Makrokosmos und Mikrokosmos. Die grosse und die kleine Welt. Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Makrokosmos und Mikrokosmos 

Die grofie und die kleine Welt 
Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen 



Ein Zyklus von elf Vortragen 
gehalten in Wien vom 21. bis 31. Marz 1910 
Mit einem vorangehenden offentlichen Vortrag 
Wien, 19. Marz 1910 



1988 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEI2 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Ulla Trapp 



1. Auflage, Dornach 1933 

2. Auflage, erweitert urn den offentlichen Vortrag vom 19. Marz 1910 
Gesamtausgabe Dornach 1962 

3. Auflage, nach zusatzlichen Nachschriften verbessert 
Gesamtausgabe Dornach 1988 



Bibliographie-Nr. 119 

Einbandzeichnung von Assja Turgenieff, 
Zeichnungen im Text nach Skizzen in den Nachschriften von Leonore Uhlig 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1988 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau 
Printed in Germany by Ebner Ulm 

ISBN 3-7274-1192-9 



2,u den Verqffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich 
an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft 
vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderhch, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Offentlicher Vortrag, Wien, 19. Marz 1910 

Der Kreislauf des Menschen durch die Sinnen-, Seelen- 
und Geisteswelt 

Erlebnisse der Menschenseele nach dem Tode in der seelischen und in der 
geistigen Welt. Ausgestaltung des Karma. Wiederherabstieg zu neuer Ge- 
burt. Leitwort: Ratsel an Ratsel stellt sich im Raum. 



MAKROKOSMOS UND MIKROKOSMOS 

Die grofie und die kleine Welt 
Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen 

Erster Vortrag, Wien, 21. Marz 1910 

Aufiere und innere Erkenntnisgrenzen und das Eindringen in die hinter 
diesen Grenzen liegenden Welten durch Ekstase oder durch mystische Ver- 
senkung. Ekstase und Mystik als abnorme Zustande. Die normalen Wech- 
selzustande des Wachens und Schlafens. Erleben der Innen- und Aufien- 
welt; Spiegelung der Erlebnisse des Mystikers und des Ekstatikers in den 
verschiedenen Wesensgliedern. 

Zweiter Vortrag, 22. Marz 1910 

Der schlafende und der wachende Mensch in seiner Beziehung zu den Pla- 
neten. Unterscheidung von Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemiits- 
seele und Bewufkseinsseele. Die Einflusse der geistigen Krafte von Venus, 
Merkur, Mond auf Empfindungs-, Verstandes- und Bewulkseinsseele im 
Wachleben des Menschen und von Mars, Jupiter, Saturn wahrend des 
Schlaflebens. Das Planetensystem als Weltenuhr. 

Dritter Vortrag, 23. Marz 1910 

Der Weg des Mystikers: Betrachtung des physischen und des atherischen 
Leibes von innen. Der kleine Hiiter der Schwelle. Der Weg des Schulers 
der nordischen Mysterien: Mitempfinden mit der grofien Natur durch den 
Gang des Jahres. Das Schauen der Sonne um Mitternacht. Uber das soeben 
erschienene Buch «Die Geheimwissenschaft im Umrifi». Der grofie Hiiter 
der Schwelle. 



Vierter Vortrag, 24. Marz 1910 107 

Der Weg des Mystikers in das eigene Innere. Wie konnte der Mensch sich 
zurechtfinden bei bewufkem Untertauchen in den astralischen Leib? Wil- 
len, Gefuhl, Denken, die drei Grundkrafte der Menschenseele und deren 
Verbindung mit den makrokosmischen Kraften Weltendenken, Welten- 
fiihlen, Weltenwollen. Notwendige Aufgabe der Geisteswissenschaft, den 
Menschen die zukiinftige Veranderung des Verhaltnisses zu den Welten- 
kraften bewufit zu machen. Dankbarkeits- und Verantwortungsgefuhle 
gegenuber dem Makrokosmos; das «mystische Gel6bnis». Das Erleben 
eigener Unterlassungssiinden im Spiegelbilde. 



Funfter Vortrag, 25. Marz 1910 130 

Der Weg der Einweihung in den agyptischen Osiris- und Isismysterien. 
Erlebnisse des Schiilers beim Untertauchen in das eigene Innere an der 
Hand des ihn fiihrenden Hermespriesters. Riickwartserleben der Zeiten- 
folge; Vorfahren, Vererbungsmerkmale, Aufsuchen friiherer Inkarnatio- 
nen. Gefahren des mystischen Weges fur den, der ihn ohne Fuhrer geht. 



Sechster Vortrag, 26. Marz 1910 151 

Einweihungserlebnisse des Schiilers in den nordischen Mysterien. Gefah- 
ren des ekstatischen Weges: Verlust des Ich. Gefahren des mystischen 
Weges: Verstarkung des egoistischen Ich. Methoden zur Starkung der Ich- 
kraft. Vorbereitung des Mysterienschiilers durch Eriiben von Uberwin- 
dungskraften und von Unterscheidungsvermogen. Das Offenbaren geisti- 
ger Wesenheiten in der elementarischen Welt (Feuer, Wasser, Luft, Erde). 
Die geistige Welt : Tierkreis und Planeten. Die Vernunftwelt; die Welt der 
Urbilder. 



Siebenter Vortrag, 27. Marz 1910 174 

DasEinleben in die elementarische Welt. Verwandtschaft der menschlichen 
Temperamente mit den vier Elementen der elementarischen Welt. Selbster- 
kenntnis im gewohnlichen Leben und in den hoheren Welten. Vergessene 
Seelenerlebnisse. Notwendige Selbsterziehung vor dem Eintreten in die 
hoheren Welten. Begegnung mit dem grofien Huter der Schwelle. Selbst- 
erkenntnis und Selbstvervollkommnung. Der Umgang mit den fortschrei- 
tenden geistigen Wesenheiten. Die Krafte zur Entwickelung des hellseheri- 
schen Bewufitseins in der Welt der Urbilder. 



Achter Vortrag, 28. Marz 1910 195 

Die Bildung der Grundlagen des menschlichen Mikrokosmos, der Sinne, 
der Nerven und des Gehirns aus den makrokosmischen Kraften der ele- 
mentarischen, der geistigen und der Vernunftwelt. Die Bildung hoherer 
geistiger Organe durch die Krafte der Urbilderwelt. Der rosenkreuzerische 
Weg. Notwendige innere Tatigkeit des Menschen zur Aneignung von Fa- 
higkeiten, um zu imaginativer, zu inspirierter und zu intuitiver Erkenntnis 
aufzusteigen. 



Neunter Vortrag, 29. Marz 1910 216 

Die starkenden Krafte des Schlafes und die Ausbildung geistiger Erkennt- 
nisorgane. Drei Stufen des Urteilsvermogens: gefiihlsmafSiges Furwahrhal- 
ten, Verstandeskritik, Herzdenken. Erlernen des Umganges mit Wider- 
spriichen. Das Anschauen des Ich von zwolf verschiedenen Standpunkten 
aus. Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse und die Sprache des logischen 
Denkens. 



Zehnter Vortrag, 30. Marz 1910 236 

Drei Entwickelungsstufen des menschlichen Urteilsvermogens: unbewufite 
Logik des Herzens (Vergangenheit), Verstandeslogik (Gegenwart), bewufke 
Logik des Herzens (Zukunft). Das Gedachtnis. Anderung des Gedacht- 
nisses beim Geistesforscher vom gewohnlichen, an die Zeit gebundenen 
Gedachtnis zum geistigen Raumgedachtnis. Lesen in der Akasha-Chronik. 
Die vierte Dimension. Bildung und Umbildung von Herz und Gehirn 
im Zusammenhang mit der makrokosmischen Entwickelung. Uber das 
Fragenstellen. 



Elfter Vortrag, 31. Marz 1910 259 

Entwickelung zukiinftiger Fahigkeiten des Menschen; Anpassung an die 
verschiedenen Zustande unseres Planeten. Appell des Geistesforschers an 
den Wahrheitssinn. Der Ursprung des Physischen aus dem Geistigen. Son- 
nenwirkungen bei Pflanze und Mensch. Physische Organe, die in Vergan- 
genheit, und solche, die in Zukunft weisen; Herz und Kehlkopf. Zukiinfti- 
ge Entwickelung der Sprache. Uber Atemubungen. Weisheit und Liebe. 
Spruch: Gottes schiitzender segnender Strahl. 



Faksimile des Spruchs «Gottes schiitzender segnender Strahl» .... 287 



Notizen zu den Vortragen vom 22. und 23. Marz 1910 288 

Einladung 292 

Anmerkungen und Hinweise 293 

Namenregister 296 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 297 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 299 



DER KREISLAUF DES MENSCHEN DURCH DIE 
SINNEN-, SEELEN- UND GEISTESWELT 

Offentlicher Vortrag, Wien, 19. Marz 1910 

Der Vortrag vom letzten Donnerstag war dazu bestimmt, die Wege 
zu charakterisieren, durch die der Mensch in die geistigen Welten 
hineingelangen kann, und es wurde versucht zu zeigen, wie schon 
eine gewohnliche Beobachtung der aufeinanderfolgenden Erschei- 
nungen unseres Lebenslaufes zwischen der Geburt und dem Tode 
Gesetze, grofie Gesetze zeigt, welche auf eine hinter der physischen 
Welt liegende geistige Welt weisen, und es wurde skizzenhaft 
charakterisiert, wie dann der Mensch selber in diese geistige Welt 
hineingelangen kann. 

Heute soli in grofienUmrissen ein Kapitel aus jenen Erkenntnissen 
besprochen werden, welche der Geistesforscher auf dem vorgestern 
charakterisierten Wege erlangen kann. In noch hoherem Grade na- 
tiirlich als in dem vorgestrigen Vortrage konnte alles heute Gesagte 
wie eine Art Phantasterei betrachtet werden. Nach den Auseinan- 
dersetzungen von vorgestern darf aber wohl vorausgesetzt werden, 
dafi das heute einfach in Form einer schlichten Erzahlung Vor- 
zubringende als eine Summe von Forschungsresultaten angesehen 
werde, welche sich durch die Betrachtung derhoheren Welten 
eben ergeben. Also einfach schlicht erzahlt soil heute werden, 
was der Mensch an Erlebnissen hat, wenn er nach dem Tode durch 
die verschiedenen Welten fortschreitet, durch die er zu gehen be- 
stimmt ist. 

Der Anfang soil gemacht werden an demjenigen Punkte der 
menschlichen Lebensentwickelung, an welchem der Mensch steht, 
wenn er durch die Pforte des Todes schreitet, wenn er also in der 
Art, wie das gestern charakterisiert worden ist, seinen physischen 
Leib ablegt und in ein anderes, in ein geistiges Dasein aufsteigt. Das- 
jenige, was der Mensch zunachst erlebt unmittelbar beim Durch- 
schreiten der Todespforte, nach dem Ablegen des physischen Kor- 
pers, das soil zunachst ins Auge gefafk werden. 



Der erste Eindruck, den unser astralischer Leib und unser Ich ha- 
ben, nachdem der Tod des Menschen eingetreten ist, ist dieser, dafi 
der Mensch zuriickblicken kann auf sein eben verflossenes Leben, 
das zwischen der Geburt und dem Tode abgelaufen ist, zuriick- 
blicken kann in einem umfassenden Erinnerungstableau. Die einzel- 
nen Ereignisse des letzten Lebens, die langst dem geistigen Blick ent- 
schwunden sind, treten sozusagen mit alien Einzelheiten an diesem 
wichtigen Wendepunkte des Lebens vor die Seele hin. Und wenn 
wir uns fragen: Wie ist so etwas moglich? - dann konnen wir das- 
jenige, was sich dem hellsichtigen Auge darbietet, uns wenigstens da- 
durch begreiflich machen, dafi wir hinweisen auf jene allbekannten 
Augenblicke des Lebens, von denen diejenigen erzahlen, die einmal 
in Lebensgefahr waren, etwa bei einem Absturz in den Bergen oder 
wenn sie dem Ertrinken nahe waren. Sie erzahlen, dafi ihnen in 
einem solchen Augenblicke das ganze verflossene Leben wie in einem 
groften Gemalde vor Augen stand. Was so erzahlt wird, kann von 
der Geisteswissenschaft durchaus bestatigt werden. 

Woher kommt es denn, dafi dem Menschen in einem solchen Au- 
genblicke das ganze verflossene Leben wie in einem grofien Gemal- 
de vor Augen steht? Das kommt davon her, dal$ dasjenige, was man 
vom Menschen mit physischen Augen sehen, mit physischen Han- 
den greifen kann, was man also den physischen Leib des Menschen 
nennt, durchzogen und durchtrankt ist von dem Ather- oder Le- 
bensleib. Es ist dies das zweite und zwar schon ein unsichtbares 
Glied der menschlichen Wesenheit, das den physischen Leib in der 
Zeit zwischen der Geburt und dem Tode daran hindert, den ihm 
eingepflanzten physischen, physikalischen und chemischen Kraften 
und Gesetzen zu folgen. Sozusagen unser treuer Kampfer gegen den 
Zerfall des physischen Korpers ist dieser Ather- oder Lebensleib, 
dieser zweite Leib des Menschen. 

Nun kann es ja verstandlich sein, dafi fur einen physischen Blick, 
dafi fiir die physische Wissenschaft mit dem Eintritte des Todes auch 
die gesamte menschliche Wesenheit diesem Tode verfallen scheint; 
denn dasjenige, was durch die Pforte des Todes hindurchschreitet, 
das dann jene Eindriicke hat, die eben geschildert werden sollen, das 



ist nur fiir eine geistige Erkenntnis, nur fiir ein hellsichtiges Auge 
vorhanden. Alles dasjenige aber, was nur fiir die geistige Erkenntnis 
vorhanden ist, mufi notwendigerweise dem physischen Blick als ein 
Nichts erscheinen. 

Nichts wirst du sehn in ewig leerer Feme, 
Den Schritt nicht horen, den du tust, 
Nichts Festes finden, wo du ruhst! 

So sagt Mephistopheles im Goetheschen «Faust». Ewig wird es ja so 
sein. Diese Charakteristik zeigt in Mephistopheles den Vertreter 
einer Weltanschauung, die nur auf das aufiere, physische Dasein 
geht und in allem, was jenseits dieses physischen Daseins durch gei- 
stige Erkenntnis zu erreichen ist, ein Nichts erblickt. Ewig wird 
aber auch derjenige, der eine Ahnung und eine Erkenntnis davon 
hat, dafi im Menschenwesen Krafte schlummern, die so entwickelt 
werden konnen, daft geistige Welten in diese menschliche Seele 
hereinbrechen, wie Licht und Farbe in das operierte Auge des Blind- 
geborenen hereinbrechen, ewig wird diese menschliche Seele, die 
von solcher hoherer Erkenntnis etwas ahnt, dem Materialismus die 
Worte erwidern, die Faust dem Mephistopheles erwidert: 

In deinem Nichts hoff ich das All zu finden. 

Wie Faust im Nichts das All zu finden hofft, so miissen wir auch 
zu dem Nichts der materialistischen Gesinnung und Anschauung 
gehen, wenn wir dasjenige ergreifen wollen, was durch die Pforte des 
Todes hindurchgeht und dann seine Eindriicke hat, wenn keine 
physischen Werkzeuge, keine physischen Organe mehr da sind, 
durch die eine aufiere Welt vermittelt werden kann. Dieses Nichts 
des Materialisten, dieses Grundwesen der menschlichen Natur fiir 
den spirituellen Blick, das hat jenes gewaltige Erinnerungstableau 
vor sich, in dem eingeschlossen sind alle einzelnen Erlebnisse des 
letzten Daseins, ebenso, ja in hoherem Sinne eingeschlossen sind als 
nach jenem Schock, den ein Mensch erlebt, wenn er in Lebensgefahr 
schwebt, wenn er etwa dem Ertrinken nahe ist. Was ist denn eigent- 



lich geschehen mit einem Menschen, der vor einer Lebensgefahr 
steht? Durch den Schock, den er erlitten hat, ist sein Ather- oder Le- 
bensleib fiir eine kurze Weile gelockert worden aus seinem physi- 
schen Leibe heraus. Nun ist aber dieser Ather- oder Lebensleib beim 
Menschen - ausdriicklich sei es gesagt : beim Menschen - der Trager 
auch der Erinnerung, des Gedachtnisses, und im gewohnlichen Le- 
ben, wenn dieser Ather- oder Lebensleib eingeschaltet ist dem physi- 
schen Leib, dann ist der physische Leib wie eine Art Hemmnis, wie 
eine Art Hindernis fiir das Herausheben aller einzelnen Erinnerun- 
gen, aller einzelnen Gedachtnisvorstellungen. Wenn aber der Ather- 
oder Lebensleib durch einen solchen Schock fiir eine kurze Weile 
aus dem physischen Leib herausgehoben ist, dann tritt das ganze 
Leben in einem Erinnerungsgemalde vor die Seele, und wir haben 
dann bei einem solchen Menschen in dem Momente des Ertrinkens 
durchaus eine Art von Analogon zu demjenigen, was unmittelbar 
nach dem Tode da ist, wenn der Ather- oder Lebensleib mit alien 
seinen Kraften frei geworden ist, da ja der physische Leib im Tode 
abgelegt ist. 

Das ist das eine Erlebnis, nachdem der Mensch die Pforte des To- 
des durchschritten hat. Wir miissen es aber noch genauer charakteri- 
sieren. Dieses Erlebnis ist ganz eigentumlicher Art. Es ist namlich 
diese Erinnerung nicht so, dafi wir die Ereignisse des eben verflosse- 
nen Lebens genau in derselben Art erleben, wie wir sie im Leben 
durchgemacht haben. Im Leben machen auf uns die Ereignisse des 
Tages den Eindruck der Lust, den Eindruck der Freude, den Ein- 
druck des Schmerzes, den Eindruck des Leides. In einer Weise treten 
sie an uns heran, daft wir mit ihnen Sympathie und Antipathie ha- 
ben. Kurz, diese Ereignisse erregen unsere Gefuhlswelt, spornen uns 
wohl auch an, unseren Willen, unsere Begierde in dieser oder jener 
Weise zu betatigen. Das alles, was Lust und Leid, Freude und 
Schmerz, was Sympathie und Antipathie ist, was Interesse an aufie- 
ren Erscheinungen des Daseins ist, alles das ist fiir jene Zeit, die eben 
jetzt besprochen worden ist, aus der menschlichen Seele wie ausge- 
loscht, und es steht das Erinnerungsbild da, wirklich wie ein Bild. 
Wenn wir ein Bild vor uns haben, eine Szene uns vorstellen, wo wir 



furchtbar leiden wiirden - wir ertragen sie objektiv, neutral, wenn 
sie uns im Bilde dargestellt wird. So aber tritt uns auch das Erinne- 
rungsbild des ganzen Lebens vor die Seek : Wir erleben es ohne Teil- 
nahme, die wir sonst im Leben gehabt haben. 

Das ist das eine. Das andere ist, dafi der Mensch nunmehr etwas 
erlebt unmittelbar nach dem Durchschreiten der Todespforte, mit 
dem er zwischen der Geburt und dem Tode nur in sehr geringem 
Mafie bekannt geworden ist, wenn er nicht selber ein Geistesfor- 
scher geworden ist. Im Leben sind wir immer aufierhalb der Dinge, 
aufierhalb der Wesenheiten, die um uns herum sind. Die Tische, die 
Stuhle sind aufierhalb unser, die iiber das Feld ausgebreitete Pflan- 
zenflora ist aufierhalb unser. Der Eindruck unmittelbar nach dem 
Tode ist der, als ob unser Wesen sich ergiefien wiirde iiber alles das, 
was aufierhalb unser ist. Wir tauchen gleichsam in die Dinge unter, 
wir ftihlen uns eins mit ihnen. Das Gefiihl des Ausbreitens und 
-dehnens und -weitens der Seele tritt auf, ein Verschmelzen mit den 
Dingen, die in der aufieren Umgebung sind als Bilder. Dieses Erleb- 
nis dauert - so zeigt uns die Geistesforschung mit denjenigen Metho- 
den, von denen wir gesprochen haben - verschieden lang; allein es 
ist im allgemeinen ein kurzes Erlebnis nach dem Tode. Wir konnen 
heute sogar schon davon sprechen, nachdem genauere hellseherische 
Forschungen iiber diese Sache vorliegen, wie lange die Zeitdauer fur 
den einzelnen Menschen je nach seiner Individuality ist. Sie wissen, 
daft verschiedene Menschen im normalen Lebenszustande verschie- 
den lang sich wach erhalten konnen, wenn es sein muE, ohne dafi sie 
iibermannt werden vom Schlafe. Der eine Mensch kann meinetwil- 
len drei, vier, fiinf Tage wachen, der andere kann es nur durch sechs- 
unddreifiig Stunden und so weiter. Solange der Mensch im allge- 
meinen im normalen Zustand des Lebens durchschnittlich sich hat 
wach erhalten konnen, ohne dafi er vom Schlafe niedergezwungen 
wurde, so lange ungefahr dauert auch durchschnittlich dieses Erin- 
nerungstableau. Also es ist nach Tagen zu berechnen und ist fur die 
verschiedenen Menschen verschieden. 

Dann, wenn dieses Erinnerungstableau zu Ende gegangen ist, 
wenn es allmahlich verblafit ist, denn es zeigt ein Nach-und-nach- 



Dunkelwerden, da fiihlt der Mensch so etwas, wie wenn sich in ihm 
zuriickzogen gewisse Krafte und etwas, was bisher in seiner Natur 
war, ausgestofien wiirde. Dasjenige, was da ausgestofien wird, ist 
nun ein zweiter Leichnam des Menschen, ein unsichtbarer Leich- 
nam; es ist dasjenige im Menschen, was er von seinem Ather- oder 
Lebensleib nicht mitnehmen kann durch die folgenden Erlebnisse in 
der seelischen Welt. Wahrend also der physische Leichnam vorher 
schon abgestofien und zu seinen physischen Stoffen und Kr'aften zu- 
ruckgekehrt ist, wird jetzt ausgeprefit der Ather- oder Lebensleib, 
der sich verteilt in diejenige Welt, die wir die Atherwelt nennen, die 
nun wiederum ein Nichts ist fur denjenigen, der allein materiali- 
stisch sehen und denken kann, die aber alles durchwebt und durch- 
lebt fur denjenigen, dessen geistige Augen geoffnet sind. Nun bleibt 
aber aus diesem ausgeprefiten Ather- oder Lebensleib etwas zuriick, 
was man bezeichnen kann als eine Essenz, als einen Extrakt alles 
dessen, was erlebt worden ist. Gleichsam die in einen Keim zusam- 
mengedrangten Erlebnisse des letzten Daseins zwischen Geburt und 
Tod, die bleiben nunmehr mit demjenigen, was der Mensch ist, ver- 
eint. Also die Frucht des letzten Lebens, zusammengedrangt, die 
bleibt bestehen. 

Was hat nun der Mensch an sich im weiteren Verlaufe seines 
nachtodlichen Lebens? Der Mensch behalt dasjenige, was wir den 
Trager seines Ichs, was wir sein Ich uberhaupt nennen; aber einge- 
hullt ist dieses Ich zunachst von demjenigen, was wir als das dritte 
Glied der menschlichen Wesenheit nach dem physischen und dem 
Ather- oder Lebensleib charakterisiert haben, eingehiillt ist dieses 
Ich von dem astralischen Leib. Wir konnten sagen, dafi der astrali- 
sche Leib des Menschen der Trager ist von Lust und Leid, von Freu- 
de und Schmerz, von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Von 
alle dem, was des Tags iiber also als Lust und Leid, als Triebe, Begier- 
den und Leidenschaften durch unsere Seele zuckt, davon ist der 
astralische Leib der Trager, und jede Nacht verlassen Ich und astrali- 
scher Leib den physischen und den Ather- oder Lebensleib des Men- 
schen, die wahrend des Schlafens im Bette liegen bleiben. Jetzt ha- 
ben wir nach dem Tode vereint das Ich und den astralischen Leib 



mit jener Lebensessenz, von der wir eben sagen konnten, dafi sie als 
Frucht oder Keim aus dem Ather- oder Lebensleib extrahiert wor- 
den ist. Mit diesen Gliedern seines Wesens tritt nun der Mensch 
weiter die Wanderung an durch die sogenannte seelische Welt. 

Wollen wir verstehen, was uns der geistige Blick des Menschen 
iiber diese Welt enthiillen kann, dann miissen wir zunachst uns klar- 
machen, daft dieser astralische Leib es ist, welcher der Trager ist von 
allem, was Genufi, was Lust, was Interesse an den Dingen um uns 
herum ist. Ja, der astralische Leib ist der Trager aller Geniisse, Be- 
gierden, aller Schmerzen und Leiden, auch der niedrigsten Begier- 
den, der Begierden, die zum Beispiel mit unserer Ernahrung ver- 
kniipft sind. Der physische Leib, er ist ein Gefiige von physischen 
und chemischen Kraften und Gesetzen. Der physische Leib ist es 
nicht, der Lust und Genufi empfindet gegeniiber irgendwelchen Nah- 
rungs- und Genufimitteln, das ist der astralische Leib des Menschen. 
Der physische Leib gibt nur die Werkzeuge her, damit wir uns sol- 
che Geniisse, die im astralischen Leib sich abspielen, verschaffen 
konnen. Derjenige nun, der einen Begriff davon erhalten hat, dafi 
dieser astralische Leib des Menschen etwas Reales, etwas Wirkliches 
ist, nicht blofi eine Funktion, ein Ergebnis des Zusammenwirkens 
der physischen und chemischen Vorgange, der wird sich auch nicht 
wundern, wenn gesagt wird, daft in dem Augenblicke des Todes, 
wenn der physische Leib abgelegt ist, der astralische Leib nicht 
gleich die Sehnsucht nach den Geniissen verliert. Das tut er in der 
Tat nicht. Nehmen wir einen krassen Fall, meinetwillen einen Men- 
schen, der im Leben ein Feinschmecker war, der Genufi gehabt hat 
an leckeren Speisen. Was ist mit dem Tode fur ihn eingetreten? Die 
Moglichkeit hat er verloren - weil er die physischen Werkzeuge ab- 
gelegt hat -, sich die Geniisse in seinem astralischen Leib zu ver- 
schaffen. Aber die Begierde nach diesen Geniissen ist in seinem 
astralischen Leib verblieben. Die Folge davon ist, dafi der Mensch 
nunmehr in bezug auf diese Geniisse in derselben Lage ist - wenn 
auch durch andere Griinde -, in der er etwa ware, wenn er im physi- 
schen Leben in einer Gegend ist, wo er brennenden Durst leidet und 
weit und breit nichts ist, was diesen Durst loschen kann. Nach dem 



Tode leidet der astralische Leib einen brennenden Durst, weil die 
physischen Organe nicht da sind, durch die dieser Durst befriedigt 
werden kann. Die Werkzeuge sind abgelegt, aber die Begierde nach 
diesen Geniissen ist im astralischen Leib verblieben. Die Folge da- 
von ist, daft der Mensch nunmehr in bezug auf diese Genusse in der- 
selben Lage ist, der astralische Leib leidet einen brennenden Durst. 
Im astralischen Leib sind noch alle jene Triebe, Begierden und Lei- 
denschaften, die nur durch die physischen Werkzeuge befriedigt 
werden konnen. Daher ist begreiflich, einfach aus dieser logischen 
Erwagung heraus, was der Geistesforscher auf diesem Gebiet sagen 
mufi: Der Mensch macht, nachdem er seinen Ather- oder Lebens- 
leib abgelegt hat, eine Zeit durch, in der er sich in bezug auf sein in- 
nerstes Wesen abgewohnen mufi alle Sehnsuchten, alle Begierden, 
welche nur durch die physischen Werkzeuge des physischen Leibes 
befriedigt werden konnen. - Das ist die Zeit der Lauterung, der Rei- 
nigung, in der ausgerissen werden miissen aus dem astralischen Leib 
alle Sehnsuchten nach irgend etwas, was dem Menschen nur ver- 
schafft werden kann dadurch, daft er seine physischen Werkzeuge in 
Tatigkeit versetzt. 

Wir werden es begreiflich finden, daft wiederum, je nach der Indi- 
vidualist des Menschen, die Zeit verschieden sein wird, die durchge- 
macht werden mufi behufs dieser Lauterung, behufs dieses Ausrei- 
ftens der Begierden, die nur nach der physischen Welt gehen. Der 
Mensch macht aber auch diese Zeit so durch, daft sie nicht etwa bloft 
nach Tagen zahlt, sondern daft sie nach den Forschungen der Gei- 
steswissenschaft ungefahr ein Drittel des Lebens in der physischen 
Welt in Anspruch nimmt, das zwischen Geburt und Tod verlaufen 
ist. Es ist das begreiflich fur denjenigen, der tiefer hineinzublicken 
vermag, daft die Lauterungszeit ungefahr ein Drittel der Lebenszeit 
in Anspruch nimmt. Wenn man das menschliche Leben uberblickt, 
so findet man, daft dieses menschliche Leben zwischen Geburt und 
Tod deutlich zerfallt in drei Drittel. Das erste Drittel des Lebens ist 
dazu da, daft sich die durch die Geburt ins Dasein tretenden Anlagen 
und Fahigkeiten des Menschen hindurcharbeiten durch die Hinder- 
nisse der physischen Welt. Eine Art aufsteigenden Lebens ist im er- 



sten Drittel vorhanden. Der Mensch ergreift allmahlich als geistiges 
Wesen Besitz von seinen physischen Organen. Dann kommt das 
nachste Lebensdrittel, das ungefahr dauert vom 21. bis zum 42. Le- 
bensjahre durchschnittlich. Das erste dauert bis zum 21. Lebensjahr. 
Dieses zweite Lebensdrittel nimmt in Anspruch die Entwickelung 
all derjenigen Krafte, die der Mensch dadurch entfalten kann, dafi er 
mit seinem Innern, mit seinem Seelischen in Wechselwirkung tritt 
mit der Aufienwelt. Da hat er bereits die Organe seines physischen 
und Ather- oder Lebensleibes plastisch gestaltet, da hat er an ihnen 
kein Hindernis mehr. Er ist ausgewachsen. Sein Seelisches tritt in 
unmittelbare Beziehung zur Aufienwelt. Das dauert so lange, bis der 
Mensch beginnen mulS, wiederum zu zehren von seinem physischen 
und Ather- oder Lebensleib, und das geschieht dann fur die iibrige 
Zeit seines Lebens. Da saugt der Mensch nach und nach wiederum 
auf dasjenige, was er plastisch gestaltet hat in seiner Jugend. Wir 
konnten darauf aufmerksam machen, welcher wunderbare Zusam- 
menhang zwischen Jugend und Alter besteht. Wenn wahrend der- 
jenigen Zeit, wahrend welcher das innere menschliche Wesen pla- 
stisch gestaltet an den Organen des Menschen, der Mensch gewisse 
Eigenschaften sich aneignet, wenn er in dieser Zeit in der Seele iiber- 
wunden hat mancherlei Zornesregungen, wenn er durchgemacht 
hat dasjenige, was wir das Gefuhl der Andacht nennen, so kommt 
das gerade im letzten Drittel des Lebens in seiner Wirkung zum 
Ausdruck. Es geht das im mittleren Drittel wie in einem verborge- 
nen Strom dahin. Und dasjenige, was wir iiberwundenen Zorn nen- 
nen, kommt im Alter als gerechte Milde zum Vorschein, so dafi im 
iiberwundenen Zorn die Ursache liegt zur Milde. Und aus der Stim- 
mung der Andacht, die wir hegen in jungen Jahren, kommt am 
Ende des Lebens jene Eigenschaft, die wir erblicken an denjenigen 
Menschen, die in eine Gemeinschaft treten konnen, und ohne dafi 
sie viel sagen, wie segnend wirken. 

Deutlich ist des Menschen Leben in drei Drittel geteilt. Im ersten 
Drittel arbeitet sich der Mensch hin zu seinem physischen Leib, im 
letzten Lebensdrittel zehrt er wiederum am physischen Leib; im 
mittleren Lebensdrittel ist sozusagen das Seelische sich selbst iiber- 



lassen. Dieser mittleren Zeit nun mufi auch, wie es begreiflich schei- 
nen kann, die Lauterungszeit nach dem Tode entsprechen. Da ist ja 
die Seele frei vom physischen Leib und Ather- oder Lebensleib und 
stent zu ihrer geistigen Umgebung in einem ahnlichen Verhaltnis 
wie im zweiten LebensdritteL 

Was der Geistesforscher zu sehen vermag, das konnen wir uns lo- 
gisch begreiflich machen, wenn wir einen Blick auf das gewohnliche 
Leben werfen. Wir konnen verstehen, dafi die angegebene Zeit eine 
Durchschnittszahl ist, bei dem einen Menschen die Zeit der Laute- 
rung langer dauern wird, bei dem andern kiirzer. Langer wird sie bei 
demjenigen dauern, der mit all seinen Leidenschaften hingegeben ist 
an das blofi sinnliche Dasein, der kaum etwas anderes kennt als die 
Befriedigung durch jene Geniisse, die an die physischen Organe des 
Leibes gebunden sind. Wer aber im gewohnlichen Leben durch ein 
Eindringen in die Kunst, durch die Erkenntnis schon hindurchzu- 
schauen vermag auf dasjenige, was durch den Schleier des Physischen 
hindurchdringt an geistigen Geheimnissen des Daseins, wer auch nur 
ahnend die Offenbarungen des Geistes durch den Schleier des Physi- 
schen ergreift, fiir den wird die Lauterungszeit kiirzer dauern, denn 
er wird vorbereitet durch die Pforte des Todes gehen, vorbereitet fiir 
alles dasjenige, was eben nur aus der geistigen Welt an Befriedigung 
kommen kann. 

Hier haben wir also eine Zeit, die der Mensch durchlebt zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt, die sich wesentlich unterscheidet 
von der nach Tagen zahlenden Zeit unmittelbar nach dem Tode. 
Wahrend wir in dieser nach Tagen zahlenden Zeit ein neutrales Er- 
innerungstableau haben, dem gegeniiber all unser Interesse und un- 
sere Teilnahme verstummen, haben wir gerade in der Lauterungs- 
zeit alles dasjenige in unserer Seele, was uns durch Sehnsucht 
nach Genufi, durch Sehnsucht nach Begierde hingezogen hat zu 
unseren Erlebnissen. Gerade das Gefuhlsleben, das Empfindungs- 
leben, das ist es, was da in der Seele ablauft wahrend dieser Laute- 
rungszeit. 

Nun zeigt uns aber allerdings die Geistesforschung eine merk- 
wiirdige Eigentiimlichkeit dieser Lauterungszeit. So sonderbar es 



klingt, es ist doch wahr: Diese Lauterungszeit verlauft namlich von 
riickwarts nach vorne, so dafi wir den Eindruck haben, dafi wir das 
letzte Jahr unseres physischen Lebens zuerst, dann das vorletzte, das 
drittletzte nachher durchleben. Und wir durchleben also, uns lau- 
ternd, uns reinigend, unser Leben wie in einem Spiegelbild, wir 
durchlaufen es so, dafi es erscheint, als ob es von dem Tode bis zur 
Geburt gehen wiirde, und am Ende der Lauterungszeit stehen wir 
im Moment der Geburt. Zuerst das Alter, dann das mittlere Alter, 
bis zuriick zur Kindheitszeit durchlaufen wir das Leben. 

Nun braucht sich niemand zu denken, dafi dies durchaus nur eine 
schreckliche Zeit ist, nur eine solche Zeit, in der man brennenden 
Durst erlebt, in der man Sehnsuchten durchmacht. Das alles ist ge- 
wifi da; aber es ist nicht das einzige. Wir durchleben auch alles dasje- 
nige, was wir zwischen der Geburt und dem Tode schon an Geisti- 
gem durchgemacht haben, wir durchleben auch die guten Ereignisse 
des Lebens so, dafi wir sie gleichsam im Spiegelbild wiederum vor 
uns haben. Wie das ist, wird uns gleich vor die Seele treten, indem 
wir diese Zeit noch genauer betrachten. Nehmen wir an, ein Mensch 
ware im 60. Lebensjahre gestorben. Dann durchlebt er zuerst 
das 59., dann das 58., das 57. Lebensjahr und so weiter; er durchlebt 
nur alles nickwartslaufend in einer Art von Spiegelbild. Das bleibt 
namlich, dafi wir uns fuhlen wie uber die Dinge und Wesenheiten 
der Welt ergossen, wie in alien Wesenheiten und Dingen darinnen. 
Nehmen wir nun die Tatsache, dafi wir in einem Leben, das also bis 
zum 60. Jahre gedauert hat, im 40. Jahre jemandem eine Beleidigung 
zugefiigt hatten. Da durchleben wir also zwanzig Jahre mit einer 
dreifachen Geschwindigkeit zuriick. Wenn wir beim 40. Jahre ange- 
kommen sind, dann durchleben wir jenen Schmerz, den wir dem an- 
dern zugefiigt haben, aufs neue, aber wir erleben nicht dasjenige, 
was wir damals durchgemacht hatten, sondern dasjenige, was der an- 
dere durchgemacht hatte. Wenn wir aus einem Rachegefuhl oder aus 
einer Zornesaufwallung heraus jemandem Schmerz zugefiigt haben 
und wir dann nach dem Tode, riickwartsschauend, zu diesem Mo- 
mente kommen, dann fuhlen wir nicht unsere Befriedigung, die wir 
durchgemacht haben, sondern dasjenige, was der andere erlebt hat. 



Wir sind im Geiste in ihn hineinversetzt. Und so ist es mit allem, 
was wir im Ruck warts wandern durchleben. Wir durchleben alles 
dasjenige, was wir an Wohltaten, was wir an Guttaten im Leben aus- 
gestreut haben, in den wohltatigen Wirkungen, die es in unserer 
Umgebung verursacht hat. 

Dies durchleben wir mit jener Seele, die sich gleichsam ausgegos- 
sen fuhlt in die ganze Umwelt. Das ist nicht ohne Wirkung, sondern 
der Mensch, indem er alles durchlebt, nimmt von all diesen Situatio- 
nen des Durchlebens gewisse Marken, gewisse Eindriicke mit. Wir 
konnen dies etwa folgendermafien charakterisieren. Aber ich bemer- 
ke ausdriicklich, dafi man diese Dinge mit Worten eigentlich nur 
vergleichsweise charakterisieren kann, denn Sie konnen verstehen, 
dafi unsere Worte gepragt sind fur die physische Welt und eigentlich 
nur auf diese physische Welt im rechten Sinne anwendbar sind. Ge- 
brauchen wir doch diese Worte - und wir konnten uns sonst ja 
nicht verstandigen iiber all die geheimnisvollen Welten, die dem gei- 
stigen Auge sich erschliefien dann miissen wir uns bewulSt sein, 
dafi diese Worte nur einen annahernden Sinn haben. Dasjenige, was 
da also durchlebt wird, kann nur so charakterisiert werden: Wenn 
der Mensch wahrnimmt den Schmerz, den er einem andern zuge- 
fugt hat, wenn er diesen Schmerz nach dem Tode nacherlebt, dann 
fuhlt er ihn wie ein Entwickelungshemmnis. Er sagt sich etwa emp- 
findend in seiner Seele: Was ware ich geworden, wenn ich dem an- 
dern diesen Schmerz nicht zugefiigt hatte? Dieser Schmerz ist etwas, 
was mein ganzes Wesen zuriickhalt von einem Grad von Vollkom- 
menheit, den es sonst hatte erreichen konnen. - Und so sagt sich der 
Mensch bei allem, was er an Irrtum und Luge, an Hafilichem ver- 
breitet hat in seiner Umgebung : Das sind Entwickelungshindernis- 
se, etwas, was ich mir selber in den Weg meiner Vervollkommnung 
gelegt habe. - Und daraus formt sich eine Kraft in der menschlichen 
Seele, die dahin geht, daft der Mensch in jenem Zustande, in dem er 
jetzt lebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aufnimmt 
die Sehnsucht, aufnimmt die Willensimpulse, diese Hindernisse aus 
dem Weg zu raumen. Das heilk, Stuck fur Stuck nehmen wir in der 
Rikkwartswanderung Impulse auf, im kommenden Leben das wie- 



der gutzumachen, wiederum auszugleichen, was wir uns selber an 
Hindernissen in den Weg gelegt haben. 

Daher diirfen wir uns auch nicht dem Glauben hingeben, dafi das- 
jenige, was wir da durchmachen, blofi Leiden sei. Leid und Entbeh- 
rung ist es gewifi, und schmerzlich ist es, wenn wir all das auf unsere 
eigene Seele geladen sehen, was wir selber verursacht haben; aber 
wir erleben es doch so, dafi wir froh sind, es erleben zu diirfen, weil 
wir nur dadurch jene Kraft aufnehmen konnen, die uns befahigt, je- 
ne Hindernisse aus dem Weg zu raumen. Und so addieren sich zu- 
sammen alle diese Impulse, die wir wahrend der Lauterungszeit auf- 
nehmen, und wenn wir zuriickgekommen sind bis zum Anfang un- 
seres letzten Lebens, dann ist eine machtige Summe da, die in uns als 
ein ungeheurer Drang lebt, in einem neuen Leben, in den folgenden 
Daseinsstufen alles dasjenige auszugleichen, was auszugleichen ist in 
dem charakterisierten Sinne. Mit der Kraft also, unseren Willen 
kiinftighin so zu entfalten, dafi fur alles Unrechte, Hafiliche, Schlim- 
me, das wir getan haben, der Ausgleich geschaffen wird, mit dieser 
Kraft sind wir ausgeriistet am Ende der Lauterungszeit. Das ist eine 
Kraft, von der der Mensch etwa eine Ahnung bekommen kann, 
wenn er sich durch eine weise Selbsterkenntnis damit bekannt- 
macht, welche Gewissensbisse es ihm verursacht, wenn er zuriick- 
denkt an das, was er diesem oder jenem angetan hat. Aber alles das 
bleibt im Leben blofi Gedanke. Ein machtiger Schaffensdrang wird 
es in der Lauterungszeit zwischen Tod und einer neuen Geburt. 
Und mit diesem Schaffensdrang ausgestattet geht der Mensch jetzt 
in ein neues Leben ein: in das eigentlich geistige Leben. 

Wenn wir dieses geistige Leben, das der Mensch nach der Laute- 
rungszeit betritt, verstehen wollen, dann konnen wir das auf die fol- 
gende Art. Es ist schwer, die ganz andersartigen Erlebnisse, welche 
der Geistesforscher hat, wenn er priift das Leben zwischen dem To- 
de und einer neuen Geburt, die ganz andersartigen wesenhaften Ein- 
driicke, die sich mit nichts vergleichen lassen, was das Auge in der 
Sinnenwelt sehen und der an das Gehirn gebundene Verstand den- 
ken kann, einzufangen in die Worte unserer Sprache; aber man 
kann sich auf folgende Weise etwa eine Vorstellung von demjenigen 



verschaffen, was wie eine neue Welt dem Geistesforscher durch sei- 
nen Einblick in die geistige Welt aufgehen kann. Wenn Sie urn sich 
sehen und begreifen wollen die Welt, wenn Sie verstehen wollen 
dasjenige, was um Sie herum ist, dann tun Sie das dadurch, daft Sie 
denken, daft Sie sich Vorstellungen bilden von den Dingen, die um 
Sie herum sind. Es ware nun eine logisch absurde Vorstellung, wenn 
jemand denken wiirde, man konne Wasser aus einem Glas heraus- 
schopfen, in dem keines drinnen ist. Genau so ware es, wenn Sie 
sich vorstellen wiirden, daft Sie aus einer Welt Gedanken, Gesetze 
herausholen, herausschopfen konnten, in der keine Gedanken, kei- 
ne Gesetze darin sind. Alles menschliche Wissen, alle menschliche 
Erkenntnis ware eitel Traumerei, ware nichts anderes als eine Phan- 
tastik, wenn die Gedanken, die wir zuletzt in unserem Geist ausfor- 
men, nicht als Gedanken den Dingen schon zugrunde lagen, daft 
also die Dinge aus Gedanken herausgesprossen sind. Alle diejenigen, 
welche da glauben, daft die Gedanken nur etwas sind, was der 
menschliche Geist bildet, was nicht den Dingen zugrunde liegt als 
eigentliche Wirkens- und Schaffenskrafte der Dinge, die sollten nur 
gleich uberhaupt alles Denken aufgeben; denn die Gedanken, die 
so gebildet wiirden, ohne daft sie einer aufteren Gedankenwelt ent- 
sprechen, die waren eitel Hirngespinste. Einzig und allein derjenige 
denkt real, der weift, daft sein Denken der aufteren Gedankenwelt 
entspricht und wie in einem Spiegel in unserem Innern die auftere 
Gedankenwelt wiederum auferweckt; er weift, daft aus dieser Ge- 
dankenwelt alle Dinge ursprunglich hervorgesprossen sind. 

So also ist zwar fur uns Menschen der Gedanke das letzte, das wir 
ergreifen von den Dingen, den Dingen aber liegt er als ihr erstes zu- 
grunde. Der schopferische Gedanke liegt den Dingen zugrunde, 
aber die Gedanken der Menschen, durch die der Mensch zuletzt er- 
kennt, unterscheiden sich doch in einer gewissen, sehr bedeutungs- 
vollen Beziehung von den schopferischen Gedanken drauften. 
Wenn Sie in die menschliche Seele hineinzublicken versuchen, dann 
werden Sie sich sagen : Wie auch dieses menschliche Denken herum- 
schweifen mag in dem Horizont der Gedanken und Vorstellungen, 
solange der Mensch denkt, solange er durch seine Gedanken die Ge- 



heimnisse der Dinge zu ergriinden versucht, so lange nehmen sie sich 
aus wie etwas, dem feme liegt alles Schopferische. - Das ist das Eigen- 
artige der menschlichen Gedanken, dafi sie das produktive, das 
schopferische Element, das in den Gedanken, die die Welt draufien 
durchweben und durchleben, enthalten ist, verloren haben. Diejeni- 
gen Gedanken, die die Welt draufien durchsetzen, werden durchzo- 
gen mit dem Element, das im menschlichen Inneren erst herauf- 
spriefk wie ein geheimnisvoller Untergrund unseres Daseins. Das 
wissen Sie ja, daft Ihre Vorsteilungen, wenn sie umgegossen sein sol- 
len in den Willen, dann untertauchen miissen in die Untergriinde 
des menschlichen Wesens, dafi der Gedanke selber noch nicht 
durchzogen ist von dem Willen. Der Gedanke aber, der draufien in 
der Welt wirkt, der ist durchzogen und durchwebt vom Willen. 
Und das eben ist das eigenartige des Geistes, der objektiv drauften 
die Dinge durchwirkt, dafi er schopferisch ist. Dadurch ist er aber 
nicht mehr nur Gedanke, dadurch ist er Geist. Der Gedanke der 
menschlichen Natur ist dadurch zustande gekommen, dafi der Wille 
aus dem Geist herausgeprelk ist und dafi dieser wie ein Reflex erst 
aus dem Menschen heraus erscheint. Fur den geistigen Blick zeigt er 
sich draufien nirgends von dem Schopferischen getrennt. 

In diesen Geist, der in sich zusammengeschlossen enthalt Willen 
und Gedanken, tritt der Mensch wie in eine neue Welt ein, wenn er 
nach dem Tode seine Lauterungszeit durchgemacht hat. Und so, wie 
wir hier in dieser Welt, die wir durchlaufen zwischen Geburt und 
Tod, leben umgeben von den Eindriicken unserer Sinne, umgeben 
von alle dem, was unser Verstand denken kann, wie wir hier also 
von der physischen Welt umgeben und umschlossen sind, so ist 
der Mensch nach der Lauterungszeit uberall umschlossen von der 
schopferischen, geistigen Welt. Und er ist innerhalb dieser schopfe- 
rischen, geistigen Welt, er steckt darinnen und gehort dazu. Das ist 
auch dasjenige, was als ein erstes Erlebnis auftritt, wenn die Laute- 
rungszeit durchlaufen ist: Der Mensch fuhlt sich nicht in einer 
Welt, die ihn umstellt mit einem Horizont von Dingen, die er wahr- 
nehmen kann, sondern er fuhlt sich in einer Welt drinnen, wo er 
durch und durch schopferisch ist. - Alles dasjenige nun, was der 



Mensch im letzten Leben und auch schon in den friiheren Leben, so- 
weit es noch nicht verarbeitet ist, in sich aufgenommen hat, was ins- 
besondere in dem geschilderten Extrakt seines Ather- oder Lebens- 
leibes ist, was zuriickgeblieben in seinem astralischen Leib, als jener 
gewaltige Impuls, der ausgleichen will die Hindernisse, die bemerkt 
worden sind, alles dasjenige, was so im Menschen ist, das fiihlt er in 
sich jetzt produktiv, das fiihlt er jetzt schopferisch. 

Nun ist das Leben innerhalb der Produktivitat etwas, was am be- 
sten bezeichnet wird mit dem Ausdruck Seligkeit oder Beseligung. 
Sie konnen schon im gewohnlichen Leben vergleichsweise das bese- 
ligende Gefuhl auf einer niedrigeren Stufe beobachten, wenn Sie das 
Huhn sitzen sehen auf dem Ei, es ausbrutend. In der Produktion 
selber liegt die warmende Beseligung. In einem hoheren Sinne kann 
man diese Beseligung der Produktion wahrnehmen, wenn der 
Kunstler dasjenige, was in seiner Seele reif geworden ist, umsetzen 
kann in die materielle Aufienwelt, wenn er produzieren kann. Von 
diesem Gefuhl der Beseligung, von dem man auf diese Weise anna- 
hernd eine Vorstellung gewinnen kann, ist das ganze menschliche 
Wesen jetzt durchdrungen beim Durchgang durch die geistige Welt. 

Was arbeitet da der Mensch hinein in die geistige Welt ? Er arbeitet 
hinein in die geistige Welt alles dasjenige, was er an Friichten, an Ex- 
trakt aus dem letzten und anderen vorangegangenen Leben gewon- 
nen hat, wovon wir vorgestern sagen konnten, dafi es zwar als Er- 
lebnis an unsere Seele herangetreten ist, dafi es der Mensch aber in 
dem Leben zwischen Geburt und Tod, weil er an dem physischen 
und Ather- oder Lebensleib eine Grenze hat, zunachst in sich behal- 
ten mufi und nicht in seine Gesamtwesenheit hineinarbeiten kann. 
Jetzt ist der physische und der Ather- oder Lebensleib nicht mehr 
da, jetzt arbeitet er in rein geistiger Substantiality, jetzt pragt er ihr 
alles das ein, was er in dem letzten Leben zwar erlebt hat, was er 
aber wegen der Begrenztheit seines physischen und Ather- oder 
Lebensleibes nicht in sich selber hineinarbeiten konnte. 

Wenn wir uns nunmehr um die Lange der Zeit bekummern, in 
der der Mensch also produktiv dasjenige, was er im letzten Leben ge- 
wonnen hat, ins Geistige hineinarbeitet, dann mussen wir uns vor 



alien Dingen fragen: Hat denn dieses Gesetz der wiederholten Er- 
denleben, auf das wir hingedeutet haben, einen gewissen Sinn? - Ja, 
das hat einen Sinn, und dieser zeigt sich dadurch, daft der Mensch, 
wenn er eine Verkorperung durchgemacht hat, in einem neuen Le- 
ben nicht etwa dann erscheint, wenn er dieselben Erlebnisse wieder 
durchmachen kann, sondern er erscheint erst dann wieder, wenn 
sich die irdische Aufienwelt mittlerweile so verandert hat, daft er 
vollig neue Erlebnisse durchmachen kann. Derjenige, der nun ein 
wenig nachdenkt iiber die Entwickelung, wird finden, dafi schon in 
bezug auf das Physische die Erdenphysiognomie von Jahrtausend zu 
Jahrtausend sich betrachtlich andert. Denken Sie einmal nach, wie 
es etwa ausgesehen haben mag hier, wo jetzt diese Stadt liegt, zur 
Zeit Christi, wie es da ganz anders war, und wie dieser Erdenfleck 
sich seit dieser Zeit verandert hat; und denken Sie daran, wie sich 
erst dasjenige, was wir moralische, intellektuelle und sonstige geisti- 
ge Entwickelung der Menschheit nennen, im Laufe weniger Jahr- 
hunderte andert. Denken wir daran, was die Kinder etwa vor 
wenigen Jahrhunderten in den ersten Lebensjahren in sich aufge- 
nommen haben, und denken wir daran, was sie heute in den ersten 
Lebensjahren verarbeiten. Die Erde andert ihre Physiognomie, und 
nach einer bestimmten Zeit kann der Mensch die Erde wieder betre- 
ten und da ist alles so verandert, dafi er nun Neues erleben kann. 
Erst wenn der Mensch Neues erleben kann, dann erst betritt er diese 
Welt von neuem. 

Die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist dadurch 
bestimmt, dafi der Mensch, wenn er, sagen wir, in irgendeinem Jahr- 
hundert sich verkorpert hatte, hineinwuchs durch die Geburt in 
ganz bestimmte Vererbungsverhaltnisse. Wir wissen ja, dafi wir uns 
den menschlichen Wesenskern, das Geistig-Seelische des Menschen 
nicht so vorstellen diirfen, als ob es zusammenaddiert ware aus dem- 
jenigen, was die Eigenschaften der Eltern, Voreltern, Urgrofieltern 
und so weiter sind. Wir haben betont, dafi ebensowenig wie der Re- 
genwurm aus dem Schlamm herauswachst, die menschliche Seele 
aus dem Physischen entsteht. Seelisches entsteht aus Seelischem, 
wie Lebendiges aus Lebendigem. Wir haben betont, daft uns diese 



menschliche Seele zuriickweist auf ein friiheres Leben und daft sie 
durch die Geburt so ins Dasein tritt, daft sie die Vererbungseigen- 
schaften zusammenzieht. Indem wir aber das vor die Seele riicken, 
miissen wir uns auch klar sein, daft, wenn wir auf ein friiheres Leben 
zuriickblicken, wir aus diesem friiheren menschlichen Leben herein- 
tragen durch die Geburt diejenigen Eigenschaften, welche sich im 
Verlaufe zwischen dem Tode und einer neuen Geburt nach und 
nach entfalten. Wir nehmen dann durch die Pforte des Todes dasje- 
nige mit, was wir zwischen der Geburt und dem Tod neu gewonnen 
haben, was wir aus einem friiheren Leben noch nicht haben schop- 
fen konnen. So daft wir - das ist ja auch schon hervorgehoben wor- 
den - durch die Pforte des Todes nunmehr tragen alles dasjenige, 
was im letzten Leben Stuck fur Stuck gewonnen worden ist. Das 
konnen wir nun, wenn wir das Leben im Geiste durchmachen zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt, nur dadurch wiederum in 
einem neuen Verhaltnis entfalten, daft wir nicht darauf angewiesen 
sind in diesem neuen Dasein, die vererbten Verhaitnisse wiederzu- 
finden, die wir im friiheren Dasein hatten. Im friiheren Dasein hat- 
ten wir in unsere Seele hereingezogen gewisse Eigenschaften der 
Ahnen. Wir wiirden nichts Neues in einem neuen Dasein antreffen, 
wenn wir die Eigenschaften der Ahnen in derselben Weise vorfin- 
den wiirden. Haben wir uns also in einem bestimmten Jahrhundert 
verkorpert, dann miissen wir, damit wir auch nach dieser Richtung 
in einem neuen Dasein uns ausleben konnen, so lange durch die gei- 
stige Welt durchschreiten, bis sich alle jene vererbten Eigenschaften 
verloren haben, zu denen wir uns friiher hingezogen fiihlten, und zu 
denen wir uns so lange hingezogen fiihlen wiirden, solange sie da 
sind. Es hangt unsere Wiederverkorperung davon ab, daft diejenigen 
Eigenschaften, welche durch die Geschlechter sich hindurchgezogen 
haben, verschwunden sind. Blicken wir also hinauf zu unseren Ah- 
nen, dann fiiiden wir bei unseren Eltern, Grofteltern, Urgrofieltern 
und so weiter gewisse Eigenschaften, die sind heruntergetragen 
durch Vererbung bis zu unserem jetzigen Dasein. Wir treten nun 
nach dem Tode in die geistige Welt. Da verbleiben wir, bis ver- 
schwunden sind in der Vererbungslinie all die Eigenschaften, zu de- 



nen wir uns in dieser Verkorperung hingezogen fuhlten. Das dauert 
aber viele Jahrhunderte, und zwar zeigt die Geistesforschung, dafi 
die Zeit so viele Jahrhunderte dauert, dafi wir etwa sagen konnen, es 
vererben sich gewisse Eigenschaften, die sich von Generation zu Ge- 
neration ziehen. Ungefahr siebenhundert Jahre dauert es, dann sind 
die Eigenschaften, die sich von Generation zu Generation ziehen, so 
weit verschwunden, dafi wir sagen konnen : Was wir damals bei den 
Ahnen fanden, das hat sich verfliichtigt. - Jetzt aber mussen sich 
Eigenschaften so weit ausbilden, dafi sie neuerdings siebenhundert 
Jahre durchlaufen. Und wir kommen dahin, zweimal siebenhundert 
Jahre als die Zeit angeben zu konnen - sie ist naturlich nur eine 
Durchschnittszahl, sie zeigt sich aber der Geistesforschung als 
diejenige Zeit, die da verlauft zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt -, bis die Seele durch eine neue Geburt wiederum ins 
Dasein tritt. 

Nun mussen wir uns vor alien Dingen dariiber unterrichten, dafi 
hinaufragt in diese geistige Welt alles dasjenige, was hier auf der Erde 
schon geistig ist. Wir haben ja gerade hervorgehoben, dafi dasjenige, 
was wir in unseren Geist hereinnehmen, draufien in der geistigen 
Welt schopferisch ist. Wir haben gesehen, dafi wir selber in einer ge- 
wissen Weise in dieser schopferischen Welt mit unserem Schopferi- 
schen drinnen sind. Diese geistige Welt, die draufien schopferisch 
ist, sie spiegelt sich in einer gewissen Weise in unserer eigenen Seele. 
Insofern unsere eigene Seele Geistiges erlebt, ein geistiges Leben 
durchlauft, sind auch die geistig-seelischen Erlebnisse unseres Innern 
Burger der geistigen Welt. Wie die geistige Welt in die physische her- 
unterragt, so ragt unser Geistiges hinauf in die allgemeine geistige 
Welt. Dadurch aber ist uns erklarlich, was die Geistesforschung be- 
hauptet : Was am Menschen ist in bezug auf seine verschiedenen We- 
sensglieder, das legt die aufieren Hiillen ab, und es bleibt das Geistige 
und wachst hinauf in die produktive geistige Welt; es ist uns auch er- 
klarlich, dafi auch die geistigen Verhaltnisse, alles Seelische, was sich 
hier in der physischen Welt abspielt, die aufieren Hiillen ablegt und 
in die geistige Welt hinauflebt. Nehmen wir die Liebe, die die Mut- 
ter hat zu ihrem Kinde. Diese wachst aus der physischen Welt her- 



aus. Sie tragt zunachst einen animalischen Charakter. Es sind Sym- 
pathies welche Mutter und Kind verbinden, welche eine Art von 
physischer Kraftwirkung sind. Dann aber lautert sich dasjenige, was 
aus der physischen Welt herauswachst, es veredelt sich die Liebe der 
beiden Wesenheiten; immer mehr und mehr seelisch-geistig wird 
diese Liebe. Alles, was der physischen Welt entspringt, wird ebenso 
abgeworfen im Tode wie die aufieren Hiillen. Dafiir bleibt aber auch 
alles dasjenige bestehen, was in dieser physisch-menschlichen Hiille 
an Seelischem, an Geistigem in dieser Liebe aufgebaut wird, ebenso 
wie das menschliche Innere selbst in die geistige Welt hineinlebt, so 
dafi die Liebe zwischen Mutter und Kind fortlebt in der geistigen 
Welt. Da finden sie sich wiederurn, jetzt nicht mehr begrenzt durch 
die Schranken der physischen Welt, sondern in jener geistigen Um- 
gebung, wo wir nicht die Dinge aufier uns haben, sondern wo wir in 
den Dingen leben und weben und sind, Daher mufi man sich dasje- 
nige, was da herrscht in der geistigen Welt, als das Resultat der in der 
physischen Welt begriindeten Liebe und Freundschaftsverhaltnisse 
vorstellen; man mufi sie sich so vorstellen, daft viel inniger verbun- 
den sind diejenigen, die in der geistigen Welt sich verbunden haben, 
als die Bande der Liebe, der Freundschaft, die geschlungen werden in 
der physischen Welt. Und unsinnig ist es, zu fragen, ob wir diejeni- 
gen, mit denen wir in Liebe und Freundschaft zusammenleben in 
der physischen Welt, nach dem Tode wieder erblicken. Wir er- 
blicken sie nicht nur, sondern wir leben in ihnen; wir sind sozusa- 
gen iiber sie ergossen. Und alles, was innerhalb der Schranken der 
Sinnenwelt gewoben wird, das erhalt erst seinen rechten Sinn, seine 
rechte Bedeutung, wenn wir mit dem geistigen Teil davon in die 
geistige Welt hinaufwachsen. 

So sehen wir die Vergeistigung nicht nur des Menschen, sondern 
der Menschheit in ihren edelsten Beziehungen in dem geistigen Lan- 
de, das der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt. Da bilden sich aber auch all die Impulse, die der Mensch 
hineingetragen hat in die geistige Welt, in lebendige Urbilder um. 
Wir sahen ja, dafi der Mensch hineinging in die geistige Welt mit ei- 
ner Essenz des Ather- oder Lebensleibes, das heilk mit einer Essenz 



all der Erlebnisse, die er gehabt hat zwischen der Geburt und dem 
Tode. Wir sehen den Menschen eintreten in die Geisteswelt mit je- 
nem machtigen Impulse, der ihn ausgleichen lafit, was er Unrechtes 
getan hat. Das webt der Mensch zusammen zu einem geistigen Ur- 
bild. Und die Zeit, die er verbringt in der geistigen Welt, die verlauft 
so, dafi dieses Urbild immer mehr und mehr gewoben wird so, dafi 
es die Friichte aus dem vorhergehenden Leben und den Drang, den 
Willen zur Ausgleichung seines Unrechtes, des Hafilichen, das er ge- 
tan hat, immer mehr und mehr einverwoben erhalt. Und so ist der 
Mensch in jener Zeit fahig, einerseits alles das, was er in fruheren Le- 
ben an Fahigkeiten sich erworben hat, jetzt in den Leib, der ihm bei 
der Wiederverkorperung zur Verfugung gestellt wird, plastisch hin- 
einzugestalten, andererseits wird der Mensch dadurch, dafi er in sein 
Urbild hineinverwoben hat den Drang, den Impuls, auszugleichen, 
was er Unrechtes, Hafiliches, Boses getan hat, angezogen von Ver- 
haltnissen, die ihm gestatten, dieses Unrecht, dieses Hafiliche, das er 
getan hat, wiederum auszugleichen. Wir treten durch die Geburt ins 
Dasein mit dem Willen, in solche Verhaltnisse hineinzukommen, 
die uns gestatten, Unvollkommenheiten unseres fruheren Lebens 
auszugleichen. So suchen wir durch einen verborgenen Willen in 
entsprechenden Fallen den Schmerz auf, wenn wir aus unserem vor- 
geburtlichen Drang heraus die unbewufite Erkenntnis haben, dafi 
nur die Uberwindung dieses Schmerzes uns gewisse Hindernisse, die 
wir uns fruher in den Weg gelegt haben, hinwegraumen kann. 

So sehen wir, wie der Mensch durch die geistige Welt schreitet, in 
der er schon vor der neuen Geburt seinen physischen Leib plastisch 
ausgestalten kann. Und jetzt sehen wir auch, wie dasjenige, was wir 
hineingewoben haben in unser Urbild, sich erst nach und nach mit 
unserem Leben nach der Geburt vereinigt. Denn der kennt das Le- 
ben nicht, der da glaubt, dafi im Kinde schon alles im Innern liegt, 
was sich an Fahigkeiten, an Seelenvermogen im Leben ausbildet. 
Wer das Leben richtig betrachten kann, sieht den Menschen durch 
die Geburt ins Dasein treten und sieht, wie der Mensch sich selber 
erst nach und nach im Leben findet, wie der Mensch in den ersten 
Jahren keineswegs schon vollstandig im Innern das hat, was er 



werden kann. Wir konnen das Leben viel besser verstehen, wenn 
wir sagen: Der Mensch vereinigt sich erst nach und nach mit dem- 
jenigen, was er als ein geistiges Urbild in dem Leben zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt gewoben hat, nach und nach wachst er 
damit zusammen, bis er im freien Wechselspiel der Auftenwelt ge- 
geniibertritt. - Wer das Leben ohne Vorurteile betrachtet, der kann 
sehen, wie der Mensch als Kind noch von der geistigen Atmosphare 
umschwebt wird, die er sich gewoben hat zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt, und wie er sich nach und nach an sein eigenes 
Urbild anpafk, das er noch nicht verwoben hat mit seiner Korper- 
lichkeit, die er bei der Geburt mitbringt. Wahrend das Tier schon 
von der Geburt an verwoben ist mit seinem Urbild, sehen wir den 
Menschen individuell und bestimmt erst hineinwachsen in das Ur- 
bild, das er sich durch die wiederholten Erdenleben bis zu diesem 
letzten herauf selber gewoben hat. Und wir verstehen dann das 
Physisch-Sinnliche des Menschenlebens am besten, wenn wir es so 
auffassen, dafi wir sagen : es ist uns wirklich wie die Schale eines Tie- 
res, einer Auster, die wir am Wege finden. Solange wir sie begreifen 
wollen als bloft zusammengebaut, meinetwegen aus Schlamm, so 
lange wird uns diese Schale nicht begreiflich werden konnen. Wenn 
wir aber voraussetzen, daft dasjenige, was an der Schale Schicht 
fur Schicht sich abgelagert zeigt, ausgeschieden ist von dem Innern 
eines Tieres, das diese Schale verlassen hat, dann verstehen wir das 
Gebilde. 

Das Leben des Menschen zwischen der Geburt und dem Tode, 
wir verstehen es nicht, wenn wir es bloft aus sich selber begreifen 
wollen, wenn wir es so begreifen wollen, dafi wir blofi dasjenige, 
was in der unmittelbaren Umgebung ist, zusammenziehen. Da kon- 
nen wir lange sagen, dafi der Mensch sich anpalk an Umgebung, 
Volk, Familie. Ebensowenig wie uns die Austernschale ohne Auster 
begreiflich wird, wird uns das menschliche Leben begreiflich sein, 
wenn wir es nur als aus seiner unmittelbaren Umgebung herausge- 
bildet betrachten. Hell und klar wird es aber, wenn wir vorausset- 
zen konnen, dafi der Mensch aus einer geistigen und seelischen Welt 
kommt und da$ er in dieser geistigen und seelischen Welt die Errun- 



genschaften, den Extrakt, die Friichte friiherer Leben verarbeitet 
hat, und dafi er sein neues Dasein mit Hilfe dieser Verarbeitung neu- 
gestaltet. So wird uns das Leben selbst erst begreiflich durch dasjeni- 
ge, was liber dem Leben liegt, so wird uns die physische Welt erst 
durch die geistige und seelische Welt begreiflich. 

Dies ist der Kreislauf des Menschen durch die Sinnen-, Seelen- und 
Geisteswelt. Erblicken wir den Menschen so, dann haben wir in sei- 
nem physisch-sinnlichen Leben gleichsam nur einen Teil seines voll- 
standigen Lebenskreislaufes. Und unsere Erkenntnis ist dann, wenn 
wir sie so im rechten Sinne betreiben, nicht blofi eine theoretische 
Erkenntnis, die uns dieses oder jenes sagt wie die aufiere Wissen- 
schaft, sondern sie ist eine Erkenntnis, die uns zu gleicher Zeit ob- 
jektiv zeigt, wie das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Ge- 
burt Sinn und Bedeutung erhalt, indem dasjenige, was wir hier ein- 
sammeln, in einer hoheren Welt seine Verarbeitung findet. Aus sol- 
cher Erkenntnis ersprieftt uns Wissen und Willenskraft fur das Le- 
ben, sprie£t uns Sinn und Bedeutung, Zuversicht und Hoffnung fur 
das Leben. Wir brauchen einer solchen Erkenntnis nicht etwa blofi 
zuzuschreiben, dafi wir trostlos blicken in vergangene Leben, von 
denen wir etwa sagen: Nun, da wird behauptet, dafi wir unseren 
Schmerz uns selber zubereitet haben. Zu dem Schmerz wird noch 
diese Trostlosigkeit hinzugefugt! - Nein, wir konnen uns sagen: 
Dieses Gesetz ist nicht blofi ein solches, das auf die Vergangenheit 
weist, sondern auch ein solches, das in die Zukunft weist, das uns 
zeigt, dafi iiberwundener Schmerz Kraftzuwachs ist, den wir ver- 
werten im neuen Leben, und je mehr wir arbeiten, je mehr wir 
Schmerz uberwunden haben, desto starker wird unsere Kraft sein. - 
Im Gliick kann man im hoheren Sinn nur leiden, es ist eine Erfiil- 
lung aus friiheren Leben. Im Schmerz kann man Krafte ausbilden, 
und die durch die Uberwindung des Schmerzes ausgebildeten Krafte 
bedeuten eine Steigerung fur das zukunftige Leben. Und wir schrei- 
ten getrost durch die Pforte des Todes, wenn wir wissen, dafS der 
Tod ins Leben hereingebracht sein mu£, damit sich dieses Leben 
von Stufe zu Stufe steigern kann. Damit erscheint es wohl gerecht- 
fertigt, wenn gesagt wird: Geisteswissenschaft in diesem Sinne ist 



nicht allein eine Theorie, sie ist Saft und Kraft fur das Leben, indem 
dasjenige, was unmittelbar in unser ganzes seelisches Dasein ein- 
fliefk, dieses gesund und kraftig und stark macht. - Geisteswissen- 
schaft ist dasjenige, was bewahrheitet die Worte, die einem jeden 
Geistesforscher und wohl jedem Menschen, der etwas erahnt von 
der geistigen Welt, in der Seele leben mussen als Wahrworte, als 
Leitworte fiir sein sich steigerndes, gesundes und kraftvolles Leben, 
das selbst in der Uberwindung des Schmerzes Kraftsteigerung er- 
blickt, bewahrheitet die Worte: 

Ratsel an Ratsel stellt sich im Raum, 
Ratsel an Ratsel lauft in der Zeit; 
Losung bringt der Geist nur, 
Der sich ergreift 
Jenseits von Raumesgrenzen 
Und jenseits vom Zeitenlauf. 



MAKROKOSMOS UND MIKROKOSMOS 



Die grofie und die kleine Welt 
Seelenfragen, Lebensfragen, Geistesfragen 



ERSTER VORTRAG 



Wien, 21. Marz 1910 



In diesem Vortragszyklus soil em Uberblick gegeben werden iiber 
die geisteswissenschaftlichen Forschungen, welche uns in den Stand 
setzen, die wichtigsten Ratsel des menschlichen Lebens zu durch- 
schauen, soweit das moglich ist nach Mafigabe derjenigen Bedingun- 
gen und Grenzen, die einem Begreifen der hoheren Welten in unse- 
rer Zeit nun schon einmal gesetzt sind. Und zwar soil ein solcher 
Uberblick dieses Mai so gegeben werden, dafi von Naherliegendem 
ausgegangen und von diesem Naherliegenden aus der Aufstieg ver- 
sucht wird in immer hohere Gebiete des Daseins und in immer ver- 
borgenere Ratsel des menschlichen Lebens. Nicht so sehr soil dieses 
Mai in der Darstellung von irgendwelchen feststehenden, wie Dog- 
men sich ausnehmenden Begriffen und Ideen ausgegangen werden, 
sondern es soli in moglichst einfacher Weise zuerst Bezug genom- 
men werden auf dasjenige, was jeder Mensch als etwas auch dem 
gewohnlichen Leben Naheliegendes empfinden mufi. 

Geistesforschung, Geisteswissenschaft iiberhaupt beruht ja dar- 
auf, dafi vorausgesetzt wird, derjenigen Welt, in der wir zunachst le- 
ben, die uns zunachst bekannt ist, liege eine andere, sagen wir, die 
geistige Welt zugrunde, und in dieser geistigen Welt, welche unserer 
sinnlichen und bis zu einem gewissen Grade auch unserer seelischen 
Welt zugrunde liegt, haben wir die eigentlichen Ursachen, die Be- 
dingungen zu demjenigen zu suchen, was in der sinnlichen und in 
der seelischen Welt eigentlich vorgeht. Nun ist es ja wohl alien hier 
Anwesenden bekannt, und es ist beriihrt worden in den einleitenden 
offentlichen Vortragen, dafi es bestimmte Methoden gibt, die der 
Mensch auf sein Seelenleben anwenden kann und durch die er gewis- 
se Fahigkeiten seiner Seele, die im gewohnlichen, normalen Leben 
schlummern, wachrufen kann, so dafi er den Augenblick der Ein- 
weihung oder Initiation erlebt, durch den er eine neue Welt, eben 
die Welt der geistigen Ursachen, der geistigen Bedingungen fur die 
sinnliche und seelische Welt so um sich herum hat, wie etwa der bis 



dahin Blinde nach der Operation die Welt der Farben und die Welt 
des Lichtes urn sich herum hat. Von dieser Welt, die also eigentlich 
diejenige ist, die wir von Stunde zu Stunde in diesem Zyklus von 
Vortr'agen immer mehr und mehr aufsuchen wollen, von dieser 
Welt geistiger Tatsachen und geistiger Wesenheiten ist ja der 
Mensch im heutigen normalen Leben getrennt. Und zwar ist der 
Mensch getrennt von dieser geistigen Welt nach zwei Seiten hin: 
nach derjenigen Seite hin, die wir die aufiere nennen konnen, aber 
auch nach derjenigen Seite hin, die wir die innere nennen konnen. 

Wenn der Mensch den Blick in die Aufienwelt richtet, so sieht er 
in dieser Auftenwelt dasjenige, was sich zunachst seinen Sinnen dar- 
bietet. Er sieht Farben, Licht, er hort Tone, er nimmt Warme und 
Kalte wahr, Geriiche, Geschmacke und so weiter. Das ist diejenige 
Welt, die den Menschen zunachst umgibt. Stellen wir uns einmal 
diese um uns liegende Welt vor, wie sie sich ausbreitet vor unseren 
Sinne, so konnen wir sagen : an ihr haben wir zunachst eine Art von 
Grenze, denn durch unmittelbare Wahrnehmung, durch unmittel- 
bares Erleben kann der Mensch nicht hinter diese Grenze schauen, 
die ihm gegeben ist durch die sich vor ihm ausbreitende Farben- und 
Lichtwelt, durch die Welt der Tone, Geriiche und so weiter. Er 
kann nicht hinter dieser Grenze wahrnehmen. Wir konnen es uns ja 
ganz, ich mochte sagen, trivial anschaulich machen, wie wir da nach 
aufien hin eine Grenze haben. Wir sehen uns eine meinetwillen blau 
bestrichene Flache an. Was zunachst hinter dieser blau bestrichenen 
Flache sich befindet, das sieht der Mensch unter gewohnlichen Ver- 
haltnissen nicht. Nun ja, gewifi! Ein Trivialling konnte einwenden, 
man brauche ja blofi dahinterzuschauen. Aber so verhalt es sich ja 
nicht in bezug auf diejenige Welt, die um uns herum ausgebreitet ist. 
Gerade durch dasjenige, was wir wahrnehmen, deckt sich uns eine 
aufiere geistige Welt zu, und wir konnen hochstens empfinden, dafi 
wir in Farbe und Licht, in Tonen, in Warme und Kalte und so 
weiter aufiere Offenbarungen einer dahinterliegenden Welt haben. 
Aber in einem gegebenen Augenblick konnen wir nicht durch die 
Farben, durch die Lichter, durch die Tone hindurch wahrnehmen, 
hindurch erleben dasjenige, was hinter ihnen ist. Wir miissen die 



ganze geistige Auftenwelt eben durch diese ihre Offenbarungen 
wahrnehmen. Denn Sie brauchen sich ja nur ein wenig zu iiberle- 
gen, so werden Sie auch durch einfachste Logik sich sagen konnen: 
Wenn auch zum Beispiel unsere gegenwartige Physik oder andere 
wissenschaftliche Bestrebungen hinter der Farbe bewegte Atherma- 
terie sehen, es kostet doch nur ein wenig Uberlegung, um sich zu sa- 
gen, daft dasjenige, was da hinter der Farbe angenommen wird, nur 
etwas Hinzugedachtes, etwas nur durch Denken Geschlossenes ist. 
Niemand kann dasjenige, was zum Beispiel die Physik erlautert als 
Schwingungen, als Bewegungen, von denen die Farbe eine Wirkung 
sei, direkt wahrnehmen. Niemand kann zunachst sagen, ob dasjeni- 
ge, was da hinter den sinnlichen Eindriicken sein soli, irgendeiner 
Wirklichkeit entspricht. Es ist zunachst etwas blofi Gedachtes. Wie 
ein Teppich breitet sich diese auftere sinnliche Welt aus, und wir ha- 
ben dann die Empfindung, daft hinter diesem Teppich der aufteren 
Sinneswelt etwas ist, in das wir zunachst mit der aufteren Wahrneh- 
mung nicht eindringen konnen. 

Da haben wir die eine Grenze. Die andere finden wir, wenn wir 
in uns selber hineinblicken. In uns selber finden wir eine Welt von 
Lust und Leid, von Freude und Schmerz, von Leidenschaften, Trie- 
ben, Begierden und so weiter; wir finden in uns alles dasjenige, was 
wir mit einem anderen Worte unser Seelenleben nennen. Wir fassen 
dieses Seelenleben gewohnlich so zusammen, daft wir sagen: Ich 
empfinde diese Lust, ich empfinde diesen Schmerz, ich habe diese 
Triebe, ich habe diese Leidenschaften. Aber wir haben wohl auch 
die Empfindung, daft hinter diesem Seelenleben sich irgend etwas 
verbirgt, daft dahinter irgend etwas steht, was ebenso durch unsere 
Seelenerlebnisse verdeckt wird, wie irgend etwas Aufteres verdeckt 
wird durch die sinnlichen Wahrnehmungen. Denn wer sollte sich 
daniber tauschen, daft Lust und Leid, Freude und Schmerz und all 
die anderen Seelenerlebnisse wie aus einem Unbekannten des Mor- 
gens beim Aufwachen aufsteigen, daft der Mensch ihnen in einer ge- 
wissen Weise hingegeben ist. Und wer konnte leugnen, wenn er in 
gewisser Selbstschau das alles vor sich hinstellt, daft da in ihm selber 
etwas Tieferes, etwas ihm zunachst Verborgenes sein muft, das wie 



aus sich herausstromen laftt unsere Lust und unser Leid, Freude und 
Schmerz und all unsere Seelenerlebnisse, die zunachst ebenso Offen- 
barungen sind eines Unbekannten, wie die aufteren sinnlichen 
Wahrnehmungen Offenbarungen eines Unbekannten sind. 

Nun fragen wir uns einmal : Wenn zwei solche Grenzen da sind - 
wenigstens zunachst vermutungs weise da sein konnen -, haben wir 
als Menschen nicht doch gewisse Moglichkeiten, diese Grenzen in 
irgendeiner Weise zu durchdringen ? Gibt es for den Menschen ir- 
gend etwas in seinem Erleben, durch das er sozusagen den aufteren 
Teppich der Wahrnehmungen durchdringt, wie wenn er ein Haut- 
chen durchdringen wtirde, das ihm etwas zudeckt, und gibt es etwas, 
was tiefer in das menschliche Innere hineinfohrt, hinter unsere Lust, 
hinter unseren Schmerz, hinter unsere Freude, hinter unsere Leiden- 
schaft und so weiter? Konnen wir gleichsam einen Ruck weiter in 
die Auftenwelt gehen, und konnen wir einen Ruck weiter in die 
Innenwelt gehen? 

Nun gibt es ja zwei Erlebnisse, durch die in der Tat so etwas be- 
wirkt wird, daft der Mensch sozusagen die Haut nach auften und den 
Widerstand nach innen in einer gewissen Weise besiegen kann. Wo- 
durch kann sich uns zeigen, daft so etwas wie das auftere Hautchen, 
wie der auftere Sinnesteppich von uns in einer gewissen Weise zerris- 
sen wird und wir in eine Welt eindringen, die verdeckt ist durch die- 
sen Schleier des aufteren Sinnesteppichs? Wie kann sich uns das zei- 
gen? Das kann sich uns zeigen, wenn wir in gewissen Lebensvorgan- 
gen etwas haben, was wir als neue Erlebnisse bezeichnen miissen ge- 
geniiber den gewohnlichen Erlebnissen des Tages. Wenn es so etwas 
gibt, was ganz neue Erlebnisse sind, was der Mensch gewohnlich 
nicht wahrnehmen kann, und wenn der Mensch wahrend solcher 
Erlebnisse auch das Gefohl haben kann, daft die aufteren Wahrneh- 
mungen, die uns durch die Sinne zukommen, hinunterschwinden, 
daft also der auftere Sinnesteppich gleichsam zerrissen wird, wenn das 
irgendwie der Fall ware, dann konnten wir sagen, wir dringen etwas 
in diese hinter unseren Sinneswahrnehmungen liegende Welt ein. 

Nun gibt es zunachst ein solches Erlebnis. Nur hat dieses Erlebnis 
einen ganz betrachtlichen Nachteil for das menschliche Gesamt- 



leben. Dieses Erlebnis ist dasjenige, was man, und zwar sei jetzt der 
Ausdruck im eigentlichen Sinne des Wortes gemeint, gewohnlich 
die Ekstase nennt, die einen Augenblick den Menschen, wenn wir so 
sagen diirfen, vergessen lafit, was um uns herum ist an Eindriicken 
der Sinnenwelt, die den Menschen so weit bringt, daft er fiir Augen- 
blicke des Daseins nichts sieht von demjenigen, was an Farbe, Licht, 
an Tonen, Geriichen und so weiter rings um ihn herum ist und un- 
empfanglich wird fiir die gewohnlichen sinnlichen Eindrixcke. Die- 
ses Erlebnis der Ekstase kann unter gewissen Umstanden allerdings 
den Menschen so weit bringen, dafi er neue Erlebnisse hat, Erlebnis- 
se, die in das gewohnliche Tageserleben nicht hereinfallen. Wohlge- 
merkt, es soli durchaus nicht diese Ekstase hier als etwas Erstrebens- 
wertes hingestellt werden, sondern sie soil nur geschildert werden 
als etwas, was moglich ist. Man darf auch nicht jedes gewohnliche 
Aufter-sich-Sein als eine Ekstase bezeichnen. Denn es ist zweierlei 
moglich. Das eine ist, daft der Mensch, wenn er die Empfanglichkeit 
verliert fur die aufteren sinnlichen Eindrixcke, einfach in einer Art 
Ohnmachtszustand ist, in dem sich um ihn herum an Stelle der Sin- 
neseindriicke schwarze Dunkelheit ausbreitet. Das ist sogar fiir den 
normalen Menschen im Grunde genommen zunachst das beste. Aber 
es gibt eine Ekstase, und wir werden im Laufe der Vortrage schon 
horen, welche Bedeutung solch eine Ekstase hat, durch welche nicht 
bloft schwarze Dunkelheit sich ausbreitet um den Menschen herum, 
sondern durch welche sich dieses Feld schwarzer Dunkelheit sozusa- 
gen bevolkert mit einer Welt, die der Mensch friiher gar nicht ge- 
kannt hat. Sagen Sie nicht, das kann eine Welt der Illusion sein, eine 
Welt der Tauschung. Schon, es sei zunachst eine Welt der Illusion, 
eine Welt der Tauschung. Nennen Sie es meinetwillen eine Summe 
von Nebelbildungen oder sonstwie, darauf kommt es jetzt nicht an, 
sondern es kommt darauf an - seien es Illusionen, seien es Bilder, 
was immer -, daft es in der Tat eine Welt sein kann, die der Mensch 
bisher nicht gekannt hat. Der Mensch mufi sich dann fragen: Bin 
ich denn imstande, nach alle dem, was ich mir an Fahigkeiten bisher 
angeeignet habe, mir aus meinem gewohnlichen Bewufttsein heraus 
solche Dinge selber aufzubauen? - Wenn die Bilderwelt, die er da 



sieht, so ist, dafi der Mensch sich sagen kann: Ich bin unfahig, nach 
meinen bisherigen Fahigkeiten, eine solche Welt aufzubauen - dann 
ist ihm klar, daft ihm diese Welt von irgendwoher gegeben sein 
mufi. Ob ihm in ihr irgendein gewaltiger Weltenzauberer Blend- 
werk vorzaubert oder ob sie eine Realitat ist, daruber sei hier noch 
nichts ausgemacht, daruber wollen wir spater die Entscheidung fal- 
len. Jetzt kommt es nur darauf an, dafi es Zustande gibt, in denen 
der Mensch Welten sieht, die ihm bisher unbekannt waren. 

Nun ist aber dieser ekstatische Zustand mit einem ganz besonde- 
ren Nachteil fur den normalen Menschen verbunden. Der Mensch 
kann namlich auf natiirliche Weise in diesen ekstatischen Zustand 
nicht anders kommen als dadurch, daft dasjenige, was er sonst sein 
Ich nennt, sein starkes inneres Selbst, wodurch er alle einzelnen Er- 
lebnisse immer zusammenhalt, wie ausgeloscht ist. Der Mensch, der 
in Ekstase ist, ist wirklich wie aufier sich, sein Ich ist wie unter- 
driickt. Er ist wie ausgegossen und ausgeflossen in die neue Welt, 
mit der sich da die schwarze Finsternis bevolkert. So also haben wir 
zunachst das eine Erlebnis zu schildern, das ist ein Erlebnis, das un- 
zahlige Menschen schon gehabt haben und haben konnen; wie sie es 
haben konnen und gehabt haben, davon im Verlaufe der Vortrage 
Weiteres. Und wir haben ein Zweifaches in diesem Erlebnis der Ek- 
stase vorliegen. Das eine ist: Es schwinden die Eindriicke der Sinne; 
alles, was der Mensch gewohnt ist, durch die Sinne wahrzunehmen, 
ist ausgeloscht; ausgeloscht sind die Erlebnisse, die der Mensch sonst 
hat gegeniiber der Sinneswelt, wo er empfindet : Ich ho re Tone, ich 
sehe Farben. - Ausgeloscht ist auch das Ich. Der Mensch erlebt sein 
Ich niemals im Zustande der Ekstase; er unterscheidet sich in der Ek- 
stase nicht von den Gegenstanden. Dadurch bleibt es auch zunachst 
noch unbestimmt, ob man es mit einer aufieren Wirklichkeit oder 
mit Blendwerk zu tun hat. Denn im Grunde genommen ist es nur 
das Ich, das die Entscheidung treffen kann, ob man es zu tun hat mit 
Gaukelei oder mit einer Realitat. 

Diese zwei Erlebnisse gehen also in der Ekstase parallel, der Ver- 
lust oder wenigstens die Herabminderung des Ich-Gefiihls, auf der 
einen Seite, und auf der andern Seite das Hinschwinden der aufieren 



Sinneswahrnehmung. Die Ekstase zeigt also wirklich, wie in der Tat 
der Teppich der Sinneswelt sich auflost, abbrockelt, und unser Ich, 
das wir sonst fiihlen, wie wenn es sich stofit an der Haut, an dem 
Teppich der aufieren Sinneswelt, nun durchfliefk durch die sinnli- 
chen Wahrnehmungen und in einer Welt von Bildern lebt, die ihm 
etwas Neues ist. Denn das ist das Charakteristische, dafi in der Ek- 
stase der Mensch Wesenheiten und Begebenheiten kennenlernt, die 
ihm fruher unbekannt waren, die er nirgends finden wiirde, wie 
weit er auch mit seinem sinnlichen Anschauen und mit dem Kombi- 
nieren uber die sinnlichen Tatsachen gehen wiirde; das ist das We- 
sentliche also, dafi der Mensch Neues kennenlernt. In welchem Ver- 
haltnis das zur Realitat steht, werden wir in den spateren Vortragen 
noch kennenlernen. 

So sehen wir in der Ekstase etwas wie ein Durchbrechen der au- 
fieren Grenze, die dem Menschen gegeben ist. Ob wir in der Ekstase 
in eine wahre Welt kommen, ob diese Welt diejenige ist, von der wir 
vermuten, dafi sie als Geistiges zugrunde liegt unserer sinnlichen 
Welt, das wird sich noch zeigen. 

Nun fragen wir nach der andern Seite, ob wir auch hinter unsere 
innere Welt kommen konnen, hinter die Welt unserer Lust, unseres 
Leides, unserer Freude, unseres Schmerzes, unserer Leidenschaften, 
Triebe und Begierden. Auch da gibt es einen Weg. Es gibt wiederum 
Erlebnisse, welche hinausfiihren aus dem Bereich des Seelenlebens, 
wenn wir dieses immer mehr und mehr in sich selbst vertiefen. Der 
Weg, der da beschritten wird, ist derjenige, den Sie ja auch kennen, 
es ist der Weg der sogenannten Mystik, der Weg vieler Mystiker. 
Das mystische Vertiefen besteht darin, dafi der Mensch zunachst ab- 
lenkt seine Aufmerksamkeit von den aufieren Eindriicken, dafi er 
sich dafiir aber um so mehr hingibt den eigenen inneren Seelenerleb- 
nissen, dafi er versucht, insbesondere aufzumerken auf dasjenige, 
was er in sich selber erlebt. Solche Mystiker, die die Kraft haben, 
nicht zu fragen nach den aufieren Veranlassungen ihres Interesses, 
ihrer Sympathie und Antipathie, nicht zu fragen nach den aufieren 
Veranlassungen ihres Schmerzes, ihrer Lust, sondern die lediglich 
auf dasjenige sehen, was da an Erlebnissen in der Seele auf und ab 



flutet, solche Mystiker dringen in der Tat auch. tiefer in das Seelen- 
leben ein. Sie haben dann ganz bestimmte Erlebnisse, welche sich 
unterscheiden von den gewohnlichen seelischen Erlebnissen. 

Ich schildere nun wiederum etwas, was unzahlige Menschen er- 
fahren haben und noch erfahren konnen. Ich schildere zunachst nur 
die Erfahrungen, die der Mensch macht, wenn er nur ein wenig iiber 
das normale Erleben hinausschreitet. Solche Erfahrungen bestehen 
zum Beispiel darin, dafi der Mystiker, der sich versenkt, gewisse Ge- 
fuhle und Empfindungen in sich selber umpragt, zu ganz anderen 
macht. Sagen wir zum Beispiel, wenn der gewohnliche, normale 
Mensch, der im Leben steht und der sehr weit entfernt ist von ir- 
gendwelchem mystischen Erleben, durch einen anderen Menschen 
einen Schlag erhalt, der ihm weh tut, dann richtet sich gewohnlich 
sein Gefuhl gegen diesen andern Menschen. Das ist ja das Natiirliche 
im Leben. Derjenige nun, der mystisch in sich selber sich versenkt, 
der bekommt durch sein Versenken selber ein anderes Gefuhl bei 
einem solchen Schlag. Also wohlgemerkt, ich schildere eine Erfah- 
rung; ich sage nicht, es soil so sein; ich schildere dasjenige, was ge- 
wisse Menschen, und es gibt deren viele, erleben. Sie bekommen das 
Gefuhl in sich: Du hattest diesen Schlag auf keinen Fall erhalten, 
wenn du nicht selber irgendwann einmal durch eine Tat in deinem 
Leben ihn verschuldet hattest. Es wiirde einfach der Mensch dir 
nicht in den Weg gebracht worden sein, wenn du nicht irgend etwas 
getan hattest, was die Ursache zu diesem Schlage ist. Du kannst da- 
her nicht berechtigterweise dein Gegengefuhl gegen diesen Men- 
schen richten, der eigentlich nur durch die Weltereignisse dir in den 
Weg gefuhrt worden ist, damit du den Schlag verspiiren kannst, den 
du verdient hast. - Solche Menschen bekommen dann, wenn sie alle 
ihre verschiedenen Seelenerlebnisse ganz aufierordentlich vertiefen, 
auch ein gewisses Gesamtgefuhl iiber das gesamte Seelenleben, und 
dieses Gesamtgefuhl laftt sich etwa so charakterisieren. Sie sagen 
sich : Ich habe viel Leid, viel Schmerz in mir, aber die habe ich selber 
irgendwann einmal verursacht. Ich mufi irgendwelche Dinge getan 
haben, ich mufi mich irgendwie verhalten haben; wenn es mir nicht 
erinnerlich ist, daft ich es in diesem Leben getan habe, nun, so ist es 



ja ganz klar, dafi es eben ein anderes Leben gegeben haben mu&, wo 
ich die Dinge getan habe, die ich jetzt ausgleiche durch mein Leid, 
durch meine Schmerzen. 

Es ist also so, dafi durch dieses Hinuntersteigen der Seele in sich 
selber die Seele ihre bisherigen Empfindungen andert und dafi sie so- 
zusagen mehr nun auf sich selbst ladt, mehr in sich sucht, was sie 
friiher in der Welt gesucht hat. Denn man sucht mehr in sich, wenn 
man sagt: Der Mensch, der mir den Schlag versetzt hat, ist mir in 
den Weg gebracht worden, weil ich selbst die Ursache dazu gegeben 
habe - als wenn man seine Empfindungen nach aufien richtet. Und 
so kommt es, dafi solche Menschen immer mehr und mehr in das ei- 
gene Innere abladen, gleichsam das innere Seelenleben immer mehr 
und mehr verdichten. Wie der Ekstatiker durch den Teppich der au- 
fieren Sinneswelt hindurchdringt und in eine Welt hineinblickt von 
Wesenheiten und Tatsachen, die ihm bisher unbekannt waren, so 
dringt der Mystiker unter sein gewohnliches Ich hinunter. Denn 
dieses gewohnliche Ich wendet sich gegen den Schlag, der von aufien 
kommt; der Mystiker aber dringt durch zu etwas, was diesem Schlag 
zugrunde liegt, zu dem, was die eigentliche Veranlassung gewesen ist 
zu dem Schlage. Damit gelangt der Mystiker allerdings dahin, dafi er 
allmahlich die Aufienwelt ganz aus dem Auge verliert. Er verliert 
uberhaupt den Begriff der Aufienwelt nach und nach und es vergro- 
fiert sich ihm gleichsam wie zu einer ganzen Welt sein eigenes Ich, 
dasjenige, was in seinem Innern ist. Ebensowenig wie wir heute zu- 
nachst schon entscheiden wollen, ob die Welt des Ekstatikers eine 
Realitat ist oder eine Phantasie, irgendein Blendwerk, ebensowenig 
wollen wir heute schon dariiber entscheiden, ob dasjenige, was da 
der Mystiker in seiner Seele findet unter dem Schleier der gewohnli- 
chen Seelenerlebnisse, irgend etwas ist, was eine Realitat ist oder 
nicht, ob er es selber ist, der verursacht hat, was ihm Schmerz be- 
reitet. Vielleicht ist das auch nur eine Traumerei, aber es ist ein 
Erlebnis, das der Mensch tatsachlich haben kann. Darauf kommt 
es an. Jedenfalls dringt da der Mensch auf der andern Seite in eine 
Welt ein, die ihm bisher unbekannt war. Das ist das Wesentliche. 
So dringt der Mensch nach der einen und nach der anderen Seite 



in eine Welt ein, die ihm bisher unbekannt war, nach aufien und 
nach innen. 

Uberlegen wir uns nun, was eben gesagt worden ist, daft der 
Mensch sein Ich verliert, wenn er ekstatisch wird, so werden wir uns 
sagen miissen: Dieser ekstatische Zustand ist somit nicht etwas, was 
fur den gewohnlichen Menschen etwas ganz Vorziigliches ist. Denn 
alle menschliche Orientierung in der Welt, alle Moglichkeit, in der 
Welt unsere Mission zu vollziehen, beruht darauf, daft wir in unse- 
rem Ich einen festen Mittelpunkt unseres Wesens haben. Wenn uns 
die Ekstase die Moglichkeit nimmt, dieses Ich zu fiihlen, dieses Ich 
zu erleben, dann haben wir uns durch die Ekstase zunachst selber 
verloren. Wenn nun auf der anderen Seite der Mystiker alles hinein- 
schiebt in das Ich, wenn er das Ich sozusagen zu dem Schuldigen fur 
alles, was wir empfinden, macht, dann hat das einen anderen Nach- 
teil. Dann hat das den Nachteil, daft wir alle Ursachen zu demjeni- 
gen, was geschieht in der Welt, zuletzt in uns suchen wiirden, und 
daft wir damit auch wiederum die gesunde Orientierung in der Welt 
verlieren wiirden. Denn wiirden wir das in Taten umsetzen, so wiir- 
den wir niemals etwas anderes tun als uns selber beladen mit lauter 
Schuld und uns nicht in das richtige Verhaltnis zur Auftenwelt 
setzen konnen. 

So also verlieren wir nach beiden Richtungen hin, mit der gewohn- 
lichen Ekstase und als gewohnliche Mystiker, die Fahigkeit der 
Orientierung in der Welt. Daher ist es gut, diirfen wir sagen, daft der 
Mensch sich sozusagen nach zwei Richtungen fortwahrend stoftt. 
Wenn er nach auften hin mit seinem Ich sich entfaltet, so stoftt er 
sich an den Sinneswahrnehmungen, die lassen ihn nicht durch bis zu 
dem, was hinter dem Schleier des Sinnenteppichs liegt, und das ist 
zunachst gut fur den Menschen, denn dadurch kann er im normalen 
Verhalten sein Ich aufrechterhalten. Und auf der anderen Seite las- 
sen ihn auch die Seelenerlebnisse im normalen Verhalten nicht 
durch unter das Ich hinunter, unter jene Gefuhle des Ich, die eben 
zum normalen Orientieren fiihren. Der Mensch ist eingeschlossen 
zwischen zwei Grenzen : er geht eine Weile hinaus in die Welt und 
wird da begrenzt; er geht hinein in das Seelenleben und erfahrt, was 



wir Lust und Leid, Freude und Schmerz und so weiter nennen, aber 
er dringt im normalen Leben eben nicht weiter als bis zu demjenigen, 
was ihm eine Orientierung im Leben moglich macht. 

Nun ist das, was da geschildert worden ist, sozusagen der Vergleich 
des gewohnlichen Zustandes mit den abnormen Zustanden, die eben 
in Ekstase oder in einer sich selbst verlierenden Mystik zu finden 
sind. Ekstase und Mystik sind abnorme Zustande. Aber es gibt im 
ganz gewohnlichen Menschenleben etwas, wo wir diese Zustande 
viel, viel deutlicher beobachten konnen, und das sind die gewohn- 
lichen Wechselzustande, die wir durchmachen in vierundzwanzig 
Stunden, den Wechselzustanden zwischen Wachen und Schlafen. 

Was tun wir eigentlich im Schlaf ? Nun, im Schlaf machen wir in 
der Tat genau dasselbe in einer gewissen Beziehung, was wir jetzt als 
einen abnormen Zustand geschildert haben in der Ekstase: wir ge- 
hen mit unserem eigentlichen inneren Leben nach aufien; wir ver- 
breiten den inneren Menschen in die Aufienwelt. Das ist in der Tat 
der Fall. So wie wir unser Ich gleichsam ergiefien nach aufien in der 
Ekstase, wie wir in der Ekstase unser Ich verlieren, so verlieren wir 
im Schlafe unser Ich-Bewufitsein. Aber wir verlieren mehr im Schla- 
fe, und das ist nun das Gute. In der Ekstase verlieren wir nur das Ich, 
aber wir behalten eine Welt um uns herum, eine Welt, die wir aller- 
dings vorher nicht gekannt haben, eine Welt von meinetwillen bis- 
her uns unbekannten Bildern, von geistigen Tatsachen und Wesen- 
heiten. Im Schlafe fehlt uns auch diese Welt, im Schlafe ist auch diese 
Welt nicht vorhanden. Somit also unterscheidet sich der Schlaf von 
der Ekstase dadurch, dafi der Mensch zum Ausloschen seines Ich 
auch noch dasjenige ausloscht, was man Wahrnehmungsfahigkeit 
nennt. Ob sie nun physisch oder geistig ist, im Schlafe loscht der 
Mensch die Fahigkeit, irgend etwas wahrzunehmen, iiberhaupt aus. 
Wahrend er in der Ekstase blofi das Ich ausloscht, loscht er im Schla- 
fe auch noch die Wahrnehmungsfahigkeit aus oder, wie wir mit 
Recht sagen, er loscht das Bewufttsein aus. Es ist das Bewufksein aus 
seinem menschlichen Erleben herausgegangen. Er hat hinergossen 
in die Welt eben nicht blofi das Ich, sondern er hat dieser Welt auch 
ubergeben sein Bewulksein. Dasjenige also, was im Schlafe fur den 



Menschen zuriickbleibt, das ist etwas, aus dem das Bewulksein und 
das Ich heraus sind. Somit haben wir im schlafenden Menschen, den 
wir im gewohnlichen Leben vor uns haben, etwas vor uns, was sich 
entledigt hat seines Bewufitsems und seines Ich. Und wohin ist das 
Bewufksein und ist das Ich gegangen? Wir konnen sogar auch diese 
Frage, nach der Schilderung der Ekstase, beantworten. Wenn bloft 
die Ekstase eintritt und nicht der Schlaf, dann ist um uns eine Welt 
von geistigen Wesenheiten und Tatsachen. Nehmen wir nun an, wir 
schalen auch noch unser Bewulksein heraus zu dem Ich, wir geben 
auch unser Bewulksein auf, in demselben Augenblick tritt schwarze 
Finsternis um uns herum ein - wir schlafen. So haben wir im Schlafe 
hingegeben unser Ich, wie in der Ekstase, und auch - und das cha- 
rakterisiert den Schlaf - unser Bewufksein. Daher konnen wir sagen : 
Der Schlaf des Menschen ist eine Art Ekstase, in der der Mensch 
nicht blofi mit seinem Ich aufier seinem Leibe ist, sondern in der er 
auch mit seinem Bewulksein aufier seinem Leibe ist. Was wir Ich 
nennen, das haben wir in der Ekstase hingegeben. Das ist ein Glied 
der menschlichen Wesenheit. Im Schlaf geht nun noch ein anderes 
hinaus, der Trager unserer Bewufkseinserscheinungen, das ist der 
astralische Leib. Da haben Sie einen zunachst ganz aus dem gewohn- 
lichen Leben gewonnenen Begriff dessen, was man in der Geistes- 
wissenschaft den astralischen Leib nennt. Das Ich ist dasjenige, was 
in dieser Ekstase aus dem physischen Leib herausgeht; wenn nun im 
Schlafe auch dasjenige herausgeht, was man astralischen Leib nennt, 
so ist dadurch ausgeloscht die Moglichkeit, ein Bewulksein zu haben. 

So haben wir den schlafenden Menschen darzustellen zunachst als 
einen Zusammenhang von demjenigen, was im Bette liegen bleibt, 
das wollen wir jetzt nicht weiter untersuchen. Im Bette bleibt etwas 
liegen, das man aufierlich wahrnimmt. Aber etwas ist aufter diesem 
schlafenden Menschen; etwas ist hingegeben an eine Welt, die zu- 
nachst eine Welt des Unbekannten ist. Hingegeben ist ein Glied der 
menschlichen Wesenheit, das auch in der Ekstase hingegeben ist: das 
ist das Ich. Hingegeben ist aber auch ein zweites Glied der menschli- 
chen Wesenheit, das in der Ekstase noch nicht hingegeben ist, und 
das ist der astralische Leib des Menschen. 



Nun zeigt uns also der Schlaf erne Art von Spaltung der menschli- 
chen Wesenheit. Der eigentlich innere Mensch, das menschliche Be- 
wulksein und das menschliche Ich trennen sich von dem aufieren 
Menschen ab, und dasjenige, was im Schlafe eintritt, das ist das, dafi 
der Mensch in einen Zustand kommt, in dem er nichts mehr weifi 
von all den Tageserlebnissen, in dem er nichts mehr in seinem Be- 
wufitsein hat von demjenigen, was durch die aufieren Eindriicke in 
dieses Bewufitsein eintritt. Der Mensch ist im Schlafe als innerer 
Mensch an eine Welt hingegeben, von der er eben kein Bewufksein 
hat; er ist in eine Welt ausgegossen, von der er nichts weifi. Nun be- 
zeichnet man aus einem gewissen Grunde, den wir noch zur Geniige 
kennenlernen werden, diejenige Welt, in der der innere Mensch ist, 
diejenige Welt also, die sein Ich und seinen astralischen Leib aufge- 
nommen hat, in der der Mensch so ist, dafi er vergessen hat alle Ein- 
driicke des Tages, als den Makrokosmos, als die grofie Welt. So dafi 
wir also sagen, und das sei zunachst eine Andeutung, wir werden die 
Berechtigung dieses Ausdruckes noch kennenlernen: Der Mensch 
ist, wahrend er schlaft, an den Makrokosmos hingegeben, in den 
Makrokosmos ausgegossen, nur weifi er davon nichts. 

In diesen Makrokosmos ausgegossen ist der Mensch auch schon 
wahrend der Ekstase; nur weifi er da etwas von diesem Zustand. Das 
ist das eigenartige der Ekstase, dafi der Mensch etwas erlebt, seien es 
Bilder, seien es Wirklichkeiten, was ausgebreitet ist um ihn herum, 
etwas, was sozusagen einen gewaltigen grofien Raum einnimmt und 
an das er sich wie hinverloren glaubt. Das erlebt er in der Ekstase. Er 
erlebt mit seinem Ich etwas wie ein Verlorensein dieses Ich, dafur 
aber ein Hingegossensein in ein Reich, das er bisher nicht gekannt 
hat. Dieses Hingegossensein in eine Welt, die sich unterscheidet von 
der gewohnlichen Alltagswelt, wo man sich nur an seinen Korper 
hingegeben fiihlt, dieses Hingegebensein an eine solche Welt berech- 
tigt schon, von vornherein zu sprechen von einer grofien Welt, von 
einem Makrokosmos, im Gegensatz zur kleinen Welt, in der wir 
mit unserem gewohnlichen Tageserlebnis leben. Da fuhlen wir uns 
in unsere Haut eingeschlossen. Das ist zunachst nur die oberflach- 
lichste Charakteristik dieser Leibeswelt. Wir sind dann, wenn wir in 



Ekstase sind, wie hineingewachsen in die grofte Welt, in den Makro- 
kosmos, wo auf Schritt und Tritt irgendwelche phantastische Ge- 
stalten vor uns aufsteigen - phantastische Gestalten, weil sie nicht 
ahnlich sind mit den Dingen in der physischen Welt. Wir konnen 
uns nicht von ihnen unterscheiden, wir wissen nicht, ob wir es nicht 
selber sind, was in diesen Gestalten lebt; wir fiihlen uns ausgedehnt 
in eine grofte Welt, in den Makrokosmos. Und wenn wir so die 
Ekstase erfassen, dann konnen wir auch, wenigstens vergleichs- 
weise, uns einen Begriff davon machen, warum wir unser Ich in der 
Ekstase verlieren. 

Denken Sie sich einmal dieses menschliche Ich verglichen mit 
einem Tropfen irgendeiner gefarbten Fliissigkeit. Nehmen wir nun 
an, wir haben ein ganz kleines Gefaft, gerade groft genug, daft es die- 
sen Tropfen aufnehmen kann, so wird dieser gefarbte Tropfen zu se- 
hen sein. Wenn wir nun diesen Tropfen nehmen und ihn vielleicht 
in ein groftes Bassin verteilen, das ganz mit Wasser angefiillt sei, da 
ist dann derselbe Tropfen im Wasser, aber wahrzunehmen ist nichts 
mehr von ihm. Wenn Sie diesen Vergleich anwenden auf das Ich, das 
sich ausdehnt in die grofte Welt, in den Makrokosmos, sich einfach 
hinergieftt in der Ekstase liber den Makrokosmos, so konnen Sie 
sich vorstellen, daft es sich immer schwacher und schwacher fiihlt, 
indem es immer grofter und grofter wird. Indem es sich hinergieftt 
iiber den Makrokosmos, verliert es die Fahigkeit, sich selbst wahr- 
zunehmen, wie der Tropfen sich verliert in dem groften Bassin. So 
begreifen wir, daft mit dem Ubergehen des Menschen an eine grofte 
Welt das Ich sich verliert. Es ist ja da; es ist nur ausgegossen iiber 
diese grofte Welt, daher weift es nichts von sich. 

Aber im Schlaf tritt noch etwas anderes Wichtiges fur den Men- 
schen ein. Das ist, daft der Mensch ja, solange er ein Bewufttsein hat, 
handelt. Nun hat er in der Ekstase ein Bewufttsein, aber nicht das 
sich orientierende Ich. Er handelt also aufter seinem Ich. Er kontrol- 
liert nicht seine Handlungen, er ist wie hingegeben an dasjenige, was 
die Eindriicke seines Bewufttseins sind. Das ist das Wesentliche der 
Ekstase, daft der Mensch zu irgendeinem Tun kommt und daft, 
wenn man einen solchen Menschen, der in der Ekstase handelt, von 



aulten kontrolliert, man ihn wie ausgewechselt findet. Man findet, 
er ist nicht eigentlich er; er handelt wie unter lauter anderen Ein- 
driicken, und weil dasjenige, was er da sieht, in der Regel eine Viel- 
heit ist - denn in der Ekstase treten viele Ereignisse auf -, so ist er 
bald an diese, bald an jene Wesenheit hingegeben und macht den 
Eindruck einer zerrissenen Wesenheit. Das ist das Charakteristische 
des Ekstatikers, und das ist die Gefahr der Ekstase. In der Ekstase ist 
zwar der Mensch an eine geistige Welt hingegeben, aber an eine gei- 
stige Welt der Vielheit, die ihn in bezug auf seine innere Wesenheit 
zerreilk. 

Nun aber, wenn wir den Schlaf betrachten, so miissen wir doch 
wohl schon aus der Schilderung gemerkt haben - es soli nicht etwa 
alles angegeben werden, was wir an Griinden dafur anfuhren 
konnen -, daft diese Welt, in die wir da eintreten, doch eine gewisse 
Realitat hat. Man kann eine Welt so lange leugnen, solange man 
keine Wirkungen von ihr verspiirt. Sie konnen mit jemandem vor 
einer Wand stehen. Der Betreffende behauptet: M'mter der Wand 
steht einer. - Sie konnen das fur sich so lange nicht glauben, solange 
der hinter der Wand nicht klopft; aber sobald der klopft, so operie- 
ren Sie nicht mit der gesunden Vernunft, wenn Sie ableugnen, daft 
einer hinter der Wand stehe. Sobald Sie Wirkungen von einer Welt 
wahrnehmen, so hort die Moglichkeit auf, diese Welt als blofie 
Phantasie anzusehen. Gibt es nun Wirkungen aus derjenigen Welt 
heraus, die wir in der Ekstase noch sehen, die im Schlaf aber fur den 
gewohniichen, normalen Menschen ausgeloscht ist? Nun, von der 
Wirkung aus dieser Welt heraus kann sich jeder iiberzeugen, wenn 
er am Morgen aufwacht. Wenn man am Abend einschlaft, ist man 
miide, man hat Krafte sozusagen verbraucht. Diese miissen ersetzt 
werden. Mit Kraften, mit denen man abends nicht einschlaft, wacht 
man des Morgens auf. Wahrend welcher Zeit hat man sie sich also 
angeeignet? Nun, man hat sie sich angeeignet wahrend derjenigen 
Zeit, die verflossen ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Also 
wahrend man hingegeben ist im Schlaf mit astralischem Leib und 
Ich an diejenige Welt, die man in der Ekstase noch sieht, die im 
Schlafe aber fur den gewohniichen, normalen Menschen ausgeloscht 



ist, saugt man aus dieser Welt selber heraus diejenigen Krafte, die 
man braucht fur das Tagesleben. Die kommen aus dieser Welt her- 
aus. Man braucht den Schlaf; weil man aus dieser selben Welt, die 
man in der Ekstase sieht, im Schlafe aber nicht, diejenigen Krafte 
heraussaugen mufi, die man fur das Tagesleben braucht. Was Sie sich 
fur genauere Vorstellungen daruber machen, das ist fur unseren heu- 
tigen Zweck zunachst gleichgultig; aber wichtig ist es, dafi diese 
Welt, die wir sehen in der Ekstase, die aber fur das gewohnliche Be- 
wufttsein im Schlafe ausgeloscht ist, sich darstellt als diejenige Welt, 
aus der die Krafte herausstromen, mit der wir die Miidigkeit weg- 
schaffen, die am Abend da ist. Das ist also gerade so wie bei dem 
Klopfenden in unserem Beispiel, der hinter der Wand steht, den wir 
zwar nicht sehen, von dem wir aber Wirkungen wahrnehmen. Wir 
nehmen an jedem Morgen wahr die Wirkungen derjenigen Welt, die 
wir in der Ekstase sehen und im Schlafe nicht sehen. Wo aber eine 
Welt ist, die Wirkungen zeigt, da konnen wir auch nicht mehr von 
ihrer Irrealitat sprechen. Die Welt, die wir in der Ekstase sehen, die 
aber im Schlafe ausgeloscht ist fur das gewohnliche Bewufksein, sie 
zeigt uns Wirkungen in das gewohnliche Tagesleben herein. Also 
werden wir nicht mehr von ihrer Irrealitat sprechen konnen. 

So also sprechen wir davon, dafi wir aus derselben Welt, in die 
wir hineinschauen in der Ekstase und die fur das gewohnliche Be- 
wufitsein ausgeloscht ist im Schlafe, die fur das Tagesleben starken- 
den Krafte heraussaugen. Das aber machen wir unter ganz besonde- 
ren Umstanden. Wir machen es unter den Umstanden, dafi wir uns 
selber, wenn wir uns so ausdriicken durfen, bei diesem Heraussau- 
gen der Krafte, bei diesem Ergiefien der Krafte aus einer geistigen 
Welt, dabei nicht zuschauen. Das ist das Wesentliche des Schlafes, 
daft wir in dem Schlaf etwas vollbringen, und dafi wir uns bei dieser 
Tatigkeit nicht zuschauen. Wenn wir uns zuschauen wiirden bei die- 
ser Tatigkeit, so wiirden wir uns iiberzeugen, dafi wir es viel schlech- 
ter machen wiirden als wir es machen, wenn wir mit unserem 
Bewufttsein nicht dabei sind. Es gibt ja schon im gewohnlichen All- 
tagsleben Dinge, von denen man sagen mufi: Finger weg davon! -, 
denn manche Menschen machen die Dinge nur schlechter, wenn sie 



sie anriihren. In derselben Lage ist der Mensch, wenn die Krafte 
durch den nachtlichen Schlaf ersetzt werden miissen, die am Tage 
vorher verbraucht worden sind. Ware der Mensch dabei, konnte er 
sich zuschauen bei jener schwierigen Operation, die da vollzogen 
wird, wenn die verbrauchten Krafte wieder ersetzt werden, konnte 
er selber mittun, nun, da wiirde etwas Schemes herauskommen; da 
wiirde er die ganze Prozedur griindlich verderben, weil er eben heu- 
te noch nicht fahig ist dazu. So also tritt tatsachlich das Segensvolle 
ein, dafi der Mensch in dem Augenblicke, wo er, wenn er selbst da- 
bei ware, an seiner Fortentwickelung etwas verderben konnte, das 
Bewufitsein entrissen bekommt, dafi er sein eigenes Dasein vergifit. 

So also schreiten wir im Einschlafen, durch das Vergessen unseres 
eigenen Daseins in diese grofie Welt, in den Makrokosmos hinein. 
Der Mensch tritt jeden Abend beim Einschlafen aus seiner kleinen 
Welt, aus seinem Mikrokosmos in die grofie Welt, in den Makrokos- 
mos hinaus und vereinigt sich, indem er seinen astralischen Leib und 
sein Ich ausgiefit in den Makrokosmos, mit diesem Makrokosmos, 
mit der grofien Welt. Aber weil er im heutigen Verlaufe seines Le- 
bens nur fahig ist, in der Welt des Tageslebens zu wirken, so hort 
sein Bewufitsein auf in dem Momente, wo er den Makrokosmos be- 
tritt. Das driickte die Geheimwissenschaft immer dadurch aus, dafi 
sie sagte : Zwischen dem Leben im Mikrokosmos und dem Leben im 
Makrokosmos liegt der Strom der Vergessenheit. Der Mensch 
dringt auf dem Strom der Vergessenheit in den Makrokosmos, in die 
grofie Welt, indem er mit dem Einschlafen aus dem Mikrokosmos in 
den Makrokosmos hiniiberlebt. So konnen wir also sagen, dafi der 
Mensch, wenn er des Abends einschlaft, hiniibertritt in eine andere 
Welt, in den Makrokosmos, in die grofie Welt, und dafi dieses Hin- 
iibertreten sich so charakterisiert, dafi der Mensch zwei Glieder sei- 
ner Wesenheit an diese grofie Welt, an den Makrokosmos, jede 
Nacht abgibt, den Astralleib und das Ich. 

Nun betrachten wir demgegentiber den Moment des Aufwachens. 
Dieser Moment des Aufwachens besteht darin, dafi der Mensch wie- 
derum anfangt zu erleben erstens seine Lust, sein Leid, seine Freude, 
seinen Schmerz, alles das, was er an Trieben und Begierden und so 



weiter in den verflossenen Tagen erlebt hat. Das erlebt er heute nach 
und nach wieder; das ist das erste. Das zweite aber, das ihm wieder- 
ersteht beim Aufwachen, das ist sein Ich-Bewufcein. Aus dem un- 
bestimmten Dunkel des menschlichen Erlebens wahrend des Schla- 
fens treten mit dem Aufwachen heraus die Seelenerlebnisse und das 
Ich. Nun haben wir, wenn der Mensch aufwacht, einmal uns zu sa- 
gen: Ja, hatte der Mensch nur dasjenige an sich, was in der Nacht im 
Bette liegen geblieben ist, wahrend er schlaft, dann wiirde der 
Mensch nicht Schmerz leiden, er wiirde nicht Freude und Lust und 
alles dasjenige, was seine Seelenerlebnisse sind, erleben konnen. - 
Das konnte er nicht, der Mensch. Denn dasjenige, was da liegt im 
Bette, ist im wahren Sinn des Wortes wie eine Pflanze: es lebt wie 
eine Pflanze, es erlebt nicht solche Erlebnisse wie Freude und 
Schmerz und so weiter. Aber dasjenige, was der innere Mensch ist, 
das erlebt ja in der Nacht auch nicht solche Erlebnisse, und dennoch 
ist dieser innere Mensch der Trager der Seelenerlebnisse. Nicht das- 
jenige, was im Bette liegt, hat Leid und Schmerz, hat Lust und Freu- 
de, sondern dasjenige, das beim Einschlafen hinausgegangen ist in 
die grofte Welt, in den Makrokosmos. Daraus konnen wir ersehen, 
daft zu dem Erleben von Lust und Leid, von Freude und Schmerz, 
von Trieben, Begierden, Leidenschaften, von Sympathie und Anti- 
pathie, aufter dem astralischen Leib noch etwas anderes notwendig 
ist, namlich, daft er untertauchen mufi in dasjenige, was der aufiere 
Mensch ist, was eben im Bette liegengeblieben ist. Wenn der Mensch 
nicht untertaucht in dasjenige, was im Bette liegengeblieben ist, so 
fuhlt er nicht seine inneren Seelenerlebnisse. Wir konnen also sagen : 
Dasjenige, was wir ausgegossen haben in der Nacht in den Makro- 
kosmos, in die grofie Welt, das wird uns im normalen menschlichen 
Leben dadurch erst wahrnehmbar, dafi wir des Morgens untertau- 
chen in das, was im Bette liegengeblieben ist. 

Nun ist das wiederum ein Zweifaches, in das wir da untertauchen. 
Das eine, in das wir da untertauchen, wenn wir des Morgens aufwa- 
chen, ist dasjenige, was wir sozusagen nur erleben als inneres Leben. 
Wir erleben wahrend des Tages die auf- und abwogenden Empfin- 
dungen und Gefuhle, die Interessen, die Sympathien und Antipa- 



thien, wir erleben die Seelenerlebnisse. Wir konnen sie wahrend der 
Nacht nicht erleben, sondern wir konnen sie nur erleben, wenn wir 
uns gleichsam stofien, wenn wir eintauchen in dasjenige, was 
im Bette liegengeblieben ist wahrend des Schlafes. 

Aber wenn wir da hineintauchen, dann erleben wir nicht nur un- 
sere Seelenerlebnisse, sondern wir erleben audi die aufiere Welt der 
Sinneseindrucke. Wir erleben nicht nur die Freude zum Beispiel an 
der Rose, wir erleben auch das Rot der Rose. Die Freude an der Ro- 
se ist ein inneres Erlebnis; die rote Farbe der Rose ist etwas, was 
drauften ist. So ist es mit allem, was wir erleben wahrend des ge- 
wdhnlichen Tagwachens. Uberall erleben wir ein Zweifaches: Wir 
tauchen unter in unsere Leiblichkeit, und indem wir untertauchen, 
spiegeln sich uns entgegen, kommen uns entgegen wie ein Echo un- 
sere inneren Seelenerlebnisse; aber auch eine aufiere Welt tritt auf, 
wenn wir beim Aufwachen untertauchen in das, was im Bette wah- 
rend des Schlafes liegengeblieben ist. Daher muft dasjenige, was im 
Bette liegt im Schlafe, aus zwei Gliedern bestehen: ein Glied muE 
gleichsam spiegeln dasjenige, was wir innerlich erleben, und ein 
Glied mufi uns moglich machen, gleichsam uns selbst zu durchdrin- 
gen und in die Aufienwelt hinaus als eine wirkliche zu sehen. Also es 
kann keine Einheit sein, was im Bette liegengeblieben ist wahrend 
des Schlafes; es mull ein Zweifaches sein. Ware nur eines da, so wiir- 
den wir, wenn wir hineinschliipfen beim Aufwachen, nur eine inne- 
re Welt erleben, oder wir wiirden nur eine aufiere Welt erleben. Es 
wiirde nur ein Panorama vor uns ausgebreitet sein, oder aber wir 
wiirden nur innerlich auf- und absteigen haben Lust und Leid, Freu- 
de und Schmerz und so weiter. Wir haben aber beides, nicht nur das 
eine oder das andere. Wir tauchen da ein in den aufteren Menschen, 
der im Bette liegenbleibt wahrend des Schlafes, und zwar tauchen 
wir so ein, dafi wir eine innere Welt vor uns hingezaubert finden 
und eine aufiere Welt. Wir tauchen also nicht in eine Einheit, son- 
dern in eine Zweiheit ein. So wie es eine Zweiheit war, was wir aus- 
gegossen haben in den Makrokosmos mit dem Einschlafen, so drin- 
gen wir beim Aufwachen in den Mikrokosmos ein, und dieser ist 
ebenfalls eine Zweiheit. Was uns befahigt, ein inneres Seelenleben 



zu erleben, das nennen wir den Ather- oder Lebensleib; und dasjeni- 
ge, was uns befahigt, ein aufteres Tableau der Sinneswelt zu haben, 
das ist der physische Leib. So ist dasjenige, was im Bette liegt wah- 
rend des Schlafes, aus zwei Gliedern bestehend, aus dem physischen 
Leib und dem Ather- oder Lebensleib. Wiirden wir nur in den phy- 
sischen Leib eindringen, wenn wir des Morgens aufwachen, so wiir- 
den wir einem aufieren Tableau gegeniiberstehen, aber wir waren in- 
nerlich leer und ode, wir hatten keine Lust, keinen Schmerz, kein 
Interesse an all dem, was da um uns ist und vorgeht, wir sttinden 
kalt und seelenlos dem Tableau der Sinneswelt gegeniiber. So ware 
es, wenn wir blofi in unseren physischen Leib einzogen. Wenn wir 
blofi in unseren Ather- oder Lebensleib einzogen, dann wiirden wir 
keine Aufienwelt vor uns haben, sondern wir wiirden eine Welt von 
Lust und Leid, von Freude und Schmerz und so weiter haben, die 
auf- und absteigen wiirde; wir wiirden es keiner AuEenwelt zu- 
schreiben konnen, wir hatten einfach eine Gefiihlswelt, die auf- und 
absprudelte. 

Daraus sehen wir, dafi wir dann, wenn wir des Morgens beim 
Aufwachen untertauchen in unseren aufieren Menschen, in ein 
Zweigliedriges untertauchen, untertauchen in ein solches, das wir 
bezeichnen als einen Spiegeler unserer Innenwelt, den Ather- oder 
Lebensleib, und untertauchen in dasjenige, was wir bezeichnen als 
den Verursacher des aufieren Sinnenteppichs, des aufieren Tableaus, 
das ist der physische Leib. 

Damit haben wir gezeigt aus wirklich vorhandenen Erlebnissen 
heraus, dafi wir ein gewisses Recht haben, beim Menschen zu spre- 
chen von einer viergliedrigen Wesenheit, von vier Gliedern der 
menschlichen Wesenheit, von denen zwei Glieder im Schlafe dem 
Makrokosmos, der grofien Welt, angehoren, das Ich und der astrali- 
sche Leib. Im Wachen gehoren diese zwei Glieder der menschlichen 
Wesenheit, das Ich und der astralische Leib, dem Mikrokosmos an, 
der kleinen Welt, die in die menschliche Haut eingeschlossen ist. So 
verlauft das menschliche Leben so, dafi der Mensch wechselweise 
lebt im Mikrokosmos und im Makrokosmos. Jeden Morgen tritt er 
in den Mikrokosmos ein. Diese kleine Welt, der Mikrokosmos, ist 



die Ursache unserer taglichen Erlebnisse vom Morgen, wenn wir 
aufwachen, bis zum Abend, wenn wir einschlafen. Und die Tatsa- 
che, dafi wir im Schlafe mit unserem astralischen Leibe und dem Ich 
ausgegossen sind in die ganze grofie Welt, in den Makrokosmos, wie 
ein Tropfen ausgegossen ist in den Inhalt eines grofien Bassins, das 
ist die Ursache, dafi wir im Momente, wo wir hinaustreten aus dem 
Mikrokosmos, aus der kleinen Welt, durchgehen miissen durch den 
Strom der Vergessenheit. 

Nun konnen wir uns noch die Frage vorlegen: Wodurch kann 
denn der Mensch, wenn er mystisch sich vertieft, in einer gewissen 
Weise, jenen Zustand herbeifuhren, welchen wir am Anfang unseres 
Vortrags charakterisiert haben ? - Wir haben die Ekstase verstanden 
dadurch, dafi da das Ich ausgegossen ist in den Makrokosmos und 
der astralische Leib im Mikrokosmos im physischen Leib darinnen- 
geblieben ist. Wenn wir so die Sache fassen, so verstehen wir die Ek- 
stase. Die Ekstase ist einfach ein Ergossensein des Ich in den Makro- 
kosmos, wahrend der astralische Leib im Mikrokosmos drinnenge- 
blieben ist. Worin besteht denn nun dasjenige, was wir im Anfang 
der heutigen Betrachtung als einen mystischen Zustand geschildert 
haben? Dieser mystische Zustand besteht in folgendem: Unser Le- 
ben in dem physischen und in dem Ather- oder Lebensleib, im Mi- 
krokosmos, in der kleinen Welt, vom Morgen beim Aufwachen bis 
zum Abend beim Einschlafen, ist ein hochst Eigentiimliches. Wir 
gehen nicht etwa in unseren Ather- oder Lebensleib und in unseren 
physischen Leib so hinunter des Morgens beim Aufwachen, dafi wir 
den Atherleib und den physischen Leib wahrnehmen wiirden; wir 
nehmen nicht das Innere unseres physischen und unseres Atherlei- 
bes wahr, trotzdem wir hineinsteigen. Unser physischer und unser 
Atherleib machen moglich unser Seelenleben und unser aufieres 
Wahrnehmen; das ermoglichen uns diese beiden Glieder der 
menschlichen Wesenheit. Warum nehmen wir denn unser Seelenle- 
ben wahr, wenn wir des Morgens aufwachen? Gerade aus dem 
Grunde nehmen wir unser Seelenleben wahr, weil uns der Ather- 
oder Lebensleib nicht gestattet, wirklich sein Inneres wahrzunehmen. 
Geradesowenig wie uns der Spiegel gestattet, dasjenige zu sehen, was 



hinter ihm ist und uns gerade deshalb ermoglicht, uns selber darin 
zu sehen, so ist es mit unserem Ather- oder Lebensleib. Unser 
Atherleib spiegelt unser Seelenleben zuriick. Er laftt uns nicht dasje- 
nige, was in ihm drinnen ist, wahrnehmen, sondern er spiegelt uns 
unser Seelenleben zuriick. Weil er es uns zuriickspiegelt, so er- 
scheint er uns als der eigentliche Verursacher unseres Seelenlebens. 
Er erweist sich fur uns als undurchdringlich, wir durchblicken sein 
Inner es nicht. Das ist gerade das eigenartige des menschlichen Ather- 
oder Lebensleibes, daft wir nicht in ihn hineindringen, sondern daft 
er uns unser eigenes Seelenleben zuruckwirft. Das aber ist beim My- 
stiker der Fall durch jene starke Ausbildung des Seelenlebens. Durch 
dasjenige, was er an innerer Versenkung erlebt, gelingt es ihm bis zu 
einem gewissen Grade, in diesen Ather- oder Lebensleib hineinzu- 
dringen, nicht bloft das Spiegelbild zu sehen, sondern sich tatsach- 
lich einzubohren in den Mikrokosmos. Dadurch, daft er sich in die- 
se kleine Welt, in diesen Mikrokosmos, einbohrt, erlebt er in sich 
selber dasjenige, was sonst der Mensch im normalen Zustande im 
Aufteren erlebt, was sonst iiber die Auftenwelt ergossen ist. Er er- 
lebt, wahrend sonst der Mensch zum Beispiel einen Schlag abwehrt, 
daft er sich gleichsam in sich hineinbohrt und die Ursache zu dem 
Schlage in sich selber sucht. Der Mystiker also bohrt sich bis zu ei- 
nem gewissen Grade in seinen Atherleib hinein, er dringt durch jene 
Schwelle durch, durch welche sonst das Seelenleben gespiegelt wird 
und dringt in das Innere seines Ather- oder Lebensleibes hinein. 
Und das sind Vorgange in seinem eigenen Atherleib, welche der My- 
stiker erlebt, wenn er jene Schwelle durchschreitet, durch welche 
sonst das Seelenleben gespiegelt wird. Dann aber, wenn er diese 
Schwelle uberschreitet, erlebt der Mystiker in der Tat etwas, was in 
gewissem Sinne ahnlich ist dem Verlust des Ich durch die Ekstase. 
Das Ich ist gleichsam verdiinnt worden, indem der Mensch es bei der 
Ekstase hinausergossen hat in den Makrokosmos, in die ganze grofte 
Welt. Jetzt, bei der mystischen Versenkung, bohrt der Mensch sein 
eigenes Innere in den Atherleib hinein. Dadurch verdichtet das Ich 
sich jetzt. Und in der Tat erlebt der Mensch diese Verdichtung seines 
Ich dadurch, daft dasjenige aufhort, was beim gewohnlichen Ich das 



Herrschende ist, namlich das Orientierungsvermogen durch den an 
das Gehirn gebundenen Verstand und die Sinne, und dafi er durch ge- 
wisse innere Gefiihle die Impulse erhalt zu seinem Handeln. Beim My- 
stiker ist alles, was aufsteigt, tiefstes inneres Erlebnis, weil die Dinge 
direkt aus seinem Ather- oder Lebensleib herauskommen, die andere 
Menschen nur durch den Atherleib gespiegelt erhalten. Das sind die 
Griinde, warum der Mystiker solch starke innere Erlebnisse hat, 
weil er sich einbohrt in das Innere seines Ather- oder Lebensleibes. 

Wahrend also der Ekstatiker sich verbreitet liber den Makrokos- 
mos, verengt sich der Mystiker mit seiner inneren Wesenheit in den 
Mikrokosmos hinein. Und nun zeigt sich etwas hochst Merkwiirdi- 
ges. Beide Erlebnisse, das des Ekstatikers, wenn er gewisse Ereignisse 
und Wesenheiten draufien sieht, und das des Mystikers, wenn er ge- 
wisse Gefiihle innerlich erlebt, die man sonst nicht erleben kann, 
stehen in einem gewissen Verhaltnis, das man in folgender Weise 
charakterisieren kann : Unsere Welt, die wir sehen mit unseren Au- 
gen und die wir horen mit unseren Ohren, erregt in uns gewisse Ge- 
fiihle von Lust und Schmerz und so weiter -, das fiihlen wir, daft das 
im normalen Leben zusammengehort. Der eine Mensch kann sich 
mehr freuen iiber die Dinge und Geschehnisse der Aufienwelt, der 
andere weniger; aber das sind nur Gradunterschiede, das sind keine 
solchen Unterschiede wie die in dem furchtbaren, vehementen 
Schmerz und wiederum in den Verzuckungen des Mystikers gegen- 
iiber dem gewohnlichen Erleben. Da sind allerdings gewaltige Un- 
terschiede vorhanden zwischen dem, was der gewohnliche Mensch 
erleben kann, und dem, was der Mystiker erlebt an inneren Seligkei- 
ten und an inneren Verzuckungen und Qualen. Das ist ein gewalti- 
ger Unterschied in der Qualitat. Ebenso ist ein gewaltiger Unter- 
schied zwischen dem, was der gewohnliche Mensch mit seinen 
Augen sehen und mit seinen Ohren horen kann, und dem, was der 
Ekstatiker wahrnimmt, wenn er einer Welt hingegeben ist, die nicht 
ahnlich ist der Sinnenwelt. Wenn man den Ekstatiker aber beschrei- 
ben lassen wiirde seine Welt und dann den Mystiker anhorte und ihn 
beschreiben lassen wiirde seine Seligkeiten und Verzuckungen und 
Qualen, dann wiirde man sagen konnen: Ja, durch solche Wesen- 



heiten und Tatsachen, wie sie der Ekstatiker sieht, kann dasjenige 
hervorgerufen werden, was der Mystiker erlebt. Wenn man auf der 
anderen Seite den Mystiker horen wiirde, dann wiirde man sagen: 
So etwas ware auch moglich, wenn man die Erlebnisse des Ekstatikers 
hat; man konnte glauben, der Ekstatiker beschreibe diese Welt. 

So wie die Welt des Mystikers real, subjektiv real ist, das heifit so, 
daft er sie wirklich sieht, so sind es auch die Wesenheiten des Ekstati- 
kers. Ob sie nun objektiv real sind oder nicht, das lassen wir heute 
dahingestellt sein. Das eine aber konnen wir heute sagen: Illusion 
oder Wirklichkeit, gleichgiiltig, der Ekstatiker sieht eine Welt, eine 
Welt, die anders ist, als dasjenige ist, was man in der sinnlichen Welt 
wahrnehmen kann, und der Mystiker erlebt Gefuhle, Seligkeiten, 
Verziickungen und Qualen, die sich mit nichts vergleichen lassen, 
was der gewohnliche Mensch erlebt. Beide Welten sind nur fur ge- 
wisse Menschen da. Nur sieht der Mystiker nicht die Welt des Ek- 
statikers und der Ekstatiker erlebt nicht die Welt des Mystikers. Bei- 
de Welten sind unabhangig voneinander. Ein Dritter aber kann die 
eine der beiden Welten durch die andere begreifen. Das ist ein 
hochst sonderbares Verhaltnis, daft sich eine Welt durch die andere 
erklart, dafi die beiden Welten zusammenstimmen. 

Damit haben wir auf einen gewissen Zusammenhang hmgewiesen 
zwischen der Welt des Mystikers und der des Ekstatikers und haben 
gezeigt, wie der Mensch sozusagen stolk an die Welt des Geistes 
nach aufien und stolk an die Welt des Geistes nach innen. 

Das, was wir heute nur beschrieben haben, wird fur Sie noch in 
der Luft hangen. Es wird nun unsere Aufgabe sein, die Fragen zu be- 
antworten: Inwieweit konnen wir iiberhaupt in eine reale Welt hin- 
eingelangen, wenn wir den Teppich der aufieren Sinneswelt durch- 
dringen ? Inwieweit ist es moglich, iiber die Welt des Ekstatikers hin- 
auszukommen, um in eine wirkliche geistige Welt nach auften hin- 
einzudringen? Und inwieweit ist es moglich, unter die innere Welt 
des Mystikers hinunterzudringen und dort eine wahre geistige Welt 
zu finden? - Die Wege, die in die geistige Welt hineinfuhren durch 
Makrokosmos und Mikrokosmos, die werden wir in den nachsten 
Tagen immer genauer und genauer zu beschreiben haben. 



ZWEITER VORTRAG 



Wien, 22. Marz 1910 



Im allgemeinen ist schon angedeutet worden, welches das Verhaltnis 
ist zwischen dem Wachzustand und dem Schlafzustand des Men- 
schen, und es ist gesagt worden, dafi der Mensch aus dem Schlafzu- 
stand heraus sich die Krafte holt, die er wahrend des Wachzustandes 
braucht, um sein Seelenleben aufzubauen. Nun sind diese Dinge ei- 
gentlich viel komplizierter, als man gewohnlich denkt, und wir wer- 
den heute einiges Genauere iiber den Unterschied zwischen dem 
menschlichen Wach- und dem Schlafzustand vom Gesichtspunkte 
der Geistesforschung aus zu sagen haben. Ich bemerke nur gleich- 
sam nebenbei, wie in einer Art Parenthese, dafi wir hier davon abse- 
hen konnen, all die mehr oder weniger interessanten Hypothesen zu 
beriihren oder aufzuzahlen, welche die Physiologie der Gegenwart 
aufgestellt hat, um den Unterschied zwischen Schlaf- und Wachzu- 
stand zu erklaren. Das konnte ja sehr leicht geschehen, wurde uns 
aber nur von der eigentlichen geisteswissenschaftlichen Betrachtung 
dieser Zustande ablenken. Es braucht hochstens gesagt zu werden, 
dafi ja die gewohnliche heutige Wissenschaft, wenn sie den Men- 
schen im Schlafzustande vor sich hat, eigentlich nur das vom Men- 
schen betrachtet, was in der physischen Welt zuruckgebheben ist, 
was wir gestern charakterisieren konnten als den physischen Leib 
und den Ather- oder Lebensleib des Menschen. Dieser physischen 
Wissenschaft ist ja das vollstandig fremd - und man braucht sie des- 
halb nicht abzuurteilen, sie hat ein gewisses Recht, ihren Stand- 
punkt in einseitiger Weise geltend zu machen -, was nur fur die Gei- 
stesforschung, fur den geoffneten Blick des Sehers, eine Wirklichkeit 
bedeuten kann, namlich dasjenige, was sich im Einschlafen heraus- 
hebt aus dem Ather- oder Lebensleib und dem physischen Leib des 
Menschen, und was wir gestern charakterisieren konnten als das 
menschliche Ich und den astralischen Leib. Dieses menschliche Ich 
und der astralische Leib sind also, wahrend der Mensch schlaft, in 
einer geistigen Welt, wahrend sie dann, wenn der Mensch wacht, in 



der physischen Welt sind, gleichsam untergetaucht in den physi- 
schen Leib und den Ather- oder Lebensleib. 

Nun wollen wir einmal diesen schlafenden Menschen betrachten. 
Es ist ja ganz natiirlich, dafi fur das normale menschliche Bewufk- 
sein der Schlafzustand etwas Einheitliches ist, das man nicht weiter 
untersucht. Man fragt ja im gewohnlichen Leben nicht, ob nun, 
wenn der Mensch in der Nacht in einer geistigen Welt ist, dann 
mehrere Einflusse, mehrere Krafte sich auf seine leibbefreite Seele 
geltend machen oder nur eine einheitliche Kraft? Ist der Mensch, 
wenn er in der geistigen Welt ist, nur einer Kraft ausgesetzt, die die 
geistige Welt ganz durchdringt, oder konnen wir unterscheiden zwi- 
schen verschiedenen Kraften, denen der Mensch wahrend des Schlaf- 
zustandes ausgesetzt ist ? - Ja, wir konnen nun ganz genau verschie- 
dene Einflusse voneinander unterscheiden, die sich auf den Menschen 
geltend machen, wahrend er schlaft - wohlgemerkt, also jetzt nicht 
auf das geltend machen zunachst, was im Bette liegenbleibt, sondern 
auf dasjenige, was sich als das eigentlich Seelische des Menschen, als 
sein astralischer Leib und sein Ich, herausbegeben hat aus diesem 
aufieren Menschen, der im Bette liegenbleibt. 

Nun wollen wir uns einmal durch naheliegende Erfahrungen und 
Tatsachen hinfuhren auf die verschiedenen Einflusse, die auf den 
schlafenden Menschen ausgeiibt werden. Dasjenige, was der Mensch 
im Einschlafen erlebt, braucht er nur einmal genauer zu beobachten, 
dann kann er an sich bemerken, dafi gleichsam jene innere Aktivitat, 
jede Tatigkeit zu erlahmen beginnt, durch die er wahrend des Tag- 
wachens seine Glieder bewegt, durch die er alles dasjenige ausfuhrt, 
was wir nennen konnen, mit Hilfe unserer Seele unseren Leib in Be- 
wegung setzen. Wer ein wenig Selbstschau halten wird im Momente 
des Einschlafens, der wird merken, dafi so etwas eintritt wie die 
Empfindung: Ich kann jetzt nicht mehr jene Herrschaft ausiiben 
iiber meine eigenen Glieder. - Es beginnt sich der aufieren Tatigkei- 
ten eine Art von Ohnmacht zu bemachtigen. Der Mensch wird zu- 
nachst sich unfahig fiihlen, durch seinen Willen die Bewegung seiner 
Glieder zu lenken, und er wird im Momente des Einschlafens keine 
Herrschaft ausiiben konnen iiber das, was wir die Sprache nennen. 



Das ist ja das erste, was der Mensch fiihlt nach jenem wie ohnmach- 
tigen Zustand, seine Glieder zu bewegen, dafi er sich unfahig fiihlt, 
die Herrschaft auszuiiben iiber die Sprache. Dann fiihlt der Mensch 
nach und nach auch, wie ihm die Moglichkeit entschwindet, mit der 
Aufienwelt uberhaupt in irgendeinen Zusammenhang zu treten. 
Alle die Eindriicke des Tages, sie schwinden dann nach und nach 
dahin. Dann horen nach und nach die Empfindungsfahigkeiten fur 
den Geschmack und den Geruch und zuallerletzt die Fahigkeit des 
Horens auf. In diesem allmahlichen Ohnmachtigwerden der inneren 
Seelentatigkeit verspiirt der Mensch das Heraustreten aus seiner leib- 
lichen Hiille. 

Damit haben wir aber schon einen ersten Einflufi charakterisiert, 
welcher auf den Menschen bewirkt wird wahrend des Schlafzustan- 
des, den Einflufi, der den Menschen gewissermafien heraustreibt aus 
seinen Leibern. Es wird derjenige, der Selbstschau halt, verspiiren, 
wie das eine Macht ist, die iiber ihn kommt, denn im gewohnlichen 
normalen Zustand des Lebens befiehlt sich ja der Mensch nicht: Du 
sollst jetzt einschlafen, du sollst jetzt aufhoren zu sprechen, zu 
schmecken, zu riechen, zu horen -, sondern das ist wie eine Macht, 
die sich im Menschen geltend macht. Das ist der erste Einflufi aus je- 
ner Welt, in der der Mensch des Abends untertaucht, das ist der Ein- 
flufi, der ihn sozusagen heraustreibt aus seinem physischen Leib und 
Ather- oder Lebensleib. Aber wenn dieser Einfluft allein sich geltend 
machen wiirde wahrend des Schlafes, was wiirde dann mit dem 
Menschen geschehen? Dann wiirde beim Menschen normalerweise 
immer ein absolut ruhiger, durch nichts gestorter Schlaf eintreten. 
Aber wir wissen ja, dafi im gewohnlichen normalen Leben keines- 
wegs nur dieser normale, durch nichts gestorte Schlaf vorhanden ist, 
sondern dafi es eine zweifache Moglichkeit gibt, dafi dieser Schlaf in 
einer anderen Form sich geltend macht. Wir kennen alle einen Zu- 
stand, den wir als den Traumzustand bezeichnen, wo sich mehr 
oder weniger chaotische oder mehr oder weniger deutliche Bilder, 
Traumbilder, hereindrangen in das Schlafleben. Wiirde nur der erste 
Einflufi geltend sein auf den menschlichen Schlaf, der den Menschen 
wie herausreifit aus seinem Bewulksein in eine geistige Welt hinein, 



dann wiirde immer nur dasjenige vorhanden sein konnen, was wir 
einen durch keinen Traum gestorten Schlaf nennen. So dafi wir un- 
terscheiden konnen jenen Einfluft, welcher das Bewufitsein einfach 
ausloscht, indem er uns heraustreibt aus unserer aufieren Leibeshul- 
le, und jenen Einflufi, der uns in dem leibfreien Zustande die 
Traumwelt vor die Seele gaukelt, der hineindrangt in unser Schlaf- 
leben die Welt des Traumes. 

Das ist aber nicht die einzige Art, wodurch der normale Schlaf 
beim Menschen eine andere Gestalt annehmen kann. Es gibt noch 
eine dritte Art. Diese dritte Art tritt allerdings nur bei einer gerin- 
gen Anzahl von Menschen auf, aber ein jeder weifi, dafi sie immer- 
hin bei einer gewissen Anzahl von Menschen vorhanden ist: diese 
dritte Art ist die, wenn der Mensch anfangt, ohne ein Bewulksein 
davon zu haben, aus dem Schlaf heraus zu sprechen oder gewisse 
Handlungen zu vollfuhren. Gewohnlich weift ja dann der Mensch 
am Tage nichts von den Antrieben, die ihn zu solchen Schlafhand- 
lungen gefuhrt haben. Es kann sich solches Handeln im Schlaf bis zu 
demjenigen steigern, was im gewohnlichen Leben das Nachtwan- 
deln genannt wird. In einzelnen Fallen hat der Mensch etwa auch, 
wahrend er nachtwandelt, in seinen Schlafzustand gewisse Traume 
hereingeriickt, aber in der Mehrzahl der Falle ist das gar nicht der 
Fall, sondern da handelt und spricht der Schlafwandler, ohne dafi er 
in seinem Seelenleben Traume hat. Er handelt dann in gewissem Sin- 
ne wie ein Automat, unter dunklen Antrieben, deren er sich nicht 
einmal traumhaft bewufk zu sein braucht. Diese Handlungen, wo 
der Mensch aus dem Schlafe heraus gewissermafien mit der Auften- 
welt in Beriihrung tritt wie wahrend des Tageslebens - nur ist es 
wahrend des Tageslebens bewufk und wahrend der Nacht unbe- 
wufit -, diese Handlungen unterliegen einem dritten Einfluft, wel- 
cher wahrend des Schlafes auf den Menschen tatig ist. 

So konnen wir fur den Schlafzustand drei deutlich zu unterschei- 
dende Einfliisse auf den inneren Menschen, der von dem aufieren 
wahrend des Schlafes getrennt ist, konstatieren. Diese drei Einfliisse, 
denen der Mensch ausgesetzt ist wahrend des Schlafes, sind immer 
da, und die Geisteswissenschaft kann durch Mittel, die wir noch 



kennenlernen werden im Laufe der Vortrage, wirklich erforschen, 
dafi sie bei jedem Menschen vorhanden sind. Nur iiberwiegt bei der 
weitaus grofken Anzahl der Menschen der erste Einflufi so, dafi sie 
doch den grofiten Teil ihrer Schlafenszeit in traumlosem ruhigem 
Schlaf verbringen. Dann tritt ja fast fur alle Menschen der zweite 
Einflufi immerhin ab und zu ein, daft sich in ihr Schlafbewufitsein 
hereindrangt der Traumzustand. Aber diese beiden Zustande wir- 
ken fur die weitaus meisten Menschen so stark, dafi das Sprechen 
und Handeln aus dem Schlaf e heraus zu den Seltenheiten gehort. 
Aber es ist auch der dritte Einflufi, der beim Nachtwandler auftritt, 
bei jedem Menschen vorhanden. Nur ist beim Schlafwandler der 
dritte Einflufi so stark, dafi er die beiden anderen iibertont und die 
Herrschaft gewinnt iiber die beiden schwacheren Einflusse, wah- 
rend bei den anderen Menschen eben die zwei anderen Einflusse so 
stark sind, dafi der dritte Einflufi gar nicht zur Geltung kommt und 
den Menschen nicht zu irgendwelchen Handlungen treibt. Aber 
vorhanden ist er bei jedem Menschen. Jeder Mensch ist dazu veran- 
lagt, diesen drei Einflussen zu unterliegen. 

Diese drei Einflusse hat man nun immer in dem Forschen der 
Geisteswissenschaft voneinander unterschieden, und wir miissen in- 
nerhalb des Seelenlebens des Menschen drei Gebiete annehmen, wel- 
che so sind, dafi das eine Gebiet mehr dem einen, das zweite Gebiet 
mehr dem zweiten und das dritte mehr dem dritten Einflufi unterlie- 
gen kann. Die Seele des Menschen ist also ein dreigeteiltes Wesen, 
denn sie kann dreierlei Einflussen unterliegen. Nun bezeichnet man 
denjenigen Teil der menschlichen Seele, welcher dem ersten charak- 
terisierten Einflufi unterliegt, der uberhaupt die menschliche Seele 
heraustreibt aus den Leibeshiillen, in der Geisteswissenschaft als die 
Empfindungsseele. Denjenigen Teil der Seele, auf welchen sich der 
Einflufi geltend macht, der an zweiter Stelle charakterisiert worden 
ist, der die Traumbilder hereindrangt in das menschliche Seelenle- 
ben wahrend der Nacht, den bezeichnet man als Verstandes- oder 
Gemlitsseele. Und denjenigen Teil der menschlichen Seele, der also 
fur die meisten Menschen uberhaupt seine eigenartige Natur im 
Schlaf esleben gar nicht kundgibt, weil die beiden anderen Einflusse 



tiberwiegen, bezeichnet man als Bewufitseinsseele. So haben wir 
wahrend der Schlafenszeit des Menschen drei Einfliisse zu unter- 
scheiden, und die drei Glieder des Seelenlebens, die diesen drei Ein- 
flussen unterliegen, unterscheiden wir als Empfindungsseele, als 
Verstandes- oder Gemiitsseele und als Bewulkseinsseele. Wenn also 
der Mensch durch die eine Macht, die wir geschildert haben, in den 
traumlosen ruhigen Schlaf versetzt wird, dann geschieht aus der Welt 
heraus, in die er eintritt, ein Einfluft auf seine Empfindungsseele. 
Wenn der Mensch seinen Schlaf durchsetzt erhalt mit den Bildern 
der Traumwelt, dann geschieht ein Einflufi auf seine Verstandes- 
oder Gemiitsseele, und wenn er gar anfangt, in der Nacht zu spre- 
chen oder aus dem Schlafe heraus zu handeln, dann geschieht ein 
Einflufi auf seine Bewuikseinsseele. 

Nun haben wir aber damit nur die eine Seite des menschlichen 
Seelenlebens wahrend des Schlafes geschildert. Wir miissen auch 
noch die andere Seite dieses Schlaflebens schildern, die nun in dem 
Entgegengesetzten besteht. Wir haben den einschlafenden Men- 
schen geschildert, betrachten wir jetzt den aufwachenden Men- 
schen, der aus dem Schlafesleben wiederum in die physische Welt 
zuruckkehrt. Was geht denn da eigentlich vor mit dem Menschen, 
der am Morgen beim Aufwachen wiederum in die physische Welt 
zuruckkehrt? Am Abend war es so, daft ihn eine gewisse Macht her- 
ausgetrieben hat aus seinem physischen Leib und seinem Ather- oder 
Lebensleib. Diese Macht ist am Abend dadurch befahigt zum Her- 
austreiben, weil der Mensch ihr zuerst unterliegt. Er unterliegt in 
spateren Stadien seines Schlafes den beiden anderen Einflussen, den 
Einflussen auf die Verstandes- oder Gemiitsseele und auf die Be- 
wufitseinsseele. Wenn aber diese Einfliisse stattgefunden haben, 
dann ist der Mensch etwas anderes, als er vorher war. Der Mensch 
verandert sich wahrend des Schlaflebens, und die Veranderung zeigt 
sich einfach dadurch, dafi der Mensch am Abend ermiidet ist und 
heraus mu!5 aus seinen Leibeshiillen und dafi er am Morgen nicht 
mehr ermiidet ist und die Fahigkeit hat zuriickzukehren. Dasjenige, 
was mit ihm wahrend des Schlafes geschehen ist, gibt ihm die Fahig- 
keit, wiederum zuriickzukehren in sein Leibesleben. Derselbe Ein- 



flufS, der sich in gewissen abnormen Zustanden in unserer Traum- 
welt geltend macht, der wirkt auch wahrend des ganzen Schlaf- 
lebens auf den Menschen, auch dann, wenn keine Traume vorhanden 
sind; und auch der dritte Einflufi ist immer vorhanden, der beim 
Nachtwandler zum Vorschein kommt und sich bei anderen Men- 
schen nur nicht auslebt. Alle diese Einflusse machen sich geltend 
wahrend des Schlaflebens. Wenn sich letztere beiden Einflusse, der- 
jenige auf die Verstandes- oder Gemiitsseele und der auf die Bewufit- 
seinsseele, geltend gemacht haben, dann ist der Mensch gestarkt und 
gekraftigt, er hat aus der geistigen Welt heraus jene Krafte gesogen 
und gezogen, welche er braucht im nachsten Tagesleben, um die au- 
fiere physische Welt wiederum zu erkennen und zu genieften. Es ist 
vorzugsweise der Einflufi auf die Verstandes- oder Gemiitsseele und 
auf die Bewufkseinsseele, die den Menschen in der Nacht kraftigen. 
Dann aber, wenn er gekraftigt ist, ist es derselbe Einflufi, der den 
Menschen herausgetrieben hat aus dem Leibesleben, nur macht er 
sich jetzt in umgekehrter Weise geltend, welcher den Menschen am 
Morgen beim Aufwachen wieder zuriickfuhrt in seinen physischen 
und Atherleib hinein. Dieselbe Macht, die den Menschen des 
Abends herausgetrieben hat, bringt ihn des Morgens wieder zuriick, 
es ist der Einflufi auf die Empfindungsseele. Alles, was wir als den 
Inhalt der Empfindungsseele bezeichnen miissen, war am Abend er- 
mattet, miide. Wie fiihlen wir in unserer Empfindungsseele am 
Abend? Das konnen wir uns leicht vor die Seele stellen: Wenn wir 
frisch in das Tagesleben hineinleben, dann interessieren uns die Ein- 
driicke der physischen Welt, die Eindriicke von Farbe, Licht, alle 
Gegenstande um uns herum, sie erfullen uns mit Sympathie und An- 
tipathie und bereiten uns Freude, Lust und Schmerz. Wir sind hin- 
gegeben an die aufiere Welt. Was fiihlt Freude, Schmerz, Leid, Lust, 
was nimmt Interesse in uns an den aufieren Gegenstanden, was ist 
gleichsam in uns entzundet, wenn wir mit unseren Empfindungen 
hingegeben sind an die aufiere Welt? Das ist eben die Empfindungs- 
seele. Und diese lebendige Teilnahme an der aufieren Welt fiihlen 
wir ermattet, wie gelahmt, wenn wir die Notwendigkeit des Ein- 
schlafens fiihlen. Dasselbe, was wir am Abend gelahmt fiihlen, fiihlen 



wir am Morgen gestarkt, erfrischt. Wir wachsen hinein in den ge- 
wohnlichen Tageszustand, wir fuhlen, dafi dieselben Erscheinungen 
der Empfindungsseele, die am Abend wie gelahmt waren, wiederum 
frisch auftreten, in erneuerter Gestalt sich geltend machen. Daraus 
erkennen wir, daft es dieselbe Macht ist, die uns am Abend herausge- 
fiihrt hat und die am Morgen die erwachende Seele wiederum in den 
Leib hineinfiihrt, denn was wir am Abend sozusagen ersterben fiih- 
len, fuhlen wir am Morgen wie neugeboren. Sie hat denselben Cha- 
rakter, nur bewegt sie sich das eine Mai in der einen, das andere Mai 
in der entgegengesetzten Richtung. 

Wenn wir uns eine Zeichnung davon machen wollen, so konnen 
wir dies so machen. Ich bemerke ausdriicklich, da/5 das eine schema- 
tische Zeichnung sein soli. Ich will den Moment des Einschlafens, 
den Moment, wo der Mensch herausgetrieben wird in das Unbe- 
wufitsein hinein, dadurch bezeichnen, dafi ich hier einen Punkt 
setze, und das Hineinbegeben in den Schlafzustand dadurch, dafi ich 
eine Linie nach oben zeichne, und das Aufwachen am Morgen wie 
ein Zuriickkommen aus dem Zustande, in dem der Mensch wahrend 
der Nacht ist. Den Gang des Lebens wahrend des Tages wiirde ich 
dann mit dieser unteren Linie bezeichnen und das Hineingehen wie- 
derum in den Schlafzustand mit dieser Linie, so dafi wir mit dieser 
Schleifenlinie charakterisiert haben wiirden zunachst den Zustand 
des Wachens, dann den Zustand des Schlafens. Der obere Teil soli 
den Zustand des Schlafens bezeichnen, der untere den des Wachens. 
Dann konnen wir, wenn wir den Moment des Einschlafens ins Auge 
fassen, sagen, es wirkt aus der geistigen Welt heraus hier eine Kraft, 
die uns hineinzieht; die wollen wir bezeichnen mit dem ersten Drit- 
tel dieser Linie. Wenn wir in Traume verfallen, wollen wir den Ein- 
flufi, der dann auf unsere Verstandes- oder Gemiitsseele ausgeubt 
wird, mit dem zweiten Drittel der Linie bezeichnen. Jenen Zustand, 
wo eine Kraft wirken wiirde auf die Bewufitseinsseele, diesen dritten 
Einflufi, den wiirden wir bezeichnen mit dem dritten Teile des Vier- 
tels der gesamten Linie. Wir wiirden dann gleichsam am Morgen 
dieselbe Kraft haben, die uns hier hineingezogen hat, wie eine uns 
aus dem Schlafleben herausstofiende und in das Tagesleben hinein- 




fiihrende Kraft. Das wiirde entsprechen derselben Kraft, die auf die 
Empfindungsseele wirkt. Und in derselben Weise wiirden wir hier 
haben jene Kraft, die auf die Verstandes- oder Gemutsseele wirkt. 
Und hier der ganze Raum, sowohl der erste wie der zweite Teil, 
wiirde den Einflufi auf die Bewufitseinsseele bedeuten. So dafi der 
Mensch wahrend der Nacht sozusagen eine Art von Kreislauf durch- 
lauft. Indem er sich vom Einschlafen gleichsam in die Mitte jenes 
Zustandes bewegt, die zwischen Einschlafen und Aufwachen liegt, 
bewegt er sich jenem Einflufi zu, wo am starksten wirkt die Kraft 
auf seine Bewufkseinsseele. Von jenem Punkt ab bewegt er sich wie- 
der der Kraft entgegen, die wiederum auf seine Empfindungsseele 
wirkt und ihn in den Wachzustand zuriickbringt. 

Wir haben also drei Krafte, die auf den Menschen wahrend des 
Schlafzustandes wirken. Diese drei Krafte haben seit alten Zeiten in 
der Geisteswissenschaft ganz bestimmte Namen, und ich bitte Sie 
jetzt, bei diesen Namen nichts anderes zunachst zu denken, als was 



eben geschildert worden ist. Sie kennen diese Namen nauirlich, aber 
ich bitte Sie, an gar nichts anderes zu denken als an Namen, die den 
betreffenden Kraften gegeben werden, die in der Nacht auf diese drei 
Teile der menschlichen Seele wirken. Denn in der Tat ist es so: 
Wenn Sie zuriickgehen wiirden in alte Zeiten, so waren diese drei 
Namen diesen drei Kraften gegeben, und wenn diese jetzt gebraucht 
werden fur andere Dinge, so sind sie nicht urspriinglich, sondern 
entlehnt. Urspriinglich sind diese Namen diesen drei Kraften gege- 
ben. Diejenige Kraft, die auf die Empfindungsseele beim Einschlafen 
und Aufwachen wirkt, bezeichnete man mit einem Namen, wel- 
cher in alten Sprachen sich decken wiirde mit dem Worte Mars. 
(Wahrend der folgenden Ausfiihrungen werden der Zeichnung von 
Seite 69 die Namen Mars, Jupiter usw. hinzugefiigt; siehe Zeichnung 
Seite 75.) Mars ist nichts anderes als ein Name fur diejenige Kraft, 
die auf die Empfindungsseele wirkt, welche des Abends den Men- 
schen heraustreibt aus seinen Leibeshiillen und des Morgens wieder- 
um hineinschickt. Diejenige Kraft, welche wirkt auf die Verstandes- 
oder Gemutsseele, nach dem Einschlafen und vor dem Aufwachen, 
sie ist jene Kraft, welche die Welt der Traume hineintreibt in die 
Verstandes- oder Gemutsseele -, diese Kraft fiihrt den Namen, der 
sich decken wiirde mit dem Worte Jupiter. Und diejenige Kraft, wel- 
che in besonderen Verhaltnissen den Menschen zum Nachtwandler 
machen wiirde, die also wahrend des Schlafzustandes auf des Men- 
schen Bewufkseinsseele wirkt, die tragt im Sinne der alten Geistes- 
wissenschaft den Namen Saturn. So dal$ man also im Sinne der Gei- 
steswissenschaft redet, wenn man sagen wiirde, Mars hat den Men- 
schen eingeschlafert, Jupiter hat dem Menschen Traume in seinen 
Schlaf geschickt, und der dunkle finstere Saturn ist die Ursache, 
die den Menschen, der seinem Einflusse nicht widerstehen kann, in 
seinem Schlafe aufriittelt und zu unbewufken Handlungen treibt. 
Bei diesen Namen diirfen Sie also nicht an das denken, was sie im 
Sinne der gewohnlichen Astronomie bedeuten. Vorlaufig wollen 
wir ihre urspriinglichen Bedeutungen nehmen, welche Krafte be- 
zeichnen, die durchaus geistiger Art sind und die auf den Men- 
schen wirken, wenn er aufierhalb seines physischen Leibes und 



seines Ather- oder Lebensleibes in der geistigen Welt sich befindet, 
wahrend er schlaft. 

Nun, wenn der Mensch am Morgen aufgewacht ist - ich habe 
einen Punkt hingezeichnet zu diesem Aufwachen aus dem Grunde, 
weil ja der Mensch mit dem Aufwachen in der Tat in eine ganz ande- 
re Welt tritt -, was geschieht denn, wenn der Mensch aufwacht? Da 
wird er in eine Welt versetzt, die eigentlich der heutige normale 
Mensch allein als die seinige ansieht, in welcher ihm von aufien ent- 
gegentreten die Eindriicke auf seine Sinne. Diese Eindriicke auf sei- 
ne Sinne, die werden so bewirkt, dafi er nicht hinter die sinnlichen 
Eindriicke hinschauen kann. Sie sind einfach da, sie treten, wenn er 
des Morgens aufwacht, vor seine Seele hin. Wenn der Mensch auf- 
wacht, ist der ganze Teppich der Sinneswelt vor ihm ausgebreitet. 
Aber noch etwas anderes ist fur den Menschen da, namlich, dafi er 
nicht nur mit seinen Sinnen wahrnimmt diese aufiere Welt, sondern 
dafi er dann, wenn er dieses oder jenes von dieser aufteren Welt 
wahrnimmt, immer etwas dabei empfindet. Wenn auch die freudige 
Empfindung bei der Wahrnehmung irgendeiner Farbe noch so ge- 
ring ist, es ist ein innerer seelischer Vorgang, eine gewisse Empfin- 
dung da. Denn jeder wird sich klar sein, dafi auf ihn die violette Far- 
be anders wirkt als die rote, und die blaue anders als die griine. Alle 
aufieren Sinneseindrucke wirken so, dafi sie innerliche Zustande 
hervorrufen. Alles dasjenige, was so die aufieren Sinneseindrucke an 
Empfindungen hervorrufen, das gehort der Empfindungsseele an, 
wahrend wir die Ursache im Menschen, warum er die Sinnesein- 
drucke empfangen kann, den Empfindungsleib nennen. Der Emp- 
findungsleib verursacht, dafi der Mensch Gelb oder Rot sieht. Die 
Empfindungsseele ist schuld daran, dafi er iiber dieses Gelb oder Rot 
dieses oder jenes empfindet. Wir miissen haarscharf unterscheiden : 
Dasjenige, was uns von aufien vor die Seele gezaubert wird, das ver- 
ursacht der Empfindungsleib; dasjenige, was wir innerlich dabei erle- 
ben, Lust und Leid oder irgendeine Nuance von jenem Eindruck, 
den die Farbe auf uns macht, das gehort zur Empfindungsseele. Am 
Morgen beginnt die Empfindungsseele hingegeben zu sein an die 
Eindriicke des Empfindungsleibes, wir konnten auch sagen, an die 



Eindriicke der Aufienwelt, die sie durch die Krafte des Empfin- 
dungsleibes aufnimmt. Dasselbe also, was in der Nacht wahrend des 
Schlafes dem Marseinflufi ausgesetzt war, die Empfindungsseele, das 
wird am Morgen beim Erwachen den Eindrucken der aufieren Welt 
ausgesetzt, das wird hingegeben der sinnlichen Welt. Nun bezeich- 
nen wir die gesamte Sinneswelt, insofern sie in unserer Seele gewisse 
Empfindungen von Lust und Leid, Freude und Schmerz hervorruft, 
im Sinne der Geisteswissenschaft wiederum mit einem besonderen 
Namen, mit dem Namen Venus. Ich bitte wiederum, nichts anderes 
sich darunter zu denken als das, was eben charakterisiert wurde, also 
dasjenige, was auf unsere Empfindungsseele als Einflufi sich geltend 
macht aus dem aufieren Teppiche der Sinneswelt heraus, der uns 
nicht gleichgiiltig und kalt lafit, sondern uns mit gewissen Empfin- 
dungen erfullt. Diesen Einflufi auf unsere Empfindungsseele, der 
sich vom Morgen an geltend macht, den bezeichnet man als die 
Kraft der Venus. So dafi wir, ebenso wie wir den Einflufi auf die 
Empfindungsseele nach dem Einschlafen als Mars bezeichnet haben, 
diesen Einflufi nach dem Aufwachen als Venuskraft bezeichnen. 

Ebenso findet aber aus der physischen Welt heraus ein Einflufi 
statt auf unsere Verstandes- oder Gemutsseele, wahrend sie wahrend 
des Tages untergetaucht ist in den leiblichen Hiillen, das ist derjeni- 
ge Einflufi, durch den wir uns den aufieren Eindrucken der Sinnes- 
welt entziehen und diese verarbeiten konnen. Merken Sie, dafi ein 
Unterschied ist zwischen dem Erleben in der Empfindungsseele und 
dem Erleben in der Verstandes- oder Gemutsseele; die Empfindungs- 
seele erlebt nur so lange etwas, solange der Mensch der Aufienwelt 
hingegeben ist; sie empfindet eben die Eindriicke der Aufienwelt. 
Wenn aber der Mensch wahrend des Tagwachens einmal eine Weile 
gar nicht achtgibt auf die Eindriicke der Aufienwelt, sondern die au- 
fieren Eindriicke nachklingen lafit und sie verarbeitet in seiner Seele, 
dann ist der Mensch seiner Verstandesseele hingegeben. Diese ist al- 
so etwas mehr selbstandig gegeniiber der Empfindungsseele. Diejeni- 
gen Einfliisse nun, die es moglich machen, daft der Mensch wahrend 
des Tageslebens nicht nur sozusagen immer dasteht, seine Augen 
offen und anglotzt den au£eren Sinnesteppich, sondern dalS er seine 



Aufmerksamkeit abwenden kann von alle dem und Gedanken for- 
men kann, durch die er die Eindriicke der Aufienwelt kombiniert 
und sich selbstandig machen kann gegeniiber der Aufienwelt, diese 
Einfliisse bezeichnen wir als die Kraft des Merkur. So dafi wir also 
sagen konnen: Wie in der Nacht auf unsere Verstandes- oder Ge- 
miitsseele die Jupitereinfliisse sich geltend machen, so machen sich 
wahrend des Tages die Merkureinflusse geltend auf unsere 
Verstandes- oder Gemiitsseele. - Merken Sie, dafi eine gewisse Kor- 
respondenz besteht zwischen den Einfliissen des Jupiter und des 
Merkur. Die Einfliisse des Jupiter sind beim heutigen normalen 
Menschen so, dafi sie als Traumbilder in sein Seelenleben herein- 
drangen, die entsprechenden Einfliisse wahrend des Tages, die Mer- 
kureinfliisse, wirken als seine Gedanken, als seine inneren Erleb- 
nisse. Doch bei den Jupitereinflussen im Traume weifi der Mensch 
nicht, woher die Dinge eigentlich kommen, wahrend des Tagesbe- 
wufitseins, bei den Merkureinfliissen, weifi er es aber. Es sind auch 
innerliche Vorgange, die in der Seele ablaufen als innere Bilder. Das 
ist die Korrespondenz zwischen den Einfliissen des Jupiter und des 
Merkur. 

Nun gibt es aber auch solche Einfliisse, die wahrend des Tages auf 
die Bewufkseinsseele wirken. Was ist denn eigentlich fur ein Unter- 
schied zwischen Empfindungsseele und Verstandes- oder Gemiits- 
seele und Bewufkseinsseele? Nun, die Empfindungsseele macht sich 
geltend, wenn wir die Dinge der Aufienwelt einfach anglotzen. Ent- 
ziehen wir uns fur eine Weile den Eindriicken der Aufienwelt, ge- 
ben wir nicht acht auf sie und verarbeiten wir sie, dann sind wir hin- 
gegeben unserer Verstandes- oder Gemiitsseele. Wenn wir jetzt das 
Verarbeitete nehmen und uns wiederum der Aufienwelt zuwenden 
und zu ihr in Beziehung setzen, indem wir ubergehen zu Taten, 
dann sind wir hingegeben unserer Bewufkseinsseele. Wenn Ihnen 
zum Beispiel hier der Blumenstraufi vor Augen stent: Solange Sie 
ihn blofi anschauen und das Weifi der Rose in Ihnen Gefuhle aus- 
lost, so lange sind Sie hingegeben Ihrer Empfindungsseele. Wenn ich 
nun aber das Auge abwende und gar nicht mehr den Blumenstraufi 
sehe, sondern dariiber nachdenke, dann bin ich hingegeben meiner 



Verstand.es- oder Gemutsseele; da verarbeite ich die Eindriicke, die 
ich erhalten habe, durch Kombination. Wenn ich jetzt deshalb, weil 
mir der Blumenstraufi gefallen hat und ich die Eindriicke, die er auf 
mich gemacht hat, verarbeitet habe, mir sage, ich mochte jemandem 
eine Freude damit machen, wenn ich ihn dann nehme und also zur 
Tat iibergehe, dann gehe ich aus der Verstandes- oder Gemutsseele 
heraus, dann trete ich iiber in die Bewufitseinsseele, da trete ich wie- 
derum mit der Aufienwelt in Beziehung. Und das ist eine dritte 
Kraft, die im Menschen sich geltend macht, die ihn befahigt, nicht 
nur in sich zu verarbeiten die Eindriicke der Aufienwelt, sondern 
wieder mit der Auftenwelt in Beziehung zu treten. 

Merken Sie, dafi wiederum eine Beziehung besteht zwischen dem 
Wirken der Bewufkseinsseele im Wachen und dem Wirken der Be- 
wufkseinsseele im Schlafen. Wir haben gesagt, wenn ein solcher Ein- 
fluft im Schlafzustand vorhanden ist, dann geht der Mensch iiber in 
das Nachtwandeln, er spricht und handelt im Schlafe. Nur, wenn er 
im Schlafe nachtwandelt, wird er durch die Kraft des dunklen Sa- 
turn getrieben, bei Tage ist er mit seinem Ich dabei, er handelt be- 
wufk. Dasjenige, was wahrend des Tageslebens auf die menschliche 
Bewufkseinsseele wirkt, damit sie aus dem gewohnlichen Leben her- 
aus zur Selbstandigkeit kommen kann, bezeichnen wir als die Kraft 
des Mondes. Vergessen Sie wiederum, was Sie bisher unter diesem 
Worte sich vorgestellt haben, Sie werden schon noch verstehen, 
warum diese Dinge gerade so sind, vorlaufig wollen wir diese 
Namen als Benennungen behalten. 

So haben wir also das menschliche Seelenleben verfolgt durch den 
Schlaf- und durch den Wachzustand. Wir haben gefunden, dafS es in 
drei voneinander getrennte Glieder zerfallt, daft es dreierlei Einfliis- 
sen unterliegt. Wenn der Mensch in der Nacht hingegeben ist derje- 
nigen Welt, die wir bezeichnen miissen als die geistige Welt, dann ist 
er hingegeben den Kraften, die in der Geisteswissenschaft bezeich- 
net werden als Mars-, Jupiter- und Saturnkrafte. Wenn er wahrend 
des Tagwachens sein Seelenleben entfaltet durch die Empfindungs- 
seele, durch die Verstandes- oder Gemutsseele und durch die Be- 
wufkseinsseele, dann ist er hingegeben an diejenigen Krafte, die 



bezeichnet werden in der Geisteswissenschaft als Venus-, Merkur- 
und Mondkrafte. 



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Damit haben wir des Menschen taglichen Weg bezeichnet, den 
Weg, den er innerhalb von vierundzwanzig Stunden durchmifit. 
Nun wollen wir, ohne uns vorlaufig etwas Besonderes dabei zu den- 
ken, heute schon eine andere Reihe von Erscheinungen danebenstel- 
len, eine Reihe von Erscheinungen, welche gewohnlich nicht unter 
dem Gesichtspunkte betrachtet wird, welchen wir heute einnehmen 
wollen. Aber ich bitte ja, diesen Zyklus so zu betrachten, daft seine 
einzelnen Vortrage zusammengehoren und dafi im Anfang manches 
gesagt wird, was erst spater seine richtige Beleuchtung finden mull. 
Ich werde also jetzt etwas neben diese Erscheinungsreihe hinzustel- 
len haben, was einem ganz anderen Gebiete angehort und was wir 
aus gewissen Griinden neben diese Erscheinungsreihe hinstellen. 
Wir stellen es hin aus Griinden, die sich im Laufe der Vortrage 
schon ergeben werden. 



Sie kennen alle den Gang der Erde urn die Sonne aus der gewohn- 
lichen astronomischen Wissenschaft, und wir wollen jetzt einmal, 
nur so ganz annahernd im allgemeinen, den Gang der Erde um die 
Sonne betrachten und das, was dazugehort. Wenn wir diesen Gang 
der Erde um die Sonne und auch dazu den Gang der anderen Plane- 
ten, die zur Sonne gehoren, so betrachten, wie sie gewohnlich in der 
gebrauchlichen heutigen Wissenschaft betrachtet werden, dann ist 
diese Betrachtung fur die Geisteswissenschaft nur der allerallererste 
Anfang. Fur die Geisteswissenschaft ist namlich dasjenige, was sich 
in der aufteren physischen Welt vollzieht, ein Gleichnis, ein aufieres 
Bild fur innere geistige Vorgange, und dasjenige, was wir lernen aus 
der gewohnlichen elementaren Astronomie, was wir gewohnt wor- 
den sind, von Kindheit auf zu lernen iiber unser Planetensystem, das 
laftt sich vergleichen mit Bezug auf dasjenige, was ihm in Wirklich- 
keit zugrunde liegt, mit dem, was ein Kind lernt, wenn es den Gang 
der Uhr kennenlernt. Wenn Sie diesen Gang der Uhr dem Kinde 
verstandlich machen wollen, so machen Sie ihm klar, daft da auf 
dem Zifferblatte zwolf Ziffern und zwei Zeiger sind, daft der eine 
von diesen langsam geht und der andere schneller. Sie machen dem 
Kinde klar, was konventionell die zwolf Ziffern und die zwei Zeiger 
bedeuten, und Sie machen ihm klar, was da konventionell festge- 
stellt ist, damit das Kind lernt, Ihnen zu sagen, daft, wenn der eine 
Zeiger iiber dieser Ziffer steht und der andere iiber jener, es meinet- 
willen V2IO Uhr ist. Es wiirde das aber noch nicht viel bedeuten, 
wenn das Kind nur wiiftte, die Uhr so zu beschreiben. Das Kind 
mufi mehr lernen; das Kind mud lernen, zum Beispiel, wenn des 
Morgens der eine Zeiger iiber 6 und der andere Zeiger iiber 12 steht, 
daft das fur eine gewisse Zeit des Jahres bedeutet, daft die Sonne auf- 
geht. Es muft dasjenige, was sich auf dem Zifferblatt der Uhr aus- 
driickt, auf andere grofte Ereignisse beziehen lernen. Das heiftt, das 
Kind muft lernen, die Verhaltnisse der Welt anzusehen als das, wor- 
auf es ankommt, und in demjenigen, was die Uhr ausdriickt, gleich- 
sam nur ein Gleichnis, ein Bild fur die Verhaltnisse der Welt. So 
lernt der Mensch, wenn er der groften Welt gegeniiber ein Kind ist, 
daft sich in der Mitte unseres Sonnensystems die Sonne befindet, daft 



dann herumgeht zuerst dasjenige, was man als den Planeten Merkur 
bezeichnet, dann, was man als Venus bezeichnet; dafi dann herum- 
gehen Erde mit dem Monde, dann Mars, Jupiter und Saturn. Die an- 
deren wollen wir jetzt unberiicksichtigt lassen. Also dasjenige, was 
man so lernt in der aufieren Astronomie, was Sie zum Beispiel da 
weiter im Kalender lesen konnen - wenn Sie einen solchen haben, 
der die einzelnen Himmelserscheinungen angibt dafi in gewissen 
Monaten der Saturn oder der Mars und so weiter da und dort zu fin- 
den sind. Wenn Sie diesen Gang der einzelnen Planeten kennen, und 
Sie kennen die gegenseitige Stellung derselben in bestimmten Jahres- 
zeiten, dann haben Sie so viel gelernt uber den Himmelsraum, wie 
ein Kind gelernt hat, das weifi, wenn die Zeiger der Uhr an be- 
stimmten Ziffern stehen, dann ist es V2IO Uhr. 

Nun kann man zu alle dem noch etwas hinzulernen. So wie das 
Kind hinzulernen kann, auf welche Verhaltnisse des Lebens sich die 
Verhaltnisse des Zifferblattes beziehen, so kann man nun lernen, 
diejenigen Weltenkrafte, die als unsichtbare von den Machten des 
Makrokosmos in unseren Raum hereinwirken, als das hinter der 
grofien Weltenuhr Stehende zu betrachten; und unser Sonnensy- 
stem mit den verschiedenen Stellungen der Planeten zueinander, das 
driickt - in ahnlicher Weise - dasjenige aus, was man zuschreiben 
konnte einer machtigen Weltenuhr. Von dieser Uhr unseres Plane- 
tensystems kann man iibergehen zu den grofien geistigen Welten- 
verhaltnissen. Dann wird einem ein jeder Stand der Planeten in un- 
serem Sonnensystem der Ausdruck werden fur etwas, was man als 
dahinterstehend annehmen kann. Man wird sagen konnen: Also 
gibt es Griinde, warum zum Beispiel Venus einmal in einem solchen 
Verhaltnis zu Jupiter steht und ein anderes Mai in einem andern. Es 
gibt Griinde, zu sagen : Diese Dinge sind hingestellt durch dahinter- 
liegende gottlich-geistige Machte, geradeso wie es Griinde gibt, war- 
um die Uhr in einer bestimmten Weise konstruiert ist. - Da erwei- 
tert sich uns der Gedanke von den Bewegungen der Planeten im 
Sonnensystem zu einem sinnvollen Ganzen. Das Planetensystem 
wird fur uns zu einer Art Weltenuhr. Wenn nichts hinter dem Pla- 
netensystem stiinde, dann ware das vergleichsweise so, als ob je- 



mand eine Uhr nur zum Spafi gebaut hatte, ohne Sinn. Wir konnen 
also sagen, das Planetensystem wird fiir uns zu einer Art von 
Weltenuhr, zu einem Ausdrucksmittel fiir dasjenige, was hinter den 
betreffenden Bewegungen und einzelnen Korpern unseres Sonnen- 
systems wirklich steht. 

Nun betrachten wir einmal zunachst diese Weltenuhr fiir sich, 
betrachten wir sie, damit uns nicht gar zu sehr Vorwiirfe gemacht 
werden von der aufieren Wissenschaft, so - wir konnten sie auch an- 
ders betrachten -, wie man es in der aufieren elementaren Wissen- 
schaft gewohnt ist. 

Vorher will ich noch sagen, da$ der Gedanke, als ob sich dieses 
Planetensystem selbst aufgebaut hatte, sehr leicht zu widerlegen ist. 
Sie haben ja alle erlebt, dafi Ihnen in der Schule die Entstehung des 
Planetensystems dargestellt worden ist. Es ist Ihnen da etwa gesagt 
worden: Da war einmal ein riesiger Weltennebel ins Rotieren ge- 
kommen, und dann hat sich abgespalten in der Mitte die Sonne und 
rings herum die Planeten. - Wie konnte auch jemandem ein Zweifel 
daran kommen, daft die Geschichte so entstanden ist, wie es gelehrt 
wird in den Schulen, da man die Sache experimentell zeigt. Man 
zeigt so hiibsch, nicht wahr, wie man ein kleines Tropfchen von ir- 
gendeiner Substanz nimmt; man schneidet ein kleines Blatt, das 
durchgelegt werden kann durch die Aquatorebene des Tropfens, 
steckt dann von oben eine Stecknadel hinein und bringt das Ganze 
in eine Fliissigkeit, in der es schwimmt, und versetzt es durch die 
Stecknadel ins Rotieren. Da kann man sogar zeigen, wie durch das 
Rotieren die aufieren Tropfchen sich abspalten, wie in der Mitte ein 
grofSerer Tropfen bleibt und wie die kleineren um diesen herumro- 
tieren. Da kann man natiirlich sehr leicht zeigen: Nun ja, da haben 
wir ja die Sache ganz im kleinen; wir haben ein Planetensystem dar- 
gestellt! - Wie sollte jemand zweifeln daran, dafi das im grofien so 
geschehen ist? Derjenige allerdings, der gewissermafien ein Spitzbu- 
be ware, der wiirde sagen : Aber verehrter Herr Lehrer, Sie haben ei- 
nes vergessen, Sie haben ja etwas vergessen, was ja sonst sehr schon 
ist zu vergessen, aber in dem Falle geht es halt nicht, Sie haben sich 
selber vergessen. Schon, Sie haben ja da oben gedreht! - Man diirfte 



logischerweise nicht das Allerwichtigste vergessen. Man mufke min- 
destens voraussetzen, dafi ein riesiger Herr Lehrer im Weltenraume 
safie und das ganze Sonnensystem zum Rotieren gebracht hatte. 
Denn man wird logischerweise bei der Anwendung des Vergleiches 
nicht etwas weglassen diirfen, was wesentlich ist zum Zustandekom- 
men der Sache. Das ist ganz klar. Also weist das Experiment hin auf 
etwas, das aufier der Sache liegt. Daraus konnen wir also schon 
schliefien, dafi hinter demjenigen, was da rotiert im Weltenraume 
draufien, was da geschieht fur das auiSerliche Auge, etwas steht. Ge- 
radeso wie der Herr Lehrer hinter dem rotierenden Oltropfen steht 
beim Experimente, so stehen eben Krafte und Machte hinter dem 
ganzen Weltengebaude, das wir da in unserem Sonnensystem vor 
uns haben. 

Und nun wollen wir dieses Sonnensystem einmal sozusagen au- 
fierlich betrachten. Da brauchen wir uns nur einmal in der Mitte die 
Sonne aufzuzeichnen. Wir lassen zunachst die Erde herumrotieren. 
Von Einzelheiten will ich absehen. Wir wissen, dafi die Erde im Lau- 
fe eines Jahres also um die Sonne diese Bewegung ausfiihrt. Wir wis- 
sen nun aber auch, daft unsere Erde zu einer bestimmten Zeit des 
Jahres zum Beispiel hier steht und zu einer bestimmten Zeit hier. 




Atci rs 

Sonne 
V^ettMs 



Wir wissen dann, dafi um die Erde herum rotiert der Mond. Also 
ich werde hier den Mond zeichnen. Wir wissen ferner, daft naher 
der Sonne herumrotiert derjenige Korper, den man gewohnlich als 
Merkur bezeichnet, dann derjenige, den man als Venus bezeichnet. 
Wir wissen dann, daft ferner aufterhalb unserer Erde herumrotieren 
die Korper, die man bezeichnet als Mars - die Verhaltnisse sind na- 
tiirlich nicht richtig, darauf kommt es aber hier nicht an -, als Jupi- 
ter, als Saturn (siehe Zeichnung). Die anderen Planeten wollen wir 
heute einstweilen unberiicksichtigt lassen. Und jetzt nehmen wir 
einmal den Stand der Erde so, wie das natiirlich sehr selten der Fall 
sein wird, daft die Erde bei ihrem Gang um die Sonne so liegt, daft 
die Sonne hier ist und die Erde hier, daft dann weiter von der Erde 
und von der Sonne entfernt sich befinden Mars, Jupiter und Saturn. 
Wenn wir nun annehmen, daft unsere Erde gerade so stent, daft sie 
zwischen Mars und Sonne zu stehen kommt, dann haben wir uns zu 
denken, daft in dem Raum zwischen Erde und Sonne enthalten sind 
dasjenige, was man gewohnlich nennt Venus, und dasjenige, was 
man nennt Merkur. Ich mochte ausdrucklich hervorheben, daft in 
bezug auf die Bezeichnung dieser beiden Planeten im Laufe der Zeit 
eine Umanderung stattgefunden hat. Was man heute Merkur nennt, 
wurde friiher Venus genannt, und was man heute Venus nennt, 
wurde friiher Merkur genannt. Daher miissen Sie sich diese Bezeich- 
nungen also umgekehrt denken, so daft das den heutigen Bezeich- 
nungen nicht mehr entspricht. Man muft dasjenige, was der Sonne 
naher liegt, als Venus bezeichnen, was ihr ferner liegt, als Merkur. 
Dann kommt der Mond. Wenn Sie sich aber jetzt denken wurden 
die andere Stellung, so daft die Erde auf die andere Seite der Sonne 
zu liegen kommt (Stellung der Erde wie auf Zeichnung I), so wurden 
Sie, wenn Sie von der Erde zur Sonne gehen, zunachst den Mond be- 
kommen, dann dasjenige, was nach der alten Bezeichnung Merkur 
ist, dann - nach der alten Bezeichnung - Venus, dann weiter jenseits 
der Sonne Mars, Jupiter und Saturn. Und Sie wurden nun, wenn Sie 
diese Aufeinanderfolge betrachten und die Erde weglassen, von der 
Sonne ausgehend nach der einen Seite Venus, Merkur, Mond, nach 
der anderen Seite Mars, Jupiter, Saturn haben. Sie konnen nun, 



wenn Sie diese verschiedenen Korper verbinden, so daft die Sonne 
den Kreuzungspunkt bezeichnet, dieselbe Schleifenlinie bekommen, 
die ich friiher als die schematische Linie fur die Tageserlebnisse des 
Menschen bezeichnet habe. Das heiftt, es gibt eine mogliche Stellung 
im Sonnensystem, wo die verschiedenen Planeten so angeordnet 
sind, daft sie eine Raumanordnung angeben, die genau entspricht 
dem Schema des Tageslaufes des Menschen, wenn man den Moment 
des Aufwachens und des Einschlafens als den Kreuzungspunkt be- 
zeichnet. 




So also konnen wir merkwiirdigerweise in unser Planetensystem 
dieselben Verhaltnisse einzeichnen, welche wir schematisch ein- 
zeichnen konnten in den Tageslauf des Menschen. Und da konnen 
Sie jetzt vorlaufig eine Perspektive gewinnen, daft der Anordnung 
unseres Planetensystems gewaltige Krafte zugrunde liegen konnen - 
wir sagen heute vorlaufig: konnen -, welche das ganze grofte Sy- 
stem, diese grofte Weltenuhr, so regeln im Raum, wie sich in der 
Zeit im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden unser personliches 



Leben regelt. Und es wird Ihnen dann der Gedanke nicht mehr 
absurd erscheinen, dafi im Makrokosmos gewaltige, grofie Krafte 
wirklich analog sind den Kraften, die uns einschlafen und aufwa- 
chen machen, die uns wahrend des Tages und der Nacht leiten. Und 
aus einem solchen Gedanken heraus ist in der alten Wissenschaft 
entstanden die ahnliche Benennung der Planeten mit den Kraften, 
die auf uns selber wirken, indem man sagte : Die Kraft, die da drau- 
fien im Makrokosmos, in der grofien Welt den Mars herumtreibt 
um die Sonne, hat Ahnlichkeit, ist von verwandtem Charakter mit 
derjenigen Kraft, die uns einschlafen macht. Die Kraft, welche den 
Jupiter herumtreibt, ist ahnlich der Kraft, welche in die Verstandes- 
seele die Traume sendet. Diejenige Kraft, welche draufien im Ma- 
krokosmos die Venus herumtreibt, ist verwandt mit der Kraft, wel- 
che unsere Empfindungsseele wahrend des Tages regelt. Der weit 
entfernte, daher schwach hereinwirkende Saturn, er nimmt sich aus 
in seiner Wirkung im Raume des Sonnensystems ahnlich wie jene 
schwache Kraft, die nur in besonderen Fallen zur Auswirkung 
kommt auf die Bewulkseinsseele, die nur wirkt bei dem Nachtwand- 
ler. Und der der Erde ganz nahe stehende Mond, er wird von einer 
Kraft herumgetrieben um unsere Erde, welche ahnlich ist der Kraft, 
die uns selber regelt bei unseren bewufiten Taten des Tageslebens, 
die eigentlich diejenigen sind, welche uns am allernachsten liegen. - 
Da haben Sie schon aufierliche Anhaltspunkte, dafi die Raumesent- 
fernungen etwas bedeuten, was sich ausdruckt in unserem eigenen 
zeitlichen Menschenleben wie starkere und schwachere Wirkungen. 
Wir werden in viel tiefere Verhaltnisse in bezug auf diese Dinge ein- 
dringen, heute sollte nur die Aufmerksamkeit darauf hingelenkt 
werden. Wenn Sie aber nur oberflachlich in Betracht ziehen, dafi der 
Saturn der am weitesten entfernte Planet ist, der die geringste Wir- 
kung auf unsere Erde hat, so konnen Sie das damit vergleichen, wie 
die dunklen Saturnkrafte nur schwach wirken auf den schlafenden 
Menschen. Und dasjenige, was Kraft ist, die den Jupiter herumtreibt 
um die Sonne, das ist etwas, was in bezug auf die Entfernung von 
der Sonne sich auch vergleichen lafk mit demjenigen, was ja auch 
verhaltnismaEig selten in unser Leben hereintritt, die Traumeswelt. 



Da haben Sie ein merkwiirdiges Entsprechen desjenigen, was Men- 
schenleben ist, was Tagesmenschenleben ist, zu demjenigen, was 
sich draufien im Raume abspielt in der grofien Weltenuhr, was als 
Kraft wirkt in dem Umtreiben der einzelnen Planeten um ihre 
Sonne. Wir haben ein Entsprechen zwischen Mikrokosmos und 
Makrokosmos. 

Sie sehen daraus, dafi in der Tat die Welt viel komplizierter ist, als 
man gewohnlich glaubt, und dafi wir, wenn wir in uns blicken als 
Menschen, tatsachlich nur dann zurechtkommen, nur dann unsere 
Menschlichkeit begreifen konnen, wenn wir alles dasjenige, was in 
unserer Menschlichkeit mit der grofien Welt verwandt ist, in Be- 
tracht ziehen. Und aus dem Grunde, weil sie das gewufk haben, ha- 
ben die Geistesforscher aller Zeiten die entsprechenden Benennun- 
gen gewahlt fiir die Erscheinungen und fiir die einzelnen Dinge der 
grofien Welt und fiir dasjenige, was in uns selber, in unserer schein- 
bar so kleinen Welt, in der in die Haut eingeschlossenen Leiblichkeit 
des Menschen vorgeht. 

Ich konnte Ihnen heute sozusagen nur von feme hindeuten auf 
ein gewisses Entsprechen des Mikrokosmos, des Menschen, mit dem 
Makrokosmos, namlich mit unserem Sonnensystem. Ich konnte 
Ihnen an einer schematischen Linie, die sich einzeichnen lalk in das 
Tagesleben des Menschen ebenso wie in das Sonnensystem, anschau- 
lich machen, daft es da eine solche Entsprechung gibt. Wir haben 
gleichsam nur ganz von feme hingedeutet auf Wesenheiten, die unse- 
ren Raum durchwirken und die aus ihren Kraften heraus in einer ahn- 
lichen Weise die Bewegungen des Weltensystems regeln uhrmaftig, 
wie geregelt ist der Gang der Zeiger unserer gewohnlichen Taschen- 
oder Wanduhr. Wir haben einen Blick bis an die Grenzen jener Ge- 
biete geworfen, wo wir hoffen konnen, dafi sich uns erschliefien 
werden ganze Geisteswelten. Wir werden die Aufgaben haben, in 
den kommenden Vortragen die Planeten gleichsam als die Welten- 
zeiger der groften Weltenuhr kennenzulernen, und wir werden Ge- 
legenheit haben, auf die Wesenheiten selber hinzudeuten, welche 
den ganzen Gang des Sonnensystems in Bewegung gebracht haben, 
welche die Planeten um die Sonne bewegen und welche verwandt 



sich zeigen mit demjenigen, was im Menschen selber vorgeht. Und 
so werden wir begreifen, wie der Mensch als Mikrokosmos, als 
kleine Welt herausgeboren ist aus dem Makrokosmos, aus der 
grofien Welt. 



DRITTER VORTRAG 



Wien, 23. Marz 1910 



Mit dem gestrigen Vortrage - das mochte ich bemerken, damit kein 
Miftverstandnis entsteht - sollte nichts nach irgendeiner Richtung 
hin jetzt schon bewiesen werden, sondern es sollte am Schlusse nur 
darauf hingedeutet werden, dafi aus gewissen Wahrnehmungen her- 
aus die Geistesforscher der verflossenen Zeiten sich veranlafk gese- 
hen haben, mit gleichwertigen Namen gewisse Vorgange und Dinge 
des Himmelsraumes oder unseres Planetensystems zu bezeichnen 
und mit denselben Namen andere Vorgange in unserem eigenen tag- 
lichen und nachtlichen Erleben. Es war also der Vortrag mehr dar- 
auf berechnet, sozusagen Begriffe herbeizuschaffen, wie wir sie brau- 
chen werden fur unsere nachsten Darstellungen. Uberhaupt miissen 
die Vortrage, die in diesem Zyklus gehalten werden, als ein Ganzes 
angesehen werden, und die ersten Vortrage sind in weitestem Urn- 
fange eigentlich dazu bestimmt, erst die Ideen und Begriffe herbeizu- 
tragen fur die Erkenntnisse der geistigen Welten, die dann in den fol- 
genden Vortragen mitgeteilt werden sollen. Auch heute werden wir 
in gewisser Beziehung noch an Naheliegendes ankniipfen, um all- 
mahlich aufzusteigen zu fernerliegenden geistigen Gebieten. 

Wir haben in den ersten Vortragen dieses Zyklus gesehen und 
konnten dariiber auch schon einiges aus den beiden offentlichen 
Vortragen entnehmen, dafi der Mensch in bezug auf seine innere 
Wesenheit, also in bezug auf dasjenige, was wir auseinandergelegt 
haben in das eigentliche Ich und den astralischen Leib des Men- 
schen, in seinem Schlafzustand lebt in einer geistigen Welt und beim 
Aufwachen zuriickkehrt in dasjenige, was wahrend des Schlafzu- 
standes im Bett liegenbleibt, in seinen physischen Leib und in seinen 
Ather- oder Lebensleib. Nun wird sich ja jedem, der das Leben be- 
trachtet, bald zeigen, dafi bei diesem Ubergang aus dem schlafenden 
in den wachenden Zustand eigentlich eine vollstandige Anderung 
des Erlebens eintritt. Dasjenige, was wir erleben im wachenden Zu- 
stande, ist ja durchaus nicht eine Anschauung oder eine Erkenntnis, 



die wir gewinnen von den beiden Gliedern der menschlichen Natur, 
in die wir beim Aufwachen untertauchen. Wir tauchen unter in un- 
seren Ather- oder Lebensleib und in unseren physischen Leib, aber 
wir lernen sie wahrend des Wachzustandes durchaus nicht so ken- 
nen, da$ wir sie etwa von innen aus anschauen. Was weifi denn der 
Mensch im gewohnlichen Leben davon, wie sein Ather- oder Le- 
bensleib und sein physischer Leib von innen betrachtet aussehen. 
Das ist ja gerade das Wesentliche bei den Erlebnissen des Wachzu- 
standes, dafi wir unsere eigene Wesenheit, so wie sie in der physischen 
Welt drinnensteht, von aufien betrachten und nicht von innen. Wir 
sehen unseren eigenen physischen Leib mit denselben Augen von 
aufien an, mit denen wir die iibrige physische Welt ansehen. Wir 
betrachten unser eigenes Wesen wahrend des Wachzustandes nie- 
mals von innen, sondern immer nur von aufien. Wir lernen uns also 
selber als Menschen im Grunde genommen nur von aufien kennen, 
durch Anschauung, als ein Wesen der Sinneswelt. Wenn wir den 
Zustand genau ins Auge fassen, der sich als Ubergangszustand vom 
Schlafen zum Wachen charakterisieren lafit, so miissen wir sagen: 
Wie ware es denn, wenn wir nun wirklich beim Untertauchen in 
den Ather- oder Lebensleib und in den physischen Leib uns von in- 
nen betrachten wiirden ? - Wir miifken dann etwas ganz anderes se- 
hen. Was wir dann sehen wiirden, das wiirden die intimen Erlebnis- 
se sein, die der Mystiker sucht und auf die wir schon ein wenig hin- 
gedeutet haben. Der Mystiker sucht die Aufmerksamkeit von der 
aufieren Welt abzulenken, sucht zum Schweigen zu bringen alles 
dasjenige, was auf sein Auge eindringt, sucht wirklich hinunterzu- 
steigen in sein inneres Wesen. Aber wenn wir von diesen Erlebnis- 
sen des Mystikers zunachst absehen, so konnen wir sagen: Wir sind 
im Leben davor behiitet, in dieses unser Inneres hineinzusehen, 
denn in demselben Moment, wo wir aufwachen, wird unser Blick 
abgelenkt auf die aufiere Welt. - So dafi also das Aufwachen so be- 
schrieben werden kann, daE man sagt : Statt dafi wir uns von innen 
anschauen, wird im Moment des Aufwachens unser Blick abgelenkt 
auf die auftere Welt, auf den Sinnenteppich um uns herum, und un- 
ser eigener physischer Leib gehort ja zu diesem aufteren Sinnentep- 



pich, wenn wir ihn im Wachen betrachten. - Es entgeht uns also im 
wachenden Zustande die Moglichkeit, uns selber von innen aus zu 
betrachten. Es ist, wie wenn wir durch einen Strom gefuhrt wiirden : 
Wenn wir schlafen, sind wir diesseits des Stromes, wenn wir aufge- 
wacht sind, sind wir jenseits des Stromes. Wiirden wir diesseits des 
Stromes etwas wahrnehmen konnen, dann wiirden wir, wie wir spa- 
ter sehen werden, unseren astralischen Leib und unser Ich wahrneh- 
men. Aber wir sind davor behutet, dieses unser Inneres im Schlaf- 
zustand wahrzunehmen, denn wenn wir einschlafen, erlischt die 
Moglichkeit des Wahrnehmens, es erlischt das Bewufitsein. 

So ist tatsachlich eine scharfe Grenze gezogen zwischen unserer 
inneren und unserer aufieren Welt. Die iiberschreiten wir mit dem 
Einschlafen und Aufwachen, aber keine Grenzuberschreitung kon- 
nen wir machen, ohne dafi uns eigentlich etwas entzogen wird. 
Wenn wir die Grenze iiberschreiten beim Einschlafen, so hort unser 
Bewufksein auf, und wir konnen die geistige Welt nicht mehr beob- 
achten. Beim Aufwachen wird unser Bewufitsein sogleich auf die au- 
fiere Welt abgelenkt, und wir konnen das Geistige, das uns selber zu- 
grunde liegt, nicht mehr beobachten, denn es wird unser Bewufk- 
sein eben in Anspruch genommen von den aufieren Erlebnissen. 
Dasjenige, was wir da iiberschreiten, was uns das Geistige verdun- 
kelt in dem Momente, wo wir aufwachen, was uns dieses Geistige 
nur erkennen lafk wie durch einen Schleier, das ist nichts anderes als 
etwas, was sich einschiebt zwischen unsere Empfindungsseele und 
unseren Ather- oder Lebensleib und unseren physischen Leib. Was 
die letzteren zwei Glieder verdeckt, was uns sie zudeckt beim Auf- 
wachen, das nennen wir Empfindungsleib. Dieser ist die Ursache, 
dafi wir den aufieren Sinnesteppich sehen. In dem Augenblicke, wo 
wir aufwachen, wird der Empfindungsleib ganz in Anspruch ge- 
nommen von dem aufieren Sinnesteppich, und wir konnen nicht in 
uns selber hineinschauen. So stellt sich dieser Empfindungsleib wie 
eine Grenze hin zwischen dem, was geistig der aufieren Sinneswelt 
zugrunde liegt, und unserem inneren Erleben. 

Wir werden sehen, dafi das notwendig ist fur das menschliche Le- 
ben, denn dasjenige, was der Mensch sehen wiirde, wenn er durch 



diesen Strom bewufk hindurchgehen wurde, das darf er im norma- 
len Verlaufe seines Lebens zunachst nicht sehen, weil er es nicht aus- 
halten wiirde, weil er sich erst vorbereiten mufi, es zu sehen. Und 
die mystische Entwickelung besteht nicht darin, dafi man mit Ge- 
walt eindringt in die innere Welt unseres Ather- oder Lebensleibes 
und unseres physischen Leibes, sondern sie besteht darin, darl man 
sich erst vorbereitet, da$ man sich erst reif macht, dasjenige zu 
sehen, was man dann sehen kann, wenn man bewufit durch diesen 
Strom hindurchgeht. Was wiirde mit dem Menschen geschehen, der 
unvorbereitet hinabtauchen wollte in sein Inneres, der also beim 
Aufwachen nicht eine auftere Welt sehen wollte, sondern der ein- 
dringen wollte in seine eigene innere Welt, in dasjenige, was geistig 
unserem Ather- oder Lebensleib und unserem physischen Leib zu- 
grunde liegt ? Nun, ein solcher Mensch wiirde in seiner Seele ein Ge- 
fiihl mit ungeheurer Starke erleben, das man im gewohnlichen Le- 
ben nur in ganz geringer Abschwachung kennt. Ein Gefiihl, das 
man im gewohnlichen Leben nur schwach kennt, das wurde den 
Menschen uberkommen, wenn er mit voller Aufmerksamkeit beim 
Aufwachen in sein Inneres hineinsteigen konnte. Durch eine Art 
Vergleich werden Sie zunachst - und es soli wieder nichts bewiesen 
werden, sondern es sollen nur Begriffe gewonnen werden - den Be- 
griff erhalten konnen von diesem Gefiihl. 

Es gibt im Menschen dasjenige, was man Schamgefiihl nennt. Die- 
ses Schamgefiihl besteht ja darin, daft der Mensch, wenn er sich in 
seiner Seele irgendeiner Sache schamt, die Aufmerksamkeit der an- 
deren ablenken will von dem betreffenden Dinge oder der betreffen- 
den Eigenschaft, deren er sich schamt. Dieses Schamgefiihl fur et- 
was, was im Menschen ist und was er nicht zur Offenbarung brin- 
gen will, ist eine schwache Andeutung von jenem Gefiihl, das zu un- 
geheuerster Starke wachsen wiirde, wenn der Mensch beim Aufwa- 
chen bewulk in sein eigenes Innere hineinsehen konnte. Es wiirde 
dieses Gefiihl sich mit einer solchen Gewalt der menschlichen Seele 
bemachtigen, dafi der Mensch es iiber alles, was ihm entgegentritt, 
ausgegossen empfinden wiirde. Er wiirde ein Erlebnis haben, das 
sich vergleichen lafk mit dem Gefiihl, wie wenn er in Feuer zugrun- 



de gehen wiirde. Wie eine Art Verbrennen wiirde dieses Schamge- 
fiihl auf ihn wirken. Warum wiirde es so auf den Menschen wirken? 
Dieses Schamgefiihl wiirde so auf den Menschen wirken, weil der 
Mensch in diesem Augenblick empfinden wiirde, wie eigentlich sein 
physischer Leib und sein Ather- oder Lebensleib vollkommen sind 
im Verhaltnis zu demjenigen, was er als Seelenwesen ist. Davon, wie 
der physische Leib und der Ather- oder Lebensleib im Verhaltnis zu 
demjenigen, was der Mensch als Seelenwesen ist, vollkommen sind, 
kann man sich auch durch gewohnliche Logik schon einen Begriff 
machen. Wer rein aufierlich durch die physische Wissenschaft 
durchdringt den Wunderbau, sagen wir, des menschlichen Herzens 
oder des menschlichen Gehirns in alien Einzelheiten, ja, wer meinet- 
willen nur durchdringt ein Stuck des menschlichen Knochensystems 
mit seinem wunderbaren Bau, der wird schon fuhlen konnen, wie 
unendlich weise und vollkommen dieser menschliche Leib einge- 
richtet ist. Wenn man nur ein einzelnes Snick Knochen nimmt, zum 
Beispiel den Oberschenkelknochen, und beobachtet, wie unendlich 
weise und vollkommen in feinem Netzwerk die Balken so gefiigt 
sind, dafi mit dem geringsten Aufwand an Materie die grofite Kraft 
und Tragfahigkeit erzeugt wird, die den Oberleib des Menschen 
tragt, oder wenn man den wunderbaren Bau des menschlichen Her- 
zens und Gehirns betrachtet, dann kann man schon eine Ahnung er- 
halten von dem, was man erleben wiirde, wenn man das Ganze von 
innen durchschaute, wie es aus Weisheitsurgriinden hervorgequol- 
len ist. Vergleicht man damit, was der Mensch als Seelenwesen ist, 
was er ist in bezug auf seine Geniisse, Leidenschaften und Begierden, 
so sieht man, wie der Mensch eigentlich darauf aus ist, zu ruinieren 
den wunderbaren Bau des physischen Leibes. Er entfaltet sein gan- 
zes Leben lang seine Begierden, Triebe und Leidenschaften und 
geht im Grunde genommen darauf aus, den Wunderbau des physi- 
schen Herzens und Gehirns zu ruinieren. Was man im gewohnli- 
chen Leben beobachten kann, wie der Mensch dadurch, dafi er sich 
dem Genusse dieser oder jener Genufimittel hingibt, sein Herz und 
sein Gehirn zugrunde richtet, das sind ja sozusagen nur die trivialen 
Anfange einer Zerstorungstatigkeit an dem Wunderbau des Men- 



schenleibes. Das alles wiirde vor der menschlichen Seele lebendig 
stehen, wenn sie bewuftt hinabsteigen wiirde in ihren Ather- oder 
Lebensleib und in ihren physischen Leib. Und es wiirde etwas unge- 
heuer Niederschmetterndes, etwas Ausloschendes fiir den Menschen 
haben, wenn er vergleichen konnte die Unvollkommenheit der 
menschlichen Seele mit dem Wunderbau des Leibes, wenn er sehen 
konnte, was in seiner Seele ist, und das vergleichen damit, wie die 
weise Weltenfiihrung seinen physischen und seinen Atherleib ge- 
macht hat, in die er jeden Morgen bei dem Aufwachen hinunter- 
taucht. Darum wird er davor behiitet, in bewuftter Weise hinunter- 
zusteigen in sein eigenes Inneres, er wird abgelenkt auf das, was sich 
als aufterer Sinnesteppich vor seinen Sinnen den ganzen Tag iiber 
ausbreitet. Er kann nicht hineinschauen in sein Inneres. 

Der Vergleich zwischen der menschlichen Seele und demjenigen, 
was geistig zugrunde liegt dem physischen und Ather- oder Lebens- 
leib, wiirde Schamgefiihl hervorrufen, und diesem Gefiihl wird vor- 
gearbeitet durch alle jene Seelenerlebnisse, die der Mystiker durch- 
macht, bevor er wiirdig wird, hinunterzusteigen in sein Inneres. Es 
sind namentlich die Erlebnisse des Mystikers, die in seiner Seele her- 
vorrufen den denkbar starksten Vorsatz, seine Seele selber als unbe- 
deutend, als schwach zu empfinden, als so zu empfinden, daft sie 
einen unendlich weiten Weg der Vervollkommnung vor sich hat. 
Daher mufi der Mystiker namentlich die Empfindungen der Demut 
und der Vervollkommnungssehnsucht in seiner Seele erwecken, da- 
mit sie ihn vorbereiten, den Vergleich dadurch auszuhalten, sonst 
miiftte er vor Scham wie im Feuer verbrennen. Der Mystiker macht 
sich reif dazu durch folgende Gedanken: Gewift, wenn ich das an- 
schaue, was ich bin, und es vergleiche mit dem, was die weise Wel- 
tenlenkung an mir gemacht hat, mufi ich einsehen, wie klein, wie 
schlecht, wie niedrig ich noch bin. - Und das Schamgefiihl, das ja 
aufterlich Schamrote erzeugt, wiirde sich so auswachsen, daft es 
wirklich ein versengendes, brennendes Feuer werden konnte, wenn 
nicht der Mystiker sich sagen konnte : Ja, jetzt fiihle ich mich so ge- 
ring als moglich gegeniiber demjenigen, was ich werden kann, aber 
ich will versuchen, die starken Krafte in mir zu entwickeln, die mich 



fahig machen, auch geistig dem zu entsprechen, was die weise Wel- 
tenlenkung in meine Leiblichkeit hineingebaut hat. - Dem Mysti- 
ker, der in sein Inneres hineinsteigen will, wird begreiflich gemacht 
von dem geistigen Lehrer, daft er zunachst fuhlen mull ein Gefiihl 
der Demut, das sozusagen bis ins Unendliche geht. Dieses Gefiihl 
laftt sich etwa so schildern. Man kann demjenigen, der angehender 
Mystiker ist, sagen : Sieh dir einmal die Pflanze an. Die Pflanze wur- 
zelt in dem Boden. Der Boden bietet ihr ein Reich dar, das niedriger 
ist als das Pflanzenreich. Die Pflanze kann aber nicht leben ohne die- 
ses Reich, das zunachst fur ein niedrigeres genommen werden mull. 
Wenn die Pflanze sich hinunterneigt zu dem mineralischen Reich, 
dann kann sie sagen: Diesem niedrigeren Reich, aus dem ich hervor- 
gewachsen bin, dem verdanke ich mein Dasein. Sie miifite sich in 
Demut zu dem niedrigeren Reich neigen und sagen: Dir verdanke 
ich, daft ich bin. Ebenso verdankt das Tier dem Pflanzenreich das 
Dasein. Es miiftte, wenn es seiner Stellung im Weltenbau sich be- 
wuftt werden wiirde, in Demut sich zum niedrigeren Reiche neigen. 
Und der Mensch, der sich umschaut in der Welt, er miifite sagen : Ei- 
gentlich konnte ich diese Stufe nicht erreicht haben, wenn nicht al- 
les dasjenige, was unter mir ist, sich in der entsprechenden Weise 
entwickelt hatte. - Wenn der Mensch solche Gefiihle in seiner Seele 
entwickelt, dann kommt in sie die Stimmung, daft er eigentlich 
nicht nur Grund hat, in Dankbarkeit aufzublicken zu dem, was 
uber ihm ist, sondern auch mit Dank zu schauen auf dasjenige, was 
unter ihm ist. Wenn das so recht in der Seele sich verbreitet, was 
man die Erziehung zur Demut nennen kann, dann wird die Seele 
durchflossen und durchdrungen von diesem Demutsgefiihl, von die- 
ser Demutsempfindung, daft man noch einen unendlich weiten Weg 
vor sich hat, um vollkommen zu werden. 

Alles, was jetzt gesagt worden ist, kann nicht erschopft werden 
mit Begriffen und Ideen. Wenn man das konnte, dann ware der My- 
stiker bald fertig. Aber es laftt sich nicht erschopfen mit Begriffen 
und Ideen, sondern es laftt sich nur erleben. Nur derjenige, der im- 
mer wieder und wiederum solche Gefiihle erlebt, der verbreitet uber 
seine Seele die Grundstimmung, die notwendig ist fur den Mystiker. 



Wenn der Mensch reif werden will, hinunterzusteigen in sein In- 
neres, dann mufi er jenes Gefiihl entwickeln, welches ihn befahigt, 
dasjenige, was sich ihm in den Weg stellen kann, wenn er vollkom- 
mener und immer vollkommener werden will, zu ertragen. Erge- 
benheitsgefiihl mufi er dem gegeniiber entwickeln, was er ertragen 
soli, um sich einer gewissen Stufe der Vollkommenheit zu nahern. 
Es mull durch lange, lange Zeiten hindurch der Mystiker in sich das 
Gefiihl ausbilden, dafi man nur durch Uberwindung von Leid die 
starken Krafte entwickelt, die man braucht, um die Seele aus jenem 
Zustand herauszubringen, in dem sie sich schwach fiihlen mufi ge- 
geniiber demjenigen, was sich ihr in den Weg stellt. Da mufi die Seele 
auf sich wirken lassen jene Empfindung, durch die sie sich immer 
wiederum sagt: Wenn auch noch so viel Schmerzen mich treffen 
werden, ich will aufrecht stehen ihnen gegeniiber, ich will nicht 
wanken; denn wenn ich nur das geniefien wiirde, was mir das Leben 
an Gliick bringt, dann wiirde ich niemals die starke Kraft ent- 
wickeln konnen, die die menschliche Seele braucht. Krafte werden 
durch Widerstand, in der Uberwindung von Hindernissen erlangt, 
nicht dadurch, dafi man einen Zustand einfach hinnimmt. Nur da- 
durch werden die Krafte gestahlt, dafi man sie anspannt in der Uber- 
windung von Hindernissen, dafi der Mensch bereit ist, Leid und 
Schmerz mit Ergebung zu ertragen. Das ist etwas, was der Mystiker 
in seiner Seele entwickelt, wenn er sich bereit machen will, hinunter- 
zusteigen in das eigene Innere, ohne in Schamgefuhl zu verbrennen. 

Das alles, was da durchzumachen ist, mufi selbstverstandlich der 
Mensch im normalen Leben nicht durchmachen, und niemand darf 
glauben, dafi an den gewohnlichen Menschen das Ansinnen gestellt 
wird durch irgendeine Geisteswissenschaft, dafi er solche Ubungen 
durchmacht. Was hier geschildert wird, ist nicht etwas, was Forde- 
rungen aufstellt, sondern es geschieht, um zu erzahlen, was diejeni- 
gen, die freiwillig eine Summe von solchen Erlebnissen auf sich neh- 
men, aus ihrer Seele machen konnen, und was der Mystiker erstrebt; 
er macht seine Seele fahig, hinunterzusteigen in dieses menschliche 
Innere. Im normalen Verlauf des Lebens stellt sich aber zwischen 
das, was man als Mystiker erleben kann im Innern, und das, was 



man in der aufieren Welt erlebt, der Empfindungsleib des Menschen 
hinein und behutet den Menschen davor, dafi er unvorbereitet in 
sein Inneres hineinsteigt und sozusagen vor Schamgefiihl verbren- 
nen wiirde. Was es ist, das den Menschen davor behutet, unvorberei- 
tet in sein Inneres hineinzusteigen, kann er naturlich im normalen 
Verlauf des Lebens nicht erfahren, denn da dringt er schon an die 
Grenze der geistigen Welt. Diese Grenze mull der Geistesforscher, 
der das menschliche Innere erforschen will, allerdings iiberschreiten. 
Der Geistesforscher mufi also hindurchschreiten durch den Strom, 
der das gewohnliche, normale menschliche Bewulksein ablenkt von 
dem Inneren auf das Aufiere. Dieses gewohnliche, normale mensch- 
liche Bewulksein wird behutet, in einem unreifen Zustand hineinzu- 
gelangen in das menschliche Innere, wird behutet davor, im Feuer 
der eigenen Scham zu verbrennen. Die Macht, welche da den Men- 
schen jeden Morgen beim Aufwachen behutet, hineinzusteigen in 
das eigene Innere, kann der Mensch nicht sehen. Es ist die erste gei- 
stige Wesenheit, welcher der echte, wirkliche Geistesforscher auf 
dem Wege, der in sein Inneres fuhrt, begegnet. Er mufi vorbeikom- 
men an jener Wesenheit, welche im normalen Bewulksein ihn behu- 
tet vor dem innerlichen Verbrennen, vor dem innerlichen Brande. 
Er mufi vorbeikommen an derjenigen Wesenheit, die ablenkt sein 
Nach-innen-Schauen auf die Aufienwelt, auf den aufieren Sinnestep- 
pich. Die Wirkung dieser Wesenheit versptirt das normale Bewulk- 
sein. Sehen kann der Mensch sie nicht, denn es ist schon die erste 
geistige Wesenheit, an der wir vorbeikommen miissen, wenn wir in 
die geistige Welt eindringen wollen. Und diese geistige Wesenheit, 
welche jeden Morgen beim Menschen steht und ihn davor behutet, 
in unreifem Zustand sein eigenes Innere geistig zu schauen, nennen 
wir in der Geisteswissenschaft den kleinen Hiiter der Schwelle. An 
diesem kleinen Hiiter der Schwelle vorbei fuhrt der Weg in die 
geistige Welt hinein. 

So haben wir zunachst an ganz naheliegenden Erlebnissen des Ta- 
ges unser Bewulksein hingefiihrt bis zu der Grenze, wo wir ahnen 
konnen, was der Geistesforscher sieht als den kleinen Hiiter der 
Schwelle. Beschreiben wollen wir diesen kleinen Hiiter der Schwelle 



spater, denn wir wollen ausgehen von Bekanntem und allmahlich 
dem Unbekannten uns nahern. Damit also ist auch schon angedeu- 
tet, daft wir unser wahres Wesen eigentlich im Tagesbewufttsein, im 
Wachzustand gar nicht sehen. Und wenn wir unser eigenes Wesen 
im Sinne der beiden letzten Vortrage den Mikrokosmos nennen, die 
kleine Welt, dann konnen wir sagen: Wir sehen den Mikrokosmos 
eigentlich niemals in seiner wahren geistigen Gestalt, sondern wir 
sehen nur das, was sich im normalen Zustande von ihm zeigt, nur 
das Aufiere. Es ist also wirklich etwas, was sich vergleichen lalk mit 
einer Art von Spiegelbild. So wie wir, wenn wir in den Spiegel 
sehen, unser Bild sehen und nicht uns selber, so sehen wir den 
Mikrokosmos, das eigentliche Wesen des Menschen, wenn wir im 
Tagesbewulksein sind, nicht selber, sondern wir sehen nur sein 
Spiegelbild; wir sehen den Mikrokosmos im Spiegelbild. 

Sehen wir denn den Makrokosmos in seiner Wirklichkeit ? Wir 
wollen wiederum ganz naheliegende tagliche Erlebnisse vor unsere 
Seele hinstellen. Was erlebt der Mensch im Verlaufe von vierund- 
zwanzig Stunden in der sinnlichen Aufienwelt? In der sinnlichen 
Aufienwelt erlebt der Mensch auch einen Wandel zwischen Tag und 
Nacht, wie im Mikrokosmos, nur tritt ihm dieser jetzt in der Au- 
fienwelt entgegen. Er erlebt, wie des Morgens die Sonne aufgeht, 
wie sie des Abends untergeht. Er erlebt, wie ihm das Sonnenlicht zu- 
nachst beleuchtet all die Gegenstande um ihn herum. Was ist es 
denn, was der Mensch vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang 
sieht? Im Grunde genommen sieht er gar nicht die Gegenstande, 
sondern er sieht das Sonnenlicht, das sie ihm zuriickwerfen. Einen 
Gegenstand im Finstern sehen wir nicht. Einen Gegenstand in unbe- 
leuchtetem Zustand kann der Mensch nicht sehen. Was fur das Auge 
gilt, konnen wir auch fur die iibrigen Sinne sagen, aber wir wollen 
zunachst beim Auge bleiben. Wenn man in die Sonne sieht, so wer- 
den die Augen geblendet. Man kann daher niemals die Sonne selbst 
wirklich wahrnehmen. Der Mensch nimmt im Grunde genommen 
die Sonnenstrahlen wahr, die die Auftenwelt ihm zuriickwirft. Er 
nimmt nicht die Gegenstande wahr, sondern die reflektierten Son- 
nenstrahlen. Das geschieht vom Morgen bis zum Abend. Aber der 



Mensch sieht nur in einer sehr unvollkommenen Art dasjenige, was 
die Ursache davon ist, da$ er die aufSeren Dinge sieht, denn dasjeni- 
ge, dem Sie verdanken, dafi Sie iiberhaupt bei Tag eine aufiere Sin- 
neswelt wahrnehmen konnen, das blendet Sie. Das ist ein Bild, ein 
Gleichnis. So wie wir uns zur aufieren Sinneswelt verhalten, so ver- 
halten wir uns auch in unserem eigenen Inneren. Die Ursache, war- 
urn wir die Dinge wahrnehmen, sehen wir niemals. Wir nehmen die 
Dinge wahr, konnen uns aber nicht zu demjenigen erheben, was uns 
die Dinge wahrnehmbar macht. Das blendet uns wie die Sonne, 
wenn wir sie als den Grund der Sichtbarkeit der Gegenstande wahr- 
nehmen wollen. So geht es uns mit der aufieren Sonne wahrend des 
Tages in einer ganz ahnlichen Weise, wie es uns beim Aufwachen 
mit unserem eigenen Inneren geht. Wir leben in unserem eigenen 
Inneren. Die Krafte, die im eigenen Inneren sind, befahigen uns, zu 
leben und die Aufienwelt wahrzunehmen, aber sie verhindern uns 
auch, uns selbst wahrzunehmen. Es ist ebenso wie mit der Sonne; sie 
befahigt uns, die Dinge wahrzunehmen, aber sie blendet uns, wenn 
wir sie selber wahrnehmen wollen. 

Aber wir konnen auch alles, was mit der Sonne in einer gewissen 
Weise verbunden ist, was sonst zur Sonne gehort, wahrend des Ta- 
ges nicht wahrnehmen. Wir nehmen das wahr, was unsere Erde uns 
zeigt in dem reflektierten Sonnenlichte. Wenn wir in den Welten- 
raum hinaussehen, so sehen wir auch das nicht, was zu unserem 
Sonnensystem gehort. Zu unserem Sonnensystem gehort nicht blofi 
die Sonne, zu ihm gehoren auch die Planeten. Ihr Anblick ist uns 
wahrend des Tages entzogen. Die Sonne blendet uns also nicht nur 
fiir sich selbst wahrend des Tages, sondern auch so weit, dafi wir die 
Planeten am Tage nicht sehen konnen. Wir schauen in den Raum 
hinaus und wissen: Wenn da drauften auch die Planeten sind, die zu 
unserem Sonnensystem gehoren, sie entziehen sich unserem Anblick. 
Wir konnen also sagen : Geradeso wie sich uns bei Tage unser eigenes 
Innere entzieht, wie sich uns bei Nacht die geistige Welt entzieht, 
wenn wir im gewohnlichen Schlafzustand sind, so entziehen sich bei 
Tag, wenn wir den Blick hinausrichten und den Sinnesteppich iiber- 
schauen, die Ursachen fur unser sinnliches Wahrnehmen. Dasjenige, 



was eigentlich der Sonne zugrunde liegt, was die Sonne verbindet 
mit den ubrigen Korpern des Sonnensystems, mit den Wesenheiten, 
die wir sehen in ihrem aufteren Ausdrucke, in demjenigen, was wir 
Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn und so weiter nennen, was da 
lebendiges Zusammenwirken ist zwischen der Sonne und diesen 
Korpern, das entzieht sich uns bei Tage. Was wir wahrnehmen, ist 
eine Wirkung des Sonnenlichtes. Und wenn wir jetzt diesen Zu- 
stand vergleichen mit dem Zustand, in dem die Sinneswelt um uns 
ist in der Nacht vom Untergang der Sonne bis zu ihrem Aufgange, 
so konnen wir dann in einer gewissen Weise wahrnehmen, was zu 
unserem Sonnensystem gehort. Wir konnen den Blick auf den wun- 
derbar gestirnten Himmel hinausrichten, wo sich die Planeten unse- 
rem Anblick darbieten. Aber wahrend wir die zu unserem Sonnen- 
system gehorenden Planeten am nachtlichen Himmel sehen kon- 
nen, entzieht sich uns die Sonne selber, ist fur uns die Sonne unsicht- 
bar. So dafi wir sagen miissen: Dasjenige, was uns bei Tage unsere 
Sinneswelt sichtbar macht, das nimmt uns in der Nacht die Moglich- 
keit, es zu betrachten. Es entzieht sich uns, es hulk nachts unsere 
ganze Sinneswelt ein in Unwahrnehmbarkeit, und wir erblicken 
nur dasjenige, was zu unserer Sonne gehort, wir sehen nur die plane- 
tarische Welt. 

Gibt es nun eine Moglichkeit, sozusagen fur den Nachtzustand 
etwas Ahnliches herzustellen, wie es der Zustand des Mystikers ist 
fiir das Hinabsteigen in die Innenwelt, so wie wir es beschrieben ha- 
ben? Gibt es etwas Ahnliches? Die heutige Menschheit hat nicht 
viel Bewufitsein von diesem ahnlichen Zustand, aber es gibt so etwas. 
Es besteht darin, daft der Mensch, wie der Mystiker, gewisse Eigen- 
schaften der Demut und der Ergebenheit und noch gewisse andere 
Eigenschaften entwickelt, die wir uns dadurch begreiflich machen 
konnen, daft wir zunachst die einfachste dieser Eigenschaften uns 
vor die Seele fuhren. Wir wollen wiederum von einer ganz einfachen 
Eigenschaft ausgehen. Der Mensch hat sie im normalen Leben auch, 
aber nur schwach, geradeso wie das Schamgefuhl. Wenn der Mensch 
dieses Gefiihl, das er im gewohnlichen Leben nur schwach hat und 
das wir gleich charakterisieren werden, ins Ungeheure vergrofiert, 



dann macht er sich in der Tat bereit, nachtlich etwas ganz anderes 
zu erleben als im normalen Bewufitsein. Und dieses Gefiihl, das der 
Mensch da in sich entwickeln mull, ist das folgende. Sie wissen alle, 
dafi wir im Friihling anders empfinden konnen als im Herbst. Eine 
gesunde Seele wird im Friihling anders empfinden als im Herbst. Es 
wird eine gesunde Seele anders empfinden, wenn im Friihling die 
Knospen an den Baumen hervorspriefien und uns sozusagen das 
Versprechen geben von der Schonheit und Herrlichkeit des Som- 
mers. Es ist etwas, was sich in unsere Seele giefk von aufwachender 
Hoffnung, wenn wir den Friihling herankommen sehen. Es ist die- 
ses Gefiihl schwach entwickelt bei dem gewohnlichen normalen 
Menschen, aber es ist doch vorhanden. Und wenn wir dann dem 
Herbst zu leben, dann kann dieses Gefiihl, das im Friihling da ist als 
Hoffnung fur den Sommer, das wie ein Erwachen der Seele sich aus- 
nimmt, sich verwandeln in ein Wehmutsgefiihl, wenn wir die Bau- 
me sich entlauben sehen, wenn wir sehen, wie an die Stelle von Bau- 
men und Blumen, die uns den Sommer hindurch einen wunderba- 
ren Anblick gezeigt haben, immer mehr kahle Straucher, besenarti- 
ge Gebilde treten. Da verwandelt sich unser Seelenleben; es wird 
durchzogen von dem, was wir nennen konnen Wehmut des Her- 
zens. Also wir konnen im Verlaufe des Jahres, wenn wir mitgehen 
mit den Erscheinungen des aufieren Lebens, einen Kreislauf der 
Seele im Jahr durchmachen. Und da beim Menschen diese Gefiihle, 
die eben charakterisiert worden sind, diese Friihlings- und Herbst- 
gefiihle, im normalen Leben nur schwach entwickelt sind, so fiihlt 
der Mensch auch die Steigerung des Friihlingsgefiihles, wenn es dem 
Sommer zugeht, nicht in entsprechendem Mafie, und er fiihlt nicht 
das Verwandeln der Wehmut des Herbstes in ein noch anderes dar- 
iiber hinaus gehendes Gefiihl, wenn die Erde vollig in ihrem Winter- 
kleid um uns herum sich ausbreitet. 

In solchen Gefiihlen wurden aber die Geistesschiiler erzogen - 
und werden noch heute erzogen -, welche den dem Mystiker entge- 
gengesetzten Weg gehen wollen. Wahrend der Mystiker in sein In- 
neres hinuntergefuhrt wird, wird derjenige, der den entgegengesetz- 
ten Weg gehen will, hinausgefiihrt in den Kreislauf der grofien Natur 



und so erzogen, dafi er miterlebt die Ereignisse der grofien Natur. 
Seine Seele wird so behandelt, dafi er dasjenige, was man im ge- 
wohnlichen Leben schwach fiihlt im Friihling, lernt, allmahlich in 
starkem Mafie zu fiihlen, so dafi er mitzuempfinden lernt das ganze 
Aufspriefien der Vegetation im Friihling. Wenn er sich da ganz hin- 
einzuversetzen vermag, sich selbst zu vergessen vermag und mit der 
Friihlingsnatur mitzuerleben vermag, dann wird dieses Erleben 
gegen den Sommer hin etwas ganz Besonderes. Es wird von der er- 
wachenden Hoffnung im Friihling zu einem volligen inneren Auf- 
jauchzen im Sommer. Dazu wird derjenige, der sozusagen ein umge- 
kehrter Mystiker ist, erzogen. Und wiederum, wenn der Mensch so 
weit ist, dalS er in Selbstvergessenheit, ins hochste gesteigert, die 
Wehmut des Herbstes zu erleben gelernt hat, dann kann er auch fa- 
hig werden, die Steigerung des Gefuhls zu erleben von der Wehmut 
des Herbstes bis zum Mitempfinden des Todes der ganzen Natur in 
der Wintermitte. 

So wurden unter anderem erzogen diejenigen Schiiler, welche 
mitgemacht haben den Empfindungsunterricht in den alten nordi- 
schen Mysterien, die heute der Aufienwelt schon nur mehr der Tra- 
dition nach, nur aufierlich bekannt sind. Da wurden die Schiiler so 
erzogen, daft sie durch besondere Methoden lernten, den jahrlichen 
Gang der Natur in ihrem Empfinden, in ihrer Seele mitzumachen. 
Und alles das, was der Schiiler im Sommer zur Zeit der Johannis- 
nacht erlebte, das bedeutete ein Mitjauchzen mit der ganzen Natur. 
Die Feuer der Johannisnacht waren etwas wie ein Andeuten der 
Steigerung des Hoffnungsgefiihls im Friihling zu einem Mitjauchzen 
mit der Natur im Sommer, wenn man den den ganzen Kosmos 
durchziehenden Lebenshauch miterlebte. Und in der Winterson- 
nenwende empfand der Schiiler in tiefster Seele mit das Hinsterben 
der Natur, unendlich steigernd das Wehmutsgefuhl des Herbstes bis 
zum Mitempfinden des Todes. 

So waren die Empfindungserlebnisse, die in der Tat in dieser Star- 
ke kaum mehr von dem heutigen Menschen erlebt werden konnen. 
Denn der heutige Mensch ist durch die Fortschritte des intellektuel- 
len Lebens der letzten Jahrhunderte im wesentlichen unfahig zu 



jenen grofien, gewaltigen Erlebnissen, welche die Seek der urspriing- 
lichen Naturvolker des europaischen Festlandes, namentlich der 
nordlichen und mittleren Gebiete Europas, durchmachten, Dann 
aber, wenn so etwas durchgemacht worden war, zeigte sich in der 
Tat fur diejenigen Menschen, die so ihre inneren Seelenerlebnisse 
gesteigert hatten, etwas sehr Eigentumliches. Sie erlangten eine be- 
stimmte Fahigkeit. Wie der Mystiker die Fahigkeit hat, in sein eigenes 
Inneres hinunterzusteigen, so erlangten sie die Fahigkeit - so sonder- 
bar das auch klingt, es ist aber der Fall, ich schildere nur Dinge, wel- 
che unzahlige Menschen erlebt haben und noch erleben konnen -, 
sie erlangten die Fahigkeit, die Materie zu durchschauen, das heifit, 
sie konnten nicht blofi das sehen, was man als Oberflache wahr- 
nimmt, sondern sie konnten durch diese hindurchschauen, vor alien 
Dingen vermochten sie in der Zeit von Sonnenuntergang bis Sonnen- 
aufgang durch unsere Erde hindurchzuschauen, und durch die durch- 
sichtige Erde hindurch erglanzte ihnen lebendig die Sonne. Das 
nannte man in den alten Mysterien das Schauen der Sonne um Mit- 
ternacht. Allerdings konnte die Sonne in ihrer grofiten Fiille und 
Herrlichkeit nur dann geschaut werden, wenn man sich mit seiner 
Seele in der Zeit der Winters
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