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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE
UND AUS DEN INHALTEN
DER ESOTERISCHEN LEHRTATIGKEIT
RUDOLF STEINER
Ritualtexte fur die
Feiern des freien christlichen
Religionsunterrichtes
und das Spruchgut
fur Lehrer und Schuler
der Waldorfschule
1997
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung,
Dornach / Schweiz
Die Herausgabe besorgte Walter Kugler
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997
Bibliographie-Nr. 269
Motiv auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach / Schweiz
© 1997 by Rudolf Steiner-NachlaB Verwaltung, Dornach / Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag, Dornach - Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-2690-X
INH ALT
Zu dieser Ausgabe 11
ZUR EINFUHRUNG
Rudolf Steiner: Uber die Schulhandlungen 17
Auszug aus dem Vortrag Stuttgart vom 4. Oktober 1921
RITUALTEXTE
Vorbereitung: Durch Deine Kraft, o Gottesgeist .... 41
Sonntagshandlung 42
Sonntagshandlung am Pfingstsonntag 45
Weihnachtshandlung 47
Jugendfeier 53
Opferfeier. 63
EVANGELIEN-TEXTE
Ubertragungen von Rudolf Steiner
Der Anfang des Johannes-Evangeliums, Kap. 1. 1-14 . . 83
Das Hohepriesterliche Gebet
Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-8, 24, 26. 85
Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-9 87
ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE UND GESTALTUNG
DER SCHULHANDLUNGEN
Herbert Hahn
Vom Entstehen des Freien Religionsunterrichtes in der
Waldorfschule und vom Einrichten der Sonntagshandlungen . 93
Hinweise zu den einzelnen Handlungen 103
Brief an Rudolf Steiner vom 24. Marz 1923 120
Brief an Marie Steiner vom 14. Marz 1925 123
Maria Lehrs-Roschl
Zur Opferfeier 124
Rene Maikowski
Brief an Helmut von Kugelgen vom 30. Mai 1970. . 132
Brief an Gotthard Starke vom 29. August 1983. . . 133
Chronik
zur Entstehungsgeschichte der Schulhandlungen . . . 134
SPRUCHGUT FUR LEHRER UND SCHULER
ZUR EINFUHRUNG
Rudolf Steiner
Uber die «rechte Lehrer-Meditation» 143
Aus einer Ansprache zu Beginn des Schuljahres 1920/21
«Menschenkunde verstehen durch Meditieren». . . . 146
Aus dem Vortrag vom 21. September 1920
«Andacht zum Kleinen»
Aus dem Vortrag vom 5. Juli 1924
149
MEDITATIONEN, SPRUCHE UND RATSCHLAGE
FUR LEHRER UND ERZIEHER
«Eine Art Gebet»
Wir wollen unsere Gedanken so gestalten. 155
Meditation
I in Schein des Sinnewesens 157
Meditation
Geistiges Blicken. 159
Meditation
In mir ist Gott 161
Brief an die Lehrkrafte der Freien Waldorfschule
in Stuttgart
Gedankenwirksamkeit eine uns 163
Grundstein-Spruch fur die Freie Waldorfschule Stuttgart
Es walte, was Geisteskraft in Liebe 167
Spruch fur einen verstorbenen Schtiler
In kiinftiges Erdenleben. 169
Widmung
Die Jug end erziehen. 171
Spruch
Dem Stoff sich verschreiben. 173
Motto fur die Padagogik
Durchdringe dich mit Phantasiefdhigkeit 174
Ehrfurcht, Enthusiasmus, schutzendes Gefuhl
Ehrfurcht vor dem, was dem Dasein des Kindes vorangeht . 175
Vier goldene Regeln fur den Lehrerberuf
Der Lehrer sei ein Mensch der Initiative 176
Spruch fur die Schule Hamburg-Wandsbek
Aus dem Ernst der Zeit
Die drei goldenen Regeln
der Erziehungs- und Unterrichtskunst
Religiose Dankbarkeit gegeniiber der Welt
(Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen).
Drei goldene Regeln fur die Gedachtnisentwicklung
Begriffe belasten das Gedachtnis
Ernst und Verantwortung
Wir miissen ja alle durchdrungen sein.
«Meditationsformel»
Wir wollen arbeiten.
«Gebet»
Lieber Gott, mache, dafi ich mich.
Das Wesen von Erziehung und Unterricht
Lebendig werdende Wissenschaft!
«Neue Devise»
Ich will lernen, ich will arbeiten.
«Devise»
Suchet das wirklich praktische materielle Leben.
Spruch-Fragmente
Das Licht macht sichtbar.
Die Sonne gibt
Sonnenliebe dringt leuchtend
SPRUCHGUT FUR SCHULER
Morgenspruch fiir die vier unteren Klassen
Der Sonne liebes Licht 197
Morgenspruch fiir die oberen Klassen
Ich schaue in die Welt 199
Spruch zum Beginn des freien christlichen Religionsunterricht
Im hellen Sonnenlichte 201
Spriiche
Der Sonne Licht 203
Spruch zum Beginn des altsprachlichen Unterrichts
Wer der Sprache Sinn versteht 205
Spruch-Fragment fiir den Altsprachenunterricht
Es leuchtet die Sonnenhelle den Erdenwesen. 207
Spruch fiir die abgehende zwolfte Klasse
In den Weiten der Lebenswege 209
Spruch
Meine Gedanken fliegen zur Schule hin. 211
Spruch fiir die Ferienzeit
Meine Gedanken sollen hineilen. 213
Spriiche
Im Lernen erwirbt der Mensch / Ich will achtgeben aufmich
im Sprechen und Denken (Handeln). 215
Spruch
Lernen, aufmerksam sein. 217
Brief an die Schiilerinnen und Schiiler
der Freien Waldorfschule in Stuttgart.
219
ANHANG
Abbildungen:
Rudolf Steiner: Wandtafelzeichnung
Meditation «Punkt und Kreis»
Rudolf Steiner: Studie Christus-Antlitz
Leonardo da Vinci: Christus («II Redentore»)
Foto: Altar fur die Schulhandlungen
Skizze: Altar fur die Schulhandlungen
Hinweise und Quellenangaben zu den Texten .... 229
Namenregister 245
Alphabetisches Register der Spruchanfange 246
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 247
223
224
225
226
227
ZU DIESER AUSGABE
«Wir miissen mit Umwandlungen in alien Dingen rechnen», rief
Rudolf Steiner zum Auftakt des ersten Schulungskurses am 20. Au-
gust 1919 den zukiinftigen Lehrern zu und hatte dabei zunachst
zweierlei im Auge: die gesellschaftlich-soziale Zukunftsgestalt und
dasjenige, was ihr Leben und Form gibt, das Geistige. «Die ganze
soziale Bewegung geht ja zuletzt auf Geistiges zuriick, und die Schul-
frage ist ein Unterglied der groBen geistigen brennenden Fragen der
Gegenwart», prazisierte er noch im selben Atemzug seine Vorstellun-
gen und forderte dazu auf, die Moglichkeiten der Waldorfschule in-
tensiv zu nutzen, um «reformierend, revolutionierend im Schulwesen
zu wirken.» Im Hintergrund dieser AuBerungen stand seine - wie
sich spater zeigen sollte - realistische Einschatzung der zukiinftigen
politischen Entwicklung, die er in der gleichen Rede so beschrieb:
«Man wird den Menschen behandeln wie einen Gegenstand, der an
Drahten gezogen werden muB und wird sich einbilden, daB das einen
denkbar groBen Fortschritt bedeutet.» 1
Was es nun mit jenem «Geistigen» auf sich hat und in welcher
Form es als Richtungsbestimmung fur das erzieherische Tun wirksam
werden muB, hat er wenige Wochen spater, am 7. September, 2 in sei-
ner Ansprache anlaBlich der Eroffnung der Waldorfschule mit folgen-
der Fragesequenz deutlich markiert: «Ist es nicht schlieBlich eine
hochste, heilige, religiose Verpflichtung, das Gottlich-Geistige, das ja
in jedem Menschen, der geboren wird, neu erscheint und sich offen-
bart, in der Erziehung zu pflegen? Ist dieser Erziehungsdienst nicht
religioser Kult im hochsten Sinne des Wortes? Miissen nicht alle un-
sere heiligsten, gerade dem religiosen Fiihlen gewidmeten Mensch-
heitsregungen zusammenflieBen in dem Altardienst, den wir verrich-
ten, indem wir heranzubilden versuchen im werdenden Kinde das
sich als veranlagt offenbarende Gottlich-Geistige des Menschen?»
Der hier spricht, ist derselbe wie jener, der wenige Wochen zuvor
die politischen Dimensionen mit fast schon erschreckender Prazision
abgesteckt hat, und es geht um ein und dieselbe Sache: die Revolutio-
1 Ansprache vom 20. August 1919, in «Allgemeine Menschenkunde als Grundlage
der Padagogik», GA 293.
2 Ansprache vom 7. 9. 1919, in «Rudolf Steiner in der Waldorfschule», GA 298.
nierung des Schulwesens und die Sakramentalisierung des Alltags.
Beide Positionen widersprechen sich nicht, ja sind nicht einmal Pola-
risierungen, sondern sie sind Ausdruck ein und derselben Wirklich-
keit, und Steiner ware nicht Steiner, wenn sie nicht als aufeinander
bezogen gemeint waren. Ihre Gleichzeitigkeit, ihr Nebeneinander,
ihre Gleichwertigkeit im gesellschaftlichen Kontext wie im ganz Indi-
viduellen sind es, die alles in Bewegung setzen und halten. Dies gait
nicht nur fur den kurzen Augenblick des Anfangs. Vier Jahre spater,
im englischen Ilkley, mahnte er an: «Die soziale Frage wird erst in
ihrer vollen Tiefe ergriffen werden, wenn sie als eine sittliche, als eine
religiose Frage erfaBt wird. Aber sie wird keine sittliche, religiose
Frage werden, ehe nicht die sittliche und religiose Frage eine Ange-
legenheit der spirituellen Erkenntnis wird.»
Die Anregung, dem Religionsunterricht durch eine zusatzliche
Feier an Sonntagen ein besonderes Gewicht im Leben der Schiiler zu
geben, kam vom Griinder der ersten Waldorfschule, von Emil Molt,
Direktor der Waldorf Astoria Zigarettenfabrik und im Nachkriegs-
Stuttgart in alien moglichen politisch innovativen Gremien anzutref-
fen. «Wie immer in solchen Fallen fand sich Rudolf Steiner sofort
bereit und richtete innerhalb kurzer Zeit eine Art kultische Handlung
fur die Kinder ein (...). Wir empfanden diese Einrichtung als ein be-
sonderes Gnadengeschenk voller Weihe und Kraft», 4 erinnerte sich
Molt in seinen autobiographischen Aufzeichnungen, in die er die
Dichte der damaligen Ereignisse eher unsortiert, aber mit umso mehr
Gewicht dem Gedachtnis der Nachkommenden eingeschrieben hat.
In seinem Aufsatz «Vom Entstehen des Freien Religionsunterrich-
tes in der Waldorfschule und vom Einrichten der Sonntagshandlun-
gen» 5 berichtet einer der ersten Religionslehrer, Herbert Hahn, von
einem Gesprach mit Rudolf Steiner, das in der Weihnachtszeit 1919
stattgefunden hat. Nachdem er die Frage nach der Einrichtung von
Sonntagsfeiern, die kurz zuvor an einem Elternabend besprochen
worden war, iibermittelt hatte, antwortete Rudolf Steiner: «Das muB
dann schon ein Kultus sein.» Und nach einer Pause des Nachsinnens
fiigte er hinzu: «Konnte er gegeben werden, dann ware er zugleich
die erste Wiederankniipfung an unsere durch den Krieg unterbro-
3 Vortrag vom 5.8.1923, in «Gegenwartiges Geistesleben und Erziehung», GA 307.
4 Lt. Manuskript. Dieser Passus war nicht in die posthum erschienene Veroffent-
lichung «Entwurf meiner Lebensbeschreibung», Stuttgart 1972, aufgenommen
worden.
5 Im vorliegenden Band S. 93ff.
chene Esoterik.» Gemeint war hiermit die erkenntniskultische
Arbeitsweise in der von Rudolf Steiner 1904 eingerichteten und bis
zum Kriegsausbruch geleiteten Esoterischen Schule, die auf der Uber-
zeugung basierte, daB durch eine im modernen IndividualbewuBtsein
wurzelnde und zugleich durch eine nach dem Schopferisch-Geistigen
orientierte Welt- und Lebensanschauung der drohenden geistigen
Verodung entgegengewirkt werden kann.
Die Inhalte fur die Sonntagsfeiern sowie das Spruchgut fur Lehrer,
Erzieher und Schiiler entstanden in den Jahren 1919-1925. Auch heu-
te noch gehort beides zum innersten Lebens- und Geistesgut der
Schulen und Einrichtungen, die padagogisch auf anthroposophisch-
menschenkundlicher Grundlage arbeiten. Obgleich sie urspriinglich
bestimmten Menschengruppen oder einzelnen Personen in einer be-
stimmten Situation fiir eine bestimmte Aufgabe gegeben worden wa-
ren, so sind sie letztlich doch Ausdruck und Teil seines Werkes und
Wirkens und erscheinen daher folgerichtig nun auch im Rahmen der
Gesamtausgabe, deren Initiatorin, Frau Marie Steiner, die herausgebe-
rische Arbeit an die Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung iibergeben hat
mit der Verpflichtung, «daB das gesamte, noch unveroffentlichte
Werk Rudolf Steiners moglichst vor Ablauf der Schutzfrist veroffent-
licht werden soil, wodurch am besten vermieden wird, daB Falschun-
gen an die Offentlichkeit gelangen.» 6
Nahere Angaben zu den einzelnen Texten, ihre Quellenlage und
ihren entstehungsgeschichtlichen Zusammenhang entnehme man den
Hinweisen am SchluB des Bandes sowie hinsichtlich der Sonn-
tagshandlungen auch der Chronik (S. 134-139). Fiir ein eingehenderes
Verstandnis der hier wiedergegebenen Inhalte sei auf die entsprechen-
den AuBerungen Rudolf Steiners in den «Konferenzen mit den Leh-
rern der Freien Waldorfschule» (GA 300 a-c) und in vielen seiner
padagogischen Vortrage hingewiesen. Die entsprechenden Daten sind
ebenfalls in der Chronik auffindbar.
Frau Tilde von Eiff und den Herren Helmut von Kiigelgen und
Otfried Doerfler, die im Auftrag des Internationalen Religionslehrer-
gremiums und in Zusammenarbeit mit der Padagogischen Sektion am
Goetheanum die vorliegende Publikation wahrend ihrer Entstehung
begleitet haben, sei fiir ihre wertvollen Anregungen herzlich gedankt.
Walter Kugler
6 Marie Steiner, «Briefe und Dokumente», S. 181, Dornach 1981.
ZUR EINFUHRUNG
Rudolf Steiner
Uber die Schulhandlungen
VORTRAG
Stuttgart, 4. Oktober 1921 (vormittags)
gehalten vor Theologen und Theologie-Studierenden
(Auszug)
Als wir in Stuttgart die Waldorfschule begriindet hatten, muBte
in dem Sinne der Absicht, daB die Waldorfschule absolut nicht
eine Weltanschauungsschule sein sollte, sondern daB sie eine
Schule sein sollte, in welcher bloB didaktisch und padagogisch,
also in der Handhabung des Unterrichtes dasjenige vertreten
werden sollte, was aus der Anthroposophie kommen kann, die
Einrichtung getroffen werden, daB das eigentliche Religiose, also
in diesem Sinne das Weltanschauliche, ubertragen wurde den
Seelsorgern der betreffenden Konfessionen. So wurde also der
Religionsunterricht der romisch-katholischen Kinder ubertragen
dem romisch-katholischen Seelsorger, der Religionsunterricht
der evangelischen Kinder den evangelischen Seelsorgern, die
hauptsachlich darauf bedacht waren, daB moglichst viele hinein-
kommen, damit der einzelne moglichst wenig zu tun hat. Ubri-
gens haben wir diese Erfahrung auch bei den katholischen Seel-
sorgern gemacht; wir haben sogar erst nach langem Suchen
jemanden bekommen, der den Mut gehabt hat, in dieses «Teu-
felshaus» hineinzugehen. Nun, dies ist also Prinzip, den betref-
fenden Seelsorgern den Religionsunterricht zu ubertragen.
Selbstverstandlich muBte dann auch den Dissidenten-Kindern,
respektive ihren Eltern gestattet sein, auf ihre Weise zu einer
religiosen Unterweisung zu kommen; und sehr bald hat sich
ergeben, daB von einem gar nicht kleinen Kreise gewunscht
worden ist, daB ein Religionsunterricht, der nun ganz aus der
anthroposophischen Bewegung herausflieBt, gerade fur die
Dissidenten-Kinder gegeben werde. Sie mussen ja ins Auge
fassen, daB das im Grunde genommen schon ein betrachtlicher
Fortschritt im Sinne religioser Gesinnung ist, denn die Waldorf-
schule wurde zunachst gegriindet fur die Kinder [von Arbeitern]
der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, also in der iiberwiegend
groBen Mehrzahl fiir Kinder von proletarisch-sozialdemokrati-
schen [Eltern], und es war die Dissidenten-Gesinnung diejenige,
die eigentlich vorwiegend vertreten war. Diese Kinder hatten,
wenn sie in eine gewohnliche Schule geschickt worden waren,
iiberhaupt an keinem Religionsunterricht teilgenommen, sie
waren nicht dazu gezwungen gewesen - [ein Zwang] wiirde ja
eigentlich der religiosen Gesinnung widersprechen. Bei uns han-
delt es sich darum, daB gerade fiir diese Kinder ein Religions-
unterricht gefordert worden ist, daB also das religiose Bedurfnis
aus volliger Freiheit heraus kam. Fiir meine Meinung bedeutet
das einen Fortschritt in der religiosen Gesinnung. Wir waren ge-
wissermaBen gezwungen, einen Religionsunterricht im Sinne der
anthroposophischen Weltanschauung einzurichten, und ich
suchte das in der Weise zu tun, daB davon tatsachlich prinzipiell
getrennt wurde die Leitung der Schule, die absolut neutral sich
zu diesen Dingen verhalten sollte, die es nur als ihre Aufgabe
betrachtet, padagogisch-didaktisch zu wirken. Ich betrachte es
als eine durchaus prinzipiell wichtige Sache, daB die Leitung der
Schule selbst und alles das, was in die Leitung der Schule ein-
flieBt, nichts zu tun hat mit diesem Religionsunterricht, so daB
die Vertreter dieses Religionsunterrichtes geradeso in die Schule
hineingestellt sind wie der romisch-katholische und die verschie-
denen evangelischen Religionslehrer. Altkatholiken gab es da
nicht, sonst wiirde auch fiir die gesorgt worden sein.
Damit war also der anthroposophische Religionsunterricht,
wie man ihn vielfach nannte - ich selber halte nicht viel von
Namen -, inauguriert und wurde nun auch in der Weise begon-
nen, wie man ihn nach der anthroposophischen Uberzeugung
fiihren muB, namlich dadurch, daB er moglichst ins Leben hin-
eingestellt wird, und daB gewissermaBen Bibelerkenntnis und
namentlich Evangelienerkenntnis als die Kronung des ganzen
Religionsunterrichtes herauskommen. Nun, ich sage, das Evan-
gelium wird als die Kronung betrachtet, so daB also dieser Reli-
gionsunterricht, in dem es alle moglichen Kinder durcheinander
hat, das heiBt Kinder, die herausgewachsen sind aus katholi-
schen, protestantischen oder judischen Untergriinden, durchaus
in einem christlichen Sinn gehalten ist, und das hangt natiirlich
damit zusammen, daB die ganze Waldorfschule in bezug auf ihre
Imponderabilien iiberhaupt einen absolut christlichen Charakter
hat. Das wiirden diejenigen, die fur so etwas eine Empfindung
haben, sehr bald merken, wenn sie nur die Waldorfschule betre-
ten wiirden.
Was dann notwendig geworden ist - nicht von unserer Seite,
denn wir mochten entgegenkommen, nicht agitieren -, das hat
man sehr bald gesehen: man braucht bei den Kindern, die unse-
ren anthroposophischen Religionsunterricht erhalten, dasjenige,
was dann eine Sonntagshandlung geworden ist. Danach war zu-
nachst ein sehr lebhaftes Begehren, eine solche Sonntagshand-
lung zu haben, das heiBt also, die Kinder, welche anthroposo-
phischen Religionsunterricht erhalten, zu einer Art Zeremonie
am Sonntag zu versammeln. Und aus Griinden, die zusammen-
hangen mit der ganzen Grundeinstellung der Waldorfschule zur
Offentlichkeit, die uns ja nicht sehr geneigt ist, mussen wir diese
Sonntagshandlung vollziehen vor den Kindern in Gegenwart der
Eltern, oder, wenn es sich um Pflegeeltern handelt, sagen wir,
bei solchen Kindern, die in Stuttgart erzogen werden, deren El-
tern aber weit weg von Stuttgart sind, in Gegenwart der Pfleger,
die in Stuttgart anwesend sind. Wer nichts dabei zu suchen hat,
wer aus bloBer Sensation zu dieser Sonntagshandlung gehen
will, wird nicht zugelassen, aber diejenigen, die fiir die Kinder
verantwortlich sind, vor denen wird durchaus mit den Kindern
diese Sonntagshandlung vollzogen.
Nun handelte es sich darum, fiir diese Sonntagshandlung ein
Ritual zu finden. Dieses Ritual werde ich jetzt ein wenig vor
Ihnen besprechen und mochte gleich bemerken: Ich werde in
den nachsten Tagen fiir dasjenige, was das Ritual iiberhaupt be-
trifft, noch einiges zu sagen haben iiber Gerate und dergleichen,
aber wir sind ja durchaus in dem WerdeprozeB, so daB eigent-
lieh diese Dinge, die auch einmal in Betracht kommen werden
fur uns, noch weniger in Betracht kommen in der Waldorf schu-
le. Es handelt sich also darum, daB Sie die Sache als eine wer-
dende betrachten, daB Sie sie so betrachten, daB eben nur das-
jenige zunachst gemacht werden kann, was mit vollem Leben
durchsetzt werden kann. Gerade aber dadurch, glaube ich, wer-
den wir uns gut verstandigen konnen, daB Sie eben von nichts
Leblosem, sondern von etwas Lebendigem einen Bericht werden
erhalten konnen, und wir werden dann um so leichter aufsteigen
konnen zu dem, was - wenn ich einen prosaischen Ausdruck
verwenden darf - projektiert werden muB in bezug auf Ritual,
Zeremonie, Sakrament, Kultus und so weiter. Bei dem gesamten
Kultus ist zum Beispiel das Gewand des Zelebrierenden keine
Kleinigkeit, sondern etwas Wichtiges; allein, davon werde ich
spater sprechen.
Es handelt sich - bitte miBverstehen Sie den Ausdruck nicht -
bei der Empfangnis des Rituals wirklich nicht darum, daB man
bei dem Ritual intellektuell etwas zusammenstellt, sondern daB
dieses Ritual aus der geistigen Welt empfangen ist. Es handelt
sich bei dem Ritual darum, daB gegenwartig noch eine auBer-
ordentliche Schwierigkeit besteht; wenn man so etwas real be-
trachtet, liegt schon die Schwierigkeit vor, daB ja eigentlich,
wenn man gleich radikal zu Werke gehen wurde, bei einer sol-
chen Sonntagshandlung die Kommunion notwendig ware. Nun,
nach den ganzen Zeitverhaltnissen ist es nicht moglich, heute in
einem solchen Ritual fur die Kinder der Waldorfschule bis zum
Vollzug der Kommunion zu gehen; es laBt sich das nicht ma-
chen. Daher war es notwendig, dasjenige, was in der Kommu-
nion spater vollzogen werden soil, zunachst, ich mochte sagen,
mehr heraufzuheben ins Geistige und im Geistigen zu hand-
haben. Sie werden uberhaupt sehen, daB bei der allmahlichen
Einfuhrung von Ritualien Sie den Weg werden machen miissen
von dem Worte, ich mochte sagen, von dem Worte, das potenti-
ell die Handlung in sich tragt, bis zu dem eigentlichen Vollzug
der Handlung. Das wird ein Weg sein, den Sie werden eben
durchmachen miissen. Sie werden nicht gleich mit der Tiir ins
Haus fallen konnen, sondern Sie werden den Weg durchmachen
miissen von der durch das Wort angedeuteten Handlung, wobei
Sie sich bewuBt sein miissen, daB das ein Anfang ist zu der voll
vollzogenen Handlung.
Nun darf aber niemals ein Ritual eben bloB intellektuell zu-
sammengestellt sein, sondern es muB im lebendigen WeltprozeB
drinnen leben. Dazu, meine lieben Freunde, ist ja eines notwen-
dig: Es ist durchaus notwendig, daB man das sehr streng beriick-
sichtigt, was gegeniiber einem Ritual vorliegen muB. Meine lie-
ben Freunde, wenn wir von Mensch zu Menschen sprechen,
dann miissen wir uns klar sein dariiber, daB unserer Rede immer
zugrundeliegen muB dasjenige, was einzig und allein in der
uberzeugenden Kraft des Inhaltes unserer Rede liegt. Wenn wir
die gegenwartige Zeit auch im religiosen Sinne recht verstehen,
so miissen wir uns klar sein, daB wir durch die Rede, die wir
von Mensch zu Menschen oder von Mensch zu einer Menschen-
versammlung sprechen, durch nichts anderes zu wirken haben
als durch dasjenige, was bei dem Sprecher aus seiner eigenen
Uberzeugung und aus der Kraft der eigenen Personlichkeit flie-
Ben kann. Also Reden, welche ein suggestives Moment enthalten
wiirden - so wie wir das Wort in Mitteleuropa gebrauchen,
nicht wie es in Westeuropa gebraucht wird -, waren im Sinne
unserer heutigen Weltverfassung absolut verwerflich, weil wir
durch die Menschheitsentwickelung dazu gekommen sind, daB,
wenn wir das Wort handhaben konnen in einer freien Weise,
wir in das Wort hineinlegen miissen dasjenige, was unsere er-
rungene eigene personliche freie Uberzeugung ist. Dieser eige-
nen personlichen freien Uberzeugung darf, wenn das Geistesle-
ben in voller Realitat genommen wird, niemals etwas Suggestives
aufgedrangt werden, sondern man muB sich durchaus so verhal-
ten, daB die Zustimmung von dem anderen aus volliger Freiheit
heraus kommt. Das ist die Voraussetzung eines jeden zukunfti-
gen religiosen oder geisteswissenschaftlichen oder sonstigen
Wirkens. Wenn jemand die Rede miBbrauchen wiirde zur Ma-
gie, so ware das im Sinne desjenigen, was Anthroposophie ver-
treten muB, ein im eminentesten Sinne Irreligioses, ja eine un-
gottliche Hantierung, es ware in dem strengen Sinne, wie es die
Anthroposophie auffassen muB, eine Siinde wider den Heiligen
Geist. Denn die Rede darf nur durchdrungen sein von jener
Heiligung, die man nennen kann die Heiligung durch den Hei-
ligen Geist, und muB beobachten im Menschen absolut das
Prinzip der unmittelbar vollstandig freien Uberzeugung, die es
vor dem Mysterium von Golgatha iiberhaupt nicht hat geben
konnen in der Menschheitsentwickelung, weil man iiberhaupt an
dem Menschen abgeprallt ware mit dem Worte, wenn das Wort
nur die Kraft gehabt hatte, die es heute allein haben darf. Da-
mals muBte es suggestiv wirken, weil eben die menschliche Or-
ganisation darauf angelegt war. Darum muBten auch auserwahlte
Fuhrer da sein, wie ich gestern gesagt habe, und es durfte da-
mals auch durch das Wort gewirkt werden in einem Sinne, wie
es bloB im Geiste geschieht, indem man sich bewuBt wurde,
man redete im Geiste, nicht aus seiner eigenen Kraft, sondern
aus der Kraft des in einem lebenden Gottes, des Nous oder des
Logos. Man muB sich bewuBt sein, daB dies heute unmoglich
ist, und daB heute nur aus dem Heiligen Geiste heraus gespro-
chen werden darf; das ist aber das Wort, dem allein antwortet
die freie Uberzeugung dessen, der das Wort hort. Es muB also
heute alle Unterweisung in dem Zeichen des Heiligen Geistes
geschehen. Daher mussen wir uns sehr klar dariiber sein, daB
alles dasjenige, was von Worten hinuberflieBt in die Handlung,
nur allein im christlichen Sinne so vollzogen werden darf, wenn
bei dem Vollziehenden das Paulus-BewuBtsein vorhanden ist:
Nicht ich, sondern der Christus in mir! - Nichts darf an einer
Handlung, die so vollzogen wird, ohne das BewuBtsein aus-
gefuhrt werden: Die Handlung wird vollzogen als ein inner-
liches gottliches Gebot, als dasjenige, was im Sinne des Christus-
Auftrages selber vollzogen wird.
Wir mussen uns klar sein, daB wir nur das Werkzeug sind,
um den Christus zu den Menschen sprechen zu lassen. Das ist
bei Kindern ganz besonders schwierig, weil bei den Kindern das
in eingeschranktem MaBe gilt, was ich auseinandergesetzt habe
fur den vollentwickelten mundigen Menschen. Daher miissen
wir auch einen Unterschied machen in dem, was wir tun dem
Menschen gegeniiber, den man bereits des Altarsakramentes fur
wiirdig halt, und demjenigen gegeniiber, den wir als noch zu
kindlich betrachten, um das Altarsakrament zu empfangen. Das
muB in jeder Handlung einfach liegen, was ich jetzt auseinan-
dergesetzt habe. Ohne dieses hier Zugrundeliegende ware die
Handlung etwas absolut Unmogliches.
Es handelt sich darum, unter diesen Gesichtspunkten die
Sonntagshandlung zu finden, und ich bitte, indem ich sie Ihnen
schildere, sie eben nur von diesem Gesichtspunkt aus zu be-
trachten. Wir miissen dabei heute noch manches in der Ausein-
andersetzung ubergehen, was zwar einen Zukunftswert hat, auf
den wir uns aber heute noch nicht einzulassen brauchen. Man
wiirde naturlich eigentlich nicht bloB das getragene, das gespro-
chene Wort haben miissen in der Zukunft, sondern auch das,
was im alteren Sinn durchaus auch zum Kultus gehorte: das
Rezitativ. Aber das ist etwas, was heute ebenfalls noch nicht
durchgefiihrt werden kann, weil einfach das Rezitativ heute
noch auf den Menschen zu suggestiv wirken wiirde; wir wiirden
ihn unfrei machen. Daher diirfen schon die Zeremonien nicht
anders vorgenommen werden denn als Anfangszeremonien,
Anfangskultus, von dem ich Ihnen nun sprechen will.
Die Sonntagshandlung
Die Sonntagshandlung wird nun so vorgenommen, daB sich die
Kinder zu versammeln haben vor der Eingangstiir zu dem Raum,
in dem die Sonntagshandlung vollzogen wird. Es steht an der
Tiire jemand, welcher zunachst das Kind darauf aufmerksam zu
machen hat, daB es in einer ganz besonderen Stimmung in diesen
Raum einzutreten habe. Daher wird das Kind, indem es in den
Raum eintritt, an der Hand genommen, und ihm wird gesagt:
Du weiBt, du gehst zu der Handlung,
Die deine Seele erheben soil zu dem Geiste der Welt.
Ich erzahle Ihnen zunachst. Ich werde spater davon sprechen,
wie in einem vollig christlichen Sinn die Sache ausgefuhrt wer-
den kann, nicht in einem anthroposophischen Sinn, der ja noch
anders die Sache gestalten muB, der aber durchaus sie so gestal-
tet, daB sie zum Christlichen hingefiihrt wird. Ich mache Sie
aufmerksam darauf, daB das, was hier ausgefuhrt wird, eben des-
halb ausgefuhrt wird, weil ein anthroposophischer Religionsun-
terricht verlangt worden ist, der auch nur hervorgehen kann aus
demjenigen, was Anthroposophie schon heute ist und sein darf.
Also das Kind wird empfangen mit den Worten, indem es
begriiBt wird durch Beriihrung mit der Hand:
Du weiBt, du gehst zu der Handlung,
Die deine Seele erheben soil zu dem Geiste der Welt.
Dann betritt das Kind den Raum, der verhaltnismaBig auBeror-
dentlich einfach zunachst ist. Er hat eine Art Altar an der einen
Wand, auf diesem Altar stehen sieben Lichter - wir werden uber
diese sieben Lichter noch zu sprechen haben in dem ganzen
Zusammenhang -, und es muB sich uber dem Altar befinden ein
Christus-Bild. Da ich noch nicht in der Lage war, irgendein
besseres Christus-Bild zu haben, so wird in der Stuttgarter Wal-
dorfschule dazu das Bild verwendet, welches von Leonardo da
Vinci als das Bild des jugendlichen Christus gemalt wurde. Das
ist aber noch eine Unvollkommenheit, man kann aber immer
nur das tun, was aus realen Verhaltnissen heraus moglich ist.
Nun wendet sich zuerst der Handelnde, der mit dem Antlitz
zum Altar gerichtet ist, also mit dem Rucken zu den Kindern
wahrend sie eintreten, um und wendet sich zu den Kindern. Er
spricht nun Worte zu den Kindern, in denen durchaus schon
Rituelles ist, in denen durchaus die Formulierung der Satze so
ist, daB der Ablauf der Worte sich in einem Elemente bewegt,
wo der Mensch sagen kann, nicht er spricht, sondern er bringt
dasjenige, was der Christus zu sagen hat, in ihm zur Sprache. Es
spricht also der Handelnde:
Wir erheben jetzt die Gedanken und Empfindungen zu dem
Zu dem Geiste, der lebet und wirket, [Geiste,
Der lebet und wirket in Stein, Pflanze und Tier;
Der lebet und wirket in Menschendenken und Menschentun,
Der wirket in allem Wirkenden,
Der lebet in allem Lebenden,
Der das Lebende in den Tod fuhrt, auf daB es neu lebe,
Der das Tote ins Lebende fuhrt, auf daB es den Geist schaue.
Es ist jedes Wort abgewogen, nicht nur so weit, daB es als Wort
dasteht, sondern es steht auch jedes Wort an seinem richtigen
Orte und im richtigen Verhaltnis zum anderen Worte. Nachdem
der Handelnde dieses gesprochen hat, wendet er sich zu dem
Christus-Bilde und spricht mit zu dem Christus-Bilde hin erho-
benen Armen die folgenden Worte:
In ihm nahm Leib an, der da wirket als Geist im All.
Christus starb.
Er wurde lebendig im Sein der Menschen,
Die ihm Wohnung gaben in ihrem Herzen.
Auch unser Herz wende sich zu ihm,
Es durchdringe sich mit seiner Kraft,
Auf daB er in ihm wirke,
Auf daB er durchdringe
Unser Denken, Fuhlen und Wollen.
Das ist also die Hinlenkung zu dem Christus-Geiste der Welt.
Nunmehr spricht der Handelnde, indem er sich zu den Kindern
wendet, mit segnenden Handen. Die segnende Gebarde besteht
darin, daB die zwei Finger zusammengenommen werden und die
Hande in dieser Weise ausgebreitet werden. [Die Gebarde wird
gezeigt.]
Nun handelt es sich darum, daB eben der Moment eintritt, in
dem die Kommunion vollzogen werden sollte oder etwas Kom-
munionartiges. Es ist also dann so, daB sich der Handelnde zu
den Kindern wendet. Nachdem er die Worte, die ich ausge-
driickt habe, gesprochen hat, wendet sich der Handelnde zu den
Kindern und spricht, indem er sie gewissermaBen vorbereitet zu
demjenigen, was als ein Ersatz fur den Empfang der Kommu-
nion gesprochen werden soil:
Meine Lieben! Wir lernen, um die Welt zu verstehen.
Wir lernen, um in der Welt zu arbeiten.
Die Liebe der Menschen zueinander belebt alle Menschen-
Ohne die Liebe wird das Menschensein ode und leer, [arbeit.
Christus ist der Lehrer der Menschenliebe.
So weit spricht der Handelnde zu den Kindern uber das Ver-
haltnis, in dem der Christus zu ihnen steht. Nun folgt das ge-
meinsame Gebet, das chormaBig gesprochen wird:
Wir erheben all unser Empfinden und Denken zum Gottesgeiste.
Wir verehren den Gottesgeist.
Wir lieben den Gottesgeist.
Wir werden gedenken des Gottesgeistes,
Wenn wir allein sind,
Und auch, wenn wir mit Menschen zusammen sind.
Dann wird er mit uns sein.
Sie mussen alle Einzelheiten beachten. Sie mussen insbesondere
Ihre Aufmerksamkeit darauf wenden, daB hier dieses Wenden
zum Gottesgeiste verlangt wird, «wenn wir allein sind, und
auch, wenn wir mit Menschen zusammen sind».
Nun folgt eben dasjenige, was zunachst wie eine Art Surrogat
der Kommunion eingefuhrt werden muB, das eben die verschie-
denen Formen annehmen kann, insofern man sie schon Kindern
geben oder ihnen einen hinweisenden Ersatz dafiir geben kann.
Wir konnen nicht mehr tun, als daB der Handelnde an jedes
einzelne Kind herantritt und spricht, indem er dem Kinde die
Hand auflegt oder die Hand reicht - also das wird zu jedem
einzelnen Kinde gesprochen, indem die ganze Reihe [der Kin-
der] durchgegangen wird, vordem war es nur zu ihrer Gesamt-
heit gesprochen:
Der Gottesgeist wird sein mit dir, wenn du ihn suchest.
Das Kind antwortet:
Ich will ihn suchen.
Sie mussen das also nicht als eine Belehrung auffassen, sondern
als eine Zeremonie.
Nun tritt der Handelnde wiederum zum Altar zuriick und
spricht mit segnenden Handen:
Ich rufe zum Gottesgeist,
DaB er sei bei euch, wenn ihr ihn suchet.
Hierauf wird das Evangelium-Kapitel vorgelesen, das eben zu
der betreffenden Zeit in richtiger Weise vorgelesen werden muB.
Uber die Verteilung der Evangelien-Kapitel auf die Zeiten des
Jahres werden wir noch zu sprechen haben. Dann singen die
Kinder ein Lied, das Bezug hat durchaus auf die ganze Hand-
lung, und zuletzt spricht der Handelnde:
Liebe Kinder! Ich entlasse euch nun,
Aber behaltet in guten Gedanken,
Was ihr hier gehort, empfunden, gedacht habt.
Dann folgt noch eine entsprechende Musik. Dann verlassen die
Kinder den Saal, nachdem der Handelnde vom Christus-Bilde
zuriickgetreten ist.
Der Handelnde kann sich in der Weise in die richtige Gesin-
nung einfuhren, daB er vor der Handlung zu sich selber spricht:
Durch Deine Kraft, o Gottesgeist,
Soil ich zu Dir weisen
Die mir anvertrauten Seelen.
Dein Licht erhelle meines Denkens Umkreis,
Deine Lebenswarme durchkrafte meines Fuhlens Mitte,
Deine Seelenkraft durchgeiste meines Wollens Strahlenleib,
Sei in dem Dienst, den ich Dir leisten will.
Durch diese Worte, die er in Gedanken zu sich spricht, wird
der Handelnde, bevor die Kinder eingelassen werden, sich vor-
bereiten.
Ich sage ausdriicklich, Sie mussen das durchaus im Sinne
eines Rituals gedacht verstehen, Sie mussen es nicht auffassen
wie eine Lehrunterweisung. Dem wird entgegengearbeitet da-
durch, daB eben in den entsprechenden Religionsstunden der
Religionsunterricht gegeben wird. Da ist dann Lehre, da ist
nicht Kultus.
Der Kultus, der vollzogen wird, meine lieben Freunde, der
wirkt, wenn er in der richtigen Weise und in der richtigen Ge-
sinnung vollzogen wird, eben nicht als Menschenlehre. Das muB
durchaus ins Auge gefaBt werden. Und nur so werden Sie ver-
stehen konnen, wie vorsichtig die ganze Sache, um die es sich
hier handelt, gemacht wird. Es kann auch nur so gemacht wer-
den, daB zu dem ganzen Geist der Sache erst ganz allmahlich
fortgeschritten wird, und wir kommen eigentlich zu dem Aus-
bau der Sache durchaus langsam, denn wir konnen eben gewis-
sermaBen nur den Zeichen der Zeit antworten, die von uns
gesucht werden zu verstehen.
Die Weihnachtshandlung
Nun handelt es sich naturlich darum, daB die besonderen Fest-
zeiten des Jahres dem Kinde in der Weise, wie es christlich sein
muB, ebenfalls durch den Kultus zum BewuBtsein kommen.
Und so mochte ich Ihnen als ein Beispiel dafiir zunachst anfiih-
ren die Weihnachtshandlung - iiber andere werden wir spater
sprechen -, die als eine besondere hinzugefugt wird zu den
Sonntagshandlungen, beziehungsweise die vollzogen wurde an
einem Sonntag, wenn der Geburtstag des Christus Jesus auf
einen Sonntag fallen wurde. So ist es vorlaufig. Ich kann nicht
sagen, wie sich in der weiteren Entwickelung die Dinge ausneh-
men werden. So ist es vorlaufig nach dem, was wir konnen.
Zu dieser Weihnachtshandlung geschieht der Eintritt auf glei-
che Weise wie sonst bei den Sonntagshandlungen. Wenn die
Kinder sich versammelt haben, wendet sich der Handelnde zu
den Kindern und spricht zu ihnen:
Liebe Kinder,
Wir leben in Winters Anfang,
Unsere Augen sehen nur wenig die auBere Sonne,
Spat erscheinet sie und fruh verschwindet sie.
Im Innern aber schaut unser Seelenauge
In Winters Kalte und Winterdunkel:
Des Christus hell leuchtende Geistessonne,
Die durch Jesus der Menschheit
Aus gottlichen Reichen erschienen ist.
In demutiger Hirten Seelen
Ward gehort der Himmel Wort:
Es offenbaret Gottes Geist sich in Hohen,
Und er bringet Frieden den Erdenmenschen,
In deren Herzen guter Wille wohnet.
Und die Hirten waren geleitet
Durch der Himmel erhabnes Wort,
Und sie suchten des Gottes Geist
Nach der Verkundung auf Erden.
An der Armut Statte fanden sie
Das Kind Jesus, der dann wurde
Der Christus.
Es ward die erste Weihnacht der Welt
Als die demutigen Hirten
Betenden Herzens knieten
An der Armut Statte vor Jesus, dem Kindlein,
Durch das des Geistes Licht
Erschien den Erdenmenschen.
Durch den Christus
Der da ist die Geistessonne
Werden wir finden
Den Weg in Geisteshohen,
Und so werden
Erst wahre Menschen.
So dachten die demutigen Hirten
In ihren ahnenden Seelen,
Als sie schauten das Licht,
Das leuchtete aus des Kindleins Augen
In der ersten Weltweihnacht.
Und als schauten das Licht
Die demutigen Hirten
Da ward ein neuer Weltenanfang:
Der Menschheit Christzeit begann.
Und hell kann es werden seither
In der Menschen Herzen,
Die da lernen in Liebe
Zu sagen: sieh, es ist der Christus
Durch den die Seele findet
Den Weg in des Geistes
Sonnenhelles Reich.
Und hell wird es bleiben
In der Menschen Herzen,
Die liebend erfuhlen
In ihrem tiefsten Innern
Das Licht, das da leuchtet
Auf dem Weg in des Christus
Sonnenhelles Reich.
In der Menschen Herzen
Wird des Winters dunkle Nacht
Zum hellen Geistestage
Wenn die Seele sich weihet
Dem Lichte, das durch Jesus
Erstrahlet dem Erdenleben.
Der die Handlung Vollziehende geht wie sonst zu jedem einzel-
nen Kinde und spricht zu ihm:
Erhebe die Gedanken und Empfindungen
Zu dem Christusgeiste.
Dann spricht er, nachdem er wieder nach vorne gegangen ist, zu
den Kindern:
Ihr sollet erheben die Gedanken und Empfindungen
Zu dem Christusgeiste,
Er ist das Licht
Das leuchtet in der Menschen Herzen
Auf daB sie finden
Den Weg zum Gottesreiche.
Nunmehr sollte ein fur die Weihnacht geeignetes Musikstiick
ertonen, dann spricht der die Handlung Vollziehende weiter:
Durch Geistes Heilesmacht,
In Welten Weihenacht,
1st Seelenlicht erwacht,
Hat Menschenkraft gebracht,
Hat Herzensmut gebracht,
Nachdem es einst erwacht
Aus Zeiten Weihenacht
Zu ew'ger Heilesmacht.
Der Mensch erfullet sich
Mit wahrem Seelensinn,
Wenn er zur Weihnachtzeit
Das Innere wendet
In starkem Denken
In innigem Fuhlen
Zur Christuskraft,
Der Mensch erstarket sich
Durch wahre Geisteskraft
Wenn er zur Weihnachtzeit
Das Innere wendet
Im hellen Denken
Im warmen Fuhlen
Zum Christuslicht.
Liebe Kinder:
Das alles haltet in eurem Herzen,
Traget es aus der heiligen Weihnachtzeit
In das Leben des ganzen Jahres.
Darauf kann naturlich folgen, in dem Sinne, wie wir das spater
zu besprechen haben, eine Vorlesung aus dem entsprechenden
Evangelium.
Die Jugendfeier
Da wir Kinder aus alien Altersklassen in die Waldorfschule auf-
genommen haben, waren wir sehr bald genotigt, auch eine
Jugendfeier mit den Kindern zu begehen, die die Volksschule
vollendet hatten und in das Leben hinaus gehen sollten. Diese
Jugendfeier wird die Grundlage sein fiir ein Konfirmations- oder
Firmungsritual. Der Text zu dieser Jugendfeier ist der folgende:
Beim Eintritt, der sich in derselben Form vollzieht wie sonst,
wird zu dem Kinde gesagt, zu jedem einzelnen, denn jedes ein-
zelne wird besonders eingelassen:
Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes
in deinem Leben.
Nun werden die Kinder eingelassen, der die Handlung Vollzie-
hende wendet sich zu den Kindern und spricht:
Liebe Kinder, gedenket der Wichtigkeit dieses Au-
genblickes in eurem Leben. Ihr tretet in ein neues
Lebensalter. Von der Kindheit zur Jugend steiget ihr
auf. Eure Lehrer haben euch gefuhrt. Ihre Sorge war,
daB der Gottesgeist
leuchte in eurem Denken
krafte in eurem Fuhlen
wirke in eurem Wollen.
Den Christus, der gestorben ist, auf daB die Men-
schenseelen leben konnen, wollten euch weisen eure
Lehrer, auf daB er sei:
das Licht in eurer Seele
der Fuhrer auf euren Lebenswegen
der Spender der Daseinsfreuden
der Troster im Daseinsleide.
Der Handelnde wendet sich um und erhebt die Arme, wie ich
friiher gezeigt habe, zum Christus-Bilde, er spricht:
Du Licht der Seelen
Du Fiihrer auf unsren Lebenswegen
Du Spender der Daseinsfreuden
Du Troster im Daseinsleide
Zu dir sprach ich bittend
Wenn ich Licht erflehte
Fur dieser Kinder Denken
Wenn ich Kraft ersehnte
Fur dieser Kinder Fuhlen
Wenn ich Wirkensegen erstrebe
Fur dieser Kinder Wollen;
So sende dein Licht
So spende deine Kraft
So lasse stromen deinen Segen
In dieser Stunde
Auf die, die uns anvertraut waren
Und die wir jetzt ubergeben dem Leben
Auf daB sie
denken durch dein Licht
fuhlen durch deine Kraft
Wirken durch deinen Segen
In all ihrem Erdenleben
Bis in Todesaugenblicke
Du sie fuhrest in das Seelensein.
Denn Du hast gesprochen:
Nun folgt die Vorlesung des hohepriesterlichen Gebetes aus
dem Johannes-Evangelium. Der Handelnde geht dann zu jedem
einzelnen Kind, nimmt es bei der Hand und spricht zu ihm:
Durch den Geist des Christus
Der den Tod uberwand
Auf daB der Menschenseele
Das Leben ward gerettet
Wurdest du gefuhrt
Hier in dieser Kindesschule;
So leite der Christusgeist
Deine Lebenskrafte
Deine Seelenmachte
Deine Geistesziele
Durch des Lebens groBe Schule.
Der Handelnde begibt sich an seinen Platz zuriick und spricht
iiber das Osterfest in einer Rede, die etwa folgenden Inhalt hat -
hier ist ihm vollkommene Freiheit gelassen, und dasjenige, was
ich jetzt als eine Rede an die Kinder vorlesen werde, ist nur wie
ein Appell zu verstehen:
Liebe Kinder. Im Friihling war's, wo die Erde in
ihren Pflanzen neues Leben findet, da der Christus
auf Golgatha durch den Tod ging. Er starb. Aber er
uberwand den Tod. Als Sieger iiber den Tod lebet er
mit den Menschen: er lebet in den Menschen, die ihn
suchen, suchen mit all ihrem Denken, Fuhlen und
Wollen. Und jedesmal, wenn der Friihling das hohe
Osterfest bringt, dann soil der Mensch, wenn er das
neue Leben der Erde schaut, gedenken des Todes und
der Auferstehung des Christus.
- Die Jugendfeier ist eben zu O stern gedacht. -
Liebe Kinder, gedenket jedes Jahr zu dieser Osterzeit
des Festes, das wir heute mit euch feiern und feiert es
jedes Jahr neu, auf daB in euch der Gedanke belebt
werde von dem Tode, der Auferstehung des Christus
und von seinem Wohnen in den Seelen derer, die ihn
suchen.
Dann folgt ein Gesang, so wie bei den Sonntagsfeiern, eben in
der entsprechenden Weise fur dieses Fest zubereitet. Zuletzt
wird wiederum gesprochen:
Liebe Kinder, allsonntaglich habe ich euch
entlassen, euch auffordernd, zu gedenken,
was ihr hier erlebt habt;
jetzt entlasse ich euch
mit sorgender Seele
In das Leben.
Der Christusgeist sei mit euch
Suchet ihn
Ihr werdet ihn finden:
Als Euer Licht
Als Eure Kraft
Als euren Fuhrer
Als euren Troster.
Jedes Kind wird einzeln entlassen, man nimmt es an der Hand
und spricht zu ihm:
Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes in
deinem Leben
VergiB ihn nimmer, nicht in Freud, nicht im Leide.
Dann wird das Kind entlassen, zunachst aus der Handlung. Das
andere wiirde alles Unterweisung sein, wiirde nicht zu dem
eigentlichen Ritual mehr gehoren.
* *
Ich habe Ihnen hier einige Beispiele gegeben davon, wie das
lebendig erfaBt werden muB im religiosen Leben, wie das hin-
einflieBen kann in einen Kultus, der nun auch ganz in lebendiger
Weise gesucht wird aus demjenigen heraus, was eben erneutes
religioses Leben sein kann. Alles, meine lieben Freunde, ist im
Anfange unvollkommen, und gegen jeden Anfang wird sich
selbstverstandlich vieles, vieles einwenden lassen. Nehmen Sie
auch so etwas als einen Anfang hin, und wissen Sie, daB da, wo
man in ehrlicher Weise einen solchen Anfang will, sich schon
auch die Krafte finden werden zur Verbesserung desjenigen, was
in einem solchen Anfange gegeben werden kann. Ich meine
doch, meine lieben Freunde, daB es sich nicht darum handeln
kann, ein solches Kind eben im Anfang zu ersticken, sondern
daB es sich lieber darum handeln sollte, zu arbeiten an dem, was
gewollt wird. Selbstverstandlich kann da, wo Lebendiges und
nicht Dogmatisches gewollt wird, jede Einwendung nur will-
kommen sein. Es wird Ihnen aber gerade an diesem Beispiel klar
sein konnen, wie uberall eben aus dem Lebendigen heraus das
Kultusartige gesucht werden muB. Ich habe Sie ja schon auf-
merksam machen konnen auf den Gebetscharakter desjenigen,
was der die Handlung Vollziehende selbst als vorbereitendes
Gebet haben kann. In einer ahnlichen Weise wird ja jeder Un-
terrichtsmorgen von uns begonnen, naturlich in entsprechend
einfacher Weise. Das naturlich geht nun hinaus iiber das Prinzip,
wenn das Prinzip nur in ganz abstrakter Weise gefaBt wird.
Wenn das Prinzip in ganz abstrakter Weise gefaBt werden wur-
de, durften wir naturlich iiberhaupt nicht irgend etwas an die
Spitze des Unterrichtsmorgens stellen, sondern muBten glatt
[mit dem Unterricht] anfangen. Das wurde aber nach meiner
Uberzeugung ganz unmoglich sein, weil ja schlieBlich doch aller
Unterricht Stimmung in sich haben muB und schlieBlich die
christliche Stimmung nicht etwas sein kann, was ganz als ein
Abstraktum iiber dem Ganzen schwebt, sondern was in jede
Einzelheit hineingehen muB. Etwas Prinzipielles kann es im
Leben der Welt iiberhaupt nicht geben, sondern es kann nur
das sich in Leben Wandelnde geben. Das darf man nicht als
eine Inkonsequenz betrachten, sondern als eine Forderung des
Lebens selbst.
Sie sehen aber auch, daB wir in GemaBheit desjenigen, was
heute nur allein Gebrauch sein kann, durchaus stehenbleiben
mussen soviel als moglich bei dem Worte, und nur das Wort
selbst konnen wir umwandeln zur Handlung, denn Handlung
liegt auch schon im Worte, insbesondere wenn das Wort im
Zusammenhang des Lebens selber auftritt. Es ist durchaus so,
daB bei einer solchen Jugendfeier nicht nur etwas besprochen
wird, sondern es geschieht etwas, es geschieht etwas an den
Seelen, nicht mit, aber an den Seelen der Kinder.
Vergleichen Sie damit nur, meine lieben Freunde, wie stark
der Glaube war, man musse in das Lehrgut, das man lehrhaft
ubermittelt, die Hauptsache legen. Das ist im Grunde genom-
men heute noch zu stark in alien Religionsbekenntnissen und in
alien Religionsformen so; es wird zu sehr der Wert gelegt auf
das Lehrgut als solches, auf seinen dogmatischen oder sonstigen
Inhalt. Man muB allmahlich aus dem bloB menschlichen Worte
herauskommen und auf dem Umweg, dadurch, daB man sich
bewuBt ist, man schopft das Wort aus den geistigen Welten her-
aus fur die Zeremonie, vordringen zu dem Eintauchen wiederum
des ganzen Zeremoniellen in eine Atmosphare, wo gottesdienst-
liche Handlungen eben schon fur sich ohne Opferhandlung vor
sich gehen konnen.
RITUALTEXTE
VORBEREITUNG
Worte, vom Handelnden vor der Handlung
in Gedanken zu sich zu sprechen
Durch Deine Kraft, o Gottesgeist,
Soil ich zu Dir weisen
Die mir anvertrauten Seelen.
Dein Licht erhelle meines Denkens Umkreis,
Deine Lebenswarme durchkrafte meines Fiihlens Mitte,
Deine Seelenkraft durchgeiste meines Wollens Strahlenleib,
Sei in dem Dienst, den ich Dir leisten will.
SONNTAGS HANDLUNG
Der die Handlung Vollziehende steht vor dem Christusbilde.
Wenn die Handlung zu dritt gehalten wird, sitzen die beiden
Heifer auf Stiihlen rechts und links neben dem Altar. Ein oder
zwei Andere lassen die Kinder nacheinander, einzeln oder zu
zweit, ein und sprechen zu jedem:
Du weiBt, du gehst zu der Handlung,
Die deine Seele erheben soil zu dem Geiste der Welt.
Die Eingetretenen ordnen sich vor dem Vollzieher der Hand-
lung, hinter ihnen stehen oder sitzen die Lehrer und Angehori-
gen der Kinder.
Die beiden Heifer stehen auf, der Handelnde wendet sich um
und spricht:
Wir erheben jetzt die Gedanken und Empfindungen zu dem
Zu dem Geiste, der lebet und wirket, [Geiste,
Der lebet und wirket in Stein, Pflanze und Tier;
Der lebet und wirket in Menschendenken und Menschentun,
Der wirket in allem Wirkenden,
Der lebet in allem Lebenden,
Der das Lebende in den Tod fuhrt, auf daB es neu lebe,
Der das Tote ins Lebende fuhrt, auf daB es den Geist schaue.
Der Handelnde weist auf das Christusbild. Er spricht:
In ihm nahm Leib an, der da wirket als Geist im All.
Christus starb.
Er wurde lebendig im Sein der Menschen,
Die ihm Wohnung gaben in ihrem Herzen.
Auch unser Herz wende sich zu ihm,
Es durchdringe sich mit seiner Kraft,
Auf daB er in ihm wirke,
Auf daB er durchdringe
Unser Denken, Fiihlen und Wollen.
Der Handelnde spricht wieder zu den Kindern:
Meine Lieben! Wir lernen, um die Welt zu verstehen.
Wir lernen, um in der Welt zu arbeiten.
Die Liebe der Menschen zueinander belebt alle Menschen-
Ohne die Liebe wird das Menschensein ode und leer, [arbeit.
Christus ist der Lehrer der Menschenliebe.
Gebet. Der Handelnde spricht: «Wir wollen beten»; dann
spricht er Zeile fur Zeile vor, die Kinder sprechen nach:
Wir erheben all unser Empfinden und Denken zum Gottesgeiste.
Wir verehren den Gottesgeist.
Wir lieben den Gottesgeist.
Wir werden gedenken des Gottesgeistes,
Wenn wir allein sind
Und auch, wenn wir mit Menschen zusammen sind.
Dann wird er mit uns sein.
Der Handelnde - bzw. der rechtsstehende Heifer - geht an jedes
einzelne Kind heran und spricht zu ihm:
Der Gottesgeist wird sein mit dir, wenn du ihn suchest.
Das Kind antwortet:
Ich will ihn suchen.
Der Handelnde - bzw. der rechtsstehende Heifer - geht zu
seiner Stellung vor dem Christusbild zuriick. Der Handelnde
spricht mit segnenden Handen:
Ich rufe zum Gottesgeist,
DaB er sei bei euch, wenn ihr ihn suchet.
Der Handelnde spricht: «Es wird nun verkiindet das Evan-
gelium nach ...»
Vom Handelnden - bzw. vom linksstehenden Heifer - wird das
Evangelium gemaB den Perikopen verlesen.
Gesang, der vom Handelnden angesagt wird.
Dann spricht der Handelnde:
Liebe Kinder! Ich entlasse euch nun,
Aber behaltet in guten Gedanken,
Was ihr hier gehort, empfunden, gedacht habt.
Der Handelnde wendet sich zum Altar, die Heifer setzen sich.
Musik
Verabschiedung der Kinder durch alle die Handlung Haltenden
und sie Mitbetreuenden.
SONNTAGSHANDLUNG
AM PFINGSTSONNTAG
Die Handlung vollzieht sich im ganzen wie sonst. Nur zur Evangelien-
Lesung hat Rudolf Steiner fur diesen Tag eine besondere Angabe gemacht:
Nachdem iiber das Pfingstereignis (aus der Apostelgeschichte
2,1-18) gelesen worden ist (durch den Handelnden oder den lin-
ken Heifer), liest der Handelnde unmittelbar anschlieBend die
Goethe-Ubersetzung des alten Pfingsthymnus «Veni Creator
Spiritus»:
Komm heiliger Geist, du Schaffender,
Komm, deine Seelen suche heim;
Mit Gnaden-Fiille segne sie
Die Brust, die du geschaffen hast.
Du heiBest Troster, Paraklet,
Des hochsten Gottes Hoch-Geschenk,
Lebend'ger Quell und Liebes-Glut
Und Salbung heiliger Geistes-Kraft.
Du siebenfaltiger Gaben-Schatz,
Du Finger Gottes rechter Hand,
Von ihm versprochen und geschickt,
Der Kehle Stimm' und Rede gibst.
Den Sinnen ziinde Lichter an,
Dem Herzen frohe Mutigkeit,
DaB wir, im Korper Wandelnden,
Bereit zum Handeln sei'n, zum Kampf.
Den Feind bedrange, treib' ihn fort,
DaB uns des Friedens wir erfreun,
Und so an deiner Fuhrer-Hand
Dem Schaden iiberall entgehn.
Vom Vater uns Erkenntnis gib,
Erkenntnis auch vom Sohn zugleich,
Uns, die dem beiderseit'gen Geist
Zu alien Zeiten glaubig flehn.
Darum sei Gott dem Vater Preis,
Dem Sohne, der vom Tod erstand,
Dem Paraklet, dem Wirkenden
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Nach diesen Worten kiindigt der Handelnde wie sonst den
Gesang an und entlaBt dann die Kinder mit den Worten:
«Liebe Kinder, ich entlasse euch nun, ...»
WEIHNACHTSHANDLUNG
Der Eintritt geschieht in der gleichen Weise wie bei der Sonn-
tagshandlung
Liebe Kinder
Wir leben in Winters Anfang,
Unsere Augen sehen nur wenig die auBere Sonne,
Spat erscheinet sie und fruh verschwindet sie.
Im Innern aber schaut unser Seelenauge
In Winters Kalte und Winterdunkel:
Des Christus hell leuchtende Geistes sonne,
Die durch Jesus der Menschheit
Aus gottlichen Reichen erschienen ist.
In demutiger Hirten Seelen
Ward gehort der Himmel Wort:
Es offenbaret Gottes Geist sich in Hohen,
Und er bringet Frieden den Erdenmenschen,
In deren Herzen guter Wille wohnet.
Und die Hirten waren geleitet,
Durch der Himmel erhabnes Wort,
Und sie suchten des Gottes Geist
Nach der Verkiindung auf Erden.
An der Armut Statte fanden sie
Das Kind Jesus, der dann wurde
Der Christus.
Es ward die erste Weihnacht der Welt
Als die demiitigen Hirten
Betenden Herzens knieten
An der Armut Statte vor Jesus, dem Kindlein,
Durch das des Geistes Licht
Erschien den Erdenmenschen.
Durch den Christus
Der da ist die Geistessonne
Werden wir finden
Den Weg in Geisteshohen,
Und so werden
Erst wahre Menschen.
So dachten die demiitigen Hirten
In ihren ahnenden Seelen,
Als sie schauten das Licht
Das leuchtete aus des Kindleins Augen
In der ersten Weltweihnacht.
Und als schauten das Licht
Die demiitigen Hirten
Da ward ein neuer Weltenanfang:
Der Menschheit Christzeit begann.
Und hell kann es werden seither
In der Menschen Herzen,
Die da lernen in Liebe
Zu sagen: sieh, es ist der Christus
Durch den die Seele findet
Den Weg in des Geistes
Sonnenhelles Reich.
Und hell wird es bleiben
In der Menschen Herzen,
Die liebend erfuhlen
In ihrem tiefsten Innern
Das Licht, das da leuchtet
Auf dem Weg in des Christus
Sonnenhelles Reich.
In der Menschen Herzen
Wird des Winters dunkle Nacht
Zum hellen Geistestage
Wenn die Seele sich weihet
Dem Lichte, das durch Jesus
Erstrahlet dem Erdenleben.
Kurzes Umwenden zum Altar.
Der die Handlung Vollziehende - bzw. der rechtsstehende Hei-
fer - geht wie sonst zu jedem einzelnen Kinde und spricht zu
ihm:
Erhebe die Gedanken und Empfindungen
Zu dem Christusgeiste.
Nachdem der Handelnde - bzw. der rechtsstehende Heifer -
wieder nach vorn gegangen ist, spricht der Handelnde zu alien
Kindern:
Ihr sollet erheben die Gedanken und Empfindungen
Zu dem Christusgeiste,
Er ist das Licht
Das leuchtet in der Menschen Herzen
Auf daB sie finden
Den Weg zum Gottesreiche.
Der die Handlung Vollziehende spricht: «Es wird nun verkiin-
det das Weihnachtsevangelium nach Lukas im 2. Kapitel.» Dies
wird vom Handelnden - bzw. vom linksstehenden Heifer - ge-
lesen. Wendung zum Altar. - Nunmehr sollte ein fur Weihnach-
ten geeignetes Musikstiick ertonen.
Dann spricht der die Handlung Vollziehende weiter, indem er
etwas vortritt:
Durch Geistes Heilesmacht,
In Welten Weihenacht,
1st Seelenlicht erwacht,
Hat Menschenkraft gebracht,
Hat Herzensmut gebracht,
Nachdem es einst erwacht,
Aus Zeiten Weihenacht
Zu ew'ger Heilesmacht.
Der die Handlung Vollziehende tritt zuriick und spricht weiter:
Der Mensch erfullet sich
Mit wahrem Seelensinn,
Wenn er zur Weihnachtzeit
Das Innere wendet,
In starkem Denken
In innigem Fuhlen
Zur Christuskraft,
Der Mensch erstarket sich
Durch wahre Geisteskraft
Wenn er zur Weihnachtzeit
Das Innere wendet
Im hellen Denken
Im warmen Fuhlen
Zum Christuslicht.
Der Handelnde sagt den Gesang an: «Es ist ein Ros' entsprungen.»
Liebe Kinder:
Das alles haltet in eurem Herzen
Traget es aus der heiligen Weihnachtzeit
In das Leben des ganzen Jahres.
Der Handelnde wendet sich zum Altar, die Heifer setzen sich.
SchluBmusik.
Verabschiedung wie bei der Sonntagshandlung.
£^7~^~l v L±J^-' V ^ ^^^ ^^^ ^ '
JUGENDFEIER
(Fur denselben Raum, in dem die Sonntagfeier gehalten wird,
der auch in derselben Art wie sonst eingerichtet ist):
1. Jedes Kind tritt einzeln ein. Es wird ihm beim Eintritt, indem
man ihm die Hand reicht, gesagt:
Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes in deinem Leben.
2. Alle Kinder sind versammelt. Der die Handlung Vollbringen-
de spricht zu alien:
Liebe Kinder; gedenket der Wichtigkeit dieses Augenblickes
in eurem Leben. Ihr tretet in ein neues Lebensalter. Von der
Kindheit zur Jugend steiget ihr auf. Eure Lehrer haben euch
gefuhrt. Ihre Sorge war, daB der Gottesgeist
leuchte in eurem Denken
krafte in eurem Fuhlen
wirke in eurem Wollen.
Den Christus, der gestorben ist, auf daB die Menschenseelen
leben konnen, wollten euch weisen eure Lehrer, auf daB er sei:
das Licht in eurer Seele
der Fuhrer auf euren Lebenswegen
der Spender der Daseinsfreuden
der Troster im Daseinsleide.
Der Handelnde wendet sich um und erhebt die Arme zum
Christusbilde.
Er spricht:
Du Licht der Seelen
Du Fuhrer auf unsren Lebenswegen
13 Jst^^ Tg jtQ Csvilri*c^<-
Du Spender der Daseinsfreuden
Du Troster im Daseinsleide
Zu dir sprach ich bittend
Wenn ich Licht erflehte
Fur dieser Kinder Denken
Wenn ich Kraft ersehnte
Fur dieser Kinder Fuhlen
Wenn ich Wirkensegen erstrebe
Fur dieser Kinder Wollen;
So sende dein Licht
So spende deine Kraft
So lasse stromen deinen Segen.
In dieser Stunde
Auf die, die uns anvertraut waren
Und die wir jetzt ubergeben dem Leben
Auf daB sie
denken durch dein Licht
fuhlen durch deine Kraft
Wirken durch deinen Segen
In all ihrem Erdenleben
Bis in Todesaugenblicke
Du sie fuhrest in das Seelensein.
Denn Du hast gesprochen:
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fitly iXv cACt\ <^ J.^^^H^ L >
3 ^ </t" Vt^**
An dieser Stelle wendet sich der Handelnde um und liest den
Kindern das hohepriesterliche Gebet aus dem Johannes-Evange-
lium vor. Dann begibt sich der Handelnde zu jedem einzelnen
Kinde, nimmt es an der Hand und spricht zu ihm:
Durch den Geist des Christus
Der den Tod iiberwand
Auf daB der Menschenseele
Das Leben ward gerettet
Wurdest du gefuhrt
Hier in dieser Kindesschule;
So leite der Christusgeist
Deine Lebenskrafte
Deine Seelenmachte
Deine Geistesziele
Durch des Lebens groBe Schule.
Der Handelnde begibt sich an seinen Platz zuriick und spricht
uber das Osterfest in einer Rede, die etwa den folgenden Inhalt
hat:
Liebe Kinder. Im Fruhling war's, wo die Erde in ihren
Pflanzen neues Leben findet, da der Christus auf Golgatha
durch den Tod ging. Er starb. Aber er iiberwand den Tod.
Als Sieger uber den Tod lebet er mit den Menschen; er le-
bet in den Menschen, die ihn suchen, suchen mit all ihrem
Denken, Fuhlen und Wollen. Und jedesmal, wenn der
Fruhling das hohe Osterfest bringt, dann soil der Mensch,
wenn er das neue Leben der Erde schaut, gedenken des
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Todes und der Auferstehung des Christus. Liebe Kinder,
gedenket jedes Jahr zu dieser Osterzeit des Festes, das wir
heute mit euch feiern und feiert es jedes Jahr neu, auf daB
in euch der Gedanke belebt werde von dem Tode, der
Auferstehung des Christus und von seinem Wohnen in den
Seelen derer, die ihn suchen.
Diese Rede kann weiter ausgefuhrt werden durch alles, was der
Handelnde den Kindern sagen mochte.
Dann der Gesang wie bei den Sonntagsfeiern.
Zuletzt:
Liebe Kinder, allsonntaglich habe ich euch
entlassen, euch auffordernd, zu gedenken,
was ihr hier erlebt habt;
jetzt entlasse ich euch
mit sorgender Seele
In das Leben
Der Christusgeist sei mit euch
Suchet ihn
Ihr werdet ihn finden:
Als Euer Licht
Als Eure Kraft
Als euren Fuhrer
Als euren Troster.
hJU, Uv^A UJ^ C^ycl* tA*AU$*»i *M
Jedes Kind wird einzeln entlassen; man nimmt es an der Hand
und spricht zu ihm:
Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes
in deinem Leben.
VergiB ihn nimmer, nicht in Freud, nicht im Leide.
_ , -0—
Sot. &eU,s4.po~U tAsUcfaAJtc ***** .
OPFERFEIER
I: Der Opfer-Feiernde (mit den Helfern zur linken und rechten)
steht vor dem Opfertisch, Gesicht nach diesem gerichtet und
spricht:
Christi Taten auf Golgatha
Stehen vor unseren Seelen.
Die Weihe-Stimmung unserer Seelen
Offenbaret uns Christi Taten auf Erden.
Die Verehrung unserer Seelen
Betet zu Christi Menschheitsopfer.
Die Andacht unserer Seelen
Fuhre in diesen Opferraum
Das Erleben von Christi Menschheitsopfer.
Nach einer Pause spricht der Feiernde weiter:
Der Vatergott sei in uns
Der Sohnesgott schaffe in uns
Der Geistgott erleuchte uns.
Der Feiernde wendet sich um und spricht zur Gemeinde:
Christus in euch
Der vom Feiernden rechtsstehende Heifer erwidert:
Und deinen Geist erfiille Er.
Nun spricht in der Richtung nach dem Opfertisch der von dem
Feiernden rechtsstehende Heifer:
Zu dem Vatergotte wenden
Wir unseren Geist.
Er webt im Weltengrunde
Er lebt in unserer Menschheit.
/fcJ-^e- t&^uft .
Fun, U*%tjv\jc* JiA*i*r-<t c/kAjUst*
VonAox, «M<n. opioid; ZAs :
3ti 4 f5 e*+j-£a*£-3cJct, O ****** * &6**t4
Wir sind alles,
Was wir sind
In seinem Sein
Durch seine Kraft.
Zu dem Sohnesgotte wenden
Wir unsere Seele.
Er waltet als ewiges Wort
In Weltensein und Menschenwesen
Wir finden Trost
Fur unsere Schwachheit
In seiner Starke,
In seiner Opfertat.
Zu dem Geistgotte wenden
Wir unseren Willen
Er leuchte in unseren Entschlussen
Er walte in unseren Taten.
Wir finden Starke
In unserer Finsternis
Durch sein Licht,
Und Seelenkraft durch ihn
Als Geistessonne.
Mit dem Gesichte zur Gemeinde liest nun der zur linken vom
Feiernden stehende Heifer ein Kapitel aus dem Evangelium.
Vorher aber spricht er:
Mein Herz trage in sich
Das BewuBtsein Deines Lebens
O Christus;
tic*, tHr*~ (f^^, ^ Tt^eSkJUZy zJL. df^t.fy ~*Lt,/2y£^
Meinen Lippen entstrome
Dein reines Wort
O Christus.
Deine Gnade wiirdige
Mich, zu sprechen Dein Wort
O Christus.
(Evangelien Lesung)
Der Feiernde in der Mitte spricht mit dem Gesichte zum Opfer-
tisch:
Wir erheben unsre Seele
Zu Dir, o Christus.
Dein Evangelium
Als reines Wort
Tilget aus unsern Worten
Was unrein in ihnen ist.
Der Feiernde wendet sich zur Gemeinde und spricht:
Christus in euch
Der ihm rechts mit Bezug auf den Opfertisch Stehende erwidert:
Und deinen Geist erfiille Er.
[Pause].
Der vom Feiernden (immer in der Richtung zum Opfertisch ge-
meint) rechtsstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum
Opfertisch:
Dir, ewiger Weltengrund,
Webend in Raumesweiten
Und in Zeitenfernen
Opfern die heiligsten Gefuhle
Deiner Menschensprossen
Hingegebene Herzen.
Jo jAotw* Zk? ^ ei^Aj
Dtju SeJLv*& ^eAvd' c/^Jt^t tSL* £&A*£&*iS t
Ck, t So S &<■ &4
9 ta,tA^ £&u*XC <£:<lA£? .
2,
Du schauest in die Schwachen
Dieser Herzen;
So strome zu Dir auch
Die Sehnsucht dieser Herzen.
Der linksstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer-
tisch:
Ja so sei es.
Der Feiernde spricht mit dem Gesichte zum Opfertisch:
All unser Menschensein
Denke hin zu Christi Tat.
Unser Leib sehnet sich
Nach Christi Kraft
§- Unser Blut sehnet sich
ET Nach Christi Licht.
era (mit erhobenen Armen)
C/5
In Deinen Sonnenhohen
O Christus schaue
Auf das Opfer
Unseres Menschenseins;
Unseres beseelten Leibes,
Unseres durchgeisteten Blutes.
Sie seien in Dir
Du seiest in ihnen.
Der rechtsstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer-
tisch:
Aus des Menschen Seelenopfer
Aus des Menschen Geistesopfer
Werde das wesenschaffende Liebefeuer
Das walte von Mensch zu Gott
Das walte von Mensch zu Mensch.
Oct e^A^jt^^tsrv
2 x~
& 3ce4 , |teM* it*
.
Der linksstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer-
tisch:
Ja, so sei es.
Der Feiernde wendet sich zur Gemeinde und spricht:
Christus in euch.
Der rechtsstehende Heifer wendet sich zur Gemeinde und
spricht:
Und deinen Geist erfulle Er.
[Pause].
Der linksstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer-
tisch:
Unser Denken leuchte
Dir entgegen
Unser Fuhlen sehne
Sich nach Dir
Unser Wollen krafte
Nach Dir
Gottlicher Weltengrund.
Der rechtsstehende Heifer spricht mit dem Gesichte zum Opfer-
tisch:
Unser Schicksal walte
mit Dir
Unser Leben fliesse
In Dir
Unser Sehnen trachte
Nach Dir
Christus, Du Walter fur uns.
Der Feiernde spricht mit dem Gesichte zum Opfertisch:
Er hat sich geeint
Bevor Er hinging
TruX atiw
~~ — - — - —
n&Zt .
Zum Menschentode
Mit den Seinen.
Er weihte Seinen Leib
Den Trager Seiner Seele
Dem gottlichen Weltengrund
Er weihte Sein Blut
Den Trager Seines Geistes
Dem Lichte des Weltengrundes
Und so gab Er Sich hin
Den Seinen.
So lasset in Geistes-Wandelung
Unseren Leib
Unserer Seele Trager
Unser Blut
Unseres Geistes Trager
Werden Seinen Leib
Werden Sein Blut.
Er sprach:
Nehmet hin;
Seine Gnade lasse uns sprechen
Nimm hin:
Wir mochten
Dir geben:
Das Opfer
Im Lichte
Deines Opfers
Suchend unser Sein
In Deinem Sein.
* / S<ive, tOcot^t to*-&*£ .
3*» &U&>£4^^ Jke^ C^'yt ^ty^ty) .
" *
Christus walte
Heil-tragend
In unserer Seele
Kraft spendend
In unserem Geiste.
Der rechtsstehende Heifer spricht (Gesicht zum Opfertisch)
Christus ist in uns
Sein Licht leuchtet
Seine Gnade waltet
Seine Kraft webet allhier.
Der linksstehende Heifer spricht (Gesicht zum Opfertisch):
Der Geist-gott
Walte tiber unser Denken
Webe in unserem Fuhlen
Wirke aus unserem Wollen.
Der Feiernde wendet sich zur Gemeinde und spricht:
Christus in euch
Der rechtsstehende Heifer wendet sich zur Gemeinde und er-
widert:
Und deinen Geist erfulle Er.
Der linksstehende Heifer zur Gemeinde:
Ja so sei es.
(Pause)
Der linksstehende Heifer, Gesicht zum Opfertisch:
O Christus, Du hast
e7r> £-<-<»-» t^4s^of^~CCiJLin. §t±Xi,
Joy, J^CcJ^U f+f*£<*~
^c^, ^e^'-^^A^ -----
J~ a yn^cAif t*ti^e/c t xJai^f
In unerschopflicher Giite
In unermesslicher Liebe
In grenzenloser Gnade
Den Frieden gegeben
Den Deinigen
Der rechte Heifer, Gesicht zum Opfertisch, setzt
So mache unseren Geist
Hell von Licht erfullt
So mache unser Wort
Rein von Gedanken erfullt
So mache unser Herz
Lauter und sundenrein.
Der Feiernde, Gesicht zum Opfertisch:
Christus in uns
Sein heller, lichterfullter Geist
In unsrem Geiste
Seine reinen, seelewarmen Gedanken
In unsrer Seele
Sein lautres, sundenreines Herz
In unsrem Herzen.
Christus, wir empfangen Dich
Zur Gesundung unseres Leibes
Zur Gesundung unsrer Seele
Zur Gesundung unsres Geistes.
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1-4
CD
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3
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Der linksstehende Heifer, Gesicht zum Opfertisch:
Ja, so sei es.
Der rechtsstehende Heifer geht zu jedem Gemeindemitgliede,
beruhrt mit zwei Fingern dessen Stirn und spricht:
Christi Geist lebe in dir
Das Gemeindemitglied erwidert:
Ich darf empfangen Christi Geist.
Nach Absolvierung geht der rechtsstehende Heifer an seinen
Platz zuriick (es kann hier Musik eingefiigt werden).
Dann Schluss:
Der Feiernde, Gesicht zur Gemeinde:
Christus in euch
Der rechtsstehende Heifer, Gesicht zur Gemeinde:
Und deinen Geist erfulle Er.
Der linksstehende Heifer zur Gemeinde:
Nehmet hin dies
Als die opfernde Tat
der Menschenseele.
Der rechtsstehende Heifer, zur Gemeinde.
Ja, so sei es.
EVANGELIEN-TEXTE
Ubertragungen von Rudolf Steiner
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DER ANFANG DES JOH ANNES -E V ANGELIUMS
Kap. 1. 1-14
Im Urbeginne war das Wort; und das Wort war bei
Gott, und ein Gott war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Alles ist durch dasselbe geworden; und auBer durch
dieses ist nichts von dem Entstandenen geworden.
In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht
der Menschen.
Und das Licht schien in die Finsternis, aber die
Finsternis hat es nicht begriffen.
Es ward ein Mensch, gesandt von Gott, mit
seinem Namen Johannes.
Dieser kam zum Zeugnis, auf daB er Zeugnis ablege
von dem Licht, auf daB durch ihn alle glauben sollten.
Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des
Lichtes.
Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet,
sollte in die Welt kommen.
Es war in der Welt, und die Welt ist durch es
geworden, aber die Welt hat es nicht erkannt.
In die einzelnen Menschen kam es; aber die einzelnen
Menschen nahmen es nicht auf.
Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch ihn als
Gottes Kinder offenbaren.
Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut,
nicht aus dem Willen des Fleisches, und nicht aus
menschlichem Willen, sondern aus Gott geworden.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns
gewohnet, und wir haben seine Lehre gehort; die Lehre
von dem einzigen Sohn des Vaters, erfullt von Hingabe
und Wahrheit.
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DAS HOHEPRIESTERLICHE GEBET
Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-8, 24, 26
Jesus versetzte sich in die Geistesschau und sprach:
Vaterlicher Weltengrund:
lasse offenbar werden Deines Sohnes Schaffen,
damit durch Deines Sohnes Schaffen
auch Du offenbar werdest.
Du hast ihn zum Schaffenden gemacht
in alien fleischlichen Menschenleibern,
daB er in die Zukunft lebend
fiihre Alle, die durch Dich zu ihm kamen.
Sie werden in der Zukunft leben dadurch,
daB ihr Seelenauge bereitet ist,
Dich zu schauen als den wahrhaft Einigen Weltengrund
und den schaffenden Christus Jesus,
den Du zu ihnen gesandt hast.
Durch mich wurdest Du im Erdensein wieder offenbar,
als die Erde Deine Offenbarung umwolkte.
Solches war Dein Wille, der durch mich wirkte.
So auch, vaterlicher Weltengrund,
lasse jetzt erstrahlen die Offenbarung,
die durch mich schon ward, ehe Du in
der Erdenwelt offenbar wurdest. -
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Durch mich ward das Wort,
das Dich offenbart, in Menschenseelen offenbar,
die durch Dich zu mir kamen.
Du warst in ihnen,
durch Dich kamen sie zu mir,
und sie haben in sich genommen
die Erkenntnis von Dir.
Von ihnen ward erkannt,
daB, was ich zu ihnen sprach,
von Dir durch mich
zu ihnen gesprochen ward.
Vaterlicher Weltengrund, das erflehe ich,
daB sie, die durch mich zu Dir gekommen sind,
immer sein mogen lebend bei Dir,
wie ich bei Dir bin,
und daB sie da schauen Deine Offenbarung,
die Du liebend vor mir erstrahlen lieBest,
bevor die Erde noch war.
Durch mich ward offenbar das Wort,
das Dich offenbart,
und ich will tragen dies Wort in Menschenseelen,
auf daB die Liebe, mit der Du mich liebest,
in ihnen sich bewahre,
und so auch mein ewiges Leben
ihr Leben ewig bewahre.
III *' *
■6UU .Ok, vvIU tiUc wi* ^fi4w Uft, jf*
Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-9
Nachdem Jesus dieses geredet hatte, erhob er seine Augen zum
Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen, offenbare es
deinem Sohne, auf daB dein Sohn es von dir offenbare, wie du
ihm Macht iiber alles Fleisch gegeben hast, damit er den ihm zu
eigen gegebenen das dauernde Leben gebe. Das aber ist das dau-
ernde Leben, daB sie Dich als den einzig wahren Gott erkennen
und Jesus Christus als den Abgesandten. Ich habe Dich auf Er-
den geoffenbaret, um zum Ziele zu bringen das Werk, das Du
mir zu tun auferlegt hast. Und nun offenbare mich, Vater, mit
der Offenbarung, die mir durch dich ward, ehe die Welt be-
stand. Ich habe [Dich] zur Erscheinung gebracht fiir die Men-
schen, welche Du mir aus der Welt zugeteilt hast. Dein waren
sie und du gabst sie mir, und sie sind von Deinen Worten erfullt
geblieben.
So haben sie erkannt, wie alles, was Du mir gegeben hast, aus
Dir ist. Denn die Gedankenkrafte, die Du mir gegeben hast,
habe ich zu ihnen gebracht. Sie haben sich mit ihnen verbunden
und durchschaut, daB ich von Dir komme und eingesehen, daB
Du mich ihnen gegeben hast.
Fiir sie als einzelne Menschen, nicht fiir die Menschen im
Allgemeinen, bitte ich bei Dir, nur fiir die Menschen, die Du
mir gegeben hast, weil sie durch Dich sind. -
ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
UND GESTALTUNG
DER SCHULHANDLUNG
HERBERT HAHN
Vom Entstehen des Freien Religionsunterrichtes
in der Waldorfschule und vom
Einrichten der Sonntagshandlungen
Als im Friihling und im Sommer 1919 die grundlegenden Ge-
sprache iiber den inneren Aufbau der Freien Waldorfschule mit
Rudolf Steiner gefuhrt wurden, war zunachst von der Einrich-
tung eines besonderen, im Geiste der Waldorfschulpadagogik zu
erteilenden Religions-Unterrichtes nicht die Rede. Rudolf Stei-
ner auBerte sich einmal in dem Sinne, daB dank der zentralen
Stellung, die eine im Ubersinnlichen verankerte Menschenkunde
in der Waldorfschul-Padagogik hat, im Grunde jede einzelne
Unterrichtsstunde den Bedurfnissen Rechnung trage, die sonst
in einem ausgesonderten Religionsunterricht gepflegt werden.
Aber schon im Herbst 1919 wurde ein fachlich herausge-
hobener, in je zwei Wochenstunden zu erteilender «freier Reli-
gionsunterricht in den Lehrplan der Waldorfschule aufgenom-
men. Diese fur manche uberraschende Wendung erfolgte - wie
alle Schritte auf dem Lebenswege Rudolf Steiners - auf Grund
konkreter, vom Leben selbst abgelesener Notwendigkeiten. Es
hatte sich inzwischen ergeben, daB betrachtliche Gruppen evan-
gelischer und katholischer Eltern darauf Wert legten, [ * ] daB fur
die Kinder neben dem allgemeinen Unterricht der Waldorf-
schule ein besonderer konfessioneller Religions-Unterricht ein-
gefuhrt werden. Rudolf Steiner entsprach diesem Wunsche ei-
nes groBen Teiles der Elternschaft. Er nahm die Religionsstun-
den aber in der Form auf, daB sie nur «auf dem Boden der
Freien Waldorf schule», also gleichsam exterritorial erteilt wer-
den sollten. Mit anderen Worten: die Waldorfschule stellte fur
[* Siehe unter «Hinweise».]
den Religionsunterricht nur die Raumlichkeiten zur Verfiigung,
lehnte aber jede padagogische Verantwortung fiir ihn ebenso
sehr ab, wie sie auf jede EinfluBnahme verzichtete. Bei den
Erwagungen, die die Durchfiihrung dieses Schrittes begleiteten,
ergab sich aber, daB eine Gruppe von Schiilern iibrig blieb, die
weder fiir einen evangelischen noch fiir einen katholischen,
noch sonst fiir einen konfessionellen Religions-Unterricht in
Frage kamen. Es handelte sich hauptsachlich um die Kinder
von Arbeitern und Angestellten der Zigarettenfabrik Waldorf-
Astoria, die ja als Griinderin der neuen Schule zugleich auch
den Kern der ersten Schiilerschaft gestellt hatte. Nachdem
iiberhaupt die Einrichtung eines besonderen Religions-Unter-
richtes sich als notwendig erwiesen hatte, wollte Rudolf Steiner
nicht, daB die Kinder der konfessionslosen Eltern durch das
vollige Wegfallen von Religionsstunden in eine Sonderstellung
geriickt wiirden. So richtete er fiir diejenigen unter ihnen, deren
Eltern solches ausdriicklich wiinschten, einen nicht-konfessio-
nellen christlichen Religions-Unterricht ein, der den Namen
«freier Religions-Unterricht» erhielt. Dieser Unterricht hatte
von Anfang an nichts mit dem «Freireligi6sen» im iiberkomme-
nen Sinne des Wortes zu tun. Ohne Hinblick auf konfessionel-
le Bindungen und mit dem einzigen Ziel, die Kinder fiir ihr
spateres Wirken mit lebendigen religiosen Kraften auszustatten,
stellt er es sich zur Aufgabe, die groBen Grundwahrheiten des
Christentums in freier Weise darzustellen und zu entfalten. Da
er von Lehrern der Waldorfschule oder von Freunden der
Waldorf-Padagogik erteilt werden sollte, durfte er fiir seine
Methodik die Gesichtspunkte in Anwendung bringen, die sich
aus der geisteswissenschaftlichen Menschenkunde Rudolf Stei-
ners ergeben. Doch ebenso wenig wie der allgemeine Unter-
richt in der Waldorfschule, wurde er als ein«Unterricht in
Anthroposophie» veranlagt. Bei jedem ernsten Eingehen auf die
Elemente der Padagogik Rudolf Steiners muBte sich ja erwei-
sen, daB eine solche im miBverstandenen Sinne «anthroposophi-
sche Tendenz» sich selbst aus dem lebendigen Erziehungsstrom
ausschaltet. War dieser Unterricht aber einerseits mit der Me-
thodik des Waldorfunterrichts verbunden, so sollte er sich in
seiner organisatorischen Eingliederung in das Ganze der Schule
doch in keiner Weise vom konfessionellen Religions-Unterricht
abheben. Das heiBt: auch der freie Religionsunterricht konnte
nur als «exterritorial» aufgenommen werden.
Als erste Lehrer fur diesen Unterricht wurden im Herbst
(wahrscheinlich im Oktober) 1919 durch Rudolf Steiner berufen:
Friedrich Oehlschlegel fur die Klassen 5 bis einschlieBlich 8;
Herbert Hahn fur die Klassen 1 bis einschlieBlich 4. Die ge-
nannten Klassenstufen wurden in je zwei groBe Gruppen zu-
sammengefaBt: eine Gruppe der unteren und eine Gruppe der
oberen Volksschulklassen; so daB Oehlschlegel wie auch der
Schreiber dieses Beitrages nur je zwei Religionsstunden in der
Woche zu erteilen hatten. Die groBe methodische Grund-Dispo-
sition fur beide Stufen des Unterrichts wurde durch Rudolf
Steiner in einer Konferenz vom 26. September 1919 gegeben.
Einige Wochen, nachdem der neue Unterricht eingefuhrt
worden war, also im Spatherbst des gleichen Jahres (am 3. No-
vember 1919), fand in der Waldorf schule ein Elternabend statt
fur die Eltern, deren Kinder diesen Religionsunterricht besuch-
ten. Auf diesem Elternabend wurde, soweit ich mich erinnere,
nur eine einzige Frage besprochen. Es handelte sich darum, ob
nicht ftir die Kinder, die zum freien Religionsunterricht gehoren,
so etwas eingerichtet werden konne wie eine Sonntagsfeier.
Hauptsachlich war es wieder Emil Molt, der Gninder der Wal-
dorfschule, der sich zum Sprecher dieses in der Elternschaft auf-
lebenden Willens machte. Nachdem von den Anwesenden einige
Anregungen gegeben worden waren, wurden Oehlschlegel und
ich gebeten, uns weiter mit dieser Frage zu beschaftigen. Wir
sollten einige Vorschlage ausarbeiten, und es wurde vereinbart,
daB wir diese mit Dr. Steiner bei dessen nachster Anwesenheit
in Stuttgart besprechen sollten.
Oehlschlegel und ich erlebten deutlich, daB die aus der
Elternschaft kommenden Anregungen einem heranwachsenden
Bediirfnis entsprachen. Der Unterricht verlangte von innen her
nach etwas, das iiber die bloBe Unterweisung hinausgehen und
den Charakter einer Feier tragen muBte. Aber sobald wir anfin-
gen, uns konkretere Vorstellungen iiber die Art dieser Feier zu
machen, befanden wir uns in groBer Verlegenheit. Worauf wir
verfielen, kam uns entweder als Abklatsch eines Alten, Her-
gebrachten vor, oder es erschien uns zu subjektiv. Man dachte
etwa an die Verlesung eines Evangelien-Abschnittes, an kleine
Ansprachen; oder an die eurythmische Darstellung der Spriiche
aus dem Seelenkalender Rudolf Steiners. Wirklich erlost waren
wir daher, als Dr. Steiner in der Weihnachtszeit 1919 wieder
nach Stuttgart kam und uns auch bald die Zusage gab, die uns
sorgenden Fragen mal mit uns zu besprechen.
Das Gesprach fand im kleinen Vorraum des jetzigen Verwal-
tungsrats-Zimmers statt. Wir berichteten Rudolf Steiner iiber
den erwahnten Elternabend und iiber unsere bisherigen Bernii-
hungen. Mit groBer Geduld und mit seinem giitig-ernsten La-
cheln horte er sich alle Einzelheiten an. Er auBerte sich nur zu
dem Vorschlag, bei den einzurichtenden Sonntagsfeiern die Wo-
chenspriiche eurythmisch darzustellen. «Eurythmie?» - sagte er
langsam - «Aber das ist doch eine weltliche Kunst! Da miiBte
ich dann schon Formen fur eine besondere Art kultischer Euryth-
mie geben.» Nun entstand, soweit ich mich erinnere, eine Pause
im Gesprach. Plotzlich ging es wie ein Ruck durch die Gestalt
Rudolf Steiners, und mit groBem Nachdruck rief er: «Das muB
dann schon ein Kultus sein!» Wir sahen ihn iiberrascht an. Und
weiterhin mit Nachdruck sprechend, sagte er: «Aber es wird
sehr schwer sein, ihn hinzustellen. Denn wenn wir ihn einfiih-
ren, muB er vollig <Tabu> sein!» - Dann fuhr er nach einen klei-
neren Pause in gewohnlichem Tonfall fort: «Aber es wird schon
gehen, ihn hinzustellen: er miiBte so hingestellt werden, daB er
etwas ist.» - Und wieder nach einer Weile des Nachsinnens:
«Konnte er gegeben werden, dann ware er zugleich die erste
Wiederankniipfung an unsere durch den Krieg unterbrochene
Esoterik.»
Rudolf Steiner sagte nun noch, er werde prufen, welche Mog-
lichkeiten fur das Aufnehmen eines solchen Kultus vorhanden
seien, und uns dann Bescheid geben. Damit war dieses Gesprach
beendet.
Fur die geschichtliche Entwicklung unserer Arbeit ist es von
Bedeutung festzuhalten, daB der Gedanke an einen Kultus in
Oehlschlegels und meinen Uberlegungen nie aufgetaucht war.
Auch, was wir an Dr. Steiner herangetragen hatten, ging uber
den Rahmen von Erwagungen iiber eine «Sonntagsandacht»
nicht hinaus. Der Hinweis auf die objektive Form des Kultus
kam ausschlieBlich von Rudolf Steiner.
Ein weiteres Gesprach iiber diese Fragen fand nicht statt.
Wenige Tage spater ubergab uns Dr. Steiner als Antwort den
Text der ersten Sonntagshandlung. Wir schrieben ihn uns ab,
Oehlschlegel behielt das Original bei sich. Im Einvernehmen mit
Frau Bertha Molt und Frau Hertha Kogel, die Dr. Steiner als
Helferinnen bei den Sonntagshandlungen angewiesen hatte, gin-
gen wir an die Vorbereitung der ersten Handlung. Es ging vor
allem darum, den Handlungsraum im jetzigen Saulensaal der
Waldorfschule einzurichten.
Uber alle Einzelheiten dieser Einrichtung konnten Oehlschle-
gel und ich noch ein Gesprach mit Dr. Steiner haben. Er zeich-
nete genau die Form des Altars auf und machte die Angabe, daB
dieser ebenso wie der ganze Handlungsraum rot sein solle. Fur
die Leuchter gab er Schwarz als Farbe an. Er sagte, es sollen sie-
ben Leuchter im vorspringenden stumpfen Winkel aufgestellt
werden und so, daB der kleinste die Spitze bilden, die beiden
groBten zu auBerst stehen sollten. An der Altarwand sei Leon-
ardo da Vincis in der Brera in Mailand aufbewahrte farbige
Skizze zum Christuskopf im Abendmahl aufzuhangen; und
zwar im blauen Rahmen.
Die Angaben fur die rechts und links vom Altar stehenden
und fur die beiden Heifer bestimmten Stuhle sind von Dr. Stei-
ner erst spater, als die Opferfeier eingerichtet wurde, mitgeteilt
worden. Ursprunglich standen keine Stuhle da. Uber die Orien-
tierung des Altars bzw. des ganzen Raumes, wurden von Dr.
Steiner keinerlei Angaben gemacht.
Ich erinnere mich, daB Dr. Steiner bei dem Gesprach, in dem
er uns alle diese Einzelheiten ubermittelte, von ganz besonderer
Warme und Aufgeschlossenheit war. Er gab uns zu verstehen,
daB er miterlebte, wie wir den Beginn der Handlungen als etwas
GroBes und sehr Bedeutungsvolles empfanden. Mit unvergeB-
licher Herzlichkeit geleitete er uns nach Beendigung des Gespra-
ches hinaus.
Der eigentliche Anfang der Handlungen sollte fur mich eine
einschneidende schicksalhafte Wendung bringen. Im Januar 1920
entschloB sich Friedrich Oehlschlegel plotzlich, eine Reise durch
die Vereinigten Staaten von Amerika anzutreten. Als Deutsch-
Amerikaner glaubte er, Moglichkeiten zu sehen, in den Staaten ein
starkes Interesse zu entfachen fur die Idee der Dreigliederung des
sozialen Organismus. Die Reise erfolgte ohne Verstandigung mit
Dr. Steiner und unter z. T. auch heute noch ratselhaften Voraus-
setzungen. Sie verlief unglucklich. Oehlschlegel erkrankte in
Amerika bald so schwer, daB er fur immer aus dem Verband der
Waldorfschule ausscheiden muBte. So stand ich vor der schweren
Aufgabe, die eigentliche Einfuhrung der Sonntagshandlung ganz
allein tragen zu mussen. Die erste Handlung fand am 1. Februar
1920 unter starker Beteiligung in festlicher Art statt. Von da ab
wurde es meine Aufgabe, iiber ein Jahr lang die Sonntagshandlung
und auch die nach ihr von Rudolf Steiner gegebenen kultischen
Handlungen (Weihnachtshandlung und Jugendfeier) Sonntag fur
Sonntag allein zu halten. Denn Dr. Steiner berief nach Oehlschle-
gels Abgang zunachst keinen neuen Religionslehrer. Ich hatte
nunmehr auch die bisher von Oehlschlegel gefuhrte Gruppe (Kl.
5-8) unterrichtlich zu betreuen. Als nachster Lehrer fur den freien
Religions-Unterricht trat spater Ernst Uehli an meine Seite. Ihm
folgte dann Wilhelm Ruhtenberg. Auch Adolf Arenson und Sigis-
mund von Gleich haben voriibergehend Gruppen des freien Reli-
gions-Unterrichts gefuhrt. Dr. Karl Schubert nahm, bald nach
seiner Ankunft aus Wien, im Februar 1920 an einer der ersten
Sonntagshandlungen teil. Er ist aber erst einige Jahre spater Reli-
gionslehrer geworden.
Dr. Steiner hat, wenn er gerade in Stuttgart war, die Sonn-
tagshandlungen immer wieder besucht. Zum ersten Mai wohnte
er am 29. Februar 1920 einer Sonntagshandlung bei. Bei einigen
dieser Besuche begleitete ihn auch Frau Dr. Steiner. Im ubrigen
legte Dr. Steiner den allergroBten Wert darauf, daB diese Hand-
lungen, auch was die an ihnen Teilnehmenden betrifft, streng im
Verband der Schule blieben. Er hielt es fur naturlich und erstre-
benswert, daB an ihnen auBer den in Frage kommenden Kindern
auch alle Mitglieder des Lehrerkollegiums der Waldorfschule
teilnahmen. Sonst sollte sich die Teilnahme der erwachsenen Be-
sucher auf die Eltern der betreffenden Kinder oder - bei in Pen-
sion befindlichen Kindern - auf die Stellvertreter der Eltern be-
schranken. Andere Anspriiche auf den Besuch der Handlungen
wurden nicht selten an ihn herangetragen. Er wies sie immer mit
Entschiedenheit zuruck. Einmal auBerte er, daB auf der gewis-
senhaften Wahrung dieser aus der Sache und schicksalhaft gebo-
tenen Grenzen die innere Pflege der kultischen Handlungen mit
beruhe.
Da nicht die letzten und kleinsten Einzelheiten bezuglich der
Einrichtung der Handlungen und des Raumes mit Dr. Steiner
vorher hatten besprochen werden konnen, fragte ich ihn nach
seinen ersten Besuchen einigemal, ob er mit der Art, wie wir
seine Hinweise durchgefuhrt hatten, einverstanden sei, oder ob
er fur richtig halte, daB das eine oder das andere anders getan
werde. Er sagte wiederholt: «Es ist gut so.» «Es ist alles in Ord-
nung.» Und so besitzen wir auch in bezug auf diese Einzelhei-
ten eine Bestatigung von objektivem Wert. Als ich ihn bei Be-
ginn der Handlungen noch nach einem Evangelientext fragte,
schlug er den Anfang des Johannes-Evangeliums, Joh. 1, 1-14,
vor. Dieser Text ist, Sonntag fur Sonntag, lange Zeit bei den
Handlungen gelesen worden. Spater empfahl er fur die Auswahl
der Evangelientexte eine freie Anlehnung an die alteren kirch-
lichen Perikopen.
Er sah, wie auch aus seiner ersten AuBerung im Gesprach mit
Oehlschlegel und mir hervorgeht, die Einfuhrung der Handlun-
gen als eine auBerst sorgsame und verantwortungsvolle Angele-
genheit an. Etwas von dieser Besorgtheit blickte auch noch in
seiner Haltung in den ersten Monaten des Jahres 1920 durch.
Einige Zeit spater auBerte er sich in einer Lehrerkonferenz etwa
mit diesen Worten: «Was die Sonntagshandlungen betrifft, kann
ich mir die verschiedensten Einstellungen vorstellen. Aber ich
kann auch verstehen, daB die, welche mit ihnen zu tun haben,
dabei ahnliche Empfindungen haben, wie die ersten Christen,
wenn sie in die Katakomben hinunterstiegen.» Etwa von dieser
Zeit ab konnte man erleben, daB er die Handlungen als ein ob-
jektiv Dastehendes, mit den Stunden des freien Religions-Unter-
richtes zu einer Einheit Verschmolzenes betrachtete.
Die schon erwahnte Weihnachtshandlung wurde auf eine An-
frage von mir in der Weihnachtszeit 1920 durch Dr. Steiner ge-
geben. Am 25. Dezember dieses Jahres wurde sie zum erstenmal
gehalten. Ihr folgte die Jugendfeier, die am Palmsonntag des Jah-
res 1921 zum erstenmal gehalten wurde. Erst zwei Jahre spater
gab Rudolf Steiner auf Grund eines aus der Schulerschaft der
damaligen oberen Schulklasse geauBerten Bedurfnisses den Text
der Opferfeier. Sie wurde in der Osterzeit 1923 durch Dr. Karl
Schubert, Dr. Maria Roschl und mich zum erstenmal gehalten.
Wie schon betont wurde, betrachtete Dr. Steiner diese Hand-
lungen nach ihrer Einfuhrung als ein unloslich mit dem freien
Religionsunterricht Verbundenes. Er wollte nicht, daB in Wal-
dorfschulen oder in Instituten der freie Religions-Unterricht er-
teilt wurde, ohne daB die Handlungen gehalten werden. Einmal
bezeichnete er die letzteren als dritte Religionsstunde. Mit dieser
AuBerung war naturlich nicht verbunden, daB der Besuch der
Handlungen fur die am freien Religions-Unterricht teilnehmen-
den Kinder im Einzelfalle obligatorisch gemacht werden sollte.
Aber bei der allmahlich stattfindenden Erweiterung des Kolle-
giums der Lehrer des freien Religionsunterrichts achtete Dr.
Steiner sehr darauf, daB niemand den freien Religionsunterricht
geben solle, der nicht zugleich auch Handlungen halte und um-
gekehrt. Ja, dieser Hinblick auf die Handlungen war, wie die
Erfahrung zeigte, stark mitbestimmend fur ihn bei der Berufung
neuer Lehrkrafte fur den freien Religionsunterricht. Er sagte
wiederholt: «Ja - der oder der - konnte den freien Religionsun-
terricht schon ganz gut geben. Aber mit den Handlungen wird's
nicht gehen!» - An dieser Stelle sei nochmals hervorgehoben,
daB Rudolf Steiner es fur durchaus moglich hielt, fur den freien
Religionsunterricht bewahrte fahige Personlichkeiten der anthro-
posophischen Gesellschaft zu berufen, auch wenn solche Per-
sonlichkeiten nicht zum Lehrerkollegium der Waldorfschule ge-
horten oder sonst als Lehrer tatig waren. Aus der auBerordent-
lich zuriickhaltenden, zarten und abtastenden Art, mit der Dr.
Steiner jede Neuberufung im Religionslehrer-Kollegium des frei-
en Religions-Unterrichts behandelte, erwachst fur den Ausbau
dieses Unterrichtes eine groBe menschliche und geistige Verant-
wortlichkeit.
Wenn dieses auf der einen Seite so stark betont werden muB,
so ist auf der anderen Seite ebenso entschieden der Legende vor-
zubauen, als habe Dr. Steiner die hier in Frage kommenden Im-
ponderabilien jemals so behandelt, daB sie irgend einem Mysti-
zismus, irgend einer falschen esoterischen Ambition hatten Vor-
schub leisten konnen. Er behandelte sie wie alles andere, was er
anfaBte, in der Sphare einer vollig frei lassenden und frei ma-
chenden geistigen Klarheit und Sachlichkeit. Seine AuBerungen
waren einfach, nuchtern und sehr oft von jenem Humor durch-
zogen, den er als ein Zeichen der Gesundheit in spirituellen
Dingen ansprach. Wer von ihm aufgerufen wurde, bekam das
BewuBtsein, in Freiheit dienen zu diirfen. Nicht mehr und nicht
weniger.
Rudolf Steiner hat, nach seinem grundlegenden methodischen
Vortrag im Jahre 1919, noch viele einzelne Angaben im Hinblick
auf den Stoff des freien Religions-Unterrichtes gemacht. Es liegt
mir am Ende dieser Darstellung noch sehr am Herzen, das fol-
gende hervorzuheben. Viele der von Dr. Steiner stammenden
Hinweise sind aus ganz bestimmten Situationen und im Hin-
blick auf ganz bestimmte Lehrerpersonlichkeiten gegeben wor-
den. Aus den in diesen Situationen entstehenden - zumeist ubri-
gens kurzen - Gesprachen mit Dr. Steiner war erkennbar, daB er
gern an das anknupfte, was der betreffende Lehrer intensiv gear-
beitet hatte, was ihn stark erfullte. Oft frage er geradezu: «Was
haben Sie denn in letzter Zeit gearbeitet?» - und er uberraschte
einen dann mit der Angabe: «Nun, das konnen Sie, in abgewan-
delter Form, auch mit den Kindern behandeln.» Er meinte dann
nie ein Ausschutten anthroposophischer Inhalte. Aber das im
Lehrer lebendig und darum objektiv Gewordene hielt er, wenn
es den Altersstufen entsprechend vorgebracht wurde, fur einen
guten Stoff. So legte er, wie uberall in der Waldorfschul-Padago-
gik, auf den schopferischen Einsatz der Lehrer den allergroBten
Wert.
Dies sollte dazu fiihren, daB wir in der Angelegenheit von
Stoffsammlungen, Stoff-Einteilungen und allem, was hierher ge-
hort, nie etwas schematisieren. Es ist innerhalb dieses im hoch-
sten Sinne des Wortes freien Unterrichtes ein fortwirkender
Appell an die Initiative seiner Trager und Pfleger.
HERBERT HAHN
Hinweise zu den einzelnen Handlungen
Die Sonntagshandlung
Bevor die Kinder eingefiihrt werden, sind am Altar die Ker-
zen angeziindet worden.
Es besteht keine Angabe von Dr. Steiner dariiber, durch
wen oder in welcher Art dies zu geschehen habe. In der
Stuttgarter Waldorfschule ist es iiblich geworden, daB ent-
weder der die Handlung Vollziehende selbst, oder - wenn
die Handlung zu dritt vollzogen wird - einer der beiden
Heifer die Kerzen anzundet.
Wenn der Handelnde (entweder allein oder mit den Hel-
fern) an den Altar tritt, sollen die Einlassenden schon beim
Eingang des Handlungsraumes stehen. Es ist so gedacht, daB
von diesem Augenblick an vollige Ruhe im Handlungsraum
herrscht.
Der eingangs in den Handlungsbuchern gegebene Spruch
(«Durch deine Kraft, o Gottesgeist») ist gedacht zur Vorbe-
reitung fur den Handelnden. Wenn der Handelnde an den
Altar herangetreten ist, spricht er ihn, in der Zuwendung
zur beginnenden Handlung, noch einmal. Es ist gedacht, daB
dieses leise und nur fur seine etwaigen Heifer vernehmlich
geschieht.
Nach dem Sprechen, bzw. nach der Verlesung des Spruches,
bleibt der die Handlung Vollziehende mit dem Gesicht zum
Altar stehen. Sein Heifer - oder seine Heifer - nehmen zu-
nachst nun auf den auf dem Altaraufbau stehenden Stuhlen
Platz.
Seit der Einfuhrung der Opferfeier wurde von Dr. Steiner
bezuglich der Heifer ganz allgemein, d. h. fur alle kultischen
Handlungen des freien Religionsunterrichts geltend, das fol-
gende angegeben:
Jede dieser Handlungen kann entweder mit einem oder auch
mit zwei Helfern vollzogen werden.
Der (in der Richtung zum Altar) rechts vom Handelnden
stehende Heifer gilt als derjenige, der spater an die einzelnen
Kinder herangeht. Er vertritt den Teil der Handlung, der
nach deren allgemeinem Aufbau der Kommunion entspricht.
Der links vom Handelnden stehende Heifer liest das Evan-
gelium. Vollzieht der Handelnde die Handlung mit nur
einem Heifer, so ubernimmt dieser - je nach Vereinbarung -
eine der beiden Helfer-Funktionen, z. B. die Evangelien-
Lesung. Der Handelnde versorgt die frei gebliebene Helfer-
Funktion mit. In diesem Falle also den der Kommunion
entsprechenden Teil. Er tritt, bevor er zu den Kindern geht,
fur einige Augenblicke an die rechte Seite des Altars. Diese
Bewegung geschieht mit dem Gesicht zum Altar.
1st aber vorher vereinbart worden, daB der Heifer die Funk-
tion der rechten Seite ubernimmt, so versorgt der Handeln-
de selbst die Evangelienlesung. Er vollzieht diese, indem er
an die linke Seite des Altars tritt; nach der Vorlesung tritt er
zur Mitte des Altars zunick.
Noch vor den Kindern werden die an der Handlung teil-
nehmenden Erwachsenen (Eltern, deren Stellvertreter und
Lehrer) eingelassen.
4. Wahrend die Kinder eingelassen werden, bleibt der die Hand-
lung Vollziehende mit dem Gesicht zum Altar stehen.
Nach einer Angabe Dr. Steiners ist es wunschenswert, daB er
den Vorgang des Einlassens in Gedanken begleitet, d. h. seine
Aufmerksamkeit auf die Worte der Einlassenden richtet.
5. Nachdem alle Kinder eingelassen sind, gehen die Einfuhren-
den vor und stellen sich rechts und links zwischen Altar
und erster Kinderreihe auf.
Nun wendet sich der Handelnde um. Im gleichen Augen-
blick erheben sich die Heifer und treten an seine Seite. Die
Handlung nimmt ihren Anfang.
6. Wenn sich der Handelnde zu den Worten «In Ihm nahm
Leib an, der da wirket als Geist im All» dem Christusbild
zuwendet, wenden sich auch die Heifer zum Altar zuriick.
Sie stehen wahrend der Handlung grundsatzlich immer in
der gleichen Orientierung (Gesicht zum Altar oder Gesicht
zu den Kindern) wie der Handelnde. Fur die Opferfeier
sind Abweichungen zu beachten.
7. Bezuglich der Wendungen vom Altar aus der Stellung Ge-
sicht zum Altar in die Stellung Gesicht zu den Kindern und
zuriick ist in der Freien Waldorfschule Stuttgart nach Ver-
einbarung das folgende eingefuhrt: Der die Haupthandlung
Vollziehende (in der Mitte Stehende) wendet sich immer mit
der linken Schulter von uns ab, so daB er bis zur Zuriick-
wendung zum Altar einen Kreis beschreibt.*
i Altar I
Der rechte und der linke Heifer bewegen sich so, daB sie
jeweils nur einen halben Bogen hin und einen halben Bogen
zuriick machen. Der rechte Heifer (Kommunions-Seite)
vollzieht mit der linken Schulter voran einen halben Bogen
zu der Stellung «Gesicht zu den Kindern»: Im Zuriickwen-
den vollzieht er dieselbe Bahn zuriick; also in der zweiten
Phase anders als der in der Mitte Stehende.
1 Altar 1
In den letzten Jahren ist diese Vereinbarung in Frage gestellt worden, ohne daB
Herbert Hahn eine gewisse Antwort zu geben vermochte. Er lieB die Frage
schweben, ob es nicht richtiger sein konnte, daB auch der in der Mitte Stehende
beim Zuriickwenden dieselbe Bahn zuriick vollziehe:
I Altar |
Herbert Hahn bat, Erfahrungen zu sammeln, sich mit der Frage zu beschaftigen
und eine Antwort so lange zu suchen, bis sich eine GewiBheit einstellt. (Anm.
von H. v. Kiigelgen)
Der linke Heifer (Evangelien-Seite): vollzieht mit der rech-
ten Schulter voran einen halben Bogen zu der Stellung «Ge-
sicht zu den Kindern». Im Zuriickwenden vollzieht er die-
selbe Bahn zuriick.
8. Das Weisen zum Christusbild erfolgt durch Erhebung des
rechten Armes; die Finger der Hand bleiben geschlossen.
Der Handelnde steht dabei frontal zum Christusbild. Dr.
Steiner gab also nicht an, daB der Handelnde seitwarts vor
dem Bild zuriicktreten soil. Ebensowenig, daB man etwa nur
mit einzelnen Fingern auf das Bild weisen solle.
9. Zu den Worten «Meine Lieben! Wir lernen, um die Welt zu
verstehen», wendet sich der Handelnde zu den Kindern
zuriick.
10. Das Gebet wird vom Handelnden mit den Worten angekiin-
digt: «Wir wollen beten.»
11. Fur die Haltung der Hande wahrend dieses Gebetes gab
Dr. Steiner fur den Handelnden an:
die rechte Hand umfafit die geschlossene Linke.
Fur die Haltung der Kinder hat Dr. Steiner keine bestimm-
ten Angaben gemacht.
12. Nach den letzten Worten des Gebetes «Dann wird er mit
uns sein», wendet sich der Handelnde wieder zum Altar
zuriick. Kurze Pause vor Beginn des der Kommunion ent-
sprechenden Teiles.
13. Sobald der die einzelnen Kinder ansprechende Heifer an die
Kinder herantritt, wenden sich auch der Handelnde und der
andere Heifer den Kindern zu.
14. Der an die Kinder Herantretende schreitet die erste Reihe
von links nach rechts ab, die nachste von rechts nach links
und so entsprechend weiter; er kehrt an der Kommunion-
Seite des Raumes an den Altar zuriick - und stellt sich
gleich wieder mit dem Gesicht zu den Kindern auf.
Altar
Dr. Steiner stellte es in das Ermessen des an die Kinder
Herantretenden, ob er bei den Worten «Der Gottesgeist
wird sein mit dir, wenn du ihn suchest», den Kindern die
Hand reicht - oder ihnen die Hand auflegt. In der Stutt-
garter Waldorfschule wird nur die Hand gereicht.
15. Fur die Haltung, die der Handelnde bei den Worten «Ich
rufe zum Gottesgeist, daB er sei bei Euch ...» einnimmt,
d. h. fur die Haltung der segnenden Hdnde hat Dr. Steiner
angegeben:
Beide Arme werden, mit nach auBen gewendeten Hand-
flachen, gestreckt erhoben. Die Finger werden in der Art ge-
spreizt, daB drei Gruppen entstehen: Kleiner Finger und
Ringfinger aneinander geschlossen, Mittelfinger und Zeige-
finger aneinander geschlossen, Daumen fur sich.
Es sind also zwei LUcken sichtbar: eine zwischen Ringfinger
und Mittelfinger, die andere zwischen Zeigefinger und Dau-
men. Diese Haltung der Hande kommt wahrend der kulti-
schen Handlungen nur einmal vor. Sie gilt also z. B. nicht
fur die Opferfeier, fur die ein anderer Hinweis gegeben
wurde.
16. Die Evangelienlesung wird in den Sonntagshandlungen nicht
vom linksstehenden Heifer angekundigt, sondern vom Han-
delnden, und zwar mit den Worten «Es wird nun verkundet
das Evangelium nach ... (Joh., Matth. usw.) im ... Kapitel,
Vers ... bis ...
17. Das Evangelium wird von alien an der Handlung Teilneh-
menden (also z. B. auch den Eltern, Lehrern usw.) stehend
angehort.
18. Nach der Evangelienlesung verharrt der Handelnde bis zum
SchluB der Handlung in der Stellung Gesicht zu den Kin-
dern (also auch wahrend des Gesanges). Der Gesang wird
mit den Worten angekundigt: «Wir singen jetzt ...»
Es ist nicht von Dr. Steiner gedacht, daB der Handelnde
selbst mitsingt.
19. Nach den SchluBworten «Was ihr hier gehort, empfunden,
gedacht habt» wendet sich der Handelnde (und mit ihm die
Heifer) zum Altar zuriick. Wahrend die Musik einsetzt,
werden Handlungsbiicher und Evangelien geschlossen. Der
Handelnde verharrt wahrend der Musik mit dem Gesicht
zum Altar. Hat er die Handlung mit Helfern vollzogen, so
nehmen diese jetzt wieder (wie vor Beginn der Handlung)
auf den Stuhlen Platz.
20. Nach der Musik tritt der Handelnde, wahrend die Kerzen
noch brennen bleiben, vom Altar zu den Kindern. Es ist ein
auch in Anwesenheit Rudolf Steiners vollzogener Brauch,
daB die Kinder sich nach dieser Handlung (und auch nach
der Weihnachtshandlung) vom Handelnden, den Helfern
und den Einlassenden personlich verabschieden.
21. Die Kerzen werden erst ausgeloscht, wenn auch die Eltern
den Raum verlassen haben. Ein besonderes Zeremoniell ist
dabei in Stuttgart nicht tiblich, fand auch in Anwesenheit
Dr. Steiners nicht statt.
Die Weihnachtshandlung
1. Die Weihnachtshandlung wurde, wie in meinem Beitrag zur
Entstehung der Handlungen schon hervorgehoben worden
ist, erstmals am 25. Dezember 1920 morgens gehalten.
Es ist Sitte geworden, diese Handlung im Verband des freien
Religionsunterrichts der Waldorfschule nur einmal im Jahr
zu halten, und zwar, wie bei der ersten Feier dieser Hand-
lung, am Weihnachtstage morgens.
Im Sinne dessen, was Dr. Steiner sonst iiber die Handlungen
gesagt hat, darf die Moglichkeit offen bleiben, daB diese Fei-
er an Schulen und Instituten, je nach MaBgabe der ortlichen
Verhaltnisse und Bedurfnisse, innerhalb der Weihnachtszeit
auch mehrmals gehalten wird.
2. An dieser Handlung konnen die zum freien Religionsunter-
richt gehorenden Schiller und Schulerinnen alter Altersstufen
teilnehmen, d. h. auch diejenigen, die sonst schon die Ju-
gendfeier oder die Opferfeier besuchen.
1st die Gesamtzahl der zu erwartenden Schiiler groB, so
wird - mit geniigend langen dazwischen liegenden Pausen -
die Weihnachtsfeier mehrmals am gleichen Vormittag gehal-
ten. Fur diesen Fall hat es sich empfohlen, Unterteilungen
nach Altersstufen vorzunehmen; es kommen aber, nach
MaBgabe lokaler Verhaltnisse, auch andere Gesichtspunkte
fur solche Unterteilungen in Frage. Die Familien sollten in
jedem Fall gemeinsam mit groBeren und kleineren Kindern
die Weihnachtshandlung besuchen konnen.
3. Der Altar, der im ubrigen genau so aufgebaut ist wie sonst,
ist an diesem Tage dem Fest entsprechend geschmuckt. In
der Stuttgarter Waldorfschule werden, wie schon beim
ersten Abhalten der Weihnachtsfeier, rechts und links am
Altar zwei Weihnachtsbaume aufgestellt, die, nach den all-
gemeinen, von Dr. Steiner gemachten Angaben, mit Kerzen
und Zeichen geschmuckt sind. Die Kerzen werden, zusam-
men mit den Altarkerzen, vor Beginn der Handlung ange-
ziindet. Das Altar-Bild ist auch fiir diese Handlung (wie
uberhaupt fiir alle kultischen Feiern des freien Religionsun-
terrichtes) das Christusbild von Leonardo da Vinci.
4. Bezuglich der Heifer und ihrer Funktionen ist auf das oben
Gesagte zu verweisen (vgl. Sonntagshandlung Punkt 3).
Als Evangeliumteil gilt in dieser Handlung eine nach Ruck-
sprache mit Dr. Steiner eingefugte Lesung aus dem Lukas-
Evangelium, Kap. 2, 1-21.
Sie wird von dem (in der Mitte stehenden) Handelnden
angekundigt - und zwar nach den Worten
Ihr sollet erheben die Gedanken und Empfindungen
Zu dem Christusgeiste,
Er ist das Licht
Das leuchtet in der Menschen Herzen
Auf daB sie finden
Den Weg zum Gottesreiche.
Das im kultischen Text vorgesehene «fur Weihnacht geeig-
nete Musikstiick» schlieBt unmittelbar an die Evangelien-
Lesung an.
5. Vorbereitung und Eintritt geschehen wie sonst.
Jugendfeier
1. Vorbereitung und Verteilung der Funktionen auf die einzel-
nen Heifer wie bei der Sonntagshandlung und der Weih-
nachtshandlung. - Die erwachsenen Teilnehmer werden zu-
nachst eingelassen.
2. Auch bei dieser Handlung konnen zwei Einlassende zu-
gleich fungieren. Sie sprechen die an die Kinder gerichteten
Eintrittsworte: «Gedenke der Wichtigkeit ...» gleichzeitig.
3. Nachdem alle Kinder eingelassen sind, stellen sich die Ein-
lassenden rechts und links in der Nahe des Altars auf (Siehe
Sonntagshandlung Punkt 5).
4. Zu den Worten «Du Licht der Seelen ...» wendet sich der
Handelnde, wie im Text angegeben, zum Christusbild zu-
riick. Abweichend von der Sonntagshandlung werden beide
Arme zum Christusbild erhoben; die Handflachen sind nach
innen gewendet. Diese Haltung wird wahrend der ganzen
Anrufung - d. h. bis zu den Worten «Denn Du hast gespro-
chen» (einschlieBlich) beibehalten.
Auch die Heifer stehen wahrend dieser Worte dem Chri-
stusbild zugewandt.
5. Gleich anschlieBend an die Worte «Denn Du hast gespro-
chen» wendet sich der Handelnde, wie im Text angegeben,
wieder zu den Kindern zuriick. Entweder durch ihn oder
durch den /m&sstehenden Heifer wird das Hohepriesterliche
Gebet verlesen. Es wird, abweichend von der Sonntagshand-
lung und der Opferfeier nicht angekiindigt.
6. Nach der Lesung des Hohepriesterlichen Gebetes wendet
sich der Handelnde zum Altar zuriick. Kurze Pause. An-
schlieBend tritt der Handelnde oder der rechtsstehende Hei-
fer an jedes einzelne Kind heran.
Die Reihen werden abgeschritten, wie bei der Sonntags-
handlung angegeben. Auch das Zuriickgehen zum Altar er-
folgt entsprechend.
7. Zu den Ansprachen:
Der Charakter der kultischen Feier beansprucht, daB die
Ansprachen moglichst bildhaft und knapp gehalten werden.
Sie sollten nicht den Schwerpunkt der Jugendfeier bilden.
Beziiglich der inneren Haltung darf vielleicht auch hier gel-
ten, was Rudolf Steiner fur das Lesen der Opferfeier sagte:
«Schlicht und innig».
8. Der Gesang wird, wie bei den Sonntagsfeiern, vom Han-
delnden angekiindigt. Er bleibt wahrend des Gesanges mit
dem Gesicht zu den Kindern stehen.
MuB wegen einer zu kleinen Zahl der teilnehmenden Kinder
oder aus anderen Gninden auf den Gesang verzichtet wer-
den, so kann an dieser Stelle als Ersatz Musik eingeschaltet
werden. Sie wird nicht angekiindigt. Der Handelnde und die
Heifer wenden sich in diesem Falle dem Altar zu.
9. Nach den Worten:
Als Euer Licht,
Als Eure Kraft,
Als euren Fuhrer,
Als euren Troster
wendet sich der Handelnde zum Altar zuriick. AbschluB
wie bei den Sonntagshandlungen. Die Heifer nehmen wieder
auf den Stuhlen Platz. In dieser Haltung verharren der Han-
delnde und die Heifer, bis alle Kinder entlassen sind.
10. Bei dieser Handlung erfolgt also keine persdnliche Verab-
schiedung von den Kindern.
11. Erst wenn alle Kinder entlassen sind, tritt der Handelnde
vom Altar zuriick.
12. Die Jugendfeier wird im Verband des freien Religionsunter-
richtes der Waldorfschulen nicht nur einmal gehalten. Sie
wird wahrend zwei Jahren Sonntag filr Sonntag wiederholt.
Der Charakter der Ansprachen paBt sich dem Jahreslauf an.
Es muB diese Wiederholung mit aller Deutlichkeit hervorge-
hoben werden, da die Worte «Gedenke der Wichtigkeit die-
ses Augenblickes in deinem Leben» vielfach zu der Annahme
verleiten, als handle es sich um eine einmalige Feier.
Gleich nach der ersten Jugendfeier (Palmsonntag 1921)
konnte ich Dr. Steiner in dieser Frage in Dornach sprechen.
Er hob hervor, daB erst durch das wiederholte Abhalten der
Handlung wahrend einer langeren Zeit (zwei Jahre) der In-
halt der Handlung sich stark mit dem Wesen der Kinder
verbindet.
Erst in dieser Wiederholung liegt auch die Gewahr dafur,
daB sie gestaltend und richtunggebend auf den freien Reli-
gionsunterricht im Ubergangsalter (fiir die 14-16jahrigen,
bzw. fiir die Klassen 8-10 oder 9 und 10) wirken kann.
Es werden fiir die erste Jugendfeier wichtige Imponderabi-
lien geschaffen, wenn die Kinder schon wahrend der Vorbe-
reitung dieser Feier auf deren Wiederholung hingewiesen
worden sind.
Die Opferfeier
Die Vorbereitung am Altar (der hier von Dr. Steiner Opfer-
tisch genannt wird) geschieht wie sonst. Nachdem vom
Handelnden der vorbereitende Spruch gesprochen worden
ist, setzen sich die Heifer bei dieser Handlung nicht hin. Sie
bleiben, mit dem Gesicht zum Altar, links und rechts, neben
dem Handelnden stehen.
Es ist zu beachten, daB bei dieser Handlung, abweichend
von den ubrigen, die Bewegungen der Heifer sich nicht
einfach nach den Bewegungen des Handelnden richten; sie
vollziehen sich, in differenzierter Art, nach den im Text
gemachten Angaben.
3. Wahrend fur die vorangehenden Handlungen von Dr. Stei-
ner nicht vorgesehen war, daB die Kinder sitzen (siehe
Nachtrag), sind fur die Opferfeier im Handlungsraum Stiih-
le aufgebaut. Die Schiller und Schulerinnen der oberen Klas-
sen, die im Text als Mitglieder einer Gemeinde angespro-
chen sind, nehmen vor Beginn der Handlung auf diesen
Stuhlen (bzw. Banken) Platz.
Sie werden nicht einzeln eingefuhrt, sondern von einer der
sonst beim Einlassen helfenden Personen hereingelassen,
sobald die Vorbereitung am Altar beendet ist.
Auch bei der Opferfeier werden die der Handlung beiwoh-
nenden Eltern usw. vor den Schiilern eingelassen; sie neh-
men in dem fur die Eltern bestimmten Teil des Handlungs-
raumes Platz.
4. Der Handelnde spricht die Worte «Christi Taten auf Golga-
tha ...» und dann auch «Der Vatergott sei in uns ...» mit
dem Gesicht zum Altar (Opfertisch). Erst zu den Worten
«Christus in euch» wendet er sich um.
5. Zu den im Laufe der Opferfeier funfmal wiederholten Wor-
ten: «Christus in euch» hat Dr. Steiner die folgende Haltung
angegeben:
Die Arme werden nur halb erhoben (die Ellenbogen sind
angezogen), die Handflachen sind nach auBen gewendet; die
geschlossen gehaltenen Finger leicht nach vorne gekrummt.
(Es wird also nicht die bei der Sonntagshandlung zu den
Worten «Ich rufe zum Gottesgeist» beschriebene Stellung
der Arme und Hande wiederholt.)
6. Der rechtsstehende Heifer spricht (wie aus den Textbemer-
kungen hervorgeht) zunachst alles, was er zu sagen hat, mit
dem Gesicht zum Altar (Opfertisch).
Er wendet sich zum erstenmal wahrend der Evangelien-
Lesung, zusammen mit dem Handelnden und dem linksste-
henden Heifer, der Gemeinde zu. Nachdem er sich nach der
Evangelien-Lesung, zusammen mit dem Handelnden und
dem linken Heifer, wieder dem Altar (Opfertisch) zugewen-
det hat, verharrt er in dieser Stellung bis zum Ende des zwei-
ten Teiles der Opferfeier, die dem Offertorium entspricht.
Wenn aber beim Ende dieses Teiles der Handelnde sich vor
den Worten «Christus in Euch» der Gemeinde zuwendet,
wendet der rechtsstehende Heifer sich mit ihm urn. Von die-
sem Punkt ab macht er wahrend der Handlung die Wendun-
gen zum Altar oder zur Gemeinde entsprechend wie der
Handelnde, aber unter Beachtung des unter Sonntagshand-
lung Punkt 7 Gesagten (nur halben Kreis beschreiben).
7. Der links stehende Heifer wendet sich zunachst nur nach
dem Abschnitt «Mein Herz trage in sich ...» zur Evange-
lien-Lesung der Gemeinde zu. Nachdem er sich, nach er-
folgter Evangelien-Lesung, mit dem Handelnden zum Altar
(Opfertisch) zuruckgewandt hat, verharrt er in dieser Stel-
lung bis zum Ende des dritten (der Wandlung entsprechen-
den) Teiles der Opferfeier.
Erst wenn von ihm die Worte «Der Geist-Gott walte iiber
unser Denken ...» gesprochen worden sind, wendet er sich
zusammen mit dem Handelnden und dem rechtsstehenden
Heifer der Gemeinde zu.
Von diesem Punkt ab macht er wahrend der Handlung die
Wendungen zum Altar oder zur Gemeinde entsprechend wie
der Handelnde, aber unter Beachtung des unter Sonntagshand-
lung Punkt 7 Gesagten (nur halben Kreis beschreiben).
8. Auch fur den Handelnden (der hier der Opfer-Feiernde ge-
nannt wird) ergeben sich alle Stellungen - auBer der unter 5
angegebenen - aus dem Text der Handlung.
9. Zur Evangelien-Lesung bei der Opferfeier:
Bei der Opferfeier wird die Ankiindigung des zu lesenden
Evangelientextes vom links stehenden Heifer gemacht; vom
Handelnden (Opfer-Feiernden) nur dann, wenn er gleichzei-
tig die Funktion der linken Seite versieht.
10. Zu dem Abschnitt «A11 unser Menschensein ...» im zweiten
Teil der Handlung (Offertorium) hat Dr. Steiner die Angabe
gemacht, daB diese Worte sehr langsam zu lesen sind.
Die Stellung «mit erhobenen Armen» entspricht der in der
Zuwendung zum Christusbild bei der Jugendfeier einge-
nommenen Stellung.
11. Fur die Dauer der Pausen ist von Dr. Steiner kein Hinweis
gegeben worden. Aus dem Charakter der Handlung ergibt
sich, daB sie kurz sein sollen, aber doch lang genug, um
einen Einschnitt erleben zu lassen.
12. Zu dem der Kommunion entsprechenden Teil der Opferfeier:
Die Beruhrung der Stirn erfolgt mit dem Zeigefinger und
mit dem Mittelfinger, indem der die Funktion der Kommu-
nion Versehende frontal zum Gemeindemitglied steht. (Also
kein Herantreten von der Seite oder Beriihren der Schlafe).
Die Beruhrung dauert so lange, bis die Worte «Christi Geist
lebe in Dir» gesprochen sind.
13. Wenn der der Kommunion entsprechende Teil der Hand-
lung vollzogen ist, stellt sich der die Funktion versehende
Heifer (bzw. der Opferfeiernde, wenn er diesen Teil mitver-
sieht) mit dem Gesicht zum Altar auf. Wird die Handlung
mit zwei Helfern vollzogen, so stehen der Handelnde
(Opfer-Feiernde) und der linke Heifer wahrend des der
Kommunion entsprechenden Teiles mit dem Gesicht zur
Gemeinde. Sie wenden sich mit dem zum Opfertisch zu-
riickkehrenden rechten Heifer dem Altar wieder zu und ver-
harren in dieser Stellung wahrend der nun folgenden kurzen
Zwischen-Musik.
14. Nach der Zwischen-Musik wenden sich der Handelnde
(Opfer-Feiernde) und die Heifer wieder der Gemeinde zu.
Nach den Worten des rechtsstehenden Heifers «Ja so sei es»
erfolgt eine nochmalige Zuriickwendung zum Altar. Die
Handlungs-Bucher werden jetzt geschlossen, aber die beiden
Heifer verharren bei dieser Handlung stehend neben dem
Handelnden.
Es erklingt jetzt eine Abschlufi-Musik.
15. Nach der AbschluB-Musik treten der Handelnde (Opfer-
Feiernde) und die Heifer vom Altar zunick.
Jetzt verlassen die Schiiler (ohne sich zu verabschieden) den
Handlungsraum.
16. Es ist bei dieser Handlung (wie auch bei der vorhergehen-
den) Sitte, die Kerzen erst auszuloschen, nachdem mit Aus-
nahme des Handelnden, der Heifer und der Einlassenden -
alle anderen Personen den Handlungsraum verlassen haben.
17. Zum Stil des kultischen Sprechens wahrend der Opferhand-
lung: Dr. Steiner gab den Hinweis: «nicht priesterlich».
Zum Charakter des Sprechens gab er fur die Handlungen
allgemein an: «Verhalten Sie sich zunachst abwartend, zuta-
stend. Erleben Sie, wenn es beginnt, Ihnen zuzustromen und
lassen Sie sich dann tragen».
Nachtrag
Einige fur alle Handlungen geltende Bemerkungen
1. Ubernahme von Funktionen bei aufeinander folgenden Hand-
lungen.
Dr. Steiner machte darauf aufmerksam, daB es nicht gut sei,
wenn ein und derselbe Religionslehrer zweimal hintereinan-
der die Funktion des Handelnden (in der Mitte Stehenden)
vollzieht.
Er sagte, es sei zu widerraten «weniger wegen der Handlung
als wegen des Handelnden selbst».
2. Durchfuhrung der Handlung wahrend der Ferien.
Dr. Steiner bemerkte, daB es wichtig sei, die Handlungen
moglichst auch wahrend der Ferien durchzufuhren.
3. Das Stehen der Kinder wahrend der Handlungen.
Die in der Stuttgarter Freien Waldorfschule nach dem zwei-
ten Weltkrieg gemachten Erfahrungen haben gezeigt, daB
innerhalb der heutigen Kindergeneration immer weniger
Kinder es aushalten, einer Handlung in ihrem Verlauf ste-
hend beizuwohnen. Haufig auftretende Schwindelanfalle
und Ohnmachten fuhrten zu einer Storung der Handlungen
und zu Einspriichen des Schularztes.
Wir sind in Stuttgart deshalb dazu ubergegangen, nicht nur
fur die Opferfeier, sondern auch fur alle ubrigen Handlun-
gen Stuhlreihen aufzustellen. Die Kinder konnen dann doch
wesentliche Teile der Handlungen vor den Stiihlen stehend
mitmachen. So in jedem Fall die Evangelien-Lesung. Aber
sie haben das beruhigende Gefuhl, sich notigenfalls setzen
zu konnen.
In der Waldorfschule Uhlandshohe lassen wir die Kinder
wahrend der Ansprache in der Jugendfeier sitzen. Auch bei
der Kommunion der anderen Reihen. In alien anderen
Handlungen sitzen die Kinder zunachst und stehen nur zeit-
weise auf, wenn der die Kommunion vermittelnde Heifer
bzw. der Handelnde an sie herantritt. Ebenso setzen sie sich
auch wieder zeitweise.
Diese Regelung hat wesentlich zum ruhigen Verlauf der
Handlungen beigetragen.
4. Musik und Gesang.
Einzelne Angaben sind schon gemacht. Aus allem, was Dr.
Steiner iiber die Handlungen gesagt hat, ergibt sich, daB er
die musikalischen Einlagen bzw. Abschlusse nur als ein die
Handlung an einzelnen Stellen Uberleitendes bzw. als ein
Ausklingendes gedacht hat. Sie sollten sich im Ganzen der
Handlung nicht zu stark betonen, d. h. nicht expansiv, son-
dern kurz gehalten sein.
Aus direkt an Dr. Steiner gestellten Fragen ergibt sich, daB
er fur die im Zusammenhang mit dem freien Religionsunter-
richt stehenden Handlungen keine einleitende Musik fur
wiinschenswert hielt.
Die der Handlung angemessene Stimmung sollte sich aus
den Worten und aus dem Fortgang der Handlung selbst er-
zeugen.
5. Texte der Handlungen.
Die Texte sollen im Sinne Dr. Steiners nur in den Hdnden
der Religionslehrer sein. Sie sollen auBerhalb der Handlun-
gen bzw. der Religionsstunden auch niemand zur Kenntnis
gebracht werden.
Von den Religionslehrerkollegien der Schulen oder von der
Leitung der Institute sollten daher MaBnahmen getroffen
werden, die eine geistesverantwortliche Verwaltung und den
Schutz dieser Texte gewahrleisten.
Besonders wichtig wird es sein, die neu hinzutretenden Reli-
gionslehrer des freien Religionsunterrichtes darauf aufmerk-
sam zu machen, daB es sich bei den Handlungstexten um ein
geistiges Gut handelt, das ihnen nur fur eine ganz bestimmte
Funktion und auch nur fur deren Dauer anvertraut ist.
Die Religionslehrer-Kollegien der dem Bunde der Freien
Waldorfschulen angeschlossenen Schulen haben durch eine
Ostern 1951 getroffene EntschlieBung auf dem innerhalb ih-
rer Verantwortlichkeit liegenden Felde eine entsprechende
Ordnung eingeleitet. Innerhalb des westdeutschen Bereiches
erfolgt die Weitergabe von Handlungstexten nur an Reli-
gionslehrer, die dieser EntschlieBung zustimmen konnen.
Entsprechende, der hohen Verantwortlichkeit des freien Re-
ligionsunterrichtes und der Handlungen angemessene Rege-
lungen sind z. T. auch schon von unserer Schulbewegung im
Ausland und von den der anthroposophischen Bewegung
zugeordneten heilpadagogischen Instituten in Angriff ge-
nommen worden.
Wir wollen im BewuBtsein tragen, daB wir fur das Weiter-
wirken und die Entwicklung einer Arbeit zu sorgen haben,
bei der das strenge und gewissenhafte Achten auf die Rein-
heit der Form auch das Weiterstromen der urspriinglichen
Quellkrafte verbiirgen muB.
20. Marz 1954
HERBERT HAHN
Brief an Rudolf Steiner
Stuttgart, den 24. Marz 23
Sehr verehrter Herr Doktor,
Im Namen der Religionslehrer, die Morgen erstmals die Opfer-
feier zelebrieren wollen, erlaube ich mir die Bitte vorzutragen, ob
es Ihnen vielleicht moglich ware, uns noch vor dieser Feier eine
Unterredung zu gewahren. Die Feier soil morgen um 9 Uhr im
Handlungsraum der Schule abgehalten werden. Wir haben uns
nach MaBgabe der im Manuskript enthaltenen Angaben vorbe-
reitet, waren aber sehr dankbar, wenn wir noch bezuglich
einiger Einzelheiten in der Handhabung Ihren Rat horen durften.
Da Dr. Schubert, der als dritter Mithandelnder vorgesehen ist,
heute abend noch einen Vortrag in Heilbronn zu halten hat, so
konnten heute nur Frl. Dr. Roschl und ich Ihnen die Fragen
vortragen.
Wir wollen versuchen, wenn angangig, Sie, sehr verehrter
Herr Doktor, nach der heutigen Eurythmie-Auffuhrung nach
der Anwort auf diese Bitte zu fragen.
Sollten Herr Doktor erst spater in Stuttgart eintreffen, so
wurde notigenfalls wohl Herr Rebstein die Freundlichkeit
haben, uns von Ihrem Entscheid zu verstandigen. -
In der Hoffnung, daB es Ihnen vielleicht moglich wird, uns
Morgen bei den Handlungen die Freude Ihrer Anwesenheit zu
schenken, fiige ich im Namen aller Religionslehrer eine Aufstel-
lung uber die Morgen abzuhaltenden Handlungen bei.
Ihr
Herbert Hahn
Erstmalige Haupthandlung: Hahn
Opferfeier Kommunion: Roschl
um 9 Uhr Evangelien: Schubert
Erstmalige
Jugendfeier
rur Villa u. VII
um 10 Uhr
Erstmalige
Jugendfeier
fur VHIb u. IX
um 3/4 11
Sonntags-
Handlung
um 1/2 12
H.: Uehli
K.: Hahn
E.: Schubert
H.: Uehli
K.: Roschl
E.: Hahn
H.: Ruhtenberg
K.: Baumann
E.: Wolffhugel
VEREIN FUR EIN FREIES SCHULWESEN (WALDORFSCHULVEREIN) E. V.STUTTGART
7 —
3^ S&sx^&e**- /^il^l .
ANLAOE
TELEPHON 7387/S8 - TELEGRAMME: WALDORFSCHULE ■ POSTSCHECK STUTTGART Nr. 21253
BANKVERBINDUNO: HANS STAMMER A Co,, BANKGESCHAFT. STUTTGART. HAUS DES DEUTSCHTUMS
ALLE SENDUNGEN BITTEN WIR NICHT AN PERSONEN ZU RICHTEN. SONDERN AN VEREIN FOR
EIN FREIES SCHULWESEN (WALDORFSCHULVEREIN) E. V. STUTTGART.
HERBERT HAHN
Brief an Marie Steiner
Stuttgart, den 14. Marz 1925
Sehr verehrte Frau Doktor,
Es wiirde uns herzlich freuen, wenn Sie an einer unserer Sonn-
tagshandlungen teilnehmen konnten. Die Handlungen finden im
alten Schulhaus statt zu folgenden Zeiten:
Opferfeier: um 9 U vormittags
Jugendfeier:
1. Sonntags-
handlung
(Klassen 6-9):
2. Sonntags-
handlung
(Klassen 1-5):
um 10 Uhr
um 10 V 2 U.
um 11 Uhr
Im Namen des Kollegiums
der Religionslehrer
des freien Religionsunterrichtes:
Dr. Herbert Hahn
MARIA LEHRS-ROSCHL
Zur Opferfeier
In der Besprechung, die wir Religionslehrer am 9. Dezember
1922 mit Rudolf Steiner hatten, brachten wir auch vor, daB
Johanna Wohlrab, eine Schiilerin der damals obersten Klasse,
gefragt hatte, ob nun die Schuler der Oberklassen nach beinahe
zweijahriger Teilnahme an der Jugendfeier nicht eine Sonntags-
handlung bekommen konnten, die iiber die Jugendfeier hinaus
weiterfuhrt. Ich erinnere, daB wir Lehrer diese Frage als zumin-
dest verfruht ansahen und keineswegs erwarteten, daB Rudolf
Steiner positiv darauf eingehen wurde.
Doch er griff diese Anregung besonders nachdenklich auf und
bezeichnete sie als von weittragender Bedeutung. Er wolle es
weiter erwagen. Eine Messe wolle er in die Handlungen, die mit
unserem Religionsunterricht verbunden waren, nicht hereinneh-
men, «aber etwas Wiesse-Ahnlicbes konnen wir machen».
Am 13. Marz 1923 ubergab Rudolf Steiner in Stuttgart den
Text der Opferfeier Dr. Hahn, Dr. Schubert und mir. Wir soil-
ten ihn uns abschreiben. Am Palmsonntag, 25. Marz, hielten wir
drei diese Feier zum ersten Mai fur die Schuler der 11. Klasse
und die Lehrer.
Es traten danach Kollegen an uns heran mit dem Ersuchen,
die Opferfeier fur die Lehrer allein zu wiederholen. Wir waren
unsicher, ob nicht auch diese Handlung wie die bisher gegebe-
nen nur fur die Schuler - wenn auch unter Teilnahme von Leh-
rern und Eltern - gegeben sei. Ja, wir neigten ausgesprochener-
weise zu dieser Meinung. Es wurde mir aufgetragen, Rudolf
Steiner diese Frage vorzulegen.
Ich fragte ihn in einer Formulierung, die bereits zeigte, ich sei
der Meinung, es gehe nicht an, die Opferfeier anders als fur
Schuler zu halten. Rudolf Steiner aber blickte mich mit weit ge-
offneten Augen an (ich kannte diese Geste als seinen Ausdruck
iiberraschten, leicht miBbilligenden Erstaunens) und sagte:
«Warum nicht? Diese Handlung kann iiberall gehalten werden,
wo Menschen sind, die sie wunschen.»
So hielten wir die Opferfeier zum ersten Mai ohne Schuler
vor Lehrern allein am Karfreitag, den 30. Marz 1923. In der
Folgezeit wurde sie in dieser Weise wiederholt gehalten, insbe-
sondere zum Gedenken an verstorbene Kollegen und bei den
jahrlichen Begegnungen der ehemaligen Schuler, bisher zunachst
nur fur die fruheren Teilnehmer am freien Religions-Unterricht.
Fur das Verstandnis dieser Handlung gilt es zu versuchen,
Rudolf Steiners Ausspruch «etwas Messe-Ahnliches» in seinem
Sinne zu erfassen. Man kann ja diese Worte verschieden inter-
pretieren und darunter etwas verstehen, was in der Entwick-
lungslinie der Messe vor oder auch nach dieser einzureihen ist -
was rangmaBig unter oder iiber der Messe steht. Hier konnen
sich leicht subjektive Tendenzen geltend machen, die mit der
objektiven Entwicklung dieser Art von Kulthandlungen in
Widerspruch stehen. Der Ausdruck «Messe-Ahnliches» besagt
ja, daB einerseits Messe-Gleiches vorliegt, andererseits aber doch
keine voile Ubereinstimmung vorhanden ist.
In friihen Ausfuhrungen Rudolf Steiners (z. B. 17. Marz
1905) finden wir den Hinweis, daB die katholische Messe ihrem
Ursprung nach auf Mysterien zuruckfiihrt, die von Persien und
Agypten heriiberkamen und in diesen Kulturstromungen eine
besonders populare Form angenommen hatten.
Dem Schuler solcher Geheimschulen wurde urspriinglich zu-
nachst die Entstehung der Welt und des Menschen, seine Bedeu-
tung in der Welt verkiindet, wie der Weltengeist sich ergoB in
jede Erscheinungsform der Schopfung der Naturreiche, und wie
der Mensch ein ZusammenfluB von all dem Geschaffenen sei -
die kleine Welt innerhalb der groBen. Wie dann der Mensch, der
in diese reine Welt durch seine Leidenschaften und Unvollkom-
menheiten Trubung hineinbrachte, durch die Opferung seiner
niederen Natur zur Katharsis, dadurch zur Wandlung seines
Wesens und so zur Vereinigung mit seinem gottlichen Ursprung
kommen konnte, wurde dem Schiiler auf einer nachsten Stufe
durch Handlungen vorgefuhrt.
Aus solchen Handlungen jener Mysterien ist die Messe her-
vorgegangen. Und bis heute entfaltet sich die christliche Messe-
handlung in den vier Teilen: Evangelium (Verkiindigung), Offer-
torium (Opferung), Wandlung und Kommunion. So ist auch die
Opferfeier aufgebaut, und darin gleicht sie der Messe.
Keineswegs gleich, also nur ahnlich, ist sie der Messe bezug-
lich der Substanzen des Opfers und der Wandlung. Es ware un-
richtig zu meinen, in der Opferfeier gabe es keine Substanzen.
Sie sind da in Gestalt des Leibes und des Blutes des Menschen,
der sich in seinem Bewufitsein zutiefst durchdringen mochte mit
dem inneren Erleben des Opfers des Christus auf Golgatha -
entsprechend den Worten:
Die Andacht unserer Seelen
Fuhre in diesen Opferraum
Das Erleben von Christi Menschheitsopfer,
mit denen der Teil der Opferfeier schlieBt, der dem einleitenden
«Staffelgebet» der Messe entspricht. Es beginnt also die Ahnlich-
keit, daB heiBt die Nicht-Gleichheit mit der Messe im zweiten
Teil der Opferfeier.
Fur das Geschehen auf dem Altar hat Rudolf Steiner diese
Veranderung als in der Entwicklungslinie der Messehandlung
gelegen schon 1909 und 1911 sehr klar aufgezeigt, und zwar in
der Besprechung der Transsubstantiation zunachst im 14. Vor-
trag des Kasseler Johannes-Evangelium-Zyklus. Da ist darauf
hingewiesen, daB wir erst am Anfang der christlichen Entwick-
lung leben. Die Zukunft dieser Entwicklung wird in der vollen
Erfassung der Tatsache bestehen, daB Christus durch das Myste-
rium von Golgatha einen neuen Lichtmittelpunkt in der Erde
geschaffen hat, so daB seine Worte der Einsetzung des Abend-
mahls aussprechen, er habe die Erde zu seinem Leib gemacht.
Das wird kultisch realisiert an den Substanzen von Brot und
Wein.
«Und diejenigen Menschen, welche imstande sind, den richti-
gen Sinn dieser Worte des Christus zu fassen, die machen
sich Gedankenbilder, die anziehen in dem Brot und in dem
Rebensaft den Leib und das Blut Christi, die anziehen den
Christus-Geist darinnen. Und sie vereinigen sich mit dem
Christus-Geist. So wird aus dem Symbolum des Abendmahls
eine Wirklichkeit.
Ohne den Gedanken, der an Christus anknupft im
menschlichen Herzen, kann keine Anziehungskraft entwickelt
werden zu dem Christus-Geist beim Abendmahl. Aber durch
diese Gedankenformen wird solche Anziehungskraft entwik-
kelt. Und so wird fur alle diejenigen, welche das auBere Sym-
bolum brauchen, um einen geistigen Actus zu vollziehen,
namlich die Vereinigung mit dem Christus, das Abendmahl
der Weg sein, der Weg bis dahin, wo ihre innere Kraft so
stark ist, wo sie so erfullt sind von dem Christus, daB sie
ohne die auBere physische Vermittlung sich mit dem Christus
vereinigen konnen. Die Vorschule fur die mystische Vereini-
gung mit dem Christus ist das Abendmahl - die Vorschule.
So mussen wir diese Dinge verstehen. Und ebenso wie alles
sich entwickelt vom Physischen zum Geistigen hinauf unter
dem christlichen EinfluB, so mussen sich zuerst unter dem
christlichen EinfluB heranentwickeln die Dinge, die zuerst da
waren als eine Briicke: Vom Physischen zum Geistigen muB
sich das Abendmahl entwickeln, um hinzufuhren zur wirk-
lichen Vereinigung mit dem Christus.
Uber diese Dinge kann man nur in Andeutungen sprechen,
denn nur wenn sie aufgenommen werden in ihrer vollen hei-
ligen Wurde, werden sie im richtigen Sinne verstanden.»
In dieser wie in der hier folgenden Ausfiihrung geht Rudolf
Steiner aus von einem Hinweis auf das herannahende Atomzeit-
alter. Im Jahre 1911 besprach er im Zyklus « Von Jesus zu Chri-
stus» (9. Vortrag) den exoterischen Weg, der den Menschen zum
Christus fuhren kann durch das Abendmahl und die Evangelien.
Er betont im weiteren, daB dadurch, daB die Menschen durch
ihr Streben auf dem inneren Pfade, den die Geisteswissenschaft
gibt, reif werden konnen in ihrem Inneren,
«nicht bloB Gedankenwelten, nicht bloB abstrakte Gefiihls-
und Empfindungswelten zu leben, sondern sich in ihrem In-
neren zu durchdringen mit dem Element des Geistes, dadurch
werden sie die Kommunion im Geiste erleben. Dadurch wer-
den Gedanken - als meditative Gedanken - im Menschen
leben konnen, die eben dasselbe sein werden, nur von innen
heraus, wie es das Zeichen des Abendmahles - das geweihte
Brot - von auBen gewesen ist.»
Dieser Weg - so fahrt er fort - soil in Zukunft ein exoterischer
Weg fur die Menschen werden.
«Aber dann werden sich auch alle Zeremonien andern, und
was friiher durch die Attribute von Brot und Wein geschehen
ist, das wird in Zukunft durch ein geistiges Abendmahl ge-
schehen. Der Gedanke jedoch des Abendmahles, der Kom-
munion, wird bleiben.»
Diese beiden Stellen von 1909 und 1911, zusammengeschaut,
machen klar, wo die Opferfeier auf der Linie historischer Ent-
wicklung einzureihen ist: nicht vor, sondern nach der Messe mit
Brot und Wein. Sie ist also nicht - weil sie scheinbar keine Sub-
stanzwandlung bringt - eine Vorstufe, eine Vorbereitung auf
eine Messe mit Brot und Wein. Denn das empfangene Brot und
der genossene Wein werden im Menschen aufgenommen von je-
ner Kraft, die in unbewufiten Tiefen seines eigenen Leibes stoff-
verwandelnd wirkt, und von da aus im BewuBtsein allmahlich
Klarung, Umwandlung erzeugen kann. Wahrend die Kommu-
nion im Geiste, wie sie in der Opferfeier erlebt wird, ein Be-
wufitseinsakt ist, der sich immer heller klaren und bis ins Physi-
sche des Menschen auswirken kann. Die zitierten Stellen weisen
deutlich auf die Wandlung und Kommunion hin, wie sie Rudolf
Steiner zwolf Jahre spater in der Opferfeier gegeben hat. In
Fortsetzung des oben Zitierten stellt er als Voraussetzung fur
eine solche Kommunion im Geiste hin,
«daB gewisse innere Gedanken, innere Fiihlungen ebenso wei-
hevoll das Innere durchdringen und durchgeistigen, wie in
dem besten Sinne der inneren christlichen Entwicklung das
Abendmahl die Menschenseele durchgeistigt und durchchri-
stet hat. Wenn das moglich wird - und es wird moglich -,
dann sind wir wieder um eine Etappe in der Entwicklung
weitergeschritten. Und dadurch wird wieder der reale Beweis
geliefert werden, daB das Christentum groBer ist als seine
auBere Form.»
Die Form fur diese weihevollen, das Innere durchdringenden
und durchgeistigenden Gedanken ist in der Opferfeier gegeben.
Man muB sich bloB von dem Vorurteil frei machen, als seien
Gedanken immer nur ein abstraktes Etwas. Ihre Art hangt vom
denkenden Subjekt ab. Gedanken konnen ein Erlebnis werden,
das die Macht hat, bis ins Physische gestaltend zu wirken. So
kann es geschehen durch die Opferfeier bis in Leib und Blut des
nach dem Christus strebenden Menschen.
Und so konnen sich im Verfolg dieses Erlebens - dank dem
Werdebild von Welt und Mensch, das uns die Geisteswissenschaft
gibt - die Worte des Offertoriums der Opferfeier, die mit erhobe-
nen Armen gesprochen werden, und diejenigen, die darauf der
rechts Stehende spricht, weihevoll weiten zum Gedanken der kos-
mischen Biographie des Wesens Mensch: Es kann vor uns stehen
die Schilderung der Zeit, da die Sonne heraustrat aus der Mond-
gefesselten Erde. Mit der Sonne verlieB die Erde auch das hohe
Wesen des Menschheits-Ich, das wir jetzt Christus nennen. Es ver-
lieBen uns die hierarchischen Urbilder des Menschen, die bloBen
Abbilder zunicklassend. Das hieB: Der Mensch nahm im Dienste
der Weltentwicklung das Opfer auf sich, tiefer hineinzusteigen in
die nun sich bildende Finsternis der Stoffeswelt - ein Entwick-
lungsmoment, vor dem hohe Geistwesen, die dem Menschen in
diesen Abstieg nicht folgen wollten, «ihr Antlitz verhullten».
In eine noch weiter zuriickliegende Entwicklungsphase kann
der Gedanke zuriicktauchen.- als das vor-saturnische Geistwesen
der Menschheit, das eine sehr hohe Entwicklung ohne Stoffes-
Verbundenheit (allerdings ohne Entfaltung des freien Ichs) hatte
durchmachen konnen, eintrat in diesen Weltenzyklus, um eben
diesen Weg der physischen GesetzmaBigkeit durchzumachen.
(Siehe hierzu «Das Michaelsmysterium», Kap. XIV, auch Koln,
27. April 1905.)
Dieser Schritt war es, der
das Opfer
Unseres Menschenseins
Unseres beseelten Leibes
Unseres durchgeisteten Blutes
eingeleitet hat, jenen Abstieg in die Finsternis des Stoffes, aus
dem wir ohne die Kraft des Christus die Moglichkeit zum Wie-
deraufstieg nicht gewinnen konnten. Wesen einer Zukunftwelt
konnen entstehen, wenn der Mensch im Laufe seiner Entwick-
lung die Kraft findet, jenes «wesenschaffende Liebe-Feuer» ent-
stehen zu machen, das «von Mensch zu Gott» und auch von
«Mensch zu Mensch» walten kann.
GewiB wird nicht jeder Teilnehmer der Opferfeier diese Be-
zugnahme auf weit zuriickliegende kosmische Phasen des
Menschheitsweges aufgreifen konnen oder wollen. Verschieden-
heiten in der Erlebnisweise gibt es ja bei jeder Art von Kult-
handlungen.
Um die Zielsetzung handelt es sich hier, denn diese wirkt.
Und das Ziel der Opferfeier ist, sich in Leib und Blut, bis ins
Physische, mit dem Menschheits-Ich zu verbinden. DaB dieses
Ziel erreichbar ist in unserer Gegenwart, hat Rudolf Steiner
auch in personlichen Gesprachen betont, so zu Friedrich Rittel-
meyer, wie dieser in seinem Buche «Meine Lebensbegegnung
mit Rudolf Steiner» mitteilt, indem er daran eigene wesentliche
Gedanken iiber die zwei Arten der Kommunion anknupft.
So waren Anfrage und Forderung jener Schulerin von weit-
tragender Bedeutung und gaben Rudolf Steiner die Moglichkeit,
was er schon 1909 und 1911 angedeutet hatte, in Kultform der
Menschheit zu geben.
Auf die Frage, wie es sich damit verhalt, daB dieser Kult von
Menschen ohne Priesterweihe vollzogen wird, soil Rudolf Stei-
ner geantwortet haben, er sei hier so weit gegangen, wie er eben
mit Nichtgeweihten gehen konne. Diese Antwort ist auch von
weittragender Bedeutung: Was in der Entwicklung der Christen-
heit als Sehnsucht und Streben nach Laienpriestertum immer
wieder erstand - allerdings auch immer wieder verfolgt und
schlieBlich zum Verschwinden gebracht wurde -, das hat hier
durch Rudolf Steiner eine neue Keimlegung erfahren, die je nach
der Schicksalsfuhrung des Einzelnen ihre Friichte zeitigen kann.
Dies wird erreicht sein, wenn durch innerstes Streben in der
Begegnung mit dem hochsten Selbst, dem Christus, die Weihe
erworben ist.
Eckwalden, Ostern 1964
RENE MAIKOWSKI
Brief an Helmut von Kiigelgen vom 30. 5. 1970
(Auszug)
... Als ich seinerzeit die Leitung des Hochschulbundes hatte und
auch iiber Fragen des Jugendkreises und unserer damaligen
Stuttgarter Arbeit mit Dr. Steiner haufiger sprach, stellte ich ihm
eine Frage, die manche von uns damals bewegte, aber sehr ver-
schieden angesehen wurde. Es empfanden manche von uns, wie
die Christengemeinschaft durch ihren Kultus, unabhangig von
Vortragen oder anderem personlichen Einsatz, eine tragende spi-
rituelle Substanz hat, und es war die Frage, ob in einer unseren
Aufgaben entsprechenden Form auch bei uns - wir hatten ja
damals die «Freie Gesellschaft» begriindet - eine entsprechende
kultische Feier moglich sei (es war das noch vor der Weih-
nachtstagung und Einrichtung der Hochschule).
Zu meiner Uberraschung ging R. Steiner durchaus positiv auf
diesen Gedanken ein und charakterisierte, daB dies in gewisser
Weise eine Fortfuhrung dessen sein wurde, was in der Opfer-
feier der Schule gegeben sei ... Er stellte die Moglichkeit einer
esoterischen Arbeit dieser Art fur die Gesellschaft als durchaus
moglich hin und deutete an, daB er darauf zuruckkommen wer-
de, nachdem er danach gefragt worden war. Als dann mit der
Weihnachtstagung und Einrichtung der Hochschule und 1. Klas-
se diesen Wunschen entsprochen worden war, sah ich darin die
Bestatitigung des damals von ihm Gesagten. - Wesentlich war
mir besonders bei diesem Gesprach diese Charakterisierung des
Wesens der Opferfeier und Schulhandlungen ... und die Beto-
nung des klaren und bewuBten Erkenntnisweges, zu dem durch
sie gefuhrt wird ...
RENE MAIKOWSKI
Brief an Gotthard Starke vom 29. 8. 1983
(Auszug)
... Als wir nach der Delegiertentagung (1923) die Arbeitsgrup-
pen der Freien Gesellschaft aufbauten und gleichzeitig die Chri-
stengemeinschaft ihre Arbeit begann, kam es in unserem Mitar-
beiterkreis zu einem Gesprach iiber unsere Aufgaben und unsere
Arbeitsweise. Von einigen wurde festgestellt, daB die Christen-
gemeinschaft es mit ihrer Arbeit leichter habe, da sie einen Kul-
tus besitze, wir dagegen nur die Moglichkeit hatten, durch das
Wort zu wirken. Man fragte sich, ob es wohl denkbar sei, daB
fur die Gesellschaft auch einmal ein Kultisches gegeben werden
konnte. Die Meinungen waren geteilt. Ich wandte mich darauf
mit dieser Frage an Dr. Steiner selbst. Er erklarte, daB dies wohl
denkbar sei. So habe es vor dem Kriege ja auch die Esoterische
Schule gegeben. In der Zukunft werde das (was damals noch in
Anlehnung an die Theosophische Gesellschaft entstanden war)
in anderer Gestalt gegeben werden. Es kame auch nicht die
Form der Christengemeinschaft in Frage. Er charakterisierte dar-
auf, wie auch spater in Dornach (30. 12. 1922), die andersartigen
Grundlagen von Anthroposophie und Christengemeinschaft.
Eine kultische Arbeit in der anthroposophischen Bewegung muB
aus dem selben geistigen Strom hervorgehen wie die Schulhand-
lungen, gewissermaBen eine Fortsetzung dessen, was in Form
und Inhalt in der Opferfeier gegeben war ...
C H R O N I K
zur Entstehungsgeschichte der Schulhandlungen
1919
3. November Elternabend in der Waldorf schule: Es wird, auf Anre-
gung aus der Elternschaft und unterstiitzt von Emil
Molt, uber die Frage nach der Einrichtung einer Sonn-
tagsfeier fiir die Kinder, die am freien Religionsunter-
richt teilnehmen, gesprochen.
Weihnachtszeit Gesprach in Stuttgart: Friedrich Oehlschlegel und Her-
bert Hahn orientieren Rudolf Steiner iiber den Eltern-
abend vom 3. November. Erstmals spricht Rudolf Stei-
ner von einem Kultus fiir die Sonntagsfeier: «Das muB
dann schon ein Kultus sein.»
Rudolf Steiner iibergibt den Text der Sonntags-
handlung und des vom Handlung Haltenden in Gedan-
ken zu Beginn der Handlung zu sprechenden Spruches
an Oehlschlegel und Hahn, die eine Abschrift anfer-
tigen.
1920
Erste Sonntagshandlung in der Waldorfschule in Stutt-
gart, gehalten von Herbert Hahn.
Rudolf Steiner wohnt zum ersten Mai einer Sonntags-
handlung bei.
Konferenz mit Rudolf Steiner: «... Die Sonntagshand-
lungen sind nur fiir diejenigen Kinder, die am freien
Religionsuntericht teilnehmen. Sie bieten einen Ersatz
fiir die, welche keinen Ritus haben, fiir die Kinder und
die Eltern. Die Sonntagshandlung ist mit Musikali-
schem abzuschlieBen, mit etwas besonderem Instru-
mentalen. Ein Hospitieren dabei fiir eingeladene Gaste
soil nur stattfinden, wenn ich hier bin ...»
1. Februar
29. Februar
6. Marz
Konferenz mit Rudolf Steiner: «Man kann die vier
oberen Klassen vom freien Religionsimterricht zu der
Feier vereinigen ...»
Konferenz mit Rudolf Steiner. Es wird iiber den Vor-
bereitungsunterricht zur Jugendfeier und die Teilnahme
von Eltern u.a. an der Sonntagshandlung sowie das
Verhaltnis Schule und Sonntagshandlung gesprochen:
«Die Sonntagshandlung ist etwas im Rahmen der Schu-
le Liegendes ...»
Konferenz mit Rudolf Steiner, in der er u.a. auf eine
Frage von Herbert Hahn erwidert: «Dann habe ich
daran zu denken, Sie mochten eine Art Ritual fiir die
Weihnachtshandlung haben.»
Herbert Hahn erhalt von Rudolf Steiner den Wortlaut
fiir die Weihnachtshandlung.
Erste Weihnachtshandlung, gehalten von Herbert
Hahn.
1921
Erste Jugendfeier
1. Theologenkurs in Stuttgart. Auf Wunsch Rudolf
Steiners nahmen auch die Religionslehrer der Waldorf-
schule teil: Leonie Mirbach, Herbert Hahn, Ernst
Uehli und Wilhelm Ruhtenberg. Als Verantwortlicher
fiir die musikalische Gestaltung der Handlungen nahm
auch der Musiklehrer Paul Baumann - in spateren
Jahren ebenfalls Religionslehrer - teil. Veroffentlicht
als Bd. I der «Vortrage und Kurse iiber christlich-reli-
gioses Wirken», GA 342.
Am Vormittag spricht Rudolf Steiner ausfiihrlich iiber
die Handlungen: «Und so sollte es auch schon sein,
daB wir begleiten mit solchen ritualhaften Handlungen
wichtige Lebenspunkte ...» - Am Nachmittag gibt Ru-
dolf Steiner im AnschluB an die Frage von Paul Bau-
mann betreffend das Musikalische im Kultus eine aus-
fiihrliche Darstellung iiber den menschlichen Organis-
mus, die Musik und den Kultus: «Und wahrend zum
Beispiel das Nichtmusikalische, das Lichthafte im Kul-
tus dazu angetan ist, uns ein Weltgefiihl beizubringen,
ist das Musikalische dazu angetan, uns das Ichgefiihl
bis zum Gottlichen zu vertiefen ...»
Konferenz mit Rudolf Steiner: «Vom 26. September bis
10. Oktober soil in Dornach der (2.) Theologenkurs
stattfinden. Hahn, Uehli, Ruhtenberg, Mirbach werden
hinfahren ...»
2. Theologenkurs. An ihm nahmen die in der
Konferenz am 11. September (s.o.) genannten Lehrer
teil. Leonie Mirbach ist zwar auf der Anmeldeliste no-
tiert, jedoch fehlt ihr Name auf der Teilnehmerliste.
Veroffentlicht als Bd. II der «Vortrage und Kurse iiber
christlich-religioses Wirken», GA 343.
Am Vormittag: Vortrag iiber den Religionsunterricht
an der Waldorfschule und die Schulhandlungen im
Rahmen des 2. Theologenkurses.
Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wird iiber die Frage
nach einer besonderen Sonntagshandlung nur fiir die
Lehrer gesprochen: «Natiirlich, es kann etwas sehr
Schones herauskommen. Ich kann mir gut vorstellen,
daB ein einheitliches Ringen moglich ist. Der Modus
wiirde nicht so leicht zu finden sein. Wer soil das ma-
chen?» - Weitere behandelte Themen: Kultus und MeB-
opferartiges sowie die Esoterik in der anthroposophi-
schen Bewegung. - Uber die Sonntagshandlung: «Die
Sonntagshandlung fiir die Kinder, ist die nicht an sich
eine esoterische Angelegenheit fiir den einzelnen Men-
schen, der dabei ist, ganz gleich, ob er ein Kind ist oder
nicht? ...»
Vortrag in Dornach im Rahmen eines offentlichen
«Weihnachtskurses fiir Lehrer»:» Das KultmaBige, das
im Bilde an den Menschen herantritt, ist ja wirklich
etwas, was von der Seite der Anschauung her in das
Gemiit, in die religiose Empfindung sich hineinzieht.»
in: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens,
GA 303, S. 154
1922
Konferenz mit Rudolf Steiner: Uber das Gebet und die
Anknupfung an die Stimmung der Sonntagshandlung
im Religionsunterricht. Uber die Anzahl der Handlun-
gen, die Ausstattung des Raumes (lange Vorhange) und
die Evangelien-Texte. - Uber die Messe in der Katholi-
schen Kirche: «Die Messe wirkt doch grandios ...».
Im Rahmen der Vortrage bei der Begriindung der
Christengemeinschaft spricht hier Rudolf Steiner u.a.
uber das Verhaltnis der Gemeinden der Christenge-
meinschaft zu den Waldorfschullehrern. Veroffentlicht
in Bd. Ill der « Vortrage und Kurse uber christlich-reli-
gioses Wirken», GA 344.
Maria Roschl erhalt fur die Jugendfeier von Rudolf
Steiner eine Ubersetzung aus Joh.-Ev., Kap. 17, 1-8, 24,
26 (das sog. Hohepriesterliche Gebet) und fertigt eine
Abschrift an.
Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wird die Frage nach
den inneren und auBeren Voraussetzungen fur die Ta-
tigkeit des Religionslehrers und Handlung-Haltenden
erortert.
Konferenz mit Rudolf Steiner: Uber die Eignung der
Lehrer, einen Kultus zu halten; uber die Jugendfeier:
keinen gesonderten Konfirmandenunterricht. - Die
Ausgestaltung des Handlungsraumes und das Musikali-
sche. - Innigkeit und Schlichtheit als Grundstimmung
ftir den Kultus.
Besprechung Rudolf Steiners mit den Lehrern des Frei-
en Religionsunterrichtes: Uber die Verteilung der
Handlungen auf die einzelnen Religionslehrer. - Auf
die Frage «ob nach der Jugendfeier nicht etwas kom-
men konnte?» - sie war von der Schulerin Johanna
Wohlrab an die Religionslehrer gerichtet worden -,
antwortete Rudolf Steiner: «Das wollen wir weiter er-
wagen. Es ist nicht die Messe, die wir machen konnen.
Ich mochte doch nicht die Messe hineinverpflanzen.
Etwas Messe- Ahnliches konnen wir machen ...»
1923
17. Januar
31. Januar
8. Marz
13. Marz
25. Marz
30. Marz
15. August
Konferenz mit Rudolf Steiner: «Es wird eine Opfer-
feier sein fur den Sonntag, die wir demnachst einrich-
ten werden ...»
Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wurde gefragt nach
dem Raum fiir die Sonntagshandlung. «Es handelt sich
darum, daB ich eine weitere Handlung geben werde,
und danach wird auch das Bild sich richten ...»
Konferenz mit Rudolf Steiner: Uber die Teilnahme an
den Handlungen: «Wir konnen es den Kindern doch
nur freistellen, ob sie kommen wollen oder nicht ...» -
Uber das Verhaltnis zur Christengemeinschaft. - Auf
die Frage, ob neben der 10. und 11. auch die 9. Klasse
an der Opferfeier teilnehmen sollte, antwortete Rudolf
Steiner: «Die konnen auch teilnehmen. »
Rudolf Steiner ubergibt den Text der Opferfeier an
Maria Roschl, Herbert Hahn und Karl Schubert. Auf
dem Umschlag hatte Rudolf Steiner notiert: « Opfer-
handlung . Bei meiner nachsten Anwesenheit in Stutt-
gart bitte um Riickgabe des Manuskriptes.»
Erste Opferfeier, gehalten von Maria Roschl, Herbert
Hahn und Karl Schubert.
Erste Opferfeier, gehalten nur fiir Lehrer.
Vortrag in Ilkley, England, im Rahmen einer «Holiday
Conference», veranstaltet von der «Educational Union
for the Realisation of Spiritual Values»: «Auch eine
Kultushandlung, die sogar dem MeBopfer sehr ahnlich
ist, aber durchaus dem entsprechenden Lebensalter
angemessen ist, ist verbunden mit diesem auf den frei-
en Religionsunterricht gestiitzten religiosen Leben in
der Waldorf schule.» Veroffentlicht in: Gegenwartiges
Geistesleben und Erziehung, GA 307, S. 208.
1924
5. Februar Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wird dariiber gespro-
chen, ob man die Handlungen im Hinblick auf den
Jahreslauf erganzen soil.
19. Juni Konferenz mit Rudolf Steiner: Es wurden die Fragen
nach der Vereinbarkeit von freiem christlichen Reli-
gionsunterricht mit dem Religionsunterricht der Chri-
stengemeinschaft sowie der Sonntagshandlung in der
Schule und in der Christengemeinschaft erortert: «Eine
Diskrepanz zwischen beiden in inhaltlicher Beziehung
kann es eigentlich nicht geben ...» - Uber die Jugend-
feier, die Sonntagshandlung und die Konfirmation in
der Christengemeinschaft.
20. August Fragenbeantwortung im Rahmen eines in Torquay,
England, gehaltenen «Padagogischen Kurses fur die
Lehrer der in London neu zu begrundenden Schule mit
Waldorf-Padagogik»: Zum Lehrplan des Religionsun-
terrichtes, die Schulhandlungen und den Kultus: «Er
dient auBerordentlich gut zur Vertiefung des religiosen
Gefuhls, wird von den Kindern auBerordentlich weihe-
voll empfunden.» - Veroffentlicht in: Die Kunst des
Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit,
GA 311, S. 142.
SPRUCHGUT FUR LEHRER
UND SCHULER
ZUR EINFUHRUNG
Uber die «rechte Lehrer-Meditation»
Aus einer Ansprache Rudolf Steiners
zu Beginn des Schuljahres 1920/21
Wir miissen auch innerlich, dem Gemiite nach, tatsachlich An-
throposophen sein im tiefsten Sinne des Wortes als Waldorf-
lehrer und miissen Ernst machen konnen mit einer Idee, die auf
anthroposophischem Boden wiederholt ausgesprochen worden
ist, die fur uns wichtig ist: Wir sind zu einer bestimmten Zeit
heruntergestiegen aus den geistigen Welten in die physische
Welt. Diejenigen, die uns als Kinder entgegentreten, sind spater
herunter gekommen, sie haben die geistige Welt noch eine Zeit-
lang durchlebt, in der wir schon hier in der physischen Welt
waren. Es ist etwas ungeheuer innerlich Erwarmendes, etwas
ganz in der Seele Wirkendes, wenn man in einem Kinde sieht
ein Wesen, das einem etwas heruntertragt aus der geistigen
Welt, das man nicht selbst mitgemacht hat in der geistigen
Welt, weil man alter ist. Dieses Altersein bedeutet fur uns noch
etwas ganz anderes. Wir empfangen mit jedem Kinde eine Bot-
schaft aus der geistigen Welt iiber Dinge, die wir nicht mehr
miterlebt haben.
Dieses BewuBtsein gegenuber der Botschaft, die das Kind
heruntertragt, das ist ein positives Gefiihl, das in vollem Ernst
Platz greifen kann in der Waldorflehrerschaft, das der ab warts -
gehende Kulturverlauf bekampft, sogar getreten hat. Das tun
auch die traditionellen Religionsbekenntnisse, die von alien
Kanzeln die Ewigkeit predigen, die Post-mortem-Ewigkeit, jene
Ewigkeit, auf die die Leute hinschauen aus dem raffinierten
Egoismus ihrer Seele heraus, weil sie nicht zugrunde gehen
wollen. Der Mensch geht nicht zugrunde, aber es handelt sich
darum, wie man zur Uberzeugung kommt von der Ewigkeit
der Seele, ob aus Egoismus heraus, oder ob man lebendig, aus
der Anschauung, drinnensteht in der Erfassung der ewigen
Menschenseele. Hier in dieses lebendige Darinnenstehen fiihrt
das Hinschauen auf die Praexistenz der Seele, das Hinschauen
auf das, was der Mensch vor der Geburt erlebt, das Hinschauen
auf den Menschen hier in der physischen Welt, wie sein Leben
eine Fortsetzung desjenigen ist, was er vorher erlebt hat. Die
traditionellen Bekenntnisse, die versumpft sind, diese Bekennt-
nisse bekampfen am scharfsten die Praexistenz, dasjenige, was
den Menschen selbstlos machen kann, dasjenige, was niemals
zielt auf dieses dumpfe, versumpfte erkenntnislose Glauben, das
zielen muB auf Wissen, auf das klare Licht der Erkenntnis.
Solche Dinge werden praktisch, wenn wir sagen: Dieses Kind
ist spater heruntergekommen aus der geistigen Welt als ich
selbst. Ich kann erraten aus dem, was es mir entgegenlebt, was
geschehen ist in der geistigen Welt, nachdem ich selbst die gei-
stige Welt verlassen habe. DaB wir das als lebendiges Gefuhl in
uns tragen, das ist eine rechte Lehrermeditation, von einer un-
geheuer groBen und starken Bedeutung. Und durch ein solches
bestimmtes Ausleben des anthroposophischen Wesens werden
wir in Wahrheit dasjenige, was Lehrer sind, die aus anthropo-
sophischem Geist heraus wirken. Das Beste, was hier in An-
throposophie entwickelt wird, ist nicht dasjenige, was die Welt-
Herumlungerer bei uns heraushospitieren wollen, das Beste ist
dasjenige, was sich in Ihren Gemutern, in Ihren Seelen, als der
Geist der Waldorfschule entwickelt. Es ist wirklich im ersten
Jahre dieser Geist in Ihren Seelen schon lebendig. Und es soil
unser Bemuhen sein - das wollte ich mit diesen Worten zu
Ihnen sprechen -, gerade diesen Geist in der Folgezeit weiter
zu pflegen.
Aus diesem Geiste heraus wollen wir auch versuchen, alle
EinzelmaBnahmen vorzunehmen.
Nachbemerkung des Herausgebers: Zum Thema des Vorgeburtlichen siehe
auch Rudolf Steiners Ausfiihrungen - in Wort und Bild - innerhalb des
Vorbereitungskurses ftir die Lehrer im Sommer 1919, insbesondere in den
Vortragen vom 22. und 26. August sowie 1. September 1919, in «Allgemei-
ne Menschenkunde als Grundlage der Padagogik», GA 293. - Die Anspra-
che vom 24. Juli 1920 bildete den Auftakt fur die Konferenz, veroffentlicht
in «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart»,
Erster Band, GA 300a.
«Menschenkunde verstehen durch Meditieren»
Aus dem Vortrag vom 21. September 1920
Die Betrachtungen, die eine geisteswissenschaftliche Padagogik
so anstellt, wie wir sie angestellt haben, gehen alle darauf aus,
den Menschen intimer kennenzulernen. Aber wenn Sie dann
iiber diese Dinge meditierend nachdenken, so konnen Sie gar
nicht anders als bewirken, daB diese Dinge in Ihnen weiterwir-
ken. - Sehen Sie, wenn Sie zum Beispiel ein Butterbrot essen, so
haben Sie es zunachst mit einem bewuBten Vorgang zu tun; aber
was dann weiter geschieht, wenn das Butterbrot den komplizier-
ten VerdauungsprozeB durchmacht, so ist das etwas, worauf Sie
nicht viel wirken konnen; aber dieser ProzeB geht vor sich, und
Ihr allgemeines Leben hangt damit stark zusammen. Wenn Sie
nun Menschenkunde studieren, wie wir es getan haben, so erle-
ben Sie das zunachst bewuBt; meditieren Sie nachher daniber, so
geht ein innerer geistig-seelischer VerdauungsprozeB in Ihnen
vor sich, und der macht Sie zum Erzieher und Unterrichter.
Geradeso, wie Sie der Stoffwechsel zum sonst lebenden Men-
schen macht, so macht Sie dieses meditierende Verdauen einer
wahren Menschenkunde zum Erzieher. Sie stehen eben einfach
dem Kinde als Erzieher ganz anders gegeniiber, wenn Sie das
durchgemacht haben, was eben erst folgt aus einer wirklichen
anthroposophischen Menschenkunde. Das, was wird aus uns,
was in uns wirkt, wodurch wir Erzieher werden, das geht im
meditierenden Erarbeiten einer solchen Menschenkunde vor
sich. Und solche Betrachtungen wie die heutigen, wenn wir sie
immer wieder und wieder in uns erwecken, wenn wir auch nur 5
Minuten am Tage darauf zuruckkommen, sie bringen alles innere
Seelenleben in Bewegung. Wir werden innerlich so gedanken-
und empfindungsfruchtbare Menschen, daB alles nur so aus uns
heraussprudelt. Abends meditieren Sie iiber Menschenkunde,
und morgens quillt Ihnen heraus: Ja, mit dem Hans Miiller muBt
du jetzt dies oder jenes machen - oder: Bei diesem Madchen
fehlt es an dem und dem und so weiter. Kurz, Sie wissen, was
Sie fur den speziellen Fall anwenden mussen.
Es kommt im Menschenleben darauf an, daB man in dieser
Weise das Innere mit dem AuBeren zusammenarbeiten laBt. Man
braucht gar nicht einmal so viel Zeit dazu. Wenn Sie einmal da-
fur Force bekommen haben, dann konnen Sie innerlich in drei
Sekunden erarbeiten, was Sie dann in der Sprache oft, wenn Sie
es auf die Erziehung anwenden, fur einen ganzen Tag versorgt.
Da hort die Zeit auf ihre Bedeutung zu haben, wenn es sich dar-
um handelt, das Ubersinnliche zum Leben zu bringen. Der Geist
hat eben andere Gesetze. Geradeso wie wenn Sie beim Aufwa-
chen einen Gedanken haben konnen, dessen Zeitinhalt zum Bei-
spiel Wochen in Anspruch nehmen kann - er ist Ihnen aber
durch den Kopf geschossen in einer Zeit, die kaum anzugeben
ist -, geradeso kann umgekehrt das, was Ihnen aus dem Geiste
herausflieBen kann, sich dann verlangern. Wie sich beim Traume
alles zusammenzieht, so verlangert sich das, was uns aus dem
Geiste erflieBt. So konnen Sie jetzt durch ein solches meditieren-
des Sich-Hineinleben in die anthroposophische Menschenkunde
es dahin bringen, daB Sie, wenn Sie im 40. oder 45. Jahre sind,
in funf Minuten die ganze Umwandlung des inneren Menschen
haben, die Sie fur Ihren Unterricht brauchen, und die Sie dann
im auBeren Leben zu etwas ganz anderem macht, als Sie friiher
gewesen sind.
Von solchen Dingen sprechen diejenigen Schriften, die von
Menschen herruhren, welche so etwas erlebt haben. Man muB es
verstehen. Man muB aber auch verstehen, daB dasjenige, was von
einzelnen Individualitaten in einem ganz besonderen MaBe erlebt
wird und nun sein Licht auf das ganze Leben hinwerfen kann,
beim Erzieher sich im kleinen abspielen muB.
Er muB Menschenkunde aufnehmen, Menschenkunde verste-
hen durch Meditieren, an Menschenkunde sich erinnern: da wird
das Erinnern lebendiges Leben. Es ist nicht bloB ein Erinnern
wie sonst, sondern ein Erinnern, welches neue innere Impulse
aus sich heraustreibt.
Da kommt die Erinnerung quellend aus dem geistigen Leben,
und da iibertragt sich in unser auBeres Arbeiten dasjenige, was
als dritte Etappe kommt: Nach dem meditierenden Verstehen
kommt das schaffende, das schopferische Sich-Erinnern, das zu-
gleich ein Aufnehmen aus der geistigen Welt ist. So also haben
wir: Zuerst ein Aufnehmen oder Wahrnehmen der Menschen-
kunde, dann ein Verstehen, ein meditierendes Verstehen dieser
Menschenkunde, indem wir in uns immer mehr hineingehen, in-
nerlich hineingehen, wo die Menschenkunde empfangen wird
von unserem ganzen rhythmischen System, und dann haben wir
ein Erinnern der Menschenkunde aus dem Geistigen heraus. Das
heiBt: aus dem Geiste heraus padagogisch schaffen, padagogische
Kunst werden. Gesinnung muB das werden, Seelenverfassung
muB das werden.
So mussen Sie den Menschen anschauen, daB Sie auch da die-
se drei Etappen fortwahrend in sich fuhlen. Und je mehr Sie
dazu kommen, sich zu sagen: Da ist mein auBerer Leib, da ist
meine Haut; das umschlieBt in mir den die Menschenkunde Auf-
nehmenden, den die Menschenkunde meditierend Verstehenden,
den von Gott durch das Erinnern der Menschenkunde Befruch-
teten - je mehr Sie dieses Gefuhl in sich tragen, desto mehr sind
Sie Erzieher und unterrichtender Erzieher.
Aus dem dritten Vortrag der «Meditativ erarbeitete Menschen-
kunde^ in «Erziehung und Unterricht aus Menschenerkennt-
nis», GA 302a.
«Andacht zum Kleinen»
Aus dem Vortrag vom 5. Juli 1924
Die Menschen konnen im allgemeinen auf dem Gebiete der Pad-
agogik nichts erreichen, weil sie nicht ernsthaftig jemals eine
Wahrheit in sich rege gemacht haben. Die besteht darin, daB Sie
sich am Abend einleben in das BewuBtsein: In mir ist Gott, in
mir ist Gott, oder der Gottesgeist, oder was immer - aber sich
dieses nicht bloB theoretisch vorschwatzen, die Meditationen der
meisten Menschen bestehen darin, daB sie sich etwas theoretisch
vorschwatzen-, und am Morgen so, daB das hineinstrahlt in den
ganzen Tag: Ich bin in Gott. - Bedenken Sie nur, wenn Sie diese
zwei Vorstellungen, die ganz Empfindung, ja Willensimpulse
werden, in sich rege machen, was Sie da eigentlich tun. Sie tun
das, daB Sie dieses Bild vor sich haben: In mir ist Gott - und
daB am nachsten Morgen Sie dieses Bild vor sich haben: Ich bin
in Gott. - Das ist eines und dasselbe, die obere und untere Figur
(siehe S. 223). Und Sie mussen einfach verstehen: das ist ein
Kreis, das ist ein Punkt. Es kommt nur abends nicht heraus, es
kommt nur morgens heraus. Morgens mussen Sie denken: das ist
ein Kreis, das ist ein Punkt. Sie mussen verstehen, daB ein Kreis
ein Punkt, ein Punkt ein Kreis ist, und mussen das ganz inner-
lich verstehen.
Sehen Sie, damit kommen Sie uberhaupt erst an den Men-
schen heran. Denn wenn Sie sich erinnern an die Zeichnung, die
ich Ihnen vom Stoffwechsel-GliedmaBenmenschen und vom
Kopfmenschen gegeben habe, bedeutet diese Zeichnung gar
nichts anderes als die Auspragung und Verwirklichung dessen,
was jetzt in einer einfachen Weise in einer Meditationsfigur vor
Sie hingestellt wird. Im Menschen ist das verwirklicht, daB der
Ich-Punkt des Kopfes im GliedmaBenmenschen zum Kreis wird,
der naturlich konfiguriert ist. Und Sie lernen verstehen uber-
haupt den ganzen Menschen, wenn Sie in dieser Weise an ihn
herangehen, wenn Sie versuchen, ihn innerlich zu verstehen.
Aber zuerst miissen Sie dieses haben, daB die zwei Figuren, die
zwei Vorstellungen ein und dasselbe sind, daB sie gar nicht un-
terschieden sind voneinander. Nur von auBen angesehen sind sie
verschieden. Da ist ein gelber Kreis, da ist er auch. Da ist ein
blauer Punkt, da ist er auch. Warum? Weil das die schematische
Figur des Kopfes ist, weil das die schematische Figur des Leibes
ist. Aber wenn der Punkt sich behauptet in den Leib hinein,
dann wird er eben zum Ruckenmark; wenn der Punkt hier sich
hineinbegibt, wird dasjenige, was er sein soil in der Kopf Organi-
sation, dann eben Ruckenmarkansatz. Die innere Dynamik der
Morphologie ergibt sich Ihnen einfach dadurch. Sie konnen eine
Anatomie, eine Physiologie bekommen, indem Sie von dem aus-
gehend meditieren. Dann kriegen Sie schon die innere Intuition,
inwiefern Ihr Oberkiefer und Ihr Unterkiefer GliedmaBen sind,
inwiefern der Kopf ein ganzer Organismus ist, der aufhockt
oben - seine GliedmaBen sind verkummert -, in der Verkumme-
rung sie umbildet zu Kiefern, und Sie bekommen die Anschau-
ung, wie in einem polarischen Gegensatz Zahne stehen und Ze-
hen. Sehen Sie sich nur einmal die Ansatze der Kieferknochen
an, so werden Sie die verkummerte Zehenbildung, die verkum-
merte FuB- und Handbildung darin wahrnehmen.
Aber es darf eben die Meditation, die in solchen Dingen
wirkt, nicht die Stimmung haben, meine lieben Freunde: Ich will
mich innerlich in ein warmes Nest legen, es soil mir immer
warm und warmer werden -, sondern es muB die Stimmung
vorliegen, daB man in die Wirklichkeit untertaucht, daB man die
Wirklichkeit ergreift. Andacht zum Kleinen. Ja zum Kleinsten.
Es darf nicht das Interesse fur dieses Kleine ausgetrieben wer-
den, meine lieben Freunde. Es muB so sein, daB Sie das Ohr-
lappchen, der abgeschnittene Fingernagel, ein Stuck des mensch-
lichen Haares ebenso interessiert, wie Saturn, Sonne, Mond.
Denn schlieBlich ist in einem solchen menschlichen Haar alles
andere darinnen, und derjenige, der kahlkopfig wird, verliert ja
tatsachlich einen ganzen Kosmos. Es ist tatsachlich so, daB in-
nerlich erschaffen werden kann dasjenige, was auBerlich sichtbar
ist, wenn man nur jene Uberwindung hat, welche im meditativen
Leben eben notwendig ist. Aber diese Uberwindung trifft man
nie, wenn irgend Spuren von Eitelkeit auftauchen, und die tau-
chen eben an alien Ecken und Enden auf. Deshalb, meine lieben
Freunde, ist es notwendig, wenn Sie wirklich Erzieher, [...] wer-
den wollen, daB Sie diese Andacht im Kleinen in der allerallerbe-
scheidensten Weise entwickeln, ...
Aus «Heilpadagogischer Kurs», Vortrag vom 5. Juli 1924, GA
317. Siehe auch die Abbildung «Punkt und Kreis» auf S. 223
in vorliegendem Band.
Meditationen, Spriiche
und Ratschlage
fur Lehrer und Erzieher
«Eine Art Gebet»
Wir wollen unsere Gedanken so gestalten, daB wir das BewuBt-
sein haben konnen: Hinter jedem von uns steht sein Engel, ihm
die Hande sanft aufs Haupt legend; dieser Engel gibt Euch die
Kraft, die Ihr braucht. - Uber Euren Hauptern schwebt der Rei-
gen der Erzengel. Sie tragen von einem zum andern, was einer
dem andern zu geben hat. Sie verbinden Eure Seelen. Dadurch
wird Euch der Mut, dessen Ihr bediirft. (Aus dem Mut bilden
die Erzengel eine Schale.) - Das Licht der Weisheit wird uns ge-
schenkt von den erhabenen Wesenheiten der Archai, welche sich
nicht im Reigen abschlieBen, sondern aus Urbeginnen kommend
sich offenbaren und in Urfernen verschwinden. Sie ragen nur
wie eine Tropfenform hinein in diesen Raum. (In die Schale des
Mutes hinein fallt von dem wirkenden Zeitgeist ein Tropfen des
Zeitenlichtes.)
[Wiedergabe nach Aufzeichnungen von C. von Heydebrand. Siehe auch «Hinweise».]
lev \j(Xy%ot W-c^jj
Meditation
Im Schein des Sinnewesens,
Da lebt des Geistes Wille,
Als Weisheitslicht sich gebend,
Und innre Kraft verbergend;
Im Ich des eignen Wesens,
Da scheinet Menschenwille,
Als Denkens Offenbarung,
Auf eigne Kraft sich stutzend;
Und eigne Kraft dem Lichte
Der Weltenweisheit machtvoll
Geeinet zu dem Selbste:
Gestaltet mich, der ich mich
Zum Gottlich-Hohen wende
Erleuchtungskrafte suchend.
i-v cG~£ sic 4 cuj l*, ti if - J *eXv> ,
Meditation
Geistiges Blicken,
Wende dich schauend nach Innen;
Herzliches Tasten
Riihre am zarten Seelen-Sein;
Im ahnenden Geistes-Blicken,
Im herzhaften Seelen-Tasten,
Da webt sich BewuBt-Sein.
BewuBt-Sein, das aus dem Oben
Und dem Unten des Menschen-Wesens
Bindet Welten-Helle
An das Erden-Dunkel
Geistiges Blicken
Herzliches Tasten
Erblicke, Ertaste
Im Menschen-Innern
Webende Welten-Helle
In waltendem Erdendunkel:
Mein eigenes
Menschen-Bilde-Kraft
Zeugendes
Krafterschaffendes
Willentragendes
Selbst.
Meditation
In mir ist Gott
Ich bin in Gott
i 4 ^a^ , /S~. -M«^Z / ?^ J ~
S> cd ^ p-rtP** ^/t^ / &~f*- ^c^r
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1*
Brief an die Lehrkrafte
der Freien Waldorfschule in Stuttgart
Goetheanum, 15. Maerz 1925
Meine lieben
Lehrkrafte der freien Waldorfschule!
Es ist mir eine groBe Entbehrung, so lange nicht unter Euch sein
zu konnen. Und ich muB jetzt wichtige Entscheidungen, an de-
nen ich naturgemaB seit dem Bestande der Schule teilgenommen
habe, in Euere Hand legen. Es ist eine Zeit der Priifung durch
das Schicksal.
Ich bin mit meinen Gedanken unter Euch. Mehr kann ich
jetzt nicht, wenn ich nicht riskieren will, die Zeit der physischen
Hinderung ins Endlose auszudehnen.
Gedankenwirksamkeit eine uns,
Da wir im Raum getrennt sein mussen.
Was wir schon gemeinsam vollbracht,
Es krafte jetzt durch die Lehrerschaft.
Es ziehe seine Kreise durch Ihren Eigenrat,
Da jener Rat, der so gerne kame,
Die Schwingen frei nicht hat.
So wollen wir denn die Gemeinsamkeit im Geiste um so inni-
ger erstreben, so lange anderes nicht sein kann. Die Waldorf-
clou &»% tA * a svf? JU*. «o^4 <ku4 +Le* £ e^aXrCg *>6vt,
JUG, c±t ^^1.
schule ist zwar ein Kind der Sorge, aber vor allem ist sie auch
ein Wahrzeichen fur die Fruchtbarkeit der Anthroposophie
innerhalb des geistigen Lebens der Menschheit.
Wenn die Lehrerschaft treu im Herzen das BewuBtsein tragt
von dieser Fruchtbarkeit, dann werden die guten iiber dieser
Schule waltenden Geister wirksam sein konnen; und in den
Taten der Lehrer wird gottlich-geistige Kraft walten.
Aus solchem Gedenken heraus, mochte ich Euch alien die
herzlichsten Gedanken und GrtiBe senden.
Fur die Schuler lege ich noch ein kurzes Schreiben bei, das
ich bitte, in den Klassen zu verlesen.
Allerherzlichst
Rudolf Steiner
Ave* t^l^M^tW j t***^
Grundstein-Spruch
fur die Freie Waldorfschule Stuttgart
Es walte, was Geisteskraft in Liebe
Es wirke, was Geisteslicht in Giite
Aus Herzenssicherheit
Aus Seelenfestigkeit
Dem jungen Menschenwesen
Fur des Leibes Arbeitskraft
Fur der Seele Innigkeit
Fur des Geistes Helligkeit
Erbringen kann.
Dem sei geweiht diese Statte:
Jugendsinn finde in ihr
Kraft begabte, Licht ergebene
Menschenpfleger.
In ihrem Herzen gedenken des Geistes,
der hier walten soil, die, welche
den Stein zum Sinnbild
hier versenken, auf daB
er festige die Grundlage,
uber der leben, walten, wirken soil:
Befreiende Weisheit,
Erstarkende Geistesmacht,
Sich offenbarendes Geistesleben.
Dies mochten sie bekennen:
In Christi Namen
In reinen Absichten,
Mit gutem Willen.
I .. .
1 ass. *Wr
i *2
•^tf ^
*
Spruch fiir einen verstorbenen Schiiler
In klinftiges Erdenleben
Dich kraftig einzufiihren,
Warst du uns libergeben
Durch deiner Eltern Willen.
Im Schmerz an des Todes Pforte
Zu sprechen vermogen allein
Die seelenbefltigelten Worte,
Die dem reifenden Leben bestimmt.
So nimm statt der Schule Lenken
Fiir irdisches Tun und Leben
Der Lehrer liebend Gedenken
Hiniiber in jenes Geistessein,
Wo die Seele umwebet
Der Ewigkeit helles Licht
Und der Geist erlebet:
Das Gottes-Willens-Ziel.
Nr. 58 A.
iten
inschaftliche Behandlung
id padagogisclier Fragen.
Ersler Teil.
Sieben Yortrage
i Stuttgart yom 21, April bis nam 22. Juni 1919
von
)r, Rudolf Steiner.
Inhaltsverzeichnis. ffl 3
s«tt« . — —
. . > . . . . . , . . . . . . . . . i j»;^h.
r exoterischen Behandlung der sozialen Frage . ■ '. . . . .22 XJ
.... • . . 45 ' tr^:
Widmung
Die Jugend erziehen
HeiBt im Heute das Morgen
HeiBt im Stoffe den Geist
HeiBt im Erde[n]leben das Geistessein
pflegen.
Spruch
Dem Stoff sich verschreiben
HeiBt Seelen zerreiben
Im Geiste sich finden
HeiBt Menschen verbinden
Im Menschen sich schauen
HeiBt Welten erbauen
Motto fur die Padagogik
Durchdringe dich mit Phantasiefahigkeit,
habe den Mut zur Wahrheit,
scharfe dein Gefiihl fur seelische Verantwortlichkeit.
Ehrfurcht, Enthusiasmus, schiitzendes Gefiihl
Erfurcht vor dem, was dem Dasein des Kindes vorangeht.
Enthusiastischer Hinweis auf das,
was dem Kinde nachfolgt.
Schiitzende Bewegung fur das, was das Kind erlebt.
Vier goldene Regeln fur den Lehrerberuf
Der Lehrer sei ein Mensch der Initiative
im groBen und im kleinen Ganzen.
Der Lehrer soil ein Mensch sein, der Interesse
hat fur alles weltliche und menschliche Sein.
Der Lehrer soil ein Mensch sein, der in seinem
Inneren nie einen KompromiB schlieBt mit dem
Unwahren.
Der Lehrer darf nicht verdorren und nicht
versauern.
Fur die Schule in Hamburg-Wandsbek
Aus dem Ernst der Zeit
muB geboren werden
der Mut zur Tat.
Gebt dem Unterricht
Was der Geist Euch gibt,
und Ihr befreit die Menschheit
von dem Alpdruck,
der auf ihr lastet durch
den Materialismus.
Die drei goldenen Regeln
der Erziehungs- und Unterrichtskunst
Religiose Dankbarkeit gegenliber der Welt, die sich in dem
Kinde offenbart, vereinigt mit dem BewuBtsein, daB das
Kind ein gottliches Ratsel darstellt, das man mit seiner Er-
ziehungskunst losen soil. In Liebe getibte Erziehungs-
methode, durch die das Kind sich instinktiv an uns selbst
erzieht, so daB man dem Kinde die Freiheit nicht gefahr-
det, die auch da geachtet werden soil, wo sie das unbe-
wuBte Element der organischen Wachstumskraft ist.
Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen
In Liebe erziehen
In Freiheit entlassen
Drei goldene Regeln
fiir die Gedachtnisentwicklung
Begriffe belasten das Gedachtnis;
Anschaulich-Kiinstlerisches bildet
das Gedachtnis;
Willensanstrengung, Willensbetatigung
befestigt das Gedachtnis.
Ernst und Verantwortung
Wir miissen ja alle durchdrungen sein:
Erstens von dem Ernst der Sache. Es ist eine ungeheuer
wichtige Sache fiir uns gerade.
Zweitens miissen wir durchdrungen sein von der Verant-
wortung, die wir tragen, sowohl der Anthroposophie ge-
genliber wie der Kulturbewegung gegenuber, der sozialen
Frage gegenuber.
Und dann drittens das, was wir als Anthroposophen be-
sonders uns vorhalten miissen: die Verantwortung gegen-
uber den Gottern.
«Meditationsformel»
Wir wollen arbeiten, indem wir einflieBen
lassen in unsere Arbeit dasjenige, was aus
der geistigen Welt heraus auf seelisch-
geistige Weise und auf leiblich-physische
Weise in uns Mensch werden will.
Gebet
Lieber Gott, mache, daB ich mich in bezug
auf meine personlichen Ambitionen ganz
ausloschen kann.
Christus, mache besonders an mir wahr den
paulinischen Ausspruch: Nicht ich, sondern
der Christus in mir.
Das Wesen von Erziehung und Unterricht
Lebendig werdende Wissenschaft!
Lebendig werdende Kunst!
Lebendig werdende Religion!
«Neue Devise»
Ich will lernen,
Ich will arbeiten
Ich will lernend arbeiten
Ich will arbeitend lernen
«Devise»
Suchet das wirklich praktische materielle Leben,
aber suchet es so, daB es Euch nicht betaubt iiber
den Geist, der in ihm wirksam ist.
Suchet den Geist, aber suchet ihn nicht in iiber-
sinnlicher Wollust, aus ubersinnlichem Egoismus,
sondern suchet ihn, weil Ihr ihn selbstlos im
praktischen Leben in der materiellen Welt anwenden
wollt.
Wendet an den alten Grundsatz:
Geist niemals ohne Materie. Materie niemals ohne Geist -
in der Art, daB Ihr sagt: Wir wollen alles Materielle
im Lichte des Geistes tun, und wir wollen das Licht des
Geistes so suchen, daB es uns Warme entwickele fiir unser
praktisches Tun.
Der Geist, der von uns in die Materie gefuhrt wird,
die Materie, die von uns bearbeitet wird bis zu
ihrer Offenbarung, durch die sie den Geist aus sich
selber heraustreibt; die Materie, die von uns den
Geist geoffenbart erhalt - der Geist, der von uns an
die Materie herangetrieben wird, die bilden dasjenige
lebendige Sein, welches die Menschheit zum wirklichen
Fortschritt bringen kann, zu demjenigen Fortschritt,
der von den Besten in den tiefsten Unter-
grunden der Gegenwartsseelen nur ersehnt werden kann.
7C^, Kvq, K~^> tZ~i*
\
Spruch-Fragmente
Das Licht macht sichtbar
Stein Pflanze Tier und Mensch
Die Seele macht lebendig
Kopf, Herz, Hand und FuB
Es freut sich das Licht
Wenn Steine glanzen
Pflanzen bliihen, Tiere laufen
Und Menschen Arbeit leisten
So soil die Seele sich freuen
Wenn das Herz
Die Sonne gibt
Den Pflanzen Licht,
Weil die Sonne
Die Pflanzen liebt;
So gibt ein Mensch
Dem andern Licht
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So 11^ ^
Spruch
Sonnenliebe dringt leuchtend
In das Pflanzenleben,
Und machet es griin;
So kam die Menschenliebe
In die Herzen
Sonnenlicht durchdringt
Die Pflanze liebevoll,
Und machet sie griin;
Menschenliebe durchdringt
Die anderen Menschen
Sonnenlicht machet
Die Pflanzen griin,
Leuchtende Sonne
Tagbeschiitzendes Wesen
Spruchgut fiir Schiller
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Morgenspruch fur die vier unteren Klassen
Der Sonne liebes Licht,
Es hellet mir den Tag;
Der Seele Geistesmacht,
Sie gibt den Gliedern Kraft;
Im Sonnen Lichtes Glanz
Verehre ich, o Gott,
Die Menschenkraft, die Du
In meine Seele mir
So giitig hast gepflanzt,
DaB ich kann arbeitsam
Und lernbegierig sein.
Von Dir stammt Licht und Kraft,
Zu Dir strom' Lieb' und Dank.
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die IvUr o^t J^truyt Ce£c£ *
J?«^? ^-v// Je^c^,
Morgenspruch fur die oberen Klassen
Ich schaue in die Welt,
In der die Sonne leuchtet,
In der die Sterne funkeln;
In der die Steine lagern,
Die Pflanzen lebend wachsen,
Die Tiere fiihlend leben,
In der der Mensch beseelt,
Dem Geiste Wohnung gibt;
Ich schaue in die Seele,
Die mir im Innern lebet.
Der Gottesgeist, er webt
Im Sonn'- und Seelenlicht,
Im Weltenraum, da drauBen,
In Seelentiefen, drinnen. -
Zu Dir o Gottesgeist
Will ich bittend mich wenden,
DaB Kraft und Segen mir
Zum Lernen und zur Arbeit
In meinem Innern wachse. -
OA wHj m Sttft to,
Spruch zum Beginn
des freien christlichen Religionsunterrichts
Im hellen Sonnenlichte,
Das Kraft der Erde bringt;
Im griinen Pflanzenwesen,
Das aus den Tiefen dringt,
Und auch in Weltenweiten,
Die Sternen Wohnung geben,
Und in dem Menschenauge,
Wo Sinneskrafte weben:
Da ahn' ich Gotteswalten,
Das mir im Geist erscheinet,
Mit dem in Seelengrunden
Mein ganzes Sein sich einet;
DaB so selbst Geist ich werde
Als Mensch im Stoff der Erde.
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Spriiche
Der Sonne Licht
Es scheinet uns
Der Seele Kraft
Sie ist erwacht
Aus Schlafes Ruhe
Der Sonne Licht
Es hellt den Tag
Nach finstrer Nacht:
Der Seele Kraft
Sie ist erwacht
Aus Schlafes Ruh':
Du meine Seele
Sei dankbar dem Licht
Es leuchtet in ihm
Des Gottes Macht;
Du meine Seele
Sei tuchtig zur Tat
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9
Spuch zum Beginn des altsprachlichen Unterrichts
Wer der Sprache Sinn versteht,
Dem enthullt die Welt
Im Bilde sich;
Wer der Sprache Seele hort,
Dem erschlieBt die Welt
Als Wesen sich;
Wer der Sprache Geist erlebt,
Den beschenkt die Welt
Mit Weisheitskraft;
Wer die Sprache lieben kann,
Dem verleiht sie selbst
Die eigne Macht.
So will ich Herz und Sinn
Nach Geist und Seele
Des Wortes wenden;
Und in der Liebe
Zu ihm mich selber
Erst ganz empfinden.
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M~. lt I I . A." $L.7~Jluu W /J - ,
Spruch-Fragment fur den Altsprachenunterricht
Es leuchtet die Sonnenhelle den Erdenwesen,
Es strahlet die Geistessonne den Menschenseelen;
Die Erdenwesen, sie hungern nach Sonnenhelle,
Die Menschenseelen, sie diirsten nach Geistessonne
Und Sonnenhelle, sie nahret die Erdenwesen
Und Geistessonne, sie tranket die Menschenseelen
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J)
Spruch fiir die abgehende zwolfte Klasse
In den Weiten der Lebenswege
Soil sich spiegeln,
Was im lieben Jugendhause
Wie das Siegel
Echten Menschenwesens
In das Herz
Sich gepragt.
In der Tiefe der Erinnerung
Soli sich stark erweisen,
Was die Seele durfte finden
In Herzenskreisen -
Durch die Geistesfiihrerschaft,
In den Kraften
Lieber Lebensschulimg.
Meine Gedanken fliegen zur Schule hin
Dort wird mein Korper gebildet
Zur rechten Tatigkeit
Dort wird meine Seele erzogen
Zur rechten Lebenskraft
Dort wird mein Geist erweckt
Zum rechten Menschenwesen.
Meine Gedanken sollen hineilen zu
der lieben Waldorf schule; dort wird mein
Korper gestaltet zu rechter Ttichtigkeit und
Arbeit, dort wird meine Seele entwickelt
zu starker Lebenskraft, dort wird mein Geist
erweckt zu wahrem, tuchtigem Menschentum.
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Spriiche
Im Lernen erwirbt der Mensch
sich Lebenskraft.
Ich will achtgeben auf mich
im Sprechen und Denken.
Ich will achtgeben auf mich
im Sprechen und Handeln.
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Lernen, aufmerksam sein,
FleiB entwickeln
Es sei mir ins
Herz geschrieben
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Brief an die Schiilerinnen und Schiiler
der Freien Waldorfschule in Stuttgart
Goetheanum, 15. Marz 1925
An meine lieben Schiilerinnen und Schiiler der Waldorfschule.
Zu meinem groBen Leide kann ich durch lange Zeit jetzt nicht
unter Euch sein. Und es gewahrte mir doch stets die groBte
Befriedigung, wenn ich unter meinen lieben Schiilerinnen und
Schiilern einige Zeit zubringen konnte. So lange es nicht sein
kann, will ich viele herzliche und gute Gedanken zu Euch
senden.
Ihr habt mir ja auch durch Ubersendung von Eueren Arbei-
ten groBe Freude gemacht. Ich sende Euch den herzlichsten
Dank dafiir.
Hoffentlich kann ich bald wieder unter Euch erscheinen.
Allen einen herzlichsten GruB
Rudolf Steiner
ANHANG
Wandtafelzeicrmung von Rudolf Steiner
zum Vortrag vom 5. Juli 1924
im Rahmen des «Heilpadagogiscfaen Kurses»
Kreide auf Papier
Originalformat 142 x 98 cm
Rudolf Steiner; Studie Christus-Antlitz
Aquarell und Bleistift, 23 x 19 cm, 1917 (verkleinert)
Leonardo da Vinci
Christus. Entwurf zum Abendmahlsbild («II Redentore»)
Brera Pinakothek, Mailand
Altar mit Stiihlen und Teppichkreuz
Freie Waldorfschule Uhkndshohe, Stuttgart
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwalttmg Buch: 269 Seite: 226
II I II 1 1
Altar fur die Schulhandlungeri
Freie Waldorfschule Uhlandshohe, Stuttgart
HINWEISE
Zu dieser Ausgabe
Editorisches: Die in diesem Band wiedergegeben Wortlaute Rudolf Steiners
basieren auf Vortragsnachschriften (Stenogrammen und Stenogramm-Uber-
tragungen) sowie auf handschriftlichen Aufzeichnungen in Notizbuchern
(NB), Notizzetteln (NZ) und Briefen oder auf Abschriften, deren Authen-
tizitat durch Personlichkeiten aus dem naheren Umkreis von Rudolf Stei-
ner verbiirgt ist. Naheres zu den einzelnen Texten siehe in den nachfolgen-
den Hinweisen.
Handschriftenwiedergaben: Die in den vorliegenden Band aufgenommenen
Handschriftenwiedergaben erscheinen aus Platzgrunden verschiedentlich
leicht verkleinert. Die Transkriptionen sind wortwortlich. Lediglich veral-
tete Schreibweisen wurden der heutigen angepaBt.
Die Ausfiihrungen von Herbert Hahn - mit Ausnahme der beiden Briefe -
und Maria Lehrs-Roschl sind verschiedentlich in internen Arbeitsmateriali-
en der Waldorfschulen publiziert worden. Die Ausziige aus den Briefen
von Rene Maikowski werden hier erstmals einer breiteren Leserschaft zu-
ganglich gemacht.
Von ausfiihrlichen Angaben zu den Lehrer-Biographien in den Hinweisen
wurde hier abgesehen. Siehe hierzu «Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner in
der ersten Waldorfschule», hg. von Gisbert Husemann und Johannes
Tautz, Stuttgart 1977, sowie Johannes Tautz «LehrerbewuBtsein im 20.
Jahrhundert. Erlebtes und Erkanntes», Dornach 1995. - Wortlaute Rudolf
Steiners zur religiosen Erziehung im allgemeinen und den freien christ-
lichen Religionsunterricht sowie die Schulhandlungen im besonderen sind
«als Arbeitsmaterial fur Waldorfpadagogen» publiziert unter dem Titel
«Zur religiosen Erziehung», herausgegeben von der «Padagogischen For-
schungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen in Stuttgart», 1985.
Der Titel des Bandes stammt vom Herausgeber.
Hinweise zum Text
Innerhalb der Gesamtausgabe (GA) erschienene Werke Rudolf Steiners wer-
den in den Hinweisen mit der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch
die Ubersicht am SchluB des Bandes.
Zur Einfiihrung
Zu Seite
17 Vortrag vom 4. Oktober 1921: Gehalten im Rahmen des zweiten Kurses
fur Theologen und Studenten der Theologie. Vollstandige Wiedergabe in
Band II der «Vortrage und Kurse iiber christlich-religioses Wirken», GA
343, Dornach 1993.
Ritualtexte
41 Vorbereitung: Spruch «Durch deine Kraft, o Gottesgeist». Wiedergabe
nach dem Vortrag vom 4. Oktober 1921. Siehe vorangehenden Hinweis.
Im Archiv befindet sich lediglich eine Abschrift. Das Original liegt nicht
mehr vor. In dem genannten Vortrag auBert sich Rudolf Steiner zu dem
Spruch wie folgt: «Der Handelnde kann sich in der Weise in die richtige
Gesinnung einfiihren, daB er vor der Handlung zu sich selber spricht:
... (es folgt der Spruch) ... durch die Worte, die er in Gedanken zu sich
spricht, wird der Handelnde, bevor die Kinder eingelassen werden, sich
vorbereiten.»
42 Sonntagshandlung: Wiedergabe nach einer Abschrift. Rudolf Steiner hatte
in der Weihnachtszeit 1919 den Text den beiden Religionslehrern, Her-
bert Hahn und Friedrich Oehlschlegel, gegeben, die sich eine Abschrift
angefertigt haben. Das Original gilt als verschollen. Der eigentliche Ri-
tualtext ist identisch mit dem von Rudolf Steiner im Vortrag vom 4. Ok-
tober 1921 (s. o.) gesprochenen Wortlaut. Inwiefern die den Hand-
lungsablauf erlauternden Worte in der vorliegenden Form von Rudolf
Steiner stammen, laBt sich nicht mehr exakt feststellen. - Siehe auch die
Chronik zur Entstehungsgeschichte der Schulhandlungen sowie die Aus-
fiihrungen von Herbert Hahn im vorliegenden Band.
45 Sonntagshandlung am Pfingstsonntag: Wiedergabe nach Abschrift. Ein
Original existiert nicht. Angaben im Handlungstext, die nicht nachweis-
lich von Rudolf Steiner stammen, sind in runde Klammern gesetzt.
«Veni Creator Spiritus»: Dieser Hymnus (urspriinglich in lateinischer
Sprache verfaBt) wurde friiher Papst Gregor d. Gr. zugeschrieben. Heute
gilt Hrabanus Maurus als sein Verfasser. Goethe hat den Text am 9. April
1820 (It. Tagebuch) iibersetzt. Am 14. April schickte er den Text an Zelter
nach Berlin mit der Bitte, ihn zu vertonen: «Zu beiliegender Hymne
wiinsche eine wahrhaft Zeltersche Komposition, damit solche jeden
Sonntags vor meinem Hause chormaBig moge gesungen werden ... Der
Paraklet (das ist der heilige Geist) walte harmonisch iiber dem Freund
jetzt und immerdar.» (Siehe Artemis-Ausgabe der Werke Goethes, Bd.
15, S. 1103). Die hier wiedergegebene Fassung entspricht dem Wortlaut in
der Sophien-Ausgabe der Werke Goethes, Bd. 4, S. 329/30, Weimar 1891.
Die Rechtschreibung wurde der heute gebrauchlichen angepaBt.
47 Weihnachtshandlung: Der Wortlaut des Rituals entspricht dem im Vor-
trag vom 4. Oktober 1921 (s. o. ). Die erlauternden Worte sind einer
Abschrift entnommen. Der Original-Text ist nicht erhalten geblieben.
53 Jugendfeier: Wiedergabe nach der Originalhandschrift von Rudolf Steiner
(Archiv-Nrn. NZ 5385-5389). Siehe auch die Chronik zur Entstehungs-
geschichte der Schulhandlungen. Der Text, der der Konfirmation in der
Christengemeinschaft zugrunde liegt, weist geringfugige Abweichungen
auf, mit denen Rudolf Steiner einer Bitte von Emil Bock entsprochen hat.
63 Opferfeier: Wiedergabe nach der Originalhandschrift von Rudolf Steiner
(Archiv-Nrn. NZ 3553-3541). Siehe auch die Ausfiihrungen von Herbert
Hahn, Maria Lehrs-Roschl und Rene Maikowski sowie die Chronik zur
Entstehungsgeschichte der Schulhandlungen.
Evangelien- Texte
83 Der Anfang des Johannes-Evangeliums, Kap. 1. 1-14: Ubertragung von
Rudolf Steiner. Wiedergabe nach Original, Archiv-Nr. NZ 3477-3478.
Die Originalhandschrift ist nicht datiert, diirfte aber schon aus dem Jahr
1906 sein. Siehe den Vortrag vom 2. Dezember 1906 «Das Mysterium von
Golgatha», in «Das christliche Mysterium», GA 97. Im Vortrag vom 8. 9.
1922 (in GA 344) tragt Rudolf Steiner auch noch die Verse 15-18 vor.
Von diesen liegt keine schriftliche Unterlage vor.
85 Das Hohepriesterliche Gebet, Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-8, 24, 26:
Ubertragung von Rudolf Steiner «aus dem Urtexte heraus». Erstmals ge-
geben am 21. September 1922 in einem Vortrag iiber die «sogenannte
letzte 01ung», gehalten im Rahmen der Vortrage bei der Begriindung der
Christengemeinschaft, in Bd. Ill der «Vortrage und Kurse iiber christ-
lich-religioses Wirken», GA 344. Quelle: Notizbuch Rudolf Steiners, Ar-
chiv-Nr. NB 288. Am 7. Oktober 1922 hatte sich Maria Roschl eine Ab-
schrift angefertigt und dazu notiert: «Dieses gab Dr. Steiner durch mich
fur unsere Jugendfeier. Den Priestern der Christengemeinschaft gab er
zunachst auch dieses. Dann aber sagte er ihnen, sie sollten dieses nur fiir
die letzte Olung gebrauchen und gab ihnen eine andere Ubersetzung und
zwar von Joh. 17, 1-9. » (Aus einem Notizbuch von M. Roschl).
Das Gebet Jesu, das im jetzigen Text des Johannes-Evangeliums die
Abschiedsreden abschlieBt, wird seit Chytraus (1531-1600) das Hohe-
priesterliche Gebet genannt, wohl weil Jesus hier, Priester und Opfer zu-
gleich, Fiirbitte tut und sich selber <heiligt>, d. h. als Opfer in den Tod
geht. (vgl.«Die Religion in Geschichte und Gegenwart» Bd. 3, Tubingen
1986. )
89 Johannes-Evangelium, Kap. 17. 1-9: Im Vortrag vom 14. Juli 1923 spricht
Rudolf Steiner ausfiihrlich iiber die Notwendigkeit einer «Art Wiederauf-
erweckung der alten Geistigkeit», um «den Sinn der religiosen Dokumen-
te wirklich zu erfassen». Als «eine kleine Probe» einer Ubersetzung eines
Evangelientextes in die deutsche Sprache gibt er dann seine Ubertragung
von Johannes 17, Vers 1-9, und fiigt ausfiihrliche inhaltliche Erlauterun-
gen hinzu. Siehe Bd. IV der «Vortrage und Kurse iiber christlich-religio-
ses Wirken», GA 345. - Wiedergabe nach Original, Archiv-Nr. NZ 3479.
- Tiber die Verwendung dieser Ubersetzung im Rahmen kultischer
Handlungen liegt von Rudolf Steiner selbst keine Angabe vor. Auf eine
Frage von Emil Bock, betreffend den Unterschied der beiden Uberset-
zungen (siehe Hinweis zu S. 85), habe Rudolf Steiner geantwortet: «Mit
den beiden Ubersetzungen ist nichts gemeint gewesen, was zwei Typen
statuieren soil. Die zweite Ubersetzung ist immer die bessere, wenn aus
dem geistigen Lesen ein Text zweimal gegeben wird.»
Der Wortlaut wurde erstmals veroffentlicht in «Was in der Anthropo-
sophischen Gesellschaft vorgeht», 10. Jg. Nr. 16 vom 16. April 1933.
Zur Entstehungsgeschichte und Gestaltung
der Schulhandlungen
93 Herbert Hahn (Pernau/Estland 1890-1970 Stuttgart), Dr. phil., vor dem
Ersten Weltkrieg Oberlehrer in RuBland, wahrend des Krieges Militar-
dolmetscher, nach dem Krieg zunachst Leiter der Arbeiter-Bildungsschu-
le der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, ab 1919 Lehrer fiir
Franzosisch und des freien Religionsunterrichtes an der Waldorfschule in
Stuttgart, ab 1931 in Den Haag. Diese und auch die folgenden Aufzeich-
nungen (Hinweise zu den einzelnen Handlungen) stammen aus dem Jahr
1954. Sie wurden damals in Manuskript-Vervielfaltigungen den Lehrern
an Rudolf Steiner- und Waldorf-Schule r| zuganglich gemacht. Der Auf-
satz «Zur Entstehungsgeschichte ...» wurde zudem veroffentlicht durch
die Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen in Stuttgart
(«zum internen Gebrauch») innerhalb des Bandes «Zur religiosen Erzie-
hung. Wortlaute Rudolf Steiners als Arbeitsmaterial fiir Waldorfpadago-
gen», Stuttgart 1985
dafi betrdchtliche Gruppen evangelischer und katholischer Eltern darauf
Wert legten: Hieraus und aus den vorangehenden sowie folgenden Satzen
konnte der SchluB gezogen werden, daB Rudolf Steiner grundsatzlich kei-
nen Religionsunterricht vorgesehen habe. Dies trifft nicht zu. Bereits am
Vorabend des ersten Schulungskurses fiir die angehenden Lehrer, am 20.
August 1919 - also mehr als zwei Wochen vor Eroffnung der Waldorf-
schule -, sagte Rudolf Steiner: «Die religiose Unterweisung wird in den
Religionsgemeinschaften erteilt werden. Die Anthroposophie werden wir
nur betatigen in der Methodik des Unterrichts. Wir werden also die Kin-
der an die Religionslehrer nach den Konfessionen verteilen.» (Aus: Ru-
dolf Steiner, «Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Padagogik»,
GA 293, 9. Aufl., Dornach 1992, S. 15).
Friedrich Oehlschlegel (geb. in Apolda 1891). War zunachst Lehrer an
amerikanischen Schulen, dann Lektor fiir die englische Sprache an der
Universitat Marburg. 1919 Klassenlehrer der 6. Klasse sowie Lehrer fiir
Englisch und den freien Religionsunterricht. VerlieB bereits Anfang 1920
die Waldorfschule, um nach Amerika zu gehen.
Konferenz vom 26. September 1919: Siehe Rudolf Steiner, «Konferenzen
mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart», Bd. I, GA 300a.
Emil Molt (Schwabisch Gmiind 1876-1936 Stuttgart). Direktor der Wal-
dorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Seit 1907/08 Mitglied in der Theosphi-
schen-, spater Anthroposophischen Gesellschaft. War maBgebend an der
Entstehung der Dreigliederungsbewegung im Fruhjahr 1919 beteiligt.
Mitbegriinder der «Der Kommende Tag AG» und der «Futurm AG» und
Griinder der Freien Waldorfschule in Stuttgart. Siehe auch Emil Molt
«Entwurf meiner Lebensbeschreibung», Stuttgart 1972. - Die Anregung,
Sonntagshandlungen einzurichten, geht auf Emil Molt und seine Frau
zuriick: «Zum Religionsunterricht traten als Neues die Sonntagshandlun-
gen. Meine Frau und ich, wir beide, hatten an Dr. Steiner den Wunsch
herangetragen, fiir Eltern und Kinder etwas zu geben, was das uberholte
Kirchengehen ersetzen konnte (...) Wie immer in solchen Fallen fand
sich Rudolf Steiner sofort bereit und richtete innerhalb kurzer Zeit eine
Art kultische Handlung fiir die Kinder ein, an der Lehrer, Eltern und
Anverwandte als Zuhorer teilnehmen durften, und bei der auch er selbst
nicht fehlte, wenn er gerade in Stuttgart war (...) Wir empfanden diese
Einrichtung als ein besonderes Gnadengeschenk voller Weihe und Kraft,
und wir waren deshalb darauf aus, moglichst jeden Sonntag daran teilzu-
nehmen ...» (Aus dem Manuskript - S. 312/313 - von E. Molts «Erinne-
rungen». Diese Stelle wurde spater von den Herausgebern nicht in die
oben genannte Publikation aufgenommen.)
«Das mufi dann schon ein Kultus sein!»: Rudolf Steiners Kultus-Begriff
ist ganz aus seinem geisteswissenschaftlichen Forschungszusammenhang
hervorgegangen und daher auch nicht mit gangigen Auffassungen
vergleichbar. Eine ausfiihrliche Hinfiihrung zu seinen Anschauungen gibt
Hella Wiesberger in ihrer Einfiihrung zu dem Band «Zur Geschichte und
aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen
Schule», GA 265, S. 11-42.
«Wiederankniipfung an unsere durch den Krieg unterbrochene Esoterik»:
Gemeint ist hier die von Rudolf Steiner 1904 eingerichtete und geleitete
<Esoterische Schule>, die mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Som-
mer 1914 eingestellt wurde. Siehe hierzu innerhalb der Rudolf Steiner
Gesamtausgabe die Veroffentlichungen «Zur Geschichte und aus den In-
halten der Esoterischen Schule», GA 264-266.
97 Bertha Molt (Calw 1876-1939 Stuttgart), unterrichtete Handarbeit und
Buchbinden. Ehefrau des Schulgriinders Emil Molt.
Hertha Kdgel (Berlin 1881-1923 Liittringhausen), 1919 Klassenlehrerin
der 4. Klasse. MuBte aus gesundheitlichen Grunden mit Schuljahresende
(Sommer 1920) ihre Lehrtatigkeit beenden.
Leonardo da Vincis in der Brera in Mailand aufbewahrte farbige Skizze:
Siehe die Abbildung S. 225 im vorliegenden Band. Rudolf Steiner hat die-
ses Bild auch gezeigt in seinem Dia-Vortrag vom 1. November 1916, je-
doch nur geauBert, daB es sich um einen Christus-Kopf handelt, «der, wie
geglaubt wird, ein friiherer Versuch ist.» In: «Kunstgeschichte als Abbild
innerer geistiger Impulse», GA 292 (2 Bde. ) Im Bildband ist das Bild
unter Abb. Nr. 108 in schwarz-weiB reproduziert.
98 Ernst Uebli (Andelfingen/Schweiz 1875-1959 Kiisnacht/Ziirich), ab 1920
Lehrer zunachst fur Religion, dann fiir Geschichte, Deutsch und Kunst-
geschichte in der Oberstufe.
Wilhelm Ruhtenberg (Riga 1888-1954 Bensberg), protestantischer Pfar-
rer; ubernahm im Januar 1920 die vierte Klasse, spater auch Religions-
lehrer.
Adolf Arenson (Altona 1855-1936 Bad Cannstatt), seit 1902 Mitglied der
Theosophischen-, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Von 1904-
1913 Mitglied des Vorstandes. Griindete zusammen mit Carl Unger den
Hauptzweig in Stuttgart und war dort maBgebend an der anthroposophi-
schen Arbeit beteiligt. Auf Veranlassung Rudolf Steiners schrieb er die
Musik zu dessen vier Mysteriendramen. Arensons Hauptwerk: «Leit-
faden durch 50 Vortragszyklen Rudolf Steiners», Stuttgart (mehrere Auf-
lagen).
Sigismund von Gleich (Ludwigsburg 1896-1953 Zeist/Holland), Autor,
Redakteur und Vortragsredner innerhalb der anthroposophischen Be-
wegung.
Karl Schubert (Wien 1889-1949 Stuttgart), Kam im Fruhjahr 1920 als
Lehrer fiir die neu eingerichtete Hilfsklasse. Erteilte auch Religionsunter-
richt. Spater half er beim Aufbau heilpadagogischer Institute in Deutsch-
land und im Ausland.
99 Anfang des Johannes-Evangeliums: Siehe in diesem Band auf S. 83.
100 Maria Roschl-Lehrs (Lancut/Osterr.-Polen 1890-1969 Eckwiilden). Ab
1921 Lehrerin fiir Latein und Griechisch, spater auch Religion. 1924-
1931 Leiterin der Jugendsektion am Goetheanum.
101 nach seinem grundlegenden methodischen Vortrag ... 1919: Gemeint sind
die Ausfiihrungen Rudolf Steiners im Rahmen der Lehrerkonferenz vom
26. 9. 1919, in «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule
in Stuttgart», Bd. I, GA 300a.
118 Die Texte sollen im Sinne Dr. Steiners: Hierzu ist keine authentische
AuBerung Rudolf Steiners uberliefert. Die Formulierung Hahns - «im
Sinne Dr. Steiners» - deutet darauf hin, daB es sich hier eher um eine
Interpretation handelt, denn in anderen Fallen benutzt Hahn Formulie-
rungen wie «Dr. Steiner bemerkte», «Dr. Steiner machte darauf aufmerk-
sam».
120 Herr Rebstein: Wahrscheinlich Otto Rebstein (gest. 1944), der in der
LandhausstraBe, dem Stuttgarter Wohnsitz Rudolf Steiners, wohnte.
121 Paul Baumann (Oberrotweil 1887-1964 Fechy), von Anfang an Lehrer an
der Waldorfschule fiir Musik, Religion und Franzosisch.
Max Wolffiugel (Berlin 1880-1963 Stuttgart), ab Herbst 1920 Werkleh-
rer, spater auch Religionslehrer.
124 In der Besprechung ... am 9. Dezember 1922: Noch nicht in der Gesamt-
ausgabe publiziert. Vorgesehen fiir die Neuauflage des zweiten Bandes
der «Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule», GA 300b.
Veroffentlicht in «Zur religiosen Erziehung. Wortlaute Rudolf Steiners
als Arbeitsmaterial fiir Waldorfpadagogen», hg. von der Forschungsstelle
beim Bund der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 1985, S. 154ff.
125 In friiheren Ausfiihrungen Rudolf Steiners: Der in Koln am 17. Marz 1905
gehaltene Vortrag «Uber die Bedeutung der Messe im Sinne der Mystik»
ist publiziert in der Schriftenreihe «Beitrage zur Rudolf Steiner
Gesamtausgabe», Heft 110: «Die Erneuerung des religiosen Lebens. Vor-
trage, Briefe und Dokumente 1905-1922», Dornach 1993.
126 Kasseler Johannes-Evangelium-Zyklus: Vortragszyklus, gehalten von Ru-
dolf Steiner vom 24. Juni bis 7. Juli 1909 in Kassel: «Das Johannes-Evan-
gelium im Verhaltnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zum
Lukas-Evangelium», GA 112. Im Jahr zuvor hatte Rudolf Steiner in
Hamburg einen Vortragszyklus gehalten unter dem Thema: «Das Johan-
nes-Evangelium», GA 103.
127 Im Jahre 1911 besprach er im Zyklus «Von Jesus zu Christus»: GA 131,
gehalten in Karlsruhe, Vortrag vom 13. Oktober.
130 «Das Michaelsmysterium»: In «Anthroposophische Leitsatze», GA 26.
Koln, 27. April 1905: Noch nicht publiziert.
Friedrich Rittelmeyer: «Meine Lebensbegegnungen mit Rudolf Steiner»,
11. Aufl. Stuttgart 1993.
132 Rene Maikowski (Berlin 1900-1992 Oyten), Studium der Geschichte und
Sozialwissenschaften in Lausanne. Geschaftsfiihrer des «Bundes fiir
anthroposophische Hochschularbeit». Lehrtatigkeit an verschiedenen
Waldorfschulen im In- und Ausland.
Helmut von Kugelgen (geb. in Reval 1916), Studium (Journalismus) und
Promotion in Berlin. Klassen- und Religionslehrer an der Waldorfschule
Uhlandshohe in Stuttgart. Redakteur der Zeitschrift «Erziehungskunst»
und Griinder der «Internationalen Vereinigung der Waldorfkinder-
garten».
Hochschulbund: Im Zusammenhang mit der Dreigliederungsbewegung
hatte sich 1920 in Stuttg
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