Ritualtexte für die Feiern des freien christlichen Religionsunterrichtes

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE 
UND AUS DEN INHALTEN 
DER ESOTERISCHEN LEHRTATIGKEIT 



RUDOLF STEINER 



Ritualtexte fur die 
Feiern des freien christlichen 
Religionsunterrichtes 

und das Spruchgut 
fur Lehrer und Schuler 
der Waldorfschule 



1997 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, 

Dornach / Schweiz 

Die Herausgabe besorgte Walter Kugler 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997 



Bibliographie-Nr. 269 

Motiv auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach / Schweiz 
© 1997 by Rudolf Steiner-NachlaB Verwaltung, Dornach / Schweiz 
Satz: Rudolf Steiner Verlag, Dornach - Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-2690-X 



INH ALT 



Zu dieser Ausgabe 11 



ZUR EINFUHRUNG 

Rudolf Steiner: Uber die Schulhandlungen 17 

Auszug aus dem Vortrag Stuttgart vom 4. Oktober 1921 



RITUALTEXTE 



Vorbereitung: Durch Deine Kraft, o Gottesgeist .... 41 

Sonntagshandlung 42 

Sonntagshandlung am Pfingstsonntag 45 

Weihnachtshandlung 47 

Jugendfeier 53 

Opferfeier. 63 



EVANGELIEN-TEXTE 
Ubertragungen von Rudolf Steiner 

Der Anfang des Johannes-Evangeliums, Kap. 1. 1-14 . . 83 

Das Hohepriesterliche Gebet 

Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-8, 24, 26. 85 

Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-9 87 



ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE UND GESTALTUNG 

DER SCHULHANDLUNGEN 



Herbert Hahn 

Vom Entstehen des Freien Religionsunterrichtes in der 

Waldorfschule und vom Einrichten der Sonntagshandlungen . 93 

Hinweise zu den einzelnen Handlungen 103 

Brief an Rudolf Steiner vom 24. Marz 1923 120 

Brief an Marie Steiner vom 14. Marz 1925 123 



Maria Lehrs-Roschl 

Zur Opferfeier 124 

Rene Maikowski 

Brief an Helmut von Kugelgen vom 30. Mai 1970. . 132 

Brief an Gotthard Starke vom 29. August 1983. . . 133 

Chronik 

zur Entstehungsgeschichte der Schulhandlungen . . . 134 



SPRUCHGUT FUR LEHRER UND SCHULER 
ZUR EINFUHRUNG 

Rudolf Steiner 

Uber die «rechte Lehrer-Meditation» 143 

Aus einer Ansprache zu Beginn des Schuljahres 1920/21 

«Menschenkunde verstehen durch Meditieren». . . . 146 

Aus dem Vortrag vom 21. September 1920 



«Andacht zum Kleinen» 

Aus dem Vortrag vom 5. Juli 1924 



149 



MEDITATIONEN, SPRUCHE UND RATSCHLAGE 
FUR LEHRER UND ERZIEHER 



«Eine Art Gebet» 

Wir wollen unsere Gedanken so gestalten. 155 

Meditation 

I in Schein des Sinnewesens 157 

Meditation 

Geistiges Blicken. 159 

Meditation 

In mir ist Gott 161 

Brief an die Lehrkrafte der Freien Waldorfschule 
in Stuttgart 

Gedankenwirksamkeit eine uns 163 

Grundstein-Spruch fur die Freie Waldorfschule Stuttgart 

Es walte, was Geisteskraft in Liebe 167 

Spruch fur einen verstorbenen Schtiler 

In kiinftiges Erdenleben. 169 

Widmung 

Die Jug end erziehen. 171 

Spruch 

Dem Stoff sich verschreiben. 173 

Motto fur die Padagogik 

Durchdringe dich mit Phantasiefdhigkeit 174 

Ehrfurcht, Enthusiasmus, schutzendes Gefuhl 

Ehrfurcht vor dem, was dem Dasein des Kindes vorangeht . 175 

Vier goldene Regeln fur den Lehrerberuf 

Der Lehrer sei ein Mensch der Initiative 176 



Spruch fur die Schule Hamburg-Wandsbek 

Aus dem Ernst der Zeit 

Die drei goldenen Regeln 

der Erziehungs- und Unterrichtskunst 

Religiose Dankbarkeit gegeniiber der Welt 

(Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen). 

Drei goldene Regeln fur die Gedachtnisentwicklung 

Begriffe belasten das Gedachtnis 

Ernst und Verantwortung 

Wir miissen ja alle durchdrungen sein. 

«Meditationsformel» 

Wir wollen arbeiten. 

«Gebet» 

Lieber Gott, mache, dafi ich mich. 

Das Wesen von Erziehung und Unterricht 

Lebendig werdende Wissenschaft! 

«Neue Devise» 

Ich will lernen, ich will arbeiten. 

«Devise» 

Suchet das wirklich praktische materielle Leben. 

Spruch-Fragmente 

Das Licht macht sichtbar. 

Die Sonne gibt 

Sonnenliebe dringt leuchtend 



SPRUCHGUT FUR SCHULER 



Morgenspruch fiir die vier unteren Klassen 

Der Sonne liebes Licht 197 

Morgenspruch fiir die oberen Klassen 

Ich schaue in die Welt 199 

Spruch zum Beginn des freien christlichen Religionsunterricht 
Im hellen Sonnenlichte 201 

Spriiche 

Der Sonne Licht 203 

Spruch zum Beginn des altsprachlichen Unterrichts 

Wer der Sprache Sinn versteht 205 

Spruch-Fragment fiir den Altsprachenunterricht 

Es leuchtet die Sonnenhelle den Erdenwesen. 207 

Spruch fiir die abgehende zwolfte Klasse 

In den Weiten der Lebenswege 209 

Spruch 

Meine Gedanken fliegen zur Schule hin. 211 

Spruch fiir die Ferienzeit 

Meine Gedanken sollen hineilen. 213 

Spriiche 

Im Lernen erwirbt der Mensch / Ich will achtgeben aufmich 

im Sprechen und Denken (Handeln). 215 

Spruch 

Lernen, aufmerksam sein. 217 



Brief an die Schiilerinnen und Schiiler 
der Freien Waldorfschule in Stuttgart. 



219 



ANHANG 

Abbildungen: 

Rudolf Steiner: Wandtafelzeichnung 

Meditation «Punkt und Kreis» 
Rudolf Steiner: Studie Christus-Antlitz 
Leonardo da Vinci: Christus («II Redentore») 
Foto: Altar fur die Schulhandlungen 
Skizze: Altar fur die Schulhandlungen 

Hinweise und Quellenangaben zu den Texten .... 229 

Namenregister 245 

Alphabetisches Register der Spruchanfange 246 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 247 



223 
224 
225 
226 
227 



ZU DIESER AUSGABE 



«Wir miissen mit Umwandlungen in alien Dingen rechnen», rief 
Rudolf Steiner zum Auftakt des ersten Schulungskurses am 20. Au- 
gust 1919 den zukiinftigen Lehrern zu und hatte dabei zunachst 
zweierlei im Auge: die gesellschaftlich-soziale Zukunftsgestalt und 
dasjenige, was ihr Leben und Form gibt, das Geistige. «Die ganze 
soziale Bewegung geht ja zuletzt auf Geistiges zuriick, und die Schul- 
frage ist ein Unterglied der groBen geistigen brennenden Fragen der 
Gegenwart», prazisierte er noch im selben Atemzug seine Vorstellun- 
gen und forderte dazu auf, die Moglichkeiten der Waldorfschule in- 
tensiv zu nutzen, um «reformierend, revolutionierend im Schulwesen 
zu wirken.» Im Hintergrund dieser AuBerungen stand seine - wie 
sich spater zeigen sollte - realistische Einschatzung der zukiinftigen 
politischen Entwicklung, die er in der gleichen Rede so beschrieb: 
«Man wird den Menschen behandeln wie einen Gegenstand, der an 
Drahten gezogen werden muB und wird sich einbilden, daB das einen 
denkbar groBen Fortschritt bedeutet.» 1 

Was es nun mit jenem «Geistigen» auf sich hat und in welcher 
Form es als Richtungsbestimmung fur das erzieherische Tun wirksam 
werden muB, hat er wenige Wochen spater, am 7. September, 2 in sei- 
ner Ansprache anlaBlich der Eroffnung der Waldorfschule mit folgen- 
der Fragesequenz deutlich markiert: «Ist es nicht schlieBlich eine 
hochste, heilige, religiose Verpflichtung, das Gottlich-Geistige, das ja 
in jedem Menschen, der geboren wird, neu erscheint und sich offen- 
bart, in der Erziehung zu pflegen? Ist dieser Erziehungsdienst nicht 
religioser Kult im hochsten Sinne des Wortes? Miissen nicht alle un- 
sere heiligsten, gerade dem religiosen Fiihlen gewidmeten Mensch- 
heitsregungen zusammenflieBen in dem Altardienst, den wir verrich- 
ten, indem wir heranzubilden versuchen im werdenden Kinde das 
sich als veranlagt offenbarende Gottlich-Geistige des Menschen?» 

Der hier spricht, ist derselbe wie jener, der wenige Wochen zuvor 
die politischen Dimensionen mit fast schon erschreckender Prazision 
abgesteckt hat, und es geht um ein und dieselbe Sache: die Revolutio- 

1 Ansprache vom 20. August 1919, in «Allgemeine Menschenkunde als Grundlage 
der Padagogik», GA 293. 

2 Ansprache vom 7. 9. 1919, in «Rudolf Steiner in der Waldorfschule», GA 298. 



nierung des Schulwesens und die Sakramentalisierung des Alltags. 
Beide Positionen widersprechen sich nicht, ja sind nicht einmal Pola- 
risierungen, sondern sie sind Ausdruck ein und derselben Wirklich- 
keit, und Steiner ware nicht Steiner, wenn sie nicht als aufeinander 
bezogen gemeint waren. Ihre Gleichzeitigkeit, ihr Nebeneinander, 
ihre Gleichwertigkeit im gesellschaftlichen Kontext wie im ganz Indi- 
viduellen sind es, die alles in Bewegung setzen und halten. Dies gait 
nicht nur fur den kurzen Augenblick des Anfangs. Vier Jahre spater, 
im englischen Ilkley, mahnte er an: «Die soziale Frage wird erst in 
ihrer vollen Tiefe ergriffen werden, wenn sie als eine sittliche, als eine 
religiose Frage erfaBt wird. Aber sie wird keine sittliche, religiose 
Frage werden, ehe nicht die sittliche und religiose Frage eine Ange- 
legenheit der spirituellen Erkenntnis wird.» 

Die Anregung, dem Religionsunterricht durch eine zusatzliche 
Feier an Sonntagen ein besonderes Gewicht im Leben der Schiiler zu 
geben, kam vom Griinder der ersten Waldorfschule, von Emil Molt, 
Direktor der Waldorf Astoria Zigarettenfabrik und im Nachkriegs- 
Stuttgart in alien moglichen politisch innovativen Gremien anzutref- 
fen. «Wie immer in solchen Fallen fand sich Rudolf Steiner sofort 
bereit und richtete innerhalb kurzer Zeit eine Art kultische Handlung 
fur die Kinder ein (...). Wir empfanden diese Einrichtung als ein be- 
sonderes Gnadengeschenk voller Weihe und Kraft», 4 erinnerte sich 
Molt in seinen autobiographischen Aufzeichnungen, in die er die 
Dichte der damaligen Ereignisse eher unsortiert, aber mit umso mehr 
Gewicht dem Gedachtnis der Nachkommenden eingeschrieben hat. 

In seinem Aufsatz «Vom Entstehen des Freien Religionsunterrich- 
tes in der Waldorfschule und vom Einrichten der Sonntagshandlun- 
gen» 5 berichtet einer der ersten Religionslehrer, Herbert Hahn, von 
einem Gesprach mit Rudolf Steiner, das in der Weihnachtszeit 1919 
stattgefunden hat. Nachdem er die Frage nach der Einrichtung von 
Sonntagsfeiern, die kurz zuvor an einem Elternabend besprochen 
worden war, iibermittelt hatte, antwortete Rudolf Steiner: «Das muB 
dann schon ein Kultus sein.» Und nach einer Pause des Nachsinnens 
fiigte er hinzu: «Konnte er gegeben werden, dann ware er zugleich 
die erste Wiederankniipfung an unsere durch den Krieg unterbro- 

3 Vortrag vom 5.8.1923, in «Gegenwartiges Geistesleben und Erziehung», GA 307. 

4 Lt. Manuskript. Dieser Passus war nicht in die posthum erschienene Veroffent- 
lichung «Entwurf meiner Lebensbeschreibung», Stuttgart 1972, aufgenommen 
worden. 

5 Im vorliegenden Band S. 93ff. 



chene Esoterik.» Gemeint war hiermit die erkenntniskultische 
Arbeitsweise in der von Rudolf Steiner 1904 eingerichteten und bis 
zum Kriegsausbruch geleiteten Esoterischen Schule, die auf der Uber- 
zeugung basierte, daB durch eine im modernen IndividualbewuBtsein 
wurzelnde und zugleich durch eine nach dem Schopferisch-Geistigen 
orientierte Welt- und Lebensanschauung der drohenden geistigen 
Verodung entgegengewirkt werden kann. 

Die Inhalte fur die Sonntagsfeiern sowie das Spruchgut fur Lehrer, 
Erzieher und Schiiler entstanden in den Jahren 1919-1925. Auch heu- 
te noch gehort beides zum innersten Lebens- und Geistesgut der 
Schulen und Einrichtungen, die padagogisch auf anthroposophisch- 
menschenkundlicher Grundlage arbeiten. Obgleich sie urspriinglich 
bestimmten Menschengruppen oder einzelnen Personen in einer be- 
stimmten Situation fiir eine bestimmte Aufgabe gegeben worden wa- 
ren, so sind sie letztlich doch Ausdruck und Teil seines Werkes und 
Wirkens und erscheinen daher folgerichtig nun auch im Rahmen der 
Gesamtausgabe, deren Initiatorin, Frau Marie Steiner, die herausgebe- 
rische Arbeit an die Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung iibergeben hat 
mit der Verpflichtung, «daB das gesamte, noch unveroffentlichte 
Werk Rudolf Steiners moglichst vor Ablauf der Schutzfrist veroffent- 
licht werden soil, wodurch am besten vermieden wird, daB Falschun- 
gen an die Offentlichkeit gelangen.» 6 

Nahere Angaben zu den einzelnen Texten, ihre Quellenlage und 
ihren entstehungsgeschichtlichen Zusammenhang entnehme man den 
Hinweisen am SchluB des Bandes sowie hinsichtlich der Sonn- 
tagshandlungen auch der Chronik (S. 134-139). Fiir ein eingehenderes 
Verstandnis der hier wiedergegebenen Inhalte sei auf die entsprechen- 
den AuBerungen Rudolf Steiners in den «Konferenzen mit den Leh- 
rern der Freien Waldorfschule» (GA 300 a-c) und in vielen seiner 
padagogischen Vortrage hingewiesen. Die entsprechenden Daten sind 
ebenfalls in der Chronik auffindbar. 

Frau Tilde von Eiff und den Herren Helmut von Kiigelgen und 
Otfried Doerfler, die im Auftrag des Internationalen Religionslehrer- 
gremiums und in Zusammenarbeit mit der Padagogischen Sektion am 
Goetheanum die vorliegende Publikation wahrend ihrer Entstehung 
begleitet haben, sei fiir ihre wertvollen Anregungen herzlich gedankt. 

Walter Kugler 



6 Marie Steiner, «Briefe und Dokumente», S. 181, Dornach 1981. 



ZUR EINFUHRUNG 



Rudolf Steiner 
Uber die Schulhandlungen 



VORTRAG 



Stuttgart, 4. Oktober 1921 (vormittags) 
gehalten vor Theologen und Theologie-Studierenden 

(Auszug) 

Als wir in Stuttgart die Waldorfschule begriindet hatten, muBte 
in dem Sinne der Absicht, daB die Waldorfschule absolut nicht 
eine Weltanschauungsschule sein sollte, sondern daB sie eine 
Schule sein sollte, in welcher bloB didaktisch und padagogisch, 
also in der Handhabung des Unterrichtes dasjenige vertreten 
werden sollte, was aus der Anthroposophie kommen kann, die 
Einrichtung getroffen werden, daB das eigentliche Religiose, also 
in diesem Sinne das Weltanschauliche, ubertragen wurde den 
Seelsorgern der betreffenden Konfessionen. So wurde also der 
Religionsunterricht der romisch-katholischen Kinder ubertragen 
dem romisch-katholischen Seelsorger, der Religionsunterricht 
der evangelischen Kinder den evangelischen Seelsorgern, die 
hauptsachlich darauf bedacht waren, daB moglichst viele hinein- 
kommen, damit der einzelne moglichst wenig zu tun hat. Ubri- 
gens haben wir diese Erfahrung auch bei den katholischen Seel- 
sorgern gemacht; wir haben sogar erst nach langem Suchen 
jemanden bekommen, der den Mut gehabt hat, in dieses «Teu- 
felshaus» hineinzugehen. Nun, dies ist also Prinzip, den betref- 
fenden Seelsorgern den Religionsunterricht zu ubertragen. 
Selbstverstandlich muBte dann auch den Dissidenten-Kindern, 
respektive ihren Eltern gestattet sein, auf ihre Weise zu einer 
religiosen Unterweisung zu kommen; und sehr bald hat sich 
ergeben, daB von einem gar nicht kleinen Kreise gewunscht 
worden ist, daB ein Religionsunterricht, der nun ganz aus der 
anthroposophischen Bewegung herausflieBt, gerade fur die 
Dissidenten-Kinder gegeben werde. Sie mussen ja ins Auge 
fassen, daB das im Grunde genommen schon ein betrachtlicher 
Fortschritt im Sinne religioser Gesinnung ist, denn die Waldorf- 



schule wurde zunachst gegriindet fur die Kinder [von Arbeitern] 
der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, also in der iiberwiegend 
groBen Mehrzahl fiir Kinder von proletarisch-sozialdemokrati- 
schen [Eltern], und es war die Dissidenten-Gesinnung diejenige, 
die eigentlich vorwiegend vertreten war. Diese Kinder hatten, 
wenn sie in eine gewohnliche Schule geschickt worden waren, 
iiberhaupt an keinem Religionsunterricht teilgenommen, sie 
waren nicht dazu gezwungen gewesen - [ein Zwang] wiirde ja 
eigentlich der religiosen Gesinnung widersprechen. Bei uns han- 
delt es sich darum, daB gerade fiir diese Kinder ein Religions- 
unterricht gefordert worden ist, daB also das religiose Bedurfnis 
aus volliger Freiheit heraus kam. Fiir meine Meinung bedeutet 
das einen Fortschritt in der religiosen Gesinnung. Wir waren ge- 
wissermaBen gezwungen, einen Religionsunterricht im Sinne der 
anthroposophischen Weltanschauung einzurichten, und ich 
suchte das in der Weise zu tun, daB davon tatsachlich prinzipiell 
getrennt wurde die Leitung der Schule, die absolut neutral sich 
zu diesen Dingen verhalten sollte, die es nur als ihre Aufgabe 
betrachtet, padagogisch-didaktisch zu wirken. Ich betrachte es 
als eine durchaus prinzipiell wichtige Sache, daB die Leitung der 
Schule selbst und alles das, was in die Leitung der Schule ein- 
flieBt, nichts zu tun hat mit diesem Religionsunterricht, so daB 
die Vertreter dieses Religionsunterrichtes geradeso in die Schule 
hineingestellt sind wie der romisch-katholische und die verschie- 
denen evangelischen Religionslehrer. Altkatholiken gab es da 
nicht, sonst wiirde auch fiir die gesorgt worden sein. 

Damit war also der anthroposophische Religionsunterricht, 
wie man ihn vielfach nannte - ich selber halte nicht viel von 
Namen -, inauguriert und wurde nun auch in der Weise begon- 
nen, wie man ihn nach der anthroposophischen Uberzeugung 
fiihren muB, namlich dadurch, daB er moglichst ins Leben hin- 
eingestellt wird, und daB gewissermaBen Bibelerkenntnis und 
namentlich Evangelienerkenntnis als die Kronung des ganzen 
Religionsunterrichtes herauskommen. Nun, ich sage, das Evan- 
gelium wird als die Kronung betrachtet, so daB also dieser Reli- 



gionsunterricht, in dem es alle moglichen Kinder durcheinander 
hat, das heiBt Kinder, die herausgewachsen sind aus katholi- 
schen, protestantischen oder judischen Untergriinden, durchaus 
in einem christlichen Sinn gehalten ist, und das hangt natiirlich 
damit zusammen, daB die ganze Waldorfschule in bezug auf ihre 
Imponderabilien iiberhaupt einen absolut christlichen Charakter 
hat. Das wiirden diejenigen, die fur so etwas eine Empfindung 
haben, sehr bald merken, wenn sie nur die Waldorfschule betre- 
ten wiirden. 

Was dann notwendig geworden ist - nicht von unserer Seite, 
denn wir mochten entgegenkommen, nicht agitieren -, das hat 
man sehr bald gesehen: man braucht bei den Kindern, die unse- 
ren anthroposophischen Religionsunterricht erhalten, dasjenige, 
was dann eine Sonntagshandlung geworden ist. Danach war zu- 
nachst ein sehr lebhaftes Begehren, eine solche Sonntagshand- 
lung zu haben, das heiBt also, die Kinder, welche anthroposo- 
phischen Religionsunterricht erhalten, zu einer Art Zeremonie 
am Sonntag zu versammeln. Und aus Griinden, die zusammen- 
hangen mit der ganzen Grundeinstellung der Waldorfschule zur 
Offentlichkeit, die uns ja nicht sehr geneigt ist, mussen wir diese 
Sonntagshandlung vollziehen vor den Kindern in Gegenwart der 
Eltern, oder, wenn es sich um Pflegeeltern handelt, sagen wir, 
bei solchen Kindern, die in Stuttgart erzogen werden, deren El- 
tern aber weit weg von Stuttgart sind, in Gegenwart der Pfleger, 
die in Stuttgart anwesend sind. Wer nichts dabei zu suchen hat, 
wer aus bloBer Sensation zu dieser Sonntagshandlung gehen 
will, wird nicht zugelassen, aber diejenigen, die fiir die Kinder 
verantwortlich sind, vor denen wird durchaus mit den Kindern 
diese Sonntagshandlung vollzogen. 

Nun handelte es sich darum, fiir diese Sonntagshandlung ein 
Ritual zu finden. Dieses Ritual werde ich jetzt ein wenig vor 
Ihnen besprechen und mochte gleich bemerken: Ich werde in 
den nachsten Tagen fiir dasjenige, was das Ritual iiberhaupt be- 
trifft, noch einiges zu sagen haben iiber Gerate und dergleichen, 
aber wir sind ja durchaus in dem WerdeprozeB, so daB eigent- 



lieh diese Dinge, die auch einmal in Betracht kommen werden 
fur uns, noch weniger in Betracht kommen in der Waldorf schu- 
le. Es handelt sich also darum, daB Sie die Sache als eine wer- 
dende betrachten, daB Sie sie so betrachten, daB eben nur das- 
jenige zunachst gemacht werden kann, was mit vollem Leben 
durchsetzt werden kann. Gerade aber dadurch, glaube ich, wer- 
den wir uns gut verstandigen konnen, daB Sie eben von nichts 
Leblosem, sondern von etwas Lebendigem einen Bericht werden 
erhalten konnen, und wir werden dann um so leichter aufsteigen 
konnen zu dem, was - wenn ich einen prosaischen Ausdruck 
verwenden darf - projektiert werden muB in bezug auf Ritual, 
Zeremonie, Sakrament, Kultus und so weiter. Bei dem gesamten 
Kultus ist zum Beispiel das Gewand des Zelebrierenden keine 
Kleinigkeit, sondern etwas Wichtiges; allein, davon werde ich 
spater sprechen. 

Es handelt sich - bitte miBverstehen Sie den Ausdruck nicht - 
bei der Empfangnis des Rituals wirklich nicht darum, daB man 
bei dem Ritual intellektuell etwas zusammenstellt, sondern daB 
dieses Ritual aus der geistigen Welt empfangen ist. Es handelt 
sich bei dem Ritual darum, daB gegenwartig noch eine auBer- 
ordentliche Schwierigkeit besteht; wenn man so etwas real be- 
trachtet, liegt schon die Schwierigkeit vor, daB ja eigentlich, 
wenn man gleich radikal zu Werke gehen wurde, bei einer sol- 
chen Sonntagshandlung die Kommunion notwendig ware. Nun, 
nach den ganzen Zeitverhaltnissen ist es nicht moglich, heute in 
einem solchen Ritual fur die Kinder der Waldorfschule bis zum 
Vollzug der Kommunion zu gehen; es laBt sich das nicht ma- 
chen. Daher war es notwendig, dasjenige, was in der Kommu- 
nion spater vollzogen werden soil, zunachst, ich mochte sagen, 
mehr heraufzuheben ins Geistige und im Geistigen zu hand- 
haben. Sie werden uberhaupt sehen, daB bei der allmahlichen 
Einfuhrung von Ritualien Sie den Weg werden machen miissen 
von dem Worte, ich mochte sagen, von dem Worte, das potenti- 
ell die Handlung in sich tragt, bis zu dem eigentlichen Vollzug 
der Handlung. Das wird ein Weg sein, den Sie werden eben 



durchmachen miissen. Sie werden nicht gleich mit der Tiir ins 
Haus fallen konnen, sondern Sie werden den Weg durchmachen 
miissen von der durch das Wort angedeuteten Handlung, wobei 
Sie sich bewuBt sein miissen, daB das ein Anfang ist zu der voll 
vollzogenen Handlung. 

Nun darf aber niemals ein Ritual eben bloB intellektuell zu- 
sammengestellt sein, sondern es muB im lebendigen WeltprozeB 
drinnen leben. Dazu, meine lieben Freunde, ist ja eines notwen- 
dig: Es ist durchaus notwendig, daB man das sehr streng beriick- 
sichtigt, was gegeniiber einem Ritual vorliegen muB. Meine lie- 
ben Freunde, wenn wir von Mensch zu Menschen sprechen, 
dann miissen wir uns klar sein dariiber, daB unserer Rede immer 
zugrundeliegen muB dasjenige, was einzig und allein in der 
uberzeugenden Kraft des Inhaltes unserer Rede liegt. Wenn wir 
die gegenwartige Zeit auch im religiosen Sinne recht verstehen, 
so miissen wir uns klar sein, daB wir durch die Rede, die wir 
von Mensch zu Menschen oder von Mensch zu einer Menschen- 
versammlung sprechen, durch nichts anderes zu wirken haben 
als durch dasjenige, was bei dem Sprecher aus seiner eigenen 
Uberzeugung und aus der Kraft der eigenen Personlichkeit flie- 
Ben kann. Also Reden, welche ein suggestives Moment enthalten 
wiirden - so wie wir das Wort in Mitteleuropa gebrauchen, 
nicht wie es in Westeuropa gebraucht wird -, waren im Sinne 
unserer heutigen Weltverfassung absolut verwerflich, weil wir 
durch die Menschheitsentwickelung dazu gekommen sind, daB, 
wenn wir das Wort handhaben konnen in einer freien Weise, 
wir in das Wort hineinlegen miissen dasjenige, was unsere er- 
rungene eigene personliche freie Uberzeugung ist. Dieser eige- 
nen personlichen freien Uberzeugung darf, wenn das Geistesle- 
ben in voller Realitat genommen wird, niemals etwas Suggestives 
aufgedrangt werden, sondern man muB sich durchaus so verhal- 
ten, daB die Zustimmung von dem anderen aus volliger Freiheit 
heraus kommt. Das ist die Voraussetzung eines jeden zukunfti- 
gen religiosen oder geisteswissenschaftlichen oder sonstigen 
Wirkens. Wenn jemand die Rede miBbrauchen wiirde zur Ma- 



gie, so ware das im Sinne desjenigen, was Anthroposophie ver- 
treten muB, ein im eminentesten Sinne Irreligioses, ja eine un- 
gottliche Hantierung, es ware in dem strengen Sinne, wie es die 
Anthroposophie auffassen muB, eine Siinde wider den Heiligen 
Geist. Denn die Rede darf nur durchdrungen sein von jener 
Heiligung, die man nennen kann die Heiligung durch den Hei- 
ligen Geist, und muB beobachten im Menschen absolut das 
Prinzip der unmittelbar vollstandig freien Uberzeugung, die es 
vor dem Mysterium von Golgatha iiberhaupt nicht hat geben 
konnen in der Menschheitsentwickelung, weil man iiberhaupt an 
dem Menschen abgeprallt ware mit dem Worte, wenn das Wort 
nur die Kraft gehabt hatte, die es heute allein haben darf. Da- 
mals muBte es suggestiv wirken, weil eben die menschliche Or- 
ganisation darauf angelegt war. Darum muBten auch auserwahlte 
Fuhrer da sein, wie ich gestern gesagt habe, und es durfte da- 
mals auch durch das Wort gewirkt werden in einem Sinne, wie 
es bloB im Geiste geschieht, indem man sich bewuBt wurde, 
man redete im Geiste, nicht aus seiner eigenen Kraft, sondern 
aus der Kraft des in einem lebenden Gottes, des Nous oder des 
Logos. Man muB sich bewuBt sein, daB dies heute unmoglich 
ist, und daB heute nur aus dem Heiligen Geiste heraus gespro- 
chen werden darf; das ist aber das Wort, dem allein antwortet 
die freie Uberzeugung dessen, der das Wort hort. Es muB also 
heute alle Unterweisung in dem Zeichen des Heiligen Geistes 
geschehen. Daher mussen wir uns sehr klar dariiber sein, daB 
alles dasjenige, was von Worten hinuberflieBt in die Handlung, 
nur allein im christlichen Sinne so vollzogen werden darf, wenn 
bei dem Vollziehenden das Paulus-BewuBtsein vorhanden ist: 
Nicht ich, sondern der Christus in mir! - Nichts darf an einer 
Handlung, die so vollzogen wird, ohne das BewuBtsein aus- 
gefuhrt werden: Die Handlung wird vollzogen als ein inner- 
liches gottliches Gebot, als dasjenige, was im Sinne des Christus- 
Auftrages selber vollzogen wird. 

Wir mussen uns klar sein, daB wir nur das Werkzeug sind, 
um den Christus zu den Menschen sprechen zu lassen. Das ist 



bei Kindern ganz besonders schwierig, weil bei den Kindern das 
in eingeschranktem MaBe gilt, was ich auseinandergesetzt habe 
fur den vollentwickelten mundigen Menschen. Daher miissen 
wir auch einen Unterschied machen in dem, was wir tun dem 
Menschen gegeniiber, den man bereits des Altarsakramentes fur 
wiirdig halt, und demjenigen gegeniiber, den wir als noch zu 
kindlich betrachten, um das Altarsakrament zu empfangen. Das 
muB in jeder Handlung einfach liegen, was ich jetzt auseinan- 
dergesetzt habe. Ohne dieses hier Zugrundeliegende ware die 
Handlung etwas absolut Unmogliches. 

Es handelt sich darum, unter diesen Gesichtspunkten die 
Sonntagshandlung zu finden, und ich bitte, indem ich sie Ihnen 
schildere, sie eben nur von diesem Gesichtspunkt aus zu be- 
trachten. Wir miissen dabei heute noch manches in der Ausein- 
andersetzung ubergehen, was zwar einen Zukunftswert hat, auf 
den wir uns aber heute noch nicht einzulassen brauchen. Man 
wiirde naturlich eigentlich nicht bloB das getragene, das gespro- 
chene Wort haben miissen in der Zukunft, sondern auch das, 
was im alteren Sinn durchaus auch zum Kultus gehorte: das 
Rezitativ. Aber das ist etwas, was heute ebenfalls noch nicht 
durchgefiihrt werden kann, weil einfach das Rezitativ heute 
noch auf den Menschen zu suggestiv wirken wiirde; wir wiirden 
ihn unfrei machen. Daher diirfen schon die Zeremonien nicht 
anders vorgenommen werden denn als Anfangszeremonien, 
Anfangskultus, von dem ich Ihnen nun sprechen will. 



Die Sonntagshandlung 

Die Sonntagshandlung wird nun so vorgenommen, daB sich die 
Kinder zu versammeln haben vor der Eingangstiir zu dem Raum, 
in dem die Sonntagshandlung vollzogen wird. Es steht an der 
Tiire jemand, welcher zunachst das Kind darauf aufmerksam zu 
machen hat, daB es in einer ganz besonderen Stimmung in diesen 



Raum einzutreten habe. Daher wird das Kind, indem es in den 
Raum eintritt, an der Hand genommen, und ihm wird gesagt: 

Du weiBt, du gehst zu der Handlung, 

Die deine Seele erheben soil zu dem Geiste der Welt. 

Ich erzahle Ihnen zunachst. Ich werde spater davon sprechen, 
wie in einem vollig christlichen Sinn die Sache ausgefuhrt wer- 
den kann, nicht in einem anthroposophischen Sinn, der ja noch 
anders die Sache gestalten muB, der aber durchaus sie so gestal- 
tet, daB sie zum Christlichen hingefiihrt wird. Ich mache Sie 
aufmerksam darauf, daB das, was hier ausgefuhrt wird, eben des- 
halb ausgefuhrt wird, weil ein anthroposophischer Religionsun- 
terricht verlangt worden ist, der auch nur hervorgehen kann aus 
demjenigen, was Anthroposophie schon heute ist und sein darf. 

Also das Kind wird empfangen mit den Worten, indem es 
begriiBt wird durch Beriihrung mit der Hand: 

Du weiBt, du gehst zu der Handlung, 

Die deine Seele erheben soil zu dem Geiste der Welt. 

Dann betritt das Kind den Raum, der verhaltnismaBig auBeror- 
dentlich einfach zunachst ist. Er hat eine Art Altar an der einen 
Wand, auf diesem Altar stehen sieben Lichter - wir werden uber 
diese sieben Lichter noch zu sprechen haben in dem ganzen 
Zusammenhang -, und es muB sich uber dem Altar befinden ein 
Christus-Bild. Da ich noch nicht in der Lage war, irgendein 
besseres Christus-Bild zu haben, so wird in der Stuttgarter Wal- 
dorfschule dazu das Bild verwendet, welches von Leonardo da 
Vinci als das Bild des jugendlichen Christus gemalt wurde. Das 
ist aber noch eine Unvollkommenheit, man kann aber immer 
nur das tun, was aus realen Verhaltnissen heraus moglich ist. 

Nun wendet sich zuerst der Handelnde, der mit dem Antlitz 
zum Altar gerichtet ist, also mit dem Rucken zu den Kindern 
wahrend sie eintreten, um und wendet sich zu den Kindern. Er 



spricht nun Worte zu den Kindern, in denen durchaus schon 
Rituelles ist, in denen durchaus die Formulierung der Satze so 
ist, daB der Ablauf der Worte sich in einem Elemente bewegt, 
wo der Mensch sagen kann, nicht er spricht, sondern er bringt 
dasjenige, was der Christus zu sagen hat, in ihm zur Sprache. Es 
spricht also der Handelnde: 

Wir erheben jetzt die Gedanken und Empfindungen zu dem 

Zu dem Geiste, der lebet und wirket, [Geiste, 

Der lebet und wirket in Stein, Pflanze und Tier; 

Der lebet und wirket in Menschendenken und Menschentun, 

Der wirket in allem Wirkenden, 

Der lebet in allem Lebenden, 

Der das Lebende in den Tod fuhrt, auf daB es neu lebe, 
Der das Tote ins Lebende fuhrt, auf daB es den Geist schaue. 

Es ist jedes Wort abgewogen, nicht nur so weit, daB es als Wort 
dasteht, sondern es steht auch jedes Wort an seinem richtigen 
Orte und im richtigen Verhaltnis zum anderen Worte. Nachdem 
der Handelnde dieses gesprochen hat, wendet er sich zu dem 
Christus-Bilde und spricht mit zu dem Christus-Bilde hin erho- 
benen Armen die folgenden Worte: 

In ihm nahm Leib an, der da wirket als Geist im All. 
Christus starb. 

Er wurde lebendig im Sein der Menschen, 

Die ihm Wohnung gaben in ihrem Herzen. 

Auch unser Herz wende sich zu ihm, 

Es durchdringe sich mit seiner Kraft, 

Auf daB er in ihm wirke, 

Auf daB er durchdringe 

Unser Denken, Fuhlen und Wollen. 

Das ist also die Hinlenkung zu dem Christus-Geiste der Welt. 
Nunmehr spricht der Handelnde, indem er sich zu den Kindern 



wendet, mit segnenden Handen. Die segnende Gebarde besteht 
darin, daB die zwei Finger zusammengenommen werden und die 
Hande in dieser Weise ausgebreitet werden. [Die Gebarde wird 
gezeigt.] 

Nun handelt es sich darum, daB eben der Moment eintritt, in 
dem die Kommunion vollzogen werden sollte oder etwas Kom- 
munionartiges. Es ist also dann so, daB sich der Handelnde zu 
den Kindern wendet. Nachdem er die Worte, die ich ausge- 
driickt habe, gesprochen hat, wendet sich der Handelnde zu den 
Kindern und spricht, indem er sie gewissermaBen vorbereitet zu 
demjenigen, was als ein Ersatz fur den Empfang der Kommu- 
nion gesprochen werden soil: 

Meine Lieben! Wir lernen, um die Welt zu verstehen. 

Wir lernen, um in der Welt zu arbeiten. 

Die Liebe der Menschen zueinander belebt alle Menschen- 

Ohne die Liebe wird das Menschensein ode und leer, [arbeit. 
Christus ist der Lehrer der Menschenliebe. 

So weit spricht der Handelnde zu den Kindern uber das Ver- 
haltnis, in dem der Christus zu ihnen steht. Nun folgt das ge- 
meinsame Gebet, das chormaBig gesprochen wird: 

Wir erheben all unser Empfinden und Denken zum Gottesgeiste. 

Wir verehren den Gottesgeist. 

Wir lieben den Gottesgeist. 

Wir werden gedenken des Gottesgeistes, 

Wenn wir allein sind, 

Und auch, wenn wir mit Menschen zusammen sind. 
Dann wird er mit uns sein. 

Sie mussen alle Einzelheiten beachten. Sie mussen insbesondere 
Ihre Aufmerksamkeit darauf wenden, daB hier dieses Wenden 
zum Gottesgeiste verlangt wird, «wenn wir allein sind, und 
auch, wenn wir mit Menschen zusammen sind». 



Nun folgt eben dasjenige, was zunachst wie eine Art Surrogat 
der Kommunion eingefuhrt werden muB, das eben die verschie- 
denen Formen annehmen kann, insofern man sie schon Kindern 
geben oder ihnen einen hinweisenden Ersatz dafiir geben kann. 
Wir konnen nicht mehr tun, als daB der Handelnde an jedes 
einzelne Kind herantritt und spricht, indem er dem Kinde die 
Hand auflegt oder die Hand reicht - also das wird zu jedem 
einzelnen Kinde gesprochen, indem die ganze Reihe [der Kin- 
der] durchgegangen wird, vordem war es nur zu ihrer Gesamt- 
heit gesprochen: 

Der Gottesgeist wird sein mit dir, wenn du ihn suchest. 

Das Kind antwortet: 

Ich will ihn suchen. 

Sie mussen das also nicht als eine Belehrung auffassen, sondern 
als eine Zeremonie. 

Nun tritt der Handelnde wiederum zum Altar zuriick und 
spricht mit segnenden Handen: 

Ich rufe zum Gottesgeist, 

DaB er sei bei euch, wenn ihr ihn suchet. 

Hierauf wird das Evangelium-Kapitel vorgelesen, das eben zu 
der betreffenden Zeit in richtiger Weise vorgelesen werden muB. 
Uber die Verteilung der Evangelien-Kapitel auf die Zeiten des 
Jahres werden wir noch zu sprechen haben. Dann singen die 
Kinder ein Lied, das Bezug hat durchaus auf die ganze Hand- 
lung, und zuletzt spricht der Handelnde: 



Liebe Kinder! Ich entlasse euch nun, 

Aber behaltet in guten Gedanken, 

Was ihr hier gehort, empfunden, gedacht habt. 



Dann folgt noch eine entsprechende Musik. Dann verlassen die 
Kinder den Saal, nachdem der Handelnde vom Christus-Bilde 
zuriickgetreten ist. 

Der Handelnde kann sich in der Weise in die richtige Gesin- 
nung einfuhren, daB er vor der Handlung zu sich selber spricht: 

Durch Deine Kraft, o Gottesgeist, 

Soil ich zu Dir weisen 

Die mir anvertrauten Seelen. 

Dein Licht erhelle meines Denkens Umkreis, 

Deine Lebenswarme durchkrafte meines Fuhlens Mitte, 

Deine Seelenkraft durchgeiste meines Wollens Strahlenleib, 

Sei in dem Dienst, den ich Dir leisten will. 

Durch diese Worte, die er in Gedanken zu sich spricht, wird 
der Handelnde, bevor die Kinder eingelassen werden, sich vor- 
bereiten. 

Ich sage ausdriicklich, Sie mussen das durchaus im Sinne 
eines Rituals gedacht verstehen, Sie mussen es nicht auffassen 
wie eine Lehrunterweisung. Dem wird entgegengearbeitet da- 
durch, daB eben in den entsprechenden Religionsstunden der 
Religionsunterricht gegeben wird. Da ist dann Lehre, da ist 
nicht Kultus. 

Der Kultus, der vollzogen wird, meine lieben Freunde, der 
wirkt, wenn er in der richtigen Weise und in der richtigen Ge- 
sinnung vollzogen wird, eben nicht als Menschenlehre. Das muB 
durchaus ins Auge gefaBt werden. Und nur so werden Sie ver- 
stehen konnen, wie vorsichtig die ganze Sache, um die es sich 
hier handelt, gemacht wird. Es kann auch nur so gemacht wer- 
den, daB zu dem ganzen Geist der Sache erst ganz allmahlich 
fortgeschritten wird, und wir kommen eigentlich zu dem Aus- 
bau der Sache durchaus langsam, denn wir konnen eben gewis- 
sermaBen nur den Zeichen der Zeit antworten, die von uns 
gesucht werden zu verstehen. 



Die Weihnachtshandlung 



Nun handelt es sich naturlich darum, daB die besonderen Fest- 
zeiten des Jahres dem Kinde in der Weise, wie es christlich sein 
muB, ebenfalls durch den Kultus zum BewuBtsein kommen. 
Und so mochte ich Ihnen als ein Beispiel dafiir zunachst anfiih- 
ren die Weihnachtshandlung - iiber andere werden wir spater 
sprechen -, die als eine besondere hinzugefugt wird zu den 
Sonntagshandlungen, beziehungsweise die vollzogen wurde an 
einem Sonntag, wenn der Geburtstag des Christus Jesus auf 
einen Sonntag fallen wurde. So ist es vorlaufig. Ich kann nicht 
sagen, wie sich in der weiteren Entwickelung die Dinge ausneh- 
men werden. So ist es vorlaufig nach dem, was wir konnen. 

Zu dieser Weihnachtshandlung geschieht der Eintritt auf glei- 
che Weise wie sonst bei den Sonntagshandlungen. Wenn die 
Kinder sich versammelt haben, wendet sich der Handelnde zu 
den Kindern und spricht zu ihnen: 

Liebe Kinder, 

Wir leben in Winters Anfang, 

Unsere Augen sehen nur wenig die auBere Sonne, 

Spat erscheinet sie und fruh verschwindet sie. 

Im Innern aber schaut unser Seelenauge 

In Winters Kalte und Winterdunkel: 

Des Christus hell leuchtende Geistessonne, 

Die durch Jesus der Menschheit 

Aus gottlichen Reichen erschienen ist. 

In demutiger Hirten Seelen 

Ward gehort der Himmel Wort: 

Es offenbaret Gottes Geist sich in Hohen, 

Und er bringet Frieden den Erdenmenschen, 

In deren Herzen guter Wille wohnet. 

Und die Hirten waren geleitet 

Durch der Himmel erhabnes Wort, 



Und sie suchten des Gottes Geist 
Nach der Verkundung auf Erden. 
An der Armut Statte fanden sie 
Das Kind Jesus, der dann wurde 
Der Christus. 

Es ward die erste Weihnacht der Welt 

Als die demutigen Hirten 

Betenden Herzens knieten 

An der Armut Statte vor Jesus, dem Kindlein, 

Durch das des Geistes Licht 

Erschien den Erdenmenschen. 

Durch den Christus 

Der da ist die Geistessonne 

Werden wir finden 

Den Weg in Geisteshohen, 

Und so werden 

Erst wahre Menschen. 

So dachten die demutigen Hirten 

In ihren ahnenden Seelen, 

Als sie schauten das Licht, 

Das leuchtete aus des Kindleins Augen 

In der ersten Weltweihnacht. 

Und als schauten das Licht 

Die demutigen Hirten 

Da ward ein neuer Weltenanfang: 

Der Menschheit Christzeit begann. 

Und hell kann es werden seither 

In der Menschen Herzen, 

Die da lernen in Liebe 

Zu sagen: sieh, es ist der Christus 

Durch den die Seele findet 

Den Weg in des Geistes 

Sonnenhelles Reich. 



Und hell wird es bleiben 
In der Menschen Herzen, 
Die liebend erfuhlen 
In ihrem tiefsten Innern 
Das Licht, das da leuchtet 
Auf dem Weg in des Christus 
Sonnenhelles Reich. 

In der Menschen Herzen 
Wird des Winters dunkle Nacht 
Zum hellen Geistestage 
Wenn die Seele sich weihet 
Dem Lichte, das durch Jesus 
Erstrahlet dem Erdenleben. 

Der die Handlung Vollziehende geht wie sonst zu jedem einzel- 
nen Kinde und spricht zu ihm: 

Erhebe die Gedanken und Empfindungen 
Zu dem Christusgeiste. 

Dann spricht er, nachdem er wieder nach vorne gegangen ist, zu 
den Kindern: 

Ihr sollet erheben die Gedanken und Empfindungen 
Zu dem Christusgeiste, 
Er ist das Licht 

Das leuchtet in der Menschen Herzen 

Auf daB sie finden 

Den Weg zum Gottesreiche. 

Nunmehr sollte ein fur die Weihnacht geeignetes Musikstiick 
ertonen, dann spricht der die Handlung Vollziehende weiter: 

Durch Geistes Heilesmacht, 
In Welten Weihenacht, 



1st Seelenlicht erwacht, 
Hat Menschenkraft gebracht, 
Hat Herzensmut gebracht, 
Nachdem es einst erwacht 
Aus Zeiten Weihenacht 
Zu ew'ger Heilesmacht. 

Der Mensch erfullet sich 

Mit wahrem Seelensinn, 

Wenn er zur Weihnachtzeit 

Das Innere wendet 

In starkem Denken 

In innigem Fuhlen 

Zur Christuskraft, 

Der Mensch erstarket sich 

Durch wahre Geisteskraft 

Wenn er zur Weihnachtzeit 

Das Innere wendet 

Im hellen Denken 

Im warmen Fuhlen 

Zum Christuslicht. 

Liebe Kinder: 

Das alles haltet in eurem Herzen, 
Traget es aus der heiligen Weihnachtzeit 
In das Leben des ganzen Jahres. 

Darauf kann naturlich folgen, in dem Sinne, wie wir das spater 
zu besprechen haben, eine Vorlesung aus dem entsprechenden 
Evangelium. 



Die Jugendfeier 



Da wir Kinder aus alien Altersklassen in die Waldorfschule auf- 
genommen haben, waren wir sehr bald genotigt, auch eine 
Jugendfeier mit den Kindern zu begehen, die die Volksschule 
vollendet hatten und in das Leben hinaus gehen sollten. Diese 
Jugendfeier wird die Grundlage sein fiir ein Konfirmations- oder 
Firmungsritual. Der Text zu dieser Jugendfeier ist der folgende: 
Beim Eintritt, der sich in derselben Form vollzieht wie sonst, 
wird zu dem Kinde gesagt, zu jedem einzelnen, denn jedes ein- 
zelne wird besonders eingelassen: 

Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes 
in deinem Leben. 

Nun werden die Kinder eingelassen, der die Handlung Vollzie- 
hende wendet sich zu den Kindern und spricht: 

Liebe Kinder, gedenket der Wichtigkeit dieses Au- 
genblickes in eurem Leben. Ihr tretet in ein neues 
Lebensalter. Von der Kindheit zur Jugend steiget ihr 
auf. Eure Lehrer haben euch gefuhrt. Ihre Sorge war, 
daB der Gottesgeist 

leuchte in eurem Denken 

krafte in eurem Fuhlen 

wirke in eurem Wollen. 
Den Christus, der gestorben ist, auf daB die Men- 
schenseelen leben konnen, wollten euch weisen eure 
Lehrer, auf daB er sei: 

das Licht in eurer Seele 

der Fuhrer auf euren Lebenswegen 

der Spender der Daseinsfreuden 

der Troster im Daseinsleide. 

Der Handelnde wendet sich um und erhebt die Arme, wie ich 



friiher gezeigt habe, zum Christus-Bilde, er spricht: 

Du Licht der Seelen 

Du Fiihrer auf unsren Lebenswegen 

Du Spender der Daseinsfreuden 

Du Troster im Daseinsleide 

Zu dir sprach ich bittend 

Wenn ich Licht erflehte 

Fur dieser Kinder Denken 

Wenn ich Kraft ersehnte 

Fur dieser Kinder Fuhlen 

Wenn ich Wirkensegen erstrebe 

Fur dieser Kinder Wollen; 

So sende dein Licht 

So spende deine Kraft 

So lasse stromen deinen Segen 

In dieser Stunde 

Auf die, die uns anvertraut waren 

Und die wir jetzt ubergeben dem Leben 

Auf daB sie 

denken durch dein Licht 
fuhlen durch deine Kraft 
Wirken durch deinen Segen 
In all ihrem Erdenleben 
Bis in Todesaugenblicke 

Du sie fuhrest in das Seelensein. 

Denn Du hast gesprochen: 

Nun folgt die Vorlesung des hohepriesterlichen Gebetes aus 
dem Johannes-Evangelium. Der Handelnde geht dann zu jedem 
einzelnen Kind, nimmt es bei der Hand und spricht zu ihm: 

Durch den Geist des Christus 
Der den Tod uberwand 
Auf daB der Menschenseele 



Das Leben ward gerettet 
Wurdest du gefuhrt 

Hier in dieser Kindesschule; 
So leite der Christusgeist 

Deine Lebenskrafte 

Deine Seelenmachte 

Deine Geistesziele 
Durch des Lebens groBe Schule. 

Der Handelnde begibt sich an seinen Platz zuriick und spricht 
iiber das Osterfest in einer Rede, die etwa folgenden Inhalt hat - 
hier ist ihm vollkommene Freiheit gelassen, und dasjenige, was 
ich jetzt als eine Rede an die Kinder vorlesen werde, ist nur wie 
ein Appell zu verstehen: 

Liebe Kinder. Im Friihling war's, wo die Erde in 
ihren Pflanzen neues Leben findet, da der Christus 
auf Golgatha durch den Tod ging. Er starb. Aber er 
uberwand den Tod. Als Sieger iiber den Tod lebet er 
mit den Menschen: er lebet in den Menschen, die ihn 
suchen, suchen mit all ihrem Denken, Fuhlen und 
Wollen. Und jedesmal, wenn der Friihling das hohe 
Osterfest bringt, dann soil der Mensch, wenn er das 
neue Leben der Erde schaut, gedenken des Todes und 
der Auferstehung des Christus. 

- Die Jugendfeier ist eben zu O stern gedacht. - 

Liebe Kinder, gedenket jedes Jahr zu dieser Osterzeit 
des Festes, das wir heute mit euch feiern und feiert es 
jedes Jahr neu, auf daB in euch der Gedanke belebt 
werde von dem Tode, der Auferstehung des Christus 
und von seinem Wohnen in den Seelen derer, die ihn 
suchen. 



Dann folgt ein Gesang, so wie bei den Sonntagsfeiern, eben in 
der entsprechenden Weise fur dieses Fest zubereitet. Zuletzt 
wird wiederum gesprochen: 

Liebe Kinder, allsonntaglich habe ich euch 
entlassen, euch auffordernd, zu gedenken, 
was ihr hier erlebt habt; 
jetzt entlasse ich euch 
mit sorgender Seele 
In das Leben. 

Der Christusgeist sei mit euch 
Suchet ihn 

Ihr werdet ihn finden: 
Als Euer Licht 
Als Eure Kraft 
Als euren Fuhrer 
Als euren Troster. 

Jedes Kind wird einzeln entlassen, man nimmt es an der Hand 
und spricht zu ihm: 

Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes in 
deinem Leben 

VergiB ihn nimmer, nicht in Freud, nicht im Leide. 

Dann wird das Kind entlassen, zunachst aus der Handlung. Das 
andere wiirde alles Unterweisung sein, wiirde nicht zu dem 
eigentlichen Ritual mehr gehoren. 

* * 

Ich habe Ihnen hier einige Beispiele gegeben davon, wie das 
lebendig erfaBt werden muB im religiosen Leben, wie das hin- 
einflieBen kann in einen Kultus, der nun auch ganz in lebendiger 



Weise gesucht wird aus demjenigen heraus, was eben erneutes 
religioses Leben sein kann. Alles, meine lieben Freunde, ist im 
Anfange unvollkommen, und gegen jeden Anfang wird sich 
selbstverstandlich vieles, vieles einwenden lassen. Nehmen Sie 
auch so etwas als einen Anfang hin, und wissen Sie, daB da, wo 
man in ehrlicher Weise einen solchen Anfang will, sich schon 
auch die Krafte finden werden zur Verbesserung desjenigen, was 
in einem solchen Anfange gegeben werden kann. Ich meine 
doch, meine lieben Freunde, daB es sich nicht darum handeln 
kann, ein solches Kind eben im Anfang zu ersticken, sondern 
daB es sich lieber darum handeln sollte, zu arbeiten an dem, was 
gewollt wird. Selbstverstandlich kann da, wo Lebendiges und 
nicht Dogmatisches gewollt wird, jede Einwendung nur will- 
kommen sein. Es wird Ihnen aber gerade an diesem Beispiel klar 
sein konnen, wie uberall eben aus dem Lebendigen heraus das 
Kultusartige gesucht werden muB. Ich habe Sie ja schon auf- 
merksam machen konnen auf den Gebetscharakter desjenigen, 
was der die Handlung Vollziehende selbst als vorbereitendes 
Gebet haben kann. In einer ahnlichen Weise wird ja jeder Un- 
terrichtsmorgen von uns begonnen, naturlich in entsprechend 
einfacher Weise. Das naturlich geht nun hinaus iiber das Prinzip, 
wenn das Prinzip nur in ganz abstrakter Weise gefaBt wird. 
Wenn das Prinzip in ganz abstrakter Weise gefaBt werden wur- 
de, durften wir naturlich iiberhaupt nicht irgend etwas an die 
Spitze des Unterrichtsmorgens stellen, sondern muBten glatt 
[mit dem Unterricht] anfangen. Das wurde aber nach meiner 
Uberzeugung ganz unmoglich sein, weil ja schlieBlich doch aller 
Unterricht Stimmung in sich haben muB und schlieBlich die 
christliche Stimmung nicht etwas sein kann, was ganz als ein 
Abstraktum iiber dem Ganzen schwebt, sondern was in jede 
Einzelheit hineingehen muB. Etwas Prinzipielles kann es im 
Leben der Welt iiberhaupt nicht geben, sondern es kann nur 
das sich in Leben Wandelnde geben. Das darf man nicht als 
eine Inkonsequenz betrachten, sondern als eine Forderung des 
Lebens selbst. 



Sie sehen aber auch, daB wir in GemaBheit desjenigen, was 
heute nur allein Gebrauch sein kann, durchaus stehenbleiben 
mussen soviel als moglich bei dem Worte, und nur das Wort 
selbst konnen wir umwandeln zur Handlung, denn Handlung 
liegt auch schon im Worte, insbesondere wenn das Wort im 
Zusammenhang des Lebens selber auftritt. Es ist durchaus so, 
daB bei einer solchen Jugendfeier nicht nur etwas besprochen 
wird, sondern es geschieht etwas, es geschieht etwas an den 
Seelen, nicht mit, aber an den Seelen der Kinder. 

Vergleichen Sie damit nur, meine lieben Freunde, wie stark 
der Glaube war, man musse in das Lehrgut, das man lehrhaft 
ubermittelt, die Hauptsache legen. Das ist im Grunde genom- 
men heute noch zu stark in alien Religionsbekenntnissen und in 
alien Religionsformen so; es wird zu sehr der Wert gelegt auf 
das Lehrgut als solches, auf seinen dogmatischen oder sonstigen 
Inhalt. Man muB allmahlich aus dem bloB menschlichen Worte 
herauskommen und auf dem Umweg, dadurch, daB man sich 
bewuBt ist, man schopft das Wort aus den geistigen Welten her- 
aus fur die Zeremonie, vordringen zu dem Eintauchen wiederum 
des ganzen Zeremoniellen in eine Atmosphare, wo gottesdienst- 
liche Handlungen eben schon fur sich ohne Opferhandlung vor 
sich gehen konnen. 



RITUALTEXTE 



VORBEREITUNG 



Worte, vom Handelnden vor der Handlung 
in Gedanken zu sich zu sprechen 



Durch Deine Kraft, o Gottesgeist, 

Soil ich zu Dir weisen 

Die mir anvertrauten Seelen. 

Dein Licht erhelle meines Denkens Umkreis, 

Deine Lebenswarme durchkrafte meines Fiihlens Mitte, 

Deine Seelenkraft durchgeiste meines Wollens Strahlenleib, 

Sei in dem Dienst, den ich Dir leisten will. 



SONNTAGS HANDLUNG 



Der die Handlung Vollziehende steht vor dem Christusbilde. 
Wenn die Handlung zu dritt gehalten wird, sitzen die beiden 
Heifer auf Stiihlen rechts und links neben dem Altar. Ein oder 
zwei Andere lassen die Kinder nacheinander, einzeln oder zu 
zweit, ein und sprechen zu jedem: 

Du weiBt, du gehst zu der Handlung, 

Die deine Seele erheben soil zu dem Geiste der Welt. 

Die Eingetretenen ordnen sich vor dem Vollzieher der Hand- 
lung, hinter ihnen stehen oder sitzen die Lehrer und Angehori- 
gen der Kinder. 

Die beiden Heifer stehen auf, der Handelnde wendet sich um 
und spricht: 

Wir erheben jetzt die Gedanken und Empfindungen zu dem 

Zu dem Geiste, der lebet und wirket, [Geiste, 

Der lebet und wirket in Stein, Pflanze und Tier; 

Der lebet und wirket in Menschendenken und Menschentun, 

Der wirket in allem Wirkenden, 

Der lebet in allem Lebenden, 

Der das Lebende in den Tod fuhrt, auf daB es neu lebe, 
Der das Tote ins Lebende fuhrt, auf daB es den Geist schaue. 

Der Handelnde weist auf das Christusbild. Er spricht: 

In ihm nahm Leib an, der da wirket als Geist im All. 
Christus starb. 

Er wurde lebendig im Sein der Menschen, 
Die ihm Wohnung gaben in ihrem Herzen. 



Auch unser Herz wende sich zu ihm, 

Es durchdringe sich mit seiner Kraft, 

Auf daB er in ihm wirke, 

Auf daB er durchdringe 

Unser Denken, Fiihlen und Wollen. 

Der Handelnde spricht wieder zu den Kindern: 

Meine Lieben! Wir lernen, um die Welt zu verstehen. 
Wir lernen, um in der Welt zu arbeiten. 
Die Liebe der Menschen zueinander belebt alle Menschen- 
Ohne die Liebe wird das Menschensein ode und leer, [arbeit. 
Christus ist der Lehrer der Menschenliebe. 

Gebet. Der Handelnde spricht: «Wir wollen beten»; dann 
spricht er Zeile fur Zeile vor, die Kinder sprechen nach: 

Wir erheben all unser Empfinden und Denken zum Gottesgeiste. 

Wir verehren den Gottesgeist. 

Wir lieben den Gottesgeist. 

Wir werden gedenken des Gottesgeistes, 

Wenn wir allein sind 

Und auch, wenn wir mit Menschen zusammen sind. 
Dann wird er mit uns sein. 

Der Handelnde - bzw. der rechtsstehende Heifer - geht an jedes 
einzelne Kind heran und spricht zu ihm: 

Der Gottesgeist wird sein mit dir, wenn du ihn suchest. 
Das Kind antwortet: 



Ich will ihn suchen. 



Der Handelnde - bzw. der rechtsstehende Heifer - geht zu 
seiner Stellung vor dem Christusbild zuriick. Der Handelnde 
spricht mit segnenden Handen: 

Ich rufe zum Gottesgeist, 

DaB er sei bei euch, wenn ihr ihn suchet. 

Der Handelnde spricht: «Es wird nun verkiindet das Evan- 
gelium nach ...» 

Vom Handelnden - bzw. vom linksstehenden Heifer - wird das 
Evangelium gemaB den Perikopen verlesen. 

Gesang, der vom Handelnden angesagt wird. 

Dann spricht der Handelnde: 

Liebe Kinder! Ich entlasse euch nun, 
Aber behaltet in guten Gedanken, 

Was ihr hier gehort, empfunden, gedacht habt. 
Der Handelnde wendet sich zum Altar, die Heifer setzen sich. 
Musik 

Verabschiedung der Kinder durch alle die Handlung Haltenden 
und sie Mitbetreuenden. 



SONNTAGSHANDLUNG 
AM PFINGSTSONNTAG 



Die Handlung vollzieht sich im ganzen wie sonst. Nur zur Evangelien- 
Lesung hat Rudolf Steiner fur diesen Tag eine besondere Angabe gemacht: 

Nachdem iiber das Pfingstereignis (aus der Apostelgeschichte 
2,1-18) gelesen worden ist (durch den Handelnden oder den lin- 
ken Heifer), liest der Handelnde unmittelbar anschlieBend die 
Goethe-Ubersetzung des alten Pfingsthymnus «Veni Creator 
Spiritus»: 

Komm heiliger Geist, du Schaffender, 
Komm, deine Seelen suche heim; 
Mit Gnaden-Fiille segne sie 
Die Brust, die du geschaffen hast. 

Du heiBest Troster, Paraklet, 
Des hochsten Gottes Hoch-Geschenk, 
Lebend'ger Quell und Liebes-Glut 
Und Salbung heiliger Geistes-Kraft. 

Du siebenfaltiger Gaben-Schatz, 
Du Finger Gottes rechter Hand, 
Von ihm versprochen und geschickt, 
Der Kehle Stimm' und Rede gibst. 

Den Sinnen ziinde Lichter an, 
Dem Herzen frohe Mutigkeit, 
DaB wir, im Korper Wandelnden, 
Bereit zum Handeln sei'n, zum Kampf. 



Den Feind bedrange, treib' ihn fort, 
DaB uns des Friedens wir erfreun, 
Und so an deiner Fuhrer-Hand 
Dem Schaden iiberall entgehn. 

Vom Vater uns Erkenntnis gib, 
Erkenntnis auch vom Sohn zugleich, 
Uns, die dem beiderseit'gen Geist 
Zu alien Zeiten glaubig flehn. 

Darum sei Gott dem Vater Preis, 
Dem Sohne, der vom Tod erstand, 
Dem Paraklet, dem Wirkenden 
Von Ewigkeit zu Ewigkeit. 

Nach diesen Worten kiindigt der Handelnde wie sonst den 
Gesang an und entlaBt dann die Kinder mit den Worten: 
«Liebe Kinder, ich entlasse euch nun, ...» 



WEIHNACHTSHANDLUNG 



Der Eintritt geschieht in der gleichen Weise wie bei der Sonn- 
tagshandlung 

Liebe Kinder 

Wir leben in Winters Anfang, 

Unsere Augen sehen nur wenig die auBere Sonne, 

Spat erscheinet sie und fruh verschwindet sie. 

Im Innern aber schaut unser Seelenauge 

In Winters Kalte und Winterdunkel: 

Des Christus hell leuchtende Geistes sonne, 

Die durch Jesus der Menschheit 

Aus gottlichen Reichen erschienen ist. 

In demutiger Hirten Seelen 

Ward gehort der Himmel Wort: 

Es offenbaret Gottes Geist sich in Hohen, 

Und er bringet Frieden den Erdenmenschen, 

In deren Herzen guter Wille wohnet. 

Und die Hirten waren geleitet, 
Durch der Himmel erhabnes Wort, 
Und sie suchten des Gottes Geist 
Nach der Verkiindung auf Erden. 
An der Armut Statte fanden sie 
Das Kind Jesus, der dann wurde 
Der Christus. 



Es ward die erste Weihnacht der Welt 

Als die demiitigen Hirten 

Betenden Herzens knieten 

An der Armut Statte vor Jesus, dem Kindlein, 

Durch das des Geistes Licht 

Erschien den Erdenmenschen. 

Durch den Christus 

Der da ist die Geistessonne 

Werden wir finden 

Den Weg in Geisteshohen, 

Und so werden 

Erst wahre Menschen. 

So dachten die demiitigen Hirten 

In ihren ahnenden Seelen, 

Als sie schauten das Licht 

Das leuchtete aus des Kindleins Augen 

In der ersten Weltweihnacht. 

Und als schauten das Licht 

Die demiitigen Hirten 

Da ward ein neuer Weltenanfang: 

Der Menschheit Christzeit begann. 

Und hell kann es werden seither 

In der Menschen Herzen, 

Die da lernen in Liebe 

Zu sagen: sieh, es ist der Christus 

Durch den die Seele findet 

Den Weg in des Geistes 

Sonnenhelles Reich. 



Und hell wird es bleiben 
In der Menschen Herzen, 
Die liebend erfuhlen 
In ihrem tiefsten Innern 
Das Licht, das da leuchtet 
Auf dem Weg in des Christus 
Sonnenhelles Reich. 

In der Menschen Herzen 
Wird des Winters dunkle Nacht 
Zum hellen Geistestage 
Wenn die Seele sich weihet 
Dem Lichte, das durch Jesus 
Erstrahlet dem Erdenleben. 

Kurzes Umwenden zum Altar. 

Der die Handlung Vollziehende - bzw. der rechtsstehende Hei- 
fer - geht wie sonst zu jedem einzelnen Kinde und spricht zu 
ihm: 

Erhebe die Gedanken und Empfindungen 
Zu dem Christusgeiste. 

Nachdem der Handelnde - bzw. der rechtsstehende Heifer - 
wieder nach vorn gegangen ist, spricht der Handelnde zu alien 
Kindern: 

Ihr sollet erheben die Gedanken und Empfindungen 
Zu dem Christusgeiste, 
Er ist das Licht 

Das leuchtet in der Menschen Herzen 

Auf daB sie finden 

Den Weg zum Gottesreiche. 



Der die Handlung Vollziehende spricht: «Es wird nun verkiin- 
det das Weihnachtsevangelium nach Lukas im 2. Kapitel.» Dies 
wird vom Handelnden - bzw. vom linksstehenden Heifer - ge- 
lesen. Wendung zum Altar. - Nunmehr sollte ein fur Weihnach- 
ten geeignetes Musikstiick ertonen. 

Dann spricht der die Handlung Vollziehende weiter, indem er 
etwas vortritt: 

Durch Geistes Heilesmacht, 
In Welten Weihenacht, 
1st Seelenlicht erwacht, 
Hat Menschenkraft gebracht, 
Hat Herzensmut gebracht, 
Nachdem es einst erwacht, 
Aus Zeiten Weihenacht 
Zu ew'ger Heilesmacht. 

Der die Handlung Vollziehende tritt zuriick und spricht weiter: 

Der Mensch erfullet sich 

Mit wahrem Seelensinn, 

Wenn er zur Weihnachtzeit 

Das Innere wendet, 

In starkem Denken 

In innigem Fuhlen 

Zur Christuskraft, 

Der Mensch erstarket sich 

Durch wahre Geisteskraft 

Wenn er zur Weihnachtzeit 

Das Innere wendet 

Im hellen Denken 

Im warmen Fuhlen 

Zum Christuslicht. 



Der Handelnde sagt den Gesang an: «Es ist ein Ros' entsprungen.» 



Liebe Kinder: 

Das alles haltet in eurem Herzen 
Traget es aus der heiligen Weihnachtzeit 
In das Leben des ganzen Jahres. 

Der Handelnde wendet sich zum Altar, die Heifer setzen sich. 
SchluBmusik. 

Verabschiedung wie bei der Sonntagshandlung. 



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JUGENDFEIER 



(Fur denselben Raum, in dem die Sonntagfeier gehalten wird, 
der auch in derselben Art wie sonst eingerichtet ist): 

1. Jedes Kind tritt einzeln ein. Es wird ihm beim Eintritt, indem 
man ihm die Hand reicht, gesagt: 

Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes in deinem Leben. 

2. Alle Kinder sind versammelt. Der die Handlung Vollbringen- 
de spricht zu alien: 

Liebe Kinder; gedenket der Wichtigkeit dieses Augenblickes 
in eurem Leben. Ihr tretet in ein neues Lebensalter. Von der 
Kindheit zur Jugend steiget ihr auf. Eure Lehrer haben euch 
gefuhrt. Ihre Sorge war, daB der Gottesgeist 

leuchte in eurem Denken 

krafte in eurem Fuhlen 

wirke in eurem Wollen. 

Den Christus, der gestorben ist, auf daB die Menschenseelen 
leben konnen, wollten euch weisen eure Lehrer, auf daB er sei: 

das Licht in eurer Seele 
der Fuhrer auf euren Lebenswegen 
der Spender der Daseinsfreuden 
der Troster im Daseinsleide. 

Der Handelnde wendet sich um und erhebt die Arme zum 

Christusbilde. 

Er spricht: 

Du Licht der Seelen 

Du Fuhrer auf unsren Lebenswegen 




13 Jst^^ Tg jtQ Csvilri*c^<- 



Du Spender der Daseinsfreuden 
Du Troster im Daseinsleide 
Zu dir sprach ich bittend 
Wenn ich Licht erflehte 
Fur dieser Kinder Denken 
Wenn ich Kraft ersehnte 
Fur dieser Kinder Fuhlen 
Wenn ich Wirkensegen erstrebe 
Fur dieser Kinder Wollen; 
So sende dein Licht 
So spende deine Kraft 
So lasse stromen deinen Segen. 
In dieser Stunde 

Auf die, die uns anvertraut waren 

Und die wir jetzt ubergeben dem Leben 

Auf daB sie 

denken durch dein Licht 
fuhlen durch deine Kraft 
Wirken durch deinen Segen 
In all ihrem Erdenleben 
Bis in Todesaugenblicke 

Du sie fuhrest in das Seelensein. 

Denn Du hast gesprochen: 



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An dieser Stelle wendet sich der Handelnde um und liest den 
Kindern das hohepriesterliche Gebet aus dem Johannes-Evange- 
lium vor. Dann begibt sich der Handelnde zu jedem einzelnen 
Kinde, nimmt es an der Hand und spricht zu ihm: 

Durch den Geist des Christus 
Der den Tod iiberwand 
Auf daB der Menschenseele 
Das Leben ward gerettet 
Wurdest du gefuhrt 
Hier in dieser Kindesschule; 
So leite der Christusgeist 

Deine Lebenskrafte 

Deine Seelenmachte 

Deine Geistesziele 
Durch des Lebens groBe Schule. 

Der Handelnde begibt sich an seinen Platz zuriick und spricht 
uber das Osterfest in einer Rede, die etwa den folgenden Inhalt 
hat: 

Liebe Kinder. Im Fruhling war's, wo die Erde in ihren 
Pflanzen neues Leben findet, da der Christus auf Golgatha 
durch den Tod ging. Er starb. Aber er iiberwand den Tod. 
Als Sieger uber den Tod lebet er mit den Menschen; er le- 
bet in den Menschen, die ihn suchen, suchen mit all ihrem 
Denken, Fuhlen und Wollen. Und jedesmal, wenn der 
Fruhling das hohe Osterfest bringt, dann soil der Mensch, 
wenn er das neue Leben der Erde schaut, gedenken des 



1t'4 (Red* kfcv»», tJ^^t^LJ ojucAc^ JitLcl eULt, A.« Jt*~J>*~"l* 

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Todes und der Auferstehung des Christus. Liebe Kinder, 
gedenket jedes Jahr zu dieser Osterzeit des Festes, das wir 
heute mit euch feiern und feiert es jedes Jahr neu, auf daB 
in euch der Gedanke belebt werde von dem Tode, der 
Auferstehung des Christus und von seinem Wohnen in den 
Seelen derer, die ihn suchen. 

Diese Rede kann weiter ausgefuhrt werden durch alles, was der 
Handelnde den Kindern sagen mochte. 

Dann der Gesang wie bei den Sonntagsfeiern. 

Zuletzt: 



Liebe Kinder, allsonntaglich habe ich euch 
entlassen, euch auffordernd, zu gedenken, 
was ihr hier erlebt habt; 
jetzt entlasse ich euch 
mit sorgender Seele 
In das Leben 

Der Christusgeist sei mit euch 
Suchet ihn 

Ihr werdet ihn finden: 
Als Euer Licht 
Als Eure Kraft 
Als euren Fuhrer 
Als euren Troster. 



hJU, Uv^A UJ^ C^ycl* tA*AU$*»i *M 



Jedes Kind wird einzeln entlassen; man nimmt es an der Hand 
und spricht zu ihm: 

Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes 

in deinem Leben. 
VergiB ihn nimmer, nicht in Freud, nicht im Leide. 



_ , -0— 

Sot. &eU,s4.po~U tAsUcfaAJtc ***** . 



OPFERFEIER 



I: Der Opfer-Feiernde (mit den Helfern zur linken und rechten) 
steht vor dem Opfertisch, Gesicht nach diesem gerichtet und 
spricht: 

Christi Taten auf Golgatha 

Stehen vor unseren Seelen. 

Die Weihe-Stimmung unserer Seelen 

Offenbaret uns Christi Taten auf Erden. 

Die Verehrung unserer Seelen 

Betet zu Christi Menschheitsopfer. 

Die Andacht unserer Seelen 

Fuhre in diesen Opferraum 

Das Erleben von Christi Menschheitsopfer. 

Nach einer Pause spricht der Feiernde weiter: 

Der Vatergott sei in uns 

Der Sohnesgott schaffe in uns 

Der Geistgott erleuchte uns. 

Der Feiernde wendet sich um und spricht zur Gemeinde: 
Christus in euch 

Der vom Feiernden rechtsstehende Heifer erwidert: 
Und deinen Geist erfiille Er. 

Nun spricht in der Richtung nach dem Opfertisch der von dem 
Feiernden rechtsstehende Heifer: 

Zu dem Vatergotte wenden 

Wir unseren Geist. 

Er webt im Weltengrunde 

Er lebt in unserer Menschheit. 



/fcJ-^e- t&^uft . 
Fun, U*%tjv\jc* JiA*i*r-<t c/kAjUst* 

VonAox, «M<n. opioid; ZAs : 

3ti 4 f5 e*+j-£a*£-3cJct, O ****** * &6**t4 



Wir sind alles, 
Was wir sind 
In seinem Sein 
Durch seine Kraft. 



Zu dem Sohnesgotte wenden 

Wir unsere Seele. 

Er waltet als ewiges Wort 

In Weltensein und Menschenwesen 

Wir finden Trost 

Fur unsere Schwachheit 

In seiner Starke, 

In seiner Opfertat. 

Zu dem Geistgotte wenden 

Wir unseren Willen 

Er leuchte in unseren Entschlussen 

Er walte in unseren Taten. 

Wir finden Starke 

In unserer Finsternis 

Durch sein Licht, 

Und Seelenkraft durch ihn 

Als Geistessonne. 



Mit dem Gesichte zur Gemeinde liest nun der zur linken vom 
Feiernden stehende Heifer ein Kapitel aus dem Evangelium. 

Vorher aber spricht er: 

Mein Herz trage in sich 
Das BewuBtsein Deines Lebens 
O Christus; 



tic*, tHr*~ (f^^, ^ Tt^eSkJUZy zJL. df^t.fy ~*Lt,/2y£^ 



Meinen Lippen entstrome 
Dein reines Wort 

O Christus. 
Deine Gnade wiirdige 
Mich, zu sprechen Dein Wort 

O Christus. 

(Evangelien Lesung) 



Der Feiernde in der Mitte spricht mit dem Gesichte zum Opfer- 
tisch: 

Wir erheben unsre Seele 

Zu Dir, o Christus. 

Dein Evangelium 

Als reines Wort 

Tilget aus unsern Worten 

Was unrein in ihnen ist. 

Der Feiernde wendet sich zur Gemeinde und spricht: 
Christus in euch 

Der ihm rechts mit Bezug auf den Opfertisch Stehende erwidert: 
Und deinen Geist erfiille Er. 
[Pause]. 

Der vom Feiernden (immer in der Richtung zum Opfertisch ge- 
meint) rechtsstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum 
Opfertisch: 

Dir, ewiger Weltengrund, 
Webend in Raumesweiten 
Und in Zeitenfernen 
Opfern die heiligsten Gefuhle 
Deiner Menschensprossen 
Hingegebene Herzen. 



Jo jAotw* Zk? ^ ei^Aj 

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Ck, t So S &<■ &4 




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2, 



Du schauest in die Schwachen 

Dieser Herzen; 

So strome zu Dir auch 

Die Sehnsucht dieser Herzen. 



Der linksstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer- 
tisch: 

Ja so sei es. 

Der Feiernde spricht mit dem Gesichte zum Opfertisch: 

All unser Menschensein 

Denke hin zu Christi Tat. 

Unser Leib sehnet sich 

Nach Christi Kraft 
§- Unser Blut sehnet sich 

ET Nach Christi Licht. 

era (mit erhobenen Armen) 



C/5 



In Deinen Sonnenhohen 
O Christus schaue 
Auf das Opfer 

Unseres Menschenseins; 

Unseres beseelten Leibes, 

Unseres durchgeisteten Blutes. 

Sie seien in Dir 

Du seiest in ihnen. 



Der rechtsstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer- 
tisch: 

Aus des Menschen Seelenopfer 
Aus des Menschen Geistesopfer 
Werde das wesenschaffende Liebefeuer 
Das walte von Mensch zu Gott 
Das walte von Mensch zu Mensch. 



Oct e^A^jt^^tsrv 
























2 x~ 

& 3ce4 , |teM* it* 

. 



Der linksstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer- 
tisch: 

Ja, so sei es. 

Der Feiernde wendet sich zur Gemeinde und spricht: 

Christus in euch. 

Der rechtsstehende Heifer wendet sich zur Gemeinde und 
spricht: 

Und deinen Geist erfulle Er. 
[Pause]. 

Der linksstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer- 
tisch: 

Unser Denken leuchte 
Dir entgegen 
Unser Fuhlen sehne 
Sich nach Dir 
Unser Wollen krafte 
Nach Dir 

Gottlicher Weltengrund. 

Der rechtsstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer- 
tisch: 

Unser Schicksal walte 
mit Dir 

Unser Leben fliesse 
In Dir 

Unser Sehnen trachte 
Nach Dir 

Christus, Du Walter fur uns. 

Der Feiernde spricht mit dem Gesichte zum Opfertisch: 

Er hat sich geeint 
Bevor Er hinging 



TruX atiw 



~~ — - — - — 

















n&Zt . 



Zum Menschentode 

Mit den Seinen. 

Er weihte Seinen Leib 

Den Trager Seiner Seele 

Dem gottlichen Weltengrund 

Er weihte Sein Blut 

Den Trager Seines Geistes 

Dem Lichte des Weltengrundes 

Und so gab Er Sich hin 

Den Seinen. 

So lasset in Geistes-Wandelung 
Unseren Leib 
Unserer Seele Trager 
Unser Blut 

Unseres Geistes Trager 
Werden Seinen Leib 
Werden Sein Blut. 
Er sprach: 
Nehmet hin; 

Seine Gnade lasse uns sprechen 

Nimm hin: 

Wir mochten 

Dir geben: 

Das Opfer 

Im Lichte 

Deines Opfers 

Suchend unser Sein 

In Deinem Sein. 



* / S<ive, tOcot^t to*-&*£ . 

3*» &U&>£4^^ Jke^ C^'yt ^ty^ty) . 

" * 



Christus walte 
Heil-tragend 
In unserer Seele 
Kraft spendend 
In unserem Geiste. 

Der rechtsstehende Heifer spricht (Gesicht zum Opfertisch) 

Christus ist in uns 
Sein Licht leuchtet 
Seine Gnade waltet 
Seine Kraft webet allhier. 

Der linksstehende Heifer spricht (Gesicht zum Opfertisch): 

Der Geist-gott 
Walte tiber unser Denken 
Webe in unserem Fuhlen 
Wirke aus unserem Wollen. 

Der Feiernde wendet sich zur Gemeinde und spricht: 

Christus in euch 

Der rechtsstehende Heifer wendet sich zur Gemeinde und er- 
widert: 

Und deinen Geist erfulle Er. 

Der linksstehende Heifer zur Gemeinde: 

Ja so sei es. 
(Pause) 

Der linksstehende Heifer, Gesicht zum Opfertisch: 
O Christus, Du hast 



e7r> £-<-<»-» t^4s^of^~CCiJLin. §t±Xi, 
Joy, J^CcJ^U f+f*£<*~ 

^c^, ^e^'-^^A^ ----- 
J~ a yn^cAif t*ti^e/c t xJai^f 



In unerschopflicher Giite 
In unermesslicher Liebe 
In grenzenloser Gnade 
Den Frieden gegeben 
Den Deinigen 

Der rechte Heifer, Gesicht zum Opfertisch, setzt 

So mache unseren Geist 
Hell von Licht erfullt 

So mache unser Wort 
Rein von Gedanken erfullt 

So mache unser Herz 
Lauter und sundenrein. 

Der Feiernde, Gesicht zum Opfertisch: 

Christus in uns 
Sein heller, lichterfullter Geist 
In unsrem Geiste 

Seine reinen, seelewarmen Gedanken 
In unsrer Seele 

Sein lautres, sundenreines Herz 
In unsrem Herzen. 

Christus, wir empfangen Dich 
Zur Gesundung unseres Leibes 
Zur Gesundung unsrer Seele 
Zur Gesundung unsres Geistes. 



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C/5 

1-4 

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Der linksstehende Heifer, Gesicht zum Opfertisch: 

Ja, so sei es. 

Der rechtsstehende Heifer geht zu jedem Gemeindemitgliede, 
beruhrt mit zwei Fingern dessen Stirn und spricht: 

Christi Geist lebe in dir 

Das Gemeindemitglied erwidert: 

Ich darf empfangen Christi Geist. 

Nach Absolvierung geht der rechtsstehende Heifer an seinen 
Platz zuriick (es kann hier Musik eingefiigt werden). 

Dann Schluss: 
Der Feiernde, Gesicht zur Gemeinde: 

Christus in euch 
Der rechtsstehende Heifer, Gesicht zur Gemeinde: 

Und deinen Geist erfulle Er. 

Der linksstehende Heifer zur Gemeinde: 

Nehmet hin dies 
Als die opfernde Tat 
der Menschenseele. 

Der rechtsstehende Heifer, zur Gemeinde. 



Ja, so sei es. 



EVANGELIEN-TEXTE 

Ubertragungen von Rudolf Steiner 



A* 

A&a 'jt dmt/h %tjfttt' guvtrlu*/ wv*) *«/1pv ofafa *f. 

& w cJu nu*/j t tf**Jt wjjett, ^ufu^M, / h**^ c ffi»«y 

2cv[vi, Hawr j"** J***^ 1 * / hp ir attest, wndu»a._ 

2tuw eU, utjft. dtvU, A? alto hc^^ «M*2SU4t *» 
IffeU- f(fm*»v*>- 

A JUL ui>}£»*> fh»jj~> /«W<^ (cOt*, titl ^W*^ facM4^<~ 

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DER ANFANG DES JOH ANNES -E V ANGELIUMS 



Kap. 1. 1-14 



Im Urbeginne war das Wort; und das Wort war bei 

Gott, und ein Gott war das Wort. 

Dieses war im Urbeginne bei Gott. 

Alles ist durch dasselbe geworden; und auBer durch 

dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden. 

In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht 

der Menschen. 

Und das Licht schien in die Finsternis, aber die 
Finsternis hat es nicht begriffen. 
Es ward ein Mensch, gesandt von Gott, mit 
seinem Namen Johannes. 

Dieser kam zum Zeugnis, auf daB er Zeugnis ablege 
von dem Licht, auf daB durch ihn alle glauben sollten. 
Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des 
Lichtes. 

Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, 

sollte in die Welt kommen. 

Es war in der Welt, und die Welt ist durch es 

geworden, aber die Welt hat es nicht erkannt. 

In die einzelnen Menschen kam es; aber die einzelnen 

Menschen nahmen es nicht auf. 

Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch ihn als 
Gottes Kinder offenbaren. 

Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut, 
nicht aus dem Willen des Fleisches, und nicht aus 
menschlichem Willen, sondern aus Gott geworden. 
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns 
gewohnet, und wir haben seine Lehre gehort; die Lehre 
von dem einzigen Sohn des Vaters, erfullt von Hingabe 
und Wahrheit. 



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DAS HOHEPRIESTERLICHE GEBET 



Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-8, 24, 26 

Jesus versetzte sich in die Geistesschau und sprach: 
Vaterlicher Weltengrund: 

lasse offenbar werden Deines Sohnes Schaffen, 
damit durch Deines Sohnes Schaffen 
auch Du offenbar werdest. 

Du hast ihn zum Schaffenden gemacht 
in alien fleischlichen Menschenleibern, 
daB er in die Zukunft lebend 
fiihre Alle, die durch Dich zu ihm kamen. 

Sie werden in der Zukunft leben dadurch, 
daB ihr Seelenauge bereitet ist, 

Dich zu schauen als den wahrhaft Einigen Weltengrund 
und den schaffenden Christus Jesus, 
den Du zu ihnen gesandt hast. 

Durch mich wurdest Du im Erdensein wieder offenbar, 
als die Erde Deine Offenbarung umwolkte. 
Solches war Dein Wille, der durch mich wirkte. 

So auch, vaterlicher Weltengrund, 
lasse jetzt erstrahlen die Offenbarung, 
die durch mich schon ward, ehe Du in 
der Erdenwelt offenbar wurdest. - 



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^o^Um^-ua Vtfv\ Put j 



vuk^ vnw. 
~«~J w*^ ajfcJw Ar tt*A { 



Durch mich ward das Wort, 

das Dich offenbart, in Menschenseelen offenbar, 

die durch Dich zu mir kamen. 

Du warst in ihnen, 

durch Dich kamen sie zu mir, 

und sie haben in sich genommen 

die Erkenntnis von Dir. 

Von ihnen ward erkannt, 
daB, was ich zu ihnen sprach, 
von Dir durch mich 
zu ihnen gesprochen ward. 

Vaterlicher Weltengrund, das erflehe ich, 

daB sie, die durch mich zu Dir gekommen sind, 

immer sein mogen lebend bei Dir, 

wie ich bei Dir bin, 

und daB sie da schauen Deine Offenbarung, 
die Du liebend vor mir erstrahlen lieBest, 
bevor die Erde noch war. 

Durch mich ward offenbar das Wort, 
das Dich offenbart, 

und ich will tragen dies Wort in Menschenseelen, 

auf daB die Liebe, mit der Du mich liebest, 

in ihnen sich bewahre, 

und so auch mein ewiges Leben 

ihr Leben ewig bewahre. 



III *' * 

■6UU .Ok, vvIU tiUc wi* ^fi4w Uft, jf* 



Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-9 



Nachdem Jesus dieses geredet hatte, erhob er seine Augen zum 
Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen, offenbare es 
deinem Sohne, auf daB dein Sohn es von dir offenbare, wie du 
ihm Macht iiber alles Fleisch gegeben hast, damit er den ihm zu 
eigen gegebenen das dauernde Leben gebe. Das aber ist das dau- 
ernde Leben, daB sie Dich als den einzig wahren Gott erkennen 
und Jesus Christus als den Abgesandten. Ich habe Dich auf Er- 
den geoffenbaret, um zum Ziele zu bringen das Werk, das Du 
mir zu tun auferlegt hast. Und nun offenbare mich, Vater, mit 
der Offenbarung, die mir durch dich ward, ehe die Welt be- 
stand. Ich habe [Dich] zur Erscheinung gebracht fiir die Men- 
schen, welche Du mir aus der Welt zugeteilt hast. Dein waren 
sie und du gabst sie mir, und sie sind von Deinen Worten erfullt 
geblieben. 

So haben sie erkannt, wie alles, was Du mir gegeben hast, aus 
Dir ist. Denn die Gedankenkrafte, die Du mir gegeben hast, 
habe ich zu ihnen gebracht. Sie haben sich mit ihnen verbunden 
und durchschaut, daB ich von Dir komme und eingesehen, daB 
Du mich ihnen gegeben hast. 

Fiir sie als einzelne Menschen, nicht fiir die Menschen im 
Allgemeinen, bitte ich bei Dir, nur fiir die Menschen, die Du 
mir gegeben hast, weil sie durch Dich sind. - 



ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE 
UND GESTALTUNG 
DER SCHULHANDLUNG 



HERBERT HAHN 



Vom Entstehen des Freien Religionsunterrichtes 
in der Waldorfschule und vom 
Einrichten der Sonntagshandlungen 



Als im Friihling und im Sommer 1919 die grundlegenden Ge- 
sprache iiber den inneren Aufbau der Freien Waldorfschule mit 
Rudolf Steiner gefuhrt wurden, war zunachst von der Einrich- 
tung eines besonderen, im Geiste der Waldorfschulpadagogik zu 
erteilenden Religions-Unterrichtes nicht die Rede. Rudolf Stei- 
ner auBerte sich einmal in dem Sinne, daB dank der zentralen 
Stellung, die eine im Ubersinnlichen verankerte Menschenkunde 
in der Waldorfschul-Padagogik hat, im Grunde jede einzelne 
Unterrichtsstunde den Bedurfnissen Rechnung trage, die sonst 
in einem ausgesonderten Religionsunterricht gepflegt werden. 

Aber schon im Herbst 1919 wurde ein fachlich herausge- 
hobener, in je zwei Wochenstunden zu erteilender «freier Reli- 
gionsunterricht in den Lehrplan der Waldorfschule aufgenom- 
men. Diese fur manche uberraschende Wendung erfolgte - wie 
alle Schritte auf dem Lebenswege Rudolf Steiners - auf Grund 
konkreter, vom Leben selbst abgelesener Notwendigkeiten. Es 
hatte sich inzwischen ergeben, daB betrachtliche Gruppen evan- 
gelischer und katholischer Eltern darauf Wert legten, [ * ] daB fur 
die Kinder neben dem allgemeinen Unterricht der Waldorf- 
schule ein besonderer konfessioneller Religions-Unterricht ein- 
gefuhrt werden. Rudolf Steiner entsprach diesem Wunsche ei- 
nes groBen Teiles der Elternschaft. Er nahm die Religionsstun- 
den aber in der Form auf, daB sie nur «auf dem Boden der 
Freien Waldorf schule», also gleichsam exterritorial erteilt wer- 
den sollten. Mit anderen Worten: die Waldorfschule stellte fur 



[* Siehe unter «Hinweise».] 



den Religionsunterricht nur die Raumlichkeiten zur Verfiigung, 
lehnte aber jede padagogische Verantwortung fiir ihn ebenso 
sehr ab, wie sie auf jede EinfluBnahme verzichtete. Bei den 
Erwagungen, die die Durchfiihrung dieses Schrittes begleiteten, 
ergab sich aber, daB eine Gruppe von Schiilern iibrig blieb, die 
weder fiir einen evangelischen noch fiir einen katholischen, 
noch sonst fiir einen konfessionellen Religions-Unterricht in 
Frage kamen. Es handelte sich hauptsachlich um die Kinder 
von Arbeitern und Angestellten der Zigarettenfabrik Waldorf- 
Astoria, die ja als Griinderin der neuen Schule zugleich auch 
den Kern der ersten Schiilerschaft gestellt hatte. Nachdem 
iiberhaupt die Einrichtung eines besonderen Religions-Unter- 
richtes sich als notwendig erwiesen hatte, wollte Rudolf Steiner 
nicht, daB die Kinder der konfessionslosen Eltern durch das 
vollige Wegfallen von Religionsstunden in eine Sonderstellung 
geriickt wiirden. So richtete er fiir diejenigen unter ihnen, deren 
Eltern solches ausdriicklich wiinschten, einen nicht-konfessio- 
nellen christlichen Religions-Unterricht ein, der den Namen 
«freier Religions-Unterricht» erhielt. Dieser Unterricht hatte 
von Anfang an nichts mit dem «Freireligi6sen» im iiberkomme- 
nen Sinne des Wortes zu tun. Ohne Hinblick auf konfessionel- 
le Bindungen und mit dem einzigen Ziel, die Kinder fiir ihr 
spateres Wirken mit lebendigen religiosen Kraften auszustatten, 
stellt er es sich zur Aufgabe, die groBen Grundwahrheiten des 
Christentums in freier Weise darzustellen und zu entfalten. Da 
er von Lehrern der Waldorfschule oder von Freunden der 
Waldorf-Padagogik erteilt werden sollte, durfte er fiir seine 
Methodik die Gesichtspunkte in Anwendung bringen, die sich 
aus der geisteswissenschaftlichen Menschenkunde Rudolf Stei- 
ners ergeben. Doch ebenso wenig wie der allgemeine Unter- 
richt in der Waldorfschule, wurde er als ein«Unterricht in 
Anthroposophie» veranlagt. Bei jedem ernsten Eingehen auf die 
Elemente der Padagogik Rudolf Steiners muBte sich ja erwei- 
sen, daB eine solche im miBverstandenen Sinne «anthroposophi- 
sche Tendenz» sich selbst aus dem lebendigen Erziehungsstrom 



ausschaltet. War dieser Unterricht aber einerseits mit der Me- 
thodik des Waldorfunterrichts verbunden, so sollte er sich in 
seiner organisatorischen Eingliederung in das Ganze der Schule 
doch in keiner Weise vom konfessionellen Religions-Unterricht 
abheben. Das heiBt: auch der freie Religionsunterricht konnte 
nur als «exterritorial» aufgenommen werden. 

Als erste Lehrer fur diesen Unterricht wurden im Herbst 
(wahrscheinlich im Oktober) 1919 durch Rudolf Steiner berufen: 
Friedrich Oehlschlegel fur die Klassen 5 bis einschlieBlich 8; 
Herbert Hahn fur die Klassen 1 bis einschlieBlich 4. Die ge- 
nannten Klassenstufen wurden in je zwei groBe Gruppen zu- 
sammengefaBt: eine Gruppe der unteren und eine Gruppe der 
oberen Volksschulklassen; so daB Oehlschlegel wie auch der 
Schreiber dieses Beitrages nur je zwei Religionsstunden in der 
Woche zu erteilen hatten. Die groBe methodische Grund-Dispo- 
sition fur beide Stufen des Unterrichts wurde durch Rudolf 
Steiner in einer Konferenz vom 26. September 1919 gegeben. 

Einige Wochen, nachdem der neue Unterricht eingefuhrt 
worden war, also im Spatherbst des gleichen Jahres (am 3. No- 
vember 1919), fand in der Waldorf schule ein Elternabend statt 
fur die Eltern, deren Kinder diesen Religionsunterricht besuch- 
ten. Auf diesem Elternabend wurde, soweit ich mich erinnere, 
nur eine einzige Frage besprochen. Es handelte sich darum, ob 
nicht ftir die Kinder, die zum freien Religionsunterricht gehoren, 
so etwas eingerichtet werden konne wie eine Sonntagsfeier. 
Hauptsachlich war es wieder Emil Molt, der Gninder der Wal- 
dorfschule, der sich zum Sprecher dieses in der Elternschaft auf- 
lebenden Willens machte. Nachdem von den Anwesenden einige 
Anregungen gegeben worden waren, wurden Oehlschlegel und 
ich gebeten, uns weiter mit dieser Frage zu beschaftigen. Wir 
sollten einige Vorschlage ausarbeiten, und es wurde vereinbart, 
daB wir diese mit Dr. Steiner bei dessen nachster Anwesenheit 
in Stuttgart besprechen sollten. 

Oehlschlegel und ich erlebten deutlich, daB die aus der 
Elternschaft kommenden Anregungen einem heranwachsenden 



Bediirfnis entsprachen. Der Unterricht verlangte von innen her 
nach etwas, das iiber die bloBe Unterweisung hinausgehen und 
den Charakter einer Feier tragen muBte. Aber sobald wir anfin- 
gen, uns konkretere Vorstellungen iiber die Art dieser Feier zu 
machen, befanden wir uns in groBer Verlegenheit. Worauf wir 
verfielen, kam uns entweder als Abklatsch eines Alten, Her- 
gebrachten vor, oder es erschien uns zu subjektiv. Man dachte 
etwa an die Verlesung eines Evangelien-Abschnittes, an kleine 
Ansprachen; oder an die eurythmische Darstellung der Spriiche 
aus dem Seelenkalender Rudolf Steiners. Wirklich erlost waren 
wir daher, als Dr. Steiner in der Weihnachtszeit 1919 wieder 
nach Stuttgart kam und uns auch bald die Zusage gab, die uns 
sorgenden Fragen mal mit uns zu besprechen. 

Das Gesprach fand im kleinen Vorraum des jetzigen Verwal- 
tungsrats-Zimmers statt. Wir berichteten Rudolf Steiner iiber 
den erwahnten Elternabend und iiber unsere bisherigen Bernii- 
hungen. Mit groBer Geduld und mit seinem giitig-ernsten La- 
cheln horte er sich alle Einzelheiten an. Er auBerte sich nur zu 
dem Vorschlag, bei den einzurichtenden Sonntagsfeiern die Wo- 
chenspriiche eurythmisch darzustellen. «Eurythmie?» - sagte er 
langsam - «Aber das ist doch eine weltliche Kunst! Da miiBte 
ich dann schon Formen fur eine besondere Art kultischer Euryth- 
mie geben.» Nun entstand, soweit ich mich erinnere, eine Pause 
im Gesprach. Plotzlich ging es wie ein Ruck durch die Gestalt 
Rudolf Steiners, und mit groBem Nachdruck rief er: «Das muB 
dann schon ein Kultus sein!» Wir sahen ihn iiberrascht an. Und 
weiterhin mit Nachdruck sprechend, sagte er: «Aber es wird 
sehr schwer sein, ihn hinzustellen. Denn wenn wir ihn einfiih- 
ren, muB er vollig <Tabu> sein!» - Dann fuhr er nach einen klei- 
neren Pause in gewohnlichem Tonfall fort: «Aber es wird schon 
gehen, ihn hinzustellen: er miiBte so hingestellt werden, daB er 
etwas ist.» - Und wieder nach einer Weile des Nachsinnens: 
«Konnte er gegeben werden, dann ware er zugleich die erste 
Wiederankniipfung an unsere durch den Krieg unterbrochene 
Esoterik.» 



Rudolf Steiner sagte nun noch, er werde prufen, welche Mog- 
lichkeiten fur das Aufnehmen eines solchen Kultus vorhanden 
seien, und uns dann Bescheid geben. Damit war dieses Gesprach 
beendet. 

Fur die geschichtliche Entwicklung unserer Arbeit ist es von 
Bedeutung festzuhalten, daB der Gedanke an einen Kultus in 
Oehlschlegels und meinen Uberlegungen nie aufgetaucht war. 
Auch, was wir an Dr. Steiner herangetragen hatten, ging uber 
den Rahmen von Erwagungen iiber eine «Sonntagsandacht» 
nicht hinaus. Der Hinweis auf die objektive Form des Kultus 
kam ausschlieBlich von Rudolf Steiner. 

Ein weiteres Gesprach iiber diese Fragen fand nicht statt. 
Wenige Tage spater ubergab uns Dr. Steiner als Antwort den 
Text der ersten Sonntagshandlung. Wir schrieben ihn uns ab, 
Oehlschlegel behielt das Original bei sich. Im Einvernehmen mit 
Frau Bertha Molt und Frau Hertha Kogel, die Dr. Steiner als 
Helferinnen bei den Sonntagshandlungen angewiesen hatte, gin- 
gen wir an die Vorbereitung der ersten Handlung. Es ging vor 
allem darum, den Handlungsraum im jetzigen Saulensaal der 
Waldorfschule einzurichten. 

Uber alle Einzelheiten dieser Einrichtung konnten Oehlschle- 
gel und ich noch ein Gesprach mit Dr. Steiner haben. Er zeich- 
nete genau die Form des Altars auf und machte die Angabe, daB 
dieser ebenso wie der ganze Handlungsraum rot sein solle. Fur 
die Leuchter gab er Schwarz als Farbe an. Er sagte, es sollen sie- 
ben Leuchter im vorspringenden stumpfen Winkel aufgestellt 
werden und so, daB der kleinste die Spitze bilden, die beiden 
groBten zu auBerst stehen sollten. An der Altarwand sei Leon- 
ardo da Vincis in der Brera in Mailand aufbewahrte farbige 
Skizze zum Christuskopf im Abendmahl aufzuhangen; und 
zwar im blauen Rahmen. 

Die Angaben fur die rechts und links vom Altar stehenden 
und fur die beiden Heifer bestimmten Stuhle sind von Dr. Stei- 
ner erst spater, als die Opferfeier eingerichtet wurde, mitgeteilt 
worden. Ursprunglich standen keine Stuhle da. Uber die Orien- 



tierung des Altars bzw. des ganzen Raumes, wurden von Dr. 
Steiner keinerlei Angaben gemacht. 

Ich erinnere mich, daB Dr. Steiner bei dem Gesprach, in dem 
er uns alle diese Einzelheiten ubermittelte, von ganz besonderer 
Warme und Aufgeschlossenheit war. Er gab uns zu verstehen, 
daB er miterlebte, wie wir den Beginn der Handlungen als etwas 
GroBes und sehr Bedeutungsvolles empfanden. Mit unvergeB- 
licher Herzlichkeit geleitete er uns nach Beendigung des Gespra- 
ches hinaus. 

Der eigentliche Anfang der Handlungen sollte fur mich eine 
einschneidende schicksalhafte Wendung bringen. Im Januar 1920 
entschloB sich Friedrich Oehlschlegel plotzlich, eine Reise durch 
die Vereinigten Staaten von Amerika anzutreten. Als Deutsch- 
Amerikaner glaubte er, Moglichkeiten zu sehen, in den Staaten ein 
starkes Interesse zu entfachen fur die Idee der Dreigliederung des 
sozialen Organismus. Die Reise erfolgte ohne Verstandigung mit 
Dr. Steiner und unter z. T. auch heute noch ratselhaften Voraus- 
setzungen. Sie verlief unglucklich. Oehlschlegel erkrankte in 
Amerika bald so schwer, daB er fur immer aus dem Verband der 
Waldorfschule ausscheiden muBte. So stand ich vor der schweren 
Aufgabe, die eigentliche Einfuhrung der Sonntagshandlung ganz 
allein tragen zu mussen. Die erste Handlung fand am 1. Februar 
1920 unter starker Beteiligung in festlicher Art statt. Von da ab 
wurde es meine Aufgabe, iiber ein Jahr lang die Sonntagshandlung 
und auch die nach ihr von Rudolf Steiner gegebenen kultischen 
Handlungen (Weihnachtshandlung und Jugendfeier) Sonntag fur 
Sonntag allein zu halten. Denn Dr. Steiner berief nach Oehlschle- 
gels Abgang zunachst keinen neuen Religionslehrer. Ich hatte 
nunmehr auch die bisher von Oehlschlegel gefuhrte Gruppe (Kl. 
5-8) unterrichtlich zu betreuen. Als nachster Lehrer fur den freien 
Religions-Unterricht trat spater Ernst Uehli an meine Seite. Ihm 
folgte dann Wilhelm Ruhtenberg. Auch Adolf Arenson und Sigis- 
mund von Gleich haben voriibergehend Gruppen des freien Reli- 
gions-Unterrichts gefuhrt. Dr. Karl Schubert nahm, bald nach 
seiner Ankunft aus Wien, im Februar 1920 an einer der ersten 



Sonntagshandlungen teil. Er ist aber erst einige Jahre spater Reli- 
gionslehrer geworden. 

Dr. Steiner hat, wenn er gerade in Stuttgart war, die Sonn- 
tagshandlungen immer wieder besucht. Zum ersten Mai wohnte 
er am 29. Februar 1920 einer Sonntagshandlung bei. Bei einigen 
dieser Besuche begleitete ihn auch Frau Dr. Steiner. Im ubrigen 
legte Dr. Steiner den allergroBten Wert darauf, daB diese Hand- 
lungen, auch was die an ihnen Teilnehmenden betrifft, streng im 
Verband der Schule blieben. Er hielt es fur naturlich und erstre- 
benswert, daB an ihnen auBer den in Frage kommenden Kindern 
auch alle Mitglieder des Lehrerkollegiums der Waldorfschule 
teilnahmen. Sonst sollte sich die Teilnahme der erwachsenen Be- 
sucher auf die Eltern der betreffenden Kinder oder - bei in Pen- 
sion befindlichen Kindern - auf die Stellvertreter der Eltern be- 
schranken. Andere Anspriiche auf den Besuch der Handlungen 
wurden nicht selten an ihn herangetragen. Er wies sie immer mit 
Entschiedenheit zuruck. Einmal auBerte er, daB auf der gewis- 
senhaften Wahrung dieser aus der Sache und schicksalhaft gebo- 
tenen Grenzen die innere Pflege der kultischen Handlungen mit 
beruhe. 

Da nicht die letzten und kleinsten Einzelheiten bezuglich der 
Einrichtung der Handlungen und des Raumes mit Dr. Steiner 
vorher hatten besprochen werden konnen, fragte ich ihn nach 
seinen ersten Besuchen einigemal, ob er mit der Art, wie wir 
seine Hinweise durchgefuhrt hatten, einverstanden sei, oder ob 
er fur richtig halte, daB das eine oder das andere anders getan 
werde. Er sagte wiederholt: «Es ist gut so.» «Es ist alles in Ord- 
nung.» Und so besitzen wir auch in bezug auf diese Einzelhei- 
ten eine Bestatigung von objektivem Wert. Als ich ihn bei Be- 
ginn der Handlungen noch nach einem Evangelientext fragte, 
schlug er den Anfang des Johannes-Evangeliums, Joh. 1, 1-14, 
vor. Dieser Text ist, Sonntag fur Sonntag, lange Zeit bei den 
Handlungen gelesen worden. Spater empfahl er fur die Auswahl 
der Evangelientexte eine freie Anlehnung an die alteren kirch- 
lichen Perikopen. 



Er sah, wie auch aus seiner ersten AuBerung im Gesprach mit 
Oehlschlegel und mir hervorgeht, die Einfuhrung der Handlun- 
gen als eine auBerst sorgsame und verantwortungsvolle Angele- 
genheit an. Etwas von dieser Besorgtheit blickte auch noch in 
seiner Haltung in den ersten Monaten des Jahres 1920 durch. 
Einige Zeit spater auBerte er sich in einer Lehrerkonferenz etwa 
mit diesen Worten: «Was die Sonntagshandlungen betrifft, kann 
ich mir die verschiedensten Einstellungen vorstellen. Aber ich 
kann auch verstehen, daB die, welche mit ihnen zu tun haben, 
dabei ahnliche Empfindungen haben, wie die ersten Christen, 
wenn sie in die Katakomben hinunterstiegen.» Etwa von dieser 
Zeit ab konnte man erleben, daB er die Handlungen als ein ob- 
jektiv Dastehendes, mit den Stunden des freien Religions-Unter- 
richtes zu einer Einheit Verschmolzenes betrachtete. 

Die schon erwahnte Weihnachtshandlung wurde auf eine An- 
frage von mir in der Weihnachtszeit 1920 durch Dr. Steiner ge- 
geben. Am 25. Dezember dieses Jahres wurde sie zum erstenmal 
gehalten. Ihr folgte die Jugendfeier, die am Palmsonntag des Jah- 
res 1921 zum erstenmal gehalten wurde. Erst zwei Jahre spater 
gab Rudolf Steiner auf Grund eines aus der Schulerschaft der 
damaligen oberen Schulklasse geauBerten Bedurfnisses den Text 
der Opferfeier. Sie wurde in der Osterzeit 1923 durch Dr. Karl 
Schubert, Dr. Maria Roschl und mich zum erstenmal gehalten. 

Wie schon betont wurde, betrachtete Dr. Steiner diese Hand- 
lungen nach ihrer Einfuhrung als ein unloslich mit dem freien 
Religionsunterricht Verbundenes. Er wollte nicht, daB in Wal- 
dorfschulen oder in Instituten der freie Religions-Unterricht er- 
teilt wurde, ohne daB die Handlungen gehalten werden. Einmal 
bezeichnete er die letzteren als dritte Religionsstunde. Mit dieser 
AuBerung war naturlich nicht verbunden, daB der Besuch der 
Handlungen fur die am freien Religions-Unterricht teilnehmen- 
den Kinder im Einzelfalle obligatorisch gemacht werden sollte. 
Aber bei der allmahlich stattfindenden Erweiterung des Kolle- 
giums der Lehrer des freien Religionsunterrichts achtete Dr. 
Steiner sehr darauf, daB niemand den freien Religionsunterricht 



geben solle, der nicht zugleich auch Handlungen halte und um- 
gekehrt. Ja, dieser Hinblick auf die Handlungen war, wie die 
Erfahrung zeigte, stark mitbestimmend fur ihn bei der Berufung 
neuer Lehrkrafte fur den freien Religionsunterricht. Er sagte 
wiederholt: «Ja - der oder der - konnte den freien Religionsun- 
terricht schon ganz gut geben. Aber mit den Handlungen wird's 
nicht gehen!» - An dieser Stelle sei nochmals hervorgehoben, 
daB Rudolf Steiner es fur durchaus moglich hielt, fur den freien 
Religionsunterricht bewahrte fahige Personlichkeiten der anthro- 
posophischen Gesellschaft zu berufen, auch wenn solche Per- 
sonlichkeiten nicht zum Lehrerkollegium der Waldorfschule ge- 
horten oder sonst als Lehrer tatig waren. Aus der auBerordent- 
lich zuriickhaltenden, zarten und abtastenden Art, mit der Dr. 
Steiner jede Neuberufung im Religionslehrer-Kollegium des frei- 
en Religions-Unterrichts behandelte, erwachst fur den Ausbau 
dieses Unterrichtes eine groBe menschliche und geistige Verant- 
wortlichkeit. 

Wenn dieses auf der einen Seite so stark betont werden muB, 
so ist auf der anderen Seite ebenso entschieden der Legende vor- 
zubauen, als habe Dr. Steiner die hier in Frage kommenden Im- 
ponderabilien jemals so behandelt, daB sie irgend einem Mysti- 
zismus, irgend einer falschen esoterischen Ambition hatten Vor- 
schub leisten konnen. Er behandelte sie wie alles andere, was er 
anfaBte, in der Sphare einer vollig frei lassenden und frei ma- 
chenden geistigen Klarheit und Sachlichkeit. Seine AuBerungen 
waren einfach, nuchtern und sehr oft von jenem Humor durch- 
zogen, den er als ein Zeichen der Gesundheit in spirituellen 
Dingen ansprach. Wer von ihm aufgerufen wurde, bekam das 
BewuBtsein, in Freiheit dienen zu diirfen. Nicht mehr und nicht 
weniger. 

Rudolf Steiner hat, nach seinem grundlegenden methodischen 
Vortrag im Jahre 1919, noch viele einzelne Angaben im Hinblick 
auf den Stoff des freien Religions-Unterrichtes gemacht. Es liegt 
mir am Ende dieser Darstellung noch sehr am Herzen, das fol- 
gende hervorzuheben. Viele der von Dr. Steiner stammenden 



Hinweise sind aus ganz bestimmten Situationen und im Hin- 
blick auf ganz bestimmte Lehrerpersonlichkeiten gegeben wor- 
den. Aus den in diesen Situationen entstehenden - zumeist ubri- 
gens kurzen - Gesprachen mit Dr. Steiner war erkennbar, daB er 
gern an das anknupfte, was der betreffende Lehrer intensiv gear- 
beitet hatte, was ihn stark erfullte. Oft frage er geradezu: «Was 
haben Sie denn in letzter Zeit gearbeitet?» - und er uberraschte 
einen dann mit der Angabe: «Nun, das konnen Sie, in abgewan- 
delter Form, auch mit den Kindern behandeln.» Er meinte dann 
nie ein Ausschutten anthroposophischer Inhalte. Aber das im 
Lehrer lebendig und darum objektiv Gewordene hielt er, wenn 
es den Altersstufen entsprechend vorgebracht wurde, fur einen 
guten Stoff. So legte er, wie uberall in der Waldorfschul-Padago- 
gik, auf den schopferischen Einsatz der Lehrer den allergroBten 
Wert. 

Dies sollte dazu fiihren, daB wir in der Angelegenheit von 
Stoffsammlungen, Stoff-Einteilungen und allem, was hierher ge- 
hort, nie etwas schematisieren. Es ist innerhalb dieses im hoch- 
sten Sinne des Wortes freien Unterrichtes ein fortwirkender 
Appell an die Initiative seiner Trager und Pfleger. 



HERBERT HAHN 



Hinweise zu den einzelnen Handlungen 

Die Sonntagshandlung 

Bevor die Kinder eingefiihrt werden, sind am Altar die Ker- 
zen angeziindet worden. 

Es besteht keine Angabe von Dr. Steiner dariiber, durch 
wen oder in welcher Art dies zu geschehen habe. In der 
Stuttgarter Waldorfschule ist es iiblich geworden, daB ent- 
weder der die Handlung Vollziehende selbst, oder - wenn 
die Handlung zu dritt vollzogen wird - einer der beiden 
Heifer die Kerzen anzundet. 

Wenn der Handelnde (entweder allein oder mit den Hel- 
fern) an den Altar tritt, sollen die Einlassenden schon beim 
Eingang des Handlungsraumes stehen. Es ist so gedacht, daB 
von diesem Augenblick an vollige Ruhe im Handlungsraum 
herrscht. 

Der eingangs in den Handlungsbuchern gegebene Spruch 
(«Durch deine Kraft, o Gottesgeist») ist gedacht zur Vorbe- 
reitung fur den Handelnden. Wenn der Handelnde an den 
Altar herangetreten ist, spricht er ihn, in der Zuwendung 
zur beginnenden Handlung, noch einmal. Es ist gedacht, daB 
dieses leise und nur fur seine etwaigen Heifer vernehmlich 
geschieht. 

Nach dem Sprechen, bzw. nach der Verlesung des Spruches, 
bleibt der die Handlung Vollziehende mit dem Gesicht zum 
Altar stehen. Sein Heifer - oder seine Heifer - nehmen zu- 
nachst nun auf den auf dem Altaraufbau stehenden Stuhlen 
Platz. 

Seit der Einfuhrung der Opferfeier wurde von Dr. Steiner 
bezuglich der Heifer ganz allgemein, d. h. fur alle kultischen 
Handlungen des freien Religionsunterrichts geltend, das fol- 
gende angegeben: 



Jede dieser Handlungen kann entweder mit einem oder auch 
mit zwei Helfern vollzogen werden. 

Der (in der Richtung zum Altar) rechts vom Handelnden 
stehende Heifer gilt als derjenige, der spater an die einzelnen 
Kinder herangeht. Er vertritt den Teil der Handlung, der 
nach deren allgemeinem Aufbau der Kommunion entspricht. 
Der links vom Handelnden stehende Heifer liest das Evan- 
gelium. Vollzieht der Handelnde die Handlung mit nur 
einem Heifer, so ubernimmt dieser - je nach Vereinbarung - 
eine der beiden Helfer-Funktionen, z. B. die Evangelien- 
Lesung. Der Handelnde versorgt die frei gebliebene Helfer- 
Funktion mit. In diesem Falle also den der Kommunion 
entsprechenden Teil. Er tritt, bevor er zu den Kindern geht, 
fur einige Augenblicke an die rechte Seite des Altars. Diese 
Bewegung geschieht mit dem Gesicht zum Altar. 
1st aber vorher vereinbart worden, daB der Heifer die Funk- 
tion der rechten Seite ubernimmt, so versorgt der Handeln- 
de selbst die Evangelienlesung. Er vollzieht diese, indem er 
an die linke Seite des Altars tritt; nach der Vorlesung tritt er 
zur Mitte des Altars zunick. 

Noch vor den Kindern werden die an der Handlung teil- 
nehmenden Erwachsenen (Eltern, deren Stellvertreter und 
Lehrer) eingelassen. 

4. Wahrend die Kinder eingelassen werden, bleibt der die Hand- 
lung Vollziehende mit dem Gesicht zum Altar stehen. 
Nach einer Angabe Dr. Steiners ist es wunschenswert, daB er 
den Vorgang des Einlassens in Gedanken begleitet, d. h. seine 
Aufmerksamkeit auf die Worte der Einlassenden richtet. 

5. Nachdem alle Kinder eingelassen sind, gehen die Einfuhren- 
den vor und stellen sich rechts und links zwischen Altar 
und erster Kinderreihe auf. 

Nun wendet sich der Handelnde um. Im gleichen Augen- 
blick erheben sich die Heifer und treten an seine Seite. Die 
Handlung nimmt ihren Anfang. 

6. Wenn sich der Handelnde zu den Worten «In Ihm nahm 



Leib an, der da wirket als Geist im All» dem Christusbild 
zuwendet, wenden sich auch die Heifer zum Altar zuriick. 
Sie stehen wahrend der Handlung grundsatzlich immer in 
der gleichen Orientierung (Gesicht zum Altar oder Gesicht 
zu den Kindern) wie der Handelnde. Fur die Opferfeier 
sind Abweichungen zu beachten. 
7. Bezuglich der Wendungen vom Altar aus der Stellung Ge- 
sicht zum Altar in die Stellung Gesicht zu den Kindern und 
zuriick ist in der Freien Waldorfschule Stuttgart nach Ver- 
einbarung das folgende eingefuhrt: Der die Haupthandlung 
Vollziehende (in der Mitte Stehende) wendet sich immer mit 
der linken Schulter von uns ab, so daB er bis zur Zuriick- 
wendung zum Altar einen Kreis beschreibt.* 

i Altar I 

Der rechte und der linke Heifer bewegen sich so, daB sie 
jeweils nur einen halben Bogen hin und einen halben Bogen 
zuriick machen. Der rechte Heifer (Kommunions-Seite) 
vollzieht mit der linken Schulter voran einen halben Bogen 
zu der Stellung «Gesicht zu den Kindern»: Im Zuriickwen- 
den vollzieht er dieselbe Bahn zuriick; also in der zweiten 
Phase anders als der in der Mitte Stehende. 

1 Altar 1 

In den letzten Jahren ist diese Vereinbarung in Frage gestellt worden, ohne daB 
Herbert Hahn eine gewisse Antwort zu geben vermochte. Er lieB die Frage 
schweben, ob es nicht richtiger sein konnte, daB auch der in der Mitte Stehende 
beim Zuriickwenden dieselbe Bahn zuriick vollziehe: 

I Altar | 

Herbert Hahn bat, Erfahrungen zu sammeln, sich mit der Frage zu beschaftigen 
und eine Antwort so lange zu suchen, bis sich eine GewiBheit einstellt. (Anm. 
von H. v. Kiigelgen) 



Der linke Heifer (Evangelien-Seite): vollzieht mit der rech- 
ten Schulter voran einen halben Bogen zu der Stellung «Ge- 
sicht zu den Kindern». Im Zuriickwenden vollzieht er die- 
selbe Bahn zuriick. 



8. Das Weisen zum Christusbild erfolgt durch Erhebung des 
rechten Armes; die Finger der Hand bleiben geschlossen. 
Der Handelnde steht dabei frontal zum Christusbild. Dr. 
Steiner gab also nicht an, daB der Handelnde seitwarts vor 
dem Bild zuriicktreten soil. Ebensowenig, daB man etwa nur 
mit einzelnen Fingern auf das Bild weisen solle. 

9. Zu den Worten «Meine Lieben! Wir lernen, um die Welt zu 
verstehen», wendet sich der Handelnde zu den Kindern 
zuriick. 

10. Das Gebet wird vom Handelnden mit den Worten angekiin- 
digt: «Wir wollen beten.» 

11. Fur die Haltung der Hande wahrend dieses Gebetes gab 
Dr. Steiner fur den Handelnden an: 

die rechte Hand umfafit die geschlossene Linke. 

Fur die Haltung der Kinder hat Dr. Steiner keine bestimm- 

ten Angaben gemacht. 

12. Nach den letzten Worten des Gebetes «Dann wird er mit 
uns sein», wendet sich der Handelnde wieder zum Altar 
zuriick. Kurze Pause vor Beginn des der Kommunion ent- 
sprechenden Teiles. 

13. Sobald der die einzelnen Kinder ansprechende Heifer an die 
Kinder herantritt, wenden sich auch der Handelnde und der 
andere Heifer den Kindern zu. 

14. Der an die Kinder Herantretende schreitet die erste Reihe 
von links nach rechts ab, die nachste von rechts nach links 
und so entsprechend weiter; er kehrt an der Kommunion- 
Seite des Raumes an den Altar zuriick - und stellt sich 
gleich wieder mit dem Gesicht zu den Kindern auf. 




Altar 



Dr. Steiner stellte es in das Ermessen des an die Kinder 
Herantretenden, ob er bei den Worten «Der Gottesgeist 
wird sein mit dir, wenn du ihn suchest», den Kindern die 
Hand reicht - oder ihnen die Hand auflegt. In der Stutt- 
garter Waldorfschule wird nur die Hand gereicht. 

15. Fur die Haltung, die der Handelnde bei den Worten «Ich 
rufe zum Gottesgeist, daB er sei bei Euch ...» einnimmt, 
d. h. fur die Haltung der segnenden Hdnde hat Dr. Steiner 
angegeben: 

Beide Arme werden, mit nach auBen gewendeten Hand- 
flachen, gestreckt erhoben. Die Finger werden in der Art ge- 
spreizt, daB drei Gruppen entstehen: Kleiner Finger und 
Ringfinger aneinander geschlossen, Mittelfinger und Zeige- 
finger aneinander geschlossen, Daumen fur sich. 
Es sind also zwei LUcken sichtbar: eine zwischen Ringfinger 
und Mittelfinger, die andere zwischen Zeigefinger und Dau- 
men. Diese Haltung der Hande kommt wahrend der kulti- 
schen Handlungen nur einmal vor. Sie gilt also z. B. nicht 
fur die Opferfeier, fur die ein anderer Hinweis gegeben 
wurde. 

16. Die Evangelienlesung wird in den Sonntagshandlungen nicht 
vom linksstehenden Heifer angekundigt, sondern vom Han- 
delnden, und zwar mit den Worten «Es wird nun verkundet 
das Evangelium nach ... (Joh., Matth. usw.) im ... Kapitel, 
Vers ... bis ... 

17. Das Evangelium wird von alien an der Handlung Teilneh- 
menden (also z. B. auch den Eltern, Lehrern usw.) stehend 
angehort. 

18. Nach der Evangelienlesung verharrt der Handelnde bis zum 
SchluB der Handlung in der Stellung Gesicht zu den Kin- 
dern (also auch wahrend des Gesanges). Der Gesang wird 
mit den Worten angekundigt: «Wir singen jetzt ...» 

Es ist nicht von Dr. Steiner gedacht, daB der Handelnde 
selbst mitsingt. 

19. Nach den SchluBworten «Was ihr hier gehort, empfunden, 



gedacht habt» wendet sich der Handelnde (und mit ihm die 
Heifer) zum Altar zuriick. Wahrend die Musik einsetzt, 
werden Handlungsbiicher und Evangelien geschlossen. Der 
Handelnde verharrt wahrend der Musik mit dem Gesicht 
zum Altar. Hat er die Handlung mit Helfern vollzogen, so 
nehmen diese jetzt wieder (wie vor Beginn der Handlung) 
auf den Stuhlen Platz. 

20. Nach der Musik tritt der Handelnde, wahrend die Kerzen 
noch brennen bleiben, vom Altar zu den Kindern. Es ist ein 
auch in Anwesenheit Rudolf Steiners vollzogener Brauch, 
daB die Kinder sich nach dieser Handlung (und auch nach 
der Weihnachtshandlung) vom Handelnden, den Helfern 
und den Einlassenden personlich verabschieden. 

21. Die Kerzen werden erst ausgeloscht, wenn auch die Eltern 
den Raum verlassen haben. Ein besonderes Zeremoniell ist 
dabei in Stuttgart nicht tiblich, fand auch in Anwesenheit 
Dr. Steiners nicht statt. 

Die Weihnachtshandlung 

1. Die Weihnachtshandlung wurde, wie in meinem Beitrag zur 
Entstehung der Handlungen schon hervorgehoben worden 
ist, erstmals am 25. Dezember 1920 morgens gehalten. 

Es ist Sitte geworden, diese Handlung im Verband des freien 
Religionsunterrichts der Waldorfschule nur einmal im Jahr 
zu halten, und zwar, wie bei der ersten Feier dieser Hand- 
lung, am Weihnachtstage morgens. 

Im Sinne dessen, was Dr. Steiner sonst iiber die Handlungen 
gesagt hat, darf die Moglichkeit offen bleiben, daB diese Fei- 
er an Schulen und Instituten, je nach MaBgabe der ortlichen 
Verhaltnisse und Bedurfnisse, innerhalb der Weihnachtszeit 
auch mehrmals gehalten wird. 

2. An dieser Handlung konnen die zum freien Religionsunter- 
richt gehorenden Schiller und Schulerinnen alter Altersstufen 



teilnehmen, d. h. auch diejenigen, die sonst schon die Ju- 
gendfeier oder die Opferfeier besuchen. 
1st die Gesamtzahl der zu erwartenden Schiiler groB, so 
wird - mit geniigend langen dazwischen liegenden Pausen - 
die Weihnachtsfeier mehrmals am gleichen Vormittag gehal- 
ten. Fur diesen Fall hat es sich empfohlen, Unterteilungen 
nach Altersstufen vorzunehmen; es kommen aber, nach 
MaBgabe lokaler Verhaltnisse, auch andere Gesichtspunkte 
fur solche Unterteilungen in Frage. Die Familien sollten in 
jedem Fall gemeinsam mit groBeren und kleineren Kindern 
die Weihnachtshandlung besuchen konnen. 

3. Der Altar, der im ubrigen genau so aufgebaut ist wie sonst, 
ist an diesem Tage dem Fest entsprechend geschmuckt. In 
der Stuttgarter Waldorfschule werden, wie schon beim 
ersten Abhalten der Weihnachtsfeier, rechts und links am 
Altar zwei Weihnachtsbaume aufgestellt, die, nach den all- 
gemeinen, von Dr. Steiner gemachten Angaben, mit Kerzen 
und Zeichen geschmuckt sind. Die Kerzen werden, zusam- 
men mit den Altarkerzen, vor Beginn der Handlung ange- 
ziindet. Das Altar-Bild ist auch fiir diese Handlung (wie 
uberhaupt fiir alle kultischen Feiern des freien Religionsun- 
terrichtes) das Christusbild von Leonardo da Vinci. 

4. Bezuglich der Heifer und ihrer Funktionen ist auf das oben 
Gesagte zu verweisen (vgl. Sonntagshandlung Punkt 3). 
Als Evangeliumteil gilt in dieser Handlung eine nach Ruck- 
sprache mit Dr. Steiner eingefugte Lesung aus dem Lukas- 
Evangelium, Kap. 2, 1-21. 

Sie wird von dem (in der Mitte stehenden) Handelnden 
angekundigt - und zwar nach den Worten 

Ihr sollet erheben die Gedanken und Empfindungen 

Zu dem Christusgeiste, 

Er ist das Licht 

Das leuchtet in der Menschen Herzen 

Auf daB sie finden 

Den Weg zum Gottesreiche. 



Das im kultischen Text vorgesehene «fur Weihnacht geeig- 
nete Musikstiick» schlieBt unmittelbar an die Evangelien- 
Lesung an. 

5. Vorbereitung und Eintritt geschehen wie sonst. 

Jugendfeier 

1. Vorbereitung und Verteilung der Funktionen auf die einzel- 
nen Heifer wie bei der Sonntagshandlung und der Weih- 
nachtshandlung. - Die erwachsenen Teilnehmer werden zu- 
nachst eingelassen. 

2. Auch bei dieser Handlung konnen zwei Einlassende zu- 
gleich fungieren. Sie sprechen die an die Kinder gerichteten 
Eintrittsworte: «Gedenke der Wichtigkeit ...» gleichzeitig. 

3. Nachdem alle Kinder eingelassen sind, stellen sich die Ein- 
lassenden rechts und links in der Nahe des Altars auf (Siehe 
Sonntagshandlung Punkt 5). 

4. Zu den Worten «Du Licht der Seelen ...» wendet sich der 
Handelnde, wie im Text angegeben, zum Christusbild zu- 
riick. Abweichend von der Sonntagshandlung werden beide 
Arme zum Christusbild erhoben; die Handflachen sind nach 
innen gewendet. Diese Haltung wird wahrend der ganzen 
Anrufung - d. h. bis zu den Worten «Denn Du hast gespro- 
chen» (einschlieBlich) beibehalten. 

Auch die Heifer stehen wahrend dieser Worte dem Chri- 
stusbild zugewandt. 

5. Gleich anschlieBend an die Worte «Denn Du hast gespro- 
chen» wendet sich der Handelnde, wie im Text angegeben, 
wieder zu den Kindern zuriick. Entweder durch ihn oder 
durch den /m&sstehenden Heifer wird das Hohepriesterliche 
Gebet verlesen. Es wird, abweichend von der Sonntagshand- 
lung und der Opferfeier nicht angekiindigt. 

6. Nach der Lesung des Hohepriesterlichen Gebetes wendet 
sich der Handelnde zum Altar zuriick. Kurze Pause. An- 



schlieBend tritt der Handelnde oder der rechtsstehende Hei- 
fer an jedes einzelne Kind heran. 

Die Reihen werden abgeschritten, wie bei der Sonntags- 
handlung angegeben. Auch das Zuriickgehen zum Altar er- 
folgt entsprechend. 

7. Zu den Ansprachen: 

Der Charakter der kultischen Feier beansprucht, daB die 
Ansprachen moglichst bildhaft und knapp gehalten werden. 
Sie sollten nicht den Schwerpunkt der Jugendfeier bilden. 
Beziiglich der inneren Haltung darf vielleicht auch hier gel- 
ten, was Rudolf Steiner fur das Lesen der Opferfeier sagte: 
«Schlicht und innig». 

8. Der Gesang wird, wie bei den Sonntagsfeiern, vom Han- 
delnden angekiindigt. Er bleibt wahrend des Gesanges mit 
dem Gesicht zu den Kindern stehen. 

MuB wegen einer zu kleinen Zahl der teilnehmenden Kinder 
oder aus anderen Gninden auf den Gesang verzichtet wer- 
den, so kann an dieser Stelle als Ersatz Musik eingeschaltet 
werden. Sie wird nicht angekiindigt. Der Handelnde und die 
Heifer wenden sich in diesem Falle dem Altar zu. 

9. Nach den Worten: 

Als Euer Licht, 

Als Eure Kraft, 

Als euren Fuhrer, 

Als euren Troster 
wendet sich der Handelnde zum Altar zuriick. AbschluB 
wie bei den Sonntagshandlungen. Die Heifer nehmen wieder 
auf den Stuhlen Platz. In dieser Haltung verharren der Han- 
delnde und die Heifer, bis alle Kinder entlassen sind. 

10. Bei dieser Handlung erfolgt also keine persdnliche Verab- 
schiedung von den Kindern. 

11. Erst wenn alle Kinder entlassen sind, tritt der Handelnde 
vom Altar zuriick. 

12. Die Jugendfeier wird im Verband des freien Religionsunter- 
richtes der Waldorfschulen nicht nur einmal gehalten. Sie 



wird wahrend zwei Jahren Sonntag filr Sonntag wiederholt. 
Der Charakter der Ansprachen paBt sich dem Jahreslauf an. 
Es muB diese Wiederholung mit aller Deutlichkeit hervorge- 
hoben werden, da die Worte «Gedenke der Wichtigkeit die- 
ses Augenblickes in deinem Leben» vielfach zu der Annahme 
verleiten, als handle es sich um eine einmalige Feier. 
Gleich nach der ersten Jugendfeier (Palmsonntag 1921) 
konnte ich Dr. Steiner in dieser Frage in Dornach sprechen. 
Er hob hervor, daB erst durch das wiederholte Abhalten der 
Handlung wahrend einer langeren Zeit (zwei Jahre) der In- 
halt der Handlung sich stark mit dem Wesen der Kinder 
verbindet. 

Erst in dieser Wiederholung liegt auch die Gewahr dafur, 
daB sie gestaltend und richtunggebend auf den freien Reli- 
gionsunterricht im Ubergangsalter (fiir die 14-16jahrigen, 
bzw. fiir die Klassen 8-10 oder 9 und 10) wirken kann. 
Es werden fiir die erste Jugendfeier wichtige Imponderabi- 
lien geschaffen, wenn die Kinder schon wahrend der Vorbe- 
reitung dieser Feier auf deren Wiederholung hingewiesen 
worden sind. 

Die Opferfeier 

Die Vorbereitung am Altar (der hier von Dr. Steiner Opfer- 
tisch genannt wird) geschieht wie sonst. Nachdem vom 
Handelnden der vorbereitende Spruch gesprochen worden 
ist, setzen sich die Heifer bei dieser Handlung nicht hin. Sie 
bleiben, mit dem Gesicht zum Altar, links und rechts, neben 
dem Handelnden stehen. 

Es ist zu beachten, daB bei dieser Handlung, abweichend 
von den ubrigen, die Bewegungen der Heifer sich nicht 
einfach nach den Bewegungen des Handelnden richten; sie 
vollziehen sich, in differenzierter Art, nach den im Text 
gemachten Angaben. 



3. Wahrend fur die vorangehenden Handlungen von Dr. Stei- 
ner nicht vorgesehen war, daB die Kinder sitzen (siehe 
Nachtrag), sind fur die Opferfeier im Handlungsraum Stiih- 
le aufgebaut. Die Schiller und Schulerinnen der oberen Klas- 
sen, die im Text als Mitglieder einer Gemeinde angespro- 
chen sind, nehmen vor Beginn der Handlung auf diesen 
Stuhlen (bzw. Banken) Platz. 

Sie werden nicht einzeln eingefuhrt, sondern von einer der 
sonst beim Einlassen helfenden Personen hereingelassen, 
sobald die Vorbereitung am Altar beendet ist. 
Auch bei der Opferfeier werden die der Handlung beiwoh- 
nenden Eltern usw. vor den Schiilern eingelassen; sie neh- 
men in dem fur die Eltern bestimmten Teil des Handlungs- 
raumes Platz. 

4. Der Handelnde spricht die Worte «Christi Taten auf Golga- 
tha ...» und dann auch «Der Vatergott sei in uns ...» mit 
dem Gesicht zum Altar (Opfertisch). Erst zu den Worten 
«Christus in euch» wendet er sich um. 

5. Zu den im Laufe der Opferfeier funfmal wiederholten Wor- 
ten: «Christus in euch» hat Dr. Steiner die folgende Haltung 
angegeben: 

Die Arme werden nur halb erhoben (die Ellenbogen sind 
angezogen), die Handflachen sind nach auBen gewendet; die 
geschlossen gehaltenen Finger leicht nach vorne gekrummt. 
(Es wird also nicht die bei der Sonntagshandlung zu den 
Worten «Ich rufe zum Gottesgeist» beschriebene Stellung 
der Arme und Hande wiederholt.) 

6. Der rechtsstehende Heifer spricht (wie aus den Textbemer- 
kungen hervorgeht) zunachst alles, was er zu sagen hat, mit 
dem Gesicht zum Altar (Opfertisch). 

Er wendet sich zum erstenmal wahrend der Evangelien- 
Lesung, zusammen mit dem Handelnden und dem linksste- 
henden Heifer, der Gemeinde zu. Nachdem er sich nach der 
Evangelien-Lesung, zusammen mit dem Handelnden und 
dem linken Heifer, wieder dem Altar (Opfertisch) zugewen- 



det hat, verharrt er in dieser Stellung bis zum Ende des zwei- 
ten Teiles der Opferfeier, die dem Offertorium entspricht. 
Wenn aber beim Ende dieses Teiles der Handelnde sich vor 
den Worten «Christus in Euch» der Gemeinde zuwendet, 
wendet der rechtsstehende Heifer sich mit ihm urn. Von die- 
sem Punkt ab macht er wahrend der Handlung die Wendun- 
gen zum Altar oder zur Gemeinde entsprechend wie der 
Handelnde, aber unter Beachtung des unter Sonntagshand- 
lung Punkt 7 Gesagten (nur halben Kreis beschreiben). 
7. Der links stehende Heifer wendet sich zunachst nur nach 
dem Abschnitt «Mein Herz trage in sich ...» zur Evange- 
lien-Lesung der Gemeinde zu. Nachdem er sich, nach er- 
folgter Evangelien-Lesung, mit dem Handelnden zum Altar 
(Opfertisch) zuruckgewandt hat, verharrt er in dieser Stel- 
lung bis zum Ende des dritten (der Wandlung entsprechen- 
den) Teiles der Opferfeier. 

Erst wenn von ihm die Worte «Der Geist-Gott walte iiber 
unser Denken ...» gesprochen worden sind, wendet er sich 
zusammen mit dem Handelnden und dem rechtsstehenden 
Heifer der Gemeinde zu. 

Von diesem Punkt ab macht er wahrend der Handlung die 
Wendungen zum Altar oder zur Gemeinde entsprechend wie 
der Handelnde, aber unter Beachtung des unter Sonntagshand- 
lung Punkt 7 Gesagten (nur halben Kreis beschreiben). 

8. Auch fur den Handelnden (der hier der Opfer-Feiernde ge- 
nannt wird) ergeben sich alle Stellungen - auBer der unter 5 
angegebenen - aus dem Text der Handlung. 

9. Zur Evangelien-Lesung bei der Opferfeier: 

Bei der Opferfeier wird die Ankiindigung des zu lesenden 
Evangelientextes vom links stehenden Heifer gemacht; vom 
Handelnden (Opfer-Feiernden) nur dann, wenn er gleichzei- 
tig die Funktion der linken Seite versieht. 
10. Zu dem Abschnitt «A11 unser Menschensein ...» im zweiten 
Teil der Handlung (Offertorium) hat Dr. Steiner die Angabe 
gemacht, daB diese Worte sehr langsam zu lesen sind. 



Die Stellung «mit erhobenen Armen» entspricht der in der 
Zuwendung zum Christusbild bei der Jugendfeier einge- 
nommenen Stellung. 

11. Fur die Dauer der Pausen ist von Dr. Steiner kein Hinweis 
gegeben worden. Aus dem Charakter der Handlung ergibt 
sich, daB sie kurz sein sollen, aber doch lang genug, um 
einen Einschnitt erleben zu lassen. 

12. Zu dem der Kommunion entsprechenden Teil der Opferfeier: 
Die Beruhrung der Stirn erfolgt mit dem Zeigefinger und 
mit dem Mittelfinger, indem der die Funktion der Kommu- 
nion Versehende frontal zum Gemeindemitglied steht. (Also 
kein Herantreten von der Seite oder Beriihren der Schlafe). 
Die Beruhrung dauert so lange, bis die Worte «Christi Geist 
lebe in Dir» gesprochen sind. 

13. Wenn der der Kommunion entsprechende Teil der Hand- 
lung vollzogen ist, stellt sich der die Funktion versehende 
Heifer (bzw. der Opferfeiernde, wenn er diesen Teil mitver- 
sieht) mit dem Gesicht zum Altar auf. Wird die Handlung 
mit zwei Helfern vollzogen, so stehen der Handelnde 
(Opfer-Feiernde) und der linke Heifer wahrend des der 
Kommunion entsprechenden Teiles mit dem Gesicht zur 
Gemeinde. Sie wenden sich mit dem zum Opfertisch zu- 
riickkehrenden rechten Heifer dem Altar wieder zu und ver- 
harren in dieser Stellung wahrend der nun folgenden kurzen 
Zwischen-Musik. 

14. Nach der Zwischen-Musik wenden sich der Handelnde 
(Opfer-Feiernde) und die Heifer wieder der Gemeinde zu. 
Nach den Worten des rechtsstehenden Heifers «Ja so sei es» 
erfolgt eine nochmalige Zuriickwendung zum Altar. Die 
Handlungs-Bucher werden jetzt geschlossen, aber die beiden 
Heifer verharren bei dieser Handlung stehend neben dem 
Handelnden. 

Es erklingt jetzt eine Abschlufi-Musik. 

15. Nach der AbschluB-Musik treten der Handelnde (Opfer- 
Feiernde) und die Heifer vom Altar zunick. 



Jetzt verlassen die Schiiler (ohne sich zu verabschieden) den 
Handlungsraum. 

16. Es ist bei dieser Handlung (wie auch bei der vorhergehen- 
den) Sitte, die Kerzen erst auszuloschen, nachdem mit Aus- 
nahme des Handelnden, der Heifer und der Einlassenden - 
alle anderen Personen den Handlungsraum verlassen haben. 

17. Zum Stil des kultischen Sprechens wahrend der Opferhand- 
lung: Dr. Steiner gab den Hinweis: «nicht priesterlich». 

Zum Charakter des Sprechens gab er fur die Handlungen 
allgemein an: «Verhalten Sie sich zunachst abwartend, zuta- 
stend. Erleben Sie, wenn es beginnt, Ihnen zuzustromen und 
lassen Sie sich dann tragen». 



Nachtrag 

Einige fur alle Handlungen geltende Bemerkungen 

1. Ubernahme von Funktionen bei aufeinander folgenden Hand- 
lungen. 

Dr. Steiner machte darauf aufmerksam, daB es nicht gut sei, 
wenn ein und derselbe Religionslehrer zweimal hintereinan- 
der die Funktion des Handelnden (in der Mitte Stehenden) 
vollzieht. 

Er sagte, es sei zu widerraten «weniger wegen der Handlung 
als wegen des Handelnden selbst». 

2. Durchfuhrung der Handlung wahrend der Ferien. 

Dr. Steiner bemerkte, daB es wichtig sei, die Handlungen 
moglichst auch wahrend der Ferien durchzufuhren. 

3. Das Stehen der Kinder wahrend der Handlungen. 

Die in der Stuttgarter Freien Waldorfschule nach dem zwei- 
ten Weltkrieg gemachten Erfahrungen haben gezeigt, daB 
innerhalb der heutigen Kindergeneration immer weniger 
Kinder es aushalten, einer Handlung in ihrem Verlauf ste- 
hend beizuwohnen. Haufig auftretende Schwindelanfalle 
und Ohnmachten fuhrten zu einer Storung der Handlungen 
und zu Einspriichen des Schularztes. 

Wir sind in Stuttgart deshalb dazu ubergegangen, nicht nur 
fur die Opferfeier, sondern auch fur alle ubrigen Handlun- 
gen Stuhlreihen aufzustellen. Die Kinder konnen dann doch 
wesentliche Teile der Handlungen vor den Stiihlen stehend 
mitmachen. So in jedem Fall die Evangelien-Lesung. Aber 
sie haben das beruhigende Gefuhl, sich notigenfalls setzen 
zu konnen. 

In der Waldorfschule Uhlandshohe lassen wir die Kinder 
wahrend der Ansprache in der Jugendfeier sitzen. Auch bei 
der Kommunion der anderen Reihen. In alien anderen 
Handlungen sitzen die Kinder zunachst und stehen nur zeit- 
weise auf, wenn der die Kommunion vermittelnde Heifer 



bzw. der Handelnde an sie herantritt. Ebenso setzen sie sich 
auch wieder zeitweise. 

Diese Regelung hat wesentlich zum ruhigen Verlauf der 
Handlungen beigetragen. 

4. Musik und Gesang. 

Einzelne Angaben sind schon gemacht. Aus allem, was Dr. 
Steiner iiber die Handlungen gesagt hat, ergibt sich, daB er 
die musikalischen Einlagen bzw. Abschlusse nur als ein die 
Handlung an einzelnen Stellen Uberleitendes bzw. als ein 
Ausklingendes gedacht hat. Sie sollten sich im Ganzen der 
Handlung nicht zu stark betonen, d. h. nicht expansiv, son- 
dern kurz gehalten sein. 

Aus direkt an Dr. Steiner gestellten Fragen ergibt sich, daB 
er fur die im Zusammenhang mit dem freien Religionsunter- 
richt stehenden Handlungen keine einleitende Musik fur 
wiinschenswert hielt. 

Die der Handlung angemessene Stimmung sollte sich aus 
den Worten und aus dem Fortgang der Handlung selbst er- 
zeugen. 

5. Texte der Handlungen. 

Die Texte sollen im Sinne Dr. Steiners nur in den Hdnden 
der Religionslehrer sein. Sie sollen auBerhalb der Handlun- 
gen bzw. der Religionsstunden auch niemand zur Kenntnis 
gebracht werden. 

Von den Religionslehrerkollegien der Schulen oder von der 
Leitung der Institute sollten daher MaBnahmen getroffen 
werden, die eine geistesverantwortliche Verwaltung und den 
Schutz dieser Texte gewahrleisten. 

Besonders wichtig wird es sein, die neu hinzutretenden Reli- 
gionslehrer des freien Religionsunterrichtes darauf aufmerk- 
sam zu machen, daB es sich bei den Handlungstexten um ein 
geistiges Gut handelt, das ihnen nur fur eine ganz bestimmte 
Funktion und auch nur fur deren Dauer anvertraut ist. 
Die Religionslehrer-Kollegien der dem Bunde der Freien 
Waldorfschulen angeschlossenen Schulen haben durch eine 



Ostern 1951 getroffene EntschlieBung auf dem innerhalb ih- 
rer Verantwortlichkeit liegenden Felde eine entsprechende 
Ordnung eingeleitet. Innerhalb des westdeutschen Bereiches 
erfolgt die Weitergabe von Handlungstexten nur an Reli- 
gionslehrer, die dieser EntschlieBung zustimmen konnen. 
Entsprechende, der hohen Verantwortlichkeit des freien Re- 
ligionsunterrichtes und der Handlungen angemessene Rege- 
lungen sind z. T. auch schon von unserer Schulbewegung im 
Ausland und von den der anthroposophischen Bewegung 
zugeordneten heilpadagogischen Instituten in Angriff ge- 
nommen worden. 

Wir wollen im BewuBtsein tragen, daB wir fur das Weiter- 
wirken und die Entwicklung einer Arbeit zu sorgen haben, 
bei der das strenge und gewissenhafte Achten auf die Rein- 
heit der Form auch das Weiterstromen der urspriinglichen 
Quellkrafte verbiirgen muB. 

20. Marz 1954 



HERBERT HAHN 
Brief an Rudolf Steiner 



Stuttgart, den 24. Marz 23 

Sehr verehrter Herr Doktor, 

Im Namen der Religionslehrer, die Morgen erstmals die Opfer- 
feier zelebrieren wollen, erlaube ich mir die Bitte vorzutragen, ob 
es Ihnen vielleicht moglich ware, uns noch vor dieser Feier eine 
Unterredung zu gewahren. Die Feier soil morgen um 9 Uhr im 
Handlungsraum der Schule abgehalten werden. Wir haben uns 
nach MaBgabe der im Manuskript enthaltenen Angaben vorbe- 
reitet, waren aber sehr dankbar, wenn wir noch bezuglich 
einiger Einzelheiten in der Handhabung Ihren Rat horen durften. 

Da Dr. Schubert, der als dritter Mithandelnder vorgesehen ist, 
heute abend noch einen Vortrag in Heilbronn zu halten hat, so 
konnten heute nur Frl. Dr. Roschl und ich Ihnen die Fragen 
vortragen. 

Wir wollen versuchen, wenn angangig, Sie, sehr verehrter 
Herr Doktor, nach der heutigen Eurythmie-Auffuhrung nach 
der Anwort auf diese Bitte zu fragen. 

Sollten Herr Doktor erst spater in Stuttgart eintreffen, so 
wurde notigenfalls wohl Herr Rebstein die Freundlichkeit 
haben, uns von Ihrem Entscheid zu verstandigen. - 

In der Hoffnung, daB es Ihnen vielleicht moglich wird, uns 
Morgen bei den Handlungen die Freude Ihrer Anwesenheit zu 
schenken, fiige ich im Namen aller Religionslehrer eine Aufstel- 
lung uber die Morgen abzuhaltenden Handlungen bei. 



Ihr 

Herbert Hahn 



Erstmalige Haupthandlung: Hahn 

Opferfeier Kommunion: Roschl 

um 9 Uhr Evangelien: Schubert 



Erstmalige 
Jugendfeier 
rur Villa u. VII 
um 10 Uhr 

Erstmalige 
Jugendfeier 
fur VHIb u. IX 
um 3/4 11 

Sonntags- 
Handlung 
um 1/2 12 



H.: Uehli 

K.: Hahn 

E.: Schubert 

H.: Uehli 

K.: Roschl 

E.: Hahn 

H.: Ruhtenberg 

K.: Baumann 

E.: Wolffhugel 



VEREIN FUR EIN FREIES SCHULWESEN (WALDORFSCHULVEREIN) E. V.STUTTGART 





7 — 



3^ S&sx^&e**- /^il^l . 



ANLAOE 

TELEPHON 7387/S8 - TELEGRAMME: WALDORFSCHULE ■ POSTSCHECK STUTTGART Nr. 21253 
BANKVERBINDUNO: HANS STAMMER A Co,, BANKGESCHAFT. STUTTGART. HAUS DES DEUTSCHTUMS 
ALLE SENDUNGEN BITTEN WIR NICHT AN PERSONEN ZU RICHTEN. SONDERN AN VEREIN FOR 
EIN FREIES SCHULWESEN (WALDORFSCHULVEREIN) E. V. STUTTGART. 



HERBERT HAHN 



Brief an Marie Steiner 



Stuttgart, den 14. Marz 1925 



Sehr verehrte Frau Doktor, 



Es wiirde uns herzlich freuen, wenn Sie an einer unserer Sonn- 
tagshandlungen teilnehmen konnten. Die Handlungen finden im 
alten Schulhaus statt zu folgenden Zeiten: 

Opferfeier: um 9 U vormittags 



Jugendfeier: 

1. Sonntags- 
handlung 
(Klassen 6-9): 

2. Sonntags- 
handlung 
(Klassen 1-5): 



um 10 Uhr 



um 10 V 2 U. 



um 11 Uhr 



Im Namen des Kollegiums 
der Religionslehrer 
des freien Religionsunterrichtes: 



Dr. Herbert Hahn 



MARIA LEHRS-ROSCHL 



Zur Opferfeier 

In der Besprechung, die wir Religionslehrer am 9. Dezember 
1922 mit Rudolf Steiner hatten, brachten wir auch vor, daB 
Johanna Wohlrab, eine Schiilerin der damals obersten Klasse, 
gefragt hatte, ob nun die Schuler der Oberklassen nach beinahe 
zweijahriger Teilnahme an der Jugendfeier nicht eine Sonntags- 
handlung bekommen konnten, die iiber die Jugendfeier hinaus 
weiterfuhrt. Ich erinnere, daB wir Lehrer diese Frage als zumin- 
dest verfruht ansahen und keineswegs erwarteten, daB Rudolf 
Steiner positiv darauf eingehen wurde. 

Doch er griff diese Anregung besonders nachdenklich auf und 
bezeichnete sie als von weittragender Bedeutung. Er wolle es 
weiter erwagen. Eine Messe wolle er in die Handlungen, die mit 
unserem Religionsunterricht verbunden waren, nicht hereinneh- 
men, «aber etwas Wiesse-Ahnlicbes konnen wir machen». 

Am 13. Marz 1923 ubergab Rudolf Steiner in Stuttgart den 
Text der Opferfeier Dr. Hahn, Dr. Schubert und mir. Wir soil- 
ten ihn uns abschreiben. Am Palmsonntag, 25. Marz, hielten wir 
drei diese Feier zum ersten Mai fur die Schuler der 11. Klasse 
und die Lehrer. 

Es traten danach Kollegen an uns heran mit dem Ersuchen, 
die Opferfeier fur die Lehrer allein zu wiederholen. Wir waren 
unsicher, ob nicht auch diese Handlung wie die bisher gegebe- 
nen nur fur die Schuler - wenn auch unter Teilnahme von Leh- 
rern und Eltern - gegeben sei. Ja, wir neigten ausgesprochener- 
weise zu dieser Meinung. Es wurde mir aufgetragen, Rudolf 
Steiner diese Frage vorzulegen. 

Ich fragte ihn in einer Formulierung, die bereits zeigte, ich sei 
der Meinung, es gehe nicht an, die Opferfeier anders als fur 
Schuler zu halten. Rudolf Steiner aber blickte mich mit weit ge- 
offneten Augen an (ich kannte diese Geste als seinen Ausdruck 



iiberraschten, leicht miBbilligenden Erstaunens) und sagte: 
«Warum nicht? Diese Handlung kann iiberall gehalten werden, 
wo Menschen sind, die sie wunschen.» 

So hielten wir die Opferfeier zum ersten Mai ohne Schuler 
vor Lehrern allein am Karfreitag, den 30. Marz 1923. In der 
Folgezeit wurde sie in dieser Weise wiederholt gehalten, insbe- 
sondere zum Gedenken an verstorbene Kollegen und bei den 
jahrlichen Begegnungen der ehemaligen Schuler, bisher zunachst 
nur fur die fruheren Teilnehmer am freien Religions-Unterricht. 

Fur das Verstandnis dieser Handlung gilt es zu versuchen, 
Rudolf Steiners Ausspruch «etwas Messe-Ahnliches» in seinem 
Sinne zu erfassen. Man kann ja diese Worte verschieden inter- 
pretieren und darunter etwas verstehen, was in der Entwick- 
lungslinie der Messe vor oder auch nach dieser einzureihen ist - 
was rangmaBig unter oder iiber der Messe steht. Hier konnen 
sich leicht subjektive Tendenzen geltend machen, die mit der 
objektiven Entwicklung dieser Art von Kulthandlungen in 
Widerspruch stehen. Der Ausdruck «Messe-Ahnliches» besagt 
ja, daB einerseits Messe-Gleiches vorliegt, andererseits aber doch 
keine voile Ubereinstimmung vorhanden ist. 

In friihen Ausfuhrungen Rudolf Steiners (z. B. 17. Marz 
1905) finden wir den Hinweis, daB die katholische Messe ihrem 
Ursprung nach auf Mysterien zuruckfiihrt, die von Persien und 
Agypten heriiberkamen und in diesen Kulturstromungen eine 
besonders populare Form angenommen hatten. 

Dem Schuler solcher Geheimschulen wurde urspriinglich zu- 
nachst die Entstehung der Welt und des Menschen, seine Bedeu- 
tung in der Welt verkiindet, wie der Weltengeist sich ergoB in 
jede Erscheinungsform der Schopfung der Naturreiche, und wie 
der Mensch ein ZusammenfluB von all dem Geschaffenen sei - 
die kleine Welt innerhalb der groBen. Wie dann der Mensch, der 
in diese reine Welt durch seine Leidenschaften und Unvollkom- 
menheiten Trubung hineinbrachte, durch die Opferung seiner 
niederen Natur zur Katharsis, dadurch zur Wandlung seines 
Wesens und so zur Vereinigung mit seinem gottlichen Ursprung 



kommen konnte, wurde dem Schiiler auf einer nachsten Stufe 
durch Handlungen vorgefuhrt. 

Aus solchen Handlungen jener Mysterien ist die Messe her- 
vorgegangen. Und bis heute entfaltet sich die christliche Messe- 
handlung in den vier Teilen: Evangelium (Verkiindigung), Offer- 
torium (Opferung), Wandlung und Kommunion. So ist auch die 
Opferfeier aufgebaut, und darin gleicht sie der Messe. 

Keineswegs gleich, also nur ahnlich, ist sie der Messe bezug- 
lich der Substanzen des Opfers und der Wandlung. Es ware un- 
richtig zu meinen, in der Opferfeier gabe es keine Substanzen. 
Sie sind da in Gestalt des Leibes und des Blutes des Menschen, 
der sich in seinem Bewufitsein zutiefst durchdringen mochte mit 
dem inneren Erleben des Opfers des Christus auf Golgatha - 
entsprechend den Worten: 

Die Andacht unserer Seelen 

Fuhre in diesen Opferraum 

Das Erleben von Christi Menschheitsopfer, 
mit denen der Teil der Opferfeier schlieBt, der dem einleitenden 
«Staffelgebet» der Messe entspricht. Es beginnt also die Ahnlich- 
keit, daB heiBt die Nicht-Gleichheit mit der Messe im zweiten 
Teil der Opferfeier. 

Fur das Geschehen auf dem Altar hat Rudolf Steiner diese 
Veranderung als in der Entwicklungslinie der Messehandlung 
gelegen schon 1909 und 1911 sehr klar aufgezeigt, und zwar in 
der Besprechung der Transsubstantiation zunachst im 14. Vor- 
trag des Kasseler Johannes-Evangelium-Zyklus. Da ist darauf 
hingewiesen, daB wir erst am Anfang der christlichen Entwick- 
lung leben. Die Zukunft dieser Entwicklung wird in der vollen 
Erfassung der Tatsache bestehen, daB Christus durch das Myste- 
rium von Golgatha einen neuen Lichtmittelpunkt in der Erde 
geschaffen hat, so daB seine Worte der Einsetzung des Abend- 
mahls aussprechen, er habe die Erde zu seinem Leib gemacht. 
Das wird kultisch realisiert an den Substanzen von Brot und 
Wein. 



«Und diejenigen Menschen, welche imstande sind, den richti- 
gen Sinn dieser Worte des Christus zu fassen, die machen 
sich Gedankenbilder, die anziehen in dem Brot und in dem 
Rebensaft den Leib und das Blut Christi, die anziehen den 
Christus-Geist darinnen. Und sie vereinigen sich mit dem 
Christus-Geist. So wird aus dem Symbolum des Abendmahls 
eine Wirklichkeit. 

Ohne den Gedanken, der an Christus anknupft im 
menschlichen Herzen, kann keine Anziehungskraft entwickelt 
werden zu dem Christus-Geist beim Abendmahl. Aber durch 
diese Gedankenformen wird solche Anziehungskraft entwik- 
kelt. Und so wird fur alle diejenigen, welche das auBere Sym- 
bolum brauchen, um einen geistigen Actus zu vollziehen, 
namlich die Vereinigung mit dem Christus, das Abendmahl 
der Weg sein, der Weg bis dahin, wo ihre innere Kraft so 
stark ist, wo sie so erfullt sind von dem Christus, daB sie 
ohne die auBere physische Vermittlung sich mit dem Christus 
vereinigen konnen. Die Vorschule fur die mystische Vereini- 
gung mit dem Christus ist das Abendmahl - die Vorschule. 
So mussen wir diese Dinge verstehen. Und ebenso wie alles 
sich entwickelt vom Physischen zum Geistigen hinauf unter 
dem christlichen EinfluB, so mussen sich zuerst unter dem 
christlichen EinfluB heranentwickeln die Dinge, die zuerst da 
waren als eine Briicke: Vom Physischen zum Geistigen muB 
sich das Abendmahl entwickeln, um hinzufuhren zur wirk- 
lichen Vereinigung mit dem Christus. 

Uber diese Dinge kann man nur in Andeutungen sprechen, 
denn nur wenn sie aufgenommen werden in ihrer vollen hei- 
ligen Wurde, werden sie im richtigen Sinne verstanden.» 

In dieser wie in der hier folgenden Ausfiihrung geht Rudolf 
Steiner aus von einem Hinweis auf das herannahende Atomzeit- 
alter. Im Jahre 1911 besprach er im Zyklus « Von Jesus zu Chri- 
stus» (9. Vortrag) den exoterischen Weg, der den Menschen zum 
Christus fuhren kann durch das Abendmahl und die Evangelien. 



Er betont im weiteren, daB dadurch, daB die Menschen durch 
ihr Streben auf dem inneren Pfade, den die Geisteswissenschaft 
gibt, reif werden konnen in ihrem Inneren, 

«nicht bloB Gedankenwelten, nicht bloB abstrakte Gefiihls- 
und Empfindungswelten zu leben, sondern sich in ihrem In- 
neren zu durchdringen mit dem Element des Geistes, dadurch 
werden sie die Kommunion im Geiste erleben. Dadurch wer- 
den Gedanken - als meditative Gedanken - im Menschen 
leben konnen, die eben dasselbe sein werden, nur von innen 
heraus, wie es das Zeichen des Abendmahles - das geweihte 
Brot - von auBen gewesen ist.» 
Dieser Weg - so fahrt er fort - soil in Zukunft ein exoterischer 
Weg fur die Menschen werden. 

«Aber dann werden sich auch alle Zeremonien andern, und 
was friiher durch die Attribute von Brot und Wein geschehen 
ist, das wird in Zukunft durch ein geistiges Abendmahl ge- 
schehen. Der Gedanke jedoch des Abendmahles, der Kom- 
munion, wird bleiben.» 
Diese beiden Stellen von 1909 und 1911, zusammengeschaut, 
machen klar, wo die Opferfeier auf der Linie historischer Ent- 
wicklung einzureihen ist: nicht vor, sondern nach der Messe mit 
Brot und Wein. Sie ist also nicht - weil sie scheinbar keine Sub- 
stanzwandlung bringt - eine Vorstufe, eine Vorbereitung auf 
eine Messe mit Brot und Wein. Denn das empfangene Brot und 
der genossene Wein werden im Menschen aufgenommen von je- 
ner Kraft, die in unbewufiten Tiefen seines eigenen Leibes stoff- 
verwandelnd wirkt, und von da aus im BewuBtsein allmahlich 
Klarung, Umwandlung erzeugen kann. Wahrend die Kommu- 
nion im Geiste, wie sie in der Opferfeier erlebt wird, ein Be- 
wufitseinsakt ist, der sich immer heller klaren und bis ins Physi- 
sche des Menschen auswirken kann. Die zitierten Stellen weisen 
deutlich auf die Wandlung und Kommunion hin, wie sie Rudolf 
Steiner zwolf Jahre spater in der Opferfeier gegeben hat. In 
Fortsetzung des oben Zitierten stellt er als Voraussetzung fur 
eine solche Kommunion im Geiste hin, 



«daB gewisse innere Gedanken, innere Fiihlungen ebenso wei- 
hevoll das Innere durchdringen und durchgeistigen, wie in 
dem besten Sinne der inneren christlichen Entwicklung das 
Abendmahl die Menschenseele durchgeistigt und durchchri- 
stet hat. Wenn das moglich wird - und es wird moglich -, 
dann sind wir wieder um eine Etappe in der Entwicklung 
weitergeschritten. Und dadurch wird wieder der reale Beweis 
geliefert werden, daB das Christentum groBer ist als seine 
auBere Form.» 

Die Form fur diese weihevollen, das Innere durchdringenden 
und durchgeistigenden Gedanken ist in der Opferfeier gegeben. 
Man muB sich bloB von dem Vorurteil frei machen, als seien 
Gedanken immer nur ein abstraktes Etwas. Ihre Art hangt vom 
denkenden Subjekt ab. Gedanken konnen ein Erlebnis werden, 
das die Macht hat, bis ins Physische gestaltend zu wirken. So 
kann es geschehen durch die Opferfeier bis in Leib und Blut des 
nach dem Christus strebenden Menschen. 

Und so konnen sich im Verfolg dieses Erlebens - dank dem 
Werdebild von Welt und Mensch, das uns die Geisteswissenschaft 
gibt - die Worte des Offertoriums der Opferfeier, die mit erhobe- 
nen Armen gesprochen werden, und diejenigen, die darauf der 
rechts Stehende spricht, weihevoll weiten zum Gedanken der kos- 
mischen Biographie des Wesens Mensch: Es kann vor uns stehen 
die Schilderung der Zeit, da die Sonne heraustrat aus der Mond- 
gefesselten Erde. Mit der Sonne verlieB die Erde auch das hohe 
Wesen des Menschheits-Ich, das wir jetzt Christus nennen. Es ver- 
lieBen uns die hierarchischen Urbilder des Menschen, die bloBen 
Abbilder zunicklassend. Das hieB: Der Mensch nahm im Dienste 
der Weltentwicklung das Opfer auf sich, tiefer hineinzusteigen in 
die nun sich bildende Finsternis der Stoffeswelt - ein Entwick- 
lungsmoment, vor dem hohe Geistwesen, die dem Menschen in 
diesen Abstieg nicht folgen wollten, «ihr Antlitz verhullten». 

In eine noch weiter zuriickliegende Entwicklungsphase kann 
der Gedanke zuriicktauchen.- als das vor-saturnische Geistwesen 



der Menschheit, das eine sehr hohe Entwicklung ohne Stoffes- 
Verbundenheit (allerdings ohne Entfaltung des freien Ichs) hatte 
durchmachen konnen, eintrat in diesen Weltenzyklus, um eben 
diesen Weg der physischen GesetzmaBigkeit durchzumachen. 
(Siehe hierzu «Das Michaelsmysterium», Kap. XIV, auch Koln, 
27. April 1905.) 
Dieser Schritt war es, der 
das Opfer 

Unseres Menschenseins 

Unseres beseelten Leibes 

Unseres durchgeisteten Blutes 
eingeleitet hat, jenen Abstieg in die Finsternis des Stoffes, aus 
dem wir ohne die Kraft des Christus die Moglichkeit zum Wie- 
deraufstieg nicht gewinnen konnten. Wesen einer Zukunftwelt 
konnen entstehen, wenn der Mensch im Laufe seiner Entwick- 
lung die Kraft findet, jenes «wesenschaffende Liebe-Feuer» ent- 
stehen zu machen, das «von Mensch zu Gott» und auch von 
«Mensch zu Mensch» walten kann. 

GewiB wird nicht jeder Teilnehmer der Opferfeier diese Be- 
zugnahme auf weit zuriickliegende kosmische Phasen des 
Menschheitsweges aufgreifen konnen oder wollen. Verschieden- 
heiten in der Erlebnisweise gibt es ja bei jeder Art von Kult- 
handlungen. 

Um die Zielsetzung handelt es sich hier, denn diese wirkt. 
Und das Ziel der Opferfeier ist, sich in Leib und Blut, bis ins 
Physische, mit dem Menschheits-Ich zu verbinden. DaB dieses 
Ziel erreichbar ist in unserer Gegenwart, hat Rudolf Steiner 
auch in personlichen Gesprachen betont, so zu Friedrich Rittel- 
meyer, wie dieser in seinem Buche «Meine Lebensbegegnung 
mit Rudolf Steiner» mitteilt, indem er daran eigene wesentliche 
Gedanken iiber die zwei Arten der Kommunion anknupft. 

So waren Anfrage und Forderung jener Schulerin von weit- 
tragender Bedeutung und gaben Rudolf Steiner die Moglichkeit, 
was er schon 1909 und 1911 angedeutet hatte, in Kultform der 
Menschheit zu geben. 



Auf die Frage, wie es sich damit verhalt, daB dieser Kult von 
Menschen ohne Priesterweihe vollzogen wird, soil Rudolf Stei- 
ner geantwortet haben, er sei hier so weit gegangen, wie er eben 
mit Nichtgeweihten gehen konne. Diese Antwort ist auch von 
weittragender Bedeutung: Was in der Entwicklung der Christen- 
heit als Sehnsucht und Streben nach Laienpriestertum immer 
wieder erstand - allerdings auch immer wieder verfolgt und 
schlieBlich zum Verschwinden gebracht wurde -, das hat hier 
durch Rudolf Steiner eine neue Keimlegung erfahren, die je nach 
der Schicksalsfuhrung des Einzelnen ihre Friichte zeitigen kann. 
Dies wird erreicht sein, wenn durch innerstes Streben in der 
Begegnung mit dem hochsten Selbst, dem Christus, die Weihe 
erworben ist. 

Eckwalden, Ostern 1964 



RENE MAIKOWSKI 



Brief an Helmut von Kiigelgen vom 30. 5. 1970 

(Auszug) 



... Als ich seinerzeit die Leitung des Hochschulbundes hatte und 
auch iiber Fragen des Jugendkreises und unserer damaligen 
Stuttgarter Arbeit mit Dr. Steiner haufiger sprach, stellte ich ihm 
eine Frage, die manche von uns damals bewegte, aber sehr ver- 
schieden angesehen wurde. Es empfanden manche von uns, wie 
die Christengemeinschaft durch ihren Kultus, unabhangig von 
Vortragen oder anderem personlichen Einsatz, eine tragende spi- 
rituelle Substanz hat, und es war die Frage, ob in einer unseren 
Aufgaben entsprechenden Form auch bei uns - wir hatten ja 
damals die «Freie Gesellschaft» begriindet - eine entsprechende 
kultische Feier moglich sei (es war das noch vor der Weih- 
nachtstagung und Einrichtung der Hochschule). 

Zu meiner Uberraschung ging R. Steiner durchaus positiv auf 
diesen Gedanken ein und charakterisierte, daB dies in gewisser 
Weise eine Fortfuhrung dessen sein wurde, was in der Opfer- 
feier der Schule gegeben sei ... Er stellte die Moglichkeit einer 
esoterischen Arbeit dieser Art fur die Gesellschaft als durchaus 
moglich hin und deutete an, daB er darauf zuruckkommen wer- 
de, nachdem er danach gefragt worden war. Als dann mit der 
Weihnachtstagung und Einrichtung der Hochschule und 1. Klas- 
se diesen Wunschen entsprochen worden war, sah ich darin die 
Bestatitigung des damals von ihm Gesagten. - Wesentlich war 
mir besonders bei diesem Gesprach diese Charakterisierung des 
Wesens der Opferfeier und Schulhandlungen ... und die Beto- 
nung des klaren und bewuBten Erkenntnisweges, zu dem durch 
sie gefuhrt wird ... 



RENE MAIKOWSKI 

Brief an Gotthard Starke vom 29. 8. 1983 

(Auszug) 

... Als wir nach der Delegiertentagung (1923) die Arbeitsgrup- 
pen der Freien Gesellschaft aufbauten und gleichzeitig die Chri- 
stengemeinschaft ihre Arbeit begann, kam es in unserem Mitar- 
beiterkreis zu einem Gesprach iiber unsere Aufgaben und unsere 
Arbeitsweise. Von einigen wurde festgestellt, daB die Christen- 
gemeinschaft es mit ihrer Arbeit leichter habe, da sie einen Kul- 
tus besitze, wir dagegen nur die Moglichkeit hatten, durch das 
Wort zu wirken. Man fragte sich, ob es wohl denkbar sei, daB 
fur die Gesellschaft auch einmal ein Kultisches gegeben werden 
konnte. Die Meinungen waren geteilt. Ich wandte mich darauf 
mit dieser Frage an Dr. Steiner selbst. Er erklarte, daB dies wohl 
denkbar sei. So habe es vor dem Kriege ja auch die Esoterische 
Schule gegeben. In der Zukunft werde das (was damals noch in 
Anlehnung an die Theosophische Gesellschaft entstanden war) 
in anderer Gestalt gegeben werden. Es kame auch nicht die 
Form der Christengemeinschaft in Frage. Er charakterisierte dar- 
auf, wie auch spater in Dornach (30. 12. 1922), die andersartigen 
Grundlagen von Anthroposophie und Christengemeinschaft. 
Eine kultische Arbeit in der anthroposophischen Bewegung muB 
aus dem selben geistigen Strom hervorgehen wie die Schulhand- 
lungen, gewissermaBen eine Fortsetzung dessen, was in Form 
und Inhalt in der Opferfeier gegeben war ... 



C H R O N I K 

zur Entstehungsgeschichte der Schulhandlungen 



1919 

3. November Elternabend in der Waldorf schule: Es wird, auf Anre- 

gung aus der Elternschaft und unterstiitzt von Emil 
Molt, uber die Frage nach der Einrichtung einer Sonn- 
tagsfeier fiir die Kinder, die am freien Religionsunter- 
richt teilnehmen, gesprochen. 
Weihnachtszeit Gesprach in Stuttgart: Friedrich Oehlschlegel und Her- 
bert Hahn orientieren Rudolf Steiner iiber den Eltern- 
abend vom 3. November. Erstmals spricht Rudolf Stei- 
ner von einem Kultus fiir die Sonntagsfeier: «Das muB 
dann schon ein Kultus sein.» 

Rudolf Steiner iibergibt den Text der Sonntags- 
handlung und des vom Handlung Haltenden in Gedan- 
ken zu Beginn der Handlung zu sprechenden Spruches 
an Oehlschlegel und Hahn, die eine Abschrift anfer- 
tigen. 

1920 

Erste Sonntagshandlung in der Waldorfschule in Stutt- 
gart, gehalten von Herbert Hahn. 

Rudolf Steiner wohnt zum ersten Mai einer Sonntags- 
handlung bei. 

Konferenz mit Rudolf Steiner: «... Die Sonntagshand- 
lungen sind nur fiir diejenigen Kinder, die am freien 
Religionsuntericht teilnehmen. Sie bieten einen Ersatz 
fiir die, welche keinen Ritus haben, fiir die Kinder und 
die Eltern. Die Sonntagshandlung ist mit Musikali- 
schem abzuschlieBen, mit etwas besonderem Instru- 
mentalen. Ein Hospitieren dabei fiir eingeladene Gaste 
soil nur stattfinden, wenn ich hier bin ...» 



1. Februar 
29. Februar 
6. Marz 



Konferenz mit Rudolf Steiner: «Man kann die vier 
oberen Klassen vom freien Religionsimterricht zu der 
Feier vereinigen ...» 

Konferenz mit Rudolf Steiner. Es wird iiber den Vor- 
bereitungsunterricht zur Jugendfeier und die Teilnahme 
von Eltern u.a. an der Sonntagshandlung sowie das 
Verhaltnis Schule und Sonntagshandlung gesprochen: 
«Die Sonntagshandlung ist etwas im Rahmen der Schu- 
le Liegendes ...» 

Konferenz mit Rudolf Steiner, in der er u.a. auf eine 
Frage von Herbert Hahn erwidert: «Dann habe ich 
daran zu denken, Sie mochten eine Art Ritual fiir die 
Weihnachtshandlung haben.» 

Herbert Hahn erhalt von Rudolf Steiner den Wortlaut 
fiir die Weihnachtshandlung. 

Erste Weihnachtshandlung, gehalten von Herbert 
Hahn. 

1921 

Erste Jugendfeier 

1. Theologenkurs in Stuttgart. Auf Wunsch Rudolf 
Steiners nahmen auch die Religionslehrer der Waldorf- 
schule teil: Leonie Mirbach, Herbert Hahn, Ernst 
Uehli und Wilhelm Ruhtenberg. Als Verantwortlicher 
fiir die musikalische Gestaltung der Handlungen nahm 
auch der Musiklehrer Paul Baumann - in spateren 
Jahren ebenfalls Religionslehrer - teil. Veroffentlicht 
als Bd. I der «Vortrage und Kurse iiber christlich-reli- 
gioses Wirken», GA 342. 

Am Vormittag spricht Rudolf Steiner ausfiihrlich iiber 
die Handlungen: «Und so sollte es auch schon sein, 
daB wir begleiten mit solchen ritualhaften Handlungen 
wichtige Lebenspunkte ...» - Am Nachmittag gibt Ru- 
dolf Steiner im AnschluB an die Frage von Paul Bau- 
mann betreffend das Musikalische im Kultus eine aus- 
fiihrliche Darstellung iiber den menschlichen Organis- 
mus, die Musik und den Kultus: «Und wahrend zum 



Beispiel das Nichtmusikalische, das Lichthafte im Kul- 
tus dazu angetan ist, uns ein Weltgefiihl beizubringen, 
ist das Musikalische dazu angetan, uns das Ichgefiihl 
bis zum Gottlichen zu vertiefen ...» 
Konferenz mit Rudolf Steiner: «Vom 26. September bis 
10. Oktober soil in Dornach der (2.) Theologenkurs 
stattfinden. Hahn, Uehli, Ruhtenberg, Mirbach werden 
hinfahren ...» 

2. Theologenkurs. An ihm nahmen die in der 
Konferenz am 11. September (s.o.) genannten Lehrer 
teil. Leonie Mirbach ist zwar auf der Anmeldeliste no- 
tiert, jedoch fehlt ihr Name auf der Teilnehmerliste. 
Veroffentlicht als Bd. II der «Vortrage und Kurse iiber 
christlich-religioses Wirken», GA 343. 
Am Vormittag: Vortrag iiber den Religionsunterricht 
an der Waldorfschule und die Schulhandlungen im 
Rahmen des 2. Theologenkurses. 

Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wird iiber die Frage 
nach einer besonderen Sonntagshandlung nur fiir die 
Lehrer gesprochen: «Natiirlich, es kann etwas sehr 
Schones herauskommen. Ich kann mir gut vorstellen, 
daB ein einheitliches Ringen moglich ist. Der Modus 
wiirde nicht so leicht zu finden sein. Wer soil das ma- 
chen?» - Weitere behandelte Themen: Kultus und MeB- 
opferartiges sowie die Esoterik in der anthroposophi- 
schen Bewegung. - Uber die Sonntagshandlung: «Die 
Sonntagshandlung fiir die Kinder, ist die nicht an sich 
eine esoterische Angelegenheit fiir den einzelnen Men- 
schen, der dabei ist, ganz gleich, ob er ein Kind ist oder 
nicht? ...» 

Vortrag in Dornach im Rahmen eines offentlichen 
«Weihnachtskurses fiir Lehrer»:» Das KultmaBige, das 
im Bilde an den Menschen herantritt, ist ja wirklich 
etwas, was von der Seite der Anschauung her in das 
Gemiit, in die religiose Empfindung sich hineinzieht.» 
in: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens, 
GA 303, S. 154 



1922 



Konferenz mit Rudolf Steiner: Uber das Gebet und die 
Anknupfung an die Stimmung der Sonntagshandlung 
im Religionsunterricht. Uber die Anzahl der Handlun- 
gen, die Ausstattung des Raumes (lange Vorhange) und 
die Evangelien-Texte. - Uber die Messe in der Katholi- 
schen Kirche: «Die Messe wirkt doch grandios ...». 
Im Rahmen der Vortrage bei der Begriindung der 
Christengemeinschaft spricht hier Rudolf Steiner u.a. 
uber das Verhaltnis der Gemeinden der Christenge- 
meinschaft zu den Waldorfschullehrern. Veroffentlicht 
in Bd. Ill der « Vortrage und Kurse uber christlich-reli- 
gioses Wirken», GA 344. 

Maria Roschl erhalt fur die Jugendfeier von Rudolf 
Steiner eine Ubersetzung aus Joh.-Ev., Kap. 17, 1-8, 24, 
26 (das sog. Hohepriesterliche Gebet) und fertigt eine 
Abschrift an. 

Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wird die Frage nach 
den inneren und auBeren Voraussetzungen fur die Ta- 
tigkeit des Religionslehrers und Handlung-Haltenden 
erortert. 

Konferenz mit Rudolf Steiner: Uber die Eignung der 
Lehrer, einen Kultus zu halten; uber die Jugendfeier: 
keinen gesonderten Konfirmandenunterricht. - Die 
Ausgestaltung des Handlungsraumes und das Musikali- 
sche. - Innigkeit und Schlichtheit als Grundstimmung 
ftir den Kultus. 

Besprechung Rudolf Steiners mit den Lehrern des Frei- 
en Religionsunterrichtes: Uber die Verteilung der 
Handlungen auf die einzelnen Religionslehrer. - Auf 
die Frage «ob nach der Jugendfeier nicht etwas kom- 
men konnte?» - sie war von der Schulerin Johanna 
Wohlrab an die Religionslehrer gerichtet worden -, 
antwortete Rudolf Steiner: «Das wollen wir weiter er- 
wagen. Es ist nicht die Messe, die wir machen konnen. 
Ich mochte doch nicht die Messe hineinverpflanzen. 
Etwas Messe- Ahnliches konnen wir machen ...» 



1923 



17. Januar 



31. Januar 



8. Marz 



13. Marz 



25. Marz 

30. Marz 
15. August 



Konferenz mit Rudolf Steiner: «Es wird eine Opfer- 
feier sein fur den Sonntag, die wir demnachst einrich- 
ten werden ...» 

Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wurde gefragt nach 
dem Raum fiir die Sonntagshandlung. «Es handelt sich 
darum, daB ich eine weitere Handlung geben werde, 
und danach wird auch das Bild sich richten ...» 
Konferenz mit Rudolf Steiner: Uber die Teilnahme an 
den Handlungen: «Wir konnen es den Kindern doch 
nur freistellen, ob sie kommen wollen oder nicht ...» - 
Uber das Verhaltnis zur Christengemeinschaft. - Auf 
die Frage, ob neben der 10. und 11. auch die 9. Klasse 
an der Opferfeier teilnehmen sollte, antwortete Rudolf 
Steiner: «Die konnen auch teilnehmen. » 
Rudolf Steiner ubergibt den Text der Opferfeier an 
Maria Roschl, Herbert Hahn und Karl Schubert. Auf 
dem Umschlag hatte Rudolf Steiner notiert: « Opfer- 
handlung . Bei meiner nachsten Anwesenheit in Stutt- 
gart bitte um Riickgabe des Manuskriptes.» 
Erste Opferfeier, gehalten von Maria Roschl, Herbert 
Hahn und Karl Schubert. 
Erste Opferfeier, gehalten nur fiir Lehrer. 
Vortrag in Ilkley, England, im Rahmen einer «Holiday 
Conference», veranstaltet von der «Educational Union 
for the Realisation of Spiritual Values»: «Auch eine 
Kultushandlung, die sogar dem MeBopfer sehr ahnlich 
ist, aber durchaus dem entsprechenden Lebensalter 
angemessen ist, ist verbunden mit diesem auf den frei- 
en Religionsunterricht gestiitzten religiosen Leben in 
der Waldorf schule.» Veroffentlicht in: Gegenwartiges 
Geistesleben und Erziehung, GA 307, S. 208. 



1924 



5. Februar Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wird dariiber gespro- 

chen, ob man die Handlungen im Hinblick auf den 
Jahreslauf erganzen soil. 

19. Juni Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wurden die Fragen 

nach der Vereinbarkeit von freiem christlichen Reli- 
gionsunterricht mit dem Religionsunterricht der Chri- 
stengemeinschaft sowie der Sonntagshandlung in der 
Schule und in der Christengemeinschaft erortert: «Eine 
Diskrepanz zwischen beiden in inhaltlicher Beziehung 
kann es eigentlich nicht geben ...» - Uber die Jugend- 
feier, die Sonntagshandlung und die Konfirmation in 
der Christengemeinschaft. 

20. August Fragenbeantwortung im Rahmen eines in Torquay, 

England, gehaltenen «Padagogischen Kurses fur die 
Lehrer der in London neu zu begrundenden Schule mit 
Waldorf-Padagogik»: Zum Lehrplan des Religionsun- 
terrichtes, die Schulhandlungen und den Kultus: «Er 
dient auBerordentlich gut zur Vertiefung des religiosen 
Gefuhls, wird von den Kindern auBerordentlich weihe- 
voll empfunden.» - Veroffentlicht in: Die Kunst des 
Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, 
GA 311, S. 142. 



SPRUCHGUT FUR LEHRER 
UND SCHULER 



ZUR EINFUHRUNG 



Uber die «rechte Lehrer-Meditation» 

Aus einer Ansprache Rudolf Steiners 
zu Beginn des Schuljahres 1920/21 

Wir miissen auch innerlich, dem Gemiite nach, tatsachlich An- 
throposophen sein im tiefsten Sinne des Wortes als Waldorf- 
lehrer und miissen Ernst machen konnen mit einer Idee, die auf 
anthroposophischem Boden wiederholt ausgesprochen worden 
ist, die fur uns wichtig ist: Wir sind zu einer bestimmten Zeit 
heruntergestiegen aus den geistigen Welten in die physische 
Welt. Diejenigen, die uns als Kinder entgegentreten, sind spater 
herunter gekommen, sie haben die geistige Welt noch eine Zeit- 
lang durchlebt, in der wir schon hier in der physischen Welt 
waren. Es ist etwas ungeheuer innerlich Erwarmendes, etwas 
ganz in der Seele Wirkendes, wenn man in einem Kinde sieht 
ein Wesen, das einem etwas heruntertragt aus der geistigen 
Welt, das man nicht selbst mitgemacht hat in der geistigen 
Welt, weil man alter ist. Dieses Altersein bedeutet fur uns noch 
etwas ganz anderes. Wir empfangen mit jedem Kinde eine Bot- 
schaft aus der geistigen Welt iiber Dinge, die wir nicht mehr 
miterlebt haben. 

Dieses BewuBtsein gegenuber der Botschaft, die das Kind 
heruntertragt, das ist ein positives Gefiihl, das in vollem Ernst 
Platz greifen kann in der Waldorflehrerschaft, das der ab warts - 
gehende Kulturverlauf bekampft, sogar getreten hat. Das tun 
auch die traditionellen Religionsbekenntnisse, die von alien 
Kanzeln die Ewigkeit predigen, die Post-mortem-Ewigkeit, jene 
Ewigkeit, auf die die Leute hinschauen aus dem raffinierten 
Egoismus ihrer Seele heraus, weil sie nicht zugrunde gehen 
wollen. Der Mensch geht nicht zugrunde, aber es handelt sich 
darum, wie man zur Uberzeugung kommt von der Ewigkeit 



der Seele, ob aus Egoismus heraus, oder ob man lebendig, aus 
der Anschauung, drinnensteht in der Erfassung der ewigen 
Menschenseele. Hier in dieses lebendige Darinnenstehen fiihrt 
das Hinschauen auf die Praexistenz der Seele, das Hinschauen 
auf das, was der Mensch vor der Geburt erlebt, das Hinschauen 
auf den Menschen hier in der physischen Welt, wie sein Leben 
eine Fortsetzung desjenigen ist, was er vorher erlebt hat. Die 
traditionellen Bekenntnisse, die versumpft sind, diese Bekennt- 
nisse bekampfen am scharfsten die Praexistenz, dasjenige, was 
den Menschen selbstlos machen kann, dasjenige, was niemals 
zielt auf dieses dumpfe, versumpfte erkenntnislose Glauben, das 
zielen muB auf Wissen, auf das klare Licht der Erkenntnis. 

Solche Dinge werden praktisch, wenn wir sagen: Dieses Kind 
ist spater heruntergekommen aus der geistigen Welt als ich 
selbst. Ich kann erraten aus dem, was es mir entgegenlebt, was 
geschehen ist in der geistigen Welt, nachdem ich selbst die gei- 
stige Welt verlassen habe. DaB wir das als lebendiges Gefuhl in 
uns tragen, das ist eine rechte Lehrermeditation, von einer un- 
geheuer groBen und starken Bedeutung. Und durch ein solches 
bestimmtes Ausleben des anthroposophischen Wesens werden 
wir in Wahrheit dasjenige, was Lehrer sind, die aus anthropo- 
sophischem Geist heraus wirken. Das Beste, was hier in An- 
throposophie entwickelt wird, ist nicht dasjenige, was die Welt- 
Herumlungerer bei uns heraushospitieren wollen, das Beste ist 
dasjenige, was sich in Ihren Gemutern, in Ihren Seelen, als der 
Geist der Waldorfschule entwickelt. Es ist wirklich im ersten 
Jahre dieser Geist in Ihren Seelen schon lebendig. Und es soil 
unser Bemuhen sein - das wollte ich mit diesen Worten zu 
Ihnen sprechen -, gerade diesen Geist in der Folgezeit weiter 
zu pflegen. 

Aus diesem Geiste heraus wollen wir auch versuchen, alle 
EinzelmaBnahmen vorzunehmen. 



Nachbemerkung des Herausgebers: Zum Thema des Vorgeburtlichen siehe 
auch Rudolf Steiners Ausfiihrungen - in Wort und Bild - innerhalb des 
Vorbereitungskurses ftir die Lehrer im Sommer 1919, insbesondere in den 
Vortragen vom 22. und 26. August sowie 1. September 1919, in «Allgemei- 
ne Menschenkunde als Grundlage der Padagogik», GA 293. - Die Anspra- 
che vom 24. Juli 1920 bildete den Auftakt fur die Konferenz, veroffentlicht 
in «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart», 
Erster Band, GA 300a. 



«Menschenkunde verstehen durch Meditieren» 



Aus dem Vortrag vom 21. September 1920 

Die Betrachtungen, die eine geisteswissenschaftliche Padagogik 
so anstellt, wie wir sie angestellt haben, gehen alle darauf aus, 
den Menschen intimer kennenzulernen. Aber wenn Sie dann 
iiber diese Dinge meditierend nachdenken, so konnen Sie gar 
nicht anders als bewirken, daB diese Dinge in Ihnen weiterwir- 
ken. - Sehen Sie, wenn Sie zum Beispiel ein Butterbrot essen, so 
haben Sie es zunachst mit einem bewuBten Vorgang zu tun; aber 
was dann weiter geschieht, wenn das Butterbrot den komplizier- 
ten VerdauungsprozeB durchmacht, so ist das etwas, worauf Sie 
nicht viel wirken konnen; aber dieser ProzeB geht vor sich, und 
Ihr allgemeines Leben hangt damit stark zusammen. Wenn Sie 
nun Menschenkunde studieren, wie wir es getan haben, so erle- 
ben Sie das zunachst bewuBt; meditieren Sie nachher daniber, so 
geht ein innerer geistig-seelischer VerdauungsprozeB in Ihnen 
vor sich, und der macht Sie zum Erzieher und Unterrichter. 
Geradeso, wie Sie der Stoffwechsel zum sonst lebenden Men- 
schen macht, so macht Sie dieses meditierende Verdauen einer 
wahren Menschenkunde zum Erzieher. Sie stehen eben einfach 
dem Kinde als Erzieher ganz anders gegeniiber, wenn Sie das 
durchgemacht haben, was eben erst folgt aus einer wirklichen 
anthroposophischen Menschenkunde. Das, was wird aus uns, 
was in uns wirkt, wodurch wir Erzieher werden, das geht im 
meditierenden Erarbeiten einer solchen Menschenkunde vor 
sich. Und solche Betrachtungen wie die heutigen, wenn wir sie 
immer wieder und wieder in uns erwecken, wenn wir auch nur 5 
Minuten am Tage darauf zuruckkommen, sie bringen alles innere 
Seelenleben in Bewegung. Wir werden innerlich so gedanken- 
und empfindungsfruchtbare Menschen, daB alles nur so aus uns 
heraussprudelt. Abends meditieren Sie iiber Menschenkunde, 



und morgens quillt Ihnen heraus: Ja, mit dem Hans Miiller muBt 
du jetzt dies oder jenes machen - oder: Bei diesem Madchen 
fehlt es an dem und dem und so weiter. Kurz, Sie wissen, was 
Sie fur den speziellen Fall anwenden mussen. 

Es kommt im Menschenleben darauf an, daB man in dieser 
Weise das Innere mit dem AuBeren zusammenarbeiten laBt. Man 
braucht gar nicht einmal so viel Zeit dazu. Wenn Sie einmal da- 
fur Force bekommen haben, dann konnen Sie innerlich in drei 
Sekunden erarbeiten, was Sie dann in der Sprache oft, wenn Sie 
es auf die Erziehung anwenden, fur einen ganzen Tag versorgt. 
Da hort die Zeit auf ihre Bedeutung zu haben, wenn es sich dar- 
um handelt, das Ubersinnliche zum Leben zu bringen. Der Geist 
hat eben andere Gesetze. Geradeso wie wenn Sie beim Aufwa- 
chen einen Gedanken haben konnen, dessen Zeitinhalt zum Bei- 
spiel Wochen in Anspruch nehmen kann - er ist Ihnen aber 
durch den Kopf geschossen in einer Zeit, die kaum anzugeben 
ist -, geradeso kann umgekehrt das, was Ihnen aus dem Geiste 
herausflieBen kann, sich dann verlangern. Wie sich beim Traume 
alles zusammenzieht, so verlangert sich das, was uns aus dem 
Geiste erflieBt. So konnen Sie jetzt durch ein solches meditieren- 
des Sich-Hineinleben in die anthroposophische Menschenkunde 
es dahin bringen, daB Sie, wenn Sie im 40. oder 45. Jahre sind, 
in funf Minuten die ganze Umwandlung des inneren Menschen 
haben, die Sie fur Ihren Unterricht brauchen, und die Sie dann 
im auBeren Leben zu etwas ganz anderem macht, als Sie friiher 
gewesen sind. 

Von solchen Dingen sprechen diejenigen Schriften, die von 
Menschen herruhren, welche so etwas erlebt haben. Man muB es 
verstehen. Man muB aber auch verstehen, daB dasjenige, was von 
einzelnen Individualitaten in einem ganz besonderen MaBe erlebt 
wird und nun sein Licht auf das ganze Leben hinwerfen kann, 
beim Erzieher sich im kleinen abspielen muB. 

Er muB Menschenkunde aufnehmen, Menschenkunde verste- 
hen durch Meditieren, an Menschenkunde sich erinnern: da wird 
das Erinnern lebendiges Leben. Es ist nicht bloB ein Erinnern 



wie sonst, sondern ein Erinnern, welches neue innere Impulse 
aus sich heraustreibt. 

Da kommt die Erinnerung quellend aus dem geistigen Leben, 
und da iibertragt sich in unser auBeres Arbeiten dasjenige, was 
als dritte Etappe kommt: Nach dem meditierenden Verstehen 
kommt das schaffende, das schopferische Sich-Erinnern, das zu- 
gleich ein Aufnehmen aus der geistigen Welt ist. So also haben 
wir: Zuerst ein Aufnehmen oder Wahrnehmen der Menschen- 
kunde, dann ein Verstehen, ein meditierendes Verstehen dieser 
Menschenkunde, indem wir in uns immer mehr hineingehen, in- 
nerlich hineingehen, wo die Menschenkunde empfangen wird 
von unserem ganzen rhythmischen System, und dann haben wir 
ein Erinnern der Menschenkunde aus dem Geistigen heraus. Das 
heiBt: aus dem Geiste heraus padagogisch schaffen, padagogische 
Kunst werden. Gesinnung muB das werden, Seelenverfassung 
muB das werden. 

So mussen Sie den Menschen anschauen, daB Sie auch da die- 
se drei Etappen fortwahrend in sich fuhlen. Und je mehr Sie 
dazu kommen, sich zu sagen: Da ist mein auBerer Leib, da ist 
meine Haut; das umschlieBt in mir den die Menschenkunde Auf- 
nehmenden, den die Menschenkunde meditierend Verstehenden, 
den von Gott durch das Erinnern der Menschenkunde Befruch- 
teten - je mehr Sie dieses Gefuhl in sich tragen, desto mehr sind 
Sie Erzieher und unterrichtender Erzieher. 

Aus dem dritten Vortrag der «Meditativ erarbeitete Menschen- 
kunde^ in «Erziehung und Unterricht aus Menschenerkennt- 
nis», GA 302a. 



«Andacht zum Kleinen» 



Aus dem Vortrag vom 5. Juli 1924 

Die Menschen konnen im allgemeinen auf dem Gebiete der Pad- 
agogik nichts erreichen, weil sie nicht ernsthaftig jemals eine 
Wahrheit in sich rege gemacht haben. Die besteht darin, daB Sie 
sich am Abend einleben in das BewuBtsein: In mir ist Gott, in 
mir ist Gott, oder der Gottesgeist, oder was immer - aber sich 
dieses nicht bloB theoretisch vorschwatzen, die Meditationen der 
meisten Menschen bestehen darin, daB sie sich etwas theoretisch 
vorschwatzen-, und am Morgen so, daB das hineinstrahlt in den 
ganzen Tag: Ich bin in Gott. - Bedenken Sie nur, wenn Sie diese 
zwei Vorstellungen, die ganz Empfindung, ja Willensimpulse 
werden, in sich rege machen, was Sie da eigentlich tun. Sie tun 
das, daB Sie dieses Bild vor sich haben: In mir ist Gott - und 
daB am nachsten Morgen Sie dieses Bild vor sich haben: Ich bin 
in Gott. - Das ist eines und dasselbe, die obere und untere Figur 
(siehe S. 223). Und Sie mussen einfach verstehen: das ist ein 
Kreis, das ist ein Punkt. Es kommt nur abends nicht heraus, es 
kommt nur morgens heraus. Morgens mussen Sie denken: das ist 
ein Kreis, das ist ein Punkt. Sie mussen verstehen, daB ein Kreis 
ein Punkt, ein Punkt ein Kreis ist, und mussen das ganz inner- 
lich verstehen. 

Sehen Sie, damit kommen Sie uberhaupt erst an den Men- 
schen heran. Denn wenn Sie sich erinnern an die Zeichnung, die 
ich Ihnen vom Stoffwechsel-GliedmaBenmenschen und vom 
Kopfmenschen gegeben habe, bedeutet diese Zeichnung gar 
nichts anderes als die Auspragung und Verwirklichung dessen, 
was jetzt in einer einfachen Weise in einer Meditationsfigur vor 
Sie hingestellt wird. Im Menschen ist das verwirklicht, daB der 
Ich-Punkt des Kopfes im GliedmaBenmenschen zum Kreis wird, 
der naturlich konfiguriert ist. Und Sie lernen verstehen uber- 



haupt den ganzen Menschen, wenn Sie in dieser Weise an ihn 
herangehen, wenn Sie versuchen, ihn innerlich zu verstehen. 
Aber zuerst miissen Sie dieses haben, daB die zwei Figuren, die 
zwei Vorstellungen ein und dasselbe sind, daB sie gar nicht un- 
terschieden sind voneinander. Nur von auBen angesehen sind sie 
verschieden. Da ist ein gelber Kreis, da ist er auch. Da ist ein 
blauer Punkt, da ist er auch. Warum? Weil das die schematische 
Figur des Kopfes ist, weil das die schematische Figur des Leibes 
ist. Aber wenn der Punkt sich behauptet in den Leib hinein, 
dann wird er eben zum Ruckenmark; wenn der Punkt hier sich 
hineinbegibt, wird dasjenige, was er sein soil in der Kopf Organi- 
sation, dann eben Ruckenmarkansatz. Die innere Dynamik der 
Morphologie ergibt sich Ihnen einfach dadurch. Sie konnen eine 
Anatomie, eine Physiologie bekommen, indem Sie von dem aus- 
gehend meditieren. Dann kriegen Sie schon die innere Intuition, 
inwiefern Ihr Oberkiefer und Ihr Unterkiefer GliedmaBen sind, 
inwiefern der Kopf ein ganzer Organismus ist, der aufhockt 
oben - seine GliedmaBen sind verkummert -, in der Verkumme- 
rung sie umbildet zu Kiefern, und Sie bekommen die Anschau- 
ung, wie in einem polarischen Gegensatz Zahne stehen und Ze- 
hen. Sehen Sie sich nur einmal die Ansatze der Kieferknochen 
an, so werden Sie die verkummerte Zehenbildung, die verkum- 
merte FuB- und Handbildung darin wahrnehmen. 

Aber es darf eben die Meditation, die in solchen Dingen 
wirkt, nicht die Stimmung haben, meine lieben Freunde: Ich will 
mich innerlich in ein warmes Nest legen, es soil mir immer 
warm und warmer werden -, sondern es muB die Stimmung 
vorliegen, daB man in die Wirklichkeit untertaucht, daB man die 
Wirklichkeit ergreift. Andacht zum Kleinen. Ja zum Kleinsten. 
Es darf nicht das Interesse fur dieses Kleine ausgetrieben wer- 
den, meine lieben Freunde. Es muB so sein, daB Sie das Ohr- 
lappchen, der abgeschnittene Fingernagel, ein Stuck des mensch- 
lichen Haares ebenso interessiert, wie Saturn, Sonne, Mond. 
Denn schlieBlich ist in einem solchen menschlichen Haar alles 
andere darinnen, und derjenige, der kahlkopfig wird, verliert ja 



tatsachlich einen ganzen Kosmos. Es ist tatsachlich so, daB in- 
nerlich erschaffen werden kann dasjenige, was auBerlich sichtbar 
ist, wenn man nur jene Uberwindung hat, welche im meditativen 
Leben eben notwendig ist. Aber diese Uberwindung trifft man 
nie, wenn irgend Spuren von Eitelkeit auftauchen, und die tau- 
chen eben an alien Ecken und Enden auf. Deshalb, meine lieben 
Freunde, ist es notwendig, wenn Sie wirklich Erzieher, [...] wer- 
den wollen, daB Sie diese Andacht im Kleinen in der allerallerbe- 
scheidensten Weise entwickeln, ... 

Aus «Heilpadagogischer Kurs», Vortrag vom 5. Juli 1924, GA 
317. Siehe auch die Abbildung «Punkt und Kreis» auf S. 223 
in vorliegendem Band. 



Meditationen, Spriiche 

und Ratschlage 
fur Lehrer und Erzieher 



«Eine Art Gebet» 



Wir wollen unsere Gedanken so gestalten, daB wir das BewuBt- 
sein haben konnen: Hinter jedem von uns steht sein Engel, ihm 
die Hande sanft aufs Haupt legend; dieser Engel gibt Euch die 
Kraft, die Ihr braucht. - Uber Euren Hauptern schwebt der Rei- 
gen der Erzengel. Sie tragen von einem zum andern, was einer 
dem andern zu geben hat. Sie verbinden Eure Seelen. Dadurch 
wird Euch der Mut, dessen Ihr bediirft. (Aus dem Mut bilden 
die Erzengel eine Schale.) - Das Licht der Weisheit wird uns ge- 
schenkt von den erhabenen Wesenheiten der Archai, welche sich 
nicht im Reigen abschlieBen, sondern aus Urbeginnen kommend 
sich offenbaren und in Urfernen verschwinden. Sie ragen nur 
wie eine Tropfenform hinein in diesen Raum. (In die Schale des 
Mutes hinein fallt von dem wirkenden Zeitgeist ein Tropfen des 
Zeitenlichtes.) 




[Wiedergabe nach Aufzeichnungen von C. von Heydebrand. Siehe auch «Hinweise».] 



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Meditation 



Im Schein des Sinnewesens, 
Da lebt des Geistes Wille, 
Als Weisheitslicht sich gebend, 
Und innre Kraft verbergend; 

Im Ich des eignen Wesens, 
Da scheinet Menschenwille, 
Als Denkens Offenbarung, 
Auf eigne Kraft sich stutzend; 

Und eigne Kraft dem Lichte 
Der Weltenweisheit machtvoll 
Geeinet zu dem Selbste: 

Gestaltet mich, der ich mich 
Zum Gottlich-Hohen wende 
Erleuchtungskrafte suchend. 



i-v cG~£ sic 4 cuj l*, ti if - J *eXv> , 



Meditation 



Geistiges Blicken, 

Wende dich schauend nach Innen; 

Herzliches Tasten 

Riihre am zarten Seelen-Sein; 

Im ahnenden Geistes-Blicken, 

Im herzhaften Seelen-Tasten, 

Da webt sich BewuBt-Sein. 

BewuBt-Sein, das aus dem Oben 

Und dem Unten des Menschen-Wesens 

Bindet Welten-Helle 

An das Erden-Dunkel 

Geistiges Blicken 

Herzliches Tasten 

Erblicke, Ertaste 

Im Menschen-Innern 

Webende Welten-Helle 

In waltendem Erdendunkel: 

Mein eigenes 

Menschen-Bilde-Kraft 

Zeugendes 

Krafterschaffendes 

Willentragendes 

Selbst. 



Meditation 



In mir ist Gott 
Ich bin in Gott 



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S> cd ^ p-rtP** ^/t^ / &~f*- ^c^r 

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1* 



Brief an die Lehrkrafte 
der Freien Waldorfschule in Stuttgart 



Goetheanum, 15. Maerz 1925 

Meine lieben 

Lehrkrafte der freien Waldorfschule! 

Es ist mir eine groBe Entbehrung, so lange nicht unter Euch sein 
zu konnen. Und ich muB jetzt wichtige Entscheidungen, an de- 
nen ich naturgemaB seit dem Bestande der Schule teilgenommen 
habe, in Euere Hand legen. Es ist eine Zeit der Priifung durch 
das Schicksal. 

Ich bin mit meinen Gedanken unter Euch. Mehr kann ich 
jetzt nicht, wenn ich nicht riskieren will, die Zeit der physischen 
Hinderung ins Endlose auszudehnen. 

Gedankenwirksamkeit eine uns, 

Da wir im Raum getrennt sein mussen. 

Was wir schon gemeinsam vollbracht, 

Es krafte jetzt durch die Lehrerschaft. 

Es ziehe seine Kreise durch Ihren Eigenrat, 

Da jener Rat, der so gerne kame, 

Die Schwingen frei nicht hat. 

So wollen wir denn die Gemeinsamkeit im Geiste um so inni- 
ger erstreben, so lange anderes nicht sein kann. Die Waldorf- 



clou &»% tA * a svf? JU*. «o^4 <ku4 +Le* £ e^aXrCg *>6vt, 

JUG, c±t ^^1. 



schule ist zwar ein Kind der Sorge, aber vor allem ist sie auch 
ein Wahrzeichen fur die Fruchtbarkeit der Anthroposophie 
innerhalb des geistigen Lebens der Menschheit. 

Wenn die Lehrerschaft treu im Herzen das BewuBtsein tragt 
von dieser Fruchtbarkeit, dann werden die guten iiber dieser 
Schule waltenden Geister wirksam sein konnen; und in den 
Taten der Lehrer wird gottlich-geistige Kraft walten. 

Aus solchem Gedenken heraus, mochte ich Euch alien die 
herzlichsten Gedanken und GrtiBe senden. 

Fur die Schuler lege ich noch ein kurzes Schreiben bei, das 
ich bitte, in den Klassen zu verlesen. 

Allerherzlichst 
Rudolf Steiner 



Ave* t^l^M^tW j t***^ 



Grundstein-Spruch 
fur die Freie Waldorfschule Stuttgart 



Es walte, was Geisteskraft in Liebe 

Es wirke, was Geisteslicht in Giite 

Aus Herzenssicherheit 

Aus Seelenfestigkeit 

Dem jungen Menschenwesen 

Fur des Leibes Arbeitskraft 

Fur der Seele Innigkeit 

Fur des Geistes Helligkeit 

Erbringen kann. 

Dem sei geweiht diese Statte: 

Jugendsinn finde in ihr 

Kraft begabte, Licht ergebene 

Menschenpfleger. 
In ihrem Herzen gedenken des Geistes, 
der hier walten soil, die, welche 
den Stein zum Sinnbild 
hier versenken, auf daB 
er festige die Grundlage, 
uber der leben, walten, wirken soil: 

Befreiende Weisheit, 

Erstarkende Geistesmacht, 

Sich offenbarendes Geistesleben. 

Dies mochten sie bekennen: 
In Christi Namen 
In reinen Absichten, 
Mit gutem Willen. 



I .. . 

1 ass. *Wr 





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* 



Spruch fiir einen verstorbenen Schiiler 



In klinftiges Erdenleben 
Dich kraftig einzufiihren, 
Warst du uns libergeben 
Durch deiner Eltern Willen. 

Im Schmerz an des Todes Pforte 
Zu sprechen vermogen allein 
Die seelenbefltigelten Worte, 
Die dem reifenden Leben bestimmt. 

So nimm statt der Schule Lenken 
Fiir irdisches Tun und Leben 
Der Lehrer liebend Gedenken 
Hiniiber in jenes Geistessein, 

Wo die Seele umwebet 
Der Ewigkeit helles Licht 
Und der Geist erlebet: 
Das Gottes-Willens-Ziel. 



Nr. 58 A. 



iten 





inschaftliche Behandlung 
id padagogisclier Fragen. 



Ersler Teil. 

Sieben Yortrage 

i Stuttgart yom 21, April bis nam 22. Juni 1919 
von 

)r, Rudolf Steiner. 



Inhaltsverzeichnis. ffl 3 

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. . > . . . . . , . . . . . . . . . i j»;^h. 

r exoterischen Behandlung der sozialen Frage . ■ '. . . . .22 XJ 
.... • . . 45 ' tr^: 



Widmung 



Die Jugend erziehen 

HeiBt im Heute das Morgen 

HeiBt im Stoffe den Geist 

HeiBt im Erde[n]leben das Geistessein 

pflegen. 



Spruch 



Dem Stoff sich verschreiben 
HeiBt Seelen zerreiben 

Im Geiste sich finden 
HeiBt Menschen verbinden 



Im Menschen sich schauen 
HeiBt Welten erbauen 



Motto fur die Padagogik 



Durchdringe dich mit Phantasiefahigkeit, 
habe den Mut zur Wahrheit, 

scharfe dein Gefiihl fur seelische Verantwortlichkeit. 



Ehrfurcht, Enthusiasmus, schiitzendes Gefiihl 



Erfurcht vor dem, was dem Dasein des Kindes vorangeht. 
Enthusiastischer Hinweis auf das, 

was dem Kinde nachfolgt. 
Schiitzende Bewegung fur das, was das Kind erlebt. 



Vier goldene Regeln fur den Lehrerberuf 



Der Lehrer sei ein Mensch der Initiative 
im groBen und im kleinen Ganzen. 

Der Lehrer soil ein Mensch sein, der Interesse 
hat fur alles weltliche und menschliche Sein. 

Der Lehrer soil ein Mensch sein, der in seinem 
Inneren nie einen KompromiB schlieBt mit dem 
Unwahren. 

Der Lehrer darf nicht verdorren und nicht 
versauern. 



Fur die Schule in Hamburg-Wandsbek 



Aus dem Ernst der Zeit 
muB geboren werden 
der Mut zur Tat. 

Gebt dem Unterricht 
Was der Geist Euch gibt, 
und Ihr befreit die Menschheit 
von dem Alpdruck, 
der auf ihr lastet durch 
den Materialismus. 



Die drei goldenen Regeln 
der Erziehungs- und Unterrichtskunst 



Religiose Dankbarkeit gegenliber der Welt, die sich in dem 
Kinde offenbart, vereinigt mit dem BewuBtsein, daB das 
Kind ein gottliches Ratsel darstellt, das man mit seiner Er- 
ziehungskunst losen soil. In Liebe getibte Erziehungs- 
methode, durch die das Kind sich instinktiv an uns selbst 
erzieht, so daB man dem Kinde die Freiheit nicht gefahr- 
det, die auch da geachtet werden soil, wo sie das unbe- 
wuBte Element der organischen Wachstumskraft ist. 



Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen 
In Liebe erziehen 
In Freiheit entlassen 



Drei goldene Regeln 
fiir die Gedachtnisentwicklung 

Begriffe belasten das Gedachtnis; 
Anschaulich-Kiinstlerisches bildet 
das Gedachtnis; 

Willensanstrengung, Willensbetatigung 
befestigt das Gedachtnis. 



Ernst und Verantwortung 



Wir miissen ja alle durchdrungen sein: 

Erstens von dem Ernst der Sache. Es ist eine ungeheuer 
wichtige Sache fiir uns gerade. 

Zweitens miissen wir durchdrungen sein von der Verant- 
wortung, die wir tragen, sowohl der Anthroposophie ge- 
genliber wie der Kulturbewegung gegenuber, der sozialen 
Frage gegenuber. 

Und dann drittens das, was wir als Anthroposophen be- 
sonders uns vorhalten miissen: die Verantwortung gegen- 
uber den Gottern. 



«Meditationsformel» 



Wir wollen arbeiten, indem wir einflieBen 
lassen in unsere Arbeit dasjenige, was aus 
der geistigen Welt heraus auf seelisch- 
geistige Weise und auf leiblich-physische 
Weise in uns Mensch werden will. 



Gebet 



Lieber Gott, mache, daB ich mich in bezug 
auf meine personlichen Ambitionen ganz 
ausloschen kann. 

Christus, mache besonders an mir wahr den 
paulinischen Ausspruch: Nicht ich, sondern 
der Christus in mir. 



Das Wesen von Erziehung und Unterricht 

Lebendig werdende Wissenschaft! 
Lebendig werdende Kunst! 
Lebendig werdende Religion! 



«Neue Devise» 



Ich will lernen, 

Ich will arbeiten 

Ich will lernend arbeiten 

Ich will arbeitend lernen 



«Devise» 



Suchet das wirklich praktische materielle Leben, 
aber suchet es so, daB es Euch nicht betaubt iiber 
den Geist, der in ihm wirksam ist. 
Suchet den Geist, aber suchet ihn nicht in iiber- 
sinnlicher Wollust, aus ubersinnlichem Egoismus, 
sondern suchet ihn, weil Ihr ihn selbstlos im 
praktischen Leben in der materiellen Welt anwenden 
wollt. 

Wendet an den alten Grundsatz: 

Geist niemals ohne Materie. Materie niemals ohne Geist - 
in der Art, daB Ihr sagt: Wir wollen alles Materielle 
im Lichte des Geistes tun, und wir wollen das Licht des 
Geistes so suchen, daB es uns Warme entwickele fiir unser 
praktisches Tun. 

Der Geist, der von uns in die Materie gefuhrt wird, 
die Materie, die von uns bearbeitet wird bis zu 
ihrer Offenbarung, durch die sie den Geist aus sich 
selber heraustreibt; die Materie, die von uns den 
Geist geoffenbart erhalt - der Geist, der von uns an 
die Materie herangetrieben wird, die bilden dasjenige 
lebendige Sein, welches die Menschheit zum wirklichen 
Fortschritt bringen kann, zu demjenigen Fortschritt, 
der von den Besten in den tiefsten Unter- 
grunden der Gegenwartsseelen nur ersehnt werden kann. 




7C^, Kvq, K~^> tZ~i* 



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Spruch-Fragmente 



Das Licht macht sichtbar 
Stein Pflanze Tier und Mensch 
Die Seele macht lebendig 
Kopf, Herz, Hand und FuB 
Es freut sich das Licht 
Wenn Steine glanzen 
Pflanzen bliihen, Tiere laufen 
Und Menschen Arbeit leisten 
So soil die Seele sich freuen 
Wenn das Herz 



Die Sonne gibt 
Den Pflanzen Licht, 
Weil die Sonne 
Die Pflanzen liebt; 
So gibt ein Mensch 
Dem andern Licht 



******** <* 

So 11^ ^ 



Spruch 



Sonnenliebe dringt leuchtend 
In das Pflanzenleben, 
Und machet es griin; 
So kam die Menschenliebe 
In die Herzen 

Sonnenlicht durchdringt 
Die Pflanze liebevoll, 
Und machet sie griin; 
Menschenliebe durchdringt 
Die anderen Menschen 

Sonnenlicht machet 
Die Pflanzen griin, 

Leuchtende Sonne 
Tagbeschiitzendes Wesen 



Spruchgut fiir Schiller 



or *s-y%^UL 




Morgenspruch fur die vier unteren Klassen 



Der Sonne liebes Licht, 

Es hellet mir den Tag; 

Der Seele Geistesmacht, 

Sie gibt den Gliedern Kraft; 

Im Sonnen Lichtes Glanz 

Verehre ich, o Gott, 

Die Menschenkraft, die Du 

In meine Seele mir 

So giitig hast gepflanzt, 

DaB ich kann arbeitsam 

Und lernbegierig sein. 

Von Dir stammt Licht und Kraft, 

Zu Dir strom' Lieb' und Dank. 



Jn Mot/ c/iou yyii**4^ &cje&L£ } 
die IvUr o^t J^truyt Ce£c£ * 




J?«^? ^-v// Je^c^, 



Morgenspruch fur die oberen Klassen 



Ich schaue in die Welt, 
In der die Sonne leuchtet, 
In der die Sterne funkeln; 
In der die Steine lagern, 
Die Pflanzen lebend wachsen, 
Die Tiere fiihlend leben, 
In der der Mensch beseelt, 
Dem Geiste Wohnung gibt; 
Ich schaue in die Seele, 
Die mir im Innern lebet. 
Der Gottesgeist, er webt 
Im Sonn'- und Seelenlicht, 
Im Weltenraum, da drauBen, 
In Seelentiefen, drinnen. - 
Zu Dir o Gottesgeist 
Will ich bittend mich wenden, 
DaB Kraft und Segen mir 
Zum Lernen und zur Arbeit 
In meinem Innern wachse. - 



OA wHj m Sttft to, 



Spruch zum Beginn 
des freien christlichen Religionsunterrichts 



Im hellen Sonnenlichte, 
Das Kraft der Erde bringt; 
Im griinen Pflanzenwesen, 
Das aus den Tiefen dringt, 
Und auch in Weltenweiten, 
Die Sternen Wohnung geben, 
Und in dem Menschenauge, 
Wo Sinneskrafte weben: 
Da ahn' ich Gotteswalten, 
Das mir im Geist erscheinet, 
Mit dem in Seelengrunden 
Mein ganzes Sein sich einet; 
DaB so selbst Geist ich werde 
Als Mensch im Stoff der Erde. 



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Spriiche 



Der Sonne Licht 
Es scheinet uns 
Der Seele Kraft 
Sie ist erwacht 
Aus Schlafes Ruhe 



Der Sonne Licht 
Es hellt den Tag 
Nach finstrer Nacht: 
Der Seele Kraft 
Sie ist erwacht 
Aus Schlafes Ruh': 
Du meine Seele 
Sei dankbar dem Licht 
Es leuchtet in ihm 
Des Gottes Macht; 
Du meine Seele 
Sei tuchtig zur Tat 



<b)&r t/Ur (ft/i ac%X- S<*dt byiA f 

9 



Spuch zum Beginn des altsprachlichen Unterrichts 



Wer der Sprache Sinn versteht, 
Dem enthullt die Welt 
Im Bilde sich; 

Wer der Sprache Seele hort, 
Dem erschlieBt die Welt 
Als Wesen sich; 

Wer der Sprache Geist erlebt, 
Den beschenkt die Welt 
Mit Weisheitskraft; 

Wer die Sprache lieben kann, 
Dem verleiht sie selbst 
Die eigne Macht. 

So will ich Herz und Sinn 
Nach Geist und Seele 
Des Wortes wenden; 

Und in der Liebe 
Zu ihm mich selber 
Erst ganz empfinden. 



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M~. lt I I . A." $L.7~Jluu W /J - , 



Spruch-Fragment fur den Altsprachenunterricht 



Es leuchtet die Sonnenhelle den Erdenwesen, 
Es strahlet die Geistessonne den Menschenseelen; 
Die Erdenwesen, sie hungern nach Sonnenhelle, 
Die Menschenseelen, sie diirsten nach Geistessonne 
Und Sonnenhelle, sie nahret die Erdenwesen 
Und Geistessonne, sie tranket die Menschenseelen 



mm 

J) 



Spruch fiir die abgehende zwolfte Klasse 



In den Weiten der Lebenswege 

Soil sich spiegeln, 

Was im lieben Jugendhause 

Wie das Siegel 

Echten Menschenwesens 

In das Herz 

Sich gepragt. 

In der Tiefe der Erinnerung 

Soli sich stark erweisen, 

Was die Seele durfte finden 

In Herzenskreisen - 

Durch die Geistesfiihrerschaft, 

In den Kraften 

Lieber Lebensschulimg. 



Meine Gedanken fliegen zur Schule hin 

Dort wird mein Korper gebildet 

Zur rechten Tatigkeit 

Dort wird meine Seele erzogen 

Zur rechten Lebenskraft 

Dort wird mein Geist erweckt 

Zum rechten Menschenwesen. 



Meine Gedanken sollen hineilen zu 

der lieben Waldorf schule; dort wird mein 

Korper gestaltet zu rechter Ttichtigkeit und 

Arbeit, dort wird meine Seele entwickelt 

zu starker Lebenskraft, dort wird mein Geist 

erweckt zu wahrem, tuchtigem Menschentum. 




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Spriiche 



Im Lernen erwirbt der Mensch 
sich Lebenskraft. 

Ich will achtgeben auf mich 
im Sprechen und Denken. 

Ich will achtgeben auf mich 
im Sprechen und Handeln. 



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Lernen, aufmerksam sein, 
FleiB entwickeln 
Es sei mir ins 
Herz geschrieben 



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T^CcLt tUnfcn, €*ZUu . tCru) £ i^^LAsi^ oto^ 



Brief an die Schiilerinnen und Schiiler 
der Freien Waldorfschule in Stuttgart 

Goetheanum, 15. Marz 1925 

An meine lieben Schiilerinnen und Schiiler der Waldorfschule. 

Zu meinem groBen Leide kann ich durch lange Zeit jetzt nicht 
unter Euch sein. Und es gewahrte mir doch stets die groBte 
Befriedigung, wenn ich unter meinen lieben Schiilerinnen und 
Schiilern einige Zeit zubringen konnte. So lange es nicht sein 
kann, will ich viele herzliche und gute Gedanken zu Euch 
senden. 

Ihr habt mir ja auch durch Ubersendung von Eueren Arbei- 
ten groBe Freude gemacht. Ich sende Euch den herzlichsten 
Dank dafiir. 

Hoffentlich kann ich bald wieder unter Euch erscheinen. 

Allen einen herzlichsten GruB 
Rudolf Steiner 



ANHANG 




Wandtafelzeicrmung von Rudolf Steiner 
zum Vortrag vom 5. Juli 1924 
im Rahmen des «Heilpadagogiscfaen Kurses» 
Kreide auf Papier 
Originalformat 142 x 98 cm 



Rudolf Steiner; Studie Christus-Antlitz 
Aquarell und Bleistift, 23 x 19 cm, 1917 (verkleinert) 



Leonardo da Vinci 
Christus. Entwurf zum Abendmahlsbild («II Redentore») 
Brera Pinakothek, Mailand 



Altar mit Stiihlen und Teppichkreuz 
Freie Waldorfschule Uhkndshohe, Stuttgart 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwalttmg Buch: 269 Seite: 226 



II I II 1 1 




Altar fur die Schulhandlungeri 
Freie Waldorfschule Uhlandshohe, Stuttgart 



HINWEISE 



Zu dieser Ausgabe 

Editorisches: Die in diesem Band wiedergegeben Wortlaute Rudolf Steiners 
basieren auf Vortragsnachschriften (Stenogrammen und Stenogramm-Uber- 
tragungen) sowie auf handschriftlichen Aufzeichnungen in Notizbuchern 
(NB), Notizzetteln (NZ) und Briefen oder auf Abschriften, deren Authen- 
tizitat durch Personlichkeiten aus dem naheren Umkreis von Rudolf Stei- 
ner verbiirgt ist. Naheres zu den einzelnen Texten siehe in den nachfolgen- 
den Hinweisen. 

Handschriftenwiedergaben: Die in den vorliegenden Band aufgenommenen 
Handschriftenwiedergaben erscheinen aus Platzgrunden verschiedentlich 
leicht verkleinert. Die Transkriptionen sind wortwortlich. Lediglich veral- 
tete Schreibweisen wurden der heutigen angepaBt. 

Die Ausfiihrungen von Herbert Hahn - mit Ausnahme der beiden Briefe - 
und Maria Lehrs-Roschl sind verschiedentlich in internen Arbeitsmateriali- 
en der Waldorfschulen publiziert worden. Die Ausziige aus den Briefen 
von Rene Maikowski werden hier erstmals einer breiteren Leserschaft zu- 
ganglich gemacht. 

Von ausfiihrlichen Angaben zu den Lehrer-Biographien in den Hinweisen 
wurde hier abgesehen. Siehe hierzu «Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner in 
der ersten Waldorfschule», hg. von Gisbert Husemann und Johannes 
Tautz, Stuttgart 1977, sowie Johannes Tautz «LehrerbewuBtsein im 20. 
Jahrhundert. Erlebtes und Erkanntes», Dornach 1995. - Wortlaute Rudolf 
Steiners zur religiosen Erziehung im allgemeinen und den freien christ- 
lichen Religionsunterricht sowie die Schulhandlungen im besonderen sind 
«als Arbeitsmaterial fur Waldorfpadagogen» publiziert unter dem Titel 
«Zur religiosen Erziehung», herausgegeben von der «Padagogischen For- 
schungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen in Stuttgart», 1985. 

Der Titel des Bandes stammt vom Herausgeber. 



Hinweise zum Text 



Innerhalb der Gesamtausgabe (GA) erschienene Werke Rudolf Steiners wer- 
den in den Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch 
die Ubersicht am SchluB des Bandes. 

Zur Einfiihrung 

Zu Seite 

17 Vortrag vom 4. Oktober 1921: Gehalten im Rahmen des zweiten Kurses 
fur Theologen und Studenten der Theologie. Vollstandige Wiedergabe in 
Band II der «Vortrage und Kurse iiber christlich-religioses Wirken», GA 
343, Dornach 1993. 



Ritualtexte 

41 Vorbereitung: Spruch «Durch deine Kraft, o Gottesgeist». Wiedergabe 
nach dem Vortrag vom 4. Oktober 1921. Siehe vorangehenden Hinweis. 
Im Archiv befindet sich lediglich eine Abschrift. Das Original liegt nicht 
mehr vor. In dem genannten Vortrag auBert sich Rudolf Steiner zu dem 
Spruch wie folgt: «Der Handelnde kann sich in der Weise in die richtige 
Gesinnung einfiihren, daB er vor der Handlung zu sich selber spricht: 
... (es folgt der Spruch) ... durch die Worte, die er in Gedanken zu sich 
spricht, wird der Handelnde, bevor die Kinder eingelassen werden, sich 
vorbereiten.» 

42 Sonntagshandlung: Wiedergabe nach einer Abschrift. Rudolf Steiner hatte 
in der Weihnachtszeit 1919 den Text den beiden Religionslehrern, Her- 
bert Hahn und Friedrich Oehlschlegel, gegeben, die sich eine Abschrift 
angefertigt haben. Das Original gilt als verschollen. Der eigentliche Ri- 
tualtext ist identisch mit dem von Rudolf Steiner im Vortrag vom 4. Ok- 
tober 1921 (s. o.) gesprochenen Wortlaut. Inwiefern die den Hand- 
lungsablauf erlauternden Worte in der vorliegenden Form von Rudolf 
Steiner stammen, laBt sich nicht mehr exakt feststellen. - Siehe auch die 
Chronik zur Entstehungsgeschichte der Schulhandlungen sowie die Aus- 
fiihrungen von Herbert Hahn im vorliegenden Band. 

45 Sonntagshandlung am Pfingstsonntag: Wiedergabe nach Abschrift. Ein 
Original existiert nicht. Angaben im Handlungstext, die nicht nachweis- 
lich von Rudolf Steiner stammen, sind in runde Klammern gesetzt. 

«Veni Creator Spiritus»: Dieser Hymnus (urspriinglich in lateinischer 
Sprache verfaBt) wurde friiher Papst Gregor d. Gr. zugeschrieben. Heute 
gilt Hrabanus Maurus als sein Verfasser. Goethe hat den Text am 9. April 
1820 (It. Tagebuch) iibersetzt. Am 14. April schickte er den Text an Zelter 
nach Berlin mit der Bitte, ihn zu vertonen: «Zu beiliegender Hymne 



wiinsche eine wahrhaft Zeltersche Komposition, damit solche jeden 
Sonntags vor meinem Hause chormaBig moge gesungen werden ... Der 
Paraklet (das ist der heilige Geist) walte harmonisch iiber dem Freund 
jetzt und immerdar.» (Siehe Artemis-Ausgabe der Werke Goethes, Bd. 
15, S. 1103). Die hier wiedergegebene Fassung entspricht dem Wortlaut in 
der Sophien-Ausgabe der Werke Goethes, Bd. 4, S. 329/30, Weimar 1891. 
Die Rechtschreibung wurde der heute gebrauchlichen angepaBt. 

47 Weihnachtshandlung: Der Wortlaut des Rituals entspricht dem im Vor- 
trag vom 4. Oktober 1921 (s. o. ). Die erlauternden Worte sind einer 
Abschrift entnommen. Der Original-Text ist nicht erhalten geblieben. 

53 Jugendfeier: Wiedergabe nach der Originalhandschrift von Rudolf Steiner 
(Archiv-Nrn. NZ 5385-5389). Siehe auch die Chronik zur Entstehungs- 
geschichte der Schulhandlungen. Der Text, der der Konfirmation in der 
Christengemeinschaft zugrunde liegt, weist geringfugige Abweichungen 
auf, mit denen Rudolf Steiner einer Bitte von Emil Bock entsprochen hat. 

63 Opferfeier: Wiedergabe nach der Originalhandschrift von Rudolf Steiner 
(Archiv-Nrn. NZ 3553-3541). Siehe auch die Ausfiihrungen von Herbert 
Hahn, Maria Lehrs-Roschl und Rene Maikowski sowie die Chronik zur 
Entstehungsgeschichte der Schulhandlungen. 



Evangelien- Texte 

83 Der Anfang des Johannes-Evangeliums, Kap. 1. 1-14: Ubertragung von 
Rudolf Steiner. Wiedergabe nach Original, Archiv-Nr. NZ 3477-3478. 
Die Originalhandschrift ist nicht datiert, diirfte aber schon aus dem Jahr 
1906 sein. Siehe den Vortrag vom 2. Dezember 1906 «Das Mysterium von 
Golgatha», in «Das christliche Mysterium», GA 97. Im Vortrag vom 8. 9. 
1922 (in GA 344) tragt Rudolf Steiner auch noch die Verse 15-18 vor. 
Von diesen liegt keine schriftliche Unterlage vor. 

85 Das Hohepriesterliche Gebet, Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-8, 24, 26: 
Ubertragung von Rudolf Steiner «aus dem Urtexte heraus». Erstmals ge- 
geben am 21. September 1922 in einem Vortrag iiber die «sogenannte 
letzte 01ung», gehalten im Rahmen der Vortrage bei der Begriindung der 
Christengemeinschaft, in Bd. Ill der «Vortrage und Kurse iiber christ- 
lich-religioses Wirken», GA 344. Quelle: Notizbuch Rudolf Steiners, Ar- 
chiv-Nr. NB 288. Am 7. Oktober 1922 hatte sich Maria Roschl eine Ab- 
schrift angefertigt und dazu notiert: «Dieses gab Dr. Steiner durch mich 
fur unsere Jugendfeier. Den Priestern der Christengemeinschaft gab er 
zunachst auch dieses. Dann aber sagte er ihnen, sie sollten dieses nur fiir 
die letzte Olung gebrauchen und gab ihnen eine andere Ubersetzung und 
zwar von Joh. 17, 1-9. » (Aus einem Notizbuch von M. Roschl). 

Das Gebet Jesu, das im jetzigen Text des Johannes-Evangeliums die 
Abschiedsreden abschlieBt, wird seit Chytraus (1531-1600) das Hohe- 



priesterliche Gebet genannt, wohl weil Jesus hier, Priester und Opfer zu- 
gleich, Fiirbitte tut und sich selber <heiligt>, d. h. als Opfer in den Tod 
geht. (vgl.«Die Religion in Geschichte und Gegenwart» Bd. 3, Tubingen 
1986. ) 

89 Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-9: Im Vortrag vom 14. Juli 1923 spricht 
Rudolf Steiner ausfiihrlich iiber die Notwendigkeit einer «Art Wiederauf- 
erweckung der alten Geistigkeit», um «den Sinn der religiosen Dokumen- 
te wirklich zu erfassen». Als «eine kleine Probe» einer Ubersetzung eines 
Evangelientextes in die deutsche Sprache gibt er dann seine Ubertragung 
von Johannes 17, Vers 1-9, und fiigt ausfiihrliche inhaltliche Erlauterun- 
gen hinzu. Siehe Bd. IV der «Vortrage und Kurse iiber christlich-religio- 
ses Wirken», GA 345. - Wiedergabe nach Original, Archiv-Nr. NZ 3479. 
- Tiber die Verwendung dieser Ubersetzung im Rahmen kultischer 
Handlungen liegt von Rudolf Steiner selbst keine Angabe vor. Auf eine 
Frage von Emil Bock, betreffend den Unterschied der beiden Uberset- 
zungen (siehe Hinweis zu S. 85), habe Rudolf Steiner geantwortet: «Mit 
den beiden Ubersetzungen ist nichts gemeint gewesen, was zwei Typen 
statuieren soil. Die zweite Ubersetzung ist immer die bessere, wenn aus 
dem geistigen Lesen ein Text zweimal gegeben wird.» 

Der Wortlaut wurde erstmals veroffentlicht in «Was in der Anthropo- 
sophischen Gesellschaft vorgeht», 10. Jg. Nr. 16 vom 16. April 1933. 

Zur Entstehungsgeschichte und Gestaltung 
der Schulhandlungen 

93 Herbert Hahn (Pernau/Estland 1890-1970 Stuttgart), Dr. phil., vor dem 
Ersten Weltkrieg Oberlehrer in RuBland, wahrend des Krieges Militar- 
dolmetscher, nach dem Krieg zunachst Leiter der Arbeiter-Bildungsschu- 
le der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, ab 1919 Lehrer fiir 
Franzosisch und des freien Religionsunterrichtes an der Waldorfschule in 
Stuttgart, ab 1931 in Den Haag. Diese und auch die folgenden Aufzeich- 
nungen (Hinweise zu den einzelnen Handlungen) stammen aus dem Jahr 
1954. Sie wurden damals in Manuskript-Vervielfaltigungen den Lehrern 
an Rudolf Steiner- und Waldorf-Schule r| zuganglich gemacht. Der Auf- 
satz «Zur Entstehungsgeschichte ...» wurde zudem veroffentlicht durch 
die Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen in Stuttgart 
(«zum internen Gebrauch») innerhalb des Bandes «Zur religiosen Erzie- 
hung. Wortlaute Rudolf Steiners als Arbeitsmaterial fiir Waldorfpadago- 
gen», Stuttgart 1985 

dafi betrdchtliche Gruppen evangelischer und katholischer Eltern darauf 
Wert legten: Hieraus und aus den vorangehenden sowie folgenden Satzen 
konnte der SchluB gezogen werden, daB Rudolf Steiner grundsatzlich kei- 
nen Religionsunterricht vorgesehen habe. Dies trifft nicht zu. Bereits am 
Vorabend des ersten Schulungskurses fiir die angehenden Lehrer, am 20. 



August 1919 - also mehr als zwei Wochen vor Eroffnung der Waldorf- 
schule -, sagte Rudolf Steiner: «Die religiose Unterweisung wird in den 
Religionsgemeinschaften erteilt werden. Die Anthroposophie werden wir 
nur betatigen in der Methodik des Unterrichts. Wir werden also die Kin- 
der an die Religionslehrer nach den Konfessionen verteilen.» (Aus: Ru- 
dolf Steiner, «Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Padagogik», 
GA 293, 9. Aufl., Dornach 1992, S. 15). 

Friedrich Oehlschlegel (geb. in Apolda 1891). War zunachst Lehrer an 
amerikanischen Schulen, dann Lektor fiir die englische Sprache an der 
Universitat Marburg. 1919 Klassenlehrer der 6. Klasse sowie Lehrer fiir 
Englisch und den freien Religionsunterricht. VerlieB bereits Anfang 1920 
die Waldorfschule, um nach Amerika zu gehen. 

Konferenz vom 26. September 1919: Siehe Rudolf Steiner, «Konferenzen 
mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart», Bd. I, GA 300a. 

Emil Molt (Schwabisch Gmiind 1876-1936 Stuttgart). Direktor der Wal- 
dorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Seit 1907/08 Mitglied in der Theosphi- 
schen-, spater Anthroposophischen Gesellschaft. War maBgebend an der 
Entstehung der Dreigliederungsbewegung im Fruhjahr 1919 beteiligt. 
Mitbegriinder der «Der Kommende Tag AG» und der «Futurm AG» und 
Griinder der Freien Waldorfschule in Stuttgart. Siehe auch Emil Molt 
«Entwurf meiner Lebensbeschreibung», Stuttgart 1972. - Die Anregung, 
Sonntagshandlungen einzurichten, geht auf Emil Molt und seine Frau 
zuriick: «Zum Religionsunterricht traten als Neues die Sonntagshandlun- 
gen. Meine Frau und ich, wir beide, hatten an Dr. Steiner den Wunsch 
herangetragen, fiir Eltern und Kinder etwas zu geben, was das uberholte 
Kirchengehen ersetzen konnte (...) Wie immer in solchen Fallen fand 
sich Rudolf Steiner sofort bereit und richtete innerhalb kurzer Zeit eine 
Art kultische Handlung fiir die Kinder ein, an der Lehrer, Eltern und 
Anverwandte als Zuhorer teilnehmen durften, und bei der auch er selbst 
nicht fehlte, wenn er gerade in Stuttgart war (...) Wir empfanden diese 
Einrichtung als ein besonderes Gnadengeschenk voller Weihe und Kraft, 
und wir waren deshalb darauf aus, moglichst jeden Sonntag daran teilzu- 
nehmen ...» (Aus dem Manuskript - S. 312/313 - von E. Molts «Erinne- 
rungen». Diese Stelle wurde spater von den Herausgebern nicht in die 
oben genannte Publikation aufgenommen.) 

«Das mufi dann schon ein Kultus sein!»: Rudolf Steiners Kultus-Begriff 
ist ganz aus seinem geisteswissenschaftlichen Forschungszusammenhang 
hervorgegangen und daher auch nicht mit gangigen Auffassungen 
vergleichbar. Eine ausfiihrliche Hinfiihrung zu seinen Anschauungen gibt 
Hella Wiesberger in ihrer Einfiihrung zu dem Band «Zur Geschichte und 
aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen 
Schule», GA 265, S. 11-42. 

«Wiederankniipfung an unsere durch den Krieg unterbrochene Esoterik»: 
Gemeint ist hier die von Rudolf Steiner 1904 eingerichtete und geleitete 



<Esoterische Schule>, die mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Som- 
mer 1914 eingestellt wurde. Siehe hierzu innerhalb der Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe die Veroffentlichungen «Zur Geschichte und aus den In- 
halten der Esoterischen Schule», GA 264-266. 

97 Bertha Molt (Calw 1876-1939 Stuttgart), unterrichtete Handarbeit und 
Buchbinden. Ehefrau des Schulgriinders Emil Molt. 

Hertha Kdgel (Berlin 1881-1923 Liittringhausen), 1919 Klassenlehrerin 
der 4. Klasse. MuBte aus gesundheitlichen Grunden mit Schuljahresende 
(Sommer 1920) ihre Lehrtatigkeit beenden. 

Leonardo da Vincis in der Brera in Mailand aufbewahrte farbige Skizze: 
Siehe die Abbildung S. 225 im vorliegenden Band. Rudolf Steiner hat die- 
ses Bild auch gezeigt in seinem Dia-Vortrag vom 1. November 1916, je- 
doch nur geauBert, daB es sich um einen Christus-Kopf handelt, «der, wie 
geglaubt wird, ein friiherer Versuch ist.» In: «Kunstgeschichte als Abbild 
innerer geistiger Impulse», GA 292 (2 Bde. ) Im Bildband ist das Bild 
unter Abb. Nr. 108 in schwarz-weiB reproduziert. 

98 Ernst Uebli (Andelfingen/Schweiz 1875-1959 Kiisnacht/Ziirich), ab 1920 
Lehrer zunachst fur Religion, dann fiir Geschichte, Deutsch und Kunst- 
geschichte in der Oberstufe. 

Wilhelm Ruhtenberg (Riga 1888-1954 Bensberg), protestantischer Pfar- 
rer; ubernahm im Januar 1920 die vierte Klasse, spater auch Religions- 
lehrer. 

Adolf Arenson (Altona 1855-1936 Bad Cannstatt), seit 1902 Mitglied der 
Theosophischen-, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Von 1904- 
1913 Mitglied des Vorstandes. Griindete zusammen mit Carl Unger den 
Hauptzweig in Stuttgart und war dort maBgebend an der anthroposophi- 
schen Arbeit beteiligt. Auf Veranlassung Rudolf Steiners schrieb er die 
Musik zu dessen vier Mysteriendramen. Arensons Hauptwerk: «Leit- 
faden durch 50 Vortragszyklen Rudolf Steiners», Stuttgart (mehrere Auf- 
lagen). 

Sigismund von Gleich (Ludwigsburg 1896-1953 Zeist/Holland), Autor, 
Redakteur und Vortragsredner innerhalb der anthroposophischen Be- 
wegung. 

Karl Schubert (Wien 1889-1949 Stuttgart), Kam im Fruhjahr 1920 als 
Lehrer fiir die neu eingerichtete Hilfsklasse. Erteilte auch Religionsunter- 
richt. Spater half er beim Aufbau heilpadagogischer Institute in Deutsch- 
land und im Ausland. 

99 Anfang des Johannes-Evangeliums: Siehe in diesem Band auf S. 83. 

100 Maria Roschl-Lehrs (Lancut/Osterr.-Polen 1890-1969 Eckwiilden). Ab 
1921 Lehrerin fiir Latein und Griechisch, spater auch Religion. 1924- 
1931 Leiterin der Jugendsektion am Goetheanum. 



101 nach seinem grundlegenden methodischen Vortrag ... 1919: Gemeint sind 
die Ausfiihrungen Rudolf Steiners im Rahmen der Lehrerkonferenz vom 
26. 9. 1919, in «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule 
in Stuttgart», Bd. I, GA 300a. 

118 Die Texte sollen im Sinne Dr. Steiners: Hierzu ist keine authentische 
AuBerung Rudolf Steiners uberliefert. Die Formulierung Hahns - «im 
Sinne Dr. Steiners» - deutet darauf hin, daB es sich hier eher um eine 
Interpretation handelt, denn in anderen Fallen benutzt Hahn Formulie- 
rungen wie «Dr. Steiner bemerkte», «Dr. Steiner machte darauf aufmerk- 
sam». 

120 Herr Rebstein: Wahrscheinlich Otto Rebstein (gest. 1944), der in der 
LandhausstraBe, dem Stuttgarter Wohnsitz Rudolf Steiners, wohnte. 

121 Paul Baumann (Oberrotweil 1887-1964 Fechy), von Anfang an Lehrer an 
der Waldorfschule fiir Musik, Religion und Franzosisch. 

Max Wolffiugel (Berlin 1880-1963 Stuttgart), ab Herbst 1920 Werkleh- 
rer, spater auch Religionslehrer. 

124 In der Besprechung ... am 9. Dezember 1922: Noch nicht in der Gesamt- 
ausgabe publiziert. Vorgesehen fiir die Neuauflage des zweiten Bandes 
der «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule», GA 300b. 
Veroffentlicht in «Zur religiosen Erziehung. Wortlaute Rudolf Steiners 
als Arbeitsmaterial fiir Waldorfpadagogen», hg. von der Forschungsstelle 
beim Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 1985, S. 154ff. 

125 In friiheren Ausfiihrungen Rudolf Steiners: Der in Koln am 17. Marz 1905 
gehaltene Vortrag «Uber die Bedeutung der Messe im Sinne der Mystik» 
ist publiziert in der Schriftenreihe «Beitrage zur Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe», Heft 110: «Die Erneuerung des religiosen Lebens. Vor- 
trage, Briefe und Dokumente 1905-1922», Dornach 1993. 

126 Kasseler Johannes-Evangelium-Zyklus: Vortragszyklus, gehalten von Ru- 
dolf Steiner vom 24. Juni bis 7. Juli 1909 in Kassel: «Das Johannes-Evan- 
gelium im Verhaltnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zum 
Lukas-Evangelium», GA 112. Im Jahr zuvor hatte Rudolf Steiner in 
Hamburg einen Vortragszyklus gehalten unter dem Thema: «Das Johan- 
nes-Evangelium», GA 103. 

127 Im Jahre 1911 besprach er im Zyklus «Von Jesus zu Christus»: GA 131, 
gehalten in Karlsruhe, Vortrag vom 13. Oktober. 

130 «Das Michaelsmysterium»: In «Anthroposophische Leitsatze», GA 26. 

Koln, 27. April 1905: Noch nicht publiziert. 

Friedrich Rittelmeyer: «Meine Lebensbegegnungen mit Rudolf Steiner», 
11. Aufl. Stuttgart 1993. 



132 Rene Maikowski (Berlin 1900-1992 Oyten), Studium der Geschichte und 
Sozialwissenschaften in Lausanne. Geschaftsfiihrer des «Bundes fiir 
anthroposophische Hochschularbeit». Lehrtatigkeit an verschiedenen 
Waldorfschulen im In- und Ausland. 

Helmut von Kugelgen (geb. in Reval 1916), Studium (Journalismus) und 
Promotion in Berlin. Klassen- und Religionslehrer an der Waldorfschule 
Uhlandshohe in Stuttgart. Redakteur der Zeitschrift «Erziehungskunst» 
und Griinder der «Internationalen Vereinigung der Waldorfkinder- 
garten». 

Hochschulbund: Im Zusammenhang mit der Dreigliederungsbewegung 
hatte sich 1920 in Stuttg
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