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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
Abteilung B: Vortrage
II. Vortrage vor Mitgliedern der
Anthroposophischen Gesellschaft
Herausgegeben von der
Rudolf Steiner Nachlassverwaltung
Band GA 200
RUDOLF STEINER
Die neue Geistigkeit
und das Christus-Erlebnis
des zwanzigsten Jahrhunderts
Sieben Vortrage, gehalten in Dornach
zwischen dem 17. und 31. Oktober 1920
2003
RUDOLF STEINER VERLAG
Die Herausgabe der 4. Auflage besorgte
Walter Kugler
Bibliographischer Nachweis friiherer Ausgaben
Seite 155
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von Leonore Uhlig
Einbandzeichen nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Band GA 200
4. Auflage 2003
© 2003 by Rudolf Steiner Verlag, Dornach
© 1970 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto-
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten.
Bindung: Spinner, Ottersweier
Printed in Germany by Greiser Druck, Rastatt
ISBN 3-7274-2000-6
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Rudolf Steiner hat seine Vortrage stets frei, also ohne Manuskript, gehalten.
Viele seiner Voriiberlegungen hielt er lediglich in Stichworten, manchmal
auch in kurzen Satzen, Schemata oder Skizzen in seinen Notizbiichern fest,
ohne dafi er sie weiter schriftlich ausgearbeitet hatte. Nur in ganz wenigen
Fallen liegen vorbereitete schriftliche Zusammenfassungen vor, die fiir Uber-
setzer bestimmt waren. Er hat jedoch der Veroffentlichung seiner Vortrage
zugestimmt, auch wenn er selbst nur einige wenige fiir den Druck vorberei-
ten konnte.
Die in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veroffentlichten Vortrage basie-
ren in der Regel auf Ubertragungen stenographischer Aufzeichnungen, die
wahrend des Vortrages von Zuhorern oder hinzugezogenen Fachstenogra-
phen angefertigt wurden. Verschiedentlich - und dies gilt fiir die Anfangs-
jahre seiner Vortragstatigkeit, etwa bis 1905 - dienen auch schriftliche
Ausarbeitungen durch Zuhorer als Textgrundlage. Fiir die Drucklegung
werden die Ubertragungen in Langschrift oder Zuhorernotizen von den
Bearbeitern (Herausgebern) einer eingehenden Priifung unterzogen, insbe-
sondere hinsichtlich Sinn, Satzbau und Genauigkeit der Wiedergabe von
Zitaten, Eigennamen oder Fachbegriffen. Bei auftretenden Komplikationen,
wie zum Beispiel nicht entschliisselbaren Satz- und Wortgebilden oder
Liicken im Text, werden, soweit vorhanden, die Originalstenogramme zur
Abklarung hinzugezogen.
Weitere Angaben, die Besonderheiten der Textgrundlagen, der Bearbei-
tung sowie die Entstehungsgeschichte der im vorliegenden Band veroffent-
lichten Vortrage betreffend, befinden sich am Schlufi des Bandes.
Die Herausgeber
Zu den Tafelzeicbnungen: Die Original-Wandtafelzeichnungen und -be-
schriftungen Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band sind erhalten
geblieben, da die Tafeln damals mit schwarzem Papier bespannt wurden. Sie
sind als Erganzung zu den Vortragen im Band IV der Reihe «Rudolf Steiner
- Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk* wiedergegeben, worauf hier an
den betreffenden Textstellen durch Randvermerke verwiesen wird.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 17. Oktober 1920 9
Pragnante Punkte der Weltgeschichte. Symptomatische Geschichts-
betrachtung. Der Streit des franzosischen Philosophen Alkuin mit
einem griechischen Denker iiber das Wesen des Todes urn 800
n. Chr. Die Einflusse des orientalischen Geisteslebens auf die Mitte
und den Westen. Platonismus und Aristotelismus. Ostkultur: Die
Zeit, in der das «Ich» erst dumpf erlebt wird; Mittelkultur: Die Zeit,
in der das «Ich» erlebt wird; Westkultur: Dort ist das Ich absorbiert
von den Gedanken. «Wir sind an dem Punkte menschlicher Ent-
wicklung angelangt, wo iiber die ganze Menschheit gleichermafien
Verstandnis fur alle drei Gebiete sich ausbreiten mufi.» Dazu ist die
Geisteswissenschaft als Initiatenkultur Mittel und Weg. Die Not-
wendigkeit des Ausbaus der Freien Hochschule und die Bildung
eines Weltschulvereins.
zweiter Vortrag, 22. Oktober 1920 32
Die Entwicklung des Ich-Bewulkseins seit dem 15. Jahrhundert. Die
Dreigliederung im geschichtlichen Verlauf. Der Dreigliederungs-
idee entgegenarbeitende Elementarwesen im Westen und im Osten.
Dritter Vortrag, 23. Oktober 1920 47
Die Entwicklung aus dem niedergehenden Romertum in drei Stro-
mungen. Der Mensch der Mitte zwischen Ost und West. Neue Wirt-
schaft, ruhende Jurisprudenz, geendetes Geistesleben.
Vierter Vortrag, 24. Oktober 1920 65
Schillers «Asthetische Briefe» und Goethes «Marchen» in ihrer Be-
ziehung zur Anthroposophie und zur Dreigliederung.
Funfter Vortrag, 29. Oktober 1920 84
Die Anderung der Seelenverfassung der Menschheit seit dem 15.
Jahrhundert. Das Abnehmen der Erkenntnisintensitat. Das Herauf-
kommen des Intellektualismus und die Entwicklung der mensch-
lichen Freiheit. Die intellektuelle Kraft und die Erkenntnissehnsucht
des Menschen.
Sechster Vortrag, 30. Oktober 1920 103
Die Entwicklung der Christus-Anschauung von der Gnosis bis zur
Gegenwart. Das kirchliche Verbot des Evangelienlesens. Der Weg
der Imagination. Die Wiedererscheinung Christi.
Siebenter Vortrag, 31. Oktober 1920 121
Der zukiinftige Geisteskampf zwischen dem Osten und dem
Westen. Das bevorstehende Christus-Erlebnis im 20. Jahrhundert.
Die Anderung der Seelenverfassung der Menschheit seit dem 15.
Jahrhundert.
Anhang
ZudieserAusga.be 143
Textgrundlagen 143
Hinweise zum Text 144
Textkorrekturen 151
Namenregister 153
Weitere Ausfiihrungen zum Thema im Werk von Rudolf Steiner . 154
Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben 155
Zum Werk Rudolf Steiners 156
ERSTER VORTRAG
Dornach, 17. Oktober 1920
Es ist in den Vortragen, die hier wahrend des Kursus iiber Geschichte
gehalten worden sind, mehreres erwahnt worden, das zu betrachten
gerade in der gegenwartigen Zeit von einer ganz besonderen Wichtig-
keit sein kann. Zunachst ist in bezug auf den geschichtlichen Verlauf
der Menschheitsentwickelung die ja oftmals besprochene Frage er-
wahnt worden, ob die hauptsachlichsten treibenden Krafte in dieser
Entwickelung die einzelnen hervorragenden, tonangebenden Person-
lichkeiten seien, oder ob das Wesentliche bewirkt werde nicht von
diesen einzelnen Persdnlichkeiten, sondern von den Massen. Es ist die-
ses in vielen Kreisen immer ein strittiger Punkt gewesen, und iiber ihn
wurde wirklich mehr aus Sympathie und Antipathie heraus entschie-
den als aus wirklicher Erkenntnis. Das ist die eine Tatsache, die ich
gewissermafien als wichtig erwahnen mochte. Die andere Tatsache, die
ich gerade aus den geschichtlichen Betrachtungen heraus als wichtig
hier notieren mochte, ist die folgende: Mit einem deutlichen Kund-
geben ist im Beginn des 19. Jahrhunderts Wilhelm von Humboldt auf-
getreten, indem er verlangt hat, die Geschichte solle so betrachtet
werden, dafi man nicht nur die einzelnen Tatsachen in Erwagung zieht,
die aufierlich in der physischen Welt zu beobachten sind, sondern aus
einer zusammenfassenden, synthetisierenden Kraft heraus dasjenige
sieht, was im geschichtlichen Werden wirksam ist, was aber eigentlich
nur gefunden werden kann von demjenigen, der in einem gewissen
Sinne dichterisch, aber dann eigentlich die Wahrheit dichtend, die ge-
schichtlichen Tatsachen zusammenzufassen weifi. Es ist auch darauf
aufmerksam gemacht worden, wie im Laufe des 19. Jahrhunderts dann
gerade die entgegengesetzte geschichtliche Denkweise und Gesinnung
eine besondere Ausbildung erfahren hat, wie keineswegs Ideen in der
Geschichte verfolgt worden sind, sondern eben nur der Sinn fur die
aufiere Tatsachenwelt entwickelt worden ist. Und es ist darauf auf-
merksam gemacht worden, dafi gerade iiber die letztere Frage eigent-
lich erst zur Klarheit gekommen werden kann aus der Geisteswissen-
schaft heraus, weil ja erst die Geisteswissenschaft die wirklichen trei-
benden Krafte des geschichtlichen Werdens der Menschheit enthiil-
len kann. Humboldt war eine solche Geisteswissenschaft noch nicht
zuganglich. Er sprach von Ideen, aber Ideen haben doch keine trei-
bende Kraft. Ideen als solche sind eben Abstraktionen, wie ich schon
gestern hier erwahnte. Und derjenige, der auch Ideen als die treiben-
den Krafte der Geschichte finden mochte, konnte niemals beweisen,
dafi diese Ideen wirklich etwas tun, denn sie sind nichts Wesenhaftes,
und nur Wesenhaftes kann etwas tun. Die Geisteswissenschaft deutet
auf wirkliche geistige Krafte hin, die hinter den sinnlich-physischen
Tatsachen sind, und in solchen wirklichen geistigen Kraften liegen
die Motoren des Geschichtlichen, wenn auch diese geistigen Krafte
fiir den Menschen dann eben durch Ideen ausgedriickt werden miissen.
Aber iiber all diese Dinge kommen wir nur zur Klarheit, wenn wir
einen tieferen Blick eben gerade vom geisteswissenschaftlichen Stand-
punkte aus in das geschichtliche Werden der Menschheit werfen, und
wir wollen es heute einmal so tun, dafi durch unsere Betrachtungen
einige Tatsachen uns erfliefien, die gerade fiir die Beurteilung der ge-
genwartigen Menschheitssituation wichtig sein konnen. Ich habe schon
ofter erwahnt, daft die Geisteswissenschaft, wenn sie geschichtliche
Betrachtungen anstellt, dann eigentlich eine Symptomatologie betrei-
ben miisse, eine Symptomatologie, die darin besteht, dafi man sich be-
wufk ist: Hinter dem, was als physisch-sinnlicher Tatsachenstrom ab-
lauft, liegen die treibenden geistigen Krafte. Aber es gibt iiberall in
dem geschichtlichen Werden Punkte, wo das eigentlich Wesenhafte
symptomatisch an die Oberflache tritt und wo man es beurteilen kann
aus den Erscheinungen heraus, wenn man nur die Moglichkeit hat, in
seiner Erkenntnis von diesen Erscheinungen aus mehr hineinzudringen
in die Tiefen des geschichtlichen Werdens.
Ich mochte das durch eine einfache versinnlichende Zeichnung klar-
machen. Nehmen wir einmal an, dies ware ein Strom von geschicht-
lichen Tatsachen (siehe Zeichnung). Dasjenige, was treibende Krafte
sind, Hegt eigentlich fiir die gewohnliche Beobachtung unter dem Strom
dieser Tatsachen. Wenn etwa ein Seelenauge diesen Strom der Tat-
sachen so beobachtet, dann wiirde unter dem Strom der Tatsachen
das eigentliche Wirken der treibenden Krafte liegen (rot). Aber es
gibt bedeutsame Punkte innerhalb des Tatsachenstromes. Und diese
bedeutsamen Punkte zeichnen sich eben dadurch aus, dafi bei ihnen
das sonst sich Verbergende an die Oberflache tritt. So dafi wir sagen
konnen: Hier wiirde an einer besonderen Erscheinung, die man nur
richtig abschatzen mufi, klarwerden konnen, was auch sonst iiberall
wirkt, was sich aber nicht an so pragnanten Erscheinungen zeigt. -
Nehmen wir an, das (siehe Zeichnung) ware in irgendeinem Jahre der
Weltgeschichte, was sich hier abspielt etwa 800 nach Christi Geburt.
?00n. Cht. Tafell
Dasjenige, was fur Europa, sagen wir, fur Westeuropa bedeutsam
war, wirkte natiirlich auch vorher, wirkte auch nachher; aber nicht
in einer so pragnanten Art zeigte es sich in der vorhergehenden Zeit
und in der nachfolgenden Zeit, wie gerade da. Wenn man auf eine
solche Geschichtsbetrachtung weist, die hinschaut auf pragnante
Punkte, so liegt eine solche durchaus im Sinne des Goetheanismus. Denn
Goethe wollte iiberhaupt alle Weltbetrachtung so einrichten, dafi auf
gewisse pragnante Punkte hingeschaut werde und aus dem, was in
solchen pragnanten Punkten erschaut werden kann, dann der ubrige
Gehalt des Weltgeschehens erkannt werden sollte. Goethe sagt gerade-
zu, innerhalb der Fiille der Tatsachen komme es darauf an, iiberall
einen pragnanten Punkt zu finden, von dem aus sich die Nachbar-
gebiete iiberschauen lassen, von dem aus sich viel entratseln lafit.
Nun, nehmen wir dieses Jahr 800 etwa. Da konnen wir auf eine
Tatsache hinweisen in der westeuropaischen Menschheitsentwickelung,
die gegenuber der gewohnlichen Geschichtsbetrachtung unbedeutend
erscheinen konnte, die man vielleicht gar nicht beachtenswert findet
fur das, was man sonst Geschichte nennt, die aber doch fur eine tiefere
Betrachtung des Menschheitswerdens eben ein pragnanter Punkt ist.
Zu den Tafeln siehe auch S. 144.
11
Um dieses Jahr herum etwa war eine Art theologisch-gelehrter Streit
zwischen dem Manne, der eine Art Hofphilosoph des Frankenreiches
war, Alkuin, und einem damals im Frankenreiche lebenden Griechen.
Der Grieche, der bewandert war gerade in der besonderen Seelenver-
fassung des Griechenvolkes, die sich auf ihn heriiber vererbt hatte,
hatte die Prinzipien des Christentums beurteilen wollen und kam auf
den Begriff der Erlosung. Er stellte die Frage: Wem ist denn eigent-
lich bei dieser Erlosung durch den Christus Jesus das Losegeld ausbe-
zahlt worden? - Er, der griechische Denker, kam zu der Losung, dem
Tod sei das Losegeld ausbezahlt worden. Also es war gewissermafien
eine Art Erlosungstheorie, die dieser Grieche aus dieser ganz griechi-
schen Denkweise, die eben das Christentum kennenlernt, entwickelt
hat. Dem Tod sei das Losegeld durch die Weltenmachte ausbezahlt
worden.
Alkuin, der damals in jener theologischen Stromung drinnenstand,
welche dann mafigebend geworden ist fur die Entwickelung der ro-
misch-katholischen Kirche des Abendlandes, diskutierte in der folgen-
den Weise iiber das, was dieser Grieche vorgebracht hatte. Er sagte:
Das Losegeld kann doch nur einem Wesen ausbezahlt werden, das
wirklich ist; aber der Tod hat doch keine Wirklichkeit, der Tod schliefit
nur die Wirklichkeit ab, der Tod ist nichts Wirkliches; also konne
auch nicht das Losegeld an den Tod bezahlt worden sein.
Nun, es kommt jetzt nicht darauf an, die Alkuinsche Denkweise
zu kritisieren; denn fur denjenigen, der die Tatsachenzusammenhange
etwas durchschauen kann, hat die ganze Anschauung, dafi der Tod
kein Wirkliches sei, etwas Ahnliches mit jener Anschauung, die sagt:
Die Kalte ist doch nichts Wirkliches, sondern sie ist nur die Herab-
minderung der Warme, ist nur eine geringere Warme; da die Kalte
nichts Wirkliches ist, ziehe ich mir keinen Winterrock im Winter an,
denn ich werde mich doch nicht gegen etwas Unwirkliches schiit-
zen. — Aber davon wollen wir ganz absehen, wir wollen vielmehr
den Streit zwischen Alkuin und dem Griechen rein positiv nehmen
und wollen uns fragen, was da eigentlich geschehen ist; denn es ist
schon etwas hochst AuffalHges, dafi ja nicht diskutiert wird iiber den
Begriff der Erlosung selber, nicht diskutiert wird so, dafi gewisser-
mafien die beiden Personlichkeiten, der Grieche und der romisch-ka-
tholische Theologe, denselben Gesichtspunkt einnehmen, sondern dafi
der romisch-katholische Theologe den Standpunkt ganz verschiebt,
bevor er iiberhaupt darauf eingeht. Er redet nicht in der Richtung
weiter, die er gerade eingeschlagen hat, sondern er bringt das ganze
Problem in eine ganz andere Richtung. Er fragt: 1st der Tod etwas
Wirkliches oder nicht? - und wendet ein, der Tod sei eben nichts
Wirkliches.
Das weist uns von vorneherein darauf hin, dafi da zwei Anschau-
ungen zusammenstoften, die aus ganz verschiedenen Seelenverfassun-
gen herauskommen. Und so ist es auch. Der Grieche dachte gewisser-
mafien noch fort in der Richtung, die im Griechentum im Grunde ge-
nommen erst verglommen war zwischen Plato und Aristoteles. In Plato
war noch etwas lebendig von der alten Weisheit der Menschheit, von
jener Weisheit, die uns hiniiberftihrt nach dem alten Orient, wo, aller-
dings in alten Zeiten, eine Urweisheit gelebt hat, die dann immer mehr
und mehr in die Dekadenz gekommen ist. Die letzten Auslaufer, mochte
ich sagen, dieser orientalischen Urweisheit, finden wir bei Plato, wenn
wir ihn richtig verstehen konnen. Dann setzt, wie durch eine rasch sich
entwickelnde Metamorphose, der Aristotelismus ein, der im Grunde
genommen eine ganz andere Seelenverfassung darbietet, als es die pla-
tonische ist. Der Aristotelismus stellt ein ganz anderes Element dar in der
Menschheitsentwickelung als der Platonismus. Und wenn wir den Ari-
stotelismus dann weiter verfolgen, so nimmt er auch wiederum verschie-
dene Formen, verschiedene Metamorphosen an, aber sie lassen sich doch
alle in ihrer Ahnlichkeit erkennen. Wir sehen dann, wie als altes Erbgut
in dem Griechen, der gegen Alkuin zu kampf en hat, der Platonismus wei-
ter fortlebt, wie aber bei Alkuin bereits der Aristotelismus vorhanden ist.
Und wir werden hingewiesen, indem diese beiden Menschen in unser
Blickfeld treten, auf jenesWechselspiel,das sich vollzogen hat auf euro-
paischem Boden zwischen zwei, man kann nicht einmal gut sagen
Weltanschauungen, sondern menschlichen Seelenverfassungen, derje-
nigen, die ihren Ursprung noch hat in alten Zeiten des Orients driiben
und derjenigen, die sich dann spater hineinstellt, die wir im Orient
noch nicht finden, die auftauchte in den mittleren Gegenden der Zivi-
lisation, die Aristoteles zuerst ergriffen hat. Sie klingt in Aristoteles
aber erst leise an; denn in ihm lebt doch noch viel Griechentum, sie
entwickelt sich aber dann mit besonderer Vehemenz in der romischen
Kultur, innerhalb welcher sie sich schon lange vor Aristoteles, ja vor
Plato vorbereitet hat. So dafi wir auch sehen, wie auf der italienischen
Halbinsel schon seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert sich eine be-
sondere Kultur, nur nuanciert, vorbereitet neben dem, was auf der
griechischen Halbinsel weiterlebt wie eine Art letzter Auslaufer der
orientalischen Seelenverfassung. Und wenn wir auf die Unterschiede
dieser beiden menschlichen Denkweisen eingehen, so finden wir wich-
tige historische Impulse. Denn dasjenige, was sich in diesen Denkwei-
sen ausdriickt, ging dann iiber in das Gefuhlsleben der Menschen, ging
iiber in die Struktur der menschlichen Handlungen und so weiter.
Nun fragen wir uns einmal: Was lebte denn in dem, was in Ur-
zeiten sich entwickelte im Oriente driiben als Weltanschauung, was
dann im Platonismus, ja sogar noch im Neuplatonismus als in einem
Spatling seine Auslaufer fand. Es ist eine hochgeistige Kultur, die aus
einer inneren Anschauung kam, welche vorzugsweise in Bildern, in
Imaginationen lebte, aber in Bildern, die nicht durchdrungen waren
von dem Vollbewufitsein, noch nicht durchdrungen waren von dem
vollen Ich-Bewufitsein der Menschen. In gewaltigen Bildern ging ge-
rade im alten orientalischen Geistesleben, von dem Veda und Vedanta
die Nachklange sind, dasjenige auf, was eben im Menschen als das
Geistige lebt. Aber es war in einer - ich bitte, das Wort nicht mifizu-
verstehen und es nicht mit dem gewohnlichen Traumen zu verwech-
seln -, es war in einer traumhaften, in einer dumpfen Art vorhanden,
so dafi dieses Seelenleben nicht durchwellt und durchstrahlt war von
dem, was im Menschen lebt, wenn er deutlich sich seines Ich und seiner
eigenen Wesenheit bewufit wird. Der Orientale war sich wohl be-
wufit, dafi seine Wesenheit vorhanden war vor der Geburt, daft sie
durch den Tod wiederum in dieselbe geistige Welt zieht, in der sie
vor der Geburt oder vor der Empfangnis vorhanden war. Der Orien-
tale schaute auf dasjenige, was durch Geburten und Tode zog. Aber
jenes innere Fiihlen, das in dem «Ich bin» lebt, das schaute der Orien-
tale als solches nicht an. Es war gewissermaften dumpf, wie ausge-
flossen in einer Gesamtseelenanschauung, die sich nicht bis zu einem
solchen Punkte hin konzentriert, wie es das Ich-Erlebnis ist. In was
schaute denn da der Orientale eigentlich hinein, wenn er sein instink-
tives Schauen hatte?
Man kann es noch fiihlen, wie ganz anders diese orientalische Seelen-
verfassung war als die der spateren Menschheit, wenn man sich zu
diesem Verstandnis, vielleicht durch Geisteswissenschaft vorbereitet,
in jene merkwiirdigen Schriften vertieft, die zugeschrieben werden -
ich will jetzt die Autorfrage nicht weiter untersuchen, ich habe mich
ofter dariiber ausgesprochen - dem Dionysius vom Areopag, dem Areo-
pagiten. Da wird noch gesprochen von dem «Nichts» als von einer
Realitat, der nur das Sein der aufieren Welt, wie man sie im gewohn-
lichen Bewufitsein iiberblickt, als etwas anderes Reales entgegenge-
stellt wird. Dieses Sprechen von dem Nichts, das klingt dann noch
weiter fort. Bei Scotus Erigena, der am Hofe Karls des Kahlen lebte,
findet man noch Nachklange, und den letzten Nachklang findet man
dann im 15. Jahrhundert bei Nikolaus Cusanus. Aber dann verglimmt
das vollstandig, was gemeint war in dem Nichts, das man bei Dio-
nysius dem Areopagiten findet, von dem aber der Orientale als von
etwas ihm Selbstverstandlichen sprach. Was war fur den Orientalen
dieses Nichts? Es war ein Wirkliches fur ihn. Er richtete den Blick in
die umgebende Sinneswelt, er sagte sich: Diese Sinneswelt ist ausge-
dehnt im Raum, verfliefit in der Zeit, und man sagt im gewohnlichen
Leben zu dem, was im Raume ausgedehnt ist und in der Zeit verfliefit,
es sei ein Etwas.
Aber das, was der Orientale sah, was fiir ihn eine Realitat war, die
durch Geburten und Tode geht, das war nicht in diesem Raum ent-
halten, in dem sich die Mineralien befinden, die Pflanzen sich ent-
wickeln, die Tiere sich bewegen, der Mensch als physisches Wesen
sich bewegt und handelt, es war auch nicht in jener Zeit enthalten, in
der sich unsere Vorstellungen, Gefiihle und Willensimpulse abspielen.
Der Orientale war sich ganz klar: Man mufi aus diesem Raume heraus-
gehen, in dem die physischen Dinge ausgedehnt sind, und sich bewegen,
und man mufi aus dieser Zeit herausgehen, in der unsere Seelenkrafte
des gewohnlichen Lebens sich betatigen. Man mufi in eine ganz andere
Welt eindringen, in die Welt, die fur das aufiere zeitlich-raumliche
Dasein das Nichts ist, das aber doch ein Wirkliches ist. Der Orientale
empfand eben gegeniiber den Welterscheinungen etwas, was der Euro-
paer hochstens noch auf dem Gebiete der realen Zahl empfindet. Wenn
der Europaer funfzig Franken hat, so hat er etwas. Wenn er fiinfund-
zwanzig Franken davon ausgibt, so hat er nur noch funfundzwanzig
Franken; wenn er wieder funfzehn Franken ausgibt, so hat er noch
zehn; wenn er diese auch ausgibt, hat er nichts; wenn er jetzt mit Aus-
geben weiterfahrt, hat er fiinf, zehn, funfzehn, funfundzwanzig Fran-
ken Schulden. Er hat immer nichts, aber er hat doch etwas sehr Reales,
wenn er statt einfach leerem Portemonnaie funfundzwanzig oder fiinf-
zig Franken Schulden hat. Das bedeutet in der realen Welt auch etwas
sehr Reales, wenn man diese Schulden hat. Es ist ein Unterschied in
der ganzen Lebenssituation, ob man nichts hat oder ob man funfzig
Franken Schulden hat. Diese funfzig Franken Schulden sind ebenso
wirksame Krafte fur die Lebenssituation, wie auf der anderen Seite
im entgegengesetzten Sinne funfzig Franken Vermogen wirksame
Krafte sind. Auf diesem Gebiete lafit sich wahrscheinlich der Europaer
auf die Realitat der Schulden ein, denn es mufi in der realen Welt immer
etwas vorhanden sein, wenn man Schulden hat. Die Schulden, die man
selber hat, mogen fiir einen eine noch so sehr negative Grofie sein,
fur den anderen, dem man sie schuldet, sind sie aber eine recht positive
Grofie.
Also, wenn es nicht blofi auf das Individuum ankommt, sondern
auf die Welt, dann ist dasjenige, was ja nach der einen Seite der Null
liegt, die entgegengesetzt ist der Vermogensseite, doch etwas sehr Rea-
les. Der Orientale empfand, aber nicht, weil er irgendwie spekulierte,
sondern weil ihn seine Anschauung notigte, so zu empfinden, er emp-
fand: Da erlebe ich auf der einen Seite den Raum und die Zeit, und
auf der anderen Seite erlebe ich dasjenige, was nicht im Raum und in
der Zeit beobachtet werden kann, was fiir die Raum- und Zeitdinge und
fiir das Raum- und Zeitgeschehen ein Nichts ist, aber eine Realitat ist,
eben nur eine andere Realitat. Nur durch ein Mifiverstandnis ist dann
dasjenige entstanden, dem sich die abendlandische Zivilisation unter
Roms Fuhrung hingegeben hat: die Schopfung der Welt aus dem Nichts,
wobei man unter dem Nichts nur die Null gedacht hat. Im Oriente,
wo diese Dinge urspriinglich konzipiert worden sind, entsteht die Welt
nicht aus dem Nichts, sondern aus jenem Realen, auf das ich Sie eben
hingewiesen habe. Und ein Nachklang desjenigen, das durch alle orien-
talische Denkweise und bis zu Plato herunter vibriert hat, was Ewig-
keitsimpuls einer alten Weltanschauung war, ein Nachklang davon
lebte in dem Griechen am Hofe Karls des Grofien, der mit Alkuin zu
diskutieren hatte. Und eine Abweisung des geistigen Lebens, fur das
dieses Nichts die aufiere Form war im Oriente, lebte bei dem Theolo-
gen Alkuin, der daher, als der Grieche von dem Tod, der aus dem
geistigen Leben heraus verursacht ist, als von etwas Realem sprach, nur
erwidern konnte: Der Tod ist doch ein Nichts, also kann er kein Lose-
geld erhalten.
Sehen Sie, all das, was Gegensatz ist zwischen alter orientalischer,
bis zu Plato reichender Denkweise und dem, was spater folgte, driickt
sich aus in diesem pragnanten Punkte, wo Alkuin mit dem Griechen
am Hofe Karls des Grofien diskutierte. Denn, was war mittlerweile
eingezogen in die europaische Zivilisation seit Plato, namentlich durch
die Verbreitung des romanischen Wesens? Es war eingezogen diejenige
Denkweise, welche man dadurch zu begreifen hat, daft sie vorzugs-
weise auf das geht, was der Mensch durchlebt zwischen Geburt und
Tod. Die Seelenverfassung, die sich vorzugsweise beschaftigt mit dem,
was der Mensch durchlebt zwischen Geburt und Tod, das ist die lo-
gisch-juristische, die logisch dialektisch-juristische. Das Morgenland
hatte nichts Logisch-Dialektisches und am wenigsten etwas Juristi-
sches. Das Abendland brachte in die morgenlandische Denkweise das
logisch-juristische Denken so stark hinein, dafi wir selbst das religiose
Empfinden durchjuristet finden. Wir sehen in der Sixtinischen Ka-
pelle in Rom uns entgegenragen von der Meisterhand Michelangelos
den Weltenrichter Christus, der da richtet iiber die Guten und die
Bosen.
In die Gedanken iiber den Weltverlauf ist Juristisch-Dialektisches
hineingezogen. Ganz fremd war das der orientalischen Denkweise. Da
gab es so etwas nicht, wie Schuld und Suhne, wie Erlosung uberhaupt.
Daher kann der Grieche fragen: Was ist denn diese Erlosung? - Da
gab es eben die Anschauung jener Metamorphose, durch die sich das
Ewige umgestaltet durch Geburten und Tode hin; da gab es dasjenige,
was in dem Begriff des Karma lebte. Dann aber wurde alles hereinge-
spannt in eine Anschauungsweise, welche eigentlich nur giiltig ist fur
das Leben zwischen Geburt und Tod, welche nur umfassen kann dieses
Leben zwischen Geburt und Tod. Das aber, dieses Leben zwischen
Geburt und Tod, hatte sich gerade wieder dem Orientalen entzogen.
Er blickte viel mehr auf des Menschen Wesenskern hin. Er hatte we-
niger Verstandnis fur das, was sich zwischen Geburt und Tod ab-
spielte. Und innerhalb dieser abendlandischen Kultur wurde nun grofi
jene Denkweise, die vorzugsweise das erfaftt, was innerhalb von Ge-
burt und Tod sich abspielt durch jene Krafte, die der Mensch dadurch
hat, daft er sein Geistig-Seelisches mit einem Leib umkleidet hat, mit
einem physischen und atherischen Leibe. In dieser Konstitution, in dem
innerlichen Erleben des Geistig-Seelischen und in der Art dieses Erie-
bens, die davon herkommt, daft man eben eingetaucht ist mit dem Gei-
stig-Seelischen in einen physischen Leib, kommt die klare, die voile
Erfassung, die innerliche Erfassung des Ich. Daher geschieht es auch
im Abendlande, daft der Mensch sich gedrangt fiihlt, gerade sein Ich
zu erfassen, sein Ich als Gottliches zu erfassen. Wir sehen diesen Drang,
das Ich als ein Gottliches zu erfassen, auftreten bei den mittelalterlichen
Mystikern, bei Eckart, bei Tauler, bei den anderen. Diese Erfassung
des Ich kristallisiert sich mit aller Macht heraus in dem, was die mitt-
Tafd2 lere Kultur ist. So daft wir unterscheiden konnen: die Ostkultur, die
Zeit, in der das Ich erst dumpf erlebt wird; die Mittelkultur, sie ist
vorzugsweise diejenige, in der das Ich erlebt wird. Und wir sehen,
wie in den mannigfaltigsten Metamorphosen dieses Ich erlebt wird:
erst, ich mochte sagen, in jener dammerhaften Weise, in der es auf-
tritt bei Eckart, bei Tauler, bei den anderen Mystikern; dann immer
deutlicher und deutlicher, indem sich alles dasjenige herausentwickelt,
was aus dieser Ich-Kultur stammen kann.
Wir sehen dann, wie innerhalb der Ich-Kultur der Mitte ein anderer
Einschlag auftritt. Am Ende des 18. Jahrhunderts tritt in Kant etwas
auf, was im Grunde genommen gar nicht erklarbar ist aus dem Fort-
stromen dieser Ich-Kultur. Denn, was kommt durch Kant herauf?
Kant untersucht das Erkennen der Natur. Er kommt nicht zurecht
damit. Es fallt ihm das Naturerkennen auseinander in Subjektivitaten,
er dringt nicht bis zum Ich vor, trotzdem er fortwahrend vom Ich
spricht, sogar aus dem Ich heraus in manchen Kategorien, in den An-
schauungen von Raum und Zeit, die ganze Natur umfassen mochte.
Er dringt doch nicht zum wirklichen Erleben des Ich vor. Er kon-
struiert auch eine praktische Philosophic mit dem kategorischen Im-
perativ, der aus unergriindlichen Gegenden der Menschenseele sich
kundgeben soil. Wiederum erscheint dabei nicht das Ich. In der Kant-
schen Philosophic ist es merkwurdig: Es ist die ganze Wucht der Dia-
lektik, des dialektisch-logisch-juristischen Denkens da, indem alles auf
das Ich hintendiert; aber er kann nicht dazu kommen, dieses Ich philo-
sophisch wirklich zu durchschauen. Da muE irgend etwas sein, was ihn
daran hindert. Dann kommt Fichte, der noch der Schiiler Kants ist,
und der mit aller Wucht seine ganze Philosophic aus diesem Ich heraus-
quellen lassen will, der den, ich mochte sagen, durch seine Einfachheit
niederschlagenden Satz als den hochsten Satz seiner Philosophic hin-
stellt: «Ich bin.» Und aus diesem «Ich bin» soil alles, was richtig wis-
senschaftlich ist, folgen. Man soil gleichsam deduzieren konnen, her-
auslesen konnen aus dem «Ich bin», die ganze Weltanschauung. Kant
kann nicht zu dem «Ich bin» kommen. Fichte, gleich hinterher, noch
als der Schiiler Kants, schleudert ihm entgegen das «Ich bin». Und
die Leute sind erstaunt: Das ist ein Schiiler Kants, der redet so etwas! -
Und Fichte sagt: So viel er verstehen konne, miisste Kant, wenn er
richtig zu Ende denken konnte, dasselbe denken, was er denkt! - So
unerklarlich ist es Fichte, dafi Kant anders denkt als er, dafi er sagt:
Wenn Kant nur zu Ende denkt, so mufi er geradeso denken, so mufi
er auch zu dem «Ich bin» kommen. - Und Fichte driickt das noch
deutlicher aus, indem er sagt: Ich wiirde lieber die ganze Kantsche
Kritik fur ein blindes Spiel von zufallig durcheinander gewirbelten
Begriffen halten, als fur das Werk eines Kopfes, wenn nicht meine
Philosophic aus der Kantschen richtig folgen wiirde. - Kant weist
das selbstverstandlich zuriick. Er will nichts zu tun haben mit dem,
was Fichte als seine Konsequenzen gezogen hat.
Nun sehen wir, wie sich an Fichte das anschliefit, was dann als
deutsche idealistische Philosophic in Schelling, in Hegel aufgesprossen
ist, was all die Kampfe hervorgerufen hat, von denen ich zum Teil in
meinen Vortragen iiber die Grenzen der Naturerkenntnis gesprochen
habe. Aber wir sehen doch etwas Eigentiimliches. Wir sehen, wie Hegel
ganz in einer kristallklaren Ausgestaltung des Juristisch-Dialektisch-
Logischen lebt und ein Wekanschauungsbild daraus gewinnt, aber nur
ein Wekanschauungsbild, welches sich interessiert fur dasjenige, was
zwischen Geburt und Tod verflieik. Denn gehen Sie die ganze Hegel-
sche Philosophie durch, Sie finden darin nichts, was iiber Geburt und
Tod hinausgeht. Es schliefit alles mit der Weltgeschichte, mit Religion,
Kunst und Wissenschaft, mit all dem, was hereinfallt in die Erlebnisse
zwischen Geburt und Tod.
Was ist denn da Merkwiirdiges geschehen? Nun, dasjenige, was in
Fichte, Schelling und Hegel herausgekommen ist, diese starkste Ent-
faltung der mittleren Kultur, in der das Ich zum vollen Bewulksein,
zum inneren Erleben kam, das war nur eine Reaktion noch, ein letztes
Reagieren gegeniiber etwas anderem. Denn man versteht Kant nur,
wenn man folgendes richtig ins Auge fafit. Jetzt komme ich wieder
an einen pragnanten Punkt, von dem sich vieles ableiten lafit. Sehen
Sie, Kant war noch - das geht aus seinen alteren Schriften klar her-
vor - ein Schuler des Rationalismus des 18. Jahrhunderts, der in Leib-
niz in genialer, in Wolff in pedantischer Weise gelebt hat. Und man
sieht: Diesem Rationalismus kam es eigentlich gar nicht darauf an,
auf ein Geistig-Wirkliches wirklich zu kommen - Kant wies es daher
ab, dieses «Ding an sich», wie er es nannte -, sondern es kam ihm
darauf an, zu beweisen, sicher zu beweisen! Kants Schriften sind in
dieser Beziehung auch merkwiirdig. Er schrieb seine «Kritik der rei-
nen Vernunft», in der er eigentlich fragt: Wie mufi die Welt sein, damit
man in ihr beweisen kann? - Nicht: Was sind die Realitaten dabei? -,
sondern er fragt eigentlich: Wie muE ich mir die Welt denken, damit
ich in ihr logisch-dialektisch, logisch beweisen kann? - Es kommt ihm
nur darauf an, und er sucht in seinen «Prolegomena zu einer jeden
kiinftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten kon-
nen», eine Metaphysik zu dem, was sich in seinem Sinne beweisen lafit:
Alles andere raus! Hoi' der Teufel die Realitat der Welt, man lasse
mir nur die Kunst des Beweisens! Was schert mich, was die Wirklich-
keit ist; wenn ich sie nicht beweisen kann, dann kiimmere ich mich
nicht urn sie!
In dieser Weise haben diejenigen natiirlich nicht gedacht, die solche
Biicher geschrieben haben wie Christian Wolff zum Beispiel, «Ver-
niinftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen,
auch alien Dingen iiberhaupt» etwa, sondern ihnen kam es darauf an,
ein sauberes, in sich geschlossenes System von Beweisen zu haben, wie
sie eben das Beweisen ansehen. Kant lebte in dieser Sphare; aber da war
immerhin etwas da, was zwar ein ausgeprefiter Balg der mittleren Welt-
anschauung war, aber doch in die mittlere Weltanschauung hineinpaftte.
Kant aber, der hat noch etwas anderes, was unerklarlich macht, wodurch
er Fichtes Lehrer werden konnte. Er regt doch immerhin Fichte an, und
Fichte wirft ihm wieder entgegen die starke Betonung des «Ich bin»,
wirft ihm entgegen allerdings nicht blofie Beweise, denn die wird man
bei Fichte nicht suchen, aber ein vollentwickeltes inneres Seelenleben.
Es taucht bei Fichte mit aller Kraft des inneren Seelenlebens eigent-
lich das auf, was man bei den Wolffianern, bei den Leibnizianern
strohern finden kann. Fichte konstruiert seine Philosophic aus dem
«Ich bin» heraus in lauter reinen Begriffen; nur sind sie bei ihm le-
bensvoll. Sie sind auch bei Schelling, sie sind auch bei Hegel. Aber was
ist denn da eigentlich liber Kant heniber geschehen? Nun, man trifft
auf den pragnanten Punkt, wenn man Kant verfolgt, wie er sich ent-
wickelt hat. Aus einem Schiiler Wolffs ist etwas anderes dadurch
geworden, dafi ihn der englische Philosoph David Hume, wie er sel-
ber sagt, aus dem dumpf-apathischen Schlummer geweckt hat. Was
ist da in Kant hineingefahren, was Fichte nicht mehr verstehen konnte?
Da ist in Kant - es pafite nur schlecht in ihn hinein, weil er zu stark
verstrickt war mit dem Mitteleuropaertum - hineingefahren dasje-
nige, was jetzt die Westkultur ist. Ihm trat sie entgegen in der Per-
sonlichkeit des David Hume; da fuhr in Kant die Westkultur hinein.
Und worin konnen wir ihr Eigentumliches suchen? In der morgen-
landischen Kultur, da finden wir, dafi das Ich unten dumpf noch lebt,
wie traumhaft, in den Seelenerlebnissen, die sich imaginativ bildhaft
ausdriicken, ausbreiten. In der Westkultur, da finden wir, daft das
Ich gewissermafien von den rein aufierlichen Tatsachen erdriickt wird.
Da ist das Ich zwar vorhanden, da ist es aber nicht dumpf vorhanden,
sondern da bohrt es sich hinein in die Tatsachen. Und da bildet man
zum Beispiel eine merkwurdige Psychologie aus. Da redet man nicht
so wie Fichte iiber das Seelenleben, der alles aus dem einen Punkt des
Ich herausarbeiten mochte, da redet man von Gedanke und Gedanke
und Gedanke, und diese assoziieren sich. Da redet man von Gefuhlen
und Vorstellungen und Empfindungen, und diese assoziieren sich, und
auch Willensimpulse assoziieren sich. Da redet man von dem inneren
Seelenleben so, wie von Gedanken, die sich assoziieren.
Fichte redet von dem Ich; das strahlt die Gedanken aus. Im Westen
fallt das Ich vollstandig heraus, weil es absorbiert, aufgesogen ist von
den Gedanken, von den Empfindungen, die man wie selbstandig macht,
und die sich assoziieren und wieder trennen. Und man verfolgt das
Seelenleben so, als ob sich die Vorstellungen verbinden und trennen
wiirden. Lesen Sie Spencer, lesen Sie John Stuart Mill, lesen Sie die
amerikanischen Philosophen : tiberall, wo sie auf Psychologie zu reden
kommen, da ist diese merkwurdige Anschauung, die nicht das Ich
ausschliefit wie der Orient, weil es dort dumpf entwickelt wird, son-
dern die das Ich voll in Anspruch nimmt, aber es versinken lafit in die
Region des vorstellenden, fiihlenden, wollenden Seelenlebens. Man
konnte sagen: Beim Orientalen ist das Ich noch iiber Vorstellen, Fiih-
len und Wollen; es ist noch nicht heruntergestiegen auf das Niveau
von Vorstellen, Fiihlen und Wollen. Bei dem Menschen der Westkul-
tur ist das Ich schon unter der Sphare, da ist es unter der Oberflache
von Denken, Fiihlen und Wollen, so daft es zunachst nicht mehr be-
Tafel 3
merkt wird und man von Denken, Fiihlen und Wollen wie von selb-
standigen Machten redet. - Das ist in Kant hineingefahren in der Ge-
stalt der Philosophic des David Hume. Dem hat sich noch die mitt-
lere Partie der Erdenkultur mit aller Gewalt entgegengestellt in Fichte,
in Schelling, in Hegel. Dann iiberflutet mit dem Darwinismus, mit
dem Spencerismus die Westkultur alles, was zunachst da ist.
Nur dann wird man zu einem Verstandnisse desjenigen kommen
konnen, was da lebt in der Menschheitsentwickelung, wenn man diese
tieferen Krafte untersucht. Dann findet man, daft sich auf eine natur-
gemafte Weise im Oriente etwas entwickelt, was eigentlich nur Geistes-
leben war. Da hat sich in dem mittleren Gebiete etwas entwickelt,
was dialektisch-juristisch war, was eigentlich die Staatsidee hervorge-
bracht hat, weil es auf diese anwendbar ist. Gerade solche Denker, wie
Fichte, Schelling, Hegel, konstruieren mit einer ungeheuren Sympathie
die einheitlichen Staatsgebilde. Dann taucht aber im Westen eine solche
Kultur auf, die von einer Seelenverfassung herriihrt, wo das Ich ab-
sorbiert ist, unter dem Niveau von Denken, Fiihlen und Wollen ver-
lauft, wo man von Assoziationen spricht im Vorstellungs-, im Ge-
fiihlsleben. Man sollte dieses Denken nur auf das Wirtschaftsleben an-
wenden! Da ist es am richtigen Platze. Man war vollstandig fehlge-
gangen, als man es anwendete zuerst auf etwas anderes als auf das
Wirtschaftsleben. Da ist es grofi, da ist es genial, und wiirde Spencer,
wiirde John Stuart Mill, wiirde David Hume, wiirden sie alle dasje-
nige, was sie auf die Philosophic verschwendet haben, auf Einrich-
tungen des Wirtschaftslebens verwendet haben, es ware groftartig ge-
worden. Wiirden die in Mitteleuropa wohnenden Menschen das, was
ihnen als Begabung naturgemafi war, beschrankt haben auf den bloften
Staat, und wiirden sie nicht zugleich damit auch das Geistesleben und
das Wirtschaftsleben haben erfassen wollen, es hatte etwas Groftartiges
daraus werden konnen. Denn mit dem, was Hegel denken konnte, was
Fichte denken konnte, hatte man, wenn man innerhalb des juristisch-
staatlichen Gebildes bliebe, das wir im dreigliedrigen Organismus her-
aussondern wollen als das staatliche Gebilde, etwas Groftartiges errei-
chen konnen. Aber dadurch, daft diesen Geistern vorschwebte, sie
miifiten ein Staatsgebilde schaffen, wo das Wirtschaftsleben drinnen
ist und das Geistesleben drinnen ist, dadurch wurden Karikaturen statt
wirklicher Staatsgebilde. Und das Geistesleben hat man uberhaupt nur
gehabt als ein Erbgut des alten Orientes. Man wulke nur nicht, daft
man noch von diesem Erbgut des alten Orientes lebte. Was zum Beispiel
brauchbare Aufstellungen der christlichen Theologie sind, ja, was
brauchbare Aufstellungen noch innerhalb unserer materialistischen
Wissenschaften sind, es ist entweder altes orientalisches Erbgut, oder
es ist ein Wechselbalg von juristisch-dialektischem Denken, oder es ist
schon heriibergenommen, so wie Spencer und Mill es getan haben, aus
der westlichen Kultur, die fur das Wirtschaftsleben besonders geeig-
net ist.
So war iiber die Erde hin verteilt geistiges Denken, das der alte
Orient hatte, aber in einer instinktiven Weise, wie es heute nicht mehr
zu gebrauchen ist, da es heute in der Dekadenz ist, dialektisch-staat-
liches Denken, das seine Auflosung erlebte gerade durch die Welt-
katastrophe. Denn niemand war weniger geeignet, wirtschaftlich zu
denken, als die Schiiler von Fichte, Schelling und Hegel. Als sie an-
fingen, ein Reich zu grunden, das vorzugsweise durch die Wirtschaft
grofi werden wollte, mulken sie selbstverstandlich unterliegen, denn
das war nicht naturgemafi in ihrer Begabung gelegen. Verteilt war
nach dem historischen Entwickelungsgang der Menschheit: geistiges
Denken, staatlich-politisches Denken, wirtschaftliches Denken auf
Osten, Mitte, Westen. Wir sind an dem Punkte der menschlichen Ent-
wickelung angelangt, wo iiber die ganze Menschheit Verstandnis, glei-
chermafien Verstandnis sich ausbreiten mulS. Wie kann das geschehen?
Das kann nur geschehen aus der Initiationskultur, aus der neuen
Geisteswissenschaft heraus, die nun nicht nach Einseitigkeiten hin sich
entwickelt, sondern die gerade auf alien Gebieten das, was sich sonst
von selber dreigegliedert hat, als Dreigliederung auch im sozialen Le-
ben wirklich ins Auge fafit, die zusammenfafit dasjenige, was iiber die
Erde verbreitet ist. Diese kann aber nicht durch natiirliche Anlagen
verbreitet werden, sie kann nur dadurch verbreitet werden, daft man
sich einlafit auf diejenigen, die diese Dinge durchschauen, die wirklich
erleben konnen als ein besonderes Gebiet das Geistgebiet, als ein be-
sonderes Gebiet das Staats- oder politische Gebiet, als ein besonderes
Gebiet das Wirtschaftsgebiet. Darin liegt die Einigung der Menschen
iiber die Erde hin, dafi dasjenige, was auf drei Spharen verteilt war,
im Menschen zusammengefafit wird, indem er es selbst im sozialen Or-
ganismus so gliedert, daft es sich vor ihm, vor seiner Nase, in Harmonie
befinden kann. Das aber kann nur erfolgen aus der geisteswissenschaft-
lichen Schulung heraus. Und hier stehen wir an dem Punkte, wo wir
sagen mussen: Wir sehen in alten Zeiten die einzelnen Personlichkeiten,
wir sehen sie aussprechen dasjenige, was der Geist der Zeit ist. Aber
wenn wir wirklich priifen, zum Beispiel gerade innerhalb der orienta-
lischen Kultur, dann finden wir, dafi im Grunde genommen in den
Massen instinktiv lebte etwas von Seelenverfassung, was in einer merk-
wiirdigen, selbstverstandlichen Ubereinstimmung mit dem war, was die
einzelnen aussprachen.
Dieses Zusammenwirken wird aber immer geringer und geringer.
In unserer Zeit sehen wir das entgegengesetzte Extrem sich herausbil-
den. Wir sehen in den Massen die entgegengesetzten Instinkte von dem
heraufkommen, was der Menschheit eigentlich heilsam ist. Wir sehen
heraufkommen, was gerade das notwendig macht, was dem Einzelnen,
der auf die Geisteswissenschaft bis in ihre Tiefen eingehen kann, ent-
stromen kann. Aus den Instinkten wird kein Heil kommen, allein aus
jenem Verstandnis, von dem hier auch Dr. Unger gesprochen hat, das
oftmals betont wird, das jeder Mensch dem Geistesforscher entgegen-
bringen kann, wenn er sich nur dem gesunden Menschenverstand wirk-
lich hingibt. So wird eine Kultur kommen, wo gerade die einzelne
Individualist mit ihrem immer tieferen Eindringen in innere Tiefen
der geistigen Welten von besonderer Wichtigkeit ist, und wo man
den, der so eindringt in die geistigen Welten, gelten lassen will wie den,
der sonst ein Handwerk betreibt. Man lafit sich nicht vom Schneider
Stiefel machen, nicht vom Schuster rasieren, warum sollte man das, was
man braucht als Weltanschauung, bei jemandem anderen holen als bei
dem, der in sie eingeweiht ist? Aber das ist es ja, was gerade gegen war-
tig im intensivsten Sinne notwendig ist zum Menschenheil, obwohl
die Reaktion dagegen da ist, die zeigt, wie die Menschheit sich noch
straubt gegen das, was ihr heilsam ist. Das ist der furchtbare Kampf,
der Ernst, in dem wir drinnenstehen.
Keiner Zeit ist notwendiger gewesen, dafi hingehorcht werde auf
das, was der Einzelne in dem oder jenem weift, und dafl - nicht auf
Autoritatsglaube hin, sondern auf Verstand und auf verstandnismafiige
Zustimmung hin - wirken kann fur das soziale Leben derjenige, der auf
einem einzelnen Gebiete etwas weifi. Aber die Instinkte wenden sich
zunachst dagegen, und man glaubt, dafi man vom allgemeinen Nivelle-
ment aus irgend etwas Heilsames erreichen kann. Das ist der ernste
Kampf, in dem wir drinnenstehen. Da hilft keine Sympathie und Anti-
pathie, da hilft kein Leben in Schlagworten, da hilft nur ein klares
Ansehen der Tatsachen. Denn heute entscheiden sich ja die grofien
Fragen, die Fragen, ob die Personlichkeit oder die Masse eine Bedeu-
tung hat. Fur andere Zeiten hatte sie keine grofie Bedeutung, denn
es stimmte die Masse mit den einzelnen Personlichkeiten zusammen;
die Personlichkeiten waren gewissermafien doch nur die Exponenten
der Masse. Immer mehr gehen wir derjenigen Zeit entgegen, wo der
Einzelne ganz in sich selber den Quell dessen suchen mufi, was er zu
finden hat, und was er dann wiederum hineinzuwerfen hat in das so-
ziale Leben, und es ist nur das letzte Strauben gegen diese Geltung ge-
rade der Individualist und einer immer grofieren und grofieren Zahl
von Individualitaten. Man kann geradezu hineinschauen, wie das, was
Geisteswissenschaft zeigt, iiberall an dem pragnanten Punkt sich auch
beweist. Wir reden von den notwendigen Assoziationen im Wirt-
schaftsleben, brauchen dazu ein bestimmtes Denken. In der Westkultur
hat sich das entwickelt, indem man die Gedanken sich assoziieren lafit.
Wenn man das nehmen konnte, was John Stuart Mill mit der Logik
treibt, wenn man diese Gedanken dort herausnehmen und sie aufs
Wirtschaftsleben anwenden konnte, da pafiten sie hinein, da kamen
gerade die Assoziationen hinein, die nicht hineinpassen in die Psycho-
logic Bis in dasjenige hinein, was so erscheint im Gebiete der mensch-
lichen Entwickelung, verfolgt Geisteswissenschaft eben die Realitat.
Daher steht Geisteswissenschaft mit vollem Bewufitsein in dem gan-
zen Ernst der gegenwartigen Weltlage drinnen, sie weifi, welch grofier
Kampf sich abspielt zwischen dem, was aus der Geisteswissenschaft
heraus an sozialen Impulsen in der Dreigliederung kommen kann und
demjenigen, was als bolschewistische Welle, die zum Unheile der Mensch-
heit fiihren wiirde, sich dieser Dreigliederung entgegenwirft. Und ein
Drittes neben diesen beiden gibt es nicht. Zwischen diesen beiden muft
sich der Kampf abspielen. Das muft man einsehen. Alles andere ist be-
reits Dekadentes. Wer unbefangen die Verhaltnisse anschaut, in denen
wir drinnenstehen, der muft sich schon sagen, daft es heute notwendig
ist, daft alle Krafte zusammengenommen werden, damit diese furcht-
bare ahrimanische Sache, die sich entgegenwirft der Geisteskultur, ab-
gewehrt werden konne.
Dieser Bau steht da, zunachst unvollendet. Es ist heute aus den
Mittellandern heraus nicht dasjenige zu haben, was ihn zum grofien
Teile bis zu diesem Punkte gebracht hat im Zusammenhange mit dem,
was von den neutralen Staaten uns zugekommen ist. Wir mussen Zu-
schiisse aus den Landern der ehemaligen Entente haben. Da muft Ver-
standnis entwickelt werden fur dasjenige, was eine Einheitskultur wer-
den soil, die Geist und Politik und Wirtschaft enthalt. Denn die Men-
schen mussen aus einer einseitigen Anlage heraus und denjenigen fol-
gen, die auch von Politik und Wirtschaft etwas verstehen, die nicht
nur in Dialektik machen, sondern auch Geistiges durchschauen und
auf Wirtschaftsimpulse sich einlassen, nicht Staaten grunden wollen, in
denen der Staat schon selber wirtschaften konne. Die westlichen Volker
werden einsehen mussen, daft zu ihrer besonderen Zukunftsbegabung
im wirtschaftlichen Assoziationenwesen, das sie gerade am verkehrten
Ende, bei der Psychologie, angebracht haben, zu dem sich hinzuent-
wickeln mufi: ein voiles Verstandnis des staatlich-politischen Elemen-
tes, welches andere Quellen hat als das wirtschaftliche Leben, und des
geistigen Elementes zu gewinnen. Aber am Boden liegen die Mittel-
lander. Man wird in westlichen Gebieten das einsehen mussen - an den
Orient ist ja gar nicht zu denken was dieser Bau hier will! Daher
ist es notig, daft man sich daraufhin besinnt, wie es geschehen muft, daft
fur diejenige Kultur wirklich gesorgt werde, die hier jetzt sich zeigen
wollte als eine solche Kultur, die berufen ist, das Hochschulwesen der
Zukunft zu durchdringen und die sich in der Begriindung der Wal-
dorfschule gezeigt hat als eine solche, die das Volksschulwesen durch-
leuchten kann. Aber wir brauchen dazu die verstandnisvolle Unter-
stiitzung weitester Kreise.
Wir brauchen dazu vor alien Dingen Mittel. Zu all dem, was im
hoheren oder niederen Sinne Schule heifk, brauchen wir die Gesinnung,
die ich schon betatigte damals, als die Waldorfschule in Stuttgart be-
griindet wurde; bei der Begnindung sagte ich es, in der Eroffnungs-
rede: Diese eine Waldorfschule, ja, schon, dafi wir sie haben, aber fur
sich ist sie nichts; sie ist erst etwas, wenn wir in dem nachsten Viertel-
jahre zehn solcher Waldorfschulen errichten wiirden, und dann wei-
tere. Das hat die Welt nicht verstanden, dazu hatte sie kein Geld.
Denn da steht sie auf dem Standpunkt: Oh, die Ideale sind zu hoch
und zu rein, als daft wir das schmutzige Geld an sie heranbringen soil-
ten; das behalten wir lieber in der Tasche, da ist es am richtigen Platz,
das schmutzige Geld. Die Ideale, oh, die sind viel zu rein, die darf
man nicht besudeln mit dem Geld! - Es lafit sich allerdings eine solche
Verkorperung der Ideale mit derjenigen Reinheit nicht erreichen, an
die das schmutzige Geld nicht herangebracht wird, und so mussen wir
schon daran denken, dafi wir bis jetzt ja bei der einen Waldorfschule
stehen blieben, die eigentlich noch nicht recht vorwarts kann, weil
wir in grofien Geldsorgen steckten im Herbste. Sie sind zunachst beho-
ben; zu Ostern werden wir wieder davor stehen. Und hier, hier wer-
den wir nach verhaltnismafiig kurzer Zeit fragen: Sollen wir auf-
horen? Und wir werden aufhoren mussen, wenn nicht vorher ein sehr
stark in die Taschen greifendes Verstandnis sich findet.
Daher kommt es darauf an, nach dieser Richtung hin Verstandnis
zu erwecken. Ich glaube nicht, dafi viel Verstandnis erwachsen wurde -
das hat sich uns schon gezeigt -, wenn wir sprechen wiirden, dafi wir
etwas wollen fur den Bau in Dornach oder dergleichen. Aber - und
dafiir findet sich ja heute noch Verstandnis -, wenn man Sanatorien
oder dergleichen grunden will, dazu kriegt man Geld, so viel man
will! Das wollen wir ja nicht gerade, wir wollen nicht lauter Sanato-
rien begriinden, sind ganz einverstanden mit ihrer Begriindung, so-
weit sie notwendig sind, aber hier handelt es sich vor alien Dingen urn
die Pflege derjenigen Geisteskultur, deren Notwendigkeit wohl sich
beweisen wird aus dem, was gerade dieser Hochschulkursus hier lei-
sten wollte. Daher versuchte ich dasjenige anzuregen, was ich vor
einigen Tagen hier in das Wort zusammengefafit habe: «Weltschul-
verein». Unsere deutschen Freunde sind abgereist; auf sie kommt es
nicht an bei diesem Weltschulverein. Es kommt auf diejenigen an, die
als Freunde zum grofiten Teil aus alien moglichen Gegenden der nicht-
deutschen Welt hier erschienen sind und hier noch sitzen, dafi sie ver-
stehen dieses Wort « Weltschulverein », denn es ist notwendig, dafS wir
Schulen iiber Schulen in alien Gegenden der Welt aus dem padagogisch-
didaktischen Geiste heraus griinden, der in der Waldorfschule herrscht.
Es ist notwendig, dafi wir diese Schule erweitern konnen, bis wir den
Anschlufi finden an dasjenige, was wir hier als Hochschulwesen wollen.
Dazu ist aber notwendig, dafi wir imstande sind, diesen Bau mit allem,
was zu ihm gehort, zu vollenden und fortwahrend dasjenige unter-
halten konnen, was notwendig ist, um hier zu wirken, um zu schaf-
fen, zu schaffen an dem weiteren Ausbau aller einzelnen Wissenschaf-
ten aus dem Geiste der Geisteswissenschaft heraus.
Es fragen einen die Leute, wieviel Geld man zu alledem braucht.
Man kann gar nicht sagen, wieviel man braucht, denn nach oben hat
das uberhaupt niemals eine Grenze. Selbstverstandlich - einen Welt-
schulverein, wir werden ihn nicht dadurch begriinden, dafi wir ein
Komitee schaffen von zwolf oder fiinfzehn oder dreifiig Personen, die
schone Statuten ausarbeiten, wie ein solcher Weltschulverein wirken
und arbeiten soil. Das hat alles keinen Zweck. Ich gebe nichts auf
Programme, nichts auf Statuten, sondern auf die Arbeit der lebendigen
Menschen, die verstandnisvoll wirken. Man wird diesen Weltschul-
verein einmal griinden konnen, nun, nach London wird man ja noch
lange Zeit nicht kommen konnen; aber vom Haag oder von einem
solchen Orte aus, wenn etwa dadurch eine Unterlage geschaffen ist,
und noch durch manche andere Dinge, wenn diejenigen Freunde, die
jetzt nach Norwegen oder Schweden oder Holland oder nach irgend-
welchen anderen Landern, nach England, Frankreich, Amerika und
so weiter gehen, wenn diese Freunde uberall, bei jedem Menschen, an
den sie herankommen konnen, die Oberzeugung, die wohlbegriindete
Oberzeugung hervorrufen: Einen Weltschulverein mufi es geben! - Das
miifite wie ein Lauffeuer durch die Welt gehen: Ein Weltschulverein
mulS entstehen zur Beschaffung der materiellen Mittel fur die Geistes-
kultur, die hier gemeint ist. - Kann man ja sonst als einzelner von
allem moglichen Hunderte und Hunderte von Menschen iiberzeugen,
warum sollte man denn nicht in einer kurzen Zeit - denn der Nieder-
gang geht so schnell, dafi nur kurze Zeit uns zur Verfiigung steht -, als
ein einzelner Mensch auf viele wirken konnen, so dafi man, wenn man
dann nach einigen Wochen etwa nach dem Haag kommt, sehen wiirde,
wie schon weitverbreitet das Urteil ist: Die Entstehung eines Welt-
schulvereins ist notwendig, nur die Mittel fehlen zu alledem. Was man
von Dornach aus will, ist eine historische Notwendigkeit. - Dann
wird man reden konnen iiber die Inaugurierung dieses Weltschulver-
eins, wenn die Meinung iiber ihn schon da ist. Komitees zu begrunden
und den Weltschulverein zu beschliefien, das ist utopistisch, das hat gar
keinen Zweck; aber von Mensch zu Mensch zu wirken und die Mei-
nung, die begriindete Meinung in einer Raschheit zu verbreiten, die
eben notig ist, das ist dasjenige, was vorausgehen mufi der Griindung.
Geisteswissenschaft lebt in Realitaten. Deshalb lafit sie sich auch nicht
auf programmafiige Vornahmen von Griindungen ein, sondern sie weist
auf dasjenige hin, was unter Realitaten - die Menschen sind ja Rea-
litat -, was unter Menschen zu geschehen hat, damit eine solche Sache
eine Aussicht hat.
Also darauf kommt es an, dafi wir endlich lernen von der Geistes-
wissenschaft, im realen Leben zu stehen. Ich werde mich nie einlassen
auf eine blofi utopistische Begriindung des Weltsehulvereins, sondern ich
werde der Meinung immer sein: Der Weltschulverein kann erst ent-
stehen, wenn eine geniigend grofle Anzahl von Menschen von seiner
Notwendigkeit iiberzeugt sind. Und damit dasjenige, was der Mensch-
heit notwendig ist - es hat sich ja wohl aus unseren Hochschulkursen
erwiesen -, geschehen konne, dazu mufi dieser Weltschulverein gegriin-
det werden. Also man sehe das, was mit diesem Weltschulverein ge-
meint ist, im ganzen internationalen Leben im rechten Sinne an! In
diese Aufforderung mochte ich ausklingen lassen am heutigen Tage
dasjenige, was in ganz anderer Weise aus unserem ganzen Kursus her-
aus zu der Menschheit gesprochen hat gerade durch diejenigen, die
hier gewesen sind, und von denen wir die Hoffnung und den Wunsch
haben, sie mogen es in die Welt hinaustragen. Der Weltschulverein, er
kann die Antwort der Welt sein auf dasjenige, was wie eine Frage vor
die Welt hingestellt wird, aber eine Frage, die aus den wirklichen Kraf-
ten des Menschenwerdens, das heifk, der Menschheitsgeschichte heraus-
gegriffen ist. Also, was geschehen kann fur den Weltschulverein nach
jener Oberzeugung, die Sie hier haben gewinnen konnen in den letzten
drei Wochen, das geschehe! Darinnen klingt aus dasjenige, was ich auch
heute noch habe sagen wollen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 22. Oktober 1920
Mit dem 15. Jahrhundert ist fur die Entwickelung der zivilisierten
Menschheit der nordlichen Halbkugel eine Zeit eingetreten, in welcher
namentlich die Individuality des Menschen in vollem Ich-Bewufk-
sein immer mehr und mehr sich herausbilden soil. Diejenigen Krafte,
welche dieses individuelle Ich-Bewufksein herausarbeiten, werden sich
immer mehr und mehr verstarken, und alle Erscheinungen des Lebens,
namentlich des Lebens im groften zunachst, gehen vor sich im Zeichen
dieser Heranbildung der Individuality. Das heifit aber nichts anderes,
als dafi auch das, was von den geistigen Welten herkommt und in unsere
physische Welt hineinspielt, einen solchen Verlauf nimmt, dafi in der
ganzen Menschheit als solcher das Menschlich-Individuelle zur Gel-
tung komme. Denn nicht allein darum handelt es sich, daf5 die einzel-
nen Menschen in egoistischer Art daran denken konnen: wir werden
Individualitaten -, sondern darum, dafi die Gesamt-Menschheitsent-
wickelung einen solchen Verlauf nehmen soli, dal5 in diese Mensch-
heitsentwickelung das Individuelle der Menschen hineinwirkt. Jedes
Zeitalter, jede Epoche, die wir im Laufe der Menschheitsentwickelung
verfolgen konnen, hat nun, je nachdem sie das eine oder das andere, wie
jetzt eben die Individualitat, entwickelt, diese oder jene besonderen Ei-
gentumlichkeiten. Diese Eigentumlichkeiten werden aufgedriickt der
Menschheitsentwickelung durch die Art, wie die geistigen Machte her-
einwirken in das physische Erdenleben der Menschheit. Aber gerade
durch diese Abgeschlossenheit, die der einzelne Mensch darstellt jetzt,
wo die Individualitat herauskommen soil, wo das Ichbewufitsein sich
voll entwickeln soil, wo die Bewufitseinsseele sich gewissermafien kon-
turieren, in sich zusammenschliefien soil, werden die besonderen Eigen-
tumlichkeiten dieser Epoche nicht so wie in friiheren Epochen von der
geistigen Welt heraus dirigiert, sondern es kommen da ganz besondere
Dinge innerhalb der Menschheitsentwickelung zum Vorschein. Und
der Mensch, der durch die Entwickelung seiner Individualitat immer
mehr und mehr zu seiner Freiheit erzogen wird, der mufi immer mehr
und mehr auch bewufk Stellung nehmen zu dem, was da herauskommt.
Insbesondere handelt es sich darum, dafi ein soziales Leben, aber von
unserem Gesichtspunkte aus mussen wir sagen, tier innerlich begriin-
det ein soziales Leben sich gestalten mufi, trotzdem die dem sozialen
Leben entgegengesetzten, starken egoistischen Krafte der Bewulkseins-
seele ja auch immer mehr und mehr herauskommen aus den Tiefen des
Daseins. Auf der einen Seite sind die starken egoistischen Krafte der
Bewufkseinsseele da, auf der anderen Seite um so mehr die Notwendig-
keit, auch bewufit ein soziales Leben zu begriinden. Und bewufit mufi
man Stellung nehmen zu alledem, was fordern kann dieses soziale
Zusammenleben. Wir haben schon im Laufe der Zeit von den ver-
schiedensten Gesichtspunkten aus dargelegt, wie verschieden die ganze
Stellung des westlichen Menschen, des Menschen der europaischen
Mitte und des ostlichen Menschen zu der ganzen Menschheitsentwicke-
lung sich ausnimmt. Wir haben auf verschiedenes hingedeutet, das den
ostlichen Menschen heute eigen ist, das den Menschen der europaischen
Mitte, das den westlichen Menschen eigen ist. Nun wollen wir auf eine
Erscheinung hinweisen, welche uns aufierlich schon zeigen kann, wie
diese Differenzierungen der Menschheit iiber die zivilisierte Welt hin
sich ausleben.
Wir wissen, dafi sich entwickelt hat unter dem Einflusse der mo-
dernen naturwissenschaftlichen Denkweise im sozialen Leben ein be-
stimmtes Lebensanschauungselement, das insbesondere stark zum Aus-
druck kommt in den breiten Massen des Proletariats, das sich herauf-
entwickelt hat in unserem Maschinenzeitalter, in unserem intellektuel-
len Zeitalter. Ich habe alles das, was dabei fur die soziale Frage in Be-
tracht kommt, in dem ersten Teil meiner «Kernpunkte der sozialen
Frage* dargestellt. Ich mochte heute nur hinweisen gerade auf die
Differenzierung der Anschauung breiter Menschenmassen iiber die so-
ziale Frage. Da haben wir deutlich differenziert die sozialen Anschau-
ungen, sagen wir des Proletariats, die aber dann abfarben auf andere
Kreise der Menschheitsbevolkerung; da haben wir deutlich abgetont
von den anderen Menschen die Lebensanschauung in den westlichen,
namentlich in den angelsachsischen Landern. In diesen Landern hat
sich ja auch herausgebildet unter dem Einflufi des modernen Maschi-
nenzeitalters und der Industrie jene materialistische Lebensanschauung
der breiten Masse, die hier ofter charakterisiert worden ist, neben dem
Materialismus oder gerade hervorgerufen durch den Materialismus der
anderen Klassen der Menschheit. Aber es hat sich diese sozialistische
Lebensanschauung so ausgebildet, dafi sie ganz unter dem Zeichen der
wirtschaftlichen Kampfe steht, da sie ganz durchsetzt ist von wirt-
schaftlichen Vorstellungen, wirtschaftlichen Gedanken, Wirtschafts-
kampfen, die wenig durchdrungen sind von Lebensanschauungskamp-
fen. Das ist die Signatur dessen, was innerhalb der sozialistischen Welt
des angelsachsischen Westens vor sich geht. Weil das Wirtschaftsleben
der eigentliche Charakter, der bisherige Charakter des neuzeitlichen
offentlichen Lebens uberhaupt war, so gingen die Impulse des Sozia-
lismus auch aus diesen Lebens verhaltnissen des Proletariats der angel-
sachsischen Bevolkerung hervor.
Was sich zum Beispiel jetzt an Impulsen aufiert in der grofSen
Streikbewegung, das ist bedeutsam gerade fur die eigentliche Charak-
teristik desjenigen, was sich im Westen von diesen Seiten her gestaltet.
Selbst wenn scheinbar beigelegt werden konnten die Diskrepanzen, die
da bestehen, es ware nur eine scheinbare Beilegung; es werden ganz be-
deutsame Wirkungen gerade von dem ausgehen, was in diesen Kamp-
fen an tieferen Kraften spielt. Und wenn nach der ganzen Veranla-
gung des Westens nicht eigentliche Lebensauffassungen sich herausent-
wickeln aus diesen Impulsen, so konnen wir doch deutlich wahrneh-
men, wie auch die Lebensanschauungen, die sich bilden und innerhalb
der letzten Zeit sich gebildet haben, ihren Anstofl erhalten haben von
dem, was da als Impulse vorhanden ist.
Karl Marx hat ja sogar, trotzdem er in Mitteleuropa geboren war,
aus mitteleuropaischer Gedankenstromung hervorgegangen ist, nach
England gehen miissen, um dasjenige aufzunehmen, was dort an Le-
bensimpulsen sich entwickelt hat. Aber er hat es zu einer Lebensan-
schauung umgestaltet. Es ist der Marxismus als Lebensanschauung we-
niger in den westlichen Gegenden selber zum aufteren Dasein gekom-
men; er ist zum aufieren Dasein gekommen als Lebensanschauung in
der Mitte Europas. Da hat er in den Zielen der Sozialdemokratie
ganz den Charakter der Lebensanschauung angenommen. Was im We-
sten wirtschaftliche Impulse sind, die zu wirtschaftlichen Kampfen
fiihren, wurde in juristisch-staatliche Vorstellungen gebannt, lebte in
der Mitte Europas in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts und in
das 20. Jahrhundert hinein als solche marxistische Lebensanschauung
und ergriff die breite Masse der Menschheitsbevolkerung. Es lebte aber
auch nach dem Osten hinuber, da, wo in Europa schon der Charakter
des Ostlichen beginnt. Und da lebte es sich wieder in einer anderen
Form aus. Wirtschaftlich im Westen, staatlich-politisch in der Mitte;
im Osten nimmt es deutlich einen religiosen Charakter an. Wenn nicht
noch jene Falschung vorhanden ware, die vorhanden war sowohl bei
der Oberflutung des Ostens durch Peter den Grofien, wie jetzt durch
Lenin und Trotzkij, wenn nicht diese Falschung vorhanden ware, die
dadurch entsteht, daft eben dasjenige, was da als Bolschewismus sich
geltend macht, fremder Import ist, so wurde man noch viel deutlicher
sehen, daft in diesem Bolschewismus schon heute ein starkes religioses
Element steckt, das allerdings ganz materialistisch religios ist, das aber
mit den fruheren religiosen Impulsen wirkt und weiter wirken wird
mit diesen fruheren religiosen Impulsen, und gerade darinnen sein
Furchtbares zeigen wird durch ganz Asien hindurch, dalS es mit dem
Furor eines religiosen Impulses wirkt. Wirtschaftlich ist im Westen
der soziale Impuls, staatlich-politisch in der Mitte Europas, mit einem
religiosen Furor wirkt er schon von Rutland an und nach dem Osten
hin, nach Asien hinuber. Gegenuber diesen Impulsen, die da durch die
Entwickelung der Menschheit ziehen, ist vieles andere hochst unbe-
deutend. Und wer in solchen Dingen, wie es der jetzige englische Berg-
arbeiterstreik ist, nicht etwas in allerintensivstem Sinne symptomatisch
Bedeutsames sieht, der versteht eben durchaus nicht das Wiihlen tie-
ferer Krafte in unserer ganzen Zeitentwickelung.
Aber all das, was man so aufierlich schildern kann, hat seine tieferen
Untergriinde, und zuletzt seine tieferen Untergrunde in der geistigen
Welt. Es kann das neuere Menschheitsleben nur verstanden werden,
wenn man diese Gliederung in ein westliches Wirtschaftliches, in ein
Politisch-Staatlich-Juristisches in der Mitte Europas, und in ein reli-
gioses Element im Osten versteht, in ein geistiges Element im Osten,
das nur einen religiosen Charakter hat, das aber eigentlich das geistige
Moment ist, wie es sich da im dekadenten Osten ausleben kann. Das
zeigt sich so stark, daft man sagen mufi: Fur den Westen ist es natiir-
lich - und das erfolgt grundlich -, daft er alles dasjenige hat, was
wirtschaftlich ist; fiir die Mitte kann bloftes wirtschaftliches Streben
deshalb keinen Erfolg haben, weil in der Mitte jedes wirtschaftliche
Streben einen staatlich-politischen Charakter annimmt; im Osten
Europas ist der grofte aufiere Mifterfolg dadurch entstanden, daft durch
die Traditionen Peters des Groften dasjenige, was eigentlich aus einem
geistig-religiosen Impuls heraus stammt, der Panslawismus, das Sla-
wophilentum einen politischen, staatlichen Charakter angenommen
hat. Hinter diesem staatlichen Charakter, der all das Entsetzliche her-
vorgetrieben hat, was sich im europaischen Osten entwickelt hat, hin-
ter diesem staatlichen Charakter, der aufgepragt hat allem ostlichen
Streben seine Signatur seit Peter dem Groften, hinter alledem steht
im Grunde genommen doch immer die geistige Tendenz der Fortset-
zung von Byzanz, eben geistige Byzanz-Religiositat und so weiter.
Selbst die einzelnen Erscheinungen des geschichtlichen Lebens, sie wer-
den nur verstandlich, wenn man sie in diesem Lichte sehen kann. Man
kann sagen: In einem gewissen Mafte kann alles das, was noch in
Europa liegt, auch gegen Westen hin, sogar nach Frankreich hinein,
zur europaischen Mitte gerechnet werden, denn charakteristisch fiir
den Westen ist eigentlich das Angelsachsentum. Und dieses Angelsach-
sentum geht durchaus seinen Instinkten nach mit den in der Mensch-
heitsentwickelung naturgemafien Impulsen der letzten drei bis vier
Jahrhunderte und weiterhin. Diese Impulse fuhrten dahin, daft gerade
im Westen am besten sich entwickeln konnte alles das, was dem sozialen
Leben aufgedrangt wurde durch die moderne naturwissenschaftliche
Denkweise mit ihren Errungenschaften. Diese Denkweise mit ihren
Errungenschaften, zusammen mit dem Charakter des Angelsachsen-
tums, hat die Weltherrschaft dieses Angelsachsentums begrundet. Alles,
was aus der modernen Naturwissenschaft heraus an glanzendem Auf-
schwung des Verkehrswesens, des Handelswesens, des Industriewesens
gekommen ist, all das, was zu den groften Kolonisationen gefuhrt hat,
ist entstanden eben durch den Zusammenfluft der naturwissenschaft-
lichen Denkweise mit dem Charakter des Angelsachsentums. Und das
wurde tief in den Instinkten des Westens empfunden. Man kann ge-
radezu auf einen Knotenpunkt der modernen geschichtlichen Ent-
wickelung hinweisen: auf das Jahr 1651, als der geniale Cromwell mit
der Navigationsakte diejenige Konfiguration im englischen Seewesen
und im ganzen englischen Handelswesen hervorgerufen hat, welche
alles das begriindet hat im Westen, was dann spater gekommen ist; und
man kann darauf hinweisen, wie, man mochte sagen, aus aufierlich
unerklarlichen Griinden heraus, gerade als der Stern Napoleons auf-
ging, die franzosische Seeschiffahrt eben den grofiten Mangel litt. Das-
jenige, was im Westen geschieht, geschieht eben aus den gerade in der
Richtung der Menschheitsentwickelung liegenden Kraften. Es geschieht
aus einer ganz wirtschaftlichen Denkweise heraus, aus wirtschaftlichen
Vorstellungsimpulsen heraus. Daher muE ihm unterliegen all das, was
von der Mitte kommt und nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus ju-
ristisch-politisch-militarischen Gesichtspunkten heraus gedacht ist.
Wir sehen geradezu als krasses Beispiel, wie aus politisch-militarischem
Gesichtspunkt von dem europaischen Kontinent aus Napoleon etwas
entgegenstellt dem, was aus der Navigationsakte des Cromwell her-
vorgegangen ist, in der Kontinentalsperre. Die Navigationsakte ist
durchaus aus wirtschaftlichen Instinkten heraus gedacht und geschaf-
fen. Die Kontinentalsperre Napoleons im Beginne des 1 9. Jahrhun-
derts ist ein politisch Gedachtes; aber ein politisch Gedachtes ist etwas,
was hereinragt aus friiheren Zeiten in die neuere Zeit, ist ein Anti-
quiertes, ist ein tatsachlicher Anachronismus. Daher kann auch dieses
politisch Gedachte gegen das neuzeitlich Gedachte, aus der die Navi-
gationsakte entspringt, nicht aufkommen. Dagegen haben im Westen,
wo im Sinne der neueren Zeit wirtschaftlich gedacht wird, politische
Dinge, auch wenn sie im ungiinstigen Sinne als politische Dinge ver-
laufen, im Grunde genommen keine schadliche Wirkung.
Nehmen Sie einmal die Tatsache, daft, von Europa ausgehend,
Frankreich in Nordamerika kolonisiert hat. Es hat diese Kolonien ver-
loren an England. Die Kolonien machten sich wieder frei. Das erste,
das franzosische Kolonisieren im 18. Jahrhundert, war eine politische
Tatigkeit; sie trug keine Fruchte. Das englische Kolonisieren in Nord-
amerika war ganz aus wirtschaftlichen Impulsen heraus. Das Politische
konnte wiederum zugrunde gehen. Nordamerika machte sich frei. Ein
politischer Zusammenhang existierte fortan nicht. Dem wirtschaft-
lichen Zusammenhang wurde kein Schaden getan.
So gliedern sich in der menschlichen Entwickelung die Dinge zu-
sammen. Und wir konnen durchaus sagen: Auch in der Geschichte
zeigt sich, dafi wenn zwei dasselbe tun, es nicht dasselbe ist. Als Crom-
well zur rechten Zeit aus wirtschaftlichen Impulsen heraus seine ja
fur die anderen Machte aufierordentlich tyrannische, man kann sagen,
brutale Navigationsakte geschaffen hat, da war aber diese Naviga-
tionsakte aus wirtschaftlichem Denken entsprungen. Als Ttrpitz inner-
halb der neueren Entwickelung die deutsche Schiffahrt, die deutsche
Marine schuf, da war das politisch gedacht, rein politisch, ohne jeden
wirtschaftlichen Impuls, ja gegen alle wirtschaftlichen Instinkte.
Heute ist das von der Erdoberflache hinweggefegt, weil es gegen den
Lauf der Menschheitsentwickelung gedacht und geplant war. Und so
konnte man in bezug auf alle einzelnen Erscheinungen zeigen, wie, man
mochte sagen, diese historische Dreigliederung da ist: im Osten, aber
heute in der Dekadenz, etwas, was auf alte Zeiten der ostlichen Ent-
wickelung zuriickweist, und was einen geistigen Charakter hat; in der
Mitte etwas, was aber heute auch schon antiquiert ist, was immer mehr
oder weniger annimmt die Form des Politisch- Juristisch-Militarischen,
des Staatlichen; im Westen ist der Staat nur immer Dekoration, das Po-
litische hat gar keine Bedeutung, keine wirkliche Bedeutung; da prapon-
deriert das wirtschaftliche Denken. Wahrend Deutschland daran zu-
grunde gegangen ist, dafi sein Staat die Wirtschaft aufgesogen hat, dafi
die Industriellen, die Kommerziellen untertauchten und sich duckten
unter die Macht des Staates, sehen wir, wie im Westen der Staat auf-
gesogen wird von dem Wirtschaftsleben, und alles iiberflutet ist von
dem Wirtschaftsleben. Das ist aufierlich angesehen die Differenzie-
rung tiber die heutige zivilisierte Welt hin. Aber das, was man so
aufierlich ansehen kann, das ist schlieftlich im Grunde nur an die
aufiere Oberflache getragen aus den Untergriinden der geistigen Welt
heraus. Es ist alles in der geistigen Entwickelung der neueren Zeit
daraufhin angelegt, die Individuality emporzubringen, die Indivi-
dualist im Westen nach westlicher Art, nach wirtschaftlicher Art;
die Individualist in der Mitte nach der heute schon antiquierten
staatlich-politisch-militarischen Art; die Individualist des Ostens
nach antiquierter Art, nach der alten Geistigkeit, vollstandig in der
Dekadenz. Das mufi von der geistigen Welt getragen werden. Und es
wird dadurch getragen, dafi sowohl im Westen wie im Osten - wollen
wir zunachst von diesen zwei Gebieten reden - eine eigentumliche, tief
bedeutsame Erscheinung auftritt. Es ist diese, dafi aufierordentlich viele
Menschen, wenigstens verhaltnismafiig viele Menschen geboren wer-
den, die nicht den regelmafiigen Gang der Wiederverkorperung zeigen.
Sehen Sie, deshalb ist es ja so schwierig, iiber ein solches Problem
wie die Wiederverkorperung zu sprechen, weil man nicht in einem
heute beliebten abstrakten Sinne von ihr sprechen kann, weil ein sol-
ches Problem zwar auf etwas hinweist, was eine bedeutsamste Reali-
tat in der Menschheitsentwickelung ist, was aber Ausnahmen erlaubt,
und wir sehen sowohl im Osten wie im Westen - von der Mitte werden
wir noch zu reden haben in diesen Tagen -, dafi heute Menschen ge-
boren werden, denen wir nicht so gegeniibertreten konnen, dafi wir
sagen konnen: In ganz regelmafiiger Weise lebt in diesen Menschen eine
Individuality, die da war in einem fniheren Leben und wieder in
einem friiheren Leben, die da sein wird in einem spateren Leben und
wieder in einem spateren Leben. - Diese Wiederverkorperungen sind
zwar der regelmafiige Gang der Menschheitsentwickelung, aber sie er-
leiden eben Ausnahmen. Dasjenige, was uns als Mensch in Menschen-
form entgegentritt, mufi nicht immer das sein, was der aufiere Schein
zeigt. Der aufiere Schein kann eben Schein sein. Es konnen uns Men-
schen in Menschenform entgegentreten, die eigentlich nur dem aufieren
Scheine nach solche Menschen sind, die immer wiederkommenden
Erdenleben unterliegen; in Wahrheit sind das Menschenkorper mit
physischem, atherischem, astralischem Leib, aber in diesen verkorpern
sich andere Wesenheiten, Wesenheiten, die sich dieser Menschen bedie-
nen, um durch sie zu wirken. Es ist in der Tat so, dafi zum Beispiel im
Westen es wirklich eine grofie Anzahl solcher Menschen gibt, welche
im Grunde genommen nicht einfach wiederverkorperte Menschen sind,
sondern welche die Trager sind von Wesenheiten, die einen ausgespro-
chen verfriihten Entwickelungsgang zeigen, die eigentlich erst in einem
spateren Entwickelungsstadium in der Menschheitsform auftreten soil-
ten. Diese Wesenheiten beniitzen nun nicht den ganzen menschlichen
Organismus, sondern sie beniitzen vorzugsweise von diesen westlichen
Menschen das Stoffwechselsystem. Von den drei Gliedern der mensch-
lichen Natur beniitzen sie das Stoffwechselsystem so, daft sie herein-
wirken durch diese Menschen hindurch in diese physische Welt. Solche
Menschen zeigen auch aufterlich schon fur denjenigen, der das Le-
ben richtig betrachten kann, daft es so mit ihnen steht. So sind zum
Beispiel eine grofte Anzahl derjenigen Menschen, welche angelsachsi-
schen Geheimgesellschaften angehoren - die Rolle solcher Geheimge-
sellschaften haben wir ja in den letzten Jahren wiederholt bespro-
chen -, so sind diese Angehorigen solcher Geheimgesellschaften, die
einfluftreich sind, eigentlich Trager solcher verfriihter Existenzen, die
durch das Stoffwechselsystem gewisser Menschen hereinwirken in die
Welt und sich ein Arbeitsfeld suchen durch die Leiber der Menschen,
die nicht in regelmaftigen Wiederverkorperungen leben. Ebenso sind
die tonangebenden Personlichkeiten gewisser Sekten von solcher Art,
und namentlich ist die iiberwiegende Zahl einer sehr verbreiteten Sekte,
die groften Anhang hat im Westen, aus Menschen von dieser Art be-
stehend. Auf diese Weise wirkt, ich mochte sagen, eine ganz andere
Geistigkeit herein in die gegenwartigen Menschen. Und es wird eine
wesentliche Aufgabe sein, Stellung nehmen zu konnen zum Leben von
diesen Gesichtspunkten aus. Nicht sollte man in abstrakter Weise glau-
ben, daft ausnahmslos die Menschen uberall den wiederholten Erden-
leben unterliegen. Das hiefie dem aufieren Schein eben nicht den Cha-
rakter eines Scheins zusprechen. Auf die Wahrheit gehen, heiftt, selbst
in solchen Fallen noch die Wahrheit, die Wirklichkeit suchen, wo der
aufiere Schein so triigt, daft Wesenheiten von anderer Art, als der
Mensch der Gegenwart es ist, sich in Menschengestalt verkorpern, in
einem Teil vom Menschen, namentlich durch das Stoffwechselsystem;
aber sie wirken dann auch im Rumpfsystem, im rhythmischen System
und im Nerven-Sinnessystem. Es sind namentlich dreierlei Wesenheiten
von dieser Art, die sich so durch das Stoffwechselsystem verschiedener
Menschen des Westens verkorpern.
Die erste Art sind solche Geister, welche eine besondere Anziehungs-
kraft haben zu dem, was gewissermaflen die elementarischen Krafte
der Erde sind, die einen Hang, eine Affektion haben zu den elemen-
taren Kraften der Erde, die also aufspiiren konnen: Wie ist da eineKolo-
nisation zu betreiben nach den Naturverhaltnissen des Klimas und den
sonstigen Verhaltnissen der Erde, oder wie ist dort eine Handelsver-
bindung anzukniipfen und so weiter.
Eine zweite Art von diesen Geistern sind diejenigen, welche sich
namentlich zur Aufgabe setzen, innerhalb des Gebietes, auf dem sie
wirken, das Selbstbewufitsein zuriickzudrangen, das voile Bewufitsein
der Bewuikseinsseele nicht herauskommen zu lassen und dadurch auch
in der Umgebung bei den anderen Menschen, unter denen sich epide-
misch so etwas ausbreitet, eine gewisse Sucht hervorzurufen, nicht sich
iiber die wahren Motive ihrer Handlungen Rechenschaft zu geben.
Man konnte sagen, solch ein durch und durch unwahrer Bericht oder
solch ein durch und durch unwahres Dokument wie dasjenige der Oxf or-
der Prof essoren, das in den letzten Tagen an die Of fentlichkeit getreten
ist, solch ein durch und durch, ich mochte sagen, toricht verlogenes
Dokument, das mochte man zur Schulerschaft dieses unwahren Elemen-
tes rechnen, das nicht auf die eigentlichen Impulse gehen will, sondern
oben iiber diese Impulse eine Sauce dariiber macht und schone Worte
pragt, wahrend darunter im Grunde genommen nichts ist als unwahre
Impulse. Dadurch behaupte ich nicht, daft diese an sich vielleicht ganz
braven Oxforder Professoren - ich mute ihnen nicht grofiartige ahri-
manische Impulse zu -, dafi diese Professoren selbst Trager solcher
verfriihten Wesen sind; aber die Schulerhaftigkeit gegeniiber solchen
Wesen liegt in ihnen. Also diese letzteren Wesen, die inkarnieren sich
namentlich durch das rhythmische System gewisser Menschen im
Westen.
Die dritte Gattung von Wesen, die da wirkt im Westen, das ist die-
jenige, welche sich zur Aufgabe macht, vergessen zu machen im Men-
schen, was seine individuellen Fahigkeiten sind - diejenigen Fahigkei-
ten, die wir aus den geistigen Welten mitbringen, wenn wir durch die
Empfangnis und die Geburt ins physische Dasein schreiten - und den
Menschen gewissermafien mehr oder weniger zur Schablone seiner Na-
tionalitat zu machen. Das stellt sich diese dritte Art von Wesen zur be-
sonderen Aufgabe: nicht den Menschen zur individuellen Geistigkeit
kommen zu lassen.
Wahrend also die erste Art von Wesen Affektionen hat zum Ele-
mentaren des Erdbodens, des Klimas und so weiter, hat die zweite Art
von Wesen besondere Neigung, ein gewisses oberflachliches, unwahres
Element zu ziichten, und die dritte Art von Wesen, die individuellen
Fahigkeiten auszurotten und die Menschen mehr oder weniger zur
Schablone, zum Abdruck ihrer Nationalist, ihrer Rasse zu machen.
Diese letztere Art von Wesen inkarniert sich im Westen namentlich
durch das Hauptessystem, durch das Nerven-Sinnessystem. Da haben
wir dasjenige, was wir aufierlich betrachtet haben von verschiedenen
Seiten her als Charakteristikum gerade der westlichen Menschenwelt,
da haben wir es dadurch charakterisiert, daft wir, ich mochte sagen, ken-
nenlernen eine groflere Anzahl von Menschen, die in Geheimgesell-
schaften, in Sekten und ahnlichem eingestreut sind, deren Menschheit
aber darinnen besteht, dafi bei ihnen nicht einfach Wiederverkorpe-
rungen vorliegen, sondern daft eine Art von Verkorperung vorliegt
von Wesenheiten, die verfriiht sind in ihrer Entwickelung auf der Erde
hier, die daher besondere Schiilerschaften erzeugen, respektive epide-
misch ihre besonderen Eigentiimlichkeiten auf die anderen Menschen
ausstrahlen. Diese drei verschiedenen Wesen wirken durchaus durch
Menschen, und wir verstehen Menschencharaktere nur, wenn wir das,
was ich jetzt gesagt habe, wissen, wenn man weifi: Dasjenige, was im
offentlichen Leben lebt, laftt sich nicht bloft so, wie es der Philister
will, erklaren, sondern es mu£ erklart werden durch das Hereinragen
solcher geistiger Krafte.
Dafi gerade diese drei Arten von Kraften, von Wesen auf dieser
besonderen Entwickelungsstufe da im Westen durch Menschen zum
Vorschein kommen, das wird begiinstigt eben dadurch, dafi diesem
Westen auferlegt ist, die ganz besondere wirtschaftliche Denkweise zu
entwickeln. Ich mochte sagen, das Wirtschaftsleben ist der Grund und
Boden, aus dem so etwas aufschieften kann. Und was stellen sich eigent-
lich im grofien und ganzen, in Totalitat diese Wesenheiten fur eine
Aufgabe?
Sie stellen sich die Aufgabe, das ganze Leben als blofies Wirtschafts-
leben zu erhalten, auszurotten allmahlich alles andere, was von gei-
stigem Leben da ist, das ja gerade da, wo es am regsten ist, in die Ab-
straktheit des Puritanismus zusammengeschrumpft ist, auszurotten das
geistige Leben, allmahlich zu verstumpfen das politisch-staatliche Le-
ben und alles aufzusaugen durch das Wirtschaftsleben. Im Westen
sind diese Menschen, die in einer solchen Weise in die Welt treten, die
eigentlichen Feinde und Gegner des Dreigliederungsimpulses. Die erste
Art von Wesen lafit nicht herauf kommen ein solches Wirtschaftsleben,
das sich als ein selbstandiges hinstellt neben das staatlich-rechtliche
und neben das geistige Glied des sozialen Organismus. Die zweite Art
von Wesen, die sich vorzugsweise die Oberflachlichkeit, das Phrasen-
tum, die Liigenhaftigkeit zur Aufgabe macht, die will nicht aufkom-
men lassen neben dem Wirtschaftsleben ein selbstandiges demokrati-
sches Staatsleben. Und die dritte Art von Wesenheiten, welche die in-
dividuellen Fahigkeiten unterdriickt, welche nicht will, daft der Mensch
etwas anderes ist als eine Art Schablone seiner Rasse, seiner Nationali-
st, die arbeitet entgegen der Emanzipation des Geisteslebens, der
selbstandigen Stellung des Geisteslebens.
So sind da solche Machte, welche in dieser Weise im Westen ent-
gegenarbeiten dem Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus. Und
derjenige, der in tieferem Sinne arbeiten will fur die Ausbreitung die-
ses Impulses der Dreigliederung, der mufi sich klar sein dariiber, dafi er
nicht anders kann, als auch zu rechnen mit solchen geistigen Faktoren,
die in der Menschheitsentwickelung vorhanden sind. Es stehen ja den-
jenigen Machten, an die man appellieren mufi, wenn man irgend etwas
in die Menschheitsentwickelung einfiihren will, nicht blofi solche Dinge
gegeniiber, die der steife Philister bemerkt, sondern es stehen ihnen
Dinge gegeniiber, die sich nur einer Geist-Erkenntnis erschliefien. Was
hilft es denn, daft in der Gegenwart die Menschen das als einen Aber-
glauben betrachten und nicht davon horen mogen, wenn gesprochen
wird von solchen durch die Menschen hereinragenden geistigen Wesen-
heiten? Sie sind ja doch da, diese geistigen Wesenheiten! Und wer nicht
mit nur schlafender Seele das Leben verfolgen will, sondern mit wacher
Seele, der kann iiberall die Wirkungen dieser Wesenheiten schauen.
Wollte man nur aus dem Vorhandensein der Wirkungen sich ein wenig
iiberzeugen lassen von dem Dasein der Ursachen! Das ist zunachst
die Charakteristik nach dem Westen hin. Der Westen gestaltet sich so,
weil er eben ganz in der allerelementarsten Aufierungsform der gegen-
wartigen Epoche lebt, in dem wirtschaftlichen Vorstellen, dem wirt-
schaftlichen Denken.
Der Osten hatte einstmals ein grandioses Geistesleben. Alle Geistig-
keit, mit Ausnahme dessen, was angestrebt wird in der Anthroposophie
und was neu sich gestalten will, alle Geistigkeit der zivilisierten Welt
ist ja im Grunde genommen Erbstiick des Ostens. Aber die eigentliche
Glorie dieses religios-geistigen Lebens war im Osten eben in sehr alten
Zeiten vorhanden. Und heute ist gerade der ostliche Mensch bis herein
nach Ruftland in einem merkwiirdigen Zwiespalt, weil er auf der einen
Seite noch aus seinem Erbe heraus in dem alten spirituellen Elemente
lebt, und weil auf der anderen Seite auch auf ihn wirkt dasjenige, was
aus der gegenwartigen Epoche der Menschheitsentwickelung kommt,
das Drangen zur Individuality hin. Das bedingt, daft im Osten eine
starke Dekadenz der Menschheit ist, daft gewissermaften der Mensch
nicht Vollmensch werden kann, daft ihm noch im Nacken sitzt, diesem
ostlichen Menschen bis herein nach Rutland, was geistiges Erbe uralter
Zeiten ist. Und das bedingt, daft dieser ostliche Mensch heute dann,
wenn sein Bewufttsein herabgestimmt ist, wenn er im Schlaf- oder
Traumzustand ist, oder in irgendeinen da im Osten so unendlich hau-
figen medialen Zustand kommt, daft er dann zwar nicht impragniert
wird, wie im Westen, mit einer ganz anderen Wesenheit, daft aber
diese Wesenheit hereinwirkt in sein Seelisches, daft ihm gewisserma-
fien diese anderen Wesenheiten erscheinen. Wahrend es im Westen ver-
friihte Wesenheiten von drei Gattungen sind, die ich aufgezahlt habe,
die da wirken, sind es im Osten verspatete Wesenheiten, die ihre Voll-
kommenheit friiher gehabt haben, die zuriickgeblieben sind, und die
jetzt den Menschen des Ostens in medialem Zustande, im Traume er-
scheinen, oder auch iiber sie kommen ohne Traum, ohne medialen Ein-
fluft, einfach dadurch, daft sie in den Schlaf hineinkommen, und der
Mensch dann im wachen Zustande die Inspiration solcher Wesenheiten
in sich tragt, also gewissermaften bei Tag von den Nachwirkungen sol-
cher Wesenheiten, die iiber ihn in der Nacht kommen, inspiriert ist.
Und wiederum sind es dreierlei Arten von Wesenheiten, die da im
Osten wirken, und die wiederum einen starken Einflufi haben. Wah-
rend man im Westen direkt auf einzelne Menschen zeigen muft, durch
welche sich diese Wesen inkarnieren, muE man im Osten hinweisen
auf eine Art von Hierarchic, die den verschiedensten Menschen er-
scheinen kann. Wiederum dreierlei Wesenheiten, aber es sind keine
Wesenheiten, die durch die Menschen sich inkarnieren, sondern es sind
Wesenheiten, die dem Menschen erscheinen, die den Menschen auch
inspirieren vom Nachtschlaf aus.
Die erste Art dieser Wesenheiten ist die, welche den Menschen hin-
dert, vollen Besitz zu nehmen von seinem physischen Leib, die den
Menschen hindert, sich zu verbinden mit dem Wirtschaftlichen, mit
den dffentlichen Verhaltnissen der Gegenwart uberhaupt. Das sind
die Wesenheiten, welche zurvickhalten wollen im Osten das wirtschaft-
liche Leben, so wie man es im dreigliedrigen sozialen Organismus
braucht.
Die zweite Art von Wesenheiten sind diejenigen, welche ein bereits
uberindividuelles Wesen hervorbringen, eine Art von - wenn ich das
paradoxe Wort gebrauchen darf - unegoistischem Egoismus, der um
so raffinierter ist, wie er ja insbesondere bei den Menschen des Ostens
so sehr haufig angetroffen wird, die alles mogliche Selbstlose sich von
sich selber einbilden, welche Selbstlosigkeit aber gerade eine besonders
raffinierte Selbstsucht, ein besonders raffinierter Egoismus ist. Sie wol-
len ganz gut sein, sie wollen so gut sein, als man nur sein kann. Das
ist auch ein egoistisches Gefiihl. Das ist etwas, was durchaus eben mit
dem Paradoxon bezeichnet werden kann: ein unegoistischer Egoismus,
ein aus der eingebildeten Selbstlosigkeit hervorgetriebener Egoismus.
Die dritte Art von Wesenheiten, welche auf die geschilderte Weise
den Menschen des Ostens erscheinen, das sind diejenigen Wesen, welche
das geistige Leben abhalten von der Erde, welche gewissermafien eine
dumpfe mystische Atmosphare unter den Menschen ausbreiten, wie
sie im Osten in der heutigen Zeit besonders gefunden werden kann.
Wiederum sind diese drei Gattungen von Wesenheiten, die aber jetzt
aus der geistigen Welt herunterwirken, sich nicht in Menschen inkar-
nieren, die Feinde des dreigliedrigen sozialen Organismus. So daft der
Dreigliederungsimpuls eingeschniirt wird von geistiger Seite vom Osten
her, von menschlicher Seite auf die geschilderte Weise vom Westen her.
Da sehen wir also dasjenige, was der Differenzierung zugrunde Hegt
von geistigen Untergrunden her.
Wir werden dazu noch hinzuzufiigen haben dasjenige, was von der
europaischen Mitte aus als feindlich der Dreigliederung zugrunde liegt,
damit wir allmahlich auch vom geistigen Gesichtspunkte aus eine Vor-
steilung dariiber gewinnen, wie man sich ausriisten mufi, damit die
Dreigliederungsidee den widerstrebenden Machten - ob diese nun von
der geistigen Welt, wie im Osten, ob sie von Menschen, wie im Westen,
oder auf noch andere Art, wie ich es morgen schildern werde, von der
Mitte Europas ausgehen - wirklich einen Impuls entgegenbringen kann,
der so notwendig wie nur irgend etwas fur die Menschheitsentwicke-
lung ist. Wie man sich diesen Dingen gegeniiber zu verhalten hat, dar-
iiber mufi man mit Gedanken ausgeriistet sein.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 23. Oktober 1920
Ich habe gestern wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus, als
dies schon durch langere Zeiten hindurch geschehen ist, auf die Diffe-
renzierung aufmerksam gemacht, die unter den Volkern der gegen-
wartigen zivilisierten Welt besteht. Ich habe darauf hingewiesen, wie
die Individualisierung des Menschen im fiinften nachatlantischen Zeit-
raum von den geistigen Welten her gelenkt wird, wie eingreifen auf
der einen Seite im Westen durch die Menschen selber gewisse Wesen-
heiten, welche in einer unregelmafiigen Weise vorgeriickt sind, wekhe
weiter sind als die Menschheit, aber aus gewissen Interessen heraus
sich in Menschen verkorpern, um den wahren Impulsen der Gegen-
wart entgegenzuwirken, den Impulsen der Dreigliederung des sozialen
Organismus.
Ich habe auch darauf aufmerksam gemacht, wie in anderer Art im
Osten sich die Tatsache geltend macht, dafi zwar nicht durch die Men-
schen selber, wohl aber durch ihr Erscheinen gegeniiber den Menschen
sich gewisse Wesenheiten geltend machen, Wesenheiten, die ihre eigent-
liche Bedeutung in f erner Vergangenheit hatten, die aber jetzt ins Men-
schenleben herein wirken wollen; wie diese durch die besondere Seelen-
verfassung der im Orient Lebenden auf diese Menschen wirken, sei
es mehr oder weniger bewufit, indem sie als Imagination hereinwirken
in das Bewufitsein einiger Menschen des Ostens, sei es, dafi sie wahrend
des Schlafes hineinwirken in das menschliche Ich, in den astralischen
Leib und sich dann geltend machen, ohne dafi die Menschen es wissen,
in den Nachwirkungen wahrend des Wachens und auf diese Weise alles
das hereintragen, was sich gegen einen regelmafiigen Fortschritt der
Menschheit im Osten auftiirmen will. So daft wir sagen konnen: Im
Westen hat sich seit langem vorbereitet in einer gewissen Weise eine
Art Erdgebundenheit bei solchen Menschen, wie ich sie gestern geschil-
dert habe, die da eingestreut sind, die insbesondere in Sekten Fiihrer-
stellungen einnehmen, die auch in Geheimgesellschaften Fuhrerstellun-
gen einnehmen und dergleichen. Im Osten finden sich auch gewisse
fiihrende Personlichkeiten, welche eben unter dem Eindrucke solcher
durch Imagination erscheinenden Wesen der Vorzeit dasjenige aus-
iiben, was sie eben in die gegenwartige Kulturentwickelung herein-
bringen. Wenn man verstehen will, wie die Menschen der europaischen
Mitte zwischen dem Westen und dem Osten gewissermafien eingekeilt
sind, so mufi man genauer hinschauen gerade auf die geistigen Bedin-
gungen, die da zugrunde liegen, und auf alles das, was sich ausspricht in
der physisch-sinnlichen Welt aus diesen geistigen Bedingungen heraus.
Ich habe Sie ja eben von den verschiedensten Gesichtspunkten aus
darauf aufmerksam gemacht, wie in der Hauptsache das Leben des
uralten Orients ein Geistesleben war, wie der Mensch des uralten
Orients ein hochentwickeltes Geistesleben hatte, ein Geistesleben, das
aus unmittelbarer Anschauung der geistigen Welten herausstromte; wie
dann dieses Geistesleben eigentlich als Erbstiick weiter fortlebte, wie
es im Griechentum als schone Kiinstlerschaft zunachst vorhanden war,
aber auch noch als eine gewisse Einsicht; wie aber auch schon im Grie-
chentum sich hineinmischte dasjenige, was dann der Aristotelismus
war, was bereits verstandesmafiiges, dialektisches Denken war. Aber
es drang dann das, was von orientalischer Weisheit kam, eben in die
Zivilisation des Abendlandes hinein, und mit Ausnahme dessen, was
aus der Naturwissenschaft stammt, und was stammen kann aus der
modernen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, ist im
Grunde genommen alles, was in der abendlandischen Zivilisation an
Geistesleben vorhanden ist, altes orientalisches Erbgut. Aber dieses
Geistesleben ist eben durchaus dekadent. Dieses Geistesleben ist so, dafi
ihm die eigentliche Tragkraft fehlt, dafi der Mensch zwar noch eine
gewisse Hinlenkung zur geistigen Welt hat, aber dies, was er von der
geistigen Welt glaubt, nicht mehr verbinden kann mit dem, was hier
in der physischen Welt geschieht.
Es zeigt sich das am starksten, wenn im angelsachsischen Puritaner-
tum ein, ich mochte sagen, ganz weltfremdes, neben dem weltlichen
Treiben einhergehendes weltfremdes Glauben Platz gegriffen hat, das
nach ganz abstrakten geistigen Regionen hinzielt, das im Grunde ge-
nommen gar nicht sich die Miihe gibt, sich auseinanderzusetzen mit
der aufteren physisch-sinnlichen Welt.
Im Orient nehmen selbst ganz weltliche Bestrebungen, Bestrebun-
gen des sozialen Lebens, einen so geistigen Charakter an, dafi sie sich
wie religiose Bewegungen ausnehmen. Und im Osten ist zum Beispiel
dieTragkraft des Bolschewismus darauf zuriickzufiihren, dafi er eigent-
lich von den Menschen des Ostens, schon vom russischen Volke, wie
eine Religionsbewegung auf gef afit wird. Nicht so sehr auf den abstrak-
ten Vorstellungen des Marxismus beruht die Tragkraft dieser sozialen
Bewegung des Ostens, sondern sie beruht im wesentlichen darauf, dafi
die Trager wie neue Heilande angesehen werden, gewissermafien wie
die Fortsetzer friiheren religios-geistigen Strebens und Lebens.
Aus dem Romertum heraus, auch schon aus spaterem Griechentum
heraus hat sich dann, wie wir wissen, dasjenige entwickelt, was die
Menschen der Mitte am allermeisten ergriffen hat, das dialektische
Element, das Element des juristischen, des politischen, des militari-
schen Denkens.
Und welche Rolle das dann spater spielte, was da aus dem Romer-
tum heraus sich entwickelte, das kann man nur verstehen, wenn man
zunachst bedenkt, dafi alle drei Zweige des menschlichen Erlebens, das
geistige Erleben, das wirtschaftliche Erleben, das staatlich-politische
Erleben in den Zeiten, in denen das Romertum sich zu besonderem
Glanze entwickelte, in denen das romische Kaisertum aufkam, in einer
ahnlichen Weise verknauelt waren, durcheinanderstrebten, wie das
im Grunde iiber die ganze zivilisierte Welt hin in der gegenwartigen
Zeit der Fall ist. Das Romertum lief durchaus in eine Dekadenz aus,
welche im wesentlichen dadurch bedingt war, dafi im rdmischen Welt-
reiche die Unmoglichkeit wirkte, die immer daraus hervorgeht, dafi
die drei menschlichen Betatigungen - Geistesleben, Staatsleben, Wirt-
schaftsleben - chaotisch ineinandergreifen. Man kann ja wirklich sa-
gen, das romische und insbesondere das byzantinische Kaisertum ist
eine Art Symbolum gewesen fur den Verfall der vierten nachatlanti-
schen Zeit, der griechisch-lateinischen Zeit. Man braucht ja nur zu
bedenken, dafi von einhundertsieben ostromischen Kaisern blofi vier-
unddreifiig in ihrem Bette gestorben sind. Von einhundertsieben Kai-
sern sind blofi vierunddreifiig in ihrem Bette gestorben! Die anderen
sind entweder vergiftet oder verstummelt worden und im Kerker ge-
storben, sind aus dem Kerker ins Monchsleben iibergegangen und der-
gleichen. Und aus dem, was da im Siiden Europas (siehe Zeichnung)
als die romanische Welt ihrem Niedergange entgegenging, aus dem
entwickelte sich dasjenige heraus, was dann, ich mochte sagen, in drei
Asten nach Norden heraufstromte.
Da haben wir zunachst den westlichsten Ast. Ich will heute nicht
darauf eingehen, was sich in geschichtlichen Einzelheiten entwickelte
durch das hindurch, was als das Mittelalter aus der alten Menschheits-
entwickelung hervorging; aber ich will auf einiges aufmerksam ma-
chen. Die charakteristische Erscheinung der westlichen, zunachst der
mehr sudwarts gelegenen westlichen Entwickelung ist ja diese, dafi
das Romertum, ich mochte sagen, auch als eine Summe von Menschen
zunachst sich ausdehnt nach Spanien, iiber das heutige Frankreich, auch
iiber einen Teil von Britannien hin. Romische Menschen waren es, die
da hinein sich entwickelten. Aber alles das wurde durchsetzt von dem,
was als germanische Stamme der verschiedensten Art durch die Volker-
wanderung gerade in diese Bevolkerungen von romischen Menschen
hineindrang.
Tafel 3
/Geendetej
/Oeijtcs/ebcn
6ei5t
Und eine eigentiimliche Erscheinung finden wir da. Die Erschei-
nung finden wir, dafi germanische Menschen in das Romertum sich hin-
einzwangen, in das Romertum sich hineinstoften, und dafi da etwas
entsteht, was nur so charakterisiert werden kann, dafi man sagt: Es
war Menschenwesen germanischer Art eingedrUngen in das Romer-
tum; das Romertum als solches ging im Grunde genommen als Men-
schenwesen unter; was aber erhalten blieb von dem Romertum, also
dasjenige, was, ich mochte sagen, durch diese Kreuzung (siehe Zeich-
nung S. 50) der beiden Linien hier sich bildete, was sich da bildete als
spanische Bevolkerung, als franzdsische Bevolkerung, zum Teil auch als
britannische Bevolkerung, das ist im wesentlichen germanisches Blut,
iibertont von dem romanischen Sprachelemente. Nicht anders kann in
Wirklichkeit verstanden werden, um was es sich da handelt, als wenn
man es so anschaut. Dieses Menschenwesen ist durchaus seiner Seelen-
konfiguration nach, seiner Empfindungs-, Gefuhls- und Willensrich-
tung nach hervorgegangen aus dem, was sich als germanisches Element
im Strom der Volkerwanderung vom Osten nach dem Westen bewegt
hat. Aber es ist eine Eigentiimlichkeit dieses germanischen Elementes,
daft, wenn es zusammenstofit mit einem f remden Sprachelemente - und
in der Sprache ist immer eine Kultur, mochte ich sagen, verkorpert es
in diesem fremden Sprachelemente aufgeht, diese Sprache annimmt.
Es wachst hinein in diese fremde Sprache, ich mochte sagen, wie in ein
Zivilisationskleid. Was im Westen von Europa lebt als lateinische
Rasse, das hat im Grunde genommen nichts von lateinischem Blute in
sich. Das ist aber hineingewachsen in dasjenige, was da heraufgestromt
ist, verkorpert durch die Sprache. Denn es lag im Wesen des latei-
nischen, des romischen Elementes, sich selber iiber das Menschentum
hinaus im Weltenentwickelungsgang zu behaupten. Deshalb ist ja in
Rom zuerst das Testament aufgekommen, die Behauptung des Egois-
mus iiber den Tod hinaus. Dafi der Wille iiber den Tod hinausreiche,
das hat dazu gefiihrt, den Gedanken des Testamentes zu fassen. So
auch wirkte der Bestand der Sprache iiber den Bestand des Mensch-
lichen im Volkstum hinaus.
Und anderes als die Sprache wurde erhalten. So wurden erhalten fur
diesen Westen auf dieser Stromung hier (siehe Zeichnung S. 50) die alten
Traditionen der verschiedenen Geheimgesellschaften, von deren Be-
deutung ich Ihnen ja im Laufe der letzten Jahre Mannigfaltiges er-
zahlt habe, durchaus Traditionen, die aus der vierten nachatlantischen
Zeit, aus der griechisch-lateinischen Zeit stammen, die allerdings Ent-
lehnungen sind aus dem Orient - namentlich aber aus Handschriften
die aber durchaus durch das Romertum, durch das Lateinertum durch-
gegangen sind. So dafi man in einer gewissen Beziehung in dem west-
lichen Menschentum, insofern es untergetaucht ist in dem romischen
Sprachelemente, das sich iiber das Volkstum hinaus erhalten hat, den
Menschen in einem fremden Zivilisationskleide hat. Man hat auch den
Menschen in einem fremden Kleide, indem man in den alten Mysterien-
wahrheiten, die schon abstrakt geworden sind, die namentlich in den
Zeremonien und in dem Kultus der westlichen Gesellschaften mehr
oder weniger leere Formeln geworden sind, etwas hat, worin das Men-
schentum untergetaucht ist und worin es als in etwas lebt, wovon es
ergriffen werden kann.
Sind nun andere Verhaltnisse besonders giinstig, dann bietet gerade
dieses, ich mochte sagen, mehr von aufien Durchdrungenwerden des
Menschen mit alledem, was aus der Sprache herauskommt, einen An-
haltspunkt dafiir, dafi sich solche Wesen, wie ich es gestern geschildert
habe, in diesen Menschen verkorpern konnen. Aber besonders giinstig
ist fur dieses Verkorpern gerade das angelsachsische Element aus dem
Grunde, weil da auch durchaus germanisches Menschenwesen nach
dem Westen hiniibergekommen ist, weil sich stark das germanische
Menschenwesen erhalten hat, und in einem geringeren Mafie als das
eigentlich lateinische Element sich durchdrungen hat mit dem romi-
schen Elemente. So dafi da ein viel labileres Gleichgewicht in der an-
gelsachsischen Rasse vorhanden ist, und durch dieses labilere Gleich-
gewicht jene Wesen, die sich da verkorpern, eine viel grofiere Willkiir
des Wirkens, einen viel grofieren Spielraum haben. In eigentlich ro-
manischen Landern wiirden sie aufierordentlich gebunden sein. Vor
alien Dingen aber mufi man sich klar sein daniber, daft von solchen
volkspsychologischen Konfigurationen dasjenige abhangt, was sich
dann in einzelnen Personlichkeiten aufSern kann. Durch dieses freiere
Element im Angelsachsentum ist es moglich geworden, daft, wahrend
allerdings das Puritanertum eine abstrakte Glaubenssphare darstellt,
dieses angelsachsische Element im hochsten Grade geeignet war, das
naturwissenschaftliche Denken auch als Welt- und Lebensanschauung
aufzunehmen und auszugestalten. Es wird allerdings nicht das voile
Menschentum ergriffen, aber es wird gerade derjenige Teil des Men-
schenwesens ergriffen, welcher durch die Eingliederung von Sprachen,
durch die Eingliederung von anderen Elementen des Menschenwesens
es moglich macht, dafi sich solche Wesen, wie ich es gestern geschildert
habe, in diesen Menschen verkorpern.
Ich bemerke ausdrucklich, dafi bei alledem, was ich jetzt bespreche,
es sich nur um solche einzelne Menschen handelt, die unter der Menge
der ubrigen Menschen zerstreut sind, Es betrifft nicht die Nationen,
es betrifft nicht irgendwie die grofie Masse der Menschen, es betrifft
die einzelnen Menschen, die aber aufierordentlich starke Fuhrerstel-
lungen in den Regionen haben, von denen ich gesprochen habe. Was
nun da im Westen vorzugsweise ergriffen wird von solchen Wesen, die
dann dem Menschenleib, in welchem sie sich verkorpern, eine gewisse
Fiihrerstellung sichern, das ist hauptsachlich Leib und Seele, nicht der
Geist, fur den man sich daher weniger interessiert.
Woher kommt zum Beispiel die ganz grandiose, aber einseitige Aus-
gestaltung der Deszendenzlehre durch Charles Darwin? Sie kommt
daher, dafi bei Charles Darwin tatsachlich besonders dominierend wa-
ren Leib und Seele, nicht der Geist. Daher betrachtet er den Menschen
auch nur nach Leib und Seele, sieht ab von dem Geiste und von dem,
was aus dem Geiste in das Seelische sich hereinlebt. Wer unbefangen
auf die Ergebnisse der Forschungen Darwins sieht, der wird sie verste-
hen von dem Gesichtspunkte aus, dafi da etwas lebte, was den Men-
schen nicht betrachten wollte seinem Geiste nach. «Geist» nahm man
nur von der neueren naturwissenschaftlichen Richtung, die interna-
tional ist; dasjenige aber, was die ganze Anschauung iiber das Men-
schenwesen farbte, nuancierte, das war die Hinneigung zu Leib und
Seele, mit Aufierachtlassung des Geistes. Ich mochte sagen, die treue-
sten Schiiler des okumenischen Konzils vom Jahre 869 waren die Men-
schen des Westens. Sie haben den Geist zunachst unberiicksichtigt ge-
lassen, Leib und Seele genommen, wie sie besonders in der Schilde-
rung Darwins zum Vorschein kommen, und nur einen kunstlichen
Kopf aufgesetzt als Geist mit materialistischer Denkungsweise, wie er
aus der Naturwissenschaft hervorkommt. Und weil man sich gewisser-
mafien schamte, aus der Naturwissenschaft eine Universalreligion zu
machen, blieb als aufierliches Nebenwerk, das ein abstraktes Dasein
fiihrte, dasjenige, was als Puritanismus und dergleichen weiterlebt, was
aber mit der eigentlichen Weltkultur hier keinen Zusammenhang hat.
Da sehen wir, wie in einer gewissen Weise iiberwaltigt wird Leib und
Seele von einem abstrakt naturwissenschaft] ichen Geist, den wir bis
in die Gegenwart herauf klar beobachten konnen.
Aber man nehme an, das andere geschahe. Es wiirde starker sein
dasjenige, was in der Sprache weiterlebt, was in der ganzen geistigen
Formenwelt der vierten nachatlantischen Zeit weiterlebt, was wiirde
da herauskommen? Da wiirde ein strenges fanatisches Abweisen des
modernen Geistes herauskommen; und es wiirde nicht betont werden,
dafi aus naturwissenschaftlichen Begriffen ein ktinstlicher Kopf auf-
gesetzt werde dem Leiblich-Seelischen, sondern es wiirden die alten
Traditionen aufgesetzt werden, aber es wiirden doch nur das Leib-
liche und Seelische eigentlich gepflegt werden. Da konnten wir uns
denken, dafi irgendein Mensch in ebenso brutaler Weise alles das, was
nur Leib und Seele ist, ausbildet und eine Lehre erfindet, die nur auf
Leib und Seele hinsehen will und als Aufieres dazu nicht die Naturwis-
senschaft hat, sondern einen wiederum nur noch aufierlich gebliebenen
Teil von einer aus friiherer Zeit in spatere Zeit hineingetragenen Offen-
barung: Und dann haben wir den Jesuitismus, dann haben wir Ignaz
von Loyola. Ich mochte sagen, ebenso wie mit Notwendigkeit Geister
wie Darwin hervorgingen aus dem Angelsachsentum, ebenso ging aus
dem Spatromanismus Ignaz von Loyola hervor.
Das Eigentumliche der Menschen, von denen wir hier in bezug auf
den Westen zu sprechen haben, ist, dafi sich durch sie der Welt be-
merklich machen jene geistigen Wesen, die ich gestern charakterisiert
habe, dafi sie durch sie in der Welt wirken. Im Osten ist das anders.
Tafel 3 Nach dem Osten geht eben eine andere Stromung (siehe Zeichnung S.
50). Wir werden zunachst aber etwas betrachten, was als eine zweite
Stromung von dem alten Rdmertum ausgeht, was nun nicht die Sprache
auch hinauftragt, wohl aber die ganze Richtung der Seelenverfassung
hinauftragt, was die Gedankenrichtung hinauftragt. Nach dem We-
sten geht mehr die Sprache. Dadurch kommen alle diejenigen Er-
scheinungen, von denen ich eben gesprochen habe. Nach der europai-
schen Mitte geht dasjenige, was mehr die Gedankenrichtung ist. Aber
es vereinigt sich mit dem, was in dem Germanentum veranlagt ist,
und in dem Germanentum ist veranlagt ein gewisses Verwachsen-sein-
Wollen mit der Sprache. Aber man kann dieses Verwachsen-sein-Wol-
len mit der Sprache nur erhalten, solange die Menschen, die in dieser
Sprache leben, zusammen sind. Als die Goten, die Vandalen und so
weiter nach dem Westen zogen, tauchten sie unter in das lateinische
Element. Es blieb das Verwachsensein mit der Sprache nur in der euro-
paischen Mitte vorhanden. Dies bedeutet, dafi in dieser europaischen
Mitte die Sprache zwar nicht in einer besonders starken Weise an dem
Menschen haftet, aber doch starker haftet, als sie in den romischen
Menschen war, die als solche sich verloren haben, aber die Sprache
selber abgegeben haben. Die germanischen Menschen wiirden ihre Spra-
che nicht abgeben konnen. Die germanischen Menschen haben ihre
Sprache als ein Lebendigeres in sich. Sie wiirden es nicht als Erbstiick
hinterlassen konnen. Sie kann sich nur so lange erhalten, diese Sprache,
als sie mit dem Menschen verbunden ist. Das hangt zusammen mit der
ganzen Art und Weise der menschlichen Verfassung dieser Volker, die
in Europas Mitte sich nach und nach geltend gemacht haben. Das be-
dingt, dafi in dieser europaischen Mitte sich Menschen geltend gemacht
haben, die nicht gerade geeignet waren, starke Moglichkeiten fur die
Verkorperung solcher Wesen zu bieten, wie es im Westen der Fall war.
Aber ergriffen konnten sie doch auch werden. Bei diesen Menschen
der europaischen Mitte war es durchaus moglich, dafi in den Fuhrer-
gestalten sich solche Wesen der dreifachen Gattung geltend machten,
wie ich sie gestern geschildert habe. Aber das bewirkt immer, dafi auf
der anderen Seite auch eine gewisse Zuganglichkeit bei diesen Men-
schen vorhanden ist fur jene Erscheinungen, die den Menschen des
Orients sich als Imagination entgegenstellen. Nur bleiben diese Ima-
ginationen bei den Menschen der Mitte wahrend des Tagwachens so
blafi, dafi sie eben nur als Begriffe, als Vorstellungen erscheinen. In
derselben Weise wirkt dasjenige, was von jenen Wesen herriihrt, die
sich durch die Menschen verkorpern und eine so grofie Rolle bei ein-
zelnen Menschen des Westens spielen. Dadurch konnen diese durch-
aus nicht eine solche Wirkung hervorbringen, aber doch dem ganzen
Menschen eine gewisse Richtung geben. Es ist insbesondere bei den
Menschen dieser Mitte so, dafi es durch Jahrhunderte hindurch kaum
moglich gewesen ist, daft diejenigen Menschen, die irgendeine Bedeu-
tung erhielten, sich retten konnten vor der Einkorperung auf der einen
Seite der Geister des Westens und auf der anderen Seite der Geister des
Ostens. Das bewirkte immer eine Art Zwiespaltigkeit dieser Menschen.
Man konnte sagen, wenn man sie ihrer wahren Realitat nach schil-
dert: Wenn diese Menschen wachten, so war etwas von den Attacken
der Geister des Westens in ihnen, das ihre Triebe, ihr Instinktleben be-
einfluftte, das in ihrem Willen lebte, das ihren Willen lahmte. Wenn
diese Menschen schliefen, wenn der astralische Leib und das Ich ge-
sondert waren, da machten sich auf sie solche Geister geltend wie die-
jenigen, die auf die Menschen des Orients als Erscheinungen in Imagi-
nationen oft unbewufit wirkten. Und man braucht nur eine ganz cha-
rakteristische Personlichkeit aus der Zivilisation der Mitte herauszu-
nehmen, und man wird, ich mochte sagen, mit Handen greifen konnen,
daft das so ist, wie ich es geschildert habe. Man braucht nur Goethe
herauszunehmen. Nehmen Sie all das, was in Goethe von den Attacken
der Geister des Westens lebte, was in seinem Willen sich geltend machte,
was insbesondere in dem jungen Goethe wiihlte, was man wohl fiihlt,
wenn man die in der Jugend hingewuhlten Szenen des «Faust» oder
des «Ewigen Juden» liest; und dann sehen Sie, wie Goethe auf der
anderen Seite abgeklart war - weil das blofi nach dem Geistig-See-
lischen hintendierende Element des Orients in ihm gebandigt war, durch-
stromt war von diesem Willenselement — , wie er im Alter sich mehr zu
Imaginationen hinwendet im zweiten Teil seines «Faust». Aber eine
Kluft ist doch vorhanden. Sie kommen nicht recht heniber vor alien
Dingen aus dem Stil des ersten Teiles des «Faust» in den Stil des zweiten
Teiles des «Faust».
Und betrachten Sie den lebendigen Goethe selbst, der herauswachst
aus den Impulsen des Westens, der, ich mochte sagen, gepeinigt wird
von den Geistern des Westens, der sich als junger Mensch trostet mit
dem, was ja schliefilich auch viel Westliches in sich enthalt: mit der
Gotik, womit aber auftaucht das Streben zu den Geistern der Vergan-
genheit, zu jenen Geistern, die im Griechentum, die auch ganz beson-
ders in der Gotik tatig waren, die aber doch im Grunde genommen
die Nachkommen jener Geister waren, die einstmals den Orientalen
inspirierten, als er zu seiner groften Urweisheit kam. Und so sehen wir,
als es in die achtziger Jahre hereingeht, wie er es nicht aushalt mit
den Geistern des Westens, wie sie ihn qualen. Er will das ausgleichen,
indem er nach dem Siiden zieht, um aufzunehmen, was von der an-
deren Seite kommen kann. Das gibt den Menschen der Mitte gerade in
ihren hervorragenden Fuhrern - und die anderen folgen ja diesen
Fuhrern - ihr charakteristisches Geprage. Die Menschen der Mitte
waren dadurch besonders vorgebildet zur Geltendmachung des einen,
was wichtig ist in der ganzen Menschheitsentwickelung. Man kann es
am besten bei einem solchen Geiste wie Hegel beobachten. Wenn Sie
Hegels Philosophic nehmen - ich habe das schon ofter hier erwahnt
f inden Sie iiberall diese Philosophic hinentwickelt bis zum Geiste. Aber
nirgends finden Sie irgend etwas bei Hegel, was iiber das physisch-
sinnliche Leben hinausragt. Statt einer eigentlichen Geistlehre finden
Sie eine logische Dialektik als ersten Teil der Philosophic; die Natur-
philosophie finden Sie blofi als eine Summe von Abstraktionen dessen,
was im Menschen wesen selber lebt; was durch die Psychologie ergriffen
werden soil, das finden Sie dargestellt im dritten Teil von Hegels Philo-
sophic Aber es kommt nichts anderes heraus als das, was der Mensch
auslebt zwischen Geburt und Tod, was sich dann zusammendrangt
in der Geschichte. Von irgendeinem Hineingehen des Ewigen im Men-
schen in ein vorgeburtliches, in ein nachtodliches Dasein ist ja bei Hegel
nirgends die Rede; es kann auch gar nicht geltend gemacht werden.
Das eine ist es, was die Menschen, die hervorragendsten Menschen
der Mitte geltend machen, dafi in dem Menschen, wie er hier lebt zwi-
schen Geburt und Tod, Leib, Seele und Geist vorhanden sind. Fur
den Menschen der Sinneswelt, fur unsere physische Welt sollte durch
diese Menschen der Mitte der Geist und das Seelische sich darstellen.
Sobald wir nach dem Osten gehen, finden wir, dafi - ebenso wie
wir im Westen sagen miissen, es lebe vorzugsweise Leib, Seele - im
Osten vorzugsweise Seele und Geist lebt. Daher das Hinaufheben zu
den Imaginationen ja naturlich ist, und wenn diese Imaginationen auch
nicht zum Bewulksein kommen, so wirken sie in das Bewufttsein hin-
ein. Die ganze Anlage des Denkens ist beim Menschen des Ostens so,
dafl sie nach Imaginationen hintendiert, wenn auch diese Imaginatio-
nen zuweilen, wie bei Solowjow, in abstrakte Begriffe gefafit werden.
Und ein dritter Ast geht von dem Romertum nach dem Norden iiber
Tafel 3 Byzanz in den Osten hinein (siehe Zeichnung S. 50). Es spaltet sich ge-
wissermafien dasjenige, was im Romertum chaotisch beisammen war,
in drei Zweige. Es strebt auseinander, kommt zum Westen, wo ein
neues Element des Wirtschaftlichen sich geltend macht als dasjenige,
was der Neuzeit besonders angemessen war, und was sich mit der Na-
turwissenschaft verbindet. Es kommt zum Osten und kommt aus der
alten Urweisheit in die Dekadenz hinein; es entwickelt sich da hin-
uber dasjenige, was in religioser Form das Geistige ist. Das alles geht
naturlich parallel. Es entwickelt sich nach der Mitte hin dasjenige,
was Politisch-Militarisches, Staatlich-Juristisches ist, was naturlich
nach den verschiedenen Seiten sich ausbreitet; aber wir miissen die
charakteristischen Aste ins Auge fassen. Je weiter wir nach dem Osten
kommen, desto mehr sehen wir, wie diese Menschen des Ostens mit
ihrer Sprache nicht in derselben Art verwachsen sind wie die germani-
schen Volker. Die germanischen Volker leben in ihrer Sprache, solange
sie sie haben. Studieren Sie einmal diesen merkwurdigen Gang gerade
der germanischen Menschheit Mitteleuropas. Studieren Sie diese Zweige
der germanischen Bevolkerung, die sich zum Beispiel nach Ungarn
himiber in die Zipser Gegend, als Schwaben hinunter ins Banat, nach
Siebenburgen als die Siebenbiirgener Sachsen bewegt haben. Uberall ist
es, ich mochte sagen, etwas wie ein Abglimmen des eigentlich sprach-
lichen Elementes. Diese Menschen gehen uberall in der Sprache auf,
in die sie untertauchen. Und eine der allerinteressantesten ethnogra-
phischen Studien ware es, zu sehen, wie um Wien herum in verhaltnis-
mafiig kurzer Zeit, im Laufe der letzten zwei Drittel des 19. Jahrhun-
derts, das Deutschtum zuriickgegangen ist, uberflutet worden ist. Man
konnte das mit Handen greifen, wenn man diese Sache verstandig an-
sahe. Man sah, wie in das Magyarentum hinein auf kiinstliche Weise,
aber namentlich in das Slawentum hinein auf natiirliche Weise, sich das
germanische Element entwickelte. Im Osten ist der Mensch mit seiner
Sprache aber ganz verwachsen. Da lebt das Geistig-Seelische, lebt in
der Sprache. Das ist etwas, was man oftmals gar nicht beriicksichtigt.
Der Mensch des Westens lebt ja in der Sprache in einer ganz anderen
Art, in einer radikal anderen Art als der Mensch des Ostens. Der
Mensch des Westens lebt in seiner Sprache wie in einem Kleide; der
Mensch des Ostens lebt in seiner Sprache wie in sich selbst. Daher
konnte der Mensch des Westens die naturwissenschaftliche Lebensauf-
fassung annehmen, hineingieflen in seine Sprache, die ja nur ein Ge-
fafi ist. Im Orient wird die naturwissenschaftliche Weltanschauung
des Westens niemals Fufi fassen, denn sie kann gar nicht untertauchen
in die Sprachen des Orients. Die Sprachen des Orients weisen sie zu-
riick, die naturwissenschaftliche Weltanschauung nehmen sie gar nicht
auf.
Das konnen Sie schon verspiiren, wenn Sie die allerdings heute noch
koketten Auseinandersetzungen des Rabindranath Tagore auf sich wir-
ken lassen; wenn auch das bei Rabindranath Tagore von Koketterie
durchwirkt ist, so sieht man doch, wie sein ganzes Sich-Darleben be-
steht im Erleben eines Anpralles der westlichen Weltanschauung, aber
sofort - durch das Leben in der Sprache - ein Zuriickwerfen dieser
Weltanschauung des Westens.
In dieses Ganze war der Mensch der Mitte hineingeworfen. Er
mufite alles das aufnehmen, was er im Westen erlebte. Er nahm es nicht
so tief auf wie der Westen, er durchtrankte es mit dem, was auch der
Osten hatte. Daher das labilere Gleichgewicht in der Mitte, dadurch
aber auch die Zerrissenheit, die Zweiheit der Individualisierung der
Seelen der Menschen der Mitte, dieses Streben, eine Harmonie, einen
Ausgleich in der Zweiheit zu finden, wie es sich so klassisch, so grofi-
artig darlebt in Schillers Briefen iiber die asthetische Erziehung, wo
zwei Triebe - der Naturtrieb und der Vernunfttrieb -, die vereinigt
werden sollen, deutlich hinweisen auf diese Zweiheit. Aber man kann
noch auf viel Tieferes deuten.
Sehen Sie, wenn man nach dem Westen hinblickt, so findet man,
dafi da vorzugsweise eine gewisse Geneigtheit im ganzen Volkstum
ist, die naturwissenschaftliche Denkweise aufzunehmen, die sich fur
das Wirtschaftsleben so aufierordentlich eignet. Ich habe Ihnen gezeigt,
wie die naturwissenschaftliche Denkweise sich bis in die Psychologie,
bis in die Seelenkunde hineingelebt hat. Da nimmt man sie auf, da
nimmt man sie restlos auf, diese naturwissenschaftliche Anschauungs-
weise. Und das Puritanertum lebte eben dort wie ein abstrakter Ein-
schlag, wie etwas, das mit dem eigentlichen aufteren Leben nichts zu
tun hat, das man auch gewissermafien in sein Seelenhaus einsperrt,
das man nicht beruhrt werden laftt von der aufieren Kultur.
Das, was da im Westen sich entwickelt, ist so, dafi man sagen kann :
Es ist eine Neigung vorhanden, alles in sich aufzunehmen, was der
menschlichen Vernunft zuganglich ist, insofern sie gebunden ist an
Leib und Seele. Das andere, der Puritanismus, ist ja nur ein Sonntags-
kleid dessen, was Leib ist, was zuganglich ist der Vernunft. Daher der
Deismus, diese ausgeprelke Zitrone einer religiosen Weltanschauung,
wo von Gott nichts mehr vorhanden ist als ein Marchen einer allge-
meinen, ganz abstrakten Weltursache; die Vernunft, wie sie an Leib
und Seele gebunden ist, die macht sich da geltend.
Wenn Sie nach dem Osten gehen, da ist gar kein Verstandnis fur
eine solche Vernunftigkeit. Schon in Rutland fangt es an. Hat denn
der Russe iiberhaupt Verstandnis fiir das, was man im Westen Ver-
niinftigkeit nennt? Man gebe sich nur keiner Tauschung hin; nicht das
geringste Verstandnis hat der Russe schon fiir das, was man im Westen
Vernunftigkeit nennt. Der Russe ist zuganglich fiir dasjenige, was man
Offenbarung nennen konnte. Er nimmt im Grunde genommen alles
das auf als seinen Seeleninhalt, was er einer Art Offenbarung ver-
dankt. Vernunftigkeit, wenn er auch das Wort den westlichen Men-
schen nachsagt, so versteht er doch nichts davon, das heifit, er fiihlt
nicht das, was die westlichen Menschen dabei fiihlen. Aber was nach-
gefuhlt werden kann, wenn man von Offenbarung, von dem Herab-
kommen von Wahrheiten aus der ubersinnlichen Welt in den Menschen
herein spricht, das versteht er gut. Dasjenige aber, wovon man im
Westen so redet - und dafiir ist ja gerade das Puritanertum ein Be-
weis -, ist so, dafi man sieht: In diesem Westen ist selbstverstandlich
nicht das geringste Verstandnis da fur dasjenige, was man eigentlich
als das Verhaltnis des russischen Menschen und gar erst des Orientalen,
des asiatischen Menschen, was man iiberhaupt als das Verhaltnis des
Menschen zur geistigen Welt ansprechen muB. Dafiir ist im Westen
nicht das geringste Verstandnis. Denn das ist etwas ganz anderes als
das, was durch Vernunft vermittelt wird; das ist etwas, was, vom Gei-
stigen ausgehend, den Menschen ergreift und den Menschen lebendig
durchdringt.
Und bei den Menschen der europaischen Mitte, nun, da ist es so:
Als der fiinfte nachatlantische Zeitraum sich schon nahte, so im 10.,
11., 12. Jahrhundert - er kam ja dann in der Mitte des 15.Jahrhun-
derts -, da standen die hervorragendsten Geister der europaischen
Mitte vor einer ungeheuren Frage, vor einer Frage, die ihnen aufgege-
ben war als Menschen, die drinnenstanden zwischen dem Westen und
dem Osten, und es drangte in ihnen der Westen nach Vernunft, und
es drangte in ihnen der Osten nach Offenbarung. Und man studiere
einmal von diesem Gesichtspunkte aus die Hochscholastik, die Glanz-
epoche mittelalterlicher Geistesentwickelung, man studiere von diesem
Gesichtspunkte aus solche Geister, wie Albertus Magnus, Thomas von
Aquino, Duns Scotus und so weiter; man vergleiche sie mit solchen
Geistern wie Roger Bacon - ich meine den Alteren, der mehr west-
warts orientiert war -, und man wird sehen: Eine grofie Frage entstand
bei den Geistern der mitteleuropaischen Hochscholastik aus dem Zu-
sammenwirken von dem, was vom Westen her als Vernunft, vom
Osten her als Offenbarung drangte. Ihre Bedrangnis war die, die auf
der einen Seite von den Geistern herriihrte, die durch den Willen den
menschlichen Leib und die menschliche Seele ergreifen wollten, auf
der anderen Seite von den Geistern herriihrte, die von der Imagination
aus Geist und Seele im Osten ergreifen wollten. Daher entstand die
scholastische Lehre, dafi alles beides gilt: Vernunft auf der einen Seite,
Offenbarung auf der anderen Seite, Vernunft fur alles dasjenige, was
auf der Erde mit den Sinnen zu erreichen ist, Offenbarung fur die
iibersinnlichen Wahrheiten, die nur aus der Bibel und aus der Tradi-
tion des Christentums geschopft werden konnen. Man begreift so rich-
tig die christliche Scholastik des Mittelalters, wenn man ihre hervor-
ragendsten Geister auffafit als diejenigen, in denen zusammenstromte
Verniinftigkeit von Westen, Offenbarung von Osten. Da wirkten in
den Menschen beide Richtungen, und im Mittelalter konnte man sie
nicht anders zusammenbringen als dadurch, dafi man gewissermafien
in sich selber den Zwiespalt empfand.
An jener Stelle unserer kleinen Kuppel, driiben im kleinen Kuppel-
raum, wo das germanische Element zur Darstellung kommen sollte
mit seinem Dualismus, sehen Sie daher auch in dem Braunlich-Schwarz-
lichen und dem Rotlich-Gelblichen aneinanderstofien diese Zweiheit:
das Rot-Gelbliche der Offenbarung, das Schwarzlich-Braunliche des
Verniinftigen; wie dort iiberhaupt inspirierend das gewirkt hat, was
durch die verschiedenen Menschheitskulturen hindurch an die Men-
schen herangetreten ist; nur ist es dort in Farben und in den Offen-
barungen der Farben empfunden.
So, mochte man sagen, ist das, was wir jetzt haben iiber die zivi-
lisierte Welt hin, im Westen ergriffen von dem eigentlichen, erst in der
Neuzeit heraufgekommenen Element, von dem Wirtschaftsleben; denn
dieses Wirtschaftsleben selbst war in keiner friiheren Epoche eine
solche Zeitfrage, wie es jetzt geworden ist. Es ist eigentlich zeitgemafl.
Dagegen ist dasjenige, was in Staat und Politik ist, schon im Abglim-
men begriffen. Und was dann im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
als Deutsches Reich begrundet worden ist, das nahm eben in sich auf
dieses abglimmende Element des alten Romertums und ging daran
zugrunde. Schon wie es sich aufgebaut hat, war es so, aber insbeson-
dere, wie es dann sich ausgestaltet hat. Im Grunde genommen gab
es innerhalb dieses Deutschen Reiches nur die Fortsetzung des juristisch-
staatlichen, politischen Elementes, das organisierte, das ja grofie Ge-
nies des Organisierens hatte; aber das wollte sich einverleiben die
Wirtschaft, ohne dafi man das wirtschaftliche Denken hatte. Denn
alles, was die Wirtschaft innerhalb dieses Gebietes trieb, das wollte
immer mehr und mehr unter das Staatssystem unterkriechen. Der Mi-
litarismus zum Beispiel, der im Grunde genommen von Frankreich
oder auch der Schweiz ausgegangen ist, der aber ja noch andere Formen
hatte, wurde verstaatlicht, mochte man sagen, in Mitteleuropa. So dafi
dieses Mitteleuropa weder aufnehmen konnte das wirtschaftliche Le-
ben, noch aufnehmen konnte ein wirklich in sich selbst lebendiges, aus
seinen Wurzeln heraus treibendes Geistesleben. Was organisiert wurde
an Widergeistigkeit in der letzten Zeit gerade in Mitteleuropa, das ist
ja das Allerfurchtbarste! Wir sehen alles, was Geistesleben ist, immer
mehr und mehr hineinwachsen in die Form des politischen Staates.
Und so kam es, dafi es im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in
Mitteleuropa keinen Menschen mehr gab, der iiber Geschichte oder
iiber ahnliche Dinge anders schrieb denn als politischer Parteimann.
Alles, was von den Universitaten ausging, ist nicht objektive Ge-
schichte, ist Parteiweisheit, ist durchaus politisch gefarbt. Und noch
mehr in der Dekadenz ist das geistige Leben, das aus Urzeiten aus dem
Orient stammt. Es wuchs hinein in eine Oberschwemmung aus dem We-
sten, aus der Mitte, in den Mafinahmen Peters des Grof>en y die noch
durchdrungen waren von einem urwuchsigen Geistigen, das aber eben in
der Dekadenz ist, das sich im Panslawismus, im Slawophilentum aus-
lebt. Und es fuhrte endlich dazu, dafi die heutigen Zustande geschaf-
fen wurden, aus denen heraus will ein neuer Geist, denn der alte ist ja
ganz in der Dekadenz.
So sehen wir iiber die Welt verbreitet die neue Wirtschaft, die en-
dende Jurisprudenz und Staatlichkeit und das geendete Geistesleben.
Im Westen sehen wir, von der Wirtschaft ganz aufgesogen, das
Staatselement, und das Geistige ist ja nur in der Form der Naturwis-
senschaft da, wenn man eben absieht von dem unwahren Puritaner-
tum. In der Mitte haben wir einen schon alternden Staat gehabt, der
Wirtschaft und Geistesleben aufsaugen wollte und deshalb nicht le-
ben konnte. Und im Osten haben wir nichts anderes als den erster-
benden Geist der alten Zeit, der galvanisiert werden soli durch aller-
lei Mafinahmen des Westens; gleichgiiltig, ob es Peter der Grofie ist, ob
es Lenin ist, dasjenige, was vom Westen kommen will, galvanisiert den
Leichnam des ostlichen Geistes. Die Rettung besteht darinnen, dafi man
klar einsieht: Ein neuer Geist mufi die Menschen durchziehen.
Dieser neue Geist, der nun nicht im Orient, der im Abendlande
selber gefunden werden kann, dieser neue Geist mufi reinlich neben-
einander hinstellen Wirtschaftsleben, staatlich-politisches Leben, Gei-
stesleben. Dann kann zu dem Wirtschaftsleben des Westens, wozu der
Westen besonders durch seine Natureigenschaften organisiert ist, auch
das staatliche und geistige Leben treten. Dann kann die Mitte neben
dem staatlichen Leben, das, wenn es anthroposophisch orientiert wird,
aus ganz anderen Grundsatzen heraus aufgebessert wird, als frtiher
da waren, dann kann die Mitte wirklich ein Wirtschafts- und ein Gei-
stesleben aufnehmen. Und dann kann der Orient wiederum bef ruchtet
werden. Das Geistesleben, das im Abendlande bluht, das wird der
Orient verstehen, wenn man es ihm nur in der richtigen Weise bringt.
Sobald nicht mehr kiinstliche Grenzen geschaffen sind, iiber die nicht
hiniibergelassen wird, was an wirklichem anthroposophisch orientier-
ten Geistesleben im Abendlande lebt, sobald das hiniibergelassen wird
nach dem Orient, wird man es verstehen, wenn es auch zunachst durch
so kokette Geister dringt wie Rabindranath Tagore oder andere. Es
handelt sich darum, dafi die Naturwissenschaft als solche zuriickge-
wiesen wird von dem Orient. Aber jene Naturwissenschaft, welche
durchleuchtet ist von wirklicher Geistigkeit, wie wir sie ja darstellen
wollten in unseren Hochschulkursen hier, die wird mit allem Eifer auch
vom Orient aufgenommen werden. Dann wird der Orient sehr viel
Verstandnis fur ein selbstandiges Geistesleben haben. Und er wird
auch aufnehmen das selbstandige staatlich-politische Leben, er wird
aufnehmen konnen das Wirtschaftsleben, es in Unabhangigkeit trei-
ben konnen. So dafi wirklich in dieser Dreigliederung des sozialen
Organismus sich auch dasjenige erfiillt, was sich aus einer verniinftigen
und zu gleicher Zeit geistigen Betrachtung als Entwickelung der euro-
paischen und asiatischen Welt seit dem untergehenden Romertum dar-
stellt.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 24. Oktober 1920
Ich habe bereits im Jahre 1891 aufmerksam gemacht auf die Bezie-
hung, welche besteht zwischen Schiller s «Asthetischen Brief en » und
Goethes «Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie».
Heute mochte ich darauf hinweisen, daft ein gewisser Zusammenhang
besteht zwischen dem, was ich gestern als Charakteristik der mittel-
landischen Zivilisation im Gegensatze zu der westlichen und der ost-
lichen gegeben habe, und dem, was ja in ganz eigenartiger Weise bei
Schiller und bei Goethe auftritt. Man kann dieses ganze Streben, wie
ich es gestern charakterisiert habe - auf der einen Seite das Ergriffen-
sein der menschlichen Leiblichkeit von den Geistern des Westens und
auf der anderen Seite das Fiihlen jener geistigen Wesenheiten, die als
Imaginationen, als Geister des Ostens inspirierend wirken auf die
ostliche Zivilisation -, man kann beides gerade bei diesen fiihrenden
Geistern, bei Schiller und bei Goethe, merken. Ich mache nur noch dar-
auf aufmerksam, wie in Schillers «Asthetischen Brief en » gesucht wird,
eine Seelenverfassung des Menschen zu charakterisieren, die eine ge-
wisse mittlere Stimmung darstellt zwischen dem einen, das der Mensch
auch haben kann, dem Hingegebensein an die Instinkte, an das Sinn-
lich-Physische, und dem anderen, das er haben kann, wenn er an die
logische Vernunftwelt hingegeben ist. Schiller meint, daft der Mensch
in beiden Fallen nicht zur Freiheit kommen konne. In dem Falle nicht,
wenn er ganz der Sinnenwelt, der Welt der Instinkte, der Triebe hinge-
geben ist; da ist er seiner leiblich-physischen Wesenheit unfrei hinge-
geben. Aber er ist auch nicht frei, wenn er der Vernunftnotwendig-
keit, der logischen Notwendigkeit ganz hingegeben ist, denn da zwin-
gen ihn eben die logischen Gesetze unter ihre Tyrannei. Aber Schiller
will hinweisen auf einen mittleren Zustand, wo der Mensch seine In-
stinkte so weit vergeistigt hat, daft er sich ihnen uberlassen kann, daft
sie ihn nicht hinunterziehen, daft sie ihn nicht versklaven, und wo auf
der anderen Seite die logische Notwendigkeit aufgenommen ist in das
sinnliche Anschauen, aufgenommen ist in die personlichen Triebe, so
dafi auch diese logische Notwendigkeit den Menschen nicht versklavt.
Schiller findet allerdings dann in dem Zustand des asthetischen
Geniefiens und des asthetischen Schaffens jenen mittleren Zustand, in
dem der Mensch zur wahren Freiheit kommen kann.
Es ist von grofier Wichtigkeit, dafi diese ganze Abhandlung Schil-
lers hervorgegangen ist aus derselben europaischen Stimmung, aus der
die Franzdsische Revolution hervorgegangen ist. Dasselbe, was sich
tumultuarisch im Westen geaufiert hat als grofie politische Bewegung
mit der Hinorientierung auf aufiere Umwalzungen, das bewegte Schil-
ler, und es bewegte ihn so, dafi er suchte die Frage zu beantworten:
Was mufi der Mensch an sich selbst tun, um zu einem wahrhaft freien
Wesen zu werden? - Im Westen stellte man die Frage: Wie miissen die
aufieren sozialen Zustande werden, damit der Mensch in ihnen frei
werden konne? - Schiller fragt: Wie mufi der Mensch selbst in sich
werden, damit er in seiner Seelenverfassung die Freiheit darleben
konne? - Und Schiller stellt sich vor, dafi, wenn die Menschen zu einer
solchen mittleren Stimmung erzogen werden, sie auch ein soziales Ge-
meinwesen darstellen werden, in dem Freiheit herrscht; also auch ein
soziales Gemeinwesen will Schiller auf die Weise verwirklichen, dafi
durch die Menschen die freien Zustande geschaffen werden, nicht
durch aufiere Mafinahmen.
Schiller ist zu dieser Fassung seiner « Asthetischen Briefe» durch seine
Kant-Schulung gekommen. Er war ja bis zu einem hohen Grade eine
kunstlerische Natur, allein er hat sich gerade am Ende der achtziger
Jahre und im Beginne der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts von
Kant stark beeinf lussen lassen und versuchte, im Kantischen Sinne sich
solche Fragen zu beantworten. Die Ab fassung der « Asthetischen Brief e»
fallt nun gerade in die Zeit, in der Goethe und Schiller zusammen die
Zeitschrift «Die Horen» griinden, und Schiller legt die «Asthetischen
Brief e» Goethe vor.
Nun wissen wir ja, wie Goethes Seelenverfassung eine ganz andere
war als die Schillers. Gerade durch die Verschiedenheit dieser Seelen-
verfassung kamen sich die beiden so nahe. Sie konnten, jeder dem an-
deren, das geben, was eben dieser andere nicht hatte. Nun bekam also
Goethe Schillers « Asthetische Briefe», in denen Schiller die Antwort ge-
ben wollte auf die Frage: Wie kommt der Mensch innerlich zu einer
innerlich freien Seelenverfassung und aufierlich zu sozial freien Zu-
standen? Goethe konnte aus der philosophischen Abhandlung Schillers
nicht viel machen. Diese Art der Begriffsfiihrung, der Ideenentwicke-
lung war Goethe nicht etwa fremd gewesen, denn derjenige, der, wie
ich, gesehen hat, wie Kants «Kritik der reinen Vernunft» in Goethes
eigenem Exemplar mit Unterstreichungen und Randbemerkungen ver-
sehen ist, der weifi, wie Goethe dieses noch in ganz anderem Sinne ab-
strakte Werk Kants wirklich studiert hat. Und wie er sie als solche
Werke durchaus hatte hinnehmen konnen, so hatte er natiirlich als
Studiumwerk auch Schillers «Asthetische Briefe» hinnehmen konnen.
Aber darjum handelte es sich gar nicht, sondern fur Goethe war diese
ganze Konstruktion des Menschen, auf der einen Seite der Vernunft-
trieb mit seiner logischen Notwendigkeit, auf der anderen Seite der
Sinnestrieb mit seiner sinnlichen Notdurft, wie Schiller sagte, und der
dritte, mittlere Zustand, das war fur Goethe etwas viel zu Gradliniges,
zu Einf aches. Er empfand: So einfach kann man sich den Menschen
nicht vorstellen, so einfach kann man auch die menschliche Entwicke-
lung nicht darstellen, und deshalb schrieb er an Schiller, er wolle das
ganze Problem, das ganze Ratsel nicht in einer solchen philosophisch
verstandesmafiigen Form behandeln, sondern bildmafiig. Bildmafiig
hat Goethe denn auch dieses selbe Problem, gewissermafien als die
Antwort auf die Zusendung der «Asthetischen Briefe» Schillers, in sei-
nem Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie behan-
delt, indem er in den beiden Reichen, diesseits und jenseits des Flusses,
aber in bildhafter, mannigfaltiger, konkreter Weise dasselbe hingestellt
hat, was Schiller als Sinnlichkeit und als Vernunftmafiigkeit auf der
anderen Seite hinstellte. Und das, was Schiller blofi abstrakt als den
mittleren Zustand charakterisiert, das hat Goethe dann in der Aufrich-
tung des Tempels, in dem da herrscht der Konig der Weisheit, der gol-
dene Konig, der Konig des Scheines, der silberne Konig, der Konig
der Gewalt, der eherne, der kupferne Konig, und in dem zerfallt der
gemischte Konig; das hat Goethe in bildhafter Weise behandeln wol-
len. Und wir haben gewissermafien eine Hindeutung, aber eben noch
in der Goetheschen Weise eine Hindeutung auf die Tatsache, daft die
aufiere Gliederung der menschlichen Gesellschaft nicht eine Einheit
sein diirfe, sondern eine Dreiheit sein miisse, wenn der Mensch darin-
nen gedeihen solle.
Dasjenige, was dann entsprechend einer spateren Epoche als die
Dreigliederung herauskommen mufke, das gibt Goethe noch im Bilde;
natiirlich ist noch nicht die Dreigliederung des sozialen Organismus
da, aber Goethe gibt eben die Gestalt, die er dem sozialen Organismus
anweisen will, in diesen drei Komgen, in dem goldenen, dem silbernen
und dem kupfernen Konig; und das, was zerfallt, gibt er in dem ge-
mischten Konig.
Man kann heute nicht mehr so diese Dinge geben. Das habe ich
gezeigt in meinem ersten Mysterium, wo im Grunde genommen das-
selbe Motiv behandelt ist, wo es aber so ist, wie man es behandeln
mufke im Beginn des 20. Jahrhunderts, wahrend Goethe sein Marchen
schrieb am Ende des 18. Jahrhunderts.
Nun kann man aber in einer gewissen Weise schon hindeuten dar-
auf, wenn das auch Goethe selber noch nicht getan hat, wie der gol-
dene Konig entsprechen wiirde demjenigen sozialen Gliede, das wir
als das geistige Glied des sozialen Organismus bezeichnen; wie der
Konig des Scheines, der silberne Konig, entsprechen wiirde dem poli-
tischen Staate; wie der Konig der Gewalt, der kupferne Konig, ent-
sprechen wiirde dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen Organismus;
und wie der gemischte Konig, der in sich selber zerfallt, den Einheits-
staat darstellt, der in sich selber eben keinen Bestand haben kann.
Das ist gewissermafien Goethes bildhafte Hindeutung auf das, was
einmal herauskommen mulke als die Dreigliederung des sozialen Or-
ganismus. Goethe hat also gewissermafien gesagt, als er Schillers « Asthe-
tische Brief e» bekam: So kann man das nicht machen; Sie, lieber Freund,
stellen sich den Menschen viel zu einfach vor. Sie stellen sich drei
Krafte vor. So ist es beim Menschen nicht. Wenn man dieses ganze
reichgegliederte Innere des Menschen nehmen und anschauen will, so
bekommt man so ungefahr zwanzig Krafte - die Goethe dann in sei-
nen zwanzig Marchengestalten bildhaft dargestellt hat -, und man
muE dann das Spiel en und Ineinanderwirken dieser etwa zwanzig
Krafte auch in einer wesentlich weniger abstrakten Weise darstellen.
So haben wir am Ende des 18. Jahrhunderts zwei Darstellungen
ein und derselben Sache, eine von Schiller, man mdchte sagen aus dem
Verstande heraus, aber nicht so, wie die Menschen gewohnlich aus
dem Verstande heraus etwas machen, sondern doch so, daft der Ver-
stand durchdrungen ist von Empfindung und Seele, von dem ganzen
Menschen. Nur ist es ein Unterschied, ob irgendein steifer durch-
schnittsprofessionaler Philister irgendeine Sache iiber den Menschen
psychologisch darstellt, wo nur der Kopf iiber die Sache denkt, oder
ob hier Schiller aus dem Erleben des vollen Menschen heraus sich das
Ideal einer menschlichen Seelenverfassung konstruiert und gewisser-
mafien das, was er empfindet, nur in Verstandesbegriffe umwandelt.
Man konnte nicht weiter nach dem Logisieren, nach dem verstan-
desmaftigen Analysieren hin gehen auf dem Wege, auf dem Schiller ge-
gangen ist, ohne daft man philistros und abstrakt wiirde. Es ist noch
das voile Fiihlen und Empfinden Schillers in jeder Zeile dieser «Asthe-
tischen Briefe». Es ist nicht die steife Konigsbergeritat Immanuel Kants
mit den trockenen Begriffen, es ist Tiefsinn in Verstandesform, in
Ideen hinein gestaltet. Aber wiirde man einen Schritt weitergehen, dann
wiirde man eben in das verstandesmaftige Getriebe hineinkommen, das
verwirklicht ist in der heutigen gewohnlichen Wissenschaft, wo ja im
Grunde genommen hinter dem, was verstandesmaftig ausgestaltet ist,
der Mensch nichts mehr bedeutet, wo es gleichgultig ist, ob der Pro-
fessor A oder D oder X die Sache ausgestaltet, weil die Dinge eben
dargestellt werden, ohne aus dem ganzen Menschen heraus genommen
zu sein. Bei Schiller ist noch alles urpersonlich, aber bis in den Ver-
stand heraufgehoben. Da lebt Schiller in einer Phase, ja geradezu in
einem Entwickelungspunkt der modernen Menschheitsentfaltung, der
wichtig und wesentlich ist, weil Schiller gerade haltmacht vor dem,
in das dann spater die Menschheit vollstandig hinein verfallen ist.
Wollen wir einmal graphisch darstellen, wie etwa die Sache gemeint
sein konnte. Man konnte sagen: Das ist im allgemeinen die Tendenz
der Menschheitsentwickelung (Pfeil auf warts). Sie geht aber nicht so
vor sich, diese Menschheitsentwickelung - es ist dies nur schematisch,
graphisch dargestellt sondern sie geht so vor sich, daft sich die Ent-
wickelung (blau) in einer Lemniskate herumschlangelt; aber sie kann
nicht so gehen, sondern es mufi fortwahrend, wenn die Entwickelung
diesen Gang nimmt, neue Antriebe geben, die im Sinne dieser Linie
die Lemniskate heraufheben. Schiller wiirde, angekommen an diesem
Punkte hier (siehe Zeichnung), gewissermafien in ein dunkleres Blau
der bloflen Abstraktion, des blofien Verstandesmaftigen hineingekom-
men sein, wenn er weiter fortgefahren hatte im Selbstandigmachen des-
jenigen, was er innerlich fuhlte. Er machte halt, und gerade noch hielt
er mit dem verstandigen Gestalten inne an dem Punkt, wo man die
Personlichkeit nicht verliert, sondern in dem verstandigen Gestalten
noch die Personlichkeit drinnen hat. Daher wurde das nicht blau, son-
dern es wurde auf einer hoheren Stufe der Personlichkeit, die ich hier
(siehe Zeichnung) mit Rot durchziehen will, grim gemacht. So dafi man
sagen kann: Schiller hielt zuriick gerade im Verstandesmafiigen vor
dem, wo das Verstandesmafiige in seiner Reinheit heraus will. Sonst
ware er in den gewohnlichen Verstand des 19. Jahrhunderts hineinver-
f alien. Goethe driickte dasselbe aus in Bildern, in wunderbaren Bil-
dern, in dem «Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie» ;
aber er blieb auch stehen bei diesen Bildern; er konnte gar nicht leiden,
dafi man irgendwie an diesen Bildern etwas herummakelte, denn fur
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ihn ergab sich das, was er iiber das Individuell-Menschliche und iiber
das soziale Leben empfand, eben in solchen Bildern. Aber weiter
durfte er nicht gehen als bis zu diesen Bildern. Denn wiirde er nun
weiterzugehen versucht haben von seinem Standpunkte aus, er ware
in das Schwarmerische, in die Phantastik hineingekommen. Die Sache
wiirde nicht mehr Konturen gehabt haben; sie wiirde nicht mehr an-
wendbar gewesen sein fur das Leben, sie wiirde das Leben iiberschrit-
ten haben, sich iiber das Leben hinaus erhoben haben. Es wiirde schwar-
merische Phantastik geworden sein. Man mochte sagen: Goethe war
genotigt, die andere Klippe zu vermeiden, wo er ganz ins Phantastisch-
Rote hineingekommen ware. Darum hat er beigemischt das, was das
Unpersonliche ist, dasjenige, was die Bilder in der Region des Imagi-
nativen hielt, und ist dadurch auch auf das Griin gekommen.
Schiller hat gewissermaften, wenn ich mich schematisch ausdriicken
soil, das Blau vermieden, das Ahrimanisch-Verstandesmafiige; Goethe
hat vermieden das Rot, das Schwarmerische, und ist beim konkreten
imaginativen Bilde geblieben.
Schiller hat sich auseinandergesetzt als mittellandischer Mensch mit
den Geistern des Westens. Die wollten ihn verleiten zu dem ganz Ver-
standesmafiigen. Kant ist dem unterlegen. Ich habe es dargestellt, in-
dem ich vor kurzer Zeit hier darauf hingewiesen habe, wie Kant durch
David Hume unterlegen ist dem Verstandesmafiigen des Westens.
Schiller hat sich herausgearbeitet, obwohl er von Kant sich schulen
liefi. Er ist geblieben bei dem, das nicht blofi das Verstandesmafiige ist.
Goethe hatte mit den anderen Geistern, den Geistern des Ostens zu
kampfen, die ihn nach der Imagination trieben. Er konnte zu seiner
Zeit, weil Geisteswissenschaft noch nicht vorhanden war, nicht weiter
gehen als bis zu dem Gewebe der Imagination in dem «Marchen von der
griinen Schlange und der schonen Lilie». Aber auch da blieb er inner-
halb der festen Konturen. Er ging nicht bis ins Phantastische, Schwar-
merische hinauf. Er befruchtete sich, indem er nach Siiden zog, wo
noch viel erhalten war von dem Erbgute des Orients. Er lernte kennen,
wie die Geister des Orients da noch wirkten in der Nachbliite orien-
talischer Kultur, der griechischen Kiinste, wie er sie sich konstruierte
aus den italienischen Kunstwerken. So dafi man sagen kann: Es ist
etwas Eigentiimliches in diesem Freundschaftsbunde zwischen Schiller
und Goethe. Schiller hat zu kampfen mit den Geistern des Westens; er
ergibt sich ihnen nicht, er halt zuriick, er verfallt nicht in den blofien
Verstand. Goethe hat zu kampfen mit den Geistern des Ostens; sie
wollen ihn zum Schwarmerischen treiben. Er halt zuriick; er bleibt
bei den Bildern, die er im «Marchen von der griinen Schlange und der
schonen Lilie» gegeben hat. Goethe hatte entweder in die Schwarmerei
verfallen oder die orientalische Offenbarung annehmen miissen. Schil-
ler hatte entweder ganz verstandesmafiig werden miissen, oder er hatte
das, was er geworden ist, ernst nehmen miissen; bekanntlich ist er ja
von der Revolutionsregierung zum «franzosischen Burger » ernannt
worden, aber er hat die Sache nicht sehr ernst genommen.
Da sehen wir, wie in einem wichtigen Punkte europaischer Ent-
wickelung diese zwei Seelenverfassungen nebeneinanderstehen, die ich
Ihnen charakterisiert habe. Sie leben sonst ja auch, man mochte sagen
in jeder einzelnen bedeutsamen mitteleuropaischen Individualist, aber
in Schiller und Goethe stehen sie zu gleicher Zeit in einer gewissen
Weise nebeneinander. Es mufke, wahrend Schiller und Goethe gewis-
sermafien noch auf jenem Punkte geblieben sind, erst der Einschlag
der Geisteswissenschaft kommen, der diese Lemniskatenkurve (siehe
Zeichnung) heraufhebt, so dafi sie auf einer hoheren Stufe dann er-
scheint.
Und so sehen wir denn in einer eigentiimlichen Weise in Schillers
drei Zustanden, dem Zustand der Vernunftnotwendigkeit, dem der
Instinktnotwendigkeit und dem der freien asthetischen Stimmung,
und in Goethes drei Konigen, dem goldenen, dem silbernen, dem kup-
fernen, vorgebildet alles das, was wir sowohl iiber die Dreigliederung
des Menschen, wie iiber die Dreigliederung des sozialen Gemeinwe-
sens zu finden haben durch Geisteswissenschaft als die nachsten not-
wendigen Ziele und Ratselfragen des einzelnen Menschen und des
menschlichen Zusammenlebens.
Diese Dinge weisen uns doch wohl darauf hin, daft nicht durch eine
Willkiir diese Dreigliederung des sozialen Organismus an die Ober-
flache getragen worden ist, sondern dafi schon beste Geister der neueren
Menschheitsentwickelung darauf hintendiert haben, solches zu brin-
gen. Aber wenn es nichts anderes gabe als ein solches Denken iiber das
Soziale, wie es Goethes «Marchen von der grunen Schlange und der
schonen Lilie» ist, so wiirde man nicht zur Schlagkraft des aufleren Wir-
kens kommen konnen. Goethe stand an dem Punkt, die blofie Offen-
barung zu uberwinden. Er ist ja auch in Rom nicht zum Katholiken
geworden. Er erhob sich eben zu seinen Imaginationen. Aber er blieb
doch beim blofien Biide stehen. Und Schiller ist nicht zum Revolutionar
geworden, sondern zum Erzieher des inneren Menschen, Er blieb ste-
hen bei dem Punkte, wo noch Personlichkeit in der Verstandesgestal-
tung drinnen ist.
So wirkte sich in einer spateren Phase mitteleuropaischer Kultur
etwas aus, was schon seit alteren Zeiten zu bemerken ist, am klarsten
fur den modernen Menschen noch im Griechentum. Nach dem Grie-
chentum strebte ja auch Goethe. Im Griechentum ist zu bemerken,
wie das Soziale im Mythus dargestellt wird, also auch im Bilde. Aber
im Grunde genommen ist der griechische Mythus so Bild, wie auch
Goethes «Marchen von der grunen Schlange und der schonen Lilie» Bild
ist. Man kann nicht mit diesen Bildern nun etwa reformatorisch wir-
ken im sozialen Organismus. Man kann gewissermaften nur als Idealist
etwas sagen, was sich bilden miifite. Aber die Bilder sind ein zu leichtes
Gebaude, als dafi man wirklich schlagkraftig eingreifen konnte in die
Gestaltung des sozialen Organismus. Daher haben die Griechen auch
nicht geglaubt, mit ihrem Stehenbleiben in den Mythenbildern auch das
Soziale zu treffen. Und da kommt man, wenn man diese Linie des
Forschens verfolgt, an einen wichtigen Punkt der griechischen Ent-
wickelung.
Man mochte sagen: Fur das Alltagsleben, wo sich die Dinge ge-
wohnheitsmafiig abspielen, da dachten sich die Griechen abhangig
von ihren Mythengottern, Mythengeistern. Dann aber, wenn es sich
darum handelte, Grofies zu entscheiden, da sagten sich die Griechen:
Ja, da machen es diejenigen Gotter nicht aus, welche in die Imagination
herein wirken und eben die Mythengotter sind; da mu(S etwas Reales
zutage treten. Und da trat das Orakel zutage. Da wurden die Gotter
nicht blofi imaginativ vorgestellt, da wurden sie veranlaftt, die Men-
schen wirklich zu inspirieren. Und mit den Orakelspruchen befalken
sich die Griechen, wenn sie soziale Impulse haben wollten. Da stiegen
sie auf von der Imagination zur Inspiration, aber zu einer Inspiration,
zu welcher sie die auftere Natur herbeiriefen. Wir modernen Menschen
mussen allerdings auch versuchen, uns zur Inspiration zu erheben, aber
dann zu einer Inspiration, die nicht die aufiere Natur in den Orakeln
herbeiruft, sondern die zum Geiste aufsteigt, um in der Sphare des
Geistigen sich inspirieren zu lassen. Aber so wie die Griechen zum
Realen griffen, wenn es sich um Soziales handelte, wie sie nicht bei
Imaginationen geblieben sind, sondern zu den Inspirationen aufstiegen,
so konnen wir auch nicht bei den bloften Imaginationen bleiben, son-
dern mussen zu den Inspirationen aufsteigen, wenn wir irgend etwas
zum sozialen Heile finden wollen in der neueren Zeit.
Und hier kommen wir an einen anderen Punkt, der wichtig ist zu
beachten. Warum sind denn eigentlich Schiller und Goethe stehenge-
blieben, der eine auf dem Wege nach dem Verstandigen, der andere
auf dem Wege nach dem Imaginativen? Geisteswissenschaft hatten sie
beide nicht, sonst hatte Schiller fortschreiten konnen dazu, seine Be-
griffe geisteswissenschaftlich zu durchdringen, und er wiirde dann
etwas viel Realeres in seinen drei Seelenzustanden gefunden haben
als die drei Abstraktionen, die er in den «Asthetischen Brief en » hat.
Goethe wurde die Imagination ausgefiillt haben mit dem, was real
aus der geistigen Welt herein spricht, und er hatte vordringen konnen
zu den Gestaltungen des sozialen Lebens, die da bewirkt sein wollen
aus der geistigen Welt herein, dem geistigen Glied des sozialen Orga-
nismus, dem goldenen Konig; dem staatlichen Glied des sozialen Or-
ganismus, dem silbernen Konig, dem Konig des Scheins; dem wirt-
schaftlichen Gliede, dem ehernen, dem kupfernen Konig.
Die Zeit, in der Schiller und Goethe zu diesen Einsichten, der eine
in den «Asthetischen Briefen*, der andere im «Marchen», vorgedrungen
sind, diese Zeit war noch nicht dazu angetan, weiterzudringen; denn
um weiterzudringen mufi man etwas ganz Bestimmtes einsehen. Man
mufi das einsehen, was eigentlich aus der Welt wiirde, wenn man den
Weg Schillers nun weitergehen wiirde bis zur vollen Ausgestaltung des
Unpersonlich-VerstandesmafSigen. Das 19. Jahrhundert hat es ja zu-
nachst in der Naturwissenschaft ausgebildet, dieses Unpersonlich-Ver-
standesmafiige, und die zweite Halfte des 19. Jahrhunderts hat ange-
fangen, es in den aufieren offentlichen Angelegenheiten verwirklichen
zu wollen. Da liegt aber ein bedeutsames Geheimnis vor. Im mensch-
lichen Organismus wird fortwahrend das, was aufgenommen wird,
auch zur Zerstorung gefiihrt. Wir konnen nicht fortwahrend blofi es-
sen, wir miissen auch ausscheiden, es mufi das, was wir als Stoff auf-
nehmen, auch einem Niedergang entgegengehen, das mufi auch zer-
stort werden, mufi wiederum heraus aus dem Organismus. Und das
Verstandesmafiige ist dasjenige, welches, sobald es - und hier kommt
eine Komplikation - das wirtschaftliche Leben ergreift, im Einheits-
staat, im gemischten Konig, dieses Wirtschaftsleben zerstort.
Nun leben wir aber in der Zeit, in der sich der Verstand entwickeln
mufi. Wir konnen nicht im funften nachatlantischen Zeitraum zur Ent-
wickelung der Bewufitseinsseele kommen, ohne den Verstand zu ent-
wickeln. Und die westlichen Volker haben ja gerade die Aufgabe, den
Verstand in das Wirtschaftsleben hineinzutragen. Was bedeutet das?
Wir konnen das moderne Wirtschaftsleben, weil wir es verstandig ge-
stalten miissen, nicht imaginativ gestalten, wie Goethe es in seinem
«Marchen» gestaltet hat. Weil wir im Wirtschaftlichen den Weg weiter
machen miissen, den Schiller nur getrieben hat bis zu dem noch per-
sonlichen Aushauchen des Verstandesmafiigen, miissen wir ein Wirt-
schaftsleben griinden, das als Wirtschaftsleben, weil es eben verstan-
dig sein mufi, im funften nachatlantischen Zeitraum notwendig zer-
storend wirkt. Es gibt im heutigen Zeitraum kein Wirtschaftsleben,
das etwa imaginativ gefiihrt werden konnte wie das Wirtschaftsleben
des Orients oder noch das Wirtschaften des europaischen Mittel-
alters, sondern seit der Mitte des 15. Jahrhunderts haben wir nur die
Mdglichkeit, ein solches Wirtschaftsleben zu haben, das, wenn es allein
da ware oder mit den anderen Gliedern des sozialen Organismus ver-
mengt ist, zerstorend wirkt. Es geht nicht anders. Daher betrachten
wir dieses Wirtschaftsleben als die eine Waagschale, die tief herunter- Tafel 5
sinken wiirde und dadurch zerstorend wirken mufi; es mufi ein Gleich-
gewicht da sein. Daher miissen wir ein Wirtschaftsleben haben als das
eine Glied des sozialen Organismus, und ein Geistesleben, welches
jetzt eben das Gleichgewicht halt, immer wieder aufbaut. Halt man
heute an dem Einheitsstaat fest, dann wird das Wirtschaftsleben, wie
es im Westen der Fall ist, diesen Einheitsstaat mit dem Geistesle-
ben aufsaugen, dann miissen aber solche Einheitsstaaten notwendig
zur Zerstorung fiihren. Und wenn man blofi aus dem Verstande
heraus wie Lenin und Trotzkij, einen Staat begriindet, er muft zur
Zerstorung fiihren, weil sich der Verstand bloft auf das Wirtschafts-
leben richtet.
Das fiihlte Schiller, indem er seinen sozialen Zustand ausdachte.
Schiller fiihlte: Gehe ich weiter in dem verstandesmaftigen Konnen,
komme ich ins Wirtschaftsleben hinein, so muft ich den Verstand auf
das Wirtschaftsleben anwenden. Dann schildere ich nicht dasjenige,
was wachst und gedeiht, dann schildere ich dasjenige, was in der Zer-
storung lebt. - Schiller zuckte zuriick vor der Zerstorung. Er hielt gera-
de an dem Punkt, wo die Zerstorung anbrechen wiirde, an; da blieb er
stehen. Die Neueren denken alle moglichen sozialen wirtschaftlichen
Systeme aus, wissen nur nicht, weil sie ein zu grobes Gefiihl dazu ha-
ben, daft jedes wirtschaftliche System, das sie so ausdenken, zur Zer-
storung fiihrt, unbedingt zur Zerstorung fiihrt, wenn es nicht jederzeit
wiederum erneuert wird durch das selbstandige, sich entwickelnde Gei-
stesleben, das immer wieder und wiederum sich zu dem Zerstoren, zu
dem Ausscheiden des Wirtschaftslebens verhalt wie das Aufbauende.
In diesem Sinne ist auch in meinen «Kernpunkten» das Zusammen-
wirken des geistigen Gliedes des sozialen Organismus mit dem Wirt-
schaftlichen geschildert.
Wiirde unter der modernen Verstandigkeit des fiinften nachatlan-
tischen Zeitraums das Kapital bleiben bei den Menschen, auch dann,
wenn sie nicht mehr es selber verwalten konnen, dann wiirde das Wirt-
schaftsleben selber den Kreislauf des Kapitals bewirken; Zerstorung
miifite kommen. Da mufi das geistige Leben eingreifen, da mufi iiber
das geistige Leben hinuber das Kapital an denjenigen gebracht werden,
der wieder bei seiner Verwaltung dabei ist. Das ist der innere Sinn
der Dreigliederung des sozialen Organismus, daft auch in dem richtig
gedachten dreigliedrigen sozialen Organismus man sich keiner Illusion
hingibt, daft das wirtschaftliche Denken in der modernen Zeit ein
zerstbrendes Element ist, und daft daher fortwahrend ihm entgegen-
gesetzt werden mufi das aufbauende Element des geistigen Gliedes des
sozialen Organismus.
Mit jeder neuen Generation, mit den Kindern, die wir in der Schule
unterrichten, wird uns von der geistigen Welt etwas gegeben, etwas
heruntergeschickt; das fangen wir auf in der Erziehung, das ist etwas
Geistiges, das einverleiben wir wiederum dem Wirtschaftsleben und
verhuten dessen Zerstorung; denn das Wirtschaftsleben, durch sich
selbst seinen Gang gehend, zerstort sich. So mufi man hineinsehen in
das Getriebe. So mufi man sehen, wie am Ende des 18. Jahrhunderts
Goethe und Schiller dastanden, Schiller sich sagte: Ich mufi zuriick-
zucken, ich darf keinen sozialen Zustand schildern, der blofi an den
personlichen Verstand appelliert, ich mufi mit dem Verstand inner-
halb des Personlichen bleiben, sonst wiirde ich die wirtschaftliche Ver-
nichtung schildern -, Goethe: Ich will nicht die schwarmerischen, ich
will die scharf konturierten Bilder; denn wiirde ich eine Strecke wei-
tergehen, ich kame hinein in einen Zustand, der nicht auf der Erde
ist, der nicht eingreift schlagkraftig in das Leben selber; ich wiirde wie
etwas Unlebendiges das Wirtschaftsleben unter mir lassen, wiirde ein
Geistesleben begriinden, das nicht eingreifen kann in die Tatsachen
des unmittelbaren Lebens.
So sehen wir, dafi wir im richtigen Goetheanismus leben, wenn wir
nirgends bei Goethe stehenbleiben, sondern iiberall mitmachen die Ent-
wickelung, die ja wohl Goethe selber mitgemacht hat seit dem Jahre
1 832. Ich habe auch dieses, dafi das Wirtschaftsleben fortwahrend heute
in seine eigene Zerstorung hineinarbeitet und fortwahrend der eigenen
Zerstorung entgegengearbeitet werden mufi, wie der Zerstorung des
Menschen durch das Essen entgegengearbeitet werden mufi, ich habe
auch das an einer bestimmten Stelle in meinen «Kernpunkten der so-
zialen Frage» angedeutet. Nur liest man die Sachen nicht ordentlich,
sondern man denkt, dieses Buch sei auch so geschrieben, wie etwa heute
die meisten Biicher geschrieben sind, dafi man, nun ja, einfach so durch-
lesen kann. Es will eben jeder Satz bei einem solchen, aus dem Prak-
tischen heraus geschriebenen Buche durchaus bedacht sein.
Aber wenn man diese beiden Dinge nimmt: Schillers «Asthetische
Briefe» sind wenig verstanden worden in der Folgezeit, ich habe davon
ofter gesprochen, man hat sich wenig mit ihnen beschaftigt; es wiirde
sonst dasStudium der Schillerschen «Asthetischen Brief e» ein guterWeg
sein zum Hineinmunden in das, was Sie finden in meiner Schrift «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»; dazu konnten Schil-
lers «Asthetische Brief e» die Vorbereitung sein. Und wiederum konnte
Goethes «Marchen von der griinen Schlange und der schonen Lilie» die
Vorbereitung sein, um jene Art der Geisteskonfiguration sich anzu-
eignen, die nicht aus dem blofien Verstande, sondern aus tieferen Kraf-
ten heraus kommen kann, und die dann so etwas wie die «Kernpunkte
der sozialen Frage» wirklich verstehen konnte. Denn sowohl Schiller
wie Goethe empfanden das Tragische der mitteleuropaischen Zivili-
sation. Gewifi, die Dinge waren ihnen nicht bewufk, aber sie empfan-
den sie. Beide empfanden - man kann das nachlesen bei Goethe uberall
in den Gesprachen mit Eckermann, mit dem Kanzler von Miiller, in
den zahlreichen anderen Andeutungen Goethes -: Wenn nicht etwas
heraufkommt wie ein neuer Einschlag aus dem Geistigen, wie ein neues
Begreifen des Christentums, dann mufi es abwarts gehen. - Vieles, was
Goethe an Resignation in seinen spateren Jahrzehnten dargelebt hat,
beruht zweifellos auf dieser Stimmung.
Und diejenigen, die ohne die Geisteswissenschaft Goetheaner ge-
worden sind, die fiihlen, wie namentlich aus dem deutschen mitteleuro-
paischen Wesen gerade dieses eigenuimliche Nebeneinanderwirken der
Geister des Westens und der Geister des Ostens ersichtlich ist. Ich habe
gestern gesagt: Innerhalb der mitteleuropaischen Zivilisation ist jener
Ausgleich, den die Hochscholastik gesucht hat zwischen Vernunftwis-
senschaft und Offenbarung, auch zuriickzufuhren auf die Wirkungen
der Geister des Westens und der Geister des Ostens. Wie das bei Schil-
ler und Goethe zum Vorschein kommt, wir haben es heute gesehen.
Aber im Grunde genommen schwankt die ganze mitteleuropaische Zi-
vilisation in diesem Wirbel drinnen, in dem der Osten und der Westen
durcheinanderwirbeln; vom Osten heriiber die Sphare des goldenen
Konigs, vom Westen heruber die Sphare des kupfernen, vom Osten
heriiber die Weisheit, vom Westen heruber die Gewalt und in der Mitte
dasjenige, was Goethe im silbernen Konig darstellt, der Schein, der sich
nur schwer durchdringt mit Wirklichkeit. Das Scheinhafte der mittel-
europaischen Zivilisation, es lag als tragische Stimmung auf dem Un-
tergrunde der Goetheschen Seele. Und Herman Grimm hat in schoner
Weise aus seinem Goethe-Empfinden heraus - er hat ja als ein Mensch,
der eben auch von der Geisteswissenschaft unberiihrt war, Goethe an-
gesehen -, er hat als ein solcher Geist charakterisiert, wie diese mittel-
europaische Zivilisation in sich hat dieses Hineingetriebensein in den
Wirbel der Geister des Ostens und der Geister des Westens, was dazu
fiihrt, den Willen nicht zu seinem Rechte kommen zu lassen, und was
zu der ewig schwankenden Stimmung der deutschen Geschichte ge-
fiihrt hat. Schon sagt Herman Grimm gerade iiber diese Dinge: «Die
deutsche Geschichte ist fur Treitschke das unablassige Streben nach
geistiger und staatlicher Einheit und auf dem Wege zu ihr das unab-
lassige Dazwischentreten unserer eigensten angeborenen Eigenschaf-
ten.» So sagt Herman Grimm, sich selber als Deutscher fiihlend. Er
sagt weiter: «Immer dieselbe Art unserer Natur, sich zu widersetzen,
wo man nachgeben sollte, und nachzugeben, wo Widerstand notig
war. Das wunderbare Vergessen des eben erst Vergangenen, das plotz-
liche Nichtmehrwollen des eben noch heftig Erstrebten, die Mifiach-
tung der Gegenwart, aber die feste, doch unbestimmte Hoffnung. Dazu
der Hang, sich dem Fremden hinzugeben und, wenn dies einmal ge-
schah, zugleich dann aber der unbewufite, maftgebende Einfluft auf die
Auslander, denen man sich doch unterwarf.»
Wenn man es heute mit mitteleuropaischer Zivilisation zu tun hat
und mit ihr etwas erreichen mochte, so weht einem iiberall diese Tra-
gik entgegen, die die ganze Geschichte dieses Deutschen, Mitteleuro-
paischen, zwischen dem Westen und Osten verrat. Auch heute ist es
iiberall noch so, daft man mit Herman Grimm sagen konnte: Der
Drang, sich zu widersetzen, wo man nachgeben sollte, und nachzu-
geben, wo Widerstand notig ist.
Das ist dasjenige, was von dem schwankenden Mittleren herriihrt,
von dem, was zwischen Wirtschaft und aufbauendem Geistesleben als
das rhythmische Hin- und Herschwanken des Staatlichen mitten drin-
nensteht. Weil in diesen Mittellandern gerade das staatlich-politi-
sche Element seine Triumphe gefeiert hat, deshalb lebt der Schein,
der leicht zur Illusion werden kann. Schiller will nicht den Schein
verlassen, indem er seine «Asthetischen Briefe» hinschreibt. Er weifi,
wenn es mit dem blofien Verstande zu tun hat, dann kommt man in
die Zerstorung des Wirtschaftslebens hinein; im 18. Jahrhundert wurde
der Teil zerstort, der durch die Franzosische Revolution zerstort wer-
den konnte; im 19. Jahrhundert wurde es viel schlimmer werden.
Goethe wufite, er darf nicht bis zum Schwarmerischen gehen, er muft
im Imaginativen stehenbleiben. Aber es erzeugt sich auch sehr leicht
bei diesem Schwanken zwischen dem einen und dem anderen in dieser
Zweiheit, die in der wirbelnden Hin- und Herbewegung der Geister
des Westens und des Ostens sich vollzieht, es erzeugt sich leicht eine
illusionare Stimmung. Es ist gleichgultig, ob diese illusionare Stim-
mung im Religiosen, ob sie im Politischen, im Militarischen heraus-
kommt, es ist schliefilich ganz gleichgultig, ob der Schwarmer irgend-
welche Mystik ausschwarmt, oder ob er so schwarmt, wie Ludendorff
geschwarmt hat, ohne auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen. Und
schliefilich, auch in einer liebenswiirdigen Weise kann einem das ent-
gegentreten. Denn dieselbe Stelle von Herman Grimm, die ich Ihnen
vorgelesen habe, fahrt fort: «Man sehe doch heute: Niemand schitn
so vollig vom Vaterlande losgetrennt als der Deutsche, der zum Am 2-
rikaner geworden war, und heute steht das amerikanische Leben, in
dem das unserer Auswanderer aufging, unter dem Einflusse des deut-
schen Geistes.»
So schreibt Herman Grimm, der geistvolle Mann, im Jahre 1895,
wo man wirklich nur aus der schlimmsten Illusion heraus glauben
konnte, daft die Deutschen, die nach Amerika gekommen sind, das
amerikanische Leben deutsch nuancieren wiirden. Denn langst bereitete
sich das vor, was dann im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts her-
auskam: dafi eben das Amerikanische vollig uberflutet hat das We-
nige, was die Deutschen hineinbringen konnten.
Und schlieftlich, noch grofier wird das Illusionshafte dieses Herman
Grimmschen Ausspruches, wenn man folgendes ins Auge fafit. Her-
man Grimm tut diesen Ausspruch aus Goethescher Gesinnung heraus,
denn er hat sich ganz an Goethe herangebildet. Nur, einen Einschlag
hat er gehabt. Wer Herman Grimm genau kennt, seinem Stil nach,
seiner ganzen Ausdrucksform nach, seiner Denkweise nach, der weifi,
Herman Grimm hat sehr viel von Goethe angenommen, nicht das
Reale, Durchdringende Goethes; denn er schildert ja so, daft er eigent-
lich Schattenbilder schildert, nicht wirkliche Menschen, Aber er hat
doch etwas anderes noch in sich, nicht bloft Goethe. Und was hat Her-
man Grimm in sich? Amerikanismus, denn dasjenige, was er in seinem
Stile, seinen Gedankenformen aufter von Goethe in sich hat, das hat
er durch eine friihe Lektiire Emersons bekommen; und sogar seine
Satzbildung, seine Gedankenfuhrung ist dem Amerikaner Emerson
nachgebildet.
So findet sich also Herman Grimm in dieser doppelten Illusion, in
diesem Reiche des silbernen Konigs des Scheins. Er wahnt, als schon
alles herausgeworfen wird, was in Amerika deutscher Einflufi ist, daft
Amerika germanisiert wiirde, wahrend er einen guten Einschlag von
Amerikanismus in sich tragt.
So driickt sich oftmals intim aus, was dann in der aufteren Kultur
grob da ist. Da hat sich der grobe Darwinismus, die grobe wirtschaft-
liche Denkweise ausgebreitet, und wiirde schlieftlich, wenn nicht die
Dreigliederung des sozialen Organismus kommt - weil eben das bloft
verstandesmaftig konstruierte Wirtschaftsleben notwendig zum Ruin
fiihren muft -, zum Ruin fiihren. Und derjenige, der aus diesem Wirt-
schaftsleben heraus denkt wie Oswald Spengler, der kann wissenschaft-
lich beweisen, daft mit dem Beginn des 3. Jahrtausends die heutige zi-
vilisierte Welt - sie ist ja eigentlich heute nicht mehr so stark zivilisiert -
in die wiisteste Barbarei wird versunken sein miissen. Denn Spengler
weift nichts von demjenigen, was diese Welt als Einschlag erhalten
muft, von dem geistigen Einschlag.
Aber doch hat sich recht schwer durchzukampfen, was als Geistes-
wissenschaft und als geisteswissenschaftliche Kultur vor die Welt heute
nicht hintreten will, sondern hintreten muft. Und iiberall machen sich
diejenigen geltend, die gerade diese Geisteswissenschaft nicht aufkom-
men lassen wollen. Und wenig tatkraftige Arbeiter sind im Grunde
genommen noch auf diesem Boden der Geisteswissenschaft da, wah-
rend die anderen, die in das Werk der Zerstorung hineinfiihren, durch-
aus tatkraftig sind.
Man braucht nur zu sehen, wie eigentlich der heutige Mensch schon
ganz ratios ist gegeniiber dem, was im heutigen Zivilisationsleben auf-
tritt. Es ist zum Beispiel charakteristisch, wie eine Zeitung der Ost-
schweiz Berichte gebracht hat iiber meine Vortrage iiber die Grenzen
des Naturerkennens wahrend des Hochschulkurses. Und jetzt halt
in dem Ort, in dem die Zeitung erscheint, der Nachgackerer Eduard
von Hartmanns, Arthur Drews, Vortrage, der niemals etwas anderes
zustande gebracht hat, als dafi er nachgegackert hat dem Eduard von
Hartmann, dem Philosophen des Unbewufiten. Bei dem ist es interes-
sant. Bei dem Nachgackerer ist es nattirlich etwas hochst Uberfliissiges.
Und diese an der Karlsruher Hochschule wirkende philosophische
Hohlkopfigkeit, die macht sich jetzt auch iiber dasjenige her, was
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ist!
Und wie steht der heutige Mensch - das mochte ich besonders her-
vorheben - vor diesen Dingen? Nun haben wir dem einen Gehor ge-
geben, nun geben wir auch dem anderen Gehor. Das heifit, dem heu-
tigen Menschen ist alles egal. Und das ist das Furchtbare. Ob nun der
heutige Nachgackerer des Eduard von Hartmann, Arthur Drews, etwas
gegen die Anthroposophie hat oder nicht, darauf kommt es schon gar
nicht an; denn das, was der Mann haben kann gegen Anthroposophie,
kann man aus dessen Buchern durchaus vorher konstruieren, nicht ein
einziger Satz braucht auszubleiben. Aber das Bedeutsame ist, daft die
Menschen eigentlich auf dem Standpunkte stehen: Man hort das, man
notifiziert das, und dann abgetan, dann Schlufi! Ein wirkliches Ein-
gehen auf die Sache braucht es ja nur, um auf den rechten Weg zu kom-
men. Aber der heutige Mensch will sich nicht erfassen lassen von einem
rechten Eingehen auf die Sache. Das ist das ganz Furchtbare, das
Schreckliche, das ist dasjenige, was die Menschen schon so weit ge-
trieben hat, daft sie nicht imstande sind, noch zu unterscheiden zwi-
schen dem, was von Realitaten spricht, und dem, was ganze Bucher
schreibt, wie der Graf Hermann von Keyserling, in denen kein einziger
Gedanke ist, sondern nur Worte, durcheinandergewurfelte Worte. Und
sehnt man sich nach einem enthusiastischen Aufnehmen von irgend
etwas, was ja von selbst dazu fiihren wiirde, daft das hohle Wortge-
plankel unterschieden wiirde von dem, was auf wirklich geistiger For-
schung beruht, da findet man niemanden, der auch nur sich aufraffen,
sein Herz zusammennehmen und ergriffen werden konnte von dem,
was substantiell ist. Das haben die Leute verlernt, griindlich verlernt,
namentlich in der Zeit, wo die Wahrheit nicht nach der Wahrheit
entschieden worden ist, sondern wo unter die Menschen die grofie
Luge getreten ist, dafi die einzelnen Nationaiitaten in den letzten Jah-
ren das wahr gefunden haben, was von ihnen ist, und falsch gefunden
haben, was von einer anderen Nationalist ist. Das emporende Gegen-
einander-Liigen, das ist im Grunde genommen Signatur des offent-
lichen Geistes geworden. Wenn irgend etwas von einer anderen Nation
gekommen ist, so war es das Unwahre; wenn es von der eigenen Nation
gekommen ist, war es das Wahre. Es klingt heute noch nach, es ist
heute schon in die Denkgewohnheiten hineingegangen. Dagegen ein
wirkliches, unbefangenes Hingeben an das, was die Wahrheit ist, es
fuhrt zu einer Vergeistigung. Aber im Grunde ist das den Menschen
heute noch egal.
Bevor sich nicht eine geniigend grofie Anzahl von Menschen findet,
die nun wirklich mit dem ganzen Herzen eintreten wollen fur das, was
geistige Substanz ist, kann nichts Heilsames aus dem heutigen Chaos her-
auskommen. Man glaube nur nicht, daft man mit der Galvanisierung des
Alten irgendwie weiter vorschreiten konne. Dieses Alte, es griindet
«WeisheitsschuIen» auf blofie hohle Worte. Es hat die Universitats-
philosophie mit Arthur Drewsen versehen, die aber wahrhaftig iiber-
all vertreten sind, und die Menschheit will nicht Stellung nehmen.
Ehe sie nicht Stellung nimmt auf alien drei Gebieten des Lebens, auf
geistigem, auf politischem, auf wirtschaftlichem Gebiet, eher kann kein
Heil hervorgehen aus dem heutigen Chaos, sondern es muE immer de-
fer und tiefer hinuntergehen.
FUNFTER vortrag
Dornach, 29. Oktober 1920
Ich werde in diesen Tagen, heute, morgen und iibermorgen, zu spre-
chen haben von dem, worauf ja vor langerer Zeit schon hingewiesen
worden ist, auf die besondere Art, wie in der ersten Halfte des 20.
Jahrhunderts gewissermaften eine Art von Wiederoffenbarung des
Christus-Ereignisses stattfinden soli. Dazu wird einiges vorzubereiten
sein, zunachst heute dadurch, dafi ich versuchen werde, die Geistesver-
fassung der zivilisierten Welt noch einmal von einem gewissen Ge-
sichtspunkte aus zu charakterisieren, und von diesem Gesichtspunkte
aus darauf aufmerksam zu machen, welche Forderungen in bezug auf
die Menschheitsentwickelung, die Menschheitserziehung im groften in
der nachsten Zukunft durch die Tatsache dieser Menschheitsentwicke-
lung selber gestellt werden.
Wir wissen ja, ein neues Zeitalter in der Entwickelung der zivili-
sierten Menschheit hat begonnen um die Mitte des 15. Jahrhunderts.
Seit jener Zeit haben wir es zu tun mit einer besonderen Ausbildung
des menschlichen Intellekts. Man macht sich heute nicht mehr genaue
Vorstellungen von der Seelenverfassung, welche vorhanden war bei
den Menschen, die vor diesem grofien Wendepunkt der neueren Ge-
schichte gelebt haben. Man bedenkt nicht, was es fiir eine andere Seelen-
verfassung gewesen sein muE, und man konnte es doch leicht beden-
ken, wie anders in Europa die Seelenverfassung gewesen sein mufi,
welche iiber weite Territorien hin die Menschen geneigt gemacht hat,
die Kreuzziige nach Asien hiniiber, nach dem Orient zu unterneh-
men, wenn man sich vorstellt, wie unmoglich ein solches, auf ideal-
spirituellen Hintergriinden stehendes Ereignis seit der Mitte des 15.
Jahrhunderts geworden ist. Man bedenkt nicht, welche ganz anders-
artigen. Interessen die Menschheit vor diesem geschichtlichen Wende-
punkt gehabt hat, und welche Interessen seit jener Zeit ganz beson-
ders gro!5 geworden sind. Aber wenn man unter den mancherlei Cha-
rakteristiken, die man geben kann von diesem neueren Zeitabschnitte,
eine als die bedeutsamste hervorheben will, so ist es eben das Uber-
handnehmen, das immer Intensiverwerden der intellektuellen Kraft
des Menschen.
Nun stent ja im Menschen immer eine andere Kraft, sei es als Sehn-
sucht, sei es als mehr oder weniger klare Bewufitseinstatsache, in dem
Untergrunde der Seele. Es ist die Erkenntnissehnsucht. Man kann nun,
wenn man zuriickblickt in altere Zeiten, selbst wenn man zuriick-
blickt in das 11., 12., 13., 14. Jahrhundert europaischer Entwickelung,
von einer deutlichen Erkenntnissehnsucht sprechen, insofern als da-
zumal der Mensch in seiner Seele Fahigkeiten hatte, welche ihn dazu
brachten, ein Verhaltnis zu gewinnen zu der Natur, zu dem, was die
Natur an Geist offenbarte, und dadurch ein Verhaltnis zur geistigen
Welt selber. Gewifi, von Erkenntnissehnsuchten spricht man auch seit-
her viel. Aber man kann, wenn man ganz unbef angen die Menschheits-
entwickelung betrachtet, jene Erkenntnissehnsucht, die etwa heute
herrscht, gar nicht vergleichen an Intensitat mit der Erkenntnissehn-
sucht, die vor der Mitte des 15. Jahrhunderts herrschte. Es war eine
intensive Angelegenheit der menschlichen Seele, nach Erkenntnis zu
streben, nach einer solchen Erkenntnis, die auch etwas bedeutete an
Glut, an innerer Warme fiir den Menschen, die fur diesen Menschen
auch etwas bedeutete in bezug auf die Antriebe, die ihn dazu brachten,
seine Arbeit in der Welt zu verrichten und so weiter. Mit alledem, was
da an Erkenntnissehnsucht vorhanden war, lafit sich eben immer we-
niger und weniger vergleichen, was seit der Mitte des 15. Jahrhunderts
heraufzieht. Und selbst wenn wir die grofien Philosophen der ersten
Halfte des 19. Jahrhunderts in Betracht ziehen, geniale Ausgestaltun-
gen des menschlichen Ideensystems bieten sie dar, aber eigentlich nur,
ich mochte sagen, kunstlerische Ausgestaltungen dieses Ideensystems;
nicht eigentlich kommt bei ihnen, nicht bei Fichte, nicht bei Scbelling,
nicht bei Hegel - bei Hegel schon gar nicht - ein rechter Begriff vor
von dem, was vorher an Erkenntnissehnsucht da war. Und dann in
der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts tritt die Erkenntnis, wenn sie
auch noch nach alter Gewohnheit abgesondert gepflegt wird, mehr
oder weniger in den Dienst des aufteren Lebens. Sie tritt in den Dienst
der Technik und bekommt auch die Konfiguration dieser Technik.
Woher kommt denn das alles? Ja, gerade davon riihrt es her, dafi wir
in dieser neuesten Zeit die besondere Ausbildung des Intellektes zu
verzeichnen haben. Gewifi ist das nicht auf einmal gekommen. Dieser
Intellekt hat sich langsam vorbereitet. Die Nachklange des alten hell-
seherischen Zustandes waren ja schon lange nur mehr hochst undeut-
liche. Aber man kann doch sagen: Bis zu einem gewissen Grade waren,
wenn auch nicht der alte hellseherische Zustand selbst, so doch seine
Nachklange bis in das 15. Jahrhundert schon noch vorhanden. Die
Menschen hatten alle, wenigstens diejenigen, die nach Erkenntnis streb-
ten, eine Vorstellung von dem, was sich aus der menschlichen Seele
heraushebt an hoheren Fahigkeiten, als es die des alltaglichen Lebens
sind. Wenn sich diese Fahigkeiten in alten Zeiten nur traumhaft her-
ausgehoben haben aus der Seele, sie waren eben doch andere Fahig-
keiten als die des gewohnlichen Lebens, und man hat durch solche an-
dere Fahigkeiten eindringen wollen in die Tiefe des Weltenwesens und
ist gedrungen bis zur Geistigkeit dieses Weltenwesens. Und das gab
dann die Erkenntnis. Als Erkenntnis empfand man es, wenn man aus
den Naturerscheinungen, aus den Naturwesen heraus empfand, wahr-
nahm, wie geistig-elementare Wesenheiten durch die einzelnen Erschei-
nungen der Natur wirkten, wie da wirkte die gottlich-geistige Wesen-
heit im grofien und ganzen durch die Totalitat der Natur. Das empfand
man als Erkenntnis, wenn Gotter sprachen durch die Naturerschei-
nungen, wenn Gotter sprachen durch die Wanderungen der Gestirne,
im Erscheinen der Gestirne. Das verstand man unter Erkenntnis.
In dem Augenblick, in dem die Menschheit darauf verzichtete, das
Geistige zu vernehmen aus den Erscheinungen der Welt, kam auch
der Erkenntnisbegriff mehr oder weniger in einen Niedergang hinein.
Und das Abnehmen der eigentlichen Erkenntnisintensitat, das miissen
wir verzeichnen fur den neuesten Zeitraum der Menschheitsentwicke-
lung.
Was ist da notwendig geworden? Das, was jetzt nur in dem kleinen
Kreise anthroposophisch strebender Menschen vorhanden ist, was aber
immer allgemeiner und allgemeiner werden mufi. Ja, zu den alten Men-
schen haben die Naturerscheinungen so gesprochen, dafi sie ihnen
Geistiges offenbart haben. Aus jeder Quelle, aus jeder Wolke, aus jeder
Pflanze hat Geistiges gesprochen. Die Menschen haben dadurch, dafi
sie in ihrer Art die Naturerscheinungen und Naturwesen kennenlern-
ten, das Geistige kennengelernt. Das ist nun nicht mehr der Fall. Ein
Zwischenzustand ist nur der Zustand des Intellektualismus. Denn dieser
Intellektualismus, was hat er denn als seine tiefste Eigentumlichkeit?
Dafi man mit ihm, mit der reinen Intellektualitat, iiberhaupt nichts
erkennen kann. Der Intellekt ist namlich gar nicht zum Erkennen da.
Das ist der grofie Irrtum, dem sich der Mensch hingeben kann, dafi
der Intellekt zum Erkennen da sei. Erkennen werden die Menschen
erst wiederum, wenn sie eingehen auf dasjenige, was der geisteswissen-
schaftlichen Forschung zugrunde liegt, was zum mindesten durch
Imagination vermittelt wird. Erkennen werden die Menschen erst
wiederum, wenn sie sich sagen: In alten Zeiten haben aus den Na-
turerscheinungen geistig-gottliche Wesenheiten gesprochen. Fur den
Intellekt sprechen sie nicht. Fur die hoheren, fiir die iibersinnlichen
Erkenntnisse werden zwar nicht die Naturerscheinungen unmittelbar
sprechen, denn die Natur wirkt als solche stumm, aber es werden zu
dem Menschen Wesenheiten sprechen, die ihm in Imaginationen er-
scheinen werden, die ihn inspirieren werden, mit denen er intuitiv
vereinigt wird, und die er wiederum wird auf die Naturerscheinungen
beziehen konnen. - So kann man sagen: In alten Zeiten ist dem Men-
schen durch die Natur das Geistige erschienen. In unserem Zwischen-
zustande hat der Mensch den Intellekt. Die Natur bleibt geistlos. Der
Mensch wird sich hinaufschwingen zu einem Zustande, wo er wieder
erkennen kann, wo ihm zwar die Natur nicht mehr vom Gottlich-
Geistigen sprechen wird, wo er aber das Gottlich-Geistige in iiber-
sinnlicher Erkenntnis ergreifen wird, und wo er dadurch wiederum
dieses Geistige auf die Natur wird beziehen konnen.
Das ist das Eigentumliche des alten orientalischen Geisteslebens, der
alten orientalischen Erkenntnis, von der wir wissen, daft sie als Erb-
schaft weiterlebte in der abendlandischen Zivilisation, dafi die Orien-
talen in der Zeit ihrer Erkenntnisblute in alien Naturerscheinungen
zu gleicher Zeit ein Geistiges wahrgenommen haben, dafi das Gottlich-
Geistige eben durch die Natur gesprochen hat, sei es durch die nie-
deren elementaren Wesenheiten in den einzelnen Dingen und einzelnen
Erscheinungen, oder sei es, daft durch die ganze Natur das umfassende
Gottlich-Geistige gesprochen hat. Innerhalb der Erdenmitte hat sich
dann spater ausgebildet dasjenige, was unter dem juristisch-dialekti-
schen Geiste stand. Aus dem heraus wurde ja die Intellektualitat ge-
boren. Der Mensch behielt die geistige Kultur als Erbschaft aus dem
alten Orient. Und als man noch die letzte Sehnsucht hatte, aus dem
Orient etwas zu erfahren - man hat auch etwas erfahren durch die
Kreuzziige, hat es nach Europa gebracht -, und nachdem man diese
letzte Sehnsucht durch die Kreuzziige gestillt hatte, da lagerte sich
vor den Orient auf der einen Seite dasjenige vor, was Peter der Grofie
stiftete, der die Reste der orientalischen Seelenverfassung gegen die
europaische Seite hin vernichtete; auf der anderen Seite lagerten die
Tiirken sich vor, die ja gerade in dem Beginne des Zeitabschnittes, den
wir den funften nachatlantischen nennen, in Europa ihre Herrschaft
festsetzten. Es wurde gewissermaften die europaische Bildung nach dem
Orient hin abgeschlossen. Sie mufite sich weiter entwickeln. Sie konnte
sich nur entwickeln unter dem Einflusse des juristisch-dialektischen
Lebens, unter dem Einflusse des von Westen heraufkommenden Wirt-
schaftslebens und in dem dekadenten Fortgehen dessen, was man an
Geistesleben vom Orient erhalten hatte, gegen den aber die Tore auf
die Weise zugemacht worden waren, wie ich das charakterisiert habe.
Damit ist ja auch vorbereitet worden der Zustand, in dem wir jetzt le-
ben, wo wir darauf angewiesen sind, aus uns selbst heraus wiederum die
Tore zur geistigen Welt zu eroffnen, durch Imagination und Inspira-
tion und Intuition zur Anschauung der geistigen Welt zu kommen.
Die ganze Sache hangt damit zusammen, dafi in jenen alten Zeiten,
in denen der orientalische Mensch zu seinen Erkenntnissen aufstieg,
dasjenige besonders wichtig war, was an Fahigkeiten, an Kraften der
Mensch durch die Geburt in das physische Dasein hereintrug. Im
Grunde genommen lag in diesen Zeiten der orientalischen Weisheit,
trotz dem, was da als Zivilisation sich abspielte, weisheitdurchleuchtet
war, es lag in diesen orientalischen Zeiten alles im Blute; aber das,
was im Blute lag, war zu gleicher Zeit geistig anerkannt. Aus den My-
sterien heraus wurde bestimmt, wer durch seine Blutsabstammung zur
Menschenfuhrerschaft berufen war. Da gab es keinen Widerspruch.
Derjenige, der zur Menschenfuhrerschaft aus den Mysterien heraus
berufen war, war gewissermaften dadurch auf seinen Platz gestellt,
daft seine Blutsabstammung das aufiere Zeichen war. Da gab es keinen
irgendwie gearteten juristischen Nachweis, ob irgend jemand richtig
an seinen Platz gestellt sei, denn gegen den Gotterausspruch, nach wel-
chem die Leute da an ihre Platze gestellt wurden, gab es keinen Ein-
spruch. Die Jurisprudenz kannte man nicht im Orient. Theokratie, ge-
wifi, Weltenregiment kannte man. Von der geistigen Welt herunter war
dem Menschen seine Mission hier in der Sinneswelt angewiesen. An die
Stelle dessen, was man empfand, indem man sich sagte: Ein Mensch,
der an seinen Platz gestellt ist, dessen Blutsabstammung die Gotter so
dirigiert haben, daft er an seinen richtigen Platz gestellt werden
konnte -, an die Stelle dieser Empfindung trat die andere, die ein ju-
ristisch-dialektisches Kleid trug, aus der heraus man disputieren konnte
aus Rechtsgriinden heraus, ob irgend jemandem es zukam, an seiner
Stelle zu stehen, das oder jenes zu tun und so weiter.
Die Art und Weise der Seelenverf assung - das bereitete sich schon
aus dem Griechentum heraus vor, besonders aber aus dem Romertum
heraus -, durch die man anfing in Mitteleuropa aus Begriffen, aus
Dialektik heraus zu nehmen, was Rechtens ist, diese Seelenverfassung,
ich habe es von den verschiedensten Gesichtspunkten schon ausgespro-
chen, die kannte allerdings der Orient nicht, die war ihm ganz fremd.
Bei ihm handelte es sich darum, den Willen der Gotter zu ergriinden.
Und da gab es keine Dialektik, dariiber zu entscheiden, was die Gotter
wollten.
Aber jetzt stehen wir wiederum an einer Wende. Jetzt tritt in die
Menschheit die Notwendigkeit herein, auch dieses Dialektisch-Juri-
stische genauer ins Auge zu fassen. Denn ganz verstrickt mit diesem
Zustande, der herausgekommen ist durch das Dialektisch-Juristische,
ist schon das Wirtschaftliche, das wirtschaftliche Element, das vom
Westen aus die Welt mit Hilfe der Technik erobert hat. Das Wirt-
schaftliche bildete ein untergeordnetes Element in den alten Kulturen,
die ganz theokratisch waren, ganz Gott-Geistdurchdrungen waren. Da
tat eben im wirtschafthchen Leben der Mensch das, was sich von selbst
ergab nach der Stellung und Wtirde, in die ihn die Gotter hinein-
gestellt hatten durch die Ausspriiche der Mysterienweisen. Gewisserma-
15en eingefaftt in die Faden des dialektisch-juristischen Lebens war nun
das Wirtschaftsleben, das ja auch primitiv wieder anfing; denn als das
Mittelalter, das sogenannte Mittelalter begann, hatten vor alien Dingen
die Romer kein Geld mehr. Die Geldwirtschaft verlor sich allmahlich,
und in Europa breitete sich die dialektisch-juristische Kultur im Grunde
genommen unter einer Art Naturalwirtschaft aus. Der erste Teil des
Mittelalters war im Grunde genommen geldarm; daher kamen alle
diejenigen Formen des Heereswesens herauf, die notwendig waren,
weil man den Truppen kein Geld bezahlen konnte. Die Romer hatten
ihre Truppen mit Geld entlohnt. Im Mittelalter bildete sich das Le-
henswesen aus, ein besonderer Soldatenstand bildete sich aus. Das alles,
weil der selbst an die Scholle gebundene Mensch unter dem Einflufl
der Naturalwirtschaft nicht weite Kriegsziige unternehmen konnte.
Also in eine Art Naturalwirtschaft wuchs dieses Dialektisch-juristische
hinein, und erst als von Westen her die Technik dieses Wirtschafts-
leben durchdrang, kam die neuere Zeit herauf. Dieses neuere Zivili-
sationsleben, das jetzt so bnichig wird, ist im Grunde genommen ganz
und gar entstanden im funften nachatlantischen Zeitraume durch die
Technik. Ich habe das ja schon in der verschiedensten Weise ausge-
fiihrt. Ich habe ausgefiihrt, wie der aufieren Zahlung nach auf unserer
Erde am Ende des 19. Jahrhunderts eintausendvierhundert Millionen
Menschen wohnten, dafi aber eigentlich so viel Arbeit verrichtet wurde,
als ob zweitausend Millionen Menschen da wohnten. Das ist aus dem
Grunde, weil so ungeheuer viel Arbeit von Maschinen verrichtet wird.
Die Maschinentechnik mit ihrer kolossalen Umgestaltung des Wirt-
schaftslebens, auch mit ihrer kolossalen Umgestaltung des sozialen Le-
bens ist heraufgezogen.
Noch nicht angekommen - eben weil das intellektuelle Leben noch
alles uberflutet -, ist dasjenige, was nun gerade die maschinelle Wirt-
schaftstechnik in die moderne Zivilisation hereintragen mui Man kann
in bezug auf das, was ja der Menschheit in Aussicht steht, heute die
merkwiirdigsten Erfahrungen machen. Es gibt heute schon viele Men-
schen, insbesondere auf dem Boden, wo sich die Leute Praktiker nen-
nen, die zum Beispiel ihre Praxis in die Regierungsstellen hineintragen,
wo dann diese Praxis gewohnlich verduftet; das bifichen Praxis, das
noch vorhanden ist, verduftet gewohnlich, wenn die Leute ihre Praxis
in die Regierungsstellen hineintragen. Bei solchen «regierenden Prak-
tikern» oder «praktischen Regierern» - man mufi das unter Ganse-
fiiftchen heute sagen - entstehen heute sonderbare Ideen. So aufterte
sich mir jemand vor kurzem: Ja, das neuere Zeitalter hat uns die Maschi- Tafel 6
nen und damit das stadtische Leben gebracht; wir miissen das Leben LUe
wiederum auf das Land hinausbringen. - Als ob man das Maschinen-
zei taker aus der Welt schaffen konnte! Es werden einfach die Ma-
schinen mit auf das Land hinausgehen, sagte ich dem Manne. Ich
sagte ihm: Alles kann vergessen werden, die Geistkultur kann verges-
sen werden, aber die Maschinen werden bleiben, man wird einfach die
Maschinen mit aufs Land hinausnehmen. Dasjenige, was in den Stadten
aufgegangen ist, wird sich aufs Land hinaus verpflanzen.
Die Leute werden eben im grofien Stil Reaktionare, wenn sie keine
Neigungen mehr haben - und das ist uberhaupt heute das Charakteri-
stikum der Menschen, daft sie keinen Willen haben sich Ideen uber
den wahren Fortschritt zu machen. So mochten sie am liebsten alte
Zustande wieder herbeifiihren auf dem Lande drauften. Sie stellen
sich vor, daft man das so machen kann. Sie glauben, daft man aus-
schalten kann, was die Jahrhunderte gebracht haben. Unsinn ist das!
Aber diesen Unsinn lieben die Menschen heute ganz ungeheuer, weil
sie zu bequem sind, das Neue zu erfassen, und sich mit dem Alten mehr
zu helfen wissen. Das maschinelle Zeitalter ist heraufgezogen. Das
zeigen zunachst die Maschinen, daft mit ihnen Menschenkraft erspart
worden ist. Es miiftten heute einfach fiinfhundert Millionen Menschen
das leisten, was die Maschinen leisten, wenn es durch Menschen ge-
leistet werden sollte auf der Erde.
Und im Grunde genommen ist all dieses maschinelle Arbeiten in
der abendlandischen Zivilisation entstanden. Es ist in der abendlan-
dischen Zivilisation heraufgekommen, hat sich erst ganz spat nach dem
Orient hingezogen, und ist da eben durchaus nicht in derselben Weise
eingewohnt, wie es in der abendlandischen Zivilisation eingewohnt ist.
Aber das ist eine Obergangszeit. Und jetzt fassen Sie einen Gedanken,
aber so sonderbar Ihnen der Gedanke erscheinen wird, fassen Sie ihn
ernst: Nehmen wir an, der alte Mensch hatte eine Wolke, er hatte viel- links
leicht einen Flufi, allerlei Gewachse und so weiter vor sich. Er sah dar-
innen nicht bloft dasjenige, was der heutige Mensch sieht, tote Natur; er
sah darinnen geistige Elementarwesen, bis hinauf zu den gottlich-geisti-
gen Wesenheiten der hoheren Hierarchien. Das sah er gewissermaften
durch die Natur hindurch. Die Natur spricht eben nicht mehr von die-
sen gottlich-geistigen Wesen. Wir miissen sie als Geistiges erfassen, jen-
seits von der Natur, dann konnen wir es wiederum auf die Natur bezie-
hen. Die Obergangszeit kam. Der Mensch schuf zu der Natur hinzu die
Maschinen. Diese sieht der Mensch zunachst in aller Abstraktion an.
Er wirtschaftet mit ihnen in aller Abstraktion. Er hat seine Mathema-
tik, er hat seine Geometrie, seine Mechanik. Er konstruiert damit seine
Maschinen und sieht sie so in aller Abstraktion an. Aber er wird sehr
bald eine gewisse Entdeckung machen. So sonderbar es dem heutigen
Menschen noch erscheinen mag, dafi diese Entdeckung gemacht wird,
der Mensch wird die Entdeckung machen, dafi bei all dem Maschinel-
len, das er dem Wirtschaftsleben einverleibt, die Geister wieder wirken
werden, die er friiher in der Natur wahrgenommen hat. In seinen tech-
nischen Wirtschaftsmechanismen wird er wahrnehmen: er hat sie fa-
briziert, er hat sie gemacht, aber sie gewinnen ein eigenes Leben nach
und nach, zunachst allerdings nur ein Leben, das er noch ableugnen
kann, weil es sich im Wirtschaftlichen kundgibt. Aber er wird es im-
mer mehr und mehr bemerken durch das, was er da selber schafft, wie
das ein eigenes Leben gewinnt, wie er es, trotzdem er es aus dem Intellekt
heraus geboren hat, mit dem Intellekt nicht mehr erfassen kann. Viel-
leicht kann man sich heute noch nicht einmal eine gute Vorstellung
davon machen, dennoch wird es so sein. Die Menschen werden namlich
entdecken, wie ihre Wirtschaftsobjekte durchaus die Trager von Da-
monen werden.
Sehen wir dieselbe Sache von einer anderen Seite her an. Aus dem
blofien Intellekt, aus dem odesten Verstande heraus ist das Lenin-
Trotzkijsche System entstanden, das ein Wirtschaftsleben in Rutland
bauen will. Geistesleben, trotz Lunatscharskij, interessiert die Leute
nicht. Das soli ja nur Ideologic aus dem Wirtschaftsleben sein. Dafi
gerade das Dialektisch-Juristische sehr stark ist im Trotzkij-Lenin-
System, wird man ja nicht behaupten konnen. Aber auf das Wirt-
schaftliche soli alles hinorientiert sein. Man will den Intellekt gewis-
sermafien verkorpern im Wirtschaftsleben. Wiirde man es konnen eine
Zeitlang - dieses erste Experiment wird gar nicht gehen -, aber neh-
men wir an, man wiirde es konnen, dann wiirde einem das Wirtschafts-
leben iiber den Kopf wachsen, dann wiirde das Wirtschaftsleben iiber-
all zerstorerische, damonische Krafte aus sich hervorbringen. Es wiirde
nicht gehen, weil der Intellekt das nicht handhaben kann, was iiber-
all hervordringen wiirde an wirtschaftlichen Forderungen! So wie der
alte Mensch auf die Natur und die Naturerscheinungen hingesehen
hat und in ihnen Damonisches gesehen hat, so mufi der neuere Mensch
lernen, bei dem, was er selber hervorbringt im Wirtschaftsleben, auf
Damonisches zu sehen. Vorlaufig sind diese Damonen, die die Leute
nicht in die Maschinen abgeleitet haben, noch in die Menschen ge-
fahren und machen sich als die zerstorenden in sozialen Revolutio-
nen geltend. Nichts anderes sind diese zerstorenden sozialen Revolu-
tionen als das Ergebnis der Nichtanerkennung des Damonischen in
unserem Wirtschaftsleben. Elementarische Geistigkeit mufi im Wirt-
schaftsleben gesucht werden, wie in der Natur in alten Zeiten ele-
mentarische Geistigkeit gesucht worden ist. Und das blofie intellek-
tuelle Leben ist nur ein Zwischenzustand, der iiberhaupt fin* die Na-
tur und das, was der Mensch hervorbringt, keine Bedeutung hat, son-
dern nur fur den Menschen selbst. Die Menschen haben den Intellekt
ausgebildet, damit sie frei werden konnen. Die Menschen miissen ge-
rade eine Fahigkeit ausbilden, die gar nichts zu tun hat weder mit der
Natur noch mit der Maschine, sondern die nur mit dem Menschen
selbst zu tun hat. Wenn der Mensch Fahigkeiten ausbildet, die zu der
Natur in einem Verhaltnis stehen, ist er ja nicht frei. Will er ins Wirt-
schaftsleben fliehen, ist er auch nicht frei, denn die Maschinen uberwal-
tigen ihn nur. Wenn er aber Fahigkeiten ausbildet, die weder mit der
Erkenntnis noch mit dem praktischen Leben etwas zu tun haben, wie
die reine Intelligenz, kann er sich die Freiheit im Laufe der Kulturent-
wickelung anerziehen. Gerade durch eine ohne in Beziehung zur Welt
stehende Fahigkeit, wie der Intellekt es ist, konnte die Freiheit herauf-
kommen. Aber zu diesem Intellekt mufi, damit der Mensch nicht ab-
reifit von der Natur, damit er in die Natur wiederum herauswirken
kann, wiederum die Imagination, mufi alles dasjenige hinzukommen,
was geisteswissenschaftliche Forschung finden will.
Dazu kommt noch ein anderes. Ich sagte schon, fur den alten Orien-
talen waren von ganz besonderer Wichtigkeit die Blutsabstammungs-
verhaltnisse; denn danach richteten sich als nach gottlichen Zeichen
die Mysterienweisen, wenn sie den Menschen ihre Stellen anwiesen.
Diese Dinge alle, die ragen dann noch wie Nachziigler, wie Gespenster
in spatere Zeiten herein. Dann kam das dialektisch-juristische Element.
Die Staatsabstempelung wurde das Wesentliche. Das Diplom, das Exa-
mensergebnis beziehungsweise das, was auf dem Papier vom Examens-
ergebnis stand, das wurde das Wesentliche; wahrend das Blut in den
alten Zeiten der Theokratie das Ausschlaggebende war, wurde nun
das Papier das Ausschlaggebende. Jene Zeiten riickten heran, welche
man ja durch mancherlei gekennzeichnet findet; mir sagte einmal ein
Rechtsanwalt bei einer Diskussion, die ich mit ihm hatte: Ja, darauf
kommt es nicht an, dafi Sie geboren sind, dafi Sie da sind! - Da
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