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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
RUDOLF STEINER
WIE ERLANGT MAN ERKENNTNISSE
DER HOHEREN WELTEN?
(1. Teil)
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Dornach / Schweiz
24. Auflage 93. - 97. Tsd.
Gesamtausgabe Dornach 1993
Ein bibliographischer Nachweis friiherer
Ausgaben findet sich auf Seite 235
Bibliographie-Nr. 10
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Dornach / Schweiz
© 1961 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach / Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-0100-1
INHALT
Vorrede zur dritten Auflage (erste Buchausgabe) . 7
Vorrede zu fiinften Auflage 12
Vorrede zum achten bis elften Tausend 15
Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? 16
Bedingungen .... 16
Innere Ruhe 28
Die Stufen der Einweihung ..... 42
1. Die Vorbereitung ...... 43
2. Die Erleuchtung ... 53
Kontrolle der Gedanken und Gefiihle 58
Die Einweihung 75
Praktische Gesichtspunkte . 90
Die Bedingungen zur Geheimschulung . . 102
Uber einige Wirkungen der Einweihung 115
Veranderungen im Traumleben des Geheimschulers 159
Die Erlangung der Kontinuitat des BewuBtseins . . . 170
Die Spaltung der Personlichkeit wahrend der
Geistesschulung • . 180
Der Huter der Schwelle • . 193
Leben und Tod. Der groBe Huter der Schwelle. . 204
Nachwort zum achten bis elften Tausend. . . . • . 216
Hinweise des Herausgebers
Zu dieser Ausgabe ...... . . . ■ . 227
Hinweise zum Text • . 232
Namenregister ■ . 234
Bibliographischer Nachweis . • . 235
Ubersicht liber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe • . 237
VORREDE ZUR DRITTEN AUFLAGE
Es erscheinen hiermit als Buch meine Ausftihrungen,
welche ursprlinglich als einzelne Aufsatze unter dem Titel
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»
abgedruckt waren. Zunachst wird dieser Band den ersten
Teil bringen; ein folgender wird die Fortsetzung enthal-
ten. Diese Arbeit iiber die Entwickelung des Menschen
zum Erfassen der tibersinnlichen Wehen soil nicht in
neuer Gestalt vor die Weh treten ohne einige Geleitworte,
welche ihr hiermit vorgesetzt werden. Die in ihr enthal-
tenen Mitteilungen tiber die Seelenentwickelung des Men-
schen mochten verschiedenen Bedlirfnissen dienen. Zu-
nachst soil denjenigen Personen etwas gegeben werden,
welche sich hingezogen ftihlen zu den Ergebnissen der
Geistesforschung und welche die Frage aufwerfen mtis-
sen: Ja, woher haben diejenigen ihr Wissen, welche be-
haupten, etwas liber hohe Ratselfragen des Lebens sagen
zu konnen? Die Geisteswissenschaft sagt iiber solche
Ratsel etwas. Wer die Tatsachen beobachten will, welche
zu diesen Aussagen flihren, der muB zu tibersinnlichen
Erkenntnissen aufsteigen. Er muB den Weg gehen, wel-
cher in dieser Schrift zu schildern versucht wird. Doch
ware es ein Irrtum, zu glauben, daB die Mitteilungen der
Geisteswissenschaft fur den wertlos seien, der nicht N ei-
gung oder Moglichkeit hat, diesen Weg selbst zu gehen.
Um die Tatsachen zu erforschen, muB man die Fahigkeit
haben, in die tibersinnlichen Wehen hineinzutreten. Sind
sie aber erforscht und werden sie mitgeteilt, so kann auch
derjenige, welcher sie nicht selber wahrnimmt, sich eine
hinreichende Uberzeugung von der Wahrheit der Mit-
teilungen verschaffen. Ein groBer Teil derselben ist ohne
weiteres dadurch zu priifen, daB man die gesunde Urteils-
kraft in wirklich unbefangener Weise auf sie anwendet.
Man wird sich nur nicht in dieser Unbefangenheit storen
lassen diirfen durch alle moglichen Vorurteile, die einmal
im Menschenleben so zahlreich vorhanden sind. Es wird
z. B. leicht vorkommen, daB jemand findet, dies oder
jenes vertrage sich nicht mit gewissen wissenschaft-
lichen Ergebnissen der Gegenwart. In Wahrheit gibt es
, kein wissenschhaftliches Ergebnis, welches der geistigen
Forschung widerspricht. Doch kann man leicht glauben,
daB dieses oder jenes wissenschaftliche Urteil zu den Mit-
teilungen iiber die hoheren Wehen nicht stimme, wenn
man nicht allseitig und unbefangen die wissenschaft-
lichen Ergebnisse zu Rate zieht. Man wird finden, daB, je
unbefangener man die Geisteswissenschaft gerade mit
den positiven wissenschaftlichen Errungenschaften zu-
sammenhalt, um so schoner die voile Ubereinstimmung
erkannt werden kann. - Ein anderer Teil der geisteswis-
senschaftlichen Mitteilungen wird sich allerdings mehr
oder weniger dem bloBen Verstandesurteile entziehen.
Aber es wird unschwer derjenige ein rechtes Verhaltnis
auch zu diesem Teile gewinnen konnen, welcher einsieht,
daB nicht nur der Verstand, sondern auch das gesunde
Gefuhl ein Richter iiber die Wahrheit sein kann. Und wo
dieses Gefuhl sich nicht durch Sympathie oder Antipathie
fur diese oder jene Meinung treiben laBt, sondern wirk-
lich unbefangen die Erkenntnisse der iibersinnlichen Wel-
ten auf sich wirken laBt, da wird sich auch ein entspre-
chendes Gefiihlsurteil ergeben. - Und noch manch ande-
ren Weg gibt es zur Bewahrheitung dieser Erkenntnisse
fur diejenigen Personen, welche den Pfad in die iibersinn-
liche Welt nicht beschreiten konnen und wollen. Solche
Menschen konnen aber gleichwohl fiihlen, welchen Wert
diese Erkenntnisse fiir das Leben haben, auch wenn sie
sie nur aus den Mitteilungen der Geistesforscher erfahren.
Ein schauender Mensch kann nicht ein jeder augenblick-
lieh werden; eine rechte gesunde Lebensnahrung sind aber
die Erkenntnisse des schauenden Menschen fiir jedermann.
Denn anwenden im Leben kann sie jeder. Und wer es tut,
wird bald einsehen, was das Leben mit ihnen auf alien
Gebieten sein kann und was es entbehrt, wenn man sie
ausschlieBt. Die Erkenntnisse der iibersinnlichen Welten
erweisen sich, richtig im Leben angewendet, nicht un-
praktisch, sondern im hochhsten Sinne praktisch. Wenn
aber auch jemand den hoheren Erkenntnispfad nicht
selbst betreten will, so kann er doch, wenn er Neigung
fiir die auf demselben beobachteten Tatsachen hat, fra-
gen: Wie kommt der schauende Mensch zu diesen Tat-
sachen? Denjenigen Personen, welche ein Interesse an
dieser Frage haben, mochte diese Schrift ein Bild von dem
geben, was man unternehmen muB, um die iibersinn-
liche Weit wirklich kennenzulernen. Sie mochte den Weg
in dieselbe so darstellen, daB auch derjenige, der ihn nicht
selbst geht, Vertrauen gewinnen kann zu dem, was ein
solcher sagt, der ihn gegangen ist. Man kann ja auch,
wenn man gewahr wird, was der Geistesforscher tut, dies
richtig finden und sich sagen: die Schilderung des Pfades
in die hoheren Welten macht auf mich einen solchen Ein-
druck, daB ich verstehen kann, warum die mitgeteilten
Tatsachen mir einleuchtend erscheinen. So soil also diese
Schrift jenen dienen, welche in ihrem Wahrheitssinn und
Wahrheitsgefiihl fiir die Ubersinnliche Welt eine Star-
kung und Sicherheit wiinschen. Nicht minder mochte sie
aber auch denjenigen etwas bieten, welche den Weg zu
den Ubersinnlichen Erkenntnissen selbst suchen. Diejeni-
gen Personen werden die Wahrheit des hier Dargestellten
am besten erproben, welche sie in sich selbst verwirk-
lichen. Wer solch eine Absicht hat, wird gut tun, sich
immer wieder zu sagen, daB bei Darstellung der Seelen-
entwickelung mehr notwendig ist als ein solches Bekannt-
werden mit dem Inhalte, wie es bei anderen Ausfuhrun-
gen oftmals angestrebt wird. Ein intimes Hineinleben in
die Darstellung ist notwendig; die Voraussetzung soil man
machen, daB man die eine Sache nicht nur durch das be-
greifen soil, was iiber sie selbst gesagt wird, sondern durch
manches, was iiber ganz anderes mitgeteilt wird. Man
wird so die Vorstellung erhalten, daB nicht in einerWahr-
heit das Wesentliche liegt, sondern in dem Zusammen-
stimmen aller. Wer Ubungen ausfiihren will, muB das
ganz ernstlich bedenken. Eine Ubung kann richtig ver-
standen, auch richtig ausgefiihrt sein; und dennoch kann
sie unrichtig wirken, wenn nicht von dem Ausfiihrenden
ihr eine andere Ubung hinzugefiigt wird, welche die Ein-
seitigkeit der ersten zu einer Harmonie der Seele auslost.
Wer diese Schrift intim liest, so daB ihm Lesen wie ein
innerliches Erleben wird, der wird sich nicht nur mit dem
Inhalte bekannt machen, sondern auch an dieser Stelle
dieses, an einer anderen jenes Gefiihl haben; und dadurch
wird er erkennen, welches Gewicht fur die Seelenenrwik-
kelung dem einen oder dem anderen zukommt. Er wird
auch herausfinden, in welcher Form er diese oder jene
Ubung, nach seiner besonderen Individualitat, gerade bei
sich versuchen sollte. Wenn, wie hier, Beschreibungen in
Betracht kommen von Vorgangen, welche erlebt werden
sollen, so erweist sich als notwendig, daB man auf den
Inhalt immer wieder zuriickgreife; denn man wird sich
iiberzeugen, daB man manches erst dann fiir sich selbst
zu einem befriedigenden Verstandnis bringt, wenn man
es versucht hat und nach dem Versuche gewisse Feinheiten
der Sache bemerkt, die einem friiher entgehen muBten.
Auch solche Leser, welche den Weg, der vorgezeichnet
ist, nicht zu gehen beabsichtigen, werden in der Schrift
manches Brauchbare fiir das innere Leben finden: Lebens-
regeln, Hinweise, wie dies oder jenes sich aufklart, was
ratselhaft erscheint usw.
Und mancher, der durch seine Lebenserfahrung dieses
oder jenes hinter sich hat, in mancher Beziehung eine Le-
benseinweihung durchgemacht hat, wird eine gewisse Be-
friedigung finden konnen, wenn er im Zusammenhange
geklart findet, was ihm im einzelnen vorgeschwebt hat;
was er schon wuBte, ohne vielleicht dies Wissen bis zu
einer fiir ihn selbst hinreichenden Vorstellung gebracht
zu haben.
VORREDE ZUR FUNFTEN AUFLAGE
Fur diese Neuauflage von «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?» ist die vor mehr als zehn Jah-
ren niedergeschriebene Darstellung in alien Einzelheiten
wieder durchgearbeitet worden. Das Bedlirfnis nach sol-
cher Durcharbeitung entsteht naturgemaB bei Mitteilun-
gen liber Seelenerlebnisse und Seelenwege von der Art,
wie sie in diesem Buche gegeben sind. Es kann ja keinen
Teil innerhalb des Mitgeteilten geben, mit dem die Seele
des Mitteilers nicht innig verbunden bliebe und der nicht
etwas enthielte, das an dieser Seele fortdauernd arbeitet.
Es ist wohl auch kaum anders moglich, als daB mit diesem
seelischen Arbeiten sich ein Streben nach erhohter Klar-
heit und Deutlichkeit der vor Jahren gegebenen Darstel-
lung verbindet. Diesem Streben ist entsprungen, was ich
fur das Buch bei dieser Neuauflage zu tun bemtiht war.
Zwar sind alle wesentlichen Glieder der Auseinander-
setzungen, alle Hauptsachen so geblieben, wie sie waren;
-und doch sind wichtige Anderungen vollzogen worden.
Ich konnte fur eine genauere Charakterisierung im einzel-
nen an vielen Stellen manches tun. Und dies schien mir
wichtig. Will jemand das in dem Buche Mitgeteilte in
dem eigenen Geistesleben anwenden, so ist es von Bedeu-
tung' daB er die Seelenwege, von denen die Rede ist, in
moglichst. genauer Charakterisierung ins Auge zu fassen
vermag. In einem viel hoheren MaBe als an die Schilde-
rung der Tatsachen der physischen Welt konnen sich an
diejenige innerer geistiger Vorgange MiBverstandnisse
kntipfen. Das Bewegliche des Seelenlebens, die Notwen-
digkeit, diesem Leben gegenliber nie aus dem BewuBtsein
zu verlieren, wie verschieden es ist von allem Leben in
der physischen Welt, und vieles andere, machen solche
MiBverstandnisse moglich. Ich habe bei dieser Neuauf-
lage die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die Stellen
des Buches aufzufinden, wo solche MiBverstandnisse
entstehen konnen; und ich habe mich bemiiht, bei der
Abfassung ihrem Entstehen entgegenzuarbeiten.
Als ich die Aufsatze schrieb, aus welchen das Buch
zusammengesetzt ist, muBte iiber manches auch aus dem
Grunde anders gesprochen werden als gegenwartig, weil
ich auf den Inhalt dessen, was ich in den letzten zehn Jah-
ren iiber Tatsachen der Erkenntnis geistiger Welten ver-
offentlicht habe, damals anders hinzudeuten hatte, als es
jetzt, nach der Veroffentlichung, zu geschehen hat. In
meiner «Geheimwissenschaft», in der «Fuhrung des Men-
schen und der Menschheit», in «Ein Weg zur Selbst-
erkenntnis» und besonders in «An der Schwelle der geisti-
gen Welt», auch in anderen meiner Schriften sind geisti-
ge Vorgange geschildert, auf deren Vorhandensein dieses
Buch vor mehr als zehn Jahren zwar schon hindeuten
muBte, dies aber doch mit anderen Worten, als es gegen-
wartig richtig scheint. Ich muBte damals von vielem, das
in dem Buche noch nicht geschildert wurde, sagen, es
konne durch «miindliche Mitteilung» erfahren werden.
Gegenwartig ist nun vieles von dem veroffentlicht, was
mit solchen Hinweisen gemeint war. Es waren aber diese
Hinweise, die irrtumliche Meinungen bei den Lesern viel-
leicht nicht vollig ausschlossen. Man konnte etwa in dem
persdnlichen Verhaltnis zu diesem oder jenem Lehrer bei
dem nach Geistesschulung Strebenden etwas viel Wesent-
licheres sehen, als gesehen werden soil. Ich hoffe, daB es
mir gelungen ist, in dieser neuen Auflage durch die Art
der Darstellung mancher Einzelheiten scharfer zu beto-
nen, wie es bei dem, der Geistesschulung sucht im Sinne
der gegenwartigen geistigen Bedingungen, viel mehr auf
ein vollig unmittelbares Verhaltnis zur objektiven Geistes-
welt als auf ein Verhaltnis zur Personlichkeit eines Leh-
rers ankommt. Dieser wird auch in der Geistesschulung
immer mehr die Stellung nur eines solchen Heifers an-
nehmen, die der Lehrende, gemaB den neueren Anschau-
ungen, in irgendeinem anderen Wissenszweige innehat.
Ich glaube geniigend darauf hingewiesen zu haben, daB
des Lehrers Autoritat und der Glaube an ihn in der Gei-
stesschulung keine andere Rolle spielen sollten, als dies
der Fall ist auf irgendeinem anderen Gebiete des Wissens
und Lebens. Mir scheint viel darauf anzukommen, daB
immer richtiger beurteilt werde gerade dieses Verhalt-
nis des Geistesforschers zu Menschen, die Interesse ent-
wickeln flir die Ergebnisse seines Forschens. So glaube ich
das Buch verbessert zu haben, wo ich das Verbesserungs-
bediirftige nach zehn Jahren zu finden in der Lage war.
An diesen ersten Teil soil sich ein zweiter anschlieBen.
Dieser soil weitere Ausfiihrungen iiber die Seelenverfas-
sung bringen, welche den Menschen zum Erleben der
hoheren Welten fiihrt.
Die Neuauflage des Buches lag fertig gedruckt vor, als
der groBe Krieg begann, den die Menschheit gegenwartig
erlebt. Diese Vorbemerkungen habe ich zu schreiben,
wahrend meine Seele tief bewegt ist von dem schicksal-
tragenden Ereignisse.
Berlin, 7. September 1914
Rudolf Steiner
VORREDE ZUM ACHTEN BIS ELFTEN TAUSEND
An dem Inhalte dieser Neuauflage des vorliegenden Bu-
ches schienen mir beim neuerlichen Durcharbeiten nur
geringe Anderungen notwendig. Dagegen habe ich die-
ser Ausgabe ein «Nachwort» hinzugefiigt, durch das ich
mich bemiiht habe, manches deutlicher als friiher zu
sagen, was die seelischen Grundlagen betrifft, auf welche
die Mitteilungen des Buches gestellt werden miissen, da-
mit sie ohne MiBverstandnis entgegengenommen wer-
den. Ich glaube, daB der Inhalt dieses Nachwortes auch
geeignet sein konnte, manchen Gegner der anthropo-
sophischen Geisteswissenschaft dariiber aufzuklaren, daB
er sein Urteil nur dadurch aufrechterhalten kann, weil er
sich unter dieser Geisteswissenschaft etwas ganz anderes
vorstellt, als sie ist; wahrend er, was sie ist, gar nicht ins
Auge faBt.
Mai 1918
Rudolf Steiner
WIE ERLANGT MAN ERKENNTNISSE
DER HOHEREN WELTEN?
Bedingungen
Es schlummern in jedem Menschen Fahigkeiten, durch
die er sich Erkenntnisse iiber hohere Welten erwerben
kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph spra-
chen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die fur
sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mitphy-
sischen Augen sehen, mit physischen Handen betasten
kann. Der Zuhorer darf sich in jedem Augenblicke sagen:
wovon dieser spricht, kann ich auch erfahren, wenn ich
gewisse Krafte in mir entwickele, die heute noch in mir
schlummern. Es kann sich nur darum handeln, wie man
es anzufangen hat, um solche Fahigkeiten in sich zu ent-
wickeln. Dazu konnen nur diejenigen Anleitung geben,
die schon in sich solche Krafte haben. Es hat, seit es ein
Menschengeschlecht gibt, auch immer eine Schulung ge-
geben, durch die solche, die hohere Fahigkeiten hatten,
denen Anleitung gaben, die ebensolche Fahigkeiten such-
ten. Man nennt solche Schulung Geheimscbulung; und
der Unterricht, welcher da empfangen wird, heiBt geheim-
wissenschaftlicher oder okkulter Unterricht. Eine solche
Bezeichnung erweckt naturgemaB MiBverstandnis. Wer
sie hort, kann leicht zu dem Glauben verfiihrt werden,
daB diejenigen, die flir solche Schulung tatig sind, eine
besonders bevorzugte Menschenklasse darstellen wollen,
die willkiirlich ihr Wissen den Mitmenschen vorenthalt.
Ja, man denktwohl auch, daB vielleicht uberhaupt nichts
Erhebliches hinter solchem Wissen stecke. Denn, wenn es
ein wahres Wissen ware - so ist man versucht zu den-
ken -, so brauchte man daraus kein Geheimnis zu ma-
chen: man konnte es offentlich mitteilen und die Vorteile
davon alien Menschen zuganglich machen.
Diejenigen, welche in die Natur des Geheimwissens
eingeweiht sind, wundern sich nicht im geringsten dar-
iiber, daB die Uneingeweihten so denken. Worin das Ge-
heimnis der Einweihung besteht, kann nur derjenige ver-
stehen, der selbst diese Einweihung in die hoheren Ge-
heimnisse des Daseins bis zu einem gewissen Grade erfah-
ren hat. Nun kann man fragen: wie soil denn der Unein-
geweihte iiberhaupt irgendein menschliches Interesse an
dem sogenannten Geheimwissen unter solchen Umstan-
den erlangen? Wie und warum soil er etwas suchen, von
dessen Natur er sich doch gar keine Vorstellung machen
kann? Aber schon einer solchen Frage liegt eine ganz irr-
tiimliche Vorstellung von dem Wesen des Geheimwissens
zugrunde. In Wahrheit verhalt es sich mit dem Geheim-
wissen namlich doch nicht anders als mit allem iibrigen
Wissen und Konnen des Menschen. Dieses Geheimwissen
ist fiir den Durchschnittsmenschen in keiner anderen Be-
ziehung ein Geheimnis, als warum das Schreiben fiir den
ein Geheimnis ist, der es nicht gelernt hat. Und wie jeder
schreiben lernen kann, der die rechten Wege dazu wahlt,
so kann jeder ein Geheimschiiler, ja ein Geheimlehrer
werden, der die entsprechenden Wege dazu sucht. Nur in
einer Hinsicht liegen die Verhaltnisse hier noch anders als
beim auBeren Wissen und Konnen. Es kann jemandem
durch Armut, durch die Kulturverhaltnisse, in die er hin-
eingeboren ist, die Moglichkeit fehlen, sich die Kunst des
Schreibens anzueignen; fiir die Erlangung von Wissen
und Konnen in den hoheren Welten gibt es kein Hinder-
nis flir denjenigen, der diese ernstlich sucht.
Viele glauben, man miisse die Meister des hoheren Wis-
sens da und dort aufsuchen, urn von ihnen Aufschliisse
zu erhalten. Aber zweierlei ist richtig. Erstens wird der-
jenige, der ernstlich nach hoherem Wissen trachtet, keine
Miihe, kein Hindernis scheuen, urn einen Eingeweihten
aufzusuchen, der ihn in die hoheren Geheimnisse der Welt
einfiihren kann. Aber anderseits kann auch jeder sich
klar dariiber sein, daB ihn die Einweihung unter alien Um-
standen finden wird, wenn ernstes und wiirdiges Streben
nach Erkenntnis vorliegt. Denn es gibt ein natiirliches Ge-
setz fur alle Eingeweihten, das sie dazu veranlaBt, keinem
suchenden Menschen ein ihm gebiihrendes Wissen vorzu-
enthalten. Aber es gibt ein ebenso natiirliches Gesetz,
welches besagt, daB niemandem irgend etwas von dem
Geheimwissen ausgeliefert werden kann, zu dem er nicht
berufen ist. Und ein Eingeweihter ist um so vollkomme-
ner, je strenger er diese beiden Gesetze beobachtet. Das
geistige Band, das alle Eingeweihten umfaBt, ist kein auBe-
res, aber die beiden genannten Gesetze bilden feste Klam-
mern, durch welche die Bestandteile dieses Bandes zusam-
mengehalten werden. Du magst in intimer Freundschaft
mit einem Eingeweihten leben: du bist doch so lange von
seinem Wesen getrennt, bis du selbst ein Eingeweihter
geworden bist. Du magst das Herz, die Liebe eines Ein-
geweihten im vollsten Sinne genieBen: sein Geheimnis
wird er dir erst anvertrauen, wenn du reif dazu bist.
Du magst ihm schmeicheln, du magst ihn foltern: nichts
kann ihn bestimmen, dir irgend etwas zu verraten, von
dem er weiB, daB es dir nicht verraten werden darf,
weil du auf der Stufe deiner Entwickelung dem Geheim-
nis noch nicht den rechten Empfang in deiner Seele zu
bereiten verstehst.
Die Wege, die den Menschen reif zum Empfange eines
Geheimnisses machen, sind genau bestimmte. Ihre Rich-
tung ist mit unausloschbaren, ewigen Buchstaben vorge-
zeichnet in den Geisteswelten, in denen die Eingeweihten
die hoheren Geheimnisse behiiten. In alten Zeiten, die vor
unserer «Geschichte» liegen, waren die Tempel des Geistes
auch auBerlich sichtbare; heute, wo unser Leben so ungei-
stig geworden ist, sind sie nicht in der Welt vorhanden,
die dem auBeren Auge sichtbar ist. Aber sie sind geistig
uberall vorhanden; und jeder, der sucht, kann sie finden.
Nur in seiner eigenen Seele kann der Mensch die Mit-
tel finden, die ihm den Mund der Eingeweihten offnen.
Gewisse Eigenschaften muB er in sich bis zu einem be-
stimmten hohen Grade entwickeln, dann konnen ihm
die hochsten Geistesschatze zuteil werden.
Eine gewisse Grundstimmung der Seele muB den An-
fang bilden. Der Geheimforscher nennt diese Grundstim-
mung den Pfad der Verehrung, der Devotion gegeniiber
der Wahrheit und Erkenntnis. Nur wer diese Grundstim-
mung hat, kann Geheimschulerwerden. Wer Erlebnisse
auf diesem Gebiete hat, der weiB, welche Anlagen bei
denen schon in der Kindheit zu bemerken sind, welche
spater Geheimschiiler werden. Es gibt Kinder, die mit
heiliger Scheu zu gewissen von ihnen verehrten Personen
emporblicken. Sie haben eine Ehrfurcht vor ihnen, die
ihnen im tiefsten "Herzensgrunde verbietet, irgendeinen
Gedanken aufkommen zu lassen von Kritik, von Oppo-
sition. Solche Kinder wachsen zu Jiinglingen und Jung-
frauen heran, denen es wohltut, wenn sie zu irgend etwas
Verehrungsvollem aufsehen konnen. Aus den Reihen die-
ser Menschenkinder gehen viele Geheimschiiler hervor.
Hast du einmal vor der Tiire eines verehrten Mannes ge-
standen und hast du bei diesem deinem ersten Besuche
eine heilige Scheu empfunden, auf die Klinke zu driicken,
um in das Zimmer zu treten, das fur. dich ein «Heiligtum»
ist, so hat sich in dir ein Gefiihl geauBert, das der Keim
sein kann fur deine spatere Geheimschulerschaft. Es ist
ein Gliick ftir jeden heranwachsenden Menschen, solche
Gefiihle als Anlagen in sich zu tragen. Man glaube nur ja
nicht, daB solche Anlagen den Keim zur Unterwiirfigkeit
und Sklaverei bilden. Es wird spater die erst kindliche Ver-
ehrung gegeniiber Menschen zur Verehrung gegeniiber
Wahrheit und Erkenntnis. Die Erfahrung lehrt, daB die-
jenigen Menschen auch am besten verstehen, das Haupt
frei zu tragen, die verehren gelernt haben da, wo Ver-
ehrung am Platze ist. Und am Platze ist sie uberall da, wo
sie aus den Tiefen des Herzens entspringt.
Wenn wir nicht das tiefgriindige Gefiihl in uns entwik-
keln, daB es etwas Hoheres gibt, als wir sind, werden wir
auch nicht in uns die Kraft finden, uns zu einem Hoheren
hinaufzuentwickeln. Der Eingeweihte hat sich nur da-
durch die Kraft errungen, sein Haupt zu den Hohen der
Erkenntnis zu erheben, daB er sein Herz in die Tiefen der
Ehrfurcht, der Devotion gefiihrt hat. Hohe des Geistes
kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der
Demut geschritten wird. Ein rechtes Wissen kannst du
nur erlangen, wenn du gelernt hast, dieses Wissen zu ach-
ten. Der Mensch hat gewiB das Recht, sein Auge dem
Lichte entgegenzuhalten; aber er muB dieses Recht erwer-
ben. Im geistigen Leben gibt es ebenso Gesetze wie im
materiellen. Streiche eine Glasstange mit einem entspre-
chenden Stoffe, und sie wird elektrisch, das heiBt: sie er-
halt die Kraft, kleine Korper anzuziehen. Dies entspricht
einem Naturgesetz. Hat man ein wenig Physik gelernt, so
weiB man dies. Und ebenso weiB man, wenn man die An-
fangsgriinde der Geheimwissenschaft kennt, daB jedes in
der Seele entwickelte Gefiihl von wahrer Devotion eine
Kraft entwickelt, die in der Erkenntnis friiher oder spater
weiter fiihren kann.
Wer in seinen Anlagen die devotionellen Gefiihle hat,
oder wer das Gliick hat, sie durch eine entsprechende
Erziehung eingepflanzt zu erhalten, der bringt vieles mit,
wenn er im spateren Leben den Zugang zu hoheren Er-
kenntnissen sucht. Wer eine solche Vorbereitung nicht
mitbringt, dem erwachsen schon auf der ersten Stufe des
Erkenntnispfades Schwierigkeiten, wenn er nicht durch
Selbsterziehung die devotionelle Stimmung energisch in
sich zu erzeugen unternimmt. In unserer Zeit ist es ganz
besonders wichtig, daB auf diesen Punkt die voile Auf-
merksamkeit gelenkt wird. Unsere Zivilisation neigt mehr
zur Kritik, zum Richten, zum Aburteilen und wenig zur
Devotion, zur hingebungsvollen Verehrung. Unsere Kin-
der schon kritisieren viel mehr, als sie hingebungsvoll ver-
ehren. Aber jede Kritik, jedes richtende Urteil vertreiben
ebensosehr die Krafte der Seele zur hoheren Erkenntnis,
wie jede hingebungsvolle Ehrfurcht sie entwickelt. Damit
soil gar nichts gegen unsere Zivilisation gesagt sein. Es
handelt sich hier gar nicht darum, Kritik an dieser unserer
Zivilisation zu iiben. Gerade der Kritik, dem selbstbewuB-
ten menschlichen Urteil, dem «Priifet alles und das Beste
behaltet», verdanken wir die GroBe unserer Kultur. Nim-
mermehr hatte der Mensch die 'Wissenschaft, die Indu-
strie, den Verkehr, die Rechtsverhaltnisse unserer Zeit er-
langt, wenn er nicht iiberall Kritik geubt, iiberall den
MaBstab seines Urteils angelegt hatte. Aber was wir da-
durch an auBerer Kultur gewonnen haben, muBten wir
mit einer entsprechenden EinbuBe an hdherer Erkenntnis,
an spirituellem Leben bezahlen. Betont muB werden, daB
es sich beim hoheren Wissen nicht um Verehrung von
Menschen, sondern um eine solche gegeniiber Wahrheit
und Erkenntnis handelt.
Nur das eine muB freilich sich jeder klarmachen, daB
derjenige, der ganz in der verauBerlichten Zivilisation
unserer Tage darinnen steckt, es sehr schwer hat, zur
Erkenntnis der hoheren Welten vorzudringen. Er kann es
nur, wenn er energisch an sich arbeitet. In einer Zeit, in
der die Verhaltnisse des materiellen Lebens einfache wa-
ren, war auch geistiger Aufschwung leichter zu erreichen.
Das Verehrungswiirdige, das Heiligzuhaltende hob sich
mehr von den ubrigen Weltverhaltnissen ab. Die Ideale
werden in einem kritischen Zeitalter herabgezogen. An-
dere Gefiihle treten an die Stelle der Verehrung, der Ehr-
furcht, der Anbetung und Bewunderung. Unser Zeitalter
drangt diese Gefiihle immer mehr zuruck, so daB sie durch
das alltagliche Leben dem Menschen nur noch in sehr ge-
ringem Grade zugefiihrt werden. Wer hohere Erkenntnis
sucht, muB sie in sich erzeugen. Er muB sie selbst seiner
Seele einfloBen. Das kann man nicht durch Studium. Das
kann man nur durch das Leben. Wer Geheimschiiler wer-
den will, muB sich daher energisch zur devotionellen
Stimmung erziehen. Er muB iiberall in seiner Umgebung,
in seinen Erlebnissen dasjenige aufsuchen, was ihm Be-
wunderung und Ehrerbietung abzwingen kann. Begegne
ich einem Menschen und tadle ich seine Schwachen, so
raube ich mir hohere Erkenntniskraft; suche ich liebevoll
mich in seine Vorztige zu vertiefen, so sammle ich solche
Kraft. Der Geheimj linger muB fortwahrend darauf be-
dacht sein, diese Anleitung zu befolgen. Erfahrene Ge-
heimforscher wissen, was sie fur eine Kraft dem Um-
stande verdanken, daB sie immer wieder alien Dingen
gegentiber auf das Gute sehen und mit dem richtenden
Urteile zuruckhalten. Aber dies darf nicht eine auBerliche
Lebensregel bleiben. Sondern es muB von dem Inner sten
unsrer SeeleBesitz ergreifen. Der Mensch hat es in seiner
Hand, sich selbst zu vervollkommnen, sich mit der Zeit
ganz zu verwandeln. Aber es muB sich diese Umwand-
lung in seinem Innersten, in seinem Gedankenleben voll-
ziehen. Es genligt nicht, daB ich auBerlich in meinem Ver-
halten Achtung gegentiber einem Wesen zeige. Ich muB
diese Achtung in meinen Gedanken haben. Damit muB
der Geheimschuler beginnen, daB er die Devotion in sein
Gedankenleben aufnimmt. Er muB auf die Gedanken der
Unehrerbietung, der abfalligen Kritik in seinem BewuBt-
sein achten. Und er muB geradezu suchen, in sich Gedan-
ken der Devotion zu pflegen.
Jeder Augenblick, in dem man sich hinsetzt, um ge-
wahr zu werden in seinem BewuBtsein, was in einem
steckt an abfalligen, richtenden, kritischen Urteilen iiber
Welt und Leben: - jeder solcher Augenblick bringt uns
der hoheren Erkenntnis naher. Und wir steigen rasch auf,
wenn wir in solchen Augenblicken unser BewuBtsein nur
erftillen mit Gedanken, die uns mit Bewunderung, Ach-
tung, Verehrung gegeniiber Weltund Leben erfiillen. Wer
in diesen Dingen Erfahrung hat, der weiB, daB in jedem
solchen Augenblicke Krafte in dem Menschen erweckt
werden, die sonst schlummernd bleiben. Es werden da-
durch dem Menschen die geistigen Augen geoffnet. Er
fangt dadurch an, Dinge urn sich herum zu sehen, die er
friiher nicht hat sehen konnen. Er fangt an zu begreifen,
daB er vorher nur einen Teil der ihn umgebenden Welt
gesehen hat. Der Mensch, der ihm gegeniibertritt, zeigt
ihm jetzt eine ganz andere Gestalt als vorher. Zwar wird
er durch diese Lebensregel noch nicht imstande sein,
schon das zu sehen, was z. B. als die menschliche Aura
beschrieben wird. Denn dazu ist eine noch hohere Schu-
lung notig. Aber eben zu dieser hoheren Schulung kann
er aufsteigen, wenn er vorher eine energische Schulung
in Devotion durchgemacht hat,"
Gerauschlos und unbemerkt von der auBeren Welt
vollzieht sich das Betreten des «Erkenntnispfades» durch
den Geheimschiiler. Niemand braucht an ihm eine Ver-
anderung wahrzunehmen. Er tut seine Pflichten wie vor-
her; er besorgt seine Geschafte wie ehedem. Die Verwand-
lung geht lediglich mit der inneren Seite der Seele vor
sich, die dem auBeren Auge entzogen ist. Zunachst iiber-
strahlt das ganze Gemiitsleben des Menschen die eine
Grundstimmung der Devotion gegeniiber allem wahrhaft
Ehrwiirdigen. In diesem einen Grundgefiihle findet sein
ganzes Seelenleben den Mittelpunkt. Wie die Sonne durch
* In ubersichtlicher Art findet man den «Pfad der Erkenntnis» im letzten
Abschnitt meiner eben in 19. Aufl. erscheinenden «Theosophie. Einfiih-
rung in ubersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung» (Der
kommende Tag, Sturtgart), Hier sollen im einzelnen praktische Gesichts-
punkte angegeben werden.
ihre Strahlen alles Lebendige belebt, so belebt beim Ge-
heimschiiler die Verehrung alle Empfindungen der Seele.
Es wird dem Menschen anfangs nicht leicht, zu glau-
ben, daB Gefiihle wie Ehrerbietung, Achtung usw.
etwas mit seiner Erkenntnis zu tun haben. Dies riihrt
davon her, daB man geneigt ist, die Erkenntnis als eine
Fahigkeit fur sich hinzustellen, die mit dem in keiner
Verbindung steht, was sonst in der Seele vorgeht. Man
bedenkt dabei aber nicht, daB die Seele es ist, welche
erkennt. Und fiir die Seele sind Gefiihle das, was fur den
Leib die Stoffe sind, welche seine Nahrung ausmachen.
Wenn man dem Leibe Steine statt Brot gibt, so erstirbt
seine Tatigkeit. Ahnlich ist es mit der Seele. Fur sie sind
Verehrung, Achtung, Devotion nahrende Stoffe, die sie
gesund, kraftig machen; vor allem kraftig zur Tatigkeit
des Erkennens. MiBachtung, Antipathie, Unterschatzung
des AnerkennenswertenbewirkenLahmungundErsterben
der erkennenden Tatigkeit. - Fur den Geistesforscher
ist diese Tatsache an der Aura ersichtlich. Eine Seele, die
sich verehrende, devotionelle Gefiihle aneignet, bewirkt
eine Veranderung ihrer Aura. Gewisse als gelbrote, braun-
rote zu bezeichnende geistige Farbentone verschwinden
und werden durch blaurote ersetzt. Dadurch aber offnet
sich das Erkenntnis vermogen; es empfangt Kunde von
Tatsachen in seiner Umgebung, von denen es vorher keine
Ahnung hatte. Die Verehrung weckt eine sympathische
Kraft in der Seele, und durch diese werden Eigenschaften
deruns umgebenden Wesen von uns angezogen, die sonst
verborgen bleiben.
Wirksamer noch wird das, was durch die Devotion zu
erreichen ist, wenn eine andere Gefiihlsart hinzukommt.
Sie besteht darinnen, daB der Mensch lernt, sich immer
weniger den Eindriicken der AuBenwelt hinzugeben, und
dafiir ein reges Innenleben entwickelt. Ein Mensch, der
von einem Eindruck der AuBenwelt zu dem andern jagt,
der stets nach «Zerstreuung» sucht, findet nicht den Weg
zur Geheimwissenschaft. Nicht abstumpfen soli sich der
Geheimschiiler ftir die AuBenwelt; aber sein reiches In-
nenleben soil ihm die Richtung geben, in der er sich ihren
Eindriicken hingibt. Wenn ein gefiihlsreicher und gemiits-
tiefer Mensch durch eine scheme Gebirgslandschaft geht,
erlebt er anderes als ein gefiihlsarmer. Erst was wir im
Innern erleben, gibt uns den Schliissel zu den Schonheiten
der AuBenwelt. Der eine fahrt iiber das Meer, und nur
wenig innere Erlebnisse ziehen durch seine Seele; der an-
dere empfindet dabei die ewige Sprache des Weltgeistes;
ihm enthiillen sich geheime Ratsel der Schopfung. Man
muB gelernt haben, mit seinen eigenen Gefuhlen, Vorstel-
lungen umzugehen, wenn man ein inhaltvolles Verhaltnis
zur AuBenwelt entwickeln will. Die AuBenwelt ist in
alien ihren Erscheinungen erfullt von gottlicher Herrlich-
keit; aber man muB das Gottliche erst in seiner Seele selbst
erlebt haben, wenn man es in der Umgebung finden will.
- Der Geheimschiiler wird darauf verwiesen, sich Augen-
blicke in seinem Leben zu schaffen, in denen er still und
einsam sich in sich selbst versenkt. Nicht den Angelegen-
heiten seines eigenen Ich aber soil er sich in solchen
Augenblicken hingeben. Das wiirde das Gegenteil von
dem bewirken, was beabsichtigt ist. Er soil vielmehr in
solchen Augenblicken in aller Stille nachklingen lassen,
was er erlebt hat, was ihm die auBere Welt gesagt hat.
Jede Blume, jedes Tier, jede Handlung wird ihm in sol-
chen stillen Augenblicken ungeahnte Geheimnisse ent-
hlillen. Und er wird vorbereitet dadurch, neue Eindrticke
der AuBenwelt mit ganz anderen Augen zu sehen als vor-
her. Wer nur Eindruck nach Eindruck geniefien will,
stumpft sein Erkenntnisvermogen ab. Wer, nach dem Ge-
nusse, sich von dem Genusse etwas offenbaren laBt, der
pflegt und erzieht sein Erkenntnisvermogen. Er muB sich
nur daran gewohnen, nicht etwa nur den GenuB nach-
klingen zu lassen, sondern, mit Verzicht auf weiteren Ge-
nuB, das Genossene durch innere Tatigkeit zu verarbeiten.
Die Klippe ist hier eine sehr groBe, die Gefahr bringt.
Statt in sich zu arbeiten, kann man leicht in das Gegenteil
verfallen und den GenuB nur hinterher noch vollig aus-
schopfen wollen. Man unterschatze nicht, daB sich hier
unabsehbare Quellen des Irrtums fur den Geheimschliler
eroffnen. Er muB ja hindurch zwischen einer Schar von
Verflihrern seiner Seele. Sie alle wollen sein «Ich» ver-
harten, in sich selbst verschlieBen. Er aber soil es auf-
schlieBen flir die Welt. Er mufi ja den GenuB suchen;
denn nur durch ihn kommt die AuBenwelt an ihn heran.
Stumpft er sich gegen den GenuB ab, so wird er wie eine
Pflanze, die aus ihrer Umgebung keine Nahrungsstoffe
mehr an sich ziehen kann. Bleibt er aber beim Genusse
stehen, so verschlieBt er sich in sich selbst. Er wird nur
etwas/wr sich, nichts fur die Welt bedeuten. Mag er in sich
dann noch so sehr leben, mag er sein «Ich» noch so stark
pflegen: die Welt scheidet ihn aus. Flir sie ist er tot. Der
Geheimschliler betrachtet den Genufi nur als ein Mittel,
um sich fiir die Welt zu veredeln. Der GenuB ist ihm ein
Kundschafter, der ihn unterrichtet liber die Welt; aber er
schreitet nach dem Unterricht durch den GenuB zur Arbeit
vorwarts. Er lernt nicht, urn das Gelernte als seine Wis-
sensschatze aufzuhaufen, sondern urn das Gelernte in den
Dienst der Welt zu stellen.
Es ist ein Grundsatz in aller Geheimwissenschaft, der
nicht iibertreten werden darf,wenn irgendein Ziel.erreicht
werden soil. Jede Geheimschulung muB ihn dem Schiiler
einpragen. Er heiBt: Jede Erkenntnis, die du suchst, nur
um dein Wissen zu bereichern, nur um Schatze in diran-
zuhaufen, fuhrt dich ab von deinem Wege; jede Erkennt-
nis aber, die du suchst, um reiferzu werden aufdem Wege
der Menschenveredelung und der Weltentwickelung,
die bringtdich einen Schritt vorwarts. Dieses Gesetz for-
dert unerbittlich seine Beobachtung. Und man ist nicht
friiher Geheimschiiler, ehe man dieses Gesetz zur Richt-
schnur seines Lebens gemacht hat. Man kann diese Wahr-
heit der geistigen Schulung in den kurzen Satz zusammen-
fassen: Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertdtet in
deinerSeele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird,
erschajft in dir Lebenskrafte.
Innere Ruhe
Auf den Pfad der Verehrung und auf die Entwickelung
des inneren Lebens wird der Geheimschiiler im Anfange
seiner Laufbahn gewiesen. Die Geisteswissenschaft gibt
nun auch praktische Regeln an die Hand, durch deren
Beobachtung der Pfad betreten, das innere Leben enrwik-
kelt werden kann. Diese praktischen Regeln entstammen
nicht der Willkiir. Sie beruhen auf uralten Erfahrungen
und uraltem Wissen. Sie werden iiberall in der gleichen
Art gegeben, wo die Wege zur hoheren Erkenntnis ge-
wiesen werden. Alle wahren Lehrer des geistigen Lebens
stimmen in bezug auf den Inhalt dieser Regeln iiberein,
wenn sie dieselben auch nicht immer in die gleichen Wor-
te kleiden. Die untergeordnete, eigentlich nur scheinbare
Verschiedenheit riihrt von Tatsachen her, welche hier nicht
zu besprechen sind.
Kein Lehrer des Geisteslebens will durch solche Regeln
eine Herrschaft iiber andere Menschen ausiiben. Er will
niemand in seiner Selbstandigkeit beeintrachtigen. Denn
es gibt keine besseren Schatzer und Huter der mensch-
lichen Selbstandigkeit als die Geheimforscher. Es ist (im
ersten Teile in dieser Schrift) gesagt worden, das Band,
das alle Eingeweihten umfaBt, sei ein geistiges, und zwei
naturgemaBe Gesetze bilden die Klammern, welche die
Bestandteile dieses Bandes zusammenhalten. Tritt nun
der Eingeweihte aus seinem umschlossenen Geistgebiet
heraus, vor die Offentlichkeit: dann kommt fiir ihn
sogleich ein drittes Gesetz in Betracht. Es ist dieses:
Richte jede deiner Taten, jedes deiner Worte so ein, daB
durch dich in keines Menschen freien WillensentschluB
eingegriffen wird.
Wer durchschaut hat, daB ein wahrer Lehrer des Gei-
steslebens ganz von dieser Gesinnung durchdrungen ist,
der kann auch wissen, daB er nichts von seiner Selbstan-
digkeit einbiiBt, wenn er den praktischen Regeln folgt,
die ihm geboten werden.
Eine der ersten dieser Regeln kann nun etwa in die fol-
genden Worte der Sprache gekleidet werden: «Schaffe dir
Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augen-
blicken das Wesentliche von dem Unwesentlichen unter-
scheiden» - Es wird hier gesagt, diese praktische Regel
laute so in «Worte der Sprache gefaBt». Urspriinglich
werden namlich alle Regeln und Lehren der Geisteswis-
senschaft in einer sinnbildlichen Zeichensprache gegeben.
Und wer ihre ganze Bedeutung und Tragweite kennen-
lernen will, der muB erst diese sinnbildliche Sprache sich
zum Verstandnis bringen. Dieses Verstandnis ist davon ab-
hangig, daB der Betreffende bereits die ersten Schritte in
der Geheimwissenschaft getan hat. Diese Schritte aber
kann er durch die genaue Beobachtung solcher Regeln
gehen, wie sie hier gegeben werden. Jedem steht der Weg
offen, der ernstliches Wollen hat.
Einfach ist die obige Regel beziiglich der Augenblicke
der inneren Ruhe. Und einfach ist auch ihre Befolgung.
Aber zum Ziele fiihrt sie nur, wenn sie ebenso ernst und
streng angefaBt wird, wie sie einfach ist. - Ohne Um-
schweife soil daher hier auch gesagt werden, wie diese
Regel zu befolgen ist.
-Der Geheimschiiler hat sich eine kurze Zeit von seinem
taglichen Leben auszusondern, urn sich in dieser Zeit mit
etwas ganz anderem zu befassen, als die Gegenstande sei-
ner taglichen Beschaftigung sind. Und auch die Art seiner
Beschaftigung muB eine ganz andere sein als diejenige,
mit der er den ubrigen Tag ausfiillt. Das ist aber nicht so
zu verstehen, als ob dasjenige, was er in dieser ausgeson-
derten Zeit vollbringt, nichts zu tun habe mit dem Inhalt
seiner taglichen Arbeit. Im Gegenteil: der Mensch, der
solche abgesonderten Augenblicke in der rechten Art
sucht, wird bald bemerken, daB er durch sie erst die voile
Kraft zu seiner Tagesaufgabe erhalt. Auch darf nicht ge-
glaubt werden, daB die Beobachtung dieser Regel jeman-
dem wirklich Zeit von seiner Pflichtenleistung entziehen
konne. Wenn jemand wirklich nicht mehr Zeit zur Verfii-
gung haben sollte, so genugen/wn/ Minuten jeden Tag.
Es kommt darauf an, wie diese fiinf Minuten angewendet
werden.
In dieser Zeit soil der Mensch sich vollstandig heraus-
reiBen aus seinem Alltagsleben. Sein Gedanken-, sein Ge-
fiihlsleben soil da eine andere Farbung erhalten, als sie
sonst haben. Er soil seine Freuden, seine Leiden, seine Sor-
gen, seine Erfahrungen, seine Taten vor seiner Seele vor-
beiziehen lassen. Und er soil sich dabei so stellen, daB er
alles das, was er sonst erlebt, von einem hoheren Gesichts-
punkte aus ansieht. Man denke nur einmal daran, wie man
im gewohnlichen Leben etwas ganz anders ansieht, was
ein anderer erlebt oder getan hat, als was man selbst er-
lebt oder getan hat. Das kann nicht anders sein. Denn mit
dem, was man selbst erlebt oder tut, ist man verwoben;
das Erlebnis oder die Tat eines anderen betrachtet man
nur. Was man in den ausgesonderten Augenblicken anzu-
streben hat, ist nun, die eigenen Erlebnisse und Taten so
anzuschauen, so zu beurteilen, als ob man sie nicht selbst,
sondern als ob sie ein anderer erlebt oder getan hatte. Man
stelle sich einmal vor: jemand habe einen schweren
Schicksalsschlag erlebt. Wie anders steht er dem gegen-
uber als einem ganz gleichen Schicksalsschlage bei seinem
Mitmenschen? Niemand kann das fiir unberechtigt hal-
ten. Es liegt in der menschlichen Natur. Und ahnlich wie
in solchen auBergewohnlichen Fallen ist es in den alltag-
lichen Angelegenheiten des Lebens. Der Geheimschiiler
muB die Kraft suchen, sich selbst in gewissen Zeiten wie
ein Fremder gegeniiberzustehen. Mit der inneren Ruhe
des Beurteilers muB er sich selbst entgegentreten. Erreicht
man das, dann zeigen sich einem die eigenen Erlebnisse in
einem neuen Lichte. Solange man in sie verwoben ist, so-
lange man in ihnen stent, hangt man mit dem Unwesent-
lichen ebenso zusammen wie mit dem Wesentlichen.
Kommt man zur innerenRuhe des Uberblicks, dann son-
dert sich das Wesentliche von demUnwesentlichen. Kum-
mer und Freude, jeder Gedanke, jeder EntschluB erschei-
nen anders, wenn man sich so selbst gegeniibersteht. - Es
ist, wie wenn man den ganzen Tag hindurch in einem
Orte sich aufgehalten hat und das Kleinste ebenso nahe
gesehen hat wie das GroBte; dann des Abends auf einen
benachbarten Hiigel steigt und den ganzen Ort auflein-
mal uberschaut. Da erscheinen die Teile dieses Ortes in
anderen gegenseitigen Verhaltnissen, als wenn man dar-
innen ist. Mit gegenwartig erlebten Schicksalsfiigungen
wird und braucht dies nicht zu gelingen; mit langer ver-
gangenen muB es vom Schiiler des Geisteslebens erstrebt
werden. - Der Wert solcher inneren, ruhigen Selbstschau
hangt viel weniger davon ab, was man dabei erschaut, als
vielmehr davon, daB man in sich die Kraft findet, die
solche innere Ruhe entwickelt.
Denn jeder Mensch tragt neben seinem - wir wollen
ihn so nennen - Alltagsmenschen in seinem Innern noch
einen hdheren Menschen. Dieser hohere Mensch bleibt so
lange verborgen, bis er geweckt wird. Und jeder kann die-
sen hoheren Menschen nur selbst in sich erwecken. So-
lange aber dieser hohere Mensch nicht erweckt ist, so
lange bleiben auch die in jedem Menschen schlummern-
den hoheren Fahigkeiten verborgen, die zu iibersinn-
lichen Erkenntnissen fiihren.
Solange jemand die Frucht der inneren Ruhe nicht
fiihlt, muB er sich eben sagen, daB er in der ernsten stren-
gen Befolgung der angefiihrten Regel fortfahren muB.
Fur jeden, der so verfahrt, kommt der Tag, wo es urn
ihn herum geistig hell wird, wo sich einem Auge, das er
bis dahin in sich nicht gekannt hat, eine ganz neue Welt
erschlieBen wird.
Und nichts braucht sich im auBeren Leben des Ge-
heimschiilers zu andern dadurch, daB er anfangt, diese Re-
gel zu befolgen. Er geht seinen Pflichten nach wie vorher;
er erduldet dieselben Leiden und erlebt dieselben Freu-
den zunachst wie vorher. In keiner Weise kann er dadurch
dem «Leben» entfremdet werden. Ja, er kann um so vol-
ler den iibrigen Tag hindurch diesem «Leben» nachgehen,
weil er in seinen ausgesonderten Augenblicken ein «hohe-
res Leben» sich aneignet. Nach und nach wird dieses
«hohere Leben» schon seinen EinfluB auf das gewohnliche
geltend machen. Die Ruhe der ausgesonderten Augen-
blicke wird ihre Wirkung auch auf den Alltag haben.
Der ganze Mensch wird ruhiger werden, wird Sicherheit
bei all seinen Handlungen gewinnen, wird nicht mehr aus
der Fassung gebracht werden konnen durch alle mog-
lichen Zwischenfalle. Allmahlich wird sich solch an-
gehender Geheimschiiler sozusagen immer mehr selbst
leiten und weniger von den Umstanden und auBeren Ein-
flussen leiten lassen. Ein solcher Mensch wird bald be-
merken, .was fur eine Kraftquelle solche ausgesonderte
Zeitabschnitte fur ihn sind. Er wird anfangen, sich iiber
Dinge nicht mehr zu argern, iiber die er sich vorher ge-
argert hat; unzahlige Dinge, die er vorher gefiirchtet hat,
horen auf, ihm Befiirchtungen zu machen. Eine ganz neue
Lebensauffassung eignet er sich an. Vorher ging er viel-
leicht zaghaft an diese oder jene Verrichtung. Er sagte
sich: O, meine Kraft reicht nicht aus, dies so zu machen,
wie ich es gerne gemacht hatte. Jetzt kommt ihm nicht
mehr dieser Gedanke, sondern vielmehr ein ganz anderer.
Nunmehr sagt er sich namlich: Ich will alle Kraft zusam-
mennehmen, urn meine Sache so gut zu machen, als ich
nur irgend kann. Und den Gedanken, der ihn zaghaft ma-
chen konnte, unterdriickt er. Denn er weiB, daB ihn eben
die Zaghaftigkeit zu einer schlechteren Leistung ver-
anlassen konnte, daB jedenfalls diese Zaghaftigkeit nichts
beitragen kann zur Verbesserung dessen, was ihm obliegt.
Und so ziehen Gedanke nach Gedanke in die Lebensauf-
fassung des Geheimschiilers ein, die fruchtbar, forderlich
sind fur sein Leben. Sie treten an die Stelle von solchen,
die ihm hinderlich, schwachend waren. Er fangt an, sein
Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu fiihren in-
nerhalb der Wogen des Lebens, wahrend es vorher von
diesen Wogen hin und her geschlagen worden ist.
Und solche Ruhe und Sicherheit wirken auch auf das
ganze menschliche Wesen zuriick. Der innere Mensch
wachst dadurch. Und mit ihm wachsen jene inneren Fahig-
keiten, welche zu den hoherenErkenntnissen fiihren. Denn
durch seine in dieser Richtung gemachten Fortschritte ge-
langt der Geheimschiiler allmahlich dahin, daB er selbst
bestimmt, wie die Eindriicke der AuBenwelt auf ihn
einwirken diirfen. Er hort z. B. ein Wort, durch das ein
anderer ihn verletzen oder argern will. Vor seiner Geheim-
schulerschaft ware er auch verletzt worden oder hatte sich
geargert. Da er nun den Pfad der Geheimschulerschaft
betretenhat, ist erimstande, dem Worte seinen verletzen-
den oder argerlichen Stachel zu nehmen, bevor es den
Weg zu seinem Innern gefunden hat. Oder ein anderes
Beispiel. Ein Mensch wird leicht ungeduldig, wenn er war-
ten soil. Er betritt den Pfad des Geheimschiilers. Er durch-
dringt sich in seinen Augenblicken der Rune so sehr mit
dem Gefiihl von der Zwecklosigkeit vieler Ungeduld, daB
er fortan bei jeder erlebten Ungeduld sofort dieses Ge-
fiihl gegenwartig hat. Die Ungeduld, die sich schon ein-
stellen wollte, verschwindet, und eine Zeit, die sonst ver-
lorengegangen ware unter den Vorstellungen der Unge-
duld, wird vielleicht ausgefiillt von einer niitzlichen Beob-
achtung, die wahrend des Wartens gemacht werden kann.
Nun muB man sich nur die Tragweite von alledem ver-
gegenwartigen. Man bedenke, daB der «hohere Mensch»
im Menschen in fortwahrender Entwickelung ist. Durch
.die beschriebene Ruhe und Sicherheit wird ihm aber allein
eine gesetzmaBige Entwickelung ermoglicht. Die Wogen
des auBeren Lebens zwangen den inneren Menschen von
alien Seiten ein, wenn der Mensch nicht dieses Leben be-
herrscht, sondern von ihm beherrscht wird. Ein solcher
Mensch ist wie eine Pflanze, die sich in einer Felsspalte
entwickeln soil. Sie verkummert so lange, bis man ihr
Raumschafft. Dem inneren Menschen konnen keine auBe-
ren Krafte Raum schaffen. Das.vermag nur die innere
Ruhe, die er seiner Seele schafft. AuBere Verhaltnisse
konnen nur seine auBere Lebenslage andern; den «gei-
stigen Menschen» in ihm konnen sie nie und nimmer er-
wecken. - In sich selbst muB der Geheimschiiler einen
neuen, einen hoheren Menschen gebaren.
Dieser «hohere Mensch» wird dann der «innere Herr-
scher», der mit sicherer Hand die Verhaltnisse des auBe-
ren Menschen flihrt. Solange der auBere Mensch die Ober-
hand und Leitung hat, ist dieser «innere» sein Sklave und
kann daher seine Krafte nicht entfalten. Hangt es von
etwas anderem als von mir ab, ob ich mich argere oder
nicht, so bin ich nicht Herr meiner selbst, oder - noch
besser gesagt -: ich habe den «Herrscher in mir» noch
nicht gefunden. Ich muB in mir die Fahigkeit entwickeln,
die Eindrticke der AuBenwelt nur in einer durch mich
selbst bestimmten Weise an mich herankommen zu las-
sen; dann kann ich erst Geheimschuler werden. - Und
nur insoweit der Geheimschuler ernstlich nach dieser
Kraft sucht, kann er zum Ziel kommen. Es kommt nicht
darauf an, wie weit es einer in einer bestimmten Zeit
bringt; sondern allein darauf, daB er ernstlich sucht.
Schon manchen hat es gegeben, der jahrelang sich an-
gestrengt hat, ohne an sich einen merklichen Fortschritt
zu bemerken; viele von denen aber, die nicht verzweifelt,
sondern unerschutterlich geblieben sind, haben dann ganz
plotzlich den «inneren Sieg» errungen.
Es gehort gewiB in mancher Lebenslage eine groBe
Kraft dazu, sich Augenblicke innerer Ruhe zu schaffen.
Aber je groBer die notwendige Kraft, desto bedeutender
ist auch das, was erreicht wird. Alles hangt in bezug auf
die Geheimschulerschaft davon ab, daB man energisch,
mit innerer Wahrheit und ruckhaltloser Aufrichtigkeit
sich selbst, mit alien seinen Handlungen und Taten, als
ein vollig Fremder gegentiberstehen kann.
Aber nur eine Seite der inneren Tatigkeit des Geheim-
schtilers ist durch diese Geburt des eigenen hoheren Men-
schen gekennzeichnet. Es muB dazu noch etwas anderes
kommen. Wenn sich namlich der Mensch auch selbst als
ein Fremder gegentibersteht, so betrachtet er doch nur
sich selbst; er sieht auf diejenigen Erlebnisse und Hand-
lungen, mit denen er durch seine besondere Lebenslage
verwachsen ist. Er muB darliber hinauskommen. Er muB
sich erheben zu einem rein Menschlichen, das nichts mehr
mit seiner besonderen Lage zu tun hat. Er muB zu einer
Betrachtung derjenigen Dinge ubergehen, die ihn als
: Mensch etwas angingen, auch wenn er unter ganz ande-
ren Verhaltnissen, in einer ganz anderen Lage lebte. Da-
durch lebt in ihm etwas auf, was iiber das Personliche
hinausragt. Er richtet damit den Blick in hdhere Welten,
als diejenigen sind, mit denen ihn der Alltag zusammen-
fiihrt, Und damit beginnt der Mensch zu flihlen, zu er-
leben, daB er solchen hoheren Wehen angehort. Es sind
das Welten, iiber die ihm seine Sinne, seine alltagliche
Beschaftigung nichts sagen konnen. So erst verlegt er den
Mittelpunkt seines Wesens in sein Inneres. Er hort auf
die Stimmen in seinem Innern, die in den Augenblicken
der Ruhe zu ihm sprechen; er pflegt im Innern Umgang
mit der geistigen Welt. Er ist dem Alltag entruckt. Der
Larm dieses Alltags ist fur ihn verstummt. Es ist um ihn
herum still geworden. Er weist alles ab, was um ihn her-
um ist; ja er weist auch alles ab, was ihn an solche
Eindrlicke von auBen erinnert. Die ruhige Beschaulich-
keit im Innern, die Zwiesprache mit der rein geistigen
.Welt flillt seine ganze Seele aus. - Ein nattirliches Lebens-
bedlirfnis muB dem Geheimschliler solche stille Beschau-
lichkeit werden. Er ist zunachst ganz in eine Gedanken-
welt versenkt. Er muB fur diese stille Gedankentatigkeit
ein lebendiges Gefilhl entwickeln. Er muB lieben lernen,
was ihm der Geist da zustromt. Bald hort er dann auch
auf, diese Gedankenwelt als etwas zu empfinden, was un-
wirklicher sei als die Dinge des Alltags, die ihn umgeben.
Er fangt an, mit seinen Gedanken umzugehen wie mit den
Dingen im Raume. Und dann naht fiir ihn auch der
Augenblick, in dem er das, was sich ihm in der Stille inne-
rer Gedankenarbeit offenbart, als viel hoher, wirklicher
zu fiihlen beginnt als die Dinge im Raume. Er erfahrt,
das sich Leben in dieser Gedankenwelt ausspricht. Er
sieht ein, daB sich in Gedanken nicht bloBe Schattenbilder
ausleben, sondern, daB durch sie verborgene Wesenheiten
zu ihm sprechen. Es fangt an, aus der Stille heraus zu ihm
zu sprechen. Vorher hat es nur durch sein Ohr zu ihm ge-
tont; jetzt tont es durch seine Seele. Eine innere Sprache
- ein inneres Wort - hat sich ihm erschlossen. Beseligt
im hochsten Grade fiihlt sich der Geheimschiiler, wenn
er diesen Augenblick zum ersten Male erlebt. liber seine
ganze auBere Welt ergieBt sich ein inneres Licht. Ein
zweites Leben beginnt fiir ihn. Der Strom einer gottlichen,
einer gottbeseligenden Welt ergieBt sich durch ihn.
Solches Leben der Seele in Gedanken, das sich immer
mehr erweitert zu einem Leben in geistiger Wesenheit,
nennt die Gnosis, die Geistwissenschaft Meditation (be-
schauliches Nachdenken). Diese Meditation ist das Mittel
zu iibersinnlicher Erkenntnis. - Aber nicht schwelgen in
Gefiihlen soil der Geheimschiiler in solchen Augen-
blicken. Er soil nicht unbestimmte Empfindungen in sei-
ner Seele haben. Das wiirde ihn nur hindern, zu wahrer
geistiger Erkenntnis zu kommen. Klar, scharf, bestimmt
sollen sich seine Gedanken gestalten. Dazu wird er einen
Anhalt finden, wenn er sich nicht blind an die Gedanken
halt, die ihm aufsteigen. Er soil sich vielmehr mit den
hohen Gedanken durchdringen, welche vorgeschrittene,
schon vom Geist erfaBte Menschen in solchen Augen-
blicken gedacht haben. Er soil zum Ausgangspunkte die
Schriften nehmen, die selbst solcher Offenbarung in der
Meditation entsprossen sind. In der mystischen, in der
gnostischen, in der geisteswissenschaftlichen Literaturvon
heute findet der Geheimschiiler solche Schriften. Da er-
geben sich ihm die Stoffe zu seiner Meditation. Die Geist-
sucher haben selbst in solchen Schriften die Gedanken
der gottlichen Wissenschaft niedergelegt; der Geist hat
durch seine Boten sie der Welt verkiindigen lassen.
Durch solche Meditation geht eine vollige Verwand-
lung mit dem Geheimschiiler vor. Er fangt an, iiber die
Wirklichkeit ganz neue Vorstellungen sich zu bilden. Alle
Dinge erhalten ftir ihn einen anderen Wert. Immer wie-
der muB es gesagt werden: nicht weltfremd wird der Ge-
heimschiiler durch solche Wandelung. Er wird auf keinen
Fall seinem alltaglichen Pflichtenkreis entfremdet. Denn
er lernt einsehen, daB die geringste Handlung, die er zu
vollbringen hat, das geringste Erlebnis, das sich ihm dar-
bietet, im Zusammenhang stehen mit den groBen Welt-
wesenheiten und Weltereignissen. Wird ihm dieser Zu-
sammenhang durch seine beschaulichen Augenblicke erst
klar, dann geht er mit neuer vollerer Kraft an seinen tag-
lichen Wirkungskreis. Denn jetzt weiB er: was er arbeitet,
was er leidet, das arbeitet, leidet er um eines groBen,
geistigen Weltzusammenhanges willen. Kraft zum Leben,
nicht Lassigkeit quillt aus der Meditation.
Mit sicherem Schritt geht der Geheimschiiler durch das
Leben. Was es ihm auch bringen mag, laBt ihn aufrecht
schreiten. Vorher hat er nicht gewuBt, warum er arbeitet,
warum er leidet: jetzt weiB er dies. Einzusehen ist, daB
solche Meditationstatigkeit besser zum Ziele fiihrt, wenn
sie unter Anleitung erfahrener Menschen geschieht. Sol-
chen Menschen, die von sich aus wissen, wie alles am
besten zu machen ist. Man sehe daher den Rat, die Anwei-
sung solcher Menschen sich an. Man verliert dadurch
wahrlich nicht seine Freiheit. Was sonst nur unsicheres
Tappen sein kann, wird durch solche Anleitung zum ziel-
sicheren Arbeiten. Wer sich um solche kiimmert, die in
dieser Richtung Wissen, Erfahrung haben, wird niemals
vergeblich anklopfen. Er sei sich nur bewuBt, daB er
nichts anderes sucht als den Rat eines Freundes, nicht die
Ubermacht eines solchen, der herrschen will. Man wird
immer finden, daB diejenigen, die wirklich wissen, die be-
scheidensten Menschen sind, und daB ihnen nichts ferner
liegt als dasjenige, was die Menschen Machtgeliiste nennen.
Wer sich durch die Meditation erhebt zu dem, was den
Menschen mit dem Geist verbindet, der beginnt in sich
das zu beleben, was ewig in ihm ist, .was nicht durch Ge-
burt und Tod begrenzt ist. Nur diejenigen konnen zwei-
feln an einem solchen Ewigen, die es nicht selbst erlebt
haben. So ist die Meditation der Weg, der den Menschen
auch zur'Erkenntnis, zur Anschauung seines ewigen, un-
zerstorbaren Wesenskernes fiihrt. Und nur durch sie kann
der Mensch zu solcher Anschauung kommen. Gnosis,
Geistwissenschaft sprechen von der Ewigkeit dieses
Wesenskernes, von der Wiederverkorperung desselben.
Oft wird gefragt, warum weiB der Mensch nichts von sei-
nen Erlebnissen, die jenseits von Geburt und Tod liegen?
Aber nicht so sollte gefragt werden. Sondern vielmehr so:
wie gelangt man zu solchem Wissen? In der richtigen
Meditation eroffnet sich der Weg. Durch sie lebt die Er-
innerung auf an Erlebnisse, die jenseits von Geburt und
Tod liegen. Jeder kann dieses Wissen erwerben; in je-
dem liegen die Fahigkeiten, selbst zu erkennen, selbst
zu schauen, was echte Mystik, Geistwissenschaft, An-
throposophie und Gnosis lehren. Er muB nur die rich-
tigen Mittel wahlen. Nur ein Wesen, das Ohren und
Augen hat, kann Tone und Farben wahrnehmen. Und
auch das Auge kann nichts wahrnehmen, wenn das Licht
fehlt, das die Dinge sichtbar macht. In der Geheimwissen-
schaft sind die Mittel gegeben, die geistigen Ohren und
Augen zu entwickelnund das geistige Licht zu entztinden.
Als drei Stufen konnen die Mittel der geistigen Schulung
bezeichnet werden: 1. Die Vorbereitung. Sie entwickelt
die geistigen Sinne. 2. Die Erleuchtung. Sie ztindet das
geistige Licht an. 3. Die Einweihung. Sie eroffnet den'
Verkehr mit den hoheren Wesenheiten des Geistes.
DIE STUFEN DER EINWEIHUNG
Die folgenden Mitteilungen sind Glieder einer geistigen
Schulung, uber deren Namen und Wesenheit jeder sich
klar wird, der sie richtig anwendet. Sie beziehen sich auf
die drei Stufen, durch welche die Schule des geistigen
Lebens zu einem gewissen Grade der Einweihung fiihrt.
Aber nur so viel von diesen Auseinandersetzungen wird
man hier finden, als eben offentlich gesagt werden kann.
Es sind dies Andeutungen, welche aus einer noch viel
tieferen, intimen Lehre herausgeholt sind. In der Geheim-
schulung selbst wird ein ganz bestimmter Lehrgang be-
folgt. Gewisse Verrichtungen dienen dazu, die Seele des
Menschen zum bewuBten Verkehr mit der geistigen Welt
zu bringen. Diese Verrichtungen verhalten sich etwa zu
dem, was im folgenden mitgeteilt wird, wie der Unter-
richt, den man jemandem in einer hoheren streng geregel-
ten Schule gibt, zu der Unterweisung, die man ihm ge-
legentlich auf einer vorbereitenden Schule zuteil werden
laBt. Doch kann die ernste und beharrliche Verfolgung
dessen, was man hier angedeutet findet, zur wirklichen
Geheimschulung fiihren. Allerdings, das ungeduldige
Probieren, ohne Ernst und Beharrlichkeit, kann zu gar
nichts fiihren. - Von Erfolg kann das Geheimstudium
nur sein, wenn dasjenige zunachst eingehalten wird, was
bereits gesagt worden ist, und auf dieser Grundlage
fortgeschritten wird.
Die Stufen, welche die angedeutete Uberlieferung an-
gibt, sind die folgenden drei: I. Die Vorbereitung, 2. die
Erleuchtung, 3. die Einweihung. Es ist nicht durchaus
notwendig, daB diese drei Stufen sich so folgen, daB man
die erste ganz durchgemacht hat, bevor die zweite, und
diese, bevor die dritte an die Reihe kommen. Man kann
in bezug auf gewisse Dinge schon der Erleuchtung, ja der
Einweihung teilhaftig werden, wenn man in bezug auf
andere sich noch in der Vorbereitung befindet. Doch wird
man eine gewisse Zeit in Vorbereitung zu verbringen
haben, bevor uberhaupt eine Erleuchtung beginnen kann.
Und wenigstens fur einiges wird man erleuchtet sein
mtissen, wenn der Anfang mit der Einweihung gemacht
werden soil. In der Beschreibung aber mtissen, der Ein-
fachheit wegen, die drei Stufen hintereinander folgen.
1. Die Vorbereitung
Die Vorbereitung besteht in einer ganz bestimmten Pflege
des Geftihls- und Gedankenlebens. Durch diese Pflege
werden Seelen- und Geistesleib mit hoheren Sinneswerk-
zeugen und Tatigkeitsorganen begabt, wie die Natur-
krafte den physischen Leib aus unbestimmter lebendiger
Materie mit Organen ausgertistet haben.
Der Anfang muB damit gemacht werden, die Aufmerk-
samkeit der Seele auf gewisse Vorgange in der uns um-
gebenden Welt zu lenken. Solche Vorgange sind das
sprieBende, wachsende und gedeihende Leben einerseits,
und alle Erscheinungen, die mit Verbltihen, Verwelken,
Absterben zusammenhangen, anderseits. Uberall, wohin
der Mensch die Augen wendet, sind solche Vorgange
gleichzeitig vorhanden. Und uberall rufen sie naturgemaB
auch in dem Menschen Geftihle und Gedanken hervor.
Aber nicht genug gibt sich, unter gewohnlichen Verhalt-
nissen, der Mensch diesen Geflihlen und Gedanken hin.
Dazu eilt er viel zu rasch von einem Eindruck zum ande-
ren. Es handelt sich darum, daB er intensiv die Aufmerk-
samkeit ganz bewuBt auf diese Tatsachen lenke. Er muB,
wo er Bllihen und Gedeihen einer ganz bestimmten Art
wahrnimmt, alles andere aus seiner Seele verbannen und
sich kurze Zeit ganz allein diesem einen Eindrucke tiber-
lassen. Er wird sich bald liberzeugen, daB ein Geflihl, das
in einem solchen Falle durch seine Seele frliher nur
durchgehuscht ist, anschwillt, daB es eine kraftige und
energische Form annimmt. Diese Geftihlsform muB er
dann ruhig in sich nachklingen lassen. Er muB dabei ganz
still in seinem Innern werden. Er muB sich abschlieBen
von der ubrigen AuBenwelt und ganz allein dem folgen,
was seine Seele zu der Tatsache des Bltihens und Ge-
deihens sagt.
Dabei soil man nur ja nicht glauben, daB man weit
kommt, wenn man seine Sinne etwa stumpf macht gegen
die Welt. Erst schaue man so lebhaft, so genau, als es nur
irgend moglich ist, die Dinge an. Dann erst gebe man sich
dem in der Seele auflebenden Geftihle, dem aufsteigen-
den Gedanken hin. Worauf es ankommt, ist, daB man auf
beides, im volligen inneren Gleichgewicht, die Aufmerk-
samkeit richte. Findet man die notige Ruhe und gibt man
sich dem hin, was in der Seele auflebt, dann wird man,
nach entsprechenderZeit, das Folgende erleben. Man wird
neue Arten von Geflihlen und Gedanken in seinem In-
nern aufsteigen sehen, die man vorher nicht gekannt hat.
Je ofter man in einer solchen Weise die Aufmerksamkeit
auf etwas Wachsendes, Bltihendes und Gedeihendes und
damit abwechselnd auf etwas Welkendes, Absterbendes
lenkt, desto lebhafter werden diese Gefiihle werden. Und
aus den Gefiihlen und Gedanken, die so entstehen, bauen
sich die Hellseherorgane ebenso auf, wie sich durch Na-
turkrafte aus belebtem Stoffe Augen und Ohren des phy-
sischen Korpers aufbauen. .Eine ganz bestimmte Gefiihls-
form kniipft sich an das Wachsen und Werden; eine an-
dere ganz bestimmte an das Verwelken und Absterben.
Aber nur dann, wenn die Pflege dieser Gefiihle auf die
beschriebene Art angestrebt wird. Es ist moglich, an-
nahernd richtig zu beschreiben, wie diese Gefiihle sind.
Eine vollstandige Vorstellung kann sich davon jeder selbst
verschaffen, indem er diese inneren Erlebnisse durch-
macht. Wer oft die Aufmerksamkeit auf den Vorgang des
Werdens, des Gedeihens, des Bliihens gelenkt hat, der
wird etwas fiihlen, was der Empfindung bei einem Son-
nenaufgang entfernt dhnlich ist. Und aus dem Vorgang
des Welkens, Absterbens wird sich ihm ein Erlebnis er-
geben, das in ebensolcher Art mit dem langsamen Auf-
steigen des Mondes im Gesichtskreis zu vergleichen ist.
Diese beiden Gefiihle sind zwei Krafte, die bei gehoriger
Pflege, bei immer lebhafter werdender Ausbildung zu den
bedeutsamsten geistigen Wirkungen fiihren. Wer sich
immer wieder und wieder planmaBig, mit Vorsatz, sol-
chen Gefiihlen uberlaBt, dem eroffnet sich eine neue Welt.
Die Seelenwelt, der sogenannte astrale Plan, beginnt vor
ihm aufzudammern. Wachsen und Vergehen bleiben fiir
ihn nicht mehr Tatsachen, die ihm solch unbestimmte
Eindriicke machen wie vorher. Sie formen sich vielmehr
zu geistigen Linien und Figuren, von denen er vorher
nichts ahnte. Und diese Linien und Figuren haben fiir die
verschiedenen Erscheinungen auch verschiedene Gestal-
ten. Eine bliihende Blume zaubert vor seine Seele eine
ganz bestimmte Linie, ebenso ein im Wachsen begriffenes
Tieroderein im AbsterbenbefindlicherBaum. DieSeelen-
welt (der astrale Plan) breitet sich langsam vor ihm aus.
Nichts Willkiirliches liegt in diesen Linien und Figuren.
Zwei Geheimschiiler, die sich auf der entsprechenden
Stufe der Ausbildung befinden, werden bei dem gleichen
Vorgange stets dieselben Linien und Figuren sehen. So ge-
wiB zwei richtig sehende Menschen einen runden Tisch
rund sehen, und nicht einer rund und der andere vier-
eckig, so gewiB stellt sich vor zwei Seelen beim Anblicke
einer bliihenden Blume dieselbe geistige Gestalt. - So
wie die Gestalten der Pflanzen und Tiere in der gewohn-
lichen Naturgeschichte beschrieben werden, so beschreibt
oder zeichnet der Kenner der Geheimwissenschaft die
geistigen Gestalten der Wachstums- und Absterbens-
vorgange nach Gattungen und Arten.
Wenn der Schiiler so weit ist, daB er solch geistige Ge-
stalten von Erscheinungen sehen kann, die sich seinem
auBeren Auge auch physisch zeigen: dann wird er auch
nicht weit entfernt sein von der Stufe, Dinge zu sehen,
die kein physisches Dasein haben, die also dem ganz ver-
borgen (okkult) bleiben miissen, der keine Unterweisung
in der Geheimlehre erhalten hat.
Zu betonen ist, daB der Geheimforscher sich nicht in
ein Nachsinnen verlieren soil, was dieses oder jenes Ding
bedeutet. Durch solche Verstandesarbeit bringt er sich nur
von dem rechten Wege ab. Er soil frisch, mit gesundem
Sinne, mit scharfer Beobachtungsgabe in die Sinnenwelt
sehen und dann sich seinen Gefiihlen iiberlassen. Was die
Dinge bedeuten, das soil nicht er mit spekulierendem
Verstande ausmachen wollen, sondern er soil es sich von
den Dingen selbst sagen lassen."
Ein Weiteres, worauf es ankommt, ist das, was die Ge-
heimwissenschaft die Orientierung in den hoheren Wel-
ten nennt. Man gelangt dazu, wenn man sich ganz von
dem BewuBtsein durchdringt, daB Geftihle und Gedan-
ken wirkliche Tatsachen sind, genau so wie Tische und
Sttihle in der physisch-sinnlichen Welt. In der seelischen
und in der Gedankenwelt wirken Geftihle und Gedanken
aufeinander wie in der physischen die sinnlichen Dinge.
Solange jemand nicht lebhaft von diesem BewuBtsein
durchdrungen ist, wird er nicht glauben, daB ein verkehr-
ter Gedanke, den er hegt, auf andere Gedanken, die den
Gedankenraum beleben, so verheerend wirken kann wie
eine blindlings losgeschossene Flintenkugel fur die physi-
schen Gegenstande, die sie trifft. Ein solcher wird sich
vielleicht niemals erlauben, eine physisch-sichtbare Hand-
lung zu begehen, die er fur sinnlos halt. Er wird aber nicht
davor zuruckschrecken, verkehrte Gedanken oder Geftihle
zu hegen. Denn diese erscheinen ihm ungefahrlich fur die
iibrige Weh. In der Geheimwissenschaft kann man aber
nur vorwartskommen, wenn man auf seine Gedanken
und Geftihle ebenso achtet, wie man auf seine Schritte in
der physischen Welt achtet. Wenn jemand eine Wand
sieht, so versucht er nicht, geradewegs durch dieselbe
durchzurennen; er lenkt seine Schritte seitwarts. Er rich-
::. Bemerkt soli werden, daB kunstlerisches Empfinden, gepaart mit
einer stillen, in sich versenkten Natur, die beste Vorbedingung fur die
Entwickelung der geistigen Fahigkeiten ist. Dieses Empfinden dringt ja
durch die Oberflache der Dinge hindurch und gelangt dadurch zu deren
Geheimnissen.
tet sich eben nach den Gesetzen der physischen Weh. -
Solche Gesetze gibt es nun auch fur die Geflihls- und Ge-
dankenwelt. Nur konnen sie dem Menschen da nicht von
auBen sich aufdrangen. Sie mlissen aus dem Leben seiner
Seele selbst flieBen. Man gelangt dazu, wenn man sich
jederzeit verbietet, verkehrte Geflihle und Gedanken zu
hegen. Alles willklirliche Hin- und Hersinnen, alles spie-
lerische Phantasieren, alle zufallig auf-und abwogenden
Geflihle muB man sich in dieser Zeit verbieten. Man
macht sich dadurch nicht geftihlsarm. Man wird namlich
bald finden, daB man reich an Geflihlen, schopferisch in
wahrer Phantasie erst wird, wenn man in solcher Art sein
Inneres regelt. An die Stelle kleinlicher Geftihlsschwel-
gerei und spielerischer Gedankenverkntipfung treten be-
deutsame Geflihle und fruchtbare Gedanken. Und diese
Geflihle. und Gedanken flihren den Menschen dazu, sich
in der geistigen Welt zu orientieren. Er kommt in richtige
Verhaltnisse zu den Dingen der Geisteswelt. Eine ganz
bestimmte Wirkung tritt fur ihn ein. Wie er als physi-
scher Mensch seinen Weg findet zwischen den physischen
Dingen, so flihrt ihn jetzt sein Pfad zwischen Wachsen
und Absterben, die er ja auf dem oben bezeichneten Weg
kennenlernt, hindurch. Er folgt dann allem Wachsenden,
Gedeihenden und auch anderseits allem Verwelkenden'
und Absterbenden so, wie es zu seinem und der Welt
Gedeihen erforderlich ist.
Eine weitere Pflege hat der Geheimschuler der Weit
der Tone angedeihen zu lassen. Man unterscheide da zwi-
schen dem Tone, der durch das sogenannte Leblose (einen
fallenden Korper, eine Glocke oder ein Musikinstrument)
hervorgebracht wird, und dem, welcher von Lebendigem
(einem Tiere oder Menschen) stammt. Wer eine Glocke
hort, wird den Ton. wahrnehmen und ein angenehmes
Gefiihl daran kniipfen; wer den Schrei eines Tieres hort,
wird auBer diesem Gefiihl in dem Tone noch die Offen-
barung eines inneren Erlebnisses des Tieres, Lust oder
Schmerz, verspiiren. Bei der letzteren Art von Tonen hat
der GeheimschuTer einzusetzen. Er soil seine ganze Auf-
merksamkeit darauf lenken, daB der Ton ihm etwas ver-
kiindet, was auBer der eigenen Seele liegt. Und er soil sich
versenken in dieses Fremde. Er soil sein Gefiihl innig ver-
binden mit dem Schmerz oder der Lust, die ihm durch den
Ton verkiindet werden. Er soil dariiber hinweg sich setzen,
was fur ihn der Ton ist, ob er ihm angenehm oder un-
angenehm ist, wohlbehaglich oder miBfallig; nur das soil
seine Seele erfiillen, was in dem Wesen vorgeht, von dem
der Ton kommt. Wer planmaBig und mit Vorbedacht
solche Ubungen macht, der wird sich dadurch die Fahig-
keit aneignen, mit einem Wesen, sozusagen, zusammen-
zuflieBen, von dem der Ton ausgeht. Einem musikalisch
empfindenden Menschen wird solche Pflege seines Ge-
miitslebens leichter sein als einem unmusikalischen. Doch
darf niemand glauben, daB der musikalische Sinn schon
diese Pflege ersetzt. Man muB, als Geheimschiiler, in die-
ser Art der ganzen Natur gegeniiber empfinden lernen. -
Und dadurch senkt sich in Gefiihls- und Gedankenwelt
eine neue Anlage. Die ganze Natur fangt an, dem Men-
sehen durch ihr Ertonen Geheimnisse zuzuraunen. Was
vorher seiner Seele unverstandlicher Schall war, wird da-
durch sinnvolle Sprache der Natur. Und wobei er vorher
nur Ton gehorthat, beimErklingen des sogenanntenLeb-
losen, vernimmt er jetzt eine neue Sprache der Seele.
Schreitet er in solcher Pflege seiner Geftihle vorwarts,
dann wird er bald gewahr, daB er horen kann, wovon er
vorher nichts vermutet hat. Er fangt an, mit derSeele zu
horen.
Dazu muB dann noch etwas anderes kommen, um zum
Gipfel zu gelangen, der auf diesem Gebiete zu erreichen
ist. - Was fur die Ausbildung des Geheimschlilers ganz
besonders wichtig ist, das ist die Art, wie er anderen Men-
schen beim Sprechen zuhdrt. Er muB sich daran gewoh-
nen, dies so zu tun, daB dabei sein eigenes Innere voll-
kommen schweigt. Wenn jemand eine Meinung auBert,
und ein anderer hort zu, so wird sich im Innern des letz-
teren im allgemeinen Zustimmung oder Widerspruch
regen. Viele Menschen werden wohl auch sofort sich ge-
drangt flihlen, ihre zustimmende und namentlich ihre
widersprechende Meinung zu auBern. Alle solche Zustim-
mung und alien solchen Widerspruch muB der Geheim-
schuler zum Schweigen bringen. Es kommt dabei nicht
darauf an, daB er plotzlich seine Lebensart so andere, daB
er solch inneres, grundliches Schweigen fortwahrend zu
erreichen sucht. Er wird damit den Anfang machen mtis-
sen, daB er es in einzelnen Fallen tut, die er sich mit Vor-
satz auswahlt. Dann wird sich ganz langsam und allmah-
lich, wie von selbst, diese ganz neue Art des Zuhorens in
seine Gewohnheiten einschleichen. - In der Geistesfor-
schung wird solches planmaBig getibt. Die Schtiler flihlen
sich verpflichtet, libungsweise zu gewissen Zeiten sich die
entgegengesetztesten Gedanken anzuhoren und dabei alle
Zustimmung und namentlich alles abfallige Urteilen voll-
standig zum Verstummen zu bringen. Es kommt darauf
an, daB dabei nicht nur alles verstandesmaBige Urteilen
schweige, sondern auch alle Gefiihle des MiBfallens, der
Ablehnung oder auch Zustimmung. Insbesondere muB
sich der Schuler stets sorgfaltig beobachten, ob nicht
solche Gefiihle, wenn auch nicht an der Oberflache, so
doch im intimsten Innern seiner Seele vorhanden seien. Er
muB sich z. B. die Ausspriiche von Menschen anhoren, die
in irgendeiner Beziehung weit unter ihm stehen, und muB
dabei jedes Gefiihl des Besserwissens oder der Uberlegen-
heit unterdrucken. - Niitzlich ist es fiir jeden, in solcher
Art Kindern zuzuhoren. Auch der Weiseste kann un-
ermeBlich viel von Kindern lernen. - So bringt es der
Mensch dazu, die Worte des anderen ganz selbstlos zu
horen, mit vollkommener Ausschaltung seiner eigenen
Person, deren Meinung und Gefiihlsweise. Wenn er sich
so tibt, kritiklos zuzuhoren, auch dann, wenn die vollig
entgegengesetzte Meinung vorgebracht wird, wenn das
«Verkehrteste» sich vor ihm abspielt, dann lernt er nach
und nach mit dem Wesen eines anderen vollstandig zu
verschmelzen, ganz in dasselbe aufzugehen. Er hort dann
durch die Worte hindurch in des anderen Seele hinein.
Durch anhaltende Ubung solcher Art wird erst der Ton
das rechte Mittel, um Seele und Geist wahrzunehmen.
Allerdings gehort dazu die allerstrengste Selbstzucht.
Aber diese fiihrt zu einem hohen Ziele. Wenn diese Ubun-
gen namlich in Verbindung mit den anderen getrieben
werden, die angegeben worden sind beziiglich des Tonens
in der Natur, so erwachst der Seele ein neuer Horsinn. Sie
wird imstande, Kundgebungen aus der geistigen Weit
wahrzunehmen, die nicht ihren Ausdruck finden in auBe-
ren Tonen, die fiir das physische Ohr wahrnehmber sind.
Die Wahrnehmung des «inneren Wortes» erwacht. Dem
Geheimschuler offenbaren 'sich allmahlich von der Gei-
steswelt aus Wahrheiten. Er hort auf geistige Art zu sich
sprechen." - Alle hoheren Wahrheiten werden durch
solches «inneres Einsprechen» erreicht. Und was man aus
dem Munde eines wahren Geheimforschers horen kann,
das hat er durch diese Art in Erfahrung gebracht. - Damit
aber soli nicht gesagt sein, daB es unnotig sei, sich mit
geheimwissenschaftlichen Schriften zu befassen, bevor
man selbst in solcher Weise «inneres Einsprechen» ver-
nehmen kann. Im Gegenteil: das Lesen solcher Schriften,
das Anhoren der Geheimforscherlehren sind selbst Mit-
tel, auch zu eigener Erkenntnis zu gelangen. Jeder Satz
der Geheimwissenschaft, den der Mensch hort, ist geeig-
net, den Sinn dahin zu lenken, wohin er gelangen muB,
soil die Seele wahren Fortschritt erleben. Zu all dem Ge-
sagten muB vielmehr eifriges Studium dessen treten, was
die Geheimforscher der Welt mitteilen. Bei aller Geheim-
schulung gehort solches Studium zur Vorbereitung. Und
wer alle sonstigen Mittel anwenden wollte, er kame zu
keinem Ziele, wenn er nicht die Lehren der Geheim-
forscher in sich aufnahme. Denn weil diese Lehren aus
dem lebendigen «inneren Worte», aus der «lebendigen
Einsprechung» geschopft sind, haben sie selbst geistiges
Leben. Sie sind nicht bloB Worte. Sie sind lebendige
Krafte. Und wahrend du den Worten eines Geheimkun-
digen folgst, wahrend du ein Buch liest, das einer wirk-
* Nur wer durch selbstloses Zuhoren es dahin bringt, daB er wirklich
von innen aufnehmen kann, still, ohne Regung einer personlichen Mei-
nimg oder eines personlichen Gefiihls, zu dem konnen die hoheren
Wesenheiten sprechen, von denen man in der Geheimwissenschaft spricht.
Solange man noch irgendeine Meinung, irgendein Gefiihl dem zu Horen-
den entgegenschleudert, schweigen die Wesenheiten der Geisteswelt.
liehen inneren Erfahrung entstammt, wirken in deiner
Seele Krafte, welche dich ebenso hellsehend machen, wie
die Naturkrafte aus lebendigem Stoffe deine Augen und
Ohren gebildet haben.
2. Die Erleuchtung
Die Erleuchtung geht von sehr einfachen Vorgangen aus.
Auch dabei handelt es sich darum, gewisse Gefiihle und
Gedankenzu entwickeln, die in jedemMenschen schlum-
mern und die erwachen miissen. Nur wer mit voller Ge-
duld, streng und anhaltend die einfachen Vorgange durch-
nimmt, den konnen sie zur Wahrnehmung der inneren
Lichterscheinungen fiihren. Der erste Anfang wird damit
gemacht, in einer bestimmten Art verschiedene Natur-
wesen zu betrachten, und zwar zumBeispiele: einen durch-
sichtigen, schon geformten Stein (Kristall), eine Pflanze
und ein Tier. Man suche zuerst seine ganze Aufmerksam-
keit auf einen Vergleich des Steines mit dem Tier in fol-
gender Art zu lenken. Die Gedanken, die hier angefiihrt
werden, miissen, von lebhaften Gefiihlen begleitet, durch
die Seele ziehen. Und kein anderer Gedanke, kein an-
deres Gefiihl diirfen sich einmischenund die intensiv auf-
merksame Betrachtung storen. Man sage sich: «Der Stein
hat eine Gestalt; das Tier hat auch Gestalt. Der Stein
bleibt ruhig an seinem Ort. Das Tier verandert seinen Ort.
Es ist der Trieb (die Begierde), welcher das Tier veranlaBt,
seinen Ort zu andern. Und die Triebe sind es auch, denen
die Gestalt des Tieres dient. Seine Organe, seine Werk-
zeuge sind diesen Trieben gemaB ausgebildet. Die Gestalt
des Steins ist nicht nach Begierden, sondern durch be-
gierdelose Kraft gebildet.»* Wenn man sich intensiv in
diese Gedanken versenkt und dabei mit gespannter Auf-
merksamkeit Stein und Tier betrachtet: dann leben in der
Seele zwei ganz verschiedene Gefuhlsarten auf. Aus dem
Stein stromt die eine Art des Gefuhls, aus dem Tiere die
andere Art in unsere Seele. Die Sache wird wahrschein-
lich im Anfange nicht gelingen: aber nach und nach, bei
wirklicher geduldiger Ubung, werden sich diese Gefiihle
einstellen. Man muB nur immerfort und fort iiben. Erst
sind die Gefiihle nur so lange vorhanden, als die Betrach-
tung dauert, spater wirken sie nach. Und dann werden
sie zu etwas, was in der Seele lebendig bleibt. Der Mensch
braucht sich dann nur zu besinnen: und die beiden Ge-
fiihle steigen immer, auch ohne Betrachtung eines auBe-
ren Gegenstandes, auf. - Aus diesen Gefiihlen und den
mit ihnen verbundenen Gedanken bilden sich Hellseher-
organe. - Tritt dann in der Betrachtung noch die Pflanze
hinzu, so wird man bemerken, daB das von ihr ausgehende
Gefiihl, seiner Beschaffenheit und auch seinem Grade
nach, in der Mitte liegt zwischen dem vom Stein und dem
vom Tier ausstromenden. Die Organe, welche sich auf
solche Art bilden, sind Geistesaugen. Man lernt mit ihnen
allmahlich etwas wie seelische und geistige Farben zu
sehen. Solange man nur das sich angeeignet hat, was als
* Die hier gemeinte Tatsache, insofern' sie sich auf Kristallbeobach-
tung bezieht, ist von solchen, die nur in auBerlicher Weise (exoterisch)
davon gehort haben, in mancherlei Art verdreht worden, woraus Ver-
richtungen wie «Kristallsehen» usw. entstanden sind. Derlei Manipulatio-
nen beruhen auf MiBverstandnissen. Sie sind in vielen Biichern beschrieben
worden. Aber sie bilden niemals den Gegenstand wahren (esoterischen)
Geheimunterrichtes.
«Vorbereitung» beschrieben worden ist, bleibt die geistige
Weh mit ihren Linien und Figuren dunkel; durch die Er-
leuchtung wird sie hell. - Auch hier muB bemerkt wer-
den, daB die Worte «dunkel» und «hell» sowie die ande-
ren gebrauchten Ausdriicke nur annahernd aussprechen,
was gemeint ist. Will man sich aber der gebrauchlichen
Sprache bedienen, so ist nichts anderes moglich. Diese
Sprache ist ja nur fiir die physischen Verhaltnisse geschaf-
fen. - Die Geheimwissenschaft bezeichnet nun das, was
fiir das Hellseherorgan vom Stein ausstromt, als «blau»
oder «blaurot». Dasjenige, was vom Tier empfunden
wird, als «rot» oder «rotgelb». In der Tat sind es Farben
«geistiger Art», die da gesehen werden. Die von der
Pflanze ausgehende Farbe ist «griin», das nach und nach
in ein helles atherisches Rosarot iibergeht. Die Pflanze ist
namlich dasjenige Naturwesen, welches in hoheren Wel-
ten in einer gewissen Beziehung ihrer Beschaffenheit in
der physischen Welt gleicht. Nicht dasselbe ist aber bei
Stein und Tier der Fall. - Nun muB man sich klar sein,
daB mit den oben genannten Farben nur die Hauptschat-
tierungen des Stein-, Pflanzen- und Tierreiches angegeben
sind. In Wirklichkeit sind alle moglichen Zwischenschat-
tierungen vorhanden. Jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier
hat seine ganz bestimmte Farbennuance. Dazu kommen
die Wesen der hoheren Welten, die niemals sich physisch
verkorpern, mit ihren oft wundervollen, oft auch graB-
lichen Farben. In der Tat ist der Farbenreichtum in die-
sen hoheren Wehen unermeBlich viel groBer als in der
physischen Welt.
Hat der Mensch einmal die Fahigkeit erworben, mit
«Geistesaugen» zu sehen, so begegnet er auch, iiber kurz
oder lang, den genannten hoheren, zum Teil auch tiefe-
ren Wesen, als. der Mensch ist, die niemals die physische
Wirklichkeit betreten.
Hat der Mensch es so weit gebracht, wie hier beschrie-
ben ist, so stehen ihm die Wege zu vielem offen. Aber es
ist keinem anzuraten, noch weiter zu gehen ohne sorgfal-
tige Beachtung des vom Geistesforscher Gesagten oder
sonst von ihm Mitgeteilten. Und auch fur das schon Ge-
sagte ist eine Beachtung solcher kundigen Fiihrerschaft
das Allerbeste. Hat iibrigens der Mensch in sich die Kraft
und Ausdauer, es so weit zu bringen, wie es den angegebe-
nen elementaren Stufen der Erleuchtung entspricht, so wird
er ganz gewiB auch die rechte Fiihrung suchenund finden.
Eine Vorsicht ist aber unter alien Umstanden notwen-
dig, und wer sie nicht anwenden will, der soil am besten
alle Schritte in die Geheimwissenschaft unterlassen. Es ist
notwendig, daB der Mensch, der'Geheimschiiler wird,
nichts verliere von seinen Eigenschaften als edler, guter
und fiir alles physisch Wirkliche empfanglicher Mensch.
Er muB im Gegenteile seine moralische Kraft, seine
innere Lauterkeit, seine Beobachtungsgabe wahrend der
Geheimschiilerschaft fortwahrend steigern. Um ein Ein-
zelnes zu erwahnen: Wahrend der elementaren Erleuch-
tungsiibungen muB der Geheimschiiler dafiir sorgen, daB
er sein Mitgefiihl fiir die Menschen- und Tierwelt, seinen
Sinn fiir Schonheit der Natur immerfort vergroBere.
Sorgt er nicht dafiir, so stumpfen sich jenes Gefiihl und
dieser Sinn durch solche Ubungen fortwahrend ab. Das
Herz wiirde hart, der Sinn stumpf. Und das miiBte zu
gefahrlichen Ergebnissen fiihren.
Wie sich die Erleuchtung gestaltet, wenn man im Sinne
der obigen Ubungen iiber Stein, Pflanze und Tier zum
Menschen heraufsteigt, und wie, nach der Erleuchtung,
der ZusammenschluB der Seele mit der geistigen Weh
unter alien Umstanden sich einmal einstellt und zur
Einweihung hingeleitet: davon wird in den nachsten
Abschnitten gesprochen werden, soweit das sein kann.
Es wird in unserer Zeit von vielen Menschen der Weg
zur Geheimwissenschaft gesucht. Auf mancherlei Art
wird das getan; und viele gefahrliche, ja verwerfliche Pro-
zeduren werden probiert. Deshalb sollen diejenigen, die
etwas Wahrhaftes von diesen Dingen zu wissen meinen,
anderen die Moglichkeit geben, einiges aus der Geheim-
schulung kennenzulernen. Nur soviel ist hier mitgeteilt
worden, als solcher Moglichkeit entspricht. Es ist notwen-
dig, daB etwas von dem Wahren bekannt werde, damit
nicht das Irrttimliche groBen Schaden anrichte. Durch die
hier vorgezeichneten Wege kann niemand Schaden neh-
men, der nichts forciert. Nur das eine muB beobachtet
werden: niemand darf mehr Zeit und Kraft auf solche
Ubungen verwenden, als ihm nach seiner Lebensstellung,
nach seinen Pflichten zur Verftigung stehen. Niemand
darf durch den Geheimpfad irgend etwas in seinen auBe-
ren Lebensverhaltnissen augenblicklich andern. Will man
wirkliche Ergebnisse, dann muB man Geduld haben; man
muB nach wenigen Minuten der Ubung aufhoren konnen
und ruhig seiner Tagesarbeit nachgehen. Und nichts darf
sich von Gedanken an die Ubungen in die Tagesarbeit
mischen. Wer nicht im hochsten und besten Sinne warten
gelernt hat, der taugt nicht zum Geheimschuler und wird
auch niemals zu Ergebnissen kommen, die einen erheb-
lichen Wert haben.
Kontrolle der Gedanken und Gefuhle
Wenn jemand die Wege zur Geheimwissenschaft in der
Art sucht, wie es in dem vorhergehenden Kapitel be-
schrieben worden ist, dann darf er nicht versaumen, sich
wahrend der ganzen Arbeit durch einen fortwirkenden
Gedanken zu starken. Er muB sich namlich stets vor Au-
gen halten, daB er nach einiger Zeit schon ganz erhebliche
Fortschritte gemacht haben kann, ohne daB sie sich ihm
in der Weise zeigen, wie er es vielleicht erwartet hat. Wer
dies nicht bedenkt, wird leicht die Beharrlichkeit verlieren
und nach kurzer Zeit alle Versuche aufgeben. Die Krafte
und Fahigkeiten, welche man zu entwickeln hat, sind an-
fanglich von sehr zarter Art. Und ihre Wesenheit ist etwas
ganz anderes als das, wovon sich der Mensch vorher Vor-
stellungen gemacht hat. Er war ja nur gewohnt, sich mit
der physischen Welt zu beschaftigen. Die geistige und see-
lische entzog sich seinen Blicken und auch seinen Begrif-
fen. Es ist daher gar nicht zu verwundern, daB er jetzt, wo
sich in ihm geistige und seelische Krafte entwickeln, diese
nicht sogleich bemerkt. - Darinnen liegt die Moglichkeit
einer Beirrung fur den, welcher sich, ohne sich an die Er-
fahrungen zu halten, welche kundige Forscher gesammelt
haben, auf den Geheimpfad begibt. Der Geheimforscher
kennt die Fortschritte, welche der Schiiler macht, lange
bevor dieser sich selbst ihrer bewuBt wird. Er weiB, wie
die zarten geistigen Augen sich heranbilden, ehe der Schii-
ler etwas davon weiB. Und ein groBerTeil der Anweisun-
gen dieses Geheimforschers besteht eben darinnen, das
zum Ausdrucke zu bringen, was bewirkt, daB der Schiiler
das Vertrauen, die Geduld, die Ausdauer nicht verliere,
bevor er zur eigenen Erkenntnis seiner Fortschritte ge-
langt. Geben kann ja der Geheimkundige seinem Zogling
nichts, was in diesem nicht - auf verborgene Art - schon
liegt. Er kann nur anleiten zur Entwickelung von schlum-
mernden Fahigkeiten. Aber, was er aus seinen Erfahrun-
gen mitteilt, wird eine Stlitze sein dem, der sich aus dem
Dunkel zum Lichte durchringen will.
Gar viele verlassen den Pfad zur Geheimwissenschaft
bald, nachdem sie ihn betreten haben, weil ihnen ihre
Fortschritte nicht sogleich bemerklich werden. Und selbst,
wenn die ersten fur den Zogling wahrnehmbaren hohe-
ren Erfahrungen auftreten, so betrachtet sie dieser oft als
Illusionen, weil er sich ganz andere Vorstellungen von
dem gemacht hat, was er erleben soil. Er verliert den Mut,
weil er entweder die ersten Erfahrungen fur wertlos halt
oder weil sie ihm doch so unscheinbar vorkommen, daB
er nicht glaubt, sie konnten ihn in absehbarer Zeit zu
irgend etwas Erheblichem ftihren. Mut und Selbstver-
trauen sind aber zwei Lichter, die auf dem Wege zur Ge-
heimwissenschaft nicht erloschen dtirfen. Wer es nicht
iiber sich bringen kann, eine Ubung, die scheinbar un-
zahligemal miBgltickt ist, immer wieder und wieder
geduldig fortzusetzen, der kann nicht weit kommen.
Viel frtiher als eine deutliche Wahrnehmung von den
Fortschritten tritt ein dunkles Geftihl auf, daB man auf
dem rechten Wege sei. Und dieses Geftihl sollte man
hegen'und pflegen. Denn es kann zu einem sicheren Fiih-
rer werden. Vor allem muB man den Glauben ausrotten,
als ob es ganz absonderliche, geheimnisvolle Verrichtun-
gen sein muBten, durch die man zu hoheren Erkenntnis-
sen gelangt. Man muB sich klarmachen, daB von den
Gefiihlen und Gedanken ausgegangen werden muB, mit
denen der Mensch ja fortwahrend lebt, und daB er diesen
Gefiihlen und Gedanken nur eine andere Richtung geben
muB, als die gewohnte ist. Ein jeder sage sich zunachst: in
meiner eigenen Gefiihls- und Gedankenwelt liegen die
hochsten Geheimnisse verborgen: ich habe sie bisher nur
noch nicht wahrgenommen. Alles beruht schlieBlich dar-
auf, daB der Mensch fortwahrend Leib, Seele und Geist
mit sich herumtragt, daB er sich aber nur seines Leibes
im ausgesprochenen Sinne bewufit ist, nicht seiner Seele
und seines Geistes. Und der Geheimschiiler wird sich der
Seele und des Geistes bewuBt, wie sich der gewohnliche
Mensch seines Leibes bewuBt ist.
Deshalb kommt es darauf an, die Gefiihle und Gedan-
ken in die rechte Richtung zu bringen. Dann entwickelt
man die Wahrnehmungen flir das im gewohnlichen
Leben Unsichtbare. Hier soil einer der Wege angegeben
werden, wie man das macht. Eine einfache Sache ist es
wieder, wie fast alles, was bisher mitgeteilt worden ist.
Aber von den groBten Wirkungen ist sie, wenn sie beharr-
lich durchgefiihrt wird und wenn der Mensch vermag,
mit der notigen intimen Stimmung sich ihr hinzugeben.
Man lege ein kleines Samenkorn einer Pflanze vor sich
hin. Es kommt darauf an, sich vor diesem unscheinbaren
Ding die rechten Gedanken intensiv zu machen und
durch diese Gedanken gewisse Gefiihle zu entwickeln.
Zuerst mache man sich klar, was man wirklich mit Au-
gen sieht. Man beschreibe fur sich Form, Farbe und alle
sonstigen Eigenschaften des Samens. Dann iiberlege man
folgendes. Aus diesem Samenkorn wird eine vielgestaltige
Pflanze entstehen, wenn es in die Erde gepflanzt wird.
Man vergegenwartige sich diese Pflanze. Man baue sie
sich in der Phantasie auf. Und dann denke man: Was ich
mir jetzt in meiner Phantasie vorstelle, das werden die
Krafte der Erde und des Lichtes spater wirklich aus dem
Samenkorn hervorlocken. Wenn ich ein kunstlich geform-
tes Ding vor mir hatte, das ganz tauschend dem Samen-
korn nachgeahmt ware, so daB es meine Augen nicht von
einem wahren unterscheiden konnten, so wlirde keine
Kraft der Erde und des Lichtes aus diesem eine Pflanze
hervorlocken. Wer sich diesen Gedanken ganz klar macht,
wer ihn innerlich erlebt, der wird sich auch den folgenden
mit dem richtigen Gefuhle bilden konnen. Er wird sich
sagen: in dem Samenkorn ruht schon auf verborgene Art
- als Kraft der ganzen Pflanze - das, was spater aus ihm
herauswachst. In der kunstlichen Nachahmung ruht diese
Kraft nicht. Und doch sind/wr meine Augen beide gleich.
In dem wirklichen Samenkorn ist also etwas unsichtbar
enthalten, was in der Nachahmung nicht ist. Auf dieses
Unsichtbare lenke man nun Geftihl und Gedanken." Man
stelle sich vor: dieses Unsichtbare wird sich spater in die
sichtbare Pflanze verwandeln, die ich in Gestaltund Farbe
vor mir haben werde. Man hange dem Gedanken nach:
das Unsichtbare wird sichtbar werden. Konnte ich nicht
denken, so konnte sich mir auch nicht schon jetzt an-
ktindigen, was erst spater sichtbar werden wird.
* Wer da einwenden wollte, daB bei einer genaueren mikroskopischen
Untersuchung sich ja doch die Nachahmung von dem wirklichen Samen-
korn unterscheide, der zeigte nur, daB er nicht erfaBt hat, worauf es an-
kommt. Es handelt sich nicht darum, was man genau wirklich in sinnen-
falliger Weise vor sich hat, sondern darum, daB man daran seelisch-gei-
stige Krafte entwickele.
Besonders deutlich sei es betont: Was man da denkt,
muB man auch intensiv juhlen. Man muB in Ruhe, ohne
alle storenden Beimischungen anderer Gedanken, den
einen oben angedeuteten in sich erleben. Und man muB
sich Zeit lassen, so daB sich der Gedanke und das Geftihl,
das sich an ihn knlipft, gleichsam in die Seele einbohren.
- Bringt man das in der rechten Weise zustande, dann
wird man nach einiger Zeit - vielleicht erst nach vielen
Versuchen - eine Kraft in sich versptiren. Und diese Kraft
wird eine neue Anschauung erschaffen. Das Samenkorn
wird wie in einer kleinen Lichtwolke eingeschlossen er-
scheinen. Es wird auf sinnlich-geistige Weise als eine Art
Flamme empfunden werden. Gegentiber der Mitte dieser
Flamme empfindet man so, wie man beim Eindruck der
Farbe Lila empfindet; gegentiber dem Rande, wie man der
Farbe Blaulich gegentiber empfindet. - Da erscheint das,
was man vorher nicht gesehen hat und was die Kraft des
Gedankens und der Geftihle geschaffen hat, die man in
sich erregt hat. Was sinnlich unsichtbar war, die Pflanze,
die erst spater sichtbar werden wird, das offenbart sich
da auf geistig-sichtbare Art.
Es ist begreiflich, daB mancher Mensch das alles fur
Illusion halten wird. Viele werden sagen: «Was sollen
mir solche Gesichte, solche Phantasmen?» Und manche
werden abfallen und den Pfad nicht fortsetzen. Aber ge-
rade darauf kommt es an: in diesen schwierigen Punkten
der menschlichen Entwickelung nicht Phantasie und gei-
stige Wirklichkeit miteinander zu verwechseln. Und fer-
ner darauf, den Mut zu haben, vorwarts zu dringen und
nicht furchtsam und kleinmutig zu werden. Auf der an-
deren Seite aber muB allerdings betont werden, daB der
gesunde Sinn, der Wahrheit und Tauschung unterschei-
det, fortwahrend gepflegt werden muB. Der Mensch darf
wahrend all dieser Ubungen nie die voile bewufite Herr-
schaft uber sich selbst verlieren. So sicher, wie er iiber die
Dinge und Vorgange des Alltagslebens denkt, so muB er
auch hier denken. Schlimm ware es, wenn er in Traumerei
verfiele. Verstandesklar, urn nicht zu sagen: ntichtern,
muB er in jedem Augenblicke bleiben. Und der groBte
Fehler ware gemacht, wenn der Mensch durch solche
Ubungen sein Gleichgewicht verlore, wenn er abgehalten
wlirde, so gesund und klar liber die Dinge des Alltags-
lebens zu urteilen, wie er das vorher getan hat. Immer
wieder soil sich der Geheimschliler daher prlifen, ob er
nicht etwa aus seinem Gleichgewicht herausgefallen ist,
ob er derselbe geblieben ist innerhalb der Verhaltnisse, in
denen er lebt. Festes Ruhen in sich selbst, klarer Sinn fur
alles, das muB er sich bewahren. Allerdings ist streng zu
beachten, daB man sich nicht jeder beliebigen Traumerei
hingeben soil, sich nicht alien moglichen Ubungen tiber-
lassen soil. Die Gedankenrichtungen, die hier angegeben
werden, sind seit Urzeiten in den Geheimschulen erprobt
und gelibt. Und nur solche werden hier mitgeteilt. Wer
solche anderer Art anwenden wollte, die er sich selbst bil-
det oder von denen er da oder dort hort und liest, der muB
in die Irre gehen und wird sich bald auf dem Pfade ufer-
loser Phantastik befinden.
Eine weitere Ubung, die sich an die beschriebene anzu-
schlieBen hat, ist die folgende. Man stelle sich einer
Pflanze gegentiber, die sich auf der Stufe der vollen Ent-
wickelung befindet. Nun erftille man sich mit dem Ge-
danken, daB die Zeit kommen werde, wo diese Pflanze
abstirbt, Nichts wird von dem mehr sein, was ich jetzt vor
mir sehe. Aber diese Pflanze wird dann Samenkorner aus
sich entwickelt haben, die wieder zu neuen Pflanzen wer-
den. Wieder werde ich gewahr, daB in dem, was ich sehe,
etwas verborgen runt, was ich nicht sehe. Ich erfiille mich
ganz mit dem Gedanken: diese Pflanzengestalt mit ihren
Farben wird kunftig nicht mehr sein. Aber die Vorstel-
lung, daB sie Samen bildet, lehrt mich, daB sie nicht in
Nichts verschwinden werde. Was sie vor dem Verschwin-
denbewahrt, kann ich jetzt ebensowenig mit Augen sehen,
wie ich friiher die Pflanze im Samenkorn habe sehen kon-
nen. Es gibt also in ihr etwas, was ich nicht mit Augen
sehe. Lasse ich diesen Gedanken in mir leben und verbin-
det sich das entsprechende Geflihl in mir mit ihm, dann
entwickelt sich wieder, nach angemessener Zeit, in meiner
Seele eine Kraft, die zur neuen Anschauung wird. Aus der
Pflanze wachst wieder eine Art von geistiger Flammen-
bildung heraus, Diese ist natiirlich entsprechend groBer
als die vorhin geschilderte. Die Flamme kann etwa in
ihrem mittleren Teile griinlichblau und an ihrem auBe-
ren Rande gelblichrot empfunden werden.
Es muB ausdrucklich betont werden, daB man, was hier
als «Farben» bezeichnetwird, nicht so sieht, wiephysische
Augen die Farben sehen, sondern daB man durch die gei-
stige Wahrnehmung Ahnliches empfindet, wie wenn man
einen physischen Farbeneindruck hat. Geistig «blau»
wahrnehmen heiBt etwas empfinden oder erfuhlen, was
ahnlich dem ist, was man empfindet, wenn der Blick des
physischen Auges auf der Farbe «Blau» ruht. Dies muB
berucksichtigen, wer allmahlich wirklich zu geistigen
Wahrnehmungen aufsteigen will. Er erwartet sonst, im
Geistigen nur eine Wiederholung des Physischen zu fin-
den. Das miiBte ihn auf das bitterste beirren.
Wer es dahin gebracht hat, solches geistig zu sehen, hat
viel gewonnen. Denn die Dinge enthiillen sich ihm nicht
nur im gegenwartigen Sein, sondern auch in ihrem Ent-
stehen und Vergehen. Er fangt an, iiberall den Geist zu
schauen, von dem die sinnlichen Augen nichts wissen
konnen. Und damit hat er die ersten Schritte dazu getan,
um allmahlich durch eigene Anschauung hinter das Ge-
heimnis von Geburt und Tod zu kommen. Fur die auBe-
ren Sinne entsteht ein Wesen bei der Geburt;' es vergeht
im Tode. Dies ist aber nur deshalb, weil diese Sinne den
verborgenen Geist des Wesens nicht wahrnehmen. Fur
den Geist sind Geburt und Tod nur eine Verwandlung,
wie das HervorsprieBen der Blume aus der Knospe eine
Verwandlung ist, die sich vor den sinnlichen Augen
abspielt. Will man das aber durch eigene Anschauung
kennenlernen, so muB man in der angedeuteten Art erst
den geistigen Sinn dafiir erwecken.
Um gleich noch einen Einwand hinwegzunehmen, den
manche Menschen machen konnten, die einige seelische
(psychische) Erfahrung haben, sei dieses gesagt. Es soil
gar nicht bestritten werden, daB es kiirzere, einfachere
Wege gibt, daB manche aus eigener Anschauung die Er-
scheinungen von Geburt und Tod kennenlernen, ohne
erst alles das, was hier beschrieben wird, durchgemacht zu
haben. Es gibt eben Menschen, welche bedeutende psy-
chische Anlagen haben, die nur eines kleinen AnstoBes
bediirfen, um entwickelt zu werden. Aber das sind Aus-
nahmen. Der hier angegebene Weg ist jedoch ein all-
gemeiner und sicherer. Man kann sich ja auch einige
chemische Kenntnisse auf einem ausnahmsweisen Weg
erwerben; will man aber Chemiker werden, dann muB
man den allgemeinen und sicheren Weg gehen.
Ein folgenschwerer Irrtum wiirde sich ergeben, wenn
jemand glauben wollte, er konne, urn bequemer zum Ziele
zu gelangen, sich das besprochene Samenkornchen oder
die Pflanze blofi vorstellen, bloB in der Phantasie vorhal-
ten. Wer dies tut, kann wohl auch zum Ziele kommen,
doch nicht so sicher wie auf die angegebene Art. Die An-
schauung, zu der man kommt, wird in den meisten Fallen
nur ein Blendwerk der Phantasie sein. Bei ihr miiBte dann
die Umwandlung in geistige Anschauung erst abgewartet
werden. Denn darauf kommt es an, daB nicht ich in blo-
Ber Willkiir mir Anschauungen schaffe, sondern darauf,
daB die Wirklichkeit sie in mir erschafft. Aus den Tiefen
meiner eigenen Seele muB die Wahrheit hervorquellen;
aber nicht mein gewohnliches Ich darf selbst der Zauberer
sein, der die Wahrheit hervorlocken will, sondern die
Wesen miissen dieser Zauberer sein, deren geistige Wahr-
heit ich schauen will.
Hat der Mensch durch solcherlei Ubungen in sich die
ersten Anfange zu geistigen Anschauungen gefunden, so
darf er aufsteigen zur Betrachtung des Menschen selbst.
Einfache Erscheinungen des menschlichen Lebens miissen
zunachst gewahlt werden. - Bevor man aber dazu schrei-
tet, ist es notwendig, besonders ernstlich an der vollen
Lauterkeit seines moralischen Charakters zu arbeiten. Man
muB jeden Gedanken daran entfernen, daB man etwa auf
diese Art erlangte Erkenntnis zum personlichen Eigen-
nutz anwenden werde. Man muB mit sich dariiber einig
sein, daB man niemals eine Macht iiber seine Mitmen-
sehen, die man etwa erlangen werde, im Sinne des Bosen
ausnutzen werde. Deshalb muB jeder, der Geheimnisse
uber die menschliche Natur durch eigene Anschauung
sucht, die goldene Regel der wahren Geheimwissenschaf-
ten befolgen. Und diese goldene Regel ist: wenn du einen
Schritt vorwarts zu machen versuchst in der Erkenntnis
geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwarts in
der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.-
Wer diese Regel befolgt, der kann solche Ubungen ma-
chen, wie nunmehr eine beschrieben werden soil.
Man vergegenwartige sich einen Menschen, von dem
man einmal beobachtet hat, wie er nach irgendeiner Sache
verlangt hat. Auf die Begierde soil die Aufmerksamkeit
gerichtet werden. Am besten ist es, den Zeitpunkt in der
Erinnerung wachzurufen, in dem die Begierde am lebhaf-
testen war und in dem es ziemlich unentschieden war, ob
der Mensch das Verlangte erhalten werde oder nicht. Und
nun gebe man sich der Vorstellung an das, was man in der
Erinnerung beobachtet, ganz hin. Man stelle die denkbar
groBte innere Ruhe der eigenen Seele her. Man versuche
so viel, als nur moglich ist, blind und taub zu sein fiir alles
andere, was ringsherum vorgeht. Und man achte beson-
ders darauf, daB durch die angeregte Vorstellung in der
Seele ein Gefuhl erwache. Dieses Gefiihl lasse man in sich
heraufziehen, wie eine Wolke, die an dem sonst ganz
leeren Horizont heraufzieht. Es ist ja nun natiirlich, daB
in der Regel die Beobachtung dadurch unterbrochen wird,
daB man den Menschen, auf den man die Aufmerksam-
keit lenkt, nicht lange genug in dem geschilderten Seelen-
zustand beobachtet hat. Man wird wahrscheinlich Hun-
derte und Aberhunderte von vergeblichen Versuchen
anstellen. Man darf eben die Geduld nicht verlieren. Nach
vielen Versuchen wird man es dahin bringen, daB man in
der eigenen Seele ein Gefiihl erlebt,. das dem Seelen-
zustand des. beobachteten Menschen entspricht. Dann
wird man aber auch nach einiger Zeit bemerken, daB
durch dieses Gefiihl in der eigenen Seele eine Kraft er-
wachst, die zur geistigen Anschauung des Seelenzustandes
des anderen wird. Im Gesichtsfelde wird ein Bild auftre-
ten, das man wie etwas Leuchtendes empfindet. Und dieses
geistig leuchtende Bild ist die sogenannte astrale Verkor-
perung des beobachteten Seelenzustandes der Begierde.
iWieder als flammenahnlich empfunden kann dieses Bild
beschrieben werden. Es wird in der Mitte wie gelbrot sein
und amRande wie rotlichblau oder lila empfunden werden.
- Viel kommt darauf an, daB man mit solcher geistigen
Anschauung zartumgehe. Man tut am besten, wenn man
zunachst zu niemand davon spricht als nur etwa zu seinem
Lehrer, wenn man einen solchen hat. Denn versucht man
eine solche Erscheinung durch ungeschickte Worte zu be-
schreiben, so gibt man sich meistens argen Tauschungen
hin. Man gebraucht die gewohnlichen Worte, die doch fur
solche Dinge nicht bestimmt und daher fiir sie zu grob
und schwerfallig sind. Die Folge ist dann, daB man durch
den eigenen Versuch, die Sache in Worte zu kleiden, ver-
fiihrt wird, sich in die wahren Anschauungen allerlei
Phantasieblendwerke hineinzumischen. Wieder. ist eine
wichtige Regel fiir den Geheimschiiler: Verstehe iiber
deine geistigen Gesichte zu schweigen. Ja, schweige sogar
vor dir selber dariiber. Versuche nicht, was du im Geiste
erschaust, in Worte zu kleiden oder mit dem ungeschick-
ten Verstande zu ergriibeln. Gib dich unbefangen deiner
geistigen Anschauung hin und store sie dir nicht durch
vieles Nachdenken dariiber. Denn du muBt bedenken, daB
dein Nachdenken anfangs ganz und gar nicht deinem
Schauen gewachsen ist. Dieses Nachdenken hast du dir in
deinem bisherigen, bloB auf die physisch-sinnliche Welt
beschrankten Leben erworben; und was du dir jetzt er-
wirbst, geht dariiber hinaus. Suche also nicht, an das neue
Hohere den MaBstab des alten anzulegen. Nur wer schon
einige Festigkeit hat im Beobachten innerer Erfahrungen,
der kann dariiber reden, um durch solches Reden seine
Mitmenschen anzuregen.
Zu der beschriebenen Ubung mag eine erganzende
kommen. Man beobachte in der gleichen Art, wie einem
Menschen die Befriedigung irgendeines Wunsches, die
Erfiillung einerErwartung zuteil geworden ist. Gebraucht
man dabei dieselben Regeln und Vorsichten, die eben fur
den anderen Fall angegeben worden sind, so wird man
auch da zu einer geistigen Anschauung gelangen. Man
wird eine geistige Flammenbildung bemerken, die in der
Mitte als gelb sich fiihlt und die wie mit einem griinlichen
Rande empfunden wird.
Leicht kann der Mensch durch solche Beobachtung
seiner Mitmenschen in einen moralischen Fehler verfallen.
Er kann lieblos werden. DaB dies nicht der Fall sei, muB
eben mit alien nur erdenkbaren Mitteln angestrebt wer-
den. Beobachtet man so, dann soil man eben durchaus
schon auf der Hohe stehen, in der es einem zur volligen
GewiBheit geworden ist, daB Gedanken wirkliche Dinge
sind. Man darf sich da nicht mehr gestatten, iiber seinen
Mitmenschen so zu denken, daB die Gedanken mit der
hochsten Achtung der Menschenwiirde und der Men-
schenfreiheit nicht vertraglich waren. DaB ein Mensch
nur ein Beobachtungsobjekt fur uns sein konnte: dieser
Gedanke darf uns nicht einen Augenblick erfullen. Hand
in Hand mit jeder Geheimbeobachtung iiber die mensch-
liche Natur muB die Selbsterziehung dahin gehen, die
voile Selbstgeltung eines jedenMenschen uneingeschrankt
zu schatzen und das als etwas Heiliges, von uns Unan-
tastbares- auchinGedankenundGefuhlen- zubetrachten,
was in dem Menschen wohnt. Ein Gefiihl von heiliger
Scheu vor allem Menschlichen, selbst wenn es nur als
Erinnerung gedacht wird, muB uns erfullen.
Nur an den zwei Beispielen sollte vorlaufig hier gezeigt
werden, wie man sich zur Erleuchtung iiber die mensch-
liche Natur durchringt. Daran konnte aber wenigstens
der Weg gezeigt werden, der zu betreten ist. Wer die not-
wendige innere Stille und Ruhe findet, die zu solcher
Beobachtung gehoren, dessen Seele wird schon dadurch
eine groBe Verwandlung durchmachen. Das wird bald so
weit gehen, daB die innere Bereicherung, die sein Wesen
erfahrt, ihm Sicherheit und Ruhe gibt auch in seinem.
auBeren Verhalten. Und dieses verwandelte auBere Ver-
halten wird wieder zuriickwirken auf seine Seele. Und so
wird er sich weiter helfen. Er wird Mittel und Wege fin-
den, immer mehr von der menschlichen Natur zu entdek-
ken, was den auBeren Sinnen verborgen ist; und er wird
dann auch reif werden, einen Einblick zu tun in die ge-
heimnisvollen Zusammenhange zwischen der Menschen-
natur und all dem, was sonst noch im Weltall vorhanden
ist. - Und auf diesem Wege naht sich der Mensch immer
mehr dem Zeitpunkte, wo er die ersten Schritte der Ein-
weihung bewerkstelligen kann. Bevor diese aber getan
werden konnen, ist noch, eines notwendig. Es ist dies
etwas, dessen Notwendigkeit der Geheimschiiler zunachst
vielleicht am wenigsten einsehen wird. Spater aber wird
er dies.
Was namlich der Einzuweihende mitbringen muB, ist
ein in gewisser Beziehung ausgebildeter Mut und Furcht-
losigkeit. Der Geheimschiiler muB geradezu die Gelegen-
heiten aufsuchen, durch welche diese Tugenden ausgebil-
det werden. In der Geheimschulung sollten sie ganz syste-
matisch herangebildet werden. Aber auch das Leben selbst
ist namentlich nach dieser Richtung hin eine gute Ge-
heimschule; vielleicht die beste. Einer Gefahr ruhig ins
Auge schauen, Schwierigkeiten ohne Zagen iiberwin-
den wollen: solches muB der Geheimschiiler konnen. Er
muB z. B. einer Gefahr gegeniiber sich sofort zu der
Empfindung aufraffen: meine Angst niitzt nach gar kei-
ner Seite; ich darf sie gar nicht haben; ich muB nur an das
denken, was zu tun ist. Und er muB es so weit bringen,
daB fur Gelegenheiten, in denen er vorher angstlich war,
«Angsthaben», «Mutloswerden» flir ihn wenigstens im
eigentlichen innersten Empfinden unmogliche Dinge wer-
den. Durch die Selbsterziehung nach dieser Richtung ent-
wickelt namlich der Mensch in sich ganz bestimmte
Krafte, die er braucht, wenn er in hohere Geheimnisse
eingeweiht werden soil. So wie der physische Mensch
Nervenkraft braucht, um seine physischen Sinne zu be-
nutzen, so bedarf der seelische Mensch jener Kraft, die
nur entwickelt wird in mutvollen und furchtlosen Na-
turen,' - Wer zu den hoheren Geheimnissen vordringt,
der sieht namlich Dinge, welche dem gewohnlichen
Menschen durch die Tauschungen der Sinne verborgen
bleiben. Denn, wenn die physischen Sinne uns auch die
hohere Wahrheit nicht schauen lassen, so sind sie eben da-
durch auch des Menschen Wohltater. Durch sie verber-
gen sich fur ihn Dinge, welche ihn, unvorbereitet, in maB-
lose Bestiirzung versetzen miiBten, deren Anblick er nicht
ertragen konnte. Diesem Anblick muB der Geheimschii-
ler gewachsen werden. Er verliert gewisse Stiitzen in der
AuBenwelt, die er eben dem Umstande verdankte, daB
er in Tauschung befangen war. Es ist wirklich und buch-
stablich so, wie wenn man jemand auf eine Gefahr auf-
merksam machte, in der er schon lange geschwebt hat,
von der er aber nichts gewuBt hat. Vorher hatte er keine
Angst: jetzt aber, nachdem er weiB, uberkommt ihn die
Angst, obwohl die Gefahr durch sein Wissen nicht
groBer geworden ist.
Die Krafte der Weit sind zerstorende und aufbauende:
das Schicksal der auBeren Wesenheiten ist Entstehen und
Vergehen. In das Wirken dieser Krafte, in den Gang
dieses Schicksales soil derWissende blicken. DerSchleier,
der im gewohnlichen Leben vor den geistigen Augen
liegt, soil entfernt werden. Der Mensch selbst aber ist mit
diesen Kraften, mit diesem Schicksal verwoben. In seiner
eigenen Natur sind zerstorende und aufbauende Krafte.
So unverhiillt die anderen Dinge vor das sehende Auge
des Wissenden treten, so unverhiillt zeigt die eigene Seele
sich selbst. Solcher Selbsterkenntnis gegeniiber darf der
Geheimschiiler nicht die Kraft verlieren. Und sie wird
ihm nur dann nicht fehlen, wenn er einen UberschuB an
ihr mitbringt. Damit dieses der Fall sei, muB er lernen, in
schwierigen Lebensverhaltnissen die innere Ruhe und
Sicherheit zu bewahren; er muB in sich ein starkes Ver-
trauen in die guten Machte des Daseins erziehen. Er muB
darauf gefaBt sein, daB manche Triebfedern inn nicht
mehr leiten werden; die inn bisher geleitet haben. Er wird
ja einsehen miissen, daB er bisher manches nur getan und
gedacht hat, weil er in Unwissenheit befangen war. Solche
Griinde, wie er sie bisher gehabt, werden wegfallen. Er
hat manches aus Eitelkeit getan; er wird sehen, wie unsag-
lich wertlos alle Eitelkeit ftir den Wissenden ist. Er hat
manches aus Habsucht getan; er wird gewahr werden, wie
zerstorend alle Habsucht ist. Ganz neue Triebfedern zum
Handeln und Denken wird er entwickeln miissen. Und
eben dazu gehoren Mut und Furchtlosigkeit.
Vorziiglich handelt es sich darum, im tiefsten Innern
des Gedankenlebens selbst diesen Mut und diese Furcht-
losigkeit zu pflegen. Der Geheimschiiler muB lernen, iiber
einen MiBerfolg nicht zu verzagen. Er muB zu dem
Gedanken fahig sein: «Ich will vergessen, daB mir diese
Sache schon wieder miBgliickt ist, und aufs neue versu-
chen, wie wenn nichts gewesen ware.» So ringt er sich
durch zu der Uberzeugung, daB die Kraftquellen in der
Welt, aus denen er schopfen kann, unversieglich sind. Er
strebt immer wieder nach dem Geistigen, das ihn heben
und tragen wird, wie oft auch sein Irdisches sich als kraft-
los und schwach erwiesen haben mag. Er muB fahig sein,
der Zukunft entgegenzuleben, und in diesem Streben sich
durch keine Erfahrung der Vergangenheit storen lassen. -
Hat der Mensch die geschilderten Eigenschaften bis zu
einem gewissen Grade, dann ist er reif, die wahren
Namen der Dinge zu erfahren, die der Schliissel zu dem
hoheren Wissen sind. Denn darin besteht die Einweihung,
daB man lernt, die Dinge der Welt bei demjenigen Na-
men zu benennen, die sie im Geiste ihrer gottlichen Ur-
heber haben. In diesen ihren Namen liegen die Geheim-
nisse der Dinge. Deshalb sprechen die Eingeweihten eine
andere Sprache als Uneingeweihte, weil die ersteren die
Bezeichnung der Wesen nennen, durch welche diese selbst
gemacht sind. - Soweit von der Einweihung (Initiation)
selbst gesprochen werden kann, soil das im nachsten
Kapitel folgen.
DIE EINWEIHUNG
Die Einweihung ist die hochste der Stufen einer Geheim-
schulung, liber welche in einer Schrift nochAndeutungen
gegeben werden konnen, die allgemein verstandlich sind.
Uber alles, was darliber liegt, sind Mitteilungen schwer
verstandlich. Aber auch dazu findet jeder den Weg, der
durch die Vorbereitung, Erleuchtung und Einweihung bis
zu den niederen Geheimnissen vorgedrungen ist.
Das Wissen und Konnen, das einem Menschen durch
die Einweihung zuteil wird, konnte er ohne eine solche
erst in einer sehr fernen Zukunft - nach vielen Verkorpe-
rungen - auf einem ganz anderen Wege und auch in einer
ganz anderen Form erwerben. Werheute eingeweihtwird,
erfahrt etwas, was er sonst viel spater, unter ganz anderen
Verhaltnissen, erfahren wlirde.
Ein Mensch kann von den Geheimnissen des Daseins
nur so viel wirklich erfahren, als dem Grade seiner Reife
entspticht. Nur deshalb gibt es Hindernisse zu den hohe-
ren Stufen des Wissens und Konnens. Der Mensch soil
ein SchieBgewehr nicht frtiher gebrauchen, als bis er ge-
ntigende Erfahrung hat, um durch den Gebrauch nicht
Unheil anzurichten. - Wiirde heute jemand ohne weiteres
eingeweiht, so wiirde ihm die Erfahrung fehlen, die er
durch die Verkorperungen in der Zukunft noch machen
wird, bis ihm die entsprechenden Geheimnisse im regel-
maBigen Verlauf seiner Entwickelung zuteil werden. Des-
halb mlissen an der Pforte der Einweihung die Erfah-
rungen durch etwas anderes ersetzt sein. In einem Ersatz
fur klinftige Erfahrungen bestehen daher die ersten U nter-
weisungen des Einweihungskandidaten. Es sind das die
sogenannten «Proben», die er durchzumachen hat und
die sich als regelmaBige Folge des Seelenlebens ergeben,
wenn Ubungen, wie die in den vorhergehenden Kapiteln
geschilderten, richtig fortgesetzt werden.
Von diesen «Proben» wird ja auch in Biichern oft ge-
sprochen. Aber es ist nur natiirlich, daB von ihrer Natur
durch solche Besprechungen in der Regel ganz falsche
Vorstellungen hervorgerufen werden miissen. Denn wer
nicht durch die Vorbereitung und Erleuchtung hindurch-
gegangen ist, hat ja nichts von diesen Proben jemals
erfahren. Ein solcher kann sie auch nicht sachgemaB
beschreiben.
Dem Einzuweihenden miissen sich gewisse Dinge und
Tatsachen ergeben, die den hoheren Welten angehoren.
Er kann sie aber nur sehen und horen, wenn er die
geistigen Wahrnehmungen wie Figuren, Farben, Tone
usw. empfinden kann, von denen bei Besprechung der
«Vorbereitung» und «Erleuchtung» berichtet worden ist.
Die erste «Probe» besteht darinnen, daB er eine wah-
rere Anschauung erlangt von den leiblichen Eigenschaf-
ten der leblosen Korper, dann der Pflanzen, der Tiere und
des Menschen, als sie der Durchschnittsmensch:besitzt.
Damit ist aber nicht das gemeint, was man heute wissen-
schaftliche Erkenntnis nennt. Denn nicht um Wissen-
schaft, sondern um Anschauung handelt es sich. - In der
Regel ist der Vorgang so, daB der Einzuweihende erken-
nen lernt, wie sich die Naturdinge und Lebewesen fur
das geistige Ohr und geistige Auge kundgeben. In einer
gewissen Weise stehen diese Dinge dann unverhullt -
nackt - vor dem Beschauer. Dem sinnlichen Auge und
dem sinnlichen hre verbergen sich die Eigenschaften,
die man da hort und sieht. Sie sind fur dieses sinnliche
Anschauen wie mit einem Schleier verhiillt. DaB dieser
Schleier fur den Einzuweihenden wegfallt, beruht auf
einem Vorgang, den man als «geistigen Verbrennungs-
prozeB» bezeichnet. Deshalb wird diese erste Probe die
«Feuerprobe» genannt.
Fur manche Menschen ist das gewohnliche Leben selbst
schon ein mehr oder weniger unbewuBter Einweihungs-
prozeB durch die Feuerprobe. Es sind das diejenigen,
welche durch reiche Erfahrungen von solcher Art durch-
gehen, daB ihr Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Stand-
haftigkeit in gesunder Weise groB werden und daB sie
Leid, Enttauschung, MiBlingen von Unternehmungen mit
SeelengroBe und namentlich mit Ruhe und in ungebro-
chener Kraft ertragen lernen. Wer Erfahrungen in dieser
Art durchgemacht hat, der ist oft schon, ohne daB er es
deutlich weiB, ein Eingeweihter; und es bedarf dann nur
eines wenigen, um ihm geistige Ohren und Augen zu
offnen, so daB er ein Hellsehender wird. Denn das istfest-
zuhalten: es handelt sich bei einer wahren «Feuerprobe»
nicht darum, daB die Neugierde des Kandidaten befriedigt
werde. GewiB, er lernt auBergewohnliche Tatsachen ken-
nen, von denen andere Menschen keine Ahnung haben.
Aber dieses Kennenlernen ist nicht das Ziel, sondern nur
das Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist, daB sich der Kan-
didat durch die Erkenntnis der hoheren Welten groBeres
und wahreres Selbstvertrauen, hoheren Mut und eine ganz
andere SeelengroBe und Ausdauer erwerbe, als sie in der
Regel innerhalb derniederen Weh erlangt werden konnen.
Nach der «Feuerprobe» kann jeder Kandidat nochum-
kehren. Er wird gestarkt in physischer und seelischer
Beziehung dann sein Leben fortsetzen und wohl erst in
einer nachsten Verkorperung die Einweihung fortsetzen.
In seiner gegenwartigen aber wird er ein brauchbareres
Glied der menschlichen Gesellschaft sein, als er vorher
war. In welcher Lage er sich auch befinden mag: seine
Festigkeit, seine Umsicht, sein giinstiger EinfluB auf
seine Mitmenschen, seine Entschlossenheit werden zu-
genommen haben.
Will der Kandidat nach vollbrachter Feuerprobe die
Geheimschulung fortsetzen, so muB ihm nunmehr ein be-
stimmtes Schriftsystem enthiillt werden, wie solche in der
Geheimschulung iiblich sind. In diesen Schriftsystemen
offenbaren sich die eigentlichen Geheimlehren. Denn das-
jenige, was in den Dingen wirklich «verborgen» (okkult)
ist, kann weder mit den Worten der gewohnlichen Spra-
che unmittelbar ausgesprochen, noch kann es mit den
gewohnlichen Schriftsystemen aufgezeichnet werden.
Diejenigen, welche von den Eingeweihten gelernt haben,
Ubersetzen die Lehren der Geheimwissenschaft in die ge-
wohnliche Sprache, so gut das geht. Die okkulte Schrift
offenbart sich der Seele, wenn diese die geistige Wahrneh-
mung erlangt hat. Denn diese Schrift steht in der geisti-
gen Welt immer geschrieben. Man lernt sie nicht so, wie
man eine kiinstliche Schrift lesen lernt. Man wachst viel-
mehr in sachgemaBer Weise der hellsichtigen Erkenntnis
entgegen, und wahrend dieses Wachsens entwickelt sich
wie eine seelische Fahigkeit die Kraft, welche die vorhan-
denen Geschehnisse und Wesenheiten der geistigen Welt
wie die Charaktere einer Schrift zu entziffern sich ge-
drangt fiihlt. Es konnte sein, daB dieseKraft und mit ihr
das Erleben der entsprechenden «Probe» mit der fort-
schreitenden Seelenentwickelung wie von selbst erwa-
chen. Doch sicherer gelangt man zum Ziele, wenn man
die Anweisungen der erfahrenen Geheimforscher befolgt,
die Gewandtheit haben im Entziffern der okkulten Schrift.
Die Zeichen der Geheimschrift sind nicht willklirlich
ersonnen, sondern sie entsprechen den Kraften, welche
in der Welt wirksam sind. Man lernt durch diese Zeichen
die Sprache der Dinge. Dem Kandidaten zeigt sich als-
bald, daB die Zeichen, die er kennenlernt, den Figuren,
Farben, Tonenusw. entsprechen, die er wahrend der Vor-
bereitung und Erleuchtung wahrzunehmen gelernt hat.
Es zeigt sich ihm, daB alles Vorhergehende nur wie ein
Buchstabieren war. Jetzt erst fangt er an, in der hoheren
Welt zu lesen. In einem groBen Zusammenhang erscheint
ihm alles, was vorher nur vereinzelte Figur, Ton, Farbe
war. Jetzt erst gewinnt er die rechte Sicherheit im Beob-
achten der hoheren Welten. Vorher konnte er nie mit Be-
stimmtheit wissen, ob die Dinge, die er gesehen hat, auch
richtig gesehen waren. Und jetzt erst kann eine geregelte
Verstandigung zwischen dem Kandidaten und dem Ein-
geweihten auf den Gebieten des hoheren Wissens statt-
finden. Denn wie auch das Zusammenleben eines Einge-
weihten mit einem anderen Menschen im gewohnlichen
Leben gestaltet sein mag: von dem hoheren Wissen in
unmittelbarer Gestalt kann der Eingeweihte nur in der
erwahnten Zeichensprache etwas mitteilen.
Durch diese Sprache wird der Geheimschliler auch be-
kannt mit gewissen VerhaltungsmaBregeln fur das Leben.
Er lernt gewisse Pflichten kennen, von denen er vorher
nichts gewuBt hat. Und wenn er diese VerhaltungsmaB-
regeln kennengelernt hat, so kann er Dinge vollbringen,
die eine Bedeutung haben, wie sie niemals die Taten eines
Uneingeweihten haben konnen. Er handelt von den hohe-
ren Welten aus. Die Anweisungen zu solchen Handlun-
gen konnen nur in der angedeuteten Schrift verstanden
werden.
Es muB aber betont werden, daB es Menschen gibt, die
solche Handlungen unbewufit auszufuhren vermogen,
trotzdem sie nicht eine Geheimschulung durchgemacht
haben. Solche «Helfer der Welt und Menschheit» schrei-
ten segnend und wohltuend durchs Leben. Ihnen sind
durch Grlinde, die hier nicht zu erortern sind, Gaben ver-
liehen worden, die ubernatlirlich erscheinen. Was sie von
dem Geheimschliler unterscheidet, ist lediglich das, daB
dieser mit Bewufitsein, mit voller Einsicht in den ganzen
Zusammenhang handelt. Er erringt eben durch Schulung,
was jenen von hoheren Machten zum Heile der Welt
beschert worden ist. Die Gottbegnadeten kann man auf-
richtig verehren; aber deswegen darf man die Arbeit
der Schulung nicht fiir liberflussig halten.
Hat der Geheimschliler die erwahnte Zeichenschrift ge-
lernt, dann beginnt fiir ihn eine weitere «Probe». Durch
diese muB sich erweisen, ob er sich frei und sicher in der
hoheren Welt bewegen kann. Im gewohnlichen Leben
wird der Mensch durch Antriebe von auBen zu seinen
Handlungen bewogen. Er arbeitet dieses oder jenes, weil
ihm die Verhaltnisse diese oder jene Pflichten auferlegen.
-■ Es braucht wohl kaum erwahnt zu werden, daB der
Geheimschliler keine seiner Pflichten im gewohnlichen
Leben versaumen darf, weil er in hoheren Welten lebt.
Keine Pflicht in einer hoheren Welt kann jemanden z win-
gen, eine einzige seiner Pflichten in der gewohnlichen
auBer acht zu lassen. DerFamilienvaterbleibt ebenso guter
Familienvater, die Mutter ebenso gute Mutter, der Beamte
wird von nichts abgehalten, ebensowenig der Soldat oder
ein anderer, wenn sie Geheimschiiler werden. Im Gegen-
teil: alle die Eigenschaften, die den Menschen im Leben
tiichtig machen, steigern sich bei dem Geheimschiiler in
einem MaBe, von dem sich der Uneingeweihte keinen Be-
griff machen kann. Und wenn das dem Uneingeweihten
auch oft - nicht immer, sogar selten - nicht so erscheint,
dann riihrt das nur davon her, daB er den Eingeweihten
nicht immer richtig zu beurteilen vermag. Was letzterer
tut, ist manchmal dem anderen nicht sogleich durchsich-
tig. Aber auch das ist, wie gesagt, nur in besonderen
Fallen zu bemerken.
Fur den auf der genannten Stufe der Einweihung An-
gelangten gibt es nun Pflichten, zu denen kein aufierer
AnstoB vorhanden ist. Er wird in diesen Dingen nicht
durch auBere Verhaltnisse, sondern nur durch jene MaB-
regeln veranlaBt, welche ihm in der «verborgenen» Spra-
che offenbar werden. Nun muB er durch die zweite
«Probe» zeigen, daB er gefiihrt von einer solchen MaB-
regel, ebenso sicher und fest handelt, wie etwa ein Beam-
ter seine ihm obliegenden Pflichten vollfiihrt. - Zu die-
sem Zwecke wird durch die Geheimschulung der Kan-
didat sich vor eine bestimmte Aufgabe gestellt fiihlen.
Dieser soil eine Handlung ausfiihren infolge von Wahr-
nehmungen' die er macht auf Grund dessen, was er auf
der Vorbereitungs- und Erleuchtungsstufe gelernt hat.
Und was er auszufiihren hat, das muB er erkennen durch
die gekennzeichnete Schrift, die er sich angeeignet hat. Er
kennt er seine Pflicht und handelt er richtig, dann hat er
die Probe bestanden. Man erkennt den Erfolg an der Ver-
anderung, die sich mit den als Figuren, Farbenund Tonen
empfundenen Wahrnehmungen der Geistesohren und
-augen durch die Handlung vollzieht. In den Fortschrit-
ten der Geheimschulung wird ganz genau angegeben,
wie diese Figuren usw. nach der Handlung aussehen,
empfunden werden. Und der Kandidat muB wissen, wie
er eine solche Veranderung hervorzubringen vermag. -
Man nennt diese Probe die «Wasserprobe», weil bei der
Tatigkeit in diesen hoheren Gebieten dem Menschen die
Stlitze durch die auBeren Verhaltnisse so fehlt, wie beim
Bewegen im Wasser, dessen Grund man nicht erreicht,
die Stlitze fehlt. - Der Vorgang muB so oft wiederholt
werden, bis der Kandidat vollige Sicherheit hat.
Auch bei dieser Probe handelt es sich um das Erwerben
einer Eigenschaft; und durch die Erfahrungen in der hohe-
ren Welt bildet der Mensch diese Eigenschaft in kurzer
Zeit in einem solch hohen Grade aus, daB er im gewohn-
lichen Verlaufe der Entwickelung wohl durch viele Ver-
korperungen hindurchgehen muBte, um ihn zu erreichen.
Worauf es namlich ankommt, ist das Folgende. Der Kan-
didat darf, um die angegebene Veranderung auf dem
hoheren Gebiet des Daseins hervorzubringen, lediglich
dem folgen, was sich ihm auf Grund seiner hoheren
Wahrnehmung und als Folge seines Lesens der verbor-
genen Schrift ergibt. Wiirde er wahrend seiner Hand-
lung irgend etwas von seinen Wtinschen, Meinungen
usw. einmischen, folgte er nur einen Augenblick nicht
den Gesetzen, die er alsrichtig erkannthat, sondern seiner
Willkur: dann wiirde etwas ganz anderes geschehen, als
geschehen soil. In diesem Falle verlore der Kandidat so-
fort die Richtung auf sein Ziel der Handlung, und Ver-
wirrung trate ein. - Daher hat der Mensch durch diese
Probe in reichlichstem MaBe Gelegenheit, seine Selbst-
beherrschung auszubilden. Und darauf kommt es an. -
Wieder kann daher diese Probe von denen leichter bestan-
den werden, die vor der Einweihung durch ein Leben ge-
gangen sind, das ihnen die Erwerbung der Selbstbeherr-
schung gebracht hat. Wer sich die Fahigkeit erworben hat,
hohen Grundsatzen und Idealen mit Hintansetzung der
personlichen Laune und Willklir zu folgen, wer versteht,
die Pflicht auch immer da zu erftillen, wo die Neigungen
und Sympathien gar zu gerne von dieser Pflicht ablenken
wollen: der ist unbewufit schon mitten im gewohnlichen
Leben ein Eingeweihter. Und nur ein Geringes wird not-
wendig sein, damit er die geschilderte Probe bestehe. Ja,
es muB sogar gesagt werden, daB ein gewisser schon im
Leben unbewuBt erlangter Grad von Einweihung in der
Regel durchaus notwendig sein wird, um die zweite Probe
zu bestehen. Denn wie es vielen Menschen, die in der Ju-
gend nicht richtig schreiben gelernt haben, schwer wird,
dies nachzuholen, wenn sie einmal die voile Lebensreife
erlangt haben, so wird es auch schwer, den notwendigen
Grad von Selbstbeherrschung beim Einblicke in die ho-
heren Welten auszubilden, wenn man nicht schon vorher
darinnen einen gewissen Grad im alltaglichen Leben sich
angeeignet hat. Die Dinge der physischen Welt andern
sich nicht, was wir auch wtinschen, begehren, was immer
wir auch fiir Neigungen haben. In den hoheren Welten
aber sind unsere Wtinsche, Begierden und Neigungen
von Wirkung fur die Dinge. Wollen wir da auf die Din-
ge in entsprechender Weise wirken, so mlissen wir uns
ganz in unserer Gewalt haben, miissen lediglich den rich-
tigen MaBregeln folgen und keinerlei Willkiir unter-
werfen sein.
Eine Eigenschaft des Menschen, die auf dieser Stufe der
Einweihung ganz besonders in Betracht kommt, ist eine
unbedingt gesunde und sichere Urteilskraft. Auf die Her-
anbildung einer solchen muB schon auf alien friiheren
Stufen gesehen werden; und auf dieser muB es sich erwei-
sen, ob der Kandidat sie so handhabt, daB er fiir den wah-
ren Erkenntnispfad geeignet ist. Er kann nur dann weiter-
kommen, wenn er Illusion, wesenlose Phantasiegebilde,
Aberglaubenund alle Art von Blendwerkvon derwahren
Wirklichkeit unterscheiden kann. Und auf den hoheren
Stufen des Daseins ist das zunachst schwieriger als auf den
niederen. Da muB jedes Vorurteil, jede liebgewordene
Meinung schwinden in bezug auf die Dinge, auf die es
ankommt; und einzig und allein die Wahrheit muB Richt-
schnur sein. Vollkommene Bereitschaft muB vorhanden
sein, einen Gedanken, eine Ansicht, eine Neigung sofort
aufzugeben, wenn das logische Denken solches fordert.
GewiBheit in hoheren Welten ist nur zu erlangen, wenn'
man nie die eigene Meinung schont.
Menschen mit einer Denkungsart, die zur Phantastik,
zum Aberglauben neigt, konnen auf dem Geheimpfade
keinen Fortschritt machen. Ein kostbares Gut soil ja der
Geheimjiinger erringen. Alle Zweifel an den hoheren
Welten werden von ihm genommen. Diese enthiillen sich
in ihren Gesetzen vor seinen Blicken. Aber er kann dieses
Gut nicht erringen, solange er sich von Blendwerken und
Illusionen tauschen laBt. Schlimm ware es fiir ihn, wenn
seine Phantasie, seine Vorurteile mit seinem Verstande
durchgingen. Traumer und Phantasten sind fur den Ge-
heimpfad ebenso ungeeignet wie aberglaubische Perso-
nen. Das alles kann nicht genug betont werden. Denn
in Traumerei, Phantastik und Aberglauben lauern die
schlimmsten Feinde auf dem Wege zu Erkenntnissen
in hoheren Wehen. Es braucht aber auch niemand zu
glauben, daB dem Geheimj linger die Poesie des Lebens,
die Begeisterungsfahigkeit verlorengehe, weil liber dem
Tore, das zur zweiten Probe der Einweihung ftihrt, die
Worte stehen: «Alle Vorurteile mussen von dir fallen»,
und weil er an der Eingangspforte zur ersten Probe bereits
lesen muB: «Ohne gesunden Menschenverstand sind alle
deine Schritte vergebens.»
1st der Kandidat in dieser Art weit genug vorgeschrit-
ten, so wartet die dritte «Probe» auf ihn. Bei dieser wird
ihm kein Ziel ftihlbar. Es ist alles in seine eigene Hand
gelegt. Er befindet sich in einer Lage, wo ihn nichts zum
Handeln veranlaBt. Er muB ganz allein aus sich seinen
Weg finden. Dinge oder Personen, die ihn zu etwas be-
wegen, sind nicht da. Nichts und niemand kann ihm jetzt
die Kraft geben, die er braucht, als nur er selbst. Fande er
diese Kraft nicht in sich selbst, so stande er sehr bald wie-
der da, wo er vorher gestanden hat. Doch muB man sagen,
daB nur wenige von denen, welche die vorigen Proben
bestanden haben, hier diese Kraft nicht finden werden.
Man bleibt entweder schon vorher zurtick, oder man be-
steht auch hier. Alles, was notig ist, das besteht darinnen,
rasch mit sich selbst zurecht zu kommen. Denn man muB
hier sein «hoheres Selbst» im wahrsten Sinne des Wortes
finden. Man muB sich rasch entschlieBen, auf die Ein-
gebung des Geistes in alien Dingen zu horen. Zeit zu
irgendwelchen Bedenken, Zweifeln usw. hat man hier
nicht mehr. Jede Minute Zogerung wiirde nur beweisen,
daB man noch nicht reif ist. Was abhalt, auf den Geist
zu horen, muB kiihn uberwunden werden. Es kommt
darauf an, Geistesgegenwart in dieser Lage zu beweisen.
Und das ist auch die Eigenschaft, auf deren vollkom-
mene Ausbildung es auf dieser Entwickelungsstufe ab-
gesehen ist. Alle Verlockungen zum Handeln, ja selbst
zum Denken, an die ein Mensch vorher gewohnt war,
horen auf. Um nicht untatig zu bleiben, darf der Mensch
sich selbst nicht verlieren. Denn nur in sich selbst kann
er den einzigen festen Punkt finden, an den er sich zu hal-
ten vermag. Niemand, der dies hier liest, ohne weiter mit
den Sachen vertraut zu sein, sollte eine Antipathie emp-
finden gegen dieses Zuruckgewiesensein auf sich selbst.
Denn es bedeutet fur den Menschen die schonste Gliick-
seligkeit, wenn er die geschilderte Probe besteht.
Und nicht weniger als in den anderen Fallen ist auch
flir diesen Punkt das gewohnliche Leben fur viele Men-
schen schon eine Geheimschule. Personen, die es dahin
gebracht haben, daB sie, vorplotzlich an sie herantretende
Lebensaufgaben gestellt, ohne Zogern, ohne viel Beden-
ken eines raschen Entschlusses fahig sind, ihnen ist das
Leben eine solche Schulung. Die geeigneten Lagen sind
diejenigen, wo ein erfolgreiches Handeln sofort unmog-
lich wird, wenn der Mensch nicht rasch eingreift. Wer
rasch bei der Hand ist, zuzugreifen, wenn ein Ungliick in
Sicht ist, wahrend durch einige Augenblicke Zogerung
das Ungliick bereits geschehen ware, und wer eine solche
rasche EntschluBfahigkeit zu einer bleibenden Eigen-
schaft bei sich gemacht hat, der hat unbewuBt die Reife
fur die dritte «Probe» erworben. Denn auf die Heran-
bildung der unbedingten Geistesgegenwart kommt es bei
ihr an. - Man nennt sie in den Geheimschulen die «Luft-
probe», weil der Kandidat bei ihr sich weder auf den
festen Boden der auBeren Veranlassungen stiitzen kann
noch auf dasjenige, was sich aus den Farben, Formen
usw. ergibt, die er durch Vorbereitung und Erleuch-
tung kennengelernt hat, sondern ausschlieBlich auf sich
selbst.
Hat der Geheimj linger diese Probe bestanden, dann
darf er den «Tempel der hoheren Erkenntnisse» betre-
ten. - Was dariiber weiter zu sagen ist, kann nur die aller-
sparlichste Andeutung sein. - Was jetzt zu leisten ist wird
oft so ausgedriickt, daB man sagt: der Geheimj linger habe
einen «Eid» zu leisten, nichts von den Geheimlehren zu
«verraten». Doch sind die Ausdriicke «Eid» und «ver-
raten» keineswegs sachgemaB und sogar zunachst irre-
fiihrend. Es handelt sich um keinen «Eid» im gewohn-
lichen Sinne des Wortes. Man macht vielmehr auf dieser
Stufe der Entwickelung eine Erfahrung. Man lernt, wie
man die Geheimlehre anwendet, wie man sie in den
Dienst der Menschheit stellt. Man fangt an, die Welt erst
recht zu verstehen. Nicht auf das «Verschweigen» der
hoheren Wahrheiten kommt es da an, sondern vielmehr
auf die rechte Art, den entsprechenden Takt, sie zu ver-
treten. Woriiber man «schweigen» lernt, das ist etwas
ganz anderes. Man eignet sich diese herrliche Eigenschaft
namlich in bezug auf vieles an, woriiber man vorher ge-
redet hat, namentlich auf die Art, wie man geredet hat.
Ein schlechter Eingeweihter ware der, welcher nicht die
erfahrenen Geheimnisse in den Dienst der Welt stellte, so
gut und soweit dies nur moglich ist. Es gibt kein anderes
Hindernis fur die Mitteilung auf diesem Gebiete als allein
das Nichtverstehen von seiten dessen, der empfangen soli.
Zum beliebigen Reden dariiber eignen sich allerdings die
hoheren Geheimnisse nicht. Aber es ist niemandem etwas
«verboten» zu sagen, der die beschriebene Stufe der Ent-
wickelung erlangt hat. Kein anderer Mensch und kein
Wesen legt ihm einen dahingehenden «Eid» auf. Alles ist
in seine eigene Verantwortlichkeit gestellt. Was er lernt,
ist, in jeder Lage ganz durch sich selbst zu finden, was er
zu tun hat. Und der «Eid» bedeutet nichts, als daB der
Mensch reif geworden ist, eine solche Verantwortung
tragen zu konnen.
Ist der Kandidat reif geworden zudem Beschriebenen,
dann erhalt er dasjenige, was man sinnbildlich als den
«Vergessenheitstrunk» bezeichnet. Erwirdnamlichin das
Geheimnis eingeweiht, wie man wirken kann, ohne sich
durch das niedere Gedachtnis fortwahrend storen zu
lassen. Das ist fur den Eingeweihten notwendig. Denn er
muB stets das voile. Vertrauen in die unmittelbare Gegen-
wart haben. Er muB die Schleier der Erinnerung zerstoren
konnen, die sich in jedem Augenblick des Lebens um den
Menschen ausbreiten. Wenn ich etwas, was mir heute be-
gegnet, nach dem beurteile, was ich gestern erfahren ha-
be, so bin ich vielfachen Irrtumern unterworfen. N atiir-
lieh ist damit nicht gemeint, daB man seine im Leben ge-
wonnene Erfahrung verleugne. Man soil sich sie immer
gegenwartig halten, so gut man kann. Aber man muB als
Eingeweihter die Fahigkeit haben, jedes neue Erlebnis
ganz aus sich selbst zu beurteilen, es ungetriibt durch alle
Vergangenheit auf sich wirken zu lassen. Ich muB in je-
dem Augenblicke darauf gefaBt sein, daB mir ein jegliches
Ding oder Wesen eine ganz neue Offenbarung bringen
kann. Beurteile ich das Neue nach dem Alten, so bin ich
dem Irrtum unterworfen. Gerade dadurch wird mir die
Erinnerung an alte Erfahrungen am ntitzlichsten, daB sie
mich befahigt, Neues zu sehen. Hatte ich eine bestimmte
Erfahrung nicht, so wlirde ich die Eigenschaft eines Din-
ges oder eines Wesens, die mir entgegentreten, vielleicht
gar nicht sehen. Aber eben zum Sehen des Neuen, nicht
zur Beurteilung des Neuen nach dem Alten soil die
Erfahrung dienen. In dieser Beziehung erlangt der
Eingeweihte ganz bestimmte Fahigkeiten. Dadurch ent-
hlillen sich ihm viele Dinge, die dem Uneingeweihten
verborgen bleiben.
Derzweite «Trank», der dem Eingeweihten verabreicht
wird, ist der «Cedachtnistrank». Durch ihn erlangt er die
Fahigkeit, hohere Geheimnisse stets im Geiste gegenwar-
tig zu haben. Dazu wlirde das gewohnliche Gedachtnis
nicht ausreichen. Man muB ganz eins werden mit den
hoheren Wahrheiten. Man muB sie nicht nur wissen, son-
dern ganz selbstverstandlich in lebendigem Tun hand-
haben, wie man als gewohnlicher Mensch iBt und trinkt.
Ubung, Gewohnung, Neigung mlissen sie werden. Man
muB gar nicht iiber sie in gewohnlichem Sinne nachzu-
denken brauchen; sie mlissen sich durch den Menschen
selbst darstellen, durch ihn flieBen wie die Lebensfunk-
tionen seines Organismus. So macht er sich in geistigem
Sinne immer mehr zu dem, wozu ihn im physischen die
Natur gemacht hat.
PRAKTISCHE GESICHTSPUNKTE
Wenn der Mensch seine Ausbildung in bezug auf Ge-
ftihle, Gedanken und Stimmungen so durchmacht, wie
dies in den Kapiteln iiber Vorbereitung, Erleuchtung und
Einweihung beschrieben worden ist, so bewirkt er in sei-
ner Seele und in seinem Geist eine ahnliche Gliederung,
wie sie die Natur in seinem physischen Leibe bewirkt hat.
Vor dieser Ausbildung sind Seele und Geist ungegliederte
Massen. Der Hellseher nimmt sie wahr als ineinander-
greifende, spiralige Nebelwirbel, die vorzugsweise wie
rotliche und rotlichbraune oder auch rotlichgelbe Farben
matt glimmend empfunden werden; nach der Ausbildung
beginnen sie wie die gelblichgrunen, grtinlichblauen Far-
ben geistig zu erglanzen und zeigen einen regelmaBigen
Bau. Der Mensch gelangt zu solcher RegelmaBigkeit
und damit zu hoheren Erkenntnissen, wenn er in seine
Geftihle, Gedanken und Stimmungen solche Ordnung
bringt, wie sie die Natur in seine korperlichen Verrich-
tungen gebracht hat, so daB er sehen, horen, verdauen,
atmen, sprechen usw. kann. - Mit der Seele atmen und
sehen usw., mit dem Geiste horen und sprechen usw.
lernt der Geheimschuler allmahlich.
Es sollen hier nur noch einige praktische Gesichts-
punkte genauer ausgeftihrt werden, die zur hoheren See-
len- und Geisteserziehung geharen. Es sind solche, die
im Grunde jeder, ohne auf andere Regeln Rticksicht zu
nehmen, befolgen kann und durch die er in der Geheim-
wissenschaft eine Strecke weit gelangt.
Eine besondere Ausbildung muB man in der Geduld
anstreben. Jede Regung der Ungeduld wirkt lahmend, ja
ertotend auf die im Menschen schlummernden hoheren
Fahigkeiten. Man soil nicht verlangen, daB sich von heute
auf morgen unermeBliche Einblicke in die hoheren Wel-
ten eroffnen. Denn dann kommen sie in der Regel ganz
gewiB nicht; Zufriedenheit mit dem Geringsten, das man
erreicht, Ruhe und Gelassenheit sollen sich der Seele
immer mehr bemachtigen. - Es ist ja begreiflich, daB der
Lernende ungeduldig die Ergebnisse erwartet. Dennoch
erlangt er nichts, solange er diese Ungeduld nicht be-
meistert. Es niitzt auch nichts, wenn man diese Ungeduld
nur in gewohnlichem Sinne des Wortes bekampft. Dann
wird sie nur um so starker. Man tauscht sich dann liber sie
hinweg, und in den Tiefen der Seele sitzt sie nur um so
starker. Nur wenn man sich einem ganz bestimmten Ge-
danken immer wieder hingibt, ihn ganz sich zu eigen
macht, erreicht man etwas. Dieser Gedanke ist: «Ich muB
zwar alles tun zu meiner Seelen- und Geistesausbildung;
aber ich werde ganz ruhig warten, bis ich von hoheren
Machten fur wtirdig befunden werde zu bestimmter Er-
leuchtung.» Wird dieser Gedanke im Menschen so mach-
tig, daB er zur Charakteranlage sich gestaltet, dann ist
man auf dem rechten Wege. Schon im AuBerlichen pragt
sich dann diese Charakteranlage aus. Der Blick des Auges
wird ruhig, die Bewegungen sicher, die Entschltisse be-
stimmt, und alles, was man Nervositat nennt, weicht all-
mahlich von dem Menschen. Scheinbar unbedeutende,
kleine Regeln kommen dabei in Betracht. Z. B. es ftigt
uns jemand eine Beleidigung zu. Vor unserer Geheim-
erziehung wenden wir unser Geftihl gegen den Belei-
diger. Arger wallt in unserem Innern auf. In dem Ge-
heimschliler aber steigt sofort bei einer solchen Gelegen-
heit der Gedanke auf: «Eine solche Beleidigung andert
nichts an meinem Werte»; und er tut dann, was gegen die
Beleidigung zu unternehmen ist, mit Ruhe und Gelassen-
heit, nicht aus dem Arger heraus. Es kommt nattirlich
nicht darauf an, etwa jede Beleidigung einfach hinzuneh-
men, sondern darauf, daB man so ruhig und sicher in der
Ahndung einer Beleidigung der eigenen Person gegen-
liber ist, wie man ware, wenn die Beleidigung einem ande-
ren zugeftigt worden ware, bei dem man das Recht hat, sie
zu ahnden. - Immer muB berucksichtigt werden, daB sich
die Geheimschulung nicht in groben auBeren Vorgangen,
sondern in feinen, stillen Umwandlungen des Geftihls-
und Gedankenlebens vollzieht.
Geduld wirkt anziehend auf die Schatze des hoheren
Wissens. Ungeduld wirkt auf sie abstoBend. In Hast und
Unruhe kann nichts auf den hoheren Gebieten des Da-
seins erlangt werden. Vor alien Dingen mtissen Verlan-
gen und Begierde schweigen. Das sind Eigenschaften der
Seele, vor denen sich alles hohere Wissen scheu zurtick-
zieht. So wertvoll auch alle hohere Erkenntnis ist: man
darf sie nicht verlangen, wenn sie zu uns kommen soil.
Wer sie haben will um seiner selbst willen, der erlangt sie
nie. - Und das erfordert vor allem, daB man in tiefster
Seele wahr gegen sich selbst sei. Man darf sich in nichts
tiber sich selbst tauschen. Man muB seinen eigenen Feh-
lern, Schwachen und Untauglichkeiten mit innerer Wahr-
haftigkeit ins Antlitz schauen. - In dem Augenblicke, wo
du irgendeine deiner Schwachen vor dir selbst entschul-
digst, hast du dir einen Stein hingelegt auf den Weg, der
dich aufwarts ftihren soil. Solche Steine kannst du nur
durch Selbstaufklarung iiber dich beseitigen. Es gibt nur
einen Weg, seine Fehler und Schwachen abzulegen, und
der ist: sie richtig zu erkennen. Alles schlummert in der
Menschenseele und kann erweckt werden. Auch seinen
Verstand und seine Vernunft kann der Mensch verbes-
sern, wenn er sich in Ruhe und Gelassenheit dariiber auf-
klart, warum er in dieser Beziehung schwach ist. Solche
Selbsterkenntnis ist natiirlich schwierig, denn die Ver-
suchung zur Tauschung iiber sich selbst ist eine uner-
meBlich groBe. Wer sich an Wahrheit gegen sich selbst
gewohnt, offnet sich die Pforten zu hoherer Einsicht.
Schwinden muB beim Geheimschiiler eine jegliche
Neugierde. Er muB sich soviel wie moglich das Fragen
abgewohnen iiber Dinge, die er nur zur Befriedigung sei-
nes personlichen Wissensdranges wissen will. Nur das
soil er fragen, was ihm zur Vervollkommnung seiner We-
senheit im Dienste der Entwickelung dienen kann. Dabei
soil in ihm aber die Freude, die Hingabe an das Wissen
in keiner Weise gelahmt werden. Auf alles, was zu sol-
chem Ziele dient, soil er andachtig hinhorchen und jede
Gelegenheit zu solcher Andacht aufsuchen.
Insbesondere ist zur Geheimausbildung eine Erziehung
des Ww/irc/zlebensnotwendig. Man soil nichtetwawunsch-
los werden. Denn alles, was wir erreichen sollen, sollen
wir ja auch wiinschen. Und ein Wunsch wird immer in
Erfiillung gehen, wenn hinter ihm eine ganz besondere
Kraft steht. Diese Kraft kommt aus der richtigen Erkennt-
nis. «In keiner Art zu wiinschen, bevor man das Richtige
auf einem Gebiete erkannt hat», das ist eine der goldenen
Regeln flir den Geheimschiiler. Der Weise lernt zuerst
die Gesetze der Welt kennen, dann werden seine Wiinsche
zu Kraften, welche sich verwirklichen. - Ein Beispiel, das
deutlich wirkt, soil hier angefuhrt werden. GewiB wiin-
schen viele, aus eigener Anschauung iiber ihr Leben vor
ihrer Geburt etwas zu erfahren. Solcher Wunsch ist ganz
zwecklos und ergebnislos, solange der Betreffende sich
nicht die Erkenntnis der Gesetze durch geisteswissen-
schaftliches Studium angeeignet hat - und zwar in ihrem
feinsten, intimsten Charakter - von dem Wesen des
Ewigen. Hat er sich aber diese Erkenntnis wirklich erwor-
ben, und will er dann weiterkommen, so wird er es durch
seinen veredelten, gelauterten Wunsch.
Es niitzt auch nichts, zu sagen: Ja, ich will ja ge-
rade mein vorhergehendes Leben ubersehen und zu dem
Zwecke eben lernen. Man muB vielmehr imstande sein,
diesen Wunsch ganz fallenzulassen, ganz von sich auszu-
schalten, und zunachst ganz ohne diese Absicht lernen.
Man muB die Freude, die Hingebung an dem Gelernten
entwickeln ohne die genannte Absicht. Denn nur da-
durch lernt man zugleich den entsprechenden Wunsch so
zu haben, daB er seine Erfiillung nach sich zieht.
Wenn ich zornig bin oder mich drgere, so richte ich
einen Wall in der Seelenwelt um mich auf, und die
Krafte konnen nicht an mich herantreten, welche meine
seelischen Augen entwickeln sollen. Argert mich z. B.
ein Mensch, so schickt er einen seelischen Strom in die
Seelenwelt. Ich kann diesen Strom so lange nicht sehen,
als ich noch fahig bin, mich zu argern. Mein Arger ver-
deckt ihn mir. Nun darf ich auch nicht glauben, daB
ich sofort eine seelische (astralische) Erscheinung haben
werde, wenn ich mich nicht mehr argere. Denn dazu ist
notwendig, daB sich erst in mir ein seelisches Auge ent-
wickele. Aber die Anlage zu einem solchen Auge liegt
in jedem Menschen. Es bleibt unwirksam, solange der
Mensch fahig ist, sich zu argern. Aber es ist auch noch
nicht sogleich da, wenn man ein wenig das Argern be-
kampft hat. Man muB vielmehr fortfahren in dieser Be-
kampfung des Argers und in Geduld immer wieder fort-
fahren; dann wird man eines Tages bemerken, daB sich
dieses seelische Auge entwickelt hat. Allerdings ist nicht
der Arger das einzige, was man zu solchem Ziele zu be-
kampfen hat. Viele werden ungeduldig oder zweifelnd,
weil sie jahrelang einige Eigenschaften der Seele be-
kampft haben und das Hellsehen doch nicht eintritt. Sie
haben dann eben einige Eigenschaften ausgebildet und
andere um so mehr uberwuchern lassen. Die Gabe des
Hellsehens tritt erst dann ein, wenn alle Eigenschaften
unterdrtickt sind, welche die entsprechenden schlum-
mernden Fahigkeiten nicht herauskommen lassen. Aller-
dings stellen sich Anfange des Schauens (oder Horens)
schon frtiher ein; aber das sind zarte Pflanzchen, die leicht
allem moglichen Irrtum unterworfen sind und die auch
leicht absterben, wenn sie nicht sorgfaltig weiter gehegt
und gepflegt werden.
Zu den Eigenschaften, die z. B. ebenso bekampft
werden mussen wie Zorn und Arger, gehoren Furcht-
samkeit, Aberglaube und Vorurteilssucht, Eitelkeit und
Ehrgeiz, Neugierde und unnotige Mitteilungssucht,
das Unterschiedmachen in bezug auf Menschen nach
auBerlichen Rang-, Geschlechts-, Stammeskennzeichen
usw. In unserer Zeit wird man recht schwer begrei-
fen, daB die Bekampfung solcher Eigenschaften etwas
zu tun habe mit der Erhohung der Erkenntnisfahigkeit.
Aber jeder Geheimwissenschafter weiB, daB von solchen
Dingen viel mehr abhangt als von der Erweiterung der
Intelligenz und von dem Anstellen kimstlicher Ubun-
gen. Insbesondere kann leicht ein MiBverstandnis dar-
iiber entstehen, wenn manche glauben, daB man sich
tollkiihn machen solle, weil man furchtlos sein soli, daB
man sich vor den Unterschieden der Menschen verschlie-
Ben soil, weil man die Standes-, Rassen- usw. Vorurteile
bekampfen soil. Man lernt vielmehr erst richtig erken-
nen, wenn man nicht mehr in Vorurteilen befangen ist.
Schon in gewohnlichem Sinne ist es richtig, daB mich die
Furcht vor einer Erscheinung hindert, sie klar zu beurtei-
len, daB mich ein Rassenvorurteil hindert, in eines Men-
schen Seele zu blicken. Diesen gewohnlichen 'Sinn muB
der Geheimschiiler in groBer Feinheit und Scharfe bei
sich zur Entwickelung bringen.
Einen Stein in den Weg der Geheimerziehung wirft
dem Menschen auch alles, was er sagt, ohne daB er es
grimdlich in seinem Gedanken gelautert hat. Und da-
bei muB etwas in Betracht kommen, was hier nur durch
ein Beispiel erlautert werden kann. Wenn mir jemand
z. B. etwas sagt und ich habe darauf zu erwidern, so
muB ich bemiiht sein, des anderen Meinung, Gefiihl, ja
Vorurteil mehr zu beachten, als was ich im Augenblicke
selbst zu der in Rede stehenden Sache zu sagen habe. Hier-
mit ist eine feine Taktausbildung angedeutet, welcher sich
der Geheimschiiler sorgfaltig zu widmen hat. Er muB sich
ein Urteil dariiber aneignen, wie weit es fur den anderen
eine Bedeutung hat, wenn er der seinigen die eigene Mei-
nung entgegenhalt. Nicht zuruckhalten soil man deshalb
mit seiner Meinung. Davon kann nicht im entferntesten
die Rede sein. Aber man soil so genau als nur irgend mog-
lich auf den anderen hinhoren und aus dem, was man ge-
hort hat, die Gestalt seiner eigenen Erwiderung formen.
Immer wieder steigt in einem solchen Falle in dem Ge-
heimschiiler ein Gedanke auf; und er ist auf dem rechten
Wege> wenn dieser Gedanke in ihm so lebt, daB er Cha-
rakteranlage geworden ist. Dies ist der Gedanke: «Nicht
darauf kommt es an, daB ich etwas anderes meine als der
andere, sondern darauf, daB der andere das Richtige aus
Eigenem finden wird, wenn ich etwas dazu beitrage,»
Durch solche und .ahnliche Gedanken uberstromt den
Charakter und die Handlungsweise des Geheimschiilers
das Geprage der Milde, die ein Hauptmittel aller Geheim-
schulung ist. Harte verscheuchtum dich herum die Seelen-
gebilde, die dein seelisches Auge erwecken sollen; Milde
schafft dir die Hindernisse hinweg und offnet deine
Organe.
Und mit der Milde wird sich alsbald ein anderer Zug
in der Seele ausbilden: das ruhige Achten auf alle Fein-
heiten des seelischen Lebens in der Umgebung bei volli-
ger Schweigsamkeit der eigenen Seelenregungen. Und
hat es ein Mensch zu diesem gebracht, dann wirken die
Seelenregungen seiner Umgebung auf ihn so ein, daB die
eigene Seele wachst und wachsend sich gliedert, wie die
Pflanze gedeiht im Sonnenlichte. Milde und Schweigsam-
keit in 'wahrer Geduld offnen die Seele der Seelenwelt,
den Geist dem Geisterlande. - «Verharre in Ruhe und Ab-
geschlossenheit, schlieBe die Sinne fiir das, was sie dir vor
deiner Geheimschulung uberliefert haben, bringe alle
Gedanken zum Stillstand, die nach deinen vorherigen Ge-
wohnheiten in dir auf- und abwogten, werde ganz still
und schweigsam in deinem Innern und warte in Geduld,
dann fangen hohere Wehen an, deine Seelenaugen und
Geistesohren auszubilden. Du darfst nicht erwarten, daB
du sogleich siehstund horst in der Seelen- und Geisterwelt.
Denn was du tust, tragt nur bei, deine hoheren Sinne aus-
zubilden. Seelisch sehen und geistig horen aber wirst du
erst, wenn du diese Sinne haben wirst. Hast du eine Weile
so in Ruhe und Abgeschlossenheit verharrt, so gehe an
deine gewohnten Tagesgeschafte, indem. du dir vorher
noch tief den Gedanken eingepragt: es wird mir einmal
werden, was mir werden soil, wenn ich dazu reif bin. Und
unterlasse es streng, etwas von den hoheren Gewalten
durch deine Willkiir an dich zu ziehen» Das sind Anwei-
sungen, die jeder Geheimschiiler von seinem Lehrer im
Beginne des Weges erhalt. Beobachtet er sie, dann ver-
vollkommnet er sich. Beobachtet er sie nicht, dann ist
alles Arbeiten vergebens. Aber sie sind nur fiir den schwie-
rig, der nicht Geduld und Standhaftigkeit hat. Es gibt
keine anderen Hindernisse, als diejenigen sind, die sich ein
jeder selbst in den Weg wirft und die auch jeder vermei-
den kann, wenn er wirklich will. Das muB immer wieder
betont werden, weil sich viele eine ganz falsche Vorstel-
lung bilden iiber die Schwierigkeiten des Geheimpfades.
Es ist in gewissem Sinne leichter, die ersten Stufen dieses
Pfades zu uberschreiten, als ohne Geheimschulung mit
den alleralltaglichsten Schwierigkeiten des Lebens fertig
zu werden. - AuBerdem durften hier nur solche Dinge
mitgeteilt werden, die von keinerlei Art von Gefahren be-
gleitet sind fiir die korperliche und seelische Gesundheit.
Es gibt ja auch andere Wege, die schneller zum Ziele fun-
ren; aber mit diesen hat, was hier gemeint ist, nichts zu
tun, weil sie gewisse Wirkungen auf den Menschen haben
konnen, die ein erfahrener Geheimkundiger nicht an-
strebt. Da einiges von solchen Wegen doch immer wieder
in die Offentlichkeit dringt, so muB ausdrticklich davor
gewarnt werden, sie zu betreten. Aus Grtinden, die nur
der Eingeweihte verstehen kann, konnen diese Wege nie
in ihrer wahren Gestalt offentlich bekanntgegeben wer-
den. Und die Bruchstticke, die dort und da erscheinen,
konnen zu nichts Gedeihlichem, wohl aber zur Unter-
grabungvon Gesundheit, GltickundSeelenfrieden ftihren.
Wer sich nicht ganz dunklen Machten anvertrauen will,
von deren wahrem Wesen und Ursprung er nichts wissen
kann, der vermeide es, sich auf solche Dinge einzulassen.
Es kann noch einiges gesagt werden tiber die Um-
gebung, in welcher die Ubungen der Geheimschulung
vorgenommen werden sollen. Denn darauf kommt eini-
ges an. Doch liegt die Sache fast fur jeden Menschen an-
ders. Wer in einer Umgebung tibt, die nur von selbststich-
tigen Interessen, z. B. von dem modernen Kampfe urns
Dasein, erftillt ist, der muB sich bewuBt sein, daB diese
Interessen nicht ohne EinfluB bleiben auf die Ausbildung
seiner seelischen Organe. Zwar sind die inneren Gesetze
dieser Organe so stark, daB dieser EinfluB nicht ein allzu
schadlicher werden kann. Sowenig eine Lilie durch eine
noch so unangemessene Umgebung zu einer Distel wer-
den kann, so wenig kann sich das seelische Auge zu etwas
anderem bilden, als wozu es bestimmt ist, auch wenn die
selbststichtigen Interessen der modernen Stadte darauf
einwirken. Aber gut ist es unter alien Umstanden, wenn
der Geheimschuler ab und zu den stillen Frieden und die
innere Wiirde und Anmut der Natur zu seiner Umgebung
macht. Besonders giinstig liegt die Sache bei dem, der
seine Geheimschulung ganz in der griinen Pflanzenwelt
oder zwischen sonnigen Bergen und dem lieben Weben
der Einfalt vornehmen kann. Das treibt die inneren
Organe in einer Harmonie heraus, die niemals in der mo-
dernen Stadt entstehen kann. Etwas besser als der bloBe
Stadtmensch ist auch schon derjenige gestellt, welcher
wenigstens wahrend seiner Kindheit Tannenluft atmen,
Schneegifel schauen und das stille Treiben der Wald-
tiere und Insekten beobachten durfte. Keiner derjenigen
aber, denen es aufgegeben ist, in der Stadt zu leben, darf es
unterlassen, seinen in Bildung begriffenen Seelen- und
Geistesorganen als Nahrung die inspirierten Lehren der
Geistesforschung zuzufiihren. Wessen Auge nicht jeden
Friihling die Walder Tag fur Tag in ihrem Grlin verfol-
gen kann, der sollte dafiir seinem Herzen die erhabenen
Lehren der Bhagavad-Gita, des Johannes-Evangeliums,
des Thomas von Kempen und die Darstellungen der gei-
steswissenschaftlichen Ergebnisse zufiihren. Viele Wege
gibt es zum Gipfel der Einsicht; aber eine richtige Wahl
ist unerlaBlich. - Der Geheimkundige weiB gar manches
iiber solche Wege zu sagen, was dem Uneingeweihten
absonderlich erscheint. Es kann z. B. jemand sehr weit
auf dem Geheimpfade sein. Er kann sozusagen unmit-
telbar vor dem Offnen der seelischen Augen und gei-
stigen Ohren stehen; und dann hat er das Gliick, eine
Fahrt iiber das ruhige oder vielleicht auch das wildbewegte
Meer zu machen, und eine Binde lost sich von seinen See-
lenaugen: plotzlich wird er sehend. - Ein anderer ist eben-
falls so weit, daB diese Binde sich nur zu losen braucht;
es geschieht durch einen starken Schicksalsschlag. Auf
einen anderen Menschen hatte dieser Schlag wohl den
EinfluB gehabt, daB er seine Kraft lahmte, seine Energie
imtergriibe; fur den Geheims chiller wird er zum AnlaB
der Erleuchtung. - Ein dritter harrt in Geduld aus; Jahre
hindurch hat er so geharrt, ohne eine merkliche Frucht.
Plotzlich in seinem ruhigen Sitzen in der stillen Kammer
wird es geistig Licht um ihn, die Wande verschwinden,
werden seelisch durchsichtig, und eine neue Weh breitet
sich vor seinem sehend gewordenen Auge aus oder er-
klingt seinem horend gewordenen Geistesohre.
DIE BEDINGUNGEN ZUR GEHEIMSCHULUNG
Die Bedingungen zum Antritt der Geheimschulung sind
nicht solche, die von irgend jemand durch Willklir fest-
gesetzt werden. Sie ergeben sich aus dem Wesen des Ge-
heimwissens. Wie ein Mensch nicht Maler werden kann,
der keinen Pinsel in die Hand nehmen will, so kann nie-
mand eine Geheimschulung empfangen, der nicht erftil-
len will, was die Geheimlehrer als notwendige Forderung
angeben. Im Grunde kann der Geheimlehrer nichts geben
als Ratschlage. Und in diesem Sinne ist auch alles aufzu-
nehmen, was er sagt. Erhat die vorbereitenden Wege zum
Erkennen der hoheren Wehen durchgemacht. Er weiB aus
Erfahrung, was notwendig ist. Es hangt ganz von dem
freien Willen des einzelnen ab, ob er die gleichen Wege
wandeln will oder nicht. Wenn jemand verlangen wollte,
daB ihm ein Lehrer eine Geheimschulung zukommen
lieBe, ohne die Bedingungen erflillen zu wollen, so gliche
eine solche Forderung eben durchaus der: lehre mich ma-
len, aber befreie mich davon, einen Pinsel zu berlihren. -
Der Geheimlehrer kann auch niemals etwas bieten, wenn
ihm nicht der freie Wille des Aufnehmenden entgegen-
kommt. Aber es muB betont werden, daB der allgemeine
Wunsch nach hoherem Wissen nicht genligt. Diesen
Wunsch werden nattirlich viele haben. Wer nur diesen
Wunsch hat, ohne auf die besonderen Bedingungen der
Geheimschulung eingehen zu wollen, von dem kann zu-
nachst nichts erreicht werden. Das sollen diejenigen be-
denken, die sich darliber beklagen, daB die Geheimschu-
lung ihnen nicht leicht wird. Wer die strengen Bedingun-
gen nicht erflillen kann oder will, der mufi eben vorlaufig
auf Geheimschulungverzichten. Zwar sind die Bedingun-
gen streng, aber nicht hart, da ihre Erfiillung nicht nur
eine freie Tat sein soil, sondern sogar sein muB.
Wer das nicht bedenkt, ftir den konnen die Forderun-
gen der Geheimschulung leicht als Seelen- oder Gewis-
senszwang erscheinen. Denn die Schulung beruht ja auf
einer Ausbildung des inneren Lebens; der Geheimlehrer
muB also Ratschlage erteilen, die sich auf dieses innere
Leben beziehen. Aber nichts kann als Zwang aufgefaBt
werden, was als AusfluB eines freien Entschlusses gefor-
dert wird. - Wenn jemand von dem Lehrer forderte: teile
mir deine Geheimnisse mit, aber lasse mich bei meinen
gewohnten Empfindungen, Gefiihlen und Vorstellungen,
so verlangt er eben etwas ganz Unmogliches. Er will dann
nichts weiter als die Neugierde, den Wissenstrieb befrie-
digen. Bei einer solchen Gesinnung kann aber Geheim-
wissen nie erlangt werden.
Es sollen nun der Reihe nach die Bedingungen fur den
Geheimschiiler entwickelt werden. Es muB betont wer-
den, daB bei keiner dieser Bedingungen eine vollstandige
Erfiillung verlangt wird, sondern lediglich das Streben
nach einer solchen Erfiillung. Ganz erfiillen kann die Be-
dingungen niemand; aber sich auf den Weg zu ihrer Er-
fiillung begeben kann jeder. Nur auf den Willen, auf die
Gesinnung, sich auf diesen Weg zu begeben, kommt es an.
Die erste Bedingung ist: man richte sein Augenmerk
darauf, die korperliche und geistige Gesundheit zu for-
dern. Wie gesund ein Mensch ist, das hangt zunachst
natiirlich nicht von ihm ab. Danach trachten, sich nach
dieser Richtung zu fordern, das kann ein jeder. Nur aus
einem gesunden Menschen kann gesunde Erkenntnis
kommen. Die Geheimschulung weist einen nicht gesun-
den Menschen nicht zuriick; aber sie muB verlangen, daB
der Schiiler den Willen habe, gesund zu leben. - Dar-
innen muB der Mensch die moglichste Selbstandigkeit
erlangen. Die guten Ratschlage anderer, die - zumeist un-
gefragt - jedem zukommen, sind in der Regel ganz iiber-
fliissig. Ein jeder muB sich bestreben, selbst auf sich zu
achten. - Vielmehr wird es sich in physischer Beziehung
darum handeln, schadliche Einfliisse abzuhalten, als urn
anderes. Um unsere Pflichten zu erfiillen, mils sen wir uns
ja oft Dinge auferlegen, die unserer Gesundheit nicht for-
derlich sind. Der Mensch muB verstehen, im rechten Falle
die Pflicht hoher zu stellen als die Sorge um die Gesund-
heit. Aber was kann nicht alles unterlassen werden bei
einigem guten Willen! Die Pflicht muB in vielen Fallen
hoher stehen als die Gesundheit, ja oft hoher als das Le-
ben; der Genufi darfes bei dem Geheimschiiler nie. Bei
ihm kann der GenuB nur ein Mittel fur Gesundheit und
Leben sein. Und es ist in dieser Richtung durchaus not-
wendig, daB man ganz ehrlich und wahrhaftig gegen sich
selbst sei. Nichts niitzt es, ein asketisches Leben zu fiihren,
wenn dieses aus ahnlichen 'Beweggriinden entspringt wie
andere Geniisse. Es kann jemand an dem Asketismus ein
Wohlgefallen haben wie ein anderer am Weintrinken. Er
kann aber nicht hoffen, daB ihm dieser Asketismus etwas
zu hoherer Erkenntnis niitze. - Viele schieben alles, was
sie scheinbar hindert, sich nach dieser Richtung zu for-
dern, auf ihre Lebenslage. Sie sagen: «Bei meinen Lebens-
verhaltnissen kann ich mich nicht entwickeln.» Es mag
fur viele in anderer Beziehung wiinschenswert sein, ihre
Lebenslage zu andern; zum Zwecke der Geheimschulung
braucht dies kein Mensch zu tun. Zu diesem Ziele braucht
man nur gerade in der Lage, in der man ist, so viel fiir
seine leibliche und seelische Gesundheit zu tun, als mog-
lichist. EinejeglicheArbeitkanndemGanzenderMensch-
heit dienen; und es ist viel groBer von der Menschenseele,
sich klarzumachen, wie notwendig eine kleinliche, viel-
leicht haBliche Arbeit fiir dieses Ganze ist, als zu glauben:
«Diese Arbeit ist fiir mich zu schlecht, ich bin zu ande-
rem berufen.» - Besonders wichtig fiir den Geheimschii-
ler ist das Streben nach volliger geistiger Gesundheit. Un-
gesundes Gemiits- und .Denkleben bringt auf alle Falle
von den Wegen zu hoheren Erkenntnissen ab. Klares, ru-
higes Denken, sicheres Empfinden und Fiihlen sind hier
die Grundlage. Nichts' soil ja dem Geheimschiiler ferner
liegen als die Neigung zum Phantastischen, zum auf-
geregten Wesen, zur Nervositat, zur Exaltation, zum Fa-
natismus. Einen gesunden Blick fiir alle Verhaltnisse des
Lebens soil er sich aneignen; sicher soil er sich im Leben
zurechtfinden; ruhig soil er die Dinge zu sich sprechen
und auf sich wirken lassen. Er soil sich bemiihen, iiberall,
wo es notig ist, dem Leben gerecht zu werden. Alles Uber-
spannte, Einseitige soil in seinem Urteilen und Empfin-
den vermieden werden. Wiirde diese Bedingung nicht er-
fiillt, so kame der Geheimschiiler statt in hohere Welten
in diejenige seiner eigenen Einbildungskraft; statt der
Wahrheit machten sich Lieblingsmeinungen bei ihm
geltend. Besser ist es fiir den Geheimschiiler, «niichtern»
zu sein als exaltiert und phantastisch.
Die zweite Bedingung ist, sich als ein Glied des ganzen
Lebens zu fiihlen. In der Erfiillung dieser Bedingung ist
viel eingeschlossen. Aber ein jederkann sie nur auf seine
eigene Art erftillen. Bin ich Erzieher und mein Zogling
entspricht nicht dem, was ich wtinsche, so soil ich mein
Geflihl zunachst nicht gegen den Zogling richten, son-
dern gegen mich selbst. Ich soil mich so weit als eins mit
meinem Zogling ftihlen, daB ich mich frage: «Ist das, was
beim Zogling nicht gentigt, nicht die Folge meiner eige-
nen Tat?» Statt mein Geflihl gegen ihn zu richten, werde
ich dann vielmehr dartiber nachdenken, wie ich mich
selbst verhalten soil, damit in Zukunft der Zogling mei-
nen Forderungen besser entsprechen konne. Aus solcher
Gesinnungsart heraus andert sich allmahlich die ganze
Denkungsart des Menschen. Das gilt fur das Kleinste wie
fur das GroBte. Ich sehe aus solcher Gesinnung heraus
z. B. einen Verbrecher anders an als ohne dieselbe.
Ich halte zurtick mit meinem Urteile und sage mir:
«Ich bin nur ein Mensch wie dieser. Die Erziehung, die
durch die Verhaltnisse mir geworden ist, hat mich viel-
leicht allein vor seinem Schicksale bewahrt.» Ich komme
dann wohl auch zu dem Gedanken, daB dieser Menschen-
bruder ein anderer geworden ware, wenn die Lehrer, die
ihre Mtihe auf mich verwendet haben, sie hatten ihm an-
gedeihen lassen. Ich werde bedenken, daB mir etwas zu-
teil geworden ist, was ihm entzogen war, daB ich mein
Gutes gerade dem Umstand verdanke, daB es ihm ent-
zogen worden ist. Und dann wird mir die Vorstellung
auch nicht mehr feme liegen, daB ich nur ein Glied in der
ganzen Menschheit bin und mitverantwortlich fur alles,
was geschieht. Es soil hier nicht gesagt werden, daB ein
solcher Gedanke sich sofort in auBere agitatorische Taten
umsetzen soil. Aber still in der Seele soil er gepflegt wer-
den. Dann wird er sich ganz allmahlich in dem auBeren
Verhalten eines Menschen auspragen. Und in solchen
Dingen kann doch jedernur bei sich selbst zu reformieren
anfangen. Nichts fruchtet es, im Sinne solcher Gedanken
allgemeine Forderungen an die Menschheit zu stellen. Wie
die Menschen sein sollen: dariiber ist leicht ein Urteil ge-
bildet; der Geheimschiiler aber arbeitet in der Tiefe, nicht
an der Oberflache. Es ware daher ganz unrichtig, wenn
man die hier angedeutete Forderung der Geheimlehrer
mit irgendeiner auBerlichen, etwa gar einer politischen
Forderung in Verbindung brachte, mit der die Geistes-
schulung nichts zu tun haben kann. Politische Agitatoren
«wissen» in der Regel, was von anderen Menschen zu
«fordern» ist; von Forderungen an sich selbst ist bei
ihnen weniger die Rede.
Und damit hangt die dritte Bedingung fur die Geheim-
schulung unmittelbar zusammen. Der Zogling muB sich
zu der Anschauung emporringen konnen, daB seine Ge-
danken und Gefiihle ebenso Bedeutung fur die Weh
haben wie seine Handlungen. Es muB erkannt werden,
daB es ebenso verderblich ist, wenn ich meinen Mit-
menschen hasse, wie wenn ich ihn schlage. Dann komme
ich auch zu der Erkenntnis, daB ich nicht nur fur mich
etwas tue, wenn ich mich selbst vervollkommene, sondern
auch fur die Weh. Aus meinen reinen Gefiihlen und Ge-
danken zieht die Welt ebensolchen Nutzen wie aus mei-
nem Wohlverhalten. Solange ich nicht glauben kann an
diese Weltbedeutung meines Innern, so lange tauge ich
nicht zum Geheimschiiler. Erst dann bin ich von dem
rechten Glauben an die Bedeutung meines Inneren, mei-
ner Seele erfiillt, wenn ich an diesem Seelischen in der
Art arbeite, als wenn es zum mindesten ebenso wirklich
ware wie alles AuBere. Ich muB zugeben, daB mein Ge-
fiihl ebenso eine Wirkung hat wie eine Verrichtung
meiner Hand.
Damit ist eigentlich schon die vierte Bedingung aus-
gesprochen: die Aneignung der Ansicht, daB des Men-
schen eigentliche Wesenheit nicht im AuBerlichen, son-
dern im Inneren liegt. Wer sich nur als ein Produkt der
AuBenwelt ansieht, als ein Ergebnis der physischen Welt,
kann es in der Geheimschulung zu nichts bringen. Sich
als seelisch-geistiges Wesen fiihlen ist eine Grundlage fur
solche Schulung. Wer zu solchem Gefiihle vordringt, der
ist dann geeignet zu unterscheiden zwischen innerer Ver-
pflichtung und dem auBeren Erfolge. Er lernt erkennen,
daB das eine nicht unmittelbar an "dem anderen gemessen
werden kann. Der Geheimschuler muB die rechte Mitte
finden zwischen dem, was die auBeren Bedingungen vor-
schreiben, und dem was er als das Richtige fur sein Ver-
halten erkennt. Er soil nicht seiner Umgebung etwas auf-
drangen, wofiir diese kein Verstandnis haben kann; aber
er soil auch ganz frei sein von der Sucht, nur das zu tun,
was von dieser Umgebung anerkannt werden kann. Die
Anerkennung fur seine Wahrheiten muB er einzig und
allein in der Stimme seiner ehrlichen, nach Erkenntnis
ringenden Seele suchen. Aber lernen soil er von seiner
Umgebung, soviel er nur irgend kann, um herauszu-
finden, was ihr frommt und niitzlich ist. So wird er in sich
selbst das entwickeln, was man in der Geheimwissen-
schaft die «geistige Waage» nennt. Auf einer ihrer Waage-
schalen liegt ein «offenes Herz» fiir die Bediirfnisse der
AuBenwelt, auf der anderen «innere Festigkeit und un-
erschiitterliche Ausdauer».
Und damit ist auf die fiinfte Bedingung gedeutet: die
Standhaftigkeit in der Befolgung eines einmal gefaBten
Entschlusses. Nichts darf den Geheimschiiler dazu brin-
gen, von einem gefaBten EntschluB abzukommen, als
lediglich die Einsicht, daB er im Irrtume befangen ist.
Jeder EntscWuB ist eine Kraft, und wenn diese Kraft auch
nicht einen unmittelbaren Erfolg da hat, wohin sie zu-
nachst gewandt ist, sie wirkt in ihrer Weise. Der Erfolg ist
nur entscheidend, wenn man eine Handlung aus Begierde
vollbringt. Aber alle Handlungen, die aus Begierde voll-
bracht werden, sind wertlos gegeniiber der hoheren Weit.
Hier entscheidet allein die Liebe zu einer Handlung. In
dieser Liebe soil sich ausleben alles, was den Geheimschii-
ler zu einer Handlung treibt. Dann wird er auch nicht
erlahmen, einen EntscWuB immer wieder in Tat umzu-
setzen, wie oft er ihm auch miBlungen sein mag. Und so
kommt er dazu, nicht erst die aufieren Wirkungen sei-
ner Taten abzuwarten, sondern sich an den Handlungen
selbst zu befriedigen. Er wird lernen, seine Taten, ja sein
ganzes Wesen der Weit zu opfern, wie auch immer diese
sein Opfer aufnehmen mag. Zu solchem Opferdienst muB
sich bereit erklaren, wer Geheimschiiler werden will.
Eine sechste Bedingung ist die Entwickelung des Ge-
fiihles der Dankbarkeit gegeniiber allem, was dem Men-
schen zukommt. Man muB wissen, daB das eigene Dasein
ein Geschenk des ganzen Weltalls ist. Was ist alles not-
wendig, damit jeder von uns sein Dasein empfangen und
fristen kann! Was verdanken wir der Natur und anderen
Menschen! Zu solchen Gedanken miissen diejenigen ge-
neigt sein, die Geheimschulung wollen. Wer, sich ihnen
nicht hingeben kann, der vermag nicht in sich jene All-
liebe zu entwickeln, die notwendig ist, um zu hoherer Er-
kenntnis zu kommen. Etwas, das ich nicht liebe, kann sich
.mir nicht offenbaren. Und eine jede Offenbarung muB
mich mit Dank erflillen, denn ich werde durch sie reicher.
Alle die genannten Bedingungen mlissen sich in einer
siebenten vereinigen: das Leben unablassig in dem Sinne
aufzufassen, wie es diese Bedingungen fordern. Dadurch
schafft sich der Zogling die Moglichkeit, seinem Leben
ein einheitliches Geprage zu geben. Seine einzelnen Le-
bensauBerungen werden miteinander im Einklang, nicht
im Widerspruche stehen. Er wird zu der Ruhe vorbereitet
sein, zu welcher er kommen muB wahrend der ersten
Schritte in der Geheimschulung.
Hat jemand den ernsten und ehrlichen Willen, die an-
gegebenen Bedingungen zu erflillen, dann mag er sich zur
Geistesschulung entschlieBen. Er wird sich dann bereit-
finden, die angeftihrten Ratschlage zu befolgen. Es mag
gar manchem vieles an diesen Ratschlagen wie etwas
AuBerliches erscheinen. Ein solcher wird vielleicht sagen,
er hatte erwartet, daB die Schulung in weniger strengen
Formen verlaufen sollte. Aber alles Innere muB sich in
einem AuBeren ausleben. Und ebensowenig, wie ein Bild
schon da ist, wenn es bloB im Kopf des Malers existiert,
ebensowenig kann eine Geheimschulung ohne auBeren
Ausdruck sein. Nur diejenigen achten die strengen For-
men gering, welche nicht wissen, daB im AuBeren das
Innere zum Ausdruck kommen muB. Es ist wahr, daB es
auf den Geist einer Sache ankommt und nicht auf die
Form. Aber so wie die Form ohne den Geist nichtig ist,
so ware der Geist tatenlos, wenn er sich nicht eine Form
erschlife.
Die gestelltenBedingungen sind geeignet, den Geheim-
schliler stark genug zu machen, urn auch die weiteren
Forderungen zu erftillen, welche die Geistesschulungan
ihn stellen muB. Fehlen ihm diese Bedingungen, dann
wird er vor jeder neuen Anforderung mit Bedenken
stehen. Er wird ohne sie das Vertrauen nicht zu den Men-
schen haben konnen, das fur ihn notwendig ist. Und auf
Vertrauen und wahre Menschenliebe muB alles Wahr-
heitsstreben gebaut sein. Es muB darauf gebaut sein, ob-
gleich es nicht daraus entspringen, sondern nur aus der
eigenen Seelenkraft quellen kann. Und die Menschenliebe
muB sich allmahlich erweitern zur Liebe zu alien Wesen,
ja zu allem Dasein. Wer die genannten Bedingungen
nicht erftillt, wird auch nicht die voile Liebe zu allem
Aufbauen, zu allem Schaffen haben, und die Neigung,
alle Zerstorung, alles Vernichten als solche zu unterlas-
sen. Der Geheimschuler muB so werden, daB er nie etwas
vernichtet um des Vernichtens willen, nicht in Handlun-
gen, aber auch nicht in Worten, Geftihlen und Gedanken.
Fur ihn soil es Freude am Entstehen, am Werden geben;
und nur dann darf er die Hand bieten zu einer Vernich-
tung, wenn er auch imstande ist, aus und durch die Ver-
nichtung neues Leben zu fordern. Damit ist nicht gemeint,
daB der Geheimschuler zusehen darf, wie das Schlechte
uberwuchert; aber er soil sogar am Schlechten diejenigen
Seiten suchen, durch die er es in ein Gutes wandeln kann.
Er wird sich immer klarer dartiber, daB die richtigste
Bekampfung des Schlechten und Unvollkommenen das
Schaffen des Guten und Vollkommenen ist. Der Geheim-
schuler weiB, daB aus dem Nichts nicht etwas geschaffen
werden kann, daB aber das Unvollkommene in ein Voll-
kommenes umgewandelt werden kann. Wer in sich die
Neigung zum Schaffen entwickelt, der findet auch bald
die Fahigkeit, sich dem Schlechten gegentiber richtig zu
verhalten.
Wer in eine Geheimschulung sich einlaBt, muB sich
klarmachen, daB durch sie gebaut und nicht zerstort wer-
den soil. Er soil daher den Willen zur ehrlichen, hinge-
bungsvollen Arbeit, nicht zur Kritik und zum Zerstoren
mitbringen. Er soil der Andacht fahig sein, denn man soil
lernen, was man noch nicht weiB. Man soil andachtig zu
dem blicken, was sich erscWieBt. Arbeit und Andacht: das
sind Grundgeftihle, die von dem Geheimschuler gefor-
dert werden mtissen. Mancher wird erfahren mtissen, daB
er in der Schulung nicht vorwartskommt, trotzdem er,
nach seiner Ansicht, rastlos tatig ist. Es kommt davon her,
daB er die Arbeit und Andacht nicht im rechten Sinne
erfaBt hat. Diejenige Arbeit wird den geringsten Erfolg
haben, die um dieses Erfolges willen unternommen wird,
und dasjenige Lernen wird am wenigsten vorwartsbrin-
gen, das ohne Andacht verlauft. Die Liebe zur Arbeit,
nicht zum Erfolg, bringt allein vorwarts. Und wenn der
Lernende gesundes Denken und sicheres Urteilen sucht,
so braucht er sich nicht durch' Zweifel und MiBtrauen
die Andacht zu verkummern.
Man braucht nicht zu sklavischer Abhangigkeit im Ur-
teilen zu kommen, wenn man einer Mitteilung, die man
empfangt, nicht zuerst die eigene Meinung, sondern eine
ruhige Andacht und Hingabe entgegenbringt. Diejeni-
gen, welche in der Erkenntnis einiges erlangt haben, wis-
sen, daB sie nicht dem eigensinnigen personlichen Urteile,
sondern dem ruhigen Hinhorchen und Verarbeiten alles
verdanken. - Man soil stets im Auge behalten, daB man
das nicht mehr zu lernen braucht, was man schon beurtei-
len kann. Will man also ni/rurteilen, so kann man iiber-
haupt nicht mehr lernen. In der Geheimschulung kommt
es aber auf das Lernen an. Man soil da ganz und gar den
Willen haben, ein Lernender zu sein. Kann man etwas
nicht verstehen, dann urteile man lieber gar nicht, als daB
man verurteile. Man lasse sich dann das Verstandnis fur
eine spatere Zeit. - Je hoher man die Stufen der Erkennt-
nis hinansteigt, desto mehr hat man dieses ruhige, andach-
tige Hinhorchen notig. Alles Erkennen der Wahrheit,
alles Leben und Handeln in der Welt des Geistes wird auf
hoheren Gebieten subtil, zart im Vergleich mit den Ver-
richtungen des gewohnlichen Verstandes und des Lebens
in der physischen Welt. Je mehr sich die Kreise des Men-
schen erweitern, desto feiner werden die Verrichtungen,
die er vorzunehmen hat. - Weil dies so ist, deshalb kom-
men die Menschen in bezug auf hohere Gebiete zu so ver-
schiedenen «Ansichten» und «Standpunkten». Allein, es
gibt auch iiber hohere Wahrheiten in Wirklichkeit nur
eine Meinung. Man kann zu dieser einen Meinung kom-
men, wenn man sich durch Arbeit und Andacht dazu er-
hoben hat, die Wahrheit wirklich zu schauen. Nur der-
jenige kann zu einer Ansicht kommen, die von der einen
wahren abweicht, der, nicht geniigend vorbereitet, nach
seinen Lieblingsvorstellungen, seinen gewohnten Ge-
danken usw. urteilt. Wie es nur eine Ansicht iiber
einen mathematischen Lehrsatz gibt, so auch iiber die
Dinge der hoheren Welten, Aber man muB sich erst vor-
bereiten, um zu einer solchen «Ansicht» kommen zu kon-
nen. Wenn man das bedenken wollte, so wiirden fur nie-
mand die Bedingungen der Geheimlehrer etwas Uber-
raschendes haben. Es ist durchaus richtig, daB die Wahr-
heit und das hohere Leben in jeder Menschenseele woh-
nen und daB sie ein jeder selbst finden kann und muB.
Aber sie liegen tief und konnen nur nach Hinwegrau-
mung von Hindernissen aus ihren tiefen Schachten her-
aufgeholt werden. Wie man das vollbringt, darliber kann
nur raten, wer Edahrung in der Geheimwissenschaft hat.
Solchen Rat gibt die Geisteswissenschaft. Sie drangt nie-
mand eine Wahrheit auf, sie verktindet kein Dogma; sie
zeigt aber einen Weg. Zwar konnte jeder - vielleicht aber
erst nach vielen Verkorperungen - diesen Weg auch allein
finden; doch ist es eine Verktirzung des Weges, was in der
Geheimschulung erreicht wird. Der Mensch gelangt da-
durch frliher zu einem Punkte, auf dem er mitwirken
kann in den Wehen, wo das Menschenheil und die Men-
schenentwickelung durch geistige Arbeit gefordert wer-
den.
Damit sind die Dinge angedeutet,welche zunachst iiber
die Erlangung hoherer Weltedahrung mitgeteilt werden
sollen. Im nachsten Kapitel sollen diese Ausftihrungen
dadurch fortgesetzt werden, daB gezeigt wird, was in den
hoheren Gliedern der Menschennatur (im Seelenorganis-
mus oder Astralleib und im Geiste oder Gedankenleib)
vorgeht wahrend dieser Entwickelung. Dadurch werden
diese Mitteilungen in eine neue Beleuchtung gertickt, und
es wird in einem tieferen Sinne in sie eingedrungen wer-
den konnen.
UBER EINIGE WIRKUNGEN DER EINWEIHUNG
Es gehort zu den Grundsatzen wahrer Geheimwissen-
schaft, daB derjenige, welcher sich ihr widmet, dies mit
vollem BewuBtsein tue. Er soil nichts vornehmen, nicht
tiben, wovon er nicht weiB, was es fur eine Wirkung hat.
Ein Geheimlehrer, der jemand einen Rat oder eine An-
weisung gibt, wird immer zugleich sagen, was durch die
Befolgung in Leib, Seeleoder Geist desjenigen eintritt, der
nach hoherer Erkenntnis strebt.
Hier sollen nun einige Wirkungen auf die Seele des
Geheimschlilers angegebenwerden. Erstwer solcheDinge
kennt, wie sie hier mitgeteilt werden, kann in vollem Be-
wuBtsein die Ubungen vornehmen, welche zur Erkenntnis
libersinnlicher Wehen flihren. Und nur ein solcher ist ein
echter Geheimschliler. Alles Tappen im dunkeln ist bei
wirklicher Geheimschulung streng verpont. Wer nicht
mit offenen Augen seine Schulung vollziehen will, mag
Medium werden; zum Hellseher im Sinne der Geheim-
wissenschaft kann er es nicht bringen.
Bei dem, welcher in diesem Sinne die in den vorher-
gehenden Abschnitten (liber Erwerbung libersinnlicher
Erkenntnisse) beschriebenen Ubungen macht, gehen zu-
nachst gewisse Veranderungen im sogenannten Seelen-
organismus vor sich. Dieser ist nur fur den Hellseher
wahrnehmbar. Man kann ihn mit einer mehr oder weni-
ger geistig-seelisch leuchtenden Wolke vergleichen, in
deren Mitte der physische Korper des Menschen sich
befindet." In diesem Organismus werden die Triebe,
Begierden, Leidenschaften, Vorstellungen usw. geistig
* Eine Beschreibung findet man in des Verfassers «Theosophie».
sichtbar. Sinnliche Begierde z. B. empfindet man dar-
innen wie dunkelrotliche Ausstrahlungen von bestimm-
ter Form. Ein reiner; edler Gedanke findet seinen Aus-
druck wie in einer rotlichvioletten Ausstrahlung. Der
scharfe Begriff, den der logische Denker faBt, ftihlt sich
wie eine gelbliche Figur mit ganz bestimmten Umrissen.
Der verworrene Gedanke des unklaren Kopfes tritt als
Figur mit unbestimmten Umrissen auf. Die Gedanken der
Menschen mit einseitigen, verbohrten Ansichten erschei-
nen in ihren Umrissen scharf, unbeweglich, diejenigen
solcher Personlichkeiten, welche zuganglich fur .die
Ansichten anderer sind, sieht man in beweglichen, sich
wandelnden Umrissen usw. usw."
Je weiter nun der Mensch in seiner Seelenentwicke-
lung fortschreitet, desto regelmaBiger gegliedert wird sein
Seelenorganismus. Beim Menschen mit einem unentwik-
kelten Seelenleben ist er verworren, ungegliedert. Aber
auch in einem solchen ungegliederten Seelenorganismus
kann der Hellseher ein Gebilde wahrnehmen, das sich
deutlich von der Umgebung abhebt. Es verlauft vom In-
nern des Kopfes bis zurMitte des physischen Korpers. Es
nimmt sich aus wie eine Art selbstandiger Leib, welcher
gewisse Organe hat. Diejenigen Organe, die hier zunachst
besprochen werden sollen, werden in der Nahe folgender
* Man muB bei alien folgenden Schilderungen darauf achten, daB
z. B. beim «Sehen» einer Farbe geistiges Sehen (Schauen) gemeint
ist. Wenn die hellsichtige Erkenntnis davon spricht: «ich sehe rot»,
so bedeutet dies: «ich habe im Seelisch-Geistigen ein Tirlebnis, welches
gleichkommt dem physischen Erlebnis beim Eindruck der roten Farbe. »
Nur weil es der hellsichtigen Erkenntnis in einem solchen Falle ganz
naturgemaB ist, zu sagen: «ich sehe rot», wird dieser Ausdruck ange-
wandt. Wer dies nicht bedenkt, kann leicht eine Farbenvision mit einem
wahrhaft hellsichtigen Erlebnis verwechseln.
physischer Korperteile geistig wahrgenommen: das erste
zwischen den Augen, das zweite in der Nahe des Kehl-
kopfes, das dritte in der Gegend des Herzens, das vierte
liegt in der Nachbarschaft der sogenannten Magengrube,
das ftinfte und sechste haben ihren Sitz im Unterleibe.
Diese Gebilde werden von den Geheimkundigen «Rader»
(Chakrams) oder auch «Lotusblumen» genannt. Sie hei-
Ben so wegen der Ahnlichkeit mit Radern oder Blumen;
doch muB man sich nattirlich klar darliber sein, daB ein
solcher Ausdruck nicht viel zutreffender ist, als wenn man
die beiden Lungenteile «Lungenflugel» nennt. Wie man
sich hier klar ist, daB man es nicht mit «Flligeln» zu tun
hat, so muB man auch dort nur an eine vergleichsweise
Bezeichnung denken. Diese «Lotusblumen» sind nun
beim unentwickelten Menschen von dunklen Farben und
ruhig, unbewegt. Beim Hellseher aber sind sie in Bewe-
gung und von leuchtenden Farbenschattierungen. Auch
beim Medium ist etwas Ahnliches der Fall, doch in an-
derer Art. Darauf soil hier nicht naher eingegangen wer-
den. - Wenn nun ein Geheimschuler mit seinen Ubungen
beginnt, so ist das erste, daB sich die Lotusblumen aufhel-
len; spater beginnen sie sich zu drehen. Wenn dies letztere
eintritt, so beginnt die Fahigkeit des Hellsehens. Denn
diese «Blumen» sind die Sinnesorgane der Seele.* Und
ihre Drehung ist der Ausdruck daftir, daB im Ubersinn-
lichen wahrgenommen wird. Niemand kann etwas Uber-
sinnliches schauen, bevor sich seine astralen Sinne in
dieser Art ausgebildet haben.
* Auch in bezug auf diese Wahrnehmungen des «Drehens», ja der
«Lotusblumen» selbst, gilt, was in der vorigen Anmerkung iiber das
«Sehen der Farben» gesagt worden ist.
Das geistige Sinnesorgan, welches sich in der Nahe des
Kehlkopfes befindet, macht es moglich, hellseherisch
die Gedankenart eines anderen Seelenwesens zu durch-
schauen, es gestattet auch einen tieferen Einblick in die
wahren Gesetze der Naturerscheinungen. - Das Organ in
der Nachbarschaft des Herzens eroffnet eine hellsehe-
rische Erkenntnis der Gesinnungsart anderer Seelen. Wer
es ausgebildet hat, kann auch bestimmte tiefere Krafte bei
Tieren und Pflanzen erkennen. Durch den Sinn in der
Nahe der sogenannten Magengrube erlangt man Kennt-
nis von den fdhigkeiten und Talenten der Seelen; man
kann durchschauen, welche Rolle Tiere, Pflanzen, Steine,
Metalle, atmospharische Erscheinungen usw. im Haus-
halte der Natur spielen.
Das Organ in der Nahe" des Kehlkopfes hat sechzehn
«Blumenblatter» oder «Radspeichen», das in der Nahe
des Herzens deren zwolf, das in der Nachbarschaft der
Magengrube liegende deren zehn.
Nun hangen gewisse seelische Verrichtungen mit der
Ausbildung dieser Sinnesorgane zusammen. Und wer
diese Verrichtungen in einer ganz bestimmten Weise aus-
ubt, der tragt etwas bei zur Ausbildung der betreffenden
geistigen Sinnesorgane. Von der «sechzehnblatterigen
Lotusblume» sind acht Blatter auf einer friiheren Entwik-
kelungsstufe des Menschen in urferner Vergangenheit be-
reits ausgebildet gewesen. Zu dieser Ausbildung hat der
Mensch selbst nichts beigetragen. Er hat sie als eine
Naturgabe erhalten, als er noch in einem Zustande traum-
haften, dumpfen BewuBtseins war. Auf der damaligen
Stufe der Menschheitsentwickelung waren sie auch in
Tatigkeit. Jedoch vertrug sich diese Art von Tatigkeit
eben nur mit jenem dumpfen BewuBtseinszustande. Als
dann das BewuBtsein sich aufhellte, verfinsterten sich die
Blatter und stellten ihre Tatigkeit ein. Die anderen acht
kann der Mensch selbst durch bewuBte Ubungen ausbil-
den. Dadurch wird die ganze Lotusblume leuchtend und
beweglich. Von der Entwickelung eines jeden der sech-
zehn Blatter hangt die Erwerbung gewisser Fahigkeiten
ab. Doch, wie bereits angedeutet, kann der Mensch nur
acht davon bewuBt entwickeln; die anderen acht erschei-
nen dann von selbst.
Die Entwickelung geht in folgender Art vor sich. Der
Mensch muB auf gewisse Seelenvorgange Aufmerksam-
keit und Sorgfalt verwenden, die er gewohnlich sorglos
und unaufmerksam ausfiihrt. Es gibt acht solche Vor-
gange. Der erste ist die Art und Weise, wie man sich
Vorstellungen aneignet. Gewohnlich uberlaBt sich in die-
ser Beziehung der Mensch ganz dem Zufall. Er hort dies
und das, sieht das eine und das andere und bildet sich da-
nach seine Begriffe. Solange er so verfahrt, bleibt seine
sechzehnblatterige Lotusblume ganz unwirksam. Erst
wenn er seine Selbsterziehung nach dieser Richtung in
die Hand nimmt, beginnt sie wirksam zu werden. Er muB
zu diesem Zwecke auf seine Vorstellungen achten. Eine
jede Vorstellung soil fur ihn Bedeutung gewinnen. Er soil
in ihr eine bestimmte Botschaft, eine Kunde iiber Dinge
der AuBenwelt sehen. Und er soil nicht befriedigt sein
von Vorstellungen, die nicht eine solche Bedeutung ha-
ben. Er soil sein ganzes Begriffsleben so lenken, daB es ein
treuer Spiegel der AuBenwelt wird. Sein Streben soil da-
hin gehen, unrichtige Vorstellungen aus seiner Seele zu
entfernen. - Der zweite Seelenvorgang betrifft in einer
ahnlichen Richtung die Entschltisse des Menschen. Er soil
nur aus gegrtindeter, voller Uberlegung selbst zu dem
Unbedeutendsten sich entschlieBen. Alles gedankenlose
Handeln, alles bedeutungslose Tun soil er von seiner
Seele fernhalten. Zu allem soil er wohlerwogene Grlinde
haben. Und er soil unterlassen, wozu kern' bedeutsamer
Grund drangt. - Der dritte Vorgang bezieht sich auf das
Reden. Nur was Sinn und Bedeutung hat, soil von den
Lippen des Geheimschlilers kommen. Alles Reden um des
Redens willen bringt ihn von seinem Wege ab. Die ge-
wohnliche Art der Unterhaltung, wo wahllos und bunt
alles durcheinander geredet wird, soil der Geheimschliler
meiden. Dabei aber soil er sich nicht etwa ausschlieBen
von dem Verkehr mit seinen Mitmenschen. Gerade im
. Verkehr soil sein Reden sich zur Bedeutsamkeit ent-
wickeln. Er steht jedem Rede und Antwort, aber er tut
es gedankenvoll, nach jeder Richtung tiberlegt. Niemals
redet er unbegrlindet. Er versucht nicht zuviel und nicht
zuwenig Worte zu machen. - Der vierte Seelenvorgang
ist die Regelung des aufieren Handeins. Der Geheim-
schliler versucht sein Handeln so einzurichten, daB es
zu den Handlungen seiner Mitmenschen und zu den Vor-
gangen seiner Umgebung stimmt. Er unterlaBt Hand-
lungen, welche fur andere storend sind oder die im Wider-
spruche stehen mit dem, was um ihn herum vorgeht. Er
sucht sein Tun so einzurichten, daB es sich harmonisch
eingliedert in seine Umgebung, in seine Lebenslage usw.
Wo er durch etwas anderes veranlaBt wird zu handeln, da
beobachtet er sorgfaltig, wie er der Veranlassung am
besten entsprechen konne. Wo er aus sich heraus handelt,
da erwagt er die Wirkungen seiner Handlungsweise auf
das deutlichste. - Das fiinfte, was hierin Betracht kommt,
liegt in der Einrichtung des ganzen Lebens. Der Geheim-
schiiler versuchtnatur- und geistgemaB zu leben. Eriiber-
hastet nichts und ist nicht trage. Ubergeschaftigkeit und
Lassigkeit liegen ihm gleich feme. Er sieht das Leben
als ein Mittel der Arbeit an und richtet sich dementspre-
chend ein. Gesundheitspflege, Gewohnheiten usw. rich-
tet er fur sich so ein, daB ein harmonisches Leben die
Folge ist. - Das sechste betrifft das menschliche Streben.
Der Geheimschiiler priift seine Fahigkeiten, sein Konnen
und vernal t sich im Sinne solcher Selbstkenntnis. Er ver-
sucht nichts zu tun, was auBerhalb seiner Krafte liegt;
aber auch nichts zu unterlassen, was innerhalb derselben
sich befindet. Anderseits stellt er sich Ziele, die mit den
Idealen, mit den groBen Pflichten eines Menschen zusam-
menhangen. Er fiigt sich nicht bloB gedankenlos als ein
Rad ein in das Menschentriebwerk, sondern er sucht seine
Aufgaben zu begreifen, iiber das Alltagliche hinauszu-
blicken. Er strebt danach, seine Obliegenheiten immer
besser und vollkommener zu machen. - Das siebente in
seinem Seelenleben betrifft das Streben, moglichst viel
vom Leben zu lernen. Nichts geht an dem Geheimschiiler
vorbei, was ihm nicht AnlaB gibt, Erfahrung zu sammeln,
die ihm niitzlich ist fur das Leben. Hat er etwas unrichtig
und unvollkommen verrichtet, so wird das ein AnlaB,
ahnliches spater richtig oder vollkommen zu machen.
Sieht er andere handeln, so beobachtet er sie zu einem
ahnlichen Ziele. Er versucht, sich einen reichen Schatz
von Erfahrungen zu sammeln und ihn stets sorgfaltig zu
Rate zu ziehen. Und er tut nichts, ohne auf Erlebnisse zu-
.riickzublicken, die ihm eine Hilfe sein konnen bei seinen
Entschliissen und Verrichtungen. - Das achte endlich ist:
der Geheimschiiler muB von Zeit zu Zeit Blicke in sein
Inneres tun; er muB sich in sich selbst versenken, sorg-
sam mit sich zu Rate gehen, seine Lebensgrundsatze
bilden und priifen, seine Kenntnisse in Gedanken durch-
laufen, seine Pflichten erwagen, iiber den Inhalt und
Zweck des Lebens nachdenken usw. Alle diese Dinge
sind ja in den vorhergehenden Abschnitten schon bespro-
chen worden. Hier werden sie nur aufgezahlt im Hinblick
auf die Entwickelung der sechzehnblatterigen Lotus-
blume. Durch ihre Ubung wird diese immer vollkomme-
ner und vollkommener. Denn von solchen Ubungen
hangt die Ausbildung der Hellsehergabe ab. Je mehr
z. B. dasjenige, was ein Mensch denkt und redet, mit
denVorgangen in der AuBenweltzusammenstimmt, desto
schneller entwickelt sich diese Gabe. WerUnwahres denkt
oder redet, totet etwas in dem Keime der sechzehnblatte-
rigen Lotusblume. Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Ehr-
lichkeit sind in dieser Beziehung aufbauende, Liigenhaf-
tigkeit, Falschheit, Unredlichkeit sind zerstorende Krafte.
Und der Geheimschiiler muB wissen, daB es hierbei nicht
allein auf die «gute Absicht», sondern auf die wirkliche
Tat ankommt. Denke und sage ich etwas, was mit der
Wirklichkeit nicht ubereinstimmt, so zerstore ich etwas
in meinem geistigen Sinnesorgan, auch wenn ich dabei
eine noch so gute Absicht zu haben glaube. Es ist wie mit
dem Kinde, das sich verbrennt, wenn es ins Feuer greift,
auch wenn dies aus Unwissenheit geschieht. - Die Ein-
richtung der besprochenen Seelenvorgange in der charak-
terisierten Richtung laBt die sechzehnblatterige Lotus-
blume in herrlichen Farben erstrahlen und gibt ihr eine
gesetzmaBige Bewegung. - Doch ist dabei zu beachten,
daB die gekennzeichnete Hellsehergabe nicht friiher auf-
treten kann, als ein bestimmter Grad von Ausbildung der
Seele erlangt ist. Solange es noch Miihe macht, das Leben
in dieser Richtung zu fiihren, so lange zeigt sich diese
Gabe nicht. Solange man auf die geschilderten Vorgange
noch besonders achten muB, ist man nicht reif. Erst wenn
man es so weit gebracht hat, daB man in der angegebenen
Art lebt, wie es der Mensch sonst gewohnheitsmaBig tut,
dann zeigen sich die ersten Spuren des Hellsehens. Die
Dinge diirfen dann nicht mehr miihevoll sein, sondern
miissen selbstverstandliche Lebensart geworden sein. Man
darf nicht notig haben, sich fortwahrend zu beobachten,
sich anzutreiben, daB man so lebe. Alles muB Gewohn-
heit geworden sein. - Es gibt gewisse Anweisungen, wel-
che die sechzehnblatterige Lotusblume auf andere Art zur
Entfaltung bringen. Alle solchen Anweisungen verwirft
die wahre Geheimwissenschaft. Denn sie fiihren zur Zer-
storung der leiblichen Gesundheit und zum moralischen
Verderben. Sie sind leichter durchzufiihren als das Ge-
schilderte. Dieses ist langwierig und miihevoll. Aber es
fiihrt zu sicherem Ziele und kann nur moralisch kraftigen.
Die verzerrte Ausbildung einer Lotusblume hat nicht
nur Illusionen und phantastische Vorstellungen im Fall
des Auftretens einer gewissen Hellsehergabe zur Folge,
sondern auch Verirrungen und Haltlosigkeit im gewohn-
lichen Leben. Man kann durch eine solche Ausbildung
furchtsam, neidisch, eitel, hochfahrend, eigenwillig
usw. werden, wahrend man vorher alle diese Eigen-
schaften nicht hatte. - Es ist gesagt worden, daB acht von
den Blattern der sechzehnblatterigen Lotusblume bereits
in urferner Vergangenheit entwickelt waren und daB
diese bei der Geheimschulung von selbst wieder auftreten.
Es muB nun bei der Bestrebung des Geheimschiilers alle
Sorgfalt auf die acht anderen Blatter verwendet werden.
Bei verkehrter Schulung treten leicht die friiher entwik-
kelten allein auf und die neu zu bildenden bleiben ver-
kiimmert. Dies wird insbesondere der Fall sein, wenn bei
der Schulung zu wenig auf logisches, verniinftiges Den-
ken gesehen wird. Es ist von der allergroBten Wichtigkeit,
daB der Geheimschiiler ein verstandiger, auf klares Den-
ken haltender Mensch ist. Und von weiterer Wichtigkeit
ist" daB er sich der groBten Klarheit befleiBigt im Sprechen.
Menschen, die anfangen etwas vom Ubersinnlichen zu
ahnen, werden gerniiber diese Dinge gesprachig. Dadurch
halten sie ihre richtige Entwickelung auf. Je weniger man
iiber diese Dinge redet, desto besser ist es. Erst wer bis zu
einem gewissen Grade der Klarheit gekommen ist, sollte
reden. - Im Beginne des Unterrichts sind Geheimschiiler
in der Regel erstaunt, wie wenig «neugierig» der schon
geistig Geschulte ist gegeniiber den Mitteilungen ihrer
Erlebnisse. Am heilsamsten fur sie ware es eben, wenn sie
sich iiber ihre Erlebnisse ganz ausschwiegen und weiter
nichts besprechen wollten, als wie gut oder wie schlecht
es ihnen gelingt, ihre Ubungen durchzufiihren oder die
Anweisungen zu befolgen. Denn der schon geistig Ge-
schulte hat ganz andere Quellen zur Beurteilung der Fort-
schritte als ihre direkten Mitteilungen. Die acht in Frage
kommenden Blatter der sechzehnblatterigen Lotusblume
werden durch solche Mitteilungen immer etwas verhartet,
wahrend sie weich und biegsam erhalten werden sollten.
Es soil ein Beispiel angefiihrt werden, um das zu erlau-
tern. Dies moge nicht vom ubersinnlichen, sondern der
Deutlichkeit halber vom gewohnlichen Leben hergenom-
men werden. Angenommen, ich hore eine Nachricht und
bilde mir darliber sogleich ein Urteil. In einer kurzen Zeit
darauf bekomme ich, liber dieselbe Sache eine weitere
Nachricht, die mit der ersteren nicht stimmt. Ich bin da-
durch genotigt, das schon gebildete Urteil umzubilden.
Die Folge davon ist ein ungtinstiger EinfluB auf meine
sechzehnblatterige Lotusblume. Ganz anders ware die
Sache, wenn ich zuerst mit meinem Urteil zurlickhaltend
gewesen ware, wenn ich zu der ganzen Angelegenheit in-
nerlich in Gedanken und auBerlich in Worten «geschwie-
gen» hatte, bis ich ganz sichere Anhaltspunkte fur mein
Urteil gehabt hatte. Behutsamkeitim Bildenund Ausspre-
chen von Urteilen wird allmahlich zum besonderen
Kennzeichen des Geheimschlilers. Dagegen wachst seine
Empfanglichkeit fur Eindrlicke und Erfahrungen, die er
schweigsam an sich vorliberziehen laBt, um moglichst
viele Anhaltspunkte sich zu schaffen, wenn er zu urteilen
hat. Es sind blaulich-rotliche und rosenrote Nuancen in
den Lotusblumenblattern, die durch solche Behutsamkeit
auftreten, wahrend im anderen Falle dunkelrote und
orangefarbige Nuancen auftreten.
In einer ahnlichen Art wie die sechzehnblatterige" wird
auch die zwolfblatterige Lotusblume, in der Nahe des
:; ' Der Kundige wird in den Bedingimgen fiir die Entwickelung der
«sechzehnblatterigen Lotusblume» wiedererkennen die Anweisungen,
welche der B
…[truncated]