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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Ursprung und Ziel des Menschen
Grundbegriffe
der Geisteswissenschaft
Dreiundzwanzig offentliche Vortrdge,
gehalten in Berlin zwischen dem
29. September 1904 und 8. Juni 1905
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hans Rudolf Niederhauser
1 . Auf lage unter dem Titel
«Grundbegriffe der Theosophie»
Dornach 1957
2. Auflage unter dem Titel
«Ursprung und Ziel des Menschen»,
erweitert um die Vortrage
26. I. / 16. + 23. II. / 2. III. / 4., 11., 18., 25. V. / 8. VI. 1905
Gesamtausgabe Dornach 1981
Vortrage 26. L / 16. 4- 23. II. / 2. III. 1905
Erstdruck in diesem Band
Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 53
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung,
Dornach/Schweiz
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany. Gesamtherstellung Greiserdruck Rastatt
ISBN 3-7274-0532-5
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925)
geschriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen»
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
I
Erster Vortrag, Berlin, 29. September 1904
Was findet der moderne Mensch in der Theosophie?
Der Zwiespalt im modernen naturwissenschaftlichen Weltbild
zwischen Wissen und Glauben mufi gelost werden. Aufgabe der
theosophischen Bewegung, diesen Zwiespalt zu uberbriicken.
Erweiterung und Vertiefung des naturwissenschaftlichen Weltbil-
des. Dem «Kampf urns Dasein» setzt Theosophie die Liebe als
Urkraft der Welt entgegen.
Zweiter Vortrag, 13. Oktober 1904
Die menschliche Wesenheit
Wesen und Aufgabe der theosophischen Bewegung. - Charakteri-
stik der physischen, seelischen und geistigen Wesenheit des Men-
schen und ihrer GHeder. Uber die Wahrnehmung des «Ich». Die
Theosophie zeigt Mittel und Wege, um die iibersinnlichen
Wesensglieder wahrzunehmen. Johann Gottlieb Fichte u. a. haben
dieses ubersinnliche Wahrnehmen bereits gef ordert. Goethe hat in
den Bildern des «Marchens» theosophische Weltanschauung be-
schrieben.
Dritter Vortrag, 20. Oktober 1904
Reinkarnation und Karma
Das Grundgesetz des seelischen Lebens ist das Gesetz der seeli-
schen Entwicklung, der Wiederverkorperung; das des geistigen
Lebens das Gesetz von Ursache und Wirkung, Karma. Vererbung.
Entwicklung. Wesen der menschlichen Biographic Konsequente
Durchfiihrung des naturwissenschaftlichen Entwicklungsgedan-
kens fuhrt zur Idee der Reinkarnation. Entwicklung cles Begriffs
des Gewissens. Widerlegung von Einwanden gegen den Karma-
gedanken.
Fragenbeantwortung
Vierter Vortrag, 27. Oktober 1904 92
Theosophie und Darwin
Die Wandelbarkeit der menschlichen Erkenntnisse und Anschau-
ungen. In der Entwicklungsgeschichte des Menschen wurde als
letzte Stufe das Mechanische erfafit. Eine Entwicklungslehre gab
es immer. Darwin hat sie im Sinne von Ursache und Wirkung
mechanisch verstanden. Seine Theorie fufit auf der Lehre von
Malthus. Darwinismus als notwendige Entwicklungsphase in der
Kultur; sie schliefit die Notwendigkeit der Oberwindung in sich.
Ansatze dazu finden sich bei Darwin selber.
Fonfter Vortrag, 3. November 1904 110
Theosophie und Tolstoi
Form als Offenbarung des Lebens auch im Kiinstlerischen.
Naturalismus des Westens. Zola, Ibsen. Die Formkultur der
Gegenwart in Wissenschaft und Kunst. Tolstoi sucht etwas ande-
res: er sucht die Seele, das Leben in den Formen. Das Unsichtbare,
das Innere, Wesentliche will er erfassen im kiinstlerischen wie im
sittlichen Leben. Er sucht eine Erneuerung aller Lebens- und
Weltanschauung aus dem Inneren des Menschen zu begriinden.
Theosophie will auch zum tieferen Verstandnis der Gegenwart,
zum Wahrnehmen des Wirkens des Obersinnlichen im Physischen
fiihren.
Sechster Vortrag, 10. November 1904 131
Die Seelenwelt
Das Wesen des Obersinnlichen mufi man kennen, um die sinnen-
fallige Welt zu verstehen. - Die Seele zwischen Hingabe an das
Sinnliche und an das Geistige, Methodische Grundfragen der
Erkenntnis des Obersinnlichen. - Das Schicksal der Seele zwi-
schen Tod und Wiedergeburt. Die Seele im Seelen- und Geister-
land. Die sieben Gebiete des Kamaloka. Diese sind nicht raumlich
vorzustellen; es sind Bewufltseinszustande.
Siebenter Vortrag, 17. November 1904 148
Das Geisterland
Schwierigkeit der Beschreibung dieses Gebietes; es ist nur bildhaft
mdglich. Es ist die Welt der geistigen Urbilder. Es sind ebenfalls
sieben Stufen zu unterscheiden, die die Seele im nachtodlichen
Leben durchlebt als Bewufitseinszustande. Ober die Zeitdauer des
Aufenthalts im Devachan.
Achter Vortrag, 1. Dezember 1904 166
Friedrich Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft
Das Leben Nietzsches. Schopenhauer. Wagner. Der BruchNietz-
sches mit Wagner 1888. Beginn seiner Seelenverdiisterung.
Besprechung der Werke: «Die Geburt der Trag6die.» Was Nietz-
sche ahnte, hat Eduoard Schure aus der Spiritualitat dargestellt.
«Ober den Nutzen und Nachteil der Historic fur das Leben»,
«Also sprach Zarathustra». An seinen hohen Sehnsuchten und
Idealen, die sich ihm nicht erfullen konnten, ist Nietzsche geschei-
tert.
Neunter Vortrag, 15. Dezember 1904 184
Vom inneren Leben
Die Entwicklung des inneren Menschen zum erlebenden Ver-
standnis der Geisteswissenschaft ist eine Geburt der Seele und des
Geistes; sie vollzieht sich in aller Stille, ohne dafl dadurch aufiere
Pflichten vernachlassigt werden diirfen. - Angabe von Ubungen.
Umwandlung von Gewohnheiten. Das Leben mit dem Karma-
gedanken. Kontrolle des Gedankenlebens. Innere Ruhe. Intensi-
ves Verbinden mit einem iiberschaubaren Gedanken. Verehrung
und Dankbarkeit. - Eine strenge Schulung zum eigenen Schauen
ist gegeben in dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?». Gefahren des Weges. Weitere Tugenden als
Ausblick auf den Pfad der okkulten Schulung.
Zehnter Vortrag, 9. Februar 1905 204
Ursprung und Ziel des Menschen
Die naturwissenschaftliche Schopfungslehre. Gegensatz zu der
wortlich genommenen Schopfungsauffassung der Bibel. Charak-
teristik der alten spirituellen Auffassungen bei Plato, Aristoteles;
Gnostik; Augustin und Thomas von Aquino. Vom 14. Jahrhun-
dert an wird die Bibel wortlich genommen, die spirituelle Natur-
auffassung geht verloren. Die neueste Naturwissenschaft spricht
wieder von geistigen Einschlagen (Dominanten). Reinke. Eine
spirituelle Entwicklungslehre in Obereinstimmung mit einer spiri-
tuellen Auffassung der religiosen Urkunden gibt es erst wieder
durch die Theosophie. Erkenntnismethodische Bemerkungen.
Charakteristik einer spirituellen Entwicklungslehre, die mit den
Naturtatsachen iibereinstimmt.
Fragenbeantwortung
227
Elfter Vortrag, 9. Marz 1905 232
Die Entstehung der Erde
Schwierigkeit der Darstellung des geistigen Entwicklungsgesche-
hens, weil unsere Sprache fur und durch die Sinnenwelt gepragt
ist. Charakteristik des Menschen in vorgeschichtlichen Zeiten.
Atlantis und Lemurien. Beschreibung der alten Erdzustande unter
der Einwirkung der Mond- und Sonnenkrafte. Trennung von den
Mond- und Sonnenkraften. Involution und Evolution im Zusam-
menhang der Erd- und Menschenentwicklung.
ZwOLFTER Vortrag, 16. Marz 1905 255
Die grofien Eingeweihten
Das Charakteristische der theosophischen Weltanschauung: Sie
kennt keine Erkenntnisgrenzen. Durch die Erkenntnisschulung,
die zur Einweihung fuhrt, wird die Grenze iiberwunden. Uber
Meditation. Der achtgliedrige Pfad und die sechs Tugenden. Die
Stufen der Einweihung. Zwei Beispiele, wie Eingeweihte wirken:
Hermes und Lohengrin.
Fragenbeantwortung 279
Dreizehnter Vortrag, 23. Marz 1905 280
Ibsens Geistesart
Ibsen als Reprasentant unserer Zeit. Wesen und Auffassung der
Personlichkeit im Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Ibsen schil-
dert die Personlichkeit im Zusammenhang der Umwelt, die hohl
und verlogen geworden ist. Er erwartet eine Revolution des
menschlichen Geistes. Er sucht innere Ideale, etwas, was iiber die
Personlichkeit hinausgeht und schweigt dann, weil er nicht findet,
was er sucht: die Individuality, die durch wiederholte Erdenleben
geht und das Gesetz der ausgleichenden Gerechtigkeit (Karma).
Vierzehnter Vortrag, 30. Marz 1905 294
Die Zukunft des Menschen
Der Wendepunkt unserer Zeit. Neben dem grofien technischen
Kulturfortschritt treten neue Ideale auf , die in die Zukunft weisen.
Keely. Seine neuen mechanischen Ideen. Die wirklich zukunft-
weisenden Erfindungen wurden nicht von sogenannten Prakti-
kern gemacht. - Charakteristik der zukiinftigen Entwicklungs-
stufen des Menschen und der Erde. Die Durchgeistigung der
mineralischen Welt durch die Arbeit des Menschen. - Der Zyklus
des neuen Pflanzendaseins, wo der Mensch auf einer lebendigen
Erde leben wird. - Die soziale Frage. Soziale Theorien niitzen
nichts, auf die briiderliche Gesinnung kommt es an. Sie entsteht
nicht aus dem Materialismus, sondern aus einer spirituellen Welt-
anschauung.
Fragenbeantwortung 314
II
Erster Vortrag, Berlin, 26. Januar 1905 321
Goethes Evangelium
Begrundung der theosophischen Weltanschauung aus dem mittel-
europaischen Geistesleben: Lessing, Schiller, Novalis und vor
allem Goethe. Erlauterungen zu «Faust I. und II. Teil».
Zweiter Vortrag, 16. Februar 1905 329
Goethes geheime Offenbarung I. Das Marchen von der
griinen Schlange und der schonen Lilie
Das «Marchen», Goethes Apokalypse. Das Marchen fiihrt hinein
in die theosophische Weltbetrachtung. Verschiedene Erklarungs-
versuche. Sammlung durch Meyer- von Waldeck. Erzahlung und
Auslegung des Marchens vom Gesichtspunkt der Theosophie.
Dritter Vortrag, 23. Februar 1905 349
Goethes geheime Offenbarung II. Das Marchen von der
griinen Schlange und der schonen Lilie
Goethe zeigt im Marchen verschiedene Wege der Entwicklung der
Seelenkrafte. Fortsetzung der Erlauterung: Der Alte mit der
Lampe im Tempel bis zum Schlufi. Dieser Schlufi weist auf eine
zukiinftige Entwicklung der Menschheit hin.
Vierter Vortrag, 2. Marz 1905 369
Goethes geheime Offenbarung III. «Die neue Melusine»
und «Der neue Paris »
Erzahlung der «Neuen Melusine» und Auslegung vom Gesichts-
punkt der Theosophie. «Der neue Paris*, seine Stelle in Dichtung
und Wahrheit. Erzahlung und Auslegung. Eine Schilderung des
Einweihungsweges. - Uber das Fragment: «Die Reise der Sonne
des Megaprazon» (1792).
FONFTER Vortrag, 4. Mai 1905
393
Schiller und die Gegenwart
Heute (1905) haben wir ein anderes Verhaltnis zu Schiller als noch
1859. Schillers Abhandlung iiber den Zusammenhang der sinnli-
chen Natur des Menschen und seiner geistigen enthalt das Grund-
motiv seines Strebens und Denkens. Durch den franzosischen
Materialismus und die Stromung Rousseaus entstand eine Kluft.
Frage Schillers: Wie kann sie iiberbriickt werden? Die Jugenddra-
men. Eine neue Stufe der Entwicklung: «Die Briefe iiber die
asthetische Erziehung». Das Freiheitsproblem. Die Freundschaft
Schillers und Goethes. Die spaten Dramen. Der Umschwung im
Jahre 1859. Schiller mufi heute im Seeleninnern neu erlebt werden.
Die theologische Fakultat und die Theosophie
Stellung der Hochschule im Kulturleben. Wie die theosophische
Welt- und Lebensanschauung befruchtend einwirken kann auf das
Universitatsleben. Die vier Fakultaten in ihrem historischen Wer-
den. Stellung und Charakter der Theologie in Mittelalter und
Neuzeit. Heraufkommen des naturwissenschaftlichen Denkens
und sein Einflufi auf die Theologie. Rede Lobsteins. Harnack.
Die Theosophie will den Menschen hinfuhren zur Erfahrung
des Geistigen und zum tieferen Verstandnis des Christentums;
dadurch kann sie belebend und erneuernd einwirken auf die
Theologie.
Die juristische Fakultat und die Theosophie
Jherings Kritik: Dem Juristen fehlt die philosophische Bildung -
trifft den Kern des Problems, in dem die Jurisprudenz steht.
Universitatsbildung im Mittelalter und heute. Die Jurisprudenz
und Sozialethik bediirfen wie die Kunst des Tunnelbaues tragen-
der Erkenntniskriterien und Lebensgrundlagen. Eine Umwand-
lung des erstarrten juristischen Denkens ist notig. Savigny: Recht
ist ein Ausdruck des Lebens und mufi aus dem Leben heraus
geschaffen werden. Theosophie kann die Grundlagen geben zur
Erneuerung des juristischen Denkens und Empfindens.
Ill
Erster Vortrag, Berlin 11. Mai 1905
421
Zweiter Vortrag, 18. Mai 1905
447
Drifter Vortrag, 25. Mai 1905 468
Die medizinische Fakultat und die Theosophie
Charakter des Studienganges im Mittelalter. Erstreben einer
gewissen Universalitat vor dem Fachstudium. Der heutige Stu-
dienzwang erschwert das Verstandnis einer umfassenden Welt-
und Menschenbetrachtung (Theosophie). Unsicherheit und Pro-
blematik der medizinischen Wissenschaft wurzeln in den Denkge-
wohnheiten unserer Zeit. Beispiele heilerischer Tatigkeit friiher.
Charakter der heutigen Wissenschaft. Der Arzt mufi aus Intuitio-
nen handeln, er mufi sich als Mensch veredeln, um heilen zu
konnen. Die Forschung ist bestimmt durch die Fragestellung. Nur
ein andersgeartetes, spiritualisiertes Denken vermag den Arzt aus
den Schwierigkeiten seiner Wissenschaft herauszufiihren, so dafi
er wirklicher Heiler wird.
ViERTER VoRTttAG, 8. Juni 1905 477
Die philosophische Fakultat und die Theosophie
Charakter des Studiums im Mittelalter. Seine Wandlung. Das
Fachwissen als Brotstudium. Schiller. Umwandlung des Studiums
ist eine Notwendigkeit. Philosophic als umfassende Welterkennt-
nis mufite den tragenden Grund abgeben.
Hinweise 489
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
507
ZUR EINFUHRUNG
Aus einem Vorwort von Marie Steiner, 1940
Wir iibergeben der Offentlichkeit eine Anzahl von Vortra-
gen, die Rudolf Steiner in Berlin fur das grofie Publikum
gehalten hat. Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offent-
liche Vortragstatigkeit gewesen. Was in anderen Stadten
mehr in einzelnen Vortragen behandelt wurde, konnte hier
in einer zusammenhangenden Vortragsreihe zum Ausdruck
gebracht werden, deren Themen ineinander ubergriffen. Sie
erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig fundierten
methodischen Einfiihrung in die Geisteswissenschaft und
konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum
rechnen, dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich
erschliefienden Wissensgebiete einzudringen, wahrend den
neu Hinzukommenden die Grundlagen fiir das Verstandnis
des Gebotenen immer wieder gegeben wurden.
I
WAS FINDET DER MODERNE MENSCH
IN DER THEOSOPHIE?
Berlin, 29. September 1904
In diesem Vortrag will ich einerseits das Verhaltnis der
theosophischen Bewegung zu den grofien Kulturstromun-
gen in der Gegenwart entwickeln, und auf der anderen Seite
mochte ich in den Vortragen, welche den Titel tragen: «Die
Grundbegriffe der Theosophie», ein Bild der theosophi-
schen Weltanschauung selbst entwerfen. Ich bitte Sie daher,
den heutigen Vortrag durchaus als einen einleitenden zu
betrachten und als einen solchen hinzunehmen.
Das, was mir heute obliegen wird zu besprechen, soil die
Frage sein, was eigentlich die gegenwartigen Menschen
innerhalb der theosophischen Bewegung finden, welche
Bediirfnisse des gegenwartigen Menschen innerhalb der
theosophischen Bewegung ihre Befriedigung finden konnen.
Und auf diese Weise will ich der anderen Frage nahertreten:
Warum haben wir in der Gegenwart so etwas wie eine
theosophische Bewegung? - Auch der Frage mochte ich ein
wenig nahertreten, warum dasjenige, was die Theosophie
eigentlich will, was sie anstrebt, von so vielen Seiten mifiver-
standen und verkannt wird.
Wer die theosophische Bewegung in ihrem ganzen Wesen
verstehen will, der mufi sich vor alien Dingen dariiber klar
sein, welche Aufgabe sie in der Gegenwart zu erfiillen hat.
Er mufi sich auch dariiber klar sein, zu wem sie sprechen will
in der Gegenwart. Was ist denn eigentlich der gegenwartige
Mensch, von dem heute die Rede sein soil? Unter diesem
gegenwartigen Menschen ware zu verstehen derjenige, der
sich mit den die Gegenwart beschaftigenden Fragen bekannt
gemacht hat, der also nicht nur im Alltaglichen lebt, sondern
sich auch mit den Kulturaufgaben unserer Zeit befalk hat
und damit bekannt ist, dem die Fragen, welche die Kultur
uns stellt, selbst Herzens- und Geistbediirfnisse sind; kurz,
den Menschen mochte ich darunter verstehen, welcher
bemiiht ist, mit den Bildungs- und Erkenntnisfragen unserer
Zeit sich auseinanderzusetzen. Ich mochte fur ihn einmal die
Frage aufwerfen und skizzenhaft zur Beantwortung brin-
gen: Was findet er in der theosophischen Bewegung? Ist
uberhaupt innerhalb der Theosophie irgend etwas zu finden,
was er notwendig braucht?
Wir miissen da zuriickblicken in die Zeit, in welcher die
theosophische Bewegung in die Welt getreten ist, wenn wir
ihre Aufgabe verstehen wollen. Wir miissen uns klarmachen,
dafi diese Bewegung drei Jahrzehnte alt ist und dafi sie, als
sie vor nicht ganz dreifiig Jahren in die Welt trat, eine
Gestalt annahm, welche ausgedriickt war durch die Zeitver-
haltnisse. Wer verstehen will, warum sie diese Gestalt ange-
nommen hat, der mufi sich die Entwickelung des Bildungs-
und Unterrichtswesens der letzten Jahre vor die Seele riik-
ken. Wir stehen ja noch in den Stromungen, welche das 19.
Jahrhundert gezeitigt hat, und diejenigen, welche die theo-
sophische Bewegung ins Leben gerufen haben, glaubten
damit, der Welt etwas zu geben, was diese braucht. Und die,
welche heute Theosophie lehren, glauben, dalft sie auch etwas
ist, was in die Zukunft hineinfuhrt.
Es ist heute fast zur Phrase geworden, und doch ist es
wahr: Was in die Seelen unserer Zeitgenossen sich eingelebt
hat, hat in viele der Zeitgenossen einen Rifi, einen Zwiespalt
zwischen Wissen und Glauben, zwischen Erkenntnis und
Religion gebracht, der sich in einer Sehnsucht des Herzens
ausdriickt. Dieser Zwiespalt ist bezeichnend fur die letzte
Halfte des 19. Jahrhunderts. Er bedeutet nicht nur fur einige
Menschen, sondern fiir einen grofien Teil der Menschen
iiberhaupt das, was die Menschheit trennt und was einen
Widerspruch in der einzelnen Menschenseele hervorruft.
Die Wissenschaft war, bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhun-
derts herauf, zu einer Hohe gekommen, die in der Tat fiir
den, der die Jahrhunderte iiberblickt, bewundernswert ist.
Diese Wissenschaft ist ja etwas, was das 19. Jahrhundert mit
gerechtem Stolz erfiillt. Sie ist das grofie Erbe, das das 19.
Jahrhundert alien Kommenden zu iibergeben in der Lage ist.
Aber diese Wissenschaft hat zu gleicher Zeit alte Uberliefe-
rungen scheinbar iiber den Haufen geworfen. Sie hat schein-
bar eine Stoning in das hineingebracht, was als alte Glau-
bensinhalte in friiherer Zeit den Seelen so grofie Dienste
geleistet hat. Vor allem waren es diejenigen, die tiefer in die
Wissenschaft hineingeblickt hatten, die nicht mehr glaubten,
die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit dem, was ihnen die
Religion geboten hatte, in Einklang bringen zu konnen. Die
Besten glaubten, dafi ein ganz neues Bekenntnis Platz greifen
miisse und dafi es an die Stelle dessen treten miisse, was
Jahrhunderte hindurch der Glaubensinhalt der Menschen
gewesen ist. So sehen wir, dafi eine wahre Revolution im
Denken der Menschen nach und nach hereingebrochen ist.
Wir sehen, dafi sogar die Frage gestellt worden ist, ob es
iiberhaupt noch moglich sei, dafi der Mensch Christ sein
konne; ob es noch moglich sei, festzuhalten an den Ideen,
die den Trost im Sterben gegeben haben und die dem
Menschen so lange Zeit gezeigt haben, wie er seine Bestim-
mung, die iiber den Tod, iiber das Endliche hinausreichen
sollte, aufzufassen hat. Die grofte Frage des «Woher» und
«Wohin» sollte in einer neuen, von der Wissenschaft
beleuchteten Weise gelehrt werden. Von einem «neuen
Glauben» sprach man, und man meinte, dafi er im Gegensatz
zu dem alten stehen miisse. Man glaubte nicht mehr, daft
man aus den alten Religionsbiichern sich ein Weltbild bilden
konne. Ja, es waren nicht wenige, welche sagten, dort seien
kindliche Vorstellungen wiedergegeben, welche nur moglich
seien im Kindheitsalter der Menschheit; jetzt aber, wo wir
mannlich geworden seien, miisse man auch mannliche
Anschauungen haben. Viele sagten auch, sie wollten bei den
alten Glaubensvorstellungen bleiben, sie wollten sich nicht
bekehren zu dem radikalen Standpunkt der neuen.
Aber nicht von diesen vielen hangt der Gang der Geistes-
entwickelung in der Menschheit ab. Immer waren es wenige,
immer waren es diejenigen, welche auf der Hohe ihrer Zeit
gestanden haben, welche den Grundton angegeben haben
fur die Entwickelung in die Zukunft hinein. So kam es, daft
die, welche nichts wissen wollten von dem «neuen Glau-
ben», auch meinten, sich nicht bekummern zu brauchen um
den Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen; aber man
konnte sich auch denken und sagen, daft das in der Zukunft
anders sein wird. David Friedrich Straufi hat ja damals sein
neues Glaubensbekenntnis aufgestellt, daft es nichts in der
Welt gebe als das, was sich zwischen Geburt und Tod
abspielt, und daft der Mensch seine Aufgabe hier auf Erden
erschopfen miisse. Man kann sehen, daft in der Gegenwart
vielen der Trost der Glaubensvorstellungen erstirbt, und
man kann annehmen, daft unsere Kinder und Kindeskinder
nichts mehr davon haben werden. Daher mogen diejenigen
mit Bangigkeit in die Welt gesehen haben, welche glaubten,
daft die Seligkeit von diesen Glaubensvorstellungen abhange.
Die Besten waren es.
Das 19. Jahrhundert hat ja auch nur die Friichte gezeitigt
von dem, was im vorhergegangenen Jahrhundert gesat
wurde. Das hat sich alles vorbereitet in den friiheren Jahr-
hunderten. Das ist vor allem zuzuschreiben denen, die die
Erweiterung des menschlichen Gesichtskreises von der
Mitte des 15. bis ins 16. Jahrhundert erstrebten, und vor
allem auch der Popularisierung der Bildung. Bhcken Sie
zuriick, dann werden Sie sehen, dafi sich fur den Menschen
in den verflossenen Jahrhunderten das Religiose ganz anders
gestaltet hat. Das Weltbild wurde scheinbar vollstandig
geandert. Nur dadurch haben die Menschen sich iiber etwas
falsche Begriffe gemacht, da!5 grundsatzlich das Denken
verschieden ist von dem, was man vor Jahrhunderten dachte.
Versetzen Sie sich in das Zeitalter, wo die grofie Masse
gegemiberstand einigen wenigen: Die Priesterschaft war die
Kaste, welche das Wissen hatte. In dieser Kaste gab es einen
Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen nicht. Was man
sah und greif en konnte, stand mit dem in Einklang, was man
Glaubensvorstellungen nannte. Was erforscht wurde mit
den Instrumenten der Wissenschaft, mit den Sinnen und mit
demjenigen, was den Sinnen als Hilfsmittel zur Verfiigung
steht, das war ein Unterbau fur das, was durch die Weite des
sinnlichen Blickes gewonnen worden war. Darauf bauten
sich auf, als die Spitze, die Vorstellung von Gott, die Vor-
stellung von der Weltschopfung und die Vorstellungen von
der Bestimmung der Menschenseele. Nirgends war da ein
Zwiespalt. Der mittelalterliche Mensch arbeitete sechs
Wochentage hindurch, und am Sonntag ging er in die Kir-
che. Da horte er, wie das, was er wochentags arbeitete, zwar
eine zeitliche Bedeutung hat, dafi es aber anderseits auch eine
ewige Bedeutung hat; er horte, wie es sich einfiigt in den
grofien Weltengang. So wufite der Mensch, daS das Kleinste,
was er tat, eine Bedeutung hatte, die hineinreicht in alle
Zeiten.
Das Bewufitsein, dafi das, was der Mensch tut, auf alle
Menschen und alle Zeiten wirkt, ist aber gerade denjenigen,
welche die Trager der Bildung waren in den letzten Jahrhun-
derten und am bedeutsamsten im 19. Jahrhundert, verloren-
gegangen. Weltbilder hatten sich die Menschen entworfen
auf ganz andere Art als friiher. Die Astronomie hatte ihnen
gezeigt, wie man sich Weltbilder zusammenstellen kann aus
der blofien sinnlichen Beobachtung. Kopemikus hat die
Menschen gelehrt, hinauszubhcken in die Welten und sich
ein Weltenbild zu schaffen, welches aber den Menschen
selbst nicht enthalt. Blicken Sie zuriick in die alten Weltbil-
der: Da hatte der Mensch eine Rolle darin, er hatte einen
Platz darin. Nun aber hatte er ein System von Sternen vor
sich, das gewonnen war mit den Mitteln der Wissenschaft.
Aber dieses enthielt die Erde nur als ein kleines Wesen. Sie
erschien wie ein Staubkorn unter jener Sonne, welche eine ist
unter unzahligen Sonnen.
Unter dem Eindruck von allem diesem war es unmoglich,
die Frage zu beantworten: Was soil der Mensch, dieser
kleine Bewohner der Erde, auf diesem Staubkorn im Wel-
tenall? Und die Wissenschaft hatte daher die Welt des
Lebens zu untersuchen. Sie untersuchte die pflanzlichen, die
menschlichen und die tierischen Korper in ihrer Zusammen-
setzung - die kleinsten Lebewesen mit dem Mikroskop -
und fand, dafi sie aus kleinsten Gebilden, die man Zellen
nennt, aufgebaut sind. Wieder war man einen Schritt vor-
wartsgekommen in der sinnlichen Erkenntnis, aber wieder
war nur etwas begriffen, was eine sinnliche Anschauung
war, etwas, was dem Sinnlichen das physische Dasein erklar-
licher machte. Aber wiederum ist etwas ausgeschaltet wor-
den, wonach der Mensch am intimsten fragen mufi, namlich
was die Seele und ihre Bestimmung ausmacht. Nicht konnte
man die neue Lehre befragen, woher die Seele kam und
wohin die Seele geht. - Wir kommen dann dahin, zu sehen,
wie man von den alten Weltbildern abkam und die Frage mit
den Mitteln der Wissenschaft beantwortet wurde.
In der Geologie hat man den sinnlichen Ursprung des
Menschen erforscht. Die verschiedenen Schichten, die es auf
unserer Erde gibt, wurden bekannt. Friiher hatte man davon
gesprochen, daft die Erde durch gewaltige Revolutionen sich
herausgebildet und verschiedene Zustande durchgemacht
hat; Zustande ganz bedeutsamer Art, so dafi man nur sich
vorstellen konnte, dafi geistige Machte das allmahlich her-
beigefiihrt haben, was wir heute kennen. Heute glaubt man,
dafi dieselben Krafte, die heute noch an der Erde bauen,
auch in alter Vergangenheit daran gebaut haben. Wir sehen,
dafi der Flufi vom Berge herablauft und Geroll mitnimmt
und dadurch Land und Ebene schafft. Wir sehen, dafi der
Wind Sand iiber weite Flachen tragt und ganze Strecken mit
Sand bedeckt. Wir sehen, wie durch solche Einfliisse das
Klima und ganz allmahlich die Erdoberflache verandert
wird. Und nun sagen die Geologen: so wie die Erde heute
verandert wird, so wurde sie auch friiher verandert; und so
begreift man dann auch, wie allmahlich die Erde sich gebil-
det hat. Alles dasjenige, was fur physische Instrumente, fur
die Berechnung und fur die menschlichen Sinne nicht Wahr-
nehmung ist, das war ausgeschaltet fur die Erderklarung.
Man untersuchte die verschiedenen Schichten der Erde und
fand, dafi sich nicht nur dasjenige darin findet, was an
leblosen Produkten sich abgelagert hat; man fand auch
Wesen, die vor Jahrmillionen auf unserer Erde gelebt haben.
In den unteren Schichten fand man die unvollkommensten
Wesen, mehr oben fand man vollkommenere Wesen und
noch weiter oben, fast zuletzt, die Schichten, in denen der
Mensch auftritt. Der Mensch tritt erst in verhaltnismafiig
jungen Perioden der Erdbildung auf. Wenn wir dieses Bild,
das ich eben entworfen habe, anwenden, wenn wir bei
diesem Bilde blieben, so konnte man sich nichts anderes
vorstellen, als daft der Mensch sich von unten hinauf entwik-
kelt hat, dafi er nur einen kleinen Ruck gemacht hat und
vorher nichts anderes war als ein tierisches Wesen hoherer
Art.
Es kam nun das, was wir den Darwinismus nennen, der
sagt, dafi alles, was auf der Erde lebt, miteinander verwandt
ist, dafi Vollkommenes aus Unvollkommenem sich entwik-
kelt und dafi diese Entwickelung auf gewissen Gesetzen
beruht, welche sich innerhalb des sinnlichen Daseins ausle-
ben. Das Schlagwort vom «Kampf urns Dasein» kam auf.
Man sagte sich, jedes Tier und jede Pflanze ist veranderlich.
Sie konnen sich in dieser oder jener Weise entwickeln, je
nachdem die Wesen den aufieren Lebensbedingungen ange-
pafit oder nicht angepafit sind. Diejenigen Wesen werden
sich am besten entf alten und erhalten, welche am besten den
Lebensbedingungen angepafit sind. Man konnte aber nicht
feststellen, warum die Lebensbedingungen bei dem einen
besser sind als bei dem anderen. Man war auf den Zufall
angewiesen. Das Wesen, das zufallig das bessere war, hatte
das Fortleben, das weniger gut entwickelte ging zugrunde in
dem Kampf aller gegen alle.
So haben wir ein astronomisches Bild, und ein Bild, das
uns die Wissenschaft von dem Leben entworfen hat. Aber
der Mensch fehlt in demselben und vor allem fehlt das, was
man vorher die gottliche Bestimmung nannte. Es fehlt das,
was man den gottlichen Ursprung und das gottliche Ziel
nennt. Bezeichnend ist das Wort, welches ein grofier Natur-
forscher, der am meisten beigetragen hat zu dem Entwurfe
eines grofien Weltgebaudes, einmal aussprach: Als Laplace
Napoleon I. gegemiber stand und ihm das Bild von Sonne
und Planeten auseinandersetzte, da sagte Napoleon: Aber in
einem solchen Weltbilde finde ich nichts von einem Gott. ~
Darauf erwiderte Laplace: Ich habe eine solche Hypothese
nicht notig. - Das astronomische Weltbild hatte die Hypo-
these eines geistig schaffenden Wesens, eines Gottes nicht
notig. Und ebenso verhalten sich die anderen Wissenschaf-
ten. 1st in ihrem Lebensbild etwas enthalten von geistig-
schaffenden Kraften? Nirgends ist so etwas in dem Bilde
enthalten, das die Wissenschaft entworfen hat und mit Recht
entworfen hat. Suchen wir dafiir eine Erklarung, so finden
wir, daft der Mensch mit seinen geistigen Eigenschaften eine
Art von Waisenkind ist. Die Wissenschaft hat zwar begei-
sterte Worte gefunden, wie wunderbar die Krafte sind, die
die Sterne lenken, wie wunderbar die Krafte sind, die das
Leben bis zum Menschen entwickelt haben. Wir sehen aber,
dafi die Wissenschaft in dem ganz erhabenen Bilde nichts
mehr hat von den Vorstellungen, die den Menschen so viele
Jahrhunderte hindurch so wertvoll waren. Und von wem
hatte der Mensch die Beantwortung der Fragen: Woher
komme ich? - Wohin gehe ich? - verlangen konnen, wenn
nicht von der Wissenschaft? Immer ist die Beantwortung
dieser Fragen aus der Wissenschaft gegeben worden.
Gehen Sie in die ersten Jahrhunderte des Christentums
zuriick, nehmen Sie Origenes und die anderen ersten Kir-
chenlehrer: Da werden Sie finden, dafi bei denen nicht blofi
Glaube, nicht blofi Ahnen und Meinen gait, sondern dafi das
Manner waren, welche die ganze Bildung ihrer Zeit innehat-
ten, Manner, welche das Weltliche weltlich beantworteten,
aber zu gleicher Zeit auch hinaufzusteigen vermochten zum
Geistigen; welche das Geistige im Einklang mit der Wissen-
schaft ihrer Zeit beantworteten. Den Zwiespalt zwischen
Wissenschaft und Glauben kennt erst das letzte Jahrhundert.
Gelost mufi dieser Zwiespalt aber werden. Der Mensch kann
ihn nicht ertragen: Glauben auf der einen, Wissen auf der
anderen Seite.
Die, welche keinen anderen Ausweg f anden, als gegen den
alten Glauben einen neuen wissenschaftlichen Glauben zu
stellen, waren trotzdem bedeutende Manner. Nicht unwis-
senschaftlich, nicht unreligios konnen wir diese Menschen
nennen, die gesagt haben: Die religiosen Ideen widerspre-
chen unserem Wissen, und deshalb miissen wir einen neuen
Glauben haben. - Da sehen wir das sich entwickeln, was wir
den wissenschaftlichen Materialismus nennen konnen, der
den Menschen betrachtet als ein hoher geartetes Tier, als ein
Glied der physisch-natiirlichen Schopfung, als ein kleines
unbedeutendes Wesen, als ein Staubkorn. Dieses Wesen
haben Sie vor sich in dem, was die Freidenker und diejenigen
ausgebildet haben, die in dem Sinne die verschiedenen Welt-
ratsel zu losen versuchen, wie Sie das in dem aufsehenerre-
genden Buche von Haeckel iiber die Lebenswunder sehen
konnen. Da sehen Sie ein aus der Wissenschaft herausgebo-
renes Bild, das nicht imstande ist, den Einklang herzustellen
mit den Anschauungen der friiheren Jahrhunderte.
Das war die Lage am Ende des 19. Jahrhunderts, das war
das einzige, was das 19. Jahrhundert als Vermachtnis an das
20. Jahrhundert hatte geben konnen, wenn nicht ein anderer
Einschlag gekommen ware. Dieser Einschlag hat sich vorbe-
reitet und ist dann in der theosophischen Bewegung als
Frucht zur Welt gekommen. Vorbereitet hat sich dasjenige,
was wir in der theosophischen Bewegung als das eigentliche
Wesentliche erkennen, dadurch, dafi man auf der einen Seite
die wahre physische Gestalt des Weltengebaudes und der
Lebensentwickelung kennenlernte, da man nicht ausreichte
mit den alten Glaubensvorstellungen, und vorbereitet auf
der anderen Seite dadurch, dafi man die geistige Entwicke-
lung selbst einem Studium unterwarf, also nicht allein die
Lebensentwickelung einem Studium unterwarf, sondern
auch die geistige Entwickelung selbst. So wie man die Krafte
untersuchte, aus denen sich Lebewesen und lebendige
Wesen entwickelten, so untersuchte man auch die geistigen
Krafte, die geistigen Inhalte der Menschheit, wie wir sie im
Laufe der geschichtlichen und auch vorgeschichtlichen Ent-
wickelung beobachten. Man ging nicht nur auf das zuriick,
was sich vor den sinnlichen Augen abgespielt hat, sondern
auch auf das, was die Menschen geglaubt haben. Das war
klar, dafi die moderne Wissenschaft etwas radikal Verschie-
denes war von dem, was die alten Glaubensbekenntnisse
hatten. Erst unsere Zeit der Untersuchungen machte dem
Menschen die geistige Entwickelung der Menschheit klar.
Uralte Glaubensvorstellungen untersuchte man nach ihrer
wahren Gestalt und ihrem Gehalt, und da fand man etwas
ganz Besonderes. Durch die Entzifferung der Urkunden der
Agypter, Perser, Inder, Babylonier, Assyrer wurde es uns
moglich, in diese uralten Menschheitsvorstellungen einzu-
dringen. Und so wie die Wissenschaft auf der einen Seite
Licht in die Naturwissenschaft gebracht hat, so brachte jetzt
die Wissenschaft Licht in das, was die Glaubensvorstellun-
gen der Alten waren. Da sah man, dafi etwas darin enthalten
ist, woran man zwar in unserem Zeitalter und bei unserem
freigeistigen Wesen nur wenig gedacht hat.
Man hatte geglaubt, dafi die Menschheit ausgegangen sei
von der Unwissenheit, von gewissen mythologischen Vor-
stellungen, von Phantasievorstellungen, von dichterischen
Vorstellungen, die man sich gebildet hatte iiber Gott und
Seele in unvollkommener, primitiver Art und Weise. So
ungefahr dachte man es sich, hatte sich die Menschheit
entwickelt, vom Unvollkommenen zu dem herrlich Voll-
kommenen unserer Zeit. Aber man kannte die Vorstellungen
der Alten nicht, und als man sie kennenlernte, da erweckten
sie Erstaunen und Bewunderung, nicht nur bei dem religio-
sen Menschen, sondern auch bei den Forschern. Diese
Bewunderung ist immer wieder und wieder ausgesprochen
worden, je mehr sie untersucht wurden. Je weiter wir
zuriickgehen in das Leben der alten Agypter, in das Leben
der alten indischen, babylonischen und assyrischen, ja selbst
chinesischen Geisteswelt, desto mehr sehen wir, daft da so
erhabene Weltvorstellungen vorhanden sind, wie sie nur ein
menschlicher Gedanke fassen und ein menschliches Herz
fiihlen kann. Da sehen wir Menschen, welche tief hineinge-
schaut haben, zwar nicht in das Auftere, das uns heute die
Naturwissenschaft erklart, aber in das innere Geistige. Kon-
fuzius hat tiefe Sittenlehren gegeben und Gebote liber das
gesellschaftliche Zusammenleben geschaffen. Vergleichen
Sie selbst, was in der gegenwartigen Zeit Philosophen an
Sittenlehren hervorgebracht haben, vergleichen Sie Herbert
Spencer oder die Sittenlehre des Darwinismus, vergleichen
Sie die modernen Sittenlehren mit denen des Agyptertums,
mit den Vorstellungen iiber die Sitten des Laotse, des Konfu-
zius, des Zaratbustra, da miissen Sie sich sagen, daft die
neuen Vorstellungen zwar unserer Zeit angemessen sind,
daft wir aber bewundernd aufblicken zu den erhabenen
Sittenlehren der Alten, die sich mit dem, was wir als Wissen-
schaft haben, nicht ermessen lassen. Max Miiller sagt iiber
die tibetanische Sittenlehre: Mag dieses Volk noch so weit
von den sogenannten Kulturen unserer Zeit entfernt sein,
vor der erhabenen Moral Tibets beuge ich in Ehrf urcht mein
Haupt! - So ungefahr sprach der Orientalist und objektive
Wissenschafter Max Miiller. Nimmermehr war er imstande,
daran zu glauben, daft die Menschheit von der Unwissenheit
ausgegangen sei. Seine Forschungen fuhrten ihm vielmehr das
Resultat zu, das sich in die Worte zusammenfassen laftt, daft
zwar diese Weisheit nicht mit dem Verstande, nicht mit den
Sinnen erf aft t werden kann, daft aber die Menschheit von einer
solchen Weisheit ausgegangen seinmuft. Allmahlichlernteder
Forscher dann davon sprechen, was «Uroffenbarung», was
«Urweisheit» ist. Das war das eine, die positive Seite.
Die andere Seite war diejenige, welche sich die Kritik, die
Untersuchung dieser Glaubensvorstellungen zur Aufgabe
machte. Und da zeigte es sich dann, dafl die wichtigsten
Urkunden, die wichtigsten Dokumente der wissenschaftli-
chen Kritik nicht standhielten, wenn man sie so nimmt, wie
man seit Jahrhunderten diese Dokumente zu nehmen
gewohnt war. Ich will von allem iibrigen absehen, auch nicht
auf eine Kritik des Alten Testamentes eingehen, sondern nur
mit ein paar Worten hindeuten auf das, was diese Kritik in
bezug auf die Evangelien geleistet hat. In bezug auf die
Evangelien, in denen man noch vor hundert Jahren mit ganz
anderen Augen gelesen hatte, wurde nun von der geschicht-
lichen Kritik gefragt: Warm sind sie entstanden, und wie
sind sie entstanden? - Und die Wissenschaft hat von der
alten Autoritat, welche die Evangelien besessen haben, Stuck
um Stuck wegnehmen miissen. Sie hat gezeigt, dafi sie viel
spater entstanden sind, als man geglaubt hatte; sie hat zeigen
miissen, dafi sie menschliches Werk sind und nicht den
Anspruch machen konnen auf die Autoritat, die man ihnen
zugeschrieben hat.
Nehmen wir diese drei Dinge zusammen: Auf der einen
Seite die fortschreitende Naturwissenschaft, auf der anderen
Seite die Erkenntnis von dem wunderbaren Inhalt aller
Glaubensvorstellungen des Altertums und zu gleicher Zeit
die Kritik, welche unerbittlich Hand angelegt hat an das, was
man friiher iiber die Geschichte der religiosen Dokumente
gedacht hat. Das brachte den Menschen in ein Fahrwasser,
dafi er unsicher wurde und sein Schiff kaum in der alten
Weise vorwartsbringen konnte. Derjenige, der die Wissen-
schaft von alien Seiten zu Rate ziehen wollte, wurde am
Geiste irre. So war das Erkennen der Menschen am Ende des
19. Jahrhunderts beschaffen.
Da kam die theosophische Bewegung, gerade in der
Absicht, denjenigen etwas zu geben, welche in dieser Unsi-
cherheit waren, denjenigen eine neue Botschaft zu bringen,
welche ihre neuen Erkenntnisse mit dem alten Glauben nicht
in Einklang bringen konnten. Ihnen sollte Antwort gegeben
werden auf die Frage, warum dieses Evangelium einen so
tiefen Gehalt hat, und warum es in einer so gottlich-erhabe-
nen Weise seine Sittenlehre zu den Menschen sprechen lafit.
Viel verkannt wurde gerade diese theosophische Bewe-
gung deshalb, weil sie eine Sprache fiihrt, welche gerade in
dem letzten Jahrhundert sich entwickelt hat. In der ersten
Zeit, in der die theosophische Bewegung in die Welt trat,
wurde es der Welt sehr schwer, sie zu verstehen. Was gab
aber die theosophische Bewegung der Menschheit? Um nur
einiges zu bemerken, sei erwahnt: Aus gewissen Studien
heraus erschien ein Buch, «Esoterischer Buddhismus» von
Sinnett, dann ein weiteres Buch, welches «Entschleierte Isis»
hieft und Helena Petrowna Blavatsky als Autor hatte. Ferner
erschien ein zweibandiges Werk, die «Geheimlehre» von H.
P. Blavatsky. Das waren Biicher, welche ein ganz anderes
Weltbild entwarfen, als die Wissenschaft es bisher getan
hatte, auch ein anderes Weltbild entwarfen, als die Weltbil-
der der Religionen waren. Und dieses Weltbild hatte eine
Eigentumlichkeit. Gerade der wissenschaftliche Mensch, der
mit gutem Willen an diese Werke herantrat, der nicht hoch-
miitig, von vornherein absprechend und kritisierend diese
Werke in die Hand nahm, der fand, dafi ihm hier etwas
gegeben wurde, was seinen Bedurfnissen geniigen konnte.
Und nicht wenige waren es, welche gleich nach dem Erschei-
nen der Bucher sie mit grofiem Interesse aufnahmen. Men-
schen waren es, welche wissenschaftlich zu denken verstan-
den, aber im Laufe der Zeit irre geworden waren gerade an
den wissenschaftlichen Fortschritten, gerade an dem, was die
Wissenschaft hat bieten konnen. Diese sahen jetzt in den
neuen Werken «Esoterischer Buddhismus», «Entschleierte
Isis», «Geheimlehre», etwas, was ihre tiefsten Herzensbe-
diirfnisse, ihre tiefsten Erkenntnisbediirfnisse und ihr wis-
senschaftliches Gewissen befriedigte. Woher ist diese
Erscheinung gekommen und wer waren die wenigen, welche
eine solche Befriedigung an den neuen theosophischen Wer-
ken empfanden? Wenn wir diese wenigen verstehen wollen,
dann mussen wir den weiteren Fortgang der wissenschaftli-
chen Entwickelung etwas naher uns ansehen.
Die Wissenschaft hatte ein astronomisches Weltbild ent-
worfen, ein Bild von dem Leben auf der Erde bis zum
Begreifen des physischen Menschen. Zu gleicher Zeit hatte
sie die Methode ausgearbeitet, mit all den wunderbaren
Werkzeugen, welche die neuere Zeit geschaffen hat, das
Physische zu erforschen. Sie hat nicht nur mit dem Mikro-
skop die kleinsten Lebewesen erforscht, nein, diese Wissen-
schaft hat mehr getan. Sie hat es fertiggebracht, den Planeten
Neptun, lange bevor er gesehen wurde, auszurechnen! Die
Wissenschaft ist heute auch imstande, Weltkorper zu photo-
graphieren, die wir nicht sehen konnen. Sie kann mit Hilfe
der Spektralanalyse ein Schema des Zustandes der Himmels-
korper geben, und sie hat in ungemein interessanter Weise
gezeigt, wie die Weltkorper durch den Raum eilen mit einer
Geschwindigkeit, von der wir vorher keine Ahnung hatten.
Wenn die Weltkorper sich an uns vorbeibewegen, konnen
wir die Bewegung sehen. Wenn sie sich aber von uns weg
oder zu uns herbewegen, dann erscheinen sie ruhend. Die
Wissenschaft hat es dazu gebracht, auch die Bewegung
dieser Himmelskorper mit einer besonders interessanten
Methode zu messen. Dies ist ein Beweis dafur, wohin uns
diese Erkenntnis fuhren kann. Wir sind dadurch auch in die
Lage versetzt, die physische Natur Snick fur Stuck naher zu
studieren. Da hat sich etwas ergeben, was fur den menschli-
chen Geist wichtiger noch ist als das, was er friiher als neue
Wissenschaft an die Stelle der alten gesetzt hatte.
In den letzten Jahren ist die Wissenschaft wieder an ihren
eigenen Voraussetzungen irre geworden. Gerade dadurch,
daft sie so vollkommen geworden ist, hat sie sich selbst
iiberwunden, hat sie in einer gewissen Weise ihr eigenes
Fundament untergraben. Sie sagte, der Kampf urns Dasein
habe die Vollkommenheit der Lebewesen bewirkt. Nun
wohl, die Naturforscher haben die Dinge untersucht, und
gerade weil sie sie untersucht haben, hat es sich gezeigt, daft
alle die Vorstellungen, welche sie sich gemacht hatten dar-
iiber, nicht haltbar sind. Jetzt spricht man von einer «Ohn-
macht des Kampf es urns Dasein». So hat die Naturwissen-
schaft mit ihren eigenen Methoden ihr Erkenntnisfundament
untergraben. Und so ging es Snick fur Snick weiter. Und als
in den letzten Jahrzehnten der Mensch immer mehr auf-
merksam darauf wurde, wie er sich selbst auf unserer Erde
entwickelt hat, kam man am Ende zu der Vorstellung, daft
der Mensch sich aus den hoherstehenden Tieren herausent-
wickelt habe. So kam es, daft vorsichtige und zu gleicher Zeit
einsichtigere Naturforscher in den letzten Jahrzehnten dazu
gekommen sind, von der Unmoglichkeit zu sprechen, die
geistige Welt, die hinter unserer Sinneswelt sein muft, mit
den naturwissenschaftlichen Mitteln zu begreifen. Den
ersten Anstoft gab die beriihmte Rede von Du Bois-Rey-
mond in Leipzig, in der er zum Ausdruck brachte, daft die
Naturwissenschaft nicht imstande sei, die wichtigsten Welt-
ratsel zu losen und darauf beziigliche Fragen zu beantwor-
ten. Die Wissenschaft hore da auf, wo das Fragen nach dem
Ursprung des Stoffes und nach dem Ursprung des Bewuftt-
seins beginne. Wir werden mit naturwissenschaftlichen Mit-
teln da nichts wissen konnen: «Ignorabimus». Ostwald, ein
guter Schiiler Haeckels, der schon auf dem Naturforscher-
kongrefi in Lubeck von der Oberwindung des wissenschaft-
lichen Materialismus sprach, hat in einem Vortrage bei der
letzten Naturforscherversammlung offen ausgesprochen,
dafi die Methoden, mit denen man hinter die Weltratsel
kommen wollte, als mifigliickt anzusehen seien. «Naturfor-
schung und Weltanschauung* ist der Titel des herausgekom-
menen Buches. Gerade die Naturwissenschaft ist es, die uber
sich hinaus will. Sie will iiber sich hinausgehen und das
Weltbild in einem hoheren Lichte sehen.
So wie diese Naturforscher heute vor der ganzen objekti-
ven Forschung stehen, so standen die wenigen schon beim
Beginn der theosophischen Bewegung. Das war ihnen klar:
Was die Naturwissenschaft sagt, ist etwas Unzerstorbares,
ist etwas, worauf wir bauen rmissen. Aber zu gleicher Zeit
war ihnen auch klar, dafi diese Naturwissenschaft selbst zu
einer Entwickelungsetappe fiihren mufi, wo sie mit ihren
Mitteln keine Antwort auf die hoheren Fragen mehr geben
kann. Diese Antwort fanden sie aber in den genannten
theosophischen Schriften. Sie fanden sie darin, nicht durch
das Bekenntnis, sondern durch die Art und Weise des Den-
kens und Fiihlens, die sich in der theosophischen Bewegung
ausspricht. Das ist die Bedeutung der theosophischen Bewe-
gung fur die heutigen Menschen, dafi sie diejenigen voll
befriedigen kann, welche den Einklang suchen zwischen
Wissen und Glauben in der Wissenschaft, welche nicht im
Kampf gegen die Wissenschaft, sondern mit der Wissen-
schaft sich in die Zukunft hineinleben wollen.
Man glaubte noch vor wenigen Jahren, dafi die Wissen-
schaft mit den alten Glaubensvorstellungen im Widerspruch
stande. Von einem neuen Glauben sprach man im Gegensatz
zum alten Glauben. Die theosophische Bewegung hat uns
gelehrt, dafi zwar die alten Zeiten sich anders ausgesprochen
haben als die moderne Wissenschaft, dafS aber das, was die
Alten iiber die geistigen Krafte gelehrt haben, iiber das, was
nicht mit Augen zu sehen, nicht mit Ohren zu horen ist, fur
uns etwas ist, was das Glaubensbediirfnis ebenso wie das
modernste Wissenschaftsbedurfnis befriedigen kann. Aller-
dings mufi man mit voller Vorurteilslosigkeit, mit gutem
Willen und unbefangen sich in die alten Vorstellungen ver-
tiefen; man muft wirklich den Glauben hegen, daft je weiter
man in sie eindringt, man auch immer mehr und mehr daraus
gewinnen kann.
Dann stellt sich etwas ein. Die Naturwissenschaft hat uns
im Laufe des 19. Jahrhunderts noch etwas anderes gelehrt.
Sie hat uns mit der Einrichtung unserer eigenen Sinnesor-
gane bekannt gemacht. Sie hat uns gezeigt, wie die Augen
eingerichtet sein miissen, damit sie Licht und Farben sehen;
sie hat uns gezeigt, daft das Auge ein physikahscher Apparat
ist, der das, was drauften um uns herum vorgeht, umsetzt in
die farbige Welt, die wir vor uns haben. Man hat gesagt, daft
es von der Natur des Auges abhangt, wie auch von der Welt
selbst. Denken Sie sich, die Welt ware von nicht sehenden
Wesenheiten bewohnt. Dann ware die Welt ohne Farben!
Die Sinneslehre hat das 19. Jahrhundert nach alien Seiten hin
ausgebildet. Werden wir uns klar daruber, daft die Welt
finster und stumm um uns ware, wenn unsere Augen und
unsere Ohren nicht waren. Waren unsere Sinne nicht, die
Welt, welche wir nicht sehen und nicht horen, ware in ihren
Ursachen nicht da, die durch die Sinne auf uns wirken. Es
konnen nicht Wirkungen da sein fur einen Menschen, dem
die Organe unter gewohnlichen Umstanden fehlen. Oder
konnen nicht doch Wirkungen da sein fur einen Menschen,
dem die Organe unter gewohnlichen Umstanden fehlen?
Das war die Frage, die von der Naturwissenschaft selbst
gestellt werden muftte! Diese Frage ist echt naturwissen-
schaftlich.
Auch auf diesem Felde brachte die theosophische Bewe-
gung Werke von grundlegender Bedeutung hervor. Nicht
blofi lieferte sie ein Weltbild, sondern sie brachte auch
Werke hervor, welche Anleitung gaben zur Bildung von
hoheren Organen, zur Bildung von hoheren Fahigkeiten.
Bildet der Mensch dann diese hoheren Fahigkeiten in sich
aus, dann steht er der Welt in einer neuen Weise gegenuber.
Versetzen Sie sich einen Augenblick in eine dunkle Welt, in
der ein helles Licht ist, und denken Sie sich, dafi Sie ein Auge
aufschlossen: Mit einem Schlage erfiillt sich die Welt mit
einer neuen Eigenschaft! Die Welt war friiher auch da, als sie
dunkel war und Sie kein Licht sahen. Jetzt aber konnen Sie
sie wahrnehmen. Konnten Sie sich hohere Organe aufschlie-
ften, dann konnten Sie erleben, dafi noch hohere Welten da
sind, wirksam sind, weil Sie sie jetzt wahrnehmen konnen.
« Licht auf den Weg» ist ein solches Werk, das ebenfalls
durch die theosophische Bewegung hervorgebracht worden
ist. Es ist eine Anleitung dazu, wie der Mensch sich geistige
Augen und geistige Ohren heranbilden kann, um geistig zu
sehen und geistig zu horen. So tritt die theosophische Bewe-
gung mit dem Anspruch auf, in einer ganz neuen Weise die
Weltratsel zu losen. Nicht nur dadurch, dafi sie dem Men-
schen die Fahigkeiten, die er schon hat, erschliefk, sondern
auch dadurch, dafi sie die, welche in ihm schlummern,
erweckt. Dadurch, dafi wir uns in dieser Weise vervoll-
kommnen, wie dies seit Urzeiten geschehen ist, dadurch
dringen wir erst in die Geheimnisse der Welten ein und der
Welten, die rings um uns sind. Dadurch erschliefit sich uns
das Leben, das den aufleren Sinnesorganen verborgen bleibt.
Die Naturwissenschaft konnte noch so weit dringen, sie
konnte ihr Herrlichstes hervorbringen, sie miifite doch
zugeben, dafi aufierdem noch etwas vorhanden ist, was sie
nicht erfassen kann. Das aber konnte die Wissenschaft die
Menschheit lehren durch die Methoden, die die Theosophie
ihr in die Hand gegeben hat. Weil die Menschheit zwar
durch die Wissenschaft die Welt in ihren Weiten, aber
niemals in ihren Tiefen erforschen konnte, daher tritt der
neueren Wissenschaft die Theosophie an die Seite. Erweitert
hat sich diese Wissenschaft, vertief en aber soil die theosophi-
sche Weltbewegung diese Wissenschaft.
Jetzt wurde es klar und verstandlich, warum der Mensch
bewundernd stehen mufi, auch als Gelehrter, vor den alten
Religionsbekenntnissen. Es wurde klar, dafi von jeher voll-
kommene neben unvollkommenen Wesen auf der Welt
gelebt haben. Jetzt wurde es auch klar, warum der Offenba-
rungsbegriff wissenschaftlich zerstort wurde und auf der
anderen Seite dem Menschen in einem schoneren Lichte
wiedergegeben wurde. Klar wurde es auch, dafi die Evange-
lien und andere alte Glaubensausdriicke nicht aus Unweis-
heit, sondern aus Weisheit hervorgegangen sind, daiS sie aus
Kraften hervorgegangen sind, die in jeder Menschenbrust
ruhen und die damals schon in einzelnen entwickelt waren
und offenbar machten jene Welt, welche uns die Bestim-
mung der Seele und die Ewigkeit des Menschenlebens zeigt.
Was durch solche Geistesaugen erkannt worden war, das ist
uns in den religiosen Urkunden aufbewahrt. Dasjenige, was
man nicht finden kann, wenn man den Blick hinausrichtet in
die Welt, das steht wirklich in diesen religiosen Urkunden.
Und jetzt begreifen wir, warum die Antwort von Laplace
so lauten mufite, wie sie gelautet hat. Was hatte Laplace
beobachtet? Die aufiere Sinneswelt! Nicht mehr hatte er
verstanden die geistige Welt, in welche die Erde eingebettet
ist. Er hatte daher recht mit seiner Antwort, dafi er mit
seinen Instrumenten das Gottliche in der Welt nicht habe
finden konnen. Man hatte friiher gelehrt, die geistigen Sinne
zu gebrauchen, um die geistige Welt zu beobachten. Das,
was in den naturwissenschaftlichen Urkunden steht, das war
nicht aus den Sternen geholt. Aber das, was in den biblischen
Urkunden geschrieben steht, das war von denjenigen, wel-
che mit Geistesaugen geschaut haben. Die braucht man, die
Geistesaugen, um in die geistige Welt hineinzuschauen, so
wie man mit den Sinnen in die Sinnenwelt hineinschaut.
Mochte man irre werden an der Wissenschaft - eine
sichere Stiitze war nun gewonnen. Jetzt sah man die grofien
geistigen Zusammenhange, die ebenso klar vor der Seele des
Menschen liegen, wenn der Mensch nur sucht, die Wege
dahin zu finden. Und die Wege, welche dahin gehen, sucht
die theosophische Bewegung der Menschheit zu vermitteln.
Nun wird man vor alien Dingen verstehen, was diese
theosophische Bewegung will, und warum sie zunachst so
mifiverstanden worden ist. Miftverstanden mufite sie wer-
den. Das hangt mit der Zeitentwickelung zusammen. Lassen
Sie mich den tiefsten Grund des Mifiverstandnisses in der
neuesten Wissenschaft beriihren. Der «Kampf urns Dasein»
habe die Menschen auf eine hohe Entwickelungsstufe
gebracht, so glaubten die Menschen. Aber eigentumlich
ist es, daft diese Weltanschauung schon im Anfange des
19. Jahrhunderts aufgetreten ist als Lamarckismus. Nichts
wesentlich Neues lehrte Darwin. Aber erst seit Darwin hat
diese Anschauung eine weitere Verbreitung gefunden. Das
hangt mit den Lebensverhaltnissen des 19. Jahrhunderts
zusammen. Das Leben war anders geworden. Das soziale
Leben war selbst ein Kampf urns Dasein geworden. Als die
Darwinsche Lehre allgemeine Verbreitung fand, da war der
« Kampf urns Dasein» Realitat, und er ist es noch heute. Er
war es damals bei der Ausrottung der Volkerstamme in
Amerika und auch bei denen, die bemiiht sind, aufieren
Wohlstand zu erreichen: Niemand dachte etwas anderes, als
wie das «Wohl» am besten zu erreichen sei. «Wenn die Rose
selbst sich schmiickt, so schmiickt sie auch den Garten » -
durch die Zufriedenheit jedes einzelnen sollte auch die
Zufriedenheit aller erreicht werden.
Dann kam man zu der merkwiirdigen Lehre des Malthus,
zu dem Malthusianismus, zu jener Lehre, welche sagt, dafi
die Menschheit sich viel rascher entwickelt als die fur sie
notigen Lebensmittel, so dafi es allmahlich zu einem solchen
Kampf urns Dasein im Menschenreich selbst kommen muft.
Man hat geglaubt, dafi der Kampf notwendig sein wird, weil
die Nahrungsmittel nicht ausreichen. Man mochte es als
traurig ansehen, da£ es so sei, aber man glaubte, dafi es so
sein musse. Fiir Darwin war der Malthusianismus der Aus-
gangspunkt zu seiner Lehre. Weil man glaubte, dafi der
Mensch einen Kampf urns Dasein kampfen musse, deshalb
glaubte er, da£ der Kampf auch in der ganzen Natur so sein
musse. Hinausgetragen hat der Mensch seinen sozialen
Kampf urns Dasein in die Lebenswelt, in die Himmelswelt.
Man hatte sich viel damit zugute getan, als man sich sagte,
der neue Mensch sei bescheiden geworden. Er soli nichts
mehr sein als ein kleines Wesen auf dem Staubkorn Erde,
wahrend er fruher nach Erlosung strebte. Der Mensch ist
aber nicht bescheiden geworden! Indem man das, was als
sozialer Kampf in der Menschheit vorhanden ist, in die Welt
hinausprojizierte, hat man die Welt zum Abbild des Men-
schen gemacht. Hat der Mensch fruher seine Seele betrach-
tet, sie von alien Seiten durchforscht, urn von hier aus die
Weltseele zu erkennen, so hat er jetzt die physische Welt
erforscht und sie sich so vorgestellt, dafi er in ihr ein Bild der
Menschheit mit ihrem Kampf urns Dasein sieht. Wollte die
theosophische Bewegung etwas erreichen, dann mufke sie
diese Tatsache erfassen. Wenn der Mensch wirklich in sich
das Gottliche wiederentdeckt, so dafi er Gott in seinem
Inneren findet, dann kann er sich sagen: Der Gott, der in
meinem Inneren wirkt, ist der Weltengott, ist derjenige,
welcher wirkt in mir und aufier mir; ich erkenne ihn und
darf die Welt so vorstellen, wie ich selber bin, weil ich weifi,
dafi ich sie gottlich vorstelle, weil ich weifi, wie diese neue
Erkenntnis aus neuen Seelentief en und neuen Herzensgefiih-
len heraus zu gewinnen ist.
So konnte man auch die verschiedenen Religionssysteme
mit ihren tiefen Wahrheiten erforschen. Die Religionsfor-
scher wie Max Miiller und seine grofien Kollegen haben
diese Religionswissenschaft angebahnt, und die Theosophie
mufite sie fortsetzen. Der Mensch soil mit geistigen Augen
sehen und mit geistigen Ohren horen, was kein physisches
Auge sehen und kein physisches Ohr horen kann. Das hatte
die theosophische Bewegung angebahnt. Unmoglich ware es
gewesen, in dies en zwei Punkten wirklich etwas zu errei-
chen, wenn nicht in den Mittelpunkt dieser ganzen Bewe-
gung eines geschoben worden ware, welches geeignet ist,
wirklich die neuen Erkenntnisse, die neue Wissenschaft und
den neuen Glauben aus der Menschenseele heraus zu geba-
ren: Hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Mensch
geglaubt, nur durch Kampf zur Vollkommenheit vorzudrin-
gen und dadurch den Kampf zum grofien Weltgesetz
gemacht, so muftte er jetzt lernen, das in seiner Seele aus-
zubilden, was das Gegenteil des Kampf es ist: die Liebe,
welche das Gliick und das Wohlergehen des einzelnen nicht
trennen kann von dem Gliick und dem Wohlergehen des
anderen; welche in dem anderen nicht denjenigen sieht,
auf dessen Kosten man vorwartskommen kann, sondern
denjenigen, dem man helfen raufi, Wird die Liebe in der
Seele geboren, dann wird der Mensch auch in der Aufienwelt
die schaff ende Liebe sehen konnen. Wie der Mensch sich im
19. Jahrhundert eine Naturanschauung schuf, die von seiner
Vorstellung des Kampfes ausging, so wird er eine Welt-
anschauung der Liebe schaffen, weil er entwickeln wird den
Keim der Liebe.
Ein Spiegelbild dessen, was in der Seele Liebe hat, wird
das neue Weltbild wieder sein. Das Gottliche mag der
Mensch sich wieder vorstellen, wie er seine eigene Seele
findet - aber Liebe soil in dieser Seele leben. Dann wird er
erkennen, daft nicht Kampf die Eigenschaft des in der Welt
schaffenden Kraftsystems ist, sondern dafi Liebe die Urkraft
der Welt ist. Will der Mensch den Liebe schaffenden und
Liebe ausstromenden Gott erkennen, dann muE er seine
Seele selbst zur Liebe heranbilden. Das ist der wichtigste
Grundsatz, den die theosophische Bewegung zu dem ihrigen
gemacht hat: Den Kern einer allgemeinen Menschenverbrii-
derung zu bilden, welche auf Menschenliebe gebaut ist.
Dadurch wird die theosophische Bewegung die Menschen in
umfassender Weise zubereiten zu einer Weltanschauung, in
der nicht der Kampf, sondern die Liebe schafft und bildet.
Der sehende Menschengeist wird die s chaff ende Liebe sich
entgegenstromen sehen. Das In-sich-die-Liebe-Heranbilden
wird zu der Erkenntnis fiihren, dafi die Liebe die Welt
geschaffen hat. Und der Goethesche Gedanke wird erfiillt
sein:
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von alien Wesen,
Die wir kennen.
Dieses Vermachtnis des grofien Dichters bildet den Antrieb
unserer theosophischen Bewegung. Der moderne Mensch
sollte den bedeutsamsten Faktor in der fortschrittlichen
Entwickelung durch die theosophische Bewegung in sich
selbst ausbilden. Das Zusammenwirken im sozialen Leben
sollte er anstreben. Dadurch wiirde es ihm moglich, f ortzu-
schreiten in der Weisheit und in weisheitserfiillter Kraft -
auch in den geistigen Welten. Dann wird der Mensch mehr
und mehr wieder erkennen, was sein Ewiges und was seine
ewige Bestimmung ist. Er wird wissen, wie er selbst schafft
und arbeitet an dem «sausenden Webstuhl der Zeit», als ein
Glied in einer geistigen, nicht blofi sinnlichen Weltenkette.
Er wird wissen, dafi er die alltagliche Arbeit verrichtet und
dafi diese sich nicht in sich selbst erschopft, sondern ein
kleines Kettenglied ist in einem grofien Menschheitsfort-
schritt. Er wird wissen, dafi jeder Mensch ein Keim ist, der
zu seinem Bliihen und Gedeihen eine Kraft braucht, die den
Keim herausdrangt und -treibt aus der finsteren Erde. Das
was die Seele schafft, mufS herausgeholt werden aus dem
geistigen Erdreich, wie der Pflanzenkeim aus dem physi-
schen Erdreich herausgeholt werden muft. Und wie der
physische Keim herausgeholt wird von der Sonne zur Sonne,
so wird die bliihende und gedeihende Menschenpflanze
herausgeholt werden durch eine geistige Sonnenkraft, durch
jene geistige Sonnenkraft, welche die Theosophie den Men-
schen lehren und vermitteln wird. Sie wird ihn hinfiihren zu
der herrlichen und gewaltigen Geistessonne, die man aus-
sprechen kann, aber nicht blofi auszusprechen, sondern zu
erkennen und zu durchschauen notig hat: Das ist die Gei-
stessonne, die draufien lebt in der geistigen Welt, die aber
auch im Inneren des Menschen lebt.
Als ersten Grundsatz hat die theosophische Bewegung,
dafi diejenigen, welche sich zusammenschliefien zu dieser
Gesellschaft, in sich entwickeln das Anschauungsvermogen
fur diese geistige Sonne, die im Inneren des Menschen und in
der grofien geistigen Aufienwelt lebt, die die treibende Kraft
im Geistigen ist und wirklich eine Kraft, wie alle anderen
physischen Krafte, nur eine hdhere - und das ist die Kraft
der schaffenden Liebe. Eine neue gottliche Erkenntnis wird
herauf gefiihrt werden. Dann wird der Mensch in der Aufien-
welt die schaffende Liebe erkennen, wenn der Mensch diese
Liebe in sich immer grofier und grofier werden lafk. Dann
wird die Theosophie nicht nur Erkenntnis se liefern, sondern
auch die geistige Zukunft herbeifuhren durch die wachsende
und gedeihende Liebe.
DIE MENSCHLICHE WESENHEIT
Berlin, 13. Oktober 1904
Die Vortrage iiber die Grundbegriffe der Theosophie sollen
in aller Kiirze einen Abrifi der Weltanschauung und Lebens-
gestaltung geben, die man gewohnlich als Theosophie
bezeichnet. Ich mufi aber, um Mifiverstandnissen vorzubeu-
gen, einiges iiber diese Theosophie vorausschicken. Es
konnte der Glaube entstehen, dafi die Theosophische Gesell-
schaft oder die theosophische Bewegung die Auff assung, die
ich geben werde, als solche propagiere, dafi also innerhalb
der theosophischen Bewegung diese Anschauung wie eine
Dogmatik vorgetragen wiirde. Das ist nicht der Fall. Dasje-
nige, was in der Theosophischen Gesellschaft von einzelnen
vorgetragen wird, ist - um mich eines gebrauchlichen Aus-
drucks zu bedienen - eine personliche Anschauung, und die
Theosophische Gesellschaft soli nichts weiter sein als eine
Vereinigung, welche eine Pflegestatte schafft fur solche
Weltanschauungen, welche in die hoheren Gebiete des gei-
stigen Lebens hineinfuhren; so dafi niemand glauben sollte,
dafi es sich in der Theosophie um die Propagierung irgend-
welcher Dogmen handelt. Allerdings, wenn heute von Welt-
anschauungsvereinen gesprochen wird, wenn von monisti-
schen oder dualistischen Anschauungen gesprochen wird, so
versteht man unter solchen Vereinen oder Gesellschaften
solche, die sich auf irgendein Dogma, wenn nicht gerade
verpflichtet, so doch auf ein Dogma hin vereinigt haben, sei
es nun ein berechtigtes oder ein unberechtigtes Dogma. So
ist es nicht in der Theosophie. Doch mufi auf der anderen
Seite betont werden, dafi nur derjenige, welcher in das
Wesen der theosophischen Weltanschauung eingedrungen
ist, seine personliche Anschauung davon vorzutragen ver-
mag. Die theosophische Weltanschauung ist namlich eine
solche, daft die einzelnen frei ubereinstimmen, ohne dafi sie
sich auiRerlich zu einem Dogma verpflichten. Sie brauchen
sich aus dem Grunde nicht so zu verpflichten, weil jeder zu
denselben Anschauungen kommen mufi, der die Tatsachen
kennenlernt. Viel geringer als auf dem Gebiete des sinnlich-
wissenschaftlichen Forschens und Erforschens der aufieren
Tatsachen ist auf diesem Gebiete die Differenz der einzelnen
Forscher, und Sie werden, wenn Sie wirklich in diese Dinge
eindringen, nicht horen, dafi dieser oder jener Theosoph,
welcher wirklich die Methode der theosophischen Weltan-
schauung beherrscht, mit irgendeinem anderen in wesentli-
chen Dingen nicht ubereinstimmt. Das ist aus dem Grunde
so, weil, wenn wir in die hoheren Gebiete des Daseins
heraufkommen, die Irrtiimer nicht mehr moglich sind, die
einfach auf dem Gebiete der aufieren sinnlichen Tatsachen
vorkommen. Da ist es nicht moglich, dafi der eine die, der
andere eine andere Weltanschauung produziert. Nur das ist
moglich, dafi der eine weniger vorgeschritten ist und nur
einen Teil der theosophischen Weltanschauung vertreten
kann. Ist er dann des Glaubens, dafi das, was er erkannt hat,
das Ganze der Weltanschauung darstellt, dann kann es kom-
men, da£ er denen, die weiter entwickelt sind, scheinbar
widerspricht. Die auf gleicher Stufe stehenden Theosophen
werden einander nicht widersprechen.
Ferner mochte ich einleitungsweise betonen, dafi es ein
arges Miflverstandnis ist, wenn vielfach angenommen wird,
dafi die theosophische Weltanschauung irgend etwas zu tun
habe mit der Propagierung eines Buddhismus oder Neu-
buddhismus, wie es manche zu nennen belieben. Davon
kann durchaus nicht die Rede sein. Als Frau Blavatsky,
Sinnett und andere die grundlegenden Anschauungen ver-
breiteten, auf denen die theosophische Weltanschauung
fufk, da kam ihre erste Anregung allerdings aus dem Orient,
aus Indien. Von dort kamen die ersten grofien Lehren in den
siebziger Jahren. Das war eine Anregung; aber dasjenige,
was der Inhalt der Anschauung ist, die innerhalb der theoso-
phischen Bewegung lebt, das ist ein Gemeingut nicht nur
aller Zeiten, sondern audi aller derjenigen, die in diese Dinge
eingedrungen sind. Es ware falsch, zu glauben, dafi, um
Theosophie kennenzulernen, man nach Indien pilgern oder
sich in indische Schriften vertiefen miisse. Das ist nicht der
Fall. Sie konnen in alien Kulturen die gleichen Philosophien
und die gleichen theosophischen Lehren finden. Nur in dem,
was wir die indische Vedantalehre nennen, ist gleichsam
nichts verunreinigt durch die aufiere Sinneswissenschaft. Es
ist da in gewisser Weise erhalten geblieben derjenige Kern
der Weltanschauung, der als Theosophie immer gelebt hat.
Also nicht um buddhistische Propaganda handelt es sich,
sondern um eine Weltanschauung, die jeder iiberall kennen-
lernen kann. Aufierdem mochte ich im besonderen betonen,
dafi es allerdings fur den Menschen der Gegenwart etwas
Befremdendes hat, wenn er in den zuerst erschienenen
Biichern der theosophischen Weltanschauung liest von den
Quellen dieser Weltanschauung. In demjenigen Buche, wel-
ches die meiste Verbreitung gefunden hat und das die mei-
sten Menschen, die sich damit befafit haben, angeregt hat,
sich weiter mit Theosophie zu beschaftigen, in der «Esoteri-
schen Lehre oder Geheimbuddhismus» von Sinnett, wird in
dem ersten Kapitel verwiesen auf die grofien Lehrer, von
denen die theosophischen Lehren stammen. So etwas ist
allerdings der europaischen Kultur etwas unsympathisch.
Dennoch ist es fur den, der klar und konsequent denkt,
nichts, was mit den landlaufigen Begriffen nicht iiberein-
stimmte. Denn wer wollte leugnen, daft unter den Menschen
rnehr oder weniger entwickelte sind! Wer wollte leugnen
den groften Abstand zwischen einem afrikanischen Neger
und etwa Goethe? Und warum sollte es nicht auf dieser
Stufenleiter aufwarts noch viel entwickeltere Individualita-
ten geben? Es war im Grunde genommen nur wie eine
Verwunderung, dafi sich in unserer Entwickelung wirklich
so entwickelte Personlichkeiten finden, wie sie in Sinnetts
Buch beschrieben werden. Solche Personlichkeiten haben
allerdings ein ganz aufterordentliches Wissen, eine weltum-
spannende Weisheit. Es hatte keinen Zweck gehabt, wenn
sie vor die Welt hingetreten waren. Es ist kein absonderli-
cher Begriff, wenn wir sagen, daft die sogenannten Meister
f iir uns grofie Anreger sind, weiter nichts, grofie Anreger auf
den geistigen Gebieten. Allerdings geht deren Entwickelung
weit liber das Mafi hinaus, das die landlaufige Kultur bietet.
Grofie Anreger sind sie uns; sie fordern aber nicht den
Glauben an irgendeine Autoritat, nicht den Glauben an
irgendein Dogma. Sie appellieren an nichts anderes als an die
eigene menschliche Erkenntnis und geben Anleitung, durch
bestimmte Method en die Krafte und Fahigkeiten, die in
jeder Menschenseele liegen, zu entwickeln, um zu den hohe-
ren Gebieten des Daseins hinaufzusteigen.
Es ist also am Anfang dieser Vortrage so, daft ich Ihnen
scheinbar ein personliches Bild geben werde, und zwar
deshalb, weil ich nichts sagen werde, geflissentlich nichts
sagen werde, was ich nicht selbst in der Lage war zu priifen
und wofiir ich nicht selbst als Zeuge eintreten konnte. Auf
der anderen Seite habe ich mich aber auch iiberzeugt, daft
dasjenige, was ich in dieser Weise selbst zu sagen habe,
durchaus ubereinstimmend ist mit denjenigen, die die theo-
sophische Weltanschauung zu alien Zeiten vertreten haben
und insbesondere mit denjenigen, die sie heute vertreten. Es
ist so wie bei den Menschen, die auf verschiedenen Punkten
stehen und eine Stadt betrachten. Wenn sie ein Bild der Stadt
zeichnen, so werden diese Bilder ein wenig voneinander
verschieden sein, je nach der Perspektive, die sich fur den
betreffenden Gesichtspunkt ergibt. Ebenso sind natiirlich
auch die Weltbilder verschieden, die nach den eigenen Beob-
achtungen der theosophischen Forscher geschildert werden.
Aber es ist ja doch im Grunde genommen immer dasselbe.
So verhalt sich das Weltbild, das ich geben werde, zu dem
Weltbilde, das andere theosophische Forscher geben. Es
stimmt durchaus iiberein und unterscheidet sich nur durch
die Perspektive des Gesichtspunktes.
Ich werde in dem heutigen Vortrage ein Bild geben,
zunachst mehr beschreibend, xiber die Grundbestandteile
des Menschen, seiner physischen und geistigen Wesenheit
nach. Ich werde dann in dem zweiten Vortrag iibergehen zu
den zwei wesentlichen Begriffen der theosophischen Welt-
anschauung, zu Reinkarnation oder Wiederverkorperung
und zu Karma oder dem grofien Menschenschicksal. Ich
werde dann in den folgenden Vortragen ein Bild geben von
den drei Welten, die der Mensch auf seiner grofien Pilger-
fahrt zu durchlauf en hat, von der physischen Welt, die jeder
kennt, von der astralischen Welt, die nicht jeder kennt, die
aber jeder kennenlernen kann, wenn er in geduldiger Weise
die entsprechenden Methoden anwendet, und von der geisti-
gen Welt, die im wesentlichen das Seelenwesen zu durchlau-
fen hat. Dann werde ich in einem Vortrage das theosophi-
sche Weltbild im grofien geben: Entstehung und Entwicke-
lung der Welt und Menschenentwickelung, dasjenige, was
man theosophische Menschenkunde und theosophische
Astronomie nennen kann. Das ist der Plan.
Vor alien Dingen miissen wir uns klar sein dariiber, was
fur Bestandteile wir in der Menschennatur haben. Durch ein
sorgfaltiges Studium, das uns die Theosophie an die Hand
geben wird, werden wir kennenlernen, da/S von diesen
Bestandteilen des Menschen fur die gewohnliche Betrach-
tung nur der erste Hauptbestandteil vorhanden ist: die phy-
sische Natur des Menschen im weitesten Sinn des Wortes,
dasjenige, was wir Korper nennen. Der Materialist betrach-
tet diesen Korper des Menschen als das einzige, was iiber-
haupt die menschliche Wesenheit zusammensetzt. Dazu f iigt
die theosophische Weltanschauung zwei weitere Bestand-
teile: das, was man zu alien Zeiten Seele genannt hat, und als
hochsten Bestandteil das unvergangliche Wesen des Men-
schen, das, was keinen Anfang und kein Ende in unserem
Sinne des Wortes hat: den Geist. Das sind, grob betrachtet,
die Grundbestandteile des Menschen. Wer beobachten lernt
auf den hoheren Gebieten des Daseins, der lernt Seele und
Geist ebenso beobachten, wie das physische Auge das Sinn-
liche, das Korperliche zu beobachten lernt. Allerdings haben
die Menschen seit der Ausbreitung der reinen Sinneswissen-
schaft im Abendlande das Bewu^tsein und auch die Fahig-
keit der Beobachtung auf diesem hoheren seelischen und
geistigen Gebiete zum groften Teil verloren. Es ist nur auf
eng begrenzte Kreise beschrankt geblieben. Der letzte, der
noch etwas auf dem Katheder gesprochen hat von diesen
hoheren Gebieten menschlicher Beobachtung, der noch in
einem solchen Sinne gesprochen hat, dafi man erkennen
kann, dafi er etwas wufite von dem, was man wissen kann,
das ist Johann Gottlieb Fkhte, der grofte deutsche Philo-
soph. Er hat, als er in Berlin an der neugegrundeten Univer-
sitat seine Vortrage eroffnete, ganz anders gesprochen als
andere Philosophieprofessoren seit dem 1 7. Jahrhundert. Er
hat so gesprochen, dafS man erkennt: Er will nicht dasjenige
blofi lehren, was man mit dem Verstand begreifen kann,
sondern er will hinweisen darauf , dafi der Mensch selbst sich
entwickeln kann, dafi Sinneswahrnehmung ein Untergeord-
netes ist und daft der Mensch in sich Fahigkeiten entwickeln
kann, die einfach im Alltagsleben nicht vorhanden sind. In
der Geschichte der deutschen Geistesentwickelung waren
diese Vorlesungen von Johann Gottlieb Fichte etwas Epo-
chemachendes. Heute konnen sie allerdings fur den nur
bedeutungsvoll sein, der sie wieder ausgrabt. Denkwiirdig
ist die Stelle: «Diese Lehre setzt voraus ein ganz neues
inneres Sinneswerkzeug, durch welches eine neue Welt gege-
ben wird, die fiir den gewohnlichen Menschen gar nicht
vorhanden ist . . . Denke man eine Welt von Blindgebore-
nen, denen darum allein die Dinge und ihre Verhaltnisse
bekannt sind, die durch den Sinn der Betastung existieren.
Tretet unter diese und redet ihnen von Farben und den
anderen Verhaltnissen, die nur durch das Licht fiir das Sehen
vorhanden sind. Entweder ihr redet ihnen von nichts, und
dies ist das Gliicklichere, wenn sie es sagen; denn auf diese
Weise werdet ihr bald den Fehler merken und, falls ihr ihnen
nicht die Augen zu offnen vermogt, das vergebiiche Reden
einstellen.»
Das ist es, um was es sich handelt, dafi die Menschen
hingewiesen werden sollen auf die Beobachtung von Seele
und Geist. Die Theosophie ist durchaus nicht in irgendei-
nem Widerspruche mit der landlaufigen Wissenschaft. Nicht
einen einzigen der modernen Satze der Wissenschaft braucht
der Theosoph zu leugnen. Das alles gilt. So wie etwa unter
einer Summe von Menschen, die blaublind sind, alles dasje-
nige, was in gelben und roten Farbennuancen vorhanden ist,
wahrgenommen werden kann, just aber nichts Blaues, so
kann fiir denjenigen, der geistig blind ist, Seele und Geist
nicht wahrgenommen werden. Vollstandig einleuchtend
wird dies dann, wenn durch die entsprechenden Methoden
aus dem Blinden ein Sehender geworden ist. Wenn er sehend
wird, leuchtet um ihn herum eine neue Welt auf, die ebenso-
wenig fiir ihn da war, wie fiir den Blaublinden die blaue
Farbennuance da ist, bevor er durch eine Augenoperation
dazu gebracht werden konnte, das Blaue neben dem Roten
zu sehen.
Sehen Sie, das wufite Johann Gottlieb Fichte. Das wufiten
audi die Menschen in jenen Zeiten, in denen die Menschheit
noch nicht betaubt war - ich sage das nicht in tadelndem
Sinne -, das wuiken die Menschen jener Zeit, und bei einigen
wenigen hat sich die Tradition auch immer erhalten und
wurden die Methoden ausgebildet. Sie wufiten, dafi, wenn
man von der Wesenheit des Menschen spricht, man es nicht
nur zu tun hat mit dem, was wir den Leib nennen, sondern
dafi das, was Seele ist, ebenso wahrgenommen werden kann,
ebensolche Gesetze hat und ebenso in eine Welt eingebettet
ist wie der Leib. In hoherem Sinne ist es ebenso mit dem
Geist, Der Menschenleib ist beherrscht von denselben
Gesetzen, von denen rings um uns herum die anderen Dinge
beherrscht sind. Im Menschenleib haben wir dasselbe, was
wir in der physischen Welt haben; dieselben chemischen und
physikalischen Gesetze finden wir auch im Menschenleib.
Diese physische Welt ist fiir die physischen Sinne wahr-
nehmbar. Sie ist nicht nur subjektiv fiir den Menschen
vorhanden, sondern auch objektiv fiir seine Wahrnehmung
da. Subjektiv iibt der Mensch die physische Tatigkeit aus. Er
verdaut, er atmet, er i£t und trinkt, er iibt jene innere
physische Tatigkeit des Gehirns aus, durch die die innere
Gedankentatigkeit vermittelt wird; kurz, die ganze Tatig-
keit, die uns die Biologie, die Physik und die anderen
physischen Wissenschaften lehren, iibt der Mensch aus. Das
ist der Mensch, der das ausiibt. Und man kann es auch
wahrnehmen. Wenn der Mensch seinem Nebenmenschen
gegeniibertritt, so nimmt er unmittelbar oder durch die
Mittel der Wissenschaft das, was er subjektiv ist, auch
objektiv wahr.
Nun ist der Mensch aber subjektiv noch etwas Hoheres,
er ist auch eine Summe von Gefiihlen, von Trieben, von
Leidenschaften. Ebenso wie Sie verdauen, fiihlen Sie, begeh-
ren Sie. Das sind auch Sie! Das nimmt ein Mensch unter
gewohnlichen Verhaltnissen aber nicht objektiv wahr. Wenn
er seinem Mitmenschen gegeniibertritt, sieht er nicht aufter-
lich sein Gefiihl, seine Begierde, seine Leidenschaft, seine
Triebe. Ware der Mensch blind, so wiirde er eine ganze
Summe von physischen Tatigkeiten nicht sehen. Nur
dadurch, daft er eine physische Sinnestatigkeit ausiiben
kann, ist das Physisch-Subjektive fur ihn auch objektiv
wahrnehmbar. Und weil er eine seelische Sinnestatigkeit
zunachst nicht ausiibt, ist das Seelisch-Subjektive, das
Gefiihl, sind die Triebe, die Leidenschaften, die Begierden
zwar subjektiv in jedem Menschen vorhanden, wenn er aber
seinen Mitmenschen gegeniibertritt, kann er das nicht wahr-
nehmen. Nun kann er, ebenso wie er ein Auge ausgebildet
hat auf physischem Wege, um die Korpertatigkeit wahrzu-
nehmen, sein seelisches Auge ausbilden und die Welt der
Triebe, Begierden, Leidenschaften wahrnehmen, kurz, es
dahin bringen, das Seelische auch objektiv als Wahrnehmung
vor sich zu haben. Diese Welt, in der der Durchschnitts-
mensch von heute zwar lebt, ohne da£ er sie wahrnimmt, die
er aber wahrnehmen kann, wenn er durch die entsprechen-
den Methoden die geeigneten Krafte bei sich ausbildet, diese
Welt nennen wir mit einem theosophischen Ausdruck die
astrale oder mit einem deutschen Wort die seelische Welt.
Das, was unsere landlaufige Psychologie als Seele beschreibt,
ist nicht das, was die Theosophie unter seelischem Leben
versteht, sondern nur der aulkre Ausdruck davon.
Eine noch hohere Welt als die seelische ist die geistige
Welt. Derjenige, der imstande ist, das Seelische wahrzuneh-
men dadurch, dafi seine Organe fiir das Seelische geoffnet
sind, kann aber noch nicht das, was Geist ist, in seiner
Umwelt wahrnehmen. Er kann das Seelische wahrnehmen,
aber nicht den Gedanken selbst. Der Seelenseher sieht
Begierden und Leidenschaften, aber nicht das Denken, nicht
den objektiven Gedanken. Daher leugnen die, welche den
objektiven Gedanken nicht sehen konnen, den objektiven
Gedanken uberhaupt. Man hat Hegel nicht verstanden, als er
vom objektiven Vorhandensein der Gedankenwelt sprach.
Und die, welche sie nicht wahrnehmen konnen, haben
selbstverstandlich von ihrem Standpunkte aus auch Recht,
wenn sie sie leugnen. Sie konnen aber nichts anderes sagen,
als dafi sie sie nicht sehen, ebenso wie der Blindgeborene
behauptet, dafi er keine Farbe sieht.
Leib, Seele und Geist sind, roh betrachtet, die drei Grund-
bestandteile der menschlichen Wesenheit. Jeder Grundbe-
standteil hat wieder drei Bestandteile oder Stufenfolgen.
Dasjenige, was gewohnlich als Leib bezeichnet wird, ist
nicht so einfach wie der materialistische Forscher es sich
vorstellt. Es ist ein zusammengesetztes Ding, das aus drei
Gliedern oder drei Bestandteilen besteht. Der unterste,
grobste Bestandteil ist in der Regel dasjenige, was der
Mensch mit seinen physischen Sinnen sieht, der sogenannte
physische Leib. Dieser physische Leib hat in sich dieselben
Krafte und Gesetze wie das Physische um uns herum, wie
die ganze physische Welt. Die heutige Naturwissenschaft
studiert am Menschen nichts anderes als diesen physischen
Leib; denn auch unser komphziertes Gehirn ist nichts ande-
res als ein Bestandteil dieses physischen Leibes. Alles, was
unmittelbar raumerfullend ist, was wir mit den blofien Sin-
nen oder mit den bewaffneten Sinnen, mit dem blofien Auge
oder mit dem Mikroskop sehen konnen, kurz, alles dasje-
nige, was fur den Naturforscher noch aus Atomen zusam-
mengesetzt ist, das bezeichnet der Theosoph noch als physi-
sche Korperlichkeit. Das ist der unterste Bestandteil der
physischen Wesenheit. Nun leugnen aber schon viele For-
scher den nachsten Bestandteil der physischen Wesenheit,
den Atherkorper. Der Ausdruck Atherkorper ist ja nicht
gliicklich gewahlt. Aber nicht auf den Namen kommt es an.
Dafi man den Atherkorper leugnet, ist erst das Ergebnis des
neueren naturwissenschaftlichen Denkens. Es schliefit sich
an das Leugnen dieses Atherkorpers ein schon lange dauern-
der naturwissenschaftlicher Streit. Ich will vorlaufig nur
kurz andeuten, was unter diesem Atherkorper zu verstehen
ist.
Wenn Sie ein Mineral betrachten, einen toten, leblosen
Korper, und ihn mit der Pflanze vergleichen, dann werden
Sie sich sagen - und das haben sich alle Menschen gesagt bis
um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, denn da ging
der Streit wegen des Atherkorpers los der Stein ist leblos,
die Pflanze aber ist lebenerfiillt. Das, was also dazukommen
mufi, damit die Pflanze nicht Stein sei, das nennt die Theoso-
phie Atherkorper. Dieser Atherkorper wird wohl besser mit
der Zeit blofi Lebenskraft genannt werden, denn die Ather-
oder Lebenskraft ist etwas, wovon die Naturwissenschaft bis
ins 19. Jahrhundert hinein gesprochen hat. Die neuere
Naturwissenschaft leugnet so etwas wie die Lebenskraft.
Goethe hat bereits gespottet iiber jene, die nicht anerkennen,
dajR das Leben zur Erklarung etwas erfordert, was hoher ist
als das Leblose. Sie alle kennen die Stelle im «Faust» : «Wer
will was Lebendigs erkennen und beschreiben, sucht erst
den Geist herauszutreiben, dann hat er die Teile in seiner
Hand, fehlt leider! nur das geistige Band.» Das Band der
Lebenskraft meint Goethe. Ich habe in meinem Buche
«Goethes Weltanschauung» diese Sache auseinandergesetzt.
Heute gibt es wieder eine Anzahl Naturforscher, welche
glauben, nicht auskommen zu konnen mit dem Leblosen,
die also wenigstens ahnend das annehmen, was die Theoso-
phen den Atherkorper nennen. Sie nennen sich die Neovita-
listen. Ich brauche nur auf Hans Driesch und andere zu
verweisen, um zu zeigen, wie der Naturforscher wiederum
dazu kommt, diesen Atherkorper, wenn auch unter anderen
Namen, als etwas wirklich Bestehendes zu bezeichnen. Und
je weiter die Naturwissenschaft vorriickt, desto mehr wird
sie auch erkennen, da£ die Pflanze schon einen solchen
Atherkorper hat, denn sonst konnte sie nicht leben. Auch
das Tier und der Mensch haben einen solchen Atherdoppel-
korper. Derjenige Mensch, welcher die hoheren Korper
ausbildet, kann diesen Atherkorper auch mit den einfach-
sten, primitivsten Organen seelischer Anschauung wirklich
beobachten. Dazu ist ein ganz einfacher, allerdings nur fur
den esoterisch ausgebildeten Theosophen, Kunstgriff not-
wendig. Sie kennen das Wort Suggestion. Die Suggestion
besteht darin, daiS der Mensch Dinge wahrnehmen kann, die
scheinbar nicht da sind. Die Suggestion, bei der dem Men-
schen etwas eingeredet wird, interessiert uns zunachst nicht.
Wichtiger fur uns ist, um zu der Anschauung des Atherkor-
pers zu kommen, eine andere Suggestion. Derjenige, der sich
mit der Theorie der Suggestion befafk hat, weifi, daft der
Hypnotiseur imstande ist, dem Menschen Dinge abzusugge-
rieren, so dafi er Dinge, die vorhanden sind, eben nicht sieht.
Sagen wir, es wiirde ein Hypnotiseur einem Menschen
absuggerieren, daft hier eine Uhr liegt. Dann sahe der Betref-
fende nichts an der Stelle im Raum. Es ist dies nichts
anderes, als ein Ablenken der Aufmerksamkeit auf einem
abnormen Gebiet, ein kunstliches Ablenken der Aufmerk-
samkeit. Diesen Vorgang kann jeder an sich beobachten. Der
Mensch ist imstande, sich selbst abzusuggerieren, was vor
ihm ist. Der theosophisch Gebildete mufi folgenden Kunst-
griff ausfiihren konnen, dann gelangt er zur Anschauung des
atherischen Korpers; Er mufi sich den physischen Korper
eines Tiers oder eines Menschen absuggerieren. Ist dann sein
geistiges Auge erweckt, dann sieht er nicht etwa an der
Stelle, wo der physische Korper war, nichts, sondern er sieht
den Raum ausgefullt mit ganz bestimmten Farbenbildern.
Die Ausfiihrung dieser Anleitung mufi natiirlich mit der
allergrofiten Vorsicht geschehen, denn es sind allerlei Illusio-
nen auf diesem Gebiete moglich. Allein, wer wirklich weifi,
mit welcher Vorsicht, mit welcher alle wissenschaftliche
Genauigkeit iibersteigenden Exaktheit gerade die theosophi-
sche Forschung gepflegt wird, der weifi Bescheid. Der Raum
ist erfullt mit Lichtbildern. Das ist der Ather- oder Doppel-
korper. Dieses Lichtbild erscheint in einer Farbe, die nicht in
unserem gewohnlichen Spektrum vom Ultrarot bis Ultra-
violett enthalten ist. Sie ahnelt etwa der Farbe der Pfirsich-
bliite. Das ist die Farbe, in der der Atherdoppelkorper
erscheint. Einen solchen Atherdoppelkorper finden Sie bei
jeder Pflanze, bei jedem Tier, iiberhaupt bei jedem Lebewe-
sen. Es ist der aufierliche, sinnliche Ausdruck fur das, was
der Naturforscher heute wieder ahnt, fur das, was man
Lebenskraft nennt. Damit haben wir das zweite Glied des
physischen Leibes des Menschen.
Der physische Leib hat aber noch einen dritten Bestand-
teil. Den habe ich den Seelenleib genannt. Eine Vorstellung
davon konnen Sie sich machen, wenn Sie sich denken, dafi
nicht jeder Korper, der lebt, auch empfinden kann. Ich kann
mich nicht auf den Streit einlassen, ob die Pflanze auch
empfinden kann, das steht auf einem anderen Blatt. Sie
miissen das, was man im groben Sinne Empfinden nennt, ins
Auge fassen. Was in dieser Art die Pflanze vom Tier unter-
scheidet, das wollen wir festhalten. Ebenso wie die Pflanze
vom Stein unterschieden ist durch den Atherdoppelkorper,
so ist der Leib des Tieres als empfindender Leib wieder
verschieden von dem blofien Pflanzenkorper. Und dasje-
nige, was im Tierkorper ebenso hinausragt iiber das blofie
Wachsen und Fortpflanzen, dasjenige, was die Empfindung
moglich macht, das bezeichnen wir als den Seelenkorper. In
dem physischen Leib, in dem Atherleib und drittens in dem
Seelenleib, dem Trager des Empfindungslebens, haben wir
nur die aufterliche Seite des Menschen und des Tieres. Damit
haben wir das beobachtet, was im Raume lebt.
Nun kommt dasjenige, was im Inneren lebt, dasjenige,
was wir als empfindendes Selbst bezeichnen. Das Auge hat
eine Empfindung und fuhrt sie dahin, wo die Seele die
Empfindung wahrnehmen kann. Wir gewinnen hier den
Obergang vom Korper in die Seele, wenn wir aufsteigen vom
Seelenleib in die Seele, in das unterste Glied der Seele, das
bezeichnet wird als Empfindungsseele. Empfindungsseele
hat auch das Tier, denn es setzt das, was der Korper ihm
zubereitet fur die Empfindung, das, was die Seele ihm
zubereitet, in inneres Leben, in Seelenleben, in Empfindun-
gen um. Nun kann man aber in der Wahrnehmung beim
seelischen Schauen den Seelenleib und die Empfindungsseele
nicht getrennt wahrnehmen. Diese stecken sozusagen inein-
ander und bilden ein Ganzes. Grob kann man vergleichen
das, was hier ein Ganzes bildet - den Seelenleib als auftere
Hiille und die darin steckende Empfindungsseele -, mit dem
Schwert, das in der Scheide steckt. Das bildet fur die seeli-
sche Anschauung ein Ganzes und wird von der Theosophie
Kamarupa oder Astralleib genannt. Das hochste Glied des
physischen Leibes und das niederste Glied der Seele bilden
ein Ganzes und werden in der theosophischen Literatur
Astralleib genannt.
Das zweite Glied der Seele ist dasjenige, was das Gedacht-
nis und den niederen Verstand umf afit. Das hochste Glied ist
dasjenige, was im eigentlichen Sinne das Bewufitsein enthalt.
Aus drei Gliedern besteht sowohl die Seele wie auch der
Leib. Wie der Leib aus physischem Korper, Atherdoppel-
korper und Seelenleib oder Astralkorper besteht, so besteht
die Seele aus Empfindungsseele, Verstandesseele und
Bewufitseinsseele. Den richtigen Begriff davon kann nur
derjenige bekommen, der durch die geisteswissenschaftli-
chen Methoden die Fahigkeiten ausbildet, die zum wirkli-
chen Schauen fiihren. Was wir empfinden von den Dingen
von aufien, das haftet an der Empfindungsseele. Und was
wir Gefuhl nennen, Gefuhl der Liebe, Gefuhl des Hasses,
Gefuhl des Verlangens, also Sympathie und Antipathie, das
haftet an dem zweiten Glied der Seele, an der Verstandes-
seele, an Kamamanas. Das dritte Glied, die Bewufitseins-
seele, ist dasjenige, was der Mensch nur an einem einzigen
Punkte beobachten kann. Das Kind hat in der Regel nur ein
Bewufksein von den zwei ersten Seelengliedern. Es lebt nur
in den zwei Gliedern der Seele, die ich genannt habe, in der
Empfindungsseele und in der Verstandesseele, aber es lebt
noch nicht in der Bewufitseinsseele. In dieser Bewufitseins-
seele fangt der Mensch zu leben an im Verlaufe seines
Kindheitsalters, und dann wird diese Bewufitseinsseele zur
selbstbewufiten Seele.
Diejenigen, welche das eigene Leben fein zu beobachten
verstehen, betrachten diesen Punkt in ihrem Leben als etwas
besonders Wichtiges. Diesen Punkt finden Sie geschildert in
Jean Pauls eigener Lebensbeschreibung, da wo er das
Bewufitsein des inneren Selbst erlebt. «Nie vergefi ich die
noch keinem Menschen erzahlte Erscheinung in mir, wo ich
bei der Geburt meines Selbstbewufitseins stand, von der ich
Ort und Zeit anzugeben weifi. An einem Vormittag stand
ich als ein sehr junges Kind unter der Haustiir und sah links
nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht: ich bin
ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr und
seitdem leuchtend stehen blieb. Da hatte mein Ich zum
ersten Male sich selber gesehen und auf ewig. Tauschungen
des Erinnerns sind hier schwerlich denkbar, da kein fremdes
Erzahlen sich in eine blofi im verhangenen Allerheiligsten
des Menschen vorgefallene Begebenheit, deren Neuheit
allein so alltaglichen Nebenumstanden das Bleiben gegeben,
mit Zusatzen mengen konnte.» Damit ist das hochste
Gebilde der Seele, so wie der Mensch es lebt, dargestellt.
Bei dem seelisch Erweckten stellen sich in der Tat auch
der aufierlichen Anschauung die drei Bestandteile der Seele
dar. So wie der Atherdoppelkorper, so stellen sich auch die
drei Stufen, die drei Bestandteile der Seele wirklich fur die
aufiere seelische Anschauung dar. Ich sagte schon, der Emp-
findungsleib ist nie von dem Seelenleib in der Anschauung
trennbar. Nun stellt sich dieser hohere Teil des Menschen,
die Seele, dar in dem, was die theosophische Literatur als die
sogenannte Aura bezeichnet. Wer durch die Anschauung
Kenntnis davon haben will, mufi lernen, sie zu sehen. Die
Aura ist dreigliedrig. Die drei Glieder stecken ineinander
wie drei ovale Nebelgebilde, die die menschliche Gestalt
umhiillen und einhiillen. In dieser Aura stellt sich der See-
lenleib des Menschen fur unsere Anschauung dar. Sie
erglanzt in den mannigfaltigsten Farben, die nur einen
aufierlichen Vergleich zulassen mit dem, was wir Farben des
Spektrums nennen. In diesen Farben, die auf die hohere
Oktave wiederum gehen von Rot und Violett, erglanzt in
der mannigfaltigsten Weise das, was wir die Aura nennen. In
dieser ist der Mensch eingebettet wie in einer Wolke und in
dieser Wolke driickt sich das aus, was als Begierde, Leiden-
schaft, Triebe in der Menschenseele lebt. Der ganze Gefiihls-
organismus des Menschen spricht sich in dem wunderbaren
Farbenspiel der Aura aus. Diese dreigliedrige Aura ist die
Seek des Menschen. Das ist die Seek, wenn man sie objektiv
wahrnimmt. Subjektiv kann sie jeder wahrnehmen: Jeder
fiihlt und begehrt und hat Leidenschaften. Er lebt sie so, wie
er das Verdauen lebt und das Atmen. Aber die aufkre
gewohnliche Schule der Psychologie beschreibt in der Regel
nur das, was ich den Seeknkib genannt habe, oder sie
beschreibt hochstens noch den aufieren Ausdruck des See-
lenlebens, nicht aber dasjenige, was die Theosophie unter
Seek versteht. Was sie unter der Seek versteht, ist eine
objektive Tatsache. Aber man kann in der Regel nur so
darauf hindeuten, wie es Fichte getan hat, als er darauf
aufmerksam machte, dafi in dieser Welt hohere Erlebnisse
sind, denen gegeniiber aber der nur sinnlich wahrnehmende
Mensch wie ein Blindgeborener ist.
Damit haben wir die drei Glieder des menschlichen physi-
schen Korpers und die drei Glieder der menschlichen Seek
geschildert. Da aber des Menschen physischer Leib in sei-
nem dritten Teile eine Einheit bildet mit dem menschlichen
Seelenglied, so haben wir zuerst zwei Teile plus einen plus
weitere zwei, also funf Teile: physischer Leib, Atherleib,
Seeknkib, Verstandesseek, Bewufitseinsseele, in der das Ich
aufleuchtet. Dieses Ich ist ein ganz interessanter Punkt in der
Aura. An einer Stelle wird das Ich wahrnehmbar. Da finden
Sie innerhalb des au$eren Ovals eine merkwiirdige, blau
flimmernde oder blau schillernde Stelle, auch ovalformig. Es
ist eigentlich so, wie wenn Sie eine Kerzenflamme sehen;
aber mit der Differenz, die die astralen Farben gegeniiber
den physischen Farben haben, ist es so, wie wenn Sie in der
Kerzenflamme in der Mitte das Blau sahen. Das ist das Ich,
das da wahrgenommen wird innerhalb der Aura. Und das ist
eine sehr interessante Tatsache. Wenn der Mensch auch noch
so weit sich entwickelt, wenn er auch noch so weit seine
hellseherischen Gaben ausbildet, an dieser Stelle sieht er
zunachst diesen blauen Ich-Kdrper, diesen blauen Lichtkor-
per. Das ist ein verhangenes Heiligtum, auch fiir den Hellse-
her. Niemand kann in das eigentliche Ich des anderen hin-
einschauen. Das bleibt selbst fiir denjenigen, der seine seeli-
schen Sinne entwickelt hat, zunachst ein Geheimnis. Nur
innerhalb dieser blau flimmernden Stelle glanzt Neues auf.
Da ist eine neue Flammenbildung, die im Mittelpunkt der
blauen Flamme aufglanzt. Das ist das dritte Glied, der Geist.
Dieser Geist besteht wieder aus drei Gliedern, wie die
anderen Bestandteile des Menschen. Die morgenlandische
Philosophic nennt diese Manas, Buddhi, Atma. Diese drei
Bestandteile sind bei den heutigen Menschen so ausgebildet,
daft eigentlich nur der unterste Teil, das Geistselbst - das ist
die richtige tlbersetzung fiir Manas - in der Anlage bei dem
heutigen denkenden Menschen entwickelt ist. Es ist dieses
Manas ebenso fest verbunden mit dem hochsten Gliede der
Seele wie die Empfindungsseele mit dem Seelenleib, so daft
wieder das Hochste der Seele und das Niederste des Geistes
ein Ganzes bilden, weil man sie nicht unterscheiden kann.
Man sieht eben in der Aura das hochste Glied der Seele in
dem Mittelpunkte der blau flimmernden Stelle, wo das Ich
sitzt, und man sieht aufleuchten innerhalb des Ich den Geist.
Der Geist ist heute bei der Menschheit bis zum Manas
entwickelt. Die beiden hoheren Teile, Buddhi und Atma -
Lebensgeist und Geistesmensch -, sind in der Anlage ent-
wickelt, und wir werden sehen, wie sie sich weiter entwik-
keln werden, wenn wir im nachsten Vortrag iiber Reinkar-
nation und Karma sprechen.
Das ist es, was verbunden dasteht, das hochste Gebilde
der Seele und das niederste Gebilde des Geistes. Was nicht
getrennt beobachtet werden kann, das nennt die theosophi-
sche Literatur schlechtweg Manas. Die zwei hochsten
Gebilde, Buddhi und Atma, sind die tiefste Wesenheit des
Menschen, sind der unsterbliche Menschengeist. So haben
wir drei mal drei Glieder der menschlichen Wesenheit, von
denen das dritte mit dem vierten zu einem Ganzen verbun-
den ist, und ebenso das sechste mit dem siebenten. Dadurch
kommt die beriihmte oder beriichtigte Siebenzahl in der
menschlichen Zusammensetzung, die Sie so oft lesen kon-
nen, zustande. In Wahrheit besteht der Mensch aus Leib,
Seele und Geist und jedes Glied wieder aus drei Bestandtei-
len; davon sind zwei mal zwei Glieder je zu einem Ganzen
vereinigt, wodurch die Neun zu einer Sieben sich reduziert.
In dem zweiten der drei Glieder, dem hoheren Teil, lebt der
Mensch zunachst. Der Mensch kann sie mit den aufteren
Sinnen nicht wahrnehmen.
Ich habe schon erwahnt in dem Einleitungsvortrage, dafi
die theosophische Literatur nicht nur eine Beschreibung gibt
der verschiedenen Lebensgebiete, sondern auch die Mittel
und Wege zeigt, durch welche sich der Mensch zu den
Methoden erheben kann, die es ihm ermoglichen, selbst dies
alles wahrzunehmen. Nur gehort dazu, ebenso wie es fiir
den Naturforscher notwendig ist, das Mikroskopieren zu
lernen, um Einblick zu gewinnen in die physische Natur,
eine gewisse geistige Entwickelung, um dasjenige, was wir
beschrieben haben, in eine echte Anschauung zu bringen.
Jeder kann das kennenlernen; es ist nicht das Gut von
wenigen Bevorzugten, sondern ein Gesamtgut fiir alle. Die-
jenigen, welche sich sehr darauf eingelassen haben, die
Anweisungen der Theosophischen Gesellschaft zu befolgen,
und die selbst zu Anschauungen gekommen sind, konnen
das, was sie erfahren haben, erzahlen. Sie betrachten es nicht
anders, als wie wenn ein Afrikaforscher von seinen Erlebnis-
sen erzahlt. Diese konnen nicht nachgepriift werden, wenn
man nicht selbst dahin geht. Die Methoden werden aber
gewohnlich nicht ernst genug genommen. Wiirde wirklich
und ernsthaft durchgefiihrt, was im letzten Kapitel meines
Buches «Theosophie» gegeben ist, dann konnte ein Mensch
schon sehr weit kommen in der Beobachtung der hdheren
Gebiete des menschlichen Geistes.
Wer sich ein theosophisches Weltbild machen kann, der
wird manches verstehen, was er vorher im gewohnlichen
Verlauf des Lebens nicht hat verstehen konnen. Sie konnen
schon ganz bestimmte Gebiete bei Goethe nicht verstehen,
wenn Sie nicht eine Ahnung haben von Theosophie. Goe-
thes Ausfuhrungen \iber die Pflanzenwelt versteht nur derje-
nige, welcher eine Ahnung davon hat, was Goethe die
Lebensvorgange oder die Metamorphose der Pflanzen
nennt. Daft Goethe Theosoph war, geht aus einer «verborge-
nen» Schrift hervor, die zwar in jeder Ausgabe vorhanden
ist, jedoch von den wenigsten gelesen wird : aus dem «Mar-
chen von der griinen Schlange und der schonen Lilie». Das
enthalt die ganze Theosophie, aber so, wie von jeher die
theosophischen Wahrheiten mitgeteilt worden sind. Erst seit
der Begriindung der Theosophischen Geselischaft sind sie
aufterlich zum Ausdruck gekommen; friiher konnten sie nur
bildlich dargesteilt werden. Das «Marchen» ist ein solcher
bildlicher Ausdruck fur die theosophische Lehre. In Leipzig
hat Goethe Einblick gewonnen in diejenige Welt, von der
wir sprechen, und zwar in ziemlich tiefgehender Weise.
Manches im « Faust » weist darauf hin, daft Goethe zu den
eingeweihten Theosophen gehorte. Manches ist bei Goethe
wie das Glaubensbekenntnis eines Theosophen. Ich mochte
den heutigen Vortrag beschlieften mit Goethes Worten,
welche wie ein Motto iiber diesem Vortrag stehen konnten,
weil sie in groften Ziigen und in lapidarem Stil verkiindigen,
daft die Welt nicht physische Natur allein ist, sondern auch
seelische und geistige Wesenheit. Und dafi die Welt eine
geistige Wesenheit ist, driickt eben Goethe aus da, wo er den
Erdgeist die Worte sagen lafit, die das Weben des Geistesle-
bens in der ganzen Welt erkennen lassen:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gluhend Leben:
So s chaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
REINKARNATION UND KARMA
Berlin, 20. Oktober 1904
Vor acht Tagen sprach ich iiber die Zusammensetzung des
Menschen und iiber die verschiedenen Teile seiner Wesen-
heit. Wenn Sie absehen von der feineren Einteilung, die wir
damals besprochen haben, so konnen wir sagen, dafi die
menschliche Wesenheit zerfallt in die drei Glieder: Leib,
Seele und Geist. Nun fiihrt eine Betrachtung dieser drei
Glieder der menschlichen Wesenheit zu den grofien Geset-
zen des menschlichen Lebens, zu ebensolchen Gesetzen der
Seele und des Geistes, wie uns die Betrachtung der Aufien-
welt zu den Gesetzen des physischen Lebens fiihrt. Unsere
gebrauchliche Wissenschaft kennt ja nur die Gesetze des
physischen Lebens. Sie weifi nichts zu sagen iiber die
Gesetze des seelischen und geistigen Lebens auf den hoheren
Gebieten. Aber es gibt auf diesen hoheren Gebieten ebensol-
che Gesetze, und diese Gesetze des seelischen und geistigen
Lebens sind unzweifelhaft fur den Menschen noch wichtiger
und bedeutungsvoller als das, was auflerlich im physischen
Raume geschieht. Aber die hohe Bestimmung des Men-
schen, das Begreifen unseres Schicksals, das Begreifen,
warum wir in diesem Leibe sind, welchen Sinn dieses Leben
hat - die Beantwortung dieser Fragen kann einzig und allein
auf den hoheren Gebieten des geistigen Lebens gefunden
werden.
Nun zeigt uns eine Betrachtung des seelischen Lebens das
grofie Grundgesetz des seelischen Lebens, das Gesetz der
Entwickelung auf dem seelischen Gebiet, das Gesetz der
Wiederverkorperung. Und eine Betrachtung des geistigen
Lebens zeigt uns das Gesetz von Ursache und Wirkung im
geistigen Leben, das Gesetz, das wir im Physischen genau
kennen, dafi jegliche Tatsache ihre Ursache hat. Jede Tat des
Geisteslebens hat ihre Ursache und mufi ihre Ursache haben,
und dieses Gesetz im geistigen Leben heifit das Gesetz von
Karma. Das Gesetz der Reinkarnation oder Wiederverkor-
perung besteht darin, dafi der Mensch nicht nur einmal lebt,
sondern dafi das Leben des Menschen in einer ganzen
Anzahl von Wiederholungen verlauft, die allerdings einmal
einen Anf ang genommen haben und einmal ein Ende finden
werden. Von anderen Zustanden des Lebens ausgehend ist
der Mensch, wie wir in spateren Stunden noch sehen wer-
den, in dieses Gesetz der Reinkarnation eingetreten, und er
wird dieses Gesetz spater wieder iiberwinden, um zu ande-
ren Phasen seiner Entwickelung iiberzugehen. Das Gesetz
von Karma sagt, dalS unser Schicksal, dasjenige, was wir im
Leben erfahren, nicht ohne Ursache ist, sondern dafi unsere
Taten, unsere Erfahrungen, unsere Leiden und Freuden in
einem Leben abhangen von den vorhergehenden Leben, dafi
wir uns in den verflossenen Lebenslaufen unser Schicksal
selbst gezimmert haben. Und so wie wir jetzt leben, schaff en
wir uns die Ursachen fur das Schicksal, das, wenn wir
wiederverkorpert werden, uns treffen wird; das wird die
Ursache sein, die uns in der Zukunft das Schicksal unseres
Lebens bildet.
Nun wollen wir uns etwas genauer auf diese Vorstellun-
gen der seelischen Entwickelung und der geistigen Verur-
sachung einlassen. Das Gesetz von der Reinkarnation oder
Wiederverkorperung handelt davon, dafi die menschliche
Seele nicht einmal, sondern viele Male auf dieser Erde
erscheint und lebt. Dieses Gesetz in seiner unmittelbaren
Tatsachlichkeit kann naturlich nur derjenige vollstandig ein-
sehen, der durch die mystischen, theosophischen Methoden
sich so weit bringt, dafi er imstande ist, auf den seelischen
Gebieten des Daseins ebenso zu beobachten wie der
gewohnliche Mensch auf den aufieren Gebieten des sinnli-
chen Lebens und der sinnlichen Tatsachen. Erst wenn die
hdheren Tatsachen sich vor seinen seelischen Augen abspie-
len, wie fur den sinnlichen Menschen die Tatsachen der
physischen Welt vor den physischen Sinnen sich abspielen,
dann ist fur ihn die Reinkarnation eine Tatsache. Auch gibt
es noch vieles, was der Mensch heute seiner eigentlichen
Wesenheit nach noch nicht einsieht, aber er kann es in seinen
Wirkungen sehen und deshalb glaubt er daran. Die Wieder-
verkorperung ist etwas, was die meisten Menschen nicht als
Tatsache sehen konnen, was sie sich auch nicht gewohnt
haben als eine aufiere Wirkung zu betrachten, und deshalb
glauben sie nicht daran. Auch die Erscheinungen der Elek-
trizitat sind derart, dafS jeder Physiker sagen wird, die
eigentliche Wesenheit der Elektrizitat sei uns unbekannt;
aber die Menschen zweifeln nicht daran, daft so etwas wie
eine Wesenheit der Elektrizitat existiert. Sie sehen die Wir-
kungen der Elektrizitat, das Licht und die Bewegung. Konn-
ten die Menschen die auftere Wirkung dessen, was Erinne-
rung ist, vor ihren physischen Augen sich abspielen sehen,
dann konnten sie nicht zweifeln, dafi es eine Wiederverkor-
perung gibt. Die Erinnerung kann man noch erkennen.
Dennoch mufi man sich zuerst bekannt machen mit dem,
was aufierlich sich ausdriickt von der Wiederverkorperung,
um dadurch sich allmahlich an den Gedanken zu gewohnen,
urn dahin zu kommen, in der richtigen Weise das zu sehen,
was die Theosophie Wiederverkorperung nennt.
Ich mochte daher zunachst rein aufierlich diejenigen Tat-
sachen betrachten, die jedem zuganglich sind, die jeder
beobachten kann, die er nur nicht gewohnt ist, in die richti-
gen Gesichtspunkte hineinzurucken. Wenn er sich aber
gewohnte, diese aufieren Tatsachen in die richtigen
Gesichtspunkte hineinzuriicken, so wiirde er sich sagen:
Ich kenne die Reinkarnation noch nicht als Tatsache, aber
ich kanri, wie bei der Elektrizitat, voraussetzen, dafi
es so etwas gibt. - Wer die aufieren physischen Tatsachen
im richtigen Lichte sehen will, mulS das Gesetz der Ent-
wickelung, das wir seit der naturwissenschaftlichen For-
schung des 19. Jahrhunderts in der Aufienwelt uberall wahr-
nehmen, aufmerksam verfolgen. Er mufi sich fragen: Was
geschieht vor unseren Augen in der Lebewelt? - Ich
bemerke von vornherein, dafi ich nur im allgemeinen diese
Tatsache streifen will, weil ich in den nachsten Vortragen
iiber Darwinismus und Theosophie sprechen werde. Alle
diejenigen Fragen, die sich an diesen Teil des heutigen
Vortrages kniipfen konnen, kniipfen an an Zweifel und
Gedanken dariiber, ob die Theosophie durch den modernen
Darwinismus zu widerlegen ware. Diese Fragen werden Sie
in dem Vortrage, den ich iiber acht Tagen halten werde,
beantwortet erhalten.
Also, diese Entwickelung mussen wir in der richtigen
Weise erfassen. Im 18. Jahrhundert hat noch der grofie
Naturforscher Linne gesagt, dafi so viele Pflanzen- und
Tierarten nebeneinander existieren, als urspriinglich geschaf-
fen worden sind. Diese Idee wird von keinem Naturforscher
mehr geteilt. Die vollkommeneren Lebewesen - so wird
angenommen - haben sich aus unvollkommeneren Organis-
men entwickelt. So hat die Naturwissenschaft das, was man
fruher nur nebeneinander betrachten konnte, in ein Nach-
einander in der Zeit verwandelt. Wenn wir uns nun fragen:
Wodurch ist es moglich, dafi die Entwickelung geschieht,
wodurch ist es moglich, dafS im Laufe der Aufeinanderfolge
der verschiedenen Arten und Gattungen im Tier- und Pf lan-
zenreiche ein Zusammenhang existiert? - dann kommen wir
auf ein Gesetz, welches allerdings fur unsere Naturwissen-
schaft etwas dunkel ist, aber doch zusammenhangt mit dem
Gesetz der physischen Entwickelung. Und das ist die Tatsa-
che, die sich in der sogenannten Vererbung ausdriickt. Nicht
verschieden ist bekanntlich der Nachkomme eines Organis-
mus von seinem Vorfahren. Die Ahnlichkeit tritt uns also
entgegen zwischen Vorfahren und Nachkommen. Und
dadurch, dafi zu dieser Ahnlichkeit im Laufe der Zeit eine
Verschiedenheit hinzutritt, entsteht die Mannigfaltigkeit. Sie
ist sozusagen ein Ergebnis zweier Faktoren: dessen, worin
die Nachkommen ihren Vorfahren gleichen, und dessen,
worin sie sich verschieden zeigen. Dadurch entsteht auch die
Mannigfaltigkeit der Tier- und Pflanzengestalt von der
unvollkommensten bis zur vollkommensten. Niemals ware
einzusehen, warum die Verschiedenheit vorhanden ist, wenn
nicht das Gesetz der Vererbung da ware. Und es konnte
auch nicht eingesehen werden, warum der Nachkomme
verschieden ist, so dafi sich diese Verschiedenheit zu der
Ahnlichkeit hinzugesellt. Diese Verbindung zwischen Ahn-
lichkeit und Verschiedenheit gibt den Begriff der physischen
Entwickelung. Sie finden ihn im Pflanzen-, Tier- und Men-
schenleben. Wenn Sie aber fragen: Was entwickelt sich im
Physischen, was im Pf lanzenleben, was im Tier- und was im
Menschenleben? - dann bekommen wir einen durchgreif en-
den Unterschied heraus zwischen dem Menschenleben und
dem Tierleben. Diesen Unterschied mufi man sich klarge-
macht haben, vollstandig durchdacht haben, dann wird man
nicht stehenbleiben dort, wo der physische Forscher stehen-
bleibt. Man wird sich gezwungen fiihlen, weiterzuschreiten,
man wird den Gedanken der Entwickelung wesentlich
erweitern miissen. Nur das Hangen an alten Denkgewohn-
heiten macht es, dafi die Menschen nicht zu hoheren Ent-
wickelungsstufen kommen konnen.
Diesen Unterschied mochte ich nun bei der Menschheit
und bei der Tierheit klarmachen. Er driickt sich in einer
Tatsache aus, die unbestreitbar ist, aber nur nicht genugend
beriicksichtigt wird. Wenn man sie aber gefalk hat, dann ist
sie lichtbringend und durchaus aufklarend. Diese Tatsache
kann man mit dem Schlagworte ausdriicken: Der Mensch
hat eine Biographie, das Tier hat keine Biographic -Natiir-
lich wird jeder Hunde-, Pferde-, Affenbesitzer einwenden,
dafi ein Tier eigentiimliche, individuelle Neigungen und in
gewisser Beziehung ein individuelles Dasein hat, und dafi
man daher auch die Biographie eines Hundes, eines Pferdes
oder ernes Affen schreiben kann. Das soli nicht bezweifelt
werden. Aber in demselben Sinne kann man auch die Bio-
graphie einer Schreibfeder schreiben. Niemand wird aber
bestreiten, daft es nicht dasselbe ist, wenn wir von einer
menschlichen Biographie sprechen. Uberall sind nur Uber-
gange, Gradunterschiede, und daher gilt das, was fur den
Menschen vorzugsweise gilt, im iibertragenen Sinne auch fur
untergeordnete Wesen, ja es kann sogar auf aulSerliche Dinge
angewendet werden. Warum sollten wir nicht die Eigen-
schaften eines Tintenf asses beschreiben konnen? Aber Sie
werden doch finden, dafi ein radikaler Unterschied besteht
zwischen der Biographie eines Menschen und der Biogra-
phie eines Tieres. Wenn wir sprechen wollen von dem, was
uns beim Tiere in gleichem Mafie interessiert wie beim
einzelnen Menschen die Biographie, dann miissen wir die
Beschreibung der Gattung liefern. Wenn wir einen Hund,
einen Lowen beschreiben, dann hat das, was wir beschrei-
ben, Giiltigkeit fur alle Hunde oder fur alle Lowen. Wir
brauchen dabei nicht an Biographien hervorragender Men-
schen zu denken. Wir konnen die Biographie eines Herrn
Lehmann oder eines Herrn Schulze schreiben. Sie unter-
scheidet sich doch wesentlich von jeder Tierbiographie, und
sie ist fur den Menschen von gleichem Interesse wie die
Beschreibung der Gattung fur das Tierleben ist.
Damit ist gesagt fur jeden, der in dieser Weise ganz und
gar prazis denkt: Die Biographie bedeutet fur den Menschen
das, was die Gattungsbeschreibung fur das Tier bedeutet. Im
Tierreich spricht man daher von einer Entwickelung der
Gattung und der Arten; beim Menschen mufi man beim
Individuum einsetzen. Der Mensch ist eine Gattung fur sich,
nicht im physischen Sinne, insofern der Mensch auf der
hochsten Stufe der Tierheit ist, denn in bezug auf das
Gattungsmafiige ist es beim Menschen ebenso wie bei den
Tieren: Wenn wir den Menschen als Gattung beschreiben,
beschreiben wir ihn so, wie wir die Lowengattung oder die
Tigerart, die Katzenart beschreiben. Wesentlich anders ist
die Beschreibung des Individuellen des Menschen. Das Indi-
viduelle des Menschen ist eine Gattung fur sich. Dieser Satz,
durch und durch begriffen, ist das, was uns zu einer hoheren
Fassung des Beschreibens der Evolution innerhalb des Men-
schenreiches fiihrt. Wenn Sie iiber das Gattungsmafiige des
Menschen sich unterrichten wollen, wenn Sie sich unterrich-
ten wollen iiber dasjenige, was aufierliche Gestalt ist - denn
das ist das Gattungsmafiige am Menschen -, dann werden Sie
ganz wie in der tierischen Entwickelung zum Begriffe der
Vererbung Ihre Zuflucht nehmen, dann werden Sie wissen,
warum Schiller eine bestimmte Gestalt der Nase, eine
bestimmte Physiognomie trug; dann werden Sie die Gestalt
Schillers mit mehr oder weniger Gliick von seinen Ahnen
herleiten. Dariiber hinaus geht das, was die Biographie des
Menschen ist. Da handelt es sich erst um dasjenige, wodurch
sich der eine Mensch von alien anderen radikal unterschei-
det. Von diesen zwei Gebieten ist das Gattungsmafiige fur
den Begriff der Reinkarnation oder Wiederverkorperung
nicht wichtig. Das, worauf es ankommt, ist das andere
Gebiet, das wir als das eigentliche Seelische, als das Innenle-
ben des Menschen von dem Gattungsmafiigen unterschei-
den, dasjenige, was den einen Menschen unterscheidet von
jedem anderen.
Sie alle wissen, dafi ein jeder von uns ein ganz besonderes
Seelenleben hat und dafi es sich ausdriickt in dem, was wir
unsere eigentlichen Sympathien und Antipathien nennen,
was wir unseren Charakter nennen, was wir als die eigen-
tiimliche Art erkennen, wie wir uns seelisch darleben kon-
nen. So wie dasjenige, wodurch die Lowen etwas leisten, den
spezifischen Stempel der Lowen, der Lowenart tragt, so
tragt die spezifische Leistung eines Herrn Muller oder Leh-
mann die spezifische Pragung dieser einzelnen Seelen. Sym-
pathie, Antipathie, Neigungen, Gewohnheiten, kurz, alles
was wir das Temperament eines Menschen und was wir sei-
nen Charakter nennen - seine Begierden, Triebe, Leidenschaf-
ten, die Art und Weise, ob er stark oder schwach, so oder so
geartet zu sein wiinscht -, das konnen wir nur im Menschen
als Individuelles ansprechen. Wir finden allerdings schon im
Tierreich uberall dasselbe, was wir jetzt lebenden Menschen
als das Eigentiimliche der Seele betrachtet haben. Wir finden
da auch Sympathien und Antipathien, Neigungen, Triebe, ja
einen bestimmten Charakter. Wir nennen im allgemeinen,
wiederum von feineren Unterschieden abgesehen, die
Summe dessen, was wir beim Tier als seine Gewohnheiten
beobachten, die Aufierung der tierischen Instinkte. Nun hat
die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts versucht, auch
diesen Instinkt, dieses Seelische im Tier, zu erklaren wie die
aufiere Gestalt, namlich durch Vererbung. Man hat gesagt,
die Tiere verrichten gewisse Tatigkeiten, und dadurch, dafi
sie viele Tatigkeiten oft und oft verrichtet haben, pragen sich
diese Tatigkeiten in ihre Natur ein, so dafi sie gewohnheits-
mafiig werden; dann erscheinen sie bei den Nachkommen
vererbt als bestimmte Instinkte, etwa wenn man bestimmte
Hunde anhalt, schnell zu laufen, indem man sie zur Jagd
verwendet. Durch diese Ubung des Schnellaufens werden
die Nachkommen dieser Hunde dann schon mit dem
Instinkt des Schnellaufens als so veranlagte Jagdhunde gebo-
ren. Das ist die Art und Weise, wie Lamarck die Instinkte
der Tiere zu erklaren sucht; sie sollen vererbte Ubungen
sein.
Eine wirkliche Uberlegung zeigt aber sehr bald, dafi
gerade die komplizierten Instinkte unmoglich vererbt sein
konnen und unmoglich zusammenhangen konnen mit
irgendeiner vererbten Ubung. Gerade diejenigen Instinkte,
die am kompliziertesten sind, zeigen ihrer blofien Natur
nach den Beobachtern, dafi man unmoglich davon sprechen
kann, dafi sie von der Vererbung herriihren. Nehmen Sie
eine Fliege, welche davonfliegt, wenn man in ihre Nahe
kommt. Das ist eine instinktive AufSerung. Wodurch soli die
Fliege diesen Instinkt erworben haben? Die Vorfahren miifi-
ten diesen Instinkt nicht gehabt haben. Sie miifken die
bewufite oder unbewufke Erfahrung gemacht haben, dafi
ihnen das Sitzenbleiben unter gewissen Umstanden schad-
lich ist, und dadurch miilken sie sich angewohnt haben,
wegzufliegen, um den Schaden zu vermeiden. Wer den
Zusammenhang wirklich iibersieht, wird kaum in der Lage
sein, zu sagen, dafi so und so viele Insekten, weil sie gefun-
den haben, dafi sie getotet werden, sich angewohnt haben
fortzufliegen, um nicht getotet zu werden. Um diese Erfah-
rungen an ihre Nachkommen weiterzugeben, hatten sie ja
am Leben bleiben miissen. Also, Sie sehen, es ist unmoglich,
so von Vererbung zu sprechen, ohne sich in die schlimmsten
Widerspriiche zu verwickeln. Wir konnten von hundert und
tausend Fallen sprechen, wo Tiere nur ein einziges Mai
etwas tun. Nehmen Sie die Einpuppung: Das wird nur
einmal im Leben gemacht, und daraus geht schlagend her-
vor, dafi es nicht moglich ist, von einer Vererbung wie im
physischen Leben auch auf dem Gebiete des seelischen
Lebens zu sprechen. Daher verlafit der Naturforscher den
Satz vollstandig, dafi die Instinkte vererbte "Obungen seien.
Hier haben wir es nicht zu tun mit einer Obertragung
dessen, was im physischen Leben unmittelbar erfahren ist,
sondern mit einer Wirkung der Tierseelenwelt. Wir werden
in den nachsten Vortragen etwas genauer iiber diese Tiersee-
lenwelt sprechen. Wir konnen uns heute begniigen mit der
Feststellung der Unrnoglichkeit, von der Obertragung seeli-
scher Eigenschaften von Vorfahren auf Nachkommen in
demselben Sinne zu sprechen, wie man im physischen
spricht von Vererbung. Dennoch aber mufi der Mensch,
wenn er uberhaupt Sinn und Verstand in der Welt sehen
will, einen Zusammenhang in die Welt hineinbringen; er
mufi in der Lage sein, eine jegliche Wirkung auf ihre Ursache
zuruckzufiihren. Es mufi also dasjenige, was im individuel-
len Seelenleben auftritt, was auf tritt beim einzelnen mensch-
lichen Individuum an Sympathien und Antipathien, an
Aufierungen des Temperamentes und des Charakters, auf
Ursachen zuriickgefuhrt werden konnen.
Nun treten uns die Menschen verschieden in bezug auf
ihre Eigenschaften entgegen. Wir mussen daher die Ver-
schiedenheit der menschlichen Individuen erklaren. Wir
konnen sie nicht anders erklaren, als dafi wir auf seelischem
Gebiete denselben Begriff der Entwickelung einfiihren, wie
wir ihn im Physischen haben. So unsinnig es ware, wenn
man glauben wollte, dafi ein vollkommener Lowe als Gat-
tung plotzlich aus der Erde herausgewachsen sei oder da$
ein unvollkommenes Tier sich plotzlich entwickelt habe,
ebenso unmoglich ist es, dafi das Individuelle des Menschen
sich aus dem Unbestimmten heraus entwickelt hat. Wir
miissen das Individuelle ebenso ableiten, wie wir die voll-
kommene Gattung von einer unentwickelten Gattung ablei-
ten. Niemand wird, wenn er wirklich nachdenkt, die seeli-
schen Eigenschaften eines Menschen ebenso wie die korper-
lichen Eigenschaften in ehrlicher Weise durch Vererbung
erklaren wollen. Was mit dem Korper zusammenhangt, was
dadurch bedingt ist, dafi ich schwachere Hande habe als der
andere, das ist physische Vererbung. Dadurch, dafi ich eine
schwache Korpergestalt habe, wird auch die Schwache der
Hand eine grofiere sein als bei einem anderen, der eine
starkere Korpergestalt hat. Alles was mit dem physischen
Leib zusammenhangt, kann seiner Entwickelung nach mit
dem Worte Vererbung getroffen werden, nicht aber das, was
dem inneren Seelenleben angehort. Wer wollte Schillers
charakteristische Eigenart, seine Begabung, sein Tempera-
ment und so weiter, oder das Talent eines Newton auf die
Vorfahren zuruckfuhren? Wer die Augen verschliefit, wird
das tun konnen. Aber es ist unmoglich, zu einer solchen
Betrachtung zu kommen fur den, der sich nicht so ver-
schlielk. Wenn der Mensch als seelisches Wesen seine eigene
Gattung ist, so miissen die komplizierten seelischen Eigen-
schaften, die uns bei diesem oder jenem Wesen entgegentre-
ten, nicht auf seine physischen Vorfahren zuriickgefuhrt
werden, sondern sie miissen zuriickgefiihrt werden auf
andere Ursachen in der Vorzeit, die anderswo gestanden
haben als bei den Vorfahren. Und da die Ursachen nur dem
einzelnen Menschen zukommen, so haben sie auch nur mit
dem einzelnen Menschen zu tun. Und wie wir beim Tier den
Lowen nicht verfolgen konnen in der Barengattung, so kann
auch die Individuality nicht von einem anderen Menschen
abgeleitet werden, sondern nur von dem Menschen selbst,
weil der Mensch das Individuum der eigenen Gattung ist.
Deshalb kann er nur von ihm selber abgeleitet werden. Weil
der Mensch gewisse Eigenschaften mitbringt, die ihn ebenso
bestimmen wie den Lowen die Gattung bestimmt, so miis-
sen sie auch von dem Individuum selber abgeleitet werden.
Wir kommen so zu der Kette der verschiedenen Verkorpe-
rungen, die der einzelne Mensch ebenso wie die Lowengat-
tung, die ganze Gattung, bereits durchgemacht haben mufi,
Das ist die aufiere Betrachtungsweise. Wenn wir im physi-
schen Leben uns umsehen, so erscheint es uns nur verstand-
lich, wenn wir imstande sind, iiber die blofie Vererbung
hinauszugehen und ein Gesetz der Wiederverkorperung zu
denken, das das Naturgesetz auf der seelischen Stufe ist.
Fur denjenigen, der iiberhaupt seelisch beobachten kann,
liegt hier nicht eine Hypothese, sondern eine Schlufifolge-
rung vor. Was ich gesagt habe, ist doch nur eine Schlufifolge-
rung. Die Tatsache der Wiederverkorperung selbst liegt fur
denjenigen vor, der sich durch die Methoden der Mystik und
Theosophie erheben kann zu dem direkten Beobachten. In
der letzten Stunde wollten wir gleichsam theosophisch
mikroskopieren lernen. Heute wollen wir konstatieren, dafi
Theosophen so weit sind, dafi das, was wir Sympathien und
Antipathien, Leidenschaften und Wiinsche, kurz, Charakter
nennen, vor ihrem seelischen Auge als eine Tatsache daliegt
wie vor dem Auge des physischen Beobachters die aufiere
physische Gestalt. Wenn das der Fall ist, dann ist der
Seelenbeobachter in derselben Lage wie der aufiere Forscher,
dann hat der Seelenbeobachter dieselben Tatsachen vorlie-
gen, dann betrachtet er das komplizierte Gebilde, jene Licht-
gestalt, die in der aufieren Gestalt eingebettet ist, ebenso als
aufiere Wirklichkeit, wie die aufiere Gestalt fur den physi-
schen Beobachter Wirklichkeit ist. Dieses aurische Gebilde
driickt fur ihn in dem einen Falle die Tatsache aus, dafi er es
zu tun hat mit einem hohen, vollkommenen seelischen Lebe-
wesen, mit einer differenzierten, organisierten, mit vielen
Organen ausgestatteten Aura, wie wir es beim Lowen zu tun
haben mit einem Wesen, das viele Organe hat.
Und wenn wir die Seele, die Aura betrachten bei unvoll-
kommenen Wilden, dann erscheint sie relativ einfach; sie
erscheint in einfachen Farben, erscheint so, dafi wir diese
einfache Aura, diese undifferenzierte, farbenarme Aura des
Wilden in bezug auf ihre Vollkommenheit zu der kompli-
zierten Aura eines europaischen Kulturmenschen in densel-
ben Gegensatz bringen konnen wie eine unvollkommene
Schnecke oder Amobe zu dem vollkommenen Lowen. Und
dann verfolgen wir auf dem seelischen Gebiete die Entwik-
kelung geradeso wie die Aura. Dann sehen wir, dafi eine
vollkommene Aura nur entstehen kann auf dem Wege der
Entwickelung, indem wir namlich sehen, dafS die Aura,
wenn wir nach riickwarts gehen, eine unvollkommenere
war. Das liefert fur denjenigen, der auf diesem Gebiete
beobachten kann, eine unmittelbare Beobachtung des seeli-
schen Lebens selbst.
Wenn wir nun zum Geistesleben auf steigen, dann tritt uns
das physische Gesetz von Ursache und Wirkung im hoheren
Leben entgegen, das Gesetz von Karma. Dieses Gesetz von
Karma besagt fur den Geist genau dasselbe, was das Gesetz
von Ursache und Wirkung, das Gesetz der Kausahtat, fur
die auEeren, physischen Erscheinungen besagt. Wenn Sie
irgendeine Tatsache in der aufieren physischen Welt sehen,
wenn Sie sehen, dafi ein Stein zur Erde fallt, dann fragen Sie:
Warum fallt der Stein? - Und Sie ruhen so lange nicht, bis
Sie die Ursache festgestellt haben. Wenn Sie geistige Erschei-
nungen haben, mussen Sie ebenso nach den geistigen Ursa-
chen fragen. Und wie nahe liegen uns die geistigen Tatsa-
chen! Der eine ist ein Mensch, den wir einen gliicklichen
nennen, ein anderer ist sein ganzes Leben hindurch zum
Ungliick verurteilt. Was wir Menschenschicksal nennen,
schliefit sich in die Frage ein: Warum ist dieses und jenes?
Vor diesem Warum steht die ganze aufiere Wissenschaft
vollstandig ratios da, weil sie ihr Gesetz von Ursache und
Wirkung nicht anzuwenden weifi auf die geistigen Erschei-
nungen. Wenn Sie eine Metallkugel haben und Sie werfen
diese Metallkugel ins Wasser, so wird eine ganz bestimmte
Tatsache geschehen. Die Tatsache wird aber eine ganz
andere, wenn Sie die Metallkugel zuerst gluhend gemacht
haben. Die verschiedenen Erscheinungen werden Sie sich
nach Ursache und Wirkung klarzumachen suchen. Und
ebenso miissen Sie im geistigen Leben fragen: Warum gliickt
etwas dem einen Menschen, dem anderen nicht? Warum
gliickt mir dieses, warum ein anderes nicht? - Dies fuhrt
dazu, zu erkennen, woran es liegt, dafi eine bestimmte
Tatsache eine ganz bestimmte Charaktereigenschaft in der
Wirklichkeit aufweist. Dadurch, dafi ich die Metallkugel erst
erhitzt habe, entsteht jenes Sieden im Wasser. Nicht vom
Wasser hangt es ab, sondern die Veranderung, die vorher mit
der Metallkugel vorgegangen ist, bewirkt das Schicksal, wel-
ches die Metallkugel im Wasser erfahrt. So hangt das Schick-
sal der Metallkugel davon ab, welche Zustande sie vorher
durchgemacht hat; davon hangt ab, was fur Erscheinungen
bei einem nachf olgenden Erlebnis dieser Kugel an sie heran-
treten - um bei dem Beispiel zu bleiben.
Wir miissen also sagen: Jede Handlung, die ich begehe,
tragt ebenso zu meinem geistigen Menschen bei, verandert
meinen geistigen Menschen, wie die Erhitzung die physische
Metallkugel verandert hat. Hier ist ein noch feineres Denken
notwendig als auf dem seelischen Gebiet. Hier mufi man mit
Geduld und Ruhe sich klarmachen, dafi durch eine Hand-
lung der geistige Mensch verandert wird. Wenn heute
jemand etwas stiehlt, so ist das eine Handlung, die den
geistigen Menschen mit einer niedrigeren Eigenschaft stem-
pelt, als wenn ich einem Menschen wohltue. Es ist nicht
dasselbe, ob ich eine moralische Handlung begehe oder eine
physische. Was die erhitzte Metallkugel fiir das Wasser ist,
das ist der moralische Stempel fiir den Menschen. Ebenso-
wenig wie etwas Physisches ohne Wirkung bleiben wird fiir
die Zukunft, ebensowenig wird der moralische Stempel fiir
die Zukunft ohne Wirkung bleiben. Auch im Geistigen gibt
es keine Ursachen ohne entsprechende Wirkung. Daraus
folgt das grofte Gesetz, daft jede Handlung notwendiger-
weise eine Wirkung hervorbringen muft, eine Wirkung fiir
das betreffende Geistwesen. An dem Geistwesen selbst, an
dem Schicksai des Geistwesens, mufi sich der moralische
Stempel zum Ausdruck bringen.
Dieses Gesetz, durch das der moralische Stempel einer
Handlung unter alien Umstanden zur Wirkung kommen
mufi, ist das Gesetz von Karma. So haben wir die Begriffe
von Reinkarnation und Karma kennengelernt. Mancherlei
wird eingewendet gegen diese Begriffe; gegen deren allge-
meinen Charakter kann aber durch den wirklichen Denker
nichts eingewendet werden. Das menschliche Leben zeigt
uns in alien Erscheinungen, und die aufteren Tatsachen
beweisen es, daft Entwickelung auch in dem geistigen Leben
da ist, daft Ursache und Wirkung auch im geistigen Leben
vorhanden sind. Auch diejenigen, welche nicht auf dem
Standpunkte der Theosophie stehen, haben versucht, Ursa-
che und Wirkung auch auf dem geistigen Gebiete zu suchen,
so zum Beispiel ein Philosoph der neueren Zeit, Paul Ree>
der Freund Friedrich Nietzsches. Er hat eine geistige
Erscheinung auf aufierliche Weise durch die Entwickelung
zu erklaren versucht. Er fragt: Ist das Gewissen immer
da gewesen in der Entwickelung? — Und er zeigt dann, daft es
Menschen gibt, die das nicht haben, was wir in unserer
Entwickelung Gewissen nennen. Er sagt, es hat Zeiten gege-
ben, in denen so etwas in der menschlichen Seek noch nicht
entwickelt war, was wir Gewissen nennen. Dazumal haben
die Menschen, verschieden von uns, bestimmte Erfahrungen
gemacht. Die Menschen haben gefunden, dafi, wenn sie
gewisse Taten vollziehen, ihnen diese Taten Bestrafung ein-
bringen, dafi die Gesellschaft sich racht an denjenigen, die
der Gesellschaft schaden. Dadurch hat sich innerhalb der
menschlichen Seele ein Gefiihl fur dasjenige, was sein soil,
und fur dasjenige, was nicht sein soli, entwickelt. Das ist im
Laufe der Zeit in eine Art Vererbung iibergegangen, und
heute werden die Menschen mit dem Gefiihl, das sich eben
im Gewissen ausdriickt - etwas soil sein oder etwas soli
nicht sein -, schon geboren. So hat sich im allgemeinen, so
meint Ree, bei der ganzen Menschheit das Gewissen entwik-
kelt. Ree hat hier in schoner Weise gezeigt, dafi wir auch den
Begriff der Entwickelung auf die seelischen Eigenschaften,
auf das Gewissen also, anwenden konnen. Hatte er noch
einen Schritt weiter gemacht, so ware er in das Gebiet der
Theosophie hineingekommen.
Nur noch eine Erscheinung mochte ich erzahlen, das ist
die Erscheinung, dafi wir in der europaischen Kulturge-
schichte geradezu den Punkt genau angeben konnen, wo
iiberhaupt zuerst vom Gewissen gesprochen wird. Wenn Sie
die ganze alte griechische Welt durchgehen und die
Beschreibungen und Schilderungen verfolgen, so finden Sie
nirgends, nicht einmal in der alten griechischen Sprache, ein
Wort fur dasjenige, was wir Gewissen nennen. Man hatte
kein Wort dafiir. Besonders auffallend diirfte sein das, was
wir bei Plato iiber Sokrates erzahlen horen. In alien sokrati-
schen Gesprachen ist noch nicht das Wort enthalten, das
spater - erst im letzten Jahrhundert vor Christi Geburt - in
Griechenland aufgetreten ist. Einige meinen, dafi das Damo-
nium das Gewissen sei. Das kann aber leicht widerlegt
werden, und es kann daher nicht ernsthaft in Betracht
gezogen werden. Das Gewissen finden wir nur in der christ-
lichen Welt. Es gibt eine Dramentrilogie, die Orestie von
Aschylos. Wenn Sie diese drei Dramen verfolgen, so sehen
Sie, dafS Orest unter dem unmittelbaren Eindruck des Mut-
termordes steht. Er hat die Mutter gemordet, weil sie den
Vater getotet hat. Nun wird uns vorgefuhrt, wie Orestes
verfolgt wird von den Erinnyen, und es wird uns gezeigt,
wie er sich dem Gerichte stellt und das Gericht ihn frei-
spricht. Nichts tritt auf als der Begriff der auEerlich sich
rachenden Gotter. Es driickt sich der Vorgang aus in der
Furcht vor aufteren Gewalten. Nichts ist darin von dem, was
den Begriff des Gewissens einschliefk.
Dann folgt Sophokles und dann Euripides. Bei ihnen tritt
uns Orest ganz anders entgegen. Warum er sich schuldig
fiihlt - das tritt uns hier in einer ganz anderen Weise
entgegen. Bei diesen Dichtern fiihlt Orest sich schuldig, weil
er jetzt ein Wissen davon besitzt, ein Unrecht getan zu
haben. Und daraus bildet sich im Griechischen und ebenso
im Lateinischen das Wort Gewissen. Ein Wissen von seiner
eigenen Tat haben, sich beobachten konnen, bei seiner eige-
nen Tat sein - das mufi sich also erst entwickelt haben. Wenn
nun Paul Ree recht hatte, dafi das Gewissen eine Folge
allgemeiner menschlicher Entwickelung ware, dafi es sich
herausentwickelt aus dem, was der Mensch beobachtet,
indem er Strafe erhalt fur dasjenige, was den Mitmenschen
schadet, und dafi es somit ihm selbst schadet, wenn er etwas
tut, was nicht im Sinne einer verniinftigen Weltordnung ist,
wenn das die Ursache ware, dann hatte zweifellos dieses
Gewissen auch generell auftreten miissen. Weil die aufiere
Veranlassung im gleichen Sinne verlauft, so mufite es bei
grofieren Menschenmassen auftreten; es miifite in einem
Stamme zu gleicher Zeit auftreten, artgemafi sich entwik-
keln. Hier miifke man die griechische Geschichte als Seelen-
geschichte studieren. Damals namlich, als in Griechenland
bei einzelnen sich der Begriff entwickelt hat, den wir im
alteren Griechenland noch nicht finden, da war eine Zeit, in
welcher geradezu die offentliche Gewissenlosigkeit an der
Tagesordnung war. Lesen Sie die Schilderungen der Zeit der
Kriege zwischen Athen und Sparta! Wir konnen also in
bezug auf das Gewissen nicht von etwas Artgemafiem spre-
chen wie beim Tier.
Ein weiterer Einwand wird gemacht. Wenn der Mensch
wiederholt lebt, so miifke er sich doch an die friiheren Leben
erinnern. Das ist allerdings nicht so von vornherein einzuse-
hen, warum das zumeist nicht der Fall ist. Man mufi sich
klarmachen, was Erinnerung heifit und wodurch Erinnerung
zustande kommt. Ich habe das letzte Mai bereits ausgefiihrt,
dafi der Mensch heute im gegenwartigen Entwickelungs sta-
dium zwar lebt im seelisch-astralischen und im geistig-
mentalen Bereich, dafi er sich aber nicht bewufk ist dieser
zwei Welten, dafi er sich bewufit nur ist der physischen Welt
und erst in der Zukunft und auf hoheren Stufen das errei-
chen wird, was heute schon einzelne erreicht haben. Dafi er
sich bewufit wird im Seelischen und Geistigen, das wird der
Durchschnittsmensch erst spater erreichen. Der Durch-
schnittsmensch ist in der physischen Welt bewufit und lebt
in der seelischen und geistigen Welt. Das riihrt davon her,
dafS seine eigentliche denkende Kraft, das Gehirn, die physi-
sche Welt braucht, um tatig sein zu konnen. Physisch tatig
sein heifk, im physischen Leben sich bewufit werden. Im
Schlafe ist der Mensch sich seiner selbst nicht bewufit. Wer
sich mit mystischen Methoden entwickelt, entwickelt auch
das Bewufitsein wahrend des Schlafes und in den hoheren
Zustanden. Es macht die Erinnerung moglich an das, was
der Mensch im Verlaufe des Lebens erlebt. Weil sein Gehirn
existiert in der physischen Welt, erinnert er sich an das, was
ihm physisch begegnet. Der Mensch, der nicht nur mit dem
physischen Gehirn arbeitet, sondern des Seelenmaterials sich
bedienen kann, urn innerhalb der Seele ebenso bewuftt zu
sein, wie der gewohnliche Mensch innerhalb des physischen
Korpers bewufit ist, bei dem reicht nun auch die Erinnerung
weiter. Geradeso wie das unvollkommene Tier noch nicht
die Fahigkeit des entwickelten Lowen hat, aber diese Eigen-
schaft einst haben wird, so wird auch der Mensch, der noch
nicht die Fahigkeit hat, sich an die friiheren Leben zu
erinnern, diese spater erringen.
Auf den noch hoheren Gebieten ist es schwierig, zur
Einsicht in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung
auf geistige Weise zu kommen. Das ist nur in der mentalen
Welt moglich, wenn der Mensch nicht nur im physischen
und astralen Korper zu denken vermag, sondern im rein
geistigen Leben. Dann ist er auch imstande, bei jeder Bege-
benheit zu sagen, warum sie eingetreten ist. Dieses Gebiet ist
so hoch, dafi viel Geduld dazu gehort, um diejenigen Eigen-
schaften sich anzueignen, die es ermdglichen, Ursache und
Wirkung im geistigen Leben zu durchschauen. Wer im
Physischen bewufit ist und im Seelischen und Geistigen nur
lebt, der hat nur die Erinnerung an das, was ihm passiert ist
seit der Geburt bis zum Tode. Der im Seelischen Bewufite
hat die Erinnerung der Geburt bis zu einem gewissen Grade.
Wer aber auf geistigem Gebiet bewufk ist, der sieht das
Gesetz von Ursache und Wirkung in seinem wirklichen
Zusammenhang.
Ein weiterer Einwand, der gemacht wird, liegt in der
Frage: Kommen wir da nicht in den Fatalismus hinein?
Wenn alles verursacht ist, dann steht der Mensch ja unter
dem Fatum, indem er sich immer wieder sagen wird: Das ist
mein Karma, und wir konnen das Schicksal nicht andern. -
Das kann man ebensowemg sagen wie man sagen kann: Ich
kann meinem Mitmenschen nicht helfen, und es macht mich
so trostlos, wenn ich ihm nicht helfen kann; ich mufi daran
verzweifeln, ihn besser zu machen, derm es liegt ja in seinem
Karma. - Wer nur einigermafien das Gesetz des Lebens mit
den Naturgesetzen vergleicht und weifi, was Gesetz ist, der
wird zu einer solchen irrtiimlichen Auffassung des Karma-
gesetzes niemals kommen konnen. Wie sich Schwefel, Was-
ser- und Sauerstoff zu Schwefelsaure verbinden, das unter-
liegt einem unabanderlichen Naturgesetz. Wenn ich gegen
das Gesetz handle, das in den Eigenschaften der drei Stoffe
liegt, so werde ich niemals Schwefelsaure zustande bringen.
Es gehort meine personliche Verrichtung dazu. Es liegt in
meiner Freiheit, die Stoffe zusammenzufuhren. Trotzdem
das Gesetz ein absolutes ist, kann es durch meine freie
Handlung in Wirksamkeit gesetzt werden. So ist es beim
Karmagesetz auch. Unabanderlich zieht eine Handlung, die
ich in den verflossenen Leben begangen habe, in diesem
Leben ihre Wirkung nach sich. Aber es steht mir frei, der
Wirkung entgegenzuarbeiten, eine andere Handlung zu
schaffen, die in gesetzma&ger Weise etwa schadliche Folgen
der friiheren Handlung aufhebt. Wie nach unabanderlichem
Gesetze eine gliihende Kugel, auf den Tisch gelegt, den
Tisch verbrennen wird, geradeso kann ich die Kugel abkiih-
len und sie dann auf den Tisch legen. Sie wird den Tisch
nicht mehr verbrennen. In dem einen und in dem anderen
Fall habe ich nach dem Gesetze gehandelt. Eine Handlung in
der Vergangenheit bestimmt mich zu einer Handlung; die
Wirkung meiner Handlung im vergangenen Leben kann
nicht beseitigt werden, aber ich kann eine andere Handlung
vornehmen und ebenso gesetzmafiig die schadliche Wirkung
in eine niitzliche Wirkung abandern, nur dafi das alles nach
den Gesetzen der geistigen Ursachen und Wirkungen ver-
lauft. Das Gesetz von Karma lafit sich vergleichen mit dem,
was ich in einem Kontobuch habe. Links und rechts haben
wir bestimmte Zahlen. Wenn wir links und rechts addieren
und dann voneinander abziehen, bekommen wir den Stand
der Kasse. Das ist ein unabanderliches Gesetz. Je nachdem
meine vorhergehenden Geschafte verlaufen sind, wird der
Stand der Kasse gut oder schlecht sein. Aber so bestimmt
dieses Gesetz auch wirkt: ich kann doch neue Geschafte
hinzufugen, und der ganze Stand andert sich ebenso gesetz-
mafiig, wie er sich friiher geandert hat. Ich bin in ganz
bestimmter Art verursacht durch Karma, aber in jedem
Augenblick kann das Kontobuch meines Lebens durch neue
Eintragungen verandert werden. Wenn ich einen neuen
Posten hinzufugen will, mul5 ich erst die beiden Seiten
addiert haben, um zu sehen, ob ich einen Kassenbestand
oder Schulden habe. So ist es auch mit den Erfahrungen im
Kontobuche des Lebens. Sie fugen sich dem Leben ein. Wer
sehen kann, wie sein Leben verursacht ist, der kann sich
auch sagen: mein Konto schliefk aktiv oder passiv ab, und
ich mufi diese oder jene Handlung hinzufugen, um das
Schlechte im Leben aufzuheben, um allmahlich befreit zu
werden von dem, was ich als mein Karma angesammelt habe.
Das ist es, was wir als das grofie Ziel des menschlichen
Lebens sehen: von dem Karma, das einmal verursacht wor-
den ist, wieder befreit zu werden. Zielpunkte zu finden fiir
das Kontobuch des Lebens, das liegt in der Hand eines jeden
einzelnen Menschen.
Dadurch haben wir die zwei grofien Gesetze, das Gesetz
des Seelenlebens und das Gesetz des Geisteslebens. Es ent-
steht heute schon die Frage : Was entsteht zwischen den zwei
Leben, wie wirkt der Geist zwischen dem Tod und der
nachsten Geburt? - Wir miissen das menschliche Schicksal
betrachten in der Zeit wahrend zweier Leben und wollen die
Stationen durchgehen zwischen dem Tod und einem neuen
Leben. Wir werden dann sehen, was an Glauben und Wissen
und Religiositat in das abendlandische Wissen hineindringen
kann. Nicht nur zu den Sinnen sprechen die groften Gesetze,
sondern auch zu dem Geistigen und zu dem Seelischen, so
dafi der Mensch nicht nur von Ursache und Wirkung im
Physischen, sondern auch im geistigen Leben zu sprechen
versteht; denn das, was die grofien Geister gesagt haben,
wird sich erfullen; es wird sich zeigen, dafi wir die Welt nur
zum Teil verstehen, wenn wir nur das nehmen, was wir
horen, sehen und tasten. Wir miissen, um die Welt ganz zu
begreifen, hinaufsteigen und die Gesetze, die das ganze
Sinnen des Menschen ausmachen, erforschen, um zu lernen,
woher der Mensch kommt und in welche Zukunft er geht.
Diese Gesetze miissen auf dem geistigen Gebiet gesucht
werden, und dann werden wir den Ausspruch Goetbes, der
ein Reprasentant der Theosophie war, verstehen, und erken-
nen, was er damit sagen wollte:
Geheimnisvoll am lichten Tag,
Lafit sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
Erst wenn der Mensch hinausschreitet liber das blofl Person-
liche, wenn er sich des Obergewichtes der Individualist, des
hoheren Personlichen uber das Personliche bewufit ist, wenn
er versteht, unpersonlich zu werden, unpersonlich zu leben,
das Unpersonliche in sich waken zu lassen, dann lebt er sich
aus der in der aufteren Form verstrickten Kultur heraus in
eine lebensvolle Kultur der Zukunft hinein. Ist es auch nicht
das, was die Theosophie als ihr hochstes Ideal erkennt, ist es
auch nicht die letzte ethische Konsequenz, die wir aus der
Theosophie ziehen, so ist es ein Schritt dem Ideale entgegen,
das der Mensch nur dann zu leben lernt, wenn er nicht auf
das Personliche sieht, sondern auf das Ewige und Unver-
gangliche. Dieses Ewige und Unvergangliche, die Buddhi,
der Weisheitskeim, der in der Seele ruht, ist dasjenige, was
die blofte Verstandeskultur abldsen muft. Daft die Theoso-
phie mit dieser Anschauung von der Zukunft der Mensch-
heitsentwickelung recht hat, dafiir gibt es viele Beweise. Der
wichtigste aber ist derjenige, daft sich Krafte im Leben selbst
geltend machen, die es gilt, wirklich zu erfassen und zu
verstehen, um uns dann selbst mit deren Ideal zu erfullen.
Das ist das Grofie bei Tolstoi, daft er den Menschen aus dem
engen Kreise seiner Gedanken herausheben und spirituell
vertief en will, daf5 er ihm nicht die Ideale unserer materiellen
Welt zeigen will, nicht unseres irgendwie gestalteten sozia-
len Lebens, sondern die Ideale, die nur in der Seele erquellen
konnen. Wenn wir richtige Theosophen sind, dann werden
wir die Krafte, die in der Weltevolution wirken, erkennen,
dann werden wir nicht blind und taub bleiben gegeniiber
dem, was uns an theosophischem Sinn in unserer Gegenwart
entgegenleuchtet, sondern wir werden diese Krafte, von
denen gewohnlich in der Theosophie prophetischerweise
gesprochen wird, erkennen. Das mufi gerade das Charakteri-
stische eines Theosophen sein, daft er die Finsternis und den
Irrtum uberwindet, daft er das Leben und die Welt in der
richtigen Weise einzuschatzen und zu erkennen lernt. Ein
Theosoph, welcher sich zuriickziehen, kalt und fremd dem
Leben gegentiberstehen wiirde, ware ein schlechter Theo-
soph, auch wenn er noch so viel von theosophischen Dog-
men zu predigen hatte.
Solche Theosophen, welche uns von der sinnlichen Welt
hinauffuhren in die hoheren Welten, welche selbst hinein-
blicken in die iibersinnlichen Welten, sie sollen uns auch auf
der anderen Seite lehren, wie wir auf unserem physischen
Plan das Ubersinnliche beobachten und uns nicht verlieren
im Sinnlichen. Wir erforschen die Ursachen, die aus dem
Geistigen kommen, urn das Sinnliche, das die Wirkung des
Geistigen ist, vollkommen zu verstehen. Das Sinnliche ver-
stehen wir nicht, wenn wir innerhalb des Sinnlichen stehen-
bleiben, denn die Ursachen zum sinnlichen Leben kommen
aus dem Geistigen. Hellsehend im Sinnlichen will uns die
Theosophie machen. Deshalb redet sie von der «uralten
Weisheit». Aufgeschlossen will sie uns machen fur das Gei-
stige. Sie will den Menschen umgestalten, damit er hellsich-
tig hineinschauen kann in die hoheren, ubersinnlichen
Geheimnisse des Daseins. Aber das soli nicht erkauft werden
mit dem Unverstand fur dasjenige, was unmittelbar um uns
herum vorhanden ist. Der ware ein schlechter Hellseher, der
blind und taub ware fur dasjenige, was in der sinnlichen
Welt sich abspielt, fur das, was seine Zeitgenossen in der
unmittelbaren Umgebung zu vollbringen in der Lage sind.
Und aufterdem ware er ein schlechter Hellseher, wenn er
nicht imstande ware, das von einer Personlichkeit zu erken-
nen, wodurch in unserer Zeit die Menschen in das Ubersinn-
liche hineingefuhrt werden. Was niitzte es uns, wenn wir
hellsehend wiirden und nicht imstande waren, das zu erken-
nen, was als unsere nachste Aufgabe unmittelbar vor uns
liegt!
Fragenbeantwortung
Frage: In welchem Verhaltnis stehen die Tiere als Einzel- und als
Gattungswesen zum Menschen?
Das Tier als Gattungswesen ist das, was der Mensch ist.
Das Tier als Gattung unterliegt der Reinkarnation nicht,
ebensowenig das einzelne Tier. Die Lowengattung zum
Beispiel wird allmahlich individualisiert und in Verbindung
rnit hoheren Wesenheiten in der Zukunft Entwickelungs-
phasen durchmachen, die wir ahnen, aber nicht menschen-
ahnlich nennen konnen, weil sie nicht dem ahnlich sein
werden, was heute der Mensch ist und am wenigsten dem
ahnlich sein werden, was dann der Mensch sein wird. Lesen
Sie bei Haeckel in den «Lebenswundern» nach uber den
Zeitpunkt, wo das Leben zuerst entstanden ist auf der Erde.
Tiere konnen also nicht Menschen werden. Das einzelne
Tier kann jedenfalls niemals Mensch werden.
Frage: Hat das Gebet nach der theosophischen Anschauung eine
Berechtigung?
Das Gebet war zu alien Zeiten der Entwickelung vorhan-
den. Es bedeutete fur die ersten Christen nicht allein das
Mittel der Vereinigung des Menschen mit seinem Gott.
Ganz die Stimmung, welche Tolstoi als Stimmung in der
Seele des Menschen schildert und fiihlt, dafi er davon durch-
drungen ist, soli hervorgeruf en werden beim Christen durch
das Gebet. Je hoher die Dinge sind, um die der Mensch
bittet, um so besser ist es. Beten um aufierliche Dinge ist
nicht im Sinne des Urchristentums. «Vater, nicht mein,
sondern dein Wille geschehe.» Was ist der Wille des Vaters
im urchristlichen Sinne? Derjenige Wille, welcher das Urge-
setz aller Weltentwickelung darstellt. Ich will, da$ meine
Erfolge und Wunsche so vollkommen seien, dafi sie dem
Sinne des Willens des Vaters, das heifit, dem geistigen Welt-
gesetz entsprechend seien, dafi sie nicht abweichen von dem
groften geistigen Weltengesetz. Wenn ich irgendein Gebet
habe, durch das ich eine willkurliche Bitte anstrebe, die aus
meiner alltaglichen Natur entspringt, aus meinem Belieben,
dann ist das Gebet nicht gehalten in dem Stile: «Nicht mein
Wille, sondern dein Wille geschehe.» Ein Gebet in diesem
Stile aber ist vorhanden, wenn nicht das zu Erflehende
heruntergezogen werden soil zu uns, wenn nicht unser Wille
durchgehen soil, sondern wenn wir mit unserem Willen
hinaufgehoben werden, wenn die Vergottlichung damit
angestrebt wird, die Auferstehung der Seeie im Gottlichen,
im Christlichen. Da die Theosophie nur das Verstehen aller
Religionsbekenntnisse will, so ist sie damit einverstanden.
Nur dadurch kann er in Zwiespalt mit der Theosophie
kommen, daft er seine eigene Religion nicht versteht. Wer
das Christentum in seinen Methoden kennt - und das Gebet
gehort zu den Methoden des Christentums, denn es ist ein
Mittel zur Vereinigung mit der gottlichen Allseele, der weifi,
dafi es nicht in Widerspruch zur Theosophie steht.
Frage: Was halt der Theosoph von der christlichen Taufe?
Wenn wir die Taufe richtig verstehen wollen, so mussen
wir auf deren ursprungliche Bedeutung zunickgehen. Die
Taufe bedeutete urspriinglich eine der ersten Stufen, durch
die der Mensch allmahlich zu den hoheren Erkenntnissen
hinaufkam. Sie war als sogenannte Wasserprobe in den alten
Mysterien vorhanden. Sie gehorte zu den zeremoniellen
Handlungen, welche verkniipft waren damit, dafi die Men-
schen stuf enweise zu den hochsten Weisheiten hinauf gefiihrt
wurden. Diese alten Mysterien waren nichts anderes als
Kultstatten und Weisheitsschulen. Die Taufe war die erste
Probe fur die Einweihung. Sie war nicht blofi eine aufiere
Form, sondern verkniipft mit bestimmten Erkenntnisgra-
den. Der Taufling mufke gewisse Tugenden in sich ausgebil-
det haben; dann wurde ihm die Taufe erteilt. Vor alien
Dingen wurde von den Tauflingen der alten Mysterienreli-
gionen verlangt, daft sie das im Leben sich erworben haben,
was man festes Selbstvertrauen nennt, die Moglichkeit, sich
immer auf sich selbst zu verlassen. Diese Charaktereigen-
schaft hing damit zusammen, dafi man in den tieferen
Mysterienreligionen das Reich Gottes inwendig im Men-
schen gesucht hat, und dafi man nur denjenigen zugestanden
hat, daft sie der hoheren Gemeinschaft angehoren, welche in
sich selbst Richtung und Ziel gefunden haben, welche also
sich selbst vertrauen durften. Fur diese war dann die innere
Umwandlung der Schlufistein eines Lehrplanes.
Das war in den Mysterien der Fall. Dann kam das Chri-
stentum und stellte das, was in den Mysterien gelehrt wor-
den war, als eine Wahrheit fur die ganze Menschheit hin.
Das ist eine ganz bedeutsame mystische Tatsache, dafi jetzt
nicht nur diejenigen selig werden konnen, welche in die
Mysterien eingeweiht werden, sondern auch diejenigen, wel-
che nur glauben. Damit wurde die Taufe zu einem soge-
nannten Sakramente der Kirche. Diese Taufe ist die Fortset-
zung eines uralten zeremoniellen Gebrauches, der Wasser-
probe in den Mysterien. Hier ist ein Punkt, wo wir an
spirituelles Wissen glauben mussen oder nicht weiterkom-
men. Die Handlungen, die vollzogen werden bei der Ein-
gliederung in die Gemeinschaft, sind so, daft damit etwas
Spirituelles verkniipft ist, das nicht blofi aufiere Formalitat
ist, sondern etwas ist, was mit dem ganzen spirituellen
Leben der Gemeinschaft zusammenhangt, so dafi tatsachlich
- vom spirituellen Gesichtspunkte aus - mit dem Taufling
etwas geschieht. Fur denjenigen, der Materialist ist, ist dies
eine ganz phantastische Sache. Aber fur den, der etwas von
den hoheren Planen des Daseins weifi, ist es auch eine
Tatsache. Viel innere Spirituaiitat ist auch unter der aufieren
Form untergegangen. Wir diirfen aber nicht vergessen, wenn
wir eine solche Handlung erfassen wollen, dafi wir sie nicht
herunterziehen diirfen in unsere gegenwartige materialisti-
sche Weltanschauung.
THEOSOPHIE UND DARWIN
Berlin, 27. Oktober 1904
In der Gegenwart finden wir zwei wichtige Kulturstromun-
gen. In Darwin zeigt sich die eine, die ihren Hohepunkt
bereits iiberschritten hat, in Tolstoi eine andere Kulturstro-
mung, die im Anfange begriffen ist.
Zahlreiche unserer Zeitgenossen, welche sich mit den
Fragen beschaftigen, die mit dem Namen Darwin zu tun
haben, sind wohl der Meinung, daft mit dem, was man
Darwinismus nennt, so etwas wie eine endgiiltige Wahrheit
gefunden sei; daft demgegeniiber alles, was die Menschen
fruher gedacht haben, iiberwunden sei, und daft zu gleicher
Zeit mit diesen endlich gefundenen Wahrheiten etwas da sei,
was fur die fernste Zukunft gelten miisse. Viele Menschen
konnen sich nicht denken, daft die Meinungen der Menschen
etwas durchaus Wandelbares sind. Sie haben keine Vorstel-
lung davon, daft der wichtigste Begriff, den wir gerade im
Darwinismus finden, der Begriff der Entwickelung, nicht
minder auf das geistige Leben wie auf das natiirliche Leben
anwendbar ist, und daft vor alien Dingen die menschlichen
Meinungen und die menschlichen Erkenntnisse selbst der
Entwickelung unterworfen sind. Erst wenn Sie einen grofte-
ren Zeitraum der Entwickelung des Menschengeistes iiber-
blicken wollen, wird es Ihnen klarwerden, daE die Wahrhei-
ten, die Erkenntnisse und Anschauungen einer bestimmten
Epoche sich aus den friiheren Gesichtspunkten heraus ent-
wickelt haben, andere geworden sind und dafi sie in der
Zukunft wieder andere werden.
Die Theo sophie wurde ihre Aufgabe wenig erfiillen, wenn
sie nicht gerade diesen Begriff der Entwickelung auf die
grofien Erscheinungen des Lebens, des geistigen Lebens vor
allem, anwenden wiirde. So lassen Sie uns heute einmal nicht
vor dem engbegrenzten Horizont eines Gegenwartsmen-
schen, sondern von einem hoheren Gesichtspunkte dasjenige
betrachten, was sich an den Namen Darwin knupft. Wir
werden dabei allerdings etwas weit in der Zeit zuriickgehen
miissen, denn niemand kann jene Erscheinungen begreifen,
wenn er sie nur fur sich hinstellt, wenn er sie nicht im
Zusammenhang mit anderen, ahnlichen Erscheinungen
betrachtet. Die Theosophie macht es uns moglich, diese
Erscheinungen in die entsprechenden groften Zusammen-
hange hineinzubringen. Die Entwickelung des menschlichen
Geistes, die Entwickelung dieses Geistes in den verschiede-
nen Formen des Daseins, wie wir sie in den letzten Vortra-
gen kennengelernt haben, betrachtet die Theosophie. Dieser
Menschengeist, dieser Mensch, wie er heute ist und wie er
seit Jahrtausenden ist, ist nichts Fertiges, nichts Abgeschlos-
senes. Er wird in Jahrtausenden und in noch ferneren Zeiten
nicht mehr das sein, was er heute ist. Um zu begreifen, wie
er sich heute in die Welt hineinstellt und seine Aufgabe in
der Welt zunachst ansieht, miissen wir die charakteristischen
Eigentumlichkeiten hervorheben, die wir bei diesem heuti-
gen Menschen antreffen. Um aber das zu konnen, miissen
wir unseren Blick dadurch etwas erweitern, dafi wir gewisse
Begriffe, gewisse Vorstellungen, die wir haben, nicht iiber-
schatzen.
Namentlich ein Begriff ist es, den der Mensch heute nur
zu sehr iiberschatzt: das ist der Begriff der bewufken
menschlichen Tatigkeit, so wie wir heute unser Bewulksein
auffassen. Immer, wenn der Mensch irgendwie Kunst, Tech-
nik und dergleichen betrachtet, das von ihm ausgeht, dann
hat er in gewisser Weise den Begriff des bewulken Schaffens,
des bewufiten Denkens im Hintergrunde. Er wird gar nicht
aufmerksam darauf, dafi es um ihn herum in der Welt
Kunsttatigkeiten und technische Tatigkeiten gibt, welche
von mindestens so grofier Bedeutung sind wie die menschli-
chen, sich aber von den menschlichen dadurch unterschei-
den, dafi der Mensch das, was von ihm bewirkt wird, in
bewufiter Weise ausfiihrt; denn der Mensch ist durch den
Gedanken in der Welt tatig. Alles, was der Mensch unter-
nimmt, ist zuletzt ein verwirklichter menschlicher Gedanke.
Als Gedanke lebt das Haus zuerst im Geiste des Baumei-
sters, und wenn es fertig ist, ist es ein materiell gewordener
Gedanke. Aber solche materiell gewordene Gedanken fin-
den wir auch sonst in der Welt. Betrachten Sie nur einmal
unbefangen - nicht durch die Brille der gegenwartigen Welt-
anschauung - die Bewegung der Sterne in ihrer Regelmafiig-
keit, und Sie werden finden, daf? dem Bau des Weltgebaudes
ein universeller Gedanke zugrunde liegt, wie dem Bau eines
Hauses. Wie sollte der Mensch als Astronom diesen Bau des
Weltengebaudes in mathematische und in andere Gesetze
zwingen konnen, wie sollte er die Gesetze des Weltenbaues
finden konnen, wenn diese Gesetze, die er im Gedanken
erfaftt, nicht zuerst in diesem Weltenbau selbst enthalten
waren? Oder nehmen Sie, um an ein anderes Beispiel anzu-
kniipfen, die Bauten, welche ein bekanntes Tier, der Biber,
ausfiihrt. Sie sind so kunstvoll, von solch einer mathemati-
schen Gesetzmafiigkeit, dafi der Ingenieur, der diese Dinge
studiert, sich sagen mufi: Wenn ihm die Aufgabe gestellt
wiirde, unter den gegebenen Verhaltnissen das Zweckmafiig-
ste zu bauen, er konnte nach dem Gefalle des Flusses und
nach den Anforderungen der Lebensweise des Bibers nichts
Zweckmafiigeres, nichts Vollendeteres ausfuhren. So kon-
nen Sie die ganze Natur verfolgen, wenn Sie sie nur unbefan-
gen verfolgen, und Sie werden iiberall sehen, dafi dasjenige,
was der Mensch bewufit in Gedanken vollbringt, in die
Wirklichkeit umsetzt, rings um uns ist und dafi das, was
rings um uns ist, von Gedanken durchsetzt ist.
Wir sind gewohnt, dasjenige, was das Tier vollbringt, eine
instinktive Tatigkeit zu nennen. Wir wiirden also auch den
kunstvollen Bau eines Bibers, der Ameisen, der Bienen, eine
instinktive Tatigkeit nennen. So kommen wir aber dazu, zu
begreifen, dafi sich die menschliche Tatigkeit nur dadurch
von dieser um uns herum verlauf enden Tatigkeit unterschei-
det, dafi der Mensch weifi von den Gesetzen seiner Tatigkeit,
dafi er ein Wissen davon hat. Und gerade das bezeichnen wir
als eine instinktive Tatigkeit, welche bei einem Wesen vor-
liegt, das kein Bewufitsein von den Gesetzen hat, nach denen
es arbeitet. Wenn Sie in dieser Weise zwei weit in ihrer
Entwickelung auseinanderliegende "Wesen, wie den Men-
schen in seiner bewufken Tatigkeit und zum Beispiel den
Biber oder die Ameise betrachten, so wird Ihnen auffallend
sein der grofie Unterschied zwischen der menschlichen
bewu£ten Verstandestatigkeit und der unbewufken, instink-
tiven Tatigkeit eines verhaltnismafiig unvollkommenen Tie-
res. Zwischen diesen beiden Tatigkeiten gibt es unzahlig
viele Grade. Von diesen Graden konnen wir auch solche
beschreiben, die der Mensch in einer zwar langen, aber
gegeniiber dem grofien Weltenzeitraum doch wieder kurzen
Vorzeit durchgemacht hat. Wir werden im weiteren Verlauf
dieser Vortrage gefuhrt werden zu einer friiheren, sehr viel
friiheren Stuf e menschlicher Kulturtatigkeit - heute kann ich
das nur andeuten -, wir werden gefuhrt werden zu den
menschlichen Vorf ahren in einer langst verflossenen Zeit, zu
den sogenannten Atlantiern, deren Kultur langst unterge-
gangen ist und deren Nachkommen die Kulturschopfer
unserer gegenwartigen menschlichen Rasse sind. Wenn wir
nun die Geistestatigkeit, die ganze Art und Weise des Men-
schen, in der Umwelt tatig zu sein, bei diesen Atlantiern, die
vor vielen Jahrtausenden unsere Vorganger waren, verfolgen
und sehen, mit welchen Mitteln die theosophische Weltbe-
trachtung die Geistestatigkeit dieser Vorfahren kennenlernt,
dann wiirde sich uns zeigen, da£ sie zwar nicht so weit
absteht von unserer gegenwartigen Verstandestatigkeit wie
die Tatigkeit der Tiere, dafi aber unsere atlantischen Vorfah-
ren doch wesentlich anders geartet waren als unsere heutigen
Zeitgenossen. Diese atlantischen Vorfahren waren keines-
wegs unbefahigt, grofie Bauten aufzufiihren, keineswegs
unbefahigt, die Natur in ihre Gewalt zu bringen; aber ihre
Tatigkeit war mehr instinktiv als die voll bewufite Tatigkeit
der gegenwartigen Menschheit. Sie war nicht so instinktiv
wie die der Tiere, aber instinktiver als die der heutigen
Verstandesmenschheit.
Die Geschichte des alten Babylon und Assyrien erzahlt
uns von kunstvoll aufgerichteten Bauten, und heutige Bau-
kunstler, die diese Dinge studieren, versichern uns, dafi die
Art und Weise, wie die damaligen Menschenwerke geschaf-
fen worden sind, so aufierordentlich waren, dafi die bewufke
Tatigkeit des heutigen Baukiinstlers noch nicht so weit ist,
um dasjenige zu vollbringen, was dazumal der Mensch auf
verhaltnismafSig unbewufiten Stufen zu tun in der Lage war.
Sie miissen sich an dem Worte «instinktiv» nicht stofien. Es
ist doch nur ein geringer Unterschied zwischen dem heuti-
gen Geiste des Menschen und dem friiheren. Wiirden wir die
Tatigkeiten, die - um mich etwas popular auszudnicken -
die Leute mehr im Griffe, mehr in der Empfindung und in
der Intuition haben, die wir mehr mechanisch und nicht
indem wir sie uns bewufk vorsetzen, verrichten, wiirden wir
diese Tatigkeiten zuriickverfolgen, dann kamen wir zu unse-
ren atlantischen Vorfahren, die in viel hoherem Grade
instinktiv wirkten, als es in den Zeiten der Fall war, die wir
geschichtlich verfolgen konnen. So konnen wir sagen, dafi
wir geschichtlich die menschliche Verstandestatigkeit verfol-
gen konnen bis zu einer Zeit, in der die Verstandestatigkeit
noch nicht in dem heutigen Grade vorhanden war, ja, im
Anf ange der atlantischen Zeit uberhaupt noch nicht vorhan-
den war, und dafi wir auf der anderen Seite auch zugeben
miissen, daft der Mensch sich in der Zukunft wieder zu ganz
anderen Geistesfahigkeiten entwickeln wird, als sein heuti-
ger Verstand ist. Also, unser heutiger Verstand, der das
Bezeichnendste, das Charakteristische ist fur den Gegen-
wartsmenschen, ist nicht etwas, was ewig oder auch nur
unveranderlich ist, sondern er ist etwas, was in der Entwik-
kelung begriffen ist. Er ist entstanden und wird sich zu
anderen, hoheren Formen hinaufentwickeln.
Worin besteht nun die Tatigkeit dieses Verstandes? Auch
das haben wir schon angedeutet. Sie besteht darin, daft der
Mensch immer mehr das blofi Instinktive seiner Tatigkeit
uberwindet und klar weifi von den Gesetzen, die er anwen-
det im aufieren Leben, klar weifi auch von den Gesetzen, die
in der Natur sich verwirklicht haben. Wenn aber dieser
Verstand selbst in der Entwickelung begriffen ist, dann hat
er offenbar verschiedene Entwickelungsstufen durchge-
macht; er ist vorgeschritten von verhaltnismafiig unvollkom-
menen Stuf en zu einer hoheren Stufe in der Gegenwart, und
er wird in der Zukunft zu noch anderen aufsteigen.
Blicken wir zuriick auf die atlantischen Vorfahren, so
sehen wir den Verstand hervorgehen zuerst in seiner Mor-
gendammerung, dann entwickelt er sich bis zu einem Hohe-
punkt, urn dann von einer hoheren Geistestatigkeit in
Zukunft abgelost zu werden. Nicht auf einmal kann dieser
Verstand sich ausbilden. Er mufi sozusagen stuckweise das
vollbringen, was seine Aufgabe ist. Von Etappe zu Etappe
mufi er schreiten, wenn er wissen will von den Gesetzen, die
in unserer Natur sind und die er selbst verwirklicht. Das
kann nur in aufeinanderfolgenden Stufen geschehen. Was
soli dieser Verstand? Er soil die Dinge um sich herum
begreifen, von ihnen wissen. Er soli sie in seinem Inneren
nacherschaffen, begrifflich nacherschaffen dasjenige, was
draufien in der Wirklichkeit ist. Dieses Wissen mufi er sich
nach und nach aneignen. Dieses Wissen mu6 aber den
aufteren Dingen entsprechen. Die au£eren Dinge sind aber
mannigfaltig. Die Dinge, die wir in der Welt verfolgen
konnen, sind Geist, Seele und aufiere physische Wirklich-
keit.
Nicht auf einmal ist der Verstand bei seiner Ausbildung in
der Seele dagewesen, um diese aufiere Natur in ihrer ganzen
Mannigfaltigkeit zu begreifen. Stuck um Snick hat der
Mensch die verschiedenen Arten der Wirklichkeit erobern
mussen, das Geistige, das Seelische und das Physische. Und
in sehr interessanter Weise konnen wir verfolgen, wie er sie
erobert. Der Mensch ist nicht in der Lage, drauften in der
Welt die Dinge zu begreifen, bevor er sie sich nicht in der
Einsamkeit seines Nachdenkens angeeignet hat. Niemals
wiirde der Mensch imstande sein, eine Ellipse als Sternen-
bahn zu begreifen, wenn er nicht vorher die Gesetze der
Ellipse, die Formen derselben sich in der Einsamkeit ange-
eignet hatte. Hat er den Begriff in sich gefunden, so sieht er
denselben auch in der Aufienwelt verwirklicht. Erst wenn
der Mensch das Wissen in sich geschaffen hat, kann er es in
der Aufienwelt materialisiert finden. Nun mussen wir uns
klar sein dariiber, dafi dies auf den verschiedensten Stufen
der Verstandesentwickelung wahrend unserer menschlichen
Rassenentwickelung geschehen ist. Der menschliche Ver-
stand mulke sich selbst erst einen Begriff machen von dem
Bilde, das er in der Aufienwelt sehen kann, um dann das in
der Aufienwelt Gesehene zu verstehen. Zuerst erkennt der
Mensch in der Regel das, was in ihm selbst lebt. Das ist der
Geist, die Seele. Erst nach und nach gelangt er zu den
Begriffen von dem, was um ihn herum ist. Sie konnen das
beobachten bei jedem Kinde. Es hat nicht zuerst einen
Begriff von der leblosen Natur, sondern von der Seele. Es
schlagt den Tisch, an dem es sich gestofien hat, weil es ihn
fiir gleichartig halt mit sich selbst. So ist es auch in der
Kulturentwickelung. Wir haben bei der Kulturentwickelung
eine Epoche zu beobachten, welche die Forscher Animismus
genannt haben. In der ganzen Natur hat man belebte Wesen
gesehen, in jedem Stein, in jedem Felsen, in jeder Quelle sah
man etwas Lebendiges, weil man selbst lebendig war und aus
seinem Inneren den Begriff des Lebendigen bilden kann. So
haben auch friihere Menschenrassen zuerst den Begriff des
Geistes, dann den des Seelisch-Lebendigen gewonnen, und
zuallerletzt haben sie sich den Begriff des aufieren Mechani-
schen, Leblosen angeeignet.
Sehen wir zuriick in die Zeit, die wir geschichtlich verfol-
gen konnen, in die Zeit des alten Indiens mit s einen Veden
und der Vedantaphilosophie, und studieren wir diese uralten
Weltanschauungen, so finden wir, dafi die Menschen einen
Begriff des Geistigen im umfassendsten Sinne hatten. Der
Begriff des Geistes lebt in diesen alten, wunderbaren Urkun-
den. Was aber die alten Volker nicht konnten, das war das
Begreifen des einzelnen Geistes, des Sondergeistes. Sie hat-
ten eine grofie Vorstellung von dem allumfassenden Welten-
geist und seinen verschiedenen Wandlungen in der Welt,
aber in die einzelne Menschenseele hineinzusehen, um den
Geist der Menschenseele zu fassen, das ist in dieser ersten
Zeit noch nicht moglich gewesen. Von einer Psychologie in
unserem Sinne, von dem, was man heute Geistlehre nennt,
was aber erst in der Zukunft einmal wirkliche Geistlehre sein
wird, hatten sie keinen Begriff. Sie dachten den Geist, aber
verstanden den einzelnen Geist nicht. Wenn wir die Anfange
der Geistentwickelung bis zum Anfange des Griechentums
verfolgen, so finden wir, dafi in jener Zeit selbst diejenigen,
welche sich Philosophen nennen, den Begriff der Seele auf
die ganze Welt anwenden. Alles ist bei ihnen beseelt. Sollen
sie aber die einzelne Seele verstehen, so scheitert ihr Ver-
standnis.
Zuerst bildet sich der Mensch also den allgemeinen Begriff
des Geistes und den allgemeinen Begriff der Seele. Aber erst
in spaterer Zeit tritt er mit seinem Geiste an diese Begriffe
heran, um sie im einzelnen Wesen zu begreifen. Im ganzen
Mittelalter konnen wir verfolgen, dafi der Mensch noch
nicht in den einzelnen Geist hineindringt. Nur Giordano
Bruno mochte ich hier nennen. Wer die Philosophic dieses
tonangebenden Geistes studiert, der findet, da$ er einen
allumfassenden Begriff eines Weltenlebens hat, einen Begriff
des Lebens in seiner hochsten Bedeutung. Die ganze Welt ist
ihm Leben, in jedem Stein, in jedem Stern sieht er Leben.
Jeder einzelne Teil des Universums ist ihm ein Glied, ein
Organ des Universums. Er blickt zu den Sternen auf als zu
belebten Wesen. Und auch den einzelnen Menschen
betrachtet er konsequent in diesem Sinne. In dem lebendigen
Menschen sieht er nur eine Stufe in der Folge des allgemei-
nen seelischen Menschenlebens. Er nennt den Menschen, der
physisch vor uns steht, einen im Raum ausgebreiteten Geist,
das im Raum ausgebreitete Leben. Und den Tod fafit er als
nichts anderes auf als das Zusammenziehen des Lebens in
einen einzigen Punkt. Ausdehnung und Zusammenziehung
sind fur ihn die Erscheinungen des Lebens und des Todes.
Das Leben ist ewig. Das Leben, das uns im Physischen
erscheint, ist ein im Raum ausgedehntes Leben; das Leben,
das nicht im Physischen erscheint, ist zusammengezogenes
Leben. So wechselt das Leben fortwahrend durch Ausdeh-
nung und Zusammenziehung. Aufier diesen beiden Eigen-
schaften, durch die Giordano Bruno zeigt, was fiir einen
umf assenden Begriff er vom Leben hat, konnte ich vielleicht
noch anfiihren den Begriff des Himmels, einen Begriff, den
die Wissenschaft noch lange nicht erreicht hat, den man aber
studieren miifite, in den man sich versenken mufke, um
wieder zum umf assenden Begriff des Himmels zuriickzu-
kehren. Was aber auch Giordano Bruno noch nicht moglich
war, das ist, das einzelne Lebewesen, das Sonderwesen zu
begreifen. Die Moglichkeit, diese einzelnen lebenden Son-
derwesen zu begreifen, entwickelt sich aber gerade in dieser
Zeit. Da fangt man erst an, die Vorgange im menschlichen
Korper fiir den Verstand klarzulegen, da fangt man an, zu
begreifen, wie das Blut im Korper fliefit, wie die Tatigkeiten
des Korpers vor sich gehen. Was wir heute Physiologie
nennen, das fing damals erst an, greifbare Gestalt zu bekom-
men. Wenn Sie die Naturforscher der damaligen Zeit, wie
Paracelsus, betrachten, dann werden Sie sehen, dafi diesen
ein Begriff fehlt; die menschliche Kulturentwickelung hatte
damals den Begriff noch nicht hervorgetrieben, der heute
unsere Weltanschauung beherrscht: den Begriff des Mecha-
nismus. Der Begriff des Mechanismus ist der, welcher am
spatesten erfafit ist. Was Maschine ist, das hat der Mensch
am spatesten erfafit. Erst nach Giordano Bruno und Paracel-
sus fangt das wissenschaftliche Denken an, den Begriff der
Maschine auszubilden, den Begriff des Mechanischen.
Wir haben also gesehen, wie im Laufe der Zeiten die
menschliche Verstandesentwickelung nacheinander die
Begriffe: Geist, Seele, Leben, Mechanismus gefafit hat. Nun
folgt in unserer Rassenentwickelung das Umgekehrte.
Nachdem die menschliche Entwickelung die Begriffe gefafit
hatte, wendete sie sie an auf die aufteren Dinge selbst, und
die erste Epoche in dieser Beziehung ist die Anwendung des
Begriffes der Maschine auf die umliegende Wirklichkeit.
Man will nicht nur die Maschine begreifen, sondern man
wendet den Begriff der Maschine auch an auf das Einzelwe-
sen. Die Anwendung des Begriffes der Maschinentatigkeit
ist das Kennzeichen der Epoche, von welcher erst wenige
Jahrhunderte abgelaufen sind. Das 17. Jahrhundert gehort
zu dieser Epoche. Wenn wir bis dahin zuriickgehen, finden
wir den Philosophen Descartes. Er wendet den Begriff des
Mechanismus auf die Tierwelt an. Er unterscheidet nicht
zwischen dem Tier und leblosen Dingen, sondern er
betrachtet die ganze Tier- und Pflanzenwelt als Wesen, die
Automaten gleich sind, als vollstandig in reiner mechani-
scher Tatigkeit aufgehende Wesen. Das kommt von nichts
anderem, als weil die Menschheit so weit gekommen war,
den Begriff des Mechanischen zu erfassen, aber noch nicht
verstand, den Begriff der Seele und des Geistes auf das
einzelne Wesen anzuwenden, sondern lediglich den Begriff
des Mechanischen auf die Natur anzuwenden verstand. So
sah der Mensch gleichsam durch Pflanze, Tier und Men-
schenseele hindurch. Da konnte er nichts fassen; es war ihm
nicht moglich, in Pflanze, Tier und Mensch etwas Hoheres
zu sehen. Und in der aufteren Gestaltung ist ja jedes Wesen
mechanisch. Ein jedes Wesen auf dem physischen Plane ist
rnechanisch. Diese unterste Stufe erfaftt zuerst der Verstand.
Er erfafit den physischen Leib der verschiedenen Weltdinge,
und er fafit ihn, wie das naturgemafi ist, zunachst als rein
physische, mechanische Tatigkeit auf. Das war die Epoche
des mechanischen Verstehens der Welt und die Epoche des
Nichterkennens alles Hoheren der Welt zu gleicher Zeit.
Diese Epoche dehnt sich bis in unsere Zeit hinein aus. Wir
sehen, wie heute der Mensch bemiiht ist, den Begriff des
Mechanischen auf die Aufienwelt anzuwenden; wir sehen,
wie Descartes Pflanze, Tier und Mensch mechanisch
begreift, denn audi des Menschen physischer Leib ist
mechanisch. Daher audi die Behauptung, der Mensch sei
nur Maschine.
Dann kommen die grofien Entdecker und die grofie tech-
nische Tatigkeit der mechanischen Welt, der Industrie. Wir
sehen, wie der Verstand und der mechanische Begriff seine
hochsten Triumphe feiert. Er dringt hinauf bis in die einzel-
nen Lebewesen, und er begreift sie in ihrem physikalisch-
technischen Zusammenhang. Was im 18. Jahrhundert noch
nicht moglich war, das Zusammenleben der Tiere und Pflan-
zen mechanisch zu begreifen, das bringt das 19. Jahrhundert.
Nicht die Entwickelung ist das Wesentliche, sondern dafi
eine Verwandtschaft besteht zwischen den Wesen. Die Ent-
wickelung ist nicht das Charakteristische des Darwinismus ;
denn eine Entwickelungslehre gab es immer. Sie konnen auf
Aristoteles, ja bis in die Vedantaphilosophie zuriickgehen,
auch bei Goethe, iiberall werden Sie finden, dafi die Entwik-
kelungslehre zu alien Zeiten vorhanden war. Auch im
modernen naturwissenschaftlichen Sinne gibt es bereits im
Beginne des 19. Jahrhunderts eine Entwickelungslehre, den
Lamarckismus. Lamarcks Lehre betrachtet durchaus die
Tierwelt so, dafi sie aufsteigt vom Unvollkommenen zum
Vollkommenen bis herauf zu dem physischen Menschen.
Aber dazumal konnte der Lamarckismus noch nicht popular
werden. Lamarck wurde nicht verstanden. Erst die Mitte des
19. Jahrhunderts war reif dafiir, die Entwickelungslehre
in mechanischer Weise zu verstehen. Da war die Erfahrung
des aufieren physischen Lebens so weit, daft dieses wunder-
bare Gebaude zusammengestellt werden konnte, das Darwin
aufgestellt hat und wodurch er nichts anderes tat, als
daft er mechanisch aufgestellt hat das, was uns umgibt; in
mechanische Gedanken gefalk hat das, was um uns herum
ist.
Das nachste war, dafi der Mensch, wenigstens als Hypo-
these, den Gedanken von der physischen Verwandtschaft
des materiellen Menschen mit den anderen materiellen
Organismen falke. Das war das Letzte, der Schlufistein in
dem Gebaude. Und wir werden die Bedeutung des Schlufi-
steines kennenlernen, wenn wir iiber die Philosophic von
Ernst Haeckel sprechen werden.
Wenn wir den Gedanken der Entwickelung auf den Men-
schen selbst anwenden, dann finden wir, dafi es begreiflich
ist, dafi eine Entwickelungsstufe des geistigen Menschen die
Eroberung des geistigen Gedankens sein mufi. Der Darwi-
nismus hat durch rein au£ere Ursachen, durch das Gesetz
vom Kampf urns Dasein, dieses Gebiet der Welt sich
erobert. Er bedeutet daher eine notwendige Entwickelungs-
phase in der Kultur des Menschen, und wir werden aus der
Notwendigkeit seines Entstehens die Notwendigkeit seiner
Uberwindung begreifen. Dadurch gewinnen wir den weiten
Blick, dafi wir den Darwinismus als eine Phase in der
wissenschaftlichen Entwickelung auffassen werden. Daft der
Darwinismus die Welt, die Tatsachen betrachtet, wie sie
wirklich sind - nur der Befangene kann dieses sagen. Die
Tatsachen kennt man, die waren ja immer da; nur die Art
und Weise des Denkens ist eine andere. Wenn Sie Goethes
Aufsatze «Geschichte meines botanischen Studiums» lesen,
so werden Sie fast wortlich finden, was Darwin in seiner
Weise beschreibt. Auch in Goethes «Metamorphose der
Pflanzen» finden Sie vieles. Goethe stiitzt auf dieselben
Tatsachen eine weitaus hohere, viel umfassendere Theorie
des Lebens, eine Theorie, von der die heutige Wissenschaft
etwas Hoheres ablosen wird, als der Darwinismus es ist. Das
ist die Goethesche Lehre von dem Zusammenhang der
Organismen. Aber wie jede Phase der Entwickelung durch-
gemacht werden mufi, so mufite auch das Studium des
Darwinismus durchgemacht werden. Die ganze Lebenslage
in der Mitte des 19. Jahrhunderts war so, dafi durch sie erst
die Menschheit
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