Natur- und Geisteswesen - ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Natur- und Geistwesen 
- ihr Wirken 
in unserer sichtbaren Welt 

Horernotizen von achtzehn Vortragen, 
gehalten in verschiedenen Stadten zwischen dem 
5. November 1907 und dem 14. Juni 1908 



1996 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehene Nachschriften und Notizen 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Hendrik Knobel 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1996 



Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 98 

Zeichnungen im Text nach Skizzen in den Stenogrammen, 
ausgefiihrt von Leonore Uhlig 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1996 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0980-0 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen 
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich 
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum 
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber 
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften an- 
gefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nach- 
schreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- 
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die 
Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe not- 
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel 
nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren 
konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein 
Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio- 
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



I 

Uber die sogenannten Gefahren der okkulten Entwickelung 

Wien, 5. November 1907 

Okkulte Entwickelung und theosophische Arbeit. Das verborgene 
Wirken des Christian Rosenkreutz. Eingeweihter, Hellseher, 
Adept. Entwickelung des Menschen bis zum achtundzwanzigsten 
Jahre. Verweichung und Verfestigung. Rachitis, Tuberkulose, 
Arterienverkalkung. Das Wesen der theosophischen Bewegung. 
Methode des Hellsehens. Sinnlichkeitsfreies Denken. Die Imagi- 
nation. Das Bild von Pflanze, Tier und Mensch als Kreuz, Herz 
und Kehlkopf als Zukunfts-, Sexualorgane als absterbende Or- 
gane. Die heilige Liebeslanze. Der Gral. Die Luge und ihre Wir- 
kung. Das geistige Horen. Das Bild vom Blut, das wieder leuchten 
wird. Die Apokalypse des Johannes. 

Esoterische Entwickelung und iibersinnliche Erkenntnis 

Wien, 7. November 1907 

Uber den Schlafzustand. Die Lotusblumen (Swastika). Ausbil- 
dung der ubersinnlichen Organe. Die zu vermeidenden Fehler 
bei der Ausbildung. Konzentration, initiatives Handeln, Beherr- 
schung von Lust und Leid, Positivitat, Unbefangenheit. Das 
Leben nach dem Tode. Das Karma. Vorschau auf das kunftige 
Leben. Der Hiiter der Schwelle. Zwei Seiten der Selbsterkenntnis. 
Die Befruchtung durch den Geist in Liebe und Demut ftihrt zur 
Gottseligkeit. 

Das Rosenkreuzertum 

Diisseldorf, 15. Dezember 1907 

Die Verschiedenheit der Einweihungsmethoden. Uberblick iiber 
die nachatlantische Zeit. Das Wesen des indischen Volkes. Die 
neuere Zeit. Cimabue, Giotto, Raffael. Die Entstehung der mate- 
rialistischen Gesinnung durch okkulte Machte. Christian Rosen- 
kreutz und seine Methode. Uber die verschiedenen Leben des 
Christian Rosenkreutz. Die sieben Stufen der Einweihung. Das 
okkulte Studium. Sinnlichkeitsfreies Denken. Die Imagination. 
Der Gral. Die okkulte Schrift. Der Stein der Weisen. Entspre- 



chungen von Mikrokosmos und Makrokosmos. Sonne und Auge. 
Die Gottseligkeit. Goethes «Geheimnisse». Eichen und Ein- 
geweihte. 

«Die Geheimnisse» - 

ein Weihnachts- und Ostergedicht von Goethe 

Koln, 25. Dezember 1907 57 

Die Legende der Heiligen Drei Konige. Die Weltanschauung des 
esoterischen Christentums. Das geistige Licht des Mondes (Jeho- 
va) und der Sonne (Christus). Die Sonne durch die Erde gesehen 
als der Stern der Magier. Die Vereinheitlichung der Religionen. 
Goethe «Die Geheimnisse», Text und Exegese. Die Hingabe an 
die von Geist durchdrungene Aufienwelt. 

Das Pfingstfest des seelischen Zusammenstrebens und des 
Arbeitens an der Vergeistigung der Welt 

Erster Vortrag, Koln, 7. Juni 1908 88 

Der Verlust des Gefiihlsinhaltes gegemiber den Jahresfesten. Von 
den Elementarwesen und ihrem Verhaltnis zu Menschen und Tie- 
ren. Sylphen, Undinen, Gnomen, Salamander. Die Gruppenseelen 
der Tiere. Die Entwickelung des Menschen aus der Gruppenseele 
zur Individuals eele seit der Atlantis. Die Germanen bei Tacitus. 
Die Patriarchenzeit des judischen Volkes. Wesen der Tiergrup- 
penseele. Abschniirungen von der Gruppenseele. Neubildung von 
Gruppenseelen beim Menschen durch Verinnerlichung der Ideale. 
Das Pfingstfest des seelischen Zusammenstrebens als Zukunfts- 
aufgabe. 

Das Pfingsfest des seelischen Zusammenstrebens und des 
Arbeitens an der Vergeistigung der Welt 

Zweiter Vortrag, Koln, 9. Juni 1908 102 

Von den Elementarwesen. Einwirkungen hoherer Wesenheiten im 
Menschen im Schlafe. Entstehung von Elementarwesen durch 
schlechte Eigenschaften der Menschen. Phantome, Spektren, Da- 
monen. Die Entwickelung des Atherleibes (Atherkopfes) von der 
Atlantis bis heute. Die allmahliche Lockerung des Atherkopfes in 
der Zukunft. Notwendigkeit der spirituellen Lehre. Uber Bock- 
lins «Pieta». Einwirkung geistiger Wesenheiten in den Formen der 
Baukunst. Der Pfingstgedanke. 



II 



Uber die Beziehung des Menschen zu der ihn umgebenden Welt 

Niirnberg, 1. Dezember 1907 115 

Das Erleben der Natur im theosophischen Sinne. Das Selbst- 
bewufitsein bei Mensch, Mineral und Tier. Das Gruppen-Ich der 
Tiere. Das Ich der Pflanze. Wohlgefuhl und Schmerz im Pflanzen- 
reich. Weltengeist (Tierreich) und Weltenseele (Pflanzenreich). 
Das warme Fiihlen der Natur als wahrhafte Theosophie. Schmerz- 
und Wohlgefuhl in der Gesteinswelt. Kindlicher Zerstorungswille. 
Das gefiihlsmafiige Erleben des Seelisch-Geistigen in der Ura- 
gebung, in Sonne, Mond und Erde im Jahreslauf. Sonnenwesen 
und Mondengottheit. Die Bedeutung des Todes Christi auf Gol- 
gatha fiir die Erde. Vom Wesen des sechsfachen Sonnengeistes. 
Das Mysterium des Abendmahles. Der Riickzug des Geistes 
durch die Verstandeskultur (Heinzelmannchen). Die Regenbogen- 
bibel. Goethe und die Bibel. 



Die Elementarreiche, ihre Wesensarten und ihre Wirkungen 

Munchen, 4. Dezember 1907 130 

Die vier Reiche der sinnlichen Welt. Die drei Elementarreiche. Ihr 
Zusammenhang mit den hoheren Planen. Wesen des Minerals, der 
Pflanze, des Tieres und des Menschen. Der viergliedrige Mensch. 
Entwickelung seit dem alten Saturn. Blut, Nerven, Driisen, Sinne. 
Der schlafende Mensch. Das bewulke Ich im Mineralreich heute 
und im Pflanzenreich kunftig. Einwirkungen vom Astralplan auf 
den Menschen wahrend der Nacht. Sie sieben Elementarreiche. 



Des Menschen Verhaltnis zur Natur 

Stuttgart, 7. Dezember 1907 148 

Wesen der Theosophie und des Theosophen. Mineral, Pflanze, 
Tier, Mensch. Die Gruppenseelen der Tiere (Vogelflug). Wohl- 
gefuhl und Schmerz in der Pflanzenwelt. Wesen des Minerals. 
Schmerz und Wohlgefuhl im Mineralreich. Miterleben der Natur 
als Frucht der Theosophie. 



Von den Wirkungen einiger ubersinnlicher Wesenheiten 
auf den Menschen 

Miinchen, 15. Januar 1908 159 

Bemerkung zu den neuen Zuhorern. Tiergruppenseelen. Beispiel 
von durch eine Wand gestreckten Fingern. Die zwei Gruppen von 
Wesen des Astralplanes. Briillende Mondwesenheiten. Gutartige 
Marswesenheiten. Lust und Schmerz in der Pflanzenwelt. Venus- 
wesenheiten zweierlei Art. Lust und Schmerz im Mineralreich. 
Zweierlei Saturnwesenheiten. Wirksamkeiten in Blut, Lymphe 
und Chylus. Uberwindung der Wirkungen der Mond- und Mars- 
geister in der Lymphe, der Venusgeister in dem Chylus durch 
Ausbildung des hoheren Menschen (Lymphe) und durch richtige 
Ernahrung (Chylus). Einwirkungen auf die Sinne durch Saturn- 
wesenheiten. Wirkung des Geruchs (Parfums) auf den Mitmen- 
schen. 

Uber die Gruppen-Iche von Tieren, Pflanzen und Mineralien 

Frankfurt am Main, 2. Februar 1908, vormittags . . . . 171 

Wirkung der Theosophie auf den Menschen. Uber die Tiergrup- 
penseelen. Beispiel von durch eine Wand gestreckten Fingern. Der 
Vogelflug. Die Biber. Uber die Bienen. Tiergruppen-Ich und 
Pflanzengruppen-Ich. Lust und Schmerz im Pflanzenreich. Ge- 
steinsgruppen-Ich auf dem hoheren Devachan. Lust und Schmerz 
im Mineralreich. Ausspruch des Paulus uber das Seufzen der 
Kreatur. Uber religiose Urkunden und ihre Deutung. Des Men- 
schen Stellung in der Welt. 

Uber die Gruppen-Iche von Tieren, Pflanzen und Mineralien 
Heidelberg, 2. Februar 1908, abends 178 

Das Wesen der Pflanze. Das Glimmlicht der Pflanze. Die Grup- 
pen-Iche der Tiere. Schmerz und Lust im Pflanzenreich und Mi- 
neralreich. Bildung und Auflosung der Erde. Ausspruch des Pau- 
lus uber die seufzende Kreatur. Die Arbeit der Verstorbenen an 
der Erde in Vergangenheit und Zukunft. Die Entstehung der Pla- 
neten Merkur und Venus. Das Wesen der Sonne und des Mondes. 

Uber einige ubersinnliche Tatsachen und Wesenheiten 

Stuttgart, 8. Februar 1908 187 

Das Wesen der Pflanze. Unterschied von Astralischem und Athe- 
rischem. Sauerstoff und Stickstoff (Azot). Vom Wesen eines Pla- 
neten. Das Leben der alten Sonne. Das Fixsterndasein der Sonne 



und ihre Entwickelung zum Tierkreis. Das vorsaturnische Dasein. 
Das stoffausstromende Wesen der Throne (Saturn). Das lichtaus- 
strahlende Wesen der Sonne. Wesen des Mondes. Die Entstehung 
der Planeten Jupiter, Venus, Merkur und Mars. Die Gestaltung 
von Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewufkseinsseele, 
sowie von Manas aus Planetenkraften. Der Mensch als Spektrum, 
als «Gespenst» der kosmischen Krafte, aufier dem Ich. Das Wesen 
des Wortes Maja. 

Einfliisse aus anderen Welten auf die Erde 

Stuttgart, 11. Februar 1908 201 

Von den Tiergruppenseelen. Von den Mondwesen. Chylus, Lym- 
phe, Blut. Von den Marswesen und den Venuswesenheiten. Die 
Einwirkung der Umgebung auf den Menschen. Saturnwesen - 
ihre Einwirkungen durch die Sinne. Schwarzmagische Praktiken 
in der Politik durch den Geruch. Bemerkung uber das Verbrennen 
mifiliebiger Personen friiher und ihre Behandlung heute. Zucker- 
verbrauch in Rutland und England. Konkretes Behandeln solcher 
Fragen wie Zuckerverbrauch. Erkenntnis und Freiheit. 



Erden- und Menschenentwickelung 

Miinchen, 17. Marz 1908 211 

Das Wesen der Darstellung okkulter Tatbestande. Die Entwick- 
lung der Erde durch Saturn, Sonne, Mond. Schilderung des alten 
Mondes. Anfange des Erdzustandes. Das Warmeorgan des Men- 
schen oben im Kopf. Die Erde als Lichtwesen. Das Nervensystem. 
Verdichtung der Erde zu Wasser. Entstehung organischer Stoffe. 
Das aufiere Feuer und die Asche. Die Trennung der Sonne von der 
Erde. Wesenheiten auf Saturn, Sonne und Mond auf der Menschen- 
stufe. Entstehung der Planeten Uranus, Jupiter, Merkur und Ve- 
nus. Die ersten grofien Lehrer der Mysterien. Merkurwesenheiten. 



Die Zusammenhange der Welten und Wesen 

Miinchen, 29. April 1908 220 

Die Hierarchien der christlichen Esoterik. Die Leugnung der 
Hierarchien aus der Bequemlichkeit des Materialismus. Die Engel: 
ihre innere Wesenheit, ihre Fiihrung der Menschen bei der Gestal- 
tung der Erde, ihre Lenkung des ewigen Ich im Menschen. Der 
Engel als Zukunftsgestalt des Menschen. Wesen der Erzengel. 
Agyptische Tierverehrung. Die Sinnesorgane der Engel. Die Ur- 
krafte als Epochal- oder Zeitgeister. Schilderung der nachatlanti- 
schen Zeitepochen. Giordano Bruno als Ausdruck des Zeitgeistes. 
Wesen der «Gewalten». Sonne und Mond. Der «Satan» als Meister 



der Hindernisse. Christus und Satan. Vom Wesen der Bewegun- 
gen der Himmelskorper. Kopernikus und seine drei Himmelsge- 
setze. Die wahre Bahn der Erde. Die Geister der Umlaufszeiten. 
Betrachtung zu einem psychologischen Buch. 

Elementarwesenheiten und andere hohere geistige Wesenheiten. 
Geistige Wesen der Naturreiche. 

Munchen, 14. Juni 1908 234 

Aufiere Tatsachen als physiognomischer Ausdruck von geistigen 
Wesenheiten und Geschehnissen. Das Eingreifen hoherer geistiger 
Wesenheiten in den Schlafzustand des Menschen. Die Auswir- 
kung seelischer Mangel des Menschen im Zusammenhang damit: 
Entstehen von Phantomen, Gespenstern und Damonen. Die Ver- 
bindung des Menschen mit hoheren geistigen Wesenheiten durch 
seine raum- und formschaffenden Kulturbetatigungen: Architek- 
tur, Bildhauerei, Malerei, Musik. Geistige Wesen der Naturreiche: 
Gnomen, Undinen, Sylphen und Salamander. Die Anthroposo- 
phie als Kulturschopferin. Die Zukunft der anthroposophischen 
Bewegung. 



ANHANG 

Uber Wesenheiten, die den Menschen beeinflussen 

Hannover, 24. Februar 1908 (Notizen) 255 

Geistwesen und Gruppenseelen. Ather- und Astralleib. Blut, 
Lymphe, Chylus, Sinnesorgane. Uber Mond- und Venuswesen. 
Menschliche Typen. Saturnwesen, die in Geriichen wirken. Der 
Regenbogen als Bild des Menschen. Wirklichkeit als Offenbarung 
von geistiger Tatigkeit. Vier Arten der Gegenwirkung gegen 
schlechte Einwirkungen seitens der Planeten Mond, Mars, Venus, 
Saturn, Der Stern von Bethlehem. Die mogliche Wirkung des 
Wortes Jahve. Die Uberwindung des Bosen. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 260 

Hinweise zum Text 261 

Namenregister 268 

Rudolf Steiner liber die Vortragsnachschriften 269 



Ubersicht tiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 271 



I 



UBER DIE SOGENANNTEN GEFAHREN 
DER OKKULTEN ENTWICKELUNG 



Wien, 5. November 1907 



Wenn man von Okkultismus oder auch von der okkulten Entwik- 
kelung des Menschen spricht, dann mull man sich vor alien Dingen 
einmal dariiber verstandigen, wie sich die Pflege einer solchen ver- 
halt zur eigentlichen theosophischen Arbeit in der Welt. Letztere 
hat, seit sie begonnen, ihre Aufgabe gerade dadurch geleistet, dafi 
sie eine gewisse Summe okkulter Wahrheiten der Menschheit zu- 
ganglich gemacht hat. Diese Wahrheiten iiber die ubersinnlichen 
Welten, die aus der theosophischen Literatur und aus den Vor- 
tragen kennengelernt werden konnen, sind im wesentlichen uralt. 
Aber bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war es nicht 
ublich und auch nicht notwendig, diese Wahrheiten in der Form, in 
der sie heute als theosophische existieren, offentlich der Welt 
mitzuteilen. Die Pflege dieser Wahrheiten war eine Angelegenheit 
der sogenannten geheimen Schulen und geheimen Gesellschaften. 

Derjenige, der von den alten Wahrheiten iiber die innerliche 
Welt etwas wissen wollte, der mufite, wie man sagt, ein angenom- 
mener Schuler sein, ein Schuler der grofien Lehrer der Menschheit; 
und dafi jemand hinausgegangen ware, wie wir es heute tun mussen, 
um gewisse elementare Wahrheiten der Welt mitzuteilen, das gab es 
nicht. Wer zugelassen wurde, mufite gewisse Proben seines Charak- 
ters, seiner intellektuellen und sonstigen Fahigkeiten ablegen, und 
innerhalb der Schule war eine sehr strenge Gradeinteilung. Es war 
unmoglich, dafi zum Beispiel jemandem, der eben angenommen 
worden war, Geheimnisse hoherer Grade mitgeteilt worden waren, 
kurz, es war alles streng geregelt, und die Welt draufien wufite 
nichts vom Bestande einer solchen Geheimwissenschaft, die doch 
der einzige wahre Okkultismus ist. 

Wer waren die, die dort ihre Ausbildung gefunden haben? Man 
kennt sie in der Regel gar nicht, einer war Schmied, einer Schuster, 
Hofrat, Zimmermann. Man wufite nur das, was er in der Welt 



vorstellte, man wufite nicht, dafi diese Leute Weise waren, die tief 
hineinschauen konnten in die geistige und iibersinnliche Welt. Das 
ist im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anders geworden; es ist 
heute notwendig, dafi wenigstens der elementare Teil der Geheim- 
wissenschaften in theosophischen Schriften und Vortragen und 
auch sonst der Offentlichkeit mitgeteilt werde. Da£ das moglich ist 
und warum das so ist, werden wir gleich sehen. 

Nun wollen wir zuerst einen Blick werfen in jene alte Zeit, die 
eigentlich im Grunde genommen gedauert hat bis ins 14. Jahrhun- 
dert und noch zum Teil bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhun- 
derts. Vorbereitet ist das, was jetzt geschieht - die Veroffentlichung 
gewisser elementarer Lehren des Okkultismus -, von derjenigen 
okkultistischen Stromung, die im 14. und 15. Jahrhundert gegriin- 
det worden ist durch eine hochgestellte Individuality, die der Welt 
bekannt geworden ist unter dem Namen Christian Rosenkreutz. 
Was dieser Christian Rosenkreutz ist oder wer sich dahinter ver- 
birgt, das wissen nur die Eingeweihten. Das eine nur ist sicher, er 
gehort zu den fortgeschrittensten Individualitaten der Neuzeit, der 
das okkulte Wissen des Mittelalters in einer Weise zu gestalten 
hatte, dafi es in das moderne Leben hineinpafk. 

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sollten einige hinaus- 
gehen, um der Menschheit zu verkiinden, was sie heute wissen 
mufi. Nichts anderes ist die Theosophie als die elementare Lehre 
des Okkultismus. 

Wenn wir nun zuriickblicken in jene fernen Zeiten, wo der Ok- 
kultismus geheim betrieben worden war, so gab es dreierlei Arten, 
durch die der Mensch in Beziehung kommen konnte zu den iiber- 
sinnlichen Welten: Erstens als Eingeweihter, zweitens als Hellseher, 
drittens als Adept. Das waren in den alten Zeiten drei streng vonein- 
ander geschiedene Arten, und wenn wir iiberhaupt verstehen wollen, 
um was es sich bei der okkulten Entwickelung des Menschen han- 
delt, mussen wir uns diese drei Begriffe klar vor Augen fuhren. 

Was man unter einem Hellseher zu verstehen hat, ist eigentlich 
bekannt. Ich bemerke ausdrucklich, dafi der Wichtigere der Hell- 
seher ist, weil er iiberhaupt hohere Sinne hat. Es ist sehr einfach 



darzutun, was ein Hellseher ist. In jeder Menschenseele schlum- 
mern verborgene Fahigkeiten. Diese konnen entwickelt werden, 
dann kann der Mensch hineinsehen in die Welt, die den gewohn- 
lichen Sinnen verborgen ist. Es gibt solche geheimwissenschaftliche 
Methoden. Wenn der Mensch sie auf sich anwendet, dann ist er 
nicht im selben Sinne im Schlafe bewufitlos wie der gewohnliche 
Mensch. Sie machen es ihm moglich, dafi der astralische Leib, wenn 
er sich mit dem Ich hinausdrangt, die geistige Welt in seiner Um- 
gebung wahrnimmt. Zuerst wie flutendes Licht, wie Licht- und 
Farbenerscheinungen, dann fangt er an zu horen in der Nacht. 

Das ist eine wirkliche Erfahrung, die der Mensch macht an sich 
selbst: dafi er zunachst in diesem Ubergangsstadium ebenso eine 
geistige Welt um sich hat wie auch die physische. Das ist der 
Anfang des eigentlichen Hellsehens. 

Derjenige, der wirklich die Stufe des Hellsehens erreichen will, 
der mufi fahig werden, das, was er zunachst in der Nacht sieht, mit 
heriiberzunehmen in sein Tagesbewufitsein, denn es ware nur eine 
Halbheit, wenn er nur in der Nacht in die astralische Welt hinein- 
sehen konnte. Wenn er sich wirklich darauf einstellen kann, dafi er 
im Menschen und Tier und so weiter nicht nur das sieht, was da fur 
physische Sinne vorhanden ist, sondern als strahlende Aura das 
wahrnehmen kann, was der Mensch und das Tier fiihlen und emp- 
finden, dann ist die Stufe des modernen Hellsehens erreicht. So ist 
also der Hellseher derjenige, der wirklich hineinsieht in die geistige 
Welt und der davon erzahlen kann. Man nehme an, es gabe eine 
Gegend, wo man noch keine Eisenbahn gesehen hat und es wiirde 
ein Mensch von dort verpflanzt werden dorthin, wo es Eisenbah- 
nen gibt, dann kennt er sie aus eigener Erfahrung. Er kann dann zu 
Hause erzahlen davon aus eigener Erfahrung - so auch kann der 
Hellseher Zeugnis ablegen von der geistigen Welt. 

Aber derjenige, der so ein Hellseher ist, ist noch nicht das, was 
man einen Adepten nennen konnte, auch nicht das, was man einen 
Eingeweihten nennt. Wenn ein solcher Mensch, der nach obigen 
Beispielen eine Eisenbahn durch eigene Wahrnehmung kennenge- 
lernt hat, nun nach Hause zuruckkehrt, so wird man ihm nicht den 



Bau einer Lokomotive anvertrauen. Ebenso ist es beim Hellseher. 
Er kann noch nicht das ausfiihren, was derjenige kann, der Ubung 
und Wissenschaft in der iibersinnlichen Welt hat. So verhalt sich 
der Hellseher, der blofi gesehen hat, was in den hoheren Welten ist, 
zu dem Adepten. 

Und wieder ein anderer ist der Eingeweihte. Wieder ein Vergleich: 
Denken Sie sich einen Menschen, der alle Farben und Lichter sieht, 
und wieder einen anderen, der ganz kurzsichtig ist. Der erste, der 
weifi gar nichts von den Gesetzen der Lichtwelt, der andere, der nicht 
weit sieht, der kennt als ein fertiger Physiker, als ein Wissenschafter 
sehr gut alle Gesetze. Es gibt Leute, die in hohem Grade eingeweiht 
sind, obwohl sie nicht hellsehend sind; wenigstens gilt das fur alle 
alten Schulen, heute nicht mehr in demselben Grade. Fruher konnte 
man so arbeiten, denn Sie diirfen nicht vergessen, daft es ein langer 
Prozefi ist, das Hellsehertum oder den Eingeweihten auszubilden. 
Viele Inkarnationen sind dazu bei manchen notig. 

Nun ist ein solches Zusammenwirken von Hellsehern und Ein- 
geweihten heute nicht mehr recht moglich; deshalb hat die Rosen- 
kreuzerschule diese Dinge nicht mehr streng getrennt. Denn von 
jener Selbstlosigkeit, die sich fruher in den Geheimschulen betatigt 
hat, hat die heutige Menschheit keinen Begriff mehr. Insbesondere 
in den agyptischen Geheimschulen arbeitete man so zusammen. 
Aber, dieses voile Vertrauen ist heute gar nicht mehr vorhanden, 
davon kann sich die heutige Menschheit gar keine Vorstellung 
machen. Deshalb hat man in den Rosenkreuzerschulen nur Einge- 
weihte und Hellseher bis zu einem gewissen Grade entwickelt. 
Dagegen mufi man mit dem Adeptentum sehr vorsichtig sein; man 
wiirde der Welt nur schaden. Denn die Menschen sind sehr abge- 
neigt, zu glauben, daft geistige Krafte in alles hineinwirken. Es 
wiirde sich ein Sturm entfesseln, und die Folge davon ware, dafi 
man das vorbereitende Verstandnis sehr gefahrdet. Zuerst miissen 
Hellseher und Eingeweihte das okkulte Wissen verkiinden, und 
dann werden erst nach und nach die Adepten kommen. 

Was ist ein Adept? Solche gibt es auf alien Gebieten. Betrachten 
Sie den Menschen selbst. Der Mensch besteht seinem Wesen nach 



aus dem physischen, atherischen, astralischen Leib und dem Ich. 
Die verschiedenen Wesensglieder der menschlichen Natur entwik- 
keln sich ganz verschieden mit den einzelnen Lebensaltern. Das ist 
ein sehr wichtiges Kapitel. Denn fur den Okkultisten wird der 
Mensch wiederholt geboren, zuerst physisch aus der physischen 
Mutter heraus. Da ist der physische Leib eingeschlossen vom phy- 
sischen Mutterleib; die verschiedenen Blutlaufe und Safte gehen 
von der Mutter zum Kinde. Wenn dieses physisch geboren wird, 
wird gleichsam dieser physische Mutterleib vom Kinde ringsum 
losgelost. Das ist die erste Geburt. In diesem Zeitpunkt ist der 
Atherleib noch nicht geboren. Diese zweite Geburt findet erst statt 
mit dem Zahnwechsel im siebenten Lebensjahre. Bis dahin ist der 
Atherleib umgeben von der atherischen Hiille, die nicht eigentlich 
zum speziellen Atherleib des Kindes gehort. Im siebenten Lebens- 
jahre wird tatsachlich erst der Atherleib geboren. Die Hiille wird 
zuriickgestofien, und der aufiere Ausdruck dieses Geschehens ist 
das Erscheinen der Zahne, die der Mensch behalt. In dem Mafie, 
wie die Zahne herauskommen, sieht der Hellseher, wie der Ather- 
leib aus seiner Mutterhulle geboren wird. Dann ist bis zur Ge- 
schlechtsreife der Mensch noch immer eingehullt von seiner astra- 
lischen Mutter, die von Anfang an da ist und bleibt, auch nach dem 
siebenten Lebensjahre. Dann wird diese astralische Mutter weg- 
gestofien, und jetzt erst wird der astralische Leib geboren, wie frii- 
her der physische und der Atherleib. Das Erheben des Menschen 
zur Geschlechtsreife bedeutet die Geburt des astralischen Leibes. 
Vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten Jahre wird 
erst vollig das Ich geboren. 

Wenn einmal die Menschen wissen werden, wie eine solche 
Entwickelung vor sich geht, dann wird sich zeigen, was das fur 
einen Einflufi haben wird auf die Erziehung. Ich habe eine Schilde- 
rung davon gegeben in meiner Schrift «Die Erziehung des Kindes 
vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». In dieser Broschiire 
haben Sie alle Regeln, die diesfalls zu beriicksichtigen sind. Nun, 
sehen Sie, ein Lehrer, der dieses System beherrschen wiirde, ein 
solcher ware auf dem Gebiete der Erziehung ein Adept. 



Dieses praktische Wirken aus den geistigen Welten herein, das 
ist Adeptschaft. Bis zum siebenten Jahre findet im Menschen eine 
Art Verfestigung der Formen statt. Alle Formen des Gehirns, des 
Knochengebaudes werden bis zum siebenten Jahre geschaffen. Sie 
wachsen dann weiter, aber was bis zum siebenten Jahre nicht da ist, 
ist unwiederbringlich. So kann Unwiederbringliches in der Erzie- 
hung vernachlassigt werden. Von da ab wird der Atherleib frei. 
Jetzt sehen Sie also, wie die Zahne, die der Mensch bekommt, ein 
Ausdruck dafur sind, ob in der richtigen Weise diese Verfestigung 
und die Ausbildung des Atherleib es, der da gerade geboren wird, 
im richtigen Mafie zueinander stehen. Die beiden Dinge stehen 
miteinander in Verbindung, die Herausbildung der Zahne und die 
Herausbildung des Atherleibes. An diesem hangt alles, was Wachs- 
tum und Fortpflanzung ist. Ist das eine nicht in Ordnung, wird es 
auch das andere nicht sein. Da konnen wir sehen, wie aus der gei- 
stigen Wissenschaft sich die Verbindung der Zahne und des Ather- 
leibes erklart. Es werden zum Beispiel eher solche Frauen vom 
Kindbettfieber befallen, welche schlechte Zahne haben. 

Es mufi etwas vom Verfestigungsprinzip und etwas vom Verwei- 
chungsprinzip da sein; es mufi Ubereinstimmung herrschen zwi- 
schen Verfestigungs- und Verweichungsprinzip. Rachitis entsteht 
zum Beispiel, wenn das Verweichungsprinzip starker ist. Nehmen 
Sie nun an, das Verfestigungsprinzip herrsche vor, so sind die 
Keime gelegt zur Tuberkulose, zur Arterienverkalkung. In dem 
Augenblick, wo der Mensch aus ubersinnlichen Ursachen den 
Atherleib und den physischen Leib zu beherrschen imstande ist, ist 
er auf dem Gebiete der Kindererziehung ein Adept, so wie Paracel- 
sus, der heute nicht verstanden wird, ein Adept war, weil er in 
jedem Augenblicke die unsichtbaren Prinzipien sehen konnte. Nun 
konnen Sie sich vorstellen, welcher Sturm losgehen wurde, kame 
man mit solchen Lehren an die Universitat. Vorbereitet mufi die 
Menschheit erst werden nach und nach, dann wird sie auch dazu 
kommen, von den geistigen Leitern zu fordern, dafi sie aus der 
geistigen Welt heraus ihre Lehren mit Werken bekraftigen. Dafi es 
Eingeweihte gibt, hangt damit zusammen, dafi die geistige Welt 



erforscht und gefunden werden kann nach ihren waltenden Geset- 
zen durch das Hellsehen. Wenn man sie aber gefunden hat und von 
ihr erzahlt, dann sind fur den gewohnlichen Menschenverstand alle 
Dinge, die der Hellseher erzahlt, begreiflich, und wer da behauptet, 
dalS er sie nicht begreifen konne, bei dem ist nicht der Grund der, 
daft er kein Hellseher ist, sondern dafi er den gewohnlichen Men- 
schenverstand nicht geniigend anwenden will. 

Man kann also ein Eingeweihter sein, ohne Hellseher zu sein, 
aber man mufi sich dann auf den Hellseher verlassen. Und in einer 
gewissen Beziehung will die theosophische Bewegung so helfen, 
dafi alles, was verkiindet werden soli, durch Hellseher gewonnen 
werden mufi. Was will man denn mit dem Publikum? Man will es 
in einer gewissen Beziehung zu Eingeweihten machen, die begrei- 
fen, ohne selbst hellzusehen.* 

Das ist die Aufgabe der theosophischen Bewegung, das ist auch 
das richtige Verhaltnis zwischen den Lehren, die verkiindet wer- 
den, und wie sie dem grofien Publikum iibermittelt werden. Nun 
beruht dieses wirkliche Hineindringen in die iibersinnlichen Welten 
auf ganz bestimmten Methoden. Es wurde schon einmal von mir 
hier im Speziellen iiber die rosenkreuzerische Methode gesprochen, 
daher bringe ich nur einiges. 

Wenn man einen Menschen hinauffuhren will in die hoheren 
Welten, wenn man ihn zum Hellseher machen will, ist notwendig, 
dafi die Krafte, die in ihm schon da sind: Denken, Fiihlen und Wol- 
len, zuerst entwickelt werden. Darin liegt schon vieles von dem ein- 
geschlossen, was die ersten elementaren Stufen an Schwierigkeiten 
bringen, iiber die man spricht, wenn man auf die Gefahren aufmerk- 
sam machen will. Hellsehen ist heute fur gewisse Leute eine zu schd- 
ne Sache, und die etwas von Theosophie horen, sind darauf erpicht, 
es zum Hellsehertum zu bringen. Sie sind recht wenig erbaut, wenn 
man sagt, es sei notwendig, bevor man dazu kommt, etwas zu lernen. 

Das erste, was der Mensch zu beriicksichtigen hat, ist, daft er 
sein Denken ausbildet, griindlich ausbildet, und zwar noch hier, 
bevor er Hellseher wird. Es ist aufierordentlich schwierig, heute 

* Sie he Hinweis. 



klarzumachen, was man meint mit dem Ausbilden des Denkens. 
Wenn Sie namlich durch Eroffnung der hdheren Sinne hineinschau- 
en konnen in die hoheren Welten, werden Sie sehen, daft diese 
Welten ganz, ganz anders aussehen, als Sie sich hier eine Vorstel- 
lung machen. In der Regel wird derjenige, der noch nicht hinein- 
schauen kann, schwerlich eine Vorstellung davon haben, was man 
erleben kann, wie die Eindriicke da sind, noch weniger in bezug auf 
die Welt des Hellhorens, der Spharenharmonie. Eines aber bleibt 
gleich durch alle "Welten: das logische Denken. Haben Sie dieses 
hier gelernt, so ist das ein sicherer Fiihrer in der astralischen und 
geistigen Welt. Die Eindriicke sind ganz verschieden, die Logik ist 
gleich; sie fangt erst an anders zu werden in den hochsten Welten. 

Das, was in den theosophischen Werken und Biichern geboten 
wird, ist sinnlichkeitsfreies Denken. Wenn man dieses nicht auf- 
nimmt, dann setzt man sich einer gewissen Gefahr aus. Man kann 
bei jemandem bewirken, daft er in die astralische Welt hineinsieht, 
aber es darf nicht vergessen werden, daft, wenn man nicht ganz fest 
steht auf dem Boden des gesunden Denkens, es ganz aufterordent- 
lich schwer ist, dort Wahrheit von Tauschung zu unterscheiden. 
Und wer nicht unterscheiden kann, ist eben verriickt, der ist eben 
nicht geistig gesund und setzt sich also der Gefahr aus, daft er sein 
Gleichgewicht verliert, wenn die astralische Welt auf ihn einstiirzt. 

Die astralische Welt lernt man allmahlich erfassen, wenn das 
Gefiihl bearbeitet wird, und dieses geschieht durch die Imagination. 
Ich will Ihnen zeigen, wie dies an den Menschen herantritt, ihn 
schult, und ihn hineinfuhrt in die astralische Welt. Das geschieht 
dadurch, daft fur den Menschen alle Vorstellungen, die sonst in 
Dogmen und abstrakten Begriffen gegeben werden, in Bilder ver- 
wandelt werden, daft sie bildlich auftreten. Was wir denken und 
reden und lernen, das sind abstrakte Begriffe, das ist zunachst Spe- 
kulation. Die fiihrt niemanden hinein in die hoheren Welten. Erst 
wenn die Begriffe in Bilder umgewandelt werden, dann erlangt der 
Mensch allmahlich den Zugang zu den hoheren Welten. 

Wie geschieht die Umwandlung der Gedanken in Bilder? In der 
Rosenkreuzerschule sagt der Lehrer dem Schuler: Sieh dir die 



Pflanze an. Mit der Wurzel strebt sie in den Boden, der Stengel 
steigt gerade auf, oben ist die Bliite und die Frucht. Und nun ver- 
gleiche die Pflanze mit dem Menschen. Bei oberflachlichem Den- 
ken konnte man versucht sein, die Bliite mit dem Kopfe des Men- 
schen, und was an der Pflanze unten ist, mit den Fiifien des 
Menschen zu vergleichen. In Wahrheit ist der Kopf der Pflanze die 
Wurzel, und was die Pflanze keusch nach oben dem Lichte zuhalt, 
die Befruchtungsorgane, das ist beim Menschen gerade umgekehrt. 
Die Bliite hat diese Organe zum Lichte gewendet. Stelle dir das 
Ganze genau vor; wiirdest du die Befruchtungsorgane der Pflanze 
nicht nach oben halten, sondern zum Mittelpunkt der Erde hin, 
wiirden sie durchdrungen werden von Begierde und Leidenschaft. 
So haben wir im Menschen die umgekehrte Pflanze, die aber zu- 
gleich durchzogen ist mit Begierden und Leidenschaften. Dadurch 
ist der Menschenleib Fleisch und der Pflanzenleib, der keusche, ein 
noch nicht zum Fleische entwickelter Leib. 

Und nun sieh dir das Tier an: Es steht zwischen Pflanze und 
Mensch. Pflanze, Tier, nach oben der Mensch, bilden das Kreuz, 
das durch die ganze Natur geht. Nun sagt man dem Schiiler: Sieh 
dir an die Pflanze, wie sie den Kelch nach oben kehrt, von der 
Sonne gekiifit wird, vom Strahl des Lichtes, genannt die heilige 
Liebeslanze. Der Mensch hat den Pflanzenleib mit dem von Begier- 
de durchdrungenen Fleisch vertauschen miissen, aber es steht ihm 
ein hohes Ideal vor Augen. 

Hier miissen wir das menschliche Herz und den Kehlkopf be- 
trachten. Es gibt im Menschen zweierlei Organe, solche, welche auf 
dem Wege sind, unvollkommen zu werden, und nach und nach 
abfallen werden, und solche, die erst in der Ausbildung begriffen 
sind. Alle niederen Organe, die sexuellen Organe, werden abfallen. 
Herz und Kehlkopf dagegen sind Organe, die erst in der Zukunft 
ihre Vollendung haben werden, erst in der Zukunft ihre Entwicke- 
lung finden werden. 

Ich spreche zu Ihnen. Meine Gedanken sind in mir. Ich kleide 
sie in Worte. Diese kommen aus dem Kehlkopf heraus, bringen 
Tonschwingungen hervor, und dadurch teilen sieh meine Gedanken 



Ihrer Seele mit. Der Kehlkopf ist der Apparat, die Luftwellen zu 
machen, und das, was in der Seele ist, da hinauszubringen. Wenn 
jemand einen Apparat erfinden konnte, durch den die Wellen ver- 
festigt werden konnten, dann konnten Sie meine Gedanken, meine 
Worte aufklauben. In der Zukunft wird der Kehlkopf nicht nur die 
Worte hervorbringen, sondern er wird einstmals das schopferische, 
das Zeugungsorgan sein, das dem Menschen ahnliche Wesen her- 
vorbringen wird. 

In gewissen Zeiten, da war noch nicht die pflanzliche Natur des 
Menschen durchdrungen von der begierdevollen Fleischesqualitat. 
Gerade diejenigen Organe, die sich am spatesten aus der tierischen 
Natur entwickelt haben, gehen zuerst wieder weg; das sind die 
Fortpflanzungsorgane. Diese waren lange da als Pflanzenorgane, als 
der Mensch schon im Fleisch da war. Deshalb sind in Sammlungen 
Bilder von Hermaphroditen mit Pflanzenorganen zu sehen. Wenn 
in der Bibel erzahlt wird vom Feigenblatt der Eva, so ist in Wahr- 
heit unter diesem Symbole zu verstehen, dafi diese Organe die letz- 
ten waren, welche sich im Fleische entwickelt haben. So mufi in die 
religiosen Urkunden eingedrungen werden. Die Sexualorgane sind 
untergehende Organe, dagegen ist der Kehlkopf in voller Umbil- 
dung begriffen, und wenn der Mensch wieder keusch geworden 
sein wird, wird sich der Kehlkopf der geistigen Sonne wieder zu- 
wenden. Der Kelch der Pflanze entwickelte sich zu der leiden- 
schafterfiillten Fleischesform, und wieder wird der Kehlkopf zum 
keuschen, reinen Kelche, der vom Geiste befruchtet wird, der der 
heiligen Liebeslanze entgegengehalten wird. Das ist auch das 
Symbol des Heiligen Gral, sein hohes Ideal. 

Vergleichen Sie das, versuchen Sie alle Schauer dieser Bilder 
nachzuempfinden; da haben Sie erst eines dieser Bilder, welche dem 
Schiiler der Rosenkreuzer gegeben werden. Und wenn Sie sie so 
durchwandern, dann merken Sie nach und nach, dafi Ihre Gefiihle 
fur Sie Tatsache werden. Sie nehmen wahr, dafi diese Gefiihle Licht 
ausstrahlen. Es strdmt ja immer aus, aber der niedere Mensch sieht 
es nicht. Der Mensch, der dieses Geheimnisvolle der Imagination 
erlebt, der lernt seine Gefiihle sehen. Das ist der Beginn. 



Nichts von Zauberei, sondern ein intimer Vorgang durch die 
Imagination ist zunachst der Aufstieg zum Hellsehen. Aber hier 
mufi schon eines klarwerden - denn von dem Momente an sehen 
Sie alles von sich ausstromen, wo Sie uberhaupt anfangen, Ihr in- 
neres Leben in Licht umzusetzen -: Der Mensch mufi auch ertra- 
gen konnen, was er da sieht, und dazu gehort eine Charakter- 
starke, von der sich die wenigsten einen Begriff machen. So zum 
Beispiel, wenn Sie, ohne Hellseher zu sein, liigen, ist es schon 
schlimm, wenn Sie aber als Hellseher liigen, und Sie sehen, wie die 
Luge sichtbar wird und was sie bedeutet auf dem astralen Plan, 
dann verstehen Sie, warum es heifit, die Luge sei dort ein Mord. 
Und es ist so. Nehmen Sie an, Sie haben ein Ereignis gesehen, 
haben sich davon eine Vorstellung gebildet, und erzahlen etwas, 
was nicht stimmt, das heifk, etwas Erlogenes. Da geht vom Ge- 
genstande die richtige und von Ihnen die falsche Ausstromung aus 
und dieser Zusammenstofi ist eine furchtbare Explosion; und je- 
desmal, wenn Sie dies tun, heften Sie sich ein grauenhaftes Wesen 
an Ihr Karma, das Sie nicht wieder loskriegen, bis Sie gutgemacht 
haben, was Sie gelogen haben. 

Jeder, der sehend werden will, mufi drei Tugenden ausbilden, die 
er notwendig braucht. Erstens: Selbstvertrauen, er mufi seiner selbst 
sicher sein. Zweitens: Selbsterkenntnis, er darf niemals davor zu- 
riickschrecken, seine Fehler zu sehen, und drittens: Geistesgegen- 
wart. Denn es trifft ihn manches auf dem astralen Plane, was zwar 
immer um uns ist, aber es ist etwas anderes, dies auch zu sehen. 
Deshalb mussen vor alien Dingen diese Eigenschaften ausgebildet 
werden, und es ist eigentlich ein Unfug, wenn durch irgendwelche 
Schulen oder Gesellschaften Menschen, ohne in dieser Weise 
gefuh rt zu werden, zu Hellsehern gemacht werden. 

Wenn nun in einer anderen Weise auf den Schuler eingewirkt 
wird, und zwar durch das, was man okkulte Schrift nennt, wird er 
in die geistige devachanische Welt hinaufgefuhrt, in das Horen. Da 
mufi man sich vertiefen in jene Bilder, die man fur den Entwicke- 
lungsgang der Menschen hat. Ich will als Beispiel ein solches Bild 
vor Ihre Seele hinstellen. 



Denken Sie an die uralten Zeiten, wo der Mensch in seiner jet- 
zigen Form erst geworden ist. Dazumal war die Erde ein warmer, 
gliihender Feuerball, und alle Metalle und Minerale waren ge- 
schmolzen in der gliihenden Erde. Der Physiker wird sagen: da 
konnte es keinen Menschen geben. - Der Mensch stieg damals aus 
der Gottheit herab und formte sich in den gliihenden Massen. Die 
Umbildung ist ein langer Prozefi. Wenn Sie das sehen konnten, was 
der Seher wahrnehmen kann, wiirden Sie sehen, daiR er sich um- 
hiillte mit dem Feuerkorper. 

Wo ist nun das Feuer hingekommen, das auf der Erde gegliiht 
hat? Wo ist es? - In Ihrem Blute. Alle Warme, welche seit jeher in 
den Menschen und Tieren war und ist, das ist die Feuerglut der 
Erde. Und wenn Sie imstande sein werden, Ihr Blut wieder umzu- 
gestalten, dafi es leuchtet - das wird dann der Fall sein, wenn des 
Menschen Kehlkopf umgestaltet ist zum Heiligen Gral -, dann 
wird der Mensch wieder leuchtende Massen hinaussenden. Wenn 
der Mensch nun sich vertieft in ein solches Bild, wie dieses Bild ist, 
dann kann er zum Sehen gelangen, zum Horen. Ich will aufmerk- 
sam machen auf die Einleitung zur Apokalypse des Johannes, die 
lautet: «Die Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm dargeboten 
hat, seinen Dienern zu eroffnen, wie sie sich in Kurze abspielt.» 
Das sind Bilder, die zur Entwickelung in den Rosenkreuzerschulen 
verwendet worden sind. Der Hellseher mufi lernen, solche Bilder 
zu entziffern. Die Erdentwickelung wird sein das Wort, und das 
Wort wird sein beim Menschen, und der Mensch wird schaffen den 
Menschen durch das Wort. 



ESOTERISCHE ENTWICKELUNG 
UND UBERSINNLICHE ERKENNTNIS 

Wien, 7. November 1907 , 

Ich mochte heute zu Ihnen sprechen iiber eine Erweiterung des 
Themas von vorgestern, iiber innere oder esoterische Entwickelung 
und ubersinnliche Erkenntnis. Dabei wird es notwendig sein, dafi 
wir durchaus dasjenige, was wir vorgestern betrachtet haben, vor- 
aussetzen und sozusagen aufbauen auf dem, was dazumal durch 
unsere Seele gezogen ist. Sie haben gesehen aus dem, was wir da 
besprochen haben, dafi es sich bei der Entwickelung des Menschen 
nicht um etwas handelt, was man irgendwie, sagen wir, scherzweise 
auffassen darf; nicht um irgend etwas handelt es sich, was man 
leicht nehmen darf. Auf der anderen Seite aber mufi immer und 
immer wieder betont werden, dafi man auch nicht in der gewohn- 
lichen trivialen Weise sprechen darf von den Gefahren der okkuiten 
Entwickelung. Die Gefahren sind grofi, aber so wie gewohnlich 
gesprochen wird von diesen Gefahren, ist es nicht richtig, und da 
wird uns vielerlei klarwerden miissen. Machen wir uns zunachst 
einmal fur uns selbst eine genauere Vorstellung davon, was mit 
demjenigen geschieht, der durch irgendwelche Ubungen sich ent- 
wickelt hat, sagen wir durch Ubungen, die sich in der Linie bewe- 
gen, wie im letzten Vortrag angedeutet wurde, und vergleichen wir 
ihn mit einem Menschen, der nicht in einer solchen Schulung sich 
befindet und so lebt wie jeder im Alltag. Wir kommen da zu be- 
wufitem Verstandnis, wenn wir ausgehen zum Beispiel von dem, 
was wir wissen iiber den gewohnlichen Schlafzustand. 

Aus dem friiheren Vortrage haben Sie entnommen, was der 
Astralleib des Menschen im gewohnlichen Schlafzustande wahrend 
der Nacht eigentlich tut. Wenn der Mensch schlaft, so liegen im 
Bette der physische Leib und der Atherleib; aus diesen ist der so- 
genannte astralische Leib mit dem Ich heraus; er hat sich herausge- 
hoben, hat sie verlassen. Und wenn dieser astralische Leib nicht im 
Innern des physischen Leibes ist, nicht durch seine Werkzeuge, die 



Sinnesorgane, die auftere Welt beobachtet und betrachtet, wenn er 
nicht durch die Bewegungen und die Arbeit des physischen Leibes 
beschaftigt ist, dann kann der astralische Leib eine ganz andere 
Aufgabe ubernehmen. Er schafft beiden die Ermudung fort. Die 
Fortschaffung dieser Ermudung, das ist seine Aufgabe, und der 
Seher kann sehen, wie dieser astralische Leib die ganze Nacht iiber 
an dem physischen und Atherleib arbeitet von aufien, um sie wieder 
instandzusetzen, so dafi der Mensch morgens die Aufbesserung 
seiner Krafte als Erquickung fuhlt. Deshalb ist der Schlaf ein so 
guter Arzt und verliert der Mensch so viel, der nicht einen gesun- 
den und ausreichenden Schlaf hat. Vieles, viele Dinge, die sich wie 
Krankheiten ausnehmen, sind ja nur Storungen im physischen und 
im Atherleibe. Diese Storungen bleiben dann, wenn der astralische 
Leib nicht imstande ist, sie wegzuschaffen. Er ist aber imstande, 
diese Storungen fortzuschaffen, wenn er nicht im Leibe ist wie im 
wachen Zustande, sondern wenn er aufierhalb des Leibes ist. 

Woher nun holt sich der astralische Leib jene Krafte und Fahig- 
keiten, durch die er den physischen Leib sozusagen ausbessert? 
Schon im letzten offentlichen Vortrag habe ich diesen Austritt des 
astralischen Leibes aus dem physischen und dem Atherleib ver- 
glichen mit einer Wassermasse, die in einem Glase ist. Wenn Sie in 
diesem Glas tausend Wassertropfen haben und diese Tropfen alle 
eine Masse bilden, so ist das etwas anderes, als wenn Sie tausend 
Schwammchen nehmen und jeden Wassertropfen einzeln aufsau- 
gen; dann haben Sie diese Tropfen individualisiert, getrennt. So ist 
es mit dem astralischen Leib in der Nacht. Wenn Sie jetzt hier alle 
einschlafen, so wiirde das gleiche geschehen, wie wenn Sie die 
Schwammchen ausdriicken und eine Wassermasse machen. Ihr 
astralischer Leib wiirde heraustreten und wiirde sich verbinden mit 
den anderen. Aber dadurch, daft sie sich verbinden, kommen die 
Menschen in Verbindung mit jenen harmonischen grofien Gescheh- 
nissen, welche im Weltall sind. Unsere Seelen kehren in der Nacht 
zuriick zur Harmonie der Spharen und aus diesen holt sich der 
astralische Leib mit dem Ich - und das ist die Seele - die Kraft, die 
zur Ausbesserung des physischen Leibes notig ist. 



Was geschieht nun mit einem Menschen, der einen okkulten 
Lehrer erhalt und eine okkulte Schulung durchmacht? Er bekommt 
gewisse Aufgaben. Uber diese kann man nur annahernd sprechen. 
Er bekommt Aufgaben zum Meditieren, zum Konzentrieren und 
so weiter. Was hat die Aufgabe, die der Lehrer dem Schiiler gibt, 
fur einen Zweck? - Sie hat den Zweck, allmahlich den astralischen 
Leib, wenn er in der Nacht auEerhalb des physischen Leibes ist, 
sehend zu machen. Beim gewohnlichen Menschen ist der astralische 
Leib, wenn er aufierhalb ist, unbewufit in der astralischen Welt, so 
wie Sie unbewufk in der physischen Welt waren, wenn Sie keine 
Sinne hatten. Haben Sie keine Sinne, dann ist die Welt fur Sie nicht 
da. In dem Augenblick, wo dem Menschen die Anweisungen ge- 
geben werden, die in seiner Seele schlummernden Krafte zu erwek- 
ken, bekommt sein astralischer Leib geistige oder seelische Sinnes- 
organe, jene Organe, die man Lotusblumen nennt. - Das sind keine 
Blumen, ebensowenig wie die Lungenfliigel Fliigel sind; jeder weifi, 
dafi der Habicht Fliigel hat, die anders aussehen als die Lungenflii- 
gel. - Lotusblumen sind Organe, die eine Art kreisender Bewegung 
haben. Ein solches Organ ist unter der Stirn, einen Zentimeter 
unter dem Zusammenstofi der Augenbrauen, im Gehirn. Wenn an 
diesen Punkt intensiv gedacht wird mit gleichzeitigem Aussprechen 
eines bestimmten Wortes, findet eine Art Aufblitzen statt, ein 
Lichtwerden, und dies ist fur den Seher von aufien sichtbar. Das 
Sinnesorgan gerat in eine Art kreisender Bewegung. Man sagt, das 
Rad drehe sich, es wird lebendig. Beim gewohnlichen Durch- 
schnittsmenschen ist an dieser Stelle ein solches Organ nicht vor- 
handen oder hochstens in Andeutung; durch die Schulung entsteht 
dieses Aufblitzen, wenn der astralische Leib aus dem physischen 
Leib heraus ist. Es macht den Eindruck, wie wenn ein Rad sich 
dreht, was man als Seher von aufien beobachten kann. Dieses Rad 
heifit Swastika. - Man kann dieses Zeichen, wie uberhaupt echte 
Symbole, nicht spekulativ erklaren. Sie sind nicht beliebig erfunden, 
sondern man sieht sie tatsachlich auf dem geistigen oder astralen 
Plan. Die Swastika ist ein Abbild dieses Sinnesorgans, und alle 
mehr oder weniger geistreichen Erklarungen in den theosophischen 



Schriften sind Unsinn. Man soil nicht allegorisch oder symbolisch 
in der Theosophie erklaren. Das ware das, was man sich zunachst 
abgewohnen soil: alle Spekulation. Alles Herumdenken, wie die 
Sachen sein konnen, mufi man sich abgewohnen; es kommt allein 
nur darauf an, in die Tatsachenwelt selbst einzudringen. In der 
Nahe des Kehlkopfes ist die sechzehnblattrige Lotusblume, ein 
Organ, an dem sehr, sehr viel hangt in der menschlichen Entwicke- 
lung. In der Nahe des Herzens ist die zwolfblattrige, weiter unten 
die zehnblattrige und so weiter. 

Diese Organe entwickeln sich durch die Ubungen, die der Leh- 
rer dem Schiiler gibt, so wie auch die Sinne des physischen Leibes 
durch Ubung entwickelt werden, zum Beispiel durch die Einwir- 
kung von Licht und Ton. Betrachten Sie geradezu das eine als einen 
physischen, das andere als einen geistigen Vorgang von ganz dersel- 
ben Dauer. Sie durfen nicht glauben, dafi irgendwelche tumultuari- 
schen Vorgange, Zauberei und dergleichen den Menschen dazu 
fuhren konnen, diese Sinnesorgane zu entwickeln. Es sind lediglich 
intime Vorgange, ein Lernen innerhalb der Gedanken, welche die 
Kraft in sich haben, solche Organe zu entwickeln. Dabei kommt es 
immer und immer wieder darauf an, dafi der Mensch lernt, welche 
Gedanken das sind, und dafi der Mensch an ein bestimmtes Organ 
des Leibes denkt, zum Beispiel an einen Punkt im Gehirn, der einen 
Zentimeter tiefer liegt als die Mitte zwischen den Augenbrauen. 
Wenn nun der Mensch an diesen Punkt denkt, mit einer ganz be- 
stimmten Wortzusammensetzung, erweckt er im Innern seines 
astralischen Leibes gewisse Fahigkeiten. Es ist alles systematisch 
und, man mochte sagen, technisch bestimmt. 

Das findet mancher aufierst wenig fur sich entsprechend. Man 
hort immer und immer wieder Phrasen, die fur den wahren Okkul- 
tisten ein Unding sind: Ich brauche keinen Lehrer, ich mufi selbst im 
Innern meinen Lehrer finden. - In solchen Reden steckt vorerst der 
denkbar grofite Egoismus; dann ist es auch ein Unsinn. Wenn jemand 
die Geometrie von diesem Gesichtspunkte aus betrachten wiirde, 
was kame da heraus? Jeder kann durch innere Entwickelung alle 
Bestimmungen der Geometrie finden: er wird viele tausend Jahre 



dazu brauchen, aber finden kann er sie. 1st aber wirklich Veranlas- 
sung dazu da, die Geometrie nochmals zu entdecken? Soli man nicht 
an das ankniipfen, was die Menschheit in jahrhundertelanger Arbeit 
gefunden hat, und weiterbauen und Nutzen stiften fiir die Mensch- 
heit, die uns so viel des Wissens gegeben hat? Darauf hat die Mensch- 
heit ein Anrecht. Was konnen wir der Menschheit in hingebungsvol- 
ler Liebe an die Lehrer der fruheren Menschen ersparen! Genau so 
suchen wir auch hinsichtlich der inneren Entwickehing nicht fur uns 
selbst, sondern als Arbeiter im grofien Menschheitsdienste. Es waren 
immer Menschen da, die vorausgeeilt waren; von denen haben wir zu 
lernen, und wenn wir uns furchten vor dem Beugen unter die Auto- 
ritat, so ist das ein liebloser Unsinn. Arbeiten im Sinne der Lehrer der 
Menschheit, auf suchen diejenigen, welche uns fuhren konnen, das ist 
es, was dem okkulten Lehrer wie Schiiler zunachst und unbedingt 
notwendig ist. Diese Dinge, welche die Lehrer uns sagen, und welche 
durch Jahrhunderte gepriift und gekannt sind, locken aus dem astra- 
lischen Korper die Sinne heraus. 

Wenn irgend jemand okkulte Lehren gibt - ein wirklicher Leh- 
rer wird das nicht machen -, dann kommt es leicht vor, dafi er dem 
Schiiler Anweisungen gibt, wie er in der astralischen Welt Wahr- 
nehmungen haben kann. Da kann man wahrnehmen, dafi der Schii- 
ler anfangt, an seinem astralischen Leibe zu arbeiten, die Sinnes- 
organe herauszulocken, aber dafi er dadurch viel schlechtere Ge- 
wohnheiten und Temperamentseigenschaften an den Tag legt als 
bevor er okkulter Schiiler geworden war. Man hat sich dariiber 
gewundert, dafi in den ersten Zeiten der Theosophie viele unbe- 
greifliche Fehltritte gemacht haben in bezug auf ihren Charakter. 
Schon durch die geringe Entwickelung des astralischen Leibes, 
welche die theosophische Lehre als Elementarlehre bewirkt hat, als 
sie angefangen hat bekanntzuwerden, traten ganz merkwiirdige 
Erscheinungen auf. Zum Beispiel ein Schiiler, der Kassier war, ist 
mit dem Gelde durchgegangen, ein anderer wieder hat noch ganz 
andere Sachen gemacht; auch Leute, die friiher friedfertig waren, 
wurden streitsuchtig. Das hangt damit zusammen, dafi mit dem 
bifichen okkulter Entwickelung, das aus den theosophischen Be- 



griffen fliefit, die schlimmen Seiten des Charakters hervorgedrangt 
werden, wenn sonst nichts geschieht. Doch soli niemand Furcht 
haben deshalb. Solchen Dingen soil eben nur Aufmerksamkeit zu- 
gewendet werden, sie sollen ernstgenommen werden. Wir wollen 
eben trachten, durch unsere Charakterstarke nicht in solche Verlok- 
kungen zu verfallen. Anders ist es aber, wenn eine wirkliche syste- 
matische okkulte Schulung an den Schiiler herantritt. Da ist das 
Arbeiten an dem astralischen Leibe ein viel ausgiebigeres, und dann 
ist es durchaus notwendig, dafi dem physischen und dem Ather- 
leibe Ersatz geboten werde. 

Wie ersetzt man das, was dem physischen und dem Atherleibe 
entzogen wird? Dazu ist es notwendig, dafi ganz bestimmte Eigen- 
schaften im Menschen ausgebildet werden. Es ist moglich, in der 
menschlichen Natur und Wesenheit Eigenschaften auszubilden, 
durch die es der physische Leib und der Atherleib nicht notwendig 
haben, in so ausgiebiger Weise ausgebessert zu werden. Denken 
Sie sich, Sie machen wahrend des Tages etwas zur Verstarkung des 
physischen und des Atherleibes, zur Ausbesserung, so dafi sie 
durch ihren eigenen Sinn und Rhythmus im Einklang mit dem 
grofien Weltall schwingen, dann sind Sie erst imstande, die Krafte 
fur den astralischen Leib selbst zu verwenden. Und das mufi man 
tun; man braucht es nicht gleich zu tun, aber es kommt die Stunde, 
wo es geschehen mu£. Wenn der Lehrer sagt: Du mufit das Denken 
konzentrieren -, dann ist nicht blofi das gewohnliche Denken ge- 
meint. Wenn es heilk: Du mufit dich hinsetzen, einen gewohnlichen 
Gedanken nehmen und keinen anderen Gedanken zulassen, ihn mit 
Abweisung aller anderen Gedanken moglichst intensiv denken -, so 
mufi der Mensch eine gewisse innere Uberwindung aufwenden; auf 
diese Uberwindung kommt es an. Nicht der Gegenstand soli da 
interessieren und fesseln. Leicht ist es zum Beispiel an Napoleon zu 
denken, sehr schwer aber durch langere Zeit ununterbrochen an ein 
Ziindholzchen etwa zu denken. Das ist das ganz Wesentliche dabei. 
Dann werden Sie schon sehen, wie Sie nach einiger Zeit eine ge- 
wisse innere Kraft und Sicherheit erhalten. Man fuhlt dann schon 
an einem inneren Erlebnis, ob es seine Wirkung getan hat. 



Dann mufi man dazu iibergehen, initiative Handlungen vorzuneh- 
men, die man sonst ganz gewifi nicht getan hatte. Eine ganz unbedeu- 
tende Handlung mag es sein. Es kommt nicht auf das Bedeutende der 
Handlung an, aber es mufi eine eigene Handlung sein, eine aus urei- 
genster Initiative. Ein Herr, dem ich dies sagte, teilte mir nach einiger 
Zeit mit, er habe in seinem Biiro taglich sieben Schritte nach vorne 
und sieben Schritte nach riickwarts getan und sich dabei die Evolu- 
tion und Involution vorgestellt. Ausgezeichnet - nicht die Grofie der 
Handlung, sondern die ureigenste Initiative ist notwendig. 

Einigen Freunden sprach ich auch davon und erwahnte, um ein 
Beispiel zu geben, dafi man Blumen begiefien konne, wenn man nie 
Blumen begossen habe. Und was mufite ich erleben? Als ich die 
Freunde besuchte, fand ich sie alle Blumen begiefiend vor. Das war 
das Verkehrteste, was sie tun konnten, denn nicht meine Handlung 
sollten sie tun, sondern eine bis auf die Erfindung ureigene. Wenn 
man das durch lange Zeit macht, sieht man, was es fur eine innere 
Wirkung hat. Diese Dinge harmonisieren und gleichen derart alles 
im physischen und im Atherleib aus, dafi beide selbst nachklingen 
und nicht mehr so des Ausbesserns bedurfen, so dafi der astralische 
Leib einen Teil der Krafte ihnen entziehen kann. 

Dann mufi sich der Mensch in Beziehung auf Lust und Leid 
beherrschen. Im gewohnlichen Leben ist er der Sklaverei der Ge- 
fiihle unterworfen. Er lacht, wenn ihm etwas besonders Lacher- 
liches geboten wird, er weint bei irgendeinem traurigen Anlafi. Der 
Schiiler aber mufi sich in der Hand haben, er mufi sich nicht be- 
herrschen lassen, sondern seinerseits Lust und Leid beherrschen. 
Viele meinen, sie wiirden auf diese Weise stumpf werden, aber das 
Umgekehrte ist der Fall. Wir iiberwinden auf diese Weise Lust und 
Leid, das heifit, dasjenige, was egoistische Lust und egoistischer 
Schmerz ist. Wir miissen den Weg finden, um gleichsam hineinzu- 
kriechen in andere Wesen, um mit ihnen zu fiihlen. Es soli sich 
keiner von dieser Ubung abhalten lassen aus Besorgnis, stumpf zu 
werden; er wird feiner empfinden. 

Eine vierte Ubung ist die, die ich am liebsten durch die Erzah- 
lung einer Legende charakterisiere. Diese Legende ist aus dem Le- 



ben des Christus Jesus; sie ist nicht in der Bibel zu finden, wie viele 
andere nicht; sie ist aus dem Persischen. Als die Junger einst mit 
Christus Jesus iiber Land gingen, sahen sie auf dem Wege den halb- 
verwesten Kadaver eines verendeten Hundes liegen. Welch scheufi- 
liches Aas - sagten die Junger und wendeten sich mit Ekel ab. 
Christus Jesus aber allein blieb stehen, betrachtete den Kadaver und 
sagte nach einer Weile: Welch herrliche Zahne hatte das Tier. - Er 
sah an dem haftlichen, verwesenden Kadaver noch die schonen 
Zahne. Das gibt uns einen Fingerzeig, dafi wir uns aneignen sollen 
und aneignen mussen, in allem Hafilichen das Kornchen Schonheit, 
im Schlechten Gutes, im Irrtum Wahrheit zu erblicken. Diese 
Eigenschaft der Positivitat mufi geiibt werden durch einige Zeit, sie 
gibt innere Harmonie und inneren Rhythmus. 

Das funfte ist, dafi der Mensch sich einigermafien Unbefangen- 
heit erwirbt in bezug auf alles Neue, was ihm in der Welt entgegen- 
tritt. Man konnte auch sagen, dafi er niemals durch das, was er aus 
der Vergangenheit gewohnt ist, die Zukunft beeinflussen darf. Das 
Wort: «Das glaube ich nicht» -, mufi vollig aus dem Gemiit ver- 
schwinden, und wenn zu Ihnen jemand kommt und sagt, der 
Kirchturm sei iiber Nacht schief geworden, mussen Sie einen Win- 
kel in Ihrem Herzen finden, wo Sie fur moglich halten, dafi wirk- 
lich alles eintreten kann. Deshaib aber durfen Sie nicht kritiklos 
werden; nur darf Ihnen nichts unmoglich erscheinen. Wer das 
kann, der kann sehr bedeutsam wirken auf den physischen und den 
Atherleib und dadurch kommen diese in einen solchen Rhythmus, 
dafi man dem Astralleib in der Nacht zukommen lafit, was ihm 
Meditation und Konzentration gibt. Denn das wird erst allmahlich 
die Menschen zur wahren wirklichen Theosophie hinfuhren, dafi 
sie uberall einsehen, warum alles so und nicht anders geschieht. 
Wer den Mechanismus des Schlafes kennt, der weifi auch, warum 
solche Ubungen gemacht werden mussen. 

Wenn der Mensch eine Weile unter entsprechender Anleitung 
diese Schritte auf dem okkulten Pfade macht, wird ihm vieles sicht- 
bar, fiihlbar, erlebbar, was ihm sonst entgangen ware. Sie diirfen 
nicht glauben, dafi die Gefahren, die einem begegnen, sonst im 



Leben nicht da sind. Aber man sieht sie nicht vorher, man geht 
durch das Leben, aber man sieht sie nicht. Man lernt eben erst 
sehen, was in der geistigen Welt urn uns ist, wenn man eindringen 
kann in die hoheren Gebiete. Dasjenige zum Beispiel, was auf einer 
hoheren Stufe der Mensch finden mu6 und immer finden wird, und 
was er ertragen raufi, worauf er sich vorbereiten raufi, das ist der 
Huter der Schwelle. Die Menschen machen sich von ihm zumeist 
recht sonderbare Vorstellungen. 

Was ist dieser Hiiter der Schwelle? - Wir wollen heute einmal 
sozusagen mit Uberspringen von mancherlei anderen Dingen und 
Erlebnissen auf dieses Erlebnis aufmerksam machen. Sie miissen 
sich klarsein, was der Mensch in der Regel wahrend seines ganzen 
Lebens tut. Nehmen wir, in seinem wirklichen Sinne, das Kama- 
lokaleben, das Leben nach dem Tode, wo der Mensch sozusagen 
noch einen gewissen Hang hat zum physisch-sinnlichen Dasein, 
und vergleichen wir dieses Leben mit dem, was vorgeht unmittelbar 
bevor das Kamalokaleben beginnt. Ein grofies Erinnerungstableau 
tritt vor die Seele dessen, der eben den physischen Leib verlassen 
hat. Dann beginnt das Kamalokaleben. 

Dieses ist sehr eigenartig. Zunachst hat es die Eigenart, dafi der 
Mensch zuriickerlebt. In der Tat lebt er sein ganzes voriges Leben 
riickwarts, indem er durchlebt die Ereignisse, die seinem Tod vor- 
angegangen sind bis zu seiner Geburt. Man lebt so alle Ereignisse 
zuriick und ist damit fertig, wenn man bei seiner Geburt angekom- 
men ist. Man kommt an jede Stelle, die man durchgemacht hat. 
Sagen wir, Sie seien sechzig Jahre alt geworden, und im vierzigsten 
Jahr haben Sie jemand eine Ohrfeige gegeben. Wenn Sie an diesen 
Erinnerungspunkt im Ruckwartserleben kommen, werden Sie zu 
diesem Menschen hingezogen, und es wird Ihnen sozusagen eine 
Marke eingepragt, die etwas Merkwiirdiges ist: Sie empfinden den 
Schmerz, den Sie verursacht haben. Wahrend Ihres Lebens haben 
Sie vielleicht Rachegefuhle geleitet; jetzt empfinden Sie das, was der 
empfunden hat, an dem Sie sich geracht haben oder rachen wollten. 
Sie erleben im Ruckwartserleben, was Sie an Empfindungen und 
Gefuhlen ausgestreut haben. Alles, was Sie da erleben, bietet Ihnen 



eine Menge dessen, was Ihre Fortentwickelung in der Menschheits- 
geschichte hemmt. Und ohne diese eingelagerte Marke des Schmer- 
zes wiirden Sie leichter vorwartskommen, denn diese Hemmungs- 
marke bleibt Ihnen als eine Kraft. Und indem Sie im Kamaloka die 
Krafte riicklaufig aufnehmen, werden Sie im kommenden Leben 
wieder durch Karma dahin gefuhrt, die Krafte zu verwenden zum 
Tilgen der Schuld, zum Gutmachen, zum Ausgleich. So beginnt 
dort die Sehnsucht, wieder gutzumachen, was Sie gefehlt haben, 
und Sie werden hingezogen dazu, wenn der Mensch wieder mit 
Ihnen lebt, die Sache gutzumachen. So lebt sich Karma aus. 

Ein anderes Beispiel. Vier Femerichter haben jemand zum Tode 
verurteilt und das Urteil ausgefiihrt. Warum war das geschehen? 
Als man das Leben aller dieser Manner zuriickverfolgte, stellte sich 
heraus, dafi im friiheren Leben der Verurteilte eine Art Hauptling 
gewesen war und diese vier zum Tode verurteilt hatte. Da hat sich 
tatsachlich jener Zug, der die fiinf zusammengebracht hat, im 
Kamalokaleben ausgebildet. So hat der Mensch immer Gelegenheit, 
wahrend seines Kamalokalebens diejenigen Krafte als Hemmungs- 
marken aufzunehmen, welche ihn wieder ins Leben fuhren, um sein 
Schuldkonto zu tilgen. 

Nachdem der Mensch durch das Devachan durchgegangen ist 
und wieder zum Eintritt in das physische Leben kommen soli, 
haben Sie das Gegenbild von dem, was gleich nach dem Tode ge- 
schieht. Jetzt haben Sie eine Art von Vorhersehen, eine Art Vor- 
schau auf dieses Leben, das Ihnen nun bevorsteht. Was er da wahr- 
nimmt, vergilk er naturlich, wenn er nicht okkult geschult ist. Es 
sind Falle nachweisbar, dafi Menschen durch die Vorschau einen 
Schock bekommen haben und nicht hereinwollten in dieses Leben. 
Da stellte sich heraus, dafi tatsachlich der Atherleib nicht voll in 
den physischen Leib hineinging. In solchen Fallen blieb der Ather- 
leib des Kopfes ein ganzes Stuck heraufien und bewirkte eine ganz 
bestimmte Art von Idiotismus. 

Nun miissen Sie aber nicht denken, dafi das Karma etwa so ver- 
lauft, daft wir alles dasjenige, was wir in einer friiheren Verkorpe- 
rung verursacht haben, gleich in der nachsten abzahlen konnen. So 



einfach ist das nicht. Man mufi manchmal viele, viele Verkorperun- 
gen durchmachen. Wenn Sie in irgendeinem Momente zuriickblik- 
ken und alles sehen konnten, was in Ihrem Astralleibe an Marken 
da ist, die ausgeglichen werden miissen, bevor Sie Ihren Aufstieg 
in gewisse Hohen des Okkulten machen konnen, wiirden Sie Ihr 
ganzes Schuldkonto sehen. 

Dieses nun tritt dem Schuler entgegen und mufi ihm entgegen- 
treten in einer sinnbildlichen und greifbaren Gestalt - dasjenige, 
was wir noch abzutragen haben, was uns noch hemmt: das unaus- 
getragene Karma. Das ist der Hiker der Schwelle. 

Es kann uns auch in ganz abnormer Weise entgegentreten. Es 
ist mir ein Fall bekannt, wo jemand am Ende des 18. Jahrhunderts 
verkorpert und dazumal mit einer ganz aufierordentlichen Gier 
nach gewissen Taten auf dem physischen Plan behaftet war, so dafi 
er nach dem Tode ein merkwurdiges Schicksal durchzumachen 
hatte. Er starb; nach sehr langer Zeit verliefi er den letzten Rest 
des astralischen Leibes. - Gewohnlich fallt der astralische Leib 
nach Verlauf eines Drittels der verlebten Erdenzeit ab und bleibt 
als astralischer Leichnam zuriick, bis er vergeht. Solche astralische 
Leichname umschwirren uns bestandig und iiben einen schlechten 
Einflufi auf die Menschen aus. - Er konnte auch nicht lange 
bleiben in der geistigen Welt, sondern bekam friih den Drang, 
wieder in das Physische hinabzugehen. Nun ist ihm das Unheil 
passiert, das allerdings sehr selten eintreten kann. Es kann namlich 
aer Fall eintreten, wenn der Mensch in das physische Dasein zu- 
riickkehrt, dafi er seinen astralischen Leichnam noch vorfindet. 
Das ist dann sehr schlimm fur ihn, denn dann wird sein jetziger 
astralischer Leib von dem fruheren astralischen Leibe gleichsam 
durchtrankt, was ein furchtbares Schicksal ist. Er hat ihn dann 
bestandig neben sich als Doppelganger und dies ist die abnormale 
Art des Hiiters der Schwelle. Das kann in besonderen Ausnahme- 
fallen vorkommen. 

Bei dem aber, der auf dem Wege der okkulten Entwickelung ist, 
ist es notwendig, daft er in einem bestimmten Zeitpunkt seinen 
gewohnlichen astralischen Leib sieht mit alien Marken seines 



unausgeglichenen Karmas, und er mufi durch Mittel, die man dazu 
hat, sein unausgetragenes Karma auszugleichen suchen. Dies ist die 
wahre Begegnung mit dem Hiiter der Schwelle. Es soil dies alles 
nicht gesagt sein, urn gruseln zu machen, sondern um Ihnen einen 
Begriff zu geben, was man im wahren Sinne des Wortes Selbst- 
erkenntnis nennt. Diese ist zweifach: Erstens ist es die Erkenntnis 
dessen, was das wahre Selbst auszutragen hat. Zweitens ist es die 
Erkenntnis des hdheren Selbstes. Aber da ist Erkenntnis etwas ganz 
anderes. Sie konnen in der Bibel lesen: Adam erkannte sein Weib. 
- Das ist ein Ausdruck fur die Befruchtung. Erkenne dich selbst, 
heifk: befruchte dich mit der Weisheit in dir, betrachte die Seele als 
weibliches Organ und befruchte dich. Willst du die Selbsterkennt- 
nis haben, so suche in dir, dort wirst du erkennen alle deine Fehler; 
willst du dein hoheres Selbst erkennen, dann suche aufierhalb von 
dir, denn da ist Welterkenntnis Selbsterkenntnis. In der Sonne ist 
alles, denn alles ist Sonne. Wir mussen von uns loskommen. Man 
sagt mir: Du erzahlst uns von der Entwickelung und dergleichen; 
wir aber wollen Erhebung der Seele, der Gefuhle. - Der so spricht, 
ist sich selbst feind. Nicht dadurch, dafi wir in uns hineingaffen, 
sondern dadurch, dafi wir die Welt in alien Stiicken, Stuck fur 
Stuck, kennenlernen, werden wir selbstlos und konnen wir die 
Selbst- und Gotteserkenntnis finden. 

Es gibt keine schlechtere Phrase als die: Man braucht nur in sich 
selbst hineinzuschauen. - Dort findet man aber nur das niedere 
Selbst. Mit Liebe soil man aufien suchen und man wird finden. Ich 
habe Leute gekannt, die gesagt haben: Was brauche ich? Ich brau- 
che gar nichts, denn ich bin Atma. - Und wenn sie auch fort und 
fort «Atma, ich bin Atma» sagen, sie bringen es nicht in das Be- 
wufitsein, weil sie vom Atma nicht mehr wissen, als dafi das Wort 
vier Buchstaben hat. Das In-sich-Hineinsehen fuhrt nur zum Ab- 
schliefien. Wir sind nichts als ein Glied dieser Welt. Der Finger ist 
nur dadurch Finger, dafi er am Organismus bleibt; losen Sie ihn los, 
dann ist er nicht mehr Finger. Der Finger trennt sich nicht vom 
Organismus; aber der Mensch, der ist so «gescheit» zu glauben, dafi 
er sich von der Erde trennen konne, obzwar man ihn nur einige 



Kilometer iiber die Erde hinaufbringen miilke, und er vergeht. Der 
Mensch gehort zur Sonne, seinem Ather- und Astralleibe nach, zu 
einer ganzen Sonnenwelt. Es ist der grofite Irrtum, das Selbst in 
sich finden zu wollen. Von-sich-Loskommen durch das Sich-Ver- 
tiefen in alle Einzelheiten der Welt, das ist das Richtige. Der sich in 
Liebe und Demut befruchtet, der findet die Gottseligkeit, wahrend 
der, der Gott in sich sucht, verhartet. So sehen Sie, dafi man viel zu 
lernen hat, wenn man gerade den esoterischen Weg wirklich ken- 
nenlernen will. Und es kommt darauf an, dafi wir iiber eine solche 
Sache den richtigen Gedanken haben. Sie brauchen nicht von friih 
bis abends daran zu denken, ebensowenig als es notwendig ist, dafi 
Sie sich stets Ihren eigenen Namen vorsagen. Es geniigt, wenn Sie 
den Gedanken wissen. Es gibt Gedanken, ohne die der Esoteriker 
nicht Esoteriker sein kann. Hat er sie so, wie er im gewohnlichen 
Leben seine Triebe, seine Motive hat, dann bedeuten diese Gedan- 
ken Schritte fur ihn, die ihn hinauffuhren auf den libersinnlichen 
Erkenntnisplan, bedeuten fur ihn ein Eindringen in die Welten- 
weisheit, ein in Erkenntnis Vordringen zur Liebe. 



DAS ROSENKREUZERTUM 



DUsseldorf, 15. Dezember 1907 

Indem wir iiber die Einweihung der Rosenkreuzer oder die rosen- 
kreuzerische Einweihung sprechen, miissen wir uns vorerst den 
Begriff der Einweihung kurz vor die Seele riicken. Er besteht im 
allgemeinen darin, den Weg zu suchen, um aus eigener Erfahrung, 
durch eigene Erlebnisse einzudringen in die hoheren Welten, die 
unserer Sinneswelt zugrunde liegen. Wir miissen dabei dreierlei 
unterscheiden: Eingeweihte, Hellseher und Adepten. Es sind das 
drei verschiedene Arten, in Beziehung zu treten zu den hoheren 
Welten. 

Heute wollen wir davon sprechen, wie der Mensch in eigener 
Erfahrung die iibersinnlichen Welten kennenlernen kann. Von der 
Dreiteilung wollen wir heute absehen, wohl aber genau berucksich- 
tigen, dafi, wenn wir von der Einweihung reden, wir eine Methode 
der Einweihung vor uns haben. 

Wer bedenkt, dafi die Menschen von verschiedenen Ausgangs- 
punkten den Weg in die hoheren Welten suchen, der wird leicht 
iiber die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Methoden hinweg- 
kommen. Wenn wir auf dem Gipfel eines Berges angelangt sind, so 
haben wir von da oben einen freien Ausblick. Um hinaufzugelan- 
gen, konnen wir von verschiedenen Ausgangspunkten ausgehen, es 
konnen verschiedene Wege eingeschlagen werden. Unsinnig wiirde 
es sein, wenn wir, um auf den Gipfel zu gelangen, nicht den Weg 
benutzten, der vor uns liegt, sondern erst um den Berg herum- 
gingen. 

Wenden wir dieses Prinzip auf die Einweihung an. Hier finden wir 
auch verschiedene Ausgangspunkte gegeben dadurch, dafi die Men- 
schen verschiedene Naturen haben. Die aufiere Naturwissenschaft ist 
nicht in der Lage, diese feine Verschiedenheit, um die es sich dabei 
handelt, wirklich zu studieren. Unsere Physiologen und Anatomen 
sind nicht imstande, mit ihren groben Instrumenten und Methoden 
diese feinen Verschiedenheiten der Menschen herauszufinden. Aber 



fur den, der okkulte Erkenntnis hat, ist ein gewaltiger Unterschied 
zwischen einem Menschen, der im Orient und einem, der in Europa 
oder in Amerika geboren ist. Bis in die physische Natur hinein zeigt 
sich das. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen einem Men- 
schen, der noch das lebendige unmittelbare Empfinden und das 
Gefiihl fur den Christus hat, und einem Menschen, der ganz und gar 
entf remdet ist dem urspriinglichen christlichen Fiihlen und sich seine 
ganze Weltanschauung geben lafit durch die Errungenschaften der 
modernen Wissenschaft. Nicht nur die Empfindungen und Gedan- 
ken sind bei einem solchen Menschen anders als bei dem mit christ- 
licher Gesinnung, sondern bis in die Physis hinein kann dieser 
Unterschied beobachtet werden. Es sind da so feine Unterschiede, 
die in die f einsten Strukturen des Korpers eingreif en, dafi die Physio- 
logic und Biologie nichts von ihnen zu sagen weifi. Daher mufi die 
Menschennatur berucksichtigt werden, und man kann nicht alien 
Menschen denselben Weg anweisen, um durch die hohere Entwicke- 
lung in die hoheren Welten aufzusteigen. 

Um dies zu verstehen, miissen wir zuriickgehen in friihere Zei- 
ten der Menschheit. Die Menschheit hat eine lange Entwickelung 
durchgemacht. In der Zeit, welche wir die atlantische nennen, leb- 
ten unsere Vorfahren, das heifit, unsere eigenen Seelen, in ganz 
anderen Leibern in der alten Atlantis driiben im Westen zwischen 
unserem heutigen Europa und Amerika. Dann kamen jene Fluten, 
von denen die Sintfluterzahlung der Bibel und die verschiedenen 
anderen Sintflutsagen sprechen, jene Fluten, welche den Untergang 
der alten Atlantis bewirkten. Es folgte die nachatlantische Ent- 
wickelung, in der wir noch immer darinnenstehen. 

Vier Zeitraume haben wir in der nachatlantischen Entwickelung 
durchgemacht, im funften stehen wir noch darin. Der erste dieser 
Zeitraume umfalke die altindische Kultur. Da wurden die Volker 
selbst unterrichtet von den heiligen Rishis, inspirierten Menschen, 
von denen sich der heutige Mensch keine Vorstellung machen kann. 
Dann folgte die zweite Kultur, die persische, mit der Zarathustra- 
Religion. Die dritte Kultur war die babylonisch-assyrisch-chalda- 
isch-agyptische, aus welcher sich langsam die hebraische Kultur 



herausentwickelte. Als vierte folgte die griechisch-romische Kultur- 
stromung, innerhalb welcher das Christentum entstand, das seine 
Elemente nahm aus dem Volk, das seine organische Entwickelung 
aus der dritten Kultur hatte. Jetzt leben wir in der fiinften Kultur, 
der sechsten entgegen. 

Nicht nur das Denken hat sich verandert in der langen Zeit seit 
der atlantischen Katastrophe, sondern auch der astralische Leib, der 
Atherleib und der physische Leib. Man mufi sich aber nicht vorstel- 
len, dafi alle Menschen gleichwertig in unserer fiinften Kulturstro- 
mung stehen. Viele Eigenheiten der friiheren Kulturstromungen 
haben sich erhalten. Es lebt das noch nebeneinander, was sich nach- 
einander entwickelt hat. 

Weil die Menschen durch ganz verschiedene Kulturstromungen 
hindurchgegangen sind, mufite sich auch mit den daraus hervorge- 
henden Veranderungen in ihrem ganzen Wesen die Art der Einfuh- 
rung in die hoheren Welten andern, die den Menschen von ihren 
geistigen Fiihrern gebracht wurde. 

In der atlantischen Zeit waren die Menschen noch astralisch 
hellseherisch. Sie lebten da mit ihren Gottern und Geistern ebenso 
zusammen, wie mit den aufieren Pflanzen, Mineralien, Tieren und 
Menschen. In der nachatlantischen Zeit konnten sich die Menschen 
nicht mehr diesen Zugang zu den hoheren Welten verschaffen. 
Nicht mehr durch unmittelbares Anschauen des Gottlich-Geistigen 
konnten sie in die hoheren Welten eindringen, sondern nur auf 
kiinstliche Art konnten sie sich wieder in den Zustand versetzen, 
durch den sie wieder Genossen der Gotter wurden. Darauf griindet 
sich die indische Art der Yoga-Einweihung. Diese Yoga-Einfiih- 
rung in die hoheren Welten besteht im wesentlichen darinnen, zu 
dampfen das Bewufksein, das der Mensch sich in der nachatlanti- 
schen Zeit errungen hat, die aufierliche Anschauung, und sich zu- 
riickzuversetzen in fruhere hells eherische Bewufitseinszustande, 
wie der Atlantier sie hatte. 

Verfolgen wir die Entwickelung der Menschhek weiter, iiber die 
persische und die chaldaische Kulturstromung hinaus, so kommen 
wir zu der christlichen Kulturstromung. Sie brachte mit sich die 



christliche Einweihung, die nur erlangt werden kann durch ein 
unmittelbares Verhaltnis zu dem Christus Jesus durch das Johan- 
nes-Evangelium und die Apokalypse. Dann folgt im 13. und 14. 
Jahrhundert die erste Morgendammerung der materialistischen 
Kulturstromung. Damals konnten die erleuchteten Menschen er- 
kennen: Jetzt kommt die materielle Zeit herauf. Alles, was im 19. 
Jahrhundert voll erfullt wurde, im Extrem auftrat, das ist vorher 
lange vorbereitet worden. Den Materialismus finden wir nicht nur 
auf den Gebieten des aufieren Handelns, sondern auf alien Gebieten 
mussen wir ihn aufsuchen. 

Bis zum 13., 14. Jahrhundert bewahrten sich die Menschen etwas 
ganz anderes an Empfindungen und Gefuhlen. Der Umschwung 
tritt auf alien Gebieten, selbst den scheinbar entferntesten, auf. 
Zum Beispiel in der Malerei tritt uns die grofie Veranderung in den 
Empfindungen der Menschen entgegen. Heute erscheint es dem 
Materialisten wie eine Willkiir, wenn zum Beispiel Cimabue auf 
seinen Bildern den Hintergrund in Gold malt. Dieser Maler hatte 
aber damals noch die Tradition von der Anschauung der hoheren 
Welt. Wenn man hineinschaut in die hochsten Regionen der astra- 
lischen Welt, dann findet man, dafi jener Goldgrund Wirklichkeit, 
Realitat ist. Die, welche spater Ahnliches malen wollten, als Nach- 
ahmer dieser alteren Maler, die noch durch Tradition Kenntnis von 
der Wirklichkeit der astralen Welt besafien, die erscheinen uns wie 
Barbaren gegenuber denen, die wirklich noch ein Verhaltnis zu den 
hoheren Welten hatten. So ist zum Beispiel bei Giotto nicht mehr 
die Darstellung dessen, was er als Wahrheit empfand, sondern alles 
nur aus aufierer Tradition gemalt. Zu seiner Zeit war es naturlich, 
dafi man uberging zu dem, was nur auf dem physischen Plan gese- 
hen werden kann, zu der materialistischen Kunst. Nur noch die 
grofiten Maler dieser Zeit hielten an der Tradition fest. Auf der 
«Disputa» des Raffael kann man sehen, wie in den Grundtonen von 
unten nach oben in der Tat mit gewisser Richtigkeit wiedergegeben 
ist jenes Erlebnis, das der Mensch hat, wenn er in die hoheren 
Welten sich erhebt. Das ist eine Notwendigkeit, dieses stufenweise 
Erleben des Uberganges von den niederen zu den hoheren Welten 



bis zur Anschauung jener Genien, welche aus dem Goldgrund auf- 
tauchen. 

Wer die geistigen Wahrheiten kennt, der weifi, dafi hinter den 
physischen Tatsachen noch etwas anderes steckt, der weifi, dafi der 
Grund, warum die Menschen heme Materialisten sind, der ist, dafi 
sie unter aufieren, materialistischen Einflussen stehen. Aber es han- 
delt sich hierbei nicht nur um die aufiere Wahrnehmung. Vom 
Standpunkt des Okkultismus aus lernt man andere Griinde kennen. 
Gedanke und Empfindung sind Wirklichkeiten, die hinausstrahlen 
in die Welt. Wir sind umschwirrt von materialistischen Gedanken. 
Uberall schwirren diese Gedanken um uns herum. Auch wenn zum 
Bauern draufien auf dem Lande keine Biicher, keine Zeitschriften 
gelangen, die materialistische Anschauungen aussprechen, so um- 
schwirren ihn doch diese materialistischen Gedanken, die ihn 
beeinflussen, auf die es ankommt. 

Fragen wir, wie der Mensch in Zeiten, als man noch von okkul- 
ten Machten etwas wulke, ins Dasein trat, so finden wir, dafi da- 
mals dafiir gesorgt wurde, zum Beispiel in China, dafi der Mensch 
bei seinem Eintritt in die physische Welt empfangen wurde von 
Menschen, die mit geistigen Gedanken erfullt waren. Es ist dies 
etwas ganz anderes, als wenn er empfangen wird von dem materia- 
listischen Arzt und einer materialistisch denkenden Umgebung. Da 
treten ganz andere Dinge dem Menschen entgegen, als das fruher 
der Fall war in einer Umgebung mit geistigen Gedanken. Hierin ist 
der Grund zu suchen fur die materialistische Gesinnung der Men- 
schen. Der Mensch taucht eben seit dem 13., 14. Jahrhundert schon 
bei seiner Geburt unter in eine materialistische Atmosphare. Das 
mulke so sein. Aber es mulke daher auch fur diejenigen, welche in 
die hoheren Welten aufsteigen wollten, eine Methode geschaffen 
werden, durch die sie stark und kraftig genug wurden, um ihnen, 
trotz dieser aufieren materialistischen Verhaltnisse, ein Aufsteigen 
in die geistigen Welten zu ermoglichen. 

Diese Einweihungsmethode ist die rosenkreuzerische, die um die 
Wende des 13., 14. Jahrhunderts entstand und zuerst inauguriert 
wurde von Christian Rosenkreutz, einem der grofien Fuhrer der 



Menschheit. Streng abgeschlossen von der aufieren Welt hatte diese 
Methode seit jener Zeit durch Jahrhunderte hindurch gewirkt, nur 
bekannt in einem engen Kreise, am strengsten abgeschlossen im 19. 
Jahrhundert, dem materialistischen. Erst in seinem letzten Drittel 
hat sich die Notwendigkeit ergeben, das, was in den Schulen der 
Rosenkreuzer gelehrt worden ist, der Welt wenigstens in seinen 
elementaren Teilen bekanntzumachen in der Theosophie. 

Im Jahre 1459 hat der eigentliche Begriinder der Rosenkreuzer- 
stromung selbst jene Stufe erlangt, durch die er die Macht hatte, auf 
die Welt so zu wirken, dafi von ihm aus jene Einweihung der Welt 
gebracht werden konnte. 

Seit jener Zeit ist diese Individuality des Christian Rosenkreutz 
immer wieder dagewesen als Leiter der betreffenden Stromung. 
Durch Jahrhunderte hindurch fiihrte sie ein Leben «in demselben 
Leibe». Wir haben diesen Ausdruck «in demselben Leibe» so zu 
verstehen: Wenn wir den physischen Leib betrachten, so finden 
wir, dafi das, was ihn vor zehn Jahren zusammengesetzt hat, jetzt 
nicht mehr in dem physischen Leibe ist. Aber das Bewufitsein ist 
dasselbe geblieben. Alle sieben bis acht Jahre tauscht der Mensch 
alle Teile seines physischen Leibes aus, doch das Bewufitsein iiber- 
dauert diesen fortwahrenden Austausch der physischen Substanzen 
durch das ganze Leben hindurch. Was wir auf diese Weise zwi- 
schen Geburt und Tod durchmachen, das macht der Eingeweihte so 
durch, dafi er, wenn er stirbt, bald darauf in einem neuen Leibe als 
Kind wiedergeboren wird. Aber diesen Weg macht er vollbewufit 
durch. Das Bewulksein bleibt vorhanden von einer Inkarnation zur 
anderen. Sogar die physische Ahnlichkeit bleibt bei dem Einge- 
weihten vorhanden, weil die Seele den neuen Leib bewufit aufbaut 
aus der Erfahrung der vorhergehenden Inkarnation. In dieser Weise 
lebte der hochste Leiter der Rosenkreuzerschulung durch Jahr- 
hunderte hindurch. 

Erst jetzt ist die Moglichkeit vorhanden, einiges von den Prmzi- 
pien der Rosenkreuzer bekanntzumachen. Bis dahin war nichts 
davon eroffnet worden; nur einmal ist etwas davon mitgeteilt wor- 
den. Das, was nach rosenkreuzerischer Methode den Menschen 



hinauffuhrt in die hoheren Welten, sind die folgenden sieben Stu- 
fen: Erstens, das Studium; zweitens, das Erwerben der imaginativen 
Erkenntnis; drittens, das Erlernen der okkulten Schrift; viertens, die 
Bereitung des Steines der Weisen; fiinftens, das Entsprechen von 
Mikrokosmos und Makrokosmos; sechstens, das Aufgehen im 
Makrokosmos; siebentens, die Gottseligkeit. 

Dies soli nicht bedeuten, dafi stufenweise nacheinander durchge- 
macht werden miissen diese sieben Grade. Der Schiiler, der einem 
rosenkreuzerischen Lehrer gegeniibertritt, bekommt seine Anwei- 
sungen zur hoheren Entwickelung so, dafi sie seiner Individuality 
entsprechen. Aus den sieben Stufen der hoheren Entwickelung 
wird ausgewahlt, was fur ihn am besten geeignet ist. Der eine be- 
ginnt mit der ersten und zweiten Stufe und dann folgt fur ihn viel- 
leicht die vierte und fiinfte. Nur dasjenige, was man das Studium 
nennt, mufi bei jedem den Anfang machen. 

Studium bedeutet hier aber etwas anderes, als man im gewohn- 
lichen Leben darunter versteht. Es bedeutet hier das bestimmte 
Aneignen von Vorstellungen und Begriffen, welches man sinnlich- 
keitsfreies Denken nennt. Alles Denken des gewohnlichen Men- 
schen haftet an der aufieren Sinnlichkeit. Beachten Sie alles das, was 
Sie vom Morgen bis zum Abend erleben und denken Sie sich alles 
weg, was Sie aufterlich gesehen und gehort haben. Fur die meisten 
Menschen bleibt dann nur noch sehr wenig oder nichts iibrig. Der 
Mensch mufi aber, wenn er den Weg zu den hoheren Welten ma- 
chen will, sich angewohnen, auch denken zu konnen, wenn der 
Quell seines Denkens nur in seinem eigenen Innern liegt, ohne an 
die aufiere Welt anzukniipfen. 

Die einzige Art des sinnlichkeitsfreien Denkens ist in euro- 
paischen Landern das Rechnen. Das Kind lernt, dafi zwei mal zwei 
vier ist, zuerst an der aufieren Anschauung, an den Fingern oder 
Bohnen oder an den scheufilichen Rechenmaschinen. Aber der 
Mensch kommt auf diesem Gebiete nicht zu einem befriedigenden 
Resultat, solange er sich diese Vorstellungen nicht machen kann, 
ohne die Kriicke der aufierlichen Anschauung. Einen Kreis kann 
man niemals in der aufieren Wirklichkeit sehen, Kreise, die man auf 



die Wandtafel zeichnet, sind aneinander gereihte Kreidehiigel. Erst 
ein gedachter Kreis ist genau. Den Kreis muE man sich im Geiste 
konstruieren, man mufi sich den Kreis denken. 

Heute kann man ein sinnlichkeitsfreies Denken bei den Menschen 
allein auf dem Gebiete des Zahlenwesens und der Geometrie finden. 
Aber den meisten Menschen ist das nicht zuganglich und deshalb nur 
zum Vergleich angefuhrt. Das beste Mittel, sich ein sinnlichkeitsfrei- 
es Denken anzueignen, ist die Theosophie selber, weil der Mensch da 
von Dingen hort, die er nicht gesehen hat. Was die Menschen da 
lernen, wie der Mensch besteht aus physischem, Ather- und Astral- 
leib, oder wie die Erde selbst sich durch die verschiedenen Zustande 
entwickelt hat, das konnen Sie nicht sehen. Nur wenn wir das Den- 
ken anstrengen und die innere Logik der Sache erblicken, konnen wir 
mit der gewohnlichen Logik diese Dinge begreifen, wenn man sich 
nur auf diesen umfassenden Boden der Logik stellen will. Wenn 
heute die Menschen sagen, sie konnten das nicht begreifen, so ist 
dafur nicht der Grund, dafi sie nicht hellsehend sind, sondern dafi die 
Menschen die Logik des Begreif ens nicht anwenden wollen. Verstan- 
den werden konnen die Erlebnisse des Hellsehers mit der gewohnli- 
chen Logik, nur zum Erforschen dieser Dinge ist das Hellsehen not- 
wendig. Was in der Theosophie vorliegt, ist fur das theoretische und 
praktische Leben das einzig Logische. Was dagegen die Menschen 
in materialistischer Weise uber die iibersinnlichen Dinge vorbringen, 
ist unlogisch. Was die Geisteswissenschaft bringt, ist das wirklich 
konkret Fruchtbare im Leben. 

Wenn wir das Prinzip der Erziehung vom Standpunkt der theo- 
sophischen Weltanschauung und vom Standpunkt der materialisti- 
schen Gesinnung betrachten, konnen wir einen Vergleich machen. 
In der ersteren werden Dinge gesagt uber den werdenden Men- 
schen, die man nicht aufierlich sehen kann. Aber es ist so, dafi 
gerade darin das Wirkliche, Reale, Konkrete gegeben ist. Die heu- 
tige Weltanschauung versteht das werdende Kind nicht. Erst wenn 
man das ganze Wesen des Menschen in Betracht zieht, nicht nur 
aufierlich betrachtet, lernt man die ganze Fiille des menschlichen 
Wesens in die Welt hineinstellen. 



Zu gleicher Zeit hat der Mensch, der sich in die Lehren der 
theosophischen Weltanschauung einlebt, ein Mittel, sinnlichkeits- 
frei denken zu lernen. Die wahre Theosophie wird immer darauf 
hinzielen, so viel als moglich, sinnlichkeitsfreies Denken zu entwik- 
keln. Wenn wir die theosophische Lehre ansehen, so finden wir da 
Beschreibungen von Zustanden, die wir nicht sehen konnen. Wenn 
wir die Entwickelung unserer Erde betrachten und woraus sie her- 
vorgegangen ist, so beschreiben wir jenen planetarischen Zustand, 
wo alles anders war als im Stadium unserer jetzigen Erde: jenen 
alten Mond - nicht den jetzigen — , wo es noch keine feste, minera- 
lische Erdkruste gab, auf der der Mensch herumgehen kann, son- 
dern wo der Planet nur in einer Art Pflanzennatur da war. In dieser 
Masse, die wir mit Kochsalat oder Spinat vergleichen konnen, 
waren festere Bestandteile nur in der Art vorhanden, wie heute 
die Borke oder Rinde der Baume ist. Mineralisches gab es damals 
gar nicht. 

Wenn man das von der materialistischen Anschauung aus be- 
streitet, weil man Pflanzen nur auf mineralischem Boden wachsend 
sich denken kann, so kann man zugeben, dafi das allerdings unter 
den heutigen Verhaltnissen nicht anders moglich ist. Aber damals 
herrschten eben ganz andere Verhaltnisse. Der Materialist kann sich 
das nicht vorstellen, weil er immer ankniipft an die heutigen Ver- 
haltnisse. 

Aber in solchen Bildern kann man sich frei machen von dem, 
was man um sich herum sieht. Unsinn wird Sinn, wenn wir weit 
entfernt liegende Verhaltnisse betrachten. Da lernen wir uns erzie- 
hen, wegzukommen von unseren sinnlichen Verhaltnissen. Bilder 
lernen wir vor unsere Seele hinstellen von Dingen, die wir heute 
nicht kennen. So hebt sich unser Denken ab von dem, was heute 
moglich ist. Diejenigen, welche sich miihen, mit ihrem Denken nur 
zu verbinden, was heute moglich ware, kleben an den heutigen 
Verhaltnissen und kommen nicht los von diesen. Fur das Studium 
im rosenkreuzerischen Sinne kommt es gerade darauf an, sein Den- 
ken zu iiben an diesen Bildern von Verhaltnissen, wie sie jetzt nicht 
mehr da sind. Begriff aus Begriff werden zu lassen aus vollem sinn- 



lichkeitsfreiem Denken ist ein Mittel, zu dem zu kommen, was man 
das Studium nennt. Dazu kann man auch gelangen durch das Stu- 
dium eines Buches, wie es die «Philosophie der Freiheit» ist. Der 
Schreiber hat dabei nur die Gelegenheit gegeben, dafi die Gedanken 
sich selbst gedacht haben. Da sind die einzelnen Gedanken aus 
vollem sinnlichkeitsfreiem Denken aus sich selbst geworden, aus 
sich selbst gegliedert, so dafi kein Gedanke weggenommen werden 
konnte von da, wo er steht und an eine andere Stelle gesetzt werden 
konnte, genau so wenig wie die Hand vom Korper abgeschnitten 
und an eine andere Stelle gesetzt werden konnte. Das ist der Weg 
des sinnlichkeitsfreien Denkens. 

In einer heifien Begierde durchaus sich hinaufschwingen wollen in 
die hoheren Welten, das ist etwas, was viele wollen; aber das ist etwas 
Ungesundes. Gesundes Streben ist nur das, wenn aus von aller Sinn- 
lichkeit freiem Denken innerlich gediegene Logik gepflegt wird. 

Wer in den hoheren Welten Bescheid weifi, der weifi, dafi die 
Wahrnehmungen in den hoheren Welten etwas ganz anderes sind als 
in der physischen Welt. Eines aber gibt es, was in den drei Welten, der 
physischen, astralischen und devachanischen Welt, dasselbe Element 
bleibt: das ist das logische Denken. Dieser sichere Fuhrer bewahrt 
uns vor allem Irrlichtelieren. Ohne ihn lernen wir niemals Illusion 
von Wirklichkeit unterscheiden und gelangen dahin, jede Illusion fur 
astralische Wirklichkeit zu halten. Hier in der physischen Welt ist es 
leicht, Tauschungen von Wirklichkeiten zu unterscheiden. Denn die 
aufieren Tatsachen korrigieren uns. Wenn Sie zum Beispiel durch 
eine falsche Strafie gegangen sind, kommen Sie nicht an den rechten 
Platz. In den hoheren Welten miissen wir selbst durch eigene Gei- 
steskraft den richtigen Weg finden, sonst kommen wir da in immer 
schwierigere Labyrinthe hinein, wenn wir nicht erst gelernt haben, 
Illusion von Wirklichkeit zu unterscheiden. Durch die Schulung im 
rosenkreuzerischen Sinne konnen wir dies lernen. 

Das zweite ist bei der rosenkreuzerischen Schulung das imagina- 
tive Erkennen, das Erkennen in Bildern. Dieses ist die erste Stufe 
des Erhebens aus der physischen Welt in eine geistige Welt. Goethe 
hat in den letzten Worten des zweiten Teiles seines «Faust» dafur 



das Leitmotiv gegeben, wenn er sagt: «Alles Vergangliche ist nur 
ein Gleichnis.» Wenn wir anfangen, alles, was uns umgibt, als gei- 
stige Bilder anzusehen, dann streben wir hinauf in die Welt der 
Imagination. 

In den Schulen der Rosenkreuzer und auch schon in friiheren 
Schulen, da hat man das Entwickelungsprinzip durch die verschie- 
denen Reiche hindurch den Schiilern klar zu machen versucht. 
Heute spricht man von Entwickelung beim materialistischen Den- 
ken; auch in der Theosophie spricht man davon, aber es ist etwas 
anderes, den Begriff der Entwickelung bis zum Bilde umzugestal- 
ten, ihn zur Imagination zu erheben. Gewohnlich ist nur der Ver- 
stand mit dem Entwickelungsprinzip beschaftigt. Zur Imagination 
kommen wir in folgender Weise. Durch viele Wochen oder durch 
Monate hindurch wurde die Seele durch die Weisungen des Lehrers 
umgestaltet in folgender Weise. Am besten konnen wir dies in der 
Form eines Dialoges wiedergeben - der allerdings in dieser Weise 
nie stattgefunden hat. - Der Lehrer sagte etwa folgendes: Sieh dir 
einmal die Pflanze an, wie sie mit ihren Blattern und Bluten zur 
Sonne hinaufstrebt und die Wurzel in den Boden senkt, dem Mit- 
telpunkt der Erde zustrebend. Vergleichst du sie mit dem Men- 
schen, so ist es verkehrt, die Bliite mit seinem Kopf, die Wurzel mit 
seinen Fortpflanzungsorganen zu vergleichen. Darwin hat den Ver- 
gleich richtig gemacht. Er hat darauf hingewiesen, dafi die Wurzel 
der Pflanze dem Kopf des Menschen entspricht. Der Mensch ist die 
umgekehrte Pflanze. Der Wurzel, die die Pflanze in den Boden 
senkt, entspricht der Kopf des Menschen. Das aber, was die Pflanze 
keusch der Sonne entgegenhalt, die Bliite und die Befruchtungs- 
organe, das wendet der Mensch der Erde zu. Wendet man die 
Pflanze ganz um, so hat man den Menschen, wendet man sie halb 
um, so hat man das Tier, das ein horizontales Riickgrat hat. 

Wenn wir uns diese Dinge imaginativ vorstellen, so wird nicht 
nur unser Gedanke, sondern auch unsere Empfindung und unser 
Gefuhl tief hineingefuhrt in die uns umgebende Welt. Wir lernen 
erkennen das innere Verhaltnis zwischen Pflanze und Mensch. Wir 
erkennen die reine, keusche Pflanzennatur, die noch nicht durch- 



zogen ist von Begierden und Leidenschaften, und die Natur des 
Menschen, bei dem sich die keusche Pflanzensubstanz verwandelt 
hat in das von Begierden und Leidenschaften durchzogene Fleisch. 
Aber hierdurch kommt zugleich ein Hoheres in sein Wesen, da- 
durch hat er sich errungen das helle Tagesbewufksein. Die Pflanze 
schlaft, aber der Mensch hat sich sein helles Tagesbewufitsein er- 
rungen dadurch, dafi er verkorpert ist im Fleische, das von Begier- 
den, Leidenschaften, Instinkten durchdrungen ist. Dazu mufite er 
die voile Drehung vollziehen. Das Tier steht mitten darinnen. Es 
hat wohl Begierden und Leidenschaften, aber noch nicht das klare 
Tagesbewufitsein errungen. 

Der Lehrer sagte zu dem Schiiler: Wenn du dieses fuhlst, so 
verstehst du den Ausspruch des Plato: Die Weltenseele ist am 
Weltenleibe gekreuzigt. - Pflanze, Tier, Mensch, das ist die wirkli- 
che tiefinnerste Bedeutung des Kreuzeszeichens. Was als allgemeine 
Seelenhaftigkeit, als Weltseele durch die Reiche der Natur geht, das 
erscheint als Symbol im Kreuze. Das wurde in den Geheimschulen 
gelehrt als die tiefste Bedeutung des Kreuzes. 

Dann sagte der Lehrer zum Schiiler: Schau wie die Pflanze ihren 
Bliitenkelch keusch der Sonne entgegenhalt, wie der Sonnenstrahl 
die Bliite der Pflanze kiifit. Dies nannte man den keuschen Kufi des 
Sonnenstrahles, der heiligen Liebeslanze. Im keuschen Kufi des 
Sonnenstrahles, der heiligen Liebeslanze, der sich der Kelch der 
Pflanze offnet, wird hingewiesen auf das Zukunftsideal, wo der 
Mensch seine Organe wieder hinaufentwickeln wird zur Keusch- 
heit der Pflanze. Jetzt ist der Mensch hinaufentwickelt bis zu der 
Stufe, wo er von Begierden durchzogen ist. Weiter wird sich der 
Mensch entwickeln bis zu jener Stufe, wo er seine Begierden um- 
gewandelt hat, wo er wieder gekiifit werden wird von dem geistigen 
Sonnenstrahl, wo er wiederum seinesgleichen auf hoherer Stufe 
hervorbringen wird, wo die Reproduktionskraft vergeistigt sein 
wird. Das nannte man in den Geheimschulen den Heiligen Gral. 
Das ist das reale Ideal des Heiligen Gral: ein Organ, das der 
Mensch haben wird, wenn seine Reproduktionskraft vergeistigt 
sein wird. Wir sehen in der Vergangenheit die keusche Pflanzen- 



natur, in der Gegenwart den von Begierde durchzogenen Men- 
schen, und in der Zukunft den Menschen mit dem gereinigten Lei- 
be, wie er im Heiligen Gralskelch, als hohere Entwickelungsstufe 
des Pflanzenkelchs, den geistigen Sonnenstrahl empfangt. 

Das ist nicht abstraktes Denken, sondern ein Zustand, wo wir 
jede Stufe der Entwickelung fiihlen, nicht blofi denken. Wenn wir 
in dieser Art fiihlen, was sich entwickelt, dann erheben wir uns 
allmahlich so, dafi wir durch die Bilder zur imaginativen Erkennt- 
nis kommen. Das Bild des Heiligen Grals steht vor uns, wenn wir 
diese Bilder loslosen von der sinnlichen Erscheinung und empfan- 
gen das Bild von jener hoheren Welt. 

Wenn wir derartige Bilder, die uns bestimmte Vorgange der 
geistigen Welt darstellen und in den Geheimschulen festgestellt 
wurden, auf uns wirken lassen, so sagen wir, wir lassen die okkulte 
Schrift auf uns wirken. Das ist das dritte der rosenkreuzerischen 
Schulung. 

Solche Bilder haben wir in den Siegeln und Saulen, wie sie in 
Miinchen beim Kongrefi vom Anfang und Ende der Menschheits- 
entwickelung dargestellt wurden und in der Apokalypse. Der 
Mensch war friiher auf einer Erde, welche glutfliissig war. Er ist 
erst allmahlich durch viele Verkorperungen hindurch zu seinem 
heutigen Korper gekommen, und er wird sich noch durch viele 
Inkarnationen hindurch weiter entwickeln. Vor allem wird eine 
Umgestaltung des Kehlkopfes und des Herzens vor sich gehen. Das 
werden in Zukunft die Reproduktionsorgane sein. Heute verkor- 
pern sich die Gedanken, Gefiihle und Empfindungen nur in Wor- 
ten, die die Regungen meiner Seele in diesem Raum durch Schwin- 
gungen zu Ihrem Ohr gelangen lassen und in Ihren Seelen ahnliche 
Gedanken und Empfindungen wecken. Spater wird der Mensch 
Warme und zuletzt Licht schaffen, so wie er jetzt seine Gedanken 
in Worten der Luft mitteilt. So wie der Mensch in der Vergangen- 
heit heruntergestiegen ist aus einer Licht- und Warmesphare, so 
wird er in Zukunft selbst Warme und Licht schaffen. 

Auf dem ersten apokalyptischen Siegel ist dies dargestellt. Der 
Anfangszustand der Menschheit, als die Erde noch in einem Zu- 



stande der Glutfliissigkeit war, ist dargestellt dadurch, dafi die Fiifie 
des Menschen auf dem Bild in einem feurigen Metallflufi sind, der 
Zukunftszustand ist dargestellt durch das feurige Schwert, welches 
aus dem Munde des Menschen hervorgeht. Ein solches Bild wirkt 
nicht blofi auf die Imagination, sondern auch auf den Willen des 
Menschen, wenn wir in dieser Weise den grofien Kraften der Natur 
zuschauen. Denn dieselbe Kraft, die als Urkraft im Willen des 
Menschen lebt, lebt auch in der ganzen aufieren Welt. Lernen wir 
unseren Willen schulen, dann lebt in uns Weltenwille, dann wird 
unser Wille eins werden mit dem Willen, der die Natur durch- 
stromt. Das lernt der Mensch durch die selbstlose Hingabe an die 
okkulten Schriftzeichen. 

Das vierte der rosenkreuzerischen Schulung ist die Bereitung des 
Steines der Weisen. Dies ist ein hohes geheimgehaltenes Myste- 
rium. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde etwas davon verraten. 
Es fand sich zum Beispiel eine Bemerkung in einer Mitteldeutschen 
Zeitung von einem Menschen, der etwas davon lauten gehort hatte. 
Es hiefi dort: Der Stein der Weisen existiert wirklich, und es gibt 
nur wenige Menschen, die ihn nicht kennen. Viele haben ihn schon 
in der Hand gehabt, nur wissen sie nicht, dafi es der Stein der 
Weisen ist. - Die Definition war in den Wortlauten richtig, nur 
mufi man sie verstehen. Es handelt sich nicht um eine blofie Alle- 
goric Der Rosenkreuzer arbeitet an der Wirklichkeit, so dafi er bis 
in die Physiologie hineingeht. Er arbeitet an der wirklichen Umge- 
staltung der Erde und des Menschen, bis tief in den physischen 
Leib hinein, nicht nur an dem, was man im gewohnlichen Sinn als 
moralische Erhebung, Veredlung der Sitte und so weiter kennt. 

Gehen wir von der menschlichen Atmung aus. Die Regulierung 
des Atmungsprozesses bildet einen wichtigen Teil der okkulten 
Entwickelung. Die Menschen atmen ein, brauchen den Sauerstoff, 
der sich im Menschen mit dem Kohlenstoff vermischt, und dann 
atmet der Mensch Kohlensaure aus. Wenn das allein immer so fort- 
gesetzt wurde, dann wiirde die Atmosphare der Erde nach und 
nach mit Kohlensaure angefiillt werden und das wiirde den Unter- 
gang der Menschheit herbeifuhren. Das Menschendasein setzt vor- 



aus das Dasein der Pflanzen. Die Pflanze nimmt die Kohlensaure 
auf, behalt den Kohlenstoff zuriick und gibt den Sauerstoff wieder 
ab. So findet ein fortwahrender Kreislauf statt zwischen Menschen 
und Pflanzen. So gehoren Menschen, Tiere und Pflanzen zusam- 
men, eines ist ohne das andere nicht moglich. 

Nun ist in dem menschlichen Korper die Entwickelung so: Das, 
was heute die Pflanze fur ihn tun mufi, namlich die Kohle her- 
stellen - in der Steinkohle sind noch die Pflanzenleichen zu erken- 
nen -, das wird spater, wie uns der Okkultismus zeigen kann, 
durch die weitere Entwickelung vom Menschen durch seine spater 
umgewandelten Herz- und Atmungsorgane selbst geleistet werden. 
Ein Weg dazu, wie der Mensch diesen Pflanzenprozefi aufnimmt 
und mit Bewufitsein selbst vollzieht, ist die Rhythmisierung des 
Atmungsprozesses, so dafi er nicht die Kohlensaure an die Pflanze 
abgibt, sondern in seinem Korper selbst den Kohlenstoff aufbaut. 
In sich selbst lernt der Mensch seinen Leib aufbauen. 

Wenn wir dies vergleichen mit dem, was uns iiber den Heiligen 
Gral gesagt ist, so haben wir ihn jetzt konkret vor uns. Durch die 
Rhythmisierung des Atmungsprozesses lernt der Mensch, den 
Kohlenstoff, der in der Natur als Graphit und Diamant vorkommt, 
als die keusche Pflanzennatur in sich selbst zu erzeugen. Den Koh- 
lenstoff, die reine, keusche Substanz in sich selbst zu erzeugen, das 
nennt man die Bereitung des Steines der Weisen. Man hat sich ihn 
vorzustellen ahnlich wie einen durchsichtigen Diamanten, aber in 
weicherer Substanz. Der Mensch ist ein gewaltiger innerer Apparat, 
er lernt durch die okkulte Schulung, dafi er an der Entwickelung 
seines eigenen Geschlechts zu einer hoheren Form arbeitet. Es be- 
merkte, als er davon horte, ein materialistisch Gesinnter, hochst 
charakteristisch, das ware eine schone Sache, daraus liefie sich viel- 
leicht ein vorteilhafter Industriezweig machen. Keineswegs. Gerade 
diese Aufierung zeigt, wie notig es ist, solche Mitteilungen geheim 
zu halten, denn erst wenn die Menschen auf einer solchen mora- 
lischen und intellektuellen Stufe angelangt sein werden, dafi sie 
nicht mehr egoistisch denken konnen, dann konnen ihnen solche 
Geheimnisse mitgeteilt werden. 



Das fiinfte ist die Entsprechung von Mikrokosmos und Makro- 
kosmos. Fur alles, was draufien in der Welt geschieht, gibt es im 
Menschen einen Prozefi, der dies in ihm im kleinen wiederholt. Er 
mull sich nur besinnen auf das, was in ihm vorgeht, dann kann er 
intuitiv kommen auf die Vorgange im aufieren Kosmos. So lernt der 
Mensch zum Beispiel durch eine bestimmte Meditation und Kon- 
zentration auf das Innere des Auges die Sonne ihrem inneren We- 
sen nach erkennen, denn das Auge ist ein Extrakt aus dem Wesen 
der Sonne. Goethe sagt einmal: Das Auge ist am Licht fur das Licht 
gebildet. Das Licht hat das Auge geschaffen. Ohne Sonne kein 
Auge. - Alles, was als Wesen in der Sonne ist, findet sich in gewis- 
ser Weise im Auge wieder. Durch Konzentration auf das Wesen des 
Auges das Licht der Sonne erkennen, das ist rosenkreuzerische 
Schulung. Man kann so vom Innern des Menschen aus die ganze 
Welt kennenlernen. Durch Konzentration auf die Leber zum Bei- 
spiel lernt der Mensch ganz bestimmte schaffende Naturkrafte ken- 
nen, bis hinein zum Schaffen des Menschen. So lernt der Mensch 
die ganze Welt durch sich selbst erkennen, denn er ist eine kleine 
Welt. Da lernt er, wie sich real entsprechen der Mikrokosmos und 
der Makrokosmos. 

Eine bestimmte Konzentration auf das menschliche Herz gibt 
ihm Kenntnis der Lowennatur drauften. Das ist hier nicht nur eine 
Phrase. Der Mensch mul5 im einzelnen den Weg finden lernen in 
das grofie Universum, dann kommt von selbst das Sich-eins-Emp- 
finden und Sich-eins-Fiihlen mit dem ganzen Kosmos. Wenn der 
Mensch lernt, voll aus jedem Gliede seines Leibes - auch des Ather- 
und Astralleibes - heraus den Weg zu gehen zum grofien Univer- 
sum mit Geduld im Schreiten von Schritt zu Schritt, so erweitert er 
seinen Organismus zu einem Organismus, der den ganzen Raum 
umfafit. Er ist dann in alien Wesen darinnen. Er kann dann erleben 
jene Empfindung, welche man die Gottseligkeit nennt. 

Es kommt darauf an, dafi der Mensch loskommt von sich selber, 
damit er den Weg findet zu den schaffenden Gewalten. Je mehr er 
aus sich selbst herauskommt, desto mehr kommt er in die hoheren 
Welten hinauf. In dem Gedicht «Die Geheimnisse» hat Goethe 



beschrieben, wie ein Mensch wandert zu einem geheimnisvollen 
Tempel, um zusammenzukommen mit verschiedenen Menschen, 
durch die zusammenstromen die verschiedenen Denkrichtungen. 
Goethe setzt das Kreuz mit Rosen umwunden an die Eingangspfor- 
te des Tempels. «Wer hat dem Kreuz die Rosen zugesellt?» heifit es 
in dem Gedicht. Das sagt nur der, der weifi, dafi ausgedriickt wird 
in dem von Rosen umwundenen Kreuze eine Entwickelung zu 
einem hoheren Menschheitszustand. Er hat das auch ausgesprochen 
in den Worten: 

Und so lang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und Werde! 
Bist du nur ein triiber Gast 
Auf der dunklen Erde. 

Der Mensch muiR sich immer mehr dem Zustande nahern, wo er 
aus dem absterbenden Teil innerlich neu erstehen wird. Wie beim 
Baum aufierlich die Rinde abstirbt und er innerlich neue Keime 
entwickelt, so mufi auch der Mensch dadurch, dafi er sich aufterlich 
mit dem Tode umgibt, innerlich neu erstehen. Darum wurden in 
fruheren Zeiten die Eingeweihten mit der Eiche verglichen und 
Druiden genannt. Dieses « Stirb und Werde» bedeutet, dafi der 
Mensch im Innern immer frisches Leben ansetzt. Das Sterbende 
wird ihm zum Erhalter des neuen Lebens. Deshalb heifit es: 

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, 
Befreit der Mensch sich, der sich iiberwindet. 

Das heifit: das gewohnliche Leben iiberwinden, es zur Schale 
machen, damit im Innern die sprossenden Keime eines hoheren 
Lebens zur Entwickelung kommen konnen. 



«DIE GEHEIMNISSE» 
EIN WEIHNACHTS- UND OSTERGEDICHT VON GOETHE 

Koln, 25. Dezember 1907 

Wer diese Nacht im Kolner Dom war, konnte dort mit Lichtschrift 
die drei Buchstaben sehen: CMB. Sie bedeuten bekanntlich die 
Namen der sogenannten Heiligen Drei Konige, nach der Tradition 
der christlichen Kirche Caspar, Melchior, Balthasar genannt. Fiir 
Koln rufen diese Namen ja ganz besondere Erinnerungen wach. Es 
gibt eine alte Sage, dafi die Gebeine dieser Heiligen Drei Konige, 
nachdem diese Bischdfe geworden und gestorben waren, einige Zeit 
darnach hierher gebracht worden seien, nach Koln. In Verbindung 
damit stent eine andere Sage, welche erzahlt, daft ein danischer 
Konig einmal hierher gekommen sei, nach Koln, und drei Kronen 
fiir die Heiligen Drei Konige mitgebracht habe. Als er wieder nach 
Hause kam, hatte er einen Traum. Es erschienen ihm im Traum die 
drei Konige und reichten ihm drei Becher: der erste Becher enthielt 
Gold, der zweite Becher Weihrauch und der dritte Becher Myr- 
rhen. Als der danische Konig erwachte, waren die drei Konige ver- 
schwunden, die Becher aber waren geblieben; sie standen vor ihm: 
die drei Gaben, die er zuriickbehalten hatte aus seinem Traum. 

In dieser Sage liegt etwas aufierordentlich Tiefes. Es wird uns 
angedeutet, dafi der Konig sich im Traum erhob zu einem gewissen 
Einblick in die geistige Welt, wobei ihm kund wurde, was die sym- 
bolische Bedeutung sei dieser drei Konige, dieser drei Magier aus 
dem Morgenlande, die da opferten Gold, Weihrauch und Myrrhen 
bei der Geburt des Christus Jesus. Und von dieser Erkenntnis blieb 
ihm zuriick ein bleibendes Gut: diejenigen drei menschlichen Tu- 
genden, welche symbolisch angedeutet sind in dem Gold, dem 
Weihrauch und den Myrrhen: Selbsterkenntnis im Golde; Selbst- 
frommigkeit, das heifit die Frommigkeit des innersten Selbstes, 
auch Selbsthingabe zu nennen, in dem Weihrauch; und Selbstver- 
vollkommnung und Selbstentwickelung, oder auch die Bewahrung 
des Ewigen im Selbst, in den Myrrhen. 



Wodurch ist dem Konige die Moglichkeit geworden, diese drei 
Tugenden als Gaben aus einer anderen Welt zu empfangen? Ihm ist 
diese Moglichkeit dadurch geworden, dafi er versuchte, mit seiner 
ganzen Seele einzudringen in ein soldi tiefes Symbolum, wie es 
beschlossen liegt in den drei Konigen, die ihre Gaben dem Christus 
Jesus opferten. 

Viele, viele Ziige in der Christus-Legende sind da, die uns tief 
hineinfiihren in die verschiedensten Bedeutungen dessen, was ge- 
meint ist mit dem Christus-Prinzip und dem, was es wirken soil in 
der Welt. Zu diesen tiefsten Ziigen der Christus-Legende gehort die 
Anbetung und Opferung der drei Magier, der drei Konige aus dem 
Morgenlande, und nicht ohne ein tieferes Verstandnis durfen wir 
herantreten an diese grundlegende Symbolik der christlichen Tradi- 
tion. Spater hat sich die Anschauung herausgebildet, dafi der erste 
Konig der Reprasentant war der asiatischen Volkerschaften, der 
zweite der Konige der Reprasentant der europaischen Volker und 
der dritte der Konige der Reprasentant der afrikanischen Volker- 
schaften. Man sah immer mehr da, wo man das Christentum als die 
Religion irdischer Harmonie verstehen wollte, in den drei Konigen 
und ihrer Huldigung ein Zusammenfliefien der verschiedenen 
Stromungen und religidsen Richtungen in der Welt zu dem einen 
Prinzip, zu dem Christus-Prinzip. 

Diejenigen, die damals, als diese Legende eine solche Ausgestal- 
tung bekam, eingedrungen waren in die Mysterienprinzipien des 
esoterischen Christentums, die sahen in dem Christus-Prinzip nicht 
blofi eine Kraft, die eingegriffen hatte in die Menschheitsentwicke- 
lung, sondern sie sahen in dem Wesen, das sich verkorperte in dem 
Jesus von Nazareth, eine kosmische, eine Weltenkraft, eine Kraft, 
die weit hinausging iiber das blofi in unserer Zeit herrschende 
Menschliche. Sie sahen in dem Christus-Prinzip eine Kraft, die al- 
lerdings fur den Menschen ein in ferner Zukunftsentwickelung lie- 
gendes Menschenideal darstellt, aber ein solches Ideal, dem sich der 
Mensch nur annahern kann, wenn er die ganze Welt immer mehr 
im Geiste begreift. Sie sahen im Menschen zunachst ein kleines 
Wesen, eine kleine Welt, einen Mikrokosmos, der ihnen ein Abbild 



war des Makrokosmos, der grofien, umfassenden Welt, die alles 
enthalt, was der Mensch zunachst mit den aufieren Sinnen wahr- 
nehmen, mit Augen sehen, mit Ohren horen kann, die aber auch 
alles das enthalt, was der Geist wahrnehmen konnte, was der nie- 
derste und was auch der hellsichtigste Geist wahrnehmen konnte. 
Denn so erschien die Welt dem esoterischen Christen in der ersten 
Zeit. Alles, was er sah an Vorgangen am Himmelsgewolbe, was er 
sah an Vorgangen auf unserer Erde, was er sah als Donner und 
Blitz, als Sturm und Regen und Sonnenschein, als den Gang der 
Gestirne, als den Aufgang und Untergang der Sonne, als den Auf- 
gang und Untergang des Mondes, alles das war ihm Gebarde, war 
ihm etwas wie Mimik, war ihm aufierer Ausdruck innerer geistiger 
Vorgange. 

Der esoterische Christ sieht das Weltengebaude an, wie er einen 
menschlichen Korper ansieht. Wenn er den Menschenkorper an- 
sieht, zerfallt ihm dieser in verschiedene Glieder: Kopf, Arme, 
Hande und so weiter. Wenn er den Menschenkorper ansieht, sieht 
er an ihm Handbewegungen, Bewegungen der Augen, Bewegun- 
gen der Gesichtsmuskeln, aber die Glieder und die Bewegungen 
der einzelnen Glieder sind ihm der Ausdruck der inneren geistigen 
und seelischen Erlebnisse. Und so, wie er in den Gliedern des 
Menschen und deren Bewegungen hineinschaute in das Ewige, 
Seelische desselben, so schaute der esoterische Christ in den Bewe- 
gungen der Gestirne, in dem Licht, das aus den Gestirnen den 
Menschen zustromt, im Auf- und Untergang der Sonne und im 
Auf- und Untergang des Mondes, in all dem schaute er den aufie- 
ren Ausdruck gottlich-geistiger Wesenheiten, die den Raum 
durchfluten. Alle diese Naturereignisse waren ihm Taten der Got- 
ter, Gesten der Gotter, Mimik der gottlich-geistigen Wesenheiten. 
Aber auch alles dasjenige, was im Menschengeschlecht geschieht, 
wenn die Menschen soziale Gemeinschaften griinden, wenn die 
Menschen sich sittlichen Geboten unterwerfen, ihr Handeln unter- 
einander durch Gesetze regeln, wenn sie sich Werkzeuge schaffen 
aus den Kraften der Natur, zwar mit den Kraften der Natur, aber 
so, wie sie die Natur ihnen unmittelbar nicht in der Art gegeben 



hat, alles das, was der Mensch mehr oder weniger unbewulk tut, 
war fur den esoterischen Christen aufierer Ausdruck inneren gott- 
lich-geistigen Wakens. 

Aber nicht bei solchen allgemeinen Formen blieb der esoterische 
Christ stehen, sondern er wies hin auf ganz bestimmte einzelne 
Gesten, einzelne Teile der Weltenphysiognomie, der Weltenmimik, 
um in diesen einzelnen Teilen ganz bestimmte Ausdriicke fur das 
Geistige zu sehen. Er wies hin auf die Sonne und sagte: Die Sonne 
ist nicht blofi ein aufierer, physischer Korper. Dieser aufiere, phy- 
sische Sonnenkorper ist der Korper einer seelisch-geistigen Wesen- 
heit, die waltet iiber seelisch-geistige Wesenheiten, welche die Re- 
gierer, die Leiter aller Erdengeschicke sind; die da sind die Leiter 
aller aufieren, natiirlichen Geschehnisse auf der Erde, aber auch die 
Leiter alles dessen, was geschieht im menschlichen, sozialen Leben, 
im gesetzlichen Verhalten aller Menschen untereinander. - Wenn er 
hinaufsah zur Sonne, der esoterische Christ, so verehrte er in der 
Sonne die aufiere Offenbarung seines Christos. Zunachst war ihm 
der Christos die Seele der Sonne, und was der esoterische Christ 
sagte, war dieses: Vom Anfang an war die Sonne der Korper des 
Christos, aber die Menschen auf der Erde und die Erde selbst 
waren noch nicht reif, zu empfangen das geistige Licht, das 
Christus-Licht, das ausstromt von der Sonne. Daher mufiten die 
Menschen vorbereitet werden auf das Christus-Licht. 

Und nun sah der esoterische Christ hinauf zum Monde, und er 
sah, wie der Mond zuriickspiegelt das Licht der Sonne, aber schwa- 
cher als das Licht der Sonne selber ist, und da sagte er sich: Schaue 
ich mit meinen physischen Augen in die Sonne, so werde ich ge- 
blendet von ihrem strahlenden Licht; schaue ich in den Mond, dann 
werde ich nicht geblendet, er gibt mir das strahlende Sonnenlicht 
abgeschwacht zuriick. - In diesem abgeschwachten Sonnenlicht, in 
diesem Mondenlicht, das auf die Erde niederstrahlt, sah der esote- 
rische Christ den physiognomischen Ausdruck des alten Jehova- 
Prinzips, den Ausdruck fur die Religion des alten Gesetzes. Und er 
sagte: Bevor das Christus-Prinzip, die Sonne der Gerechtigkeit, auf 
der Erde erscheinen konnte, mufite das Jahve-Prinzip vorbereitend, 



abgeschwacht im Gesetz, dieses Licht der Gerechtigkeit auf die 
Erde herabsenden. 

So war dasjenige, was im alten Jehova-Prinzipe, im alten Gesetze 
liegt - das geistige Licht des Mondes -, fur den esoterischen Chri- 
sten das zuriickgeworfene Geisteslicht des hoheren Christus-Prin- 
zips. Und mit den Bekennern der altesten Mysterien sah der esote- 
rische Christ, auch noch bis tief in das Mittelalter hinein, in der 
Sonne den Ausdruck des die Erde regierenden geistigen Lichtes, 
des Christus- Lichtes, im Monde den Ausdruck des zuriickgeworfe- 
nen Christus -Lichtes, das in seiner unmittelbaren Art die Menschen 
blenden wiirde. Und in der Erde selber sah der esoterische Christ 
mit den Bekennern der altesten Mysterien dasjenige, was ihm zu- 
zeiten verdeckte, verhiillte das blendende Sonnenlicht des Geistes. 
Er sah in der Erde ebenso den physischen Ausdruck eines Geistes, 
wie er in alien iibrigen Korpern den Ausdruck fur ein Geistiges 
erblickte. Er stellte sich vor, wenn die Sonne wahrnehmbar auf die 
Erde scheint, wenn sie vom Friihling an und durch den Sommer 
hindurch ihre Strahlen hinunterschickt und heraustreibt aus der 
Erde alles sprieftende und sprossende Leben, wenn sie dann ihren 
Hohepunkt in den langen Sommertagen erreicht hat, dann stellte 
sich der esoterische Christ vor, dafi die Sonne das aufiere aufsprie- 
fiende Leben, das physische Leben versorgt. In den Pflanzen, die 
aus dem Boden aufsprieften, in den Tieren, die hier ihre Fruchtbar- 
keit in diesen Zeiten entfalten konnten, sah der esoterische Christ 
dasselbe Prinzip auf aufiere, physische Art, das er in den Wesen 
sah, fur welche die Sonne der aufiere Ausdruck ist. Dann aber, 
wenn die Tage kiirzer werden, wenn es dem Herbste, dem Winter 
zugeht, da sagte der esoterische Christ: Es zieht die Sonne ihre 
physische Kraft immer mehr und mehr von der Erde zuriick. In 
demselben Mafie aber, wie die physische Kraft der Sonne von der 
Erde zuriickgezogen wird, wachst die geistige Kraft, und sie fliefk 
dann am starksten der Erde zu, wenn jene Tage kommen, die die 
kiirzesten sind, mit den langen Nachten, in den Zeiten, die nachher 
fixiert worden sind durch das Weihnachtsfest. - Nicht sehen kann 
der Mensch diese geistige Kraft der Sonne. Er wiirde sie sehen, 



sagte der esoterische Christ, wenn in ihm die innere Kraft geistigen 
Schauens vorhanden ware. Und ein Bewulksein hatte der esoteri- 
sche Christ noch von dem, was als Grundiiberzeugung und Grund- 
erkenntnis bei den Mysterienschiilern in den altesten Zeiten bis 
hinauf in die neuere Zeit war. 

In jenen Nach ten, die heute durch das Weihnachtsfest fixiert 
sind, wurden die Mysterienschiiler vorbereitet zur Wahrnehmung 
innerer geistiger Schauung, so daf$ sie sehen konnten innerlich, 
geistig dasjenige, was sich seiner physischen Kraft nach in diesen 
Zeiten am meisten von der Erde zuriickzieht. In der langen Weih- 
nachtswinternacht war der Mysterienschiiler so weit gebracht, dafi 
ihm um Mitternacht die Schauung aufgehen konnte. Dann verhiillt 
die Erde nicht mehr die Sonne, die hinter der Erde stand. Sie wurde 
durchsichtig fur ihn. Er sah durch die transparente Erde hindurch 
das geistige Licht der Sonne, das Christus-Licht. Festgehalten 
wurde diese Tatsache, die ein tiefes Erlebnis der Mysterienschiiler 
wiedergibt, in dem Ausdruck: Die Sonne um Mitternacht sehen. 

Es gibt Gegenden, in denen die Kirchen, die sonst den ganzen 
Tag offen sind, um die Mittagsstunde geschlossen werden. Dies ist 
eine Tatsache, welche das Christentum in Zusammenhang bringt 
mit den Traditionen uralter Religionsbekenntnisse. Innerhalb ural- 
ter religioser Bekenntnisse sagten die Mysterienschiiler aus ihrer 
Erfahrung heraus: Mittags, wenn die Sonne am hochsten steht, 
wenn sie die starkste physische Kraft entfaltet, dann schlafen die 
Gotter, und den tiefsten Schlaf schlafen sie im Sommer, wenn die 
Sonne ihre starkste physische Kraft entfaltet. Sie wachen aber am 
starksten in der Weihnachtsnacht, wenn die aufiere physische Kraft 
der Sonne am schwachsten ist. 

Wir sehen: Alle Wesen, die ihre aufiere physische Kraft entfalten 
wollen, blicken zur Sonne auf, wenn die Sonne hinaufsteigt im 
Friihling; sie streben danach, die aufiere physische Sonnenkraft zu 
empfangen. Dann aber, wenn am Sommermittag die physische 
Kraft der Sonne am starksten von der Sonne nach der Erde flielk, 
dann ist ihre geistige Kraft am schwachsten. In der Wintermitter- 
nacht aber, wenn die Sonne die schwachste physische Kraft zur 



Erde hinabstrahlt, dann sieht der Mensch den Geist der Sonne 
durch die fur ihn transparent gewordene Erde hindurch. Der eso- 
terische Christ empfand, dafi er durch die Vertiefung in die christ- 
liche Esoterik immer mehr und mehr sich annaherte jener Kraft des 
inner en Schauens, durch die er sein Empfinden und Denken, seine 
Willensimpulse ganz erfiillen konnte im Hineinblicken in diese 
geistige Sonne. Und dann wurde der Mysterienschuler gebracht zu 
einer Vision, die eine hochst reale Bedeutung hatte: Solange die 
Erde undurchsichtig ist, erscheinen die einzelnen Teile der Erde 
bewohnt von Menschen, welche einzelne Glaubensbekenntnisse 
entfalten; aber das einigende Band ist nicht da. Zerstreut sind die 
Menschenrassen wie die Klimate, zerstreut sind die Meinungen der 
Menschen auf der Erde, aber ein verbindendes Glied ist nicht da. In 
dem Mafie aber, wie die Menschen beginnen, durch die innere Kraft 
des Schauens durch die Erde hindurch in die Sonne zu schauen, in 
dem Mafie als ihnen der Stern durch die Erde hindurch erscheint, 
einigen sich die Bekenntnisse der Menschen zur grofien, einheitli- 
chen Menschenbruderschaft. Und diejenigen, welche die getrennten 
grofien Menschenmassen geleitet haben in der Wahrheit der hohe- 
ren Plane zur Einweihung in die hoheren Welten, sie wurden vor- 
gestellt als die Magier. Drei waren sie, dieweil an den verschieden- 
sten Orten der Erde die verschiedensten Krafte zum Ausdruck 
kommen. In verschiedener Weise mufite daher die Menschheit ge- 
leitet werden. Als einigende Kraft aber erscheint der Stern, der hin- 
ter der Erde aufgeht. Er leitet die zerstreuten Menschen zusammen, 
und da opfern sie der physischen Verkorperung des Sonnensterns, 
der da erschienen war als Stern des Friedens. So hat man kosmisch- 
menschlich die Religion des Friedens, der Harmonie, des Welten- 
friedens, der Menschenbruderschaft in Zusammenhang gebracht 
mit den alten Magiern, welche die besten Gaben, die sie fur die 
Menschheit hatten, niederlegten an der Wiege des verkorperten 
Menschensohnes. 

Die Sage hat das schon festgehalten, indem sie sagte: jener dani- 
sche Konig habe sich erhoben zu der Erkenntnis der Magier, der 
drei Konige, und da er sich erhoben hat, haben sie ihm ihre drei 



Gaben zuriickgelassen: erstens die Gabe der Weisheit in der 
Selbsterkenntnis, zweitens die Gabe der hingebungsvollen From- 
migkeit in der Selbsthingabe, und drittens die Gabe des Sieges des 
Lebens iiber den Tod in der Kraft und Pflege des Ewigen in dem 
Selbst. 

Alle diejenigen, die so das Christentum verstanden haben, haben 
in ihm gesehen die tiefe geisteswissenschaftliche Idee der Verein- 
heitlichung der Religionen. Denn sie waren der Anschauung, ja, sie 
war en der festen Uberzeugung, dafi derjenige, der so erfalk das 
Christentum, hinwandeln kann zu dem hochsten Entwickelungs- 
grade der Menschheit. 

Einer der letzten Deutschen, die in dieser Weise esoterisch das 
Christentum erfafit haben, ist Goethe, und Goethe hat uns diese 
Art des Christentums, diese Art des Religionsausgleichs, diese Art 
der Theosophie niedergelegt in dem tiefen Gedicht «Die Geheim- 
nisse», das wohl Fragment geblieben ist, aber das uns in tief bedeut- 
samer Weise die innere Seelenentwickelung eines Menschen zeigt, 
der durchdrungen und iiberzeugt ist von den eben angedeuteten 
Gefuhlen und Ideen. 

Wir horen zuerst, wie Goethe uns hinweisen will auf den Pilger- 
pfad eines solchen Menschen, und wie er uns andeutet, daft dieser 
Pilgerpfad auf manche Irrwege fiihren kann, daft es nicht leicht ist 
fur den Menschen, ihn zu finden, und dafi man Geduld und Hin- 
gabe haben mufi, um das Ziel zu erreichen. Wenn der Mensch diese 
besitzt, dann wird er finden das Licht, das er sucht. Horen wir den 
Anfang des Gedichtes: 

Ein wunderbares Lied ist euch bereitet; 
Vernehmt es gern, und jeden ruft herbei! 
Durch Berg' und Taler ist der Weg geleitet; 
Hier ist der Blick beschrankt, dort wieder frei, 
Und wenn der Pfad sacht in die Busche gleitet, 
So denket nicht, daft es ein Irrtum sei; 
Wir wollen doch, wenn wir genug geklommen, 
Zur rechten Zeit dem Ziele naher kommen. 



Doch denke niemand, da£ mit vielem Sinnen 
Das ganze Lied er je entratseln werde: 
Gar viele mussen vieles hier gewinnen, 
Gar manche Bluten tragt die Mutter Erde; 
Der eine geht mit diisterm Blick von hinnen, 
Der andre weilt mit frohlicher Gebarde: 
Ein jeder soli nach seiner Lust geniefien, 
Fiir manchen Wandrer soil die Quelle fliefien. 

In diese Situation hinein werden wir versetzt. Ein Pilger wird uns 
gezeigt, der uns, wenn wir ihn fragen wiirden, dem Verstande nach 
nicht sagen konnte dasjenige, was wir eben als esoterische christliche 
Idee ausgefuhrt haben, ein Pilger aber, in dessen Herz und Seele diese 
Ideen leben, umgewandelt in Gefuhle. Nicht leicht ist es, alles zu 
finden, was in dieses Gedicht, das «Die Geheimnisse» heifit, hinein- 
geheimnifk ist. Goethe hat es klarlich angedeutet: ein Prozefi, der in 
demjenigen Menschen stattfindet, in dem sich die hdchsten Ideen, 
Gedanken und Vorstellungen umwandeln in Gefuhle und Empfin- 
dungen. Wodurch findet diese Umwandlung statt? 

Wir leben durch viele Verkorperungen hindurch, von einer In- 
karnation zur anderen Inkarnation. In einer jeden lernen wir mehr 
und gar mancherlei; eine jede gibt viele Gelegenheiten, neue Erfah- 
rungen zu sammeln. Es ist nicht moglich, daft wir alles mit alien 
Einzelheiten von einer Inkarnation in die andere tragen. Wenn der 
Mensch wiedergeboren wird, braucht nicht alles aufzuleben, was er 
fruher gelernt hat, in alien seinen Einzelheiten. Aber wenn der 
Mensch in einer Inkarnation viel gelernt hat, wenn er dann stirbt 
und wiedergeboren wird, brauchen zwar nicht alle seine Ideen 
wieder aufzuleben, aber er lebt mit den Friichten seines friiheren 
Lebens wieder auf, mit den Friichten seines Lernens. Sein Empfin- 
den, sein Fiihlen entsprechen den Erkenntnissen seiner friiheren 
Verkorperungen, 

Wir haben hier in Goethes Gedicht ein Wundervolles ausge- 
driickt, indem uns ein Mensch entgegentritt, der in den einfachsten 
Worten - wie aus Kindermund, nicht in ausgesprochenen Verstan- 



des- und Ideenformen - die hochste Weisheit kundtut als Frucht 
friiherer Erkenntnisse. Er hat diese Erkenntnisse umgewandelt in 
Gefiihl und Empfindung und ist dadurch beruf en, andere zu leiten, 
die vielleicht mehr an Vorstellungen gelernt haben. Einen solchen 
Pilger mit reifer Seele, die viel umgewandelt hat in unmittelbares 
Gefiihl und Empfindung, was sie in friiheren Inkarnationen an 
Erkenntnissen gesammelt hat, einen solchen Pilger haben wir in 
dem Bruder Markus vor uns. Er wird als Angehdriger einer gehei- 
men Bruderschaft mit einer wichtigen Mission zu einer anderen 
geheimen Bruderschaft geschickt. 

Er wandert durch mancherlei Gegenden, und da er miide ist, 
kommt er an einen Berg. Er wandert zuletzt den Pfad hinauf zum 
Gipfel. Ein jeder Zug in dies em Gedicht ist von tiefer Bedeutung. 
Als er den Berg erstiegen hat, sieht er in einem nahen Tale ein 
Kloster. Dieses Kloster ist die Wohnstatte einer anderen Bruder- 
schaft, zu der er hingeschickt ist. Uber dem Tor des Klosters sieht 
er etwas Besonderes. Er sieht da das Kreuz, aber in besonderer Art: 
das Kreuz von Rosen umwunden! Und er spricht da ein bedeu- 
tungsvolles Wort, das nur derjenige verstehen kann, der da weifi, 
wie oft und oft jenes Kennwort in den geheimen Bruderschaften 
gesprochen worden ist: «Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?» 
Und aus der Mitte des Kreuzes sieht er drei Strahlen wie von der 
Sonne ausgehen. Er braucht sich nicht in Begriffen die Bedeutung 
dieses tiefen Symbolums vor die Seele zu rufen. Es lebt in seiner 
Seele, seiner reifen Seele, Empfindung und Gefiihl dafiir. Seine reife 
Seele kennt alles, was darin liegt. 

Was bedeutet das Kreuz? Er weifi, dafi das Kreuz mancherlei 
ausdriickt; unter vielem anderem auch die dreifache niedere Natur 
des Menschen: den physischen Leib, den Atherleib und den Astral- 
leib. In ihm wird das Ich geboren. In dem Rosenkreuz haben wir 
den vierfachen Menschen: im Kreuz den physischen Menschen, den 
Athermenschen und den astralischen Menschen, und in den Rosen 
das Ich. Warum Rosen fur das Ich? Das esoterische Christentum 
fiigte die Rosen dem Kreuze zu, weil es in dem Christus-Prinzip 
die Aufforderung erblickte, das Ich, soweit es geboren wird in den 



drei Leibern, zu erhohen zu einem immer hoheren und hoheren 
Ich. In dem Christus-Prinzip sah es die Kraft, dieses Ich immer 
mehr und mehr hinaufzutragen. 

Das Kreuz ist das Zeichen des Todes in einem ganz besonderen 
Sinne. Auch das driickt Goethe an einer anderen Stelle schdn aus, 
wenn er sagt: 

Und so lang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und Werde! 
Bist du nur ein triiber Gast 
Auf der dunklen Erde. 

Stirb und werde, iiberwinde dasjenige, was dir zunachst gegeben 
ist in den niederen drei Leibern. Tote es ab, aber tote es nicht ab, 
um den Tod zu begehren, sondern lautere das, was in diesen drei 
Leibern ist, damit du in dem Ich erringst die Kraft, immer mehr 
Vervollkommnung aufzunehmen. Dadurch, dafi du abtotest, was 
dir in den drei niederen Leibern gegeben ist, zieht ein in das Ich die 
Kraft der Vervollkommnung. In dem Ich soil der Christ in dem 
Christus-Prinzip die Kraft der Vervollkommnung bis zum Blut in 
sich aufnehmen. Bis in das Blut soil wirken diese Kraft. 

Das Blut ist der Ausdruck fur das Ich. In den roten Rosen sah 
der esoterische Christ dasjenige, was in dem vom Christus-Prinzip 
gereinigten und gelauterten Blut und damit gelauterten Ich, den 
Menschen hinaufleitet zu seiner hoheren Wesenheit, dasjenige, was 
den Astralleib umwandelt in das Geistselbst, den Atherleib in Le- 
bensgeist, den physischen Leib in den Geistesmenschen. So tritt uns 
in dem mit dem dreifachen Strahl verbundenen Rosenkreuz das 
Christus-Prinzip in tiefer Symbolik entgegen. Der Pilger, Bruder 
Markus, der hier ankommt, weifi: Er ist an einem Orte, wo man 
den tiefsten Sinn des Christentums versteht. 

Ermudet von des Tages langer Reise, 

Die auf erhabnen Antrieb er getan, 

An einem Stab nach frommer Wandrer Weise 

Kam Bruder Markus, aufier Steg und Bahn, 

Verlangend nach geringem Trank und Speise, 



In einem Tal am schdnen Abend an, 

Voll Hoffnung in den waldbewachsnen Griinden 

Ein gastfrei Dach fur diese Nacht zu finden. 

Am steilen Berge, der nun vor ihm stehet, 
Glaubt er die Spuren eines Wegs zu sehn, 
Er folgt dem Pfade, der in Kriimmen gehet, 
Und mufi sich steigend um die Felsen drehn; 
Bald sieht er sich hoch iiber's Tal erhohet, 
Die Sonne scheint ihm wieder freundlich schon, 
Und bald sieht er mit innigem Vergniigen 
Den Gipfel nah vor seinen Augen liegen. 

Und nebenhin die Sonne, die im Neigen 

Noch prachtvoll zwischen dunkeln Wolken thront; 

Er sammelt Kraft, die Hohe zu ersteigen, 

Dort hofft er seine Muhe bald belohnt. 

Nun, spricht er zu sich selbst, nun mufi sich zeigen, 

Ob etwas Menschlichs in der Nahe wohnt! 

Er steigt und horcht und ist wie neu geboren: 

Ein Glockenklang erschallt in seinen Ohren. 

Und wie er nun den Gipfel ganz erstiegen, 
Sieht er ein nahes, sanft geschwungnes Tal. 
Sein stilles Auge leuchtet von Vergniigen; 
Denn vor dem Walde sieht er auf einmal 
In griiner Au ein schon Gebaude liegen. 
So eben trifft's der letzte Sonnenstrahl: 
Er eilt durch Wiesen, die der Tau befeuchtet, 
Dem Kloster zu, das ihm entgegen leuchtet. 

Schon sieht er dicht sich vor dem stillen Orte, 
Der seinen Geist mit Ruh und Hoffnung fullt, 
Und auf dem Bogen der geschlossnen Pforte 
Erblickt er ein geheimnisvolles Bild. 
Er steht und sinnt und lispelt leise Worte 



Der Andacht, die in seinem Herzen quillt, 
Er stent und sinnt: Was hat das zu bedeuten? 
Die Sonne sinkt und es verklingt das Lauten. 

Das Zeichen sieht er prachtig aufgerichtet, 
Das aller Welt zu Trost und Hoffnung steht, 
Zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet, 
Zu dem viel tausend Herzen warm gefleht, 
Das die Gewalt des bittern Tods vernichtet, 
Das in so mancher Siegesfahne weht: 
Ein Labequell durchdringt die matten Glieder, 
Er sieht das Kreuz, und schlagt die Augen nieder. 

Er fiihlet neu, was dort fur Heil entsprungen, 

Den Glauben fuhlt er einer halben Welt; 

Doch von ganz neuem Sinn wird er durchdrungen, 

Wie sich das Bild ihm hier vor Augen stellt: 

Es steht das Kreuz mit Rosen dicht umschlungen. 

Wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt? 

Es schwillt der Kranz, um recht von alien Seiten 

Das schroffe Holz mit Weichheit zu begleiten. 

Und leichte Silber-Himmelswolken schweben, 
Mit Kreuz und Rosen sich empor zu schwingen. 
Und aus der Mitte quillt ein heilig Leben 
Dreifacher Strahlen, die aus einem Punkte dringen; 
Von keinen Worten ist das Bild umgeben, 
Die dem Geheimnis Sinn und Klarhek bringen. 
Im Dammerschein, der immer tiefer grauet, 
Steht er und sinnt und fiihlet sich erbauet. 



Dasjenige, was als der Geist des tiefsten Christentums zu finden 
ist innerhalb dieses Gebaudes, driickt sich aus durch dieses von 
Rosen umwundene Kreuz, und da nun der Pilger eintritt, wird 
er wirklich empfangen von diesem Geist. Da er eintritt, wird er 



gewahr, dafi in diesem Hause waltet nicht diese, nicht jene Religion 
der Welt, sondern dafi in diesem Hause waltet die hohere Einheit 
der Religionen der Welt. Innerhalb dieses Hauses bekundet er 
einem alten Mitglied jener Binders chaft, die hier ist, in wessen 
Auftrag und warum er da sei. Er wird empfangen, und er hdrt, dafi 
in diesem Hause ganz zuriickgezogen lebt eine Bruderschaft von 
zwolf Briidern. Diese zwolf Briider sind die Reprasentanten ver- 
schiedener Menschengruppen auf der Erde; jeder einzelne der Bru- 
der ist der Reprasentant eines Religionsbekenntnisses. Nicht wird 
man finden, daiK hier einer aufgenommen wird, wenn er noch jung 
an Jahren ist, wenn er noch unreif ist, sondern man wird aufgenom- 
men, wenn man sich umgesehen hat in der Welt, wenn man sich 
durchgerungen hat durch der Welten Lust und der Welten Leid, 
wenn man gearbeitet und gewirkt hat in der Welt und sich empor- 
gerungen hat zu einem freien Ausblick iiber sein eng begrenztes 
Gebiet. Dann erst wird man eingereiht und aufgenommen in den 
Kreis der Zwolf. Und diese Zwolf, von denen ein jeder darstellt, 
reprasentiert ein Religionsbekenntnis der Welt, sie leben hier in 
Frieden und Harmonie miteinander; denn sie werden gefuhrt von 
einem Dreizehnten, der sie alle iiberragt in der Vollkommenheit des 
menschlichen Selbstes, der sie alle iiberragt an weitem Umblick 
iiber menschliche Verhaltnisse. 

Und wie wird von Goethe angedeutet, dafi dieser Dreizehnte der 
Reprasentant wahrer Esoterik, der Trager des Bekenntnisses vom 
rosigen Kreuze ist? Es wird uns angedeutet von Goethe dadurch, 
dafi gesagt wird: Er war unter uns. Jetzt sind wir in die grolke 
Trauer versetzt, weil er uns verlassen will; er will scheiden von uns. 
Aber er findet es recht, jetzt von uns zu scheiden. Er will aufsteigen 
in hohere Regionen, wo er nicht mehr braucht in einem irdischen 
Leib sich zu offenbaren. 

Er darf hinaufsteigen. Denn er ist aufgestiegen zu einem Punkt, 
den Goethe so darlegt, dafi er sagt: Es gibt fur jedes Bekenntnis die 
Moglichkeit, sich der hochsten Einheit anzunahern. - Wenn jede 
der zwolf Religionen reif ist, die Harmonie zu begriinden, dann 
kann der Dreizehnte, der vorher die Harmonie aufierlich hergestellt 



hat, entschweben. Und schon wird uns gesagt, wodurch man diese 
Vervollkommnung des Selbstes erringt. Es wird uns erst die Le- 
bensgeschichte des Dreizehnten erzahlt; aber der Bruder, der den 
Pilger Markus aufgenommen hat, weifi noch manches andere, was 
der grofie Fxihrer der Zwolf nicht sagen konnte. Einige Ziige von 
tief esoterischer Bedeutung werden nun von diesem Bruder dem 
Pilger Markus erzahlt. Da wird erzahlt: als der Dreizehnte geboren 
wurde, habe ein Stern sein Erdendasein verkundet. Eine unmittel- 
bare Ankniipfung ist das an den Stern, der die Heiligen Drei K6- 
nige gefuhrt hat und an dessen Bedeutung. Dieser Stern hat eine 
bleibende Bedeutung; er gibt den Weg an zur Selbsterkenntnis, 
Selbsthingabe und Selbstvervollkommnung. Es ist der Stern, der 
das Verstandnis eroffnet fur die Gaben, die der danische Konig 
durch die im Traum ihm gewordene Erscheinung empfing, der 
Stern, der da erscheint bei der Geburt eines jeden, der reif ist, das 
Christus-Prinzip in sich aufzunehmen. 

Und anderes zeigte sich noch. Es zeigte sich, dafi er sich bis zu 
jener Hohe der religiosen Harmonie entwickelt hatte, die den Frie- 
den und die Harmonie der Seele bringt. Tief bedeutsam symboli- 
siert ist das darin, dafi, als der Dreizehnte erscheint in der Welt, ein 
Geier herabstiirzt; aber anstatt verheerend zu wirken, verbreitet er 
Frieden um sich unter den Tauben. Noch anderes wird uns gesagt. 
Als die kleine Schwester in der Wiege liegt, windet sich eine Otter 
um sie. Der Dreizehnte, noch ein Kind, totet die Otter. Wunderbar 
angedeutet ist darin, wie eine reife Seele - denn nur eine reife Seele 
kann nach vielen Inkarnationen so etwas erreichen - schon in frii- 
her Jugend die Otter totet, das heifit, die niedere astralische Wesen- 
heit iiberwindet. Die Otter ist das Symbol fur die niedere astrale 
Wesenheit. Die Schwester ist der eigene Atherleib, um den sich der 
Astralleib windet. Der Schwester totet er die Otter. 

Dann wird uns erzahlt, wie er sich gehorsam in das fiigte, was 
zunachst das Elternhaus von ihm verlangt. Dem rauhen Vater ge- 
horchte er. Die Seele wandelt um ihre Erkenntnisse, Ideen und 
Gedanken. Dann entwickeln sich in der Seele Heilkrafte, wodurch 
heilend in der Welt gewirkt werden kann. Wunderkrafte entwik- 



keln sich; sie finden ihren Ausdruck darin, dafi er mit seinem 
Schwert einen Quell aus dem Felsen hervorlockt. Absichtlich findet 
man hier gezeigt, wie seine Seele den Spuren der Schrift folgt. 

So reift allmahlich heran der Obere, der Reprasentant der 
Menschheit, der Auserlesene, welcher hier in der Gemeinschaft der 
Zwolf - des grofien geheimen Ordens, der unter dem Rosenkreu- 
zer-Symbol fur die Menschheit die Mission ubernommen hat, die in 
der Welt ausgebreiteten Bekenntnisse zu harmonisieren - als der 
Dreizehnte wirkt. So werden wir zuerst in tiefsinniger Weise be- 
kannt gemacht mit der Seelenverfassung dessen, der bisher geleitet 
hat die Bruderschaft unserer Zwolf. 

Er klopft zuletzt, als schon die hohen Sterne 

Ihr helles Auge zu ihm nieder wenden. 

Das Tor geht auf und man empfangt ihn gerne 

Mit offnen Armen, mit bereiten Handen. 

Er sagt, woher er sei, von welcher Feme 

Ihn die Befehle hoh'rer Wesen senden. 

Man horcht und staunt. Wie man den Unbekannten 

Als Gast geehrt, ehrt man nun den Gesandten. 

Ein jeder drangt sich zu, um auch zu horen. 
Und ist bewegt von heimlicher Gewalt, 
Kein Odem wagt den seltnen Gast zu storen, 
Da jedes Wort im Herzen widerhallt. 
Was er erzahlet, wirkt wie tiefe Lehren 
Der Weisheit, die von Kinderlippen schallt: 
An Offenheit, an Unschuld der Gebarde 
Scheint er ein Mensch von einer andern Erde. 

Willkommen, ruft zuletzt ein Greis, willkommen, 
Wenn deine Sendung Trost und Hoffnung tragt! 
Du siehst uns an; wir alle stehn beklommen, 
Obgleich dein Anblick unsre Seele regt: 
Das schonste Gluck, ach! wird uns weggenommen, 



Von Sorgen sind wir und von Furcht bewegt. 
Zur wicht'gen Stunde nehmen unsere Mauern 
Dich Fremden auf, urn auch mit uns zu trauern: 

Denn, ach, der Mann, der alle hier verbiindet, 
Den wir als Vater, Freund und Fiihrer kennen, 
Der Licht und Mut dem Leben angezundet, 
In wenig Zeit wird er sich von uns trennen, 
Er hat es erst vor kurzem selbst verkundet; 
Doch will er weder Art noch Stunde nennen: 
Und so ist uns sein ganz gewisses Scheiden 
Geheimnisvoll und voller bittren Leiden. 

Du siehest alle hier mit grauen Haaren, 
Wie die Natur uns selbst zur Ruhe wies: 
Wir nahmen keinen auf, den, jung an Jahren, 
Sein Herz zu friih der Welt entsagen hiefi. 
Nachdem wir Lebens Lust und Last erfahren, 
Der Wind nicht mehr in unsre Segel blies, 
War uns erlaubt, mit Ehren hier zu landen, 
Getrost, da$ wir den sichern Hafen fanden. 

Dem edlen Manne, der uns hergeleitet, 

Wohnt Friede Gottes in der Brust; 

Ich nab' ihn auf des Lebens Pfad begleitet, 

Und bin mir alter Zeiten wohl bewufk; 

Die Stunden, da er einsam sich bereitet, 

Verkiinden uns den nahenden Verlust. 

Was ist der Mensch, warum kann er sein Leben 

Umsonst, und nicht fur einen Bessern geben? 

Dies ware nun mein einziges Verlangen: 
Warum mufi ich des Wunsches mich entschlagen? 
Wie viele sind schon vor mir hingegangen! 
Nur ihn mufi ich am bittersten beklagen. 



Wie hatt 5 er sonst so freundlich dich empfangen! 
Allein er hat das Haus uns iibertragen; 
Zwar keinen noch zum Folger sich ernennet, 
Doch lebt er schon im Geist von uns getrennet. 

Und kommt nur taglich eine kleine Stunde, 
Erzahlet, und ist mehr als sonst geriihrt: 
Wir horen dann aus seinem eigenen Munde, 
Wie wunderbar die Vorsicht ihn gefiihrt; 
Wir merken auf, damit die sichre Kunde 
Im kleinsten auch die Nachwelt nicht verliert; 
Auch sorgen wir, dafi einer fleifiig schreibe, 
Und sein Gedachtnis rein und wahrhaft bleibe. 



Zwar vieles wohV ich lieber selbst erzahlen, 

Als ich jetzt nur zu horen stille bin: 

Der kleinste Umstand sollte mir nicht fehlen, 

Noch hab ich alles lebhaft in dem Sinn; 

Ich hore zu und kann es kaum verhehlen, 

DaiR ich nicht stets damit zufrieden bin: 

Sprech ich einmal von alien diesen Dingen, 

Sie sollen prachtiger aus meinem Munde klingen. 

Als dritter Mann erzahlt' ich mehr und freier, 

Wie ihn ein Geist der Mutter friih verhiefi, 

Und wie ein Stern bei seiner Taufe Feier 

Sich glanzender am Abendhimmel wies, 

Und wie mit weiten Fittichen ein Geier 

Im Hofe sich bei Tauben niederliefi; 

Nicht grimmigstofiend und wie sonst zu schaden, 

Er schien sie sanft zur Einigkeit zu laden. 

Dann hat er uns bescheidentlich verschwiegen, 

Wie er als Kind die Otter iiberwand, 

Die er um seiner Schwester Arm sich schmiegen, 



Um die Entschlafne fest gewunden fand. 
Die Amme floh und liefi den Saugling liegen; 
Er drosselte den Wurm mit sichrer Hand: 
Die Mutter kam und sah mit Freudebeben 
Des Sohnes Taten und der Tochter Leben. 

Und so verschwieg er auch, dafi eine Quelle 
Vor seinem Schwert aus trocknem Felsen sprang, 
Stark wie ein Bach, sich mit bewegter Welle 
Den Berg hinab bis in die Tiefe schlang: 
Noch quillt sie fort so rasch, so silberhelle, 
Als sie zuerst sich ihm entgegen drang, 
Und die Gefahrten, die das Wunder schauten, 
Den heifien Durst zu stillen kaum getrauten. 

Wenn einen Menschen die Natur erhoben, 
1st es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt; 
Man mufi in ihm die Macht des Schopfers loben, 
Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt: 
Doch wenn ein Mann von alien Lebensproben 
Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt; 
Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen 
Und sagen: Das ist er, das ist sein eigen! 

Denn alle Kraft dringt vorwarts in die Weite, 
Zu leben und zu wirken hier und dort; 
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite 
Der Strom der Welt und reifk uns mit sich fort: 
In diesem innern Sturm und aufiern Streite 
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort: 
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, 
Befreit der Mensch sich, der sich uberwindet. 



So ist dieser Mensch, der sich, das heifk dasjenige Ich, das dem 
Menschen zunachst zugeteilt ist, xiberwunden hatte, zum Oberen 



geworden der eben charakterisierten auserlesenen Bruderschaft. 
Und so leitet er die Zwolf. Er hat sie geleitet bis zu dem Punkte, wo 
sie jetzt so reif sind, daft er sie verlassen darf. 

Unser Bruder Markus wird dann weiter hineingeleitet in die 
Raume, wo die Zwolf wirken. Wie wirkten sie? Es ist dieses Wir- 
ken von einer besonderen Art, und wir werden aufmerksam ge- 
macht, daft dieses Wirken ein Wirken in der geistigen Welt ist. Der 
Mensch, dessen Augen bloft nach dem physischen Plan hinschauen, 
dessen Sinne bloft das Physische sehen und dasjenige, was vom 
Menschen in der physischen Welt geschieht, kann sich nicht leicht 
denken, daft es noch eine andere Arbeit gibt, die unter Umstanden 
viel wesentlicher und wichtiger ist als dasjenige, was aufterlich auf 
dem physischen Plan gearbeitet wird. Die Arbeit von den hoheren 
Planen aus ist viel wichtiger fur die Menschheit. Allerdings mufi 
die Bedingung erfullt werden, daft, wer auf den hoheren Planen 
arbeiten will, zuerst absolviert haben mufi die Arbeit auf dem 
physischen Plan. Diese Zwolf, sie hatten es. Deshalb bedeutet ihr 
Zusammenwirken etwas Hohes fur den Menschheitsdienst. 

Unser Bruder Markus wird hineingefuhrt in den Raum, wo die 
Zwolf zu ihren gemeinsamen Versammlungen zusammen waren, 
und da tritt ihm entgegen in einer tiefen Symbolik die Art ihres 
Zusammenwirkens. Was jeder der Bruder beizutragen hat aus sei- 
ner besonderen Eigenart heraus in diesem Zusammenwirken, das 
driickt sich aus in einem besonderen Symbolum liber dem Sitze 
eines jeden der Zwolf. Da sieht man mancherlei Symbole, die in 
sinniger Art in der verschiedensten Weise ausdriicken, was ein jeder 
beizutragen hat zur gemeinsamen Arbeit, die in spirituellem Wir- 
ken besteht, so daft diese Strome hier zusammenflieften zu einem 
Strom spirituellen Lebens, der die Welt durchflutet, und der durch- 
kraftet die iibrige Menschheit. Es gibt solche Briiderschaften, 
solche Zentren, von denen hinausgehen solche Strome und hinein- 
wirken in die iibrige Menschheit. 

Uber dem Sitze des Dreizehnten sieht Bruder Markus von neu- 
em das Zeichen: das Kreuz mit Rosen umwunden, dieses Zeichen, 
das zu gleicher Zeit ein Symbol ist fur die viergliedrige Menschen- 



natur und das in den roten Rosen das Symbolum ist fur das gelau- 
terte Bluts- oder Ich-Prinzip, das Prinzip fur den hoheren Men- 
schen. Und dann sehen wir, wie dasjenige, was durch dieses Zei- 
chen iiberwunden werden soil, als ein besonderes Symbol ange- 
bracht ist links und rechts vom Sitze dieses Dreizehnten. Rechts 
sieht er den feuerfarbenen Drachen: der stellt dar des Menschen 
astralische Wesenheit. 

Man wufite sehr wohl in der christlichen Esoterik, dafi des 
Menschen Seele hingegeben sein kann an die drei niederen Leiber. 
Ist sie ihnen hingegeben, dann waltet in ihr das niedere Leben der 
dreifachen Leiblichkeit; das driickt sich aus in der astralischen 
Wahrnehmung durch den Drachen. Das ist kein blofies Symbolum, 
sondern ein sehr reales Zeichen. Im Drachen driickt sich aus, was 
zunachst iiberwunden werden mufi. In den Leidenschaften, in die- 
sen Kraften des astralischen Feuers, die dem physischen Menschen 
angehoren, in diesem Drachen sah jene christliche Esoterik, aus 
deren Geist heraus dieses Gedicht geschrieben worden ist und die 
innerhalb Europas sich ausgebreitet hat, dasjenige, was die Mensch- 
heit aus der heifien Zone empfangen hatte, aus dem Siiden. Aus 
dem Siiden stammt derjenige Teil des Menschen, den die Mensch- 
heit sich mitgebracht hat als die heifie Leidenschaft, die mehr nach 
der unteren Sinnlichkeit gerichtet ist. Als ersten Impuls, diese zu 
bekampfen und zu uberwinden, ahnte man das, was herabflofi in 
den Einfliissen des kiihleren Nordens. Der Einflufi des kalteren 
Nordens, das Hinabsteigen des Ich in die dreifache Leiblichkeit, 
wird nach einem alten Symbolum, das aus dem Sternbild des Baren 
genommen ist, ausgedriickt durch das Hineinstrecken der Hand in 
eines Baren Rachen. iiberwunden wird die niedere Menschennatur, 
dasjenige, was im feurigen Drachen sich ausdriickt. Und was sich 
so erhalten hat im hoher gearteten Tierwesen, wurde dargestellt im 
Baren; und das Ich, das sich iiber die Drachennatur hinaus entwik- 
kelt hat, wurde mit einer tiefen Beziiglichkeit durch das Hinein- 
strecken der Menschenhand in des Baren Rachen dargestellt. Zu 
beiden Seiten des Rosenkreuzes erscheint dasjenige, was vom 
Rosenkreuz iiberwunden werden mufi, und das Rosenkreuz ist es, 



was den Menschen auffordert, sich hoher und hoher hinauf zu 
lautern. 

So stellt tatsachlich das Gedicht das Prinzip des esoterischen 
Christentums uns in tiefster Weise dar und bringt uns vor alien Din- 
gen das zur Anschauung, was uns bei einem solchen Fest wie dieses, 
das wir heute begehen, ganz besonders vor die Seele treten soli. 

Von dem altesten der hier weilenden zur Bruderschaft gehoren- 
den Briider wird dem Pilger Markus ausdriicklich bedeutet, dafi 
das, was sie hier zusammen tun, im Geiste geschieht, dafi das spi- 
rituelles Leben ist. Diese Arbeit fur die Menschheit auf dem spiri- 
tuellen Plan bedeutet etwas Besonderes. Die Briider haben erfahren 
des Lebens Lust und Leid. Sie haben Kampfe draufien durch- 
gemacht, sie haben Arbeit verrichtet draufien in der Welt. Nun sind 
sie hier, aber es wird auch hier fort und fort gearbeitet an der 
Fortentwickelung der Menschheit. Es wird dem Pilger Markus 
bedeutet: Du hast jetzt so viel gesehen, wie dem Schuler gezeigt 
werden kann, dem das erste Tor geoffnet wird. Man zeigte dir in 
bedeutsamen Symbolen, wie des Menschen Aufstieg sein soli. Aber 
das zweite Tor umschliefit hohere Geheimnisse: wie an der 
Menschheit gearbeitet wird von hoheren Welten aus. Und diese 
hoheren Geheimnisse kannst du erst nach langerer Vorbereitung 
erfahren; erst dann kannst du durch das andere Tor eintreten. 

Tiefe Geheimnisse kommen in diesem Gedichte zum Ausdruck. 

Wie friihe war es, dafi sein Herz ihn lehrte, 
Was ich bei ihm kaum Tugend nennen darf; 
Dafi er des Vaters strenges Wort verehrte, 
Und willig war, wenn jener rauh und scharf 
Der Jugend freie Zeit mit Dienst beschwerte, 
Dem sich der Sohn mit Freuden unterwarf, 
Wie, elternlos und irrend, wohl ein Knabe 
Aus Not es tut um eine kleine Gabe. 

Die Streiter mufk' er in das Feld begleiten, 
Zuerst zu Fufi bei Sturm und Sonnenschein, 



Die Pferde warten, und den Tisch bereiten, 
Und jedem alten Krieger dienstbar sein. 
Gern und geschwind lief er zu alien Zeiten 
Bei Tag und Nacht als Bote durch den Hain; 
Und so gewohnt fur andre nur zu leben, 
Schien Miihe nur ihm Frohlichkeit zu geben. 

Wie er im Streit mit kiihnem muntern Wesen 

Die Pfeile las, die er am Boden fand, 

Eilt' er hernach die Krauter selbst zu lesen, 

Mit denen er Verwundete verband: 

Was er beriihrte, mufite gleich genesen, 

Es freute sich der Kranke seiner Hand: 

Wer wollt* ihn nicht mit Frohlichkeit betrachten! 

Und nur der Vater schien nicht sein zu achten. 

Leicht, wie ein segelnd Schiff, das keine Schwere 
Der Ladung fuhlt und eilt von Port zu Port, 
Trug er die Last der elterlichen Lehre; 
Gehorsam war ihr erst- und letztes Wort; 
Und wie den Knaben Lust, den Jiingling Ehre, 
So zog ihn nur der fremde Wille fort. 
Der Vater sann umsonst auf neue Proben, 
Und wenn er fordern wollte, mufit' er loben. 

Zuletzt gab sich auch dieser iiberwunden, 

Bekannte tatig seines Sohnes Wert; 

Die Rauhigkeit des Alten war verschwunden, 

Er schenkt' auf einmal ihm ein kostlich Pferd; 

Der Jiingling ward vom kleinen Dienst entbunden, 

Er fuhrte statt des kurzen Dolchs ein Schwert: 

Und so trat er gepriift in einen Orden, 

Zu dem er durch Geburt berechtigt worden. 



So konnt' ich dir noch tagelang berichten, 
Was jeden Horer in Erstaunen setzt; 
Sein Leben wird den kostlichsten Geschichten 
Gewifi dereinst von Enkeln gleichgesetzt; 
Was dem Gemut in Fabeln und Gedichten 
Unglaublich scheint und es doch hoch ergotzt, 
Vernimmt es hier und mag sich gern bequemen, 
Zwiefach erfreut fiir wahr es anzunehmen. 

Und fragst du mich, wie der Erwahlte heifie, 
Den sich das Aug' der Vorsicht ausersah? 
Den ich zwar oft, doch nie genugsam preise, 
An dem so viel Unglaubliches geschah? 
Humanus heifit der Heiiige, der Weise, 
Der beste Mann, den ich mit Augen sah: 
Und sein Geschlecht, wie es die Fiirsten nennen, 
Sollst du zugleich mit seinen Ahnen kennen. 

Der Alte sprach's und hatte mehr gesprochen, 

Denn er war ganz der Wunderdinge voll, 

Und wir ergotzen uns noch manche Wochen 

An allem, was er uns erzahlen soil; 

Doch eben ward sein Reden unterbrochen, 

Als gegen seinen Gast das Herz am starksten quolL 

Die andern Briider gingen bald und kamen, 

Bis sie das Wort ihm von dem Munde nahmen. 

Und da nun Markus nach genofinem Mahle 
Dem Herrn und seinen Wirten sich geneigt, 
Erbat er sich noch eine reine Schale 
Voll Wasser, und auch die ward ihm gereicht. 
Dann fuhrten sie ihn zu dem grofien Saale, 
Worin sich ihm ein seltner Anblick zeigt. 
Was er dort sah, soil nicht verborgen bleiben, 
Ich will es euch gewissenhaft beschreiben. 



Kein Schmuck war hier, die Augen zu verblenden, 
Ein kiihnes Kreuzgewolbe stieg empor, 
Und dreizehn Stiihle sah er an den Wanden 
Umher geordnet, wie im frommen Chor, 
Gar zierlich ausgeschnitzt von klugen Handen; 
Es stand ein kleiner Pult an jedem vor. 
Man ftihlte hier der Andacht sich ergeben 
Und Lebensruh und ein gesellig Leben. 

Zu Haupten sah er dreizehn Schilde hangen, 

Denn jedem Stuhl war eines zugezahlt. 

Sie schienen hier nicht ahnenstolz zu prangen, 

Ein jedes schien bedeutend und gewahlt, 

Und Bruder Markus brannte vor Verlangen 

Zu wissen, was so manches Bild verhehlt; 

Im mittelsten erblickt er jenes Zeichen 

Zum zweitenmal, ein Kreuz mit Rosenzweigen. 

Die Seele kann sich hier gar vieles bilden, 
Ein Gegenstand zieht von dem andern fort; 
Und Helme hangen iiber manchen Schilden, 
Auch Schwert und Lanze sieht man hier und dort, 
Die Waffen, wie man sie von Schlachtgefilden 
Auflesen kann, verzieren diesen Ort: 
Hier Fahnen und Gewehre fremder Lande, 
Und, seh' ich recht, auch Ketten dort und Bande! 

Ein jeder sinkt vor seinem Stuhle nieder, 
Schlagt auf die Brust in still Gebet gekehrt; 
Von ihren Lippen tonen kurze Lieder, 
In denen sich andacht' ge Freude nahrt; 
Dann segnen sich die treu verbundnen Bruder 
Zum kurzen Schlaf, den Phantasie nicht stort: 
Nur Markus bleibt, indem die andern gehen, 
Mit einigen im Saale schauend stehen. 



So mud' er ist, wiinscht er noch fort zu wachen, 
Denn kraftig reizt ihn manch und manches Bild: 
Hier sieht er einen feuerfarbnen Drachen, 
Der seinen Durst in wilden Flammen stillt; 
Hier einen Arm in eines Baren Rachen, 
Von dem das Blut in heifien Stromen quillt; 
Die beiden Schilder hingen, gleicher Weite, 
Beim Rosenkreuz zur recht' und linken Seite. 

Wohin er auch die Blicke kehrt und wendet, 

Je mehr erstaunt er iiber Kunst und Pracht, 

Mit Vorsatz scheint der Reichtum hier verschwendet, 

Es scheint, als habe sich nur alles selbst gemacht. 

Soli er sich wundern, dafi das Werk vollendet? 

Soil er sich wundern, dafi es so erdacht? 

Ihn diinkt, als fang er erst, mit himmlischem Entziicken, 

Zu leben an in diesen Augenblicken. 

Du kommst hierher auf wunderbaren Pfaden, 
Spricht ihn der Alte wieder freundlich an; 
Lafi diese Bilder dich zu bleiben laden, 
Bis du erfahrst, was mancher Held getan; 
Was hier verborgen, ist nicht zu erraten, 
Man zeige denn es dir vertraulich an; 
Du ahnest wohl, wie manches hier gelitten, 
Gelebt, verloren ward, und was erstritten. 

Doch glaube nicht, dafi nur von alten Zeiten 
Der Greis erzahlt, hier geht noch manches vor; 
Das, was du siehst, will mehr und mehr bedeuten; 
Ein Teppich deckt es bald und bald ein Flor. 
Beliebt es dir, so magst du dich bereiten: 
Du kamst, o Freund, nur erst durch's erste Tor; 
Im Vorhof bist du freundlich aufgenommen, 
Und scheinst mir wert ins Innerste zu kommen. 



Nach kurzer Ruhe lernt unser Bruder Markus zunachst wenig- 
stens etwas ahnen von dem Innern. Er hat in bedeutsamen Sym- 
bolen den Aufstieg des menschlichen Selbst auf seine Seele wirken 
lassen, und als er nach kurzer Ruhe durch ein Zeichen geweckt 
wird, kommt er an ein Tor, das er aber verriegelt findet. Und er 
hort einen merkwiirdigen Dreiklang: drei Schlage und wie durch- 
flutet das Ganze von einem Flotenspiel. Er kann nicht hineinschau- 
en, nicht sehen, was im Raume dort geschieht. 

Es braucht uns nichts mehr gesagt zu werden als diese paar 
Worte, um in tiefsinniger Art hinzudeuten auf das, was den Men- 
schen erwartet, wenn er sich den geistigen Welten nahert, wenn er 
so weit gelautert und vervollkommnet ist durch die Arbeit an sei- 
nem Selbst, dafi er hindurchgegangen ist durch die astralische Welt 
und sich dann den hoheren Welten nahert - jenen Welten, in denen 
die geistigen Urbilder der Dinge hier auf Erden zu finden sind 
wenn er sich dem nahert, was im esoterischen Christentum die 
Himmelswelt genannt wird. Dann nahert er sich ihm zunachst 
durch eine Welt von flutenden Farben, und er tritt dann ein in eine 
Welt der Tone, in die Weltenharmonie, den Spharenklang. Die 
geistige Welt ist eine Welt der Tone. Es mufi sich einleben in diese 
geistige Welt derjenige, der sein hoheres Ich hinaufentwickelt hat 
zu hoheren Welten. Gerade Goethe ist es, der das hohere Erleben 
einer Welt geistigen Tonens deutlich zum Ausdruck gebracht hat in 
seinem «Faust», als er ihn zum Himmel entriickt sein lalk, und die 
Himmelswelt sich ihm durch Tonen offenbart. 

Die Sonne tont nach alter Weise 
In Bruderspharen Wettgesang . . . 

Die physische Sonne tont nicht, aber die geistige Sonne tont. 
Goethe halt das Bild fest, als Faust nach langen Irrfahrten hinauf- 
versetzt wird in die geistigen Welten: 

Tonend wird fur Geistes-Ohren 
Schon der neue Tag geboren ... 
Es drommetet, es posaunet; . . . 
Unerhortes hort sich nicht. 



Durch die symbolische Farbenwelt des Astralen hindurch nahert 
sich der Mensch, wenn er sich weiter hinaufentwickelt, der Welt 
der Spharenharmonie, dem devachanischen Gebiet, dem, was geisti- 
ge Musik ist. Nur leise, leise nach aufien gehend, ertont unserem 
Bruder Markus, als er das erste Tor, das Tor des Astralen, durch- 
schritten hat, der Klang der innern Welt, die hinter unserer aufieren 
Welt ist, jener Welt, die umwandelt die niedere Welt des Astra- 
lischen in diejenige hohere Welt, die von dem Dreiklang durchflos- 
sen ist. Und indem wir zur hoheren Welt hinaufkommen, wandelt 
sich des Menschen niedere Natur um in die hohere Dreiheit: es 
wandelt sich unser Astralleib in das Geistselbst, der Atherleib in 
den Lebensgeist, der physische Leib in den Geistesmenschen. 

Bruder Markus ahnt zunachst in der Spharenmusik den Dreiklang 
der hoheren Natur, und indem er eins wird mit dieser Spharenmusik, 
geht ihm die erste Ahnung auf von der Verjungung des Menschen, 
der mit den geistigen Welten in Verbindung tritt. Er sieht wie im 
Traum durch den Garten schweben die verjiingte Menschheit in der 
Form der drei Jiinglinge, die drei Fackeln tragen. Das ist der Mo- 
ment, wo die Seele des Markus am Morgen aufgewacht ist aus der 
Finsternis, und wo die Finsternis noch etwas da ist; das Licht hat sie 
noch nicht durchdrungen. Aber gerade in dieser Zeit kann die Seele 
hineinschauen in die geistige Welt. Sie kann hineinschauen in die 
geistigen Welten, wie sie hineinschauen kann, wenn der Sommer- 
Mittag vergangen ist, wenn die Sonne immer schwacher wird und der 
Winter eingetreten ist, und dann in der Mitternacht durch die Erde 
hindurchscheint das Christus-Prinzip in der Weihenacht. 

Durch das Christus-Prinzip wird der Mensch hinaufgebracht zu 
der hoheren Dreiheit, die dem Bruder Markus in den drei Jiing- 
lingen sich darstellt, welche die verjiingte Menschheit darstellen. 
Das ist das, was Goethe ausgedriickt hat in dem Spruch: 

Und so lang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und Werde! 
Bist du nur ein triiber Gast 
Auf der dunklen Erde. 



Jedes Jahr aufs neue soli dem, der das esoterische Christentum 
versteht, die Weihenacht hindeuten darauf, dafi das, was in der 
aufieren Welt geschieht, Mimik, Gebarde ist fur inneres, geistiges 
Geschehen. Die aufiere Kraft der Sonne lebt sich aus in der Friih- 
lings- und Sommer-Sonne. In der Heiligen Schrift ist diese aufiere 
Sonnenkraft, die nur Verkiindigung ist der inneren, geistigen Kraft 
der Sonne, ausgedriickt im Johannes, dagegen die innere, geistige 
Kraft in dem Christus. Und indem die physische Kraft der Sonne 
immer mehr herabsinkt, steigt die geistige Kraft und wird immer 
starker und starker, bis sie um Weihnachten am starksten ist. Dies 
liegt den Worten im Johannes-Evangelium zugrunde: Ich mufi sin- 
ken, Er aber mufi steigen. - Und Er steigt und steigt und erscheint 
da, wo die Sonnenkraft wiederum die aufiere physische Kraft er- 
langt hat. 

Damit der Mensch in dieser aufieren, physischen Kraft nunmehr 
verehren, anbeten kann diese geistige Sonnenkraft, mufi er erken- 
nen lernen die Bedeutung des Weihnachtsfestes. Fur den Menschen, 
der diese Bedeutung nicht erkennt, ist die neue Kraft der Sonne 
nichts anderes als wiederum die alte physische Kraft. Der aber, der 
sich mit den Impulsen bekannt gemacht hat, die das esoterische 
Christentum und gerade das Weihnachtsfest ihm geben soli, der 
wird in der wachsenden Kraft des Sonnenkorpers den aufieren Leib 
des inneren Christus sehen, der durch die Erde hindurchstrahlt, der 
sie belebt und befruchtet, so dafi die Erde selbst der Trager der 
Christus-Kraft, des Erdgeistes wird. So wird uns dasjenige, was uns 
in jeder Weihnachtsnacht geboren wird, jedesmal aufs neue gebo- 
ren. Der Christus wird uns im Innern den Mikrokosmos im Ma- 
krokosmos wahrnehmen lassen, und diese Wahrnehmung wird uns 
hoher und hoher hinaufleiten. 

Was lange schon den Menschen etwas Aufierliches geworden ist, 
die Feste, sie werden in ihrer tiefen Bedeutung wiederum erscheinen 
fur den Menschen, wenn er durch diese tiefe Esoterik hingefuhrt 
wird zu dem Wissen, dafi das, was aufien in der Natur geschieht als 
Donner und Blitz, Sonnenaufgang und -untergang, Mondaufgang 
und -untergang, Geste und Physiognomie ist fur geistiges Dasein. 



Und an den wichtigen Punkten, die in unseren Festen abgesteckt 
sind, soli der Mensch erkennen, dafi dann auch in der geistigen Welt 
sich Bedeutsames abspielt. Dann wird er dadurch hingeleitet werden 
zu der verjiingenden geistigen Kraft, die uns in den drei Jiinglingen 
angedeutet wird, die das Ich nur gewinnen kann in der Hingabe an 
die Auftenwelt, nicht, indem es sich egoistisch vor ihr abschliefk. Es 
gibt aber keine Hingabe an die Aufienwelt, wenn die Aufienwelt 
nicht vom Geist durchdrungen ist. Dafi dieser Geist erscheinen soil 
jedes Jahr aufs neue, fiir alle Menschen, selbst fiir die Schwachsten, 
als Licht in der Finsternis, das soli jedes Jahr aufs neue den Menschen 
in Herz und Seele geschrieben werden. 

Das wollte Goethe auch in diesem Gedicht «Die Geheimnisse» 
ausdriicken. Es ist ein Weihnachts- und zugleich ein Oster- 
Gedicht. Tiefe Geheimnisse des esoterischen Christentums will es 
andeuten. Wenn wir das, was Goethe hat andeuten wollen aus den 
tiefen Geheimnissen des rosenkreuzerischen Christentums, auf uns 
wirken lass en, wenn wir seine Kraft auch nur zum Teile in uns 
aufnehmen, dann werden wir wenigstens fiir einige in unserer 
Umgebung zu Missionaren werden; wir werden es erreichen, diese 
Feste wiederum zu etwas Geist- und Lebensvollem zu gestalten. 

Nach kurzem Schlaf in einer stillen Zelle 
Weckt unsern Freund ein dumpfer Glockenton. 
Er rafft sich auf mit unverdrofi'ner Schnelle, 
Dem Ruf der Andacht folgt der Himmelssohn. 
Geschwind bekleidet, eilt er nach der Schwelle, 
Es eilt sein Herz voraus zur Kirche schon, 
Gehorsam, ruhig, durch Gebet befliigelt; 
Er klinkt am Schloft, und findet es verriegelt. 

Und wie er horcht, so wird in gleichen Zeiten 

Dreimal ein Schlag auf hohles Erz erneut, 

Nicht Schlag der Uhr und auch nicht Glockenlauten, 

Ein Flotenton mischt sich von Zeit zu Zeit; 

Der Schall, der seltsam ist und schwer zu deuten, 



Bewegt sich so, dafi er das Herz erfreut, 
Einladend ernst, als wenn sich mit Gesangen 
Zufriedne Paare durcheinander schlangen. 

Er eilt ans Fenster, dort vielleicht zu schauen, 
Was ihn verwirrt und wunderbar ergreift; 
Er sieht den Tag im fernen Osten grauen, 
Den Horizont mit leichtem Duft gestreift. 
Und - soli er wirklich seinen Augen trauen? - 
Ein seltsam Licht, das durch den Garten schweift: 
Drei Jiinglinge mit Fackeln in den Handen 
Sieht er sich eilend durch die Gange wenden. 

Er sieht genau die weifien Kleider glanzen, 
Die ihnen knapp und wohl am Leibe stehn, 
Ihr lockig Haupt kann er mit Blumenkranzen, 
Mit Rosen ihren Gurt umwunden sehn; 
Es scheint, als kamen sie von nacht'gen Tanzen, 
Von froher Miihe recht erquickt und schon. 
Sie eilen nun und loschen, wie die Sterne, 
Die Fackeln aus, und schwinden in die Feme. 



DAS PFINGSTFEST DES SEELISCHEN ZUSAMMENSTREBENS 
UND DES ARBEITENS AN DER VERGEISTIGUNG DER WELT 



Erster Vortrag, Koln, 7. Juni 1908 

Bei verschiedenen Gelegenheiten ist schon betont worden, dafi jene 
spirituelle Entwickelung, wie sie die geisteswissenschaftliche Bewe- 
gung anstrebt, den Menschen in lebendigen Zusammenhang brin- 
gen mul? mit der ganzen Umwelt. Vieles in der Umwelt ist fur den 
Menschen tot und niichtern geworden, was unsere Vorfahren noch 
mit Verehrung erfullt hat. Fremd und kalt steht eine groEe Zahl 
von Menschen beispielsweise unseren jahrlichen Festen gegeniiber. 
Namentlich die stadtische Bevolkerung hat nur noch eine sparliche 
Erinnerung an das, was das Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest zu 
bedeuten haben. 

Jenen gewaltigen Gefuhlsinhalt, den unsere Vorfahren verban- 
den mit den Festeszeiten, weil sie den Zusammenhang wufiten mit 
den grofien Tatsachen der geistigen Welt, den hat die heutige 
Menschheit nicht mehr. Kalt und niichtern stehen die Menschen 
heute dem Weihnachts- und Osterfest und besonders auch dem 
Pfingstfest gegeniiber. Das Herabstromen des Geistes ist vielen 
Menschen eine abstrakte Begebenheit geworden. Aber es wird an- 
ders werden: es wird erst Leben und Wirklichkeit werden, wenn 
die Menschen zu einer wahrhaftigen geistigen Erkenntnis der 
ganzen Welt kommen werden. 

Man redet heute viel von Naturkraften, aber von Wesenheiten, 
die hinter diesen Naturkraften stehen, redet man recht wenig. 
Wenn man von Naturwesenheiten spricht, dann betrachtet der heu- 
tige Mensch das als Aufwarmung eines alten Aberglaubens. Dafi 
jene Worte, die unsere Vorfahren gebrauchten, auf Wirklichkeit 
sich griinden - wenn jemand behauptet, dafi Gnomen, Undinen, 
Sylphen und Salamander etwas Wirkliches bedeuten das gilt als 
alter Aberglaube. Was die Menschen fiir Theorien und Vorstellun- 
gen haben, ist in gewissem Sinne zunachst gleichgiiltig; wenn aber 
die Menschen durch diese Theorien verfuhrt werden, gewisse 



Dinge nicht zu sehen und ihre Theorien im praktischen Leben an- 
zuwenden, dann beginnt die Sache erst ihre voile Bedeutung zu 
gewinnen. 

Nehmen wir ein groteskes Beispiel: Wer glaubt an Wesenheiten, 
deren Dasein an die Luft gebunden ist oder die im Wasser verkor- 
pert sind? Wenn zum Beispiel jemand sagt: Unsere Vorfahren ha- 
ben an gewisse Wesenheiten geglaubt, an Gnomen, Undinen, Syl- 
phen, Salamander, aber das ist alles phantastisches 2eug! - dann 
mochte man erwidern: Fragt einmal die Bienen. - Und konnten die 
Bienen reden, so wiirden sie antworten: Fiir uns sind die Sylphen 
kein Aberglaube, denn wir wissen ganz gut, was wir von den Syl- 
phen haben! - Und derjenige, dessen geistige Augen geoffnet sind, 
kann verfolgen, welche Kraft es ist, die das Bienlein hinzieht zur 
Blume. «Instinkt, Naturtrieb», wie der Mensch antwortet, sind lee- 
re Worte. Wesenheiten sind es, welche die Bienen hinleiten zum 
Bliitenkelch, um sich dort Nahrung zu suchen, und im ganzen 
Bienenschwarm, der nach Nahrung ausschwarmt, sind Wesenheiten 
tatig, die unsere Vorfahren Sylphen nannten. 

Uberall da, wo verschiedene Naturreiche sich beriihren, wird 
eine Gelegenheit geboten, dafi sich gewisse Wesenheiten offenba- 
ren. Zum Beispiel im Innern der Erde, da, wo sich der Stein mit der 
Metallader beriihrt, da setzen sich besondere Wesenheiten an. An 
der Quelle, wo das Moos den Stein bedeckt und somit das Pflan- 
zenreich das Mineralreich beriihrt, setzen sich solche Wesenheiten 
fest. Wo Tier und Pflanze sich beriihren, im Blumenkelch, bei der 
Beriihrung der Biene mit der Bliite, da verkorpern sich bestimmte 
Wesenheiten, ebenso da, wo der Mensch sich mit dem Tierreiche 
beriihrt. Nicht im gewohnlichen Verlauf der Beriihrung ist das der 
Fall. Nicht, wenn zum Beispiel der Fleischer das Rind schlachtet 
oder wenn der Mensch das Fleisch der Tiere iftt, nicht im normalen 
Verlauf des Lebens, da ist so etwas nicht der Fall. Aber wo im 
aufiernormalen Verlauf, wie bei Bienen und Blume, sich wie durch 
einen Uberschufi von Leben die Reiche beriihren, da verkorpern 
sich Wesenheiten. Und insbesondere da, wo des Menschen Gemiit, 
sein Intellekt, im Umgang mit den Tieren besonders engagiert 



ist, bei einem Verhaltnis, wie es zum Beispiel der Schafer zu den 
Schafen hat, ein Gemiitsverhaltnis, da verkorpern sich solche 
Wesenheiten. 

Solche intimere Verhaltnisse des Menschen zum Tiere finden wir 
haufiger, wenn wir zuriickgehen in alte Zeiten. In Zeiten niederer 
Kulturen hatte man vielfach solch ein Verhaltnis, wie es der Araber 
zu seinem Pferde hat, nicht wie ein Rennstallbesitzer zu seinen 
Pferden. Da finden wir jene Gemutskrafte, die hinuberspielen von 
Reich zu Reich, wie zwischen dem Schafer und den Lammern. 
Oder wo Geruchs- und Geschmackskrafte entwickelt werden und 
himiberstrahlen, wie zwischen der Biene und der Blume, da wird 
Gelegenheit geschaffen, dafi sich ganz gewisse Wesenheiten verkor- 
pern konnen. Wenn die Biene an der Blume saugt, dann kann der 
Hellseher beobachten, wie sich am Rande der Blute eine kleine 
Aura bildet. Das ist die Wirkung des Geschmackes: der Stich der 
Biene in den Blutenkelch ist ein gewisses Geschmacksmittel gewor- 
den, die Biene empfindet den Geschmack und strahlt aus wie eine 
Blutenaura, und die ist Nahrung fur sylphenhafte Wesenheiten. 
Ebenso ist das Gefuhlselement, das zwischen Schafer und Schafen 
spielt, Nahrung fur Salamander. 

Jene Frage gilt nicht fur den, der die geistige Welt versteht: 
Warum sind dann die Wesenheiten da und sonst nicht? Nach dem 
Ursprung diirfen wir nicht fragen; ihr Ursprung liegt im Weltenall. 
Gibt man ihnen aber Veranlassung zur Nahrung, so sind die We- 
senheiten da. Zum Beispiel ziehen schlechte Gedanken, die der 
Mensch ausstromt, schlechte Wesenheiten in die Aura des Men- 
schen, weil sie dort Nahrung finden. Dann verkorpern sich gewisse 
Wesenheiten in seiner Aura. 

Uberall, wo sich verschiedene Naturreiche beriihren, bietet sich 
Gelegenheit, dafi gewisse geistige Wesenheiten sich verkorpern. 
Wo Metall an den Stein sich anschmiegt im Innern der Erde, da 
sieht der Seher, wenn der Bergmann das Erdreich abhackt, an ver- 
schiedenen Stellen merkwiirdige Wesen wie zusammengekauert 
beieinanderhocken, in einem ganz kleinen Raum. Sie stieben, sie 
spriihen auseinander, wenn die Erde entfernt wird. Es sind merk- 



wiirdige Wesenheiten, die zum Beispiel in gewisser Beziehung 
dem Menschen ganz und gar nicht unahnlich sind. Sie haben zwar 
keinen physischen Leib, aber sie haben Verstand. Doch der Unter- 
schied zwischen ihnen und den Menschen ist, dafi sie Verstand 
haben ohne Verantwortung. Daher haben sie auch nicht das Ge- 
fiihl eines Unrechtes bei dem mancherlei Schabernack, den sie den 
Menschen spielen. Gnomen heifien diese Wesenheiten, und zahl- 
reiche Arten von ihnen beherbergt die Erde, und sie sind da zu 
Hause, wo sich der Stein mit dem Metall beruhrt. Recht sehr ge- 
dient haben sie friiher den Menschen beim alten Bergbau, nicht 
beim Kohlenbergwerk, aber im Metallbergbau. Die Art, wie man 
in alten Zeiten Bergwerke angelegt hat, die Kenntnis davon, wie 
sich die Schichten lagern, die wurde durch diese Wesenheiten ver- 
nommen. Und die am besten veranlagten Floze kannten diese 
Wesenheiten, die da wissen, wie sich im Innern der Erde die 
Schichten lagern, und die daher die beste Anleitung geben konn- 
ten, wie man das bearbeiten soil. Wenn man nicht mit den geisti- 
gen Wesenheiten arbeiten will und sich nur auf das Sinnliche ver- 
lafit, dann gerat man in eine Sackgasse. Von diesen geistigen We- 
senheiten mufi man ein gewisses Verfahren lernen, um die Erde zu 
erforschen. 

Ebenso findet eine Verkorperung statt von Wesenheiten an der 
Quelle. Wo der Stein die Quelle beruhrt, da verkorpern sich die 
Wesen, die an das Element des Wassers gebunden sind: die Undi- 
nen. Da wo Tier und Pflanze sich bervihren, da wirken die Sylphen. 
Die Sylphen sind gebunden an das Element der Luft, sie leiten die 
Bienen zu den Bliiten. So verdanken wir fast alle mitzlichen Er- 
kenntnisse der Bienenzucht den alten Traditionen, und gerade bei 
der Bienenzucht konnen wir viel von ihnen lernen. Denn was heut- 
zutage als Wissenschaft uber die Bienen existiert, ist vollstandig von 
Irrtum durchzogen, und die alte Weisheit, die sich fortgepflanzt hat 
durch Tradition, wird dadurch nur beirrt. Die Wissenschaft erweist 
sich da als etwas Unbrauchbares. Niitzlich sind nur die alten Hand- 
griffe, deren Ursprung unbekannt ist, weil der Mensch damals als 
Leitfaden die geistige Welt beniitzte. 



Die Salamander kennen die Menschen heutzutage auch, denn 
wenn einer sagt: Es stromt mir etwas zu, ich weifi nicht woher -, 
so ist das meistens die Wirkung der Salamander. 

Wenn der Mensch zu den Tieren in intime Verbindung tritt, 
wie der Schafer zu seinen Schafen, dann erhalt er Erkenntnisse 
zugeraunt von Wesenheiten, die in seiner Umgebung leben. Dem 
Schafer wurde sein Wissen, das er in bezug auf seine Schafherde 
hatte, zugeraunt von den Salamandern in seiner Umgebung. Diese 
alten Erkenntnisse sind heutzutage geschwunden und miissen 
nun durch wohlgepriifte okkulte Erkenntnisse wieder gewonnen 
werden. 

Denken wir diese Gedanken weiter, so werden wir uns sagen 
miissen: Wir sind ganz umgeben von geistigen Wesenheiten! Wir 
gehen durch die Luft, und sie ist nicht nur chemische Substanz, 
sondern jeder Windhauch, jeder Luftstrom ist die Offenbarung 
geistiger Wesenheiten. Wir sind umgeben und ganz und gar durch- 
drungen von diesen geistigen Wesenheiten, und der Mensch mufi in 
Zukunft, wenn er nicht ein ganz trauriges, sein Leben ausdorrendes 
Schicksal erfahren soli, eine Kenntnis haben von dem, was um ihn 
lebt. Ohne diese Erkenntnis wird er nicht mehr weiterkommen 
konnen. Der Mensch mufi sich fragen: Woher stammen diese 
Wesenheiten? Woher riihren diese Wesenheiten? 

Diese Frage fiihrt uns zu einer wichtigen Erkenntnis, und um 
uns eine Ansicht dariiber zu bilden, miissen wir uns klarmachen, 
wie in hoheren Welten sich gewisse Tatsachen abspielen, wo durch 
gewisse Dinge dasjenige, was schadlich und bose ist, durch eine 
weise Ftihrung umgewandelt wird zum Guten. Nehmen wir als 
Beispiel den Abfall, den Diinger: er ist das Abgeworfene und wirkt 
in der Okonomie durch eine weise Verwendung als Grundlage fur 
spatere Pflanzenkeimung. Dinge, die scheinbar abgefallen sind von 
der Hoherentwickelung, werden von hoheren Kraften wieder auf- 
genommen und umgewandelt. Das tritt uns ganz besonders stark 
entgegen bei den Wesenheiten, von denen wir gesprochen haben, 
und wir erkennen das in ganz besonderem Mafie, wenn wir der 
Entstehung dieser Wesenheiten nachgehen. 



Wie entstehen nun salamandrische Wesenheiten? Wir wollen 
dies jetzt einmal auseinandersetzen. Salamander sind Wesenheiten, 
die da ein gewisses Verhaltnis vom Menschen zum Tier brauchen. 
Die Tiere haben nicht ein solches Ich wie es der Mensch hat. Ein 
solches Ich ist nur beim heutigen Menschen auf der Erde vorhan- 
den. Diese Menschen-Iche sind so, dafi jeder Mensch ein Ich in sich 
eingeschlossen hat. Anders ist es bei den Tieren: die Tiere haben ein 
Gruppen-Ich, eine Gruppenseele. Was heifk das? Eine Gruppe 
gleichgearteter, gleichgestalteter Tiere hat ein gemeinsames Ich; 
zum Beispiel alle einzelnen Lowen haben ein gemeinsames Ich, alle 
Tiger, alle Hechte. 

Die Tiere haben ihr Ich in der Astralwelt. Es ist das so, wie wenn 
der Mensch hinter einer Wand mit zehn Lochern stande und da seine 
zehn Finger hindurchsteckte. Der Mensch ist dann nicht zu sehen, 
aber jeder Vernunftige wiirde schliefien: da ist eine Zentralgewalt 
dahinter, die zu den zehn Fingern gehort. So ist es mit dem Gruppen- 
Ich. Die einzelnen Tiere sind blofi die Glieder. Das, wozu sie geho- 
ren, ist in der astralischen Welt. Diese Tier-Iche sind nicht menschen- 
ahnlich, obwohl, geistig angesehen, sie sich wohl miteinander ver- 
gleichen lassen, denn ein Tier- Gruppen-Ich ist eine sehr, sehr weise 
Wesenheit. Der Mensch als individuelle Seele ist noch lange nicht so 
weise. Denken wir nur zum Beispiel an gewisse Vogelarten: welche 
Weisheit liegt darin, dafi sie in ganz bestimmten Hohen und in ganz 
bestimmten Richtungen dahinziehen, um dem Winter zu entgehen 
und im Friihling auf anderen Wegen wieder zuriickzukehren. Da 
erkennen wir in diesem Vogelflug weise Wirkungskrafte der Grup- 
pen-Iche. Wir konnen sie uberall im Tierreich finden. 

Die Menschen sind sehr engherzig, wenn sie die menschlichen 
Fortschritte zu verzeichnen haben. Erinnern wir uns an unsere 
Schulstunden, wo wir lernten, wie im Mittelalter allmahlich die 
Stromung der neueren Zeit heraufgekommen ist. Das Mittelalter 
hat gewifi Bedeutsames zu verzeichnen, wie die Entdeckung von 
Amerika, die Erfindung des Schiefipulvers, der Buchdruckerkunst 
und endlich auch des Leinenpapiers. Wohl war es ein bedeutsamer 
Fortschritt, daft man dieses Produkt verwandte an Stelle des Perga- 



merits, aber die Wespengruppenseele hat schon vor Tausenden von 
Jahren dasselbe gemacht, denn das Wespennest ist genau aus dem- 
selben Stoff wie das vom Menschen hergestellte Papier; es besteht 
aus Papier. 

Der Mensch wird erst allmahlich herausfinden, wie gewisse 
Kombinationen seines Geistes zusammenhangen mit dem, was die 
Gruppenseelen hineingearbeitet haben in die Welt. 

Die Gruppenseelen sind in fortwahrender Bewegung. Der Seher 
sieht langs des Riickgrats der Tiere ein bestandiges Flimmern. Das 
Riickgrat ist wie von Flimmerlicht eingeschlossen. Die Tiere werden 
durchzogen von Stromungen, die um die ganze Erde gehen in alien 
Richtungen in unendlicher Zahl, wie die Passatwinde, und welche auf 
die Tiere wirken, indem sie das Riickenmark umstromen. Diese Tier- 
gruppenseelen sind fortwahrend in kreisformiger Bewegung in jeder 
Hohe und Richtung um die Erde begriffen. Diese Gruppenseelen sind 
sehr weise, aber es fehlt ihnen eines, was sie noch nicht haben: sie 
kennen nicht die Liebe, was auf der Erde so genannt wird. Liebe ist 
nur beim Menschen mit der Weisheit in der Individualitat verbunden. 

Die Gruppenseele ist weise, aber das einzelne Tier hat die Liebe 
als Geschlechtsliebe und Elternliebe. Die Liebe ist im Tiere indivi- 
duell, aber die weise Einrichtung, die Weisheit des Gruppen-Ichs 
ist noch liebeleer. Der Mensch hat Liebe und Weisheit vereint; das 
Tier hat im physischen Leben die Liebe und auf dem astralischen 
Plan hat es die Weisheit. Bei solchen Erkenntnissen werden den 
Menschen ungeheuer viele Lichter aufgehen. 

Nun ist der Mensch zu seinem heutigen Ich erst nach und nach 
gekommen. Der Mensch hatte fruher auch eine Gruppenseele und 
erst allmahlich hat sich die Individualseele herausentwickelt. Ver- 
folgen wir einmal die Entwickelung der Menschheit nach ruckwarts 
bis in die alte Atlantis. Fruher lebte der Mensch in der alten Atlan- 
tis, einem Kontinent, der jetzt vom Atlantischen Ozean bedeckt ist. 
Damals waren die weiten sibirischen Flachen mit grofien Meeren 
bedeckt. Das Mittelmeer war damals ganz anders verteilt. Auch in 
unseren europaischen Gegenden waren weite Meeresflachen. Je 
weiter wir zuruckgehen in der alten atlantischen Zeit, desto mehr 



andern sich alle Lebenszustande, desto mehr andert sich der Wach- 
zustand und der Schlafzustand beim Menschen. 

Wenn jetzt der Mensch schlaft, bleibt im Bett der physische Leib 
mit dem Atherleib; Astralleib und Ich gehen heraus. Das Bewufit- 
sein verdunkelt sich, alles wird dunkel, finster, stumm. In der atlan- 
tischen Zeit war der Unterschied zwischen Schlafen und Wachen 
noch nicht so grofi. Da sah im Wachzustand der Mensch noch nicht 
so feste Grenzen, so scharfe Umrisse, so starke Farben an den 
Gegenstanden anhaftend. Wenn er morgens aufwachte, tauchte er 
ein wie in eine Nebelmasse. Grofiere Deutlichkeit gab es nicht, als 
wenn wir zum Beispiel Lichter durch Nebel hindurch mit einer 
Aura sehen. Dafiir aber horte sein Bewufitsein nicht genau auf im 
Schlafe, er sah dann die geistigen Dinge. 

Als der Mensch fortschritt, bekam die physische Welt immer 
mehr ihre Konturen, aber dafiir verlor der Mensch sein Hellsehen, 
Dann wurde der Unterschied immer grower: Oben in der geistigen 
Welt wurde es immer dunkler, unten in der physischen Welt immer 
heller. Aus der Zeit, wo der Mensch noch wahrnahm da oben in der 
astralischen Welt, stammen alle Mythen und Sagen. Wenn er hin- 
aufkam in die geistige Welt, da lernte er Wotan, Baldur, Thor und 
Loki kennen und Wesenheiten, die noch nicht heruntergestiegen 
waren auf den physischen Plan. Das erlebte man friiher, und alle 
Mythen sind Erinnerungen an lebendige Wirklichkeiten. 

Alle Mythologien sind solche Erinnerungen. Diese geistigen 
Wirklichkeiten sind den Menschen einfach entschwunden. Wenn 
damals der Mensch am Morgen hinuntertauchte in den physischen 
Leib, dann bekam er das Gefuhl: Du bist ein Einzelner, ein Einziger. 
Wenn er aber am Abend zuriicktauchte in die geistige Welt, da kam 
ihm das Gefuhl: Du bist ja gar kein Einzelner, du bist nur ein Glied 
eines grofien Ganzen, du gehorst zu einer grofien Gemeinschaft. 

Noch Tacitus erzahlt, daft die alten Volker, die Heruler, die 
Cherusker, sich gefuhlt haben mehr als Volksstamm denn als ein 
einzelner Mensch. Aus diesem Gefuhl heraus, daft der Einzelne zur 
Stammesgruppe gehorte, der Stammes gemeinschaft sich zurechnete, 
stammen auch noch gewisse Gebrauche wie die Blutrache. Alles, 



was zu der ganzen Stammesgruppenseele gehorte, war ein Korper. 
Alles geschieht gradweise in der Entwickelung. Aus diesem abso- 
luten Stammesgruppenbewufitsein hat sich erst nach und nach das 
individuelle Bewufitsein herausentwickelt. 

Auch in den Schilderungen der Patriarchenzeit haben wir Spuren 
des Ubergangs von der Gruppenseele zur Individualseele. In der 
Zeit vor Noah war das Gedachtnis ganz anders: es reichte zuriick 
iiber das, was der Vater, Grofivater, Urgrofivater erlebt hatte. Die 
Geburtsgrenze war keine Grenze. Im gleichen Blute stromte die 
gleiche Erinnerung fort bis in weit zuriickgelegene Generationen. 
Heute interessiert es die Behorden, den Namen des Einzelnen zu 
wissen. In der Zeit, als der Mensch sich erinnerte, was sein Vater 
und sein Grofivater getan hatten, da wurde dies mit einem gemein- 
samen Namen belegt. Was damals zusammenhing durch gleiches 
Blut und gleiche Erinnerung, das wurde gemeinsam benannt. Man 
nannte das «Adam» oder «Noah». Namen wie Adam und Noah 
bezeichnen nicht das Leben zwischen Geburt und Tod eines Ein- 
zelnen, sondern den Strom der Erinnerungen soweit dieser reichte. 
Die alten Namen umfassen ganze Menschengemeinschaften, die in 
der Zeit sich auslebten. 

Wie ist es nun, wenn wir einmal gewisse Wesenheiten verglei- 
chen: die menschenahnlichen Affen mit dem Menschen? Der ge- 
waltige Unterschied ist, daft die Affen eine Gruppenseele haben 
und der Mensch eine Individualseele, wenigstens die Anlage zur 
Entwickelung einer solchen. Die Affengruppenseele befindet sich 
nun in einer ganz besonderen Lage (Zeichnung). Denken wir uns 
die Erde (siehe Zeichnung, die horizontale Linie). Dariiber schwe- 
ben in der astralischen Welt wie in einer Wolke die Gruppenseelen 
der Tiere, die sich iiber unsere physische Welt ausbreiten. Nehmen 
wir nun das Lowen-Gruppen-Ich und das Affen-Gruppen-Ich. 
Jeder Lowe ist ein einzelnes Glied, in das die Gruppenseele einen 
Teil ihrer Substanz hineingiefk. Wenn ein Lowe stirbt, fallt von der 
Gruppenseele das auftere Physische ab, wie beim Menschen ein 
Fingernagel. Die Gruppenseele nimmt dann zuriick, was sie hinein- 
gesandt hatte und gibt es einem anderen Lowen, der neu geboren 



wird. Oben bleibt die Gruppenseele. Sie streckt gleichsam Fangar- 
me aus, die sich im Physischen verharten, dann abfallen und wieder 
ersetzt werden. 

Daher kennt die Tiergruppenseele nicht Geburt und Tod. Das 
einzelne Tier ist etwas, was abfallt und anwachst; die Gruppenseele 
bleibt unberiihrt von Leben und Tod. Fur die Lowen ist es durch- 
aus so, dafi jedesmal, wenn ein Lowe stirbt, alles, was ausgesandt 
war von der Gruppenseele, wieder zuriickgeht in die Gruppenseele. 



'S'SS/'s'Sfs''' 



A fen 




Nicht so ist es jedoch beim Affen. Es gibt einzelne Tiere, die reifien 
etwas ab von der Gruppenseele, das kann dann nicht wieder zu- 
riick. Wenn der Affe stirbt, geht der wesentliche Teil zuriick, aber 
es schnurt sich ein Teil der Gruppenseele ab. Der Affe macht 
gleichsam zu fest, was vorgestreckt wird, und wenn er stirbt, 
schnurt sich ein Teil der Gruppenseele ab, so dafi ein Stuck von ihr 
gewissermafien herausbricht, von ihr abreifit und nicht wieder zu- 
riickkann. So entstehen Abschntirungen von der Gruppenseele. Bei 
alien Affenarten entstehen Abschmirungen von der Gruppenseele. 

Ahnliches haben wir bei gewissen Amphibien, bei gewissen 
Vogelarten, besonders deutlich auch beim Kanguruh. Durch diese 



Abschniirungen bleibt etwas zuriick von der Gruppenseele und 
dasjenige, was von warmbliitigen Tieren auf diese Art zuriickbleibt, 
wird ein Elementarwesen, ein Naturgeist - der Salamander. Diese 
Elementarwesen, diese Naturgeister sind also gleichsam Abfalle, 
Abfallprodukte hoherer Welten, die in Dienst genommen werden 
von hoheren Wesenheiten. Sie wiirden, sich selbst iiberlassen, den 
Kosmos storen. So verwendet die hohere Weisheit zum Beispiel die 
Sylphen, um die Bienen zu den Blumen zu fiihren. So wird das 
grofie Heer der Elementarwesen unter die hohere weise Fiihrung 
gestellt und dadurch das Schadliche, was sie anrichten konnten, ins 
Niitzliche umgewandelt. 

So geht es zu in den Reichen, die unter dem Menschen liegen. 
Nun kann es aber auch passieren, dafi der Mensch selbst sich ab- 
schnurt von seiner Gruppenseele und als Individualseele keine 
Moglichkeit findet, sich weiterzuentwickeln. Denn wahrend er als 
Glied seiner Gruppenseele von hoheren Wesenheiten gelenkt und 
geleitet wurde, ist er dann seiner eigenen Fiihrung anheim gegeben. 
Nimmt der Mensch nicht entsprechende geistige Kenntnisse auf, 
dann ist er in Gefahr, sich abzuschmiren. Das ist dasjenige, was sich 
als Frage aufwirft. 

Was ist es nun, was den Menschen bewahrt vor dem Abschnii- 
ren, vor dem Herumirren ohne Richtung und Ziel, wahrend ihm 
fruher die geistige Gruppenseele eine Richtung gegeben hat? Wir 
miissen uns klar dariiber sein, dafi der Mensch sich immer mehr 
individualisiert und dafi er immer mehr und mehr in der Zukunft 
den Zusammenschlufi mit anderen Menschen freiwillig finden mufi. 
Fruher bestand der Zusammenhang durch Blutsverwandtschaft, 
durch Stamme und Rassen. Aber dieser Zusammenschlufi geht 
mehr und mehr zu Ende. Alles im Menschen geht immer mehr 
darauf hinaus, ein individueller Mensch zu werden. Nun ist nur ein 
umgekehrter Weg moglich. Denken Sie sich eine Anzahl von Men- 
schen auf der Erde, die sich sagen: Wir gehen unsere eigenen Wege, 
wir wollen in unserem Innern selbst Richtung und Ziel des Weges 
finden, wir sind alle auf dem Wege, immer mehr individuelle Men- 
schen zu werden. - Da liegt die Gefahr der Zersplitterung vor. Jetzt 



halten die Menschen auch schon geistige Zusammenschlusse nicht 
mehr aus. Heute gehen wir so weit, dafi jeder seine eigene Religion 
hat und seine eigene Meinung als hochstes Ideal hinstellt. Aber 
wenn die Menschen die Ideale verinnerlichen, so fiihrt das zur 
Einigung, zu gemeinsamer Meinung. Wir erkennen innerlich zum 
Beispiel, dafi 3 mal 3 = 9 ist, oder dafi drei Winkel in einem Dreieck 
180 Grad sind. Das ist eine innerliche Erkenntnis. Uber innerliche 
Erkenntnisse braucht man nicht abzustimmen, iiber innerliche Er- 
kenntnisse entstehen keine Meinungsunterschiede, sie fiihren zur 
Einigung. Solcher Art sind alle geistigen Wahrheiten. Was die 
Geisteswissenschaft lehrt, das findet der Mensch durch seine inner- 
lichen Krafte. Diese fiihren ihn zu einer absoluten Einigkeit, zu 
Friede und Harmonic Es gibt nicht zwei Meinungen iiber eine 
Wahrheit, ohne dafi eine davon falsch ist. Das Ideal ist grofkmog- 
liche Verinnerlichung; sie fiihrt zur Einigung, zum Frieden. 



V 
> i ' t 

' ' ',' 
• * ' < 

» / 



' » it v 



» . * i 
' $ \ ■ 

i • ■ 

> '. i ' 



/I * : . 



O 



QruppcnscclG 



H6t)zra Gruppenjede 
dot Menschen 



Erst war eine Menschengruppenseele da. Dann wurde die 
Menschheit in der Vergangenheit entlassen aus der Gruppenseele. 
Aber in der Zukunft der Entwickelung miissen sich die Menschen 
ein sicheres Ziel setzen, dem sie zustreben. Wenn sich Menschen 
vereinigen in einer hoheren Weisheit, dann steigt aus hoheren 



Welten wieder eine Gruppenseele herab - wenn aus den gebunde- 
nen natiirlichen Gemeinschaften freie Gemeinschaften entstehen. 
Was gewollt ist von den Leitern der geisteswissenschaftlichen Be- 
wegung, das ist, dafi wir in ihr eine Gesellschaft finden, in welcher 
die Herzen der Weisheit zustromen, wie die Pflanzen dem Sonnen- 
lichte zustromen. Wo die gemeinschaftliche Wahrheit die verschie- 
denen Iche verbindet, da geben wir der hdheren Gruppenseele 
Gelegenheit zum Herabstieg. Indem wir unsere Herzen gemeinsam 
einer hdheren Weisheit zuwenden, betten wir die Gruppenseele ein. 
Wir bilden gewissermafien das Bett, die Umgebung, in der sich die 
Gruppenseele verkorpern kann. Die Menschen werden das Erden- 
leben bereichern, indem sie etwas entwickeln, was aus hoheren 
Welten geistige Wesenheiten herniedersteigen lafit. Das ist das Ziel 
der geisteswissenschaftlichen Bewegung. 

Das ist in grofiartiger, gewaltiger Form einmal vor die Mensch- 
heit hingestellt worden, um zu zeigen, dafi der Mensch ohne dieses 
geistlebendige Ideal in ein anderes Verhaltnis iibergehen wiirde: es 
ist ein Wahrzeichen, das den Menschen mit iiberwaltigender Kraft 
zeigen kann, wie die Menschheit den Weg finden kann, um im 
seelischen Zusammenschlufi dem gemeinsamen Geist eine Verkor- 
perungsstatte zu bieten. Dieses Wahrzeichen ist uns hingestellt in 
der Pfingstgemeinde, als gemeinsame Empfindung inbriinstiger 
Liebe und Hingabe eine Anzahl Menschen durchgluhten, die sich 
zu gemeinsamer Tat versammelt hatten. Da ist eine Anzahl von 
Menschen, deren Seelen noch nachbeben von dem erschiitternden 
Ereignis, so dafi in alien das Gleiche lebte. In dem Zusammenstro- 
men dieses einen, gleichen Gefuhles lieferten sie das, worin sich ein 
Hoheres, eine gemeinsame Seele verkorpern konnte. Das wird aus- 
gedriickt mit jenen Worten, die besagen, dafi der Heilige Geist, die 
Gruppenseele, sich herniederliefi und sich zerteilte wie feurige 
Zungen. Das ist das grofie Symbolum fur die Menschheit der 
Zukunft. 

Hatte der Mensch diesen Anschlufi nicht gefunden, so wiirde der 
Mensch in ein Elementarwesen iibergehen. Nun soli die Mensch- 
heit eine Statte suchen fur die sich herabneigenden Wesen aus 



hoheren Welten. In dem Osterereignisse wurde dem Menschen die 
Kraft gegeben, solche machtige Vorstellungen in sich aufzunehmen 
und einem Geiste zuzustreben. Das Pfingstfest ist die Frucht der 
Entfaltung dieser Kraft. 

Immerdar soil durch das Zusammenstromen der Seelen zu der 
gemeinsamen Weisheit sich das vollziehen, was eine lebendige Be- 
ziehung herstellt zu den Kraften und Wesenheiten hoherer Welten 
und zu etwas, was jetzt noch so wenig Bedeutung hat fur die 
Menschheit wie das Pfingstfest. Durch die Geisteswissenschaft 
wird es dem Menschen wieder etwas werden. Wenn die Menschen 
wissen werden, was die Herabkunft des Heiligen Geistes in der 
Zukunft fur die Menschen bedeuten wird, dann wird das Pfingst- 
fest wieder lebendig werden, Es wird dann nicht nur eine Erinne- 
rung sein an jenes Ereignis in Jerusalem, sondern es wird eintreten 
fur die Menschen jenes immer dauernde Pfingstfest des seelischen 
Zusammenstrebens. Es wird ein Symbolum werden fur die der- 
einstige grofie Pfingstgemeinde, wenn die Menschheit sich in einer 
gemeinsamen Wahrheit zusammenfinden wird, um hoheren We- 
senheiten die Mogiichkeit zur Verkorperung zu geben. Von den 
Menschen selbst wird es abhangen, wie wertvoll dadurch die Erde 
fur die Zukunft werden wird und wie wirkungsvoll solche Ideale 
fur die Menschheit sein konnen. Wenn die Menschheit in dieser 
rechten Weise zu der Weisheit hinstrebt, dann werden hohere 
Geister sich mit den Menschen verbinden. 



DAS PFINGSTFEST DES SEELISCHEN ZUS AMMENSTREB EN S 
UND DES ARBEITENS AN DER VERGEISTIGUNG DER WELT 



Zweiter Vortrag, Koln, 9. Juni 1908 

Wir haben im letzten Vortrag einige geistige Wesenheiten betrach- 
tet, die unter dem Menschen stehen, von denen einige solche Fa- 
higkeiten haben, die sich vergleichen lass en mit den Fahigkeiten 
der Menschen; aber es fehlt ihnen das Verantwortlichkeitsgefiihl. 
Wir haben gesehen, wie sie anzusehen sind als Abfalle der Evolu- 
tion, die hindernd sein wiirden, wenn sie sich selbst iiberlassen 
blieben, wie sie aber unter einer hoheren Weisheit verwendet wer- 
den und wie sie aus schadlichen Wesenheiten in gute umgewandelt 
werden. 

Heute wollen wir die Schar dieser Wesenheiten um einige ande- 
re, die wir betrachten, vermehren, um zu zeigen, wie das Zusam- 
menwirken des Menschen mit diesen Wesenheiten stattfindet. Zu- 
nachst wollen wir davon ausgehen, daft der Mensch jedesmal, wenn 
die Nacht eintritt, einen Wechsel durchmacht vom Wachzustand 
zum Schlafzustand. Wir wissen, wenn der Mensch im wachen Ta- 
geszustande ist, daft dann seine vier Glieder miteinander verbunden 
sind, sich gegenseitig durchdringen. Ferner erinnern wir uns daran, 
daft jede Nacht der Astralleib und das Ich aus dem physischen und 
Atherleib sich herausheben. Nun haben wir also entstehen sehen 
aus dieser Menschenverbindung, aus der viergliedrigen Menschen- 
wesenheit, in der Nacht zwei voneinander verschiedene Wesenhei- 
ten. Im Bette bleiben liegen der physische Leib und der Atherleib; 
aufterhalb bleiben der Astralleib und das Ich. 

Fur den heutigen Menschen treten in der Nacht ganz andere 
Zustande ein als am Tage. Wir konnen den Bewufitseinszustand des 
heutigen Menschen in der Nacht vergleichen mit dem Bewufttseins- 
zustand der Pflanzen. Die Pflanze hat den Bewufitseinszustand des 
traumlosen Schlafes. Die Menschen sind im Schlafe auch mit einer 
Art von Pflanzenbewufitsein behaftet. Der Mensch ist in der Nacht 
auch im traumlosen Schlafzustand in den geistigen Welten. 



Zu diesen Vorstellungen nehmen wir die hinzu, dafi ein jedes 
Glied der menschlichen Wesenheit seinen Ausdruck im physischen 
Leibe hat. Der physische Leib ist sozusagen das Ergebnis der 
Grundglieder des Menschen. Das Ich hat seinen Ausdruck im Blut, 
der Astralleib hat seinen Ausdruck im Nervensystem, der Atherleib 
hat seinen Ausdruck im Drusensystem, und das Sinnessystem steht 
fur den physischen Leib als Ausdruck da. Wenn wir im physischen 
Leib des Menschen den Ausdruck der Offenbarung der verschiede- 
nen Glieder sehen, so mussen wir uns sagen, dafi der Blutkreislauf 
da ist durch das individuelle Ich. Kein Nervensystem kann da sein, 
ohne da$ der Astralleib dieses Nervensystem gliedert und schafft. 
Nachts ziehen wir den astralischen Leib und das Ich aus dem phy- 
sischen Leibe heraus, aber nicht das Nervensystem und das Blut. 
Aber Blut und Ich gehoren zusammen, und der Astralleib und das 
Nervensystem gehoren zusammen. 

Der Mensch benimmt sich nachts gegeniiber seiner Leiblichkeit 
aufierordentlich schnode. Damit der Mensch Werkzeuge hat fur das 
Ich und fur den astralischen Leib, mufiten das Blut und das Ner- 
vensystem entstehen. Jetzt verlafit er in der Nacht das Blut und das 
Nervensystem. Unmoglich konnte ein physischer Leib mit Blut 
und Nervensystem auch nur eine Sekunde bestehen ohne Astralleib 
und Ich. Die Pflanze kann ohne diese bestehen, weil sie kein Ner- 
vensystem und kein Blutsystem hat. Wir wiirden den physischen 
Leib morgens tot finden, wenn wir nachts nur auf uns selbst ange- 
wiesen waren. Wir nehmen ihm die hoheren Krafte, den Astralleib 
und das Ich, die den physischen Leib versorgen mussen. Was wir 
nicht tun, das mussen andere Wesen in der Nacht tun. Nachts drin- 
gen sie in den physischen Leib und den Atherleib; sie senken sich 
in den physischen Leib und Atherleib hinein. Jede Nacht kehren 
ein in des Menschen physischen Leib und Atherleib hohere geistige 
Wesenheiten und iiben die Arbeit aus, die wahrend des Tageslebens 
vom eigenen Ich und Astralleib ausgeiibt werden. Das sind hohe, 
erhabene Wesenheiten, die einst den physischen Leib und Atherleib 
des Menschen geschaffen haben, die sich nachts derselben wieder 
annehmen. Oben, in der hoheren Welt ist des Nachts der Astralleib 



mit dem Ich; unten bleibt der physische Leib und der Atherleib. Sie 
sind in der Nacht verlassen vom Astralleib und dem Ich. In dem- 
selben Mafie, wie sie vom Astralleib und dem Ich verlassen werden, 
ziehen die Krafte hoherer Wesenheiten in sie ein. 



Welt 



\ 
i 



\ 

* 

\ 



! 

# 

i 
/ 

4 



I 



Welt 



Archer L e,b 



\ le/6 '; 
>''"'//, >' 

' 4 



Der Atherleib des Menschen ist nicht dasselbe wie der Atherleib 
der Pflanzen. In den physischen und Atherleib des Menschen stro- 
men nachts ein hohere Krafte aus einer hoheren Welt. Es kann fol- 
gendes geschehen: Der Mensch wirkt wahrend des Tagesbewufk- 
seins fortwahrend auf den physischen Leib und den Atherleib. Wenn 
der Mensch denkt und empfindet, dann spielt sich das ab im astra- 
lischen Leibe, aber es geht iiber in den Atherleib und den physischen 
Leib. Das pragt sich darin aus. Fruher gingen physischer Leib und 
Atherleib rein aus dem Willen der hoheren Wesenheiten hervor. 
Wenn aber der Mensch ichbewufit wird, so gehen die Einfliisse dieser 
hoheren Wesenheiten aus dem physischen Leib und Atherleib hin- 
aus. Das, was in der Seele lebt, ist nicht ohne Wirkung auf den phy- 
sischen Leib und Atherleib. Der Anatom kann natiirlich nicht fest- 
stellen, welche Veranderungen in des Menschen physischem Leib 



und Atherleib vorgehen, aber sie finden statt. Eine grofie Wirkung 
geht vor im physischen Leib und Atherleib, wenn der Mensch liigt. 
Luge und Heuchelei sind Vorgange in der Seele und im Ich. Man 
kann vom materialistischen Standpunkt aus glauben, dafi Liigen nur 
im Innern sich abspielen. Aber der okkulte Beobachter weifi, dafi 
dadurch bis in den physischen Leib, bis in die Struktur Veranderun- 
gen vor sich gehen. Solche Veranderungen gehen auch vor sich durch 
die zahlreichen konventionellen Liigen, die in der Welt leben. 

Uberblicken wir die materielle Wirklichkeit: wir wissen, wie 
unser Leben gespickt ist mit allerlei Unwahrhaftigkeiten. Wenn die 
Leute sich etwas sagen, was sie nicht so meinen, so ist es damit wie 
der Abdruck von einem Petschaft im Siegellack. Dieser Abdruck 
bleibt. Alle Heuchelei, Unwahrheit, Verleumdung bleibt wie ein 
Abdruck im physischen Leibe vorhanden. Wenn der Mensch in der 
Nacht seinen physischen Leib und Atherleib verlalk, so kann man 
solche Abdriicke sehen. Nun kommen die Wesen aus den hoheren 
Welten und finden diese darin. Das vertragt sich nicht mit den 
hoheren Welten. Dadurch tritt etwas Neues ein, es wird etwas ganz 
Neues geschaffen. Nun werden von den hoheren Wesenheiten 
Wesen abgeschmirt durch den physischen Leib, die dann ein selb- 
standiges Dasein fuhren, zwischen unseren Welten. Man nennt sie 
in der Geheimwissenschaft Phantome. Phantome nennt man sie 
deshalb, weil sie dem physischen Wahrnehmen am nachsten stehen. 
Sie sind ferner Wesenheiten mit physischer Gesetzmafiigkeit. Sie 
durchschwirren unseren Raum. Sie halten die menschliche Entwik- 
kelung auf. Sie machen das, was in der Welt lebt, schlechter, als 
wenn sie nicht da waren. Diese Phantome sind Wesenheiten, die die 
Menschen schaffen durch Liige, Heuchelei und so weiter, welche 
die Entwickelung zuriickhalten. 

Dadurch, dafi wir die Wirkungen der geistigen Wesenheiten 
kennenlernen, wird viel mehr geholfen als durch Moralpredigen. 
Eine zukunftige Menschheit wird wissen, was sie schafft durch 
Liige, Heuchelei und Verleumdung. Indem man Tatsachen kennen- 
lernt, schafft man die wirksamste Moral, nicht durch moralische 
Grundsatze. Durch die geisteswissenschaftliche Grundlegung des 



Daseins werden die starksten Antriebe und Impulse der Moral ge- 
schaffen. Phantome sind auch eine Art von Naturwesen, die da 
sind, durch die Tatigkeit des Menschen geschaffen. Abends verlafit 
der Mensch den physischen Leib und lafit darin zuriick die Siegel- 
abdriicke von Liige, Heuchelei und so weiter. Wenn der Mensch 
morgens wieder hineinzieht, dann stromen zuerst diese Phantome 
aus dem physischen Leib heraus. 

Auch der Atherleib kann so beeinflufit werden, dafi er abge- 
schniirte Wesenheiten erzeugt. Es sind wiederum gewisse Vorgange 
in der Menschenwelt, die bewirken, dafi solche Abschniirungen 
durch den Atherleib entstehen. Alle Dinge, wie ungerechte, schlechte 
Gesetze, die in unric
…[truncated]