Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 



RUDOLF STEINER 



WIE ERLANGT MAN ERKENNTNISSE 
DER HOHEREN WELTEN? 

(1. Teil) 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Dornach / Schweiz 



24. Auflage 93. - 97. Tsd. 
Gesamtausgabe Dornach 1993 



Ein bibliographischer Nachweis friiherer 
Ausgaben findet sich auf Seite 235 



Bibliographie-Nr. 10 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 
Dornach / Schweiz 
© 1961 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach / Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-0100-1 



INHALT 



Vorrede zur dritten Auflage (erste Buchausgabe) . 7 

Vorrede zu fiinften Auflage 12 

Vorrede zum achten bis elften Tausend 15 

Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? 16 

Bedingungen .... 16 

Innere Ruhe 28 

Die Stufen der Einweihung ..... 42 

1. Die Vorbereitung ...... 43 

2. Die Erleuchtung ... 53 
Kontrolle der Gedanken und Gefiihle 58 

Die Einweihung 75 

Praktische Gesichtspunkte . 90 

Die Bedingungen zur Geheimschulung . . 102 

Uber einige Wirkungen der Einweihung 115 

Veranderungen im Traumleben des Geheimschulers 159 

Die Erlangung der Kontinuitat des BewuBtseins . . . 170 
Die Spaltung der Personlichkeit wahrend der 

Geistesschulung • . 180 

Der Huter der Schwelle • . 193 

Leben und Tod. Der groBe Huter der Schwelle. . 204 

Nachwort zum achten bis elften Tausend. . . . • . 216 



Hinweise des Herausgebers 

Zu dieser Ausgabe ...... . . . ■ . 227 

Hinweise zum Text • . 232 

Namenregister ■ . 234 

Bibliographischer Nachweis . • . 235 

Ubersicht liber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe • . 237 



VORREDE ZUR DRITTEN AUFLAGE 



Es erscheinen hiermit als Buch meine Ausftihrungen, 
welche ursprlinglich als einzelne Aufsatze unter dem Titel 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» 
abgedruckt waren. Zunachst wird dieser Band den ersten 
Teil bringen; ein folgender wird die Fortsetzung enthal- 
ten. Diese Arbeit iiber die Entwickelung des Menschen 
zum Erfassen der tibersinnlichen Wehen soil nicht in 
neuer Gestalt vor die Weh treten ohne einige Geleitworte, 
welche ihr hiermit vorgesetzt werden. Die in ihr enthal- 
tenen Mitteilungen tiber die Seelenentwickelung des Men- 
schen mochten verschiedenen Bedlirfnissen dienen. Zu- 
nachst soil denjenigen Personen etwas gegeben werden, 
welche sich hingezogen ftihlen zu den Ergebnissen der 
Geistesforschung und welche die Frage aufwerfen mtis- 
sen: Ja, woher haben diejenigen ihr Wissen, welche be- 
haupten, etwas liber hohe Ratselfragen des Lebens sagen 
zu konnen? Die Geisteswissenschaft sagt iiber solche 
Ratsel etwas. Wer die Tatsachen beobachten will, welche 
zu diesen Aussagen flihren, der muB zu tibersinnlichen 
Erkenntnissen aufsteigen. Er muB den Weg gehen, wel- 
cher in dieser Schrift zu schildern versucht wird. Doch 
ware es ein Irrtum, zu glauben, daB die Mitteilungen der 
Geisteswissenschaft fur den wertlos seien, der nicht N ei- 
gung oder Moglichkeit hat, diesen Weg selbst zu gehen. 
Um die Tatsachen zu erforschen, muB man die Fahigkeit 
haben, in die tibersinnlichen Wehen hineinzutreten. Sind 
sie aber erforscht und werden sie mitgeteilt, so kann auch 
derjenige, welcher sie nicht selber wahrnimmt, sich eine 
hinreichende Uberzeugung von der Wahrheit der Mit- 



teilungen verschaffen. Ein groBer Teil derselben ist ohne 
weiteres dadurch zu priifen, daB man die gesunde Urteils- 
kraft in wirklich unbefangener Weise auf sie anwendet. 
Man wird sich nur nicht in dieser Unbefangenheit storen 
lassen diirfen durch alle moglichen Vorurteile, die einmal 
im Menschenleben so zahlreich vorhanden sind. Es wird 
z. B. leicht vorkommen, daB jemand findet, dies oder 
jenes vertrage sich nicht mit gewissen wissenschaft- 
lichen Ergebnissen der Gegenwart. In Wahrheit gibt es 
, kein wissenschhaftliches Ergebnis, welches der geistigen 
Forschung widerspricht. Doch kann man leicht glauben, 
daB dieses oder jenes wissenschaftliche Urteil zu den Mit- 
teilungen iiber die hoheren Wehen nicht stimme, wenn 
man nicht allseitig und unbefangen die wissenschaft- 
lichen Ergebnisse zu Rate zieht. Man wird finden, daB, je 
unbefangener man die Geisteswissenschaft gerade mit 
den positiven wissenschaftlichen Errungenschaften zu- 
sammenhalt, um so schoner die voile Ubereinstimmung 
erkannt werden kann. - Ein anderer Teil der geisteswis- 
senschaftlichen Mitteilungen wird sich allerdings mehr 
oder weniger dem bloBen Verstandesurteile entziehen. 
Aber es wird unschwer derjenige ein rechtes Verhaltnis 
auch zu diesem Teile gewinnen konnen, welcher einsieht, 
daB nicht nur der Verstand, sondern auch das gesunde 
Gefuhl ein Richter iiber die Wahrheit sein kann. Und wo 
dieses Gefuhl sich nicht durch Sympathie oder Antipathie 
fur diese oder jene Meinung treiben laBt, sondern wirk- 
lich unbefangen die Erkenntnisse der iibersinnlichen Wel- 
ten auf sich wirken laBt, da wird sich auch ein entspre- 
chendes Gefiihlsurteil ergeben. - Und noch manch ande- 
ren Weg gibt es zur Bewahrheitung dieser Erkenntnisse 



fur diejenigen Personen, welche den Pfad in die iibersinn- 
liche Welt nicht beschreiten konnen und wollen. Solche 
Menschen konnen aber gleichwohl fiihlen, welchen Wert 
diese Erkenntnisse fiir das Leben haben, auch wenn sie 
sie nur aus den Mitteilungen der Geistesforscher erfahren. 
Ein schauender Mensch kann nicht ein jeder augenblick- 
lieh werden; eine rechte gesunde Lebensnahrung sind aber 
die Erkenntnisse des schauenden Menschen fiir jedermann. 
Denn anwenden im Leben kann sie jeder. Und wer es tut, 
wird bald einsehen, was das Leben mit ihnen auf alien 
Gebieten sein kann und was es entbehrt, wenn man sie 
ausschlieBt. Die Erkenntnisse der iibersinnlichen Welten 
erweisen sich, richtig im Leben angewendet, nicht un- 
praktisch, sondern im hochhsten Sinne praktisch. Wenn 
aber auch jemand den hoheren Erkenntnispfad nicht 
selbst betreten will, so kann er doch, wenn er Neigung 
fiir die auf demselben beobachteten Tatsachen hat, fra- 
gen: Wie kommt der schauende Mensch zu diesen Tat- 
sachen? Denjenigen Personen, welche ein Interesse an 
dieser Frage haben, mochte diese Schrift ein Bild von dem 
geben, was man unternehmen muB, um die iibersinn- 
liche Weit wirklich kennenzulernen. Sie mochte den Weg 
in dieselbe so darstellen, daB auch derjenige, der ihn nicht 
selbst geht, Vertrauen gewinnen kann zu dem, was ein 
solcher sagt, der ihn gegangen ist. Man kann ja auch, 
wenn man gewahr wird, was der Geistesforscher tut, dies 
richtig finden und sich sagen: die Schilderung des Pfades 
in die hoheren Welten macht auf mich einen solchen Ein- 
druck, daB ich verstehen kann, warum die mitgeteilten 
Tatsachen mir einleuchtend erscheinen. So soil also diese 
Schrift jenen dienen, welche in ihrem Wahrheitssinn und 



Wahrheitsgefiihl fiir die Ubersinnliche Welt eine Star- 
kung und Sicherheit wiinschen. Nicht minder mochte sie 
aber auch denjenigen etwas bieten, welche den Weg zu 
den Ubersinnlichen Erkenntnissen selbst suchen. Diejeni- 
gen Personen werden die Wahrheit des hier Dargestellten 
am besten erproben, welche sie in sich selbst verwirk- 
lichen. Wer solch eine Absicht hat, wird gut tun, sich 
immer wieder zu sagen, daB bei Darstellung der Seelen- 
entwickelung mehr notwendig ist als ein solches Bekannt- 
werden mit dem Inhalte, wie es bei anderen Ausfuhrun- 
gen oftmals angestrebt wird. Ein intimes Hineinleben in 
die Darstellung ist notwendig; die Voraussetzung soil man 
machen, daB man die eine Sache nicht nur durch das be- 
greifen soil, was iiber sie selbst gesagt wird, sondern durch 
manches, was iiber ganz anderes mitgeteilt wird. Man 
wird so die Vorstellung erhalten, daB nicht in einerWahr- 
heit das Wesentliche liegt, sondern in dem Zusammen- 
stimmen aller. Wer Ubungen ausfiihren will, muB das 
ganz ernstlich bedenken. Eine Ubung kann richtig ver- 
standen, auch richtig ausgefiihrt sein; und dennoch kann 
sie unrichtig wirken, wenn nicht von dem Ausfiihrenden 
ihr eine andere Ubung hinzugefiigt wird, welche die Ein- 
seitigkeit der ersten zu einer Harmonie der Seele auslost. 
Wer diese Schrift intim liest, so daB ihm Lesen wie ein 
innerliches Erleben wird, der wird sich nicht nur mit dem 
Inhalte bekannt machen, sondern auch an dieser Stelle 
dieses, an einer anderen jenes Gefiihl haben; und dadurch 
wird er erkennen, welches Gewicht fur die Seelenenrwik- 
kelung dem einen oder dem anderen zukommt. Er wird 
auch herausfinden, in welcher Form er diese oder jene 
Ubung, nach seiner besonderen Individualitat, gerade bei 



sich versuchen sollte. Wenn, wie hier, Beschreibungen in 
Betracht kommen von Vorgangen, welche erlebt werden 
sollen, so erweist sich als notwendig, daB man auf den 
Inhalt immer wieder zuriickgreife; denn man wird sich 
iiberzeugen, daB man manches erst dann fiir sich selbst 
zu einem befriedigenden Verstandnis bringt, wenn man 
es versucht hat und nach dem Versuche gewisse Feinheiten 
der Sache bemerkt, die einem friiher entgehen muBten. 

Auch solche Leser, welche den Weg, der vorgezeichnet 
ist, nicht zu gehen beabsichtigen, werden in der Schrift 
manches Brauchbare fiir das innere Leben finden: Lebens- 
regeln, Hinweise, wie dies oder jenes sich aufklart, was 
ratselhaft erscheint usw. 

Und mancher, der durch seine Lebenserfahrung dieses 
oder jenes hinter sich hat, in mancher Beziehung eine Le- 
benseinweihung durchgemacht hat, wird eine gewisse Be- 
friedigung finden konnen, wenn er im Zusammenhange 
geklart findet, was ihm im einzelnen vorgeschwebt hat; 
was er schon wuBte, ohne vielleicht dies Wissen bis zu 
einer fiir ihn selbst hinreichenden Vorstellung gebracht 
zu haben. 



VORREDE ZUR FUNFTEN AUFLAGE 



Fur diese Neuauflage von «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?» ist die vor mehr als zehn Jah- 
ren niedergeschriebene Darstellung in alien Einzelheiten 
wieder durchgearbeitet worden. Das Bedlirfnis nach sol- 
cher Durcharbeitung entsteht naturgemaB bei Mitteilun- 
gen liber Seelenerlebnisse und Seelenwege von der Art, 
wie sie in diesem Buche gegeben sind. Es kann ja keinen 
Teil innerhalb des Mitgeteilten geben, mit dem die Seele 
des Mitteilers nicht innig verbunden bliebe und der nicht 
etwas enthielte, das an dieser Seele fortdauernd arbeitet. 
Es ist wohl auch kaum anders moglich, als daB mit diesem 
seelischen Arbeiten sich ein Streben nach erhohter Klar- 
heit und Deutlichkeit der vor Jahren gegebenen Darstel- 
lung verbindet. Diesem Streben ist entsprungen, was ich 
fur das Buch bei dieser Neuauflage zu tun bemtiht war. 
Zwar sind alle wesentlichen Glieder der Auseinander- 
setzungen, alle Hauptsachen so geblieben, wie sie waren; 
-und doch sind wichtige Anderungen vollzogen worden. 
Ich konnte fur eine genauere Charakterisierung im einzel- 
nen an vielen Stellen manches tun. Und dies schien mir 
wichtig. Will jemand das in dem Buche Mitgeteilte in 
dem eigenen Geistesleben anwenden, so ist es von Bedeu- 
tung' daB er die Seelenwege, von denen die Rede ist, in 
moglichst. genauer Charakterisierung ins Auge zu fassen 
vermag. In einem viel hoheren MaBe als an die Schilde- 
rung der Tatsachen der physischen Welt konnen sich an 
diejenige innerer geistiger Vorgange MiBverstandnisse 
kntipfen. Das Bewegliche des Seelenlebens, die Notwen- 
digkeit, diesem Leben gegenliber nie aus dem BewuBtsein 



zu verlieren, wie verschieden es ist von allem Leben in 
der physischen Welt, und vieles andere, machen solche 
MiBverstandnisse moglich. Ich habe bei dieser Neuauf- 
lage die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die Stellen 
des Buches aufzufinden, wo solche MiBverstandnisse 
entstehen konnen; und ich habe mich bemiiht, bei der 
Abfassung ihrem Entstehen entgegenzuarbeiten. 

Als ich die Aufsatze schrieb, aus welchen das Buch 
zusammengesetzt ist, muBte iiber manches auch aus dem 
Grunde anders gesprochen werden als gegenwartig, weil 
ich auf den Inhalt dessen, was ich in den letzten zehn Jah- 
ren iiber Tatsachen der Erkenntnis geistiger Welten ver- 
offentlicht habe, damals anders hinzudeuten hatte, als es 
jetzt, nach der Veroffentlichung, zu geschehen hat. In 
meiner «Geheimwissenschaft», in der «Fuhrung des Men- 
schen und der Menschheit», in «Ein Weg zur Selbst- 
erkenntnis» und besonders in «An der Schwelle der geisti- 
gen Welt», auch in anderen meiner Schriften sind geisti- 
ge Vorgange geschildert, auf deren Vorhandensein dieses 
Buch vor mehr als zehn Jahren zwar schon hindeuten 
muBte, dies aber doch mit anderen Worten, als es gegen- 
wartig richtig scheint. Ich muBte damals von vielem, das 
in dem Buche noch nicht geschildert wurde, sagen, es 
konne durch «miindliche Mitteilung» erfahren werden. 
Gegenwartig ist nun vieles von dem veroffentlicht, was 
mit solchen Hinweisen gemeint war. Es waren aber diese 
Hinweise, die irrtumliche Meinungen bei den Lesern viel- 
leicht nicht vollig ausschlossen. Man konnte etwa in dem 
persdnlichen Verhaltnis zu diesem oder jenem Lehrer bei 
dem nach Geistesschulung Strebenden etwas viel Wesent- 
licheres sehen, als gesehen werden soil. Ich hoffe, daB es 



mir gelungen ist, in dieser neuen Auflage durch die Art 
der Darstellung mancher Einzelheiten scharfer zu beto- 
nen, wie es bei dem, der Geistesschulung sucht im Sinne 
der gegenwartigen geistigen Bedingungen, viel mehr auf 
ein vollig unmittelbares Verhaltnis zur objektiven Geistes- 
welt als auf ein Verhaltnis zur Personlichkeit eines Leh- 
rers ankommt. Dieser wird auch in der Geistesschulung 
immer mehr die Stellung nur eines solchen Heifers an- 
nehmen, die der Lehrende, gemaB den neueren Anschau- 
ungen, in irgendeinem anderen Wissenszweige innehat. 
Ich glaube geniigend darauf hingewiesen zu haben, daB 
des Lehrers Autoritat und der Glaube an ihn in der Gei- 
stesschulung keine andere Rolle spielen sollten, als dies 
der Fall ist auf irgendeinem anderen Gebiete des Wissens 
und Lebens. Mir scheint viel darauf anzukommen, daB 
immer richtiger beurteilt werde gerade dieses Verhalt- 
nis des Geistesforschers zu Menschen, die Interesse ent- 
wickeln flir die Ergebnisse seines Forschens. So glaube ich 
das Buch verbessert zu haben, wo ich das Verbesserungs- 
bediirftige nach zehn Jahren zu finden in der Lage war. 

An diesen ersten Teil soil sich ein zweiter anschlieBen. 
Dieser soil weitere Ausfiihrungen iiber die Seelenverfas- 
sung bringen, welche den Menschen zum Erleben der 
hoheren Welten fiihrt. 

Die Neuauflage des Buches lag fertig gedruckt vor, als 
der groBe Krieg begann, den die Menschheit gegenwartig 
erlebt. Diese Vorbemerkungen habe ich zu schreiben, 
wahrend meine Seele tief bewegt ist von dem schicksal- 
tragenden Ereignisse. 



Berlin, 7. September 1914 



Rudolf Steiner 



VORREDE ZUM ACHTEN BIS ELFTEN TAUSEND 

An dem Inhalte dieser Neuauflage des vorliegenden Bu- 
ches schienen mir beim neuerlichen Durcharbeiten nur 
geringe Anderungen notwendig. Dagegen habe ich die- 
ser Ausgabe ein «Nachwort» hinzugefiigt, durch das ich 
mich bemiiht habe, manches deutlicher als friiher zu 
sagen, was die seelischen Grundlagen betrifft, auf welche 
die Mitteilungen des Buches gestellt werden miissen, da- 
mit sie ohne MiBverstandnis entgegengenommen wer- 
den. Ich glaube, daB der Inhalt dieses Nachwortes auch 
geeignet sein konnte, manchen Gegner der anthropo- 
sophischen Geisteswissenschaft dariiber aufzuklaren, daB 
er sein Urteil nur dadurch aufrechterhalten kann, weil er 
sich unter dieser Geisteswissenschaft etwas ganz anderes 
vorstellt, als sie ist; wahrend er, was sie ist, gar nicht ins 
Auge faBt. 



Mai 1918 



Rudolf Steiner 



WIE ERLANGT MAN ERKENNTNISSE 
DER HOHEREN WELTEN? 

Bedingungen 

Es schlummern in jedem Menschen Fahigkeiten, durch 
die er sich Erkenntnisse iiber hohere Welten erwerben 
kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph spra- 
chen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die fur 
sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mitphy- 
sischen Augen sehen, mit physischen Handen betasten 
kann. Der Zuhorer darf sich in jedem Augenblicke sagen: 
wovon dieser spricht, kann ich auch erfahren, wenn ich 
gewisse Krafte in mir entwickele, die heute noch in mir 
schlummern. Es kann sich nur darum handeln, wie man 
es anzufangen hat, um solche Fahigkeiten in sich zu ent- 
wickeln. Dazu konnen nur diejenigen Anleitung geben, 
die schon in sich solche Krafte haben. Es hat, seit es ein 
Menschengeschlecht gibt, auch immer eine Schulung ge- 
geben, durch die solche, die hohere Fahigkeiten hatten, 
denen Anleitung gaben, die ebensolche Fahigkeiten such- 
ten. Man nennt solche Schulung Geheimscbulung; und 
der Unterricht, welcher da empfangen wird, heiBt geheim- 
wissenschaftlicher oder okkulter Unterricht. Eine solche 
Bezeichnung erweckt naturgemaB MiBverstandnis. Wer 
sie hort, kann leicht zu dem Glauben verfiihrt werden, 
daB diejenigen, die flir solche Schulung tatig sind, eine 
besonders bevorzugte Menschenklasse darstellen wollen, 
die willkiirlich ihr Wissen den Mitmenschen vorenthalt. 
Ja, man denktwohl auch, daB vielleicht uberhaupt nichts 
Erhebliches hinter solchem Wissen stecke. Denn, wenn es 



ein wahres Wissen ware - so ist man versucht zu den- 
ken -, so brauchte man daraus kein Geheimnis zu ma- 
chen: man konnte es offentlich mitteilen und die Vorteile 
davon alien Menschen zuganglich machen. 

Diejenigen, welche in die Natur des Geheimwissens 
eingeweiht sind, wundern sich nicht im geringsten dar- 
iiber, daB die Uneingeweihten so denken. Worin das Ge- 
heimnis der Einweihung besteht, kann nur derjenige ver- 
stehen, der selbst diese Einweihung in die hoheren Ge- 
heimnisse des Daseins bis zu einem gewissen Grade erfah- 
ren hat. Nun kann man fragen: wie soil denn der Unein- 
geweihte iiberhaupt irgendein menschliches Interesse an 
dem sogenannten Geheimwissen unter solchen Umstan- 
den erlangen? Wie und warum soil er etwas suchen, von 
dessen Natur er sich doch gar keine Vorstellung machen 
kann? Aber schon einer solchen Frage liegt eine ganz irr- 
tiimliche Vorstellung von dem Wesen des Geheimwissens 
zugrunde. In Wahrheit verhalt es sich mit dem Geheim- 
wissen namlich doch nicht anders als mit allem iibrigen 
Wissen und Konnen des Menschen. Dieses Geheimwissen 
ist fiir den Durchschnittsmenschen in keiner anderen Be- 
ziehung ein Geheimnis, als warum das Schreiben fiir den 
ein Geheimnis ist, der es nicht gelernt hat. Und wie jeder 
schreiben lernen kann, der die rechten Wege dazu wahlt, 
so kann jeder ein Geheimschiiler, ja ein Geheimlehrer 
werden, der die entsprechenden Wege dazu sucht. Nur in 
einer Hinsicht liegen die Verhaltnisse hier noch anders als 
beim auBeren Wissen und Konnen. Es kann jemandem 
durch Armut, durch die Kulturverhaltnisse, in die er hin- 
eingeboren ist, die Moglichkeit fehlen, sich die Kunst des 
Schreibens anzueignen; fiir die Erlangung von Wissen 



und Konnen in den hoheren Welten gibt es kein Hinder- 
nis flir denjenigen, der diese ernstlich sucht. 

Viele glauben, man miisse die Meister des hoheren Wis- 
sens da und dort aufsuchen, urn von ihnen Aufschliisse 
zu erhalten. Aber zweierlei ist richtig. Erstens wird der- 
jenige, der ernstlich nach hoherem Wissen trachtet, keine 
Miihe, kein Hindernis scheuen, urn einen Eingeweihten 
aufzusuchen, der ihn in die hoheren Geheimnisse der Welt 
einfiihren kann. Aber anderseits kann auch jeder sich 
klar dariiber sein, daB ihn die Einweihung unter alien Um- 
standen finden wird, wenn ernstes und wiirdiges Streben 
nach Erkenntnis vorliegt. Denn es gibt ein natiirliches Ge- 
setz fur alle Eingeweihten, das sie dazu veranlaBt, keinem 
suchenden Menschen ein ihm gebiihrendes Wissen vorzu- 
enthalten. Aber es gibt ein ebenso natiirliches Gesetz, 
welches besagt, daB niemandem irgend etwas von dem 
Geheimwissen ausgeliefert werden kann, zu dem er nicht 
berufen ist. Und ein Eingeweihter ist um so vollkomme- 
ner, je strenger er diese beiden Gesetze beobachtet. Das 
geistige Band, das alle Eingeweihten umfaBt, ist kein auBe- 
res, aber die beiden genannten Gesetze bilden feste Klam- 
mern, durch welche die Bestandteile dieses Bandes zusam- 
mengehalten werden. Du magst in intimer Freundschaft 
mit einem Eingeweihten leben: du bist doch so lange von 
seinem Wesen getrennt, bis du selbst ein Eingeweihter 
geworden bist. Du magst das Herz, die Liebe eines Ein- 
geweihten im vollsten Sinne genieBen: sein Geheimnis 
wird er dir erst anvertrauen, wenn du reif dazu bist. 
Du magst ihm schmeicheln, du magst ihn foltern: nichts 
kann ihn bestimmen, dir irgend etwas zu verraten, von 
dem er weiB, daB es dir nicht verraten werden darf, 



weil du auf der Stufe deiner Entwickelung dem Geheim- 
nis noch nicht den rechten Empfang in deiner Seele zu 
bereiten verstehst. 

Die Wege, die den Menschen reif zum Empfange eines 
Geheimnisses machen, sind genau bestimmte. Ihre Rich- 
tung ist mit unausloschbaren, ewigen Buchstaben vorge- 
zeichnet in den Geisteswelten, in denen die Eingeweihten 
die hoheren Geheimnisse behiiten. In alten Zeiten, die vor 
unserer «Geschichte» liegen, waren die Tempel des Geistes 
auch auBerlich sichtbare; heute, wo unser Leben so ungei- 
stig geworden ist, sind sie nicht in der Welt vorhanden, 
die dem auBeren Auge sichtbar ist. Aber sie sind geistig 
uberall vorhanden; und jeder, der sucht, kann sie finden. 

Nur in seiner eigenen Seele kann der Mensch die Mit- 
tel finden, die ihm den Mund der Eingeweihten offnen. 
Gewisse Eigenschaften muB er in sich bis zu einem be- 
stimmten hohen Grade entwickeln, dann konnen ihm 
die hochsten Geistesschatze zuteil werden. 

Eine gewisse Grundstimmung der Seele muB den An- 
fang bilden. Der Geheimforscher nennt diese Grundstim- 
mung den Pfad der Verehrung, der Devotion gegeniiber 
der Wahrheit und Erkenntnis. Nur wer diese Grundstim- 
mung hat, kann Geheimschulerwerden. Wer Erlebnisse 
auf diesem Gebiete hat, der weiB, welche Anlagen bei 
denen schon in der Kindheit zu bemerken sind, welche 
spater Geheimschiiler werden. Es gibt Kinder, die mit 
heiliger Scheu zu gewissen von ihnen verehrten Personen 
emporblicken. Sie haben eine Ehrfurcht vor ihnen, die 
ihnen im tiefsten "Herzensgrunde verbietet, irgendeinen 
Gedanken aufkommen zu lassen von Kritik, von Oppo- 
sition. Solche Kinder wachsen zu Jiinglingen und Jung- 



frauen heran, denen es wohltut, wenn sie zu irgend etwas 
Verehrungsvollem aufsehen konnen. Aus den Reihen die- 
ser Menschenkinder gehen viele Geheimschiiler hervor. 
Hast du einmal vor der Tiire eines verehrten Mannes ge- 
standen und hast du bei diesem deinem ersten Besuche 
eine heilige Scheu empfunden, auf die Klinke zu driicken, 
um in das Zimmer zu treten, das fur. dich ein «Heiligtum» 
ist, so hat sich in dir ein Gefiihl geauBert, das der Keim 
sein kann fur deine spatere Geheimschulerschaft. Es ist 
ein Gliick ftir jeden heranwachsenden Menschen, solche 
Gefiihle als Anlagen in sich zu tragen. Man glaube nur ja 
nicht, daB solche Anlagen den Keim zur Unterwiirfigkeit 
und Sklaverei bilden. Es wird spater die erst kindliche Ver- 
ehrung gegeniiber Menschen zur Verehrung gegeniiber 
Wahrheit und Erkenntnis. Die Erfahrung lehrt, daB die- 
jenigen Menschen auch am besten verstehen, das Haupt 
frei zu tragen, die verehren gelernt haben da, wo Ver- 
ehrung am Platze ist. Und am Platze ist sie uberall da, wo 
sie aus den Tiefen des Herzens entspringt. 

Wenn wir nicht das tiefgriindige Gefiihl in uns entwik- 
keln, daB es etwas Hoheres gibt, als wir sind, werden wir 
auch nicht in uns die Kraft finden, uns zu einem Hoheren 
hinaufzuentwickeln. Der Eingeweihte hat sich nur da- 
durch die Kraft errungen, sein Haupt zu den Hohen der 
Erkenntnis zu erheben, daB er sein Herz in die Tiefen der 
Ehrfurcht, der Devotion gefiihrt hat. Hohe des Geistes 
kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der 
Demut geschritten wird. Ein rechtes Wissen kannst du 
nur erlangen, wenn du gelernt hast, dieses Wissen zu ach- 
ten. Der Mensch hat gewiB das Recht, sein Auge dem 
Lichte entgegenzuhalten; aber er muB dieses Recht erwer- 



ben. Im geistigen Leben gibt es ebenso Gesetze wie im 
materiellen. Streiche eine Glasstange mit einem entspre- 
chenden Stoffe, und sie wird elektrisch, das heiBt: sie er- 
halt die Kraft, kleine Korper anzuziehen. Dies entspricht 
einem Naturgesetz. Hat man ein wenig Physik gelernt, so 
weiB man dies. Und ebenso weiB man, wenn man die An- 
fangsgriinde der Geheimwissenschaft kennt, daB jedes in 
der Seele entwickelte Gefiihl von wahrer Devotion eine 
Kraft entwickelt, die in der Erkenntnis friiher oder spater 
weiter fiihren kann. 

Wer in seinen Anlagen die devotionellen Gefiihle hat, 
oder wer das Gliick hat, sie durch eine entsprechende 
Erziehung eingepflanzt zu erhalten, der bringt vieles mit, 
wenn er im spateren Leben den Zugang zu hoheren Er- 
kenntnissen sucht. Wer eine solche Vorbereitung nicht 
mitbringt, dem erwachsen schon auf der ersten Stufe des 
Erkenntnispfades Schwierigkeiten, wenn er nicht durch 
Selbsterziehung die devotionelle Stimmung energisch in 
sich zu erzeugen unternimmt. In unserer Zeit ist es ganz 
besonders wichtig, daB auf diesen Punkt die voile Auf- 
merksamkeit gelenkt wird. Unsere Zivilisation neigt mehr 
zur Kritik, zum Richten, zum Aburteilen und wenig zur 
Devotion, zur hingebungsvollen Verehrung. Unsere Kin- 
der schon kritisieren viel mehr, als sie hingebungsvoll ver- 
ehren. Aber jede Kritik, jedes richtende Urteil vertreiben 
ebensosehr die Krafte der Seele zur hoheren Erkenntnis, 
wie jede hingebungsvolle Ehrfurcht sie entwickelt. Damit 
soil gar nichts gegen unsere Zivilisation gesagt sein. Es 
handelt sich hier gar nicht darum, Kritik an dieser unserer 
Zivilisation zu iiben. Gerade der Kritik, dem selbstbewuB- 
ten menschlichen Urteil, dem «Priifet alles und das Beste 



behaltet», verdanken wir die GroBe unserer Kultur. Nim- 
mermehr hatte der Mensch die 'Wissenschaft, die Indu- 
strie, den Verkehr, die Rechtsverhaltnisse unserer Zeit er- 
langt, wenn er nicht iiberall Kritik geubt, iiberall den 
MaBstab seines Urteils angelegt hatte. Aber was wir da- 
durch an auBerer Kultur gewonnen haben, muBten wir 
mit einer entsprechenden EinbuBe an hdherer Erkenntnis, 
an spirituellem Leben bezahlen. Betont muB werden, daB 
es sich beim hoheren Wissen nicht um Verehrung von 
Menschen, sondern um eine solche gegeniiber Wahrheit 
und Erkenntnis handelt. 

Nur das eine muB freilich sich jeder klarmachen, daB 
derjenige, der ganz in der verauBerlichten Zivilisation 
unserer Tage darinnen steckt, es sehr schwer hat, zur 
Erkenntnis der hoheren Welten vorzudringen. Er kann es 
nur, wenn er energisch an sich arbeitet. In einer Zeit, in 
der die Verhaltnisse des materiellen Lebens einfache wa- 
ren, war auch geistiger Aufschwung leichter zu erreichen. 
Das Verehrungswiirdige, das Heiligzuhaltende hob sich 
mehr von den ubrigen Weltverhaltnissen ab. Die Ideale 
werden in einem kritischen Zeitalter herabgezogen. An- 
dere Gefiihle treten an die Stelle der Verehrung, der Ehr- 
furcht, der Anbetung und Bewunderung. Unser Zeitalter 
drangt diese Gefiihle immer mehr zuruck, so daB sie durch 
das alltagliche Leben dem Menschen nur noch in sehr ge- 
ringem Grade zugefiihrt werden. Wer hohere Erkenntnis 
sucht, muB sie in sich erzeugen. Er muB sie selbst seiner 
Seele einfloBen. Das kann man nicht durch Studium. Das 
kann man nur durch das Leben. Wer Geheimschiiler wer- 
den will, muB sich daher energisch zur devotionellen 
Stimmung erziehen. Er muB iiberall in seiner Umgebung, 



in seinen Erlebnissen dasjenige aufsuchen, was ihm Be- 
wunderung und Ehrerbietung abzwingen kann. Begegne 
ich einem Menschen und tadle ich seine Schwachen, so 
raube ich mir hohere Erkenntniskraft; suche ich liebevoll 
mich in seine Vorztige zu vertiefen, so sammle ich solche 
Kraft. Der Geheimj linger muB fortwahrend darauf be- 
dacht sein, diese Anleitung zu befolgen. Erfahrene Ge- 
heimforscher wissen, was sie fur eine Kraft dem Um- 
stande verdanken, daB sie immer wieder alien Dingen 
gegentiber auf das Gute sehen und mit dem richtenden 
Urteile zuruckhalten. Aber dies darf nicht eine auBerliche 
Lebensregel bleiben. Sondern es muB von dem Inner sten 
unsrer SeeleBesitz ergreifen. Der Mensch hat es in seiner 
Hand, sich selbst zu vervollkommnen, sich mit der Zeit 
ganz zu verwandeln. Aber es muB sich diese Umwand- 
lung in seinem Innersten, in seinem Gedankenleben voll- 
ziehen. Es genligt nicht, daB ich auBerlich in meinem Ver- 
halten Achtung gegentiber einem Wesen zeige. Ich muB 
diese Achtung in meinen Gedanken haben. Damit muB 
der Geheimschuler beginnen, daB er die Devotion in sein 
Gedankenleben aufnimmt. Er muB auf die Gedanken der 
Unehrerbietung, der abfalligen Kritik in seinem BewuBt- 
sein achten. Und er muB geradezu suchen, in sich Gedan- 
ken der Devotion zu pflegen. 

Jeder Augenblick, in dem man sich hinsetzt, um ge- 
wahr zu werden in seinem BewuBtsein, was in einem 
steckt an abfalligen, richtenden, kritischen Urteilen iiber 
Welt und Leben: - jeder solcher Augenblick bringt uns 
der hoheren Erkenntnis naher. Und wir steigen rasch auf, 
wenn wir in solchen Augenblicken unser BewuBtsein nur 
erftillen mit Gedanken, die uns mit Bewunderung, Ach- 



tung, Verehrung gegeniiber Weltund Leben erfiillen. Wer 
in diesen Dingen Erfahrung hat, der weiB, daB in jedem 
solchen Augenblicke Krafte in dem Menschen erweckt 
werden, die sonst schlummernd bleiben. Es werden da- 
durch dem Menschen die geistigen Augen geoffnet. Er 
fangt dadurch an, Dinge urn sich herum zu sehen, die er 
friiher nicht hat sehen konnen. Er fangt an zu begreifen, 
daB er vorher nur einen Teil der ihn umgebenden Welt 
gesehen hat. Der Mensch, der ihm gegeniibertritt, zeigt 
ihm jetzt eine ganz andere Gestalt als vorher. Zwar wird 
er durch diese Lebensregel noch nicht imstande sein, 
schon das zu sehen, was z. B. als die menschliche Aura 
beschrieben wird. Denn dazu ist eine noch hohere Schu- 
lung notig. Aber eben zu dieser hoheren Schulung kann 
er aufsteigen, wenn er vorher eine energische Schulung 
in Devotion durchgemacht hat," 

Gerauschlos und unbemerkt von der auBeren Welt 
vollzieht sich das Betreten des «Erkenntnispfades» durch 
den Geheimschiiler. Niemand braucht an ihm eine Ver- 
anderung wahrzunehmen. Er tut seine Pflichten wie vor- 
her; er besorgt seine Geschafte wie ehedem. Die Verwand- 
lung geht lediglich mit der inneren Seite der Seele vor 
sich, die dem auBeren Auge entzogen ist. Zunachst iiber- 
strahlt das ganze Gemiitsleben des Menschen die eine 
Grundstimmung der Devotion gegeniiber allem wahrhaft 
Ehrwiirdigen. In diesem einen Grundgefiihle findet sein 
ganzes Seelenleben den Mittelpunkt. Wie die Sonne durch 

* In ubersichtlicher Art findet man den «Pfad der Erkenntnis» im letzten 
Abschnitt meiner eben in 19. Aufl. erscheinenden «Theosophie. Einfiih- 
rung in ubersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung» (Der 
kommende Tag, Sturtgart), Hier sollen im einzelnen praktische Gesichts- 
punkte angegeben werden. 



ihre Strahlen alles Lebendige belebt, so belebt beim Ge- 
heimschiiler die Verehrung alle Empfindungen der Seele. 

Es wird dem Menschen anfangs nicht leicht, zu glau- 
ben, daB Gefiihle wie Ehrerbietung, Achtung usw. 
etwas mit seiner Erkenntnis zu tun haben. Dies riihrt 
davon her, daB man geneigt ist, die Erkenntnis als eine 
Fahigkeit fur sich hinzustellen, die mit dem in keiner 
Verbindung steht, was sonst in der Seele vorgeht. Man 
bedenkt dabei aber nicht, daB die Seele es ist, welche 
erkennt. Und fiir die Seele sind Gefiihle das, was fur den 
Leib die Stoffe sind, welche seine Nahrung ausmachen. 
Wenn man dem Leibe Steine statt Brot gibt, so erstirbt 
seine Tatigkeit. Ahnlich ist es mit der Seele. Fur sie sind 
Verehrung, Achtung, Devotion nahrende Stoffe, die sie 
gesund, kraftig machen; vor allem kraftig zur Tatigkeit 
des Erkennens. MiBachtung, Antipathie, Unterschatzung 
des AnerkennenswertenbewirkenLahmungundErsterben 
der erkennenden Tatigkeit. - Fur den Geistesforscher 
ist diese Tatsache an der Aura ersichtlich. Eine Seele, die 
sich verehrende, devotionelle Gefiihle aneignet, bewirkt 
eine Veranderung ihrer Aura. Gewisse als gelbrote, braun- 
rote zu bezeichnende geistige Farbentone verschwinden 
und werden durch blaurote ersetzt. Dadurch aber offnet 
sich das Erkenntnis vermogen; es empfangt Kunde von 
Tatsachen in seiner Umgebung, von denen es vorher keine 
Ahnung hatte. Die Verehrung weckt eine sympathische 
Kraft in der Seele, und durch diese werden Eigenschaften 
deruns umgebenden Wesen von uns angezogen, die sonst 
verborgen bleiben. 

Wirksamer noch wird das, was durch die Devotion zu 
erreichen ist, wenn eine andere Gefiihlsart hinzukommt. 



Sie besteht darinnen, daB der Mensch lernt, sich immer 
weniger den Eindriicken der AuBenwelt hinzugeben, und 
dafiir ein reges Innenleben entwickelt. Ein Mensch, der 
von einem Eindruck der AuBenwelt zu dem andern jagt, 
der stets nach «Zerstreuung» sucht, findet nicht den Weg 
zur Geheimwissenschaft. Nicht abstumpfen soli sich der 
Geheimschiiler ftir die AuBenwelt; aber sein reiches In- 
nenleben soil ihm die Richtung geben, in der er sich ihren 
Eindriicken hingibt. Wenn ein gefiihlsreicher und gemiits- 
tiefer Mensch durch eine scheme Gebirgslandschaft geht, 
erlebt er anderes als ein gefiihlsarmer. Erst was wir im 
Innern erleben, gibt uns den Schliissel zu den Schonheiten 
der AuBenwelt. Der eine fahrt iiber das Meer, und nur 
wenig innere Erlebnisse ziehen durch seine Seele; der an- 
dere empfindet dabei die ewige Sprache des Weltgeistes; 
ihm enthiillen sich geheime Ratsel der Schopfung. Man 
muB gelernt haben, mit seinen eigenen Gefuhlen, Vorstel- 
lungen umzugehen, wenn man ein inhaltvolles Verhaltnis 
zur AuBenwelt entwickeln will. Die AuBenwelt ist in 
alien ihren Erscheinungen erfullt von gottlicher Herrlich- 
keit; aber man muB das Gottliche erst in seiner Seele selbst 
erlebt haben, wenn man es in der Umgebung finden will. 
- Der Geheimschiiler wird darauf verwiesen, sich Augen- 
blicke in seinem Leben zu schaffen, in denen er still und 
einsam sich in sich selbst versenkt. Nicht den Angelegen- 
heiten seines eigenen Ich aber soil er sich in solchen 
Augenblicken hingeben. Das wiirde das Gegenteil von 
dem bewirken, was beabsichtigt ist. Er soil vielmehr in 
solchen Augenblicken in aller Stille nachklingen lassen, 
was er erlebt hat, was ihm die auBere Welt gesagt hat. 
Jede Blume, jedes Tier, jede Handlung wird ihm in sol- 



chen stillen Augenblicken ungeahnte Geheimnisse ent- 
hlillen. Und er wird vorbereitet dadurch, neue Eindrticke 
der AuBenwelt mit ganz anderen Augen zu sehen als vor- 
her. Wer nur Eindruck nach Eindruck geniefien will, 
stumpft sein Erkenntnisvermogen ab. Wer, nach dem Ge- 
nusse, sich von dem Genusse etwas offenbaren laBt, der 
pflegt und erzieht sein Erkenntnisvermogen. Er muB sich 
nur daran gewohnen, nicht etwa nur den GenuB nach- 
klingen zu lassen, sondern, mit Verzicht auf weiteren Ge- 
nuB, das Genossene durch innere Tatigkeit zu verarbeiten. 
Die Klippe ist hier eine sehr groBe, die Gefahr bringt. 
Statt in sich zu arbeiten, kann man leicht in das Gegenteil 
verfallen und den GenuB nur hinterher noch vollig aus- 
schopfen wollen. Man unterschatze nicht, daB sich hier 
unabsehbare Quellen des Irrtums fur den Geheimschliler 
eroffnen. Er muB ja hindurch zwischen einer Schar von 
Verflihrern seiner Seele. Sie alle wollen sein «Ich» ver- 
harten, in sich selbst verschlieBen. Er aber soil es auf- 
schlieBen flir die Welt. Er mufi ja den GenuB suchen; 
denn nur durch ihn kommt die AuBenwelt an ihn heran. 
Stumpft er sich gegen den GenuB ab, so wird er wie eine 
Pflanze, die aus ihrer Umgebung keine Nahrungsstoffe 
mehr an sich ziehen kann. Bleibt er aber beim Genusse 
stehen, so verschlieBt er sich in sich selbst. Er wird nur 
etwas/wr sich, nichts fur die Welt bedeuten. Mag er in sich 
dann noch so sehr leben, mag er sein «Ich» noch so stark 
pflegen: die Welt scheidet ihn aus. Flir sie ist er tot. Der 
Geheimschliler betrachtet den Genufi nur als ein Mittel, 
um sich fiir die Welt zu veredeln. Der GenuB ist ihm ein 
Kundschafter, der ihn unterrichtet liber die Welt; aber er 
schreitet nach dem Unterricht durch den GenuB zur Arbeit 



vorwarts. Er lernt nicht, urn das Gelernte als seine Wis- 
sensschatze aufzuhaufen, sondern urn das Gelernte in den 
Dienst der Welt zu stellen. 

Es ist ein Grundsatz in aller Geheimwissenschaft, der 
nicht iibertreten werden darf,wenn irgendein Ziel.erreicht 
werden soil. Jede Geheimschulung muB ihn dem Schiiler 
einpragen. Er heiBt: Jede Erkenntnis, die du suchst, nur 
um dein Wissen zu bereichern, nur um Schatze in diran- 
zuhaufen, fuhrt dich ab von deinem Wege; jede Erkennt- 
nis aber, die du suchst, um reiferzu werden aufdem Wege 
der Menschenveredelung und der Weltentwickelung, 
die bringtdich einen Schritt vorwarts. Dieses Gesetz for- 
dert unerbittlich seine Beobachtung. Und man ist nicht 
friiher Geheimschiiler, ehe man dieses Gesetz zur Richt- 
schnur seines Lebens gemacht hat. Man kann diese Wahr- 
heit der geistigen Schulung in den kurzen Satz zusammen- 
fassen: Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertdtet in 
deinerSeele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, 
erschajft in dir Lebenskrafte. 



Innere Ruhe 



Auf den Pfad der Verehrung und auf die Entwickelung 
des inneren Lebens wird der Geheimschiiler im Anfange 
seiner Laufbahn gewiesen. Die Geisteswissenschaft gibt 
nun auch praktische Regeln an die Hand, durch deren 
Beobachtung der Pfad betreten, das innere Leben enrwik- 
kelt werden kann. Diese praktischen Regeln entstammen 
nicht der Willkiir. Sie beruhen auf uralten Erfahrungen 
und uraltem Wissen. Sie werden iiberall in der gleichen 



Art gegeben, wo die Wege zur hoheren Erkenntnis ge- 
wiesen werden. Alle wahren Lehrer des geistigen Lebens 
stimmen in bezug auf den Inhalt dieser Regeln iiberein, 
wenn sie dieselben auch nicht immer in die gleichen Wor- 
te kleiden. Die untergeordnete, eigentlich nur scheinbare 
Verschiedenheit riihrt von Tatsachen her, welche hier nicht 
zu besprechen sind. 

Kein Lehrer des Geisteslebens will durch solche Regeln 
eine Herrschaft iiber andere Menschen ausiiben. Er will 
niemand in seiner Selbstandigkeit beeintrachtigen. Denn 
es gibt keine besseren Schatzer und Huter der mensch- 
lichen Selbstandigkeit als die Geheimforscher. Es ist (im 
ersten Teile in dieser Schrift) gesagt worden, das Band, 
das alle Eingeweihten umfaBt, sei ein geistiges, und zwei 
naturgemaBe Gesetze bilden die Klammern, welche die 
Bestandteile dieses Bandes zusammenhalten. Tritt nun 
der Eingeweihte aus seinem umschlossenen Geistgebiet 
heraus, vor die Offentlichkeit: dann kommt fiir ihn 
sogleich ein drittes Gesetz in Betracht. Es ist dieses: 
Richte jede deiner Taten, jedes deiner Worte so ein, daB 
durch dich in keines Menschen freien WillensentschluB 
eingegriffen wird. 

Wer durchschaut hat, daB ein wahrer Lehrer des Gei- 
steslebens ganz von dieser Gesinnung durchdrungen ist, 
der kann auch wissen, daB er nichts von seiner Selbstan- 
digkeit einbiiBt, wenn er den praktischen Regeln folgt, 
die ihm geboten werden. 

Eine der ersten dieser Regeln kann nun etwa in die fol- 
genden Worte der Sprache gekleidet werden: «Schaffe dir 
Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augen- 
blicken das Wesentliche von dem Unwesentlichen unter- 



scheiden» - Es wird hier gesagt, diese praktische Regel 
laute so in «Worte der Sprache gefaBt». Urspriinglich 
werden namlich alle Regeln und Lehren der Geisteswis- 
senschaft in einer sinnbildlichen Zeichensprache gegeben. 
Und wer ihre ganze Bedeutung und Tragweite kennen- 
lernen will, der muB erst diese sinnbildliche Sprache sich 
zum Verstandnis bringen. Dieses Verstandnis ist davon ab- 
hangig, daB der Betreffende bereits die ersten Schritte in 
der Geheimwissenschaft getan hat. Diese Schritte aber 
kann er durch die genaue Beobachtung solcher Regeln 
gehen, wie sie hier gegeben werden. Jedem steht der Weg 
offen, der ernstliches Wollen hat. 

Einfach ist die obige Regel beziiglich der Augenblicke 
der inneren Ruhe. Und einfach ist auch ihre Befolgung. 
Aber zum Ziele fiihrt sie nur, wenn sie ebenso ernst und 
streng angefaBt wird, wie sie einfach ist. - Ohne Um- 
schweife soil daher hier auch gesagt werden, wie diese 
Regel zu befolgen ist. 

-Der Geheimschiiler hat sich eine kurze Zeit von seinem 
taglichen Leben auszusondern, urn sich in dieser Zeit mit 
etwas ganz anderem zu befassen, als die Gegenstande sei- 
ner taglichen Beschaftigung sind. Und auch die Art seiner 
Beschaftigung muB eine ganz andere sein als diejenige, 
mit der er den ubrigen Tag ausfiillt. Das ist aber nicht so 
zu verstehen, als ob dasjenige, was er in dieser ausgeson- 
derten Zeit vollbringt, nichts zu tun habe mit dem Inhalt 
seiner taglichen Arbeit. Im Gegenteil: der Mensch, der 
solche abgesonderten Augenblicke in der rechten Art 
sucht, wird bald bemerken, daB er durch sie erst die voile 
Kraft zu seiner Tagesaufgabe erhalt. Auch darf nicht ge- 
glaubt werden, daB die Beobachtung dieser Regel jeman- 



dem wirklich Zeit von seiner Pflichtenleistung entziehen 
konne. Wenn jemand wirklich nicht mehr Zeit zur Verfii- 
gung haben sollte, so genugen/wn/ Minuten jeden Tag. 
Es kommt darauf an, wie diese fiinf Minuten angewendet 
werden. 

In dieser Zeit soil der Mensch sich vollstandig heraus- 
reiBen aus seinem Alltagsleben. Sein Gedanken-, sein Ge- 
fiihlsleben soil da eine andere Farbung erhalten, als sie 
sonst haben. Er soil seine Freuden, seine Leiden, seine Sor- 
gen, seine Erfahrungen, seine Taten vor seiner Seele vor- 
beiziehen lassen. Und er soil sich dabei so stellen, daB er 
alles das, was er sonst erlebt, von einem hoheren Gesichts- 
punkte aus ansieht. Man denke nur einmal daran, wie man 
im gewohnlichen Leben etwas ganz anders ansieht, was 
ein anderer erlebt oder getan hat, als was man selbst er- 
lebt oder getan hat. Das kann nicht anders sein. Denn mit 
dem, was man selbst erlebt oder tut, ist man verwoben; 
das Erlebnis oder die Tat eines anderen betrachtet man 
nur. Was man in den ausgesonderten Augenblicken anzu- 
streben hat, ist nun, die eigenen Erlebnisse und Taten so 
anzuschauen, so zu beurteilen, als ob man sie nicht selbst, 
sondern als ob sie ein anderer erlebt oder getan hatte. Man 
stelle sich einmal vor: jemand habe einen schweren 
Schicksalsschlag erlebt. Wie anders steht er dem gegen- 
uber als einem ganz gleichen Schicksalsschlage bei seinem 
Mitmenschen? Niemand kann das fiir unberechtigt hal- 
ten. Es liegt in der menschlichen Natur. Und ahnlich wie 
in solchen auBergewohnlichen Fallen ist es in den alltag- 
lichen Angelegenheiten des Lebens. Der Geheimschiiler 
muB die Kraft suchen, sich selbst in gewissen Zeiten wie 
ein Fremder gegeniiberzustehen. Mit der inneren Ruhe 



des Beurteilers muB er sich selbst entgegentreten. Erreicht 
man das, dann zeigen sich einem die eigenen Erlebnisse in 
einem neuen Lichte. Solange man in sie verwoben ist, so- 
lange man in ihnen stent, hangt man mit dem Unwesent- 
lichen ebenso zusammen wie mit dem Wesentlichen. 
Kommt man zur innerenRuhe des Uberblicks, dann son- 
dert sich das Wesentliche von demUnwesentlichen. Kum- 
mer und Freude, jeder Gedanke, jeder EntschluB erschei- 
nen anders, wenn man sich so selbst gegeniibersteht. - Es 
ist, wie wenn man den ganzen Tag hindurch in einem 
Orte sich aufgehalten hat und das Kleinste ebenso nahe 
gesehen hat wie das GroBte; dann des Abends auf einen 
benachbarten Hiigel steigt und den ganzen Ort auflein- 
mal uberschaut. Da erscheinen die Teile dieses Ortes in 
anderen gegenseitigen Verhaltnissen, als wenn man dar- 
innen ist. Mit gegenwartig erlebten Schicksalsfiigungen 
wird und braucht dies nicht zu gelingen; mit langer ver- 
gangenen muB es vom Schiiler des Geisteslebens erstrebt 
werden. - Der Wert solcher inneren, ruhigen Selbstschau 
hangt viel weniger davon ab, was man dabei erschaut, als 
vielmehr davon, daB man in sich die Kraft findet, die 
solche innere Ruhe entwickelt. 

Denn jeder Mensch tragt neben seinem - wir wollen 
ihn so nennen - Alltagsmenschen in seinem Innern noch 
einen hdheren Menschen. Dieser hohere Mensch bleibt so 
lange verborgen, bis er geweckt wird. Und jeder kann die- 
sen hoheren Menschen nur selbst in sich erwecken. So- 
lange aber dieser hohere Mensch nicht erweckt ist, so 
lange bleiben auch die in jedem Menschen schlummern- 
den hoheren Fahigkeiten verborgen, die zu iibersinn- 
lichen Erkenntnissen fiihren. 



Solange jemand die Frucht der inneren Ruhe nicht 
fiihlt, muB er sich eben sagen, daB er in der ernsten stren- 
gen Befolgung der angefiihrten Regel fortfahren muB. 
Fur jeden, der so verfahrt, kommt der Tag, wo es urn 
ihn herum geistig hell wird, wo sich einem Auge, das er 
bis dahin in sich nicht gekannt hat, eine ganz neue Welt 
erschlieBen wird. 

Und nichts braucht sich im auBeren Leben des Ge- 
heimschiilers zu andern dadurch, daB er anfangt, diese Re- 
gel zu befolgen. Er geht seinen Pflichten nach wie vorher; 
er erduldet dieselben Leiden und erlebt dieselben Freu- 
den zunachst wie vorher. In keiner Weise kann er dadurch 
dem «Leben» entfremdet werden. Ja, er kann um so vol- 
ler den iibrigen Tag hindurch diesem «Leben» nachgehen, 
weil er in seinen ausgesonderten Augenblicken ein «hohe- 
res Leben» sich aneignet. Nach und nach wird dieses 
«hohere Leben» schon seinen EinfluB auf das gewohnliche 
geltend machen. Die Ruhe der ausgesonderten Augen- 
blicke wird ihre Wirkung auch auf den Alltag haben. 
Der ganze Mensch wird ruhiger werden, wird Sicherheit 
bei all seinen Handlungen gewinnen, wird nicht mehr aus 
der Fassung gebracht werden konnen durch alle mog- 
lichen Zwischenfalle. Allmahlich wird sich solch an- 
gehender Geheimschiiler sozusagen immer mehr selbst 
leiten und weniger von den Umstanden und auBeren Ein- 
flussen leiten lassen. Ein solcher Mensch wird bald be- 
merken, .was fur eine Kraftquelle solche ausgesonderte 
Zeitabschnitte fur ihn sind. Er wird anfangen, sich iiber 
Dinge nicht mehr zu argern, iiber die er sich vorher ge- 
argert hat; unzahlige Dinge, die er vorher gefiirchtet hat, 
horen auf, ihm Befiirchtungen zu machen. Eine ganz neue 



Lebensauffassung eignet er sich an. Vorher ging er viel- 
leicht zaghaft an diese oder jene Verrichtung. Er sagte 
sich: O, meine Kraft reicht nicht aus, dies so zu machen, 
wie ich es gerne gemacht hatte. Jetzt kommt ihm nicht 
mehr dieser Gedanke, sondern vielmehr ein ganz anderer. 
Nunmehr sagt er sich namlich: Ich will alle Kraft zusam- 
mennehmen, urn meine Sache so gut zu machen, als ich 
nur irgend kann. Und den Gedanken, der ihn zaghaft ma- 
chen konnte, unterdriickt er. Denn er weiB, daB ihn eben 
die Zaghaftigkeit zu einer schlechteren Leistung ver- 
anlassen konnte, daB jedenfalls diese Zaghaftigkeit nichts 
beitragen kann zur Verbesserung dessen, was ihm obliegt. 
Und so ziehen Gedanke nach Gedanke in die Lebensauf- 
fassung des Geheimschiilers ein, die fruchtbar, forderlich 
sind fur sein Leben. Sie treten an die Stelle von solchen, 
die ihm hinderlich, schwachend waren. Er fangt an, sein 
Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu fiihren in- 
nerhalb der Wogen des Lebens, wahrend es vorher von 
diesen Wogen hin und her geschlagen worden ist. 

Und solche Ruhe und Sicherheit wirken auch auf das 
ganze menschliche Wesen zuriick. Der innere Mensch 
wachst dadurch. Und mit ihm wachsen jene inneren Fahig- 
keiten, welche zu den hoherenErkenntnissen fiihren. Denn 
durch seine in dieser Richtung gemachten Fortschritte ge- 
langt der Geheimschiiler allmahlich dahin, daB er selbst 
bestimmt, wie die Eindriicke der AuBenwelt auf ihn 
einwirken diirfen. Er hort z. B. ein Wort, durch das ein 
anderer ihn verletzen oder argern will. Vor seiner Geheim- 
schulerschaft ware er auch verletzt worden oder hatte sich 
geargert. Da er nun den Pfad der Geheimschulerschaft 
betretenhat, ist erimstande, dem Worte seinen verletzen- 



den oder argerlichen Stachel zu nehmen, bevor es den 
Weg zu seinem Innern gefunden hat. Oder ein anderes 
Beispiel. Ein Mensch wird leicht ungeduldig, wenn er war- 
ten soil. Er betritt den Pfad des Geheimschiilers. Er durch- 
dringt sich in seinen Augenblicken der Rune so sehr mit 
dem Gefiihl von der Zwecklosigkeit vieler Ungeduld, daB 
er fortan bei jeder erlebten Ungeduld sofort dieses Ge- 
fiihl gegenwartig hat. Die Ungeduld, die sich schon ein- 
stellen wollte, verschwindet, und eine Zeit, die sonst ver- 
lorengegangen ware unter den Vorstellungen der Unge- 
duld, wird vielleicht ausgefiillt von einer niitzlichen Beob- 
achtung, die wahrend des Wartens gemacht werden kann. 

Nun muB man sich nur die Tragweite von alledem ver- 
gegenwartigen. Man bedenke, daB der «hohere Mensch» 
im Menschen in fortwahrender Entwickelung ist. Durch 
.die beschriebene Ruhe und Sicherheit wird ihm aber allein 
eine gesetzmaBige Entwickelung ermoglicht. Die Wogen 
des auBeren Lebens zwangen den inneren Menschen von 
alien Seiten ein, wenn der Mensch nicht dieses Leben be- 
herrscht, sondern von ihm beherrscht wird. Ein solcher 
Mensch ist wie eine Pflanze, die sich in einer Felsspalte 
entwickeln soil. Sie verkummert so lange, bis man ihr 
Raumschafft. Dem inneren Menschen konnen keine auBe- 
ren Krafte Raum schaffen. Das.vermag nur die innere 
Ruhe, die er seiner Seele schafft. AuBere Verhaltnisse 
konnen nur seine auBere Lebenslage andern; den «gei- 
stigen Menschen» in ihm konnen sie nie und nimmer er- 
wecken. - In sich selbst muB der Geheimschiiler einen 
neuen, einen hoheren Menschen gebaren. 

Dieser «hohere Mensch» wird dann der «innere Herr- 
scher», der mit sicherer Hand die Verhaltnisse des auBe- 



ren Menschen flihrt. Solange der auBere Mensch die Ober- 
hand und Leitung hat, ist dieser «innere» sein Sklave und 
kann daher seine Krafte nicht entfalten. Hangt es von 
etwas anderem als von mir ab, ob ich mich argere oder 
nicht, so bin ich nicht Herr meiner selbst, oder - noch 
besser gesagt -: ich habe den «Herrscher in mir» noch 
nicht gefunden. Ich muB in mir die Fahigkeit entwickeln, 
die Eindrticke der AuBenwelt nur in einer durch mich 
selbst bestimmten Weise an mich herankommen zu las- 
sen; dann kann ich erst Geheimschuler werden. - Und 
nur insoweit der Geheimschuler ernstlich nach dieser 
Kraft sucht, kann er zum Ziel kommen. Es kommt nicht 
darauf an, wie weit es einer in einer bestimmten Zeit 
bringt; sondern allein darauf, daB er ernstlich sucht. 
Schon manchen hat es gegeben, der jahrelang sich an- 
gestrengt hat, ohne an sich einen merklichen Fortschritt 
zu bemerken; viele von denen aber, die nicht verzweifelt, 
sondern unerschutterlich geblieben sind, haben dann ganz 
plotzlich den «inneren Sieg» errungen. 

Es gehort gewiB in mancher Lebenslage eine groBe 
Kraft dazu, sich Augenblicke innerer Ruhe zu schaffen. 
Aber je groBer die notwendige Kraft, desto bedeutender 
ist auch das, was erreicht wird. Alles hangt in bezug auf 
die Geheimschulerschaft davon ab, daB man energisch, 
mit innerer Wahrheit und ruckhaltloser Aufrichtigkeit 
sich selbst, mit alien seinen Handlungen und Taten, als 
ein vollig Fremder gegentiberstehen kann. 

Aber nur eine Seite der inneren Tatigkeit des Geheim- 
schtilers ist durch diese Geburt des eigenen hoheren Men- 
schen gekennzeichnet. Es muB dazu noch etwas anderes 
kommen. Wenn sich namlich der Mensch auch selbst als 



ein Fremder gegentibersteht, so betrachtet er doch nur 
sich selbst; er sieht auf diejenigen Erlebnisse und Hand- 
lungen, mit denen er durch seine besondere Lebenslage 
verwachsen ist. Er muB darliber hinauskommen. Er muB 
sich erheben zu einem rein Menschlichen, das nichts mehr 
mit seiner besonderen Lage zu tun hat. Er muB zu einer 
Betrachtung derjenigen Dinge ubergehen, die ihn als 
: Mensch etwas angingen, auch wenn er unter ganz ande- 
ren Verhaltnissen, in einer ganz anderen Lage lebte. Da- 
durch lebt in ihm etwas auf, was iiber das Personliche 
hinausragt. Er richtet damit den Blick in hdhere Welten, 
als diejenigen sind, mit denen ihn der Alltag zusammen- 
fiihrt, Und damit beginnt der Mensch zu flihlen, zu er- 
leben, daB er solchen hoheren Wehen angehort. Es sind 
das Welten, iiber die ihm seine Sinne, seine alltagliche 
Beschaftigung nichts sagen konnen. So erst verlegt er den 
Mittelpunkt seines Wesens in sein Inneres. Er hort auf 
die Stimmen in seinem Innern, die in den Augenblicken 
der Ruhe zu ihm sprechen; er pflegt im Innern Umgang 
mit der geistigen Welt. Er ist dem Alltag entruckt. Der 
Larm dieses Alltags ist fur ihn verstummt. Es ist um ihn 
herum still geworden. Er weist alles ab, was um ihn her- 
um ist; ja er weist auch alles ab, was ihn an solche 
Eindrlicke von auBen erinnert. Die ruhige Beschaulich- 
keit im Innern, die Zwiesprache mit der rein geistigen 
.Welt flillt seine ganze Seele aus. - Ein nattirliches Lebens- 
bedlirfnis muB dem Geheimschliler solche stille Beschau- 
lichkeit werden. Er ist zunachst ganz in eine Gedanken- 
welt versenkt. Er muB fur diese stille Gedankentatigkeit 
ein lebendiges Gefilhl entwickeln. Er muB lieben lernen, 
was ihm der Geist da zustromt. Bald hort er dann auch 



auf, diese Gedankenwelt als etwas zu empfinden, was un- 
wirklicher sei als die Dinge des Alltags, die ihn umgeben. 
Er fangt an, mit seinen Gedanken umzugehen wie mit den 
Dingen im Raume. Und dann naht fiir ihn auch der 
Augenblick, in dem er das, was sich ihm in der Stille inne- 
rer Gedankenarbeit offenbart, als viel hoher, wirklicher 
zu fiihlen beginnt als die Dinge im Raume. Er erfahrt, 
das sich Leben in dieser Gedankenwelt ausspricht. Er 
sieht ein, daB sich in Gedanken nicht bloBe Schattenbilder 
ausleben, sondern, daB durch sie verborgene Wesenheiten 
zu ihm sprechen. Es fangt an, aus der Stille heraus zu ihm 
zu sprechen. Vorher hat es nur durch sein Ohr zu ihm ge- 
tont; jetzt tont es durch seine Seele. Eine innere Sprache 
- ein inneres Wort - hat sich ihm erschlossen. Beseligt 
im hochsten Grade fiihlt sich der Geheimschiiler, wenn 
er diesen Augenblick zum ersten Male erlebt. liber seine 
ganze auBere Welt ergieBt sich ein inneres Licht. Ein 
zweites Leben beginnt fiir ihn. Der Strom einer gottlichen, 
einer gottbeseligenden Welt ergieBt sich durch ihn. 

Solches Leben der Seele in Gedanken, das sich immer 
mehr erweitert zu einem Leben in geistiger Wesenheit, 
nennt die Gnosis, die Geistwissenschaft Meditation (be- 
schauliches Nachdenken). Diese Meditation ist das Mittel 
zu iibersinnlicher Erkenntnis. - Aber nicht schwelgen in 
Gefiihlen soil der Geheimschiiler in solchen Augen- 
blicken. Er soil nicht unbestimmte Empfindungen in sei- 
ner Seele haben. Das wiirde ihn nur hindern, zu wahrer 
geistiger Erkenntnis zu kommen. Klar, scharf, bestimmt 
sollen sich seine Gedanken gestalten. Dazu wird er einen 
Anhalt finden, wenn er sich nicht blind an die Gedanken 
halt, die ihm aufsteigen. Er soil sich vielmehr mit den 



hohen Gedanken durchdringen, welche vorgeschrittene, 
schon vom Geist erfaBte Menschen in solchen Augen- 
blicken gedacht haben. Er soil zum Ausgangspunkte die 
Schriften nehmen, die selbst solcher Offenbarung in der 
Meditation entsprossen sind. In der mystischen, in der 
gnostischen, in der geisteswissenschaftlichen Literaturvon 
heute findet der Geheimschiiler solche Schriften. Da er- 
geben sich ihm die Stoffe zu seiner Meditation. Die Geist- 
sucher haben selbst in solchen Schriften die Gedanken 
der gottlichen Wissenschaft niedergelegt; der Geist hat 
durch seine Boten sie der Welt verkiindigen lassen. 

Durch solche Meditation geht eine vollige Verwand- 
lung mit dem Geheimschiiler vor. Er fangt an, iiber die 
Wirklichkeit ganz neue Vorstellungen sich zu bilden. Alle 
Dinge erhalten ftir ihn einen anderen Wert. Immer wie- 
der muB es gesagt werden: nicht weltfremd wird der Ge- 
heimschiiler durch solche Wandelung. Er wird auf keinen 
Fall seinem alltaglichen Pflichtenkreis entfremdet. Denn 
er lernt einsehen, daB die geringste Handlung, die er zu 
vollbringen hat, das geringste Erlebnis, das sich ihm dar- 
bietet, im Zusammenhang stehen mit den groBen Welt- 
wesenheiten und Weltereignissen. Wird ihm dieser Zu- 
sammenhang durch seine beschaulichen Augenblicke erst 
klar, dann geht er mit neuer vollerer Kraft an seinen tag- 
lichen Wirkungskreis. Denn jetzt weiB er: was er arbeitet, 
was er leidet, das arbeitet, leidet er um eines groBen, 
geistigen Weltzusammenhanges willen. Kraft zum Leben, 
nicht Lassigkeit quillt aus der Meditation. 

Mit sicherem Schritt geht der Geheimschiiler durch das 
Leben. Was es ihm auch bringen mag, laBt ihn aufrecht 
schreiten. Vorher hat er nicht gewuBt, warum er arbeitet, 



warum er leidet: jetzt weiB er dies. Einzusehen ist, daB 
solche Meditationstatigkeit besser zum Ziele fiihrt, wenn 
sie unter Anleitung erfahrener Menschen geschieht. Sol- 
chen Menschen, die von sich aus wissen, wie alles am 
besten zu machen ist. Man sehe daher den Rat, die Anwei- 
sung solcher Menschen sich an. Man verliert dadurch 
wahrlich nicht seine Freiheit. Was sonst nur unsicheres 
Tappen sein kann, wird durch solche Anleitung zum ziel- 
sicheren Arbeiten. Wer sich um solche kiimmert, die in 
dieser Richtung Wissen, Erfahrung haben, wird niemals 
vergeblich anklopfen. Er sei sich nur bewuBt, daB er 
nichts anderes sucht als den Rat eines Freundes, nicht die 
Ubermacht eines solchen, der herrschen will. Man wird 
immer finden, daB diejenigen, die wirklich wissen, die be- 
scheidensten Menschen sind, und daB ihnen nichts ferner 
liegt als dasjenige, was die Menschen Machtgeliiste nennen. 

Wer sich durch die Meditation erhebt zu dem, was den 
Menschen mit dem Geist verbindet, der beginnt in sich 
das zu beleben, was ewig in ihm ist, .was nicht durch Ge- 
burt und Tod begrenzt ist. Nur diejenigen konnen zwei- 
feln an einem solchen Ewigen, die es nicht selbst erlebt 
haben. So ist die Meditation der Weg, der den Menschen 
auch zur'Erkenntnis, zur Anschauung seines ewigen, un- 
zerstorbaren Wesenskernes fiihrt. Und nur durch sie kann 
der Mensch zu solcher Anschauung kommen. Gnosis, 
Geistwissenschaft sprechen von der Ewigkeit dieses 
Wesenskernes, von der Wiederverkorperung desselben. 
Oft wird gefragt, warum weiB der Mensch nichts von sei- 
nen Erlebnissen, die jenseits von Geburt und Tod liegen? 
Aber nicht so sollte gefragt werden. Sondern vielmehr so: 
wie gelangt man zu solchem Wissen? In der richtigen 



Meditation eroffnet sich der Weg. Durch sie lebt die Er- 
innerung auf an Erlebnisse, die jenseits von Geburt und 
Tod liegen. Jeder kann dieses Wissen erwerben; in je- 
dem liegen die Fahigkeiten, selbst zu erkennen, selbst 
zu schauen, was echte Mystik, Geistwissenschaft, An- 
throposophie und Gnosis lehren. Er muB nur die rich- 
tigen Mittel wahlen. Nur ein Wesen, das Ohren und 
Augen hat, kann Tone und Farben wahrnehmen. Und 
auch das Auge kann nichts wahrnehmen, wenn das Licht 
fehlt, das die Dinge sichtbar macht. In der Geheimwissen- 
schaft sind die Mittel gegeben, die geistigen Ohren und 
Augen zu entwickelnund das geistige Licht zu entztinden. 
Als drei Stufen konnen die Mittel der geistigen Schulung 
bezeichnet werden: 1. Die Vorbereitung. Sie entwickelt 
die geistigen Sinne. 2. Die Erleuchtung. Sie ztindet das 
geistige Licht an. 3. Die Einweihung. Sie eroffnet den' 
Verkehr mit den hoheren Wesenheiten des Geistes. 



DIE STUFEN DER EINWEIHUNG 



Die folgenden Mitteilungen sind Glieder einer geistigen 
Schulung, uber deren Namen und Wesenheit jeder sich 
klar wird, der sie richtig anwendet. Sie beziehen sich auf 
die drei Stufen, durch welche die Schule des geistigen 
Lebens zu einem gewissen Grade der Einweihung fiihrt. 
Aber nur so viel von diesen Auseinandersetzungen wird 
man hier finden, als eben offentlich gesagt werden kann. 
Es sind dies Andeutungen, welche aus einer noch viel 
tieferen, intimen Lehre herausgeholt sind. In der Geheim- 
schulung selbst wird ein ganz bestimmter Lehrgang be- 
folgt. Gewisse Verrichtungen dienen dazu, die Seele des 
Menschen zum bewuBten Verkehr mit der geistigen Welt 
zu bringen. Diese Verrichtungen verhalten sich etwa zu 
dem, was im folgenden mitgeteilt wird, wie der Unter- 
richt, den man jemandem in einer hoheren streng geregel- 
ten Schule gibt, zu der Unterweisung, die man ihm ge- 
legentlich auf einer vorbereitenden Schule zuteil werden 
laBt. Doch kann die ernste und beharrliche Verfolgung 
dessen, was man hier angedeutet findet, zur wirklichen 
Geheimschulung fiihren. Allerdings, das ungeduldige 
Probieren, ohne Ernst und Beharrlichkeit, kann zu gar 
nichts fiihren. - Von Erfolg kann das Geheimstudium 
nur sein, wenn dasjenige zunachst eingehalten wird, was 
bereits gesagt worden ist, und auf dieser Grundlage 
fortgeschritten wird. 

Die Stufen, welche die angedeutete Uberlieferung an- 
gibt, sind die folgenden drei: I. Die Vorbereitung, 2. die 
Erleuchtung, 3. die Einweihung. Es ist nicht durchaus 
notwendig, daB diese drei Stufen sich so folgen, daB man 



die erste ganz durchgemacht hat, bevor die zweite, und 
diese, bevor die dritte an die Reihe kommen. Man kann 
in bezug auf gewisse Dinge schon der Erleuchtung, ja der 
Einweihung teilhaftig werden, wenn man in bezug auf 
andere sich noch in der Vorbereitung befindet. Doch wird 
man eine gewisse Zeit in Vorbereitung zu verbringen 
haben, bevor uberhaupt eine Erleuchtung beginnen kann. 
Und wenigstens fur einiges wird man erleuchtet sein 
mtissen, wenn der Anfang mit der Einweihung gemacht 
werden soil. In der Beschreibung aber mtissen, der Ein- 
fachheit wegen, die drei Stufen hintereinander folgen. 



1. Die Vorbereitung 

Die Vorbereitung besteht in einer ganz bestimmten Pflege 
des Geftihls- und Gedankenlebens. Durch diese Pflege 
werden Seelen- und Geistesleib mit hoheren Sinneswerk- 
zeugen und Tatigkeitsorganen begabt, wie die Natur- 
krafte den physischen Leib aus unbestimmter lebendiger 
Materie mit Organen ausgertistet haben. 

Der Anfang muB damit gemacht werden, die Aufmerk- 
samkeit der Seele auf gewisse Vorgange in der uns um- 
gebenden Welt zu lenken. Solche Vorgange sind das 
sprieBende, wachsende und gedeihende Leben einerseits, 
und alle Erscheinungen, die mit Verbltihen, Verwelken, 
Absterben zusammenhangen, anderseits. Uberall, wohin 
der Mensch die Augen wendet, sind solche Vorgange 
gleichzeitig vorhanden. Und uberall rufen sie naturgemaB 
auch in dem Menschen Geftihle und Gedanken hervor. 
Aber nicht genug gibt sich, unter gewohnlichen Verhalt- 



nissen, der Mensch diesen Geflihlen und Gedanken hin. 
Dazu eilt er viel zu rasch von einem Eindruck zum ande- 
ren. Es handelt sich darum, daB er intensiv die Aufmerk- 
samkeit ganz bewuBt auf diese Tatsachen lenke. Er muB, 
wo er Bllihen und Gedeihen einer ganz bestimmten Art 
wahrnimmt, alles andere aus seiner Seele verbannen und 
sich kurze Zeit ganz allein diesem einen Eindrucke tiber- 
lassen. Er wird sich bald liberzeugen, daB ein Geflihl, das 
in einem solchen Falle durch seine Seele frliher nur 
durchgehuscht ist, anschwillt, daB es eine kraftige und 
energische Form annimmt. Diese Geftihlsform muB er 
dann ruhig in sich nachklingen lassen. Er muB dabei ganz 
still in seinem Innern werden. Er muB sich abschlieBen 
von der ubrigen AuBenwelt und ganz allein dem folgen, 
was seine Seele zu der Tatsache des Bltihens und Ge- 
deihens sagt. 

Dabei soil man nur ja nicht glauben, daB man weit 
kommt, wenn man seine Sinne etwa stumpf macht gegen 
die Welt. Erst schaue man so lebhaft, so genau, als es nur 
irgend moglich ist, die Dinge an. Dann erst gebe man sich 
dem in der Seele auflebenden Geftihle, dem aufsteigen- 
den Gedanken hin. Worauf es ankommt, ist, daB man auf 
beides, im volligen inneren Gleichgewicht, die Aufmerk- 
samkeit richte. Findet man die notige Ruhe und gibt man 
sich dem hin, was in der Seele auflebt, dann wird man, 
nach entsprechenderZeit, das Folgende erleben. Man wird 
neue Arten von Geflihlen und Gedanken in seinem In- 
nern aufsteigen sehen, die man vorher nicht gekannt hat. 
Je ofter man in einer solchen Weise die Aufmerksamkeit 
auf etwas Wachsendes, Bltihendes und Gedeihendes und 
damit abwechselnd auf etwas Welkendes, Absterbendes 



lenkt, desto lebhafter werden diese Gefiihle werden. Und 
aus den Gefiihlen und Gedanken, die so entstehen, bauen 
sich die Hellseherorgane ebenso auf, wie sich durch Na- 
turkrafte aus belebtem Stoffe Augen und Ohren des phy- 
sischen Korpers aufbauen. .Eine ganz bestimmte Gefiihls- 
form kniipft sich an das Wachsen und Werden; eine an- 
dere ganz bestimmte an das Verwelken und Absterben. 
Aber nur dann, wenn die Pflege dieser Gefiihle auf die 
beschriebene Art angestrebt wird. Es ist moglich, an- 
nahernd richtig zu beschreiben, wie diese Gefiihle sind. 
Eine vollstandige Vorstellung kann sich davon jeder selbst 
verschaffen, indem er diese inneren Erlebnisse durch- 
macht. Wer oft die Aufmerksamkeit auf den Vorgang des 
Werdens, des Gedeihens, des Bliihens gelenkt hat, der 
wird etwas fiihlen, was der Empfindung bei einem Son- 
nenaufgang entfernt dhnlich ist. Und aus dem Vorgang 
des Welkens, Absterbens wird sich ihm ein Erlebnis er- 
geben, das in ebensolcher Art mit dem langsamen Auf- 
steigen des Mondes im Gesichtskreis zu vergleichen ist. 
Diese beiden Gefiihle sind zwei Krafte, die bei gehoriger 
Pflege, bei immer lebhafter werdender Ausbildung zu den 
bedeutsamsten geistigen Wirkungen fiihren. Wer sich 
immer wieder und wieder planmaBig, mit Vorsatz, sol- 
chen Gefiihlen uberlaBt, dem eroffnet sich eine neue Welt. 
Die Seelenwelt, der sogenannte astrale Plan, beginnt vor 
ihm aufzudammern. Wachsen und Vergehen bleiben fiir 
ihn nicht mehr Tatsachen, die ihm solch unbestimmte 
Eindriicke machen wie vorher. Sie formen sich vielmehr 
zu geistigen Linien und Figuren, von denen er vorher 
nichts ahnte. Und diese Linien und Figuren haben fiir die 
verschiedenen Erscheinungen auch verschiedene Gestal- 



ten. Eine bliihende Blume zaubert vor seine Seele eine 
ganz bestimmte Linie, ebenso ein im Wachsen begriffenes 
Tieroderein im AbsterbenbefindlicherBaum. DieSeelen- 
welt (der astrale Plan) breitet sich langsam vor ihm aus. 
Nichts Willkiirliches liegt in diesen Linien und Figuren. 
Zwei Geheimschiiler, die sich auf der entsprechenden 
Stufe der Ausbildung befinden, werden bei dem gleichen 
Vorgange stets dieselben Linien und Figuren sehen. So ge- 
wiB zwei richtig sehende Menschen einen runden Tisch 
rund sehen, und nicht einer rund und der andere vier- 
eckig, so gewiB stellt sich vor zwei Seelen beim Anblicke 
einer bliihenden Blume dieselbe geistige Gestalt. - So 
wie die Gestalten der Pflanzen und Tiere in der gewohn- 
lichen Naturgeschichte beschrieben werden, so beschreibt 
oder zeichnet der Kenner der Geheimwissenschaft die 
geistigen Gestalten der Wachstums- und Absterbens- 
vorgange nach Gattungen und Arten. 

Wenn der Schiiler so weit ist, daB er solch geistige Ge- 
stalten von Erscheinungen sehen kann, die sich seinem 
auBeren Auge auch physisch zeigen: dann wird er auch 
nicht weit entfernt sein von der Stufe, Dinge zu sehen, 
die kein physisches Dasein haben, die also dem ganz ver- 
borgen (okkult) bleiben miissen, der keine Unterweisung 
in der Geheimlehre erhalten hat. 

Zu betonen ist, daB der Geheimforscher sich nicht in 
ein Nachsinnen verlieren soil, was dieses oder jenes Ding 
bedeutet. Durch solche Verstandesarbeit bringt er sich nur 
von dem rechten Wege ab. Er soil frisch, mit gesundem 
Sinne, mit scharfer Beobachtungsgabe in die Sinnenwelt 
sehen und dann sich seinen Gefiihlen iiberlassen. Was die 
Dinge bedeuten, das soil nicht er mit spekulierendem 



Verstande ausmachen wollen, sondern er soil es sich von 
den Dingen selbst sagen lassen." 

Ein Weiteres, worauf es ankommt, ist das, was die Ge- 
heimwissenschaft die Orientierung in den hoheren Wel- 
ten nennt. Man gelangt dazu, wenn man sich ganz von 
dem BewuBtsein durchdringt, daB Geftihle und Gedan- 
ken wirkliche Tatsachen sind, genau so wie Tische und 
Sttihle in der physisch-sinnlichen Welt. In der seelischen 
und in der Gedankenwelt wirken Geftihle und Gedanken 
aufeinander wie in der physischen die sinnlichen Dinge. 
Solange jemand nicht lebhaft von diesem BewuBtsein 
durchdrungen ist, wird er nicht glauben, daB ein verkehr- 
ter Gedanke, den er hegt, auf andere Gedanken, die den 
Gedankenraum beleben, so verheerend wirken kann wie 
eine blindlings losgeschossene Flintenkugel fur die physi- 
schen Gegenstande, die sie trifft. Ein solcher wird sich 
vielleicht niemals erlauben, eine physisch-sichtbare Hand- 
lung zu begehen, die er fur sinnlos halt. Er wird aber nicht 
davor zuruckschrecken, verkehrte Gedanken oder Geftihle 
zu hegen. Denn diese erscheinen ihm ungefahrlich fur die 
iibrige Weh. In der Geheimwissenschaft kann man aber 
nur vorwartskommen, wenn man auf seine Gedanken 
und Geftihle ebenso achtet, wie man auf seine Schritte in 
der physischen Welt achtet. Wenn jemand eine Wand 
sieht, so versucht er nicht, geradewegs durch dieselbe 
durchzurennen; er lenkt seine Schritte seitwarts. Er rich- 

::. Bemerkt soli werden, daB kunstlerisches Empfinden, gepaart mit 
einer stillen, in sich versenkten Natur, die beste Vorbedingung fur die 
Entwickelung der geistigen Fahigkeiten ist. Dieses Empfinden dringt ja 
durch die Oberflache der Dinge hindurch und gelangt dadurch zu deren 
Geheimnissen. 



tet sich eben nach den Gesetzen der physischen Weh. - 
Solche Gesetze gibt es nun auch fur die Geflihls- und Ge- 
dankenwelt. Nur konnen sie dem Menschen da nicht von 
auBen sich aufdrangen. Sie mlissen aus dem Leben seiner 
Seele selbst flieBen. Man gelangt dazu, wenn man sich 
jederzeit verbietet, verkehrte Geflihle und Gedanken zu 
hegen. Alles willklirliche Hin- und Hersinnen, alles spie- 
lerische Phantasieren, alle zufallig auf-und abwogenden 
Geflihle muB man sich in dieser Zeit verbieten. Man 
macht sich dadurch nicht geftihlsarm. Man wird namlich 
bald finden, daB man reich an Geflihlen, schopferisch in 
wahrer Phantasie erst wird, wenn man in solcher Art sein 
Inneres regelt. An die Stelle kleinlicher Geftihlsschwel- 
gerei und spielerischer Gedankenverkntipfung treten be- 
deutsame Geflihle und fruchtbare Gedanken. Und diese 
Geflihle. und Gedanken flihren den Menschen dazu, sich 
in der geistigen Welt zu orientieren. Er kommt in richtige 
Verhaltnisse zu den Dingen der Geisteswelt. Eine ganz 
bestimmte Wirkung tritt fur ihn ein. Wie er als physi- 
scher Mensch seinen Weg findet zwischen den physischen 
Dingen, so flihrt ihn jetzt sein Pfad zwischen Wachsen 
und Absterben, die er ja auf dem oben bezeichneten Weg 
kennenlernt, hindurch. Er folgt dann allem Wachsenden, 
Gedeihenden und auch anderseits allem Verwelkenden' 
und Absterbenden so, wie es zu seinem und der Welt 
Gedeihen erforderlich ist. 

Eine weitere Pflege hat der Geheimschuler der Weit 
der Tone angedeihen zu lassen. Man unterscheide da zwi- 
schen dem Tone, der durch das sogenannte Leblose (einen 
fallenden Korper, eine Glocke oder ein Musikinstrument) 
hervorgebracht wird, und dem, welcher von Lebendigem 



(einem Tiere oder Menschen) stammt. Wer eine Glocke 
hort, wird den Ton. wahrnehmen und ein angenehmes 
Gefiihl daran kniipfen; wer den Schrei eines Tieres hort, 
wird auBer diesem Gefiihl in dem Tone noch die Offen- 
barung eines inneren Erlebnisses des Tieres, Lust oder 
Schmerz, verspiiren. Bei der letzteren Art von Tonen hat 
der GeheimschuTer einzusetzen. Er soil seine ganze Auf- 
merksamkeit darauf lenken, daB der Ton ihm etwas ver- 
kiindet, was auBer der eigenen Seele liegt. Und er soil sich 
versenken in dieses Fremde. Er soil sein Gefiihl innig ver- 
binden mit dem Schmerz oder der Lust, die ihm durch den 
Ton verkiindet werden. Er soil dariiber hinweg sich setzen, 
was fur ihn der Ton ist, ob er ihm angenehm oder un- 
angenehm ist, wohlbehaglich oder miBfallig; nur das soil 
seine Seele erfiillen, was in dem Wesen vorgeht, von dem 
der Ton kommt. Wer planmaBig und mit Vorbedacht 
solche Ubungen macht, der wird sich dadurch die Fahig- 
keit aneignen, mit einem Wesen, sozusagen, zusammen- 
zuflieBen, von dem der Ton ausgeht. Einem musikalisch 
empfindenden Menschen wird solche Pflege seines Ge- 
miitslebens leichter sein als einem unmusikalischen. Doch 
darf niemand glauben, daB der musikalische Sinn schon 
diese Pflege ersetzt. Man muB, als Geheimschiiler, in die- 
ser Art der ganzen Natur gegeniiber empfinden lernen. - 
Und dadurch senkt sich in Gefiihls- und Gedankenwelt 
eine neue Anlage. Die ganze Natur fangt an, dem Men- 
sehen durch ihr Ertonen Geheimnisse zuzuraunen. Was 
vorher seiner Seele unverstandlicher Schall war, wird da- 
durch sinnvolle Sprache der Natur. Und wobei er vorher 
nur Ton gehorthat, beimErklingen des sogenanntenLeb- 
losen, vernimmt er jetzt eine neue Sprache der Seele. 



Schreitet er in solcher Pflege seiner Geftihle vorwarts, 
dann wird er bald gewahr, daB er horen kann, wovon er 
vorher nichts vermutet hat. Er fangt an, mit derSeele zu 
horen. 

Dazu muB dann noch etwas anderes kommen, um zum 
Gipfel zu gelangen, der auf diesem Gebiete zu erreichen 
ist. - Was fur die Ausbildung des Geheimschlilers ganz 
besonders wichtig ist, das ist die Art, wie er anderen Men- 
schen beim Sprechen zuhdrt. Er muB sich daran gewoh- 
nen, dies so zu tun, daB dabei sein eigenes Innere voll- 
kommen schweigt. Wenn jemand eine Meinung auBert, 
und ein anderer hort zu, so wird sich im Innern des letz- 
teren im allgemeinen Zustimmung oder Widerspruch 
regen. Viele Menschen werden wohl auch sofort sich ge- 
drangt flihlen, ihre zustimmende und namentlich ihre 
widersprechende Meinung zu auBern. Alle solche Zustim- 
mung und alien solchen Widerspruch muB der Geheim- 
schuler zum Schweigen bringen. Es kommt dabei nicht 
darauf an, daB er plotzlich seine Lebensart so andere, daB 
er solch inneres, grundliches Schweigen fortwahrend zu 
erreichen sucht. Er wird damit den Anfang machen mtis- 
sen, daB er es in einzelnen Fallen tut, die er sich mit Vor- 
satz auswahlt. Dann wird sich ganz langsam und allmah- 
lich, wie von selbst, diese ganz neue Art des Zuhorens in 
seine Gewohnheiten einschleichen. - In der Geistesfor- 
schung wird solches planmaBig getibt. Die Schtiler flihlen 
sich verpflichtet, libungsweise zu gewissen Zeiten sich die 
entgegengesetztesten Gedanken anzuhoren und dabei alle 
Zustimmung und namentlich alles abfallige Urteilen voll- 
standig zum Verstummen zu bringen. Es kommt darauf 
an, daB dabei nicht nur alles verstandesmaBige Urteilen 



schweige, sondern auch alle Gefiihle des MiBfallens, der 
Ablehnung oder auch Zustimmung. Insbesondere muB 
sich der Schuler stets sorgfaltig beobachten, ob nicht 
solche Gefiihle, wenn auch nicht an der Oberflache, so 
doch im intimsten Innern seiner Seele vorhanden seien. Er 
muB sich z. B. die Ausspriiche von Menschen anhoren, die 
in irgendeiner Beziehung weit unter ihm stehen, und muB 
dabei jedes Gefiihl des Besserwissens oder der Uberlegen- 
heit unterdrucken. - Niitzlich ist es fiir jeden, in solcher 
Art Kindern zuzuhoren. Auch der Weiseste kann un- 
ermeBlich viel von Kindern lernen. - So bringt es der 
Mensch dazu, die Worte des anderen ganz selbstlos zu 
horen, mit vollkommener Ausschaltung seiner eigenen 
Person, deren Meinung und Gefiihlsweise. Wenn er sich 
so tibt, kritiklos zuzuhoren, auch dann, wenn die vollig 
entgegengesetzte Meinung vorgebracht wird, wenn das 
«Verkehrteste» sich vor ihm abspielt, dann lernt er nach 
und nach mit dem Wesen eines anderen vollstandig zu 
verschmelzen, ganz in dasselbe aufzugehen. Er hort dann 
durch die Worte hindurch in des anderen Seele hinein. 
Durch anhaltende Ubung solcher Art wird erst der Ton 
das rechte Mittel, um Seele und Geist wahrzunehmen. 
Allerdings gehort dazu die allerstrengste Selbstzucht. 
Aber diese fiihrt zu einem hohen Ziele. Wenn diese Ubun- 
gen namlich in Verbindung mit den anderen getrieben 
werden, die angegeben worden sind beziiglich des Tonens 
in der Natur, so erwachst der Seele ein neuer Horsinn. Sie 
wird imstande, Kundgebungen aus der geistigen Weit 
wahrzunehmen, die nicht ihren Ausdruck finden in auBe- 
ren Tonen, die fiir das physische Ohr wahrnehmber sind. 
Die Wahrnehmung des «inneren Wortes» erwacht. Dem 



Geheimschuler offenbaren 'sich allmahlich von der Gei- 
steswelt aus Wahrheiten. Er hort auf geistige Art zu sich 
sprechen." - Alle hoheren Wahrheiten werden durch 
solches «inneres Einsprechen» erreicht. Und was man aus 
dem Munde eines wahren Geheimforschers horen kann, 
das hat er durch diese Art in Erfahrung gebracht. - Damit 
aber soli nicht gesagt sein, daB es unnotig sei, sich mit 
geheimwissenschaftlichen Schriften zu befassen, bevor 
man selbst in solcher Weise «inneres Einsprechen» ver- 
nehmen kann. Im Gegenteil: das Lesen solcher Schriften, 
das Anhoren der Geheimforscherlehren sind selbst Mit- 
tel, auch zu eigener Erkenntnis zu gelangen. Jeder Satz 
der Geheimwissenschaft, den der Mensch hort, ist geeig- 
net, den Sinn dahin zu lenken, wohin er gelangen muB, 
soil die Seele wahren Fortschritt erleben. Zu all dem Ge- 
sagten muB vielmehr eifriges Studium dessen treten, was 
die Geheimforscher der Welt mitteilen. Bei aller Geheim- 
schulung gehort solches Studium zur Vorbereitung. Und 
wer alle sonstigen Mittel anwenden wollte, er kame zu 
keinem Ziele, wenn er nicht die Lehren der Geheim- 
forscher in sich aufnahme. Denn weil diese Lehren aus 
dem lebendigen «inneren Worte», aus der «lebendigen 
Einsprechung» geschopft sind, haben sie selbst geistiges 
Leben. Sie sind nicht bloB Worte. Sie sind lebendige 
Krafte. Und wahrend du den Worten eines Geheimkun- 
digen folgst, wahrend du ein Buch liest, das einer wirk- 

* Nur wer durch selbstloses Zuhoren es dahin bringt, daB er wirklich 
von innen aufnehmen kann, still, ohne Regung einer personlichen Mei- 
nimg oder eines personlichen Gefiihls, zu dem konnen die hoheren 
Wesenheiten sprechen, von denen man in der Geheimwissenschaft spricht. 
Solange man noch irgendeine Meinung, irgendein Gefiihl dem zu Horen- 
den entgegenschleudert, schweigen die Wesenheiten der Geisteswelt. 



liehen inneren Erfahrung entstammt, wirken in deiner 
Seele Krafte, welche dich ebenso hellsehend machen, wie 
die Naturkrafte aus lebendigem Stoffe deine Augen und 
Ohren gebildet haben. 



2. Die Erleuchtung 

Die Erleuchtung geht von sehr einfachen Vorgangen aus. 
Auch dabei handelt es sich darum, gewisse Gefiihle und 
Gedankenzu entwickeln, die in jedemMenschen schlum- 
mern und die erwachen miissen. Nur wer mit voller Ge- 
duld, streng und anhaltend die einfachen Vorgange durch- 
nimmt, den konnen sie zur Wahrnehmung der inneren 
Lichterscheinungen fiihren. Der erste Anfang wird damit 
gemacht, in einer bestimmten Art verschiedene Natur- 
wesen zu betrachten, und zwar zumBeispiele: einen durch- 
sichtigen, schon geformten Stein (Kristall), eine Pflanze 
und ein Tier. Man suche zuerst seine ganze Aufmerksam- 
keit auf einen Vergleich des Steines mit dem Tier in fol- 
gender Art zu lenken. Die Gedanken, die hier angefiihrt 
werden, miissen, von lebhaften Gefiihlen begleitet, durch 
die Seele ziehen. Und kein anderer Gedanke, kein an- 
deres Gefiihl diirfen sich einmischenund die intensiv auf- 
merksame Betrachtung storen. Man sage sich: «Der Stein 
hat eine Gestalt; das Tier hat auch Gestalt. Der Stein 
bleibt ruhig an seinem Ort. Das Tier verandert seinen Ort. 
Es ist der Trieb (die Begierde), welcher das Tier veranlaBt, 
seinen Ort zu andern. Und die Triebe sind es auch, denen 
die Gestalt des Tieres dient. Seine Organe, seine Werk- 
zeuge sind diesen Trieben gemaB ausgebildet. Die Gestalt 



des Steins ist nicht nach Begierden, sondern durch be- 
gierdelose Kraft gebildet.»* Wenn man sich intensiv in 
diese Gedanken versenkt und dabei mit gespannter Auf- 
merksamkeit Stein und Tier betrachtet: dann leben in der 
Seele zwei ganz verschiedene Gefuhlsarten auf. Aus dem 
Stein stromt die eine Art des Gefuhls, aus dem Tiere die 
andere Art in unsere Seele. Die Sache wird wahrschein- 
lich im Anfange nicht gelingen: aber nach und nach, bei 
wirklicher geduldiger Ubung, werden sich diese Gefiihle 
einstellen. Man muB nur immerfort und fort iiben. Erst 
sind die Gefiihle nur so lange vorhanden, als die Betrach- 
tung dauert, spater wirken sie nach. Und dann werden 
sie zu etwas, was in der Seele lebendig bleibt. Der Mensch 
braucht sich dann nur zu besinnen: und die beiden Ge- 
fiihle steigen immer, auch ohne Betrachtung eines auBe- 
ren Gegenstandes, auf. - Aus diesen Gefiihlen und den 
mit ihnen verbundenen Gedanken bilden sich Hellseher- 
organe. - Tritt dann in der Betrachtung noch die Pflanze 
hinzu, so wird man bemerken, daB das von ihr ausgehende 
Gefiihl, seiner Beschaffenheit und auch seinem Grade 
nach, in der Mitte liegt zwischen dem vom Stein und dem 
vom Tier ausstromenden. Die Organe, welche sich auf 
solche Art bilden, sind Geistesaugen. Man lernt mit ihnen 
allmahlich etwas wie seelische und geistige Farben zu 
sehen. Solange man nur das sich angeeignet hat, was als 

* Die hier gemeinte Tatsache, insofern' sie sich auf Kristallbeobach- 
tung bezieht, ist von solchen, die nur in auBerlicher Weise (exoterisch) 
davon gehort haben, in mancherlei Art verdreht worden, woraus Ver- 
richtungen wie «Kristallsehen» usw. entstanden sind. Derlei Manipulatio- 
nen beruhen auf MiBverstandnissen. Sie sind in vielen Biichern beschrieben 
worden. Aber sie bilden niemals den Gegenstand wahren (esoterischen) 
Geheimunterrichtes. 



«Vorbereitung» beschrieben worden ist, bleibt die geistige 
Weh mit ihren Linien und Figuren dunkel; durch die Er- 
leuchtung wird sie hell. - Auch hier muB bemerkt wer- 
den, daB die Worte «dunkel» und «hell» sowie die ande- 
ren gebrauchten Ausdriicke nur annahernd aussprechen, 
was gemeint ist. Will man sich aber der gebrauchlichen 
Sprache bedienen, so ist nichts anderes moglich. Diese 
Sprache ist ja nur fiir die physischen Verhaltnisse geschaf- 
fen. - Die Geheimwissenschaft bezeichnet nun das, was 
fiir das Hellseherorgan vom Stein ausstromt, als «blau» 
oder «blaurot». Dasjenige, was vom Tier empfunden 
wird, als «rot» oder «rotgelb». In der Tat sind es Farben 
«geistiger Art», die da gesehen werden. Die von der 
Pflanze ausgehende Farbe ist «griin», das nach und nach 
in ein helles atherisches Rosarot iibergeht. Die Pflanze ist 
namlich dasjenige Naturwesen, welches in hoheren Wel- 
ten in einer gewissen Beziehung ihrer Beschaffenheit in 
der physischen Welt gleicht. Nicht dasselbe ist aber bei 
Stein und Tier der Fall. - Nun muB man sich klar sein, 
daB mit den oben genannten Farben nur die Hauptschat- 
tierungen des Stein-, Pflanzen- und Tierreiches angegeben 
sind. In Wirklichkeit sind alle moglichen Zwischenschat- 
tierungen vorhanden. Jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier 
hat seine ganz bestimmte Farbennuance. Dazu kommen 
die Wesen der hoheren Welten, die niemals sich physisch 
verkorpern, mit ihren oft wundervollen, oft auch graB- 
lichen Farben. In der Tat ist der Farbenreichtum in die- 
sen hoheren Wehen unermeBlich viel groBer als in der 
physischen Welt. 

Hat der Mensch einmal die Fahigkeit erworben, mit 
«Geistesaugen» zu sehen, so begegnet er auch, iiber kurz 



oder lang, den genannten hoheren, zum Teil auch tiefe- 
ren Wesen, als. der Mensch ist, die niemals die physische 
Wirklichkeit betreten. 

Hat der Mensch es so weit gebracht, wie hier beschrie- 
ben ist, so stehen ihm die Wege zu vielem offen. Aber es 
ist keinem anzuraten, noch weiter zu gehen ohne sorgfal- 
tige Beachtung des vom Geistesforscher Gesagten oder 
sonst von ihm Mitgeteilten. Und auch fur das schon Ge- 
sagte ist eine Beachtung solcher kundigen Fiihrerschaft 
das Allerbeste. Hat iibrigens der Mensch in sich die Kraft 
und Ausdauer, es so weit zu bringen, wie es den angegebe- 
nen elementaren Stufen der Erleuchtung entspricht, so wird 
er ganz gewiB auch die rechte Fiihrung suchenund finden. 

Eine Vorsicht ist aber unter alien Umstanden notwen- 
dig, und wer sie nicht anwenden will, der soil am besten 
alle Schritte in die Geheimwissenschaft unterlassen. Es ist 
notwendig, daB der Mensch, der'Geheimschiiler wird, 
nichts verliere von seinen Eigenschaften als edler, guter 
und fiir alles physisch Wirkliche empfanglicher Mensch. 
Er muB im Gegenteile seine moralische Kraft, seine 
innere Lauterkeit, seine Beobachtungsgabe wahrend der 
Geheimschiilerschaft fortwahrend steigern. Um ein Ein- 
zelnes zu erwahnen: Wahrend der elementaren Erleuch- 
tungsiibungen muB der Geheimschiiler dafiir sorgen, daB 
er sein Mitgefiihl fiir die Menschen- und Tierwelt, seinen 
Sinn fiir Schonheit der Natur immerfort vergroBere. 
Sorgt er nicht dafiir, so stumpfen sich jenes Gefiihl und 
dieser Sinn durch solche Ubungen fortwahrend ab. Das 
Herz wiirde hart, der Sinn stumpf. Und das miiBte zu 
gefahrlichen Ergebnissen fiihren. 

Wie sich die Erleuchtung gestaltet, wenn man im Sinne 



der obigen Ubungen iiber Stein, Pflanze und Tier zum 
Menschen heraufsteigt, und wie, nach der Erleuchtung, 
der ZusammenschluB der Seele mit der geistigen Weh 
unter alien Umstanden sich einmal einstellt und zur 
Einweihung hingeleitet: davon wird in den nachsten 
Abschnitten gesprochen werden, soweit das sein kann. 

Es wird in unserer Zeit von vielen Menschen der Weg 
zur Geheimwissenschaft gesucht. Auf mancherlei Art 
wird das getan; und viele gefahrliche, ja verwerfliche Pro- 
zeduren werden probiert. Deshalb sollen diejenigen, die 
etwas Wahrhaftes von diesen Dingen zu wissen meinen, 
anderen die Moglichkeit geben, einiges aus der Geheim- 
schulung kennenzulernen. Nur soviel ist hier mitgeteilt 
worden, als solcher Moglichkeit entspricht. Es ist notwen- 
dig, daB etwas von dem Wahren bekannt werde, damit 
nicht das Irrttimliche groBen Schaden anrichte. Durch die 
hier vorgezeichneten Wege kann niemand Schaden neh- 
men, der nichts forciert. Nur das eine muB beobachtet 
werden: niemand darf mehr Zeit und Kraft auf solche 
Ubungen verwenden, als ihm nach seiner Lebensstellung, 
nach seinen Pflichten zur Verftigung stehen. Niemand 
darf durch den Geheimpfad irgend etwas in seinen auBe- 
ren Lebensverhaltnissen augenblicklich andern. Will man 
wirkliche Ergebnisse, dann muB man Geduld haben; man 
muB nach wenigen Minuten der Ubung aufhoren konnen 
und ruhig seiner Tagesarbeit nachgehen. Und nichts darf 
sich von Gedanken an die Ubungen in die Tagesarbeit 
mischen. Wer nicht im hochsten und besten Sinne warten 
gelernt hat, der taugt nicht zum Geheimschuler und wird 
auch niemals zu Ergebnissen kommen, die einen erheb- 
lichen Wert haben. 



Kontrolle der Gedanken und Gefuhle 



Wenn jemand die Wege zur Geheimwissenschaft in der 
Art sucht, wie es in dem vorhergehenden Kapitel be- 
schrieben worden ist, dann darf er nicht versaumen, sich 
wahrend der ganzen Arbeit durch einen fortwirkenden 
Gedanken zu starken. Er muB sich namlich stets vor Au- 
gen halten, daB er nach einiger Zeit schon ganz erhebliche 
Fortschritte gemacht haben kann, ohne daB sie sich ihm 
in der Weise zeigen, wie er es vielleicht erwartet hat. Wer 
dies nicht bedenkt, wird leicht die Beharrlichkeit verlieren 
und nach kurzer Zeit alle Versuche aufgeben. Die Krafte 
und Fahigkeiten, welche man zu entwickeln hat, sind an- 
fanglich von sehr zarter Art. Und ihre Wesenheit ist etwas 
ganz anderes als das, wovon sich der Mensch vorher Vor- 
stellungen gemacht hat. Er war ja nur gewohnt, sich mit 
der physischen Welt zu beschaftigen. Die geistige und see- 
lische entzog sich seinen Blicken und auch seinen Begrif- 
fen. Es ist daher gar nicht zu verwundern, daB er jetzt, wo 
sich in ihm geistige und seelische Krafte entwickeln, diese 
nicht sogleich bemerkt. - Darinnen liegt die Moglichkeit 
einer Beirrung fur den, welcher sich, ohne sich an die Er- 
fahrungen zu halten, welche kundige Forscher gesammelt 
haben, auf den Geheimpfad begibt. Der Geheimforscher 
kennt die Fortschritte, welche der Schiiler macht, lange 
bevor dieser sich selbst ihrer bewuBt wird. Er weiB, wie 
die zarten geistigen Augen sich heranbilden, ehe der Schii- 
ler etwas davon weiB. Und ein groBerTeil der Anweisun- 
gen dieses Geheimforschers besteht eben darinnen, das 
zum Ausdrucke zu bringen, was bewirkt, daB der Schiiler 
das Vertrauen, die Geduld, die Ausdauer nicht verliere, 



bevor er zur eigenen Erkenntnis seiner Fortschritte ge- 
langt. Geben kann ja der Geheimkundige seinem Zogling 
nichts, was in diesem nicht - auf verborgene Art - schon 
liegt. Er kann nur anleiten zur Entwickelung von schlum- 
mernden Fahigkeiten. Aber, was er aus seinen Erfahrun- 
gen mitteilt, wird eine Stlitze sein dem, der sich aus dem 
Dunkel zum Lichte durchringen will. 

Gar viele verlassen den Pfad zur Geheimwissenschaft 
bald, nachdem sie ihn betreten haben, weil ihnen ihre 
Fortschritte nicht sogleich bemerklich werden. Und selbst, 
wenn die ersten fur den Zogling wahrnehmbaren hohe- 
ren Erfahrungen auftreten, so betrachtet sie dieser oft als 
Illusionen, weil er sich ganz andere Vorstellungen von 
dem gemacht hat, was er erleben soil. Er verliert den Mut, 
weil er entweder die ersten Erfahrungen fur wertlos halt 
oder weil sie ihm doch so unscheinbar vorkommen, daB 
er nicht glaubt, sie konnten ihn in absehbarer Zeit zu 
irgend etwas Erheblichem ftihren. Mut und Selbstver- 
trauen sind aber zwei Lichter, die auf dem Wege zur Ge- 
heimwissenschaft nicht erloschen dtirfen. Wer es nicht 
iiber sich bringen kann, eine Ubung, die scheinbar un- 
zahligemal miBgltickt ist, immer wieder und wieder 
geduldig fortzusetzen, der kann nicht weit kommen. 

Viel frtiher als eine deutliche Wahrnehmung von den 
Fortschritten tritt ein dunkles Geftihl auf, daB man auf 
dem rechten Wege sei. Und dieses Geftihl sollte man 
hegen'und pflegen. Denn es kann zu einem sicheren Fiih- 
rer werden. Vor allem muB man den Glauben ausrotten, 
als ob es ganz absonderliche, geheimnisvolle Verrichtun- 
gen sein muBten, durch die man zu hoheren Erkenntnis- 
sen gelangt. Man muB sich klarmachen, daB von den 



Gefiihlen und Gedanken ausgegangen werden muB, mit 
denen der Mensch ja fortwahrend lebt, und daB er diesen 
Gefiihlen und Gedanken nur eine andere Richtung geben 
muB, als die gewohnte ist. Ein jeder sage sich zunachst: in 
meiner eigenen Gefiihls- und Gedankenwelt liegen die 
hochsten Geheimnisse verborgen: ich habe sie bisher nur 
noch nicht wahrgenommen. Alles beruht schlieBlich dar- 
auf, daB der Mensch fortwahrend Leib, Seele und Geist 
mit sich herumtragt, daB er sich aber nur seines Leibes 
im ausgesprochenen Sinne bewufit ist, nicht seiner Seele 
und seines Geistes. Und der Geheimschiiler wird sich der 
Seele und des Geistes bewuBt, wie sich der gewohnliche 
Mensch seines Leibes bewuBt ist. 

Deshalb kommt es darauf an, die Gefiihle und Gedan- 
ken in die rechte Richtung zu bringen. Dann entwickelt 
man die Wahrnehmungen flir das im gewohnlichen 
Leben Unsichtbare. Hier soil einer der Wege angegeben 
werden, wie man das macht. Eine einfache Sache ist es 
wieder, wie fast alles, was bisher mitgeteilt worden ist. 
Aber von den groBten Wirkungen ist sie, wenn sie beharr- 
lich durchgefiihrt wird und wenn der Mensch vermag, 
mit der notigen intimen Stimmung sich ihr hinzugeben. 

Man lege ein kleines Samenkorn einer Pflanze vor sich 
hin. Es kommt darauf an, sich vor diesem unscheinbaren 
Ding die rechten Gedanken intensiv zu machen und 
durch diese Gedanken gewisse Gefiihle zu entwickeln. 
Zuerst mache man sich klar, was man wirklich mit Au- 
gen sieht. Man beschreibe fur sich Form, Farbe und alle 
sonstigen Eigenschaften des Samens. Dann iiberlege man 
folgendes. Aus diesem Samenkorn wird eine vielgestaltige 
Pflanze entstehen, wenn es in die Erde gepflanzt wird. 



Man vergegenwartige sich diese Pflanze. Man baue sie 
sich in der Phantasie auf. Und dann denke man: Was ich 
mir jetzt in meiner Phantasie vorstelle, das werden die 
Krafte der Erde und des Lichtes spater wirklich aus dem 
Samenkorn hervorlocken. Wenn ich ein kunstlich geform- 
tes Ding vor mir hatte, das ganz tauschend dem Samen- 
korn nachgeahmt ware, so daB es meine Augen nicht von 
einem wahren unterscheiden konnten, so wlirde keine 
Kraft der Erde und des Lichtes aus diesem eine Pflanze 
hervorlocken. Wer sich diesen Gedanken ganz klar macht, 
wer ihn innerlich erlebt, der wird sich auch den folgenden 
mit dem richtigen Gefuhle bilden konnen. Er wird sich 
sagen: in dem Samenkorn ruht schon auf verborgene Art 
- als Kraft der ganzen Pflanze - das, was spater aus ihm 
herauswachst. In der kunstlichen Nachahmung ruht diese 
Kraft nicht. Und doch sind/wr meine Augen beide gleich. 
In dem wirklichen Samenkorn ist also etwas unsichtbar 
enthalten, was in der Nachahmung nicht ist. Auf dieses 
Unsichtbare lenke man nun Geftihl und Gedanken." Man 
stelle sich vor: dieses Unsichtbare wird sich spater in die 
sichtbare Pflanze verwandeln, die ich in Gestaltund Farbe 
vor mir haben werde. Man hange dem Gedanken nach: 
das Unsichtbare wird sichtbar werden. Konnte ich nicht 
denken, so konnte sich mir auch nicht schon jetzt an- 
ktindigen, was erst spater sichtbar werden wird. 

* Wer da einwenden wollte, daB bei einer genaueren mikroskopischen 
Untersuchung sich ja doch die Nachahmung von dem wirklichen Samen- 
korn unterscheide, der zeigte nur, daB er nicht erfaBt hat, worauf es an- 
kommt. Es handelt sich nicht darum, was man genau wirklich in sinnen- 
falliger Weise vor sich hat, sondern darum, daB man daran seelisch-gei- 
stige Krafte entwickele. 



Besonders deutlich sei es betont: Was man da denkt, 
muB man auch intensiv juhlen. Man muB in Ruhe, ohne 
alle storenden Beimischungen anderer Gedanken, den 
einen oben angedeuteten in sich erleben. Und man muB 
sich Zeit lassen, so daB sich der Gedanke und das Geftihl, 
das sich an ihn knlipft, gleichsam in die Seele einbohren. 
- Bringt man das in der rechten Weise zustande, dann 
wird man nach einiger Zeit - vielleicht erst nach vielen 
Versuchen - eine Kraft in sich versptiren. Und diese Kraft 
wird eine neue Anschauung erschaffen. Das Samenkorn 
wird wie in einer kleinen Lichtwolke eingeschlossen er- 
scheinen. Es wird auf sinnlich-geistige Weise als eine Art 
Flamme empfunden werden. Gegentiber der Mitte dieser 
Flamme empfindet man so, wie man beim Eindruck der 
Farbe Lila empfindet; gegentiber dem Rande, wie man der 
Farbe Blaulich gegentiber empfindet. - Da erscheint das, 
was man vorher nicht gesehen hat und was die Kraft des 
Gedankens und der Geftihle geschaffen hat, die man in 
sich erregt hat. Was sinnlich unsichtbar war, die Pflanze, 
die erst spater sichtbar werden wird, das offenbart sich 
da auf geistig-sichtbare Art. 

Es ist begreiflich, daB mancher Mensch das alles fur 
Illusion halten wird. Viele werden sagen: «Was sollen 
mir solche Gesichte, solche Phantasmen?» Und manche 
werden abfallen und den Pfad nicht fortsetzen. Aber ge- 
rade darauf kommt es an: in diesen schwierigen Punkten 
der menschlichen Entwickelung nicht Phantasie und gei- 
stige Wirklichkeit miteinander zu verwechseln. Und fer- 
ner darauf, den Mut zu haben, vorwarts zu dringen und 
nicht furchtsam und kleinmutig zu werden. Auf der an- 
deren Seite aber muB allerdings betont werden, daB der 



gesunde Sinn, der Wahrheit und Tauschung unterschei- 
det, fortwahrend gepflegt werden muB. Der Mensch darf 
wahrend all dieser Ubungen nie die voile bewufite Herr- 
schaft uber sich selbst verlieren. So sicher, wie er iiber die 
Dinge und Vorgange des Alltagslebens denkt, so muB er 
auch hier denken. Schlimm ware es, wenn er in Traumerei 
verfiele. Verstandesklar, urn nicht zu sagen: ntichtern, 
muB er in jedem Augenblicke bleiben. Und der groBte 
Fehler ware gemacht, wenn der Mensch durch solche 
Ubungen sein Gleichgewicht verlore, wenn er abgehalten 
wlirde, so gesund und klar liber die Dinge des Alltags- 
lebens zu urteilen, wie er das vorher getan hat. Immer 
wieder soil sich der Geheimschliler daher prlifen, ob er 
nicht etwa aus seinem Gleichgewicht herausgefallen ist, 
ob er derselbe geblieben ist innerhalb der Verhaltnisse, in 
denen er lebt. Festes Ruhen in sich selbst, klarer Sinn fur 
alles, das muB er sich bewahren. Allerdings ist streng zu 
beachten, daB man sich nicht jeder beliebigen Traumerei 
hingeben soil, sich nicht alien moglichen Ubungen tiber- 
lassen soil. Die Gedankenrichtungen, die hier angegeben 
werden, sind seit Urzeiten in den Geheimschulen erprobt 
und gelibt. Und nur solche werden hier mitgeteilt. Wer 
solche anderer Art anwenden wollte, die er sich selbst bil- 
det oder von denen er da oder dort hort und liest, der muB 
in die Irre gehen und wird sich bald auf dem Pfade ufer- 
loser Phantastik befinden. 

Eine weitere Ubung, die sich an die beschriebene anzu- 
schlieBen hat, ist die folgende. Man stelle sich einer 
Pflanze gegentiber, die sich auf der Stufe der vollen Ent- 
wickelung befindet. Nun erftille man sich mit dem Ge- 
danken, daB die Zeit kommen werde, wo diese Pflanze 



abstirbt, Nichts wird von dem mehr sein, was ich jetzt vor 
mir sehe. Aber diese Pflanze wird dann Samenkorner aus 
sich entwickelt haben, die wieder zu neuen Pflanzen wer- 
den. Wieder werde ich gewahr, daB in dem, was ich sehe, 
etwas verborgen runt, was ich nicht sehe. Ich erfiille mich 
ganz mit dem Gedanken: diese Pflanzengestalt mit ihren 
Farben wird kunftig nicht mehr sein. Aber die Vorstel- 
lung, daB sie Samen bildet, lehrt mich, daB sie nicht in 
Nichts verschwinden werde. Was sie vor dem Verschwin- 
denbewahrt, kann ich jetzt ebensowenig mit Augen sehen, 
wie ich friiher die Pflanze im Samenkorn habe sehen kon- 
nen. Es gibt also in ihr etwas, was ich nicht mit Augen 
sehe. Lasse ich diesen Gedanken in mir leben und verbin- 
det sich das entsprechende Geflihl in mir mit ihm, dann 
entwickelt sich wieder, nach angemessener Zeit, in meiner 
Seele eine Kraft, die zur neuen Anschauung wird. Aus der 
Pflanze wachst wieder eine Art von geistiger Flammen- 
bildung heraus, Diese ist natiirlich entsprechend groBer 
als die vorhin geschilderte. Die Flamme kann etwa in 
ihrem mittleren Teile griinlichblau und an ihrem auBe- 
ren Rande gelblichrot empfunden werden. 

Es muB ausdrucklich betont werden, daB man, was hier 
als «Farben» bezeichnetwird, nicht so sieht, wiephysische 
Augen die Farben sehen, sondern daB man durch die gei- 
stige Wahrnehmung Ahnliches empfindet, wie wenn man 
einen physischen Farbeneindruck hat. Geistig «blau» 
wahrnehmen heiBt etwas empfinden oder erfuhlen, was 
ahnlich dem ist, was man empfindet, wenn der Blick des 
physischen Auges auf der Farbe «Blau» ruht. Dies muB 
berucksichtigen, wer allmahlich wirklich zu geistigen 
Wahrnehmungen aufsteigen will. Er erwartet sonst, im 



Geistigen nur eine Wiederholung des Physischen zu fin- 
den. Das miiBte ihn auf das bitterste beirren. 

Wer es dahin gebracht hat, solches geistig zu sehen, hat 
viel gewonnen. Denn die Dinge enthiillen sich ihm nicht 
nur im gegenwartigen Sein, sondern auch in ihrem Ent- 
stehen und Vergehen. Er fangt an, iiberall den Geist zu 
schauen, von dem die sinnlichen Augen nichts wissen 
konnen. Und damit hat er die ersten Schritte dazu getan, 
um allmahlich durch eigene Anschauung hinter das Ge- 
heimnis von Geburt und Tod zu kommen. Fur die auBe- 
ren Sinne entsteht ein Wesen bei der Geburt;' es vergeht 
im Tode. Dies ist aber nur deshalb, weil diese Sinne den 
verborgenen Geist des Wesens nicht wahrnehmen. Fur 
den Geist sind Geburt und Tod nur eine Verwandlung, 
wie das HervorsprieBen der Blume aus der Knospe eine 
Verwandlung ist, die sich vor den sinnlichen Augen 
abspielt. Will man das aber durch eigene Anschauung 
kennenlernen, so muB man in der angedeuteten Art erst 
den geistigen Sinn dafiir erwecken. 

Um gleich noch einen Einwand hinwegzunehmen, den 
manche Menschen machen konnten, die einige seelische 
(psychische) Erfahrung haben, sei dieses gesagt. Es soil 
gar nicht bestritten werden, daB es kiirzere, einfachere 
Wege gibt, daB manche aus eigener Anschauung die Er- 
scheinungen von Geburt und Tod kennenlernen, ohne 
erst alles das, was hier beschrieben wird, durchgemacht zu 
haben. Es gibt eben Menschen, welche bedeutende psy- 
chische Anlagen haben, die nur eines kleinen AnstoBes 
bediirfen, um entwickelt zu werden. Aber das sind Aus- 
nahmen. Der hier angegebene Weg ist jedoch ein all- 
gemeiner und sicherer. Man kann sich ja auch einige 



chemische Kenntnisse auf einem ausnahmsweisen Weg 
erwerben; will man aber Chemiker werden, dann muB 
man den allgemeinen und sicheren Weg gehen. 

Ein folgenschwerer Irrtum wiirde sich ergeben, wenn 
jemand glauben wollte, er konne, urn bequemer zum Ziele 
zu gelangen, sich das besprochene Samenkornchen oder 
die Pflanze blofi vorstellen, bloB in der Phantasie vorhal- 
ten. Wer dies tut, kann wohl auch zum Ziele kommen, 
doch nicht so sicher wie auf die angegebene Art. Die An- 
schauung, zu der man kommt, wird in den meisten Fallen 
nur ein Blendwerk der Phantasie sein. Bei ihr miiBte dann 
die Umwandlung in geistige Anschauung erst abgewartet 
werden. Denn darauf kommt es an, daB nicht ich in blo- 
Ber Willkiir mir Anschauungen schaffe, sondern darauf, 
daB die Wirklichkeit sie in mir erschafft. Aus den Tiefen 
meiner eigenen Seele muB die Wahrheit hervorquellen; 
aber nicht mein gewohnliches Ich darf selbst der Zauberer 
sein, der die Wahrheit hervorlocken will, sondern die 
Wesen miissen dieser Zauberer sein, deren geistige Wahr- 
heit ich schauen will. 

Hat der Mensch durch solcherlei Ubungen in sich die 
ersten Anfange zu geistigen Anschauungen gefunden, so 
darf er aufsteigen zur Betrachtung des Menschen selbst. 
Einfache Erscheinungen des menschlichen Lebens miissen 
zunachst gewahlt werden. - Bevor man aber dazu schrei- 
tet, ist es notwendig, besonders ernstlich an der vollen 
Lauterkeit seines moralischen Charakters zu arbeiten. Man 
muB jeden Gedanken daran entfernen, daB man etwa auf 
diese Art erlangte Erkenntnis zum personlichen Eigen- 
nutz anwenden werde. Man muB mit sich dariiber einig 
sein, daB man niemals eine Macht iiber seine Mitmen- 



sehen, die man etwa erlangen werde, im Sinne des Bosen 
ausnutzen werde. Deshalb muB jeder, der Geheimnisse 
uber die menschliche Natur durch eigene Anschauung 
sucht, die goldene Regel der wahren Geheimwissenschaf- 
ten befolgen. Und diese goldene Regel ist: wenn du einen 
Schritt vorwarts zu machen versuchst in der Erkenntnis 
geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwarts in 
der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.- 
Wer diese Regel befolgt, der kann solche Ubungen ma- 
chen, wie nunmehr eine beschrieben werden soil. 

Man vergegenwartige sich einen Menschen, von dem 
man einmal beobachtet hat, wie er nach irgendeiner Sache 
verlangt hat. Auf die Begierde soil die Aufmerksamkeit 
gerichtet werden. Am besten ist es, den Zeitpunkt in der 
Erinnerung wachzurufen, in dem die Begierde am lebhaf- 
testen war und in dem es ziemlich unentschieden war, ob 
der Mensch das Verlangte erhalten werde oder nicht. Und 
nun gebe man sich der Vorstellung an das, was man in der 
Erinnerung beobachtet, ganz hin. Man stelle die denkbar 
groBte innere Ruhe der eigenen Seele her. Man versuche 
so viel, als nur moglich ist, blind und taub zu sein fiir alles 
andere, was ringsherum vorgeht. Und man achte beson- 
ders darauf, daB durch die angeregte Vorstellung in der 
Seele ein Gefuhl erwache. Dieses Gefiihl lasse man in sich 
heraufziehen, wie eine Wolke, die an dem sonst ganz 
leeren Horizont heraufzieht. Es ist ja nun natiirlich, daB 
in der Regel die Beobachtung dadurch unterbrochen wird, 
daB man den Menschen, auf den man die Aufmerksam- 
keit lenkt, nicht lange genug in dem geschilderten Seelen- 
zustand beobachtet hat. Man wird wahrscheinlich Hun- 
derte und Aberhunderte von vergeblichen Versuchen 



anstellen. Man darf eben die Geduld nicht verlieren. Nach 
vielen Versuchen wird man es dahin bringen, daB man in 
der eigenen Seele ein Gefiihl erlebt,. das dem Seelen- 
zustand des. beobachteten Menschen entspricht. Dann 
wird man aber auch nach einiger Zeit bemerken, daB 
durch dieses Gefiihl in der eigenen Seele eine Kraft er- 
wachst, die zur geistigen Anschauung des Seelenzustandes 
des anderen wird. Im Gesichtsfelde wird ein Bild auftre- 
ten, das man wie etwas Leuchtendes empfindet. Und dieses 
geistig leuchtende Bild ist die sogenannte astrale Verkor- 
perung des beobachteten Seelenzustandes der Begierde. 
iWieder als flammenahnlich empfunden kann dieses Bild 
beschrieben werden. Es wird in der Mitte wie gelbrot sein 
und amRande wie rotlichblau oder lila empfunden werden. 
- Viel kommt darauf an, daB man mit solcher geistigen 
Anschauung zartumgehe. Man tut am besten, wenn man 
zunachst zu niemand davon spricht als nur etwa zu seinem 
Lehrer, wenn man einen solchen hat. Denn versucht man 
eine solche Erscheinung durch ungeschickte Worte zu be- 
schreiben, so gibt man sich meistens argen Tauschungen 
hin. Man gebraucht die gewohnlichen Worte, die doch fur 
solche Dinge nicht bestimmt und daher fiir sie zu grob 
und schwerfallig sind. Die Folge ist dann, daB man durch 
den eigenen Versuch, die Sache in Worte zu kleiden, ver- 
fiihrt wird, sich in die wahren Anschauungen allerlei 
Phantasieblendwerke hineinzumischen. Wieder. ist eine 
wichtige Regel fiir den Geheimschiiler: Verstehe iiber 
deine geistigen Gesichte zu schweigen. Ja, schweige sogar 
vor dir selber dariiber. Versuche nicht, was du im Geiste 
erschaust, in Worte zu kleiden oder mit dem ungeschick- 
ten Verstande zu ergriibeln. Gib dich unbefangen deiner 



geistigen Anschauung hin und store sie dir nicht durch 
vieles Nachdenken dariiber. Denn du muBt bedenken, daB 
dein Nachdenken anfangs ganz und gar nicht deinem 
Schauen gewachsen ist. Dieses Nachdenken hast du dir in 
deinem bisherigen, bloB auf die physisch-sinnliche Welt 
beschrankten Leben erworben; und was du dir jetzt er- 
wirbst, geht dariiber hinaus. Suche also nicht, an das neue 
Hohere den MaBstab des alten anzulegen. Nur wer schon 
einige Festigkeit hat im Beobachten innerer Erfahrungen, 
der kann dariiber reden, um durch solches Reden seine 
Mitmenschen anzuregen. 

Zu der beschriebenen Ubung mag eine erganzende 
kommen. Man beobachte in der gleichen Art, wie einem 
Menschen die Befriedigung irgendeines Wunsches, die 
Erfiillung einerErwartung zuteil geworden ist. Gebraucht 
man dabei dieselben Regeln und Vorsichten, die eben fur 
den anderen Fall angegeben worden sind, so wird man 
auch da zu einer geistigen Anschauung gelangen. Man 
wird eine geistige Flammenbildung bemerken, die in der 
Mitte als gelb sich fiihlt und die wie mit einem griinlichen 
Rande empfunden wird. 

Leicht kann der Mensch durch solche Beobachtung 
seiner Mitmenschen in einen moralischen Fehler verfallen. 
Er kann lieblos werden. DaB dies nicht der Fall sei, muB 
eben mit alien nur erdenkbaren Mitteln angestrebt wer- 
den. Beobachtet man so, dann soil man eben durchaus 
schon auf der Hohe stehen, in der es einem zur volligen 
GewiBheit geworden ist, daB Gedanken wirkliche Dinge 
sind. Man darf sich da nicht mehr gestatten, iiber seinen 
Mitmenschen so zu denken, daB die Gedanken mit der 
hochsten Achtung der Menschenwiirde und der Men- 



schenfreiheit nicht vertraglich waren. DaB ein Mensch 
nur ein Beobachtungsobjekt fur uns sein konnte: dieser 
Gedanke darf uns nicht einen Augenblick erfullen. Hand 
in Hand mit jeder Geheimbeobachtung iiber die mensch- 
liche Natur muB die Selbsterziehung dahin gehen, die 
voile Selbstgeltung eines jedenMenschen uneingeschrankt 
zu schatzen und das als etwas Heiliges, von uns Unan- 
tastbares- auchinGedankenundGefuhlen- zubetrachten, 
was in dem Menschen wohnt. Ein Gefiihl von heiliger 
Scheu vor allem Menschlichen, selbst wenn es nur als 
Erinnerung gedacht wird, muB uns erfullen. 

Nur an den zwei Beispielen sollte vorlaufig hier gezeigt 
werden, wie man sich zur Erleuchtung iiber die mensch- 
liche Natur durchringt. Daran konnte aber wenigstens 
der Weg gezeigt werden, der zu betreten ist. Wer die not- 
wendige innere Stille und Ruhe findet, die zu solcher 
Beobachtung gehoren, dessen Seele wird schon dadurch 
eine groBe Verwandlung durchmachen. Das wird bald so 
weit gehen, daB die innere Bereicherung, die sein Wesen 
erfahrt, ihm Sicherheit und Ruhe gibt auch in seinem. 
auBeren Verhalten. Und dieses verwandelte auBere Ver- 
halten wird wieder zuriickwirken auf seine Seele. Und so 
wird er sich weiter helfen. Er wird Mittel und Wege fin- 
den, immer mehr von der menschlichen Natur zu entdek- 
ken, was den auBeren Sinnen verborgen ist; und er wird 
dann auch reif werden, einen Einblick zu tun in die ge- 
heimnisvollen Zusammenhange zwischen der Menschen- 
natur und all dem, was sonst noch im Weltall vorhanden 
ist. - Und auf diesem Wege naht sich der Mensch immer 
mehr dem Zeitpunkte, wo er die ersten Schritte der Ein- 
weihung bewerkstelligen kann. Bevor diese aber getan 



werden konnen, ist noch, eines notwendig. Es ist dies 
etwas, dessen Notwendigkeit der Geheimschiiler zunachst 
vielleicht am wenigsten einsehen wird. Spater aber wird 
er dies. 

Was namlich der Einzuweihende mitbringen muB, ist 
ein in gewisser Beziehung ausgebildeter Mut und Furcht- 
losigkeit. Der Geheimschiiler muB geradezu die Gelegen- 
heiten aufsuchen, durch welche diese Tugenden ausgebil- 
det werden. In der Geheimschulung sollten sie ganz syste- 
matisch herangebildet werden. Aber auch das Leben selbst 
ist namentlich nach dieser Richtung hin eine gute Ge- 
heimschule; vielleicht die beste. Einer Gefahr ruhig ins 
Auge schauen, Schwierigkeiten ohne Zagen iiberwin- 
den wollen: solches muB der Geheimschiiler konnen. Er 
muB z. B. einer Gefahr gegeniiber sich sofort zu der 
Empfindung aufraffen: meine Angst niitzt nach gar kei- 
ner Seite; ich darf sie gar nicht haben; ich muB nur an das 
denken, was zu tun ist. Und er muB es so weit bringen, 
daB fur Gelegenheiten, in denen er vorher angstlich war, 
«Angsthaben», «Mutloswerden» flir ihn wenigstens im 
eigentlichen innersten Empfinden unmogliche Dinge wer- 
den. Durch die Selbsterziehung nach dieser Richtung ent- 
wickelt namlich der Mensch in sich ganz bestimmte 
Krafte, die er braucht, wenn er in hohere Geheimnisse 
eingeweiht werden soil. So wie der physische Mensch 
Nervenkraft braucht, um seine physischen Sinne zu be- 
nutzen, so bedarf der seelische Mensch jener Kraft, die 
nur entwickelt wird in mutvollen und furchtlosen Na- 
turen,' - Wer zu den hoheren Geheimnissen vordringt, 
der sieht namlich Dinge, welche dem gewohnlichen 
Menschen durch die Tauschungen der Sinne verborgen 



bleiben. Denn, wenn die physischen Sinne uns auch die 
hohere Wahrheit nicht schauen lassen, so sind sie eben da- 
durch auch des Menschen Wohltater. Durch sie verber- 
gen sich fur ihn Dinge, welche ihn, unvorbereitet, in maB- 
lose Bestiirzung versetzen miiBten, deren Anblick er nicht 
ertragen konnte. Diesem Anblick muB der Geheimschii- 
ler gewachsen werden. Er verliert gewisse Stiitzen in der 
AuBenwelt, die er eben dem Umstande verdankte, daB 
er in Tauschung befangen war. Es ist wirklich und buch- 
stablich so, wie wenn man jemand auf eine Gefahr auf- 
merksam machte, in der er schon lange geschwebt hat, 
von der er aber nichts gewuBt hat. Vorher hatte er keine 
Angst: jetzt aber, nachdem er weiB, uberkommt ihn die 
Angst, obwohl die Gefahr durch sein Wissen nicht 
groBer geworden ist. 

Die Krafte der Weit sind zerstorende und aufbauende: 
das Schicksal der auBeren Wesenheiten ist Entstehen und 
Vergehen. In das Wirken dieser Krafte, in den Gang 
dieses Schicksales soil derWissende blicken. DerSchleier, 
der im gewohnlichen Leben vor den geistigen Augen 
liegt, soil entfernt werden. Der Mensch selbst aber ist mit 
diesen Kraften, mit diesem Schicksal verwoben. In seiner 
eigenen Natur sind zerstorende und aufbauende Krafte. 
So unverhiillt die anderen Dinge vor das sehende Auge 
des Wissenden treten, so unverhiillt zeigt die eigene Seele 
sich selbst. Solcher Selbsterkenntnis gegeniiber darf der 
Geheimschiiler nicht die Kraft verlieren. Und sie wird 
ihm nur dann nicht fehlen, wenn er einen UberschuB an 
ihr mitbringt. Damit dieses der Fall sei, muB er lernen, in 
schwierigen Lebensverhaltnissen die innere Ruhe und 
Sicherheit zu bewahren; er muB in sich ein starkes Ver- 



trauen in die guten Machte des Daseins erziehen. Er muB 
darauf gefaBt sein, daB manche Triebfedern inn nicht 
mehr leiten werden; die inn bisher geleitet haben. Er wird 
ja einsehen miissen, daB er bisher manches nur getan und 
gedacht hat, weil er in Unwissenheit befangen war. Solche 
Griinde, wie er sie bisher gehabt, werden wegfallen. Er 
hat manches aus Eitelkeit getan; er wird sehen, wie unsag- 
lich wertlos alle Eitelkeit ftir den Wissenden ist. Er hat 
manches aus Habsucht getan; er wird gewahr werden, wie 
zerstorend alle Habsucht ist. Ganz neue Triebfedern zum 
Handeln und Denken wird er entwickeln miissen. Und 
eben dazu gehoren Mut und Furchtlosigkeit. 

Vorziiglich handelt es sich darum, im tiefsten Innern 
des Gedankenlebens selbst diesen Mut und diese Furcht- 
losigkeit zu pflegen. Der Geheimschiiler muB lernen, iiber 
einen MiBerfolg nicht zu verzagen. Er muB zu dem 
Gedanken fahig sein: «Ich will vergessen, daB mir diese 
Sache schon wieder miBgliickt ist, und aufs neue versu- 
chen, wie wenn nichts gewesen ware.» So ringt er sich 
durch zu der Uberzeugung, daB die Kraftquellen in der 
Welt, aus denen er schopfen kann, unversieglich sind. Er 
strebt immer wieder nach dem Geistigen, das ihn heben 
und tragen wird, wie oft auch sein Irdisches sich als kraft- 
los und schwach erwiesen haben mag. Er muB fahig sein, 
der Zukunft entgegenzuleben, und in diesem Streben sich 
durch keine Erfahrung der Vergangenheit storen lassen. - 
Hat der Mensch die geschilderten Eigenschaften bis zu 
einem gewissen Grade, dann ist er reif, die wahren 
Namen der Dinge zu erfahren, die der Schliissel zu dem 
hoheren Wissen sind. Denn darin besteht die Einweihung, 
daB man lernt, die Dinge der Welt bei demjenigen Na- 



men zu benennen, die sie im Geiste ihrer gottlichen Ur- 
heber haben. In diesen ihren Namen liegen die Geheim- 
nisse der Dinge. Deshalb sprechen die Eingeweihten eine 
andere Sprache als Uneingeweihte, weil die ersteren die 
Bezeichnung der Wesen nennen, durch welche diese selbst 
gemacht sind. - Soweit von der Einweihung (Initiation) 
selbst gesprochen werden kann, soil das im nachsten 
Kapitel folgen. 



DIE EINWEIHUNG 



Die Einweihung ist die hochste der Stufen einer Geheim- 
schulung, liber welche in einer Schrift nochAndeutungen 
gegeben werden konnen, die allgemein verstandlich sind. 
Uber alles, was darliber liegt, sind Mitteilungen schwer 
verstandlich. Aber auch dazu findet jeder den Weg, der 
durch die Vorbereitung, Erleuchtung und Einweihung bis 
zu den niederen Geheimnissen vorgedrungen ist. 

Das Wissen und Konnen, das einem Menschen durch 
die Einweihung zuteil wird, konnte er ohne eine solche 
erst in einer sehr fernen Zukunft - nach vielen Verkorpe- 
rungen - auf einem ganz anderen Wege und auch in einer 
ganz anderen Form erwerben. Werheute eingeweihtwird, 
erfahrt etwas, was er sonst viel spater, unter ganz anderen 
Verhaltnissen, erfahren wlirde. 

Ein Mensch kann von den Geheimnissen des Daseins 
nur so viel wirklich erfahren, als dem Grade seiner Reife 
entspticht. Nur deshalb gibt es Hindernisse zu den hohe- 
ren Stufen des Wissens und Konnens. Der Mensch soil 
ein SchieBgewehr nicht frtiher gebrauchen, als bis er ge- 
ntigende Erfahrung hat, um durch den Gebrauch nicht 
Unheil anzurichten. - Wiirde heute jemand ohne weiteres 
eingeweiht, so wiirde ihm die Erfahrung fehlen, die er 
durch die Verkorperungen in der Zukunft noch machen 
wird, bis ihm die entsprechenden Geheimnisse im regel- 
maBigen Verlauf seiner Entwickelung zuteil werden. Des- 
halb mlissen an der Pforte der Einweihung die Erfah- 
rungen durch etwas anderes ersetzt sein. In einem Ersatz 
fur klinftige Erfahrungen bestehen daher die ersten U nter- 
weisungen des Einweihungskandidaten. Es sind das die 



sogenannten «Proben», die er durchzumachen hat und 
die sich als regelmaBige Folge des Seelenlebens ergeben, 
wenn Ubungen, wie die in den vorhergehenden Kapiteln 
geschilderten, richtig fortgesetzt werden. 

Von diesen «Proben» wird ja auch in Biichern oft ge- 
sprochen. Aber es ist nur natiirlich, daB von ihrer Natur 
durch solche Besprechungen in der Regel ganz falsche 
Vorstellungen hervorgerufen werden miissen. Denn wer 
nicht durch die Vorbereitung und Erleuchtung hindurch- 
gegangen ist, hat ja nichts von diesen Proben jemals 
erfahren. Ein solcher kann sie auch nicht sachgemaB 
beschreiben. 

Dem Einzuweihenden miissen sich gewisse Dinge und 
Tatsachen ergeben, die den hoheren Welten angehoren. 
Er kann sie aber nur sehen und horen, wenn er die 
geistigen Wahrnehmungen wie Figuren, Farben, Tone 
usw. empfinden kann, von denen bei Besprechung der 
«Vorbereitung» und «Erleuchtung» berichtet worden ist. 

Die erste «Probe» besteht darinnen, daB er eine wah- 
rere Anschauung erlangt von den leiblichen Eigenschaf- 
ten der leblosen Korper, dann der Pflanzen, der Tiere und 
des Menschen, als sie der Durchschnittsmensch:besitzt. 
Damit ist aber nicht das gemeint, was man heute wissen- 
schaftliche Erkenntnis nennt. Denn nicht um Wissen- 
schaft, sondern um Anschauung handelt es sich. - In der 
Regel ist der Vorgang so, daB der Einzuweihende erken- 
nen lernt, wie sich die Naturdinge und Lebewesen fur 
das geistige Ohr und geistige Auge kundgeben. In einer 
gewissen Weise stehen diese Dinge dann unverhullt - 
nackt - vor dem Beschauer. Dem sinnlichen Auge und 
dem sinnlichen hre verbergen sich die Eigenschaften, 



die man da hort und sieht. Sie sind fur dieses sinnliche 
Anschauen wie mit einem Schleier verhiillt. DaB dieser 
Schleier fur den Einzuweihenden wegfallt, beruht auf 
einem Vorgang, den man als «geistigen Verbrennungs- 
prozeB» bezeichnet. Deshalb wird diese erste Probe die 
«Feuerprobe» genannt. 

Fur manche Menschen ist das gewohnliche Leben selbst 
schon ein mehr oder weniger unbewuBter Einweihungs- 
prozeB durch die Feuerprobe. Es sind das diejenigen, 
welche durch reiche Erfahrungen von solcher Art durch- 
gehen, daB ihr Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Stand- 
haftigkeit in gesunder Weise groB werden und daB sie 
Leid, Enttauschung, MiBlingen von Unternehmungen mit 
SeelengroBe und namentlich mit Ruhe und in ungebro- 
chener Kraft ertragen lernen. Wer Erfahrungen in dieser 
Art durchgemacht hat, der ist oft schon, ohne daB er es 
deutlich weiB, ein Eingeweihter; und es bedarf dann nur 
eines wenigen, um ihm geistige Ohren und Augen zu 
offnen, so daB er ein Hellsehender wird. Denn das istfest- 
zuhalten: es handelt sich bei einer wahren «Feuerprobe» 
nicht darum, daB die Neugierde des Kandidaten befriedigt 
werde. GewiB, er lernt auBergewohnliche Tatsachen ken- 
nen, von denen andere Menschen keine Ahnung haben. 
Aber dieses Kennenlernen ist nicht das Ziel, sondern nur 
das Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist, daB sich der Kan- 
didat durch die Erkenntnis der hoheren Welten groBeres 
und wahreres Selbstvertrauen, hoheren Mut und eine ganz 
andere SeelengroBe und Ausdauer erwerbe, als sie in der 
Regel innerhalb derniederen Weh erlangt werden konnen. 

Nach der «Feuerprobe» kann jeder Kandidat nochum- 
kehren. Er wird gestarkt in physischer und seelischer 



Beziehung dann sein Leben fortsetzen und wohl erst in 
einer nachsten Verkorperung die Einweihung fortsetzen. 
In seiner gegenwartigen aber wird er ein brauchbareres 
Glied der menschlichen Gesellschaft sein, als er vorher 
war. In welcher Lage er sich auch befinden mag: seine 
Festigkeit, seine Umsicht, sein giinstiger EinfluB auf 
seine Mitmenschen, seine Entschlossenheit werden zu- 
genommen haben. 

Will der Kandidat nach vollbrachter Feuerprobe die 
Geheimschulung fortsetzen, so muB ihm nunmehr ein be- 
stimmtes Schriftsystem enthiillt werden, wie solche in der 
Geheimschulung iiblich sind. In diesen Schriftsystemen 
offenbaren sich die eigentlichen Geheimlehren. Denn das- 
jenige, was in den Dingen wirklich «verborgen» (okkult) 
ist, kann weder mit den Worten der gewohnlichen Spra- 
che unmittelbar ausgesprochen, noch kann es mit den 
gewohnlichen Schriftsystemen aufgezeichnet werden. 
Diejenigen, welche von den Eingeweihten gelernt haben, 
Ubersetzen die Lehren der Geheimwissenschaft in die ge- 
wohnliche Sprache, so gut das geht. Die okkulte Schrift 
offenbart sich der Seele, wenn diese die geistige Wahrneh- 
mung erlangt hat. Denn diese Schrift steht in der geisti- 
gen Welt immer geschrieben. Man lernt sie nicht so, wie 
man eine kiinstliche Schrift lesen lernt. Man wachst viel- 
mehr in sachgemaBer Weise der hellsichtigen Erkenntnis 
entgegen, und wahrend dieses Wachsens entwickelt sich 
wie eine seelische Fahigkeit die Kraft, welche die vorhan- 
denen Geschehnisse und Wesenheiten der geistigen Welt 
wie die Charaktere einer Schrift zu entziffern sich ge- 
drangt fiihlt. Es konnte sein, daB dieseKraft und mit ihr 
das Erleben der entsprechenden «Probe» mit der fort- 



schreitenden Seelenentwickelung wie von selbst erwa- 
chen. Doch sicherer gelangt man zum Ziele, wenn man 
die Anweisungen der erfahrenen Geheimforscher befolgt, 
die Gewandtheit haben im Entziffern der okkulten Schrift. 

Die Zeichen der Geheimschrift sind nicht willklirlich 
ersonnen, sondern sie entsprechen den Kraften, welche 
in der Welt wirksam sind. Man lernt durch diese Zeichen 
die Sprache der Dinge. Dem Kandidaten zeigt sich als- 
bald, daB die Zeichen, die er kennenlernt, den Figuren, 
Farben, Tonenusw. entsprechen, die er wahrend der Vor- 
bereitung und Erleuchtung wahrzunehmen gelernt hat. 
Es zeigt sich ihm, daB alles Vorhergehende nur wie ein 
Buchstabieren war. Jetzt erst fangt er an, in der hoheren 
Welt zu lesen. In einem groBen Zusammenhang erscheint 
ihm alles, was vorher nur vereinzelte Figur, Ton, Farbe 
war. Jetzt erst gewinnt er die rechte Sicherheit im Beob- 
achten der hoheren Welten. Vorher konnte er nie mit Be- 
stimmtheit wissen, ob die Dinge, die er gesehen hat, auch 
richtig gesehen waren. Und jetzt erst kann eine geregelte 
Verstandigung zwischen dem Kandidaten und dem Ein- 
geweihten auf den Gebieten des hoheren Wissens statt- 
finden. Denn wie auch das Zusammenleben eines Einge- 
weihten mit einem anderen Menschen im gewohnlichen 
Leben gestaltet sein mag: von dem hoheren Wissen in 
unmittelbarer Gestalt kann der Eingeweihte nur in der 
erwahnten Zeichensprache etwas mitteilen. 

Durch diese Sprache wird der Geheimschliler auch be- 
kannt mit gewissen VerhaltungsmaBregeln fur das Leben. 
Er lernt gewisse Pflichten kennen, von denen er vorher 
nichts gewuBt hat. Und wenn er diese VerhaltungsmaB- 
regeln kennengelernt hat, so kann er Dinge vollbringen, 



die eine Bedeutung haben, wie sie niemals die Taten eines 
Uneingeweihten haben konnen. Er handelt von den hohe- 
ren Welten aus. Die Anweisungen zu solchen Handlun- 
gen konnen nur in der angedeuteten Schrift verstanden 
werden. 

Es muB aber betont werden, daB es Menschen gibt, die 
solche Handlungen unbewufit auszufuhren vermogen, 
trotzdem sie nicht eine Geheimschulung durchgemacht 
haben. Solche «Helfer der Welt und Menschheit» schrei- 
ten segnend und wohltuend durchs Leben. Ihnen sind 
durch Grlinde, die hier nicht zu erortern sind, Gaben ver- 
liehen worden, die ubernatlirlich erscheinen. Was sie von 
dem Geheimschliler unterscheidet, ist lediglich das, daB 
dieser mit Bewufitsein, mit voller Einsicht in den ganzen 
Zusammenhang handelt. Er erringt eben durch Schulung, 
was jenen von hoheren Machten zum Heile der Welt 
beschert worden ist. Die Gottbegnadeten kann man auf- 
richtig verehren; aber deswegen darf man die Arbeit 
der Schulung nicht fiir liberflussig halten. 

Hat der Geheimschliler die erwahnte Zeichenschrift ge- 
lernt, dann beginnt fiir ihn eine weitere «Probe». Durch 
diese muB sich erweisen, ob er sich frei und sicher in der 
hoheren Welt bewegen kann. Im gewohnlichen Leben 
wird der Mensch durch Antriebe von auBen zu seinen 
Handlungen bewogen. Er arbeitet dieses oder jenes, weil 
ihm die Verhaltnisse diese oder jene Pflichten auferlegen. 
-■ Es braucht wohl kaum erwahnt zu werden, daB der 
Geheimschliler keine seiner Pflichten im gewohnlichen 
Leben versaumen darf, weil er in hoheren Welten lebt. 
Keine Pflicht in einer hoheren Welt kann jemanden z win- 
gen, eine einzige seiner Pflichten in der gewohnlichen 



auBer acht zu lassen. DerFamilienvaterbleibt ebenso guter 
Familienvater, die Mutter ebenso gute Mutter, der Beamte 
wird von nichts abgehalten, ebensowenig der Soldat oder 
ein anderer, wenn sie Geheimschiiler werden. Im Gegen- 
teil: alle die Eigenschaften, die den Menschen im Leben 
tiichtig machen, steigern sich bei dem Geheimschiiler in 
einem MaBe, von dem sich der Uneingeweihte keinen Be- 
griff machen kann. Und wenn das dem Uneingeweihten 
auch oft - nicht immer, sogar selten - nicht so erscheint, 
dann riihrt das nur davon her, daB er den Eingeweihten 
nicht immer richtig zu beurteilen vermag. Was letzterer 
tut, ist manchmal dem anderen nicht sogleich durchsich- 
tig. Aber auch das ist, wie gesagt, nur in besonderen 
Fallen zu bemerken. 

Fur den auf der genannten Stufe der Einweihung An- 
gelangten gibt es nun Pflichten, zu denen kein aufierer 
AnstoB vorhanden ist. Er wird in diesen Dingen nicht 
durch auBere Verhaltnisse, sondern nur durch jene MaB- 
regeln veranlaBt, welche ihm in der «verborgenen» Spra- 
che offenbar werden. Nun muB er durch die zweite 
«Probe» zeigen, daB er gefiihrt von einer solchen MaB- 
regel, ebenso sicher und fest handelt, wie etwa ein Beam- 
ter seine ihm obliegenden Pflichten vollfiihrt. - Zu die- 
sem Zwecke wird durch die Geheimschulung der Kan- 
didat sich vor eine bestimmte Aufgabe gestellt fiihlen. 
Dieser soil eine Handlung ausfiihren infolge von Wahr- 
nehmungen' die er macht auf Grund dessen, was er auf 
der Vorbereitungs- und Erleuchtungsstufe gelernt hat. 
Und was er auszufiihren hat, das muB er erkennen durch 
die gekennzeichnete Schrift, die er sich angeeignet hat. Er 
kennt er seine Pflicht und handelt er richtig, dann hat er 



die Probe bestanden. Man erkennt den Erfolg an der Ver- 
anderung, die sich mit den als Figuren, Farbenund Tonen 
empfundenen Wahrnehmungen der Geistesohren und 
-augen durch die Handlung vollzieht. In den Fortschrit- 
ten der Geheimschulung wird ganz genau angegeben, 
wie diese Figuren usw. nach der Handlung aussehen, 
empfunden werden. Und der Kandidat muB wissen, wie 
er eine solche Veranderung hervorzubringen vermag. - 
Man nennt diese Probe die «Wasserprobe», weil bei der 
Tatigkeit in diesen hoheren Gebieten dem Menschen die 
Stlitze durch die auBeren Verhaltnisse so fehlt, wie beim 
Bewegen im Wasser, dessen Grund man nicht erreicht, 
die Stlitze fehlt. - Der Vorgang muB so oft wiederholt 
werden, bis der Kandidat vollige Sicherheit hat. 

Auch bei dieser Probe handelt es sich um das Erwerben 
einer Eigenschaft; und durch die Erfahrungen in der hohe- 
ren Welt bildet der Mensch diese Eigenschaft in kurzer 
Zeit in einem solch hohen Grade aus, daB er im gewohn- 
lichen Verlaufe der Entwickelung wohl durch viele Ver- 
korperungen hindurchgehen muBte, um ihn zu erreichen. 
Worauf es namlich ankommt, ist das Folgende. Der Kan- 
didat darf, um die angegebene Veranderung auf dem 
hoheren Gebiet des Daseins hervorzubringen, lediglich 
dem folgen, was sich ihm auf Grund seiner hoheren 
Wahrnehmung und als Folge seines Lesens der verbor- 
genen Schrift ergibt. Wiirde er wahrend seiner Hand- 
lung irgend etwas von seinen Wtinschen, Meinungen 
usw. einmischen, folgte er nur einen Augenblick nicht 
den Gesetzen, die er alsrichtig erkannthat, sondern seiner 
Willkur: dann wiirde etwas ganz anderes geschehen, als 
geschehen soil. In diesem Falle verlore der Kandidat so- 



fort die Richtung auf sein Ziel der Handlung, und Ver- 
wirrung trate ein. - Daher hat der Mensch durch diese 
Probe in reichlichstem MaBe Gelegenheit, seine Selbst- 
beherrschung auszubilden. Und darauf kommt es an. - 
Wieder kann daher diese Probe von denen leichter bestan- 
den werden, die vor der Einweihung durch ein Leben ge- 
gangen sind, das ihnen die Erwerbung der Selbstbeherr- 
schung gebracht hat. Wer sich die Fahigkeit erworben hat, 
hohen Grundsatzen und Idealen mit Hintansetzung der 
personlichen Laune und Willklir zu folgen, wer versteht, 
die Pflicht auch immer da zu erftillen, wo die Neigungen 
und Sympathien gar zu gerne von dieser Pflicht ablenken 
wollen: der ist unbewufit schon mitten im gewohnlichen 
Leben ein Eingeweihter. Und nur ein Geringes wird not- 
wendig sein, damit er die geschilderte Probe bestehe. Ja, 
es muB sogar gesagt werden, daB ein gewisser schon im 
Leben unbewuBt erlangter Grad von Einweihung in der 
Regel durchaus notwendig sein wird, um die zweite Probe 
zu bestehen. Denn wie es vielen Menschen, die in der Ju- 
gend nicht richtig schreiben gelernt haben, schwer wird, 
dies nachzuholen, wenn sie einmal die voile Lebensreife 
erlangt haben, so wird es auch schwer, den notwendigen 
Grad von Selbstbeherrschung beim Einblicke in die ho- 
heren Welten auszubilden, wenn man nicht schon vorher 
darinnen einen gewissen Grad im alltaglichen Leben sich 
angeeignet hat. Die Dinge der physischen Welt andern 
sich nicht, was wir auch wtinschen, begehren, was immer 
wir auch fiir Neigungen haben. In den hoheren Welten 
aber sind unsere Wtinsche, Begierden und Neigungen 
von Wirkung fur die Dinge. Wollen wir da auf die Din- 
ge in entsprechender Weise wirken, so mlissen wir uns 



ganz in unserer Gewalt haben, miissen lediglich den rich- 
tigen MaBregeln folgen und keinerlei Willkiir unter- 
werfen sein. 

Eine Eigenschaft des Menschen, die auf dieser Stufe der 
Einweihung ganz besonders in Betracht kommt, ist eine 
unbedingt gesunde und sichere Urteilskraft. Auf die Her- 
anbildung einer solchen muB schon auf alien friiheren 
Stufen gesehen werden; und auf dieser muB es sich erwei- 
sen, ob der Kandidat sie so handhabt, daB er fiir den wah- 
ren Erkenntnispfad geeignet ist. Er kann nur dann weiter- 
kommen, wenn er Illusion, wesenlose Phantasiegebilde, 
Aberglaubenund alle Art von Blendwerkvon derwahren 
Wirklichkeit unterscheiden kann. Und auf den hoheren 
Stufen des Daseins ist das zunachst schwieriger als auf den 
niederen. Da muB jedes Vorurteil, jede liebgewordene 
Meinung schwinden in bezug auf die Dinge, auf die es 
ankommt; und einzig und allein die Wahrheit muB Richt- 
schnur sein. Vollkommene Bereitschaft muB vorhanden 
sein, einen Gedanken, eine Ansicht, eine Neigung sofort 
aufzugeben, wenn das logische Denken solches fordert. 
GewiBheit in hoheren Welten ist nur zu erlangen, wenn' 
man nie die eigene Meinung schont. 

Menschen mit einer Denkungsart, die zur Phantastik, 
zum Aberglauben neigt, konnen auf dem Geheimpfade 
keinen Fortschritt machen. Ein kostbares Gut soil ja der 
Geheimjiinger erringen. Alle Zweifel an den hoheren 
Welten werden von ihm genommen. Diese enthiillen sich 
in ihren Gesetzen vor seinen Blicken. Aber er kann dieses 
Gut nicht erringen, solange er sich von Blendwerken und 
Illusionen tauschen laBt. Schlimm ware es fiir ihn, wenn 
seine Phantasie, seine Vorurteile mit seinem Verstande 



durchgingen. Traumer und Phantasten sind fur den Ge- 
heimpfad ebenso ungeeignet wie aberglaubische Perso- 
nen. Das alles kann nicht genug betont werden. Denn 
in Traumerei, Phantastik und Aberglauben lauern die 
schlimmsten Feinde auf dem Wege zu Erkenntnissen 
in hoheren Wehen. Es braucht aber auch niemand zu 
glauben, daB dem Geheimj linger die Poesie des Lebens, 
die Begeisterungsfahigkeit verlorengehe, weil liber dem 
Tore, das zur zweiten Probe der Einweihung ftihrt, die 
Worte stehen: «Alle Vorurteile mussen von dir fallen», 
und weil er an der Eingangspforte zur ersten Probe bereits 
lesen muB: «Ohne gesunden Menschenverstand sind alle 
deine Schritte vergebens.» 

1st der Kandidat in dieser Art weit genug vorgeschrit- 
ten, so wartet die dritte «Probe» auf ihn. Bei dieser wird 
ihm kein Ziel ftihlbar. Es ist alles in seine eigene Hand 
gelegt. Er befindet sich in einer Lage, wo ihn nichts zum 
Handeln veranlaBt. Er muB ganz allein aus sich seinen 
Weg finden. Dinge oder Personen, die ihn zu etwas be- 
wegen, sind nicht da. Nichts und niemand kann ihm jetzt 
die Kraft geben, die er braucht, als nur er selbst. Fande er 
diese Kraft nicht in sich selbst, so stande er sehr bald wie- 
der da, wo er vorher gestanden hat. Doch muB man sagen, 
daB nur wenige von denen, welche die vorigen Proben 
bestanden haben, hier diese Kraft nicht finden werden. 
Man bleibt entweder schon vorher zurtick, oder man be- 
steht auch hier. Alles, was notig ist, das besteht darinnen, 
rasch mit sich selbst zurecht zu kommen. Denn man muB 
hier sein «hoheres Selbst» im wahrsten Sinne des Wortes 
finden. Man muB sich rasch entschlieBen, auf die Ein- 
gebung des Geistes in alien Dingen zu horen. Zeit zu 



irgendwelchen Bedenken, Zweifeln usw. hat man hier 
nicht mehr. Jede Minute Zogerung wiirde nur beweisen, 
daB man noch nicht reif ist. Was abhalt, auf den Geist 
zu horen, muB kiihn uberwunden werden. Es kommt 
darauf an, Geistesgegenwart in dieser Lage zu beweisen. 
Und das ist auch die Eigenschaft, auf deren vollkom- 
mene Ausbildung es auf dieser Entwickelungsstufe ab- 
gesehen ist. Alle Verlockungen zum Handeln, ja selbst 
zum Denken, an die ein Mensch vorher gewohnt war, 
horen auf. Um nicht untatig zu bleiben, darf der Mensch 
sich selbst nicht verlieren. Denn nur in sich selbst kann 
er den einzigen festen Punkt finden, an den er sich zu hal- 
ten vermag. Niemand, der dies hier liest, ohne weiter mit 
den Sachen vertraut zu sein, sollte eine Antipathie emp- 
finden gegen dieses Zuruckgewiesensein auf sich selbst. 
Denn es bedeutet fur den Menschen die schonste Gliick- 
seligkeit, wenn er die geschilderte Probe besteht. 

Und nicht weniger als in den anderen Fallen ist auch 
flir diesen Punkt das gewohnliche Leben fur viele Men- 
schen schon eine Geheimschule. Personen, die es dahin 
gebracht haben, daB sie, vorplotzlich an sie herantretende 
Lebensaufgaben gestellt, ohne Zogern, ohne viel Beden- 
ken eines raschen Entschlusses fahig sind, ihnen ist das 
Leben eine solche Schulung. Die geeigneten Lagen sind 
diejenigen, wo ein erfolgreiches Handeln sofort unmog- 
lich wird, wenn der Mensch nicht rasch eingreift. Wer 
rasch bei der Hand ist, zuzugreifen, wenn ein Ungliick in 
Sicht ist, wahrend durch einige Augenblicke Zogerung 
das Ungliick bereits geschehen ware, und wer eine solche 
rasche EntschluBfahigkeit zu einer bleibenden Eigen- 
schaft bei sich gemacht hat, der hat unbewuBt die Reife 



fur die dritte «Probe» erworben. Denn auf die Heran- 
bildung der unbedingten Geistesgegenwart kommt es bei 
ihr an. - Man nennt sie in den Geheimschulen die «Luft- 
probe», weil der Kandidat bei ihr sich weder auf den 
festen Boden der auBeren Veranlassungen stiitzen kann 
noch auf dasjenige, was sich aus den Farben, Formen 
usw. ergibt, die er durch Vorbereitung und Erleuch- 
tung kennengelernt hat, sondern ausschlieBlich auf sich 
selbst. 

Hat der Geheimj linger diese Probe bestanden, dann 
darf er den «Tempel der hoheren Erkenntnisse» betre- 
ten. - Was dariiber weiter zu sagen ist, kann nur die aller- 
sparlichste Andeutung sein. - Was jetzt zu leisten ist wird 
oft so ausgedriickt, daB man sagt: der Geheimj linger habe 
einen «Eid» zu leisten, nichts von den Geheimlehren zu 
«verraten». Doch sind die Ausdriicke «Eid» und «ver- 
raten» keineswegs sachgemaB und sogar zunachst irre- 
fiihrend. Es handelt sich um keinen «Eid» im gewohn- 
lichen Sinne des Wortes. Man macht vielmehr auf dieser 
Stufe der Entwickelung eine Erfahrung. Man lernt, wie 
man die Geheimlehre anwendet, wie man sie in den 
Dienst der Menschheit stellt. Man fangt an, die Welt erst 
recht zu verstehen. Nicht auf das «Verschweigen» der 
hoheren Wahrheiten kommt es da an, sondern vielmehr 
auf die rechte Art, den entsprechenden Takt, sie zu ver- 
treten. Woriiber man «schweigen» lernt, das ist etwas 
ganz anderes. Man eignet sich diese herrliche Eigenschaft 
namlich in bezug auf vieles an, woriiber man vorher ge- 
redet hat, namentlich auf die Art, wie man geredet hat. 
Ein schlechter Eingeweihter ware der, welcher nicht die 
erfahrenen Geheimnisse in den Dienst der Welt stellte, so 



gut und soweit dies nur moglich ist. Es gibt kein anderes 
Hindernis fur die Mitteilung auf diesem Gebiete als allein 
das Nichtverstehen von seiten dessen, der empfangen soli. 
Zum beliebigen Reden dariiber eignen sich allerdings die 
hoheren Geheimnisse nicht. Aber es ist niemandem etwas 
«verboten» zu sagen, der die beschriebene Stufe der Ent- 
wickelung erlangt hat. Kein anderer Mensch und kein 
Wesen legt ihm einen dahingehenden «Eid» auf. Alles ist 
in seine eigene Verantwortlichkeit gestellt. Was er lernt, 
ist, in jeder Lage ganz durch sich selbst zu finden, was er 
zu tun hat. Und der «Eid» bedeutet nichts, als daB der 
Mensch reif geworden ist, eine solche Verantwortung 
tragen zu konnen. 

Ist der Kandidat reif geworden zudem Beschriebenen, 
dann erhalt er dasjenige, was man sinnbildlich als den 
«Vergessenheitstrunk» bezeichnet. Erwirdnamlichin das 
Geheimnis eingeweiht, wie man wirken kann, ohne sich 
durch das niedere Gedachtnis fortwahrend storen zu 
lassen. Das ist fur den Eingeweihten notwendig. Denn er 
muB stets das voile. Vertrauen in die unmittelbare Gegen- 
wart haben. Er muB die Schleier der Erinnerung zerstoren 
konnen, die sich in jedem Augenblick des Lebens um den 
Menschen ausbreiten. Wenn ich etwas, was mir heute be- 
gegnet, nach dem beurteile, was ich gestern erfahren ha- 
be, so bin ich vielfachen Irrtumern unterworfen. N atiir- 
lieh ist damit nicht gemeint, daB man seine im Leben ge- 
wonnene Erfahrung verleugne. Man soil sich sie immer 
gegenwartig halten, so gut man kann. Aber man muB als 
Eingeweihter die Fahigkeit haben, jedes neue Erlebnis 
ganz aus sich selbst zu beurteilen, es ungetriibt durch alle 
Vergangenheit auf sich wirken zu lassen. Ich muB in je- 



dem Augenblicke darauf gefaBt sein, daB mir ein jegliches 
Ding oder Wesen eine ganz neue Offenbarung bringen 
kann. Beurteile ich das Neue nach dem Alten, so bin ich 
dem Irrtum unterworfen. Gerade dadurch wird mir die 
Erinnerung an alte Erfahrungen am ntitzlichsten, daB sie 
mich befahigt, Neues zu sehen. Hatte ich eine bestimmte 
Erfahrung nicht, so wlirde ich die Eigenschaft eines Din- 
ges oder eines Wesens, die mir entgegentreten, vielleicht 
gar nicht sehen. Aber eben zum Sehen des Neuen, nicht 
zur Beurteilung des Neuen nach dem Alten soil die 
Erfahrung dienen. In dieser Beziehung erlangt der 
Eingeweihte ganz bestimmte Fahigkeiten. Dadurch ent- 
hlillen sich ihm viele Dinge, die dem Uneingeweihten 
verborgen bleiben. 

Derzweite «Trank», der dem Eingeweihten verabreicht 
wird, ist der «Cedachtnistrank». Durch ihn erlangt er die 
Fahigkeit, hohere Geheimnisse stets im Geiste gegenwar- 
tig zu haben. Dazu wlirde das gewohnliche Gedachtnis 
nicht ausreichen. Man muB ganz eins werden mit den 
hoheren Wahrheiten. Man muB sie nicht nur wissen, son- 
dern ganz selbstverstandlich in lebendigem Tun hand- 
haben, wie man als gewohnlicher Mensch iBt und trinkt. 
Ubung, Gewohnung, Neigung mlissen sie werden. Man 
muB gar nicht iiber sie in gewohnlichem Sinne nachzu- 
denken brauchen; sie mlissen sich durch den Menschen 
selbst darstellen, durch ihn flieBen wie die Lebensfunk- 
tionen seines Organismus. So macht er sich in geistigem 
Sinne immer mehr zu dem, wozu ihn im physischen die 
Natur gemacht hat. 



PRAKTISCHE GESICHTSPUNKTE 



Wenn der Mensch seine Ausbildung in bezug auf Ge- 
ftihle, Gedanken und Stimmungen so durchmacht, wie 
dies in den Kapiteln iiber Vorbereitung, Erleuchtung und 
Einweihung beschrieben worden ist, so bewirkt er in sei- 
ner Seele und in seinem Geist eine ahnliche Gliederung, 
wie sie die Natur in seinem physischen Leibe bewirkt hat. 
Vor dieser Ausbildung sind Seele und Geist ungegliederte 
Massen. Der Hellseher nimmt sie wahr als ineinander- 
greifende, spiralige Nebelwirbel, die vorzugsweise wie 
rotliche und rotlichbraune oder auch rotlichgelbe Farben 
matt glimmend empfunden werden; nach der Ausbildung 
beginnen sie wie die gelblichgrunen, grtinlichblauen Far- 
ben geistig zu erglanzen und zeigen einen regelmaBigen 
Bau. Der Mensch gelangt zu solcher RegelmaBigkeit 
und damit zu hoheren Erkenntnissen, wenn er in seine 
Geftihle, Gedanken und Stimmungen solche Ordnung 
bringt, wie sie die Natur in seine korperlichen Verrich- 
tungen gebracht hat, so daB er sehen, horen, verdauen, 
atmen, sprechen usw. kann. - Mit der Seele atmen und 
sehen usw., mit dem Geiste horen und sprechen usw. 
lernt der Geheimschuler allmahlich. 

Es sollen hier nur noch einige praktische Gesichts- 
punkte genauer ausgeftihrt werden, die zur hoheren See- 
len- und Geisteserziehung geharen. Es sind solche, die 
im Grunde jeder, ohne auf andere Regeln Rticksicht zu 
nehmen, befolgen kann und durch die er in der Geheim- 
wissenschaft eine Strecke weit gelangt. 

Eine besondere Ausbildung muB man in der Geduld 
anstreben. Jede Regung der Ungeduld wirkt lahmend, ja 



ertotend auf die im Menschen schlummernden hoheren 
Fahigkeiten. Man soil nicht verlangen, daB sich von heute 
auf morgen unermeBliche Einblicke in die hoheren Wel- 
ten eroffnen. Denn dann kommen sie in der Regel ganz 
gewiB nicht; Zufriedenheit mit dem Geringsten, das man 
erreicht, Ruhe und Gelassenheit sollen sich der Seele 
immer mehr bemachtigen. - Es ist ja begreiflich, daB der 
Lernende ungeduldig die Ergebnisse erwartet. Dennoch 
erlangt er nichts, solange er diese Ungeduld nicht be- 
meistert. Es niitzt auch nichts, wenn man diese Ungeduld 
nur in gewohnlichem Sinne des Wortes bekampft. Dann 
wird sie nur um so starker. Man tauscht sich dann liber sie 
hinweg, und in den Tiefen der Seele sitzt sie nur um so 
starker. Nur wenn man sich einem ganz bestimmten Ge- 
danken immer wieder hingibt, ihn ganz sich zu eigen 
macht, erreicht man etwas. Dieser Gedanke ist: «Ich muB 
zwar alles tun zu meiner Seelen- und Geistesausbildung; 
aber ich werde ganz ruhig warten, bis ich von hoheren 
Machten fur wtirdig befunden werde zu bestimmter Er- 
leuchtung.» Wird dieser Gedanke im Menschen so mach- 
tig, daB er zur Charakteranlage sich gestaltet, dann ist 
man auf dem rechten Wege. Schon im AuBerlichen pragt 
sich dann diese Charakteranlage aus. Der Blick des Auges 
wird ruhig, die Bewegungen sicher, die Entschltisse be- 
stimmt, und alles, was man Nervositat nennt, weicht all- 
mahlich von dem Menschen. Scheinbar unbedeutende, 
kleine Regeln kommen dabei in Betracht. Z. B. es ftigt 
uns jemand eine Beleidigung zu. Vor unserer Geheim- 
erziehung wenden wir unser Geftihl gegen den Belei- 
diger. Arger wallt in unserem Innern auf. In dem Ge- 
heimschliler aber steigt sofort bei einer solchen Gelegen- 



heit der Gedanke auf: «Eine solche Beleidigung andert 
nichts an meinem Werte»; und er tut dann, was gegen die 
Beleidigung zu unternehmen ist, mit Ruhe und Gelassen- 
heit, nicht aus dem Arger heraus. Es kommt nattirlich 
nicht darauf an, etwa jede Beleidigung einfach hinzuneh- 
men, sondern darauf, daB man so ruhig und sicher in der 
Ahndung einer Beleidigung der eigenen Person gegen- 
liber ist, wie man ware, wenn die Beleidigung einem ande- 
ren zugeftigt worden ware, bei dem man das Recht hat, sie 
zu ahnden. - Immer muB berucksichtigt werden, daB sich 
die Geheimschulung nicht in groben auBeren Vorgangen, 
sondern in feinen, stillen Umwandlungen des Geftihls- 
und Gedankenlebens vollzieht. 

Geduld wirkt anziehend auf die Schatze des hoheren 
Wissens. Ungeduld wirkt auf sie abstoBend. In Hast und 
Unruhe kann nichts auf den hoheren Gebieten des Da- 
seins erlangt werden. Vor alien Dingen mtissen Verlan- 
gen und Begierde schweigen. Das sind Eigenschaften der 
Seele, vor denen sich alles hohere Wissen scheu zurtick- 
zieht. So wertvoll auch alle hohere Erkenntnis ist: man 
darf sie nicht verlangen, wenn sie zu uns kommen soil. 
Wer sie haben will um seiner selbst willen, der erlangt sie 
nie. - Und das erfordert vor allem, daB man in tiefster 
Seele wahr gegen sich selbst sei. Man darf sich in nichts 
tiber sich selbst tauschen. Man muB seinen eigenen Feh- 
lern, Schwachen und Untauglichkeiten mit innerer Wahr- 
haftigkeit ins Antlitz schauen. - In dem Augenblicke, wo 
du irgendeine deiner Schwachen vor dir selbst entschul- 
digst, hast du dir einen Stein hingelegt auf den Weg, der 
dich aufwarts ftihren soil. Solche Steine kannst du nur 
durch Selbstaufklarung iiber dich beseitigen. Es gibt nur 



einen Weg, seine Fehler und Schwachen abzulegen, und 
der ist: sie richtig zu erkennen. Alles schlummert in der 
Menschenseele und kann erweckt werden. Auch seinen 
Verstand und seine Vernunft kann der Mensch verbes- 
sern, wenn er sich in Ruhe und Gelassenheit dariiber auf- 
klart, warum er in dieser Beziehung schwach ist. Solche 
Selbsterkenntnis ist natiirlich schwierig, denn die Ver- 
suchung zur Tauschung iiber sich selbst ist eine uner- 
meBlich groBe. Wer sich an Wahrheit gegen sich selbst 
gewohnt, offnet sich die Pforten zu hoherer Einsicht. 

Schwinden muB beim Geheimschiiler eine jegliche 
Neugierde. Er muB sich soviel wie moglich das Fragen 
abgewohnen iiber Dinge, die er nur zur Befriedigung sei- 
nes personlichen Wissensdranges wissen will. Nur das 
soil er fragen, was ihm zur Vervollkommnung seiner We- 
senheit im Dienste der Entwickelung dienen kann. Dabei 
soil in ihm aber die Freude, die Hingabe an das Wissen 
in keiner Weise gelahmt werden. Auf alles, was zu sol- 
chem Ziele dient, soil er andachtig hinhorchen und jede 
Gelegenheit zu solcher Andacht aufsuchen. 

Insbesondere ist zur Geheimausbildung eine Erziehung 
des Ww/irc/zlebensnotwendig. Man soil nichtetwawunsch- 
los werden. Denn alles, was wir erreichen sollen, sollen 
wir ja auch wiinschen. Und ein Wunsch wird immer in 
Erfiillung gehen, wenn hinter ihm eine ganz besondere 
Kraft steht. Diese Kraft kommt aus der richtigen Erkennt- 
nis. «In keiner Art zu wiinschen, bevor man das Richtige 
auf einem Gebiete erkannt hat», das ist eine der goldenen 
Regeln flir den Geheimschiiler. Der Weise lernt zuerst 
die Gesetze der Welt kennen, dann werden seine Wiinsche 
zu Kraften, welche sich verwirklichen. - Ein Beispiel, das 



deutlich wirkt, soil hier angefuhrt werden. GewiB wiin- 
schen viele, aus eigener Anschauung iiber ihr Leben vor 
ihrer Geburt etwas zu erfahren. Solcher Wunsch ist ganz 
zwecklos und ergebnislos, solange der Betreffende sich 
nicht die Erkenntnis der Gesetze durch geisteswissen- 
schaftliches Studium angeeignet hat - und zwar in ihrem 
feinsten, intimsten Charakter - von dem Wesen des 
Ewigen. Hat er sich aber diese Erkenntnis wirklich erwor- 
ben, und will er dann weiterkommen, so wird er es durch 
seinen veredelten, gelauterten Wunsch. 

Es niitzt auch nichts, zu sagen: Ja, ich will ja ge- 
rade mein vorhergehendes Leben ubersehen und zu dem 
Zwecke eben lernen. Man muB vielmehr imstande sein, 
diesen Wunsch ganz fallenzulassen, ganz von sich auszu- 
schalten, und zunachst ganz ohne diese Absicht lernen. 
Man muB die Freude, die Hingebung an dem Gelernten 
entwickeln ohne die genannte Absicht. Denn nur da- 
durch lernt man zugleich den entsprechenden Wunsch so 
zu haben, daB er seine Erfiillung nach sich zieht. 

Wenn ich zornig bin oder mich drgere, so richte ich 
einen Wall in der Seelenwelt um mich auf, und die 
Krafte konnen nicht an mich herantreten, welche meine 
seelischen Augen entwickeln sollen. Argert mich z. B. 
ein Mensch, so schickt er einen seelischen Strom in die 
Seelenwelt. Ich kann diesen Strom so lange nicht sehen, 
als ich noch fahig bin, mich zu argern. Mein Arger ver- 
deckt ihn mir. Nun darf ich auch nicht glauben, daB 
ich sofort eine seelische (astralische) Erscheinung haben 
werde, wenn ich mich nicht mehr argere. Denn dazu ist 



notwendig, daB sich erst in mir ein seelisches Auge ent- 
wickele. Aber die Anlage zu einem solchen Auge liegt 
in jedem Menschen. Es bleibt unwirksam, solange der 
Mensch fahig ist, sich zu argern. Aber es ist auch noch 
nicht sogleich da, wenn man ein wenig das Argern be- 
kampft hat. Man muB vielmehr fortfahren in dieser Be- 
kampfung des Argers und in Geduld immer wieder fort- 
fahren; dann wird man eines Tages bemerken, daB sich 
dieses seelische Auge entwickelt hat. Allerdings ist nicht 
der Arger das einzige, was man zu solchem Ziele zu be- 
kampfen hat. Viele werden ungeduldig oder zweifelnd, 
weil sie jahrelang einige Eigenschaften der Seele be- 
kampft haben und das Hellsehen doch nicht eintritt. Sie 
haben dann eben einige Eigenschaften ausgebildet und 
andere um so mehr uberwuchern lassen. Die Gabe des 
Hellsehens tritt erst dann ein, wenn alle Eigenschaften 
unterdrtickt sind, welche die entsprechenden schlum- 
mernden Fahigkeiten nicht herauskommen lassen. Aller- 
dings stellen sich Anfange des Schauens (oder Horens) 
schon frtiher ein; aber das sind zarte Pflanzchen, die leicht 
allem moglichen Irrtum unterworfen sind und die auch 
leicht absterben, wenn sie nicht sorgfaltig weiter gehegt 
und gepflegt werden. 

Zu den Eigenschaften, die z. B. ebenso bekampft 
werden mussen wie Zorn und Arger, gehoren Furcht- 
samkeit, Aberglaube und Vorurteilssucht, Eitelkeit und 
Ehrgeiz, Neugierde und unnotige Mitteilungssucht, 
das Unterschiedmachen in bezug auf Menschen nach 
auBerlichen Rang-, Geschlechts-, Stammeskennzeichen 
usw. In unserer Zeit wird man recht schwer begrei- 
fen, daB die Bekampfung solcher Eigenschaften etwas 



zu tun habe mit der Erhohung der Erkenntnisfahigkeit. 
Aber jeder Geheimwissenschafter weiB, daB von solchen 
Dingen viel mehr abhangt als von der Erweiterung der 
Intelligenz und von dem Anstellen kimstlicher Ubun- 
gen. Insbesondere kann leicht ein MiBverstandnis dar- 
iiber entstehen, wenn manche glauben, daB man sich 
tollkiihn machen solle, weil man furchtlos sein soli, daB 
man sich vor den Unterschieden der Menschen verschlie- 
Ben soil, weil man die Standes-, Rassen- usw. Vorurteile 
bekampfen soil. Man lernt vielmehr erst richtig erken- 
nen, wenn man nicht mehr in Vorurteilen befangen ist. 
Schon in gewohnlichem Sinne ist es richtig, daB mich die 
Furcht vor einer Erscheinung hindert, sie klar zu beurtei- 
len, daB mich ein Rassenvorurteil hindert, in eines Men- 
schen Seele zu blicken. Diesen gewohnlichen 'Sinn muB 
der Geheimschiiler in groBer Feinheit und Scharfe bei 
sich zur Entwickelung bringen. 

Einen Stein in den Weg der Geheimerziehung wirft 
dem Menschen auch alles, was er sagt, ohne daB er es 
grimdlich in seinem Gedanken gelautert hat. Und da- 
bei muB etwas in Betracht kommen, was hier nur durch 
ein Beispiel erlautert werden kann. Wenn mir jemand 
z. B. etwas sagt und ich habe darauf zu erwidern, so 
muB ich bemiiht sein, des anderen Meinung, Gefiihl, ja 
Vorurteil mehr zu beachten, als was ich im Augenblicke 
selbst zu der in Rede stehenden Sache zu sagen habe. Hier- 
mit ist eine feine Taktausbildung angedeutet, welcher sich 
der Geheimschiiler sorgfaltig zu widmen hat. Er muB sich 
ein Urteil dariiber aneignen, wie weit es fur den anderen 
eine Bedeutung hat, wenn er der seinigen die eigene Mei- 
nung entgegenhalt. Nicht zuruckhalten soil man deshalb 



mit seiner Meinung. Davon kann nicht im entferntesten 
die Rede sein. Aber man soil so genau als nur irgend mog- 
lich auf den anderen hinhoren und aus dem, was man ge- 
hort hat, die Gestalt seiner eigenen Erwiderung formen. 
Immer wieder steigt in einem solchen Falle in dem Ge- 
heimschiiler ein Gedanke auf; und er ist auf dem rechten 
Wege> wenn dieser Gedanke in ihm so lebt, daB er Cha- 
rakteranlage geworden ist. Dies ist der Gedanke: «Nicht 
darauf kommt es an, daB ich etwas anderes meine als der 
andere, sondern darauf, daB der andere das Richtige aus 
Eigenem finden wird, wenn ich etwas dazu beitrage,» 
Durch solche und .ahnliche Gedanken uberstromt den 
Charakter und die Handlungsweise des Geheimschiilers 
das Geprage der Milde, die ein Hauptmittel aller Geheim- 
schulung ist. Harte verscheuchtum dich herum die Seelen- 
gebilde, die dein seelisches Auge erwecken sollen; Milde 
schafft dir die Hindernisse hinweg und offnet deine 
Organe. 

Und mit der Milde wird sich alsbald ein anderer Zug 
in der Seele ausbilden: das ruhige Achten auf alle Fein- 
heiten des seelischen Lebens in der Umgebung bei volli- 
ger Schweigsamkeit der eigenen Seelenregungen. Und 
hat es ein Mensch zu diesem gebracht, dann wirken die 
Seelenregungen seiner Umgebung auf ihn so ein, daB die 
eigene Seele wachst und wachsend sich gliedert, wie die 
Pflanze gedeiht im Sonnenlichte. Milde und Schweigsam- 
keit in 'wahrer Geduld offnen die Seele der Seelenwelt, 
den Geist dem Geisterlande. - «Verharre in Ruhe und Ab- 
geschlossenheit, schlieBe die Sinne fiir das, was sie dir vor 
deiner Geheimschulung uberliefert haben, bringe alle 
Gedanken zum Stillstand, die nach deinen vorherigen Ge- 



wohnheiten in dir auf- und abwogten, werde ganz still 
und schweigsam in deinem Innern und warte in Geduld, 
dann fangen hohere Wehen an, deine Seelenaugen und 
Geistesohren auszubilden. Du darfst nicht erwarten, daB 
du sogleich siehstund horst in der Seelen- und Geisterwelt. 
Denn was du tust, tragt nur bei, deine hoheren Sinne aus- 
zubilden. Seelisch sehen und geistig horen aber wirst du 
erst, wenn du diese Sinne haben wirst. Hast du eine Weile 
so in Ruhe und Abgeschlossenheit verharrt, so gehe an 
deine gewohnten Tagesgeschafte, indem. du dir vorher 
noch tief den Gedanken eingepragt: es wird mir einmal 
werden, was mir werden soil, wenn ich dazu reif bin. Und 
unterlasse es streng, etwas von den hoheren Gewalten 
durch deine Willkiir an dich zu ziehen» Das sind Anwei- 
sungen, die jeder Geheimschiiler von seinem Lehrer im 
Beginne des Weges erhalt. Beobachtet er sie, dann ver- 
vollkommnet er sich. Beobachtet er sie nicht, dann ist 
alles Arbeiten vergebens. Aber sie sind nur fiir den schwie- 
rig, der nicht Geduld und Standhaftigkeit hat. Es gibt 
keine anderen Hindernisse, als diejenigen sind, die sich ein 
jeder selbst in den Weg wirft und die auch jeder vermei- 
den kann, wenn er wirklich will. Das muB immer wieder 
betont werden, weil sich viele eine ganz falsche Vorstel- 
lung bilden iiber die Schwierigkeiten des Geheimpfades. 
Es ist in gewissem Sinne leichter, die ersten Stufen dieses 
Pfades zu uberschreiten, als ohne Geheimschulung mit 
den alleralltaglichsten Schwierigkeiten des Lebens fertig 
zu werden. - AuBerdem durften hier nur solche Dinge 
mitgeteilt werden, die von keinerlei Art von Gefahren be- 
gleitet sind fiir die korperliche und seelische Gesundheit. 
Es gibt ja auch andere Wege, die schneller zum Ziele fun- 



ren; aber mit diesen hat, was hier gemeint ist, nichts zu 
tun, weil sie gewisse Wirkungen auf den Menschen haben 
konnen, die ein erfahrener Geheimkundiger nicht an- 
strebt. Da einiges von solchen Wegen doch immer wieder 
in die Offentlichkeit dringt, so muB ausdrticklich davor 
gewarnt werden, sie zu betreten. Aus Grtinden, die nur 
der Eingeweihte verstehen kann, konnen diese Wege nie 
in ihrer wahren Gestalt offentlich bekanntgegeben wer- 
den. Und die Bruchstticke, die dort und da erscheinen, 
konnen zu nichts Gedeihlichem, wohl aber zur Unter- 
grabungvon Gesundheit, GltickundSeelenfrieden ftihren. 
Wer sich nicht ganz dunklen Machten anvertrauen will, 
von deren wahrem Wesen und Ursprung er nichts wissen 
kann, der vermeide es, sich auf solche Dinge einzulassen. 

Es kann noch einiges gesagt werden tiber die Um- 
gebung, in welcher die Ubungen der Geheimschulung 
vorgenommen werden sollen. Denn darauf kommt eini- 
ges an. Doch liegt die Sache fast fur jeden Menschen an- 
ders. Wer in einer Umgebung tibt, die nur von selbststich- 
tigen Interessen, z. B. von dem modernen Kampfe urns 
Dasein, erftillt ist, der muB sich bewuBt sein, daB diese 
Interessen nicht ohne EinfluB bleiben auf die Ausbildung 
seiner seelischen Organe. Zwar sind die inneren Gesetze 
dieser Organe so stark, daB dieser EinfluB nicht ein allzu 
schadlicher werden kann. Sowenig eine Lilie durch eine 
noch so unangemessene Umgebung zu einer Distel wer- 
den kann, so wenig kann sich das seelische Auge zu etwas 
anderem bilden, als wozu es bestimmt ist, auch wenn die 
selbststichtigen Interessen der modernen Stadte darauf 
einwirken. Aber gut ist es unter alien Umstanden, wenn 
der Geheimschuler ab und zu den stillen Frieden und die 



innere Wiirde und Anmut der Natur zu seiner Umgebung 
macht. Besonders giinstig liegt die Sache bei dem, der 
seine Geheimschulung ganz in der griinen Pflanzenwelt 
oder zwischen sonnigen Bergen und dem lieben Weben 
der Einfalt vornehmen kann. Das treibt die inneren 
Organe in einer Harmonie heraus, die niemals in der mo- 
dernen Stadt entstehen kann. Etwas besser als der bloBe 
Stadtmensch ist auch schon derjenige gestellt, welcher 
wenigstens wahrend seiner Kindheit Tannenluft atmen, 
Schneegifel schauen und das stille Treiben der Wald- 
tiere und Insekten beobachten durfte. Keiner derjenigen 
aber, denen es aufgegeben ist, in der Stadt zu leben, darf es 
unterlassen, seinen in Bildung begriffenen Seelen- und 
Geistesorganen als Nahrung die inspirierten Lehren der 
Geistesforschung zuzufiihren. Wessen Auge nicht jeden 
Friihling die Walder Tag fur Tag in ihrem Grlin verfol- 
gen kann, der sollte dafiir seinem Herzen die erhabenen 
Lehren der Bhagavad-Gita, des Johannes-Evangeliums, 
des Thomas von Kempen und die Darstellungen der gei- 
steswissenschaftlichen Ergebnisse zufiihren. Viele Wege 
gibt es zum Gipfel der Einsicht; aber eine richtige Wahl 
ist unerlaBlich. - Der Geheimkundige weiB gar manches 
iiber solche Wege zu sagen, was dem Uneingeweihten 
absonderlich erscheint. Es kann z. B. jemand sehr weit 
auf dem Geheimpfade sein. Er kann sozusagen unmit- 
telbar vor dem Offnen der seelischen Augen und gei- 
stigen Ohren stehen; und dann hat er das Gliick, eine 
Fahrt iiber das ruhige oder vielleicht auch das wildbewegte 
Meer zu machen, und eine Binde lost sich von seinen See- 
lenaugen: plotzlich wird er sehend. - Ein anderer ist eben- 
falls so weit, daB diese Binde sich nur zu losen braucht; 



es geschieht durch einen starken Schicksalsschlag. Auf 
einen anderen Menschen hatte dieser Schlag wohl den 
EinfluB gehabt, daB er seine Kraft lahmte, seine Energie 
imtergriibe; fur den Geheims chiller wird er zum AnlaB 
der Erleuchtung. - Ein dritter harrt in Geduld aus; Jahre 
hindurch hat er so geharrt, ohne eine merkliche Frucht. 
Plotzlich in seinem ruhigen Sitzen in der stillen Kammer 
wird es geistig Licht um ihn, die Wande verschwinden, 
werden seelisch durchsichtig, und eine neue Weh breitet 
sich vor seinem sehend gewordenen Auge aus oder er- 
klingt seinem horend gewordenen Geistesohre. 



DIE BEDINGUNGEN ZUR GEHEIMSCHULUNG 

Die Bedingungen zum Antritt der Geheimschulung sind 
nicht solche, die von irgend jemand durch Willklir fest- 
gesetzt werden. Sie ergeben sich aus dem Wesen des Ge- 
heimwissens. Wie ein Mensch nicht Maler werden kann, 
der keinen Pinsel in die Hand nehmen will, so kann nie- 
mand eine Geheimschulung empfangen, der nicht erftil- 
len will, was die Geheimlehrer als notwendige Forderung 
angeben. Im Grunde kann der Geheimlehrer nichts geben 
als Ratschlage. Und in diesem Sinne ist auch alles aufzu- 
nehmen, was er sagt. Erhat die vorbereitenden Wege zum 
Erkennen der hoheren Wehen durchgemacht. Er weiB aus 
Erfahrung, was notwendig ist. Es hangt ganz von dem 
freien Willen des einzelnen ab, ob er die gleichen Wege 
wandeln will oder nicht. Wenn jemand verlangen wollte, 
daB ihm ein Lehrer eine Geheimschulung zukommen 
lieBe, ohne die Bedingungen erflillen zu wollen, so gliche 
eine solche Forderung eben durchaus der: lehre mich ma- 
len, aber befreie mich davon, einen Pinsel zu berlihren. - 
Der Geheimlehrer kann auch niemals etwas bieten, wenn 
ihm nicht der freie Wille des Aufnehmenden entgegen- 
kommt. Aber es muB betont werden, daB der allgemeine 
Wunsch nach hoherem Wissen nicht genligt. Diesen 
Wunsch werden nattirlich viele haben. Wer nur diesen 
Wunsch hat, ohne auf die besonderen Bedingungen der 
Geheimschulung eingehen zu wollen, von dem kann zu- 
nachst nichts erreicht werden. Das sollen diejenigen be- 
denken, die sich darliber beklagen, daB die Geheimschu- 
lung ihnen nicht leicht wird. Wer die strengen Bedingun- 
gen nicht erflillen kann oder will, der mufi eben vorlaufig 



auf Geheimschulungverzichten. Zwar sind die Bedingun- 
gen streng, aber nicht hart, da ihre Erfiillung nicht nur 
eine freie Tat sein soil, sondern sogar sein muB. 

Wer das nicht bedenkt, ftir den konnen die Forderun- 
gen der Geheimschulung leicht als Seelen- oder Gewis- 
senszwang erscheinen. Denn die Schulung beruht ja auf 
einer Ausbildung des inneren Lebens; der Geheimlehrer 
muB also Ratschlage erteilen, die sich auf dieses innere 
Leben beziehen. Aber nichts kann als Zwang aufgefaBt 
werden, was als AusfluB eines freien Entschlusses gefor- 
dert wird. - Wenn jemand von dem Lehrer forderte: teile 
mir deine Geheimnisse mit, aber lasse mich bei meinen 
gewohnten Empfindungen, Gefiihlen und Vorstellungen, 
so verlangt er eben etwas ganz Unmogliches. Er will dann 
nichts weiter als die Neugierde, den Wissenstrieb befrie- 
digen. Bei einer solchen Gesinnung kann aber Geheim- 
wissen nie erlangt werden. 

Es sollen nun der Reihe nach die Bedingungen fur den 
Geheimschiiler entwickelt werden. Es muB betont wer- 
den, daB bei keiner dieser Bedingungen eine vollstandige 
Erfiillung verlangt wird, sondern lediglich das Streben 
nach einer solchen Erfiillung. Ganz erfiillen kann die Be- 
dingungen niemand; aber sich auf den Weg zu ihrer Er- 
fiillung begeben kann jeder. Nur auf den Willen, auf die 
Gesinnung, sich auf diesen Weg zu begeben, kommt es an. 

Die erste Bedingung ist: man richte sein Augenmerk 
darauf, die korperliche und geistige Gesundheit zu for- 
dern. Wie gesund ein Mensch ist, das hangt zunachst 
natiirlich nicht von ihm ab. Danach trachten, sich nach 
dieser Richtung zu fordern, das kann ein jeder. Nur aus 
einem gesunden Menschen kann gesunde Erkenntnis 



kommen. Die Geheimschulung weist einen nicht gesun- 
den Menschen nicht zuriick; aber sie muB verlangen, daB 
der Schiiler den Willen habe, gesund zu leben. - Dar- 
innen muB der Mensch die moglichste Selbstandigkeit 
erlangen. Die guten Ratschlage anderer, die - zumeist un- 
gefragt - jedem zukommen, sind in der Regel ganz iiber- 
fliissig. Ein jeder muB sich bestreben, selbst auf sich zu 
achten. - Vielmehr wird es sich in physischer Beziehung 
darum handeln, schadliche Einfliisse abzuhalten, als urn 
anderes. Um unsere Pflichten zu erfiillen, mils sen wir uns 
ja oft Dinge auferlegen, die unserer Gesundheit nicht for- 
derlich sind. Der Mensch muB verstehen, im rechten Falle 
die Pflicht hoher zu stellen als die Sorge um die Gesund- 
heit. Aber was kann nicht alles unterlassen werden bei 
einigem guten Willen! Die Pflicht muB in vielen Fallen 
hoher stehen als die Gesundheit, ja oft hoher als das Le- 
ben; der Genufi darfes bei dem Geheimschiiler nie. Bei 
ihm kann der GenuB nur ein Mittel fur Gesundheit und 
Leben sein. Und es ist in dieser Richtung durchaus not- 
wendig, daB man ganz ehrlich und wahrhaftig gegen sich 
selbst sei. Nichts niitzt es, ein asketisches Leben zu fiihren, 
wenn dieses aus ahnlichen 'Beweggriinden entspringt wie 
andere Geniisse. Es kann jemand an dem Asketismus ein 
Wohlgefallen haben wie ein anderer am Weintrinken. Er 
kann aber nicht hoffen, daB ihm dieser Asketismus etwas 
zu hoherer Erkenntnis niitze. - Viele schieben alles, was 
sie scheinbar hindert, sich nach dieser Richtung zu for- 
dern, auf ihre Lebenslage. Sie sagen: «Bei meinen Lebens- 
verhaltnissen kann ich mich nicht entwickeln.» Es mag 
fur viele in anderer Beziehung wiinschenswert sein, ihre 
Lebenslage zu andern; zum Zwecke der Geheimschulung 



braucht dies kein Mensch zu tun. Zu diesem Ziele braucht 
man nur gerade in der Lage, in der man ist, so viel fiir 
seine leibliche und seelische Gesundheit zu tun, als mog- 
lichist. EinejeglicheArbeitkanndemGanzenderMensch- 
heit dienen; und es ist viel groBer von der Menschenseele, 
sich klarzumachen, wie notwendig eine kleinliche, viel- 
leicht haBliche Arbeit fiir dieses Ganze ist, als zu glauben: 
«Diese Arbeit ist fiir mich zu schlecht, ich bin zu ande- 
rem berufen.» - Besonders wichtig fiir den Geheimschii- 
ler ist das Streben nach volliger geistiger Gesundheit. Un- 
gesundes Gemiits- und .Denkleben bringt auf alle Falle 
von den Wegen zu hoheren Erkenntnissen ab. Klares, ru- 
higes Denken, sicheres Empfinden und Fiihlen sind hier 
die Grundlage. Nichts' soil ja dem Geheimschiiler ferner 
liegen als die Neigung zum Phantastischen, zum auf- 
geregten Wesen, zur Nervositat, zur Exaltation, zum Fa- 
natismus. Einen gesunden Blick fiir alle Verhaltnisse des 
Lebens soil er sich aneignen; sicher soil er sich im Leben 
zurechtfinden; ruhig soil er die Dinge zu sich sprechen 
und auf sich wirken lassen. Er soil sich bemiihen, iiberall, 
wo es notig ist, dem Leben gerecht zu werden. Alles Uber- 
spannte, Einseitige soil in seinem Urteilen und Empfin- 
den vermieden werden. Wiirde diese Bedingung nicht er- 
fiillt, so kame der Geheimschiiler statt in hohere Welten 
in diejenige seiner eigenen Einbildungskraft; statt der 
Wahrheit machten sich Lieblingsmeinungen bei ihm 
geltend. Besser ist es fiir den Geheimschiiler, «niichtern» 
zu sein als exaltiert und phantastisch. 

Die zweite Bedingung ist, sich als ein Glied des ganzen 
Lebens zu fiihlen. In der Erfiillung dieser Bedingung ist 
viel eingeschlossen. Aber ein jederkann sie nur auf seine 



eigene Art erftillen. Bin ich Erzieher und mein Zogling 
entspricht nicht dem, was ich wtinsche, so soil ich mein 
Geflihl zunachst nicht gegen den Zogling richten, son- 
dern gegen mich selbst. Ich soil mich so weit als eins mit 
meinem Zogling ftihlen, daB ich mich frage: «Ist das, was 
beim Zogling nicht gentigt, nicht die Folge meiner eige- 
nen Tat?» Statt mein Geflihl gegen ihn zu richten, werde 
ich dann vielmehr dartiber nachdenken, wie ich mich 
selbst verhalten soil, damit in Zukunft der Zogling mei- 
nen Forderungen besser entsprechen konne. Aus solcher 
Gesinnungsart heraus andert sich allmahlich die ganze 
Denkungsart des Menschen. Das gilt fur das Kleinste wie 
fur das GroBte. Ich sehe aus solcher Gesinnung heraus 
z. B. einen Verbrecher anders an als ohne dieselbe. 
Ich halte zurtick mit meinem Urteile und sage mir: 
«Ich bin nur ein Mensch wie dieser. Die Erziehung, die 
durch die Verhaltnisse mir geworden ist, hat mich viel- 
leicht allein vor seinem Schicksale bewahrt.» Ich komme 
dann wohl auch zu dem Gedanken, daB dieser Menschen- 
bruder ein anderer geworden ware, wenn die Lehrer, die 
ihre Mtihe auf mich verwendet haben, sie hatten ihm an- 
gedeihen lassen. Ich werde bedenken, daB mir etwas zu- 
teil geworden ist, was ihm entzogen war, daB ich mein 
Gutes gerade dem Umstand verdanke, daB es ihm ent- 
zogen worden ist. Und dann wird mir die Vorstellung 
auch nicht mehr feme liegen, daB ich nur ein Glied in der 
ganzen Menschheit bin und mitverantwortlich fur alles, 
was geschieht. Es soil hier nicht gesagt werden, daB ein 
solcher Gedanke sich sofort in auBere agitatorische Taten 
umsetzen soil. Aber still in der Seele soil er gepflegt wer- 
den. Dann wird er sich ganz allmahlich in dem auBeren 



Verhalten eines Menschen auspragen. Und in solchen 
Dingen kann doch jedernur bei sich selbst zu reformieren 
anfangen. Nichts fruchtet es, im Sinne solcher Gedanken 
allgemeine Forderungen an die Menschheit zu stellen. Wie 
die Menschen sein sollen: dariiber ist leicht ein Urteil ge- 
bildet; der Geheimschiiler aber arbeitet in der Tiefe, nicht 
an der Oberflache. Es ware daher ganz unrichtig, wenn 
man die hier angedeutete Forderung der Geheimlehrer 
mit irgendeiner auBerlichen, etwa gar einer politischen 
Forderung in Verbindung brachte, mit der die Geistes- 
schulung nichts zu tun haben kann. Politische Agitatoren 
«wissen» in der Regel, was von anderen Menschen zu 
«fordern» ist; von Forderungen an sich selbst ist bei 
ihnen weniger die Rede. 

Und damit hangt die dritte Bedingung fur die Geheim- 
schulung unmittelbar zusammen. Der Zogling muB sich 
zu der Anschauung emporringen konnen, daB seine Ge- 
danken und Gefiihle ebenso Bedeutung fur die Weh 
haben wie seine Handlungen. Es muB erkannt werden, 
daB es ebenso verderblich ist, wenn ich meinen Mit- 
menschen hasse, wie wenn ich ihn schlage. Dann komme 
ich auch zu der Erkenntnis, daB ich nicht nur fur mich 
etwas tue, wenn ich mich selbst vervollkommene, sondern 
auch fur die Weh. Aus meinen reinen Gefiihlen und Ge- 
danken zieht die Welt ebensolchen Nutzen wie aus mei- 
nem Wohlverhalten. Solange ich nicht glauben kann an 
diese Weltbedeutung meines Innern, so lange tauge ich 
nicht zum Geheimschiiler. Erst dann bin ich von dem 
rechten Glauben an die Bedeutung meines Inneren, mei- 
ner Seele erfiillt, wenn ich an diesem Seelischen in der 
Art arbeite, als wenn es zum mindesten ebenso wirklich 



ware wie alles AuBere. Ich muB zugeben, daB mein Ge- 
fiihl ebenso eine Wirkung hat wie eine Verrichtung 
meiner Hand. 

Damit ist eigentlich schon die vierte Bedingung aus- 
gesprochen: die Aneignung der Ansicht, daB des Men- 
schen eigentliche Wesenheit nicht im AuBerlichen, son- 
dern im Inneren liegt. Wer sich nur als ein Produkt der 
AuBenwelt ansieht, als ein Ergebnis der physischen Welt, 
kann es in der Geheimschulung zu nichts bringen. Sich 
als seelisch-geistiges Wesen fiihlen ist eine Grundlage fur 
solche Schulung. Wer zu solchem Gefiihle vordringt, der 
ist dann geeignet zu unterscheiden zwischen innerer Ver- 
pflichtung und dem auBeren Erfolge. Er lernt erkennen, 
daB das eine nicht unmittelbar an "dem anderen gemessen 
werden kann. Der Geheimschuler muB die rechte Mitte 
finden zwischen dem, was die auBeren Bedingungen vor- 
schreiben, und dem was er als das Richtige fur sein Ver- 
halten erkennt. Er soil nicht seiner Umgebung etwas auf- 
drangen, wofiir diese kein Verstandnis haben kann; aber 
er soil auch ganz frei sein von der Sucht, nur das zu tun, 
was von dieser Umgebung anerkannt werden kann. Die 
Anerkennung fur seine Wahrheiten muB er einzig und 
allein in der Stimme seiner ehrlichen, nach Erkenntnis 
ringenden Seele suchen. Aber lernen soil er von seiner 
Umgebung, soviel er nur irgend kann, um herauszu- 
finden, was ihr frommt und niitzlich ist. So wird er in sich 
selbst das entwickeln, was man in der Geheimwissen- 
schaft die «geistige Waage» nennt. Auf einer ihrer Waage- 
schalen liegt ein «offenes Herz» fiir die Bediirfnisse der 
AuBenwelt, auf der anderen «innere Festigkeit und un- 
erschiitterliche Ausdauer». 



Und damit ist auf die fiinfte Bedingung gedeutet: die 
Standhaftigkeit in der Befolgung eines einmal gefaBten 
Entschlusses. Nichts darf den Geheimschiiler dazu brin- 
gen, von einem gefaBten EntschluB abzukommen, als 
lediglich die Einsicht, daB er im Irrtume befangen ist. 
Jeder EntscWuB ist eine Kraft, und wenn diese Kraft auch 
nicht einen unmittelbaren Erfolg da hat, wohin sie zu- 
nachst gewandt ist, sie wirkt in ihrer Weise. Der Erfolg ist 
nur entscheidend, wenn man eine Handlung aus Begierde 
vollbringt. Aber alle Handlungen, die aus Begierde voll- 
bracht werden, sind wertlos gegeniiber der hoheren Weit. 
Hier entscheidet allein die Liebe zu einer Handlung. In 
dieser Liebe soil sich ausleben alles, was den Geheimschii- 
ler zu einer Handlung treibt. Dann wird er auch nicht 
erlahmen, einen EntscWuB immer wieder in Tat umzu- 
setzen, wie oft er ihm auch miBlungen sein mag. Und so 
kommt er dazu, nicht erst die aufieren Wirkungen sei- 
ner Taten abzuwarten, sondern sich an den Handlungen 
selbst zu befriedigen. Er wird lernen, seine Taten, ja sein 
ganzes Wesen der Weit zu opfern, wie auch immer diese 
sein Opfer aufnehmen mag. Zu solchem Opferdienst muB 
sich bereit erklaren, wer Geheimschiiler werden will. 

Eine sechste Bedingung ist die Entwickelung des Ge- 
fiihles der Dankbarkeit gegeniiber allem, was dem Men- 
schen zukommt. Man muB wissen, daB das eigene Dasein 
ein Geschenk des ganzen Weltalls ist. Was ist alles not- 
wendig, damit jeder von uns sein Dasein empfangen und 
fristen kann! Was verdanken wir der Natur und anderen 
Menschen! Zu solchen Gedanken miissen diejenigen ge- 
neigt sein, die Geheimschulung wollen. Wer, sich ihnen 
nicht hingeben kann, der vermag nicht in sich jene All- 



liebe zu entwickeln, die notwendig ist, um zu hoherer Er- 
kenntnis zu kommen. Etwas, das ich nicht liebe, kann sich 
.mir nicht offenbaren. Und eine jede Offenbarung muB 
mich mit Dank erflillen, denn ich werde durch sie reicher. 

Alle die genannten Bedingungen mlissen sich in einer 
siebenten vereinigen: das Leben unablassig in dem Sinne 
aufzufassen, wie es diese Bedingungen fordern. Dadurch 
schafft sich der Zogling die Moglichkeit, seinem Leben 
ein einheitliches Geprage zu geben. Seine einzelnen Le- 
bensauBerungen werden miteinander im Einklang, nicht 
im Widerspruche stehen. Er wird zu der Ruhe vorbereitet 
sein, zu welcher er kommen muB wahrend der ersten 
Schritte in der Geheimschulung. 

Hat jemand den ernsten und ehrlichen Willen, die an- 
gegebenen Bedingungen zu erflillen, dann mag er sich zur 
Geistesschulung entschlieBen. Er wird sich dann bereit- 
finden, die angeftihrten Ratschlage zu befolgen. Es mag 
gar manchem vieles an diesen Ratschlagen wie etwas 
AuBerliches erscheinen. Ein solcher wird vielleicht sagen, 
er hatte erwartet, daB die Schulung in weniger strengen 
Formen verlaufen sollte. Aber alles Innere muB sich in 
einem AuBeren ausleben. Und ebensowenig, wie ein Bild 
schon da ist, wenn es bloB im Kopf des Malers existiert, 
ebensowenig kann eine Geheimschulung ohne auBeren 
Ausdruck sein. Nur diejenigen achten die strengen For- 
men gering, welche nicht wissen, daB im AuBeren das 
Innere zum Ausdruck kommen muB. Es ist wahr, daB es 
auf den Geist einer Sache ankommt und nicht auf die 
Form. Aber so wie die Form ohne den Geist nichtig ist, 
so ware der Geist tatenlos, wenn er sich nicht eine Form 
erschlife. 



Die gestelltenBedingungen sind geeignet, den Geheim- 
schliler stark genug zu machen, urn auch die weiteren 
Forderungen zu erftillen, welche die Geistesschulungan 
ihn stellen muB. Fehlen ihm diese Bedingungen, dann 
wird er vor jeder neuen Anforderung mit Bedenken 
stehen. Er wird ohne sie das Vertrauen nicht zu den Men- 
schen haben konnen, das fur ihn notwendig ist. Und auf 
Vertrauen und wahre Menschenliebe muB alles Wahr- 
heitsstreben gebaut sein. Es muB darauf gebaut sein, ob- 
gleich es nicht daraus entspringen, sondern nur aus der 
eigenen Seelenkraft quellen kann. Und die Menschenliebe 
muB sich allmahlich erweitern zur Liebe zu alien Wesen, 
ja zu allem Dasein. Wer die genannten Bedingungen 
nicht erftillt, wird auch nicht die voile Liebe zu allem 
Aufbauen, zu allem Schaffen haben, und die Neigung, 
alle Zerstorung, alles Vernichten als solche zu unterlas- 
sen. Der Geheimschuler muB so werden, daB er nie etwas 
vernichtet um des Vernichtens willen, nicht in Handlun- 
gen, aber auch nicht in Worten, Geftihlen und Gedanken. 
Fur ihn soil es Freude am Entstehen, am Werden geben; 
und nur dann darf er die Hand bieten zu einer Vernich- 
tung, wenn er auch imstande ist, aus und durch die Ver- 
nichtung neues Leben zu fordern. Damit ist nicht gemeint, 
daB der Geheimschuler zusehen darf, wie das Schlechte 
uberwuchert; aber er soil sogar am Schlechten diejenigen 
Seiten suchen, durch die er es in ein Gutes wandeln kann. 
Er wird sich immer klarer dartiber, daB die richtigste 
Bekampfung des Schlechten und Unvollkommenen das 
Schaffen des Guten und Vollkommenen ist. Der Geheim- 
schuler weiB, daB aus dem Nichts nicht etwas geschaffen 
werden kann, daB aber das Unvollkommene in ein Voll- 



kommenes umgewandelt werden kann. Wer in sich die 
Neigung zum Schaffen entwickelt, der findet auch bald 
die Fahigkeit, sich dem Schlechten gegentiber richtig zu 
verhalten. 

Wer in eine Geheimschulung sich einlaBt, muB sich 
klarmachen, daB durch sie gebaut und nicht zerstort wer- 
den soil. Er soil daher den Willen zur ehrlichen, hinge- 
bungsvollen Arbeit, nicht zur Kritik und zum Zerstoren 
mitbringen. Er soil der Andacht fahig sein, denn man soil 
lernen, was man noch nicht weiB. Man soil andachtig zu 
dem blicken, was sich erscWieBt. Arbeit und Andacht: das 
sind Grundgeftihle, die von dem Geheimschuler gefor- 
dert werden mtissen. Mancher wird erfahren mtissen, daB 
er in der Schulung nicht vorwartskommt, trotzdem er, 
nach seiner Ansicht, rastlos tatig ist. Es kommt davon her, 
daB er die Arbeit und Andacht nicht im rechten Sinne 
erfaBt hat. Diejenige Arbeit wird den geringsten Erfolg 
haben, die um dieses Erfolges willen unternommen wird, 
und dasjenige Lernen wird am wenigsten vorwartsbrin- 
gen, das ohne Andacht verlauft. Die Liebe zur Arbeit, 
nicht zum Erfolg, bringt allein vorwarts. Und wenn der 
Lernende gesundes Denken und sicheres Urteilen sucht, 
so braucht er sich nicht durch' Zweifel und MiBtrauen 
die Andacht zu verkummern. 

Man braucht nicht zu sklavischer Abhangigkeit im Ur- 
teilen zu kommen, wenn man einer Mitteilung, die man 
empfangt, nicht zuerst die eigene Meinung, sondern eine 
ruhige Andacht und Hingabe entgegenbringt. Diejeni- 
gen, welche in der Erkenntnis einiges erlangt haben, wis- 
sen, daB sie nicht dem eigensinnigen personlichen Urteile, 
sondern dem ruhigen Hinhorchen und Verarbeiten alles 



verdanken. - Man soil stets im Auge behalten, daB man 
das nicht mehr zu lernen braucht, was man schon beurtei- 
len kann. Will man also ni/rurteilen, so kann man iiber- 
haupt nicht mehr lernen. In der Geheimschulung kommt 
es aber auf das Lernen an. Man soil da ganz und gar den 
Willen haben, ein Lernender zu sein. Kann man etwas 
nicht verstehen, dann urteile man lieber gar nicht, als daB 
man verurteile. Man lasse sich dann das Verstandnis fur 
eine spatere Zeit. - Je hoher man die Stufen der Erkennt- 
nis hinansteigt, desto mehr hat man dieses ruhige, andach- 
tige Hinhorchen notig. Alles Erkennen der Wahrheit, 
alles Leben und Handeln in der Welt des Geistes wird auf 
hoheren Gebieten subtil, zart im Vergleich mit den Ver- 
richtungen des gewohnlichen Verstandes und des Lebens 
in der physischen Welt. Je mehr sich die Kreise des Men- 
schen erweitern, desto feiner werden die Verrichtungen, 
die er vorzunehmen hat. - Weil dies so ist, deshalb kom- 
men die Menschen in bezug auf hohere Gebiete zu so ver- 
schiedenen «Ansichten» und «Standpunkten». Allein, es 
gibt auch iiber hohere Wahrheiten in Wirklichkeit nur 
eine Meinung. Man kann zu dieser einen Meinung kom- 
men, wenn man sich durch Arbeit und Andacht dazu er- 
hoben hat, die Wahrheit wirklich zu schauen. Nur der- 
jenige kann zu einer Ansicht kommen, die von der einen 
wahren abweicht, der, nicht geniigend vorbereitet, nach 
seinen Lieblingsvorstellungen, seinen gewohnten Ge- 
danken usw. urteilt. Wie es nur eine Ansicht iiber 
einen mathematischen Lehrsatz gibt, so auch iiber die 
Dinge der hoheren Welten, Aber man muB sich erst vor- 
bereiten, um zu einer solchen «Ansicht» kommen zu kon- 
nen. Wenn man das bedenken wollte, so wiirden fur nie- 



mand die Bedingungen der Geheimlehrer etwas Uber- 
raschendes haben. Es ist durchaus richtig, daB die Wahr- 
heit und das hohere Leben in jeder Menschenseele woh- 
nen und daB sie ein jeder selbst finden kann und muB. 
Aber sie liegen tief und konnen nur nach Hinwegrau- 
mung von Hindernissen aus ihren tiefen Schachten her- 
aufgeholt werden. Wie man das vollbringt, darliber kann 
nur raten, wer Edahrung in der Geheimwissenschaft hat. 
Solchen Rat gibt die Geisteswissenschaft. Sie drangt nie- 
mand eine Wahrheit auf, sie verktindet kein Dogma; sie 
zeigt aber einen Weg. Zwar konnte jeder - vielleicht aber 
erst nach vielen Verkorperungen - diesen Weg auch allein 
finden; doch ist es eine Verktirzung des Weges, was in der 
Geheimschulung erreicht wird. Der Mensch gelangt da- 
durch frliher zu einem Punkte, auf dem er mitwirken 
kann in den Wehen, wo das Menschenheil und die Men- 
schenentwickelung durch geistige Arbeit gefordert wer- 
den. 

Damit sind die Dinge angedeutet,welche zunachst iiber 
die Erlangung hoherer Weltedahrung mitgeteilt werden 
sollen. Im nachsten Kapitel sollen diese Ausftihrungen 
dadurch fortgesetzt werden, daB gezeigt wird, was in den 
hoheren Gliedern der Menschennatur (im Seelenorganis- 
mus oder Astralleib und im Geiste oder Gedankenleib) 
vorgeht wahrend dieser Entwickelung. Dadurch werden 
diese Mitteilungen in eine neue Beleuchtung gertickt, und 
es wird in einem tieferen Sinne in sie eingedrungen wer- 
den konnen. 



UBER EINIGE WIRKUNGEN DER EINWEIHUNG 

Es gehort zu den Grundsatzen wahrer Geheimwissen- 
schaft, daB derjenige, welcher sich ihr widmet, dies mit 
vollem BewuBtsein tue. Er soil nichts vornehmen, nicht 
tiben, wovon er nicht weiB, was es fur eine Wirkung hat. 
Ein Geheimlehrer, der jemand einen Rat oder eine An- 
weisung gibt, wird immer zugleich sagen, was durch die 
Befolgung in Leib, Seeleoder Geist desjenigen eintritt, der 
nach hoherer Erkenntnis strebt. 

Hier sollen nun einige Wirkungen auf die Seele des 
Geheimschlilers angegebenwerden. Erstwer solcheDinge 
kennt, wie sie hier mitgeteilt werden, kann in vollem Be- 
wuBtsein die Ubungen vornehmen, welche zur Erkenntnis 
libersinnlicher Wehen flihren. Und nur ein solcher ist ein 
echter Geheimschliler. Alles Tappen im dunkeln ist bei 
wirklicher Geheimschulung streng verpont. Wer nicht 
mit offenen Augen seine Schulung vollziehen will, mag 
Medium werden; zum Hellseher im Sinne der Geheim- 
wissenschaft kann er es nicht bringen. 

Bei dem, welcher in diesem Sinne die in den vorher- 
gehenden Abschnitten (liber Erwerbung libersinnlicher 
Erkenntnisse) beschriebenen Ubungen macht, gehen zu- 
nachst gewisse Veranderungen im sogenannten Seelen- 
organismus vor sich. Dieser ist nur fur den Hellseher 
wahrnehmbar. Man kann ihn mit einer mehr oder weni- 
ger geistig-seelisch leuchtenden Wolke vergleichen, in 
deren Mitte der physische Korper des Menschen sich 
befindet." In diesem Organismus werden die Triebe, 
Begierden, Leidenschaften, Vorstellungen usw. geistig 

* Eine Beschreibung findet man in des Verfassers «Theosophie». 



sichtbar. Sinnliche Begierde z. B. empfindet man dar- 
innen wie dunkelrotliche Ausstrahlungen von bestimm- 
ter Form. Ein reiner; edler Gedanke findet seinen Aus- 
druck wie in einer rotlichvioletten Ausstrahlung. Der 
scharfe Begriff, den der logische Denker faBt, ftihlt sich 
wie eine gelbliche Figur mit ganz bestimmten Umrissen. 
Der verworrene Gedanke des unklaren Kopfes tritt als 
Figur mit unbestimmten Umrissen auf. Die Gedanken der 
Menschen mit einseitigen, verbohrten Ansichten erschei- 
nen in ihren Umrissen scharf, unbeweglich, diejenigen 
solcher Personlichkeiten, welche zuganglich fur .die 
Ansichten anderer sind, sieht man in beweglichen, sich 
wandelnden Umrissen usw. usw." 

Je weiter nun der Mensch in seiner Seelenentwicke- 
lung fortschreitet, desto regelmaBiger gegliedert wird sein 
Seelenorganismus. Beim Menschen mit einem unentwik- 
kelten Seelenleben ist er verworren, ungegliedert. Aber 
auch in einem solchen ungegliederten Seelenorganismus 
kann der Hellseher ein Gebilde wahrnehmen, das sich 
deutlich von der Umgebung abhebt. Es verlauft vom In- 
nern des Kopfes bis zurMitte des physischen Korpers. Es 
nimmt sich aus wie eine Art selbstandiger Leib, welcher 
gewisse Organe hat. Diejenigen Organe, die hier zunachst 
besprochen werden sollen, werden in der Nahe folgender 

* Man muB bei alien folgenden Schilderungen darauf achten, daB 
z. B. beim «Sehen» einer Farbe geistiges Sehen (Schauen) gemeint 
ist. Wenn die hellsichtige Erkenntnis davon spricht: «ich sehe rot», 
so bedeutet dies: «ich habe im Seelisch-Geistigen ein Tirlebnis, welches 
gleichkommt dem physischen Erlebnis beim Eindruck der roten Farbe. » 
Nur weil es der hellsichtigen Erkenntnis in einem solchen Falle ganz 
naturgemaB ist, zu sagen: «ich sehe rot», wird dieser Ausdruck ange- 
wandt. Wer dies nicht bedenkt, kann leicht eine Farbenvision mit einem 
wahrhaft hellsichtigen Erlebnis verwechseln. 



physischer Korperteile geistig wahrgenommen: das erste 
zwischen den Augen, das zweite in der Nahe des Kehl- 
kopfes, das dritte in der Gegend des Herzens, das vierte 
liegt in der Nachbarschaft der sogenannten Magengrube, 
das ftinfte und sechste haben ihren Sitz im Unterleibe. 
Diese Gebilde werden von den Geheimkundigen «Rader» 
(Chakrams) oder auch «Lotusblumen» genannt. Sie hei- 
Ben so wegen der Ahnlichkeit mit Radern oder Blumen; 
doch muB man sich nattirlich klar darliber sein, daB ein 
solcher Ausdruck nicht viel zutreffender ist, als wenn man 
die beiden Lungenteile «Lungenflugel» nennt. Wie man 
sich hier klar ist, daB man es nicht mit «Flligeln» zu tun 
hat, so muB man auch dort nur an eine vergleichsweise 
Bezeichnung denken. Diese «Lotusblumen» sind nun 
beim unentwickelten Menschen von dunklen Farben und 
ruhig, unbewegt. Beim Hellseher aber sind sie in Bewe- 
gung und von leuchtenden Farbenschattierungen. Auch 
beim Medium ist etwas Ahnliches der Fall, doch in an- 
derer Art. Darauf soil hier nicht naher eingegangen wer- 
den. - Wenn nun ein Geheimschuler mit seinen Ubungen 
beginnt, so ist das erste, daB sich die Lotusblumen aufhel- 
len; spater beginnen sie sich zu drehen. Wenn dies letztere 
eintritt, so beginnt die Fahigkeit des Hellsehens. Denn 
diese «Blumen» sind die Sinnesorgane der Seele.* Und 
ihre Drehung ist der Ausdruck daftir, daB im Ubersinn- 
lichen wahrgenommen wird. Niemand kann etwas Uber- 
sinnliches schauen, bevor sich seine astralen Sinne in 
dieser Art ausgebildet haben. 

* Auch in bezug auf diese Wahrnehmungen des «Drehens», ja der 
«Lotusblumen» selbst, gilt, was in der vorigen Anmerkung iiber das 
«Sehen der Farben» gesagt worden ist. 



Das geistige Sinnesorgan, welches sich in der Nahe des 
Kehlkopfes befindet, macht es moglich, hellseherisch 
die Gedankenart eines anderen Seelenwesens zu durch- 
schauen, es gestattet auch einen tieferen Einblick in die 
wahren Gesetze der Naturerscheinungen. - Das Organ in 
der Nachbarschaft des Herzens eroffnet eine hellsehe- 
rische Erkenntnis der Gesinnungsart anderer Seelen. Wer 
es ausgebildet hat, kann auch bestimmte tiefere Krafte bei 
Tieren und Pflanzen erkennen. Durch den Sinn in der 
Nahe der sogenannten Magengrube erlangt man Kennt- 
nis von den fdhigkeiten und Talenten der Seelen; man 
kann durchschauen, welche Rolle Tiere, Pflanzen, Steine, 
Metalle, atmospharische Erscheinungen usw. im Haus- 
halte der Natur spielen. 

Das Organ in der Nahe" des Kehlkopfes hat sechzehn 
«Blumenblatter» oder «Radspeichen», das in der Nahe 
des Herzens deren zwolf, das in der Nachbarschaft der 
Magengrube liegende deren zehn. 

Nun hangen gewisse seelische Verrichtungen mit der 
Ausbildung dieser Sinnesorgane zusammen. Und wer 
diese Verrichtungen in einer ganz bestimmten Weise aus- 
ubt, der tragt etwas bei zur Ausbildung der betreffenden 
geistigen Sinnesorgane. Von der «sechzehnblatterigen 
Lotusblume» sind acht Blatter auf einer friiheren Entwik- 
kelungsstufe des Menschen in urferner Vergangenheit be- 
reits ausgebildet gewesen. Zu dieser Ausbildung hat der 
Mensch selbst nichts beigetragen. Er hat sie als eine 
Naturgabe erhalten, als er noch in einem Zustande traum- 
haften, dumpfen BewuBtseins war. Auf der damaligen 
Stufe der Menschheitsentwickelung waren sie auch in 
Tatigkeit. Jedoch vertrug sich diese Art von Tatigkeit 



eben nur mit jenem dumpfen BewuBtseinszustande. Als 
dann das BewuBtsein sich aufhellte, verfinsterten sich die 
Blatter und stellten ihre Tatigkeit ein. Die anderen acht 
kann der Mensch selbst durch bewuBte Ubungen ausbil- 
den. Dadurch wird die ganze Lotusblume leuchtend und 
beweglich. Von der Entwickelung eines jeden der sech- 
zehn Blatter hangt die Erwerbung gewisser Fahigkeiten 
ab. Doch, wie bereits angedeutet, kann der Mensch nur 
acht davon bewuBt entwickeln; die anderen acht erschei- 
nen dann von selbst. 

Die Entwickelung geht in folgender Art vor sich. Der 
Mensch muB auf gewisse Seelenvorgange Aufmerksam- 
keit und Sorgfalt verwenden, die er gewohnlich sorglos 
und unaufmerksam ausfiihrt. Es gibt acht solche Vor- 
gange. Der erste ist die Art und Weise, wie man sich 
Vorstellungen aneignet. Gewohnlich uberlaBt sich in die- 
ser Beziehung der Mensch ganz dem Zufall. Er hort dies 
und das, sieht das eine und das andere und bildet sich da- 
nach seine Begriffe. Solange er so verfahrt, bleibt seine 
sechzehnblatterige Lotusblume ganz unwirksam. Erst 
wenn er seine Selbsterziehung nach dieser Richtung in 
die Hand nimmt, beginnt sie wirksam zu werden. Er muB 
zu diesem Zwecke auf seine Vorstellungen achten. Eine 
jede Vorstellung soil fur ihn Bedeutung gewinnen. Er soil 
in ihr eine bestimmte Botschaft, eine Kunde iiber Dinge 
der AuBenwelt sehen. Und er soil nicht befriedigt sein 
von Vorstellungen, die nicht eine solche Bedeutung ha- 
ben. Er soil sein ganzes Begriffsleben so lenken, daB es ein 
treuer Spiegel der AuBenwelt wird. Sein Streben soil da- 
hin gehen, unrichtige Vorstellungen aus seiner Seele zu 
entfernen. - Der zweite Seelenvorgang betrifft in einer 



ahnlichen Richtung die Entschltisse des Menschen. Er soil 
nur aus gegrtindeter, voller Uberlegung selbst zu dem 
Unbedeutendsten sich entschlieBen. Alles gedankenlose 
Handeln, alles bedeutungslose Tun soil er von seiner 
Seele fernhalten. Zu allem soil er wohlerwogene Grlinde 
haben. Und er soil unterlassen, wozu kern' bedeutsamer 
Grund drangt. - Der dritte Vorgang bezieht sich auf das 
Reden. Nur was Sinn und Bedeutung hat, soil von den 
Lippen des Geheimschlilers kommen. Alles Reden um des 
Redens willen bringt ihn von seinem Wege ab. Die ge- 
wohnliche Art der Unterhaltung, wo wahllos und bunt 
alles durcheinander geredet wird, soil der Geheimschliler 
meiden. Dabei aber soil er sich nicht etwa ausschlieBen 
von dem Verkehr mit seinen Mitmenschen. Gerade im 
. Verkehr soil sein Reden sich zur Bedeutsamkeit ent- 
wickeln. Er steht jedem Rede und Antwort, aber er tut 
es gedankenvoll, nach jeder Richtung tiberlegt. Niemals 
redet er unbegrlindet. Er versucht nicht zuviel und nicht 
zuwenig Worte zu machen. - Der vierte Seelenvorgang 
ist die Regelung des aufieren Handeins. Der Geheim- 
schliler versucht sein Handeln so einzurichten, daB es 
zu den Handlungen seiner Mitmenschen und zu den Vor- 
gangen seiner Umgebung stimmt. Er unterlaBt Hand- 
lungen, welche fur andere storend sind oder die im Wider- 
spruche stehen mit dem, was um ihn herum vorgeht. Er 
sucht sein Tun so einzurichten, daB es sich harmonisch 
eingliedert in seine Umgebung, in seine Lebenslage usw. 
Wo er durch etwas anderes veranlaBt wird zu handeln, da 
beobachtet er sorgfaltig, wie er der Veranlassung am 
besten entsprechen konne. Wo er aus sich heraus handelt, 
da erwagt er die Wirkungen seiner Handlungsweise auf 



das deutlichste. - Das fiinfte, was hierin Betracht kommt, 
liegt in der Einrichtung des ganzen Lebens. Der Geheim- 
schiiler versuchtnatur- und geistgemaB zu leben. Eriiber- 
hastet nichts und ist nicht trage. Ubergeschaftigkeit und 
Lassigkeit liegen ihm gleich feme. Er sieht das Leben 
als ein Mittel der Arbeit an und richtet sich dementspre- 
chend ein. Gesundheitspflege, Gewohnheiten usw. rich- 
tet er fur sich so ein, daB ein harmonisches Leben die 
Folge ist. - Das sechste betrifft das menschliche Streben. 
Der Geheimschiiler priift seine Fahigkeiten, sein Konnen 
und vernal t sich im Sinne solcher Selbstkenntnis. Er ver- 
sucht nichts zu tun, was auBerhalb seiner Krafte liegt; 
aber auch nichts zu unterlassen, was innerhalb derselben 
sich befindet. Anderseits stellt er sich Ziele, die mit den 
Idealen, mit den groBen Pflichten eines Menschen zusam- 
menhangen. Er fiigt sich nicht bloB gedankenlos als ein 
Rad ein in das Menschentriebwerk, sondern er sucht seine 
Aufgaben zu begreifen, iiber das Alltagliche hinauszu- 
blicken. Er strebt danach, seine Obliegenheiten immer 
besser und vollkommener zu machen. - Das siebente in 
seinem Seelenleben betrifft das Streben, moglichst viel 
vom Leben zu lernen. Nichts geht an dem Geheimschiiler 
vorbei, was ihm nicht AnlaB gibt, Erfahrung zu sammeln, 
die ihm niitzlich ist fur das Leben. Hat er etwas unrichtig 
und unvollkommen verrichtet, so wird das ein AnlaB, 
ahnliches spater richtig oder vollkommen zu machen. 
Sieht er andere handeln, so beobachtet er sie zu einem 
ahnlichen Ziele. Er versucht, sich einen reichen Schatz 
von Erfahrungen zu sammeln und ihn stets sorgfaltig zu 
Rate zu ziehen. Und er tut nichts, ohne auf Erlebnisse zu- 
.riickzublicken, die ihm eine Hilfe sein konnen bei seinen 



Entschliissen und Verrichtungen. - Das achte endlich ist: 
der Geheimschiiler muB von Zeit zu Zeit Blicke in sein 
Inneres tun; er muB sich in sich selbst versenken, sorg- 
sam mit sich zu Rate gehen, seine Lebensgrundsatze 
bilden und priifen, seine Kenntnisse in Gedanken durch- 
laufen, seine Pflichten erwagen, iiber den Inhalt und 
Zweck des Lebens nachdenken usw. Alle diese Dinge 
sind ja in den vorhergehenden Abschnitten schon bespro- 
chen worden. Hier werden sie nur aufgezahlt im Hinblick 
auf die Entwickelung der sechzehnblatterigen Lotus- 
blume. Durch ihre Ubung wird diese immer vollkomme- 
ner und vollkommener. Denn von solchen Ubungen 
hangt die Ausbildung der Hellsehergabe ab. Je mehr 
z. B. dasjenige, was ein Mensch denkt und redet, mit 
denVorgangen in der AuBenweltzusammenstimmt, desto 
schneller entwickelt sich diese Gabe. WerUnwahres denkt 
oder redet, totet etwas in dem Keime der sechzehnblatte- 
rigen Lotusblume. Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Ehr- 
lichkeit sind in dieser Beziehung aufbauende, Liigenhaf- 
tigkeit, Falschheit, Unredlichkeit sind zerstorende Krafte. 
Und der Geheimschiiler muB wissen, daB es hierbei nicht 
allein auf die «gute Absicht», sondern auf die wirkliche 
Tat ankommt. Denke und sage ich etwas, was mit der 
Wirklichkeit nicht ubereinstimmt, so zerstore ich etwas 
in meinem geistigen Sinnesorgan, auch wenn ich dabei 
eine noch so gute Absicht zu haben glaube. Es ist wie mit 
dem Kinde, das sich verbrennt, wenn es ins Feuer greift, 
auch wenn dies aus Unwissenheit geschieht. - Die Ein- 
richtung der besprochenen Seelenvorgange in der charak- 
terisierten Richtung laBt die sechzehnblatterige Lotus- 
blume in herrlichen Farben erstrahlen und gibt ihr eine 



gesetzmaBige Bewegung. - Doch ist dabei zu beachten, 
daB die gekennzeichnete Hellsehergabe nicht friiher auf- 
treten kann, als ein bestimmter Grad von Ausbildung der 
Seele erlangt ist. Solange es noch Miihe macht, das Leben 
in dieser Richtung zu fiihren, so lange zeigt sich diese 
Gabe nicht. Solange man auf die geschilderten Vorgange 
noch besonders achten muB, ist man nicht reif. Erst wenn 
man es so weit gebracht hat, daB man in der angegebenen 
Art lebt, wie es der Mensch sonst gewohnheitsmaBig tut, 
dann zeigen sich die ersten Spuren des Hellsehens. Die 
Dinge diirfen dann nicht mehr miihevoll sein, sondern 
miissen selbstverstandliche Lebensart geworden sein. Man 
darf nicht notig haben, sich fortwahrend zu beobachten, 
sich anzutreiben, daB man so lebe. Alles muB Gewohn- 
heit geworden sein. - Es gibt gewisse Anweisungen, wel- 
che die sechzehnblatterige Lotusblume auf andere Art zur 
Entfaltung bringen. Alle solchen Anweisungen verwirft 
die wahre Geheimwissenschaft. Denn sie fiihren zur Zer- 
storung der leiblichen Gesundheit und zum moralischen 
Verderben. Sie sind leichter durchzufiihren als das Ge- 
schilderte. Dieses ist langwierig und miihevoll. Aber es 
fiihrt zu sicherem Ziele und kann nur moralisch kraftigen. 

Die verzerrte Ausbildung einer Lotusblume hat nicht 
nur Illusionen und phantastische Vorstellungen im Fall 
des Auftretens einer gewissen Hellsehergabe zur Folge, 
sondern auch Verirrungen und Haltlosigkeit im gewohn- 
lichen Leben. Man kann durch eine solche Ausbildung 
furchtsam, neidisch, eitel, hochfahrend, eigenwillig 
usw. werden, wahrend man vorher alle diese Eigen- 
schaften nicht hatte. - Es ist gesagt worden, daB acht von 
den Blattern der sechzehnblatterigen Lotusblume bereits 



in urferner Vergangenheit entwickelt waren und daB 
diese bei der Geheimschulung von selbst wieder auftreten. 
Es muB nun bei der Bestrebung des Geheimschiilers alle 
Sorgfalt auf die acht anderen Blatter verwendet werden. 
Bei verkehrter Schulung treten leicht die friiher entwik- 
kelten allein auf und die neu zu bildenden bleiben ver- 
kiimmert. Dies wird insbesondere der Fall sein, wenn bei 
der Schulung zu wenig auf logisches, verniinftiges Den- 
ken gesehen wird. Es ist von der allergroBten Wichtigkeit, 
daB der Geheimschiiler ein verstandiger, auf klares Den- 
ken haltender Mensch ist. Und von weiterer Wichtigkeit 
ist" daB er sich der groBten Klarheit befleiBigt im Sprechen. 
Menschen, die anfangen etwas vom Ubersinnlichen zu 
ahnen, werden gerniiber diese Dinge gesprachig. Dadurch 
halten sie ihre richtige Entwickelung auf. Je weniger man 
iiber diese Dinge redet, desto besser ist es. Erst wer bis zu 
einem gewissen Grade der Klarheit gekommen ist, sollte 
reden. - Im Beginne des Unterrichts sind Geheimschiiler 
in der Regel erstaunt, wie wenig «neugierig» der schon 
geistig Geschulte ist gegeniiber den Mitteilungen ihrer 
Erlebnisse. Am heilsamsten fur sie ware es eben, wenn sie 
sich iiber ihre Erlebnisse ganz ausschwiegen und weiter 
nichts besprechen wollten, als wie gut oder wie schlecht 
es ihnen gelingt, ihre Ubungen durchzufiihren oder die 
Anweisungen zu befolgen. Denn der schon geistig Ge- 
schulte hat ganz andere Quellen zur Beurteilung der Fort- 
schritte als ihre direkten Mitteilungen. Die acht in Frage 
kommenden Blatter der sechzehnblatterigen Lotusblume 
werden durch solche Mitteilungen immer etwas verhartet, 
wahrend sie weich und biegsam erhalten werden sollten. 
Es soil ein Beispiel angefiihrt werden, um das zu erlau- 



tern. Dies moge nicht vom ubersinnlichen, sondern der 
Deutlichkeit halber vom gewohnlichen Leben hergenom- 
men werden. Angenommen, ich hore eine Nachricht und 
bilde mir darliber sogleich ein Urteil. In einer kurzen Zeit 
darauf bekomme ich, liber dieselbe Sache eine weitere 
Nachricht, die mit der ersteren nicht stimmt. Ich bin da- 
durch genotigt, das schon gebildete Urteil umzubilden. 
Die Folge davon ist ein ungtinstiger EinfluB auf meine 
sechzehnblatterige Lotusblume. Ganz anders ware die 
Sache, wenn ich zuerst mit meinem Urteil zurlickhaltend 
gewesen ware, wenn ich zu der ganzen Angelegenheit in- 
nerlich in Gedanken und auBerlich in Worten «geschwie- 
gen» hatte, bis ich ganz sichere Anhaltspunkte fur mein 
Urteil gehabt hatte. Behutsamkeitim Bildenund Ausspre- 
chen von Urteilen wird allmahlich zum besonderen 
Kennzeichen des Geheimschlilers. Dagegen wachst seine 
Empfanglichkeit fur Eindrlicke und Erfahrungen, die er 
schweigsam an sich vorliberziehen laBt, um moglichst 
viele Anhaltspunkte sich zu schaffen, wenn er zu urteilen 
hat. Es sind blaulich-rotliche und rosenrote Nuancen in 
den Lotusblumenblattern, die durch solche Behutsamkeit 
auftreten, wahrend im anderen Falle dunkelrote und 
orangefarbige Nuancen auftreten. 

In einer ahnlichen Art wie die sechzehnblatterige" wird 
auch die zwolfblatterige Lotusblume, in der Nahe des 

:; ' Der Kundige wird in den Bedingimgen fiir die Entwickelung der 
«sechzehnblatterigen Lotusblume» wiedererkennen die Anweisungen, 
welche der B
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