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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE OBER ERZIEHUNG
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Stein er
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte ursprunglich , daft seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche , nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen* gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegenuber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
RUDOLF STEINER
Anthroposophische Padagogik
und ihre Voraussetzungen
Fiinf Vortrage
gehalten in Bern vom 13. bis 17. April 1924
Mit drei Fragenbeantwortungen
und einer Ansprache
vor einer Vorfuhrung padagogischer Eurythmie
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und H. R. Niederhauser
1. Auflage Dornach 1930
2. Auflage Basel 1946
3, Auflage Basel 1951
4. mit der Nachschrift neu verglichene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1972
5. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1981
Bibliographie-Nr. 309
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schwciz
(g) 1972 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-3090-7 (Ln) ISBN 3-7274-3091-5 (Kt)
INHALT
Erster Vortrag, Bern, 13. April 1924
Um aus dem sozialen Chaos herauszukommen, miissen wir in die
Seelen der Menschen Geistigkeit hineinerziehen. Der Vererbungs-
leib als Modell fur den neuen Organismus. Das Kind ist ganz Sinnes-
organ. Beim Kinde geht alles Seelische in das Leibliche hinunter. Zir-
kulationsstorungen im 40., 50 Lebensjahr als Wirkung des chole-
rischen Temperamentes des Erziehenden. Krankhafte Storungen des
Blutes als Wirkung des melancholischen Temperamentes. Gehirn-
schwache als Wirkung des Phlegma. Mangel an Vitalkraft als Wir-
kung des sanguinischen Temperamentes. Lebendige Begriffe miissen
wir dem Kinde beibringen.
Zweiter Vortrag, 14. April 1924
Aus einer naturwissenschaftlichen Gesinnung kann keine wirkliche
Menschenerkenntnis kommen. Wachen ist Wintertatigkeit im Orga-
nismus, Schlafen, Sommertatigkeit. Vorstellungsiibungen zur Aus-
bildung der Denkfahigkeit. Denken im Atherleib. Das Kind ist ein
nachahmendes Wesen; ein naturhaft Religioses lebt in ihm. Es nimmt
in Geste und Blick das Moralische in der Umgebung wahr.
Dritter Vortrag, 15. April 1924
Lebensmetamorphosen. Seminarbildung: bildhauerisches Modellie-
ren entwickelt Raumgefuhl. Begreifen des Astralleibes durch inneres
Musikverstandnis. Begreifen der Ich-Organisation durch inneres
Sprachverstandnis. Absonderung des Atherleibes und Gedachtnisbil-
dung im Zahnwechsel. Im Unterrichten mufi nun Bildhaftigkeit
wirken.
Vierter Vortrag, 16. April 1924
Das Selbstandigwerden des Geistig-Seelischen im Kinde. Nach dem
Zahnwechsel wirkt die Autoritat des Erziehenden. Ausgehen von der
Summe beim Addieren. Nach der Geschlechtsreife wird das Schick-
salhafte empfunden. Pflanzen- und Tierkunde.
Funfter Vortrag, 17. April 1924
Das Heraufholen des zeitlich durch die Erziehung Erworbenen ins
Ewige. Gegen das 12. Jahr entwickelt sich erst das Kausalitatsgefiihl;
da erst kann Physikalisch-Chemisches beigebracht werden. Mit der
Geschlechtsreife erwacht erst das Intellektuelle. Wirksamkeit von
Monden- und Sonnenkraften im Pflanzenwachstum.
Fragenbeantwortung
nach dem Vortrag vom 15. April 1924 89
Fragenbeantwortung
nach dem Vortrag vom 16. April 1924 96
Fragenbeantwortung
nach dem Vortrag «Padagogik und Medizin» von Dr. Kolisko
am 17. April 1924 100
Ansprache vor einer Vorfiihrung padagogischer Eurythmie am
14. April 1924 103
Hinweise 1 09
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe Ill
ERSTER VORTRAG
Bern, 13. April 1924
Sehr verehrte Anwesende, vor alien Dingen mochte ich fur die freund-
liche und liebevolle Begriifiung meinen herzlichen Dank aussprechen.
Ich durfte ja gerade aus dem Gebiet anthroposophischer Weltanschau-
ung heraus von diesem Ort hier in Bern seit vielen Jahren reden. Und
es ist ja auch hier eine Gruppe anthroposophischer Freunde, welche
fur die Pflege anthroposophischer Weltanschauung ihre Opfer bringen
und ihre Personlichkeit einsetzen. Das alles scheint mir in die Empfin-
dungen aufgenommen werden zu miissen, wenn ich fur die liebevollen
Worte, die hier gesprochen worden sind, herzlichen Dank sage. Denn
es gewahrt mir schon eine ganz besondere Befriedigung, nachdem ich
so oftmals hier in Bern iiber Anthroposophie im allgemeinen gespro-
chen habe, iiber das padagogische Gebiet aus dem Geiste der Anthro-
posophie heraus nunmehr sprechen zu konnen, jenes Gebiet, das ja vor
alien Dingen den Menschen auf dem Herzen liegen raufi. Denn wieviel
hangt ab davon, dafi tatsachlich gewonnen werden konne eine solche
Kunst der Erziehung und des Unterrichts, dafi die Menschen erstens
iiber manches hinauskommen, was ja in deutlicher Weise zeigt, wie sehr
wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten in eine Art sozialen Chaos
hineingekommen sind. Und aus diesem sozialen Chaos wird ja kaum
etwas anderes herausfiihren konnen, ja man mochte sagen, ganz gewifi
nicht etwas anderes herausfiihren konnen, als lediglich, wenn es uns
gelingt, in die Seelen der Menschen Geistigkeit hinein zu erziehen, so
dafi die Menschen aus dem Geiste heraus den Weg finden zum Fort-
schritt, zur Fortentwickelung der Zivilisation aus dem Geiste heraus;
was uns so vertrauensvoll aus dem Grunde ansprechen mufi, weil ja
schliefilich die Welt im Geiste und aus dem Geiste heraus geschaf fen ist,
und so auch menschliches Schaffen nur aus dem Urquell des Geistes
heraus fruchtbar geschehen kann. Will aber der Mensch zu solchem
fruchtbaren Schaffen aus dem Geiste heraus kommen, so mufi er im
Geiste erzogen und unterrichtet werden. Weil ich nun glaube, dafi
Anthroposophie in der Tat manches zu sagen hat iiber Erziehungs-
und Unterrichtswesen, gereicht es mir zur tiefen Befriedigung, hier
diesen Kursus halten zu konnen, und aus dieser Befriedigung heraus
ist mein Dank fur die freundlichen, liebevollen Begriiftungsworte aus-
gesprochen.
Nun, es fuhlen heute zahlreiche Menschen uberall in der Welt, daft
das Erziehungs-, das Unterrichtswesen in einem gewissen Sinne einen
neuen Einschlag erhalten muft. Nicht, als ob nicht aufierordentlich viel
geschehen ware im Laufe des an Fortschritten so fruchtbaren 19. Jahr-
hunderts gerade fur das Unterrichts- und Erziehungswesen, sondern
vielmehr aus dem Grunde, weil die neuere Zivilisation eine Richtung
genommen hat, welche eigentlich den Menschen wenig an den Men-
schen herankommen laftt. Wir haben seit Jahrhunderten die grofiartig-
sten Fortschritte zu verzeichnen auf dem Gebiet der Naturwissenschaft
und auf den Gebieten der Technik, die aus den Naturwissenschaften
heraus erbliihten. Wir haben auch gesehen, wie eine Art Weltanschau-
ung aus diesen naturwissenschaftlichen Fortschritten heraus sich all-
mahlich in der Zivilisation niedergeschlagen hat. Wir haben gesehen,
wie das Weltgebaude einschliefilich des Menschen gedacht wird im
Sinne desjenigen, was die Sinne iiber die Naturerscheinungen und Na-
turwesen lehren, und was der an das Gehirn gebundene Verstand
iiber die Sinneswelt auszusagen vermag. Allein, was noch nicht eine
klare, deutliche Erkenntnis heute ist, unzahlige Menschen fuhlen es,
wollen es sich oftmals nur nicht gestehen, daft man mit all denjenigen
Erkenntnissen, die die neuere Zeit gewonnen hat iiber den grofien Um-
kreis der Natur, eigentlich nicht an den Menschen herankommen
kann.
Und dieses Nicht-herankommen-Konnen, es mufi ja ganz besonders
gefiihlt werden, wenn herangekommen werden soli an den werdenden
Menschen, an das Kind. Daft etwas Fremdes sich gerade hineinschiebt
zwischen den Lehrenden, Unterrichtenden und das Kind, das wird
empfunden. Anthroposophie mochte auf der Grundlage wahrer und
umfassender Menschenerkenntnis diesem Herzensruf, der von so vielen
Seiten kommt, Rechnung tragen; Rechnung tragen in der Art, daft sie
nicht irgendwie Theorien aufstellt iiber Padagogik und Didaktik, son-
dern Rechnung tragen in dem Sinne, daft sie unmittelbar den Menschen
dahin bringt, in die Schulpraxis einzugreifen. Anthroposophische Pad-
agogik ist eigentliche Schulpraxis. Daher miifite man im Grunde ge-
nommen, wenn man iiber anthroposophische Padagogik reden will, die
einzelnen praktischen Handhabungen im Unterricht vielleicht bei-
spielsweise besprechen, allein da wiirde zunachst der Geist, aus dem
das alles herausgeboren ist, sich nicht offenbaren konnen. Daher miis-
sen Sie es mir schon gestatten, daft ich heute wenigstens einleitungs-
weise spreche iiber diesen Geist anthroposophischer Padagogik aus
umfassender Menschenerkenntnis heraus, aber auch aus eindring-
licher Menschenerkenntnis aus dem anthroposophisch-padagogischen
Wirken.
Eindringliche Menschenerkenntnis! Was hat man sich darunter vor-
zustellen? Wenn man dem Menschen, namentlich dem werdenden Men-
schen, dem Kinde, wie ich schon sagte, gegenubertritt, kann man nicht
auskommen damit, daft man gewisse Regeln hat dariiber, wie es gut ist,
zu erziehen und zu unterrichten, und dann sich etwa nach diesen Re-
geln richten will, wie man die Sache in der Technik tun kann. Das
fuhrt niemals zu einer wirklichen Schulpraxis. Zur Schulpraxis braucht
man im Handhaben des Unterrichts, im Handhaben der Erziehung
inneres Feuer, inneren Enthusiasmus; man braucht Impulse, die nicht
verstandesmafiig nach Regeln von dem Lehrenden und Erziehenden
auf das Kind iibergehen, sondern die in intimer Weise hinuberwirken
von dem Erziehenden oder Lehrenden auf das Kind. Der ganze Mensch
mufi als Erzieher wirken, nicht bloft der denkende Mensch; der fuh-
lende Mensch mufi es, der wollende Mensch mufi es.
Die naturwissenschaftliche Gesinnung und Weltanschauung ist viel
mehr der neueren Menschheit in die Glieder gefahren, als man denkt.
Auch derjenige, der keine besondere Bildung in Naturwissenschaft hat,
denkt, fiihlt und will eigentlich, man mochte sagen, auf naturwissen-
schaftliche Art. Das kann man in der Schule eben nicht; denn mit dieser
naturwissenschaftlichen Art, mit dieser naturwissenschaftlichen Ge-
sinnung erreicht man nur ein Glied der menschlichen Wesenheit: den
physisch-sinnlichen Leib. Aber das ist eben nur ein Glied dieser mensch-
lichen Wesenheit. Und gerade Anthroposophie zeigt, dafi der ganze
Mensch von einer wahren Menschenerkenntnis angeschaut werden
kann nach drei deutlich voneinander unterschiedenen Gliedern: nach
dem korperlichen, physischen Glied, nach dem seelischen Gliede, nach
dem geistigen Gliede. Und nur dann sehen wir auf den ganzen Menschen
hin, wenn wir ebensoviel Sinn und Erkenntnisfahigkeit haben, die Seele
zu erkennen in ihrer urspriinglichen Eigenart wie den physischen Leib;
und wenn wir weiter ebensoviel Sinn und Erkenntnisfahigkeit haben,
den Geist im Menschen als selbstandige Wesenheit zu erkennen. Aber
im Kinde sind eben auf andere Art Leib, Seele und Geist miteinander
verbunden als spater beim erwachsenen Menschen. Und gerade dieses
Heraustreten aus der Verbindung mit dem physischen Leibe lafit die
Beobachtung von Seele und Geist am Kinde, ich mochte sagen, als das
grofite Erkenntnis- und lebenspraktische Wunder im menschlichen Da-
sein erkennen.
Sehen wir einmal auf das kleine Kind hin, wie es in die Welt her-
eingeboren wird. Zauberhaft ist es, wie in die unbestimmten Gesichts-
ziige, in die chaotischen Bewegungen, in all dasjenige, was von dem
Kinde ausgeht und noch nicht zusammenzugehoren scheint, wie in all
das, hervorquellend aus dem tiefsten Inneren, Geist getragen wird;
wie Ordnung hineinkommt in den Blick, in die Bewegung der Gesichts-
glieder und die anderen Glieder des menschlichen Leibes, wie immer
ausdrucksvoller und ausdrucksvoller die Gesichtsziige werden; wie im-
mer mehr in Auge und Gesichtsziigen der aus dem Inneren an die Ober-
flache arbeitende Geist sich zeigt, die das ganze Leibliche durchdrin-
gende Seele sich offenbart. Wie das alles geschieht, das kann derjenige,
der unbefangen und ernsten Sinnes solches zu betrachten vermag, nicht
anders ansehen, als indem er gerade durch das, was das werdende Kind
ihm sagt, mit scheuer Ehrfurcht hineinblickt in die Wunder und Ratsel
des Welten- und des menschlichen Daseins.
Und wenn wir sehen, wie dieses Kind sich entwickelt, so zeigt sich
uns wiederum, wie das Leben dieses Kindes gegliedert ist in einzelne
Lebensepochen, die deutlich voneinander unterschieden sind, die nur
gewohnlich nicht unterschieden werden, weil sie in intimer Erkennt-
nis unterschieden werden miissen, und weil man heute aus den groben
naturwissenschaftlichen Begriffen heraus sich nicht gem zu solch in-
timer Erkenntnis bequemt.
Ein erster bedeutsamer Umwandlungsprozeft geht mit dem Kinde
vor sich ungefahr um das 7. Jahr herum, wenn das Kind die zweiten
Zahne bekommt. Schon der auftere physische Prozeft dieses Zweite-
Zahne-Bekommens ist ja interessant genug: wie sie da sind, die er-
sten Zahne, die anderen sich nachschieben, wie die ersten ausgesto-
ften werden. Solange man nur oberflachlich diesen Vorgang ansieht,
kann man beim Zahnwechsel stehenbleiben. Wenn man aber tiefer hin-
einschaut mit den Mitteln, die gerade in diesem Kursus besprochen
werden sollen, wird man gewahr, wie da, wenn auch in feinerer Weise
als beim Zahnwechsel selber, in dieser Umwandlungsphase durch den
ganzen Korper des Kindes etwas vorgeht. Dasjenige, was nur in grob-
ster, radikalster Weise im Zahnwechsel sich zeigt, das geht eigentlich
im ganzen Korper vor sich. Denn, was geschieht da eigentlich? Sie kon-
nen ja alle sehen, wie eigentlich der menschliche Organismus sich ent-
wickelt: Sie schneiden sich die Nagel, Sie schneiden die Haare, Sie fin-
den, daft die Haut abschuppt. Das alles zeigt, daft an der Oberflache
physische Substanz abgestoften wird, und daft sie von innen heraus
nachgeschoben wird. Dieses Nachschieben, das wir beim Zahnwechsel
sehen, ist beim ganzen Menschenleib vorhanden. Eine genauere Er-
kenntnis zeigt uns, daft in der Tat das Kind den Leib, den es durch
Vererbung mitbekommen hat, jetzt nach und nach ausgetrieben hat,
ausgestoften hat. So wie die ersten Zahne abgestoften sind, so ist der
ganze erste Leib abgestoften. Und in der Epoche des Zahnwechsels steht
das Kind vor uns mit einem gegenuber dem Geburtsleib vollig neuge-
bildeten Leib. Der Geburtsleib ist wie die ersten Zahne abgestoften, ein
neuer Leib ist gebildet.
Was ist da im Intimeren geschehen? Den ersten Leib, den das Kind
erhalten hat, hat es aus der Vererbung erhalten. Er ist sozusagen das
Produkt desjenigen, was durch das Zusammenwirken von Vater und
Mutter geschehen ist. Er bildet sich aus den physischen Erdenverhalt-
nissen heraus. Aber was ist er, dieser physische Leib? Er ist das Modell,
das die Erde dem Menschen gibt fur seine eigentliche menschliche Ent-
wickelung. Denn das Seelisch-Geistige des Menschen, es steigt ja her-
unter aus einer seelisch-geistigen Welt, in der es war, bevor die Emp-
fangnis und die Geburt eingetreten sind. Wir alle waren, bevor wir
Erdenmenschen geworden sind im physischen Leib, geistig-seelische
Wesenheiten in einer geistig-seelischen Welt. Und dasjenige, was uns
an physischer Vererbungssubstanz Vater und Mutter geben, das ver-
einigt sich im Embryonalleben mit demjenigen, was rein geistig-seelisch
aus einer hdheren Welt heruntersteigt. Der geistig-seelische Mensch er-
greift den physischen Leib, der aus der Vererbungsstromung herruhrt.
Der wird sein Modell, und nach diesem Modell wird jetzt ein vollig
neuer menschlicher Organismus mit Abstofiung des vererbten Orga-
nismus gebildet. So daft, wenn wir auf das Kind hinschauen zwischen
der Geburt und dem Zahnwechsel, wir sagen miissen: Da arbeitet sich
hinein in den physischen Leib, der lediglich der physischen Vererbung
sein Dasein verdankt, das Ergebnis des Zusammenwirkens dessen, was
der Mensch mitbringt auf die Erde, mit demjenigen, was er an Stoffen
und Substanzen von der Erde aufnimmt. Mit dem Zahnwechsel hat der
Mensch nach dem Modell des vererbten Leibes einen zweiten Leib sich
gebildet; und dieser zweite Leib ist das Produkt des seelisch-geistigen
Wesens des Menschen.
Selbstverstandlich kennt derjenige, der aus einer intimeren Men-
schenbeobachtung heraus zu solchen Ergebnissen kommt, wie ich sie
jetzt ausgesprochen habe, die Einwendungen, die dagegen gemacht
werden konnen. Diese Einwendungen sind auf der Hand liegend. Man
wird selbstverstandlich sagen: Zeigt sich nicht in der Ahnlichkeit mit
den Eltern, die oftmals nach dem Zahnwechsel auftritt, zeigt sich da
nicht, wie der Mensch auch spater, nach dem Zahnwechsel, den Ge-
setzen der Vererbung auch weiter unterliegt? - So konnte man vieles
einwenden. Aber nehmen Sie nur das Folgende: Wir haben ein Modell,
das aus der Vererbungsstromung herruhrt. Nach diesem Modell arbei-
ten jetzt Geist und Seele den zweiten Menschen aus. Da ja auch sonst
nicht die Tendenz besteht, dasjenige, was nach einem Modell ausgearbei-
tet wird, just ganz unahnlich dem Modell auszugestalten, so ist es auch
klar, dafi das Geistig-Seelische die Anwesenheit des Modelles dazu be-
niitzt, den zweiten menschlichen Organismus ahnlich zu gestalten. Aber
immerhin, wenn man Sinn und Erkenntnisf ahigkeit hat fur das, was da
eigentlich vorgeht, wird man auf das Folgende kommen: Es gibt Kinder,
die zeigen in ihrem 9., 1 0., 1 1 . Lebensjahr, wie fast ganz ahnlich ihr zwei-
ter Organismus - denn ein zweiter Organismus ist eben da - dem ersten,
vererbten, ist. Andere Kinder zeigen, wie unahnlich dieser zweite Or-
ganismus diesem ersten wird, wie etwas ganz anderes aus dem Zentrum
des Menschenwesens heraus arbeitet, als vorerst vererbt war. Alle Va-
rianten zwischen diesen beiden Extremen treten auf im menschlichen
Leben. Denn indem das Geistig-Seelische den zweiten Organismus aus-
arbeitet, will es vor alien Dingen der Wesenheit gehorchen, welche es
mitbringt aus der geistig-seelischen Welt, wenn es heruntersteigt. Es
entsteht ein Kampf zwischen dem, was den zweiten Organismus her-
ausarbeiten soil, und dem, was der erste Organismus aus der Vererbung
bekommen hat. Je nachdem der Mensch starker oder schwacher ist -
wir werden in den folgenden Vortragen sehen, warum das so ist - aus
dem geistig-seelischen Dasein, desto mehr kann er seinem zweiten Orga-
nismus eine besonders durchseelte, individuelle Gestalt geben, oder
aber, wenn er schwacher herabkommt, wird er sich moglichst genau
an das Modell halten.
Aber bedenken Sie, womit wir es da zu tun haben, wenn wir das
Kind erziehen sollen in seinem ersten Lebensalter von der Geburt bis
zum Zahnwechsel hin! Wir mussen gestehen, wir schauen ehrfurchts-
voll hin, wie die gottlich-geistigen Machte herunterarbeiten aus iiber-
sinnlichen Welten. Wir sehen sie von Tag zu Tag, von Woche zu Woche,
von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr in den ersten Lebensepochen
herausarbeiten, so weit herausarbeiten, dafi sie einen besonderen zwei-
ten Leib bilden. Und indem wir erziehen, nehmen wir teil an dieser
Arbeit des Geistig-Seelischen; wir setzen fort fur das physische Men-
schendasein dasjenige, was die gottlich-geistigen Machte eingeleitet
haben. Wir nehmen an gottlicher Arbeit teil.
Solche Dinge diirfen nicht blofi mit dem Verstande erfafit werden.
Solche Dinge mussen mit dem ganzen Menschen erfafit werden. Dann
bekommt man vor alien Dingen ein Gefiihl von der ganzen Grb&e der
Aufgabe gegeniiber den schaffenden Machten der Welt, welche die Er-
ziehung insbesondere im ersten kindlichen Lebensalter hat. Aber ich
mochte sagen, dieser erste Anhub, den das Geistig-Seelische unter-
nimmt, um einen zweiten menschlichen Organismus zu schaffen, der
zeigt uns wirklich, wie beim Kinde korperliches Gestalten, seelisches
Wirken, geistiges Schaf fen eine Einheit sind. Alles das, was da geschieht
im Bilden des neuen Organismus, im Abstoften des alten, ist beim Kinde
Einheit von Geist, Seele und Leib.
Daher zeigt sich das Kind in einer ganz anderen Art als spater der
Erwachsene. Das kann an einzelnen Erscheinungen durchaus beob-
achtet werden. Im erwachsenen Zustand bekommen wir irgend etwas
Siifies in den Mund, unsere Zunge, unser Gaumen nimmt das Siifie wahr.
Allein diese Geschmackswahrnehmung hort auf, wenn die siifie Sub-
stanz in einer gewissen Weise an eine gewisse Stelle des Organismus hin-
gekommen ist. Den weiteren Verlauf verfolgen wir als erwachsene
Menschen nicht mehr mit dem Geschmack. Im Kinde geht das anders.
Beim Kinde geht der Geschmack durch den ganzen Organismus; es
schmeckt nicht nur mit Zunge und Gaumen, es schmeckt mit dem gan-
zen Organismus; es zieht die Siifiigkeit durch den ganzen Organismus.
Das Kind ist eben ganz Sinnesorgan.
Worin besteht das Wesen eines Sinnesorganes? Nehmen wir das
menschliche Auge. Farbeneindriicke werden auf das menschliche Auge
gemacht. Wer dasjenige, was der Mensch beim Sehen vollbringt, richtig
ansieht, der sagt: Wille und Wahrnehmung ist im Auge eines; das bleibt
an der Oberflache, an der Peripherie des Menschen. Im ersten Kindes-
alter, von der Geburt bis zum Zahnwechsel, geht das - allerdings in
feiner Weise - durch den ganzen Organismus. Der ganze Organismus
des Kindes schaut sich an wie ein umfassendes Sinnesorgan. Und daher
machen alle Eindriicke, die aus der Umgebung auf das Kind wirken,
ganz andere Wirkungen im kindlichen Menschen als im erwachsenen
Menschen. Dasjenige, was in der Umgebung vor sich geht, was mit dem
Auge geschaut werden kann, ist im Menschen der Ausdruck des mensch-
lich Seelenhaften, der menschlichen Moralitat. Das Kind hat ganz un-
terbewufit oder unbewulk, allerdings nicht im Bewufksein, ein feines,
intimes Wahrnehmungsvermogen fur dasjenige, was sich ausspricht in
jeder Bewegung, jeder Regung bei den Menschen der Umgebung. Wenn
ein Jahzorniger in der Umgebung des Kindes aus dem Jahzorn heraus
seine Regungen durchmacht, und in der aufteren Sinneswahrnehmung
das Kind in soldier unbewufiten Art schauen lafit, was er tut: oh, man
tauscht sich sehr, wenn man glauben wiirde, daft das Kind nur diese
Bewegungen sieht. Das Kind hat einen deutlichen Eindruck von dem,
was in den moralischen Regungen drinnen liegt, wenn auch nicht be-
wufit. Das Auge hat auch keinen bewufiten Sinneseindruck, sondern
einen unbewufiten. Alles, was sich moralisch-seelisch in unsinnlicher
Weise offenbart, stromt in das Kind ein wie die Farben in das Auge,
weil der ganze kindliche Organismus Sinnesorgan ist.
Aber dieser Organismus ist fein organisiert. Deshalb setzt sich jeder
Eindruck fort in dem ganzen kindlichen Organismus. Zunachst ist der
Eindruck, den das Kind empfindet von dem, was sich moralisch offen-
bart, ein seelischer Eindruck. Aber bei dem Kinde geht alles Seelische
in das Leibliche hinunter. Wenn das Kind einen Schreck erfahrt an
den Eindriicken der Umgebung, aber ebenso alles, was an Freude und
Erhebung lebt, geht uber, wenn auch nicht in so grober Art, sondern in
feiner Weise, in die Wachstums-, Zirkulations- und Verdauungspro-
zesse. Ein Kind, das jede Stunde zu furchten hat die Eindriicke, die von
einem Jahzornigen ausgehen, der jeden Augenblick einen Zorn be-
kommt, erlebt etwas Seelisches, das sogleich eindringt in Atmung und
Blutzirkulation und auch in seine Verdauungstatigkeit. Das ist das Be-
deutsame, daft wir fur das kindliche Alter gar nicht sprechen konnen
blofi von korperlicher Erziehung, weil die Seelenerziehung eine korper-
liche ist, weil alles Seelische sich metamorphosiert in das Korperliche,
ein Korperliches wird.
Und was das fur eine Bedeutung hat, wird einem erst klar, wenn
man aus wirklicher Menschenerkenntnis heraus nicht blofl auf das Kind
hinschaut und Erziehungs- und Unterrichtsgrundsatze pragt, sondern
wenn man hinschaut auf das ganze menschliche Erdenleben. Das ist
nicht so bequem wie ein blofie Beobachtung des Kindes. Eine Beobach-
tung des Kindes: nun, man registriert, wie das Gedachtnis ist, das Denk-
vermogen, die Sinneswahrnehmungen des Auges, des Ohres und so
weiter; man registriert fur den Augenblick oder doch fur eine kurze
Zeit. Aber damit hat man gar nichts getan fur die Erkenntnis des Men-
schen. Denn geradeso wie bei der Pflanze in dem Samen, der zur Wur-
zel wird, schon darin liegt, was nach langer Zeit in Bliite und Frucht
zum Vorschein kommt, so liegt in dem Kinde bis zum Zahnwechsel hin,
weil es fiir alles Seelische korperlich empfanglich ist, der Keim fur
Gliick und Ungliick, fiir Gesundheit und Krankheit fiir das ganze Er-
denleben bis zum Tode hin. Und dasjenige, was wir als Lehrer oder
Erzieher in das Kind einstromen lassen in der ersten Lebensepoche, die
hinunterwirkt in Blut und Atmung und Verdauung, das ist wie ein
Keim, der manchmal erst auf geht in Form von Gesundheit und Krank-
heit des Menschen im 40., 50. Lebensjahr. Ja, so ist es: Wie der Erzie-
hende sich benimmt gegenuber dem kleinen Kinde, damit veranlagt er
es zum innerlichen Gliick oder Ungliick, zu Gesundheit oder Krankheit.
Das zeigt sich ja insbesondere, wenn wir im einzelnen diese Wir-
kungen des Erziehenden auf das Kind aus den Tatsachen des Lebens
heraus beobachten. Diese Tatsachen lassen sich ebenso beobachten wie
die physikalischen Tatsachen im Laboratorium oder wie die Pflanzen-
tatsachen im botanischen Kabinett; aber man tut es gewohnlich nicht.
Nehmen wir einzelne Falle heraus. Sagen wir einmal, wir wollen rein
betrachten zunachst, wie der Lehrer neben dem Kinde in der Schule
steht. Betrachten wir zunachst den Lehrer, und betrachten wir ihn nach
seinem Temperament. Wir wissen, nach dem Temperament kann der
Mensch sein ein energischer, aber auch zornmutiger, jahzorniger
Mensch, ein Choleriker, oder ein innerlich sich in sich zusammenzie-
hender und mehr auf sich hinschauender, nur in sich empfindender,
die Welt meidender Melancholiker; oder ein fiir aufiere Eindriicke
rasch Empfanglicher, der von Eindruck zu Eindruck eilt, ein Sangui-
niker; oder einer, der alles gehen lafit, dem alles gleichgultig ist, der
nicht gedriickt ist von aufieren Eindrucken, der alles voriibergehen
lafSt, ein Phlegmatiker.
Nehmen wir zunachst an, die Lehrerbildungsstatte hatte nicht daf ur
gesorgt, solche Temperamente abzuschleifen und in richtiger Weise in
die Schule hineinzustellen, sondern solche Temperamente wirkten sich
aus, sie schossen in die Zugel mit einem gewissen Radikalismus. Neh-
men wir das cholerische Temperament: ein Kind im Lebensalter bis
zum Zahnwechsel ist ausgesetzt dem cholerischen Temperament. Wenn
der Lehrende, der Erziehende sich ganz gehen lafit in diesem seinem
cholerischen Temperament, dann wird fortdauernd auf das Kind ein
seelischer Eindruck ausgeubt, welcher dahin geht, dafi dieses Kind in
bezug auf sein Zirkulationssystem, in bezug auf alles das, was inner-
licher Rhythmus ist, starke Eindriicke erhalt. Diese Eindrucke, die
gehen zunachst nicht sehr tief, aber sie sind eben auch erst ein Keim;
und dieser Keim wachst und wachst, wie alle Keime wachsen. Es kann
zuweilen so im 40., 50. Lebensjahr in Zirkulationsstorungen des rhyth-
mischen Systems die Wirkung ungeziigelten cholerischen Temperamen-
tes beim Erziehenden auftreten. Wir erziehen eben das Kind nicht blofi
fvir das kindliche Alter; wir erziehen es fiir das ganze Erdendasein und,
wie wir spater sehen werden, auch noch fiir die Zeit dariiber hinaus.
Oder nehmen wir an, der Melancholiker lafit seinem Temperament
die Zugel schieften; er habe nicht mit der Seminarbildung aufgenommen
den Impuls, es zu harmonisieren, es in der richtigen Weise an das Kind
herantreten zu lassen; er gibt sich seiner Melancholie hin in dem Ver-
kehr mit dem Kinde. Dadurch, daft er eine solche Melancholie in sich
lebt, fiihlt und denkt, dadurch entzieht er fortwahrend dem Kinde
dasjenige, was eigentlich vom Lehrer auf das Kind uberstromen sollte:
Warme. Der Erziehung fehlt haufig jene Warme, die zunachst als See-
lenwarme wirkt, die aber beim Kinde heruntergeht vorzugsweise in
das Verdauungssystem und Keimanlagen darin hervorruft, die in spa-
terem Lebensalter auftreten in allerlei Storungen, krankhaften Storun-
gen des Blutes oder wenigstens in krankhaften Anlagen des Blutes und
so weiter.
Nehmen wir den Phlegmatiker, dem alles gleichgultig ist, was er
mit dem Kinde tut. Ein ganz besonderes Verhaltnis spinnt sich an zwi-
schen ihm und dem Kinde. Es ist etwas nicht Kaltes, aber furchtbar
Wasseriges im seelischen Sinne zwischen einem solchen Erzieher und
dem Kinde. Es wird nichts so stark entwickelt, daft ein richtiges Hin-
und-Herstromen des Seelischen zwischen dem Erziehenden und dem
Kinde da ist; das Kind wird nicht geniigend innerlich regsam gemacht.
Verfolgt man ein Menschenkind, das unter dem Einfluft des Phlegmas,
eines phlegmatischen Temperamentes sich entwickeln mufite bis in ein
hoheres Lebensalter, so merkt man oftmals, wie Anlage zur Gehirn-
schwache, Blutleere im Gehirn, Stumpfheit der Gehirntatigkeit im spa-
teren Lebensalter auftritt.
Sehen wir, wie ein Sanguiniker, der seinem Sanguinismus die Zugel
schiefien lafit, auf das Kind wirkt. Er ist jedem Eindrucke hingegeben,
aber die Eindriicke gehen schnell voriiber. Er lebt auf besondere Art
auch in sich, aber mit sich in den aufteren Dingen. Das Kind kann nicht
mitgehen; die Reize, die gerade dadurch, daft der Lehrer von Eindruck
zu Eindruck eilt, auf das Kind ausgeiibt werden, sie greifen nicht an,
denn das Kind braucht liebevolles Gehaltenwerden bei einem Eindruck,
wenn es wirklich innerlich regsam genug gemacht werden soil. Verfol-
gen wir ein Kind, das unter ubertrieben sich gehenlassendem Sangui-
nismus aufwachst, so zeigt es sich im spateren Alter, daft der erwach-
sene Mensch, der sich aus dem Kinde entwickelt hat, Mangel an Vital-
kraft hat, zu wenig Lebenskraft zeigt, wenig Gehalt zeigt und derglei-
chen. So daft man eigentlich, wenn man dafiir den Blick hat - und Er-
ziehen beruht auf Intimitat des seelischen Blickes -, an dem Typus, den
ein Mensch angenommen hat, noch im 40., 50. Lebensjahr sagen kann:
auf diesen Menschen hat ein melancholisches, phlegmatisches, chole-
risches oder sanguinisches Lehrertemperament eingewirkt.
Ich sage das in der Einleitung nicht, um etwa Angaben zu machen,
wie diese Dinge fur die Lehrerausbildung fruchtbar zu machen sind;
ich mochte zunachst hinweisen, wie dasjenige, was wir mit dem Kinde
vornehmen, nicht etwa bloft, wenn es ein Seelisches ist, Seelisches bleibt,
sondern daft es durchaus in das Korperliche ubergeht. Seelisch das Kind
erziehen, heifit, es fur das ganze Erdenleben auch korperlich erziehen.
Der Anthroposophie sagt man sehr oft nach, daft sie zu dem See-
lischen den Geist suche. Mancher Mensch wird heute schon sehr kri-
tisch und ablehnend, wenn ihm uberhaupt vom Geist gesprochen wird;
und daher glaubt man leicht, nun ja, Anthroposophie ist so eine Phan-
tasterei. Da wird aus dem Wirklichen, das fur die Sinne erscheint, ein
Dunst und Nebel heraus abstrahiert; der im Geiste Verminftige braucht
sich nicht einzulassen auf diesen Dunst und Nebel. - Aber gerade An-
throposophie in ihren padagogischen Auswirkungen mochte, daft im
richtigen Sinne die Grundsatze fur korperliche Erziehung Anwendung
f inden, weil sie weift, daft gerade beim Kinde in der ersten Lebensepoche
das Korperliche iiberall von den seelischen Impulsen beeinflufit wird.
Ich mochte sagen: Man suche einmal die Grundlage bewuftt, daft ein
Seelisch-Geistiges iiberall zugrunde liegt dem korperlichen Wirken;
dann kann man fur die Entwickelung des Kindes von der Geburt bis
zum Zahnwechsel ganz gut Materialist sein und bloft auf das Stoff-
liche wirken, denn so wie das Stoffliche im Kinde wirkt, ist es eine
Einheit von Seele und Geist. Niemand versteht das Stoffliche im Kinde,
der nicht so Seele und Geist astimiert. Aber es offenbaren sich Seele
und Geist durchaus in dem, was aufierlich stoff lich zutage tritt.
Zum Erziehen gehort Verantwortlichkeitsgefiihl. Dieses Verant-
wortlichkeitsgefiihl, es tritt einem aus einer solchen Betrachtung wirk-
lich recht stark vor das Seelenauge und ergreift das menschliche Herz.
Denn geht man an die Erziehung heran, indem man weifi, dasjenige,
was man an dem Kinde bewirkt, lebt fort als Gltick, Ungliick, Gesund-
heit, Krankheit im ganzen Erdenleben: es lastet zunachst auf der Seele,
aber es spornt auch an, diejenigen Krafte und Fahigkeiten und vor alien
Dingen diejenige Seelenverfassung als Erzieher in sich auszubilden, die
stark genug sein wird, jene Seelenkeime im kindlichen Alter zu pflan-
zen, die erst im spateren, manchmal im sehr spaten Alter aufgehen.
So ist diejenige Menschenerkenntnis, die Anthroposophie zur Grund-
lage der padagogischen Kunst macht. Sie ist nicht blofl die Erkenntnis
dessen, was gerade in einem bestimmten Lebensstadium, zum Beispiel
im kindlichen, vor uns steht, sondern sie ist hervorgegangen aus der
Anschauung des ganzen menschlichen Erdenlebens. Denn der Mensch,
was ist er denn seinem Erdenleben nach? Sehen Sie, wenn wir den Men-
schen anschauen, wie er vor uns steht in jedem Augenblick, so sagen
wir, er sei ein Organismus. Warum ist er das? Weil alles, alles einzelne
an ihm in Harmonie mit der ganzen Bildung des Organismus steht.
Wer sich einen Blick aneignet fur die inneren Beziehungen in Gestalt,
Grofie und so weiter der einzelnen Glieder des menschlichen Organis-
mus, wie sie zusammenpassen, sich aneinander harmonisieren, eine
Einheit bilden, eine Mannigfaltigkeit in der Einheit bilden, wer sich
dafiir den Blick aneignet, schaut sich den kleinen Finger des Menschen
an. Wenn er das Ohrlappchen auch nicht sieht, weifi er ungefahr, wie
das Ohrlappchen gestaltet ist; denn bei einer gewissen Gestaltung des
kleinen Fingers wird das Ohrlappchen in einer gewissen Weise gestal-
tet sein und so weiter. Es ist so, daft das kleinste und das grofke Glied
des menschlichen Organismus nach dem Ganzen gebildet ist, aber daf5
es auch nach jedem anderen Glied gebildet ist, so dafl wir ein Organ
im Kopfe nicht verstehen, wenn wir es nicht in Einklang, in Beziehung
zu schauen vermogen mit einem Organ am Bein oder Fufle. Das ist der
Fall fur den Raumesorganismus, den Organismus, der im Raume aus-
gebreitet ist. Aber der Mensch hat nicht nur den Raumesorganismus, er
hat auch den Zeitorganismus. Und ebenso wie das Ohrlappchen gebil-
det ist nach der Bildung des Ganzen und auch nach der Bildung, sagen
wir des kleinen Fingers oder des Knies und so weiter, so steht dasjenige,
was der Mensch im 50. Lebensjahr erlebt an physischer Gesundheit, an
Krankheit, an seelischem Aufgeraumtsein oder Niedergeschlagensein,
an geistiger Klarheit oder Dumpfheit, diese seelische Konfiguration des
Menschen im 50. Lebensjahr steht im innigsten Verhaltnis mit dem, was
der Mensch im 10., 7. oder 4. Lebensjahr in dieser Beziehung in sich
trug. So wie die Glieder im Raumesorganismus, so stehen die zeitlich
voneinander getrennten Glieder im Zeitenorganismus in Beziehung
zueinander. In gewisser Beziehung konnen wir sagen: Wenn wir 5
Jahre geworden sind - natiirlich, der triviale Einwand gilt nicht, dafi
wir eher sterben konnen, da liegen andere Verhaltnisse vor -, wenn wir
5 Jahre alt geworden sind, ist das, was in uns ist, schon im Einklang
mit dem, was wir sein werden, wenn wir 40 Jahre alt sein werden. Der
Mensch ist aufierdem, dafi er ein Raumesorganismus ist, ein Zeitenor-
ganismus. Und wenn jemand einen Finger f indet, so miifite schon dieser
Finger eben erst abgeschnitten sein, damit er uberhaupt einem Finger
ahnlich sein kann: er wird sehr bald nicht mehr ein Finger sein; wenn
er lange vom Organismus getrennt ist, verschrumpft er, wird er etwas
anderes als ein menschliches Glied. Ein vom menschlichen Organismus
getrennter Finger ist kein Finger; er konnte niemals leben, abgetrennt
von seinem Leibe, und das ist nichts, ist kein in sich Bestandiges, ist gar
keine Wirklichkeit; er ist nur eine Wirklichkeit mit dem ganzen Erden-
leib zwischen Geburt und Tod zusammen.
Wenn wir dies betrachten, werden wir uns auch klar sein dariiber,
dafi wir in alldem, was wir an das Kind heranbringen, den Zeitenorga-
nismus beriicksichtigen miissen. Denken Sie sich nur einmal, wenn der
Mensch ebenso beeinf lussen konnte den Raumesorganismus, wie er den
Zeitenorganismus oftmals beeinf lufit, was dann aus diesem Raumes-
organismus wiirde! Nehmen wir an, wir fuhrten in den Menschenma-
gen eine Substanz ein, die den Kopf zerstort. Wir schauten nur auf
den Magen, wir schauten nicht auf das, was aus dieser Substanz wird,
wenn sie sich im Organismus verteilt und bis zum Kopfe kommt. Der-
jenige, der den menschlichen Organismus verstehen will, mufi sagen
konnen aus dem, was vorgeht mit einer Substanz im menschlichen Ma-
gen, was dieser Vorgang fiir eine Bedeutung fur den Kopf hat. Die
Substanz mufi vom Magen bis zum Kopf fortwahrend Veranderungen,
Metamorphosen durchmachen, mufi beweglich sein. Beim Zeitenorga-
nismus versundigen wir uns dem Kinde gegeniiber haufig. Wir sehen
darauf, dafi das Kind uns schon entgegenbringe so klare, scharfe Be-
griffe, Begriffe mit scharfen Konturen; wir werden unwillig, wenn
das Kind elastische Begriffe hat, die nicht recht scharf sind. Wir arbei-
ten dahin, dem Kinde etwas beizubringen, das es dann so in der Seele
behalt, dafi es uns das wieder vorschwatzen kann. Wir sind oftmals
besonders gliicklich, wenn wir einem ganz jungen Kinde etwas bei-
bringen, das es nach Jahren in derselben Gestalt wieder vorschwatzt.
Aber das ist gerade so, wie wenn wir einem Kinde mit 3 Jahren Stiefel
machen lassen und verlangen, dafi es mit 10 Jahren diese Stiefel an-
ziehe und sie ihm noch passen. In Wahrheit handelt es sich darum, dafi
wir dem Kinde beibringen lebendige, biegsame, elastische Begriffe, die,
wie die aufieren physischen Glieder wachsen, so seelisch mit dem Men-
schen heranwachsen. Das ist unbequemer, als dem Kinde Definitionen
zu geben von dem und jenem, die es sich merken mufi, die bleiben sollen,
wie wenn man verlangen wiirde, dafi Stiefel eines Kindes von 3 Jahren
passen sollen fiir Fiifie eines Kindes von 10 Jahren. Man mufi mit den
Regungen des Kindes mitleben, mufi eine Freude haben, dem Kinde
etwas zu geben, was innerlich biegsam und elastisch ist, damit das Kind,
so wie es mit den physischen Gliedern wachst, mit diesen Begriffen,
Empfindungen, Gefuhlsregungen heranwachst, so dafi es in kurzer Zeit
etwas anderes macht aus dem, was wir ihm gegeben haben. Da braucht
man innige Freude am Werden und Wachsen; man kann nicht Pedantis-
mus brauchen, nicht das Leben in zu scharf konturierten Begriffen
brauchen. Man kann nur gebrauchen dasjenige, was regsames, sich ge-
staltendes, wachsendes, gedeihendes Leben ist. Und derjenige, der fiir
solches wachsende, gedeihende Leben etwas an Sinn hat, der ist schon
verwandt als Erzieher mit dem Kinde, weil Leben in ihm ist und das
Leben von ihm auf das Leben verlangende Kind ubergeht. Und das
brauchen wir vor alien Dingen, dafi vieles Totes, das in unserer Didak-
tik und Padagogik ist, in Leben umgewandelt werde. Daher brauchen
wir eine Menschenerkenntnis, die nicht sagt: so und so und so ist der
Mensch blofi, das und das ist der Mensch; wir brauchen eine Menschen-
erkenntnis, die auf den ganzen Menschen wirkt, wie die physische
Nahrung auf das Blut wirkt. Das Blut zirkuliert im Menschen. Wir
brauchen eine Menschenerkenntnis, die uns seelisches Blut gibt, die uns
nicht nur gescheit und verstandig und verniinftig machen kann, son-
dern die uns enthusiastisch machen kann, innerlich beweglich machen
kann, die Liebe entziinden kann. Denn liebegetragen mufi dasjenige an
Padagogik sein, was aus wahrer Menschenerkenntnis hervorquillt.
Damit wollte ich zunachst nur einleitende Andeutungen geben iiber
die Voraussetzungen, welche der Padagogik aus der Anthroposophie
heraus gegeben werden sollen. Es wird sich im weiteren darum han-
deln, wie nun in der Schulpraxis im einzelnen dieser Geist anthropo-
sophischer Padagogik verwirklicht werden kann. Davon darf ich dann
morgen und die folgenden Tage weiter sprechen.
ZWEITER VORTRAG
Bern, 14. April 1924
Sie werden gesehenhaben, daft es sich bei der Grundlegung einer padago-
gischen Kunst um eine Menschenerkenntnis handelt, die intimer an den
Menschen herandringen kann als diejenige Menschenerkenntnis, die
heute anerkannt wird dadurch, daft man jegliches Erkennen naturwis-
senschaftlich begriinden will. Da aber, wie wir gesehen haben, Natur-
wissenschaft uberhaupt nicht in Wirklichkeit an den Menschen und
sein Wesen herandringen kann, so kann eben aus einer naturwissen-
schaftlichen Gesinnung keine wirkliche Menschenerkenntnis kommen,
Anthroposophie will wirkliche Menschenerkenntnis neben einer sol-
chen Welterkenntnis liefern, die geistdurchdrungen ist, weil die Welt
selbst geistdurchdrungen ist. Dadurch mochte Anthroposophie auch
begriinden konnen eine wirkliche Padagogik. Man soil aber nun ja
nicht glauben - dieser Irrtum kann leicht entstehen -, daft irgend bei
denjenigen Personlichkeiten, die sich zu Anthroposophie bekennen,
der Drang besteht, anthroposophische Schulen zu begriinden, Schulen,
in denen Anthroposophie als Weltanschauung, wie es nun heute ein-
mal ist, an die Stelle anderer, verstandesmafiiger, herzmaftiger Welt-
anschauungen gesetzt werden soil. Das ist zunachst gar nicht die Ab-
sicht, und es ist wichtig, daft man beriicksichtige, daft das gar nicht die
Absicht ist. Die Padagogik, von der hier gesprochen wird, will in sich
aufnehmen aus Anthroposophie lediglich die methodischen und didak-
tischen Elemente im Erziehen und Unterrichten. Und nur weil die be-
rechtigte Ansicht bestehen kann bei denjenigen, die in Anthroposophie
wirklich eindringen, daft diese imstande ist, aus ihrer Menschenerkennt-
nis heraus auch die entsprechenden wirklich praktischen Regeln zur
Menschenbehandlung zu finden, deshalb darf auch angenommen wer-
den, daft in die Handhabung, in die Methode, in das Wie des Lehrens
und Erziehens durch die Anthroposophie dasjenige hineinkommt, was
uberhaupt notwendig ist.
Ich mochte nun wie als eine Anmerkung erwahnen, daft wir ja in
Stuttgart, wo wir in der Lage sind, seit Jahren im Sinne der anthropo-
sophischen Padagogik in der "Waldorfschule zu wirken, auch nach
auften hin ganz klar erkennen lieften, daft es nicht darauf ankommt,
Anthroposophie als solche in die Schule hineinzutragen. Wir haben
einfach den Religionsunterricht als solchen iibergeben fur katholische
Kinder dem katholischen Priester, fur evangelische Kinder dem evan-
gelischen Pfarrer, und nur fur diejenigen Kinder, deren Eltern wiin-
schen, daft sie eine freie Religionslehre bekommen, fiir die werden
freie Religionslehren aus der Anthroposophie heraus gegeben; so daft
das Weltanschauungsmafiige in der Waldorfschule eigentlich nicht be-
riihrt wird.
Ferner ist das noch zu beachten, daft zunachst auch nicht gedacht
werden soli, daft irgend die Begrundung von Schulen im weitesten
Umfange ein Ziel und Ideal sein mufi desjenigen, was mit anthroposo-
phischer Padagogik erzielt wird. Gewifi, will man rein in anthroposo-
phischer Methodik unterrichten, braucht man Musterschulen. Solche
Musterschulen sind schon dringend notwendig, Aber da die anthro-
posophische padagogische Kunst zunachst ein Methodisch-Didaktisches
sein soil, also das Wie des Unterrichts betont, so handelt es sich darum,
daft sie iiberallhin, in jede Art von Schule, in jede Art des Unterrichts
durch den einzelnen Lehrer gebracht werden kann. Es handelt sich
nicht darum, durch anthroposophische Padagogik an den Anstalten
Revolutionen oder dergleichen hervorzurufen, auch nicht im leise-
sten Sinne, sondern darum, aus anthroposophischer Padagogik und
Menschenerkenntnis zunachst Richtlinien zu finden, wie unterrichtet
und erzogen werden soil.
Nun haben Sie gesehen, daft es sich dabei handelt um ein intimeres
Betrachten und Beobachten des Menschen, als es nun schon einmal heute
ublich ist. Man lernt heute auf gewissen Gebieten recht exakt beobach-
ten, und was nach dieser Richtung geleistet wird in sogenannter Nahe-
rungsbeobachtung, sagen wir zum Beispiel bei Beobachtung der Sterne
durch das Teleskop, oder sagen wir auf dem Felde der Meftkunst - es
konnte fiir viele Dinge angefiihrt werden -, das ist etwas, was hervor-
geht aus dem Gefiihl, intim im mathematischen Sinne zu beobachten.
Aber intim zu beobachten in dem Sinne, daft sich dadurch enthiillen
feine Obergange im Seelischen des Menschen oder auch feine Ober-
gange der menschlichen Organisation, das haben wir gerade aus jener
naturwissenschaftlichen Gesinnung, die sich in den letzten drei bis
vier Jahrhunderten herausgebildet hat, heute im allgemeinen Zivili-
sationsleben doch nicht. Und deshalb werden auch die fur das Erzie-
hen so wichtigen Obergange, wie sie vorliegen beim Zahnwechsel, bei
der Geschlechtsreife und selbst noch nach dem 20. Jahr, nicht beob-
achtet.
Gewifi, man redet von diesen Obergangen, aber man redet nur von
dem, was sich in grobem Sinne im physischen Leib abspielt, und was
im Seelischen zum Ausdruck kommt durch eine grobe Abhangigkeit der
Seele vom physischen Leib. Aber man weift wenig zu sagen, wie das
Kind vor dem Zahnwechsel in seiner ganzen leiblich-korperlichen Or-
ganisation verschieden ist von dem, wie es sich darlebt in der zweiten
Epoche, zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Zu die-
sen Dingen gehort eben eine feinere Beobachtungsmethode. Und da
Anthroposophie ausgeht auf Beobachtung des Geistigen in der Welt,
wie es sich iiberall ausspricht in der "Welt, und wie es die meisten Men-
schen nicht anerkennen wollen, so hat sie die Kraft in sich, daft auch
solche Personlichkeiten, bei denen es durch ihr Schicksal noch nicht
dahin kommen kann, daft sie nun gleich den Blick in die geistige Welt
hinein bekommen, nun doch, wenn sie beginnen, jene inneren Seelen-
iibungen zu machen, welche nach und nach darauf hinauslauf en, einen
wirklichen Einblick in die geistige Welt zu haben, eben durch den An-
fang dieser Seeleniibungen dazu kommen, eine feinere Menschenbeob-
achtung zu entwickeln. Denn bedenken Sie, alles Forschen in der gei-
stigen Welt beruht darauf, daft man in dem Geistig-Seelischen des Men-
schen, in dem Ubersinnlichen, in demjenigen, von dem ich gestern ge-
sagt habe, daft es aus vorirdischem Dasein heruntersteigt und sich mit
dem vererbten physischen Korper verbindet, daft man in diesem Ober-
sinnlichen iibersinnliche Organformen, Augen und Ohren der Seele ent-
wickelt hat, wie der Korper Augen und Ohren hat, so daft man unab-
hangig vom Korper wahrnehmen kann.
Der Mensch ist jede Nacht im Schlaf unbewuftt in dem Zustand,
in dem man sein muft, wenn man geistig forscht. In dem Augenblicke,
wo man einschlaft, geht man mit seinem Geistig-Seelischen aus dem
physischen Leibe heraus. In dem Augenblicke, wo wir aufwachen,
gehen wir mit dem Geistig-Seelischen in den physischen Leib wieder-
um hinein. Wir sehen beim wachenden Menschen, wie er sich seiner
Augen und Ohren bedient, wie er seine Glieder in Regsamkeit versetzt.
Sowohl das Sich-Bedienen der Sinnesorgane wie das In-Regsamkeit-
Versetzen der Glieder geht aus von dem Geistig-Seelischen. Auch eine
wahre Naturerkenntnis, wie wir sie heute noch nicht haben, lehrt, daft
die physischen Aufterungen wahrend des Wachens gehandhabt werden
von dem Geistig-Seelischen, und daft nur eine Unterbrechung dieser Ta-
tigkeit des Geistig-Seelischen vorliegt vom Einschlafen bis zum Auf-
wachen. Auch dieser Unterschied zwischen dem Schlafen und dem Wa-
chen ist noch zu fein fiir das an den naturwissenschaftlichen Methoden
heranerzogene heutige Denken, das wir heute schon mit der kindlichen
Erziehung aufnehmen. Denn im Schlaf ist der Mensch ganz und gar
denjenigen Tatigkeiten seiner Organisation hingegeben, denen Mineral
und Pflanze hingegeben sind.
Man darf aber nicht sagen - gerade in der Geisteswissenschaft, in
der Anthroposophie mufl exakt und genau gesprochen werden der
Mensch sei schlafend eine Pflanze; das ist er natiirlich nicht. Er ist es
seiner Organisation nach nicht. Er ist in seiner Organisation so, daft
die mineralischen und pflanzlichen Substanzen herauforganisiert sind
bis zum Tierisch-Menschlichen. Die Pflanze hat keine Muskeln, hat
keine Nerven. Nerven und Muskeln sind natiirlich auch wahrend des
Schlafes im Menschen. Und das Bedeutsame fur den Menschen - in
gewisser Beziehung auch fiir die Tiere, aber darum kann es sich jetzt
nicht handeln - ist, daft die rein vegetative Tatigkeit, die sonst in der
Pflanze nichts mit Muskeln und Nerven zu tun hat, daft die jetzt mit
Muskeln und Nerven iiber das Substantielle kommt, so daft auch die
Schlaftatigkeit des Menschen nicht eine blofte Pflanzentatigkeit ist.
Aber der Impuls ist derselbe wie der, der in der Pflanze ist.
Daher geschieht auch wahrend des Schlafes im Menschen etwas an-
deres als in der Pflanze. Aber um sich eine Vorstellung von dem zu
machen, was da eigentlich vorgeht, muft man das Folgende sagen: Wah-
rend des Wachens ist dem menschlichen Organismus das Geistig-See-
lische eingegliedert. Dieses Geistig-Seelische zeigt, wenn man es beob-
achtet, zwar eine gewisse Ahnlichkeit mit dem ganzen Universum, dem
ganzen Kosmos, aber eben nur eine Ahnlichkeit, so daft, wenn wir das
Pflanzenwachstum beobachten, sich das Folgende herausstellt: Wir se-
hen im Friihling, wenn der Schnee zuriickgegangen ist, von der Erde
herausspriefien und sprossen die Pflanzen, sehen sie ihr Wesen entfal-
ten. Wir sehen gewissermaften das Pflanzenwachstum, das angewiesen
war bis dahin auf die Krafte, die sich seit dem vorjahrigen Sonnendasein
als Sonnenschein in der Erde angesammelt haben. Aus diesen in der
Erde angesammelten Sonnenkraften - man kann es so sagen - werden
die Pflanzenwesen im Friihjahr entlassen und vom aufteren Sonnen-
schein in Empfang genommen, durchgefiihrt durch die Sommerzeit,
bis der Same herangereift ist. Dann geht im wesentlichen das Wachs-
tum wieder liber auf die Erde. Wahrend des Sommers kommt dasjenige,
was sonst Kraft der Sonne ist, in die Erde hinein, sammelt sich dort. In
der Erde hat man fortwahrend die angesammelte Sonnenkraft. Man
braucht nur daran zu erinnern, daft man eigentlich jetzt die Kraft der
Sonne, die einmal vor Jahrmillionen die zu Steinkohlen gewordenen
Pflanzen beschienen hat, in den heutigen Ofen heizt. Kiirzere Zeit be-
wahrt wird die Sonnenkraft in jedem Jahr in der Erde. So saugt die
Pflanze wahrend der Zeit bis zum Friihling hin noch Sonnenkraft
von der Erde, wo sie bewahrt worden ist. Wahrend des Sommers be-
kommt sie die Sonnenkraft direkt aus dem Kosmos. Dadurch tritt
Rhythmus ein. Man kann sagen, der Rhythmus verlauft so fiir das
Pflanzenleben: Erden-Sonnenkraft, kosmische Sonnenkraft; Erden-
Sonnenkraft, kosmische Sonnenkraft und so weiter. Wie der Pendel-
schlag der Uhr wechselt die Pflanze mit kosmischen und irdischen Son-
nenkraften.
Und wenn wir nun den Menschen anschauen: er schlaft ein; er
laftt zunachst dasjenige, was nur mineralisch und dasjenige, was pf lanz-
lich ist, in seinem Korper, der aber im Gegensatz zur Pflanze fiir das
Geistig-Seelische organisiert ist. Wenn der Mensch einschlaft, dann
sprieftt und sproftt das vegetative Leben, sich selber iiberlassen, auf ; und
es wird tatsachlich im Beginne des Schlafens im Menschen Friihling.
Aber diese vegetative Kraft wird wiederum zuriickgetrieben im Er-
wachen. Es wird im Erwachen im Menschen Herbst innerlich in der
vegetativen Tatigkeit. Gerade beim Aufgehen des Geistig-Seelischen
im Erwachen wird es Herbst. In diesen Dingen sieht man die Ahnlich-
keit oftmals - natiirlich wenn man in aufieren Analogien denkt - so,
dafi man meint, daft es mit dem Erwachen Friihling wird, beim Ein-
schlafen Herbst. So ist es nicht. Fur wirkliche geistige Einsicht in den
Menschen sieht man gerade sprieftendes, sprossendes Fruhlingsleben im
ersten Schlaf aufkommen. Ganz Herbst, untergehendes Leben, wie
untergehende Sonne nimmt sich aus dasjenige, was wahrend des Wa-
chens iiber ihn kommt. Wahrend der Mensch wacht, wahrend jede sei-
ner Seelentatigkeiten in ihm wirkt, ist es fur die vegetative Tatigkeit
in seinem Inneren Winter. Da sehen wir wiederum einen Rhythmus
wie im Pflanzenwachstum auftreten. Im Pflanzenwachstum unter-
scheiden wir Erdentatigkeit, Sonnentatigkeit. Im Menschen dieselbe
Tatigkeit im Grunde genommen, der Pflanzentatigkeit nachgebildet:
Einschlafen = Sommertatigkeit; Aufwachen = Winter tatigkeit; wie-
derum Sommertatigkeit, Wintertatigkeit und so weiter, aber im Kreis-
lauf von 24 Stunden. Dasjenige, was drauflen im Kosmos im Jahr ab-
lauft, hat der Mensch zusammengezogen in den Kreislauf von 24 Stun-
den. Das ist eine Ahnlichkeit, aber es ist keine Gleichheit. Und das wird
im Menschen dadurch bewirkt, daft an ihm noch tatig ist sein Geistig-
Seelisches, das anders ist im Naturdasein draufien, wo es ganz andere
Lebensdauer hat. Da ist ein Jahr gleich einem Tag in der Lebensdauer
jener Geistwesen, die den Kosmos durchdringen und den Jahreskreis-
lauf durchdringen, so, wie die Geistseele im Menschen den Tageskreis-
lauf bewirkt.
Wenn wir das bedenken, so werden wir auch einsehen, was ich jetzt
als rein hypothetisch annehmen mochte. Ich sage das vorher, weil ich
Sie davor bewahren mochte, zu erschrecken, weil es phantastisch er-
scheint, aber das doch verstandlich machen kann, was eigentlich ge-
meint ist. Nehmen wir an, ein Mensch schlaf t ein; da tritt das ein, was
als Sommertatigkeit charakterisiert worden ist. Er setzt den Schlaf
fort, er schlaft ein und wacht nicht auf, er schlaft immerfort. Dann
wiirde dasjenige, was im Menschen das Vegetative ist, was nicht das
Geistig-Seelische ist, wenn es so fortgehen wiirde, wie es jetzt im Schlafe
ist, das wiirde den wirklichen Kreislauf nehmen, den das Pflanzen-
leben nimmt: den Jahreskreislauf. Der ist natiirlich nicht da, ist nicht
veranlagt im Menschen. Daher wiirde der Mensch, wenn er so im Ein-
schlafen herausgeht aus dem physischen Leib und wenn dieser physische
Leib so fortschlafen wiirde, ihn nicht erhalten konnen: es trate der
Tod ein; der Leib wiirde in anderer Weise von der Natur in Anspruch
genommen werden, wenn nur vegetative Tatigkeit in ihm ware. Ware
nur vegetative Tatigkeit in ihm, so miilke der Menschenkorper abf alien
von Geist und Seele, er wiirde einfach den Jahreskreislauf annehmen
und vegetativ werden. Man schaut hin auf den physischen Tod, der zur
Zerstorung des Organismus fiihrt, und man sagt: Das, was beim Men-
schen geschehen ist beim Herausgeborenwerden aus dem Weltenall, das
ist ein Obergang vom grofien Kreislauf in den kleinen Kreislauf . Wenn
er sich selbst uberlassen ist, wenn er nicht das Geistig-Seelische in sich
regsam machen kann, mufi er, da er sich nicht unmittelbar in den
kosmischen Kreislauf eingliedern kann, der Zerstorung anheim fallen.
Und so sieht man, wie der Mensch dadurch, dafi er zu einer inti-
meren Beobachtung kommt, in das eigentlich Wesenhafte des Daseins,
namentlich des menschlichen Daseins hineinschauen kann.
Ich sagte deshalb jenen Personlichkeiten, die auch noch nicht so weit
sind, dafi sie unmittelbar das Geistige sehen: Wenn sie den Weg ange-
treten haben, um das geistige Schauen zu erreichen, kann sich schon
innerlich ein feineres Impulsieren der Krafte zeigen, die sie dann dazu
bringen, das Geistige jener Krafte zu schauen, die uns Leiter und Ver-
mittler sind aller im Weltenall wirkender Geister. Da ist Geist vorhan-
den, da sind die Wesenheiten, die den Jahreskreislauf lenken und da-
her ein anderes Lebensalter haben als der Mensch. Da miissen wir in
eine ganz andere Welt eintreten. Wir treten aber in eine uns ganz be-
kannte Welt ein, wenn wir den Menschen beobachten, und im Men-
schenleben beobachten, wie da auch durchaus Geistig-Seelisches vor-
handen ist. Daher kommen wir f riiher dazu, jene intime Tatigkeit aus-
zuiiben, die notwendig ist, um den Menschen zu beobachten seinen gei-
stig-seelischen Qualitaten nach, als dazu, das geistige Wirken in der
Welt selber zu beobachten.
Wenn wir im gewohnlichen Leben denken - man mochte sagen,
dieses Denken, dieses Vorstellen entflieht einem ja fortwahrend. Man
spiirt, wenn man irgendwie an etwas anstoftt, man spiirt, wenn man
den Finger liber Samt oder Seide fiihrt, die {Configuration des Gegen-
standes an der Oberflache. Man weift, daft man da in menschliche Be-
riihrung gekommen ist mit der Umgebung. Aber wenn der Mensch
denkt, spiirt er nicht, wie er durch das Denken in Beriihrung kommt mit
den umliegenden Gegenstanden. Aber er sagt, wenn er an etwas ge-
dacht hat und es sein geistiges Eigentum geworden ist, in der deutschen
Sprache, er habe es «begriffen». Was ist das? Wenn ich so fremd bleibe
den Dingen, wie man es gewohnlich beim Denken hat, sagt man nicht:
Ich habe es begriffen. - Wenn die Kreide hier liegt und ich bleibe hier
stehen und bewege so meine Hand, wie das sonst beim Reden geschieht,
da sagt man nicht: Ich habe die Kreide begriffen. - Aber wenn man so
die Kreide wirklich mit der Hand anfaftt, kann man sagen: Ich habe
die Kreide begriffen. - Weil in friiheren Zeiten die Menschen noch ge-
wufit haben, um was es sich handelt beim Denken, deshalb ist in die
Sprache eingeflossen, was die Sache mehr ausdriickt, als heute in un-
serem Geistesleben die Abstraktlinge gewahr werden. Wir sagen, wenn
wir eine Vorstellung aufgenommen haben, wir haben eine Sache be-
griffen. Damit ist gemeint, daft man in Beriihrung gekommen ist mit
der Sache, daft man die Sache erfaftt hat. Sogar «erfafit» sagt man.
Heute weift das der Mensch nicht mehr, daft der Mensch in innige Be-
riihrung kommen kann - auch wenn er nur in geistiger Aufterung lebt -
mit den Dingen, die in seiner Umgebung liegen. So haben wir zum Bei-
spiel heute ein Wort, welches ganz merkwiirdig heuchlerisch sich aus-
nimmt in unserer Sprache. Es ist, wie wenn geheuchelt wiirde; man sagt
«Begriff»; ich habe einen «Begriff». Da liegt das Wort «greifen» drin!
Ich habe etwas, was ich angegriffen habe. Nur das Wort haben wir,
aber das Leben nicht mehr in demjenigen, was uns das Wort andeutet.
Das sind solche Dinge, die aus dem aufieren Leben schon darauf hin-
deuten konnen, wozu solche Obungen fiihren, wie Sie sie geschildert
finden als anthroposophische Forschungsmethoden in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» oder im zweiten
Teil der «Geheimwissenschaft im Umrift» und anderen Biichern. Wir
werden da hingewiesen auf solche Obungen, die man macht, zum Bei-
spiel Vorstellungsubungen. Man laftt Vorstellungen in ganz bestimmter
Art in die Seele hinein, damit das Seelenleben erstarkt in der Konzen-
tration der Vomellungen. Dadurch, daft die Seele solche Ubungen
macht, kommt der Mensch, ganz ohne Aberglaube, ohne Phantasterei,
bei einer exakten Besonnenheit, wie man sie sonst nur in der Mathe-
matik anwendet, dazu, seine Denkfahigkeit so auszubilden, daft sie
eine viel regere Fahigkeit ist, als es unter den heutigen Abstraktlingen
der Fall ist. Wenn die heutigen Abstraktlinge viel mit Handen und
Beinen gearbeitet haben am Tage, wollen sie sich ausschlafen, weil das
ja als notig von ihnen empfunden wird; da weift man, daft er sich regt,
daft es der eigene Mensch ist, der die Arme und Beine so regt. Wenn man
denkt, weift man nicht, daft es der eigene Mensch ist, der sich regt. Man
sieht nicht, was sich ausstreckt, was die Dinge angreift. Warum nicht?
Weil man schon das erste ubersinnliche Glied der menschlichen Natur
nicht sieht: den Atherleib, der in unserem physischen Leib so drinnen
ist, wie der physische Leib in der aufteren Welt drinnen ist. In dem
Augenblicke, wo man anfangt, dadurch, daft man solche Dbungen
macht, ein seelisches Auge, ein geistiges Ohr zu erhalten, in demselben
Augenblick fangt man an, dieses erste Glied des Menschen, den Ather-
leib, wirklich zu sehen. In diesem Augenblicke weift man, daft das
Denken, das vorzugsweise ausgefuhrt wird von diesem atherischen
Leibe, ein Begreifen ist, ein Befuhlen, aber ein geistiges Begreifen, ein
geistiges Befuhlen der Dinge. Aber das Geistige fuhlt man so an, wenn
man die Gedanken gewissermaften verdichtet hat durch solche Ubun-
gen, daft man nicht jenes abstrakte Gefiihl hat des Fernstehens der
Dinge, wie es im gewohnlichen Leben der Fall ist, sondern ein wirk-
liches Gefiihl, das sich herausbildet durch das geiibte, verdichtete Den-
ken. Dann wird man aber schon auch vom Denken miide. Dann will
man sich dem Denken gegenuber erst recht ausschlafen.
Die heutige materialistische Zeit zieht nicht blofi materialistische
Gesinnung als Folge des Materialismus heran: das ware im Grunde
genommen nicht das allerschlimmste. Die Erziehung soli auf das an-
dere hinschauen. Dem Erzieher kann es nicht ganz, aber doch bis zu
einem gewissen Grade gleichgultig sein, ob eine Mensch miide oder nicht
miide wird bei seiner Tatigkeit, Das gleicht sich schon wieder aus, wenn
die Menschen wieder etwas verniinftig werden. Das schlimmste ist,
wenn wir es sehen bei einem Menschen, der von Kindheit auf durch das
Volksschulzeitalter nur diejenige geistig-seelische Nahrung aufgenom-
men hat, die gepragt worden ist von der Naturwissenschaft, das heifit
von materiellen Dingen. Und das geht nattirlich nicht blofS diejenigen
Menschen an, die irgend etwas von Naturwissenschaft lernen, sondern
das Naturwissenschaftliche steckt heute drin vom ersten Volksschuljahr
an durch die ganze Erziehung. Es steckt iiberall drinnen, und da wird es
aufgenommen von dem Kinde, wachst heran mit dem Kinde, wirkt in
seiner physischen Organisation so, dafi wir spater diejenigen Krank-
heitszustande kennenlernen, wo die Menschen nicht schlafen konnen.
Die gewisse Schlaflosigkeit in unserem materialistischen Zeitalter, wo-
her riihrt sie? Sie ruhrt daher, dafi die Gedankentatigkeit, diese Gedan-
kengriffe, dieses Gedankenfiihlen der Umgebung, wenn wir blofi mate-
rialistisch denken, nicht miide werden lafit die entsprechenden Organe
des Atherleibes. Nur unser physischer Leib allein wird miide; so schla-
fen wir ein, nachdem wir nur materialistisch gedacht haben wahrend
des Wachens: der physische Leib kann einschlafen, der Atherleib kann
nicht einschlafen, der fangt an zu zappeln, innerlich unruhig zu wer-
den, schlaflos zu werden. Er zieht das Geistig-Seelische herein, und
es tritt jener Zustand ein, der nach und nach eine Epidemie werden
mufi. Er ist es heute schon fast im materialistischen Zeitalter. Erst wenn
wir auf dieses hinschauen, kommen wir auf die Bedeutung des mate-
rialistischen Zeitalters. Dafi die Menschen theoretisch materialistisch
denken, das ist schlimm, aber nicht gar so arg; dafi die Menschen im
moralisch-wirtschaftlichen Handeln zu den Konsequenzen des Mate-
rialising kommen, ist schon schlimmer; dafi die Menschen aber durch
den Materialismus ihre ganze Kindheit zuschanden richten und dann
uberhaupt nicht mehr herankommen konnen an moralisch-geistige Im-
pulse, das ist das Schlimmste.
Und das ist dasjenige, was gewufit werden mufi von dem, der heute
hineinschauen will in die Notwendigkeit einer Umwandlung des Er-
ziehens und Lehrens. Denn solche Obergange, wie sie stattfinden beim
Zahnwechsel, bei der Geschlechtsreife, konnen nur durchschaut wer-
den, wenn wir intim die Menschen beobachten: wie da der Mensch
innerlich regsam wird, so dafi der Mensch sich fiihlt - wie sonst im
physischen Korper - im Atherleibe; und weifi, dafi, wenn er iiber einen
Gegenstand nachdenkt, er eigentlich im atherischen Leibe dasjenige
immerfort ausfiihrt, was sonst im physischen Leibe vom Menschen aus-
gefiihrt wird, wenn er eine Sache befuhlt. Wenn ich wissen will, wie
eine Sache ist, befiihle ich sie, setze ich mich mit ihr in Verbindung, be-
komme dadurch eine Kenntnis von ihrer Oberflache. Wenn ich dann
dariiber nachdenke, mache ich dasselbe im Atherleibe. Dasjenige, was
ich begreifen will, wovon ich mir einen Begriff machen will, befiihle
ich atherisch-iibersinnlich. Der Atherleib ist in so regsamer Tatigkeit
wie sonst der physische Leib. Und aus diesem Wissen, diesem Bewufk-
sein von der Tatigkeit des Atherleibes gehen die richtigen Erkenntnisse
iiber den Menschen und namentlich iiber die menschliche Entwickelung
erst aus.
Wenn man mit einem so innerlich regsam gemachten Denken das
ganz kleine Kind verfolgt, dann schaut man, wie wirklich jede Re-
gung in der Umgebung in das Kind hinein fortstrdmt, wie jeder irgend-
ein Moralisches ausdriickende Blick - denn in dem Moralischen, in dem
Moralisiertsein des Blickes liegt dasjenige, was auf das Kind als im-
ponderable Kraft iibergeht - in dem Kinde weiterwirkt bis in die At-
mung und die Blutzirkulation hinein. Man schaut ein ganz Bewulkes,
ein ungeheuer Konkretes, wenn man ubergehen kann zu dem Aus-
spruch: Das Kind ist durch und durch ein nachahmendes Wesen fiir
seine Umgebung. - Wie das Kind atmet im feineren Verlauf, wie das
Kind verdaut im feineren Verlauf, ist ein Reflex desjenigen, wie sich
die Menschen seiner Umgebung verhalten. Das Kind ist ganz hinge-
geben an seine Umgebung. Wahrend das Kind ganz hingegeben ist an
seine Umgebung, so konnen wir sagen, dafi wir im spateren, erwach-
senen Zustand dieses Hingegebensein des Menschen an die Umgebung
nur kennen in seiner geistig-seelischen Offenbarung im religiosen Le-
ben. Da sind wir geistig an die Umgebung hingegeben. Das religiose
Leben entwickelt sich richtig, wenn wir mit dem Geistigen aus uns her-
ausgehen und uns an eine geistige Weltordnung hingeben konnen, ge-
wissermafien iiberfliefien konnen in eine gottliche Weltordnung. Fiir
den erwachsenen Menschen ist dieses religiose Gefiihl dadurch vorhan-
den, da!5 sein Geistig-Seelisches emanzipiert ist vom Leiblichen, daft
also das Geistig-Seelische sich hingibt an das Geistig-Gottliche der Welt.
Beim Kind ist der ganze Mensch hingegeben. Blutkreislauf, Verdau-
ung, Atmungstatigkeit, die beim erwachsenen Menschen innerlich le-
ben, von der aufteren Welt abgeschniirt, sind hingegeben an die Um-
gebung. Und so lebt in den Naturaufterungen des Kindes ein natur-
haftes Religioses. Das ist das Wesentliche, was man einsehen mufi fiir
alle Erziehung bis zum Zahnwechsel, daft eigentlich ein naturhaft Re-
ligioses in dem Kinde lebt, daft der Korper selber in religioser Stim-
mung ist.
Aber weil in der Umgebung des Kindes nicht nur Gutes lebt, an das
der Mensch sich hingeben kann, wenn er erwachsen ist und nun die
eigene Seele an das Gottliche hingibt, weil in der Umgebung nicht
nur gutes, sondern auch boses Geistiges ist, boses Geistiges, das von
Menschen ausgeht und das von anderen geistigen Gewalten in der Welt
ausgeht, so kann dieses naturhaft Religiose im kindlichen Korper auch
an das Bose hingegeben sein. Boses kann heraufstofien. Wenn ich ge-
sagt habe, daft im Kinde schon korperlich eine Stimmung von natur-
haft Religiosem ist, brauchen wir das nicht als Widerspruch aufzufas-
sen, daft manche Kinder furchtbar damonisch sind. Sie sind es deshalb,
weil sie an das bose Geistige hingegeben sind, das wir heraustreiben
miissen, das wir besiegen miissen dadurch, daft wir die geeigneten Me-
thoden anwenden miissen, solange sie angewendet werden konnen. So-
lange das Kind ein nachahmend religioses Wesen ist, hilft es durchaus
nicht, wenn ich das Kind ermahne. Zum Achtgeben auf Worte gehort
schon, daft die Seele in gewisser Weise emanzipiert ist. Da mufi schon
das Seelische auf sie aufpassen. Beim Kinde helfen Worte nicht. Es
hilft aber alles das, was wir dem Kinde so vormachen, daft das Kind
es sieht, daft es in ihm als eine Wahrnehmung fortflieftt. Nur mufi auch
das Moralische in dem drinnen liegen, was wir dem Kinde vormachen.
Man wird es schon bemerken: geradeso wie, sagen wir, der Farben-
blinde sich irgendwo eine Farbenflache anschaut und alles so grau in
grau sieht, nicht die Farben sieht, so schaut der Erwachsene die Gesten
der Menschen, ihre Blicke, ihre Mienen, die Schnelligkeit oder Lang-
samkeit ihrer Bewegungen, das Eckige ihrer Bewegungen. Er schaut
das Physische, aber er nimmt nicht mehr das Moralische darin wahr.
Das Kind schaut das Moralische, wenn auch auf unterbewufite Art.
Deshalb miissen wir uns klar sein dariiber, dafi wir in der Umgebung
des Kindes nicht blofi aus dem Sichtbaren heraushalten miissen alles
dasjenige, was das Kind nicht nachahmen soli, sondern dafi wir aus
dem Unsichtbaren heraushalten miissen auch alle Gedanken in der
Nahe des Kindes, welche nicht in die kindliche Seele hineinkommen
sollen. Und diese Gedankenerziehung, die ist sogar fur das kindliche
Alter bis zum Zahnwechsel hin das Allerwichtigste: wenn wir uns auch
nicht gestatten, unreine, hafiliche, zornwiitige Gedanken zu haben in
der Nahe des Kindes. Denn Sie werden zwar sagen: Ich kann ja hier
denken, was ich will, da andere ich mich auflerlich nicht; da sieht das
Kind nichts, es kann also auch nicht beeinflufk werden. - Sehen Sie, in
dieser Beziehung, mufi ich sagen, liegt eigentlich dasjenige, was man in
interessanter Weise wahrnehmen konnte bei den wirklich recht laien-
haft dilettantisch angestellten Versuchen mit den denkenden Pferden,
den rechnenden Pferden oder mit anderen Intelligenz aufiernden Tie-
ren. Solche Dinge waren schon interessant, nur nicht nach der Rich-
tung, nach der es die Welt genommen hat.
Sehen Sie, die Elberfelder Pferde habe ich selber zum Beispiel nicht
gesehen. Ich mochte immer nur iiber dasjenige reden, was meiner
eigenen Beobachtung unterliegt, wie zum Beispiel das Pferd des Herrn
von Osten; ich konnte sehen, wie es seinem Herrn Antworten gab. Er
stellte ihm Rechnungsaufgaben; es waren nicht besonders komplizierte
Aufgaben, aber fur ein Pferd doch. Ich konnte sehen, wie es addiert
und subtrahiert hat und mit seinem Fufi aufstoftend das richtige Rech-
nungsresultat angegeben hat. Uber diese Vorgange konnte ein natur-
wissenschaftlich gebildeter Mensch der Gegenwart nachdenken wie
etwa jener Privatdozent, der ein dickes Buch geschrieben hat iiber das
Pferd, oder man konnte nachdenken auf anthroposophische Art. Was
war der Sinn des Buches, das der Privatdozent geschrieben hat? Alles,
was die Laien geglaubt haben, hat er ausgeschaltet. Sie durfen nicht
glauben, daft ich das geringste gegen die Naturwissenschaft sprechen
will. Ich weifi sie genau zu schatzen. Der Privatdozent sagt zum
Schlusse: Da liegt zugrunde, dafi das Pferd feine Bewegungen, ein feines
Zwinkern in den Augen oder ein sonstiges feines Vibrieren von Muskeln
wahrgenommen hat an dem Herrn von Osten und allmahlich gelernt
hat, wie die vibrierende Bewegung im Augenmuskel ist, wenn das
Rechnungsresultat so oder so ist; dann folgte das Aufstoften mit dem
Fufie. Er hat da eine sehr geistreiche, geistvolle Hypothese aufgestellt.
Er kommt dann doch zu der Frage, die man stellen raufi: Hat man diese
Dinge etwa selber gesehen, ist das ein Beobachtungsresultat? - Gewifi,
er stellt sich diese Frage; man lernt sehr verantwortungsvoll forschen.
Er beantwortet sie dadurch, dafi er sagt: Dazu sind unsere Sinne nicht
organisiert, urn diese feinen aufieren Bewegungen wahrzunehmen; das
Pferd aber kann dieses. - Damit wird nur konstatiert, dafi ein Pferd
am Menschen mehr sehen kann als ein Privatdozent.
Aber mir war etwas anderes wichtig: das Pferd hat seine Rechnungs-
resultate nur dann erzielt, wenn Herr von Osten danebenstand und
mit dem Pferde sprach. Wahrend er sprach, nahm er so ein kleines
Zuckerstiickchen, steckte es dem Pferde ins Maul. Das Pferd hatte
fortwahrend einen siifien Geschmack, der es ganz durchdrang. Das ist
das Wesentliche. Es fiihlte sich innerlich in der Siifiigkeit angeregt; da
wird man auch als Pferd fahig, durch diese Verinnerlichung dasjenige
zu erleben, was man sonst nicht erlebt. Eigentlich mochte ich sagen: In
dem Sufiigkeitspferd, das da als atherisches Pferd durchzogen hat das
physische Pferd, da lebte fortwahrend Herr von Osten, darinnen leb-
ten seine Gedanken wie sonst im eigenen Leibe und breiteten sich aus.
Im Pferde lebten sie fort nicht dadurch, daft das Pferd feiner beob-
achten kann als ein Privatdozent, sondern weil es noch nicht so hoch
organisiert ist und daher den fremden Einflufi aufnimmt, wahrend der
Korper fortwahrend SiilSigkeit aufnimmt.
Es gibt solche Wirkungen von Mensch zu Mensch, die hervorgerufen
werden durch Dinge, fur die man sonst nur schwer oder unempfang-
lich ist. Sie treten namentlich auf im Verkehr zwischen Mensch und
Tier; aber sie konnen im hohen Grad vorhanden sein, wenn das Geistig-
Seelische noch nicht emanzipiert ist vom Korperlichen, wie das beim
Kinde der Fall ist, so dafi das Kind wirklich in Geste und Blick das
Moralische in der Umgebung wahrnimmt, wenn auch der Erwachsene
das nicht mehr beobachten kann. Daher diirfen wir uns nicht hafiliche
Gedanken in der Umgebung des Kindes gestatten; die leben nicht nur
im Seelischen des Kindes fort, sondern die leben in der physischen Or-
ganisation des Kindes fort.
Gewift, dasjenige, was heute zum Beispiel geleistet wird in mancher
medizinischen oder sonstigen Dissertation, wie sie abgeliefert wird
nach dem heutigen Stande der wissenschaftlichen Erkenntnis, ist sehr
interessant. Aber es wird die Zeit kommen, wo noch ganz anderes kom-
men wird, wo zum Beispiel - lassen Sie mich das so anschaulich schil-
dern, es wird vielleicht gerade dadurch einleuchtend -, sagen wir, in
Doktorschriften, die gemacht werden, um den Doktorgrad zu erlangen,
das Thema behandelt wird: Ein Krankheitsfall im 48. Jahr mit diesen
oder jenen Symptomen fiihrt zuriick auf hafiliche Gedanken von einer
bestimmten Art, die im 4. oder 5. Lebensjahr an das Kind herangetreten
sind. Mit solchen Einsichten wird man in Wirklichkeit an den Men-
schen herankommen, und dadurch wird man dann das ganze mensch-
liche Leben uberschauen.
So handelt es sich darum, daft wir allmahlich lernen, nicht nur Dinge
an das Kind heranzubringen, die wir nach unserem abstrakten Ver-
stande als Stabchenlegen und allerlei solche Arbeiten ausdenken, daft
das Kind es machen konne: das Kind tut es nicht von sich aus. Es
muft seine eigene Seelenkraft erregt werden; dann ahmt es die Dinge
nach, die es bei den Erwachsenen sieht. Es spielt mit der Puppe, weil
es die Mutter das Kind pflegen sieht. Im Kinde lebt ganz und gar das-
jenige, was bei den Erwachsenen ist, als Tendenz zur Nachahmung.
Dieser Tendenz muft Rechnung getragen werden bei der Erziehung des
Kindes bis zum Zahnwechsel. Nur ist all das, was da heranerzogen
werden soli, einer Veranderung unterworfen im kindlichen Organis-
mus, der alles lebendiger macht, beseelter tnacht, als es beim erwach-
senen Menschen durchgefuhrt wird, weil das Kind noch eine Einheit
ist von Leib, Seele und Geist. Beim erwachsenen Menschen ist der Kor-
per emanzipiert vom Seelisch-Geistigen; das Seelisch-Geistige ist eman-
zipiert vom Korperlichen. Korper, Seele und Geist stehen vereinzelt
da. Nur beim Kinde ist eine strenge Einheit im Korperlich-Seelisch-
Geistigen. Bis in das Denken hinein ist diese Einheit da. Dies kann man
leicht bemerken, wenn man dem Kinde zum Beispiel, bevor es den
Zahnwechsel durchgemacht hat, eine recht schone Puppe gibt, die
wunderbar bemalt ist, menschenahnlich ist, sogar glaserne Augen hat.
Es gibt solche Puppen: wenn man sie niederlegt, verdrehen sie die
Augen und schlafen; wenn man sie aufhebt, schaut das Ding. Viele
andere Vorrichtungen gibt es da, wodurch solch kleine Ungetume ent-
stehen, die man dem Kinde in die Hand gibt als «schone Puppen ». Ja,
scheuftlich sind diese Dinge schon vom kunstlerischen Gesichtspunkt
aus, aber darauf mochte ich nicht eingehen. Aber betrachten Sie ein-
mal den Unterschied, der mit dem Kinde selber vorgeht, wenn Sie dem
Kinde eine schone Puppe geben, die sogar die Augen verdrehen kann.
Zuerst wird es natiirlich Freude haben, weil das Ding eine Sensation
ist; aber nach und nach vergeht dies. Vergleichen Sie das, was mit dem
Kinde vorgeht, wenn Sie einfach ein Wischtuch nehmen, oben einen
Kopf daraus formen, indem Sie es zusammenziehen, zwei Punkte ma-
chen als Augen, vielleicht auch noch eine grofie Nase. Da hat das Kind
Gelegenheit, in seiner Phantasie, in seinem Seelisch-Geistigen, das mit
dem Korperlichen verbunden ist, das andere dazu zu phantasieren. Da
lebt das Kind jedesmal, wenn es die Puppe vorstellen soil, innerlich
auf, da bleibt es lebendig. Macht man diese Versuche, so wird man
sehen, wie es etwas ganz anderes bedeutet, der Phantasie, der Seelen-
tatigkeit beim kindlichen Spiel moglichst viel zu iiberlassen, oder das
Spielzeug so zu formen, dafi es nichts mehr fur die innere Regsamkeit
ubrig lafk. Daher ist es von allergrofkem Nutzen fiir das Kind, wenn
wir die Kinderhandarbeiten so einrichten, dafi sie moglichst nur andeu-
tend sind, wenn noch viel der Phantasietatigkeit ubrigbleibt. Fertig ge-
staltete Tatigkeit, die so bleiben kann, wie sie ist, ist nicht anregend, weil
die Phantasie nicht hinausgehen kann iiber das, was sinnlich vorliegt.
Das wirft Licht auf die Art und Weise, wie wir gerade als Lehrende,
als Erziehende sein miissen, wenn wir in richtiger Weise an das Kind
herankommen wollen. Wir brauchen da eine Padagogik, die auf Men-
schenerkenntnis, auf Erkenntnis des Kindes beruht. Und wiederum,
eine wirkliche Padagogik, die auf Menschenerkenntnis beruht, wird in
demjenigen Zeitalter vorhanden sein, wo man zum Beispiel erleben
wird Doktorarbeiten von der Art: Ein Fall von Diabetes bei einem
Vierzigjahrigen zuriickgefuhrt auf die Schadlichkeit des kindlichen
Spieles im 3., 4. Lebensjahr. Dann wird man sehen, was es heifit: der
ganze Mensch besteht aus Korper, Seele und Geist, und beim Kinde ist
Korper, Seele und Geist noch eine Einheit. Geist und Seele werden
spater vom Korper frei, dann sind sie ein Dreifaches. Dann sind sozu-
sagen im erwachsenen Menschen Geist, Seele und Leib auseinanderge-
schoben, und nur der Leib behalt dasjenige, was in ihm wahrend der
Zeit der kindlichen Entwickelung eingezogen ist als Keim fur das spa-
tere Leben. Nun ist das Eigentumliche: In der Seele erleben wir Fol-
gen, die eben in das Unterbewuftte hineingezogen sind, bald; physisch
im Korper erleben wir es sieben- bis achtmal spater. Wenn Sie das
Kind seelenhaft erziehen, das Seelenhafte im 4., 5. Lebensjahr so gel-
tend machen, daft das Kind es aufgenommen hat und sein Seelenleben
unter dem Einflusse steht, so kommt dieses zum Beispiel im 8. Lebens-
jahr zum Vorschein. Die Leute sehen noch darauf, daft man im 4., 5.
Lebensjahr das nicht beibringt, was es nicht gesund macht im 8., 9. Le-
bensjahr. Die Seelenwirkung zeigt sich im 8., im 7. Lebensjahr. Die
korperliche Wirkung zeigt sich - weil sich der Korper emanzipiert -
langsamer, zeigt sich sieben- bis achtmal spater. Fur die seelische Ent-
wickelung zeigen sich die Fruchte eines Einflusses aus dem 5. Lebens-
jahr im 8. Lebensjahr; im Korper zeigen sie sich nach 35 Jahren, nach
einer Zeit, die siebenmal grower ist. 5 mal 7 ist 35. So daft Krankheits-
erscheinungen, die auftreten infolge einer falschen, durch Spielen be-
wirkten seelischen Einwirkung im 3., 4. Lebensjahr, im Beginne der
Vierziger- oder Ende der Dreiftigerjahre auftreten.
Derjenige, der den ganzen Menschen kennenlernen will, muft audi
das wissen, daft diese Emanzipation des Seelisch-Geistigen, die beim
Erwachsenen eintritt gegeniiber dem Vereintsein beim Kinde, nicht et-
was Abstraktes ist, sondern sehr konkret ist, indem sich sogar der Zeit-
verlauf verschieben kann. Immer mehr und mehr wird die Zeit, die der
Korper mehr braucht als die Seele, um etwas auszubilden. Der Korper
bleibt zuriick, und Schadlichkeiten des Korpers treten viel spater ein
als Schadlichkeiten der Seele. So ist es wiederum bei manchen Ver-
fehlungen im kindlichen Lebensalter, wo man sehen kann, wie in den
Flegel jahren im Seelischen gar manches Schlimme ist; aber es gleicht
sich aus. Denn man hat da verhaltnismaftig leichte Mittel, um selbst
Leute noch zurechtzubringen, die in den Flegeljahren, wie man es
nennt, recht ausgelassen sind; die werden manchmal noch ganz brave
Philister. Das ist nicht etwas so Schlimmes. Aber der Korper entwickelt
sich allmahlich immer langsamer und immer langsamer; und wenn
man langst das, was in den Flegeljahren im Seelisch-Geistigen aufge-
treten ist, iiberwunden hat, hat man als Ergebnis der Flegeljahre noch
am Ende des Lebens zu kampfen mit Podagra als physischer Wirkung,
die in langsamer Weise sich ergibt.
Konkrete Menschenerkenntnis ist schon etwas, was eine grofie Be-
deutung hat im menschlichen Leben. Diese konkrete Menschenerkennt-
nis, die wirklich in den Menschen hineinschauen lafk, ist allein im-
stande, Voraussetzungen zu liefern fur eine wahre Erziehungskunst, die
den Menschen hineinstellt in das Leben so, dafi - nach seinem Schick-
sal selbstverstandlich bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger -
alles werden kann, was im Menschen veranlagt ist. Nicht darum kann
es sich handeln, dafi wir mit der padagogischen Kunst gegen das Schick-
sal handeln; aber man mufi erreichen, was im Schicksal veranlagt ist.
Heute bleibt man vielfach mit der Erziehung hinter dem zuriick, was
im Schicksal veranlagt ist. Wir miissen der Schicksalsveranlagung so-
weit nachkommen, dafi der Mensch im Denken die ihm fur das Leben
hochste mogliche Klarheit, im Fiihlen die nach seinem Schicksal fur
ihn denkbar hochste liebevolle Vertiefung, und im Wollen die nach
seinem Schicksal hochste mogliche Energie und Tiichtigkeit erringe.
Das kann nur eine auf wirklicher Menschenerkenntnis aufgebaute
Padagogik und Didaktik. Von ihr wollen wir dann in den nachsten
Vortragen weiter sprechen.
DRITTER VORTRAG
Bern, 15. April 1924
Daft es sich darum handelt fiir einen Erzieher und Unterrichtenden, die
Aufmerksamkeit vor alien Dingen zu lenken auf solche Lebensum-
schwiinge, Lebensmetamorphosen, wie sie mit dem Zahnwechsel und
der Geschlechtsreife eintreten, darauf habe ich schon in den verflosse-
nen Vortragen wiederholt hingewiesen. Die Aufmerksamkeit bei diesen
Dingen wird gewohnlich dadurch nicht voll entfaltet, weil man eben
heute gewohnt ist, die groben aufieren Offenbarungen der mensch-
lichen Natur nach sogenannten Naturgesetzen allein ins Auge zu fas-
sen, wahrend dasjenige, was fiir den Erzieher in Betracht kommt, von
dem innersten Mittelpunkt, vom innersten Zentrum des Menschen her-
aus wirkt, und auch wiederum dasjenige, was der Erzieher tut, in das
innerste Zentrum des Menschen hineinwirkt. Und so ist es notwendig,
daft man bei diesem Lebensumschwung, der mit dem Zahnwechsel ein-
tritt, ganz besonders darauf aufmerksam wird, wie da das Seelische
selbst ein ganz anderes wird.
Man braucht nur eine Einzelheit aus diesem Gebiet des Seelischen
einmal recht ins Auge zu fassen: die Gedachtnis-, die Erinnerungsfahig-
keit. Dieses Gedachtnis, diese Erinnerungsfahigkeit ist im Grunde ge-
nommen bei dem Kinde bis zum Zahnwechsel etwas ganz anderes als
spater. Nur sind beim Menschen die Obergange natiirlich langsam und
allmahlich, und ein solcher einzelner fixierter Zeitpunkt, der ist sozu-
sagen nur der annahernde. Aber das, was vorgeht, das mufi doch, weil
sich dieser Zeitpunkt sozusagen in die Mitte der Entwickelung hinein-
stellt, ganz intensiv beriicksichtigt werden. Wenn man namlich das
am ganz kleinen Kinde beobachtet, findet man, da/5 sein Gedachtnis,
seine Erinnerungsfahigkeit eigentlich das ist, was man nennen konnte
ein gewohnheitsmafiiges Verhalten der Seele. Wenn das Kind sich an
etwas erinnert innerhalb der ersten Lebensepoche bis zum Zahnwechsel,
so ist dieses Erinnern eine Art Gewohnheit oder Geschicklichkeit; so
daft man sagen kann: Wie ich gelernt habe, irgendeine Verrichtung zu
erreichen, zum Beispiel zu schreiben, so tue ich sehr vieles aus einer ge-
wissen Geschmeidigkeit meiner physischen Organisation heraus, die ich
mir allmahlich angeeignet habe. - Oder beobachten Sie einen Men-
schen, wie er irgend etwas angreift in seinem kindlichen Alter, so wer-
den Sie sehen, dafi daran der Begriff der Gewohnheit gewonnen wer-
den kann. Man kann die Art und Weise sehen, in die sich der Mensch
hineingefunden hat, seine Glieder in der einen oder anderen Art zu be-
wegen. Das wird Gewohnheit, das wird Geschicklichkeit. Und so wird
bis in die feinere Organisation des Kindes hinein Geschicklichkeit das
Verhalten der Seele gegeniiber dem, was das Kind getan hat aus der
Nachahmung heraus. Es hat heute irgend etwas nachahmend getan,
macht es morgen, iibermorgen wieder, macht es nicht nur in bezug auf
die aufieren korperhaften Verrichtungen, sondern macht es bis in das
innerste Wesen des Korpers hinein. Da wird Gedachtnis daraus. Es ist
nicht wie das, was spater, nach dem Zahnwechsel, Gedachtnis ist. Nach
dem Zahnwechsel gliedert sich das Geistig-Seelische ab von dem Kbr-
per, emanzipiert sich, wie ich friiher schon gesagt habe. Dadurch
kommt erst das zustande, daft ein unkorperlicher Bildinhalt, eine Bild-
gestaltung des seelisch Erlebten im Menschen entsteht. Und immer
wieder, wenn der Mensch entweder aufterlich herantritt an dasselbe
Ding oder denselben Vorgang, oder wenn eine innerliche Veranlassung
ist, das Bild als solches hervorzurufen, so wird dieses Bild als solches
hervorgerufen. Das Kind hat fur sein Gedachtnis kein Bild, es ruckt
noch nicht ein Bild heraus. Nach dem Zahnwechsel tritt ein erlebter
Begriff, eine erlebte Vorstellung als erinnerter Begriff, als erinnerte
Vorstellung wieder auf; vor dem Zahnwechsel lebt man in Gewohn-
heiten, die nicht innerlich verbildlicht werden. Das hangt zusammen
mit dem ganzen Leben des Menschen iiber dieses Lebensalter des Zahn-
wechsels hinaus.
Wenn man mit denjenigen Mitteln des inneren Anschauens, des See-
lenauges, des Seelengehors, von denen gestern gesprochen wurde, den
Menschen in seinem Werden beobachtet, dann sieht man, wie der
Mensch nicht nur besteht aus diesem physischen Leib, den aufiere
Augen sehen, den Hande greifen konnen, wie er besteht aus iibersinn-
lichen Gliedern. Ich habe schon gestern aufmerksam gemacht auf den
ersten iibersinnlichen Menschen sozusagen im physisch-sinnlichen Men-
schen drin: das ist der atherische Mensch. Wir haben aber weiter ein
drittes Glied der menschlichen Natur - man braucht sich nicht an Aus-
driicken zu stoflen, eine Terminologie mufi iiberall vorhanden sein -,
wir haben den astralischen Leib des Menschen, der die Empfindungs-
fahigkeit entwickelt. Die Pflanze hat noeh einen atherischen Leib; das
Tier hat einen astralischen Leib mit dem Menschen gemein, es hat
Empfindungsfahigkeit. Der Mensch hat als Krone der Erdenschopfung,
als Geschopf, das einzig dasteht, als viertes Glied die Ich-Organisation.
Diese vier Glieder der menschlichen Natur sind nun total voneinander
unterschieden. Aber sie werden nicht unterschieden in der gewohn-
lichen Beobachtung, weil sie ineinander wirken, und weil eigentlich
die gewohnliche Beobachtung nur bis an irgendeine Offenbarung der
menschlichen Natur aus der atherischen Leibesorganisation, der astra-
lischen oder der Ich-Organisation kommt. Ohne dafi man diese Dinge
wirklich kennt, ist eigentlich ein Unterrichten und Erziehen doch nicht
moglich. Man entschliefit sich sogar schwer, heute einen solchen Satz
auszusprechen, weil er fur die weitesten Kreise der heutigen zivilisier-
ten Menschen grotesk wirkt, paradox wirkt. Aber es ist eben die Wahr-
heit; es lafit sich, wenn wirkliche unbefangene Menschenerkenntnis er-
worben wird, nichts gegen eine solche Sache einwenden.
Nun ist gerade das besonders eigentiimlich, wie die menschliche
Natur wirkt durch die atherische, astralische und die Ich-Organisa-
tion. Das ist fur das Erziehen und Unterrichten ins Auge zu fassen.
Wie Sie wissen, lernen wir den physischen Leib kennen, wenn wir
solche Beobachtungen entfalten, wie wir sie gewohnt sind am leben-
den Menschen oder noch am Leichnam, und wenn wir benutzen den
an die Gehirnorganisation gebundenen Verstand, mit dem wir uns
zurechtlegen dasjenige, was wir durch die Sinne wahrnehmen. Aber
so lernt man nicht die hoheren Glieder der menschlichen Natur ken-
nen. Die entziehen sich der bloften Sinnesbeobachtung wie auch dem
Verstande. Mit einem Denken, das in den gewohnlichen Naturgeset-
zen lebt, kann man zum Beispiel dem atherischen Leibe nicht beikom-
men. Daher miifiten in die Seminarbildung und in die Universitats-
bildung nicht nur diejenigen Methoden aufgenommen werden, die den
Menschen befahigen, lediglich den physischen Leib zu beobachten und
mit einem Verstande zu beobachten, der an das Gehirn gebunden ist;
sondern es miifke, damit eine gewisse Fahigkeit eintrate, wirklich hin-
zuschauen auf die Art und Weise, wie sich zum Beispiel der Xther-
leib im Menschen zeigt, eine ganz andere Art von Seminar- und Uni-
versitatsbildung da sein. Die ware notwendig sowohl fiir den Lehrer
auf alien Gebieten, wie namentlich auch fiir den Mediziner. Und die
wiirde zunachst darin bestehen, dafi man lernt, wirklich von innen
heraus, aus der Entfaltung der menschlichen Natur heraus bildhaue-
risch zu modellieren, so daft man in die Lage kame, Formen aus ihrer
inneren Gesetzmaftigkeit heraus zu schaffen. Sehen Sie, die Form eines
Muskels, die Form eines Knochens wird nicht begriffen, wenn man sie
so begreifen will, wie man es in der heutigen Anatomie und Physiolo-
gic tut. Formen werden erst begriffen, wenn man sie aus dem Formen-
sinn heraus begreift. Ja, da tritt aber sogleich etwas ein, was fiir den
Menschen der Gegenwart so ist, daft man es fiir halben Wahnsinn an-
sieht. Aber fiir den Kopernikanismus war es auch einmal so, dafi er
fiir halben Wahnsinn angesehen wurde, und eine gewisse Kirchenge-
meinschaft hat bis zum Jahre 1828 die kopernikanische Lehre als etwas
Unsinniges angesehen, was verboten werden mufi den Glaubigen. -
Es handelt sich um das Folgende.
Betrachten wir den physischen Leib: er ist zum Beispiel schwer, er
wiegt etwas, er ist der Schwerkraft unterworfen. Der atherische Leib
ist nicht der Schwerkraft unterworfen; im Gegenteil, er will fort-
wahrend fort, er will sich in die Weiten des Weltalls zerstreuen. Das tut
er auch unmittelbar nach dem Tode. Die erste Erfahrung nach dem
Tode ist, die Zerstreuung des Atherleibes zu erfahren. Man erfahrt
also, daft der Leichnam ganz den Gesetzen der Erde folgt, wenn er dem
Grabe iibergeben wird; oder wenn er verbrannt wird, verbrennt er so,
wie jeder andere Korper verbrennt nach physischen Gesetzen. Beim
atherischen Leib ist das nicht der Fall. Der atherische Korper strebt
ebenso von der Erde weg, wie der physische Korper nach der Erde hin-
strebt. Und dieses Wegstreben, das ist nicht ein beliebiges Wegstreben
nach alien Seiten hin oder ein gleichformiges Wegstreben. Aber da
kommt das, was grotesk wirkt, was aber wahr ist, was eine wahre
Wahrnehmung ist fiir die Beobachtung, von der ich gesprochen habe.
Wenn Sie den Umkreis der Erde nehmen: wir finden da draufien
eine Sternansammlung, da wieder eine andere Sternansammlung, da
eine, die wieder anders ist, und so sind iiberall bestimmte Sternansamm-
lungen. Diese Sternansammlungen, die sind es, die den Atherleib des
Menschen anziehen, die ihn hinausziehen in die Weiten. Nehmen wir
an, er ware da - schematisch gezeichnet -, dann wird der Atherleib
von dieser Sternansammlung, die stark wirkt, angezogen; er will stark
hinaus. Von dieser Sternansammlung wird er weniger stark angezogen,
von anderen Sternansammlungen wird er wieder anders angezogen,
so dafi der Atherleib nicht nach alien Seiten gleich gezogen wird, son-
dern nach den verschiedenen Seiten wird er verschieden gezogen. Es
entsteht nicht eine sich ausbreitende Kugel, sondern indem der Ather-
leib sich ausbreiten will, entsteht dasjenige, was durch die von den
Sternen ausgehenden kosmischen Krafte an einer bestimmten Form des
Menschen gewirkt werden kann, solange wir leben auf Erden und den
Atherleib in uns tragen. Wir sehen, wie in einem Oberschenkel dasje-
nige, was den Muskel formt, aus den Sternen heraus, ebenso das, was
den Knochen formt, aus den Sternen heraus kommt. Man mufi nur
kennenlernen, wie aus den verschiedensten Richtungen des Weiten-
raumes her Formen entstehen konnen. Man mufi das Plastilin nehmen
konnen und eine Form bilden konnen, bei der, sagen wir, die kosmische
Kraft in die Lange wirkt, aber bei einer bestimmten Kraft so, dafi sich
eine Form friiher abrundet als bei anderen Kraften. Man bekommt bei
den Formen, die friiher sich abrunden, den runden Knochen, bei den
anderen einen Rohrenknochen.
Und so mufi man eigentlich als Bildhauer ein Gefiihl entwickeln
fur die Welt. Dieses Gefiihl war schon urspriinglich in einem instink-
tiven Bewufitsein der Menschheit vorhanden. Und wir konnen es, wah-
rend es im Orientalismus der vorhistorischen Jahrtausende ganz deut-
lich ausgesprochen war, auch noch im Griechentum verfolgen. Denken
Sie nur, wie die heutigen naturalistischen Kunstler oftmals verzweifelt
sind gegeniiber den Formen der griechischen Menschen in der Bild-
hauerei. Warum sind sie verzweifelt? Weil sie glauben, die Griechen
haben nach Modellen gearbeitet. Sie haben den Eindruck, man habe
dort bei den Griechen den Menschen nach alien Seiten beobachten kon-
nen. Aber die Griechen hatten noch das Gefiihl, wie der Mensch aus
dem Kosmos heraus kommt, wie der Kosmos selber den Menschen
formt. Die Griechen haben, wenn sie eine Venus von Milo gemacht
haben, die die heutigen Bildhauer zur Verzweiflung bringt, das, was
aus dem Kosmos heraus kommt, was nur etwas gestort wird durch die
irdische Bildung, das hatten sie zum Teil wenigstens in die mensch-
Hche Organisation hineinverlegt. So handelt es sich darum, daft man
einsehen mufi: Will man den Menschen der Natur nachschaffen, so
kann man gar nicht sich sklavisch halten an die Modelle, wie man Mo-
delle heute in Ateliers hineinstellt und den Menschen sklavisch danach
formt. Man mufi sich wenden konnen an den grofien kosmischen Plasti-
ker, der die Form aus dem heraus erschafft, was dem Menschen werden
kann als Raumgefuhl. Das mufi erst entwickelt werden: Raumgefuhl!
Da glaubt man eigentlich gewohnlich, man kann eine Linie durch
den Menschen durchziehen, eine Linie durch die ausgebreiteten Arme so
und eine Linie so ziehen (es wird gezeichnet). Das sind die drei Raumes-
dimensionen. Man zeichnet ganz sklavisch den Menschen in die drei
Raumesdimensionen. Das ist alles Abstraktion. Wenn ich durch den
Menschen eine richtige Linie ziehe, habe ich ganz andere Zugkriifte so,
ganz andere so und so, iiberall in den Raum hinein. Dieser geometrische
Raum, der der Kantische Raum geworden ist, iiber den Kant so un-
gliickliche Definitionen und Theorien gegeben hat, ein rein ausgedach-
tes Hirngespinst, ist in Wirklichkeit ein Organismus, der nach alien
Seiten andere Krafte hat. Weil der Mensch nur die groben Sinne ent-
wickelt, deshalb entwickelt er nicht dieses feine Raumgefiihl. Das kann
man nach alien Seiten haben. Lafit man es walten, dann kommt wirk-
lich der Mensch zustande. Aus dem innerlichen Erfiihlen heraus kommt
der Mensch zustande bildhauerisch. Und hat man ein Gefiihl fiir dieses
tastende Behandeln der weichen plastischen Masse, dann liegt in die-
sem Behandeln der weichen plastischen Masse die Bedingung fiir das
Verstehen des Atherleibes, so wie in dem Verstande, der an das Gehirn
gebunden ist, und den Sinnesorganen die Bedingungen fiir das Ver-
stehen des physischen Leibes liegen.
Es handelt sich darum, dafi man erst die Erkenntnismethode schaf-
fen mufi: namlich plastische Anschauung, die immer etwas verbunden
ist mit plastischer innerer Tatigkeit. Sonst hort die Menschenerkennt-
nis beim physischen Leibe auf, denn der Atherleib ist nicht in Begriffen,
sondern in Bildern zu erfassen, die man doch nur begreift, wenn man
sie in gewisser Weise nachformen kann, wie sie aus dem Kosmos her-
aus sind.
Dann kommen wir zu dem, was das nachste Glied der menschlichen
Wesenheit ist. Wie gehen die Dinge heute? Da sind auf der einen Seite
die herrschenden naturwissenschaftlichen Anschauungen und ihre Tra-
ger, die der heutigen Menschheit autoritativ das Richtige beibringen.
Da stehen vereinsamt in der Welt ihrer Seelen verdrehte Anthropo-
sophen, die auch davon sprechen, dafi ein Atherleib, ein Astralleib
vorhanden ist. Sie erzahlen die Dinge, die iiber den Atherleib und den
Astralleib zu erzahlen sind. Da wollen die Leute, die gewohnt sind an
naturwissenschaftliches Denken, den Astralleib mit demselben Den-
ken und denselben Methoden ergreifen wie den physischen Leib. Das
geht nicht. Der Astralleib aufiert sich im physischen Leibe; seine Aufie-
rung im physischen Leibe kann nach Naturgesetzen begriffen werden.
Aber ihn selber nach seiner inneren Wesenheit und Wirksamkeit kann
man nicht nach Naturgesetzen begreifen. Man kann den Astralleib be-
greifen, wenn man nicht nur aufieres, sondern inneres Musikverstand-
nis hat, wie es auch vorhanden war im Orient, abgedampft in der grie-
chischen Zeit, in neuerer Zeit gar nicht mehr vorhanden ist. Geradeso
wie der atherische Leib aus der kosmischen Plastik heraus wirkt, so
wirkt der astralische Leib aus der kosmischen Musik, aus kosmischen
Melodien heraus. Im astralischen Leib ist irdisch nur der Takt; Rhyth-
mus und Melodie wirken ganz aus dem Kosmos heraus. Und der astra-
lische Leib besteht in Rhythmus und Melodie. Man kann nur nicht mit
dem an den astralischen Leib herankommen, was man aus Naturgesetzen
gewonnen hat, sondern man muli mit dem an den astralischen Leib her-
ankommen, was man sich aneignet, wenn man ein inneres Musikver-
standnis hat. Dann wird man zum Beispiel finden, wenn eine Terz an-
geschlagen wird: Da ist etwas vorhanden, was vom Menschen erlebt,
empfunden wird wie in seinem Inneren. Daher kann es da noch geben
eine grofie und eine kleine Terz. So kann im menschlichen Gefuhls-
leben durch diese Gliederung der Skala ein betrachtlicher Unterschied
hervorgerufen werden. Das ist noch etwas Inneres. Wenn wir zur
Quint kommen, wird diese erlebt an der Oberf lache; das ist gerade eine
Grenze des Menschen; da fiihlt sich der Mensch, wie wenn er gerade
noch darinnensteckte. Kommt er zur Sext oder zur Septime, dann fiihlt
er, wie wenn die Sext oder Septime aufier ihm verlaufen will. Er geht
in der Quint aus sich heraus, und er kommt, indem er in die Sext und
Septime hineinkommt, dahin, dafi er das, was da vorgeht in Sext oder
Septime, als etwas Aufieres empfindet, wahrend er die Terz als etwas
eminent Inneres empfindet. Das ist der wirkende Astralleib, der ein
Musiker in jedem Menschen ist, der die Weltenmusik nachahmt. Und
alles, was im Menschen ist, ist im Menschen wiederum tatig und bildet
sich aus in der menschlichen Form. Das ist etwas, was dann, wenn man
einmal uberhaupt herankommt an eine solche Betrachtung, geradezu
erschutternd wirken kann im Begreifen der Welt.
Sehen Sie, das, was aus dem astralischen Leib in die Form iibergeht,
was aber nicht schon in der kosmischen Plastik begriindet wird, son-
dern dadurch entsteht, dafi der Musikimpuls vom Astralleib aus den
Menschen durchzieht, das kann man auch direkt studieren, nur mull
man mit Musikverstandnis dem Menschen entgegenkommen wie vor-
her mit plastischem Verstandnis, wenn man die Wirkungen des Ather-
leibes studieren will. Wenn Sie den Teil des menschlichen Organismus
nehmen, der von den Schulterblattern an beginnt und bis zu den Armen
hin geht, so ist das eine Wirkung der im Menschen lebendigen Prim, des
Grundtones; und kommen Sie zur Sekund, so ist diese im Oberarm
gelegen. Die Dinge kommen durch Eurythmie zum Vorschein. Gehen
wir zum Unterarm, so haben wir die Terz, haben wir in der Musik
die grofie und die kleine Terz. Indem wir vorriicken bis zum Terz-
intervall, bekommen wir zwei Knochen im Unterarm; das geht so
weiter selbst bis hinein in die Finger. Das sieht phrasenhaft aus; es ist
aber durch eine wirkliche geisteswissenschaftliche Beobachtung des
Menschen so fest zu durchschauen, wie fur den Mathematiker das raa-
thematische Problem zu durchschauen ist. Es ist nicht etwas, was durch
schlechte Mystik herbeigefiihrt wird, sondern es ist exakt zu durch-
schauen. So dafi, um diese Dinge zu begreifen, die Seminar- und Me-
dizinbildung eigentlich von einem inneren Musikverstandnis ausge-
hen miifite, von jenem inneren Musikverstandnis, das in voller Beson-
nenheit wieder zu dem kommen mufl, was selbst vor dem Griechentum
das orientalische Musikverstandnis war. Orientalische Baukunst be-
greifen wir nur, wenn wir begreifen, wie die religiose Wahrnehmung
in die Form hineingeschossen ist. Wie die musikalische Kunst nur in
zeitlichen Erfahrungen sich ausdriickt, so die Baukunst in raumlichen.
Den Menschen mufi man seinem Atherleib und seinem Astralleib nach
ebenso begreifen. Und das Empfindungsleben, das Leben in Leiden-
schaf t kann nicht begrif fen werden, wenn man nach den Naturgesetzen,
wie man sagt «psychologisch» begreifen will, sondern nur, wenn man
mit denselben Seelenformen an den Menschen herangeht, die man im
Musikalischen gewahrt. Es wird eine Zeit kommen, wo man nicht so
sprechen wird, wie die heutigen Psychologen oder Seelenlehrer iiber
irgendeine krankhafte Empfindung sprechen, sondern, wenn eine
krankhafte Empfindung vorliegt, wird man so sprechen wie gegen-
iiber einem verstimmten Klavier: in musikalischer Ausdrucksweise.
Glauben Sie nicht, dafi die Anthroposophie nicht selber einsehen
kann, wo die Schwierigkext ihres Erfassens in der Gegenwart liegt; ich
kann durchaus begreifen, daft es viele Menschen gibt, die so etwas, wie
ich es da dargestellt habe, zunachst fiir phantastisch, ja fiir halb wahn-
sinnig halten. Aber mit dem, was heute verniinftig ist, ist eben leider
der Mensch nicht zu begreifen, sondern man mufi schon hinausgehen
zu einem weiteren Verniinftigsein.
In dieser Beziehung sind die Menschen heute ganz merkwiirdig, wie
sie entgegenkommen der Anthroposophie. Sie konnen sich gar nicht
vorstellen, dafi etwas iiber ihr Fassungsvermogen vorlaufig hinausgeht,
und dafi ihr Fassungsvermogen in Realitat daran nicht herankommen
kann. Jiingst habe ich da ein sehr interessantes Buch gesehen. Maeter-
linck hat ein Buch geschrieben, es ist auch deutsch erschienen, und da
ist auch ein Kapitel iiber mich, und das schliefk in merkwtirdiger Weise
und auch furchtbar humoristisch. Er sagt: Wenn man die Steinerschen
Bucher liest, so sind die ersten Kapitel logisch korrekt, durchaus ver-
standig abgewogen und wissenschaftlich gestaltet. Dann aber kommt
man, wenn man iiber die ersten Kapitel hinausliest, in etwas hinein, wo
man sich denken muft, dafi der Verfasser wahnsinnig geworden ist. -
Das ist das gute Recht Maeterlincks. Warum soil er nicht den Ein-
druck haben konnen: Der ist ein Gescheiter, wahrend er die ersten
Kapitel geschrieben hat, er ist verruckt geworden, wahrend er die fol-
genden Kapitel geschrieben hat. - Aber nun nehmen Sie die Realitat
dazu. Nun, Maeterlinck findet, daft in den Biichern die ersten Kapitel
gescheit sind, in den folgenden Kapiteln wird der Verfasser wahnsinnig.
Nun mufi die merkwiirdige Tatsache da sein: Er schreibt hintereinander
Bucher, und bei den ersten Kapiteln macht er sich gescheit, bei den fol-
genden macht er sich wahnsinnig, dann wieder gescheit, dann wieder
wahnsinnig und so weiter. Denken Sie, wie grotesk, wenn man so ab-
sieht von der Realitat. Die Leute merken es gar nicht, wenn es solche
mit Recht beruhmte Schriftsteller schreiben, was fiir Wahnsinn darin
steckt. Gerade an so erleuchteten Geistern wie Maeterlinck kann man
studieren, wie schwer es ist, heute an die Wirklichkeit heranzukommen.
Man mufi auf dem Boden der Anthroposophie reden von einer Wirk-
lichkeit, die heute als unwirklich angesehen wird.
Nun kommen wir auf die Ich-Organisation. Es handelt sich darum:
Diese Ich-Organisation kann zunachst in ihrer Wesenhaftigkeit studiert
werden — so wie der Astralleib in der Musik — in der Sprache. Also wird
man sagen, alle, auch die Mediziner und Lehrer - bei den Lehrern wird
dies schon zugegeben - miissen bei der heutigen Sprachformung ste-
henbleiben. Konnen sie dann auch die innere Konfiguration der Spra-
che verstehen? Nein, das kann nur derjenige, der die Sprache nicht als
das ansieht, was unser Mechanismus daraus gebildet hat, sondern als
etwas, in dem der Sprachgenius als etwas Lebendiges geistig wirkt. Der
kann es, der sich iibt, die Art und Weise zu verstehen, wie ein Wort
konfiguriert wird. In den Worten liegt aufterordentlich und ungeheuer
viel von Weisheit. Der Mensch kommt dieser Weisheit gar nicht nach.
Die ganze Eigentumlichkeit der Menschen kommt heraus in der Art
und Weise, wie sie ein Wort bilden. Man kann die Eigenart der Volker
aus der Sprache erkennen. Nehmen Sie zum Beispiel das Wort «Kopf».
Das ist urspriinglich zusammenhangend mit dem Runden, das man
auch am Kohl, den man auch Kohlkopf nennt, findet. Es wird aus der
Gestalt heraus das Wort fur den Kopf empfunden. Das ist eine ganz
andere Verfassung des Ich, als zum Beispiel bei dem romanischen Worte
«Testa», das von dem Zeugnisablegen, Testieren herkommt. Also aus
ganz anderer Quelle heraus ist der Anlafi genommen worden, emp-
findungsgemafi das Wort zu bilden.
Wenn man in dieser inneren Weise die Sprache versteht, dann schaut
man hinein, wie die Ich-Organisation wirkt. Es gibt Gegenden, in de-
nen der Blitz nicht «Blitz» genannt wird, sondern «Himlizzer». Das
sind Menschen, die Himlizzer sagen, die nicht das einfache schnelle
Hinschiefien des Blitzes, sonder das schlangenhaft Gegliederte sehen.
Wer «Blitz» sagt, sieht das Hinschiefien; wer «Himlizzer» sagt, sieht
den Blitz in dieser Zickzackweise geformt. So lebt der Mensch seinem
Ich nach eigentlich in der Sprache. Nur ist er als heutiger zivilisierter
Mensch aus der Sprache herausgekommen; die Sprache ist abstrakt ge-
worden. Ich sage nicht, dafi derjenige, der so die Sprache versteht, schon
inneres hellseherisches Bewufitsein hat, durch das er in Wesenheiten
hineinschaut, die gleich sind der menschlichen Ich-Organisation; aber
man kommt auf den Weg, in diese Wesenheiten hineinzuschauen, wenn
man mit dem inneren Verstehen das Sprechen begleitet.
So soil sowohl an der medizinischen Schule wie an den Lehrersemi-
narien in der Richtung Bildung gepflegt werden, wie man sie haben
mufi, wenn man innerlich bestrebt ist, plastisch zu wirken, wenn Plastik
aus dem Raumgefiihl, inneres musikalisches Verstandnis und inneres
Sprachverstandnis getrieben werden kann. Nun werden Sie sagen: Die
Horsale sind ohnehin so leer, man machte am Ende die Seminarien
schon auch noch so leer, wenn alles das hineinkame.Wohin kame man
da? - Man will das medizinische Studium fortwahrend verlangern.
Wenn das mit der Methode, wie es heute geschieht, fortgesetzt wird,
wird es noch dazu fuhren, daft man im 60. Jahr fertig wird mit dem
Medizinstudium! Das riihrt nicht her von inneren Bedingungen, son-
dern davon, daft diese inneren Bedingungen nicht erfullt sind. Geht
man nicht iiber von abstrakten Begriffen zum plastischen Begreifen,
zum musikalischen Begreifen, zum Weltenworte-Verstehen, dann
wird, wenn man stehenbleibt beim abstrakten Begreifen, der Horizont
ein unendlicher; man kann immer weiter gehen, weil man an keine
Grenze kommt, von der aus man die Sache iibersehen kann. Durch das
innere Verstandnis, das auftritt, wenn Plastik- und Musikbegreifen
hinzukommt, wird der Mensch, weil er innerlich rationeller wird, in
seinem Bildungsgang wahrhaftig nicht verzogert, sondern innerlich
beschleunigt werden. So werden wir aus dem inneren Gang eine metho-
dische Bildung der Padagogen haben, wo die Lehrer und diejenigen
gebildet werden, die in der heutigen Padagogik ganz besonders mit-
zureden haben: die Arzte.
Nachdem wir in den einleitenden Vortragen gesehen haben, wie
zusammenhangt mit dem ganzen Gesundheitszustand des Menschen
die Art, wie erzogen und unterrichtet wird, ist es ohne weiteres klar,
daft eine wirkliche Padagogik gar nicht ohne eine Beriicksichtigung
einer wirklichen Medizin sich entwickeln kann. Es ist ganz unmog-
lich; der Mensch mufi eben nach seinen gesunden und kranken Ver-
haltnissen beurteilt werden konnen von demjenigen, der ihn erzieht
und unterrichtet; sonst kommt dasjenige heraus, was man auch schon
fiihlt: Man fiihlt schon, daft der Arzt notwendig ist in der Schule. Man
fiihlt es stark und schickt den Arzt von auften hinein. Aber das ist die
schlechteste Methode, die man wahlen kann. - Wie steht der Arzt zu
den Kindern? Er kennt sie nicht; er kennt auch nicht die Fehler, die
zum Beispiel vom Lehrer gemacht werden und so weiter. Die einzige
Moglichkeit ist diese, dafi man eine solche padagogische Kunst betreibt,
wo so viel Medizinisches drin ist, dafi der Lehrer konstant die gesunden-
den oder krankenden Wirkungen seiner Mafinahmen am Kinde einsehen
kann. Aber wenn man von aufien den Arzt in die Schule hineinschickt,
dadurch ist noch keine Reform durchgefiihrt, auch wenn man sagt, der
Arzt ist notwendig. Wenn die Bildung der Arzte so ist wie heute, wis-
sen die Arzte nicht, was sie zu tun haben, wenn sie in die Schule hinein-
geschickt werden. In dieser Beziehung mufi man einfach die Bildung
kennenlernen, wenn man auf eine padagogische Kunst hinstrebt, die
auf der Grundlage der Menschheitserkenntnis steht. - Man scheut sich,
indem man die Dinge ausspricht, aus dem Grunde, weil man weift, wie
schwer sie erf aft t und begriffen werden konnen. Aber gerade dieses zu
glauben, daft man mit einigen aus der naturwissenschaftlichen Welt-
anschauung gewonnenen Begriffen den Menschen verstehen kann, ist
ein Irrtum, und dieses einzusehen, ist eine der Lebensbedingungen in
der Entwickelung der padagogischen Kunst.
Erst wenn man solche Anschauungen hat, wird man einsehen kon-
nen, wie radikal in die Menschennatur das eingreift, was zum Beispiel
zur Zeit des Zahnwechsels geschieht, wenn eigentlich das Gedachtnis
bildhaft wird, nicht mehr am physischen Leibe hangt, sondern nun-
mehr am atherischen Leibe hangt. Denn welche Tatsache bringt eigent-
lich die zweiten Zahne hervor? Die Tatsache, dafi bis zum Zahnwech-
sel der atherische Leib dicht, ganz dicht mit dem physischen Leibe ver-
bunden ist. Dann sondert er sich etwas ab; wiirde er sich nicht ab-
sondern, so wiirden wir alle 7 Jahre Zahne bekommen. Es ware ja fur
den heutigen Menschen, der seine Zahne so rasch aufbraucht, ja schon
notwendig; ich denke, die Zahnarzte wiirden schon eine andere Be-
schaf tigung bekommen. Wenn der Atherleib sich abgesondert hat, wirkt
das, was friiher im physischen Leib gewirkt hat, auf seelische Art. Fur
denjenigen, der solche Dinge betrachten kann, ist das der Fall, wenn er
einem Kinde in den Mund schauen kann, ohne dafi es das bemerkt. Es
ist immer am besten, wenn es vom Kinde nicht bemerkt wird. Des-
halb hat die Experimentalpsychologie so wenig Erfolg, weil sie vom
Kinde so bemerkt wird. Man sieht die zweiten Zahne des Kindes: sie
sind aus dem Atherleib heraus gebildet und werden dann zum plasti-
schen Bild des Gedachtnisses. An der Zahnkonfiguration kann man
beobachten, was fur ein Gedachtnis der Atherleib veranlagt hat. Die
Zahne kann man nicht anders machen; man kann da oder dort etwas
abfeilen, aber man kann sie nicht anders machen. Etwas konnte man
sie auch andern, wenn die Medizin so gestaltet wiirde, wie sie Professor
Romer gerade auf Grundlage anthroposophischer Einblicke, die er sich
zu eigen gemacht hat, in seiner Schrift iiber Zahnheilkunde ausgespro-
chen hat - etwas konnte schon getan werden, wenn auch die zweiten
Zahne gebildet sind. Aber sehen wir davon ab. Dasjenige, was im See-
lischen hauptsachlich bleibt, die Gedachtnisbildung, das kann, abge-
sondert von dem, was physische Organisation ist, wenn der Ather-
leib fur sich ist, gerade den Erzieher und Unterrichtenden auf die rich-
tige Fahrte bringen. Nicht wahr, bis zum Zahnwechsel ist eine Einheit
des Seelisch-Geistigen und des Physisch-Atherischen da. Dasjenige, was
physisch war und zusammengewirkt hat mit dem Psychischen, das
kommt in der Zahnform zum Ausdruck. Was frtiher mitgebildet hat
bei der Bildung der Zahnform, das sondert sich ab in idealer Steige-
rung der Kraft, wird Gedachtnisbildung, Gedachtnistreue und so weiter.
Wenn man so hineinsieht in die menschliche Natur, kann man vie-
les schauen und aufnehmen in das Erziehen und Unterrichten. Man
wird vor alien Dingen, wenn man ganz lebendig durchdrungen ist von
einer solchen Menschenerkenntnis, wenn man den Menschen anschaut,
dasjenige bekommen als Didaktik und Padagogik, was einen wirklich
innerlich enthusiasmiert, was einen als Lehrer innerlich begeistert, was
iibergeht in die Handhabung. Das, was sich richtet nach Regeln, die in
den padagogischen Anleitungsbuchern stehen, ist eine abstrakte innere
Tatigkeit der Seek; dasjenige, was man bekommt aus wirklicher an-
throposophischer Menschenerkenntnis, das geht iiber in das Wirken,
in das Wollen; das wird Impuls des Tatsachlichen, das der Lehrer voll-
bringt in der Klasse. Man wird seelisch organisiert als Lehrer durch eine
lebendige Menschenerkenntnis, wahrend man durch dasjenige, was aus
blofier naturwissenschaftlicher Weltanschauung hervorgeht, eben zwar
sehr gescheit wissen kann, was man mit dem Kinde tun soil, aber es
nicht kann, weil es nicht in die Geschicklichkeit und lebendige Hand-
habung des lebendigen Geistes seitens des physischen Lehrers hinein-
geht. Und kann man das in sich durch eine wirkliche Menschenerkennt-
nis beleben, dann merkt man, wie dieser Atherleib wirklich frei wird
nach dem Zahnwechsel, wie aus dem Inneren des Kindes heraus das
Bediirfnis da ist, alles in Bildern zu empfangen, denn innerlich will es
Bild werden. In der ersten Lebensepoche bis zum Zahnwechsel wollen
die Eindriicke nicht Bild werden, sondern Gewohnheit, Geschicklich-
keit; das Gedachtnis selber war Gewohnheit, Geschicklichkeit. Das
Kind will mit seinen Bewegungen nachmachen, was es gesehen hat; es
will nicht ein Bild entstehen lassen. Dann kann man beobachten, wie
das Erkennen anders wird; dann will das Kind in sich etwas empfin-
den, was wirkliche seelische Bilder sind; daher mufi man jetzt im Un-
terricht alles in die Bildhaftigkeit hineinbringen. Der Lehrer mufi sel-
ber dieses Bildlichmachen von allem verstehen.
Da stofien wir aber sogleich, wenn wir anfangen, die Tatsachen zu
betrachten, auf Widerspriiche. Dem Kinde soil das Lesen und Schrei-
ben beigebracht werden; wenn es an die Schule herankommt, denkt
man selbstverstandlich, daft man mit dem Lesen beginnen mufi und
das Schreiben damit in Verbindung haben mufi. Aber sehen Sie, was
sind heute unsere Schriftzeichen, die wir mit der Hand auf das Pa-
pier machen, wenn wir schreiben, um den Sinn von etwas, was in un-
serer Seele lebt, auszudnicken? Und was sind unsere Lettern erst, die
in Biichern stehen, zu einem urspriinglichen Bildempfinden? Wie wur-
den diese Dinge uns beigebracht? Was hat denn in aller Welt dieses
Zeichen «A», das dem Kinde beigebracht werden soil, oder gar dieses
Zeichen «a», was hat das in aller Welt zu tun mit dem Laut A? Zu-
nachst gar nichts. Es ist kein Zusammenhang zwischen diesem Zeichen
und dem Laute A. Das war in jenen Zeiten, in denen das Schriftwesen
entstanden ist, etwas ganz anderes. Da waren in gewissen Gegenden
die Zeichen bildhaft. Da wurde eine Art - wenn sie auch spater kon-
ventionell geworden ist - bildhafter Malerei gemacht, Zeichnungen,
die die Empfindung, den Vorgang in gewisser Weise nachahmten, so
daft man wirklich auf dem Papier etwas hatte, was wiedergab das-
jenige, was in der Seele lebte. Daher ist es ja gekommen, daft, als dann
primitivere Menschen diese sonderbaren Zeichen - fur die Kinder sind
sie ja natiirlich sonderbar -, die wir heute als Schriftzeichen haben, zu
Gesicht bekamen, sie ganz eigentiimlich auf sie gewirkt haben. Als die
europaischen Zivilisierten bei den Indianern in Amerika ankamen, wa-
ren die Indianer ganz besonders betroff en iiber diese Zeichen, die da die
Menschen auf das Papier machten, wodurch sie sich etwas vergegen-
standlichten. Die Indianer konnten das nicht begreifen; sie sahen das
als Teufelswerk an, als kleine Damonen. Wie Damonen furchteten sie
diese kleinen Zeichen; sie hielten die Europaer fur schwarze Magier.
Immer, wenn man jemand nicht versteht, halt man ihn fiir einen
schwarzen Magier.
Nun nehmen Sie die Sache so: Ich weift, eine Verwunderung wird
ausgedriickt, indem man ausbricht in den Laut A. Es ist nun etwas
ganz Naturgemafies, wenn der Mensch mit seiner vollen Korperlich-
keit nachzumachen sucht dieses A und es so auszudriicken sucht mit
dieser Geste der beiden Arme. Nun machen Sie das einmal nach. (Die
beiden Arme schrag nach oben gehoben.) Da wird schon ein A daraus!
Und wenn Sie ausgehen beim Kinde von der Verwunderung und an-
fangen den Unterricht zu geben in malendem Zeichnen, dann konnen
Sie inneres Erlebnis und aufieres Erlebnis in malendes Zeichnen und
zeichnendes Malen hineinbringen.
Denken Sie das Folgende: Ich erinnere das Kind an einen Fisch
und veranlasse es, wenn das auch unbequem ist, den Fisch zu malen.
Man mufi da mehr Sorgfalt anwenden, als man sonst in bequemer
Weise gern getan hatte. Man veranlaftt es, den Fisch so zu malen, daft
es da den Kopf vor sich hat und da den ubrigen Teil. Das Kind malt
den Fisch; jetzt hat es ein Zeichen durch malendes Zeichnen, durch
zeichnendes Malen herausgebracht. Nun lassen Sie es aussprechen das
Wort «Fisch». Sie sprechen F-isch. Jetzt lassen Sie weg das isch. Sie
haben von «Fisch» iibergeleitet zu seinem ersten Laute «F». Jetzt ver-
steht das Kind, wie zustande kommt so eine Bilderschrift, wie sie zu-
standegekommen ist und ubergegangen ist in spaterer Zeit in die Schrift.
Das ist nachgeahmt worden, das andere ist weggelassen worden. Da-
durch entsteht das Zeichen des Lautes. Man braucht nicht Studien zu
machen, um diese Dinge herauszufischen aus der Art und Weise, wie
die Dinge sich entwickelt haben. Das ist nicht unbedingt notwendig
fur den Lehrer. Er kann es blofi, wenn er durch Intuition, ja mit Phan-
tasie die Dinge entwickelt.
Er sieht zum Beispiel den Mund; versucht, daft die Kinder die Ober-
lippe malen, daft es zum Malen der Oberlippe kommt. Jetzt bringt
man es dahin, das Wort «Mund» auszusprechen. Wenn man jetzt das
«und» weglafit, hat man das «M». So kann man aus der Wirklichkeit
heraus die ganzen Schriftzeichen erhalten. Und das Kind bleibt in
fortwahrender Lebendigkeit. Da lehrt man das Kind zuerst schreiben,
indem sich die abstrakten Zeichen der heutigen Zivilisation aus dem
Konkreten heraus entwickeln. Wenn man das Kind so an das Schrei-
ben heranbringt, ist es als ganzer Mensch dabei beschaftigt. Lalk man
es gleich lesen, so wird die Kopf organisation auch nur abstrakt be-
schaftigt; man beschaftigt nur einen Teil des Menschen. Geht man
zuerst an das Schreiben, so nimmt man die Hand mit; der ganze Mensch
Of
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muft in Regsamkeit kommen. Das macht, daft der Unterricht, wenn er
aus dem Schreiben hervorgeht - namlich einem Schreiben, das aus
zeichnendem Bilden, aus bildendem Zeichnen entwickelt wird -, an
den ganzen Menschen herankommt. Dann geht man uber zum Lesen-
lernen, so daft dann auch wirklich mit dem Kopfe verstanden werden
kann, was aus dem ganzen Menschen heraus im zeichnenden Malen,
im malenden Zeichnen entwickelt worden ist. Da wird man etwas
langer brauchen zum Schreiben- und Lesenlernen; allein es ist dabei
auch die viel gesundere Entwickelung fur das ganze Erdenleben von
der Geburt bis zum Tode beriicksichtigt.
Das ist so, wenn die Handhabung des Unterrichtes fliefit aus wirk-
licher Menschenerkenntnis. Die wird durch ihre eigene Kraft zur Me-
thode in der Schule. Das ist es, was gerade heute in den Wunschen
drinnen lebt, die sich nach einer anderen Erziehungskunst sehnen, was
aber in seiner Wesenhaftigkeit nur gefunden werden kann, wenn man
sich nicht scheut, auf eine voile Menschenerkenntnis nach Leib, Seele
und Geist wirklich einzugehen.
VIERTER VORTRAG
Bern, 16. April 1924
Wie sich gegeniiber der Anforderung der Menschenwesenheit verhal-
ten raufi der Unterricht im Schreiben und Lesen, davon habe ich be-
gonnen zu sprechen. Man wird ohne weiteres nicht nur dasjenige, was
da gesagt worden ist, einsehen, sondern man wird auch dazu kommen,
eine Art Praxis in der Sache zu entwickeln, wenn man vollig durchdrun-
gen ist davon, was das SeeHsch-Geistige im Verhaltnisse zu dem Phy-
sisch-Leiblichen des Kindes wird beim Oberschreiten des Zahnwechsels.
Ein Sinnesorganismus im ganzen ist eigentlich die menschliche Wesen-
heit bis zum Zahnwechsel. Und sie ist naturhaft hingegeben an die Um-
gebung in der Art, daft man sagen kann: Es liegt eine naturhafte Re-
ligiositat, hingegeben an die Umgebung, beim kleinen Kinde vor.
Das alles andert sich ganz bedeutsam, wenn der Zahnwechsel uber-
schritten wird. Man mochte sagen: Das Sinnenhafte, dasjenige, was
die ganze Kindeswesenheit durchdringt, das zieht an die Oberflache.
Die Sinne sondern sich ab von dem iibrigen Organismus, gehen ihre
eigenen Wege, und der Mensch verinnerlicht sich gerade dadurch, dafi
er sich geistig-seelisch emanzipiert von dem Leiblich-Physischen. Das
Geistig-Seelische wird dadurch selbstandig. Aber was man durchaus
festhalten mufi, das ist, dafi das Geistig-Seelische vor der Geschlechts-
reife nicht eigentlich intellektuell wird, daft das Intellektuelle sich erst
mit der Geschlechtsreife als ein Naturhaf tes herausbildet. Daher kommt
man keiner Kraft, die im Kinde lebt, entgegen, wenn man an den
Intellekt appelliert. Das Auffassungsvermogen, ja die ganze Seelen-
verfassung des Kindes vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife sind
nun einmal auf das Bildhafte, auf dasjenige orientiert, was man nennen
kann asthetische Auffassung, eine Auffassung, die man etwa in der
folgenden Weise charakterisieren kann: Bis zum Zahnwechsel lebt das
Kind so, dafi es dasjenige, was in der Umgebung tatsachlich vorgeht,
was also dem Kinde sozusagen vorgemacht wird, nachahmen will, dafi
das Kind sein ganzes motorisches System einsetzt, um sich im allge-
meinen und auch im speziellen Falle so zu verhalten zu dem, was ihm
gegeniibersteht, dafi es zu dem Betreffenden einen innerlichen Hang,
eine Liebe hat.
Das andert sich mit dem Zahnwechsel so, daft das Kind sich nicht
mehr richtet nach dem, was es sieht, sondern nach dem, was sich um-
setzt in die Seelenoffenbarungen des betreffenden Erziehers oder Un-
terrichtenden. Was wir so seinem Seeleninhalt nach haben fur das
Kind bis zum Zahnwechsel, das ist nicht etwas unbedingt Autorita-
tives. Das Kind geht eigentlich bis zum Zahnwechsel - naturlich sind
nicht schroffe, sondern allmahliche Ubergange vorhanden - gar nicht
stark auf Sinn und Inhalt des Gesagten ein, sondern es lebt eigentlich
viel mehr in dem Klang der Sprache, in der Art und Weise, wie die
Sprache gehandhabt wird. Und wer eine intimere Anschauung von
diesen Dingen hat, der wird wissen, dafi, wenn ich zu dem Kinde sage:
Das sollst du nicht tun -, dieses Gebot keinen starken Eindruck auf
das Kind macht. Sagt dagegen der Mensch nach seiner Uberzeugung:
Das sollst du nicht tun - oder: Tue das -, so liegt etwas ganz Entschei-
dendens in der Art und Weise, wie man spricht. Das Kind merkt da,
wenn man sagt: Du sollst das nicht tun -, dafi man das in anderer Be-
tonung ausspricht, als wenn man sagt: Das ist recht, das sollst du tun
und nach dieser Betonung, die eine Offenbarung ist fur die Art der
Tatigkeit des Sprechens, danach richtet sich das ganz kleine Kind. In
den Sinn der Worte und iiberhaupt in den Sinn der Offenbarungen
der Umwelt geht das Kind erst ein, wenn es den Zahnwechsel voll-
zieht und nach dem Zahnwechsel. Aber da geht es auch noch nicht
so ein, dafi es eingeht auf das Intellektuelle der Sache, sondern es geht
ein auf das Gemuthafte, auf das Gefuhlhafte der Sache. Es geht ein
darauf, wie man gegeniiber einer Art Autoritat eingeht auf eine Sache
deshalb, weil diese Autoritat das sagt.
Das Kind bis zur Geschlechtsreife kann noch nicht innerlich in-
tellektualistisch Oberzeugungen entwickeln davon, dafi etwas gut oder
bose sei. Man mag iiber diese Dinge noch so viele Spekulationen anstel-
len, die unmittelbare Beobachtung ergibt das, was ich gesagt habe. Da-
her soli man, wenn man moralische Begriffe vor dem Kinde entwickelt,
sie so entwickeln, da£ man vor das Kind wiederum Bildhaftes hinstellt.
Man kann da den eigentlichen Unterrichtsstoff und das Moralische
durchaus ineinander verweben. Man stellt, sagen wir, Beispiele aus der
Geschichte hin, und man laftt merken - nicht indem man philistros-
pedantisch mit allerler Moralregeln an die Sache herantritt, sondern
lediglich mit dem Gefiihl auch des Gefallens und des Mififallens an die
Dinge herangeht -, daft einem das Moralische gef allt, das Unmoralische
mififallt, so daft das Kind in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Ge-
schlechtsreife aufnimmt eine Sympathie fiir das, was gut ist, eine An-
tipathie gegen das, was bose ist. Wir orientieren die Sache nicht darauf-
hin, daft wir dem Kinde Gebote geben; diese Gebote wirken nicht. Wir
konnen das Kind zwar versklaven mit diesen Geboten, allein ein mora-
lisches Leben bringen wir nicht hervor; ein moralisches Leben, das aus
dem Urgrund der Seelen hervorspriefien und -sprossen soil, wenn wir
abseits von Gebot und Verbot ein feines Gefiihl in dem Kinde hervor-
rufen fiir das Gute und Bose, fiir das Schone und Hafiliche, fiir das
Wahre und Falsche. Und eigentlich ist es richtig, wenn die verehrte
Autoritat so neben dem Kinde steht, daft sie ihm die Personifikation
von Gute, Wahrheit und Schonheit ist. Das Kind wird kein Vollmensch,
der aus seiner ganzen inneren Wesenheit heraus sich gestaltet, leiblich
und seelisch, wenn es an Geboten heranerzogen wird. Da rechnen wir
einzig auf seine Kopfentwickelung. Wir fordern die Herzensentwicke-
lung und die Entwickelung des ganzen Menschen, wenn wir in diesem
Lebensalter die Empfindung hervorrufen: Etwas ist wahr, etwas ist
schon, etwas ist gut, weil die verehrte Autoritat des Lehrenden, des Un-
terrichtenden zeigt, daft sie dieses fiir wahr, fiir schon, fiir gut halt. Im
Menschen, im konkreten, realen Menschen sucht das Kind die Verkor-
perung von Wahrheit, Schonheit und Gute. Das wirkt auf das Kind,
wenn das, was Wahrheit, Schonheit, Gute darstellt, ausgeht von der
konkreten Erzieherindividualitat. Das wirkt mit einer ungeheuren Le-
bendigkeit. Das Kind strengt seinen ganzen Menschen an, um inner-
lich ein Echo hervorzurufen von dem, was der Lehrer sagt oder sonst
wahrnehmbar macht. Und darauf kommt es an vor alien Dingen in
der Methodik gerade desjenigen Erziehungsunterrichts, der im Volks-
schulalter eintreten muft.
Die Einwande gegen eine solche Darstellung sind naturlich, wie ge-
sagt, auf der Hand liegend; denn man miftversteht heute den Anschau-
ungsunterricht vielfach so, daft man meint, man miisse nur dasjenige
an das Kind heranbringen, was das Kind versteht. Und weil unser
Zeitalter ein intellektualistisches ist, so spielt in dieses Verstehen im-
mer hinein das intellektualistische Verstehen. Man weifi heute iiber-
haupt noch gar nicht, daft man noch mit anderen Seelenkraften ver-
stehen kann als mit intellektualistischen; aber es ist manchmal zum
Verzweifeln, was an sogenanntem Anschauungsunterricht eigentlich an-
empfohlen wird. Es ist zuweilen ein Niveau, das furchterlich ist, wenn
man glaubt, man miisse sich auf das Verstandnis des Kindes herunter-
schrauben. Derjenige, der nur radikal den Grundsatz aufstellt: dem
Kinde miisse nur dasjenige beigebracht werden, was es versteht, der
weift nicht, was es bedeutet, wenn ein Kind, sagen wir im 7., 8. Lebens-
jahr etwa, etwas aufgenommen hat rein auf die selbstverstandliche
Autoritat des Unterrichtenden hin. Weil der etwas als schon, als wahr
ansieht, nimmt es die Sache auf, und das tragt dann das Kind mit sich
weiter. Das wachst mit dem Kinde heran; vielleicht im 30., 40. Le-
bensjahr durch eine gereifte Erfahrung, durch mancherlei Erfahrungen,
die man durchgemacht hat, kommt man zu etwas, was man vielleicht
im 7., 8. Lebensjahr nur auf Autoritat des geKebten Erziehers aufge-
nommen hat; das stofit wieder herauf. Jetzt versteht man es aus an-
deren gereiften Erfahrungen heraus. Das hat etwas ungeheuer Beleben-
des, wenn schon in der Seele des Menschen sitzende Inhalte heraus-
kommen und mit Inhalten leben, die jetzt gewonnen werden. Erinne-
rungen, die nur auf den Verstand rechnen, entziehen dem Menschen
im spateren Leben diese belebenden Krafte, die von dem Heraufkom-
men eines rein auf Autoritat hin aufgenommenen Inhaltes nach ge-
reifter Erfahrung herruhren. Man muft durchaus in diesen Dingen
viel intimer in die menschliche Wesenheit hineinschauen, als man heute
vielfach hineinschaut.
Und so hat man notig, uberall darauf zu sehen, daft das Kind nicht
in vereinseitigt gewordenen Intellekt hineingetrieben werde. Das tut
man aber, wenn man die Vorgange des Lebens so an das Kind heran-
bringt, daft sie eben durchintellektualisiert sind. Das, was ich eben jetzt
sage, kann sich auf alles beziehen, was dem Kinde beigebracht werden
soil zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Vor alien
Dingen handelt es sich zum Beispiel darum, daft wir auch im Rechnen
darauf ausgehen, nicht zu intellektualisieren, sondern daft wir auch
im Rechnen ausgehen von dem, was eben zunachst die Wirklichkeit ist.
Sehen Sie, wenn vor mir liegen 10 Bohnen: die liegen vor mir; die sind
die Wirklichkeit, die ich daher in mir sichtbare Gruppen teilen kann.
Wenn ich sage: 3 + 3 + 4 Bohnen sind 10 Bohnen, dann setze ich von
vorneherein das Gedachte an die Stelle der Wirklichkeit. Gehe ich aber
da von aus, daft ich sage: In Wirklichkeit liegen vor mir 10 Bohnen; die
kann ich bei ihrer Lage so einteilen, daft ich hier 3 habe, hier wieder-
um 3, daft ich dann 4 dazufugen mufi - gehe ich aus von der Summe,
die wirklich daliegt, und zu den einzelnen Addenden hin, dann stehe
ich in der Wirklichkeit, dann gehe ich von dem aus, was in Wirklichkeit
immer da ist, von dem Ganzen, und ich gehe zu den Teilen u'ber. Bringe
ich dem Kinde das Addieren so bei, daft ich von der Summe ausgehe
und in der verschiedensten Weise die Summe einteile - ich kann auch
anders verteilen; ich kann die Bohnen auseinanderwerfen und anders
gruppieren, ich kann herausbekommen: 10 = 2 + 2 + 3 + 3-, so
habe ich dasjenige, was als Wirklichkeit konstant bleibt, in der ver-
schiedensten Weise zerteilt. Man sieht daraus, daft man es in der ver-
schiedensten Weise zerteilen kann, daft das Realere die unveranderliche
Summe ist. Sie sehen, daft auch das, was durch wirkliche Menschen-
erkenntnis einem klar wird: daft das Kind nicht eingehen will in die-
sem Lebensalter auf ein Abstraktes - und die Addenden sind etwas
Abstraktes - sondern auf das Konkrete, daft das bedingt, daft man
das Rechnen umgekehrt lehrt, als es gewohnlich gelehrt wird; daft man
von der Summe ausgeht beim Addieren und davon dann zu den Adden-
den ubergeht, und sogar bemerklich macht, wie eine Summe in ver-
schiedener Art verteilt werden kann. Dadurch, dafi man dies tut, be-
kommt man eine viel mehr der Wirklichkeit angepafite Anschauung
des Kindes als bei der gewohnlich iiblichen Methode.
Und so ist es eigentlich auch bei den anderen Rechnungsarten. Es
wird ungemein Regsameres in dem Kinde hervorgerufen, wenn man
sagt: Wieviel mufit du von 5 wegnehmen, damit du noch 2 hast? - als
wenn man ihm sagt: Nimm 3 von 5 weg. - Und dieses: Wieviel mufit
du von 5 wegnehmen, damit du noch 2 hast? - pafit sich auch viel mehr
dem Leben an. Im Leben wird man es gerade damit zu tun haben. Und
so handelt es sich wirklich darum, dafi man schon in der Didaktik fur
diese Lebensepoche Wirklichkeitssinn entfaltet.
Sehen Sie, unserem Zeitalter konnte der Wirklichkeitssinn nicht so
stark fehlen, wenn man nicht - obzwar man es nicht immer zugibt -
heute eigentlich auf dem Standpunkt stiinde, eine Sache ist wahr, wenn
sie beobachtet und logisch ist. Aber das Logische allein macht nicht die
Wahrheit, sondern die Wahrheit wird erst erzeugt dadurch, dafi etwas
logisch und wirklichkeitsgemafi ist. In dieser Beziehung erlebt man
heute Ungeheuerliches. So zum Beispiel finden sich in der sehr geist-
reichen und auch fur gewisse Dinge absolut beachtenswerten Einstein-
schen Relativitatstheorie Veranschaulichungen, die eigentlich so sind,
dafi man sich im Grunde genommen fortwahrend zerspalten, zerhackt
fiihlt, wenn man einen rechten Wirklichkeitssinn hat. Denken Sie doch
nur, dafi bei Einstein so eine Uhr mit Lichtgeschwindigkeit in den Wel-
tenraum hinausfliegt und dann unverandert sein soil. Solche Dinge
gibt es; da brauchte man nur zu fragen, wie sie ware, wenn sie wieder
zuriickkehrte: sie ware nicht nur pulverisiert, sondern sie ware noch
viel mehr. Es wird etwas hingestellt, was man gut ausdenken kann, was
logisch ist. Die Relativitatstheorie ist so logisch wie moglich, aber sie
ist nicht wirklichkeitsgemafi in vielen ihrer Anwendungen. Dafi solche
Dinge uberhaupt auf die Zeitgenossen einen so tiefen Eindruck machen
konnen, ruhrt davon her, dafi wir den Wirklichkeitssinn in gewisser
Weise verloren haben.
So mufi man schon, gerade wenn man dieses zweite Lebensalter des
Kindes beriicksichtigt, auch die Forderung gerade im hochsten Mafie
berucksichtigen, iiberall auf die Wirklichkeit loszugehen, nicht auf das
Abstrakte. Tut man das, ja, dann wird man das Kind sowohl in bezug
auf sein Erkennen, wie namentlich auch in bezug auf seine Gemiits-
und Willenskrafte in der richtigen Weise fur den spateren irdischen
Lebenslauf vorbereiten. Denn man raulS wirklich erst wissen, was das
Kind ist, um in der richtigen Weise in Schule und Haus dasjenige hand-
haben zu konnen, was fiir das Kind erzieherisch oder unterrichtend zu
geschehen hat.
Der Mensch ist ja, bevor er ein Erdenwesen wird, ein seelisch-geisti-
ges Wesen, das in seelisch-geistigen Welten lebt. Ich habe darauf schon
hingedeutet. Er steigt herunter, verbindet sich als seelisch-geistiges We-
sen mit dem physisch-atherischen Menschenkeim, der zustande kommt
teils durch die Tatigkeit des Seelisch-Geistigen selbst, teils aber durch
die Vererbungsstromung, die durch die Generationen durchgeht und
die durch Vater und Mutter an den Menschen, der sich im physischen
Leib verkorpern will, herankommt. Wenn man dieses Seelisch-Geistige
vor sich hat, das da an den Menschen zunachst herankommt, wird man
es mit scheuer Ehrfurcht betrachten. Man wird gewissermaften dem
Werden des Kindes mit einem religiosen Gefiihl auch als Lehrer gegen-
iiberstehen; ich mochte sagen, mit einem priesterlichen Gefiihl, weil die
Art, wie sich Seelisch-Geistiges im Kinde enthullt, wirklich zu einer
Offenbarung des Seelisch-Geistigen im Physisch-Atherischen wird. Hat
man die Stimmung, daft sich ein von Gottern Gesandter herunterbegibt
auf Erden und sich im Leibe verkorpert, dann bekommt man die rich-
tige Gesinnung, die man in der Schule zu entfalten hat. Aber man lernt
auch nur dadurch, daft man anzuschauen fahig ist, wie sich das Kind
allmahlich entwickelt. Dasjenige, was sich im Kinde vor dem Zahn-
wechsel in dem Aufbau seines Leibes, in der Gestaltung der chaotischen
Bewegung, in der Durchseelung des Mienenspieles und so weiter zeigt:
in alldem haben wir ja das zu sehen, was noch, insofern es aus dem
Mittelpunkt des Kindes heraus wirkt, im wesentlichen eine Nachwir-
kung desjenigen ist, was der Mensch durchgemacht hat vor seinem irdi-
schen Leben in der gottlich-geistigen Welt.
Nur derjenige sieht in richtiger Weise hin auf Lebensaufierungen
und Lebensregungen eines Kindes, der gewissermafien das Vorleben in
der gottlich-geistigen Welt in demjenigen sieht, was an dem Leibe des
Kindes bis zum Zahnwechsel des Kindes vorgeht. Und deshalb ist es
so, daft jene Gewohnheit beim Kinde weiterlebt, die das wesentlichste
Seelenelement im vorirdischen Leben war. Da ist man ganz hingegeben
an die geistige Umgebung, da lebt man ja aufter einem selbst, urn so
individueller, aber aufter einem selbst. Das will man fortsetzen. Man
will gewissermaften - und deshalb wird in dem kindlichen Leben ein
naturhaft Religioses entstehen - im Leibe fortsetzen, was man in gei-
stigen Welten gepflogen hat im vorirdischen Dasein.
Anders ist es, wenn man im Zahnwechsel dahin gekommen ist, nach
dem ersten Modell, das durch die Vererbung gegeben ist, nun den eige-
nen Korper herauszugestalten. Man bekommt in diesem Lebensalter
den ersten aus der eigenen Individuality heraus gestalteten Korper.
Man kommt mit dem auf die Erde, was sich aus dem gewohnheitsmafti-
gen Gedachtnis in ein Gedachtnis, das mehr bildhaft-plastisch ist, hin-
ein entwickelt, so daft man mit der Nachwirkung der Impulse friiherer
Erdenleben das Erdenleben in dem Lebensalter zwischen Zahnwechsel
und Geschlechtsreife empfindet wie einen guten Bekannten. Das ist sehr
wichtig, daft man sich sagt, wenn man das Kind in diesem Lebensalter
auf zuerziehen hat: Was in dem Kinde vorgeht, ist ahnlich, wie wenn ich
auf der Strafie einen Bekannten tref f e, an den ich mich erinnere. Das Ge-
fiihl, das auftritt dadurch, daft ich an eine Personlichkeit herankomme,
die mir f ruher bekannt war, das vollzieht sich um eine Stufe ins Unter-
bewufitsein hereingesenkt, wenn der Mensch X im Erdendasein, jetzt
in seinem Physisch-Moralischen, jenem Eindruck gegenubersteht. Das
Kind hat viel mehr das Gefiihl, wenn man ihm etwas beibringt: Das
ist Altbekanntes. Je mehr Sie an dieses Gefiihl appellieren, daft Sie
eigentlich dem Kinde Altbekanntes uberliefern wollten, je mehr Sie
eigentlich dem Kinde den Unterricht bildhaft gestalten, weil es vorher
bildhaft vor seinem Eigenleben gestanden hat, so daft es das Gefiihl
hat: Im Bilde liegt mein eigenes Wesen; ich verstehe das, weil es mir
ein Altbekanntes ist -, je mehr Sie dieses Gefiihl hervorrufen, desto be-
stimmter erziehen Sie. Das Kind hat noch nicht sehr ausgesprochene
spezielle Sympathien und Antipathien; aber es hat Sympathien und
Antipathien im allgemeinen fur alles, was im Irdischen an es heran-
tritt. Rechnet man damit, daft dem Kinde das eine so sympathisch ist,
wie mir ein lieber Freund ist, den ich wieder treffe, oder das andere
so antipathisch ist, wie mir derjenige antipathisch ist, der mir eine Ohr-
feige gegeben hat, rechnet man damit, daft solche Sympathien oder
Antipathien da sind, nimmt man das auch nur hypothetisch an und be-
nimmt sich so, dann hat man die richtige Didaktik.
Dann wird das Kind geschlechtsreif ; da geht wiederum eine be-
deutsame Veranderung in dem Kinde vor sich. Da gestalten sich die
mehr allgemein gehaltenen Sympathien und Antipathien ins Spezielle
hinein; da wird einem das einzelne besonders wertvoll oder unwertvoll,
aber in einer anderen Weise als vorher. Das ist deshalb, weil mit der
Geschlechtsreife das eigentliche Schicksal des Menschen beginnt. Vor-
her steht der Mensch mehr im allgemeinen dnnnen, er empfindet das
Erdenleben mehr als einen guten Bekannten. Jetzt aber, wenn der
Mensch geschlechtsreif geworden ist, treten die einzelnen Ereignisse
so an ihn heran, dafi er sie schicksalsgemaJS empfindet. Indem der
Mensch schicksalsgemafi das Leben auffafit, wird es fur ihn erst das
richtige individuelle Leben. Daher raufi, wenn es schicksalsmafiig auf-
treten soli, auch das Friihere im Menschen wiederum heraufgetragen
werden. Alles, was ich dem Kinde beibringe im schulmafiigen Alter,
soil zunachst auf Autoritat hin sitzen; soil es sich in das Schicksal ein-
fiigen, so mufi es noch einmal heraufkommen, mufi es individuell er-
fahren werden. Das ist etwas, womit man wieder rechnen mufi. - Und
in bezug auf die moralischen Begriffe steht die Sache so, dafi wir den
Menschen dahin bringen mussen, dafi er so viel Gef alien an dem Guten,
so viel Mififallen an dem Bosen vor der Geschlechtsreife entwickelt,
daft nachher, wenn dasjenige, was er da in Sympathie und Antipathie
entwickelt hat, wieder auf taucht in seiner Seele, er dieses Sympathische
selber zu seinen Geboten macht und das Antipathische zu demjenigen,
was er unterlassen soli. Da erlebt der Mensch die Freiheit in sich. Man
erlebt nicht die Freiheit in sich, wenn man nicht, bevor man das: Das
sollst du tun -, Das sollst du nicht tun - erlebt, rein gefiihlsmaftig das
Gefallen am Guten, das Mififallen am Bosen erlebt. Moralitat soli
durch das Gefiihl heranerzogen werden.
In bezug auf das Religiose soil man sich klar dariiber sein, daft der
Mensch bis zum Zahnwechsel im Naturhaft-Religiosen lebt. Das Na-
turhafte geht dann zuriick, weil das Seelisch-Geistige sich emanzipiert
von dem Korperlichen; daher soli man ins Seelenhafte dasjenige wie-
derum heraufheben, was der Mensch an naturhafter Religiositat ge-
habt hat. 1st der Mensch durch die Geschlechtsreife durchgegangen,
kann erst das religiose Verstandnis beginnen. Aber es mufi dasjenige,
was zunachst in der Nachahmung des Vaters oder der Mutter sich ab-
gespielt hat, das mufi spater, wenn der Geist sich emanzipiert hat, den un-
sichtbaren, iibersinnlichen Machten ubertragen werden. So entwickelt
sich eigentlich allmahlich konkret, nicht abstrakt, das im Kinde Veran-
lagte aus diesem selbst heraus. Man pfropft nichts in das Kind hinein.
Sehen Sie, da liegt ja eine merkwiirdige Tatsache vor. Man kann
die Probe darauf machen. Bei alien halbwegs verniinftigen Menschen -
heute sind ja fast alle Menschen vernunftig, das meine ich in allem
Ernste - ist weiter nichts als vernunftig zu sein, kopfmafiig vernunftig
zu sein, ausgebildet. Aber den ganzen Menschen auszubilden, das ist
schon schwerer. Man braucht nur ein wenig nachschlagen bei Men-
schen, die als vernunftige Menschen iiber Erziehung schreiben; man
wird immer auf den Satz stofien: Man soil einem Menschenkinde nicht
etwas von aufien heranbringen, sondern man soil das, was schon in
ihm liegt, zur Entwickelung bringen. - Wirklich, man liest das iiberall;
aber wie macht man das? Darauf kommt es an; es kommt nicht darauf
an, dafi man einen allgemeinen Grundsatz hat. Programmprinzipien
sind heute billig, aber das Leben in der Realitat ist das Wesentliche.
Dahin miissen wir kommen, zum Leben in der Realitat. Wahrhaftig,
fur den, der in der Realitat zu leben vermag, ist es manchmal zum Ver-
zweifeln, wenn die ganze Schwierigkeit in so bedrohlicher, gefahrlicher
Weise an ihn herankommt. Es konnen sich heute 30, 40, 100 Menschen
zusammensetzen und in einzelnen Paragraphen aufschreiben, welches
die beste Erziehungs- und Unterrichtsmethode ist, und andere Forde-
rungen aufstellen. Ich bin iiberzeugt, dafi in den meisten Fallen, wenn
sich solche Menschen zusammentun, sie etwas ganz Gescheites aufstel-
len. Ich meine das ganz ohne Ironie, weil unsere materialistische Bil-
dung den Kulminationspunkt erlangt hat. Vereine griinden, Pro-
gramme aufstellen, die ganz ausgezeichnet sind, das ist etwas, was man
heute iiberall trifft. Nur ist damit gar nichts getan. Daher ist die Wal-
dorfschule einmal so in die Erseheinung getreten, daft kein Programm
da war, keine Forderung, sondern Kinder und Lehrer; daft man rech-
nete mit der Individuality jedes einzelnen Kindes, aber auch mit der
Individuality jedes einzelnen Lehrers. Man mufi die Lehrer kennen.
Daft die Lehrer dieses oder jenes tun sollen, kann man in gescheiter
Weise in Paragraphen aussprechen. Was aber der Lehrer vermag, dar-
um handelt es sich. Und um ihn zur Entwickelung von alldem zu brin-
gen, was er vermag, dazu ist nicht notwendig eine Anzahl von Erzie-
hungsgrundsatzen, sondern Menschenkenntnis, die auf das Leben selber
mit eingeht, die belebend auf des Menschen ganzes Wesen eingeht. Es
handelt sich schon darum, daft wir iiberall darauf ausgehen, wirklich zu
entwickeln. Aber da miissen wir ja wissen, wo wir das, was wir ent-
wickeln wollen, zu suchen haben: wir miissen ankniipfen das religiose
Gefiihl und das religiose Denken spater an das Nachahmen des ersten
Kindesalters, das moralische Urteil an das zweite Kindesalter.
Aber wir miissen auch sonst durchaus ins Auge fassen, wie das Kind
zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife auf das Bildliche hinorien-
tiert ist; wir miissen im kunstlerischen Element etwas Wesentliches im
Erziehen und Unterrichten suchen. Das Malen, vielleicht auch das pla-
stische Gestalten, das Musikalische mufi wirklich in richtiger Weise
eingegliedert werden, so dafi wir es iiberall herausentwickeln aus den
Forderungen der kindlichen Menschennatur selber.
Aber auch sonst miissen wir die Dinge vor dem Kinde so gestalten,
wie es die kindliche Natur fordert, nicht wie unser materialistisches
Zeitalter es gibt. Unser materialistisches Zeitalter gibt uns zum Bei-
spiel recht schone Kenntnisse davon, wie die einzelnen Pflanzen unter-
schieden werden sollen. Aber, man mochte sagen, eine Grundforderung
fur den Lehrer, der die Kinder zu erziehen hat zwischen Zahnwechsel
und Geschlechtsreife, ist, dafi man weift: was man iiber die Pflanzen
heute in der Wissenschaft denkt, wie man sie gliedert, einteilt, be-
schreibt, das alles mufi man unberiicksichtigt lassen, wenn man dem
Kinde in dem genannten Lebensalter gegeniibersteht. Man mufi da die
Frage aufwerfen: Ist eine Pflanze iiberhaupt eine Wirklichkeit? Kann
man eine Pflanze aus sich selber verstehen? - Das kann man namlich
nicht. Wenn Sie irgendwo ein Haar finden, so werden Sie nicht dar-
uber nachstudieren, wie dieses Haar fur sich gebildet sein kann. Es
mufi einem Menschen ausgerissen oder ausgefallen sein. Es ist seiner
Wirklichkeit nach nur denkbar im Zusammenhang mit dem ganzen
Organismus. Das Haar ist nichts fiir sich, kann nicht verstanden wer-
den fiir sich. Es ist Siinde wider den Wirklichkeitssinn, wenn man ein
Haar fiir sich beschreiben will. So ist es auch eine Siinde wider den
Wirklichkeitssinn, wenn man eine Pflanze fiir sich beschreiben will.
Wenn es zunachst auch paradox klingt: die Pflanzen sind die Haare
der lebendigen Erde. Wie Sie die Organisation des Haares nur ver-
stehen, wenn Sie die menschliche Kopforganisation, iiberhaupt die
menschliche Organisation ins Auge fassen und verstehen, wie aus dieser
Gesamtorganisation so etwas wie die Haare hervorgeht; so mussen Sie,
wenn Sie dem Kinde Pflanzenkunde beibringen wollen, die Erde im
innigsten Zusammenhang mit der Pflanzenwelt betrachten. Man mufi
mit dem Kinde vom Boden ausgehen und eine Vorstellung davon her-
vorrufen, dafi die Erde ein Lebewesen ist; wie der Mensch die Haare
tragt, so tragt die Erde als Lebewesen die Pflanzen. Niemals die Pflanze
abgesondert vom Boden betrachten; niemals eine abgerissene Pflanze
dem Kinde als etwas zeigen, was Realitat haben soli, denn es hat keine
Realitat. Die Pflanze kann ebensowenig ohne den Boden existieren wie
das Haar ohne den Organismus. Dafi in dem Kinde im Unterricht als
Empfindung hervorgerufen wird, dafi das so ist, das ist das Wesent-
liche. Wenn das Kind das Gefiihl hat: Da ist eine so und so gestaltete
Erde, und von dieser so und so gestalteten Erde hat die Pflanze diese
oder jene Bliite -, wenn das Kind iiberhaupt das Gefiihl bekommt: Die
Erde ist ein lebendiger Organismus -, dann versetzt sich das Kind in
die wirklichkeitsgemafie, in die richtige Art zu der Erde, zu dem gan-
zen irdischen Schauplatz der Erde, wahrend das niemals der Fall sein
kann, wenn man die Pflanze abgesondert von der Erde betrachtet.
Dann wird das Kind - das konnen wir durch eine intime Beobachtung
desjenigen, was in dem Kinde heranwachst, sehen - etwa gegen das 10.
Lebensjahr fahig, iiberhaupt so etwas zu begreifen, wie ich es jetzt ab-
strakt charakterisierte. Es mufi ganz ins Bildhafte umgestaltet werden.
Wir mussen bis zu diesem Lebensjahr alles, was auf die Pflanzen, die
aus dem lebendigen Organismus der Erde hervorwachsen, Bezug hat, in
Marchen, in Bilder, ins Legendarische kleiden. Dann erst miissen wir
iibergehen zu der Betrachtung dessen, wozu notwendig ist, dafi der
Mensch sich von seiner Umgebung unterscheidet. Das Kind unterschei-
det sich bis zum 9. Lebensjahr nicht von seiner Umgebung. Es trennt
das Ich nicht vollstandig von der Umgebung. Daher miissen wir iiber
die Pflanzen so sprechen, wie wenn die Pflanzen so kleine Menschen
oder Engelchen waren, menschlich handeln und fuhlen, miissen auch
iiber die Tiere so sprechen; iiber das abgesonderte Objektive erst im
spateren Lebensalter.
Aber man darf nicht so schroff von dem einen zu dem anderen iiber-
gehen. Sondern die wahre Realitat, die lebendige Erde, aus der die
Pflanzen herauswachsen, die hat ein anderes Gegenbild: die Tierwelt.
Nicht wahr, man betrachtet sie so, dafi man das eine Tier neben das
andere stellt; die ahnlich sind, gehoren in eine Klasse, in eine Ordnung,
und so gliedert man sie nebeneinander. Man sagt hochstens noch, dafi
die vollkommeneren aus den unvollkommeneren hervorgegangen sind
und so weiter. Aber dadurch versaumt man, den Menschen in irgendein
Verhaltnis zu seiner Umgebung hineinzustellen. Schaut man unbefan-
gen die Tierformen an, dann ergibt sich sehr bald, dafi ein Unterschied
ist zwischen einem Lowen und einer Kuh. Wenn man eine Kuh an-
schaut, bekommt man sehr bald heraus: da ist in der Kuh dasjenige
einseitig ausgebildet, was wir Menschen namentlich im Verdauungs-
apparat haben; die Kuh ist ganz und gar ein Verdauungsapparat, und
die anderen Organe sind mehr oder weniger Ansatze. Daher ist es
interessant - verzeihen Sie, wenn ich das erwahne -, der Kuh beim
Verdauen zuzuschauen. Sie verdaut, wenn sie da auf der Weide liegt,
mit einem solchen Enthusiasmus, einem korperhaften Enthusiasmus, sie
ist ganz Verdauung. Sehen Sie sie nur einmal an; Sie sehen formlich,
wie die Stoffe iibergehen aus dem Magen in die anderen Korperteile.
Sie sehen es an dem Behagen, an dem Seelischen der Kuh, wie sich das
alles vollzieht. Sehen Sie dagegen den Lowen an. Haben Sie nicht das
Gefuhl: wenn das Herz nicht durch den Verstand daran gehindert
wiirde, zu schwer in die Glieder zu wirken, Ihr Herz wiirde so warm,
wie der Lowe es ist? Es ist der Lowe so organisiert, dafi er einseitig die
Brustorganisation des Menschen ausbildet; das andere ist wieder nur
Anhangsorgane. Und die Vogel: der Vogel ist eigentlich ganz und gar
ein Kopf, wenn wir ihn anschauen. Das andere ist alles verkiimmert an
ihm, er ist wirklich ein Kopf. Und so konnen wir - ich fiihre diese
etwas anschaulichen Beispiele vor, weil sie anschaulich sind - bei alien
moglichen Tieren sehen, daft sie in einer einseitigen Weise ein Stiick
Mensch verkorpern. Irgend etwas, was in der menschlichen Natur
ganz harmonisiert ist, wo immer eines so ausgebildet ist, daft es durch
das andere gemildert und harmonisiert ist, bildet sich bei dem einen
oder anderen Tier fiir sich aus. Was wiirde die menschliche Nase, wenn
sie nicht im Zaume gehalten wiirde durch die andere Organisation! Sie
finden Tiere, welche die Nasenorganisation besonders ausgebildet ha-
ben. Was wiirde der menschliche Mund, wenn er fiir sich allein wirken
wurde, wenn er nicht gemildert wiirde durch die anderen Organe! So
finden Sie immer an Tierformen die einseitige Ausbildung eines Stiickes
des Menschen.
Das hat man sogar in alter instinktiver Erkenntnis gut gewufit, nur
ist es vergessen worden in unserer materialistischen Zeit. Im Anfange
des 19. Jahrhunderts waren noch Anklange an dieses Wissen vorhan-
den; heute miissen wir neu an es herankommen. Ja, da hat zum Beispiel
Oken, der aus alter Tradition ein Gefiihl dafiir hatte, daft in jedem
menschlichen Organ eine Tierform lebe, den etwas grotesken Satz aus-
gesprochen: Was ist die menschliche Zunge? Die menschliche Zunge ist
ein Tintenfisch. Der Tintenfisch, den wir im Meer finden, ist eine ein-
seitig ausgebildete Zunge. - Aber darin lebt etwas von demjenigen, was
wirklich Wissen werden kann von dem Verhaltnis des Menschen zu der
ausgebreiteten Tierwelt. Das ist durchaus so, dafi, wenn man es aus der
Abstraktheit lost, in der ich es vorgebracht habe, wenn man es innerlich
begreift und ausgestaltet zum Bilde, es sich dann in wunderbarer Weise
an die Fabeln und Erzahlungen von Tiererlebnissen anschliefit. Haben
wir in friiheren Jahren an die Kinder Erzahlungen herangebracht, wo
Tiere so handeln wie die Menschen, so konnen wir jetzt den Menschen
aufteilen in das ganze Tierreich. Es gibt das einen wunderbar schonen
Obergang.
Wir bekommen jetzt zweierlei Gefiihle und Empfindungen in dem
Kinde. Das eine, das wir hervorrufen durch die Pflanzenwelt. Das
Kind geht iiber Wiesen, Felder und Acker, schaut die Pflanzen an und
sagt sich: Da ist unter mir die lebendige Erde, die sich auslebt in der
Pflanzenwelt, die mich entziickt. Ich sehe zu einem aufier mir Befind-
lichen, das zu der Erde gehort. Wie das Kind tief innerlich empfindet
die Zugehorigkeit der Pflanzenwelt zu der Erde, wie es dem Leben
der Wirklichkeit entspricht, so empfindet das Kind weiter tief inner-
lich des Menschen wahre Verwandtschaft zur Tierheit, des Menschen,
der aufgebaut ist wie die Harmonisierung des ganzen iiber die Erde
ausgebreiteten Tierreiches.
So nimmt das Kind Naturgeschichte auf als ein Verhaltnis seiner
selbst zur Welt, als ein Verhaltnis der lebendigen Erde zu demjenigen,
was aus der Erde heraussprolk. Es werden aufgerufen poetische Phan-
tasiegefiihle, welche in dem Kinde schlummern; da wird das Kind wahr
hineingefugt seiner Empfindung nach in das Weltall; da wird Natur-
geschichte fur dieses kindliche Alter auch zu etwas, was zu moralischen
Erlebnissen hinfuhrt.
Sie sehen, es ist schon so, daft Padagogik und Didaktik nicht in
aufleren technischen Regeln bestehen kann, sondern hervorgehen mufi
aus wirklicher Menschenerkenntnis, die dann ubergeht in ein Sich-Fiih-
len in der Welt, dafi man dieses Sich-Fuhlen in der Welt als Lehrender
und Erziehender an das Kind heranbringt.
FONFTER VORTRAG
Bern, 17. April 1924
Wenn man dieses eben fur die Erziehung mafigebendste Lebensalter
vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife verfolgt, gliedert es sich
wiederum in einzelne, ich mochte sagen, Unterepochen, und zwar so,
daft das Kind so bis gegen das 9. Jahr gar nicht in der Lage ist, sich von
der Umwelt so streng zu unterscheiden, dafi in ihm auch nur gefuhls-
mafiig Weltgefuhl und Ich-Gefiihl deutlich auseinanderfallen. In dieser
Beziehung sieht unsere heutige Zeit nicht immer richtig. Der heutige
Menschenbeobachter sieht hin auf ein Kind, das sich an einer Ecke stb'fit
und anf angt, diese Ecke zu schlagen. Da sagt der heutigen Menschenbe-
obachter: Das Kind denkt sich den Tisch, an dem es sich gestofien hat,
belebt - man redet kulturhistorisch von Animismus -, und weil das Kind
voraussetzt, dafi der Tisch belebt ist, schlagt es den Tisch. - Das ist
nicht der Fall in Wirklichkeit. Wenn man in die Seele hineirischaut,
findet man, dafi das Kind nicht den Tisch belebt, auch das Lebendige
nicht so belebt, wie man es in einem spateren Lebensalter beleben mufi;
sondern so wie das Kind in dem Arm und der Hand einfach Glieder
seines Wesens sieht, so sieht es eine Fortsetzung seines eigenen Wesens
in dem, was draufien geschieht. Das Kind unterscheidet noch nicht Welt
und sich. Und so kommt es dann, dafi man fur, ich mochte sagen, das
erste Drittel des Lebensalters zwischen Zahnwechsel und Geschlechts-
reife durchaus im Unterrichten und Erziehen darauf bedacht sein mufi,
alles so an das Kind heranzubringen, marchenhaft, legendenhaft, dafi
das Kind in allem etwas sieht, was sich gar nicht unterscheidet von dem
Eigensein, was durchaus nur eine Fortsetzung des eigenen Seins ist.
Dagegen ist gerade so zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr ein wich-
tiger Entwickelungspunkt im Leben des Kindes. Dieser Entwickelungs-
punkt kommt fur das eine Kind etwas friiher, fur das andere Kind et-
was spater; er ist von eminenter Wichtigkeit. Man wird bemerken, dafi
das Kind etwas unruhig wird, dafi das Kind mit fragenden Augen -
es kommt wirklich auf Dinge an, die man erfiihlen mufi — an die Er-
zieherautoritat herankommt; dafi das Kind Fragen stellt, die einen
frappieren gegeniiber demjenigen, was es friiher gefragt oder nicht
gefragt hat. Das Kind kommt in eine eigentumliche innerliche Lage.
Da handelt es sich vor alien Dingen darum, dafi man nicht nur, ich
mochte sagen, nach pedantisch-philistroser Art allerlei Ermahnungen
an das Kind richtet, sondern dafi man vor alien Dingen gefiihlsmaftig
wirklich sich in das Kind hineinversetzen kann. Es ist etwas im Unter-
bewufiten - selbstverstandlich im Unterbewufken, nicht so, dafi das
Kind deutlich sich vor sich selber aussprechen wiirde - in diesem Le-
bensalter beim Kinde eingetreten, das man so charakterisieren kann:
Durch und durch war bisher Wahrheit, Giite, Schonheit fur das Kind
dasjenige, was die verehrte Erzieherautoritat als wahr, gut und schon
hinstellte. Das Kind ist selbstverstandlich der Autoritat hingegeben. In
diesem Lebensaugenblick, so zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr,
kommt etwas iiber das Kind, wodurch es - nicht in Gedanken, es in-
tellektualisiert noch nicht, aber in seinem Gefiihl - die ganz unbe-
stimmte, wie im Traum verlaufende Frage aufwirft: Ja, woher hat der
Lehrer das, woher kommt ihm das; ist der Erzieher wirklich die Welt? -
Bis dahin war er es; jetzt tritt das auf : Geht nicht die Welt noch iiber den
Erzieher hinaus? - Wahrend er friiher seelisch durchsichtig war, und
das Kind durch ihn in die Welt sah, wird er jetzt immer mehr und mehr
undurchsichtig; das Kind fragt wie gefiihlsmafiig, warum etwas be-
rechtigt ist. Da mufi man durch die Art, wie man sich verhalt, taktvoll
das Richtige fur das Kind finden. Es kommt nicht darauf an, daft man
ein eingelerntes Wort zu sagen weifi, sondern daft man sich der Situa-
tion aus einem inneren Takt anzupassen weifL Wenn man so durch
ein inneres imponderables Mitfiihlen mit dem Kinde gerade in dieser
Lebenszeit das Richtige findet, bedeutet das ein Ungeheures fur die
ganze Lebenszeit bis zum Tode hin, kann man sagen. In dieser inneren
Lebenssituation im Lehrenden, im Erziehenden einen Menschen ge-
funden zu haben, von dem man das Gefiihl hat: Der redet aus den
Weltgeheimnissen heraus - das wird immer wertvoller und wertvoller.
Das gehort unbedingt zu dem Didaktischen und Methodischen.
Auf diesen Zeitpunkt tritt fur das Kind der Unterschied ein zwi-
schen Welt und Ich. Daher kann man jetzt iibergehen von der Pflan-
zenkunde, so wie ich sie gestern auseinandergesetzt habe, zu der Tier-
kunde. Betreibt man sie so, wie ich es dargestellt habe, kommt man
dem Weltgefiihl des Kindes entgegen.
Dann kommt in einer dritten Epoche, gegen das 12. Jahr hin, nach
Erreichung der Mitte des 1 1 . Lebensjahres, erst ein Verstandnis fur das,
was man das Kausalitatsgefiihl nennt. Sie konnen zu dem Kinde noch
so gescheit reden vor diesem 12. Lebensjahr, wie die Dinge ihre Ur-
sachen und ihre Wirkungen haben, das Kind ist in diesem Lebensalter
kausalitatsblind. Wie man von Farbe das Wort Farbenblindheit pra-
gen kann, so kann man das Wort pragen: Kausalitatsblindheit. Das, was
Zusammenhang hat zwischen Ursache und Wirkung, formt sich im
Menschenwesen erst nach dem 12. Lebensjahre. Daher kann man das-
jenige, was man dem Kinde beibringen soli aus dem Physisch-Minera-
lischen, insofern es iiber das Bildhafte hinausgeht und zu dem Physika-
lisch-Chemischen geht, erst beginnen zwischen dem 11. und 12. Lebens-
jahr. Da kann es erst als Physikalisch-Chemisches in den Unterricht ein-
gefiihrt werden. Es ist durchaus von Schaden, nicht von Nutzen, wenn
vor diesem Lebensalter mit dem Kinde allerlei verhandelt wird iiber
Ursache und Wirkung in der Natur.
Damit aber ist, ich mochte sagen, auch dem geschichtlichen Unter-
richt sein Methodisches zugeteilt; denn Geschichte lafk sich betrachten
auf zweierlei Arten: entweder so, dafi man die einzelnen Gestalten der
Geschichte seelisch malend, mochte ich sagen, hinstellt, Personlichkei-
ten in Bildern hinstellt. So allein ist Geschichte bis zum 12. Jahre zu er-
teilen. Alles iibrige verhartet den Menschen, macht ihn sozusagen see-
lisch sklerotisch. Reden Sie vor dem 11. Lebensjahr in der Geschichte
davon, dafi die fnihere die spatere Epoche vorbereitet durch irgend-
welche Impulse, so erzeugen Sie in dem Kinde eine seelische Sklerose.
Die Menschen, die solches beobachten konnen, werden gar vielfach
bei den nun alt gewordenen Menschen sagen konnen: dem ist in der
Geschichte viel zu friih von Kausalitat geredet worden. Und das iiber-
tragt sich sogar auch in diesem Lebensalter noch oft nach denselben
Gesetzen, die ich erortert habe, ins Korperlich-Physische. Und auch
physische Sklerose, die im hohen Alter auftritt, ist unter anderen Ur-
sachen auch auf diese zuriickzufuhren, daft im kindlichen Lebensalter
zuviel Kausalitat an das Kind herangekommen ist.
Diese Zusammenhange miissen einmal berucksichtigt werden. Und
gerade fiir solche Zusammenhange mufi sich unbedingt Verstandnis er-
geben. Sie sind eine Kulturforderung, die unsere Zivilisation wieder
zuriickfiihrt zu demjenigen, was einmal aus einer instinktiven Men-
schenerkenntnis heraus, die wir nicht mehr brauchen konnen, weil wir
im Zeitalter der Besonnenheit leben, da war. Sehen Sie, wenn wir zu-
riickgehen in fruhere Geschichtsepochen, noch in das altere Griechen-
tum, so waren da «Erzieher» und «Hei]er» Worte, die ungemein nahe
aneinander lagen, da man wufke: der Mensch ist eigentlich ein Wesen,
das bei seinem Eintritt in das irdisch-physische Leben nicht auf seiner
vollen Hohe steht; er ist ein Wesen, das erst zu seiner vollen Hohe ge-
bracht werden mufi. Es ist das das Gesunde an der Vorstellung des
Siindenfalles, dafi der Mensch eigentlich untermenschlich in das phy-
sische Erdendasein eintritt. Trate er nicht untermenschlich ein, so
brauchten wir ihn ebensowenig zu erziehen wie die Spinne, die auch
nicht erzogen zu werden braucht, um spater Netze zu weben. Beim
Menschen mufi man erst alles heranerziehen, weil er erst zum vollen
Menschen gebracht werden rau£. Und wenn das richtig so beurteilt
wird, dafi man den Menschen eigentlich physisch, seelisch und geistig
erst zum Menschen hinfuhren mufi, dann sieht man auch ein, da!5 das
nach denselben Gesetzen geschehen mufi, nach denen man eine abnorm
wirkende Menschennatur wiederum in das richtige Gleis bringen mufS.
Heilen den Menschen, der nicht die voile Menschlichkeit, sondern die
geschadigte Menschlichkeit an sich tragt, ist eine ahnliche Tatigkeit
wie das Erziehen. Erst wenn man die Verwandtschaft, die naturhafte
und die spirituelle Verwandtschaft zwischen beiden wiederum einsieht,
wird man die Padagogik in der richtigen Weise durch eine ethische
Physiologie befruchten konnen.
Es ist merkwiirdig, wie spat erst, aber auch wie grundlich solche
Vorstellungen verlorengegangen sind; so dafi Sie zum Beispiel bei Her-
der noch nachlesen konnen: in Herders, also im 18. Jahrhundert ge-
schriebenen «Ideen zur Philosophic der Geschichte der Menschheit»
f inden Sie mit einer wahren inneren Hingabe geschildert, was man alles
fiir die Betrachtung der inneren Menschenwesenheit an der Krankheit
lernen kann. "Wenn der Mensch krank wird, so ist das ein Eingriff in
den normalen Fortgang seines Wesens, und die Art, wie er krank wird,
wie er wiederum aus der Krankheit herauskommt, fiihrt einen hinein
in die Gesetze der Menschennatur. Und Herder ist eigentlich ganz ent-
ziickt, nicht nur von physischen, sondern sogar von Geisteskrankheits-
fallen zu lernen fur das innere Gewebe der menschlichen Wesenheit.
Da ist noch ein deutliches Bewufitsein vorhanden von dieser Zusam-
mengehorigkeit von Medizin und Padagogik. So nahe liegen uns die
Zeiten noch, wo die alten Prinzipien: Du mufit den Menschen, der
eigentlich krank, weil siindhaft, in die Welt tritt, heilen, das heifit, er-
ziehen wo dieses Prinzip noch da ist. Gewift, es ist da radikal, extrem
ausgedriickt, aber es liegt dem etwas Gesundes zugrunde. Das mufi wie-
derum als eine Kulturforderung erkannt werden, damit dieses griind-
liche Verabstrahieren, das auch iiber die Padagogik gekommen ist, auf-
hore, und dafi man tatsachlich iiber solche Dinge hinwegkomme, wie
ich sie in der Praxis erfahren habe.
Ich mufite da kurzlich in der Waldorfschule einen Mann herum-
fiihren, der sogar eine leitende Stellung auf dem Gebiete der Padago-
gik hat. Wir besprachen auch manche Individualitaten einzelner Schil-
ler; und da fafke dieser Mann das, was er beobachtet hat, in merk-
wurdiger Weise zusammen. Er sagte: Wenn das aber so werden soli,
dann miifiten die Lehrer Medizin studieren. - Ich sagte, man kann
doch so gar nicht urteilen. Wenn es notwendig ist, eine gewisse Summe
von medizinischer Kenntnis der Padagogik einzufugen, dann mufi es
eben geschehen. Man kann doch unmoglich aus irgendwelchen tradi-
tionellen Griinden heraus sagen, das miifite sein. Es mufi geschehen, es
mufi eine Kulturforderung werden, dafi in der Tat Kulturmedizin und
Kulturpadagogik einander in die Nahe gebracht werden, sich gegen-
seitig befruchten. All die Dinge, die gerade heute gefordert werden
mussen, sind in vieler Beziehung recht unbequem, aber schliefilich ist
auch das Leben nach und nach recht unbequem geworden, und es zu
heilen, wird auch schon eine recht unbequeme Sache werden.
So handelt es sich darum, dafi man die eigentliche mineralisierende
Betrachtung erst zwischen dem 11. und 12. Lebensjahr aufnimmt, auch
das Geschichtliche so unterrichtet, dafi man Bildhaftes gibt bis in dieses
Lebensalter, und dafi man dann erst anfangt, auf das Ursachliche und
das Wirkende in der Geschichte einzugehen durch die zusammenfas-
sende geschichtliche Betrachtung, und Oberblicke erst zwischen dem 1 1 .
und 12. Lebensjahr gewinnen lafit. Man wird iiberall die Richtigkeit
dieser Methodik daran ablesen konnen, dafi, sobald man die Vorgange
in kausaler Betrachtung zu frtih an die Kinder heranbringt, sie einem
gar nicht zuhoren; wenn man es aber im richtigen Momente tut, dann
kommt einem die innerliche Freude, das innerliche Dabeisein des Kin-
des entgegen.
Eigentlich kann man ohne dieses innerliche Dabeisein gar nicht er-
ziehen und unterrichten. Uberall wird es sich aber darum handeln, dafi
bedacht wird, wie der Mensch so erzogen werden mufi, dafi man sich
bewufit wird, wie man ihn mit der Geschlechtsreife eigentlich ins Le-
ben entlafit. Denn auch bei denjenigen Kindern, die dann junge Damen
und junge Herren werden und auf hohere Schulen iibergefiihrt wer-
den - auf der Waldorfschule haben wir die Einrichtung, daft wir iiber
die Volksschulklassen hinaus die Kinder bis zu der Hochschulreif e fuh-
ren, wir unterrichten in 12 Klassen bis zum 18., 19. Lebensjahr und
daruber -, mufi man sich durchaus bewuftt sein, daft man nach der Ge-
schlechtsreife Menschen vor sich hat, die eben ins Leben entlassen sind,
denen man gegeniibersteht in ganz anderer Weise als in der vorher-
gehenden Lebensepoche. Denn der Mensch mufi moglichst so erzogen
werden, dafi das Intellektuelle, das mit der Geschlechtsreife erwacht,
in der eigenen Menschenwesenheit seine Nahrung finden kann. Hat
der Mensch vorher durch Nachahmung, auf Autoritat hin, in der Bild-
haftigkeit einen innerlichen Reichtum aufgenommen, dann wird das,
was er so aufgenommen hat, sich intellektualistisch umwandeln lassen,
wenn er die Geschlechtsreife erlangt hat. Er wird immer davor stehen,
dasjenige jetzt zu denken, was er vorher gewollt und gefiihlt hat. Und
dafi dieses intellektualistische Denken ja nicht zu friih eintritt, dafiir
ist eigentlich im Unterricht und in der Erziehung auf das griindlichste
zu sorgen. Denn der Mensch kommt nicht zu einem Freiheitserlebnis,
wenn man es ihm eintrichtern will, sondern nur dadurch, dafi es in
ihm selber erwacht. Aber es darf nicht in seelischer Armut erwachen.
Wenn der Mensch nichts vorher durch Nachahmung und Nachbil-
dung in sich aufgenommen hat, so dafi es heraufgenommen werden
kann aus den Seelentiefen in das Denken, dann will der Mensch im
geschlechtsreifen Alter im Denken sich entfalten, und die Folge davon
ist, dafi er, wenn er nichts aufgenommen hat in Nachahmung und Bild,
auch nichts findet, woran er sich entfalten kann, gewissermafien ins
Leere greift mit dem Denken. Das gibt ihm Haltlosigkeit, das bringt
ihn dazu, in jenem Lebensalter, wo er eigentlich schon in sich bis zu
einem gewissen Grade gefestigt sein miifke, sich in allerlei Allotria ein-
zulassen, dies und jenes nachzumachen, sich zu gefallen, nachzuahmen
in den Riipel- und Flegeljahren dasjenige, was ihm gerade gefallt -
meist ist es etwas, was den anderen, die eben auf die Nutzlichkeit des
Lebens ausgehen, nicht gefallt — , das nachzuahmen, weil er als Kind
nicht im richtigen Nachahmen lebendig gehalten worden ist. So sehen
wir viele nach der Geschlechtsreife herumlaufen, da oder dorthin sich
anlehnend und damit das innere Freiheitserlebnis betaubend.
In jedem Lebensalter mufi eben durchaus darauf gesehen werden,
daft man nicht blofi fur dieses Lebensalter erzieht, sondern fur das
ganze irdische Menschenleben, ja noch dariiber hinaus. Denn die schon-
ste Art, zunachst an die unsterbliche Menschenwesenheit heranzukom-
men, ist die, nun selber zu erfahren nach der Geschlechtsreife, wie das-
jenige, was durch Nachahmung in Bildern sich in die Seele ergossen
hat, jetzt der Seele selber sich emanzipiert in den Geist herauf, und zu
fiihlen, wie es iibergeht aus dem zeitlichen Wirken in das ewige Wir-
ken, das dann durch Geburt und Tod geht. An diesem Heraufkom-
men desjenigen, was in richtiger Weise durch die Erziehung in die Men-
schenseele sich ergossen hat, erlebt man die Unsterblichkeit, denn man
erlebt vor alien Dingen deutlich durch Erfahrung, daiS man etwas war,
bevor man in die physische Welt heruntergestiegen ist. Und mit dem,
was man war, bevor man in die physische Welt heruntergestiegen ist,
verbindet sich das, was auftritt aus dem religios Nachgeahmten und
bildhaft Aufgenommenen; so kommt man heran im Erleben an den
Unsterblichkeitskern. Kern der Unsterblichkeit sage ich aus der heu-
tigen Sprachgewohnheit heraus, weil wir auch da, wo noch an der
Unsterblichkeit festgehalten wird, nur die Halfte der Sache haben. Wir
reden heute nur aus gewissen egoistischen Gefiihlen heraus von der ja
richtig vorhandenen Unsterblichkeit, das heilk von der Tatsache, daft
wir durch den Tod nicht zugrunde gehen, sondern weitergehen; aber
wir reden nicht von der anderen Seite, von der Ungeborenheit. Die
alten, instinktiv Erleuchteten hatten noch diese beiden Seiten der Ewig-
keit: die Unsterblichkeit und die Ungeborenheit. Erst wer beides ver-
steht, versteht die Ewigkeit. Diese Ewigkeit wird erlebt, wenn in rich-
tiger Weise erzogen wird. Und da steht man wiederum vor einer Tat-
sache, wo der Materialismus nicht seiner theoretischen Seite nach be-
trachtet werden sollte.
Ich habe schon angedeutet: Dafi allerlei Monisten herumschwirren
und allerlei materialistische Theorien verbreiten, kann schlimm sein.
Aber das ist nicht das Schlimmste. Das am wenigsten Schlimme ist das,
was die Leute blofi denken; das Schlimmste ist das, was sich ins Leben
selber hineinergiefit, was Leben wird. Und da das materialistische Den-
ken auch die padagogische Kunst ergriffen hat, so wird eigentlich doch
so erzogen, daft dieses Heraufholen des zeitlich durch die Erziehung
Erworbenen ins Ewige von den Menschen nicht erlebt werden kann.
Dadurch verlieren sie den Zusammenhang mit ihrem ewigen Teil. Men-
schen, die richtig erzogen werden, denen konnen Sie auf materialistische
Art noch soviel Materialismus predigen, sie werden dadurch nicht sehr
stark beriihrt werden, denn sie werden sagen: Ja, ich sptire ja, dafi ich
unsterblich bin; du hast leider das ubersehen mit deinen Beweisen. -
Es kommt iiberall darauf an, dafi nicht blofi das Denken, sondern dafi
das Leben erfafit wird. Und dafi man heute so viel gibt auf Theorien,
auf Weltanschauungen, die mit Begriffen und Ideen verbreitet werden,
das ist, so paradox es klingt, ein Anzeichen, ein Symptom fur den Ma-
terialismus unseres Zeitalters. Denn eine wirkliche Geistanschauung
kommt nicht vom Materiellen ab. Sehen sie nur einmal an, wenn Sie
sich genauer einlassen auf Anthroposophie, wie eingreift die Anthro-
posophie in die Psychologie, in die Physiologie, wie sie da von den
materiellen Dingen und Vorgangen redet bis ins einzelne hinein. In
ganz anderer Weise redet anthroposophische Physiologie von der Ta-
tigkeit der Leber, der Milz, von der Tatigkeit der Lunge, als die heu-
tige abstrakte Physiologie, die glaubt, die Tatsachen zu beobachten,
aber eben diese Tatsachen so berucksichtigt, wie etwa irgendein Mensch
die Tatsache berucksichtigt, der einen Magnet findet. Er findet diesen
Magnet zusammen mit einem anderen, der weifl, was ein Magnet ist;
er weifi es nicht, weift nicht, dafi da Krafte drinnen sind, die verborgen
sind. Er sagt sich: Das nehme ich mit, das ist das richtige Hufeisen fur
ein Pferd. - Der andere sagt: Das kann man nicht als Hufeisen ver-
wenden, das ist ein Magnet. - Da lacht er daruber. So lachen die Men-
schen heute, die aus der Naturwissenschaft heraus kommen, wenn man
ihnen aus geistigen Untergriinden von Leber, Milz, Herz und so weiter
redet; wenn man ihnen sagt, dafi da drin Spirituelles lebt. Aber wer
daruber lacht, hat auch nicht die Moglichkeit, sich in die stoffliche, in
die materielle Wirklichkeit hinein zu vertiefen. Und das Schlimme in
dem Materialismus ist gar nicht, dafi er den Geist nicht versteht; das
wird sich spater ausgleichen. Das Schlimme ist, dafi er nichts weift
von der Materie und ihrer Wirkungsweise, weil er den Geist in der
Materie nicht findet. Niemals war ein Zeitalter unwissender iiber die
Materie im Menschen als unser Zeitalter, weil man dieses Materielle
im Menschen nicht finden kann, ohne auf das Geistige einzugehen.
Und so mochte man sagen: Im Leben zeigt sich gerade das falsche Ma-
terialistische der Erziehung dann, wenn der Mensch nicht kann in sich
sein ewiges Teil spu'ren, einfach innerlich erfahren. Er wird es erfah-
ren, wie der Tod ein Ereignis ist im Leben, nicht ein Ende des Lebens,
wenn er nur methodisch richtig erzogen wird, das heifit, wenn die
Grundsatze der Erziehung abgelesen werden aus der Menschennatur
selber. Dann aber kommt man dazu, das ganze Verhaltnis des Erzie-
hers zum Kinde, zum spateren jungen Menschen so aufzufassen, daft
man weifi: da wirkt nicht blofi die Auflerlichkeit, da wirken eben - fur
das ganz kleine Kind habe ich das schon erortert - Imponderabilien, da
wirkt Unwagbares und Unanschaubares.
Das mufi man beriicksichtigen, wenn es sich um so etwas handelt,
wie da auch bei einer Frage gesagt worden ist, um die Strafe als Erzie-
hungsmittel. Nicht wahr, da kann es sich nicht wiederum darum han-
deln: soli man strafen oder soli man nicht strafen. Wie will man ge-
wissen Dingen, die die Kinder ausfressen, beikommen, wenn man etwa
die Strafen ganz abstellt? Das ist eine, ich mochte sagen, ganz indivi-
duelle Frage, ob man strafen soil oder nicht, Es gibt Kinder, denen
kommt man mit ganz etwas anderem bei als mit Strafe, und es gibt
Kinder, denen kommt man iiberhaupt nicht bei ohne Strafe. Nur wird
immer die Art des Strafens schon ein wenig abhangen davon, ob der
Lehrer dieses oder jenes Temperament hat. Man mufi sich klar dariiber
sein, daft man es mit Menschen zu tun hat, nicht mit Schnitzereien eines
Bildhauers; man mufi ihre Wesenheit beriicksichtigen. Aber auch die
Kinder miissen da beriicksichtigt werden. Und man braucht eigentlich
gar nicht so viel zu reden, ob manchmal ein Klaps mehr oder weniger
verabreicht werden soil. Da kommt das Wie viel mehr in Betracht
als das Was. Alles handelt sich darum, dafi nur eine Strafe, die ver-
hangt wird in voller Besonnenheit, in voller innerer Ruhe des Lehrers,
eigentlich wirkt, wahrend, wenn sie erteilt wird aus der Zornmiitig-
keit des Lehrers heraus, sie gar nicht wirken kann. Da kann der Lehrer
durch Selbsterziehung natiirlich ungeheuer viel machen. Sonst kann
es so kommen, dafi, wenn ein Kind einen Klecks gemacht hat, der Leh-
rer wiitend wird und das Nachbarkind anfangt auszuzanken, das auch
uber dieses Kind wiitend geworden ist: Du sollst nicht gleich wiitend
werden! - Da sagt das Kind: Es werden ja auch erwachsene Menschen
wiitend, wenn ihnen Unannehmlichkeiten begegnen. - Sagt der Leh-
rer: Wiitend darfst du nicht werden, sonst schmeifie ich dir das Tinten-
fafi an den Kopf. - Wenn in dieser Weise gestraft wird aus der Zorn-
miitigkeit heraus, dann kommt endlich auch das zustande, was einmal
in einer Erziehung da war: Eine Erzieherin kam unter ihre zu erzie-
henden Kinder, die ein mafiiges Alter noch hatten. Die Kinder spielten.
Die Erzieherin sagte: Aber was macht ihr da fur einen Krakeel, was
treibt ihr da, warum seid ihr denn so laut, warum schreit ihr denn so
viel? - Bis dann ein Kind sich aufraffte und sagte: Sie sind ja die ein-
zige, die schreit. - Es kommt durchaus darauf an, dafi die Seelenverfas-
sung des Strafenden, des Ermahnenden im Strafen und im Ermahnen
die allergrofite Rolle spielt. Daher kann sogar die Vorsicht angewen-
det werden, wenn das Kind etwas ausgefressen hat: zunachst es igno-
rieren vor dem Kinde, eine Nacht dariiber schlafen. Am nachsten Tage
wird die Sache vorgenommen. Dann ist bei dem Erzieher mindestens
die notige innere Ruhe eingetreten. Da wird - ob eine Ermahnung oder
eine Strafe eintreten soil - unter alien Umstanden eine richtigere Wir-
kung erzielt werden, als wenn die Sache in Zornmiitigkeit erledigt wor-
den ware. GewifS, auch das hat seine Schattenseiten, aber man mu&
bei den Dingen abwagen und nicht in Einseitigkeit verfallen.
Nun sieht man, daft bei einer solchen Erziehungs- und Unterrichts-
methode, wie diejenige ist, die auf anthroposophischen Voraussetzun-
gen beruht, das Lebensalter sozusagen gelesen werden muE. Man mull
im Menschen mehr sehen, als man heute im naturwissenschaftlichen
Denken sehen will. Gewifi, dieses naturwissenschaftHche Denken hat
wunderbare Fortschritte gemacht, aber gegeniiber der Menschennatur
ist es so, als ob man eine Schrift vor sich hatte und nun die Buchstaben
beschreibt. Es ist auch niitzlich, die Buchstaben zu beschreiben, ist auch
schon, aber darauf kommt es nicht an; man mufi lesen. Es handelt sich
darum, dafi man nicht nach heutiger Methode die einzelnen Organe
und ihre seelischen Verrichtungen beschreibt, sondern dafi man im
Menschen lesen kann. Aber dieses Lesen verhalt sich bei dem Lehrenden
und Unterrichtenden so: Ja, sehen Sie, wenn jemand ein noch so inter-
essantes Buch in die Hand nimmt und kann nicht lesen, sondern nur
die Buchstaben betrachtet, wird er nicht sehr stark zu innerer Regsam-
keit aufgeriittelt werden. Denken Sie, wenn einer irgendeinen ganz
interessanten Roman in die Hand nimmt und bloft die Buchstaben be-
schreiben kann: es wird nichts in ihm vorgehen. So geht nichts fiir die
padagogische Kunst in dem Menschen vor, wenn er nur die einzelnen
Organe, die Seelenglieder beschreiben kann. Wenn er lesen kann, wird
jedes Kind zu einer seelischen Lekture fiir den Erzieher. Und dieses
zu einer seelischen Lektiirewerden kann auch bei ganz groften Klassen
durchaus noch eintreten. Und wenn das so ist, f indet man einfach durch
den inneren Takt heraus: Vor dem 9. oder 10. Lebensjahr wird das
Kind noch nicht Welt und Ich unterscheiden konnen, wird es auch nicht
von sich aus Aufsatzartiges schreiben konnen. Es wird eigentlich nur
das hochstens wiedergeben konnen, was ihm in marchen- oder legen-
denhafter Art vorgebracht wird. Erst nach diesem Lebensalter kann
man langsam anfangen, an das Kind heranzukommen in Bildern und
Gedanken, iiber die man es dann frei Erdachtes, Erfiihltes aufschrei-
ben laik. Aber jene innere Gedankenstruktur, welche notwendig ist,
um zum Aufsatz iiberzugehen, die liegt eigentlich wiederum erst gegen
das 12. Jahr hin. So dafi es sich erst da darum handeln kann, zu Auf-
satzartigem uberzugehen. Beginnt man dieses zu friih - ich bespreche
das, weil eine diesbeziigliche Frage vorliegt -, ist das wiederum so, daft
man das Kind jetzt nicht zu seelischer Sklerose, wohl aber zu seelischer
Rachitis bringt, zu einer innerlichen Untiichtigkeit und Schwachlich-
keit im spateren irdischen Lebensalter.
Eben nur, wenn man wirklich auf den Menschen eingehen kann so,
daft man eine individuelle Menschenerkenntnis in jedem einzelnen
Falle hat, nur dann kann man so erziehen und unterrichten, daft der
Mensch sich in der entsprechenden richtigen Weise auch sozial einzu-
fiigen weift in die Welt, der er doch angehort, in die er sich immer
mehr und mehr, immer tiefer und tiefer einleben muft, so lange er auf
Erden weilt; dann wird das Hineinleben auch nach dem Tode in der
richtigen Weise geschehen konnen, denn dort ist es Lebensbedingung
in der geistigen Welt, die jenseits des Todes liegt. Der Mensch ver-
hartet sich, wenn er nicht die Moglichkeit aufnimmt, Menschen mensch-
lich zu begegnen, verhartet sich fur dasjenige Leben, das ihn nach dem
Tode treffen wird. Das ist wiederum eine der Schattenseiten unseres
Zeitalters, daft eigentlich die Menschen die Moglichkeit verloren ha-
ben, den Menschen menschlich richtig zu begegnen. Dieses liebevolle
Sich-Einfiihlen in den anderen Menschen, das ist heute nicht vorhan-
den. Man kann es schon daran sehen, daft so viel geredet wird von so-
zialen Forderungen. Warum wird von sozialen Forderungen so viel
geredet? Weil die sozialen Selbstverstandlichkeiten, das miterlebende
Fiihlen mit den Menschen so stark verloren worden ist. Wenn starke
Forderungen in einem Zeitalter auftreten, so sollte man an diesen star-
ken Forderungen immer sehen, was den Menschen fehlt in diesem Zeit-
alter, was sie nicht haben; denn das fordern sie. Soziales Leben fehlt,
deshalb tritt die soziale Ideee in einer so vehementen Weise in diesem
Zeitalter auf. Aber dieses Erziehen auf das Soziale ist dasjenige, was
vielfach unberuhrt geblieben ist, trotzdem es vielfach zur Sprache ge-
bracht worden ist von sehr erleuchteten Geistern. Das ist dasjenige,
was doch immer mehr und mehr in den Hintergrund getreten ist. In
vieler Beziehung gehen heute die Menschen als Erwachsene verstand-
nislos aneinander vorbei. Es ist jammerschade, ist jammervoll, wie
die Menschen heute verstandnislos aneinander vorbeigehen. Man kann
heute Gemeinschaften finden, die das oder jenes miteinander zu leisten,
zu tun haben, die jahrelang schon miteinander arbeiten - die Menschen
kennen sich in Wirklichkeit gar nicht, wissen gar nicht, wie der andere
in seinem Inneren beschaffen ist, weil nicht herangewachsen ist das le-
bendige Interesse, die lebendige Hingabe, das lebendige Mitfuhlen mit
dem anderen Menschen. Das abertritt auf, wenn man im rechtenLebens-
alter das Nachahmungs- und entsprechend das Autoritatsprinzip hin-
einergossen hat in alle Zweige des Unterrichts und des Erziehens. Und
dieses soziale Fiihlen, dieses Verstandnis fur den anderen Menschen,
es ist innig davon abhangig, ob man einen Sinn hat fur das Geistige in
der Welt.
Es gab ein Zeitalter, in dem hat der Mensch wenig gewufit von
der Erde; die Werkzeuge, deren er sich bedient hat, waren einfach und
primitiv. Die Art und Weise, wie er kiinstlerisch die Dinge nachgebildet
hat, war manchmal geistreich, aber aufierordentlich primitiv. Wir le-
ben in einem Zeitalter, wo der Mensch komplizierte Werkzeuge zur
Beherrschung der Natur hat, wo der Mensch die geringsten, minuzio-
sesten Kleinigkeiten minuziosest nachahmt in Kunstwerken und so wei-
ter. Aber dasjenige, was heute fehlt, ist das Hineinleben in den Geist
der Natur, in den Geist des Kosmos, in das Ganze des Weltenalls. Das
mufi wieder errungen werden.
Vor alien Dingen schauen wir im Astronomischen nicht mehr hin-
ein in die Menschenzusammenhange mit dem Weltenall. Wenn man
eine Pflanze ansieht: sie wurzelt in dem Boden, kommt aus dem Keim
heraus, entfaltet wieder die ersten Blatter, wiederum den Stengel, ent-
faltet die weiteren Blatter, die Bliite, zieht sich wiederum in dem Sa-
men zusammen, Goethe hat das beschrieben, indem er sagt: An der
Pflanze findet statt Ausdehnung in die Weite, Entfaltung, Dehnung
und wieder Zusammenziehung. - Goethe konnte noch nicht weit ge-
nug gehen. Er beschrieb dieses Ausdehnen und Zusammenziehen der
Pflanze. Er konnte nicht bis zu dem Punkte kommen, wo ihm aufge-
gangen ware, warum das so ist: das Pflanzenwachstum ist ausgesetzt
den Mondenkraften und den Sonnenkraften. Immer wenn Sonnen-
krafte wirken, dehnt sich die Pflanze aus, entfaltet in die Weiten die
Blatter; immer wenn Mondenkrafte wirken, zieht sich das Pflanzen-
leben zusammen, entfaltet den Stengel oder auch den Samen, in dem
das ganze Pflanzenleben wie in einem Punkte zusammengezogen ist.
Und so konnen wir, wenn wir im Goetheschen Sinne sehen Ausdehnung
und Zusammenziehung, darin den Wechsel von Sonnen- und Monden-
kraften sehen, und wir werden hinausgefiihrt in die Weltenweiten, in
das Kosmische. Und sehen wir in der Pflanze, wie die Sterne wirken,
so losen wir uns los von dem Haftenbleiben an dem Aufterlichen.
Indem so Sonnen- und Mondenkrafte auf die Pflanzen wirken, wir-
ken sie in noch komplizierterer Weise auf das Menschenwesen ein. Man
bekommt wiederum eine Vorstellung davon, wie der Mensch nicht nur
ein Erdenburger, sondern ein Burger des Kosmos ist. Heute weifi der
Mensch, daft er Kohl ifit, Wildbret ifit, daft er dieses oder jenes trinkt,
daft er mit den irdischen Dingen in Zusammenhang lebt, daft diese
weiter ihr Wesen in ihm treiben. Er weift das noch, da er die Dinge
wahrnimmt. Aber er weift nicht, wie er zusammenhangt mit Sternen-
welten auf geistig-seelische Art, wie im Mondenhaften zusammenzie-
hende Krafte sind, im Sonnenhaften Ausdehnungskrafte, wie sich diese
mehr oder weniger richtig im Menschen die Waage halten, wie im Mon-
denhaften die melancholischen Seelenanlagen wurzeln, im Sonnenhaf-
ten die sanguinischen Seelenanlagen, wie ein harmonischer Ausgleich
stattfindet durch kosmische Wirkungen.
Das im einzelnen zu verfolgen, beeintrachtigt ebensowenig die An-
schauung der Freiheit, wie es auf der anderen Seite irgendwie zur
Phantastik fuhrt. Denn das alles kann so exakt angeschaut werden wie
das Mathematische; nur bleibt das Mathematische abstrakt, aber wahr;
dieses aber fuhrt den Menschen dahin, daft er seine geistige Nahrung
nimmt von dem, was das Heer der Sterne erstrahlt. Das wird im Men-
schen zur Kraft, zur Impulsivitat. Indem der Mensch sich so mit dem
Geiste des Weltenalls verbindet, wird er ein ganzer Mensch und be-
kommt Impulse, an den Menschen nicht mehr blofi verstandnislos vor-
beizugehen, sondern als Mensch den Menschen zu f inden. Je mehr man
bloft den Stoff beschreibt und die Stoffbeschreibung auf den Menschen
anwendet, desto mehr vereist man das seelische Leben; je mehr man
mit dem Geiste sich verbiindet, desto mehr geht einem auch das Herz
fiir die Menschen auf. So begriindet sich durch eine Erziehung, die
das Geistige im Menschen finden lafit, Menschenliebe, Menschenmit-
gefiihl, Menschendienst im rechten Sinne des Wortes.
Aber wie alles zugleich Anfang und zugleich Ende ist im Organis-
mus, so auch im ganzen Geisteswesen. Man kann die Welt nicht er-
kennen, ohne dafi man Menschenkenntnis iibt, in den Menschen sel-
ber hineinschaut. Denn der Mensch ist ein Spiegel der Welt; im Men-
schen sind alle Geheimnisse des Weltalls enthalten. Im Menschen wir-
ken die ruhenden Fixsterne, im Menschen wirken die sich bewegenden
Planeten, wirken die Elemente der Natur. Menschenerkenntnis, im
Menschen das Wesentliche schauen, heifit zugleich, sich in richtiger
Weise in die Welt hineinfinden. Daher soil, ich mochte sagen, wie eine
goldene Regel durch alles Erziehen und Unterrichten durchgehen, wie
belebend alles, was der Erziehende und Unterrichtende gegeniiber den
zu Erziehenden und zu Unterrichtenden vornimmt - ein dieses Bele-
bendes, etwas ahnlich Belebendes, wie das Blut im physischen Sinne
den physischen Organismus belebt: so soil aus einer durchgeistigten
Weltanschauung heraus seelisches Lebensblut in die Seele des Erziehers
iibergehen. Dann wird er im Leben dieses seelische Lebensblut in Me-
thodik und Didaktik ganz einpragen, und diese werden dann nicht in
abstrakten Prinzipien vorzubringen sein. Dann wird etwas leben in
dem Erzieher, das ich umschreiben mochte mit den Worten, die ich am
Schlusse aussprechen mochte wie eine Art Lebenserziehung:
Dem Stoff sich verschreiben,
Heifk Seelen zerreiben.
Im Geiste sich finden,
Heilk Menschen verbinden.
Im Menschen sich schauen,
Heifit Wei ten erbauen.
FRAGENBEANTWORTUNG
nach dem Vortrag vom 15. April 1924
Fragc: Sind krankmachende Wirkungen von Erzichungsfehlern im Erwachsencn-
alter zu iiberwinden?
Gewifi kann der Erwachsene Krankheitskeime, die ihm in der Kind-
heit anerzogen worden sind, iiberwinden; aber es handelt sich doch
eigentlich darum, daft diese Arbeit dem Erwachsenen erspart werden
kann, wenn man eben richtig erzieht. Naturlich ist es etwas anderes,
wenn man, sagen wir, in der Kindheit so erzogen wird, daft auf dem
Umweg durch das Seelische zum Beispiel Gichtkeime in den Menschen
gelegt werden. Wenn man nicht gichtig wird, kann man etwas anderes
tun, als sich der Gicht widmen in den Vierzigerjahren. Das ist gewift
angenehmer! Man betrachte nur diejenigen Menschen, die an solchen
Dingen leiden, was alles sie damit zu tun haben! Naturlich mufi dann
alles dasjenige getan werden, was diese Dinge beseitigen kann - aber
die eigentliche padagogische Frage beriihrt das ja nicht. Es scheint mir,
daft es von vornherein unbedingt einleuchten mufi, daft, wenn man
seelisch und geistig die Zusammenhange erkennt, man so erziehen mufi,
daft der Korper durch die Erziehung zu solchen Anlagen nicht kommt.
Dasjenige, was so keimhaft veranlagt ist, mufi, wenn es ausbricht in
einem spateren Lebensalter, dann naturlich physisch-therapeutisch ge-
heilt werden, und man sollte nicht allzuviel halten von seelisch-geisti-
gen Kuren, die im hohen Alter angewandt werden. Es gehort viel dazu;
insbesondere solche Keime, die so grundlich im Organismus sitzen, wie
die durch die Erziehung aufgenommenen, sind aufterordentlich schwer
auszumerzen, obwohl sie wie alles Krankhafte bekampft werden sollen.
Frage: Hat das Kind keine Krafte des Ausgleiches in sich gegen die Schadcn der
Erziehung?
Die hat es schon in sich. Gerade in einer sachgemafien Schule wer-
den solche Krafte des Ausgleiches wirklich entwickelt. Die Keime kon-
nen aufgehen, mussen es aber nicht. Diese Krafte miissen aber in Wirk-
lichkeit aus den Anlagen des Kindes hervorgerufen werden.
Frage: Wie sind Linkshander in das Schreiben einzufuhren?
Bei einem Linkshander ist es schon notwendig, daft man versucht,
moglichst viel dazu zu tun, ihn in einen Rechtshander umzuwandeln.
Nur wenn man sieht in der Praxis, daft es gar nicht gelingt, mufi man
natiirlich mit der Linkshandigkeit fortarbeiten. Aber das einzig wiin-
schenswerte ist, solche Linkshander in Rechtshander umzuwandeln;
und das wird im wesentlichen ganz besonders mit Bezug auf das Schrei-
ben, das zeichnende Schreiben meistens gelingen. Es ist im allgemeinen
natiirlich notwendig, daft man ein solches Kind, das man versucht, vom
Linkshandigen zum Rechtshandigen uberzufuhren, sehr stark beob-
achtet; beobachtet namentlich, wie sehr leicht in einem gewissen Sta-
dium, wenn man eine Zeitlang Anstrengungen gemacht hat, um die
Linkshandigkeit in Rechtshandigkeit uberzufuhren, da gewisse Ideen-
fliichtigkeiten eintreten; daft das Kind auch unter Umstanden wegen
zu schnellen Denkens sich fortwahrend im Denken ins Stolpern bringt,
und dergleichen. Das muft man sorgfaltig beachten und dann gerade
die Kinder aufmerksam machen auf solche Dinge, weil es viel wesent-
licher ist fur die Entwickelung des ganzen Menschen, wie dieser Zu-
sammenhang ist zwischen Arm- und Handentwickelung und Sprach-
zentrumentwickelung, als man gewohnlich denkt; und vieles andere
hat darauf einen Einfluft, ob ein Kind links- oder rechtshandig ist.
Frage: Ist es empfehlenswert, Kinder von 10 bis 12 Lebensjahren in der Spiegel-
schrift sich uben zu lassen?
Warum es eigentlich irgend empfehlenswert sein soli, einem Kinde
von 10 bis 12 Jahren in Spiegelschrift Schreiben und Lesen beizubrin-
gen, ist mir nicht verstandlich, Ich kann nicht annehmen, daft das aus
irgendeiner Ecke des Lebens heraus irgend wiinschenswert sein sollte.
Die Sache ist so, daft wenn man zum geistigen Schauen aufsteigt, so
bekommt man in der Regel fur alles dasjenige, was noch wie eine Nach-
wirkung aus dem physischen Leben da ist, ein Spiegelbild. Es ist durch-
aus so, daft wenn man hinauftragt in die geistige Welt ein Geschrie-
benes, so hat man oben ein Spiegelbild. Nehmen wir ein Beispiel: Je-
mand versuchte - ich will iiber diese Dinge ganz frank und frei spre-
chen - sich an eine Menschenwesenheit, die durch den Tod gegangen
ist, an eine post mortem lebende Personlichkeit zu wenden, und zu
dem, was man da erlebt mit dieser Personlichkeit, hatte man notig
irgendein Geschriebenes aus dem physischen Leben zum Vergleichen.
Dann erscheint diese Schrift, die man sonst kennt, so wie sie geschrie-
ben ist, so, wie wenn man sie in Spiegelschrift durchlesen wiirde. Es
iibersetzt sich das physisch in normaler Weise Geschriebene, wenn man
ins Geistige hiniiberschaut, in das Spiegelbild seiner selbst. Wiirde man
einem Kinde kunstlich Spiegelschrift beibringen, so wiirde man sehr
viel tun, um das Kind erdenfremd zu machen, vor alien Dingen, urn
es f remd des Gebrauches seines Kopf es zu machen. Das sollte man nicht
tun; es konnte das unter Umstanden enden mit bedeutsamen seelischen
und geistigen Storungen. Gerade die anthroposophische Erziehungs-
kunst ist darauf bedacht, die Menschen nicht hinaufzufiihren in Wol-
kenkuckucksheime, sondern sie auf das physische Leben vorzubereiten.
Herausreifien konnte das Kind aus dem physischen Leben eine solche
Mafinahme, es Spiegelschrift schreiben und lesen zu lehren.
Frage: Warum ist die Schreibrichtung in den europaischen Sprachen von links
nach rechts, im Hebraischen von rechts nach links, im Chinesischen von oben
nach unten?
Was die Anordnung der Schrift betrifft, Schreiben von links nach
rechts und so weiter, so fiihrt das in sehr starke Tiefen der Kulturge-
schichte hinein. Es kann hochstens eine kleine Andeutung gegeben wer-
den. Es handelt sich darum, daft in friiheren Zeiten der menschlichen
Entwickelung ein instinktives Schauen bei den Menschen vorhanden
war, dafi die Menschen die physischen Erscheinungen tatsachlich nicht
so intensiv gesehen haben, wie sie das heute tun, dafiir aber das in den
physischen Erscheinungen lebende Geistige. Man stellt sich gewohnlich
nicht klar genug vor, wie anders der Mensch in alten Zeiten in die Welt
geschaut hat als heute. Die Menschen denken so leicht, ein alter Grieche
habe etwa zum Himmel hinauf geschaut und habe die Blaue, weil das
sudliche Blau noch intensiver ist als das nordliche, in derselben Schon-
heit gesehen, wie es der heutige Grieche sieht. Das ist nicht der Fall.
Das griechische Auge hat noch nicht so einen lebendigen Eindruck von
dem Blau haben konnen. Das laflt sich nachweisen durch das Wort,
das den Griechen fehlt. Die Griechen haben alles in mehr nach dem Rot
und Gelb hinneigenden Nuancen gesehen, haben den Himmel mehr
griinlich als blaulich gesehen. Das ganze Seelenleben der Menschen, in-
sofern es auch von den Sinnen abhangig ist, hat sich im Laufe der Zei-
ten geandert. - Weil das Hebraische mit Recht genannt werden kann
eine derjenigen Sprachen, die den lebendigen Zusammenhang haben mit
der menschlichen Urschrift, so haben sie gerade dieses noch erhalten,
den Zug von rechts nach links, der sich bei uns nur noch erhalten hat
in dem Rechnen, das wir zwar auch als eine alte Erbschaft in unserer
Zivilisationsara haben - eine viel altere Erbschaft als unsere Hand-
schrift -, von dem wir es aber nur nicht bemerken. Wenn Sie addieren
oder subtrahieren, also rechnen - was aus morgenlandischer Anschau-
ung stammt -, so schreiben Sie zwar zunachst die Zahlen von links nach
rechts, aber die Natur der Zahlen selbst erfordert von Ihnen, dafi sie
von rechts nach links die Rechnung machen. Daraus konnen Sie noch
gut ablesen, wie unser Zahlensystem viel alteren Ursprungs ist als un-
ser Schriftsystem. Das ist dasjenige, was dariiber etwa zu sagen ist.
Wenn Sie dann die Schrift nehmen im Chinesischen: Nun, da brauchen
Sie nur den ganzen Habitus der chinesischen Kultur ins Auge zu fas-
sen, die darauf angelegt ist, statt desjenigen, was wir ganz lebendig ha-
ben im Kosmos oder aus dem Kosmos - das Umkreisen um die Erde,
die Richtung von links nach
…[truncated]