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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE OBER KUNST
RUDOLF STEINER
Faust, der strebende Mensch
Geisteswissenschaflliche Erlauterungen zu
Goethes « Faust »
Band I
Vierzehn Vortrage, gehalten in Berlin am i7.Dc7cmber 191 1
und in Dornach vom 4. April 1 9 1 5 bis 1 1. September 19 16,
mit einem otfentlichcn Vortrag in Straftburg am 23. Januar 19 10
Vorwort von Marie Steincr
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung
Die Herausgabe besorgten Edwin Frobose und Dr. Hans Erhard Lauer
1. Auflage Dornach 1931
2. Auflage Freiburg i. Br. 1955
3., neu durchgesehene und veranderte Auflage
Berlin, 17. Dezember 1911: Erstdruck in diesem Band
Gesamtausgabe Dornach 1967
4. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1981
Bibliographie-Nr. 272
Einband-Entwurf von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt
ISBN 3-7274-2720-5
2« den Verbffentlichungen a us dem
Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof-
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehalte-
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mund-
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren.
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit,
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe not-
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte,
mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien
auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten
Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser
Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu
den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Vorwort von Marie Steiner (193 1) 9
Goethes «Faust» vom geisteswissenschaftKchen Standpunkt . . 15
Offcntlicher Vortrag, Straflburg, 23, Januar 19 10
Das Verhaltnis des Goetheschen «Faust» zu Goethe 39
Berlin, ij. Dezember 191 1
Das Ringen Fausts nach dem christdurchtrankten Quell des Lebens 56
Eine Ostcrbetrachtung. Dornach, 4. April 191 nach der eurythmisch-
dramatiscben Darstellung der Osternacht
Das Eindringen. Fausts in die geistige Welt 73
Dornach, 11. April 191 5, nach e'mer eurythmisch-dramatiscbcn Dar-
stellung
Pfmgststimmung. Fausts Initiation mit den Geistern der Erde . 96
Dornach, 22. Mai 191$, im Anschlufi an eine eurythmiscke Darstel-
lung der crsten Szene des «Faust» II. Teil
«Faust», die grolke Strebensdichtung der Welt. Die klassische
Phantasmagoric 119
Dornach, 30. Mai 191$
Fausts Himmelfahrt 142
Dornach, 14. August 191 5
Mystische Erkenntnis und geistige Offenbarung der Natur . . 156
Dornach, i$. August 1915, nach einer eurythmischen Darstellung
von Fausts Himmelfahrt
Das Reich der Mutter. Die Mater gloriosa 176
Dornach, 16. August 191 j
Weisheit - Schonheit - Giite. Michael - Gabriel - Raphael . . 194
Dornacb, 19. August i$i6> nach eurythmisch-dramatischen Darstel-
lungen der «Zueignung» und des «Prolog im HimmeU
Die historische Bedeutung des «Faust» 215
Dornach, 20. August 1916, nach eurytbmisch-dramatisxhen Darstel-
lungen: «Zueignung», «Vorspiel auf dem Theater » } «Prolog im
Himmel »
Die Grablegung. Das Wesen der Lemuren, der Dick- und
Diirrteufel 233
Dornacb, 4. September 19 16
Goethes Einblicke in die Geheimnisse des menschlichen Daseins . 254
Dornacb, 9. September 1 916, nach einer eurythmischen Darstellung
der Szenen «Mitternacht» und «Grablegung»
Ausblicke in die von Goethe gesuchten wahren Wirklichkeiten . 274
Dornacb , 10, September 19 16
Goethes Aufsuchen der Tiefen des Werdens und der Welt-
geheimnisse in seinem «Faust». Die luziferische und die
ahrimanische Verfuhrung 298
Dornach y 11. September 1916, nach einer eurythmischen Darstellung
der Szenen «Mitternacht» und «Grablegung».
Hinweise 323
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 333
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 335
VORWORT
von Marie Steiner
Die hier gedruckten Vortrage waren fiir den Sprecher und die Zuhorer
unmittelbares Erleben, hervorgehend aus der dramatisch-eurythmischen
Darstellung von Szenen aus Goethes «Faust», die alle Krafte der Mit-
wirkenden, von der Erarbeitung an des Verstandnisses fiir die gegebe-
nen Ratsel bis zur Herstellung jeder szenischen Einzelheit, in Tatigkeit
brachte. Die Verstandesarbeit war nur die Briicke zum Erfassen der
durch Rudolf Steiner hier erschlossenen wesenhaften Wirklichkeit, die
hinter den Geheimnissen dieses Werkes steht und sich Wege des Aus-
drucks sucht, fiir welche die bisher bekannten kunstlerischen Mittel nicht
mehr geniigen. In der Eurythmie hatte Rudolf Steiner eine Ausdrucks-
moglichkeit geschaffen, durch welche das Element des Obersinnlichen
seine eigene Sprache sprechen kann: die Sprache der Bewegung, welche
die Ausdrucksform jener Welten ist, die nicht bis zum Physischen hinab
sich verhartet haben. Geheime Naturgesetze konnen wieder zur OfFen-
barung kommen durch das Medium einer neuen Kunst. Und in seiner
Weisheit vom Menschen, in seiner Wissenschaft von der Initiation hat
Rudolf Steiner das Tor gebff net, durch welches wir den Zugang finden
konnen zu jenen Gebieten, in welche die Faust-Dichtung uns immer
wieder hineinversetzt, und die uns doch durchweg als Phantasmagoric
erscheinen miissen, wenn wir nicht den Schlussel handhaben konnen,
der jenes Tor eroffnet. Wer versteht denn den «Faust»? Kommentare,
gelehrte Betrachtungen konnen uns hierbei nicht helfen. Sie tun wenig
mehr als den Geist erschweren, ja ersticken, der durch die Dichtung zu
uns sprechen will. Wenn wir auch Schroer zu Dank verpflichtet sind,
weil wir durch seine fleifiigen Erklarungen manches wieder auffrischen
konnen, was in den Schachten des Gedachtnisses sonst leicht verschwin-
det, so wird man bei dieser Arbeit doch oft an Schmerzen erinnert, die
man durchmacht zum Beispiel beim Lesen der «Divina Commedia»,
wenn einem die Seele wie zerschlagen wird durch die Kommentare,
die fast jeder schwungvollen Terzine angehangt werden: eine schwer
zu ertragende Zergliederung ins Pedantisch-Trockene hinein. Nur ist
der Abstand von Text zu Kommentar hier nicht ein so gewaltiger.
Schroer tragt in sich die Wesensverwandtschaft mit Goethe und die Be-
geisterung, und so wirkt seine Gelehrtenarbeit nicht so sehr vertrock-
nend als gewissenhaft. Man kann sie ohne Arger beiseite legen, um dann
den Text der Faust-Dichtung unmittelbar zu erleben. Dasjenige, was
hinter der Dichtung stent, spricht uns zunachst an wie eine Ahnung. Es
ergreift uns etwas, das keine gelehrten Kommentare erklaren konnen,
das Wort und Schall ware, wenn es nicht tiefe Wahrheiten enthielte, die
uns zunachst freilich nicht zuganglich sind. Das Rauschen von Unter-
stromungen wird vernehmlich; Geheimnisse raunen an unser inneres
Ohr. Man ist Schroer dankbar dafiir, daf$ er die Stimme der Tiefe nicht
ertotet hat, daft er nur geholfen hat, manches Mythologische oder Histo-
rische wieder praziser uns ins Gedachtnis zu pragen. Zu den Quellen,
die durch die Dichtung pulsieren, haben uns auch diese Erlauterungen
nicht fiihren konnen. Die Quellen, nach denen Faust drangt, sich sehnt,
so daft er das Heil seiner Seele dran wagt, sie, die ihm sein verlorenes
Menschtum wieder zuruckgeben sollen durch den Lebenstrank, den er
aus ihnen schliirfen will, sind auch Schroer in diesem Gelehrtendasein
nicht geflossen; sie haben nur seine Seele durchzittert als Sehnsucht und
als moralischer Impuls. Faust, und durch ihn Goethe, schreit nach den
Quellen des Lebens; es ist der Schrei auch der heutigen Menschheit,
welche diesen Namen noch voll verdient, welche ihr Menschtum nicht
betaubt hat durch den Larm der Maschinen und den Druck der die See-
len zermalmenden Mechanik. Sie sollte diesen Schrei in der Dichtung
in seiner erschiitternden Wucht wieder vernehmen, ihn in sich wuhlen
lassen, auf ihn reagieren. Auf der Biihne sehen wir aber gewohnlich
einen blasierten Faust, der uns irgend etwas vorredet, was sehr abstrakt
klingt und ihn nicht stark in seinen Tiefen beruhrt, nur mit unendlicher
Langeweile und Ekel erfullt, die ihn zuletzt zur Flasche mit der brau-
nen Fliissigkeit greifen lassen; das macht ihn dann etwas sentimental.
Eine reale Beziehung zu dem Erlebnis mit dem Erdgeist hat man kaum
empfinden konnen. Dann spielt sich noch ein Stiickchen nicht recht fun-
dierter unrealer Sagenromantik auf der Biihne ab, mittelalterlicher
Spuk - und so recht lebendig wird Faust erst, wenn es urns Gretchen
geht; da weifi er, woran er ist. Sein Spiel mit ihr dauert aber nicht lange.
Er mufi wieder hinein in spukhafte Romantik. Es folgt dann wohl etwas
Reue beim Anblick des wahnsinnig gewordenen Gretchens im Kerker.
Aber er vergifk rasch und wacht auf, erfrischt und gestarkt, auf blumi-
ger Wiese.
Wie sich hier erschiitternde Wirklichkeit und toller Aberglaube zu
einer Gesamtwirkung von unentrinnbarer Grofie vereinigen, dariiber
wird wenig nachgedacht. Freiiich ist das Menschliche in dieser Gretchen-
Tragodie so packend zum Ausdruck gebracht, daft dies geniigt, um der
Dichtung dauernden Wert zu geben, auch wenn man das andere, das
eigentlich Treibende in Faust, nur als Zutat empfindet. Da aber die
Zutaten an Umfang die Gretchen-Episode weit iiberragen, wenigstens
beim Lesen des Werks, wo man nicht nach Belieben kiirzt oder streicht
wie bei der Biihnendarstellung, so kann man immerhin erstaunt sein,
dafi sich die Dichtung so durchgesetzt hat, und man ihr den hohen kultu-
rellen Wert zuerkennt, der sie unter den Schatzen deutschen Geistes an
erste Stelle hebt. Die Funken, die aus den feingeschliffenen Gedanken-
demanten nur so spriihen, die iiberall in den Dialogen mit Mephisto und
in den Selbstgesprachen Fausts uns entgegenblitzen, sie haben, neben
dem Blutenzauber und dem Leide Gretchens, in ihrer Farbigkeit und
Lichtkrafl; geniigt, um die ganze Dichtung vor der Vergessenheit zu
retten, trotzdem Goethe selbst gesagt hat, dafi sein «Faust» nicht popu-
lar werden konne: es ware zu viel hineingeheimniik.
Und mit dieser Tatsache haben wir zu rechnen. In die tiefen Schachte
der Gedankengange Goethes, seiner Ahnungen und Intuitionen, in die
Welt jener Imaginationen, aus der heraus die feingeschliffenen Worte
ihren Bilderreichtum und Ewigkeitswert erhalten haben, konnte vor
Rudolf Steiner niemand hineinfuhren. Er erst macht es uns moglich,
tiefer hineinzusteigen in jene Schichten seelenbildenden Menschenge-
schehens, aus denen die Erkenntnisse von heute ihre Substanz her-
leiten. Sie geben gleichsam die Kohle her, aus welcher durch Metamor-
phose der Demant entsteht. Und wie die Kohle nicht zum Demanten
werden konnte, wenn nicht in ihr der Strahl der Sonne eingefangen
und geborgen ware, so erhalt auch der Gedanke sein Licht von der dem
Urbild zugrunde liegenden geistigen Sonne.
Den Weg in diese tiefen Schachte des werdenden Geschehens, den
Weg zu den «Miittern», hat uns Rudolf Sterner erschlossen. Nicht, wie
der «Faust», den Goethe geschaffen hat, und wie der Faust der Sage,
sollen wir diesen Weg suchen mit den Mitteln einer mittelalterlichen
Okkultistik, die sich schon damals iiberlebt hatte, als an der Schwelle
der Neuzeit faustische Gestalten kampften zwischen iibernommenen,
dekadent gewordenen alchimistischen Forschungsmethoden und neu
aufkommender exakter Naturwissenschaft. Man arbeitete an jener
Wende des Zeitalters mit vielfach abirrenden, triiben Mitteln, um zu
des Lebens Geheimnissen durchzudringen: mit verblichenen Zauber-
forme.ln, mit Beschworungsexperimenten, mit Mediumismus, Hypnose,
Tinkturen und Salben, die auch die heutigen Experimentalpsychologen
locken wiirden zur Bereicherung ihrer Wissenschaft. Rudolf Steiner hat
uns andere Wege gewiesen, um zu des Lebens Quellen zu gelangen: die
Wege des reinen Gedankens, der moralischen Selbsterziehung, der
wissenschaftlichen und kiinstlerischen Arbeit, der freien Ich-Betatigung
im Dienste der Menschheit. Doch war die Vorbereitung dazu notig
durch das, was in der Zwischenzeit geschehen ist: der Verzicht auf die
letzten Reste atavistischen Hellsehens von seiten der vorgeschrittenen
europaischen Menschen, das Untertauchen in die Grenzen der Natur-
wissenschaft, die Eroberung der Technik, die zeitweilige Abschniirung
der Personlichkeit von ihrem geistigen Urquell. Nun stehen wir vor
einem andern Wendepunkt. Wir sind im BegrifT, die Personlichkeit zu
verlieren, den Menschen von der Mechanik ertoten zu lassen. Die Kraft
des Denkens mufi uns zu unserer Seelenhaftigkeit zuriickfiihren, zum
Ergreifen der bildhaften Anschauung, zum Verstehen der Geistigkeit,
die in uns waltet und alien Erscheinungen des Lebens zugrunde liegt.
Im Ringen um das hochste Ziel kann uns die Gestalt des Faust, wie
Goethe sie hingestellt hat, Beispiel und Ansporn werden. Und wir
brauchen nicht mehr uns verlocken zu lassen durch die Abirrungen
mittelalterlicher Zauberei. Es wird uns in der Geisteswissenschaft ein
sicherer Erkenntnisweg gewiesen.
Die Tragik der mittelalterlichen, an der Schwelle der Neuzeit ste-
henden Okkultisten bestand darin, daft sie durch die Uberlieferung der
Geheimschulen noch wufiten von dem realen geistigen Verkehr der
hochstentwickelten Menschen mit den Intelligenzen des Kosmos, aber
auch wuiken, daft fiir sie dieser Weg nun verschlossen war. Sie konnten
nicht weiter gelangen als bis zu dem Verkehr mit den Kraften des
Zwischenreichs. Eine allmahliche Verdiisterung, ein Abbiegen von den
strengen Wegen geistiger Forschung war oft die Folge dieses Experi-
mentierens mit der Retorte und mit den Kraften der Elemente und
ihrer Wesenhaftigkeiten. Das Streben verirrte sich, griff im Verdursten
zu den Mitteln der Verzweiflung, jagte nach Gaukelbildern. In diesem
Sinne haben wir zu verstehen dasjenige, was die Seele des Faust durch-
wiihlt. Doch lag in der Intensitat des Strebens dieser Forscher eine Kraft,
die Ich-weckend war. Ihr Bewufitsein offnete sich durch das Leid immer
mehr den wachen Impulsen des Ich; durch die Eroberung der Materie
hindurch strebte der Mensch dem Zentrum seines Wesens entgegen, in
dem er sich selbst wiirde finden kdnnen, das ihn zum Leben im Geist
zuriickbringen konnte. In der kleineren Kuppel des verbrannten
Goetheanum, in welcher Rudolf Steiner die Reprasentanten der ver-
schiedenen Kulturepochen der Menschheit in Bild und Farbe hat er-
stehen lassen, sah man in verschwebendem dunklem Blau auch diese
Gestalt des Faust, des ernsten Alchimisten an der Schwelle vom Mittel-
alter zur Neuzeit, in sinnender Gebarde und tiefen Blicks die Rechte
zum Antlitz hebend, hinter deren beredter Fingergeste das Siegelwort
«Ich» erscheint; ihm die Hande entgegenstreckend schwebt heran in
engelartiger Kindesgestalt das werdende hohere, das geistige Ich des
Menschen. Unter ihm ragt der Knochenmann, das Skelett, der andere
Pol des menschlichen Ich; iiber der Gestalt des Faust neigt sich zu ihm
hin der ihn inspirierende Genius.
Wir konnen nicht aus kurzgeschiirzten Voraussetzungen heraus an
das Verstandnis des «Faust» herantreten, wir miissen Blickweite gewin-
nen. Die hier gebrachten Vortrage geben uns Unterlagen zum Ver-
standnisse des «Faust». Sie sind keine in dem Gelehrtenzimmer ver-
fafken Kommentare, sondern eine Einfiihrung in die Gebiete der
Geisteswissenschaft an Hand eines von ihnen inspirierten Dichterwerks,
dessen Geheimnisse erst durch diese Geisteswissenschaft ihre rechte Be-
leuchtung finden. Auf anderen Wegen dringt man nicht durch zum
Kern des Faust-Problems. Und erst dann wird diese grofke Dichtung
des deutschen Geistes popular werden konnen, wenn die Geisteswissen-
schaft ebensosehr das Kulturleben des Volkes durchdringen wird, als es
die Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten getan hat.
Gewift kann man manches einwenden gegen die Veroffentlichung
eines solchen Buches, das wie aus Bruchstticken besteht. Die Erlaute-
rungen wurden von Fall zu Fall gegeben, je nachdem es die Arbeit am
Goetheanum mit sich brachte; es wurden jene Szenen dargestellt, in
denen Faust mit den Geheimnissen des Daseins ringt und in das iiber-
sinnliche Erleben hineinruckt. Gespielt wurde in der grofien Schreinerei
des Goetheanum, in welcher auch die Saulen des verbrannten Baues
hergestellt wurden, unter primitiven Verhaltnissen, aber mit dem Be-
streben, das herauszuarbeiten, was als geistige Wirklichkeit der Dich-
tung zugrunde liegt. Zur Wiedergabe jener Szenen, die in den iiber-
sinnlichen Welten spiel en, sei es in der Ober- oder Unterwelt, fand sich
als geeignetes Mittel die im Goetheanum gepflegte Bewegungskunst der
Eurythmie. Es war, als ob die Faust-Dichtung auf diese Ausdrucksform
gewartet hatte, um auf der Biihne ganz lebendig zu werden, um das
sonst Unaussprechbare in kiinstlerische Wirklichkeit uberzufuhren. Was
sonst abstrakt und konventionell-schablonenhaft geblieben ware, fand
in der Eurythmie die ihm angemessene lebensvolle Sprache. Helfend
und ratend in jeder Einzelheit der Wiedergabe stand Rudolf Steiner
den Darstellern zur Seite. Unser Leid besteht darin, dafi es unter den
damals herrschenden Verhaltnissen nur zu Teilauffiihrungen kommen
konnte. Sie dienen uns aber als Leitfaden zum Erfassen des Ganzen.
Deshalb diirfen wir auch diese Gabe nicht angstlich nur einem kleinen
Kreise vorbehalten. Wir mussen unsern Zeitgenossen und der Zukunft
weitergeben, was wir hier zur Erkenntnisbildung erhalten haben. Sind
es auch leider nur mangelhaft nachgeschriebene Vortra'ge, die einer un-
mittelbar gegebenen Situation entspringen, so liegt in ihnen doch das,
was kein anderer geben kann, und was die Menschheit zu ihrem Heile
fordern wird. Aus dem grblken Werke der deutschen Dichtkunst, das
zugleich weltanschauungsbildend wirken will, sollte das Volk, das seine
Aufgabe in der Eroberung des Geistigen hat, die Impulse schopfen
konnen, die ihm zu seiner schweren Aufgabe Kraft und Mut geben.
1931
GOETHES «FAUST» VOM GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN
STANDPUNKT
Offentlicher Vortrag, Strajiburg, 2j.Jannar ipio
Die Geisteswissenschaft, die in die moderne Kulturstromung sich hin-
einleben will, will nichts Neues sein und unterscheidet sich gerade da-
durch von vielerlei auftretenden Weltanschauungen und sonstigen
Geistesrichtungen, die glauben, dadurch, daft sie behaupten, iiber diese
oder jene Frage des Geisteslebens etwas Neues zu bringen, ihre Daseins-
berechtigung darlegen zu konnen. Demgegeniiber soil dasjenige, was
man Geisteswissenschaft nennt, betonen, daft die Quellen ihrer Erkennt-
nisse und ihres Lebens zu alien Zeiten, da Menschen gedacht, Menschen
gestrebt haben nach den hochsten Fragen und Ratseln des Daseins, in
derselben Weise vorhanden waren. Das durfte ich schon ofters betonen
auch in dieser Stadt, als ich die Ehre hatte, in fruheren Vortragen zu
sprechen.
Es mull nun ganz besonders reizvoll sein, von diesem Gesichtspunkte
aus nicht nur die verschiedenen Religionsbekenntnisse, die verschiedenen
Weltanschauungen, wie sie aufgetreten sind in der Entwickelung der
Menschheit, zu betrachten, sondern auch Person lichkeiten, die uns nahe-
stehen, einmal von diesem Gesichtspunkte aus anzusehen. Denn soil
etwas wahr sein in der Geisteswissenschaft, dann mufi wenigstens ein
Kern dieser Wahrheit sich finden bei all denjenigen, die ehrlich und
energisch nach Erkenntnis und nach dem menschenwurdigen Dasein
gestrebt haben.
Wenn nun heute von Geisteswissenschaft die Rede ist, dann machen
sich von der einen oder andern Seite die mannigfaltigsten Urteile gel-
tend, und derjenige, der nicht tiefer eingedrungen ist in das entspre-
chende Gebiet, der sich aus diesen oder jenen Vortragen oder Broschiiren
eine oberflachliche Kenntnis verschafft hat, wird je nach seinem Stand-
punkt diese Geisteswissenschaft ansehen als Phantasterei oder Traume-
rei einiger weltfremder Menschen, die sich kuriose Vorstellungen machen
iiber das Leben und seine Untergriinde. Es mufi durchaus zugegeben
werden, daft, wenn man nicht genauer zusieht, ein solches Urteil begreif -
lich erscheinen kann, denn obzwar heute davon nicht die Rede sein
kann, da wir ein spezielles Thema zur Voraussetzung haben, so soil
doch hingewiesen werden auf einige der hauptsachlichsten Erkenntnisse
dieser Geisteswissenschaft. Und schon, wenn diese genannt und charak-
terisiert werden, wird sich auf eine ganz ehrliche Weise bei unseren
Zeitgenossen das Gefiihl regen konnen: Ach, was ist denn das fur ein
kurioses Zeug!
Im Ganzen beruht ja Geisteswissenschaft, wenn sie ernst genommen
wird, darauf, dafi vorausgesetzt wird: dasjenige, was uns in der sinn-
lichen Welt umgibt, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen konnen,
mit dem Verstande begreifen konnen, der an unsere Sinne gebunden
ist, das ist nicht die ganze "Welt, sondern hinter alldem, was sinnlich ist,
liegt eine geistige Welt. Und diese geistige Welt ist nicht in einem
unbestimmten Jenseits, sondern sie ist immer um uns herum, so wie die
Farben- und Lichterscheinungen auch um den Blindgeborenen herum
sind. Dazu aber, dafi wir von etwas wissen, was um uns herum ist,
gehort, dafi wir ein Organ haben, um es wahrzunehmen. Und so wie
der Blindgeborene Farbe und Licht nicht sehen kann, so kann auch in
der Regel der Mensch in unserem Zeitalter mit seinen normalen Fahig-
keiten die geistigen Tatsachen und Wesenheiten nicht wahrnehmen, die
um uns herum sind. Wenn wir aber das Gliick haben, einen Blind-
geborenen zu operieren, dann gibt es fur ihn den Augenblick der Er-
weckung des Auges, und was fur ihn nicht da war, Licht und Farben,
das flutet nun herein in sein Inneres. Das ist fur ihn eben von seiner
Operation ab eine wahrnehmbare Welt. So gibt es auf geistigem Gebiet
eine hohere Erweckung, jene Erweckung, durch die ein Mensch ein
Eingeweihter wird in die geistige Welt. Um mit Goethe zu sprechen:
es gibt geistige Augen und Ohren, nur sind die Menschenseelen in der
Regel nicht so weit, sie gebrauchen zu konnen. Wenn wir aber die Mittel
und Methoden anwenden, durch die diese Kriifte zum Dasein kommen,
dann geht etwas in uns vor auf einem hoheren Gebiet wie fiir einen
Blindgeborenen, der operiert wird, und dem dann hereinflutet die Welt
der Farben und des Lichtes. Da wird der Mensch, wenn ihm geoffnet
werden Augen und Ohren, ein Erweckter. Eine neue Welt ist um ihn
herum, eine Welt, die immer da war, die er aber nur von dem Moment
der Erweckung an wahrnehmen kann. Dann aber, wenn der Mensch
so weit ist, lernt er verschiedene Erkenntnisse sich zu eigen zu machen,
Erkenntnisse, welche das Leben aufhellen, Erkenntnisse, welche uns
Kraft und Sicherheit fiir unser Arbeiten geben konnen, welche uns
moglich machen, in das Wesen der Menschenbestimmung und in die
Geheimnisse des Schicksals hineinzusehen.
Und nur vorbereitend soil eine dieser Erkenntnisse besprochen wer-
den, eine von jenen Erkenntnissen, die, wenn nicht verriickt, so doch
absonderlich und traumerisch dem heutigen Menschen oftmals vor-
kommen miissen. Es ist die Erkenntnis, die nichts anderes ist als eine
Belebung eines uralten Erkenntnisvorganges, seine Fortsetzung auf
hoherem Gebiet, eine Wahrheit, welche fiir ein niedrigeres Gebiet vor
verhaltnismaftig kurzerer Zeit erst errungen worden ist. Die Menschheit
hat im allgemeinen fiir grofte Ereignisse der geistigen Welt ein kurzes
Gedachtnis, und deshalb denkt man heute so wenig daran, daft im
17. Jahrhundert nicht nur Laien, sondern selbst Gelehrte daran geglaubt
haben, daft aus Fluftschlamm niedere Tiere, ja sogar Wurmer und Fische
sich entwickeln wiirden. Der grofte Naturforscher Francesco Redi war
es, der zuerst darauf aufmerksam machte, daft kein Regenwurm, kein
Fisch aus dem toten Fluftschlamm herauswachst, wenn nicht vorher ein
Regenwurm-, ein Fischkeim darinnen ist. Er hat den Satz ausgespro-
chen, daft Lebendiges nur von Lebendigem kommen kann, und daraus
erkennt man, daft es nur eine ungenaue Betrachtungsweise ist, wenn
man glaubt, es konne aus dem leblosen Fluftschlamm herauswachsen
das Lebendige eines Fisches oder Wurmes. Genauere Betrachtung zeigt,
daft wir zuruckgehen miissen zu dem lebendigen Keim, und daft dieser
lebendige Keim nur aus seiner Umgebung die Krafte heranziehen kann,
die da sind, urn das zur groftten Entfaltung zu bringen, was Lebendiges
im Keime ist.
Das, was Redi gesagt hat, daft Lebendiges sich nur aus Lebendigem
entwickelt, das gilt heute in der Wissenschaft als etwas Selbstverstand-
liches. Als Redi damals den Satz ausgesprochen hat, entging er nur mit
knapper Not dem Schicksale des Giordano Bruno. So geht es mit der
Entwickelung der Menschheit. Erst muft eine solche Wahrheit so errun-
gen werden, daft diejenigen, die sie zuerst aussprechen, verketzert wer-
den, dann wird sie zur Selbstverstandlichkeit, zum Gemeingut der
Menschheit. Das, was Redi fur die Naturwissenschaft getan hat, das soli
fur den Geist durch die Geisteswissenschaft heute geschehen dadurch,
daft jener Satz, den Redi ausgesprochen hat fur die Naturwissenschaft,
iibertragen wird aus den Erkenntnissen des erweckten Geistesauges und
Geistesohres heraus auf das seelische Gebiet. Und da heiftt dieser Satz:
Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-Seelischem entstehen. - Das
heifk, es ist eine ungenaue Betrachtungsweise, wenn wir einen Menschen
ins Dasein treten sehen, zu glauben, daft alles, was ins Leben tritt, bloft
aus Va-ter und Mutter und den Vorfahren herstammt. So wie wir
zuriickgehen miissen beim entstehenden Regenwurm zum lebendigen
Regenwurmkeim, so miissen wir von dem Menschen, der sich heraus-
entwickelt aus dem Keim zu einem bestimmten Wesen, zuriickgehen zu
einem friiheren geistigen Dasein und miissen uns klar sein, daft dieses
Wesen, das durch die Geburt ins Dasein tritt, von seinen leiblichen
Vorfahren nur heranzieht die Kraft zu seiner Entfaltung, wie der
Regenwurmkeim die Kraft aus der leblosen Umgebung heranzieht. Und
in entsprechender Ausdehnung wird dieser Satz: Lebendiges kann nur
aus Lebendigem kommen zu dem andern Satze: Das gegenwartige
Leben, das durch die Geburt ins Dasein tritt, fiihrt nicht nur zu phy-
sischen Ahnen zuriick, sondern fiihrt durch die Jahrhunderte zuriick
auf ein friiheres Geistig-Seelisches. - Und wenn Sie sich tiefer darauf
einlassen, werden Sie sehen, daft ganz wissenschaftlich gezeigt wird, daft
es nicht nur ein, sondern wiederholte Erdenleben gibt, daft das, was
jetzt zwischen Geburt und Tod in uns ist, die Wiederholung eines
Geistig-Seelischen ist, das schon in friiheren Daseinsstufen da war, und
daft unser jetziges Leben wiederum der Ausgangspunkt fur folgende
Leben ist. Geistig-Seelisches kommt von Geistig-Seelischem, geht zu-
riick auf Geistig-Seelisches, das da war vor der Geburt, das aus der
geistigen Welt heruntersteigt und sich in physischen Verkorperungen
auslebt. Wir sehen jetzt ganz anderes, wenn wir zum Beispiel als Er-
zieher gegeniiberstehen einem Kinde, das stufenweise die Krafte ent-
faltet. Wir sehen bei der Geburt, wie ein Unbestimmtes auf seinem
Antlitze ist, wie aus seinem Inneren heraus immer bestimmter und be-
stimmter sich entfaltet, was nicht aus der Vererbung stammt, sondern
was aus fruheren Leben kommt. Wir sehen, wie dieses Zentrum des
Geistig-Seelischen durch die Talente von der Geburt an immer weiter
und weiter sich entfaltet.
Das hat heute Geisteswissenschaft zu sagen in bezug auf die wieder-
holten Erdenleben. Es mag heute eine Traumerei sein, wie es als eine
Traumerei gait, was Francesco Redi im 17. Jahrhundert sagte. Aber
was heute als Traumerei gilt, wird eine Selbstverstandlichkeit werden
in nicht gar zu ferner Zeit, und der Satz: Geistig-Seelisches kommt von
Geistig-Seelischem -, wird Allgemeingut der Menschheit werden.
Heute behandelt man die Ketzer nicht mehr so wie friiher. Man
liefert sie nicht mehr dem Scheiterhaufen aus, aber man betrachtet sie
als Toren und Traumer, die aus beliebiger Phantasie heraus sprechen.
Man macht sie lacherlich und setzt sich auf den hohen Stuhl der Wissen-
schaft und sagt, das sei mit wirklicher Wissenschaft nicht vereinbar, nicht
wissend, daft es die wahre, echte Wissenschaft ist, die diese Wahrheit
fordert. Und nun konnen wir hundert und hundert solcher Wahrheiten
anfiihren, die uns zeigen wiirden, wie Geisteswissenschaft das Leben
beleuchten kann, indem sie zeigt, daft ein unsterblicher Wesenskern im
Menschen liegt, der durch den Tod in die geistige Welt zieht, und wenn
er seine Bestimmung daselbst erfiillt hat, wiederum zuriickkehrt ins
physische Dasein, um neue Erfahrungen zu sammeln, die er dann wie-
derum durch den Tod hinauf tragt in geistige Welten. Wir wiirden sehen,
wie die Bande, die geschlungen werden von Mensch zu Mensch, von
Seele zu Seele auf alien Gebieten des Lebens, jene Ziige des Herzens,
die von Seele zu Seele gehen, die sonst nicht zu erklaren sind, erklart
werden konnen dadurch, daft sie gekniipft worden sind in fruheren
Lebensverhaltnissen. Und wie das, was wir heute kniipfen an inneren
Geistesbanden, nicht aufhort, wenn der Tod iiber das Dasein hinzieht,
sondern wie das, was als Lebensbande von Seele zu Seele zieht, unsterb-
lich ist wie die menschliche Seele selber, wie das mitlebt durch die gei-
stige Welt hindurch und wiederum aufleben wird in andern, zukiinfti-
gen Erdenverhaltnissen und neuen Verkorperungen. Und nur eine
Frage der Entwickelung ist es, daft die Menschen sich auch erinnern
werden an ihre fruheren Erdenerlebnisse, an das, was sie geistig-
seelisch durchgemacht haben in friiheren Erdenleben und Daseins-
zustanden.
Solche Wahrheiten werden sich in nicht zu ferner Zeit als notwendige
Dinge einleben in das menschliche Leben, und die Menschen werden
Kraft und Hoffnung und Zuversicht gewinnen aus solchen Voraus-
setzungen heraus. Heute konnen wir nur sehen, da£ einzelne wenige
Menschen in der Welt durch ihren gesunden Wahrheitssinn hingezogen
werden zu dem, was geistige Forscher aus ihren Erlebnissen in der
geistigen Welt heraus zu verkiinden haben. Aber das, was geisteswissen-
schaftliche Erkenntnisse sind, wird Gemeingut der Menschheit werden
und lebt sich hinein in ernstem Wahrheitssuchen. Und diejenigen, die die
Pfade ernster Wahrheitssucher gegangen sind, haben immer in all dem,
was sie der Menschheit geboten haben, die groften Weistiimer und Er-
kenntnisse ausgestaltet, die heute die Geisteswissenschaft wiederbringt.
Ein Beispiel soli vor unsere Seele hintreten in einer Personlichkeit,
die unserem neuzeitlichen Leben nahesteht: das Beispiel Goethes, und
bei ihm wiederum dasjenige, was ihn als sein umfassendstes und grolkes
Werk beschaftigt hat sein ganzes Leben hindurch: sein «Faust».
Wenn wir an Goethe herantreten und versuchen mit dem, was Gei-
steswissenschaft geben kann, sein Streben zu beleuchten, so konnen wir
eigentlich ziemlich friih anfangen. Man kann sagen, aus seiner ganzen
Anlage heraus erkennt man bei Goethe, wie in ihm Seele und Geist
war, Alles dasjenige, was hindrangt, hinter den Erscheinungen der
sinnlichen Welt ein Geistiges zu suchen, das war in ihm eine friihe
Anlage. Da sehen wir den siebenjahrigen Knaben Goethe, der da hatte
aufnehmen konnen aus seiner Umgebung gewohnliche Vorstellungen,
wie sie ein Knabe aufnehmen kann zu seiner ersten Seelenvorstellung.
Das befriedigt ihn nicht; er erzahlt es selber in «Dichtung und Wahr-
heit». Da sehen wir, wie der siebenjahrige Knabe etwas ganz Merk-
wiirdiges beginnt, um seine Sehnsucht nach dem Gottlichen zum Aus-
druck zu bringen. Er nimmt ein Notenpult aus der Sammlung seines
Vaters, macht daraus einen Altar, indem er darauflegt allerlei Mine-
ralien und Pflanzen und sonstige Produkte der Natur, aus denen der
Geist der Natur spricht. Ahnend baut sich die Knabenseele einen Altar,
stellt darauf ein Raucherkerzchen, nimmt ein Brennglas, wartet, bis
die Morgensonne aufgeht, sammelt mit dem Brennglas die ersten Strah-
len der aufgehenden Sonne, lafit sie auf das Raucherkerzchen fallen, so
dafi der Rauch aufsteigt. Und im spatesten Alter erinnert sich Goethe
daran, wie er als Knabe dem gro£en Gotte der Natur, der durch Mine-
ralien und Pflanzen spricht, der uns in den Sonnenstrahlen sein Feuer
sendet, seine frommen Gefuhle hinaufsenden will. Das wachst mit
Goethe heran. Wir sehen, wie er auf einer reif eren Stufe - aber doch aus
sehnender Seele heraus, wie es lebt in Goethe -, nachdem er nach
Weimar kommt, vom Herzog zu seinem Ratgeber berufen wird, wie
da dieses Gefiihl fur den Geist, der aus alien Naturwesen spricht, in
dem schonen Prosahymnus zum Ausdruck kommt. Da sagt er: « Natur,
wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermogend, aus ihr
herauszutreten, und unvermogend, tiefer in sie hineinzukommen. Un-
gewarnt und ungebeten nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes
auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermiidet sind und ihrem Arme
entf alien . . . Nicht wir haben getan, was wir tun, alles hat sie getan;
sie denkt und sinnt bestandig, schaut mit tausend Augen in die Welt.»
Und wiederum spater sagt er in dem schonen Buch iiber Winckelmann,
«Antikes»: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes
wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem grofien, schonen, wurdigen
und werten Ganzen fiihlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein
reines, freies Entziicken gewahrt: dann wiirde das Weltall, wenn es
sich selbst empfinden konnte, als an sein Ziel gelangt, auf jauchzeri und
den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» So fiihlte
Goethe, wie alles, was draufien in der Natur lebt und webt, eine Auf-
erstehung feiert aus der Menschenseele heraus, und wie eine hohere
Natur, eine geistige Natur aus Geist und Seele des Menschen hervor-
gebracht wird. Aber nur langsam ringt sich Goethe zur volligen Klar-
heit in der geistigen Erkenntnis der Natur durch. Und wir sehen an
nichts deutlicher und klarer, wie Goethe sein ganzes Leben ein Stre-
bender war, der nicht gerastet und geruht hat, um die Erkenntnis immer
wieder umzubilden, um zu hoherer Stufe zu kommen, wir sehen das an
nichts klarer und besser als an seinem Lebensgedicht, dem «Faust».
In friihester Jugend hatte er begonnen, alles, was seine sehnende und
ahnende Seele erfiillte, in sein Gedicht hineinzulegen; und als Greis im
spatesten Alter, kurz vor seinem Tode, hat er dieses Gedicht, an dem
er iiber fiinfzig Jahre gearbeitet und in das er das Beste seines Lebens
hineingelegt hat, vollendet. Der zweite Teil lag versiegelt bei seinem
Tode da wie das grofie Testament, das er der Menschheit zu geben
hatte. Es ist ein bedeutsames Dokument. Wir verstehen dieses Doku-
ment nur, wenn wir Goethe ein wenig verfolgen, wie er selber sich zur
Erkenntnis durchzuringen suchte.
Da finden wir zum Beispiel den Studenten Goethe an der Leipziger
Universitat. Er soil eigentlich Jurist werden, aber das beschaftigt ihn
nur untergeordnet. Ein unbesieglicher Drang nach den Geheimnissen
der Welt, nach dem Geistigen, lebte schon dazumal in dem jungen
Studenten. Deshalb tut er sich um in all dem, was Leipzig darbietet an
Naturerkenntnis. Er sucht abzulauschen, was die Natur uns in ihren
Erscheinungen zu sagen hat, abzulauschen der Welt die Ratsel ihres
Daseins. Aber Goethe brauchte, um das, was die Naturwissenschaft
ihm darbieten konnte, umzupragen, umzuschmelzen in seiner Seele zu
jenem alle Kraft seines Inneren durchlebenden und durchwebenden
Drange, der nicht nach abstrakter Erkenntnis sucht, sondern nach war-
mer Herzenserkenntnis, ein grofies Erlebnis, ein Erlebnis, das den Men-
schen wirklich zu jener Erkenntnis fuhrt, die das Tor ist, zu dem wir
ahnend hinschauen, das Tor, das zuschliefk fur den heutigen normalen
Menschen das Unsichtbare, das Ubersinnliche: das Tor des Todes. Der
Tod ging am Ende seiner Leipziger Studentenzeit an ihm vorbei. Eine
schwere Krankheit hatte ihn niedergeworfen, dem Tode nahegebracht.
Stunden, Tage hatte er durchlebt, wo er sich sagen mufke, es konne
jeden Augenblick jene geheimnisvolle Pforte durchschritten werden.
Und der geheimnisvolle, ungestiime Drang des Erkennens erforderte
hochsten Ernst des Erkenntnisstrebens. Mit der so ausgebildeten Er-
kenntnisstimmung kehrte Goethe in seine Vaterstadt Frankfurt zuriick.
Da fand er einen Kreis von Leuten, an deren Spitze eine Frau stand von
grofier, tiefer Begabung: Susanne von Klettenberg. Goethe hat ihr ein
wundersames Denkmal gesetzt in den «Bekenntnissen einer schonen
Seele». Er hat gezeigt, wie in der Personlichkeit, der er dazumal geistig
so nahegetreten ist, etwas lebte, was man nicht anders zu bezeichnen
vermag als dadurch, dafi man sagt: In Susanne von Klettenberg lebte
eine Seele, welche suchte, das Gottliche in sich zu fassen, um durch das
Gottliche in sich das die Welt durchlebende Geistige zu finden. - Goethe
wurde dazumal eingefiihrt durch den Kreis, dem diese Dame angehorte,
in Studien, die, wenn man sie heute als so recht moderner Mensch auf
sich wirken laftt, einem verriickt erscheinen. Mittelalterliche Schriften
waren es, in die sich Goethe hineinlebte. Derjenige, der sie heute in die
Hand nimmt, kann nichts damit anfangen. Wenn man die merkwiirdi-
gen Zeichen sieht, die darin sind, fragt man sich: Was soil das gegeniiber
dem heutigen Wahrheitsstreben der Wissenschaft? - Da wirkte ein Buch:
«Aurea catena Homeri», «Die goldene Kette des Homer». Wenn man es
aufschlagt, findet man eine merkwiirdige symbolische Abbildung: einen
Drachen oben im Halbkreis, einen Drachen voller Leben, der angrenzt
an einen andern Drachen, einen verdorrenden, in sich selber absterben-
den Drachen. Allerlei Zeichen sind damit verknlipft: symbolische Schliis-
sel, zwei ineinander verschlungene Dreiecke und die Planetenzeichen.
Das ist fur unsere Zeitgenossen eine Phantasterei, gegeniiber der heu-
tigen Wissenschafl ist es eine Phantasterei, weil man nicht weift, was
man mit diesen Zeichen anfangen soli. Goethe spurt in seiner Ahnung,
daft sie etwas ausdriicken, daft man etwas damit anfangen kann, wenn
man sie betrachtet. Sie driicken nicht unmittelbar etwas aus, was man
da oder dort finden kann in der Welt. Wenn man aber diese Zeichen auf
sich wirken laftt, indem man sie sich so einpragt, daft man gleichsam
taub und blind wird gegeniiber seiner physischen Umgebung, nur diese
Zeichen in sich wirken laftt, dann erlebt man etwas hochst Eigentiim-
liches, dann erlebt man, daft die Seele in sich selber wie etwas verspiirt,
was friiher geschlummert hat, wie ein geistiges Auge, das aufgeht.
Und wenn man geniigende Ausdauer hat, so ergreift man das, was man
Meditation, Konzentration nennen kann, wodurch man seine Seele so
zur Entwickelung bringt, daft man tatsachlich so etwas wie eine geistige
Augenoperation durchmacht, durch die sich eine neue Welt erschlieftt.
Fur Goethe hat sich damals noch nicht eine neue Welt erschlieften kon-
nen, so weit war er noch nicht. Aber was in seiner Seele auflebte, war
die Ahnung, daft es Schliissel gibt fiir diese geistige Welt, daft man ein-
dringen kann in diese geistige Welt. Diese Stimmung muft man sich
vergegenwartigen; die lebendige Empfindung, das lebendige Gefiihl: da
wird etwas in mir rege gemacht, wird etwas lebendig; es mufi etwas
geben, was in die geistige Welt hineinfuhrt. Aber zu gleicher Zeit spurt
er: er kann noch nicht hinein. Ware Goethe jemals in seinem Leben iden-
tisch gewesen mit Faust, so wiirden wir sagen: Goethe war in derselben
Lage, in der uns Faust entgegentritt im Anfang des ersten Teiles, da,
wo Faust, nachdem er studiert hat die verschiedensten Gebiete mensch-
licher Wissenschaft, Bucher aufschlagt, worin solche Zeichen sind, und
sich von einer geistigen Welt umgeben fuhlt, aber nicht hinein kann in
die geistige Welt. So fiihlte sich Goethe niemals identisch mit diesem
Faust: ein Teil von ihm war der Faust, er selber wuchs hinaus iiber das,
was nur ein Teil von ihm selber war. Und so wuchs das, was in Goethe
iiber den Faust hinausging, wuchs dadurch, daft er, keine Unbequem-
lichkeit scheuend, immer weiter und weiter strebte und sich sagte: Hin-
ter die Geheimnisse des Daseins kommt man nicht im Sprung, nicht
durch Beschworungen und Formeln, sondern indem man Schritt fiir
Schritt in geduldiger, energischer Erkenntnis das, was immer in der
physischen Welt einem entgegentritt, nach und nach wirklich geistig-
seelisch durchdringt. - Es ist leicht zu sagen: Es mufi aufgehen in der
Seele, was eine hohere Erkenntnis ist. - Aufgehen mufi diese hohere
Erkenntnis in der Seele, aber sie geht in wahrer Gestalt erst dann auf,
wenn wir in Geduld und Ausdauer bestrebt sind, von Stufe zu Stufe
kennenzulernen die wirklichen Erscheinungen der physischen Welt und
dann hinter diesen Erscheinungen der physischen Welt das Geistige zu
suchen. Mit dem aber, was Goethe mitnahm aus seiner Frankfurter
Zeit, konnte er alles andere zusammenfassen, konnte er alles in ande-
rem Lichte sehen.
Goethe kam von Frankfurt in diese Stadt, Strafiburg. Wir konnten
mancherlei anf iihren, was ihn hier hoher gefiihrt hat. Besonders charak-
teristisch ist aber, wie ihm dasjenige vor die Seele trat, was hier in dieser
Stadt eine so grofie Bedeutung hat: das Munster, der Dom. Damals
stellte sich vor Goethes Seele die Idee dieses wunderbaren Baues, und er
begriff, warum jede einzelne Linie so ist, wie sie ist. Er sah mit geistigem
Anschauen, mit dem durch seine Frankfurter Vertiefung gewonnenen
Anschauen, jedes Dreieck, jeden einzelnen Winkel dieses bedeutsamen
Baues als zum Ganzen gehorig, und in seiner Seele feierte die grofie Idee
des Baumeisters eine Wiederauferstehung, und Goethe glaubte, wieder-
zuerkennen das, was als Gedanke, als Idee hineingeflossen war in dieses
Bauwerk. Und so konnten wir vieles anfuhren, wo in Goethes Seele
eine Ehe einging das, was als innere Anschauung diese Seele gewonnen
hatte, und das, was sie an aufieren Weltvorgangen aufnahm. Deshalb
ist es nicht weiter wunderbar, daf5 er, als er spater nach Weimar kam,
die Naturwissenschaft von einer neuen Seite aufnahm, die Botanik, die
Zoologie, die Knochenlehre und so weiter, um jetzt alles wie Buchstaben
zu betrachten, die zusammen das Buch der Natur ergeben, die hinein-
f iihren in die Geheimnisse des Daseins. So entstanden seine Studien iiber
die Pflanzenentwickelung, iiber die Tierwelt, die er spater noch so be-
treibt wie als Student, nur dafi er uberall den Geist hinter den sinnlichen
Erscheimmgen des Daseins suchte. So sehen wir, wie er gerade wahrend
seiner italienischen Reise die Kunst auf der einen Seite, die Naturwerke
auf der andern Seite betrachtete, wie er die Pflanzenwelt betrachtete, urn
den Geist, der darinnen waltet, zu erkennen. Grofi und schon sind die
Worte, die er an seine Freunde schrieb, soldier Art geistige Naturwissen-
schaft treibend. Er sagte: Oh, hier tritt mir alles in neuer Weise ent-
gegen; ich mochte nach Indien reisen, um das, was schon entdeckt, nach
meiner Art anzuschauen. - Das heifk: wie es seine Entwickelung nach
den Andeutungen, die wir geben konnten, von ihm gefordert hat. Und
so sehen wir, wie er auch die Kunstwerke, die ihm da entgegentraten,
betrachtet. Er schreibt in einem Brief e: «Soviel ist gewifi, die alten
Kiinstler haben ebenso grofie Kenntnis der Natur und einen ebenso
sicheren Begriff von dem, was sich vorstellen laftt und wie es vorgestellt
werden mufi, gehabt als Homer. Leider ist die Anzahl der Kunstwerke
der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so hat
man nichts zu wiinschen, als sie recht zu erkennen und dann in Frieden
hinzufahren. Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die hochsten
Naturwerke von Menschen nach wahren und natiirlichen Gesetzen
hervorgebracht worden. Alles Willkiirliche, Eingebildete fallt zusam-
men; da ist Notwendigkeit, da ist Gott.» Wie schon zu dem Knaben
mit seinen sieben Jahren von dem selbsterrichteten Altare her der gro$e
Geist der Natur sprach, so sprach ihm der grofte Geist des Daseins der
geistigen Welt aus diesen Kunstwerken heraus, die er als Einheit be-
trachtete. So kam Goethe immer mehr zu der Betrachtung des einzelnen
in energischer, hingebungsvoller Arbeit. Dann konnte er den Augen-
blick ruhig erwarten, wo aus seinen Beobachtungen eine wirkliche Er-
kenntnis der geistigen Welt heraussprang, eine wahre Geisteswissen-
schaft, die uns dann entgegentritt, in kunstlerischer Weise umgegossen
und umgeschaffen, in seinem «Faust».
So haben die ersten Partien des «Faust», die entstehen, ganz die Stim-
mung eines Menschen, der die Geheimnisse des Daseins ahnt, der aber
nicht in diese Geheimnisse hineinkommen kann. Da sehen wir, wie
Faust jene Zeichen wirken laftt, die ihn vom Geistigen umgeben sein
lassen, aber wir sehen, wie er noch nicht reif ist, dieses Geistige wirklich
zu empfinden. Das sind die Satze, wo Faust als die Nostradamus-Aura
die Zeichen des Makrokosmos und des Erdgeistes auf sich wirken lafk,
wo der Geist der Erde vor ihm erscheint. In wunderbar schonen Worten
wird von Faust der Erdgeist charakterisiert. Wir sehen, wie er ahnt,
dafi das, was der Planet Erde ist, nicht einfach jene physische Kugel ist,
als die sie von der Naturwissenschaft angesehen wird, sondern gerade
so, wie der Leib eine Seele enthalt, so der Erdenleib einen Geist.
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gliihend Leben,
So schafP ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Das ist das, was in der Erde lebt als der Geist der Erde, wie in uns
unser Geist lebt. Aber Goethe kennzeichnet den Faust als noch nicht
reif, seinen Geist als noch unvollendeten. Abwenden mufi er sich von
dem furchtbaren Zeichen wie ein furchtsam weggekriimmter Wurm.
Der Erdgeist antwortet ihm: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
nicht mir.» In Goethes Seele lebte die Erkenntnis, wenn sie zunachst
auch nur eine ahnende war, daft wir auf keiner Stufe uns befriedigt
erklaren diirfen, sondern von jeder Stufe aus hohere und immer hohere
Stufen erstreben miissen, daft wir auf keiner Stufe sagen konnen, wir
haben etwas erreicht, sondern von jeder Stufe aus immer hoher streben
miissen. Goethe fiihrten in diese Geheimnisse hinein seine emsigen Stu-
dien von Erscheinung zu Erscheinung. Und nun sehen wir ihn wachsen.
Denselben Geist, den er zuerst gerufen hat, und von dem er nur sagen
konnte: «Schreckliches Gesicht!», laftt Goethe durch Faust anreden,
nachdem Goethe selber eine hohere Stufe erreicht hatte nach der Italien-
reise, nach seiner Reise, die ich so charakterisiert habe, daft er die ganze
Natur und Kunst mit seiner Anschauung durchdringen wollte. Jetzt ist
Faust gestimmt, wie Goethe selber gestimmt war. Jetzt steht Faust vor
demselben Geiste, den er also anredet:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich,
Kraft, sie zu fiihlen, zu genieften. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergonnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du fuhrst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Briider
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste
Und Nachbarstamme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hiigel donnert;
Dann fuhrst du mich zur sichern Hohle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder offnen sich.
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besanftigend heriiber: schweben mir
Von Felsenwanden, aus dem feuchten Busch
Der Vorwelt silberne Gestalten auf ,
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
Da ist Goethe und mit ihm Faust zu der Hohe gelangt, nicht mehr
sich wegzuwenden von dem Geist, den er im Sprunge hat erreichen
wollen. Jetzt tritt ihm der Geist als ein solcher entgegen, von dem er
sich nicht mehr hinwegzuwenden braucht. Jetzt erkennt er ihn in allem
Lebendigen, in alien Reichen der Natur: in Wald und Wasser, im stillen
Busch, in der Riesenfichte, in Sturm und Donner. Und nicht nur da.
Nachdem er ihm erschienen ist in der grofien Natur draufien, erkennt
er ihn auch in seinem eigenen Herzen: seine geheimen tiefen Wunder
offnen sich.
Das ist ein Fortschritt in Goethes Geist-Erkenntnis, und Goethe ruhte
nicht, um weiterzukommen. Wir sehen dann, wie er, wohl angeeifert
durch Schiller, sich zu vertiefen sucht, insbesondere in den neunziger
Jahren des 18. Jahrhunderts. Sie brachten ihm dasjenige, was es ihm
moglich machte, iiber die unbestimmte Charakteristik des Geistbewufit-
seins, dafi in allem ein Geist lebt, hinauszukommen. Zu ergreifen diesen
Geist, gelang ihm im Konkreten. Aber Goethe brauchte viele Vorbe-
reitungen, bevor er imstande war, darzustellen das Leben des Men-
schengeistes in dem Sinne: Geistig-Seelisches kann nur aus Geistig-
Seelischem stammen. Dafi aber Goethe den Versuch niemals versaumte,
tiefer hineinzukommen, zeigt manches Werk, das er vor Vollendung
des zweiten Teiles des «Faust» geschaffen hat. Bis zu welcher Hohe er
gekommen ist, zeigt der zweite Teil des «Faust». Manche haben sich
schon von ihm abgewendet, als sie in der «Pandora» den in sich ver-
tieften Goethe kennenlernten. Auch heute erleben wir, daft man sagt:
Der erste Teil des «Faust» ist voller Leben, atmet unmittelbare Natiir-
lichkeit, der zweite Teil aber ist ein Produkt des Goetheschen Alters,
voller Sinnbilder und Kiinsteleien. - Solche Leute ahnen gar nicht, was
in ihm steckt, welche unendliche Weisheit in diesem zweiten Teile des
«Faust» steckt, zu dem ein so reiches Leben wie das Goethes erst am
Lebensabend kommen konnte, so dafi er ihn als Testament hinterlassen
hat. Deshalb begreifen wir auch, wenn Goethe gegeniiber manchen
Werken, die schon den Geist des «Faust» atmen, die Zeilen hinschreibt,
von denen bekannt ist, da£ er den Faust als eine ringende Seele darstellt,
eine Seele, iiber die ein Neues hereingebrochen ist. Wir erkennen es an
dem Arger, den er ausgofi iiber diejenigen, die den «Faust» ein minder-
wertiges Werk des Alters genannt haben. Er sagt von ihnen:
Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust,
Zu ihren Gunsten;
Das alte Mick und Mack,
Das freut sie sehr;
Es meint das Lumpenpack,
Man war's nicht mehr!
Da hat Goethe einmal seine Stimmung in Worte gekleidet, die er
empfand gegeniiber denen, die glauben, daft nur dasjenige Giiltigkeit
habe, was Goethe in seinen jungeren Jahren geleistet hat, die nicht
hinaufsteigen wollen zu dem, was er in seinen reiferen Jahren ge-
leistet hat.
Nachdem Goethe seinen Faust hineingefuhrt hat in das Leben, das
uns unmittelbar umgibt, ihn hat erleben lassen jene wunderbare Gret-
chen-Tragodie, fiihrt er ihn hinaus in die Welt, die aufterlich die grofte
Welt ist, zunachst in die Welt, die aufterlich die grofte ist: die Welt
des Kaiserhofes. Da will Goethe nun zeigen, daft Faust nun wirklich
auch geistig eindringen soil in die Geheimnisse dieser Welt. Dann aber
sollte Faust nun eingefiihrt werden in die wirkliche geistige Welt, in die
ubersinnliche Welt.
Gleich im Anfange des zweiten Teiles sehen wir, wie Goethe den
Faust umgeben sein laftt von allerlei geistigen Wesenheken. Das soli
ausdnicken, daft Faust nicht nur in eine auftere physische Welt gefuhrt
werden soil, sondern daft er auch durchleben soli, was derjenige durch-
leben kann, dessen geistiges Auge geoffnet ist, dessen geistiges Ohr
wahrnehmen lernt. Daher zeigt uns Goethe im zweiten Teile Stufe fiir
Stufe das Wesen der menschlichen Seele, der menschlichen Entwickelung.
Was soil Faust erleben? Er soli erleben die Erkenntnisse der ubersinn-
lichen Welt. Er soil eingeweiht werden in die Geheimnisse der iiber-
sinnlichen Welt. Wo ist diese ubersinnliche Welt?
Bei dieser Gelegenheit kann uns eigentlich erst, wenn wir den Geist-
gehalt des «Faust» in Betracht ziehen, die Frage nach dem Mephisto-
pheles beschaftigen, jenem Geiste, der den Faust von Anfang an umgibt,
der mitspielt bei allem, was Faust unternimmt. Aber erst im zweiten
Teile, da, wo Faust hineingefuhrt werden soil in die geistige Welt, sehen
wir, was fiir eine Rolle Mephistopheles spielt. Nachdem Faust durch-
gemacht hat die Ereignisse am «Kaiserhof», beginnt er das zu sehen, was
in der sinnlichen Welt nicht mehr da ist: den Geist der Helena, die
vor Jahrhunderten und Jahrhunderten gelebt hat. Sie soil fiir Faust
gefunden werden. Sie kann nicht in der physischen Welt gefunden
werden. Faust muft in die geistige Welt hinuntersteigen. Mephistopheles
hat den Schlussel zu dieser Welt, er kann aber nicht selbst in diese
geistige Welt hinein, er kann sie verstandesmaftig beschreiben. Er kann
sagen: Du wirst hinuntersteigen, man konnte audi sagen, du wirst
hinaufsteigen. - Er beschreibt dann tatsachlich die geistige Welt, in die
Faust eintauchen soil, um sie iibersinnlich kennenzulernen, um darin
den Geist zu finden, das Unsterbliche, das Ewige, das zuriickgeblieben
ist von Helena. Ein Wort ertont, ein wunderbares Wort: zu den Miit-
tern soil Faust hinuntersteigen. Was sind die «Mutter»? Man konnte
stundenlang reden, wenn man genau charakterisieren wollte, was die
Mutter sind. Wir brauchen hier nur zu sagen, daft die Mutter fur die
Geisteswissenschaft zu alien Zeiten das waren, was der Mensch kennen-
lernt, wenn sein geistiges Auge geoffnet wird. Wenn er in die physische
Welt blickt, sieht er alle Dinge begrenzt. Wenn er in die geistige Welt
eintritt, kommt er in etwas, woraus alle physischen Dinge so heraus-
kommen, wie aus einem Wasserteich das Eis herauskommt. Wie einer,
der das Wasser nicht sehen konnte, sagen wiirde: Nichts ist da als Eis,
es turmt sich auf aus dem Nichts, - so sagt der, der den Geist nicht kennt:
Nur physische Dinge sind da. - Er sieht nicht den Geist, der zwischen
und hinter den physisch-sinnlichen Dingen ist, aus dem sich alle sinnlich-
physischen Dinge herausbilden wie Eis aus Wasser. Da, wo der Urgrund
der physischen Dinge ist, der nicht mehr durch die physischen Augen
sichtbar ist, sind die Mutter. Mephistopheles ist die Wesenheit, die dar-
stellen soli jenen Verstand, der nur kennt, was aufterlich im Raume
ausgestaltet ist, die zwar weift, dafi es eine geistige Welt gibt, die aber
nicht in sie eindringen kann. Mephistopheles steht da neben Faust, wie
heute neben dem Geistesforscher steht der materialistische Denker, der
da sagt: Ach, du Geisteswissenschafter, du Theosoph, du willst in eine
geistige Welt hineinschauen? Da drinnen ist ja gar nichts, das ist ja alles
ertraumt. Das ist alles nichts. — Diesem Materialisten, der da fest bauen
will auf das, was das Mikroskop, das Teleskop offenbart, der aber alles,
was hinter den physischen Erscheinungen liegt, wegleugnen will, ruft
der Geistesforscher zu: «In deinem Nichts hoff 5 ich das All zu finden. »
So steht der materialistische Denker dem spirituellen Menschen gegen-
iiber, der den Geist gerade dort zu finden hofft, wo der andere nichts
sieht. Ewig werden sich diese zwei Machte gegeniiberstehen. Und von
Anfang steht Mephisto dem Faust so gegeniiber als der Geist, der bis
zur Tur fiihren kann, der aber diese Pforte nicht durchschreiten kann.
Der Theosoph oder Geisteswissenschafter sagt nicht: Die materielle
Wissenschaft ist nichts, ist unnotig. - Er sagt: Wir miissen diese Wissen-
schaft ernst nehmen, sie studieren, aber sie hat nur den Schltissel, sie
fiihrt uns dahin, wo erst das wahre geistige Leben zu finden ist.
Faust steigt dann hinunter in das Reich der Mutter, in die geistige
Welt; es gelingt ihm den Geist der Helena heraufzufiihren. Aber er
ist noch nicht reif , diesen Geist mit seiner eigenen Seele wirklich zu ver-
binden. Daher die Szene, wo in Faust die Leidenschafl sich regt, wo
er mit sinnlicher Leidenschafl umfassen will das Urbild der Helena.
Deshalb wird er da zuruckgestofien. So ergeht es jedem, der aus per-
sonlichen, egoistischen Gefuhlen sich der geistigen Welt nahern will.
Er wird zuriickgestofien, wie Faust zuriickgestofien wird, als er vom
Reiche der Mutter herauf den Geist der Helena geholt hat. Faust mufi
erst reif werden, erkennen lernen, wie sich wirklich zusammenfinden
die drei Glieder der menschlichen Natur: der unsterbliche Geist, der
von Leben zu Leben, von Verkorperung zu Verkorperung geht; der
Leib, der zwischen Geburt und Tod sich auslebt; und die Seele, die
zwischen beiden drinnen steht. Leib, Seele und Geist, wie sie sich ver-
binden, wie sie zusammengehoren, das soli Faust kennenlernen. Das
Urbild der Helena, das Unsterbliche, das Ewige, das von Verkorperung
zu Verkorperung, von Leben zu Leben geht, hat Faust schon gesucht,
aber unreif. Jetzt soil er heranreifen, um wiirdig zu werden, wirklich
in die geistige Welt einzutreten. Dazu mul5 Faust kennenlernen, wie
dieses Unsterbliche erst dann herantritt an den Menschen, wenn er sich
im physischen Dasein in einem neuen Leben zwischen Geburt und Tod
wiederum verkorpern kann. Deshalb mufi Goethe zeigen, wie die Seele
zwischen Geist und Korper lebt, wie sie sich hineinstellt zwischen den
unsterblichen Geist und den Leib, der zwischen Geburt und Tod steht.
Das zeigt uns Goethe im zweiten Teile des «Faust».
Die Seele ist bei Goethe verborgen in jenem wundersamen Gebilde,
iiber das die Goethe-Forscher nicht viel zu sagen wissen, in dem die
Geistesforscher, die bewandert sind, erkennen das Urbild der Seele. Das
ist nichts anderes als das wunderbare Gebilde des Homunkulus, des
kleinen Menschleins. Das ist ein Bild der menschlichen Seele. Was hat
diese Seele zu tun? Sie ist der Vermittler zwischen Leib und Geist, sie
mu!5 die Elemente des Leibes aus alien Reichen der Natur heranziehen,
um sich mit ihnen in Verbindung zu bringen. Erst dann kann sie mit
dem unsterblichen Geiste vereinigt werden. Daher sehen wir, wie Faust
von diesem Homunkulus gefiihrt wird in die klassische Walpurgisnacht
bis zu den Naturphilosophen Anaxagoras und Thales, die nachgedacht
haben, wie die Natur und das Lebendige entstehen.
Da wird jene wahre Entwickelungslehre gezeigt, die zuruckgeht dazu,
daft nicht nur ein Tierisches der menschlichen Entwickelung zugrunde
liegt, sondern ein Seelisches, das die Elemente aus der Natur sammelt,
um nach und nach den Leib aufzubauen. Daher wird dem Homunkulus
der Rat gegeben: Vom untersten Reich mufit du beginnen, um zu hohe-
rem und hoherem aufzusteigen. — An das mineralische Reich wird zu-
nachst die Seele des Menschen verwiesen. Dann wird ihm gesagt: Du
hast durch das Pflanzenreich durchzugehen. - Ein wunderbarer Ausdruck
ist da: «Es grunelt so», um den Durchgang durch die Pflanzenwelt, das
Saftig-Griine, zu verzeichnen. Da sammelt die Seele alle Elemente der
Naturreiche, um dann heraufzusteigen. Es wird ausdriicklich gesagt:
«Und bis zum Menschen hast du Zeit.» Dann sehen wir, wie herantritt
der Geist der Liebe, Eros, nachdem die Seele aus alien Reichen der Natur
sich den Leib herangebildet hat. Da verbindet sie sich mit dem Geiste.
Leib, Seele und Geist sind vereinigt. Hier verbindet sich das, was Seele
des Homunkulus ist, was sie sich als Leib einorganisiert, mit dem Geist
der Helena. Deshalb kann uns im dritten Akte des zweiten Teiles
Helena leibhaftig entgegentreten. Die Wiederverkorperungslehre sehen
wir kunstlerisch-dichterisch in den zweiten Teil des «Faust» hinein-
geheimniftt. Nicht so kann man sich verbinden mit Helena, daft man
in stiirmischer Leidenschaft sie an sich heranzieht, sondern so, daft man
wirklich die Geheimnisse des Daseins durchlebt, die wirkliche Wieder-
verkorperung durchlebt.
Goethe konnte im Sinne seiner Zeit noch nicht zum Ausdruck brin-
gen, wie wir es heute konnen, die Idee der wiederholten Erdenleben.
Aber er legte sie hinein in den zweiten Teil seines «Faust». Deshalb^
konnte er zu Eckermann sagen: Ich habe meinen «Faust» so geschrieben,
daft er fur das Theater park; daft die Bilder, die er darbietet, aufterlich
sinnlich interessant sind fiir den, der nur aufterlich sinnlich sehen will.
Fur die Eingeweihten aber wird ersichtlich sein, daft Tiefstes in diesen
zweiten Teil des «Faust» hineingeheimnifk worden ist. - So hat Goethe
ausdriicklich darauf hingewiesen, daft man seine Lebensanschauung,
seine Geistesanschauung in dieser Dichtung finden kann. Und so be-
greifen wir nun auch, daft Goethe uns veranschaulichen konnte in dieser
Wiederverbindung des Faust mit der Helena das, was wahre Mystik ist.
Faust verbindet sich mit der geistigen Welt. Da entsteht nicht ein
gewohnliches Kind, da entsteht Euphorion, der ebenso wahr ist, als er
dichterisch ist. Ebenso wahr stellt er uns dar, was in unserer Seele auf-
lebt, wenn sie sich mit der geistigen Welt verbindet. Wenn die Seele
in die Geheimnisse der geistigen Welt eindringt, dann gibt es in der
Seele einen Augenblick der Entwickelung, der von ungeheuer tiefer Be-
deutung fiir diese Seele ist. Bevor die Seele zu weiterem gelangt, gelangt
sie dazu, fiir kurze Augenblicke die Verbindung mit der geistigen Welt
zu gewinnen, fiir ganz kurze Zeitraume zu wissen, was geistige Welt ist.
Dann ist es so, wie wenn aus der geistigen Erkenntnis herausgeboren
wiirde ein geistiges Kind. Aber dann kommen wieder die Momente des
Lebens, wo uns dieses geistige Kind wie in die geistige Welt hinein
verschwunden ist. Das mull man lebensvoll mit dem Herzen erfassen,
dann fiihlt man nach, wie der Euphorion, das geistige Kind des My-
stikers, trotz aller dichterischen Lebenswahrheit, hinuntersinkt in die
geistige Welt, in die Faust noch nicht ganz eintreten kann, wie er aber
hinuberzieht etwas anderes noch. Das ist ein Erlebnis des Geistes-
forschers, des geistigen Suchers, wenn unsere Seele die Stunde hat, wo
sie so recht empfindet ihr Verhaltnis zur geistigen Welt, und wo die
Erkenntnis erscheint wie ein Kind einer Ehe mit der geistigen Welt.
Dann erlebt sie es tief, wenn sie in die Alltaglichkeit hinuntersinkt,
und es ist, wie wenn es das Beste, was wir haben, mitnimmt. Es ist, wie
wenn unsere eigene Seele entrinnen wiirde und mitzoge in die geistige
Welt. Wenn man das gefiihlt hat, fiihlt man nachtonen die geistigen
Worte des Euphorion, der hinuntergesunken ist, und der ruft aus der
dunklen Tiefe: «Laft mich im diistern Reich, Mutter, mich nicht allein.»
Diese Stimme kennt der wahre Mystiker, die Stimme, die von dem
geistigen Kinde nach unserer Seele als seiner Mutter ruft.
Aber diese Seele mufi weiter. Loskommen mufi sie von dem, was
nur personliche Leidenschaft ist. Unpersonlich miissen wir hingegeben
sein konnen der geistigen Welt. So lange noch ein Eigennutz, ein Eigen-
wille da ist, konnen wir die geistige Welt nicht erfassen. Erst dann
konnen wir diese geistige Welt erfassen, wenn alles Personliche hinweg-
gescheuert ist vor dem Hoheren der geistigen Welt; erst dann konnen wir
wirklich dauernd eintreten in die geistige Welt. Da aber kommen noch
mancherlei Momente, wenn wir schon jenen Moment erlebt haben, der
uns wieder zuriickstofk in die physische Welt, Momente, die uns alle
Mystik wegnehmen fur lange Zeit. Das sind jene Momente, von denen
wir uns sagen miissen: Ja, wenn wir schon alles iiberwunden haben von
Eigennutz und Eigenwillen, es bleibt doch noch dieses oder jenes zuriick,
wie es im Faust zuriickgeblieben ist, nachdem er schon gesagt hatte: Auf
freiem Grunde stehe ich hier, ich will nur arbeiten, der Natur alles ab-
gewinnen, nur fur andere etwas tun. - So weit ist er aber noch nicht
gekommen. Indem er auf die Hiitte von Philemon und Baucis blickt,
indem das seinen Blick stort, zeigt er: da ist noch nicht hinweg jener
Egoismus, der durch den Anblick erfreut sein will. Er hat einen Besitz
schafTen wollen, selbstlos, er kann aber noch nicht ertragen, was ihn
verunziert: die Hiitte des Philemon und der Baucis. Da naht sich ihm
noch einmal der Geist des Bosen. Die Hiitte wird abgebrannt. Da zeigt
sich ihm das, was sich jedem zeigt, der die Entwickelung durchmacht:
die Sorge, die an jeden herantritt, der noch eigenniitzige Bestrebungen
in sich tragt, und die ihn nicht hinaufsteigen lafk in die geistige Welt.
Da steht sie vor uns, die Sorge, da lernen wir sie erkennen in ihrer
wahren Gestalt; dann ist sie etwas, was uns zum Letzten der wirklichen
Geisteserkenntnis fiihren kann. Es soil nicht darauf hingewiesen wer-
den, daft der Mensch weltfremd, weltfeindlich werden soil, sondern
darauf, wie der Mensch in der Welt dasjenige kennenlernen soil, was
ihn nicht loskommen laik von der Welt. In weiser Selbsterkenntnis
sollen wir die Sorge vor uns hintreten lassen, damit wir frei werden
von dem Egoistischen der Sorge, nicht von der Sorge selbst, was ver-
anschaulicht wird, indem die Sorge sagt, sie schleiche sich durch ein
Schliisselloch hinein. Wenn wir diese Sorge kennenlernen, nicht bloft
fiihlen, sondern ertragen lernen, dann erlangen wir jenen Entwicke-
lungsgrad des Menschen, der uns das geistige Auge aufschliefk. Dies
wird veranschaulicht dadurch, dafi Faust blind wird im hohen Alter,
nicht mehr physisch-sinnlich sehen kann, sondern hineinschauen kann
in die geistige Welt. «Die Nacht scheint tiefer, tief hereinzudringen.»
Finster ist es aufierlich, aber inneres helles Licht, das Licht, das die Welt
beleuchten kann, leuchtet auf, das Licht, in dem die Seele ist zwischen
Tod und Geburt: das Reich der Mutter. Jetzt erst kann Faust die Wan-
derung antreten in die geistige Welt, da wo seine Himmelfahrt so schon
geschildert wird.
Dann kann Goethe zusammenfassen, was aus Faust geworden ist,
von dem ahnenden Streben jenes Menschen an, der an der Wissenschaft
verzweifelt und sich abwendet, was er von jener Stufe aus geworden
ist bis zur hochsten Geist-Erkenntnis. Er kann es zusammenfassen im
Chorus mysticus, der schon durch seinen Namen anzeigt, daft er etwas
Tieferes bedeuten soil. In diesem Chorus mysticus soli paradigmatisch
in wenigen Worten noch einmal zusammengefafk werden, was den
Schliissel darbietet zu alien Weltgeheimnissen, wie alles Vergangliche
nur ein Gleichnis ist fur das Unvergangliche. Das, was das physische
Auge sehen kann, ist nur ein Gleichnis fiir das Geistige, Unsterbliche,
von dem Goethe gezeigt hat, dafi er sogar die Erkenntnis der Wieder-
verkorperung erlangt, wenn er in dieses Geistige eintritt. Das soli end-
lich gezeigt werden, dafi, wenn der Mensch eintritt in das geistige Reich,
dann alles das, was in der physischen Welt Ahnung, Hoffnung ist, dort
eine Wahrheit ist. Was in der physischen Welt angestrebt wird, wird
Erreichnis in der geistigen Welt.
Fast pedantisch mochte es aussehen, wenn ich hier etwas angebe, was
man wissen mufi, um die Schluftworte zu verstehen.
Goethe sprach etwas undeutlich im hohen Alter, weil er zahnlos war.
Er diktierte den zweiten Teil seines «Faust» einem Schreiber. Da er
immer noch etwas hatte von Frankfurter Mundart, sind manche Worte
und Laute etwas undeutlich herausgekommen. So ist fiir manches ch ein
g gesetzt worden vom Schreiber. So zum Beispiel wurde fiir «Erreichnis»
«Ereignis» geschrieben. Goethe hat, als er die SchlulWorte des «Faust»
diktierte, gesprochen «Erreichnis». Das Unzulangliche wird hier etwas,
was erreicht werden kann, ein Erreichnis, also mit zwei r und ch. Uber-
all, in alien Goethe-Ausgaben finden Sie «Ereignis» geschrieben. So we-
nig wissen die Goethe-Forscher in den Sinn einzudringen, Dasjenige, was
unzulanglich ist in der physischen Welt, wird in der geistigen Welt «Er-
reichnis». Was nicht beschrieben werden kann in der physischen Welt,
wird getan in der geistigen Welt. Es wird dort zur lebendigen Tat.
Und endlich erleben wir das Gro$e, das Goethe im Schluftwort des
zweiten Teiles des «Faust» zum Ausdrucke bringen darf: «Das ewig
Weibliche». Oh, es ist eine Verslindigung an Goethe, zu sagen, Goethe
meint mit diesem Worte das weibliche Geschlecht. Goethe meint jenes
Tiefe, was die Menschenseele darstellt dem Weltgeheimnis gegeniiber,
das, was sich sehnt als das Ewige im Menschen: Das ewig Weibliche, das
die Seele hinanzieht zu dem ewig Unsterblichen, der ewigen Weisheit,
und das sich dem ewig Mannlichen hingibt. Das ewig Weibliche zieht
uns hinan zu dem, was ewiges Mannliches ist. Es bezieht sich nicht auf
etwas Weibliches im gewohnlichen Sinne. Deshalb diirfen wir durchaus
dieses ewig Weibliche im Manne und in der Frau suchen: Das ewig
Weibliche, das zum ewig Mannlichen im Kosmos hinstrebt, um sich zu
vereinigen, um eins zu werden mit dem die Welt durchwebenden, die
Welt durchwirkenden Gottlich-Geistigen, nach dem der Faust strebt. -
Dieses Geheimnis der Menschen aller Zeiten, nach welchem der Faust
strebt von allem Anfange an, dieses Geheimnis, zu dem uns Geistes-
wissenschaft in einem modernen Sinne fiihren soli, driickt Goethe para-
digmatisch wie monumental in jenen schonen Worten am Schlusse des
zweiten Teiles des «Faust» aus, die er als mystischen Geistchor hinstellt,
dafi alles Physische, was uns in der sinnlichen Welt umgibt, Maja,
Illusion, Tauschung ist, ein Gleichnis ist des Geistigen. Dieses Geistige
aber sehen wir, wenn wir zu dem durchdringen, was es wie ein Schleier
bedeckt. In diesem Geistigen sehen wir erreicht, was hier auf Erden nicht
erreicht werden kann. Wir sehen das, was unbeschreiblich ist fiir den an
die Sinne gebundenen Verstand, in wirkliche Tat umgewandelt, wenn
der Geist des Menschen sich vereinigt mit der geistigen Welt. «Das Un-
beschreibliche, hier ist's getan. » Und wir sehen jenes Bedeutsame, wo
die Seele sich vereinigt, zusammenlebt mit dem ewig Mannlichen der
grofien Welt, das diese Welt durchlebt und durchwebt. Das ist das grofte
Geheimnis, das Goethe ausdriickt mit dem Worte:
Alles Vergangliche
1st nur ein Gleichnis;
Das Unzulangliche,
Hier wird's Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.
Goethe durfte sich sagen: Jetzt habe ich mein Lebenswerk getan. Es ist
jetzt eigentlich gleichgultig, was ich die iibrige Zeit, die ich noch zu
leben habe, auf Erden vollbringe. - Goethe siegelte den zweiten Teil
seines «Faust» ein. Und dieser zweite Teil wurde erst nach seinem Tode
der Menschheit iibergeben, und diese Menschheit wird alle Geistes-
wissenschaft zusammennehmen miissen, um einzudringen in die Ge-
heimnisse dieses gewaltigen Werkes.
Nur Skizzenhaftes konnte heute gegeben werden. Man konnte stun-
den- und wochenlang mit alien Mitteln der Weisheit hineinleuchten in
das, was Goethe als Testament der Menschheit gegeben hat. Moge die
Menschheit immer mehr eroffnen dieses Testament! Siegel fur Siegel
wird fallen, je mehr die Menschen den Willen haben werden, in die
Geheimnisse des zweiten Teiles einzudringen. Verstummen werden die
Stimmen derjenigen, die sagen: Ihr sucht da etwas, was Goethe gar
nicht hineinlegen wollte in sein Werk. — Sie kennen die Tiefen der
Goetheschen Seele nicht, die da so sprechen. Die allein erkennen sie, die
das Hochste sehen in diesem Werk, und in dem, was Goethe zusammen-
drangt in den mystischen Chor, der so viele Betrachtungen schliefien
kann, die zum Geiste fuhren sollen.
DAS VERHALTNIS DES GOETHESCHEN «FAUST»
ZU GOETHE
Berlin, ij.Dezember 191 1
Da durch die Erkrankung von Frau Wandrey ihre Faust- Vortrage
nicht stattfinden konnten wahrend der Zeit dieses Berliner Zusammen-
seins, mochte ich am heutigen Morgen einige abgerissene und mehr wie
zufallig zusammengestellte Bemerkungen iiber den Goetheschen «Faust»
machen. Ich habe ofter iiber den «Faust» vorgetragen und hofre doch
auch einmal in einer kleineren Schrift zu einer Zusammenstellung des-
sen zu kommen, was in den verschiedenen Vortragen gesagt wurde.
Nun ist das Faust -Thema ein aufierordentlich umfassendes auf der
einen Seite und auf der andem Seite ein auBerordentJich schwieriges,
schwierig aus dem Grunde, weil wohl nicht viele Dichtungen der Welt-
literatur in so eigenartigem Verhaltnis stehen zu ihrem Dichter wie der
Goethesche «Faust» zu Goethe. Wir brauchen nur die auftere Tatsache
zu bedenken, daft Goethe eine Art von erster Gestalt, die sich bei ihm
als Faust-Dichtung ausgebildet hatte, nach Weimar mitbrachte, sie in
Weimar also in verhaltnismaftig sehr friiher Zeit nur etwas erganzt
und durchgearbeitet hat und dann vorlesen konnte. Es ist die Gestalt,
die am Ende des 19. Jahrhunderts herausgegeben ist, gefunden ist in
einer Abschrift, welche den wenig geschmackvollen Namen tragt
Goethes «Urfaust». Damit haben wir eigentlich also die Faust-Gestalt
vor uns, die Goethe schon sehr friih hatte. Dann haben wir eine Ge-
staltung der Faust-Dichtung vor uns, die Goethe aus bestimmten Emp-
findungen heraus 1790 veroffentlichte, ein «Faustfragment». Ich sage
selbstverstandlich aus bestimmten Empfindungen heraus, weil man die
Tatsache, daft Goethe es veroffentlichte, damit in Zusammenhang
brachte, dafi Goethe eigentlich daran verzweifelte, diese Faust-Dich-
tung damals zu beenden. Es handelte sich also darum, das von sich
abzustoften, was er bis dahin gedacht hatte, weil er gar nicht die Mog-
lichkeit sah, es weiterzufuhren. Dann haben wir die Form, in der im
Anfang des 19. Jahrhunderts der «Faust» in die Offentlichkeit trat.
Das ist ungefahr unser heutiger erster Teil mit der «Zueignung», dem
« Prolog im Himmel» und so weiter. Es ist aber damit nicht getan, weil
dazumal schon fertig war die «Helena-Szene», die heute als dritter Akt
des zweiten Teiles figuriert, so daft in der Zeit, als Goethe diese Gestalt
des «Faust» hatte, er schon in seinen Empfindungen und Gedanken
lebend hatte einen Zusammenhang dieser Faust-Gestalt mit der Helena-
Gestalt. Und dann, als Goethe fiinfundsiebzigjahrig ist, 1824, geht er
mit Energie daran, den zweiten Teil abzurunden und zu einer vollen
Dichtung zu machen, die dann von ihm als Testament hinterlassen ist
nach seinem Tode.
Wir haben also eine Dichtung vor uns, die nicht nur Goethe wah-
rend seines ganzen Lebens begleitete, an der er nicht nur wahrend
seines ganzen Lebens schuf, sondern die auch ihre ganze innere Fiigung,
den Gehalt, die Form, die Auffassung, alles iiberhaupt im Laufe der
Zeit fortwahrend anderte. Dazu mtissen wir nehmen, daft Goethe sich
gerade in diesem «Faust» zeigt als einen der wahrhaftigsten Dichter,
die wir in der Weltliteratur finden. Denn es war ihm bei dem «Faust»
niemals darum zu tun, irgend etwas nach auften hin Schones oder Voll-
kommenes zu geben, sondern stets das zu geben, was er aus tiefster,
innerster Ehrlichkeit heraus geben konnte, ungeschminkt das zu geben,
was die Seele jeweilig als Wahrheit ergriffen hatte. Wenn man dazu-
nimmt, daft dieses Goethe-Leben nun durch und durch zugleich ein
Streben war, daft wir verfolgen konnen, wie dieses Goethe-Leben von
Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich weiterentwickelt, sich erhebt, wie Goethe
Neues denkt, erkennt, zu neuen Welten Beziehungen faftt, so werden
wir die Wichtigkeit erkennen, die darin liegt, daft Goethe in die Faust-
Dichtung immer das hat einflieften lassen, was in ihm lebte. So konnte es
schon sein, daft sein «Faust» ihm selber da und dort recht fragwiirdig
erschien, wenn er das vornahm, was er vor Jahrzehnten geschrieben
hatte. Mittlerweile war er weitergekommen. Jetzt soil das weiter-
gefiihrt werden, was er vor Jahren geschaffen hatte.
Eine Sache soil hier ins Auge gefaftt werden, um an Hand des «Faust»
ein wenig in Goethes Seele hineinzuschauen. Nehmen Sie das, was jetzt
unter dem Titel «Urfaust» erschienen ist, so haben Sie darin etwas, was
Sie nennen konnen: Es ist ungefahr das, was Goethe nach Weimar ge-
bracht hatte und in den ersten Weimarer Jahren abrundete. Es ist etwas,
was man nennen konnte. die Dichtung eines jungen, aufierordentlich
begabten Dichters, der aber von dem, was eigentlich in seiner Seele
ruhte, noch nicht viel fur sich selber aus seiner Seele hat herausbringen
konnen. Denn es fehlen in dieser Gestalt der Faustdichtung noch alle
Zusammenhange, die Goethe in seinem spateren Leben Zusammenhange
mit der geistigen Welt genannt haben wiirde. Es sind eigentlich nur die
aufterlichen, ganz realistisch menschlichen Szenen da, die in soldier
Jugendlichkeit gefaftt werden konnten. Es ist selbstverstandlich, dafi
die Menschen, die ihr ganzes Leben bei einem solchen Verhaltnis zur
geistigen Welt bleiben wollen, und die das Werden, die Entwickelung
in Goethe nicht sehen wollen, Widerspriiche finden. Von ihnen sagte
Goethe:
Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust
Zu ihren Gunsten.
Das alte Mick und Mack,
Das freut sie sehr;
Es meint das Lumpenpack
Man war's nicht mehr.
Aber fassen wir Goethes Situation ins Auge, fassen wir die Sache mit
Hinblick auf Goethes Seele ins Auge. Wir konnen Station machen in
der Zeit, als Goethe in Italien weilt, als er in Rom ist, also in der zweiten
Halfte des vorletzten Jahrzehntes des 18, Jahrhunderts, 1787 bis 1788.
Was ist von jener Zeit an, wo Goethe das geschrieben hat, was jetzt im
Urfaust vereinigt ist, bis zu der Zeit in der Goetheschen Seele geschehen,
wo er in Italien weilte, wo er ansah als ihm passendste die Kunstform,
die er im «Tasso», in der «Iphigenie» gegeben hat? Bedenken Sie, was es
heifk, da£ es dieselbe Personlichkeit ist, die auf der einen Seite schon
den merkwiirdigen, chaotischen «Gotz von Berlichingen» in seiner ersten
Gestalt geschrieben hatte und dann die wunderbar in sich gerundete
Form im «Tasso» und der «Iphigenie» gegeben hat. Das ist derselbe
Mensch. Aus inneren Griinden wird man spater einmal nachweisen
konnen, wenn man nicht mehr wird wissen, dafi diese Werke von dem-
selben Dichter sind, dafi unmoglich derselbe Dichter diese Dinge geschrie-
ben haben kann. In Goethe selber steckten schon verschiedene Menschen
im wahrhaften Sinne des Wortes, konnen wir sagen. Der Goethe des Jah-
res 1775 war in Goethe iiberwunden und 1788 war es der Goethe, der in
der Villa Borghese in Rom die «Hexenkiiche» schrieb und die wunderbare
Szene «Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, warum ich bat».
Es ist eine tief bedeutsame Tatsache fur die Erkenntnis von Goethes
Seele, daft aufsteigen vor Goethes Geist die Bilder des Urfaust, die er
damals in jugendlichem Titanismus in Auflehnung gegen die bestehen-
den Geistesstromungen hinschrieb, aus derselben Stimmung heraus, aus
der auch der «G6tz von Berlichingen» entstanden ist. Derselbe Goethe
fiihlt sich in Rom gedrungen, Maft und Harmonie hineinzubringen in
seine Auffassung, wieder vorzunehmen die alten Gestalten. Er mufi
wieder ehrlich und aufrichtig aus seiner Gegenwart dem «Faust» etwas
hinzufiigen, den «Faust» selbst weiterzufiihren suchen, wie er selber
weitergekommen ist. Das war eine sehr schwierige Lage. Die friihere
Zeit ist nicht mehr da, aber dem dichtenden Goethe stand sie gegeniiber.
Er hatte alles, was bis dahin geschrieben war, neu schreiben miissen,
oder er hatte etwas vor sich, was vor ihm stand wirklich, als wenn er
mit vierzig Jahren vor sich hatte seine Gestalt mit siebzehn, funfund-
zwanzig, dreiftig Jahren und so weiter, als wenn er das alles vor sich
hatte. Und wiederum, wenn er den ganzen «Faust» umgestaltet hatte,
wiirde er nicht wahr gewesen sein, denn er hatte nicht die Stimmung zum
Ausdruck gebracht, die in ihm war, als er sich gerade interessierte fur
diese Szenen. Das alles macht die Faust-Dichtung so ungeheuer wichtig
und so ungeeignet der Philistrositat, die wir im Leben finden. Aber es
ist noch etwas vorhanden in Goethe, als er die ^Hexenkuche» schrieb
und die Szene «Erhabner Geist», es ist noch etwas da.
Was war denn damals vor Goethe schon getreten? Goethe war nahe-
getreten durch alles, was in seiner Seele war, der vierten nachatlanti-
schen Kulturperiode, der griechisch-lateinischen Zeit. Voller Enthusias-
mus ist er fur diese vierte nachatlantische Kulturperiode, fur die
griechisch-lateinische Zeit. Ich habe die Vermutung, schrieb er von
Italien aus, daft idi den Gesetzen der griechischen Kunst auf der Spur
bin. Die Kiinstler verfuhren nach denselben Gesetzen, nach denen die
Natur selbst verfahrt. - Nachdem er sich tief in Spinoza eingelesen hatte,
urn den Gott in der Natur zu finden, steht vor ihm, als er vor den
Kunstwerken in Italien steht, das, was ihm erscheint als Kunst, als er
sagte: «Hier ist Notwendigkeit, hier ist Gott,» Gegeniibergestellt fiihlte
er sich nun dem, was er in sich aufgesogen hatte im Norden aus einer
Kultur heraus, in welche im wesentlichen das hineingespielt hatte, was
erste Morgenrote der fiinften nachatlantischen Kulturperiode war. Mag
von dem, was da in den merkwiirdigen Dammerzeiten des Mittelalters
auftauchte, manchem manches sonderbar erscheinen - von dem sonder-
baren Teufelsglauben, von den Legenden und was da alles lebte im 13.
bis in das 17. Jahrhundert hinein, was mit der Entstehung der Faust-
Sage zu tun hat -, es steht in Zusammenhang mit der Kulturperiode,
welche die griechisch-lateinische Zeit wiederum abloste. Und nun steht
vor Goethes Geist in dieser Zeit in ganz merkwurdiger Art die Voll-
endung des Menschen in der griechisch-lateinischen Zeit. Es war eine
Vollendung, die dadurch herbeigefuhrt worden ist, daft dieser Kultur-
periode, welche die Mitte der nachatlantischen Zeit ist, drei Perioden
vorangehen, die sich in einer gewissen Weise spater wiederholen, daft
diese vierte Periode aber die Mitte, der Schwerpunkt der nachatlanti-
schen Zeit ist, daft damals der Mensch bis zum Auftersten in die physi-
sche Welt hinausgegangen ist. Daher das Abgeschlossene, das ruhig Voll-
endete dieser Kunst. Das war es, was auf Goethe solchen Eindruck
machte. Er fiihlte: Wenn du solch ein Kunstwerk vor dir hast, brauchst
du nicht in den Raum hinauszugehen, in das Auftere, es ist alles in das
Kunstwerk eingeflossen. - Dieses Ausgeflossensein in die Form, in das
«Wie», war es, was ihn besonders packte.
Im Norden stellte sich ihm entgegen, was er selbst mit der andern
Seite seines Wesens so ungeheuer liebte in der frtiheren Zeit. Nehmen
wir einen gotischen Dom oder die Kunst Durers, Holbeins und so wei-
ter. Da haben wir das, was vorbereitet die fiinfte Periode. Die Kunst-
werke sind nicht abgeschlossen. Man muft das suchen, was in dem
Kunstwerk drinnen ist. Ein griechischer Tempel ist abgeschlossen, so
abgeschlossen, daft kein Mensch da zu sein braucht. Der gotische Dom ist
das nicht, er ist erst vollstandig, wenn andachtige Menschen darinnen
sind. Bis in die Zeit des Niedergangs in Griechenland haben wir immer
in der aufieren Form das Geistige. Aber in der Form Diirers haben wir
iiberall das Bestreben, tiefer zu gehen als das, was die aufiere Form
ausdriickt. Die Formen sind im griechischen Sinne manchmal unschon,
weil ein gewaltiger Wille sich da ausdriicken will. Goethe war in der
Jugend ein Anhanger dieser Kunst, der Shakespeareschen Kunst,
die das Gegenteil der griechischen Kunst ist. Das, was hier wie zwei
widerstrebende Elemente in Goethes Seele einander entgegengesetzt
ist, wiirde kaum in einer andern Seele soldi einen inneren Aufruhr
hervorgerufen haben. Goethe wollte namlich nichts Geringeres als mit
allem, was ihm da entgegentrat unmittelbar in der aufieren Welt, zu-
gleich das Ubersinnliche, das Geistige haben. Er gehorte nicht etwa zu
den Menschen, die mit der aufteren Form zufrieden waren, sondern zu
jenen, die die aufiere Form, die er in der griechisch-lateinischen Kunst
sah, deshalb so sehr schatzten, weil mit der Form zugleich gegeben war
das Ubersinnliche. Die Form selber war ein Ubersinnliches. Das, was in
der Natur gegeben ist, was ihm sonst in der Welt entgegentrat, war fur
Goethe schon Maja, grofte Illusion, iiberall war Maja oder grofte Illusion
gegeben. Aber von der Kunst verlangte er, dafi sie mitten in die Maja
hineinstellt das Wahre, den griechischen Tempel, den griechischen Gott,
der vom iibersinnlichen Standpunkte aus das Wahre ist. So war Goethe
durstend nach der Wahrheit des Ubersinnlichen in dem Sinnlichen, trun-
ken nach griechisch-iateinischer Kunst deshalb, weil er in das Reich der
Maja durch die Kunst ein Reich der Wahrheit stellen wollte. Alles Un-
wahre sollte von der Kunst entfernt werden.
Aber auf der andern Seite sah er, wie gefahrlich eine solche Kunst-
forderung ist. Durch die Geisteswissenschaft wissen wir, warum gefahr-
lich. Weil jede Kunstform an eine bestimmte Epoche gebunden ist, weil
sie spater nicht wieder auftauchen kann. Das war etwas, was fiir die
vierte Periode ist, nicht aber fiir die fiinfte. Da mufken die Menschen
sich hinrichten auf das Ubersinnliche, das nicht in der Form sich aus-
driicken kann. Das war das Los der Menschheit, auf das gerichtet zu
sein. Daher das Losringen in den nordischen Kulturen von allem Aufie-
ren, das groteske Schauen des Geistigen in allem. So lange man - sagte
Goethe sich - iiber diese Dinge bloft redet - Goethe sagte sich das schon,
als er in der Villa Borghese saft so lange man bloft redet, wie ich es
auch getan habe in meiner Jugend, ist man eigentlich nicht wahr. —
Denn in der aufteren Rede ist die Phrase so lange unvermeidlich, als sie
nicht durchtrankt ist von innerem Seelensein. Goethe kam alles, was er
bis dahin geschaffen hatte, wie etwas Unwahres vor gegeniiber dem
Plane, den er jetzt hatte, in der Kunst in die Maja hineinzustellen die
Wahrheit. So entstand in ihm der Drang, heriiberzubringen in die neue
Zeit das, was wie ein Ewiges in jeder Epoche fortleben kann, heriiber-
zubringen aus der griechisch-lateinischen Epoche das, was fortleben
kann. Fassen Sie das wohl. Nicht wahr, es ist unbewuftt heriibergebracht,
denn jede Kulturepoche steht auf der friiheren. Unbewufk lebte die
vierte in der funften Kulturepoche fort. Das alles lebte als Drang in
Goethe: Wie kriegt man das bewuftt heriiber, wie kann man das, was
damals gelebt hat und Ewigkeitswert hat, heriiberstromen lassen? Wie
wiirde sich das, was in der griechisch-lateinischen Kultur lebte, ausneh-
men, wenn die Menschen es bewuftt in ihr Bewulksein hiniibertragen
konnten? - Das war etwas, was in Goethes Seele lebte: Wie muftte ein
Mensch sich ausnehmen, der ganz darin gelebt hat in der griechisch-
lateinischen Zeit und der nun bewulk sein Bewulksein in die spatere
Zeit heriibertruge? - Damit war in Goethes Seele angeschlagen - wahr-
haftig, tiefer konnte es fur die damalige Zeit nicht angeschlagen wer-
den - das ganze Problem der Reinkarnation, der Wiederverkorperung,
angeschlagen in der Art, daft er sich fragte, wie konnte man zu einem
bewuftten Heriibertragen friiherer Kulturinhalte in spatere Kultur-
inhalte kommen? Das lebte so in ihm, daft er es nicht anzufassen wuftte
in der eigenen Seele. In der unterbewuftten Seele lag das, was umge-
staltet hatte die eigene Seele so, daft in dem Obergang von der vierten
in die fiinfte Periode eine so merkwtirdige Gestalt wie der Faust auf-
treten konnte.
Faust hat wirklich gelebt, ist in die Matrikel der Heidelberger Uni-
versitat eingeschrieben. Was war das eigentlich fur eine Gestalt? Er war
in gewissem Sinne ein Zeitgenosse des Nostradamus. Er war ein Mensch,
der in gewisser Weise die Sehnsucht empfand, das, was jetzt wieder
hervorgeholt werden muft aus verborgenen Seelentiefen, mehr oder
weniger bewufit heraufzutragen. Die dritte Kulturepoche soil ja wieder
herauf getragen werden. Fausts Schicksal ist es, diese dritte Kulturepoche
wieder heraufzuftihren. Die Berechtigung eines solchen Geistes neben
dem, der als Ideal in Goethes Seele entstand, die Berechtigung eines sol-
chen modernen Geistes stand Goethe immer vor Augen. Niemals konnte
er bezweifeln, dafi dieser moderne Geist Berechtigung hatte neben dem
Idealmenschen in seiner Seele aus der griechisch-lateinischen Zeit. Aber
nun sagte er sich: Dieser Geist mufi in die eigenen Seelentiefen hinunter-
tauchen, mull Bekanntschaft machen mit alledem, was den Menschen zer-
spaltet, wenn er die hoheren Welten betritt. Kaum ist der Mensch an den
«Hiiter der Schwelle» herangekommen, das fiihlte Goethe, tritt ihm
sogleich eine Vielheit von Gestalten entgegen. So wurde fur Goethe der
Faust eine hochst fragwtirdige Gestalt, aber eine, an der er nicht vor-
iibergehen konnte: Wie ist der Geist, den ich aus der vierten Kultur-
periode heriibergetragen habe, in berechtigter Weise enthaiten in einem
Geiste im Obergang zur funften Kulturperiode? - Er ist so enthaiten,
daft in das Streben hineinspielen mussen alle Gefahren, die dem Men-
schen begegnen, wenn er an dem «Huter der Schwelle» vorbeigeht und
die iibersinnlichen Welten betritt. Daft Faust die iibersinnlichen Welten
betritt, geht aus seiner Sehnsucht, aus seiner gefiihlsmaftigen Kontem-
plation hervor. Damit war Goethe von Anfang an bekannt, aber er
wurde erst nach und nach bekannt mit den Gefahren, die damals noch
vorhanden waren, heute nicht mehr, denn durch die Lehren in «Wie er-
langt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» konnen sie vermieden
werden. Faust aber hatte die Gefahren noch. Die Art, wie Faust in die
iibersinnlichen Welten kommt, ist so, daft gleichzeitig mit dem Auf gehen
einer gewissen imaginativen Erkenntnis eine Aneiferung, eine Entflam-
mung und Entziindung des niederen Leidenschaftslebens einhergehen
muft. Beide Dinge sind nicht zu trennen, wenn nicht ein regularer spiri-
tueller Pfad eingeschlagen wird. Diese Dinge sind nicht davon zu tren-
nen, das konnen Sie auch bei Blavatsky nachlesen. Sie sagt, man soli nur
bemerken, wie das Karma dessen sich andert, der in die geistigen Welten
eindringen will, wie er Ungliick iiber seine Umgebung bringen kann,
wenn er nicht in regularer Weise in die hoheren Welten hineinkommt,
wie er iiber seine ganze Umgebung die Kreise verbreitet, die von den
Impulsen ausgehen, die in ihm sind. Dafur mischen sich audi in die
hoheren Welten die eigenen Triebe und Leidensdiaften; Gestaltenwelten
umgeben den Menschen.
Diese realen Geistsucher mufite Goethe sich vor die Seele hinstellen,
da er auf dem Boden stand, in sich eine Ahnung zu haben von der ab-
soluten Wahrheit der griechisch-lateinischen Kultur. Diesen Geistsucher
der funften Periode mit all seinen Schwierigkeiten mufite er sich vor
die Seele stellen. Was umgibt einen solchen Menschen, in welche Gefah-
ren wird ein solcher Mensch hereingebracht? In der ganzen Sinnenwelt
gibt es nichts, was konform ist dem, was ein solcher Mensch erlebt. Da
mufi in die Geisteswelt hineingeschritten werden. Aber man mufi zu-
nachst wissen, wie sich das, was ein solcher Mensch erlebt, unterscheidet
von der Sinnenwelt. Deshalb die «Hexenkiiche», weil Goethe das ganze
iibersinnliche Milieu zeigen wollte, in das Faust kommen mufite, weil
gezeigt werden mufke, wie die ubersinnlichen Welten sich darstellten
bei alle den Antezedenzien, von denen wir gesprochen haben. Man mufi
ganz als Teil der geistigen Welt diese «Hexenkuche» aufnehmen. Man
mu8 wissen, dafi Goethe gewisse Geheimnisse der ubersinnlichen Welt
kannte, so dafi er sachgemafi schilderte, wie die Dinge tatsachlich er-
kannt werden vom hellseherischen Bewufitsein. So ist die ubersinnliche
Welt ungemein sachgemafi geschildert, wenn das ganze Brodeln der
menschlichen Leidenschaften beschrieben wird bei dem damals noch
furchtbaren Eintreten in die geistige Welt. Alles, was da auftritt an
brodelnden Leidenschaften, spiegelt sich in den Affen, welche die Namen
Meerkatze und Meerkater fiihren, spiegelt sich in alledem, was sach-
gemafi in der «Hexenkiiche» dargestellt ist.
Nun hat aber Goethe den Drang, Faust heraufzukriegen zur Wahr-
heit, nicht zu dieser Welt des Unwahren. Es ist zwar eine Welt, die
absolut in den Tatsachen wahr ist, aber eine Welt, die noch mehr Illusion
ist, als die gewohnliche Sinnenwelt fur die Sinne Maja ist. Goethe mufi
sich so bestreben, an die Wahrheit heranzukommen. Da mufi er darstel-
len, wie die aufiere Welt, der Mephistopheles angehort, die iibersinn-
liche, die in der «Hexenkiiche» dargestellt ist, umstellt, Goethe will
zeigen, dafi Faust aus der Welt heraus kann, aus der Mephisto seine An-
regungen empfangen kann. Denken Sie sich einen Menschen so hinge-
stellt in die libersinnliche Welt, wie Faust in die «Hexenkiiche», wenn
man sich in dieser Welt nicht mehr auskennen kann, dann konnen nicht
einmal die gewohnlichen Gesetze des Zahlensystems stimmen. Auf geist-
reiche Auslegung des Hexeneinmaleins kommt es nicht an, man mufi
fiihlen, was es heifk, real dem gegeniiberzustehen, was in dem Hexen-
einmaleins geschrieben ist:
Du mufit verstehn!
Aus eins mach zehn,
Und zwei laft gehn,
Und drei mach' gleich,
So bist du reich.
Verlier' die Vier!
Aus fiinf und sechs,
So sagt die Hex',
Mach' sieben und acht,
So ist's vollbracht:
Und neun ist eins,
Und zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmal-Eins.
Es handelt sich darum, sich in die Seele eines Menschen zu versetzen,
der sich plotzlich in dieser Welt sieht, wo alles anders ist, nachdem er
das gewohnliche Zahlensystem kennengelernt hat. Wenn man mehr
oder weniger geistvoll diese Dinge auslegt, schadet man der Dichtung,
weil es dann den Anschein hat, als ob der Dichter selber so symbolisiert
hatte. Nein, vor dem Dichter stand lebendig die Situation. Wer Goethe
einen Symboliker, einen abstrakten Denker nennt, der zeigt, dafi er
nicht das Bedeutungsvolle und Reale dieser Situation erfassen kann.
Was mufke dem Faust geschehen, wenn er nicht sein eigenes Karma und
das seiner Umgebung, wie zum Beispiel bei Gretchen, verderben wollte?
Es war ein weiter Weg von diesem Faust bis zu dem, der aus der An-
schauung der vierten Kulturepoche heraus spricht die Worte: Oh, aus
dem Menschenherzen entspringen die Imaginationen, die in ein Netz
einspinnen die ganze Welt der Illusion:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich,
Kraft, sie zu fiihlen, zu genieften. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergonnest mir, in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du fiihrst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Briider
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste
Und Nachbarstamme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hiigel donnert,
Dann fiihrst du mich zur sichern Hohle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder offnen sich.
Das ist der Faust, der da redet mit der Natur, indem sich seine ima-
ginative Welt verbindet mit dem, was als Maja oder Illusion vorliegt,
der ein anderer ist als der, zu dem Mephistopheles so sonderbar sagen
darf:
Wie hattst Du, armer Erdensohn,
Dein Leben ohne mich gefiihrt?
Vom Kribskrabs der Imagination
Hab' ich dich doch auf Zeiten lang kuriert.
Wodurch hat er ihn kuriert? Dadurch, daft er ihn in die iibersinnliche
Welt hineingefiihrt hat. Aber Faust soli nicht auf diese Weise von der
Imagination kuriert werden, sondern so, daft er erkennt die Imagination
als allumfassend die grofte Maja, die Illusion. Was ist dazu notwendig,
damit der Faust sagen kann:
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste
Und Nachbarstamme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hugel donnert,
Dann fiihrst du mich zur sichern Hohle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder ofTnen sich.
Damit diese klassische Ruhe des Offnens eintreten kann, was mufi
Faust gegeniiber der «Hexenkiiche», wo er sich verlieren muE, wenn er
nicht etwas ganz bestimmtes entwickelt, was mufi Faust entwickeln? Er
muE nicht wie ein theosophischer Theoretiker vorgehen, er mufi wie ein
Menschjnit einem ganz bestimmten Erleben zu sich selbst kommen, er
mufi objektiv sich selbst schauen. Es mufi gegeniiber der «Hexenkiiche»
etwas ihm entgegentreten, worin er sich selbst schaut. Es mufi in der
Imagination etwas von hoherer Wahrheit erscheinen, aber etwas, was
hohere Realitat hat als die «Hexenkiiche». Das hohere Selbst ist ja fur
den Mann weiblich. Das ist sehr real dargestellt in dem Erscheinen der
«Helena» in der «Hexenkiiche», das Erscheinen des Atherleibes, den
man nur von einer gewissen Entfernung schauen kann. Dieser Gestalt
gegeniiber sagt Mephistopheles, weil er sie nicht versteht:
Du siehst mit diesem Trank im Leibe
Bald Helenen in jedem Weibe.
Das ist aus einem wahren dichterischen Impulse dargestellt, der nach
dem strebt, was die Menschen der Aufierlichkeit nach lange nicht als das
ansehen werden, worauf es ankommt. Fiir die Menschen des fiinften
Zeitraumes wird noch lange eine Frage ertonen nach dem, was sie notig
haben, eine Frage, die leicht etwas Zweideutiges haben konnte, aber
wenn sie wahr beantwortet ist, ist sie leicht zu begreifen. Wie konnte
man der wichtigsten Angelegenheit der Menschen des fiinften Zeitrau-
mes gegeniiber sprechen?
Was ist verwtinscht und stets willkommen?
Was ist ersehnt und stets verjagt?
Was immerfort in Schutz genommen?
Was hart gescholten und verklagt?
Wen darf st du nicht herbeiberuf en?
Wen horet jeder gern genannt?
Was naht sich deines Thrones Stufen?
Was hat sich selbst hinweggebannt?
Es ist eine merkwiirdige Ratselrede, mit der Goethe nahe an dem
Beginne des zweiten Teils uns entgegentritt. Man konnte Worte genug
finden, dieses Ratsel aufzulosen, fiir unsere Menschheit aber wird man
am besten die Losung finden, wenn man auf alles, was gefragt ist, ein
einziges Wort anwendet. Das Wort: Geist. Goethe wollte aber nicht,
daft man es so leicht hat, das Ratsel zu losen, nicht so kniippeldick wollte
er es vorftihren. Aber der Geist ist verwiinscht in der mannigfaltigsten
Weise und doch stets willkommen. Man soli nur die geistige Entwicke-
lung der Menschen ansehen, um zu wissen: Was ist ersehnt und stets
verjagt? - Da braucht man ja nur auf die Geisteswissenschaft zum Bei-
spiel hinzuweisen. Damals durfle sich der Geist nur in der Gestalt des
Hofnarren zeigen, sonst war er wenig gerne gesehen.
Das ist die grofte Frage, wie nun die funfte nachatlantische Kultur zu
Geist kommen sollte, zu Geist kommen soli aus dem, was sie ja hat, wie
sie erfassen kann die eigentliche Grundwesenheit der Welt. Nun ist in
keiner Kulturepoche die Menschheit mehr geeignet gewesen, sozusagen
den Geist in der Form des Ich zu finden als in unserer Kulturepoche.
Aber wie konnte man doch erst die wahre Natur des Menschen finden,
wenn man dieses Ich auf der Unterlage, auf dem Hintergrunde des
Astralleibes fassen konnte? Nehmen wir an, wenn sich der Mensch des
19. oder auch des 16. Jahrhunderts schon daranmachen wollte das zu fin-
den, was der Astralleib ist. Die Imagination hat der Mensch zunachst in
der aufieren Erkenntnis nicht. Den Astralleib sollte der Mensch suchen,
das, was zugrunde liegt von der Mondenzeit her der aufieren Ich-Ent-
wickelung. Der Mensch kann natiirlich, weil alle Krafte uberall hinkom-
men konnen, auch dann, wenn er auf die Dinge den Intellekt anwendet,
zu etwas kommen, aber was wird er dann aus dem Astralleib herausbrin-
gen? Nehmen wir an, was dann aus dem Astralleib hervorkommt, wenn
man das, was fiir die auftere Maja gut pafit, auf den Astralleib anwen-
det. Man kann das nicht passender ausdriicken, als indem man das, was
da herauskommt, mit dem Homunkulus bezeichnet. Der Homunkulus
hat etwas zu tun mit dem Astralleib, wie er sich herumgliedert urn das,
was das Ich ist. Man hat es zu tun mit dem Obersinnlichen, so daft
Goethe hier ein Wort pragen darf, das von vornherein verweist auf
etwas, was in der iibersinnlichen Welt erzeugt wird. Da sagt Wagner -
der philistrose Intellekt bringt ja im Laboratorium den Homunkulus
hervor -:
Es wird! Die Masse regt sich klarer!
Die Uberzeugung wahrer, wahrer!
Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
Das wagen wir verstandig zu probieren,
Und was sie sonst organisieren Heft,
Das lassen wir kristallisieren.
Mit diesem Worte Uberzeugung haben die Kommentatoren das Merk-
wiirdigste anzufangen gesucht, weil sie nicht dahinterkommen konn-
ten, daft hier nicht Uberzeugung gesprochen wird, sondern daft Goethe
in dem Sinne, wie er vom Ubermenschen spricht, hier spricht von einer
Uberzeugung. Aber man hat ja den zweiten Teil des Faust in merk-
wiirdiger Weise so kommentiert, daft man die Schreibfehler kommen-
tiert hat. Wenn zum Beispiel Goethe diktierte und der Schreiber schrieb:
«Nur strebe nicht nach hoheren Orden» und so weiter - es ist wahr-
haftig hier nicht gemeint Orden, sondern der, dem Goethe diktiert hat,
hat geschrieben statt Orten «Orden». Diese Dinge, die wir da haben,
zeigen uns, daft fur Goethe, nachdem er sich Faust in seinem ganzen gei-
stigen Streben vor Augen gestellt hatte, jetzt besonders brennend wird
die Frage: Wie kann man bewuftt das Bewufttsein heriiberbringen? -
Das Bewufttsein, das zum Beispiel in Helena gelebt hat, die jetzt vor
seinen Geist hintrat. Das war die brennende Frage. Dabei muft ich
erwahnen - Sie miissen den Goethe des Jahres 1797 nehmen da ist in
der ganzen Goethe-Seele die groftte Veranderung vorgegangen, die uber-
haupt in ihr vorgegangen ist. In derselben Zeit, als die Faust-Gestalt in
ihm erzeugt die Notwendigkeit, sie nicht nur zu denken als hervor-
gegangen aus Vorgangen der inneren Seele, als er den « Prolog im Him-
mel» dichten muft, da anderten sich in seinem Inneren sozusagen alle
Dinge. Da trat auch die Notwendigkeit an ihn heran, immer bestimm-
tere Gestalt zu geben diesem bewufiten Heriiberkommen des Bewuftt-
seins aus der vierten in die funfte Periode. Daher audi das Bestreben,
die Frage irgendwie zu losen.
Ich habe ofter angedeutet, wie Goethe dichterisch die Reinkarnations-
frage zu losen sucht, indem er zeigt, dafi das Ewige der Helena in
der geistigen Welt der « Mutter » ruht. Aber der Mensch kann nicht ohne
weiteres eindringen in die geistige Welt, sonst tritt das ein, was Faust
paralysiert, als er das Bild der Helena anschaut. Der Geist mufi sich
umschliefien erst mit der Seele, dann mit dem natiirlichen Leibe. Mit
der Seele umschliefit sich Helena, als im Astralischen seelisches Mate-
rial in Homunkulus zur Verfugung gestellt wird. Im Homunkulus ha-
ben wir die Krafte des Astralleibes eines ins Dasein tretenden Menschen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tlichtighaften.
Alles ist ganz sachgemafi geschildert, und zuletzt das Umhullen mit
der aufieren Natur, wo wir darauf hingewiesen werden, wie das aufier-
lich Korperhafte aufgenommen wird. Da mufi er durch alle Natur-
elemente durchgehen, er fangt an bei der mineralischen Welt, geht durch
die Pflanzenwelt. Goethe findet da das wunderbare Wort: «Es grunelt
so», um anzudeuten, das, was aus der gninenden Pflanzenwelt in die
Menschennatur ubergehen kann. So geht es durch alles durch. «... bis
zum Menschen hast du Zeit.» Aber dann kannst du nicht weitergehen.
Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es vollig aus mit dir.
Das geht weiter, bis der Mensch durch das Mysterium der Liebe ins
Dasein tritt, was so wunderbar dargestellt ist, wie der Mensch durch
das Mysterium der Liebe, durch das Mysterium des Geschlechtsgegen-
satzes ins Dasein gerufen wird. Nachdem Goethe alles dargestellt hat,
was dem Mysterium vorangeht, lafk er die Sirenen das Wunder aus-
sprechen:
Welch feuriges Wunder verklart uns die Wellen,
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
So leuchtet's und schwanket und hellet hinan,
Die Korper, sie gliihen auf nachtlicher Bahn,
Und ringsum ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!
Und der Mensch tritt ins Dasein.
Heil den mildgewognen Liiften!
Heil geheimnisreichen Griiften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element' Ihr alle vier!
Und wir blattern um. Dritter Akt: die Helena ist da. Diese Dinge
diirfen nicht mit groben Handen angefafk werden, nicht einer aufieren
Interpretation anvertraut werden. Die Dinge lassen sich nur so schil-
dern, dafi man nachlaufl und nachschliipfl dem, was sich da ausdriickt,
indem man die Dinge in dem sich metamorphosierenden Wasser lost
wie bei Goethe. Aber darinnen ist das alles. In Goethe ist der Drang, das
bewufk heraufzubringen, was unbewufk im Menschen der vierten Kul-
turperiode gelebt hat, und was bewufk heraufkommen muft.
Und dann gebraucht Goethe noch das moralisch-religids-mystische
Element des Nordens, um nun zu zeigen, wie in der Tat das Berechtigte
herauskommen kann von dem, was sich unberechtigt in der «Hexen-
kuche» gezeigt hat. Das zeigt er so groftartig in der Schlufiszene, wo
Geisteswissenschaft und Mysterium so wunderbar zusammenspielen, wo
dann im « Chorus mysticus» so wunderbar zusammengedrangt ist alles,
was da in Goethe gelebt hat, indem dieser Chorus mysticus geradezu
auch als Symbolum der Geisteswissenschaft gebraucht werden kann, was
vorher schon ausgedriickt ist durch die gestreuten Rosen, und wenn dann
gesagt wird:
Alles Vergangliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulangliche
Hier wird's Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan
so ist da in wenigen Zeilen alles das ausgedriickt, was wir als geistes-
wissenschaftliche Wahrheit anerkennen.
DAS RINGEN FAUSTS NACH DEM
CHRISTDURCHTRANKTEN QUELL DES LEBENS
Dornach, 4. April 191$
nach der eurythmisch-dramatischen Darstellung der «Osternacht»
Unter den Osterdarbietungen, die eben vor unseren Sinnen voriiber-
gezogen sind, waren ja audi diejenigen, welche darstellen, wie eine Seele,
die nahe daran ist, durch ihren eigenen Entschluf? durchzugehen durch
die Todespforte, zuriickgeholt wird in die Welt des irdischen Lebens
durch die Osterbotschaft. Ich glaube, dafi unter den mancherlei Ein-
driicken, welche die Faust-Dichtung auf uns Menschen machen kann,
dieser Szene Eindruck einer der tiefsten sein mufi. Bringen Sie jetzt, ich
mochte sagen, nach der Verwandlung* der die Welt mit ihrer Entwicke-
lung bedeutenden Szenerie, bringen Sie das, was Sie als einen Ausblick
innerhalb der Faust-Dichtung in Ihre Seele aufgenommen haben, in
Zusammenhang mit dem, was gestern gewissermafien vor der Verwand-
lung von mir hier gesagt worden ist liber jene bedeutungsvolle reale
Vision, die der Menschenseele aufgehen kann, wenn sie hintritt vor das
Symbolum des im Grabe ruhenden Jesus Christus. Bedenken wir, dafi
wir gestern sagen durften, daft wachgerufen wird durch ein entspre-
chendes geistiges Anschauen oder geistiges Empfinden der Anblick des-
sen, was dem Menschenleben verbunden ist durch seine Erdenentwicke-
lung in bezug auf die luziferische, die ahrimanische Welt. Bedenken wir,
daft wir in der Faust-Dichtung vor uns haben eine Seele, welche sich uns
sogleich, da die Dichtung beginnt, ankiindigt als eine solche, welche auf-
genommen hat in sich ahrimanisches Wissen, ahrimanische Erkenntnisse.
Und schauen wir dann in diese Seele hinein, wie sie ringt aus ihrer Ver-
bindung mit der ahrimanischen Weisheit heraus nach dem - wir diirf en
von unserem Gesichtspunkte aus sagen - christdurchtrankten Quell des
Lebens: ein bedeutungsvoller Augenblick, der uns fiir eine Menschen-
seele vorgefuhrt wird. Fassen wir sie ins geistige Auge, diese Menschen-
seele! Da steht sie vor uns mit all dem Wissen, das sie in sich aufgenom-
* Bei den Worten «Christ ist erstanden» verwandelte sich die schwarze Farbe der
Szenerie in eine rote.
men hat durch die Beobachtung der aufteren materiellen Welt und ihrer
Zusammenhange, mit der Erkenntnis, die sie sich erobern konnte durch
die Instrumente, durch die der auflere Naturforscher einzudringen ver-
sucht in die Zusammenhange der Natur . . . Und wozu ist diese Seele
gekommen mit all dem Forschen, das sich knlipft an die verschiedenen
Instrumente und auch an die Phiole, in der die Safte enthalten sind, die
fur das irdische Leben «eilends trunken machen»? Wir fiihlen, wie schon
ahrimanisches Wesen an der Seite der Faust-Seele waltet, und wie dieses
ahrimanische Wesen verkniipft ist mit dem, was Erdentod ist. Ist es uns
nicht, wie wenn diese mit ahrimanischem Wesen angefullte Menschen-
seele das Ergebnis ihrer ahrimanischen Erkenntnisse zoge? Und dieses
Erkenntnisergebnis, das Ahriman auf Erden den Menschen geben kann,
das ist es, was sich zusammenfafit in die Worte:
Ich grufie dich, du einzige Phiole!
Die ich mit Andacht nun herunterhole,
In dir verehr' ich Menschenwitz und Kunst.
Du Inbegriff der holden Schlummersafte,
Du Auszug aller todlich f einen Krafte,
Erweise deinem Meister deine Gunst!
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.
Ins hohe Meer werd' ich hinausgewiesen,
Die Spiegelflut erglanzt zu meinen Fiiften,
Zu neuen Uf ern lockt ein neuer Tag.
Und schon hat diese Seele die Vision, daft sie zum andern Ufer
kommt, wo sie vielleicht dasjenige wird finden konnen, was sie glauben
mufi, durch ihre ahrimanische Verstrickung auf dieser Erde nicht finden
zu konnen. Schon hat sie die Vision des Hiniibergehens zu dem andern
Ufer:
Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,
An mich heran! Ich fiihle mich bereit,
Auf neuer Bahn den Ather zu durchdringen,
Zu neuen Spharen reiner Tatigkeit.
Dies hohe Leben, diese Gotterwonne!
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?
Ja, kehre nur der holden Erdensonne
Entschlossen deinen Riicken zu!
Vermesse dich, die Pforten aufzureiften,
Vor denen jeder gern voriiber schleicht.
Hier ist es Zeit, durch Taten zu beweisen,
Daft Manneswiirde nicht der Gotterhohe weicht,
Vor jener dunklen Hohle nicht zu beben,
In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt,
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
Um dessen engen Mund die ganze Holle flammt;
Zu diesem Schritt sich heiter zu entschlieften
Und, war' es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu flieften.
Und nachdem er nun audi noch das andere ahrimanische Instrument
ergreift, da ist er bereit, den Weg hiniiber zu nehmen in diejenigen Ge-
filde, von denen er in Ahrimans Schule gelernt hat, daft sie nimmermehr
erkennbar sind der Seele, solange sie im Erdenleibe eingeschlossen ist.
Und aus dieser Stimmung wird diese Seele herausgerissen durch den
Klang der Osterglocken und den Chor des Ostergesanges. Und wieder
hat die Faust-Seele das irdische Leben, um jetzt innerhalb des irdischen
Leibes das zu suchen, was diese Menschenseele als Ergebnis ihres Suchens
im irdischen Leibe hindurchtragen soli durch die Pforte des Todes,
damit sie es hinauftragen konne in die geistigen Gefilde, in denen sie
es braucht zu ihrer weiteren Entwickelung.
Dasjenige, was Sie heute gehort haben von dem ersten Teil von
Goethes «Faust», und manches, was zu diesem Teile, zu dieser Szene von
Goethes «Faust» gehort, erschien zuerst als abgeschlossener erster Teil
der Dichtung im Jahre 1808. Vorher aber schon war im Jahre 1790 von
Goethe erschienen «Faust, ein Fragment», dieses Fragment, das noch
nicht die letzte Gretchen-Szene hatte. Aber auch die Szene hatte dieses
Fragment nicht, die uns heute jene fiir Fausts Seele bedeutungsvollen
Ereignisse vor die eigene Seele gefuhrt hat. 1790 gab Goethe sein Frag-
ment noch ohne diese Osterszene und ohne den Monolog heraus, der
in die tiefsten Tiefen menschlich-seelischen Erlebens fiihrt. Und am
Ende des 19. Jahrhunderts ist dasjenige entdeckt worden, was Goethe
fertig hatte in den achtziger, sogar schon in den siebziger Jahren, in den
neunziger Jahren. Es ist dann veroffentlicht worden unter dem ge-
schmacklosen Titel «Urfaust». In diesem Urfaust haben wir nun eben-
falls nicht, man kann sagen selbstverstandlich nicht diese Osterszene.
Warum haben wir sie nicht? Ja, Goethe, der ein Kind seiner Zeit war,
muftte reif werden, urn in seiner Art, seiner Seele gemaft, die Wirkung
des Christus-Impulses auf Fausts Seele darstellen zu konnen; er mulke
erst dazu reif werden. Und Goethe war bis zum Jahre 1790 nicht dazu
reif. In die neunziger Jahre fallt jene Vertiefung Goethes in seiner Seele,
die ihren Abglanz gefunden hat in dem uns ja bekannten «Marchen von
der griinen Schlange und der schonen Lilie». Es fallt hinein in die Zeit
zwischen dem Zeitpunkt, in dem der «Faust» erschienen ist ohne die
Osterszene, und dem Zeitpunkt, in dem er erschienen ist mit der Oster-
szene. Eine unendliche Vertiefung erfuhr Goethes Seele durch das, was
sie ausgestaltete in dem «Marchen von der griinen Schlange und der
schonen Lilie». Und erst an diesem Erlebnis gewahrte Goethe, wie er
wirken Iassen diirfe die Osterauferlebens-Szene auf Fausts Seele.
Nun, sehen wir in diese Faust-Seele selber hinein, versuchen wir ein-
mal, uns zu versetzen in den Anfang von Goethes «Faust», der in den
verschiedenen aufeinanderfolgenden Veroffentlichungen so ziemlich
gleich ist. Wir wissen, er heiftt:
Habe nun, ach! Philosophic,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heiftem Bemiihn.
Da steh' ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heifte Magister, heifte Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr,
Herauf, herab und quer und krumm,
Meine Schuler an der Nase herum -
Und sehe, daft wir nichts wissen konnen!
Zehn Jahre also ist er Dozent. Nehmen wir an, er ware regelmaftig
in die Dozentenlaufbahn hineingekommen, dann konnten wir etwa
denken, so gegen die Dreiftiger jahre hin ware er Dozent geworden, so
hat er also gewissermafien seit dem dreiftigsten Jahre seines Lebens seine
Schiiler an der Nase herumgefuhrt! Erinnem wir uns, was ich gestern
sagte. In den Dreiftigerjahren wird der Mensch stehen vor dem Bilde
des Jupiterdaseins, wenn sich ihm vor Augen stellen wird jene Verfuh-
rung, von der ich gestern gesprochen habe. Und eine Vision, eine pro-
phetische Vision jener Verfiihrung, hat man vor sich, wenn man vor
dem im Grabe liegenden Christus Jesus steht. Haben wir nicht in
Faust ausgestaltend dramatisch jene Vision? Steht er nicht formlich vor
uns vor dem Ostergeheimnis, und steht er nicht gerade, man kann sagen,
am Ende der Dreiftiger jahre vor uns vor dem Ostergeheimnis? Diirfen
wir nicht annehmen, daft in seinen Empfindungen rumort, was der
Mensch aus dem Ostergeheimnis empfinden muft wie eine Vorahnung
des Jupitererlebnisses mit Luzifer und Ahriman? Zu Goethes Zeiten
konnte man das nicht so darstellen, wie man es jetzt darstellen kann,
aber Goethe konnte darstellen die im Herzen rumorende Empfindung
gegeniiber dem Ostergeheimnis, und die rumorte in Fausts Seele. Und ist
es nicht, als wenn Faust fuhlte, da wo Mephisto- Ahriman an ihn heran-
tritt, wie verf alien seine Seele ist den ahrimanischen Machten? Wie er
sich zu retten hat vor irgend etwas? Ja, vor was denn? Vor was hat er
sich zu retten? Konnen wir nicht sagen, daft Goethe etwas da von
empfunden hat, als er die eigene Faust-Stimmung seiner Jugend wie-
derum auf sich wirken lieft als reifer Mensch, als reife Seele etwas
empfunden hat, so wie er es in seiner Zeit empfinden konnte, von der
Osterstimmung, die wir uns in diesen Tagen vor die Seele malten,
und daft daraus das Bediirfnis entstanden ist, die Osterszene einzu-
fiigen in den «Faust», der friiher nicht diese Osterszene gehabt hat?
Ins Christliche umgedichtet ist der «Faust» mit der Einfugung der
Osterszene zwischen den Jahren 1790 und 1800.
Welche Jahre hatte denn also Faust zu durchleben? Vor welchen
Lebensjahren schauderte er so zuriick, daft er selbst zur Phiole greifen
wollte? Nun, vor dem zweiten, absteigenden Teil des Lebens, jenem
Teil des Lebens, von dem wir gesagt haben, wie der Mensch, indem
er vor die Vision des Jupiterdaseins tritt, weift, dafi er spater auf den
Jupiter tragen mufi dasjenige, was ihm der Christus als Wegzehrung
geben kann, weil er sonst der Nahrung ermangeln miifke in der zwei-
ten Lebenshalfte. Was sucht denn Faust? Er sucht Nahrung der Seele
fur die zweite Lebenshalfte. Wir suchen sie im Grunde genommen alle
seit der Zeit, da das Mysterium von Golgatha iiber die Entwickelung
unserer Erde hinweggegangen ist. Wir suchen sie im Grunde alle. Denn
dasjenige, was auf dem Jupiter physisch-psychische Gestalt annehmen
wird, das lebt jetzt schon in unseren Seelentiefen, und etwas von dieser
Faust-Stimmung mussen wir alle empflnden. Wir brauchen eine Kraft,
die wir nicht haben konnen durch dasjenige, was uns als Mensch nur
die Freiheit gibt und uns demgema£ zu Ahriman und Luzifer fiihrt,
wir brauchen eine Kraft fur diejenigen Impulse in uns, die zusammen-
hangen mit der absteigenden Lebenshalfte. Die Christus-Kraft ist es,
die Christus-Kraft, die der Christus hat, nachdem er durch die Todes-
pforte gegangen ist und in einem irdischen Leibe nicht durchlebt hat
des Menschen zweite Lebenshalfte. Warum durchlebte er sie nicht?
Weil diese Kraft, die dem Menschen gespendet werden mufi in der
zweiten Lebenshalfte, in die Erdenaura ausfliefSen mufke, damit sie
alle Menschen durch die Erdenentwickelung in sich finden konnen. Es
aufersteht durch das Ostermysterium dasjenige, was wir brauchen, da-
mit wir mit unserer Seele unser ganzes Leben auf der Erde durch-
pilgern konnen. Und denken Sie sich jetzt diesen tiefen Zusammen-
hang in Goethes «Faust». Faust hat in sich auf genommen - Goethe
wuftte, wie man dieses aufnimmt, denn er hat es ohne das Oster-
geheimnis hingestellt, als er ohne das Ostergeheimnis sein Fragment
herausgab -, Faust hat in sich aufgenommen, was der Mensch durch die
Verbindung mit Luzifer und Ahriman aufnehmen kann, was uns die
Moglichkeit der freien Seele gibt. Aber er, der die Seelentiefen durch-
miftt, ist sich klar, mit dem kann er nun nicht weiterleben, er braucht,
um weiterzuleben, etwas anderes. Und Goethe wurde reif dazu, zu
zeigen, wie es der Impuls des Ostergeheimnisses ist, was Faust braucht.
Stent nicht das Ostergeheimnis tiefsinnig vor uns in dem, was Goethe
erst als ganz reifer Mann aus seinem «Faust» gemacht hat, was er 1790
noch nicht drinnen haben konnte, weil er es noch nicht verstand?
Wie ist in dem jungen Goethe die dichterische Idee zu diesem Ge-
dicht, von dem Sie sehen, daft es uns in solche Tiefen fiihrt, entstanden?
Wir wissen, daft der junge Goethe einen starken Eindruck bekommen
hat sowohl von dem Puppenspiel des Faust, als er es gesehen hat, wo
man einfach das Schicksal des Faust durch Puppen dargestellt findet,
wie auch aus dem Volksschauspiel von dem «Doktor Faust». Dieses
durchaus Volksmaftige trat vor Goethes Seele. Was ist denn nur dieser
Faust? Und Goethes Seele war sogleich klar: Dieser Faust mufi sein der
strebende Mensch iiberhaupt, der durch sein Streben in alle Untergriinde
des menschlichen Seelenlebens hinuntertauchen kann und den Weg finden
muE hinauf in die lichten Hohen des Geistes. Daft ein innerer Weg von
einer Menschenseele durchlaufen werden musse, das wuftte der junge
Goethe. Denn was ist es im Grunde genommen anderes als eine Medi-
tation, was Faust in seiner Seele sengend durchlebt bei dem Anblick
der verschiedenen Zeichen? Eine Meditation ist es, die ihn zuletzt zu
der Vision des die Erde durchflutenden und durchwallenden Erdgeistes
fiihrt. Die Meditation erhalt als Antwort die Worte:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gluhend Leben,
So schaff * ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Meditation und Gegenmeditation! Hinein fiihrt es ihn in die Tiefen
des Lebens, den Faust, aber wie hinaus? Wie hinauf in die geistigen
Hohen?
Nachdem wir uns also vor die Seele gestellt haben, welch grandiose
Idee von dem strebenden Faust in Goethes Seele am Puppenspiel und
am Volksschauspiel entstanden ist, und welche Gestalt diese grandiose
Idee angenommen hat durch das Eindringen der Goethe-Seele in das
Ostergeheimnis, fragen wir uns jetzt ein.mal: Was hat nun Goethe zeit
seines Lebens aus dem «Faust» gemacht? - Nachdem wir uns das Gran-
diose desjenigen klargemacht haben, was in Goethes Seelenkrafl gelegen
hat durch den Eindruck des Faust-Impulses, diirfen wir uns wohl auch
fragen: Was ist denn nun geworden klinstlerisch-dichterisch aus diesen
Eindrucken? - Nun, schon eines, was ich eben sagte, kann uns zu unse-
rem Hange, diesen «Faust» auch asthetisch-kiinstlerisch zu begreifen,
behilflich sein. Goethe hat ein Fragment, das ungefahr mit der Dom-
szene abschliefk, 1790 veroffentlicht. Das, was uns heute den «Faust»
so grandios erscheinen lafk, ist nicht darinnen. Er hat es spater hinzu-
gedichtet, hat es hineingelegt, als er in Rom war. 1787 hat er das, was
wir heute als «Hexenkiiche» kennen, hineingelegt. Andere Szenen hat
er zu andern Zeiten hineingelegt in das Manuskript, das urspriinglich
geschrieben und abgeschrieben war und das in der Zeit, in der die spate-
ren Szenen hinzukamen, von ihm selbst als ein «vergilbtes Manuskript»
bezeichnet wird. Und als Schiller Goethe aufforderte um die Wende des
18. zum 19. Jahrhundert, etwas zu tun, um den «Faust» abzurunden, da
sagte Goethe, es wiirde ihm schwierig werden, das alte Ungeheuer «Faust»
wiederum vorzunehmen und das, was so lange liegengeblieben ist, nun
in entsprechender Weise zu erganzen. Goethe hatte Angst, in diesen
seinen «Faust» hineinzulegen das, wozu er spater reif geworden war, in
all dasjenige, was er war und was erschienen ist bis zum Jahre 1790.
Und schauen wir uns nun den ersten Teil dieses «Faust» an. Ist er
denn nicht ein Werk, dem wir es genau ansehen, daft es zusammenge-
flickt ist aus dem, was zu verschiedenen Zeiten entstanden ist? Wiirden
die Menschen nicht an traditionellen Urteilen hangen, so wiirden sie in
dem «Faust» die grandioseste dichterische Idee, die jemals mit Bezug auf
das einzelne Menschliche in die Welt gekommen ist, sehen. Und zu
gleicher Zeit mufiten sie sich gestehen, daft mit Bezug auf das Kiinst-
lerisch-Dichterische dieser « Faust » das uneinheitlichste, daft er ein durch-
aus unharmonisches Werk ist, in das man noch mancherlei hineinlegen
konnte, was nicht darinnen liegt, das iiberall Risse und Spriinge hat, das
kiinstlerisch durchaus nicht vollendet ist. Das grofte Genie Goethes
konnte nur fragmentarisch immer vollenden, was vor seiner Seele stand.
Und so sehr wir die grandiose Schonheit einzelner Szenen bewundern
miissen, so wenig konnen wir, wenn wir uns nicht bloft an das traditio-
nelle Urteil anhangen, das Literaturhistoriker gefallt haben, sondern
wenn wir unbefangen sind, uns verhehlen, daft der «Faust», wie er ist,
kein in sich harmonisches Kunstwerk ist, daft er an vielen Stellen geleimt
ist, aber Risse und Spriinge iiberall zeigt. Warum denn dies? Goethe
hat dann noch einmal im hochsten Alter unternommen, wiederum zu
vollenden den zweiten Teil seines «Faust», wofiir auch schon einzelne
Szenen da waren, an die er wiederum angefugt hat dasjenige, was er im
hochsten Alter hinzufugen konnte. Zum Beispiel: der Anfang der klas-
sisch-romantischen Phantasmagoric, des Helena-Zwischenspiels, war
schon um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert vollendet, und manche
Partien waren fruher vollendet. Und wiederum haben wir durchaus
Veranlassung, nicht zu sagen, wie manche Literaturhistoriker sagen, daft
man den zweiten Teil des «Faust» nicht verstehen konnte, oder, wie
ein keineswegs bidder, sondern sehr gescheiter Mann gesagt hat, daft der
«Faust» «ein zusammengeschustertes, geflicktes Machwerk des Alters»
sei. Das ist er nicht! Anderseits ist er ein Werk, dessen Aufgabe so groft
war, daft selbst die reiche Lebenserfahrung Goethes in seiner Zeit nicht
hinreichte, um es durchzugestalten. Man darf schon auch gegenuber dem
Groft ten in der Welt sein eigenes Urteil haben. Warum aber ist das also?
Nun, ich habe es schon einmal gelegentlich eines Vortragszyklus, der in
Den Haag gehalten worden ist, angedeutet, daft dieser Faust keineswegs,
ich mochte sagen, welthistorisch so aufterordentlich jung ist. Der Faust,
wie er lebte in dem Volksschauspiel, das Goethe gesehen hat, und wie
er lebte im Puppenspiel, stellt den in die Tiefen des geistigen Lebens
hinuntersteigenden Menschen dar, und er stellt den sich zu den lichten
Hohen erheben wollenden Menschen dar; er stellt ihn so dar, daft der
neueren Zeiten groftter Dichter das Ostergeheimnis fur seiner Seele Be-
freiung brauchte. Wie er im Volksschauspiel dasteht, ist er zusammen-
geflossen zunachst aus der aufteren physischen Realitat, aus jenem
Dr. Georg Faust, der in der zweiten Halfte des Mittelalters gelebt hat
und wie ein Landstreicher herumgezogen ist; von dem uns berichten
sowohl Trithem von Sponheim wie andere bedeutende Manner, die ihm
begegnet sind, und die sogar eine gewisse Achtung vor ihm gehabt
haben, die Achtung, die man entgegenbringt einer merkwiirdigen Per-
sonlichkeit, welche durch die Art, wie sie sich seelisch ausdriickt, gar
mancherlei weift und gar mancherlei vermag. Und nicht umsonst wurde
ja dieser reale Doktor Faust so genannt, wie ich es einmal hier angefiihrt
habe:
Magister Georgius Sabellicus Faustus Junior, fons necromanticorum,
Magus Secundus, Chiromanticus Aeromanticus, Pyromanticus, in
hydra arte secundus.
So nannte er sich selbst. Nun war es allerdings im Gebrauch dazumal,
so viele Titel von sich herumzutragen, und man konnte von Giordano
Bruno und manchen andern bedeutenden Geistern des Mittelalters auch
eine lange Liste ganz ahnlich klingender Titel sagen. Wenn es vielleicht
heute von den ganz gescheiten Menschen als absonderlich empfunden
wird, daft Trithem von Sponheim und andere Menschen, die um die
Existenz dieses realen Faust gewuftt haben, so dachten, daft er mit
damonischen Welt- und Erdenmachten in Verbindung stehe und durch
sie mancherlei vermoge, so miissen wir eben bedenken, daft ja zu Luthers
Zeiten zum Beispiel das gar nichts besonderes war, wenn man solches
erzahlte. Wir wissen, wie Luther selbst mit dem Teufel gerungen hat.
Wir wissen, daft alles das gang und gabe, Anschauungen und Erzahlun-
gen jener Zeit waren. Aber ein Gefiihl lebte in alledem, was beitrug
dazu, den Faust auszugestalten im Volksbewufttsein. Es lebte das Ge-
fiihl - ich sage das Gefiihl und nicht der Begriff, nicht die Idee -,
die Naturwissenschaft kommt herauf, die Naturwissenschaft, die den
ahrimanischen Teil der realen Wirklichkeit vor die Menschenseele
bringt. Und dadurch entstand das Gefiihl: Faust ist eine Personlichkeit
und war eigentlich immer eine solche Personlichkeit, welche etwas mit
diesen ahrimanischen Machten zu tun hat. Gleichsam die geheimen gei-
stigen Verbindungsfaden erblickte man, die von der Seele des Faust zu
den ahrimanischen Machten hingingen. Und das Geschick des Faust fand
man gekniipft an dieses Hinneigen zu den ahrimanischen Machten. Daft
Ahrimanisches und Luziferisches mit der ganzen Entwickelung der
Menschenseele zu tun hat, von dem fiihlte und empfand man noch etwas
aus den Resten des alten Hellsehens und der alten hellsichtigen Erkennt-
nis. Und so verknupfte sich die Faust-Figur mit diesem Erfiihlen von
des Menschen Zusammenhang mit den luziferischen und ahrimanischen
Machten. Aber es war zugleich die Zeit, in der dieses fiihlende Erkennen
bereits in die Dammerung herunterstieg, in der das alles schon unklar
wurde. Und so entstand dann, man mochte sagen, das Gefiihl, da kann
man den strebenden Menschen mit all seinen Versuchungen und Gefah-
ren fiir seine Seele darstellen in der Figur des Faust. Aber wie das zu-
sammenhangt, was da der Mensch erstrebt, mit Luzifer und Ahriman,
das wuftte man nicht mehr genau. Das war schon verschwommen ge-
worden, und daraus ging dann jene ungeheuerliche Verschwommenheit
hervor, von der man einen Eindruck hat, wenn man das mittelalterliche
Faust-Buch in die Hand nimmt, worin all dasjenige, was die Volksfigur
durchlebt haben soli, geschildert wird, wo wie Kraut und Ruben durch-
einandex- geworfen werden zu einem grotesken Ragout von alien mog-
lichen Abenteuern, die des Menschen Seele durchlebt in ihrem Streben,
alle moglichen damonischen und Elementargeister und Ahriman und
Luzifer. Nachdem man diese nicht mehr in ihrer vollen Gestalt gesehen
hat, nachdem man sie zertriimmert und zu einem Ragout zusammen-
gemahlen hat mit alien moglichen Elementargeistern der Natur, stellte
man nun in diesem Volksbuch, in dieses Ragout die Figur des Doktor
Faust hinein. Goethes genialem Tiefblick war es eben einzig und allein
angemessen, in dem schauerlichen Ragout die gewaltige Grundidee zu
ahnen und sie so weit hinaufzufiihren, daft sie an das Ostermysterium
herankam. Aber es ist im Grunde recht interessant, zu beobachten, wie,
ich mochte sagen, Luzifer und Ahriman nach und nach zu solchen Ra-
goutteilen zerstiickelt worden sind.
Wenn wir zuriickgehen und die Figur des Faust in alten Zeiten
suchen, so konnen wir in Buchern suchen, die damals als Volksbiicher
entstanden sind, und die in all derjenigen Handen waren, die sich
damals mit Angelegenheiten befajRt haben, die sich auf solche Dinge
beziehen. Augustinus' Werke waren sehr verbreitet, als dieses Buch zu-
sammengeschrieben, zusammengeschustert, zusammengeleimt worden
ist. Man hat das Gefiihl von einem Buchhandler, der ein moglichst dkkes
Buch machen wollte, und nicht, als ob es von einem Literaten oder gar
einem Schriftsteller ware. Aber seinen Augustinus raul5 er gekannt ha-
ben, namentlich die Lebensbeschreibung des Augustinus. Und Augusti-
nus tritt uns ja in seiner ganzen Entwickelung so merkwurdig entgegen.
Wie er zunachst nicht verstehen kann, was das Christentum in seinem
Wesen ist, wie er sich nach und nach durch die inneren Widerstande, die
er in der Entwickelung seiner Seele dem Christentum entgegenbringen
mufi, hindurchwindet, zuerst zu dem, was ihm nun an Kunde werden
kann von der Manichaerlehre. Und von einem groften, bedeutenden
Manne innerhalb der Manichaersekte erhalt Augustinus Kunde, von
dem Manichaerbischof Faustus. Und wir spiiren fast, wer nun jener
Faustus senior ist, dem gegeniiber der Faust, den ich vorhin genannt
habe, sich Faustus junior nennt. Derjenige ist es, dem Augustinus in
alten Zeiten einmal entgegengetreten ist, derjenige, der etwas von der
Manichaerlehre vertrat als Faustus, als Bischof der Manichaer.
Aber was vertrat er von der Manichaerlehre? Dasjenige, was an-
gefressen ist von Ahriman, dasjenige, wodurch man nicht mehr einsehen
kann, wie der Mensch mit seiner Seele zusammenhangt mit dem ganzen
Kosmos, mit alien kosmischen, alien Sternenimpulsen. Man kann sagen:
Auch schon im Manichaerbischof Faustus ist zerrissen das Erkenntnis-
band, das hinauffuhrt zu den kosmischen. Einsichten, die zeigen, wie die
Menschenseele aus dem Kosmos herausgeboren ist, und die man kennen
mufi, wenn man in Wahrheit das Ostergeheimnis verstehen will. - So
konnte in dem, der das Volksbuch vom Doktor Faust zusammenschrieb,
gerade aus der Gestalt, die uns Augustinus schildert als den Manichaer-
bischof Faustus, - es konnte in diesem Zusammenschreiber und Zusam-
menleimer durch diese Gestalt der dem Ahriman verfallene Faustus
auftauchen. Aber da alles verschwommen geworden war, so verstand
er nicht, dafi das gegen Ahriman hin ging. Die Fetzen von ahrimani-
scher Gefahr sehen wir daher durchschimmern durch die Erzahlungen
des Volksschauspiels, aber nichts Klares sehen wir durchschimmern.
Doch konnen wir ein deutliches Gefiihl erhalten, daft in Faustus der
Reprasentant des strebenden Menschen hingestellt werden soil so, daft
ihm von ahrimanischer Seite her Gefahr droht. Und vieles war in die
Faust-Figur, wie sie sich herausgebildet hat bis zu Goethe, hineingefiigt
von jenem Manichaerbischof Faustus, dem Faust senior. Manche Ka-
pitel des Volksbuches erscheinen geradezu, wie wenn sie abgeschrieben
waren, aber schlecht abgeschrieben nur aus dem Buche, in dem Augusti-
nus schildert seine eigene Entwickelung und sein Zusammentreffen mit
dem Bischof Faustus. So sehr konnen wir beweisen, dafi dasjenige, was
als ahrimanischer Zug der Faust-Figur anhaftet, nach dieser Seite hin-
weist, daft also, als das Volksbuch niedergeschrieben worden ist, nur
noch der letzte dunkle Drang da war, die ahrimanischen Elemente der
Menschennatur gerade an der Faust-Figur darzustellen.
Und nun gar, wie ist es denn mit dem luziferischen Element? Wie
sind denn die luziferischen Elemente zerhackt worden in jene Ragout-
teile, die dann hineingekocht worden sind in das Ragout aus Elemen-
targeistern und aus Stiicken von Luzifer und von Ahriman, wie ich eben
gesagt habe? Ja, wir miissen schon suchen, wenn wir nun des Faust Ver-
bindung mit Luzifer audi suchen wollen. Auch da konnen wir histo-
risch suchen, da brauchen wir nicht einmal gar so furchtbar weit zu
gehen, wir brauchen nur nach Basel zu gehen, und wir konnen Anhalts-
punkte in Basel finden, wie Luzifer zu einem Ragout zerhackt worden
ist. Es wird uns namlich erzahlt, wie gerade in Basel Erasmus von
Rotterdam zusammengekommen sei mit Faust, wie sie dort im Kolle-
gium eine Mahlzeit halten wollten, aber nicht die rechte Speise dazu fan-
den. Und da es dem Erasmus gebrach an etwas, was ihm nun schmecken
sollte, so sagte er das dem Faust, der bei ihm saft und mit ihm essen
wollte, aber sie hatten nichts Rechtes. Da erzahlt uns die Faust-Sage,
daft Faustus nun imstande gewesen sei, irgendwo her - man weift nicht
woher - ganz fremde, in Basel sonst nicht auf dem Markte zu habende
Vogel plotzlich gekocht, gebraten auf den Tisch hinzubringen. Also wir
sehen eine Szene zwlschen Erasmus von Rotterdam und Faust, in der
Faust imstande ist, solche Vogel, wie man sie in Basel dazumal nicht kau-
fen konnte, weit herum in der Umgebung auch nicht, dem Erasmus vor-
zusetzen. Was ist denn das nun eigentlich? Als solches ist es in der Sage
gar nicht verstandlich, man kann sagen, ganz und gar unverstandlich,
aber es wird uns die Sache verstandlicher, wenn wir nachgehen und zu-
sammenbringen dasjenige, was wir aus den Schriften des Erasmus von
Rotterdam gewinnen konnen, der uns selbst erzahlt, daft er in Paris die
Bekanntschaft gemacht hat von einem gewissen Faustus Andrelinus.
Dieser Faustus Andrelinus war ein aufterordentlich gelehrter Mann,
aber auch ein aufterordentlich sinnlicher Mann. Erasmus wurde zunachst
so bekannt mit diesem Faustus, daft er noch keinen rechten Geschmack
hatte an den sinnlichen Seiten dieses Faustus. Aber wiederum horen
wir da von einer Mahlzeit, welche die zwei miteinander aufgegessen
haben sollen. Nun, allerdings, zwei gelehrte Herren der damaligen Zeit,
wie Erasmus von Rotterdam und Faustus Andrelinus - wir diirfen
ihnen nicht zumuten, daft der eine dem andern solche Vogel vorsetzt
und auf solche Art gar, wie der Faustus von Basel sie dem Erasmus vor-
gesetzt haben soli. Es wird also wahrscheinlich dasjenige, was uns da
iiberliefert worden ist, nur eine Art von, ich mochte sagen, scherzhafter
Rede sein, welche die beiden bei der Mahlzeit ausgetauscht haben. Aber
wir kommen doch ein wenig hinter diese scherzhaften Reden, wenn wir
innerhalb dieser Reden auch vernehmen, daft der Faust - diesmal ist es
wohl der Faust - sich auch nicht recht gaumenbefriedigt erklarte mit
dem, was ihm da vorgesetzt wird, und anderes verlangte. Faust mochte
nun essen, um sich besonders zu letzen, fremde Vogel und Kaninchen;
ja, fremde Vogel und Kaninchen. Erasmus hat zunachst die Idee, daft
das etwas bedeuten miisse. Er benimmt sich also genauso wie manche
Theosophen, die nachdenken, was die Dinge bedeuten. Nun, da sagt der
andere, gut, er will verzichten auf die Kaninchen. - Erasmus meinte
namlich: Konnte das nicht bedeuten Fliegen und Ameisen? - Auf die
Kaninchen will er verzichten. Aber die Vogel sind wirklich Fliegen, und
mit Fliegen wolle er sich einmal besonders letzen. - Jetzt sind wir sehr
weit. Jetzt haben sich die Vogel durch astralische Verwandlung in Flie-
gen verwandelt. Und bei Goethe haben wir in der Gestalt des Mephisto
den Gott der Fliegen. Es braucht nur der Geist da zu sein, der diesen
Wesen gebietet, und er konnte diese Wesen hinzaubern. Und so haben
wir die Verbindungsbrucke geschlagen von der unverstandlichen Basler
Legende und den sonderbaren Vogeln zu den Fliegen, die einfach vom
Teufel herkommen. Und daft der Teufel Fliegen vorsetzt dem, den er zu
Tische ladt, dariiber brauchen wir uns nicht zu verwundern. Welcher
Art aber jenes Faustus Andrelinus Seelenwesen ist, welcher Seelenart
gerade dieser ist, ja, das wird uns klar, wenn wir den Erasmus nun ein
Sttickchen weiter seines Weges verfolgen in Paris. In Paris war Erasmus
noch nicht so recht geneigt, einzugehen auf dieses Faustus Andrelinus
Eigenart. Aber dann muft er eine Reise machen nach London. Da
schreibt er denn, daft er jetzt gelernt habe - wahrhaftig, Erasmus, den-
ken Sie! -, sich im Salon zu bewegen, wahrend er friiher Manieren
gehabt hatte wie ein grober Bauer, - daft er nun gelernt habe, Verbeu-
gungen zu machen und sogar sich auf dem Hofparkett zu bewegen ver-
stiinde! Und - ja, Erasmus schreibt es - daft er in einer Atmosphare lebe,
wo man, wenn man kommt und geht, durcheinander sich immer kiiftt.
Man erkennt daraus, daft er den Geschmack seines Pariser Freundes
treffen will. Er schreibt: Komme doch heriiber. Und wenn die Gicht zu
stark dich abhalt, so komme auf dem Geisteswagen durch die Liifte
heriibergeflogen. Das ist fur dich ein Element! - Man sieht, da haben
wir die Verbindung des Faustus mit der luziferischen Art der Seelen-
tendenz.
Bei Goethe tritt uns dann das entgegen, wie Faust seine Verfiihrungen
macht, indem er Gretchen verfuhrt und so weiter. Der Luzifer ist
wirklich so abgefallen aus der Umgebung der Faust-Figur, daft man
schon solche literarische Untersuchungen machen mufi, wenn wir an dem
Pariser Faust die Verbindung des Faust mit Luzifer konstatieren wol-
len. Aber wir sehen formlich den Faust dastehen, Luzifer und Ahriman
- wenn auch undeutlich durch die verworrene Zeit - an seiner Seite, im
Volksbuch alles zu einem Ragout zusammengekocht. Brauchen wir uns
dariiber zu verwundern, daft wir in dem Volksspiel und Volksschau-
spiel, sogar auch in dem Marloweschen Faust etwas haben, was ein
Uberrest ist uralter Anschauungen, die noch wurzeln in jenen Zeiten, in
denen man aus atavistischem Hellsehen heraus des Menschen Zusam-
menhang mit Ahriman und Luzifer erkannte? Aber all das ist ver-
schwommen geworden, und in dem literarischen Produkt, von dem wir
gesprochen haben, durchaus verschwommen hingestellt. Goethe emp-
fand den tiefen Zusammenhang. Aber was konnte Goethe nun nicht?
Luzifer und Ahriman voneinander sondern, das konnte er nicht. Sie
verschmolzen ihm noch zu der Zwittergestalt des Mephisto, bei dem
man nicht recht weift, ist es nun der Teufel, der Ahriman, der wirkliche
Mephisto? Denn er hat auch das, was Luzifer ist, auf sich geladen.
Goethe empfangt gleichsam das Ragout, er spurt, daft da Ahriman und
Luzifer waken, aber er kann es noch nicht auseinanderklauben, er ver-
schlingt sie zu der okkultistisch unmoglichen Gestalt des Mephisto, der
eine Zwittergeburt ist aus Ahriman und Luzifer. Man mochte die Zeit
nennen, in die Goethe geblickt hat, indem er das Faust-Buch kennen-
lernte: das letzte Nachdunkeln eines alten Wissens iiber diese Sache, die
verglimmende Abenddammerung des alten Wissens von Ahriman und
Luzifer. Und Goethes «Faust» ist die erste Morgendammerung des noch
nicht aufgestiegenen Wissens von Ahriman und Luzifer, dunkel und
verworren in der Gestalt des Mephisto noch Ahriman und Luzifer
durcheinander. Aber schon mit dem Bediirfnis, darzustellen, was die
Menschenseele haben kann, indem sie auf sich wirken lafk dasjenige,
was in die Erdenaura eingeflossen ist dadurch, dafi das Christus-Wesen
durch das Mysterium von Golgatha hindurchgegangen ist!
Das Ostergeheimnis erscheint uns selber wie der Auf gang einer neuen
Zeit des geistigen Lebens der Menschheit in dem «Faust» Goethes, der
trotz seiner grandiosen Art noch immer etwas Verworrenes hat, etwas
von nur dunkler, nebelhafter Morgendammerung hat. Er erscheint uns
wie etwas innerhalb dieser dunklen Morgendammerung, was wir er-
blicken konnen, wenn wir hinaufsteigen auf einen Berg und die Sonne
fruher aufgehen sehen, als wir sie sehen konnten, bevor wir auf dem
Berge standen. Wie einer der groftten Menschen durch das Streben nach
Erneuerung alter Erkenntnis seine Seele hinwendet zum Ostergeheim-
nis, fiihlen wir, indem wir Goethes «Faust» auf uns wirken lassen. Und
lassen wir ihn im rechten Sinne auf uns wirken, dann fiihlen wir, was
in eines grolken Menschen Herzen vor sich gehen kann, wenn dieses
Menschen Herz vom Ostergeheimnis beriihrt wurde, wie das Goethe
selber zugleich fiihlte, wie auch in dieser Vorempfindung Goethes gegen-
iiber dem Ostergeheimnis etwas liegt wie ein Hinweis darauf : Ja, nach
der Morgenrote, in welche die ersten dunkel-hellen Strahlen des Oster-
geheimnisses hineinscheinen, wird kommen die Sonne einer neuen gei-
stigen Erkenntnis. Des Menschen Seele wird auferstehen aus dem Grabe
der verdunkelten Erkenntnis, in das auch sie hinuntersteigen mu$. Die
Menschenseele selbst wird erleben im Laufe ihrer Entwickelung das
Ostergeheimnis, die Auferstehung desjenigen, was der Christus-Impuls
in ihren tiefen, grabartigen Untergriinden ist, wenn sie sich verbindet
mit der Kraft, die ausgeht durch die Anschauung des Christus-Oster-
geheimnisses.
So, mochte man sagen, empfinden wir Goethes Ruf und mochten
ihn, nachdem wir die Tragik des Ostergeheimnisses auf uns haben
wirken lassen, umwandeln in den Ruf: Es moge auferstehen die der
Zukunft angemessene geistige Erkenntnis in der Menschen Herzen, in
der Menschen Seelen! Es mogen der Menschen Herzen und der Menschen
Seelen nach der Empfmdung der tiefsten Tragik heilig jubelnd in ihrem
Inneren des Ostermysteriums Tiefe empfinden und erleben die Auf-
erstehung in sich durch den Christus!
Mogen Sie auch heute an diesem Tage durch die Worte, die ich mir
erlaubte, zu Ihnen zu sprechen, etwas von der Empfindung in Ihre Seele
aufnehmen, dafi Sie deshalb hier vereinigt sind um unseren dem gei-
stigen Forschen gewidmeten Bau, damit Sie durch die Kraft Ihrer Seelen
in die Zukunft etwas hineintragen von jenem Auferstehungsimpulse,
der uns so grofi anschaulich wird am Ostermysterium, und von dem wir
sehen konnten, wie die grofken Geister derjenigen Zeit, die nun abge-
laufen ist, nach ihm hindrangten.
Empfinden Sie im «Faust» etwas von dem, was der Zauberklang der
Osterglocken im Geiste in Ihren Seelen erklingen lassen kann.
DAS EINDRINGEN FAUSTS IN DIE GEISTIGE WELT
Dornach, u. April 1915,
nach einer eurythmisch-dramatischen Darstellung
Wir haben heute vorausgehen lassen der Osterszene im «Faust» die
Szene, in welcher dem Faust der Erdgeist erscheint. Wir konnten heute
vor acht Tagen so manchen Gedanken an den «Faust» ankniipfen, wel-
cher demjenigen bedeutungsvoll sein kann, der sich geisteswissenschaft-
lich den Gesetzen der Welt, dem Leben der Welt nahern will. Es ist
wirklich nicht, urn Ihnen Erklarungen zu geben zu Goethe s «Faust»,
daft das letzte Mai, am Ostersonntag, und dieses Mai hier angekniipft
wird von mir audi an diese dichterische Schopfung Goethes, es ist aus
dem Grunde, weil an den kunstlerischen Bildern, die uns im «Faust»
entgegentreten, die Menschenseele wirklich etwas von dem wahrnehmen
kann, was man Entwickelung dieser Seele nennen mufi in die geistigen
Welten hinein, was man Sich-Einleben nennen kann in die geistigen
Wei ten. Insofern wir gewissermaften in den «Faust» uns vertiefen kon-
nen in geisteswissenschafllicher Hinsicht, diirfen wir schon an diese dich-
terische Schopfung die eine oder andere Betrachtung ankniipfen. Es ist
ja im Grunde Goethes «Faust» der Ausdruck des Hineinstrebens in die
geistige Welt bei Goethe, also der Ausdruck dafiir, wie an einem wich-
tigen Wendepunkt der neueren Geschichte ein so tiefer Geist wie Goethe
hineinzukommen versuchte in die Welt, die wir durch unsere geistes-
wissenschaftliche Vertiefung suchen.
Wir haben uns das letzte Mai davon iiberzeugen konnen, daft Goethe
in einer Zeit lebte, in der es wirklich noch nicht moglich war, in klarer,
ich mochte sagen, eindeutiger Weise den Weg zu finden in die geistigen
Welten hinein. Wir haben uns iiberzeugen konnen, daft solche Wahr-
heiten wie die von der Bedeutung Luzifers und Ahrimans vor Goethes
Seele noch schwebten als unklare Erkenntnis, man mochte sagen, wie ein
unklares Ahnen der geistigen Welt, und wir haben uns iiberzeugen kon-
nen, daft in der Gestalt des Mephisto zusammengeflossen sind die beiden
Gestalten des Luzifer und Ahriman, daft Goethe also ein unklares Ge-
bilde in Mephisto vor sich hat, dem er in eindeutiger geisteswissenschaft-
licher Beziehung gar nicht nahekommen kann. Und so konnen wir
gerade in diesem Streben Goethes, wie es sich im «Faust» ausdriickte,
sehen, mit welchem Ernste und mit welcher inneren Gewissenhaftigkeit,
man mochte sagen, mit welcher Verantwortung vor unserer eigenen
Seele wir das betreiben sollen, was uns geisteswissenschaftliche Vertie-
fung eroffnen soil. Wenn ein Geist, der so tief ist, solche Schwierigkei-
ten im Wege findet zu dem, was heute von vielen, vielen Menschen schon
gesucht werden will, so ist wirklich Gelegenheit, gerade an dem Suchen
und Streben Goethes vieles zu lernen. Man mochte wiinschen, daft jeder,
der sich ein wenig in die Ergebmsse unserer Geisteswissenschaft vertieft
hat, wiederum heranginge an dieses Dokument, an Goethes «Faust»,
der ein Dokument ist aus der Morgenrote, noch nicht aus der Zeit nach
dem Sonnenaufgang der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen. Ich
habe das letzte Mai gesagt, daft Goethe die Reife seines Lebens brauchte,
um aus dem Zustand herauszukommen, in dem seine Seele in der Jugend
war. Goethes Seele kann sich nicht damit begniigen, nur daft in der Welt
zu sehen, was die sinnlichen Augen sehen, was der an das Gehirn ge-
bundene Verstand wahrnimmt. Und was da in seiner Seele lebte und
wiihlte nach den tieferen geistigen Grundlagen des Lebens, das gestaltete
er in dem strebenden Faust, der nicht ein Abbild von Goethe ist, der
aber gewisse Seiten des Goetheschen Strebens und Goetheschen Lebens
wirklich kiinstlerisch real zur Darstellung bringt. Und so haben wir
denn gerade in der Erdgeistszene etwas vor uns, was zu den altesten
Partien des «Faust» gehort, die Goethe niedergeschrieben hat.
Ich habe das letzte Mai iiber Goethes «Faust» so gesprochen, daft,
wenn ich so miftverstanden wiirde dabei, wie ich es oftmals werde, man
hingehen konnte und sagen, ich hatte den «Faust» ein mangelhaftes
Kunstwerk genannt, hatte sogar iiber den «Faust» manches herbe Wort
gesagt. Und jemand, der besonders erfinderisch ist, konnte sagen, ich
hatte eine Wendung in meiner Auffassung Goethes durchgemacht, denn
ich war ja friiher ein Goethe -Verehrer und habe mich nun bezeugt als
ein solcher, der Goethe abkanzelt. Nun, daft ich Goethe nicht weniger
verehre, als ich ihn jemals verehrt habe, daft er mir als der grandioseste
Geist der neueren Zeit erscheint, das sollte ich nicht zu erwahnen brau-
chen. Aber das, was verehrende Hingabe an eine Personlichkeit ist, soil
uns niemals zu einem blinden Autoritatsgefiihl bringen, sondern uns
immer einen klaren Blick bewahren fur dasjenige, was wir als die Wahr-
heit erkannt haben.
Aus verschiedenen Teilen ist der «Faust», man kann sagen, zusam-
mengelegt, urn nicht zu sagen -geleimt, und man kann sagen, daft Goethe
in der Zeit, als er die altesten Partien des «Faust» schon in den siebziger
Jahren des 18. Jahrhunderts geschrieben hat, wirklich nicht imstande
gewesen ist, die spateren Partien zu schreiben, daft er wirklich erst
reifen mufite, um von seiner Sehnsucht nach der geistigen Welt zu dem
zu kommen, was man sein Verstandnis fiir das Christentum nennen
kann. Erst die Reife des Lebens brachte Goethe dazu, den Faust, der
nach der Geisterwelt sucht, kiinstlerisch so weiterzufiihren, daft dieser
Faust dazu kommt, dem Leben erhalten zu werden durch die Oster-
erinnerung, ja, dafi dieser Faust sogar dazu kommt, das Evangelium
in die Hand zu nehmen und zu beginnen damit, das Johannes-Evange-
lium zu iibersetzen. Wenn man heute so manche Leute hort, daft sie
nichts brauchen von geistiger Erkenntnis, um die Tiefen des Christen-
tums auszuschopfen, daft also diese Geisteswissenschaft ein unnotiges
Zeug ist, weil das Christentum schon hinlanglich verstanden werden
kann durch das, was jeder Pfarrer von der Kanzel verkiindet, daft
bloftes Glauben insbesondere in diesem Christentum walten miisse, und
man vergleicht solche Seelenstimmung mit dem, was da liber Goethe
gesagt werden mufi, der als einer der tiefsten Geister Jahrzehnte
brauchte, um zu seinem Verstandnis fiir das Christentum heranzureifen,
dann kann man einen Begriff bekommen von dem ungeheuren Hoch-
mut, dem ungeheuren Diinkel, der in den Menschen steckt, die da, diin-
kelhafl: und hochmutig von der Einfalt ihres Gemiites immer redend,
das wegweisen, was sie nicht brauchen - den Inhalt der Geisteswissen-
schaft, was sie nicht brauchen nach ihrer Anschauung.
In der Erdgeistszene haben wir etwas von dem vor uns, was Goethe
in seiner Jugend, in den Dreiftigerjahren, auch in den letzten Zwan-
zigerjahren seines Lebens beschaftigte. Wir ersehen aus dieser Erdgeist-
szene und aus dem, was vorhergegangen ist, dem sogenannten ersten
Faust-Monolog, wie Goethe sich vertieft hat auch in die sogenannte
okkultistisch-mystische Literatur, wie er versucht hat, durch dasjenige,
was diese Literatur ihm gegeben hat, in Meditation, in meditativer
Hingabe, die geistige Welt zu finden. Wir sehen ihn gerade in der Szene,
die uns heute vorgefuhrt worden ist, mitten darinnen im Suchen durch
die Meditation, die sich ihm ergibt aus den Andeutungen, die er, wie es
hier gesagt wird, aus einem okkultistisch-mystischen Buch, aus einem
alten mystischen Buch des Nostradamus, gewinnen kann, wie er sich
bestrebt durch seine Meditation, die sich ihm aus einem mystischen Buch
ergibt, sich hinaufzuschwingen in die geistigen Welten.
Versuchen wir es uns einmal vorzustellen, in welche Welten Faust,
und damit auch Goethe, eigentlich da hinauf will. Wenn die Seele des
Menschen es wirklich dahin gebracht hat, ihre innere Kraft so zu ver-
starken, dalS der geistig-seelische Wesenskern des Menschen frei wird
von dem Instrument des physischen Leibes, wenn die Seele gewisser-
mafien mit ihren im gewohnlichen alltaglichen Leben gar nicht fur sie
wahrnehmbaren Kraften herausgeschlupft ist aus dem physischen Leib,
was wird - nicht etwa der physische Leib selbst in seiner Raumes-
umgrenzung, sondern das physische Leben, mit dem der Mensch geistig
dann doch immer zusammenhangt, weil ein Strahl oder Strom zu diesem
physischen Leben hingeht — , was wird fur die menschliche Seele dieses
physische Erleben? Es geht auch in dem Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt durch die Zeit zuriick ein Strahl oder Strom des gei-
stigen Lebens bis zu dem, was wir auf der Erde durchlebt haben, wie Sie
das entnehmen konnen aus Darstellungen f riiherer Vortrage, es geht also
immer so etwas wie eine geistige Handausstreckung, oder mehr noch als
eine geistige Handausstreckung, zuriick zu dem, was physisches Erleben
ist. Was wird denn dieses physische Erleben fur die menschliche Seele,
die frei geworden ist von dem Gebrauch des Instrumentes des physischen
Leibes? Ich mochte sagen: Das ganze physische Erleben wird fur den
Menschen, der aus diesem physischen Erleben heraufien ist, Seelenorgan.
Das physische Erleben wird gleichsam Auge oder Ohr, der ganze Mensch
wird ein Sinnesorgan, ein geistiges Sinnesorgan, ein Organ, konnte man
sagen, nunmehr der ganzen Erde, die hinausschaut in den Weltenraum. -
Damit unser Auge die physischen Gegenstande sehen kann, miissen wir
aufterhalb unseres Auges sein, das Auge mull eingebettet sein wie eine
Art selbstandiges Organ in die Augenhohle, die sogar durch Knochen-
wandungen abgeschlossen ist, so daft das Auge ein verhaltnismaftig selb-
standiges Organ ist. In ahnlicher Weise ist auch das Ohr abgeschlossen.
Wiederum der ganze physische Apparat des Gehirns ist in die Kopf-
hohle eingeschlossen und von dem iibrigen Leibe des Menschen abge-
schlossen. So abgeschlossen muft werden das physische Erleben des Men-
schen, daft es eine Art Sinnesorgan wird, eine Art Auge oder Ohr, durch
das der Mensch dann, der aufterhalb dessen ist, was sein physisches Er-
leben ist, hinausschaut in den weiten Weltenraum.
Was da erlebt wird, das kann man auch so darstellen: man kann
sagen, man sei jetzt in der Welt, die in dem Buche «Theosophie» als
Seelenwelt dargestellt wird. Es ist dies die Welt, in die man zuerst
eintritt, wenn man das Erlebnis hat, mit der selbstandig gewordenen
Seele aufterhalb des Leibes zu sein und das eigene physische Erleben
aufterhalb seiner hat. In dem Wiener Zyklus vom April 19 14 habe ich
geschildert, wie der Mensch auch in dem Leben zwischen Tod und einer
neuen Geburt durch sein letztes Erdenleben ein geistig-seelisches Sinnes-
organ hat, um die iibrige Welt wahrzunehmen, das heiftt, daft er durch
dieses Erdenleben die iibrige Welt wahrnimmt. In dieser Welt finden
wir dann auch eine langere Zeit nach dem Tode unsere Verstorbenen,
bis sie in eine andere Welt aufriicken, die dann erst durch einen spateren
Entwickelungszustand der Seele erreicht werden kann, auch fur den
menschlichen Eingeweihten. In dieser Welt, in die wir da einriicken,
mufi so manches dem Betrachter auffallen. Man kann nur Einzelheiten
liber diese Welt sagen. Sie miissen zusammenholen aus den verschie-
denen Vortragen, was diese ubersinnliche Welt charakterisiert. Was vor
alien Dingen sogleich der Seele auffallt, ist, daft die Seele, indem sie frei
geworden ist vom Leibe und sich einlebt in eine neue Welt, nun zunachst
erloschen sieht die Sterne, die Sterne erloschen fiihlt. Die Seele lebt sich
ein in eine elementare Welt, so daft sie nunmehr mit dem Luftmeer webt,
mit der in der Welt wallenden Warme selbst mitwallt, mit dem Lichte
hinausstrahlt, und da die Seele mit dem Lichte hinstrahlt, kann sie nicht
durch das Licht die aufteren Gegenstande sehen. Deshalb verloschen
Sonne und Sterne, und der Mond erlischt mit seinem Lichte vor der
Seele. Es ist nicht ein aufteres Anschauen, in dem man dann ist, es ist ein
Miterleben der elementaren Welt. Und es ist zu gleicher Zeit ein Mit-
erleben desjenigen, was man die Kraft der historischen Geschehnisse,
des geschichtlichen Werdens nennt. In dieser Welt kann man ablaufen
sehen das, was die Geschichte im Menschenleben wirklich macht.
In ihrer weiteren meditativen Entwickelung kann sich dann die Seele
hinaufringen zu einem hoheren Erleben. Da wird ihr nicht mehr bloft
das eigene Erleben ein geistig-seelisches Sinnesorgan, sondern da wird
die ganze Erde Sinnesorgan. Ganz paradox gesprochen, aber Sie werden
mich verstehen, mufi da die Menschenseele vorriicken zu einem solchen
Erleben, von dem man sagen kann: Der Mensch ist jetzt etwas, in dem
eingesetzt ist die ganze Erdkugel, wie sonst das Auge oder Ohr einge-
setzt sind unserem Leibe, und wie wir sonst mit den Augen sehen, mit
den Ohren horen, so nehmen wir mit der ganzen Erde und ihrem Er-
leben wahr den Weltenraum. - Da werden wir gewahr, dafi das, was
die Physiker von der Sonne und den Sternen sagen, eine blofie materia-
listische Traumerei ist. Die Sterne sind ja schon erloschen, die Sonne, das
Mondenlicht ist erloschen in der vorhergehenden Welt. Jetzt aber wer-
den wir gewahr, daft da, wo wir die Sonne vermuteten, eine Gemein-
schaft von Geistern ist, da£ iiberall, wo wir einen Stern vermuteten, eine
geistige Welt ist. Und wir werden gewahr, indem wir uns zuriickerinnern
an das Erdenleben, dafi das eine phantastische materialistische Traumerei
ist, wo von die Physiker sprechen, denn wenn uns Sterne oder Sonnen er-
scheinen, so ist dies, weil irgendwo in der geistigen Welt der Sitz ist von
einer geistigen Gemeinschaft, wie es die Erde fiir eine Gemeinschaft von
Menschen ist. Aber so wenig man von einem fernen Stern die physischen
Leiber wahrnehmen wiirde, nur die Menschenseelen, so wenig kann ge-
sagt werden, daft uns da oben von den Sternen irgend etwas interessieren
konnte, was nicht geistig-seelischer Natur ist. Das aber, was wir sehen,
das mussen wir uns vorstellen gleichsam als die Dunste der Erdenatmo-
sphare, die zusammenstoften mit dem, was da hereinkommt, und nichts
sehen kann das physische Auge von dem, was der Stern wirklich ist, son-
dern den Dunst, den die Erde selber hinauswirft in den Weltenraum.
All das, was wir als Sternenhimmel sehen, ist nichts als das aus dem
Materiellen, allerdings atherischen Materiellen der Erde selbst Gewo-
bene, ist ein Vorhang, den die Erde hinzieht vor dem, was dahinter ist.
Wenn aber die Seele dazukommt, sich hinauszuleben in diese Welt hin-
ein, dann nimmt sie wahr, wie da drauften nicht diese phantastischen
Sterne sind, diese materialistisch-phantastischen Sterne, von denen die
Physiker sprechen, sondern lebendige Wesenheiten, lebendige Wesens-
gemeinschaften, auf- und abschwebend, hin- und herwebend im Welten-
raum drauften und sich die Gaben von oben nach unten reichend, und
wiederum werden die Gaben von unten nach oben gereicht. Wenn man
ins Geistige umsetzt die Worte:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskrafte auf- und niedersteigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
- Krafte, aber jetzt in dem Sinne, wie wir von Urkraften sprechen -,
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
das aber alles geistig-seelisch vorgestellt, dann haben wir ungefahr die
Welt, in welche die Seele sich hinauslebt.
Wenn wir uns nun vorstellen, was hatte denn Faust in der Zeit, in
der er uns da vorgefuhrt wird, von alldem, was jetzt beschrieben wor-
den ist? Er hat ein altes Buch aufgeschlagen, geschrieben von einem, der
eine alte Anschauung in Zeichen aufgezeichnet hat: das hat das Zeichen
des Makrokosmos gegeben. Aber Faust ist natiirlich nicht in der Lage,
mit seiner Seele sich hinauszuleben in Welten, wo die Wesenheiten im
Weltenraum ihr groftes Geschehen entwickeln. Faust ist nicht in der
Lage, da hinaufzukommen. Er sieht nur das Zeichen, das einer hin-
geschrieben hat, der da hinausgelangt ist, das Zeichen des Makrokosmos.
Aber ein Traum, eine Ahnung wird hervorgerufen, daft dieses Zeichen
etwas bedeutet. Denken Sie sich also in Ihre Seele hinein, daft Sie nie-
mals etwas von Geisteswissenschaft gehort hatten, daft Sie das Zeichen
vor sich hatten, aber daft Sie eine Ahnung hatten, daft einmal einer
etwas Ahnliches gesehen hat, das Sie auch sehen mochten, dann sind
Sie in Fausts Seele darinnen. Zunachst konnen Sie sich hineintraumen,
dafi Ihnen Ihre Phantasie irgend etwas durch diese aufteren Zeichen, die
im wesentlichen die Zeichen des Tierkreises sind, die Zeichen der Ele-
mente, die Zeichen der Planeten, belebe, konnen sogar zunachst mit
iiberquellendem Gefiihl in die Worte ausbrechen:
Welch Schauspiel!
Aber das schlagt sich Ihnen zuriick, denn jetzt werden Sie gewahr,
Sie haben nichts als das Zeichen im Buche, nichts als eine Phantasie , . .
Aber ach! ein Schauspiel nur!
Sogar nur ein Schauspiel als innere Phantasie! Und zuriickgeworfen
sind Sie. Das Zeichen hat Sie zu nichts gebracht, im Gegenteil, es hat Sie
zuriickgeworfen, hat Ihnen das Gefiihl gebracht: da ist die Welt des
Geistes, vor der Sie stehen, aber nirgends finden Sie Eingang.
Wo fass' ich dich, unendliche Natur?
Euch Briiste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hangt,
Dahin die welke Brust sich drangt -
Nichts wiederum als das Fiihlen in den Elementen drinnen, im Licht
und in der Luft, wie ich gesagt habe, in der untergeordneten Welt. Und
jetzt sogar deutlich ausgedriickt. Faust hat sich hinaufgedrangt in die
geistige Welt, ist zuriickgefallen in die Welt, die ich vorhin beschrieben
habe als die nachste iibersinnliche Welt. Dieses mit dem Luft- und
Lichtleben, das driickt sich sehr gut aus in den Worten:
Ihr quellt, ihr trankt, und schmacht' ich so vergebens?
Er ist ganz in sich zuriickgefallen, zuriickgefallen aus der geistigen
Welt in die elementare Welt. Aber auch diese zu erkennen, ist er ja noch
nicht imstande. Da kommt ihm zu Hilfe, dafi er das Buch aufschlagt
und das Zeichen des Erdgeistes erblickt. Das ist das Zeichen, das nun
auch einmal der hingeschrieben hat, der diese untere Welt, die elemen-
tarische Welt, als seine eigene Welt gehabt hat. Da fiihlt er sich jetzt
doch darinnen. Da hat er ein ahnendes Gefiihl vom Darinnensein.
Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
- deshalb, weil er etwas dabei fiihlt, weil er von dem Sinnenschein sich
abgewendet hat, und etwas fiihlt von dem Darinnenstecken in der
Welt. Nun spricht er eigentlich immer von dieser Welt:
Schon fiihl' ich meine Krafte hoher,
- das, was man erlebt, wenn man in der Warme, im Licht lebt -,
Schon gliih' ich wie von neuem Wein.
Denken Sie sich, wenn Sie Warme fiihlen in der Seele, wenn Sie in
der Welt als Warmewelle leben und weben!
Ich fiihle Mut, mich in die Welt zu wagen.
Es ist wirklich wie ein sich in den Elementen Bewegen. Ich habe
Ihnen gesagt, das Erdenleben wird zum Sinnesorgan, und wie Sie sonst
Auge und Ohr in sich fiihlen, so fiihlen Sie jetzt Ihre Sinnesorgane in
der Erde.
Der Erde Weh, der Erde Gliick zu tragen,
Mit Stiirmen mich herumzuschlagen, -
wenn Sie als Luftwelle in der Luft sind.
Es wolkt sich iiber mir -
Der Mond verbirgt sein Licht -
Kein Wunder! Ich habe Ihnen gerade geschildert, wie das geschieht,
wie Sterne, wie der Mond verloschen. Das Licht verloscht, weil er mit
dem Lichte selbst geht.
Es dampft! - Es zucken rote Strahlen
Mir um das Haupt -
Das ist jetzt innerliche Wahrnehmung.
Es weht
Ein Schauer vom Gewolb' herab
und fafk mich an!
Ich fiihPs, du schwebst um mich, erflehter Geist.
Enthiille dich!
Ha! wie's in meinem Herzen reifk!
Zu neuen Gefiihlen
All' meine Sinnen sich erwiihlen!
Merken Sie nicht, wie das Leben in den Elementen da ausgedriickt ist?
Ich fiihle ganz mein Herz dir hingegeben!
Du mufit, du mufit! und kostet' es mein Leben!
Und jetzt spricht er aus seiner Meditation heraus den Spruch, der
zum Zeichen des Erdgeistes hinzugeschrieben ist, ein meditativer, sugge-
stiver Spruch, der wirklich ihn zu dem Gesicht des Geistes hinfiihrt,
der der Anfiihrer der Geister ist, in deren Bereich wir eintreten, wenn
wir die elementarische Welt betreten. Aber sogleich merken wir, dafi
Faust eigentlich nicht reif ist fiir diese Welt, sich vor alien Dingen nicht
reif fiihlen kann fur diese Welt. Was soli ihm denn werden, dem Faust?
Selbsterkenntnis soli ihm werden, in dem Sinne, daft sie eben die
hochste Welterkenntnis ist, indem wir alle das miterleben, was erlebt
werden kann, wenn wir im Elementaren schwimmen und weben und
wallen und wesen. Aber was sich darinnen individualisiert, Faust kann
es nicht erkennen.
Dieses Geistgesprach zwischen Faust und dem Erdgeist ist nun so
recht charakteristisch fiir den Reifezustand auch Goethes in der Zeit,
wo er die Szene hingeschrieben hat, wie er sein ungeheures Streben in
die geistige Welt hinein schildert.
Geist: Wer ruft mir?
Faust wendet sich schon ab. Natiirlich klingt das nicht so wie* das,
was wir sonst mit den Ohren horen, dafi es uns von weitem zuklingt,
sondern so, dafi wir im Tonen darinnen leben. Das klingt anders als
das, was man auf der Erde horen kann, ganz anders. Wie man auch
das, was man sieht, nicht durch das Licht sieht, sondern damit selbst
strahlt. Das sieht anders aus. Ubermensch hat der Faust werden wollen.
Das heilk, die geistige Welt hat er betreten wollen, aber ein Grauen
fafk ihn vor dieser geistigen Welt. Durch diese Begegnung mit dem
Erdgeist wird es Faust klar, daft man ein anderer werden mufi, als man
vorher als Mensch war, wenn man in die geistige Welt hinein will, daft
man nicht mit seinen gewohnlichen Kraften, Empfindungen und Leiden-
schaften in diese geistige Welt hinein kann. So muft es Faust tief fiihlen,
wie er zuerst zuruckgeworfen wird, aus der hoheren geistigen Welt in
die elementarische Welt zuriickfallt, und wie er jetzt in der elemen-
tarischen Welt in seiner Erkenntnis zuruckgeworfen ist, weil er nur das
Ich geblieben ist, das er friiher war, weil er sich nicht hineinentwickelt
hat in diese elementarische Welt, wozu ihn die suggestive Meditation
brachte, die er vollzogen hat durch den Spruch, der dem Erdgeist zu-
geschrieben ist. Er hat fur einen Moment sehen konnen, was f iir Wesen
darinnen sind. Aber der Geist sagt ihm:
Wo bist du, Faust, dess' Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit alien Kraften drang?
Daft diese Stimme aus dem Unterbewufttsein erklang, darauf habe
ich schon aufmerksam gemacht, daft das der Faust war, den der auftere
Faust selbst nicht einmal richtig kennt.
Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In alien Lebenstiefen zittert . . .
Dieses «Du» bezieht sich jetzt auf den gewohnlichen Faust, wahrend
der strebende Faust der hohere Mensch Faust war.
Ein furchtsam weggekriimmter Wurm?
Aber jetzt erwacht der Trotz des Faust. Er will gerade hinein in die
Welt, fur die er nicht reif ist:
Soli ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen.
Jetzt kann er noch horen, wie die Geister der elementarischen Welt,
in die er sich versetzt hat, mit der Menschengeschichte leben, mit dem,
was auf der Erde durch die Rassen und Kulturen hindurch sich vollzieht,
wie sie damit leben. Und das Geheimnis der elementaren Welt wird
durch den Erdgeist ausgesprochen, er redet nirgends von dem Sein, son-
dern von dem Werden, von dem Geschehen.
Geist: In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall 5 ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gliihend Leben,
So schafT' ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Nicht im Raume, in der Zeit: Lesen Sie die Haager Vortrage!
So viel kann Faust doch begreifen, daft das der Geist ist, der durch
die Geschichte geht:
Der du die weite Welt umschweifst,
Geschaftiger Geist, wie nah ftihl ich mich dir!
Der du die weite Welt umschweifst! Der du der Geist bist, der den
Zeitgeistern angehort, wie nah fiihl ich mich dir! - So sagt er in seiner
Vermessenheit. Der Geist sagt ihm jetzt das, was Faust selber spater
das Donnerwort nennt, was wie ein Donnerwort in seine Seele schlagt
und ihn wiederum zuriickschlagt in die gewohnliche Welt, in der er ist,
weil er noch nicht reif ist. Selbsterkenntnis soil er suchen und in dem
zur Welt erweiterten Selbst die geistige Welt. Er kann sie noch nicht
finden, deshalb mufi ihm von diesem Erdgeist das Donnerwort ent-
gegentonen:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
Welcher Geist ist denn das, den Faust begreift? Welchen Geist begreift
denn Faust? Er, das Ebenbild der Gottheit, der nicht den Erdgeist begrei-
fen kann? Wie kann er denn jetzt in der Selbsterkenntnis weiterkom-
men? Wie schaut der Menschengeist aus, den Faust begreifen kann? Er
tritt herein, in Schlafrock und Nachtmiitze, der andere Faust: Wagner!
Das ist der Geist, den du begreifst! Wagner, den begreifst du! Weiter bist
du noch nicht gekommen, denn das andere lebt in dir nur als Trotz, als
Leidenschaftf - In der Selbsterkenntnis kommt er ein Stuck weiter. Das
ist gerade das Eigentiimliche in Goethes «Faust», das ist die schone kiinst-
lerische Gestaltung des Goetheschen «Faust», dafi das, was in realer Ge-
stalt auf die Buhne gebracht wird, immer im Grunde genommen ein
Stuck Selbsterkenntnis ist. Wie der Mephisto ein Stuck Selbsterkenntnis
ist, so ist Wagner auch ein Stiick Selbsterkenntnis des Faust. Wagner
ist Faust selbst. Und man wiirde gar nicht Unrecht tun, wenn man ein-
mal den «Faust» so inszenieren wiirde, wenn man in der Gestalt des
Wagner in Schlafrock und Nachtmiitze, von dem Faust sich abwendet,
ein Konterf ei des Faust selbst haben wiirde, dann wiirden die Menschen
unmittelbar schon verstehen, warum denn jetzt gerade dieser Wagner
hereinkommt. Was der Wagner spricht, das ist im Grunde genommen
das, was der Faust schon begreift, das andere deklamiert er nur. Das
bringt er nur so heraus. Er glaubt sich zu erheben in hochste Wahrheiten,
die er in Phrasenhaftigkeit deklamieren kann, aber sie nicht im Inneren
erlebt. Und jetzt spielt sich ein Stiick Selbsterkenntnis ab. Wagner
spricht die Wahrheit aus. Faust hat im Grunde genommen nicht seine
innersten Erlebnisse ausgesprochen, er hat deklamiert.
Verzeiht! Ich hor' Euch deklamieren.
Das ist eine Wahrheit: er hat nur deklamiert. Und es ist ein Stiick
Selbstbesinnung, einzusehen, dafi man sich so nicht dem Geist der Welt
nahert, sondern hochstens ein griechisches Trauerspiel liest. So viele
Menschen wollen, wenn sie an die Geisteswissenschaft herankommen,
deklamieren von den hochsten Wahrheiten, wenn es auch oftmals ein
Sich - selbst - Vordeklamieren von den hochsten Wahrheiten ist. Im
Grunde genommen wollen sie nichts, als sich von dieser Geisteswissen-
schaft vordeklamieren, etwas profitieren, sich einen Nebeldunst vor-
machen. Mit Bezug auf die heutige Zeit kann man sagen, dafi in man-
chen Kreisen das heute viel der Fall ist. Manche Menschen sind sehr
interessant, wenn sie von ihren Gesichten deklamieren. In friiherer Zeit
hat man das von den Priestern gehort, jetzt haben es noch besser gelernt
die Komodianten, so dafi die Priester von den Komodianten etwas
lernen konnen. Wenn Faust nur so weit gehen wiirde, als er mit seinem
Verstandnis dabei ist, so miifke er die Worte sagen, die Wagner spricht,
sein Spiegelbild. Aber er geht mit seiner Leidenschaft hinaus, eben mit
dem, was luziferisch ist, hinaus, nicht mit dem echten, vollen, mensch-
lichen Seelenkern, sondern mit dem luziferischen Kern. Der Luzifer in
Faust ist es, der jetzt dem, was Faust ist, was aber als Wagner vor uns
stent, antwortet:
Ja, wenn der Pfarrer ein Komodiant ist;
Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag.
Diese Verachtung, dieser Hochmut kommt aus dem Luziferischen in
Faust, denn, wiirde Faust nicht von Luzifer gepackt sein, dann wiirde
er so reden wie Wagner, wenn er eben nur aussprechen wiirde, was er
ehrlich als den Gegenstand seines Verstandnisses gestehen kann. Das
andere ist eine dunkle Ahnung bei ihm von etwas, zu dem er vordringen
will. Aber dieses Selbstgesprach - wirklich, es ist nur ein Gesprach mit
sich selbst - bringt ihn doch ein Stuck weiter. Man kommt so viel im
Leben weiter, wenn man sich einmal in einem andern Selbst entgegen-
tritt. Sich selbst gesteht man nicht gerne, daft man diese oder jene Eigen-
schaften hat. Wenn sie einem aber in einem andern entgegentreten, so
studiert man sie schon lieber. So erwirbt man sich schon Selbsterkenntnis
dadurch, dafi eine Eigenschaft einem in der Gestalt des andern entgegen-
tritt wie dem Faust bei Wagner. Faust ist noch nicht so weit, dafi er sich
jetzt sagen wiirde, als Wagner fort ist: Ja, eigentlich bin ich das selbst. -
Wiirde er mit seinem Verstandnis schon vollstandig zu sich durch-
gedrungen sein, so wiirde er sich sagen: Ich bin erst ein Wagner, hier im
Kopf sitzt erst der Wagner!
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier'ger Hand nach Schatzen grabt,
Und froh ist, wenn er Regenwurmer findet!
Denn bis jetzt hat er auch nichts anderes gemacht, aufter dem, dafi
er die Geister in der geschilderten Art gesucht hat. Selbsterkenntnis ist
es, die dem Faust entgegentritt in Wagner. Wer hat ihm denn den Wag-
ner hereingeschickt? Der Erdgeist hat ihn hereingeschickt, der Erdgeist:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
Und jetzt soli Faust sehen, welchen Geistern er gleicht. Dem Erdgeist,
der der Beherrscher der Erde ist, gleicht er nicht, aber sehen soil er ein-
mal eine der Gestalten, die in ihm steckt: Da hast du den Wagner!
Dieser Wagner steckt in dir!
Aber nun steckt nicht blofi Wagner in Faust, sondern das luziferische
Element ist gegen den Wagner, das heifit gegen sich selbst. Da ist noch
ein anderes Element in ihm drinnen.
Wenn man den «Faust» in seiner fruheren Gestalt, wie er anfangs
war, ansieht, ist es so, dafi Goethe dazumal nach der Erdgeistszene das
folgende nicht fertig gemacht hat. Da geht das so fort: Gesprach mit
Wagner, dann mit dem Studenten, Mephisto ... In den Kreis Fausts
und seiner Schuler tritt Mephisto ein, von dem Goethe nicht recht weifi,
ob er Luzifer oder Ahriman ist. Wiirde er Geisteswissenschaft gehabt
haben, so wiirde jetzt der Luzifer auftreten. Da hat er den andern, den
ihm der Erdgeist schickt. Der Erdgeist schickt ihm Wagner, schickt ihm
Mephisto, wir wiirden sagen Luzifer. Faust soil so nach und nach ken-
nenlernen, was in ihm steckt. Mephisto ist geschickt vom Erdgeist: Da
hast du wiederum einen von den Geistern, die du begreifst. Versuche
einmal den Luzifer zu begreifen, der in dir steckt, und nicht gleich den
Geist der Erde anzuschauen!
Wie Goethe im Unklaren war iiber die Sache, kann man daraus er-
sehen, daft ein kleines Stuckchen, das spater weggeblieben ist, in der
urspriinglichen Niederschrift dasteht, in vier Zeilen. 1775 standen vier
Zeilen da, nach der Szene, wo Mephisto den Faust soweit gebracht hat,
dafi er ihn zu Gretchen hingefiihrt hat, und dafi Faust jetzt zu Gretchen
dringen will. Da stehen vier Zeilen, die schon 1790 nicht mehr im Frag-
ment darinnen waren. Nachdem Faust den Mephisto, der aber eigentlich
Luzifer ist - Goethe bringt es nur durcheinander aufgefordert hat,
fur das Geschmeide fur Gretchen zu sorgen, da sagt in der alten Hand-
schrift .Mephisto, nachdem Faust weggegangen ist:
Er tut, als war er ein Furstensohn.
Hatt' Luzifer so ein Dutzend Prinzen,
Die sollten ihm schon was vermiinzen;
Am Ende kriegt' er eine Kommission.
Da steht es, da nennt sich Mephisto selbst mit dem Namen Luzifer.
Wie gesagt, die vier Zeilen sind spater weggefallen. Um was war es also
Goethe eigentlich zu tun in seiner alteren Zeit, in der er sich, man mochte
sagen, selbst ausdriicken wollte in seinem «Faust»? Nun, darum war es
ihm zu tun, zu zeigen, wie der Mensch zur Selbsterkenntnis kommen
soil. Aber, man mochte sagen, ahnend liegt darinnen in dieser ersten
Szene, die Goethe in seiner Jugend hingeschrieben hat, was Sie jetzt mit
Deutlichkeit lesen konnen da, wo geschildert wird in «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?» die Begegnung mit dem Hiiter der
Schwelle. Wie der Mensch, der nach und nach einsieht, wie verschiedene
Wesenheiten in ihm stecken, sich zerteilt, das haben Sie vorgeahnt in
Faust, wie er sich aufteilt in Wagner und Luzifer-Mephisto. Er lernt sich
so nach und nach kennen in seinen einzelnen Teilen, er lernt sich kennen
als Wagner, er lernt sich kennen als Luzifer-Mephisto. Aber wie gesagt,
Goethe mulke erst reif werden, um die grofie Bedeutung des Christus-
Impulses fur die Menschheit wirklich zu durchschauen, soweit das in
seiner Zeit moglich war. Daher sehen wir, wie Goethe erst in seinen
reiferen Jahren das, was er friiher geschrieben hat iiber Fausts Streben
bis dahin, wo der Mensch sich in seinen verschiedenen Abbildern, auch
im Luzifer -Abbild, entgegentritt, nun dadurch zu erganzen sucht, dafi
er Faust in Beruhrung kommen lalk mit dem, was in die Erdenentwicke-
lung durch Christus eingeflossen ist. Man mochte sagen, die Kultzeichen
des Christus treten an Faust heran. Und dadurch sehen wir in dem
«Faust» das Dokument, das uns anzeigt, wie Goethe selbst herange-
bracht hat den Okkultismus an das Christentum, an den Christus-
Impuls, und wie wir in der Tat heute auf der Bahn weiterarbeiten, die
Goethe mit Bezug auf ihre ersten Schritte dazumal eingeschlagen hat. In
Goethes Zeit konnte man nur zu einer Ahnung kommen. Heute ist die
Zeit herangekommen, die es dem Menschen moglich macht, durch die
Geisteswissenschaft wirklich in die Gefilde des geistigen Lebens einzu-
treten, in die hinein Goethes ganzes Streben gerichtet war. Die heutige
Zeit mufi den Faust anders begreifen, als ihn Goethe selbst begriffen
hat. Ja, die Welt schreitet vor, und wenn wir nicht voll anerkennen, daft
die Welt vorschreitet, so meinen wir es nicht ernst genug mit der Welt.
Solche Erlebnisse aber, daft man sich spaltet, daft man sich selbst ent-
gegentritt in seiner wahren Gestalt, in luziferischer Gestalt, solche Er-
lebnisse bringen einen doch vorwarts, aber immer nur urn ein kleines
Stuckchen. Von dem Glauben miissen wir uns schon trennen, daft wir
die ganze geistige Welt uberschauen konnen, wenn wir nur kleine Fort-
schritte gemacht haben, wie wir sie durch Meditation machen konnen.
Ein wenig nur kommt man immer vorwarts.
Zwei Naturen sind in Faust: die Wagner-Natur und dasjenige, was
nun vorwarts strebt. Als Goethe darauf hinweisen wollte in reifen Jah-
ren, hat er das sehr schon gemacht. Es kam Goethe das Bediirfnis, da,
als Faust schon an das Christentum herangetreten war, zu zeigen, was
die Wagner-Natur in Faust ausmacht. Daher laftt er Wagner und Faust
miteinander den Osterspaziergang machen. Es ist jetzt wirklich so, daft
uns, wie es dramatisch natiirlich ist, an zwei Personen dargestellt wird,
was in Fausts Seele vorgeht. Der hohere Mensch in Faust strebt vor-
warts, aber der Faust -Wagner halt den Faust zuriick. Ein Funken der
Erfassung der geistigen Welt ist in Faust entziindet, daher wird ihm
der Pudel, der ihm begegnet, so, daft er jetzt nicht nur den sinnlichen
Pudei sieht, und es ist wirklich etwas wie eine Seelenkraft in Faust, die
sich da ausspricht in dem Gesprach mit Wagner:
Faust: Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und
Stoppel streifen?
Jetzt erwacht wiederum die Natur des Wagner in Faust.
Wagner: Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.
Die hohere Natur: Betracht' ihn recht! Fur was haltst du das Tier?
Wagner-Natur: Fur einen Pudel, der auf seine Weise
Sich auf der Spur des Herren plagt.
Das sind Einwande, die sich durchaus Faust selbst eigentlich macht.
Und nun geht es weiter. Faust beginnt schon hinter dem Sinnlichen das
Obersinnliche zu sehen, er ahnt es schon. Also, es ist Ahnen, hervor-
gerufen durch die Erfahrungen, die er gemacht hat. Ein Funken der
geistigen Welt ist in ihn eingezogen. Und schon ist es, mochte man sagen,
wie unendlich kiinstlerisch aufrichtig und ehrlich Goethe ist, nur mu£
man ihn verstehen. Als Faust jetzt das Luziferische in sich fiihlt - wie
Sie wissen, hangt das Luziferische mit dem Eigensinn zusammen, dem
inneren Egoismus — , tragt er dieses Luziferische, jetzt als Faust, auch
schon in sein Ergriffensein der Seele von dem Christus-Impuls herein.
Es ist ein luziferischer Zug, dafi ihm das Johannes-Evangelium, indem
er es iibersetzen will, gar nicht vollkommen erscheint. Denn dem Ver-
stehenden sind die Goethe-Kommentatoren etwas kurios, die nun wirk-
lich mitgehen, weil sie immer mit dem Dichter mitgehen, auch da, wo
er die Dinge, die er sagen will, auf seine Personen verteilt. Den Text des
Evangeliums versteht Faust noch gar nicht, sonst wiirde er stehenbleiben
bei «Im Anfang war das Wort». Er stockt, weil er es noch nicht versteht.
Die Professoren stellen es so dar, als wenn Faust es besser verstiinde,
aber er versteht es noch nicht. Ihm erscheint jetzt die Kraft, die Tat - also
Rationalistisch-Verstandesmafiiges tragt er in das Evangelium hinein.
Das ruft jetzt die entgegengesetzte Erscheinung hervor. Wahrend er
friiher heruntergestofien worden ist in die sinnliche Welt, wird er jetzt
hinaufgelenkt in die geistige Welt. Indem er so recht seine Beschrankt-
heit geltend macht, indem er setzt «Sinn und Kraft und Tat», wird er
hinaufgestofien in die geistige Welt, weil schon ein Funken von geistiger
Kraft in Faust ist. Da kommen die Geister und wiederum als Sendbote
des Erdgeistes . . . Mephisto, diese unklare Gestalt zwischen Luzifer
und Ahriman. Sie sehen also, man mufi aus dem Ringen Goethes heraus
das Eindringen Fausts in die geistige Welt begreifen, und man kann
gerade fur unsere jetzige Zeit daraus unendlich viel lernen.
Worum es mir besonders in dem letzten Vortrag am Ostersonntag
und in diesem Vortrag zu tun war, ist, vor Ihre Seelen zu fuhren, wie
es gerade einem Geist, der sich vertiefen will, eine schwerere Angelegen-
heit ist, zu dem Christus-Impuls vorzudringen, als einem Geist, der in
seinem unendlichen Hochmut und in seiner Dunkelhaftigkeit stehen-
bleibt und das nicht haben will, was Geisteswissenschaft ihm bieten
kann. Auf der andern Seite wollte ich audi an dem «Faust» anschaulich
machen, wie gewaltig das war, was durch den Christus-Impuls in die
Welt eingezogen ist. Es werden Zeiten kommen, da wird man immer
besser und besser, gerade durch das, was Geisteswissenschaft zu geben
vermag, die innere Natur des Christus-Impulses begreifen lernen. Es
stent in der Welt da - ich mochte sagen, wie eine durch die Welt-
geschichte gebrachte Illustration fur die Erdenentwickelung der Mensch-
heit von dem, was der Christus-Impuls ist - es steht da die Tatsache,
daft Jahrhunderte, nachdem der Christus-Impuls eingetreten ist in die
Menschheitsentwickelung der Erde, in dieser Menschheitsentwickelung
etwas auftritt, das man auch nicht richtig versteht. Im Augenblick aber,
wo man anfangt, es richtig zu verstehen, wird man gerade durch dieses
Verstandnis zu einem tieferen Gefiihl von dem Christus-Ereignis ge-
bracht. Sie wissen ja, sechshundert Jahre, nachdem der Christus-Impuls
in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist, trat in einer gewissen
Menschengemeinschaft ein Prophet auf, der das zunachst abgewiesen
hat, was durch den Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung
eingetreten ist, Mohammed. Wir diirfen heute wirklich nicht mehr zu
dem Aberglauben des 19. Jahrhunderts uns bekennen, der aus dem
Rationalismus heraus in Kleinheit das erklaren will, was aus dem Geiste
heraus erklart werden mulS. Und lacherlich mufi demjenigen, der in die
Geisteswissenschaft wirklich eindringen will, es erscheinen, wenn von
Mohammed ein besonders gelehrter, gescheiter Mann sagt: Ja, der be-
hauptet ja, dafi in der Gestalt von Tauben zu ihm der Engel heran-
komme, der ihm ins Ohr geraunt hat, was er in den Koran geschrieben
hat! Aber Mohammed - so sagt der rationalistische Gelehrte - war ein
blofier Gaukler. Er hat sich einige Korner, die die Tauben gem fressen,
ins Ohr gesteckt, da sind die Tauben herangeflogen und haben sich die
Korner geholt, sind aber wieder weggeflogen, wenn sie sie gehabt
haben! - Ja, solche Erklarungen hat es gegeben, innerhalb und aufSer-
halb des Christentums, in dem ganz gescheiten 19. Jahrhundert.
Es wird eine Zeit kommen, wo man wirklich iiber solche Erklarungen
nur lachen wird, trotzdem sie den Materialismus voll befriedigen kon-
nen. Wir mtissen schon Mohammed tiefer nehmen, wir miissen uns schon
klar sein, daft dasjenige, was in seiner Seele lebte, wirklich ein solcher
Verkehr mit der geistigen Welt war, wie ihn Goethe fur seinen Faust
suchte. Aber was hat Mohammed gefuhlt? Was hat er gefunden? Ich
kann das heute nur andeuten, ein andermal will ich es noch genauer
ausfuhren. Was hat Mohammed gefunden? Nun, Sie wissen, Moham-
med strebte zunachst nach einer Welt, fur die er einen Ausdruck hatte,
es ist nur ein Wort: Der Gott. Die Welt wird zu einem Monon, zu einem
monistischen Ausdruck des Gottes. Diese Welt hat nichts von dem Wesen
des Christentums, selbstverstandlich. Aber Mohammed schaut doch hin-
ein in die geistige Welt, er kommt hinein in die elementare Welt, von
der ich heute gesprochen habe. Er verspricht seinen Glaubigen, daft sie
eintreten werden, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen sein
werden, in diese geistige Welt. Aber er kann ihnen nur von der geistigen
Welt erzahlen, die er kennengelernt hat. Was ist das fur eine geistige
Welt? Diese geistige Welt, von der Mohammed seinen Glaubigen er-
zahlt, ist die luziferische Welt, die er als das Paradies ansieht, die Welt,
die gerade erstrebt werden soil. Und wenn man aus dem Abstrakten
in das Reale kommt, und man hinzufiigt, interpretierend, den Sinn des
Islam-Strebens in die geistige Welt hinein, erkennt man, was die Geistes-
wissenschaft auch verkiindet. Aber diese geistige Welt ist die Welt, in
der Luzifer seine Herrschaft hat; uminterpretiert wird die luziferische
Welt zu dem Paradiese, zu der Welt, die gerade erstrebt werden soil
von den Menschen.
Ich glaube, es muft einen tiefen Eindruck auf unsere Seelen machen,
wenn wir so in das Wesen des geschichtlichen Werdens an einer sehr
wichtigen Erscheinung uns vertiefen konnen. Es muft uns schon bedenk-
lich machen, wenn wir im Fortgang des religiosen Lebens erfahren, wie
ein grofter Prophet auftrat mit dem Irrtum, daft die luziferische Welt
das Paradies sei. Ich mdchte nicht, daft das in Ihre Seele nur so einziehe
wie abstrakte Wahrheiten, ich glaube, es kann schon die Seele er-
schiittern, wenn man dergleichen auf sie wirken laftt. Aber, was tut
der Mohammedaner, um in seine geistige Welt hineinzukommen? Wir
konnten vielleicht nachher an der Tiir jeden einen Zettel abwerfen
lassen, der den Koran ganz gelesen hat von den lieben Freunden, die
hier sitzen. Es ware dann interessant, die Zettel zu zahlen derjenigen,
die ihn gelesen haben. Aber es ist auch nicht leicht, den Koran ganz zu
lesen, mit seinen unendlichen Wiederholungen, mit dem, was der abend-
landische Mensch in der Darstellung so unendlich langweilig findet.
Unter den Mohammedanern aber gibt es Menschen, die ihn siebzig-
tausendmal in ihrem Leben vom Anfang bis zum Ende gelesen haben
wollen. Das heifk: ein Wort, das gegeben ist, der Seele zugefiihrt zu
haben so, dafi dieses Wort in der Seele lebendig geworden ist! Konnen
wir in bezug auf das Christentum sicher nichts inhaltlich lernen von
einer solchen Religionsgemeinschaft, so konnen wir doch erfahren, dafi
innerhalb jener Menschengemeinschaft ganz anders verfahren wird
selbst mit dem geistigen Irrtum, als bei uns mit dem, was wir als geistige
Wahrheiten zu erkennen berufen sind. Dasjenige, was ein Europaer
hochstens tut, ist, dafi er den «Faust» liest, dann, wenn er ihn vergessen
hat, ihn wieder liest, wenn er ihn wieder vergessen hat, nochmals liest.
Aber diejenigen, die ihn hundertmal gelesen haben, den «Faust», wer-
den auch zu suchen sein. Es ist auch begreiflich innerhalb der bisherigen
abendlandischen Bildung. Wie sollte man denn alles siebzigtausendmal
lesen, was im Abendland gedruckt wird; ganz begreiflich ist es. Aber
etwas sollten wir uns doch aneignen, daft es etwas anderes ist, sich ein-
fach zu informieren liber einen Inhalt, der fur das Seelenleben bedeu-
tungsvoll ist, und etwas anderes, mit ihm zu leben, immer wieder und
wiederum, so dafi man ganz eins mit ihm wird, ganz eins. Es ist etwas,
wovon man erst Verstandnis gewinnen muE, wovon man sich nicht
einmal ein Verstandnis nach den Denkgewohnheiten unserer Volks-
gemeinschaft machen kann. Aber wir sollten liber solche Dinge nach-
denken. Nicht blofi, um Ihnen etwas zu sagen, sondern, um Ihr Nach-
denken anzuregen, sind Worte gesprochen, wie diejenigen sind, die in
dieser Betrachtung gesprochen worden sind. Um unser Verantwortlich-
keitsgefiihl gegeniiber uns selbst und gegentiber der Welt zu erhohen,
mit Bezug auf dasjenige, was uns Geisteswissenschaft sein kann und soli.
Wir leben in mancherlei Hinsicht in einer schweren Zeit. Die ganz
schweren aufteren Ereignisse, die uns in der Gegenwart umgeben, sind
nur das aufiere Zeichen fur unsere ganz schwere Zeit. Es ist nicht gut,
diese ganz schwere Zeit wie eine Krankheit anzusehen, wie wir oft-
mals eine Krankheit Krankheit nennen, denn die Krankheit ist oft ein
Heilungsprozeft, die wahre Krankheit ist der physisch erscheinbaren
Krankheit vorausgegangen. So ist auch dem, was jetzt als Trauerereig-
nisse durch die Welt geht, vorangegangen etwas Krankhaftes, und in
viel Tieferes sollen wir hineinsehen, als die Menschheit geneigt ist, hin-
einzusehen. Oh, ein grower Schmerz kann sich auf der Seele ablagern
desjenigen, der gerade die heutige Zeit betrachtet mit den Aufgaben, die
sie hat, und mit dem geringen Verstandnis, das so viele Menschen diesen
Aufgaben entgegenbringen. Wenn gesehen wird, wie Menschen gerade
heute in der Welt urteilen, wie Menschen denken, fiihlen und empfin-
den, und wie dieses Denken, Fiihlen und Empfinden zu aufieren Ereig-
nissen fiihrt, und wie die Menschen von diesen aufieren Ereignissen so
wenig lernen, dann lagert sich ein unendlich bedeutungsvoller Schmerz
auf der Seele ab. Dieses Schmerzgefiihl ist es, das jetzt oftmals iiber die
Seele kommen mufi. Kann man doch wirklich hinaussehen in die Zeit
- um nur das jiingste zu nennen — monatelanger Priifung, hinwenden
den Blick auf das, was die Menschen gelernt haben durch diese monate-
lange Priifung, auf das, was einem an Urteil entgegentritt im Verhaltnis
zu dem, was vor acht Monaten einem entgegengetreten ist: es ist dieselbe
Art des Urteilens, dieselbe Art des Empfindens. Das, womit die Men-
schen glaubten, Recht zu haben vor acht Monaten, sie denken es immer
noch, sie wollen gar, dafi die traurigen Ereignisse eingetreten sind, um
besonders ihnen Recht zu geben in dem, womit sie Recht zu haben
glaubten vor acht Monaten.
Ich kann es nicht aussprechen, wie unendlich der Schmerz ist, den man
empfindet iiber die geringe Art, wie sich in den letzten Monaten die
Menschenseelen gewandelt haben nach den Voraussetzungen, die man
fur diesen Wandel machen mufke, damit wirklich unsere Zeit die Zeit
einer Priifung, die Zeit eines Lernens sei. Von denjenigen aber, die
innerhalb der Geisteswissenschaft stehen, mochte man wtinschen, daft
sie mancherlei von dem gerade aufnehmen, was man lernen kann, wenn
solche Betrachtungen, wie diese im Zusammenhang mit «Faust», ange-
stellt werden. Immer wiederum mochte man die Seelen hinweisen auf
den tiefen Ernst und auf das heilige Wahrheitsstreben, das mit unserer
geisteswissenschaftlichen Anschauung verknupft se'm mufi. Und r'dchen
mufi sich gerade in einer solchen Bewegung dasjenige, was nicht aus
tiefer Ehrlichkeit und tiefem Wahrheitsgefiihl heraus ist. All dasjenige,
wovon man sagen kann dem, der es aufiert: Verzeiht, ich hor' Euch
deklamieren! -, alles das sollen wir wirklich zu iiberwinden versuchen.
Ist es denn nicht sonderbar, wenn wir heute den Biihnentraditionen
nach Wagner oft iiber die Buhne gehen sehen, und wenn auch Gelehrte,
wenn gegenwartig Rationalisten und Verstandesmenschen weidlich
hohnen iiber dasjenige, was Wagner ist, statt daft sie an ihr Herz klopfen
und sich in dem Wagner sehen wiirden. Dieser Wagner sitzt iiberall auf
den Lehrsttihlen, in den Laboratories und unsere wissenschaftliche Lite-
ratur, unsere philosophische Literatur, sie wiirden eine tiefe Wahrheit
enthalten, wenn die grofke Zahl der Autoren das Pseudonym « Wagner»
wahlen wiirden. Denn sie sind von Wagner geschrieben, diese Philo-
sophien der Gegenwart.
Ich glaube gar sehr, dafi auch mancher, der in den Reihen der Geistes-
wissenschaft lebt, hinreichend Grund hat, an seine Brust zu klopfen, sich
selbsterkennend zu priifen, wieviel von blofiem Sich-selbst-Vordekla-
mieren in seiner Seele ist, und wieviel aus absoluter Ehrlichkeit, aus
absolutem Wahrheitsgefiihl entsprungen! Mit dieser Mahnung an Ihre
Herzen, an Ihre tiefsten Seelenkrafle schliefte ich diese Betrachtung.
PFINGSTSTIMMUNG
FAUSTS INITIATION MIT DEN GEISTERN DER ERDE
Dornach, 22. Mai 191 5,
im Anschlufl an eine eurythmische Darstellung der ersten Szene des «Faust» II. Teil
Im gewohnlichen Sinn einen Pfingstvortrag in diesem Jahre zu halten,
ist ja, das wird verstanden werden, gerade zu diesem Zeitpunkt, namlich
gerade zu Pfingsten, wohl kaum moglich. Bedenken wir, wodurch die
Zeit der Pfingsten charakterisiert ist in dem Dokument des Christen-
tums, in dem Neuen Testament. Wir werden finden, daft die bedeutsame
Charakteristik des Pfingstfestes die ist, daft der Geist ausgegossen wird
iiber diejenigen, die Apostel genannt werden. Und die Folge des Aus-
gieftens des Geistes ist, wie wir aus dem zweiten Kapitel der Apostel-
geschichte ersehen, daft die Menschen der verschiedensten Sprachen, die
da versammelt sind am Pfmgstfeste, zehn Tage nach der sogenannten
Himmelfahrt, ein jeder das, was ihnen verkiindet werden soil, so ver-
nimmt, daft es ihm vertraut klingt, trotzdem ein jeder ausdriicklich be-
tont, dafi er nur seiner Muttersprache fahig ist.
Und so erscheint die Ausgieftung des Geistes am Pfmgstfeste wie die
Ergieftung des Geistes der Liebe, der Eintracht, der Harmonie derjeni-
gen, die iiber den Erdkreis hin die verschiedensten Sprachen sprechen.
Oder man konnte, besser gesagt, um den Wortlaut der Bibel besser zu
treffen, die Sache in der folgenden Weise wenden. Man konnte sagen:
Es wird in der Pfingstverkiindigung etwas gegeben, was so dem mensch-
lichen Gemiite anklingt, daft ein jeder es verstehen kann, trotzdem er
nur seine Muttersprache versteht.
Es empfindet fast jeder als dem widersprechend, was uns in diesem
Jahre am Pfmgstfeste umgibt, wenn nur eine Interpretation desjenigen
gegeben wird, was mit dieser Pfingstverkiindigung gemeint sein kann.
Wir brauchen nur zu bedenken, daft die Welt neunzehn Jahrhunderte
nach dieser Pfingstverkiindigung es dahin gebracht hat, diese Pfingst-
verkiindigung so zu befolgen, daft nunmehr dieses Pfingstfest sieht auf
vierunddreiftig verschieden sprechende Volker miteinander im Kampfe,
gewissermafien vollig widersprechend demjenigen, was der Sinn des
Pfingstfestes ist. Vielleicht wird diese Sprache der Tatsache doch wenig-
stens in eine gewisse Anzahl von Menschen die Erkenntnis einfliefien
lassen, dafi jene Pfingstverkiindigung noch nicht in durchgreifender
Weise iiber den Erdkreis sich verbreitet hat, dafi sie noch nicht in ge-
niigender Art die Gemuter der Menschen ergriffen hat, und daft sie in
einer neuen Form zu den Gemutern der Menschen wird sprechen miissen,
eindringlicher, bedeutsamer, als sie bisher gesprochen hat, damit sie in
die Zukunft hin in derjenigen Weise verstanden werden konne, in der
sie doch verstanden werden muft.
Und so sei denn in diesem Jahre als Pflngstbetrachtung gewisser-
maften ein allgemeiner Gesichtspunkt eingenommen, ein Gesichtspunkt,
der uns von einer gewissen Seite die neue Pfingstverkiindigung nahe-
bringen kann, die wir meinen mit der Geisteswissenschaft. Denn als eine
Pfingstverkiindigung an die Menschheit miissen wir doch ansehen, was
gerade in den Vortragen ausgefuhrt worden ist, die wir hier absolviert
haben,* als eine Pfingstverkiindigung miissen wir diese Geisteswissen-
schaft doch auffassen.
Nehmen wir einmal das, was wir iiber das Mysterium von Golgatha
wissen, und lassen wir es vor unsere Seele treten. Worin besteht das
Wesentliche dieses Mysteriums von Golgatha? Dieses Wesentliche des
Mysteriums von Golgatha besteht darinnen, daft eine geistige Wesen-
heit, von der wir wissen, daft sie den kosmischen Spharen angehort,
herabgestiegen ist und irdische Schicksale, irdisches Leid durchgemacht
hat in einem physischen Menschenleibe, daft die Christus -Wesenheit drei
Jahre verlebt hat in dem Leibe des Jesus von Nazareth. Durch das, was
die Christus-Wesenheit in dem Leibe des Jesus von Nazareth erlebt hat,
ist diese Christus-Wesenheit seit dem Mysterium von Golgotha mit dem
vereinigt, was wir den Geist der Erde nennen konnen, was wir das
Aurische der Erde nennen konnen. So daft die gesamte Erdenentwicke-
lung fur uns in eine Zeit vor dem Mysterium von Golgatha zerfallt, da
gewissermaften dasjenige, was der Christus-Geist ist, nur angedeutet
werden kann, wenn der Mensch sich erhebt durch Initiation aus der
irdischen Sphare heraus, urn wahrzunehmen nicht dasjenige, was inner-
halb der irdischen Sphare liegt, sondern dasjenige, woran die Erde kei-
nen Anteil hat, was ihr erst vorbestimmt ist fur eine spatere Zukunft,
und in die Zeit nach dem Mysterium von Golgatha. Seit dem Mysterium
von Golgatha, wissen wir, ist dies so, daft der Mensch mit seinem
Geistig-Seelischen nicht der Erde zu entfliehen braucht, sondern inner-
halb der Erdensphare verbleiben kann und vernehmen kann innerhalb
dieser Erdensphare dasjenige, was die Christus-Wesenheit an Impulsen
enthalt.
Nun miissen wir uns klarmachen, daft die Jahrhunderte bis in unsere
Zeit herein in bezug auf einen Teil der Menschheit ein Bewufttsein
davoruaufgenommen haben, daft der Christus-Impuls mit dem Erden-
dasein sich verknupft habe. Ganz geandert hat sich etwas in dem Ge-
samtbewufttsein der Menschen, derjenigen Menschen, die etwas gefuhlt
haben, empfunden haben von dem Christus-Impuls. Geandert hat sich
etwas in dem Gesamtbewufttsein dieser Menschen. Der Glaube trat in
die Seele ein, daft der Christus mit dem Menschen ist, daft sich das
menschliche Gemtit vereinigen kann mit dem Christus, daft das mensch-
liche Gemut etwas durchleben kann innerhalb des Erdendaseins, was
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