Raum hineingekommen sein, weil er eben bloB in einem Warme-
zustand war.
Nun konnte man fragen: Hat denn mit dem Saturn das Welt-
werden begonnen? Haben nicht andere Zustande vielleicht erst das
herbeigefuhrt, was Saturn geworden ist? Gingen dem Saturn nicht
noch andere Verkorperungen voran? — Es wiirde schwer sein, vor
den Saturn zuriickzugehen, weil namlich erst beim Saturn etwas
beginnt, ohne das wir gar nicht hinter den Saturn zuriickgehen
konnen. Mit dem Saturn beginnt namlich erst das, was wir Zeit
nennen. Vorher gab es andere Formen des Seins, das heiBt, eigent-
lich konnen wir gar nicht von vorher sprechen, weil noch keine
Zeit da war. Die Zeit hat auch einmal angefangen. Vor dem Saturn
gab es keine Zeit, da gab es nur Ewigkeit, Dauer. Da war alles
gleichzeitig. DaB die Vorg'ange einander folgen, das trat erst mit
dem Saturn ein. In derjenigen Weltenlage, wo nur Ewigkeit, Dauer
ist, da gibt es auch keine Bewegung. Denn zur Bewegung gehort
Zeit. Da gibt es keinen Umlauf, da ist Dauer und Ruhe, wie man
auch sagt im Okkultismus: Da ist selige Ruhe in der Dauer. Das
ist der Ausdruck dafiir. Selige Ruhe in der Dauer ging dem Saturn-
zustand voran. Die Bewegung der Weltenkorper trat erst mit dem
Saturn ein, und man faBte die Bahn, die angedeutet wird durch die
zwolf Zeichen des Tierkreises, als Anzeichen dafiir auf. Und wah-
rend ein Planet in einem solchen Sternbilde lief, sprach man von
einer Weltenstunde. Man betrachtete das als eine Weltenstunde.
Zwolf Weltenstunden, Tagstunden zwolf und Nachtstunden zwolf!
Einem jeden Weltenkorper, dem Saturn, der Sonne und dem Monde
wird zugezahlt eine Aufeinanderfolge von Weltenstunden, die sich
zu Weltentagen gruppieren, und zuletzt so, daB von diesen zwolf
Zeitraumen sieben auBerlich wahrnehmbar sind und fiinf mehr
oder weniger auBerlich unwahrnehmbar verlaufen. Man unter-
scheidet daher sieben Saturnkreislaufe oder sieben groBe Saturn-
tage und fiinf groBe Saturnnachte. Sie konnen auch sagen, fiinf
Tage und sieben Nachte, denn der erste und letzte Tag sind Dam-
merungstage. Man ist gewohnt, solche sieben Kreislaufe, sieben
Weltentage «Manvantara» zu nennen und die fiinf Weltennachte
«Pralaya». Wenn man es ganz entsprechend unserer Zeitenzahlung
haben will, dann zahlt man je zwei planetarische Zustande zusam-
men, also Saturn und Sonne, Mond und Erde. Dann erhalt man je
vierundzwanzig Kreislaufe. Diese vierundzwanzig Kreislaufe bilden
wichtige Epochen in der Weltendarstellung, und diese vierund-
zwanzig Epochen denkt man sich geregelt durch Wesenheiten im
Weltenall, die Ihnen in der Apokalypse als die vierundzwanzig
Altesten angedeutet werden, die vierundzwanzig Regler der Welten-
umlaufe, der Weltenzeiten. Auf dem Siegelbild sind sie angedeutet
als die Weltenuhr. Die einzelnen ZifTern der Uhr sind hier nur
unterbrochen durch die Doppelkronen der Altesten, um anzudeu-
ten, daB das die Zeitenkonige sind, weil sie die Umlaufe der
Weltenkorper regeln. (Siehe das zweite Siegelbild.)
So sieht der Eingeweihte zunachst zuriick in dieses Bild der
Vorzeit. Nun aber miissen wir uns fragen: Warum sieht der Ein-
geweihte dieses Bild? — Weil in diesem Bilde symbolisch-astralisch
dargestellt werden die Krafte, die in seiner heutigen Gestalt den
menschlichen Atherleib und danach den physischen gebildet haben.
Wie das ist, konnen Sie sich leicht denken. Denken Sie sich, der
Mensch liegt im Bette, verlaBt mit seinem Astralleib und Ich den
physischen Leib und Atherleib. Nun gehoren aber zum physischen
Leib und Atherleib, wie sie heute sind, zum heutigen physischen
Menschenleib und Atherleib der astralische Leib und das Ich. Fur
sich kann dieser physische Leib und kann dieser Atherleib nicht
bestehen. Sie sind so geworden, weil ihnen der astralische Leib und
das Ich eingegliedert sind. Nur ein physischer Leib, in dem kein
Blut fliefit und kein Nervensystem ist, kann ohne astralischen Leib
und Ich sein. Deshalb kann die Pflanze ohne astralischen Leib und
Ich sein, weil sie kein Blut und kein Nervensystem hat. Denn das
Nervensystem hangt zusammen mit dem astralischen Leib und das
Blut mit dem Ich. Kein Wesen hat im physischen Leib ein Nerven-
system, das nicht durchdrungen ist von einem astralischen Leibe,
und kein Wesen hat im physischen Leibe ein Blutsystem, in das
nicht das Ich eingezogen ist. Denken Sie, was Sie jede Nacht tun.
Sie verlassen schnode Ihren physischen und Atherleib und iiber-
lassen sie mit dem Blut- und Nervensystem sich selber. Wenn es
bloJ3 auf Sie ankame, wiirde in jeder Nacht dadurch, daB Sie Ihr
Nerven- und Blutsystem verlassen, der physische Leib zugrunde
gehen miissen. Er wiirde in demselben Augenblicke sterben, wo der
astralische Leib und das Ich den physischen und den Atherleib ver-
lassen. Aber der hellsehende Blick sieht, wie dann andere Wesen-
heiten, hohere geistige Wesenheiten ihn ausfiillen. Er sieht, wie sie
in ihn hineingehen und das tun, was der Mensch in der Nacht eben
nicht tut: das Blut- und Nervensystem versorgen. Das sind die-
selben Wesenheiten aber, welche den Menschen, soweit er aus
einem physischen und Atherleib besteht, geschaffen haben; nicht
bloB heute, von Inkarnation zu Inkarnation. Es sind die gleichen
Wesenheiten, die auf dem alten Saturn die erste Anlage des phy-
sischen Leibes entstehen lieBen und die auf der Sonne den Ather-
leib herausgebildet haben. Diese "Wesenheiten, die gewaltet haben
vom Urbeginn des Saturn- und Sonnendaseins an im physischen
und Atherleib, sie walten in ihm jede Nacht, wahrend der Mensch
schlaft und den physischen und den Atherleib schnode verlaBt, so-
zusagen sie dem Tode preisgibt; sie dringen hinein und versorgen
sein Nerven- und Blutsystem.
Daher ist es auch begreiflich, daB in dem Moment, wo der
Astralleib den Atherleib beriihrt, um sich in ihm abzudrucken,
daB, da der Mensch von diesen Kraften, die ihn gebildet haben,
durchdrungen ist, daB er da das Bild dieser Krafte sieht, die in dem
zweiten Siegel symbolisiert sind. Was ihn erhalt und zusammen-
hangend macht mit dem ganzen kosmischen Weltall, das leuchtet
auf in diesem Moment der Einweihung. Er sieht dasjenige, was die
beiden Glieder seiner Wesenheit, den physischen und den Ather-
leib, gebildet hat, was sie jede Nacht in ihrem Leben aufrecht
erhalt. Er selbst aber hat noch keinen Anteil daran, denn er kann
noch nicht in diese beiden Glieder seines Wesens hineinarbeiten.
Dem Menschen nach wiirde der physische und der Atherleib, die
in der Nacht im Bette liegen, zum Pflanzendasein verdammt sein,
denn er iiberlaBt beide sich selbst. Daher ist fur den Menschen der
Schlafzustand ein unbewuBter, wie ihn die Pflanze immer hat.
Wie steht es nun mit dem, was wahrend des Schlafes heraus-
geriickt ist beim gewohnlichen Menschen, wie steht es mit dem
astralischen Leib und dem Ich? Diese sind ja auch nicht bewuBt
in der Nacht. Beim gewohnlichen Menschen wird wahrend des
Nachtschlafes nichts innerhalb des astralischen Leibes erfahren.
Aber denken Sie jetzt einmal, Sie iibten die sieben Stufen der
Johannes-Einweihung, diese bedeutungsvollen Momente der christ-
lichen Gemiitseinweihung. Dann wiirde fur Sie nicht bloB das auf-
treten, was bisher geschildert worden ist. Ganz abgesehen davon,
daB Sie bei der Beriihrung des astralischen Leibes mit dem Ather-
leibe hellseherische Kraft entwickeln konnen, wiirde noch etwas
anderes auftreten. Der Mensch wird sich bewuBt der seelischen
Eigenheiten, der seelisch-menschlichen Eigenschaften der astra-
lischen Welt und der devachanischen Welt, aus der er eigentlich
herausgeboren 1st seiner Seele nach. Und es tritt zu diesem Bilde
ein noch hoheres Symbolum, das die ganze Welt zu erfiillen scheint.
Zu diesem Symbolum der alten Einweihung tritt fiir den, der durch
die Johannes-Einweihungsstufen geht, etwas hinzu, was am besten
durch das erste Siegel dargestellt wird. Als eine hellseherische Er-
scheinung sieht er den Priesterkonig mit goldenem Giirtel, mit
FiiBen, die aus MetallguB zu bestehen scheinen, das Haupt bedeckt
mit Haaren wie von weiBer Wolle, aus dem Munde ein feuriges
Schwert flammend und in der Hand die sieben Weltensterne:
Saturn, Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus.
Die Gestalt, die in der Mitte auf dem zweiten Siegelbild ist, war
in der alten Einweihung nur als die fiinfte der Gruppenseelen an-
gedeutet. Sie ist das, was in der Menschheit der alten Zeit erst in
der Keimanlage vorhanden war und erst in der christlichen Ein-
weihung herausgekommen ist als das, was man auch als Menschen-
sohn bezeichnet, der die sieben Sterne beherrscht, wenn er vollig in
seiner wahren Gestalt vor dem Menschen auftritt.
So also soli uns durch diese zunachst symbolische Art der Dar-
stellung vor alien Dingen klar sein, daB man dasjenige, was beim
heutigen Menschen als Trennung der verschiedenen Glieder auf-
tritt — physischer und Atherleib auf der einen Seite, astralischer
Leib und Ich auf der anderen — , so behandeln kann, daB beides
sozusagen zur Einweihung sein Stuck beitragen kann, zunachst
durch die Einweihungsform bei der Beriihrung des astralischen
Leibes mit dem Atherleib, wo die vier Gruppenseelen aufleuchten,
dann bei der Behandlung des Astralleibes, so daB dieser im beson-
deren sehend wird. Friiher war ein eigentliches Sehen in der iiber-
sinnlichen Welt hochstens bis zu einer Art pflanzlicher Durch-
lebung der Welt gekommen. Durch die christliche Einweihung ist
das gegeben, was eine hohere Einweihungsstufe im astralischen
Leib bedeutet und was symbolisch angedeutet wird durch das
zweite Bild.
Da haben Sie die beiden Dinge aus dem Einweihungsprinzip
heraus selber geschildert, die Sie an der Spitze der Apokalypse
geschildert finden. Nur hat der Apokalyptiker sie in umgekehrter
Reihenfolge geschildert, und dies mit Recht. Er hat geschildert
zuerst das Gesicht des Menschensohnes, das Gesicht dessen, der da
ist, der da war und der da sein wird, und dann das andere. Beide
sind Symbole fur das, was der Eingeweihte wahrend der Ein-
weihung erlebt.
So haben wir vor unsere Seele treten lassen, was in gewissen
Fallen der Einweihung geschieht und zunachst erlebt wird. Morgen
wollen wir zu den Einzelheiten weiterschreiten dieser realen wirk-
lichen Erlebnisse, und wir werden sie sich spiegeln sehen in der
grandiosen Darstellung der Apokalypse des Johannes.
DRITTER VORTRAG
Niirnberg, 20. Juni 1908
Gestern konnten wir am Ende unserer Betrachtung hinweisen auf
das, was spezifisch christliche und was spatere, also etwa christlich-
rosenkreuzerische Einweihung zunachst in einem groBen bedeut-
samen Symbolum gibt. Wir haben auf die Bedeutung dieses Sym-
bolums hingewiesen, dieses Einweihungszeichens, das man audi als
den Menschensohn bezeichnet, der die sieben Sterne in seiner rech-
ten Hand hat, der das scharfe zweischneidige Schwert hat in seinem
Munde. Wir haben gesehen, daft diese Einweihung den Menschen
in einem gewissen hdheren Grade sehend macht innerhalb seines
Ich und seines astralischen Leibes, auBerhalb des physischen und
des Atherleibes. Wir werden alies dies noch genauer besprechen.
Durch eine jegliche Einweihung aber gelangt der Mensch dazu,
das, was man nur mit geistigem Blicke, mit geistigen Augen iiber-
schauen kann, was nur fur das iibersinnliche Wahrnehmen durch-
sichtig ist, das nun wirklich zu iiberschauen, zu erkennen. Nun
gehort zu dem ersten und wichtigsten, was der im christlichen
Sinne Einzuweihende zu erkennen hat, die Entwickelung der
Menschheit in unserem Zeitalter, damit ein jeder im hoheren MaBe
die Aufgaben des Menschen einsehen kann. Denn alles, was hohere
Erkenntnis, was hohere Vollkommenheit dem Menschen geben soli,
hangt mit der Frage zusammen: Was bin ich und wozu bin ich
bestimmt in unserem Zeitalter? Die Beantwortung dieser Frage ist
es, die zunachst von groBer Wichtigkeit ist.
Jede Einweihungsstufe fiihrt auf einen erhohten Standpunkt der
menschlichen Betrachtung. Schon in der ersten Stunde konnten wir
ja darauf hinweisen, wie stufenweise der Mensch hinaufgeht, zuerst
in das, was wir die imaginative Welt nennen, wo er im christlichen
Sinne die sieben Siegel erkennen lernt, dann bis zu dem, was wir
die inspirierte Erkenntnis nennen, wo er die «Posaunen» hort, und
endlich zu einer noch hoheren Stufe, wo er die wahre Bedeutung
und Wesenheit der Geistwesen zu durchschauen vermag, die Stufe
der sogenannten Zornesschalen. Jetzt aber miissen wir sozusagen
eine bestimmte Einweihungsstufe ins Auge fassen. Wir denken uns
den Menschen gerade bis zu jener Stufe der Einweihung gelangt,
wo das mit ihm geschehen ist, was am SchluB des letzten Vortrages
geschildert wurde. Wir denken uns ihn gerade an der Grenze, wo
ihm, zwischen den feinsten Wesenheiten unserer physischen Welt
und der nachsthoheren, der astralischen Welt, gestattet ist, wie auf
einem Gipfel zu stehen und herunterzuschauen. Was kann der
Mensch auf diesem ersten Gipfel der Einweihung erschauen?
UT.IeitQitQr W. Zeitalter Y.Zeitalter 51. v. HE ZeifalTer
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grosser Kne^o'ler 7. Kulturepoche
Da sieht er im Geiste alles das, was geschehen ist, seiner inneren
Wesenheit nach, seitdem die atlantische Flut die alte Atlantis zer-
stort hat und der nachatlantische Mensch ins Dasein getreten ist.
Da sieht er, wie sich die Kulturkreislaufe einander folgen bis zu
dem Zeitpunkt, wo auch unser Zeitalter einen Untergang nehmen
wird, um ein neues heraufzufuhren. Durch das Wasser der atlan-
tischen Flut ist zugrunde gegangen die alte Atlantis. Durch das,
was wir nennen den Krieg aller gegen alle, durch furchtbar ver-
heerende moralische Verwickelungen wird unser Zeitalter seinen
Untergang finden. Und dieses groBe Zeitalter von der atlantischen
Flut an bis zum gewaltigen Krieg aller gegen alle, das teilen wir
wieder ein in sieben aufeinanderfolgende Haupt-Kulturepochen, in
sieben Kulturzeitraume, wie aus dem vorstehenden Schema ersicht-
lich ist. An dem einen Ende denken wir uns die groBe atlantische
Flut, am entgegengesetzten Ende den groBen Weltkrieg, und das tei-
len wir in sieben Unterzeitalter, in sieben Kulturepochen. Die ganze
Epoche, die diese sieben Unterzeitalter enthalt, ist wieder der sie-
bente Teil eines langeren Zeitalters, so daB Sie sich vorzustellen
haben sieben solche Glieder wie unser Zeitalter zwischen Flut und
Krieg, zwei nach vorn, nach dem groBen Krieg, und vier nach
nickwarts vor der atlantischen Flut. Unser Zeitalter, das nach-
atlantische, ist also das fiinfte groBe Zeitalter.
Man muB wiederum auf einen noch hoheren Gipfel der Einwei-
hung hinaufsteigen, dann iibersieht man diese siebenmal sieben
Zeitalter. Sie sind zu iiberschauen, wenn man an der Grenze der
astralischen und der geistigen, der devachanischen Welt angelangt
ist. Und so geht es stufenweise hinauf. Wir werden sehen, welches
die noch hoheren Stufen sind.
Jetzt mussen wir festhalten, daB man zunachst einen Gipfel er-
reichen kann, auf dem uns, wie von einem Berge aus die weite
Ebene, die sieben Kulturzeitalter der nachatlantischen Zeit sicht-
bar werden. Wir alle kennen sie ja schon, diese Kulturzeitalter.
Wir wissen, daB, als die atlantische Flut die alte Atlantis hinweg-
geschwemmt hatte, als erstes die altindische Kultur aufbluhte und
daB sie abgelost wurde von der urpersischen Kultur. Wir wissen,
daB die assyrisch-babylonisch-chaldaisch-agyptisch-jiidische Kultur
darauf folgte, auf diese das vierte Kulturzeitalter, das griechisch-
lateinische, und darauf das fiinfte, das unsrige, in dem wir leben.
In dem sechsten, das auf das unsrige folgen wird, wird in einer ge-
wissen Beziehung in der Frucht aufgehen mussen, was wir an gei-
stiger Kultur zu bauen haben. Das siebente Kulturzeitalter spielt
sich ab vor dem Krieg aller gegen alle. Da sehen wir diese furcht-
bare Verwiistung der Kultur herankommen und sehen das kleine
Hauflein von Menschen, das verstanden hat, das spirituelle Prinzip
in skh aufzunehmen und das sich hinwegretten wird gegeniiber
der allgemeinen Zertrummerung durch den Egoismus.
Wir leben also in dem funften der Unterzeitalter, wie gesagt.
Wie Stadte und Dorfer und Walder vom Gipfel eines Berges aus,
so erscheint von dem Gipfel der Einweihung aus die Folge dieser
Kulturzeitalter. Ihre Bedeutung sehen wir ein. Sie stellen dar, was
sich ausdehnt auf unserem physischen Plan als Menschheitskultur.
Deshalb sprechen wir auch von Kulturzeitaltern im Gegensatz zu
Rassen. Alles das, was etwa verkniipft ist mit dem Rassenbegriff,
ist noch Uberbleibsel des Zeitraumes, der dem unseren vorangegan-
gen ist, des atlantischen. Wir leben im Zeitraum der Kulturepochen.
Die Atlantis war der Zeitraum, wo sich nach und nach sieben auf-
einanderfolgende groBe Rassen bildeten. Natiirlich, die Friichte
dieser Rassenbildung ragen herein auch in unser Zeitalter, daher
spricht man auch heute noch von Rassen. Das sind aber schon Ver-
wischungen jener scharfen Trennungen in der atlantischen Zeit.
Heute hat schon der Kulturbegriff den Rassenbegriff abgelost. Da-
her sprechen wir von der alten indischen Kultur, von welcher die
Kultur, die uns in den Veden angekiindigt wird, nur ein Nachklang
ist. Die uralt-heilige indische Kultur ist die erste Morgenrote der
nachatlantischen Kultur, sie folgt unmittelbar auf die atlantische
Zeit.
Vergegenw'artigen wir uns noch einmal, wie der Mensch lebte in
jener Zeit, die jetzt mehr als acht- oder neuntausend Jahre hinter
uns liegt. Wenn wir von den realen Zeitraumen sprechen, so gelten
diese Zahlen. Diese Kultur, von der wir hier sprechen, stand un-
mittelbar unter dem EinfluB der atlantischen Flut oder der groBen
Eiszeitepoche, wie sie in der modernen Wissenschaft genannt wird.
Die Atlantis war untergegangen nach und nach, ein Brocken nach
dem andern war verschlungen worden von der Flut. Und nun lebte
ein Menschengeschlecht auf der Erde, von dem sich ein Teil zu der
hochsten Entwickelungsstufe heraufgearbeitet hatte, die zu errei-
chen war. Das war das uralt indische Volk, ein Menschengeschlecht,
das damals driiben im fernen Asien wohnte und mehr in der Erin-
nerung an alte vergangene Zeiten lebte als in der Gegenwart. Das
ist das GroBe und Gewaltige jener Kultur, von der die schriftlichen
Aufzeichnungen wie die Veden und die Bhagavad Gita nur noch
Nachklange sind, daB die Menschen in der Erinnerung an das leb-
ten, was sie in der atlantischen Zeit selber erlebt hatten. Denken
Sie an den ersten Vortrag dieses Zyklus. Da wurde gesagt, daB die
Menschen in jener Zeit zum groBen Teil befahigt waren, ein ge-
wisses dammerhaftes Hellsehen zu entwickeln. Die Menschen
waren nicht beschrankt auf diese physisch-sinnliche Welt. Sie leb-
ten zwischen gottlich-geistigen Wesenheiten. Sie sahen diese gott-
lich-geistigen Wesenheiten um sich. Darin bestand der Ubergang
von der atlantischen Zeit zur nachatlantischen, daB der Blick der
Menschen von der geistigen, astralisch-atherischen Welt abgeschlos-
sen und beschrankt wurde auf diese physische Welt. Die erste
Kulturepoche zeichnete sich dadurch aus, daB die Menschen Sehn-
sucht hatten, tiefe Sehnsucht nach dem, was ihre Vorfahren in
der alten Atlantis geschaut, wovor sich aber das Tor zugeschlos-
sen hatte. Uralte Weisheit haben unsere Vorfahren mit ihren
geistigen Augen, wenn auch dammerhaft, geschaut. Sie wohn-
ten unter Geistern, gingen mit Gottern und Geistern um. So fiihl-
ten sie, diese Menschen der uralt-heiligen indischen Kultur: sie
sehnten sich mit alien ihren Fasern darnach, zuriickzuschauen, zu
sehen das, was die Vorfahren gesehen hatten, wovon uralte Weis-
heit kiindete. Und so erschien das Land, das eben aufgetreten war
vor den physischen Blicken der Menschen — die Felsen der Erde,
die jetzt erst sichtbar geworden waren, die friiher noch geistig ge-
schaut wurden — , all das AuBere erschien ihnen geringer als das,
woran sie sich erinnern konnten. Maja, die groBe Illusion, wurde
alles das genannt, was die physischen Augen sehen konnten, die
groBe Tauschung, aus der man heraus wollte. Und die Besten dieses
ersten Zeitalters sollten durch jene Einweihungsmethode, von der
es einige Cberbleibsel im Yoga gibt, hinaufgehoben werden zu der
Stufe ihrer Vorfahren. Daraus ging eine religiose Grundstimmung
hervor, die mit den Worten wiedergegeben werden kann: Wertlose
eitle Tauschung ist das, was uns hier umgibt im auBeren Sinnen-
schein. Das Wahre, Echte ist oben in der geistigen Welt, die wir
verlassen haben. — Die geistigen Fiihrer des Volkes waren die-
jenigen, welche sich hinaufversetzen konnten in die Regionen, in
denen man friiher lebte.
Das war die erste Epoche der nachatlantischen Zeit. Und alle
Epochen der nachatlantischen Zeit sind dadurch charakterisiert, daB
der Mensch immer mehr verstehen lernte die auBere sinnliche
Wirklichkeit, immer mehr erkennen lernte: Was uns hier gegeben
ist fur die auBeren Sinne, ist nicht als bloBer Schein zu behandeln,
es ist eine Gabe der geistigen Wesen, und nicht umsonst haben uns
die Gotter die Sinne gegeben. Das, was hier auf der Erde eine Kul-
tur der materiellen Welt begriindet, muB nach und nach eingesehen
werden.
Was der alte Inder noch als Maja angesprochen hat, wovor er
geflohen ist, wovon er sich zuriicksehnte, das sprachen diejenigen,
die der zweiten Epoche angehorten, als ihr Arbeitsfeld an, als etwas,
was sie zu bearbeiten hatten. Und so haben wir jetzt die uralt-per-
sische Epoche, die etwa funftausend Jahre zuriickliegt, jene Kultur-
epoche, in welcher den Menschen das Land um sie herum zwar zu-
n'achst wie feindlich erschien, aber nicht mehr wie friiher als Illu-
sion, die man zu fliehen habe, sondern als ein Arbeitsfeld, dem man
den eigenen Geist einzupragen hat. Vom Bosen, von einer dem
Guten gegnerischen Macht ist diese Erde beherrscht in ihrer mate-
riellen BeschafTenheit, von dem Gotte Ahriman. Er beherrscht sie,
aber der gute Gott Ormuzd hilft den Menschen — in seinen Dienst
stellen sich die Menschen. Wenn sie seinen Willen ausfiihren, dann
verwandeln sie diese Welt in einen Acker der oberen geistigen
Welt, dann pragen sie der sinnlich-wirklichen Welt das ein, was
sie selbst im Geist erkennen. Ein Arbeitsfeld war fur die zweite
Epoche die physisch-reale, die sinnlich-reale Welt. Fur den Inder
war die sinnliche Welt noch Tauschung, Maja. Fur den Perser war
sie zwar von bosen Damonen beherrscht, aber doch eine solche
Welt, aus der der Mensch auszutreiben hatte die bosen und der er
einzugliedern hatte die guten geistigen Wesenheiten, die Diener des
Lichtgottes Ormuzd.
Und in der dritten Epoche kommt der Mensch noch naher der
auBeren sinnlichen Wirklichkeit. Da ist sie ihm nicht mehr eine
bloB feindliche Macht, die er zu iiberwinden hat. Der Inder hat
hinaufgeschaut zu den Sternen und sich gesagt: Ach, alles was da
ist, was ich mit auBeren Augen sehen kann, ist doch nur Maja,
Tauschung. — Die chaldaischen Priester sahen den Lauf, die Stel-
lungen der Sterne und sagten sich: Indem ich die Stellungen der
Sterne sehe und ihren Lauf verfolge, wird mir das zu einer Schrift,
aus der ich den Willen der gottlich-geistigen Wesen erkenne. Ich
erkenne das, was die Gotter wollen, in dem, was sie getan haben. -
Nicht mehr Maja war ihnen die physisch-sinnliche Welt, sondern
wie die Schrift des Menschen der Ausdruck seines Willens ist, so
war ihnen das, was in den Sternen am Himmel steht, was in den
Kraften der Natur lebt, eine Gotterschrift. Und mit Liebe began-
nen sie zu entziffern die Schrift der Natur. So entsteht jene wunder-
bare Sternenkunde, die die Menschen heute kaum mehr kennen.
Denn was man heute als Astrologie kennt, ist durch ein MiB-
verstehen der Tatsachen entstanden. Tiefe Weisheit in der Sternen-
schrift ist es, was dem alten Chaldaerpriester als Astrologie geoffen-
bart wurde, als die Geheimnisse dessen, was er mit Augen sah. Das
betrachtete er als OfFenbarung eines Inneren, Durchgeistigten.
Und was wurde die Erde fiir den Agypter? Wir brauchen nur
auf die Erfindung der Geometrie hinzudeuten, wo der Mensch
lernte die Erde einzuteilen nach den Gesetzen des Raumes, nach
den Regeln der Geometrie. Da wurden die Gesetze in der Maja
erforscht. In der uralt persischen Kultur hat man die Erde um-
geackert, jetzt lernte man sie einteilen nach den Gesetzen des Rau-
mes. Die Gesetze beginnt man zu erforschen und man tut noch
mehr. Man sagt sich: Nicht umsonst haben die Gotter in den Ster-
nen uns eine Schrift hinterlassen, nicht umsonst haben die Gotter uns
ihren Willen kundgegeben in den Naturgesetzen. Wenn der Mensch
durch sein eigenes Arbeiten das Heil bewirken will, dann muB er
in den Einrichtungen, die er hier macht, eine Nachbildung schaffen
dessen, was er aus den Sternen erforschen kann. — Oh, konnten
Sie zuriicksehen in die Arbeitskammern der agyptischen Eingeweih-
ten! Das war ein anderes Arbeiten als heute auf dem Gebiete der
Wissenschaft. Da waren die Eingeweihten die Wissenschafter. Sie
erforschten den Gang der Sterne und erkannten die RegelmaBig-
keit in dem Stand und Lauf der Sterne und in der Einwirkung ihrer
Stellungen auf das, was unten auf der Erde sich vollzog. Sie sagten
sich: Wenn diese oder jene Konstellation am Himmel ist, so muB
unten dieses oder jenes vor sich gehen im Staatsleben, und wenn
eine andere Konstellation kommt, muB auch etwas anderes ge-
schehen. Nach einem Jahrhundert werden gewisse Konstellationen
da sein, sagten sie, und dann muB ein dem Entsprechendes vor sich
gehen. — Und fur Jahrtausende hinaus wurde vorausbestimmt, was
zu tun ist. So entstand das, was man als die Sibyllinischen Biicher
bezeichnet. Was darinnensteht, ist kein Wahn. Nach sorgfaltigen
Beobachtungen haben die Eingeweihten niedergeschrieben, was fiir
Jahrtausende hinaus zu geschehen hat, und ihre Nachfolger wuB-
ten: Das ist einzuhalten. Und sie taten nichts, was nicht in diesen
Biichern fiir die Jahrtausende hinaus nach dem Lauf der Sterne vor-
gezeichnet war. Sagen wir, es habe sich darum gehandelt, irgendein
Gesetz zu machen. Da hat man nicht abgestimmt wie bei uns, da
holte man Rat bei den heiligen Biichern, in denen aufgeschrieben
war, was hier auf der Erde geschehen muB, damit es ein Spiegel
dessen sei, was in den Sternen geschrieben ist, und was in den
Biichern stand, das fiihrte man aus. Der agyptische Priester wuBte,
als er diese Biicher schrieb: Meine Nachfolger werden ausfiihren,
was darinnensteht. — Von der Notwendigkeit der GesetzmaBigkeit
waren sie iiberzeugt.
Die vierte Kulturepoche hat sich aus dieser dritten herausent-
wickelt. Es haben sich nur sp'arliche Reste dieser prophetisch wir-
kenden Kunst der Agypter bewahrt. Einen solchen Rest konnen
Sie noch sehen. Man hat namlich, wenn man diese prophetisch wir-
kende Kunst im alten Agypterland hat iiben wollen, den nachsten
Zeitraum in sieben Teile eingeteilt und gesagt: Der erste muB dies
enthalten, der zweite das, der dritte jenes und so weiter. — Danach
verfolgten die Nachkommen, was zu geschehen hat. Aber das war
eben das Hauptcharakteristikum der dritten Kulturepoche. Die
vierte zeigte nur noch schwache Nachklange davon. Sie konnen
nun diese schwachen Nachklange noch erkennen, wenn Ihnen der
Ursprung der alten romischen Kultur erzahlt wird. Aneas, Sohn
des Anchises aus Troja, einer Statte der dritten Epoche, wandert
aus und kommt zuletzt nach Alba Longa. In diesem Namen ist an-
gedeutet eine Statte uralter heiliger Priesterkultur: Alba Longa oder
die lange Alba, die Stadt einer Priesterkultur, von der die Kultur
Roms ausgehen sollte. Im MeBkleid der katholischen Priester haben
wir noch einen Nachklang davon erhalten. Da wurde voraus-
gezeichnet noch in alter Priesterweise eine siebengliedrige Kultur-
epoche. Oh, diese sieben romischen Konigszeiten waren voraus-
gezeichnet! Und die Geschichtsschreiber des neunzehnten Jahr-
hunderts haben wieder einmal sich einen bosen Streich spielen las-
len im Hinblick auf diese sieben Konigszeiten. Sie sind darauf
gekommen, daJ3 in dem profanen materiellen Sinn es mit diesen
romischen Konigen nichts ist; aber was dahintersteckt, daB hier
eine nach der heiligen Siebenzahl prophetisch vorausgegliederte
Kultur der Sibyllinischen Biicher nachgezeichnet ist, darauf konn-
ten sie nicht kommen.
Hier ist nicht der Ort, uns einzulassen auf die einzelnen Konige.
Sie wiirden an den einzelnen Konigen sehen konnen, an Romulus,
Numa Pompilius, Tullus Hostilius und so weiter, wie sie genau
dem entsprechen, was die aufeinanderfolgenden Kulturepochen
nach den sieben Prinzipien sind, die sich uns auf so verschiedenen
Gebieten zeigen.
So hatte man allmahlich in der dritten Epoche die Maja zu durch-
dringen vermocht mit dem Menschengeist. Vollendet wurde das in
der vierten Kulturepoche. Sehen Sie sich die griechisch-lateinische
Kultur an, wo in den wunderbaren Kunstwerken der Mensch in der
aufieren materiellen Welt ein volliges Abbild seiner selbst schafft,
wo er im Drama seine menschlichen Schicksale entstehen laBt wie
bei Aischylos. Sehen Sie sich dagegen an, wie man in der agypti-
schen Kultur noch den Gotterwillen erforscht. Jene Eroberung der
Materie, wie wir sie in der griechischen Zeit sehen, bedeutet noch
eine Stufe mehr, auf der der Mensch das materielle Dasein lieb-
gewinnt, und vollends ist der Mensch in der romischen Zeit auf
den physischen Plan herausgetreten. Wer das versteht, der weifi
auch, daB wir darin das vollige Heraustreten des Personlichkeits-
prinzips zu erblicken haben. Daher trat in Rom zuerst das auf, was
wir den Rechtsbegriff nennen, wo wir den Menschen zuerst als
Burger vor uns haben. Nur eine verworrene WIssenschaft kann die
Jurisprudenz zuruckfiihren auf allerlei vorhergehende Zeiten. Was
man vorher unter Recht verstand, war etwas anderes. Viel richtiger
schildert das Alte Testament in den Zehn Geboten das alte Gesetz.
Was da der Gott befahl, das gehorte zu dem, was die Rechtsbegriffe
enthielt. Es ist ein Unding in unserer Zeit, daB man die Rechts-
begriffe zuruckfiihren will bis Hammurabi und so weiter. In Rom
zuerst wird das eigentliche Recht, wird der eigentliche Begriff des
Menschen als Burger zur Geltung gebracht. In Griechenland noch
war der Burger Mitglied des Stadt-Staates. Der Athener, der Spar-
taner war als Burger viel mehr denn als Einzelmensch. Er fuhlte
sich als Glied des Stadt-Staates. In Rom erst wurde der einzelne
Mensch der Burger, da konnte er es erst werden. Das lieBe sich in
alien Einzelheiten nachweisen. Das, was wir heute ein Testament
nennen, gab es in dieser Bedeutung nicht vor der alten Romerzeit.
Das Testament in seiner heutigen Bedeutung entstand damals erst,
weil da erst der einzelne Mensch maBgebend sein sollte in seinem
egoistischen Willen, um diesen Willen auf seine Nachkommen
tibergehen zu lassen. Vorher waren andere Impulse als der persdn-
liche Wille da, die das Ganze zusammenhielten. So lieBe sich an
vielen Beispielen nachweisen, wie der Mensch heraustrat auf den
physischen Plan.
Wir leben jetzt im fiinften, in jenem Zeitraum, wo die Kultur
noch tiefer als bis zum Menschen heruntergestiegen ist. Wir leben
in der Zeit, wo der Mensch der Sklave ist der auBeren Verhaltnisse,
des Milieus. In Griechenland wurde der Geist dazu verwendet, um
die Materie zu vergeistigen, und die vergeistigte Materie tritt uns
entgegen in einer Apollo-Gestalt, einer Zeus-Gestalt, in den Dra-
men eines Sophokles und so weiter. Da ist der Mensch hinaus-
gestiegen auf den physischen Plan, aber noch nicht hinuntergestie-
gen unter den Menschen. Auch in Rom noch ist das der Fall. Das
tiefe Heruntersteigen unter die Sph'are des Menschlichen ist jetzt
erst geschehen. In unserer Zeit ist der Geist der Sklave der Materie
geworden. Unendlich viel Geist ist verwendet worden in unserem
Zeitraum, urn den auBeren Plan in seinen Naturkraften zu durch-
dringen, um diesen auBeren physischen Plan sozusagen zu einer
moglichst bequemen Statte fiir den Menschen zu machen.
Vergleichen wir einmal die alten Zeiten mit unserer Zeit. In
diesen alten Zeiten sah der Mensch die groBe Sternenschrift der
Gotter, aber mit welch primitiven Mitteln wurden die Kultur-
errungenschaften jener Zeit, die Pyramiden, die Sphinxe hergestellt!
Wie nahrte sich der Mensch! Und was hat er sich alies an auBeren
Kulturmitteln bis heute erobert! Welche Kraft des Geistes gehorte
dazu, um die Dampfmaschine zu ersinnen und herzustellen, um die
Eisenbahn, den Telegraphen, das Telephon und so weiter auszu-
denken! Ungeheure Krafte des geistigen Lebens muBten verwendet
werden, um diese rein materiellen Kulturmittel zu erfinden und
herzustellen. Und wozu werden sie verwendet? 1st es fiir das spiri-
tuelle Leben im wesentlichen ein Unterschied, ob in einer Urkultur
ein Mensch zwischen zwei Steinen das Getreide zerrieb, wozu natiir-
lich sehr geringe geistige Krafte verbraucht wurden, oder ob wir
imstande sind, nach Amerika zu telegraphieren, um von dorther
groBe Getreidemengen zu bekommen und sie durch wunderbar aus-
gedachte Miihlen zu Mehl zu zerreiben? Einfach fiir den Magen ist
der ganze Apparat in Bewegung gesetit. Machen wir uns klar,
welche Unsummen geistiger Lebenskrafte hineingesteckt werden in
die bloB materielle Kultur. Von der spirituellen Kultur wird noch
sehr wenig durch die auBeren Kulturmittel befordert. Der Tele-
graph wird in, sagen wir, anthroposophischen Angelegenheiten
sehr selten verwendet. Wenn Sie einen statistischen Vergleich auf-
stellen wurden zwischen dem, was fiir die materielle Kultur ver-
wendet wird, und dem, was dem spirituellen Leben zugute kommt,
dann wurden Sie begreifen, daB der Geist unter das Menschliche
hinuntergetaucht ist, ein Sklave geworden ist des materiellen Lebens.
So haben wir im entschiedensten Sinne einen absteigenden Kul-
turweg bis in unsere Zeit, in die fiinfte Kulturepoche hinein, und
immer defer und tiefer wiirde es hinuntergehen. Deshalb muB vor
dem volligen Hinuntergleiten in die Materie die Menschheit durch
einen neuen Impuls bewahrt werden. So tief ist vorher noch nie-
mals das Wesen des Menschen hinuntergestiegen in die Materie.
Ein starker, der starkste der Erdenimpulse muBte kommen. Das
war die Erscheinung des Christus Jesus, die den AnstoB gab zu
neuem spirituellem Leben. Was wir im geistigen Leben wahrend des
Abstieges an aufw'artssteigenden Kraften haben, das verdanken wir
jenem gewaltigen Impulse, der durch Christus Jesus kam. Inner-
halb dieses Abstieges in die Materie waren immer spirituelle Im-
pulse vorhanden. Da entfaltete sich, zuerst langsam, dann mehr
und mehr das christliche Leben, das heute erst im Anfang ist, das
aber in der Zukunft zu einer ungeheuren Glorie emporsteigen wird,
weil die Menschheit erst in der Zukunft die Evangelien begreifen
wird. Wenn man sie aber vollstandig verstehen wird, dann wird
man sehen, welche Unsumme spirituellen Lebens in diesen Evan-
gelien vorhanden ist. Je mehr sich das Evangelium in seiner wah-
ren Gestalt ausbreiten wird, um so mehr wird die Menschheit
wiedemm die Moglichkeit haben, trotz aller materiellen Kultur
ein spirituelles Leben zu entfalten, hinaufzusteigen wiederum in die
geistigen Welten.
Was sich nun also von Zeitraum zu Zeitraum in der nachatlanti-
schen Kultur entwkkelt, das stellt sich der Apokalyptiker so vor,
daB es sich ausdriickt in kleineren Gemeinschaften, und so werden
ihm diese kleineren Gemeinschaften, die auf der auBeren Erde im
Raum verteilt sind, zu Reprasentanten dieser Kulturepochen. Wenn
er spricht von der Gemeinde oder Kirche zu Ephesus, so meint er:
Ich nehme an, daB zu Ephesus eine solche Gemeinde lebte, die in
gewisser Beziehung wohl das Christentum angenommen hat. Aber
weil sich alles nach und nach entwkkelt, so bleibt immer von jeder
Kulturepoche etwas zuriick. In Ephesus haben wir zwar eine Ein-
geweihtenschule, aber wir haben die christliche Lehre da so gefarbt,
daB man noch iiberall die altindische Kultur erkennen kann. — Er
will uns zeigen die erste Epoche in der nachatlantischen Zeit. Diese
erste Epoche in der nachatlantischen Zeit ist also reprasentiert in
der ephesischen Gemeinde, und das, was zu verkunden ist, soli in
einem Briefe an die Gemeinde von Ephesus verkiindet werden. Wir
miissen uns das ungefahr so vorstellen: Der Charakter jener fernen
indischen Kulturepoche blieb natiirlich, er setzte sich fort in ver-
schiedenen Kulturstromungen. In der Gemeinde von Ephesus haben
wir noch etwas von diesem Charakter. Von dieser Gemeinde wurde
das Christentum so erfaBt, daB es noch von dem typischen Charak-
ter der altindischen Kultur bestimmt wurde.
So haben wir in jedem dieser Briefe einen Reprasentanten einer
der sieben nachatlantischen Kulturepochen angesprochen. In jedem
Briefe wird gesagt: Ihr seid so und so! Diese und jene Seite eures
Wesens entspricht dem, was im Sinne des Christentums ist, das
andere muB anders werden. — So sagt der Apokalyptiker zu einer
jeden Kulturepoche, was beibehalten werden kann und was nicht
mehr stimmt und anders werden soil.
Versuchen wir einmal, ob nun wirklich in den sieben aufein-
anderfolgenden Briefen etwas enthalten ist von dem Charakter der
sieben aufeinanderfolgenden Kulturepochen. Versuchen wir einmal
zu verstehen, wie diese Briefe gehalten sein muBten, wenn sie dem
entsprechen sollten, was eben gesagt worden ist. Der Apokalyp-
tiker denkt sich: In Ephesus ist eine Gemeinde, eine Kirche. Sie
hat das Christentum angenommen, aber sie zeigt das Christentum
in einer Farbung, wie die erste Kulturepoche noch war, fremd dem
auBeren Leben, nicht von Liebe erfiillt fur das, was die eigentliche
Aufgabe ist des nachatlantischen Menschen. — DaB sie die An-
betung der groben Sinnlichkeit verlassen hat, daB sie sich gewandt
hat zum geistigen Leben — so sagt der, der die Briefe an die Ge-
meinde richtet — , das gefalle ihm an ihr. Wir erkennen, was der
Apokalyptiker damit sagen wollte, in dem Umstand, daB Ephesus
die Statte war, wo der Mysteriendienst der keuschen Diana gepflegt
wurde. Er deutet darauf hin, daB die Abkehr von der Materie dort
in besonderer Bliite stand, die Abkehr vom sinnlichen Leben und
die Hinwendung zum Geistigen. «Aber ich habe wider dich, daB
du die erste Liebe verlassen hast», die Liebe, die die erste nach-
atlantische Kultur haben muB, die darin sich auBert, die Erde als
Acker anzusehen, in den hinein verpflanzt werden muB der gott-
liche Same.
Wie charakterisiert sich denn derjenige, der diesen Brief diktiert?
Er charakterisiert sich als Vorlaufer des Christus Jesus, gleichsam
als Fiihrer der ersten Kulturepoche. Der Christus Jesus spricht
gleichsam durch diesen Fiihrer oder Meister der ersten Kultur-
epoche, jener Epoche, wo der Eingeweihte hinaufsah zu den jen-
seitigen Welten. Er sagt von sich, daB er die sieben Sterne in seiner
Rechten halt und die sieben goldenen Leuchter. Die sieben Sterne
sind nichts anderes als Symbole fur die sieben hdheren geistigen
Wesenheiten, welche die Fiihrer der groBen Kulturepochen sind.
Und von den sieben Leuchtern ist es im besonderen ausgedriickt,
daB es geistige Wesenheiten sind, die man nicht in der sinnlichen
Welt sehen kann. So ist auch in der Joga-Einweihung in klaren
Worten auf sie hingedeutet, hingedeutet aber auch darauf , daB nie-
mals der Mensch im Sinne der Entwickelung wirkt, wenn er die
auBeren Werke haBt, wenn er von der Liebe zu den auBeren Wer-
ken ablaBt. Die Gemeinde zu Ephesus hat die Liebe zu den auBeren
Werken verlassen. So wird ganz richtig in der Apokalypse des
Johannes angegeben: Du hassest die Werke der Nikolaiten. —
«Nikolaiten» ist nichts anderes als eine Bezeichnung fur diejenigen
Menschen, die das Leben bloB in der sinnlichen Materie zum Aus-
druck bringen. Es gab in der Zeit, auf die sich dieser Brief bezieht,
eine Sekte der Nikolaiten, die alles, was dem Menschen wert sein
soli, nur in dem auBeren, fleischlichen, sinnlichen Leben sahen.
Das sollst du nicht, sagt derjenige, der den ersten Brief inspiriert.
Aber nicht von der ersten Liebe lassen, sagt er auch, denn dadurch,
daB du die Liebe zur auBeren Welt hast, belebst du diese auBere
Welt, hoist du sie hinauf zum geistigen Leben. — Derjenige, der
Ohren hat zu horen, der hore: Wer iiberwindet, dem werde ich zu
essen geben, nicht bloB vom verganglichen Baum, sondern vom
Baum des Lebens — , das heiBt, der wird imstande werden, zu ver-
geistigen, was hier im Sinnlichen ist, um es hinaufzufiihren zum
Altar des geistigen Lebens.
Der Reprasentant der zweiten Kulturepoche ist die Gemeinde
oder Kirche zu Smyrna. Diese redet der Fiihrer der Menschheit an
in seinem zweiten Vorfahren, in dem Inspirator und Meister der
uralt-persischen Kultur. Die Gesinnung der uralt-persischen Kul-
tur ist diese: Einstmals ist der Gott des Lichtes gewesen, der hatte
einen Feind, die auBere Materie, den finsteren Ahriman. Zuerst war
ich verbunden mit dem Lichtgeist, mit dem ersten, der da war. Da
wurde ich eingegKedert in die Welt der Materie, in welche sich
einfiigte die zuriickgebliebene feindliche Gewalt: Ahriman. Und
nun werde ich gemeinsam mit dem Lichtgeist bearbeiten die Materie
und ihr den Geist eingliedern; dann wird nach Besiegung der bosen
Gottheit die gute, die Licht-Gottheit wieder erscheinen. — «Ich bin
derjenige, der der Erste ist und der Letzte», derjenige, der tot wird
im materiellen Leben und wiederum lebendig in der geistigen Auf-
erstehung. So lesen wir im zweiten Brief: «Ich bin der Erste und
der Letzte, der da ist und der da war und der da kommt, der wieder
lebendig geworden ist» (Offenbarung Johannis 2, 8). Es wurde zu
weit fuhren, jeden Satz in dieser Weise durchzugehen, aber den
einen miissen wir doch noch genauer anfuhren, den Satz, der uns da
genau charakterisiert, wie man sich als Mitglied der Gemeinde zu
Smyrna verhalt, wenn man sie umgestaltet ins christliche Prinzip.
Da heiBt es, daB man dem Tode Leben gibt, daB man das Tote
durchgeistigt. Man geht nicht unter in dem Toten. Ginge man
unter, dann wiirde der Tod ein Ereignis fur den Menschen sein, das
ihn zu einem geistigen Leben fiihrt, in dem sich nicht die Friichte
dieses irdischen Lebens linden konnten. Nehmen wir einen Men-
schen, der sein Leben nicht so angewendet hat, daB er die echten
Friichte herausziehen kann. Er nimmt keine Friichte mit ins gei-
stige Leben. Aber nur von diesen Friichten kann er im geistigen
Dasein leben. Wenn er also keine Friichte mitbrachte, so wiirde er
den «zweiten Tod» erleben. Dadurch, daB er dieses irdische Feld
bearbeitet, dadurch wird er gerettet vor dem « zweiten Tod »: «Wer
Ohren hat zu horen, der hore, was der Geist den Gemeinden sagt.
Wer iiberwindet, dem soil kein Leid geschehen von dem zweiten
Tod» (Offenbarung Johannis 2, 11).
Nun gehen wir weiter, zur Gemeinde zu Pergamus. Sie ist der
Reprasentant jener Epoche der Menschheit, die mehr und mehr
heraustrat auf den physischen Plan, wo der Mensch in der Sternen-
schrift sah, was sein Geist ergriinden konnte. Das ist dem Men-
schen in der dritten Kulturepoche gegeben. Der Mensch wirkt
durch das, was in seinem Innern ist. Dadurch, daB er ein Inneres
hat, kann er das AuBere erforschen. Nur weil er mit einer Seele
begabt war, konnte er die Sternenbahn erforschen, die Geometrie
erfinden. Das nannte man die Erforschung durch das Wort, das in
der Apokalypse des Johannes ausgedriickt ist durch «das Schwert
des Mundes». Derjenige, der diesen Brief schreiben l&Bt, deutet da-
her darauf hin, daB die Gewalt dieser Epoche ein scharfes Wort
ist, ein scharfes, zweischneidiges Schwert. Das ist das Hermes -Wort
der alten Priester, ist das Wort, durch das man die Naturkrafte und
Sterne erforschte im alten Sinn, das ist diejenige Kultur, die vor-
zugsweise durch die inneren astralisch-seelischen Krafte des Men-
schen gewonnen wird hier auf dem physischen Plan. Wenn sie
noch in jener alten Form gewonnen wird, ist sie wirklich ein sehr
zweischneidiges Schwert. Da steht die Weisheit hart an der Kante
zwischen dem, was weiBe und schwarze Magie ist, zwischen dem,
was in die Seligkeiten fiihrt, und dem, was ins Verderben miindet.
Deshalb sagt er, daB er wohl weiB, daB da, wo die Reprasentanten
dieser Epoche wohnen, auch des Satans Stuhl ist. Das deutet auf
alles das hin, was hinwegfiihren kann von den wirklichen groBen
Zielen der Entwickelung. Und die «Lehre Balaams » ist keine andere
als die Lehre der schwarzen Zauberer, denn das ist die Lehre der
Volksverschlinger. Die Volksverschlinger, die Volkszerstorer sind
die schwarzen Magier, die nur im Dienste ihrer eigenen Personlich-
keit arbeiten und alle Gemeinschaft zerstoren, daher alles, was im
Volke lebt, verschlingen. Aber das Gute dieser Kultur besteht darin,
daB der Mensch gerade da beginnen kann, seinen Astralleib zu rei-
nigen und zu verklaren. Das nennt man das «verborgene Manna».
Dasjenige, was bloB fur die Welt ist, umgeandert in Gottesspeise,
was nur fur den egoistischen Menschen ist, umgewandelt in Gott-
liches, das nennt man «verborgenes Manna». Alle die Symbole hier
zeigen an, daB der Mensch seine Seele reinigt, um zum reinen Tra-
ger von Manas sich zu machen.
Dazu ist es allerdings noch notwendig, durchzugehen durch die
vierte Kulturepoche. Da erscheint der Erloser, Christus Jesus, sel-
ber. Es ist die Gemeinde zu Thyatira. Da kiindigt er sich an als der
«Sohn Gottes, der Augen hat wie Feuerflammen und seine FiiBe
gleich wie Messing*. Jetzt kiindigt er sich an als Sohn Gottes, jetzt
ist er der Fiihrer der vierten Kulturepoche, wo der Mensch her-
untergestiegen ist auf den physischen Plan, wo er selbst in den
auBeren Kulturmitteln sein Abbild geschaffen hat. Jetzt ist die
Periode gekommen, wo die Gottheit selber Mensch, selber Fleisch,
selber Person wird, das Zeitalter, in dem der Mensch bis zu dem
Grade der Personlichkeit heruntergestiegen ist, wo in den Bild-
hauerwerken der Griechen die individualisierte Gottheit als Per-
sonlichkeit erscheint, wo im romischen Burger die Personlichkeit
auf den Weltenplan tritt. Dieses Zeitalter muBte zu gleicher Zeit
einen Impuls dadurch erhalten, daB das Gottliche in Menschen-
gestalt erscheint. Der herabgestiegene Mensch konnte nur gerettet
werden dadurch, daB der Gott selber als Mensch erscheint. Der
«Ich-bin» oder das Ich im astralischen Leib muBte den Impuls des
Christus Jesus erhalten. Was friiher nur im Keim sich zeigte, das
Ich oder «Ich-bin», sollte auf den auBeren Plan der Weltgeschichte
treten. Der Sohn Gottes darf daher als Fiihrer der Zukunft sagen:
«Und alle Gemeinden sollen erkennen den Ich-bin, der die Her-
zen und Nieren priifet» (Offenbarung Johannis 2, 23). Auf das
« Ich-bin », auf das vierte Glied der menschlichen Wesenheit, wird
hier Gewicht gelegt. «WIe ich von meinem Vater empfangen
habe; und ich will ihm geben den Morgenstern» (Offenbarung
Johannis 2, 28).
Was bedeutet hier «Morgenstern»? Wir wissen, die Erde geht
hindurch durch den Saturn, die Sonne, den Mond, die Erde, den
Jupiter, die Venus und den Vulkan. So spricht man es gewohnlich
aus und so ist es auch richtig. Ich habe aber auch schon darauf hin-
gewiesen, daB die Erdenentwickelung zerfallt in die Marszeit und
in die Merkurzeit wegen des geheimnisvollen Zusammenhangs, der
da in der ersten Halfte des Erdzustandes zwischen Erde und Mars
und in der zweiten Halfte zwischen Erde und Merkur besteht. Da-
her setzt man an Stelle der Erde auch Mars und Merkur. Man sagt, die
Erde geht durch in ihrer Entwickelung durch Saturn, Sonne, Mond,
Mars, Merkur, Jupiter, Venus. So haben wir also als das Gestirn,
das als das eigentlich Tonangebende, als die Kraft im zweiten Zeit-
raum der Erde sich darstellt, den Merkur. Der Merkur ist der Stern,
der uns reprasentiert die richtunggebende Kraft, als Richtung nach
aufwarts, die der Mensch einschlagen muB.
Hier komme ich an eine Stelle, wo wir sozusagen ein kleines
Geheimnis liiften miissen, das im Grunde genommen nur an dieser
Stelle geiiiftet werden darf. Man hat namlich im Okkultismus fiir
diejenigen, die die Geisteswissenschaft nur miBbrauchen wiirden
und namentlich in alteren Zeiten miBbraucht hatten, immer gehabt
das, was man nennen mochte eine Maske. Man hat sich nicht direkt
ausgedriickt, sondern hat hingestellt etwas, was die wahre Sachlage
verhiillen sollte. Nun hat sich die mittelalterliche Esoterik nicht
anders zu helfen gewuBt als durch grobe Mittel. Sie hat den Mer-
kur Venus genannt und die Venus Merkur. In Wahrhek miiBten
wir, wenn wir im Sinne der Esoterik sprechen wollen, wie es der
Apokalyptiker getan hat, den Merkur als Morgenstern ansprechen.
Er meint mit Morgenstern den Merkur: Ich habe deinem Ich
gegeben die Richtung nach aufwarts, durch den Morgenstern, den
Merkur. — Sie konnen auch noch in gewissen, wirklich die Sachlage
treffenden Biichern des Mittelalters finden, daB die Sterne unseres
Planetensystems so aufgezahit werden: Saturn, Jupiter, Mars, und
auf die Erde folgen nicht wie jetzt Venus, Merkur, sondern um-
gekehrt Merkur, Venus. Daher heiBt es hier: «Wie Ich von meinem
Vater empfangen habe; und will ihm geben den Morgenstern. »
Und jetzt miiBten wir kommen in unsere Epoche herein, der wir
angehoren, und wir miiBten uns fragen: Erfiillt sich denn diese
Offenbarung des Apokalyptikers bis in unsere Zeit herein? — Wenn
sie sich erfiillen wiirde, miiBte zu uns sprechen derjenige, der durch
die vier vorhergehenden Epochen gesprochen hat, und wir miiBten
seine Stimme verstehen lernen, miiBten uns hineinfinden konnen
in das, was unsere Aufgabe ist fiir das spirituelle Leben. Soil es
eine spirituelle Geistesstromung geben und soli sie Weltmystik
verstehen, dann muB diese Stromung, insofern sie iibereinstimmen
soil mit der Apokalypse des Johannes, das erfiillen, was der Spre-
cher, der groBe Inspirator, fordert von dieser Epoche. Was fordert
er, und wer ist er? Konnen wir ihn erkennen? Versuchen wir es.
«Und dem Engel der Gemeinde zu Sardes schreibe» — wir selbst
miissen uns hier angesprochen fiihlen — : «Das sagt, der die sieben
Geister Gottes hat und die sieben Sterne » (Offenbarung Johan-
nis 3, 1). Was sind sie hier, die sieben Geister und die sieben
Sterne? Im Ton des Apokalyptikers ist der Mensch, wie er uns hier
erscheint, ein 'auBerer Ausdruck der sieben menschlichen Prin-
zipien, die wir aufgezahlt haben. Das Prinzip des physischen Leibes,
von dem der auBere physische Leib der Ausdruck ist, das Prinzip
des Lebensleibes, dessen Ausdruck der Atherleib ist, das Prinzip des
astralischen Leibes, der umgewandelt Manas ergibt, Buddhi oder
der umgewandelte Atherleib, Atma oder der umgewandelte phy-
sische Leib, und mitten drinnenstehend das Ich-Prinzip: das sind die
sieben geistigen Ingredienzien, in welche die gottliche Wesenheit
des Menschen wie in Glieder eines Fachers auseinandergelegt ist.
Nach dem technischen Ausdruck des Okkultismus nennt man diese
sieben Prinzipien die sieben Geister des Gottes im Menschen. Und
die sieben Sterne, das sind die Sterne, nach denen wir verstehen,
was der Mensch heute ist und was er in der Zukunft werden soil.
Wenn wir sie aufzahlen, die aufeinanderfolgenden Sterne der Erden-
verkorperung: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus und Vul-
kan, dann sind das die sieben Sterne, die uns die Entwickelung des
Menschen verst'andlich machen. Der Saturn hat dem Menschen die
Anlage zu seinem physischen Leibe, die Sonne die zu seinem atheri-
schen, der Mond jene zum astralischen Leib und die Erde hat ihm
das Ich gegeben. Die drei nachstfolgenden, Jupiter, Venus, Vulkan,
bilden die geistigen Wesensglieder des Menschen aus. Verstehen wir
den Ruf des Geistes, der diese sieben Sterne und die sieben Geister
Gottes, die siebengliedrige Natur in der Hand hat, dann treiben
wir im Sinne des Apokalyptikers Anthroposophie. Nichts anderes
heiBt Anthroposophie treiben, als zu wissen, daB hier hingedeutet
wird auf die fiinfte menschliche Entwickelungsepoche der nach-
atlantischen Zeit, zu wissen, daB wir in unserer Zeit, wo man am
tiefsten heruntergestiegen ist in die Materie, in das spirituelle Leben
wieder hinaufschreiten sollen im Gefolge der groBen Individuality,
welche die sieben Geister Gottes und die sieben Sterne uns zur
Fiihrerschaft gibt, damit wir uns zurechtfinden auf dem Wege.
Und wenn wir diesen Weg gehen, bringen wir in den sechsten
Zeitraum hinein das richtige spirituelle Leben der Weisheit und der
Liebe. Dann wird das, was wir uns erarbeiten als anthroposophische
Weisheit, zum Liebesimpuls des sechsten Zeitraumes, der repra-
sentiert wird durch die Gemeinde, die schon in ihrem Namen sich
als Reprasentant des sechsten Zeitraumes ausdriickt: die Gemeinde
der Bruderliebe, Philadelphia. Alle diese Namen sind nicht um-
sonst gewahlt. Der Mensch wird sein Ich entwickeln zur richtigen
Hohe, so daB er selbstandig wird und in Freiheit die Liebe jedem
anderen Wesen entgegenbringt im sechsten Zeitraum, der repra-
sentiert ist durch die Gemeinde Philadelphia. Das soil als spiri-
tuelles Leben des sechsten Zeitraumes vorbereitet werden. Da wer-
den wir das individuelle Ich in hoherem Grade in uns gefunden
haben, so daB keine auBere Kraft mehr in uns hineinspielen kann,
wenn wir es nicht wollen; so daB wir zuschlieBen konnen und nie-
mand ohne unseren Willen aufschlieBt, und wenn wir aufschlieBen,
keine entgegengesetzte Macht zuschlieBt. Das ist der « Schliissel
Davids ». Deshalb spricht derjenige, der den Brief inspiriert, daB er
den Schliissel Davids hat. «Und dem Engel der Gemeinde zu Phila-
delphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat
den Schliissel Davids, der auftut und niemand schlieBt zu, der zu-
schlieBet und niemand tut auf» — «Siehe, ich habe vor dir gegeben
eine offene Tiir, und niemand kann sie zuschlieBen » — das Ich, das in
sich selbst sich gefunden hat (OfTenbarung Johannis 3, 7).
Und der siebente Zeitraum wird diejenigen, die gefunden haben
dieses spirituelle Leben, scharen um den groBen Fiihrer; er wird
sie vereinigen um diesen grofien Fiihrer. Sie werden bereits so weit
dem spirituellen Leben angehoren, daB sie sich unterscheiden wer-
den von denen, die abgef alien sind, von denen, die lau sind, « nicht
kalt und nicht warm». Das Hauflein, welches die Spiritualitat ge-
funden hat, wird verstehen den, der da sagen darf, indem er sich zu
erkennen gibt: Ich bin derjenige, der in sich schlieBt das wirkliche
Endwesen, nach dem alles zusteuert. — Denn dieses Endwesen, das
bezeichnet man mit dem Worte «Amen». Daher Kapitel 3, 14:
«Und dem Engel der Gemeinde zu Laodizea schreibe: Das saget
der Amen» — derjenige, der in seiner Wesenheit die Wesenheit des
Endes darstellt.
So sehen wir, wie in der Apokalypse des Johannes gegeben ist
der Inhalt einer Einweihung. Und die erste Stufe schon dieser Ein-
weihung, wo wir den inneren Fortgang der sieben nachatlantischen
Zeiten sehen, wo wir noch den Geist des physischen Planes sehen,
zeigt uns, daJ3 wir es zu tun haben mit einer Einweihung des WI1-
lens. Denn bis in unsere Zeit herein kann dieser Inhalt befeuernd
wirken auf unseren Willen, wenn wir erkennen, daJ3 wir hinhor-
chen sollen auf die Inspkatoren, die uns lehren, wenn wir ver-
stehen lernen, was die sieben Sterne und die sieben Geister Gottes
bedeuten, wenn wir verstehen lernen, daB wir die spirituelle Er-
kenntnis in die Zukunft hineintragen sollen.
VIERTER VORTRAG
Niirnberg, 21. Juni 1908
Es hat sich uns gestern ergeben, inwiefern die Apokalypse des
Johannes prophetisch hinweist auf den Zyklus der Menschen-
entwickelung, der da liegt zwischen jener groBen Umwalzung auf
unserer Erde, welche die verschiedenen Volker als Sintflut bezeich-
nen, welche die Geologen charakterisieren als die Eiszeit, und jener
Epoche, die wir als die des Krieges aller gegen alle bezeichnen.
In dem Zeitraum zwischen diesen beiden Epochen liegt alles das,
worauf das apokalyptische Buch mit den sieben Sendschreiben pro-
phetisch hinweist, dieses Buch, das uns die Wesenheiten der ver-
gangenen Zeiten zeigt, um daraus herzuleiten, was unseren Willen,
unsere Impulse befeuern soil fiir die Zukunft. Und wir haben ge-
sehen, wie wir selbst innerhalb der spirituellen Bewegung, in der
wir stehen, die Worte des sogenannten fiinften Sendschreibens als
eine Aufforderung betrachten sollen, zu handeln, zu wirken. Wir
haben gesehen, wie darauf hingewiesen wird, daB wir folgen sollen
jener Wesenheit mit den sieben Geistern Gottes und den sieben
Sternen. Und wir haben gesehen, wie durch diese spirituelle gei-
stige Bewegung der n'achstfolgende Zeitraum vorbereitet wird, der
reprasentiert ist durch die Gemeinde von Philadelphia, der Zeit-
raum, in dem herrschen soil bei alien denen, welche das Wort der
Aufforderung verstanden haben, jene Bruderliebe iiber die ganze
Erde hin, die vorgezeichnet ist im Evangelium des Johannes. Dar-
auf wird noch ein anderer, der siebente Unterzeitraum folgen, der
dadurch bezeichnet wird, daB uns auf der einen Seite hingestellt
wird alles das, was schlimm ist in der Gemeinde, die den siebenten
Zeitraum reprasentiert, was lau ist, nicht heiB und nicht kalt, was
sich nicht erwarmen konnte fiir das spirituelle Leben und daher
abf alien muB, und auf der anderen Seite werden diejenigen gezeigt,
die das Wort der Aufforderung verstanden haben, die die Gefolg-
schaft bilden werden dessen, der da sagt, Ich bin das Amen — das
heiBt: Ich bin der, der das Ziel der menschlichen Wesenheit in sich
vereinigt, der das Christus-Prinzip in sich selber enthalt.
Wir wollen nun alles das, was noch zur weiteren Erklarung der
einzelnen Sendschreiben, was noch zur Rechtfertigung der ein-
zelnen Namen der St'adte hinzuzufiigen ware, fur einen spateren
Zeitpunkt aufbewahren. Heute wollen wir weiterschreiten in
unserer Betrachtungsweise zu dem, was sich dem Menschen bietet,
wenn er die nachste Stufe der Einweihung beschreitet. Die sieben
Unterzeitraume unseres Menschheitszyklus traten uns entgegen, und
wir haben gesagt, daft dieser ganze Zyklus mit seinen sieben Unter-
kreislaufen selbst wiederum ein kleiner Zyklus ist in einem groBen
umfassenden Zeitenlauf, der gleichfalls sieben einzelne Epochen
enthalt. Unserem Zyklus von sieben Zeitlaufen ging der atlan-
tische voran, in dem sich die Rassen, deren Nachklange jetzt noch
vorhanden sind, ausgebildet haben. Unserem jetzigen Zyklus, das
heiBt dessen siebentem Unterzyklus, wird unmittelbar folgen ein
anderer, wiederum aus sieben Gliedern bestehender Zeitraum. Die-
sen Zeitraum, den bereitet der jetzige auch mittelbar vor. So daB
wir sagen konnen: Nach und nach wird sich unsere Kultur hinein-
leben in eine Kultur der Bruderliebe, wo ein verhaltnismaBig
kleiner Teil der Menschen verstanden haben wird das spirituelle
Leben, vorbereitet haben wird den Geist und die Gesinnung der
Bruderliebe. — Diese Kultur wird dann wiederum einen kleineren
Teil von Menschen aussondern, und der wird hiniiberleben iiber
jenes Ereignis, das so zerstorend auf unseren Kreislauf wirken wird,
iiber den Krieg aller gegen alle. Bei diesem allgemein zerstorenden
Elemente werden iiberall einzelne sein, die sich herausheben aus
der iibrigen, sich gegenseitig bekriegenden Menschheit, einzelne,
die das spirituelle Leben verstanden haben und die den Grundstock
bilden werden fur eine neue, andere Epoche, die Epoche des sech-
sten Zeitraumes.
So ging es auch beim Heriiberleben vom vierten Zeitlauf in
unsere Zeit herein. Derjenige, der mit hellseherischen Blicken den
Zeitenlauf zuriickverfolgen kann, der kommt, wenn er hindurch-
gegangen ist dutch die Zeitraume, die wir betrachtet haben — den
griechisch-romischen, den agyptisch-babylonischen, den altpersi-
schen und den altindischen — , wenn er hindurchgegangen ist audi
durch die Zeit der groBen Flut, er kommt dann in die atlantische
Zeit hinein. Wir brauchen sie n
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