Ursprung und Ziel des Menschen. Grundbegriffe der Geisteswissenschaft

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE  VORTRAGE 


RUDOLF  STEINER 


Ursprung  und  Ziel  des  Menschen 

Grundbegriffe 
der  Geisteswissenschaft 


Dreiundzwanzig  offentliche  Vortrdge, 

gehalten  in  Berlin  zwischen  dem 
29.  September  1904  und  8.  Juni  1905 


1981 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgte  Hans  Rudolf  Niederhauser 


1 .  Auf  lage  unter  dem  Titel 
«Grundbegriffe  der  Theosophie» 

Dornach  1957 

2.  Auflage  unter  dem  Titel 
«Ursprung  und  Ziel  des  Menschen», 

erweitert  um  die  Vortrage 
26.  I.  /  16.  +  23.  II.  /  2.  III.  /  4.,  11.,  18.,  25.  V.  /  8.  VI.  1905 
Gesamtausgabe  Dornach  1981 

Vortrage  26.  L  /  16.  4-  23.  II.  /  2.  III.  1905 
Erstdruck  in  diesem  Band 


Einzelausgaben  und  Veroffentlichungen  in  Zeitschriften 
siehe  zu  Beginn  der  Hinweise 


Bibliographie-Nr.  53 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung, 

Dornach/Schweiz 
©  1981  by  Rudolf  Steiner-Nachlaftverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany.  Gesamtherstellung  Greiserdruck  Rastatt 

ISBN  3-7274-0532-5 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geistes- 
wissenschaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925) 
geschriebenen  und  veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er 
in  den  Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse, 
sowohl  offentlich  wie  auch  fiir  die  Mitglieder  der  Theoso- 
phischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst 
wollte  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei  gehaltenen 
Vortrage  nicht  schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als 
«miindliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen» 
gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstandige 
und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbrei- 
tet  wurden,  sah  er  sich  veranlafit,  das  Nachschreiben  zu 
regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von 
Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenographierenden, 
die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fiir  die  Heraus- 
gabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner 
aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschrif- 
ten selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegeniiber  alien  Vor- 
tragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  wer- 
den:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  dafi 
in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde 
gemafi  ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf 
Steiner  Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band 
bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erfor- 
derlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen 
am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


I 

Erster  Vortrag,  Berlin,  29.  September  1904   

Was  findet  der  moderne  Mensch  in  der  Theosophie? 
Der  Zwiespalt  im  modernen  naturwissenschaftlichen  Weltbild 
zwischen  Wissen  und  Glauben  mufi  gelost  werden.  Aufgabe  der 
theosophischen  Bewegung,  diesen  Zwiespalt  zu  uberbriicken. 
Erweiterung  und  Vertiefung  des  naturwissenschaftlichen  Weltbil- 
des.  Dem  «Kampf  urns  Dasein»  setzt  Theosophie  die  Liebe  als 
Urkraft  der  Welt  entgegen. 

Zweiter  Vortrag,  13.  Oktober  1904   

Die  menschliche  Wesenheit 

Wesen  und  Aufgabe  der  theosophischen  Bewegung.  -  Charakteri- 
stik  der  physischen,  seelischen  und  geistigen  Wesenheit  des  Men- 
schen  und  ihrer  GHeder.  Uber  die  Wahrnehmung  des  «Ich».  Die 
Theosophie  zeigt  Mittel  und  Wege,  um  die  iibersinnlichen 
Wesensglieder  wahrzunehmen.  Johann  Gottlieb  Fichte  u.  a.  haben 
dieses  ubersinnliche  Wahrnehmen  bereits  gef  ordert.  Goethe  hat  in 
den  Bildern  des  «Marchens»  theosophische  Weltanschauung  be- 
schrieben. 

Dritter  Vortrag,  20.  Oktober  1904  

Reinkarnation  und  Karma 

Das  Grundgesetz  des  seelischen  Lebens  ist  das  Gesetz  der  seeli- 
schen Entwicklung,  der  Wiederverkorperung;  das  des  geistigen 
Lebens  das  Gesetz  von  Ursache  und  Wirkung,  Karma.  Vererbung. 
Entwicklung.  Wesen  der  menschlichen  Biographic  Konsequente 
Durchfiihrung  des  naturwissenschaftlichen  Entwicklungsgedan- 
kens  fuhrt  zur  Idee  der  Reinkarnation.  Entwicklung  cles  Begriffs 
des  Gewissens.  Widerlegung  von  Einwanden  gegen  den  Karma- 
gedanken. 

Fragenbeantwortung  


Vierter  Vortrag,  27.  Oktober  1904    92 

Theosophie  und  Darwin 

Die  Wandelbarkeit  der  menschlichen  Erkenntnisse  und  Anschau- 
ungen.  In  der  Entwicklungsgeschichte  des  Menschen  wurde  als 
letzte  Stufe  das  Mechanische  erfafit.  Eine  Entwicklungslehre  gab 
es  immer.  Darwin  hat  sie  im  Sinne  von  Ursache  und  Wirkung 
mechanisch  verstanden.  Seine  Theorie  fufit  auf  der  Lehre  von 
Malthus.  Darwinismus  als  notwendige  Entwicklungsphase  in  der 
Kultur;  sie  schliefit  die  Notwendigkeit  der  Oberwindung  in  sich. 
Ansatze  dazu  finden  sich  bei  Darwin  selber. 

Fonfter  Vortrag,  3.  November  1904    110 

Theosophie  und  Tolstoi 

Form  als  Offenbarung  des  Lebens  auch  im  Kiinstlerischen. 
Naturalismus  des  Westens.  Zola,  Ibsen.  Die  Formkultur  der 
Gegenwart  in  Wissenschaft  und  Kunst.  Tolstoi  sucht  etwas  ande- 
res:  er  sucht  die  Seele,  das  Leben  in  den  Formen.  Das  Unsichtbare, 
das  Innere,  Wesentliche  will  er  erfassen  im  kiinstlerischen  wie  im 
sittlichen  Leben.  Er  sucht  eine  Erneuerung  aller  Lebens-  und 
Weltanschauung  aus  dem  Inneren  des  Menschen  zu  begriinden. 
Theosophie  will  auch  zum  tieferen  Verstandnis  der  Gegenwart, 
zum  Wahrnehmen  des  Wirkens  des  Obersinnlichen  im  Physischen 
fiihren. 


Sechster  Vortrag,  10.  November  1904    131 

Die  Seelenwelt 

Das  Wesen  des  Obersinnlichen  mufi  man  kennen,  um  die  sinnen- 
fallige  Welt  zu  verstehen.  -  Die  Seele  zwischen  Hingabe  an  das 
Sinnliche  und  an  das  Geistige,  Methodische  Grundfragen  der 
Erkenntnis  des  Obersinnlichen.  -  Das  Schicksal  der  Seele  zwi- 
schen Tod  und  Wiedergeburt.  Die  Seele  im  Seelen-  und  Geister- 
land.  Die  sieben  Gebiete  des  Kamaloka.  Diese  sind  nicht  raumlich 
vorzustellen;  es  sind  Bewufltseinszustande. 

Siebenter  Vortrag,  17.  November  1904    148 

Das  Geisterland 

Schwierigkeit  der  Beschreibung  dieses  Gebietes;  es  ist  nur  bildhaft 
mdglich.  Es  ist  die  Welt  der  geistigen  Urbilder.  Es  sind  ebenfalls 
sieben  Stufen  zu  unterscheiden,  die  die  Seele  im  nachtodlichen 
Leben  durchlebt  als  Bewufitseinszustande.  Ober  die  Zeitdauer  des 
Aufenthalts  im  Devachan. 


Achter  Vortrag,  1.  Dezember  1904    166 

Friedrich  Nietzsche  im  Lichte  der  Geisteswissenschaft 
Das  Leben  Nietzsches.  Schopenhauer.  Wagner.  Der  BruchNietz- 
sches  mit  Wagner  1888.  Beginn  seiner  Seelenverdiisterung. 
Besprechung  der  Werke:  «Die  Geburt  der  Trag6die.»  Was  Nietz- 
sche ahnte,  hat  Eduoard  Schure  aus  der  Spiritualitat  dargestellt. 
«Ober  den  Nutzen  und  Nachteil  der  Historic  fur  das  Leben», 
«Also  sprach  Zarathustra».  An  seinen  hohen  Sehnsuchten  und 
Idealen,  die  sich  ihm  nicht  erfullen  konnten,  ist  Nietzsche  geschei- 
tert. 


Neunter  Vortrag,  15.  Dezember  1904    184 

Vom  inneren  Leben 

Die  Entwicklung  des  inneren  Menschen  zum  erlebenden  Ver- 
standnis  der  Geisteswissenschaft  ist  eine  Geburt  der  Seele  und  des 
Geistes;  sie  vollzieht  sich  in  aller  Stille,  ohne  dafl  dadurch  aufiere 
Pflichten  vernachlassigt  werden  diirfen.  -  Angabe  von  Ubungen. 
Umwandlung  von  Gewohnheiten.  Das  Leben  mit  dem  Karma- 
gedanken.  Kontrolle  des  Gedankenlebens.  Innere  Ruhe.  Intensi- 
ves  Verbinden  mit  einem  iiberschaubaren  Gedanken.  Verehrung 
und  Dankbarkeit.  -  Eine  strenge  Schulung  zum  eigenen  Schauen 
ist  gegeben  in  dem  Buch  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der 
hoheren  Welten?».  Gefahren  des  Weges.  Weitere  Tugenden  als 
Ausblick  auf  den  Pfad  der  okkulten  Schulung. 


Zehnter  Vortrag,  9.  Februar  1905    204 

Ursprung  und  Ziel  des  Menschen 

Die  naturwissenschaftliche  Schopfungslehre.  Gegensatz  zu  der 
wortlich  genommenen  Schopfungsauffassung  der  Bibel.  Charak- 
teristik  der  alten  spirituellen  Auffassungen  bei  Plato,  Aristoteles; 
Gnostik;  Augustin  und  Thomas  von  Aquino.  Vom  14.  Jahrhun- 
dert  an  wird  die  Bibel  wortlich  genommen,  die  spirituelle  Natur- 
auffassung  geht  verloren.  Die  neueste  Naturwissenschaft  spricht 
wieder  von  geistigen  Einschlagen  (Dominanten).  Reinke.  Eine 
spirituelle  Entwicklungslehre  in  Obereinstimmung  mit  einer  spiri- 
tuellen Auffassung  der  religiosen  Urkunden  gibt  es  erst  wieder 
durch  die  Theosophie.  Erkenntnismethodische  Bemerkungen. 
Charakteristik  einer  spirituellen  Entwicklungslehre,  die  mit  den 
Naturtatsachen  iibereinstimmt. 


Fragenbeantwortung 


227 


Elfter  Vortrag,  9.  Marz  1905    232 

Die  Entstehung  der  Erde 

Schwierigkeit  der  Darstellung  des  geistigen  Entwicklungsgesche- 
hens,  weil  unsere  Sprache  fur  und  durch  die  Sinnenwelt  gepragt 
ist.  Charakteristik  des  Menschen  in  vorgeschichtlichen  Zeiten. 
Atlantis  und  Lemurien.  Beschreibung  der  alten  Erdzustande  unter 
der  Einwirkung  der  Mond-  und  Sonnenkrafte.  Trennung  von  den 
Mond-  und  Sonnenkraften.  Involution  und  Evolution  im  Zusam- 
menhang  der  Erd-  und  Menschenentwicklung. 


ZwOLFTER  Vortrag,  16.  Marz  1905    255 

Die  grofien  Eingeweihten 

Das  Charakteristische  der  theosophischen  Weltanschauung:  Sie 
kennt  keine  Erkenntnisgrenzen.  Durch  die  Erkenntnisschulung, 
die  zur  Einweihung  fuhrt,  wird  die  Grenze  iiberwunden.  Uber 
Meditation.  Der  achtgliedrige  Pfad  und  die  sechs  Tugenden.  Die 
Stufen  der  Einweihung.  Zwei  Beispiele,  wie  Eingeweihte  wirken: 
Hermes  und  Lohengrin. 

Fragenbeantwortung  279 


Dreizehnter  Vortrag,  23.  Marz  1905    280 

Ibsens  Geistesart 

Ibsen  als  Reprasentant  unserer  Zeit.  Wesen  und  Auffassung  der 
Personlichkeit  im  Altertum,  Mittelalter  und  Neuzeit.  Ibsen  schil- 
dert  die  Personlichkeit  im  Zusammenhang  der  Umwelt,  die  hohl 
und  verlogen  geworden  ist.  Er  erwartet  eine  Revolution  des 
menschlichen  Geistes.  Er  sucht  innere  Ideale,  etwas,  was  iiber  die 
Personlichkeit  hinausgeht  und  schweigt  dann,  weil  er  nicht  findet, 
was  er  sucht:  die  Individuality,  die  durch  wiederholte  Erdenleben 
geht  und  das  Gesetz  der  ausgleichenden  Gerechtigkeit  (Karma). 


Vierzehnter  Vortrag,  30.  Marz  1905    294 

Die  Zukunft  des  Menschen 

Der  Wendepunkt  unserer  Zeit.  Neben  dem  grofien  technischen 
Kulturfortschritt  treten  neue  Ideale  auf ,  die  in  die  Zukunft  weisen. 
Keely.  Seine  neuen  mechanischen  Ideen.  Die  wirklich  zukunft- 
weisenden  Erfindungen  wurden  nicht  von  sogenannten  Prakti- 
kern  gemacht.  -  Charakteristik  der  zukiinftigen  Entwicklungs- 
stufen  des  Menschen  und  der  Erde.  Die  Durchgeistigung  der 
mineralischen  Welt  durch  die  Arbeit  des  Menschen.  -  Der  Zyklus 


des  neuen  Pflanzendaseins,  wo  der  Mensch  auf  einer  lebendigen 
Erde  leben  wird.  -  Die  soziale  Frage.  Soziale  Theorien  niitzen 
nichts,  auf  die  briiderliche  Gesinnung  kommt  es  an.  Sie  entsteht 
nicht  aus  dem  Materialismus,  sondern  aus  einer  spirituellen  Welt- 
anschauung. 

Fragenbeantwortung   314 


II 


Erster  Vortrag,  Berlin,  26.  Januar  1905    321 

Goethes  Evangelium 

Begrundung  der  theosophischen  Weltanschauung  aus  dem  mittel- 
europaischen  Geistesleben:  Lessing,  Schiller,  Novalis  und  vor 
allem  Goethe.  Erlauterungen  zu  «Faust  I.  und  II.  Teil». 


Zweiter  Vortrag,  16.  Februar  1905    329 

Goethes  geheime  Offenbarung  I.  Das  Marchen  von  der 
griinen  Schlange  und  der  schonen  Lilie 
Das  «Marchen»,  Goethes  Apokalypse.  Das  Marchen  fiihrt  hinein 
in  die  theosophische  Weltbetrachtung.  Verschiedene  Erklarungs- 
versuche.  Sammlung  durch  Meyer- von  Waldeck.  Erzahlung  und 
Auslegung  des  Marchens  vom  Gesichtspunkt  der  Theosophie. 

Dritter  Vortrag,  23.  Februar  1905    349 

Goethes  geheime  Offenbarung  II.  Das  Marchen  von  der 
griinen  Schlange  und  der  schonen  Lilie 
Goethe  zeigt  im  Marchen  verschiedene  Wege  der  Entwicklung  der 
Seelenkrafte.  Fortsetzung  der  Erlauterung:  Der  Alte  mit  der 
Lampe  im  Tempel  bis  zum  Schlufi.  Dieser  Schlufi  weist  auf  eine 
zukiinftige  Entwicklung  der  Menschheit  hin. 


Vierter  Vortrag,  2.  Marz  1905    369 

Goethes  geheime  Offenbarung  III.  «Die  neue  Melusine» 
und  «Der  neue  Paris » 

Erzahlung  der  «Neuen  Melusine»  und  Auslegung  vom  Gesichts- 
punkt der  Theosophie.  «Der  neue  Paris*,  seine  Stelle  in  Dichtung 
und  Wahrheit.  Erzahlung  und  Auslegung.  Eine  Schilderung  des 
Einweihungsweges.  -  Uber  das  Fragment:  «Die  Reise  der  Sonne 
des  Megaprazon»  (1792). 


FONFTER  Vortrag,  4.  Mai  1905 


393 


Schiller  und  die  Gegenwart 

Heute  (1905)  haben  wir  ein  anderes  Verhaltnis  zu  Schiller  als  noch 
1859.  Schillers  Abhandlung  iiber  den  Zusammenhang  der  sinnli- 
chen  Natur  des  Menschen  und  seiner  geistigen  enthalt  das  Grund- 
motiv  seines  Strebens  und  Denkens.  Durch  den  franzosischen 
Materialismus  und  die  Stromung  Rousseaus  entstand  eine  Kluft. 
Frage  Schillers:  Wie  kann  sie  iiberbriickt  werden?  Die  Jugenddra- 
men.  Eine  neue  Stufe  der  Entwicklung:  «Die  Briefe  iiber  die 
asthetische  Erziehung».  Das  Freiheitsproblem.  Die  Freundschaft 
Schillers  und  Goethes.  Die  spaten  Dramen.  Der  Umschwung  im 
Jahre  1859.  Schiller  mufi  heute  im  Seeleninnern  neu  erlebt  werden. 


Die  theologische  Fakultat  und  die  Theosophie 
Stellung  der  Hochschule  im  Kulturleben.  Wie  die  theosophische 
Welt-  und  Lebensanschauung  befruchtend  einwirken  kann  auf  das 
Universitatsleben.  Die  vier  Fakultaten  in  ihrem  historischen  Wer- 
den. Stellung  und  Charakter  der  Theologie  in  Mittelalter  und 
Neuzeit.  Heraufkommen  des  naturwissenschaftlichen  Denkens 
und  sein  Einflufi  auf  die  Theologie.  Rede  Lobsteins.  Harnack. 
Die  Theosophie  will  den  Menschen  hinfuhren  zur  Erfahrung 
des  Geistigen  und  zum  tieferen  Verstandnis  des  Christentums; 
dadurch  kann  sie  belebend  und  erneuernd  einwirken  auf  die 
Theologie. 


Die  juristische  Fakultat  und  die  Theosophie 
Jherings  Kritik:  Dem  Juristen  fehlt  die  philosophische  Bildung  - 
trifft  den  Kern  des  Problems,  in  dem  die  Jurisprudenz  steht. 
Universitatsbildung  im  Mittelalter  und  heute.  Die  Jurisprudenz 
und  Sozialethik  bediirfen  wie  die  Kunst  des  Tunnelbaues  tragen- 
der  Erkenntniskriterien  und  Lebensgrundlagen.  Eine  Umwand- 
lung  des  erstarrten  juristischen  Denkens  ist  notig.  Savigny:  Recht 
ist  ein  Ausdruck  des  Lebens  und  mufi  aus  dem  Leben  heraus 
geschaffen  werden.  Theosophie  kann  die  Grundlagen  geben  zur 
Erneuerung  des  juristischen  Denkens  und  Empfindens. 


Ill 


Erster  Vortrag,  Berlin  11.  Mai  1905 


421 


Zweiter  Vortrag,  18.  Mai  1905 


447 


Drifter  Vortrag,  25.  Mai  1905    468 

Die  medizinische  Fakultat  und  die  Theosophie 
Charakter  des  Studienganges  im  Mittelalter.  Erstreben  einer 
gewissen  Universalitat  vor  dem  Fachstudium.  Der  heutige  Stu- 
dienzwang  erschwert  das  Verstandnis  einer  umfassenden  Welt- 
und  Menschenbetrachtung  (Theosophie).  Unsicherheit  und  Pro- 
blematik  der  medizinischen  Wissenschaft  wurzeln  in  den  Denkge- 
wohnheiten  unserer  Zeit.  Beispiele  heilerischer  Tatigkeit  friiher. 
Charakter  der  heutigen  Wissenschaft.  Der  Arzt  mufi  aus  Intuitio- 
nen  handeln,  er  mufi  sich  als  Mensch  veredeln,  um  heilen  zu 
konnen.  Die  Forschung  ist  bestimmt  durch  die  Fragestellung.  Nur 
ein  andersgeartetes,  spiritualisiertes  Denken  vermag  den  Arzt  aus 
den  Schwierigkeiten  seiner  Wissenschaft  herauszufiihren,  so  dafi 
er  wirklicher  Heiler  wird. 

ViERTER  VoRTttAG,  8.  Juni  1905    477 

Die  philosophische  Fakultat  und  die  Theosophie 
Charakter  des  Studiums  im  Mittelalter.  Seine  Wandlung.  Das 
Fachwissen  als  Brotstudium.  Schiller.  Umwandlung  des  Studiums 
ist  eine  Notwendigkeit.  Philosophic  als  umfassende  Welterkennt- 
nis  mufite  den  tragenden  Grund  abgeben. 


Hinweise  489 


Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe 


507 


ZUR  EINFUHRUNG 


Aus  einem  Vorwort  von  Marie  Steiner,  1940 

Wir  iibergeben  der  Offentlichkeit  eine  Anzahl  von  Vortra- 
gen,  die  Rudolf  Steiner  in  Berlin  fur  das  grofie  Publikum 
gehalten  hat.  Berlin  war  der  Ausgangspunkt  fur  diese  offent- 
liche  Vortragstatigkeit  gewesen.  Was  in  anderen  Stadten 
mehr  in  einzelnen  Vortragen  behandelt  wurde,  konnte  hier 
in  einer  zusammenhangenden  Vortragsreihe  zum  Ausdruck 
gebracht  werden,  deren  Themen  ineinander  ubergriffen.  Sie 
erhielten  dadurch  den  Charakter  einer  sorgfaltig  fundierten 
methodischen  Einfiihrung  in  die  Geisteswissenschaft  und 
konnten  auf  ein  regelmafiig  wiederkehrendes  Publikum 
rechnen,  dem  es  darauf  ankam,  immer  tiefer  in  die  neu  sich 
erschliefienden  Wissensgebiete  einzudringen,  wahrend  den 
neu  Hinzukommenden  die  Grundlagen  fiir  das  Verstandnis 
des  Gebotenen  immer  wieder  gegeben  wurden. 


I 


WAS  FINDET  DER  MODERNE  MENSCH 
IN  DER  THEOSOPHIE? 

Berlin,  29.  September  1904 

In  diesem  Vortrag  will  ich  einerseits  das  Verhaltnis  der 
theosophischen  Bewegung  zu  den  grofien  Kulturstromun- 
gen  in  der  Gegenwart  entwickeln,  und  auf  der  anderen  Seite 
mochte  ich  in  den  Vortragen,  welche  den  Titel  tragen:  «Die 
Grundbegriffe  der  Theosophie»,  ein  Bild  der  theosophi- 
schen Weltanschauung  selbst  entwerfen.  Ich  bitte  Sie  daher, 
den  heutigen  Vortrag  durchaus  als  einen  einleitenden  zu 
betrachten  und  als  einen  solchen  hinzunehmen. 

Das,  was  mir  heute  obliegen  wird  zu  besprechen,  soil  die 
Frage  sein,  was  eigentlich  die  gegenwartigen  Menschen 
innerhalb  der  theosophischen  Bewegung  finden,  welche 
Bediirfnisse  des  gegenwartigen  Menschen  innerhalb  der 
theosophischen  Bewegung  ihre  Befriedigung  finden  konnen. 
Und  auf  diese  Weise  will  ich  der  anderen  Frage  nahertreten: 
Warum  haben  wir  in  der  Gegenwart  so  etwas  wie  eine 
theosophische  Bewegung?  -  Auch  der  Frage  mochte  ich  ein 
wenig  nahertreten,  warum  dasjenige,  was  die  Theosophie 
eigentlich  will,  was  sie  anstrebt,  von  so  vielen  Seiten  mifiver- 
standen  und  verkannt  wird. 

Wer  die  theosophische  Bewegung  in  ihrem  ganzen  Wesen 
verstehen  will,  der  mufi  sich  vor  alien  Dingen  dariiber  klar 
sein,  welche  Aufgabe  sie  in  der  Gegenwart  zu  erfiillen  hat. 
Er  mufi  sich  auch  dariiber  klar  sein,  zu  wem  sie  sprechen  will 
in  der  Gegenwart.  Was  ist  denn  eigentlich  der  gegenwartige 
Mensch,  von  dem  heute  die  Rede  sein  soil?  Unter  diesem 
gegenwartigen  Menschen  ware  zu  verstehen  derjenige,  der 


sich  mit  den  die  Gegenwart  beschaftigenden  Fragen  bekannt 
gemacht  hat,  der  also  nicht  nur  im  Alltaglichen  lebt,  sondern 
sich  auch  mit  den  Kulturaufgaben  unserer  Zeit  befalk  hat 
und  damit  bekannt  ist,  dem  die  Fragen,  welche  die  Kultur 
uns  stellt,  selbst  Herzens-  und  Geistbediirfnisse  sind;  kurz, 
den  Menschen  mochte  ich  darunter  verstehen,  welcher 
bemiiht  ist,  mit  den  Bildungs-  und  Erkenntnisfragen  unserer 
Zeit  sich  auseinanderzusetzen.  Ich  mochte  fur  ihn  einmal  die 
Frage  aufwerfen  und  skizzenhaft  zur  Beantwortung  brin- 
gen:  Was  findet  er  in  der  theosophischen  Bewegung?  Ist 
uberhaupt  innerhalb  der  Theosophie  irgend  etwas  zu  finden, 
was  er  notwendig  braucht? 

Wir  miissen  da  zuriickblicken  in  die  Zeit,  in  welcher  die 
theosophische  Bewegung  in  die  Welt  getreten  ist,  wenn  wir 
ihre  Aufgabe  verstehen  wollen.  Wir  miissen  uns  klarmachen, 
dafi  diese  Bewegung  drei  Jahrzehnte  alt  ist  und  dafi  sie,  als 
sie  vor  nicht  ganz  dreifiig  Jahren  in  die  Welt  trat,  eine 
Gestalt  annahm,  welche  ausgedriickt  war  durch  die  Zeitver- 
haltnisse.  Wer  verstehen  will,  warum  sie  diese  Gestalt  ange- 
nommen  hat,  der  mufi  sich  die  Entwickelung  des  Bildungs- 
und  Unterrichtswesens  der  letzten  Jahre  vor  die  Seele  riik- 
ken.  Wir  stehen  ja  noch  in  den  Stromungen,  welche  das  19. 
Jahrhundert  gezeitigt  hat,  und  diejenigen,  welche  die  theo- 
sophische Bewegung  ins  Leben  gerufen  haben,  glaubten 
damit,  der  Welt  etwas  zu  geben,  was  diese  braucht.  Und  die, 
welche  heute  Theosophie  lehren,  glauben,  dalft  sie  auch  etwas 
ist,  was  in  die  Zukunft  hineinfuhrt. 

Es  ist  heute  fast  zur  Phrase  geworden,  und  doch  ist  es 
wahr:  Was  in  die  Seelen  unserer  Zeitgenossen  sich  eingelebt 
hat,  hat  in  viele  der  Zeitgenossen  einen  Rifi,  einen  Zwiespalt 
zwischen  Wissen  und  Glauben,  zwischen  Erkenntnis  und 
Religion  gebracht,  der  sich  in  einer  Sehnsucht  des  Herzens 
ausdriickt.  Dieser  Zwiespalt  ist  bezeichnend  fur  die  letzte 


Halfte  des  19.  Jahrhunderts.  Er  bedeutet  nicht  nur  fur  einige 
Menschen,  sondern  fiir  einen  grofien  Teil  der  Menschen 
iiberhaupt  das,  was  die  Menschheit  trennt  und  was  einen 
Widerspruch  in  der  einzelnen  Menschenseele  hervorruft. 
Die  Wissenschaft  war,  bis  ins  letzte  Drittel  des  19.  Jahrhun- 
derts herauf,  zu  einer  Hohe  gekommen,  die  in  der  Tat  fiir 
den,  der  die  Jahrhunderte  iiberblickt,  bewundernswert  ist. 
Diese  Wissenschaft  ist  ja  etwas,  was  das  19.  Jahrhundert  mit 
gerechtem  Stolz  erfiillt.  Sie  ist  das  grofie  Erbe,  das  das  19. 
Jahrhundert  alien  Kommenden  zu  iibergeben  in  der  Lage  ist. 
Aber  diese  Wissenschaft  hat  zu  gleicher  Zeit  alte  Uberliefe- 
rungen  scheinbar  iiber  den  Haufen  geworfen.  Sie  hat  schein- 
bar  eine  Stoning  in  das  hineingebracht,  was  als  alte  Glau- 
bensinhalte  in  friiherer  Zeit  den  Seelen  so  grofie  Dienste 
geleistet  hat.  Vor  allem  waren  es  diejenigen,  die  tiefer  in  die 
Wissenschaft  hineingeblickt  hatten,  die  nicht  mehr  glaubten, 
die  wissenschaftlichen  Erkenntnisse  mit  dem,  was  ihnen  die 
Religion  geboten  hatte,  in  Einklang  bringen  zu  konnen.  Die 
Besten  glaubten,  dafi  ein  ganz  neues  Bekenntnis  Platz  greifen 
miisse  und  dafi  es  an  die  Stelle  dessen  treten  miisse,  was 
Jahrhunderte  hindurch  der  Glaubensinhalt  der  Menschen 
gewesen  ist.  So  sehen  wir,  dafi  eine  wahre  Revolution  im 
Denken  der  Menschen  nach  und  nach  hereingebrochen  ist. 
Wir  sehen,  dafi  sogar  die  Frage  gestellt  worden  ist,  ob  es 
iiberhaupt  noch  moglich  sei,  dafi  der  Mensch  Christ  sein 
konne;  ob  es  noch  moglich  sei,  festzuhalten  an  den  Ideen, 
die  den  Trost  im  Sterben  gegeben  haben  und  die  dem 
Menschen  so  lange  Zeit  gezeigt  haben,  wie  er  seine  Bestim- 
mung,  die  iiber  den  Tod,  iiber  das  Endliche  hinausreichen 
sollte,  aufzufassen  hat.  Die  grofte  Frage  des  «Woher»  und 
«Wohin»  sollte  in  einer  neuen,  von  der  Wissenschaft 
beleuchteten  Weise  gelehrt  werden.  Von  einem  «neuen 
Glauben»  sprach  man,  und  man  meinte,  dafi  er  im  Gegensatz 


zu  dem  alten  stehen  miisse.  Man  glaubte  nicht  mehr,  daft 
man  aus  den  alten  Religionsbiichern  sich  ein  Weltbild  bilden 
konne.  Ja,  es  waren  nicht  wenige,  welche  sagten,  dort  seien 
kindliche  Vorstellungen  wiedergegeben,  welche  nur  moglich 
seien  im  Kindheitsalter  der  Menschheit;  jetzt  aber,  wo  wir 
mannlich  geworden  seien,  miisse  man  auch  mannliche 
Anschauungen  haben.  Viele  sagten  auch,  sie  wollten  bei  den 
alten  Glaubensvorstellungen  bleiben,  sie  wollten  sich  nicht 
bekehren  zu  dem  radikalen  Standpunkt  der  neuen. 

Aber  nicht  von  diesen  vielen  hangt  der  Gang  der  Geistes- 
entwickelung  in  der  Menschheit  ab.  Immer  waren  es  wenige, 
immer  waren  es  diejenigen,  welche  auf  der  Hohe  ihrer  Zeit 
gestanden  haben,  welche  den  Grundton  angegeben  haben 
fur  die  Entwickelung  in  die  Zukunft  hinein.  So  kam  es,  daft 
die,  welche  nichts  wissen  wollten  von  dem  «neuen  Glau- 
ben»,  auch  meinten,  sich  nicht  bekummern  zu  brauchen  um 
den  Zwiespalt  zwischen  Glauben  und  Wissen;  aber  man 
konnte  sich  auch  denken  und  sagen,  daft  das  in  der  Zukunft 
anders  sein  wird.  David  Friedrich  Straufi  hat  ja  damals  sein 
neues  Glaubensbekenntnis  aufgestellt,  daft  es  nichts  in  der 
Welt  gebe  als  das,  was  sich  zwischen  Geburt  und  Tod 
abspielt,  und  daft  der  Mensch  seine  Aufgabe  hier  auf  Erden 
erschopfen  miisse.  Man  kann  sehen,  daft  in  der  Gegenwart 
vielen  der  Trost  der  Glaubensvorstellungen  erstirbt,  und 
man  kann  annehmen,  daft  unsere  Kinder  und  Kindeskinder 
nichts  mehr  davon  haben  werden.  Daher  mogen  diejenigen 
mit  Bangigkeit  in  die  Welt  gesehen  haben,  welche  glaubten, 
daft  die  Seligkeit  von  diesen  Glaubensvorstellungen  abhange. 
Die  Besten  waren  es. 

Das  19.  Jahrhundert  hat  ja  auch  nur  die  Friichte  gezeitigt 
von  dem,  was  im  vorhergegangenen  Jahrhundert  gesat 
wurde.  Das  hat  sich  alles  vorbereitet  in  den  friiheren  Jahr- 
hunderten.  Das  ist  vor  allem  zuzuschreiben  denen,  die  die 


Erweiterung  des  menschlichen  Gesichtskreises  von  der 
Mitte  des  15.  bis  ins  16.  Jahrhundert  erstrebten,  und  vor 
allem  auch  der  Popularisierung  der  Bildung.  Bhcken  Sie 
zuriick,  dann  werden  Sie  sehen,  dafi  sich  fur  den  Menschen 
in  den  verflossenen  Jahrhunderten  das  Religiose  ganz  anders 
gestaltet  hat.  Das  Weltbild  wurde  scheinbar  vollstandig 
geandert.  Nur  dadurch  haben  die  Menschen  sich  iiber  etwas 
falsche  Begriffe  gemacht,  da!5  grundsatzlich  das  Denken 
verschieden  ist  von  dem,  was  man  vor  Jahrhunderten  dachte. 

Versetzen  Sie  sich  in  das  Zeitalter,  wo  die  grofie  Masse 
gegemiberstand  einigen  wenigen:  Die  Priesterschaft  war  die 
Kaste,  welche  das  Wissen  hatte.  In  dieser  Kaste  gab  es  einen 
Zwiespalt  zwischen  Glauben  und  Wissen  nicht.  Was  man 
sah  und  greif  en  konnte,  stand  mit  dem  in  Einklang,  was  man 
Glaubensvorstellungen  nannte.  Was  erforscht  wurde  mit 
den  Instrumenten  der  Wissenschaft,  mit  den  Sinnen  und  mit 
demjenigen,  was  den  Sinnen  als  Hilfsmittel  zur  Verfiigung 
steht,  das  war  ein  Unterbau  fur  das,  was  durch  die  Weite  des 
sinnlichen  Blickes  gewonnen  worden  war.  Darauf  bauten 
sich  auf,  als  die  Spitze,  die  Vorstellung  von  Gott,  die  Vor- 
stellung  von  der  Weltschopfung  und  die  Vorstellungen  von 
der  Bestimmung  der  Menschenseele.  Nirgends  war  da  ein 
Zwiespalt.  Der  mittelalterliche  Mensch  arbeitete  sechs 
Wochentage  hindurch,  und  am  Sonntag  ging  er  in  die  Kir- 
che.  Da  horte  er,  wie  das,  was  er  wochentags  arbeitete,  zwar 
eine  zeitliche  Bedeutung  hat,  dafi  es  aber  anderseits  auch  eine 
ewige  Bedeutung  hat;  er  horte,  wie  es  sich  einfiigt  in  den 
grofien  Weltengang.  So  wufite  der  Mensch,  daS  das  Kleinste, 
was  er  tat,  eine  Bedeutung  hatte,  die  hineinreicht  in  alle 
Zeiten. 

Das  Bewufitsein,  dafi  das,  was  der  Mensch  tut,  auf  alle 
Menschen  und  alle  Zeiten  wirkt,  ist  aber  gerade  denjenigen, 
welche  die  Trager  der  Bildung  waren  in  den  letzten  Jahrhun- 


derten  und  am  bedeutsamsten  im  19.  Jahrhundert,  verloren- 
gegangen.  Weltbilder  hatten  sich  die  Menschen  entworfen 
auf  ganz  andere  Art  als  friiher.  Die  Astronomie  hatte  ihnen 
gezeigt,  wie  man  sich  Weltbilder  zusammenstellen  kann  aus 
der  blofien  sinnlichen  Beobachtung.  Kopemikus  hat  die 
Menschen  gelehrt,  hinauszubhcken  in  die  Welten  und  sich 
ein  Weltenbild  zu  schaffen,  welches  aber  den  Menschen 
selbst  nicht  enthalt.  Blicken  Sie  zuriick  in  die  alten  Weltbil- 
der: Da  hatte  der  Mensch  eine  Rolle  darin,  er  hatte  einen 
Platz  darin.  Nun  aber  hatte  er  ein  System  von  Sternen  vor 
sich,  das  gewonnen  war  mit  den  Mitteln  der  Wissenschaft. 
Aber  dieses  enthielt  die  Erde  nur  als  ein  kleines  Wesen.  Sie 
erschien  wie  ein  Staubkorn  unter  jener  Sonne,  welche  eine  ist 
unter  unzahligen  Sonnen. 

Unter  dem  Eindruck  von  allem  diesem  war  es  unmoglich, 
die  Frage  zu  beantworten:  Was  soil  der  Mensch,  dieser 
kleine  Bewohner  der  Erde,  auf  diesem  Staubkorn  im  Wel- 
tenall?  Und  die  Wissenschaft  hatte  daher  die  Welt  des 
Lebens  zu  untersuchen.  Sie  untersuchte  die  pflanzlichen,  die 
menschlichen  und  die  tierischen  Korper  in  ihrer  Zusammen- 
setzung  -  die  kleinsten  Lebewesen  mit  dem  Mikroskop  - 
und  fand,  dafi  sie  aus  kleinsten  Gebilden,  die  man  Zellen 
nennt,  aufgebaut  sind.  Wieder  war  man  einen  Schritt  vor- 
wartsgekommen  in  der  sinnlichen  Erkenntnis,  aber  wieder 
war  nur  etwas  begriffen,  was  eine  sinnliche  Anschauung 
war,  etwas,  was  dem  Sinnlichen  das  physische  Dasein  erklar- 
licher  machte.  Aber  wiederum  ist  etwas  ausgeschaltet  wor- 
den,  wonach  der  Mensch  am  intimsten  fragen  mufi,  namlich 
was  die  Seele  und  ihre  Bestimmung  ausmacht.  Nicht  konnte 
man  die  neue  Lehre  befragen,  woher  die  Seele  kam  und 
wohin  die  Seele  geht.  -  Wir  kommen  dann  dahin,  zu  sehen, 
wie  man  von  den  alten  Weltbildern  abkam  und  die  Frage  mit 
den  Mitteln  der  Wissenschaft  beantwortet  wurde. 


In  der  Geologie  hat  man  den  sinnlichen  Ursprung  des 
Menschen  erforscht.  Die  verschiedenen  Schichten,  die  es  auf 
unserer  Erde  gibt,  wurden  bekannt.  Friiher  hatte  man  davon 
gesprochen,  daft  die  Erde  durch  gewaltige  Revolutionen  sich 
herausgebildet  und  verschiedene  Zustande  durchgemacht 
hat;  Zustande  ganz  bedeutsamer  Art,  so  dafi  man  nur  sich 
vorstellen  konnte,  dafi  geistige  Machte  das  allmahlich  her- 
beigefiihrt  haben,  was  wir  heute  kennen.  Heute  glaubt  man, 
dafi  dieselben  Krafte,  die  heute  noch  an  der  Erde  bauen, 
auch  in  alter  Vergangenheit  daran  gebaut  haben.  Wir  sehen, 
dafi  der  Flufi  vom  Berge  herablauft  und  Geroll  mitnimmt 
und  dadurch  Land  und  Ebene  schafft.  Wir  sehen,  dafi  der 
Wind  Sand  iiber  weite  Flachen  tragt  und  ganze  Strecken  mit 
Sand  bedeckt.  Wir  sehen,  wie  durch  solche  Einfliisse  das 
Klima  und  ganz  allmahlich  die  Erdoberflache  verandert 
wird.  Und  nun  sagen  die  Geologen:  so  wie  die  Erde  heute 
verandert  wird,  so  wurde  sie  auch  friiher  verandert;  und  so 
begreift  man  dann  auch,  wie  allmahlich  die  Erde  sich  gebil- 
det  hat.  Alles  dasjenige,  was  fur  physische  Instrumente,  fur 
die  Berechnung  und  fur  die  menschlichen  Sinne  nicht  Wahr- 
nehmung  ist,  das  war  ausgeschaltet  fur  die  Erderklarung. 
Man  untersuchte  die  verschiedenen  Schichten  der  Erde  und 
fand,  dafi  sich  nicht  nur  dasjenige  darin  findet,  was  an 
leblosen  Produkten  sich  abgelagert  hat;  man  fand  auch 
Wesen,  die  vor  Jahrmillionen  auf  unserer  Erde  gelebt  haben. 
In  den  unteren  Schichten  fand  man  die  unvollkommensten 
Wesen,  mehr  oben  fand  man  vollkommenere  Wesen  und 
noch  weiter  oben,  fast  zuletzt,  die  Schichten,  in  denen  der 
Mensch  auftritt.  Der  Mensch  tritt  erst  in  verhaltnismafiig 
jungen  Perioden  der  Erdbildung  auf.  Wenn  wir  dieses  Bild, 
das  ich  eben  entworfen  habe,  anwenden,  wenn  wir  bei 
diesem  Bilde  blieben,  so  konnte  man  sich  nichts  anderes 
vorstellen,  als  daft  der  Mensch  sich  von  unten  hinauf  entwik- 


kelt  hat,  dafi  er  nur  einen  kleinen  Ruck  gemacht  hat  und 
vorher  nichts  anderes  war  als  ein  tierisches  Wesen  hoherer 
Art. 

Es  kam  nun  das,  was  wir  den  Darwinismus  nennen,  der 
sagt,  dafi  alles,  was  auf  der  Erde  lebt,  miteinander  verwandt 
ist,  dafi  Vollkommenes  aus  Unvollkommenem  sich  entwik- 
kelt  und  dafi  diese  Entwickelung  auf  gewissen  Gesetzen 
beruht,  welche  sich  innerhalb  des  sinnlichen  Daseins  ausle- 
ben.  Das  Schlagwort  vom  «Kampf  urns  Dasein»  kam  auf. 
Man  sagte  sich,  jedes  Tier  und  jede  Pflanze  ist  veranderlich. 
Sie  konnen  sich  in  dieser  oder  jener  Weise  entwickeln,  je 
nachdem  die  Wesen  den  aufieren  Lebensbedingungen  ange- 
pafit  oder  nicht  angepafit  sind.  Diejenigen  Wesen  werden 
sich  am  besten  entf alten  und  erhalten,  welche  am  besten  den 
Lebensbedingungen  angepafit  sind.  Man  konnte  aber  nicht 
feststellen,  warum  die  Lebensbedingungen  bei  dem  einen 
besser  sind  als  bei  dem  anderen.  Man  war  auf  den  Zufall 
angewiesen.  Das  Wesen,  das  zufallig  das  bessere  war,  hatte 
das  Fortleben,  das  weniger  gut  entwickelte  ging  zugrunde  in 
dem  Kampf  aller  gegen  alle. 

So  haben  wir  ein  astronomisches  Bild,  und  ein  Bild,  das 
uns  die  Wissenschaft  von  dem  Leben  entworfen  hat.  Aber 
der  Mensch  fehlt  in  demselben  und  vor  allem  fehlt  das,  was 
man  vorher  die  gottliche  Bestimmung  nannte.  Es  fehlt  das, 
was  man  den  gottlichen  Ursprung  und  das  gottliche  Ziel 
nennt.  Bezeichnend  ist  das  Wort,  welches  ein  grofier  Natur- 
forscher,  der  am  meisten  beigetragen  hat  zu  dem  Entwurfe 
eines  grofien  Weltgebaudes,  einmal  aussprach:  Als  Laplace 
Napoleon  I.  gegemiber stand  und  ihm  das  Bild  von  Sonne 
und  Planeten  auseinandersetzte,  da  sagte  Napoleon:  Aber  in 
einem  solchen  Weltbilde  finde  ich  nichts  von  einem  Gott.  ~ 
Darauf  erwiderte  Laplace:  Ich  habe  eine  solche  Hypothese 
nicht  notig.  -  Das  astronomische  Weltbild  hatte  die  Hypo- 


these  eines  geistig  schaffenden  Wesens,  eines  Gottes  nicht 
notig.  Und  ebenso  verhalten  sich  die  anderen  Wissenschaf- 
ten.  1st  in  ihrem  Lebensbild  etwas  enthalten  von  geistig- 
schaffenden  Kraften?  Nirgends  ist  so  etwas  in  dem  Bilde 
enthalten,  das  die  Wissenschaft  entworfen  hat  und  mit  Recht 
entworfen  hat.  Suchen  wir  dafiir  eine  Erklarung,  so  finden 
wir,  daft  der  Mensch  mit  seinen  geistigen  Eigenschaften  eine 
Art  von  Waisenkind  ist.  Die  Wissenschaft  hat  zwar  begei- 
sterte  Worte  gefunden,  wie  wunderbar  die  Krafte  sind,  die 
die  Sterne  lenken,  wie  wunderbar  die  Krafte  sind,  die  das 
Leben  bis  zum  Menschen  entwickelt  haben.  Wir  sehen  aber, 
dafi  die  Wissenschaft  in  dem  ganz  erhabenen  Bilde  nichts 
mehr  hat  von  den  Vorstellungen,  die  den  Menschen  so  viele 
Jahrhunderte  hindurch  so  wertvoll  waren.  Und  von  wem 
hatte  der  Mensch  die  Beantwortung  der  Fragen:  Woher 
komme  ich?  -  Wohin  gehe  ich?  -  verlangen  konnen,  wenn 
nicht  von  der  Wissenschaft?  Immer  ist  die  Beantwortung 
dieser  Fragen  aus  der  Wissenschaft  gegeben  worden. 

Gehen  Sie  in  die  ersten  Jahrhunderte  des  Christentums 
zuriick,  nehmen  Sie  Origenes  und  die  anderen  ersten  Kir- 
chenlehrer:  Da  werden  Sie  finden,  dafi  bei  denen  nicht  blofi 
Glaube,  nicht  blofi  Ahnen  und  Meinen  gait,  sondern  dafi  das 
Manner  waren,  welche  die  ganze  Bildung  ihrer  Zeit  innehat- 
ten,  Manner,  welche  das  Weltliche  weltlich  beantworteten, 
aber  zu  gleicher  Zeit  auch  hinaufzusteigen  vermochten  zum 
Geistigen;  welche  das  Geistige  im  Einklang  mit  der  Wissen- 
schaft ihrer  Zeit  beantworteten.  Den  Zwiespalt  zwischen 
Wissenschaft  und  Glauben  kennt  erst  das  letzte  Jahrhundert. 
Gelost  mufi  dieser  Zwiespalt  aber  werden.  Der  Mensch  kann 
ihn  nicht  ertragen:  Glauben  auf  der  einen,  Wissen  auf  der 
anderen  Seite. 

Die,  welche  keinen  anderen  Ausweg  f anden,  als  gegen  den 
alten  Glauben  einen  neuen  wissenschaftlichen  Glauben  zu 


stellen,  waren  trotzdem  bedeutende  Manner.  Nicht  unwis- 
senschaftlich,  nicht  unreligios  konnen  wir  diese  Menschen 
nennen,  die  gesagt  haben:  Die  religiosen  Ideen  widerspre- 
chen  unserem  Wissen,  und  deshalb  miissen  wir  einen  neuen 
Glauben  haben.  -  Da  sehen  wir  das  sich  entwickeln,  was  wir 
den  wissenschaftlichen  Materialismus  nennen  konnen,  der 
den  Menschen  betrachtet  als  ein  hoher  geartetes  Tier,  als  ein 
Glied  der  physisch-natiirlichen  Schopfung,  als  ein  kleines 
unbedeutendes  Wesen,  als  ein  Staubkorn.  Dieses  Wesen 
haben  Sie  vor  sich  in  dem,  was  die  Freidenker  und  diejenigen 
ausgebildet  haben,  die  in  dem  Sinne  die  verschiedenen  Welt- 
ratsel  zu  losen  versuchen,  wie  Sie  das  in  dem  aufsehenerre- 
genden  Buche  von  Haeckel  iiber  die  Lebenswunder  sehen 
konnen.  Da  sehen  Sie  ein  aus  der  Wissenschaft  herausgebo- 
renes  Bild,  das  nicht  imstande  ist,  den  Einklang  herzustellen 
mit  den  Anschauungen  der  friiheren  Jahrhunderte. 

Das  war  die  Lage  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts,  das  war 
das  einzige,  was  das  19.  Jahrhundert  als  Vermachtnis  an  das 
20.  Jahrhundert  hatte  geben  konnen,  wenn  nicht  ein  anderer 
Einschlag  gekommen  ware.  Dieser  Einschlag  hat  sich  vorbe- 
reitet  und  ist  dann  in  der  theosophischen  Bewegung  als 
Frucht  zur  Welt  gekommen.  Vorbereitet  hat  sich  dasjenige, 
was  wir  in  der  theosophischen  Bewegung  als  das  eigentliche 
Wesentliche  erkennen,  dadurch,  dafi  man  auf  der  einen  Seite 
die  wahre  physische  Gestalt  des  Weltengebaudes  und  der 
Lebensentwickelung  kennenlernte,  da  man  nicht  ausreichte 
mit  den  alten  Glaubensvorstellungen,  und  vorbereitet  auf 
der  anderen  Seite  dadurch,  dafi  man  die  geistige  Entwicke- 
lung  selbst  einem  Studium  unterwarf,  also  nicht  allein  die 
Lebensentwickelung  einem  Studium  unterwarf,  sondern 
auch  die  geistige  Entwickelung  selbst.  So  wie  man  die  Krafte 
untersuchte,  aus  denen  sich  Lebewesen  und  lebendige 
Wesen  entwickelten,  so  untersuchte  man  auch  die  geistigen 


Krafte,  die  geistigen  Inhalte  der  Menschheit,  wie  wir  sie  im 
Laufe  der  geschichtlichen  und  auch  vorgeschichtlichen  Ent- 
wickelung  beobachten.  Man  ging  nicht  nur  auf  das  zuriick, 
was  sich  vor  den  sinnlichen  Augen  abgespielt  hat,  sondern 
auch  auf  das,  was  die  Menschen  geglaubt  haben.  Das  war 
klar,  dafi  die  moderne  Wissenschaft  etwas  radikal  Verschie- 
denes  war  von  dem,  was  die  alten  Glaubensbekenntnisse 
hatten.  Erst  unsere  Zeit  der  Untersuchungen  machte  dem 
Menschen  die  geistige  Entwickelung  der  Menschheit  klar. 
Uralte  Glaubensvorstellungen  untersuchte  man  nach  ihrer 
wahren  Gestalt  und  ihrem  Gehalt,  und  da  fand  man  etwas 
ganz  Besonderes.  Durch  die  Entzifferung  der  Urkunden  der 
Agypter,  Perser,  Inder,  Babylonier,  Assyrer  wurde  es  uns 
moglich,  in  diese  uralten  Menschheitsvorstellungen  einzu- 
dringen.  Und  so  wie  die  Wissenschaft  auf  der  einen  Seite 
Licht  in  die  Naturwissenschaft  gebracht  hat,  so  brachte  jetzt 
die  Wissenschaft  Licht  in  das,  was  die  Glaubensvorstellun- 
gen der  Alten  waren.  Da  sah  man,  dafi  etwas  darin  enthalten 
ist,  woran  man  zwar  in  unserem  Zeitalter  und  bei  unserem 
freigeistigen  Wesen  nur  wenig  gedacht  hat. 

Man  hatte  geglaubt,  dafi  die  Menschheit  ausgegangen  sei 
von  der  Unwissenheit,  von  gewissen  mythologischen  Vor- 
stellungen,  von  Phantasievorstellungen,  von  dichterischen 
Vorstellungen,  die  man  sich  gebildet  hatte  iiber  Gott  und 
Seele  in  unvollkommener,  primitiver  Art  und  Weise.  So 
ungefahr  dachte  man  es  sich,  hatte  sich  die  Menschheit 
entwickelt,  vom  Unvollkommenen  zu  dem  herrlich  Voll- 
kommenen  unserer  Zeit.  Aber  man  kannte  die  Vorstellungen 
der  Alten  nicht,  und  als  man  sie  kennenlernte,  da  erweckten 
sie  Erstaunen  und  Bewunderung,  nicht  nur  bei  dem  religio- 
sen  Menschen,  sondern  auch  bei  den  Forschern.  Diese 
Bewunderung  ist  immer  wieder  und  wieder  ausgesprochen 
worden,  je  mehr  sie  untersucht  wurden.  Je  weiter  wir 


zuriickgehen  in  das  Leben  der  alten  Agypter,  in  das  Leben 
der  alten  indischen,  babylonischen  und  assyrischen,  ja  selbst 
chinesischen  Geisteswelt,  desto  mehr  sehen  wir,  daft  da  so 
erhabene  Weltvorstellungen  vorhanden  sind,  wie  sie  nur  ein 
menschlicher  Gedanke  fassen  und  ein  menschliches  Herz 
fiihlen  kann.  Da  sehen  wir  Menschen,  welche  tief  hineinge- 
schaut  haben,  zwar  nicht  in  das  Auftere,  das  uns  heute  die 
Naturwissenschaft  erklart,  aber  in  das  innere  Geistige.  Kon- 
fuzius  hat  tiefe  Sittenlehren  gegeben  und  Gebote  liber  das 
gesellschaftliche  Zusammenleben  geschaffen.  Vergleichen 
Sie  selbst,  was  in  der  gegenwartigen  Zeit  Philosophen  an 
Sittenlehren  hervorgebracht  haben,  vergleichen  Sie  Herbert 
Spencer  oder  die  Sittenlehre  des  Darwinismus,  vergleichen 
Sie  die  modernen  Sittenlehren  mit  denen  des  Agyptertums, 
mit  den  Vorstellungen  iiber  die  Sitten  des  Laotse,  des  Konfu- 
zius,  des  Zaratbustra,  da  miissen  Sie  sich  sagen,  daft  die 
neuen  Vorstellungen  zwar  unserer  Zeit  angemessen  sind, 
daft  wir  aber  bewundernd  aufblicken  zu  den  erhabenen 
Sittenlehren  der  Alten,  die  sich  mit  dem,  was  wir  als  Wissen- 
schaft  haben,  nicht  ermessen  lassen.  Max  Miiller  sagt  iiber 
die  tibetanische  Sittenlehre:  Mag  dieses  Volk  noch  so  weit 
von  den  sogenannten  Kulturen  unserer  Zeit  entfernt  sein, 
vor  der  erhabenen  Moral  Tibets  beuge  ich  in  Ehrf urcht  mein 
Haupt!  -  So  ungefahr  sprach  der  Orientalist  und  objektive 
Wissenschafter  Max  Miiller.  Nimmermehr  war  er  imstande, 
daran  zu  glauben,  daft  die  Menschheit  von  der  Unwissenheit 
ausgegangen  sei.  Seine  Forschungen  fuhrten  ihm  vielmehr  das 
Resultat  zu,  das  sich  in  die  Worte  zusammenfassen  laftt,  daft 
zwar  diese  Weisheit  nicht  mit  dem  Verstande,  nicht  mit  den 
Sinnen  erf  aft  t  werden  kann,  daft  aber  die  Menschheit  von  einer 
solchen  Weisheit  ausgegangen  seinmuft.  Allmahlichlernteder 
Forscher  dann  davon  sprechen,  was  «Uroffenbarung»,  was 
«Urweisheit»  ist.  Das  war  das  eine,  die  positive  Seite. 


Die  andere  Seite  war  diejenige,  welche  sich  die  Kritik,  die 
Untersuchung  dieser  Glaubensvorstellungen  zur  Aufgabe 
machte.  Und  da  zeigte  es  sich  dann,  dafl  die  wichtigsten 
Urkunden,  die  wichtigsten  Dokumente  der  wissenschaftli- 
chen  Kritik  nicht  standhielten,  wenn  man  sie  so  nimmt,  wie 
man  seit  Jahrhunderten  diese  Dokumente  zu  nehmen 
gewohnt  war.  Ich  will  von  allem  iibrigen  absehen,  auch  nicht 
auf  eine  Kritik  des  Alten  Testamentes  eingehen,  sondern  nur 
mit  ein  paar  Worten  hindeuten  auf  das,  was  diese  Kritik  in 
bezug  auf  die  Evangelien  geleistet  hat.  In  bezug  auf  die 
Evangelien,  in  denen  man  noch  vor  hundert  Jahren  mit  ganz 
anderen  Augen  gelesen  hatte,  wurde  nun  von  der  geschicht- 
lichen  Kritik  gefragt:  Warm  sind  sie  entstanden,  und  wie 
sind  sie  entstanden?  -  Und  die  Wissenschaft  hat  von  der 
alten  Autoritat,  welche  die  Evangelien  besessen  haben,  Stuck 
um  Stuck  wegnehmen  miissen.  Sie  hat  gezeigt,  dafi  sie  viel 
spater  entstanden  sind,  als  man  geglaubt  hatte;  sie  hat  zeigen 
miissen,  dafi  sie  menschliches  Werk  sind  und  nicht  den 
Anspruch  machen  konnen  auf  die  Autoritat,  die  man  ihnen 
zugeschrieben  hat. 

Nehmen  wir  diese  drei  Dinge  zusammen:  Auf  der  einen 
Seite  die  fortschreitende  Naturwissenschaft,  auf  der  anderen 
Seite  die  Erkenntnis  von  dem  wunderbaren  Inhalt  aller 
Glaubensvorstellungen  des  Altertums  und  zu  gleicher  Zeit 
die  Kritik,  welche  unerbittlich  Hand  angelegt  hat  an  das,  was 
man  friiher  iiber  die  Geschichte  der  religiosen  Dokumente 
gedacht  hat.  Das  brachte  den  Menschen  in  ein  Fahrwasser, 
dafi  er  unsicher  wurde  und  sein  Schiff  kaum  in  der  alten 
Weise  vorwartsbringen  konnte.  Derjenige,  der  die  Wissen- 
schaft von  alien  Seiten  zu  Rate  ziehen  wollte,  wurde  am 
Geiste  irre.  So  war  das  Erkennen  der  Menschen  am  Ende  des 
19.  Jahrhunderts  beschaffen. 

Da  kam  die  theosophische  Bewegung,  gerade  in  der 


Absicht,  denjenigen  etwas  zu  geben,  welche  in  dieser  Unsi- 
cherheit  waren,  denjenigen  eine  neue  Botschaft  zu  bringen, 
welche  ihre  neuen  Erkenntnisse  mit  dem  alten  Glauben  nicht 
in  Einklang  bringen  konnten.  Ihnen  sollte  Antwort  gegeben 
werden  auf  die  Frage,  warum  dieses  Evangelium  einen  so 
tiefen  Gehalt  hat,  und  warum  es  in  einer  so  gottlich-erhabe- 
nen  Weise  seine  Sittenlehre  zu  den  Menschen  sprechen  lafit. 

Viel  verkannt  wurde  gerade  diese  theosophische  Bewe- 
gung  deshalb,  weil  sie  eine  Sprache  fiihrt,  welche  gerade  in 
dem  letzten  Jahrhundert  sich  entwickelt  hat.  In  der  ersten 
Zeit,  in  der  die  theosophische  Bewegung  in  die  Welt  trat, 
wurde  es  der  Welt  sehr  schwer,  sie  zu  verstehen.  Was  gab 
aber  die  theosophische  Bewegung  der  Menschheit?  Um  nur 
einiges  zu  bemerken,  sei  erwahnt:  Aus  gewissen  Studien 
heraus  erschien  ein  Buch,  «Esoterischer  Buddhismus»  von 
Sinnett,  dann  ein  weiteres  Buch,  welches  «Entschleierte  Isis» 
hieft  und  Helena  Petrowna  Blavatsky  als  Autor  hatte.  Ferner 
erschien  ein  zweibandiges  Werk,  die  «Geheimlehre»  von  H. 
P.  Blavatsky.  Das  waren  Biicher,  welche  ein  ganz  anderes 
Weltbild  entwarfen,  als  die  Wissenschaft  es  bisher  getan 
hatte,  auch  ein  anderes  Weltbild  entwarfen,  als  die  Weltbil- 
der  der  Religionen  waren.  Und  dieses  Weltbild  hatte  eine 
Eigentumlichkeit.  Gerade  der  wissenschaftliche  Mensch,  der 
mit  gutem  Willen  an  diese  Werke  herantrat,  der  nicht  hoch- 
miitig,  von  vornherein  absprechend  und  kritisierend  diese 
Werke  in  die  Hand  nahm,  der  fand,  dafi  ihm  hier  etwas 
gegeben  wurde,  was  seinen  Bedurfnissen  geniigen  konnte. 
Und  nicht  wenige  waren  es,  welche  gleich  nach  dem  Erschei- 
nen  der  Bucher  sie  mit  grofiem  Interesse  aufnahmen.  Men- 
schen waren  es,  welche  wissenschaftlich  zu  denken  verstan- 
den,  aber  im  Laufe  der  Zeit  irre  geworden  waren  gerade  an 
den  wissenschaftlichen  Fortschritten,  gerade  an  dem,  was  die 
Wissenschaft  hat  bieten  konnen.  Diese  sahen  jetzt  in  den 


neuen  Werken  «Esoterischer  Buddhismus»,  «Entschleierte 
Isis»,  «Geheimlehre»,  etwas,  was  ihre  tiefsten  Herzensbe- 
diirfnisse,  ihre  tiefsten  Erkenntnisbediirfnisse  und  ihr  wis- 
senschaftliches  Gewissen  befriedigte.  Woher  ist  diese 
Erscheinung  gekommen  und  wer  waren  die  wenigen,  welche 
eine  solche  Befriedigung  an  den  neuen  theosophischen  Wer- 
ken empfanden?  Wenn  wir  diese  wenigen  verstehen  wollen, 
dann  mussen  wir  den  weiteren  Fortgang  der  wissenschaftli- 
chen  Entwickelung  etwas  naher  uns  ansehen. 

Die  Wissenschaft  hatte  ein  astronomisches  Weltbild  ent- 
worfen,  ein  Bild  von  dem  Leben  auf  der  Erde  bis  zum 
Begreifen  des  physischen  Menschen.  Zu  gleicher  Zeit  hatte 
sie  die  Methode  ausgearbeitet,  mit  all  den  wunderbaren 
Werkzeugen,  welche  die  neuere  Zeit  geschaffen  hat,  das 
Physische  zu  erforschen.  Sie  hat  nicht  nur  mit  dem  Mikro- 
skop  die  kleinsten  Lebewesen  erforscht,  nein,  diese  Wissen- 
schaft hat  mehr  getan.  Sie  hat  es  fertiggebracht,  den  Planeten 
Neptun,  lange  bevor  er  gesehen  wurde,  auszurechnen!  Die 
Wissenschaft  ist  heute  auch  imstande,  Weltkorper  zu  photo- 
graphieren,  die  wir  nicht  sehen  konnen.  Sie  kann  mit  Hilfe 
der  Spektralanalyse  ein  Schema  des  Zustandes  der  Himmels- 
korper  geben,  und  sie  hat  in  ungemein  interessanter  Weise 
gezeigt,  wie  die  Weltkorper  durch  den  Raum  eilen  mit  einer 
Geschwindigkeit,  von  der  wir  vorher  keine  Ahnung  hatten. 
Wenn  die  Weltkorper  sich  an  uns  vorbeibewegen,  konnen 
wir  die  Bewegung  sehen.  Wenn  sie  sich  aber  von  uns  weg 
oder  zu  uns  herbewegen,  dann  erscheinen  sie  ruhend.  Die 
Wissenschaft  hat  es  dazu  gebracht,  auch  die  Bewegung 
dieser  Himmelskorper  mit  einer  besonders  interessanten 
Methode  zu  messen.  Dies  ist  ein  Beweis  dafur,  wohin  uns 
diese  Erkenntnis  fuhren  kann.  Wir  sind  dadurch  auch  in  die 
Lage  versetzt,  die  physische  Natur  Snick  fur  Stuck  naher  zu 
studieren.  Da  hat  sich  etwas  ergeben,  was  fur  den  menschli- 


chen  Geist  wichtiger  noch  ist  als  das,  was  er  friiher  als  neue 
Wissenschaft  an  die  Stelle  der  alten  gesetzt  hatte. 

In  den  letzten  Jahren  ist  die  Wissenschaft  wieder  an  ihren 
eigenen  Voraussetzungen  irre  geworden.  Gerade  dadurch, 
daft  sie  so  vollkommen  geworden  ist,  hat  sie  sich  selbst 
iiberwunden,  hat  sie  in  einer  gewissen  Weise  ihr  eigenes 
Fundament  untergraben.  Sie  sagte,  der  Kampf  urns  Dasein 
habe  die  Vollkommenheit  der  Lebewesen  bewirkt.  Nun 
wohl,  die  Naturforscher  haben  die  Dinge  untersucht,  und 
gerade  weil  sie  sie  untersucht  haben,  hat  es  sich  gezeigt,  daft 
alle  die  Vorstellungen,  welche  sie  sich  gemacht  hatten  dar- 
iiber,  nicht  haltbar  sind.  Jetzt  spricht  man  von  einer  «Ohn- 
macht  des  Kampf  es  urns  Dasein».  So  hat  die  Naturwissen- 
schaft  mit  ihren  eigenen  Methoden  ihr  Erkenntnisfundament 
untergraben.  Und  so  ging  es  Snick  fur  Snick  weiter.  Und  als 
in  den  letzten  Jahrzehnten  der  Mensch  immer  mehr  auf- 
merksam  darauf  wurde,  wie  er  sich  selbst  auf  unserer  Erde 
entwickelt  hat,  kam  man  am  Ende  zu  der  Vorstellung,  daft 
der  Mensch  sich  aus  den  hoherstehenden  Tieren  herausent- 
wickelt  habe.  So  kam  es,  daft  vorsichtige  und  zu  gleicher  Zeit 
einsichtigere  Naturforscher  in  den  letzten  Jahrzehnten  dazu 
gekommen  sind,  von  der  Unmoglichkeit  zu  sprechen,  die 
geistige  Welt,  die  hinter  unserer  Sinneswelt  sein  muft,  mit 
den  naturwissenschaftlichen  Mitteln  zu  begreifen.  Den 
ersten  Anstoft  gab  die  beriihmte  Rede  von  Du  Bois-Rey- 
mond  in  Leipzig,  in  der  er  zum  Ausdruck  brachte,  daft  die 
Naturwissenschaft  nicht  imstande  sei,  die  wichtigsten  Welt- 
ratsel  zu  losen  und  darauf  beziigliche  Fragen  zu  beantwor- 
ten.  Die  Wissenschaft  hore  da  auf,  wo  das  Fragen  nach  dem 
Ursprung  des  Stoffes  und  nach  dem  Ursprung  des  Bewuftt- 
seins  beginne.  Wir  werden  mit  naturwissenschaftlichen  Mit- 
teln da  nichts  wissen  konnen:  «Ignorabimus».  Ostwald,  ein 
guter  Schiiler  Haeckels,  der  schon  auf  dem  Naturforscher- 


kongrefi  in  Lubeck  von  der  Oberwindung  des  wissenschaft- 
lichen  Materialismus  sprach,  hat  in  einem  Vortrage  bei  der 
letzten  Naturforscherversammlung  offen  ausgesprochen, 
dafi  die  Methoden,  mit  denen  man  hinter  die  Weltratsel 
kommen  wollte,  als  mifigliickt  anzusehen  seien.  «Naturfor- 
schung  und  Weltanschauung*  ist  der  Titel  des  herausgekom- 
menen  Buches.  Gerade  die  Naturwissenschaft  ist  es,  die  uber 
sich  hinaus  will.  Sie  will  iiber  sich  hinausgehen  und  das 
Weltbild  in  einem  hoheren  Lichte  sehen. 

So  wie  diese  Naturforscher  heute  vor  der  ganzen  objekti- 
ven  Forschung  stehen,  so  standen  die  wenigen  schon  beim 
Beginn  der  theosophischen  Bewegung.  Das  war  ihnen  klar: 
Was  die  Naturwissenschaft  sagt,  ist  etwas  Unzerstorbares, 
ist  etwas,  worauf  wir  bauen  rmissen.  Aber  zu  gleicher  Zeit 
war  ihnen  auch  klar,  dafi  diese  Naturwissenschaft  selbst  zu 
einer  Entwickelungsetappe  fiihren  mufi,  wo  sie  mit  ihren 
Mitteln  keine  Antwort  auf  die  hoheren  Fragen  mehr  geben 
kann.  Diese  Antwort  fanden  sie  aber  in  den  genannten 
theosophischen  Schriften.  Sie  fanden  sie  darin,  nicht  durch 
das  Bekenntnis,  sondern  durch  die  Art  und  Weise  des  Den- 
kens  und  Fiihlens,  die  sich  in  der  theosophischen  Bewegung 
ausspricht.  Das  ist  die  Bedeutung  der  theosophischen  Bewe- 
gung fur  die  heutigen  Menschen,  dafi  sie  diejenigen  voll 
befriedigen  kann,  welche  den  Einklang  suchen  zwischen 
Wissen  und  Glauben  in  der  Wissenschaft,  welche  nicht  im 
Kampf  gegen  die  Wissenschaft,  sondern  mit  der  Wissen- 
schaft sich  in  die  Zukunft  hineinleben  wollen. 

Man  glaubte  noch  vor  wenigen  Jahren,  dafi  die  Wissen- 
schaft mit  den  alten  Glaubensvorstellungen  im  Widerspruch 
stande.  Von  einem  neuen  Glauben  sprach  man  im  Gegensatz 
zum  alten  Glauben.  Die  theosophische  Bewegung  hat  uns 
gelehrt,  dafi  zwar  die  alten  Zeiten  sich  anders  ausgesprochen 
haben  als  die  moderne  Wissenschaft,  dafS  aber  das,  was  die 


Alten  iiber  die  geistigen  Krafte  gelehrt  haben,  iiber  das,  was 
nicht  mit  Augen  zu  sehen,  nicht  mit  Ohren  zu  horen  ist,  fur 
uns  etwas  ist,  was  das  Glaubensbediirfnis  ebenso  wie  das 
modernste  Wissenschaftsbedurfnis  befriedigen  kann.  Aller- 
dings  mufi  man  mit  voller  Vorurteilslosigkeit,  mit  gutem 
Willen  und  unbefangen  sich  in  die  alten  Vorstellungen  ver- 
tiefen;  man  muft  wirklich  den  Glauben  hegen,  daft  je  weiter 
man  in  sie  eindringt,  man  auch  immer  mehr  und  mehr  daraus 
gewinnen  kann. 

Dann  stellt  sich  etwas  ein.  Die  Naturwissenschaft  hat  uns 
im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  noch  etwas  anderes  gelehrt. 
Sie  hat  uns  mit  der  Einrichtung  unserer  eigenen  Sinnesor- 
gane  bekannt  gemacht.  Sie  hat  uns  gezeigt,  wie  die  Augen 
eingerichtet  sein  miissen,  damit  sie  Licht  und  Farben  sehen; 
sie  hat  uns  gezeigt,  daft  das  Auge  ein  physikahscher  Apparat 
ist,  der  das,  was  drauften  um  uns  herum  vorgeht,  umsetzt  in 
die  farbige  Welt,  die  wir  vor  uns  haben.  Man  hat  gesagt,  daft 
es  von  der  Natur  des  Auges  abhangt,  wie  auch  von  der  Welt 
selbst.  Denken  Sie  sich,  die  Welt  ware  von  nicht  sehenden 
Wesenheiten  bewohnt.  Dann  ware  die  Welt  ohne  Farben! 
Die  Sinneslehre  hat  das  19.  Jahrhundert  nach  alien  Seiten  hin 
ausgebildet.  Werden  wir  uns  klar  daruber,  daft  die  Welt 
finster  und  stumm  um  uns  ware,  wenn  unsere  Augen  und 
unsere  Ohren  nicht  waren.  Waren  unsere  Sinne  nicht,  die 
Welt,  welche  wir  nicht  sehen  und  nicht  horen,  ware  in  ihren 
Ursachen  nicht  da,  die  durch  die  Sinne  auf  uns  wirken.  Es 
konnen  nicht  Wirkungen  da  sein  fur  einen  Menschen,  dem 
die  Organe  unter  gewohnlichen  Umstanden  fehlen.  Oder 
konnen  nicht  doch  Wirkungen  da  sein  fur  einen  Menschen, 
dem  die  Organe  unter  gewohnlichen  Umstanden  fehlen? 
Das  war  die  Frage,  die  von  der  Naturwissenschaft  selbst 
gestellt  werden  muftte!  Diese  Frage  ist  echt  naturwissen- 
schaftlich. 


Auch  auf  diesem  Felde  brachte  die  theosophische  Bewe- 
gung  Werke  von  grundlegender  Bedeutung  hervor.  Nicht 
blofi  lieferte  sie  ein  Weltbild,  sondern  sie  brachte  auch 
Werke  hervor,  welche  Anleitung  gaben  zur  Bildung  von 
hoheren  Organen,  zur  Bildung  von  hoheren  Fahigkeiten. 
Bildet  der  Mensch  dann  diese  hoheren  Fahigkeiten  in  sich 
aus,  dann  steht  er  der  Welt  in  einer  neuen  Weise  gegenuber. 
Versetzen  Sie  sich  einen  Augenblick  in  eine  dunkle  Welt,  in 
der  ein  helles  Licht  ist,  und  denken  Sie  sich,  dafi  Sie  ein  Auge 
aufschlossen:  Mit  einem  Schlage  erfiillt  sich  die  Welt  mit 
einer  neuen  Eigenschaft!  Die  Welt  war  friiher  auch  da,  als  sie 
dunkel  war  und  Sie  kein  Licht  sahen.  Jetzt  aber  konnen  Sie 
sie  wahrnehmen.  Konnten  Sie  sich  hohere  Organe  aufschlie- 
ften,  dann  konnten  Sie  erleben,  dafi  noch  hohere  Welten  da 
sind,  wirksam  sind,  weil  Sie  sie  jetzt  wahrnehmen  konnen. 

« Licht  auf  den  Weg»  ist  ein  solches  Werk,  das  ebenfalls 
durch  die  theosophische  Bewegung  hervorgebracht  worden 
ist.  Es  ist  eine  Anleitung  dazu,  wie  der  Mensch  sich  geistige 
Augen  und  geistige  Ohren  heranbilden  kann,  um  geistig  zu 
sehen  und  geistig  zu  horen.  So  tritt  die  theosophische  Bewe- 
gung mit  dem  Anspruch  auf,  in  einer  ganz  neuen  Weise  die 
Weltratsel  zu  losen.  Nicht  nur  dadurch,  dafi  sie  dem  Men- 
schen  die  Fahigkeiten,  die  er  schon  hat,  erschliefk,  sondern 
auch  dadurch,  dafi  sie  die,  welche  in  ihm  schlummern, 
erweckt.  Dadurch,  dafi  wir  uns  in  dieser  Weise  vervoll- 
kommnen,  wie  dies  seit  Urzeiten  geschehen  ist,  dadurch 
dringen  wir  erst  in  die  Geheimnisse  der  Welten  ein  und  der 
Welten,  die  rings  um  uns  sind.  Dadurch  erschliefit  sich  uns 
das  Leben,  das  den  aufleren  Sinnesorganen  verborgen  bleibt. 
Die  Naturwissenschaft  konnte  noch  so  weit  dringen,  sie 
konnte  ihr  Herrlichstes  hervorbringen,  sie  miifite  doch 
zugeben,  dafi  aufierdem  noch  etwas  vorhanden  ist,  was  sie 
nicht  erfassen  kann.  Das  aber  konnte  die  Wissenschaft  die 


Menschheit  lehren  durch  die  Methoden,  die  die  Theosophie 
ihr  in  die  Hand  gegeben  hat.  Weil  die  Menschheit  zwar 
durch  die  Wissenschaft  die  Welt  in  ihren  Weiten,  aber 
niemals  in  ihren  Tiefen  erforschen  konnte,  daher  tritt  der 
neueren  Wissenschaft  die  Theosophie  an  die  Seite.  Erweitert 
hat  sich  diese  Wissenschaft,  vertief en  aber  soil  die  theosophi- 
sche  Weltbewegung  diese  Wissenschaft. 

Jetzt  wurde  es  klar  und  verstandlich,  warum  der  Mensch 
bewundernd  stehen  mufi,  auch  als  Gelehrter,  vor  den  alten 
Religionsbekenntnissen.  Es  wurde  klar,  dafi  von  jeher  voll- 
kommene  neben  unvollkommenen  Wesen  auf  der  Welt 
gelebt  haben.  Jetzt  wurde  es  auch  klar,  warum  der  Offenba- 
rungsbegriff  wissenschaftlich  zerstort  wurde  und  auf  der 
anderen  Seite  dem  Menschen  in  einem  schoneren  Lichte 
wiedergegeben  wurde.  Klar  wurde  es  auch,  dafi  die  Evange- 
lien  und  andere  alte  Glaubensausdriicke  nicht  aus  Unweis- 
heit,  sondern  aus  Weisheit  hervorgegangen  sind,  daiS  sie  aus 
Kraften  hervorgegangen  sind,  die  in  jeder  Menschenbrust 
ruhen  und  die  damals  schon  in  einzelnen  entwickelt  waren 
und  offenbar  machten  jene  Welt,  welche  uns  die  Bestim- 
mung  der  Seele  und  die  Ewigkeit  des  Menschenlebens  zeigt. 
Was  durch  solche  Geistesaugen  erkannt  worden  war,  das  ist 
uns  in  den  religiosen  Urkunden  aufbewahrt.  Dasjenige,  was 
man  nicht  finden  kann,  wenn  man  den  Blick  hinausrichtet  in 
die  Welt,  das  steht  wirklich  in  diesen  religiosen  Urkunden. 

Und  jetzt  begreifen  wir,  warum  die  Antwort  von  Laplace 
so  lauten  mufite,  wie  sie  gelautet  hat.  Was  hatte  Laplace 
beobachtet?  Die  aufiere  Sinneswelt!  Nicht  mehr  hatte  er 
verstanden  die  geistige  Welt,  in  welche  die  Erde  eingebettet 
ist.  Er  hatte  daher  recht  mit  seiner  Antwort,  dafi  er  mit 
seinen  Instrumenten  das  Gottliche  in  der  Welt  nicht  habe 
finden  konnen.  Man  hatte  friiher  gelehrt,  die  geistigen  Sinne 
zu  gebrauchen,  um  die  geistige  Welt  zu  beobachten.  Das, 


was  in  den  naturwissenschaftlichen  Urkunden  steht,  das  war 
nicht  aus  den  Sternen  geholt.  Aber  das,  was  in  den  biblischen 
Urkunden  geschrieben  steht,  das  war  von  denjenigen,  wel- 
che  mit  Geistesaugen  geschaut  haben.  Die  braucht  man,  die 
Geistesaugen,  um  in  die  geistige  Welt  hineinzuschauen,  so 
wie  man  mit  den  Sinnen  in  die  Sinnenwelt  hineinschaut. 

Mochte  man  irre  werden  an  der  Wissenschaft  -  eine 
sichere  Stiitze  war  nun  gewonnen.  Jetzt  sah  man  die  grofien 
geistigen  Zusammenhange,  die  ebenso  klar  vor  der  Seele  des 
Menschen  liegen,  wenn  der  Mensch  nur  sucht,  die  Wege 
dahin  zu  finden.  Und  die  Wege,  welche  dahin  gehen,  sucht 
die  theosophische  Bewegung  der  Menschheit  zu  vermitteln. 

Nun  wird  man  vor  alien  Dingen  verstehen,  was  diese 
theosophische  Bewegung  will,  und  warum  sie  zunachst  so 
mifiverstanden  worden  ist.  Miftverstanden  mufite  sie  wer- 
den. Das  hangt  mit  der  Zeitentwickelung  zusammen.  Lassen 
Sie  mich  den  tiefsten  Grund  des  Mifiverstandnisses  in  der 
neuesten  Wissenschaft  beriihren.  Der  «Kampf  urns  Dasein» 
habe  die  Menschen  auf  eine  hohe  Entwickelungsstufe 
gebracht,  so  glaubten  die  Menschen.  Aber  eigentumlich 
ist  es,  daft  diese  Weltanschauung  schon  im  Anfange  des 
19.  Jahrhunderts  aufgetreten  ist  als  Lamarckismus.  Nichts 
wesentlich  Neues  lehrte  Darwin.  Aber  erst  seit  Darwin  hat 
diese  Anschauung  eine  weitere  Verbreitung  gefunden.  Das 
hangt  mit  den  Lebensverhaltnissen  des  19.  Jahrhunderts 
zusammen.  Das  Leben  war  anders  geworden.  Das  soziale 
Leben  war  selbst  ein  Kampf  urns  Dasein  geworden.  Als  die 
Darwinsche  Lehre  allgemeine  Verbreitung  fand,  da  war  der 
« Kampf  urns  Dasein»  Realitat,  und  er  ist  es  noch  heute.  Er 
war  es  damals  bei  der  Ausrottung  der  Volkerstamme  in 
Amerika  und  auch  bei  denen,  die  bemiiht  sind,  aufieren 
Wohlstand  zu  erreichen:  Niemand  dachte  etwas  anderes,  als 
wie  das  «Wohl»  am  besten  zu  erreichen  sei.  «Wenn  die  Rose 


selbst  sich  schmiickt,  so  schmiickt  sie  auch  den  Garten »  - 
durch  die  Zufriedenheit  jedes  einzelnen  sollte  auch  die 
Zufriedenheit  aller  erreicht  werden. 

Dann  kam  man  zu  der  merkwiirdigen  Lehre  des  Malthus, 
zu  dem  Malthusianismus,  zu  jener  Lehre,  welche  sagt,  dafi 
die  Menschheit  sich  viel  rascher  entwickelt  als  die  fur  sie 
notigen  Lebensmittel,  so  dafi  es  allmahlich  zu  einem  solchen 
Kampf  urns  Dasein  im  Menschenreich  selbst  kommen  muft. 
Man  hat  geglaubt,  dafi  der  Kampf  notwendig  sein  wird,  weil 
die  Nahrungsmittel  nicht  ausreichen.  Man  mochte  es  als 
traurig  ansehen,  da£  es  so  sei,  aber  man  glaubte,  dafi  es  so 
sein  musse.  Fiir  Darwin  war  der  Malthusianismus  der  Aus- 
gangspunkt  zu  seiner  Lehre.  Weil  man  glaubte,  dafi  der 
Mensch  einen  Kampf  urns  Dasein  kampfen  musse,  deshalb 
glaubte  er,  da£  der  Kampf  auch  in  der  ganzen  Natur  so  sein 
musse.  Hinausgetragen  hat  der  Mensch  seinen  sozialen 
Kampf  urns  Dasein  in  die  Lebenswelt,  in  die  Himmelswelt. 

Man  hatte  sich  viel  damit  zugute  getan,  als  man  sich  sagte, 
der  neue  Mensch  sei  bescheiden  geworden.  Er  soli  nichts 
mehr  sein  als  ein  kleines  Wesen  auf  dem  Staubkorn  Erde, 
wahrend  er  fruher  nach  Erlosung  strebte.  Der  Mensch  ist 
aber  nicht  bescheiden  geworden!  Indem  man  das,  was  als 
sozialer  Kampf  in  der  Menschheit  vorhanden  ist,  in  die  Welt 
hinausprojizierte,  hat  man  die  Welt  zum  Abbild  des  Men- 
schen  gemacht.  Hat  der  Mensch  fruher  seine  Seele  betrach- 
tet,  sie  von  alien  Seiten  durchforscht,  urn  von  hier  aus  die 
Weltseele  zu  erkennen,  so  hat  er  jetzt  die  physische  Welt 
erforscht  und  sie  sich  so  vorgestellt,  dafi  er  in  ihr  ein  Bild  der 
Menschheit  mit  ihrem  Kampf  urns  Dasein  sieht.  Wollte  die 
theosophische  Bewegung  etwas  erreichen,  dann  mufke  sie 
diese  Tatsache  erfassen.  Wenn  der  Mensch  wirklich  in  sich 
das  Gottliche  wiederentdeckt,  so  dafi  er  Gott  in  seinem 
Inneren  findet,  dann  kann  er  sich  sagen:  Der  Gott,  der  in 


meinem  Inneren  wirkt,  ist  der  Weltengott,  ist  derjenige, 
welcher  wirkt  in  mir  und  aufier  mir;  ich  erkenne  ihn  und 
darf  die  Welt  so  vorstellen,  wie  ich  selber  bin,  weil  ich  weifi, 
dafi  ich  sie  gottlich  vorstelle,  weil  ich  weifi,  wie  diese  neue 
Erkenntnis  aus  neuen  Seelentief en  und  neuen  Herzensgefiih- 
len  heraus  zu  gewinnen  ist. 

So  konnte  man  auch  die  verschiedenen  Religionssysteme 
mit  ihren  tiefen  Wahrheiten  erforschen.  Die  Religionsfor- 
scher  wie  Max  Miiller  und  seine  grofien  Kollegen  haben 
diese  Religionswissenschaft  angebahnt,  und  die  Theosophie 
mufite  sie  fortsetzen.  Der  Mensch  soil  mit  geistigen  Augen 
sehen  und  mit  geistigen  Ohren  horen,  was  kein  physisches 
Auge  sehen  und  kein  physisches  Ohr  horen  kann.  Das  hatte 
die  theosophische  Bewegung  angebahnt.  Unmoglich  ware  es 
gewesen,  in  dies  en  zwei  Punkten  wirklich  etwas  zu  errei- 
chen,  wenn  nicht  in  den  Mittelpunkt  dieser  ganzen  Bewe- 
gung eines  geschoben  worden  ware,  welches  geeignet  ist, 
wirklich  die  neuen  Erkenntnisse,  die  neue  Wissenschaft  und 
den  neuen  Glauben  aus  der  Menschenseele  heraus  zu  geba- 
ren:  Hat  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  der  Mensch 
geglaubt,  nur  durch  Kampf  zur  Vollkommenheit  vorzudrin- 
gen  und  dadurch  den  Kampf  zum  grofien  Weltgesetz 
gemacht,  so  muftte  er  jetzt  lernen,  das  in  seiner  Seele  aus- 
zubilden,  was  das  Gegenteil  des  Kampf  es  ist:  die  Liebe, 
welche  das  Gliick  und  das  Wohlergehen  des  einzelnen  nicht 
trennen  kann  von  dem  Gliick  und  dem  Wohlergehen  des 
anderen;  welche  in  dem  anderen  nicht  denjenigen  sieht, 
auf  dessen  Kosten  man  vorwartskommen  kann,  sondern 
denjenigen,  dem  man  helfen  raufi,  Wird  die  Liebe  in  der 
Seele  geboren,  dann  wird  der  Mensch  auch  in  der  Aufienwelt 
die  schaff ende  Liebe  sehen  konnen.  Wie  der  Mensch  sich  im 
19.  Jahrhundert  eine  Naturanschauung  schuf,  die  von  seiner 
Vorstellung  des  Kampfes  ausging,  so  wird  er  eine  Welt- 


anschauung  der  Liebe  schaffen,  weil  er  entwickeln  wird  den 
Keim  der  Liebe. 

Ein  Spiegelbild  dessen,  was  in  der  Seele  Liebe  hat,  wird 
das  neue  Weltbild  wieder  sein.  Das  Gottliche  mag  der 
Mensch  sich  wieder  vorstellen,  wie  er  seine  eigene  Seele 
findet  -  aber  Liebe  soil  in  dieser  Seele  leben.  Dann  wird  er 
erkennen,  daft  nicht  Kampf  die  Eigenschaft  des  in  der  Welt 
schaffenden  Kraftsystems  ist,  sondern  dafi  Liebe  die  Urkraft 
der  Welt  ist.  Will  der  Mensch  den  Liebe  schaffenden  und 
Liebe  ausstromenden  Gott  erkennen,  dann  muE  er  seine 
Seele  selbst  zur  Liebe  heranbilden.  Das  ist  der  wichtigste 
Grundsatz,  den  die  theosophische  Bewegung  zu  dem  ihrigen 
gemacht  hat:  Den  Kern  einer  allgemeinen  Menschenverbrii- 
derung  zu  bilden,  welche  auf  Menschenliebe  gebaut  ist. 
Dadurch  wird  die  theosophische  Bewegung  die  Menschen  in 
umfassender  Weise  zubereiten  zu  einer  Weltanschauung,  in 
der  nicht  der  Kampf,  sondern  die  Liebe  schafft  und  bildet. 
Der  sehende  Menschengeist  wird  die  s chaff ende  Liebe  sich 
entgegenstromen  sehen.  Das  In-sich-die-Liebe-Heranbilden 
wird  zu  der  Erkenntnis  fiihren,  dafi  die  Liebe  die  Welt 
geschaffen  hat.  Und  der  Goethesche  Gedanke  wird  erfiillt 
sein: 

Edel  sei  der  Mensch, 
Hilfreich  und  gut! 
Denn  das  allein 
Unterscheidet  ihn 
Von  alien  Wesen, 
Die  wir  kennen. 

Dieses  Vermachtnis  des  grofien  Dichters  bildet  den  Antrieb 
unserer  theosophischen  Bewegung.  Der  moderne  Mensch 
sollte  den  bedeutsamsten  Faktor  in  der  fortschrittlichen 


Entwickelung  durch  die  theosophische  Bewegung  in  sich 
selbst  ausbilden.  Das  Zusammenwirken  im  sozialen  Leben 
sollte  er  anstreben.  Dadurch  wiirde  es  ihm  moglich,  f  ortzu- 
schreiten  in  der  Weisheit  und  in  weisheitserfiillter  Kraft  - 
auch  in  den  geistigen  Welten.  Dann  wird  der  Mensch  mehr 
und  mehr  wieder  erkennen,  was  sein  Ewiges  und  was  seine 
ewige  Bestimmung  ist.  Er  wird  wissen,  wie  er  selbst  schafft 
und  arbeitet  an  dem  «sausenden  Webstuhl  der  Zeit»,  als  ein 
Glied  in  einer  geistigen,  nicht  blofi  sinnlichen  Weltenkette. 
Er  wird  wissen,  dafi  er  die  alltagliche  Arbeit  verrichtet  und 
dafi  diese  sich  nicht  in  sich  selbst  erschopft,  sondern  ein 
kleines  Kettenglied  ist  in  einem  grofien  Menschheitsfort- 
schritt.  Er  wird  wissen,  dafi  jeder  Mensch  ein  Keim  ist,  der 
zu  seinem  Bliihen  und  Gedeihen  eine  Kraft  braucht,  die  den 
Keim  herausdrangt  und  -treibt  aus  der  finsteren  Erde.  Das 
was  die  Seele  schafft,  mufS  herausgeholt  werden  aus  dem 
geistigen  Erdreich,  wie  der  Pflanzenkeim  aus  dem  physi- 
schen  Erdreich  herausgeholt  werden  muft.  Und  wie  der 
physische  Keim  herausgeholt  wird  von  der  Sonne  zur  Sonne, 
so  wird  die  bliihende  und  gedeihende  Menschenpflanze 
herausgeholt  werden  durch  eine  geistige  Sonnenkraft,  durch 
jene  geistige  Sonnenkraft,  welche  die  Theosophie  den  Men- 
schen  lehren  und  vermitteln  wird.  Sie  wird  ihn  hinfiihren  zu 
der  herrlichen  und  gewaltigen  Geistessonne,  die  man  aus- 
sprechen  kann,  aber  nicht  blofi  auszusprechen,  sondern  zu 
erkennen  und  zu  durchschauen  notig  hat:  Das  ist  die  Gei- 
stessonne, die  draufien  lebt  in  der  geistigen  Welt,  die  aber 
auch  im  Inneren  des  Menschen  lebt. 

Als  ersten  Grundsatz  hat  die  theosophische  Bewegung, 
dafi  diejenigen,  welche  sich  zusammenschliefien  zu  dieser 
Gesellschaft,  in  sich  entwickeln  das  Anschauungsvermogen 
fur  diese  geistige  Sonne,  die  im  Inneren  des  Menschen  und  in 
der  grofien  geistigen  Aufienwelt  lebt,  die  die  treibende  Kraft 


im  Geistigen  ist  und  wirklich  eine  Kraft,  wie  alle  anderen 
physischen  Krafte,  nur  eine  hdhere  -  und  das  ist  die  Kraft 
der  schaffenden  Liebe.  Eine  neue  gottliche  Erkenntnis  wird 
herauf gefiihrt  werden.  Dann  wird  der  Mensch  in  der  Aufien- 
welt  die  schaffende  Liebe  erkennen,  wenn  der  Mensch  diese 
Liebe  in  sich  immer  grofier  und  grofier  werden  lafk.  Dann 
wird  die  Theosophie  nicht  nur  Erkenntnis se  liefern,  sondern 
auch  die  geistige  Zukunft  herbeifuhren  durch  die  wachsende 
und  gedeihende  Liebe. 


DIE  MENSCHLICHE  WESENHEIT 


Berlin,  13.  Oktober  1904 

Die  Vortrage  iiber  die  Grundbegriffe  der  Theosophie  sollen 
in  aller  Kiirze  einen  Abrifi  der  Weltanschauung  und  Lebens- 
gestaltung  geben,  die  man  gewohnlich  als  Theosophie 
bezeichnet.  Ich  mufi  aber,  um  Mifiverstandnissen  vorzubeu- 
gen,  einiges  iiber  diese  Theosophie  vorausschicken.  Es 
konnte  der  Glaube  entstehen,  dafi  die  Theosophische  Gesell- 
schaft  oder  die  theosophische  Bewegung  die  Auff assung,  die 
ich  geben  werde,  als  solche  propagiere,  dafi  also  innerhalb 
der  theosophischen  Bewegung  diese  Anschauung  wie  eine 
Dogmatik  vorgetragen  wiirde.  Das  ist  nicht  der  Fall.  Dasje- 
nige,  was  in  der  Theosophischen  Gesellschaft  von  einzelnen 
vorgetragen  wird,  ist  -  um  mich  eines  gebrauchlichen  Aus- 
drucks  zu  bedienen  -  eine  personliche  Anschauung,  und  die 
Theosophische  Gesellschaft  soli  nichts  weiter  sein  als  eine 
Vereinigung,  welche  eine  Pflegestatte  schafft  fur  solche 
Weltanschauungen,  welche  in  die  hoheren  Gebiete  des  gei- 
stigen  Lebens  hineinfuhren;  so  dafi  niemand  glauben  sollte, 
dafi  es  sich  in  der  Theosophie  um  die  Propagierung  irgend- 
welcher  Dogmen  handelt.  Allerdings,  wenn  heute  von  Welt- 
anschauungsvereinen  gesprochen  wird,  wenn  von  monisti- 
schen  oder  dualistischen  Anschauungen  gesprochen  wird,  so 
versteht  man  unter  solchen  Vereinen  oder  Gesellschaften 
solche,  die  sich  auf  irgendein  Dogma,  wenn  nicht  gerade 
verpflichtet,  so  doch  auf  ein  Dogma  hin  vereinigt  haben,  sei 
es  nun  ein  berechtigtes  oder  ein  unberechtigtes  Dogma.  So 
ist  es  nicht  in  der  Theosophie.  Doch  mufi  auf  der  anderen 
Seite  betont  werden,  dafi  nur  derjenige,  welcher  in  das 


Wesen  der  theosophischen  Weltanschauung  eingedrungen 
ist,  seine  personliche  Anschauung  davon  vorzutragen  ver- 
mag.  Die  theosophische  Weltanschauung  ist  namlich  eine 
solche,  daft  die  einzelnen  frei  ubereinstimmen,  ohne  dafi  sie 
sich  auiRerlich  zu  einem  Dogma  verpflichten.  Sie  brauchen 
sich  aus  dem  Grunde  nicht  so  zu  verpflichten,  weil  jeder  zu 
denselben  Anschauungen  kommen  mufi,  der  die  Tatsachen 
kennenlernt.  Viel  geringer  als  auf  dem  Gebiete  des  sinnlich- 
wissenschaftlichen  Forschens  und  Erforschens  der  aufieren 
Tatsachen  ist  auf  diesem  Gebiete  die  Differenz  der  einzelnen 
Forscher,  und  Sie  werden,  wenn  Sie  wirklich  in  diese  Dinge 
eindringen,  nicht  horen,  dafi  dieser  oder  jener  Theosoph, 
welcher  wirklich  die  Methode  der  theosophischen  Weltan- 
schauung beherrscht,  mit  irgendeinem  anderen  in  wesentli- 
chen  Dingen  nicht  ubereinstimmt.  Das  ist  aus  dem  Grunde 
so,  weil,  wenn  wir  in  die  hoheren  Gebiete  des  Daseins 
heraufkommen,  die  Irrtiimer  nicht  mehr  moglich  sind,  die 
einfach  auf  dem  Gebiete  der  aufieren  sinnlichen  Tatsachen 
vorkommen.  Da  ist  es  nicht  moglich,  dafi  der  eine  die,  der 
andere  eine  andere  Weltanschauung  produziert.  Nur  das  ist 
moglich,  dafi  der  eine  weniger  vorgeschritten  ist  und  nur 
einen  Teil  der  theosophischen  Weltanschauung  vertreten 
kann.  Ist  er  dann  des  Glaubens,  dafi  das,  was  er  erkannt  hat, 
das  Ganze  der  Weltanschauung  darstellt,  dann  kann  es  kom- 
men, da£  er  denen,  die  weiter  entwickelt  sind,  scheinbar 
widerspricht.  Die  auf  gleicher  Stufe  stehenden  Theosophen 
werden  einander  nicht  widersprechen. 

Ferner  mochte  ich  einleitungsweise  betonen,  dafi  es  ein 
arges  Miflverstandnis  ist,  wenn  vielfach  angenommen  wird, 
dafi  die  theosophische  Weltanschauung  irgend  etwas  zu  tun 
habe  mit  der  Propagierung  eines  Buddhismus  oder  Neu- 
buddhismus,  wie  es  manche  zu  nennen  belieben.  Davon 
kann  durchaus  nicht  die  Rede  sein.  Als  Frau  Blavatsky, 


Sinnett  und  andere  die  grundlegenden  Anschauungen  ver- 
breiteten,  auf  denen  die  theosophische  Weltanschauung 
fufk,  da  kam  ihre  erste  Anregung  allerdings  aus  dem  Orient, 
aus  Indien.  Von  dort  kamen  die  ersten  grofien  Lehren  in  den 
siebziger  Jahren.  Das  war  eine  Anregung;  aber  dasjenige, 
was  der  Inhalt  der  Anschauung  ist,  die  innerhalb  der  theoso- 
phischen  Bewegung  lebt,  das  ist  ein  Gemeingut  nicht  nur 
aller  Zeiten,  sondern  audi  aller  derjenigen,  die  in  diese  Dinge 
eingedrungen  sind.  Es  ware  falsch,  zu  glauben,  dafi,  um 
Theosophie  kennenzulernen,  man  nach  Indien  pilgern  oder 
sich  in  indische  Schriften  vertiefen  miisse.  Das  ist  nicht  der 
Fall.  Sie  konnen  in  alien  Kulturen  die  gleichen  Philosophien 
und  die  gleichen  theosophischen  Lehren  finden.  Nur  in  dem, 
was  wir  die  indische  Vedantalehre  nennen,  ist  gleichsam 
nichts  verunreinigt  durch  die  aufiere  Sinneswissenschaft.  Es 
ist  da  in  gewisser  Weise  erhalten  geblieben  derjenige  Kern 
der  Weltanschauung,  der  als  Theosophie  immer  gelebt  hat. 
Also  nicht  um  buddhistische  Propaganda  handelt  es  sich, 
sondern  um  eine  Weltanschauung,  die  jeder  iiberall  kennen- 
lernen  kann.  Aufierdem  mochte  ich  im  besonderen  betonen, 
dafi  es  allerdings  fur  den  Menschen  der  Gegenwart  etwas 
Befremdendes  hat,  wenn  er  in  den  zuerst  erschienenen 
Biichern  der  theosophischen  Weltanschauung  liest  von  den 
Quellen  dieser  Weltanschauung.  In  demjenigen  Buche,  wel- 
ches die  meiste  Verbreitung  gefunden  hat  und  das  die  mei- 
sten  Menschen,  die  sich  damit  befafit  haben,  angeregt  hat, 
sich  weiter  mit  Theosophie  zu  beschaftigen,  in  der  «Esoteri- 
schen  Lehre  oder  Geheimbuddhismus»  von  Sinnett,  wird  in 
dem  ersten  Kapitel  verwiesen  auf  die  grofien  Lehrer,  von 
denen  die  theosophischen  Lehren  stammen.  So  etwas  ist 
allerdings  der  europaischen  Kultur  etwas  unsympathisch. 
Dennoch  ist  es  fur  den,  der  klar  und  konsequent  denkt, 
nichts,  was  mit  den  landlaufigen  Begriffen  nicht  iiberein- 


stimmte.  Denn  wer  wollte  leugnen,  daft  unter  den  Menschen 
rnehr  oder  weniger  entwickelte  sind!  Wer  wollte  leugnen 
den  groften  Abstand  zwischen  einem  afrikanischen  Neger 
und  etwa  Goethe?  Und  warum  sollte  es  nicht  auf  dieser 
Stufenleiter  aufwarts  noch  viel  entwickeltere  Individualita- 
ten  geben?  Es  war  im  Grunde  genommen  nur  wie  eine 
Verwunderung,  dafi  sich  in  unserer  Entwickelung  wirklich 
so  entwickelte  Personlichkeiten  finden,  wie  sie  in  Sinnetts 
Buch  beschrieben  werden.  Solche  Personlichkeiten  haben 
allerdings  ein  ganz  aufterordentliches  Wissen,  eine  weltum- 
spannende  Weisheit.  Es  hatte  keinen  Zweck  gehabt,  wenn 
sie  vor  die  Welt  hingetreten  waren.  Es  ist  kein  absonderli- 
cher  Begriff,  wenn  wir  sagen,  daft  die  sogenannten  Meister 
f  iir  uns  grofie  Anreger  sind,  weiter  nichts,  grofie  Anreger  auf 
den  geistigen  Gebieten.  Allerdings  geht  deren  Entwickelung 
weit  liber  das  Mafi  hinaus,  das  die  landlaufige  Kultur  bietet. 
Grofie  Anreger  sind  sie  uns;  sie  fordern  aber  nicht  den 
Glauben  an  irgendeine  Autoritat,  nicht  den  Glauben  an 
irgendein  Dogma.  Sie  appellieren  an  nichts  anderes  als  an  die 
eigene  menschliche  Erkenntnis  und  geben  Anleitung,  durch 
bestimmte  Method  en  die  Krafte  und  Fahigkeiten,  die  in 
jeder  Menschenseele  liegen,  zu  entwickeln,  um  zu  den  hohe- 
ren  Gebieten  des  Daseins  hinaufzusteigen. 

Es  ist  also  am  Anfang  dieser  Vortrage  so,  daft  ich  Ihnen 
scheinbar  ein  personliches  Bild  geben  werde,  und  zwar 
deshalb,  weil  ich  nichts  sagen  werde,  geflissentlich  nichts 
sagen  werde,  was  ich  nicht  selbst  in  der  Lage  war  zu  priifen 
und  wofiir  ich  nicht  selbst  als  Zeuge  eintreten  konnte.  Auf 
der  anderen  Seite  habe  ich  mich  aber  auch  iiberzeugt,  daft 
dasjenige,  was  ich  in  dieser  Weise  selbst  zu  sagen  habe, 
durchaus  ubereinstimmend  ist  mit  denjenigen,  die  die  theo- 
sophische  Weltanschauung  zu  alien  Zeiten  vertreten  haben 
und  insbesondere  mit  denjenigen,  die  sie  heute  vertreten.  Es 


ist  so  wie  bei  den  Menschen,  die  auf  verschiedenen  Punkten 
stehen  und  eine  Stadt  betrachten.  Wenn  sie  ein  Bild  der  Stadt 
zeichnen,  so  werden  diese  Bilder  ein  wenig  voneinander 
verschieden  sein,  je  nach  der  Perspektive,  die  sich  fur  den 
betreffenden  Gesichtspunkt  ergibt.  Ebenso  sind  natiirlich 
auch  die  Weltbilder  verschieden,  die  nach  den  eigenen  Beob- 
achtungen  der  theosophischen  Forscher  geschildert  werden. 
Aber  es  ist  ja  doch  im  Grunde  genommen  immer  dasselbe. 
So  verhalt  sich  das  Weltbild,  das  ich  geben  werde,  zu  dem 
Weltbilde,  das  andere  theosophische  Forscher  geben.  Es 
stimmt  durchaus  iiberein  und  unterscheidet  sich  nur  durch 
die  Perspektive  des  Gesichtspunktes. 

Ich  werde  in  dem  heutigen  Vortrage  ein  Bild  geben, 
zunachst  mehr  beschreibend,  xiber  die  Grundbestandteile 
des  Menschen,  seiner  physischen  und  geistigen  Wesenheit 
nach.  Ich  werde  dann  in  dem  zweiten  Vortrag  iibergehen  zu 
den  zwei  wesentlichen  Begriffen  der  theosophischen  Welt- 
anschauung, zu  Reinkarnation  oder  Wiederverkorperung 
und  zu  Karma  oder  dem  grofien  Menschenschicksal.  Ich 
werde  dann  in  den  folgenden  Vortragen  ein  Bild  geben  von 
den  drei  Welten,  die  der  Mensch  auf  seiner  grofien  Pilger- 
fahrt  zu  durchlauf en  hat,  von  der  physischen  Welt,  die  jeder 
kennt,  von  der  astralischen  Welt,  die  nicht  jeder  kennt,  die 
aber  jeder  kennenlernen  kann,  wenn  er  in  geduldiger  Weise 
die  entsprechenden  Methoden  anwendet,  und  von  der  geisti- 
gen Welt,  die  im  wesentlichen  das  Seelenwesen  zu  durchlau- 
fen  hat.  Dann  werde  ich  in  einem  Vortrage  das  theosophi- 
sche Weltbild  im  grofien  geben:  Entstehung  und  Entwicke- 
lung  der  Welt  und  Menschenentwickelung,  dasjenige,  was 
man  theosophische  Menschenkunde  und  theosophische 
Astronomie  nennen  kann.  Das  ist  der  Plan. 

Vor  alien  Dingen  miissen  wir  uns  klar  sein  dariiber,  was 
fur  Bestandteile  wir  in  der  Menschennatur  haben.  Durch  ein 


sorgfaltiges  Studium,  das  uns  die  Theosophie  an  die  Hand 
geben  wird,  werden  wir  kennenlernen,  da/S  von  diesen 
Bestandteilen  des  Menschen  fur  die  gewohnliche  Betrach- 
tung  nur  der  erste  Hauptbestandteil  vorhanden  ist:  die  phy- 
sische  Natur  des  Menschen  im  weitesten  Sinn  des  Wortes, 
dasjenige,  was  wir  Korper  nennen.  Der  Materialist  betrach- 
tet  diesen  Korper  des  Menschen  als  das  einzige,  was  iiber- 
haupt  die  menschliche  Wesenheit  zusammensetzt.  Dazu  f iigt 
die  theosophische  Weltanschauung  zwei  weitere  Bestand- 
teile:  das,  was  man  zu  alien  Zeiten  Seele  genannt  hat,  und  als 
hochsten  Bestandteil  das  unvergangliche  Wesen  des  Men- 
schen, das,  was  keinen  Anfang  und  kein  Ende  in  unserem 
Sinne  des  Wortes  hat:  den  Geist.  Das  sind,  grob  betrachtet, 
die  Grundbestandteile  des  Menschen.  Wer  beobachten  lernt 
auf  den  hoheren  Gebieten  des  Daseins,  der  lernt  Seele  und 
Geist  ebenso  beobachten,  wie  das  physische  Auge  das  Sinn- 
liche,  das  Korperliche  zu  beobachten  lernt.  Allerdings  haben 
die  Menschen  seit  der  Ausbreitung  der  reinen  Sinneswissen- 
schaft  im  Abendlande  das  Bewu^tsein  und  auch  die  Fahig- 
keit  der  Beobachtung  auf  diesem  hoheren  seelischen  und 
geistigen  Gebiete  zum  groften  Teil  verloren.  Es  ist  nur  auf 
eng  begrenzte  Kreise  beschrankt  geblieben.  Der  letzte,  der 
noch  etwas  auf  dem  Katheder  gesprochen  hat  von  diesen 
hoheren  Gebieten  menschlicher  Beobachtung,  der  noch  in 
einem  solchen  Sinne  gesprochen  hat,  dafi  man  erkennen 
kann,  dafi  er  etwas  wufite  von  dem,  was  man  wissen  kann, 
das  ist  Johann  Gottlieb  Fkhte,  der  grofte  deutsche  Philo- 
soph.  Er  hat,  als  er  in  Berlin  an  der  neugegrundeten  Univer- 
sitat  seine  Vortrage  eroffnete,  ganz  anders  gesprochen  als 
andere  Philosophieprofessoren  seit  dem  1 7.  Jahrhundert.  Er 
hat  so  gesprochen,  dafS  man  erkennt:  Er  will  nicht  dasjenige 
blofi  lehren,  was  man  mit  dem  Verstand  begreifen  kann, 
sondern  er  will  hinweisen  darauf ,  dafi  der  Mensch  selbst  sich 


entwickeln  kann,  dafi  Sinneswahrnehmung  ein  Untergeord- 
netes  ist  und  daft  der  Mensch  in  sich  Fahigkeiten  entwickeln 
kann,  die  einfach  im  Alltagsleben  nicht  vorhanden  sind.  In 
der  Geschichte  der  deutschen  Geistesentwickelung  waren 
diese  Vorlesungen  von  Johann  Gottlieb  Fichte  etwas  Epo- 
chemachendes.  Heute  konnen  sie  allerdings  fur  den  nur 
bedeutungsvoll  sein,  der  sie  wieder  ausgrabt.  Denkwiirdig 
ist  die  Stelle:  «Diese  Lehre  setzt  voraus  ein  ganz  neues 
inneres  Sinneswerkzeug,  durch  welches  eine  neue  Welt  gege- 
ben  wird,  die  fiir  den  gewohnlichen  Menschen  gar  nicht 
vorhanden  ist .  .  .  Denke  man  eine  Welt  von  Blindgebore- 
nen,  denen  darum  allein  die  Dinge  und  ihre  Verhaltnisse 
bekannt  sind,  die  durch  den  Sinn  der  Betastung  existieren. 
Tretet  unter  diese  und  redet  ihnen  von  Farben  und  den 
anderen  Verhaltnissen,  die  nur  durch  das  Licht  fiir  das  Sehen 
vorhanden  sind.  Entweder  ihr  redet  ihnen  von  nichts,  und 
dies  ist  das  Gliicklichere,  wenn  sie  es  sagen;  denn  auf  diese 
Weise  werdet  ihr  bald  den  Fehler  merken  und,  falls  ihr  ihnen 
nicht  die  Augen  zu  offnen  vermogt,  das  vergebiiche  Reden 
einstellen.» 

Das  ist  es,  um  was  es  sich  handelt,  dafi  die  Menschen 
hingewiesen  werden  sollen  auf  die  Beobachtung  von  Seele 
und  Geist.  Die  Theosophie  ist  durchaus  nicht  in  irgendei- 
nem  Widerspruche  mit  der  landlaufigen  Wissenschaft.  Nicht 
einen  einzigen  der  modernen  Satze  der  Wissenschaft  braucht 
der  Theosoph  zu  leugnen.  Das  alles  gilt.  So  wie  etwa  unter 
einer  Summe  von  Menschen,  die  blaublind  sind,  alles  dasje- 
nige,  was  in  gelben  und  roten  Farbennuancen  vorhanden  ist, 
wahrgenommen  werden  kann,  just  aber  nichts  Blaues,  so 
kann  fiir  denjenigen,  der  geistig  blind  ist,  Seele  und  Geist 
nicht  wahrgenommen  werden.  Vollstandig  einleuchtend 
wird  dies  dann,  wenn  durch  die  entsprechenden  Methoden 
aus  dem  Blinden  ein  Sehender  geworden  ist.  Wenn  er  sehend 


wird,  leuchtet  um  ihn  herum  eine  neue  Welt  auf,  die  ebenso- 
wenig  fiir  ihn  da  war,  wie  fiir  den  Blaublinden  die  blaue 
Farbennuance  da  ist,  bevor  er  durch  eine  Augenoperation 
dazu  gebracht  werden  konnte,  das  Blaue  neben  dem  Roten 
zu  sehen. 

Sehen  Sie,  das  wufite  Johann  Gottlieb  Fichte.  Das  wufiten 
audi  die  Menschen  in  jenen  Zeiten,  in  denen  die  Menschheit 
noch  nicht  betaubt  war  -  ich  sage  das  nicht  in  tadelndem 
Sinne  -,  das  wuiken  die  Menschen  jener  Zeit,  und  bei  einigen 
wenigen  hat  sich  die  Tradition  auch  immer  erhalten  und 
wurden  die  Methoden  ausgebildet.  Sie  wufiten,  dafi,  wenn 
man  von  der  Wesenheit  des  Menschen  spricht,  man  es  nicht 
nur  zu  tun  hat  mit  dem,  was  wir  den  Leib  nennen,  sondern 
dafi  das,  was  Seele  ist,  ebenso  wahrgenommen  werden  kann, 
ebensolche  Gesetze  hat  und  ebenso  in  eine  Welt  eingebettet 
ist  wie  der  Leib.  In  hoherem  Sinne  ist  es  ebenso  mit  dem 
Geist,  Der  Menschenleib  ist  beherrscht  von  denselben 
Gesetzen,  von  denen  rings  um  uns  herum  die  anderen  Dinge 
beherrscht  sind.  Im  Menschenleib  haben  wir  dasselbe,  was 
wir  in  der  physischen  Welt  haben;  dieselben  chemischen  und 
physikalischen  Gesetze  finden  wir  auch  im  Menschenleib. 
Diese  physische  Welt  ist  fiir  die  physischen  Sinne  wahr- 
nehmbar.  Sie  ist  nicht  nur  subjektiv  fiir  den  Menschen 
vorhanden,  sondern  auch  objektiv  fiir  seine  Wahrnehmung 
da.  Subjektiv  iibt  der  Mensch  die  physische  Tatigkeit  aus.  Er 
verdaut,  er  atmet,  er  i£t  und  trinkt,  er  iibt  jene  innere 
physische  Tatigkeit  des  Gehirns  aus,  durch  die  die  innere 
Gedankentatigkeit  vermittelt  wird;  kurz,  die  ganze  Tatig- 
keit, die  uns  die  Biologie,  die  Physik  und  die  anderen 
physischen  Wissenschaften  lehren,  iibt  der  Mensch  aus.  Das 
ist  der  Mensch,  der  das  ausiibt.  Und  man  kann  es  auch 
wahrnehmen.  Wenn  der  Mensch  seinem  Nebenmenschen 
gegeniibertritt,  so  nimmt  er  unmittelbar  oder  durch  die 


Mittel  der  Wissenschaft  das,  was  er  subjektiv  ist,  auch 
objektiv  wahr. 

Nun  ist  der  Mensch  aber  subjektiv  noch  etwas  Hoheres, 
er  ist  auch  eine  Summe  von  Gefiihlen,  von  Trieben,  von 
Leidenschaften.  Ebenso  wie  Sie  verdauen,  fiihlen  Sie,  begeh- 
ren  Sie.  Das  sind  auch  Sie!  Das  nimmt  ein  Mensch  unter 
gewohnlichen  Verhaltnissen  aber  nicht  objektiv  wahr.  Wenn 
er  seinem  Mitmenschen  gegeniibertritt,  sieht  er  nicht  aufter- 
lich  sein  Gefiihl,  seine  Begierde,  seine  Leidenschaft,  seine 
Triebe.  Ware  der  Mensch  blind,  so  wiirde  er  eine  ganze 
Summe  von  physischen  Tatigkeiten  nicht  sehen.  Nur 
dadurch,  daft  er  eine  physische  Sinnestatigkeit  ausiiben 
kann,  ist  das  Physisch-Subjektive  fur  ihn  auch  objektiv 
wahrnehmbar.  Und  weil  er  eine  seelische  Sinnestatigkeit 
zunachst  nicht  ausiibt,  ist  das  Seelisch-Subjektive,  das 
Gefiihl,  sind  die  Triebe,  die  Leidenschaften,  die  Begierden 
zwar  subjektiv  in  jedem  Menschen  vorhanden,  wenn  er  aber 
seinen  Mitmenschen  gegeniibertritt,  kann  er  das  nicht  wahr- 
nehmen.  Nun  kann  er,  ebenso  wie  er  ein  Auge  ausgebildet 
hat  auf  physischem  Wege,  um  die  Korpertatigkeit  wahrzu- 
nehmen,  sein  seelisches  Auge  ausbilden  und  die  Welt  der 
Triebe,  Begierden,  Leidenschaften  wahrnehmen,  kurz,  es 
dahin  bringen,  das  Seelische  auch  objektiv  als  Wahrnehmung 
vor  sich  zu  haben.  Diese  Welt,  in  der  der  Durchschnitts- 
mensch  von  heute  zwar  lebt,  ohne  da£  er  sie  wahrnimmt,  die 
er  aber  wahrnehmen  kann,  wenn  er  durch  die  entsprechen- 
den  Methoden  die  geeigneten  Krafte  bei  sich  ausbildet,  diese 
Welt  nennen  wir  mit  einem  theosophischen  Ausdruck  die 
astrale  oder  mit  einem  deutschen  Wort  die  seelische  Welt. 
Das,  was  unsere  landlaufige  Psychologie  als  Seele  beschreibt, 
ist  nicht  das,  was  die  Theosophie  unter  seelischem  Leben 
versteht,  sondern  nur  der  aulkre  Ausdruck  davon. 

Eine  noch  hohere  Welt  als  die  seelische  ist  die  geistige 


Welt.  Derjenige,  der  imstande  ist,  das  Seelische  wahrzuneh- 
men  dadurch,  dafi  seine  Organe  fiir  das  Seelische  geoffnet 
sind,  kann  aber  noch  nicht  das,  was  Geist  ist,  in  seiner 
Umwelt  wahrnehmen.  Er  kann  das  Seelische  wahrnehmen, 
aber  nicht  den  Gedanken  selbst.  Der  Seelenseher  sieht 
Begierden  und  Leidenschaften,  aber  nicht  das  Denken,  nicht 
den  objektiven  Gedanken.  Daher  leugnen  die,  welche  den 
objektiven  Gedanken  nicht  sehen  konnen,  den  objektiven 
Gedanken  uberhaupt.  Man  hat  Hegel  nicht  verstanden,  als  er 
vom  objektiven  Vorhandensein  der  Gedankenwelt  sprach. 
Und  die,  welche  sie  nicht  wahrnehmen  konnen,  haben 
selbstverstandlich  von  ihrem  Standpunkte  aus  auch  Recht, 
wenn  sie  sie  leugnen.  Sie  konnen  aber  nichts  anderes  sagen, 
als  dafi  sie  sie  nicht  sehen,  ebenso  wie  der  Blindgeborene 
behauptet,  dafi  er  keine  Farbe  sieht. 

Leib,  Seele  und  Geist  sind,  roh  betrachtet,  die  drei  Grund- 
bestandteile  der  menschlichen  Wesenheit.  Jeder  Grundbe- 
standteil  hat  wieder  drei  Bestandteile  oder  Stufenfolgen. 
Dasjenige,  was  gewohnlich  als  Leib  bezeichnet  wird,  ist 
nicht  so  einfach  wie  der  materialistische  Forscher  es  sich 
vorstellt.  Es  ist  ein  zusammengesetztes  Ding,  das  aus  drei 
Gliedern  oder  drei  Bestandteilen  besteht.  Der  unterste, 
grobste  Bestandteil  ist  in  der  Regel  dasjenige,  was  der 
Mensch  mit  seinen  physischen  Sinnen  sieht,  der  sogenannte 
physische  Leib.  Dieser  physische  Leib  hat  in  sich  dieselben 
Krafte  und  Gesetze  wie  das  Physische  um  uns  herum,  wie 
die  ganze  physische  Welt.  Die  heutige  Naturwissenschaft 
studiert  am  Menschen  nichts  anderes  als  diesen  physischen 
Leib;  denn  auch  unser  komphziertes  Gehirn  ist  nichts  ande- 
res als  ein  Bestandteil  dieses  physischen  Leibes.  Alles,  was 
unmittelbar  raumerfullend  ist,  was  wir  mit  den  blofien  Sin- 
nen oder  mit  den  bewaffneten  Sinnen,  mit  dem  blofien  Auge 
oder  mit  dem  Mikroskop  sehen  konnen,  kurz,  alles  dasje- 


nige,  was  fur  den  Naturforscher  noch  aus  Atomen  zusam- 
mengesetzt  ist,  das  bezeichnet  der  Theosoph  noch  als  physi- 
sche  Korperlichkeit.  Das  ist  der  unterste  Bestandteil  der 
physischen  Wesenheit.  Nun  leugnen  aber  schon  viele  For- 
scher  den  nachsten  Bestandteil  der  physischen  Wesenheit, 
den  Atherkorper.  Der  Ausdruck  Atherkorper  ist  ja  nicht 
gliicklich  gewahlt.  Aber  nicht  auf  den  Namen  kommt  es  an. 
Dafi  man  den  Atherkorper  leugnet,  ist  erst  das  Ergebnis  des 
neueren  naturwissenschaftlichen  Denkens.  Es  schliefit  sich 
an  das  Leugnen  dieses  Atherkorpers  ein  schon  lange  dauern- 
der  naturwissenschaftlicher  Streit.  Ich  will  vorlaufig  nur 
kurz  andeuten,  was  unter  diesem  Atherkorper  zu  verstehen 
ist. 

Wenn  Sie  ein  Mineral  betrachten,  einen  toten,  leblosen 
Korper,  und  ihn  mit  der  Pflanze  vergleichen,  dann  werden 
Sie  sich  sagen  -  und  das  haben  sich  alle  Menschen  gesagt  bis 
um  die  Wende  des  18.  zum  19.  Jahrhundert,  denn  da  ging 
der  Streit  wegen  des  Atherkorpers  los  der  Stein  ist  leblos, 
die  Pflanze  aber  ist  lebenerfiillt.  Das,  was  also  dazukommen 
mufi,  damit  die  Pflanze  nicht  Stein  sei,  das  nennt  die  Theoso- 
phie  Atherkorper.  Dieser  Atherkorper  wird  wohl  besser  mit 
der  Zeit  blofi  Lebenskraft  genannt  werden,  denn  die  Ather- 
oder  Lebenskraft  ist  etwas,  wovon  die  Naturwissenschaft  bis 
ins  19.  Jahrhundert  hinein  gesprochen  hat.  Die  neuere 
Naturwissenschaft  leugnet  so  etwas  wie  die  Lebenskraft. 
Goethe  hat  bereits  gespottet  iiber  jene,  die  nicht  anerkennen, 
dajR  das  Leben  zur  Erklarung  etwas  erfordert,  was  hoher  ist 
als  das  Leblose.  Sie  alle  kennen  die  Stelle  im  «Faust» :  «Wer 
will  was  Lebendigs  erkennen  und  beschreiben,  sucht  erst 
den  Geist  herauszutreiben,  dann  hat  er  die  Teile  in  seiner 
Hand,  fehlt  leider!  nur  das  geistige  Band.»  Das  Band  der 
Lebenskraft  meint  Goethe.  Ich  habe  in  meinem  Buche 
«Goethes  Weltanschauung»  diese  Sache  auseinandergesetzt. 


Heute  gibt  es  wieder  eine  Anzahl  Naturforscher,  welche 
glauben,  nicht  auskommen  zu  konnen  mit  dem  Leblosen, 
die  also  wenigstens  ahnend  das  annehmen,  was  die  Theoso- 
phen  den  Atherkorper  nennen.  Sie  nennen  sich  die  Neovita- 
listen.  Ich  brauche  nur  auf  Hans  Driesch  und  andere  zu 
verweisen,  um  zu  zeigen,  wie  der  Naturforscher  wiederum 
dazu  kommt,  diesen  Atherkorper,  wenn  auch  unter  anderen 
Namen,  als  etwas  wirklich  Bestehendes  zu  bezeichnen.  Und 
je  weiter  die  Naturwissenschaft  vorriickt,  desto  mehr  wird 
sie  auch  erkennen,  da£  die  Pflanze  schon  einen  solchen 
Atherkorper  hat,  denn  sonst  konnte  sie  nicht  leben.  Auch 
das  Tier  und  der  Mensch  haben  einen  solchen  Atherdoppel- 
korper.  Derjenige  Mensch,  welcher  die  hoheren  Korper 
ausbildet,  kann  diesen  Atherkorper  auch  mit  den  einfach- 
sten,  primitivsten  Organen  seelischer  Anschauung  wirklich 
beobachten.  Dazu  ist  ein  ganz  einfacher,  allerdings  nur  fur 
den  esoterisch  ausgebildeten  Theosophen,  Kunstgriff  not- 
wendig.  Sie  kennen  das  Wort  Suggestion.  Die  Suggestion 
besteht  darin,  daiS  der  Mensch  Dinge  wahrnehmen  kann,  die 
scheinbar  nicht  da  sind.  Die  Suggestion,  bei  der  dem  Men- 
schen  etwas  eingeredet  wird,  interessiert  uns  zunachst  nicht. 
Wichtiger  fur  uns  ist,  um  zu  der  Anschauung  des  Atherkor- 
pers  zu  kommen,  eine  andere  Suggestion.  Derjenige,  der  sich 
mit  der  Theorie  der  Suggestion  befafk  hat,  weifi,  daft  der 
Hypnotiseur  imstande  ist,  dem  Menschen  Dinge  abzusugge- 
rieren,  so  dafi  er  Dinge,  die  vorhanden  sind,  eben  nicht  sieht. 
Sagen  wir,  es  wiirde  ein  Hypnotiseur  einem  Menschen 
absuggerieren,  daft  hier  eine  Uhr  liegt.  Dann  sahe  der  Betref- 
fende  nichts  an  der  Stelle  im  Raum.  Es  ist  dies  nichts 
anderes,  als  ein  Ablenken  der  Aufmerksamkeit  auf  einem 
abnormen  Gebiet,  ein  kunstliches  Ablenken  der  Aufmerk- 
samkeit. Diesen  Vorgang  kann  jeder  an  sich  beobachten.  Der 
Mensch  ist  imstande,  sich  selbst  abzusuggerieren,  was  vor 


ihm  ist.  Der  theosophisch  Gebildete  mufi  folgenden  Kunst- 
griff  ausfiihren  konnen,  dann  gelangt  er  zur  Anschauung  des 
atherischen  Korpers;  Er  mufi  sich  den  physischen  Korper 
eines  Tiers  oder  eines  Menschen  absuggerieren.  Ist  dann  sein 
geistiges  Auge  erweckt,  dann  sieht  er  nicht  etwa  an  der 
Stelle,  wo  der  physische  Korper  war,  nichts,  sondern  er  sieht 
den  Raum  ausgefullt  mit  ganz  bestimmten  Farbenbildern. 
Die  Ausfiihrung  dieser  Anleitung  mufi  natiirlich  mit  der 
allergrofiten  Vorsicht  geschehen,  denn  es  sind  allerlei  Illusio- 
nen  auf  diesem  Gebiete  moglich.  Allein,  wer  wirklich  weifi, 
mit  welcher  Vorsicht,  mit  welcher  alle  wissenschaftliche 
Genauigkeit  iibersteigenden  Exaktheit  gerade  die  theosophi- 
sche  Forschung  gepflegt  wird,  der  weifi  Bescheid.  Der  Raum 
ist  erfullt  mit  Lichtbildern.  Das  ist  der  Ather-  oder  Doppel- 
korper.  Dieses  Lichtbild  erscheint  in  einer  Farbe,  die  nicht  in 
unserem  gewohnlichen  Spektrum  vom  Ultrarot  bis  Ultra- 
violett  enthalten  ist.  Sie  ahnelt  etwa  der  Farbe  der  Pfirsich- 
bliite.  Das  ist  die  Farbe,  in  der  der  Atherdoppelkorper 
erscheint.  Einen  solchen  Atherdoppelkorper  finden  Sie  bei 
jeder  Pflanze,  bei  jedem  Tier,  iiberhaupt  bei  jedem  Lebewe- 
sen.  Es  ist  der  aufierliche,  sinnliche  Ausdruck  fur  das,  was 
der  Naturforscher  heute  wieder  ahnt,  fur  das,  was  man 
Lebenskraft  nennt.  Damit  haben  wir  das  zweite  Glied  des 
physischen  Leibes  des  Menschen. 

Der  physische  Leib  hat  aber  noch  einen  dritten  Bestand- 
teil.  Den  habe  ich  den  Seelenleib  genannt.  Eine  Vorstellung 
davon  konnen  Sie  sich  machen,  wenn  Sie  sich  denken,  dafi 
nicht  jeder  Korper,  der  lebt,  auch  empfinden  kann.  Ich  kann 
mich  nicht  auf  den  Streit  einlassen,  ob  die  Pflanze  auch 
empfinden  kann,  das  steht  auf  einem  anderen  Blatt.  Sie 
miissen  das,  was  man  im  groben  Sinne  Empfinden  nennt,  ins 
Auge  fassen.  Was  in  dieser  Art  die  Pflanze  vom  Tier  unter- 
scheidet,  das  wollen  wir  festhalten.  Ebenso  wie  die  Pflanze 


vom  Stein  unterschieden  ist  durch  den  Atherdoppelkorper, 
so  ist  der  Leib  des  Tieres  als  empfindender  Leib  wieder 
verschieden  von  dem  blofien  Pflanzenkorper.  Und  dasje- 
nige,  was  im  Tierkorper  ebenso  hinausragt  iiber  das  blofie 
Wachsen  und  Fortpflanzen,  dasjenige,  was  die  Empfindung 
moglich  macht,  das  bezeichnen  wir  als  den  Seelenkorper.  In 
dem  physischen  Leib,  in  dem  Atherleib  und  drittens  in  dem 
Seelenleib,  dem  Trager  des  Empfindungslebens,  haben  wir 
nur  die  aufterliche  Seite  des  Menschen  und  des  Tieres.  Damit 
haben  wir  das  beobachtet,  was  im  Raume  lebt. 

Nun  kommt  dasjenige,  was  im  Inneren  lebt,  dasjenige, 
was  wir  als  empfindendes  Selbst  bezeichnen.  Das  Auge  hat 
eine  Empfindung  und  fuhrt  sie  dahin,  wo  die  Seele  die 
Empfindung  wahrnehmen  kann.  Wir  gewinnen  hier  den 
Obergang  vom  Korper  in  die  Seele,  wenn  wir  aufsteigen  vom 
Seelenleib  in  die  Seele,  in  das  unterste  Glied  der  Seele,  das 
bezeichnet  wird  als  Empfindungsseele.  Empfindungsseele 
hat  auch  das  Tier,  denn  es  setzt  das,  was  der  Korper  ihm 
zubereitet  fur  die  Empfindung,  das,  was  die  Seele  ihm 
zubereitet,  in  inneres  Leben,  in  Seelenleben,  in  Empfindun- 
gen  um.  Nun  kann  man  aber  in  der  Wahrnehmung  beim 
seelischen  Schauen  den  Seelenleib  und  die  Empfindungsseele 
nicht  getrennt  wahrnehmen.  Diese  stecken  sozusagen  inein- 
ander  und  bilden  ein  Ganzes.  Grob  kann  man  vergleichen 
das,  was  hier  ein  Ganzes  bildet  -  den  Seelenleib  als  auftere 
Hiille  und  die  darin  steckende  Empfindungsseele  -,  mit  dem 
Schwert,  das  in  der  Scheide  steckt.  Das  bildet  fur  die  seeli- 
sche  Anschauung  ein  Ganzes  und  wird  von  der  Theosophie 
Kamarupa  oder  Astralleib  genannt.  Das  hochste  Glied  des 
physischen  Leibes  und  das  niederste  Glied  der  Seele  bilden 
ein  Ganzes  und  werden  in  der  theosophischen  Literatur 
Astralleib  genannt. 

Das  zweite  Glied  der  Seele  ist  dasjenige,  was  das  Gedacht- 


nis  und  den  niederen  Verstand  umf  afit.  Das  hochste  Glied  ist 
dasjenige,  was  im  eigentlichen  Sinne  das  Bewufitsein  enthalt. 
Aus  drei  Gliedern  besteht  sowohl  die  Seele  wie  auch  der 
Leib.  Wie  der  Leib  aus  physischem  Korper,  Atherdoppel- 
korper  und  Seelenleib  oder  Astralkorper  besteht,  so  besteht 
die  Seele  aus  Empfindungsseele,  Verstandesseele  und 
Bewufitseinsseele.  Den  richtigen  Begriff  davon  kann  nur 
derjenige  bekommen,  der  durch  die  geisteswissenschaftli- 
chen  Methoden  die  Fahigkeiten  ausbildet,  die  zum  wirkli- 
chen  Schauen  fiihren.  Was  wir  empfinden  von  den  Dingen 
von  aufien,  das  haftet  an  der  Empfindungsseele.  Und  was 
wir  Gefuhl  nennen,  Gefuhl  der  Liebe,  Gefuhl  des  Hasses, 
Gefuhl  des  Verlangens,  also  Sympathie  und  Antipathie,  das 
haftet  an  dem  zweiten  Glied  der  Seele,  an  der  Verstandes- 
seele, an  Kamamanas.  Das  dritte  Glied,  die  Bewufitseins- 
seele,  ist  dasjenige,  was  der  Mensch  nur  an  einem  einzigen 
Punkte  beobachten  kann.  Das  Kind  hat  in  der  Regel  nur  ein 
Bewufksein  von  den  zwei  ersten  Seelengliedern.  Es  lebt  nur 
in  den  zwei  Gliedern  der  Seele,  die  ich  genannt  habe,  in  der 
Empfindungsseele  und  in  der  Verstandesseele,  aber  es  lebt 
noch  nicht  in  der  Bewufitseinsseele.  In  dieser  Bewufitseins- 
seele  fangt  der  Mensch  zu  leben  an  im  Verlaufe  seines 
Kindheitsalters,  und  dann  wird  diese  Bewufitseinsseele  zur 
selbstbewufiten  Seele. 

Diejenigen,  welche  das  eigene  Leben  fein  zu  beobachten 
verstehen,  betrachten  diesen  Punkt  in  ihrem  Leben  als  etwas 
besonders  Wichtiges.  Diesen  Punkt  finden  Sie  geschildert  in 
Jean  Pauls  eigener  Lebensbeschreibung,  da  wo  er  das 
Bewufitsein  des  inneren  Selbst  erlebt.  «Nie  vergefi  ich  die 
noch  keinem  Menschen  erzahlte  Erscheinung  in  mir,  wo  ich 
bei  der  Geburt  meines  Selbstbewufitseins  stand,  von  der  ich 
Ort  und  Zeit  anzugeben  weifi.  An  einem  Vormittag  stand 
ich  als  ein  sehr  junges  Kind  unter  der  Haustiir  und  sah  links 


nach  der  Holzlege,  als  auf  einmal  das  innere  Gesicht:  ich  bin 
ein  Ich,  wie  ein  Blitzstrahl  vom  Himmel  vor  mich  fuhr  und 
seitdem  leuchtend  stehen  blieb.  Da  hatte  mein  Ich  zum 
ersten  Male  sich  selber  gesehen  und  auf  ewig.  Tauschungen 
des  Erinnerns  sind  hier  schwerlich  denkbar,  da  kein  fremdes 
Erzahlen  sich  in  eine  blofi  im  verhangenen  Allerheiligsten 
des  Menschen  vorgefallene  Begebenheit,  deren  Neuheit 
allein  so  alltaglichen  Nebenumstanden  das  Bleiben  gegeben, 
mit  Zusatzen  mengen  konnte.»  Damit  ist  das  hochste 
Gebilde  der  Seele,  so  wie  der  Mensch  es  lebt,  dargestellt. 

Bei  dem  seelisch  Erweckten  stellen  sich  in  der  Tat  auch 
der  aufierlichen  Anschauung  die  drei  Bestandteile  der  Seele 
dar.  So  wie  der  Atherdoppelkorper,  so  stellen  sich  auch  die 
drei  Stufen,  die  drei  Bestandteile  der  Seele  wirklich  fur  die 
aufiere  seelische  Anschauung  dar.  Ich  sagte  schon,  der  Emp- 
findungsleib  ist  nie  von  dem  Seelenleib  in  der  Anschauung 
trennbar.  Nun  stellt  sich  dieser  hohere  Teil  des  Menschen, 
die  Seele,  dar  in  dem,  was  die  theosophische  Literatur  als  die 
sogenannte  Aura  bezeichnet.  Wer  durch  die  Anschauung 
Kenntnis  davon  haben  will,  mufi  lernen,  sie  zu  sehen.  Die 
Aura  ist  dreigliedrig.  Die  drei  Glieder  stecken  ineinander 
wie  drei  ovale  Nebelgebilde,  die  die  menschliche  Gestalt 
umhiillen  und  einhiillen.  In  dieser  Aura  stellt  sich  der  See- 
lenleib des  Menschen  fur  unsere  Anschauung  dar.  Sie 
erglanzt  in  den  mannigfaltigsten  Farben,  die  nur  einen 
aufierlichen  Vergleich  zulassen  mit  dem,  was  wir  Farben  des 
Spektrums  nennen.  In  diesen  Farben,  die  auf  die  hohere 
Oktave  wiederum  gehen  von  Rot  und  Violett,  erglanzt  in 
der  mannigfaltigsten  Weise  das,  was  wir  die  Aura  nennen.  In 
dieser  ist  der  Mensch  eingebettet  wie  in  einer  Wolke  und  in 
dieser  Wolke  driickt  sich  das  aus,  was  als  Begierde,  Leiden- 
schaft,  Triebe  in  der  Menschenseele  lebt.  Der  ganze  Gefiihls- 
organismus  des  Menschen  spricht  sich  in  dem  wunderbaren 


Farbenspiel  der  Aura  aus.  Diese  dreigliedrige  Aura  ist  die 
Seek  des  Menschen.  Das  ist  die  Seek,  wenn  man  sie  objektiv 
wahrnimmt.  Subjektiv  kann  sie  jeder  wahrnehmen:  Jeder 
fiihlt  und  begehrt  und  hat  Leidenschaften.  Er  lebt  sie  so,  wie 
er  das  Verdauen  lebt  und  das  Atmen.  Aber  die  aufkre 
gewohnliche  Schule  der  Psychologie  beschreibt  in  der  Regel 
nur  das,  was  ich  den  Seeknkib  genannt  habe,  oder  sie 
beschreibt  hochstens  noch  den  aufieren  Ausdruck  des  See- 
lenlebens,  nicht  aber  dasjenige,  was  die  Theosophie  unter 
Seek  versteht.  Was  sie  unter  der  Seek  versteht,  ist  eine 
objektive  Tatsache.  Aber  man  kann  in  der  Regel  nur  so 
darauf  hindeuten,  wie  es  Fichte  getan  hat,  als  er  darauf 
aufmerksam  machte,  dafi  in  dieser  Welt  hohere  Erlebnisse 
sind,  denen  gegeniiber  aber  der  nur  sinnlich  wahrnehmende 
Mensch  wie  ein  Blindgeborener  ist. 

Damit  haben  wir  die  drei  Glieder  des  menschlichen  physi- 
schen  Korpers  und  die  drei  Glieder  der  menschlichen  Seek 
geschildert.  Da  aber  des  Menschen  physischer  Leib  in  sei- 
nem  dritten  Teile  eine  Einheit  bildet  mit  dem  menschlichen 
Seelenglied,  so  haben  wir  zuerst  zwei  Teile  plus  einen  plus 
weitere  zwei,  also  funf  Teile:  physischer  Leib,  Atherleib, 
Seeknkib,  Verstandesseek,  Bewufitseinsseele,  in  der  das  Ich 
aufleuchtet.  Dieses  Ich  ist  ein  ganz  interessanter  Punkt  in  der 
Aura.  An  einer  Stelle  wird  das  Ich  wahrnehmbar.  Da  finden 
Sie  innerhalb  des  au$eren  Ovals  eine  merkwiirdige,  blau 
flimmernde  oder  blau  schillernde  Stelle,  auch  ovalformig.  Es 
ist  eigentlich  so,  wie  wenn  Sie  eine  Kerzenflamme  sehen; 
aber  mit  der  Differenz,  die  die  astralen  Farben  gegeniiber 
den  physischen  Farben  haben,  ist  es  so,  wie  wenn  Sie  in  der 
Kerzenflamme  in  der  Mitte  das  Blau  sahen.  Das  ist  das  Ich, 
das  da  wahrgenommen  wird  innerhalb  der  Aura.  Und  das  ist 
eine  sehr  interessante  Tatsache.  Wenn  der  Mensch  auch  noch 
so  weit  sich  entwickelt,  wenn  er  auch  noch  so  weit  seine 


hellseherischen  Gaben  ausbildet,  an  dieser  Stelle  sieht  er 
zunachst  diesen  blauen  Ich-Kdrper,  diesen  blauen  Lichtkor- 
per.  Das  ist  ein  verhangenes  Heiligtum,  auch  fiir  den  Hellse- 
her.  Niemand  kann  in  das  eigentliche  Ich  des  anderen  hin- 
einschauen.  Das  bleibt  selbst  fiir  denjenigen,  der  seine  seeli- 
schen  Sinne  entwickelt  hat,  zunachst  ein  Geheimnis.  Nur 
innerhalb  dieser  blau  flimmernden  Stelle  glanzt  Neues  auf. 
Da  ist  eine  neue  Flammenbildung,  die  im  Mittelpunkt  der 
blauen  Flamme  aufglanzt.  Das  ist  das  dritte  Glied,  der  Geist. 
Dieser  Geist  besteht  wieder  aus  drei  Gliedern,  wie  die 
anderen  Bestandteile  des  Menschen.  Die  morgenlandische 
Philosophic  nennt  diese  Manas,  Buddhi,  Atma.  Diese  drei 
Bestandteile  sind  bei  den  heutigen  Menschen  so  ausgebildet, 
daft  eigentlich  nur  der  unterste  Teil,  das  Geistselbst  -  das  ist 
die  richtige  tlbersetzung  fiir  Manas  -  in  der  Anlage  bei  dem 
heutigen  denkenden  Menschen  entwickelt  ist.  Es  ist  dieses 
Manas  ebenso  fest  verbunden  mit  dem  hochsten  Gliede  der 
Seele  wie  die  Empfindungsseele  mit  dem  Seelenleib,  so  daft 
wieder  das  Hochste  der  Seele  und  das  Niederste  des  Geistes 
ein  Ganzes  bilden,  weil  man  sie  nicht  unterscheiden  kann. 
Man  sieht  eben  in  der  Aura  das  hochste  Glied  der  Seele  in 
dem  Mittelpunkte  der  blau  flimmernden  Stelle,  wo  das  Ich 
sitzt,  und  man  sieht  aufleuchten  innerhalb  des  Ich  den  Geist. 
Der  Geist  ist  heute  bei  der  Menschheit  bis  zum  Manas 
entwickelt.  Die  beiden  hoheren  Teile,  Buddhi  und  Atma  - 
Lebensgeist  und  Geistesmensch  -,  sind  in  der  Anlage  ent- 
wickelt, und  wir  werden  sehen,  wie  sie  sich  weiter  entwik- 
keln  werden,  wenn  wir  im  nachsten  Vortrag  iiber  Reinkar- 
nation  und  Karma  sprechen. 

Das  ist  es,  was  verbunden  dasteht,  das  hochste  Gebilde 
der  Seele  und  das  niederste  Gebilde  des  Geistes.  Was  nicht 
getrennt  beobachtet  werden  kann,  das  nennt  die  theosophi- 
sche  Literatur  schlechtweg  Manas.  Die  zwei  hochsten 


Gebilde,  Buddhi  und  Atma,  sind  die  tiefste  Wesenheit  des 
Menschen,  sind  der  unsterbliche  Menschengeist.  So  haben 
wir  drei  mal  drei  Glieder  der  menschlichen  Wesenheit,  von 
denen  das  dritte  mit  dem  vierten  zu  einem  Ganzen  verbun- 
den  ist,  und  ebenso  das  sechste  mit  dem  siebenten.  Dadurch 
kommt  die  beriihmte  oder  beriichtigte  Siebenzahl  in  der 
menschlichen  Zusammensetzung,  die  Sie  so  oft  lesen  kon- 
nen,  zustande.  In  Wahrheit  besteht  der  Mensch  aus  Leib, 
Seele  und  Geist  und  jedes  Glied  wieder  aus  drei  Bestandtei- 
len;  davon  sind  zwei  mal  zwei  Glieder  je  zu  einem  Ganzen 
vereinigt,  wodurch  die  Neun  zu  einer  Sieben  sich  reduziert. 
In  dem  zweiten  der  drei  Glieder,  dem  hoheren  Teil,  lebt  der 
Mensch  zunachst.  Der  Mensch  kann  sie  mit  den  aufteren 
Sinnen  nicht  wahrnehmen. 

Ich  habe  schon  erwahnt  in  dem  Einleitungsvortrage,  dafi 
die  theosophische  Literatur  nicht  nur  eine  Beschreibung  gibt 
der  verschiedenen  Lebensgebiete,  sondern  auch  die  Mittel 
und  Wege  zeigt,  durch  welche  sich  der  Mensch  zu  den 
Methoden  erheben  kann,  die  es  ihm  ermoglichen,  selbst  dies 
alles  wahrzunehmen.  Nur  gehort  dazu,  ebenso  wie  es  fiir 
den  Naturforscher  notwendig  ist,  das  Mikroskopieren  zu 
lernen,  um  Einblick  zu  gewinnen  in  die  physische  Natur, 
eine  gewisse  geistige  Entwickelung,  um  dasjenige,  was  wir 
beschrieben  haben,  in  eine  echte  Anschauung  zu  bringen. 
Jeder  kann  das  kennenlernen;  es  ist  nicht  das  Gut  von 
wenigen  Bevorzugten,  sondern  ein  Gesamtgut  fiir  alle.  Die- 
jenigen,  welche  sich  sehr  darauf  eingelassen  haben,  die 
Anweisungen  der  Theosophischen  Gesellschaft  zu  befolgen, 
und  die  selbst  zu  Anschauungen  gekommen  sind,  konnen 
das,  was  sie  erfahren  haben,  erzahlen.  Sie  betrachten  es  nicht 
anders,  als  wie  wenn  ein  Afrikaforscher  von  seinen  Erlebnis- 
sen  erzahlt.  Diese  konnen  nicht  nachgepriift  werden,  wenn 
man  nicht  selbst  dahin  geht.  Die  Methoden  werden  aber 


gewohnlich  nicht  ernst  genug  genommen.  Wiirde  wirklich 
und  ernsthaft  durchgefiihrt,  was  im  letzten  Kapitel  meines 
Buches  «Theosophie»  gegeben  ist,  dann  konnte  ein  Mensch 
schon  sehr  weit  kommen  in  der  Beobachtung  der  hdheren 
Gebiete  des  menschlichen  Geistes. 

Wer  sich  ein  theosophisches  Weltbild  machen  kann,  der 
wird  manches  verstehen,  was  er  vorher  im  gewohnlichen 
Verlauf  des  Lebens  nicht  hat  verstehen  konnen.  Sie  konnen 
schon  ganz  bestimmte  Gebiete  bei  Goethe  nicht  verstehen, 
wenn  Sie  nicht  eine  Ahnung  haben  von  Theosophie.  Goe- 
thes  Ausfuhrungen  \iber  die  Pflanzenwelt  versteht  nur  derje- 
nige,  welcher  eine  Ahnung  davon  hat,  was  Goethe  die 
Lebensvorgange  oder  die  Metamorphose  der  Pflanzen 
nennt.  Daft  Goethe  Theosoph  war,  geht  aus  einer  «verborge- 
nen»  Schrift  hervor,  die  zwar  in  jeder  Ausgabe  vorhanden 
ist,  jedoch  von  den  wenigsten  gelesen  wird :  aus  dem  «Mar- 
chen  von  der  griinen  Schlange  und  der  schonen  Lilie».  Das 
enthalt  die  ganze  Theosophie,  aber  so,  wie  von  jeher  die 
theosophischen  Wahrheiten  mitgeteilt  worden  sind.  Erst  seit 
der  Begriindung  der  Theosophischen  Geselischaft  sind  sie 
aufterlich  zum  Ausdruck  gekommen;  friiher  konnten  sie  nur 
bildlich  dargesteilt  werden.  Das  «Marchen»  ist  ein  solcher 
bildlicher  Ausdruck  fur  die  theosophische  Lehre.  In  Leipzig 
hat  Goethe  Einblick  gewonnen  in  diejenige  Welt,  von  der 
wir  sprechen,  und  zwar  in  ziemlich  tiefgehender  Weise. 
Manches  im  « Faust »  weist  darauf  hin,  daft  Goethe  zu  den 
eingeweihten  Theosophen  gehorte.  Manches  ist  bei  Goethe 
wie  das  Glaubensbekenntnis  eines  Theosophen.  Ich  mochte 
den  heutigen  Vortrag  beschlieften  mit  Goethes  Worten, 
welche  wie  ein  Motto  iiber  diesem  Vortrag  stehen  konnten, 
weil  sie  in  groften  Ziigen  und  in  lapidarem  Stil  verkiindigen, 
daft  die  Welt  nicht  physische  Natur  allein  ist,  sondern  auch 
seelische  und  geistige  Wesenheit.  Und  dafi  die  Welt  eine 


geistige  Wesenheit  ist,  driickt  eben  Goethe  aus  da,  wo  er  den 
Erdgeist  die  Worte  sagen  lafit,  die  das  Weben  des  Geistesle- 
bens  in  der  ganzen  Welt  erkennen  lassen: 

In  Lebensfluten,  im  Tatensturm 

Wall'  ich  auf  und  ab, 

Webe  hin  und  her! 

Geburt  und  Grab, 

Ein  ewiges  Meer, 

Ein  wechselnd  Weben, 

Ein  gluhend  Leben: 

So  s chaff  ich  am  sausenden  Webstuhl  der  Zeit 
Und  wirke  der  Gottheit  lebendiges  Kleid. 


REINKARNATION  UND  KARMA 


Berlin,  20.  Oktober  1904 


Vor  acht  Tagen  sprach  ich  iiber  die  Zusammensetzung  des 
Menschen  und  iiber  die  verschiedenen  Teile  seiner  Wesen- 
heit. Wenn  Sie  absehen  von  der  feineren  Einteilung,  die  wir 
damals  besprochen  haben,  so  konnen  wir  sagen,  dafi  die 
menschliche  Wesenheit  zerfallt  in  die  drei  Glieder:  Leib, 
Seele  und  Geist.  Nun  fiihrt  eine  Betrachtung  dieser  drei 
Glieder  der  menschlichen  Wesenheit  zu  den  grofien  Geset- 
zen  des  menschlichen  Lebens,  zu  ebensolchen  Gesetzen  der 
Seele  und  des  Geistes,  wie  uns  die  Betrachtung  der  Aufien- 
welt  zu  den  Gesetzen  des  physischen  Lebens  fiihrt.  Unsere 
gebrauchliche  Wissenschaft  kennt  ja  nur  die  Gesetze  des 
physischen  Lebens.  Sie  weifi  nichts  zu  sagen  iiber  die 
Gesetze  des  seelischen  und  geistigen  Lebens  auf  den  hoheren 
Gebieten.  Aber  es  gibt  auf  diesen  hoheren  Gebieten  ebensol- 
che  Gesetze,  und  diese  Gesetze  des  seelischen  und  geistigen 
Lebens  sind  unzweifelhaft  fur  den  Menschen  noch  wichtiger 
und  bedeutungsvoller  als  das,  was  auflerlich  im  physischen 
Raume  geschieht.  Aber  die  hohe  Bestimmung  des  Men- 
schen, das  Begreifen  unseres  Schicksals,  das  Begreifen, 
warum  wir  in  diesem  Leibe  sind,  welchen  Sinn  dieses  Leben 
hat  -  die  Beantwortung  dieser  Fragen  kann  einzig  und  allein 
auf  den  hoheren  Gebieten  des  geistigen  Lebens  gefunden 
werden. 

Nun  zeigt  uns  eine  Betrachtung  des  seelischen  Lebens  das 
grofie  Grundgesetz  des  seelischen  Lebens,  das  Gesetz  der 
Entwickelung  auf  dem  seelischen  Gebiet,  das  Gesetz  der 
Wiederverkorperung.  Und  eine  Betrachtung  des  geistigen 


Lebens  zeigt  uns  das  Gesetz  von  Ursache  und  Wirkung  im 
geistigen  Leben,  das  Gesetz,  das  wir  im  Physischen  genau 
kennen,  dafi  jegliche  Tatsache  ihre  Ursache  hat.  Jede  Tat  des 
Geisteslebens  hat  ihre  Ursache  und  mufi  ihre  Ursache  haben, 
und  dieses  Gesetz  im  geistigen  Leben  heifit  das  Gesetz  von 
Karma.  Das  Gesetz  der  Reinkarnation  oder  Wiederverkor- 
perung  besteht  darin,  dafi  der  Mensch  nicht  nur  einmal  lebt, 
sondern  dafi  das  Leben  des  Menschen  in  einer  ganzen 
Anzahl  von  Wiederholungen  verlauft,  die  allerdings  einmal 
einen  Anf ang  genommen  haben  und  einmal  ein  Ende  finden 
werden.  Von  anderen  Zustanden  des  Lebens  ausgehend  ist 
der  Mensch,  wie  wir  in  spateren  Stunden  noch  sehen  wer- 
den, in  dieses  Gesetz  der  Reinkarnation  eingetreten,  und  er 
wird  dieses  Gesetz  spater  wieder  iiberwinden,  um  zu  ande- 
ren Phasen  seiner  Entwickelung  iiberzugehen.  Das  Gesetz 
von  Karma  sagt,  dalS  unser  Schicksal,  dasjenige,  was  wir  im 
Leben  erfahren,  nicht  ohne  Ursache  ist,  sondern  dafi  unsere 
Taten,  unsere  Erfahrungen,  unsere  Leiden  und  Freuden  in 
einem  Leben  abhangen  von  den  vorhergehenden  Leben,  dafi 
wir  uns  in  den  verflossenen  Lebenslaufen  unser  Schicksal 
selbst  gezimmert  haben.  Und  so  wie  wir  jetzt  leben,  schaff en 
wir  uns  die  Ursachen  fur  das  Schicksal,  das,  wenn  wir 
wiederverkorpert  werden,  uns  treffen  wird;  das  wird  die 
Ursache  sein,  die  uns  in  der  Zukunft  das  Schicksal  unseres 
Lebens  bildet. 

Nun  wollen  wir  uns  etwas  genauer  auf  diese  Vorstellun- 
gen  der  seelischen  Entwickelung  und  der  geistigen  Verur- 
sachung  einlassen.  Das  Gesetz  von  der  Reinkarnation  oder 
Wiederverkorperung  handelt  davon,  dafi  die  menschliche 
Seele  nicht  einmal,  sondern  viele  Male  auf  dieser  Erde 
erscheint  und  lebt.  Dieses  Gesetz  in  seiner  unmittelbaren 
Tatsachlichkeit  kann  naturlich  nur  derjenige  vollstandig  ein- 
sehen,  der  durch  die  mystischen,  theosophischen  Methoden 


sich  so  weit  bringt,  dafi  er  imstande  ist,  auf  den  seelischen 
Gebieten  des  Daseins  ebenso  zu  beobachten  wie  der 
gewohnliche  Mensch  auf  den  aufieren  Gebieten  des  sinnli- 
chen  Lebens  und  der  sinnlichen  Tatsachen.  Erst  wenn  die 
hdheren  Tatsachen  sich  vor  seinen  seelischen  Augen  abspie- 
len,  wie  fur  den  sinnlichen  Menschen  die  Tatsachen  der 
physischen  Welt  vor  den  physischen  Sinnen  sich  abspielen, 
dann  ist  fur  ihn  die  Reinkarnation  eine  Tatsache.  Auch  gibt 
es  noch  vieles,  was  der  Mensch  heute  seiner  eigentlichen 
Wesenheit  nach  noch  nicht  einsieht,  aber  er  kann  es  in  seinen 
Wirkungen  sehen  und  deshalb  glaubt  er  daran.  Die  Wieder- 
verkorperung ist  etwas,  was  die  meisten  Menschen  nicht  als 
Tatsache  sehen  konnen,  was  sie  sich  auch  nicht  gewohnt 
haben  als  eine  aufiere  Wirkung  zu  betrachten,  und  deshalb 
glauben  sie  nicht  daran.  Auch  die  Erscheinungen  der  Elek- 
trizitat sind  derart,  dafS  jeder  Physiker  sagen  wird,  die 
eigentliche  Wesenheit  der  Elektrizitat  sei  uns  unbekannt; 
aber  die  Menschen  zweifeln  nicht  daran,  daft  so  etwas  wie 
eine  Wesenheit  der  Elektrizitat  existiert.  Sie  sehen  die  Wir- 
kungen der  Elektrizitat,  das  Licht  und  die  Bewegung.  Konn- 
ten  die  Menschen  die  auftere  Wirkung  dessen,  was  Erinne- 
rung  ist,  vor  ihren  physischen  Augen  sich  abspielen  sehen, 
dann  konnten  sie  nicht  zweifeln,  dafi  es  eine  Wiederverkor- 
perung  gibt.  Die  Erinnerung  kann  man  noch  erkennen. 
Dennoch  mufi  man  sich  zuerst  bekannt  machen  mit  dem, 
was  aufierlich  sich  ausdriickt  von  der  Wiederverkorperung, 
um  dadurch  sich  allmahlich  an  den  Gedanken  zu  gewohnen, 
urn  dahin  zu  kommen,  in  der  richtigen  Weise  das  zu  sehen, 
was  die  Theosophie  Wiederverkorperung  nennt. 

Ich  mochte  daher  zunachst  rein  aufierlich  diejenigen  Tat- 
sachen betrachten,  die  jedem  zuganglich  sind,  die  jeder 
beobachten  kann,  die  er  nur  nicht  gewohnt  ist,  in  die  richti- 
gen Gesichtspunkte  hineinzurucken.  Wenn  er  sich  aber 


gewohnte,  diese  aufieren  Tatsachen  in  die  richtigen 
Gesichtspunkte  hineinzuriicken,  so  wiirde  er  sich  sagen: 
Ich  kenne  die  Reinkarnation  noch  nicht  als  Tatsache,  aber 
ich  kanri,  wie  bei  der  Elektrizitat,  voraussetzen,  dafi 
es  so  etwas  gibt.  -  Wer  die  aufieren  physischen  Tatsachen 
im  richtigen  Lichte  sehen  will,  mulS  das  Gesetz  der  Ent- 
wickelung, das  wir  seit  der  naturwissenschaftlichen  For- 
schung  des  19.  Jahrhunderts  in  der  Aufienwelt  uberall  wahr- 
nehmen,  aufmerksam  verfolgen.  Er  mufi  sich  fragen:  Was 
geschieht  vor  unseren  Augen  in  der  Lebewelt?  -  Ich 
bemerke  von  vornherein,  dafi  ich  nur  im  allgemeinen  diese 
Tatsache  streifen  will,  weil  ich  in  den  nachsten  Vortragen 
iiber  Darwinismus  und  Theosophie  sprechen  werde.  Alle 
diejenigen  Fragen,  die  sich  an  diesen  Teil  des  heutigen 
Vortrages  kniipfen  konnen,  kniipfen  an  an  Zweifel  und 
Gedanken  dariiber,  ob  die  Theosophie  durch  den  modernen 
Darwinismus  zu  widerlegen  ware.  Diese  Fragen  werden  Sie 
in  dem  Vortrage,  den  ich  iiber  acht  Tagen  halten  werde, 
beantwortet  erhalten. 

Also,  diese  Entwickelung  mussen  wir  in  der  richtigen 
Weise  erfassen.  Im  18.  Jahrhundert  hat  noch  der  grofie 
Naturforscher  Linne  gesagt,  dafi  so  viele  Pflanzen-  und 
Tierarten  nebeneinander  existieren,  als  urspriinglich  geschaf- 
fen  worden  sind.  Diese  Idee  wird  von  keinem  Naturforscher 
mehr  geteilt.  Die  vollkommeneren  Lebewesen  -  so  wird 
angenommen  -  haben  sich  aus  unvollkommeneren  Organis- 
men  entwickelt.  So  hat  die  Naturwissenschaft  das,  was  man 
fruher  nur  nebeneinander  betrachten  konnte,  in  ein  Nach- 
einander  in  der  Zeit  verwandelt.  Wenn  wir  uns  nun  fragen: 
Wodurch  ist  es  moglich,  dafi  die  Entwickelung  geschieht, 
wodurch  ist  es  moglich,  dafS  im  Laufe  der  Aufeinanderfolge 
der  verschiedenen  Arten  und  Gattungen  im  Tier-  und  Pf lan- 
zenreiche  ein  Zusammenhang  existiert?  -  dann  kommen  wir 


auf  ein  Gesetz,  welches  allerdings  fur  unsere  Naturwissen- 
schaft  etwas  dunkel  ist,  aber  doch  zusammenhangt  mit  dem 
Gesetz  der  physischen  Entwickelung.  Und  das  ist  die  Tatsa- 
che,  die  sich  in  der  sogenannten  Vererbung  ausdriickt.  Nicht 
verschieden  ist  bekanntlich  der  Nachkomme  eines  Organis- 
mus  von  seinem  Vorfahren.  Die  Ahnlichkeit  tritt  uns  also 
entgegen  zwischen  Vorfahren  und  Nachkommen.  Und 
dadurch,  dafi  zu  dieser  Ahnlichkeit  im  Laufe  der  Zeit  eine 
Verschiedenheit  hinzutritt,  entsteht  die  Mannigfaltigkeit.  Sie 
ist  sozusagen  ein  Ergebnis  zweier  Faktoren:  dessen,  worin 
die  Nachkommen  ihren  Vorfahren  gleichen,  und  dessen, 
worin  sie  sich  verschieden  zeigen.  Dadurch  entsteht  auch  die 
Mannigfaltigkeit  der  Tier-  und  Pflanzengestalt  von  der 
unvollkommensten  bis  zur  vollkommensten.  Niemals  ware 
einzusehen,  warum  die  Verschiedenheit  vorhanden  ist,  wenn 
nicht  das  Gesetz  der  Vererbung  da  ware.  Und  es  konnte 
auch  nicht  eingesehen  werden,  warum  der  Nachkomme 
verschieden  ist,  so  dafi  sich  diese  Verschiedenheit  zu  der 
Ahnlichkeit  hinzugesellt.  Diese  Verbindung  zwischen  Ahn- 
lichkeit und  Verschiedenheit  gibt  den  Begriff  der  physischen 
Entwickelung.  Sie  finden  ihn  im  Pflanzen-,  Tier-  und  Men- 
schenleben.  Wenn  Sie  aber  fragen:  Was  entwickelt  sich  im 
Physischen,  was  im  Pf lanzenleben,  was  im  Tier-  und  was  im 
Menschenleben?  -  dann  bekommen  wir  einen  durchgreif en- 
den  Unterschied  heraus  zwischen  dem  Menschenleben  und 
dem  Tierleben.  Diesen  Unterschied  mufi  man  sich  klarge- 
macht  haben,  vollstandig  durchdacht  haben,  dann  wird  man 
nicht  stehenbleiben  dort,  wo  der  physische  Forscher  stehen- 
bleibt.  Man  wird  sich  gezwungen  fiihlen,  weiterzuschreiten, 
man  wird  den  Gedanken  der  Entwickelung  wesentlich 
erweitern  miissen.  Nur  das  Hangen  an  alten  Denkgewohn- 
heiten  macht  es,  dafi  die  Menschen  nicht  zu  hoheren  Ent- 
wickelungsstufen  kommen  konnen. 


Diesen  Unterschied  mochte  ich  nun  bei  der  Menschheit 
und  bei  der  Tierheit  klarmachen.  Er  driickt  sich  in  einer 
Tatsache  aus,  die  unbestreitbar  ist,  aber  nur  nicht  genugend 
beriicksichtigt  wird.  Wenn  man  sie  aber  gefalk  hat,  dann  ist 
sie  lichtbringend  und  durchaus  aufklarend.  Diese  Tatsache 
kann  man  mit  dem  Schlagworte  ausdriicken:  Der  Mensch 
hat  eine  Biographie,  das  Tier  hat  keine  Biographic  -Natiir- 
lich  wird  jeder  Hunde-,  Pferde-,  Affenbesitzer  einwenden, 
dafi  ein  Tier  eigentiimliche,  individuelle  Neigungen  und  in 
gewisser  Beziehung  ein  individuelles  Dasein  hat,  und  dafi 
man  daher  auch  die  Biographie  eines  Hundes,  eines  Pferdes 
oder  ernes  Affen  schreiben  kann.  Das  soli  nicht  bezweifelt 
werden.  Aber  in  demselben  Sinne  kann  man  auch  die  Bio- 
graphie einer  Schreibfeder  schreiben.  Niemand  wird  aber 
bestreiten,  daft  es  nicht  dasselbe  ist,  wenn  wir  von  einer 
menschlichen  Biographie  sprechen.  Uberall  sind  nur  Uber- 
gange,  Gradunterschiede,  und  daher  gilt  das,  was  fur  den 
Menschen  vorzugsweise  gilt,  im  iibertragenen  Sinne  auch  fur 
untergeordnete  Wesen,  ja  es  kann  sogar  auf  aulSerliche  Dinge 
angewendet  werden.  Warum  sollten  wir  nicht  die  Eigen- 
schaften  eines  Tintenf asses  beschreiben  konnen?  Aber  Sie 
werden  doch  finden,  dafi  ein  radikaler  Unterschied  besteht 
zwischen  der  Biographie  eines  Menschen  und  der  Biogra- 
phie eines  Tieres.  Wenn  wir  sprechen  wollen  von  dem,  was 
uns  beim  Tiere  in  gleichem  Mafie  interessiert  wie  beim 
einzelnen  Menschen  die  Biographie,  dann  miissen  wir  die 
Beschreibung  der  Gattung  liefern.  Wenn  wir  einen  Hund, 
einen  Lowen  beschreiben,  dann  hat  das,  was  wir  beschrei- 
ben, Giiltigkeit  fur  alle  Hunde  oder  fur  alle  Lowen.  Wir 
brauchen  dabei  nicht  an  Biographien  hervorragender  Men- 
schen zu  denken.  Wir  konnen  die  Biographie  eines  Herrn 
Lehmann  oder  eines  Herrn  Schulze  schreiben.  Sie  unter- 
scheidet  sich  doch  wesentlich  von  jeder  Tierbiographie,  und 


sie  ist  fur  den  Menschen  von  gleichem  Interesse  wie  die 
Beschreibung  der  Gattung  fur  das  Tierleben  ist. 

Damit  ist  gesagt  fur  jeden,  der  in  dieser  Weise  ganz  und 
gar  prazis  denkt:  Die  Biographie  bedeutet  fur  den  Menschen 
das,  was  die  Gattungsbeschreibung  fur  das  Tier  bedeutet.  Im 
Tierreich  spricht  man  daher  von  einer  Entwickelung  der 
Gattung  und  der  Arten;  beim  Menschen  mufi  man  beim 
Individuum  einsetzen.  Der  Mensch  ist  eine  Gattung  fur  sich, 
nicht  im  physischen  Sinne,  insofern  der  Mensch  auf  der 
hochsten  Stufe  der  Tierheit  ist,  denn  in  bezug  auf  das 
Gattungsmafiige  ist  es  beim  Menschen  ebenso  wie  bei  den 
Tieren:  Wenn  wir  den  Menschen  als  Gattung  beschreiben, 
beschreiben  wir  ihn  so,  wie  wir  die  Lowengattung  oder  die 
Tigerart,  die  Katzenart  beschreiben.  Wesentlich  anders  ist 
die  Beschreibung  des  Individuellen  des  Menschen.  Das  Indi- 
viduelle  des  Menschen  ist  eine  Gattung  fur  sich.  Dieser  Satz, 
durch  und  durch  begriffen,  ist  das,  was  uns  zu  einer  hoheren 
Fassung  des  Beschreibens  der  Evolution  innerhalb  des  Men- 
schenreiches  fiihrt.  Wenn  Sie  iiber  das  Gattungsmafiige  des 
Menschen  sich  unterrichten  wollen,  wenn  Sie  sich  unterrich- 
ten  wollen  iiber  dasjenige,  was  aufierliche  Gestalt  ist  -  denn 
das  ist  das  Gattungsmafiige  am  Menschen  -,  dann  werden  Sie 
ganz  wie  in  der  tierischen  Entwickelung  zum  Begriffe  der 
Vererbung  Ihre  Zuflucht  nehmen,  dann  werden  Sie  wissen, 
warum  Schiller  eine  bestimmte  Gestalt  der  Nase,  eine 
bestimmte  Physiognomie  trug;  dann  werden  Sie  die  Gestalt 
Schillers  mit  mehr  oder  weniger  Gliick  von  seinen  Ahnen 
herleiten.  Dariiber  hinaus  geht  das,  was  die  Biographie  des 
Menschen  ist.  Da  handelt  es  sich  erst  um  dasjenige,  wodurch 
sich  der  eine  Mensch  von  alien  anderen  radikal  unterschei- 
det.  Von  diesen  zwei  Gebieten  ist  das  Gattungsmafiige  fur 
den  Begriff  der  Reinkarnation  oder  Wiederverkorperung 
nicht  wichtig.  Das,  worauf  es  ankommt,  ist  das  andere 


Gebiet,  das  wir  als  das  eigentliche  Seelische,  als  das  Innenle- 
ben  des  Menschen  von  dem  Gattungsmafiigen  unterschei- 
den,  dasjenige,  was  den  einen  Menschen  unterscheidet  von 
jedem  anderen. 

Sie  alle  wissen,  dafi  ein  jeder  von  uns  ein  ganz  besonderes 
Seelenleben  hat  und  dafi  es  sich  ausdriickt  in  dem,  was  wir 
unsere  eigentlichen  Sympathien  und  Antipathien  nennen, 
was  wir  unseren  Charakter  nennen,  was  wir  als  die  eigen- 
tiimliche  Art  erkennen,  wie  wir  uns  seelisch  darleben  kon- 
nen.  So  wie  dasjenige,  wodurch  die  Lowen  etwas  leisten,  den 
spezifischen  Stempel  der  Lowen,  der  Lowenart  tragt,  so 
tragt  die  spezifische  Leistung  eines  Herrn  Muller  oder  Leh- 
mann  die  spezifische  Pragung  dieser  einzelnen  Seelen.  Sym- 
pathie,  Antipathie,  Neigungen,  Gewohnheiten,  kurz,  alles 
was  wir  das  Temperament  eines  Menschen  und  was  wir  sei- 
nen  Charakter  nennen  -  seine  Begierden,  Triebe,  Leidenschaf- 
ten,  die  Art  und  Weise,  ob  er  stark  oder  schwach,  so  oder  so 
geartet  zu  sein  wiinscht  -,  das  konnen  wir  nur  im  Menschen 
als  Individuelles  ansprechen.  Wir  finden  allerdings  schon  im 
Tierreich  uberall  dasselbe,  was  wir  jetzt  lebenden  Menschen 
als  das  Eigentiimliche  der  Seele  betrachtet  haben.  Wir  finden 
da  auch  Sympathien  und  Antipathien,  Neigungen,  Triebe,  ja 
einen  bestimmten  Charakter.  Wir  nennen  im  allgemeinen, 
wiederum  von  feineren  Unterschieden  abgesehen,  die 
Summe  dessen,  was  wir  beim  Tier  als  seine  Gewohnheiten 
beobachten,  die  Aufierung  der  tierischen  Instinkte.  Nun  hat 
die  Naturwissenschaft  des  19.  Jahrhunderts  versucht,  auch 
diesen  Instinkt,  dieses  Seelische  im  Tier,  zu  erklaren  wie  die 
aufiere  Gestalt,  namlich  durch  Vererbung.  Man  hat  gesagt, 
die  Tiere  verrichten  gewisse  Tatigkeiten,  und  dadurch,  dafi 
sie  viele  Tatigkeiten  oft  und  oft  verrichtet  haben,  pragen  sich 
diese  Tatigkeiten  in  ihre  Natur  ein,  so  dafi  sie  gewohnheits- 
mafiig  werden;  dann  erscheinen  sie  bei  den  Nachkommen 


vererbt  als  bestimmte  Instinkte,  etwa  wenn  man  bestimmte 
Hunde  anhalt,  schnell  zu  laufen,  indem  man  sie  zur  Jagd 
verwendet.  Durch  diese  Ubung  des  Schnellaufens  werden 
die  Nachkommen  dieser  Hunde  dann  schon  mit  dem 
Instinkt  des  Schnellaufens  als  so  veranlagte  Jagdhunde  gebo- 
ren.  Das  ist  die  Art  und  Weise,  wie  Lamarck  die  Instinkte 
der  Tiere  zu  erklaren  sucht;  sie  sollen  vererbte  Ubungen 
sein. 

Eine  wirkliche  Uberlegung  zeigt  aber  sehr  bald,  dafi 
gerade  die  komplizierten  Instinkte  unmoglich  vererbt  sein 
konnen  und  unmoglich  zusammenhangen  konnen  mit 
irgendeiner  vererbten  Ubung.  Gerade  diejenigen  Instinkte, 
die  am  kompliziertesten  sind,  zeigen  ihrer  blofien  Natur 
nach  den  Beobachtern,  dafi  man  unmoglich  davon  sprechen 
kann,  dafi  sie  von  der  Vererbung  herriihren.  Nehmen  Sie 
eine  Fliege,  welche  davonfliegt,  wenn  man  in  ihre  Nahe 
kommt.  Das  ist  eine  instinktive  AufSerung.  Wodurch  soli  die 
Fliege  diesen  Instinkt  erworben  haben?  Die  Vorfahren  miifi- 
ten  diesen  Instinkt  nicht  gehabt  haben.  Sie  miifken  die 
bewufite  oder  unbewufke  Erfahrung  gemacht  haben,  dafi 
ihnen  das  Sitzenbleiben  unter  gewissen  Umstanden  schad- 
lich  ist,  und  dadurch  miilken  sie  sich  angewohnt  haben, 
wegzufliegen,  um  den  Schaden  zu  vermeiden.  Wer  den 
Zusammenhang  wirklich  iibersieht,  wird  kaum  in  der  Lage 
sein,  zu  sagen,  dafi  so  und  so  viele  Insekten,  weil  sie  gefun- 
den  haben,  dafi  sie  getotet  werden,  sich  angewohnt  haben 
fortzufliegen,  um  nicht  getotet  zu  werden.  Um  diese  Erfah- 
rungen  an  ihre  Nachkommen  weiterzugeben,  hatten  sie  ja 
am  Leben  bleiben  miissen.  Also,  Sie  sehen,  es  ist  unmoglich, 
so  von  Vererbung  zu  sprechen,  ohne  sich  in  die  schlimmsten 
Widerspriiche  zu  verwickeln.  Wir  konnten  von  hundert  und 
tausend  Fallen  sprechen,  wo  Tiere  nur  ein  einziges  Mai 
etwas  tun.  Nehmen  Sie  die  Einpuppung:  Das  wird  nur 


einmal  im  Leben  gemacht,  und  daraus  geht  schlagend  her- 
vor,  dafi  es  nicht  moglich  ist,  von  einer  Vererbung  wie  im 
physischen  Leben  auch  auf  dem  Gebiete  des  seelischen 
Lebens  zu  sprechen.  Daher  verlafit  der  Naturforscher  den 
Satz  vollstandig,  dafi  die  Instinkte  vererbte  "Obungen  seien. 
Hier  haben  wir  es  nicht  zu  tun  mit  einer  Obertragung 
dessen,  was  im  physischen  Leben  unmittelbar  erfahren  ist, 
sondern  mit  einer  Wirkung  der  Tierseelenwelt.  Wir  werden 
in  den  nachsten  Vortragen  etwas  genauer  iiber  diese  Tiersee- 
lenwelt sprechen.  Wir  konnen  uns  heute  begniigen  mit  der 
Feststellung  der  Unrnoglichkeit,  von  der  Obertragung  seeli- 
scher  Eigenschaften  von  Vorfahren  auf  Nachkommen  in 
demselben  Sinne  zu  sprechen,  wie  man  im  physischen 
spricht  von  Vererbung.  Dennoch  aber  mufi  der  Mensch, 
wenn  er  uberhaupt  Sinn  und  Verstand  in  der  Welt  sehen 
will,  einen  Zusammenhang  in  die  Welt  hineinbringen;  er 
mufi  in  der  Lage  sein,  eine  jegliche  Wirkung  auf  ihre  Ursache 
zuruckzufiihren.  Es  mufi  also  dasjenige,  was  im  individuel- 
len  Seelenleben  auftritt,  was  auf tritt  beim  einzelnen  mensch- 
lichen  Individuum  an  Sympathien  und  Antipathien,  an 
Aufierungen  des  Temperamentes  und  des  Charakters,  auf 
Ursachen  zuriickgefuhrt  werden  konnen. 

Nun  treten  uns  die  Menschen  verschieden  in  bezug  auf 
ihre  Eigenschaften  entgegen.  Wir  mussen  daher  die  Ver- 
schiedenheit  der  menschlichen  Individuen  erklaren.  Wir 
konnen  sie  nicht  anders  erklaren,  als  dafi  wir  auf  seelischem 
Gebiete  denselben  Begriff  der  Entwickelung  einfiihren,  wie 
wir  ihn  im  Physischen  haben.  So  unsinnig  es  ware,  wenn 
man  glauben  wollte,  dafi  ein  vollkommener  Lowe  als  Gat- 
tung  plotzlich  aus  der  Erde  herausgewachsen  sei  oder  da$ 
ein  unvollkommenes  Tier  sich  plotzlich  entwickelt  habe, 
ebenso  unmoglich  ist  es,  dafi  das  Individuelle  des  Menschen 
sich  aus  dem  Unbestimmten  heraus  entwickelt  hat.  Wir 


miissen  das  Individuelle  ebenso  ableiten,  wie  wir  die  voll- 
kommene  Gattung  von  einer  unentwickelten  Gattung  ablei- 
ten.  Niemand  wird,  wenn  er  wirklich  nachdenkt,  die  seeli- 
schen  Eigenschaften  eines  Menschen  ebenso  wie  die  korper- 
lichen  Eigenschaften  in  ehrlicher  Weise  durch  Vererbung 
erklaren  wollen.  Was  mit  dem  Korper  zusammenhangt,  was 
dadurch  bedingt  ist,  dafi  ich  schwachere  Hande  habe  als  der 
andere,  das  ist  physische  Vererbung.  Dadurch,  dafi  ich  eine 
schwache  Korpergestalt  habe,  wird  auch  die  Schwache  der 
Hand  eine  grofiere  sein  als  bei  einem  anderen,  der  eine 
starkere  Korpergestalt  hat.  Alles  was  mit  dem  physischen 
Leib  zusammenhangt,  kann  seiner  Entwickelung  nach  mit 
dem  Worte  Vererbung  getroffen  werden,  nicht  aber  das,  was 
dem  inneren  Seelenleben  angehort.  Wer  wollte  Schillers 
charakteristische  Eigenart,  seine  Begabung,  sein  Tempera- 
ment und  so  weiter,  oder  das  Talent  eines  Newton  auf  die 
Vorfahren  zuruckfuhren?  Wer  die  Augen  verschliefit,  wird 
das  tun  konnen.  Aber  es  ist  unmoglich,  zu  einer  solchen 
Betrachtung  zu  kommen  fur  den,  der  sich  nicht  so  ver- 
schlielk.  Wenn  der  Mensch  als  seelisches  Wesen  seine  eigene 
Gattung  ist,  so  miissen  die  komplizierten  seelischen  Eigen- 
schaften, die  uns  bei  diesem  oder  jenem  Wesen  entgegentre- 
ten,  nicht  auf  seine  physischen  Vorfahren  zuriickgefuhrt 
werden,  sondern  sie  miissen  zuriickgefiihrt  werden  auf 
andere  Ursachen  in  der  Vorzeit,  die  anderswo  gestanden 
haben  als  bei  den  Vorfahren.  Und  da  die  Ursachen  nur  dem 
einzelnen  Menschen  zukommen,  so  haben  sie  auch  nur  mit 
dem  einzelnen  Menschen  zu  tun.  Und  wie  wir  beim  Tier  den 
Lowen  nicht  verfolgen  konnen  in  der  Barengattung,  so  kann 
auch  die  Individuality  nicht  von  einem  anderen  Menschen 
abgeleitet  werden,  sondern  nur  von  dem  Menschen  selbst, 
weil  der  Mensch  das  Individuum  der  eigenen  Gattung  ist. 
Deshalb  kann  er  nur  von  ihm  selber  abgeleitet  werden.  Weil 


der  Mensch  gewisse  Eigenschaften  mitbringt,  die  ihn  ebenso 
bestimmen  wie  den  Lowen  die  Gattung  bestimmt,  so  miis- 
sen  sie  auch  von  dem  Individuum  selber  abgeleitet  werden. 
Wir  kommen  so  zu  der  Kette  der  verschiedenen  Verkorpe- 
rungen,  die  der  einzelne  Mensch  ebenso  wie  die  Lowengat- 
tung,  die  ganze  Gattung,  bereits  durchgemacht  haben  mufi, 
Das  ist  die  aufiere  Betrachtungsweise.  Wenn  wir  im  physi- 
schen  Leben  uns  umsehen,  so  erscheint  es  uns  nur  verstand- 
lich,  wenn  wir  imstande  sind,  iiber  die  blofie  Vererbung 
hinauszugehen  und  ein  Gesetz  der  Wiederverkorperung  zu 
denken,  das  das  Naturgesetz  auf  der  seelischen  Stufe  ist. 

Fur  denjenigen,  der  iiberhaupt  seelisch  beobachten  kann, 
liegt  hier  nicht  eine  Hypothese,  sondern  eine  Schlufifolge- 
rung  vor.  Was  ich  gesagt  habe,  ist  doch  nur  eine  Schlufifolge- 
rung.  Die  Tatsache  der  Wiederverkorperung  selbst  liegt  fur 
denjenigen  vor,  der  sich  durch  die  Methoden  der  Mystik  und 
Theosophie  erheben  kann  zu  dem  direkten  Beobachten.  In 
der  letzten  Stunde  wollten  wir  gleichsam  theosophisch 
mikroskopieren  lernen.  Heute  wollen  wir  konstatieren,  dafi 
Theosophen  so  weit  sind,  dafi  das,  was  wir  Sympathien  und 
Antipathien,  Leidenschaften  und  Wiinsche,  kurz,  Charakter 
nennen,  vor  ihrem  seelischen  Auge  als  eine  Tatsache  daliegt 
wie  vor  dem  Auge  des  physischen  Beobachters  die  aufiere 
physische  Gestalt.  Wenn  das  der  Fall  ist,  dann  ist  der 
Seelenbeobachter  in  derselben  Lage  wie  der  aufiere  Forscher, 
dann  hat  der  Seelenbeobachter  dieselben  Tatsachen  vorlie- 
gen,  dann  betrachtet  er  das  komplizierte  Gebilde,  jene  Licht- 
gestalt,  die  in  der  aufieren  Gestalt  eingebettet  ist,  ebenso  als 
aufiere  Wirklichkeit,  wie  die  aufiere  Gestalt  fur  den  physi- 
schen Beobachter  Wirklichkeit  ist.  Dieses  aurische  Gebilde 
driickt  fur  ihn  in  dem  einen  Falle  die  Tatsache  aus,  dafi  er  es 
zu  tun  hat  mit  einem  hohen,  vollkommenen  seelischen  Lebe- 
wesen,  mit  einer  differenzierten,  organisierten,  mit  vielen 


Organen  ausgestatteten  Aura,  wie  wir  es  beim  Lowen  zu  tun 
haben  mit  einem  Wesen,  das  viele  Organe  hat. 

Und  wenn  wir  die  Seele,  die  Aura  betrachten  bei  unvoll- 
kommenen  Wilden,  dann  erscheint  sie  relativ  einfach;  sie 
erscheint  in  einfachen  Farben,  erscheint  so,  dafi  wir  diese 
einfache  Aura,  diese  undifferenzierte,  farbenarme  Aura  des 
Wilden  in  bezug  auf  ihre  Vollkommenheit  zu  der  kompli- 
zierten  Aura  eines  europaischen  Kulturmenschen  in  densel- 
ben  Gegensatz  bringen  konnen  wie  eine  unvollkommene 
Schnecke  oder  Amobe  zu  dem  vollkommenen  Lowen.  Und 
dann  verfolgen  wir  auf  dem  seelischen  Gebiete  die  Entwik- 
kelung  geradeso  wie  die  Aura.  Dann  sehen  wir,  dafi  eine 
vollkommene  Aura  nur  entstehen  kann  auf  dem  Wege  der 
Entwickelung,  indem  wir  namlich  sehen,  dafS  die  Aura, 
wenn  wir  nach  riickwarts  gehen,  eine  unvollkommenere 
war.  Das  liefert  fur  denjenigen,  der  auf  diesem  Gebiete 
beobachten  kann,  eine  unmittelbare  Beobachtung  des  seeli- 
schen Lebens  selbst. 

Wenn  wir  nun  zum  Geistesleben  auf  steigen,  dann  tritt  uns 
das  physische  Gesetz  von  Ursache  und  Wirkung  im  hoheren 
Leben  entgegen,  das  Gesetz  von  Karma.  Dieses  Gesetz  von 
Karma  besagt  fur  den  Geist  genau  dasselbe,  was  das  Gesetz 
von  Ursache  und  Wirkung,  das  Gesetz  der  Kausahtat,  fur 
die  auEeren,  physischen  Erscheinungen  besagt.  Wenn  Sie 
irgendeine  Tatsache  in  der  aufieren  physischen  Welt  sehen, 
wenn  Sie  sehen,  dafi  ein  Stein  zur  Erde  fallt,  dann  fragen  Sie: 
Warum  fallt  der  Stein?  -  Und  Sie  ruhen  so  lange  nicht,  bis 
Sie  die  Ursache  festgestellt  haben.  Wenn  Sie  geistige  Erschei- 
nungen haben,  mussen  Sie  ebenso  nach  den  geistigen  Ursa- 
chen  fragen.  Und  wie  nahe  liegen  uns  die  geistigen  Tatsa- 
chen!  Der  eine  ist  ein  Mensch,  den  wir  einen  gliicklichen 
nennen,  ein  anderer  ist  sein  ganzes  Leben  hindurch  zum 
Ungliick  verurteilt.  Was  wir  Menschenschicksal  nennen, 


schliefit  sich  in  die  Frage  ein:  Warum  ist  dieses  und  jenes? 
Vor  diesem  Warum  steht  die  ganze  aufiere  Wissenschaft 
vollstandig  ratios  da,  weil  sie  ihr  Gesetz  von  Ursache  und 
Wirkung  nicht  anzuwenden  weifi  auf  die  geistigen  Erschei- 
nungen.  Wenn  Sie  eine  Metallkugel  haben  und  Sie  werfen 
diese  Metallkugel  ins  Wasser,  so  wird  eine  ganz  bestimmte 
Tatsache  geschehen.  Die  Tatsache  wird  aber  eine  ganz 
andere,  wenn  Sie  die  Metallkugel  zuerst  gluhend  gemacht 
haben.  Die  verschiedenen  Erscheinungen  werden  Sie  sich 
nach  Ursache  und  Wirkung  klarzumachen  suchen.  Und 
ebenso  miissen  Sie  im  geistigen  Leben  fragen:  Warum  gliickt 
etwas  dem  einen  Menschen,  dem  anderen  nicht?  Warum 
gliickt  mir  dieses,  warum  ein  anderes  nicht?  -  Dies  fuhrt 
dazu,  zu  erkennen,  woran  es  liegt,  dafi  eine  bestimmte 
Tatsache  eine  ganz  bestimmte  Charaktereigenschaft  in  der 
Wirklichkeit  aufweist.  Dadurch,  dafi  ich  die  Metallkugel  erst 
erhitzt  habe,  entsteht  jenes  Sieden  im  Wasser.  Nicht  vom 
Wasser  hangt  es  ab,  sondern  die  Veranderung,  die  vorher  mit 
der  Metallkugel  vorgegangen  ist,  bewirkt  das  Schicksal,  wel- 
ches die  Metallkugel  im  Wasser  erfahrt.  So  hangt  das  Schick- 
sal der  Metallkugel  davon  ab,  welche  Zustande  sie  vorher 
durchgemacht  hat;  davon  hangt  ab,  was  fur  Erscheinungen 
bei  einem  nachf olgenden  Erlebnis  dieser  Kugel  an  sie  heran- 
treten  -  um  bei  dem  Beispiel  zu  bleiben. 

Wir  miissen  also  sagen:  Jede  Handlung,  die  ich  begehe, 
tragt  ebenso  zu  meinem  geistigen  Menschen  bei,  verandert 
meinen  geistigen  Menschen,  wie  die  Erhitzung  die  physische 
Metallkugel  verandert  hat.  Hier  ist  ein  noch  feineres  Denken 
notwendig  als  auf  dem  seelischen  Gebiet.  Hier  mufi  man  mit 
Geduld  und  Ruhe  sich  klarmachen,  dafi  durch  eine  Hand- 
lung  der  geistige  Mensch  verandert  wird.  Wenn  heute 
jemand  etwas  stiehlt,  so  ist  das  eine  Handlung,  die  den 
geistigen  Menschen  mit  einer  niedrigeren  Eigenschaft  stem- 


pelt,  als  wenn  ich  einem  Menschen  wohltue.  Es  ist  nicht 
dasselbe,  ob  ich  eine  moralische  Handlung  begehe  oder  eine 
physische.  Was  die  erhitzte  Metallkugel  fiir  das  Wasser  ist, 
das  ist  der  moralische  Stempel  fiir  den  Menschen.  Ebenso- 
wenig  wie  etwas  Physisches  ohne  Wirkung  bleiben  wird  fiir 
die  Zukunft,  ebensowenig  wird  der  moralische  Stempel  fiir 
die  Zukunft  ohne  Wirkung  bleiben.  Auch  im  Geistigen  gibt 
es  keine  Ursachen  ohne  entsprechende  Wirkung.  Daraus 
folgt  das  grofte  Gesetz,  daft  jede  Handlung  notwendiger- 
weise  eine  Wirkung  hervorbringen  muft,  eine  Wirkung  fiir 
das  betreffende  Geistwesen.  An  dem  Geistwesen  selbst,  an 
dem  Schicksai  des  Geistwesens,  mufi  sich  der  moralische 
Stempel  zum  Ausdruck  bringen. 

Dieses  Gesetz,  durch  das  der  moralische  Stempel  einer 
Handlung  unter  alien  Umstanden  zur  Wirkung  kommen 
mufi,  ist  das  Gesetz  von  Karma.  So  haben  wir  die  Begriffe 
von  Reinkarnation  und  Karma  kennengelernt.  Mancherlei 
wird  eingewendet  gegen  diese  Begriffe;  gegen  deren  allge- 
meinen  Charakter  kann  aber  durch  den  wirklichen  Denker 
nichts  eingewendet  werden.  Das  menschliche  Leben  zeigt 
uns  in  alien  Erscheinungen,  und  die  aufteren  Tatsachen 
beweisen  es,  daft  Entwickelung  auch  in  dem  geistigen  Leben 
da  ist,  daft  Ursache  und  Wirkung  auch  im  geistigen  Leben 
vorhanden  sind.  Auch  diejenigen,  welche  nicht  auf  dem 
Standpunkte  der  Theosophie  stehen,  haben  versucht,  Ursa- 
che und  Wirkung  auch  auf  dem  geistigen  Gebiete  zu  suchen, 
so  zum  Beispiel  ein  Philosoph  der  neueren  Zeit,  Paul  Ree> 
der  Freund  Friedrich  Nietzsches.  Er  hat  eine  geistige 
Erscheinung  auf  aufierliche  Weise  durch  die  Entwickelung 
zu  erklaren  versucht.  Er  fragt:  Ist  das  Gewissen  immer 
da  gewesen  in  der  Entwickelung?  —  Und  er  zeigt  dann,  daft  es 
Menschen  gibt,  die  das  nicht  haben,  was  wir  in  unserer 
Entwickelung  Gewissen  nennen.  Er  sagt,  es  hat  Zeiten  gege- 


ben,  in  denen  so  etwas  in  der  menschlichen  Seek  noch  nicht 
entwickelt  war,  was  wir  Gewissen  nennen.  Dazumal  haben 
die  Menschen,  verschieden  von  uns,  bestimmte  Erfahrungen 
gemacht.  Die  Menschen  haben  gefunden,  dafi,  wenn  sie 
gewisse  Taten  vollziehen,  ihnen  diese  Taten  Bestrafung  ein- 
bringen,  dafi  die  Gesellschaft  sich  racht  an  denjenigen,  die 
der  Gesellschaft  schaden.  Dadurch  hat  sich  innerhalb  der 
menschlichen  Seele  ein  Gefiihl  fur  dasjenige,  was  sein  soil, 
und  fur  dasjenige,  was  nicht  sein  soli,  entwickelt.  Das  ist  im 
Laufe  der  Zeit  in  eine  Art  Vererbung  iibergegangen,  und 
heute  werden  die  Menschen  mit  dem  Gefiihl,  das  sich  eben 
im  Gewissen  ausdriickt  -  etwas  soil  sein  oder  etwas  soli 
nicht  sein  -,  schon  geboren.  So  hat  sich  im  allgemeinen,  so 
meint  Ree,  bei  der  ganzen  Menschheit  das  Gewissen  entwik- 
kelt.  Ree  hat  hier  in  schoner  Weise  gezeigt,  dafi  wir  auch  den 
Begriff  der  Entwickelung  auf  die  seelischen  Eigenschaften, 
auf  das  Gewissen  also,  anwenden  konnen.  Hatte  er  noch 
einen  Schritt  weiter  gemacht,  so  ware  er  in  das  Gebiet  der 
Theosophie  hineingekommen. 

Nur  noch  eine  Erscheinung  mochte  ich  erzahlen,  das  ist 
die  Erscheinung,  dafi  wir  in  der  europaischen  Kulturge- 
schichte  geradezu  den  Punkt  genau  angeben  konnen,  wo 
iiberhaupt  zuerst  vom  Gewissen  gesprochen  wird.  Wenn  Sie 
die  ganze  alte  griechische  Welt  durchgehen  und  die 
Beschreibungen  und  Schilderungen  verfolgen,  so  finden  Sie 
nirgends,  nicht  einmal  in  der  alten  griechischen  Sprache,  ein 
Wort  fur  dasjenige,  was  wir  Gewissen  nennen.  Man  hatte 
kein  Wort  dafiir.  Besonders  auffallend  diirfte  sein  das,  was 
wir  bei  Plato  iiber  Sokrates  erzahlen  horen.  In  alien  sokrati- 
schen  Gesprachen  ist  noch  nicht  das  Wort  enthalten,  das 
spater  -  erst  im  letzten  Jahrhundert  vor  Christi  Geburt  -  in 
Griechenland  aufgetreten  ist.  Einige  meinen,  dafi  das  Damo- 
nium  das  Gewissen  sei.  Das  kann  aber  leicht  widerlegt 


werden,  und  es  kann  daher  nicht  ernsthaft  in  Betracht 
gezogen  werden.  Das  Gewissen  finden  wir  nur  in  der  christ- 
lichen  Welt.  Es  gibt  eine  Dramentrilogie,  die  Orestie  von 
Aschylos.  Wenn  Sie  diese  drei  Dramen  verfolgen,  so  sehen 
Sie,  dafS  Orest  unter  dem  unmittelbaren  Eindruck  des  Mut- 
termordes  steht.  Er  hat  die  Mutter  gemordet,  weil  sie  den 
Vater  getotet  hat.  Nun  wird  uns  vorgefuhrt,  wie  Orestes 
verfolgt  wird  von  den  Erinnyen,  und  es  wird  uns  gezeigt, 
wie  er  sich  dem  Gerichte  stellt  und  das  Gericht  ihn  frei- 
spricht.  Nichts  tritt  auf  als  der  Begriff  der  auEerlich  sich 
rachenden  Gotter.  Es  driickt  sich  der  Vorgang  aus  in  der 
Furcht  vor  aufteren  Gewalten.  Nichts  ist  darin  von  dem,  was 
den  Begriff  des  Gewissens  einschliefk. 

Dann  folgt  Sophokles  und  dann  Euripides.  Bei  ihnen  tritt 
uns  Orest  ganz  anders  entgegen.  Warum  er  sich  schuldig 
fiihlt  -  das  tritt  uns  hier  in  einer  ganz  anderen  Weise 
entgegen.  Bei  diesen  Dichtern  fiihlt  Orest  sich  schuldig,  weil 
er  jetzt  ein  Wissen  davon  besitzt,  ein  Unrecht  getan  zu 
haben.  Und  daraus  bildet  sich  im  Griechischen  und  ebenso 
im  Lateinischen  das  Wort  Gewissen.  Ein  Wissen  von  seiner 
eigenen  Tat  haben,  sich  beobachten  konnen,  bei  seiner  eige- 
nen  Tat  sein  -  das  mufi  sich  also  erst  entwickelt  haben.  Wenn 
nun  Paul  Ree  recht  hatte,  dafi  das  Gewissen  eine  Folge 
allgemeiner  menschlicher  Entwickelung  ware,  dafi  es  sich 
herausentwickelt  aus  dem,  was  der  Mensch  beobachtet, 
indem  er  Strafe  erhalt  fur  dasjenige,  was  den  Mitmenschen 
schadet,  und  dafi  es  somit  ihm  selbst  schadet,  wenn  er  etwas 
tut,  was  nicht  im  Sinne  einer  verniinftigen  Weltordnung  ist, 
wenn  das  die  Ursache  ware,  dann  hatte  zweifellos  dieses 
Gewissen  auch  generell  auftreten  miissen.  Weil  die  aufiere 
Veranlassung  im  gleichen  Sinne  verlauft,  so  mufite  es  bei 
grofieren  Menschenmassen  auftreten;  es  miifite  in  einem 
Stamme  zu  gleicher  Zeit  auftreten,  artgemafi  sich  entwik- 


keln.  Hier  miifke  man  die  griechische  Geschichte  als  Seelen- 
geschichte  studieren.  Damals  namlich,  als  in  Griechenland 
bei  einzelnen  sich  der  Begriff  entwickelt  hat,  den  wir  im 
alteren  Griechenland  noch  nicht  finden,  da  war  eine  Zeit,  in 
welcher  geradezu  die  offentliche  Gewissenlosigkeit  an  der 
Tagesordnung  war.  Lesen  Sie  die  Schilderungen  der  Zeit  der 
Kriege  zwischen  Athen  und  Sparta!  Wir  konnen  also  in 
bezug  auf  das  Gewissen  nicht  von  etwas  Artgemafiem  spre- 
chen  wie  beim  Tier. 

Ein  weiterer  Einwand  wird  gemacht.  Wenn  der  Mensch 
wiederholt  lebt,  so  miifke  er  sich  doch  an  die  friiheren  Leben 
erinnern.  Das  ist  allerdings  nicht  so  von  vornherein  einzuse- 
hen,  warum  das  zumeist  nicht  der  Fall  ist.  Man  mufi  sich 
klarmachen,  was  Erinnerung  heifit  und  wodurch  Erinnerung 
zustande  kommt.  Ich  habe  das  letzte  Mai  bereits  ausgefiihrt, 
dafi  der  Mensch  heute  im  gegenwartigen  Entwickelungs sta- 
dium zwar  lebt  im  seelisch-astralischen  und  im  geistig- 
mentalen  Bereich,  dafi  er  sich  aber  nicht  bewufk  ist  dieser 
zwei  Welten,  dafi  er  sich  bewufit  nur  ist  der  physischen  Welt 
und  erst  in  der  Zukunft  und  auf  hoheren  Stufen  das  errei- 
chen  wird,  was  heute  schon  einzelne  erreicht  haben.  Dafi  er 
sich  bewufit  wird  im  Seelischen  und  Geistigen,  das  wird  der 
Durchschnittsmensch  erst  spater  erreichen.  Der  Durch- 
schnittsmensch  ist  in  der  physischen  Welt  bewufit  und  lebt 
in  der  seelischen  und  geistigen  Welt.  Das  riihrt  davon  her, 
dafS  seine  eigentliche  denkende  Kraft,  das  Gehirn,  die  physi- 
sche  Welt  braucht,  um  tatig  sein  zu  konnen.  Physisch  tatig 
sein  heifk,  im  physischen  Leben  sich  bewufit  werden.  Im 
Schlafe  ist  der  Mensch  sich  seiner  selbst  nicht  bewufit.  Wer 
sich  mit  mystischen  Methoden  entwickelt,  entwickelt  auch 
das  Bewufitsein  wahrend  des  Schlafes  und  in  den  hoheren 
Zustanden.  Es  macht  die  Erinnerung  moglich  an  das,  was 
der  Mensch  im  Verlaufe  des  Lebens  erlebt.  Weil  sein  Gehirn 


existiert  in  der  physischen  Welt,  erinnert  er  sich  an  das,  was 
ihm  physisch  begegnet.  Der  Mensch,  der  nicht  nur  mit  dem 
physischen  Gehirn  arbeitet,  sondern  des  Seelenmaterials  sich 
bedienen  kann,  urn  innerhalb  der  Seele  ebenso  bewuftt  zu 
sein,  wie  der  gewohnliche  Mensch  innerhalb  des  physischen 
Korpers  bewufit  ist,  bei  dem  reicht  nun  auch  die  Erinnerung 
weiter.  Geradeso  wie  das  unvollkommene  Tier  noch  nicht 
die  Fahigkeit  des  entwickelten  Lowen  hat,  aber  diese  Eigen- 
schaft  einst  haben  wird,  so  wird  auch  der  Mensch,  der  noch 
nicht  die  Fahigkeit  hat,  sich  an  die  friiheren  Leben  zu 
erinnern,  diese  spater  erringen. 

Auf  den  noch  hoheren  Gebieten  ist  es  schwierig,  zur 
Einsicht  in  den  Zusammenhang  von  Ursache  und  Wirkung 
auf  geistige  Weise  zu  kommen.  Das  ist  nur  in  der  mentalen 
Welt  moglich,  wenn  der  Mensch  nicht  nur  im  physischen 
und  astralen  Korper  zu  denken  vermag,  sondern  im  rein 
geistigen  Leben.  Dann  ist  er  auch  imstande,  bei  jeder  Bege- 
benheit  zu  sagen,  warum  sie  eingetreten  ist.  Dieses  Gebiet  ist 
so  hoch,  dafi  viel  Geduld  dazu  gehort,  um  diejenigen  Eigen- 
schaften  sich  anzueignen,  die  es  ermdglichen,  Ursache  und 
Wirkung  im  geistigen  Leben  zu  durchschauen.  Wer  im 
Physischen  bewufit  ist  und  im  Seelischen  und  Geistigen  nur 
lebt,  der  hat  nur  die  Erinnerung  an  das,  was  ihm  passiert  ist 
seit  der  Geburt  bis  zum  Tode.  Der  im  Seelischen  Bewufite 
hat  die  Erinnerung  der  Geburt  bis  zu  einem  gewissen  Grade. 
Wer  aber  auf  geistigem  Gebiet  bewufk  ist,  der  sieht  das 
Gesetz  von  Ursache  und  Wirkung  in  seinem  wirklichen 
Zusammenhang. 

Ein  weiterer  Einwand,  der  gemacht  wird,  liegt  in  der 
Frage:  Kommen  wir  da  nicht  in  den  Fatalismus  hinein? 
Wenn  alles  verursacht  ist,  dann  steht  der  Mensch  ja  unter 
dem  Fatum,  indem  er  sich  immer  wieder  sagen  wird:  Das  ist 
mein  Karma,  und  wir  konnen  das  Schicksal  nicht  andern.  - 


Das  kann  man  ebensowemg  sagen  wie  man  sagen  kann:  Ich 
kann  meinem  Mitmenschen  nicht  helfen,  und  es  macht  mich 
so  trostlos,  wenn  ich  ihm  nicht  helfen  kann;  ich  mufi  daran 
verzweifeln,  ihn  besser  zu  machen,  derm  es  liegt  ja  in  seinem 
Karma.  -  Wer  nur  einigermafien  das  Gesetz  des  Lebens  mit 
den  Naturgesetzen  vergleicht  und  weifi,  was  Gesetz  ist,  der 
wird  zu  einer  solchen  irrtiimlichen  Auffassung  des  Karma- 
gesetzes  niemals  kommen  konnen.  Wie  sich  Schwefel,  Was- 
ser-  und  Sauerstoff  zu  Schwefelsaure  verbinden,  das  unter- 
liegt  einem  unabanderlichen  Naturgesetz.  Wenn  ich  gegen 
das  Gesetz  handle,  das  in  den  Eigenschaften  der  drei  Stoffe 
liegt,  so  werde  ich  niemals  Schwefelsaure  zustande  bringen. 
Es  gehort  meine  personliche  Verrichtung  dazu.  Es  liegt  in 
meiner  Freiheit,  die  Stoffe  zusammenzufuhren.  Trotzdem 
das  Gesetz  ein  absolutes  ist,  kann  es  durch  meine  freie 
Handlung  in  Wirksamkeit  gesetzt  werden.  So  ist  es  beim 
Karmagesetz  auch.  Unabanderlich  zieht  eine  Handlung,  die 
ich  in  den  verflossenen  Leben  begangen  habe,  in  diesem 
Leben  ihre  Wirkung  nach  sich.  Aber  es  steht  mir  frei,  der 
Wirkung  entgegenzuarbeiten,  eine  andere  Handlung  zu 
schaffen,  die  in  gesetzma&ger  Weise  etwa  schadliche  Folgen 
der  friiheren  Handlung  aufhebt.  Wie  nach  unabanderlichem 
Gesetze  eine  gliihende  Kugel,  auf  den  Tisch  gelegt,  den 
Tisch  verbrennen  wird,  geradeso  kann  ich  die  Kugel  abkiih- 
len  und  sie  dann  auf  den  Tisch  legen.  Sie  wird  den  Tisch 
nicht  mehr  verbrennen.  In  dem  einen  und  in  dem  anderen 
Fall  habe  ich  nach  dem  Gesetze  gehandelt.  Eine  Handlung  in 
der  Vergangenheit  bestimmt  mich  zu  einer  Handlung;  die 
Wirkung  meiner  Handlung  im  vergangenen  Leben  kann 
nicht  beseitigt  werden,  aber  ich  kann  eine  andere  Handlung 
vornehmen  und  ebenso  gesetzmafiig  die  schadliche  Wirkung 
in  eine  niitzliche  Wirkung  abandern,  nur  dafi  das  alles  nach 
den  Gesetzen  der  geistigen  Ursachen  und  Wirkungen  ver- 


lauft.  Das  Gesetz  von  Karma  lafit  sich  vergleichen  mit  dem, 
was  ich  in  einem  Kontobuch  habe.  Links  und  rechts  haben 
wir  bestimmte  Zahlen.  Wenn  wir  links  und  rechts  addieren 
und  dann  voneinander  abziehen,  bekommen  wir  den  Stand 
der  Kasse.  Das  ist  ein  unabanderliches  Gesetz.  Je  nachdem 
meine  vorhergehenden  Geschafte  verlaufen  sind,  wird  der 
Stand  der  Kasse  gut  oder  schlecht  sein.  Aber  so  bestimmt 
dieses  Gesetz  auch  wirkt:  ich  kann  doch  neue  Geschafte 
hinzufugen,  und  der  ganze  Stand  andert  sich  ebenso  gesetz- 
mafiig,  wie  er  sich  friiher  geandert  hat.  Ich  bin  in  ganz 
bestimmter  Art  verursacht  durch  Karma,  aber  in  jedem 
Augenblick  kann  das  Kontobuch  meines  Lebens  durch  neue 
Eintragungen  verandert  werden.  Wenn  ich  einen  neuen 
Posten  hinzufugen  will,  mul5  ich  erst  die  beiden  Seiten 
addiert  haben,  um  zu  sehen,  ob  ich  einen  Kassenbestand 
oder  Schulden  habe.  So  ist  es  auch  mit  den  Erfahrungen  im 
Kontobuche  des  Lebens.  Sie  fugen  sich  dem  Leben  ein.  Wer 
sehen  kann,  wie  sein  Leben  verursacht  ist,  der  kann  sich 
auch  sagen:  mein  Konto  schliefk  aktiv  oder  passiv  ab,  und 
ich  mufi  diese  oder  jene  Handlung  hinzufugen,  um  das 
Schlechte  im  Leben  aufzuheben,  um  allmahlich  befreit  zu 
werden  von  dem,  was  ich  als  mein  Karma  angesammelt  habe. 
Das  ist  es,  was  wir  als  das  grofie  Ziel  des  menschlichen 
Lebens  sehen:  von  dem  Karma,  das  einmal  verursacht  wor- 
den  ist,  wieder  befreit  zu  werden.  Zielpunkte  zu  finden  fiir 
das  Kontobuch  des  Lebens,  das  liegt  in  der  Hand  eines  jeden 
einzelnen  Menschen. 

Dadurch  haben  wir  die  zwei  grofien  Gesetze,  das  Gesetz 
des  Seelenlebens  und  das  Gesetz  des  Geisteslebens.  Es  ent- 
steht  heute  schon  die  Frage :  Was  entsteht  zwischen  den  zwei 
Leben,  wie  wirkt  der  Geist  zwischen  dem  Tod  und  der 
nachsten  Geburt?  -  Wir  miissen  das  menschliche  Schicksal 
betrachten  in  der  Zeit  wahrend  zweier  Leben  und  wollen  die 


Stationen  durchgehen  zwischen  dem  Tod  und  einem  neuen 
Leben.  Wir  werden  dann  sehen,  was  an  Glauben  und  Wissen 
und  Religiositat  in  das  abendlandische  Wissen  hineindringen 
kann.  Nicht  nur  zu  den  Sinnen  sprechen  die  groften  Gesetze, 
sondern  auch  zu  dem  Geistigen  und  zu  dem  Seelischen,  so 
dafi  der  Mensch  nicht  nur  von  Ursache  und  Wirkung  im 
Physischen,  sondern  auch  im  geistigen  Leben  zu  sprechen 
versteht;  denn  das,  was  die  grofien  Geister  gesagt  haben, 
wird  sich  erfullen;  es  wird  sich  zeigen,  dafi  wir  die  Welt  nur 
zum  Teil  verstehen,  wenn  wir  nur  das  nehmen,  was  wir 
horen,  sehen  und  tasten.  Wir  miissen,  um  die  Welt  ganz  zu 
begreifen,  hinaufsteigen  und  die  Gesetze,  die  das  ganze 
Sinnen  des  Menschen  ausmachen,  erforschen,  um  zu  lernen, 
woher  der  Mensch  kommt  und  in  welche  Zukunft  er  geht. 
Diese  Gesetze  miissen  auf  dem  geistigen  Gebiet  gesucht 
werden,  und  dann  werden  wir  den  Ausspruch  Goetbes,  der 
ein  Reprasentant  der  Theosophie  war,  verstehen,  und  erken- 
nen,  was  er  damit  sagen  wollte: 

Geheimnisvoll  am  lichten  Tag, 

Lafit  sich  Natur  des  Schleiers  nicht  berauben, 

Und  was  sie  deinem  Geist  nicht  offenbaren  mag, 

Das  zwingst  du  ihr  nicht  ab  mit  Hebeln  und  mit  Schrauben. 

Erst  wenn  der  Mensch  hinausschreitet  liber  das  blofl  Person- 
liche,  wenn  er  sich  des  Obergewichtes  der  Individualist,  des 
hoheren  Personlichen  uber  das  Personliche  bewufit  ist,  wenn 
er  versteht,  unpersonlich  zu  werden,  unpersonlich  zu  leben, 
das  Unpersonliche  in  sich  waken  zu  lassen,  dann  lebt  er  sich 
aus  der  in  der  aufteren  Form  verstrickten  Kultur  heraus  in 
eine  lebensvolle  Kultur  der  Zukunft  hinein.  Ist  es  auch  nicht 
das,  was  die  Theosophie  als  ihr  hochstes  Ideal  erkennt,  ist  es 
auch  nicht  die  letzte  ethische  Konsequenz,  die  wir  aus  der 
Theosophie  ziehen,  so  ist  es  ein  Schritt  dem  Ideale  entgegen, 


das  der  Mensch  nur  dann  zu  leben  lernt,  wenn  er  nicht  auf 
das  Personliche  sieht,  sondern  auf  das  Ewige  und  Unver- 
gangliche.  Dieses  Ewige  und  Unvergangliche,  die  Buddhi, 
der  Weisheitskeim,  der  in  der  Seele  ruht,  ist  dasjenige,  was 
die  blofte  Verstandeskultur  abldsen  muft.  Daft  die  Theoso- 
phie  mit  dieser  Anschauung  von  der  Zukunft  der  Mensch- 
heitsentwickelung  recht  hat,  dafiir  gibt  es  viele  Beweise.  Der 
wichtigste  aber  ist  derjenige,  daft  sich  Krafte  im  Leben  selbst 
geltend  machen,  die  es  gilt,  wirklich  zu  erfassen  und  zu 
verstehen,  um  uns  dann  selbst  mit  deren  Ideal  zu  erfullen. 
Das  ist  das  Grofie  bei  Tolstoi,  daft  er  den  Menschen  aus  dem 
engen  Kreise  seiner  Gedanken  herausheben  und  spirituell 
vertief  en  will,  daf5  er  ihm  nicht  die  Ideale  unserer  materiellen 
Welt  zeigen  will,  nicht  unseres  irgendwie  gestalteten  sozia- 
len  Lebens,  sondern  die  Ideale,  die  nur  in  der  Seele  erquellen 
konnen.  Wenn  wir  richtige  Theosophen  sind,  dann  werden 
wir  die  Krafte,  die  in  der  Weltevolution  wirken,  erkennen, 
dann  werden  wir  nicht  blind  und  taub  bleiben  gegeniiber 
dem,  was  uns  an  theosophischem  Sinn  in  unserer  Gegenwart 
entgegenleuchtet,  sondern  wir  werden  diese  Krafte,  von 
denen  gewohnlich  in  der  Theosophie  prophetischerweise 
gesprochen  wird,  erkennen.  Das  mufi  gerade  das  Charakteri- 
stische  eines  Theosophen  sein,  daft  er  die  Finsternis  und  den 
Irrtum  uberwindet,  daft  er  das  Leben  und  die  Welt  in  der 
richtigen  Weise  einzuschatzen  und  zu  erkennen  lernt.  Ein 
Theosoph,  welcher  sich  zuriickziehen,  kalt  und  fremd  dem 
Leben  gegentiberstehen  wiirde,  ware  ein  schlechter  Theo- 
soph, auch  wenn  er  noch  so  viel  von  theosophischen  Dog- 
men  zu  predigen  hatte. 

Solche  Theosophen,  welche  uns  von  der  sinnlichen  Welt 
hinauffuhren  in  die  hoheren  Welten,  welche  selbst  hinein- 
blicken  in  die  iibersinnlichen  Welten,  sie  sollen  uns  auch  auf 
der  anderen  Seite  lehren,  wie  wir  auf  unserem  physischen 


Plan  das  Ubersinnliche  beobachten  und  uns  nicht  verlieren 
im  Sinnlichen.  Wir  erforschen  die  Ursachen,  die  aus  dem 
Geistigen  kommen,  urn  das  Sinnliche,  das  die  Wirkung  des 
Geistigen  ist,  vollkommen  zu  verstehen.  Das  Sinnliche  ver- 
stehen  wir  nicht,  wenn  wir  innerhalb  des  Sinnlichen  stehen- 
bleiben,  denn  die  Ursachen  zum  sinnlichen  Leben  kommen 
aus  dem  Geistigen.  Hellsehend  im  Sinnlichen  will  uns  die 
Theosophie  machen.  Deshalb  redet  sie  von  der  «uralten 
Weisheit».  Aufgeschlossen  will  sie  uns  machen  fur  das  Gei- 
stige.  Sie  will  den  Menschen  umgestalten,  damit  er  hellsich- 
tig  hineinschauen  kann  in  die  hoheren,  ubersinnlichen 
Geheimnisse  des  Daseins.  Aber  das  soli  nicht  erkauft  werden 
mit  dem  Unverstand  fur  dasjenige,  was  unmittelbar  um  uns 
herum  vorhanden  ist.  Der  ware  ein  schlechter  Hellseher,  der 
blind  und  taub  ware  fur  dasjenige,  was  in  der  sinnlichen 
Welt  sich  abspielt,  fur  das,  was  seine  Zeitgenossen  in  der 
unmittelbaren  Umgebung  zu  vollbringen  in  der  Lage  sind. 
Und  aufterdem  ware  er  ein  schlechter  Hellseher,  wenn  er 
nicht  imstande  ware,  das  von  einer  Personlichkeit  zu  erken- 
nen,  wodurch  in  unserer  Zeit  die  Menschen  in  das  Ubersinn- 
liche hineingefuhrt  werden.  Was  niitzte  es  uns,  wenn  wir 
hellsehend  wiirden  und  nicht  imstande  waren,  das  zu  erken- 
nen,  was  als  unsere  nachste  Aufgabe  unmittelbar  vor  uns 
liegt! 


Fragenbeantwortung 


Frage:  In  welchem  Verhaltnis  stehen  die  Tiere  als  Einzel-  und  als 
Gattungswesen  zum  Menschen? 

Das  Tier  als  Gattungswesen  ist  das,  was  der  Mensch  ist. 
Das  Tier  als  Gattung  unterliegt  der  Reinkarnation  nicht, 
ebensowenig  das  einzelne  Tier.  Die  Lowengattung  zum 
Beispiel  wird  allmahlich  individualisiert  und  in  Verbindung 
rnit  hoheren  Wesenheiten  in  der  Zukunft  Entwickelungs- 
phasen  durchmachen,  die  wir  ahnen,  aber  nicht  menschen- 
ahnlich  nennen  konnen,  weil  sie  nicht  dem  ahnlich  sein 
werden,  was  heute  der  Mensch  ist  und  am  wenigsten  dem 
ahnlich  sein  werden,  was  dann  der  Mensch  sein  wird.  Lesen 
Sie  bei  Haeckel  in  den  «Lebenswundern»  nach  uber  den 
Zeitpunkt,  wo  das  Leben  zuerst  entstanden  ist  auf  der  Erde. 
Tiere  konnen  also  nicht  Menschen  werden.  Das  einzelne 
Tier  kann  jedenfalls  niemals  Mensch  werden. 

Frage:  Hat  das  Gebet  nach  der  theosophischen  Anschauung  eine 
Berechtigung? 

Das  Gebet  war  zu  alien  Zeiten  der  Entwickelung  vorhan- 
den.  Es  bedeutete  fur  die  ersten  Christen  nicht  allein  das 
Mittel  der  Vereinigung  des  Menschen  mit  seinem  Gott. 
Ganz  die  Stimmung,  welche  Tolstoi  als  Stimmung  in  der 
Seele  des  Menschen  schildert  und  fiihlt,  dafi  er  davon  durch- 
drungen  ist,  soli  hervorgeruf en  werden  beim  Christen  durch 
das  Gebet.  Je  hoher  die  Dinge  sind,  um  die  der  Mensch 
bittet,  um  so  besser  ist  es.  Beten  um  aufierliche  Dinge  ist 
nicht  im  Sinne  des  Urchristentums.  «Vater,  nicht  mein, 


sondern  dein  Wille  geschehe.»  Was  ist  der  Wille  des  Vaters 
im  urchristlichen  Sinne?  Derjenige  Wille,  welcher  das  Urge- 
setz  aller  Weltentwickelung  darstellt.  Ich  will,  da$  meine 
Erfolge  und  Wunsche  so  vollkommen  seien,  dafi  sie  dem 
Sinne  des  Willens  des  Vaters,  das  heifit,  dem  geistigen  Welt- 
gesetz  entsprechend  seien,  dafi  sie  nicht  abweichen  von  dem 
groften  geistigen  Weltengesetz.  Wenn  ich  irgendein  Gebet 
habe,  durch  das  ich  eine  willkurliche  Bitte  anstrebe,  die  aus 
meiner  alltaglichen  Natur  entspringt,  aus  meinem  Belieben, 
dann  ist  das  Gebet  nicht  gehalten  in  dem  Stile:  «Nicht  mein 
Wille,  sondern  dein  Wille  geschehe.»  Ein  Gebet  in  diesem 
Stile  aber  ist  vorhanden,  wenn  nicht  das  zu  Erflehende 
heruntergezogen  werden  soil  zu  uns,  wenn  nicht  unser  Wille 
durchgehen  soil,  sondern  wenn  wir  mit  unserem  Willen 
hinaufgehoben  werden,  wenn  die  Vergottlichung  damit 
angestrebt  wird,  die  Auferstehung  der  Seeie  im  Gottlichen, 
im  Christlichen.  Da  die  Theosophie  nur  das  Verstehen  aller 
Religionsbekenntnisse  will,  so  ist  sie  damit  einverstanden. 
Nur  dadurch  kann  er  in  Zwiespalt  mit  der  Theosophie 
kommen,  daft  er  seine  eigene  Religion  nicht  versteht.  Wer 
das  Christentum  in  seinen  Methoden  kennt  -  und  das  Gebet 
gehort  zu  den  Methoden  des  Christentums,  denn  es  ist  ein 
Mittel  zur  Vereinigung  mit  der  gottlichen  Allseele,  der  weifi, 
dafi  es  nicht  in  Widerspruch  zur  Theosophie  steht. 

Frage:  Was  halt  der  Theosoph  von  der  christlichen  Taufe? 

Wenn  wir  die  Taufe  richtig  verstehen  wollen,  so  mussen 
wir  auf  deren  ursprungliche  Bedeutung  zunickgehen.  Die 
Taufe  bedeutete  urspriinglich  eine  der  ersten  Stufen,  durch 
die  der  Mensch  allmahlich  zu  den  hoheren  Erkenntnissen 
hinaufkam.  Sie  war  als  sogenannte  Wasserprobe  in  den  alten 
Mysterien  vorhanden.  Sie  gehorte  zu  den  zeremoniellen 


Handlungen,  welche  verkniipft  waren  damit,  dafi  die  Men- 
schen  stuf enweise  zu  den  hochsten  Weisheiten  hinauf gefiihrt 
wurden.  Diese  alten  Mysterien  waren  nichts  anderes  als 
Kultstatten  und  Weisheitsschulen.  Die  Taufe  war  die  erste 
Probe  fur  die  Einweihung.  Sie  war  nicht  blofi  eine  aufiere 
Form,  sondern  verkniipft  mit  bestimmten  Erkenntnisgra- 
den.  Der  Taufling  mufke  gewisse  Tugenden  in  sich  ausgebil- 
det  haben;  dann  wurde  ihm  die  Taufe  erteilt.  Vor  alien 
Dingen  wurde  von  den  Tauflingen  der  alten  Mysterienreli- 
gionen  verlangt,  daft  sie  das  im  Leben  sich  erworben  haben, 
was  man  festes  Selbstvertrauen  nennt,  die  Moglichkeit,  sich 
immer  auf  sich  selbst  zu  verlassen.  Diese  Charaktereigen- 
schaft  hing  damit  zusammen,  dafi  man  in  den  tieferen 
Mysterienreligionen  das  Reich  Gottes  inwendig  im  Men- 
schen  gesucht  hat,  und  dafi  man  nur  denjenigen  zugestanden 
hat,  daft  sie  der  hoheren  Gemeinschaft  angehoren,  welche  in 
sich  selbst  Richtung  und  Ziel  gefunden  haben,  welche  also 
sich  selbst  vertrauen  durften.  Fur  diese  war  dann  die  innere 
Umwandlung  der  Schlufistein  eines  Lehrplanes. 

Das  war  in  den  Mysterien  der  Fall.  Dann  kam  das  Chri- 
stentum  und  stellte  das,  was  in  den  Mysterien  gelehrt  wor- 
den  war,  als  eine  Wahrheit  fur  die  ganze  Menschheit  hin. 
Das  ist  eine  ganz  bedeutsame  mystische  Tatsache,  dafi  jetzt 
nicht  nur  diejenigen  selig  werden  konnen,  welche  in  die 
Mysterien  eingeweiht  werden,  sondern  auch  diejenigen,  wel- 
che nur  glauben.  Damit  wurde  die  Taufe  zu  einem  soge- 
nannten  Sakramente  der  Kirche.  Diese  Taufe  ist  die  Fortset- 
zung  eines  uralten  zeremoniellen  Gebrauches,  der  Wasser- 
probe  in  den  Mysterien.  Hier  ist  ein  Punkt,  wo  wir  an 
spirituelles  Wissen  glauben  mussen  oder  nicht  weiterkom- 
men.  Die  Handlungen,  die  vollzogen  werden  bei  der  Ein- 
gliederung  in  die  Gemeinschaft,  sind  so,  daft  damit  etwas 
Spirituelles  verkniipft  ist,  das  nicht  blofi  aufiere  Formalitat 


ist,  sondern  etwas  ist,  was  mit  dem  ganzen  spirituellen 
Leben  der  Gemeinschaft  zusammenhangt,  so  dafi  tatsachlich 
-  vom  spirituellen  Gesichtspunkte  aus  -  mit  dem  Taufling 
etwas  geschieht.  Fur  denjenigen,  der  Materialist  ist,  ist  dies 
eine  ganz  phantastische  Sache.  Aber  fur  den,  der  etwas  von 
den  hoheren  Planen  des  Daseins  weifi,  ist  es  auch  eine 
Tatsache.  Viel  innere  Spirituaiitat  ist  auch  unter  der  aufieren 
Form  untergegangen.  Wir  diirfen  aber  nicht  vergessen,  wenn 
wir  eine  solche  Handlung  erfassen  wollen,  dafi  wir  sie  nicht 
herunterziehen  diirfen  in  unsere  gegenwartige  materialisti- 
sche  Weltanschauung. 


THEOSOPHIE  UND  DARWIN 


Berlin,  27.  Oktober  1904 

In  der  Gegenwart  finden  wir  zwei  wichtige  Kulturstromun- 
gen.  In  Darwin  zeigt  sich  die  eine,  die  ihren  Hohepunkt 
bereits  iiberschritten  hat,  in  Tolstoi  eine  andere  Kulturstro- 
mung,  die  im  Anfange  begriffen  ist. 

Zahlreiche  unserer  Zeitgenossen,  welche  sich  mit  den 
Fragen  beschaftigen,  die  mit  dem  Namen  Darwin  zu  tun 
haben,  sind  wohl  der  Meinung,  daft  mit  dem,  was  man 
Darwinismus  nennt,  so  etwas  wie  eine  endgiiltige  Wahrheit 
gefunden  sei;  daft  demgegeniiber  alles,  was  die  Menschen 
fruher  gedacht  haben,  iiberwunden  sei,  und  daft  zu  gleicher 
Zeit  mit  diesen  endlich  gefundenen  Wahrheiten  etwas  da  sei, 
was  fur  die  fernste  Zukunft  gelten  miisse.  Viele  Menschen 
konnen  sich  nicht  denken,  daft  die  Meinungen  der  Menschen 
etwas  durchaus  Wandelbares  sind.  Sie  haben  keine  Vorstel- 
lung  davon,  daft  der  wichtigste  Begriff,  den  wir  gerade  im 
Darwinismus  finden,  der  Begriff  der  Entwickelung,  nicht 
minder  auf  das  geistige  Leben  wie  auf  das  natiirliche  Leben 
anwendbar  ist,  und  daft  vor  alien  Dingen  die  menschlichen 
Meinungen  und  die  menschlichen  Erkenntnisse  selbst  der 
Entwickelung  unterworfen  sind.  Erst  wenn  Sie  einen  grofte- 
ren  Zeitraum  der  Entwickelung  des  Menschengeistes  iiber- 
blicken  wollen,  wird  es  Ihnen  klarwerden,  daE  die  Wahrhei- 
ten, die  Erkenntnisse  und  Anschauungen  einer  bestimmten 
Epoche  sich  aus  den  friiheren  Gesichtspunkten  heraus  ent- 
wickelt  haben,  andere  geworden  sind  und  dafi  sie  in  der 
Zukunft  wieder  andere  werden. 

Die  Theo sophie  wurde  ihre  Aufgabe  wenig  erfiillen,  wenn 


sie  nicht  gerade  diesen  Begriff  der  Entwickelung  auf  die 
grofien  Erscheinungen  des  Lebens,  des  geistigen  Lebens  vor 
allem,  anwenden  wiirde.  So  lassen  Sie  uns  heute  einmal  nicht 
vor  dem  engbegrenzten  Horizont  eines  Gegenwartsmen- 
schen,  sondern  von  einem  hoheren  Gesichtspunkte  dasjenige 
betrachten,  was  sich  an  den  Namen  Darwin  knupft.  Wir 
werden  dabei  allerdings  etwas  weit  in  der  Zeit  zuriickgehen 
miissen,  denn  niemand  kann  jene  Erscheinungen  begreifen, 
wenn  er  sie  nur  fur  sich  hinstellt,  wenn  er  sie  nicht  im 
Zusammenhang  mit  anderen,  ahnlichen  Erscheinungen 
betrachtet.  Die  Theosophie  macht  es  uns  moglich,  diese 
Erscheinungen  in  die  entsprechenden  groften  Zusammen- 
hange  hineinzubringen.  Die  Entwickelung  des  menschlichen 
Geistes,  die  Entwickelung  dieses  Geistes  in  den  verschiede- 
nen  Formen  des  Daseins,  wie  wir  sie  in  den  letzten  Vortra- 
gen  kennengelernt  haben,  betrachtet  die  Theosophie.  Dieser 
Menschengeist,  dieser  Mensch,  wie  er  heute  ist  und  wie  er 
seit  Jahrtausenden  ist,  ist  nichts  Fertiges,  nichts  Abgeschlos- 
senes.  Er  wird  in  Jahrtausenden  und  in  noch  ferneren  Zeiten 
nicht  mehr  das  sein,  was  er  heute  ist.  Um  zu  begreifen,  wie 
er  sich  heute  in  die  Welt  hineinstellt  und  seine  Aufgabe  in 
der  Welt  zunachst  ansieht,  miissen  wir  die  charakteristischen 
Eigentumlichkeiten  hervorheben,  die  wir  bei  diesem  heuti- 
gen  Menschen  antreffen.  Um  aber  das  zu  konnen,  miissen 
wir  unseren  Blick  dadurch  etwas  erweitern,  dafi  wir  gewisse 
Begriffe,  gewisse  Vorstellungen,  die  wir  haben,  nicht  iiber- 
schatzen. 

Namentlich  ein  Begriff  ist  es,  den  der  Mensch  heute  nur 
zu  sehr  iiberschatzt:  das  ist  der  Begriff  der  bewufken 
menschlichen  Tatigkeit,  so  wie  wir  heute  unser  Bewulksein 
auffassen.  Immer,  wenn  der  Mensch  irgendwie  Kunst,  Tech- 
nik  und  dergleichen  betrachtet,  das  von  ihm  ausgeht,  dann 
hat  er  in  gewisser  Weise  den  Begriff  des  bewulken  Schaffens, 


des  bewufiten  Denkens  im  Hintergrunde.  Er  wird  gar  nicht 
aufmerksam  darauf,  dafi  es  um  ihn  herum  in  der  Welt 
Kunsttatigkeiten  und  technische  Tatigkeiten  gibt,  welche 
von  mindestens  so  grofier  Bedeutung  sind  wie  die  menschli- 
chen,  sich  aber  von  den  menschlichen  dadurch  unterschei- 
den,  dafi  der  Mensch  das,  was  von  ihm  bewirkt  wird,  in 
bewufiter  Weise  ausfiihrt;  denn  der  Mensch  ist  durch  den 
Gedanken  in  der  Welt  tatig.  Alles,  was  der  Mensch  unter- 
nimmt,  ist  zuletzt  ein  verwirklichter  menschlicher  Gedanke. 
Als  Gedanke  lebt  das  Haus  zuerst  im  Geiste  des  Baumei- 
sters,  und  wenn  es  fertig  ist,  ist  es  ein  materiell  gewordener 
Gedanke.  Aber  solche  materiell  gewordene  Gedanken  fin- 
den  wir  auch  sonst  in  der  Welt.  Betrachten  Sie  nur  einmal 
unbefangen  -  nicht  durch  die  Brille  der  gegenwartigen  Welt- 
anschauung -  die  Bewegung  der  Sterne  in  ihrer  Regelmafiig- 
keit,  und  Sie  werden  finden,  daf?  dem  Bau  des  Weltgebaudes 
ein  universeller  Gedanke  zugrunde  liegt,  wie  dem  Bau  eines 
Hauses.  Wie  sollte  der  Mensch  als  Astronom  diesen  Bau  des 
Weltengebaudes  in  mathematische  und  in  andere  Gesetze 
zwingen  konnen,  wie  sollte  er  die  Gesetze  des  Weltenbaues 
finden  konnen,  wenn  diese  Gesetze,  die  er  im  Gedanken 
erfaftt,  nicht  zuerst  in  diesem  Weltenbau  selbst  enthalten 
waren?  Oder  nehmen  Sie,  um  an  ein  anderes  Beispiel  anzu- 
kniipfen,  die  Bauten,  welche  ein  bekanntes  Tier,  der  Biber, 
ausfiihrt.  Sie  sind  so  kunstvoll,  von  solch  einer  mathemati- 
schen  Gesetzmafiigkeit,  dafi  der  Ingenieur,  der  diese  Dinge 
studiert,  sich  sagen  mufi:  Wenn  ihm  die  Aufgabe  gestellt 
wiirde,  unter  den  gegebenen  Verhaltnissen  das  Zweckmafiig- 
ste  zu  bauen,  er  konnte  nach  dem  Gefalle  des  Flusses  und 
nach  den  Anforderungen  der  Lebensweise  des  Bibers  nichts 
Zweckmafiigeres,  nichts  Vollendeteres  ausfuhren.  So  kon- 
nen Sie  die  ganze  Natur  verfolgen,  wenn  Sie  sie  nur  unbefan- 
gen verfolgen,  und  Sie  werden  iiberall  sehen,  dafi  dasjenige, 


was  der  Mensch  bewufit  in  Gedanken  vollbringt,  in  die 
Wirklichkeit  umsetzt,  rings  um  uns  ist  und  dafi  das,  was 
rings  um  uns  ist,  von  Gedanken  durchsetzt  ist. 

Wir  sind  gewohnt,  dasjenige,  was  das  Tier  vollbringt,  eine 
instinktive  Tatigkeit  zu  nennen.  Wir  wiirden  also  auch  den 
kunstvollen  Bau  eines  Bibers,  der  Ameisen,  der  Bienen,  eine 
instinktive  Tatigkeit  nennen.  So  kommen  wir  aber  dazu,  zu 
begreifen,  dafi  sich  die  menschliche  Tatigkeit  nur  dadurch 
von  dieser  um  uns  herum  verlauf enden  Tatigkeit  unterschei- 
det,  dafi  der  Mensch  weifi  von  den  Gesetzen  seiner  Tatigkeit, 
dafi  er  ein  Wissen  davon  hat.  Und  gerade  das  bezeichnen  wir 
als  eine  instinktive  Tatigkeit,  welche  bei  einem  Wesen  vor- 
liegt,  das  kein  Bewufitsein  von  den  Gesetzen  hat,  nach  denen 
es  arbeitet.  Wenn  Sie  in  dieser  Weise  zwei  weit  in  ihrer 
Entwickelung  auseinanderliegende  "Wesen,  wie  den  Men- 
schen  in  seiner  bewufken  Tatigkeit  und  zum  Beispiel  den 
Biber  oder  die  Ameise  betrachten,  so  wird  Ihnen  auffallend 
sein  der  grofie  Unterschied  zwischen  der  menschlichen 
bewu£ten  Verstandestatigkeit  und  der  unbewufken,  instink- 
tiven  Tatigkeit  eines  verhaltnismafiig  unvollkommenen  Tie- 
res.  Zwischen  diesen  beiden  Tatigkeiten  gibt  es  unzahlig 
viele  Grade.  Von  diesen  Graden  konnen  wir  auch  solche 
beschreiben,  die  der  Mensch  in  einer  zwar  langen,  aber 
gegeniiber  dem  grofien  Weltenzeitraum  doch  wieder  kurzen 
Vorzeit  durchgemacht  hat.  Wir  werden  im  weiteren  Verlauf 
dieser  Vortrage  gefuhrt  werden  zu  einer  friiheren,  sehr  viel 
friiheren  Stuf e  menschlicher  Kulturtatigkeit  -  heute  kann  ich 
das  nur  andeuten  -,  wir  werden  gefuhrt  werden  zu  den 
menschlichen  Vorf ahren  in  einer  langst  verflossenen  Zeit,  zu 
den  sogenannten  Atlantiern,  deren  Kultur  langst  unterge- 
gangen  ist  und  deren  Nachkommen  die  Kulturschopfer 
unserer  gegenwartigen  menschlichen  Rasse  sind.  Wenn  wir 
nun  die  Geistestatigkeit,  die  ganze  Art  und  Weise  des  Men- 


schen,  in  der  Umwelt  tatig  zu  sein,  bei  diesen  Atlantiern,  die 
vor  vielen  Jahrtausenden  unsere  Vorganger  waren,  verfolgen 
und  sehen,  mit  welchen  Mitteln  die  theosophische  Weltbe- 
trachtung  die  Geistestatigkeit  dieser  Vorfahren  kennenlernt, 
dann  wiirde  sich  uns  zeigen,  da£  sie  zwar  nicht  so  weit 
absteht  von  unserer  gegenwartigen  Verstandestatigkeit  wie 
die  Tatigkeit  der  Tiere,  dafi  aber  unsere  atlantischen  Vorfah- 
ren doch  wesentlich  anders  geartet  waren  als  unsere  heutigen 
Zeitgenossen.  Diese  atlantischen  Vorfahren  waren  keines- 
wegs  unbefahigt,  grofie  Bauten  aufzufiihren,  keineswegs 
unbefahigt,  die  Natur  in  ihre  Gewalt  zu  bringen;  aber  ihre 
Tatigkeit  war  mehr  instinktiv  als  die  voll  bewufite  Tatigkeit 
der  gegenwartigen  Menschheit.  Sie  war  nicht  so  instinktiv 
wie  die  der  Tiere,  aber  instinktiver  als  die  der  heutigen 
Verstandesmenschheit. 

Die  Geschichte  des  alten  Babylon  und  Assyrien  erzahlt 
uns  von  kunstvoll  aufgerichteten  Bauten,  und  heutige  Bau- 
kunstler,  die  diese  Dinge  studieren,  versichern  uns,  dafi  die 
Art  und  Weise,  wie  die  damaligen  Menschenwerke  geschaf- 
fen  worden  sind,  so  aufierordentlich  waren,  dafi  die  bewufke 
Tatigkeit  des  heutigen  Baukiinstlers  noch  nicht  so  weit  ist, 
um  dasjenige  zu  vollbringen,  was  dazumal  der  Mensch  auf 
verhaltnismafSig  unbewufiten  Stufen  zu  tun  in  der  Lage  war. 
Sie  miissen  sich  an  dem  Worte  «instinktiv»  nicht  stofien.  Es 
ist  doch  nur  ein  geringer  Unterschied  zwischen  dem  heuti- 
gen Geiste  des  Menschen  und  dem  friiheren.  Wiirden  wir  die 
Tatigkeiten,  die  -  um  mich  etwas  popular  auszudnicken  - 
die  Leute  mehr  im  Griffe,  mehr  in  der  Empfindung  und  in 
der  Intuition  haben,  die  wir  mehr  mechanisch  und  nicht 
indem  wir  sie  uns  bewufk  vorsetzen,  verrichten,  wiirden  wir 
diese  Tatigkeiten  zuriickverfolgen,  dann  kamen  wir  zu  unse- 
ren  atlantischen  Vorfahren,  die  in  viel  hoherem  Grade 
instinktiv  wirkten,  als  es  in  den  Zeiten  der  Fall  war,  die  wir 


geschichtlich  verfolgen  konnen.  So  konnen  wir  sagen,  dafi 
wir  geschichtlich  die  menschliche  Verstandestatigkeit  verfol- 
gen konnen  bis  zu  einer  Zeit,  in  der  die  Verstandestatigkeit 
noch  nicht  in  dem  heutigen  Grade  vorhanden  war,  ja,  im 
Anf  ange  der  atlantischen  Zeit  uberhaupt  noch  nicht  vorhan- 
den war,  und  dafi  wir  auf  der  anderen  Seite  auch  zugeben 
miissen,  daft  der  Mensch  sich  in  der  Zukunft  wieder  zu  ganz 
anderen  Geistesfahigkeiten  entwickeln  wird,  als  sein  heuti- 
ger  Verstand  ist.  Also,  unser  heutiger  Verstand,  der  das 
Bezeichnendste,  das  Charakteristische  ist  fur  den  Gegen- 
wartsmenschen,  ist  nicht  etwas,  was  ewig  oder  auch  nur 
unveranderlich  ist,  sondern  er  ist  etwas,  was  in  der  Entwik- 
kelung  begriffen  ist.  Er  ist  entstanden  und  wird  sich  zu 
anderen,  hoheren  Formen  hinaufentwickeln. 

Worin  besteht  nun  die  Tatigkeit  dieses  Verstandes?  Auch 
das  haben  wir  schon  angedeutet.  Sie  besteht  darin,  daft  der 
Mensch  immer  mehr  das  blofi  Instinktive  seiner  Tatigkeit 
uberwindet  und  klar  weifi  von  den  Gesetzen,  die  er  anwen- 
det  im  aufieren  Leben,  klar  weifi  auch  von  den  Gesetzen,  die 
in  der  Natur  sich  verwirklicht  haben.  Wenn  aber  dieser 
Verstand  selbst  in  der  Entwickelung  begriffen  ist,  dann  hat 
er  offenbar  verschiedene  Entwickelungsstufen  durchge- 
macht;  er  ist  vorgeschritten  von  verhaltnismafiig  unvollkom- 
menen  Stuf en  zu  einer  hoheren  Stufe  in  der  Gegenwart,  und 
er  wird  in  der  Zukunft  zu  noch  anderen  aufsteigen. 

Blicken  wir  zuriick  auf  die  atlantischen  Vorfahren,  so 
sehen  wir  den  Verstand  hervorgehen  zuerst  in  seiner  Mor- 
gendammerung,  dann  entwickelt  er  sich  bis  zu  einem  Hohe- 
punkt,  urn  dann  von  einer  hoheren  Geistestatigkeit  in 
Zukunft  abgelost  zu  werden.  Nicht  auf  einmal  kann  dieser 
Verstand  sich  ausbilden.  Er  mufi  sozusagen  stuckweise  das 
vollbringen,  was  seine  Aufgabe  ist.  Von  Etappe  zu  Etappe 
mufi  er  schreiten,  wenn  er  wissen  will  von  den  Gesetzen,  die 


in  unserer  Natur  sind  und  die  er  selbst  verwirklicht.  Das 
kann  nur  in  aufeinanderfolgenden  Stufen  geschehen.  Was 
soli  dieser  Verstand?  Er  soil  die  Dinge  um  sich  herum 
begreifen,  von  ihnen  wissen.  Er  soli  sie  in  seinem  Inneren 
nacherschaffen,  begrifflich  nacherschaffen  dasjenige,  was 
draufien  in  der  Wirklichkeit  ist.  Dieses  Wissen  mufi  er  sich 
nach  und  nach  aneignen.  Dieses  Wissen  mu6  aber  den 
aufteren  Dingen  entsprechen.  Die  au£eren  Dinge  sind  aber 
mannigfaltig.  Die  Dinge,  die  wir  in  der  Welt  verfolgen 
konnen,  sind  Geist,  Seele  und  aufiere  physische  Wirklich- 
keit. 

Nicht  auf  einmal  ist  der  Verstand  bei  seiner  Ausbildung  in 
der  Seele  dagewesen,  um  diese  aufiere  Natur  in  ihrer  ganzen 
Mannigfaltigkeit  zu  begreifen.  Stuck  um  Snick  hat  der 
Mensch  die  verschiedenen  Arten  der  Wirklichkeit  erobern 
mussen,  das  Geistige,  das  Seelische  und  das  Physische.  Und 
in  sehr  interessanter  Weise  konnen  wir  verfolgen,  wie  er  sie 
erobert.  Der  Mensch  ist  nicht  in  der  Lage,  drauften  in  der 
Welt  die  Dinge  zu  begreifen,  bevor  er  sie  sich  nicht  in  der 
Einsamkeit  seines  Nachdenkens  angeeignet  hat.  Niemals 
wiirde  der  Mensch  imstande  sein,  eine  Ellipse  als  Sternen- 
bahn  zu  begreifen,  wenn  er  nicht  vorher  die  Gesetze  der 
Ellipse,  die  Formen  derselben  sich  in  der  Einsamkeit  ange- 
eignet hatte.  Hat  er  den  Begriff  in  sich  gefunden,  so  sieht  er 
denselben  auch  in  der  Aufienwelt  verwirklicht.  Erst  wenn 
der  Mensch  das  Wissen  in  sich  geschaffen  hat,  kann  er  es  in 
der  Aufienwelt  materialisiert  finden.  Nun  mussen  wir  uns 
klar  sein  dariiber,  dafi  dies  auf  den  verschiedensten  Stufen 
der  Verstandesentwickelung  wahrend  unserer  menschlichen 
Rassenentwickelung  geschehen  ist.  Der  menschliche  Ver- 
stand mulke  sich  selbst  erst  einen  Begriff  machen  von  dem 
Bilde,  das  er  in  der  Aufienwelt  sehen  kann,  um  dann  das  in 
der  Aufienwelt  Gesehene  zu  verstehen.  Zuerst  erkennt  der 


Mensch  in  der  Regel  das,  was  in  ihm  selbst  lebt.  Das  ist  der 
Geist,  die  Seele.  Erst  nach  und  nach  gelangt  er  zu  den 
Begriffen  von  dem,  was  um  ihn  herum  ist.  Sie  konnen  das 
beobachten  bei  jedem  Kinde.  Es  hat  nicht  zuerst  einen 
Begriff  von  der  leblosen  Natur,  sondern  von  der  Seele.  Es 
schlagt  den  Tisch,  an  dem  es  sich  gestofien  hat,  weil  es  ihn 
fiir  gleichartig  halt  mit  sich  selbst.  So  ist  es  auch  in  der 
Kulturentwickelung.  Wir  haben  bei  der  Kulturentwickelung 
eine  Epoche  zu  beobachten,  welche  die  Forscher  Animismus 
genannt  haben.  In  der  ganzen  Natur  hat  man  belebte  Wesen 
gesehen,  in  jedem  Stein,  in  jedem  Felsen,  in  jeder  Quelle  sah 
man  etwas  Lebendiges,  weil  man  selbst  lebendig  war  und  aus 
seinem  Inneren  den  Begriff  des  Lebendigen  bilden  kann.  So 
haben  auch  friihere  Menschenrassen  zuerst  den  Begriff  des 
Geistes,  dann  den  des  Seelisch-Lebendigen  gewonnen,  und 
zuallerletzt  haben  sie  sich  den  Begriff  des  aufieren  Mechani- 
schen,  Leblosen  angeeignet. 

Sehen  wir  zuriick  in  die  Zeit,  die  wir  geschichtlich  verfol- 
gen  konnen,  in  die  Zeit  des  alten  Indiens  mit  s  einen  Veden 
und  der  Vedantaphilosophie,  und  studieren  wir  diese  uralten 
Weltanschauungen,  so  finden  wir,  dafi  die  Menschen  einen 
Begriff  des  Geistigen  im  umfassendsten  Sinne  hatten.  Der 
Begriff  des  Geistes  lebt  in  diesen  alten,  wunderbaren  Urkun- 
den.  Was  aber  die  alten  Volker  nicht  konnten,  das  war  das 
Begreifen  des  einzelnen  Geistes,  des  Sondergeistes.  Sie  hat- 
ten  eine  grofie  Vorstellung  von  dem  allumfassenden  Welten- 
geist  und  seinen  verschiedenen  Wandlungen  in  der  Welt, 
aber  in  die  einzelne  Menschenseele  hineinzusehen,  um  den 
Geist  der  Menschenseele  zu  fassen,  das  ist  in  dieser  ersten 
Zeit  noch  nicht  moglich  gewesen.  Von  einer  Psychologie  in 
unserem  Sinne,  von  dem,  was  man  heute  Geistlehre  nennt, 
was  aber  erst  in  der  Zukunft  einmal  wirkliche  Geistlehre  sein 
wird,  hatten  sie  keinen  Begriff.  Sie  dachten  den  Geist,  aber 


verstanden  den  einzelnen  Geist  nicht.  Wenn  wir  die  Anfange 
der  Geistentwickelung  bis  zum  Anfange  des  Griechentums 
verfolgen,  so  finden  wir,  dafi  in  jener  Zeit  selbst  diejenigen, 
welche  sich  Philosophen  nennen,  den  Begriff  der  Seele  auf 
die  ganze  Welt  anwenden.  Alles  ist  bei  ihnen  beseelt.  Sollen 
sie  aber  die  einzelne  Seele  verstehen,  so  scheitert  ihr  Ver- 
standnis. 

Zuerst  bildet  sich  der  Mensch  also  den  allgemeinen  Begriff 
des  Geistes  und  den  allgemeinen  Begriff  der  Seele.  Aber  erst 
in  spaterer  Zeit  tritt  er  mit  seinem  Geiste  an  diese  Begriffe 
heran,  um  sie  im  einzelnen  Wesen  zu  begreifen.  Im  ganzen 
Mittelalter  konnen  wir  verfolgen,  dafi  der  Mensch  noch 
nicht  in  den  einzelnen  Geist  hineindringt.  Nur  Giordano 
Bruno  mochte  ich  hier  nennen.  Wer  die  Philosophic  dieses 
tonangebenden  Geistes  studiert,  der  findet,  da$  er  einen 
allumfassenden  Begriff  eines  Weltenlebens  hat,  einen  Begriff 
des  Lebens  in  seiner  hochsten  Bedeutung.  Die  ganze  Welt  ist 
ihm  Leben,  in  jedem  Stein,  in  jedem  Stern  sieht  er  Leben. 
Jeder  einzelne  Teil  des  Universums  ist  ihm  ein  Glied,  ein 
Organ  des  Universums.  Er  blickt  zu  den  Sternen  auf  als  zu 
belebten  Wesen.  Und  auch  den  einzelnen  Menschen 
betrachtet  er  konsequent  in  diesem  Sinne.  In  dem  lebendigen 
Menschen  sieht  er  nur  eine  Stufe  in  der  Folge  des  allgemei- 
nen seelischen  Menschenlebens.  Er  nennt  den  Menschen,  der 
physisch  vor  uns  steht,  einen  im  Raum  ausgebreiteten  Geist, 
das  im  Raum  ausgebreitete  Leben.  Und  den  Tod  fafit  er  als 
nichts  anderes  auf  als  das  Zusammenziehen  des  Lebens  in 
einen  einzigen  Punkt.  Ausdehnung  und  Zusammenziehung 
sind  fur  ihn  die  Erscheinungen  des  Lebens  und  des  Todes. 
Das  Leben  ist  ewig.  Das  Leben,  das  uns  im  Physischen 
erscheint,  ist  ein  im  Raum  ausgedehntes  Leben;  das  Leben, 
das  nicht  im  Physischen  erscheint,  ist  zusammengezogenes 
Leben.  So  wechselt  das  Leben  fortwahrend  durch  Ausdeh- 


nung  und  Zusammenziehung.  Aufier  diesen  beiden  Eigen- 
schaften,  durch  die  Giordano  Bruno  zeigt,  was  fiir  einen 
umf assenden  Begriff  er  vom  Leben  hat,  konnte  ich  vielleicht 
noch  anfiihren  den  Begriff  des  Himmels,  einen  Begriff,  den 
die  Wissenschaft  noch  lange  nicht  erreicht  hat,  den  man  aber 
studieren  miifite,  in  den  man  sich  versenken  mufke,  um 
wieder  zum  umf  assenden  Begriff  des  Himmels  zuriickzu- 
kehren.  Was  aber  auch  Giordano  Bruno  noch  nicht  moglich 
war,  das  ist,  das  einzelne  Lebewesen,  das  Sonderwesen  zu 
begreifen.  Die  Moglichkeit,  diese  einzelnen  lebenden  Son- 
derwesen zu  begreifen,  entwickelt  sich  aber  gerade  in  dieser 
Zeit.  Da  fangt  man  erst  an,  die  Vorgange  im  menschlichen 
Korper  fiir  den  Verstand  klarzulegen,  da  fangt  man  an,  zu 
begreifen,  wie  das  Blut  im  Korper  fliefit,  wie  die  Tatigkeiten 
des  Korpers  vor  sich  gehen.  Was  wir  heute  Physiologie 
nennen,  das  fing  damals  erst  an,  greifbare  Gestalt  zu  bekom- 
men.  Wenn  Sie  die  Naturforscher  der  damaligen  Zeit,  wie 
Paracelsus,  betrachten,  dann  werden  Sie  sehen,  dafi  diesen 
ein  Begriff  fehlt;  die  menschliche  Kulturentwickelung  hatte 
damals  den  Begriff  noch  nicht  hervorgetrieben,  der  heute 
unsere  Weltanschauung  beherrscht:  den  Begriff  des  Mecha- 
nismus.  Der  Begriff  des  Mechanismus  ist  der,  welcher  am 
spatesten  erfafit  ist.  Was  Maschine  ist,  das  hat  der  Mensch 
am  spatesten  erfafit.  Erst  nach  Giordano  Bruno  und  Paracel- 
sus fangt  das  wissenschaftliche  Denken  an,  den  Begriff  der 
Maschine  auszubilden,  den  Begriff  des  Mechanischen. 

Wir  haben  also  gesehen,  wie  im  Laufe  der  Zeiten  die 
menschliche  Verstandesentwickelung  nacheinander  die 
Begriffe:  Geist,  Seele,  Leben,  Mechanismus  gefafit  hat.  Nun 
folgt  in  unserer  Rassenentwickelung  das  Umgekehrte. 
Nachdem  die  menschliche  Entwickelung  die  Begriffe  gefafit 
hatte,  wendete  sie  sie  an  auf  die  aufteren  Dinge  selbst,  und 
die  erste  Epoche  in  dieser  Beziehung  ist  die  Anwendung  des 


Begriffes  der  Maschine  auf  die  umliegende  Wirklichkeit. 
Man  will  nicht  nur  die  Maschine  begreifen,  sondern  man 
wendet  den  Begriff  der  Maschine  auch  an  auf  das  Einzelwe- 
sen.  Die  Anwendung  des  Begriffes  der  Maschinentatigkeit 
ist  das  Kennzeichen  der  Epoche,  von  welcher  erst  wenige 
Jahrhunderte  abgelaufen  sind.  Das  17.  Jahrhundert  gehort 
zu  dieser  Epoche.  Wenn  wir  bis  dahin  zuriickgehen,  finden 
wir  den  Philosophen  Descartes.  Er  wendet  den  Begriff  des 
Mechanismus  auf  die  Tierwelt  an.  Er  unterscheidet  nicht 
zwischen  dem  Tier  und  leblosen  Dingen,  sondern  er 
betrachtet  die  ganze  Tier-  und  Pflanzenwelt  als  Wesen,  die 
Automaten  gleich  sind,  als  vollstandig  in  reiner  mechani- 
scher  Tatigkeit  aufgehende  Wesen.  Das  kommt  von  nichts 
anderem,  als  weil  die  Menschheit  so  weit  gekommen  war, 
den  Begriff  des  Mechanischen  zu  erfassen,  aber  noch  nicht 
verstand,  den  Begriff  der  Seele  und  des  Geistes  auf  das 
einzelne  Wesen  anzuwenden,  sondern  lediglich  den  Begriff 
des  Mechanischen  auf  die  Natur  anzuwenden  verstand.  So 
sah  der  Mensch  gleichsam  durch  Pflanze,  Tier  und  Men- 
schenseele  hindurch.  Da  konnte  er  nichts  fassen;  es  war  ihm 
nicht  moglich,  in  Pflanze,  Tier  und  Mensch  etwas  Hoheres 
zu  sehen.  Und  in  der  aufteren  Gestaltung  ist  ja  jedes  Wesen 
mechanisch.  Ein  jedes  Wesen  auf  dem  physischen  Plane  ist 
rnechanisch.  Diese  unterste  Stufe  erfaftt  zuerst  der  Verstand. 
Er  erfafit  den  physischen  Leib  der  verschiedenen  Weltdinge, 
und  er  fafit  ihn,  wie  das  naturgemafi  ist,  zunachst  als  rein 
physische,  mechanische  Tatigkeit  auf.  Das  war  die  Epoche 
des  mechanischen  Verstehens  der  Welt  und  die  Epoche  des 
Nichterkennens  alles  Hoheren  der  Welt  zu  gleicher  Zeit. 
Diese  Epoche  dehnt  sich  bis  in  unsere  Zeit  hinein  aus.  Wir 
sehen,  wie  heute  der  Mensch  bemiiht  ist,  den  Begriff  des 
Mechanischen  auf  die  Aufienwelt  anzuwenden;  wir  sehen, 
wie  Descartes   Pflanze,  Tier  und  Mensch  mechanisch 


begreift,  denn  audi  des  Menschen  physischer  Leib  ist 
mechanisch.  Daher  audi  die  Behauptung,  der  Mensch  sei 
nur  Maschine. 

Dann  kommen  die  grofien  Entdecker  und  die  grofie  tech- 
nische  Tatigkeit  der  mechanischen  Welt,  der  Industrie.  Wir 
sehen,  wie  der  Verstand  und  der  mechanische  Begriff  seine 
hochsten  Triumphe  feiert.  Er  dringt  hinauf  bis  in  die  einzel- 
nen  Lebewesen,  und  er  begreift  sie  in  ihrem  physikalisch- 
technischen  Zusammenhang.  Was  im  18.  Jahrhundert  noch 
nicht  moglich  war,  das  Zusammenleben  der  Tiere  und  Pflan- 
zen  mechanisch  zu  begreifen,  das  bringt  das  19.  Jahrhundert. 
Nicht  die  Entwickelung  ist  das  Wesentliche,  sondern  dafi 
eine  Verwandtschaft  besteht  zwischen  den  Wesen.  Die  Ent- 
wickelung ist  nicht  das  Charakteristische  des  Darwinismus ; 
denn  eine  Entwickelungslehre  gab  es  immer.  Sie  konnen  auf 
Aristoteles,  ja  bis  in  die  Vedantaphilosophie  zuriickgehen, 
auch  bei  Goethe,  iiberall  werden  Sie  finden,  dafi  die  Entwik- 
kelungslehre  zu  alien  Zeiten  vorhanden  war.  Auch  im 
modernen  naturwissenschaftlichen  Sinne  gibt  es  bereits  im 
Beginne  des  19.  Jahrhunderts  eine  Entwickelungslehre,  den 
Lamarckismus.  Lamarcks  Lehre  betrachtet  durchaus  die 
Tierwelt  so,  dafi  sie  aufsteigt  vom  Unvollkommenen  zum 
Vollkommenen  bis  herauf  zu  dem  physischen  Menschen. 
Aber  dazumal  konnte  der  Lamarckismus  noch  nicht  popular 
werden.  Lamarck  wurde  nicht  verstanden.  Erst  die  Mitte  des 
19.  Jahrhunderts  war  reif  dafiir,  die  Entwickelungslehre 
in  mechanischer  Weise  zu  verstehen.  Da  war  die  Erfahrung 
des  aufieren  physischen  Lebens  so  weit,  daft  dieses  wunder- 
bare  Gebaude  zusammengestellt  werden  konnte,  das  Darwin 
aufgestellt  hat  und  wodurch  er  nichts  anderes  tat,  als 
daft  er  mechanisch  aufgestellt  hat  das,  was  uns  umgibt;  in 
mechanische  Gedanken  gefalk  hat  das,  was  um  uns  herum 
ist. 


Das  nachste  war,  dafi  der  Mensch,  wenigstens  als  Hypo- 
these,  den  Gedanken  von  der  physischen  Verwandtschaft 
des  materiellen  Menschen  mit  den  anderen  materiellen 
Organismen  falke.  Das  war  das  Letzte,  der  Schlufistein  in 
dem  Gebaude.  Und  wir  werden  die  Bedeutung  des  Schlufi- 
steines  kennenlernen,  wenn  wir  iiber  die  Philosophic  von 
Ernst  Haeckel  sprechen  werden. 

Wenn  wir  den  Gedanken  der  Entwickelung  auf  den  Men- 
schen selbst  anwenden,  dann  finden  wir,  dafi  es  begreiflich 
ist,  dafi  eine  Entwickelungsstufe  des  geistigen  Menschen  die 
Eroberung  des  geistigen  Gedankens  sein  mufi.  Der  Darwi- 
nismus  hat  durch  rein  au£ere  Ursachen,  durch  das  Gesetz 
vom  Kampf  urns  Dasein,  dieses  Gebiet  der  Welt  sich 
erobert.  Er  bedeutet  daher  eine  notwendige  Entwickelungs- 
phase  in  der  Kultur  des  Menschen,  und  wir  werden  aus  der 
Notwendigkeit  seines  Entstehens  die  Notwendigkeit  seiner 
Uberwindung  begreifen.  Dadurch  gewinnen  wir  den  weiten 
Blick,  dafi  wir  den  Darwinismus  als  eine  Phase  in  der 
wissenschaftlichen  Entwickelung  auffassen  werden.  Daft  der 
Darwinismus  die  Welt,  die  Tatsachen  betrachtet,  wie  sie 
wirklich  sind  -  nur  der  Befangene  kann  dieses  sagen.  Die 
Tatsachen  kennt  man,  die  waren  ja  immer  da;  nur  die  Art 
und  Weise  des  Denkens  ist  eine  andere.  Wenn  Sie  Goethes 
Aufsatze  «Geschichte  meines  botanischen  Studiums»  lesen, 
so  werden  Sie  fast  wortlich  finden,  was  Darwin  in  seiner 
Weise  beschreibt.  Auch  in  Goethes  «Metamorphose  der 
Pflanzen»  finden  Sie  vieles.  Goethe  stiitzt  auf  dieselben 
Tatsachen  eine  weitaus  hohere,  viel  umfassendere  Theorie 
des  Lebens,  eine  Theorie,  von  der  die  heutige  Wissenschaft 
etwas  Hoheres  ablosen  wird,  als  der  Darwinismus  es  ist.  Das 
ist  die  Goethesche  Lehre  von  dem  Zusammenhang  der 
Organismen.  Aber  wie  jede  Phase  der  Entwickelung  durch- 
gemacht  werden  mufi,  so  mufite  auch  das  Studium  des 


Darwinismus  durchgemacht  werden.  Die  ganze  Lebenslage 
in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  war  so,  dafi  durch  sie  erst 
die  Menschheit 
…[truncated]