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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Weltwesen und Ichheit
Sieben Vortrage, gehalten in Berlin
vom 6. Juni bis 18. Juli 1916
1998
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage, Berlin 1921
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1963
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1998
Bibliographie-Nr. 169
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1998 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1690-4
ILu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kxinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl dffentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf
Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten
wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffent-
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur
hingenommen werden mtissen, dafi in den von mir nicht nachgesehe-
nen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aujSert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher-
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver-
trauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den
Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Berlin, 6. Juni 1916
Das Pfingstfest, ein Merkzeichen fur die Unverganglichkeit
unseres Ich
Das Weihnachtsfest, das Osterfest und das Pfingstfest in ihrer
Beziehung zur Erde, zum Kosmos und zum alles durchdringen-
den Geist und als besondere Merkzeichen fur den atherischen
und den astralischen Leib und fur das unvergangliche Ich des
Menschen. Notwendigkeit einer Neubelebung des Denkens im
Entwicklungsgang der Menschheit. Zur Charakteristik der Si-
tuation im Geisteslebens der Gegenwart. Hermann Bahrs
Schwierigkeit, an die Geisteswissenschaft heranzukommen,
Herman Grimm, Richard Wahle.
Zweiter Vortrag, 13. Juni 1916
Blut und Nerven
Der Mensch in seiner Stofflichkeit als Offenbarung eines Geisti-
gen. Die Nerven als Ergebnis einer langen kosmischen, auf der
Erde erstorbenen Enrwicklung; das Blut als Produkt irdischer
Vorgange, aber unter kosmischem Einflufi lebendig geworden.
Ahriman im erstorbenen Nervensystem, Luzifer im verlebendig-
ten Blutsystem. Der Ausgleich des Gegensatzes zwischen Ner-
ven und Blut durch das Christus-Mystermm. Notwendigkeit
eines wirklichkeitsgemafien und imaginativen Denkens fur das
Verstehen solcher Zusammenhange. Beispiele fur das heutige
geistlose Denken.
Dritter Vortrag, 20. Juni 1916
Die zwolf Sinne des Menschen
Gedenkworte fur den soeben verstorbenen Generaloberst Hel-
mut von Moltke. Die Zwolfheit der menschlichen Sinnesorgane
als mikrokosmischer Ausdruck fur den Durchgang der Sonne
durch die zwolf Sternbilder des Tierkreises im Makrokosmos.
Notwendigkeit der Unterscheidung von Nacht-, Dammerungs-
und Tagsinnen: Vom blofien inneren Erfuhlen des leiblichen Zu-
standes bis zur unmittelbaren Wahrnehmung des Seelischen im
and ern Menschen. Die beiden Saulen Jakim und Boas in ihrer
Bedeutung fur das irdische und fur das kosmische Leben. Tol-
stoi und Keely. Hermann Bahrs «Himmelfahrt»; seine Darstel-
lung der wahren geistigen Bedeutung des ermordeten Prinzen.
Vierter Vortrag, 27. Juni 1916 82
Die Wechselwirkungen zwischen den Gliedern des
menschlichen Organismus
Die Viergliedrigkeit der menschlichen Gesamtwesenheit als Er-
gebnis der Entwicklung des Menschen durch vier planetarische
Zustande. Die aufbauende Entwicklung am physischen und am
atherischen Leib auf der Erde. Die abbauende Wirkung von Ich
und Astralleib am atherischen und am physischen Leib. Kurzfri-
stiger Abbau und Aufbau im gegenseitigen Verhaltnis von phy-
sischem Leib und Ich; allmahliches Aufzehren der Atherkrafte
durch die Astralkrafte wahrend des ganzen Lebens. Notwendig-
keit geisteswissenschaftlicher Erkenntnis fur das Verstehen der
Lebenstatsachen.
Funfter Vortrag, 4. Juli 1916 104
Leb ensglei chge wi cht
Die Bedeutung des Luziferischen und Ahrimanischen im Men-
schenleben und das Finden des Ausgleichs zwischen den beiden
Einseitigkeiten. Notwendigkeit symptomatischer Betrachtung
zur Erkenntnis des wahren geistigen Ganges der Ereignisse und
zum Finden des Gleichgewichtes zwischen dem Leben in der
menschlichen Seele und den Vorgangen in der aufieren Welt. Das
Mysterium von Golgatha als zentrales Ereignis in der Erdenent-
wicklung fur eine symptomatische Geschichtsbetrachtung.
Sechster Vortrag, 11. Juli 1916 122
Wahrheitsgefiihl
Die Geisteswissenschaft als Impulsgeberin auch fur die Gestal-
tung des Lebens in der aufieren Wirklichkeit. Das Streben nach
Wahrhaftigkeit als Grundforderung fiir alles kiinftige Arbeiten
in Wissenschaft und Kunst. Beispiele von Unwahrhaftigkeit.
Notwendigkeit und Moglichkeit eines neuen Christus-Verstand-
nisses durch die Geisteswissenschaft.
SlEBENTER VORTRAG, 18. Juli 1916 142
Der Weg zur Imagination
Der Traumbildcharakter des aufgrund von Sinneswahrnehmun-
gen und alitaglichem Denken, Fiihlen und Wollen gewonnenen
Weltwirklichkeksgebaudes. Moglichkeiten des Erwachens zum
Erleben einer hdheren geistigen Weltwirklichkeit. Ubergehen-
lassen des gewohnlichen Denkens auf dem physischen Plan in
bildhaftes Denken, das unter dem Impuls der geistigen Welt
entsteht. Der Zusammenhang zwischen weltoffenem Mitfxihlen
und musikalischen Fahigkeiten durch die Inkarnationen. Das
Verhaltnis der europaischen zu den asiatischen Volkern in bezug
auf das Verstehen des Christus. Gruppenseelenhaftigkeit, Indivi-
dualismus und Egoismus. Befruchtung aller einzelnen Kultur-
zweige als Aufgabe der Geisteswissenschaft. Die anthroposophi-
sche Gesellschaft als Tragerin der Geisteswissenschaft und die
Bedingungen fiir ihr Wirken ihr der Offentlichkeit.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 179
Hinweise zum Text 179
Personenregister 188
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 190
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 192
Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf
Steiner vor jedem von ihm innerhalb der
Anthroposophischen Gesellschaft gehaltenen
Vortrag in den vom Kriege betroffenen Lan-
dern die folgenden Gedenkworte gesprochen.
Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer,
die drau&en stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen-
wart:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und zu den schutzenden Geistern derer uns wendend, die infolge
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen
sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes-
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Gol-
gatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten!
ERSTER VORTRAG
Berlin, 6. Juni 1916
Das Pfingstfest, ein Merkzeichen fiir die Unvergdnglichkeit
unseres Ich
Wie in friiheren Zeiten auch in dieser schicksaltragenden Zeit in
gewohnlichem Sinne etwa eine Pfingstbetrachtung zu halten,
scheint mir dieser Zeit nicht so ganz angemessen; denn wir leben
eben in einer Zeit schwerer Menschheitspriifungen, und da ist es
nicht moglich, immer zu suchen nach den blofi erhebenden Gefiih-
len, die unsere Seele warm machen, da wir ja doch im Gmnde
genommen, wenn wir richtiges, wahres Gefuhl haben, in keinem
Augenblick des grofien Schmerzes und Leides der Zeit vergessen
konnen, und es in gewissem Sinne sogar egoistisch ist, dieses
Schmerzes und dieses Leides vergessen zu wollen und sich nur
gewissermafien erhebenden, die Seele warmenden Betrachtungen
hinzugeben. Daher wird es auch heute angemessener sein, iiber
einiges zu sprechen, was der Zeit dienen kann, dienen kann inso-
ferne, als wir ja gesehen haben aus so mancherlei Betrachtungen
gerade, die wir hier in der letzten Zeit angestellt haben, wie schon
in der geistigen Verfassung viele der Griinde zu suchen sind dafur,
dafi wir nun in einer so schweren Leidenszeit leben, und wie sehr
es notwendig ist, daran zu denken, dafi an der Entwickelung der
menschlichen Seele in entsprechender Zeit gearbeitet werde, damit
die Menschheit besseren Zeiten entgegengehen konne. Aber aus-
gehen mochte ich doch wenigstens von einigen Gedanken, welche
unsere Sinne hinlenken konnen zu dem, was mit einem solchen
Feste, wie es das Pfingstfest ist, gemeint ist.
Es gibt ja drei bedeutsame Feste im Jahreslaufe: das Weihnachts-
fest, das Osterfest, das Pfingstfest. Und wenn man nicht so wie die
meisten Zeitmenschen seine Gefiihle abgestumpft hat fiir dasjenige,
was aus dem Sinn der Menschheits- und Weltenentwickelung mit
solchen Festen gemeint ist, so muf? man eigentlich den gewaltigen
Unterschied dieser drei Feste wohl empfinden. Sie driicken sich ja
schliefilich in der aufteren Symbolik dieser Festlichkeiten aus, diese
verschiedenen Empfindungen gegeniiber den drei Festen. Wir sehen
das Weihnachtsfest gefeiert als ein Fest vor alien Dingen mit der
Freude fur die Kinder, als ein Fest, in dem ja in unseren Zeiten, wenn
auch nicht immer, der Weihnachtsbaum eine Rolle spielt, der herein-
getragen ist aus der schnee- und eiserfiillten Natur in den Hausraum.
Und wir erinnern uns dabei der Weihnachtsspiele, die wir ja gerade in
unserem Kreise mehrfach gepflegt haben, die erhoben haben durch
Jahrhunderte hindurch das einfachste Menschengemiit, indem sie
dieses einfachste Menschengemiit hingelenkt haben zu dem Grofien,
das dadurch geschehen ist, dalS einmal im Laufe der Erdenentwicke-
lung zu Bethlehem Jesus von Nazareth, das heifk aus Nazareth, gebo-
ren worden ist. Die Geburt des Jesus von Nazareth ist ein Fest, an das
sich in einer gewissen Weise wie naturgemafi angeschlossen hat eine
Empfindungswelt, die aus dem Lukas-Evangelium heraus geboren
ist, aus jenen Teilen des Lukas-Evangeliums, die sozusagen am aller-
volkstumlichsten, am allerleichtesten verstandlich sind, also gewis-
sermafien ein Fest des am allgemeinsten Menschlichen, verstandlich,
wenigstens bis zu einem gewissen Grade, fur das Kind, verstandlich
fur den Menschen, der sich sein kindliches Gemiit bewahrt hat, und
dennoch hereintragend in dieses kindliche Gemiit ein Grofies, ein
Ungeheures, das wir dadurch ins Bewufitsein aufnehmen.
Wir sehen dann das Osterfest gefeiert, das uns, trotzdem es
gefeiert wird gegeniiber der erwachenden Natur, an die Pforte des
Todes fuhrt, jenes Osterfest, das gegeniiber dem Weihnachtsfeste
vor alien Dingen so charakterisiert werden kann, dafi man sagt: Hat
das Weihnachtsfest viel Liebliches, viel in allgemeinster Weise zu
dem menschlichen Herzen Sprechendes, so hat das Osterfest etwas
unendlich Erhabenes. Etwas von einer ungeheuren Grofie mufi
durch die Menschenseele ziehen, die das Osterfest in einer richti-
gen Weise feiern kann. Wir werden herangefiihrt an die ungeheuer
grofie Idee, dafi das gottliche Wesen herabgestiegen ist, sich ver-
korpert hat in einem Menschenleibe, dafi es durch den Tod gegan-
gen ist. Das ganze Ratsel des Todes und der Bewahrung des ewigen
Lebens der Seele im Tode, all dieses Erhabene tritt uns durch das
Osterfest an die Seele heran. Ganz tief wird man diese festlichen
Zeiten nur empfinden konnen, wenn man sich an manches erinnert,
was uns gerade durch die Geisteswissenschaft nahetreten kann.
Man bedenke nur, wie eng dieses Weihnachtsfest in den Vorstel-
lungen, die es entwickelt, zusammenhangt mit all den Festen, die
im Zusammenhang mit Heilands-Geburten uberhaupt gefeiert
worden sind. Mit dem Mithras-Fest hangt es zusammen, wo der
Mithras geboren wird in einer Felsenhohle. All dieses bezeugt uns
ein inniges Zusammenhangen mit der Natur. GewissermafSen ein
Fest, das zwar an die Natur herantritt, wie es sich auch im Weih-
nachtsbaum symbolisiert - und die Geburt fiihrt uns ja auch vor-
stellungsgemafi an das unmittelbar Naturliche heran -, das aber,
weil es ja eine Geburt des Jesus von Nazareth ist, an die sich so viel
fur uns gerade aus der Geisteswissenschaft heraus anschlielk, wie-
derum eben viel Geistiges in sich enthalt. Und erinnern wir uns,
wie wir ofter gesagt haben, dafi der Geist der Erde eigentlich zur
Winterzeit aufwacht, dafi er am regsten in derjenigen Zeit ist, in der
die aufiere Natur wie schlafend und wie eisig erscheint, so konnen
wir uns sagen, dafi wir gerade durch das Weihnachtsfest in die
elementarische Natur hineingefuhrt werden, und dafi, indem die
Weihnachtskerzen entziindet werden, sie uns erscheinen sollen wie
ein Symbolum gerade dafur, wie der Geist aufwacht in der Finster-
nis der Winternacht, der Geist in der Natur. Und wollen wir an
den Menschen herantreten und das Weihnachtsfest zu dem Men-
schen in eine Beziehung bringen, dann rmissen wir sagen: Wir
konnen das vor alien Dingen dadurch, daft wir gedenken dessen,
wodurch der Mensch mit der Natur auch dann noch zusammen-
hangt, wenn er sich geistig, wie im Schlafe, von der Natur getrennt
hat, wenn er geistig in seinem Ich und seinem astralischen Leib
aufgestiegen ist in die geistige Welt. Sein Atherleib bleibt als Gei-
stiges an den aufieren physischen Naturleib gebunden, und sein
Atherleib stellt gerade dar dasjenige, was in ihm ist von der ele-
mentarischen Natur, von dem Elementarischen, das auflebt im In-
nern der Erde, wenn die Erde in Winters-Eisigkeit gehiillt ist. Man
sagt mehr als einen blofien Vergleich, man sagt eine tiefe Wahrheit,
wenn man sagt: Neben allem iibrigen ist das Weihnachtsfest zu-
gleich wie ein Gedenkzeichen dafur, dafi der Mensch eine atheri-
sche, elementarische Natur hat, einen atherischen Leib hat, durch
den er mit dem Elementarischen der Natur zusammenhangt.
Und nehmen Sie all das zusammen, was iiber die allmahliche Ab-
lahmung und Abdampfung der Menschheitskrafte gesagt worden ist
im Laufe vieler Jahre schon, so werden Sie auf den Gedanken kom-
men konnen, wie nahe all die Krafte, die in unserem astralischen
Leibe leben, im Grunde genommen stehen zu dem, was die abdamp-
fenden, die todbringenden Ereignisse fur den Menschen sind. Da-
durch, dafi wir unseren astralischen Leib ausbilden miissen wahrend
unseres Lebens, dafi wir in ihm das Geistige aufnehmen miissen,
dadurch tragen wir ja die Todeskeime in uns hinein. Es ist ganz un-
richtig, zu glauben, dafi der Tod mit dem Leben nur in aufierlicher
Weise zusammenhangt: Er hangt in innerlichster Weise, wie oftmals
gesagt worden ist in unserem Kreise, mit ihm zusammen. Und unser
Leben ist nur deshalb so, wie es ist, weil wir so sterben konnen, wie
wir sterben. Aber dies hangt fur den Menschen mit der ganzen Ent-
wickelung seines astralischen Leibes zusammen. Und es ist wieder-
um mehr als ein Vergleich, wenn wir uns sagen: Es ist das Osterfest
wie ein Symbolum fur alles dasjenige, was mit der astralischen Natur
des Menschen zusammenhangt, mit derjenigen Natur, durch die er
sich in jedem Schlafe entfernt von seinem physischen Leibe und in
die geistige Welt eintritt, in diejenige Welt, aus der heruntergekom-
men ist jenes geistig-gottliche Wesen, das durch den Jesus von Naza-
reth selber den Tod erfahren hat. Und wiirde man in einer Zeit spre-
chen, in der der Sinn fur das Geistige mehr lebendig ist als in unserer
Zeit, so wiirde schon dasjenige, was ich eben gesagt habe, mehr ge-
nommen werden als eine Wirklichkeit, wahrend es vielleicht in unse-
rer Zeit mehr als eine blofie Symbolik genommen wird. Und man
wiirde einsehen, dafi gerade mit der Einsetzung des Weihnachtsfe-
stes, des Osterf estes auch gemeint ist, der Menschheit Erinnerungs-
zeichen dafiir zu geben, wie sie mit der elementarischen, wie sie mit
der geistigen und physisch todbringenden Natur zusammenhangt,
oder gewissermaften Erinnerungszeichen dafiir zu geben, dafi der
Mensch ein Geistiges in seinem Atherleibe und in seinem astrali-
schen Leibe in sich tragt. Nur vergessen sind diese Dinge in unseren
Tagen. Sie werden wiederum an die Oberflache kommen. wenn die
Menschheit sich entschliefien wird, fiir solche geistigen Dinge sich
Verstandnis zu erwerben.
Wir tragen nun aufier dem atherischen Leibe und dem astrali-
schen Leibe als Geistiges vor alien Dingen unser Ich in uns. Wir
kennen die komplizierte Natur dieses Ich. Wir wissen aber auch,
wie dieses Ich es ist, das von Inkarnation zu Inkarnation geht, wie
die inneren Krafte dieses Ich selbst bauend und bildend an dem-
jenigen sind, das wir mit jeder neuen Inkarnation gewissermafien
anziehen. In diesem Ich erstehen wir aus jedem Tode von neuem
zur Vorbereitung fiir eine neue Inkarnation. Dieses Ich ist auch
dasjenige, was uns zu einer individuellen Wesenheit macht. Kon-
nen wir sagen, dafi uns unser Atherleib in gewissem Sinne das
Geburtsartige reprasentiert, das mit den elementarischen Kraften
der Natur zusammenhangt, dafi uns unser astralischer Leib das
Todbringende symbolisiert, welches mit dem hoheren Geistigen
zusammenhangt, so konnen wir sagen, dafi uns das Ich reprasen-
tiert unser standiges Wiederauferstehen im Geistigen, unser Wie-
deraufleben im Geistigen, in der gesamten geistigen Welt, die we-
der Natur ist, noch Sternenwelt ist, sondern dasjenige, was alles
durchdringt. Und ebenso, wie man das Weihnachtsfest mit dem
Atherleib, das Osterfest mit dem astralischen Leib zusammenbrin-
gen kann, kann man das Pfingstfest mit dem Ich zusammenbringen,
als dasjenige Fest, das uns die Unverganglichkeit unseres Ich dar-
stellt, das ein Merkzeichen fiir diese unvergangliche Welt unseres
Ich ist, das ein Merkzeichen zugleich dafiir ist, da£ wir als Men-
schen nicht nur im allgemeinen Naturleben mitleben, nicht blofi
durch Tode gehen, sondern da£ wir als Menschen ein unsterb-
liches, immer wieder erstehendes individuelles Wesen sind. Und
wie schon ist im Grunde genommen in der weiteren Ausgestaltung
der Weihnachts-, Oster- und Pfingstidee dieses zum Ausdruck ge-
kommen! Denken Sie sich: Das Weihnachtsfest steht im Zusam-
menhange mit den Erdenereignissen ganz unmittelbar, so wie es als
Weihnachtsfest unter uns ist; es schliefit sich unmittelbar an die
Winters onnenwende an, das heifit an diejenige Zeit, in welcher die
Erde in tiefste Finsternis gehullt ist. Gewissermafien der Gesetzma-
fiigkeit des Erdendaseins folgt man mit dem Weihnachtsfest: Wenn
die Nachte am langsten, die Tage am kiirzesten sind, wenn die Erde
erstarrt ist, da zieht man sich in sich zuriick und sucht das Geistige
auf, insoferne es in der Erde lebt. Also ein Fest, das sozusagen an
den Geist der Erde gebunden ist. Mit dem Weihnachtsfest werden
wir gewissermafien immer wieder und wiederum erinnert, wie wir
als Erdenmenschen der Erde angehdren, wie der Geist aus den
Hohen der Welt herunterziehen mufite und irdische Gestalt an-
nehmen mufite, um mit Erdenkindern selber Erdenkind zu sein.
Anders mit dem Osterfest! Das Osterfest, Sie wissen es, ist ange-
kmipft an die Beziehung von Sonne und Mond. Es ist am ersten Sonn-
tag nach dem Fruhlingsvollmonde, dem Vollmonde, der auf den 21.
Marz folgt. Also aus der Verhaltnisstellung der Sonne zum Mond se-
hen wir das Osterfest festgesetzt. Wir sehen also, in welch wunderba-
rer Weise das Weihnachtsfest an das Irdische, das Osterfest an das
Kosmische angekmipft ist. Wir werden gewissermaflen beim Weih-
nachtsfest an das Heiligste der Erde, beim Osterfest an das Heiligste
des Himmels erinnert. In einer wunderschonen Weise hat sich ver-
bunden fur das christliche Pfingsten der Gedanke an etwas, das, man
mochte sagen, noch iiber den Sternen ist. Das allgemein-geistige Wel-
tenfeuer, das sich individualisiert und in den feurigen Zungen auf die
Apostel herniederkommt, das Feuer, das weder blofi himmlisch,
noch blofi irdisch ist, weder kosmisch, noch blofi tellurisch ist, das
Feuer, das alles durchdringt, und das Feuer, das sich zugleich indivi-
dualisiert und zu jedem einzelnen Menschen hingeht! An die ganze
Welt angeschlossen ist das Pfingstfest. Wie das Weihnachtsfest an die
Erde, wie das Osterfest an die Sternenwelt, so ist das Pfingstfest ange-
schlossen unmittelbar an den Menschen, insofern er den Funken des
geistigen Lebens empfangt aus alien Welten. Wir sehen gewisserma-
fien dasjenige, was der Menschheit allgemein gegeben ist, indem der
Gottmensch herunterzieht auf die Erde, fur jeden einzelnen Men-
sehen zubereitet in der feurigen Zunge des Pf ingstfestes. Wir sehen da
dasjenige reprasentiert in der feurigen Zunge, was im Menschen, in
Welt und Sternen ist. Und so erhalt gerade fur denjenigen, der nach
dem Geistigen sucht, dieses Pfingstf est einen besonders tiefen Inhalt,
der immer wieder auffordert, neu nach dem Geistigen zu suchen. Ich
mochte sagen, in unserer Zeit ist es vonnoten, diese Gedanken, auch
diese festlichen Gedanken noch um ein Stiickchen tiefer zu nehmen,
als man sie in anderen Zeiten nimmt. Denn es wird viel davon abhan-
gen, wie tief man solche Gedanken nehmen kann, in welcher Weise
wir wiederum herauskommen aus den schmerzlich niederschlagen-
den Ereignissen dieser Zeit. Die Seelen werden sich herausarbeiten
rmissen, das fiihlt man in einzelnen Kreisen heute schon. Und ich
mochte sagen, gerade derjenige, der der Geisteswissenschaft nahe-
getreten ist, sollte in erhohtem Mafie mitfiihlen diese Notwendigkeit
der Zeit, die man ausdriicken kann als Notwendigkeit, das geistige
Leben uberhaupt wiederum zu beleben, hinauszukommen iiber den
Materialismus. Man wird iiber den Materialismus nur hinauskom-
men, wenn der gute Wille dazu vorhanden ist, die geistige Welt in sich
zu entfachen, gewissermafien das Pfingstfest wirklich innerlich zu
feiern und es innerlich ernst zu nehmen.
Wir haben ja gerade in den Betrachtungen, die wir hier in den
letzten Stunden angestellt haben, gesehen, wie schwer es der
Menschheit heute gerade durch die Zeitverhaltnisse wird, auf die-
sem Gebiete das Richtige zu finden. Auf der einen Seite haben wir
heute eine Entwickelung von Kraften, die nicht genug zu bewun-
dern sind, fur die nicht genug Gefuhle aufgefunden werden kon-
nen, um ihnen entgegenzukommen. Aber wenn einmal Gefuhle so
notwendig werden fur das Geistige, dann wird man schon sehen,
wie notwendig es ist, dafi dieses innere Pfingstfest von der Men-
schenseele gefeiert werden konne, dafi die Menschenseele dieses
innere Pfingstfest nicht vergesse. Nicht Sie, die jahrelang teilge-
nommen haben an diesen Betrachtungen, aber andere konnten
leicht meinen, es lage etwas Hypochondrisches, etwas von Kritika-
sterei in manchem, was in den letztverflossenen Betrachtungen hier
vorgebracht worden ist. Es scheint mir dies nicht der Fall zu sein,
sondern es scheint mir im Gegenteil durch und durch notwendig
zu sein, dafi auf solche Dinge hingesehen wird, wie sie eben gerade
in den letzten Betrachtungen vorgebracht worden sind, damit man
weifi, wo man gerade geistig anzugreifen hat im Entwickelungs-
gange der Menschheit. Und ich mochte sagen: Es sehen schon auch
einzelne andere, worauf es in unserer Gegenwart ankommt.
Eine hiibsche Broschiire ist erschienen von dem Urenkel Schil-
lers, Alexander von Gleichen-Rufiwurm: «Kultur-Aberglaube», im
Forum- Verlag in Munchen. Ich mufite mich erinnern beim Lesen
dieser Broschiire an manches, was ich genotigt war, zu Ihnen hier
zu sprechen. Davon zu sprechen war ich ja genotigt, wie Geistes-
wissenschaft nicht blofi unlebendig bleiben soli, nicht blofi eine
Theorie bleiben, sondern einfliefien soil in die Seele, so dafi sie
unser Denken belebt, so dajR dieses Denken wirklich umsichtig
wird, beweglich wird, um in die Aufgaben der Gegenwart eindrin-
gen zu konnen. Lassen Sie mich gerade im AnschlujR an diesen Satz
von der Notwendigkeit der Belebung des Denkens einige Satze aus
der Broschiire «Kultur-Aberglaube» von Alexander von Gleichen-
Rufiwurm anfiihren. Er sagt:
«Denn, wenn uns alle ein Teil der tragischen Schuld in dieser
furchtbaren Tragddie belastet, so ist es, weil wir alle in ganz Euro-
pa trotz Kultur, Schulen und Bildungsmoglichkeiten das selbstan-
dige Denken immer mehr eingebiifit haben.
Gedankenfreiheit, umsonst hatten dich die grofiten Dichter im
Menschheitsnamen gefordert. Du erschlafftest, erstarbst, du sankst
dahin und warst wie tot! Unfrei plapperten wir nach, gebunden
war unsere Denkkraft, lahm und mud.
Wir hatten zu allem Zeit, Lust und Ehrgeiz, aufier dem eigent-
lichen Denken. Sogar hier» - wohlgemerkt, nicht ich sage es: der
Schiller-Enkel Gleichen-Rufiwurm sagt es! - «im einstigen Land
der Denker war der Gedanke der erhabene Fremdling, ein seltener,
nur mit Unbehagen gesehener Gast.
Lesen und Schreiben niitzt uns nicht, ja es schadet nur, wenn
wir nicht zu denken verstehen.
In letzter Zeit war alles dazu angetan, das Denken abzugewoh-
nen. Unsere Erziehung, Kunst, Erholung, Arbeit, Geselligkeit, Rei-
sen und Zuhausesein.
Echte Kultur aber sollte vor allem denken lehren, denn blofie
Gefiihle und Instinkte geniigen nicht, um ein ertragliches Zusam-
menleben der Menschen untereinander, der Volker untereinander
zu ermoglichen.
Dazu notig ist ein gesunder, sorgfaltig geschulter politischer
Verstand.»
Und weit zuriick, im Grunde genommen, verfolgt Gleichen-
Rufiwurm, der Urenkel Schillers, dieses, dafi wir verlernt haben zu
denken. Er sagt:
«Seit dem Wiener Kongrefi - 1815 - haben sich die Volker eine
gewisse Miihe gegeben, sich miteinander auf diesem Stern hauslich
einzurichten. Unzahlige Vertrage, Versuche aller Art zeugen da-
von. Man glaubte durch Erringen von Verfassungen, Wahlrechten
wirklichen Anteil an der Regierung zu erhalten und sein Schicksal
selbst zu bestimmen», - und so weiter.
Aber dann sagt er: Ohne das Denken geht es nicht. - Er sagt das,
indem er ein merkwiirdiges Bild entwirft von der Gegenwart, von
jener Gegenwart, an die wir immer denken mussen, die wir eigent-
lich in keinem Augenblick vergessen konnen.
«Nein! Wir hatten es noch nicht herrlich weit gebracht, wenn
das alles Wirklichkeit werden konnte, was sonst nur hirnverbrann-
te Dichter gefabelt, ein solch namenlos tolles Durcheinander, phan-
tastischer als je zur Zeit der Volkerwanderung. Senegalneger mor-
deten unsere Dichter, Kunstgelehrte putzten Pferde, Professoren
hiiteten Schafe.» - Es ist wahrhaftig nicht zum Lachen! - «Theater-
direktoren gaben telephonisch Todesbefehle weiter, fromme Inder
versuchten auf unseren Schlachtfeldern nach ihrem uralten Ritus
korrekt zu sterben. Kunstbauten sanken in Trummer und Unter-
stande entstanden, wiirdig der Hohlenmenschen. Der Millionar
hungerte und kampfte mit Ungeziefer, indes der Bettler sich im
alten Schlofi an verlassene Prunktafeln setzte. Zweifelhafte Existen-
zen wurden rehabilitiert und die harmlosesten Leute schmachteten
als Zivilgefangene im Gefangnis und starben darin.»
Es ist gewissermafien dasjenige, was anregte den Enkel Schillers,
den Gedanken von der Notwendigkeit einer Belebung des Den-
kens zu hegen. Ich kann allerdings in seiner Broschiire und auch in
seinen sonstigen Schriften nicht finden, dafi er darauf ausgeht, die
richtigen Quellen zur Belebung des Denkens zu suchen.
Ja, das aber ist auch gar nicht so leicht in der Gegenwart, das
Pfingstfest in der Seele zu feiern. Hier habe ich das Buch eines Man-
nes, der sich eigentlich in der letzten Zeit ganz redliche Miihe gege-
ben hat, sogar Goethe zu verstehen, soweit er das eben in seinen
Moglichkeiten finden konnte, der sogar sich redliche Miihe gegeben
hat, etwas an unsere Geisteswissenschaft heranzukommen. Und ge-
rade dieser Mann, der sich, wie gesagt, in den letzten Jahren redliche
Miihe gegeben hat, Goethe zu verstehen, der jetzt ungeheuer froh ist,
dafi er anfangt, Goethe zu verstehen, gerade dieser Mann - es ist sehr,
sehr charakteristisch fur die Schwierigkeiten, die der Mensch hat,
hineinzukommen in ein geistiges Leben heute - hat, bevor er das
getan hat, was ich Ihnen jetzt erzahlt habe, geschrieben 1, 2, 3, 4, 5 -
9 Romane, 1, 2, 3 - 14 Theaterstiicke, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 Essay -
Biicher. Und jetzt sagt er in dem letzten Buch, welches also das zehn-
te Essay-Buch ist, dafi er nun froh ist, dafi er endlich an Goethe her-
angekommen ist und versuchen kann, Goethe zu verstehen. Und
man sieht schliefilich auch aus diesem zehnten Essay-Buch, dafi er
sich alle redliche Miihe gibt, Goethe zu verstehen. Aber bedenken
Sie doch, was das alles heifit, dafi ein Mann, der heute so viele Roma-
ne, so viele Theaterstiicke geschrieben hat, der ein ganz bekannter
Mann ist, jetzt in seinem etwa fiinfzigsten oder einundfiinfzigsten
Jahre gesteht, dafi er nun dazu kommt, Goethe einigermafien zu ver-
stehen. Es ist das eine bedeutsame Tatsache. Nun, dieses neueste
Buch, das hat den Titel «Expressionismus». Der Mann, der es ge-
schrieben hat, heifit Hermann Bahr. Und Hermann Bahr ist auch der
Mann, von dem ich Ihnen sage, dafi er sich alle redliche Miihe gibt,
jetzt ein bifichen in die Lektiire Goethes hineinzukommen. Es sind
da noch nicht einmal alle Theaterstiicke angefiihrt, denn er hat noch
mehr geschrieben, nur die friiheren verleugnet er. Es ist mir auch
gerade nicht schwer, iiber diesen Mann zu sprechen, aus dem einfa-
chen Grunde, weil ich ihn kenne seit seiner Studentenzeit, und weil
ich ihn ganz gut friiher gekannt habe. Sehen Sie, das ist ein Mann, der
eigentlich iiber alles geschrieben und mancherlei sehr Gutes ge-
schrieben hat und der von sich sagt: Er war eigentlich sein Leben
lang, weil er einmal in der Zeit des Impressionismus geboren war,
Impressionist. Machen wir uns nun mit ein paar Worten klar, was
eigentlich Impressionismus ist. Wir wo lien jetzt nicht iiber Kunst-
fragen streiten, aber machen wir uns klar, was gerade solche Leute,
wie Hermann Bahr einer ist, denken iiber Impressionismus. Wenn
man noch zuriickdenkt an die Kunst Goethes, so sehen ja Goethe -
auch Schiller, Shakespeare, Corneille, Racine, Dante, wen Sie wollen
- das Grofie ihrer Kunst darinnen, dafi sie die aufiere Welt wahrneh-
men und sie dann geistig verarbeiten. Das aufiere Wahrgenommene
vereinigt sich in der Kunst mit dem, was im Geistigen lebt. Kunst-
werke, die weniger dasjenige anstreben, was Vereinigung des Geistes
mit der Natur ist, liefi Goethe gar nicht als Kunstwerke gelten. Aber
in der neueren Zeit ist etwas heraufgestiegen, was man Impressionis-
mus genannt hat, und Hermann Bahr war aufgewachsen mit dem
Impressionismus und war selber, wie er sich bewufit ist, Impressio-
nist in allem. Wenn er Gemalde beurteilt hat - er hat ja viele Essays
iiber die Malerei geschrieben -, war es vom Standpunkte des Impres-
sionismus aus. Wenn er selber dariiber geschrieben hat, wollte er
Impressionist sein, und er war es in seiner Art, er ist es in seiner Art.
Nun, was versteht ein solcher Mensch unter Impressionismus in der
Kunst? Ja, unter Impressionismus versteht er, dafi man eigentlich
eine heillose Angst davor hat, aus der Seele selber etwas zu dem
dazuzutun, was der aufiere Eindruck von der Natur hergibt. Ja nichts
von der Seele selber hinzutun! Musik konnte ja dann eigentlich
iiberhaupt nicht zustande kommen; aber die Musik schliefit er
aus. Architektur kann auch nicht zustande kommen. Architektur
und Musik konnen daher auch niemals rein impressionistisch sein.
Aber in der Malerei, in der Dichtung, da geht es schon. Also
moglichst ausschliefien dasjenige, was die Seele selbst gibt! Daher
versuchte die impressionistische Malerei gewissermafien ein Bild
von irgend etwas darzustellen in dem Augenblicke, wo man's
noch gar nicht recht angeschaut hat, wo man noch gar nicht ir-
gendwie den Eindruck innerlich verarbeitet hat. Wie gesagt: An-
schauen - aber nun, moglichst bevor man irgend etwas von sich zu
dem Bild hinzugebracht hat, das den Eindruck hervorruft, es gleich
festhalten: Impressionismus! Diesen Impressionismus hat man
natiirlich in der verschiedensten Weise aufgefafit; aber das ist das
Wesentliche.
Hermann Bahr ist ein Mensch, der, wie ich einmal auch schon in
Berlin in einem offentlichen Vortrag gesagt habe, immer mit gro£-
tem Enthusiasmus fur dasjenige eintritt, was er augenblicklich fur
richtig halt. Hermann Bahr war, als er zuerst an die Hochschule in
Wien gekommen war, sehr, sehr eingenommen fur den Sozialismus,
schwarmte fur den Sozialismus, war einer der gliihendsten Sozialde-
mokraten, die man sich denken kann. Eines der verleugneten Dra-
raen, «Die neuen Menschen», ist vom sozialistischen Standpunkte
aus geschrieben. Ich glaube nicht, dafi man es heute noch bekommt,
es sind Reden darinnen, sozialdemokratische Reden, die Manner und
Frauen halten, die liber viele, viele Seiten gehen; das kann man iiber-
haupt nicht auffuhren. Dann entwickelte sich in Wien mehr die
deutschnationale Bewegung. Hermann Bahr wurde ein gluhender
Nationaler und schrieb seine «Grofie Siinde». Die steht natiirlich
nicht drinnen, die ist heute auch verleugnet. Dann wurde Hermann
Bahr, nachdem er Sozialist und Nationaler gewesen war, so alt, wie
man in Osterreich wird, wenn man gemustert wird, wurde Soldat mit
neunzehn Jahren. Er hatte den Sozialismus und den Nationalismus
hinter sich, wurde nun Soldat und wurde ein « gluhender » Soldat,
eignete sich eine ganz soldatische Weltanschauung an. Er war ein
Jahr Soldat, Einjahrig-Freiwilliger. Dann ging er fur kurze Zeit nach
Berlin. In Berlin wurde er — nicht gluhender Berliner! Das konnte
er am allerwenigsten leiden! Also gluhender Berliner wurde er nie.
Aber dann ging er nach Paris. Und da wurde er gluhender Anhanger
von Maurice Barres und ahnlichen Leuten, wurde auch - Boulanger
hat dazumal gerade eine grofie Rolle gespielt - gluhender Boulangist.
Ich mochte nicht alte Dinge aufriihren und es Ihnen deshalb auch
nicht erzahlen, welche gliihenden boulangistischen Briefe dazumal
der enthusiasmierte Hermann Bahr aus Paris schrieb. Dann ging er
nach Spanien, wurde entflammt fiir die spanische Kultur, so stark,
dafi er Artikel schrieb gegen den Sultan von Marokko und die Ge-
meinheit, die dieser beging gegeniiber der spanischen Politik. Dann
ging er wiederum zuriick nach Berlin und redigierte hier kurz an der
«Freien Buhne», wurde aber nicht gliihender Berliner. Dann ging er
zuriick und entdeckte nacheinander in verschiedenen Stadien -
Osterreich! Er ist namlich ein Linzer. Ach, pardon, er ging ja auch
nach Petersburg und schrieb sein Buch uber Rufiland, wurde gliihen-
der Russe. Das liegt noch dazwischen. Dann ging er zuriick und ent-
deckte Osterreich in den verschiedensten Partien, in alien Kulturge-
schichten und so weiter. Immer sehr geistreich, manchmal geistvoll.
Bahr ist wirklich immer bestrebt gewesen, dasjenige, was er gesehen
hat, so zu geben, dafi er es nicht geistig weiter verarbeitete, sondern
nur den ersten Eindruck gab. Nun denken Sie sich, das geht ja auch
sehr gut, wenn man nur den ersten Eindruck gibt. Sozialist: nichts
weiter als den ersten Eindruck; Deutsch-Nationaler: nichts weiter als
den ersten Eindruck; Boulangist: nichts weiter als den ersten Ein-
druck; Russe, Spanier und so weiter. Und jetzt hat er die verschiede-
nen Spharen des Osterreichertums gesucht. Eine aufierordentlich
interessante Erscheinung in unserem Geistesleben, da ist gar kein
Zweifel! - Nun denken Sie, da ist er fiinfzig Jahre alt geworden, und
nun plotzlich taucht der Expressionismus auf, das Gegenteil des
Impressionismus.
Hermann Bahr spricht schon seit einer Reihe von Jahren - oder
sprach schon seit einer Reihe von Jahren - immer in Danzig. Da fahrt
er immer durch Berlin durch! Die Danziger hat er namlich sehr gern.
Er behauptet, dafi, wenn er vor den Danzigern spreche, sie ihm im-
mer besonders geistvolle Gedanken eingaben, was eigentlich sonst in
gar keiner deutschen Stadt der Fall ware, wie just in Danzig. So wur-
de er aufgefordert - nun auch von den Danzigern uber den Expres-
sionismus zu reden. Aber er war sein ganzes Leben lang Impressio-
nist! Nun, nicht wahr, man mufi sich nur denken, was das fiir Her-
mann Bahr hiefi. Er ist sein ganzes Leben Impressionist. Jetzt taucht
der Expressionismus erst auf. Wie er ganz jung war und anfing, Im-
pressionist zu werden, da waren die Leute von den impressionisti-
schen Bildern keineswegs entziickt, sondern das ganze Philisterium
sah - selbstverstandlich andere auch - die impressionistischen Bilder
fur eine Kleckserei an. Das mag ja auch in bezug auf manches richtig
sein, dariiber wollen wir uns, wie gesagt, jetzt nicht streiten. Aber
Hermann Bahr «gluhte», und wenn man nur irgend etwas sagte ge-
gen ein impressionistisches Bild, war man selbstverstandlich ein phi-
listroser, ein ganz furchtbarer Schafskopf, der nichts anderes behalt
als dasjenige, was seit uralten Zeiten hergebracht ist, der sich nicht
aufschwingen kann zu den Fortschritten der Menschheit. Ja, solche
Reden konnte man von Hermann Bahr viele horen. Mancher war da
ein Schafskopf!
Es gab in Wien ein Kaffeehaus, das sogenannte Cafe Griensteidl,
da wurden diese Fragen immer entschieden. Heute besteht es nicht
mehr; es war vis-a-vis dem alten Kleinen Burgtheater, am Michaeler
Platz. Karl Kraus, den man in Wien auch den «frechen Kraus» nennt,
der kleine Hefte herausgibt, schrieb dann ein Biichelchen iiber das
Cafe Griensteidl, das schon im Jahre 1848 Lenau und Anastasius
Griin zu seinen Gasten hatte. Als es demoliert wurde, schrieb er ein
Biichelchen: «Die demolierte Literatur». - Da konnte man schon viel
horen von dem Aufkommen des Impressionismus. Nun redete Her-
mann Bahr seit Jahren viel iiber Impressionismus, der sich so durch-
zog wie ein roter Faden durch seine iibrigen Verwandlungen. Nun
wurde er aber selber alter. Es kamen die Expressionisten, Kubisten,
Futuristen, die wieder sagten, die Impressionisten von der Sorte des
Hermann Bahr waren ganz ode Schafskopf e, die das Friihere nur
aufwarmen. Und nun fand Hermann Bahr, dafi das im Grunde ge-
nommen ja die andere Welt gar nicht so furchtbar beriihrt: Dieselbe
Erscheinung! Aber ihn argerte es, denn er sagte sich: Ich hab's ja in
der Jugend ebenso gemacht, ich habe die anderen alle Schafskopfe
genannt, und jetzt soil ich auch ein Schafskopf sein. Und warum
sollen diejenigen, die mich jetzt Schafskopf nennen, weniger recht
haben, mich Schafskopf zu nennen, als ich, der ich die anderen dazu-
mal Schafskopf genannt habe? - Nicht wahr, also eine schlimme
Geschichte! Da gab es natiirlich kein anderes Mittel, sintemalen
Hermann Bahr auch noch aufgefordert wurde von den Danzigern,
die er so liebte, iiber den Expressionismus zu reden, als sich mit dem
Expressionismus etwas naher zu beschaftigen. Und nun handelt es
sich darum, fur den Expressionismus eine richtige Formel zu finden.
Wirklich, ich mache mich nicht lustig iiber Hermann Bahr, ich habe
ihn sehr gern und ich mochte ihn in jeder Weise verteidigen - ich
meine: Ich habe ihn als geistige Erscheinung sehr gern.
Aber nun handelte es sich fur ihn darum, mit dem Expressionis-
mus zurechtzukommen. Nicht wahr, fiinfzig Jahre alt geworden zu
sein, nur um fur die folgende Generation ein Schafskopf zu sein, das
geniigt schliefilich einem geistig regsamen Menschen nicht, insbe-
sondere wenn man vor den Danzigern, die einem so gute Gedanken
eingeben, iiber den Expressionismus zu sprechen hat. Nun, vielleicht
haben Sie schon expressionistische, kubistische, futuristische Bilder
gesehen. Die meisten Leute sagen, wenn sie sie sehen: Ja, wir haben
uns viel gefallen lassen, aber da konnen wir schon nicht mehr mitge-
hen! - Nicht wahr: Leinwand, Striche, weifie, die von oben nach
unten gehen, rote Striche hindurch, dann irgendwie noch etwas da
drinnen, das nicht erinnert an ein Blatt oder an ein Haus oder an
einen Baum oder an einen Vogel, sondern eher an alles zusammen
und wiederum an keines von allem. - Aber selbstverstandlich konnte
Hermann Bahr das nicht so sagen. Ja, was ist das ? Nun kam er darauf,
was das eigentlich ist, denn er ist wirklich ein Griibler und ist immer
mehr zum Griibler geworden durch seine verschiedenen Metamor-
phosen. Jetzt sagte er sich - unter dem Einflufi der Inspiration der
Danziger, selbstverstandlich - : Die Impressionisten haben die Natur
genommen, sie rasch festgehalten, ja nichts innerlich verarbeitet; die
Expressionisten machen das Gegenteil. - Das machen sie auch! Her-
mann Bahr hat sie schon verstanden: Sie sehen sich die Natur iiber-
haupt nicht an! Das meine ich jetzt ganz ernst: Sie sehen sich in der
Natur iiberhaupt nichts an, sondern sie sehen nur innerlich. Das
hei£t also, was da auch draufien ist in der Natur, ob Hauser, Flusse,
Elefanten, Lowen, das interessiert den Expressionisten nicht, denn er
sieht innerlich. Nun sagte sich Hermann Bahr: Wenn man innerlich
sehen will, dann mu!5 ein innerliches Sehen moglich sein. - Und was
tut er? Jetzt wendet er sich an Goethe, liest allerlei bei Goethe wie
zum Beispiel das Folgende. Goethe erzahlt:
«Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen schlofi und mit nieder-
gesenktem Haupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume
dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten
Gestalt, sondern sie legte sich auseinander und aus ihrem Innern
entfalteten sich wieder neue Blumen aus farbigen, wohl auch grii-
nen Blattern; es waren keine natiirlichen Blumen, sondern phanta-
stische, jedoch regelmafiig wie die Rosetten der Bildhauer.»
Das konnte Goethe tun: Er schlofi die Augen, dachte sich eine
Blume - da stand sie auch schon als Geistgestalt; und dann verwan-
delt sie sich von selber!
«Es war unmoglich, die hervorquellende Schopfung zu fixieren,
hingegen dauerte sie so lange, als mir beliebte, ermattete nicht und
verstarkte sich nicht. Dasselbe konnte ich hervorbringen, wenn ich
mir den Zierat einer buntgemalten Scheibe dachte, welcher denn
ebenfalls aus der Mitte gegen die Peripherie sich immerfort veran-
derte, vollig wie die in unseren Tagen erst erfundenen Kaleidos-
kope ...
Hier ist die Erscheinung des Nachbildes, Gedachtnis, produk-
tive Einbildungskraft, Begriff und Idee alles auf einmal im Spiel
und manifestiert sich in der eigenen Lebendigkeit des Organs mit
vollkommener Freiheit ohne Vorsatz und Leitung.»
Nun, nicht wahr, wenn man mit Goethe und mit der Weltan-
schauung des neueren Idealismus und Spiritualismus nicht bekannt
geworden ist, so ohne weiteres gleich etwas daran zu kniipfen, das
geht ja naturlich nicht. Da machte sich Hermann Bahr weiter an die
Literatur, kam an den Englander Galton, der allerlei Statistisches,
wie's dort ublich ist, gesammelt hat iiber Leute, die innerlich sehen,
so wie Goethe auch innerlich gesehen hat, wie es eben aus seiner
Beschreibung hervorging. So hat er namentlich es abgesehen auf
einen Reverend. Dieser Reverend konnte in der Imagination ein
Bild hervorrufen, dann verwandelte sich das Bild selber, und er
konnte dann durch seinen Willen es wiederum auf die erste Gestalt
zuriickfahren. Das beschreibt dieser Reverend sehr schon. Her-
mann Bahr geht diesen Dingen nach und kommt nach und nach
darauf, dafi es so etwas wie ein innerliches Sehen gibt, Sie wissen,
das, was Goethe da beschreibt - Goethe wu£te ja auch anderes -,
das ist nur der allererste Anfang eines inneren Bewegtwerdens des
Atherleibes. Mit solchen elementarsten Sachen fing Hermann Bahr
an, sich zu beschaftigen, um den Expressionismus zu verstehen,
weil er darauf kam, dafi der Expressionismus auf einem solchen
innerlichen Sehen elementarster Art beruht. Und jetzt ging er
weiter. Jetzt las er den alten Physiologen Johannes Miiller, der so
wunderschon dieses elementare innere Sehen beschrieben hat in
einer Zeit, wo die Naturforschung noch nicht \iber alle diese Dinge
gelacht hat. Und so arbeitet Hermann Bahr sich allmahlich zu
Goethe durch und findet es aufierordentlich anregend, Goethe zu
lesen, anzufangen, Goethe zu verstehen und dadurch darauf zu
kommen, dafi es ein innerliches Sehen gibt. So hat er nun den
Expressionismus verstanden: Da braucht man die Natur nicht, son-
dern da halt man das auf der Leinwand fest, was man so im ele-
mentarischen Schauen hat. Es wird sich schon spater einmal - ich
habe dariiber schon einmal hier gesprochen - zu etwas anderem
ausbilden. Wenn man darin nicht gleich eine geniale Leistung sieht,
sondern einen allerersten Anfang von dem, was kommen soil, so
wird man ja vielleicht den Leuten gerechter werden, als sie sich
selbst in ihrer Uberschatzung werden. Aber Hermann Bahr ver-
steht es so und wird namentlich dazu gefuhrt, wirklich mit einem
ungeheuren Enthusiasmus sich zu sagen: Ja, es gibt nicht nur ein
aufieres Sehen, wie man mit dem Auge sieht, ein inneres Sehen gibt
es! - Sehr schon ist dieses Kapitel iiber das innere Sehen, und er ist
ganz ungeheuer entzuckt, als er bei Goethe das Wort «Geistes-
auge» entdeckt. Denken Sie, wie viele Jahre wir dieses Wort ge-
brauchen! Wie ich sagte, hat er auch versucht, sich heranzubandi-
gen an das, was unsere Geisteswissenschaft ist. Aus dem Buch geht
hervor, dafi er bis jetzt das Buch von Eugene Levy gelesen hat,
worin dieser meine Weltanschauung schildert. An meine Bucher
scheint er noch nicht gekommen zu sein; aber was nicht ist, kann
werden. Jedenfalls sieht man, dafi sich ein Mensch durch die
Schwierigkeiten der Gegenwart hindurcharbeitet, und dafi er dar-
auf kommt, zu dem Elementarsten Stellung zu nehmen, zu dem
Allerelementarsten. Ich mufi das anfiihren, weil man daraus sieht,
wie wahr das ist, was ich ofter gesagt habe: Der Mensch der Gegen-
wart hat es ja ungeheuer schwer, aus dieser Zeitenbildung heraus
zu einem Geistigen zu kommen. Nun denken Sie sich, ein Mensch,
der zehn Romane, vierzehn Theaterstiicke und so viele Essay-
Bucher geschrieben hat, kommt endlich dazu, Goethe zu lesen und
sich durch ihn durchzuarbeiten, und so gewissermafien spat -
diesem Buch, das mit ungeheurer Frische geschrieben ist, sieht man
an, welche Frohheit er erlebt - nun Goethe zu verstehen. Wahr-
haftig, ich habe oftmals mit Hermann Bahr zusammengesessen, es
war nicht moglich, mit ihm uber Goethe zu reden, denn dazumal
war Goethe selbstverstandlich ein Schafskopf in seinen Augen,
denn er war ja auch von der alten, noch nicht impressionistischen
Sorte von Menschen.
Das, glaube ich, muE man sich uberlegen, wie schwierig es denje-
nigen Menschen ist, die aus der heutigen Zeitbildung heraus kom-
men, sich nur durchzuarbeiten zu dem Elementarsten, was an die
Geisteswissenschaft heranfuhrt. Das aber sind die Menschen, die ge-
wissermafien das offentliche Urteil in der Hand haben. Denn Her-
mann Bahr hat, als er dann nach Wien gekommen war, eine sehr ton-
angebende Wochenschrift, «Die Zeit», redigiert. Wenn heute einer
behaupten wiirde, dafi zahlreiche Menschen in der abendlandischen
Menschheit, auf deren Urteil man viel gibt, nichts von Goethe ver-
stehen und daher auch gar nicht die Wege haben, um von ihrer Bil-
dung aus an die Geisteswissenschaft heranzukommen - man kann
naturlich an Geisteswissenschaft auch ohne Bildung herankommen -
, so wiirde man es nicht glauben. Aber bei Hermann Bahr haben wir
den lebendigen Beweis, weil er selber als Funfzigjahriger gesteht, wie
froh er ist, endlich Goethe zu verstehen. Es ist naturlich etwas unge-
heuer Trauriges, zu sehen, wie der Mann, der sich durchgearbeitet
hat bis zu Goethe, nun froh ist, dasjenige zu finden, was in seiner
allernachsten Nahe gesucht worden ist, als er ein junger Mensch war;
aber es hat zu gleicher Zeit etwas ungeheuer Belehrendes, etwas un-
geheuer Bedeutsames fur unser Verstandnis der Zeit. Es lehrt uns,
wie die tonangebende sogenannte geistige Welt heute in Vorstellun-
gen lebt, die ganz und gar von allem Geistigen entfernt sind; wie
solch ein Mensch wie Hermann Bahr erst den Expressionismus notig
hat, um zu sehen, wie einer sich etwas vorstellen und das sogar malen
kann, der an der Natur vorbeigeht. Dadurch kommt er darauf , dafi es
ein inneres Sehen, ein inneres geistiges Auge gibt. Das ist ungeheuer
bedeutsam. Aber das hangt innig zusammen mit der Art, wie gerade
heute solche Literaten, solche Kunstler, solche Kunstbeurteiler her-
anwachsen. Dafur ist charakteristisch der neueste Roman, den Her-
mann Bahr geschrieben hat.
Der Roman heifit «Himmelfahrt». Aus dem Schlufi des Romans
sieht man, dafi er jetzt schon anfangt, etwas wie einen gliihenden
Enthusiasmus nebenbei zu haben - das andere geht alles wie ein
roter Faden durch - fur den Katholizismus. Das hat er ja fruher
nicht gehabt. Nun aber, wer Hermann Bahr kennt, der wird nicht
zweifeln, dafi in dem Franz, den er in diesem neuen Roman be-
schreibt, etwas von ihm drinnen steckt. Es ist nicht etwa eine
Selbstbiographie, ein biographischer Roman, aber es steckt vieles
von Hermann Bahr in diesem Franz drin. Aber wie sich solch ein
Literat heute entwickelt - nicht einer, der Zeitungsmensch wird,
dariiber wollen wir nicht reden, wie sich der entwickelt, weil das
Wort «entwickelt» seinen urspriinglichen Sinn behalten sollte -,
aber so einer, der es wirklich ernst nimmt und ein ehrlicher Sucher
ist, wie Hermann Bahr: so etwas farbt doch auf diesen Franz etwas
ab. Und den schildert er, wie er sich nach und nach heranentwik-
kelt hat, wie er gesucht hat. Wie schildert er nun diesen Franz, auf
den er selber abgefarbt hat? Dieser Franz versucht eigentlich alles
zu erfahren, was die Zeit einem geben kann, alles kennenzulernen,
uberall nach der Wahrheit zu suchen. So hat er die Wissenschaften
abgesucht, war erst Botaniker bei Wiesner - Wiesner war ein sehr
beruhmter Botaniker in Wien -, wurde dann Chemiker bei Ost-
wald, dann Nationalokonom und so weiter. Also so geht er durch
alles das, was die Zeit bietet. Er konnte ja auch Gracist werden bei
Wilamowitz, oder sich Philosophic ansehen bei Eucken oder Koh-
ler. Dann lernt er Nationalokonomie kennen in Schmollers Semi-
nar; es hatte auch bei Brentano oder in irgendeinem anderen Semi-
nar sein konnen. Dann lernt er kennen, wie man versucht, hinter
die Seelengeheimnisse zu kommen bei Richet; es hatte auch bei
einem andern sein konnen. Er suchte auf eine andere Weise bei
Freud Psychoanalyse kennenzulernen. Und als ihn dies alles nicht
befriedigt, geht er zu den Theosophen nach London. Er sucht also
immer nach Wahrheit. Und dann lafit er sich auch einmal von
einem, der sich mehr zuriickgehalten hat, esoterische Ubungen ge-
ben. Doch die treibt er nicht lange, die freuen ihn nicht sehr lange.
Aber er denkt, doch noch weiter suchen zu miissen.
Zuletzt ist er ja dann hereingef alien, der Franz, denn nachdem er
alles mogliche gesucht hat, da kommt er an ein Medium. Dieses
Medium macht jahrelang die ausgezeichnetsten Manifestationen,
alles mogliche. Dann wird es entlarvt, nachdem sich der Franz, der
Held dieses Romans, schon langst in dieses Medium verliebt hatte.
Aber er reist ab, er mu!5 rasch abreisen, wie er immer rasch abreisen
mufi. Nun, er reist auch da rasch ab, iiberlafit das Medium seinem
Schicksal. Die Frau wird selbstverstandlich - etwas bringt jeder
jetzt der Zeit als Tribut — als Spionin entlarvt. Natiirlich, der Ro-
man ist ja auch erst in der allerneuesten Zeit geschrieben.
Aber solcher Menschen gibt es zahlreiche, gerade unter denjeni-
gen, die heute iiber das geistige Leben urteilen. Und im Grunde
genommen: So mulS man sich diejenigen vorstellen, die dazu kom-
men, heute ihr Urteil abzugeben, bevor sie auch nur in die aller-
ersten Elemente hineingedrungen sind - nicht wie Hermann Bahr,
der ja am Expressionismus etwas entdeckt davon, dafi es ein inneres
Schauen gibt, und dazu bringen es ja die anderen, die urteilen,
nicht. Hermann Bahr wird heute natiirlich einsehen, dafi er iiber
manches anders urteilen wird, als er friiher geurteilt hat. Friiher
wiirde er selbstverstandlich, wenn er, sagen wir, meine «Theoso-
phie» in die Hand bekommen hatte, dariiber geurteilt haben - na,
was weifi ich, es ist ja auch nicht no tig, das gerade mit Hermann
Bahrs Worten zu treffen -. Heute wiirde er sagen: Ja, es gibt ein
inneres Auge, es gibt ein inneres Schauen, das ist eben auch so eine
Art Expressionismus. - Das ist, weil er gerade bis zu dem inneren
Schauen kommt, das sich heute auf dem Wege des Expressionismus
auslebt. Aber das macht ja nichts, das sind die Ideen; unter den
Inspirationen der Danziger ist Hermann Bahr dazu gekommen und
hat dieses Buch daraus gemacht.
Ich wollte Ihnen dies nur als ein Beispiel anfiihren, wie schwie-
rig es heute ist, sich hindurchzuarbeiten, und wie gerade dem, der
eine klare Anschauung, einen klaren Begriff davon hat, was Gei-
steswissenschaft will, eine Verantwortung obliegt, iiberall, wo es
moglich und notig ist, alles zu tun dafur, daft die Vorurteile sich
zerstreuen. Wenn wir wissen, aus welchen Untergriinden diese
Vorurteile entstehen, und wie heute die Besten sozusagen, die un-
zahlige Essays und Dramen geschrieben haben, wenn sie ehrliche
Sucher sind, nach ihrem funf zigsten Jahre an die allerelementarsten
Dinge herankommen, dann mufi man schon sagen: Man begreift,
wie schwierig es ist, mit der Geisteswissenschaft heute durchzu-
dringen; denn das einfachste Gemiit wiirde Geisteswissenschaft
natiirlich aufnehmen, aber es wird zuriickgehalten durch diejenigen
Leute, die urteilen aus solchen Untergriinden heraus, wie ich es
Ihnen dargestellt habe.
Aber schliefilich erleben wir ja in unserer Zeit allerlei, und ich
habe ofter darauf aufmerksam gemacht, wie, ich mochte sagen, das
materialistische Denken unserem Zeitalter schon in Fleisch und
Blut iibergegangen ist, so dafi wirklich die Menschen gar nicht
wissen, dafi sie eigentlich ein phantastisches Zeug ausdenken, in-
dent sie erhabene Theorien bauen. Ich habe Sie ja ofter unterhalten
mit dem, was heute als Kant- Lap lacesche Theorie gelehrt wird, was
den Kindern in der Schule gezeigt wird. Es wird ihnen so hubsch
beigebracht, wie die Erde allmahlich wie ein Sonnennebel war, wie
sich der gedreht hat, wie sich dann die Planeten abgespalten haben.
Und was ware denn auch einleuchtender, als diese Anschauung des
Tropfens: Man braucht nur ein kleines Oltropfelchen zu nehmen,
eine Karte, durchteilen - Aquatorebene eine Nadel hinein, dann
das drehen, da spalten sich so hiibsch die Planetchen ab und dann
sagt man: Nun seht ihr, so ist es auch im grofien draufien gewesen,
wie es sich hier im kleinen vollzieht. - Wie konnte denn ein
Mensch sich dieser Beweisfuhrung entziehen? Nur miifke natiirlich
ein grofier Herr Lehrer da draufien im Weltenall sein, der das ge-
dreht hat, nicht wahr? Das vergifit man meist dabei. Man darf aber
nichts vergessen, alle Faktoren miissen in Betracht gezogen wer-
den. Wenn aber nicht ein grofier Herr Lehrer oder ein grofier Herr
Professor im Weltenall steht und dreht? Das vergifit man in der
Regel, weil es zu einleuchtend ist. Man mochte sagen, es ist schon
ein Grofies, wenn sich gemigend denkende Menschen aus dem, was
vom Idealismus und Spiritualismus da noch geblieben ist, dazu fin-
den, diese Sache in ihrer vollen Bedeutung zu charakterisieren. Und
deshalb mufi ich immer wieder und wiederum auf den schonen
Satz in dem Goethe-Buch von Herman Grimm hinweisen. Ich
fiihrte ihn auch jetzt in dem Buch, das demnachst von mir erschei-
nen wird, an. Herman Grimm sagt:
«Langst hatte, in seinen [Goethes] Jugendzeiten schon die grofie
Laplace-Kant'sche Phantasie» - sehen Sie, Grimm nennt es seine
Phantasie! - «von der Entstehung und dem einstigen Untergange
der Erdkugel Platz gegriffen. Aus dem in sich rotierenden Welt-
nebel - die Kinder bringen es bereits aus der Schule mit - formt
sich der zentrale Gastropfen, aus dem hernach die Erde wird, und
macht als erstarrende Kugel in unfafibaren Zeitraumen alle Phasen,
die Episode der Bewohnung durch das Menschengeschlecht mit
inbegriffen, durch, um endlich als ausgebrannte Schlacke in die
Sonne zuriickzusturzen; ein langer, aber dem heutigen Publikum
vollig begreiflicher Prozefi, fur dessen Zustandekommen es nun
weiter keines aufieren Eingreifens bedurfe, als die Bemuhung ir-
gendeiner aufienstehenden Kraft, die Sonne in gleicher Heiztempe-
ratur zu erhalten. - Es kann keine fruchtlosere Perspektive fur die
Zukunft gedacht werden als die, welche uns in dieser Erwartung als
wissenschaftlich notwendig heute aufgedrangt werden soli. Ein
Aasknochen, um den ein hungriger Hund einen Umweg machte,
ware ein erfrischendes, appetitliches Stuck im Vergleich zu diesem
letzten Schopfungsexkrement, als welches unsere Erde schliefilich
der Sonne wieder anheimfiele, und es ist die Wifibegier, mit der
unsere Generation dergleichen aufnimmt und zu glauben vermeint,
ein Zeichen kranker Phantasie, die als ein historisches Zeitphano-
men zu erklaren die Gelehrten zukiinftiger Epochen einmal viel
Scharfsinn aufwenden werden.»
In der Tat wird man zukiinftig nachdenken: Wie ist denn einmal
die Menschheit darauf gekommen, solch ein Zeug als Wahrheit zu
denken, das heute selbstverstandlich in alien Schulen schon als
Wahrheit gelehrt wird!
«Niemals», sagt Herman Grimm weiter, «hat Goethe solchen
Trostlosigkeiten EinlafS gewahrt ... Goethe wiirde sich wohl genii-
tet haben, die Folgerungen der Schule Darwins aus dem abzuleiten,
was in dieser Richtung er zuerst der Natur abgelauscht und ausge-
sprochen hatte ...»
Sie wissen ja, bei einer geistigeren Auffassung des Darwinismus
wiirde etwas anderes.herauskommen. Gegen den Darwinismus als
solchen richtet sich das ja nicht, was Herman Grimm meinte, noch
dasjenige, was ich zu sagen habe, aber gegen die materialistische
Ausdeutung, die nun wirklich zu dem gekommen ist, was Herman
Grimm im mundlichen Vortrage eine die Menschenwiirde verlet-
zende Vorstellung genannt hat: dafi der Mensch in geradliniger
Entwickelung von niederen Tieren durch die Affen herauf zum
Menschen sich entwickelt hat. - Wir wissen ja, wieviel Beifall Hux-
ley einstmals gefunden hat, als ihm - es war allerdings von einem
Bischof - alles mogliche erwidert worden ist gegen die Affenab-
stammung des Menschen. Huxley hat viel Beifall gefunden, als er
damals die Worte fand: Er stamme doch lieber vom Affen ab und
habe sich allmahlich vom Affendasein zu seiner Weltanschauung
heraufgearbeitet, als dafi er diese Abstammung behaupte, zu der
der Bischof sich bekennte, und sich dann heruntergearbeitet habe
bis zu dessen Weltanschauung. - Solche Dinge sind ja oftmals sehr
geistreich, sie erinnern mich aber immer an die Anekdote von je-
nem kleinen Knaben, der aus der Schule nach Hause kommt und
seinem Vater erklart: «Vater, ich habe jetzt in der Schule gelernt,
dafi wir alle vom Affen abstammen.» - «Was fallt dir denn ein, du
dummer Junge!» - «Ja, ja, Vater», sagt der Junge, «wir stammen alle
vom Affen ab.» - «Bei dir kann das der Fall sein» ) sagt der Vater,
«bei mir aber nicht!» - Ich habe Sie ja ofter schon auf allerlei lo-
gische Schnitzer gegen ein wirkliches Denken aufmerksam ge-
macht, das zu solch materialistischer Ausdeutung der Darwini-
schen Anschauung fuhrt.
Aber in unserer Zeit wird wirklich alles noch iiberboten. Jegli-
ches Ding ist noch nicht so, dafi sich alle Leute sagen, dafi man es
damit schon herrlich weit gebracht hat, sondern sie gehen noch
weiter, bringen es noch herrlich weiter! So konnte ich Ihnen von
einem Manne erzahlen, der eine furchtbare Wut hat dariiber, dafi es
eine Philosophic gibt, und dafi es in der Welt so viele Philosophen
gegeben hat, die immer Philosophien gemacht haben. Er schimpft
auf alle Philosophic ganz schrecklich. Und nun hat dieser Mann in
den letzten Zeiten wiederum recht viel drucken lassen an Ge-
schimpfe gegen die Philosophic und will einen besonders pragnan-
ten Satz finden, durch den er seine ganze Wut auf die Philosophic
auslassen kann. Da hat er folgenden Satz gefunden, den ich Ihnen
vorlesen will, damit Sie ihn wortlich kennenlernen, denn es ist doch
gut zu wissen, was in der Gegenwart gerade iiber die Philosophic
gedacht wird, durch die die Menschen zur Wahrheit kommen
wollen, und durch die doch mancherlei geleistet worden ist, wie Sie
es auch aus dem Buch, das in nachster Zeit von mir erscheinen
wird, ersehen konnen. Dieser Mann sagt: «Wir haben nicht mehr
Philosophic als ein Tier.» Er behauptet also nicht nur, dafi wir von
den Tieren abstammen, sondern er beweist sogar, dafi man mit dem
Hochsten, was die Menschheit bis jetzt gesucht hat, mit der Philo-
sophic, wirklich nicht iiber das Tier hinauskommt, weil man nichts
anderes wissen kann, als das Tier wissen kann. Er meint das ganz
im Ernste, man konne nicht mehr wissen als das Tier: «Wir haben
nicht mehr Philosophic als das Tier, und nur die rasenden Versu-
che, zu einer Philosophic zu kommen, und die endliche Ergebung
in Nichtwissen, unterscheiden uns von dem Tier.» - Also blofi, dafi
wir verstehen, dafi wir wie ein Vieh nichts wissen, das unterschei-
det uns vom Tier, und die ganze Geschichte der Philosophic wird
von diesem Manne abgetan, indem er nachzuweisen versucht, dafi
das alles rasende Versuche sind, die die Philosophen angestellt ha-
ben, ura iiber diese einfache Wahrheit, daft man nicht mehr weift
von der Welt als ein Tier, hinauszukommen. Sie werden mich fra-
gen: Wer kann denn nur eine solch vertrackte Anschauung iiber die
Philosophic aufstellen? Ich meine, es konnte Sie vielleicht doch
interessieren, wer eine solch unglaubliche Anschauung iiber die
Philosophic haben kann. Sehen Sie, derjenige, der diese Ansicht
uber die Philosophic hat, ist Professor der Philosophie an der
Universitat in Czernowitz! Der betreffende Mann hat vor langeren
Jahren schon ein Buch geschrieben: «Das Ende der Philosophies
hat ein Buch geschrieben: aDas Ende des Denkens» und hat jetzt
ein Buch geschrieben: «Die Tragikomodie der Weisheit», in dem
Satze wie diese drinnen stehen! - Also der Mann versieht sein Amt
als Professor der Philosophie an einer Universitat, indem er die
lauschende Zuhorerschaft davon iiberzeugt, daft der Mensch nicht
mehr weift als ein Tier! Es ist Professor Dr. Richard Wahle, Ordi-
narius der Philosophie an der Universitat in Czernowitz.
Es ist doch ganz gut, auf solche Dinge hinzusehen, denn sie
bezeugen uns, wie wir es «so herrlich weit» gebracht haben. Und
es ist schon notwendig, wie gesagt, daft man diese Notwendigkei-
ten des Lebens ein wenig naher ins Auge faftt, die darinnen beste-
hen, daft die Zeit wirklich herangeriickt ist, wo die Menschen sich
schon entschlieften miissen, dieses innere Pfingstfest ernst zu neh-
men, das Licht in der Seele zu entziinden, das Geistige in sich
aufzunehmen. Viel wird davon abhangen, daft es wenigstens einige
gibt in der Welt, die verstehen, wie in unserer Zeit das innere
Pfingstfest der Seele gefeiert werden kann, aber auch gefeiert wer-
den muft.
Ich weifi nicht, wie lange es noch dauert, bis mein Buch fertig
ist; so lange muft ich da bleiben. Wir werden uns also vielleicht
noch heute iiber acht Tage weiter sprechen konnen.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 13. Juni 1916
Blut und Nerven
In der Geisteswissenschaft betrachten wir alles Materielle, alles
Stoffliche als eine Offenbarung des Geistigen. Es handelt sich aber
immer darum, in welcher Weise im einzelnen dieses oder jenes
Stoffliche als eine Offenbarung des Geistigen anzusehen ist. Denn
mit dem allgemeinen Satz, alles Stoffliche sei eine Offenbarung des
Geistigen, ist ja nichts gesagt, hochstens etwas, was fur Bequem-
linge eine leichte Philosophic ist. Fur den, der ernsthaft nach Er-
kenntnis strebt, handelt es sich darum, immer beim einzelnen Stoff-
lichen, das in der Welt auftritt, zu erkennen, wie es eine Offen-
barung des Geistigen ist. Nun wissen wir ja, dafi ein uralter, aber
gleichwohl immer neuer Satz den Menschen einen Mikrokosmos
nennt. Der Mensch tritt uns ja zunachst als stoffliche Erscheinung
hier in der physischen Welt entgegen, und wenn wir Ernst machen
mit diesem Satz vom Menschen als einem Mikrokosmos, als einem
stofflichen Wesen, das so, wie es uns entgegentritt, die Geheimnisse
des ganzen Kosmos enthalt, so mufi es uns ganz besonders wertvoll
sein, gerade dieses stoffliche Wesen, als welches uns der Mensch
zunachst in der physischen Welt entgegentritt, daraufhin zu prii-
fen, inwiefern es eine Offenbarung des Geistigen ist. Und wenn
man das Stoffliche des Menschen ins Auge fafit, dann offenbart sich
fur denjenigen, welcher denkend - und denken mufi man schon
einmal, wenn man nach Erkenntnis strebt - sich an das Stoffliche
des Menschen macht, dafi in der menschlichen stofflichen Wesen-
heit zwei ganz verschiedene Stoffesarten vorhanden sind. Schon fur
das gewohnliche denkende Betrachten zeigt sich, dafi da zwei ver-
schiedene Stoffesarten vorhanden sind, denn grundverschieden tre-
ten diese zwei, sagen wir, Arten des Stofflichen am Menschenstof-
feswesen auf: die Blutsubstanz, der Blutstoff und der Nervenstoff.
Gewifi, Sie konnen sagen, es gibt allerlei andere Stoffe fur eine
aufierliche Betrachtungsweise: Muskelstoff, Knochenstoff und so
weiter. Aber Sie wissen ja vielleicht, daft diese im Grunde genom-
men alle aus dem Blute heraus gebildet sind. Und wenn man sie
genauer kennenlernt, so lernt man sie ja auch in ihrer Entstehungs-
weise aus dem Blute kennen, und es widerspricht dieses nicht der
Tatsache, dafi man es bei der menschlichen stofflichen Natur zu
tun hat mit der Blutsubstanz, mit dem Blutstoff und mit dem
Nervenstoff.
Sie konnen insofern schon aufierlich in der denkenden Betrach-
tung einen Unterschied finden zwischen dem Blutstoff und dem
Nervenstoff, als Sie sich ja blofi zu iiberlegen brauchen, wie alles
dasjenige, was zum Blute gehort, gewissermafien von innen heraus
sich an den stofflichen Vorgangen des menschlichen Organismus
beteiligt. Das Blut wird allerdings durch den Einflufi von aufien,
aber doch im Innern des Menschen erzeugt, und erzeugt wiederum
weiter, was eben fur das stoffliche Dasein des Menschen notwendig
ist. Dagegen zeigen sich Ihnen gerade die wichtigsten Nerven als
Fortsetzungen der Sinne. Wenn Sie das Auge nehmen, so werden
Sie nach riickwarts gehend als Fortsetzung des Auges den Augen-
nerv, den Sehnerv finden, der sich dann einsenkt in die weitere
Nervensubstanz des Gehirns. Und so sind im Grunde genommen
alle Nerven gewissermafien Fortsetzungen der Sinnesorgane. Die
Prozesse, die sich in ihnen abspielen, spielen sich mehr oder weni-
ger durch aufieren EinflufS ab, durch dasjenige, was von aufien auf
den Menschen wirkt. Man konnte sagen: Wie man in der aufieren
Welt die beiden Magnetpole hat, wie man positive und negative
Elektrizitat hat, so haben wir wirklich in der Blutsubstanz und in
der Nervensubstanz zwei Pole der menschlichen physischen We-
senheit. Und sie sind innerlich sehr, sehr verschieden, diese beiden
Stoffarten, Blutstoff und Nervenstoff. Wenn man allerdings so
nach den Methoden der heutigen Anatomie und Physiologie auf
dem Seziertisch den Menschen untersucht, so legt man hiibsch
nebeneinander dasjenige, was aus dem Blut direkt stammt und
dasjenige, was seinen Aufbau von aufien erhalt, die Nervensub-
stanz; und es erscheint Substanz neben Substanz. Aber sie sind
doch grundverschieden voneinander. Und wenn man das Leben
verfolgt, wie es sich entwickelt nach und nach, dann zeigt sich
schon auch der grofie, bedeutsame Unterschied im Blutstoff und
im Nervenstoff, und wir konnten vieles anfiihren aus der aller-
modernsten Anatomie und Physiologie, wenn wir diesen Unter-
schied, diesen polarischen Gegensatz naher begriinden wollten.
Das aber soil jetzt unterlassen werden. Wir wollen mehr auf die
geisteswissenschaftliche Seite der Frage eingehen.
Da stellt sich uns das Blut - ich spreche vom Menschen - dar als
dasjenige, was in die menschliche Organisation gekommen ist durch
die Vorgange, die im besonderen Erdenvorgange sind. Das Blut ist
durchaus Erdenwesen. Sie wissen ja, dafi der Mensch lange, lange
bevor es eine Erde gab, durch Saturn-, Sonnen- und Mondendasein
vorbereitet worden ist. Was da vorbereitet worden ist, das alles hat
das Blut noch nicht in sich. Das Blut, so wie es als menschliches Blut
heute durch unsere Adern flielk, ist hinzugekommen durch die Er-
denorganisation. Dagegen ist in der Konstruktion, in der ganzen
Formung und Bildung des Nervenwesens dasjenige enthalten, was
lange, lange vorbereitet worden ist durch den Saturn-, Sonnen- und
Mondenprozefi, durch die Vorprozesse unserer Erdenorganisation.
Wenn nun derjenige, der geisteswissenschaftlich diese Sache un-
tersucht, seinen Blick wirft einerseits auf die Blutsubstanz, anderseits
auf die Nervensubstanz, so zeigt sich ihm gerade dann ein gewaltiger
Unterschied zwischen den beiden Substanzen. Die Nervensubstanz
ist durchaus dasjenige, was am Menschen nicht irdisch ist. Die Blut-
substanz ist durchaus dasjenige, was am Menschen irdisch ist. Die
Nervensubstanz hat ganz ihren Ursprung, ihren Prozefi-Ursprung,
in Vorgangen, die vor der Bildung der Erde liegen. Die Blutsubstanz
mit allem, was in ihr walk und webt, hat ganz den Ursprung in irdi-
schen Vorgangen. Man konnte sagen, unsere Nervensubstanz ist so,
dafi sie eigentlich ganz und gar nicht von dieser Erde ist, sie ist in uns
eingewoben als ein Kosmisches, ein Aufierirdisches, sie ist verwandt
mit dem Kosmos. Das Blut ist ganz und gar verwandt mit dem Irdi-
schen. Nun ist aber unsere Nervensubstanz in das Irdische herein-
versetzt, sie existiert hier im Irdischen, denn wir Menschen als stoff-
liche Wesen gehen auf der physischen Erde herum. Wir tragen alle in
unserer Nervensubstanz etwas in uns, das eigentlich aufierirdischen
Ursprungs und auf die Erde versetzt ist. Das ist eine aufierordentlich
wichtige Tatsache. Denn unsere Nervensubstanz ist eigentlich so,
wie sie in uns lagert, tot. Daher brauchen Sie auch nur das nachst-
beste der gewohnlichen gegenwartigen Biicher iiber Physiologie
oder Anatomie aufzuschlagen und Sie werden sehen, dafi die Ner-
vensubstanz als Substanz das Haltbarste im Menschen ist, das Un-
veranderlichste, dasjenige, welches in derselben Weise wie die Blut-
substanz am wenigsten unmittelbar mechanischen, aufteren Einfliis-
sen unterliegt. Es unterliegt den Einf liissen der Sinnesempf indungen,
aber nicht unmittelbar mechanischen Einfliissen. Das alles kommt
davon her, daft unsere Nervensubstanz ihrem Ursprung nach eine
lebende Substanz ist; aber dadurch, dafi wir sie als Erdenmenschen in
uns tragen, ist sie tot. Man konnte sagen — wenn das nicht paradox
ware, aber es ist, trotzdem es paradox ist, richtig im geistigen Sinne -
: Wenn man Nervensubstanz nehmen konnte und sie hinauftragen
bis dahin, wo die Erdenkrafte nicht mehr wirken, so wiirde Nerven-
substanz ein wunderbar lebendiges, vibrierendes Wesen sein! Diese
Nervensubstanz ist zum Leben angelegt gewissermafien im Himmel,
in allem Aufierirdischen, und sie stirbt ab zu dem Grade des Tot-
seins, in dem sie in unserem Organismus ist, dadurch, dafi sie in die
Sphare des Irdischen hereingebracht wird. Das ist etwas hochst
Merkwiirdiges. Wir tragen in uns diese Nervensubstanz, die eigent-
lich kosmisch lebendig und nur irdisch tot ist. Wie gesagt, wiirde
man ein Stiickchen Nervensubstanz nehmen und hinauftragen da,
wo die Erde nicht mehr hinwirkt, so wiirde man eine wunderbare,
lebende, leuchtende Substanz haben, die sogleich wiederum iibergin-
ge in diesen ruhigen, leblosen Zustand, in dem sie in uns lagert, wenn
sie in die Erdensphare hereingebracht wird. Wir haben es also in
unserer Nervensubstanz mit einem Kosmisch-Lebendigen und
Irdisch-Toten zu tun.
Wir tragen stofflich in unserer Nervensubstanz tatsachlich ein
Aufierirdisches in uns. Das driickt sich auch symbolisch sehr gut
aus. Vielleicht werden sich einige von Ihnen noch erinnern konnen,
dafi ich einmal hier uber die Anthroposophie im engeren Sinne
vorgetragen habe. Da habe ich die Sinne des Menschen aufgezahlt.
Gewohnlich unterscheidet man nur fiinf Sinne; wir haben dazumal
zwolf aufgezahlt. Zwolf Sinne hat der Mensch, wenn man alles, was
Sinn genannt werden kann, wirklich aufzahlt. Und die Sinne sind
ja schliefilich nichts anderes, als dasjenige, wozu die Nerven hin-
gehen, oder eigentlich von dem die Nerven ausgehen und sich nach
innen erstrecken, so dafi wir im Grunde genommen zwolf Sinne
haben, und von den zwolf Sinnen ausgehend, die Nerven wie klei-
ne Baume nach dem Innern sich erstreckend. Das ist deshalb, weil
sich in unserem Nervenapparat, insofern er zu den aufieren Sinnen
gehort, ausdriickt ein Himmlisches: der Durchgang der Sonne
durch die zwolf Sternbilder. Dieses Verhaltnis des Durchgehens
der Sonne durch die zwolf Sternbilder ist symbolisch, aber real-
symbolisch ausgedriickt in dem Verhaltnis unseres gesamten Ner-
vensy stems zu den einzelnen zwolf Sinnen. Daraus konnen Sie
ersehen, dafi wir dasjenige, was draufien kosmisch vorhanden ist in
dem Durchgang der Sonne durch die zwolf Sternbilder, wirklich in
uns tragen raumlich in dem Verhaltnis unseres gesamten Nerven-
systems zu den zwolf Sinnen. Und wiederum, wenn Sie das mehr
nach innen gelagerte Nervensystem nehmen, das zum Riickenmark
gehort, so haben wir ja ubereinandergelagert im Riickgrat Ring
nach Ring, und da hindurch geht der Nervenstrang. Diese Ringe
entsprechen wirklich den Monaten, dem Gang des Mondes um die
Erde herum, so dafi auch in diesem Hingehen immer eines Nervs
zu einem Loch in dem Ring des Riickgrates gegeben ist etwas, was
einem Tag im Monat entspricht. Wiederum ein himmlisches Ver-
haltnis! Das Verhaltnis des Mondenganges um die Erde driickt sich
real-symbolisch aus in dem, was wir in uns tragen als Verhaltnis
unserer Innennerven zum Riickenmark. Wir sind ganz und gar,
insofern wir aus Nervensubstanz aufgebaut sind, aus dem Himmel
heraus gebaut, aus dem Kosmos draufien, und derjenige allein ver-
steht richtig diese wunderbare Anordnung der Nervensubstanz in
uns, der in ihr ein Abbild des ganzen Sternenhimmels wahrnehmen
kann. Der Mensch tragt da wirklich ein Abbild des ganzen Sternen-
himmels in sich in der baumartigen Anordnung seiner Nervensub-
stanz, und diejenigen Krafte, die draufien fliefien von Stern zu
Stern, die sich ausdriicken in dem Kreislauf des Himmels, die flie-
fien wirklich, aber abgestorben und in uns lagernd, in unserem
Nervensystem. Und wie wir bei so vielem sehen konnen, wie im
Grunde genommen das ganze Universum sich in dem Menschen
ausdriickt, so konnen wir es auch an diesem Zusammenhange zwi-
schen dem Aufbau des ganzen Kosmos aufierhalb der Erde und
unserem Nervenbau sehen. Wenn wir sagen konnen, dafi das Ner-
vensystem fur den Himmel gebaut ist, so ist es lebendig fur den
Himmel gebaut und ist abgestorben in uns dadurch, dafi es in der
Sphare der Erde ist.
Ganz anderes rmissen wir uber unsere Blutsubstanz sagen. Die
ist durchaus irdisch, und die Vorgange, die im Blute vor sich gehen,
miifiten nach der inneren Beschaffenheit des ganzen Blutsystems
eigentlich nur irdische Vorgange sein. Das Eigentumliche der irdi-
schen Vorgange ist aber, dafi sie eben nicht leben. Das Mineralreich
ist, wie wir wissen, dasjenige, was auf der Erde dazugekommen ist,
das leblose Reich. Und ganz entspricht diesem leblosen Reich in uns
das Element des Blutes. Zwar lebt dieses Blut, solange es in uns ist,
aber es ist nicht durch seine innere irdische Natur zum Leben be-
stimmt, das ist das Eigentumliche, sondern dadurch, dafi es verbun-
den ist mit dem im Menschen, was aufierirdisch ist, bekommt es sein
Leben. Wahrend das Nervensystem eigentlich zum Leben im Kos-
mos draufien, aufierirdisch, bestimmt ist und in uns tot ist, ist das Blut
bestimmt, in uns tot zu sein und erlangt ein Leben von aufien. Das
Nervensystem gibt gewissermafien sein Leben ab an das Blut, und so
ist das Nervensystem verhaltnismafiig tot, das Blut verhaltnismafiig
das Lebendige. So wahr das Nervensystem kosmisch Leben und ir-
disch Tod hat, so wahr hat das Blut umgekehrt durch sich irdisch Tod
und erborgtes, ihm aufgedrangtes kosmisches Leben. Das Leben ist
iiberhaupt nicht von unserer Erde. Daher mufi das Nervensystem
gewissermafien den Tod aufnehmen, damit es irdisch werden kann,
und das Blut mufi lebend werden, damit der Mensch, insofern er irdi-
sche Substanz ist, der aufierirdischen Welt sich zuwenden kann.
Da aber wird, ich mochte sagen, dasjenige, was wir immer auf-
zunehmen hatten durch die Geisteswissenschaft, recht ernst. Denn
eigentlich mussen wir ja sagen: Wir tragen in uns die Nervensub-
stanz, sie ist zum Leben bestimmt durch ihre eigene Wesenheit,
aber sie ist tot. Wodurch ist sie tot? Dadurch, dafi sie auf die Erde
versetzt ist. Der Tod - Sie brauchen es nur nachzulesen in einem
Vortragszyklus, den ich einmal in Miinchen gehalten habe -, ist
eigentlich das Reich des Ahriman. Damit tragen wir in unserem
Nervensystem, indem es getdtet ist durch die irdische Sphare, das
Ahrimanische in uns. Und in dem Blute, indem es lebendig ge-
macht wird, wahrend es durch seine eigene Natur zum Tode be-
stimmt ist, das heifk zu blofien chemischen und physischen Vor-
gangen, tragen wir das Luziferische in uns. Weil das Nervensystem
ein Totes ist, kann Ahriman in uns sein, weil das Blut ein Leben-
diges ist, kann Luzifer in uns sein. Sie sehen jetzt, wie bedeutsam
sich diese beiden Substanzen von einander abheben, wie sie sich
wie Nord- und Siidpol polarisch zueinander verhalten.
Nun blicken wir einmal hinaus im Gedanken in das Aufierirdische
und machen dasjenige, was wir geisteswissenschaftlich erkennen,
nicht zu einer abstrakten Theorie, sondern zu etwas Lebendigem, das
unser Gefiihl, unser Empfinden ergreifen kann. Dann blicken wir
hinauf in den Weltenraum, in das Aufterirdische, und sagen uns: Da
draufien ist der Geist, der eigentlich in unserem Nervensystem leben
konnte, wenn unser Nervensystem nicht auf die Erde heruntergegan-
gen ware. Da drauften ist der Geist, wir ahnen ihn, erfullend das Uni-
versum, der Geist, der zu unserem Nervensystem gehort. Und wie-
derum, indem wir den Gedanken auf unser Blut lenken, sagen wir
uns: Dieses Blut tragen wir in uns, es ist eigentlich durch seine eigene
Wesenheit zu blofi physischen und chemischen Vorgangen be-
stimmt, blofi um umgesetzt zu werden durch den Sauerstoff in der
Weise, wie Sie das in der Anatomie, in der Physiologie beschrieben
finden konnen. Aber dadurch, dafi es in uns lebt, hat es Teil an dem
Leben des Universums. Aber es ist zunachst luziferisches Leben.
Und jetzt, meine lieben Freunde, erinnern wir uns recht tief, ge-
fuhls- und empfindungsmafiig recht grundlich an mancherlei, das
wie ein roter Faden durch viele unserer Betrachtungen gegangen ist.
Erinnern wir uns an alles dasjenige, das wir gesagt haben iiber das
Herabsteigen des Christus aus den Weltenspharen in unsere Erden-
sphare, so werden wir dasjenige, was so in unserer Erinnerung auf-
tauchen kann,. verbinden konnen mit den Gedanken, die eben jetzt
geaufiert worden sind. Wir sind ja aus diesem Weltenall, aus diesem
Universum stammend. Einst, in der lemurischen Zeit, sind wir her-
abgekommen, oder uberhaupt im Laufe der Erdenentwickelung sind
wir herabgekommen, haben unsere Entwickelung mit der Erde ver-
bunden. Aber indem wir unser Nervensystem zur Entwickelung der
Erde anvertraut haben, haben wir es der Totwerdung anvertraut, und
sein Leben haben wir oben gelassen. Dieses Leben, das wir oben
gelassen haben, ist dasselbe, das spater nachgekommen ist in der
Christus-Wesenheit. Das Leben unserer Nerven, das wir nicht in uns
tragen, das wir nicht vom Anfange unseres Erdendaseins an in uns
tragen konnten, es ist nachgekommen in der Christus-Wesenheit.
Und was mufke es ergreifen im Erdendasein? Es mufite ergreifen das
Blut! Daher das viele Hinblicken auf das Blutmysterium. Dasjenige,
was in uns getrennt ist, indem das Nervensystem sein kosmisches
Leben verloren und das Blut ein kosmisches Leben bekommen hat,
dafi Leben Tod und der Tod Leben wurde, das erreichte eine neue
Verbindung dadurch, dafi dasjenige, was nicht in unserem irdischen
Nervensystem lebt, aus dem Kosmos zu uns niedergestiegen ist,
Mensch geworden ist, in das Blut getreten ist, das Blut sich aber mit
der Erde vereinigt hat, wie ich in fruheren Vortragen ausgefuhrt
habe. Und wir als Menschen konnen durch die Teilnahme am Chri-
stus-Mysterium den polarischen Gegensatz ausgleichen zwischen
unserem Nervensystem und unserem Blutsystem.
Sehen Sie, die Menschen tragen diesen Gegensatz einmal in sich,
und dieser Gegensatz spricht sich in der verschiedensten Weise aus.
Da gibt es zum Beispiel eine aufiere Wissenschaft, die jetzt in der
Naturwissenschaft gewissermafien ihren Abschlufi, ihre Zielset-
zung gefunden hat. Die Naturwissenschaft spricht von der Welt als
aus Atomen aufgebaut. Diese Atome, von denen die Naturwissen-
schaft spricht, sind reine Phantasie. Sie sind draufien nirgends.
Warum spricht aber der Mensch doch von Atomen? Weil er in sich
sein Nervensystem aus lauter Kiigelchen gebaut hat, und das pro-
jiziert er hinaus. Die atomistische Welt draufien ist nichts anderes
als das hinausprojizierte Nervensystem. Der Mensch selbst verlegt
sich hinaus in die Welt, denkt sie sich aus Atomen zusammenge-
setzt, sein Nervensystem selbst aus den einzelnen Ganglien-Kiigel-
chen zusammengesetzt. Daher wird die Wissenschaft immer atomi-
stisch sein wollen, denn sie kommt aus der Nervensubstanz. Der
Wissenschaft steht gegeniiber alles dasjenige, was Mystik, was Re-
ligion und so weiter ist, was aus dem Blut kommt. Das will nicht
Atomistik, das will iiberall die Einheit sehen. Diese beiden Gegen-
satze streiten sich in der Welt. Man ist erst aufgeklart iiber diesen
Streit, wenn man weift, dafi das der innere Streit in der menschli-
chen Natur zwischen Nervensubstanz und Blutsubstanz ist. Es
gabe keinen Streit in der Welt zwischen Wissenschaft und Religion,
wenn nicht in der Menschennatur der Streit ware zwischen Ner-
vensubstanz und Blutsubstanz.
Den Ausgleich findet man dadurch, dafi man in der richtigen Art
sich vereinigen kann mit demjenigen, was als das Christus-Wesen die
Erde durchpulst seit dem Mysterium von Golgatha. Jede Empfin-
dung, jedes Erlebnis, das wir haben konnen in Ankniipfung an dieses
Mysterium von Golgatha, tragt zum Ausgleich bei. Die Menschen
sind heute noch nicht sehr weit in bezug auf diese Ausgleichung, aber
das Streben mufi dahin gehen. Wir selbst in unserem Kreise finden
sehr haufig, wie der charakterisierte Gegensatz nach der einen oder
nach der anderen Richtung sich auspragt. Viele sind unter uns, die
horen sich die Lehren der Anthroposophie an und nehmen sie wie
eine aufiere Wissenschaft, so dafi sich in den Kopfen von vielen An-
throposophie gewissermafien nicht unterscheidet von aufierer Wis-
senschaft. Aber Anthroposophie ist erst dann in richtigem Sinn ver-
standen, wenn sie nicht blofi mit dem Kopf aufgefafit wird, sondern
wenn sie uns in jeder ihrer Aufierungen Enthusiasmus gibt, wenn sie
in uns so lebt, dafi sie den Ubergang findet von Nervensystem zu
Blutsystem. Wenn wir uns erwarmen konnen fur die Wahrheiten, die
in der Anthroposophie enthalten sind, dann erst verstehen wir sie.
Solange wir sie blofi abstrakt fassen, indem wir sie gewissermafien
studieren wie ein Einmaleins, ein Rechenbuch, ein Dienstreglement
oder ein Kochbuch, so lange verstehen wir sie nicht. Ebensowenig
verstehen wir sie, wenn wir diese Anthroposophie studieren wie die
Chemie oder wie die Botanik. Wir verstehen sie erst, wenn sie uns
warm macht, wenn sie uns erfullt mit dem Leben, das in ihr waltet.
Der Christus hat einmal gesagt: «Ich bin bei euch bis ans Ende der
Erdentage.» Und er ist nicht blofi als ein Toter, er ist als ein Lebender
unter uns und er offenbart sich immer. Und nur diejenigen, die so
kurzsichtig sind, dafi sie sich vor diesen Offenbarungen fiirchten,
sagen, man solle bei dem bleiben, was immer gegolten hat. Diejeni-
gen aber, die nicht feige sind, wissen, dafi der Christus sich immer
offenbart. Deshalb durfen wir dasjenige, was er als Anthroposophie
offenbart, als eine wirkliche Christus -Of fenbarung aufnehmen. -
Oft, meine lieben Freunde, werde ich gefragt von unseren Mitglie-
dern: Wie setze ich mich in Verbindung mit dem Christus? - Es ist
eine naive Frage! Denn alles, was wir anstreben konnen, jede Zeile,
die wir lesen aus unserer anthroposophischen Wissenschaft, ist ein
Sich~in-Beziehung-Setzen zu dem Christus. Wir tun gewissermaflen
gar nichts anderes. Und derjenige, der nebenbei noch ein besonderes
Sich-in-Beziehung-Setzen sucht, der driickt nur naiv aus, dafi er ei-
gentlich vermeiden mochte den etwas unbequemen Weg, etwas zu
studieren oder etwas zu lesen.
Aber noch etwas anderes konnen Sie sehen aus dieser Betrach-
tung. Diese Betrachtung hat begonnen, ich mochte sagen, wie ganz
aufterlich-wissenschaftlich, wie anatomisch-physiologisch. Von der
stofflichen Betrachtung des Menschen sind wir ausgegangen, und
den Ubergang finden wir nun zu der hochsten Erkenntnis, die sich
dem Menschen auf Erden bieten kann: zu der Christologie. Diesen
Ubergang kann Ihnen keine andere Wissenschaft geben. Die Geistes-
wissenschaft zeigt Ihnen, wie unsere Nervensubstanz etwas verloren
hat dadurch, dafi sie irdische Substanz geworden ist. Wo aber ist das,
was unsere Nervensubstanz verloren hat? Als Jesus von Nazareth
dreifiig Jahre alt war, zog Christus in den Leib des Jesus von Naza-
reth und ging durch das Mysterium von Golgatha! Versuchen Sie nur
einmal, sich so recht zu durchwarmen mit diesem Gedanken. Dasje-
nige, was, weil wir Erdenmenschen sind, unserem Nervensystem
fehlt, was nur ausgefiillt ist durch Ahrimanisches, das tritt uns da
entgegen im Mysterium von Golgatha, und unsere Menschenauf gabe
ist es, es ins Bhit aufzunehmen, um das Luziferische zu durchchri-
sten im Blute, unseren Enthusiasmus so zu gestalten, dafi es in uns
lebt. Denn alles dasjenige, was wir in abstrakten Gedanken denken
konnen, ist gebunden an Nervensubstanz, alles dasjenige, was in uns
lebt als Gefuhl, als Gemiit, als Enthusiasmus, als Stimmung, ist ge-
bunden ans Blut. So, wie im Organismus die Beziehung ist zwischen
Nervensubstanz und Blutsubstanz, so ist in der Seele die Beziehung
zwischen dem Denken, das in Abstraktionen, in kalten Gedanken,
wie man sagt, verlauft, und dem Enthusiasmus, in den wir versetzt
werden konnen, wenn die Dinge fur uns nicht kalte Gedanken blei-
ben, wenn wir warm gemacht werden konnen durch den Geist, wozu
wir uns ja allerdings im Leben erst erziehen mussen.
Und jetzt sehen Sie, ich mochte sagen, geistig-physiologisch
hinein in dasjenige, was sich vollzogen hat mit dem Mysterium von
Golgatha. Nachgezogen ist dem Menschen dasjenige, was er zu-
riickgelassen hat, und wiederum soil es ihn durchseelen, weil es ihn
nicht durchkorpern sollte im Beginne des Erdenwirkens. Hatte es
ihn durchdrungen im Beginne des Erdenwirkens, so hatte es ihn
durchkorpert, und er ware ein Automat des Geistes geworden. So
aber hat er erst seine Entwickelung eine Zeitlang im Erdenlauf
vollendet, und dann erst sollte ihn durchseelen, was ihn nicht vom
Anfange an durchkorpern sollte. Das ist der grofie, wunderbare
Zusammenhang, der uns bis in den Stoff hinunter die Wirksamkeit
des Geistigen zeigt, nicht nur jenes allgemeinen Geistigen, von dem
der verschwommene Pantheismus so gern redet, sondern des kon-
kret Geistigen, das wir durch das Mysterium von Golgatha gehen
sehen. Das ist es, was ich gemeint habe, wenn ich sagte, dafi mit der
allgemeinen Wahrheit: Alle Materie ist eine Offenbarung des Gei-
stes - , nichts Besonderes gesagt ist. Erkenntnis gewinnen wir erst,
wenn wir im besonderen wissen, wie in dem einzelnen materiellen
Dasein das Geistige sich offenbaren kann. Sehen Sie, wenn man
heute dasjenige, was die aufiere Wissenschaft bietet, nimmt, dann
ist ja da eine ganze Fiille enthalten von Dingen, die als Material
daliegen, die da warten, von geistiger Auffassung durchdrungen zu
werden. So stark konnen sie von geistiger Auffassung durchdrun-
gen werden, dafi sich allerallermateriellste Wissenschaft verbinden
wird mit Christologie. Aber wir leben eben in einem Zeitalter, in
dem es den Menschen schwer wird, den Weg zu finden, der gewis-
sermaften Nervensystem und Blutsystem verbindet.
Deshalb habe ich Ihnen durch eine Reihe von Betrachtungen ge-
zeigt, wie weit unsere Zeit entfernt ist von einer solchen geistgema-
fien Auffassung der Welt. Noch das letztemal zeigte ich Ihnen an
einem besonderen Beispiel, wie es selbst einem, der gestrebt hat nach
dem Geistigen, Hermann Bahr, jetzt nur gelungen ist, nachdem er
iiber fiinfzig Jahre alt geworden ist, das allerelementarste Sich-
Nahern an den Geist zu erreichen, wahrend groteske Erscheinungen
gewissermafien unser geistiges Leben beherrschen, wie jener Philoso-
phie-Professor in Czernowitz, von dem ich Ihnen einen Ausspruch
vorgelesen habe. Damit er uns ja nicht entfalle, will ich Ihnen diesen
Ausspruch doch noch einmal vorlesen: «Wir haben nicht mehr Philo-
sophic als ein Tier, und nur die rasenden Versuche, zu einer Philoso-
phic zu kommen, und die endliche Ergebung in Nichtwissen unter-
scheiden uns von dem Tiere.» - Das ist die Quintessenz dieser Philo-
sophic, aber Philosophic kann man es ja nicht nennen, denn «der
Mensch hat nicht mehr Philosophic als ein Tier», nach dem Aus-
spruch dieses Philosophie-Professors. Das heiftt, wir sind heute so
weit, dafi es regelrecht angestellte Professoren der Philosophic gibt,
die sich zur Aufgabe machen, Philosophic als lacherlichen Unsinn
hinzustellen. Hier bemerkt man es, wenn einer gerade so weit geht.
Die meisten anderen Philosophen tun es ja auch, aber sie lassen es sich
nicht so anmerken. Und die Wahrheit gilt nicht nur fur Philosophen,
sie gilt auch fur andere Menschen, die so viel von ihrer Aufgabe ver-
stehen, wie dieser Philosoph von seiner Philosophic, dafi sie so viel
ruinieren von dem, wofiir sie angestellt sind, wie dieser Philosoph
von der Philosophic ruiniert. Aber sonst bemerkt man es nicht so,
wenn man es nicht gerade so zynisch auf dem Prasentierteller den
Menschen vorhalt wie dieser, zur Vernichtung der Philosophic als
Professor der Philosophic angestellte Philosoph, Richard Wahle.
Deshalb ist es notwendig - Sie brauchen sich nur, urn die Not-
wendigkeit einzusehen, an einen Vortrag zu erinnern, den ich vor
einigen Wochen hier gehalten habe -, dafi ein wenig angekmipft
werde an die Zeit des europaischen Geisteslebens, da man versucht
hat, wenn auch noch nicht mit den heutigen Mitteln der Geistes-
wissenschaft, dem Geiste nahe zu kommen. Aus diesem Grunde
habe ich gerade in dieser jetzigen schweren Zeit die Vortrage der
verflossenen Winter gehalten und sie jetzt zusammengefafit in dem
Buch, das nachstens fertig werden wird, «Vom Menschenratsel»,
wo das Denken, Schauen und Sinnen einer Anzahl von Geistern
des 19. Jahrhunderts zusammengefafit ist, die eben noch nach dem
Geistigen strebten, wenn auch noch nicht mit den Mitteln der heu-
tigen Geisteswissenschaft. Aber ich versuchte, in diesem Buche zu
zeigen, wie diese Geister hinstrebten zum Geiste, wenn sie ihn
auch noch nicht erreichen konnten. Es wird sich ja zeigen, ob nicht
vielleicht gerade dieses Buch «Vom Menschenratsel», das die Vor-
trage der letzten Winter zusammenfalk, trotzdem es so leicht als
moglich geschrieben ist, manchem zu schwer sein wird und er es
beim Kaufen bewenden lassen wird, was das weniger Wichtige ist.
Das Wichtigere ist das Lesen! Es wird sich ja zeigen, ob dieses
Buch, das wirklich geschrieben ist, um der Zeit zu dienen, eine
Wirkung tut, ob es in die Seelen einzieht. Es ist ein Buch, das von
jedem verwendet werden kann, um gewissermafien denjenigen, die
aufierhalb unseres Kreises stehen, den Beweis zu liefern, dafi Gei-
steswissenschaft wie eine Forderung der besten Geister der unmit-
telbaren Vergangenheit dasteht, dafi sie nicht etwas ist, das nur aus
einer gewissen Willkiir heraus entspringt, sondern wirklich eine
Forderung der besten Geister ist.
Und so mochte ich die Anregung machen, dafi einzelnes von dem
gelesen wird, was so wunderschon geistig im Laufe des 19. Jahrhun-
derts von Geistern des Abendlandes zutage gefordert worden ist,
GroEes, Bedeutsames. Aber mit all diesen Bestrebungen geht es ja
ganz sonderbar. Zu dem Groiken - ich habe in anderem Zusammen-
hang darauf hingewiesen, in diesem Buche war es nicht notwendig,
noch einmal darauf zuriickzukommen - gehoren die philosophi-
schen Schriften Schillers, zum Beispiel die Briefe «Uber die astheti-
sche Erziehung des Menschen». Man kann sagen, wer das mit inne-
rem Anteil gelesen hat, hat aufierordentlich viel fur das Leben seiner
Seele getan. Es haben sich ja verschiedene Leute Miihe gegeben, die
Menschen hinzuweisen auf die philosophischen Schriften Schillers.
Deinhardt war solch einer, der in Wien lebende Heinrich Deinhardt.
Er hat ein schones, aufierordentlich geistvolles Biichelchen geschrie-
ben iiber Schillers Weltanschauung in den Sechzigerjahren des 19.
Jahrhunderts. Ich glaube nicht, dafi Sie es irgendwo bekommen, es ist
langst eingestampft, hochstens irgendwo ein verlorenes antiquari-
sches Exemplar, denn gelesen hat das, was Deinhardt iiber Schiller
geschrieben hat, das zu dem Besten gehort, was iiber Schiller ge-
schrieben worden ist, niemand! Aber der Mann war ein vergessener
Lehrer in Wien, der das Malheur gehabt hat, sich einmal ein Bein zu
brechen, und, trotzdem es mit Sorgfalt eingerichtet worden ist,
konnte er nicht gesund werden, weil er zu schlecht ernahrt war. Der
Mann hat eines der besten Biicher iiber Schiller geschrieben, ein
Buch, das sicherlich besser ist, als alle die zahlreichen Quatsch-
Schriften, die spater iiber Schiller geschrieben worden sind; aber er
mufite verhungern. So geht es eben.
Mit diesem meinem Buch sollte noch einmal versucht werden,
Geister wie Fichte, Schelling, Hegel, Troxler, Planck, Preufi, Im-
manuel Hermann Fichte und einige andere lebendig zu machen in
unserer Gegenwart. Das, was sie enthalten, ist eine ganz andere
Seelennahrung als dasjenige, was die heutigen Menschen so vielfach
suchen, die ganz ehrlich, aber mifileitet suchen. Wie tat einem doch
das Herz weh, wenn man immer wieder und wiederum sah, wie
ehrlich suchende Menschen griffen zu dem oder jenem, um fur ihre
Seele Nahrung zu haben, um einen Weg zu haben in die geistige
Welt hinein. Hatte man zu solchen Schriften wie Schellings «Clara»
oder «Bruno» gegriffen, unendliche Seelennahrung - allerdings mit
einiger Anstrengung, aber die tut gut! - hatte man gewinnen kon-
nen. Immer lebendiger und lebendiger wurde ja ein gewisses naives
Seelensuchen der letzten Zeit, aber das Hochste, zu dem man sich
verstieg, war in weiteren Kreisen so etwas wie die Seelensauce von
Ralph Waldo Trine oder dergleichen, oder jene geistige Seelensau-
ce, die entsteht, indem man irgendeine Ausgestaltung des Buddhis-
mus oder des Brahmanismus oder ahnliches mit einer Sauce ver-
bramt. Da hat man die sonderbarsten Erfahrungen machen konnen.
Ich kannte einen ganz lieben Menschen - er ist vor kurzem hier in
Berlin gestorben der, als ich zuerst veroffentlicht hatte die
Schriften, die ich der Interpretation Goethes gewidmet habe, fur
diese Schriften dazumal enthusiasmiert war. Dann ist er alter ge-
worden und hat nun - daraus sehen Sie, dafi der Enthusiasmus nur
so ein Spriihfeuer war - gerade in der letzten Zeit eine ganze
Menge von solchen Seelensauce-Werken, nicht gerade Ralph Wal-
do Trine, aber andere aus dem Amerikanisch-Englischen ins Deut-
sche iibersetzt. Man brauchte ja lange Zeit hindurch amerikanisch-
englische Seelennahrung hier in Europa.
Fiihlen wir doch nur, was zu tun ist, urn eben diesem Gefuhle zu
entsprechen. In diesen Schriften und dann auch in der kleinen
Schrift, die jetzt schon hier ist, «Die Aufgabe der Geisteswissen-
schaft», versuchte ich zu zeigen, was gegeben werden kann auch den-
jenigen, die aufierhalb unseres Kreises stehen. Naturlich kann gerade
diese Schrift «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft» Menschen ge-
geben werden, die aufierhalb unseres Kreises stehen, und es wird sich
ja zeigen, ob Verstandnis da ist fur dasjenige, was gerade demjenigen
als Aufgabe obliegt, der etwas begreift von der Notwendigkeit des
Einfliefiens geisteswissenschaftlicher Wahrheiten in unserer gegen-
wartigen Zeit. Ich habe ja wahrhaftig im Laufe der Zeit nicht blofi
diesen oder jenen abfalligen Satz gesagt, den ich gerade in dieser
schweren Zeit zu Ihnen gesprochen habe, sondern ich habe die Din-
ge begriindet, im einzelnen erzahlt, das oder jenes belegt. Ich habe
Ihnen nicht blofi gesagt, dafi die Philosophen Homunkeln sind, son-
dern ich habe Ihnen einen besonders charakteristischen Ausspruch
erst das letzte Mai wieder angefuhrt und manches andere noch, um
Ihnen eine Vorstellung zu geben, wie die Dinge liegen, und wie in
diesem ersten Drittel unserer funften nachatlantischen Zeit alles nach
dem Homunkulismus hin tendiert, nach der Geistesleerheit hin sich
zu entwickeln sucht. Durchschauen miissen wird man immer mehr
und mehr dasjenige, was Sie gerade in dem neuen Buch auseinander-
gesetzt finden werden: den Unterschied zwischen einem blofi richti-
gen, logisch richtigen Begriff und einem wirklichkeitsgemafien Be-
griff. Ein logisch richtiger Begriff braucht noch nicht wirklichkeits-
gemafi zu sein. Und das versuchte ich besonders herauszuarbeiten,
was ein wirklichkeitsgemafies Denken ist. Darauf beruht so unend-
lich viel Jammervolles in unserem Geistesleben, daE die Leute glau-
ben, wenn sie irgend etwas logisch denken konnen, so sei das auch
schon wirklichkeitsgemafi. Aber wirklichkeitsgemaftes Denken ist
etwas anderes, als blofi richtiges Denken. Wenn Sie hier einen Baum-
stamm liegen sehen: Er ist eine aufiere Wirklichkeit. Wenn Sie ihn
denken, diesen Baumstamm, ist er keine Wirklichkeit, denn er kann
nicht als solcher existieren. Er muE die Triebe in sich haben, die sich
in Zweigen und Blattern und Bliiten entwickeln. Er ist eine wirkliche
Luge, ein «wirkliches Unwirkliches» ist er, der Baumstamm, weil das
Bild, das er Ihnen bietet, nicht da sein kann. Wirklichkeitsgemafi
denkt nur derjenige, der fuhlt, indem er einen Baumstamm denkt,
dafi er etwas Unwirkliches denkt. Und so bestehen die meisten der
heutigen Wissenschaften aus Gedanken iiber Unwirklichkeiten. Die
Geologie denkt heute die Erde rein mineralisch. Aber dieses Minera-
lische der Erde gibt es gar nicht, es existiert nicht fur sich, geradeso-
wenig, wie ein Baumstamm fur sich existiert; denn das Mineralreich
der Erde enthalt schon die Pflanzen, Tiere und Menschen in sich,
und nur, wenn man das letztere mit dem Mineral zusammengefiigt
denkt, denkt man eine Wirklichkeit. Die Geologie ist eine ganz un-
wirkliche Wissenschaft.
Das ist die eine Eigentiimlichkeit dieses Buches, dafi ich den Be-
griff der Wirklichkeit herauszuarbeiten versuchte. Die andere Eigen-
tiimlichkeit ist, dafi ich wenigstens die Anfangsgesichtspunkte geben
wollte von einem imaginativen Denken, zu dem sich die Menschen
werden entwickeln miissen. Sie werden allerlei Vergleiche finden in
dem Buche, das da erscheinen wird, indem nicht in abstrakt logi-
schen Begriffsentwickelungen vorgegangen wird, sondern gesagt
wird: Wenn einer zum Beispiel das atomistisch-naturwissenschaft-
liche Weltbild denkt, so ist es so, wie wenn er verlangen wiirde, dafi
das, was die Naturwissenschaft denkt, wirklich sei, wie wenn er glau-
ben wiirde, wenn er einen Menschen malt, dafi dann der gemalte
Mensch herumgehen konne. - In solchen bildlichen Darstellungen
ist versucht worden vorzugehen gerade in diesem Buche. Und man
wird sehen, ob dieser eigentiimliche Stil bemerkt wird. Es ist ein
Anfang gemacht mit einer besonderen Art der Darstellung, die man
sonst in der Gegenwart nicht so leicht findet.
Aber man mufi sich ganz klar dariiber sein, wie weit entfernt im
Grunde genommen die Gegenwart ist von einem unbefangenen Hin-
nehmen dieser Dinge. Die Gegenwart - ich habe es oft gesagt - ist j a
so autoritatsglaubig wie nur irgend etwas. Sie sieht sich dann nicht an,
was, sagen wir, hinter den Autoritaten steht. Die Autoritaten werden
heute bemessen nach den Titeln und Amtern, die sie haben, aber was
dahinter steht, darauf kommt es ja an. Ich mochte Ihnen doch ein net-
tes Beispiel, das vor kurzem erzahlt worden ist, geben, wie weit vor-
geschritten in unserer Zeit der Homunkulismus schon ist, wie weit
vorgeschritten das Denken in der reinen Aufierlichkeit ist. Da fiihrt
ein Mann ganz nett und gutmeinend - er ist gegen den Homunkulis-
mus, wenn er auch nicht weifi, was er an die Stelle des Homunkulis-
mus setzen soil - einen interessanten Beleg an fur dasjenige, was die
Homunkulusse unserer Zeit fur das eigentlich Grofie, Bedeutende
halten. Es gibt ja heute schon viele, die als ihren Gott die Technik ver-
ehren; ich habe Ihnen besondere Beispiele vor einigen Wochen hier
angefuhrt. Als Beleg aber, wie machtig die Uberzeugung von der
Gottheit der Technik schon war, moge folgende Ungeheuerlichkeit
angefuhrt werden, der ungeheuerliche Ausspruch eines ernsten Man-
nes gesetzten Alters, eines Arztes und Familienvaters, der - das wird
uns alles gesagt - in nichts hervorragt oder vertieft ist, welcher also
alle Bedingungen hat, um ein Urteil von der soliden Marke des gesun-
den Menschenverstandes abzugeben. Als die Welt der Zeitungen vor
dem Kriege durch den kiihnen Flug des f ranzosischen Aviatikers Pe-
goud in tiefes Staunen versetzt wurde, sagte jener Mann, der also ein
Urteil ganz im Stile der Zeit gab, denn er ist « Arzt, Familienvater und
in nichts hervorragend», hat daher alle Bedingungen zu einem soliden
und gesunden Menschenverstand, iiber den Kulturwert der Flugma-
schine ganz ernst und mit festem Pathos: «Eine Schraube vom Flug-
apparat von Pegoud ist wichtiger als alle Philosophic von Kant und
Schiller, und wenn ihr wollt, als alle Philosophien aller Zeiten.» -
Glauben Sie nicht, daft dies ein so seltener Ausspruch ist! Das ist
schon dasjenige, was heute viele beherrscht als Gesinnung, und was
sich immer mehr und mehr als Gesinnung herausarbeitet.
Man machte ja schon langst so seine Beobachtungen auf diesem
Gebiete. Es ist jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her, ich hatte
eine Reihe von offentlichen Vortragen gehalten, da lud mich auch
eine Dame ein, ich solle in ihrem Salon Vortrage halten iiber Goe-
the. Das habe ich auch dazumal getan, denn sie hat aus ihrem
Kreise ein ganz grofies Publikum zusammengebracht. Da sprach
ich iiber Goethes «Faust» und einige andere Goethesche Dramen.
Bei den Frauen ging es noch, aber die Manner haben meistens ge-
sagt: Das ist ja nicht Dramatik, das ist eine Wissenschaft, der
«Faust»! - Sie meinten namlich, im Theater solle man Blumenthal
sehen und nicht Goethes «Faust». - Ja, es ist schon so, daft man in
der Gegenwart den Dingen zusteuert, die schlieftlich gipfeln in
einem solchen Urteile, wie das Ihnen eben vorgelesene. Sehen Sie,
jetzt geht ja manches schnell. So sind auch diese Memoiren - nicht
Selbstgeschriebenes, sondern so Nachgeschriebenes von einem an-
deren, man kann es nicht gut Memoiren nennen - von einem jiingst
verstorbenen, weitberuhmten, naturforscherischen Gelehrten er-
schienen. Es ist doch interessant, einen der Ausspruche dieses
weitberuhmten Mannes - ich mag gar nicht seinen Namen nennen,
Sie wiirden staunen, was fur ein weltberuhmter Mann das ist - sich
vor die Seele zu fuhren. Der Mann war also, wie gesagt, einer der
benihmtesten Menschen der Gegenwart, groft in seinem Fach, und
diese Grofte soli ihm selbstverstandlich in keiner Weise bestritten
werden. Aber einer seiner Ausspruche ist: «Philosophie geht mich
nichts an. Es ist mir ganz gleich, ob sich die Sonne um die Erde,
oder die Erde um die Sonne bewegt. Das wiirde mich nur interes-
sieren, wenn ich mich mit Astronomie beschaftigte.» - Es ist ein
Mann, der der Welt ein medizinisches Praparat iibergeben hat, von
dem alle Welt redet, der sich mit nichts befafit hat, als mit diesem
engsten Kreise, und der ruhig gesteht, es interessiere ihn nicht
weiter, ob die Erde sich urn die Sonne, oder die Sonne sich urn die
Erde bewege; damit wiirde er sich nur beschaftigen, wenn er Astro-
nom ware. Es ist derselbe Mann - es ist mir wahrhaftig nicht darum
zu tun, irgend jemanden anzuschwarzen oder uber irgend jeman-
den zu schimpfen, denn es ist ein zweifellos mit Berechtigung be-
ruhmter Mann auf seinem Gebiete -, der sich abends Klavier vor-
spielen liefi, aber die Musik so auffafite, daft man durch sie «abge-
zogen» wird und sich daher besser im Denken konzentrieren kann,
so dafi man eigentlich nichts von ihr hort. So liefi er sich jeden
Abend Musik von seiner Frau vorspielen auf dem Klavier. Er ver-
stand gar nichts davon, es war ihm nur angenehm, daft er so abge-
zogen wurde. Nur sonnabends lielS er sich nicht vorspielen, denn
da wartete er auf Wichtigeres. Da kam namlich immer dasjenige,
auf das er besonders brennend wartete: ein Detektivroman, ein
ganz schauerlicher, in einem furchtbaren Einband. Und den las er
mit ganz besonderem Behagen. Das war ihm noch lieber als das
Klavierspiel, darum liefS er sich sonnabends nichts vorspielen. Ein
Detektivroman, nicht wahr, wie sie so durch Kolporteure kommen
- sie kommen gewohnlich auf der anderen Seite der Treppe, nicht
durchs Vorderhaus! Wie gesagt, es ist das nicht vorgebracht, um
uber jemanden zu schimpfen, sondern um zu zeigen, wie diese
unsere Zeit beschaffen ist. Und wir miissen doch bedenken: Diese
Autoritaten stehen hinter den Laboratoriumstischen, hinter den
Seziertischen, von diesem Geiste beseelt ist schliefilich dasjenige,
was ja selbstverstandlich aufierlich verdienstvoll sein kann, was
aber dazu fuhren mufi, dafi allmahlich unsere ganze Kultur, nicht
nur unsere geistige, sondern unsere ganze Kultur, in Technizismus,
das heifit in Homunkulismus ubergeht. Diese Gefahr mull man
erkennen, und man mufi aus dieser Erkenntnis heraus versuchen,
die Wege zu finden, durch die der Geist an die Menschen heran-
kommen kann. Wirklich nicht aus subjektiver Voreingenommen-
heit fiir die Geisteswissenschaft, sondern aus der Erkenntnis ihrer
notwendigen Bedeutung fur die Gegenwart sind die Dinge gesagt,
die im Laufe dieses Winters gerade hier gesagt worden sind, von
denen ich glaube, dafi es gut ist, wenn sie in einige Seelen ein-
dringen.
Der nachste Dienstag konnte uns wohl noch hier zusammen-
fiihren, denn das Buch wird wohl noch acht Tage in Anspruch
nehmen.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 20. Juni 1916
Die zwolf Sinne des Menschen
Bevor ich heute zu dem Gegenstand unserer Betrachtungen zu
kommen habe, drangt es mich, ein Wort zu sagen iiber jenen gro-
fien, schmerzlichen Verlust, den wir fur den physischen Plan in
diesen Tagen erfahren haben. Sie wissen es ja, Herrn von Moltkes
Seele ist am vorgestrigen Tage durch die Todespforte gegangen.
Dasjenige, was der Mann seinem Volke war, die iiberragende Rolle,
die er gespielt hat innerhalb der grofien schicksaltragenden Ereig-
nisse unserer Zeit, und die bedeutsamen, tiefen Impulse aus dem
Menschengeschehen heraus, von denen sein Tun, sein Wirken
getragen war, das alles zu wiirdigen, wird zunachst die Aufgabe
anderer sein, wird sein die Aufgabe der kommenden Geschichte. In
unseren Tagen ist es ja unmoglich, iiber alle Dinge, die gerade diese
unsere Tage betreffen, ein vollstandig erschopfendes Bild zu geben.
Aber wie gesagt, in bezug auf dasjenige, was andere und die Ge-
schichte sagen werden, soil heute hier nicht gesprochen werden,
obwohl es die innigste Uberzeugung desjenigen ist, der zu Ihnen
hier spricht, dafi die kommende Geschichte sehr viel gerade iiber
diesen Mann zu sagen haben wird. Aber einiges von dem, was vor
meiner Seele in diesem Augenblicke steht, das darf und soli hier
gesagt werden, wenn es auch notig ist, dafi ich das eine oder das
andere Wort so sage, dafi es mehr sinnbildlich khngt als im eigent-
lichen Sinne, der ja erst nach und nach verstandlich werden wird.
Es steht vor meiner Seele dieser Mann und dieses Mannes Seele wie
ein aus der Entwickelung unserer Zeit herausgeborenes Symbolum
unserer Gegenwart und der nachsten Zukunft selber, wahrhaftig
ein Symbolum fur dasjenige, was geschehen soil und geschehen
mufi in einem sehr, sehr wirklichen, sehr wahren Sinne des Wortes.
Wir betonen es immer wieder und wiederum, dafi es wahrhaftig
nicht eine Willkiir dieser oder jener Menschen ist, das der Gegen-
warts- und nachsten Zukunftskultur einzuverleiben, was wir die
Geisteswissenschaft nennen, dafi diese Geisteswissenschaft eine
Notwendigkeit der Zeit ist, dafi die Zukunft nicht wird bestehen
konnen, wenn nicht die Substanz dieser Geisteswissenschaft in das
Menschenwerden hineinfliefit. Und hier, meine lieben Freunde,
haben Sie das Grofte, Bedeutsame, das tins jetzt vor Augen treten
soil, indem wir gedenken der Seele Herrn von Moltkes. Wir hatten
mit ihm einen Mann, eine Personlichkeit unter uns, welche im al-
lerwirksamsten, im allerimfierlich-tatigsten Leben der Gegenwart
stand, demjenigen Leben, das sich aus der Vergangenheit heraus
entwickelt hat und in unserer Zeit zu einer der allergrolken Krisen
gekommen ist, welche die Menschheit im Verlaufe ihrer bewufiten
Geschichte zu durchleben hat, einen Mann, der mit die Heere fuhr-
te, mitten in den Ereignissen stand, die den Ausgangspunkt bilden
unserer schicksaltragenden Gegenwart und Zukunft. Und zugleich
haben wir in ihm eine Seele, einen Mann, eine Personlichkeit, die
das alles war, und Erkenntnis suchend, Wahrheit suchend hier
unter uns gesessen hat mit dem heiligst-heifiesten Erkenntnisdrang,
der nur irgendeine Seele der Gegenwart durchseelen kann.
Das ist dasjenige, was vor unsere Seele treten soli. Denn damit
ist diese Seele der eben durch die Todespforte geschrittenen Per-
sonlichkeit neben allem anderen, was sie geschichtlich ist, ein iiber-
ragendes geschichtliches Symbolum. Dafi er unter denjenigen war,
die im aufteren Leben unter den Ersten stehen, dafi er diesem
aufieren Leben diente und doch die Briicke fand zu dem Geistes-
leben, das durch diese Geisteswissenschaft gesucht wird, das ist ein
tiefgehend bedeutsames historisches Symbolum; das ist das, was die
Empfindung eines Wunsches in unsere Seele legen kann, der aber
nicht ein personlicher Wunsch ist, sondern der herausgeboren ist
aus dem Drange der Zeit, der die Empfindung, die wunschende
Empfindung in unsere Seele legen kann: Mogen viele und immer
mehr, die in seiner Lage sind, es so machen wie er! Darinnen liegt
das bedeutsam Vorbildliche, das Sie fuhlen sollen, das Sie empfin-
den sollen. Wie wenig auch im aufieren Leben von dieser Tatsache
gesprochen werden mag, darauf kommt es nicht an, am besten,
wenn gar nichts davon gesprochen wird; aber eine Realitat ist sie,
und auf die Wirkungen kommt es an, nicht auf dasjenige, was ge-
sprochen wird. Eine Realitat des geistigen Lebens ist diese Tatsa-
che. Denn diese Tatsache ftihrt uns dazu, einzusehen: Diese Seele
hatte in sich die Empfindung der richtigen Deutung der Zeichen
der Zeit. Mogen viele dieser Seele folgen, die vielleicht heute in der
einen oder in der anderen Richtung noch sehr fern stehen demje-
nigen, was wir hier Geisteswissenschaft nennen.
Deshalb ist es wahr, dafl dasjenige, was fliefit und pulsiert durch
diese unsere geisteswissenschaftliche Stromung, von dieser Seele
ebensoviel empfangen hat, als wir ihr geben konnten. Und das
sollten wir gut im Gedachtnis behalten, denn oftmals habe ich hier
gesprochen davon. Es bedeutet, dafi jetzt in unserer Zeit in die
geistige Welt Seelen gehen, die dasjenige in sich tragen, was sie hier
in der Geisteswissenschaft aufgenommen haben. Wenn nun eine im
tatigsten Leben stehende Seele durch die Todespforte zieht und
nunmehr oben ist in der lichten Welt, die uns durch unsere Er-
kenntnis ermittelt werden soli, wenn wir sie da oben wissen, wenn
mit anderen Worten dasjenige, was wir suchen, durch eine solche
Seele durch die Todespforte getragen wird, dann ist es durch die
Vereinigung, die es eingegangen ist gerade mit einer solchen Seele,
eine tief bedeutsame, wirkende Macht in der Geisteswelt. Und die-
jenigen Seelen, die hier sind und mich verstehen in diesem Augen-
blick, werden niemals wieder vergessen dasjenige, was ich hier in
diesem Augenblicke gemeint habe uber die Bedeutung der Tatsa-
che, dafi diese Seele dasjenige, was durch Jahre durch unsere Gei-
steswissenschaft geflossen ist, nun mit hinaufnimmt in die geistige
Welt, dafi das in ihr Kraft und Wirksamkeit wird.
Das alles kann ja selbstverstandlich nicht dazu da sein, den
Schmerz, den wir empfinden uber einen solchen Verlust auf dem
physischen Plane, in trivialem Sinne hinwegzudampfen. Leid und
Schmerz sind in solchem Falle berechtigt. Aber Leid und Schmerz
werden erst grofi und gewichtig und selber wirksame Krafte, wenn
sie durchzogen sind von vernimftigem Begreifen desjenigen, was
dem Schmerz und dem Leide zugrunde liegt. Und so nehmen Sie
dasjenige, was ich gesprochen habe, als den Ausdruck des Schmer-
zes iiber den Verlust auf dem physischen Plane, den das deutsche
Volk und die Menschheit erfahren hat.
Noch einmal, meine lieben Freunde, erheben wir uns:
Geist Deiner Seele, wirkender Wachter!
Deine Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Deiner Hut vertrautem Spharensohn,
Dafi, mit Deiner Macht geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Der Seele, die sie liebend sucht.
Meine lieben Freunde, in den letzten Zeiten habe ich ofter zu
Ihnen gesprochen davon, wie dasjenige, was als okkulte Substanz
gewissermafSen durch das Menschenwerden, durch die Menschen-
entwickelung fliefk, einen aufieren Ausdruck gefunden hat - und
ich habe ja diesen aufieren Ausdruck genauer charakterisiert in den
letzten Betrachtungen -, einen Ausdruck, der heute schon vielfach
recht aufterlich ist in allerlei mehr oder weniger okkulten oder
symbolischen Verbriiderungen und Vereinigungen. Wir leben nun
in der Zeit, in welcher dasjenige, was an okkulter Erkenntnis aus
der geistigen Welt gewonnen werden kann, in einer anderen Weise,
in der Weise, die wir zu betatigen versuchen seit Jahren, an die
Menschheit herangebracht werden mufi, in welcher die anderen
Wege gewissermafien veraltet sind. Gewifi, sie werden sich eine
Zeitlang noch fortpflanzen, aber sie sind in einer gewissen Bezie-
hung veraltet. Es komrat viel darauf an, dafi man gerade diese
Tatsache in der richtigen Weise versteht.
Nun erinnern Sie sich, da$ einer derjenigen Namen, die ich
unserer Geisteswissenschaft gern gebe, dieser ist: Anthroposophie,
und dafi ich ja vor Jahren hier schon gerade von diesem Orte aus
Vortrage gehalten habe, die ich dazumal Vortrage iiber Anthropo-
sophie nannte. Bei unserer letzten Betrachtung habe ich bei einer
gewissen Gelegenheit wiederum angespielt auf diese Vortrage iiber
Anthroposophie, namentlich darauf, dafi ich dazumal betont habe,
der Mensch habe eigentlich zwolf Sinne. Und ich habe ja das letz-
temal ausgefiihrt, daft dasjenige, was verbreitet ist iiber die Nerven-
substanz des Menschen im Zusammenhange mit seinen Sinnen,
nach der Zwolfzahl geordnet ist, weil der Mensch einmal in diesem
tiefsten Sinne ein Mikrokosmos ist und den Makrokosmos abbil-
det. Zwolf Sternbilder, durch die der Sonne Kreislauf im Jahre
geht, draufien im Makrokosmos - zwolf Sinne, in denen das Ich des
Menschen eigentlich lebt hier auf dem physischen Plan! Gewifi, die
Dinge sind draufien, in der Zeit aufeinanderfolgend etwas anders:
Die Sonne bewegt sich vom Widder durch den Stier und so weiter
bis wieder zuriick durch die Fische zum Widder. Der jahrliche
Sonnenkreislauf geht durch diese zwolf Sternbilder. Alles, auch
was wir in uns tragen, was wir in uns seelisch erleben, steht im
Verhaltnis zur Aufienwelt durch unsere zwolf Sinne. Diese zwolf
Sinne habe ich dazumal aufgezahlt: der Tastsinn, der Lebenssinn,
der Bewegungssinn, der Gleichgewichtssinn, der Geruchssinn, der
Geschmackssinn, der Sehsinn, der Warmesinn, der Gehorsinn, der
Sprachsinn, der Denksinn, der Ichsinn. Im Umkreise gleichsam
dieser zwolf Sinne bewegt sich unser ganzes Seelenleben, gerade so,
wie die Sonne sich im Umkreis der zwolf Sternbilder bewegt. Aber
der aufiere Vergleich schon geht auch noch viel weiter. Bedenken
Sie, dafi die Sonne wahrend des Jahres durch die Sternbilder vom
Widder gehen mull bis hin gegen die Waage, dafi die Sonne gleich-
sam im Lichte des Tages durch die oberen Sternbilder, wahrend der
Nacht durch die unteren Sternbilder geht, und dafi dieses Gehen
der Sonne durch die unteren Sternbilder zunachst dem aufieren
Lichte verborgen ist. So ist es auch mit dem Leben der Menschen-
seele in diesen zwolf Sinnen. Tagessinne sind eigentlich nur an-
nahernd die eine Halfte davon, wie die eine Halfte der Sternbilder
nur Tag-Sternbilder sind, die anderen Nacht-Sternbilder.
Sehen Sie, der Tastsinn ist wirklich etwas, wovon wir sagen
konnen, er drangt den Menschen schon hinein in das Nachtleben
des Seelischen; denn mit dem Tastsinn tappen wir grobsinnlich
an die aufiere Welt an. Und versuchen Sie nur einmal, sich zu
erklaren, wie wenig der Tastsinn im Grunde genommen mit dem
Tages-, das heifk mit dem wirklichen bewufiten Seelenleben
zusammenhangt. Das konnen Sie daraus sehen, daf$ Sie die
Eindriicke der anderen Sinne leicht werden im Gedachtnisse
aufbewahren konnen, aber versuchen Sie selbst, wie wenig Sie
die Erfahrungen des Tastsinnes im Gedachtnisse aufbewahren
konnen. Versuchen Sie, wie wenig Sie sich erinnern, wie irgend-
ein Stoff sich angefuhlt hat, den Sie vor Jahren anfuhlten, ja, wie
wenig Sie sogar das Bedurfnis haben, sich daran zu erinnern.
Das taucht schon hinunter, so wie das Licht aufhort und in die
Dammerung versinkt, wenn die Sonne in dem Sternbild der
Waage hinuntergeht in die Nacht, in die Region der Nacht-
Sternbilder hinein. Und vollig verborgen, mochte ich sagen, fur
das wache, offene Seelenleben sind dann die anderen Sinne.
Der Lebenssinn: In den wenigsten Seelenbetrachtungen der au-
£eren Wissenschaft finden Sie uberhaupt von diesem Lebenssinn
gesprochen. Gewohnlich redet man ja nur von den funf Sinnen,
den Sinnen des Tages, des wachen Bewufitseins. Aber das braucht
uns ja nicht weiter anzugehen. Es ist dieser Lebenssinn der Sinn,
durch den wir unser Leben in uns fiihlen, aber eigentlich nur, wenn
es gestort wird, wenn es krank wird, wenn uns dies oder jenes
schmerzt oder gerade weh tut; dann kommt der Lebenssinn und
zeigt uns an: Dir tut es da oder dort weh. Wenn das Leben gesund
ist, ist es getaucht in die Untergriinde, so wie das Licht nicht da ist,
wenn die Sonne im Skorpion steht, uberhaupt in einem Nacht-
Sternbild steht.
Ebenso ist es beim Bewegungssinn. Dieser Bewegungssinn ist ja
dasjenige, wodurch wir wahrnehmen, wie in uns die Tatsachen
verlaufen dadurch, dafi wir irgend etwas in Bewegung bringen.
Jetzt erst spricht die aufiere Wissenschaft etwas von diesem Bewe-
gungssinn. Sie weifi jetzt erst, da$ von der Art und Weise, wie die
Gelenke aufeinander driicken - dadurch, dafi ich zum Beispiel den
Finger beuge, driickt diese Gelenkflache auf die andere die Be-
wegung, die unser Korper ausfiihrt, wahrgenommen wird. Wir
gehen, aber wir gehen unbewuftt. Dem liegt ein Sinn zugrunde: die
Wahrnehmung der Bewegungsfahigkeit, wiederum in Nacht des
Bewufitseins gegossen.
Nehmen Sie weiter den Gleichgewichtssinn. Wir erringen ihn uns
ja eigentlich im Leben erst allmahlich. Aber wir denken nicht daran,
weil er in der Nacht des Bewufkseins liegt. Das Kind hat ihn noch
nicht, es kriecht auf dem Boden. Der Gleichgewichtssinn wird erst
erworben. Die Wissenschaft hat erst in den letzten Jahrzehnten das
Sinnesorgan fur den Gleichgewichtssinn entdeckt. Ich habe davon
gesprochen, dafi im Ohre die drei halbzirkelformigen Kanale sind,
die in den drei Richtungen des Raumes aufeinander senkrecht
stehen. Wenn diese beschadigt sind in uns, dann bekommen wir
Schwindel, das heiik, wir haben das Gleichgewicht nicht mehr. So
wie wir fur das Gehor das aufiere Ohr haben, fur das Sehen das Auge,
so haben wir fur das Gleichgewicht die drei halbzirkelformigen Ka-
nale, die nur durch einen besonderen Verwandtschaftsrest von Ton
und Gleichgewicht an das Ohr gebunden sind. Aber sie sind da drin-
nen in der Felsenbein-Hohle des Ohres. Es sind drei Halbkreise aus
kleinen, winzigkleinen Knochelchen gebildet. Aber sie brauchen nur
beschadigt zu sein, und die Moglichkeit, das Gleichgewicht zu hal-
ten, ist dahin. Wir erwerben uns die Empfanglichkeit fur diesen
Gleichgewichtssinn erst im Laufe unserer ersten Kindheit; aber er ist
in Nacht des Bewufitseins getaucht. Wir merken ihn nicht.
Dann kommt die Dammerung und dammert herauf ins Bewufit-
sein. Denken Sie aber, wie wenig eigentlich diejenigen Sinne, die
nun auch noch etwas verborgen sind - Geruchssinn und Ge-
schmackssinn - mit unserem Seelenleben in hoherem Sinne zu tun
haben. Wir miissen schon untertauchen in das Korperleben, um so
recht uns hineinleben zu konnen in den Geruch. Geschmackssinn
ist ja nun schon eine starke Dammerung fur die Menschen, da
dammert es schon herauf ins Bewufitsein. Aber Sie konnen noch
immer gleichsam das Seelenexperiment machen, das ich vorhin
angefuhrt habe fur den Tastsinn: Sie werden sich sehr schwer erin-
nern an die Wahrnehmungen des Geruchs- und des Geschmacks-
sinnes. Und nur dann, wenn das Seelenleben mehr ins Unbewufite
hinuntertaucht, kommt gewissermafien der Geruchssinn fur das
bewufke Seelenleben ein wenig zur Geltung. So wissen Sie ja viel-
leicht, dafi es Tonkiinstler gegeben hat, die besonders inspiriert
wurden dadurch, dafi sie in die Nahe desselben Wohlgeruchs ka-
men, den sie einmal bei einer anderen Tonschopfung erlebt haben.
Es dammert gar nicht der Wohlgeruch im Gedachtnis herauf, aber
dieselben Seelenvorgange dammern herauf ins voile Bewufitsein,
die mit dem Geruchssinn zusammenhangen. Geschmackssinn, nun,
das ist ja schon fur die meisten Menschen starke Dammerung. Aber
es zeigen doch die meisten Menschen, dafi der Geschmackssinn
doch noch mindestens in der Dammerung des Seelenlebens, noch
nicht im vollen Tag des Seelenlebens liegt; denn die wenigsten
Menschen geben sich zufrieden mit dem rein seelischen Eindruck
des Geschmackssinnes, sonst miifiten wir, wenn uns etwas recht
geschmeckt hat, ebenso froh sein, wenn wir uns daran erinnern,
wie wenn wir es wieder zu schmecken kriegen. Und das ist ja, wie
Sie wissen, fur die rneisten Menschen nicht so. Sie wollen es wieder
haben, sind nicht zufrieden damit, sich nur zu erinnern an dasjeni-
ge, was ihnen gut geschmeckt hat.
Dann aber kommen wir mit dem Gesichtssinn da herauf, wo die
Sonne des Bewufitseins aufgeht, wir kommen in das voile Wachbe-
wufitsein mit dem Gesichtssinn. Die Sonne geht immer hoher und
hoher. Zum Warmesinn kommt sie, zum Tonsinn, vom Tonsinn in
den Sprachsinn. Die Sonne steht am Mittag. Zwischen Tonsinn und
Sprachsinn ist die Mittagszeit des Seelenlebens. Nun kommen
Denksinn, Ichsinn. Der Ichsinn ist nicht der Sinn fur das eigene
Ich, sondern fur die Wahrnehmung des Ich im andern, naturlich -
es ist ja Wahrnehmung, es ist ja Sinn! Das Bewufttsein vom Ich,
vom eigenen Ich, ist etwas ganz anderes. Das habe ich dazumal in
den Anthroposophie-Vortragen auseinandergelegt. Es kommt hier-
bei nicht darauf an, da$ man von seinem eigenen Ich weifi, sondern
daft man dem anderen Menschen gegeniibersteht und dafi er einem
sein Ich offnet. Die Wahrnehmung fur das Ich des anderen, das ist
der Ichsinn, nicht das eigene Ich-Wahrnehmen.
Das sind die zwolf Sinne, vor denen sozusagen das Seelenleben
des Menschen erscheint wie die Sonne vor je einem der zwolf
Sternbilder. Das bezeugt Ihnen, wie der Mensch im wahrsten Sinne
des Wortes wirklich ein Mikrokosmos ist. Gegeniiber solchen Din-
gen ist unsere gegenwartige Wissenschaft vielfach noch ganz und
gar unwissend. Unsere gegenwartige Wissenschaft wird noch den
Tonsinn gelten lassen, aber nicht mehr den Sprachsinn, obwohl
niemals das gesprochene Wort in seiner hoheren Bedeutung durch
den blofien Tonsinn erfafit werden konnte. Dazu mufi der Sprach-
sinn kommen, der Sinn fur die Bedeutung desjenigen, was im
Worte sich ausdriickt. Und der Sprachsinn wiederum ist nicht ei-
nerlei mit dem Denksinn, und der Denksinn nicht mit dem Ichsinn.
Wie unsere Zeit sich irrt in bezug darauf, dafiir mochte ich Ihnen
ein Beispiel anfuhren. Eduard von Hartmann, der wirklich sehr,
sehr stark gesucht hat, beginnt sein Buch «Grundrifi der Psycholo-
gie» gleich mit den folgenden Worten - wie mit Selbstverstandlich-
keit setzt er diese Worte hin -: «Der Ausgangspunkt der Psycho-
logic sind die psychischen Phanomene, und zwar fur jeden die ei-
genen, da nur diese ihm unmittelbar gegeben sind, und niemand in
das Bewulksein eines anderen hineinzuschauen vermag.» Die er-
sten Satze einer Seelenkunde eines der bedeutendsten Philosophen
der unmittelbaren Gegenwart gehen davon aus, dafi man ableugnet
die Sinne: Sprachsinn, Denksinn, Ichsinn. Man weifi nichts davon.
Und denken Sie doch, dafi hier ein Fall vorliegt, wo geradezu die
Absurditat, der absoluteste Unsinn wissenschaftlich werden mull,
damit man die Dinge ableugnen kann! Gerade wenn man nicht
verworren gemacht ist durch diese Wissenschaft, kann man sehr
leicht die Fehler einsehen, die diese Wissenschaft macht. Denn die-
se Seelenkunde sagt: In die Seele des anderen siehst du nicht hinein,
die deutest du dir nur aus ihren Aufierungen. Also denken Sie ein-
mal, die Seele des anderen soil man sich deuten durch ihre Aufie-
rungen! Wenn jemand einem ein liebes Wort sagt, das soil man erst
deuten! Ist das wahr? Nein, es ist nicht wahr! Das liebe Wort wirkt
unmittelbar, wie die Farbe, die auf Ihr Auge wirkt! Und dasjenige,
was als Liebe in der Seele lebt, wird auf den Flugeln des Wortes in
Ihre Seele getragen, so wie die Farbe in Ihr Auge getragen wird.
Unmittelbare Wahrnehmung ist es, von einer Deutung ist da nicht
die Rede. Die Wissenschaft mufi uns erst in unserer Egoitat ab-
schliefien durch ihren Unsinn, urn nicht aufmerksam darauf zu
machen, dafi wir, indem wir mit unseren Mitmenschen leben - und
ich habe gesagt: beim Ichsinn, Denksinn, Sprachsinn kommt es
darauf an -, wir immittelbar mit ihren Seelen leben. Wir leben mit
den Seelen der anderen, wie wir mit den Farben und mit den Tonen
leben, und wer das nicht einsieht, weifi uberhaupt nichts vom see-
lischen Leben. Das ist das Wichtigste, dafi man gerade solche Dinge
durchschaut. Es werden heute ausfuhrliche Theorien verbreitet
dariiber, dafi eigentlich alle Eindriicke, die wir von anderen Men-
schen bekommen, nur symbolisch seien und gedeutet wiirden aus
den Aufierungen. Es ist aber gar nichts wahr daran.
Aber nun formen Sie das Bild vor Ihrer Seele: Aufgang der
Sonne, Erscheinen des Lichtes, wiederum Untergang der Sonne. Es
ist das makrokosmische Bild fur das Mikrokosmische des Seelen-
lebens des Menschen, das sich bewegt, allerdings jetzt nicht im
Kreislauf, sondern so, wie es Bediirfnis ist fur das menschliche
Seelenleben, innerhalb der zwolf Sternbilder des Seelenlebens, das
heifit der zwolf Sinne. Jedesmal, wenn wir das Ich eines anderen
wahrnehmen, sind wir auf der Tagesseite der Seelensonne. Wenn
wir in uns selbst eintauchen, unser inneres Gleichgewicht, unsere
Bewegung wahrnehmen wiirden - wir nehmen sie nicht wahr, weil
es die Nachtseite ist sind wir eben auf der Nachtseite des Seelen-
lebens. Und jetzt wird es Ihnen nicht mehr so unwahrscheinlich
scheinen, wenn ich Ihnen sage: Indem der Mensch geht durch die
Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, werden fur ihn
besonders diejenigen Sinne von einer grofien Bedeutung - weil sie
sich dann vergeistigen -, die hier in sein Inneres hineinziehen, die
hier untergehen, und die Sinne gehen mehr unter, die hier aufge-
hen. So wie die Sonne heraufkommt, so kommt die Menschenseele
herauf, ich mochte sagen, zwischen dem Geschmackssinn und dem
Sehsinn, und geht wiederum im Tode unter. Wenn wir, das konnen
Sie aus verschiedenen Beschreibungen, die ich fruher gegeben habe,
die Sie ja nachlesen konnen in den Zyklen, ersehen, in der Zeit
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt eine Seele driiben
finden, so finden wir sie - sogar in der «Geheimwissenschaft» fin-
den Sie das schon angedeutet - wie innerlich mit uns vereint. Nicht
indem wir ihr aufterlich gegenuberstehen und den Eindruck ihres
Ich von aufien her empfangen, sondern durch Vereinigung nehmen
wir sie wahr. Da wird der Tastsinn ganz geistig. Und was jetzt
unterbewufk, nachthaft konnte ich sagen, bleibt: Gleichgewichts-
sinn, Bewegungssinn, das alles spielt vergeistigt die grofke Rolle in
dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Es ist wirklich so, daft wir uns bewegen durch das Gesamtleben,
wie die Sonne sich bewegt durch die zwolf Sternbilder. Wir treten in
unser Leben ein, indem unser Bewufitsein fur die Sinne gewisserma-
fien aufgeht bei der einen Weltensaule und untergeht bei der anderen
Weltensaule. An diesen Saulen gehen wir voriiber, wenn wir am Ster-
nenhimmel gewissermafien von der Nachtseite in die Tagseite hin-
eingehen. Darauf suchten denn nun auch diese okkulten oder sym-
bolischen Gesellschaften immer hinzuweisen, indem sie die Saule der
Geburt, die der Mensch passiert, wenn er eintritt in das Leben der
Tagseite, Jakim nannten. Sie miissen diese Saule letzten Endes am
Himmel suchen Und dasjenige, was wahrend des Lebens zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt Aufienwelt ist, sind die Wahrneh-
mungen des uber die ganze Welt verbreiteten Tastsinnes, wo wir
nicht tasten, sondern getastet werden, wo wir fiihlen, wie uns die
geistigen Wesen iiberall beriihren, wahrend wir hier das andere be-
ruhren. Wahrend des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt leben
wir in der Bewegung darinnen, so dafi wir diese Bewegung so fiihlen,
wie wenn hier in uns ein Blutkorperchen oder ein Muskel seine Ei-
genbewegung fiihlen wiirde. Im Makrokosmos fiihlen wir uns uns
bewegend zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das Gleichge-
wicht fiihlen wir, und im Leben des Ganzen fiihlen wir uns darinnen.
Hier ist unser Leben in unserer Haut abgeschlossen, dort aber fiihlen
wir uns im Gesamt-, im All-Leben drinnen und fiihlen uns in jeder
Lage uns selbst unser Gleichgewicht gebend. Hier gibt uns die
Schwerkraft der Erde und unsere besondere Korperkonstitution das
Gleichgewicht, und wir wissen eigentlich in der Regel nichts davon.
Jederzeit fiihlen wir das Gleichgewicht in dem Leben zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt. Das ist eine unmittelbare Empfindung,
die andere Seite des Seelenlebens. Der Mensch tritt durch Jakim in
das Erdenleben ein, versichernd durch Jakim: Dasjenige, was drau-
fien im Makrokosmos ist, das lebt jetzt in dir, du bist jetzt ein Mikro-
kosmos, denn das heilk das Wort «Jakim»: In dir das iiber die Welt
ausgegossene Gottliche.
Boas, die andere Saule: der Eintritt durch den Tod in die geistige
Welt. Dasjenige, was mit dem Worte Boas zusammengefafit ist, be-
deutet ungefahr: Das, was ich bisher in mir gesucht habe, die Starke,
die werde ich ausgegossen finden iiber die ganze Welt, in ihr werde
ich leben. - Aber man kann solche Dinge nur verstehen, wenn man
durch geistige Erkenntnis in sie eindringt. In den symbohschen Brii-
derschaften werden sie symbolisch angedeutet. Mehr werden sie an-
gedeutet in unserem fiinften nachatlantischen Zeitraum aus dem
Grunde, damit sie nicht der Menschheit ganz verloren gehen, damit
spater wiederum Menschen kommen konnen, die dasjenige, was dem
Wort nach aufbewahrt ist, auch verstehen werden.
Aber sehen Sie, alles dasjenige, was sich aufierlich in unserer
Welt darlebt, das ist auch wiederum ein Abbild desjenigen, was im
Makrokosmos draufien vorhanden ist. Wie unser Seelenleben ein
Mikrokosmos ist in dem Sinne, wie ich es Ihnen angedeutet habe,
so ist auch das Seelenleben der Menschheit gewissermafien aus dem
Makrokosmos hereingebildet. Und fur unsere Zeit ist es sehr be-
deutsam, gewissermafien die zwei Abbilder der beiden Saulen, von
denen ich gesprochen habe, in unserer Geschichte geliefert zu
bekommen. Diese Saulen stellen das Leben einseitig dar, denn nur
im Gleichgewichtszustand zwischen den beiden ist das Leben. We-
der ist Jakim das Leben - denn es ist der Ubergang von dem Gei-
stigen zum Leibe -, noch ist Boas das Leben, denn es ist der Uber-
gang vom Leibe zu dem Geist. Das Gleichgewicht ist dasjenige,
worauf es ankommt. Und das verstehen die Menschen so schwer.
Die Menschen suchen immer die eine Seite, immer das Extrem, sie
suchen nicht das Gleichgewicht. Deshalb stehen gewissermafien
zwei Saulen wirklich auch fur unsere Zeit aufgerichtet, aber wir
miissen, wenn wir unsere Zeit richtig verstehen, mitten durch-
gehen, uns weder die eine Saule, noch die andere Saule gewisser-
mafien zu der Grundkraft der Menschheit zurechtphantasieren,
sondern mitten durchgehen! Wir miissen schon wirklich dasjenige,
was in der Realitat vorhanden ist, auffassen, nicht in jenem gedan-
kenlosen Leben hinbriiten, in dem der heutige Materialismus hin-
briitet. Suchen Sie die Jakim-Saule heute, so haben Sie sie in unserer
Gegenwart, die Jakim-Saule ist vorhanden in einem sehr bedeuten-
den Mann, der jetzt nicht mehr lebt, der schon gestorben ist, aber
sie ist vorhanden: Sie ist vorhanden im Tolstoiismus.
Bedenken Sie, dafi in Tolstoi ein Mann aufgetreten ist, der im
Grunde genommen alle Menschen ablenken wollte von dem aufieren
Leben, ganz auf das Innere verweisen wollte - ich habe in den ersten
Zeiten unserer anthroposophischen Bewegung iiber Tolstoi gespro-
chen -, der ganz verweisen wollte auf dasjenige, was im Innern des
Menschen nur vorgeht. Also den Geist in dem aufieren Wirken sah
Tolstoi nicht, eine Einseitigkeit, die sich mir insbesondere charakte-
ristisch ausgesprochen hat, als ich dazumal - es war einer der allerer-
sten Vortrage der allerersten Jahre, die hier gehalten worden sind -
iiber Tolstoi sprach. Dieser Vortrag konnte Tolstoi dazumal noch
durch eine uns befreundete Seite gezeigt werden. Tolstoi verstand
die ersten zwei Drittel, das letzte Drittel nicht mehr, weil da gespro-
chen war iiber Reinkarnation und Karma; das verstand er nicht. - Er
stellte die Einseitigkeit dar, das vollstandige Abdampfen des aufieren
Lebens. Und wie unendlich schmerzlich empfindet man es, dafi er
eine solche Einseitigkeit darstellt! Man denke sich den ungeheuren
Kontrast, der da besteht zwischen den Tolstoischen Anschauungen,
von denen ein grofier Teil der Intellektuellen Rufilands beherrscht
ist, und demjenigen, was sich jetzt in diesen Tagen wiederum von
dort heriiberwalzt. Oh, es ist einer der furchtbarsten Kontraste, die
nur zu denken sind! Das ist Einseitigkeit.
Die andere, die Boas-Saule, kommt auch geschichtlich zum Aus-
druck in unserer Zeit. Sie stellt ebenso eine Einseitigkeit dar. Es ist
das Suchen der Geistigkeit allein in der aufieren Welt. Vor einigen
Jahrzehnten trat es auf in Amerika driiben, wo, ich mochte sagen,
der Antipode Tolstois zum Vorschein kam in Keely, vor dessen
Seele das Ideal stand, einen Motor zu konstruieren, der nicht durch
Dampf, nicht durch Elektrizitat, sondern durch jene Wellen be-
wegt wird, die der Mensch selbst erregt in seinem Ton, in seiner
Sprache. Denken Sie sich einen Motor, der so eingerichtet ist, dafi
er durch jene Wellen, die man erregt im Sprechen etwa, oder uber-
haupt als Mensch erregen kann mit seinem seelischen Leben, in
Bewegung gesetzt wird. Es war noch ein Ideal, Gott sei Dank, dafi
es damals ein Ideal war, denn was ware dieser Krieg geworden,
wenn wirklich dieses Keelysche Ideal sich dazumal verwirklicht
hatte! Verwirklicht sich das einmal, dann wird man erst sehen, was
das Zusammenstimmen der Schwingungen an aufierer motorischer
Kraft bedeutet. Das ist die andere Einseitigkeit. Das ist die Boas-
Saule. Zwischen beiden mufi durchgegangen werden.
In den Symbolen, die aufbewahrt sind, ist viel, viel enthalten.
Unsere Zeit ist dazu berufen, diese Dinge zu verstehen, in diese
Dinge einzudringen. Der Kontrast, der einmal empfunden werden
wird zwischen allem wahrhaft Geistigen und demjenigen, was sich
heranwalzen wird, wenn der Keelysche Motor Realitat sein wird,
vom Westen, das wird noch ein ganz anderer Kontrast sein als
derjenige, der da besteht zwischen Tolstois Anschauungen und
dem, was sich vom Osten heranwalzt. Oh, dariiber kann nicht
weiter gesprochen werden!
Aber es ist notwendig, dafi wir uns nach und nach ein wenig in die
Geheimnisse des Werdeganges der Menschheit vertiefen, dafi wir
einsehen, wie wirklich in der Menschenweisheit durch die Jahrtau-
sende hindurch symbolisch oder sonst dasjenige ausgedruckt ist, was
einmal in verschiedenen Stufen Realitat wird. Heute ist man bloft bei
einem Tasten, und ich habe Sie in einer der letzten Betrachtungen
aufmerksam gemacht darauf, wie ein Mensch wie Hermann Bahr,
mit dem ich in der Jugend vielfach zusammenwar, jetzt, nachdem er
dreiundfunfzig Jahre alt geworden ist und so viele Schriften geschrie-
ben hat, auf der einen Seite in Goethe tappend, tastend sucht und
gesteht, dafi er jetzt erst anfangt, an Goethe heranzukommen, und
auf der anderen Seite anfangt etwas davon zu begreifen, dafi es noch
so etwas wie eine Geisteswissenschaft neben den au£eren Wissen-
schaften gibt. Ich habe Ihnen angefiihrt, wie die Personlichkeit des
Franz in seinem Roman «Himmelfahrt», den er eben jetzt hat er-
scheinen lassen, gewissermafien Bahrs eigenen Entwickelungsgang
darstellt, darstellt, wie er durchgegangen ist durch die aufiere Wis-
senschaft. Er war bei dem Botaniker Wiesner in Wien, war bei Ost-
wald im chemischen Laboratorium in Leipzig, war bei Schmoller im
nationalokonomischen Seminar in Berlin, war bei Richet in Frank-
reich, um Psychologie und Psychiatric zu studieren, war bei Freud in
Wien - selbstverstandlich, ein Mensch der Gegenwart ist auch bei
Freud in Wien gewesen, wenn er durch die verschiedenen wissen-
schaftlichen Sensationen durchgeht -, war bei den Theosophen in
London und so weiter. Sie wissen, ich habe Ihnen die betreffende
Stelle ja vorgelesen: «So hat er die Wissenschaften abgesucht, erst
Botaniker bei Wiesner, dann Chemiker bei Ostwald, in Schmollers
Seminar, auf Richets Klinik, bei Freud in Wien, gleich darauf bei den
Theosophen in London; und so die Kunst, als Maler, Radierer ...»
und so weiter. Ja, aber nun sehen Sie, zu welchem Glauben ringt sich
dieser Franz durch, der wirklich einer der tastenden Menschen der
Gegenwart ist? Es ist sehr interessant, er tappt und tastet, da dam-
mert ihm so etwas auf, was dann mit den Worten ausgedriickt wird:
«Er war nicht mehr im Stande der geistigen Unschuld. Aber gab
es nicht vielleicht eine Art zweiter Unschuld, wiedergewonnener
Unschuld? Gab es nicht eine Frommigkeit des seine Grenzen er-
kennenden, des gedemiitigten Verstandes, einen Glauben der Wis-
senden, eine Hoffnung aus Verzweiflung? Lebten nicht in alien
Zeiten einsame verborgene weise Manner, der Welt abgewendet,
einander durch geheime Zeichen verbunden, im Stillen wunderbar
wirkend mit einer fast magischen Kraft, in einer hoheren Region
uber den Volkern, iiber den Bekenntnissen, im Grenzenlosen, im
Raum einer reineren, Gott naheren Menschlichkeit? Gab es nicht
auch heute noch, iiberall in der Welt zerstreut und versteckt, eine
Ritterschaft des heiligen Grals? Gab es nicht Junger einer vielleicht
unsichtbaren, nicht zu betretenden, blofi empfundenen, aber iiber-
all wirkenden, alles beherrschenden, schicksalbestimmenden wei-
(5en Loge? Gab es nicht immer auf Erden eine sozusagen anonyme
Gemeinschaft der Heiligen, die einander nicht kennen, nichts von-
einander wissen und doch aufeinander, ja miteinander wirken, blofi
durch die Strahlen ihrer Gebete? Schon in seiner theosophischen
Zeit hatten ihn solche Gedanken viel beschaftigt, aber er hatte of-
fenbar immer nur falsche Theosophen kennengelernt, vielleicht lie-
fien sich die wahren nicht kennenlernen», und so weiter.
Diese Gedanken kommen dem Franz, nachdem er die Welt
durchsaust hat, er iiberall war, wovon ich Ihnen gesagt habe, und
dann wiederum zuruckgekommen ist in seine Heimat - es ist wahr-
scheinlich Salzburg, um das es sich handelt. Also in seiner salzbur-
gischen Heimat, da kommen ihm diese Gedanken. Es ist vielleicht
nicht unbescheiden und soil nicht unbescheiden sein: Bei uns war
er nicht, der Franz; aber man kann so ein bifichen die Griinde
finden, warum er nicht bei uns war. Indem er so suchte nach
Menschen, welche streben nach dem Geistesgut, erinnerte er sich
eines Englanders, den er einmal kennengelernt hat in Rom. Er
schildert auch diesen Englander, den er in Rom kennengelernt hat:
«Es war ein kluger Mann in reifen Jahren, von guter Familie,
reich, unabhangig, Junggeselle und ein richtiger Englander, niich-
tern, praktisch, unsentimental, ganz unmusikalisch, unkunstlerisch,
ein derber, vergniigter Sinnenmensch, Angler, Ruderer, Segler, star-
ker Esser, fester Zecher, ein Lebemann, den in seinem Behagen nur
eine einzige Leidenschaft storte, die Neugierde, alles zu sehen, alles
kennenzulernen, iiberall einmal gewesen zu sein, eigentlich in keiner
anderen Absicht, als um schliefilich, von welchem Ort immer man
sprach, befriedigt sagen zu konnen: O ja!, das Hotel zu wissen, in
dem ihn dort Cook untergebracht, und die Sehenswurdigkeiten, die
er auf gesucht, die Menschen von Rang oder Ruhm, mit denen er ver-
kehrt hatte. Um bequemer zu reisen und iiberall Zutritt zu haben,
war ihm geraten worden, Freimaurer zu werden. Er lobte die Niitz-
lichkeit dieser Verbindung, bis er entdeckt zu haben glaubte, es miis-
se noch eine ahnliche, doch besser geleitete, machtigere Verbindung
hoherer Art geben, der er nun durchaus beitreten wollte, wie er ja,
wenn irgendwo noch ein anderer, besserer Cook aufzufinden gewe-
sen ware, sich natiirlich an diesen gewendet hatte. Er liejS sich nicht
ausreden, die Welt werde von einer ganz kleinen Gruppe geheimer
Fiihrer beherrscht, die sogenannte Geschichte von diesen verborge-
nen Mannern gemacht, die selbst ihren nachsten Dienern unbekannt
seien, wie diese wieder den ihren, und er behauptete, den Spuren
dieser geheimen Weltregierung, dieser wahren Freimaurerei, von der
die andere blofi eine hochst torichte Kopie mit unzulanglichen Mit-
teln, folgend, ihren Sitz in Rom gefunden zu haben, eben bei den
Monsignori, von denen aber freilich auch wieder die meisten ah-
nungslose Statisten waren, deren Gedrange blofi die vier oder funf
wirklichen Herren der Welt zu verbergen hatte. Und Franz mufite
heute noch iiber die komische Verzweiflung seines Englanders la-
chen, der nun das Pech hatte, niemals an den richtigen zu kommen,
sondern immer wieder blofi an Statisten, aber sich dadurch nicht ir-
remachen liefi, sondern immer nur noch mehr Respekt vor einer so
wohlbehuteten, undurchdringlichen Verbindung bekam, in die er
schliefilich doch noch eingelassen zu werden wettete, und wenn er
bis ans Ende seines Lebens in Rom bleiben und wenn er die Kutte
nehmen oder etwa gar sich beschneiden lassen mufite, denn da er
iiberall den unsichtbaren Faden einer iiber die ganze Welt gesponne-
nen Macht nachgespiirt hatte, war er nicht abgeneigt, auch die Juden
sehr zu schatzen, und er sprach gelegentHch stockernst den Verdacht
aus, ob nicht vielleicht im letzten, innersten Kreise dieses verborge-
nen Weltgewebes Rabbiner und Monsignori hochst eintrachtig bei-
sammen safien, was ihm iibrigens gleichgultig gewesen ware, wenn
sie nur auch ihn mitzaubern liefien.»
Da haben Sie eine Karikatur von dem, was ich Ihnen ja gesagt
habe, wie es gleichsam ein Imperium in Imperio gibt, einen kleinen
Kreis, der in die anderen seine Macht ausstrahlt. Nur stellt sich ihn
der Englander vor, und der Franz mit ihm, als eine Gemeinschaft
der Rabbiner und Monsignori; das sind nun gerade diejenigen, die
nicht darinnen sind! Aber Sie sehen, er tappt sich nur so durch.
Warum tappt er denn eigentlich? Ja, er erinnert sich einmal wieder
der schwarmerischen Schrullen des Englanders:
«Und viel spater erst war er auf den Gedanken gekommen, ob
denn nicht vielleicht auch jemand, dem derlei Fahigkeiten nicht
angeboren waren, ihrer teilhaftig werden, ob man sich zu solchen
Kraften erziehen, ob man sie durch Training erlernen konnte. Aber
die theosophischen Ubungen hatten ihn bald enttauscht ...»
Die hat er aufgegeben! Sehen Sie, es gibt in unserer Gegenwart ein
solches Tappen, Tasten. Menschen wie Bahr, sie kommen ins hohere
Alter, da kommen sie darauf, und dann machen sie sich groteske Vor-
stellungen. Eine solche groteske Vorstellung ist da noch enthalten. Ja,
sehen Sie, da ist nun dieser Franz eingeladen in seiner Heimat bei ei-
nem Domherrn. Dieser Domherr ist eine ganz geheimnisvolle Per-
sonlichkeit, Salzburger Domherr, der in Salzburg eine grofie Wich-
tigkeit hat - die Stadt Salzburg ist nicht genannt, man erkennt sie nur
-, eine grofiere Wichtigkeit als der Kardinal; denn die ganze Stadt
spricht nicht mehr von dem Kardinal, aber von dem Domherrn: Der
Domherr, obwohl es dort ein Dutzend Domherren gibt, aber von
dem Domherrn spricht man, so dafi der Franz manchmal so die Idee
hat, ob der nicht selber so emer ist von der weilSen Loge. Sie wissen ja,
man kann leicht zu solchen Anschauungen kommen. Nun, da ist er
einmal in eine Gesellschaft beim Domherrn eingeladen, der Franz.
Da sind manche Leute, und der Domherr ist wirklich ein sehr tole-
ranter Mann, denn denken Sie, er ist katholischer Domherr und hat
sich den judischen Bankier mit einem Jesuiten, dem Franz und eini-
gen anderen und mit einem Franziskanermonch zusammen eingela-
den. Es ist ein lustiges Mittagsmahl. Der jiidische Bankier ist notabe-
ne ein Bankier, dem fast alle Leute zu irgendwelchem klingenden
Dank verpflichtet sind, der das aber wirklich alles selbstlos tut, denn
er f ordert in der Regel gar nicht, dafi man ihm das wieder zuriickgibt,
was man sich scheinbar ausleiht von ihm, sondern er will nur alle Jah-
re bei so einem Herrn, wie der Domherr ist, eingeladen sein; das
macht ihm Freude. Und bald sind der Jesuit und dieser jiidische Ban-
kier in einem Gesprach darinnen, daft es dem Franz zu stark wird. Er
geht weg, weil sie nun wirklich schon schandliche Witze machen,
geht an die Bibliothek, und der Domherr geht ihm nach.
«Sie» - die Bibliothek - «war nicht grofi, aber gewahlt. Von Theo-
logie nur gerade das Notigste, die Bollandisten, viel Franziskani-
sches, Meister Eckhart, die geistlichen Ubungen, Katharina von Ge-
nua, die Mystik von Gorres und Mohlers Symbolik. Philosophic
schon mehr: der ganze Kant, samt den Schriften der Kantgesell-
schaft, Deussens Upanischaden und seine Geschichte der Philoso-
phic, Vaihingers Philosophic des Als Ob, und sehr viel Erkenntnis-
kritisches. Dann die griechischen und romischen Klassiker, Shake-
speare, Calderon, Cervantes, Dante, Macchiavell und Balzac im
Original, aber von Deutschen nur Novalis und Goethe, dieser in ver-
schiedenen Ausgaben, seine naturwissenschaftlichen Schriften in der
Weimarer. Einen Band davon nahm Franz und fand viele Randbe-
merkungen von der Hand des Domherrn, der in diesem Augenblick
den jungen Monch und den Jesuiten verliefi und zu ihm trat. Er sagte:
<Ja die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes kennt niemand>.»
Nun ist es charakteristisch, was der Domherr an den naturwis-
senschaftlichen Schriften Goethes findet, charakteristisch sowohl
nach der einen Seite, nach dem, was nun wirklich drinnen ist und
dem Domherrn nun auch davon aufleuchtet, wie demjenigen, was
dem Domherrn nun aufleuchtet, weil er wirklich ein katholischer
Domherr ist.
«Ja die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes kennt nie-
mand. Leider! Da sieht der alte Heide, der er doch durchaus gewe-
sen sein soli, auf einmal ganz anders aus und dann versteht man
doch auch den Schlufi des Faust erst.»
Da hat er recht, der Domherr. Man kann den Schlufi des «Faust»
nicht verstehen, wenn man nicht die naturwissenschaftlichen An-
schauungen Goethes kennt!
«Ich habe mir ja nie vorstellen konnen, Goethe tue da blofi auf
einmal katholisch, nur zur malerischen Wirkung.»
Also der Domherr schlagt ihm natiirlich immer ins Genick, aber
das macht ja nichts.
«Dazu ist doch mein Respekt vor dem Dichter zu grofi, vor
jedem Dichter, um zu glauben, dafi einer, gerade wenn er sein letz-
tes Wort sagt, ein Kostiim anlegen sollte.»
Das glauben namlich wirklich die meisten Leute, dafi Goethe
nun wirklich nur ein Kostiim anlegte, wie er die groftartige, gran-
diose Schlufiszene seines «Faust» geschrieben hat!
«Aber in den naturwissenschaftlichen Schriften steht ja auf jeder
Seite, wie katholisch Goethe war ...»
Nun, der Domherr nennt alles dasjenige, was er versteht und
ihm Hegt - das braucht uns ja nicht weiter zu genieren - katholisch.
«... wie katholisch Goethe war, unwissentlich vielleicht und je-
denfalls ohne den rechten Mut dazu. Es liest sich, als hatte da jemand,
mit den katholischen Wahrheiten unbekannt, sie sozusagen unverse-
hens auf eigene Faust aus sich selber entdeckt, wobei es freilich ohne
manche Gewaltsamkeiten und Wunderlichkeiten nicht abgeht, aber
doch im gro£en Ganzen nichts Entscheidendes, Notwendiges und
Wesentliches fehlt, selbst der Schufi von Aberglauben, Magie oder
wie man das nennen will, was den richtigen geborenen Protestanten
an unserer heiligen Lehre stets so verdachtig bleibt, selbst das nicht!
Ich habe ja oft meinen eigenen Augen kaum getraut! 1st man aber bei
Goethe dem kryptogamen Katholiken nur erst einmal auf der Spur,
so sieht man ihn bald uberall. Sein Vertrauen zum Heiligen Geiste,
den er freilich lieber <Genius> nennt, sein tiefes Gefuhl fur die Sakra-
mente, deren ihm nur noch zu wenige sind, sein Sinn fur das <Ahnde-
volle>, seine Begabung zur Ehrfurcht, gar aber, dafi er, ganz unprote-
stantisch, sich niemals mit dem Glauben begniigt, sondern uberall
auf die Anerkennung Gottes durch die lebendige Tat, durch das
fromme Werk dringt, gar dieses so seltene, hochste, schwierigste Be-
greif en, dafi der Mensch nicht von Gott geholt werden kann, wenn er
nicht selbst sich Gott holt, das Begreifen dieser furchtbaren mensch-
lichen Freiheit, selber wahlen zu miissen und die dargebotene Gnade
nehmen, aber auch ausschlagen zu konnen, durch welche Freiheit
allein die Gnade Gottes dem Menschen, der sich fur sie entscheidet,
der sie sich nimmt, erst zum eigenen Verdienste wird, das alles ist
auch in seinen Ubertreibungen, auch in seinen Verzerrungen noch so
stockkatholisch ...»
Uns wiirde insbesondere das, was der Domherr Ubertreibung
nennt, interessieren; aber der Domherr nennt das katholisch.
«... das alles ist auch in seinen Ubertreibungen, auch in seinen
Verzerrungen noch so stockkatholisch, dafi ich, wie du siehst,» -
der Domherr duzt namlich alle Leute, die er gern hat - «oft genug
an den Rand die Stellen aus dem Tridentinum schreiben konnte,
wo zuweilen fast mit denselben Worten dasselbe steht.»
Denken Sie sich einen katholischen Domherrn, der Beschhisse
aus dem Tridentinischen Konzil neben die Worte Goethes
schreibt! Da haben Sie dasjenige, was durch die Menschheit geht,
und was man nennen kann den Kern des geistigen Lebens, der alien
Menschen gemeinschaftlich ist. Man darf das nur nicht als Phrase
nehmen, sondern man mufi es nehmen, wie die Sache gemeint sein
kann. Und dann sagt der Domherr weiter:
«Und wenn Zacharias Werner erzahlt hat, er sei durch einen
Satz in den Wahlverwandtschaften katholisch gemacht worden, so
glaube ich ihm das aufs Wort. Womit ich natiirlich nicht leugnen
will,* - jetzt schlagt der Domherr wieder durch! - «dafi es daneben
auch einen heidnischen, einen protestantischen, ja sogar einen bei-
nahe judischen Goethe gibt,» - uns geniert das gar nicht, uns ist das
gerade recht - «und ihn durchaus nicht als das Muster eines Katho-
liken reklamieren will ...»
Aber was jetzt der Domherr noch dazu sagt, kann uns schon
ganz angenehm sein, wenigstens - ich will es niemand anderem
aufdrangen, aber mir ist es ganz sympathisch -: Wenn er selbst
katholisch ware, «was er iibrigens immer noch eher war, als der
plattvergniigte Wald- und Wiesenmonist, den die neudeutschen
Oberlehrer unter seinem Namen paradieren lassen ...»
Damit sind selbstverstandlich Richard M. Meyer, Albert Biel-
schowsky, Engel, die neudeutschen Oberlehrer, die ihre neudeut-
schen Werke iiber Goethe geschrieben haben, gemeint.
Also Sie sehen, dafi wir im Grunde genommen schon etwas trei-
ben, wohin das geheime dunkle Sehnen der Zeit geht, und wohin
es im Grunde gehen mul? - eine ernste Sache.
Und nun erinnern Sie sich an etwas anderes noch. Erinnern Sie
sich an einige der ersten Vortrage, die ich wahrend dieser Schick-
saltragenden Zeit in unseren Zweigen gehalten habe, wo ich von
einem erschiitternden okkulten Erlebnis gesprochen habe, von je-
nem Erlebnis, dafi die Seele des in Serajewo ermordeten Franz
Ferdinand eine besondere Rolle spielt in der geistigen Welt. Die
meisten von Ihnen werden sich erinnern, wie ich erzahlt habe, daft
sie dort gleichsam eine kosmische Bedeutung erlangt hat. Und jetzt
erscheint dieser Roman, in diesen Wochen kauft man ihn, und da
steht dieser Erzherzog Franz Ferdinand charakterisiert von einem
Mann, der sich unter der Maske eines Blodlings als Knecht verdingt
hat bei einem salzburgischen Gutsbesitzer, bei dem Bruder des
Franz, der storrisch dort war und gepriigelt werden muftte zur
Arbeit. Als der Mord in Serajewo geschieht, da fuhrt er sich so auf,
daft ihn die Leute wiederum verpriigeln, diesen Blasl, diesen Blod-
ling. Denken Sie, er sagt, als er die Ermordung des Franz Ferdi-
nand an der Kirchentiire angeschlagen findet: «Ja, so muftte er
enden, anders kann's nicht sein!» Na, was konnten die Leute ande-
res annehmen, als daft er mit in der Verschworung ist, trotzdem der
Mord in Serajewo stattgefunden hat, und der Blasl in Salzburg ist;
aber das stort ja solche Leute nicht weiter, die in der Sache nach-
suchen: Selbstverstandlich ist er mit in der Serajewoer Verschwo-
rung. Und da man spanisch geschriebene Bucher bei ihm findet, ist
er selbstverstandlich ein spanischer Anarchist! Nun kriegt dieses
spanische Heft der Landesgerichtsrat oder was er ist, der naturlich
kein Spanisch kann und der so schnell wie moglich, nachdem der
Blasl gefesselt und ihm zugebracht worden ist, die ganze Sache
loshaben will. Er soil nach Wien, dort sollen sie ausmachen, was zu
geschehen hat mit diesem spanischen Anarchisten - er kann sich
doch nicht blamieren! Er ist auch ein eifriger Almganger und es ist
vielleicht der letzte schone Tag: also nur geschwind los! Er versteht
nichts davon. Sicher ist es ja doch, daft es ein spanischer Anarchist
ist. - Da erinnert er sich, daft ja der Franz in Spanien war - ich habe
Ihnen erzahlt, Bahr war ja auch in Spanien -, der kann das lesen,
der soil ihm einen Auszug daraus machen. Nun nimmt der Franz
dieses Manuskript, und was entdeckt er? Tiefste Mystik! Ganz und
gar nichts Anarchistisches - tiefste Mystik. Es ist wirklich sehr viel
Wunderschones in diesem Manuskript. Also dieser Blasl, der Blod-
ling, hat das geschrieben, weil er namlich durch seine Mystik selber
so gefuhrt worden ist, daft er der Welt absterben wollte. Ich will
diesen Weg selbstverstandlich nicht verteidigen. Der Blasl ist
eigentlich ein spanischer Infant. Da fliefit nun zusammen diese
Charakteristik des spanischen Infanten mit derjenigen des Erzher-
zogs Johann, der einmal vom osterreichischen Kaiserhause wegge-
gangen und in die Welt gegangen ist. Er konnte nicht den Oster-
reicher charakterisieren, aber man sieht da die Gestalt durch; da
kommt er darauf zu sagen, es ist ein spanischer Infant. Sie konnen
sich denken, was das in Salzburg ist, Sie konnen sich den Umstand
denken im armen Salzburg! Sie hatten einen Anarchisten eingefan-
gen, in Fesseln gelegt gehabt - und jetzt ist es ein spanischer Infant!
Aber der Mann, der den Thronfolger kannte, was sagt er nun vom
Thronfolger, als er jetzt schon als Infant auftrat und als Mystiker?
«Der verwunschene, jetzt entzauberte Prinz, noch in seinen alten
Kleidern und auch sonst ganz der alte, dennoch aber ein anderer, seit
Franz wufite, dafi es eine Verkleidung war, sagte lachelnd: <Vergeben
Sie mir den Betrug, der ja fur mein Gefuhl eigentlich keiner war. Der
Infant Don Tadeo bin ich langst nicht mehr. Wenn mich Umstande
notigen, ihn jetzt wieder eine Zeit vorzustellen, so fallt mir diese
Rolle viel schwerer. Fur mich war ich der alte Blasl wirklich, und
wenn ich iiberhaupt log, so hatte ich mich belogen, nicht Sie. Dafi ich
Ihnen Ungelegenheiten bereiten wurde, konnte ich nicht wissen. Es
tut mir leid genug. Naturlich war's das albernste Mifiverstandnis. Ich
habe den Thronfolger, ohne freilich ihm je begegnet zu sein, genau
gekannt, er ist mir sehr wert gewesen, wir waren in Verbindung,
wenn auch nicht auf die hiesige Art.»> - «Hiesige» meint er in bezug
auf die Verbindung auf dem physischen Plan. - «<Er hatte langst die
Grenzen der irdischen Wirksamkeit uberschritten und stand mit ei-
nem Fufi schon in dem anderen Raum des rein geistigen Tuns. Er
mufite nun ganz hinuber, das wufke ich: um in Erfullung zu gehen,
hat er nicht mehr bleiben konnen. Von dort aus erst wird seine Tat
geschehen. Ich wunderte mich nur, dafi das Schicksal so lange mit
ihm zogerte. Und als ich an jenem Sonntag aus der Kirche tretend,
wo ich eben im Gebet wieder von neuem versichert worden war, die
beklommene Menge fand, wufite ich gleich, dafi er endlich befreit
war. Was durch ihn zu geschehen hat, kann er von driiben erst ver-
richten. Hier hat er es nur versprechen konnen, sein Leben war nur
eine Voranzeige. Jetzt erst kann es sich begeben. Ich habe mir ihn nie
als einen konstitutionellen Monarchen denken konnen, mit Parla-
mentarismus und dem ganzen Humbug. Dafiir war sein Format zu
grofi. Aber so hat er nun mit einem Schlag die Tat an sich gerissen.
Dieser Tote wird jetzt erst leben, und von Grund auf. Das empfand
ich bei der Nachricht, das meinten meine Worte.>
<So mufite er einmal enden!» hat er gesagt bei dem Anschlag.
Ich mufi sagen, ich war aufterordentlich merkwiirdig beriihrt, als
ich vor einigen Tagen diese Sache hier in Bahrs «Himmelfahrt» las.
Vergleichen Sie das, was uns jetzt im Roman entgegentritt, mit
dem, was hier aus der Realitat der geistigen Welt heraus gesagt
worden ist! Versuchen Sie damit zu erkennen, wie tief in der Rea-
litat man mit der Geisteswissenschaft drinnensteckt! Wie diejeni-
gen, die nach Erkenntnis suchen, wenn auch erst tappend, tapsend,
doch auf diesen Wegen gehen, wie sie, die auf diese Wege kommen
wollen, bis auf Einzelheiten hin an dasjenige herankommen, was
hier entwickelt wird. Denn es ist kaum anzunehmen, dafi nun auch
das, was damals gesagt worden ist, durch irgendeines unserer Mit-
glieder dem Hermann Bahr verraten worden sein konnte. Aber
selbst wenn das geschehen ware, so ist es immerhin nicht zuriick-
gewiesen, sondern angenommen worden.
Wir wollen nichts in Wirklichkeit umsetzen, was nur irgendei-
ner Liebhaberei entspricht. Wir wollen in Wirklichkeit umsetzen,
was eine Notwendigkeit der Zeit ist und als eine Notwendigkeit
sich aufs deutlichste auspragt. Und wenn sich in der jiingsten Zeit
so manches geltend macht, was Verleumdung ist, so ist man ja in
unserer Zeit sehr geneigt, gerade sein Mitleid dorthin zu wenden,
wo verleumdet wird. Viel weniger wendet man heute nach den
berechtigten Seiten sein Mitgefiihl hin, sondern gerade dort, wo
Unrechtes getan wird, findet man, dafi eigentlich diejenigen, die das
Rechte getan hatten, zunachst die Hand zu reichen haben und
denjenigen, die das Unrecht getan haben, zu kajolieren ist. Wir
erf ahren es immer wieder und wiedemm. Gerade innerhalb unserer
Gemeinschaft erfahren wir das immer wieder. Meine lieben Freun-
de, heute ist nicht die Stimmung, und es ist mir auch nicht zu tun
darum, auf derlei Dinge einzugehen. Ich gehe ja immer nur auf
diese Dinge ein, wenn eine gewisse Notwendigkeit vorliegt. Aber
mit einem lassen Sie mich noch schliefien.
Ich habe in dem Biichelchen, das erschienen ist, aufmerksam
darauf gemacht, wie einheitlich dasjenige ist, was in unserer Gei-
steswissenschaft gesucht wird vom Anfange unseres Wirkens an.
Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, welch starke Verleum-
dung es ist, wenn von irgendeiner Schwenkung die Rede ist, von
irgend etwas, was im Widerspruch stiinde mit dem, was im Anfan-
ge unserer Bewegung von uns geschehen ist. Sie finden da auf Seite
37 charakterisiert:
«Auf diese Ausspriiche J. H. Fichtes» - die mir der Ausdruck
einer neuzeitlichen Geistesstromung schienen, nicht bloft eines
Einzelnen Meinung - « wies ich in einem Vortrage hin, den ich 1 902
im Giordano Bruno-Bund hielt; damals, als der Anfang gemacht
wurde mit dem, was gegenwartig als anthroposophische Vorstel-
lungsart sich darstellt,» und so weiter.
Da fuhre ich an, wie ich, bevor die Deutsche Sektion der Theo-
sophical Society begriindet worden ist, in Berlin einen Vortrag ge-
halten habe, in dem ich nicht aus Blavatsky und Besant, sondern
aus dem neueren Geistesleben heraus, das unabhangig ist von Bla-
vatsky und Besant, im Giordano Bruno-Bund in Ankniipfung an
Goethe dieser Bewegung den Ausgangspunkt geben wollte. Und da
wagen es heute Leute, zu sagen, dafi der Name «Anthroposophie»
blofi erfunden worden ware, als wir uns, wie sie sagen, trennen
wollten von der Theosophischen Gesellschaft!
«Man sieht daraus, dafi eine Erweiterung des neuzeitlichen Welt-
anschauungsstrebens zu einer wahrhaften Betrachtung der geistigen
Wirklichkeit ins Auge gefafit war. Nicht ein Herausholen irgendwel-
cher Anschauungen aus den Veroffentlichungen, die man damals
<theosophische> nannte (auch gegenwartig noch so nennt) ward an-
gestrebt, sondern eine Fortsetzung des Strebens, das bei den neueren
Philosophen seinen Anfang genommen; aber bei diesen im Begriff-
lichen stecken gebheben war, und dadurch den Zugang in die wirk-
liche geistige Welt nicht erreicht hat» und so weiter.
Es bringen die Dinge doch auch giinstige Verhaltnisse des Karmas.
Und so brauche ich heute dasjenige, was ich vor einigen Wochen
geschrieben habe, so dafi Sie es jetzt gedruckt lesen konnen, nicht
mehr blofi auf das Gedachtnis der einzelnen Wenigen zu stiitzen,
die dazumal im Jahre 1902 noch meinen Vortrag im Giordano
Bruno-Bund gehort haben, bevor die Deutsche Sektion begriindet
worden ist, sondern heute kann ich Ihnen das dokumentarisch
nachweisen. Wie so die Dinge gehen, in diesen Tagen sind mir
durch die Freundlichkeit eines lieben Mitgliedes, Fraulein Hubbe-
Schleidens, die Briefe zugegangen, die ich dazumal vor und bei der
Begriindung der Deutschen Sektion an Dr. Hiibbe-Schleiden ge-
schickt habe. Jetzt nach seinem Tode sind mir diese Briefe zuge-
gangen.
Im Oktober 1902 ist die Deutsche Sektion erst begriindet wor-
den. Dieser Brief ist vom 16. September 1902. In diesem Brief fin-
den sich einige Worte, die ich Ihnen gern vorlesen wiirde. Verzei-
hen Sie, aber ich mufi irgendwo meinen Ausgangspunkt nehmen.
Es war ja damals vielfach die Rede davon, dafi man sich verbinden
soli mit dem Theosophen Franz Hartmann, und der hat dazumal
gerade so etwas wie einen Kongrefi abgehalten. Es soli wirklich
nichts gegen Franz Hartmann heute gesagt werden, aber ich mufi
schon das vorlesen, was ich dazumal geschrieben habe:
«Friedenau-Berlin, 16. September 1902.
... Mag Hartmann sein Blech seinen Leuten erzahlen; ich will
einstweilen unsere Theosophie dorthin tragen, wo ich Leute zu
finden glaube, die urteilsfahig sind. Haben wir erst die Verbindung
mit der akademischen Jugend» - das ist ja natiirlich noch mafiig
erreicht! - «dann haben wir viel. Ich mochte bauen, nicht Ruinen
ausflicken.» - So erschien mir diese theosophische Bewegung dazu-
mal. - «Im Winter hoffe ich dann in der Theosophischen Biblio-
thek einen Kursus zu halten: <Elementare Theosophie>.» - Diesen
habe ich auch gehalten, und einer der Vortrage war gerade wahrend
der Begriindung der Deutschen Sektion, und dieser Kursus, der
Titel dieses Kursus, ist hier angefuhrt. - «Aufierdem werde ich
noch irgendwo einen fortlaufenden Kursus halten: <Anthroposo-
phie oder die Verbindung von Moral, Religion und Wissenschaft>.
Im Bruno-Bund hoffe ich ebenfalls einen Vortrag zu halten uber
<Brunos Monismus und die Anthroposophie>, Das ist nur so vor-
laufig Projektiertes. So miissen wir, nach meiner Ansicht, durch-
dringen.»
Das am 16. September 1902. Hier haben Sie das Dokument,
meine lieben Freunde, das Ihnen beweisen kann, dafi die Dinge
nicht blofi hinterher behauptet werden, sondern dafi sie wirklich so
geschehen sind. Das ist auch immerhin ein giinstiges Karma, dafi in
dieser Zeit, wo sich so viele Verleumdung gerade an unsere Sache
kniipfte und immer mehr und mehr kmipfen wird, man wird zei-
gen konnen, wo das Recht ist.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 27. Juni 1916
Die Wechselwirkungen
zwischen den Gliedern des menschlichen Organismus
Ich werde heute zunachst einiges zu sagen haben, das in verschie-
dener Weise eine Erganzung sein kann zu manchem, das wir im
Laufe der Zeit aus dem Gebiete unserer Gcisteswissenschaft be-
sprochen haben. Wenn wir uns erinnern an das Elementarste, was
wir wis sen - wir konnen uns daran immer wieder und wiederum
erinnern -, so denken wir uns den Menschen zusammengesetzt aus
den vier Hauptgliedern, die wir zunachst als die Glieder des gegen-
wartigen Menschen, so wie er sich durch Saturn-, Sonnen-, Mond-
und Erdenentwickelung ergeben hat, betrachten: Physischer Leib,
atherischer Leib, astralischer Leib und Ich. Nun haben wir oftmals
betont, dafi mit der Aufzahlung dieser vier Glieder der menschli-
chen Natur, mit der Namengebung, zunachst recht wenig getan ist
und recht wenig gesagt ist; denn darauf kommt es an, dafi wir
immer bestimmtere und bestimmtere, konkretere und konkretere
Begriffe und Ideen verbinden mit dem, was in unserer Seele auf-
taucht, wenn wir von diesen vier Gliedern der menschlichen Natur
sprechen. Wir sprechen zunachst vom physischen Leib. Da haben
wir das Gefuhl, diesen physischen Leib, den mussen wir doch ken-
nen, oder mindestens miisse diesen physischen Leib die aufiere
Wissenschaft kennen, denn sie beschaftigt sich ja so viel mit ihm.
Nun wissen wir, dafi dieser physische Menschenleib ein recht,
recht kompliziertes Gebilde sein mufi aus dem Grunde, weil er ja
schon seine erste Veranlagung gefunden hat in so fruher Zeit, als
der alte Saturn seine Entwickelung entfaltet hat. Dann ist er veran-
dert worden wahrend der Sonnenzeit, ist weiter verandert worden
wahrend der Mondenzeit und ist ja jetzt auch schon eine lange,
lange Zeit durch die Erdenentwickelung gegangen, die ihm wieder-
um ihr Geprage aufgedriickt hat, so dafi wir doch voraussetzen
miissen: Dieser physische Menschenleib hat in vier langen, langen
Zeitperioden sein Geprage erhalten. Eine Viergliedrigkeit miissen
wir vermuten in diesem physischen Menschenleib. Und wenn wir
uns fragen: Was ist wahrend der Erdenentwickelung in diesen phy-
sischen Menschenleib hineingekommen? — so werden wir in der
Regel nach den Anschauungen, die man aus dem gewohnlichen
Leben und aus der gewohnlichen Wissenschaft heraus entwickeln
kann, eine falsche Vorstellung bekommen. Denn nur umgebildet,
verwandelt, metamorphosiert worden ist unser physischer Leib
wahrend der Erdenentwickelung. Vieles von ihm war bereits nicht
nur in der Anlage, sondern auch in der Entwickelung, in der Aus-
bildung wahrend der alten Mondenentwickelung vorhanden. Was
wahrend der Erdenentwickelung hinzugekommen ist, davon sieht
man eigentlich, wenn man «sehen» im wahren Sinne des Wortes
nimmt, nicht viel. Eigentlich hat sich wahrend der Erdenentwicke-
lung nur die Lage geandert: Wir sind aufrechte, senkrecht auf der
Oberflache der Erde wandelnde Wesen geworden. Die Lage, die
Richtung hat sich geandert und alles, was damit zusammenhangt.
Diese senkrecht auf der Oberflache der Erde stehende Physiogno-
mic ist wahrend der Erdenentwickelung dem Menschen aufge-
driickt worden. Wenn Sie sich erinnern an ein sehr bekanntes
mythologisches Bild, das Bild des Kentauren, so konnen wir gei-
steswissenschaftlich sagen: Dieses Bild des Kentauren, Mensch und
Pferd, oder iiberhaupt Mensch und irgendeine Tierform, das soil
eigentlich imaginativ darstellen den menschlichen physischen Leib,
wie er sich heraus stellen wiirde, wenn man hinzudenkt zu seiner
jetzigen aufrechten Lage das, was der Mensch war wahrend der
Mondenentwickelung, wo er nicht diese aufrechte Lage hatte. In
solchen Bildern, in solchen Imaginationen, die die Mythologie
erhalten hat, liegen eben unendlich tiefe Weisheiten verborgen.
Ich wollte zunachst dies nur als ein Beispiel anfuhren fur das
Vorhandensein von tiefen Weisheiten in solchen Bildern. Kurz, es
sei nur noch einmal gesagt: Wollen wir den menschlichen physi-
schen Leib schon richtig wiirdigen, dann miissen wir ihn viel, viel
komplizierter betrachten, als irgendeine aufiere Wissenschaft das
heute bequem findet. Wir miissen uns klar sein, dafi eigentlich
nur die Lage der einzelnen Organe, die Lage des ganzen Menschen
wahrend der ja so langen Erdenentwickelung dem Menschen auf-
gepragt worden ist, und daft der Mensch im Grunde genommen
eine weit, weit zuriickgehende Entwickelung schon vor dem Er-
denbeginne in sich aufgenommen hat.
Ein Ahnliches miissen wir uns natiirlich vorstellen fiir die hohe-
ren Glieder der menschlichen Natur, fiir die geistigen: fiir den athe-
rischen Leib, fiir den astralischen Leib und fiir das Ich. Aber nun
miissen wir auch die gegenseitigen Beziehungen, die gegenseitigen
Verhaltnisse, die Relationen der einzelnen Glieder der Menschen-
natur ins Auge fassen. Der physische Leib erscheint uns zunachst
aus den physischen Materien heraus aufgebaut, und wir sehen ihn
ja fortwahrend, solange wir im Wachstum sind, selber grofier wer-
den, Materie ansetzen, oder Materie zwischen seine Glieder, zwi-
schen seine kleinsten Teile schieben. Spater, wenn wir Fett anset-
zen, insofern wir das tun, sehen wir weiter, wie sich Materie im
physischen Leibe ansetzt. Fiir den atherischen Leib, wenn wir ihn
in derselben Weise betrachten wie den physischen Leib, sehen wir
etwas Ahnliches. Nur setzt sich da nicht Materie an, sondern Be-
wegungen. Die Bewegungen werden im Laufe des Lebens kompli-
zierter. Beim neugeborenen Kinde haben wir im atherischen Leibe
verhaltnismafiig einfache, primitive Bewegungen. Allmahlich wer-
den sie komplizierter. Aber es ist eine Vermannigfaltigung, ein
Aufbau vorhanden im physischen Leib und im atherischen Leib.
Anders sind die Dinge fiir den astralischen Leib und fiir das Ich.
Wir sind ja als Menschen, die wir so herumwandeln in der physi-
schen Welt, nur in unserem Ich zunachst tatig, denn nur das hat sein
voiles Bewufitsein. Wenn Sie das Auge auf irgendeine farbige Flache
richten, ist das Ich tatig, wenn Sie denken, ist das Ich tatig, wenn Sie
fuhlen, ist das Ich tatig. Bei alien diesen Tatigkeiten, die Sie verrich-
ten, auch wenn Sie gehen, wenn Sie die Hande bewegen, ist das Ich
tatig. Alles, was Sie tun konnen im wachenden Zustand auf dem
physischen Plan, ist Ich-Tatigkeit. Das Ich ist da in Wirksamkeit.
Wie aufiert sich nun im Verhaltnis zu den anderen Gliedern der
menschlichen Natur diese Ich-Tatigkeit? Das, was wir so vom Auf-
wachen bis zum Einschlafen, also bei wachendem Bewufitsein voll-
bringen, wie aufiert sich das? Es aufiert sich dies nicht in einem Auf-
bauen, sondern in einem Abbauen, in einem Verbrauch von Stoffen
des physischen und von Bewegungen, Kraften des atherischen Lei-
bes. Wenn Sie das Auge richten auf eine rote Flache, auf eine farbige
Flache iiberhaupt: Dadurch, dafi die farbige Flache auf Sie einen Ein-
druck macht, bauen Sie ab. Es entsteht, wenn auch in sehr feinem
Sinne, aber dennoch, es entsteht in Ihrem physischen Leib eine Art
Ertotung des lebendigen Stoffes, der lebendigen Materie. Denken Sie
sich einmal - urn ein etwas grobes Beispiel zu gebrauchen Sie hat-
ten einen Kristall, aber einen solchen, der noch veranderbar ware, der
Veranderungen durchmachen konnte. Und irgendeine Wirkung, sa-
gen wir eine Lichtwirkung, wiirde ausgeubt: die Materie des Kristalls
triibte sich, veranderte sich. So wird in der Tat jedesmal, wenn Licht-
wirkung auf Ihr Auge ausgeubt wird, etwas in Ihrem physischen
Leib triibe, es wird Materie zerstort in Ihrer Konstitution. Wahrend
wir wachen, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, zerstoren wir
immer, wenn auch nur in ganz feiner Weise, unsere physische Mate-
rie durch unsere Ich-Tatigkeit. Deshalb miissen wir durch den Schlaf
dies wieder ausgleichen. Da stellt die physische Materie sich wieder-
um so her, wie wir sie brauchen. Es ist immer Aufbau und Abbau.
Schlafende Tatigkeit bedeutet Aufbau der physischen Materie,
namentlich ihrer Konstitution; wachende Tatigkeit, Ich-Tatigkeit
bedeutet Abbau. Und so haben Sie einen Zyklus: Aufbau - Abbau,
Aufbau - Abbau. Wir konnen sagen, dafi wir eigentlich fortwahrend
von unserer Ich-Tatigkeit aufgezehrt, verzehrt werden, und uns im
Schlafe wiederherstellen miissen.
Darum ist es, dafi wir oftmals beim Aufwachen bemerken, dafi
etwas aus unserem physischen Organismus so wie nach oben steigt.
Das sind die restituierenden Krafte, die wiederherstellenden Krafte.
Und wenn wir etwas Krankhaftes im Organismus haben, vielleicht
sogar etwas feiner-Krankhaftes nur, steigt das mit auf. Wenn der
Organismus gesund ist, so stellt er sich in gesunder Weise beim Auf-
wachen her. Wenn er krank ist, arbeitet er das Kranke auch hinauf.
Daher sind manche Menschen, wenn sie aufwachen, auch Kinder,
schlecht aufgelegt, sie sind nicht heiter. Das ist, weil die Nachwir-
kung noch da ist von dem, was aus dem Organismus heraufsteigt.
Mit den Erscheinungen des Lebens stimmt namlich in wunderbarer
Weise alles dasjenige iiberein, was wir aus der Geisteswissenschaft
heraus iiber den Menschen und sein Leben zu sagen haben. Erst etwa
einundeinhalb Stunden nach dem Aufwachen konnen wir sagen, daft
wir vollstandig frei sind von dem, was da auch an etwas krankhaften
Kraften aufsteigen kann. Das ist die Wechselwirkung zwischen dem
Ich und dem physischen Leib. Diese Wechselwirkung zwischen dem
Ich und dem physischen Leib, dieses Verhaltnis, diese Relation, die
spielt sich ab in dem Rhythmus von Schlafen und Wachen: Aufbau -
Abbau, Aufbau - Abbau.
Nun haben wir aber auch ein anderes Verhaltnis, das sehr wichtig
ist, das nur nicht so bemerkt wird von uns im Verlaufe unseres ge-
wohnlichen Lebens. So wie das Ich und der physische Leib Aufbau
und Abbau bringen in ihren Verhaltnissen, so ist eine ahnliche
Wechselwirkung zwischen dem astralischen Leib und dem atheri-
schen Leib. Nur daft der Aufbau, insofern er aus dem astralischen
Leibe stammt, fruher abgeschlossen ist im Leben, und der Abbau
friiher beginnt. Denn dasjenige, was unser astralischer Leib abbaut in
unserem Atherleib, hangt im wesentlichen zusammen mit unserem
Schwacherwerden im Verlauf des Lebens und, wenn wir ganz
schwach geworden sind, mit unserem Sterben. Der astralische Leib
in bezug auf den Atherleib hangt im wesentlichen mit dem Tode
zusammen. Wir konnen sterben dadurch, dafi unser astralischer Leib
nach und nach die Krafte des atherischen Leibes aufzehrt, und der
atherische Leib wiederum den physischen Leib aufzehrt. So dafi wir
gewissermaften auch zwischen dem atherischen Leib und dem astra-
lischen Leib im Leben ein Aufbauen und wieder Abbauen, wenn
auch nicht in so schneller Aufeinanderfolge, so doch in einem gewis-
sen Rhythmus, zu beobachten haben. Nun beobachten wir: Wenn
wir uns zu stark anstrengen in unserer Ich-Tatigkeit, so schadet uns
das. Das ist leicht begreiflich aus dem Grunde, weil ja die Ich-Tatig-
keit ein Abbauen ist. Bauen wir zu viel ab, so schwachen wir unseren
Organismus in einer sehr sichtbaren Weise. Dieses Schwachen des
Organismus in der sehr sichtbaren Weise durch die Ich-Tatigkeit ist
es ja, was aufierlich sehr leicht auffallt. Aber es kann auch eine
Schwachung eintreten des atherischen Leibes durch den astralischen
Leib. Da ja der astralische Leib gewissermafien der Verzehrer des
atherischen Leibes ist, wie wir gerade gesehen haben, so kann da eine
Art Verzehrung iiber das Mafi hinaus eintreten. Die gewohnlichste
Erscheinung dieser Art ist ja dann vorhanden, wenn wir so leben,
dafi unser astralischer Leib, der Trager der Leidenschaften, der Tra-
ger der Affekte, zu stark in Anspruch genommen wird. Sie wissen,
das gibt dauernde Schwachungen des Menschen. Diese Schwachun-
gen treten ein eben durch das Verzehren des atherischen Leibes
durch den astralischen Leib.
Aber hier kann noch etwas anderes stattfinden. Wie wir uns unse-
ren astralischen Leib aufbauen, so nach und nach, von unserer Ge-
burt, oder sagen wir von unserer Empfangnis angefangen im Verlau-
fe des Lebens, so hangt das mit unserem Karma zusammen. Ob wir
geneigt sind, im astralischen Leibe starke Affekte, starke Leiden-
schaften zu entwickeln, hangt naturlich mit unserem Karma zusam-
men. Diese Leidenschaften konnen aber auch in einer gewissen Be-
ziehung menschlich bedeutsam sein. Nehmen wir eine Eigenschaft,
welche ja durch das ganze Menschenleben spielt, und doch eine Lei-
denschaft ist, wenn auch die edelste Leidenschaft, diejenige, die sich
in ihrer edelsten Gestalt so ausbilden kann, daft sie frei ist von jeder
Selbstsucht, die Leidenschaft der Liebe. Liebe ist eine Leidenschaft,
nur kann sie frei werden von allem Egoismus. Es ist die einzige Lei-
denschaft, die frei werden kann von Egoismus. Aber sie sitzt im
astralischen Leibe, der astralische Leib ist ihr Trager.
Nehmen wir nun einmal an, ein Kiinstler, der eine wirkliche
Empfindung hat fur Realitaten - also kein Naturalist, denn der hat
kein Empfinden fur Realitaten, der sieht nur die abstrakte naturali-
stische Materie, sogenannte Wirklichkeiten -, sei vor die Aufgabe
gestellt, eine menschliche Gestalt zu bilden, die ganz durchhaucht,
durchflossen ist von der Leidenschaft der Liebe, von der edlen Lei-
denschaft der Liebe. Jedesmal, wenn ein Kiinstler vor die Aufgabe
gestellt war, eine Venus, eine Aphrodite zu bilden, dann hatte er eben
das zu empfinden, daft die menschliche Gestalt ganz durchzogen sein
mufi von dieser Leidenschaft der Liebe. Liebe mufi etwas Uberwie-
gendes haben, sie mufi sich ausgieften. Was kann denn da nur der Fall
sein? Man kann ja nicht sagen, daft man eine gewohnliche weibliche
Gestalt als Aphrodite, als Venus bilden kann. Also kann nicht der
astralische Leib der Aphrodite, der Venus, so sein, wie jeder weibli-
che astralische Leib, denn sonst ware jede Frau, jedes Madchen eine
Aphrodite, eine Venus. Das ist ja nicht der Fall, nicht wahr? Also es
handelt sich darum, daft der astralische Leib in einer ganz besonde-
ren Weise ausgebildet sein mul Der Kiinstler braucht nicht Geistes-
wissenschaft zu kennen, braucht das nicht zu wissen, aber fuhlen
muft er, wenn er eine Venus bildet: da mull der astralische Leib mehr
ausgebildet sein, intensiver ausgebildet sein, als bei der eben Nicht-
Aphrodite, Nicht-Venus. Aber der astralische Leib, haben wir ge-
sagt, hat etwas Verzehrendes, etwas richtig Aufzehrendes. Das mufi
ich ausdriicken. Wie wird denn der Kiinstler, der das nun wirklich
empfindet, der wirklich eine Empfindung hat, daft da ein aufzehren-
der astralischer Leib da ist, eine Venus bilden? Er wird sichtbar wer-
den lassen, daft gewissermaften der physische Leib etwas an sich hat,
wodurch er nach und nach aufgezehrt wird. Hier ist der Geisteswis-
senschafter in einer anderen Situation, als, sagen wir zum Beispiel,
der moderne Arzt.
Nehmen wir an, ein Kiinstler bildet eine solche Venus, bei deren
Bildung er richtig empfunden hat: Da ist ein starker aufzehrender
astralischer Leib vorhanden als bei einer gewohnlichen Frau. Wir
werden es dem schmalen Hals, der Bildung des Brustkorbes ansehen,
wir werden es auch den anderen Gliedern ansehen, daft da etwas Ver-
zehrendes im astralischen Leibe zugrunde liegt, werden es vielleicht
der Gestalt ansehen, daft sie nicht besonders alt werden kann, wenn
der Kiinstler die Sache physisch ausdriickt. Da wird der Geisteswis-
senschafter sagen, wenn einmal ein Kiinstler so etwas tut: Dieser
Kiinstler hat empfunden, was da eigentlich in der Realitat zugrunde
liegt. Wir werden von diesem Gesichtspunkte uns sagen: Oftmals
empfindet der Kiinstler, indem er bildet, eine reale geistige Wirklich-
keit. - Was wird der Arzt sagen, der nicht Geisteswissenschafter ist,
wenn er sieht, dafi ein Kiinstler solch eine Gestalt gebildet hat? «Das
ist eine schwindsiichtige Gestalt», wird er sagen, denn in der Tat: Bei
jemandem, der die Schwindsucht hat, ist auch der astralische Leib
durch das Karma einer friiheren Inkarnation ein starker verbrennen-
der astralischer Leib, als bei jemandem, der nicht die Schwindsucht
hat. Botticelli hat eine sehr schone, bewunderte Venus gebildet, die
meisten von Ihnen werden sie kennen. Auf diesem Bilde der Venus,
die auf der Muschel stent, sehen wir einen richtigen physischen Leib,
der so gebildet ist von Botticelli, dafi wir uns denken miissen: ein
verzehrender astralischer Leib liegt zugrunde. Daher ist auch ein
Streit entstanden unter den Kunstgelehrten. Die einen bewundern
die von den sogenannten Normalgestalten abweichende Gestalt die-
ser Venus mit dem schmalen Halse, mit der merkwiirdigen Ober-
brust und so weiter; die anderen sagen, das kommt ja doch nur davon
her, weil er ein schwindsiichtiges Modell gehabt hat. - Gewifi, man
kann alles materialistisch erklaren. Wahrscheinlich hat sogar Botti-
celli ein schwindsiichtiges Modell gehabt: Diese Simonetta, die mit
dreiundzwanzig Jahren gestorben ist. Aber nicht darauf kommt es
an, sondern darauf, dafi er das Gefuhl hatte, gerade dieses Modell zu
verwenden fur eine Venus, das ihm die Moglichkeit bot, einen Men-
schen mit einem den physischen Leib schneller als bei anderen auf-
zehrenden astralischen Leibe zu machen. Und in der Tat, gerade bei
diesem Bild - ich will es langsam herumgehen lassen, es ist eine
schlechte Nachbildung, aber ich habe im Augenblick keine bessere -
werden Sie sehen, wie da in der Tat bemerkbar ist, dafi wir es mit
einem anders gearteten astralischen Leib zu tun haben, mit einem
den physischen Leib durch den Atherleib hindurch verzehrenden
astralischen Leib. Sie sehen, wie uns Geisteswissenschaft fiihren
kann, wie uns Geisteswissenschaft den Weg weisen kann zum Ver-
standnis solcher Dinge.
Uberall werden Sie finden, dafi ein Blick, der nicht durch die
Geisteswissenschaft gescharft ist, das Leben nirgends aufklaren
kann. Uberall wird Licht in die Dinge hineingebracht, wenn wir
die Dinge mit Hilfe der Geisteswissenschaft betrachten: in das
au$ere Leben, wie es schon da ist, und in das Leben der Kunst.
Allerdings ist schon notwendig, dafi wir uns dann Geduld aneig-
nen, um den Menschen als etwas viel, viel Komphzierteres zu be-
trachten, als dasjenige ist, wozu sich eben auftere Wissenschaft
bequemt. Der Mensch ist schon einmal komplizierter, und das
unverantwortlichste Wort, das oftmals auf dem Gebiete der Welt-
anschauung gepragt wird, ist das, dafi die beste Erklarung diejenige
ist, die am einfachsten ist. Nicht das ist die beste Erklarung, die am
einfachsten ist, sondern das ist die beste Erklarung, die richtig die
Sache trifft. Dessen mussen wir uns klar sein.
Ich will Ihnen ein anderes Beispiel sagen, an dem Sie sehen kon-
nen, wie die gewohnliche Wissenschaft nicht zurechtkommen kann
ohne den geisteswissenschaftlichen Blick. Erinnern Sie sich an einen
offentlichen Vortrag, den ich driiben im Architektenhause im Laufe
dieses Winters gehalten habe, wo ich gesagt habe, wir mussen zu-
nachst zwei Glieder des aufieren physischen Leibes unterscheiden,
den Kopf des Menschen und den iibrigen Leib. Wenn Sie das Skelett
anschauen, gliedert sich scharf ab das Haupt, und der iibrige Leib
bildet den Rest. Ich habe dazumal bemerkt, dafi - nicht ganz, aber im
wesentlichen - alles, was an dem Haupte daranhangt, Erdenbildung
ist. So, wie der Mensch nach der Mondenentwickelung auf die Erde
herubergekommen ist, ist er nur noch enthalten in der Hauptesbil-
dung. Wir konnen sagen, das Haupt ist ein wesentlich alteres Organ
als der iibrige Organismus. Der Kopf ist das Alteste, das Ehrwiirdig-
ste am Menschen. Die Erde hat ihm das andere angehangt - im we-
sentlichen, nicht ganz, aber man mufi ja immer die Dinge, ich mochte
sagen, annahernd betrachten. Wiederum, wenn wir die Tatsache be-
trachten, wie das Ich von Inkarnation zu Inkarnation geht, so mus-
sen wir auch da die Krafte unterscheiden, die dem Haupte zugrunde
liegen, und die Krafte, die dem iibrigen Organismus zugrunde liegen.
Erinnern Sie sich an das, was ich in jenem offentlichen Vortrag gesagt
habe: Unser Haupt ist im wesentlichen in seiner Form, in seiner
Gestalt, das Ergebnis unserer f riiheren Inkarnation. Wie wir in unse-
rer friiheren Inkarnation uns verhalten haben, wie wir uns betragen
haben im Leben, das hat unserem Organismus das Geprage gegeben,
das driickt sich in der nachsten Inkarnation in der Physiognomie,
namentlich aber in der Schadelbildung unseres Hauptes aus. Erin-
nern Sie sich, dafi ich einmal gesagt habe: Die Reinkarnation, die
Wiederverkorperung, die wiederholten Erdenleben - am Schadel
kann man sie mit Handen greifen; denn wie der Schadel geformt ist,
das hangt davon ab, wie wir in unserer vorhergehenden Inkarnation
waren. Wie wir unsere iibrige Physiognomie bilden, unsere Haltung,
ob wir mehr oder weniger zappelig sind, ob wir mehr oder weniger
Gesten machen, das wirkt wiederum auf die nachste Inkarnation; das
driickt sich in der nachsten Inkarnation in der Gesichtsbildung, na-
mentlich in der Schadelbildung aus. Sie konnen daraus ersehen, wie
Streit entstehen kann iiber verhaltnismaftig wichtige Dinge. Sie wis-
sen, es gibt Leute, die sind weise, wie sie namentlich selber meinen,
auf dem Gebiete der Schadelkunde: Sie fuhlen den Schadel ab und
geben dann eine Charakteristik des Menschen. Die kann mehr oder
weniger stimmen, manchmal ganz gut stimmen, aber vollstandig
stimmend, erschopfend kann sie nie sein, denn es ist wirklich wahr:
Jeder von uns hat schon seinen eigenen Schadel, und kein Schadel
gleicht dem anderen, denn unser Schadel ist das Ergebnis unserer
vorhergehenden Inkarnation. Der iibrige Organismus hingegen be-
reitet den Schadel der nachsten Inkarnation vor. Nun, die Kraneolo-
gen, die Phrenologen streiten sich, weil sie eben generalisieren wol-
len, wo individualisiert werden raul Jeder hat seinen eigenen Scha-
del! Nur durch Intuition kann man aus der Schadelbeschaffenheit
irgend etwas finden fur die tiefere Veranlagung des Menschen. Aber
auch abgesehen von den Phrenologen, die Wissenschaft selber weifi
nichts Rechtes anzufangen mit der menschlichen Schadelform. Und
da mochte ich wieder auf einen Punkt aufmerksam machen, wo die
gewohnliche Naturwissenschaft die Erganzung braucht durch die
Geisteswissenschaft.
Im Jahre 1887 hielt der beriihmte Anatom Karl Langer einen
Vortrag liber drei wirklich bedeutende Menschenschadel: iiber den
Schadel von Schubert, den Schadel von Haydn, den Schadel von
Beethoven. Karl Langer war Anatom, vom anatomischen Stand-
punkte aus wollte er die drei Schadel beleuchten. Er betonte in
jenem Vortrag, dafi er bei keinem der drei Schadel irgendwelche
Hinweise auf besondere musikalische Eigenschaften hatte finden
konnen, am wenigsten am Schadel von Beethoven. Er betonte, daft
der Schadel von Beethoven vom anatomisch-physiologischen
Standpunkte aus sogar ein so hafilicher Schadel sei, dafi man alles
hatte eher vermuten konnen, als dafi in diesem hafilichen Schadel
die Seele Beethovens tatig gewesen sein konnte. Und wir haben da
in Karl Langer einen aufierlichen Anatomen, der einmal genau zu-
gesehen hat an dem besonderen Falle, der nicht von phantastischen
Theorien, sondern von Realkaten ausgegangen ist und der sich
gestehen muftte: Man kann an den Schadeln nichts finden, was auf
musikalische Eigenschaften deutet. - Nun wissen wir, dafi ja
Haydn, Schubert, Beethoven eben in jener Inkarnation, aus der der
Schadel herstammt, Musiker waren. In der vorgehenden Inkarna-
tion brauchen sie es nicht gewesen zu sein. Und wir konnen es sehr
gut verstehen, dafi alles dasjenige, was dann sich abgeklart hat in
der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, bei Beetho-
ven gerade aus einer machtigen Kampfnatur hervorgegangen sein
kann. Das von der vorhergehenden Inkarnation Heruberkommen-
de driickt sich aus in der Schadelbildung. Insbesondere fiel es Lan-
ger auf, dafi es ja drei Musiker waren, aber gar nichts Gemein-
schaftliches in den Schadeln vorhanden war, gar nichts an irgend-
welchen Eigenschaften, die diesen drei Menschen gemeinschaftlich
gewesen waren, weil eben vermutlich alle drei ganz verschiedene
Erlebnisse in einer vorhergehenden Inkarnation gehabt haben und
Musiker erst geworden sind in der Inkarnation, in der sie den be-
treffenden Schadel gehabt haben. Aber ihre Musikernatur driickte
sich in dem Seelischen aus, wahrend sich in der Schadelbildung, in
der Schadelformation dasjenige, was sie in der vorhergehenden
Inkarnation erlebt haben, ausdriickte.
Es ist dann ein Streit entstanden iiber diese drei Schadel. Ein
anderer Anatom versuchte, den Langer zu widerlegen. Aber es kam
nicht viel bei diesem Streit heraus, denn worauf ist eigentlich der
physische Anatom angewiesen, wenn er so etwas untersucht?
Nicht wahr, er will nichts wissen von einer vorhergehenden Inkar-
nation, daher greift er zur Vererbung. Und Schaaffhausen, der den
Karl Langer widerlegen wollte, bemerkte: Nun ja, unsere Schadel-
form haben wir halt vererbt bekommen! - Niemals wird bei einer
solchen Gelegenheit untersucht, wie es mit der wirklichen Verer-
bung der Schadelform ist. Da wiirde man schon bemerken, wenn
man nicht mit jener gewohnlichen Logik vorginge, mit der man so
gern auf diesem Gebiet vorgeht, wie unbegriindet es ist, da von
Vererbung zu sprechen. In Wahrheit bilden wir uns unsere Scha-
delform aus nach dem Ergebnis unserer vorhergehenden Inkarna-
tion. Gewifi konnen sich mit diesem, was gemafi der vorhergehen-
den Inkarnation eingetreten ist, andere Dinge kreuzen. Wir wach-
sen in einem gewissen Kreise auf. Namentlich wenn unser Gefiihl,
unser Gemiit mit Personlichkeiten irgendeiner Umgebung verbun-
den ist, so werden wir in die feinere Organisation noch manches
hineindriicken. Aber im wesentlichen ist die Schadelformation auf-
gebaut nach der vorhergehenden Inkarnation.
Aber Sie wissen ja - ich habe das oft erwahnt — , wie geistreich
man eigentlich mit der sogenannten Vererbungstheorie vorgeht. Es
gibt jetzt ein sehr fleifiig gearbeitetes, gelehrtes Buch - gegen die
Gelehrsamkeit in einem solchen Fall soil wirklich nichts eingewen-
det werden, die Dinge sind in der Regel ungeheuer fleifiig gearbei-
tet -, das verfolgt die Vorfahren Goethes, soweit sie sich eben ver-
folgen lassen. Was will man denn mit einem solchen Nachweis?
Man will zeigen, dafi dasjenige, was sich bei den verschiedenen
Vorfahren eines Menschen ergeben hat, dann auftritt, wenn einmal
ein Genie sich anschliefit an eine Vorfahrenreihe. Man denkt, das
sei furchtbar logisch. Aber das beweist nicht mehr, wie ich schon
ofter gesagt habe, als dafi, wenn ein Mensch ins Wasser fallt und
man ihn herauszieht, er nafi ist; denn selbstverstandlich tragt der-
jenige, der durchgegangen ist durch die Vererbungslinie, noch
Merkmale der Vererbung. Er hat sie sich ja aufgesucht. Aber daft
die Vererbungstheorie wirklich so gelten wiirde wie die Naturwis-
senschaft annimmt, das mufke man ja dadurch beweisen, da£ man
ausgeht von gewissen Eigenschaften und sie dann bei den Nach-
kommen aufzeigt. Man miifite also von dem Genie ausgehen und
dann auf die Nachkommen iibergehen. Das wird man wohl bleiben
las sen. Man kann ja nicht beweisen, dafi Goethes Genialitat sich auf
seinen Sohn oder auf seine Enkel vererbt hat, da man gerade diese
ja kennt, nicht wahr! In der Nachkommenschaft anderer Genies ist
dergleichen oftmals auch nicht nachweisbar. Wenn es nachweisbar
ist, beruht es eben auf ganz etwas anderem, als auf einer physischen
Vererbung, es beruht darauf, dafi eine Seele die Tendenz hat, in
eine besondere Familie hinein sich zu inkarnieren, bestimmte
Eigenschaften aufzusuchen. Nun, dariiber haben wir ja ofter ge-
sprochen. Sehen Sie, das ist solch ein Beispiel, wie wiederum die
gewohnliche Wissenschaft erganzt werden mufi durch Geistes-
wissenschaft. Auf Schritt und Tritt mufi dasjenige, was uns die
gewohnliche Wissenschaft bietet, und was uns das gewohnliche
Leben bietet, von geisteswissenschaftlichen Einsichten aus erst be-
leuchtet werden. Die Menschen ahnen heute noch gar nicht, wie
wunderbar die Mysterien des Weltenwerdens auf die Seele wirken,
wenn man sie in geisteswissenschaftlichem Sinne betrachtet.
Erinnern Sie sich doch daran, daE ich ofter sprach von dem vierten
nachatlantischen Zeitraum, dem griechisch-lateinischen, und unse-
rem jetzigen fiinften, und ich habe manches angegeben, wodurch
sich unterscheidet der Mensch des vierten nachatlantischen Zeit-
raums, des griechisch- lateinischen, von dem Menschen des gegen-
wartigen Zeitraums. Die gegenwartigen Menschen schauen sich die
griechischen Kunstwerke an. Sie bewundern, wie diese griechischen
Kunstwerke, die Plastiken namentlich, fein gesehen sind, wie da
Dinge gesehen sind, die der Mensch heute nicht so ohne weiteres
sieht. Derjenige, der heute im grob materialistischen Sinne denkt,
sagt: Die Griechen haben halt besser gesehen, sie haben ja auch den
menschlichen Korper gesehen bei ihren Spielen; und man hat nicht
iibel Lust, diese Spiele wieder nachzumachen. - Nun, diejenigen, die
heute griechische Spiele nachmachen, werden schon keine Griechen
werden, darauf konnen Sie sich verlassen; aber die Aufierlichkeiten
macht man ja vielfach nach. Ich habe es ja schon hervorgehoben, dafi
der Grieche in einer anderen Weise nachbildete, als ein moderner
europaischer Mensch. Das beruht darauf, dafi der Grieche noch et-
was im Innern hatte. Wir wissen, dafi der Grieche ausgebildet hatte
die Verstandes- oder Gemiitsseele; bei uns ist das Ich nach auften
gerichtet, die Verstandes- oder Gemiitsseele aber ist nach innen ge-
richtet, erfafk mehr das innere Gleichgewicht und die innere Bewe-
gungsfahigkeit des Leibes. Der Mensch steckt noch mehr in sich als
Grieche, denn als moderner Mensch. Der Grieche hat daher auch
nicht in derselben Weise wie der moderne Kiinstler mit dem Modell
gearbeitet, sondern wenn er den Arm zu bilden hatte, dann fiihlte er
in sich die Form des Muskels, fiihlte in sich die Gestalt, er fiihlte,
wenn er eine Bewegung bilden sollte, wenn er selbst die Bewegung
machte, wie das ist. Ja, er konnte noch mehr, der Grieche, weil er
noch drinnen steckte. Sie wissen, in der agyptisch-chaldaischen Zeit
wurde ausgebildet die Empfindungsseele, in der griechisch-lateini-
schen Zeit die Verstandes- oder Gemiitsseele. Sie steckt aber noch
darinnen. Erst das Ich tritt heraus, sieht die Aufienwelt an. Wenn der
Grieche sich einen Vogel anschaute, so konnte er in seiner eigenen
Armbewegung, wenn er den Flug des Vogels nachahmte, fiihlen, wie
er die Fliigel gestalten mufite, wahrend der moderne Mensch ein
Modell braucht, sich einen Vogel irgendwo anheftet und dann den
nachmalt oder nachbildet. Dieses innerliche Erleben ist der moder-
nen Menschheit mit Recht verlorengegangen. Aber wissen mufi man
das und wiirdigen mufi man das: Dieses innerliche plastische Ver-
standnis, das der Grieche hatte, hat der moderne Mensch nicht. Wir
miissen verstehen, dafi, wenn der Grieche einen Menschen in Bewe-
gung in der Plastik nachbildete, er aus innerem Wissen, nicht von
aufierlichem Anschauen nach dem Modell wufite, wie er das Bein, die
Zehe, die Finger, wie er das alles zu stellen hatte. Der moderne
Mensch kann eigentlich im Grunde genommen einen Vogel, der
fliegt, nicht malen. Auf modernen Bildern schweben die Vogel, sie
fliegen nicht.
Dafi das so ist, das ist schon richtig, man mufi es nur verstehen.
Man mufi an den heutigen Menschen nicht die Anford
…[truncated]