Die Apokalypse des Johannes

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE  vor  mitgliedern 

DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER 


Die  Apokalypse  des  Johannes 


Ein  Zyklus  von  zwolf  Vortragen 
mit  einem  einleitenden  offentlichen  Vortrag 
gehalten  in  Niirnberg 
vom  17.  bis  30.  Juni  1908 


1985 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-NachlafJverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  J.  Waeger("f)  und  H.Wiesberger 


1.  Auflage  (Zyklus  6,  «Die  Theosophie  an  der  Hand 
der  Apokalypse»),  Berlin  1911 

2.  Auflage  (Zyklus  6,  Zweitdruck, 
«Die  Apokalypse  des  Johannes*) 
Berlin  1928 

3.  Auflage  (erste  Buchausgabe,  mit  7  Bildtafeln) 
Dornach  1945 

4.  Auflage  (mit  14  Bildtafeln) 
Dornach  1954 

5.,  neu  durchgesehene  Auflage 
(mit  Anhang  und  Reproduktion  der  7  Siegel) 
Gesamtausgabe  Dornach  1962 

6.,  neu  durchgesehene  Auflage 
(photomechanischer  Nachdruck) 
Gesamtausgabe  Dornach  1979 

7.  Auflage  (photomechanischer  Nachdruck) 
Gesamtausgabe  1985 


Bibliographie-Nr.  104 

Siegel  auf  dem  Einband  nach  einem  Entwurf  Rudolf  Steiners 
Zeichnungen  im  Text  nach  Unterlagen  in  den  Vortragsschriften, 
ausgefuhrt  von  Leonore  Uhlig 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-NachlafJverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1979  by  Rudolf  Steiner-Nachlaftverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Meier  +  Cie  AG,  Schaffhausen 

ISBN  3-7274-1040-X 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft 
bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und  veroffent- 
lichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche 
Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fur  die  Mitglieder  der 
Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst 
wollte  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei  gehaltenen  Vortrage  nicht 
schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als  «miindliche,  nicht  zum  Druck 
bestimmte  Mitteilungen*  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  un- 
vollstandige  und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbrei- 
tet  wurden,  sah  er  sich  veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser 
Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung 
der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur 
die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigie- 
ren  konnte,  muft  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vor- 
behalt  beriicksichtigt  werden :  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden 
miissen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur  als 
interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offentlichen 
Schriften  aufiert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie  «Mein 
Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist  am  Schlufi 
dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  gleichermafkn  auch 
fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche  sich  an  einen  begrenz- 
ten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissenschaft  vertrauten  Teilnehmer- 
kreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi  ihren 
Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  be- 
gonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamt- 
ausgabe. Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Text- 
unterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Aus  dem  Geleitwort  von  Marie  Steiner  zur  ersten  Buchausgabe 
von  1945    9 

Offentlicher  Vortrag,  Niirnberg,  17.  Juni  1908    11 

Geisteswissenschaft,  Evangelium  und  Menschheitszukunft 

Erster  Vortrag,  Niirnberg,  18.  Juni  1908    34 

Die  Apokalypse  als  Darstellung  der  christlichen  Ehrweihung 

Zweiter  Vortrag,  19.  Juni  1908    51 

Das  Wesen  der  Einweihung.  Das  erste  und  zweite  Siegelbild 

Dritter  Vortrag,  20.  Juni  1908    66 

Die  Briefe  an  die  sieben  Gemeinden 

Vierter  Vortrag,  21.  Juni  1908    87 

Die  sieben  Siegel  und  ihre  Enthiillung 

Funfter  Vortrag,  22.  Juni  1908    104 

Die  Entwickelung  des  Menschen  im  Zusammenhang  mit  der  kosmi- 
schen  Entwickelung  der  Erde.  Die  vierundzwanzig  Altesten  und  das 
glaserne  Meer 

Sechster  Vortrag,  23.  Juni  1908    118 

Der  Mensch  in  der  lemurischen  und  atiantischen  Zeit.  Das  Myste- 
rium  von  Golgatha 

Siebenter  Vortrag,  24.  Juni  1908    137 

Die  Herausbildung  der  selbstbewufiten  Personlichkeit.  Das  Hinein- 
gehen  in  den  Abgrund.  Die  gute  und  die  bose  Rasse 

Achter  Vortrag,  25.  Juni  1908    156 

Die  Zukunft  der  Menschheitsentwickelung.  Die  Kulturen  der  sieben 
Siegel  und  der  sieben  Posaunen 


Neunter  Vortrag,  26.  Juni  1908    174 

Das  Hineingehen  in  die  vergeistigte  Erde.  Das  Weib,  mit  der  Sonne 
bekleidet.  Das  Tier  mit  den  sieben  Kopfen  und  zehn  Hornern 


Zehnter  Vortrag,  27.  Juni  1908    191 

Der  Gang  der  Entwickelung  durch  die  sieben  Zustande  des  Be- 
wuCtseins,  des  Lebens  und  der  Form.  Das  Ausgieften  der  Zornes- 
schalen 

Elfter  Vortrag,  29.  Juni  1908    214 

Die  Zahl  666,  Sorat,  der  Sonnendamon.  Der  Fall  Babylons  und  die 
Hochzeit  des  Lammes.  Das  neue  Jerusalem.  Michael  iiberwindet  den 
Drachen 

Zwolfter  Vortrag,  30.  Juni  1908    234 

Der  Erste  und  der  zweite  Tod.  Der  neue  Himmel  und  die  neue  Erde. 
Der  Ursprung  der  Apokalypse 

Hinweise  259 

Sonderhinweis  zur  Entwicklung  der  Zahl  666  im  1 1.  Vortrag  .    .  263 

Zeichen  und  Entwicklung  der  drei  Logoi  in  der  Menschheit. 

Niederschrift  Rudolf  Steiners  fur  Edouard  Schure  im  Mai  1906  264 

Korrekturen  gegeniiber  der  5.  Auflage  1962    270 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben  von  Marie  Steiner  zur  ersten  Buch- 
ausgabe  der  Vortrage  272 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften  281 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  283 

Abbildungen  der  Sieben  Apokalyptischen  Siegel      .    .    .  nach  284 


A.us  dem  Geleitwort  von  Marie  Steiner 
%ur  erst  en  Buchausgabe  1945 


Als  Privatdruck  in  Maschinenschrift  ist  dieser  in  die  Apokalypse 
einfiihrende  Vortragszyklus  schon  in  zwei  Auflagen  erschienen. 
Lange  Zeit  haben  die  Herausgeber,  trotz  vieler  Bitten,  gezogert,  ihn 
als  Buch  herauszubringen,  weil  jene,  die  1908  das  gesprochene 
Wort  gehort  haben,  in  der  Nachschrift  durch  die  Kiirzungen  ge- 
stort  wurden,  welche  der  Stenograph  nicht  hatte  umgehen  konnen, 
wenn  er  bis  zum  SchluB  durchhalten  sollte.  So  wurde  etwas  von  der 
erlebten  Erschiitterung  vermiBt:  das  Ziindende  des  im  geistigen 
Feuer  erstrahlenden  Wbrtes.  Jetzt,  nach  vielen  Jahren,  fallt  das 
nicht  mehr  so  storend  auf ;  es  treten  die  gewaltigen  Inhalte  in  ihrer 
objektiven  GroBe  hervor,  und  die  Schlichtheit  der  Sprache  scheint 
dem  Drangen  der  suchenden  Seele  entgegenzukommen,  ohne  der 
Bedeutsamkeit  des  Stories  Abbruch  zu  tun.  Wiederholungen  und 
erlauternde  Zwischenbetrachtungen  helfen  dem  Verstandnis  weiter  — 
reichen  gleichsam  dem  Wanderer,  der  die  steiien  Hohen  erklimmen 
will,  eine  geistige  Hand. 


GEISTESWISSENSCHAFT,  EVANGELIUM 
UND  MENSCHHEITSZUKUNFT 

Offentlicher  Vortrag 
Niirnberg,  17Juni  1908 


Niirnberg  kann  im  Herbst  dieses  Jahres  eine  schone  Jahrhundert- 
feier  begehen.  Denn  es  war  im  Herbst  1 808,  als  diese  Stadt  in  ihren 
Mauern  einen  der  groBten  deutschen  Geister  aufgenommen  hat, 
einen  derjenigen  deutschen  Geister,  von  denen  freilich  heme  nicht 
gerade  viel  gesprochen  wird,  dessen  Werke  noch  weniger  verstan- 
den  werden,  der  aber  fiir  die  Zukunft  des  menschlichen  Geistes- 
lebens,  wenn  er  einst  verstanden  werden  wird,  sehr  viel  bedeuten 
wird.  Er  ist  allerdings  schwer  zu  verstehen,  und  deshalb  mag  es 
einige  Zeit  dauern,  bis  die  Menschen  ihn  wieder  begreifen  werden. 
Im  Herbst  1808  wurde  Hegel  Dkektor  des  Koniglichen  Gym- 
nasiums in  Niirnberg. 

Hegel  hat  einen  Ausspruch  getan,  den  wir  vielleicht  gerade  heute 
als  einen  Richtspruch  an  die  Spitze  unserer  Betrachtungen  setzen 
diirfen.  Hegel  sagte:  Der  tiehte  Gedanke  ist  mit  der  Gestalt  Christi: 
mit  dem  Geschichtlichen  und  AuBerlichen  vereinigt,  und  das  ist 
eben  das  GroBe  der  christlichen  Religion,  daB  sie  bei  aller  dieser 
Tiefe  leicht  vom  BewuBtsein  in  auBerlicher  Hinsicht  aufzufassen  ist 
und  zugleich  zum  tieferen  Eindringen  auffordert.  Sie  ist  so  fiir  jede 
Stufe  der  Bildung  und  befriedigt  zugleich  die  hochsten  Anforde- 
rungen.  —  Das  sind  Worte  Hegels,  des  deutschen  Philosophen. 

DaB  die  christliche  Religion,  daB  die  Verkiindigung  des  Evange- 
liums  fiir  jede  Stufe  des  BewuBtseins  begreiflich  ist,  das  hat  eine 
Zeit  gelehrt,  die  fast  schon  nach  Jahrtausenden  zu  rechnen  ist.  DaB 
sie  auffordert  zu  den  tiefsten  Gedanken,  zu  dem  tiefsten  Eindringen 
in  die  Weisheitslehren  des  Menschentums  iiberhaupt,  das  zu  zeigen 
wird  eine  der  Aufgaben  sein  der  anthroposophischen  Geistesstro- 
mung,  der  Geisteswissenschaft,  wenn  diese  in  ihrem  richtigen  Sinn, 


in  ihren  innersten  Impulsen  erfaBt  und  zum  Herrn  des  mensch- 
lichen  Lebens  gemacht  werden  wird.  Man  wiirde  die  heutige  Be- 
trachtung  miBverstehen,  wenn  man  des  Glaubens  ware,  Anthropo- 
sophie  oder  Geisteswissenschaft  sei  in  irgendeiner  Beziehung  eine 
neue  Religion,  wolle  irgendein  neues  Religionsbekenntnis  an  die 
Stelle  eines  aiten  setzen.  Man  mochte  sogar,  um  nur  ja  nicht 
miBverstanden  zu  werden,  sagen:  Wird  einmal  Geisteswissenschaft 
nchtig  verstanden  werden,  dann  wird  man  sich  klar  sein  dariiber, 
daB  sie  als  solche  zwar  die  festeste,  die  sicherste  Stiitze  des  religio- 
sen  Lebens  ist,  daB  sie  selbst  aber  keine  Religion  ist,  daB  sie  daher 
auch  keiner  Religion  jemals  als  solcher  widersprechen  wird.  Etwas 
anderes  ist  es  aber,  daB  sie  das  Instrument  sein  kann,  das  Werk- 
zeug,  um  die  tiefsten  Weistiimer  und  Wahrheiten  und  die  ernstesten 
und  lebensvollsten  Geheimnisse  der  Religionen  zu  erklaren  und 
zum  Verstandnis  zu  bringen. 

Es  liegt  vielleicht  etwas  fern,  wenn  man,  um  das  Verhaltnis  von 
der  Anthroposophie  zu  den  Urkunden  dieser  oder  jener  Religion 
zu  schildern  —  und  heute  werden  wir  es  mit  den  religiosen  Urkun- 
den des  Christentums  zu  tun  haben  — ,  den  Vergleich  macht:  An- 
throposophie verhalt  sich  zu  den  religiosen  Urkunden  wie  die 
mathematische  Lehre  zu  den  Urkunden,  welche  im  Laufe  der  ge- 
schichtlichen  Entwickelung  der  Menschheit  als  mathematische  Lehr- 
bucher  oder  Biicher  iiberhaupt  aufgetreten  sind.  Da  haben  wir  ein 
altes  Buch,  das  eigentlich  nur  der  mit  der  Mathematik  bewanderte 
Geschichtsforscher  naher  ins  Auge  faBt:  die  Geometrie  des  Euklid. 
Sie  enthalt  zum  erstenmal  in  einer  schulmaBigen  Weise  dasjenige 
aus  der  Mathematik  und  Geometrie,  was  heute  die  Kinder  in  der 
Schule  schon  lernen.  Wie  wenige  aber  dieser  Kinder  werden  sich 
dessen  bewuBt,  daB  alles  das,  was  sie  iiber  parallele  Linien,  iiber  das 
Dreieck,  iiber  die  Winkel  und  so  weiter  lernen,  in  jenem  alten 
Buche  steht,  daB  es  da  zum  erstenmal  der  Menschheit  geschenkt 
worden  ist!  Mit  Recht  erweckt  man  im  Kinde  das  BewuBtsein,  daB 
man  diese  Dinge  aus  sich  selbst  einsehen  kann,  daB,  wenn  der 
menschliche  Geist  seine  Krafte  in  Bewegung  setzt  und  sie  anwen- 
det  auf  die  Formen  des  Raumes,  daB  er  diese  Formen  einzusehen 


imstande  ist  ganz  ohne  Riicksicht  auf  jenes  alte  Buch.  Einer  aber, 
der  vielleicht  gar  nichts  gewuBt  hat  von  diesem  Buch  und  die 
mathematischen  und  geometrischen  Lehren  in  sich  aufgenommen 
hat,  er  wird,  wenn  er  es  einmal  kennenlernt,  es  in  dem  richtigen 
Sinne  wiirdigen  und  verstehen.  Er  wird  zu  schatzen  wissen,  was 
derjenige  der  Menschheit  gegeben  hat,  der  dieses  Buch  zum  ersten- 
mal  vor  ihren  Geist  hingestellt  hat. 

So  mochte  man  das  Verhaltnis  der  Geisteswissenschaft  zu  den 
religiosen  Urkunden  charakterisieren.  Die  Quellen  der  Geisteswissen- 
schaft sind  so,  daB  die  Geisteswissenschaft  auf  keinerlei  Urkunden, 
auf  keinerlei  Uberlieferung  angewiesen  sein  soil,  wenn  sie  ihrem 
richtigen  Impulse  nach  verstanden  wird.  So  wie  uns  das  andere 
Wissen  der  Menschheit  die  Erkenntnis  der  umliegenden  Sinnes- 
welt  dadurch  verschafft,  daB  der  Mensch  seine  Krafte  frei  gebraucht, 
so  verschaffen  uns  die  tieferliegenden,  zunachst  in  der  Menschen- 
seele  schlummernden  geistigen,  iibersinnlichen  Krafte  und  Fahig- 
keiten  die  Erkenntnis  dessen,  was  als  Ubersinnliches,  als  Unsicht- 
bares  allem  Sichtbaren  zugrunde  liegt.  Ebenso  wie  der  Mensch,  wenn 
er  seine  Sinneswerkzeuge  gebraucht,  imstande  ist,  das,  was  sich  dem 
auBeren  Sinnesscheine  darbietet,  wahrzunehmen,  wie  er  imstande 
ist,  das  Wahrgenommene  mit  seinem  Verstande  zu  verbinden  und  zu 
verkniipfen,  ebenso  ist  der  Mensch,  wenn  er  die  durch  die  Geistes- 
wissenschaft ihm  iiberlieferten  Methoden  gebraucht,  imstande,  hin- 
ter  die  Kulissen  des  sinnlichen  Daseins  zu  schauen,  dorthin,  wo  die 
geistigen  Ursachen  liegen,  wo  die  Wesen  weben  und  arbeiten,  die 
das  sinnliche  Auge  nicht  sieht,  die  das  sinnliche  Ohr  nicht  hort, 
wohl  aber  das  iibersinnliche.  So  liegt  im  freien  Gebrauch  der 
menschlichen  Krafte,  wenn  sie  auch  bei  einem  groBen  Teil  der 
heutigen  Menschheit  als  iibersinnliche  Krafte  noch  schlummern, 
die  Quelle,  die  unabhangige  freie  Quelle  geistigen  Wissens,  wie  im 
freien  Gebrauch  der  auf  die  Sinneswelt  gerichteten  Krafte  die 
Quelle  des  auBeren  Wissens  liegt.  Dann  aber,  wenn  auf  irgendeine 
Weise  der  Mensch  sich  in  den  Besitz  der  Erkenntnisse  gesetzt  hat, 
welche  ihn  einfiihren  in  das  iibersinnliche  hinter  dem  Sinnlichen, 
in  das  Unsichtbare  hinter  dem  Sichtbaren,  wenn  er  sich  davon  ein 


ebensolches  Wissen  erwirbt,  wie  es  das  sinnliche  Wissen  von  den 
auBeren  Gegenst'anden  und  Geschehnissen  ist,  dann  mag  er,  aus- 
geriistet  mit  diesem  iibersinnlichen  Wissen,  ebenso  an  die  Uber- 
lieferung  gehen,  an  die  Biicher  und  Dokumente,  an  die  Urkunden, 
durch  die  im  Laufe  der  Entwickelung  Kunde  zu  den  Menschen  ge- 
kommen  ist  iiber  das  iibersinnliche  Gebiet,  wie  der  Geometer  heran- 
tritt  an  die  Geometrie  des  Euklid.  Und  dann  priift  er  sie  von  einem 
ahnlichen  Standpunkt  aus,  wie  der  heutige  Geometer  die  Geometrie 
des  Euklid  priift.  Dann  kann  er  diese  Urkunden  ihrem  wahren 
Wert  nach  schatzen  und  anerkennen.  Und  derjenige,  der  diesen 
Weg  geht,  der  wirklich  ausgeriistet  mit  den  Erkenntnissen  der  iiber- 
sinnlichen Welt  herantritt  an  die  Urkunden  der  christlichen  Ver- 
kiindigung,  fur  den  verlieren  diese  Urkunden  wahrhaftig  nicht  an 
Wert.  Ja,  im  Gegenteil,  sie  erscheinen  in  hoherem  Glanz,  als  sie 
erst  dem  bloB  glaubigen  Gemiit  erschienen  sind.  Sie  zeigen,  daJ3  sie 
tiefere  Weistiimer  enthalten,  als  der  Mensch  friiher  vor  der  anthro- 
posophischen  Erkenntnis  geahnt  hat. 

Aber  noch  iiber  eine  Frage  miissen  wir  uns  klar  werden,  damit 
wir  die  richtige  Stellung  gewinnen  gegeniiber  dem  Verhaltnis  der 
Anthroposophie  zu  den  religiosen  Urkunden.  Fragen  wir  uns  ein- 
mal:  Wer  ist  der  bessere  Betrachter  der  Geometrie  des  Euklid,  der- 
jenige, der  die  Worte  des  Buches  wortlich  iibersetzen  kann  und, 
ohne  erst  eingedrungen  zu  sein  in  den  Geist  der  Geometrie,  den 
Inhalt  des  Buches  enthiillen  will,  oder  derjenige,  welcher  erst  Geo- 
metrie versteht  und  daher  auch  die  Geometrie  in  jenem  Buch  zu 
finden  weiB?  —  Denken  wir  uns  einen  bloBen  Philologen  gegen- 
iiber dem  Geometriebuch  des  Euklid,  einen,  der  nichts  verstiinde 
von  Geometrie:  wieviel  Unrichtiges  wiirde  da  herauskommen,  wenn 
er  den  Sinn  des  Buches  enthiillen  wollte!  So  haben  es  viele  mit  den 
religiosen  Urkunden  gemacht,  selbst  solche,  die  berufen  sein  soli- 
ten,  den  wahren  Sinn  derselben  zu  ergriinden.  Sie  sind  an  diese 
Urkunden  herangegangen,  ohne  daB  sie  erst,  unabhangig  von 
ihnen,  etwas  wuBten  von  dem,  was  iiber  das  Ubersinnliche  zu  er- 
griinden ist.  So  haben  wir  heute  recht  sorgfaltige  Erklarungen  der 
religiosen  Urkunden,  Erklarungen,  die  alles  zusammentragen  aus 


der  Zeitgeschichte  heraus,  wie  diese  Urkunden  zum  Beispiel  ent- 
standen  sind,  aber  die  Erklarungen  nehmen  sich  ebenso  aus  wie 
die  Erklarungen  der  Geometrie  des  Euklid  durch  einen  Nicht- 
geometer. 

Erkenntnis  der  Religion  —  das  wollen  wir  festhalten  —  ist  etwas, 
was  man  nur  gewinnen  kann,  wenn  man  es  mit  Hilfe  der  auf 
geisteswissenschaftlichem  Wege  gewonnenen  Erkenntnisse  betrach- 
tet,  obwohl  Anthroposophie  nur  ein  Werkzeug  des  religiosen  Le- 
bens  sein  kann,  niemals  eine  Religion  selber.  Religion  wird  cha- 
rakterisiert  am  besten  durch  den  Inhalt  des  menschlichen  Herzens, 
des  menschlichen  Gemiites,  jener  Summe  von  Empfindungen  und 
Gefuhlen,  durch  die  der  Mensch  hinauf schickt  das  Beste,  was  er  an 
Empfanglichkeit  in  seiner  Seele  hat,  zu  den  iibersinnlichen  Wesen- 
heiten  und  Kraften.  Von  dem  Feuer  dieses  Gemiitsinhaltes,  von  der 
Starke  dieser  Empfindungen,  von  der  Art  dieser  Gefiihle  hangt  der 
Charakter  der  Religion  eines  Menschen  ab,  so  wie  von  dem  warmen 
Pulsschlag  in  unserer  Brust,  von  dem  Gefiihle  fur  Schonheit  es  ab- 
hangt,  wie  der  Mensch  einem  Bilde  gegeniibertritt.  Der  Inhalt  des 
religiosen  Lebens  ist  gewiB  das,  was  wir  die  geistige,  die  iibersinn- 
liche  Welt  nennen.  Aber  ebensowenig  wie  asthetisch-kiinstlerisches 
Empfinden  dasselbe  ist  wie  das,  was  wir  nennen  geistiges  Erfassen 
der  inneren  kiinstlerischen  Gesetze  —  obwohl  das  geistige  Erfassen 
derselben  das  Kunstverstandnis  erhohen  wird  — y  ebensowenig  ist 
jene  Weisheit,  jene  Wissenschaft,  welche  in  die  geistigen  Welten 
einfiihrt,  und  Religion  selber  das  gleiche.  Diese  Wissenschaft  wird 
das  religiose  Empfinden,  das  religiose  Fiihlen  ernster,  wiirdiger, 
groBer,  umfangreicher  machen,  aber  selber  Religion  will  sie  nicht 
sein,  wenn  sie  im  richtigen  Sinne  verstanden  wird,  obwohl  sie  zur 
Religion  fiihren  mag. 

Wenn  wir  nunmehr  von  diesem  geisteswissenschaftlichen  Stand- 
punkt  die  Kraft  und  Bedeutung,  den  Sinn  und  den  Geist  der  christ- 
lichen  Religionsverkundigung  verstehen  wollen,  dann  miissen  wir 
weit  im  geistigen  Leben  ausgreifen.  Wir  miissen  den  Blick  werfen 
in  Zeiten  urferner  Vergangenheit,  mit  anderen  Worten,  wir  miissen 
zuriickgreifen  bis  in  die  vorreligiose  Zeit  der  Menschheit,  wir  miis- 


sen  versuchen,  die  Entstehung  der  Religion  ins  Auge  zu  fassen.  Gibt 
es  eine  vorreligiose  Zeit  der  Menschheit?  Ja,  es  war  einmal  eine 
Zeit  auf  der  Erde,  in  der  es  keine  Religion  gegeben  hat.  Auch  die 
Geisteswissenschaft  muB  eine  solche  Frage  bejahen,  obwohl  in 
einem  ganz  anderen  Sinne,  als  die  materialistische  Kulturweisheit 
es  tut.  Was  bedeutet  die  Religion  fur  die  Menschheit?  Religion  war 
und  wird  noch  lange  fur  die  Menschheit  das  sein,  was  schon  ihr 
Wort  ausdriickt.  Das  Wort  Religion  bedeutet:  Verbindung  des  Men- 
schen  mit  seinem  Gottlichen,  mit  der  geistigen  Welt.  Und  im  we- 
sentlichen  sind  die  religiosen  Zeiten  solche,  in  denen  der  Mensch 
sich  nach  der  Vereinigung  mit  dem  Gottlichen  sehnte,  sei  es  aus 
den  Quellen  eines  Wissens  oder  aus  einer  gewissen  Empflndung 
heraus,  oder  deshalb,  weil  er  fiihlte,  daB  sein  Wille  nur  stark  sein 
kann,  wenn  er  von  gottlicher  Kraft  durchstromt  ist.  Solche  Zeiten, 
in  denen  der  Mensch  sozusagen  mehr  in  sich  ahnte,  als  daJ3  er  etwas 
AuBeres  wuBte,  in  denen  er  die  iibersinnliche  Welt  mehr  ahnte, 
denn  daB  er  sie  geschaut,  daB  er  sie  um  sich  gehabt  hatte,  das  sind 
die  religiosen  Zeiten  unserer  Erde.  Und  vor  diesen  Zeiten  gab  es 
andere  Zeiten,  wo  der  Mensch  ein  solch  ahnendes,  lechzendes  Ver- 
binden  mit  der  geistig-ubersinnlichen  Welt  nicht  brauchte,  deshalb 
nicht  brauchte,  weil  er  von  dieser  iibersinnlichen  Welt,  von  dieser 
geistigen  Welt  wuBte,  wie  der  Mensch  der  Gegenwart  weiB  von 
den  sinnlichen  Dingen.  Braucht  der  Mensch  iiberzeugt  zu  werden, 
daB  es  Steine,  Baume,  Tiere  gibt?  Braucht  er  irgendeine  Urkunde, 
eine  Lehre  dariiber,  die  ihm  bezeugt  oder  ihn  ahnen  laBt,  daB  es 
Steine,  Pflanzen,  Tiere  gibt?  Nein,  denn  er  sieht  sie,  er  erschaut  sie 
um  sich  herum,  und  deshalb  braucht  er  eine  solche  Religion  des 
Sinnlichen  nicht.  Denken  wir  uns  einen  Menschen,  der  in  ganz 
anderen  Welten  lebte,  mit  ganz  anderen  Sinnesorganen,  Erkenntnis- 
organen  ausgeriistet,  der  nicht  die  Steine,  Pflanzen,  Tiere  sehen 
wiirde,  weil  sie  unsichtbar  waren  fur  ihn,  denken  wir  uns  einen 
solchen  Menschen,  dem  durch  Schriften  oder  sonstwie  die  Kunde 
gegeben  wiirde  von  Steinen,  Pflanzen,  Tieren:  Was  ware  dasjenige, 
was  fur  Sie  Anschauung,  Erfahrung,  unmittelbares  Wissen  ist,  was 
ware  das  fur  ihn?  —  Religion  ware  es  fiir  diesen  Menschen.  Wenn 


irgendwo  in  einem  Buche  stehen  wiirde,  es  gibt  Steine,  Pflanzen, 
Tiere,  dann  ware  das  fiir  diesen  Menschen  Religion,  denn  er  hat  es 
niemals  gesehen. 

Es  gab  fiir  den  Menschen  eine  Zeit,  wo  er  inmitten  derjenigen 
geistigen  Wesenheiten  und  Tatsachen  schon  gelebt  hat,  von  denen 
ihm  heute  die  Religionen  und  die  Weishekslehren  Kunde  tun. 

Das  Wort  Entwickelung  ist  heute  auf  vielen  Gebieten  der  Welt- 
anschauung ein  Zauberwort  geworden,  aber  es  wird  von  der 
auBeren  Wissenschaft  doch  nur  angewendet  auf  auBere,  sinnliche 
Tatsachen.  Fiir  denjenigen,  der  geisteswissenschaftlich  die  Welt  be- 
trachtet,  fiir  den  ist  alles,  alles  in  Entwickelung,  vor  alien  Dingen 
das  menschliche  BewuBtsein.  Der  Zustand  des  menschlichen  Be- 
wuBtseins,  in  dem  Sie  heute  leben,  durch  den  Sie,  wenn  Sie  des 
Morgens  aufwachen,  vermoge  Ihrer  Sinnesorgane  die  Sinnenwelt 
sehen  und  begreifen,  dieser  Zustand  des  BewuBtseins  hat  sich  aus 
einem  anderen  entwickelt.  In  der  Geisteswissenschaft  nennen  wir 
diesen  BewuBtseinszustand  das  sogenannte  helle  TagesbewuBtsein. 
Aber  dieses  helle  TagesbewuBtsein  hat  sich  herausentwickelt  aus 
einem  uralten  anderen  BewuBtsein,  das  wir  das  dammerhafte  Bilder- 
bewuBtsein  der  Menschheit  nennen.  Da  kommen  wir  allerdings  auf 
friihe  Entwickelungszustande  der  Menschheit  zuriick,  von  denen 
eine  auBere  Anthropologic  nichts  meldet,  aus  dem  Grunde  nicht, 
weil  sie  sich  nur  der  sinnlichen  Instrumente  und  der  Methoden  des 
Verstandes  bedient.  Sie  glaubt,  daB  der  Mensch  Zustande  durch- 
gemacht  habe  in  urferner  Vergangenheit,  die  eigentlich  dieselben 
sind,  wie  sie  heute  unsere  tierischen  Wesen  durchmachen. 

In  friiheren  Vortragen  wurde  schon  darauf  hingewiesen,  wie  wir 
uns  geisteswissenschaftlich  das  Verhaltnis  des  Menschen  zu  den 
tierischen  Wesen  zu  denken  haben.  Niemals  war  der  Mensch  ein  sol- 
ches  Wesen  wie  das  heutige  Tier  es  ist.  Er  stammt  nicht  von  Wesen- 
heiten ab,  die  so  waren  wie  die  heutigen  Tiere.  Die  Entwickelungs- 
formen,  aus  denen  sich  der  Mensch  herausgebildet  hat,  die  wiirden, 
wenn  wir  sie  schildern  wollten,  sich  sehr  unahnlich  den  heutigen 
Tieren  erweisen.  Die  heutigen  Tiere  sind  gleichsam  auf  friiheren 
Entwickelungsstufen  zuriickgebliebene  Wesenheiten,  die  diese  frii- 


heren  Entwickelungsstufen  konserviert  und  sie  in  die  Verhartung 
gebracht  haben.  Der  Mensch  ist  iiber  seine  friiheren  Entwickelungs- 
stufen hinausgewachsen,  die  Tiere  sind  darunter  heruntergewach- 
sen.  So  sehen  wir  in  der  Tierwelt  etwas  wie  zuriickgebliebene  Brii- 
der  der  Menschheit,  die  aber  nicht  mehr  die  Form  dieser  friiheren 
Entwickelungsstufen  tragen.  Die  friiheren  Entwickelungsstufen  ver- 
liefen  in  einer  Zeit,  wo  die  Erde  andere  Lebensbedingungen  hatte, 
in  der  noch  nicht  die  Elemente  so  verteilt  waren  wie  heute,  wo 
nicht  der  Mensch  mit  einem  solchen  Korper  behaftet  war  wie  heute 
und  doch  Mensch  war.  Er  hat  warten  konnen,  bildlich  gesprochen, 
innerhalb  des  Entwickelungsganges  mit  seinem  Hereinsteigen  in 
das  Fleisch,  hat  warten  konnen  bis  zu  der  Zeit,  wo  diese  neischliche 
Materialitat  so  hat  werden  konnen,  daB  er  die  Kraft  des  heutigen 
Geistes  entwickeln  konnte.  Die  Tiere  haben  nicht  warten  konnen, 
sie  sind  auf  friiherer  Stufe  verhartet  worden,  haben  friiher  Fleisch 
angenommen,  als  es  am  Platze  war.  Daher  muBten  sie  zuriick- 
bleiben.  So  werden  wir  uns  vorstellen  konnen,  daB  der  Mensch 
unter  anderen  Bedingungen  und  in  anderen  BewuBtseinsformen 
gelebt  hat  als  heute.  Wenn  wir  diese  BewuBtseinsformen  Tausende 
und  Tausende  von  Jahren  zuriickverfolgen,  werden  wir  immer 
andere  finden.  Was  wir  heute  logisches  Denken  nennen,  Intellekt 
und  Verstand,  das  hat  sich  erst  spater  in  der  Menschheit  entwickelt. 
Viel  starker  waren  Krafte  der  Menschen,  die  heute  schon  im  Ab- 
nehmen  begrifTen  sind,  zum  Beispiel  das  Gedachtnis.  Das  war  in 
einer  friiheren  Zeit  ungeheuer  viel  mehr  entwickelt  als  heute. 
Durch  die  zunehmende  Verstandeskultur  der  Menschheit  ist  das 
Gedachtnis  wesentlich  in  den  Hintergrund  getreten. 

Wer  mit  einigermaBen  sehenden  praktischen  Augen  in  die  Welt 
blickt,  kann  heute  noch  erkennen,  daB  dasjenige,  was  so  aus  der 
Geisteswissenschaft  heraus  gesagt  wird,  nicht  in  der  Luft  schwebt. 
Man  konnte  sagen:  Wenn  das  wahr  ist,  dann  muBten  die  heutigen 
Menschen,  die  durch  irgendeinen  Zufall  zuriickgeblieben  sind,  zei- 
gen,  daB  sie  gerade  im  Gedachtnis  am  wenigsten  zuriickgeblieben 
sind.  Sie  muBten  auch  zeigen,  daB,  wenn  man  bei  kiinstlich  zuriick- 
gehaltenen  Menschen  sich  bemiiht,  ihnen  Intellektualitat  beizubrin- 


gen,  das  Gedachtnis  darunter  leidet.  Hier  in  dieser  Stadt  konnte 
man  einen  charakteristischen  Fall  dieser  Art  betrachten. 

Der  nicht  hoch  genug  zu  schatzende  Professor  Daumer  hat 
diesen  Fall  gut  beobachtet  an  jenem  fur  viele  so  ratselhaften  Men- 
schen,  der  einmal  auf  geheimnisvolle  Weise  in  diese  Stadt  hier 
hereinversetzt  worden  ist,  und  der  auf  ebenso  geheimnisvolle  Weise 
in  Ansbach  den  Tod  gefunden  hat;  derselbe,  von  dem  ein  Schrift- 
steller  sagt,  um  das  Geheimnisvolle  seines  Lebens  anzudeuten,  daB, 
als  man  ihn  hinausgetragen  hat,  ein  Tag  war,  wo  an  der  einen  Seite 
am  Rande  des  Himmels  die  Sonne  unterging  und  auf  der  entgegen- 
gesetzten  Seite  der  Mond  aufstieg.  Sie  wissen,  daB  ich  von  Kaspar 
Hauser  rede.  Wenn  Sie  absehen  von  allem  Pro  und  Kontra,  das  in 
bezug  auf  diesen  Fall  geltend  gemacht  worden  ist,  wenn  Sie  nur 
auf  das  sehen,  was  unter  alien  Umstanden  belegt  ist,  so  werden  Sie 
wissen,  daB  dieser  Findling,  der  einfach  einmal  da  war  auf  der 
StraBe,  der,  weil  man  nicht  wuBte,  woher  er  gekommen  war,  das 
Kind  Europas  genannt  worden  ist,  daB  er  nicht  lesen,  nicht  rechnen 
konnte,  als  man  ihn  fand.  Er  hatte  in  einem  Alter  von  zwanzig 
Jahren  nichts  von  dem,  was  durch  den  Intellekt  erworben  wird, 
aber  merkwiirdigerweise  hatte  er  ein  wunderbares  Gedachtnis.  Als 
man  anfing  ihn  zu  unterrichten,  als  die  Logik  in  seine  Seele  trat, 
schwand  das  Gedachtnis.  Dieser  Ubergang  im  BewuBtsein  war  auch 
noch  mit  etwas  anderem  verbunden.  Eine  unbegreiflkhe,  geradezu 
eingeborene  Wahrhaftigkeit  war  urspriingiich  in  ihm,  und  gerade 
an  dieser  Wahrhaftigkeit  wurde  er  immer  mehr  und  mehr  irre.  Je 
mehr  er  an  der  Intellektualitat  naschen  durfte,  desto  mehr  schwand 
sie  dahin. 

Wir  konnten  manches  studieren,  wenn  wir  in  diese  Seele  uns 
vertieften,  die  kiinstlich  zuriickgehalten  worden  war.  Und  gar  nicht 
so  unbegriindet  ist  fur  denjenigen,  der  auf  dem  Boden  der  Geistes- 
wissenschaft  steht,  die  Volkstradition,  die  die  gelehrten  Leute  von 
heute  nicht  glauben  und  die  da  berichtet,  daB  Kaspar  Hauser,  als 
er  noch  gar  nichts  wuBte,  noch  gar  keine  Ahnung  davon  hatte,  daB 
es  Wesen  auBer  ihm  von  verschiedener  Gestalt  gebe,  daB  er  da  eine 
merkwiirdige  Wirkung  ausubte,  wenn  er  mit  ganz  wiitenden  Tie- 


ren  zusammengebracht  wurde.  Die  wilden  Tiere  duckten  sich  und 
wurden  ganz  sanftmiitig.  Es  stromte  von  ihm  etwas  aus,  was 
bewirkte,  daB  solch  ein  Tier,  das  jeden  anderen  zornig  annel,  sanft 
wurde.  WIe  gesagt,  wir  konnten,  weil  sich  solch  ein  Fall  darbietet, 
der  aus  der  Geisteswissenschaft  heraus  verstanden  werden  kann, 
tief  in  die  Seele  dieser  merkwiirdigen  und  fur  viele  so  ratselhaften 
Personlichkeit  eindringen,  und  es  wiirde  sich  Ihnen  ein  Fall  vor- 
malen,  aus  dem  Sie  sehen  konnten,  daB  alles  das,  was  aus  dem 
gewohnlichen  Leben  nicht  zu  erklaren  ist,  durch  die  Geisteswissen- 
schaft zuruckgefiihrt  wird  auf  geistige  Tatsachen.  Freilich  konnen 
solche  geistigen  Tatsachen  nicht  durch  Spekulation,  sondern  nur 
durch  geistige  Beobachtung  gewonnen  werden,  aber  verstandlich 
sind  sie  fur  das  allseitig  umfassende  und  logische  Denken. 

Das  alles  sollte  nur  gesagt  sein,  um  Ihnen  zu  zeigen,  wie  Sie  den 
Weg  finden  konnen  zu  dem  Gedanken,  daB  sich  der  heutige  Be- 
wuBtseinszustand  herausentwickelt  hat  aus  einem  uralten  anderen 
BewuBtseinszustand,  in  dem  der  Mensch  nicht  in  einer  unmittel- 
baren  Beriihrung  mit  den  Sinnesgegenstanden  im  heutigen  Sinne 
stand,  dafiir  aber  mit  den  geistigen  Tatsachen  und  Wesen  in  Be- 
ziehung  war.  Da  sah  der  Mensch  nicht  die  physische  Gestalt  des 
anderen,  die  es  ja  auch  in  der  heutigen  Form  damals  noch  gar  nicht 
gegeben  hat.  Wenn  sich  ihm  eine  andere  Wesenheit  naherte,  stieg 
in  seiner  Seele  etwas  wie  ein  Traumbild  auf.  Je  nachdem,  wie  es 
gestaltet  und  gefarbt  war,  zeigte  es  ihm  an,  ob  die  Wesenheit  ihm 
sympathisch  oder  antipathisch  gesinnt  war.  Ein  solches  BewuBtsein 
nahm  die  geistigen  Tatsachen  und  dadurch  die  geistige  Welt  iiber- 
haupt  wahr.  So  wie  der  Mensch  heute  mit  fleischlichen  Wesen 
zusammen  ist,  so  lebte  er  in  jener  Zeit,  wenn  er  den  Blick  auf  sich 
selber  richtete  und  sich  selbst  Seele  und  Geist  war,  unter  geistigen 
Wesenheiten.  Sie  waren  vorhanden  fur  ihn.  Er  war  ein  Geist  unter 
Geistern.  Wenn  er  auch  nur  eine  Art  TraumbewuBtsein  hatte,  so 
waren  doch  die  Bilder,  die  in  ihm  aufstiegen,  in  einem  lebendigen 
Verhaltnis  zu  seiner  Umgebung.  Das  war  die  alte  Zeit,  in  welcher 
der  Mensch  noch  in  einer  geistigen  Welt  lebte,  aus  der  er  spater 
heruntergestiegen  ist,  um  sich  eine  sinnliche  Fleischlichkeit  zu 


schaffen  fur  das  fur  ihn  passende  heutige  BewuBtsein.  Die  Tiere 
waren  schon  da  als  physische  Wesenheiten,  als  der  Mensch  noch  in 
geistigen  Regionen  wahrnahm.  Der  Mensch  lebte  dazumal  unter 
geistigen  Wesen,  und  ebensowenig  wie  Sie  eines  Beweises  bediir- 
fen,  urn  iiberzeugt  zu  sein  vom  Dasein  des  Steines,  der  Pflanzen, 
der  Tiere,  ebensowenig  brauchte  der  Mensch  in  dieser  Urzeit  ein 
irgendwie  geartetes  Zeugnis,  um  von  geistigen  Wesen  iiberzeugt 
zu  sein.  Er  lebte  unter  Geistern  und  Gottern,  deshalb  brauchte  er 
keine  Religion.  Das  war  die  vorreligiose  Zeit. 

Dann  ist  der  Mensch  heruntergestiegen,  die  friihere  BewuBt- 
seinsform  hat  sich  in  die  heutige  verwandelt.  Der  Mensch  sieht 
nicht  mehr  im  Raume  schwebende  Far  ben  und  Formen,  sondern 
die  Farben  sind  iiber  die  Oberflachen  der  sinnlichen  Dinge  hin- 
gelegt.  In  demselben  MaBe,  wie  der  Mensch  lernte,  seine  auBeren 
Sinne  auf  die  auBere  Sinneswelt  zu  richten,  in  demselben  MaBe  zog 
sich  diese  auBere  Sinneswelt  wie  ein  Schleier,  wie  die  groBe  Maja 
hin  iiber  die  geistige  Welt,  und  der  Mensch  muBte  durch  diese 
Hiille  hindurch  Kunde  erhalten  von  der  geistigen  Welt.  Religion 
wurde  notwendig. 

Es  gibt  aber  auch  einen  Zustand  zwischen  der  Zeit,  die  dem  reli- 
giosen  BewuBtsein  vorangeht,  und  der  des  eigentlichen  religiosen 
BewuBtseins;  es  gibt  einen  solchen  Zwischenzustand.  Aus  ihm  her- 
aus  stammen  die  Mythologien,  die  Sagen,  die  Geschichten  der  Vol- 
ker  von  den  geistigen  Wei  ten.  Es  ist  eine  Gelehrsamkeit  vom  grii- 
nen  Tisch,  die  nichts  von  den  wirklichen  geistigen  Vorgangen 
ahnt,  die  da  behauptet,  die  Gestalten  der  nordischen  oder  deutschen 
Mythologie,  der  griechischen  Mythologie,  alle  die  Urkunden  von 
den  Gottern  und  Gottertaten  seien  Erdichtungen  der  Volksphan- 
tasie.  Das  sind  nicht  Erdichtungen  der  Volksphantasie.  Das  Volk 
dichtet  nicht  so,  daB  es  sagt,  wenn  man  einzelne  Wolken  hinstrei- 
chen  sieht,  das  seien  Schafchen.  DaB  das  Volk  so  dichte,  ist  eine 
Dichtung  unserer  heutigen  Gelehrsamkeit,  die  voll  lebhafter  Phan- 
tasie  in  solchen  Dingen  ist.  Die  Wahrheit  ist  eine  ganz  andere. 
Alles,  was  in  den  alten  Gottersagen  und  Geschichten  enthalten  ist, 
sind  die  letzten  Uberbleibsel,  die  letzten  Erinnerungen  aus  dem  vor- 


religiosen  BewuBtsein.  Kunde  ist  den  Menschen  geblieben  von 
dem,  was  sie  selbst  gesehen  haben.  Diese  Menschen,  die  Wotan, 
Thor,  Zeus  und  so  weiter  beschreiben,  sie  haben  es  deshalb  getan, 
weil  in  ihnen  eine  Erinnerung  daran  vorhanden  war,  daB  man  sol- 
ches  einmal  erlebt  hatte.  Brocken,  zum  Teil  abgerissene  Stiicke  von 
dem,  was  man  einst  erlebt  hatte,  das  sind  die  Mythologien. 

Noch  in  anderer  Beziehung  war  der  Zwischenzustand  vorhan- 
den. Auch  in  der  Zeit,  als  die  gescheiten  Menschen,  sagen  wir  ein- 
mal, schon  sehr  gescheit  waren,  da  gab  es  noch  immer  solche,  die 
wenigstens  in  Ausnahmezustanden  —  nennen  Sie  sie  Entriicktheit 
oder  auch  Verriicktheit,  wie  Sie  wollen  —  hineinschauen  konnten  in 
die  geistigen  Welten,  die  noch  wahrnehmen  konnten,  was  friiher 
die  Menschen  in  ihrer  Mehrheit  sahen.  Die  erzahlten,  daJ3  sie  selbst 
noch  etwas  gesehen  haben  von  der  geistigen  Welt.  Das  verband 
sich  so  mit  den  Erinnerungen,  daB  ein  lebendiger  Glaube  lebte  in 
den  Volkern.  Das  war  ein  Ubergangszustand  zu  dem  eigentlich 
religiosen  Zustand. 

Und  wie  wurde  der  eigentlich  religiose  Zustand  angebahnt  in 
der  Menschheit?  Dadurch,  daB  der  Mensch  die  Mittel  und  Wege 
fand,  sein  Inneres  so  zu  entwickeln,  daB  er  die  Welten,  aus  denen 
er  herausgewachsen  ist,  die  er  im  dumpfen  BewuBtsein  einstmals 
gesehen  hatte,  wiederum  sehen,  wiederum  schauen  kann.  Da  kom- 
men  wir  auf  ein  Kapitel,  das  fur  manchen  modernen  Menschen 
recht  wenig  Wahrscheinliches  enthalt,  zu  dem  Kapitel  von  den 
Eingeweihten.  Was  sind  Eingeweihte  der  Menschheit?  Eingeweihte 
waren  diejenigen  Menschen,  welche  ihr  eigenes  seelisches  und  gei- 
stiges  Innere  so  entfalteten  durch  gewisse  Methoden,  daB  sie  wieder 
hineinwuchsen  in  die  geistige  Welt.  Einweihung  gibt  es!  Es  schlum- 
mern  in  jeder  Seele  iibersinnliche  Krafte  und  Fahigkeiten.  Es  gibt 
oder  kann  wenigstens  geben  fiir  jeden  Menschen  solch  einen  groBen, 
gewaltigen  Augenblick,  wo  diese  Krafte  erwachen.  Diesen  Augen- 
blick  konnen  wir  vor  unsere  Seele  riicken,  wenn  wir  uns  vorstellen, 
wie  die  andere  menschliche  Entwickelung  war.  Sprechen  wir  mit 
Goethes  Worten,  so  konnen  wir  sagen:  Wir  schauen  zuriick  in  Zei- 
ten  ferner  Vergangenheit,  in  denen  im  heutigen  physischen  Men- 


schenleibe  noch  kein  solches  physisches  Auge  vorhanden  war,  kein 
solches  physisches  Ohr  wie  heute.  Zuriick  schauen  wir  in  jene  Zei- 
ten,  in  denen  an  den  Stellen,  wo  diese  Organe  jetzt  sind,  gleich- 
giiltige  Organe  waren,  die  nicht  sehen  und  horen  konnten.  Es  gab 
fur  den  physischen  Menschen  eine  Zeit,  wo  solche  blinde  Organe 
zu  Leuchtpunkten  sich  entwickelten,  wo  sie  sich  ailmahlich  mehr 
und  mehr  entfalteten,  bis  fur  sie  das  Licht  auftauchte.  Ebenso  gab 
es  einen  Zeitpunkt,  wo  des  Menschen  Ohr  so  weit  war,  daB  die  vor- 
her  stumme  Welt  sich  in  Tonen  und  Harmonien  offenbarte.  — 
Ebenso  wie  die  Sonne  mit  ihren  Kraften  daran  arbeitete,  seine 
Augen  aus  seinem  Organismus  herauszubilden,  ebenso  kann  der 
Mensch  heute  seinem  Geiste  nach  so  leben,  daB  sich  die  vielfach 
fur  ihn  heute  gleichgiiltigen  geistig-seelischen  Organe  in  ahnlicher 
Weise  entwickeln.  Der  Augenblick  ist  moglich,  ist  fur  viele  schon 
dagewesen,  wo  sich  ihre  Seele  und  ihr  Geist  so  umbilden,  wie  sich 
einmal  umgebildet  hat  die  auBere  physische  Organisation.  Neue 
Augen  und  neue  Ohren  entstehen,  durch  die  aus  dem  geistig  flnste- 
ren  und  stummen  Umkreis  heraus  das  Licht  hineinscheint  und  die 
Tone  hineinklingen.  Entwickelung  ist  moglich,  auch  zum  Hinein- 
leben  in  die  hoheren  Welten.  Das  ist  Einweihung.  Und  in  den 
Mysterienschulen  werden  ebenso  die  Methoden  dieser  Einweihung 
den  Menschen  an  die  Hand  gegeben  wie  in  der  auBeren  Welt  die 
Methoden,  sagen  wir,  des  chemischen  Laboratoriums  oder  der  bio- 
logischen  Forschung.  Der  Unterschied  zwischen  den  Methoden  der 
auBeren  Wissenschaft  und  der  Einweihung  ist  nur,  daB  die  auBere 
Wissenschaft  sich  Instrumente  und  auBere  Hilfsapparate  zurecht- 
zurichten  hat.  Fur  denjenigen  aber,  der  Eingeweihter  werden  will, 
gibt  es  nur  ein  einziges  Instrument,  das  er  ausbilden  muB,  und  das 
ist  er  selbst  in  alien  seinen  Kraften.  So  wie  im  Eisen  die  magne- 
tische  Kraft  schlummern  kann,  so  schlummert  in  der  menschlichen 
Seele  die  Kraft,  einzudringen  in  die  geistige  Licht-  und  Tonwelt. 
So  kam  die  Zeit,  wo  nur  das  Physisch-Sinnliche  im  Normalen 
gesehen  wurde  und  wo  die  Fiihrer  der  Menschheit  aus  solchen  Ein- 
geweihten  bestanden,  die  hineinschauen  konnten  in  die  geistigen 
Welten,  die  Mitteilung  machen,  Erklarung  geben  konnten  iiber  die 


Tatsachen  der  geistigen  Welt,  in  welcher  der  Mensch  friiher 
gelebt  hatte. 

Die  erste  Stufe  der  Einweihung,  wohin  fiihrt  sie?  Wie  stellt  sie 
sich  dar  der  menschlichen  Seele?  Glauben  Sie  nicht,  da!3  diese  Ent- 
wickelung  nur  in  philosophischem  Spekulieren,  im  Ausspintisieren 
von  Begriffen,  im  Yerfeinern  der  Begriffe  besteht.  Das,  was  der 
Mensch  an  Begriffen  hat  iiber  die  auBere  Sinneswelt,  das  verwan- 
delt  sich  in  dem  Menschen,  der  hineinwachst  in  die  geistige  Welt. 
Es  wird  so,  daB  der  Mensch  jetzt  nicht  mehr  durch  scharf  kon- 
turierte  Begriffe  begreift,  sondern  durch  Bilder,  durch  Imaginatio- 
nen.  Denn  der  Mensch  wachst  hinein  in  das  geistige,  weltschopfe- 
rische  Verfahren.  So  bestimmt  und  fest  umrissen  wie  die  Gegen- 
st'ande  der  Sinneswelt  sind  eben  nur  diese  sinnlichen  Gegenst'ande. 
Im  weltschopferischen  Verfahren  haben  Sie  nicht  das  Tier  mit  den 
festen  Umrissen.  Da  haben  Sie  etwas  wie  ein  Bild  zugrunde  gelegt, 
aus  dem  die  verschiedenen  auBeren  Gestalten  entstehen  konnen, 
eine  lebendige,  in  sich  gegliederte  Wirklichkeit.  Man  muB  sich 
streng  auf  den  Boden  des  Wortes  Goethes  stellen:  «Alles  Verg'ang- 
liche  ist  nur  ein  Gleichnis.»  In  Bildern  lernt  der  Eingeweihte  zu- 
n'achst  erkennen  und  begreifen,  lernt  er  hinaufsteigen  in  die  gei- 
stige Welt.  Da  muB  sein  BewuBtsein  beweglicher  werden  als  das- 
jenige,  das  uns  dient  zum  Begreifen  der  um  uns  liegenden  Sinnes- 
welt. Deshalb  nennt  man  diese  Stufe  der  Entwickelung  das  imagina- 
tive BewuBtsein.  Es  fiihrt  den  Menschen  wieder  hinein  in  die  gei- 
stige Welt,  aber  nicht  in  dammerhafter  Weise.  Dieses  zu  erringende 
WeihebewuBtsein  ist  klar  und  hell,  wie  es  der  Mensch  im  hellen 
TagesbewuBtsein  hat,  wie  dieses  TagesbewuBtsein  selbst.  Der 
Mensch  wird  dadurch  bereichert,  daB  er  zu  dem  TagesbewuBtsein 
das  BewuBtsein  der  geistigen  Welt  hinzugewinnt.  So  lebt  er  in  dem 
imaginativen  BewuBtsein  in  der  ersten  Einweihungsstufe.  Und  was 
diejenigen,  die  so  eingeweiht  waren,  in  den  geistigen  Wei  ten  erfuh- 
ren,  davon  ist  in  den  Urkunden,  in  den  Dokumenten  der  Mensch- 
heit  Mitteilung  geschehen,  geradeso  wie  von  der  niedrigen  Wissen- 
schaft  der  Geometrie  durch  Euklid  der  Menschheit  Mitteilung 
gemacht  worden  ist.  Wir  wissen,  was  in  diesen  Urkunden  steht,  wir 


erkennen  es,  wenn  wir  zuriickgehen  auf  die  Quelle,  auf  das  Schauen 
der  Eingeweihten. 

So  war  es  innerhalb  der  Menschheit  bis  zu  der  Erscheinung  der 
groBten  Wesenheit,  die  iiber  den  Erdball  geschritten  ist,  des  Christus 
Jesus.  Mit  seiner  Erscheinung  tritt  ein  neues  Element  in  die  Ent- 
wickelung  ein.  Wenn  wir  uns  klarmachen  wollen,  worin  das  wesent- 
lich  Neue,  das  der  Menschheit  durch  den  Christus  Jesus  geschenkt 
worden  ist,  besteht,  dann  miissen  wir  beachten,  daB  in  alien  vor- 
christlichen  Einweihungsstatten  der  Mensch  so  eingeweiht  wurde, 
daB  ein  volliges  Herausgehen  aus  der  iibrigen  menschheitlichen 
Entwickelung  notwendig  war,  ein  Arbeiten  an  seiner  Seele  in  Stat- 
ten  des  tiefsten  Geheimnisses.  Und  wir  miissen  uns  vor  alien  Din- 
gen  klarmachen,  daB  noch  immer  etwas  vorhanden  war  im  BewuBt- 
sein  des  Menschen  von  einem  Uberrest,  wenn  er  sich  wiederum 
heraufhob  in  die  geistige  Welt,  jenes  alten,  bloB  traumhaften  Bilder- 
bewuBtseins.  Der  Mensch  muBte  hinwegeilen  aus  dieser  Welt  der 
Sinne,  um  in  die  geistige  Welt  eintreten  zu  konnen.  DaB  das  heute 
nkht  mehr  notwendig  ist,  das  wurde  herbeigefiihrt  durch  die  Er- 
scheinung des  Christus  Jesus  auf  der  Erde.  Dadurch,  daB  das 
Christus-Prinzip  in  die  Menschheit  eingetreten  ist,  ist  das  Zentral- 
wesen,  das  Mittelpunktswesen  der  geistigen  Welt  geschichtlich, 
historisch  in  einem  Menschen  einmal  auf  dieser  Erde  dagewesen, 
dasselbe  Wesen,  nach  dem  sich  gesehnt  haben  alle  diejenigen,  die 
ein  religioses  Leben  entwickelt  haben,  die  geschaut  haben  in  den 
Einweihungsstatten,  die  weggeschritten  sind  von  der  sinnlichen 
Welt,  um  in  die  geistige  Welt  einzutreten.  Das  Wesen,  von  dem 
verkiindet  worden  ist,  daB  ihm  der  Mensch  als  seinem  Hochsten 
gegenubersteht,  das  ist  mit  dem  Christus  Jesus  in  die  Menschheits- 
geschichte  eingetreten.  Und  derjenige,  der  etwas  versteht  von 
echter  Geisteswissenschaft,  weiB,  daB  alle  religiose  Verkiindigung 
vor  dem  Erscheinen  des  Christus  Jesus  eine  Vorverkiindigung  des 
Christus  Jesus  ist. 

Wenn  die  alten  Eingeweihten  von  dem  Hochsten  haben  spre- 
chen  wollen,  was  ihnen  in  der  Geisteswelt  zuganglich  war,  was  sie 
haben  schauen  konnen  als  den  Urgrund  aller  Dinge,  dann  haben 


sie  in  den  verschiedensten  Namen  von  dem  Christus  Jesus  gespro- 
chen.  Wir  brauchen  uns  nur  an  ein  Beispiel,  an  das  Alte  Testa- 
ment zu  erinnern,  das  auch  eine  Vorherverkiindigung  ist.  Wir  erin- 
nern  uns  daran,  wie  Moses,  als  er  sein  Volk  fiihren  sollte,  den  Auf- 
trag  erhielt:  Sage  deinem  Volke,  daB  das,  was  du  tun  sollst,  der 
Herr,  der  Gott,  dir  gesagt  hat.  —  Da  sagt  Moses:  Wie  werden  mir 
die  Leute  glauben,  wie  werde  ich  ihnen  eine  Uberzeugung  bei- 
bringen  konnen?  Was  muB  ich  sagen,  wenn  sie  mich  fragen:  Wer 
hat  dich  geschickt?  —  Und  es  wird  ihm  der  Auftrag:  Sage,  der 
«Ich-bin»,  der  hat  dich  geschickt.  —  Lesen  Sie  es  nach  und  verglei- 
chen  Sie  es,  so  genau  Sie  konnen,  mit  dem  Urtext.  Sie  werden 
sehen,  um  was  es  sich  dabei  handelt.  Der  «Ich-bin»,  was  soli  das 
heiBen?  Der  «Ich-bin»  ist  der  Name  fur  die  gottliche  Wesenheit, 
das  Christus-Prinzip  des  Menschen,  fur  die  Wesenheit,  die  der 
Mensch  einem  Tropfen,  einem  Funken  nach  in  sich  spurt,  wenn  er 
«Ich  bin»  sagen  kann.  Der  Stein  kann  nicht  «Ich  bin»  sagen,  die 
Pflanze  kann  nicht  «Ich  bin»,  das  Tier  kann  nicht  «Ich  bin»  sagen. 
Der  Mensch  ist  die  Krone  der  Schopfung  dadurch,  daB  er  zu  sich 
«Ich  bin»  sagen  kann,  daB  er  einen  Namen  sprechen  kann,  der 
fur  keinen  anderen  giiltig  ist  als  fur  den,  der  ihn  ausspricht.  «Ich» 
konnen  Sie  sich  nur  selbst  nennen.  Kein  anderer  kann  Sie  «Ich» 
nennen.  Hier  spricht  die  Seele  mit  sich  selbst,  in  jenem  Worte,  wo 
hinein  nur  ein  Wesen  Zugang  hat,  das  durch  keinen  auBeren  Sinn, 
auf  keinem  auBeren  Weg  zu  der  Seele  kommt.  Hier  spricht  der 
Gott.  Daher  wurde  der  Name  «Ich-bin»  der  Gottheit,  welche  die 
Welt  erfiillt,  gegeben.  Sage,  der  «Ich-bin»  hat  es  dir  gesagt!  —  so 
sollte  Moses  seinem  Volke  sagen. 

Nur  langsam  lernen  die  Menschen  den  tiefen  Sinn  dieses  «Ich- 
bin»  vollig  verstehen.  Nicht  gleich  haben  sich  die  Menschen  als 
Einzelmenschen  gefiihlt.  Sie  konnen  es  finden  noch  im  Alten  Testa- 
ment: da  fiihlten  sich  die  Menschen  noch  nicht  als  Einzelmenschen. 
Auch  die  Angehorigen  der  deutschen  Stamme,  selbst  noch  in  den 
Zeiten  der  christlichen  Kirche,  fiihlten  sich  nicht  als  Einzelmen- 
schen. Denken  Sie  zuriick  an  die  Cherusker,  Teutonen  und  so  wei- 
ter,  an  die  deutschen  Stamme,  in  deren  Land  nun  das  heutige 


Deutschland  ist.  Der  einzelne  Cherusker  fiihlte  mehr  das  Stam- 
mes-Ich,  dem  gegeniiber  er  sich  als  Glied  erschien.  Der  einzelne 
hatte  nicht  in  der  scharfen  Weise,  wie  heute,  «Ich  bin»  gesagt.  Er 
fiihlte  sich  zusammengefiigt  zum  einigen  Organismus  derjenigen, 
die  blutsverwandt  waren. 

Den  weitesten  Umkreis  nimmt  diese  Blutsverwandtschaft  bei 
den  Bekennern  des  Alten  Testaments  ein.  Der  einzelne  fiihlt  sich 
geborgen  im  ganzen  Volk.  Dieses  ist  fur  ihn  von  einem  Ich  be- 
herrscht.  Er  weiB  es,  was  es  heiBt:  «Ich  und  der  Vater  Abraham 
sind  eins»,  denn  er  verfolgt  die  Blutsverwandtschaft  durch  die 
Generationen  hinauf  bis  Abraham.  Er  weiB  sich  geborgen,  wenn 
er  iiber  sein  Einzel-Ich  hinausgehen  will,  in  dem  Vater  Abraham, 
von  dem  all  das  Blut,  das  der  auBere  Trager  fur  das  gemeinsame 
Volks-Ich  ist,  hinunterflieBt  in  die  Generationen. 

Nun,  wenn  wir  mit  dem  Ausspruch,  der  jedem  Bekenner  des  Alten 
Testamentes  ein  Hohes  bedeutet,  vergleichen,  was  der  Christus  Jesus 
hingestellt  hat,  dann  haben  wir  wie  blitzartig  beleuchtet  den  gan- 
zen Fortschritt,  der  durch  die  christliche  Entwickelung  hervor- 
gerufen  wurde.  «Ehe  denn  Abraham  war,  war  das  <Ich-bin>.»  Was 
heiBt  das:  Vor  Abraham  war  das  «Ich-bin»?  —  So  ist  namlkh  die 
richtige  Ubersetzung  und  Interpretation  der  betreffenden  Bibel- 
stelle.  Das  heiBt:  Geht  zuriick  durch  alle  Generationen,  ihr  flndet 
etwas  in  euch  selbst,  in  eurer  Einzelindividualkat,  das  noch  ewiger 
ist  als  das,  was  durch  alle  blutsverwandten  Generationen  flieBt.  Ehe 
die  Ahnherren  waren,  war  das  «Ich-bin»,  jenes  Wesen,  das  in  jeden 
Menschen  hineinzieht,  von  dem  jede  Menschenseele  etwas  unmittel- 
bar  fiihlen  kann  in  sich  selbst.  Nicht  ich  und  der  Vater  Abraham, 
nicht  ich  und  ein  zeitlicher  Vater,  sondern  ich  und  der  geistige 
Vater,  der  an  nichts  Vergangliches  gebunden  ist,  wir  sind  eins.  «Ich 
und  der  Vater  sind  eins.»  In  dem  einzelnen  Menschen  findet  sich 
der  Vater.  Das  gottliche  Prinzip  lebt  in  ihm,  etwas,  was  da  war, 
was  da  ist,  was  da  sein  wird. 

Die  Menschen  werden,  nachdem  sie  durch  fast  zwei  Jahrtausende 
eigentlich  erst  angefangen  haben  die  Kraft  dieses  Weltenimpulses 
zu  fiihlen,  in  kiinftigen  Zeiten  voll  erkennen,  was  dieser  Sprung 


innerhalb  der  Erdenmission  und  Erdenentwickelung  fur  den  Men- 
schen  bedeutet.  Dasjenige,  was  man  nur  einsehen  konnte,  wenn 
man  hinwegging  iiber  das  Einzeldasein,  iiber  den  einzelnen  Men- 
schen,  wenn  man  den  Geist  eines  ganzen  Stammes  faBte,  das  war 
es,  was  die  alten  Eingeweihten  erreichen  wollten. 

Wenn  in  der  gewohnlichen  Welt  irgendein  Mensch  das  horte,  so 
sagte  er:  Das  Ich  ist  etwas  Vergangliches,  das  anfangt  mit  der  Ge- 
burt  und  aufhort  mit  dem  Tode.  —  Wurde  er  aber  eingeweiht  in  das 
Geheimnis  der  Mysterien,  dann  sah  er  dasjenige,  was  der  andere 
spiirte  und  empfand,  als  dasselbe,  was  durch  das  Blut  der  Genera- 
tionen  rollt,  was  ein  wirkliches  Wesen  ist,  dann  sah  er  seinen 
Stammesgeist.  Was  nur  im  geistigen  Reich,  aber  nicht  in  der 
auBeren  Wirklichkeit  erreichbar  ist,  das  konnte  er  schauen.  Einen 
Gott,  der  durch  das  Blut  der  Generationen  rinnt,  konnte  er  schauen. 
Geistesauge  gegeniiber  Geistesauge  vor  diesem  Gotte  stehen,  das 
konnte  man  nur  in  den  Mysterien. 

Diejenigen,  die  mit  dem  vollen  Verstandnis  als  seine  intimen 
Schuler  um  den  Christus  Jesus  waren,  sie  hatten  das  BewuBtsein, 
daB  ein  Wesen  geistig-gottlicher  Natur  fur  die  auBeren  Sinne  in 
einer  geschlossenen  fleischlich-menschlichen  Personlichkeit  vor 
ihnen  stand.  Als  den  ersten  empfanden  sie  den  Christus  Jesus,  als 
den  ersten,  der  im  einzelnen  Menschen  einen  solchen  Geist  in  sich 
hatte,  wie  ihn  sonst  nur  zusammengehorige  Menschenmassen  in 
sich  fiihlten  und  wie  er  sonst  nur  in  der  geistigen  Welt  fiir  die  Ein- 
geweihten zu  schauen  war.  Der  Erstling  unter  den  Menschen  war  er. 

Je  mehr  der  Mensch  individuell  wird,  desto  mehr  kann  er  Liebe- 
trager  werden.  Wo  das  Blut  die  Menschen  zusammenkettet,  da  lie- 
ben  die  Menschen  aus  dem  Grunde,  weil  sie  durch  das  Blut  hin- 
gefiihrt  werden  zu  dem,  was  sie  lieben  sollen.  Wird  dem  Menschen 
die  Individualist  zuerteilt,  hegt  und  pflegt  er  den  Gottesfunken  in 
sich,  dann  miissen  die  Impulse  der  Liebe,  die  Wellen  der  Liebe  von 
Mensch  zu  Mensch  gehen  aus  freiem  Herzen  heraus.  Und  so  hat 
der  Mensch  mit  diesem  neuen  Impuls  das  alte  Band  der  Liebe,  die 
an  das  Blut  gebunden  ist,  bereichert.  Die  Liebe  geht  nach  und  nach 
iiber  in  die  geistige  Liebe,  die  von  Seele  zu  Seele  flieBt,  die  zuletzt 


die  ganze  Menschhek  umfassen  wird  mit  einem  gemeinschaftlichen 
Band  allgemeiner  Bruderliebe.  Der  Christus  Jesus  aber  ist  die  Kraft, 
die  lebendige  Kraft,  durch  die,  so  wie  sie  in  der  Geschichte  war, 
wie  sie  sich  auBeren  Augen  zeigte,  zum  erstenmal  die  Menschhek 
zur  Verbriiderung  gebracht  worden  ist.  Und  die  Menschen  werden 
lernen,  dieses  Band  der  Bruderliebe  als  das  vollendete,  als  das  ver- 
geistigte  Christentum  aufzufassen. 

Man  sagt  heute  leicht:  Die  Theosophie  soil  den  einheitlichen 
Wahrheitskern  in  alien  Religionen  suchen,  denn  alle  Religionen 
enthalten  ja  ganz  das  gleiche.  —  Die  Menschen,  die  so  sagen,  die  die 
Religionen  nur  vergleichen,  um  das  abstrakt  Gleiche  zu  suchen, 
verstehen  nichts  vom  Entwickelungsprinzip.  Nicht  umsonst  ent- 
wickelt  sich  die  Welt.  Wahr  ist  es,  in  jeder  Religion  ist  die  Wahr- 
heit  enthalten,  aber  indem  sie  sich  von  Form  zu  Form  entwickelt, 
entwickelt  sie  sich  zu  hoheren  Formen.  Der  Wahrheit  nach  konnen 
Sie  allerdings,  wenn  Sie  tief  genug  forschen  wollen,  das,  was  das 
Christentum  an  Lehren  enthalt,  in  den  anderen  Religionen  auch 
finden.  Neue  Lehren  hat  das  Christentum  nicht  gebracht.  Aber  das 
Wesentliche  im  Christentum  liegt  nicht  in  den  Lehren.  Nehmen 
Sie  die  vorchristlichen  Religionsstifter.  Bei  ihnen  kommt  es  darauf 
an,  was  sie  gelehrt  haben.  Denken  Sie  sich,  diese  Religionsstifter 
waren  unbekannt  geblieben;  was  sie  gelehrt  haben,  das  ware  ge- 
blieben.  Damk  hatte  die  Menschhek  genug.  Beim  Christus  Jesus 
aber  kommt  es  nicht  darauf  an.  Bei  ihm  kommt  es  darauf  an,  daB 
er  da  war,  daB  er  im  physischen  Leibe  hier  auf  dieser  Erde  gelebt 
hat.  Nicht  der  Glaube  an  seine  Lehre,  sondern  an  seine  Personlich- 
keit  ist  das  Ausschlaggebende,  daB  man  hingeschaut  hat  darauf, 
daB  er  der  Erstgeborene  unter  denen  war,  die  da  sterben  konnen, 
bei  dem  man  fragt:  Wiirdest  auch  du  in  der  Lage,  in  der  ich  mich 
befinde,  so  fiihlen  wie  ich?  Wiirdest  auch  du  so  denken,  wie  ich 
nun  denke,  so  wollen,  wie  ich  will?  —  Das  ist  das  Wichtige,  daB  er 
das  groBte  Vorbild  als  Persdnlichkek  ist,  bei  dem  es  nicht  darauf 
ankommt,  hinzuhoren  auf  seine  Lehren,  sondern  darauf,  ihn  selbst 
anzuschauen,  wie  er  es  getan  hat.  Daher  sagen  die  intimen  Schiiler 
des  Christus  Jesus  etwas  ganz  anderes  als  die  Schiiler  und  Jiinger 


anderer  Religionsstifter.  Diese  sagen:  Der  Herr  hat  dieses,  hat  jenes 
gelehrt.  Die  Schiiler  des  Christus  Jesus  aber  sagen:  Nicht  ausge- 
kliigelte  Mythen  etwa  und  Lehren  sagen  wir  euch,  sondern  das 
sagen  wir  euch,  was  unsere  Augen  selbst  gesehen,  unsere  Ohren 
selbst  gehort  haben.  Wir  haben  die  Stimme  gehort,  unsere  Hande 
haben  beriihrt  den  Quell  des  Lebens,  damit  wir  Gemeinschaft 
haben  mit  euch.  —  Und  Christus  Jesus  selber  sprach:  Zeugen  sollt 
ihr  mir  sein  in  Jerusalem,  in  Judaa,  bis  ans  Ende  der  Welt.  —  Da- 
mit ist  etwas  sehr  Wichtiges  gesagt:  Zeugen  sollt  ihr  mir  sein  bis 
ans  Ende  der  Welt.  Das  heiBt:  Es  werden  immer  solche  da  sein 
jeder2eit,  die  ebenso  wie  jene  in  Judaa  und  Galilaa  aus  dem  un- 
mittelbaren  Wissen  heraus  sagen  konnen,  wer  Christus  war  im 
Sinne  des  Evangeliums. 

Im  Sinne  des  Evangeliums,  was  bedeutet  das?  Nichts  anderes, 
als  daB  er  von  Anfang  an  das  Prinzip  war,  das  in  allem  SchafTen 
lebte.  Er  sagt  es:  Glaubt  ihr  nicht  an  mich,  so  glaubt  wenigstens 
an  Moses,  denn  wenn  ihr  an  Moses  glaubt,  so  glaubt  ihr  an  mich, 
denn  Moses  hat  von  mir  gesprochen.  —  Wir  haben  es  heme  schon 
gesehen,  von  ihm  hat  Moses  gesprochen,  als  er  hingewiesen  hat 
darauf:  Der  «Ich-bin»  hat  es  mir  gesagt  —  der  «Ich-bin»,  der  aber 
nur  geistig  wahrnehmbar  war  bis  dahin.  DaB  der  Christus  sichtbar 
in  die  Erscheinung,  sichtbar  in  die  Welt  getreten  ist  als  Mensch 
unter  Menschen,  das  ist  es,  was  den  Unterschied  des  Christus-Evan- 
geliums  ausmacht  gegeniiber  der  gottlichen  Verkiindigung  von 
anderen  Religionen.  Denn  bei  diesen  war  alle  geistige  Weisheit  auf 
etwas  gerich tet,  was  auBerhalb  der  Welt  war.  Jetzt,  mit  Christus 
Jesus,  kam  etwas  in  die  Welt,  was  als  Sinneserscheinung  selbst  be- 
griffen  werden  sollte.  Was  empfanden  die  ersten  Jiinger  als  das 
Ideal  ihrer  Weisheit?  Nicht  mehr  bloB  zu  begreifen,  wie  die  Gei- 
ster  im  Geisterlande  leben,  sondern  wie  das  hochste  Prinzip  in 
dieser  geschichtlichen  Personlichkeit  des  Christus  Jesus  hat  auf 
Erden  vorhanden  sein  konnen. 

Es  ist  viel  leichter,  dieser  Personlichkeit  die  Gottheit  abzu- 
leugnen,  als  so  zu  empfinden.  Darin  besteht  der  Unterschied  einer 
gewissen  Lehre  der  ersten  Zeit  des  Christentums  von  dem,  was  man 


inneres  Christentum  nennt,  der  Unterschied  zwischen  Gnosis  und 
esoterischem  Christentum.  Die  Gnosis  erkennt  Chrisms  in  seiner 
Gottlichkeit  zwar  an,  aber  sie  hatte  sich  nie  aufschwingen  konnen 
bis  zu  der  Anschauung,  daB  das  «Wort»  Fleisch  geworden  ist  und 
unter  uns  gewohnt  hat,  so  wie  es  der  Schreiber  des  Johannes-Evan- 
geliums  betont.  Er  sagt:  Nicht  nur  als  etwas,  was  bloB  im  Un- 
sichtbaren  zu  begreifen  ist,  sollt  ihr  den  Christus  Jesus  ansehen, 
sondern  als  das  Wort,  das  Fleisch  geworden  ist  und  unter  uns  ge- 
wohnt hat.  Ihr  sollt  wissen,  daB  mit  dieser  menschlichen  Person- 
lichkeit  eine  Kraft  erschienen  ist,  die  in  fernste  Zukunft  hinein 
wirken  wird,  die  die  wirkliche,  geistige  Liebe  als  eine  Kraft  um  den 
Erdkreis  herumspinnen  wird,  die  da  wirkt  und  lebt  in  allem,  das  in 
die  Zukunft  hinein  lebt.  —  Und  iibergibt  sich  der  Mensch  dieser 
Kraft,  dann  wachst  er  in  die  geistige  Welt  hinein,  aus  der  er 
heruntergestiegen  ist.  Wieder  hinaufsteigen  wird  er  bis  dahin,  wo- 
hinein  der  Eingeweihte  heute  schon  schauen  kann.  Abstreifen  wird 
der  Mensch  das  Sinnliche,  wenn  er  in  die  geistige  Welt  eindringt. 

Wie  der  Schuler,  der  in  alten  Zeiten  eingeweiht  wurde,  einen 
Riickblick  haben  konnte  auf  die  alten,  auf  die  vergangenen  Zeiten 
des  Geisteslebens,  so  erhalten  diejenigen,  welche  im  christlichen 
Sinne  eingeweiht  werden,  durch  die  Teilnahme  an  den  Impulsen 
des  Christus  Jesus  die  Fahigkeit  zu  sehen,  was  aus  dieser  unserer 
Erdenwelt  wird,  wenn  die  Menschen  im  Sinne  des  Christus-Impulses 
wirken.  Wie  man  zuriickblicken  kann  auf  die  friiheren  Zustande, 
so  kann  man,  von  dem  Anfangspunkte  der  Erscheinung  des  Chri- 
stus ausgehend,  hinblicken  in  die  fernste  Zukunft.  Man  kann  sagen: 
So  wird  das  BewuBtsein  sich  wieder  verandern,  so  wird  der  Mensch 
stehen  im  Verhaltnis  der  geistigen  zur  Sinnenwelt.  —  Wahrend  so 
die  friihere  Einweihung  eine  Einweihung  in  die  Vergangenheit,  in 
uralte  Weisheit  ist,  geht  die  christliche  Einweihung  dahin,  dem  Ein- 
zuweihenden  die  Zukunft  zu  enthiillen.  Das  ist  das  Notwendige, 
daB  der  Mensch  nicht  nur  eingeweiht  wird  fur  seine  Weisheit,  fiir 
sein  Gemiit,  sondern  daB  er  eingeweiht  wird  fiir  seinen  Willen. 
Denn  dadurch  weiB  er,  was  er  tun  soli,  daB  er  sich  Ziele  setzen 
kann  fiir  die  Zukunft.  Der  sinnliche  Alltagsmensch  setzt  sich  Ziele 


fiir  den  Nachmittag,  fur  den  Abend,  den  Morgen.  Der  geistige 
Mensch  vermag  aus  den  geistigen  Prinzipien  heraus  feme  Ziele 
sich  zu  setzen,  die  seinen  Wiilen  durchpulsen,  seine  Krafte  lebendig 
machen.  So  der  Menschhek  Ziele  setzen,  das  heiBt  im  wahren  hoch- 
sten  Sinn,  im  Sinn  des  urspriinglichen  christiichen  Prinzips,  das 
Christentum  esoterisch  erfassen.  So  hat  es  derjenige  verstanden,  der 
das  groBe  Prinzip  der  Einweihung  des  Willens  geschrieben  hat,  der 
die  Apokalypse  geschrieben  hat.  Man  versteht  die  Apokalypse 
schlecht,  wenn  man  sie  nicht  versteht  als  den  Impulsgeber  fiir  die 
Zukunft,  fiir  das  Handeln,  fiir  die  Tat. 

Alle  die  Dinge,  die  wir  heute  an  uns  voriiberziehen  lieBen,  sie 
sind  aus  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft  her- 
aus zu  verstehen.  Nur  Skizzenhaftes  konnte  ich  heute  geben.  Wenn 
man  aus  der  Geisteswissenschaft  heraus  begreift,  was  hinter  dem 
Sinnlichen  steht,  dann  sieht  man  auch  hin  mit  dem  Verstandnis 
auf  das,  was  verkiindet  worden  ist  in  den  Evangelien,  was  verkiin- 
det  worden  ist  im  apokalyptischen  Werk.  Und  je  weiter  man  geht 
in  dem  Eindringen,  in  der  Vertiefung  nach  den  iibersinnlichen 
Welten  hin,  desto  Tieferes  wird  man  in  den  christiichen  Urkunden 
finden.  Mit  hoherem  Glanz,  mit  tieferem  Wahrheitsgehalt  und  In- 
halt  erscheinen  einem  die  christiichen  Urkunden,  wenn  man,  ge- 
scharft  mit  dem  geistigen  Blick,  wie  er  gewonnen  werden  kann 
mit  Hilfe  der  Anthroposophie,  hingeht  zu  diesen  Urkunden.  Wahr 
ist  es:  Das  einfachste  Gemut  kann  ahnen,  welche  Wahrheiten  im 
Christentum  stecken.  Nicht  immer  aber  wird  sich  das  BewuBtsein 
mit  einer  Ahnung  begniigen  konnen,  es  wird  sich  hoher  entwickeln 
und  wissen,  erkennen  wollen.  Doch  auch  dann,  wenn  es  sich  zu  den 
hochsten  Weisheiten  erhebt,  wird  es  immer  noch  tiefe  Geheimnisse 
geben  im  Christentum.  Es  ist  fiir  das  einfachste  Gemiit,  aber  auch 
fiir  die  hochstentwickelte  Intellektualitat.  Der  Eingeweihte  erlebt 
es  wieder  als  Bilder.  Daher  mag  das  naive  BewuBtsein  ahnen, 
welche  Wahrheiten  darin  schlummern,  aber  der  Mensch  wird  nach 
Erkenntnis  verlangen  und  nicht  nach  Glauben,  und  auch  dann  wird 
er  im  Christentum  Befriedigung  finden.  Er  wird  im  Christentum 
den  vollen  befriedigenden  Inhalt  finden  konnen,  wenn  ihm  durch 


die  Geisteswissenschaft  die  Erklarungen  der  Evangelien  gegeben 
werden.  Daher  wird  die  Geisteswissenschaft  an  die  Stelle  selbst  der 
hochsten  alten  Philosophien  treten.  Sie  wird  Zeugnis  ablegen  von 
dem  uns  eingangs  vorgefiihrten  schonen  Hegelwort:  Der  tiefste 
Gedanke  ist  mit  der  Gestalt  des  Christus  Jesus,  mit  der  geschicht- 
lichen  und  auBerlichen,  verkniipft,  und  jede  Art  von  BewuBtsein  — 
das  ist  das  GroBe  am  Christentum  —  kann  der  AuBerlichkeit  nach 
dieses  Christentum  begreifen.  Zugleich  aber  werden  die  tiefst  ein- 
dringenden  Weisheiten  durch  das  Christentum  herausgefordert.  Fur 
jede  Stufe  der  Bildung  ist  das  Christentum,  aber  es  kann  gerecht 
werden  den  hochsten  Anforderungen. 


ERSTER  VORTRAG 
Niirnberg,  18.  Juni  1908 


Es  wird  uns  nunmehr  durch  eine  Reihe  von  Tagen  ein  sehr  bedeut- 
sames,  sehr  tiefes  anthroposophisches  Thema  beschaftigen.  Bevor 
wir  an  unsere  Betrachtungen  herangehen,  lassen  Sie  mich  die  tiefste 
Befriedigung  dariiber  aussprechen,  daB  wir  vor  Freunden  aus  so 
vielerlei  Gegenden  Deutschlands,  ja  Europas  iiber  dieses,  tiefe  und 
bedeutsame  Thema  hier  Betrachtungen  anstellen  diirfen.  Vor  alien 
Dingen  gilt  es,  diese  Befriedigung  auszusprechen  unseren  lieben 
Niirnberger  Freunden,  die  ihrerseits  gewiB  nicht  minder  froh  sein 
werden  als  derjenige,  der  zu  ihnen  spricht,  hier  in  dieser  Stadt 
durch  eine  verhaltnismaBig  langere  Zeit  anthroposophisches  Leben 
gemeinsam  mit  den  auswartigen  Freunden  zu  pflegen.  Es  ist  ja 
gerade  in  dieser  Stadt  neben  dem  eifrigsten  Streben  nach  Erkennt- 
nis  der  groBen  geisteswissenschaftlichen  Wahrheiten  immer  auch 
so  sehr  geltend  gewesen  und  mit  so  tiefem  Verstandnis  zur  Darstel- 
lung  gebracht  worden,  was  anthroposophische  Gesinnung,  was 
wahrhaft  anthroposophisches  Leben  ist,  dieses  anthroposophische 
Leben,  das  wir  nur  dann  verstehen,  wenn  die  geisteswissenschaft- 
lichen Lehren  uns  nicht  bloB  etwas  sind,  was  uns  theoretisch  be- 
schaftigt,  sondern  wenn  sie  uns  etwas  werden,  was  unser  eigenes 
Leben  bis  in  die  tiefsten  Tiefen  der  Seele  hinein  durchgeistigt, 
durchfeuert,  hebt,  was  uns  aber  auch  in  engeren  Banden  zusammen- 
schlingt  mit  unseren  Mitmenschen,  mit  der  ganzen  Welt.  Es  be- 
deutet  viel  fur  den  Menschen,  zu  fuhlen,  daB  alles,  was  uns  auBer- 
lich  in  der  sinnlichen  "Welt,  im  sinnlich-sichtbaren  Dasein  entgegen- 
tritt,  so  erscheinen  kann  wie  die  auBere  Physiognomie  eines  zu- 
grunde  liegenden  unsichtbaren,  iibersinnlichen  Daseins.  Die  Welt 
mit  allem,  was  darinnen  ist,  wird  ja  schlieBlich  dem,  der  die 
Anthroposophie  ins  Leben  einfiihrt,  immer  mehr  und  mehr  ein 
physiognomischer  Ausdruck  des  gdttlich-geistig  Wesenhaften,  und 
wenn  er  die  Welt  des  Sichtbaren  um  sich  herum  betrachtet,  wird  es 


ihm  sein,  wie  wenn  er  von  den  Ziigen  eines  Menschenantlitzes 
durchdringt  zu  dem  Herzen,  zu  der  Seele  des  Menschen.  Gegeniiber 
alledem,  was  auBerlich  ihm  entgegentritt  in  Bergen  und  Felsen,  in 
dem  Pflanzenkleid  der  Erde,  in  Tieren  und  Menschen,  was  ihm 
entgegentritt  in  aller  uns  umgebenden  Welt,  in  alien  Beschaftigun- 
gen  der  Menschen,  wird  es  ihm  sein,  als  ob  es  ein  physiogno- 
mischer  Ausdruck,  als  ob  es  die  Miene  ware  eines  zugrunde  liegen- 
den  gottlich-geistigen  Daseins.  Und  neues  Leben  ersprieBt  ihm  aus 
all  dieser  Betrachtungsweise  und  durchdringt  ihn,  und  eine  andere, 
edle  Art  von  Begeisterung  befeuert  das,  was  er  unternehmen  will. 

Nur  eines  kleinen  symptomatischen  Beispiels  meiner  letzten  Er- 
fahrungen  auf  einer  meiner  Vortragsreisen  lassen  Sie  mich  geden- 
ken.  Das  Beispiel,  das  ich  Ihnen  anfuhren  will,  zeigt,  wie  die  Welt- 
geschichte,  wenn  man  sie  als  Ausdruck  des  Gottlich-Geistigen  be- 
trachtet,  iiberall  bedeutsam  erscheint,  iiberall  eine  neue  Sprache  zu 
uns  redet.  Da  konnte  ich  vor  einigen  Wochen  in  Skandinavien 
wahrnehmen,  wie  in  dem  ganzen  Leben  unseres  europaischen  Nor- 
dens  alles  noch  einen  Nachklang  jenes  alten  Daseins  der  nor- 
dischen  Welt  verrat,  wo  alles  Geistige  durchsetzt  war  von  dem 
BewuBtsein  der  Wesenheiten,  die  hinter  den  nordischen  Gotter- 
gestalten  der  Mythe  stehen.  Man  mochte  sagen,  daB  in  jenen  Lan- 
dern  aus  allem,  was  einem  entgegentritt,  Nachklange  zu  verneh- 
men  sind  dessen,  was  als  das  alte  nordische  Geistesleben  die  Ein- 
geweihten  der  Druidenmysterien,  der  Drottenmysterien  ihren  Schii- 
lern  mitteilten.  Da  wird  man  gewahr,  wie  der  Zauberhauch  jenes 
Geisteslebens  den  Norden  durchsetzt,  und  man  sieht  etwas  wie  den 
Ausdruck  schdner  karmischer  Zusammenhange.  Man  sieht  sich,  wie 
mir  das  gestattet  war  in  Uppsala,  sozusagen  mitten  hineingestellt  in 
alles  das,  wenn  man  vor  sich  hat  die  erste  der  germanischen  Bibel- 
iibersetzungen,  den  Silbernen  Kodex  des  Ulfilas.  Er  ist  hingekom- 
men  nach  Uppsala  wie  durch  karmische  Verwickelungen  eigener 
Art.  Er  war  ja  vorher  in  Prag.  Im  Schwedischen  Krieg  wurde  er 
erbeutet  und  nach  Uppsala  gebracht,  und  da  liegt  er  nun,  ein  Wahr- 
zeichen  fur  das,  was  den  durchdringt,  der  ein  biBchen  tiefer  hinein- 
zublicken  vermag  in  das  alte  Mysterienwesen.  Es  ist  ja  dieses  My- 


sterienwesen,  dieses  Eindringen  in  die  geistige  Welt  innerhalb  der 
alten  europaischen  Kulturen  durchsetzt  und  durchzogen  von  einem 
gemeinsamen  merkwiirdigen  Zug,  den  tiefer  spiirten  diejenigen, 
welche  die  Weihe  erhalten  haben  in  jenen  alten  Zeiten.  Wie  ein 
tragischer  Zug  ging  es  durch  ihre  Herzen,  wenn  ihnen  klargemacht 
wurde,  daB  sie  zwar  hineinblicken  konnten  in  die  Geheimnisse  des 
Daseins,  daB  aber  in  der  Zukunft  etwas  kommen  werde,  das  wie 
eine  vollendete  Ratselldsung  erscheint.  Immer  und  immer  wieder 
wutden  sie  darauf  hingewiesen,  daB  hereinstrahlen  solle  ein  hdheres 
Licht  in  jenes  Wissen,  das  man  in  den  alten  Mysterien  erkunden 
konnte.  Man  darf  sagen,  daB  prophetisch  hingewiesen  wurde  in 
alien  diesen  alten  Mysterien  auf  das,  was  da  kommen  sollte  in  der 
Zukunft,  auf  die  Erscheinung  des  Christus  Jesus.  Der  Ton,  die  Ge- 
sinnung  der  Erwartung,  die  Stimmung  der  Prophetie  lag  in  diesem 
nordischen  Mysterienwesen. 

Wir  miissen  soldi  einen  Satz,  wie  ich  ihn  jetzt  aussprechen 
werde,  nicht  zwangen  und  nicht  drangen,  nicht  pressen  und  nicht 
zu  scharf  in  Konturen  denken.  Er  soil  nur  symptomatisch  ausspre- 
chen, was  als  tiefere  Wahrheit  zugrunde  liegt.  Aber  es  ist  in  dem, 
was  wie  ein  letztes  Blatt  geblieben  ist  aus  den  Traditionen  der  alt- 
germanischen  Mysterien,  es  ist  in  der  Siegfriedsage  etwas  wie  ein 
Hineingeheimnissen  jener  Gesinnung  vorhanden.  Wenn  wir  darauf 
hingewiesen  werden,  daB  Siegfried  wirklich  der  Reprasentant  ist 
der  altnordischen  Einweihung,  wenn  wir  hingewiesen  werden  dar- 
auf, daB  an  der  Stelle,  wo  er  verwundbar  ist,  ein  Blatt  liegt,  daB 
diese  Stelle  am  Riicken  sich  befindet,  dann  fiihlt  der,  der  so  etwas 
symptomatisch  zu  fiihlen  vermag:  Das  ist  die  Stelle,  wo  etwas 
anderes  liegen  wird  beim  Menschen,  wenn  jene  Verwundung  ihn 
nicht  mehr  treffen  kann,  die  die  Eingeweihten  der  altnordischen 
Mysterien  noch  erleiden  konnten.  —  Die  Stelle  soil  zuhullen  das 
Kreuz.  Da  soil  es  liegen,  das  Kreuz  des  Christus  Jesus;  da  lag  es 
noch  nicht  beim  Eingeweihten  der  altnordischen  Mysterien.  Dar- 
auf wird  hingedeutet  in  den  alten  Mysterien  der  germanischen  V61- 
ker  in  der  Siegfriedsage.  Und  so  wird  selbst  da  noch  symptomatisch 
angedeutet,  wie  zusammenstimmend  gedacht  werden  sollen  die 


alten  Einweihungen  der  Druiden,  der  Drotten,  mit  den  Mysterien 
des  Christentums.  Daran  erinnert  wie  ein  physiognomischer  Aus- 
druck  dieses  Hingestelltsein  der  ersten  germanischen  Bibeliiberset- 
zung  in  die  nordische  Welt  hinein.  Und  daft  es  wie  eine  karmische 
Verkettung  ist,  das  mag  Ihnen  noch  der  Umstand  wiederum  sym- 
bolisieren,  daB  einstmals  elf  Blatter  aus  diesem  Silbernen  Kodex 
gestohlen  worden  sind,  und  daB  der  spatere  Besitzer  derselben 
solche  Gewissensbisse  empfunden  hat,  daB  er  diese  elf  Blatter  nicht 
behalten  wollte,  sondern  sie  wiederum  zuriickgab.  Wie  gesagt,  man 
soli  solche  Dinge  nicht  pressen  und  drangen,  sondern  sie  als  bild- 
liche  Darstellungen  auffassen  jener  karmischen  Verwickelungen, 
die  sich  physiognomisch  zum  Ausdruck  bringen  in  dem  Hinein- 
gestelltsein  der  ersten  germanischen  Bibelubersetzung  in  die  nor- 
dische Welt.  Und  wie  hier  dieses  Ereignis  der  Geschichte,  so  wird 
uns  alles,  was  uns  im  Leben  entgegentritt,  GroBes  und  Kleines,  ver- 
tieft  und  mit  einem  neuen  Licht  durchstrahlt  durch  die  anthro- 
posophische  Gesinnung,  die  sich  darin  bekundet,  daB  man  in  allem 
physisch  Wahrnehmbaren  den  physiognomischen  Ausdruck  eines 
Ubersinnlich-Geistigen  erblickt. 

DaB  es  sich  so  verhalt,  diese  Uberzeugung  moge  uns  durchdrin- 
gen  gerade  wahrend  dieses  Kursus.  Und  aus  solch  einer  Uberzeu- 
gung heraus  mag  der  Geist,  mogen  die  Gefiihle  stromen,  die  wah- 
rend der  zwolf  apokalyptischen  Vortrage  in  unsere  Seele  flieBen,  die 
unsere  Herzen  durchdringen  sollen.  Innerhalb  dieser  Gesinnung 
wollen  wir  an  diesen  Kursus  herantreten,  der  das  tiefste  Dokument 
des  Christentums,  die  Apokalypse  des  Johannes,  zum  Ankniipfungs- 
punkte  nimmt,  weil  an  dieses  Dokument  die  tiefsten  Wahrheiten 
des  Christentums  wirklich  zwanglos  angeschlossen  werden  konnen. 
Denn  es  ist  nichts  Geringeres  in  diesem  Dokument  enthalten  als 
ein  groBer  Teil  der  Mysterien  des  Christentums,  es  ist  darin  ent- 
halten das  Tiefste  von  dem,  was  wir  als  das  esoterische  Christen- 
tum  zu  bezeichnen  haben.  Kein  Wunder  daher,  daB  von  alien 
christlichen  Dokumenten  auch  gerade  dieses  Dokument  am  aller- 
meisten  miBverstanden  worden  ist.  Es  ist  fast  vom  Anbeginn  der 
christlichen  Geistesstromung  an  miBverstanden  worden  von  alien 


denen,  die  nicht  zu  den  eigentlichen  christlichen  Eingeweihten  ge- 
horten.  Und  es  ist  miBverstanden  worden  in  den  verschiedensten 
Zeiten  immer  in  dem  Sinne,  in  dem  Stile,  wie  diese  verschiedenen 
Zeiten  gedacht  und  gesonnen  haben.  MiBverstanden  ist  es  worden 
von  den  Zeiten,  die,  man  darf  sagen,  spirituell-materialistisch  ge- 
dacht haben,  von  den  Zeiten,  die  groBe  Religionsstromungen 
hineingezwangt  haben  in  einseitiges  fanatisches  Parteigetriebe,  und 
es  ist  miBverstanden  worden  in  der  neueren  Zeit  von  denjenigen, 
welche  im  groben,  im  sinnlichsten  Materialismus  glaubten  die 
R'atsel  der  Welt  losen  zu  konnen. 

Die  hohen  geistigen  Wahrheiten,  die  im  Ausgangspunkte  des 
Christentums  verkiindet  worden  sind  und  zu  deren  Anschauung 
diejenigen  gebracht  wurden,  die  sie  verstehen  konnten,  sie  liegen 
angedeutet,  soweit  das  in  einer  Schrift  geschehen  kann,  in  der  Apo- 
kalypse  des  Johannes,  in  der  sogenannten  kanonischen  Apokalypse. 
Aber  schon  in  den  ersten  Zeiten  des  Christentums  waren  die  Exo- 
teriker  wenig  geeignet,  das  tief  Spirituelle,  das  gemeint  ist  im 
esoterischen  Christentum,  zu  verstehen.  Und  so  trat  denn  in  den 
allerersten  Zeiten  des  Christentums  in  der  Exoterik  die  Anschauung 
auf,  daB  sich  Dinge,  die  sich  zunachst  fur  die  Weltentwickelung 
abspielen  im  Geistig-Spirituellen,  die  erkennbar  und  erschaubar 
sind  fur  den,  der  hineinschauen  kann  in  die  geistigen  Welten,  daB 
sich  solche  rein  spirituellen  Vorgange  auBerlich  in  dem  materiellen 
Kulturleben  abspielen  sollten.  Und  so  kam  es,  daB,  wahrend  der 
Schreiber  der  Apokalypse  die  Ergebnisse  seiner  Einweihung,  seiner 
christlichen  Initiation  darin  zum  Ausdrucke  brachte,  die  anderen 
sie  nur  exoterisch  verstanden  und  der  Meinung  waren,  daB  sich 
das,  was  der  groBe  Seher  geschaut  und  wovon  der  Eingeweihte 
weiB,  daB  es  sich  in  Jahrtausenden  spirkuell  erkennbar  abspielt,  in 
der  allernachsten  Zeit  abspielen  miisse  im  auBerlich  sinnlich-sicht- 
baren  Leben.  So  kam  denn  die  Anschauung  zustande,  als  ob  fur  die 
sinnlich  nachste  Zeit  der  Schreiber  etwas  gemeint  hatte  wie  ein 
in  den  sinnlich-physischen  Wolken  stattfindendes  Herabkommen, 
Wiederkommen  des  Christus  Jesus.  Als  das  nicht  eintrat,  da  ver- 
langerte  man  einfach  die  Frist  und  sagte:  Nun  ja,  es  hat  fur  die 


Erde  mit  der  Erscheinung  des  Christus  Jesus  eine  neue  Zeit  begon- 
nen  gegeniiber  dem,  was  ais  alte  Religiositat  da  war.  Aber  es  wird 
—  und  jetzt  faBte  man  das  wiederum  sinnlich  auf  —  tausend  Jahre 
dauern,  da  werden  sich  die  nachsten  Ereignisse  physisch-sinnlich 
vollziehen,  die  in  der  Apokalypse  dargestellt  sind.  —  So  kam  es,  daB 
tatsachlich,  als  hereinzog  das  Jahr  1000,  viele  Leute  auf  das  Heran- 
kommen  irgendeiner  dem  Christentum  feindlichen  Macht  warteten, 
auf  einen  Antichrist,  der  in  der  sinnlichen  Welt  auftreten  sollte. 
Und  als  das  wiederum  nicht  eintrat,  da  wurde  sozusagen  eine  neue 
Fristverlangerung  angesetzt,  zu  gleicher  Zeit  aber  die  ganze  Vorher- 
sagung  der  Apokalypse  in  eine  gewisse  Symbolik  hinaufgeriickt, 
wahrend  man  sich  bei  den  groben  Exoterikern  diese  Vorhersagung 
ziemlich  greifbar  vorgestellt  hatte.  Mit  dem  Heraufriicken  einer 
materiahstischen  Weltanschauung  kam  man  fiir  diese  Dinge  in  eine 
gewisse  Symbolik  hinein.  Man  sah  in  den  auBeren  Ereignissen  sym- 
bolische  Andeutungen. 

So  kam  herauf  im  zwolften  Jahrhundert  der  Mann,  der  anfangs 
des  dreizehnten  Jahrhunderts  starb,  Joachim  von  Floris,  der  eine 
denkwiirdige  Erklarung  dieser  geheimnisvollen  Urkunde  des  Chri- 
stentums  gab.  Er  war  namlich  der  Ansicht,  daB  im  Christentum 
eine  tiefe  spirituelle  Macht  ruhe,  daB  diese  Macht  immer  mehr 
und  mehr  zur  Ausbreitung  kommen  miisse,  daB  aber  das  auBere 
Christentum  immer  dieses  esoterische  Christentum  verauBerlicht 
habe.  Und  so  kam  bei  manchem  die  Anschauung  dieses  Mannes 
zur  Geltung,  wonach  in  der  Papstkirche,  in  dieser  VerauBerlichung 
der  Spiritualkat  des  Christentums,  etwas  Antichristliches,  etwas 
Feindliches  zu  suchen  sei.  Und  besonders  genahrt  wurde  in  den 
nachsten  Jahrhunderten  diese  Anschauung  dadurch,  daB  auf  den 
Spiritualismus  des  Christentums,  auf  das  gemiitlich-geistige  Element 
bei  gewissen  Orden  ein  hoher  Wert  gelegt  worden  ist.  So  fand 
Joachim  von  Floris  Anhanger  innerhalb  der  Kreise  der  Franzis- 
kaner,  die  im  Papste  etwas  wie  die  Symbolisierung  des  Antichrist 
sahen.  Dann  ging  in  der  Zeit  des  Protestantismus  diese  Anschau- 
ung auf  diejenigen  iiber,  die  in  der  Romischen  Kirche  eine  Abtriin- 
nige  des  Christentums  sahen,  die  innerhalb  des  Protestantismus  die 


Rettung  des  Christentums  erblickten.  Sie  sahen  erst  recht  im  Papst 
das  Symbolum  des  Antichrists,  und  der  Papst  zahlte  es  dadurch 
heim,  daB  er  wiederum  in  Luther  den  Antichrist  sah. 

So  verstand  man  die  Apokalypse  in  einer  Weise,  daB  jede  Partei 
sie  in  den  Dienst  ihrer  eigenen  Anschauung,  ihrer  eigenen  Mei- 
nung  riickte.  Die  andere  Partei  war  immer  der  Antichrist,  und  die- 
jenige,  der  man  selbst  angehorte,  identifizierte  man  mit  dem 
wahren  Christentum.  Das  ging  herauf  bis  in  die  neuere  Zeit,  wo 
der  moderne  Materialismus  kam,  mit  dem  sich  an  Grobheit  selbst 
jener  Materialismus  nicht  vergleichen  laBt,  den  ich  Ihnen  fur  die 
ersten  Jahrhunderte  des  Christentums  geschildert  habe.  Denn  da- 
mals  bestand  noch  ein  spiritueller  Glaube,  eine  gewisse  spirituelle 
Auffassung.  Die  Menschen  konnten  es  nur  nicht  verstehen,  weil  sie 
keine  Eingeweihten  unter  sich  hatten.  Es  war  ein  gewisser  spiri- 
tueller Sinn  da,  denn  wenn  man  sich  auch  grobsinnlich  vorstellte, 
daB  sich  ein  Wesen  in  einer  Wolke  herabsenken  wiirde,  so  gehorte 
doch  dazu  ein  spiritueller  Glaube.  Ein  solches  spirituelles  Leben 
war  bei  dem  groben  Materialismus  des  neunzehnten  Jahrhunderts 
nicht  mehr  moglich.  Die  Gedanken,  die  sich  so  ein  rechter  Mate- 
rialist des  neunzehnten  Jahrhunderts  von  der  Apokalypse  macht, 
kann  man  etwa  so  charakterisieren:  In  die  Zukunft  sehen  kann 
kein  Mensch,  denn  ich  selbst  kann  es  nicht.  Etwas  anderes,  als  was 
ich  sehe,  kann  ein  anderer  auch  nicht  sehen.  Davon  zu  reden,  daB 
es  Eingeweihte  gibt,  das  ist  ein  alter  Aberglaube.  So  etwas  gibt  es 
nicht.  Also  gilt  als  Norm  das,  was  ich  weiB.  Ich  sehe  kaum  das, 
was  in  den  nachsten  zehn  Jahren  geschieht,  also  kann  kein  Mensch 
etwas  dariiber  aussagen,  was  iiber  Jahrtausende  geschehen  soli. 
Folglich  muB  der,  der  die  Apokalypse  geschrieben  hat,  wenn  er 
iiberhaupt  als  ehrlicher  Mensch  genommen  werden  will,  etwas  ge- 
meint  haben,  was  er  schon  gesehen  hat,  denn  ich  weiB  auch  nur 
von  dem,  was  sich  schon  abgespielt  hat  und  was  durch  Dokumente 
vermittelt  ist.  Also  konnte  auch  der  Schreiber  der  Apokalypse 
nichts  anderes  sehen.  Was  kann  er  demnach  erzahlen?  Nur  das, 
was  bis  zu  ihm  geschehen  war.  Folglich  ist  es  selbstverstandlich, 
daB  man  in  den  Ereignissen  der  Apokalypse,  in  den  Konflikten  zwi- 


schen  der  guten,  der  weisen,  der  schonen  Welt  und  der  haBHchen, 
der  torichten,  der  bosen  Welt,  daB  man  in  jenem  dramatischen 
Gegeniiberstellen  nichts  anderes  zu  sehen  hat  als  etwas,  was  der 
Mann  selbst  erlebt  hat,  was  schon  geschehen  war.  —  So  spricht  der 
moderne  Materialist.  Er  meint:  Der  Apokalyptiker  schildert  so,  wie 
ich  schildere. 

Was  war  denn  ungefahr  das  Schrecklichste  fur  einen  Christen 
der  ersten  Jahrhunderte?  Dieses  Schrecklichste  muftte  fur  ihn  sein 
das  Tier,  das  sich  aufbaumt  gegen  die  geistige  Macht  des  Christen- 
tums,  gegen  das  wahre  Christentum.  Ungliickseligerweise  haben 
nun  einige  Menschen  die  Glocken  etwas  lauten  hbren,  haben  aber 
nicht  verspiirt  das  richtige  Zusammenschlagen. 

Innerhalb  gewisser  esoterischer  Schulen  hatte  man  eine  Art  von 
Zahlenschrift.  Gewisse  Worte,  die  man  nicht  in  gewdhnlicher 
Schrift  mitteilen  wollte,  brachte  man  durch  Zahlen  zum  Aus- 
drucke.  Und  es  war  ja,  wie  vieles  andere,  so  auch  etwas  von  den 
tiefen  Geheimnissen  der  Apokalypse  in  Zahlen  hineingeheimniBt, 
besonders  jenes  dramatische  Ereignis  in  die  Zahl  666.  Man  wuBte, 
daB  man  Zahlen  in  besonderer  Weise  zu  behandeln  hat,  nament- 
lich  aber,  wenn  so  griindlich  darauf  hingewiesen  wird  wie  mit  den 
Worten:  «Hier  ist  Weisheit.»  «Die  Zahl  des  Tieres  ist  666. »  Bei 
solchen  Hinweisen  wuBte  man,  daB  man  fur  Zahlen  gewisse  Buch- 
staben  einzusetzen  hat,  um  zu  wissen,  was  gemeint  ist.  Diejenigen 
nun,  die  etwas  gehort  hatten  und  doch  nichts  wirklich  wuBten, 
haben  in  ihrer  materialistischen  Anschauung  herausgekriegt,  daB, 
wenn  man  statt  der  Zahl  666  Buchstaben  einsetzt,  das  Wort 
«Nero»  oder  « Caesar  Nero»  herauskommt.  Und  heute  konnen  Sie 
in  einem  groBen  Teil  der  Literatur,  die  sich  mit  der  Enthullung  der 
Apokalypse  befaBt,  lesen:  Da  war  en  friiher  die  Leute  so  toricht, 
daB  sie  alles  mogliche  in  diese  Stelle  hineingeheimniBt  haben,  aber 
jetzt  ist  das  ein  gelostes  Problem.  Jetzt  wissen  wir,  daB  nichts 
anderes  gemeint  1st  als  Nero,  « Caesar  Nero»,  und  es  ist  klar,  daB 
die  Apokalypse  zu  einer  Zeit  geschrieben  worden  ist,  als  Nero 
schon  gelebt  hatte,  und  daB  der  Schreiber  mit  all  dem  hat  sagen 
wollen,  daB  in  Nero  der  Antichrist  aufgetreten  sei;  daB  also  das, 


was  in  diesem  dramatischen  Element  liegt,  eine  Steigerung  vorher- 
gehender  Elemente  ist.  Nun  darf  man  mir  nachforschen,  was  un- 
mittelbar  vorher  geschehen  ist.  Dann  kommt  man  darauf,  was  der 
Apokalyptiker  hat  schildern  wollen.  Es  wird  berichtet,  daB  in  Klein- 
asien  Erdbeben  stattgefunden  haben,  als  der  Kampf  zwischen  Nero 
und  dem  Christentum  wiitete.  Also  sind  das  die  Erdbeben,  die  der 
Apokalyptiker  erwahnt  bei  der  Eroffnung  der  Siegel  und  beim  Er- 
tonen  der  Posaunen.  Er  spricht  auch  von  Heuschreckenplagen. 
Richtig,  es  wird  ja  mitgeteilt,  daB  zur  Zeit  der  Christenverfolgung 
durch  Nero  auch  Heuschreckenplagen  auftraten.  Also  erzahlt  er 
von  diesen.  —  So  hat  es  das  neunzehnte  Jahrhundert  dahin  gebracht, 
das  tiefste  Dokument  des  Christentums  zu  vermaterialisieren,  darin 
nichts  zu  sehen  als  die  Schilderung  dessen,  was  man  eben  durch 
die  materialistische  Betrachtung  der  Welt  finden  kann.  Das  sollte 
nur  gesagt  werden,  um  anzudeuten,  wie  griindlich  gerade  dieses 
tiefste,  bedeutsamste  Dokument  des  esoterischen  Christentums  miB- 
verstanden  worden  ist. 

Und  nunmehr  wollen  wir  alles,  was  iiber  das  Historische  der 
Apokalypse  zu  sagen  ist,  uns  fur  die  Zeit  aufsparen,  wo  wir  das, 
was  in  der  Apokalypse  liegt,  begriffen  haben,  das  heiBt,  wir  wollen 
es  auf  die  letzten  Vortrage  verschieben.  Fur  den,  der  sich  schon  ein 
wenig  in  die  Anthroposophie  hineingefunden  hat,  kann  es  keinen 
Zweifel  daruber  geben,  daB  schon  mit  den  Einleitungsworten  der 
Apokalypse  darauf  hingewiesen  wird,  was  sie  sein  soli.  Wir  brau- 
chen  uns  nur  zu  erinnern,  daB  es  heiBt:  Der,  von  dem  der  Inhalt 
der  Apokalypse  herriihrt,  ist  hinversetzt  worden  in  eine  Insel- 
Einsamkeit,  die  von  jeher  mit  einer  Art  heiliger  Atmosphare  durch- 
drungen  war,  an  eine  Statte  alter  Mysterienkultur.  Und  wenn  uns 
gesagt  wird,  daB  derselbe,  der  den  Inhalt  der  Apokalypse  gibt,  im 
Geiste  war  und  daB  er  das,  was  er  gibt,  im  Geiste  wahrgenommen 
hat,  so  mag  uns  das  zunachst  ein  Hinweis  darauf  sein,  daB  der  In- 
halt der  Apokalypse  einem  hoheren  BewuBtseinszustand  entstammt, 
den  der  Mensch  durch  die  Entwickelung  der  inneren  Seelenschop- 
fungsfahigkeit  erreicht,  durch  die  Einweihung.  Was  man  nicht 
innerhalb  der  Sinneswelt  sehen  und  horen  kann,  nicht  mit  auBeren 


Sinnen  wahrnehmen  kann,  ist  in  der  Weise,  wie  es  durch  das  Chri- 
stentum  der  Welt  mitgeteilt  werden  konnte,  in  der  sogenannten 
geheimen  Offenbarung  des  Johannes  enthalten.  Also  die  Schil- 
derung  einer  Einweihung,  einer  christlichen  Einweihung  haben  wir 
in  der  Apokalypse  des  Johannes  vor  uns.  Wir  brauchen  uns  nur 
einmal,  man  mochte  sagen,  fliichtig  vor  die  Seele  zu  rufen,  was 
Einweihung  ist.  Wir  werden  ja  immer  tiefer  eindringen  in  dieses 
Thema,  in  die  Frage:  Was  geht  innerhalb  der  Einweihung  vor?  — 
und  immer  tiefer  werden  wir  die  Frage  behandeln:  Wie  verhalt 
sich  Einweihung  zu  dem  Inhalt  der  Apokalypse?  —  Aber  wir  wer- 
den zunachst  etwas  wie  eine  Kohlenzeichnung  in  groben  Strichen 
hinstellen,  und  dann  erst  werden  wir  an  die  Ausmalung  der  Einzel- 
heiten  gehen. 

Einweihung  ist  Entwickelung  der  in  jeder  Seele  schlummernden 
Krafte  und  Fahigkeiten.  Will  man  sich  ein  Bild  davon  machen,  wie 
sie  im  Realen  vor  sich  geht,  dann  muB  man  vor  alien  Dingen  sich 
klar  vor  Augen  stellen,  wie  das  BewuBtsein  des  heutigen  normalen 
Menschen  ist;  dann  wird  man  auch  erkennen,  wie  das  BewuBtsein 
des  Eingeweihten  sich  unterscheidet  von  dem  des  heutigen  Men- 
schen. Wie  ist  denn  das  BewuBtsein  des  normalen  heutigen  Men- 
schen? Es  ist  ein  wechselndes.  Zwei  ganz  verschiedene  BewuBtseins- 
zustande  wechseln  miteinander  ab,  der  im  Tagwachen  und  der  im 
nachtlichen  Schlaf.  Das  BewuBtsein,  das  wir  im  Tagwachen  haben, 
besteht  darin,  daB  wir  um  uns  herum  die  sinnlichen  Gegenstande 
wahrnehmen  und  sie  verkniipfen  durch  Begriffe,  die  auch  nur 
durch  ein  sinnliches  Werkzeug  gebildet  werden  konnen,  durch  das 
menschliche  Gehirn.  Dann  trkt  jede  Nacht  heraus  aus  den  niedrig- 
sten  Gliedern  der  menschlichen  Wesenheit,  aus  dem  physischen 
und  Atherleib,  der  astralische  Leib  und  das  Ich,  und  damit  versin- 
ken  fur  das  BewuBtsein  des  heutigen  Menschen  die  sinnlichen 
Gegenstande  um  ihn  herum  in  Dunkelheit,  und  nicht  nur  diese, 
denn  bis  zum  Wiederaufwachen  ist,  was  man  vollige  BewuBtlosig- 
keit  nennt,  vorhanden.  Finsternis  breitet  sich  aus  um  den  Menschen. 
Denn  der  astralische  Leib  des  Menschen  ist  heute  im  normalen  Zu- 
stande  so  organisiert,  daB  er  fur  sich  selber  nicht  wahrzunehmen  ver- 


mag,  was  in  seiner  Umgebung  ist.  Er  muB  Instrumente  haben.  Diese 
Instrumente  sind  die  physischen  Sinne.  Daher  muB  er  morgens  unter- 
tauchen  in  den  physischen  Leib  und  sich  der  sinnlichen  Werkzeuge 
bedienen.  Warum  sieht  der  astralische  Leib  nichts,  wenn  er  w'ah- 
rend  des  Nachtschlafes  in  der  Geistwelt  ist?  Warum  nimmt  er  nicht 
wahr?  Aus  demselben  Grande,  warum  ein  physischer  Leib,  in  dem 
kein  Auge  und  kein  Ohr  ware,  nicht  physische  Farben  und  phy- 
sische  Tone  wahrnehmen  konnte.  Der  astralische  Leib  hat  keine 
Organe  zum  Wahrnehmen  in  der  astralischen  Welt.  Der  physische 
Leib  war  in  grauer  Vorzeit  in  derselben  Lage.  Er  hatte  auch  das 
noch  nicht,  was  sp'ater  plastisch  in  ihn  hineingearbeitet  worden  ist 
als  Ohr  und  Auge.  Die  auBeren  Elemente  und  Krafte  meiBelten 
ihn  aus,  bildeten  ihm  die  Augen  und  die  Ohren,  und  damit  wurde 
diese  Welt  fur  ihn  offenbar,  die  vorher  fur  ihn  auch  geheim  war. 
Denken  wir  uns  einmal,  es  konnte  der  astralische  Leib,  der  heute 
in  derselben  Lage  ist  wie  der  physische  Leib  friiher,  so  behandelt 
werden,  daB  man  ihm  Organe  eingliederte  in  der  Weise,  wie  das 
Sonnenlicht  die  physischen  Augen,  wie  die  tonvolle  Welt  die  phy- 
sischen Ohren  plastisch  hineingearbeitet  hat  in  die  weiche  Masse 
des  physischen  Menschenleibes.  Denken  wir  uns,  in  die  plastische 
Masse  des  Astralleibes  konnte  man  Organe  hineinarbeiten,  dann 
wiirde  der  astralische  Leib  in  dieselbe  Lage  kommen  wie  der  heu- 
tige  physische  Leib.  Darum  handelt  es  sich,  daB  man  in  diesen 
astralischen  Leib  hineinarbeitet  wie  ein  Plastiker,  der  den  Ton 
formt,  die  Wahrnehmungsorgane  fur  die  iibersinnliche  Welt.  Das 
muB  das  erste  sein.  Wenn  der  Mensch  sehend  werden  will,  muB 
sein  astralischer  Leib  so  behandelt  werden  wie  eine  Tonmasse  von 
dem  Bildhauer:  Man  muB  Organe  hineinarbeiten.  Das  war  in  der 
Tat  jederzeit  das,  was  in  den  Einweihungsschulen  und  in  den  My- 
sterien  getan  wurde.  In  den  astralischen  Leib  wurden  plastisch  die 
Organe  hineingearbeitet. 

Worin  besteht  nun  die  Tatigkeit,  durch  weiche  in  den  astra- 
lischen Leib  plastisch  hineingearbeitet  werden  die  Organe?  Es 
konnte  jemand  auf  den  Gedanken  kommen,  man  miisse  doch  diesen 
Leib  erst  vor  sich  haben,  bevor  man  die  Organe  in  ihn  hineinarbei- 


ten  kann.  Man  konnte  sagen:  Wenn  ich  den  astralischen  Leib  her- 
ausnehmen  und  vor  mir  haben  konnte,  dann  konnte  ich  die  Organe 
hineinarbeiten.  —  Das  ware  nicht  der  tichtige  Weg,  und  das  ist  vor 
alien  Dingen  nicht  der  Weg  der  modernen  Einweihung.  GewiB, 
ein  Eingeweihter,  der  imstande  ist,  in  den  geistigen  Welten  zu 
leben,  konnte,  wenn  in  der  Nacht  der  astralische  Leib  drauBen  ist, 
wie  ein  Bildhauer  hineinarbeiten  die  Organe.  Aber  das  hieBe  mit 
dem  Menschen  etwas  vornehmen,  wovon  er  selbst  nichts  weiB,  das 
hieBe  in  seine  Freiheitssphare  eingreifen,  mit  AusschlieBung  seines 
BewuBtseins.  Wir  werden  sehen,  warum  das  schon  seit  langerer 
Zeit  und  insbesondere  in  der  heutigen  Zeit  niemals  geschehen  darf. 
Deshalb  muBte  auch  schon  in  solchen  esoterischen  Schulen  wie  in 
der  pythagoraischen  oder  altagyptischen  Schule  alles  vermieden 
werden,  wodurch  die  Eingeweihten  etwa  von  auBen  gearbeitet 
hatten  an  dem  astralischen  Leib,  der  aus  dem  physischen  und  Ather- 
leibe  des  Einzuweihenden  herausgenommen  war.  Das  muBte  schon 
beim  ersten  Angreifen  der  Sache  wegbleiben.  Es  muBte  eben  der 
erste  Schritt  zur  Einweihung  unternommen  werden  am  Menschen 
in  der  ganz  gewohnlichen  physischen  Welt,  in  derselben  Welt,  wo 
der  Mensch  mit  seinen  physischen  Sinnen  wahrnimmt.  Aber  wie 
das  machen,  da  ja  doch  gerade  das  physische  Wahrnehmen,  als  es 
in  der  Erdenevolution  eintrat,  einen  Schleier  iiber  die  geistige  Welt 
gezogen  hat,  die  der  Mensch  friiher,  wenn  auch  bei  dumpfem  Be- 
wuBtsein,  hat  wahrnehmen  konnen,  wie  also  von  der  physischen 
Welt  aus  auf  den  astralischen  Leib  wirken? 

Da  mussen  wir  uns  vor  die  Seele  fiihren,  wie  es  ist  mit  diesem 
gewohnlichen  sinnlichen  Wahrnehmen  des  Tages.  Was  geschieht 
denn,  wahrend  der  Mensch  tagsiiber  wahrnimmt?  Denken  Sie  ein- 
mal  an  Ihr  tagliches  Leben,  verfolgen  Sie  es  von  Schritt  zu  Schritt. 
Bei  jedem  Schritt  dringen  Eindriicke  der  AuBenwelt  an  Sie  heran. 
Sie  nehmen  sie  wahr,  Sie  sehen,  horen,  riechen  und  so  weiter.  Die 
Eindriicke  bei  dieser  oder  jener  Arbeit  stiirmen  den  ganzen  Tag 
an  Sie  heran,  Sie  verarbeiten  sie  mit  Ihrem  Intellekt.  Der  Dichter, 
der  nicht  selbst  ein  Inspirierter  ist,  durchdringt  sie  mit  seiner  Phan- 
tasie.  Das  ist  alles  wahr.  Aber  alles  dies  kann  zunachst  nicht  dazu 


fiihren,  dafi  das  Ubersinnlkh-Geistige,  das  hinter  dem  Sinnlichen 
und  Materiellen  ist,  dem  Menschen  zum  BewuBtsein  kommt.  War- 
um  kommt  es  ihm  nicht  zum  BewuBtsein?  Weil  diese  ganze  Tatig- 
keit,  die  der  Mensch  gegeniiber  der  Umwelt  ausiibt,  dem  astra- 
lischen  Leib  des  Menschen,  so  wie  er  heute  seiner  eigentlichen 
Wesenheit  nach  ist,  nicht  entspricht.  Damals,  als  in  urferner  Ver- 
gangenheit  der  astralische  Leib,  der  dem  Menschen  eigen  war,  die 
Bilder  der  astralischen  Wahrnehmungen  aufsteigen  sah,  jene  Bilder 
von  Lust  und  Leid,  von  Sympathie  und  Antipathie,  da  waren  die 
inneren  Impulse  vorhanden,  die  geistigen  Impulse,  die  im  Men- 
schen aufsteigen  lieBen,  was  Organe  formte.  Diese  sind  ertotet  wor- 
den  damals,  als  der  Mensch  fahig  wurde,  alle  Einflusse  von  auBen 
auf  sich  zustromen  zu  lassen.  Heute  ist  es  nicht  moglich,  daB  aus 
all  den  Eindrucken,  die  der  Mensch  wahrend  des  Tages  erhalt,  im 
astralischen  Leib  etwas  bleibt,  was  bildsam,  plastisch  fur  ihn  ist. 

Der  Vorgang  des  Wahrnehmens  ist  so:  Den  ganzen  Tag  iiber 
kommen  die  Eindriicke  der  AuBenwelt  an  uns  heran.  Diese  wirken 
durch  die  physischen  Sinne  auf  den  Atherleib  und  astralischen  Leib, 
bis  sie  dem  Ich  bewuBt  werden.  Im  astralischen  Leib  driicken  sich 
die  Wirkungen  dessen  aus,  was  auf  den  physischen  Leib  ausgeiibt 
wird.  Wenn  Lichteindriicke  stattfinden,  so  empfangt  das  Auge  Ein- 
driicke. Der  Lichteindruck  gibt  einen  Eindruck  auf  den  Ather-  und 
Astralleib,  und  das  Ich  wird  sich  dieses  Eindruckes  bewuBt.  So  ver- 
halt  es  sich  auch  mit  den  Eindrucken  auf  das  Ohr  und  die  anderen 
Sinne.  Dieses  ganze  Tagesleben  wirkt  daher  den  ganzen  Tag  iiber 
auf  den  Astralkorper  ein.  Der  Astralkorper  ist  immer  tatig  unter 
der  Einwirkung  der  AuBenwelt.  Jetzt  tritt  er  abends  heraus.  Da  hat 
er  in  sich  keine  Krafte,  um  die  Eindriicke  bewuBt  werden  zu  lassen, 
die  jetzt  in  seiner  Umgebung  sind.  Die  alten  Krafte  des  Wahrneh- 
mens  in  der  urfernen  Vergangenheit  sind  ertotet  worden  beim 
ersten  Wahrnehmen  der  gegenwartigen  Sinneswelt.  In  der  Nacht 
hat  er  keine  Krafte,  weil  das  ganze  Tagesleben  ungeeignet  ist,  etwas 
im  astralischen  Leib  zuriickzulassen,  was  bildend  auf  den  Astral- 
leib wirken  konnte.  Alle  Dinge,  wie  Sie  sie  ringsherum  anschauen, 
iiben  Wirkungen  bis  auf  den  Astralleib  aus.  Aber  was  da  bewirkt 


wird,  ist  nicht  in  der  Lage,  Gestaltungen  zu  schaffen,  die  zu  astra- 
len  Organen  werden  konnten.  Das  muB  der  erste  Schritt  der  Ein- 
weihung  sein:  den  Menschen  wahrend  des  Tageslebens  etwas  tun 
zu  lassen,  in  seiner  Seele  sich  etwas  abspielen  zu  lassen,  was  fort- 
wirkt,  wenn  der  astralische  Leib  in  der  Nacht  herausgezogen  wird 
aus  dem  physischen  und  Atherleib.  Also  denken  Sie  sich,  bildlich 
gesprochen,  es  wiirde,  wahrend  der  Mensch  bei  vollem  BewuBtsein 
ist,  ihm  etwas  gegeben,  was  er  zu  tun  hatte,  was  er  abspielen  lassen 
sollte  und  was  so  gewahlt  ware,  so  gegliedert,  daB  es  nicht  aufhorte 
zu  wirken,  wenn  der  Tag  voriiber  ist.  Denken  Sie  sich  diese  Wir- 
kung  als  einen  Ton,  der  fortklingt,  wenn  der  Astralleib  heraus  ist; 
dieses  Fortklingen  waren  dann  die  Krafte,  die  nun  an  dem  astra- 
lischen  Leib  so  wirkten,  so  plastisch  arbeiteten,  wie  einstmals  die 
auBeren  Krafte  am  physischen  Korper  gearbeitet  haben.  Das  war 
immer  der  erste  Schritt  der  Einweihung:  den  Menschen  wahrend 
des  Tageslebens  etwas  tun  zu  lassen,  was  nachklingt  im  Nacht- 
leben.  Ailes  das,  was  man  genannt  hat  Meditation,  Konzentration 
und  die  sonstigen  Ubungen,  die  der  Mensch  vorgenommen  hat 
wahrend  seines  Tageslebens,  sie  sind  nichts  anderes  als  Verrichtun- 
gen  der  Seele,  die  nicht  in  ihren  Wirkungen  ersterben,  wenn  der 
Astralleib  herausgeht,  sondern  die  nachklingen  und  in  der  Nacht 
zu  bildenden  Kraften  werden  im  astralischen  Leib. 

Das  nennt  man  die  Reinigung  des  Astralleibes,  die  Reinigung 
von  dem,  was  dem  Astralleib  nicht  angemessen  ist.  Das  war  der 
erste  Schritt,  der  auch  die  Katharsis  genannt  wurde,  die  Reinigung. 
Sie  war  noch  keine  Arbeit  in  iibersinnlichen  Welten.  Sie  bestand  in 
Ubungen  der  Seele,  die  der  Mensch  tagsiiber  machte,  wie  eine 
Trainierung  der  Seele.  Sie  bestand  in  der  Aneignung  gewisser 
Lebensformen,  gewisser  Lebensgesinnungen,  einer  gewissen  Art,  das 
Leben  zu  behandeln,  so  daB  es  nachklingen  konnte,  und  das  arbei- 
tete  am  astralischen  Leib,  bis  er  sich  umgewandelt  hatte,  bis  sich 
Organe  in  ihm  entwickelt  hatten. 

Wenn  der  Mensch  so  weit  war,  daB  diese  Organe  aus  dem  astra- 
lischen Leib  herausgegliedert  waren,  dann  war  das  nachste,  daB 
alles  das,  was  so  in  den  astralischen  Leib  hineingestaltet  worden 


war,  sich  im  Atherleib  abdruckte.  Wie  sich  die  Schrift  eines 
Petschaft  abdruckt  im  Siegellack,  so  muBte  sich  alles,  was  in  den 
Astralleib  hineingearbeitet  war,  im  Atherleib  abdrucken.  Dieses 
Abdrucken  ist  der  nachste  Schritt  der  Einweihung:  Erleuchtung 
nannte  man  das.  Denn  damit  war  zu  gieicher  Zeit  ein  bedeutungs- 
voller  Moment  in  der  Einweihung  gekommen.  Da  trat  eine  geistige 
Welt  in  der  Umwelt  des  Menschen  auf ,  so  wie  vorher  die  sinnliche 
Welt  da  war.  Diese  Stufe  ist  zu  gieicher  Zeit  charakterisiert  da- 
durch,  daB  die  Vorgange  der  auBeren  geistigen  Welt  sich  nicht  so 
ausdriicken,  wie  es  die  physisch-sinnlichen  Dinge  tun,  sondern  in 
Bildern.  Die  geistige  Welt  driickt  sich  auf  dieser  Stufe  der  Erleuch- 
tung zuerst  in  Bildern  aus.  Der  Mensch  sieht  Bilder.  Denken  Sie 
an  den  alten  Eingeweihten,  von  dem  ich  gestern  angedeutet  habe, 
daB  er  die  Volksgruppenseele  gesehen  hat.  Wenn  er  so  weit  war, 
dann  sah  er  diese  Gruppenseele  zunachst  in  Bildern.  Denken  wir 
zum  Beispiel  an  einen  Eingeweihten,  wie  Ezechiel  einer  war.  Als 
die  Erleuchtung  fur  ihn  begann,  traten  ihm  geistige  Wesenheiten 
als  Volks-,  als  Gruppenseelen  entgegen.  Er  fiihlte  sich  in  ihrer 
Mitte.  Gruppenseelen  in  Form  vier  symbolischer  Tiere  traten  ihm 
entgegen. 

So  kam  in  bedeutungsvollen  Bildern  zunachst  die  geistige  Welt 
an  den  Menschen  heran.  Das  war  die  erste  Stufe.  Dann  folgte  das 
Weiterhineinleben  in  den  Atherleib.  Dem,  was  zunachst  wie  ein 
Siegelabdruck  vorhanden  war,  folgte  ein  weiteres  Hineinleben  in 
den  Atherleib.  Da  beginnt  zu  den  Bildern  hinzuzutreten  das,  was 
man  die  Spharenmusik  genannt  hat.  Die  hohere  geistige  Welt  wird 
als  Ton  wahrgenommen.  Der  hohere  Eingeweihte  beginnt,  nach- 
dem  er  durch  die  Erleuchtung  die  geistige  Welt  in  Bildern  wahr- 
genommen hat,  geistig  hinzulauschen  auf  jene  Tone,  die  fur  das 
geistige  Ohr  wahrnehmbar  sind.  Dann  kommt  man  an  die  spatere 
Umwandlung  des  Atherleibes,  und  da  tritt  uns  in  einer  noch  hohe- 
ren  Sphare  noch  etwas  anderes  entgegen.  Tone  konnen  Sie  noch 
horen,  wenn  Sie  zum  Beispiel  hier  einen  Wandschirm  haben  und 
hinter  ihm  ein  Mensch  spricht,  den  Sie  nicht  sehen.  So  etwa  ist  es 
mit  der  geistigen  Welt.  Zuerst  tritt  sie  in  Bildern  auf,  dann  tont 


sie  heriiber,  und  es  fallt  die  letzte  Hiille  weg  —  sozusagen  wie 
wenn  wir  einen  Schirm  wegtaten,  hinter  dem  der  Mensch  steht 
und  spricht:  Wir  sehen  den  Menschen  selbst  — :  Wir  sehen  die  gei- 
stige  Welt  selbst,  die  Wesen  der  geistigen  Welt.  Zuerst  nehmen  wir 
wahr  die  Bilder,  dann  die  Tone,  dann  die  Wesen  und  endlich  das 
Leben  dieser  Wesen.  Man  kann  ja  ohnedies  das,  was  als  Bilder  in 
der  sogenannten  imaginativen  Welt  ist,  nur  andeuten,  indem  man 
Bilder  aus  der  sinnlichen  Welt  als  Symbole  gebraucht.  Man  kann 
nur  eine  Vorstellung  von  der  Spharenharmonie  geben  durch  Ver- 
gleiche  mit  der  sinnlichen  Musik.  Was  laBt  sich  nun  vergleichen 
mit  dem  wesenhaften  Ausdruck  auf  der  dritten  Stufe?  Damit  laBt 
sich  nur  vergleichen  das,  was  heute  das  Innerste  des  Menschen  aus- 
macht,  sein  Wirken  im  Sinne  des  gottlichen  Weltenwollens.  Wirkt 
der  Mensch  im  Sinne  des  Willens  jener  geistigen  Wesenheiten,  die 
unsere  Welt  vorwartsbringen,  dann  wird  das  Wesen  in  ihm  diesen 
Wesen  ahnlich  werden,  dann  wird  er  wahrnehmen  in  dieser  Sphare. 
Das,  was  in  ihm  widerstrebt  der  Weltenevolution,  was  die  Welt 
zunickhalt  in  ihrem  Fortschritt,  das  nimmt  er  wahr  als  etwas,  was 
ausgeschaltet  werden  muB  in  dieser  Welt,  was  wie  eine  letzte  Hulle 
fallen  muB. 

So  nimmt  der  Mensch  erst  eine  Bilderwelt  wahr  als  den  sym- 
bolischen  Ausdruck  der  geistigen  Welt,  dann  eine  Welt  der  Spharen- 
harmonie als  den  symbolischen  Ausdruck  einer  hoheren  geistigen 
Sphare,  dann  eine  Welt  von  geistigen  Wesenheiten,  von  denen  er 
heute  nur  dadurch  sich  eine  Vorstellung  machen  kann,  daB  er  sie 
mit  dem  Innersten  seines  eigenen  Wesens  vergleicht,  mit  dem,  was 
in  ihm  wirkt  im  Sinne  der  guten  Krafte  oder  aber  im  Sinne  der 
bosen  geistigen  Krafte. 

Diese  Stufen  macht  der  Einzuweihende  durch  und  diese  Stufen 
sind  getreulich  abgebildet  in  der  Apokalypse  des  Johannes.  Aus- 
gegangen  wird  da  von  der  physischen  Welt.  Gesagt  wird  dasjenige, 
was  zunachst  zu  sagen  ist  mit  den  Mitteln  der  physischen  Welt,  in 
den  sieben  Briefen.  Was  man  innerhalb  der  physischen  Kultur  tun 
will,  was  man  denen  sagen  will,  die  in  der  physischen  Welt  wirken, 
man  sagt  es  ihnen  in  Briefen.  Denn  das  Wort,  das  im  Briefe  aus- 


gedriickt  wird,  das  kann  innerhalb  der  sinnlichen  Welt  seine  Wir- 
kung  tun.  Die  erste  Stufe  gibt  Symbole,  die  bezogen  werden  miis- 
sen  auf  das,  was  sie  in  der  geistigen  Welt  ausdriicken:  Nach  den 
sieben  Briefen  kommt  die  Welt  der  sieben  Siegel,  die  Welt  der 
Bilder,  der  ersten  Stufe  der  Einweihung.  Dann  kommt  die  Welt  der 
Spharenharmonie,  die  Welt,  wie  sie  derjenige  wahrnimmt,  der  gei- 
stig  horen  kann.  Sie  ist  dargestellt  in  den  sieben  Posaunen.  Die 
nachste  Welt,  wo  der  Eingeweihte  Wesenheiten  wahrnimmt,  ist 
dargestellt  durch  das,  was  als  Wesenheiten  auf  dieser  Stufe  auftritt 
und  was  abstreift  die  Schalen  der  Krafte,  die  den  guten  gegenteilig 
sind.  Das  Gegenteil  der  gottlichen  Liebe  ist  der  gottliche  Zorn.  Die 
wahre  Gestalt  der  gottlichen  Liebe,  die  die  Welt  vorwartsbringt, 
wird  in  dieser  dritten  Sphare  wahrgenommen  von  denen,  die  fur 
die  physische  Welt  abgestreift  haben  die  sieben  Zornesschalen. 

So  wird  der  Einzuweihende  stufenweise  hinaufgeftihrt  die  Ein- 
weihungsspharen.  In  den  sieben  Briefen  der  Apokalypse  des  Johan- 
nes haben  wir  das,  was  den  sieben  Kategorien  der  physischen  Welt 
gehort,  in  den  sieben  Siegeln,  was  der  astralisch-imaginativen  Welt 
gehort,  in  den  sieben  Posaunen  das,  was  der  devachanischen  hohe- 
ren  Welt  gehort,  und  in  den  sieben  Zornesschalen  das,  was  ab- 
geworfen  werden  muB,  wenn  der  Mensch  sich  erheben  will  in  das 
hochste  Geistige,  das  zunachst  fur  unsere  Welt  zu  erreichen  ist, 
weil  dieses  hochste  Geistige  noch  mit  unserer  Welt  zusammenhangt. 

Nur  die  auBere  Struktur  wollten  wir  heute  hinstellen  von  dem, 
was  die  Apokalypse  des  Johannes  ist.  Fliichtige  und  wenige  Striche 
sind  es,  die  uns  hindeuten  konnten  darauf,  daB  die  Apokalypse  ein 
Einweihungsbuch  ist.  Morgen  werden  wir  daran  gehen,  die  ersten 
Schritte  zur  Ausfiihrung  dieser  fiuchtigen  Zeichnung  zu  machen. 


ZWEITER  VORTRAG 
Niirnberg,  19Juni  1908 


In  einer  Art  Einleitung  haben  wir  gestern  den  Geist  der  Apo- 
kalypse des  Johannes  im  allgemeinen  charakterisiert.  Wir  versuch- 
ten  einige  groBe  Richtlinien  hinzustellen,  durch  die  uns  kiarwerden 
kann,  daB  in  dieser  Apokalypse  dasjenige  geschildert  ist,  was  man 
nennen  kann  eine  christliche  Einweihung  oder  eine  christliche 
Initiation.  Es  wird  heute  meine  Aufgabe  sein,  Ihnen  das  Wesen 
der  Einweihung  oder  Initiation  im  allgemeinen  darzustellen,  Ihnen 
zu  schildern,  was  vorgeht  im  Menschen,  wenn  er  durch  die  Ein- 
weihung in  die  Lage  versetzt  werden  soil,  selber  hineinzuschauen 
in  jene  geistigen  Welten,  die  hinter  den  sinnlichen  Welten  liegen, 
und  es  wird  ferner  meine  Aufgabe  sein,  in  einigen  groBeren  Ziigen 
zu  schildern,  welcher  Art  die  Erlebnisse  innerhalb  der  Einweihung 
sind.  Denn  nur  dadurch,  daB  wir  uns  ein  wenig  genauer  einlassen 
auf  das  Wesen  der  Einweihung,  nur  dadurch  konnen  wir  diese 
bedeutende  religiose  Urkunde  der  Apokalypse  nach  und  nach  zu 
unserem  Verstandnis  bringen. 

Zunachst  mussen  wir  noch  einmal  die  beiden  BewuBtseins- 
zustande  des  Menschen  genau  betrachten,  also  jenen  BewuBtseins- 
zustand,  der  vom  Morgen,  wenn  der  Mensch  aufwacht,  dauert  bis 
zum  Abend,  wenn  er  einschlaft,  und  den  anderen  BewuBtseins- 
zustand,  der  mit  dem  Einschlafen  beginnt  und  mit  dem  Aufwachen 
endigt.  Wir  haben  uns  oft  vor  die  Seele  gefiihrt,  daB  der  Mensch, 
so  wie  er  uns  in  seiner  heutigen  Gestalt  entgegentritt,  zunachst  eine 
vierfache  Wesenheit  ist,  daB  er  besteht  aus  dem  physischen  Leib, 
dem  Atherleib,  dem  astralischen  Leib  und  dem  Ich.  In  der  auBeren 
Form  erscheinen  dem  hellsehenden  BewuBtsein  diese  vier  Glieder 
so,  daB  zunachst,  wie  eine  Art  Kern,  in  der  Mitte  der  physische 
Menschenleib  ist.  Lassen  Sie  uns  nur  ganz  schematisch  die  Sache 
vor  unsere  Augen  stellen  (es  wird  gezeichnet).  Dieser  physische 
Leib  ist  durchdrungen  wahrend  des  Tages  von  dem  sogenannten 


Atherleib,  der  nur  ganz  wenig,  zunachst  urn  den  Kopf  herum,  wie 
ein  heller  Lichtschein  hervorragt,  der  aber  den  Kopf  ganz  durch- 
dringt.  Weiter  nach  unten  wird  der  Ather-  oder  Lebensleib  immer 
nebelhafter  und  undeutlicher,  und  je  mehr  wir  uns  den  unteren 
Gliedern  des  Menschen  nahern,  desto  weniger  zeigt  er  die  Form 
des  physischen  Leibes  in  so  strengem  Sinne. 

Diese  zwei  Glieder  der  menschlichen  Wesenheit  sind  nun 
wiederum  bei  Tage  eingehiillt  von  dem,  was  wir  den  astralischen 
Leib  nennen,  der  nach  alien  Seiten  wie  ein  Ellipsoid,  wie  eine  Ei- 
form  herausragt  und  in  seiner  Grundform  leuchtende  Strahlen  hat, 
die  eigentlich  so  aussehen,  wie  wenn  sie  von  auBen  nach  innen 
laufen  und  von  auBen  nach  innen  den  Menschen  durchdringen 
wiirden.  In  diesen  Astralleib  sind  hineingezeichnet  eine  Unsumme 
von  verschiedenerlei  Figuren,  alle  moglichen  Arten  von  Linien 
und  Strahlen,  manche  blitzartig,  manche  in  sonderbaren  Windun- 
gen.  Das  alles  umgibt  in  den  mannigfaltigsten  Lichterscheinungen 
den  Menschen.  Der  astralische  Leib  ist  der  Ausdruck  seiner  Leiden- 
schaften,  seiner  Instinkte,  Triebe  und  Begierden,  aber  auch  aller 
seiner  Gedanken  und  Vorstellungen.  In  diesem  astralischen  Leib 
sieht  das  hellseherische  BewuBtsein  alles  abgebildet,  was  man  see- 
lische  Erlebnisse  nennt,  von  dem  niedersten  Triebe  an  bis  hinauf 
zum  hochsten  sittlichen  Ideale.  Und  dann  haben  wir  das  vierte 
Glied  der  menschlichen  Wesenheit,  das  man  so  zeichnen  mochte, 
als  ob  etwas  Strahlen  hereinsendet  an  den  Punkt,  der  etwa  einen 
Zentimeter  hinter  der  Stirne  liegt.  Das  wiirde  die  schematische  Dar- 
stellung  des  viergliedrigen  Menschen  sein.  Wir  werden  im  Laufe 
dieser  Vortrage  sehen,  wie  sich  die  einzelnen  Teile  im  Ganzen  aus- 
nehmen. 

Das  also  ist  der  Mensch  wahrend  des  Tages,  vom  Morgen,  wenn 
er  aufwacht,  bis  zum  Abend,  wenn  er  einschlaft.  Abends  nun,  wenn 
er  einschlaft,  bleiben  im  Bette  liegen  der  physische  und  der  Ather- 
leib, und  es  zeigt  sich  eine  Art  Herausstromen  dessen,  was  wir  als 
den  astralischen  Leib  bezeichnet  haben.  Das  « Herausstromen »  ist 
etwas  ungenau  ausgedriickt.  Eigentlich  ist  es,  wie  wenn  eine  Art 
Nebel  sich  bildete,  so  daB  wir  also  in  der  Nacht  den  aus  dem  phy- 


sischen  und  atherischen  Leib  herausgegangenen  astralischen  Leib 
wie  eine  Art  von  spiraligem  Nebel  um  den  Menschen  herum  sehen, 
wahrenddem  das  vierte  Glied  der  menschlichen  Wesenheit  nach 
der  einen  Seite  hin  fast  ganz  verschwindet,  das  heiBt  ins  Un- 
bestimmte  verlauft.  Der  nach  unten  verlaufende  Teil  des  Astral- 
leibes  ist  nur  sehr  schwach  zu  sehen,  der  obere  Teil  wird  als  der 
herausgetretene  astralische  Leib  angesprochen. 

Nun  haben  wir  schon  gestern  betont,  was  fur  den  Menschen  zu 
geschehen  hat,  wenn  er  die  Einweihung  empfangen  soil.  Wenn  der 
Mensch  sich  nur  mit  dem  beschaftigt,  womit  sich  die  Menschen  in 
unserem  Zeitalter  gemeiniglich  befassen,  so  kann  er  keine  Ein- 
weihung erhalten.  Der  Mensch  muB  so  vorbereitet  werden,  daB  er 
wahrend  des  gewohnlichen  Tageslebens  jene  Ubungen  macht,  die 
ihm  von  den  Eingeweihtenschulen  vorgeschrieben  werden,  Medi- 
tation, Konzentration  und  so  weiter.  Diese  Ubungen  sind  im 
Grunde  genommen  in  bezug  auf  ihre  Bedeutung  fur  den  Menschen 
bei  alien  Einweihungsschulen  dieselben.  Sie  sind  nur  insofern  ein 
wenig  voneinander  verschieden,  als  sie,  je  weiter  wir  zuriickgehen 
in  die  vorchristlichen  Einweihungsschulen,  mehr  darauf  gerichtet 
sind,  das  Denken,  die  Denkkrafte  zu  iiben,  zu  trainieren.  Je  mehr 
wir  uns  den  christlichen  Zeiten  nahern,  desto  mehr  sind  sie  dar- 
auf gerichtet,  die  Gemiitskr'afte  zu  schulen,  und  je  naher  wir  den 
neueren  Zeiten  kommen,  desto  mehr  sehen  wir,  wie  in  den  so- 
genannten  Rosenkreuzerschulungen,  durch  die  Forderungen  und 
Bediirfnisse  der  Menschheit  bedingt,  eine  besondere  Art  der  Wil- 
lenskultur,  der  Willensiibungen  eingefiihrt  wird.  Wenn  auch  die 
Meditationen  zunachst  ahnliche  sind  wie  in  den  anderen  vorchrist- 
lichen Schulen,  so  herrscht  doch  iiberall  auf  dem  Grunde  der  Rosen- 
kreuzeriibungen  eine  besondere  Schulung  des  Willenselementes. 
Worauf  es  aber  ankommt  und  was  ebenso  erreicht  wurde  durch  die 
Ubungen  der  orientalischen  Mysterienschulung,  wie  bei  der  agyp- 
tischen  und  der  pythagoraischen  Schule  und  so  weiter,  und  was 
auch  die  Wirkung  jener  Ubungen  ausmacht,  die  vorzugsweise 
von  der  Meditation  des  Johannes-Evangeliums  ausgehen,  das  ist, 
daB  auf  den  Menschen  wahrend  des  Tageslebens,  wenn  auch  nur 


durch  kurze  Zeit,  meinetwegen  nur  fiinf  oder  fiinfzehn  Minuten, 
so  gewirkt  wird,  daB  die  Wirkung  auch  dann  bleibt,  wenn  jener 
Zustand  beim  schlafenden  Menschen  eintritt,  wo  der  astralische 
Leib  herausgeht.  Bei  einem  Menschen,  der  solche,  sagen  wir, 
okkulte  Ubungen  macht,  bei  dem  zeigt  nach  und  nach  der  astra- 
lische Leib  in  der  Nacht  die  mannigfaltigsten  Veranderungen.  Er 
weist  andere  Lichterscheinungen  auf,  er  zeigt  jene  plastische  Glie- 
derung  der  Organe,  von  der  wir  schon  gesprochen  ha  ben;  und  dann 
wird  das  immer  deutlicher  und  deutlicher.  Der  astralische  Leib 
bekommt  nach  und  nach  eine  innere  Organisation,  wie  sie  der  phy- 
sische  Leib  in  seinen  Augen,  Ohren  und  so  weiter  hat. 

Das  wiirde  aber  noch  immer  nicht  dahin  fxihren,  viel  zu  schauen, 
insbesondere  nicht  beim  heutigen  Menschen.  Allerdings,  einiges 
nimmt  der  Mensch  schon  wahr,  wenn  seine  inneren  Organe  eine 
Weile  ausgebildet  sind.  Dann  beginnt  er,  wahrend  des  Schlafes  ein 
BewuBtsein  zu  haben.  Geistige  Umwelten  dammern  heraus  aus  der 
sonstigen  allgemeinen  Finsternis.  Was  da  der  Mensch  wahrnehmen 
kann,  was  namentlich  in  den  alteren  Zeiten  der  Mensch  wahr- 
genommen  hat,  denn  heute  ist  es  schon  seltener,  das  sind  wunder- 
bare  Bilder  pflanzlichen  Lebens.  Das  sind  die  primitivsten  Er- 
rungenschaften  des  Hellsehertums.  Wo  friiher  nur  die  Finsternis 
der  BewuBtlosigkeit  war,  steigt  etwas  wie  ein  traumhaft  Leben- 
diges,  aber  Wirkliches  von  einer  Art  Pflanzengebilde  auf.  Und  vie- 
les  von  dem,  was  Ihnen  geschildert  ist  in  den  Mythologien  der 
alten  Volker,  ist  auf  diese  Art  gesehen  worden.  Wenn  geschildert 
wird  in  Sagen,  daB  Wotan,  Wile  und  We  einen  Baum  am  Strande 
fanden  und  daB  sie  daraus  den  Menschen  gebildet  haben,  so  weist 
das  darauf  hin,  daB  es  zuerst  in  einem  solchen  Bilde  geschaut  wor- 
den ist.  In  alien  Mythologien  konnen  Sie  diese  primitive  Art  des 
Schauens,  des  pflanzlichen  Schauens  wahrnehmen.  Die  Schilderung 
eines  solchen  Schauens  ist  auch  das  Paradies,  namentlich  mit  seinen 
beiden  Baumen  der  Erkenntnis  und  des  Lebens;  das  ist  das  Ergeb- 
nis  dieses  astralischen  Schauens.  Und  nicht  umsonst  wird  Ihnen  in 
der  Genesis  selber  angedeutet,  daB  das  Paradies  und  das,  was  iiber- 
haupt  in  dem  Beginn  der  biblischen  Darstellung  geschildert  wird, 


geschaut  worden  ist.  Man  muB  nur  erst  die  Bibel  lesen  lernen,  dann 
wird  man  schon  verstehen,  wie  tief  und  bedeutsam  sie  diesen 
geheimnisvollen  Zustand  festhalt  in  ihren  Schilderungen.  So  wie 
man  heute  lehrt  iiber  das  Paradies,  iiber  den  Beginn  der  Bibel,  hat 
man  friiher  nicht  gelehrt.  Da  hat  man  hingewiesen  darauf:  Adam 
verflel  in  einen  Schlaf  —  und  das  war  jener  Schlaf,  so  sagte  man 
den  ersten  Christen,  in  welchem  Adam  riickschauend  die  Erschei- 
nungen  wahrnahm,  die  im  Beginne  der  Genesis  geschildert  werden. 
Erst  heute  glaubt  man,  daB  solche  Worte  wie  «Adam  verfiel  in 
einen  Schlaf »  zufallig  dastehen.  Sie  stehen  nicht  zufallig  da.  Jedes 
Wort  in  der  Bibel  ist  von  einer  tiefen  Bedeutung,  und  erst  derjenige 
kann  die  Bibel  verstehen,  der  jedes  einzelne  Wort  zu  wiirdigen  weiB. 

Das  ist  also  das  Erste.  Dann  aber  muBte  in  den  vorchristlichen 
Mysterien  noch  etwas  Besonderes  eintreten.  Wenn  der  Mensch  also 
lange  Zeit  hindurch  —  und  das  dauerte  sehr  lange  —  seine  Ubungen 
gemacht  hatte,  wenn  er  das  ungefahr  aufgenommen  hatte,  was 
notig  war,  urn  Ordnung  zu  schaflen  in  seiner  Seele,  wenn  er  in  sich 
aufgenommen  hatte  das,  was  wir  etwa  heute  Anthroposophie  nen- 
nen,  dann  wurde  er  zuletzt  der  eigentlichen  alten  Initiation  teil- 
haftig.  Worin  bestand  diese  alte  Einweihung? 

Es  geniigt  nicht,  daB  im  astralischen  Leib  die  Organe  ausgebildet 
werden.  Sie  miissen  sich  abdrucken  im  Atherleib.  Wie  das  Petschaft 
seine  Buchstaben  abdruckt  im  Siegellack,  so  miissen  die  Organe  des 
astralischen  Leibes  abgedruckt  werden  im  Atherleib.  Zu  diesem 
Zwecke  wurde  in  alten  Einweihungen  der  einzuweihende  Schiiier 
in  eine  ganz  besondere  Lage  gebracht.  Er  wurde  namlich  drei- 
einhalb  Tage  hindurch  in  einen  todahnlichen  Zustand  gebracht. 
Wir  werden  immer  mehr  erkennen,  daB  jener  Zustand  heute  nicht 
mehr  durchgefiihrt  werden  kann  und  darf,  sondern  daB  man  jetzt 
andere  Mittel  der  Einweihung  hat.  Ich  schildere  jetzt  die  vorchrist- 
liche  Einweihung.  In  dieser  wurde  der  Einzuweihende  durch  drei- 
einhalb  Tage  von  dem,  der  das  verstand,  in  einen  todahnlichen  Zu- 
stand gebracht.  Entweder  wurde  er  in  eine  Art  kleinen  Gemaches 
gelegt,  in  eine  Art  Grab.  Da  ruhte  er  in  einem  Zustand  von  Todes- 
schlaf.  Oder  aber  er  wurde  in  einer  besonderen  Lage  an  ein  Kreuz 


gebunden  mit  ausgestreckten  Handen,  denn  das  fordert  das  Ein- 
treten  jenes  Zustandes,  den  man  erzielen  wollte. 

Wir  wissen  aus  den  mannigfaltigsten  Vortragen,  daB  der  Tod 
beim  Menschen  dadurch  eintritt,  daB  der  Atherleib  mit  dem  astra- 
lischen  Leib  und  dem  Ich  herausgeht  und  nur  der  physische  Leib 
zuriickbleibt.  Da  tritt  etwas  im  Tode  ein,  was  niemals  sonst  zwi- 
schen  Geburt  und  Tod  im  regelmaBigen  Verlauf  des  Lebens  ein- 
getreten  ist.  Der  Atherleib  hat  niemals,  audi  im  tiefsten  Schlafe 
nicht,  den  physischen  Leib  verlassen,  sondern  war  immer  darinnen. 
Im  Tode  verl'aBt  der  Atherleib  den  physischen  Leib.  Wahrend 
jenes  todesahnlichen  Zustandes  nun  verlieB  wenigstens  ein  Teil  des 
Atherleibes  auch  den  physischen  Leib,  so  daB  also  ein  Teil  des 
Atherleibes,  der  sonst  darinnen  war,  in  diesem  Zustand  sich  drauBen 
befand.  Man  schildert  das,  wie  Sie  wissen,  in  mehr  exoterischen 
Vortragen  dadurch,  daB  man  sagt,  der  Atherleib  werde  heraus- 
gezogen.  Das  ist  nicht  eigentlich  der  Fall.  Aber  diese  feinen  Unter- 
scheidungen  konnen  wir  erst  jetzt  machen.  So  also  haben  wir  wah- 
rend dieser  dreieinhalb  Tage,  wahrend  welcher  der  Priester-Initiator 
den.  Einzuweihenden  wohl  iiberwachte,  den  Menschen  in  einem 
Zustande,  daB  nur  sein  unterer  Teil  mit  dem  Atherleib  vereinigt 
war.  Das  ist  der  Moment,  wo  sich  der  astralische  Leib  mit  all  dem, 
was  er  an  Organen  in  sich  ausgebildet  hat,  abdruckt  im  Atherleibe. 
In  diesem  Moment  tritt  die  Erleuchtung  ein.  Wenn  der  Einzu- 
weihende  nach  dreieinhalb  Tagen  erweckt  wurde,  dann  war  bei 
ihm  das  eingetreten,  was  man  die  Erleuchtung  nennt,  dasjenige, 
was  folgen  muBte  auf  die  Reinigung,  die  bloB  in  der  Ausbildung 
der  Organe  des  astralischen  Leibes  besteht.  Jetzt  war  der  Schiiler 
ein  Wissender  in  der  geistigen  Welt.  Was  er  friiher  gesehen  hatte, 
war  nur  eine  Vorstufe  des  Schauens.  Diese  Welt,  die  aus  einer  Art 
von  Gebilden  bestand,  die  vorzugsweise  Pflanzen  nachbildete,  sie 
erganzte  sich  jetzt  durch  wesentlich  neue  Gebilde. 

Nun  kommen  wir  dahin,  genauer  zu  charakterisieren,  was  der 
Eingeweihte  anting  zu  schauen.  Jetzt,  wo  er  bis  zur  Erleuchtung 
gefuhrt  war,  da  war  es  ihm  klar,  wenn  er  erweckt  wurde,  daB  er 
etwas  gesehen  hatte,  was  er  vorher  niemals  in  sein  Wissen  hatte 


aufnehmen  konnen.  Was  hatte  er  denn  gesehen?  Was  konnte  er 
sich  in  gewisser  Beziehung  als  bedeutsames  Erinnerungsbild  seines 
Schauens  vor  die  Seele  rufen?  Wenn  wir  uns  klarmachen  wollen, 
was  der  Betreffende  gesehen  hatte,  dann  miissen  wir  ein  wenig  hin- 
blicken  auf  die  Entwickelung  des  Menschen.  Wir  miissen  uns  erin- 
nern,  daB  erst  allmahlich  der  Mensch  jenen  Grad  individuellen 
BewuBtseins  bekommen  hatte,  den  er  heute  hat.  DaB  er  in  einer 
solchen  Weise  zu  sich  Ich  sagen  kann,  wie  er  es  heute  tut,  das  war 
nicht  immer  der  Fall.  Wir  brauchen  nur  zuriickzugehen  in  die  Zeit, 
als  die  Cherusker,  Heruler  und  so  weiter  in  den  Gegenden  wohn- 
ten,  wo  heute  die  Deutschen  leben.  Da  fuhlte  sich  der  einzelne 
nicht  als  Einzelmenschen-Ich,  sondern  als  Glied  seines  Stammes. 
Wie  die  Finger  sich  nicht  fiihlen  als  etwas  fur  sich  Bestehendes,  so 
fuhlte  der  einzelne  Cherusker  nicht  in  der  Weise,  daB  er  zu  sich 
unbedingt  Ich  sagte.  Das  Ich  war  das  Ich  des  ganzen  Stammes.  Der 
Stamm  stellte  einen  Organismus  dar,  und  zusammengehorige  Grup- 
pen  von  Menschen,  die  in  der  Blutsverwandtschaft  verbunden 
waren,  hatten  sozusagen  eine  gemeinschaftliche  Ich-Seele.  Wie 
heute  Ihre  zwei  Arme  zu  Ihrem  Ich  gehoren,  so  waren  Sie  selbst 
Glieder  einer  groBeren  Gemeinschaft  in  jenen  Zeiten. 

Das  ist  ja  noch  deutlich  ausgesprochen  bei  dem  Volke,  das  sich 
bekennt  zum  Alten  Testamente.  Da  fuhlte  sich  als  ein  Glied  des 
Volkes  jeder  einzelne.  Es  ist  so,  daB  der  einzelne  nicht  im  hochsten 
Sinne  von  sich  sprach,  wenn  er  das  gewohnliche  Ich  aussprach, 
sondern  daB  er  etwas  Tieferes  fuhlte,  wenn  er  sagte:  «Ich  und  der 
Vater  Abraham  sind  eins.»  Denn  fur  ihn  ging  bis  Abraham  hinauf 
ein  gewisses  Ich-BewuBtsein,  das  durch  alle  Generationen  von 
Abraham  bis  zum  einzelnen  herunterkam.  Was  blutsverwandt  war, 
das  war  in  einem  Ich  beschlossen.  Es  war  wie  eine  gemeinsame  Ich- 
Gruppenseele,  die  das  ganze  Volk  umfaBte,  und  diejenigen,  die  die 
Dinge  durchschauten,  sagten  sich:  Das,  was  wirklich  unser  inner- 
stes,  unvergangliches  Wesen  ausmacht,  das  wohnt  nicht  im  einzel- 
nen, das  wohnt  im  ganzen  Volke.  Alle  einzelnen  Glieder  gehoren 
zu  diesem  gemeinsamen  Ich.  —  Daher  war  sich  auch  jeder  solcher 
Bekenner  klar:  Stirbt  er,  dann  vereinigt  er  sich  mit  einer  unsicht- 


baren  Wesenheit,  die  hinaufgeht  bis  zum  Vater  Abraham.  Wirklich 
fiihlte  der  einzelne,  daB  er  hinaufkam  in  den  SchoB  Abrahams.  Da 
fiihite  er  sich  wie  im  Unverganglichen  geborgen  in  der  Gruppen- 
seele  des  Volkes.  Diese  Gruppenseele  des  ganzen  Volkes  konnte 
nicht  heruntersteigen  auf  den  physischen  Plan.  Da  sahen  sie  nur 
einzelne  Menschengestalten.  Aber  die  waren  ihnen  nicht  die  Wirk- 
lichkeit,  sondern  die  Wirklichkeit  war  in  der  geistigen  Welt.  Sie 
ahnten,  daB  das,  was  durch  das  Blut  flieBt,  das  Gottliche  sei.  Und 
weil  sie  den  Gott  sehen  muBten  in  Jehova,  nannten  sie  dieses  Gott- 
liche Jahve,  oder  audi  sein  Antlitz:  Michael.  Als  geistige  Gruppen- 
seele des  Volkes  betrachteten  sie  Jahve. 

Der  einzelne  Mensch  hier  konnte  diese  geistigen  Wesenheken 
nicht  sehen.  Der  Eingeweihte,  der  den  groBen  Moment  erlebte,  wo 
der  astralische  Leib  in  den  Atherleib  hineingedruckt  wurde1,  der 
bekam  zuerst  die  wichtigsten  Gruppenseelen  zu  schauen.  Wenn  wir 
namlich  zuriickschauen  in  die  alten  Zeiten  der  Menschheit,  so  fin- 
den  wir  uberall,  daB  das  gegenwartige  Ich  sich  herausentwickelt 
hat  aus  solchem  GruppenbewuBtsein,  Gruppen-Ich,  so  daB  fur  den 
Seher,  wenn  er  zuriickschaut,  die  einzelnen  Menschen  immer  mehr 
zusammenstromen  in  die  Gruppenseelen.  Nun  gibt  es  hauptsach- 
lich  vier  Typen  von  Gruppenseelen,  vier  Urbilder  von  Gruppen- 
seelen. Wenn  man  alle  verschiedenen  Gruppenseelen  der  verschie- 
denen  Seelen  nimmt,  so  haben  sie  eine  gewisse  Ahnlichkeit,  aber 
auch  Verschiedenheiten.  Teilt  man  sie  ein,  so  erhalt  man  vier  Grup- 
pen,  vier  Urbilder.  Man  bekommt  sie  deutlich  zu  sehen,  wenn  man 
hellseherisch  zuriickschaut  in  jene  Zeit,  als  der  Mensch  noch  nicht 
im  Fleische  war,  noch  nicht  herabgestiegen  war  auf  die  Efde.  Denn 
jetzt  miissen  wir  uns  genauer  darstellen  den  Moment,  wo  der 
Mensch  herabgestiegen  ist  ins  Fleisch  aus  den  geistigen  Regionen. 
Wir  konnen  diesen  Moment  nur  in  groBen  Symbolen  schildern. 

Einmal  gab  es  eine  Zeit,  wo  unsere  Erde  eine  viel  weichere 
Materie  hatte  als  heute,  wo  noch  nicht  Fels  und  Stein  so  verfestigt 
waren  wie  heute,  wo  die  Pflanzenformen  noch  anders  aussahen,  wo 
das  Ganze  wie  ein  Urmeer  in  Wasserhohlen  eingebettet  war,  wo 
Luft  und  Wasser  nicht  geschieden  waren,  wo  von  all  den  Wesen, 


die  heute  auf  der  Erde  wohnen,  Tiere  und  Pflanzen  im  Wasser  aus- 
gebildet  waren.  Als  die  mineralischen  Wesen  anfingen  ihre  heutige 
Form  zu  bekommen,  da  konnte  man  sagen:  Der  Mensch  trat  aus 
der  Unsichtbarkeit  hervor.  So  stellte  er  sich  dem  Einzuweihenden 
dar.  AuBen  mit  einer  Art  von  Schale  umgeben,  stieg  er  aus  den 
Regionen  herunter,  die  heute  die  Luftregionen  sind.  Der  Mensch 
war  noch  nicht  dicht  physisch  da,  als  das  Tier  schon  im  Fleisch 
vorhanden  war.  Er  war  eine  feine  Luftwesenheit,  selbst  in  den 
lemurischen  Zeiten  noch.  Und  er  hat  sich  so  herausgegliedert,  daB 
sich  das  hellseherische  Bild  darstellt  mit  den  vier  Gruppenseelen: 
auf  der  einen  Seite  wie  ein  Lowenbild,  auf  der  anderen  wie  das 
Bild  eines  Stieres,  oben  wie  das  eines  Adlers,  und  in  der  Mitte 
unten  etwas,  was  schon  menschenahnlich  ist.  So  zeigt  sich  das  hell- 
seherische Bild.  So  kommt  aus  dem  Dunkel  des  Geisterlandes  her- 
aus  der  Mensch.  Und  das,  was  ihn  an  Kraft  ausgebildet  hat,  das 
erscheint  in  einer  Art  Regenbogenbildung.  Die  mehr  physischen 
Krafte  umgeben  die  ganze  Bildung  dieses  Menschen  wie  ein  Regen- 
bogen.  —  Man  muB  auf  den  verschiedensten  Gebieten  und  in  der 
verschiedensten  Weise  dieses  Menschwerden  schildern.  Jetzt  wird 
es  geschildert,  wie  es  dem  Forscher  im  Ruckblick  erscheint:  wie 
diese  vier  Gruppenseelen  sich  herausgestaltet  haben  aus  dem 
gemeinsamen  Gottlich-Menschlichen,  das  heruntersteigt.  Man  hat 
von  jeher  diesen  Moment  symboiisch  in  die  Form  gebracht,  die  Sie 
auf  dem  zweiten  der  sogenannten  sieben  okkulten  Siegel  dargestellt 
finden.  Das  ist  die  symbolische  Darstellung,  sie  ist  aber  mehr  als 
ein  bloBes  Symbolum.  Da  haben  Sie  herauskommend  aus  dem 
unbestimmten  Geistigen  diese  vier  Gruppenseelen,  den  Regen- 
bogen  ringsherum  und  eine  Zwolfzahl.  Wir  miissen  auch  verstehen, 
was  diese  Zwolfzahl  bedeutet. 

Wenn  Sie  das  herauskommen  sehen,  was  eben  geschildert  wor- 
den  ist,  so  haben  Sie  hellseherisch  das  Gefuhl:  Das  ist  von  etwas 
umgeben,  was  ganz  anderer  Wesenheit  und  Art  ist  als  das,  was  da 
heraustritt  aus  dem  unbestimmten  Geistigen.  Und  das,  wovon  es 
umgeben  ist,  das  symbolisierte  man  in  alten  Zeiten  in  dem  Tier- 
kreis,  in  den  zwolf  Zeichen  des  Tierkreises.  —  Der  Moment  des  Ein- 


tretens  in  das  Hellsehen  ist  noch  mit  mancherlei  anderen  Erlebnis- 
sen  verkniipft.  Das  erste,  was  der,  dessen  Atherleib  heraustritt, 
wahrnimmt,  ist:  er  kommt  sich  vor,  wie  wenn  er  groBer  und  groBer 
wiirde  und  sich  ausdehnte  iiber  das,  was  er  da  wahrnimmt.  Es 
kommt  der  Moment,  wo  der  Eingeweihte  sich  sagt:  Ich  sehe  nicht 
bloB  diese  vier  Gestalten,  sondern  ich  bin  da  drinnen,  ich  habe 
mein  Wesen  dariiber  ausgedehnt.  —  Er  identifiziert  sich  damit.  Er 
nimmt  das  wahr,  was  durch  die  zwolf  Sternbilder,  durch  die  Zwolf- 
zahl  symbolisiert  wird.  Was  sich  da  ausdehnt  ringsherum  um  das, 
was  sich  enthiillt,  das  werden  wir  am  besten  verstehen,  wenn  wir 
uns  wieder  daran  erinnern,  daB  unsere  Erde  friihere  Verkorperun- 
gen  durchgemacht  hat.  Wir  wissen  ja:  Bevor  die  Erde  Erde  wurde, 
ging  sie  durch  den  Zustand  des  Saturns,  dann  durch  den  der  Sonne, 
dann  durch  den  des  Mondes,  und  dann  erst  wurde  sie  Erde  im  heu- 
tigen  Sinne.  Das  war  notwendig.  Denn  nur  dadurch  war  es  mog- 
lich,  daB  auf  der  heutigen  Erde  die  Wesenheiten  herauskamen,  die 
eben  herausgekommen  sind.  Die  muBten  sich  allmahlich  durch 
solche  Verwandlungsformen  hindurcharbeiten. 

Wenn  wir  also  in  urferne  Vergangenheit  zuriickblicken,  so 
schauen  wir  auf  den  ersten  Zustand  unserer  Erde,  den  des  alten 
Saturns,  der  im  Anfange  seines  Daseins  noch  nicht  einmal  leuch- 
tete.  Er  war  eine  Art  Warmezustand.  Sie  hatten  ihn  nicht  so 
sehen  konnen  wie  eine  gl'anzende  Kugel,  sondern  wenn  Sie  sich 
dem  Saturn  genahert  hatten,  wiirden  Sie  in  einen  warmeren 
Raum  hineingekommen  sein,  weil  er  eben  bloB  in  einem  Warme- 
zustand war. 

Nun  konnte  man  fragen:  Hat  denn  mit  dem  Saturn  das  Welt- 
werden  begonnen?  Haben  nicht  andere  Zustande  vielleicht  erst  das 
herbeigefuhrt,  was  Saturn  geworden  ist?  Gingen  dem  Saturn  nicht 
noch  andere  Verkorperungen  voran?  —  Es  wiirde  schwer  sein,  vor 
den  Saturn  zuriickzugehen,  weil  namlich  erst  beim  Saturn  etwas 
beginnt,  ohne  das  wir  gar  nicht  hinter  den  Saturn  zuriickgehen 
konnen.  Mit  dem  Saturn  beginnt  namlich  erst  das,  was  wir  Zeit 
nennen.  Vorher  gab  es  andere  Formen  des  Seins,  das  heiBt,  eigent- 
lich  konnen  wir  gar  nicht  von  vorher  sprechen,  weil  noch  keine 


Zeit  da  war.  Die  Zeit  hat  auch  einmal  angefangen.  Vor  dem  Saturn 
gab  es  keine  Zeit,  da  gab  es  nur  Ewigkeit,  Dauer.  Da  war  alles 
gleichzeitig.  DaB  die  Vorg'ange  einander  folgen,  das  trat  erst  mit 
dem  Saturn  ein.  In  derjenigen  Weltenlage,  wo  nur  Ewigkeit,  Dauer 
ist,  da  gibt  es  auch  keine  Bewegung.  Denn  zur  Bewegung  gehort 
Zeit.  Da  gibt  es  keinen  Umlauf,  da  ist  Dauer  und  Ruhe,  wie  man 
auch  sagt  im  Okkultismus:  Da  ist  selige  Ruhe  in  der  Dauer.  Das 
ist  der  Ausdruck  dafiir.  Selige  Ruhe  in  der  Dauer  ging  dem  Saturn- 
zustand  voran.  Die  Bewegung  der  Weltenkorper  trat  erst  mit  dem 
Saturn  ein,  und  man  faBte  die  Bahn,  die  angedeutet  wird  durch  die 
zwolf  Zeichen  des  Tierkreises,  als  Anzeichen  dafiir  auf.  Und  wah- 
rend  ein  Planet  in  einem  solchen  Sternbilde  lief,  sprach  man  von 
einer  Weltenstunde.  Man  betrachtete  das  als  eine  Weltenstunde. 
Zwolf  Weltenstunden,  Tagstunden  zwolf  und  Nachtstunden  zwolf! 
Einem  jeden  Weltenkorper,  dem  Saturn,  der  Sonne  und  dem  Monde 
wird  zugezahlt  eine  Aufeinanderfolge  von  Weltenstunden,  die  sich 
zu  Weltentagen  gruppieren,  und  zuletzt  so,  daB  von  diesen  zwolf 
Zeitraumen  sieben  auBerlich  wahrnehmbar  sind  und  fiinf  mehr 
oder  weniger  auBerlich  unwahrnehmbar  verlaufen.  Man  unter- 
scheidet  daher  sieben  Saturnkreislaufe  oder  sieben  groBe  Saturn- 
tage  und  fiinf  groBe  Saturnnachte.  Sie  konnen  auch  sagen,  fiinf 
Tage  und  sieben  Nachte,  denn  der  erste  und  letzte  Tag  sind  Dam- 
merungstage.  Man  ist  gewohnt,  solche  sieben  Kreislaufe,  sieben 
Weltentage  «Manvantara»  zu  nennen  und  die  fiinf  Weltennachte 
«Pralaya».  Wenn  man  es  ganz  entsprechend  unserer  Zeitenzahlung 
haben  will,  dann  zahlt  man  je  zwei  planetarische  Zustande  zusam- 
men,  also  Saturn  und  Sonne,  Mond  und  Erde.  Dann  erhalt  man  je 
vierundzwanzig  Kreislaufe.  Diese  vierundzwanzig  Kreislaufe  bilden 
wichtige  Epochen  in  der  Weltendarstellung,  und  diese  vierund- 
zwanzig Epochen  denkt  man  sich  geregelt  durch  Wesenheiten  im 
Weltenall,  die  Ihnen  in  der  Apokalypse  als  die  vierundzwanzig 
Altesten  angedeutet  werden,  die  vierundzwanzig  Regler  der  Welten- 
umlaufe,  der  Weltenzeiten.  Auf  dem  Siegelbild  sind  sie  angedeutet 
als  die  Weltenuhr.  Die  einzelnen  ZifTern  der  Uhr  sind  hier  nur 
unterbrochen  durch  die  Doppelkronen  der  Altesten,  um  anzudeu- 


ten,  daB  das  die  Zeitenkonige  sind,  weil  sie  die  Umlaufe  der 
Weltenkorper  regeln.  (Siehe  das  zweite  Siegelbild.) 

So  sieht  der  Eingeweihte  zunachst  zuriick  in  dieses  Bild  der 
Vorzeit.  Nun  aber  miissen  wir  uns  fragen:  Warum  sieht  der  Ein- 
geweihte dieses  Bild?  —  Weil  in  diesem  Bilde  symbolisch-astralisch 
dargestellt  werden  die  Krafte,  die  in  seiner  heutigen  Gestalt  den 
menschlichen  Atherleib  und  danach  den  physischen  gebildet  haben. 
Wie  das  ist,  konnen  Sie  sich  leicht  denken.  Denken  Sie  sich,  der 
Mensch  liegt  im  Bette,  verlaBt  mit  seinem  Astralleib  und  Ich  den 
physischen  Leib  und  Atherleib.  Nun  gehoren  aber  zum  physischen 
Leib  und  Atherleib,  wie  sie  heute  sind,  zum  heutigen  physischen 
Menschenleib  und  Atherleib  der  astralische  Leib  und  das  Ich.  Fur 
sich  kann  dieser  physische  Leib  und  kann  dieser  Atherleib  nicht 
bestehen.  Sie  sind  so  geworden,  weil  ihnen  der  astralische  Leib  und 
das  Ich  eingegliedert  sind.  Nur  ein  physischer  Leib,  in  dem  kein 
Blut  fliefit  und  kein  Nervensystem  ist,  kann  ohne  astralischen  Leib 
und  Ich  sein.  Deshalb  kann  die  Pflanze  ohne  astralischen  Leib  und 
Ich  sein,  weil  sie  kein  Blut  und  kein  Nervensystem  hat.  Denn  das 
Nervensystem  hangt  zusammen  mit  dem  astralischen  Leib  und  das 
Blut  mit  dem  Ich.  Kein  Wesen  hat  im  physischen  Leib  ein  Nerven- 
system, das  nicht  durchdrungen  ist  von  einem  astralischen  Leibe, 
und  kein  Wesen  hat  im  physischen  Leibe  ein  Blutsystem,  in  das 
nicht  das  Ich  eingezogen  ist.  Denken  Sie,  was  Sie  jede  Nacht  tun. 
Sie  verlassen  schnode  Ihren  physischen  und  Atherleib  und  iiber- 
lassen  sie  mit  dem  Blut-  und  Nervensystem  sich  selber.  Wenn  es 
bloJ3  auf  Sie  ankame,  wiirde  in  jeder  Nacht  dadurch,  daB  Sie  Ihr 
Nerven-  und  Blutsystem  verlassen,  der  physische  Leib  zugrunde 
gehen  miissen.  Er  wiirde  in  demselben  Augenblicke  sterben,  wo  der 
astralische  Leib  und  das  Ich  den  physischen  und  den  Atherleib  ver- 
lassen. Aber  der  hellsehende  Blick  sieht,  wie  dann  andere  Wesen- 
heiten,  hohere  geistige  Wesenheiten  ihn  ausfiillen.  Er  sieht,  wie  sie 
in  ihn  hineingehen  und  das  tun,  was  der  Mensch  in  der  Nacht  eben 
nicht  tut:  das  Blut-  und  Nervensystem  versorgen.  Das  sind  die- 
selben  Wesenheiten  aber,  welche  den  Menschen,  soweit  er  aus 
einem  physischen  und  Atherleib  besteht,  geschaffen  haben;  nicht 


bloB  heute,  von  Inkarnation  zu  Inkarnation.  Es  sind  die  gleichen 
Wesenheiten,  die  auf  dem  alten  Saturn  die  erste  Anlage  des  phy- 
sischen  Leibes  entstehen  lieBen  und  die  auf  der  Sonne  den  Ather- 
leib  herausgebildet  haben.  Diese  "Wesenheiten,  die  gewaltet  haben 
vom  Urbeginn  des  Saturn-  und  Sonnendaseins  an  im  physischen 
und  Atherleib,  sie  walten  in  ihm  jede  Nacht,  wahrend  der  Mensch 
schlaft  und  den  physischen  und  den  Atherleib  schnode  verlaBt,  so- 
zusagen  sie  dem  Tode  preisgibt;  sie  dringen  hinein  und  versorgen 
sein  Nerven-  und  Blutsystem. 

Daher  ist  es  auch  begreiflich,  daB  in  dem  Moment,  wo  der 
Astralleib  den  Atherleib  beriihrt,  um  sich  in  ihm  abzudrucken, 
daB,  da  der  Mensch  von  diesen  Kraften,  die  ihn  gebildet  haben, 
durchdrungen  ist,  daB  er  da  das  Bild  dieser  Krafte  sieht,  die  in  dem 
zweiten  Siegel  symbolisiert  sind.  Was  ihn  erhalt  und  zusammen- 
hangend  macht  mit  dem  ganzen  kosmischen  Weltall,  das  leuchtet 
auf  in  diesem  Moment  der  Einweihung.  Er  sieht  dasjenige,  was  die 
beiden  Glieder  seiner  Wesenheit,  den  physischen  und  den  Ather- 
leib, gebildet  hat,  was  sie  jede  Nacht  in  ihrem  Leben  aufrecht 
erhalt.  Er  selbst  aber  hat  noch  keinen  Anteil  daran,  denn  er  kann 
noch  nicht  in  diese  beiden  Glieder  seines  Wesens  hineinarbeiten. 
Dem  Menschen  nach  wiirde  der  physische  und  der  Atherleib,  die 
in  der  Nacht  im  Bette  liegen,  zum  Pflanzendasein  verdammt  sein, 
denn  er  iiberlaBt  beide  sich  selbst.  Daher  ist  fur  den  Menschen  der 
Schlafzustand  ein  unbewuBter,  wie  ihn  die  Pflanze  immer  hat. 

Wie  steht  es  nun  mit  dem,  was  wahrend  des  Schlafes  heraus- 
geriickt  ist  beim  gewohnlichen  Menschen,  wie  steht  es  mit  dem 
astralischen  Leib  und  dem  Ich?  Diese  sind  ja  auch  nicht  bewuBt 
in  der  Nacht.  Beim  gewohnlichen  Menschen  wird  wahrend  des 
Nachtschlafes  nichts  innerhalb  des  astralischen  Leibes  erfahren. 
Aber  denken  Sie  jetzt  einmal,  Sie  iibten  die  sieben  Stufen  der 
Johannes-Einweihung,  diese  bedeutungsvollen  Momente  der  christ- 
lichen  Gemiitseinweihung.  Dann  wiirde  fur  Sie  nicht  bloB  das  auf- 
treten,  was  bisher  geschildert  worden  ist.  Ganz  abgesehen  davon, 
daB  Sie  bei  der  Beriihrung  des  astralischen  Leibes  mit  dem  Ather- 
leibe  hellseherische  Kraft  entwickeln  konnen,  wiirde  noch  etwas 


anderes  auftreten.  Der  Mensch  wird  sich  bewuBt  der  seelischen 
Eigenheiten,  der  seelisch-menschlichen  Eigenschaften  der  astra- 
lischen  Welt  und  der  devachanischen  Welt,  aus  der  er  eigentlich 
herausgeboren  1st  seiner  Seele  nach.  Und  es  tritt  zu  diesem  Bilde 
ein  noch  hoheres  Symbolum,  das  die  ganze  Welt  zu  erfiillen  scheint. 
Zu  diesem  Symbolum  der  alten  Einweihung  tritt  fiir  den,  der  durch 
die  Johannes-Einweihungsstufen  geht,  etwas  hinzu,  was  am  besten 
durch  das  erste  Siegel  dargestellt  wird.  Als  eine  hellseherische  Er- 
scheinung  sieht  er  den  Priesterkonig  mit  goldenem  Giirtel,  mit 
FiiBen,  die  aus  MetallguB  zu  bestehen  scheinen,  das  Haupt  bedeckt 
mit  Haaren  wie  von  weiBer  Wolle,  aus  dem  Munde  ein  feuriges 
Schwert  flammend  und  in  der  Hand  die  sieben  Weltensterne: 
Saturn,  Sonne,  Mond,  Mars,  Merkur,  Jupiter,  Venus. 

Die  Gestalt,  die  in  der  Mitte  auf  dem  zweiten  Siegelbild  ist,  war 
in  der  alten  Einweihung  nur  als  die  fiinfte  der  Gruppenseelen  an- 
gedeutet.  Sie  ist  das,  was  in  der  Menschheit  der  alten  Zeit  erst  in 
der  Keimanlage  vorhanden  war  und  erst  in  der  christlichen  Ein- 
weihung herausgekommen  ist  als  das,  was  man  auch  als  Menschen- 
sohn  bezeichnet,  der  die  sieben  Sterne  beherrscht,  wenn  er  vollig  in 
seiner  wahren  Gestalt  vor  dem  Menschen  auftritt. 

So  also  soli  uns  durch  diese  zunachst  symbolische  Art  der  Dar- 
stellung  vor  alien  Dingen  klar  sein,  daB  man  dasjenige,  was  beim 
heutigen  Menschen  als  Trennung  der  verschiedenen  Glieder  auf- 
tritt —  physischer  und  Atherleib  auf  der  einen  Seite,  astralischer 
Leib  und  Ich  auf  der  anderen  — ,  so  behandeln  kann,  daB  beides 
sozusagen  zur  Einweihung  sein  Stuck  beitragen  kann,  zunachst 
durch  die  Einweihungsform  bei  der  Beriihrung  des  astralischen 
Leibes  mit  dem  Atherleib,  wo  die  vier  Gruppenseelen  aufleuchten, 
dann  bei  der  Behandlung  des  Astralleibes,  so  daB  dieser  im  beson- 
deren  sehend  wird.  Friiher  war  ein  eigentliches  Sehen  in  der  iiber- 
sinnlichen  Welt  hochstens  bis  zu  einer  Art  pflanzlicher  Durch- 
lebung  der  Welt  gekommen.  Durch  die  christliche  Einweihung  ist 
das  gegeben,  was  eine  hohere  Einweihungsstufe  im  astralischen 
Leib  bedeutet  und  was  symbolisch  angedeutet  wird  durch  das 
zweite  Bild. 


Da  haben  Sie  die  beiden  Dinge  aus  dem  Einweihungsprinzip 
heraus  selber  geschildert,  die  Sie  an  der  Spitze  der  Apokalypse 
geschildert  finden.  Nur  hat  der  Apokalyptiker  sie  in  umgekehrter 
Reihenfolge  geschildert,  und  dies  mit  Recht.  Er  hat  geschildert 
zuerst  das  Gesicht  des  Menschensohnes,  das  Gesicht  dessen,  der  da 
ist,  der  da  war  und  der  da  sein  wird,  und  dann  das  andere.  Beide 
sind  Symbole  fur  das,  was  der  Eingeweihte  wahrend  der  Ein- 
weihung  erlebt. 

So  haben  wir  vor  unsere  Seele  treten  lassen,  was  in  gewissen 
Fallen  der  Einweihung  geschieht  und  zunachst  erlebt  wird.  Morgen 
wollen  wir  zu  den  Einzelheiten  weiterschreiten  dieser  realen  wirk- 
lichen  Erlebnisse,  und  wir  werden  sie  sich  spiegeln  sehen  in  der 
grandiosen  Darstellung  der  Apokalypse  des  Johannes. 


DRITTER  VORTRAG 
Niirnberg,  20.  Juni  1908 


Gestern  konnten  wir  am  Ende  unserer  Betrachtung  hinweisen  auf 
das,  was  spezifisch  christliche  und  was  spatere,  also  etwa  christlich- 
rosenkreuzerische  Einweihung  zunachst  in  einem  groBen  bedeut- 
samen  Symbolum  gibt.  Wir  haben  auf  die  Bedeutung  dieses  Sym- 
bolums  hingewiesen,  dieses  Einweihungszeichens,  das  man  audi  als 
den  Menschensohn  bezeichnet,  der  die  sieben  Sterne  in  seiner  rech- 
ten  Hand  hat,  der  das  scharfe  zweischneidige  Schwert  hat  in  seinem 
Munde.  Wir  haben  gesehen,  daft  diese  Einweihung  den  Menschen 
in  einem  gewissen  hdheren  Grade  sehend  macht  innerhalb  seines 
Ich  und  seines  astralischen  Leibes,  auBerhalb  des  physischen  und 
des  Atherleibes.  Wir  werden  alies  dies  noch  genauer  besprechen. 

Durch  eine  jegliche  Einweihung  aber  gelangt  der  Mensch  dazu, 
das,  was  man  nur  mit  geistigem  Blicke,  mit  geistigen  Augen  iiber- 
schauen  kann,  was  nur  fur  das  iibersinnliche  Wahrnehmen  durch- 
sichtig  ist,  das  nun  wirklich  zu  iiberschauen,  zu  erkennen.  Nun 
gehort  zu  dem  ersten  und  wichtigsten,  was  der  im  christlichen 
Sinne  Einzuweihende  zu  erkennen  hat,  die  Entwickelung  der 
Menschheit  in  unserem  Zeitalter,  damit  ein  jeder  im  hoheren  MaBe 
die  Aufgaben  des  Menschen  einsehen  kann.  Denn  alles,  was  hohere 
Erkenntnis,  was  hohere  Vollkommenheit  dem  Menschen  geben  soli, 
hangt  mit  der  Frage  zusammen:  Was  bin  ich  und  wozu  bin  ich 
bestimmt  in  unserem  Zeitalter?  Die  Beantwortung  dieser  Frage  ist 
es,  die  zunachst  von  groBer  Wichtigkeit  ist. 

Jede  Einweihungsstufe  fiihrt  auf  einen  erhohten  Standpunkt  der 
menschlichen  Betrachtung.  Schon  in  der  ersten  Stunde  konnten  wir 
ja  darauf  hinweisen,  wie  stufenweise  der  Mensch  hinaufgeht,  zuerst 
in  das,  was  wir  die  imaginative  Welt  nennen,  wo  er  im  christlichen 
Sinne  die  sieben  Siegel  erkennen  lernt,  dann  bis  zu  dem,  was  wir 
die  inspirierte  Erkenntnis  nennen,  wo  er  die  «Posaunen»  hort,  und 
endlich  zu  einer  noch  hoheren  Stufe,  wo  er  die  wahre  Bedeutung 


und  Wesenheit  der  Geistwesen  zu  durchschauen  vermag,  die  Stufe 
der  sogenannten  Zornesschalen.  Jetzt  aber  miissen  wir  sozusagen 
eine  bestimmte  Einweihungsstufe  ins  Auge  fassen.  Wir  denken  uns 
den  Menschen  gerade  bis  zu  jener  Stufe  der  Einweihung  gelangt, 
wo  das  mit  ihm  geschehen  ist,  was  am  SchluB  des  letzten  Vortrages 
geschildert  wurde.  Wir  denken  uns  ihn  gerade  an  der  Grenze,  wo 
ihm,  zwischen  den  feinsten  Wesenheiten  unserer  physischen  Welt 
und  der  nachsthoheren,  der  astralischen  Welt,  gestattet  ist,  wie  auf 
einem  Gipfel  zu  stehen  und  herunterzuschauen.  Was  kann  der 
Mensch  auf  diesem  ersten  Gipfel  der  Einweihung  erschauen? 

UT.IeitQitQr  W.  Zeitalter   Y.Zeitalter    51.  v. HE  ZeifalTer 

Utnvrische  ^tlantische  Nachat/Qntische 
2eit  zeit  z«?it 

I 

*'  1.a!tindi5che  Ki/ftvrepoche''** 
laltperstsche  " 

3.babylonisch- 
#  chal<b.-ogypt- 

otlantijchcn  T.yriuui.     ^  * 

5,  vr\SQM  rw/turepoche 

fc.Kv  Iff  rcpothe 
grosser  Kne^o'ler        7.  Kulturepoche 

Da  sieht  er  im  Geiste  alles  das,  was  geschehen  ist,  seiner  inneren 
Wesenheit  nach,  seitdem  die  atlantische  Flut  die  alte  Atlantis  zer- 
stort  hat  und  der  nachatlantische  Mensch  ins  Dasein  getreten  ist. 
Da  sieht  er,  wie  sich  die  Kulturkreislaufe  einander  folgen  bis  zu 
dem  Zeitpunkt,  wo  auch  unser  Zeitalter  einen  Untergang  nehmen 
wird,  um  ein  neues  heraufzufuhren.  Durch  das  Wasser  der  atlan- 
tischen  Flut  ist  zugrunde  gegangen  die  alte  Atlantis.  Durch  das, 
was  wir  nennen  den  Krieg  aller  gegen  alle,  durch  furchtbar  ver- 
heerende  moralische  Verwickelungen  wird  unser  Zeitalter  seinen 
Untergang  finden.  Und  dieses  groBe  Zeitalter  von  der  atlantischen 
Flut  an  bis  zum  gewaltigen  Krieg  aller  gegen  alle,  das  teilen  wir 
wieder  ein  in  sieben  aufeinanderfolgende  Haupt-Kulturepochen,  in 


sieben  Kulturzeitraume,  wie  aus  dem  vorstehenden  Schema  ersicht- 
lich  ist.  An  dem  einen  Ende  denken  wir  uns  die  groBe  atlantische 
Flut,  am  entgegengesetzten  Ende  den  groBen  Weltkrieg,  und  das  tei- 
len  wir  in  sieben  Unterzeitalter,  in  sieben  Kulturepochen.  Die  ganze 
Epoche,  die  diese  sieben  Unterzeitalter  enthalt,  ist  wieder  der  sie- 
bente  Teil  eines  langeren  Zeitalters,  so  daB  Sie  sich  vorzustellen 
haben  sieben  solche  Glieder  wie  unser  Zeitalter  zwischen  Flut  und 
Krieg,  zwei  nach  vorn,  nach  dem  groBen  Krieg,  und  vier  nach 
nickwarts  vor  der  atlantischen  Flut.  Unser  Zeitalter,  das  nach- 
atlantische,  ist  also  das  fiinfte  groBe  Zeitalter. 

Man  muB  wiederum  auf  einen  noch  hoheren  Gipfel  der  Einwei- 
hung  hinaufsteigen,  dann  iibersieht  man  diese  siebenmal  sieben 
Zeitalter.  Sie  sind  zu  iiberschauen,  wenn  man  an  der  Grenze  der 
astralischen  und  der  geistigen,  der  devachanischen  Welt  angelangt 
ist.  Und  so  geht  es  stufenweise  hinauf.  Wir  werden  sehen,  welches 
die  noch  hoheren  Stufen  sind. 

Jetzt  mussen  wir  festhalten,  daB  man  zunachst  einen  Gipfel  er- 
reichen  kann,  auf  dem  uns,  wie  von  einem  Berge  aus  die  weite 
Ebene,  die  sieben  Kulturzeitalter  der  nachatlantischen  Zeit  sicht- 
bar  werden.  Wir  alle  kennen  sie  ja  schon,  diese  Kulturzeitalter. 
Wir  wissen,  daB,  als  die  atlantische  Flut  die  alte  Atlantis  hinweg- 
geschwemmt  hatte,  als  erstes  die  altindische  Kultur  aufbluhte  und 
daB  sie  abgelost  wurde  von  der  urpersischen  Kultur.  Wir  wissen, 
daB  die  assyrisch-babylonisch-chaldaisch-agyptisch-jiidische  Kultur 
darauf  folgte,  auf  diese  das  vierte  Kulturzeitalter,  das  griechisch- 
lateinische,  und  darauf  das  fiinfte,  das  unsrige,  in  dem  wir  leben. 
In  dem  sechsten,  das  auf  das  unsrige  folgen  wird,  wird  in  einer  ge- 
wissen  Beziehung  in  der  Frucht  aufgehen  mussen,  was  wir  an  gei- 
stiger  Kultur  zu  bauen  haben.  Das  siebente  Kulturzeitalter  spielt 
sich  ab  vor  dem  Krieg  aller  gegen  alle.  Da  sehen  wir  diese  furcht- 
bare  Verwiistung  der  Kultur  herankommen  und  sehen  das  kleine 
Hauflein  von  Menschen,  das  verstanden  hat,  das  spirituelle  Prinzip 
in  skh  aufzunehmen  und  das  sich  hinwegretten  wird  gegeniiber 
der  allgemeinen  Zertrummerung  durch  den  Egoismus. 

Wir  leben  also  in  dem  funften  der  Unterzeitalter,  wie  gesagt. 


Wie  Stadte  und  Dorfer  und  Walder  vom  Gipfel  eines  Berges  aus, 
so  erscheint  von  dem  Gipfel  der  Einweihung  aus  die  Folge  dieser 
Kulturzeitalter.  Ihre  Bedeutung  sehen  wir  ein.  Sie  stellen  dar,  was 
sich  ausdehnt  auf  unserem  physischen  Plan  als  Menschheitskultur. 
Deshalb  sprechen  wir  auch  von  Kulturzeitaltern  im  Gegensatz  zu 
Rassen.  Alles  das,  was  etwa  verkniipft  ist  mit  dem  Rassenbegriff, 
ist  noch  Uberbleibsel  des  Zeitraumes,  der  dem  unseren  vorangegan- 
gen  ist,  des  atlantischen.  Wir  leben  im  Zeitraum  der  Kulturepochen. 
Die  Atlantis  war  der  Zeitraum,  wo  sich  nach  und  nach  sieben  auf- 
einanderfolgende  groBe  Rassen  bildeten.  Natiirlich,  die  Friichte 
dieser  Rassenbildung  ragen  herein  auch  in  unser  Zeitalter,  daher 
spricht  man  auch  heute  noch  von  Rassen.  Das  sind  aber  schon  Ver- 
wischungen  jener  scharfen  Trennungen  in  der  atlantischen  Zeit. 
Heute  hat  schon  der  Kulturbegriff  den  Rassenbegriff  abgelost.  Da- 
her sprechen  wir  von  der  alten  indischen  Kultur,  von  welcher  die 
Kultur,  die  uns  in  den  Veden  angekiindigt  wird,  nur  ein  Nachklang 
ist.  Die  uralt-heilige  indische  Kultur  ist  die  erste  Morgenrote  der 
nachatlantischen  Kultur,  sie  folgt  unmittelbar  auf  die  atlantische 
Zeit. 

Vergegenw'artigen  wir  uns  noch  einmal,  wie  der  Mensch  lebte  in 
jener  Zeit,  die  jetzt  mehr  als  acht-  oder  neuntausend  Jahre  hinter 
uns  liegt.  Wenn  wir  von  den  realen  Zeitraumen  sprechen,  so  gelten 
diese  Zahlen.  Diese  Kultur,  von  der  wir  hier  sprechen,  stand  un- 
mittelbar unter  dem  EinfluB  der  atlantischen  Flut  oder  der  groBen 
Eiszeitepoche,  wie  sie  in  der  modernen  Wissenschaft  genannt  wird. 
Die  Atlantis  war  untergegangen  nach  und  nach,  ein  Brocken  nach 
dem  andern  war  verschlungen  worden  von  der  Flut.  Und  nun  lebte 
ein  Menschengeschlecht  auf  der  Erde,  von  dem  sich  ein  Teil  zu  der 
hochsten  Entwickelungsstufe  heraufgearbeitet  hatte,  die  zu  errei- 
chen  war.  Das  war  das  uralt  indische  Volk,  ein  Menschengeschlecht, 
das  damals  driiben  im  fernen  Asien  wohnte  und  mehr  in  der  Erin- 
nerung  an  alte  vergangene  Zeiten  lebte  als  in  der  Gegenwart.  Das 
ist  das  GroBe  und  Gewaltige  jener  Kultur,  von  der  die  schriftlichen 
Aufzeichnungen  wie  die  Veden  und  die  Bhagavad  Gita  nur  noch 
Nachklange  sind,  daB  die  Menschen  in  der  Erinnerung  an  das  leb- 


ten,  was  sie  in  der  atlantischen  Zeit  selber  erlebt  hatten.  Denken 
Sie  an  den  ersten  Vortrag  dieses  Zyklus.  Da  wurde  gesagt,  daB  die 
Menschen  in  jener  Zeit  zum  groBen  Teil  befahigt  waren,  ein  ge- 
wisses  dammerhaftes  Hellsehen  zu  entwickeln.  Die  Menschen 
waren  nicht  beschrankt  auf  diese  physisch-sinnliche  Welt.  Sie  leb- 
ten  zwischen  gottlich-geistigen  Wesenheiten.  Sie  sahen  diese  gott- 
lich-geistigen  Wesenheiten  um  sich.  Darin  bestand  der  Ubergang 
von  der  atlantischen  Zeit  zur  nachatlantischen,  daB  der  Blick  der 
Menschen  von  der  geistigen,  astralisch-atherischen  Welt  abgeschlos- 
sen  und  beschrankt  wurde  auf  diese  physische  Welt.  Die  erste 
Kulturepoche  zeichnete  sich  dadurch  aus,  daB  die  Menschen  Sehn- 
sucht  hatten,  tiefe  Sehnsucht  nach  dem,  was  ihre  Vorfahren  in 
der  alten  Atlantis  geschaut,  wovor  sich  aber  das  Tor  zugeschlos- 
sen  hatte.  Uralte  Weisheit  haben  unsere  Vorfahren  mit  ihren 
geistigen  Augen,  wenn  auch  dammerhaft,  geschaut.  Sie  wohn- 
ten  unter  Geistern,  gingen  mit  Gottern  und  Geistern  um.  So  fiihl- 
ten  sie,  diese  Menschen  der  uralt-heiligen  indischen  Kultur:  sie 
sehnten  sich  mit  alien  ihren  Fasern  darnach,  zuriickzuschauen,  zu 
sehen  das,  was  die  Vorfahren  gesehen  hatten,  wovon  uralte  Weis- 
heit kiindete.  Und  so  erschien  das  Land,  das  eben  aufgetreten  war 
vor  den  physischen  Blicken  der  Menschen  —  die  Felsen  der  Erde, 
die  jetzt  erst  sichtbar  geworden  waren,  die  friiher  noch  geistig  ge- 
schaut wurden  — ,  all  das  AuBere  erschien  ihnen  geringer  als  das, 
woran  sie  sich  erinnern  konnten.  Maja,  die  groBe  Illusion,  wurde 
alles  das  genannt,  was  die  physischen  Augen  sehen  konnten,  die 
groBe  Tauschung,  aus  der  man  heraus  wollte.  Und  die  Besten  dieses 
ersten  Zeitalters  sollten  durch  jene  Einweihungsmethode,  von  der 
es  einige  Cberbleibsel  im  Yoga  gibt,  hinaufgehoben  werden  zu  der 
Stufe  ihrer  Vorfahren.  Daraus  ging  eine  religiose  Grundstimmung 
hervor,  die  mit  den  Worten  wiedergegeben  werden  kann:  Wertlose 
eitle  Tauschung  ist  das,  was  uns  hier  umgibt  im  auBeren  Sinnen- 
schein.  Das  Wahre,  Echte  ist  oben  in  der  geistigen  Welt,  die  wir 
verlassen  haben.  —  Die  geistigen  Fiihrer  des  Volkes  waren  die- 
jenigen,  welche  sich  hinaufversetzen  konnten  in  die  Regionen,  in 
denen  man  friiher  lebte. 


Das  war  die  erste  Epoche  der  nachatlantischen  Zeit.  Und  alle 
Epochen  der  nachatlantischen  Zeit  sind  dadurch  charakterisiert,  daB 
der  Mensch  immer  mehr  verstehen  lernte  die  auBere  sinnliche 
Wirklichkeit,  immer  mehr  erkennen  lernte:  Was  uns  hier  gegeben 
ist  fur  die  auBeren  Sinne,  ist  nicht  als  bloBer  Schein  zu  behandeln, 
es  ist  eine  Gabe  der  geistigen  Wesen,  und  nicht  umsonst  haben  uns 
die  Gotter  die  Sinne  gegeben.  Das,  was  hier  auf  der  Erde  eine  Kul- 
tur  der  materiellen  Welt  begriindet,  muB  nach  und  nach  eingesehen 
werden. 

Was  der  alte  Inder  noch  als  Maja  angesprochen  hat,  wovor  er 
geflohen  ist,  wovon  er  sich  zuriicksehnte,  das  sprachen  diejenigen, 
die  der  zweiten  Epoche  angehorten,  als  ihr  Arbeitsfeld  an,  als  etwas, 
was  sie  zu  bearbeiten  hatten.  Und  so  haben  wir  jetzt  die  uralt-per- 
sische  Epoche,  die  etwa  funftausend  Jahre  zuriickliegt,  jene  Kultur- 
epoche,  in  welcher  den  Menschen  das  Land  um  sie  herum  zwar  zu- 
n'achst  wie  feindlich  erschien,  aber  nicht  mehr  wie  friiher  als  Illu- 
sion, die  man  zu  fliehen  habe,  sondern  als  ein  Arbeitsfeld,  dem  man 
den  eigenen  Geist  einzupragen  hat.  Vom  Bosen,  von  einer  dem 
Guten  gegnerischen  Macht  ist  diese  Erde  beherrscht  in  ihrer  mate- 
riellen BeschafTenheit,  von  dem  Gotte  Ahriman.  Er  beherrscht  sie, 
aber  der  gute  Gott  Ormuzd  hilft  den  Menschen  —  in  seinen  Dienst 
stellen  sich  die  Menschen.  Wenn  sie  seinen  Willen  ausfiihren,  dann 
verwandeln  sie  diese  Welt  in  einen  Acker  der  oberen  geistigen 
Welt,  dann  pragen  sie  der  sinnlich-wirklichen  Welt  das  ein,  was 
sie  selbst  im  Geist  erkennen.  Ein  Arbeitsfeld  war  fur  die  zweite 
Epoche  die  physisch-reale,  die  sinnlich-reale  Welt.  Fur  den  Inder 
war  die  sinnliche  Welt  noch  Tauschung,  Maja.  Fur  den  Perser  war 
sie  zwar  von  bosen  Damonen  beherrscht,  aber  doch  eine  solche 
Welt,  aus  der  der  Mensch  auszutreiben  hatte  die  bosen  und  der  er 
einzugliedern  hatte  die  guten  geistigen  Wesenheiten,  die  Diener  des 
Lichtgottes  Ormuzd. 

Und  in  der  dritten  Epoche  kommt  der  Mensch  noch  naher  der 
auBeren  sinnlichen  Wirklichkeit.  Da  ist  sie  ihm  nicht  mehr  eine 
bloB  feindliche  Macht,  die  er  zu  iiberwinden  hat.  Der  Inder  hat 
hinaufgeschaut  zu  den  Sternen  und  sich  gesagt:  Ach,  alles  was  da 


ist,  was  ich  mit  auBeren  Augen  sehen  kann,  ist  doch  nur  Maja, 
Tauschung.  —  Die  chaldaischen  Priester  sahen  den  Lauf,  die  Stel- 
lungen  der  Sterne  und  sagten  sich:  Indem  ich  die  Stellungen  der 
Sterne  sehe  und  ihren  Lauf  verfolge,  wird  mir  das  zu  einer  Schrift, 
aus  der  ich  den  Willen  der  gottlich-geistigen  Wesen  erkenne.  Ich 
erkenne  das,  was  die  Gotter  wollen,  in  dem,  was  sie  getan  haben.  - 
Nicht  mehr  Maja  war  ihnen  die  physisch-sinnliche  Welt,  sondern 
wie  die  Schrift  des  Menschen  der  Ausdruck  seines  Willens  ist,  so 
war  ihnen  das,  was  in  den  Sternen  am  Himmel  steht,  was  in  den 
Kraften  der  Natur  lebt,  eine  Gotterschrift.  Und  mit  Liebe  began- 
nen  sie  zu  entziffern  die  Schrift  der  Natur.  So  entsteht  jene  wunder- 
bare  Sternenkunde,  die  die  Menschen  heute  kaum  mehr  kennen. 
Denn  was  man  heute  als  Astrologie  kennt,  ist  durch  ein  MiB- 
verstehen  der  Tatsachen  entstanden.  Tiefe  Weisheit  in  der  Sternen- 
schrift  ist  es,  was  dem  alten  Chaldaerpriester  als  Astrologie  geoffen- 
bart  wurde,  als  die  Geheimnisse  dessen,  was  er  mit  Augen  sah.  Das 
betrachtete  er  als  OfFenbarung  eines  Inneren,  Durchgeistigten. 

Und  was  wurde  die  Erde  fiir  den  Agypter?  Wir  brauchen  nur 
auf  die  Erfindung  der  Geometrie  hinzudeuten,  wo  der  Mensch 
lernte  die  Erde  einzuteilen  nach  den  Gesetzen  des  Raumes,  nach 
den  Regeln  der  Geometrie.  Da  wurden  die  Gesetze  in  der  Maja 
erforscht.  In  der  uralt  persischen  Kultur  hat  man  die  Erde  um- 
geackert,  jetzt  lernte  man  sie  einteilen  nach  den  Gesetzen  des  Rau- 
mes. Die  Gesetze  beginnt  man  zu  erforschen  und  man  tut  noch 
mehr.  Man  sagt  sich:  Nicht  umsonst  haben  die  Gotter  in  den  Ster- 
nen uns  eine  Schrift  hinterlassen,  nicht  umsonst  haben  die  Gotter  uns 
ihren  Willen  kundgegeben  in  den  Naturgesetzen.  Wenn  der  Mensch 
durch  sein  eigenes  Arbeiten  das  Heil  bewirken  will,  dann  muB  er 
in  den  Einrichtungen,  die  er  hier  macht,  eine  Nachbildung  schaffen 
dessen,  was  er  aus  den  Sternen  erforschen  kann.  —  Oh,  konnten 
Sie  zuriicksehen  in  die  Arbeitskammern  der  agyptischen  Eingeweih- 
ten!  Das  war  ein  anderes  Arbeiten  als  heute  auf  dem  Gebiete  der 
Wissenschaft.  Da  waren  die  Eingeweihten  die  Wissenschafter.  Sie 
erforschten  den  Gang  der  Sterne  und  erkannten  die  RegelmaBig- 
keit  in  dem  Stand  und  Lauf  der  Sterne  und  in  der  Einwirkung  ihrer 


Stellungen  auf  das,  was  unten  auf  der  Erde  sich  vollzog.  Sie  sagten 
sich:  Wenn  diese  oder  jene  Konstellation  am  Himmel  ist,  so  muB 
unten  dieses  oder  jenes  vor  sich  gehen  im  Staatsleben,  und  wenn 
eine  andere  Konstellation  kommt,  muB  auch  etwas  anderes  ge- 
schehen.  Nach  einem  Jahrhundert  werden  gewisse  Konstellationen 
da  sein,  sagten  sie,  und  dann  muB  ein  dem  Entsprechendes  vor  sich 
gehen.  —  Und  fur  Jahrtausende  hinaus  wurde  vorausbestimmt,  was 
zu  tun  ist.  So  entstand  das,  was  man  als  die  Sibyllinischen  Biicher 
bezeichnet.  Was  darinnensteht,  ist  kein  Wahn.  Nach  sorgfaltigen 
Beobachtungen  haben  die  Eingeweihten  niedergeschrieben,  was  fiir 
Jahrtausende  hinaus  zu  geschehen  hat,  und  ihre  Nachfolger  wuB- 
ten:  Das  ist  einzuhalten.  Und  sie  taten  nichts,  was  nicht  in  diesen 
Biichern  fiir  die  Jahrtausende  hinaus  nach  dem  Lauf  der  Sterne  vor- 
gezeichnet  war.  Sagen  wir,  es  habe  sich  darum  gehandelt,  irgendein 
Gesetz  zu  machen.  Da  hat  man  nicht  abgestimmt  wie  bei  uns,  da 
holte  man  Rat  bei  den  heiligen  Biichern,  in  denen  aufgeschrieben 
war,  was  hier  auf  der  Erde  geschehen  muB,  damit  es  ein  Spiegel 
dessen  sei,  was  in  den  Sternen  geschrieben  ist,  und  was  in  den 
Biichern  stand,  das  fiihrte  man  aus.  Der  agyptische  Priester  wuBte, 
als  er  diese  Biicher  schrieb:  Meine  Nachfolger  werden  ausfiihren, 
was  darinnensteht.  —  Von  der  Notwendigkeit  der  GesetzmaBigkeit 
waren  sie  iiberzeugt. 

Die  vierte  Kulturepoche  hat  sich  aus  dieser  dritten  herausent- 
wickelt.  Es  haben  sich  nur  sp'arliche  Reste  dieser  prophetisch  wir- 
kenden  Kunst  der  Agypter  bewahrt.  Einen  solchen  Rest  konnen 
Sie  noch  sehen.  Man  hat  namlich,  wenn  man  diese  prophetisch  wir- 
kende  Kunst  im  alten  Agypterland  hat  iiben  wollen,  den  nachsten 
Zeitraum  in  sieben  Teile  eingeteilt  und  gesagt:  Der  erste  muB  dies 
enthalten,  der  zweite  das,  der  dritte  jenes  und  so  weiter.  —  Danach 
verfolgten  die  Nachkommen,  was  zu  geschehen  hat.  Aber  das  war 
eben  das  Hauptcharakteristikum  der  dritten  Kulturepoche.  Die 
vierte  zeigte  nur  noch  schwache  Nachklange  davon.  Sie  konnen 
nun  diese  schwachen  Nachklange  noch  erkennen,  wenn  Ihnen  der 
Ursprung  der  alten  romischen  Kultur  erzahlt  wird.  Aneas,  Sohn 
des  Anchises  aus  Troja,  einer  Statte  der  dritten  Epoche,  wandert 


aus  und  kommt  zuletzt  nach  Alba  Longa.  In  diesem  Namen  ist  an- 
gedeutet  eine  Statte  uralter  heiliger  Priesterkultur:  Alba  Longa  oder 
die  lange  Alba,  die  Stadt  einer  Priesterkultur,  von  der  die  Kultur 
Roms  ausgehen  sollte.  Im  MeBkleid  der  katholischen  Priester  haben 
wir  noch  einen  Nachklang  davon  erhalten.  Da  wurde  voraus- 
gezeichnet  noch  in  alter  Priesterweise  eine  siebengliedrige  Kultur- 
epoche.  Oh,  diese  sieben  romischen  Konigszeiten  waren  voraus- 
gezeichnet!  Und  die  Geschichtsschreiber  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts  haben  wieder  einmal  sich  einen  bosen  Streich  spielen  las- 
len  im  Hinblick  auf  diese  sieben  Konigszeiten.  Sie  sind  darauf 
gekommen,  daJ3  in  dem  profanen  materiellen  Sinn  es  mit  diesen 
romischen  Konigen  nichts  ist;  aber  was  dahintersteckt,  daB  hier 
eine  nach  der  heiligen  Siebenzahl  prophetisch  vorausgegliederte 
Kultur  der  Sibyllinischen  Biicher  nachgezeichnet  ist,  darauf  konn- 
ten  sie  nicht  kommen. 

Hier  ist  nicht  der  Ort,  uns  einzulassen  auf  die  einzelnen  Konige. 
Sie  wiirden  an  den  einzelnen  Konigen  sehen  konnen,  an  Romulus, 
Numa  Pompilius,  Tullus  Hostilius  und  so  weiter,  wie  sie  genau 
dem  entsprechen,  was  die  aufeinanderfolgenden  Kulturepochen 
nach  den  sieben  Prinzipien  sind,  die  sich  uns  auf  so  verschiedenen 
Gebieten  zeigen. 

So  hatte  man  allmahlich  in  der  dritten  Epoche  die  Maja  zu  durch- 
dringen  vermocht  mit  dem  Menschengeist.  Vollendet  wurde  das  in 
der  vierten  Kulturepoche.  Sehen  Sie  sich  die  griechisch-lateinische 
Kultur  an,  wo  in  den  wunderbaren  Kunstwerken  der  Mensch  in  der 
aufieren  materiellen  Welt  ein  volliges  Abbild  seiner  selbst  schafft, 
wo  er  im  Drama  seine  menschlichen  Schicksale  entstehen  laBt  wie 
bei  Aischylos.  Sehen  Sie  sich  dagegen  an,  wie  man  in  der  agypti- 
schen  Kultur  noch  den  Gotterwillen  erforscht.  Jene  Eroberung  der 
Materie,  wie  wir  sie  in  der  griechischen  Zeit  sehen,  bedeutet  noch 
eine  Stufe  mehr,  auf  der  der  Mensch  das  materielle  Dasein  lieb- 
gewinnt,  und  vollends  ist  der  Mensch  in  der  romischen  Zeit  auf 
den  physischen  Plan  herausgetreten.  Wer  das  versteht,  der  weifi 
auch,  daB  wir  darin  das  vollige  Heraustreten  des  Personlichkeits- 
prinzips  zu  erblicken  haben.  Daher  trat  in  Rom  zuerst  das  auf,  was 


wir  den  Rechtsbegriff  nennen,  wo  wir  den  Menschen  zuerst  als 
Burger  vor  uns  haben.  Nur  eine  verworrene  WIssenschaft  kann  die 
Jurisprudenz  zuruckfiihren  auf  allerlei  vorhergehende  Zeiten.  Was 
man  vorher  unter  Recht  verstand,  war  etwas  anderes.  Viel  richtiger 
schildert  das  Alte  Testament  in  den  Zehn  Geboten  das  alte  Gesetz. 
Was  da  der  Gott  befahl,  das  gehorte  zu  dem,  was  die  Rechtsbegriffe 
enthielt.  Es  ist  ein  Unding  in  unserer  Zeit,  daB  man  die  Rechts- 
begriffe zuruckfiihren  will  bis  Hammurabi  und  so  weiter.  In  Rom 
zuerst  wird  das  eigentliche  Recht,  wird  der  eigentliche  Begriff  des 
Menschen  als  Burger  zur  Geltung  gebracht.  In  Griechenland  noch 
war  der  Burger  Mitglied  des  Stadt-Staates.  Der  Athener,  der  Spar- 
taner  war  als  Burger  viel  mehr  denn  als  Einzelmensch.  Er  fuhlte 
sich  als  Glied  des  Stadt-Staates.  In  Rom  erst  wurde  der  einzelne 
Mensch  der  Burger,  da  konnte  er  es  erst  werden.  Das  lieBe  sich  in 
alien  Einzelheiten  nachweisen.  Das,  was  wir  heute  ein  Testament 
nennen,  gab  es  in  dieser  Bedeutung  nicht  vor  der  alten  Romerzeit. 
Das  Testament  in  seiner  heutigen  Bedeutung  entstand  damals  erst, 
weil  da  erst  der  einzelne  Mensch  maBgebend  sein  sollte  in  seinem 
egoistischen  Willen,  um  diesen  Willen  auf  seine  Nachkommen 
tibergehen  zu  lassen.  Vorher  waren  andere  Impulse  als  der  persdn- 
liche  Wille  da,  die  das  Ganze  zusammenhielten.  So  lieBe  sich  an 
vielen  Beispielen  nachweisen,  wie  der  Mensch  heraustrat  auf  den 
physischen  Plan. 

Wir  leben  jetzt  im  fiinften,  in  jenem  Zeitraum,  wo  die  Kultur 
noch  tiefer  als  bis  zum  Menschen  heruntergestiegen  ist.  Wir  leben 
in  der  Zeit,  wo  der  Mensch  der  Sklave  ist  der  auBeren  Verhaltnisse, 
des  Milieus.  In  Griechenland  wurde  der  Geist  dazu  verwendet,  um 
die  Materie  zu  vergeistigen,  und  die  vergeistigte  Materie  tritt  uns 
entgegen  in  einer  Apollo-Gestalt,  einer  Zeus-Gestalt,  in  den  Dra- 
men  eines  Sophokles  und  so  weiter.  Da  ist  der  Mensch  hinaus- 
gestiegen  auf  den  physischen  Plan,  aber  noch  nicht  hinuntergestie- 
gen  unter  den  Menschen.  Auch  in  Rom  noch  ist  das  der  Fall.  Das 
tiefe  Heruntersteigen  unter  die  Sph'are  des  Menschlichen  ist  jetzt 
erst  geschehen.  In  unserer  Zeit  ist  der  Geist  der  Sklave  der  Materie 
geworden.  Unendlich  viel  Geist  ist  verwendet  worden  in  unserem 


Zeitraum,  urn  den  auBeren  Plan  in  seinen  Naturkraften  zu  durch- 
dringen,  um  diesen  auBeren  physischen  Plan  sozusagen  zu  einer 
moglichst  bequemen  Statte  fiir  den  Menschen  zu  machen. 

Vergleichen  wir  einmal  die  alten  Zeiten  mit  unserer  Zeit.  In 
diesen  alten  Zeiten  sah  der  Mensch  die  groBe  Sternenschrift  der 
Gotter,  aber  mit  welch  primitiven  Mitteln  wurden  die  Kultur- 
errungenschaften  jener  Zeit,  die  Pyramiden,  die  Sphinxe  hergestellt! 
Wie  nahrte  sich  der  Mensch!  Und  was  hat  er  sich  alies  an  auBeren 
Kulturmitteln  bis  heute  erobert!  Welche  Kraft  des  Geistes  gehorte 
dazu,  um  die  Dampfmaschine  zu  ersinnen  und  herzustellen,  um  die 
Eisenbahn,  den  Telegraphen,  das  Telephon  und  so  weiter  auszu- 
denken!  Ungeheure  Krafte  des  geistigen  Lebens  muBten  verwendet 
werden,  um  diese  rein  materiellen  Kulturmittel  zu  erfinden  und 
herzustellen.  Und  wozu  werden  sie  verwendet?  1st  es  fiir  das  spiri- 
tuelle  Leben  im  wesentlichen  ein  Unterschied,  ob  in  einer  Urkultur 
ein  Mensch  zwischen  zwei  Steinen  das  Getreide  zerrieb,  wozu  natiir- 
lich  sehr  geringe  geistige  Krafte  verbraucht  wurden,  oder  ob  wir 
imstande  sind,  nach  Amerika  zu  telegraphieren,  um  von  dorther 
groBe  Getreidemengen  zu  bekommen  und  sie  durch  wunderbar  aus- 
gedachte  Miihlen  zu  Mehl  zu  zerreiben?  Einfach  fiir  den  Magen  ist 
der  ganze  Apparat  in  Bewegung  gesetit.  Machen  wir  uns  klar, 
welche  Unsummen  geistiger  Lebenskrafte  hineingesteckt  werden  in 
die  bloB  materielle  Kultur.  Von  der  spirituellen  Kultur  wird  noch 
sehr  wenig  durch  die  auBeren  Kulturmittel  befordert.  Der  Tele- 
graph wird  in,  sagen  wir,  anthroposophischen  Angelegenheiten 
sehr  selten  verwendet.  Wenn  Sie  einen  statistischen  Vergleich  auf- 
stellen  wurden  zwischen  dem,  was  fiir  die  materielle  Kultur  ver- 
wendet wird,  und  dem,  was  dem  spirituellen  Leben  zugute  kommt, 
dann  wurden  Sie  begreifen,  daB  der  Geist  unter  das  Menschliche 
hinuntergetaucht  ist,  ein  Sklave  geworden  ist  des  materiellen  Lebens. 

So  haben  wir  im  entschiedensten  Sinne  einen  absteigenden  Kul- 
turweg  bis  in  unsere  Zeit,  in  die  fiinfte  Kulturepoche  hinein,  und 
immer  defer  und  tiefer  wiirde  es  hinuntergehen.  Deshalb  muB  vor 
dem  volligen  Hinuntergleiten  in  die  Materie  die  Menschheit  durch 
einen  neuen  Impuls  bewahrt  werden.  So  tief  ist  vorher  noch  nie- 


mals  das  Wesen  des  Menschen  hinuntergestiegen  in  die  Materie. 
Ein  starker,  der  starkste  der  Erdenimpulse  muBte  kommen.  Das 
war  die  Erscheinung  des  Christus  Jesus,  die  den  AnstoB  gab  zu 
neuem  spirituellem  Leben.  Was  wir  im  geistigen  Leben  wahrend  des 
Abstieges  an  aufw'artssteigenden  Kraften  haben,  das  verdanken  wir 
jenem  gewaltigen  Impulse,  der  durch  Christus  Jesus  kam.  Inner- 
halb  dieses  Abstieges  in  die  Materie  waren  immer  spirituelle  Im- 
pulse vorhanden.  Da  entfaltete  sich,  zuerst  langsam,  dann  mehr 
und  mehr  das  christliche  Leben,  das  heute  erst  im  Anfang  ist,  das 
aber  in  der  Zukunft  zu  einer  ungeheuren  Glorie  emporsteigen  wird, 
weil  die  Menschheit  erst  in  der  Zukunft  die  Evangelien  begreifen 
wird.  Wenn  man  sie  aber  vollstandig  verstehen  wird,  dann  wird 
man  sehen,  welche  Unsumme  spirituellen  Lebens  in  diesen  Evan- 
gelien vorhanden  ist.  Je  mehr  sich  das  Evangelium  in  seiner  wah- 
ren  Gestalt  ausbreiten  wird,  um  so  mehr  wird  die  Menschheit 
wiedemm  die  Moglichkeit  haben,  trotz  aller  materiellen  Kultur 
ein  spirituelles  Leben  zu  entfalten,  hinaufzusteigen  wiederum  in  die 
geistigen  Welten. 

Was  sich  nun  also  von  Zeitraum  zu  Zeitraum  in  der  nachatlanti- 
schen  Kultur  entwkkelt,  das  stellt  sich  der  Apokalyptiker  so  vor, 
daB  es  sich  ausdriickt  in  kleineren  Gemeinschaften,  und  so  werden 
ihm  diese  kleineren  Gemeinschaften,  die  auf  der  auBeren  Erde  im 
Raum  verteilt  sind,  zu  Reprasentanten  dieser  Kulturepochen.  Wenn 
er  spricht  von  der  Gemeinde  oder  Kirche  zu  Ephesus,  so  meint  er: 
Ich  nehme  an,  daB  zu  Ephesus  eine  solche  Gemeinde  lebte,  die  in 
gewisser  Beziehung  wohl  das  Christentum  angenommen  hat.  Aber 
weil  sich  alles  nach  und  nach  entwkkelt,  so  bleibt  immer  von  jeder 
Kulturepoche  etwas  zuriick.  In  Ephesus  haben  wir  zwar  eine  Ein- 
geweihtenschule,  aber  wir  haben  die  christliche  Lehre  da  so  gefarbt, 
daB  man  noch  iiberall  die  altindische  Kultur  erkennen  kann.  —  Er 
will  uns  zeigen  die  erste  Epoche  in  der  nachatlantischen  Zeit.  Diese 
erste  Epoche  in  der  nachatlantischen  Zeit  ist  also  reprasentiert  in 
der  ephesischen  Gemeinde,  und  das,  was  zu  verkunden  ist,  soli  in 
einem  Briefe  an  die  Gemeinde  von  Ephesus  verkiindet  werden.  Wir 
miissen  uns  das  ungefahr  so  vorstellen:  Der  Charakter  jener  fernen 


indischen  Kulturepoche  blieb  natiirlich,  er  setzte  sich  fort  in  ver- 
schiedenen  Kulturstromungen.  In  der  Gemeinde  von  Ephesus  haben 
wir  noch  etwas  von  diesem  Charakter.  Von  dieser  Gemeinde  wurde 
das  Christentum  so  erfaBt,  daB  es  noch  von  dem  typischen  Charak- 
ter der  altindischen  Kultur  bestimmt  wurde. 

So  haben  wir  in  jedem  dieser  Briefe  einen  Reprasentanten  einer 
der  sieben  nachatlantischen  Kulturepochen  angesprochen.  In  jedem 
Briefe  wird  gesagt:  Ihr  seid  so  und  so!  Diese  und  jene  Seite  eures 
Wesens  entspricht  dem,  was  im  Sinne  des  Christentums  ist,  das 
andere  muB  anders  werden.  —  So  sagt  der  Apokalyptiker  zu  einer 
jeden  Kulturepoche,  was  beibehalten  werden  kann  und  was  nicht 
mehr  stimmt  und  anders  werden  soil. 

Versuchen  wir  einmal,  ob  nun  wirklich  in  den  sieben  aufein- 
anderfolgenden  Briefen  etwas  enthalten  ist  von  dem  Charakter  der 
sieben  aufeinanderfolgenden  Kulturepochen.  Versuchen  wir  einmal 
zu  verstehen,  wie  diese  Briefe  gehalten  sein  muBten,  wenn  sie  dem 
entsprechen  sollten,  was  eben  gesagt  worden  ist.  Der  Apokalyp- 
tiker denkt  sich:  In  Ephesus  ist  eine  Gemeinde,  eine  Kirche.  Sie 
hat  das  Christentum  angenommen,  aber  sie  zeigt  das  Christentum 
in  einer  Farbung,  wie  die  erste  Kulturepoche  noch  war,  fremd  dem 
auBeren  Leben,  nicht  von  Liebe  erfiillt  fur  das,  was  die  eigentliche 
Aufgabe  ist  des  nachatlantischen  Menschen.  —  DaB  sie  die  An- 
betung  der  groben  Sinnlichkeit  verlassen  hat,  daB  sie  sich  gewandt 
hat  zum  geistigen  Leben  —  so  sagt  der,  der  die  Briefe  an  die  Ge- 
meinde richtet  — ,  das  gefalle  ihm  an  ihr.  Wir  erkennen,  was  der 
Apokalyptiker  damit  sagen  wollte,  in  dem  Umstand,  daB  Ephesus 
die  Statte  war,  wo  der  Mysteriendienst  der  keuschen  Diana  gepflegt 
wurde.  Er  deutet  darauf  hin,  daB  die  Abkehr  von  der  Materie  dort 
in  besonderer  Bliite  stand,  die  Abkehr  vom  sinnlichen  Leben  und 
die  Hinwendung  zum  Geistigen.  «Aber  ich  habe  wider  dich,  daB 
du  die  erste  Liebe  verlassen  hast»,  die  Liebe,  die  die  erste  nach- 
atlantische  Kultur  haben  muB,  die  darin  sich  auBert,  die  Erde  als 
Acker  anzusehen,  in  den  hinein  verpflanzt  werden  muB  der  gott- 
liche  Same. 

Wie  charakterisiert  sich  denn  derjenige,  der  diesen  Brief  diktiert? 


Er  charakterisiert  sich  als  Vorlaufer  des  Christus  Jesus,  gleichsam 
als  Fiihrer  der  ersten  Kulturepoche.  Der  Christus  Jesus  spricht 
gleichsam  durch  diesen  Fiihrer  oder  Meister  der  ersten  Kultur- 
epoche, jener  Epoche,  wo  der  Eingeweihte  hinaufsah  zu  den  jen- 
seitigen  Welten.  Er  sagt  von  sich,  daB  er  die  sieben  Sterne  in  seiner 
Rechten  halt  und  die  sieben  goldenen  Leuchter.  Die  sieben  Sterne 
sind  nichts  anderes  als  Symbole  fur  die  sieben  hdheren  geistigen 
Wesenheiten,  welche  die  Fiihrer  der  groBen  Kulturepochen  sind. 
Und  von  den  sieben  Leuchtern  ist  es  im  besonderen  ausgedriickt, 
daB  es  geistige  Wesenheiten  sind,  die  man  nicht  in  der  sinnlichen 
Welt  sehen  kann.  So  ist  auch  in  der  Joga-Einweihung  in  klaren 
Worten  auf  sie  hingedeutet,  hingedeutet  aber  auch  darauf ,  daB  nie- 
mals  der  Mensch  im  Sinne  der  Entwickelung  wirkt,  wenn  er  die 
auBeren  Werke  haBt,  wenn  er  von  der  Liebe  zu  den  auBeren  Wer- 
ken  ablaBt.  Die  Gemeinde  zu  Ephesus  hat  die  Liebe  zu  den  auBeren 
Werken  verlassen.  So  wird  ganz  richtig  in  der  Apokalypse  des 
Johannes  angegeben:  Du  hassest  die  Werke  der  Nikolaiten.  — 
«Nikolaiten»  ist  nichts  anderes  als  eine  Bezeichnung  fur  diejenigen 
Menschen,  die  das  Leben  bloB  in  der  sinnlichen  Materie  zum  Aus- 
druck  bringen.  Es  gab  in  der  Zeit,  auf  die  sich  dieser  Brief  bezieht, 
eine  Sekte  der  Nikolaiten,  die  alles,  was  dem  Menschen  wert  sein 
soli,  nur  in  dem  auBeren,  fleischlichen,  sinnlichen  Leben  sahen. 
Das  sollst  du  nicht,  sagt  derjenige,  der  den  ersten  Brief  inspiriert. 
Aber  nicht  von  der  ersten  Liebe  lassen,  sagt  er  auch,  denn  dadurch, 
daB  du  die  Liebe  zur  auBeren  Welt  hast,  belebst  du  diese  auBere 
Welt,  hoist  du  sie  hinauf  zum  geistigen  Leben.  —  Derjenige,  der 
Ohren  hat  zu  horen,  der  hore:  Wer  iiberwindet,  dem  werde  ich  zu 
essen  geben,  nicht  bloB  vom  verganglichen  Baum,  sondern  vom 
Baum  des  Lebens  — ,  das  heiBt,  der  wird  imstande  werden,  zu  ver- 
geistigen,  was  hier  im  Sinnlichen  ist,  um  es  hinaufzufiihren  zum 
Altar  des  geistigen  Lebens. 

Der  Reprasentant  der  zweiten  Kulturepoche  ist  die  Gemeinde 
oder  Kirche  zu  Smyrna.  Diese  redet  der  Fiihrer  der  Menschheit  an 
in  seinem  zweiten  Vorfahren,  in  dem  Inspirator  und  Meister  der 
uralt-persischen  Kultur.  Die  Gesinnung  der  uralt-persischen  Kul- 


tur  ist  diese:  Einstmals  ist  der  Gott  des  Lichtes  gewesen,  der  hatte 
einen  Feind,  die  auBere  Materie,  den  finsteren  Ahriman.  Zuerst  war 
ich  verbunden  mit  dem  Lichtgeist,  mit  dem  ersten,  der  da  war.  Da 
wurde  ich  eingegKedert  in  die  Welt  der  Materie,  in  welche  sich 
einfiigte  die  zuriickgebliebene  feindliche  Gewalt:  Ahriman.  Und 
nun  werde  ich  gemeinsam  mit  dem  Lichtgeist  bearbeiten  die  Materie 
und  ihr  den  Geist  eingliedern;  dann  wird  nach  Besiegung  der  bosen 
Gottheit  die  gute,  die  Licht-Gottheit  wieder  erscheinen.  —  «Ich  bin 
derjenige,  der  der  Erste  ist  und  der  Letzte»,  derjenige,  der  tot  wird 
im  materiellen  Leben  und  wiederum  lebendig  in  der  geistigen  Auf- 
erstehung.  So  lesen  wir  im  zweiten  Brief:  «Ich  bin  der  Erste  und 
der  Letzte,  der  da  ist  und  der  da  war  und  der  da  kommt,  der  wieder 
lebendig  geworden  ist»  (Offenbarung  Johannis  2,  8).  Es  wurde  zu 
weit  fuhren,  jeden  Satz  in  dieser  Weise  durchzugehen,  aber  den 
einen  miissen  wir  doch  noch  genauer  anfuhren,  den  Satz,  der  uns  da 
genau  charakterisiert,  wie  man  sich  als  Mitglied  der  Gemeinde  zu 
Smyrna  verhalt,  wenn  man  sie  umgestaltet  ins  christliche  Prinzip. 
Da  heiBt  es,  daB  man  dem  Tode  Leben  gibt,  daB  man  das  Tote 
durchgeistigt.  Man  geht  nicht  unter  in  dem  Toten.  Ginge  man 
unter,  dann  wiirde  der  Tod  ein  Ereignis  fur  den  Menschen  sein,  das 
ihn  zu  einem  geistigen  Leben  fiihrt,  in  dem  sich  nicht  die  Friichte 
dieses  irdischen  Lebens  linden  konnten.  Nehmen  wir  einen  Men- 
schen, der  sein  Leben  nicht  so  angewendet  hat,  daB  er  die  echten 
Friichte  herausziehen  kann.  Er  nimmt  keine  Friichte  mit  ins  gei- 
stige  Leben.  Aber  nur  von  diesen  Friichten  kann  er  im  geistigen 
Dasein  leben.  Wenn  er  also  keine  Friichte  mitbrachte,  so  wiirde  er 
den  «zweiten  Tod»  erleben.  Dadurch,  daB  er  dieses  irdische  Feld 
bearbeitet,  dadurch  wird  er  gerettet  vor  dem  « zweiten  Tod »:  «Wer 
Ohren  hat  zu  horen,  der  hore,  was  der  Geist  den  Gemeinden  sagt. 
Wer  iiberwindet,  dem  soil  kein  Leid  geschehen  von  dem  zweiten 
Tod»  (Offenbarung  Johannis  2, 11). 

Nun  gehen  wir  weiter,  zur  Gemeinde  zu  Pergamus.  Sie  ist  der 
Reprasentant  jener  Epoche  der  Menschheit,  die  mehr  und  mehr 
heraustrat  auf  den  physischen  Plan,  wo  der  Mensch  in  der  Sternen- 
schrift  sah,  was  sein  Geist  ergriinden  konnte.  Das  ist  dem  Men- 


schen  in  der  dritten  Kulturepoche  gegeben.  Der  Mensch  wirkt 
durch  das,  was  in  seinem  Innern  ist.  Dadurch,  daB  er  ein  Inneres 
hat,  kann  er  das  AuBere  erforschen.  Nur  weil  er  mit  einer  Seele 
begabt  war,  konnte  er  die  Sternenbahn  erforschen,  die  Geometrie 
erfinden.  Das  nannte  man  die  Erforschung  durch  das  Wort,  das  in 
der  Apokalypse  des  Johannes  ausgedriickt  ist  durch  «das  Schwert 
des  Mundes».  Derjenige,  der  diesen  Brief  schreiben  l&Bt,  deutet  da- 
her  darauf  hin,  daB  die  Gewalt  dieser  Epoche  ein  scharfes  Wort 
ist,  ein  scharfes,  zweischneidiges  Schwert.  Das  ist  das  Hermes -Wort 
der  alten  Priester,  ist  das  Wort,  durch  das  man  die  Naturkrafte  und 
Sterne  erforschte  im  alten  Sinn,  das  ist  diejenige  Kultur,  die  vor- 
zugsweise  durch  die  inneren  astralisch-seelischen  Krafte  des  Men- 
schen  gewonnen  wird  hier  auf  dem  physischen  Plan.  Wenn  sie 
noch  in  jener  alten  Form  gewonnen  wird,  ist  sie  wirklich  ein  sehr 
zweischneidiges  Schwert.  Da  steht  die  Weisheit  hart  an  der  Kante 
zwischen  dem,  was  weiBe  und  schwarze  Magie  ist,  zwischen  dem, 
was  in  die  Seligkeiten  fiihrt,  und  dem,  was  ins  Verderben  miindet. 
Deshalb  sagt  er,  daB  er  wohl  weiB,  daB  da,  wo  die  Reprasentanten 
dieser  Epoche  wohnen,  auch  des  Satans  Stuhl  ist.  Das  deutet  auf 
alles  das  hin,  was  hinwegfiihren  kann  von  den  wirklichen  groBen 
Zielen  der  Entwickelung.  Und  die  «Lehre  Balaams »  ist  keine  andere 
als  die  Lehre  der  schwarzen  Zauberer,  denn  das  ist  die  Lehre  der 
Volksverschlinger.  Die  Volksverschlinger,  die  Volkszerstorer  sind 
die  schwarzen  Magier,  die  nur  im  Dienste  ihrer  eigenen  Personlich- 
keit  arbeiten  und  alle  Gemeinschaft  zerstoren,  daher  alles,  was  im 
Volke  lebt,  verschlingen.  Aber  das  Gute  dieser  Kultur  besteht  darin, 
daB  der  Mensch  gerade  da  beginnen  kann,  seinen  Astralleib  zu  rei- 
nigen  und  zu  verklaren.  Das  nennt  man  das  «verborgene  Manna». 
Dasjenige,  was  bloB  fur  die  Welt  ist,  umgeandert  in  Gottesspeise, 
was  nur  fur  den  egoistischen  Menschen  ist,  umgewandelt  in  Gott- 
liches,  das  nennt  man  «verborgenes  Manna».  Alle  die  Symbole  hier 
zeigen  an,  daB  der  Mensch  seine  Seele  reinigt,  um  zum  reinen  Tra- 
ger  von  Manas  sich  zu  machen. 

Dazu  ist  es  allerdings  noch  notwendig,  durchzugehen  durch  die 
vierte  Kulturepoche.  Da  erscheint  der  Erloser,  Christus  Jesus,  sel- 


ber.  Es  ist  die  Gemeinde  zu  Thyatira.  Da  kiindigt  er  sich  an  als  der 
«Sohn  Gottes,  der  Augen  hat  wie  Feuerflammen  und  seine  FiiBe 
gleich  wie  Messing*.  Jetzt  kiindigt  er  sich  an  als  Sohn  Gottes,  jetzt 
ist  er  der  Fiihrer  der  vierten  Kulturepoche,  wo  der  Mensch  her- 
untergestiegen  ist  auf  den  physischen  Plan,  wo  er  selbst  in  den 
auBeren  Kulturmitteln  sein  Abbild  geschaffen  hat.  Jetzt  ist  die 
Periode  gekommen,  wo  die  Gottheit  selber  Mensch,  selber  Fleisch, 
selber  Person  wird,  das  Zeitalter,  in  dem  der  Mensch  bis  zu  dem 
Grade  der  Personlichkeit  heruntergestiegen  ist,  wo  in  den  Bild- 
hauerwerken  der  Griechen  die  individualisierte  Gottheit  als  Per- 
sonlichkeit erscheint,  wo  im  romischen  Burger  die  Personlichkeit 
auf  den  Weltenplan  tritt.  Dieses  Zeitalter  muBte  zu  gleicher  Zeit 
einen  Impuls  dadurch  erhalten,  daB  das  Gottliche  in  Menschen- 
gestalt  erscheint.  Der  herabgestiegene  Mensch  konnte  nur  gerettet 
werden  dadurch,  daB  der  Gott  selber  als  Mensch  erscheint.  Der 
«Ich-bin»  oder  das  Ich  im  astralischen  Leib  muBte  den  Impuls  des 
Christus  Jesus  erhalten.  Was  friiher  nur  im  Keim  sich  zeigte,  das 
Ich  oder  «Ich-bin»,  sollte  auf  den  auBeren  Plan  der  Weltgeschichte 
treten.  Der  Sohn  Gottes  darf  daher  als  Fiihrer  der  Zukunft  sagen: 
«Und  alle  Gemeinden  sollen  erkennen  den  Ich-bin,  der  die  Her- 
zen  und  Nieren  priifet»  (Offenbarung  Johannis  2,  23).  Auf  das 
« Ich-bin »,  auf  das  vierte  Glied  der  menschlichen  Wesenheit,  wird 
hier  Gewicht  gelegt.  «WIe  ich  von  meinem  Vater  empfangen 
habe;  und  ich  will  ihm  geben  den  Morgenstern»  (Offenbarung 
Johannis  2,  28). 

Was  bedeutet  hier  «Morgenstern»?  Wir  wissen,  die  Erde  geht 
hindurch  durch  den  Saturn,  die  Sonne,  den  Mond,  die  Erde,  den 
Jupiter,  die  Venus  und  den  Vulkan.  So  spricht  man  es  gewohnlich 
aus  und  so  ist  es  auch  richtig.  Ich  habe  aber  auch  schon  darauf  hin- 
gewiesen,  daB  die  Erdenentwickelung  zerfallt  in  die  Marszeit  und 
in  die  Merkurzeit  wegen  des  geheimnisvollen  Zusammenhangs,  der 
da  in  der  ersten  Halfte  des  Erdzustandes  zwischen  Erde  und  Mars 
und  in  der  zweiten  Halfte  zwischen  Erde  und  Merkur  besteht.  Da- 
her setzt  man  an  Stelle  der  Erde  auch  Mars  und  Merkur.  Man  sagt,  die 
Erde  geht  durch  in  ihrer  Entwickelung  durch  Saturn,  Sonne,  Mond, 


Mars,  Merkur,  Jupiter,  Venus.  So  haben  wir  also  als  das  Gestirn, 
das  als  das  eigentlich  Tonangebende,  als  die  Kraft  im  zweiten  Zeit- 
raum  der  Erde  sich  darstellt,  den  Merkur.  Der  Merkur  ist  der  Stern, 
der  uns  reprasentiert  die  richtunggebende  Kraft,  als  Richtung  nach 
aufwarts,  die  der  Mensch  einschlagen  muB. 

Hier  komme  ich  an  eine  Stelle,  wo  wir  sozusagen  ein  kleines 
Geheimnis  liiften  miissen,  das  im  Grunde  genommen  nur  an  dieser 
Stelle  geiiiftet  werden  darf.  Man  hat  namlich  im  Okkultismus  fiir 
diejenigen,  die  die  Geisteswissenschaft  nur  miBbrauchen  wiirden 
und  namentlich  in  alteren  Zeiten  miBbraucht  hatten,  immer  gehabt 
das,  was  man  nennen  mochte  eine  Maske.  Man  hat  sich  nicht  direkt 
ausgedriickt,  sondern  hat  hingestellt  etwas,  was  die  wahre  Sachlage 
verhiillen  sollte.  Nun  hat  sich  die  mittelalterliche  Esoterik  nicht 
anders  zu  helfen  gewuBt  als  durch  grobe  Mittel.  Sie  hat  den  Mer- 
kur Venus  genannt  und  die  Venus  Merkur.  In  Wahrhek  miiBten 
wir,  wenn  wir  im  Sinne  der  Esoterik  sprechen  wollen,  wie  es  der 
Apokalyptiker  getan  hat,  den  Merkur  als  Morgenstern  ansprechen. 
Er  meint  mit  Morgenstern  den  Merkur:  Ich  habe  deinem  Ich 
gegeben  die  Richtung  nach  aufwarts,  durch  den  Morgenstern,  den 
Merkur.  —  Sie  konnen  auch  noch  in  gewissen,  wirklich  die  Sachlage 
treffenden  Biichern  des  Mittelalters  finden,  daB  die  Sterne  unseres 
Planetensystems  so  aufgezahit  werden:  Saturn,  Jupiter,  Mars,  und 
auf  die  Erde  folgen  nicht  wie  jetzt  Venus,  Merkur,  sondern  um- 
gekehrt  Merkur,  Venus.  Daher  heiBt  es  hier:  «Wie  Ich  von  meinem 
Vater  empfangen  habe;  und  will  ihm  geben  den  Morgenstern. » 

Und  jetzt  miiBten  wir  kommen  in  unsere  Epoche  herein,  der  wir 
angehoren,  und  wir  miiBten  uns  fragen:  Erfiillt  sich  denn  diese 
Offenbarung  des  Apokalyptikers  bis  in  unsere  Zeit  herein?  —  Wenn 
sie  sich  erfiillen  wiirde,  miiBte  zu  uns  sprechen  derjenige,  der  durch 
die  vier  vorhergehenden  Epochen  gesprochen  hat,  und  wir  miiBten 
seine  Stimme  verstehen  lernen,  miiBten  uns  hineinfinden  konnen 
in  das,  was  unsere  Aufgabe  ist  fiir  das  spirituelle  Leben.  Soil  es 
eine  spirituelle  Geistesstromung  geben  und  soli  sie  Weltmystik 
verstehen,  dann  muB  diese  Stromung,  insofern  sie  iibereinstimmen 
soil  mit  der  Apokalypse  des  Johannes,  das  erfiillen,  was  der  Spre- 


cher,  der  groBe  Inspirator,  fordert  von  dieser  Epoche.  Was  fordert 
er,  und  wer  ist  er?  Konnen  wir  ihn  erkennen?  Versuchen  wir  es. 

«Und  dem  Engel  der  Gemeinde  zu  Sardes  schreibe»  —  wir  selbst 
miissen  uns  hier  angesprochen  fiihlen  — :  «Das  sagt,  der  die  sieben 
Geister  Gottes  hat  und  die  sieben  Sterne »  (Offenbarung  Johan- 
nis  3,  1).  Was  sind  sie  hier,  die  sieben  Geister  und  die  sieben 
Sterne?  Im  Ton  des  Apokalyptikers  ist  der  Mensch,  wie  er  uns  hier 
erscheint,  ein  'auBerer  Ausdruck  der  sieben  menschlichen  Prin- 
zipien,  die  wir  aufgezahlt  haben.  Das  Prinzip  des  physischen  Leibes, 
von  dem  der  auBere  physische  Leib  der  Ausdruck  ist,  das  Prinzip 
des  Lebensleibes,  dessen  Ausdruck  der  Atherleib  ist,  das  Prinzip  des 
astralischen  Leibes,  der  umgewandelt  Manas  ergibt,  Buddhi  oder 
der  umgewandelte  Atherleib,  Atma  oder  der  umgewandelte  phy- 
sische Leib,  und  mitten  drinnenstehend  das  Ich-Prinzip:  das  sind  die 
sieben  geistigen  Ingredienzien,  in  welche  die  gottliche  Wesenheit 
des  Menschen  wie  in  Glieder  eines  Fachers  auseinandergelegt  ist. 
Nach  dem  technischen  Ausdruck  des  Okkultismus  nennt  man  diese 
sieben  Prinzipien  die  sieben  Geister  des  Gottes  im  Menschen.  Und 
die  sieben  Sterne,  das  sind  die  Sterne,  nach  denen  wir  verstehen, 
was  der  Mensch  heute  ist  und  was  er  in  der  Zukunft  werden  soil. 
Wenn  wir  sie  aufzahlen,  die  aufeinanderfolgenden  Sterne  der  Erden- 
verkorperung:  Saturn,  Sonne,  Mond,  Erde,  Jupiter,  Venus  und  Vul- 
kan,  dann  sind  das  die  sieben  Sterne,  die  uns  die  Entwickelung  des 
Menschen  verst'andlich  machen.  Der  Saturn  hat  dem  Menschen  die 
Anlage  zu  seinem  physischen  Leibe,  die  Sonne  die  zu  seinem  atheri- 
schen,  der  Mond  jene  zum  astralischen  Leib  und  die  Erde  hat  ihm 
das  Ich  gegeben.  Die  drei  nachstfolgenden,  Jupiter,  Venus,  Vulkan, 
bilden  die  geistigen  Wesensglieder  des  Menschen  aus.  Verstehen  wir 
den  Ruf  des  Geistes,  der  diese  sieben  Sterne  und  die  sieben  Geister 
Gottes,  die  siebengliedrige  Natur  in  der  Hand  hat,  dann  treiben 
wir  im  Sinne  des  Apokalyptikers  Anthroposophie.  Nichts  anderes 
heiBt  Anthroposophie  treiben,  als  zu  wissen,  daB  hier  hingedeutet 
wird  auf  die  fiinfte  menschliche  Entwickelungsepoche  der  nach- 
atlantischen  Zeit,  zu  wissen,  daB  wir  in  unserer  Zeit,  wo  man  am 
tiefsten  heruntergestiegen  ist  in  die  Materie,  in  das  spirituelle  Leben 


wieder  hinaufschreiten  sollen  im  Gefolge  der  groBen  Individuality, 
welche  die  sieben  Geister  Gottes  und  die  sieben  Sterne  uns  zur 
Fiihrerschaft  gibt,  damit  wir  uns  zurechtfinden  auf  dem  Wege. 

Und  wenn  wir  diesen  Weg  gehen,  bringen  wir  in  den  sechsten 
Zeitraum  hinein  das  richtige  spirituelle  Leben  der  Weisheit  und  der 
Liebe.  Dann  wird  das,  was  wir  uns  erarbeiten  als  anthroposophische 
Weisheit,  zum  Liebesimpuls  des  sechsten  Zeitraumes,  der  repra- 
sentiert  wird  durch  die  Gemeinde,  die  schon  in  ihrem  Namen  sich 
als  Reprasentant  des  sechsten  Zeitraumes  ausdriickt:  die  Gemeinde 
der  Bruderliebe,  Philadelphia.  Alle  diese  Namen  sind  nicht  um- 
sonst  gewahlt.  Der  Mensch  wird  sein  Ich  entwickeln  zur  richtigen 
Hohe,  so  daB  er  selbstandig  wird  und  in  Freiheit  die  Liebe  jedem 
anderen  Wesen  entgegenbringt  im  sechsten  Zeitraum,  der  repra- 
sentiert  ist  durch  die  Gemeinde  Philadelphia.  Das  soil  als  spiri- 
tuelles  Leben  des  sechsten  Zeitraumes  vorbereitet  werden.  Da  wer- 
den  wir  das  individuelle  Ich  in  hoherem  Grade  in  uns  gefunden 
haben,  so  daB  keine  auBere  Kraft  mehr  in  uns  hineinspielen  kann, 
wenn  wir  es  nicht  wollen;  so  daB  wir  zuschlieBen  konnen  und  nie- 
mand  ohne  unseren  Willen  aufschlieBt,  und  wenn  wir  aufschlieBen, 
keine  entgegengesetzte  Macht  zuschlieBt.  Das  ist  der  «  Schliissel 
Davids ».  Deshalb  spricht  derjenige,  der  den  Brief  inspiriert,  daB  er 
den  Schliissel  Davids  hat.  «Und  dem  Engel  der  Gemeinde  zu  Phila- 
delphia schreibe:  Das  sagt  der  Heilige,  der  Wahrhaftige,  der  da  hat 
den  Schliissel  Davids,  der  auftut  und  niemand  schlieBt  zu,  der  zu- 
schlieBet  und  niemand  tut  auf»  —  «Siehe,  ich  habe  vor  dir  gegeben 
eine  offene  Tiir,  und  niemand  kann  sie  zuschlieBen »  —  das  Ich,  das  in 
sich  selbst  sich  gefunden  hat  (OfTenbarung  Johannis  3,  7). 

Und  der  siebente  Zeitraum  wird  diejenigen,  die  gefunden  haben 
dieses  spirituelle  Leben,  scharen  um  den  groBen  Fiihrer;  er  wird 
sie  vereinigen  um  diesen  grofien  Fiihrer.  Sie  werden  bereits  so  weit 
dem  spirituellen  Leben  angehoren,  daB  sie  sich  unterscheiden  wer- 
den von  denen,  die  abgef alien  sind,  von  denen,  die  lau  sind,  « nicht 
kalt  und  nicht  warm».  Das  Hauflein,  welches  die  Spiritualitat  ge- 
funden hat,  wird  verstehen  den,  der  da  sagen  darf,  indem  er  sich  zu 
erkennen  gibt:  Ich  bin  derjenige,  der  in  sich  schlieBt  das  wirkliche 


Endwesen,  nach  dem  alles  zusteuert.  —  Denn  dieses  Endwesen,  das 
bezeichnet  man  mit  dem  Worte  «Amen».  Daher  Kapitel  3,  14: 
«Und  dem  Engel  der  Gemeinde  zu  Laodizea  schreibe:  Das  saget 
der  Amen»  —  derjenige,  der  in  seiner  Wesenheit  die  Wesenheit  des 
Endes  darstellt. 

So  sehen  wir,  wie  in  der  Apokalypse  des  Johannes  gegeben  ist 
der  Inhalt  einer  Einweihung.  Und  die  erste  Stufe  schon  dieser  Ein- 
weihung, wo  wir  den  inneren  Fortgang  der  sieben  nachatlantischen 
Zeiten  sehen,  wo  wir  noch  den  Geist  des  physischen  Planes  sehen, 
zeigt  uns,  daJ3  wir  es  zu  tun  haben  mit  einer  Einweihung  des  WI1- 
lens.  Denn  bis  in  unsere  Zeit  herein  kann  dieser  Inhalt  befeuernd 
wirken  auf  unseren  Willen,  wenn  wir  erkennen,  daJ3  wir  hinhor- 
chen  sollen  auf  die  Inspkatoren,  die  uns  lehren,  wenn  wir  ver- 
stehen  lernen,  was  die  sieben  Sterne  und  die  sieben  Geister  Gottes 
bedeuten,  wenn  wir  verstehen  lernen,  daB  wir  die  spirituelle  Er- 
kenntnis  in  die  Zukunft  hineintragen  sollen. 


VIERTER  VORTRAG 
Niirnberg,  21.  Juni  1908 


Es  hat  sich  uns  gestern  ergeben,  inwiefern  die  Apokalypse  des 
Johannes  prophetisch  hinweist  auf  den  Zyklus  der  Menschen- 
entwickelung,  der  da  liegt  zwischen  jener  groBen  Umwalzung  auf 
unserer  Erde,  welche  die  verschiedenen  Volker  als  Sintflut  bezeich- 
nen,  welche  die  Geologen  charakterisieren  als  die  Eiszeit,  und  jener 
Epoche,  die  wir  als  die  des  Krieges  aller  gegen  alle  bezeichnen. 
In  dem  Zeitraum  zwischen  diesen  beiden  Epochen  liegt  alles  das, 
worauf  das  apokalyptische  Buch  mit  den  sieben  Sendschreiben  pro- 
phetisch hinweist,  dieses  Buch,  das  uns  die  Wesenheiten  der  ver- 
gangenen  Zeiten  zeigt,  um  daraus  herzuleiten,  was  unseren  Willen, 
unsere  Impulse  befeuern  soil  fiir  die  Zukunft.  Und  wir  haben  ge- 
sehen,  wie  wir  selbst  innerhalb  der  spirituellen  Bewegung,  in  der 
wir  stehen,  die  Worte  des  sogenannten  fiinften  Sendschreibens  als 
eine  Aufforderung  betrachten  sollen,  zu  handeln,  zu  wirken.  Wir 
haben  gesehen,  wie  darauf  hingewiesen  wird,  daB  wir  folgen  sollen 
jener  Wesenheit  mit  den  sieben  Geistern  Gottes  und  den  sieben 
Sternen.  Und  wir  haben  gesehen,  wie  durch  diese  spirituelle  gei- 
stige  Bewegung  der  n'achstfolgende  Zeitraum  vorbereitet  wird,  der 
reprasentiert  ist  durch  die  Gemeinde  von  Philadelphia,  der  Zeit- 
raum, in  dem  herrschen  soil  bei  alien  denen,  welche  das  Wort  der 
Aufforderung  verstanden  haben,  jene  Bruderliebe  iiber  die  ganze 
Erde  hin,  die  vorgezeichnet  ist  im  Evangelium  des  Johannes.  Dar- 
auf wird  noch  ein  anderer,  der  siebente  Unterzeitraum  folgen,  der 
dadurch  bezeichnet  wird,  daB  uns  auf  der  einen  Seite  hingestellt 
wird  alles  das,  was  schlimm  ist  in  der  Gemeinde,  die  den  siebenten 
Zeitraum  reprasentiert,  was  lau  ist,  nicht  heiB  und  nicht  kalt,  was 
sich  nicht  erwarmen  konnte  fiir  das  spirituelle  Leben  und  daher 
abf alien  muB,  und  auf  der  anderen  Seite  werden  diejenigen  gezeigt, 
die  das  Wort  der  Aufforderung  verstanden  haben,  die  die  Gefolg- 
schaft  bilden  werden  dessen,  der  da  sagt,  Ich  bin  das  Amen  —  das 


heiBt:  Ich  bin  der,  der  das  Ziel  der  menschlichen  Wesenheit  in  sich 
vereinigt,  der  das  Christus-Prinzip  in  sich  selber  enthalt. 

Wir  wollen  nun  alles  das,  was  noch  zur  weiteren  Erklarung  der 
einzelnen  Sendschreiben,  was  noch  zur  Rechtfertigung  der  ein- 
zelnen  Namen  der  St'adte  hinzuzufiigen  ware,  fur  einen  spateren 
Zeitpunkt  aufbewahren.  Heute  wollen  wir  weiterschreiten  in 
unserer  Betrachtungsweise  zu  dem,  was  sich  dem  Menschen  bietet, 
wenn  er  die  nachste  Stufe  der  Einweihung  beschreitet.  Die  sieben 
Unterzeitraume  unseres  Menschheitszyklus  traten  uns  entgegen,  und 
wir  haben  gesagt,  daft  dieser  ganze  Zyklus  mit  seinen  sieben  Unter- 
kreislaufen  selbst  wiederum  ein  kleiner  Zyklus  ist  in  einem  groBen 
umfassenden  Zeitenlauf,  der  gleichfalls  sieben  einzelne  Epochen 
enthalt.  Unserem  Zyklus  von  sieben  Zeitlaufen  ging  der  atlan- 
tische  voran,  in  dem  sich  die  Rassen,  deren  Nachklange  jetzt  noch 
vorhanden  sind,  ausgebildet  haben.  Unserem  jetzigen  Zyklus,  das 
heiBt  dessen  siebentem  Unterzyklus,  wird  unmittelbar  folgen  ein 
anderer,  wiederum  aus  sieben  Gliedern  bestehender  Zeitraum.  Die- 
sen  Zeitraum,  den  bereitet  der  jetzige  auch  mittelbar  vor.  So  daB 
wir  sagen  konnen:  Nach  und  nach  wird  sich  unsere  Kultur  hinein- 
leben  in  eine  Kultur  der  Bruderliebe,  wo  ein  verhaltnismaBig 
kleiner  Teil  der  Menschen  verstanden  haben  wird  das  spirituelle 
Leben,  vorbereitet  haben  wird  den  Geist  und  die  Gesinnung  der 
Bruderliebe.  —  Diese  Kultur  wird  dann  wiederum  einen  kleineren 
Teil  von  Menschen  aussondern,  und  der  wird  hiniiberleben  iiber 
jenes  Ereignis,  das  so  zerstorend  auf  unseren  Kreislauf  wirken  wird, 
iiber  den  Krieg  aller  gegen  alle.  Bei  diesem  allgemein  zerstorenden 
Elemente  werden  iiberall  einzelne  sein,  die  sich  herausheben  aus 
der  iibrigen,  sich  gegenseitig  bekriegenden  Menschheit,  einzelne, 
die  das  spirituelle  Leben  verstanden  haben  und  die  den  Grundstock 
bilden  werden  fur  eine  neue,  andere  Epoche,  die  Epoche  des  sech- 
sten  Zeitraumes. 

So  ging  es  auch  beim  Heriiberleben  vom  vierten  Zeitlauf  in 
unsere  Zeit  herein.  Derjenige,  der  mit  hellseherischen  Blicken  den 
Zeitenlauf  zuriickverfolgen  kann,  der  kommt,  wenn  er  hindurch- 
gegangen  ist  dutch  die  Zeitraume,  die  wir  betrachtet  haben  —  den 


griechisch-romischen,  den  agyptisch-babylonischen,  den  altpersi- 
schen  und  den  altindischen  — ,  wenn  er  hindurchgegangen  ist  audi 
durch  die  Zeit  der  groBen  Flut,  er  kommt  dann  in  die  atlantische 
Zeit  hinein.  Wir  brauchen  sie  n
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