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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Makrokosmos und Mikrokosmos
Die grofie und die kleine Welt
Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
Ein Zyklus von elf Vortragen
gehalten in Wien vom 21. bis 31. Marz 1910
Mit einem vorangehenden offentlichen Vortrag
Wien, 19. Marz 1910
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEI2
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Ulla Trapp
1. Auflage, Dornach 1933
2. Auflage, erweitert urn den offentlichen Vortrag vom 19. Marz 1910
Gesamtausgabe Dornach 1962
3. Auflage, nach zusatzlichen Nachschriften verbessert
Gesamtausgabe Dornach 1988
Bibliographie-Nr. 119
Einbandzeichnung von Assja Turgenieff,
Zeichnungen im Text nach Skizzen in den Nachschriften von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1988 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau
Printed in Germany by Ebner Ulm
ISBN 3-7274-1192-9
2,u den Verqffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli-
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher-
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich
an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft
vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderhch, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Offentlicher Vortrag, Wien, 19. Marz 1910
Der Kreislauf des Menschen durch die Sinnen-, Seelen-
und Geisteswelt
Erlebnisse der Menschenseele nach dem Tode in der seelischen und in der
geistigen Welt. Ausgestaltung des Karma. Wiederherabstieg zu neuer Ge-
burt. Leitwort: Ratsel an Ratsel stellt sich im Raum.
MAKROKOSMOS UND MIKROKOSMOS
Die grofie und die kleine Welt
Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
Erster Vortrag, Wien, 21. Marz 1910
Aufiere und innere Erkenntnisgrenzen und das Eindringen in die hinter
diesen Grenzen liegenden Welten durch Ekstase oder durch mystische Ver-
senkung. Ekstase und Mystik als abnorme Zustande. Die normalen Wech-
selzustande des Wachens und Schlafens. Erleben der Innen- und Aufien-
welt; Spiegelung der Erlebnisse des Mystikers und des Ekstatikers in den
verschiedenen Wesensgliedern.
Zweiter Vortrag, 22. Marz 1910
Der schlafende und der wachende Mensch in seiner Beziehung zu den Pla-
neten. Unterscheidung von Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemiits-
seele und Bewufkseinsseele. Die Einflusse der geistigen Krafte von Venus,
Merkur, Mond auf Empfindungs-, Verstandes- und Bewulkseinsseele im
Wachleben des Menschen und von Mars, Jupiter, Saturn wahrend des
Schlaflebens. Das Planetensystem als Weltenuhr.
Dritter Vortrag, 23. Marz 1910
Der Weg des Mystikers: Betrachtung des physischen und des atherischen
Leibes von innen. Der kleine Hiiter der Schwelle. Der Weg des Schulers
der nordischen Mysterien: Mitempfinden mit der grofien Natur durch den
Gang des Jahres. Das Schauen der Sonne um Mitternacht. Uber das soeben
erschienene Buch «Die Geheimwissenschaft im Umrifi». Der grofie Hiiter
der Schwelle.
Vierter Vortrag, 24. Marz 1910 107
Der Weg des Mystikers in das eigene Innere. Wie konnte der Mensch sich
zurechtfinden bei bewufkem Untertauchen in den astralischen Leib? Wil-
len, Gefuhl, Denken, die drei Grundkrafte der Menschenseele und deren
Verbindung mit den makrokosmischen Kraften Weltendenken, Welten-
fiihlen, Weltenwollen. Notwendige Aufgabe der Geisteswissenschaft, den
Menschen die zukiinftige Veranderung des Verhaltnisses zu den Welten-
kraften bewufit zu machen. Dankbarkeits- und Verantwortungsgefuhle
gegenuber dem Makrokosmos; das «mystische Gel6bnis». Das Erleben
eigener Unterlassungssiinden im Spiegelbilde.
Funfter Vortrag, 25. Marz 1910 130
Der Weg der Einweihung in den agyptischen Osiris- und Isismysterien.
Erlebnisse des Schiilers beim Untertauchen in das eigene Innere an der
Hand des ihn fiihrenden Hermespriesters. Riickwartserleben der Zeiten-
folge; Vorfahren, Vererbungsmerkmale, Aufsuchen friiherer Inkarnatio-
nen. Gefahren des mystischen Weges fur den, der ihn ohne Fuhrer geht.
Sechster Vortrag, 26. Marz 1910 151
Einweihungserlebnisse des Schiilers in den nordischen Mysterien. Gefah-
ren des ekstatischen Weges: Verlust des Ich. Gefahren des mystischen
Weges: Verstarkung des egoistischen Ich. Methoden zur Starkung der Ich-
kraft. Vorbereitung des Mysterienschiilers durch Eriiben von Uberwin-
dungskraften und von Unterscheidungsvermogen. Das Offenbaren geisti-
ger Wesenheiten in der elementarischen Welt (Feuer, Wasser, Luft, Erde).
Die geistige Welt : Tierkreis und Planeten. Die Vernunftwelt; die Welt der
Urbilder.
Siebenter Vortrag, 27. Marz 1910 174
DasEinleben in die elementarische Welt. Verwandtschaft der menschlichen
Temperamente mit den vier Elementen der elementarischen Welt. Selbster-
kenntnis im gewohnlichen Leben und in den hoheren Welten. Vergessene
Seelenerlebnisse. Notwendige Selbsterziehung vor dem Eintreten in die
hoheren Welten. Begegnung mit dem grofien Huter der Schwelle. Selbst-
erkenntnis und Selbstvervollkommnung. Der Umgang mit den fortschrei-
tenden geistigen Wesenheiten. Die Krafte zur Entwickelung des hellseheri-
schen Bewufitseins in der Welt der Urbilder.
Achter Vortrag, 28. Marz 1910 195
Die Bildung der Grundlagen des menschlichen Mikrokosmos, der Sinne,
der Nerven und des Gehirns aus den makrokosmischen Kraften der ele-
mentarischen, der geistigen und der Vernunftwelt. Die Bildung hoherer
geistiger Organe durch die Krafte der Urbilderwelt. Der rosenkreuzerische
Weg. Notwendige innere Tatigkeit des Menschen zur Aneignung von Fa-
higkeiten, um zu imaginativer, zu inspirierter und zu intuitiver Erkenntnis
aufzusteigen.
Neunter Vortrag, 29. Marz 1910 216
Die starkenden Krafte des Schlafes und die Ausbildung geistiger Erkennt-
nisorgane. Drei Stufen des Urteilsvermogens: gefiihlsmafSiges Furwahrhal-
ten, Verstandeskritik, Herzdenken. Erlernen des Umganges mit Wider-
spriichen. Das Anschauen des Ich von zwolf verschiedenen Standpunkten
aus. Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse und die Sprache des logischen
Denkens.
Zehnter Vortrag, 30. Marz 1910 236
Drei Entwickelungsstufen des menschlichen Urteilsvermogens: unbewufite
Logik des Herzens (Vergangenheit), Verstandeslogik (Gegenwart), bewufke
Logik des Herzens (Zukunft). Das Gedachtnis. Anderung des Gedacht-
nisses beim Geistesforscher vom gewohnlichen, an die Zeit gebundenen
Gedachtnis zum geistigen Raumgedachtnis. Lesen in der Akasha-Chronik.
Die vierte Dimension. Bildung und Umbildung von Herz und Gehirn
im Zusammenhang mit der makrokosmischen Entwickelung. Uber das
Fragenstellen.
Elfter Vortrag, 31. Marz 1910 259
Entwickelung zukiinftiger Fahigkeiten des Menschen; Anpassung an die
verschiedenen Zustande unseres Planeten. Appell des Geistesforschers an
den Wahrheitssinn. Der Ursprung des Physischen aus dem Geistigen. Son-
nenwirkungen bei Pflanze und Mensch. Physische Organe, die in Vergan-
genheit, und solche, die in Zukunft weisen; Herz und Kehlkopf. Zukiinfti-
ge Entwickelung der Sprache. Uber Atemubungen. Weisheit und Liebe.
Spruch: Gottes schiitzender segnender Strahl.
Faksimile des Spruchs «Gottes schiitzender segnender Strahl» .... 287
Notizen zu den Vortragen vom 22. und 23. Marz 1910 288
Einladung 292
Anmerkungen und Hinweise 293
Namenregister 296
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 297
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 299
DER KREISLAUF DES MENSCHEN DURCH DIE
SINNEN-, SEELEN- UND GEISTESWELT
Offentlicher Vortrag, Wien, 19. Marz 1910
Der Vortrag vom letzten Donnerstag war dazu bestimmt, die Wege
zu charakterisieren, durch die der Mensch in die geistigen Welten
hineingelangen kann, und es wurde versucht zu zeigen, wie schon
eine gewohnliche Beobachtung der aufeinanderfolgenden Erschei-
nungen unseres Lebenslaufes zwischen der Geburt und dem Tode
Gesetze, grofie Gesetze zeigt, welche auf eine hinter der physischen
Welt liegende geistige Welt weisen, und es wurde skizzenhaft
charakterisiert, wie dann der Mensch selber in diese geistige Welt
hineingelangen kann.
Heute soli in grofienUmrissen ein Kapitel aus jenen Erkenntnissen
besprochen werden, welche der Geistesforscher auf dem vorgestern
charakterisierten Wege erlangen kann. In noch hoherem Grade na-
tiirlich als in dem vorgestrigen Vortrage konnte alles heute Gesagte
wie eine Art Phantasterei betrachtet werden. Nach den Auseinan-
dersetzungen von vorgestern darf aber wohl vorausgesetzt werden,
dafi das heute einfach in Form einer schlichten Erzahlung Vor-
zubringende als eine Summe von Forschungsresultaten angesehen
werde, welche sich durch die Betrachtung derhoheren Welten
eben ergeben. Also einfach schlicht erzahlt soil heute werden,
was der Mensch an Erlebnissen hat, wenn er nach dem Tode durch
die verschiedenen Welten fortschreitet, durch die er zu gehen be-
stimmt ist.
Der Anfang soil gemacht werden an demjenigen Punkte der
menschlichen Lebensentwickelung, an welchem der Mensch steht,
wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, wenn er also in der
Art, wie das gestern charakterisiert worden ist, seinen physischen
Leib ablegt und in ein anderes, in ein geistiges Dasein aufsteigt. Das-
jenige, was der Mensch zunachst erlebt unmittelbar beim Durch-
schreiten der Todespforte, nach dem Ablegen des physischen Kor-
pers, das soil zunachst ins Auge gefafk werden.
Der erste Eindruck, den unser astralischer Leib und unser Ich ha-
ben, nachdem der Tod des Menschen eingetreten ist, ist dieser, dafi
der Mensch zuriickblicken kann auf sein eben verflossenes Leben,
das zwischen der Geburt und dem Tode abgelaufen ist, zuriick-
blicken kann in einem umfassenden Erinnerungstableau. Die einzel-
nen Ereignisse des letzten Lebens, die langst dem geistigen Blick ent-
schwunden sind, treten sozusagen mit alien Einzelheiten an diesem
wichtigen Wendepunkte des Lebens vor die Seele hin. Und wenn
wir uns fragen: Wie ist so etwas moglich? - dann konnen wir das-
jenige, was sich dem hellsichtigen Auge darbietet, uns wenigstens da-
durch begreiflich machen, dafi wir hinweisen auf jene allbekannten
Augenblicke des Lebens, von denen diejenigen erzahlen, die einmal
in Lebensgefahr waren, etwa bei einem Absturz in den Bergen oder
wenn sie dem Ertrinken nahe waren. Sie erzahlen, dafi ihnen in
einem solchen Augenblicke das ganze verflossene Leben wie in einem
groften Gemalde vor Augen stand. Was so erzahlt wird, kann von
der Geisteswissenschaft durchaus bestatigt werden.
Woher kommt es denn, dafi dem Menschen in einem solchen Au-
genblicke das ganze verflossene Leben wie in einem grofien Gemal-
de vor Augen steht? Das kommt davon her, dal$ dasjenige, was man
vom Menschen mit physischen Augen sehen, mit physischen Han-
den greifen kann, was man also den physischen Leib des Menschen
nennt, durchzogen und durchtrankt ist von dem Ather- oder Le-
bensleib. Es ist dies das zweite und zwar schon ein unsichtbares
Glied der menschlichen Wesenheit, das den physischen Leib in der
Zeit zwischen der Geburt und dem Tode daran hindert, den ihm
eingepflanzten physischen, physikalischen und chemischen Kraften
und Gesetzen zu folgen. Sozusagen unser treuer Kampfer gegen den
Zerfall des physischen Korpers ist dieser Ather- oder Lebensleib,
dieser zweite Leib des Menschen.
Nun kann es ja verstandlich sein, dafi fur einen physischen Blick,
dafi fiir die physische Wissenschaft mit dem Eintritte des Todes auch
die gesamte menschliche Wesenheit diesem Tode verfallen scheint;
denn dasjenige, was durch die Pforte des Todes hindurchschreitet,
das dann jene Eindriicke hat, die eben geschildert werden sollen, das
ist nur fiir eine geistige Erkenntnis, nur fiir ein hellsichtiges Auge
vorhanden. Alles dasjenige aber, was nur fiir die geistige Erkenntnis
vorhanden ist, mufi notwendigerweise dem physischen Blick als ein
Nichts erscheinen.
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Feme,
Den Schritt nicht horen, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst!
So sagt Mephistopheles im Goetheschen «Faust». Ewig wird es ja so
sein. Diese Charakteristik zeigt in Mephistopheles den Vertreter
einer Weltanschauung, die nur auf das aufiere, physische Dasein
geht und in allem, was jenseits dieses physischen Daseins durch gei-
stige Erkenntnis zu erreichen ist, ein Nichts erblickt. Ewig wird
aber auch derjenige, der eine Ahnung und eine Erkenntnis davon
hat, dafi im Menschenwesen Krafte schlummern, die so entwickelt
werden konnen, daft geistige Welten in diese menschliche Seele
hereinbrechen, wie Licht und Farbe in das operierte Auge des Blind-
geborenen hereinbrechen, ewig wird diese menschliche Seele, die
von solcher hoherer Erkenntnis etwas ahnt, dem Materialismus die
Worte erwidern, die Faust dem Mephistopheles erwidert:
In deinem Nichts hoff ich das All zu finden.
Wie Faust im Nichts das All zu finden hofft, so miissen wir auch
zu dem Nichts der materialistischen Gesinnung und Anschauung
gehen, wenn wir dasjenige ergreifen wollen, was durch die Pforte des
Todes hindurchgeht und dann seine Eindriicke hat, wenn keine
physischen Werkzeuge, keine physischen Organe mehr da sind,
durch die eine aufiere Welt vermittelt werden kann. Dieses Nichts
des Materialisten, dieses Grundwesen der menschlichen Natur fiir
den spirituellen Blick, das hat jenes gewaltige Erinnerungstableau
vor sich, in dem eingeschlossen sind alle einzelnen Erlebnisse des
letzten Daseins, ebenso, ja in hoherem Sinne eingeschlossen sind als
nach jenem Schock, den ein Mensch erlebt, wenn er in Lebensgefahr
schwebt, wenn er etwa dem Ertrinken nahe ist. Was ist denn eigent-
lich geschehen mit einem Menschen, der vor einer Lebensgefahr
steht? Durch den Schock, den er erlitten hat, ist sein Ather- oder Le-
bensleib fiir eine kurze Weile gelockert worden aus seinem physi-
schen Leibe heraus. Nun ist aber dieser Ather- oder Lebensleib beim
Menschen - ausdriicklich sei es gesagt : beim Menschen - der Trager
auch der Erinnerung, des Gedachtnisses, und im gewohnlichen Le-
ben, wenn dieser Ather- oder Lebensleib eingeschaltet ist dem physi-
schen Leib, dann ist der physische Leib wie eine Art Hemmnis, wie
eine Art Hindernis fiir das Herausheben aller einzelnen Erinnerun-
gen, aller einzelnen Gedachtnisvorstellungen. Wenn aber der Ather-
oder Lebensleib durch einen solchen Schock fiir eine kurze Weile
aus dem physischen Leib herausgehoben ist, dann tritt das ganze
Leben in einem Erinnerungsgemalde vor die Seele, und wir haben
dann bei einem solchen Menschen in dem Momente des Ertrinkens
durchaus eine Art von Analogon zu demjenigen, was unmittelbar
nach dem Tode da ist, wenn der Ather- oder Lebensleib mit alien
seinen Kraften frei geworden ist, da ja der physische Leib im Tode
abgelegt ist.
Das ist das eine Erlebnis, nachdem der Mensch die Pforte des To-
des durchschritten hat. Wir miissen es aber noch genauer charakteri-
sieren. Dieses Erlebnis ist ganz eigentumlicher Art. Es ist namlich
diese Erinnerung nicht so, dafi wir die Ereignisse des eben verflosse-
nen Lebens genau in derselben Art erleben, wie wir sie im Leben
durchgemacht haben. Im Leben machen auf uns die Ereignisse des
Tages den Eindruck der Lust, den Eindruck der Freude, den Ein-
druck des Schmerzes, den Eindruck des Leides. In einer Weise treten
sie an uns heran, daft wir mit ihnen Sympathie und Antipathie ha-
ben. Kurz, diese Ereignisse erregen unsere Gefuhlswelt, spornen uns
wohl auch an, unseren Willen, unsere Begierde in dieser oder jener
Weise zu betatigen. Das alles, was Lust und Leid, Freude und
Schmerz, was Sympathie und Antipathie ist, was Interesse an aufie-
ren Erscheinungen des Daseins ist, alles das ist fiir jene Zeit, die eben
jetzt besprochen worden ist, aus der menschlichen Seele wie ausge-
loscht, und es steht das Erinnerungsbild da, wirklich wie ein Bild.
Wenn wir ein Bild vor uns haben, eine Szene uns vorstellen, wo wir
furchtbar leiden wiirden - wir ertragen sie objektiv, neutral, wenn
sie uns im Bilde dargestellt wird. So aber tritt uns auch das Erinne-
rungsbild des ganzen Lebens vor die Seek : Wir erleben es ohne Teil-
nahme, die wir sonst im Leben gehabt haben.
Das ist das eine. Das andere ist, dafi der Mensch nunmehr etwas
erlebt unmittelbar nach dem Durchschreiten der Todespforte, mit
dem er zwischen der Geburt und dem Tode nur in sehr geringem
Mafie bekannt geworden ist, wenn er nicht selber ein Geistesfor-
scher geworden ist. Im Leben sind wir immer aufierhalb der Dinge,
aufierhalb der Wesenheiten, die um uns herum sind. Die Tische, die
Stuhle sind aufierhalb unser, die iiber das Feld ausgebreitete Pflan-
zenflora ist aufierhalb unser. Der Eindruck unmittelbar nach dem
Tode ist der, als ob unser Wesen sich ergiefien wiirde iiber alles das,
was aufierhalb unser ist. Wir tauchen gleichsam in die Dinge unter,
wir ftihlen uns eins mit ihnen. Das Gefiihl des Ausbreitens und
-dehnens und -weitens der Seele tritt auf, ein Verschmelzen mit den
Dingen, die in der aufieren Umgebung sind als Bilder. Dieses Erleb-
nis dauert - so zeigt uns die Geistesforschung mit denjenigen Metho-
den, von denen wir gesprochen haben - verschieden lang; allein es
ist im allgemeinen ein kurzes Erlebnis nach dem Tode. Wir konnen
heute sogar schon davon sprechen, nachdem genauere hellseherische
Forschungen iiber diese Sache vorliegen, wie lange die Zeitdauer fur
den einzelnen Menschen je nach seiner Individuality ist. Sie wissen,
daft verschiedene Menschen im normalen Lebenszustande verschie-
den lang sich wach erhalten konnen, wenn es sein muE, ohne dafi sie
iibermannt werden vom Schlafe. Der eine Mensch kann meinetwil-
len drei, vier, fiinf Tage wachen, der andere kann es nur durch sechs-
unddreifiig Stunden und so weiter. Solange der Mensch im allge-
meinen im normalen Zustand des Lebens durchschnittlich sich hat
wach erhalten konnen, ohne dafi er vom Schlafe niedergezwungen
wurde, so lange ungefahr dauert auch durchschnittlich dieses Erin-
nerungstableau. Also es ist nach Tagen zu berechnen und ist fur die
verschiedenen Menschen verschieden.
Dann, wenn dieses Erinnerungstableau zu Ende gegangen ist,
wenn es allmahlich verblafit ist, denn es zeigt ein Nach-und-nach-
Dunkelwerden, da fiihlt der Mensch so etwas, wie wenn sich in ihm
zuriickzogen gewisse Krafte und etwas, was bisher in seiner Natur
war, ausgestofien wiirde. Dasjenige, was da ausgestofien wird, ist
nun ein zweiter Leichnam des Menschen, ein unsichtbarer Leich-
nam; es ist dasjenige im Menschen, was er von seinem Ather- oder
Lebensleib nicht mitnehmen kann durch die folgenden Erlebnisse in
der seelischen Welt. Wahrend also der physische Leichnam vorher
schon abgestofien und zu seinen physischen Stoffen und Kr'aften zu-
ruckgekehrt ist, wird jetzt ausgeprefit der Ather- oder Lebensleib,
der sich verteilt in diejenige Welt, die wir die Atherwelt nennen, die
nun wiederum ein Nichts ist fur denjenigen, der allein materiali-
stisch sehen und denken kann, die aber alles durchwebt und durch-
lebt fur denjenigen, dessen geistige Augen geoffnet sind. Nun bleibt
aber aus diesem ausgeprefiten Ather- oder Lebensleib etwas zuriick,
was man bezeichnen kann als eine Essenz, als einen Extrakt alles
dessen, was erlebt worden ist. Gleichsam die in einen Keim zusam-
mengedrangten Erlebnisse des letzten Daseins zwischen Geburt und
Tod, die bleiben nunmehr mit demjenigen, was der Mensch ist, ver-
eint. Also die Frucht des letzten Lebens, zusammengedrangt, die
bleibt bestehen.
Was hat nun der Mensch an sich im weiteren Verlaufe seines
nachtodlichen Lebens? Der Mensch behalt dasjenige, was wir den
Trager seines Ichs, was wir sein Ich uberhaupt nennen; aber einge-
hullt ist dieses Ich zunachst von demjenigen, was wir als das dritte
Glied der menschlichen Wesenheit nach dem physischen und dem
Ather- oder Lebensleib charakterisiert haben, eingehiillt ist dieses
Ich von dem astralischen Leib. Wir konnten sagen, dafi der astrali-
sche Leib des Menschen der Trager ist von Lust und Leid, von Freu-
de und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Von
alle dem, was des Tags iiber also als Lust und Leid, als Triebe, Begier-
den und Leidenschaften durch unsere Seele zuckt, davon ist der
astralische Leib der Trager, und jede Nacht verlassen Ich und astrali-
scher Leib den physischen und den Ather- oder Lebensleib des Men-
schen, die wahrend des Schlafens im Bette liegen bleiben. Jetzt ha-
ben wir nach dem Tode vereint das Ich und den astralischen Leib
mit jener Lebensessenz, von der wir eben sagen konnten, dafi sie als
Frucht oder Keim aus dem Ather- oder Lebensleib extrahiert wor-
den ist. Mit diesen Gliedern seines Wesens tritt nun der Mensch
weiter die Wanderung an durch die sogenannte seelische Welt.
Wollen wir verstehen, was uns der geistige Blick des Menschen
iiber diese Welt enthiillen kann, dann miissen wir zunachst uns klar-
machen, daft dieser astralische Leib es ist, welcher der Trager ist von
allem, was Genufi, was Lust, was Interesse an den Dingen um uns
herum ist. Ja, der astralische Leib ist der Trager aller Geniisse, Be-
gierden, aller Schmerzen und Leiden, auch der niedrigsten Begier-
den, der Begierden, die zum Beispiel mit unserer Ernahrung ver-
kniipft sind. Der physische Leib, er ist ein Gefiige von physischen
und chemischen Kraften und Gesetzen. Der physische Leib ist es
nicht, der Lust und Genufi empfindet gegeniiber irgendwelchen Nah-
rungs- und Genufimitteln, das ist der astralische Leib des Menschen.
Der physische Leib gibt nur die Werkzeuge her, damit wir uns sol-
che Geniisse, die im astralischen Leib sich abspielen, verschaffen
konnen. Derjenige nun, der einen Begriff davon erhalten hat, dafi
dieser astralische Leib des Menschen etwas Reales, etwas Wirkliches
ist, nicht blofi eine Funktion, ein Ergebnis des Zusammenwirkens
der physischen und chemischen Vorgange, der wird sich auch nicht
wundern, wenn gesagt wird, daft in dem Augenblicke des Todes,
wenn der physische Leib abgelegt ist, der astralische Leib nicht
gleich die Sehnsucht nach den Geniissen verliert. Das tut er in der
Tat nicht. Nehmen wir einen krassen Fall, meinetwillen einen Men-
schen, der im Leben ein Feinschmecker war, der Genufi gehabt hat
an leckeren Speisen. Was ist mit dem Tode fur ihn eingetreten? Die
Moglichkeit hat er verloren - weil er die physischen Werkzeuge ab-
gelegt hat -, sich die Geniisse in seinem astralischen Leib zu ver-
schaffen. Aber die Begierde nach diesen Geniissen ist in seinem
astralischen Leib verblieben. Die Folge davon ist, dafi der Mensch
nunmehr in bezug auf diese Geniisse in derselben Lage ist - wenn
auch durch andere Griinde -, in der er etwa ware, wenn er im physi-
schen Leben in einer Gegend ist, wo er brennenden Durst leidet und
weit und breit nichts ist, was diesen Durst loschen kann. Nach dem
Tode leidet der astralische Leib einen brennenden Durst, weil die
physischen Organe nicht da sind, durch die dieser Durst befriedigt
werden kann. Die Werkzeuge sind abgelegt, aber die Begierde nach
diesen Geniissen ist im astralischen Leib verblieben. Die Folge da-
von ist, daft der Mensch nunmehr in bezug auf diese Genusse in der-
selben Lage ist, der astralische Leib leidet einen brennenden Durst.
Im astralischen Leib sind noch alle jene Triebe, Begierden und Lei-
denschaften, die nur durch die physischen Werkzeuge befriedigt
werden konnen. Daher ist begreiflich, einfach aus dieser logischen
Erwagung heraus, was der Geistesforscher auf diesem Gebiet sagen
mufi: Der Mensch macht, nachdem er seinen Ather- oder Lebens-
leib abgelegt hat, eine Zeit durch, in der er sich in bezug auf sein in-
nerstes Wesen abgewohnen mufi alle Sehnsuchten, alle Begierden,
welche nur durch die physischen Werkzeuge des physischen Leibes
befriedigt werden konnen. - Das ist die Zeit der Lauterung, der Rei-
nigung, in der ausgerissen werden miissen aus dem astralischen Leib
alle Sehnsuchten nach irgend etwas, was dem Menschen nur ver-
schafft werden kann dadurch, daft er seine physischen Werkzeuge in
Tatigkeit versetzt.
Wir werden es begreiflich finden, daft wiederum, je nach der Indi-
vidualist des Menschen, die Zeit verschieden sein wird, die durchge-
macht werden mufi behufs dieser Lauterung, behufs dieses Ausrei-
ftens der Begierden, die nur nach der physischen Welt gehen. Der
Mensch macht aber auch diese Zeit so durch, daft sie nicht etwa bloft
nach Tagen zahlt, sondern daft sie nach den Forschungen der Gei-
steswissenschaft ungefahr ein Drittel des Lebens in der physischen
Welt in Anspruch nimmt, das zwischen Geburt und Tod verlaufen
ist. Es ist das begreiflich fur denjenigen, der tiefer hineinzublicken
vermag, daft die Lauterungszeit ungefahr ein Drittel der Lebenszeit
in Anspruch nimmt. Wenn man das menschliche Leben uberblickt,
so findet man, daft dieses menschliche Leben zwischen Geburt und
Tod deutlich zerfallt in drei Drittel. Das erste Drittel des Lebens ist
dazu da, daft sich die durch die Geburt ins Dasein tretenden Anlagen
und Fahigkeiten des Menschen hindurcharbeiten durch die Hinder-
nisse der physischen Welt. Eine Art aufsteigenden Lebens ist im er-
sten Drittel vorhanden. Der Mensch ergreift allmahlich als geistiges
Wesen Besitz von seinen physischen Organen. Dann kommt das
nachste Lebensdrittel, das ungefahr dauert vom 21. bis zum 42. Le-
bensjahre durchschnittlich. Das erste dauert bis zum 21. Lebensjahr.
Dieses zweite Lebensdrittel nimmt in Anspruch die Entwickelung
all derjenigen Krafte, die der Mensch dadurch entfalten kann, dafi er
mit seinem Innern, mit seinem Seelischen in Wechselwirkung tritt
mit der Aufienwelt. Da hat er bereits die Organe seines physischen
und Ather- oder Lebensleibes plastisch gestaltet, da hat er an ihnen
kein Hindernis mehr. Er ist ausgewachsen. Sein Seelisches tritt in
unmittelbare Beziehung zur Aufienwelt. Das dauert so lange, bis der
Mensch beginnen mulS, wiederum zu zehren von seinem physischen
und Ather- oder Lebensleib, und das geschieht dann fur die iibrige
Zeit seines Lebens. Da saugt der Mensch nach und nach wiederum
auf dasjenige, was er plastisch gestaltet hat in seiner Jugend. Wir
konnten darauf aufmerksam machen, welcher wunderbare Zusam-
menhang zwischen Jugend und Alter besteht. Wenn wahrend der-
jenigen Zeit, wahrend welcher das innere menschliche Wesen pla-
stisch gestaltet an den Organen des Menschen, der Mensch gewisse
Eigenschaften sich aneignet, wenn er in dieser Zeit in der Seele iiber-
wunden hat mancherlei Zornesregungen, wenn er durchgemacht
hat dasjenige, was wir das Gefuhl der Andacht nennen, so kommt
das gerade im letzten Drittel des Lebens in seiner Wirkung zum
Ausdruck. Es geht das im mittleren Drittel wie in einem verborge-
nen Strom dahin. Und dasjenige, was wir iiberwundenen Zorn nen-
nen, kommt im Alter als gerechte Milde zum Vorschein, so dafi im
iiberwundenen Zorn die Ursache liegt zur Milde. Und aus der Stim-
mung der Andacht, die wir hegen in jungen Jahren, kommt am
Ende des Lebens jene Eigenschaft, die wir erblicken an denjenigen
Menschen, die in eine Gemeinschaft treten konnen, und ohne dafi
sie viel sagen, wie segnend wirken.
Deutlich ist des Menschen Leben in drei Drittel geteilt. Im ersten
Drittel arbeitet sich der Mensch hin zu seinem physischen Leib, im
letzten Lebensdrittel zehrt er wiederum am physischen Leib; im
mittleren Lebensdrittel ist sozusagen das Seelische sich selbst iiber-
lassen. Dieser mittleren Zeit nun mufi auch, wie es begreiflich schei-
nen kann, die Lauterungszeit nach dem Tode entsprechen. Da ist ja
die Seele frei vom physischen Leib und Ather- oder Lebensleib und
stent zu ihrer geistigen Umgebung in einem ahnlichen Verhaltnis
wie im zweiten LebensdritteL
Was der Geistesforscher zu sehen vermag, das konnen wir uns lo-
gisch begreiflich machen, wenn wir einen Blick auf das gewohnliche
Leben werfen. Wir konnen verstehen, dafi die angegebene Zeit eine
Durchschnittszahl ist, bei dem einen Menschen die Zeit der Laute-
rung langer dauern wird, bei dem andern kiirzer. Langer wird sie bei
demjenigen dauern, der mit all seinen Leidenschaften hingegeben ist
an das blofi sinnliche Dasein, der kaum etwas anderes kennt als die
Befriedigung durch jene Geniisse, die an die physischen Organe des
Leibes gebunden sind. Wer aber im gewohnlichen Leben durch ein
Eindringen in die Kunst, durch die Erkenntnis schon hindurchzu-
schauen vermag auf dasjenige, was durch den Schleier des Physischen
hindurchdringt an geistigen Geheimnissen des Daseins, wer auch nur
ahnend die Offenbarungen des Geistes durch den Schleier des Physi-
schen ergreift, fiir den wird die Lauterungszeit kiirzer dauern, denn
er wird vorbereitet durch die Pforte des Todes gehen, vorbereitet fiir
alles dasjenige, was eben nur aus der geistigen Welt an Befriedigung
kommen kann.
Hier haben wir also eine Zeit, die der Mensch durchlebt zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt, die sich wesentlich unterscheidet
von der nach Tagen zahlenden Zeit unmittelbar nach dem Tode.
Wahrend wir in dieser nach Tagen zahlenden Zeit ein neutrales Er-
innerungstableau haben, dem gegeniiber all unser Interesse und un-
sere Teilnahme verstummen, haben wir gerade in der Lauterungs-
zeit alles dasjenige in unserer Seele, was uns durch Sehnsucht
nach Genufi, durch Sehnsucht nach Begierde hingezogen hat zu
unseren Erlebnissen. Gerade das Gefuhlsleben, das Empfindungs-
leben, das ist es, was da in der Seele ablauft wahrend dieser Laute-
rungszeit.
Nun zeigt uns aber allerdings die Geistesforschung eine merk-
wiirdige Eigentiimlichkeit dieser Lauterungszeit. So sonderbar es
klingt, es ist doch wahr: Diese Lauterungszeit verlauft namlich von
riickwarts nach vorne, so dafi wir den Eindruck haben, dafi wir das
letzte Jahr unseres physischen Lebens zuerst, dann das vorletzte, das
drittletzte nachher durchleben. Und wir durchleben also, uns lau-
ternd, uns reinigend, unser Leben wie in einem Spiegelbild, wir
durchlaufen es so, dafi es erscheint, als ob es von dem Tode bis zur
Geburt gehen wiirde, und am Ende der Lauterungszeit stehen wir
im Moment der Geburt. Zuerst das Alter, dann das mittlere Alter,
bis zuriick zur Kindheitszeit durchlaufen wir das Leben.
Nun braucht sich niemand zu denken, dafi dies durchaus nur eine
schreckliche Zeit ist, nur eine solche Zeit, in der man brennenden
Durst erlebt, in der man Sehnsuchten durchmacht. Das alles ist ge-
wifi da; aber es ist nicht das einzige. Wir durchleben auch alles dasje-
nige, was wir zwischen der Geburt und dem Tode schon an Geisti-
gem durchgemacht haben, wir durchleben auch die guten Ereignisse
des Lebens so, dafi wir sie gleichsam im Spiegelbild wiederum vor
uns haben. Wie das ist, wird uns gleich vor die Seele treten, indem
wir diese Zeit noch genauer betrachten. Nehmen wir an, ein Mensch
ware im 60. Lebensjahre gestorben. Dann durchlebt er zuerst
das 59., dann das 58., das 57. Lebensjahr und so weiter; er durchlebt
nur alles nickwartslaufend in einer Art von Spiegelbild. Das bleibt
namlich, dafi wir uns fuhlen wie uber die Dinge und Wesenheiten
der Welt ergossen, wie in alien Wesenheiten und Dingen darinnen.
Nehmen wir nun die Tatsache, dafi wir in einem Leben, das also bis
zum 60. Jahre gedauert hat, im 40. Jahre jemandem eine Beleidigung
zugefiigt hatten. Da durchleben wir also zwanzig Jahre mit einer
dreifachen Geschwindigkeit zuriick. Wenn wir beim 40. Jahre ange-
kommen sind, dann durchleben wir jenen Schmerz, den wir dem an-
dern zugefiigt haben, aufs neue, aber wir erleben nicht dasjenige,
was wir damals durchgemacht hatten, sondern dasjenige, was der an-
dere durchgemacht hatte. Wenn wir aus einem Rachegefuhl oder aus
einer Zornesaufwallung heraus jemandem Schmerz zugefiigt haben
und wir dann nach dem Tode, riickwartsschauend, zu diesem Mo-
mente kommen, dann fuhlen wir nicht unsere Befriedigung, die wir
durchgemacht haben, sondern dasjenige, was der andere erlebt hat.
Wir sind im Geiste in ihn hineinversetzt. Und so ist es mit allem,
was wir im Ruck warts wandern durchleben. Wir durchleben alles
dasjenige, was wir an Wohltaten, was wir an Guttaten im Leben aus-
gestreut haben, in den wohltatigen Wirkungen, die es in unserer
Umgebung verursacht hat.
Dies durchleben wir mit jener Seele, die sich gleichsam ausgegos-
sen fuhlt in die ganze Umwelt. Das ist nicht ohne Wirkung, sondern
der Mensch, indem er alles durchlebt, nimmt von all diesen Situatio-
nen des Durchlebens gewisse Marken, gewisse Eindriicke mit. Wir
konnen dies etwa folgendermafien charakterisieren. Aber ich bemer-
ke ausdriicklich, dafi man diese Dinge mit Worten eigentlich nur
vergleichsweise charakterisieren kann, denn Sie konnen verstehen,
dafi unsere Worte gepragt sind fur die physische Welt und eigentlich
nur auf diese physische Welt im rechten Sinne anwendbar sind. Ge-
brauchen wir doch diese Worte - und wir konnten uns sonst ja
nicht verstandigen iiber all die geheimnisvollen Welten, die dem gei-
stigen Auge sich erschliefien dann miissen wir uns bewulSt sein,
dafi diese Worte nur einen annahernden Sinn haben. Dasjenige, was
da also durchlebt wird, kann nur so charakterisiert werden: Wenn
der Mensch wahrnimmt den Schmerz, den er einem andern zuge-
fugt hat, wenn er diesen Schmerz nach dem Tode nacherlebt, dann
fuhlt er ihn wie ein Entwickelungshemmnis. Er sagt sich etwa emp-
findend in seiner Seele: Was ware ich geworden, wenn ich dem an-
dern diesen Schmerz nicht zugefiigt hatte? Dieser Schmerz ist etwas,
was mein ganzes Wesen zuriickhalt von einem Grad von Vollkom-
menheit, den es sonst hatte erreichen konnen. - Und so sagt sich der
Mensch bei allem, was er an Irrtum und Luge, an Hafilichem ver-
breitet hat in seiner Umgebung : Das sind Entwickelungshindernis-
se, etwas, was ich mir selber in den Weg meiner Vervollkommnung
gelegt habe. - Und daraus formt sich eine Kraft in der menschlichen
Seele, die dahin geht, daft der Mensch in jenem Zustande, in dem er
jetzt lebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aufnimmt
die Sehnsucht, aufnimmt die Willensimpulse, diese Hindernisse aus
dem Weg zu raumen. Das heilk, Stuck fur Stuck nehmen wir in der
Rikkwartswanderung Impulse auf, im kommenden Leben das wie-
der gutzumachen, wiederum auszugleichen, was wir uns selber an
Hindernissen in den Weg gelegt haben.
Daher diirfen wir uns auch nicht dem Glauben hingeben, dafi das-
jenige, was wir da durchmachen, blofi Leiden sei. Leid und Entbeh-
rung ist es gewifi, und schmerzlich ist es, wenn wir all das auf unsere
eigene Seele geladen sehen, was wir selber verursacht haben; aber
wir erleben es doch so, dafi wir froh sind, es erleben zu diirfen, weil
wir nur dadurch jene Kraft aufnehmen konnen, die uns befahigt, je-
ne Hindernisse aus dem Weg zu raumen. Und so addieren sich zu-
sammen alle diese Impulse, die wir wahrend der Lauterungszeit auf-
nehmen, und wenn wir zuriickgekommen sind bis zum Anfang un-
seres letzten Lebens, dann ist eine machtige Summe da, die in uns als
ein ungeheurer Drang lebt, in einem neuen Leben, in den folgenden
Daseinsstufen alles dasjenige auszugleichen, was auszugleichen ist in
dem charakterisierten Sinne. Mit der Kraft also, unseren Willen
kiinftighin so zu entfalten, dafi fur alles Unrechte, Hafiliche, Schlim-
me, das wir getan haben, der Ausgleich geschaffen wird, mit dieser
Kraft sind wir ausgeriistet am Ende der Lauterungszeit. Das ist eine
Kraft, von der der Mensch etwa eine Ahnung bekommen kann,
wenn er sich durch eine weise Selbsterkenntnis damit bekannt-
macht, welche Gewissensbisse es ihm verursacht, wenn er zuriick-
denkt an das, was er diesem oder jenem angetan hat. Aber alles das
bleibt im Leben blofi Gedanke. Ein machtiger Schaffensdrang wird
es in der Lauterungszeit zwischen Tod und einer neuen Geburt.
Und mit diesem Schaffensdrang ausgestattet geht der Mensch jetzt
in ein neues Leben ein: in das eigentlich geistige Leben.
Wenn wir dieses geistige Leben, das der Mensch nach der Laute-
rungszeit betritt, verstehen wollen, dann konnen wir das auf die fol-
gende Art. Es ist schwer, die ganz andersartigen Erlebnisse, welche
der Geistesforscher hat, wenn er priift das Leben zwischen dem To-
de und einer neuen Geburt, die ganz andersartigen wesenhaften Ein-
driicke, die sich mit nichts vergleichen lassen, was das Auge in der
Sinnenwelt sehen und der an das Gehirn gebundene Verstand den-
ken kann, einzufangen in die Worte unserer Sprache; aber man
kann sich auf folgende Weise etwa eine Vorstellung von demjenigen
verschaffen, was wie eine neue Welt dem Geistesforscher durch sei-
nen Einblick in die geistige Welt aufgehen kann. Wenn Sie urn sich
sehen und begreifen wollen die Welt, wenn Sie verstehen wollen
dasjenige, was um Sie herum ist, dann tun Sie das dadurch, daft Sie
denken, daft Sie sich Vorstellungen bilden von den Dingen, die um
Sie herum sind. Es ware nun eine logisch absurde Vorstellung, wenn
jemand denken wiirde, man konne Wasser aus einem Glas heraus-
schopfen, in dem keines drinnen ist. Genau so ware es, wenn Sie
sich vorstellen wiirden, daft Sie aus einer Welt Gedanken, Gesetze
herausholen, herausschopfen konnten, in der keine Gedanken, kei-
ne Gesetze darin sind. Alles menschliche Wissen, alle menschliche
Erkenntnis ware eitel Traumerei, ware nichts anderes als eine Phan-
tastik, wenn die Gedanken, die wir zuletzt in unserem Geist ausfor-
men, nicht als Gedanken den Dingen schon zugrunde lagen, daft
also die Dinge aus Gedanken herausgesprossen sind. Alle diejenigen,
welche da glauben, daft die Gedanken nur etwas sind, was der
menschliche Geist bildet, was nicht den Dingen zugrunde liegt als
eigentliche Wirkens- und Schaffenskrafte der Dinge, die sollten nur
gleich uberhaupt alles Denken aufgeben; denn die Gedanken, die
so gebildet wiirden, ohne daft sie einer aufteren Gedankenwelt ent-
sprechen, die waren eitel Hirngespinste. Einzig und allein derjenige
denkt real, der weift, daft sein Denken der aufteren Gedankenwelt
entspricht und wie in einem Spiegel in unserem Innern die auftere
Gedankenwelt wiederum auferweckt; er weift, daft aus dieser Ge-
dankenwelt alle Dinge ursprunglich hervorgesprossen sind.
So also ist zwar fur uns Menschen der Gedanke das letzte, das wir
ergreifen von den Dingen, den Dingen aber liegt er als ihr erstes zu-
grunde. Der schopferische Gedanke liegt den Dingen zugrunde,
aber die Gedanken der Menschen, durch die der Mensch zuletzt er-
kennt, unterscheiden sich doch in einer gewissen, sehr bedeutungs-
vollen Beziehung von den schopferischen Gedanken drauften.
Wenn Sie in die menschliche Seele hineinzublicken versuchen, dann
werden Sie sich sagen : Wie auch dieses menschliche Denken herum-
schweifen mag in dem Horizont der Gedanken und Vorstellungen,
solange der Mensch denkt, solange er durch seine Gedanken die Ge-
heimnisse der Dinge zu ergriinden versucht, so lange nehmen sie sich
aus wie etwas, dem feme liegt alles Schopferische. - Das ist das Eigen-
artige der menschlichen Gedanken, dafi sie das produktive, das
schopferische Element, das in den Gedanken, die die Welt draufien
durchweben und durchleben, enthalten ist, verloren haben. Diejeni-
gen Gedanken, die die Welt draufien durchsetzen, werden durchzo-
gen mit dem Element, das im menschlichen Inneren erst herauf-
spriefk wie ein geheimnisvoller Untergrund unseres Daseins. Das
wissen Sie ja, daft Ihre Vorsteilungen, wenn sie umgegossen sein sol-
len in den Willen, dann untertauchen miissen in die Untergriinde
des menschlichen Wesens, dafi der Gedanke selber noch nicht
durchzogen ist von dem Willen. Der Gedanke aber, der draufien in
der Welt wirkt, der ist durchzogen und durchwebt vom Willen.
Und das eben ist das eigenartige des Geistes, der objektiv drauften
die Dinge durchwirkt, dafi er schopferisch ist. Dadurch ist er aber
nicht mehr nur Gedanke, dadurch ist er Geist. Der Gedanke der
menschlichen Natur ist dadurch zustande gekommen, dafi der Wille
aus dem Geist herausgeprelk ist und dafi dieser wie ein Reflex erst
aus dem Menschen heraus erscheint. Fur den geistigen Blick zeigt er
sich draufien nirgends von dem Schopferischen getrennt.
In diesen Geist, der in sich zusammengeschlossen enthalt Willen
und Gedanken, tritt der Mensch wie in eine neue Welt ein, wenn er
nach dem Tode seine Lauterungszeit durchgemacht hat. Und so, wie
wir hier in dieser Welt, die wir durchlaufen zwischen Geburt und
Tod, leben umgeben von den Eindriicken unserer Sinne, umgeben
von alle dem, was unser Verstand denken kann, wie wir hier also
von der physischen Welt umgeben und umschlossen sind, so ist
der Mensch nach der Lauterungszeit uberall umschlossen von der
schopferischen, geistigen Welt. Und er ist innerhalb dieser schopfe-
rischen, geistigen Welt, er steckt darinnen und gehort dazu. Das ist
auch dasjenige, was als ein erstes Erlebnis auftritt, wenn die Laute-
rungszeit durchlaufen ist: Der Mensch fuhlt sich nicht in einer
Welt, die ihn umstellt mit einem Horizont von Dingen, die er wahr-
nehmen kann, sondern er fuhlt sich in einer Welt drinnen, wo er
durch und durch schopferisch ist. - Alles dasjenige nun, was der
Mensch im letzten Leben und auch schon in den friiheren Leben, so-
weit es noch nicht verarbeitet ist, in sich aufgenommen hat, was ins-
besondere in dem geschilderten Extrakt seines Ather- oder Lebens-
leibes ist, was zuriickgeblieben in seinem astralischen Leib, als jener
gewaltige Impuls, der ausgleichen will die Hindernisse, die bemerkt
worden sind, alles dasjenige, was so im Menschen ist, das fiihlt er in
sich jetzt produktiv, das fiihlt er jetzt schopferisch.
Nun ist das Leben innerhalb der Produktivitat etwas, was am be-
sten bezeichnet wird mit dem Ausdruck Seligkeit oder Beseligung.
Sie konnen schon im gewohnlichen Leben vergleichsweise das bese-
ligende Gefuhl auf einer niedrigeren Stufe beobachten, wenn Sie das
Huhn sitzen sehen auf dem Ei, es ausbrutend. In der Produktion
selber liegt die warmende Beseligung. In einem hoheren Sinne kann
man diese Beseligung der Produktion wahrnehmen, wenn der
Kunstler dasjenige, was in seiner Seele reif geworden ist, umsetzen
kann in die materielle Aufienwelt, wenn er produzieren kann. Von
diesem Gefuhl der Beseligung, von dem man auf diese Weise anna-
hernd eine Vorstellung gewinnen kann, ist das ganze menschliche
Wesen jetzt durchdrungen beim Durchgang durch die geistige Welt.
Was arbeitet da der Mensch hinein in die geistige Welt ? Er arbeitet
hinein in die geistige Welt alles dasjenige, was er an Friichten, an Ex-
trakt aus dem letzten und anderen vorangegangenen Leben gewon-
nen hat, wovon wir vorgestern sagen konnten, dafi es zwar als Er-
lebnis an unsere Seele herangetreten ist, dafi es der Mensch aber in
dem Leben zwischen Geburt und Tod, weil er an dem physischen
und Ather- oder Lebensleib eine Grenze hat, zunachst in sich behal-
ten mufi und nicht in seine Gesamtwesenheit hineinarbeiten kann.
Jetzt ist der physische und der Ather- oder Lebensleib nicht mehr
da, jetzt arbeitet er in rein geistiger Substantiality, jetzt pragt er ihr
alles das ein, was er in dem letzten Leben zwar erlebt hat, was er
aber wegen der Begrenztheit seines physischen und Ather- oder
Lebensleibes nicht in sich selber hineinarbeiten konnte.
Wenn wir uns nunmehr um die Lange der Zeit bekummern, in
der der Mensch also produktiv dasjenige, was er im letzten Leben ge-
wonnen hat, ins Geistige hineinarbeitet, dann mussen wir uns vor
alien Dingen fragen: Hat denn dieses Gesetz der wiederholten Er-
denleben, auf das wir hingedeutet haben, einen gewissen Sinn? - Ja,
das hat einen Sinn, und dieser zeigt sich dadurch, daft der Mensch,
wenn er eine Verkorperung durchgemacht hat, in einem neuen Le-
ben nicht etwa dann erscheint, wenn er dieselben Erlebnisse wieder
durchmachen kann, sondern er erscheint erst dann wieder, wenn
sich die irdische Aufienwelt mittlerweile so verandert hat, daft er
vollig neue Erlebnisse durchmachen kann. Derjenige, der nun ein
wenig nachdenkt iiber die Entwickelung, wird finden, dafi schon in
bezug auf das Physische die Erdenphysiognomie von Jahrtausend zu
Jahrtausend sich betrachtlich andert. Denken Sie einmal nach, wie
es etwa ausgesehen haben mag hier, wo jetzt diese Stadt liegt, zur
Zeit Christi, wie es da ganz anders war, und wie dieser Erdenfleck
sich seit dieser Zeit verandert hat; und denken Sie daran, wie sich
erst dasjenige, was wir moralische, intellektuelle und sonstige geisti-
ge Entwickelung der Menschheit nennen, im Laufe weniger Jahr-
hunderte andert. Denken wir daran, was die Kinder etwa vor
wenigen Jahrhunderten in den ersten Lebensjahren in sich aufge-
nommen haben, und denken wir daran, was sie heute in den ersten
Lebensjahren verarbeiten. Die Erde andert ihre Physiognomie, und
nach einer bestimmten Zeit kann der Mensch die Erde wieder betre-
ten und da ist alles so verandert, dafi er nun Neues erleben kann.
Erst wenn der Mensch Neues erleben kann, dann erst betritt er diese
Welt von neuem.
Die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist dadurch
bestimmt, dafi der Mensch, wenn er, sagen wir, in irgendeinem Jahr-
hundert sich verkorpert hatte, hineinwuchs durch die Geburt in
ganz bestimmte Vererbungsverhaltnisse. Wir wissen ja, dafi wir uns
den menschlichen Wesenskern, das Geistig-Seelische des Menschen
nicht so vorstellen diirfen, als ob es zusammenaddiert ware aus dem-
jenigen, was die Eigenschaften der Eltern, Voreltern, Urgrofieltern
und so weiter sind. Wir haben betont, dafi ebensowenig wie der Re-
genwurm aus dem Schlamm herauswachst, die menschliche Seele
aus dem Physischen entsteht. Seelisches entsteht aus Seelischem,
wie Lebendiges aus Lebendigem. Wir haben betont, daft uns diese
menschliche Seele zuriickweist auf ein friiheres Leben und daft sie
durch die Geburt so ins Dasein tritt, daft sie die Vererbungseigen-
schaften zusammenzieht. Indem wir aber das vor die Seele riicken,
miissen wir uns auch klar sein, daft, wenn wir auf ein friiheres Leben
zuriickblicken, wir aus diesem friiheren menschlichen Leben herein-
tragen durch die Geburt diejenigen Eigenschaften, welche sich im
Verlaufe zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nach und
nach entfalten. Wir nehmen dann durch die Pforte des Todes dasje-
nige mit, was wir zwischen der Geburt und dem Tod neu gewonnen
haben, was wir aus einem friiheren Leben noch nicht haben schop-
fen konnen. So daft wir - das ist ja auch schon hervorgehoben wor-
den - durch die Pforte des Todes nunmehr tragen alles dasjenige,
was im letzten Leben Stuck fur Stuck gewonnen worden ist. Das
konnen wir nun, wenn wir das Leben im Geiste durchmachen zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt, nur dadurch wiederum in
einem neuen Verhaltnis entfalten, daft wir nicht darauf angewiesen
sind in diesem neuen Dasein, die vererbten Verhaitnisse wiederzu-
finden, die wir im friiheren Dasein hatten. Im friiheren Dasein hat-
ten wir in unsere Seele hereingezogen gewisse Eigenschaften der
Ahnen. Wir wiirden nichts Neues in einem neuen Dasein antreffen,
wenn wir die Eigenschaften der Ahnen in derselben Weise vorfin-
den wiirden. Haben wir uns also in einem bestimmten Jahrhundert
verkorpert, dann miissen wir, damit wir auch nach dieser Richtung
in einem neuen Dasein uns ausleben konnen, so lange durch die gei-
stige Welt durchschreiten, bis sich alle jene vererbten Eigenschaften
verloren haben, zu denen wir uns friiher hingezogen fiihlten, und zu
denen wir uns so lange hingezogen fiihlen wiirden, solange sie da
sind. Es hangt unsere Wiederverkorperung davon ab, daft diejenigen
Eigenschaften, welche durch die Geschlechter sich hindurchgezogen
haben, verschwunden sind. Blicken wir also hinauf zu unseren Ah-
nen, dann fiiiden wir bei unseren Eltern, Grofteltern, Urgrofieltern
und so weiter gewisse Eigenschaften, die sind heruntergetragen
durch Vererbung bis zu unserem jetzigen Dasein. Wir treten nun
nach dem Tode in die geistige Welt. Da verbleiben wir, bis ver-
schwunden sind in der Vererbungslinie all die Eigenschaften, zu de-
nen wir uns in dieser Verkorperung hingezogen fuhlten. Das dauert
aber viele Jahrhunderte, und zwar zeigt die Geistesforschung, dafi
die Zeit so viele Jahrhunderte dauert, dafi wir etwa sagen konnen, es
vererben sich gewisse Eigenschaften, die sich von Generation zu Ge-
neration ziehen. Ungefahr siebenhundert Jahre dauert es, dann sind
die Eigenschaften, die sich von Generation zu Generation ziehen, so
weit verschwunden, dafi wir sagen konnen : Was wir damals bei den
Ahnen fanden, das hat sich verfliichtigt. - Jetzt aber mussen sich
Eigenschaften so weit ausbilden, dafi sie neuerdings siebenhundert
Jahre durchlaufen. Und wir kommen dahin, zweimal siebenhundert
Jahre als die Zeit angeben zu konnen - sie ist naturlich nur eine
Durchschnittszahl, sie zeigt sich aber der Geistesforschung als
diejenige Zeit, die da verlauft zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt -, bis die Seele durch eine neue Geburt wiederum ins
Dasein tritt.
Nun mussen wir uns vor alien Dingen dariiber unterrichten, dafi
hinaufragt in diese geistige Welt alles dasjenige, was hier auf der Erde
schon geistig ist. Wir haben ja gerade hervorgehoben, dafi dasjenige,
was wir in unseren Geist hereinnehmen, draufien in der geistigen
Welt schopferisch ist. Wir haben gesehen, dafi wir selber in einer ge-
wissen Weise in dieser schopferischen Welt mit unserem Schopferi-
schen drinnen sind. Diese geistige Welt, die draufien schopferisch
ist, sie spiegelt sich in einer gewissen Weise in unserer eigenen Seele.
Insofern unsere eigene Seele Geistiges erlebt, ein geistiges Leben
durchlauft, sind auch die geistig-seelischen Erlebnisse unseres Innern
Burger der geistigen Welt. Wie die geistige Welt in die physische her-
unterragt, so ragt unser Geistiges hinauf in die allgemeine geistige
Welt. Dadurch aber ist uns erklarlich, was die Geistesforschung be-
hauptet : Was am Menschen ist in bezug auf seine verschiedenen We-
sensglieder, das legt die aufieren Hiillen ab, und es bleibt das Geistige
und wachst hinauf in die produktive geistige Welt; es ist uns auch er-
klarlich, dafi auch die geistigen Verhaltnisse, alles Seelische, was sich
hier in der physischen Welt abspielt, die aufieren Hiillen ablegt und
in die geistige Welt hinauflebt. Nehmen wir die Liebe, die die Mut-
ter hat zu ihrem Kinde. Diese wachst aus der physischen Welt her-
aus. Sie tragt zunachst einen animalischen Charakter. Es sind Sym-
pathies welche Mutter und Kind verbinden, welche eine Art von
physischer Kraftwirkung sind. Dann aber lautert sich dasjenige, was
aus der physischen Welt herauswachst, es veredelt sich die Liebe der
beiden Wesenheiten; immer mehr und mehr seelisch-geistig wird
diese Liebe. Alles, was der physischen Welt entspringt, wird ebenso
abgeworfen im Tode wie die aufieren Hiillen. Dafiir bleibt aber auch
alles dasjenige bestehen, was in dieser physisch-menschlichen Hiille
an Seelischem, an Geistigem in dieser Liebe aufgebaut wird, ebenso
wie das menschliche Innere selbst in die geistige Welt hineinlebt, so
dafi die Liebe zwischen Mutter und Kind fortlebt in der geistigen
Welt. Da finden sie sich wiederurn, jetzt nicht mehr begrenzt durch
die Schranken der physischen Welt, sondern in jener geistigen Um-
gebung, wo wir nicht die Dinge aufier uns haben, sondern wo wir in
den Dingen leben und weben und sind, Daher mufi man sich dasje-
nige, was da herrscht in der geistigen Welt, als das Resultat der in der
physischen Welt begriindeten Liebe und Freundschaftsverhaltnisse
vorstellen; man mufi sie sich so vorstellen, daft viel inniger verbun-
den sind diejenigen, die in der geistigen Welt sich verbunden haben,
als die Bande der Liebe, der Freundschaft, die geschlungen werden in
der physischen Welt. Und unsinnig ist es, zu fragen, ob wir diejeni-
gen, mit denen wir in Liebe und Freundschaft zusammenleben in
der physischen Welt, nach dem Tode wieder erblicken. Wir er-
blicken sie nicht nur, sondern wir leben in ihnen; wir sind sozusa-
gen iiber sie ergossen. Und alles, was innerhalb der Schranken der
Sinnenwelt gewoben wird, das erhalt erst seinen rechten Sinn, seine
rechte Bedeutung, wenn wir mit dem geistigen Teil davon in die
geistige Welt hinaufwachsen.
So sehen wir die Vergeistigung nicht nur des Menschen, sondern
der Menschheit in ihren edelsten Beziehungen in dem geistigen Lan-
de, das der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt. Da bilden sich aber auch all die Impulse, die der Mensch
hineingetragen hat in die geistige Welt, in lebendige Urbilder um.
Wir sahen ja, dafi der Mensch hineinging in die geistige Welt mit ei-
ner Essenz des Ather- oder Lebensleibes, das heilk mit einer Essenz
all der Erlebnisse, die er gehabt hat zwischen der Geburt und dem
Tode. Wir sehen den Menschen eintreten in die Geisteswelt mit je-
nem machtigen Impulse, der ihn ausgleichen lafit, was er Unrechtes
getan hat. Das webt der Mensch zusammen zu einem geistigen Ur-
bild. Und die Zeit, die er verbringt in der geistigen Welt, die verlauft
so, dafi dieses Urbild immer mehr und mehr gewoben wird so, dafi
es die Friichte aus dem vorhergehenden Leben und den Drang, den
Willen zur Ausgleichung seines Unrechtes, des Hafilichen, das er ge-
tan hat, immer mehr und mehr einverwoben erhalt. Und so ist der
Mensch in jener Zeit fahig, einerseits alles das, was er in fruheren Le-
ben an Fahigkeiten sich erworben hat, jetzt in den Leib, der ihm bei
der Wiederverkorperung zur Verfugung gestellt wird, plastisch hin-
einzugestalten, andererseits wird der Mensch dadurch, dafi er in sein
Urbild hineinverwoben hat den Drang, den Impuls, auszugleichen,
was er Unrechtes, Hafiliches, Boses getan hat, angezogen von Ver-
haltnissen, die ihm gestatten, dieses Unrecht, dieses Hafiliche, das er
getan hat, wiederum auszugleichen. Wir treten durch die Geburt ins
Dasein mit dem Willen, in solche Verhaltnisse hineinzukommen,
die uns gestatten, Unvollkommenheiten unseres fruheren Lebens
auszugleichen. So suchen wir durch einen verborgenen Willen in
entsprechenden Fallen den Schmerz auf, wenn wir aus unserem vor-
geburtlichen Drang heraus die unbewufite Erkenntnis haben, dafi
nur die Uberwindung dieses Schmerzes uns gewisse Hindernisse, die
wir uns fruher in den Weg gelegt haben, hinwegraumen kann.
So sehen wir, wie der Mensch durch die geistige Welt schreitet, in
der er schon vor der neuen Geburt seinen physischen Leib plastisch
ausgestalten kann. Und jetzt sehen wir auch, wie dasjenige, was wir
hineingewoben haben in unser Urbild, sich erst nach und nach mit
unserem Leben nach der Geburt vereinigt. Denn der kennt das Le-
ben nicht, der da glaubt, dafi im Kinde schon alles im Innern liegt,
was sich an Fahigkeiten, an Seelenvermogen im Leben ausbildet.
Wer das Leben richtig betrachten kann, sieht den Menschen durch
die Geburt ins Dasein treten und sieht, wie der Mensch sich selber
erst nach und nach im Leben findet, wie der Mensch in den ersten
Jahren keineswegs schon vollstandig im Innern das hat, was er
werden kann. Wir konnen das Leben viel besser verstehen, wenn
wir sagen: Der Mensch vereinigt sich erst nach und nach mit dem-
jenigen, was er als ein geistiges Urbild in dem Leben zwischen dem
Tod und einer neuen Geburt gewoben hat, nach und nach wachst er
damit zusammen, bis er im freien Wechselspiel der Auftenwelt ge-
geniibertritt. - Wer das Leben ohne Vorurteile betrachtet, der kann
sehen, wie der Mensch als Kind noch von der geistigen Atmosphare
umschwebt wird, die er sich gewoben hat zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt, und wie er sich nach und nach an sein eigenes
Urbild anpafk, das er noch nicht verwoben hat mit seiner Korper-
lichkeit, die er bei der Geburt mitbringt. Wahrend das Tier schon
von der Geburt an verwoben ist mit seinem Urbild, sehen wir den
Menschen individuell und bestimmt erst hineinwachsen in das Ur-
bild, das er sich durch die wiederholten Erdenleben bis zu diesem
letzten herauf selber gewoben hat. Und wir verstehen dann das
Physisch-Sinnliche des Menschenlebens am besten, wenn wir es so
auffassen, dafi wir sagen : es ist uns wirklich wie die Schale eines Tie-
res, einer Auster, die wir am Wege finden. Solange wir sie begreifen
wollen als bloft zusammengebaut, meinetwegen aus Schlamm, so
lange wird uns diese Schale nicht begreiflich werden konnen. Wenn
wir aber voraussetzen, daft dasjenige, was an der Schale Schicht
fur Schicht sich abgelagert zeigt, ausgeschieden ist von dem Innern
eines Tieres, das diese Schale verlassen hat, dann verstehen wir das
Gebilde.
Das Leben des Menschen zwischen der Geburt und dem Tode,
wir verstehen es nicht, wenn wir es bloft aus sich selber begreifen
wollen, wenn wir es so begreifen wollen, dafi wir blofi dasjenige,
was in der unmittelbaren Umgebung ist, zusammenziehen. Da kon-
nen wir lange sagen, dafi der Mensch sich anpalk an Umgebung,
Volk, Familie. Ebensowenig wie uns die Austernschale ohne Auster
begreiflich wird, wird uns das menschliche Leben begreiflich sein,
wenn wir es nur als aus seiner unmittelbaren Umgebung herausge-
bildet betrachten. Hell und klar wird es aber, wenn wir vorausset-
zen konnen, dafi der Mensch aus einer geistigen und seelischen Welt
kommt und da$ er in dieser geistigen und seelischen Welt die Errun-
genschaften, den Extrakt, die Friichte friiherer Leben verarbeitet
hat, und dafi er sein neues Dasein mit Hilfe dieser Verarbeitung neu-
gestaltet. So wird uns das Leben selbst erst begreiflich durch dasjeni-
ge, was liber dem Leben liegt, so wird uns die physische Welt erst
durch die geistige und seelische Welt begreiflich.
Dies ist der Kreislauf des Menschen durch die Sinnen-, Seelen- und
Geisteswelt. Erblicken wir den Menschen so, dann haben wir in sei-
nem physisch-sinnlichen Leben gleichsam nur einen Teil seines voll-
standigen Lebenskreislaufes. Und unsere Erkenntnis ist dann, wenn
wir sie so im rechten Sinne betreiben, nicht blofi eine theoretische
Erkenntnis, die uns dieses oder jenes sagt wie die aufiere Wissen-
schaft, sondern sie ist eine Erkenntnis, die uns zu gleicher Zeit ob-
jektiv zeigt, wie das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Ge-
burt Sinn und Bedeutung erhalt, indem dasjenige, was wir hier ein-
sammeln, in einer hoheren Welt seine Verarbeitung findet. Aus sol-
cher Erkenntnis ersprieftt uns Wissen und Willenskraft fur das Le-
ben, sprie£t uns Sinn und Bedeutung, Zuversicht und Hoffnung fur
das Leben. Wir brauchen einer solchen Erkenntnis nicht etwa blofi
zuzuschreiben, dafi wir trostlos blicken in vergangene Leben, von
denen wir etwa sagen: Nun, da wird behauptet, dafi wir unseren
Schmerz uns selber zubereitet haben. Zu dem Schmerz wird noch
diese Trostlosigkeit hinzugefugt! - Nein, wir konnen uns sagen:
Dieses Gesetz ist nicht blofi ein solches, das auf die Vergangenheit
weist, sondern auch ein solches, das in die Zukunft weist, das uns
zeigt, dafi iiberwundener Schmerz Kraftzuwachs ist, den wir ver-
werten im neuen Leben, und je mehr wir arbeiten, je mehr wir
Schmerz uberwunden haben, desto starker wird unsere Kraft sein. -
Im Gliick kann man im hoheren Sinn nur leiden, es ist eine Erfiil-
lung aus friiheren Leben. Im Schmerz kann man Krafte ausbilden,
und die durch die Uberwindung des Schmerzes ausgebildeten Krafte
bedeuten eine Steigerung fur das zukunftige Leben. Und wir schrei-
ten getrost durch die Pforte des Todes, wenn wir wissen, dafS der
Tod ins Leben hereingebracht sein mu£, damit sich dieses Leben
von Stufe zu Stufe steigern kann. Damit erscheint es wohl gerecht-
fertigt, wenn gesagt wird: Geisteswissenschaft in diesem Sinne ist
nicht allein eine Theorie, sie ist Saft und Kraft fur das Leben, indem
dasjenige, was unmittelbar in unser ganzes seelisches Dasein ein-
fliefk, dieses gesund und kraftig und stark macht. - Geisteswissen-
schaft ist dasjenige, was bewahrheitet die Worte, die einem jeden
Geistesforscher und wohl jedem Menschen, der etwas erahnt von
der geistigen Welt, in der Seele leben mussen als Wahrworte, als
Leitworte fiir sein sich steigerndes, gesundes und kraftvolles Leben,
das selbst in der Uberwindung des Schmerzes Kraftsteigerung er-
blickt, bewahrheitet die Worte:
Ratsel an Ratsel stellt sich im Raum,
Ratsel an Ratsel lauft in der Zeit;
Losung bringt der Geist nur,
Der sich ergreift
Jenseits von Raumesgrenzen
Und jenseits vom Zeitenlauf.
MAKROKOSMOS UND MIKROKOSMOS
Die grofie und die kleine Welt
Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen
ERSTER VORTRAG
Wien, 21. Marz 1910
In diesem Vortragszyklus soil em Uberblick gegeben werden iiber
die geisteswissenschaftlichen Forschungen, welche uns in den Stand
setzen, die wichtigsten Ratsel des menschlichen Lebens zu durch-
schauen, soweit das moglich ist nach Mafigabe derjenigen Bedingun-
gen und Grenzen, die einem Begreifen der hoheren Welten in unse-
rer Zeit nun schon einmal gesetzt sind. Und zwar soil ein solcher
Uberblick dieses Mai so gegeben werden, dafi von Naherliegendem
ausgegangen und von diesem Naherliegenden aus der Aufstieg ver-
sucht wird in immer hohere Gebiete des Daseins und in immer ver-
borgenere Ratsel des menschlichen Lebens. Nicht so sehr soil dieses
Mai in der Darstellung von irgendwelchen feststehenden, wie Dog-
men sich ausnehmenden Begriffen und Ideen ausgegangen werden,
sondern es soli in moglichst einfacher Weise zuerst Bezug genom-
men werden auf dasjenige, was jeder Mensch als etwas auch dem
gewohnlichen Leben Naheliegendes empfinden mufi.
Geistesforschung, Geisteswissenschaft iiberhaupt beruht ja dar-
auf, dafi vorausgesetzt wird, derjenigen Welt, in der wir zunachst le-
ben, die uns zunachst bekannt ist, liege eine andere, sagen wir, die
geistige Welt zugrunde, und in dieser geistigen Welt, welche unserer
sinnlichen und bis zu einem gewissen Grade auch unserer seelischen
Welt zugrunde liegt, haben wir die eigentlichen Ursachen, die Be-
dingungen zu demjenigen zu suchen, was in der sinnlichen und in
der seelischen Welt eigentlich vorgeht. Nun ist es ja wohl alien hier
Anwesenden bekannt, und es ist beriihrt worden in den einleitenden
offentlichen Vortragen, dafi es bestimmte Methoden gibt, die der
Mensch auf sein Seelenleben anwenden kann und durch die er gewis-
se Fahigkeiten seiner Seele, die im gewohnlichen, normalen Leben
schlummern, wachrufen kann, so dafi er den Augenblick der Ein-
weihung oder Initiation erlebt, durch den er eine neue Welt, eben
die Welt der geistigen Ursachen, der geistigen Bedingungen fur die
sinnliche und seelische Welt so um sich herum hat, wie etwa der bis
dahin Blinde nach der Operation die Welt der Farben und die Welt
des Lichtes urn sich herum hat. Von dieser Welt, die also eigentlich
diejenige ist, die wir von Stunde zu Stunde in diesem Zyklus von
Vortr'agen immer mehr und mehr aufsuchen wollen, von dieser
Welt geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten ist ja der
Mensch im heutigen normalen Leben getrennt. Und zwar ist der
Mensch getrennt von dieser geistigen Welt nach zwei Seiten hin:
nach derjenigen Seite hin, die wir die aufiere nennen konnen, aber
auch nach derjenigen Seite hin, die wir die innere nennen konnen.
Wenn der Mensch den Blick in die Aufienwelt richtet, so sieht er
in dieser Auftenwelt dasjenige, was sich zunachst seinen Sinnen dar-
bietet. Er sieht Farben, Licht, er hort Tone, er nimmt Warme und
Kalte wahr, Geriiche, Geschmacke und so weiter. Das ist diejenige
Welt, die den Menschen zunachst umgibt. Stellen wir uns einmal
diese um uns liegende Welt vor, wie sie sich ausbreitet vor unseren
Sinne, so konnen wir sagen : an ihr haben wir zunachst eine Art von
Grenze, denn durch unmittelbare Wahrnehmung, durch unmittel-
bares Erleben kann der Mensch nicht hinter diese Grenze schauen,
die ihm gegeben ist durch die sich vor ihm ausbreitende Farben- und
Lichtwelt, durch die Welt der Tone, Geriiche und so weiter. Er
kann nicht hinter dieser Grenze wahrnehmen. Wir konnen es uns ja
ganz, ich mochte sagen, trivial anschaulich machen, wie wir da nach
aufien hin eine Grenze haben. Wir sehen uns eine meinetwillen blau
bestrichene Flache an. Was zunachst hinter dieser blau bestrichenen
Flache sich befindet, das sieht der Mensch unter gewohnlichen Ver-
haltnissen nicht. Nun ja, gewifi! Ein Trivialling konnte einwenden,
man brauche ja blofi dahinterzuschauen. Aber so verhalt es sich ja
nicht in bezug auf diejenige Welt, die um uns herum ausgebreitet ist.
Gerade durch dasjenige, was wir wahrnehmen, deckt sich uns eine
aufiere geistige Welt zu, und wir konnen hochstens empfinden, dafi
wir in Farbe und Licht, in Tonen, in Warme und Kalte und so
weiter aufiere Offenbarungen einer dahinterliegenden Welt haben.
Aber in einem gegebenen Augenblick konnen wir nicht durch die
Farben, durch die Lichter, durch die Tone hindurch wahrnehmen,
hindurch erleben dasjenige, was hinter ihnen ist. Wir miissen die
ganze geistige Auftenwelt eben durch diese ihre Offenbarungen
wahrnehmen. Denn Sie brauchen sich ja nur ein wenig zu iiberle-
gen, so werden Sie auch durch einfachste Logik sich sagen konnen:
Wenn auch zum Beispiel unsere gegenwartige Physik oder andere
wissenschaftliche Bestrebungen hinter der Farbe bewegte Atherma-
terie sehen, es kostet doch nur ein wenig Uberlegung, um sich zu sa-
gen, daft dasjenige, was da hinter der Farbe angenommen wird, nur
etwas Hinzugedachtes, etwas nur durch Denken Geschlossenes ist.
Niemand kann dasjenige, was zum Beispiel die Physik erlautert als
Schwingungen, als Bewegungen, von denen die Farbe eine Wirkung
sei, direkt wahrnehmen. Niemand kann zunachst sagen, ob dasjeni-
ge, was da hinter den sinnlichen Eindriicken sein soli, irgendeiner
Wirklichkeit entspricht. Es ist zunachst etwas blofi Gedachtes. Wie
ein Teppich breitet sich diese auftere sinnliche Welt aus, und wir ha-
ben dann die Empfindung, daft hinter diesem Teppich der aufteren
Sinneswelt etwas ist, in das wir zunachst mit der aufteren Wahrneh-
mung nicht eindringen konnen.
Da haben wir die eine Grenze. Die andere finden wir, wenn wir
in uns selber hineinblicken. In uns selber finden wir eine Welt von
Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Leidenschaften, Trie-
ben, Begierden und so weiter; wir finden in uns alles dasjenige, was
wir mit einem anderen Worte unser Seelenleben nennen. Wir fassen
dieses Seelenleben gewohnlich so zusammen, daft wir sagen: Ich
empfinde diese Lust, ich empfinde diesen Schmerz, ich habe diese
Triebe, ich habe diese Leidenschaften. Aber wir haben wohl auch
die Empfindung, daft hinter diesem Seelenleben sich irgend etwas
verbirgt, daft dahinter irgend etwas steht, was ebenso durch unsere
Seelenerlebnisse verdeckt wird, wie irgend etwas Aufteres verdeckt
wird durch die sinnlichen Wahrnehmungen. Denn wer sollte sich
daniber tauschen, daft Lust und Leid, Freude und Schmerz und all
die anderen Seelenerlebnisse wie aus einem Unbekannten des Mor-
gens beim Aufwachen aufsteigen, daft der Mensch ihnen in einer ge-
wissen Weise hingegeben ist. Und wer konnte leugnen, wenn er in
gewisser Selbstschau das alles vor sich hinstellt, daft da in ihm selber
etwas Tieferes, etwas ihm zunachst Verborgenes sein muft, das wie
aus sich herausstromen laftt unsere Lust und unser Leid, Freude und
Schmerz und all unsere Seelenerlebnisse, die zunachst ebenso Offen-
barungen sind eines Unbekannten, wie die aufteren sinnlichen
Wahrnehmungen Offenbarungen eines Unbekannten sind.
Nun fragen wir uns einmal : Wenn zwei solche Grenzen da sind -
wenigstens zunachst vermutungs weise da sein konnen -, haben wir
als Menschen nicht doch gewisse Moglichkeiten, diese Grenzen in
irgendeiner Weise zu durchdringen ? Gibt es for den Menschen ir-
gend etwas in seinem Erleben, durch das er sozusagen den aufteren
Teppich der Wahrnehmungen durchdringt, wie wenn er ein Haut-
chen durchdringen wtirde, das ihm etwas zudeckt, und gibt es etwas,
was tiefer in das menschliche Innere hineinfohrt, hinter unsere Lust,
hinter unseren Schmerz, hinter unsere Freude, hinter unsere Leiden-
schaft und so weiter? Konnen wir gleichsam einen Ruck weiter in
die Auftenwelt gehen, und konnen wir einen Ruck weiter in die
Innenwelt gehen?
Nun gibt es ja zwei Erlebnisse, durch die in der Tat so etwas be-
wirkt wird, daft der Mensch sozusagen die Haut nach auften und den
Widerstand nach innen in einer gewissen Weise besiegen kann. Wo-
durch kann sich uns zeigen, daft so etwas wie das auftere Hautchen,
wie der auftere Sinnesteppich von uns in einer gewissen Weise zerris-
sen wird und wir in eine Welt eindringen, die verdeckt ist durch die-
sen Schleier des aufteren Sinnesteppichs? Wie kann sich uns das zei-
gen? Das kann sich uns zeigen, wenn wir in gewissen Lebensvorgan-
gen etwas haben, was wir als neue Erlebnisse bezeichnen miissen ge-
geniiber den gewohnlichen Erlebnissen des Tages. Wenn es so etwas
gibt, was ganz neue Erlebnisse sind, was der Mensch gewohnlich
nicht wahrnehmen kann, und wenn der Mensch wahrend solcher
Erlebnisse auch das Gefohl haben kann, daft die aufteren Wahrneh-
mungen, die uns durch die Sinne zukommen, hinunterschwinden,
daft also der auftere Sinnesteppich gleichsam zerrissen wird, wenn das
irgendwie der Fall ware, dann konnten wir sagen, wir dringen etwas
in diese hinter unseren Sinneswahrnehmungen liegende Welt ein.
Nun gibt es zunachst ein solches Erlebnis. Nur hat dieses Erlebnis
einen ganz betrachtlichen Nachteil for das menschliche Gesamt-
leben. Dieses Erlebnis ist dasjenige, was man, und zwar sei jetzt der
Ausdruck im eigentlichen Sinne des Wortes gemeint, gewohnlich
die Ekstase nennt, die einen Augenblick den Menschen, wenn wir so
sagen diirfen, vergessen lafit, was um uns herum ist an Eindriicken
der Sinnenwelt, die den Menschen so weit bringt, daft er fiir Augen-
blicke des Daseins nichts sieht von demjenigen, was an Farbe, Licht,
an Tonen, Geriichen und so weiter rings um ihn herum ist und un-
empfanglich wird fiir die gewohnlichen sinnlichen Eindrixcke. Die-
ses Erlebnis der Ekstase kann unter gewissen Umstanden allerdings
den Menschen so weit bringen, dafi er neue Erlebnisse hat, Erlebnis-
se, die in das gewohnliche Tageserleben nicht hereinfallen. Wohlge-
merkt, es soli durchaus nicht diese Ekstase hier als etwas Erstrebens-
wertes hingestellt werden, sondern sie soil nur geschildert werden
als etwas, was moglich ist. Man darf auch nicht jedes gewohnliche
Aufter-sich-Sein als eine Ekstase bezeichnen. Denn es ist zweierlei
moglich. Das eine ist, daft der Mensch, wenn er die Empfanglichkeit
verliert fur die aufteren sinnlichen Eindrixcke, einfach in einer Art
Ohnmachtszustand ist, in dem sich um ihn herum an Stelle der Sin-
neseindriicke schwarze Dunkelheit ausbreitet. Das ist sogar fiir den
normalen Menschen im Grunde genommen zunachst das beste. Aber
es gibt eine Ekstase, und wir werden im Laufe der Vortrage schon
horen, welche Bedeutung solch eine Ekstase hat, durch welche nicht
bloft schwarze Dunkelheit sich ausbreitet um den Menschen herum,
sondern durch welche sich dieses Feld schwarzer Dunkelheit sozusa-
gen bevolkert mit einer Welt, die der Mensch friiher gar nicht ge-
kannt hat. Sagen Sie nicht, das kann eine Welt der Illusion sein, eine
Welt der Tauschung. Schon, es sei zunachst eine Welt der Illusion,
eine Welt der Tauschung. Nennen Sie es meinetwillen eine Summe
von Nebelbildungen oder sonstwie, darauf kommt es jetzt nicht an,
sondern es kommt darauf an - seien es Illusionen, seien es Bilder,
was immer -, daft es in der Tat eine Welt sein kann, die der Mensch
bisher nicht gekannt hat. Der Mensch mufi sich dann fragen: Bin
ich denn imstande, nach alle dem, was ich mir an Fahigkeiten bisher
angeeignet habe, mir aus meinem gewohnlichen Bewufttsein heraus
solche Dinge selber aufzubauen? - Wenn die Bilderwelt, die er da
sieht, so ist, dafi der Mensch sich sagen kann: Ich bin unfahig, nach
meinen bisherigen Fahigkeiten, eine solche Welt aufzubauen - dann
ist ihm klar, daft ihm diese Welt von irgendwoher gegeben sein
mufi. Ob ihm in ihr irgendein gewaltiger Weltenzauberer Blend-
werk vorzaubert oder ob sie eine Realitat ist, daruber sei hier noch
nichts ausgemacht, daruber wollen wir spater die Entscheidung fal-
len. Jetzt kommt es nur darauf an, dafi es Zustande gibt, in denen
der Mensch Welten sieht, die ihm bisher unbekannt waren.
Nun ist aber dieser ekstatische Zustand mit einem ganz besonde-
ren Nachteil fur den normalen Menschen verbunden. Der Mensch
kann namlich auf natiirliche Weise in diesen ekstatischen Zustand
nicht anders kommen als dadurch, daft dasjenige, was er sonst sein
Ich nennt, sein starkes inneres Selbst, wodurch er alle einzelnen Er-
lebnisse immer zusammenhalt, wie ausgeloscht ist. Der Mensch, der
in Ekstase ist, ist wirklich wie aufier sich, sein Ich ist wie unter-
driickt. Er ist wie ausgegossen und ausgeflossen in die neue Welt,
mit der sich da die schwarze Finsternis bevolkert. So also haben wir
zunachst das eine Erlebnis zu schildern, das ist ein Erlebnis, das un-
zahlige Menschen schon gehabt haben und haben konnen; wie sie es
haben konnen und gehabt haben, davon im Verlaufe der Vortrage
Weiteres. Und wir haben ein Zweifaches in diesem Erlebnis der Ek-
stase vorliegen. Das eine ist: Es schwinden die Eindriicke der Sinne;
alles, was der Mensch gewohnt ist, durch die Sinne wahrzunehmen,
ist ausgeloscht; ausgeloscht sind die Erlebnisse, die der Mensch sonst
hat gegeniiber der Sinneswelt, wo er empfindet : Ich ho re Tone, ich
sehe Farben. - Ausgeloscht ist auch das Ich. Der Mensch erlebt sein
Ich niemals im Zustande der Ekstase; er unterscheidet sich in der Ek-
stase nicht von den Gegenstanden. Dadurch bleibt es auch zunachst
noch unbestimmt, ob man es mit einer aufieren Wirklichkeit oder
mit Blendwerk zu tun hat. Denn im Grunde genommen ist es nur
das Ich, das die Entscheidung treffen kann, ob man es zu tun hat mit
Gaukelei oder mit einer Realitat.
Diese zwei Erlebnisse gehen also in der Ekstase parallel, der Ver-
lust oder wenigstens die Herabminderung des Ich-Gefiihls, auf der
einen Seite, und auf der andern Seite das Hinschwinden der aufieren
Sinneswahrnehmung. Die Ekstase zeigt also wirklich, wie in der Tat
der Teppich der Sinneswelt sich auflost, abbrockelt, und unser Ich,
das wir sonst fiihlen, wie wenn es sich stofit an der Haut, an dem
Teppich der aufieren Sinneswelt, nun durchfliefk durch die sinnli-
chen Wahrnehmungen und in einer Welt von Bildern lebt, die ihm
etwas Neues ist. Denn das ist das Charakteristische, dafi in der Ek-
stase der Mensch Wesenheiten und Begebenheiten kennenlernt, die
ihm fruher unbekannt waren, die er nirgends finden wiirde, wie
weit er auch mit seinem sinnlichen Anschauen und mit dem Kombi-
nieren uber die sinnlichen Tatsachen gehen wiirde; das ist das We-
sentliche also, dafi der Mensch Neues kennenlernt. In welchem Ver-
haltnis das zur Realitat steht, werden wir in den spateren Vortragen
noch kennenlernen.
So sehen wir in der Ekstase etwas wie ein Durchbrechen der au-
fieren Grenze, die dem Menschen gegeben ist. Ob wir in der Ekstase
in eine wahre Welt kommen, ob diese Welt diejenige ist, von der wir
vermuten, dafi sie als Geistiges zugrunde liegt unserer sinnlichen
Welt, das wird sich noch zeigen.
Nun fragen wir nach der andern Seite, ob wir auch hinter unsere
innere Welt kommen konnen, hinter die Welt unserer Lust, unseres
Leides, unserer Freude, unseres Schmerzes, unserer Leidenschaften,
Triebe und Begierden. Auch da gibt es einen Weg. Es gibt wiederum
Erlebnisse, welche hinausfiihren aus dem Bereich des Seelenlebens,
wenn wir dieses immer mehr und mehr in sich selbst vertiefen. Der
Weg, der da beschritten wird, ist derjenige, den Sie ja auch kennen,
es ist der Weg der sogenannten Mystik, der Weg vieler Mystiker.
Das mystische Vertiefen besteht darin, dafi der Mensch zunachst ab-
lenkt seine Aufmerksamkeit von den aufieren Eindriicken, dafi er
sich dafiir aber um so mehr hingibt den eigenen inneren Seelenerleb-
nissen, dafi er versucht, insbesondere aufzumerken auf dasjenige,
was er in sich selber erlebt. Solche Mystiker, die die Kraft haben,
nicht zu fragen nach den aufieren Veranlassungen ihres Interesses,
ihrer Sympathie und Antipathie, nicht zu fragen nach den aufieren
Veranlassungen ihres Schmerzes, ihrer Lust, sondern die lediglich
auf dasjenige sehen, was da an Erlebnissen in der Seele auf und ab
flutet, solche Mystiker dringen in der Tat auch. tiefer in das Seelen-
leben ein. Sie haben dann ganz bestimmte Erlebnisse, welche sich
unterscheiden von den gewohnlichen seelischen Erlebnissen.
Ich schildere nun wiederum etwas, was unzahlige Menschen er-
fahren haben und noch erfahren konnen. Ich schildere zunachst nur
die Erfahrungen, die der Mensch macht, wenn er nur ein wenig iiber
das normale Erleben hinausschreitet. Solche Erfahrungen bestehen
zum Beispiel darin, dafi der Mystiker, der sich versenkt, gewisse Ge-
fuhle und Empfindungen in sich selber umpragt, zu ganz anderen
macht. Sagen wir zum Beispiel, wenn der gewohnliche, normale
Mensch, der im Leben steht und der sehr weit entfernt ist von ir-
gendwelchem mystischen Erleben, durch einen anderen Menschen
einen Schlag erhalt, der ihm weh tut, dann richtet sich gewohnlich
sein Gefuhl gegen diesen andern Menschen. Das ist ja das Natiirliche
im Leben. Derjenige nun, der mystisch in sich selber sich versenkt,
der bekommt durch sein Versenken selber ein anderes Gefuhl bei
einem solchen Schlag. Also wohlgemerkt, ich schildere eine Erfah-
rung; ich sage nicht, es soil so sein; ich schildere dasjenige, was ge-
wisse Menschen, und es gibt deren viele, erleben. Sie bekommen das
Gefuhl in sich: Du hattest diesen Schlag auf keinen Fall erhalten,
wenn du nicht selber irgendwann einmal durch eine Tat in deinem
Leben ihn verschuldet hattest. Es wiirde einfach der Mensch dir
nicht in den Weg gebracht worden sein, wenn du nicht irgend etwas
getan hattest, was die Ursache zu diesem Schlage ist. Du kannst da-
her nicht berechtigterweise dein Gegengefuhl gegen diesen Men-
schen richten, der eigentlich nur durch die Weltereignisse dir in den
Weg gefuhrt worden ist, damit du den Schlag verspiiren kannst, den
du verdient hast. - Solche Menschen bekommen dann, wenn sie alle
ihre verschiedenen Seelenerlebnisse ganz aufierordentlich vertiefen,
auch ein gewisses Gesamtgefuhl iiber das gesamte Seelenleben, und
dieses Gesamtgefuhl laftt sich etwa so charakterisieren. Sie sagen
sich : Ich habe viel Leid, viel Schmerz in mir, aber die habe ich selber
irgendwann einmal verursacht. Ich mufi irgendwelche Dinge getan
haben, ich mufi mich irgendwie verhalten haben; wenn es mir nicht
erinnerlich ist, daft ich es in diesem Leben getan habe, nun, so ist es
ja ganz klar, dafi es eben ein anderes Leben gegeben haben mu&, wo
ich die Dinge getan habe, die ich jetzt ausgleiche durch mein Leid,
durch meine Schmerzen.
Es ist also so, dafi durch dieses Hinuntersteigen der Seele in sich
selber die Seele ihre bisherigen Empfindungen andert und dafi sie so-
zusagen mehr nun auf sich selbst ladt, mehr in sich sucht, was sie
friiher in der Welt gesucht hat. Denn man sucht mehr in sich, wenn
man sagt: Der Mensch, der mir den Schlag versetzt hat, ist mir in
den Weg gebracht worden, weil ich selbst die Ursache dazu gegeben
habe - als wenn man seine Empfindungen nach aufien richtet. Und
so kommt es, dafi solche Menschen immer mehr und mehr in das ei-
gene Innere abladen, gleichsam das innere Seelenleben immer mehr
und mehr verdichten. Wie der Ekstatiker durch den Teppich der au-
fieren Sinneswelt hindurchdringt und in eine Welt hineinblickt von
Wesenheiten und Tatsachen, die ihm bisher unbekannt waren, so
dringt der Mystiker unter sein gewohnliches Ich hinunter. Denn
dieses gewohnliche Ich wendet sich gegen den Schlag, der von aufien
kommt; der Mystiker aber dringt durch zu etwas, was diesem Schlag
zugrunde liegt, zu dem, was die eigentliche Veranlassung gewesen ist
zu dem Schlage. Damit gelangt der Mystiker allerdings dahin, dafi er
allmahlich die Aufienwelt ganz aus dem Auge verliert. Er verliert
uberhaupt den Begriff der Aufienwelt nach und nach und es vergro-
fiert sich ihm gleichsam wie zu einer ganzen Welt sein eigenes Ich,
dasjenige, was in seinem Innern ist. Ebensowenig wie wir heute zu-
nachst schon entscheiden wollen, ob die Welt des Ekstatikers eine
Realitat ist oder eine Phantasie, irgendein Blendwerk, ebensowenig
wollen wir heute schon dariiber entscheiden, ob dasjenige, was da
der Mystiker in seiner Seele findet unter dem Schleier der gewohnli-
chen Seelenerlebnisse, irgend etwas ist, was eine Realitat ist oder
nicht, ob er es selber ist, der verursacht hat, was ihm Schmerz be-
reitet. Vielleicht ist das auch nur eine Traumerei, aber es ist ein
Erlebnis, das der Mensch tatsachlich haben kann. Darauf kommt
es an. Jedenfalls dringt da der Mensch auf der andern Seite in eine
Welt ein, die ihm bisher unbekannt war. Das ist das Wesentliche.
So dringt der Mensch nach der einen und nach der anderen Seite
in eine Welt ein, die ihm bisher unbekannt war, nach aufien und
nach innen.
Uberlegen wir uns nun, was eben gesagt worden ist, daft der
Mensch sein Ich verliert, wenn er ekstatisch wird, so werden wir uns
sagen miissen: Dieser ekstatische Zustand ist somit nicht etwas, was
fur den gewohnlichen Menschen etwas ganz Vorziigliches ist. Denn
alle menschliche Orientierung in der Welt, alle Moglichkeit, in der
Welt unsere Mission zu vollziehen, beruht darauf, daft wir in unse-
rem Ich einen festen Mittelpunkt unseres Wesens haben. Wenn uns
die Ekstase die Moglichkeit nimmt, dieses Ich zu fiihlen, dieses Ich
zu erleben, dann haben wir uns durch die Ekstase zunachst selber
verloren. Wenn nun auf der anderen Seite der Mystiker alles hinein-
schiebt in das Ich, wenn er das Ich sozusagen zu dem Schuldigen fur
alles, was wir empfinden, macht, dann hat das einen anderen Nach-
teil. Dann hat das den Nachteil, daft wir alle Ursachen zu demjeni-
gen, was geschieht in der Welt, zuletzt in uns suchen wiirden, und
daft wir damit auch wiederum die gesunde Orientierung in der Welt
verlieren wiirden. Denn wiirden wir das in Taten umsetzen, so wiir-
den wir niemals etwas anderes tun als uns selber beladen mit lauter
Schuld und uns nicht in das richtige Verhaltnis zur Auftenwelt
setzen konnen.
So also verlieren wir nach beiden Richtungen hin, mit der gewohn-
lichen Ekstase und als gewohnliche Mystiker, die Fahigkeit der
Orientierung in der Welt. Daher ist es gut, diirfen wir sagen, daft der
Mensch sich sozusagen nach zwei Richtungen fortwahrend stoftt.
Wenn er nach auften hin mit seinem Ich sich entfaltet, so stoftt er
sich an den Sinneswahrnehmungen, die lassen ihn nicht durch bis zu
dem, was hinter dem Schleier des Sinnenteppichs liegt, und das ist
zunachst gut fur den Menschen, denn dadurch kann er im normalen
Verhalten sein Ich aufrechterhalten. Und auf der anderen Seite las-
sen ihn auch die Seelenerlebnisse im normalen Verhalten nicht
durch unter das Ich hinunter, unter jene Gefuhle des Ich, die eben
zum normalen Orientieren fiihren. Der Mensch ist eingeschlossen
zwischen zwei Grenzen : er geht eine Weile hinaus in die Welt und
wird da begrenzt; er geht hinein in das Seelenleben und erfahrt, was
wir Lust und Leid, Freude und Schmerz und so weiter nennen, aber
er dringt im normalen Leben eben nicht weiter als bis zu demjenigen,
was ihm eine Orientierung im Leben moglich macht.
Nun ist das, was da geschildert worden ist, sozusagen der Vergleich
des gewohnlichen Zustandes mit den abnormen Zustanden, die eben
in Ekstase oder in einer sich selbst verlierenden Mystik zu finden
sind. Ekstase und Mystik sind abnorme Zustande. Aber es gibt im
ganz gewohnlichen Menschenleben etwas, wo wir diese Zustande
viel, viel deutlicher beobachten konnen, und das sind die gewohn-
lichen Wechselzustande, die wir durchmachen in vierundzwanzig
Stunden, den Wechselzustanden zwischen Wachen und Schlafen.
Was tun wir eigentlich im Schlaf ? Nun, im Schlaf machen wir in
der Tat genau dasselbe in einer gewissen Beziehung, was wir jetzt als
einen abnormen Zustand geschildert haben in der Ekstase: wir ge-
hen mit unserem eigentlichen inneren Leben nach aufien; wir ver-
breiten den inneren Menschen in die Aufienwelt. Das ist in der Tat
der Fall. So wie wir unser Ich gleichsam ergiefien nach aufien in der
Ekstase, wie wir in der Ekstase unser Ich verlieren, so verlieren wir
im Schlafe unser Ich-Bewufitsein. Aber wir verlieren mehr im Schla-
fe, und das ist nun das Gute. In der Ekstase verlieren wir nur das Ich,
aber wir behalten eine Welt um uns herum, eine Welt, die wir aller-
dings vorher nicht gekannt haben, eine Welt von meinetwillen bis-
her uns unbekannten Bildern, von geistigen Tatsachen und Wesen-
heiten. Im Schlafe fehlt uns auch diese Welt, im Schlafe ist auch diese
Welt nicht vorhanden. Somit also unterscheidet sich der Schlaf von
der Ekstase dadurch, dafi der Mensch zum Ausloschen seines Ich
auch noch dasjenige ausloscht, was man Wahrnehmungsfahigkeit
nennt. Ob sie nun physisch oder geistig ist, im Schlafe loscht der
Mensch die Fahigkeit, irgend etwas wahrzunehmen, iiberhaupt aus.
Wahrend er in der Ekstase blofi das Ich ausloscht, loscht er im Schla-
fe auch noch die Wahrnehmungsfahigkeit aus oder, wie wir mit
Recht sagen, er loscht das Bewufttsein aus. Es ist das Bewufksein aus
seinem menschlichen Erleben herausgegangen. Er hat hinergossen
in die Welt eben nicht blofi das Ich, sondern er hat dieser Welt auch
ubergeben sein Bewulksein. Dasjenige also, was im Schlafe fur den
Menschen zuriickbleibt, das ist etwas, aus dem das Bewulksein und
das Ich heraus sind. Somit haben wir im schlafenden Menschen, den
wir im gewohnlichen Leben vor uns haben, etwas vor uns, was sich
entledigt hat seines Bewufitsems und seines Ich. Und wohin ist das
Bewufksein und ist das Ich gegangen? Wir konnen sogar auch diese
Frage, nach der Schilderung der Ekstase, beantworten. Wenn bloft
die Ekstase eintritt und nicht der Schlaf, dann ist um uns eine Welt
von geistigen Wesenheiten und Tatsachen. Nehmen wir nun an, wir
schalen auch noch unser Bewulksein heraus zu dem Ich, wir geben
auch unser Bewulksein auf, in demselben Augenblick tritt schwarze
Finsternis um uns herum ein - wir schlafen. So haben wir im Schlafe
hingegeben unser Ich, wie in der Ekstase, und auch - und das cha-
rakterisiert den Schlaf - unser Bewufksein. Daher konnen wir sagen :
Der Schlaf des Menschen ist eine Art Ekstase, in der der Mensch
nicht blofi mit seinem Ich aufier seinem Leibe ist, sondern in der er
auch mit seinem Bewulksein aufier seinem Leibe ist. Was wir Ich
nennen, das haben wir in der Ekstase hingegeben. Das ist ein Glied
der menschlichen Wesenheit. Im Schlaf geht nun noch ein anderes
hinaus, der Trager unserer Bewufkseinserscheinungen, das ist der
astralische Leib. Da haben Sie einen zunachst ganz aus dem gewohn-
lichen Leben gewonnenen Begriff dessen, was man in der Geistes-
wissenschaft den astralischen Leib nennt. Das Ich ist dasjenige, was
in dieser Ekstase aus dem physischen Leib herausgeht; wenn nun im
Schlafe auch dasjenige herausgeht, was man astralischen Leib nennt,
so ist dadurch ausgeloscht die Moglichkeit, ein Bewulksein zu haben.
So haben wir den schlafenden Menschen darzustellen zunachst als
einen Zusammenhang von demjenigen, was im Bette liegen bleibt,
das wollen wir jetzt nicht weiter untersuchen. Im Bette bleibt etwas
liegen, das man aufierlich wahrnimmt. Aber etwas ist aufter diesem
schlafenden Menschen; etwas ist hingegeben an eine Welt, die zu-
nachst eine Welt des Unbekannten ist. Hingegeben ist ein Glied der
menschlichen Wesenheit, das auch in der Ekstase hingegeben ist: das
ist das Ich. Hingegeben ist aber auch ein zweites Glied der menschli-
chen Wesenheit, das in der Ekstase noch nicht hingegeben ist, und
das ist der astralische Leib des Menschen.
Nun zeigt uns also der Schlaf erne Art von Spaltung der menschli-
chen Wesenheit. Der eigentlich innere Mensch, das menschliche Be-
wulksein und das menschliche Ich trennen sich von dem aufieren
Menschen ab, und dasjenige, was im Schlafe eintritt, das ist das, dafi
der Mensch in einen Zustand kommt, in dem er nichts mehr weifi
von all den Tageserlebnissen, in dem er nichts mehr in seinem Be-
wufitsein hat von demjenigen, was durch die aufieren Eindriicke in
dieses Bewufitsein eintritt. Der Mensch ist im Schlafe als innerer
Mensch an eine Welt hingegeben, von der er eben kein Bewufksein
hat; er ist in eine Welt ausgegossen, von der er nichts weifi. Nun be-
zeichnet man aus einem gewissen Grunde, den wir noch zur Geniige
kennenlernen werden, diejenige Welt, in der der innere Mensch ist,
diejenige Welt also, die sein Ich und seinen astralischen Leib aufge-
nommen hat, in der der Mensch so ist, dafi er vergessen hat alle Ein-
driicke des Tages, als den Makrokosmos, als die grofie Welt. So dafi
wir also sagen, und das sei zunachst eine Andeutung, wir werden die
Berechtigung dieses Ausdruckes noch kennenlernen: Der Mensch
ist, wahrend er schlaft, an den Makrokosmos hingegeben, in den
Makrokosmos ausgegossen, nur weifi er davon nichts.
In diesen Makrokosmos ausgegossen ist der Mensch auch schon
wahrend der Ekstase; nur weifi er da etwas von diesem Zustand. Das
ist das eigenartige der Ekstase, dafi der Mensch etwas erlebt, seien es
Bilder, seien es Wirklichkeiten, was ausgebreitet ist um ihn herum,
etwas, was sozusagen einen gewaltigen grofien Raum einnimmt und
an das er sich wie hinverloren glaubt. Das erlebt er in der Ekstase. Er
erlebt mit seinem Ich etwas wie ein Verlorensein dieses Ich, dafur
aber ein Hingegossensein in ein Reich, das er bisher nicht gekannt
hat. Dieses Hingegossensein in eine Welt, die sich unterscheidet von
der gewohnlichen Alltagswelt, wo man sich nur an seinen Korper
hingegeben fiihlt, dieses Hingegebensein an eine solche Welt berech-
tigt schon, von vornherein zu sprechen von einer grofien Welt, von
einem Makrokosmos, im Gegensatz zur kleinen Welt, in der wir
mit unserem gewohnlichen Tageserlebnis leben. Da fuhlen wir uns
in unsere Haut eingeschlossen. Das ist zunachst nur die oberflach-
lichste Charakteristik dieser Leibeswelt. Wir sind dann, wenn wir in
Ekstase sind, wie hineingewachsen in die grofte Welt, in den Makro-
kosmos, wo auf Schritt und Tritt irgendwelche phantastische Ge-
stalten vor uns aufsteigen - phantastische Gestalten, weil sie nicht
ahnlich sind mit den Dingen in der physischen Welt. Wir konnen
uns nicht von ihnen unterscheiden, wir wissen nicht, ob wir es nicht
selber sind, was in diesen Gestalten lebt; wir fiihlen uns ausgedehnt
in eine grofte Welt, in den Makrokosmos. Und wenn wir so die
Ekstase erfassen, dann konnen wir auch, wenigstens vergleichs-
weise, uns einen Begriff davon machen, warum wir unser Ich in der
Ekstase verlieren.
Denken Sie sich einmal dieses menschliche Ich verglichen mit
einem Tropfen irgendeiner gefarbten Fliissigkeit. Nehmen wir nun
an, wir haben ein ganz kleines Gefaft, gerade groft genug, daft es die-
sen Tropfen aufnehmen kann, so wird dieser gefarbte Tropfen zu se-
hen sein. Wenn wir nun diesen Tropfen nehmen und ihn vielleicht
in ein groftes Bassin verteilen, das ganz mit Wasser angefiillt sei, da
ist dann derselbe Tropfen im Wasser, aber wahrzunehmen ist nichts
mehr von ihm. Wenn Sie diesen Vergleich anwenden auf das Ich, das
sich ausdehnt in die grofte Welt, in den Makrokosmos, sich einfach
hinergieftt in der Ekstase liber den Makrokosmos, so konnen Sie
sich vorstellen, daft es sich immer schwacher und schwacher fiihlt,
indem es immer grofter und grofter wird. Indem es sich hinergieftt
iiber den Makrokosmos, verliert es die Fahigkeit, sich selbst wahr-
zunehmen, wie der Tropfen sich verliert in dem groften Bassin. So
begreifen wir, daft mit dem Ubergehen des Menschen an eine grofte
Welt das Ich sich verliert. Es ist ja da; es ist nur ausgegossen iiber
diese grofte Welt, daher weift es nichts von sich.
Aber im Schlaf tritt noch etwas anderes Wichtiges fur den Men-
schen ein. Das ist, daft der Mensch ja, solange er ein Bewufttsein hat,
handelt. Nun hat er in der Ekstase ein Bewufttsein, aber nicht das
sich orientierende Ich. Er handelt also aufter seinem Ich. Er kontrol-
liert nicht seine Handlungen, er ist wie hingegeben an dasjenige, was
die Eindriicke seines Bewufttseins sind. Das ist das Wesentliche der
Ekstase, daft der Mensch zu irgendeinem Tun kommt und daft,
wenn man einen solchen Menschen, der in der Ekstase handelt, von
aulten kontrolliert, man ihn wie ausgewechselt findet. Man findet,
er ist nicht eigentlich er; er handelt wie unter lauter anderen Ein-
driicken, und weil dasjenige, was er da sieht, in der Regel eine Viel-
heit ist - denn in der Ekstase treten viele Ereignisse auf -, so ist er
bald an diese, bald an jene Wesenheit hingegeben und macht den
Eindruck einer zerrissenen Wesenheit. Das ist das Charakteristische
des Ekstatikers, und das ist die Gefahr der Ekstase. In der Ekstase ist
zwar der Mensch an eine geistige Welt hingegeben, aber an eine gei-
stige Welt der Vielheit, die ihn in bezug auf seine innere Wesenheit
zerreilk.
Nun aber, wenn wir den Schlaf betrachten, so miissen wir doch
wohl schon aus der Schilderung gemerkt haben - es soli nicht etwa
alles angegeben werden, was wir an Griinden dafur anfuhren
konnen -, daft diese Welt, in die wir da eintreten, doch eine gewisse
Realitat hat. Man kann eine Welt so lange leugnen, solange man
keine Wirkungen von ihr verspiirt. Sie konnen mit jemandem vor
einer Wand stehen. Der Betreffende behauptet: M'mter der Wand
steht einer. - Sie konnen das fur sich so lange nicht glauben, solange
der hinter der Wand nicht klopft; aber sobald der klopft, so operie-
ren Sie nicht mit der gesunden Vernunft, wenn Sie ableugnen, daft
einer hinter der Wand stehe. Sobald Sie Wirkungen von einer Welt
wahrnehmen, so hort die Moglichkeit auf, diese Welt als blofie
Phantasie anzusehen. Gibt es nun Wirkungen aus derjenigen Welt
heraus, die wir in der Ekstase noch sehen, die im Schlaf aber fur den
gewohniichen, normalen Menschen ausgeloscht ist? Nun, von der
Wirkung aus dieser Welt heraus kann sich jeder iiberzeugen, wenn
er am Morgen aufwacht. Wenn man am Abend einschlaft, ist man
miide, man hat Krafte sozusagen verbraucht. Diese miissen ersetzt
werden. Mit Kraften, mit denen man abends nicht einschlaft, wacht
man des Morgens auf. Wahrend welcher Zeit hat man sie sich also
angeeignet? Nun, man hat sie sich angeeignet wahrend derjenigen
Zeit, die verflossen ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Also
wahrend man hingegeben ist im Schlaf mit astralischem Leib und
Ich an diejenige Welt, die man in der Ekstase noch sieht, die im
Schlafe aber fur den gewohniichen, normalen Menschen ausgeloscht
ist, saugt man aus dieser Welt selber heraus diejenigen Krafte, die
man braucht fur das Tagesleben. Die kommen aus dieser Welt her-
aus. Man braucht den Schlaf; weil man aus dieser selben Welt, die
man in der Ekstase sieht, im Schlafe aber nicht, diejenigen Krafte
heraussaugen mufi, die man fur das Tagesleben braucht. Was Sie sich
fur genauere Vorstellungen daruber machen, das ist fur unseren heu-
tigen Zweck zunachst gleichgultig; aber wichtig ist es, dafi diese
Welt, die wir sehen in der Ekstase, die aber fur das gewohnliche Be-
wufttsein im Schlafe ausgeloscht ist, sich darstellt als diejenige Welt,
aus der die Krafte herausstromen, mit der wir die Miidigkeit weg-
schaffen, die am Abend da ist. Das ist also gerade so wie bei dem
Klopfenden in unserem Beispiel, der hinter der Wand steht, den wir
zwar nicht sehen, von dem wir aber Wirkungen wahrnehmen. Wir
nehmen an jedem Morgen wahr die Wirkungen derjenigen Welt, die
wir in der Ekstase sehen und im Schlafe nicht sehen. Wo aber eine
Welt ist, die Wirkungen zeigt, da konnen wir auch nicht mehr von
ihrer Irrealitat sprechen. Die Welt, die wir in der Ekstase sehen, die
aber im Schlafe ausgeloscht ist fur das gewohnliche Bewufksein, sie
zeigt uns Wirkungen in das gewohnliche Tagesleben herein. Also
werden wir nicht mehr von ihrer Irrealitat sprechen konnen.
So also sprechen wir davon, dafi wir aus derselben Welt, in die
wir hineinschauen in der Ekstase und die fur das gewohnliche Be-
wufitsein ausgeloscht ist im Schlafe, die fur das Tagesleben starken-
den Krafte heraussaugen. Das aber machen wir unter ganz besonde-
ren Umstanden. Wir machen es unter den Umstanden, dafi wir uns
selber, wenn wir uns so ausdriicken durfen, bei diesem Heraussau-
gen der Krafte, bei diesem Ergiefien der Krafte aus einer geistigen
Welt, dabei nicht zuschauen. Das ist das Wesentliche des Schlafes,
daft wir in dem Schlaf etwas vollbringen, und dafi wir uns bei dieser
Tatigkeit nicht zuschauen. Wenn wir uns zuschauen wiirden bei die-
ser Tatigkeit, so wiirden wir uns iiberzeugen, dafi wir es viel schlech-
ter machen wiirden als wir es machen, wenn wir mit unserem
Bewufttsein nicht dabei sind. Es gibt ja schon im gewohnlichen All-
tagsleben Dinge, von denen man sagen mufi: Finger weg davon! -,
denn manche Menschen machen die Dinge nur schlechter, wenn sie
sie anriihren. In derselben Lage ist der Mensch, wenn die Krafte
durch den nachtlichen Schlaf ersetzt werden miissen, die am Tage
vorher verbraucht worden sind. Ware der Mensch dabei, konnte er
sich zuschauen bei jener schwierigen Operation, die da vollzogen
wird, wenn die verbrauchten Krafte wieder ersetzt werden, konnte
er selber mittun, nun, da wiirde etwas Schemes herauskommen; da
wiirde er die ganze Prozedur griindlich verderben, weil er eben heu-
te noch nicht fahig ist dazu. So also tritt tatsachlich das Segensvolle
ein, dafi der Mensch in dem Augenblicke, wo er, wenn er selbst da-
bei ware, an seiner Fortentwickelung etwas verderben konnte, das
Bewufitsein entrissen bekommt, dafi er sein eigenes Dasein vergifit.
So also schreiten wir im Einschlafen, durch das Vergessen unseres
eigenen Daseins in diese grofie Welt, in den Makrokosmos hinein.
Der Mensch tritt jeden Abend beim Einschlafen aus seiner kleinen
Welt, aus seinem Mikrokosmos in die grofie Welt, in den Makrokos-
mos hinaus und vereinigt sich, indem er seinen astralischen Leib und
sein Ich ausgiefit in den Makrokosmos, mit diesem Makrokosmos,
mit der grofien Welt. Aber weil er im heutigen Verlaufe seines Le-
bens nur fahig ist, in der Welt des Tageslebens zu wirken, so hort
sein Bewufitsein auf in dem Momente, wo er den Makrokosmos be-
tritt. Das driickte die Geheimwissenschaft immer dadurch aus, dafi
sie sagte : Zwischen dem Leben im Mikrokosmos und dem Leben im
Makrokosmos liegt der Strom der Vergessenheit. Der Mensch
dringt auf dem Strom der Vergessenheit in den Makrokosmos, in die
grofie Welt, indem er mit dem Einschlafen aus dem Mikrokosmos in
den Makrokosmos hiniiberlebt. So konnen wir also sagen, dafi der
Mensch, wenn er des Abends einschlaft, hiniibertritt in eine andere
Welt, in den Makrokosmos, in die grofie Welt, und dafi dieses Hin-
iibertreten sich so charakterisiert, dafi der Mensch zwei Glieder sei-
ner Wesenheit an diese grofie Welt, an den Makrokosmos, jede
Nacht abgibt, den Astralleib und das Ich.
Nun betrachten wir demgegentiber den Moment des Aufwachens.
Dieser Moment des Aufwachens besteht darin, dafi der Mensch wie-
derum anfangt zu erleben erstens seine Lust, sein Leid, seine Freude,
seinen Schmerz, alles das, was er an Trieben und Begierden und so
weiter in den verflossenen Tagen erlebt hat. Das erlebt er heute nach
und nach wieder; das ist das erste. Das zweite aber, das ihm wieder-
ersteht beim Aufwachen, das ist sein Ich-Bewufcein. Aus dem un-
bestimmten Dunkel des menschlichen Erlebens wahrend des Schla-
fens treten mit dem Aufwachen heraus die Seelenerlebnisse und das
Ich. Nun haben wir, wenn der Mensch aufwacht, einmal uns zu sa-
gen: Ja, hatte der Mensch nur dasjenige an sich, was in der Nacht im
Bette liegen geblieben ist, wahrend er schlaft, dann wiirde der
Mensch nicht Schmerz leiden, er wiirde nicht Freude und Lust und
alles dasjenige, was seine Seelenerlebnisse sind, erleben konnen. -
Das konnte er nicht, der Mensch. Denn dasjenige, was da liegt im
Bette, ist im wahren Sinn des Wortes wie eine Pflanze: es lebt wie
eine Pflanze, es erlebt nicht solche Erlebnisse wie Freude und
Schmerz und so weiter. Aber dasjenige, was der innere Mensch ist,
das erlebt ja in der Nacht auch nicht solche Erlebnisse, und dennoch
ist dieser innere Mensch der Trager der Seelenerlebnisse. Nicht das-
jenige, was im Bette liegt, hat Leid und Schmerz, hat Lust und Freu-
de, sondern dasjenige, das beim Einschlafen hinausgegangen ist in
die grofte Welt, in den Makrokosmos. Daraus konnen wir ersehen,
daft zu dem Erleben von Lust und Leid, von Freude und Schmerz,
von Trieben, Begierden, Leidenschaften, von Sympathie und Anti-
pathie, aufter dem astralischen Leib noch etwas anderes notwendig
ist, namlich, daft er untertauchen mufi in dasjenige, was der aufiere
Mensch ist, was eben im Bette liegengeblieben ist. Wenn der Mensch
nicht untertaucht in dasjenige, was im Bette liegengeblieben ist, so
fuhlt er nicht seine inneren Seelenerlebnisse. Wir konnen also sagen :
Dasjenige, was wir ausgegossen haben in der Nacht in den Makro-
kosmos, in die grofie Welt, das wird uns im normalen menschlichen
Leben dadurch erst wahrnehmbar, dafi wir des Morgens untertau-
chen in das, was im Bette liegengeblieben ist.
Nun ist das wiederum ein Zweifaches, in das wir da untertauchen.
Das eine, in das wir da untertauchen, wenn wir des Morgens aufwa-
chen, ist dasjenige, was wir sozusagen nur erleben als inneres Leben.
Wir erleben wahrend des Tages die auf- und abwogenden Empfin-
dungen und Gefuhle, die Interessen, die Sympathien und Antipa-
thien, wir erleben die Seelenerlebnisse. Wir konnen sie wahrend der
Nacht nicht erleben, sondern wir konnen sie nur erleben, wenn wir
uns gleichsam stofien, wenn wir eintauchen in dasjenige, was
im Bette liegengeblieben ist wahrend des Schlafes.
Aber wenn wir da hineintauchen, dann erleben wir nicht nur un-
sere Seelenerlebnisse, sondern wir erleben audi die aufiere Welt der
Sinneseindrucke. Wir erleben nicht nur die Freude zum Beispiel an
der Rose, wir erleben auch das Rot der Rose. Die Freude an der Ro-
se ist ein inneres Erlebnis; die rote Farbe der Rose ist etwas, was
drauften ist. So ist es mit allem, was wir erleben wahrend des ge-
wdhnlichen Tagwachens. Uberall erleben wir ein Zweifaches: Wir
tauchen unter in unsere Leiblichkeit, und indem wir untertauchen,
spiegeln sich uns entgegen, kommen uns entgegen wie ein Echo un-
sere inneren Seelenerlebnisse; aber auch eine aufiere Welt tritt auf,
wenn wir beim Aufwachen untertauchen in das, was im Bette wah-
rend des Schlafes liegengeblieben ist. Daher muft dasjenige, was im
Bette liegt im Schlafe, aus zwei Gliedern bestehen: ein Glied muE
gleichsam spiegeln dasjenige, was wir innerlich erleben, und ein
Glied mufi uns moglich machen, gleichsam uns selbst zu durchdrin-
gen und in die Aufienwelt hinaus als eine wirkliche zu sehen. Also es
kann keine Einheit sein, was im Bette liegengeblieben ist wahrend
des Schlafes; es mull ein Zweifaches sein. Ware nur eines da, so wiir-
den wir, wenn wir hineinschliipfen beim Aufwachen, nur eine inne-
re Welt erleben, oder wir wiirden nur eine aufiere Welt erleben. Es
wiirde nur ein Panorama vor uns ausgebreitet sein, oder aber wir
wiirden nur innerlich auf- und absteigen haben Lust und Leid, Freu-
de und Schmerz und so weiter. Wir haben aber beides, nicht nur das
eine oder das andere. Wir tauchen da ein in den aufteren Menschen,
der im Bette liegenbleibt wahrend des Schlafes, und zwar tauchen
wir so ein, dafi wir eine innere Welt vor uns hingezaubert finden
und eine aufiere Welt. Wir tauchen also nicht in eine Einheit, son-
dern in eine Zweiheit ein. So wie es eine Zweiheit war, was wir aus-
gegossen haben in den Makrokosmos mit dem Einschlafen, so drin-
gen wir beim Aufwachen in den Mikrokosmos ein, und dieser ist
ebenfalls eine Zweiheit. Was uns befahigt, ein inneres Seelenleben
zu erleben, das nennen wir den Ather- oder Lebensleib; und dasjeni-
ge, was uns befahigt, ein aufteres Tableau der Sinneswelt zu haben,
das ist der physische Leib. So ist dasjenige, was im Bette liegt wah-
rend des Schlafes, aus zwei Gliedern bestehend, aus dem physischen
Leib und dem Ather- oder Lebensleib. Wiirden wir nur in den phy-
sischen Leib eindringen, wenn wir des Morgens aufwachen, so wiir-
den wir einem aufieren Tableau gegeniiberstehen, aber wir waren in-
nerlich leer und ode, wir hatten keine Lust, keinen Schmerz, kein
Interesse an all dem, was da um uns ist und vorgeht, wir sttinden
kalt und seelenlos dem Tableau der Sinneswelt gegeniiber. So ware
es, wenn wir blofi in unseren physischen Leib einzogen. Wenn wir
blofi in unseren Ather- oder Lebensleib einzogen, dann wiirden wir
keine Aufienwelt vor uns haben, sondern wir wiirden eine Welt von
Lust und Leid, von Freude und Schmerz und so weiter haben, die
auf- und absteigen wiirde; wir wiirden es keiner AuEenwelt zu-
schreiben konnen, wir hatten einfach eine Gefiihlswelt, die auf- und
absprudelte.
Daraus sehen wir, dafi wir dann, wenn wir des Morgens beim
Aufwachen untertauchen in unseren aufieren Menschen, in ein
Zweigliedriges untertauchen, untertauchen in ein solches, das wir
bezeichnen als einen Spiegeler unserer Innenwelt, den Ather- oder
Lebensleib, und untertauchen in dasjenige, was wir bezeichnen als
den Verursacher des aufieren Sinnenteppichs, des aufieren Tableaus,
das ist der physische Leib.
Damit haben wir gezeigt aus wirklich vorhandenen Erlebnissen
heraus, dafi wir ein gewisses Recht haben, beim Menschen zu spre-
chen von einer viergliedrigen Wesenheit, von vier Gliedern der
menschlichen Wesenheit, von denen zwei Glieder im Schlafe dem
Makrokosmos, der grofien Welt, angehoren, das Ich und der astrali-
sche Leib. Im Wachen gehoren diese zwei Glieder der menschlichen
Wesenheit, das Ich und der astralische Leib, dem Mikrokosmos an,
der kleinen Welt, die in die menschliche Haut eingeschlossen ist. So
verlauft das menschliche Leben so, dafi der Mensch wechselweise
lebt im Mikrokosmos und im Makrokosmos. Jeden Morgen tritt er
in den Mikrokosmos ein. Diese kleine Welt, der Mikrokosmos, ist
die Ursache unserer taglichen Erlebnisse vom Morgen, wenn wir
aufwachen, bis zum Abend, wenn wir einschlafen. Und die Tatsa-
che, dafi wir im Schlafe mit unserem astralischen Leibe und dem Ich
ausgegossen sind in die ganze grofie Welt, in den Makrokosmos, wie
ein Tropfen ausgegossen ist in den Inhalt eines grofien Bassins, das
ist die Ursache, dafi wir im Momente, wo wir hinaustreten aus dem
Mikrokosmos, aus der kleinen Welt, durchgehen miissen durch den
Strom der Vergessenheit.
Nun konnen wir uns noch die Frage vorlegen: Wodurch kann
denn der Mensch, wenn er mystisch sich vertieft, in einer gewissen
Weise, jenen Zustand herbeifuhren, welchen wir am Anfang unseres
Vortrags charakterisiert haben ? - Wir haben die Ekstase verstanden
dadurch, dafi da das Ich ausgegossen ist in den Makrokosmos und
der astralische Leib im Mikrokosmos im physischen Leib darinnen-
geblieben ist. Wenn wir so die Sache fassen, so verstehen wir die Ek-
stase. Die Ekstase ist einfach ein Ergossensein des Ich in den Makro-
kosmos, wahrend der astralische Leib im Mikrokosmos drinnenge-
blieben ist. Worin besteht denn nun dasjenige, was wir im Anfang
der heutigen Betrachtung als einen mystischen Zustand geschildert
haben? Dieser mystische Zustand besteht in folgendem: Unser Le-
ben in dem physischen und in dem Ather- oder Lebensleib, im Mi-
krokosmos, in der kleinen Welt, vom Morgen beim Aufwachen bis
zum Abend beim Einschlafen, ist ein hochst Eigentiimliches. Wir
gehen nicht etwa in unseren Ather- oder Lebensleib und in unseren
physischen Leib so hinunter des Morgens beim Aufwachen, dafi wir
den Atherleib und den physischen Leib wahrnehmen wiirden; wir
nehmen nicht das Innere unseres physischen und unseres Atherlei-
bes wahr, trotzdem wir hineinsteigen. Unser physischer und unser
Atherleib machen moglich unser Seelenleben und unser aufieres
Wahrnehmen; das ermoglichen uns diese beiden Glieder der
menschlichen Wesenheit. Warum nehmen wir denn unser Seelenle-
ben wahr, wenn wir des Morgens aufwachen? Gerade aus dem
Grunde nehmen wir unser Seelenleben wahr, weil uns der Ather-
oder Lebensleib nicht gestattet, wirklich sein Inneres wahrzunehmen.
Geradesowenig wie uns der Spiegel gestattet, dasjenige zu sehen, was
hinter ihm ist und uns gerade deshalb ermoglicht, uns selber darin
zu sehen, so ist es mit unserem Ather- oder Lebensleib. Unser
Atherleib spiegelt unser Seelenleben zuriick. Er laftt uns nicht dasje-
nige, was in ihm drinnen ist, wahrnehmen, sondern er spiegelt uns
unser Seelenleben zuriick. Weil er es uns zuriickspiegelt, so er-
scheint er uns als der eigentliche Verursacher unseres Seelenlebens.
Er erweist sich fur uns als undurchdringlich, wir durchblicken sein
Inner es nicht. Das ist gerade das eigenartige des menschlichen Ather-
oder Lebensleibes, daft wir nicht in ihn hineindringen, sondern daft
er uns unser eigenes Seelenleben zuruckwirft. Das aber ist beim My-
stiker der Fall durch jene starke Ausbildung des Seelenlebens. Durch
dasjenige, was er an innerer Versenkung erlebt, gelingt es ihm bis zu
einem gewissen Grade, in diesen Ather- oder Lebensleib hineinzu-
dringen, nicht bloft das Spiegelbild zu sehen, sondern sich tatsach-
lich einzubohren in den Mikrokosmos. Dadurch, daft er sich in die-
se kleine Welt, in diesen Mikrokosmos, einbohrt, erlebt er in sich
selber dasjenige, was sonst der Mensch im normalen Zustande im
Aufteren erlebt, was sonst iiber die Auftenwelt ergossen ist. Er er-
lebt, wahrend sonst der Mensch zum Beispiel einen Schlag abwehrt,
daft er sich gleichsam in sich hineinbohrt und die Ursache zu dem
Schlage in sich selber sucht. Der Mystiker also bohrt sich bis zu ei-
nem gewissen Grade in seinen Atherleib hinein, er dringt durch jene
Schwelle durch, durch welche sonst das Seelenleben gespiegelt wird
und dringt in das Innere seines Ather- oder Lebensleibes hinein.
Und das sind Vorgange in seinem eigenen Atherleib, welche der My-
stiker erlebt, wenn er jene Schwelle durchschreitet, durch welche
sonst das Seelenleben gespiegelt wird. Dann aber, wenn er diese
Schwelle uberschreitet, erlebt der Mystiker in der Tat etwas, was in
gewissem Sinne ahnlich ist dem Verlust des Ich durch die Ekstase.
Das Ich ist gleichsam verdiinnt worden, indem der Mensch es bei der
Ekstase hinausergossen hat in den Makrokosmos, in die ganze grofte
Welt. Jetzt, bei der mystischen Versenkung, bohrt der Mensch sein
eigenes Innere in den Atherleib hinein. Dadurch verdichtet das Ich
sich jetzt. Und in der Tat erlebt der Mensch diese Verdichtung seines
Ich dadurch, daft dasjenige aufhort, was beim gewohnlichen Ich das
Herrschende ist, namlich das Orientierungsvermogen durch den an
das Gehirn gebundenen Verstand und die Sinne, und dafi er durch ge-
wisse innere Gefiihle die Impulse erhalt zu seinem Handeln. Beim My-
stiker ist alles, was aufsteigt, tiefstes inneres Erlebnis, weil die Dinge
direkt aus seinem Ather- oder Lebensleib herauskommen, die andere
Menschen nur durch den Atherleib gespiegelt erhalten. Das sind die
Griinde, warum der Mystiker solch starke innere Erlebnisse hat,
weil er sich einbohrt in das Innere seines Ather- oder Lebensleibes.
Wahrend also der Ekstatiker sich verbreitet liber den Makrokos-
mos, verengt sich der Mystiker mit seiner inneren Wesenheit in den
Mikrokosmos hinein. Und nun zeigt sich etwas hochst Merkwiirdi-
ges. Beide Erlebnisse, das des Ekstatikers, wenn er gewisse Ereignisse
und Wesenheiten draufien sieht, und das des Mystikers, wenn er ge-
wisse Gefiihle innerlich erlebt, die man sonst nicht erleben kann,
stehen in einem gewissen Verhaltnis, das man in folgender Weise
charakterisieren kann : Unsere Welt, die wir sehen mit unseren Au-
gen und die wir horen mit unseren Ohren, erregt in uns gewisse Ge-
fiihle von Lust und Schmerz und so weiter -, das fiihlen wir, daft das
im normalen Leben zusammengehort. Der eine Mensch kann sich
mehr freuen iiber die Dinge und Geschehnisse der Aufienwelt, der
andere weniger; aber das sind nur Gradunterschiede, das sind keine
solchen Unterschiede wie die in dem furchtbaren, vehementen
Schmerz und wiederum in den Verzuckungen des Mystikers gegen-
iiber dem gewohnlichen Erleben. Da sind allerdings gewaltige Un-
terschiede vorhanden zwischen dem, was der gewohnliche Mensch
erleben kann, und dem, was der Mystiker erlebt an inneren Seligkei-
ten und an inneren Verzuckungen und Qualen. Das ist ein gewalti-
ger Unterschied in der Qualitat. Ebenso ist ein gewaltiger Unter-
schied zwischen dem, was der gewohnliche Mensch mit seinen
Augen sehen und mit seinen Ohren horen kann, und dem, was der
Ekstatiker wahrnimmt, wenn er einer Welt hingegeben ist, die nicht
ahnlich ist der Sinnenwelt. Wenn man den Ekstatiker aber beschrei-
ben lassen wiirde seine Welt und dann den Mystiker anhorte und ihn
beschreiben lassen wiirde seine Seligkeiten und Verzuckungen und
Qualen, dann wiirde man sagen konnen: Ja, durch solche Wesen-
heiten und Tatsachen, wie sie der Ekstatiker sieht, kann dasjenige
hervorgerufen werden, was der Mystiker erlebt. Wenn man auf der
anderen Seite den Mystiker horen wiirde, dann wiirde man sagen:
So etwas ware auch moglich, wenn man die Erlebnisse des Ekstatikers
hat; man konnte glauben, der Ekstatiker beschreibe diese Welt.
So wie die Welt des Mystikers real, subjektiv real ist, das heifit so,
daft er sie wirklich sieht, so sind es auch die Wesenheiten des Ekstati-
kers. Ob sie nun objektiv real sind oder nicht, das lassen wir heute
dahingestellt sein. Das eine aber konnen wir heute sagen: Illusion
oder Wirklichkeit, gleichgiiltig, der Ekstatiker sieht eine Welt, eine
Welt, die anders ist, als dasjenige ist, was man in der sinnlichen Welt
wahrnehmen kann, und der Mystiker erlebt Gefuhle, Seligkeiten,
Verziickungen und Qualen, die sich mit nichts vergleichen lassen,
was der gewohnliche Mensch erlebt. Beide Welten sind nur fur ge-
wisse Menschen da. Nur sieht der Mystiker nicht die Welt des Ek-
statikers und der Ekstatiker erlebt nicht die Welt des Mystikers. Bei-
de Welten sind unabhangig voneinander. Ein Dritter aber kann die
eine der beiden Welten durch die andere begreifen. Das ist ein
hochst sonderbares Verhaltnis, daft sich eine Welt durch die andere
erklart, dafi die beiden Welten zusammenstimmen.
Damit haben wir auf einen gewissen Zusammenhang hmgewiesen
zwischen der Welt des Mystikers und der des Ekstatikers und haben
gezeigt, wie der Mensch sozusagen stolk an die Welt des Geistes
nach aufien und stolk an die Welt des Geistes nach innen.
Das, was wir heute nur beschrieben haben, wird fur Sie noch in
der Luft hangen. Es wird nun unsere Aufgabe sein, die Fragen zu be-
antworten: Inwieweit konnen wir iiberhaupt in eine reale Welt hin-
eingelangen, wenn wir den Teppich der aufieren Sinneswelt durch-
dringen ? Inwieweit ist es moglich, iiber die Welt des Ekstatikers hin-
auszukommen, um in eine wirkliche geistige Welt nach auften hin-
einzudringen? Und inwieweit ist es moglich, unter die innere Welt
des Mystikers hinunterzudringen und dort eine wahre geistige Welt
zu finden? - Die Wege, die in die geistige Welt hineinfuhren durch
Makrokosmos und Mikrokosmos, die werden wir in den nachsten
Tagen immer genauer und genauer zu beschreiben haben.
ZWEITER VORTRAG
Wien, 22. Marz 1910
Im allgemeinen ist schon angedeutet worden, welches das Verhaltnis
ist zwischen dem Wachzustand und dem Schlafzustand des Men-
schen, und es ist gesagt worden, dafi der Mensch aus dem Schlafzu-
stand heraus sich die Krafte holt, die er wahrend des Wachzustandes
braucht, um sein Seelenleben aufzubauen. Nun sind diese Dinge ei-
gentlich viel komplizierter, als man gewohnlich denkt, und wir wer-
den heute einiges Genauere iiber den Unterschied zwischen dem
menschlichen Wach- und dem Schlafzustand vom Gesichtspunkte
der Geistesforschung aus zu sagen haben. Ich bemerke nur gleich-
sam nebenbei, wie in einer Art Parenthese, dafi wir hier davon abse-
hen konnen, all die mehr oder weniger interessanten Hypothesen zu
beriihren oder aufzuzahlen, welche die Physiologie der Gegenwart
aufgestellt hat, um den Unterschied zwischen Schlaf- und Wachzu-
stand zu erklaren. Das konnte ja sehr leicht geschehen, wurde uns
aber nur von der eigentlichen geisteswissenschaftlichen Betrachtung
dieser Zustande ablenken. Es braucht hochstens gesagt zu werden,
dafi ja die gewohnliche heutige Wissenschaft, wenn sie den Men-
schen im Schlafzustande vor sich hat, eigentlich nur das vom Men-
schen betrachtet, was in der physischen Welt zuruckgebheben ist,
was wir gestern charakterisieren konnten als den physischen Leib
und den Ather- oder Lebensleib des Menschen. Dieser physischen
Wissenschaft ist ja das vollstandig fremd - und man braucht sie des-
halb nicht abzuurteilen, sie hat ein gewisses Recht, ihren Stand-
punkt in einseitiger Weise geltend zu machen -, was nur fur die Gei-
stesforschung, fur den geoffneten Blick des Sehers, eine Wirklichkeit
bedeuten kann, namlich dasjenige, was sich im Einschlafen heraus-
hebt aus dem Ather- oder Lebensleib und dem physischen Leib des
Menschen, und was wir gestern charakterisieren konnten als das
menschliche Ich und den astralischen Leib. Dieses menschliche Ich
und der astralische Leib sind also, wahrend der Mensch schlaft, in
einer geistigen Welt, wahrend sie dann, wenn der Mensch wacht, in
der physischen Welt sind, gleichsam untergetaucht in den physi-
schen Leib und den Ather- oder Lebensleib.
Nun wollen wir einmal diesen schlafenden Menschen betrachten.
Es ist ja ganz natiirlich, dafi fur das normale menschliche Bewufk-
sein der Schlafzustand etwas Einheitliches ist, das man nicht weiter
untersucht. Man fragt ja im gewohnlichen Leben nicht, ob nun,
wenn der Mensch in der Nacht in einer geistigen Welt ist, dann
mehrere Einflusse, mehrere Krafte sich auf seine leibbefreite Seele
geltend machen oder nur eine einheitliche Kraft? Ist der Mensch,
wenn er in der geistigen Welt ist, nur einer Kraft ausgesetzt, die die
geistige Welt ganz durchdringt, oder konnen wir unterscheiden zwi-
schen verschiedenen Kraften, denen der Mensch wahrend des Schlaf-
zustandes ausgesetzt ist ? - Ja, wir konnen nun ganz genau verschie-
dene Einflusse voneinander unterscheiden, die sich auf den Menschen
geltend machen, wahrend er schlaft - wohlgemerkt, also jetzt nicht
auf das geltend machen zunachst, was im Bette liegenbleibt, sondern
auf dasjenige, was sich als das eigentlich Seelische des Menschen, als
sein astralischer Leib und sein Ich, herausbegeben hat aus diesem
aufieren Menschen, der im Bette liegenbleibt.
Nun wollen wir uns einmal durch naheliegende Erfahrungen und
Tatsachen hinfuhren auf die verschiedenen Einflusse, die auf den
schlafenden Menschen ausgeiibt werden. Dasjenige, was der Mensch
im Einschlafen erlebt, braucht er nur einmal genauer zu beobachten,
dann kann er an sich bemerken, dafi gleichsam jene innere Aktivitat,
jede Tatigkeit zu erlahmen beginnt, durch die er wahrend des Tag-
wachens seine Glieder bewegt, durch die er alles dasjenige ausfuhrt,
was wir nennen konnen, mit Hilfe unserer Seele unseren Leib in Be-
wegung setzen. Wer ein wenig Selbstschau halten wird im Momente
des Einschlafens, der wird merken, dafi so etwas eintritt wie die
Empfindung: Ich kann jetzt nicht mehr jene Herrschaft ausiiben
iiber meine eigenen Glieder. - Es beginnt sich der aufieren Tatigkei-
ten eine Art von Ohnmacht zu bemachtigen. Der Mensch wird zu-
nachst sich unfahig fiihlen, durch seinen Willen die Bewegung seiner
Glieder zu lenken, und er wird im Momente des Einschlafens keine
Herrschaft ausiiben konnen iiber das, was wir die Sprache nennen.
Das ist ja das erste, was der Mensch fiihlt nach jenem wie ohnmach-
tigen Zustand, seine Glieder zu bewegen, dafi er sich unfahig fiihlt,
die Herrschaft auszuiiben iiber die Sprache. Dann fiihlt der Mensch
nach und nach auch, wie ihm die Moglichkeit entschwindet, mit der
Aufienwelt uberhaupt in irgendeinen Zusammenhang zu treten.
Alle die Eindriicke des Tages, sie schwinden dann nach und nach
dahin. Dann horen nach und nach die Empfindungsfahigkeiten fur
den Geschmack und den Geruch und zuallerletzt die Fahigkeit des
Horens auf. In diesem allmahlichen Ohnmachtigwerden der inneren
Seelentatigkeit verspiirt der Mensch das Heraustreten aus seiner leib-
lichen Hiille.
Damit haben wir aber schon einen ersten Einflufi charakterisiert,
welcher auf den Menschen bewirkt wird wahrend des Schlafzustan-
des, den Einflufi, der den Menschen gewissermafien heraustreibt aus
seinen Leibern. Es wird derjenige, der Selbstschau halt, verspiiren,
wie das eine Macht ist, die iiber ihn kommt, denn im gewohnlichen
normalen Zustand des Lebens befiehlt sich ja der Mensch nicht: Du
sollst jetzt einschlafen, du sollst jetzt aufhoren zu sprechen, zu
schmecken, zu riechen, zu horen -, sondern das ist wie eine Macht,
die sich im Menschen geltend macht. Das ist der erste Einflufi aus je-
ner Welt, in der der Mensch des Abends untertaucht, das ist der Ein-
flufi, der ihn sozusagen heraustreibt aus seinem physischen Leib und
Ather- oder Lebensleib. Aber wenn dieser Einfluft allein sich geltend
machen wiirde wahrend des Schlafes, was wiirde dann mit dem
Menschen geschehen? Dann wiirde beim Menschen normalerweise
immer ein absolut ruhiger, durch nichts gestorter Schlaf eintreten.
Aber wir wissen ja, dafi im gewohnlichen normalen Leben keines-
wegs nur dieser normale, durch nichts gestorte Schlaf vorhanden ist,
sondern dafi es eine zweifache Moglichkeit gibt, dafi dieser Schlaf in
einer anderen Form sich geltend macht. Wir kennen alle einen Zu-
stand, den wir als den Traumzustand bezeichnen, wo sich mehr
oder weniger chaotische oder mehr oder weniger deutliche Bilder,
Traumbilder, hereindrangen in das Schlafleben. Wiirde nur der erste
Einflufi geltend sein auf den menschlichen Schlaf, der den Menschen
wie herausreifit aus seinem Bewulksein in eine geistige Welt hinein,
dann wiirde immer nur dasjenige vorhanden sein konnen, was wir
einen durch keinen Traum gestorten Schlaf nennen. So dafi wir un-
terscheiden konnen jenen Einfluft, welcher das Bewufitsein einfach
ausloscht, indem er uns heraustreibt aus unserer aufieren Leibeshul-
le, und jenen Einflufi, der uns in dem leibfreien Zustande die
Traumwelt vor die Seele gaukelt, der hineindrangt in unser Schlaf-
leben die Welt des Traumes.
Das ist aber nicht die einzige Art, wodurch der normale Schlaf
beim Menschen eine andere Gestalt annehmen kann. Es gibt noch
eine dritte Art. Diese dritte Art tritt allerdings nur bei einer gerin-
gen Anzahl von Menschen auf, aber ein jeder weifi, dafi sie immer-
hin bei einer gewissen Anzahl von Menschen vorhanden ist: diese
dritte Art ist die, wenn der Mensch anfangt, ohne ein Bewulksein
davon zu haben, aus dem Schlaf heraus zu sprechen oder gewisse
Handlungen zu vollfuhren. Gewohnlich weift ja dann der Mensch
am Tage nichts von den Antrieben, die ihn zu solchen Schlafhand-
lungen gefuhrt haben. Es kann sich solches Handeln im Schlaf bis zu
demjenigen steigern, was im gewohnlichen Leben das Nachtwan-
deln genannt wird. In einzelnen Fallen hat der Mensch etwa auch,
wahrend er nachtwandelt, in seinen Schlafzustand gewisse Traume
hereingeriickt, aber in der Mehrzahl der Falle ist das gar nicht der
Fall, sondern da handelt und spricht der Schlafwandler, ohne dafi er
in seinem Seelenleben Traume hat. Er handelt dann in gewissem Sin-
ne wie ein Automat, unter dunklen Antrieben, deren er sich nicht
einmal traumhaft bewufk zu sein braucht. Diese Handlungen, wo
der Mensch aus dem Schlafe heraus gewissermafien mit der Auften-
welt in Beriihrung tritt wie wahrend des Tageslebens - nur ist es
wahrend des Tageslebens bewufk und wahrend der Nacht unbe-
wufit -, diese Handlungen unterliegen einem dritten Einfluft, wel-
cher wahrend des Schlafes auf den Menschen tatig ist.
So konnen wir fur den Schlafzustand drei deutlich zu unterschei-
dende Einfliisse auf den inneren Menschen, der von dem aufieren
wahrend des Schlafes getrennt ist, konstatieren. Diese drei Einfliisse,
denen der Mensch ausgesetzt ist wahrend des Schlafes, sind immer
da, und die Geisteswissenschaft kann durch Mittel, die wir noch
kennenlernen werden im Laufe der Vortrage, wirklich erforschen,
dafi sie bei jedem Menschen vorhanden sind. Nur iiberwiegt bei der
weitaus grofken Anzahl der Menschen der erste Einflufi so, dafi sie
doch den grofiten Teil ihrer Schlafenszeit in traumlosem ruhigem
Schlaf verbringen. Dann tritt ja fast fur alle Menschen der zweite
Einflufi immerhin ab und zu ein, daft sich in ihr Schlafbewufitsein
hereindrangt der Traumzustand. Aber diese beiden Zustande wir-
ken fur die weitaus meisten Menschen so stark, dafi das Sprechen
und Handeln aus dem Schlaf e heraus zu den Seltenheiten gehort.
Aber es ist auch der dritte Einflufi, der beim Nachtwandler auftritt,
bei jedem Menschen vorhanden. Nur ist beim Schlafwandler der
dritte Einflufi so stark, dafi er die beiden anderen iibertont und die
Herrschaft gewinnt iiber die beiden schwacheren Einflusse, wah-
rend bei den anderen Menschen eben die zwei anderen Einflusse so
stark sind, dafi der dritte Einflufi gar nicht zur Geltung kommt und
den Menschen nicht zu irgendwelchen Handlungen treibt. Aber
vorhanden ist er bei jedem Menschen. Jeder Mensch ist dazu veran-
lagt, diesen drei Einflussen zu unterliegen.
Diese drei Einflusse hat man nun immer in dem Forschen der
Geisteswissenschaft voneinander unterschieden, und wir miissen in-
nerhalb des Seelenlebens des Menschen drei Gebiete annehmen, wel-
che so sind, dafi das eine Gebiet mehr dem einen, das zweite Gebiet
mehr dem zweiten und das dritte mehr dem dritten Einflufi unterlie-
gen kann. Die Seele des Menschen ist also ein dreigeteiltes Wesen,
denn sie kann dreierlei Einflussen unterliegen. Nun bezeichnet man
denjenigen Teil der menschlichen Seele, welcher dem ersten charak-
terisierten Einflufi unterliegt, der uberhaupt die menschliche Seele
heraustreibt aus den Leibeshiillen, in der Geisteswissenschaft als die
Empfindungsseele. Denjenigen Teil der Seele, auf welchen sich der
Einflufi geltend macht, der an zweiter Stelle charakterisiert worden
ist, der die Traumbilder hereindrangt in das menschliche Seelenle-
ben wahrend der Nacht, den bezeichnet man als Verstandes- oder
Gemlitsseele. Und denjenigen Teil der menschlichen Seele, der also
fur die meisten Menschen uberhaupt seine eigenartige Natur im
Schlaf esleben gar nicht kundgibt, weil die beiden anderen Einflusse
tiberwiegen, bezeichnet man als Bewufitseinsseele. So haben wir
wahrend der Schlafenszeit des Menschen drei Einfliisse zu unter-
scheiden, und die drei Glieder des Seelenlebens, die diesen drei Ein-
flussen unterliegen, unterscheiden wir als Empfindungsseele, als
Verstandes- oder Gemiitsseele und als Bewulkseinsseele. Wenn also
der Mensch durch die eine Macht, die wir geschildert haben, in den
traumlosen ruhigen Schlaf versetzt wird, dann geschieht aus der Welt
heraus, in die er eintritt, ein Einfluft auf seine Empfindungsseele.
Wenn der Mensch seinen Schlaf durchsetzt erhalt mit den Bildern
der Traumwelt, dann geschieht ein Einflufi auf seine Verstandes-
oder Gemiitsseele, und wenn er gar anfangt, in der Nacht zu spre-
chen oder aus dem Schlafe heraus zu handeln, dann geschieht ein
Einflufi auf seine Bewuikseinsseele.
Nun haben wir aber damit nur die eine Seite des menschlichen
Seelenlebens wahrend des Schlafes geschildert. Wir miissen auch
noch die andere Seite dieses Schlaflebens schildern, die nun in dem
Entgegengesetzten besteht. Wir haben den einschlafenden Men-
schen geschildert, betrachten wir jetzt den aufwachenden Men-
schen, der aus dem Schlafesleben wiederum in die physische Welt
zuruckkehrt. Was geht denn da eigentlich vor mit dem Menschen,
der am Morgen beim Aufwachen wiederum in die physische Welt
zuruckkehrt? Am Abend war es so, daft ihn eine gewisse Macht her-
ausgetrieben hat aus seinem physischen Leib und seinem Ather- oder
Lebensleib. Diese Macht ist am Abend dadurch befahigt zum Her-
austreiben, weil der Mensch ihr zuerst unterliegt. Er unterliegt in
spateren Stadien seines Schlafes den beiden anderen Einflussen, den
Einflussen auf die Verstandes- oder Gemiitsseele und auf die Be-
wufitseinsseele. Wenn aber diese Einfliisse stattgefunden haben,
dann ist der Mensch etwas anderes, als er vorher war. Der Mensch
verandert sich wahrend des Schlaflebens, und die Veranderung zeigt
sich einfach dadurch, dafi der Mensch am Abend ermiidet ist und
heraus mu!5 aus seinen Leibeshiillen und dafi er am Morgen nicht
mehr ermiidet ist und die Fahigkeit hat zuriickzukehren. Dasjenige,
was mit ihm wahrend des Schlafes geschehen ist, gibt ihm die Fahig-
keit, wiederum zuriickzukehren in sein Leibesleben. Derselbe Ein-
flufS, der sich in gewissen abnormen Zustanden in unserer Traum-
welt geltend macht, der wirkt auch wahrend des ganzen Schlaf-
lebens auf den Menschen, auch dann, wenn keine Traume vorhanden
sind; und auch der dritte Einflufi ist immer vorhanden, der beim
Nachtwandler zum Vorschein kommt und sich bei anderen Men-
schen nur nicht auslebt. Alle diese Einflusse machen sich geltend
wahrend des Schlaflebens. Wenn sich letztere beiden Einflusse, der-
jenige auf die Verstandes- oder Gemiitsseele und der auf die Bewufit-
seinsseele, geltend gemacht haben, dann ist der Mensch gestarkt und
gekraftigt, er hat aus der geistigen Welt heraus jene Krafte gesogen
und gezogen, welche er braucht im nachsten Tagesleben, um die au-
fiere physische Welt wiederum zu erkennen und zu genieften. Es ist
vorzugsweise der Einflufi auf die Verstandes- oder Gemiitsseele und
auf die Bewufkseinsseele, die den Menschen in der Nacht kraftigen.
Dann aber, wenn er gekraftigt ist, ist es derselbe Einflufi, der den
Menschen herausgetrieben hat aus dem Leibesleben, nur macht er
sich jetzt in umgekehrter Weise geltend, welcher den Menschen am
Morgen beim Aufwachen wieder zuriickfuhrt in seinen physischen
und Atherleib hinein. Dieselbe Macht, die den Menschen des
Abends herausgetrieben hat, bringt ihn des Morgens wieder zuriick,
es ist der Einflufi auf die Empfindungsseele. Alles, was wir als den
Inhalt der Empfindungsseele bezeichnen miissen, war am Abend er-
mattet, miide. Wie fiihlen wir in unserer Empfindungsseele am
Abend? Das konnen wir uns leicht vor die Seele stellen: Wenn wir
frisch in das Tagesleben hineinleben, dann interessieren uns die Ein-
driicke der physischen Welt, die Eindriicke von Farbe, Licht, alle
Gegenstande um uns herum, sie erfullen uns mit Sympathie und An-
tipathie und bereiten uns Freude, Lust und Schmerz. Wir sind hin-
gegeben an die aufiere Welt. Was fiihlt Freude, Schmerz, Leid, Lust,
was nimmt Interesse in uns an den aufieren Gegenstanden, was ist
gleichsam in uns entzundet, wenn wir mit unseren Empfindungen
hingegeben sind an die aufiere Welt? Das ist eben die Empfindungs-
seele. Und diese lebendige Teilnahme an der aufieren Welt fiihlen
wir ermattet, wie gelahmt, wenn wir die Notwendigkeit des Ein-
schlafens fiihlen. Dasselbe, was wir am Abend gelahmt fiihlen, fiihlen
wir am Morgen gestarkt, erfrischt. Wir wachsen hinein in den ge-
wohnlichen Tageszustand, wir fuhlen, dafi dieselben Erscheinungen
der Empfindungsseele, die am Abend wie gelahmt waren, wiederum
frisch auftreten, in erneuerter Gestalt sich geltend machen. Daraus
erkennen wir, daft es dieselbe Macht ist, die uns am Abend herausge-
fiihrt hat und die am Morgen die erwachende Seele wiederum in den
Leib hineinfiihrt, denn was wir am Abend sozusagen ersterben fiih-
len, fuhlen wir am Morgen wie neugeboren. Sie hat denselben Cha-
rakter, nur bewegt sie sich das eine Mai in der einen, das andere Mai
in der entgegengesetzten Richtung.
Wenn wir uns eine Zeichnung davon machen wollen, so konnen
wir dies so machen. Ich bemerke ausdriicklich, da/5 das eine schema-
tische Zeichnung sein soli. Ich will den Moment des Einschlafens,
den Moment, wo der Mensch herausgetrieben wird in das Unbe-
wufitsein hinein, dadurch bezeichnen, dafi ich hier einen Punkt
setze, und das Hineinbegeben in den Schlafzustand dadurch, dafi ich
eine Linie nach oben zeichne, und das Aufwachen am Morgen wie
ein Zuriickkommen aus dem Zustande, in dem der Mensch wahrend
der Nacht ist. Den Gang des Lebens wahrend des Tages wiirde ich
dann mit dieser unteren Linie bezeichnen und das Hineingehen wie-
derum in den Schlafzustand mit dieser Linie, so dafi wir mit dieser
Schleifenlinie charakterisiert haben wiirden zunachst den Zustand
des Wachens, dann den Zustand des Schlafens. Der obere Teil soli
den Zustand des Schlafens bezeichnen, der untere den des Wachens.
Dann konnen wir, wenn wir den Moment des Einschlafens ins Auge
fassen, sagen, es wirkt aus der geistigen Welt heraus hier eine Kraft,
die uns hineinzieht; die wollen wir bezeichnen mit dem ersten Drit-
tel dieser Linie. Wenn wir in Traume verfallen, wollen wir den Ein-
flufi, der dann auf unsere Verstandes- oder Gemiitsseele ausgeubt
wird, mit dem zweiten Drittel der Linie bezeichnen. Jenen Zustand,
wo eine Kraft wirken wiirde auf die Bewufitseinsseele, diesen dritten
Einflufi, den wiirden wir bezeichnen mit dem dritten Teile des Vier-
tels der gesamten Linie. Wir wiirden dann gleichsam am Morgen
dieselbe Kraft haben, die uns hier hineingezogen hat, wie eine uns
aus dem Schlafleben herausstofiende und in das Tagesleben hinein-
fiihrende Kraft. Das wiirde entsprechen derselben Kraft, die auf die
Empfindungsseele wirkt. Und in derselben Weise wiirden wir hier
haben jene Kraft, die auf die Verstandes- oder Gemutsseele wirkt.
Und hier der ganze Raum, sowohl der erste wie der zweite Teil,
wiirde den Einflufi auf die Bewufitseinsseele bedeuten. So dafi der
Mensch wahrend der Nacht sozusagen eine Art von Kreislauf durch-
lauft. Indem er sich vom Einschlafen gleichsam in die Mitte jenes
Zustandes bewegt, die zwischen Einschlafen und Aufwachen liegt,
bewegt er sich jenem Einflufi zu, wo am starksten wirkt die Kraft
auf seine Bewufkseinsseele. Von jenem Punkt ab bewegt er sich wie-
der der Kraft entgegen, die wiederum auf seine Empfindungsseele
wirkt und ihn in den Wachzustand zuriickbringt.
Wir haben also drei Krafte, die auf den Menschen wahrend des
Schlafzustandes wirken. Diese drei Krafte haben seit alten Zeiten in
der Geisteswissenschaft ganz bestimmte Namen, und ich bitte Sie
jetzt, bei diesen Namen nichts anderes zunachst zu denken, als was
eben geschildert worden ist. Sie kennen diese Namen nauirlich, aber
ich bitte Sie, an gar nichts anderes zu denken als an Namen, die den
betreffenden Kraften gegeben werden, die in der Nacht auf diese drei
Teile der menschlichen Seele wirken. Denn in der Tat ist es so:
Wenn Sie zuriickgehen wiirden in alte Zeiten, so waren diese drei
Namen diesen drei Kraften gegeben, und wenn diese jetzt gebraucht
werden fur andere Dinge, so sind sie nicht urspriinglich, sondern
entlehnt. Urspriinglich sind diese Namen diesen drei Kraften gege-
ben. Diejenige Kraft, die auf die Empfindungsseele beim Einschlafen
und Aufwachen wirkt, bezeichnete man mit einem Namen, wel-
cher in alten Sprachen sich decken wiirde mit dem Worte Mars.
(Wahrend der folgenden Ausfiihrungen werden der Zeichnung von
Seite 69 die Namen Mars, Jupiter usw. hinzugefiigt; siehe Zeichnung
Seite 75.) Mars ist nichts anderes als ein Name fur diejenige Kraft,
die auf die Empfindungsseele wirkt, welche des Abends den Men-
schen heraustreibt aus seinen Leibeshiillen und des Morgens wieder-
um hineinschickt. Diejenige Kraft, welche wirkt auf die Verstandes-
oder Gemutsseele, nach dem Einschlafen und vor dem Aufwachen,
sie ist jene Kraft, welche die Welt der Traume hineintreibt in die
Verstandes- oder Gemutsseele -, diese Kraft fiihrt den Namen, der
sich decken wiirde mit dem Worte Jupiter. Und diejenige Kraft, wel-
che in besonderen Verhaltnissen den Menschen zum Nachtwandler
machen wiirde, die also wahrend des Schlafzustandes auf des Men-
schen Bewufkseinsseele wirkt, die tragt im Sinne der alten Geistes-
wissenschaft den Namen Saturn. So dal$ man also im Sinne der Gei-
steswissenschaft redet, wenn man sagen wiirde, Mars hat den Men-
schen eingeschlafert, Jupiter hat dem Menschen Traume in seinen
Schlaf geschickt, und der dunkle finstere Saturn ist die Ursache,
die den Menschen, der seinem Einflusse nicht widerstehen kann, in
seinem Schlafe aufriittelt und zu unbewufken Handlungen treibt.
Bei diesen Namen diirfen Sie also nicht an das denken, was sie im
Sinne der gewohnlichen Astronomie bedeuten. Vorlaufig wollen
wir ihre urspriinglichen Bedeutungen nehmen, welche Krafte be-
zeichnen, die durchaus geistiger Art sind und die auf den Men-
schen wirken, wenn er aufierhalb seines physischen Leibes und
seines Ather- oder Lebensleibes in der geistigen Welt sich befindet,
wahrend er schlaft.
Nun, wenn der Mensch am Morgen aufgewacht ist - ich habe
einen Punkt hingezeichnet zu diesem Aufwachen aus dem Grunde,
weil ja der Mensch mit dem Aufwachen in der Tat in eine ganz ande-
re Welt tritt -, was geschieht denn, wenn der Mensch aufwacht? Da
wird er in eine Welt versetzt, die eigentlich der heutige normale
Mensch allein als die seinige ansieht, in welcher ihm von aufien ent-
gegentreten die Eindriicke auf seine Sinne. Diese Eindriicke auf sei-
ne Sinne, die werden so bewirkt, dafi er nicht hinter die sinnlichen
Eindriicke hinschauen kann. Sie sind einfach da, sie treten, wenn er
des Morgens aufwacht, vor seine Seele hin. Wenn der Mensch auf-
wacht, ist der ganze Teppich der Sinneswelt vor ihm ausgebreitet.
Aber noch etwas anderes ist fur den Menschen da, namlich, dafi er
nicht nur mit seinen Sinnen wahrnimmt diese aufiere Welt, sondern
dafi er dann, wenn er dieses oder jenes von dieser aufteren Welt
wahrnimmt, immer etwas dabei empfindet. Wenn auch die freudige
Empfindung bei der Wahrnehmung irgendeiner Farbe noch so ge-
ring ist, es ist ein innerer seelischer Vorgang, eine gewisse Empfin-
dung da. Denn jeder wird sich klar sein, dafi auf ihn die violette Far-
be anders wirkt als die rote, und die blaue anders als die griine. Alle
aufieren Sinneseindrucke wirken so, dafi sie innerliche Zustande
hervorrufen. Alles dasjenige, was so die aufieren Sinneseindrucke an
Empfindungen hervorrufen, das gehort der Empfindungsseele an,
wahrend wir die Ursache im Menschen, warum er die Sinnesein-
drucke empfangen kann, den Empfindungsleib nennen. Der Emp-
findungsleib verursacht, dafi der Mensch Gelb oder Rot sieht. Die
Empfindungsseele ist schuld daran, dafi er iiber dieses Gelb oder Rot
dieses oder jenes empfindet. Wir miissen haarscharf unterscheiden :
Dasjenige, was uns von aufien vor die Seele gezaubert wird, das ver-
ursacht der Empfindungsleib; dasjenige, was wir innerlich dabei erle-
ben, Lust und Leid oder irgendeine Nuance von jenem Eindruck,
den die Farbe auf uns macht, das gehort zur Empfindungsseele. Am
Morgen beginnt die Empfindungsseele hingegeben zu sein an die
Eindriicke des Empfindungsleibes, wir konnten auch sagen, an die
Eindriicke der Aufienwelt, die sie durch die Krafte des Empfin-
dungsleibes aufnimmt. Dasselbe also, was in der Nacht wahrend des
Schlafes dem Marseinflufi ausgesetzt war, die Empfindungsseele, das
wird am Morgen beim Erwachen den Eindrucken der aufieren Welt
ausgesetzt, das wird hingegeben der sinnlichen Welt. Nun bezeich-
nen wir die gesamte Sinneswelt, insofern sie in unserer Seele gewisse
Empfindungen von Lust und Leid, Freude und Schmerz hervorruft,
im Sinne der Geisteswissenschaft wiederum mit einem besonderen
Namen, mit dem Namen Venus. Ich bitte wiederum, nichts anderes
sich darunter zu denken als das, was eben charakterisiert wurde, also
dasjenige, was auf unsere Empfindungsseele als Einflufi sich geltend
macht aus dem aufieren Teppiche der Sinneswelt heraus, der uns
nicht gleichgiiltig und kalt lafit, sondern uns mit gewissen Empfin-
dungen erfullt. Diesen Einflufi auf unsere Empfindungsseele, der
sich vom Morgen an geltend macht, den bezeichnet man als die
Kraft der Venus. So dafi wir, ebenso wie wir den Einflufi auf die
Empfindungsseele nach dem Einschlafen als Mars bezeichnet haben,
diesen Einflufi nach dem Aufwachen als Venuskraft bezeichnen.
Ebenso findet aber aus der physischen Welt heraus ein Einflufi
statt auf unsere Verstandes- oder Gemutsseele, wahrend sie wahrend
des Tages untergetaucht ist in den leiblichen Hiillen, das ist derjeni-
ge Einflufi, durch den wir uns den aufieren Eindrucken der Sinnes-
welt entziehen und diese verarbeiten konnen. Merken Sie, dafi ein
Unterschied ist zwischen dem Erleben in der Empfindungsseele und
dem Erleben in der Verstandes- oder Gemutsseele; die Empfindungs-
seele erlebt nur so lange etwas, solange der Mensch der Aufienwelt
hingegeben ist; sie empfindet eben die Eindriicke der Aufienwelt.
Wenn aber der Mensch wahrend des Tagwachens einmal eine Weile
gar nicht achtgibt auf die Eindriicke der Aufienwelt, sondern die au-
fieren Eindriicke nachklingen lafit und sie verarbeitet in seiner Seele,
dann ist der Mensch seiner Verstandesseele hingegeben. Diese ist al-
so etwas mehr selbstandig gegeniiber der Empfindungsseele. Diejeni-
gen Einfliisse nun, die es moglich machen, daft der Mensch wahrend
des Tageslebens nicht nur sozusagen immer dasteht, seine Augen
offen und anglotzt den au£eren Sinnesteppich, sondern dalS er seine
Aufmerksamkeit abwenden kann von alle dem und Gedanken for-
men kann, durch die er die Eindriicke der Aufienwelt kombiniert
und sich selbstandig machen kann gegeniiber der Aufienwelt, diese
Einfliisse bezeichnen wir als die Kraft des Merkur. So dafi wir also
sagen konnen: Wie in der Nacht auf unsere Verstandes- oder Ge-
miitsseele die Jupitereinfliisse sich geltend machen, so machen sich
wahrend des Tages die Merkureinflusse geltend auf unsere
Verstandes- oder Gemiitsseele. - Merken Sie, dafi eine gewisse Kor-
respondenz besteht zwischen den Einfliissen des Jupiter und des
Merkur. Die Einfliisse des Jupiter sind beim heutigen normalen
Menschen so, dafi sie als Traumbilder in sein Seelenleben herein-
drangen, die entsprechenden Einfliisse wahrend des Tages, die Mer-
kureinfliisse, wirken als seine Gedanken, als seine inneren Erleb-
nisse. Doch bei den Jupitereinflussen im Traume weifi der Mensch
nicht, woher die Dinge eigentlich kommen, wahrend des Tagesbe-
wufitseins, bei den Merkureinfliissen, weifi er es aber. Es sind auch
innerliche Vorgange, die in der Seele ablaufen als innere Bilder. Das
ist die Korrespondenz zwischen den Einfliissen des Jupiter und des
Merkur.
Nun gibt es aber auch solche Einfliisse, die wahrend des Tages auf
die Bewufkseinsseele wirken. Was ist denn eigentlich fur ein Unter-
schied zwischen Empfindungsseele und Verstandes- oder Gemiits-
seele und Bewufkseinsseele? Nun, die Empfindungsseele macht sich
geltend, wenn wir die Dinge der Aufienwelt einfach anglotzen. Ent-
ziehen wir uns fur eine Weile den Eindriicken der Aufienwelt, ge-
ben wir nicht acht auf sie und verarbeiten wir sie, dann sind wir hin-
gegeben unserer Verstandes- oder Gemiitsseele. Wenn wir jetzt das
Verarbeitete nehmen und uns wiederum der Aufienwelt zuwenden
und zu ihr in Beziehung setzen, indem wir ubergehen zu Taten,
dann sind wir hingegeben unserer Bewufkseinsseele. Wenn Ihnen
zum Beispiel hier der Blumenstraufi vor Augen stent: Solange Sie
ihn blofi anschauen und das Weifi der Rose in Ihnen Gefuhle aus-
lost, so lange sind Sie hingegeben Ihrer Empfindungsseele. Wenn ich
nun aber das Auge abwende und gar nicht mehr den Blumenstraufi
sehe, sondern dariiber nachdenke, dann bin ich hingegeben meiner
Verstand.es- oder Gemutsseele; da verarbeite ich die Eindriicke, die
ich erhalten habe, durch Kombination. Wenn ich jetzt deshalb, weil
mir der Blumenstraufi gefallen hat und ich die Eindriicke, die er auf
mich gemacht hat, verarbeitet habe, mir sage, ich mochte jemandem
eine Freude damit machen, wenn ich ihn dann nehme und also zur
Tat iibergehe, dann gehe ich aus der Verstandes- oder Gemutsseele
heraus, dann trete ich iiber in die Bewufitseinsseele, da trete ich wie-
derum mit der Aufienwelt in Beziehung. Und das ist eine dritte
Kraft, die im Menschen sich geltend macht, die ihn befahigt, nicht
nur in sich zu verarbeiten die Eindriicke der Aufienwelt, sondern
wieder mit der Auftenwelt in Beziehung zu treten.
Merken Sie, dafi wiederum eine Beziehung besteht zwischen dem
Wirken der Bewufkseinsseele im Wachen und dem Wirken der Be-
wufkseinsseele im Schlafen. Wir haben gesagt, wenn ein solcher Ein-
fluft im Schlafzustand vorhanden ist, dann geht der Mensch iiber in
das Nachtwandeln, er spricht und handelt im Schlafe. Nur, wenn er
im Schlafe nachtwandelt, wird er durch die Kraft des dunklen Sa-
turn getrieben, bei Tage ist er mit seinem Ich dabei, er handelt be-
wufk. Dasjenige, was wahrend des Tageslebens auf die menschliche
Bewufkseinsseele wirkt, damit sie aus dem gewohnlichen Leben her-
aus zur Selbstandigkeit kommen kann, bezeichnen wir als die Kraft
des Mondes. Vergessen Sie wiederum, was Sie bisher unter diesem
Worte sich vorgestellt haben, Sie werden schon noch verstehen,
warum diese Dinge gerade so sind, vorlaufig wollen wir diese
Namen als Benennungen behalten.
So haben wir also das menschliche Seelenleben verfolgt durch den
Schlaf- und durch den Wachzustand. Wir haben gefunden, dafS es in
drei voneinander getrennte Glieder zerfallt, daft es dreierlei Einfliis-
sen unterliegt. Wenn der Mensch in der Nacht hingegeben ist derje-
nigen Welt, die wir bezeichnen miissen als die geistige Welt, dann ist
er hingegeben den Kraften, die in der Geisteswissenschaft bezeich-
net werden als Mars-, Jupiter- und Saturnkrafte. Wenn er wahrend
des Tagwachens sein Seelenleben entfaltet durch die Empfindungs-
seele, durch die Verstandes- oder Gemutsseele und durch die Be-
wufkseinsseele, dann ist er hingegeben an diejenigen Krafte, die
bezeichnet werden in der Geisteswissenschaft als Venus-, Merkur-
und Mondkrafte.
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Ye r stands? -
Seele
*\ 5ccfe
achen
Ve n v S
Damit haben wir des Menschen taglichen Weg bezeichnet, den
Weg, den er innerhalb von vierundzwanzig Stunden durchmifit.
Nun wollen wir, ohne uns vorlaufig etwas Besonderes dabei zu den-
ken, heute schon eine andere Reihe von Erscheinungen danebenstel-
len, eine Reihe von Erscheinungen, welche gewohnlich nicht unter
dem Gesichtspunkte betrachtet wird, welchen wir heute einnehmen
wollen. Aber ich bitte ja, diesen Zyklus so zu betrachten, daft seine
einzelnen Vortrage zusammengehoren und dafi im Anfang manches
gesagt wird, was erst spater seine richtige Beleuchtung finden mull.
Ich werde also jetzt etwas neben diese Erscheinungsreihe hinzustel-
len haben, was einem ganz anderen Gebiete angehort und was wir
aus gewissen Griinden neben diese Erscheinungsreihe hinstellen.
Wir stellen es hin aus Griinden, die sich im Laufe der Vortrage
schon ergeben werden.
Sie kennen alle den Gang der Erde urn die Sonne aus der gewohn-
lichen astronomischen Wissenschaft, und wir wollen jetzt einmal,
nur so ganz annahernd im allgemeinen, den Gang der Erde um die
Sonne betrachten und das, was dazugehort. Wenn wir diesen Gang
der Erde um die Sonne und auch dazu den Gang der anderen Plane-
ten, die zur Sonne gehoren, so betrachten, wie sie gewohnlich in der
gebrauchlichen heutigen Wissenschaft betrachtet werden, dann ist
diese Betrachtung fur die Geisteswissenschaft nur der allerallererste
Anfang. Fur die Geisteswissenschaft ist namlich dasjenige, was sich
in der aufteren physischen Welt vollzieht, ein Gleichnis, ein aufieres
Bild fur innere geistige Vorgange, und dasjenige, was wir lernen aus
der gewohnlichen elementaren Astronomie, was wir gewohnt wor-
den sind, von Kindheit auf zu lernen iiber unser Planetensystem, das
laftt sich vergleichen mit Bezug auf dasjenige, was ihm in Wirklich-
keit zugrunde liegt, mit dem, was ein Kind lernt, wenn es den Gang
der Uhr kennenlernt. Wenn Sie diesen Gang der Uhr dem Kinde
verstandlich machen wollen, so machen Sie ihm klar, daft da auf
dem Zifferblatte zwolf Ziffern und zwei Zeiger sind, daft der eine
von diesen langsam geht und der andere schneller. Sie machen dem
Kinde klar, was konventionell die zwolf Ziffern und die zwei Zeiger
bedeuten, und Sie machen ihm klar, was da konventionell festge-
stellt ist, damit das Kind lernt, Ihnen zu sagen, daft, wenn der eine
Zeiger iiber dieser Ziffer steht und der andere iiber jener, es meinet-
willen V2IO Uhr ist. Es wiirde das aber noch nicht viel bedeuten,
wenn das Kind nur wiiftte, die Uhr so zu beschreiben. Das Kind
mufi mehr lernen; das Kind mud lernen, zum Beispiel, wenn des
Morgens der eine Zeiger iiber 6 und der andere Zeiger iiber 12 steht,
daft das fur eine gewisse Zeit des Jahres bedeutet, daft die Sonne auf-
geht. Es muft dasjenige, was sich auf dem Zifferblatt der Uhr aus-
driickt, auf andere grofte Ereignisse beziehen lernen. Das heiftt, das
Kind muft lernen, die Verhaltnisse der Welt anzusehen als das, wor-
auf es ankommt, und in demjenigen, was die Uhr ausdriickt, gleich-
sam nur ein Gleichnis, ein Bild fur die Verhaltnisse der Welt. So
lernt der Mensch, wenn er der groften Welt gegeniiber ein Kind ist,
daft sich in der Mitte unseres Sonnensystems die Sonne befindet, daft
dann herumgeht zuerst dasjenige, was man als den Planeten Merkur
bezeichnet, dann, was man als Venus bezeichnet; dafi dann herum-
gehen Erde mit dem Monde, dann Mars, Jupiter und Saturn. Die an-
deren wollen wir jetzt unberiicksichtigt lassen. Also dasjenige, was
man so lernt in der aufieren Astronomie, was Sie zum Beispiel da
weiter im Kalender lesen konnen - wenn Sie einen solchen haben,
der die einzelnen Himmelserscheinungen angibt dafi in gewissen
Monaten der Saturn oder der Mars und so weiter da und dort zu fin-
den sind. Wenn Sie diesen Gang der einzelnen Planeten kennen, und
Sie kennen die gegenseitige Stellung derselben in bestimmten Jahres-
zeiten, dann haben Sie so viel gelernt uber den Himmelsraum, wie
ein Kind gelernt hat, das weifi, wenn die Zeiger der Uhr an be-
stimmten Ziffern stehen, dann ist es V2IO Uhr.
Nun kann man zu alle dem noch etwas hinzulernen. So wie das
Kind hinzulernen kann, auf welche Verhaltnisse des Lebens sich die
Verhaltnisse des Zifferblattes beziehen, so kann man nun lernen,
diejenigen Weltenkrafte, die als unsichtbare von den Machten des
Makrokosmos in unseren Raum hereinwirken, als das hinter der
grofien Weltenuhr Stehende zu betrachten; und unser Sonnensy-
stem mit den verschiedenen Stellungen der Planeten zueinander, das
driickt - in ahnlicher Weise - dasjenige aus, was man zuschreiben
konnte einer machtigen Weltenuhr. Von dieser Uhr unseres Plane-
tensystems kann man iibergehen zu den grofien geistigen Welten-
verhaltnissen. Dann wird einem ein jeder Stand der Planeten in un-
serem Sonnensystem der Ausdruck werden fur etwas, was man als
dahinterstehend annehmen kann. Man wird sagen konnen: Also
gibt es Griinde, warum zum Beispiel Venus einmal in einem solchen
Verhaltnis zu Jupiter steht und ein anderes Mai in einem andern. Es
gibt Griinde, zu sagen : Diese Dinge sind hingestellt durch dahinter-
liegende gottlich-geistige Machte, geradeso wie es Griinde gibt, war-
um die Uhr in einer bestimmten Weise konstruiert ist. - Da erwei-
tert sich uns der Gedanke von den Bewegungen der Planeten im
Sonnensystem zu einem sinnvollen Ganzen. Das Planetensystem
wird fur uns zu einer Art Weltenuhr. Wenn nichts hinter dem Pla-
netensystem stiinde, dann ware das vergleichsweise so, als ob je-
mand eine Uhr nur zum Spafi gebaut hatte, ohne Sinn. Wir konnen
also sagen, das Planetensystem wird fiir uns zu einer Art von
Weltenuhr, zu einem Ausdrucksmittel fiir dasjenige, was hinter den
betreffenden Bewegungen und einzelnen Korpern unseres Sonnen-
systems wirklich steht.
Nun betrachten wir einmal zunachst diese Weltenuhr fiir sich,
betrachten wir sie, damit uns nicht gar zu sehr Vorwiirfe gemacht
werden von der aufieren Wissenschaft, so - wir konnten sie auch an-
ders betrachten -, wie man es in der aufieren elementaren Wissen-
schaft gewohnt ist.
Vorher will ich noch sagen, da$ der Gedanke, als ob sich dieses
Planetensystem selbst aufgebaut hatte, sehr leicht zu widerlegen ist.
Sie haben ja alle erlebt, dafi Ihnen in der Schule die Entstehung des
Planetensystems dargestellt worden ist. Es ist Ihnen da etwa gesagt
worden: Da war einmal ein riesiger Weltennebel ins Rotieren ge-
kommen, und dann hat sich abgespalten in der Mitte die Sonne und
rings herum die Planeten. - Wie konnte auch jemandem ein Zweifel
daran kommen, daft die Geschichte so entstanden ist, wie es gelehrt
wird in den Schulen, da man die Sache experimentell zeigt. Man
zeigt so hiibsch, nicht wahr, wie man ein kleines Tropfchen von ir-
gendeiner Substanz nimmt; man schneidet ein kleines Blatt, das
durchgelegt werden kann durch die Aquatorebene des Tropfens,
steckt dann von oben eine Stecknadel hinein und bringt das Ganze
in eine Fliissigkeit, in der es schwimmt, und versetzt es durch die
Stecknadel ins Rotieren. Da kann man sogar zeigen, wie durch das
Rotieren die aufieren Tropfchen sich abspalten, wie in der Mitte ein
grofSerer Tropfen bleibt und wie die kleineren um diesen herumro-
tieren. Da kann man natiirlich sehr leicht zeigen: Nun ja, da haben
wir ja die Sache ganz im kleinen; wir haben ein Planetensystem dar-
gestellt! - Wie sollte jemand zweifeln daran, dafi das im grofien so
geschehen ist? Derjenige allerdings, der gewissermafien ein Spitzbu-
be ware, der wiirde sagen : Aber verehrter Herr Lehrer, Sie haben ei-
nes vergessen, Sie haben ja etwas vergessen, was ja sonst sehr schon
ist zu vergessen, aber in dem Falle geht es halt nicht, Sie haben sich
selber vergessen. Schon, Sie haben ja da oben gedreht! - Man diirfte
logischerweise nicht das Allerwichtigste vergessen. Man mufke min-
destens voraussetzen, dafi ein riesiger Herr Lehrer im Weltenraume
safie und das ganze Sonnensystem zum Rotieren gebracht hatte.
Denn man wird logischerweise bei der Anwendung des Vergleiches
nicht etwas weglassen diirfen, was wesentlich ist zum Zustandekom-
men der Sache. Das ist ganz klar. Also weist das Experiment hin auf
etwas, das aufier der Sache liegt. Daraus konnen wir also schon
schliefien, dafi hinter demjenigen, was da rotiert im Weltenraume
draufien, was da geschieht fur das auiSerliche Auge, etwas steht. Ge-
radeso wie der Herr Lehrer hinter dem rotierenden Oltropfen steht
beim Experimente, so stehen eben Krafte und Machte hinter dem
ganzen Weltengebaude, das wir da in unserem Sonnensystem vor
uns haben.
Und nun wollen wir dieses Sonnensystem einmal sozusagen au-
fierlich betrachten. Da brauchen wir uns nur einmal in der Mitte die
Sonne aufzuzeichnen. Wir lassen zunachst die Erde herumrotieren.
Von Einzelheiten will ich absehen. Wir wissen, dafi die Erde im Lau-
fe eines Jahres also um die Sonne diese Bewegung ausfiihrt. Wir wis-
sen nun aber auch, daft unsere Erde zu einer bestimmten Zeit des
Jahres zum Beispiel hier steht und zu einer bestimmten Zeit hier.
Atci rs
Sonne
V^ettMs
Wir wissen dann, dafi um die Erde herum rotiert der Mond. Also
ich werde hier den Mond zeichnen. Wir wissen ferner, daft naher
der Sonne herumrotiert derjenige Korper, den man gewohnlich als
Merkur bezeichnet, dann derjenige, den man als Venus bezeichnet.
Wir wissen dann, daft ferner aufterhalb unserer Erde herumrotieren
die Korper, die man bezeichnet als Mars - die Verhaltnisse sind na-
tiirlich nicht richtig, darauf kommt es aber hier nicht an -, als Jupi-
ter, als Saturn (siehe Zeichnung). Die anderen Planeten wollen wir
heute einstweilen unberiicksichtigt lassen. Und jetzt nehmen wir
einmal den Stand der Erde so, wie das natiirlich sehr selten der Fall
sein wird, daft die Erde bei ihrem Gang um die Sonne so liegt, daft
die Sonne hier ist und die Erde hier, daft dann weiter von der Erde
und von der Sonne entfernt sich befinden Mars, Jupiter und Saturn.
Wenn wir nun annehmen, daft unsere Erde gerade so stent, daft sie
zwischen Mars und Sonne zu stehen kommt, dann haben wir uns zu
denken, daft in dem Raum zwischen Erde und Sonne enthalten sind
dasjenige, was man gewohnlich nennt Venus, und dasjenige, was
man nennt Merkur. Ich mochte ausdrucklich hervorheben, daft in
bezug auf die Bezeichnung dieser beiden Planeten im Laufe der Zeit
eine Umanderung stattgefunden hat. Was man heute Merkur nennt,
wurde friiher Venus genannt, und was man heute Venus nennt,
wurde friiher Merkur genannt. Daher miissen Sie sich diese Bezeich-
nungen also umgekehrt denken, so daft das den heutigen Bezeich-
nungen nicht mehr entspricht. Man muft dasjenige, was der Sonne
naher liegt, als Venus bezeichnen, was ihr ferner liegt, als Merkur.
Dann kommt der Mond. Wenn Sie sich aber jetzt denken wurden
die andere Stellung, so daft die Erde auf die andere Seite der Sonne
zu liegen kommt (Stellung der Erde wie auf Zeichnung I), so wurden
Sie, wenn Sie von der Erde zur Sonne gehen, zunachst den Mond be-
kommen, dann dasjenige, was nach der alten Bezeichnung Merkur
ist, dann - nach der alten Bezeichnung - Venus, dann weiter jenseits
der Sonne Mars, Jupiter und Saturn. Und Sie wurden nun, wenn Sie
diese Aufeinanderfolge betrachten und die Erde weglassen, von der
Sonne ausgehend nach der einen Seite Venus, Merkur, Mond, nach
der anderen Seite Mars, Jupiter, Saturn haben. Sie konnen nun,
wenn Sie diese verschiedenen Korper verbinden, so daft die Sonne
den Kreuzungspunkt bezeichnet, dieselbe Schleifenlinie bekommen,
die ich friiher als die schematische Linie fur die Tageserlebnisse des
Menschen bezeichnet habe. Das heiftt, es gibt eine mogliche Stellung
im Sonnensystem, wo die verschiedenen Planeten so angeordnet
sind, daft sie eine Raumanordnung angeben, die genau entspricht
dem Schema des Tageslaufes des Menschen, wenn man den Moment
des Aufwachens und des Einschlafens als den Kreuzungspunkt be-
zeichnet.
So also konnen wir merkwiirdigerweise in unser Planetensystem
dieselben Verhaltnisse einzeichnen, welche wir schematisch ein-
zeichnen konnten in den Tageslauf des Menschen. Und da konnen
Sie jetzt vorlaufig eine Perspektive gewinnen, daft der Anordnung
unseres Planetensystems gewaltige Krafte zugrunde liegen konnen -
wir sagen heute vorlaufig: konnen -, welche das ganze grofte Sy-
stem, diese grofte Weltenuhr, so regeln im Raum, wie sich in der
Zeit im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden unser personliches
Leben regelt. Und es wird Ihnen dann der Gedanke nicht mehr
absurd erscheinen, dafi im Makrokosmos gewaltige, grofie Krafte
wirklich analog sind den Kraften, die uns einschlafen und aufwa-
chen machen, die uns wahrend des Tages und der Nacht leiten. Und
aus einem solchen Gedanken heraus ist in der alten Wissenschaft
entstanden die ahnliche Benennung der Planeten mit den Kraften,
die auf uns selber wirken, indem man sagte : Die Kraft, die da drau-
fien im Makrokosmos, in der grofien Welt den Mars herumtreibt
um die Sonne, hat Ahnlichkeit, ist von verwandtem Charakter mit
derjenigen Kraft, die uns einschlafen macht. Die Kraft, welche den
Jupiter herumtreibt, ist ahnlich der Kraft, welche in die Verstandes-
seele die Traume sendet. Diejenige Kraft, welche draufien im Ma-
krokosmos die Venus herumtreibt, ist verwandt mit der Kraft, wel-
che unsere Empfindungsseele wahrend des Tages regelt. Der weit
entfernte, daher schwach hereinwirkende Saturn, er nimmt sich aus
in seiner Wirkung im Raume des Sonnensystems ahnlich wie jene
schwache Kraft, die nur in besonderen Fallen zur Auswirkung
kommt auf die Bewulkseinsseele, die nur wirkt bei dem Nachtwand-
ler. Und der der Erde ganz nahe stehende Mond, er wird von einer
Kraft herumgetrieben um unsere Erde, welche ahnlich ist der Kraft,
die uns selber regelt bei unseren bewufiten Taten des Tageslebens,
die eigentlich diejenigen sind, welche uns am allernachsten liegen. -
Da haben Sie schon aufierliche Anhaltspunkte, dafi die Raumesent-
fernungen etwas bedeuten, was sich ausdruckt in unserem eigenen
zeitlichen Menschenleben wie starkere und schwachere Wirkungen.
Wir werden in viel tiefere Verhaltnisse in bezug auf diese Dinge ein-
dringen, heute sollte nur die Aufmerksamkeit darauf hingelenkt
werden. Wenn Sie aber nur oberflachlich in Betracht ziehen, dafi der
Saturn der am weitesten entfernte Planet ist, der die geringste Wir-
kung auf unsere Erde hat, so konnen Sie das damit vergleichen, wie
die dunklen Saturnkrafte nur schwach wirken auf den schlafenden
Menschen. Und dasjenige, was Kraft ist, die den Jupiter herumtreibt
um die Sonne, das ist etwas, was in bezug auf die Entfernung von
der Sonne sich auch vergleichen lafk mit demjenigen, was ja auch
verhaltnismaEig selten in unser Leben hereintritt, die Traumeswelt.
Da haben Sie ein merkwiirdiges Entsprechen desjenigen, was Men-
schenleben ist, was Tagesmenschenleben ist, zu demjenigen, was
sich draufien im Raume abspielt in der grofien Weltenuhr, was als
Kraft wirkt in dem Umtreiben der einzelnen Planeten um ihre
Sonne. Wir haben ein Entsprechen zwischen Mikrokosmos und
Makrokosmos.
Sie sehen daraus, dafi in der Tat die Welt viel komplizierter ist, als
man gewohnlich glaubt, und dafi wir, wenn wir in uns blicken als
Menschen, tatsachlich nur dann zurechtkommen, nur dann unsere
Menschlichkeit begreifen konnen, wenn wir alles dasjenige, was in
unserer Menschlichkeit mit der grofien Welt verwandt ist, in Be-
tracht ziehen. Und aus dem Grunde, weil sie das gewufk haben, ha-
ben die Geistesforscher aller Zeiten die entsprechenden Benennun-
gen gewahlt fiir die Erscheinungen und fiir die einzelnen Dinge der
grofien Welt und fiir dasjenige, was in uns selber, in unserer schein-
bar so kleinen Welt, in der in die Haut eingeschlossenen Leiblichkeit
des Menschen vorgeht.
Ich konnte Ihnen heute sozusagen nur von feme hindeuten auf
ein gewisses Entsprechen des Mikrokosmos, des Menschen, mit dem
Makrokosmos, namlich mit unserem Sonnensystem. Ich konnte
Ihnen an einer schematischen Linie, die sich einzeichnen lalk in das
Tagesleben des Menschen ebenso wie in das Sonnensystem, anschau-
lich machen, daft es da eine solche Entsprechung gibt. Wir haben
gleichsam nur ganz von feme hingedeutet auf Wesenheiten, die unse-
ren Raum durchwirken und die aus ihren Kraften heraus in einer ahn-
lichen Weise die Bewegungen des Weltensystems regeln uhrmaftig,
wie geregelt ist der Gang der Zeiger unserer gewohnlichen Taschen-
oder Wanduhr. Wir haben einen Blick bis an die Grenzen jener Ge-
biete geworfen, wo wir hoffen konnen, dafi sich uns erschliefien
werden ganze Geisteswelten. Wir werden die Aufgaben haben, in
den kommenden Vortragen die Planeten gleichsam als die Welten-
zeiger der groften Weltenuhr kennenzulernen, und wir werden Ge-
legenheit haben, auf die Wesenheiten selber hinzudeuten, welche
den ganzen Gang des Sonnensystems in Bewegung gebracht haben,
welche die Planeten um die Sonne bewegen und welche verwandt
sich zeigen mit demjenigen, was im Menschen selber vorgeht. Und
so werden wir begreifen, wie der Mensch als Mikrokosmos, als
kleine Welt herausgeboren ist aus dem Makrokosmos, aus der
grofien Welt.
DRITTER VORTRAG
Wien, 23. Marz 1910
Mit dem gestrigen Vortrage - das mochte ich bemerken, damit kein
Miftverstandnis entsteht - sollte nichts nach irgendeiner Richtung
hin jetzt schon bewiesen werden, sondern es sollte am Schlusse nur
darauf hingedeutet werden, dafi aus gewissen Wahrnehmungen her-
aus die Geistesforscher der verflossenen Zeiten sich veranlafk gese-
hen haben, mit gleichwertigen Namen gewisse Vorgange und Dinge
des Himmelsraumes oder unseres Planetensystems zu bezeichnen
und mit denselben Namen andere Vorgange in unserem eigenen tag-
lichen und nachtlichen Erleben. Es war also der Vortrag mehr dar-
auf berechnet, sozusagen Begriffe herbeizuschaffen, wie wir sie brau-
chen werden fur unsere nachsten Darstellungen. Uberhaupt miissen
die Vortrage, die in diesem Zyklus gehalten werden, als ein Ganzes
angesehen werden, und die ersten Vortrage sind in weitestem Urn-
fange eigentlich dazu bestimmt, erst die Ideen und Begriffe herbeizu-
tragen fur die Erkenntnisse der geistigen Welten, die dann in den fol-
genden Vortragen mitgeteilt werden sollen. Auch heute werden wir
in gewisser Beziehung noch an Naheliegendes ankniipfen, um all-
mahlich aufzusteigen zu fernerliegenden geistigen Gebieten.
Wir haben in den ersten Vortragen dieses Zyklus gesehen und
konnten dariiber auch schon einiges aus den beiden offentlichen
Vortragen entnehmen, dafi der Mensch in bezug auf seine innere
Wesenheit, also in bezug auf dasjenige, was wir auseinandergelegt
haben in das eigentliche Ich und den astralischen Leib des Men-
schen, in seinem Schlafzustand lebt in einer geistigen Welt und beim
Aufwachen zuriickkehrt in dasjenige, was wahrend des Schlafzu-
standes im Bett liegenbleibt, in seinen physischen Leib und in seinen
Ather- oder Lebensleib. Nun wird sich ja jedem, der das Leben be-
trachtet, bald zeigen, dafi bei diesem Ubergang aus dem schlafenden
in den wachenden Zustand eigentlich eine vollstandige Anderung
des Erlebens eintritt. Dasjenige, was wir erleben im wachenden Zu-
stande, ist ja durchaus nicht eine Anschauung oder eine Erkenntnis,
die wir gewinnen von den beiden Gliedern der menschlichen Natur,
in die wir beim Aufwachen untertauchen. Wir tauchen unter in un-
seren Ather- oder Lebensleib und in unseren physischen Leib, aber
wir lernen sie wahrend des Wachzustandes durchaus nicht so ken-
nen, da$ wir sie etwa von innen aus anschauen. Was weifi denn der
Mensch im gewohnlichen Leben davon, wie sein Ather- oder Le-
bensleib und sein physischer Leib von innen betrachtet aussehen.
Das ist ja gerade das Wesentliche bei den Erlebnissen des Wachzu-
standes, dafi wir unsere eigene Wesenheit, so wie sie in der physischen
Welt drinnensteht, von aufien betrachten und nicht von innen. Wir
sehen unseren eigenen physischen Leib mit denselben Augen von
aufien an, mit denen wir die iibrige physische Welt ansehen. Wir
betrachten unser eigenes Wesen wahrend des Wachzustandes nie-
mals von innen, sondern immer nur von aufien. Wir lernen uns also
selber als Menschen im Grunde genommen nur von aufien kennen,
durch Anschauung, als ein Wesen der Sinneswelt. Wenn wir den
Zustand genau ins Auge fassen, der sich als Ubergangszustand vom
Schlafen zum Wachen charakterisieren lafit, so miissen wir sagen:
Wie ware es denn, wenn wir nun wirklich beim Untertauchen in
den Ather- oder Lebensleib und in den physischen Leib uns von in-
nen betrachten wiirden ? - Wir miifken dann etwas ganz anderes se-
hen. Was wir dann sehen wiirden, das wiirden die intimen Erlebnis-
se sein, die der Mystiker sucht und auf die wir schon ein wenig hin-
gedeutet haben. Der Mystiker sucht die Aufmerksamkeit von der
aufieren Welt abzulenken, sucht zum Schweigen zu bringen alles
dasjenige, was auf sein Auge eindringt, sucht wirklich hinunterzu-
steigen in sein inneres Wesen. Aber wenn wir von diesen Erlebnis-
sen des Mystikers zunachst absehen, so konnen wir sagen: Wir sind
im Leben davor behiitet, in dieses unser Inneres hineinzusehen,
denn in demselben Moment, wo wir aufwachen, wird unser Blick
abgelenkt auf die aufiere Welt. - So dafi also das Aufwachen so be-
schrieben werden kann, daE man sagt : Statt dafi wir uns von innen
anschauen, wird im Moment des Aufwachens unser Blick abgelenkt
auf die auftere Welt, auf den Sinnenteppich um uns herum, und un-
ser eigener physischer Leib gehort ja zu diesem aufteren Sinnentep-
pich, wenn wir ihn im Wachen betrachten. - Es entgeht uns also im
wachenden Zustande die Moglichkeit, uns selber von innen aus zu
betrachten. Es ist, wie wenn wir durch einen Strom gefuhrt wiirden :
Wenn wir schlafen, sind wir diesseits des Stromes, wenn wir aufge-
wacht sind, sind wir jenseits des Stromes. Wiirden wir diesseits des
Stromes etwas wahrnehmen konnen, dann wiirden wir, wie wir spa-
ter sehen werden, unseren astralischen Leib und unser Ich wahrneh-
men. Aber wir sind davor behutet, dieses unser Inneres im Schlaf-
zustand wahrzunehmen, denn wenn wir einschlafen, erlischt die
Moglichkeit des Wahrnehmens, es erlischt das Bewufitsein.
So ist tatsachlich eine scharfe Grenze gezogen zwischen unserer
inneren und unserer aufieren Welt. Die iiberschreiten wir mit dem
Einschlafen und Aufwachen, aber keine Grenzuberschreitung kon-
nen wir machen, ohne dafi uns eigentlich etwas entzogen wird.
Wenn wir die Grenze iiberschreiten beim Einschlafen, so hort unser
Bewufksein auf, und wir konnen die geistige Welt nicht mehr beob-
achten. Beim Aufwachen wird unser Bewufitsein sogleich auf die au-
fiere Welt abgelenkt, und wir konnen das Geistige, das uns selber zu-
grunde liegt, nicht mehr beobachten, denn es wird unser Bewufk-
sein eben in Anspruch genommen von den aufieren Erlebnissen.
Dasjenige, was wir da iiberschreiten, was uns das Geistige verdun-
kelt in dem Momente, wo wir aufwachen, was uns dieses Geistige
nur erkennen lafk wie durch einen Schleier, das ist nichts anderes als
etwas, was sich einschiebt zwischen unsere Empfindungsseele und
unseren Ather- oder Lebensleib und unseren physischen Leib. Was
die letzteren zwei Glieder verdeckt, was uns sie zudeckt beim Auf-
wachen, das nennen wir Empfindungsleib. Dieser ist die Ursache,
dafi wir den aufieren Sinnesteppich sehen. In dem Augenblicke, wo
wir aufwachen, wird der Empfindungsleib ganz in Anspruch ge-
nommen von dem aufieren Sinnesteppich, und wir konnen nicht in
uns selber hineinschauen. So stellt sich dieser Empfindungsleib wie
eine Grenze hin zwischen dem, was geistig der aufieren Sinneswelt
zugrunde liegt, und unserem inneren Erleben.
Wir werden sehen, dafi das notwendig ist fur das menschliche Le-
ben, denn dasjenige, was der Mensch sehen wiirde, wenn er durch
diesen Strom bewufk hindurchgehen wurde, das darf er im norma-
len Verlaufe seines Lebens zunachst nicht sehen, weil er es nicht aus-
halten wiirde, weil er sich erst vorbereiten mufi, es zu sehen. Und
die mystische Entwickelung besteht nicht darin, dafi man mit Ge-
walt eindringt in die innere Welt unseres Ather- oder Lebensleibes
und unseres physischen Leibes, sondern sie besteht darin, darl man
sich erst vorbereitet, da$ man sich erst reif macht, dasjenige zu
sehen, was man dann sehen kann, wenn man bewufit durch diesen
Strom hindurchgeht. Was wiirde mit dem Menschen geschehen, der
unvorbereitet hinabtauchen wollte in sein Inneres, der also beim
Aufwachen nicht eine auftere Welt sehen wollte, sondern der ein-
dringen wollte in seine eigene innere Welt, in dasjenige, was geistig
unserem Ather- oder Lebensleib und unserem physischen Leib zu-
grunde liegt ? Nun, ein solcher Mensch wiirde in seiner Seele ein Ge-
fiihl mit ungeheurer Starke erleben, das man im gewohnlichen Le-
ben nur in ganz geringer Abschwachung kennt. Ein Gefiihl, das
man im gewohnlichen Leben nur schwach kennt, das wurde den
Menschen uberkommen, wenn er mit voller Aufmerksamkeit beim
Aufwachen in sein Inneres hineinsteigen konnte. Durch eine Art
Vergleich werden Sie zunachst - und es soli wieder nichts bewiesen
werden, sondern es sollen nur Begriffe gewonnen werden - den Be-
griff erhalten konnen von diesem Gefiihl.
Es gibt im Menschen dasjenige, was man Schamgefiihl nennt. Die-
ses Schamgefiihl besteht ja darin, daft der Mensch, wenn er sich in
seiner Seele irgendeiner Sache schamt, die Aufmerksamkeit der an-
deren ablenken will von dem betreffenden Dinge oder der betreffen-
den Eigenschaft, deren er sich schamt. Dieses Schamgefiihl fur et-
was, was im Menschen ist und was er nicht zur Offenbarung brin-
gen will, ist eine schwache Andeutung von jenem Gefiihl, das zu un-
geheuerster Starke wachsen wiirde, wenn der Mensch beim Aufwa-
chen bewulk in sein eigenes Innere hineinsehen konnte. Es wiirde
dieses Gefiihl sich mit einer solchen Gewalt der menschlichen Seele
bemachtigen, dafi der Mensch es iiber alles, was ihm entgegentritt,
ausgegossen empfinden wiirde. Er wiirde ein Erlebnis haben, das
sich vergleichen lafk mit dem Gefiihl, wie wenn er in Feuer zugrun-
de gehen wiirde. Wie eine Art Verbrennen wiirde dieses Schamge-
fiihl auf ihn wirken. Warum wiirde es so auf den Menschen wirken?
Dieses Schamgefiihl wiirde so auf den Menschen wirken, weil der
Mensch in diesem Augenblick empfinden wiirde, wie eigentlich sein
physischer Leib und sein Ather- oder Lebensleib vollkommen sind
im Verhaltnis zu demjenigen, was er als Seelenwesen ist. Davon, wie
der physische Leib und der Ather- oder Lebensleib im Verhaltnis zu
demjenigen, was der Mensch als Seelenwesen ist, vollkommen sind,
kann man sich auch durch gewohnliche Logik schon einen Begriff
machen. Wer rein aufierlich durch die physische Wissenschaft
durchdringt den Wunderbau, sagen wir, des menschlichen Herzens
oder des menschlichen Gehirns in alien Einzelheiten, ja, wer meinet-
willen nur durchdringt ein Stuck des menschlichen Knochensystems
mit seinem wunderbaren Bau, der wird schon fuhlen konnen, wie
unendlich weise und vollkommen dieser menschliche Leib einge-
richtet ist. Wenn man nur ein einzelnes Snick Knochen nimmt, zum
Beispiel den Oberschenkelknochen, und beobachtet, wie unendlich
weise und vollkommen in feinem Netzwerk die Balken so gefiigt
sind, dafi mit dem geringsten Aufwand an Materie die grofite Kraft
und Tragfahigkeit erzeugt wird, die den Oberleib des Menschen
tragt, oder wenn man den wunderbaren Bau des menschlichen Her-
zens und Gehirns betrachtet, dann kann man schon eine Ahnung er-
halten von dem, was man erleben wiirde, wenn man das Ganze von
innen durchschaute, wie es aus Weisheitsurgriinden hervorgequol-
len ist. Vergleicht man damit, was der Mensch als Seelenwesen ist,
was er ist in bezug auf seine Geniisse, Leidenschaften und Begierden,
so sieht man, wie der Mensch eigentlich darauf aus ist, zu ruinieren
den wunderbaren Bau des physischen Leibes. Er entfaltet sein gan-
zes Leben lang seine Begierden, Triebe und Leidenschaften und
geht im Grunde genommen darauf aus, den Wunderbau des physi-
schen Herzens und Gehirns zu ruinieren. Was man im gewohnli-
chen Leben beobachten kann, wie der Mensch dadurch, dafi er sich
dem Genusse dieser oder jener Genufimittel hingibt, sein Herz und
sein Gehirn zugrunde richtet, das sind ja sozusagen nur die trivialen
Anfange einer Zerstorungstatigkeit an dem Wunderbau des Men-
schenleibes. Das alles wiirde vor der menschlichen Seele lebendig
stehen, wenn sie bewuftt hinabsteigen wiirde in ihren Ather- oder
Lebensleib und in ihren physischen Leib. Und es wiirde etwas unge-
heuer Niederschmetterndes, etwas Ausloschendes fiir den Menschen
haben, wenn er vergleichen konnte die Unvollkommenheit der
menschlichen Seele mit dem Wunderbau des Leibes, wenn er sehen
konnte, was in seiner Seele ist, und das vergleichen damit, wie die
weise Weltenfiihrung seinen physischen und seinen Atherleib ge-
macht hat, in die er jeden Morgen bei dem Aufwachen hinunter-
taucht. Darum wird er davor behiitet, in bewuftter Weise hinunter-
zusteigen in sein eigenes Inneres, er wird abgelenkt auf das, was sich
als aufterer Sinnesteppich vor seinen Sinnen den ganzen Tag iiber
ausbreitet. Er kann nicht hineinschauen in sein Inneres.
Der Vergleich zwischen der menschlichen Seele und demjenigen,
was geistig zugrunde liegt dem physischen und Ather- oder Lebens-
leib, wiirde Schamgefiihl hervorrufen, und diesem Gefiihl wird vor-
gearbeitet durch alle jene Seelenerlebnisse, die der Mystiker durch-
macht, bevor er wiirdig wird, hinunterzusteigen in sein Inneres. Es
sind namentlich die Erlebnisse des Mystikers, die in seiner Seele her-
vorrufen den denkbar starksten Vorsatz, seine Seele selber als unbe-
deutend, als schwach zu empfinden, als so zu empfinden, daft sie
einen unendlich weiten Weg der Vervollkommnung vor sich hat.
Daher mufi der Mystiker namentlich die Empfindungen der Demut
und der Vervollkommnungssehnsucht in seiner Seele erwecken, da-
mit sie ihn vorbereiten, den Vergleich dadurch auszuhalten, sonst
miiftte er vor Scham wie im Feuer verbrennen. Der Mystiker macht
sich reif dazu durch folgende Gedanken: Gewift, wenn ich das an-
schaue, was ich bin, und es vergleiche mit dem, was die weise Wel-
tenlenkung an mir gemacht hat, mufi ich einsehen, wie klein, wie
schlecht, wie niedrig ich noch bin. - Und das Schamgefiihl, das ja
aufterlich Schamrote erzeugt, wiirde sich so auswachsen, daft es
wirklich ein versengendes, brennendes Feuer werden konnte, wenn
nicht der Mystiker sich sagen konnte : Ja, jetzt fiihle ich mich so ge-
ring als moglich gegeniiber demjenigen, was ich werden kann, aber
ich will versuchen, die starken Krafte in mir zu entwickeln, die mich
fahig machen, auch geistig dem zu entsprechen, was die weise Wel-
tenlenkung in meine Leiblichkeit hineingebaut hat. - Dem Mysti-
ker, der in sein Inneres hineinsteigen will, wird begreiflich gemacht
von dem geistigen Lehrer, daft er zunachst fuhlen mull ein Gefiihl
der Demut, das sozusagen bis ins Unendliche geht. Dieses Gefiihl
laftt sich etwa so schildern. Man kann demjenigen, der angehender
Mystiker ist, sagen : Sieh dir einmal die Pflanze an. Die Pflanze wur-
zelt in dem Boden. Der Boden bietet ihr ein Reich dar, das niedriger
ist als das Pflanzenreich. Die Pflanze kann aber nicht leben ohne die-
ses Reich, das zunachst fur ein niedrigeres genommen werden mull.
Wenn die Pflanze sich hinunterneigt zu dem mineralischen Reich,
dann kann sie sagen: Diesem niedrigeren Reich, aus dem ich hervor-
gewachsen bin, dem verdanke ich mein Dasein. Sie miifite sich in
Demut zu dem niedrigeren Reich neigen und sagen: Dir verdanke
ich, daft ich bin. Ebenso verdankt das Tier dem Pflanzenreich das
Dasein. Es miiftte, wenn es seiner Stellung im Weltenbau sich be-
wuftt werden wiirde, in Demut sich zum niedrigeren Reiche neigen.
Und der Mensch, der sich umschaut in der Welt, er miifite sagen : Ei-
gentlich konnte ich diese Stufe nicht erreicht haben, wenn nicht al-
les dasjenige, was unter mir ist, sich in der entsprechenden Weise
entwickelt hatte. - Wenn der Mensch solche Gefiihle in seiner Seele
entwickelt, dann kommt in sie die Stimmung, daft er eigentlich
nicht nur Grund hat, in Dankbarkeit aufzublicken zu dem, was
uber ihm ist, sondern auch mit Dank zu schauen auf dasjenige, was
unter ihm ist. Wenn das so recht in der Seele sich verbreitet, was
man die Erziehung zur Demut nennen kann, dann wird die Seele
durchflossen und durchdrungen von diesem Demutsgefiihl, von die-
ser Demutsempfindung, daft man noch einen unendlich weiten Weg
vor sich hat, um vollkommen zu werden.
Alles, was jetzt gesagt worden ist, kann nicht erschopft werden
mit Begriffen und Ideen. Wenn man das konnte, dann ware der My-
stiker bald fertig. Aber es laftt sich nicht erschopfen mit Begriffen
und Ideen, sondern es laftt sich nur erleben. Nur derjenige, der im-
mer wieder und wiederum solche Gefiihle erlebt, der verbreitet uber
seine Seele die Grundstimmung, die notwendig ist fur den Mystiker.
Wenn der Mensch reif werden will, hinunterzusteigen in sein In-
neres, dann mufi er jenes Gefiihl entwickeln, welches ihn befahigt,
dasjenige, was sich ihm in den Weg stellen kann, wenn er vollkom-
mener und immer vollkommener werden will, zu ertragen. Erge-
benheitsgefiihl mufi er dem gegeniiber entwickeln, was er ertragen
soli, um sich einer gewissen Stufe der Vollkommenheit zu nahern.
Es mull durch lange, lange Zeiten hindurch der Mystiker in sich das
Gefiihl ausbilden, dafi man nur durch Uberwindung von Leid die
starken Krafte entwickelt, die man braucht, um die Seele aus jenem
Zustand herauszubringen, in dem sie sich schwach fiihlen mufi ge-
geniiber demjenigen, was sich ihr in den Weg stellt. Da mufi die Seele
auf sich wirken lassen jene Empfindung, durch die sie sich immer
wiederum sagt: Wenn auch noch so viel Schmerzen mich treffen
werden, ich will aufrecht stehen ihnen gegeniiber, ich will nicht
wanken; denn wenn ich nur das geniefien wiirde, was mir das Leben
an Gliick bringt, dann wiirde ich niemals die starke Kraft ent-
wickeln konnen, die die menschliche Seele braucht. Krafte werden
durch Widerstand, in der Uberwindung von Hindernissen erlangt,
nicht dadurch, dafi man einen Zustand einfach hinnimmt. Nur da-
durch werden die Krafte gestahlt, dafi man sie anspannt in der Uber-
windung von Hindernissen, dafi der Mensch bereit ist, Leid und
Schmerz mit Ergebung zu ertragen. Das ist etwas, was der Mystiker
in seiner Seele entwickelt, wenn er sich bereit machen will, hinunter-
zusteigen in das eigene Innere, ohne in Schamgefuhl zu verbrennen.
Das alles, was da durchzumachen ist, mufi selbstverstandlich der
Mensch im normalen Leben nicht durchmachen, und niemand darf
glauben, dafi an den gewohnlichen Menschen das Ansinnen gestellt
wird durch irgendeine Geisteswissenschaft, dafi er solche Ubungen
durchmacht. Was hier geschildert wird, ist nicht etwas, was Forde-
rungen aufstellt, sondern es geschieht, um zu erzahlen, was diejeni-
gen, die freiwillig eine Summe von solchen Erlebnissen auf sich neh-
men, aus ihrer Seele machen konnen, und was der Mystiker erstrebt;
er macht seine Seele fahig, hinunterzusteigen in dieses menschliche
Innere. Im normalen Verlauf des Lebens stellt sich aber zwischen
das, was man als Mystiker erleben kann im Innern, und das, was
man in der aufieren Welt erlebt, der Empfindungsleib des Menschen
hinein und behutet den Menschen davor, dafi er unvorbereitet in
sein Inneres hineinsteigt und sozusagen vor Schamgefiihl verbren-
nen wiirde. Was es ist, das den Menschen davor behutet, unvorberei-
tet in sein Inneres hineinzusteigen, kann er naturlich im normalen
Verlauf des Lebens nicht erfahren, denn da dringt er schon an die
Grenze der geistigen Welt. Diese Grenze mull der Geistesforscher,
der das menschliche Innere erforschen will, allerdings iiberschreiten.
Der Geistesforscher mufi also hindurchschreiten durch den Strom,
der das gewohnliche, normale menschliche Bewulksein ablenkt von
dem Inneren auf das Aufiere. Dieses gewohnliche, normale mensch-
liche Bewulksein wird behutet, in einem unreifen Zustand hineinzu-
gelangen in das menschliche Innere, wird behutet davor, im Feuer
der eigenen Scham zu verbrennen. Die Macht, welche da den Men-
schen jeden Morgen beim Aufwachen behutet, hineinzusteigen in
das eigene Innere, kann der Mensch nicht sehen. Es ist die erste gei-
stige Wesenheit, welcher der echte, wirkliche Geistesforscher auf
dem Wege, der in sein Inneres fuhrt, begegnet. Er mufi vorbeikom-
men an jener Wesenheit, welche im normalen Bewulksein ihn behu-
tet vor dem innerlichen Verbrennen, vor dem innerlichen Brande.
Er mufi vorbeikommen an derjenigen Wesenheit, die ablenkt sein
Nach-innen-Schauen auf die Aufienwelt, auf den aufieren Sinnestep-
pich. Die Wirkung dieser Wesenheit versptirt das normale Bewulk-
sein. Sehen kann der Mensch sie nicht, denn es ist schon die erste
geistige Wesenheit, an der wir vorbeikommen miissen, wenn wir in
die geistige Welt eindringen wollen. Und diese geistige Wesenheit,
welche jeden Morgen beim Menschen steht und ihn davor behutet,
in unreifem Zustand sein eigenes Innere geistig zu schauen, nennen
wir in der Geisteswissenschaft den kleinen Hiiter der Schwelle. An
diesem kleinen Hiiter der Schwelle vorbei fuhrt der Weg in die
geistige Welt hinein.
So haben wir zunachst an ganz naheliegenden Erlebnissen des Ta-
ges unser Bewulksein hingefiihrt bis zu der Grenze, wo wir ahnen
konnen, was der Geistesforscher sieht als den kleinen Hiiter der
Schwelle. Beschreiben wollen wir diesen kleinen Hiiter der Schwelle
spater, denn wir wollen ausgehen von Bekanntem und allmahlich
dem Unbekannten uns nahern. Damit also ist auch schon angedeu-
tet, daft wir unser wahres Wesen eigentlich im Tagesbewufttsein, im
Wachzustand gar nicht sehen. Und wenn wir unser eigenes Wesen
im Sinne der beiden letzten Vortrage den Mikrokosmos nennen, die
kleine Welt, dann konnen wir sagen: Wir sehen den Mikrokosmos
eigentlich niemals in seiner wahren geistigen Gestalt, sondern wir
sehen nur das, was sich im normalen Zustande von ihm zeigt, nur
das Aufiere. Es ist also wirklich etwas, was sich vergleichen lalk mit
einer Art von Spiegelbild. So wie wir, wenn wir in den Spiegel
sehen, unser Bild sehen und nicht uns selber, so sehen wir den
Mikrokosmos, das eigentliche Wesen des Menschen, wenn wir im
Tagesbewulksein sind, nicht selber, sondern wir sehen nur sein
Spiegelbild; wir sehen den Mikrokosmos im Spiegelbild.
Sehen wir denn den Makrokosmos in seiner Wirklichkeit ? Wir
wollen wiederum ganz naheliegende tagliche Erlebnisse vor unsere
Seele hinstellen. Was erlebt der Mensch im Verlaufe von vierund-
zwanzig Stunden in der sinnlichen Aufienwelt? In der sinnlichen
Aufienwelt erlebt der Mensch auch einen Wandel zwischen Tag und
Nacht, wie im Mikrokosmos, nur tritt ihm dieser jetzt in der Au-
fienwelt entgegen. Er erlebt, wie des Morgens die Sonne aufgeht,
wie sie des Abends untergeht. Er erlebt, wie ihm das Sonnenlicht zu-
nachst beleuchtet all die Gegenstande um ihn herum. Was ist es
denn, was der Mensch vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang
sieht? Im Grunde genommen sieht er gar nicht die Gegenstande,
sondern er sieht das Sonnenlicht, das sie ihm zuriickwerfen. Einen
Gegenstand im Finstern sehen wir nicht. Einen Gegenstand in unbe-
leuchtetem Zustand kann der Mensch nicht sehen. Was fur das Auge
gilt, konnen wir auch fur die iibrigen Sinne sagen, aber wir wollen
zunachst beim Auge bleiben. Wenn man in die Sonne sieht, so wer-
den die Augen geblendet. Man kann daher niemals die Sonne selbst
wirklich wahrnehmen. Der Mensch nimmt im Grunde genommen
die Sonnenstrahlen wahr, die die Auftenwelt ihm zuriickwirft. Er
nimmt nicht die Gegenstande wahr, sondern die reflektierten Son-
nenstrahlen. Das geschieht vom Morgen bis zum Abend. Aber der
Mensch sieht nur in einer sehr unvollkommenen Art dasjenige, was
die Ursache davon ist, da$ er die aufSeren Dinge sieht, denn dasjeni-
ge, dem Sie verdanken, dafi Sie iiberhaupt bei Tag eine aufiere Sin-
neswelt wahrnehmen konnen, das blendet Sie. Das ist ein Bild, ein
Gleichnis. So wie wir uns zur aufieren Sinneswelt verhalten, so ver-
halten wir uns auch in unserem eigenen Inneren. Die Ursache, war-
urn wir die Dinge wahrnehmen, sehen wir niemals. Wir nehmen die
Dinge wahr, konnen uns aber nicht zu demjenigen erheben, was uns
die Dinge wahrnehmbar macht. Das blendet uns wie die Sonne,
wenn wir sie als den Grund der Sichtbarkeit der Gegenstande wahr-
nehmen wollen. So geht es uns mit der aufieren Sonne wahrend des
Tages in einer ganz ahnlichen Weise, wie es uns beim Aufwachen
mit unserem eigenen Inneren geht. Wir leben in unserem eigenen
Inneren. Die Krafte, die im eigenen Inneren sind, befahigen uns, zu
leben und die Aufienwelt wahrzunehmen, aber sie verhindern uns
auch, uns selbst wahrzunehmen. Es ist ebenso wie mit der Sonne; sie
befahigt uns, die Dinge wahrzunehmen, aber sie blendet uns, wenn
wir sie selber wahrnehmen wollen.
Aber wir konnen auch alles, was mit der Sonne in einer gewissen
Weise verbunden ist, was sonst zur Sonne gehort, wahrend des Ta-
ges nicht wahrnehmen. Wir nehmen das wahr, was unsere Erde uns
zeigt in dem reflektierten Sonnenlichte. Wenn wir in den Welten-
raum hinaussehen, so sehen wir auch das nicht, was zu unserem
Sonnensystem gehort. Zu unserem Sonnensystem gehort nicht blofi
die Sonne, zu ihm gehoren auch die Planeten. Ihr Anblick ist uns
wahrend des Tages entzogen. Die Sonne blendet uns also nicht nur
fiir sich selbst wahrend des Tages, sondern auch so weit, dafi wir die
Planeten am Tage nicht sehen konnen. Wir schauen in den Raum
hinaus und wissen: Wenn da drauften auch die Planeten sind, die zu
unserem Sonnensystem gehoren, sie entziehen sich unserem Anblick.
Wir konnen also sagen : Geradeso wie sich uns bei Tage unser eigenes
Innere entzieht, wie sich uns bei Nacht die geistige Welt entzieht,
wenn wir im gewohnlichen Schlafzustand sind, so entziehen sich bei
Tag, wenn wir den Blick hinausrichten und den Sinnesteppich iiber-
schauen, die Ursachen fur unser sinnliches Wahrnehmen. Dasjenige,
was eigentlich der Sonne zugrunde liegt, was die Sonne verbindet
mit den ubrigen Korpern des Sonnensystems, mit den Wesenheiten,
die wir sehen in ihrem aufteren Ausdrucke, in demjenigen, was wir
Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn und so weiter nennen, was da
lebendiges Zusammenwirken ist zwischen der Sonne und diesen
Korpern, das entzieht sich uns bei Tage. Was wir wahrnehmen, ist
eine Wirkung des Sonnenlichtes. Und wenn wir jetzt diesen Zu-
stand vergleichen mit dem Zustand, in dem die Sinneswelt um uns
ist in der Nacht vom Untergang der Sonne bis zu ihrem Aufgange,
so konnen wir dann in einer gewissen Weise wahrnehmen, was zu
unserem Sonnensystem gehort. Wir konnen den Blick auf den wun-
derbar gestirnten Himmel hinausrichten, wo sich die Planeten unse-
rem Anblick darbieten. Aber wahrend wir die zu unserem Sonnen-
system gehorenden Planeten am nachtlichen Himmel sehen kon-
nen, entzieht sich uns die Sonne selber, ist fur uns die Sonne unsicht-
bar. So dafi wir sagen miissen: Dasjenige, was uns bei Tage unsere
Sinneswelt sichtbar macht, das nimmt uns in der Nacht die Moglich-
keit, es zu betrachten. Es entzieht sich uns, es hulk nachts unsere
ganze Sinneswelt ein in Unwahrnehmbarkeit, und wir erblicken
nur dasjenige, was zu unserer Sonne gehort, wir sehen nur die plane-
tarische Welt.
Gibt es nun eine Moglichkeit, sozusagen fur den Nachtzustand
etwas Ahnliches herzustellen, wie es der Zustand des Mystikers ist
fiir das Hinabsteigen in die Innenwelt, so wie wir es beschrieben ha-
ben? Gibt es etwas Ahnliches? Die heutige Menschheit hat nicht
viel Bewufitsein von diesem ahnlichen Zustand, aber es gibt so etwas.
Es besteht darin, daft der Mensch, wie der Mystiker, gewisse Eigen-
schaften der Demut und der Ergebenheit und noch gewisse andere
Eigenschaften entwickelt, die wir uns dadurch begreiflich machen
konnen, daft wir zunachst die einfachste dieser Eigenschaften uns
vor die Seele fuhren. Wir wollen wiederum von einer ganz einfachen
Eigenschaft ausgehen. Der Mensch hat sie im normalen Leben auch,
aber nur schwach, geradeso wie das Schamgefuhl. Wenn der Mensch
dieses Gefiihl, das er im gewohnlichen Leben nur schwach hat und
das wir gleich charakterisieren werden, ins Ungeheure vergrofiert,
dann macht er sich in der Tat bereit, nachtlich etwas ganz anderes
zu erleben als im normalen Bewufitsein. Und dieses Gefiihl, das der
Mensch da in sich entwickeln mull, ist das folgende. Sie wissen alle,
dafi wir im Friihling anders empfinden konnen als im Herbst. Eine
gesunde Seele wird im Friihling anders empfinden als im Herbst. Es
wird eine gesunde Seele anders empfinden, wenn im Friihling die
Knospen an den Baumen hervorspriefien und uns sozusagen das
Versprechen geben von der Schonheit und Herrlichkeit des Som-
mers. Es ist etwas, was sich in unsere Seele giefk von aufwachender
Hoffnung, wenn wir den Friihling herankommen sehen. Es ist die-
ses Gefiihl schwach entwickelt bei dem gewohnlichen normalen
Menschen, aber es ist doch vorhanden. Und wenn wir dann dem
Herbst zu leben, dann kann dieses Gefiihl, das im Friihling da ist als
Hoffnung fur den Sommer, das wie ein Erwachen der Seele sich aus-
nimmt, sich verwandeln in ein Wehmutsgefiihl, wenn wir die Bau-
me sich entlauben sehen, wenn wir sehen, wie an die Stelle von Bau-
men und Blumen, die uns den Sommer hindurch einen wunderba-
ren Anblick gezeigt haben, immer mehr kahle Straucher, besenarti-
ge Gebilde treten. Da verwandelt sich unser Seelenleben; es wird
durchzogen von dem, was wir nennen konnen Wehmut des Her-
zens. Also wir konnen im Verlaufe des Jahres, wenn wir mitgehen
mit den Erscheinungen des aufieren Lebens, einen Kreislauf der
Seele im Jahr durchmachen. Und da beim Menschen diese Gefiihle,
die eben charakterisiert worden sind, diese Friihlings- und Herbst-
gefiihle, im normalen Leben nur schwach entwickelt sind, so fiihlt
der Mensch auch die Steigerung des Friihlingsgefiihles, wenn es dem
Sommer zugeht, nicht in entsprechendem Mafie, und er fiihlt nicht
das Verwandeln der Wehmut des Herbstes in ein noch anderes dar-
iiber hinaus gehendes Gefiihl, wenn die Erde vollig in ihrem Winter-
kleid um uns herum sich ausbreitet.
In solchen Gefiihlen wurden aber die Geistesschiiler erzogen -
und werden noch heute erzogen -, welche den dem Mystiker entge-
gengesetzten Weg gehen wollen. Wahrend der Mystiker in sein In-
neres hinuntergefuhrt wird, wird derjenige, der den entgegengesetz-
ten Weg gehen will, hinausgefiihrt in den Kreislauf der grofien Natur
und so erzogen, dafi er miterlebt die Ereignisse der grofien Natur.
Seine Seele wird so behandelt, dafi er dasjenige, was man im ge-
wohnlichen Leben schwach fiihlt im Friihling, lernt, allmahlich in
starkem Mafie zu fiihlen, so dafi er mitzuempfinden lernt das ganze
Aufspriefien der Vegetation im Friihling. Wenn er sich da ganz hin-
einzuversetzen vermag, sich selbst zu vergessen vermag und mit der
Friihlingsnatur mitzuerleben vermag, dann wird dieses Erleben
gegen den Sommer hin etwas ganz Besonderes. Es wird von der er-
wachenden Hoffnung im Friihling zu einem volligen inneren Auf-
jauchzen im Sommer. Dazu wird derjenige, der sozusagen ein umge-
kehrter Mystiker ist, erzogen. Und wiederum, wenn der Mensch so
weit ist, dalS er in Selbstvergessenheit, ins hochste gesteigert, die
Wehmut des Herbstes zu erleben gelernt hat, dann kann er auch fa-
hig werden, die Steigerung des Gefuhls zu erleben von der Wehmut
des Herbstes bis zum Mitempfinden des Todes der ganzen Natur in
der Wintermitte.
So wurden unter anderem erzogen diejenigen Schiiler, welche
mitgemacht haben den Empfindungsunterricht in den alten nordi-
schen Mysterien, die heute der Aufienwelt schon nur mehr der Tra-
dition nach, nur aufierlich bekannt sind. Da wurden die Schiiler so
erzogen, daft sie durch besondere Methoden lernten, den jahrlichen
Gang der Natur in ihrem Empfinden, in ihrer Seele mitzumachen.
Und alles das, was der Schiiler im Sommer zur Zeit der Johannis-
nacht erlebte, das bedeutete ein Mitjauchzen mit der ganzen Natur.
Die Feuer der Johannisnacht waren etwas wie ein Andeuten der
Steigerung des Hoffnungsgefiihls im Friihling zu einem Mitjauchzen
mit der Natur im Sommer, wenn man den den ganzen Kosmos
durchziehenden Lebenshauch miterlebte. Und in der Winterson-
nenwende empfand der Schiiler in tiefster Seele mit das Hinsterben
der Natur, unendlich steigernd das Wehmutsgefuhl des Herbstes bis
zum Mitempfinden des Todes.
So waren die Empfindungserlebnisse, die in der Tat in dieser Star-
ke kaum mehr von dem heutigen Menschen erlebt werden konnen.
Denn der heutige Mensch ist durch die Fortschritte des intellektuel-
len Lebens der letzten Jahrhunderte im wesentlichen unfahig zu
jenen grofien, gewaltigen Erlebnissen, welche die Seek der urspriing-
lichen Naturvolker des europaischen Festlandes, namentlich der
nordlichen und mittleren Gebiete Europas, durchmachten, Dann
aber, wenn so etwas durchgemacht worden war, zeigte sich in der
Tat fur diejenigen Menschen, die so ihre inneren Seelenerlebnisse
gesteigert hatten, etwas sehr Eigentumliches. Sie erlangten eine be-
stimmte Fahigkeit. Wie der Mystiker die Fahigkeit hat, in sein eigenes
Inneres hinunterzusteigen, so erlangten sie die Fahigkeit - so sonder-
bar das auch klingt, es ist aber der Fall, ich schildere nur Dinge, wel-
che unzahlige Menschen erlebt haben und noch erleben konnen -,
sie erlangten die Fahigkeit, die Materie zu durchschauen, das heifit,
sie konnten nicht blofi das sehen, was man als Oberflache wahr-
nimmt, sondern sie konnten durch diese hindurchschauen, vor alien
Dingen vermochten sie in der Zeit von Sonnenuntergang bis Sonnen-
aufgang durch unsere Erde hindurchzuschauen, und durch die durch-
sichtige Erde hindurch erglanzte ihnen lebendig die Sonne. Das
nannte man in den alten Mysterien das Schauen der Sonne um Mit-
ternacht. Allerdings konnte die Sonne in ihrer grofiten Fiille und
Herrlichkeit nur dann geschaut werden, wenn man sich mit seiner
Seele in der Zeit der Winters
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