Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes "Faust". Band I: Faust, der strebende Mensch

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE OBER KUNST 



RUDOLF STEINER 



Faust, der strebende Mensch 

Geisteswissenschaflliche Erlauterungen zu 
Goethes « Faust » 



Band I 

Vierzehn Vortrage, gehalten in Berlin am i7.Dc7cmber 191 1 
und in Dornach vom 4. April 1 9 1 5 bis 1 1. September 19 16, 
mit einem otfentlichcn Vortrag in Straftburg am 23. Januar 19 10 

Vorwort von Marie Steincr 



1981 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Dr. Hans Erhard Lauer 



1. Auflage Dornach 1931 

2. Auflage Freiburg i. Br. 1955 

3., neu durchgesehene und veranderte Auflage 
Berlin, 17. Dezember 1911: Erstdruck in diesem Band 
Gesamtausgabe Dornach 1967 

4. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1981 



Bibliographie-Nr. 272 

Einband-Entwurf von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt 

ISBN 3-7274-2720-5 



2« den Verbffentlichungen a us dem 
Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof- 
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehalte- 
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mund- 
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. 
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, 
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe not- 
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur 
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, 
mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt 
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich 
Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien 
auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser 
Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu 
den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Vorwort von Marie Steiner (193 1) 9 

Goethes «Faust» vom geisteswissenschaftKchen Standpunkt . . 15 

Offcntlicher Vortrag, Straflburg, 23, Januar 19 10 

Das Verhaltnis des Goetheschen «Faust» zu Goethe 39 

Berlin, ij. Dezember 191 1 

Das Ringen Fausts nach dem christdurchtrankten Quell des Lebens 56 



Eine Ostcrbetrachtung. Dornach, 4. April 191 nach der eurythmisch- 
dramatiscben Darstellung der Osternacht 



Das Eindringen. Fausts in die geistige Welt 73 

Dornach, 11. April 191 5, nach e'mer eurythmisch-dramatiscbcn Dar- 
stellung 

Pfmgststimmung. Fausts Initiation mit den Geistern der Erde . 96 

Dornach, 22. Mai 191$, im Anschlufi an eine eurythmiscke Darstel- 
lung der crsten Szene des «Faust» II. Teil 

«Faust», die grolke Strebensdichtung der Welt. Die klassische 

Phantasmagoric 119 

Dornach, 30. Mai 191$ 

Fausts Himmelfahrt 142 

Dornach, 14. August 191 5 

Mystische Erkenntnis und geistige Offenbarung der Natur . . 156 

Dornach, i$. August 1915, nach einer eurythmischen Darstellung 
von Fausts Himmelfahrt 

Das Reich der Mutter. Die Mater gloriosa 176 

Dornach, 16. August 191 j 



Weisheit - Schonheit - Giite. Michael - Gabriel - Raphael . . 194 

Dornacb, 19. August i$i6> nach eurythmisch-dramatischen Darstel- 
lungen der «Zueignung» und des «Prolog im HimmeU 

Die historische Bedeutung des «Faust» 215 

Dornach, 20. August 1916, nach eurytbmisch-dramatisxhen Darstel- 
lungen: «Zueignung», «Vorspiel auf dem Theater » } «Prolog im 
Himmel » 

Die Grablegung. Das Wesen der Lemuren, der Dick- und 

Diirrteufel 233 

Dornacb, 4. September 19 16 

Goethes Einblicke in die Geheimnisse des menschlichen Daseins . 254 

Dornacb, 9. September 1 916, nach einer eurythmischen Darstellung 
der Szenen «Mitternacht» und «Grablegung» 

Ausblicke in die von Goethe gesuchten wahren Wirklichkeiten . 274 

Dornacb , 10, September 19 16 

Goethes Aufsuchen der Tiefen des Werdens und der Welt- 

geheimnisse in seinem «Faust». Die luziferische und die 

ahrimanische Verfuhrung 298 

Dornach y 11. September 1916, nach einer eurythmischen Darstellung 
der Szenen «Mitternacht» und «Grablegung». 

Hinweise 323 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 333 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 335 



VORWORT 



von Marie Steiner 



Die hier gedruckten Vortrage waren fiir den Sprecher und die Zuhorer 
unmittelbares Erleben, hervorgehend aus der dramatisch-eurythmischen 
Darstellung von Szenen aus Goethes «Faust», die alle Krafte der Mit- 
wirkenden, von der Erarbeitung an des Verstandnisses fiir die gegebe- 
nen Ratsel bis zur Herstellung jeder szenischen Einzelheit, in Tatigkeit 
brachte. Die Verstandesarbeit war nur die Briicke zum Erfassen der 
durch Rudolf Steiner hier erschlossenen wesenhaften Wirklichkeit, die 
hinter den Geheimnissen dieses Werkes steht und sich Wege des Aus- 
drucks sucht, fiir welche die bisher bekannten kunstlerischen Mittel nicht 
mehr geniigen. In der Eurythmie hatte Rudolf Steiner eine Ausdrucks- 
moglichkeit geschaffen, durch welche das Element des Obersinnlichen 
seine eigene Sprache sprechen kann: die Sprache der Bewegung, welche 
die Ausdrucksform jener Welten ist, die nicht bis zum Physischen hinab 
sich verhartet haben. Geheime Naturgesetze konnen wieder zur OfFen- 
barung kommen durch das Medium einer neuen Kunst. Und in seiner 
Weisheit vom Menschen, in seiner Wissenschaft von der Initiation hat 
Rudolf Steiner das Tor gebff net, durch welches wir den Zugang finden 
konnen zu jenen Gebieten, in welche die Faust-Dichtung uns immer 
wieder hineinversetzt, und die uns doch durchweg als Phantasmagoric 
erscheinen miissen, wenn wir nicht den Schlussel handhaben konnen, 
der jenes Tor eroffnet. Wer versteht denn den «Faust»? Kommentare, 
gelehrte Betrachtungen konnen uns hierbei nicht helfen. Sie tun wenig 
mehr als den Geist erschweren, ja ersticken, der durch die Dichtung zu 
uns sprechen will. Wenn wir auch Schroer zu Dank verpflichtet sind, 
weil wir durch seine fleifiigen Erklarungen manches wieder auffrischen 
konnen, was in den Schachten des Gedachtnisses sonst leicht verschwin- 
det, so wird man bei dieser Arbeit doch oft an Schmerzen erinnert, die 
man durchmacht zum Beispiel beim Lesen der «Divina Commedia», 
wenn einem die Seele wie zerschlagen wird durch die Kommentare, 
die fast jeder schwungvollen Terzine angehangt werden: eine schwer 



zu ertragende Zergliederung ins Pedantisch-Trockene hinein. Nur ist 
der Abstand von Text zu Kommentar hier nicht ein so gewaltiger. 
Schroer tragt in sich die Wesensverwandtschaft mit Goethe und die Be- 
geisterung, und so wirkt seine Gelehrtenarbeit nicht so sehr vertrock- 
nend als gewissenhaft. Man kann sie ohne Arger beiseite legen, um dann 
den Text der Faust-Dichtung unmittelbar zu erleben. Dasjenige, was 
hinter der Dichtung stent, spricht uns zunachst an wie eine Ahnung. Es 
ergreift uns etwas, das keine gelehrten Kommentare erklaren konnen, 
das Wort und Schall ware, wenn es nicht tiefe Wahrheiten enthielte, die 
uns zunachst freilich nicht zuganglich sind. Das Rauschen von Unter- 
stromungen wird vernehmlich; Geheimnisse raunen an unser inneres 
Ohr. Man ist Schroer dankbar dafiir, daf$ er die Stimme der Tiefe nicht 
ertotet hat, daft er nur geholfen hat, manches Mythologische oder Histo- 
rische wieder praziser uns ins Gedachtnis zu pragen. Zu den Quellen, 
die durch die Dichtung pulsieren, haben uns auch diese Erlauterungen 
nicht fiihren konnen. Die Quellen, nach denen Faust drangt, sich sehnt, 
so daft er das Heil seiner Seele dran wagt, sie, die ihm sein verlorenes 
Menschtum wieder zuruckgeben sollen durch den Lebenstrank, den er 
aus ihnen schliirfen will, sind auch Schroer in diesem Gelehrtendasein 
nicht geflossen; sie haben nur seine Seele durchzittert als Sehnsucht und 
als moralischer Impuls. Faust, und durch ihn Goethe, schreit nach den 
Quellen des Lebens; es ist der Schrei auch der heutigen Menschheit, 
welche diesen Namen noch voll verdient, welche ihr Menschtum nicht 
betaubt hat durch den Larm der Maschinen und den Druck der die See- 
len zermalmenden Mechanik. Sie sollte diesen Schrei in der Dichtung 
in seiner erschiitternden Wucht wieder vernehmen, ihn in sich wuhlen 
lassen, auf ihn reagieren. Auf der Biihne sehen wir aber gewohnlich 
einen blasierten Faust, der uns irgend etwas vorredet, was sehr abstrakt 
klingt und ihn nicht stark in seinen Tiefen beruhrt, nur mit unendlicher 
Langeweile und Ekel erfullt, die ihn zuletzt zur Flasche mit der brau- 
nen Fliissigkeit greifen lassen; das macht ihn dann etwas sentimental. 
Eine reale Beziehung zu dem Erlebnis mit dem Erdgeist hat man kaum 
empfinden konnen. Dann spielt sich noch ein Stiickchen nicht recht fun- 
dierter unrealer Sagenromantik auf der Biihne ab, mittelalterlicher 
Spuk - und so recht lebendig wird Faust erst, wenn es urns Gretchen 



geht; da weifi er, woran er ist. Sein Spiel mit ihr dauert aber nicht lange. 
Er mufi wieder hinein in spukhafte Romantik. Es folgt dann wohl etwas 
Reue beim Anblick des wahnsinnig gewordenen Gretchens im Kerker. 
Aber er vergifk rasch und wacht auf, erfrischt und gestarkt, auf blumi- 
ger Wiese. 

Wie sich hier erschiitternde Wirklichkeit und toller Aberglaube zu 
einer Gesamtwirkung von unentrinnbarer Grofie vereinigen, dariiber 
wird wenig nachgedacht. Freiiich ist das Menschliche in dieser Gretchen- 
Tragodie so packend zum Ausdruck gebracht, daft dies geniigt, um der 
Dichtung dauernden Wert zu geben, auch wenn man das andere, das 
eigentlich Treibende in Faust, nur als Zutat empfindet. Da aber die 
Zutaten an Umfang die Gretchen-Episode weit iiberragen, wenigstens 
beim Lesen des Werks, wo man nicht nach Belieben kiirzt oder streicht 
wie bei der Biihnendarstellung, so kann man immerhin erstaunt sein, 
dafi sich die Dichtung so durchgesetzt hat, und man ihr den hohen kultu- 
rellen Wert zuerkennt, der sie unter den Schatzen deutschen Geistes an 
erste Stelle hebt. Die Funken, die aus den feingeschliffenen Gedanken- 
demanten nur so spriihen, die iiberall in den Dialogen mit Mephisto und 
in den Selbstgesprachen Fausts uns entgegenblitzen, sie haben, neben 
dem Blutenzauber und dem Leide Gretchens, in ihrer Farbigkeit und 
Lichtkrafl; geniigt, um die ganze Dichtung vor der Vergessenheit zu 
retten, trotzdem Goethe selbst gesagt hat, dafi sein «Faust» nicht popu- 
lar werden konne: es ware zu viel hineingeheimniik. 

Und mit dieser Tatsache haben wir zu rechnen. In die tiefen Schachte 
der Gedankengange Goethes, seiner Ahnungen und Intuitionen, in die 
Welt jener Imaginationen, aus der heraus die feingeschliffenen Worte 
ihren Bilderreichtum und Ewigkeitswert erhalten haben, konnte vor 
Rudolf Steiner niemand hineinfuhren. Er erst macht es uns moglich, 
tiefer hineinzusteigen in jene Schichten seelenbildenden Menschenge- 
schehens, aus denen die Erkenntnisse von heute ihre Substanz her- 
leiten. Sie geben gleichsam die Kohle her, aus welcher durch Metamor- 
phose der Demant entsteht. Und wie die Kohle nicht zum Demanten 
werden konnte, wenn nicht in ihr der Strahl der Sonne eingefangen 
und geborgen ware, so erhalt auch der Gedanke sein Licht von der dem 
Urbild zugrunde liegenden geistigen Sonne. 



Den Weg in diese tiefen Schachte des werdenden Geschehens, den 
Weg zu den «Miittern», hat uns Rudolf Sterner erschlossen. Nicht, wie 
der «Faust», den Goethe geschaffen hat, und wie der Faust der Sage, 
sollen wir diesen Weg suchen mit den Mitteln einer mittelalterlichen 
Okkultistik, die sich schon damals iiberlebt hatte, als an der Schwelle 
der Neuzeit faustische Gestalten kampften zwischen iibernommenen, 
dekadent gewordenen alchimistischen Forschungsmethoden und neu 
aufkommender exakter Naturwissenschaft. Man arbeitete an jener 
Wende des Zeitalters mit vielfach abirrenden, triiben Mitteln, um zu 
des Lebens Geheimnissen durchzudringen: mit verblichenen Zauber- 
forme.ln, mit Beschworungsexperimenten, mit Mediumismus, Hypnose, 
Tinkturen und Salben, die auch die heutigen Experimentalpsychologen 
locken wiirden zur Bereicherung ihrer Wissenschaft. Rudolf Steiner hat 
uns andere Wege gewiesen, um zu des Lebens Quellen zu gelangen: die 
Wege des reinen Gedankens, der moralischen Selbsterziehung, der 
wissenschaftlichen und kiinstlerischen Arbeit, der freien Ich-Betatigung 
im Dienste der Menschheit. Doch war die Vorbereitung dazu notig 
durch das, was in der Zwischenzeit geschehen ist: der Verzicht auf die 
letzten Reste atavistischen Hellsehens von seiten der vorgeschrittenen 
europaischen Menschen, das Untertauchen in die Grenzen der Natur- 
wissenschaft, die Eroberung der Technik, die zeitweilige Abschniirung 
der Personlichkeit von ihrem geistigen Urquell. Nun stehen wir vor 
einem andern Wendepunkt. Wir sind im BegrifT, die Personlichkeit zu 
verlieren, den Menschen von der Mechanik ertoten zu lassen. Die Kraft 
des Denkens mufi uns zu unserer Seelenhaftigkeit zuriickfiihren, zum 
Ergreifen der bildhaften Anschauung, zum Verstehen der Geistigkeit, 
die in uns waltet und alien Erscheinungen des Lebens zugrunde liegt. 
Im Ringen um das hochste Ziel kann uns die Gestalt des Faust, wie 
Goethe sie hingestellt hat, Beispiel und Ansporn werden. Und wir 
brauchen nicht mehr uns verlocken zu lassen durch die Abirrungen 
mittelalterlicher Zauberei. Es wird uns in der Geisteswissenschaft ein 
sicherer Erkenntnisweg gewiesen. 

Die Tragik der mittelalterlichen, an der Schwelle der Neuzeit ste- 
henden Okkultisten bestand darin, daft sie durch die Uberlieferung der 
Geheimschulen noch wufiten von dem realen geistigen Verkehr der 



hochstentwickelten Menschen mit den Intelligenzen des Kosmos, aber 
auch wuiken, daft fiir sie dieser Weg nun verschlossen war. Sie konnten 
nicht weiter gelangen als bis zu dem Verkehr mit den Kraften des 
Zwischenreichs. Eine allmahliche Verdiisterung, ein Abbiegen von den 
strengen Wegen geistiger Forschung war oft die Folge dieses Experi- 
mentierens mit der Retorte und mit den Kraften der Elemente und 
ihrer Wesenhaftigkeiten. Das Streben verirrte sich, griff im Verdursten 
zu den Mitteln der Verzweiflung, jagte nach Gaukelbildern. In diesem 
Sinne haben wir zu verstehen dasjenige, was die Seele des Faust durch- 
wiihlt. Doch lag in der Intensitat des Strebens dieser Forscher eine Kraft, 
die Ich-weckend war. Ihr Bewufitsein offnete sich durch das Leid immer 
mehr den wachen Impulsen des Ich; durch die Eroberung der Materie 
hindurch strebte der Mensch dem Zentrum seines Wesens entgegen, in 
dem er sich selbst wiirde finden kdnnen, das ihn zum Leben im Geist 
zuriickbringen konnte. In der kleineren Kuppel des verbrannten 
Goetheanum, in welcher Rudolf Steiner die Reprasentanten der ver- 
schiedenen Kulturepochen der Menschheit in Bild und Farbe hat er- 
stehen lassen, sah man in verschwebendem dunklem Blau auch diese 
Gestalt des Faust, des ernsten Alchimisten an der Schwelle vom Mittel- 
alter zur Neuzeit, in sinnender Gebarde und tiefen Blicks die Rechte 
zum Antlitz hebend, hinter deren beredter Fingergeste das Siegelwort 
«Ich» erscheint; ihm die Hande entgegenstreckend schwebt heran in 
engelartiger Kindesgestalt das werdende hohere, das geistige Ich des 
Menschen. Unter ihm ragt der Knochenmann, das Skelett, der andere 
Pol des menschlichen Ich; iiber der Gestalt des Faust neigt sich zu ihm 
hin der ihn inspirierende Genius. 

Wir konnen nicht aus kurzgeschiirzten Voraussetzungen heraus an 
das Verstandnis des «Faust» herantreten, wir miissen Blickweite gewin- 
nen. Die hier gebrachten Vortrage geben uns Unterlagen zum Ver- 
standnisse des «Faust». Sie sind keine in dem Gelehrtenzimmer ver- 
fafken Kommentare, sondern eine Einfiihrung in die Gebiete der 
Geisteswissenschaft an Hand eines von ihnen inspirierten Dichterwerks, 
dessen Geheimnisse erst durch diese Geisteswissenschaft ihre rechte Be- 
leuchtung finden. Auf anderen Wegen dringt man nicht durch zum 
Kern des Faust-Problems. Und erst dann wird diese grofke Dichtung 



des deutschen Geistes popular werden konnen, wenn die Geisteswissen- 
schaft ebensosehr das Kulturleben des Volkes durchdringen wird, als es 
die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten getan hat. 

Gewift kann man manches einwenden gegen die Veroffentlichung 
eines solchen Buches, das wie aus Bruchstticken besteht. Die Erlaute- 
rungen wurden von Fall zu Fall gegeben, je nachdem es die Arbeit am 
Goetheanum mit sich brachte; es wurden jene Szenen dargestellt, in 
denen Faust mit den Geheimnissen des Daseins ringt und in das iiber- 
sinnliche Erleben hineinruckt. Gespielt wurde in der grofien Schreinerei 
des Goetheanum, in welcher auch die Saulen des verbrannten Baues 
hergestellt wurden, unter primitiven Verhaltnissen, aber mit dem Be- 
streben, das herauszuarbeiten, was als geistige Wirklichkeit der Dich- 
tung zugrunde liegt. Zur Wiedergabe jener Szenen, die in den iiber- 
sinnlichen Welten spiel en, sei es in der Ober- oder Unterwelt, fand sich 
als geeignetes Mittel die im Goetheanum gepflegte Bewegungskunst der 
Eurythmie. Es war, als ob die Faust-Dichtung auf diese Ausdrucksform 
gewartet hatte, um auf der Biihne ganz lebendig zu werden, um das 
sonst Unaussprechbare in kiinstlerische Wirklichkeit uberzufuhren. Was 
sonst abstrakt und konventionell-schablonenhaft geblieben ware, fand 
in der Eurythmie die ihm angemessene lebensvolle Sprache. Helfend 
und ratend in jeder Einzelheit der Wiedergabe stand Rudolf Steiner 
den Darstellern zur Seite. Unser Leid besteht darin, dafi es unter den 
damals herrschenden Verhaltnissen nur zu Teilauffiihrungen kommen 
konnte. Sie dienen uns aber als Leitfaden zum Erfassen des Ganzen. 
Deshalb diirfen wir auch diese Gabe nicht angstlich nur einem kleinen 
Kreise vorbehalten. Wir mussen unsern Zeitgenossen und der Zukunft 
weitergeben, was wir hier zur Erkenntnisbildung erhalten haben. Sind 
es auch leider nur mangelhaft nachgeschriebene Vortra'ge, die einer un- 
mittelbar gegebenen Situation entspringen, so liegt in ihnen doch das, 
was kein anderer geben kann, und was die Menschheit zu ihrem Heile 
fordern wird. Aus dem grblken Werke der deutschen Dichtkunst, das 
zugleich weltanschauungsbildend wirken will, sollte das Volk, das seine 
Aufgabe in der Eroberung des Geistigen hat, die Impulse schopfen 
konnen, die ihm zu seiner schweren Aufgabe Kraft und Mut geben. 

1931 



GOETHES «FAUST» VOM GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN 

STANDPUNKT 



Offentlicher Vortrag, Strajiburg, 2j.Jannar ipio 

Die Geisteswissenschaft, die in die moderne Kulturstromung sich hin- 
einleben will, will nichts Neues sein und unterscheidet sich gerade da- 
durch von vielerlei auftretenden Weltanschauungen und sonstigen 
Geistesrichtungen, die glauben, dadurch, daft sie behaupten, iiber diese 
oder jene Frage des Geisteslebens etwas Neues zu bringen, ihre Daseins- 
berechtigung darlegen zu konnen. Demgegeniiber soil dasjenige, was 
man Geisteswissenschaft nennt, betonen, daft die Quellen ihrer Erkennt- 
nisse und ihres Lebens zu alien Zeiten, da Menschen gedacht, Menschen 
gestrebt haben nach den hochsten Fragen und Ratseln des Daseins, in 
derselben Weise vorhanden waren. Das durfte ich schon ofters betonen 
auch in dieser Stadt, als ich die Ehre hatte, in fruheren Vortragen zu 
sprechen. 

Es mull nun ganz besonders reizvoll sein, von diesem Gesichtspunkte 
aus nicht nur die verschiedenen Religionsbekenntnisse, die verschiedenen 
Weltanschauungen, wie sie aufgetreten sind in der Entwickelung der 
Menschheit, zu betrachten, sondern auch Person lichkeiten, die uns nahe- 
stehen, einmal von diesem Gesichtspunkte aus anzusehen. Denn soil 
etwas wahr sein in der Geisteswissenschaft, dann mufi wenigstens ein 
Kern dieser Wahrheit sich finden bei all denjenigen, die ehrlich und 
energisch nach Erkenntnis und nach dem menschenwurdigen Dasein 
gestrebt haben. 

Wenn nun heute von Geisteswissenschaft die Rede ist, dann machen 
sich von der einen oder andern Seite die mannigfaltigsten Urteile gel- 
tend, und derjenige, der nicht tiefer eingedrungen ist in das entspre- 
chende Gebiet, der sich aus diesen oder jenen Vortragen oder Broschiiren 
eine oberflachliche Kenntnis verschafft hat, wird je nach seinem Stand- 
punkt diese Geisteswissenschaft ansehen als Phantasterei oder Traume- 
rei einiger weltfremder Menschen, die sich kuriose Vorstellungen machen 
iiber das Leben und seine Untergriinde. Es mufi durchaus zugegeben 



werden, daft, wenn man nicht genauer zusieht, ein solches Urteil begreif - 
lich erscheinen kann, denn obzwar heute davon nicht die Rede sein 
kann, da wir ein spezielles Thema zur Voraussetzung haben, so soil 
doch hingewiesen werden auf einige der hauptsachlichsten Erkenntnisse 
dieser Geisteswissenschaft. Und schon, wenn diese genannt und charak- 
terisiert werden, wird sich auf eine ganz ehrliche Weise bei unseren 
Zeitgenossen das Gefiihl regen konnen: Ach, was ist denn das fur ein 
kurioses Zeug! 

Im Ganzen beruht ja Geisteswissenschaft, wenn sie ernst genommen 
wird, darauf, dafi vorausgesetzt wird: dasjenige, was uns in der sinn- 
lichen Welt umgibt, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen konnen, 
mit dem Verstande begreifen konnen, der an unsere Sinne gebunden 
ist, das ist nicht die ganze "Welt, sondern hinter alldem, was sinnlich ist, 
liegt eine geistige Welt. Und diese geistige Welt ist nicht in einem 
unbestimmten Jenseits, sondern sie ist immer um uns herum, so wie die 
Farben- und Lichterscheinungen auch um den Blindgeborenen herum 
sind. Dazu aber, dafi wir von etwas wissen, was um uns herum ist, 
gehort, dafi wir ein Organ haben, um es wahrzunehmen. Und so wie 
der Blindgeborene Farbe und Licht nicht sehen kann, so kann auch in 
der Regel der Mensch in unserem Zeitalter mit seinen normalen Fahig- 
keiten die geistigen Tatsachen und Wesenheiten nicht wahrnehmen, die 
um uns herum sind. Wenn wir aber das Gliick haben, einen Blind- 
geborenen zu operieren, dann gibt es fur ihn den Augenblick der Er- 
weckung des Auges, und was fur ihn nicht da war, Licht und Farben, 
das flutet nun herein in sein Inneres. Das ist fur ihn eben von seiner 
Operation ab eine wahrnehmbare Welt. So gibt es auf geistigem Gebiet 
eine hohere Erweckung, jene Erweckung, durch die ein Mensch ein 
Eingeweihter wird in die geistige Welt. Um mit Goethe zu sprechen: 
es gibt geistige Augen und Ohren, nur sind die Menschenseelen in der 
Regel nicht so weit, sie gebrauchen zu konnen. Wenn wir aber die Mittel 
und Methoden anwenden, durch die diese Kriifte zum Dasein kommen, 
dann geht etwas in uns vor auf einem hoheren Gebiet wie fiir einen 
Blindgeborenen, der operiert wird, und dem dann hereinflutet die Welt 
der Farben und des Lichtes. Da wird der Mensch, wenn ihm geoffnet 
werden Augen und Ohren, ein Erweckter. Eine neue Welt ist um ihn 



herum, eine Welt, die immer da war, die er aber nur von dem Moment 
der Erweckung an wahrnehmen kann. Dann aber, wenn der Mensch 
so weit ist, lernt er verschiedene Erkenntnisse sich zu eigen zu machen, 
Erkenntnisse, welche das Leben aufhellen, Erkenntnisse, welche uns 
Kraft und Sicherheit fiir unser Arbeiten geben konnen, welche uns 
moglich machen, in das Wesen der Menschenbestimmung und in die 
Geheimnisse des Schicksals hineinzusehen. 

Und nur vorbereitend soil eine dieser Erkenntnisse besprochen wer- 
den, eine von jenen Erkenntnissen, die, wenn nicht verriickt, so doch 
absonderlich und traumerisch dem heutigen Menschen oftmals vor- 
kommen miissen. Es ist die Erkenntnis, die nichts anderes ist als eine 
Belebung eines uralten Erkenntnisvorganges, seine Fortsetzung auf 
hoherem Gebiet, eine Wahrheit, welche fiir ein niedrigeres Gebiet vor 
verhaltnismaftig kurzerer Zeit erst errungen worden ist. Die Menschheit 
hat im allgemeinen fiir grofte Ereignisse der geistigen Welt ein kurzes 
Gedachtnis, und deshalb denkt man heute so wenig daran, daft im 
17. Jahrhundert nicht nur Laien, sondern selbst Gelehrte daran geglaubt 
haben, daft aus Fluftschlamm niedere Tiere, ja sogar Wurmer und Fische 
sich entwickeln wiirden. Der grofte Naturforscher Francesco Redi war 
es, der zuerst darauf aufmerksam machte, daft kein Regenwurm, kein 
Fisch aus dem toten Fluftschlamm herauswachst, wenn nicht vorher ein 
Regenwurm-, ein Fischkeim darinnen ist. Er hat den Satz ausgespro- 
chen, daft Lebendiges nur von Lebendigem kommen kann, und daraus 
erkennt man, daft es nur eine ungenaue Betrachtungsweise ist, wenn 
man glaubt, es konne aus dem leblosen Fluftschlamm herauswachsen 
das Lebendige eines Fisches oder Wurmes. Genauere Betrachtung zeigt, 
daft wir zuruckgehen miissen zu dem lebendigen Keim, und daft dieser 
lebendige Keim nur aus seiner Umgebung die Krafte heranziehen kann, 
die da sind, urn das zur groftten Entfaltung zu bringen, was Lebendiges 
im Keime ist. 

Das, was Redi gesagt hat, daft Lebendiges sich nur aus Lebendigem 
entwickelt, das gilt heute in der Wissenschaft als etwas Selbstverstand- 
liches. Als Redi damals den Satz ausgesprochen hat, entging er nur mit 
knapper Not dem Schicksale des Giordano Bruno. So geht es mit der 
Entwickelung der Menschheit. Erst muft eine solche Wahrheit so errun- 



gen werden, daft diejenigen, die sie zuerst aussprechen, verketzert wer- 
den, dann wird sie zur Selbstverstandlichkeit, zum Gemeingut der 
Menschheit. Das, was Redi fur die Naturwissenschaft getan hat, das soli 
fur den Geist durch die Geisteswissenschaft heute geschehen dadurch, 
daft jener Satz, den Redi ausgesprochen hat fur die Naturwissenschaft, 
iibertragen wird aus den Erkenntnissen des erweckten Geistesauges und 
Geistesohres heraus auf das seelische Gebiet. Und da heiftt dieser Satz: 
Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen. - Das 
heifk, es ist eine ungenaue Betrachtungsweise, wenn wir einen Menschen 
ins Dasein treten sehen, zu glauben, daft alles, was ins Leben tritt, bloft 
aus Va-ter und Mutter und den Vorfahren herstammt. So wie wir 
zuriickgehen miissen beim entstehenden Regenwurm zum lebendigen 
Regenwurmkeim, so miissen wir von dem Menschen, der sich heraus- 
entwickelt aus dem Keim zu einem bestimmten Wesen, zuriickgehen zu 
einem friiheren geistigen Dasein und miissen uns klar sein, daft dieses 
Wesen, das durch die Geburt ins Dasein tritt, von seinen leiblichen 
Vorfahren nur heranzieht die Kraft zu seiner Entfaltung, wie der 
Regenwurmkeim die Kraft aus der leblosen Umgebung heranzieht. Und 
in entsprechender Ausdehnung wird dieser Satz: Lebendiges kann nur 
aus Lebendigem kommen zu dem andern Satze: Das gegenwartige 
Leben, das durch die Geburt ins Dasein tritt, fiihrt nicht nur zu phy- 
sischen Ahnen zuriick, sondern fiihrt durch die Jahrhunderte zuriick 
auf ein friiheres Geistig-Seelisches. - Und wenn Sie sich tiefer darauf 
einlassen, werden Sie sehen, daft ganz wissenschaftlich gezeigt wird, daft 
es nicht nur ein, sondern wiederholte Erdenleben gibt, daft das, was 
jetzt zwischen Geburt und Tod in uns ist, die Wiederholung eines 
Geistig-Seelischen ist, das schon in friiheren Daseinsstufen da war, und 
daft unser jetziges Leben wiederum der Ausgangspunkt fur folgende 
Leben ist. Geistig-Seelisches kommt von Geistig-Seelischem, geht zu- 
riick auf Geistig-Seelisches, das da war vor der Geburt, das aus der 
geistigen Welt heruntersteigt und sich in physischen Verkorperungen 
auslebt. Wir sehen jetzt ganz anderes, wenn wir zum Beispiel als Er- 
zieher gegeniiberstehen einem Kinde, das stufenweise die Krafte ent- 
faltet. Wir sehen bei der Geburt, wie ein Unbestimmtes auf seinem 
Antlitze ist, wie aus seinem Inneren heraus immer bestimmter und be- 



stimmter sich entfaltet, was nicht aus der Vererbung stammt, sondern 
was aus fruheren Leben kommt. Wir sehen, wie dieses Zentrum des 
Geistig-Seelischen durch die Talente von der Geburt an immer weiter 
und weiter sich entfaltet. 

Das hat heute Geisteswissenschaft zu sagen in bezug auf die wieder- 
holten Erdenleben. Es mag heute eine Traumerei sein, wie es als eine 
Traumerei gait, was Francesco Redi im 17. Jahrhundert sagte. Aber 
was heute als Traumerei gilt, wird eine Selbstverstandlichkeit werden 
in nicht gar zu ferner Zeit, und der Satz: Geistig-Seelisches kommt von 
Geistig-Seelischem -, wird Allgemeingut der Menschheit werden. 

Heute behandelt man die Ketzer nicht mehr so wie friiher. Man 
liefert sie nicht mehr dem Scheiterhaufen aus, aber man betrachtet sie 
als Toren und Traumer, die aus beliebiger Phantasie heraus sprechen. 
Man macht sie lacherlich und setzt sich auf den hohen Stuhl der Wissen- 
schaft und sagt, das sei mit wirklicher Wissenschaft nicht vereinbar, nicht 
wissend, daft es die wahre, echte Wissenschaft ist, die diese Wahrheit 
fordert. Und nun konnen wir hundert und hundert solcher Wahrheiten 
anfiihren, die uns zeigen wiirden, wie Geisteswissenschaft das Leben 
beleuchten kann, indem sie zeigt, daft ein unsterblicher Wesenskern im 
Menschen liegt, der durch den Tod in die geistige Welt zieht, und wenn 
er seine Bestimmung daselbst erfiillt hat, wiederum zuriickkehrt ins 
physische Dasein, um neue Erfahrungen zu sammeln, die er dann wie- 
derum durch den Tod hinauf tragt in geistige Welten. Wir wiirden sehen, 
wie die Bande, die geschlungen werden von Mensch zu Mensch, von 
Seele zu Seele auf alien Gebieten des Lebens, jene Ziige des Herzens, 
die von Seele zu Seele gehen, die sonst nicht zu erklaren sind, erklart 
werden konnen dadurch, daft sie gekniipft worden sind in fruheren 
Lebensverhaltnissen. Und wie das, was wir heute kniipfen an inneren 
Geistesbanden, nicht aufhort, wenn der Tod iiber das Dasein hinzieht, 
sondern wie das, was als Lebensbande von Seele zu Seele zieht, unsterb- 
lich ist wie die menschliche Seele selber, wie das mitlebt durch die gei- 
stige Welt hindurch und wiederum aufleben wird in andern, zukiinfti- 
gen Erdenverhaltnissen und neuen Verkorperungen. Und nur eine 
Frage der Entwickelung ist es, daft die Menschen sich auch erinnern 
werden an ihre fruheren Erdenerlebnisse, an das, was sie geistig- 



seelisch durchgemacht haben in friiheren Erdenleben und Daseins- 
zustanden. 

Solche Wahrheiten werden sich in nicht zu ferner Zeit als notwendige 
Dinge einleben in das menschliche Leben, und die Menschen werden 
Kraft und Hoffnung und Zuversicht gewinnen aus solchen Voraus- 
setzungen heraus. Heute konnen wir nur sehen, da£ einzelne wenige 
Menschen in der Welt durch ihren gesunden Wahrheitssinn hingezogen 
werden zu dem, was geistige Forscher aus ihren Erlebnissen in der 
geistigen Welt heraus zu verkiinden haben. Aber das, was geisteswissen- 
schaftliche Erkenntnisse sind, wird Gemeingut der Menschheit werden 
und lebt sich hinein in ernstem Wahrheitssuchen. Und diejenigen, die die 
Pfade ernster Wahrheitssucher gegangen sind, haben immer in all dem, 
was sie der Menschheit geboten haben, die groften Weistiimer und Er- 
kenntnisse ausgestaltet, die heute die Geisteswissenschaft wiederbringt. 

Ein Beispiel soli vor unsere Seele hintreten in einer Personlichkeit, 
die unserem neuzeitlichen Leben nahesteht: das Beispiel Goethes, und 
bei ihm wiederum dasjenige, was ihn als sein umfassendstes und grolkes 
Werk beschaftigt hat sein ganzes Leben hindurch: sein «Faust». 

Wenn wir an Goethe herantreten und versuchen mit dem, was Gei- 
steswissenschaft geben kann, sein Streben zu beleuchten, so konnen wir 
eigentlich ziemlich friih anfangen. Man kann sagen, aus seiner ganzen 
Anlage heraus erkennt man bei Goethe, wie in ihm Seele und Geist 
war, Alles dasjenige, was hindrangt, hinter den Erscheinungen der 
sinnlichen Welt ein Geistiges zu suchen, das war in ihm eine friihe 
Anlage. Da sehen wir den siebenjahrigen Knaben Goethe, der da hatte 
aufnehmen konnen aus seiner Umgebung gewohnliche Vorstellungen, 
wie sie ein Knabe aufnehmen kann zu seiner ersten Seelenvorstellung. 
Das befriedigt ihn nicht; er erzahlt es selber in «Dichtung und Wahr- 
heit». Da sehen wir, wie der siebenjahrige Knabe etwas ganz Merk- 
wiirdiges beginnt, um seine Sehnsucht nach dem Gottlichen zum Aus- 
druck zu bringen. Er nimmt ein Notenpult aus der Sammlung seines 
Vaters, macht daraus einen Altar, indem er darauflegt allerlei Mine- 
ralien und Pflanzen und sonstige Produkte der Natur, aus denen der 
Geist der Natur spricht. Ahnend baut sich die Knabenseele einen Altar, 
stellt darauf ein Raucherkerzchen, nimmt ein Brennglas, wartet, bis 



die Morgensonne aufgeht, sammelt mit dem Brennglas die ersten Strah- 
len der aufgehenden Sonne, lafit sie auf das Raucherkerzchen fallen, so 
dafi der Rauch aufsteigt. Und im spatesten Alter erinnert sich Goethe 
daran, wie er als Knabe dem gro£en Gotte der Natur, der durch Mine- 
ralien und Pflanzen spricht, der uns in den Sonnenstrahlen sein Feuer 
sendet, seine frommen Gefuhle hinaufsenden will. Das wachst mit 
Goethe heran. Wir sehen, wie er auf einer reif eren Stufe - aber doch aus 
sehnender Seele heraus, wie es lebt in Goethe -, nachdem er nach 
Weimar kommt, vom Herzog zu seinem Ratgeber berufen wird, wie 
da dieses Gefiihl fur den Geist, der aus alien Naturwesen spricht, in 
dem schonen Prosahymnus zum Ausdruck kommt. Da sagt er: « Natur, 
wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermogend, aus ihr 
herauszutreten, und unvermogend, tiefer in sie hineinzukommen. Un- 
gewarnt und ungebeten nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes 
auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermiidet sind und ihrem Arme 
entf alien . . . Nicht wir haben getan, was wir tun, alles hat sie getan; 
sie denkt und sinnt bestandig, schaut mit tausend Augen in die Welt.» 
Und wiederum spater sagt er in dem schonen Buch iiber Winckelmann, 
«Antikes»: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes 
wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem grofien, schonen, wurdigen 
und werten Ganzen fiihlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein 
reines, freies Entziicken gewahrt: dann wiirde das Weltall, wenn es 
sich selbst empfinden konnte, als an sein Ziel gelangt, auf jauchzeri und 
den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» So fiihlte 
Goethe, wie alles, was draufien in der Natur lebt und webt, eine Auf- 
erstehung feiert aus der Menschenseele heraus, und wie eine hohere 
Natur, eine geistige Natur aus Geist und Seele des Menschen hervor- 
gebracht wird. Aber nur langsam ringt sich Goethe zur volligen Klar- 
heit in der geistigen Erkenntnis der Natur durch. Und wir sehen an 
nichts deutlicher und klarer, wie Goethe sein ganzes Leben ein Stre- 
bender war, der nicht gerastet und geruht hat, um die Erkenntnis immer 
wieder umzubilden, um zu hoherer Stufe zu kommen, wir sehen das an 
nichts klarer und besser als an seinem Lebensgedicht, dem «Faust». 

In friihester Jugend hatte er begonnen, alles, was seine sehnende und 
ahnende Seele erfiillte, in sein Gedicht hineinzulegen; und als Greis im 



spatesten Alter, kurz vor seinem Tode, hat er dieses Gedicht, an dem 
er iiber fiinfzig Jahre gearbeitet und in das er das Beste seines Lebens 
hineingelegt hat, vollendet. Der zweite Teil lag versiegelt bei seinem 
Tode da wie das grofie Testament, das er der Menschheit zu geben 
hatte. Es ist ein bedeutsames Dokument. Wir verstehen dieses Doku- 
ment nur, wenn wir Goethe ein wenig verfolgen, wie er selber sich zur 
Erkenntnis durchzuringen suchte. 

Da finden wir zum Beispiel den Studenten Goethe an der Leipziger 
Universitat. Er soil eigentlich Jurist werden, aber das beschaftigt ihn 
nur untergeordnet. Ein unbesieglicher Drang nach den Geheimnissen 
der Welt, nach dem Geistigen, lebte schon dazumal in dem jungen 
Studenten. Deshalb tut er sich um in all dem, was Leipzig darbietet an 
Naturerkenntnis. Er sucht abzulauschen, was die Natur uns in ihren 
Erscheinungen zu sagen hat, abzulauschen der Welt die Ratsel ihres 
Daseins. Aber Goethe brauchte, um das, was die Naturwissenschaft 
ihm darbieten konnte, umzupragen, umzuschmelzen in seiner Seele zu 
jenem alle Kraft seines Inneren durchlebenden und durchwebenden 
Drange, der nicht nach abstrakter Erkenntnis sucht, sondern nach war- 
mer Herzenserkenntnis, ein grofies Erlebnis, ein Erlebnis, das den Men- 
schen wirklich zu jener Erkenntnis fuhrt, die das Tor ist, zu dem wir 
ahnend hinschauen, das Tor, das zuschliefk fur den heutigen normalen 
Menschen das Unsichtbare, das Ubersinnliche: das Tor des Todes. Der 
Tod ging am Ende seiner Leipziger Studentenzeit an ihm vorbei. Eine 
schwere Krankheit hatte ihn niedergeworfen, dem Tode nahegebracht. 
Stunden, Tage hatte er durchlebt, wo er sich sagen mufke, es konne 
jeden Augenblick jene geheimnisvolle Pforte durchschritten werden. 
Und der geheimnisvolle, ungestiime Drang des Erkennens erforderte 
hochsten Ernst des Erkenntnisstrebens. Mit der so ausgebildeten Er- 
kenntnisstimmung kehrte Goethe in seine Vaterstadt Frankfurt zuriick. 
Da fand er einen Kreis von Leuten, an deren Spitze eine Frau stand von 
grofier, tiefer Begabung: Susanne von Klettenberg. Goethe hat ihr ein 
wundersames Denkmal gesetzt in den «Bekenntnissen einer schonen 
Seele». Er hat gezeigt, wie in der Personlichkeit, der er dazumal geistig 
so nahegetreten ist, etwas lebte, was man nicht anders zu bezeichnen 
vermag als dadurch, dafi man sagt: In Susanne von Klettenberg lebte 



eine Seele, welche suchte, das Gottliche in sich zu fassen, um durch das 
Gottliche in sich das die Welt durchlebende Geistige zu finden. - Goethe 
wurde dazumal eingefiihrt durch den Kreis, dem diese Dame angehorte, 
in Studien, die, wenn man sie heute als so recht moderner Mensch auf 
sich wirken laftt, einem verriickt erscheinen. Mittelalterliche Schriften 
waren es, in die sich Goethe hineinlebte. Derjenige, der sie heute in die 
Hand nimmt, kann nichts damit anfangen. Wenn man die merkwiirdi- 
gen Zeichen sieht, die darin sind, fragt man sich: Was soil das gegeniiber 
dem heutigen Wahrheitsstreben der Wissenschaft? - Da wirkte ein Buch: 
«Aurea catena Homeri», «Die goldene Kette des Homer». Wenn man es 
aufschlagt, findet man eine merkwiirdige symbolische Abbildung: einen 
Drachen oben im Halbkreis, einen Drachen voller Leben, der angrenzt 
an einen andern Drachen, einen verdorrenden, in sich selber absterben- 
den Drachen. Allerlei Zeichen sind damit verknlipft: symbolische Schliis- 
sel, zwei ineinander verschlungene Dreiecke und die Planetenzeichen. 
Das ist fur unsere Zeitgenossen eine Phantasterei, gegeniiber der heu- 
tigen Wissenschafl ist es eine Phantasterei, weil man nicht weift, was 
man mit diesen Zeichen anfangen soli. Goethe spurt in seiner Ahnung, 
daft sie etwas ausdriicken, daft man etwas damit anfangen kann, wenn 
man sie betrachtet. Sie driicken nicht unmittelbar etwas aus, was man 
da oder dort finden kann in der Welt. Wenn man aber diese Zeichen auf 
sich wirken laftt, indem man sie sich so einpragt, daft man gleichsam 
taub und blind wird gegeniiber seiner physischen Umgebung, nur diese 
Zeichen in sich wirken laftt, dann erlebt man etwas hochst Eigentiim- 
liches, dann erlebt man, daft die Seele in sich selber wie etwas verspiirt, 
was friiher geschlummert hat, wie ein geistiges Auge, das aufgeht. 
Und wenn man geniigende Ausdauer hat, so ergreift man das, was man 
Meditation, Konzentration nennen kann, wodurch man seine Seele so 
zur Entwickelung bringt, daft man tatsachlich so etwas wie eine geistige 
Augenoperation durchmacht, durch die sich eine neue Welt erschlieftt. 
Fur Goethe hat sich damals noch nicht eine neue Welt erschlieften kon- 
nen, so weit war er noch nicht. Aber was in seiner Seele auflebte, war 
die Ahnung, daft es Schliissel gibt fiir diese geistige Welt, daft man ein- 
dringen kann in diese geistige Welt. Diese Stimmung muft man sich 
vergegenwartigen; die lebendige Empfindung, das lebendige Gefiihl: da 




wird etwas in mir rege gemacht, wird etwas lebendig; es mufi etwas 
geben, was in die geistige Welt hineinfuhrt. Aber zu gleicher Zeit spurt 
er: er kann noch nicht hinein. Ware Goethe jemals in seinem Leben iden- 
tisch gewesen mit Faust, so wiirden wir sagen: Goethe war in derselben 
Lage, in der uns Faust entgegentritt im Anfang des ersten Teiles, da, 
wo Faust, nachdem er studiert hat die verschiedensten Gebiete mensch- 
licher Wissenschaft, Bucher aufschlagt, worin solche Zeichen sind, und 
sich von einer geistigen Welt umgeben fuhlt, aber nicht hinein kann in 
die geistige Welt. So fiihlte sich Goethe niemals identisch mit diesem 
Faust: ein Teil von ihm war der Faust, er selber wuchs hinaus iiber das, 
was nur ein Teil von ihm selber war. Und so wuchs das, was in Goethe 
iiber den Faust hinausging, wuchs dadurch, daft er, keine Unbequem- 



lichkeit scheuend, immer weiter und weiter strebte und sich sagte: Hin- 
ter die Geheimnisse des Daseins kommt man nicht im Sprung, nicht 
durch Beschworungen und Formeln, sondern indem man Schritt fiir 
Schritt in geduldiger, energischer Erkenntnis das, was immer in der 
physischen Welt einem entgegentritt, nach und nach wirklich geistig- 
seelisch durchdringt. - Es ist leicht zu sagen: Es mufi aufgehen in der 
Seele, was eine hohere Erkenntnis ist. - Aufgehen mufi diese hohere 
Erkenntnis in der Seele, aber sie geht in wahrer Gestalt erst dann auf, 
wenn wir in Geduld und Ausdauer bestrebt sind, von Stufe zu Stufe 
kennenzulernen die wirklichen Erscheinungen der physischen Welt und 
dann hinter diesen Erscheinungen der physischen Welt das Geistige zu 
suchen. Mit dem aber, was Goethe mitnahm aus seiner Frankfurter 
Zeit, konnte er alles andere zusammenfassen, konnte er alles in ande- 
rem Lichte sehen. 

Goethe kam von Frankfurt in diese Stadt, Strafiburg. Wir konnten 
mancherlei anf iihren, was ihn hier hoher gefiihrt hat. Besonders charak- 
teristisch ist aber, wie ihm dasjenige vor die Seele trat, was hier in dieser 
Stadt eine so grofie Bedeutung hat: das Munster, der Dom. Damals 
stellte sich vor Goethes Seele die Idee dieses wunderbaren Baues, und er 
begriff, warum jede einzelne Linie so ist, wie sie ist. Er sah mit geistigem 
Anschauen, mit dem durch seine Frankfurter Vertiefung gewonnenen 
Anschauen, jedes Dreieck, jeden einzelnen Winkel dieses bedeutsamen 
Baues als zum Ganzen gehorig, und in seiner Seele feierte die grofie Idee 
des Baumeisters eine Wiederauferstehung, und Goethe glaubte, wieder- 
zuerkennen das, was als Gedanke, als Idee hineingeflossen war in dieses 
Bauwerk. Und so konnten wir vieles anfuhren, wo in Goethes Seele 
eine Ehe einging das, was als innere Anschauung diese Seele gewonnen 
hatte, und das, was sie an aufieren Weltvorgangen aufnahm. Deshalb 
ist es nicht weiter wunderbar, daf5 er, als er spater nach Weimar kam, 
die Naturwissenschaft von einer neuen Seite aufnahm, die Botanik, die 
Zoologie, die Knochenlehre und so weiter, um jetzt alles wie Buchstaben 
zu betrachten, die zusammen das Buch der Natur ergeben, die hinein- 
f iihren in die Geheimnisse des Daseins. So entstanden seine Studien iiber 
die Pflanzenentwickelung, iiber die Tierwelt, die er spater noch so be- 
treibt wie als Student, nur dafi er uberall den Geist hinter den sinnlichen 



Erscheimmgen des Daseins suchte. So sehen wir, wie er gerade wahrend 
seiner italienischen Reise die Kunst auf der einen Seite, die Naturwerke 
auf der andern Seite betrachtete, wie er die Pflanzenwelt betrachtete, urn 
den Geist, der darinnen waltet, zu erkennen. Grofi und schon sind die 
Worte, die er an seine Freunde schrieb, soldier Art geistige Naturwissen- 
schaft treibend. Er sagte: Oh, hier tritt mir alles in neuer Weise ent- 
gegen; ich mochte nach Indien reisen, um das, was schon entdeckt, nach 
meiner Art anzuschauen. - Das heifk: wie es seine Entwickelung nach 
den Andeutungen, die wir geben konnten, von ihm gefordert hat. Und 
so sehen wir, wie er auch die Kunstwerke, die ihm da entgegentraten, 
betrachtet. Er schreibt in einem Brief e: «Soviel ist gewifi, die alten 
Kiinstler haben ebenso grofie Kenntnis der Natur und einen ebenso 
sicheren Begriff von dem, was sich vorstellen laftt und wie es vorgestellt 
werden mufi, gehabt als Homer. Leider ist die Anzahl der Kunstwerke 
der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so hat 
man nichts zu wiinschen, als sie recht zu erkennen und dann in Frieden 
hinzufahren. Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die hochsten 
Naturwerke von Menschen nach wahren und natiirlichen Gesetzen 
hervorgebracht worden. Alles Willkiirliche, Eingebildete fallt zusam- 
men; da ist Notwendigkeit, da ist Gott.» Wie schon zu dem Knaben 
mit seinen sieben Jahren von dem selbsterrichteten Altare her der gro$e 
Geist der Natur sprach, so sprach ihm der grofte Geist des Daseins der 
geistigen Welt aus diesen Kunstwerken heraus, die er als Einheit be- 
trachtete. So kam Goethe immer mehr zu der Betrachtung des einzelnen 
in energischer, hingebungsvoller Arbeit. Dann konnte er den Augen- 
blick ruhig erwarten, wo aus seinen Beobachtungen eine wirkliche Er- 
kenntnis der geistigen Welt heraussprang, eine wahre Geisteswissen- 
schaft, die uns dann entgegentritt, in kunstlerischer Weise umgegossen 
und umgeschaffen, in seinem «Faust». 

So haben die ersten Partien des «Faust», die entstehen, ganz die Stim- 
mung eines Menschen, der die Geheimnisse des Daseins ahnt, der aber 
nicht in diese Geheimnisse hineinkommen kann. Da sehen wir, wie 
Faust jene Zeichen wirken laftt, die ihn vom Geistigen umgeben sein 
lassen, aber wir sehen, wie er noch nicht reif ist, dieses Geistige wirklich 
zu empfinden. Das sind die Satze, wo Faust als die Nostradamus-Aura 



die Zeichen des Makrokosmos und des Erdgeistes auf sich wirken lafk, 
wo der Geist der Erde vor ihm erscheint. In wunderbar schonen Worten 
wird von Faust der Erdgeist charakterisiert. Wir sehen, wie er ahnt, 
dafi das, was der Planet Erde ist, nicht einfach jene physische Kugel ist, 
als die sie von der Naturwissenschaft angesehen wird, sondern gerade 
so, wie der Leib eine Seele enthalt, so der Erdenleib einen Geist. 

In Lebensfluten, im Tatensturm 

Wall' ich auf und ab, 

Webe hin und her! 

Geburt und Grab, 

Ein ewiges Meer, 

Ein wechselnd Weben, 

Ein gliihend Leben, 

So schafP ich am sausenden Webstuhl der Zeit 
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid. 

Das ist das, was in der Erde lebt als der Geist der Erde, wie in uns 
unser Geist lebt. Aber Goethe kennzeichnet den Faust als noch nicht 
reif, seinen Geist als noch unvollendeten. Abwenden mufi er sich von 
dem furchtbaren Zeichen wie ein furchtsam weggekriimmter Wurm. 
Der Erdgeist antwortet ihm: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, 
nicht mir.» In Goethes Seele lebte die Erkenntnis, wenn sie zunachst 
auch nur eine ahnende war, daft wir auf keiner Stufe uns befriedigt 
erklaren diirfen, sondern von jeder Stufe aus hohere und immer hohere 
Stufen erstreben miissen, daft wir auf keiner Stufe sagen konnen, wir 
haben etwas erreicht, sondern von jeder Stufe aus immer hoher streben 
miissen. Goethe fiihrten in diese Geheimnisse hinein seine emsigen Stu- 
dien von Erscheinung zu Erscheinung. Und nun sehen wir ihn wachsen. 

Denselben Geist, den er zuerst gerufen hat, und von dem er nur sagen 
konnte: «Schreckliches Gesicht!», laftt Goethe durch Faust anreden, 
nachdem Goethe selber eine hohere Stufe erreicht hatte nach der Italien- 
reise, nach seiner Reise, die ich so charakterisiert habe, daft er die ganze 
Natur und Kunst mit seiner Anschauung durchdringen wollte. Jetzt ist 
Faust gestimmt, wie Goethe selber gestimmt war. Jetzt steht Faust vor 
demselben Geiste, den er also anredet: 



Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, 

Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst 

Dein Angesicht im Feuer zugewendet. 

Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich, 

Kraft, sie zu fiihlen, zu genieften. Nicht 

Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, 

Vergonnest mir in ihre tiefe Brust 

Wie in den Busen eines Freunds zu schauen. 

Du fuhrst die Reihe der Lebendigen 

Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Briider 

Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. 

Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt, 

Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste 

Und Nachbarstamme quetschend niederstreift, 

Und ihrem Fall dumpf hohl der Hiigel donnert; 

Dann fuhrst du mich zur sichern Hohle, zeigst 

Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust 

Geheime tiefe Wunder offnen sich. 

Und steigt vor meinem Blick der reine Mond 

Besanftigend heriiber: schweben mir 

Von Felsenwanden, aus dem feuchten Busch 

Der Vorwelt silberne Gestalten auf , 

Und lindern der Betrachtung strenge Lust. 

Da ist Goethe und mit ihm Faust zu der Hohe gelangt, nicht mehr 
sich wegzuwenden von dem Geist, den er im Sprunge hat erreichen 
wollen. Jetzt tritt ihm der Geist als ein solcher entgegen, von dem er 
sich nicht mehr hinwegzuwenden braucht. Jetzt erkennt er ihn in allem 
Lebendigen, in alien Reichen der Natur: in Wald und Wasser, im stillen 
Busch, in der Riesenfichte, in Sturm und Donner. Und nicht nur da. 
Nachdem er ihm erschienen ist in der grofien Natur draufien, erkennt 
er ihn auch in seinem eigenen Herzen: seine geheimen tiefen Wunder 
offnen sich. 

Das ist ein Fortschritt in Goethes Geist-Erkenntnis, und Goethe ruhte 
nicht, um weiterzukommen. Wir sehen dann, wie er, wohl angeeifert 



durch Schiller, sich zu vertiefen sucht, insbesondere in den neunziger 
Jahren des 18. Jahrhunderts. Sie brachten ihm dasjenige, was es ihm 
moglich machte, iiber die unbestimmte Charakteristik des Geistbewufit- 
seins, dafi in allem ein Geist lebt, hinauszukommen. Zu ergreifen diesen 
Geist, gelang ihm im Konkreten. Aber Goethe brauchte viele Vorbe- 
reitungen, bevor er imstande war, darzustellen das Leben des Men- 
schengeistes in dem Sinne: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig- 
Seelischem stammen. Dafi aber Goethe den Versuch niemals versaumte, 
tiefer hineinzukommen, zeigt manches Werk, das er vor Vollendung 
des zweiten Teiles des «Faust» geschaffen hat. Bis zu welcher Hohe er 
gekommen ist, zeigt der zweite Teil des «Faust». Manche haben sich 
schon von ihm abgewendet, als sie in der «Pandora» den in sich ver- 
tieften Goethe kennenlernten. Auch heute erleben wir, daft man sagt: 
Der erste Teil des «Faust» ist voller Leben, atmet unmittelbare Natiir- 
lichkeit, der zweite Teil aber ist ein Produkt des Goetheschen Alters, 
voller Sinnbilder und Kiinsteleien. - Solche Leute ahnen gar nicht, was 
in ihm steckt, welche unendliche Weisheit in diesem zweiten Teile des 
«Faust» steckt, zu dem ein so reiches Leben wie das Goethes erst am 
Lebensabend kommen konnte, so dafi er ihn als Testament hinterlassen 
hat. Deshalb begreifen wir auch, wenn Goethe gegeniiber manchen 
Werken, die schon den Geist des «Faust» atmen, die Zeilen hinschreibt, 
von denen bekannt ist, da£ er den Faust als eine ringende Seele darstellt, 
eine Seele, iiber die ein Neues hereingebrochen ist. Wir erkennen es an 
dem Arger, den er ausgofi iiber diejenigen, die den «Faust» ein minder- 
wertiges Werk des Alters genannt haben. Er sagt von ihnen: 

Da loben sie den Faust, 
Und was noch sunsten 
In meinen Schriften braust, 
Zu ihren Gunsten; 

Das alte Mick und Mack, 
Das freut sie sehr; 
Es meint das Lumpenpack, 
Man war's nicht mehr! 



Da hat Goethe einmal seine Stimmung in Worte gekleidet, die er 
empfand gegeniiber denen, die glauben, daft nur dasjenige Giiltigkeit 
habe, was Goethe in seinen jungeren Jahren geleistet hat, die nicht 
hinaufsteigen wollen zu dem, was er in seinen reiferen Jahren ge- 
leistet hat. 

Nachdem Goethe seinen Faust hineingefuhrt hat in das Leben, das 
uns unmittelbar umgibt, ihn hat erleben lassen jene wunderbare Gret- 
chen-Tragodie, fiihrt er ihn hinaus in die Welt, die aufterlich die grofte 
Welt ist, zunachst in die Welt, die aufterlich die grofte ist: die Welt 
des Kaiserhofes. Da will Goethe nun zeigen, daft Faust nun wirklich 
auch geistig eindringen soil in die Geheimnisse dieser Welt. Dann aber 
sollte Faust nun eingefiihrt werden in die wirkliche geistige Welt, in die 
ubersinnliche Welt. 

Gleich im Anfange des zweiten Teiles sehen wir, wie Goethe den 
Faust umgeben sein laftt von allerlei geistigen Wesenheken. Das soli 
ausdnicken, daft Faust nicht nur in eine auftere physische Welt gefuhrt 
werden soil, sondern daft er auch durchleben soli, was derjenige durch- 
leben kann, dessen geistiges Auge geoffnet ist, dessen geistiges Ohr 
wahrnehmen lernt. Daher zeigt uns Goethe im zweiten Teile Stufe fiir 
Stufe das Wesen der menschlichen Seele, der menschlichen Entwickelung. 
Was soil Faust erleben? Er soli erleben die Erkenntnisse der ubersinn- 
lichen Welt. Er soil eingeweiht werden in die Geheimnisse der iiber- 
sinnlichen Welt. Wo ist diese ubersinnliche Welt? 

Bei dieser Gelegenheit kann uns eigentlich erst, wenn wir den Geist- 
gehalt des «Faust» in Betracht ziehen, die Frage nach dem Mephisto- 
pheles beschaftigen, jenem Geiste, der den Faust von Anfang an umgibt, 
der mitspielt bei allem, was Faust unternimmt. Aber erst im zweiten 
Teile, da, wo Faust hineingefuhrt werden soil in die geistige Welt, sehen 
wir, was fiir eine Rolle Mephistopheles spielt. Nachdem Faust durch- 
gemacht hat die Ereignisse am «Kaiserhof», beginnt er das zu sehen, was 
in der sinnlichen Welt nicht mehr da ist: den Geist der Helena, die 
vor Jahrhunderten und Jahrhunderten gelebt hat. Sie soil fiir Faust 
gefunden werden. Sie kann nicht in der physischen Welt gefunden 
werden. Faust muft in die geistige Welt hinuntersteigen. Mephistopheles 
hat den Schlussel zu dieser Welt, er kann aber nicht selbst in diese 



geistige Welt hinein, er kann sie verstandesmaftig beschreiben. Er kann 
sagen: Du wirst hinuntersteigen, man konnte audi sagen, du wirst 
hinaufsteigen. - Er beschreibt dann tatsachlich die geistige Welt, in die 
Faust eintauchen soil, um sie iibersinnlich kennenzulernen, um darin 
den Geist zu finden, das Unsterbliche, das Ewige, das zuriickgeblieben 
ist von Helena. Ein Wort ertont, ein wunderbares Wort: zu den Miit- 
tern soil Faust hinuntersteigen. Was sind die «Mutter»? Man konnte 
stundenlang reden, wenn man genau charakterisieren wollte, was die 
Mutter sind. Wir brauchen hier nur zu sagen, daft die Mutter fur die 
Geisteswissenschaft zu alien Zeiten das waren, was der Mensch kennen- 
lernt, wenn sein geistiges Auge geoffnet wird. Wenn er in die physische 
Welt blickt, sieht er alle Dinge begrenzt. Wenn er in die geistige Welt 
eintritt, kommt er in etwas, woraus alle physischen Dinge so heraus- 
kommen, wie aus einem Wasserteich das Eis herauskommt. Wie einer, 
der das Wasser nicht sehen konnte, sagen wiirde: Nichts ist da als Eis, 
es turmt sich auf aus dem Nichts, - so sagt der, der den Geist nicht kennt: 
Nur physische Dinge sind da. - Er sieht nicht den Geist, der zwischen 
und hinter den physisch-sinnlichen Dingen ist, aus dem sich alle sinnlich- 
physischen Dinge herausbilden wie Eis aus Wasser. Da, wo der Urgrund 
der physischen Dinge ist, der nicht mehr durch die physischen Augen 
sichtbar ist, sind die Mutter. Mephistopheles ist die Wesenheit, die dar- 
stellen soli jenen Verstand, der nur kennt, was aufterlich im Raume 
ausgestaltet ist, die zwar weift, dafi es eine geistige Welt gibt, die aber 
nicht in sie eindringen kann. Mephistopheles steht da neben Faust, wie 
heute neben dem Geistesforscher steht der materialistische Denker, der 
da sagt: Ach, du Geisteswissenschafter, du Theosoph, du willst in eine 
geistige Welt hineinschauen? Da drinnen ist ja gar nichts, das ist ja alles 
ertraumt. Das ist alles nichts. — Diesem Materialisten, der da fest bauen 
will auf das, was das Mikroskop, das Teleskop offenbart, der aber alles, 
was hinter den physischen Erscheinungen liegt, wegleugnen will, ruft 
der Geistesforscher zu: «In deinem Nichts hoff 5 ich das All zu finden. » 
So steht der materialistische Denker dem spirituellen Menschen gegen- 
iiber, der den Geist gerade dort zu finden hofft, wo der andere nichts 
sieht. Ewig werden sich diese zwei Machte gegeniiberstehen. Und von 
Anfang steht Mephisto dem Faust so gegeniiber als der Geist, der bis 



zur Tur fiihren kann, der aber diese Pforte nicht durchschreiten kann. 
Der Theosoph oder Geisteswissenschafter sagt nicht: Die materielle 
Wissenschaft ist nichts, ist unnotig. - Er sagt: Wir miissen diese Wissen- 
schaft ernst nehmen, sie studieren, aber sie hat nur den Schltissel, sie 
fiihrt uns dahin, wo erst das wahre geistige Leben zu finden ist. 

Faust steigt dann hinunter in das Reich der Mutter, in die geistige 
Welt; es gelingt ihm den Geist der Helena heraufzufiihren. Aber er 
ist noch nicht reif , diesen Geist mit seiner eigenen Seele wirklich zu ver- 
binden. Daher die Szene, wo in Faust die Leidenschafl sich regt, wo 
er mit sinnlicher Leidenschafl umfassen will das Urbild der Helena. 
Deshalb wird er da zuruckgestofien. So ergeht es jedem, der aus per- 
sonlichen, egoistischen Gefuhlen sich der geistigen Welt nahern will. 
Er wird zuriickgestofien, wie Faust zuriickgestofien wird, als er vom 
Reiche der Mutter herauf den Geist der Helena geholt hat. Faust mufi 
erst reif werden, erkennen lernen, wie sich wirklich zusammenfinden 
die drei Glieder der menschlichen Natur: der unsterbliche Geist, der 
von Leben zu Leben, von Verkorperung zu Verkorperung geht; der 
Leib, der zwischen Geburt und Tod sich auslebt; und die Seele, die 
zwischen beiden drinnen steht. Leib, Seele und Geist, wie sie sich ver- 
binden, wie sie zusammengehoren, das soli Faust kennenlernen. Das 
Urbild der Helena, das Unsterbliche, das Ewige, das von Verkorperung 
zu Verkorperung, von Leben zu Leben geht, hat Faust schon gesucht, 
aber unreif. Jetzt soil er heranreifen, um wiirdig zu werden, wirklich 
in die geistige Welt einzutreten. Dazu mul5 Faust kennenlernen, wie 
dieses Unsterbliche erst dann herantritt an den Menschen, wenn er sich 
im physischen Dasein in einem neuen Leben zwischen Geburt und Tod 
wiederum verkorpern kann. Deshalb mufi Goethe zeigen, wie die Seele 
zwischen Geist und Korper lebt, wie sie sich hineinstellt zwischen den 
unsterblichen Geist und den Leib, der zwischen Geburt und Tod steht. 
Das zeigt uns Goethe im zweiten Teile des «Faust». 

Die Seele ist bei Goethe verborgen in jenem wundersamen Gebilde, 
iiber das die Goethe-Forscher nicht viel zu sagen wissen, in dem die 
Geistesforscher, die bewandert sind, erkennen das Urbild der Seele. Das 
ist nichts anderes als das wunderbare Gebilde des Homunkulus, des 
kleinen Menschleins. Das ist ein Bild der menschlichen Seele. Was hat 



diese Seele zu tun? Sie ist der Vermittler zwischen Leib und Geist, sie 
mu!5 die Elemente des Leibes aus alien Reichen der Natur heranziehen, 
um sich mit ihnen in Verbindung zu bringen. Erst dann kann sie mit 
dem unsterblichen Geiste vereinigt werden. Daher sehen wir, wie Faust 
von diesem Homunkulus gefiihrt wird in die klassische Walpurgisnacht 
bis zu den Naturphilosophen Anaxagoras und Thales, die nachgedacht 
haben, wie die Natur und das Lebendige entstehen. 

Da wird jene wahre Entwickelungslehre gezeigt, die zuruckgeht dazu, 
daft nicht nur ein Tierisches der menschlichen Entwickelung zugrunde 
liegt, sondern ein Seelisches, das die Elemente aus der Natur sammelt, 
um nach und nach den Leib aufzubauen. Daher wird dem Homunkulus 
der Rat gegeben: Vom untersten Reich mufit du beginnen, um zu hohe- 
rem und hoherem aufzusteigen. — An das mineralische Reich wird zu- 
nachst die Seele des Menschen verwiesen. Dann wird ihm gesagt: Du 
hast durch das Pflanzenreich durchzugehen. - Ein wunderbarer Ausdruck 
ist da: «Es grunelt so», um den Durchgang durch die Pflanzenwelt, das 
Saftig-Griine, zu verzeichnen. Da sammelt die Seele alle Elemente der 
Naturreiche, um dann heraufzusteigen. Es wird ausdriicklich gesagt: 
«Und bis zum Menschen hast du Zeit.» Dann sehen wir, wie herantritt 
der Geist der Liebe, Eros, nachdem die Seele aus alien Reichen der Natur 
sich den Leib herangebildet hat. Da verbindet sie sich mit dem Geiste. 
Leib, Seele und Geist sind vereinigt. Hier verbindet sich das, was Seele 
des Homunkulus ist, was sie sich als Leib einorganisiert, mit dem Geist 
der Helena. Deshalb kann uns im dritten Akte des zweiten Teiles 
Helena leibhaftig entgegentreten. Die Wiederverkorperungslehre sehen 
wir kunstlerisch-dichterisch in den zweiten Teil des «Faust» hinein- 
geheimniftt. Nicht so kann man sich verbinden mit Helena, daft man 
in stiirmischer Leidenschaft sie an sich heranzieht, sondern so, daft man 
wirklich die Geheimnisse des Daseins durchlebt, die wirkliche Wieder- 
verkorperung durchlebt. 

Goethe konnte im Sinne seiner Zeit noch nicht zum Ausdruck brin- 
gen, wie wir es heute konnen, die Idee der wiederholten Erdenleben. 
Aber er legte sie hinein in den zweiten Teil seines «Faust». Deshalb^ 
konnte er zu Eckermann sagen: Ich habe meinen «Faust» so geschrieben, 
daft er fur das Theater park; daft die Bilder, die er darbietet, aufterlich 



sinnlich interessant sind fiir den, der nur aufterlich sinnlich sehen will. 
Fur die Eingeweihten aber wird ersichtlich sein, daft Tiefstes in diesen 
zweiten Teil des «Faust» hineingeheimnifk worden ist. - So hat Goethe 
ausdriicklich darauf hingewiesen, daft man seine Lebensanschauung, 
seine Geistesanschauung in dieser Dichtung finden kann. Und so be- 
greifen wir nun auch, daft Goethe uns veranschaulichen konnte in dieser 
Wiederverbindung des Faust mit der Helena das, was wahre Mystik ist. 

Faust verbindet sich mit der geistigen Welt. Da entsteht nicht ein 
gewohnliches Kind, da entsteht Euphorion, der ebenso wahr ist, als er 
dichterisch ist. Ebenso wahr stellt er uns dar, was in unserer Seele auf- 
lebt, wenn sie sich mit der geistigen Welt verbindet. Wenn die Seele 
in die Geheimnisse der geistigen Welt eindringt, dann gibt es in der 
Seele einen Augenblick der Entwickelung, der von ungeheuer tiefer Be- 
deutung fiir diese Seele ist. Bevor die Seele zu weiterem gelangt, gelangt 
sie dazu, fiir kurze Augenblicke die Verbindung mit der geistigen Welt 
zu gewinnen, fiir ganz kurze Zeitraume zu wissen, was geistige Welt ist. 
Dann ist es so, wie wenn aus der geistigen Erkenntnis herausgeboren 
wiirde ein geistiges Kind. Aber dann kommen wieder die Momente des 
Lebens, wo uns dieses geistige Kind wie in die geistige Welt hinein 
verschwunden ist. Das mull man lebensvoll mit dem Herzen erfassen, 
dann fiihlt man nach, wie der Euphorion, das geistige Kind des My- 
stikers, trotz aller dichterischen Lebenswahrheit, hinuntersinkt in die 
geistige Welt, in die Faust noch nicht ganz eintreten kann, wie er aber 
hinuberzieht etwas anderes noch. Das ist ein Erlebnis des Geistes- 
forschers, des geistigen Suchers, wenn unsere Seele die Stunde hat, wo 
sie so recht empfindet ihr Verhaltnis zur geistigen Welt, und wo die 
Erkenntnis erscheint wie ein Kind einer Ehe mit der geistigen Welt. 
Dann erlebt sie es tief, wenn sie in die Alltaglichkeit hinuntersinkt, 
und es ist, wie wenn es das Beste, was wir haben, mitnimmt. Es ist, wie 
wenn unsere eigene Seele entrinnen wiirde und mitzoge in die geistige 
Welt. Wenn man das gefiihlt hat, fiihlt man nachtonen die geistigen 
Worte des Euphorion, der hinuntergesunken ist, und der ruft aus der 
dunklen Tiefe: «Laft mich im diistern Reich, Mutter, mich nicht allein.» 
Diese Stimme kennt der wahre Mystiker, die Stimme, die von dem 
geistigen Kinde nach unserer Seele als seiner Mutter ruft. 



Aber diese Seele mufi weiter. Loskommen mufi sie von dem, was 
nur personliche Leidenschaft ist. Unpersonlich miissen wir hingegeben 
sein konnen der geistigen Welt. So lange noch ein Eigennutz, ein Eigen- 
wille da ist, konnen wir die geistige Welt nicht erfassen. Erst dann 
konnen wir diese geistige Welt erfassen, wenn alles Personliche hinweg- 
gescheuert ist vor dem Hoheren der geistigen Welt; erst dann konnen wir 
wirklich dauernd eintreten in die geistige Welt. Da aber kommen noch 
mancherlei Momente, wenn wir schon jenen Moment erlebt haben, der 
uns wieder zuriickstofk in die physische Welt, Momente, die uns alle 
Mystik wegnehmen fur lange Zeit. Das sind jene Momente, von denen 
wir uns sagen miissen: Ja, wenn wir schon alles iiberwunden haben von 
Eigennutz und Eigenwillen, es bleibt doch noch dieses oder jenes zuriick, 
wie es im Faust zuriickgeblieben ist, nachdem er schon gesagt hatte: Auf 
freiem Grunde stehe ich hier, ich will nur arbeiten, der Natur alles ab- 
gewinnen, nur fur andere etwas tun. - So weit ist er aber noch nicht 
gekommen. Indem er auf die Hiitte von Philemon und Baucis blickt, 
indem das seinen Blick stort, zeigt er: da ist noch nicht hinweg jener 
Egoismus, der durch den Anblick erfreut sein will. Er hat einen Besitz 
schafTen wollen, selbstlos, er kann aber noch nicht ertragen, was ihn 
verunziert: die Hiitte des Philemon und der Baucis. Da naht sich ihm 
noch einmal der Geist des Bosen. Die Hiitte wird abgebrannt. Da zeigt 
sich ihm das, was sich jedem zeigt, der die Entwickelung durchmacht: 
die Sorge, die an jeden herantritt, der noch eigenniitzige Bestrebungen 
in sich tragt, und die ihn nicht hinaufsteigen lafk in die geistige Welt. 
Da steht sie vor uns, die Sorge, da lernen wir sie erkennen in ihrer 
wahren Gestalt; dann ist sie etwas, was uns zum Letzten der wirklichen 
Geisteserkenntnis fiihren kann. Es soil nicht darauf hingewiesen wer- 
den, daft der Mensch weltfremd, weltfeindlich werden soil, sondern 
darauf, wie der Mensch in der Welt dasjenige kennenlernen soil, was 
ihn nicht loskommen laik von der Welt. In weiser Selbsterkenntnis 
sollen wir die Sorge vor uns hintreten lassen, damit wir frei werden 
von dem Egoistischen der Sorge, nicht von der Sorge selbst, was ver- 
anschaulicht wird, indem die Sorge sagt, sie schleiche sich durch ein 
Schliisselloch hinein. Wenn wir diese Sorge kennenlernen, nicht bloft 
fiihlen, sondern ertragen lernen, dann erlangen wir jenen Entwicke- 



lungsgrad des Menschen, der uns das geistige Auge aufschliefk. Dies 
wird veranschaulicht dadurch, dafi Faust blind wird im hohen Alter, 
nicht mehr physisch-sinnlich sehen kann, sondern hineinschauen kann 
in die geistige Welt. «Die Nacht scheint tiefer, tief hereinzudringen.» 
Finster ist es aufierlich, aber inneres helles Licht, das Licht, das die Welt 
beleuchten kann, leuchtet auf, das Licht, in dem die Seele ist zwischen 
Tod und Geburt: das Reich der Mutter. Jetzt erst kann Faust die Wan- 
derung antreten in die geistige Welt, da wo seine Himmelfahrt so schon 
geschildert wird. 

Dann kann Goethe zusammenfassen, was aus Faust geworden ist, 
von dem ahnenden Streben jenes Menschen an, der an der Wissenschaft 
verzweifelt und sich abwendet, was er von jener Stufe aus geworden 
ist bis zur hochsten Geist-Erkenntnis. Er kann es zusammenfassen im 
Chorus mysticus, der schon durch seinen Namen anzeigt, daft er etwas 
Tieferes bedeuten soil. In diesem Chorus mysticus soli paradigmatisch 
in wenigen Worten noch einmal zusammengefafk werden, was den 
Schliissel darbietet zu alien Weltgeheimnissen, wie alles Vergangliche 
nur ein Gleichnis ist fur das Unvergangliche. Das, was das physische 
Auge sehen kann, ist nur ein Gleichnis fiir das Geistige, Unsterbliche, 
von dem Goethe gezeigt hat, dafi er sogar die Erkenntnis der Wieder- 
verkorperung erlangt, wenn er in dieses Geistige eintritt. Das soli end- 
lich gezeigt werden, dafi, wenn der Mensch eintritt in das geistige Reich, 
dann alles das, was in der physischen Welt Ahnung, Hoffnung ist, dort 
eine Wahrheit ist. Was in der physischen Welt angestrebt wird, wird 
Erreichnis in der geistigen Welt. 

Fast pedantisch mochte es aussehen, wenn ich hier etwas angebe, was 
man wissen mufi, um die Schluftworte zu verstehen. 

Goethe sprach etwas undeutlich im hohen Alter, weil er zahnlos war. 
Er diktierte den zweiten Teil seines «Faust» einem Schreiber. Da er 
immer noch etwas hatte von Frankfurter Mundart, sind manche Worte 
und Laute etwas undeutlich herausgekommen. So ist fiir manches ch ein 
g gesetzt worden vom Schreiber. So zum Beispiel wurde fiir «Erreichnis» 
«Ereignis» geschrieben. Goethe hat, als er die SchlulWorte des «Faust» 
diktierte, gesprochen «Erreichnis». Das Unzulangliche wird hier etwas, 
was erreicht werden kann, ein Erreichnis, also mit zwei r und ch. Uber- 



all, in alien Goethe-Ausgaben finden Sie «Ereignis» geschrieben. So we- 
nig wissen die Goethe-Forscher in den Sinn einzudringen, Dasjenige, was 
unzulanglich ist in der physischen Welt, wird in der geistigen Welt «Er- 
reichnis». Was nicht beschrieben werden kann in der physischen Welt, 
wird getan in der geistigen Welt. Es wird dort zur lebendigen Tat. 

Und endlich erleben wir das Gro$e, das Goethe im Schluftwort des 
zweiten Teiles des «Faust» zum Ausdrucke bringen darf: «Das ewig 
Weibliche». Oh, es ist eine Verslindigung an Goethe, zu sagen, Goethe 
meint mit diesem Worte das weibliche Geschlecht. Goethe meint jenes 
Tiefe, was die Menschenseele darstellt dem Weltgeheimnis gegeniiber, 
das, was sich sehnt als das Ewige im Menschen: Das ewig Weibliche, das 
die Seele hinanzieht zu dem ewig Unsterblichen, der ewigen Weisheit, 
und das sich dem ewig Mannlichen hingibt. Das ewig Weibliche zieht 
uns hinan zu dem, was ewiges Mannliches ist. Es bezieht sich nicht auf 
etwas Weibliches im gewohnlichen Sinne. Deshalb diirfen wir durchaus 
dieses ewig Weibliche im Manne und in der Frau suchen: Das ewig 
Weibliche, das zum ewig Mannlichen im Kosmos hinstrebt, um sich zu 
vereinigen, um eins zu werden mit dem die Welt durchwebenden, die 
Welt durchwirkenden Gottlich-Geistigen, nach dem der Faust strebt. - 
Dieses Geheimnis der Menschen aller Zeiten, nach welchem der Faust 
strebt von allem Anfange an, dieses Geheimnis, zu dem uns Geistes- 
wissenschaft in einem modernen Sinne fiihren soli, driickt Goethe para- 
digmatisch wie monumental in jenen schonen Worten am Schlusse des 
zweiten Teiles des «Faust» aus, die er als mystischen Geistchor hinstellt, 
dafi alles Physische, was uns in der sinnlichen Welt umgibt, Maja, 
Illusion, Tauschung ist, ein Gleichnis ist des Geistigen. Dieses Geistige 
aber sehen wir, wenn wir zu dem durchdringen, was es wie ein Schleier 
bedeckt. In diesem Geistigen sehen wir erreicht, was hier auf Erden nicht 
erreicht werden kann. Wir sehen das, was unbeschreiblich ist fiir den an 
die Sinne gebundenen Verstand, in wirkliche Tat umgewandelt, wenn 
der Geist des Menschen sich vereinigt mit der geistigen Welt. «Das Un- 
beschreibliche, hier ist's getan. » Und wir sehen jenes Bedeutsame, wo 
die Seele sich vereinigt, zusammenlebt mit dem ewig Mannlichen der 
grofien Welt, das diese Welt durchlebt und durchwebt. Das ist das grofte 
Geheimnis, das Goethe ausdriickt mit dem Worte: 



Alles Vergangliche 
1st nur ein Gleichnis; 
Das Unzulangliche, 
Hier wird's Erreichnis; 
Das Unbeschreibliche, 
Hier ist's getan; 
Das Ewig-Weibliche 
Zieht uns hinan. 

Goethe durfte sich sagen: Jetzt habe ich mein Lebenswerk getan. Es ist 
jetzt eigentlich gleichgultig, was ich die iibrige Zeit, die ich noch zu 
leben habe, auf Erden vollbringe. - Goethe siegelte den zweiten Teil 
seines «Faust» ein. Und dieser zweite Teil wurde erst nach seinem Tode 
der Menschheit iibergeben, und diese Menschheit wird alle Geistes- 
wissenschaft zusammennehmen miissen, um einzudringen in die Ge- 
heimnisse dieses gewaltigen Werkes. 

Nur Skizzenhaftes konnte heute gegeben werden. Man konnte stun- 
den- und wochenlang mit alien Mitteln der Weisheit hineinleuchten in 
das, was Goethe als Testament der Menschheit gegeben hat. Moge die 
Menschheit immer mehr eroffnen dieses Testament! Siegel fur Siegel 
wird fallen, je mehr die Menschen den Willen haben werden, in die 
Geheimnisse des zweiten Teiles einzudringen. Verstummen werden die 
Stimmen derjenigen, die sagen: Ihr sucht da etwas, was Goethe gar 
nicht hineinlegen wollte in sein Werk. — Sie kennen die Tiefen der 
Goetheschen Seele nicht, die da so sprechen. Die allein erkennen sie, die 
das Hochste sehen in diesem Werk, und in dem, was Goethe zusammen- 
drangt in den mystischen Chor, der so viele Betrachtungen schliefien 
kann, die zum Geiste fuhren sollen. 



DAS VERHALTNIS DES GOETHESCHEN «FAUST» 

ZU GOETHE 



Berlin, ij.Dezember 191 1 

Da durch die Erkrankung von Frau Wandrey ihre Faust- Vortrage 
nicht stattfinden konnten wahrend der Zeit dieses Berliner Zusammen- 
seins, mochte ich am heutigen Morgen einige abgerissene und mehr wie 
zufallig zusammengestellte Bemerkungen iiber den Goetheschen «Faust» 
machen. Ich habe ofter iiber den «Faust» vorgetragen und hofre doch 
auch einmal in einer kleineren Schrift zu einer Zusammenstellung des- 
sen zu kommen, was in den verschiedenen Vortragen gesagt wurde. 
Nun ist das Faust -Thema ein aufierordentlich umfassendes auf der 
einen Seite und auf der andem Seite ein auBerordentJich schwieriges, 
schwierig aus dem Grunde, weil wohl nicht viele Dichtungen der Welt- 
literatur in so eigenartigem Verhaltnis stehen zu ihrem Dichter wie der 
Goethesche «Faust» zu Goethe. Wir brauchen nur die auftere Tatsache 
zu bedenken, daft Goethe eine Art von erster Gestalt, die sich bei ihm 
als Faust-Dichtung ausgebildet hatte, nach Weimar mitbrachte, sie in 
Weimar also in verhaltnismaftig sehr friiher Zeit nur etwas erganzt 
und durchgearbeitet hat und dann vorlesen konnte. Es ist die Gestalt, 
die am Ende des 19. Jahrhunderts herausgegeben ist, gefunden ist in 
einer Abschrift, welche den wenig geschmackvollen Namen tragt 
Goethes «Urfaust». Damit haben wir eigentlich also die Faust-Gestalt 
vor uns, die Goethe schon sehr friih hatte. Dann haben wir eine Ge- 
staltung der Faust-Dichtung vor uns, die Goethe aus bestimmten Emp- 
findungen heraus 1790 veroffentlichte, ein «Faustfragment». Ich sage 
selbstverstandlich aus bestimmten Empfindungen heraus, weil man die 
Tatsache, daft Goethe es veroffentlichte, damit in Zusammenhang 
brachte, dafi Goethe eigentlich daran verzweifelte, diese Faust-Dich- 
tung damals zu beenden. Es handelte sich also darum, das von sich 
abzustoften, was er bis dahin gedacht hatte, weil er gar nicht die Mog- 
lichkeit sah, es weiterzufuhren. Dann haben wir die Form, in der im 
Anfang des 19. Jahrhunderts der «Faust» in die Offentlichkeit trat. 



Das ist ungefahr unser heutiger erster Teil mit der «Zueignung», dem 
« Prolog im Himmel» und so weiter. Es ist aber damit nicht getan, weil 
dazumal schon fertig war die «Helena-Szene», die heute als dritter Akt 
des zweiten Teiles figuriert, so daft in der Zeit, als Goethe diese Gestalt 
des «Faust» hatte, er schon in seinen Empfindungen und Gedanken 
lebend hatte einen Zusammenhang dieser Faust-Gestalt mit der Helena- 
Gestalt. Und dann, als Goethe fiinfundsiebzigjahrig ist, 1824, geht er 
mit Energie daran, den zweiten Teil abzurunden und zu einer vollen 
Dichtung zu machen, die dann von ihm als Testament hinterlassen ist 
nach seinem Tode. 

Wir haben also eine Dichtung vor uns, die nicht nur Goethe wah- 
rend seines ganzen Lebens begleitete, an der er nicht nur wahrend 
seines ganzen Lebens schuf, sondern die auch ihre ganze innere Fiigung, 
den Gehalt, die Form, die Auffassung, alles iiberhaupt im Laufe der 
Zeit fortwahrend anderte. Dazu mtissen wir nehmen, daft Goethe sich 
gerade in diesem «Faust» zeigt als einen der wahrhaftigsten Dichter, 
die wir in der Weltliteratur finden. Denn es war ihm bei dem «Faust» 
niemals darum zu tun, irgend etwas nach auften hin Schones oder Voll- 
kommenes zu geben, sondern stets das zu geben, was er aus tiefster, 
innerster Ehrlichkeit heraus geben konnte, ungeschminkt das zu geben, 
was die Seele jeweilig als Wahrheit ergriffen hatte. Wenn man dazu- 
nimmt, daft dieses Goethe-Leben nun durch und durch zugleich ein 
Streben war, daft wir verfolgen konnen, wie dieses Goethe-Leben von 
Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich weiterentwickelt, sich erhebt, wie Goethe 
Neues denkt, erkennt, zu neuen Welten Beziehungen faftt, so werden 
wir die Wichtigkeit erkennen, die darin liegt, daft Goethe in die Faust- 
Dichtung immer das hat einflieften lassen, was in ihm lebte. So konnte es 
schon sein, daft sein «Faust» ihm selber da und dort recht fragwiirdig 
erschien, wenn er das vornahm, was er vor Jahrzehnten geschrieben 
hatte. Mittlerweile war er weitergekommen. Jetzt soil das weiter- 
gefiihrt werden, was er vor Jahren geschaffen hatte. 

Eine Sache soil hier ins Auge gefaftt werden, um an Hand des «Faust» 
ein wenig in Goethes Seele hineinzuschauen. Nehmen Sie das, was jetzt 
unter dem Titel «Urfaust» erschienen ist, so haben Sie darin etwas, was 
Sie nennen konnen: Es ist ungefahr das, was Goethe nach Weimar ge- 



bracht hatte und in den ersten Weimarer Jahren abrundete. Es ist etwas, 
was man nennen konnte. die Dichtung eines jungen, aufierordentlich 
begabten Dichters, der aber von dem, was eigentlich in seiner Seele 
ruhte, noch nicht viel fur sich selber aus seiner Seele hat herausbringen 
konnen. Denn es fehlen in dieser Gestalt der Faustdichtung noch alle 
Zusammenhange, die Goethe in seinem spateren Leben Zusammenhange 
mit der geistigen Welt genannt haben wiirde. Es sind eigentlich nur die 
aufterlichen, ganz realistisch menschlichen Szenen da, die in soldier 
Jugendlichkeit gefaftt werden konnten. Es ist selbstverstandlich, dafi 
die Menschen, die ihr ganzes Leben bei einem solchen Verhaltnis zur 
geistigen Welt bleiben wollen, und die das Werden, die Entwickelung 
in Goethe nicht sehen wollen, Widerspriiche finden. Von ihnen sagte 
Goethe: 

Da loben sie den Faust, 
Und was noch sunsten 
In meinen Schriften braust 
Zu ihren Gunsten. 

Das alte Mick und Mack, 
Das freut sie sehr; 
Es meint das Lumpenpack 
Man war's nicht mehr. 

Aber fassen wir Goethes Situation ins Auge, fassen wir die Sache mit 
Hinblick auf Goethes Seele ins Auge. Wir konnen Station machen in 
der Zeit, als Goethe in Italien weilt, als er in Rom ist, also in der zweiten 
Halfte des vorletzten Jahrzehntes des 18, Jahrhunderts, 1787 bis 1788. 
Was ist von jener Zeit an, wo Goethe das geschrieben hat, was jetzt im 
Urfaust vereinigt ist, bis zu der Zeit in der Goetheschen Seele geschehen, 
wo er in Italien weilte, wo er ansah als ihm passendste die Kunstform, 
die er im «Tasso», in der «Iphigenie» gegeben hat? Bedenken Sie, was es 
heifk, da£ es dieselbe Personlichkeit ist, die auf der einen Seite schon 
den merkwiirdigen, chaotischen «Gotz von Berlichingen» in seiner ersten 
Gestalt geschrieben hatte und dann die wunderbar in sich gerundete 
Form im «Tasso» und der «Iphigenie» gegeben hat. Das ist derselbe 



Mensch. Aus inneren Griinden wird man spater einmal nachweisen 
konnen, wenn man nicht mehr wird wissen, dafi diese Werke von dem- 
selben Dichter sind, dafi unmoglich derselbe Dichter diese Dinge geschrie- 
ben haben kann. In Goethe selber steckten schon verschiedene Menschen 
im wahrhaften Sinne des Wortes, konnen wir sagen. Der Goethe des Jah- 
res 1775 war in Goethe iiberwunden und 1788 war es der Goethe, der in 
der Villa Borghese in Rom die «Hexenkiiche» schrieb und die wunderbare 
Szene «Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, warum ich bat». 
Es ist eine tief bedeutsame Tatsache fur die Erkenntnis von Goethes 
Seele, daft aufsteigen vor Goethes Geist die Bilder des Urfaust, die er 
damals in jugendlichem Titanismus in Auflehnung gegen die bestehen- 
den Geistesstromungen hinschrieb, aus derselben Stimmung heraus, aus 
der auch der «G6tz von Berlichingen» entstanden ist. Derselbe Goethe 
fiihlt sich in Rom gedrungen, Maft und Harmonie hineinzubringen in 
seine Auffassung, wieder vorzunehmen die alten Gestalten. Er mufi 
wieder ehrlich und aufrichtig aus seiner Gegenwart dem «Faust» etwas 
hinzufiigen, den «Faust» selbst weiterzufiihren suchen, wie er selber 
weitergekommen ist. Das war eine sehr schwierige Lage. Die friihere 
Zeit ist nicht mehr da, aber dem dichtenden Goethe stand sie gegeniiber. 
Er hatte alles, was bis dahin geschrieben war, neu schreiben miissen, 
oder er hatte etwas vor sich, was vor ihm stand wirklich, als wenn er 
mit vierzig Jahren vor sich hatte seine Gestalt mit siebzehn, funfund- 
zwanzig, dreiftig Jahren und so weiter, als wenn er das alles vor sich 
hatte. Und wiederum, wenn er den ganzen «Faust» umgestaltet hatte, 
wiirde er nicht wahr gewesen sein, denn er hatte nicht die Stimmung zum 
Ausdruck gebracht, die in ihm war, als er sich gerade interessierte fur 
diese Szenen. Das alles macht die Faust-Dichtung so ungeheuer wichtig 
und so ungeeignet der Philistrositat, die wir im Leben finden. Aber es 
ist noch etwas vorhanden in Goethe, als er die ^Hexenkuche» schrieb 
und die Szene «Erhabner Geist», es ist noch etwas da. 

Was war denn damals vor Goethe schon getreten? Goethe war nahe- 
getreten durch alles, was in seiner Seele war, der vierten nachatlanti- 
schen Kulturperiode, der griechisch-lateinischen Zeit. Voller Enthusias- 
mus ist er fur diese vierte nachatlantische Kulturperiode, fur die 
griechisch-lateinische Zeit. Ich habe die Vermutung, schrieb er von 



Italien aus, daft idi den Gesetzen der griechischen Kunst auf der Spur 
bin. Die Kiinstler verfuhren nach denselben Gesetzen, nach denen die 
Natur selbst verfahrt. - Nachdem er sich tief in Spinoza eingelesen hatte, 
urn den Gott in der Natur zu finden, steht vor ihm, als er vor den 
Kunstwerken in Italien steht, das, was ihm erscheint als Kunst, als er 
sagte: «Hier ist Notwendigkeit, hier ist Gott,» Gegeniibergestellt fiihlte 
er sich nun dem, was er in sich aufgesogen hatte im Norden aus einer 
Kultur heraus, in welche im wesentlichen das hineingespielt hatte, was 
erste Morgenrote der fiinften nachatlantischen Kulturperiode war. Mag 
von dem, was da in den merkwiirdigen Dammerzeiten des Mittelalters 
auftauchte, manchem manches sonderbar erscheinen - von dem sonder- 
baren Teufelsglauben, von den Legenden und was da alles lebte im 13. 
bis in das 17. Jahrhundert hinein, was mit der Entstehung der Faust- 
Sage zu tun hat -, es steht in Zusammenhang mit der Kulturperiode, 
welche die griechisch-lateinische Zeit wiederum abloste. Und nun steht 
vor Goethes Geist in dieser Zeit in ganz merkwurdiger Art die Voll- 
endung des Menschen in der griechisch-lateinischen Zeit. Es war eine 
Vollendung, die dadurch herbeigefuhrt worden ist, daft dieser Kultur- 
periode, welche die Mitte der nachatlantischen Zeit ist, drei Perioden 
vorangehen, die sich in einer gewissen Weise spater wiederholen, daft 
diese vierte Periode aber die Mitte, der Schwerpunkt der nachatlanti- 
schen Zeit ist, daft damals der Mensch bis zum Auftersten in die physi- 
sche Welt hinausgegangen ist. Daher das Abgeschlossene, das ruhig Voll- 
endete dieser Kunst. Das war es, was auf Goethe solchen Eindruck 
machte. Er fiihlte: Wenn du solch ein Kunstwerk vor dir hast, brauchst 
du nicht in den Raum hinauszugehen, in das Auftere, es ist alles in das 
Kunstwerk eingeflossen. - Dieses Ausgeflossensein in die Form, in das 
«Wie», war es, was ihn besonders packte. 

Im Norden stellte sich ihm entgegen, was er selbst mit der andern 
Seite seines Wesens so ungeheuer liebte in der frtiheren Zeit. Nehmen 
wir einen gotischen Dom oder die Kunst Durers, Holbeins und so wei- 
ter. Da haben wir das, was vorbereitet die fiinfte Periode. Die Kunst- 
werke sind nicht abgeschlossen. Man muft das suchen, was in dem 
Kunstwerk drinnen ist. Ein griechischer Tempel ist abgeschlossen, so 
abgeschlossen, daft kein Mensch da zu sein braucht. Der gotische Dom ist 



das nicht, er ist erst vollstandig, wenn andachtige Menschen darinnen 
sind. Bis in die Zeit des Niedergangs in Griechenland haben wir immer 
in der aufieren Form das Geistige. Aber in der Form Diirers haben wir 
iiberall das Bestreben, tiefer zu gehen als das, was die aufiere Form 
ausdriickt. Die Formen sind im griechischen Sinne manchmal unschon, 
weil ein gewaltiger Wille sich da ausdriicken will. Goethe war in der 
Jugend ein Anhanger dieser Kunst, der Shakespeareschen Kunst, 
die das Gegenteil der griechischen Kunst ist. Das, was hier wie zwei 
widerstrebende Elemente in Goethes Seele einander entgegengesetzt 
ist, wiirde kaum in einer andern Seele soldi einen inneren Aufruhr 
hervorgerufen haben. Goethe wollte namlich nichts Geringeres als mit 
allem, was ihm da entgegentrat unmittelbar in der aufieren Welt, zu- 
gleich das Ubersinnliche, das Geistige haben. Er gehorte nicht etwa zu 
den Menschen, die mit der aufteren Form zufrieden waren, sondern zu 
jenen, die die aufiere Form, die er in der griechisch-lateinischen Kunst 
sah, deshalb so sehr schatzten, weil mit der Form zugleich gegeben war 
das Ubersinnliche. Die Form selber war ein Ubersinnliches. Das, was in 
der Natur gegeben ist, was ihm sonst in der Welt entgegentrat, war fur 
Goethe schon Maja, grofte Illusion, iiberall war Maja oder grofte Illusion 
gegeben. Aber von der Kunst verlangte er, dafi sie mitten in die Maja 
hineinstellt das Wahre, den griechischen Tempel, den griechischen Gott, 
der vom iibersinnlichen Standpunkte aus das Wahre ist. So war Goethe 
durstend nach der Wahrheit des Ubersinnlichen in dem Sinnlichen, trun- 
ken nach griechisch-iateinischer Kunst deshalb, weil er in das Reich der 
Maja durch die Kunst ein Reich der Wahrheit stellen wollte. Alles Un- 
wahre sollte von der Kunst entfernt werden. 

Aber auf der andern Seite sah er, wie gefahrlich eine solche Kunst- 
forderung ist. Durch die Geisteswissenschaft wissen wir, warum gefahr- 
lich. Weil jede Kunstform an eine bestimmte Epoche gebunden ist, weil 
sie spater nicht wieder auftauchen kann. Das war etwas, was fiir die 
vierte Periode ist, nicht aber fiir die fiinfte. Da mufken die Menschen 
sich hinrichten auf das Ubersinnliche, das nicht in der Form sich aus- 
driicken kann. Das war das Los der Menschheit, auf das gerichtet zu 
sein. Daher das Losringen in den nordischen Kulturen von allem Aufie- 
ren, das groteske Schauen des Geistigen in allem. So lange man - sagte 



Goethe sich - iiber diese Dinge bloft redet - Goethe sagte sich das schon, 
als er in der Villa Borghese saft so lange man bloft redet, wie ich es 
auch getan habe in meiner Jugend, ist man eigentlich nicht wahr. — 
Denn in der aufteren Rede ist die Phrase so lange unvermeidlich, als sie 
nicht durchtrankt ist von innerem Seelensein. Goethe kam alles, was er 
bis dahin geschaffen hatte, wie etwas Unwahres vor gegeniiber dem 
Plane, den er jetzt hatte, in der Kunst in die Maja hineinzustellen die 
Wahrheit. So entstand in ihm der Drang, heriiberzubringen in die neue 
Zeit das, was wie ein Ewiges in jeder Epoche fortleben kann, heriiber- 
zubringen aus der griechisch-lateinischen Epoche das, was fortleben 
kann. Fassen Sie das wohl. Nicht wahr, es ist unbewuftt heriibergebracht, 
denn jede Kulturepoche steht auf der friiheren. Unbewufk lebte die 
vierte in der funften Kulturepoche fort. Das alles lebte als Drang in 
Goethe: Wie kriegt man das bewuftt heriiber, wie kann man das, was 
damals gelebt hat und Ewigkeitswert hat, heriiberstromen lassen? Wie 
wiirde sich das, was in der griechisch-lateinischen Kultur lebte, ausneh- 
men, wenn die Menschen es bewuftt in ihr Bewulksein hiniibertragen 
konnten? - Das war etwas, was in Goethes Seele lebte: Wie muftte ein 
Mensch sich ausnehmen, der ganz darin gelebt hat in der griechisch- 
lateinischen Zeit und der nun bewulk sein Bewulksein in die spatere 
Zeit heriibertruge? - Damit war in Goethes Seele angeschlagen - wahr- 
haftig, tiefer konnte es fur die damalige Zeit nicht angeschlagen wer- 
den - das ganze Problem der Reinkarnation, der Wiederverkorperung, 
angeschlagen in der Art, daft er sich fragte, wie konnte man zu einem 
bewuftten Heriibertragen friiherer Kulturinhalte in spatere Kultur- 
inhalte kommen? Das lebte so in ihm, daft er es nicht anzufassen wuftte 
in der eigenen Seele. In der unterbewuftten Seele lag das, was umge- 
staltet hatte die eigene Seele so, daft in dem Obergang von der vierten 
in die fiinfte Periode eine so merkwtirdige Gestalt wie der Faust auf- 
treten konnte. 

Faust hat wirklich gelebt, ist in die Matrikel der Heidelberger Uni- 
versitat eingeschrieben. Was war das eigentlich fur eine Gestalt? Er war 
in gewissem Sinne ein Zeitgenosse des Nostradamus. Er war ein Mensch, 
der in gewisser Weise die Sehnsucht empfand, das, was jetzt wieder 
hervorgeholt werden muft aus verborgenen Seelentiefen, mehr oder 



weniger bewufit heraufzutragen. Die dritte Kulturepoche soil ja wieder 
herauf getragen werden. Fausts Schicksal ist es, diese dritte Kulturepoche 
wieder heraufzuftihren. Die Berechtigung eines solchen Geistes neben 
dem, der als Ideal in Goethes Seele entstand, die Berechtigung eines sol- 
chen modernen Geistes stand Goethe immer vor Augen. Niemals konnte 
er bezweifeln, dafi dieser moderne Geist Berechtigung hatte neben dem 
Idealmenschen in seiner Seele aus der griechisch-lateinischen Zeit. Aber 
nun sagte er sich: Dieser Geist mufi in die eigenen Seelentiefen hinunter- 
tauchen, mull Bekanntschaft machen mit alledem, was den Menschen zer- 
spaltet, wenn er die hoheren Welten betritt. Kaum ist der Mensch an den 
«Hiiter der Schwelle» herangekommen, das fiihlte Goethe, tritt ihm 
sogleich eine Vielheit von Gestalten entgegen. So wurde fur Goethe der 
Faust eine hochst fragwtirdige Gestalt, aber eine, an der er nicht vor- 
iibergehen konnte: Wie ist der Geist, den ich aus der vierten Kultur- 
periode heriibergetragen habe, in berechtigter Weise enthaiten in einem 
Geiste im Obergang zur funften Kulturperiode? - Er ist so enthaiten, 
daft in das Streben hineinspielen mussen alle Gefahren, die dem Men- 
schen begegnen, wenn er an dem «Huter der Schwelle» vorbeigeht und 
die iibersinnlichen Welten betritt. Daft Faust die iibersinnlichen Welten 
betritt, geht aus seiner Sehnsucht, aus seiner gefiihlsmaftigen Kontem- 
plation hervor. Damit war Goethe von Anfang an bekannt, aber er 
wurde erst nach und nach bekannt mit den Gefahren, die damals noch 
vorhanden waren, heute nicht mehr, denn durch die Lehren in «Wie er- 
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» konnen sie vermieden 
werden. Faust aber hatte die Gefahren noch. Die Art, wie Faust in die 
iibersinnlichen Welten kommt, ist so, daft gleichzeitig mit dem Auf gehen 
einer gewissen imaginativen Erkenntnis eine Aneiferung, eine Entflam- 
mung und Entziindung des niederen Leidenschaftslebens einhergehen 
muft. Beide Dinge sind nicht zu trennen, wenn nicht ein regularer spiri- 
tueller Pfad eingeschlagen wird. Diese Dinge sind nicht davon zu tren- 
nen, das konnen Sie auch bei Blavatsky nachlesen. Sie sagt, man soli nur 
bemerken, wie das Karma dessen sich andert, der in die geistigen Welten 
eindringen will, wie er Ungliick iiber seine Umgebung bringen kann, 
wenn er nicht in regularer Weise in die hoheren Welten hineinkommt, 
wie er iiber seine ganze Umgebung die Kreise verbreitet, die von den 



Impulsen ausgehen, die in ihm sind. Dafur mischen sich audi in die 
hoheren Welten die eigenen Triebe und Leidensdiaften; Gestaltenwelten 
umgeben den Menschen. 

Diese realen Geistsucher mufite Goethe sich vor die Seele hinstellen, 
da er auf dem Boden stand, in sich eine Ahnung zu haben von der ab- 
soluten Wahrheit der griechisch-lateinischen Kultur. Diesen Geistsucher 
der funften Periode mit all seinen Schwierigkeiten mufite er sich vor 
die Seele stellen. Was umgibt einen solchen Menschen, in welche Gefah- 
ren wird ein solcher Mensch hereingebracht? In der ganzen Sinnenwelt 
gibt es nichts, was konform ist dem, was ein solcher Mensch erlebt. Da 
mufi in die Geisteswelt hineingeschritten werden. Aber man mufi zu- 
nachst wissen, wie sich das, was ein solcher Mensch erlebt, unterscheidet 
von der Sinnenwelt. Deshalb die «Hexenkiiche», weil Goethe das ganze 
iibersinnliche Milieu zeigen wollte, in das Faust kommen mufite, weil 
gezeigt werden mufke, wie die ubersinnlichen Welten sich darstellten 
bei alle den Antezedenzien, von denen wir gesprochen haben. Man mufi 
ganz als Teil der geistigen Welt diese «Hexenkuche» aufnehmen. Man 
mu8 wissen, dafi Goethe gewisse Geheimnisse der ubersinnlichen Welt 
kannte, so dafi er sachgemafi schilderte, wie die Dinge tatsachlich er- 
kannt werden vom hellseherischen Bewufitsein. So ist die ubersinnliche 
Welt ungemein sachgemafi geschildert, wenn das ganze Brodeln der 
menschlichen Leidenschaften beschrieben wird bei dem damals noch 
furchtbaren Eintreten in die geistige Welt. Alles, was da auftritt an 
brodelnden Leidenschaften, spiegelt sich in den Affen, welche die Namen 
Meerkatze und Meerkater fiihren, spiegelt sich in alledem, was sach- 
gemafi in der «Hexenkiiche» dargestellt ist. 

Nun hat aber Goethe den Drang, Faust heraufzukriegen zur Wahr- 
heit, nicht zu dieser Welt des Unwahren. Es ist zwar eine Welt, die 
absolut in den Tatsachen wahr ist, aber eine Welt, die noch mehr Illusion 
ist, als die gewohnliche Sinnenwelt fur die Sinne Maja ist. Goethe mufi 
sich so bestreben, an die Wahrheit heranzukommen. Da mufi er darstel- 
len, wie die aufiere Welt, der Mephistopheles angehort, die iibersinn- 
liche, die in der «Hexenkiiche» dargestellt ist, umstellt, Goethe will 
zeigen, dafi Faust aus der Welt heraus kann, aus der Mephisto seine An- 
regungen empfangen kann. Denken Sie sich einen Menschen so hinge- 



stellt in die libersinnliche Welt, wie Faust in die «Hexenkiiche», wenn 
man sich in dieser Welt nicht mehr auskennen kann, dann konnen nicht 
einmal die gewohnlichen Gesetze des Zahlensystems stimmen. Auf geist- 
reiche Auslegung des Hexeneinmaleins kommt es nicht an, man mufi 
fiihlen, was es heifk, real dem gegeniiberzustehen, was in dem Hexen- 
einmaleins geschrieben ist: 

Du mufit verstehn! 

Aus eins mach zehn, 

Und zwei laft gehn, 

Und drei mach' gleich, 

So bist du reich. 

Verlier' die Vier! 

Aus fiinf und sechs, 

So sagt die Hex', 

Mach' sieben und acht, 

So ist's vollbracht: 

Und neun ist eins, 

Und zehn ist keins. 

Das ist das Hexen-Einmal-Eins. 

Es handelt sich darum, sich in die Seele eines Menschen zu versetzen, 
der sich plotzlich in dieser Welt sieht, wo alles anders ist, nachdem er 
das gewohnliche Zahlensystem kennengelernt hat. Wenn man mehr 
oder weniger geistvoll diese Dinge auslegt, schadet man der Dichtung, 
weil es dann den Anschein hat, als ob der Dichter selber so symbolisiert 
hatte. Nein, vor dem Dichter stand lebendig die Situation. Wer Goethe 
einen Symboliker, einen abstrakten Denker nennt, der zeigt, dafi er 
nicht das Bedeutungsvolle und Reale dieser Situation erfassen kann. 
Was mufke dem Faust geschehen, wenn er nicht sein eigenes Karma und 
das seiner Umgebung, wie zum Beispiel bei Gretchen, verderben wollte? 
Es war ein weiter Weg von diesem Faust bis zu dem, der aus der An- 
schauung der vierten Kulturepoche heraus spricht die Worte: Oh, aus 
dem Menschenherzen entspringen die Imaginationen, die in ein Netz 
einspinnen die ganze Welt der Illusion: 



Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, 

Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst 

Dein Angesicht im Feuer zugewendet. 

Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich, 

Kraft, sie zu fiihlen, zu genieften. Nicht 

Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, 

Vergonnest mir, in ihre tiefe Brust 

Wie in den Busen eines Freunds zu schauen. 

Du fiihrst die Reihe der Lebendigen 

Vor mir vorbei und lehrst mich meine Briider 

Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. 

Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt, 

Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste 

Und Nachbarstamme quetschend niederstreift, 

Und ihrem Fall dumpf hohl der Hiigel donnert, 

Dann fiihrst du mich zur sichern Hohle, zeigst 

Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust 

Geheime tiefe Wunder offnen sich. 

Das ist der Faust, der da redet mit der Natur, indem sich seine ima- 
ginative Welt verbindet mit dem, was als Maja oder Illusion vorliegt, 
der ein anderer ist als der, zu dem Mephistopheles so sonderbar sagen 
darf: 

Wie hattst Du, armer Erdensohn, 

Dein Leben ohne mich gefiihrt? 

Vom Kribskrabs der Imagination 

Hab' ich dich doch auf Zeiten lang kuriert. 

Wodurch hat er ihn kuriert? Dadurch, daft er ihn in die iibersinnliche 
Welt hineingefiihrt hat. Aber Faust soli nicht auf diese Weise von der 
Imagination kuriert werden, sondern so, daft er erkennt die Imagination 
als allumfassend die grofte Maja, die Illusion. Was ist dazu notwendig, 
damit der Faust sagen kann: 

Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt, 
Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste 



Und Nachbarstamme quetschend niederstreift, 
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hugel donnert, 
Dann fiihrst du mich zur sichern Hohle, zeigst 
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust 
Geheime tiefe Wunder ofTnen sich. 

Damit diese klassische Ruhe des Offnens eintreten kann, was mufi 
Faust gegeniiber der «Hexenkiiche», wo er sich verlieren muE, wenn er 
nicht etwas ganz bestimmtes entwickelt, was mufi Faust entwickeln? Er 
muE nicht wie ein theosophischer Theoretiker vorgehen, er mufi wie ein 
Menschjnit einem ganz bestimmten Erleben zu sich selbst kommen, er 
mufi objektiv sich selbst schauen. Es mufi gegeniiber der «Hexenkiiche» 
etwas ihm entgegentreten, worin er sich selbst schaut. Es mufi in der 
Imagination etwas von hoherer Wahrheit erscheinen, aber etwas, was 
hohere Realitat hat als die «Hexenkiiche». Das hohere Selbst ist ja fur 
den Mann weiblich. Das ist sehr real dargestellt in dem Erscheinen der 
«Helena» in der «Hexenkiiche», das Erscheinen des Atherleibes, den 
man nur von einer gewissen Entfernung schauen kann. Dieser Gestalt 
gegeniiber sagt Mephistopheles, weil er sie nicht versteht: 

Du siehst mit diesem Trank im Leibe 
Bald Helenen in jedem Weibe. 

Das ist aus einem wahren dichterischen Impulse dargestellt, der nach 
dem strebt, was die Menschen der Aufierlichkeit nach lange nicht als das 
ansehen werden, worauf es ankommt. Fiir die Menschen des fiinften 
Zeitraumes wird noch lange eine Frage ertonen nach dem, was sie notig 
haben, eine Frage, die leicht etwas Zweideutiges haben konnte, aber 
wenn sie wahr beantwortet ist, ist sie leicht zu begreifen. Wie konnte 
man der wichtigsten Angelegenheit der Menschen des fiinften Zeitrau- 
mes gegeniiber sprechen? 

Was ist verwtinscht und stets willkommen? 
Was ist ersehnt und stets verjagt? 
Was immerfort in Schutz genommen? 
Was hart gescholten und verklagt? 
Wen darf st du nicht herbeiberuf en? 



Wen horet jeder gern genannt? 
Was naht sich deines Thrones Stufen? 
Was hat sich selbst hinweggebannt? 

Es ist eine merkwiirdige Ratselrede, mit der Goethe nahe an dem 
Beginne des zweiten Teils uns entgegentritt. Man konnte Worte genug 
finden, dieses Ratsel aufzulosen, fiir unsere Menschheit aber wird man 
am besten die Losung finden, wenn man auf alles, was gefragt ist, ein 
einziges Wort anwendet. Das Wort: Geist. Goethe wollte aber nicht, 
daft man es so leicht hat, das Ratsel zu losen, nicht so kniippeldick wollte 
er es vorftihren. Aber der Geist ist verwiinscht in der mannigfaltigsten 
Weise und doch stets willkommen. Man soli nur die geistige Entwicke- 
lung der Menschen ansehen, um zu wissen: Was ist ersehnt und stets 
verjagt? - Da braucht man ja nur auf die Geisteswissenschaft zum Bei- 
spiel hinzuweisen. Damals durfle sich der Geist nur in der Gestalt des 
Hofnarren zeigen, sonst war er wenig gerne gesehen. 

Das ist die grofte Frage, wie nun die funfte nachatlantische Kultur zu 
Geist kommen sollte, zu Geist kommen soli aus dem, was sie ja hat, wie 
sie erfassen kann die eigentliche Grundwesenheit der Welt. Nun ist in 
keiner Kulturepoche die Menschheit mehr geeignet gewesen, sozusagen 
den Geist in der Form des Ich zu finden als in unserer Kulturepoche. 
Aber wie konnte man doch erst die wahre Natur des Menschen finden, 
wenn man dieses Ich auf der Unterlage, auf dem Hintergrunde des 
Astralleibes fassen konnte? Nehmen wir an, wenn sich der Mensch des 
19. oder auch des 16. Jahrhunderts schon daranmachen wollte das zu fin- 
den, was der Astralleib ist. Die Imagination hat der Mensch zunachst in 
der aufieren Erkenntnis nicht. Den Astralleib sollte der Mensch suchen, 
das, was zugrunde liegt von der Mondenzeit her der aufieren Ich-Ent- 
wickelung. Der Mensch kann natiirlich, weil alle Krafte uberall hinkom- 
men konnen, auch dann, wenn er auf die Dinge den Intellekt anwendet, 
zu etwas kommen, aber was wird er dann aus dem Astralleib herausbrin- 
gen? Nehmen wir an, was dann aus dem Astralleib hervorkommt, wenn 
man das, was fiir die auftere Maja gut pafit, auf den Astralleib anwen- 
det. Man kann das nicht passender ausdriicken, als indem man das, was 
da herauskommt, mit dem Homunkulus bezeichnet. Der Homunkulus 



hat etwas zu tun mit dem Astralleib, wie er sich herumgliedert urn das, 
was das Ich ist. Man hat es zu tun mit dem Obersinnlichen, so daft 
Goethe hier ein Wort pragen darf, das von vornherein verweist auf 
etwas, was in der iibersinnlichen Welt erzeugt wird. Da sagt Wagner - 
der philistrose Intellekt bringt ja im Laboratorium den Homunkulus 
hervor -: 

Es wird! Die Masse regt sich klarer! 

Die Uberzeugung wahrer, wahrer! 

Was man an der Natur Geheimnisvolles pries, 

Das wagen wir verstandig zu probieren, 

Und was sie sonst organisieren Heft, 

Das lassen wir kristallisieren. 

Mit diesem Worte Uberzeugung haben die Kommentatoren das Merk- 
wiirdigste anzufangen gesucht, weil sie nicht dahinterkommen konn- 
ten, daft hier nicht Uberzeugung gesprochen wird, sondern daft Goethe 
in dem Sinne, wie er vom Ubermenschen spricht, hier spricht von einer 
Uberzeugung. Aber man hat ja den zweiten Teil des Faust in merk- 
wiirdiger Weise so kommentiert, daft man die Schreibfehler kommen- 
tiert hat. Wenn zum Beispiel Goethe diktierte und der Schreiber schrieb: 
«Nur strebe nicht nach hoheren Orden» und so weiter - es ist wahr- 
haftig hier nicht gemeint Orden, sondern der, dem Goethe diktiert hat, 
hat geschrieben statt Orten «Orden». Diese Dinge, die wir da haben, 
zeigen uns, daft fur Goethe, nachdem er sich Faust in seinem ganzen gei- 
stigen Streben vor Augen gestellt hatte, jetzt besonders brennend wird 
die Frage: Wie kann man bewuftt das Bewufttsein heriiberbringen? - 
Das Bewufttsein, das zum Beispiel in Helena gelebt hat, die jetzt vor 
seinen Geist hintrat. Das war die brennende Frage. Dabei muft ich 
erwahnen - Sie miissen den Goethe des Jahres 1797 nehmen da ist in 
der ganzen Goethe-Seele die groftte Veranderung vorgegangen, die uber- 
haupt in ihr vorgegangen ist. In derselben Zeit, als die Faust-Gestalt in 
ihm erzeugt die Notwendigkeit, sie nicht nur zu denken als hervor- 
gegangen aus Vorgangen der inneren Seele, als er den « Prolog im Him- 
mel» dichten muft, da anderten sich in seinem Inneren sozusagen alle 
Dinge. Da trat auch die Notwendigkeit an ihn heran, immer bestimm- 



tere Gestalt zu geben diesem bewufiten Heriiberkommen des Bewuftt- 
seins aus der vierten in die funfte Periode. Daher audi das Bestreben, 
die Frage irgendwie zu losen. 

Ich habe ofter angedeutet, wie Goethe dichterisch die Reinkarnations- 
frage zu losen sucht, indem er zeigt, dafi das Ewige der Helena in 
der geistigen Welt der « Mutter » ruht. Aber der Mensch kann nicht ohne 
weiteres eindringen in die geistige Welt, sonst tritt das ein, was Faust 
paralysiert, als er das Bild der Helena anschaut. Der Geist mufi sich 
umschliefien erst mit der Seele, dann mit dem natiirlichen Leibe. Mit 
der Seele umschliefit sich Helena, als im Astralischen seelisches Mate- 
rial in Homunkulus zur Verfugung gestellt wird. Im Homunkulus ha- 
ben wir die Krafte des Astralleibes eines ins Dasein tretenden Menschen. 

Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften, 
Doch gar zu sehr am greiflich Tlichtighaften. 

Alles ist ganz sachgemafi geschildert, und zuletzt das Umhullen mit 
der aufieren Natur, wo wir darauf hingewiesen werden, wie das aufier- 
lich Korperhafte aufgenommen wird. Da mufi er durch alle Natur- 
elemente durchgehen, er fangt an bei der mineralischen Welt, geht durch 
die Pflanzenwelt. Goethe findet da das wunderbare Wort: «Es grunelt 
so», um anzudeuten, das, was aus der gninenden Pflanzenwelt in die 
Menschennatur ubergehen kann. So geht es durch alles durch. «... bis 
zum Menschen hast du Zeit.» Aber dann kannst du nicht weitergehen. 

Denn bist du erst ein Mensch geworden, 
Dann ist es vollig aus mit dir. 

Das geht weiter, bis der Mensch durch das Mysterium der Liebe ins 
Dasein tritt, was so wunderbar dargestellt ist, wie der Mensch durch 
das Mysterium der Liebe, durch das Mysterium des Geschlechtsgegen- 
satzes ins Dasein gerufen wird. Nachdem Goethe alles dargestellt hat, 
was dem Mysterium vorangeht, lafk er die Sirenen das Wunder aus- 
sprechen: 

Welch feuriges Wunder verklart uns die Wellen, 
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen? 
So leuchtet's und schwanket und hellet hinan, 



Die Korper, sie gliihen auf nachtlicher Bahn, 
Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen; 
So herrsche denn Eros, der alles begonnen! 

Und der Mensch tritt ins Dasein. 

Heil den mildgewognen Liiften! 
Heil geheimnisreichen Griiften! 
Hochgefeiert seid allhier, 
Element' Ihr alle vier! 

Und wir blattern um. Dritter Akt: die Helena ist da. Diese Dinge 
diirfen nicht mit groben Handen angefafk werden, nicht einer aufieren 
Interpretation anvertraut werden. Die Dinge lassen sich nur so schil- 
dern, dafi man nachlaufl und nachschliipfl dem, was sich da ausdriickt, 
indem man die Dinge in dem sich metamorphosierenden Wasser lost 
wie bei Goethe. Aber darinnen ist das alles. In Goethe ist der Drang, das 
bewufk heraufzubringen, was unbewufk im Menschen der vierten Kul- 
turperiode gelebt hat, und was bewufk heraufkommen muft. 

Und dann gebraucht Goethe noch das moralisch-religids-mystische 
Element des Nordens, um nun zu zeigen, wie in der Tat das Berechtigte 
herauskommen kann von dem, was sich unberechtigt in der «Hexen- 
kuche» gezeigt hat. Das zeigt er so groftartig in der Schlufiszene, wo 
Geisteswissenschaft und Mysterium so wunderbar zusammenspielen, wo 
dann im « Chorus mysticus» so wunderbar zusammengedrangt ist alles, 
was da in Goethe gelebt hat, indem dieser Chorus mysticus geradezu 
auch als Symbolum der Geisteswissenschaft gebraucht werden kann, was 
vorher schon ausgedriickt ist durch die gestreuten Rosen, und wenn dann 
gesagt wird: 

Alles Vergangliche 
Ist nur ein Gleichnis; 
Das Unzulangliche 
Hier wird's Erreichnis; 
Das Unbeschreibliche, 
Hier ist's getan; 



Das Ewig-Weibliche 
Zieht uns hinan 

so ist da in wenigen Zeilen alles das ausgedriickt, was wir als geistes- 
wissenschaftliche Wahrheit anerkennen. 



DAS RINGEN FAUSTS NACH DEM 
CHRISTDURCHTRANKTEN QUELL DES LEBENS 



Dornach, 4. April 191$ 
nach der eurythmisch-dramatischen Darstellung der «Osternacht» 

Unter den Osterdarbietungen, die eben vor unseren Sinnen voriiber- 
gezogen sind, waren ja audi diejenigen, welche darstellen, wie eine Seele, 
die nahe daran ist, durch ihren eigenen Entschluf? durchzugehen durch 
die Todespforte, zuriickgeholt wird in die Welt des irdischen Lebens 
durch die Osterbotschaft. Ich glaube, dafi unter den mancherlei Ein- 
driicken, welche die Faust-Dichtung auf uns Menschen machen kann, 
dieser Szene Eindruck einer der tiefsten sein mufi. Bringen Sie jetzt, ich 
mochte sagen, nach der Verwandlung* der die Welt mit ihrer Entwicke- 
lung bedeutenden Szenerie, bringen Sie das, was Sie als einen Ausblick 
innerhalb der Faust-Dichtung in Ihre Seele aufgenommen haben, in 
Zusammenhang mit dem, was gestern gewissermafien vor der Verwand- 
lung von mir hier gesagt worden ist liber jene bedeutungsvolle reale 
Vision, die der Menschenseele aufgehen kann, wenn sie hintritt vor das 
Symbolum des im Grabe ruhenden Jesus Christus. Bedenken wir, dafi 
wir gestern sagen durften, daft wachgerufen wird durch ein entspre- 
chendes geistiges Anschauen oder geistiges Empfinden der Anblick des- 
sen, was dem Menschenleben verbunden ist durch seine Erdenentwicke- 
lung in bezug auf die luziferische, die ahrimanische Welt. Bedenken wir, 
daft wir in der Faust-Dichtung vor uns haben eine Seele, welche sich uns 
sogleich, da die Dichtung beginnt, ankiindigt als eine solche, welche auf- 
genommen hat in sich ahrimanisches Wissen, ahrimanische Erkenntnisse. 
Und schauen wir dann in diese Seele hinein, wie sie ringt aus ihrer Ver- 
bindung mit der ahrimanischen Weisheit heraus nach dem - wir diirf en 
von unserem Gesichtspunkte aus sagen - christdurchtrankten Quell des 
Lebens: ein bedeutungsvoller Augenblick, der uns fiir eine Menschen- 
seele vorgefuhrt wird. Fassen wir sie ins geistige Auge, diese Menschen- 
seele! Da steht sie vor uns mit all dem Wissen, das sie in sich aufgenom- 

* Bei den Worten «Christ ist erstanden» verwandelte sich die schwarze Farbe der 
Szenerie in eine rote. 



men hat durch die Beobachtung der aufteren materiellen Welt und ihrer 
Zusammenhange, mit der Erkenntnis, die sie sich erobern konnte durch 
die Instrumente, durch die der auflere Naturforscher einzudringen ver- 
sucht in die Zusammenhange der Natur . . . Und wozu ist diese Seele 
gekommen mit all dem Forschen, das sich knlipft an die verschiedenen 
Instrumente und auch an die Phiole, in der die Safte enthalten sind, die 
fur das irdische Leben «eilends trunken machen»? Wir fiihlen, wie schon 
ahrimanisches Wesen an der Seite der Faust-Seele waltet, und wie dieses 
ahrimanische Wesen verkniipft ist mit dem, was Erdentod ist. Ist es uns 
nicht, wie wenn diese mit ahrimanischem Wesen angefullte Menschen- 
seele das Ergebnis ihrer ahrimanischen Erkenntnisse zoge? Und dieses 
Erkenntnisergebnis, das Ahriman auf Erden den Menschen geben kann, 
das ist es, was sich zusammenfafit in die Worte: 

Ich grufie dich, du einzige Phiole! 
Die ich mit Andacht nun herunterhole, 
In dir verehr' ich Menschenwitz und Kunst. 
Du Inbegriff der holden Schlummersafte, 
Du Auszug aller todlich f einen Krafte, 
Erweise deinem Meister deine Gunst! 
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert, 
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert, 
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach. 
Ins hohe Meer werd' ich hinausgewiesen, 
Die Spiegelflut erglanzt zu meinen Fiiften, 
Zu neuen Uf ern lockt ein neuer Tag. 

Und schon hat diese Seele die Vision, daft sie zum andern Ufer 
kommt, wo sie vielleicht dasjenige wird finden konnen, was sie glauben 
mufi, durch ihre ahrimanische Verstrickung auf dieser Erde nicht finden 
zu konnen. Schon hat sie die Vision des Hiniibergehens zu dem andern 
Ufer: 

Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen, 
An mich heran! Ich fiihle mich bereit, 
Auf neuer Bahn den Ather zu durchdringen, 
Zu neuen Spharen reiner Tatigkeit. 



Dies hohe Leben, diese Gotterwonne! 

Du, erst noch Wurm, und die verdienest du? 

Ja, kehre nur der holden Erdensonne 

Entschlossen deinen Riicken zu! 

Vermesse dich, die Pforten aufzureiften, 

Vor denen jeder gern voriiber schleicht. 

Hier ist es Zeit, durch Taten zu beweisen, 

Daft Manneswiirde nicht der Gotterhohe weicht, 

Vor jener dunklen Hohle nicht zu beben, 

In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt, 

Nach jenem Durchgang hinzustreben, 

Um dessen engen Mund die ganze Holle flammt; 

Zu diesem Schritt sich heiter zu entschlieften 

Und, war' es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu flieften. 

Und nachdem er nun audi noch das andere ahrimanische Instrument 
ergreift, da ist er bereit, den Weg hiniiber zu nehmen in diejenigen Ge- 
filde, von denen er in Ahrimans Schule gelernt hat, daft sie nimmermehr 
erkennbar sind der Seele, solange sie im Erdenleibe eingeschlossen ist. 
Und aus dieser Stimmung wird diese Seele herausgerissen durch den 
Klang der Osterglocken und den Chor des Ostergesanges. Und wieder 
hat die Faust-Seele das irdische Leben, um jetzt innerhalb des irdischen 
Leibes das zu suchen, was diese Menschenseele als Ergebnis ihres Suchens 
im irdischen Leibe hindurchtragen soli durch die Pforte des Todes, 
damit sie es hinauftragen konne in die geistigen Gefilde, in denen sie 
es braucht zu ihrer weiteren Entwickelung. 

Dasjenige, was Sie heute gehort haben von dem ersten Teil von 
Goethes «Faust», und manches, was zu diesem Teile, zu dieser Szene von 
Goethes «Faust» gehort, erschien zuerst als abgeschlossener erster Teil 
der Dichtung im Jahre 1808. Vorher aber schon war im Jahre 1790 von 
Goethe erschienen «Faust, ein Fragment», dieses Fragment, das noch 
nicht die letzte Gretchen-Szene hatte. Aber auch die Szene hatte dieses 
Fragment nicht, die uns heute jene fiir Fausts Seele bedeutungsvollen 
Ereignisse vor die eigene Seele gefuhrt hat. 1790 gab Goethe sein Frag- 
ment noch ohne diese Osterszene und ohne den Monolog heraus, der 



in die tiefsten Tiefen menschlich-seelischen Erlebens fiihrt. Und am 
Ende des 19. Jahrhunderts ist dasjenige entdeckt worden, was Goethe 
fertig hatte in den achtziger, sogar schon in den siebziger Jahren, in den 
neunziger Jahren. Es ist dann veroffentlicht worden unter dem ge- 
schmacklosen Titel «Urfaust». In diesem Urfaust haben wir nun eben- 
falls nicht, man kann sagen selbstverstandlich nicht diese Osterszene. 
Warum haben wir sie nicht? Ja, Goethe, der ein Kind seiner Zeit war, 
muftte reif werden, urn in seiner Art, seiner Seele gemaft, die Wirkung 
des Christus-Impulses auf Fausts Seele darstellen zu konnen; er mulke 
erst dazu reif werden. Und Goethe war bis zum Jahre 1790 nicht dazu 
reif. In die neunziger Jahre fallt jene Vertiefung Goethes in seiner Seele, 
die ihren Abglanz gefunden hat in dem uns ja bekannten «Marchen von 
der griinen Schlange und der schonen Lilie». Es fallt hinein in die Zeit 
zwischen dem Zeitpunkt, in dem der «Faust» erschienen ist ohne die 
Osterszene, und dem Zeitpunkt, in dem er erschienen ist mit der Oster- 
szene. Eine unendliche Vertiefung erfuhr Goethes Seele durch das, was 
sie ausgestaltete in dem «Marchen von der griinen Schlange und der 
schonen Lilie». Und erst an diesem Erlebnis gewahrte Goethe, wie er 
wirken Iassen diirfe die Osterauferlebens-Szene auf Fausts Seele. 

Nun, sehen wir in diese Faust-Seele selber hinein, versuchen wir ein- 
mal, uns zu versetzen in den Anfang von Goethes «Faust», der in den 
verschiedenen aufeinanderfolgenden Veroffentlichungen so ziemlich 
gleich ist. Wir wissen, er heiftt: 

Habe nun, ach! Philosophic, 
Juristerei und Medizin, 
Und leider auch Theologie! 
Durchaus studiert, mit heiftem Bemiihn. 
Da steh' ich nun, ich armer Tor! 
Und bin so klug als wie zuvor; 
Heifte Magister, heifte Doktor gar, 
Und ziehe schon an die zehen Jahr, 
Herauf, herab und quer und krumm, 
Meine Schuler an der Nase herum - 
Und sehe, daft wir nichts wissen konnen! 



Zehn Jahre also ist er Dozent. Nehmen wir an, er ware regelmaftig 
in die Dozentenlaufbahn hineingekommen, dann konnten wir etwa 
denken, so gegen die Dreiftiger jahre hin ware er Dozent geworden, so 
hat er also gewissermafien seit dem dreiftigsten Jahre seines Lebens seine 
Schiiler an der Nase herumgefuhrt! Erinnem wir uns, was ich gestern 
sagte. In den Dreiftigerjahren wird der Mensch stehen vor dem Bilde 
des Jupiterdaseins, wenn sich ihm vor Augen stellen wird jene Verfuh- 
rung, von der ich gestern gesprochen habe. Und eine Vision, eine pro- 
phetische Vision jener Verfiihrung, hat man vor sich, wenn man vor 
dem im Grabe liegenden Christus Jesus steht. Haben wir nicht in 
Faust ausgestaltend dramatisch jene Vision? Steht er nicht formlich vor 
uns vor dem Ostergeheimnis, und steht er nicht gerade, man kann sagen, 
am Ende der Dreiftiger jahre vor uns vor dem Ostergeheimnis? Diirfen 
wir nicht annehmen, daft in seinen Empfindungen rumort, was der 
Mensch aus dem Ostergeheimnis empfinden muft wie eine Vorahnung 
des Jupitererlebnisses mit Luzifer und Ahriman? Zu Goethes Zeiten 
konnte man das nicht so darstellen, wie man es jetzt darstellen kann, 
aber Goethe konnte darstellen die im Herzen rumorende Empfindung 
gegeniiber dem Ostergeheimnis, und die rumorte in Fausts Seele. Und ist 
es nicht, als wenn Faust fuhlte, da wo Mephisto- Ahriman an ihn heran- 
tritt, wie verf alien seine Seele ist den ahrimanischen Machten? Wie er 
sich zu retten hat vor irgend etwas? Ja, vor was denn? Vor was hat er 
sich zu retten? Konnen wir nicht sagen, daft Goethe etwas da von 
empfunden hat, als er die eigene Faust-Stimmung seiner Jugend wie- 
derum auf sich wirken lieft als reifer Mensch, als reife Seele etwas 
empfunden hat, so wie er es in seiner Zeit empfinden konnte, von der 
Osterstimmung, die wir uns in diesen Tagen vor die Seele malten, 
und daft daraus das Bediirfnis entstanden ist, die Osterszene einzu- 
fiigen in den «Faust», der friiher nicht diese Osterszene gehabt hat? 
Ins Christliche umgedichtet ist der «Faust» mit der Einfugung der 
Osterszene zwischen den Jahren 1790 und 1800. 

Welche Jahre hatte denn also Faust zu durchleben? Vor welchen 
Lebensjahren schauderte er so zuriick, daft er selbst zur Phiole greifen 
wollte? Nun, vor dem zweiten, absteigenden Teil des Lebens, jenem 
Teil des Lebens, von dem wir gesagt haben, wie der Mensch, indem 



er vor die Vision des Jupiterdaseins tritt, weift, dafi er spater auf den 
Jupiter tragen mufi dasjenige, was ihm der Christus als Wegzehrung 
geben kann, weil er sonst der Nahrung ermangeln miifke in der zwei- 
ten Lebenshalfte. Was sucht denn Faust? Er sucht Nahrung der Seele 
fur die zweite Lebenshalfte. Wir suchen sie im Grunde genommen alle 
seit der Zeit, da das Mysterium von Golgatha iiber die Entwickelung 
unserer Erde hinweggegangen ist. Wir suchen sie im Grunde alle. Denn 
dasjenige, was auf dem Jupiter physisch-psychische Gestalt annehmen 
wird, das lebt jetzt schon in unseren Seelentiefen, und etwas von dieser 
Faust-Stimmung mussen wir alle empflnden. Wir brauchen eine Kraft, 
die wir nicht haben konnen durch dasjenige, was uns als Mensch nur 
die Freiheit gibt und uns demgema£ zu Ahriman und Luzifer fiihrt, 
wir brauchen eine Kraft fur diejenigen Impulse in uns, die zusammen- 
hangen mit der absteigenden Lebenshalfte. Die Christus-Kraft ist es, 
die Christus-Kraft, die der Christus hat, nachdem er durch die Todes- 
pforte gegangen ist und in einem irdischen Leibe nicht durchlebt hat 
des Menschen zweite Lebenshalfte. Warum durchlebte er sie nicht? 
Weil diese Kraft, die dem Menschen gespendet werden mufi in der 
zweiten Lebenshalfte, in die Erdenaura ausfliefSen mufke, damit sie 
alle Menschen durch die Erdenentwickelung in sich finden konnen. Es 
aufersteht durch das Ostermysterium dasjenige, was wir brauchen, da- 
mit wir mit unserer Seele unser ganzes Leben auf der Erde durch- 
pilgern konnen. Und denken Sie sich jetzt diesen tiefen Zusammen- 
hang in Goethes «Faust». Faust hat in sich auf genommen - Goethe 
wuftte, wie man dieses aufnimmt, denn er hat es ohne das Oster- 
geheimnis hingestellt, als er ohne das Ostergeheimnis sein Fragment 
herausgab -, Faust hat in sich aufgenommen, was der Mensch durch die 
Verbindung mit Luzifer und Ahriman aufnehmen kann, was uns die 
Moglichkeit der freien Seele gibt. Aber er, der die Seelentiefen durch- 
miftt, ist sich klar, mit dem kann er nun nicht weiterleben, er braucht, 
um weiterzuleben, etwas anderes. Und Goethe wurde reif dazu, zu 
zeigen, wie es der Impuls des Ostergeheimnisses ist, was Faust braucht. 
Stent nicht das Ostergeheimnis tiefsinnig vor uns in dem, was Goethe 
erst als ganz reifer Mann aus seinem «Faust» gemacht hat, was er 1790 
noch nicht drinnen haben konnte, weil er es noch nicht verstand? 



Wie ist in dem jungen Goethe die dichterische Idee zu diesem Ge- 
dicht, von dem Sie sehen, daft es uns in solche Tiefen fiihrt, entstanden? 
Wir wissen, daft der junge Goethe einen starken Eindruck bekommen 
hat sowohl von dem Puppenspiel des Faust, als er es gesehen hat, wo 
man einfach das Schicksal des Faust durch Puppen dargestellt findet, 
wie auch aus dem Volksschauspiel von dem «Doktor Faust». Dieses 
durchaus Volksmaftige trat vor Goethes Seele. Was ist denn nur dieser 
Faust? Und Goethes Seele war sogleich klar: Dieser Faust mufi sein der 
strebende Mensch iiberhaupt, der durch sein Streben in alle Untergriinde 
des menschlichen Seelenlebens hinuntertauchen kann und den Weg finden 
muE hinauf in die lichten Hohen des Geistes. Daft ein innerer Weg von 
einer Menschenseele durchlaufen werden musse, das wuftte der junge 
Goethe. Denn was ist es im Grunde genommen anderes als eine Medi- 
tation, was Faust in seiner Seele sengend durchlebt bei dem Anblick 
der verschiedenen Zeichen? Eine Meditation ist es, die ihn zuletzt zu 
der Vision des die Erde durchflutenden und durchwallenden Erdgeistes 
fiihrt. Die Meditation erhalt als Antwort die Worte: 

In Lebensfluten, im Tatensturm 

Wall' ich auf und ab, 

Webe hin und her! 

Geburt und Grab, 

Ein ewiges Meer, 

Ein wechselnd Weben, 

Ein gluhend Leben, 

So schaff * ich am sausenden Webstuhl der Zeit 
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid. 

Meditation und Gegenmeditation! Hinein fiihrt es ihn in die Tiefen 
des Lebens, den Faust, aber wie hinaus? Wie hinauf in die geistigen 
Hohen? 

Nachdem wir uns also vor die Seele gestellt haben, welch grandiose 
Idee von dem strebenden Faust in Goethes Seele am Puppenspiel und 
am Volksschauspiel entstanden ist, und welche Gestalt diese grandiose 
Idee angenommen hat durch das Eindringen der Goethe-Seele in das 
Ostergeheimnis, fragen wir uns jetzt ein.mal: Was hat nun Goethe zeit 



seines Lebens aus dem «Faust» gemacht? - Nachdem wir uns das Gran- 
diose desjenigen klargemacht haben, was in Goethes Seelenkrafl gelegen 
hat durch den Eindruck des Faust-Impulses, diirfen wir uns wohl auch 
fragen: Was ist denn nun geworden klinstlerisch-dichterisch aus diesen 
Eindrucken? - Nun, schon eines, was ich eben sagte, kann uns zu unse- 
rem Hange, diesen «Faust» auch asthetisch-kiinstlerisch zu begreifen, 
behilflich sein. Goethe hat ein Fragment, das ungefahr mit der Dom- 
szene abschliefk, 1790 veroffentlicht. Das, was uns heute den «Faust» 
so grandios erscheinen lafk, ist nicht darinnen. Er hat es spater hinzu- 
gedichtet, hat es hineingelegt, als er in Rom war. 1787 hat er das, was 
wir heute als «Hexenkiiche» kennen, hineingelegt. Andere Szenen hat 
er zu andern Zeiten hineingelegt in das Manuskript, das urspriinglich 
geschrieben und abgeschrieben war und das in der Zeit, in der die spate- 
ren Szenen hinzukamen, von ihm selbst als ein «vergilbtes Manuskript» 
bezeichnet wird. Und als Schiller Goethe aufforderte um die Wende des 
18. zum 19. Jahrhundert, etwas zu tun, um den «Faust» abzurunden, da 
sagte Goethe, es wiirde ihm schwierig werden, das alte Ungeheuer «Faust» 
wiederum vorzunehmen und das, was so lange liegengeblieben ist, nun 
in entsprechender Weise zu erganzen. Goethe hatte Angst, in diesen 
seinen «Faust» hineinzulegen das, wozu er spater reif geworden war, in 
all dasjenige, was er war und was erschienen ist bis zum Jahre 1790. 

Und schauen wir uns nun den ersten Teil dieses «Faust» an. Ist er 
denn nicht ein Werk, dem wir es genau ansehen, daft es zusammenge- 
flickt ist aus dem, was zu verschiedenen Zeiten entstanden ist? Wiirden 
die Menschen nicht an traditionellen Urteilen hangen, so wiirden sie in 
dem «Faust» die grandioseste dichterische Idee, die jemals mit Bezug auf 
das einzelne Menschliche in die Welt gekommen ist, sehen. Und zu 
gleicher Zeit mufiten sie sich gestehen, daft mit Bezug auf das Kiinst- 
lerisch-Dichterische dieser « Faust » das uneinheitlichste, daft er ein durch- 
aus unharmonisches Werk ist, in das man noch mancherlei hineinlegen 
konnte, was nicht darinnen liegt, das iiberall Risse und Spriinge hat, das 
kiinstlerisch durchaus nicht vollendet ist. Das grofte Genie Goethes 
konnte nur fragmentarisch immer vollenden, was vor seiner Seele stand. 
Und so sehr wir die grandiose Schonheit einzelner Szenen bewundern 
miissen, so wenig konnen wir, wenn wir uns nicht bloft an das traditio- 



nelle Urteil anhangen, das Literaturhistoriker gefallt haben, sondern 
wenn wir unbefangen sind, uns verhehlen, daft der «Faust», wie er ist, 
kein in sich harmonisches Kunstwerk ist, daft er an vielen Stellen geleimt 
ist, aber Risse und Spriinge iiberall zeigt. Warum denn dies? Goethe 
hat dann noch einmal im hochsten Alter unternommen, wiederum zu 
vollenden den zweiten Teil seines «Faust», wofiir auch schon einzelne 
Szenen da waren, an die er wiederum angefugt hat dasjenige, was er im 
hochsten Alter hinzufugen konnte. Zum Beispiel: der Anfang der klas- 
sisch-romantischen Phantasmagoric, des Helena-Zwischenspiels, war 
schon um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert vollendet, und manche 
Partien waren fruher vollendet. Und wiederum haben wir durchaus 
Veranlassung, nicht zu sagen, wie manche Literaturhistoriker sagen, daft 
man den zweiten Teil des «Faust» nicht verstehen konnte, oder, wie 
ein keineswegs bidder, sondern sehr gescheiter Mann gesagt hat, daft der 
«Faust» «ein zusammengeschustertes, geflicktes Machwerk des Alters» 
sei. Das ist er nicht! Anderseits ist er ein Werk, dessen Aufgabe so groft 
war, daft selbst die reiche Lebenserfahrung Goethes in seiner Zeit nicht 
hinreichte, um es durchzugestalten. Man darf schon auch gegenuber dem 
Groft ten in der Welt sein eigenes Urteil haben. Warum aber ist das also? 
Nun, ich habe es schon einmal gelegentlich eines Vortragszyklus, der in 
Den Haag gehalten worden ist, angedeutet, daft dieser Faust keineswegs, 
ich mochte sagen, welthistorisch so aufterordentlich jung ist. Der Faust, 
wie er lebte in dem Volksschauspiel, das Goethe gesehen hat, und wie 
er lebte im Puppenspiel, stellt den in die Tiefen des geistigen Lebens 
hinuntersteigenden Menschen dar, und er stellt den sich zu den lichten 
Hohen erheben wollenden Menschen dar; er stellt ihn so dar, daft der 
neueren Zeiten groftter Dichter das Ostergeheimnis fur seiner Seele Be- 
freiung brauchte. Wie er im Volksschauspiel dasteht, ist er zusammen- 
geflossen zunachst aus der aufteren physischen Realitat, aus jenem 
Dr. Georg Faust, der in der zweiten Halfte des Mittelalters gelebt hat 
und wie ein Landstreicher herumgezogen ist; von dem uns berichten 
sowohl Trithem von Sponheim wie andere bedeutende Manner, die ihm 
begegnet sind, und die sogar eine gewisse Achtung vor ihm gehabt 
haben, die Achtung, die man entgegenbringt einer merkwiirdigen Per- 
sonlichkeit, welche durch die Art, wie sie sich seelisch ausdriickt, gar 



mancherlei weift und gar mancherlei vermag. Und nicht umsonst wurde 
ja dieser reale Doktor Faust so genannt, wie ich es einmal hier angefiihrt 
habe: 

Magister Georgius Sabellicus Faustus Junior, fons necromanticorum, 
Magus Secundus, Chiromanticus Aeromanticus, Pyromanticus, in 
hydra arte secundus. 

So nannte er sich selbst. Nun war es allerdings im Gebrauch dazumal, 
so viele Titel von sich herumzutragen, und man konnte von Giordano 
Bruno und manchen andern bedeutenden Geistern des Mittelalters auch 
eine lange Liste ganz ahnlich klingender Titel sagen. Wenn es vielleicht 
heute von den ganz gescheiten Menschen als absonderlich empfunden 
wird, daft Trithem von Sponheim und andere Menschen, die um die 
Existenz dieses realen Faust gewuftt haben, so dachten, daft er mit 
damonischen Welt- und Erdenmachten in Verbindung stehe und durch 
sie mancherlei vermoge, so miissen wir eben bedenken, daft ja zu Luthers 
Zeiten zum Beispiel das gar nichts besonderes war, wenn man solches 
erzahlte. Wir wissen, wie Luther selbst mit dem Teufel gerungen hat. 
Wir wissen, daft alles das gang und gabe, Anschauungen und Erzahlun- 
gen jener Zeit waren. Aber ein Gefiihl lebte in alledem, was beitrug 
dazu, den Faust auszugestalten im Volksbewufttsein. Es lebte das Ge- 
fiihl - ich sage das Gefiihl und nicht der Begriff, nicht die Idee -, 
die Naturwissenschaft kommt herauf, die Naturwissenschaft, die den 
ahrimanischen Teil der realen Wirklichkeit vor die Menschenseele 
bringt. Und dadurch entstand das Gefiihl: Faust ist eine Personlichkeit 
und war eigentlich immer eine solche Personlichkeit, welche etwas mit 
diesen ahrimanischen Machten zu tun hat. Gleichsam die geheimen gei- 
stigen Verbindungsfaden erblickte man, die von der Seele des Faust zu 
den ahrimanischen Machten hingingen. Und das Geschick des Faust fand 
man gekniipft an dieses Hinneigen zu den ahrimanischen Machten. Daft 
Ahrimanisches und Luziferisches mit der ganzen Entwickelung der 
Menschenseele zu tun hat, von dem fiihlte und empfand man noch etwas 
aus den Resten des alten Hellsehens und der alten hellsichtigen Erkennt- 
nis. Und so verknupfte sich die Faust-Figur mit diesem Erfiihlen von 
des Menschen Zusammenhang mit den luziferischen und ahrimanischen 
Machten. Aber es war zugleich die Zeit, in der dieses fiihlende Erkennen 



bereits in die Dammerung herunterstieg, in der das alles schon unklar 
wurde. Und so entstand dann, man mochte sagen, das Gefiihl, da kann 
man den strebenden Menschen mit all seinen Versuchungen und Gefah- 
ren fiir seine Seele darstellen in der Figur des Faust. Aber wie das zu- 
sammenhangt, was da der Mensch erstrebt, mit Luzifer und Ahriman, 
das wuftte man nicht mehr genau. Das war schon verschwommen ge- 
worden, und daraus ging dann jene ungeheuerliche Verschwommenheit 
hervor, von der man einen Eindruck hat, wenn man das mittelalterliche 
Faust-Buch in die Hand nimmt, worin all dasjenige, was die Volksfigur 
durchlebt haben soli, geschildert wird, wo wie Kraut und Ruben durch- 
einandex- geworfen werden zu einem grotesken Ragout von alien mog- 
lichen Abenteuern, die des Menschen Seele durchlebt in ihrem Streben, 
alle moglichen damonischen und Elementargeister und Ahriman und 
Luzifer. Nachdem man diese nicht mehr in ihrer vollen Gestalt gesehen 
hat, nachdem man sie zertriimmert und zu einem Ragout zusammen- 
gemahlen hat mit alien moglichen Elementargeistern der Natur, stellte 
man nun in diesem Volksbuch, in dieses Ragout die Figur des Doktor 
Faust hinein. Goethes genialem Tiefblick war es eben einzig und allein 
angemessen, in dem schauerlichen Ragout die gewaltige Grundidee zu 
ahnen und sie so weit hinaufzufiihren, daft sie an das Ostermysterium 
herankam. Aber es ist im Grunde recht interessant, zu beobachten, wie, 
ich mochte sagen, Luzifer und Ahriman nach und nach zu solchen Ra- 
goutteilen zerstiickelt worden sind. 

Wenn wir zuriickgehen und die Figur des Faust in alten Zeiten 
suchen, so konnen wir in Buchern suchen, die damals als Volksbiicher 
entstanden sind, und die in all derjenigen Handen waren, die sich 
damals mit Angelegenheiten befajRt haben, die sich auf solche Dinge 
beziehen. Augustinus' Werke waren sehr verbreitet, als dieses Buch zu- 
sammengeschrieben, zusammengeschustert, zusammengeleimt worden 
ist. Man hat das Gefiihl von einem Buchhandler, der ein moglichst dkkes 
Buch machen wollte, und nicht, als ob es von einem Literaten oder gar 
einem Schriftsteller ware. Aber seinen Augustinus raul5 er gekannt ha- 
ben, namentlich die Lebensbeschreibung des Augustinus. Und Augusti- 
nus tritt uns ja in seiner ganzen Entwickelung so merkwurdig entgegen. 
Wie er zunachst nicht verstehen kann, was das Christentum in seinem 



Wesen ist, wie er sich nach und nach durch die inneren Widerstande, die 
er in der Entwickelung seiner Seele dem Christentum entgegenbringen 
mufi, hindurchwindet, zuerst zu dem, was ihm nun an Kunde werden 
kann von der Manichaerlehre. Und von einem groften, bedeutenden 
Manne innerhalb der Manichaersekte erhalt Augustinus Kunde, von 
dem Manichaerbischof Faustus. Und wir spiiren fast, wer nun jener 
Faustus senior ist, dem gegeniiber der Faust, den ich vorhin genannt 
habe, sich Faustus junior nennt. Derjenige ist es, dem Augustinus in 
alten Zeiten einmal entgegengetreten ist, derjenige, der etwas von der 
Manichaerlehre vertrat als Faustus, als Bischof der Manichaer. 

Aber was vertrat er von der Manichaerlehre? Dasjenige, was an- 
gefressen ist von Ahriman, dasjenige, wodurch man nicht mehr einsehen 
kann, wie der Mensch mit seiner Seele zusammenhangt mit dem ganzen 
Kosmos, mit alien kosmischen, alien Sternenimpulsen. Man kann sagen: 
Auch schon im Manichaerbischof Faustus ist zerrissen das Erkenntnis- 
band, das hinauffuhrt zu den kosmischen. Einsichten, die zeigen, wie die 
Menschenseele aus dem Kosmos herausgeboren ist, und die man kennen 
mufi, wenn man in Wahrheit das Ostergeheimnis verstehen will. - So 
konnte in dem, der das Volksbuch vom Doktor Faust zusammenschrieb, 
gerade aus der Gestalt, die uns Augustinus schildert als den Manichaer- 
bischof Faustus, - es konnte in diesem Zusammenschreiber und Zusam- 
menleimer durch diese Gestalt der dem Ahriman verfallene Faustus 
auftauchen. Aber da alles verschwommen geworden war, so verstand 
er nicht, dafi das gegen Ahriman hin ging. Die Fetzen von ahrimani- 
scher Gefahr sehen wir daher durchschimmern durch die Erzahlungen 
des Volksschauspiels, aber nichts Klares sehen wir durchschimmern. 
Doch konnen wir ein deutliches Gefiihl erhalten, daft in Faustus der 
Reprasentant des strebenden Menschen hingestellt werden soil so, daft 
ihm von ahrimanischer Seite her Gefahr droht. Und vieles war in die 
Faust-Figur, wie sie sich herausgebildet hat bis zu Goethe, hineingefiigt 
von jenem Manichaerbischof Faustus, dem Faust senior. Manche Ka- 
pitel des Volksbuches erscheinen geradezu, wie wenn sie abgeschrieben 
waren, aber schlecht abgeschrieben nur aus dem Buche, in dem Augusti- 
nus schildert seine eigene Entwickelung und sein Zusammentreffen mit 
dem Bischof Faustus. So sehr konnen wir beweisen, dafi dasjenige, was 



als ahrimanischer Zug der Faust-Figur anhaftet, nach dieser Seite hin- 
weist, daft also, als das Volksbuch niedergeschrieben worden ist, nur 
noch der letzte dunkle Drang da war, die ahrimanischen Elemente der 
Menschennatur gerade an der Faust-Figur darzustellen. 

Und nun gar, wie ist es denn mit dem luziferischen Element? Wie 
sind denn die luziferischen Elemente zerhackt worden in jene Ragout- 
teile, die dann hineingekocht worden sind in das Ragout aus Elemen- 
targeistern und aus Stiicken von Luzifer und von Ahriman, wie ich eben 
gesagt habe? Ja, wir miissen schon suchen, wenn wir nun des Faust Ver- 
bindung mit Luzifer audi suchen wollen. Auch da konnen wir histo- 
risch suchen, da brauchen wir nicht einmal gar so furchtbar weit zu 
gehen, wir brauchen nur nach Basel zu gehen, und wir konnen Anhalts- 
punkte in Basel finden, wie Luzifer zu einem Ragout zerhackt worden 
ist. Es wird uns namlich erzahlt, wie gerade in Basel Erasmus von 
Rotterdam zusammengekommen sei mit Faust, wie sie dort im Kolle- 
gium eine Mahlzeit halten wollten, aber nicht die rechte Speise dazu fan- 
den. Und da es dem Erasmus gebrach an etwas, was ihm nun schmecken 
sollte, so sagte er das dem Faust, der bei ihm saft und mit ihm essen 
wollte, aber sie hatten nichts Rechtes. Da erzahlt uns die Faust-Sage, 
daft Faustus nun imstande gewesen sei, irgendwo her - man weift nicht 
woher - ganz fremde, in Basel sonst nicht auf dem Markte zu habende 
Vogel plotzlich gekocht, gebraten auf den Tisch hinzubringen. Also wir 
sehen eine Szene zwlschen Erasmus von Rotterdam und Faust, in der 
Faust imstande ist, solche Vogel, wie man sie in Basel dazumal nicht kau- 
fen konnte, weit herum in der Umgebung auch nicht, dem Erasmus vor- 
zusetzen. Was ist denn das nun eigentlich? Als solches ist es in der Sage 
gar nicht verstandlich, man kann sagen, ganz und gar unverstandlich, 
aber es wird uns die Sache verstandlicher, wenn wir nachgehen und zu- 
sammenbringen dasjenige, was wir aus den Schriften des Erasmus von 
Rotterdam gewinnen konnen, der uns selbst erzahlt, daft er in Paris die 
Bekanntschaft gemacht hat von einem gewissen Faustus Andrelinus. 
Dieser Faustus Andrelinus war ein aufterordentlich gelehrter Mann, 
aber auch ein aufterordentlich sinnlicher Mann. Erasmus wurde zunachst 
so bekannt mit diesem Faustus, daft er noch keinen rechten Geschmack 
hatte an den sinnlichen Seiten dieses Faustus. Aber wiederum horen 



wir da von einer Mahlzeit, welche die zwei miteinander aufgegessen 
haben sollen. Nun, allerdings, zwei gelehrte Herren der damaligen Zeit, 
wie Erasmus von Rotterdam und Faustus Andrelinus - wir diirfen 
ihnen nicht zumuten, daft der eine dem andern solche Vogel vorsetzt 
und auf solche Art gar, wie der Faustus von Basel sie dem Erasmus vor- 
gesetzt haben soli. Es wird also wahrscheinlich dasjenige, was uns da 
iiberliefert worden ist, nur eine Art von, ich mochte sagen, scherzhafter 
Rede sein, welche die beiden bei der Mahlzeit ausgetauscht haben. Aber 
wir kommen doch ein wenig hinter diese scherzhaften Reden, wenn wir 
innerhalb dieser Reden auch vernehmen, daft der Faust - diesmal ist es 
wohl der Faust - sich auch nicht recht gaumenbefriedigt erklarte mit 
dem, was ihm da vorgesetzt wird, und anderes verlangte. Faust mochte 
nun essen, um sich besonders zu letzen, fremde Vogel und Kaninchen; 
ja, fremde Vogel und Kaninchen. Erasmus hat zunachst die Idee, daft 
das etwas bedeuten miisse. Er benimmt sich also genauso wie manche 
Theosophen, die nachdenken, was die Dinge bedeuten. Nun, da sagt der 
andere, gut, er will verzichten auf die Kaninchen. - Erasmus meinte 
namlich: Konnte das nicht bedeuten Fliegen und Ameisen? - Auf die 
Kaninchen will er verzichten. Aber die Vogel sind wirklich Fliegen, und 
mit Fliegen wolle er sich einmal besonders letzen. - Jetzt sind wir sehr 
weit. Jetzt haben sich die Vogel durch astralische Verwandlung in Flie- 
gen verwandelt. Und bei Goethe haben wir in der Gestalt des Mephisto 
den Gott der Fliegen. Es braucht nur der Geist da zu sein, der diesen 
Wesen gebietet, und er konnte diese Wesen hinzaubern. Und so haben 
wir die Verbindungsbrucke geschlagen von der unverstandlichen Basler 
Legende und den sonderbaren Vogeln zu den Fliegen, die einfach vom 
Teufel herkommen. Und daft der Teufel Fliegen vorsetzt dem, den er zu 
Tische ladt, dariiber brauchen wir uns nicht zu verwundern. Welcher 
Art aber jenes Faustus Andrelinus Seelenwesen ist, welcher Seelenart 
gerade dieser ist, ja, das wird uns klar, wenn wir den Erasmus nun ein 
Sttickchen weiter seines Weges verfolgen in Paris. In Paris war Erasmus 
noch nicht so recht geneigt, einzugehen auf dieses Faustus Andrelinus 
Eigenart. Aber dann muft er eine Reise machen nach London. Da 
schreibt er denn, daft er jetzt gelernt habe - wahrhaftig, Erasmus, den- 
ken Sie! -, sich im Salon zu bewegen, wahrend er friiher Manieren 



gehabt hatte wie ein grober Bauer, - daft er nun gelernt habe, Verbeu- 
gungen zu machen und sogar sich auf dem Hofparkett zu bewegen ver- 
stiinde! Und - ja, Erasmus schreibt es - daft er in einer Atmosphare lebe, 
wo man, wenn man kommt und geht, durcheinander sich immer kiiftt. 
Man erkennt daraus, daft er den Geschmack seines Pariser Freundes 
treffen will. Er schreibt: Komme doch heriiber. Und wenn die Gicht zu 
stark dich abhalt, so komme auf dem Geisteswagen durch die Liifte 
heriibergeflogen. Das ist fur dich ein Element! - Man sieht, da haben 
wir die Verbindung des Faustus mit der luziferischen Art der Seelen- 
tendenz. 

Bei Goethe tritt uns dann das entgegen, wie Faust seine Verfiihrungen 
macht, indem er Gretchen verfuhrt und so weiter. Der Luzifer ist 
wirklich so abgefallen aus der Umgebung der Faust-Figur, daft man 
schon solche literarische Untersuchungen machen mufi, wenn wir an dem 
Pariser Faust die Verbindung des Faust mit Luzifer konstatieren wol- 
len. Aber wir sehen formlich den Faust dastehen, Luzifer und Ahriman 
- wenn auch undeutlich durch die verworrene Zeit - an seiner Seite, im 
Volksbuch alles zu einem Ragout zusammengekocht. Brauchen wir uns 
dariiber zu verwundern, daft wir in dem Volksspiel und Volksschau- 
spiel, sogar auch in dem Marloweschen Faust etwas haben, was ein 
Uberrest ist uralter Anschauungen, die noch wurzeln in jenen Zeiten, in 
denen man aus atavistischem Hellsehen heraus des Menschen Zusam- 
menhang mit Ahriman und Luzifer erkannte? Aber all das ist ver- 
schwommen geworden, und in dem literarischen Produkt, von dem wir 
gesprochen haben, durchaus verschwommen hingestellt. Goethe emp- 
fand den tiefen Zusammenhang. Aber was konnte Goethe nun nicht? 
Luzifer und Ahriman voneinander sondern, das konnte er nicht. Sie 
verschmolzen ihm noch zu der Zwittergestalt des Mephisto, bei dem 
man nicht recht weift, ist es nun der Teufel, der Ahriman, der wirkliche 
Mephisto? Denn er hat auch das, was Luzifer ist, auf sich geladen. 
Goethe empfangt gleichsam das Ragout, er spurt, daft da Ahriman und 
Luzifer waken, aber er kann es noch nicht auseinanderklauben, er ver- 
schlingt sie zu der okkultistisch unmoglichen Gestalt des Mephisto, der 
eine Zwittergeburt ist aus Ahriman und Luzifer. Man mochte die Zeit 
nennen, in die Goethe geblickt hat, indem er das Faust-Buch kennen- 



lernte: das letzte Nachdunkeln eines alten Wissens iiber diese Sache, die 
verglimmende Abenddammerung des alten Wissens von Ahriman und 
Luzifer. Und Goethes «Faust» ist die erste Morgendammerung des noch 
nicht aufgestiegenen Wissens von Ahriman und Luzifer, dunkel und 
verworren in der Gestalt des Mephisto noch Ahriman und Luzifer 
durcheinander. Aber schon mit dem Bediirfnis, darzustellen, was die 
Menschenseele haben kann, indem sie auf sich wirken lafk dasjenige, 
was in die Erdenaura eingeflossen ist dadurch, dafi das Christus-Wesen 
durch das Mysterium von Golgatha hindurchgegangen ist! 

Das Ostergeheimnis erscheint uns selber wie der Auf gang einer neuen 
Zeit des geistigen Lebens der Menschheit in dem «Faust» Goethes, der 
trotz seiner grandiosen Art noch immer etwas Verworrenes hat, etwas 
von nur dunkler, nebelhafter Morgendammerung hat. Er erscheint uns 
wie etwas innerhalb dieser dunklen Morgendammerung, was wir er- 
blicken konnen, wenn wir hinaufsteigen auf einen Berg und die Sonne 
fruher aufgehen sehen, als wir sie sehen konnten, bevor wir auf dem 
Berge standen. Wie einer der groftten Menschen durch das Streben nach 
Erneuerung alter Erkenntnis seine Seele hinwendet zum Ostergeheim- 
nis, fiihlen wir, indem wir Goethes «Faust» auf uns wirken lassen. Und 
lassen wir ihn im rechten Sinne auf uns wirken, dann fiihlen wir, was 
in eines grolken Menschen Herzen vor sich gehen kann, wenn dieses 
Menschen Herz vom Ostergeheimnis beriihrt wurde, wie das Goethe 
selber zugleich fiihlte, wie auch in dieser Vorempfindung Goethes gegen- 
iiber dem Ostergeheimnis etwas liegt wie ein Hinweis darauf : Ja, nach 
der Morgenrote, in welche die ersten dunkel-hellen Strahlen des Oster- 
geheimnisses hineinscheinen, wird kommen die Sonne einer neuen gei- 
stigen Erkenntnis. Des Menschen Seele wird auferstehen aus dem Grabe 
der verdunkelten Erkenntnis, in das auch sie hinuntersteigen mu$. Die 
Menschenseele selbst wird erleben im Laufe ihrer Entwickelung das 
Ostergeheimnis, die Auferstehung desjenigen, was der Christus-Impuls 
in ihren tiefen, grabartigen Untergriinden ist, wenn sie sich verbindet 
mit der Kraft, die ausgeht durch die Anschauung des Christus-Oster- 
geheimnisses. 

So, mochte man sagen, empfinden wir Goethes Ruf und mochten 
ihn, nachdem wir die Tragik des Ostergeheimnisses auf uns haben 



wirken lassen, umwandeln in den Ruf: Es moge auferstehen die der 
Zukunft angemessene geistige Erkenntnis in der Menschen Herzen, in 
der Menschen Seelen! Es mogen der Menschen Herzen und der Menschen 
Seelen nach der Empfmdung der tiefsten Tragik heilig jubelnd in ihrem 
Inneren des Ostermysteriums Tiefe empfinden und erleben die Auf- 
erstehung in sich durch den Christus! 

Mogen Sie auch heute an diesem Tage durch die Worte, die ich mir 
erlaubte, zu Ihnen zu sprechen, etwas von der Empfindung in Ihre Seele 
aufnehmen, dafi Sie deshalb hier vereinigt sind um unseren dem gei- 
stigen Forschen gewidmeten Bau, damit Sie durch die Kraft Ihrer Seelen 
in die Zukunft etwas hineintragen von jenem Auferstehungsimpulse, 
der uns so grofi anschaulich wird am Ostermysterium, und von dem wir 
sehen konnten, wie die grofken Geister derjenigen Zeit, die nun abge- 
laufen ist, nach ihm hindrangten. 

Empfinden Sie im «Faust» etwas von dem, was der Zauberklang der 
Osterglocken im Geiste in Ihren Seelen erklingen lassen kann. 



DAS EINDRINGEN FAUSTS IN DIE GEISTIGE WELT 



Dornach, u. April 1915, 
nach einer eurythmisch-dramatischen Darstellung 

Wir haben heute vorausgehen lassen der Osterszene im «Faust» die 
Szene, in welcher dem Faust der Erdgeist erscheint. Wir konnten heute 
vor acht Tagen so manchen Gedanken an den «Faust» ankniipfen, wel- 
cher demjenigen bedeutungsvoll sein kann, der sich geisteswissenschaft- 
lich den Gesetzen der Welt, dem Leben der Welt nahern will. Es ist 
wirklich nicht, urn Ihnen Erklarungen zu geben zu Goethe s «Faust», 
daft das letzte Mai, am Ostersonntag, und dieses Mai hier angekniipft 
wird von mir audi an diese dichterische Schopfung Goethes, es ist aus 
dem Grunde, weil an den kunstlerischen Bildern, die uns im «Faust» 
entgegentreten, die Menschenseele wirklich etwas von dem wahrnehmen 
kann, was man Entwickelung dieser Seele nennen mufi in die geistigen 
Welten hinein, was man Sich-Einleben nennen kann in die geistigen 
Wei ten. Insofern wir gewissermaften in den «Faust» uns vertiefen kon- 
nen in geisteswissenschafllicher Hinsicht, diirfen wir schon an diese dich- 
terische Schopfung die eine oder andere Betrachtung ankniipfen. Es ist 
ja im Grunde Goethes «Faust» der Ausdruck des Hineinstrebens in die 
geistige Welt bei Goethe, also der Ausdruck dafiir, wie an einem wich- 
tigen Wendepunkt der neueren Geschichte ein so tiefer Geist wie Goethe 
hineinzukommen versuchte in die Welt, die wir durch unsere geistes- 
wissenschaftliche Vertiefung suchen. 

Wir haben uns das letzte Mai davon iiberzeugen konnen, daft Goethe 
in einer Zeit lebte, in der es wirklich noch nicht moglich war, in klarer, 
ich mochte sagen, eindeutiger Weise den Weg zu finden in die geistigen 
Welten hinein. Wir haben uns iiberzeugen konnen, daft solche Wahr- 
heiten wie die von der Bedeutung Luzifers und Ahrimans vor Goethes 
Seele noch schwebten als unklare Erkenntnis, man mochte sagen, wie ein 
unklares Ahnen der geistigen Welt, und wir haben uns iiberzeugen kon- 
nen, daft in der Gestalt des Mephisto zusammengeflossen sind die beiden 
Gestalten des Luzifer und Ahriman, daft Goethe also ein unklares Ge- 



bilde in Mephisto vor sich hat, dem er in eindeutiger geisteswissenschaft- 
licher Beziehung gar nicht nahekommen kann. Und so konnen wir 
gerade in diesem Streben Goethes, wie es sich im «Faust» ausdriickte, 
sehen, mit welchem Ernste und mit welcher inneren Gewissenhaftigkeit, 
man mochte sagen, mit welcher Verantwortung vor unserer eigenen 
Seele wir das betreiben sollen, was uns geisteswissenschaftliche Vertie- 
fung eroffnen soil. Wenn ein Geist, der so tief ist, solche Schwierigkei- 
ten im Wege findet zu dem, was heute von vielen, vielen Menschen schon 
gesucht werden will, so ist wirklich Gelegenheit, gerade an dem Suchen 
und Streben Goethes vieles zu lernen. Man mochte wiinschen, daft jeder, 
der sich ein wenig in die Ergebmsse unserer Geisteswissenschaft vertieft 
hat, wiederum heranginge an dieses Dokument, an Goethes «Faust», 
der ein Dokument ist aus der Morgenrote, noch nicht aus der Zeit nach 
dem Sonnenaufgang der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen. Ich 
habe das letzte Mai gesagt, daft Goethe die Reife seines Lebens brauchte, 
um aus dem Zustand herauszukommen, in dem seine Seele in der Jugend 
war. Goethes Seele kann sich nicht damit begniigen, nur daft in der Welt 
zu sehen, was die sinnlichen Augen sehen, was der an das Gehirn ge- 
bundene Verstand wahrnimmt. Und was da in seiner Seele lebte und 
wiihlte nach den tieferen geistigen Grundlagen des Lebens, das gestaltete 
er in dem strebenden Faust, der nicht ein Abbild von Goethe ist, der 
aber gewisse Seiten des Goetheschen Strebens und Goetheschen Lebens 
wirklich kiinstlerisch real zur Darstellung bringt. Und so haben wir 
denn gerade in der Erdgeistszene etwas vor uns, was zu den altesten 
Partien des «Faust» gehort, die Goethe niedergeschrieben hat. 

Ich habe das letzte Mai iiber Goethes «Faust» so gesprochen, daft, 
wenn ich so miftverstanden wiirde dabei, wie ich es oftmals werde, man 
hingehen konnte und sagen, ich hatte den «Faust» ein mangelhaftes 
Kunstwerk genannt, hatte sogar iiber den «Faust» manches herbe Wort 
gesagt. Und jemand, der besonders erfinderisch ist, konnte sagen, ich 
hatte eine Wendung in meiner Auffassung Goethes durchgemacht, denn 
ich war ja friiher ein Goethe -Verehrer und habe mich nun bezeugt als 
ein solcher, der Goethe abkanzelt. Nun, daft ich Goethe nicht weniger 
verehre, als ich ihn jemals verehrt habe, daft er mir als der grandioseste 
Geist der neueren Zeit erscheint, das sollte ich nicht zu erwahnen brau- 



chen. Aber das, was verehrende Hingabe an eine Personlichkeit ist, soil 
uns niemals zu einem blinden Autoritatsgefiihl bringen, sondern uns 
immer einen klaren Blick bewahren fur dasjenige, was wir als die Wahr- 
heit erkannt haben. 

Aus verschiedenen Teilen ist der «Faust», man kann sagen, zusam- 
mengelegt, urn nicht zu sagen -geleimt, und man kann sagen, daft Goethe 
in der Zeit, als er die altesten Partien des «Faust» schon in den siebziger 
Jahren des 18. Jahrhunderts geschrieben hat, wirklich nicht imstande 
gewesen ist, die spateren Partien zu schreiben, daft er wirklich erst 
reifen mufite, um von seiner Sehnsucht nach der geistigen Welt zu dem 
zu kommen, was man sein Verstandnis fiir das Christentum nennen 
kann. Erst die Reife des Lebens brachte Goethe dazu, den Faust, der 
nach der Geisterwelt sucht, kiinstlerisch so weiterzufiihren, daft dieser 
Faust dazu kommt, dem Leben erhalten zu werden durch die Oster- 
erinnerung, ja, dafi dieser Faust sogar dazu kommt, das Evangelium 
in die Hand zu nehmen und zu beginnen damit, das Johannes-Evange- 
lium zu iibersetzen. Wenn man heute so manche Leute hort, daft sie 
nichts brauchen von geistiger Erkenntnis, um die Tiefen des Christen- 
tums auszuschopfen, daft also diese Geisteswissenschaft ein unnotiges 
Zeug ist, weil das Christentum schon hinlanglich verstanden werden 
kann durch das, was jeder Pfarrer von der Kanzel verkiindet, daft 
bloftes Glauben insbesondere in diesem Christentum walten miisse, und 
man vergleicht solche Seelenstimmung mit dem, was da liber Goethe 
gesagt werden mufi, der als einer der tiefsten Geister Jahrzehnte 
brauchte, um zu seinem Verstandnis fiir das Christentum heranzureifen, 
dann kann man einen Begriff bekommen von dem ungeheuren Hoch- 
mut, dem ungeheuren Diinkel, der in den Menschen steckt, die da, diin- 
kelhafl: und hochmutig von der Einfalt ihres Gemiites immer redend, 
das wegweisen, was sie nicht brauchen - den Inhalt der Geisteswissen- 
schaft, was sie nicht brauchen nach ihrer Anschauung. 

In der Erdgeistszene haben wir etwas von dem vor uns, was Goethe 
in seiner Jugend, in den Dreiftigerjahren, auch in den letzten Zwan- 
zigerjahren seines Lebens beschaftigte. Wir ersehen aus dieser Erdgeist- 
szene und aus dem, was vorhergegangen ist, dem sogenannten ersten 
Faust-Monolog, wie Goethe sich vertieft hat auch in die sogenannte 



okkultistisch-mystische Literatur, wie er versucht hat, durch dasjenige, 
was diese Literatur ihm gegeben hat, in Meditation, in meditativer 
Hingabe, die geistige Welt zu finden. Wir sehen ihn gerade in der Szene, 
die uns heute vorgefuhrt worden ist, mitten darinnen im Suchen durch 
die Meditation, die sich ihm ergibt aus den Andeutungen, die er, wie es 
hier gesagt wird, aus einem okkultistisch-mystischen Buch, aus einem 
alten mystischen Buch des Nostradamus, gewinnen kann, wie er sich 
bestrebt durch seine Meditation, die sich ihm aus einem mystischen Buch 
ergibt, sich hinaufzuschwingen in die geistigen Welten. 

Versuchen wir es uns einmal vorzustellen, in welche Welten Faust, 
und damit auch Goethe, eigentlich da hinauf will. Wenn die Seele des 
Menschen es wirklich dahin gebracht hat, ihre innere Kraft so zu ver- 
starken, dalS der geistig-seelische Wesenskern des Menschen frei wird 
von dem Instrument des physischen Leibes, wenn die Seele gewisser- 
mafien mit ihren im gewohnlichen alltaglichen Leben gar nicht fur sie 
wahrnehmbaren Kraften herausgeschlupft ist aus dem physischen Leib, 
was wird - nicht etwa der physische Leib selbst in seiner Raumes- 
umgrenzung, sondern das physische Leben, mit dem der Mensch geistig 
dann doch immer zusammenhangt, weil ein Strahl oder Strom zu diesem 
physischen Leben hingeht — , was wird fur die menschliche Seele dieses 
physische Erleben? Es geht auch in dem Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt durch die Zeit zuriick ein Strahl oder Strom des gei- 
stigen Lebens bis zu dem, was wir auf der Erde durchlebt haben, wie Sie 
das entnehmen konnen aus Darstellungen f riiherer Vortrage, es geht also 
immer so etwas wie eine geistige Handausstreckung, oder mehr noch als 
eine geistige Handausstreckung, zuriick zu dem, was physisches Erleben 
ist. Was wird denn dieses physische Erleben fur die menschliche Seele, 
die frei geworden ist von dem Gebrauch des Instrumentes des physischen 
Leibes? Ich mochte sagen: Das ganze physische Erleben wird fur den 
Menschen, der aus diesem physischen Erleben heraufien ist, Seelenorgan. 
Das physische Erleben wird gleichsam Auge oder Ohr, der ganze Mensch 
wird ein Sinnesorgan, ein geistiges Sinnesorgan, ein Organ, konnte man 
sagen, nunmehr der ganzen Erde, die hinausschaut in den Weltenraum. - 
Damit unser Auge die physischen Gegenstande sehen kann, miissen wir 
aufterhalb unseres Auges sein, das Auge mull eingebettet sein wie eine 



Art selbstandiges Organ in die Augenhohle, die sogar durch Knochen- 
wandungen abgeschlossen ist, so daft das Auge ein verhaltnismaftig selb- 
standiges Organ ist. In ahnlicher Weise ist auch das Ohr abgeschlossen. 
Wiederum der ganze physische Apparat des Gehirns ist in die Kopf- 
hohle eingeschlossen und von dem iibrigen Leibe des Menschen abge- 
schlossen. So abgeschlossen muft werden das physische Erleben des Men- 
schen, daft es eine Art Sinnesorgan wird, eine Art Auge oder Ohr, durch 
das der Mensch dann, der aufterhalb dessen ist, was sein physisches Er- 
leben ist, hinausschaut in den weiten Weltenraum. 

Was da erlebt wird, das kann man auch so darstellen: man kann 
sagen, man sei jetzt in der Welt, die in dem Buche «Theosophie» als 
Seelenwelt dargestellt wird. Es ist dies die Welt, in die man zuerst 
eintritt, wenn man das Erlebnis hat, mit der selbstandig gewordenen 
Seele aufterhalb des Leibes zu sein und das eigene physische Erleben 
aufterhalb seiner hat. In dem Wiener Zyklus vom April 19 14 habe ich 
geschildert, wie der Mensch auch in dem Leben zwischen Tod und einer 
neuen Geburt durch sein letztes Erdenleben ein geistig-seelisches Sinnes- 
organ hat, um die iibrige Welt wahrzunehmen, das heiftt, daft er durch 
dieses Erdenleben die iibrige Welt wahrnimmt. In dieser Welt finden 
wir dann auch eine langere Zeit nach dem Tode unsere Verstorbenen, 
bis sie in eine andere Welt aufriicken, die dann erst durch einen spateren 
Entwickelungszustand der Seele erreicht werden kann, auch fur den 
menschlichen Eingeweihten. In dieser Welt, in die wir da einriicken, 
mufi so manches dem Betrachter auffallen. Man kann nur Einzelheiten 
liber diese Welt sagen. Sie miissen zusammenholen aus den verschie- 
denen Vortragen, was diese ubersinnliche Welt charakterisiert. Was vor 
alien Dingen sogleich der Seele auffallt, ist, daft die Seele, indem sie frei 
geworden ist vom Leibe und sich einlebt in eine neue Welt, nun zunachst 
erloschen sieht die Sterne, die Sterne erloschen fiihlt. Die Seele lebt sich 
ein in eine elementare Welt, so daft sie nunmehr mit dem Luftmeer webt, 
mit der in der Welt wallenden Warme selbst mitwallt, mit dem Lichte 
hinausstrahlt, und da die Seele mit dem Lichte hinstrahlt, kann sie nicht 
durch das Licht die aufteren Gegenstande sehen. Deshalb verloschen 
Sonne und Sterne, und der Mond erlischt mit seinem Lichte vor der 
Seele. Es ist nicht ein aufteres Anschauen, in dem man dann ist, es ist ein 



Miterleben der elementaren Welt. Und es ist zu gleicher Zeit ein Mit- 
erleben desjenigen, was man die Kraft der historischen Geschehnisse, 
des geschichtlichen Werdens nennt. In dieser Welt kann man ablaufen 
sehen das, was die Geschichte im Menschenleben wirklich macht. 

In ihrer weiteren meditativen Entwickelung kann sich dann die Seele 
hinaufringen zu einem hoheren Erleben. Da wird ihr nicht mehr bloft 
das eigene Erleben ein geistig-seelisches Sinnesorgan, sondern da wird 
die ganze Erde Sinnesorgan. Ganz paradox gesprochen, aber Sie werden 
mich verstehen, mufi da die Menschenseele vorriicken zu einem solchen 
Erleben, von dem man sagen kann: Der Mensch ist jetzt etwas, in dem 
eingesetzt ist die ganze Erdkugel, wie sonst das Auge oder Ohr einge- 
setzt sind unserem Leibe, und wie wir sonst mit den Augen sehen, mit 
den Ohren horen, so nehmen wir mit der ganzen Erde und ihrem Er- 
leben wahr den Weltenraum. - Da werden wir gewahr, dafi das, was 
die Physiker von der Sonne und den Sternen sagen, eine blofie materia- 
listische Traumerei ist. Die Sterne sind ja schon erloschen, die Sonne, das 
Mondenlicht ist erloschen in der vorhergehenden Welt. Jetzt aber wer- 
den wir gewahr, daft da, wo wir die Sonne vermuteten, eine Gemein- 
schaft von Geistern ist, da£ iiberall, wo wir einen Stern vermuteten, eine 
geistige Welt ist. Und wir werden gewahr, indem wir uns zuriickerinnern 
an das Erdenleben, dafi das eine phantastische materialistische Traumerei 
ist, wo von die Physiker sprechen, denn wenn uns Sterne oder Sonnen er- 
scheinen, so ist dies, weil irgendwo in der geistigen Welt der Sitz ist von 
einer geistigen Gemeinschaft, wie es die Erde fiir eine Gemeinschaft von 
Menschen ist. Aber so wenig man von einem fernen Stern die physischen 
Leiber wahrnehmen wiirde, nur die Menschenseelen, so wenig kann ge- 
sagt werden, daft uns da oben von den Sternen irgend etwas interessieren 
konnte, was nicht geistig-seelischer Natur ist. Das aber, was wir sehen, 
das mussen wir uns vorstellen gleichsam als die Dunste der Erdenatmo- 
sphare, die zusammenstoften mit dem, was da hereinkommt, und nichts 
sehen kann das physische Auge von dem, was der Stern wirklich ist, son- 
dern den Dunst, den die Erde selber hinauswirft in den Weltenraum. 
All das, was wir als Sternenhimmel sehen, ist nichts als das aus dem 
Materiellen, allerdings atherischen Materiellen der Erde selbst Gewo- 
bene, ist ein Vorhang, den die Erde hinzieht vor dem, was dahinter ist. 



Wenn aber die Seele dazukommt, sich hinauszuleben in diese Welt hin- 
ein, dann nimmt sie wahr, wie da drauften nicht diese phantastischen 
Sterne sind, diese materialistisch-phantastischen Sterne, von denen die 
Physiker sprechen, sondern lebendige Wesenheiten, lebendige Wesens- 
gemeinschaften, auf- und abschwebend, hin- und herwebend im Welten- 
raum drauften und sich die Gaben von oben nach unten reichend, und 
wiederum werden die Gaben von unten nach oben gereicht. Wenn man 
ins Geistige umsetzt die Worte: 

Wie alles sich zum Ganzen webt, 
Eins in dem andern wirkt und lebt! 
Wie Himmelskrafte auf- und niedersteigen 
Und sich die goldnen Eimer reichen! 

- Krafte, aber jetzt in dem Sinne, wie wir von Urkraften sprechen -, 

Mit segenduftenden Schwingen 

Vom Himmel durch die Erde dringen, 

Harmonisch all das All durchklingen! 

das aber alles geistig-seelisch vorgestellt, dann haben wir ungefahr die 
Welt, in welche die Seele sich hinauslebt. 

Wenn wir uns nun vorstellen, was hatte denn Faust in der Zeit, in 
der er uns da vorgefuhrt wird, von alldem, was jetzt beschrieben wor- 
den ist? Er hat ein altes Buch aufgeschlagen, geschrieben von einem, der 
eine alte Anschauung in Zeichen aufgezeichnet hat: das hat das Zeichen 
des Makrokosmos gegeben. Aber Faust ist natiirlich nicht in der Lage, 
mit seiner Seele sich hinauszuleben in Welten, wo die Wesenheiten im 
Weltenraum ihr groftes Geschehen entwickeln. Faust ist nicht in der 
Lage, da hinaufzukommen. Er sieht nur das Zeichen, das einer hin- 
geschrieben hat, der da hinausgelangt ist, das Zeichen des Makrokosmos. 
Aber ein Traum, eine Ahnung wird hervorgerufen, daft dieses Zeichen 
etwas bedeutet. Denken Sie sich also in Ihre Seele hinein, daft Sie nie- 
mals etwas von Geisteswissenschaft gehort hatten, daft Sie das Zeichen 
vor sich hatten, aber daft Sie eine Ahnung hatten, daft einmal einer 
etwas Ahnliches gesehen hat, das Sie auch sehen mochten, dann sind 
Sie in Fausts Seele darinnen. Zunachst konnen Sie sich hineintraumen, 



dafi Ihnen Ihre Phantasie irgend etwas durch diese aufteren Zeichen, die 
im wesentlichen die Zeichen des Tierkreises sind, die Zeichen der Ele- 
mente, die Zeichen der Planeten, belebe, konnen sogar zunachst mit 
iiberquellendem Gefiihl in die Worte ausbrechen: 

Welch Schauspiel! 

Aber das schlagt sich Ihnen zuriick, denn jetzt werden Sie gewahr, 
Sie haben nichts als das Zeichen im Buche, nichts als eine Phantasie , . . 

Aber ach! ein Schauspiel nur! 

Sogar nur ein Schauspiel als innere Phantasie! Und zuriickgeworfen 
sind Sie. Das Zeichen hat Sie zu nichts gebracht, im Gegenteil, es hat Sie 
zuriickgeworfen, hat Ihnen das Gefiihl gebracht: da ist die Welt des 
Geistes, vor der Sie stehen, aber nirgends finden Sie Eingang. 

Wo fass' ich dich, unendliche Natur? 
Euch Briiste, wo? Ihr Quellen alles Lebens, 
An denen Himmel und Erde hangt, 
Dahin die welke Brust sich drangt - 

Nichts wiederum als das Fiihlen in den Elementen drinnen, im Licht 
und in der Luft, wie ich gesagt habe, in der untergeordneten Welt. Und 
jetzt sogar deutlich ausgedriickt. Faust hat sich hinaufgedrangt in die 
geistige Welt, ist zuriickgefallen in die Welt, die ich vorhin beschrieben 
habe als die nachste iibersinnliche Welt. Dieses mit dem Luft- und 
Lichtleben, das driickt sich sehr gut aus in den Worten: 

Ihr quellt, ihr trankt, und schmacht' ich so vergebens? 

Er ist ganz in sich zuriickgefallen, zuriickgefallen aus der geistigen 
Welt in die elementare Welt. Aber auch diese zu erkennen, ist er ja noch 
nicht imstande. Da kommt ihm zu Hilfe, dafi er das Buch aufschlagt 
und das Zeichen des Erdgeistes erblickt. Das ist das Zeichen, das nun 
auch einmal der hingeschrieben hat, der diese untere Welt, die elemen- 
tarische Welt, als seine eigene Welt gehabt hat. Da fiihlt er sich jetzt 
doch darinnen. Da hat er ein ahnendes Gefiihl vom Darinnensein. 



Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! 

- deshalb, weil er etwas dabei fiihlt, weil er von dem Sinnenschein sich 
abgewendet hat, und etwas fiihlt von dem Darinnenstecken in der 
Welt. Nun spricht er eigentlich immer von dieser Welt: 

Schon fiihl' ich meine Krafte hoher, 

- das, was man erlebt, wenn man in der Warme, im Licht lebt -, 

Schon gliih' ich wie von neuem Wein. 

Denken Sie sich, wenn Sie Warme fiihlen in der Seele, wenn Sie in 
der Welt als Warmewelle leben und weben! 

Ich fiihle Mut, mich in die Welt zu wagen. 

Es ist wirklich wie ein sich in den Elementen Bewegen. Ich habe 
Ihnen gesagt, das Erdenleben wird zum Sinnesorgan, und wie Sie sonst 
Auge und Ohr in sich fiihlen, so fiihlen Sie jetzt Ihre Sinnesorgane in 
der Erde. 

Der Erde Weh, der Erde Gliick zu tragen, 
Mit Stiirmen mich herumzuschlagen, - 

wenn Sie als Luftwelle in der Luft sind. 

Es wolkt sich iiber mir - 

Der Mond verbirgt sein Licht - 

Kein Wunder! Ich habe Ihnen gerade geschildert, wie das geschieht, 
wie Sterne, wie der Mond verloschen. Das Licht verloscht, weil er mit 
dem Lichte selbst geht. 

Es dampft! - Es zucken rote Strahlen 
Mir um das Haupt - 

Das ist jetzt innerliche Wahrnehmung. 

Es weht 
Ein Schauer vom Gewolb' herab 
und fafk mich an! 



Ich fiihPs, du schwebst um mich, erflehter Geist. 
Enthiille dich! 

Ha! wie's in meinem Herzen reifk! 

Zu neuen Gefiihlen 

All' meine Sinnen sich erwiihlen! 

Merken Sie nicht, wie das Leben in den Elementen da ausgedriickt ist? 

Ich fiihle ganz mein Herz dir hingegeben! 
Du mufit, du mufit! und kostet' es mein Leben! 

Und jetzt spricht er aus seiner Meditation heraus den Spruch, der 
zum Zeichen des Erdgeistes hinzugeschrieben ist, ein meditativer, sugge- 
stiver Spruch, der wirklich ihn zu dem Gesicht des Geistes hinfiihrt, 
der der Anfiihrer der Geister ist, in deren Bereich wir eintreten, wenn 
wir die elementarische Welt betreten. Aber sogleich merken wir, dafi 
Faust eigentlich nicht reif ist fiir diese Welt, sich vor alien Dingen nicht 
reif fiihlen kann fur diese Welt. Was soli ihm denn werden, dem Faust? 
Selbsterkenntnis soli ihm werden, in dem Sinne, daft sie eben die 
hochste Welterkenntnis ist, indem wir alle das miterleben, was erlebt 
werden kann, wenn wir im Elementaren schwimmen und weben und 
wallen und wesen. Aber was sich darinnen individualisiert, Faust kann 
es nicht erkennen. 

Dieses Geistgesprach zwischen Faust und dem Erdgeist ist nun so 
recht charakteristisch fiir den Reifezustand auch Goethes in der Zeit, 
wo er die Szene hingeschrieben hat, wie er sein ungeheures Streben in 
die geistige Welt hinein schildert. 

Geist: Wer ruft mir? 

Faust wendet sich schon ab. Natiirlich klingt das nicht so wie* das, 
was wir sonst mit den Ohren horen, dafi es uns von weitem zuklingt, 
sondern so, dafi wir im Tonen darinnen leben. Das klingt anders als 
das, was man auf der Erde horen kann, ganz anders. Wie man auch 
das, was man sieht, nicht durch das Licht sieht, sondern damit selbst 
strahlt. Das sieht anders aus. Ubermensch hat der Faust werden wollen. 
Das heilk, die geistige Welt hat er betreten wollen, aber ein Grauen 



fafk ihn vor dieser geistigen Welt. Durch diese Begegnung mit dem 
Erdgeist wird es Faust klar, daft man ein anderer werden mufi, als man 
vorher als Mensch war, wenn man in die geistige Welt hinein will, daft 
man nicht mit seinen gewohnlichen Kraften, Empfindungen und Leiden- 
schaften in diese geistige Welt hinein kann. So muft es Faust tief fiihlen, 
wie er zuerst zuruckgeworfen wird, aus der hoheren geistigen Welt in 
die elementarische Welt zuriickfallt, und wie er jetzt in der elemen- 
tarischen Welt in seiner Erkenntnis zuruckgeworfen ist, weil er nur das 
Ich geblieben ist, das er friiher war, weil er sich nicht hineinentwickelt 
hat in diese elementarische Welt, wozu ihn die suggestive Meditation 
brachte, die er vollzogen hat durch den Spruch, der dem Erdgeist zu- 
geschrieben ist. Er hat fur einen Moment sehen konnen, was f iir Wesen 
darinnen sind. Aber der Geist sagt ihm: 

Wo bist du, Faust, dess' Stimme mir erklang, 
Der sich an mich mit alien Kraften drang? 

Daft diese Stimme aus dem Unterbewufttsein erklang, darauf habe 
ich schon aufmerksam gemacht, daft das der Faust war, den der auftere 
Faust selbst nicht einmal richtig kennt. 

Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert, 
In alien Lebenstiefen zittert . . . 

Dieses «Du» bezieht sich jetzt auf den gewohnlichen Faust, wahrend 
der strebende Faust der hohere Mensch Faust war. 

Ein furchtsam weggekriimmter Wurm? 

Aber jetzt erwacht der Trotz des Faust. Er will gerade hinein in die 
Welt, fur die er nicht reif ist: 

Soli ich dir, Flammenbildung, weichen? 
Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen. 

Jetzt kann er noch horen, wie die Geister der elementarischen Welt, 
in die er sich versetzt hat, mit der Menschengeschichte leben, mit dem, 
was auf der Erde durch die Rassen und Kulturen hindurch sich vollzieht, 
wie sie damit leben. Und das Geheimnis der elementaren Welt wird 



durch den Erdgeist ausgesprochen, er redet nirgends von dem Sein, son- 
dern von dem Werden, von dem Geschehen. 

Geist: In Lebensfluten, im Tatensturm 
Wall 5 ich auf und ab, 
Webe hin und her! 
Geburt und Grab, 
Ein ewiges Meer, 
Ein wechselnd Weben, 
Ein gliihend Leben, 

So schafT' ich am sausenden Webstuhl der Zeit 
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid. 

Nicht im Raume, in der Zeit: Lesen Sie die Haager Vortrage! 

So viel kann Faust doch begreifen, daft das der Geist ist, der durch 
die Geschichte geht: 

Der du die weite Welt umschweifst, 
Geschaftiger Geist, wie nah ftihl ich mich dir! 

Der du die weite Welt umschweifst! Der du der Geist bist, der den 
Zeitgeistern angehort, wie nah fiihl ich mich dir! - So sagt er in seiner 
Vermessenheit. Der Geist sagt ihm jetzt das, was Faust selber spater 
das Donnerwort nennt, was wie ein Donnerwort in seine Seele schlagt 
und ihn wiederum zuriickschlagt in die gewohnliche Welt, in der er ist, 
weil er noch nicht reif ist. Selbsterkenntnis soil er suchen und in dem 
zur Welt erweiterten Selbst die geistige Welt. Er kann sie noch nicht 
finden, deshalb mufi ihm von diesem Erdgeist das Donnerwort ent- 
gegentonen: 

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, 
Nicht mir! 

Welcher Geist ist denn das, den Faust begreift? Welchen Geist begreift 
denn Faust? Er, das Ebenbild der Gottheit, der nicht den Erdgeist begrei- 
fen kann? Wie kann er denn jetzt in der Selbsterkenntnis weiterkom- 



men? Wie schaut der Menschengeist aus, den Faust begreifen kann? Er 
tritt herein, in Schlafrock und Nachtmiitze, der andere Faust: Wagner! 
Das ist der Geist, den du begreifst! Wagner, den begreifst du! Weiter bist 
du noch nicht gekommen, denn das andere lebt in dir nur als Trotz, als 
Leidenschaftf - In der Selbsterkenntnis kommt er ein Stuck weiter. Das 
ist gerade das Eigentiimliche in Goethes «Faust», das ist die schone kiinst- 
lerische Gestaltung des Goetheschen «Faust», dafi das, was in realer Ge- 
stalt auf die Buhne gebracht wird, immer im Grunde genommen ein 
Stuck Selbsterkenntnis ist. Wie der Mephisto ein Stuck Selbsterkenntnis 
ist, so ist Wagner auch ein Stiick Selbsterkenntnis des Faust. Wagner 
ist Faust selbst. Und man wiirde gar nicht Unrecht tun, wenn man ein- 
mal den «Faust» so inszenieren wiirde, wenn man in der Gestalt des 
Wagner in Schlafrock und Nachtmiitze, von dem Faust sich abwendet, 
ein Konterf ei des Faust selbst haben wiirde, dann wiirden die Menschen 
unmittelbar schon verstehen, warum denn jetzt gerade dieser Wagner 
hereinkommt. Was der Wagner spricht, das ist im Grunde genommen 
das, was der Faust schon begreift, das andere deklamiert er nur. Das 
bringt er nur so heraus. Er glaubt sich zu erheben in hochste Wahrheiten, 
die er in Phrasenhaftigkeit deklamieren kann, aber sie nicht im Inneren 
erlebt. Und jetzt spielt sich ein Stiick Selbsterkenntnis ab. Wagner 
spricht die Wahrheit aus. Faust hat im Grunde genommen nicht seine 
innersten Erlebnisse ausgesprochen, er hat deklamiert. 

Verzeiht! Ich hor' Euch deklamieren. 

Das ist eine Wahrheit: er hat nur deklamiert. Und es ist ein Stiick 
Selbstbesinnung, einzusehen, dafi man sich so nicht dem Geist der Welt 
nahert, sondern hochstens ein griechisches Trauerspiel liest. So viele 
Menschen wollen, wenn sie an die Geisteswissenschaft herankommen, 
deklamieren von den hochsten Wahrheiten, wenn es auch oftmals ein 
Sich - selbst - Vordeklamieren von den hochsten Wahrheiten ist. Im 
Grunde genommen wollen sie nichts, als sich von dieser Geisteswissen- 
schaft vordeklamieren, etwas profitieren, sich einen Nebeldunst vor- 
machen. Mit Bezug auf die heutige Zeit kann man sagen, dafi in man- 
chen Kreisen das heute viel der Fall ist. Manche Menschen sind sehr 
interessant, wenn sie von ihren Gesichten deklamieren. In friiherer Zeit 



hat man das von den Priestern gehort, jetzt haben es noch besser gelernt 
die Komodianten, so dafi die Priester von den Komodianten etwas 
lernen konnen. Wenn Faust nur so weit gehen wiirde, als er mit seinem 
Verstandnis dabei ist, so miifke er die Worte sagen, die Wagner spricht, 
sein Spiegelbild. Aber er geht mit seiner Leidenschaft hinaus, eben mit 
dem, was luziferisch ist, hinaus, nicht mit dem echten, vollen, mensch- 
lichen Seelenkern, sondern mit dem luziferischen Kern. Der Luzifer in 
Faust ist es, der jetzt dem, was Faust ist, was aber als Wagner vor uns 
stent, antwortet: 

Ja, wenn der Pfarrer ein Komodiant ist; 
Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag. 

Diese Verachtung, dieser Hochmut kommt aus dem Luziferischen in 
Faust, denn, wiirde Faust nicht von Luzifer gepackt sein, dann wiirde 
er so reden wie Wagner, wenn er eben nur aussprechen wiirde, was er 
ehrlich als den Gegenstand seines Verstandnisses gestehen kann. Das 
andere ist eine dunkle Ahnung bei ihm von etwas, zu dem er vordringen 
will. Aber dieses Selbstgesprach - wirklich, es ist nur ein Gesprach mit 
sich selbst - bringt ihn doch ein Stuck weiter. Man kommt so viel im 
Leben weiter, wenn man sich einmal in einem andern Selbst entgegen- 
tritt. Sich selbst gesteht man nicht gerne, daft man diese oder jene Eigen- 
schaften hat. Wenn sie einem aber in einem andern entgegentreten, so 
studiert man sie schon lieber. So erwirbt man sich schon Selbsterkenntnis 
dadurch, dafi eine Eigenschaft einem in der Gestalt des andern entgegen- 
tritt wie dem Faust bei Wagner. Faust ist noch nicht so weit, dafi er sich 
jetzt sagen wiirde, als Wagner fort ist: Ja, eigentlich bin ich das selbst. - 
Wiirde er mit seinem Verstandnis schon vollstandig zu sich durch- 
gedrungen sein, so wiirde er sich sagen: Ich bin erst ein Wagner, hier im 
Kopf sitzt erst der Wagner! 

Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet, 
Der immerfort an schalem Zeuge klebt, 
Mit gier'ger Hand nach Schatzen grabt, 
Und froh ist, wenn er Regenwurmer findet! 



Denn bis jetzt hat er auch nichts anderes gemacht, aufter dem, dafi 
er die Geister in der geschilderten Art gesucht hat. Selbsterkenntnis ist 
es, die dem Faust entgegentritt in Wagner. Wer hat ihm denn den Wag- 
ner hereingeschickt? Der Erdgeist hat ihn hereingeschickt, der Erdgeist: 

Du gleichst dem Geist, den du begreifst, 
Nicht mir! 

Und jetzt soli Faust sehen, welchen Geistern er gleicht. Dem Erdgeist, 
der der Beherrscher der Erde ist, gleicht er nicht, aber sehen soil er ein- 
mal eine der Gestalten, die in ihm steckt: Da hast du den Wagner! 
Dieser Wagner steckt in dir! 

Aber nun steckt nicht blofi Wagner in Faust, sondern das luziferische 
Element ist gegen den Wagner, das heifit gegen sich selbst. Da ist noch 
ein anderes Element in ihm drinnen. 

Wenn man den «Faust» in seiner fruheren Gestalt, wie er anfangs 
war, ansieht, ist es so, dafi Goethe dazumal nach der Erdgeistszene das 
folgende nicht fertig gemacht hat. Da geht das so fort: Gesprach mit 
Wagner, dann mit dem Studenten, Mephisto ... In den Kreis Fausts 
und seiner Schuler tritt Mephisto ein, von dem Goethe nicht recht weifi, 
ob er Luzifer oder Ahriman ist. Wiirde er Geisteswissenschaft gehabt 
haben, so wiirde jetzt der Luzifer auftreten. Da hat er den andern, den 
ihm der Erdgeist schickt. Der Erdgeist schickt ihm Wagner, schickt ihm 
Mephisto, wir wiirden sagen Luzifer. Faust soil so nach und nach ken- 
nenlernen, was in ihm steckt. Mephisto ist geschickt vom Erdgeist: Da 
hast du wiederum einen von den Geistern, die du begreifst. Versuche 
einmal den Luzifer zu begreifen, der in dir steckt, und nicht gleich den 
Geist der Erde anzuschauen! 

Wie Goethe im Unklaren war iiber die Sache, kann man daraus er- 
sehen, daft ein kleines Stuckchen, das spater weggeblieben ist, in der 
urspriinglichen Niederschrift dasteht, in vier Zeilen. 1775 standen vier 
Zeilen da, nach der Szene, wo Mephisto den Faust soweit gebracht hat, 
dafi er ihn zu Gretchen hingefiihrt hat, und dafi Faust jetzt zu Gretchen 
dringen will. Da stehen vier Zeilen, die schon 1790 nicht mehr im Frag- 
ment darinnen waren. Nachdem Faust den Mephisto, der aber eigentlich 
Luzifer ist - Goethe bringt es nur durcheinander aufgefordert hat, 



fur das Geschmeide fur Gretchen zu sorgen, da sagt in der alten Hand- 
schrift .Mephisto, nachdem Faust weggegangen ist: 

Er tut, als war er ein Furstensohn. 
Hatt' Luzifer so ein Dutzend Prinzen, 
Die sollten ihm schon was vermiinzen; 
Am Ende kriegt' er eine Kommission. 

Da steht es, da nennt sich Mephisto selbst mit dem Namen Luzifer. 
Wie gesagt, die vier Zeilen sind spater weggefallen. Um was war es also 
Goethe eigentlich zu tun in seiner alteren Zeit, in der er sich, man mochte 
sagen, selbst ausdriicken wollte in seinem «Faust»? Nun, darum war es 
ihm zu tun, zu zeigen, wie der Mensch zur Selbsterkenntnis kommen 
soil. Aber, man mochte sagen, ahnend liegt darinnen in dieser ersten 
Szene, die Goethe in seiner Jugend hingeschrieben hat, was Sie jetzt mit 
Deutlichkeit lesen konnen da, wo geschildert wird in «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?» die Begegnung mit dem Hiiter der 
Schwelle. Wie der Mensch, der nach und nach einsieht, wie verschiedene 
Wesenheiten in ihm stecken, sich zerteilt, das haben Sie vorgeahnt in 
Faust, wie er sich aufteilt in Wagner und Luzifer-Mephisto. Er lernt sich 
so nach und nach kennen in seinen einzelnen Teilen, er lernt sich kennen 
als Wagner, er lernt sich kennen als Luzifer-Mephisto. Aber wie gesagt, 
Goethe mulke erst reif werden, um die grofie Bedeutung des Christus- 
Impulses fur die Menschheit wirklich zu durchschauen, soweit das in 
seiner Zeit moglich war. Daher sehen wir, wie Goethe erst in seinen 
reiferen Jahren das, was er friiher geschrieben hat iiber Fausts Streben 
bis dahin, wo der Mensch sich in seinen verschiedenen Abbildern, auch 
im Luzifer -Abbild, entgegentritt, nun dadurch zu erganzen sucht, dafi 
er Faust in Beruhrung kommen lalk mit dem, was in die Erdenentwicke- 
lung durch Christus eingeflossen ist. Man mochte sagen, die Kultzeichen 
des Christus treten an Faust heran. Und dadurch sehen wir in dem 
«Faust» das Dokument, das uns anzeigt, wie Goethe selbst herange- 
bracht hat den Okkultismus an das Christentum, an den Christus- 
Impuls, und wie wir in der Tat heute auf der Bahn weiterarbeiten, die 
Goethe mit Bezug auf ihre ersten Schritte dazumal eingeschlagen hat. In 
Goethes Zeit konnte man nur zu einer Ahnung kommen. Heute ist die 



Zeit herangekommen, die es dem Menschen moglich macht, durch die 
Geisteswissenschaft wirklich in die Gefilde des geistigen Lebens einzu- 
treten, in die hinein Goethes ganzes Streben gerichtet war. Die heutige 
Zeit mufi den Faust anders begreifen, als ihn Goethe selbst begriffen 
hat. Ja, die Welt schreitet vor, und wenn wir nicht voll anerkennen, daft 
die Welt vorschreitet, so meinen wir es nicht ernst genug mit der Welt. 
Solche Erlebnisse aber, daft man sich spaltet, daft man sich selbst ent- 
gegentritt in seiner wahren Gestalt, in luziferischer Gestalt, solche Er- 
lebnisse bringen einen doch vorwarts, aber immer nur urn ein kleines 
Stuckchen. Von dem Glauben miissen wir uns schon trennen, daft wir 
die ganze geistige Welt uberschauen konnen, wenn wir nur kleine Fort- 
schritte gemacht haben, wie wir sie durch Meditation machen konnen. 
Ein wenig nur kommt man immer vorwarts. 

Zwei Naturen sind in Faust: die Wagner-Natur und dasjenige, was 
nun vorwarts strebt. Als Goethe darauf hinweisen wollte in reifen Jah- 
ren, hat er das sehr schon gemacht. Es kam Goethe das Bediirfnis, da, 
als Faust schon an das Christentum herangetreten war, zu zeigen, was 
die Wagner-Natur in Faust ausmacht. Daher laftt er Wagner und Faust 
miteinander den Osterspaziergang machen. Es ist jetzt wirklich so, daft 
uns, wie es dramatisch natiirlich ist, an zwei Personen dargestellt wird, 
was in Fausts Seele vorgeht. Der hohere Mensch in Faust strebt vor- 
warts, aber der Faust -Wagner halt den Faust zuriick. Ein Funken der 
Erfassung der geistigen Welt ist in Faust entziindet, daher wird ihm 
der Pudel, der ihm begegnet, so, daft er jetzt nicht nur den sinnlichen 
Pudei sieht, und es ist wirklich etwas wie eine Seelenkraft in Faust, die 
sich da ausspricht in dem Gesprach mit Wagner: 

Faust: Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und 

Stoppel streifen? 

Jetzt erwacht wiederum die Natur des Wagner in Faust. 

Wagner: Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir. 

Die hohere Natur: Betracht' ihn recht! Fur was haltst du das Tier? 
Wagner-Natur: Fur einen Pudel, der auf seine Weise 

Sich auf der Spur des Herren plagt. 



Das sind Einwande, die sich durchaus Faust selbst eigentlich macht. 
Und nun geht es weiter. Faust beginnt schon hinter dem Sinnlichen das 
Obersinnliche zu sehen, er ahnt es schon. Also, es ist Ahnen, hervor- 
gerufen durch die Erfahrungen, die er gemacht hat. Ein Funken der 
geistigen Welt ist in ihn eingezogen. Und schon ist es, mochte man sagen, 
wie unendlich kiinstlerisch aufrichtig und ehrlich Goethe ist, nur mu£ 
man ihn verstehen. Als Faust jetzt das Luziferische in sich fiihlt - wie 
Sie wissen, hangt das Luziferische mit dem Eigensinn zusammen, dem 
inneren Egoismus — , tragt er dieses Luziferische, jetzt als Faust, auch 
schon in sein Ergriffensein der Seele von dem Christus-Impuls herein. 
Es ist ein luziferischer Zug, dafi ihm das Johannes-Evangelium, indem 
er es iibersetzen will, gar nicht vollkommen erscheint. Denn dem Ver- 
stehenden sind die Goethe-Kommentatoren etwas kurios, die nun wirk- 
lich mitgehen, weil sie immer mit dem Dichter mitgehen, auch da, wo 
er die Dinge, die er sagen will, auf seine Personen verteilt. Den Text des 
Evangeliums versteht Faust noch gar nicht, sonst wiirde er stehenbleiben 
bei «Im Anfang war das Wort». Er stockt, weil er es noch nicht versteht. 
Die Professoren stellen es so dar, als wenn Faust es besser verstiinde, 
aber er versteht es noch nicht. Ihm erscheint jetzt die Kraft, die Tat - also 
Rationalistisch-Verstandesmafiiges tragt er in das Evangelium hinein. 
Das ruft jetzt die entgegengesetzte Erscheinung hervor. Wahrend er 
friiher heruntergestofien worden ist in die sinnliche Welt, wird er jetzt 
hinaufgelenkt in die geistige Welt. Indem er so recht seine Beschrankt- 
heit geltend macht, indem er setzt «Sinn und Kraft und Tat», wird er 
hinaufgestofien in die geistige Welt, weil schon ein Funken von geistiger 
Kraft in Faust ist. Da kommen die Geister und wiederum als Sendbote 
des Erdgeistes . . . Mephisto, diese unklare Gestalt zwischen Luzifer 
und Ahriman. Sie sehen also, man mufi aus dem Ringen Goethes heraus 
das Eindringen Fausts in die geistige Welt begreifen, und man kann 
gerade fur unsere jetzige Zeit daraus unendlich viel lernen. 

Worum es mir besonders in dem letzten Vortrag am Ostersonntag 
und in diesem Vortrag zu tun war, ist, vor Ihre Seelen zu fuhren, wie 
es gerade einem Geist, der sich vertiefen will, eine schwerere Angelegen- 
heit ist, zu dem Christus-Impuls vorzudringen, als einem Geist, der in 
seinem unendlichen Hochmut und in seiner Dunkelhaftigkeit stehen- 



bleibt und das nicht haben will, was Geisteswissenschaft ihm bieten 
kann. Auf der andern Seite wollte ich audi an dem «Faust» anschaulich 
machen, wie gewaltig das war, was durch den Christus-Impuls in die 
Welt eingezogen ist. Es werden Zeiten kommen, da wird man immer 
besser und besser, gerade durch das, was Geisteswissenschaft zu geben 
vermag, die innere Natur des Christus-Impulses begreifen lernen. Es 
stent in der Welt da - ich mochte sagen, wie eine durch die Welt- 
geschichte gebrachte Illustration fur die Erdenentwickelung der Mensch- 
heit von dem, was der Christus-Impuls ist - es steht da die Tatsache, 
daft Jahrhunderte, nachdem der Christus-Impuls eingetreten ist in die 
Menschheitsentwickelung der Erde, in dieser Menschheitsentwickelung 
etwas auftritt, das man auch nicht richtig versteht. Im Augenblick aber, 
wo man anfangt, es richtig zu verstehen, wird man gerade durch dieses 
Verstandnis zu einem tieferen Gefiihl von dem Christus-Ereignis ge- 
bracht. Sie wissen ja, sechshundert Jahre, nachdem der Christus-Impuls 
in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist, trat in einer gewissen 
Menschengemeinschaft ein Prophet auf, der das zunachst abgewiesen 
hat, was durch den Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung 
eingetreten ist, Mohammed. Wir diirfen heute wirklich nicht mehr zu 
dem Aberglauben des 19. Jahrhunderts uns bekennen, der aus dem 
Rationalismus heraus in Kleinheit das erklaren will, was aus dem Geiste 
heraus erklart werden mulS. Und lacherlich mufi demjenigen, der in die 
Geisteswissenschaft wirklich eindringen will, es erscheinen, wenn von 
Mohammed ein besonders gelehrter, gescheiter Mann sagt: Ja, der be- 
hauptet ja, dafi in der Gestalt von Tauben zu ihm der Engel heran- 
komme, der ihm ins Ohr geraunt hat, was er in den Koran geschrieben 
hat! Aber Mohammed - so sagt der rationalistische Gelehrte - war ein 
blofier Gaukler. Er hat sich einige Korner, die die Tauben gem fressen, 
ins Ohr gesteckt, da sind die Tauben herangeflogen und haben sich die 
Korner geholt, sind aber wieder weggeflogen, wenn sie sie gehabt 
haben! - Ja, solche Erklarungen hat es gegeben, innerhalb und aufSer- 
halb des Christentums, in dem ganz gescheiten 19. Jahrhundert. 

Es wird eine Zeit kommen, wo man wirklich iiber solche Erklarungen 
nur lachen wird, trotzdem sie den Materialismus voll befriedigen kon- 
nen. Wir mtissen schon Mohammed tiefer nehmen, wir miissen uns schon 



klar sein, daft dasjenige, was in seiner Seele lebte, wirklich ein solcher 
Verkehr mit der geistigen Welt war, wie ihn Goethe fur seinen Faust 
suchte. Aber was hat Mohammed gefuhlt? Was hat er gefunden? Ich 
kann das heute nur andeuten, ein andermal will ich es noch genauer 
ausfuhren. Was hat Mohammed gefunden? Nun, Sie wissen, Moham- 
med strebte zunachst nach einer Welt, fur die er einen Ausdruck hatte, 
es ist nur ein Wort: Der Gott. Die Welt wird zu einem Monon, zu einem 
monistischen Ausdruck des Gottes. Diese Welt hat nichts von dem Wesen 
des Christentums, selbstverstandlich. Aber Mohammed schaut doch hin- 
ein in die geistige Welt, er kommt hinein in die elementare Welt, von 
der ich heute gesprochen habe. Er verspricht seinen Glaubigen, daft sie 
eintreten werden, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen sein 
werden, in diese geistige Welt. Aber er kann ihnen nur von der geistigen 
Welt erzahlen, die er kennengelernt hat. Was ist das fur eine geistige 
Welt? Diese geistige Welt, von der Mohammed seinen Glaubigen er- 
zahlt, ist die luziferische Welt, die er als das Paradies ansieht, die Welt, 
die gerade erstrebt werden soil. Und wenn man aus dem Abstrakten 
in das Reale kommt, und man hinzufiigt, interpretierend, den Sinn des 
Islam-Strebens in die geistige Welt hinein, erkennt man, was die Geistes- 
wissenschaft auch verkiindet. Aber diese geistige Welt ist die Welt, in 
der Luzifer seine Herrschaft hat; uminterpretiert wird die luziferische 
Welt zu dem Paradiese, zu der Welt, die gerade erstrebt werden soil 
von den Menschen. 

Ich glaube, es muft einen tiefen Eindruck auf unsere Seelen machen, 
wenn wir so in das Wesen des geschichtlichen Werdens an einer sehr 
wichtigen Erscheinung uns vertiefen konnen. Es muft uns schon bedenk- 
lich machen, wenn wir im Fortgang des religiosen Lebens erfahren, wie 
ein grofter Prophet auftrat mit dem Irrtum, daft die luziferische Welt 
das Paradies sei. Ich mdchte nicht, daft das in Ihre Seele nur so einziehe 
wie abstrakte Wahrheiten, ich glaube, es kann schon die Seele er- 
schiittern, wenn man dergleichen auf sie wirken laftt. Aber, was tut 
der Mohammedaner, um in seine geistige Welt hineinzukommen? Wir 
konnten vielleicht nachher an der Tiir jeden einen Zettel abwerfen 
lassen, der den Koran ganz gelesen hat von den lieben Freunden, die 
hier sitzen. Es ware dann interessant, die Zettel zu zahlen derjenigen, 



die ihn gelesen haben. Aber es ist auch nicht leicht, den Koran ganz zu 
lesen, mit seinen unendlichen Wiederholungen, mit dem, was der abend- 
landische Mensch in der Darstellung so unendlich langweilig findet. 
Unter den Mohammedanern aber gibt es Menschen, die ihn siebzig- 
tausendmal in ihrem Leben vom Anfang bis zum Ende gelesen haben 
wollen. Das heifk: ein Wort, das gegeben ist, der Seele zugefiihrt zu 
haben so, dafi dieses Wort in der Seele lebendig geworden ist! Konnen 
wir in bezug auf das Christentum sicher nichts inhaltlich lernen von 
einer solchen Religionsgemeinschaft, so konnen wir doch erfahren, dafi 
innerhalb jener Menschengemeinschaft ganz anders verfahren wird 
selbst mit dem geistigen Irrtum, als bei uns mit dem, was wir als geistige 
Wahrheiten zu erkennen berufen sind. Dasjenige, was ein Europaer 
hochstens tut, ist, dafi er den «Faust» liest, dann, wenn er ihn vergessen 
hat, ihn wieder liest, wenn er ihn wieder vergessen hat, nochmals liest. 
Aber diejenigen, die ihn hundertmal gelesen haben, den «Faust», wer- 
den auch zu suchen sein. Es ist auch begreiflich innerhalb der bisherigen 
abendlandischen Bildung. Wie sollte man denn alles siebzigtausendmal 
lesen, was im Abendland gedruckt wird; ganz begreiflich ist es. Aber 
etwas sollten wir uns doch aneignen, daft es etwas anderes ist, sich ein- 
fach zu informieren liber einen Inhalt, der fur das Seelenleben bedeu- 
tungsvoll ist, und etwas anderes, mit ihm zu leben, immer wieder und 
wiederum, so dafi man ganz eins mit ihm wird, ganz eins. Es ist etwas, 
wovon man erst Verstandnis gewinnen muE, wovon man sich nicht 
einmal ein Verstandnis nach den Denkgewohnheiten unserer Volks- 
gemeinschaft machen kann. Aber wir sollten liber solche Dinge nach- 
denken. Nicht blofi, um Ihnen etwas zu sagen, sondern, um Ihr Nach- 
denken anzuregen, sind Worte gesprochen, wie diejenigen sind, die in 
dieser Betrachtung gesprochen worden sind. Um unser Verantwortlich- 
keitsgefiihl gegeniiber uns selbst und gegentiber der Welt zu erhohen, 
mit Bezug auf dasjenige, was uns Geisteswissenschaft sein kann und soli. 

Wir leben in mancherlei Hinsicht in einer schweren Zeit. Die ganz 
schweren aufteren Ereignisse, die uns in der Gegenwart umgeben, sind 
nur das aufiere Zeichen fur unsere ganz schwere Zeit. Es ist nicht gut, 
diese ganz schwere Zeit wie eine Krankheit anzusehen, wie wir oft- 
mals eine Krankheit Krankheit nennen, denn die Krankheit ist oft ein 



Heilungsprozeft, die wahre Krankheit ist der physisch erscheinbaren 
Krankheit vorausgegangen. So ist auch dem, was jetzt als Trauerereig- 
nisse durch die Welt geht, vorangegangen etwas Krankhaftes, und in 
viel Tieferes sollen wir hineinsehen, als die Menschheit geneigt ist, hin- 
einzusehen. Oh, ein grower Schmerz kann sich auf der Seele ablagern 
desjenigen, der gerade die heutige Zeit betrachtet mit den Aufgaben, die 
sie hat, und mit dem geringen Verstandnis, das so viele Menschen diesen 
Aufgaben entgegenbringen. Wenn gesehen wird, wie Menschen gerade 
heute in der Welt urteilen, wie Menschen denken, fiihlen und empfin- 
den, und wie dieses Denken, Fiihlen und Empfinden zu aufieren Ereig- 
nissen fiihrt, und wie die Menschen von diesen aufieren Ereignissen so 
wenig lernen, dann lagert sich ein unendlich bedeutungsvoller Schmerz 
auf der Seele ab. Dieses Schmerzgefiihl ist es, das jetzt oftmals iiber die 
Seele kommen mufi. Kann man doch wirklich hinaussehen in die Zeit 
- um nur das jiingste zu nennen — monatelanger Priifung, hinwenden 
den Blick auf das, was die Menschen gelernt haben durch diese monate- 
lange Priifung, auf das, was einem an Urteil entgegentritt im Verhaltnis 
zu dem, was vor acht Monaten einem entgegengetreten ist: es ist dieselbe 
Art des Urteilens, dieselbe Art des Empfindens. Das, womit die Men- 
schen glaubten, Recht zu haben vor acht Monaten, sie denken es immer 
noch, sie wollen gar, dafi die traurigen Ereignisse eingetreten sind, um 
besonders ihnen Recht zu geben in dem, womit sie Recht zu haben 
glaubten vor acht Monaten. 

Ich kann es nicht aussprechen, wie unendlich der Schmerz ist, den man 
empfindet iiber die geringe Art, wie sich in den letzten Monaten die 
Menschenseelen gewandelt haben nach den Voraussetzungen, die man 
fur diesen Wandel machen mufke, damit wirklich unsere Zeit die Zeit 
einer Priifung, die Zeit eines Lernens sei. Von denjenigen aber, die 
innerhalb der Geisteswissenschaft stehen, mochte man wtinschen, daft 
sie mancherlei von dem gerade aufnehmen, was man lernen kann, wenn 
solche Betrachtungen, wie diese im Zusammenhang mit «Faust», ange- 
stellt werden. Immer wiederum mochte man die Seelen hinweisen auf 
den tiefen Ernst und auf das heilige Wahrheitsstreben, das mit unserer 
geisteswissenschaftlichen Anschauung verknupft se'm mufi. Und r'dchen 
mufi sich gerade in einer solchen Bewegung dasjenige, was nicht aus 



tiefer Ehrlichkeit und tiefem Wahrheitsgefiihl heraus ist. All dasjenige, 
wovon man sagen kann dem, der es aufiert: Verzeiht, ich hor' Euch 
deklamieren! -, alles das sollen wir wirklich zu iiberwinden versuchen. 

Ist es denn nicht sonderbar, wenn wir heute den Biihnentraditionen 
nach Wagner oft iiber die Buhne gehen sehen, und wenn auch Gelehrte, 
wenn gegenwartig Rationalisten und Verstandesmenschen weidlich 
hohnen iiber dasjenige, was Wagner ist, statt daft sie an ihr Herz klopfen 
und sich in dem Wagner sehen wiirden. Dieser Wagner sitzt iiberall auf 
den Lehrsttihlen, in den Laboratories und unsere wissenschaftliche Lite- 
ratur, unsere philosophische Literatur, sie wiirden eine tiefe Wahrheit 
enthalten, wenn die grofke Zahl der Autoren das Pseudonym « Wagner» 
wahlen wiirden. Denn sie sind von Wagner geschrieben, diese Philo- 
sophien der Gegenwart. 

Ich glaube gar sehr, dafi auch mancher, der in den Reihen der Geistes- 
wissenschaft lebt, hinreichend Grund hat, an seine Brust zu klopfen, sich 
selbsterkennend zu priifen, wieviel von blofiem Sich-selbst-Vordekla- 
mieren in seiner Seele ist, und wieviel aus absoluter Ehrlichkeit, aus 
absolutem Wahrheitsgefiihl entsprungen! Mit dieser Mahnung an Ihre 
Herzen, an Ihre tiefsten Seelenkrafle schliefte ich diese Betrachtung. 



PFINGSTSTIMMUNG 
FAUSTS INITIATION MIT DEN GEISTERN DER ERDE 



Dornach, 22. Mai 191 5, 
im Anschlufl an eine eurythmische Darstellung der ersten Szene des «Faust» II. Teil 

Im gewohnlichen Sinn einen Pfingstvortrag in diesem Jahre zu halten, 
ist ja, das wird verstanden werden, gerade zu diesem Zeitpunkt, namlich 
gerade zu Pfingsten, wohl kaum moglich. Bedenken wir, wodurch die 
Zeit der Pfingsten charakterisiert ist in dem Dokument des Christen- 
tums, in dem Neuen Testament. Wir werden finden, daft die bedeutsame 
Charakteristik des Pfingstfestes die ist, daft der Geist ausgegossen wird 
iiber diejenigen, die Apostel genannt werden. Und die Folge des Aus- 
gieftens des Geistes ist, wie wir aus dem zweiten Kapitel der Apostel- 
geschichte ersehen, daft die Menschen der verschiedensten Sprachen, die 
da versammelt sind am Pfmgstfeste, zehn Tage nach der sogenannten 
Himmelfahrt, ein jeder das, was ihnen verkiindet werden soil, so ver- 
nimmt, daft es ihm vertraut klingt, trotzdem ein jeder ausdriicklich be- 
tont, dafi er nur seiner Muttersprache fahig ist. 

Und so erscheint die Ausgieftung des Geistes am Pfmgstfeste wie die 
Ergieftung des Geistes der Liebe, der Eintracht, der Harmonie derjeni- 
gen, die iiber den Erdkreis hin die verschiedensten Sprachen sprechen. 
Oder man konnte, besser gesagt, um den Wortlaut der Bibel besser zu 
treffen, die Sache in der folgenden Weise wenden. Man konnte sagen: 
Es wird in der Pfingstverkiindigung etwas gegeben, was so dem mensch- 
lichen Gemiite anklingt, daft ein jeder es verstehen kann, trotzdem er 
nur seine Muttersprache versteht. 

Es empfindet fast jeder als dem widersprechend, was uns in diesem 
Jahre am Pfmgstfeste umgibt, wenn nur eine Interpretation desjenigen 
gegeben wird, was mit dieser Pfingstverkiindigung gemeint sein kann. 
Wir brauchen nur zu bedenken, daft die Welt neunzehn Jahrhunderte 
nach dieser Pfingstverkiindigung es dahin gebracht hat, diese Pfingst- 
verkiindigung so zu befolgen, daft nunmehr dieses Pfingstfest sieht auf 
vierunddreiftig verschieden sprechende Volker miteinander im Kampfe, 



gewissermafien vollig widersprechend demjenigen, was der Sinn des 
Pfingstfestes ist. Vielleicht wird diese Sprache der Tatsache doch wenig- 
stens in eine gewisse Anzahl von Menschen die Erkenntnis einfliefien 
lassen, dafi jene Pfingstverkiindigung noch nicht in durchgreifender 
Weise iiber den Erdkreis sich verbreitet hat, dafi sie noch nicht in ge- 
niigender Art die Gemuter der Menschen ergriffen hat, und daft sie in 
einer neuen Form zu den Gemutern der Menschen wird sprechen miissen, 
eindringlicher, bedeutsamer, als sie bisher gesprochen hat, damit sie in 
die Zukunft hin in derjenigen Weise verstanden werden konne, in der 
sie doch verstanden werden muft. 

Und so sei denn in diesem Jahre als Pflngstbetrachtung gewisser- 
maften ein allgemeiner Gesichtspunkt eingenommen, ein Gesichtspunkt, 
der uns von einer gewissen Seite die neue Pfingstverkiindigung nahe- 
bringen kann, die wir meinen mit der Geisteswissenschaft. Denn als eine 
Pfingstverkiindigung an die Menschheit miissen wir doch ansehen, was 
gerade in den Vortragen ausgefuhrt worden ist, die wir hier absolviert 
haben,* als eine Pfingstverkiindigung miissen wir diese Geisteswissen- 
schaft doch auffassen. 

Nehmen wir einmal das, was wir iiber das Mysterium von Golgatha 
wissen, und lassen wir es vor unsere Seele treten. Worin besteht das 
Wesentliche dieses Mysteriums von Golgatha? Dieses Wesentliche des 
Mysteriums von Golgatha besteht darinnen, daft eine geistige Wesen- 
heit, von der wir wissen, daft sie den kosmischen Spharen angehort, 
herabgestiegen ist und irdische Schicksale, irdisches Leid durchgemacht 
hat in einem physischen Menschenleibe, daft die Christus -Wesenheit drei 
Jahre verlebt hat in dem Leibe des Jesus von Nazareth. Durch das, was 
die Christus-Wesenheit in dem Leibe des Jesus von Nazareth erlebt hat, 
ist diese Christus-Wesenheit seit dem Mysterium von Golgotha mit dem 
vereinigt, was wir den Geist der Erde nennen konnen, was wir das 
Aurische der Erde nennen konnen. So daft die gesamte Erdenentwicke- 
lung fur uns in eine Zeit vor dem Mysterium von Golgatha zerfallt, da 
gewissermaften dasjenige, was der Christus-Geist ist, nur angedeutet 
werden kann, wenn der Mensch sich erhebt durch Initiation aus der 
irdischen Sphare heraus, urn wahrzunehmen nicht dasjenige, was inner- 
halb der irdischen Sphare liegt, sondern dasjenige, woran die Erde kei- 



nen Anteil hat, was ihr erst vorbestimmt ist fur eine spatere Zukunft, 
und in die Zeit nach dem Mysterium von Golgatha. Seit dem Mysterium 
von Golgatha, wissen wir, ist dies so, daft der Mensch mit seinem 
Geistig-Seelischen nicht der Erde zu entfliehen braucht, sondern inner- 
halb der Erdensphare verbleiben kann und vernehmen kann innerhalb 
dieser Erdensphare dasjenige, was die Christus-Wesenheit an Impulsen 
enthalt. 

Nun miissen wir uns klarmachen, daft die Jahrhunderte bis in unsere 
Zeit herein in bezug auf einen Teil der Menschheit ein Bewufttsein 
davoruaufgenommen haben, daft der Christus-Impuls mit dem Erden- 
dasein sich verknupft habe. Ganz geandert hat sich etwas in dem Ge- 
samtbewufttsein der Menschen, derjenigen Menschen, die etwas gefuhlt 
haben, empfunden haben von dem Christus-Impuls. Geandert hat sich 
etwas in dem Gesamtbewufttsein dieser Menschen. Der Glaube trat in 
die Seele ein, daft der Christus mit dem Menschen ist, daft sich das 
menschliche Gemtit vereinigen kann mit dem Christus, daft das mensch- 
liche Gemut etwas durchleben kann innerhalb des Erdendaseins, was 

…[truncated]