Schicksalsbildung und Leben nach dem Tode

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Schicksalsbildung 
und Leben nach dem Tode 

Sieben Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 16. November bis 21.Dezember 1915 



1981 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaUverwaltung 

Die Herausgabe der 2.Auflage besorgte Robert Friedenthal 
Die Durchsicht der 3.Auflage besorgte Caroline Wispier 



l.Auflage {Zyklus 40), Berlin 1919 

2.Auflage, Gesamtausgabe Dornach I960 
Ein Teil der 2.Auflage erschien mit dem Zyklus 
• Menschenschicksale und V61kerschicksale», Berlin 1915, 
in der Gesamtausgabe in einem Band 

3. Auflage, erweitert um den Vortrag Berlin, 19- 12. 1915 
Gesamtausgabe Dornach 1981 



Einzelausgabe 

Berlin, 19 De2ember 1915, «Der Weihnachtsgedanke 
und das Geheimnis des Ich» 
Berlin 1916, Dornach 1935, 1969, 1977 



Bibliographie-Nr. 157a 

Einbandzeichen von Assia Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaUverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1953 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen 

ISBN 3-7274-1575-4 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent- 
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche 
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der 
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser 
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung 
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie- 
ren konnte, muU gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor- 
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, daU in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.* 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufXert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang- {35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchlulS 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaf^en auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaiJ ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Berlin, 16. November 1915 

Das geistige Leben in der physischen Welt 

und das Leben zwischen Tod und neuer Geburt 

Das Naheriicken der Fragen nach der geistigen Welt in der Gegen- 
wart. Das Umfassende der geistigen Welt und des Menschen als Mi- 
krokosmos gegeniiber dem irdischen Wissen davon. Das Leben zwi- 
schen Tod und neuer Geburt und die kurze Zeit des irdischen Le- 
bens. Das geregelte Ergreifen und Individualisieren der allgemein- 
menschlichen Grundlage des Vererbungsstromes beim Eintritt ins ir- 
dische Leben; Notwendigkeit einer kontinuierlichen Ich-Vorstellung 
fiir ein gesundes Tagesleben. Geordnetheit des Lebens nach dem 
Tode. Bewahren des Ich-BewulStseins durch den besonderen Charak- 
ter der Lebensriickschau. Die Bedeutung des Todesaugenblickes fiir 
die Erkraftung des Ich-Bewufitseins. Uber die geisteswissenschaft- 
liche Erforschung des Schlafes und den Zusammenhang mit Wesen 
und Dauer des Kamalokazustandes, Das nachtodliche Gedachtnis fiir 
das im Schlaf Verarbeitete. Der Charakter des nachtodlichen Lebens 
von jung Verstorbenen; ihre Hilfe fiir sich gerade inkarnierende See- 
len, ihr starker spirituell durchleuchteter Riickblick. Bedeutung des 
Todes der vielen jungen Menschen fiir die Menschheitsentwickelung: 
Erfrischung des spirituellen Lebens fiir die Zukunft. 

ZwEiTER Vortrag, 18. November 1915 

Das Erleben der Wirkungen des letzten Erdendaseins und 

ihre Umwandlung in Krafte fiir die nachste Inkarnation 

Der Tod der Miinchener Zweigleiterin Sophie Stinde. - Das notwen- 
dige Aufsuchen tieferer Zusammenhange in den schweren Zeitereig- 
nissen. Vergleich mit den grofSen Kampfen zu Beginn des Mittelal- 
ters: Pragung Europas fiir die folgenden Jahrhunderte in politischer, 
wie geistig-kultureller Hinsicht. Vergleich der geistigen Kraft des Ka- 
takombenchristentums mit der zu entfaltenden Kraft intimer geistes- 
wissenschaftlicher Arbeit in der Gegenwart. Bedeutung und Aufgabe 
des anthroposophischen Zweiglebens. - Zustandekommen des Ich- 
BewuiJtseins nach dem Tode durch «AnstofSen» am vorher Erlebten 
im Lebenstableau, wie wahrend des irdischen Lebens am physischen 
Leib. Das Kamaloka- Leben: sich gewohnen in eine Seelen- und We- 
senswelt als Innenerlebnis des Menschen. Vom Erkennen der ande- 
ren Seelen. Das riicklaufige Erleben der Wirkungen vergangener Er- 
dentaten. Entwicklung der Krafte zum Karmaausgleich. - Mehr 



nach aufien aktive und starker verinnerlichte Lebenshaltung und ihr 
Zusammenhang mit dem Tode vor oder nach dem fiinfunddreiCigsten 
Lebensjahr im letzten Erdenleben. Bliite- und Sl:erbezeiten in der 
Menschheitsgeschichte: der Tod vieler Menschen als Same fiir spateres 
geistiges Aufbliihen. 



Dritter VoRTRAG, 20. November 1915 

Die Untergriinde des Seelenlebens 

und das Geistleben nach vorzeitigem Tode 

Das Ergreifen der Wesensglieder des Menschen in den nachatlanti- 
schen Epochen. Die Ausbildung der BewufJtseinsseele in der Gegen- 
wart durch die Verbindung, die das Ich mit dem physischen Leib ein- 
geht. Das Verdecktwerden der tieferen Weisheiten des Atherleibes, 
des hellseherischen Wissens des Astralleibes und der hochsten Hell- 
seherkrafte des wahren Ich. Die Entwicklung des Menschen als per- 
sonhches Erringen und Herausarbeiten dieser Krafte. - Die Bedeu- 
tung der vielen Opfertode. Das Zuriickbringen nicht im Erdenleben 
aufgegangener Krafte des Atherleibes, Astralleibes und des Ich. Der 
Unterschied des «Seins» im irdischen und im nachtodlichen Leben: 
dort «ist» nur, was tatig zur Imagination gebracht wird; das gegen- 
standlich vorhandene Sein des Irdischen ist dort Hemmnis. Idealis- 
mus im Irdischen: Kraft gegen den Materialismus, Zeugnis vom 
Nicht-Seienden, Sein-Sollenden. Die durch einen Opfertod gegange- 
nen Seelen als «Idealisten der geistigen Welt»: Kiinder der hohen gei- 
stigen Aufgabe des Erdenlebens. Ihr Verbundensein mit dem All- 
gemein-Menschlichen der Erde auch wahrend des nachtodlichen 
Lebens. Wirkungen des Opfertodes in einer folgenden Inkarnation. 
Das Angewiesensein der Erdenzukunft auf die Friichte der Lebens- 
opfer. 



ViERTER VoRTRAG, 7. Dczember 1915 

Der Zusammenhang der geistigen und physischen Welt 

im Hinblick auf das Leben nach dem Tode 

Der tiefgreifende Wandel im Verhaltnis zu einem Menschen durch 
den Tod. Der Unterschied der Erinnerung an etwas irdisch Vergange- 
nes und an einen Verstorbenen. Die Wahrnehmung des Verstorbe- 
nen in bezug auf die irdische Welt, auf die ihm verbundenen Seelen 
und auf die Erinnerungen dieser Seelen an ihn. Die Frage nach der 
Bedeutung der letzteren fiir den Verstorbenen. Vom Leben mit einer 
grofien Frage. Das Wesen kiinstlerischen Darstellens: Geistiges in 
den notwendigen Ablauf des Irdischen hineinzuzaubern. Die innere 



Entsprechung dazu fiir die Verstorbenen : in der Gesetzmafiigkeit ih- 
res nachtodlichen Lebens die Erinnerungen der Erdenmenschen als- 
das Aufleuchten von Schonheit zu erieben. Der tiefe Zusammenhang 
zwischen irdischer und geistiger Welt. - Das umfassende «Wissen» 
des Astralieibes im Verhaltnis zu Wissen und Absichten des Oberbe- 
wuCtseins. Das Wirken des schiitzenden Angelos im Astralleib. Die 
feine, verschiebbare Grenze zwischen dem Walten der hoheren 
Weisheit und den bewufiten Absichten des Menschen. Gefahren fiir 
die Lebensfiihrung, wenn der Egoismus in die tieferen Bereiche des 
Astralieibes hinunterdringt. Uberwindung des Egoismus durch Er- 
weiterung der Interessen und geistige Anstrengung. - Das *Altern» 
des physischen Leibes und das *Jungern» des Atherleibes. 



FuNFTER VoRTRAG, 14.Dezember 1915 

Von unterbewufSten Seelenimpulsen 

Der zweifache Mensch: insofern er durch das physische Werkzeug 
ein gewohnliches BewufXtsein hat und insofern in ihm ein tieferes, 
Zusammenhang schaffendes BewufStsein eines «inneren Zuschauers* 
lebt; die verschiebbare Grenze dazwischen. Die Erinnerung im ge- 
wohnlichen Bewufitsein und ihre Verwandlung durch das Ankniip- 
fen an den tieferen Menschen. Besprechung der Novelle «Hofrat Ey- 
senhardt* von A.v. Berger: ein Beispiel fiir das vorhandene Streben 
nach dem Geistigen und der Moglichkeit, innere Zusammenhange 
zu durchschauen, aber dem Unverbindlichbleiben im Novellisti- 
schen. - Die zwei Richtungen zum Geistigen; Durchstofien des aufSe- 
ren Schleiers der Naturerscheinungen, Eintauchen in den Wahr- 
nehmungsbildeprozefi einerseits, DurchstofJen des Schleiers des See- 
lenlebens andererseits. Der Zusammenhang von geistiger Erkraftung 
und Todesprozessen; Leiblichkeit als «das Ende der Wege Gottes» 
(Oetinger) und Ausgangspunkt zukiinftigen Lebens. Aufgabe der Ge- 
genwart, die geistigen Zusammenhange zu ergreifen; das Unterbe- 
wuCtbleiben der Hemmnisse: Furcht vor dem Geistigen und sich 
Strauben gegen das Ergriffenwerden von ubersinnlichen Kraften. 



Sechster Vortrag, 19. Dezember 1915 

Der Weihnachtsgedanke und das Geheimnis des Ich 

Feindschaft unter den Menschen und der Gedanke der einigenden 
Verbundenheit mit dem Christus-Jesus. - Der Zusammenhang der 
Schopfungsgeschichte mit dem Weihnachtsgeheimnis. Die Legende 
vom Baum der Erkenntnis und dem Kreuzesholz. Von der Verwand- 
lung des Luziferischen Prinzips, das nicht vorherbestimmt in die Er- 



den- und Menschheitsentwickelung eingezogen ist, durch das Myste- 
rium von Golgatha. Das Geheimnis des Ich; sein «Stehenbleiben» in 
der geistigen Welt nach der allerersten Kindheit. Erinnerung der 
Menschheit an diesen menschlich-gottlichen Teil durch das Wel- 
tenkindesfest Weihnachten. - Die Enstehung der Weihnachtspiele 
und ihre Auffiihrungen. - Ein Buch E. Haeckels. Die Moglichkeit mit 
heutigem Denken sowohl zur Sinnlosigkeit des Erdendaseins zu 
kommen, wie zum geistigen Erdensinn durchzudringen. Kindheits- 
kraft in besonderen Menschen; J. G. Fichte. Von der Impulsierung 
durch den Weihnachtsgedanken. 



SiEBENTER VoRTRAG, 2 1 . Dezembcr 1915 146 

Die Finsternis des heutigen Geisteslebens 

und das verwahrloste Denken unserer Zeit 

Einleitung zur Rezitation von «Das Traumlied vom Olaf Asteson*. - 
Todeskrafte und Lebenskeim im Wesenskern des Menschen. Die ge- 
genwartig finstere Kulturzeit in bezug auf geistige Erkenntnis: Auto- 
ritatsglaube an den Spezialwissenschaftler; verwahrlostes Denken; 
Borniertheit des Kritizismus; Absurditat von F. Mauthners «Kritik 
der Sprache* und seiner Lehre von den Zufallssinnen; die Selbstge- 
falligkeit in diesem Denken; Zusammenwirken von Luzifer und Ah- 
riman darin. Notwendiges Einbeziehen des Werdens in das erstarrte 
Denken. Das Christusereignis; Paulus. Die Unbeweisbarkeit des 
Christusereignisses fur ein historisch-materialistisches Denken; seine 
nur geistige Erfahrbarkeit. Das Weihnachtsmysterium. A. Stifters No- 
velle .Bergkristall*. 



Das Traumlied vom Olaf Asteson 173 

Hinweise 183 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 189 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 191 



Wahrend der Kriegsjahre wurden von Rudolf Steiner vor 
jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Gesell- 
schaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffenen 
Landem die folgenden Gedenkworte gesprochen: 



Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister de- 
fer, die drau{5en stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der 
Gegenwart: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und zu den schiitzenden Geistern derer uns wendend, die infolge 
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen 
sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen, 

DafJ, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes- 
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der 
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von 
Golgatha gegangen ist, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflich- 
ten! 



ERSTER VORTRAG 



Berlin, 16. November 1915 



Da ich nach langer Abwesenheit zu meiner tiefen Befriedigung wie- 
derum in Ihrer Mitte sein darf, so mochte ich die drei Vortrage die- 
ser Woche vor alien Dingen dazu verwenden, unsere Blicke hinzu- 
wenden auf Erkenntnisse der geistigen Welt, die in einem naheren 
oder entfernteren Zusammenhang stehen mit demjenigen, was uns 
ja aus den bedeutsamen, tief einschneidenden Zeitereignissen so 
sehr beschaftigen und beriihren mufS. Nicht zunachst auf diese Zeit- 
ereignisse selber soil der Blick geworfen werden, sondern auf dasje- 
nige, was wohl in alien Seelen, in alien Empfindungen mit diesen 
Zeitereignissen wie Ratselfragen, wie bange Fragen an Menschen- 
und Weltenschicksal zusammenhangt: Auf jenes weitere Schicksal 
der Menschenseele, welchem die Menschenseele unterliegt auf 
demjenigen Felde des Weltendaseins, dem der Blick der Geisteswis- 
senschaft ja auch zugewendet ist und das sich nicht erschopft mit 
dem irdischen, dem materiellen Dasein, darauf soli der Blick gewen- 
det werden. So nahe, meine lieben Freunde, liegt es uns ja in dieser 
Zeit, anzuklopfen an die Pforte, durch die das Menschenwesen 
dringt, wenn es diesen irdischen Leib in irgendeiner Form verlafit. 
Zu dem bin drangt es uns, zu dem das Menschenwesen aufblicken 
kann, wenn es einen hoheren Trost, eine tiefere Kraftquelle braucht, 
als der Trost sein kann, der nur vom materiellen Leben kommt, als 
die Kraftquellen sein konnen, die nur innerhalb des materiellen Le- 
bens liegen. Wie tausendfaltig klopft die Stimme der geistigen Welt 
in unserer Zeit an unsere Herzen, auch solcher Menschen, die ja oft- 
mals mit ihren Herzen nicht eindringen wollen in die geistige Welt, 
obwohi diese Herzen auch fiir jene Menschen die Fenster sind in 
die geistige Welt hinaus. Wie deutlich klopft so tausendfaltig diese 
geistige Welt in unserer Zeit an diese Fenster, und wie mujS es uns 
naheliegen, wiederum einmal von einem besonderen Gesichts- 
punkte aus zusammenzufassen mancherlei, was wir wissen konnen 
iiber diese geistige Welt. 



Eine geistige Welt wird derjenige bald zugeben miissen, der iiber 
die engsten Vorurteile des Materialismus hinausgekommen ist, und 
engbegrenzte Vorurteile des Materialismus mochte ich die nennen, 
aus denen heraus das Dasein einer geistigen Welt iiberhaupt abge- 
leugnet wird. Etwas weiter ist ja schon der Blick derjenigen Men- 
schen, die diese geistige Welt nicht ableugnen, sondern nur behaup- 
ten, man konne mit menschlichen Mitteln von dieser geistigen Welt 
nichts wissen. Wie gesagt, wenn man nicht auf dem ganz beschrank- 
ten materialistischen Standpunkt der ersteren Art steht und dutch 
das menschliche Leben so weit gereift ist - und man kann bald so 
weit reifen eine geistige Welt - wenn man schon ihre Erkennbar- 
keit leugnen wollte - wenigstens zuzugeben, so wird man daran 
denken miissen, dall das Wissen, das man sich aneignen kann, und 
die Lebensresultate, die man erzielen kann durch die gewohnliche 
materielle Welt, geringfiigig sind gegeniiber dem, was sich als ein 
weiter Reichtum " ausbreitet in der geistigen Welt, die hinter der 
physisch-sinnlichen liegt. 

Gewifi, es gibt in unserer Zeit engherzige materialistische Seelen, 
welche das ganze menschliche Wesen in so enge Grenzen fassen 
wollen, dafi man den Menschen anzusehen habe als nur ein wenig 
hoher entwickelt als das Tier, aber ganz im Sinne der tierischen Ent- 
wickelung liegend. Gewifi, es gibt solche Menschen. Aber sie wer- 
den wohl immer weniger werden, denn, wie wir oftmals gesehen ha- 
ben, schon die gewohnliche Wissenschaft laOt diese Vorurteile nicht 
aufkommen. Und wenn man nur einmal anfangt zuzugestehen, dafi 
im Menschenwesen noch etwas ist, was iiber das aufSerlich Natiirli- 
che hinausragt, dann wird einem sehr bald eine Erkenntnis dariiber 
aufgehen konnen, wie geringfiigig, wie engbegrenzt dasjenige ist, 
was die physische, sinnliche Welt umfafit, gegeniiber dem Grofien, 
Gewaltigen, das die ganze Welt umfafJt. Und wenn man dann auf 
den Menschen selber sieht, wenn man sich bewufJt wird dessen, was 
im Menschen lebt und leben kann, so kann man doch nicht anders 
als sagen: So weit auch die geistige Welt reicht, so groil auch ihr 
Reichtum ist, der Mensch ist eine Art Mikrokosmos in sich. Man 
moge es fiir noch so unbekannt halten: in sein Wesen reicht herein 



der ganze Reichtum der geistigen Welt. Wie gesagt, mag fiir das 
sinnliche Anschauen jene Tiefe der Seele noch so verborgen sein, in 
die die tieferen Partien der geistigen Welt hineinreichen, sie reichen 
hinein in das menschliche Wesen. Der Mensch ist nicht nur, wie das 
sein physischer Leib ist, ein Zusammenwirken aufierer physischer 
Krafte und Substanzen, der Mensch ist ein Ergebnis der ganzen 
Welt, ein wirklicher Mikrokosmos. Und vieles, was wir treiben, vie- 
les, was wir aufsuchten, war ja dazu bestimmt, uns im einzelnen 
klarzumachen, inwiefern der Mensch ein Ergebnis der geistigen 
Welt ist, inwiefern in ihm wirklich zu suchen sind nicht nur die 
Krafte dieser Erde, sondern die aller Himmel, konnte man sagen. 

Wenn man aber nur einmal erfafit wird von diesem Gedanken, 
dann wird einem auch klar, dad man ja mit dem gewohnlichen Wis- 
sen von dem Menschen im Grunde das allerwenigste weifJ. Mit die- 
sem gewohnlichen Wissen weii^ man einiges iiber die Gesetze der 
Natur, man erwirbt sich dieses Wissen zwischen Geburt und Tod. 
Aber man wird eben nur durch ein klein wenig Vertiefung in die 
Geisteswissenschaft - nicht einmal, indem man ihr Bekenner ist, 
sondern nur, indem man Lebensratsel aufwirft ~ schon erkennen, 
dafS man, wenn man den Menschen erkennen will, an etwas ganz an- 
deres noch sich wenden mud als an das bif^chen auiJere Wissen, das 
man erwerben kann zwischen Geburt und Tod durch die aufJeren 
Mittel des Leibes, durch die aui^eren Sinne und den Verstand, der 
an das Gehirn gebunden ist. 

Nun, meine lieben Freunde, verbinden wir diesen Gedanken mit 
einem anderen, mit dem Gedanken, der sozusagen wie ein roter Fa- 
den durch alle unsere Betrachtungen geht: mit dem Gedanken der 
wiederholten Erdenleben. Was denen, die sich ein wenig beschaftigt 
haben mit unseren Anschauungen, bei diesem Gedanken der wie- 
derholten Erdenleben zunachst am meisten auffallen mufl, das ist, 
dafS die Zeit, die wir hier zubringen zwischen Geburt und Tod, ver- 
haltnismal^ig kurz ist gegeniiber der Zeit, die wir in der geistigen 
Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zubringen. Von 
den verschiedensten Gesichtspunkten aus haben wir besprochen, 
dafS in der Regel diese Zeit, die der Mensch zu durchleben hat zwi- 



schen dem Tod und einer neuen Geburt, viel, viel langer ist als die 
verhaltnismafiig kurze Zeit zwischen Geburt und Tod hier im physi- 
schen Leben. 

Es besteht zwischen den beiden Gedanken, die ich eben auf^erte, 
ein Zusammenhang: das wenige, das wir uns hier erwerben an Wis- 
sen und Lebensfriichten zwischen Geburt und Tod, das steht zu 
dem geistigen Reichtum der Wehen, mit denen der Mensch zusam- 
menhangt, ungefahr in demselben Verhaltnis wie die kurze Zeit 
zwischen Geburt und Tod zu der langen Zeit zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt. Denn in der Tat, das wird Ihnen hervorge- 
hen aus manchen Betrachtungen, die wir gepflogen haben, dafi es ja 
die Aufgabe der Menschenseele ist zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, sich ganz andere Erkenntnisse und Krafte anzueig- 
nen, als die Erkenntnisse und Krafte sind, die man sich hier im phy- 
sischen Leben aneignet. Wirklich, man kann sagen, meine lieben 
Freunde, wenn wir so hereintreten in das physische Erdenleben, 
wenn wir aus der geistigen Weh kommen und einverkorpert werden 
in den Leib, den uns die Vererbungslinie gibt von unseren Ahnen 
her, dann gehort es zu unserer Aufgabe, alle die Krafte und alle die 
feinen Verzweigungen dieser Krafte zu haben, die wir brauchen, um 
diesen unseren Leib durchzuorganisieren. 

Sehen Sie, unser Leib, so wie wir ihn bekommen, wird uns von 
unseren Eltern geboren. Aber mit diesem Leibe verbindet sich un- 
ser geistig-seelisches Wesen, das eine lange Zeit vorher durchge- 
macht hat in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt. 
Konnte man sehen - wenn es iiberhaupt berechtigt ware, die Hypo- 
these auch nur einen Augenblick in Erwagung zu ziehen -, was die- 
ses aufSere Menschenwesen werden kann nur durch die Krafte der 
Vererbung, die Krafte, die der Substanz eigen sind, die von den El- 
tern uns iibergeben werden, dann wiirden wir sehen, dafS mit diesen 
Kraften der Mensch nicht werden kann der, der er ist. Wir miissen 
in diese Krafte, die unser aulleres physisches Dasein darstellen, in 
diese Substanzen und OrgangHederungen, in die Form, die wir von 
den Eltern bekommen, hineingief^en dasjenige, was wir als Seele 
mitbringen, und es aus dem Abstrakten zu dieser individuellen Per- 



sonlichkeit machen, die wir sind. Wie gesagt, es ist eine torichte Hy- 
pothese, aber man kann sie aufstellen, um sich etwas klarzumachen: 
Denken wir uns einmal, was entstehen wiirde, wenn Sie alle nur von 
Ihren Eltern geboren sein konnten? Wir sehen dabei von Karma ab, 
sehen davon ab, dafi wir natiirlich in bestimmte Familien hineinge- 
boren werden, wir sehen nur auf die physische Vererbung. Da wiir- 
den Sie alle gleich sein als Menschen, da wiirden Sie nur den allge- 
meinen physischen Menschencharakter haben! Dad Sie ein ganz be- 
stimmter individueller Mensch sind, daf? soundsoviele individuelle 
Menschen hier vor uns sitzen, das riihrt davon her, dafS die allge- 
meine Menschheitsschablone bis in die feinste Gliederung auszise- 
liert ist von der geistigen Individualitat, die aus der geistigen Welt 
kommt und untertaucht in dasjenige, was von Vater und Mutter ge- 
geben wird. Dazu mui^ man ebenso, wie man Finger haben muiS, um 
einen Gegenstand der physischen Welt zu ergreifen, und wie man 
eben den Gegenstand sehen mud, um ihn zu ergreifen, wie man 
dazu Organe haben und auch gelernt haben mufi, etwas zu ergreifen 
- das Kind kann ja nicht einen Gegenstand ergreifen, es muO es erst 
lemen -, so muf^ man gelernt haben, sich anzuschlief^en all den ein- 
zelnen Organen, die unseren Organismus physisch bilden. 

Nicht wahr, wir haben «im allgemeinen* Ohren, aber wir horen 
in individueller Weise. Wir haben «im allgemeinen* Augen, aber wir 
sehen in individueller Weise. Fiir die auf^eren Organe ist es noch am 
wenigsten wahrnehmbar, fiir das innere Verhalten des Menschen 
aber, da fallt es schon starker auf. Deshalb miissen wir unser Gei- 
stig-Seehsches hineinschieben in alle diese ganz allgemein gehalte- 
nen Organe, wir miissen das ganz individuell gestalten, miissen die 
Krafte, die innerlich-geistig-seelischen Handgriffe kennen, um das, 
was wir als Ohren, Nase, Augen, Gehirn, um all das, was wir als Ver- 
erbungsorgane erhalten haben, individuell zu gestalten. Das heifSt, 
wir miissen, wenn wir in die physische Welt durch die Geburt ein- 
treten, Kenntnisse haben, und nicht nur Kenntnisse, sondern prak- 
tische Moglichkeiten der Anwendung dieses ganzen Wunderbaues 
des Menschen, von dem wir so wenig durch aufJere Wissenschaft 
wirklich wissen. Wir miissen zum Beispiel den ganzen feinen Bau 



des Gehirns inneriich kennen, weil wir ihn innerlich durchorgani- 
sieren miissen. Und alle diese geistig-seelischen Handgriffe, alles 
dieses, was uns moglkh macht, iiberhaupt in einem Menschenleibe 
zwischen Geburt und Tod ein Mensch zu sein, all das miissen wir 
uns erwerben. Genau wie wir uns Geschicklichkeiten im Leben er- 
werben miissen, so miissen wir uns die Fahigkeit, im physischen Le- 
ben ein Mensch sein zu konnen, zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt erwerben. 

Das miissen wir ins Auge fassen, meine lieben Freunde, das mufi 
uns ganz klar sein. Und wir werden uns dann auch einen Begriff ma- 
chen konnen, was wir alles durch blofS physisches Wissen vom Men- 
schen nicht erkennen und was wir erkennen miissen durch jenes an- 
dere Wissen, das wir uns praktisch anzueignen haben zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt. Aber wir wissen: Dasjenige, was wir 
uns aneignen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das ist ja 
aufgebaut auf alledem, was wir uns in den friiheren Erdenleben an- 
geeignet haben. Und so, wie geregelt ist in einer gewissen Weise un- 
ser physisches Leben hier zwischen Geburt und Tod, so ist auch in 
einer gewissen Weise geregelt unser Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt. Nicht wahr, wir treten in das physische Leben 
herein, man mochte sagen halb schlafend, traumend, als kieines 
Kind. Wir konnen zunachst nicht ein Gedachtnis entwickeln, wir 
lernen erst, ein Gedachtnis zu entwickeln. Wenn wir aber genauer 
zusehen, finden wir, dafi in der Zeit, bis wir das Gedachtnis entwik- 
keln, gewisse Anpassungen an die aufiere Welt erworben werden. 
Das Kind krabbelt zuerst und lernt dann erst greifen. Da werden ge- 
wisse Dinge erworben, systematisch erworben. Aber es wird vieles 
gelernt in dieser Zeit, viel mehr, als man gewohnlich beobachtet. 
Dann wiederum ist jede einzelne Lebensepoche so verlaufend, dafS 
das Spatere sich auf Friiherem aufbaut. Das Menschenleben ist also 
auch hier zwischen Geburt und Tod in seinem Verlaufe aufgebaut, 
nicht nur in seinem korperlichen Bau. Ebenso geregelt ist das Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt. Und da brauchen wir uns nur ein- 
zelnes vor die Seele zu riicken, das wir langst kennen, so werden wir 
gewahr werden, wie geregelt dieses Leben ist. 



Sehen Sie, das haben wir ja ofter betont, wir brauchen hier zu un- 
serem seelischen Leben im physischen Dasein eine Vorstellung un- 
seres Ich, die nicht abreifit, nachdem sie einmal gekniipft worden ist 
im zweiten, dritten, vierten Lebensjahr, an den Zeitpunkt, bis zu 
dem wir uns zuruckerinnern. Bei Menschen, bei denen gewisserma- 
fien dieser Ich-Faden abreiOt, findet eine Storung des seelischen 
Gleichgewichts statt. Es gibt solche Menschen, ich habe es schon 6f- 
ters erwahnt, aber das, was solche Menschen haben, ist immer eine 
schwere Seelenkrankheit. Es kommt vor, dalJ ein Mensch plotzlich 
herausgerissen wird aus dem Zusammenhang seines Ich. Er erinnert 
sich nicht an sein friiheres Leben, das er gelebt hat. Er geht, sagen 
wir, zum Bahnhof, kauft sich ein Billett nach irgendeinem Ort. Sein 
Verstand funktioniert ganz ordentiich. Bei alien Ubergangsstationen 
macht er alles Notige ganz verniinftig. Aber er erinnert sich nicht an 
das, was vorher war. Sein inneres Leben ist nur ausgebreitet bis zu 
einem Punkte, wo er sich entschlossen hat, sich ein Billett zu kaufen 
und die Reise zu machen. Er reist in der Welt herum, sein Verstand 
ist ganz in Ordnung. Dann kommt ein Augenblick, wo er weifi: er 
ist «er». Vorher war sein Seelenleben gedachtnismal^ig ausgeloscht. 
Der Verstand kann in Ordnung sein, das Gedachtnis ist ausgeloscht. 
Dann ist das Ich eben zerrissen, und der Mensch unterliegt einer 
schweren Seelenkrankheit. 

Ich habe selbst einen Bekannten gehabt, der in einer verhaltnis- 
mallig hohen Stellung plotzlich von einer solchen Krankheit befal- 
len wurde. Er bekam plotzlich den Drang, nachdem er alles verges- 
sen hatte, was er selber war, herumzureisen. Er reiste, wie wir sagen 
wiirden, blindlings in der Welt herum von einem Ort zum andern 
und fand sich wiederum hier in Berlin in einem Asyl fiir Obdach- 
lose. Da kam er wiederum darauf : Du bist der, der du bist! Die Zwi- 
schenzeit war zwar ganz verstandig gewesen, aber hing nicht zusam- 
men mit dem iibrigen Leben. Dann iiberfiel ihn ein zweites Mai die- 
se Krankheit; da hat er dann freiwillig den Tod gesucht, in dem Be- 
wuf^tsein, in dem das Gedachtnis mit dem Ich noch ausgeschaltet war. 

Nun, sehen Sie, so wie in diesem Leben zwischen Geburt und 
Tod das Ich ein kontinuierlicher Faden sein mufi, und in keinem 



Augenblick wahrend des Tageslebens abgerissen werden darf diese 
Moglichkeit, sich an alles das zu erinnem, was verlaufen ist seit dem 
Zeitpunkt in der Kindheit, an den man sich zuriickerinnert, so muO 
es auch sein in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Da 
miissen wir auch immer die Moglichkeit haben, unser Ich zu bewah- 
ren. Nun, diese Moglichkeit wird uns gegeben, und sie wird uns da- 
durch gegeben, daf^ die ersten Zeiten nach dem Tode eben so ver- 
laufen, wie wir es ofter beschrieben haben. Die allererste Zeit nach 
dem Tode verlauft ja so, dafJ man wie in einem grofien Tableau sein 
eben abgelaufenes Leben vor sich hat. Man umfaOt durch Tage hin- 
durch, aber immer so, dal5 das Ganze da ist, gewissermafJen auf ein- 
mal sein bisheriges Leben. Man hat es wie in einem grofien Pan- 
orama vor sich. Wenn man aherdings genauer zusieht, dann stellt 
sich heraus, dad diese Tage mit ihrem Riickblick auf das verflossene 
Leben sozusagen schon mit einer gewissen Nuance der Beobach- 
tung behaftet sind. Man sieht gewisserma{5en das Leben in diesen 
Tagen von dem Gesichtspunkte des Ich aus, man sieht besonders 
alles dasjenige, woran unser Ich beteiligt war. Ich will sagen, man 
sieht die Beziehungen, die man zu einem Menschen gehabt hat, 
aber man sieht diese Beziehungen zu dem Menschen in einem sol- 
chen Zusammenhange, dafi man gewahr wird, welche Friichte fiir 
einen selbst diese Beziehung zu dem Menschen getragen hat. Man 
sieht also die Sache nicht ganz objektiv, sondern man sieht all das, 
was Friichte fiir einen selber getragen hat. Man sieht sich iiberall im 
Mittelpunkt drinnen. Und das ist unendlich notwendig, denn von 
diesen Tagen, wo man so alles sieht, was fruchtbar fiir einen gewor- 
den ist, geht aus jene innere Starke und Kraft, die man braucht im 
ganzen Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, um nun 
da den Ich-Gedanken festhalten zu konnen. Denn man verdankt die 
Kraft, das Ich festhalten zu konnen zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, diesem Anschauen des letzten Lebens; von dem geht 
diese Kraft eigentlich aus. Und insbesondere, meine lieben 
Freunde - ich muH das noch einmal betonen, wenn ich es auch hier 
schon gesagt habe -, insbesondere ist da der Moment des Sterbens 
von autoordentlicher Bedeutung. 



Der Tod ist etwas, was am allermeisten zwei total voneinander 
verschiedene Seiten hat. Der Tod von hier aus, von der physischen 
Welt aus gesehen, hat gewiil viele trostlose Seiten, viele schmerz- 
liche Seiten. Aber es ist wirklich so, dafi man von hier aus den Tod 
von der einen Seite nur ansieht; wenn man aber gestorben ist, sieht 
man ihn von der anderen. Da ist er das befriedigendste, vollkom- 
menste Ereignis, das man iiberhaupt erlebt, denn er ist da lebendige 
Tatsache. Wahrend er hier ein Beweis dafiir ist, auch fiir unsere 
Empfindung, fiir unser Gefiihl, wie hinfallig, wie verganglich das 
physische Leben des Menschen ist, ist der Tod, angeblickt von der 
geistigen Welt aus, gerade ein Beweis dafiir, daf^ immerdar der Geist 
den Sieg iiber alles Ungeistige davontragt, dafS immerdar der Geist 
das Leben ist, das unvergangliche, das nie versiegende Leben. Er ist 
gerade ein Beweis dafiir, dafJ es keinen Tod gibt in Wirklichkeit, dafi 
der Tod eine Maja, ein Schein ist. Darin liegt auch der grofie Unter- 
schied zwischen dem Leben von dem Tode bis zu einer neuen Ge- 
burt und dem Leben hier von der Geburt bis zum Tode. 

Denn sehen Sie, kein Mensch kann sich mit gewohniichen phy- 
sischen Erkenntnismitteln an seine eigene Geburt erinnern. Die ei- 
gene Geburt kann niemand aus der Erfahrung beweisen, weil er sie 
nicht gesehen hat. Die Geburt ist etwas, das vor dem Menschenauge 
hier im physischen Leben nicht stehen kann. Die Geburt liegt vor 
der Zeit, an die man sich erinnert. Und die Geburt steht nie da. Der 
Tod aber - und dadurch unterscheidet er sich von der Geburt in sei- 
ner Bedeutung nach dem Tode - steht immer als das grofSte, bedeu- 
tendste, lebendigste, voUkommenste Ereignis vor dem geistigen 
Auge in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn 
der Tod ist eben das, wovon wir unser Ich-BewufStsein nach dem 
Tode haben. Und ebenso wie es uns hier in unserem physischen Le- 
ben unmoglich ist, uns an unsere Geburt zu erinnern, ebenso not- 
wendig und selbstverstandlich ist es in der ganzen Zeit, die wir in 
der geistigen Welt verbringen, in dem Leben zwischen Tod und 
neuer Geburt, daH immer der Moment, wo der Geist sich losringt 
von dem Leibe, vor unserem geistig-seelischen Blick steht. Denn 
aus diesem Tode heraus fliefJt uns eben im Zusammenhang mit 



dem, was wir hier erlebt haben, die Kraft, die wir brauchen, um uns 
als Ich zu fiihlen. Man mochte sagen: konnten wir nicht sterben, so 
konnten wir ein geistiges Ich iiberhaupt nicht erleben. Denn daQ 
wir ein geistiges Ich erleben, verdanken wir dem Umstande, dafj wir 
physisch sterben konnen. So also liegt die Sache fiir unser Ich. Die- 
ses Ich wird gestarkt und gekraftigt dadurch, dafi wir die ersten 
Tage, in denen wir noch im Atherleibe sind, nach dem Tode erle- 
ben. Dann wird dieser Atherleib abgelegt, und wir erleben riicklau- 
fend das Leben, das wir den Durchgang der Menschenseele durch 
die Seelenwelt nennen konnen, ein Leben, das nun schon langer 
dauert als das kurze, nur Tage andauernde Leben, das unmittelbar 
auf den physischen Tod folgt. 

Nun ist die Meinung sehr verbreitet, dall derjenige, der in die gei- 
stige Welt hineinsehen kann, sogleich alles iiberschaut. Ich habe das 
schon oft korrigiert. Nichts macht so bescheiden, als das wirkliche 
Hineinsehen in die geistige Welt. Denn man kann lange hineinse- 
hen, aber das Erforschen der einzelnen Tatsachen der geistigen 
Welt, das ist eben in der geistigen Welt mit den Kraften der geisti- 
gen Welt eine wirklich lange, lange Arbeit, und es ist ein Vorurteil, 
wenn man glaubt, daC derjenige, der in die geistige Welt hinein- 
sieht, nun gleich iiber alles Auskunft geben konne. Und gerade so, 
wie hier in der physischen Welt nach und nach die Dinge erforscht 
werden, von Epoche zu Epoche, so ist das auch fiir das geistige Le- 
ben so, dafi nach und nach die Dinge erforscht werden. Aber gerade 
- und jetzt mochte ich auf einen Punkt eingehen, der doch der ei- 
nen oder anderen hier sitzenden Seele wichtig sein mufJ -, gerade 
die absolute Zusammenstimmung der einzelnen geistigen Tatsa- 
chen, wenn man sie so nach und nach erforscht, wie sie sich immer 
wieder und wiederum herausstellen von neuem, die kann auch dem- 
jenigen, der noch nicht in die geistige Welt hineinsieht, ein Beweis 
der Berechtigung desjenigen sein, was in ehrlichem Forschen errun- 
gen wird aus der geistigen Welt. In meiner *Geheimwissenschaft» 
habe ich schon bestimmte Zeiten angegeben, wie lange die einzel- 
nen Abschnitte in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt dau- 
ern, aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus. Nun gibt es aber 



noch einen anderen Gesichtspunkt, den ich jetzt anfiihren mochte 
und den ich in meiner «Geheimwissenschaft» noch nicht angefiihrt 
habe, aus einem einfachen Grunde, den ich Ihnen nicht verhehlen 
mochte, damit Sie auch daraus entnehmen konnen, dafJ hier in ehr- 
licher, aufrichtiger Weise Geisteswissenschaft getrieben wird: aus 
dem einfachen Grunde, weil ich es dazumal noch nicht gewufSt habe, 
sondern es erst nachher erforschen konnte. Es ergibt sich namHch 
ein gewisser Zusammenhang zwischen dem Leben, das als geistiges 
Leben hier auf dem physischen Plan entfaltet werden kann, und 
dem geistigen Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt 
Sie wissen ja, dafi wir unser Leben hier als physisches Leben ver- 
bringen in Wachen und Schlafen, daO wir einerseits ein voiles Be- 
wuf^tsein haben im Wachzustand und dafi dann fiir den normalen 
Menschen ein unbewufiter Zustand verlauft in der Zeit zwischen 
Einschlafen und Aufwachen. Sie wissen auch aus dem, was ausein- 
andergesetzt worden ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe- 
ren Welten?», dalS dieses Schlafesleben durchstrahlt werden kann 
von Bewul^tsein, daO man hineinschauen kann in dasjenige, was zwi- 
schen dem Einschlafen und Aufwachen geschieht. Wenn man nun 
dazu gelangt, immer mehr und mehr kennenzulernen das Leben, 
das der Mensch hier zwischen Geburt und Tod verbringt im Schlafe, 
da lernt man ja wirkUch einen ungeheuren Reichtum des Lebens 
kennen. Ein ungeheurer Reichtum des Menschenlebens verfliel^t 
eben fur das normale menschliche Dasein in diesem unbewuiJten 
Zustande zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Da geht 
ungeheuer viel vor. Und dasjenige, was sehr bald auffallt in diesem 
Schlafesleben, das ist das, dafJ dieses Schlafesleben ein ungeheuer 
viel aktiveres Leben ist als das Leben vom Aufwachen bis zum Ein- 
schlafen. 

Wir sind ja wahrend des Schlafens in unserem Ich und Astral- 
leibe und haben sozusagen aufJer uns liegen unseren physischen 
Leib und den Atherleib. Nun gewiO, auch dieses aufiere Leben ist 
ein aktives Leben, bei manchen Menschen ja sogar ein sehr aktives 
Leben. Es kommt einem namlich so aktiv vor, weil wir alle die Pas- 
sivitaten, die in diesem aui^eren Leben sind, eigentlich gar nicht so 



sehr in Erwagung Ziehen. Wirklich, wenn alles aus unserer Initiative 
hervorgehen miifJte, was das aufJere Leben tragt, dann warden wir 
uns sehr verwundern, wie anders es vor sich gehen wiirde. Denken 
Sie einmal: Sie stehen jeden Morgen auf. Sie kommen kaum zu dem 
Entschluf^, aufzustehen, Sie tun es aus Gewohnheit. Und Sie kom- 
men wirklich nicht zu einer genaueren Erkenntnis dessen, was das 
heifit, dai^ man so zusammenhangt mit der ganzen Welteinrichtung, 
daO man in gewissen Zeiten in dem einen und anderen Zustand sein 
Leben zubringen muH, daQ das in entsprechender Weise pendeln 
mud - ja, wo ware solche Uberlegung, das verlauft ganz gewohn- 
heitsmaiSig. Und nun versuchen Sie einmal zu iiberlegen, wie vieles 
so verlauft, dal^ wir gewissermaOen als Automaten durch das Leben 
gehen. Dann kommen Sie darauf, zu erkennen, dal^ ungeheuer viel 
Passives ist im Leben zwischen dem Aufwachen und dem Einschla- 
fen, aber viel Aktives in dem Leben zwischen dem Einschlafen und 
dem Aufwachen. Da ist voUige Aktivitat, ungeheure Aktivitat. Inter- 
essant ist, dal^ Menschen, die verhaltnismafSig trage sind im auf^eren 
Leben zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen, gerade die 
geschaftigsten sind zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. 
Da ist der Mensch ungeheuer tatig, nur im normalen Leben weill er 
es nicht. Und wenn man genauer hineinsieht in das, was die Seele 
- also Ich und Astralleib - da treibt, so ist diese Tatigkeit wirklich 
mit dem ganzen Dasein des Menschen innig zusammenhangend. 

Wenn wir so durch das Leben schreiten, nehmen wir ja bewuCt 
aufierordentlich wenig von diesem Leben mit. Wir verarbeiten das 
Leben, so wie es aufSerlich an uns herankommt, durchaus nicht voll- 
standig. Ich mochte ein naheliegendes Beispiel nehmen. Sehen Sie, 
jetzt horen Sie sich diesen Vortrag an, der, sagen wir, eine Stunde 
dauert. Ja, wirklich ohne irgend jemandem nahetreten zu wollen 
von den lieben Freunden, die hier sitzen, darf ich sagen: Es ware 
moglich, ungeheuer viel mehr in den Worten dieses Vortrages zu 
horen, als die einzelnen verehrten Freunde horen, die hier sitzen. 
Denn es ware moglich, viel mehr zu horen, als ich selber weifJ von 
dem, was ich sagen kann. Aber Sie werden - dieses soil nur gesagt 
werden, um das andere zu betonen - nach Hause gehen, Sie werden 



sich ins Bett legen und schlafen und morgen friih aufwachen. Und 
in der Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen werden Sie 
- allerdings ganz unbewui^t fiir das normale BewufJtsein - vieles von 
dem, was Sie jetzt gar nicht in der Lage sind zu horen, verarbeiten. 
Sie verarbeiten es ungeheuer genau in Ihrem nachsten Schlafe, und 
vielleicht auch noch in den anderen Nachten verarbeiten Sie es. 
Man sieht die Seele in einer ganz anderen Weise zwischen Einschla- 
fen und Aufwachen das verarbeiten, was aufgenommen wird. Und 
selbst wenn das vorkame, dad jemand sehr unaufmerksam zugehort 
hatte, aber nur etwas hingebungsvoU ware, so wiirde er schon durch 
das Hingebungsvolle doch mit seiner Seele verbinden dasjenige, was 
in dem Vortrag an geistigen Potenzen, an geistigen Impulsen liegt. 
Und das wiirde dann wahrend des Schlafes verarbeitet, wie wir es 
brauchen, nicht nur fiir das nachste Leben bis zum Tode, sondern 
iiber den Tod hinaus. 

So verarbeiten wir das ganze Leben, wie es verlauft im Wachzu- 
stande, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Alles^ was wir den Tag 
iiber erleben, das verarbeiten wir wahrend der Nacht, so daC wir so- 
zusagen Lehren daraus Ziehen, wie wir es brauchen fiir unser ganzes 
folgendes Leben iiber den Tod hinaus, bis in die nachste Inkarna- 
tion hinein. Wir sind unsere eigenen prophetischen Verarbeiter un- 
seres Lebens, wenn wir in Schlaf versinken. Dieses Schlafleben ist 
ein tief Ratselvolles, weil es viel inniger zusammenhangt mit dem, 
was wir erleben, als es mit dem auiJeren Bewufitsein zusammenhan- 
gen kann. Aber wir verarbeiten das alles unter dem Gesichtspunkte 
seiner Fruchtbarkeit fiir das folgende Leben. Was wir aus uns ma- 
chen konnen dadurch, daf^ wir das erfahren haben, darauf geht un- 
sere Arbeit in der Zeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwa- 
chen. Wenn wir in der Seele energischer, machtiger werden oder 
wenn wir uns Vorwurfe zu machen haben -: wir verarbeiten das, was 
wir auf diese Art erleben, so, dai] es Lebensfrucht wird. Sie sehen 
daraus, meine lieben Freunde, dafS dieses Leben zwischen dem Ein- 
schlafen und Aufwachen wirklich ungeheuer bedeutungsvoll ist, daiJ 
es tief einschneidet in das ganze Menschenratsel. 

Nun kommt dem Geistesforscher eines Tages die Intention - ja, 



man kann wohl sagen, die Absicht kommt dem Geistesforscher ei- 
nes Tages - nun einmal dieses Leben des Schlafes zu vergleichen 
mit einem anderen Leben, mit einem aulJersinnlichen Leben. Und 
da verfallt er dann darauf, es zu vergleichen mit den Tagen, die fol- 
gen auf das Lebenstableau, im Kamaloka. Und siehe da, meine lie- 
ben Freunde - aber es ergibt sich das eben erst dem Blick der For- 
schung -, wahrend man sich hier im Leben gedachtnismafiig erin- 
nert an all das, was man im Tagesleben erlebt hat, nach dem Tode, 
nachdem der Moment vorbei ist, bis zu dem das Lebenstableau ge- 
dauert hat, da bekommt man ein Gedachtnis fiir alle seine Nachte. 
Und das ist ein wichtiges Geheimnis, das einem aufgeht. Man erin- 
nert sich an alles Nachtleben. Dieser Riickgang stellt sich so dar, daf? 
man wirklich von der letzten Nacht, die man hier verbracht hat im 
Leben, zur vorhergehenden und so immer weiter zuriicklebt. Man 
erlebt da das ganze Leben wieder zuriick, aber so, wie man es ange- 
schaut hat von der Nachtseite aus. Also alles das, was man iiber das 
Leben unbewuilt gedacht und geforscht hat, erlebt man wiederum 
im riicklaufenden Gedachtnis. Man geht sein Leben wirklich durch, 
aber nicht von der Tagseite aus. 

Wie lange kann das ungefahr dauern? Nun, denken Sie sich, dad 
man ungefahr ein Drittel seines Lebens verschlaft. Es gibt Men- 
schen, die schlafen natiirlich noch viel langer, aber im Durchschnitt 
ist es doch ein Drittel des Lebens, das man verschlaft. Deshalb dau- 
ert auch der Riickgang ungefahr ein Drittel des verbrachten Erden- 
lebens, weil man die Nachte durchlebt. Denken Sie, wie wunderbar 
das zusammenstimmt mit den anderen Gesichtspunkten, die sich 
ergeben. Wir haben immer gesagt, daij das Kamaloka-Leben unge- 
fahr ein Drittel dauert der Lebensdauer. Wenn man aber das vorher 
Gesagte in Betracht zieht, dann sieht man ein, dafS es wiederum ein 
Drittel sein mud. So stimmen die Dinge zusammen! Alle einzelnen 
Dinge stimmen immer wieder zusammen. Das ist das Wunderbare 
bei der Geistesforschung: Man lernt eine Tatsache kennen, und ist 
sie bestimmt, so lernt man sie von einer anderen Seite kennen. Es 
ist so, wie wenn man auf einen Berg steigt: Da hat man eine Aus- 
sicht einmal von der einen Seite und dann von einer anderen Seite. 



Trotz der Verschiedenheit wird das Wesentliche immer zusammen- 
stimmen. So konnen wir hier sagen: Im Erdenleben zwischen Ge- 
burt und Tod durchlebt man das Leben so, dafS es einem immer ab- 
gerissen wird, dafS es einem immer unterbrochen wird durch das 
Nachtleben, und man erinnert sich an das Tagesleben, an die Dinge, 
die man im Tagesleben erlebt hat. Aber in dem Nachtleben hat man 
sich in anderer Weise mit diesen Dingen beschaftigt, man hat sie, 
wie gesagt, nur verarbeitet. An das, woran man sich im physischen 
Leben nicht erinnern kann, daran erinnert man sich aber wahrend 
des Kamaloka-Lebens. Das ist nun ein wichtiger Zusammenhang, 
und daraus werden Sie manches begreifen, was vielleicht sonst nicht 
so ohne weiteres zu begreifen ist. 

Sehen Sie, insbesondere in unserer jetzigen Zeit gehen ja sehr 
viele, verhaltnismafiig junge Menschen durch die Pforte des Todes 
hindurch. Ich habe schon von vielen Gesichtspunkten aus gesagt, 
was das fiir eine Bedeutung hat fiir das gesamte Leben des Men- 
schen. Aber sehen wir zunachst nur auf die beiden Abschnitte, die 
wir jetzt charakterisiert haben - auf anderes werden wir noch kom- 
men in diesen Tagen -, auf das Leben, das nur Tage dauert, im 
Atherleib, wo man das Lebenstableau vor sich hat, und dann auf das 
Leben der Seele in der Seelenwelt. Indem man nachtweise das vor- 
hergehende Erdenleben durchschreitet, wird man leicht einsehen 
konnen, warum der Geistesforscher sagen muO: Schon diese beiden 
Abschnitte des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt sind anders 
fiir einen Menschen, der verhaltnismal^ig friih durch die Pforte des 
Todes gegangen ist, als fiir einen, der erst spat durch sie hindurchge- 
gangen ist. Das geht uns ja nahe, weil jetzt so viele Menschen in ver- 
haltnismafJig friihem Alter durch die Pforte des Todes gehen. 

Sehen Sie, es ist ja so, dafS wirkhch die einzelnen Abschnitte, die 
ich angegeben habe fiir das physische Leben, fiir dieses Leben eine 
groiJe Bedeutung haben. Ich habe die Lebensabschnitte angegeben: 
den ersten bis zum siebenten Jahre, bis zum Zahnwechsel, dann 
bis zum vierzehnten Jahre, zur Geschlechtsreife, dann bis zum ein- 
undzwanzigsten Jahre und so weiter, von sieben zu sieben Jahren. 
Und wenn Sie das ernst nehmen, was in diesen Unterscheidungen 



des dahinfliellenden Lebens liegt, so ist uns ja das fiinfunddreifSigste 
Jahr ein wichtiger Lebensabschnitt. Bis dahin sind wir sozusagen in 
einer Art von Vorbereitung, wahrend wir spater die Vorbereitung 
beendet haben und das Leben mehr aufbauen auf Grundlage dessen, 
was bis zum fiinfunddreiiJigsten Jahr vorbereitet wurde. Dieses fiinf- 
unddreifSigste Lebensjahr hat eine sehr grofSe Bedeutung. Bis dahin 
dauert zwar nicht gerade das korperliche, aber das seelische Wachs- 
tum bei einem Menschen, der nun wirkUch seelisch wachst. Dann 
muH entschieden betont werden, dai^ manches von dem, was Reife- 
zustand des Lebens ist, erst nach dem funfunddreif^igsten Lebens- 
jahr gewonnen werden kann. Nun, wenn wir aber dieses fiinfund- 
dreif^igste Lebensjahr von einem anderen Gesichtpunkte betrachten, 
dann wird es uns noch bedeutsamer erscheinen. Sehen Sie, wenn 
wir diese siebenjahrigen Lebensepochen uns vor die Seele fiihren, 
haben wir zunachst bis zum siebenten Jahre die Ausbildung des 
physischen Leibes, bis zum vierzehnten Jahre die Ausbildung des 
Atherleibes. Vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr glie- 
dert sich, gestaltet sich aus dasjenige, was wir den Astralleib nennen, 
dann die Empfindungsseele bis zum achtundzwanzigsten Lebens- 
jahr, die Verstandes- oder Gemiitsseele bis zum fiinfunddreil^igsten 
Jahr, und dann weiter die Bewulltseinsseele bis zum zweiundvierzig- 
sten Jahr. Und dann kommen wir zum Geistselbst, was eine Art Zu- 
riickentwickelung an dem Astralleib ist, und so weiter. Die weiteren 
Lebensepochen verlaufen nicht in siebenjahrigen Perioden, sondern 
unregelmaOig. Da wird es in der Zukunft erst zu einer RegelmafJig- 
keit kommen. Abgesehen von dem, was die Erziehung siindigt, geht 
es aber bis zum fiinfunddreilligsten Jahr mit einer ziemlichen Regel- 
mafJigkeit. 

Nun, auffallen kann einem dasjenige, was die tiefere Bedeutung 
dieser ganzen Lebensentwickelung ist, namentlich dann, wenn man 
Menschen betrachtet, die da sterben in diesen verschiedenen Le- 
bensaltern. Nehmen wir an - dies sei zunachst beispielsweise ange- 
fiihrt -, wir verfolgen die Seele eines elf-, zwolf-, dreizehnjahrigen 
Madchens oder Knaben, eine Seele, die also elf-, zwolf-, dreizehn- 
jahrig durch die Pforte des Todes gegangen ist. Nach dem, was ich 



schon ausgefiihrt habe, liegt ja in einem solchen Falle das vor, dafJ 
der Atherleib - er hatte ja in der Theorie noch die ganzen folgenden 
Jahre versorgen konnen - unverbrauchte Krafte in sich hat. Aber 
auch im iibrigen liegt das vor, dad der Mensch ja eigentlich wahrend 
des ganzen Lebens zwischen Geburt und Tod sich vorbereitet fiir 
den Tod. Er bereitet sich wirklich vor fiir den Tod, denn eigentlich 
besteht unser ganzes Leben darin, eine Vorbereitung fiir den Tod zu 
sein insofern, als wir ja fortwahrend arbeiten an der Zerstorung des 
Leibes. Konnten wir ihn nicht zerstoren, so konnten wir es iiber- 
haupt zu keiner Voilkommenheit bringen, denn diese Vollkommen- 
heit erkaufen wir sozusagen mit einer Zerstorung des aufSeren phy- 
sischen Leibes. Wenn nun der Mensch dreizehnjahrig durch die 
Pforte des Todes geht, so leistet er eine ganz lange Zerstorungsar- 
beit nicht, die er eigenthch hatte leisten konnen. Er macht nicht mit 
das, was er hatte mitmachen konnen. Das driickt sich in einer merk- 
wiirdigen Weise aus. 

Wenn wir eine solche Seele verfolgen, so finden wir sie in der 
geistigen Welt in einer bestimmten Zeit zwischen dem Tod und ei- 
ner neuen Geburt verhaltnismaflig sehr bald in einer, ich mochte sa- 
gen, hochst bemerkenswerten Gesellschaft: Wir finden sie mitten 
unter denjenigen Seelen, die sich vorbereiten fiir ein nachstes Leben 
so, dafS sie schon bald auf diese Erde herunterkommen miissen, also 
unter Seelen, die sich bald verkorpern. Unter denen leben dann sol- 
che Seelen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind im elften, 
zwolften, dreizehnten, vierzehnten Jahre, die werden da hineinver- 
setzt. Und wenn man sich genauer umsieht in diesen Zusammen- 
hangen, da stellt es sich eigentiimlicherweise heraus, dalj diese See- 
len, die nun bald in ihr Erdenleben heruntergehen, das brauchen, 
was ihnen diese anderen Seelen hinauftragen konnen von der Erde, 
um sich ihrerseits wiederum an Kraft zu erstarken, die sie brauchen, 
um sich zu verleiblichen. Also die jugendlichen Seelen bilden eine 
Starke Hilfe fiir diejenigen Seelen, die nun bald herunterkommen 
miissen auf die Erde. 

Solche Hilfe, wie unter normalen Verhaltnissen junge Kinder, 
die ganz normal waren, das heifSt kein hervorragendes geistiges Le- 



ben hatten, sondern nur aufgeweckte Kinder waren, solche Hilfe, 
wie die leisten, kann man zum Beispiel nicht mehr leisten, wenn 
man im spateren Alter stirbt. Da hat man auch seine Aufgabe. Jeder 
muO sich seinem Karma fiigen und soli nicht denken: Ich mochte 
in diesem oder jenem Lebensalter sterben; sondern man stirbt in 
dem Alter, in dem einen das Karma sterben lafJt. Solche Hilfe, die 
man leisten kann als Seele fiir jene Seelen, die da erwarten ihre In- 
karnation, kann man also nicht mehr leisten, wenn man im spateren 
Lebensalter stirbt. Das hangt damit zusammen, daiS man in der er- 
sten Lebenshalfte in einer gewissen Weise der geistigen Welt noch 
nahersteht als in der zweiten Lebenshalfte. In einer anderen Weise 
ist es wieder nicht der Fall; aber in einer gewissen Weise steht man 
der geistigen Welt naher in der ersten Lebenshalfte. Das ganze Le- 
ben verlauft namlich so, daf^, je langer man im physischen Leibe 
lebt, man sich desto mehr von der geistigen Welt entfernt. Bin Kind 
von einem Jahr steht der geistigen Welt noch sehr nahe. Es verlalSt 
den physischen Plan und ist schnell drinnen in der geistigen Welt. 
Noch bis zum vierzehnten Jahr ist es so; da ist man so im physi- 
schen Leibe drinnen, dal^ man leicht in die Welt der Seelen kom- 
men kann, die bald wiederum ihre Inkarnation suchen. Das bedingt, 
dal^ ein Sterben in sehr jugendlichem Alter damit verbunden ist, 
schon bei dem Tableau, das man da durchlebt, anderes zu erleben, als 
der erlebt, welcher in spaterem Alter stirbt. Und da ist das fiinfund- 
dreifJigste Lebensjahr cine wichtige Grenze. 

Wenn man vor dem fiinfunddreifiigsten Lebensjahr stirbt, dann 
erlebt man zunachst das Lebenstableau, dann geht man das Leben 
durch die Nachte zuriick. Aber wahrend dieser Riickschau auf das 
vergangene Leben sieht man wie von « hinter dem Spiegel*, wie 
wenn man durch das Lebenstableau durchsehen wiirde, die geistige 
Welt, die man verlassen hat, indem man geboren worden ist. Die 
Perspektive geht noch hin auf die geistige Welt. Hat man das fiinf- 
unddreif^igste Lebensjahr iiberschritten, so ist das ganz anders. Man 
sieht nicht so hinein, wie man selber drinnen war, bevor man gebo- 
ren worden ist. Das ist etwas von dem, was einem jetzt gerade so be- 
sonders auffallt, wo so viele Menschen jung sterben. Denn dieses 



«Die geistige Welt noch hinten sehen», das hat noch eine gewisse 
Bedeutung bis zum 35. Lebensjahr. Nach dem vierzehnten bis sech- 
zehnten Lebensjahr ist es allerdings kein solch direktes Sehen mehr, 
aber von da ab bis zum fiinfunddreil^igsten Lebensjahr, wenn da ge- 
storben wird, da ist es so, als ob in dem Lebenstableau, dem Riick- 
bHck, sich noch liberall drinnen spiegeln wiirde das geistige Leben. 
Also wenn man ganz als Kind stirbt, sieht man eigentlich nicht viel 
von einem durchlebten Leben; da sieht man fast ganz gleich in die 
geistige Welt hinein. Wenn man als dreizehnjahriges Kind stirbt, so 
hat man schon einen Riickblick, aber dahinter Uegt die geistige 
Welt. Man hat sie noch klar, die geistige Welt. Stirbt man noch spa- 
ter, so hat man sie zwar nicht unmittelbar, aber sie ist in dem enthal- 
ten, was man als eigenes Leben sieht. Man hangt also noch zusam- 
men mit demjenigen, aus dem man herausgekommen ist, bis zum 
fiinfunddreifiigsten Jahr, so dafi der, welcher vor dem fiinfunddrei- 
IJigsten Jahr stirbt, wirklich schon in diesen ersten Lebensabschnit- 
ten, die er da durchlebt in den Tagen, in denen er das Lebenstableau 
sieht, dann wiederum bei dem Riickgang durch die Seelenwelt, ei- 
gentlich durch dieses Erleben in eine Art Heimat, die er mit der Ge- 
burt verlassen hat, recht unmittelbar wiederum hineinkommt. Er 
hat unmittelbar das Erlebnis: Du kommst hinein in eine Welt, aus 
der du herausgetreten bist. Das ist von einer ungeheuren Wichtig- 
keit, denn jeder, der so stirbt, wird unmittelbar, wie Sie sehen, von 
einer gewissen Seite her leichter in die geistige Welt versetzt als ei- 
ner, der spater stirbt. Er tragt also aus dem Riickblick, den er hat 
nach dem Tode, in sein nachstes Leben zwischen Geburt und Tod 
ungeheuer viel Spirituelles, ungeheuer viel Geistiges hinein. Und 
die vielen, die in unserer jetzigen Zeit friih sterben, die werden auch 
von diesem Gesichtspunkte aus wichtige Trager der geistigen Wahr- 
heiten und geistigen Erkenntnisse sein, wenn sie in einer nachsten 
Inkarnation wiederum herunterkommen auf die Erde. 

So sieht man, wie der ungeheure Schmerz, der sich ausgielSt iiber 
die Welt, doch notwendig ist fiir den gesamten Verlauf des Daseins. 
Denn das Blut, das jetzt flielSt, wird das Symbolum sein fiir eine ge- 
wisse Erfrischung des spirituellen Lebens in einer gewissen Zu- 



kunft, die der gesamten Entwickelung der Menschheit notwendig 
ist. Denn anders werden die Seelen, die jetzt so friih durch die 
Pforte des Todes gehen, herunterkommen, die meisten werden an- 
ders herunterkommen, als sie heruntergekommen waren, wenn sie 
im materiellen Dasein bis an die auiJerste Grenze des Lebens ge- 
kommen und dann gestorben waren. Auch das ist Weisheit der 
Welt, dafi jetzt eine Anzahl von Seelen hinweggerufen werden, da- 
mit sie schon in dem Riickblicke und Riickerleben tiefe geistige Ge- 
heimnisse auf eine dem Irdischen verwandte Art schauen konnen. 
Das ist auch Weisheit der Welt, damit diese Seelen dann erfiillt wer- 
den konnen mit dem, was sie starker schauen, wenn sie es noch ein- 
mal schauen, gestarkt werden durch das kiirzere irdische Leben, das 
sie durchgemacht haben. 

Das ist wirkliche Weisheit der Welt. Und so mufi man sagen, dafi 
vieles von dem, was uns mit Recht tief schmerzt, wenn wir den 
Blick blof] darauf richten konnen vom Gesichtspunkte des irdischen 
Daseins aus, dafS vieles davon uns seinen versohnenden Anblick 
zeigt, wenn wir es vom Gesichtspunkte des geistigen Anschauens 
betrachten konnen. Nun, so ist es mit dem ganzen Leben. GewiiS, 
meine lieben Freunde, der irdische Schmerz kann durch eine solche 
Betrachtung ja zunachst nicht vermindert werden. Er mulJ auch 
durchlebt werden. Denn das ist eben die Bedingung dafiir, dal^ er 
wiederum ausgeglichen werden kann. Hatten wir ihn nicht erlebt in 
der physischen Welt, so konnte er nicht ausgeglichen werden. Aber 
wenn wir auch leiden miassen iiber vieles in der physischen Welt, so 
gibt es doch auch Augenblicke, in denen wir uns versetzen konnen 
auf die Standpunkte des Geistigen. Dann werden wir gar manches, 
was von niederen Gesichtspunkten aus uns schmerzvoll erscheinen 
muf], eben erkennen als einen Tribut, der gebracht werden muH den 
hoheren geistigen Welten mit ihren Weisheiten, damit nicht in ein- 
seitiger, sondern in allseitiger Weise die Entwickelung der ganzen 
Welt und des Menschendaseins vorwartsgehen kann. 

Das Versohnende fiir manchen Schmerz mufS eben erst errungen 
werden, und dazu mufi der Schmerz erst durchgemacht werden. Er- 
sparen kann uns ja die Geisteswissenschaft gewiO den Schmerz 



nicht, aber sie kann uns lehren, ihn hinzutragen auf den Altar des 
Daseins und den Ausgleich zu suchen, und die Weisheit der Welt 
anzuerkennen trotz allem Schmerz, den sie um hoherer Ziele willen 
verursachen muH. Das ist das, was uns als cine wichtige Wegzehmng 
fiir das ganze menschliche Dasein Geisteswissenschaft eben geben 
kann. So diirfen wir auch von diesem Gesichtspunkte aus, ich 
mochte sagen, so recht aus den Empfindungen, die uns die Geistes- 
wissenschaft geben kann, hinblickend auf die auch schmerzvollen 
Ereignisse unserer Zeit, eben sagen, was wir oftmals hier sagten: 

Aus dem Mut der Kampfer, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geistbewufit 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



ZWEITER VORTRAG 



Berlin, 18. November 1915 

Als erstes obliegt mir die schwere, traurige Pflicht, Ihnen die Nach- 
richt zu iiberbringen, dafi zu denjenigen, die wir heute schon zu den 
Spharenmenschen zu rechnen haben, auch unsere liebe Freundin, 
die Leiterin der Miinchener Loge, Fraulein Stinde, gehort. Sie hat 
gestern abend diesen physischen Plan verlassen. Es ist keine Mog- 
iichkeit, in den ersten Augenblicken iiber diesen fiir unsere Gesell- 
schaft so auilerordendich schweren, bedeutungsvoUen Verlust zu 
sprechen, ich will nur ganz wenige Worte iiber dieses fiir uns so 
schmerzliche, bedeutsame Ereignis im Beginne der heutigen Be- 
trachtungen zu Ihnen sprechen. 

Fraulein Stinde gehort ja zu denjenigen, die wohl in den weite- 
sten Kreisen unserer Freunde, ich mochte sagen, wie selbstverstand- 
lich bekannt sind. Sie gehort zu denen, welche unsere Sache im Al- 
lertiefsten ihres Herzens ergriffen haben, sich ganz mit unserer Sa- 
che identifiziert haben. In ihrem und ihrer Freundin, der Grafin 
Kalckreuth, Haus konnte ich ja im Jahre 1903 die ersten intimen 
Vortrage iiber unsere Sache, die ich in Miinchen zu halten hatte, ge- 
ben. Und man darf sagen: Von diesem ersten Mai an, da uns Frau- 
lein Stinde nahertrat, verband sie nicht nur ihre ganze Personlich- 
keit, sondern ihre ganze, auch so wertvolle, so ausgezeichnete, so tief 
in die Waagschale fallende Arbeitskraft mit unserer Sache. Sie ver- 
liefi ja dasjenige, was ihr vorher als ein kiinstlerischer Beruf teuer 
war, um sich ganz und einzig, mit ihrer ganzen Kraft, in den Dienst 
unserer Sache zu stellen. Und sie hat in einer selten objektiven, in 
einer ganz unpers5nlichen Weise seit jener Zeit intensiv fiir diese 
unsere Sache im engeren Kreise und im weiteren Kreise gewirkt. 
Fiir Miinchen war sie ja die Seele unseres ganzen Wirkens. Und sie 
war eine solche Seele, von der man sagen konnte, dafi sie durch die 
inneren Qualitaten ihres Wesens die allerbeste Garantie dafiir abgab, 
daU an diesem Orte unsere Sache in der allerbesten Weise sich ent- 
wickeln konne. Sie wissen ja, meine lieben Freunde, es hatten die 



Auffiihrungen der Mysterienspiele und all dasjenige, was damit ver- 
bunden war fiir Miinchen, den dort fiir uns tatigen Personlichkeiten 
eine ganze Reihe von Jahren hindurch eine riesige Arbeitslast aufer- 
legt. Dieser Arbeitslast unterwarf sich Fraulein Stinde mit ihrer 
Freundin in der allerintensivsten Weise, und vor alien Dingen darf 
gesagt werden, in der allerverstandnisvoUsten Weise, in einer Weise, 
die ganz herausgeboren war aus dem innersten Wesen unserer Sa- 
che, aus dem Wollen, das nun selber aus diesem inneren Wesen un- 
serer Sache herausgeboren werden kann. Und man darf ja vielleicht 
auch andeuten, dad die intensive Arbeit, welche Fraulein Stinde ge- 
leistet hat, wirklich ihre Lebenskraft in den letzten Jahren sehr stark 
verzehrt hat. So daiS man wirklich sich gestehen muiJ: Diese wert- 
voUe, vielleicht etwas zu schnell in den letzten Jahren aufgezehrte 
Lebenskraft war in der schonsten, in der tief-befriedigendsten Weise 
unserer Sache gewidmet. Und es ist wohl unter denen, weiche Frau- 
lein Stinde naher kannten, niemand, der sich des Eindruckes je ganz 
erwehren konnte, dafj gerade diese Personlichkeit zu unseren aller- 
besten Arbeitern gehorte. Es ist gewifi, meine lieben Freunde, man- 
ches auch in der Tatigkeit von Fraulein Stinde da oder dort miiSver- 
standen worden, und es steht zu hoffen, dafS auch diejenigen unserer 
Freunde und Anhanger, welche das Wirken Fraulein Stindes durch 
Vorurteil verkannt haben, nachtraglich das Sonnenhaft-KraftvoUe, 
das von dieser Personlichkeit ausgegangen ist, voU anerkennen wer- 
den. Und jene, die aus unserem weiteren Kreise beobachten konn- 
ten, was Fraulein Stinde fiir unsere Sache tat, sie werden ihr ja mit 
alien denen, die ihr nahergestanden haben, das allertreueste Anden- 
ken bewahren. Wie wir ja gerade von ihr sicher sein konnen, dal^ wir 
das Wort ganz besonders betonen diirfen, welches in diesen Tagen 
ja ofters ausgesprochen werden muiSte in Ankniipfung an den Ab- 
gang vom physischen Plane mancher unserer Freunde - es darf ge- 
rade im Hinblick auf Fraulein Stinde bei dem vielen Angefochten- 
werden und bei der Gegnerschaft, die unsere Sache in der Welt hat, 
dieses Wort betont werden: Wir, die wir ja treu und ehrlich zu den 
geistigen Weiten uns bekennen, zahlen jene, die nur die Form ihres 
Daseins gewechselt haben, die aber als Seelen treu mit uns vereint 



sind, trotzdem sie durch die Pforte des Todes gegangen sind, zu un- 
seren wichtigsten, bedeutungsvollsten Mitarbeitern. Jene Schleier, 
die noch vielfach diejenigen umgeben, die im physischen Leibe ver- 
korpert sind, die fallen ja nach und nach ab, und die Seelen dieser 
unserer teuren Toten wirken - dessen sind wir gewiC - mitten unter 
uns. Und wir brauchen, meine lieben Freunde, gerade solche Hilfe. 
Wir brauchen solche Hilfe, die nicht mehr angefochten wird vom 
physischen Plane aus, solche Hilfe, die auch keine Rucksicht mehr 
zu nehmen hat in bezug auf die Hemmnisse des physischen Planes. 
Und wenn wir den tiefen, ernsthaftesten Glauben an das Fortkom- 
men unserer Sache in der Weltkultur haben, so ist es mit darum, 
dafi wir uns voll bewuf^t sind, dafS diejenigen, die einmal zu uns ge- 
hort haben, auch dann, wenn sie mit geistigen Mitteln aus der geisti- 
gen Welt unter uns wirken, unsere besten Krafte sind. Manchmal 
wird das Vertrauen, das wir in unsere Sache brauchen, sich erharten 
miissen daran, da{5 wir wissen: Wir danken unseren toten Freunden, 
dafi sie mitten unter uns sind und dafj wir mit ihren Kraften vereint 
die Arbeit fiir die geistige Weltenkultur leisten konnen, die uns 
obliegt. 

In diesem Sinne nur wollte ich mit ein paar Worten heute schon 
dieses schmerzliche Ereignis beriihren und nur noch sagen, dafS die 
Kremation am nachsten Montag um 1 Uhr in Ulm stattfinden wird. 

Ich mochte nun fortfahren in den Betrachtungen, die wir vorge- 
stern begonnen haben. Nicht wahr, solche Zeiten wie die unsrige, in 
denen so mannigfaltig das Ratsel des Todes an die Menschenseele 
herantritt - wir haben es schon vorgestern betont -, die mahnen 
ganz besonders daran, nachzufragen, welche Klarheit der Mensch 
gewinnen kann iiber die geistigen Welten. Zeiten, in denen die 
Menschheit so schweren Priifungen ausgesetzt ist, wie die gegenwar- 
tige ist, sie sind ja geradezu dazu geschaffen, die Menschenseele die 
Richtung dahin nehmen zu lassen, wo die Fragen ihr aufgehen nach 
den Wesenheiten der geistigen Welten. Denn wer, meine lieben 
Freunde, mochte nicht an jeder Stelle in dem, was heute innerhalb 
eines grofien Teiles der Kulturwelt geschieht, das grofie Lebensratsel 
aufgehen sehen? Und wer mochte nicht ahnen, daf^ groi^e Zusam- 



menhange verborgen sind hinter soichen Ereignissen, wie sie heute 
in unserer weiteren Umgebung leben und die Menschenseelen, die 
Menschenherzen durchzucken mit Schmerz, mit Leid, aber auch 
mit Hoffnung und mit Zuversicht? 

GewifJ, wer mit einem nur kurzreichenden Blicke die Weltener- 
eignisse anschaut, der wird solche umfangreichen Ereignisse nach 
dem nachsten beurteilen, das ihnen vorangegangen ist und das ih- 
nen folgen kann. Wer aber nur auch aufSerlich, ohne in irgend etwas 
Esoterisches einzugehen, den Gang der Weltenereignisse anblickt 
und friihere Zeiten mit gegenwartigen Zeiten vergleicht, der wird 
sich bewufit werden konnen, wie unendlich viel zusammenhangen 
kann, sagen wir, mit dem, was sich in einer ganz anderen Art als die 
Wirkungen nachher in der Weh nunmehr abspielt. Es sind jetzt 
viele Menschen, die sagen, die gegenwartigen kriegerischen Ereig- 
nisse seien blofJes Ergebnis aufJerer politischer Gegensatze, Gegen- 
satze der einzelnen Nationen, der einzelnen Volker. GewiC ist das 
wahr. Und nicht darum handelt es sich, im engeren Sinne irgend et- 
was einzuwenden gegen die Wahrheit einer soichen Auffassung. 
Aber wenn Sie zum Beispiel im Beginne des mittelaherHchen Le- 
bens die Kampfe nehmen, die sich abgespieh haben zwischen den 
in Mitteleuropa und den in Siideuropa lebenden, vor alien Dingen 
das Romische Reich einnehmenden Volkerschaften, so kann man 
auch sagen, diese Kampfe, die sich da abgespielt haben in Form von 
politischen Kampfen, gingen hervor aus politischen Gegensatzen, 
die da bestanden haben, batten ihre Ursachen in diesen unmittelbar 
naheliegenden Gegensatzen. Aber nun sind diese Kampfe abgelau- 
fen. Sie haben gewisse Konfigurationen des ganzen europaischen 
Lebens hervorgerufen. Wenn Sie nur ein wenig die Geschichte auf- 
schlagen und sich ansehen, was dazumal geschehen ist durch die 
Kampfe der mitteleuropaischen Volkerschaften mit, sagen wir, den 
Volkerschaften des Romerreiches, so werden Sie sich sagen: Es ist 
aus einer alteren Konfiguration der europaischen Welt eine spatere 
Konfiguration dieser europaischen Welt entstanden. Aber wenn 
man ganz wiirdigen will, um was es sich dabei handelt, dann mufS 
man die ganze nachfolgende Geschichte ins Auge fassen. Denn 



diese nachfolgende Geschichte, wie sie sich abgespielt hat in Eu- 
ropa, sie hatte sich nicht so abspielen konnen, wie sie sich abgespielt 
hat, batten nicht die Kampfe dazumal gerade den Ausgang genom- 
men, den sie genommen haben. 

Und was gehort alles zu dieser europaischen Geschichte? Die 
ganze Art und Weise, wie sich das Christentum in Europa ausge- 
breitet und eingelebt hat, gehort dazu! Und wenn Sie sich die tiefe- 
ren Zusammenhange anschauen, so konnen Sie sich sagen: Mit al- 
lem, was in den folgenden Jahrhunderten geschehen ist, Hegt die Sa- 
che so, daO dieses durch Jahrhunderte Geschehene wie mit seiner 
Ursache zusammenhing mit den damaligen Kampfen. Das heil^t, 
mit den Ereignissen, auf die wir hingedeutet haben, hangt zusam- 
men die ganze spatere Konfiguration der europaischen Welt, bis in 
die geistigen Verhaltnisse hinein. Und betrachten Sie das nur in sei- 
nem ganzen Schwergewicht, so dai^ Sie sich sagen: dadurch, wie sich 
nun das Christentum in Europa ausbreitete, wie es seine Gestalt an- 
genommen hat dadurch, daH die jungen germanischen Volker gegen 
die altgewordenen romischen Volker ihre Jugendkraft vereinigt ha- 
ben mit dem, was als eine reifste Frucht, als die christliche Verkiin- 
digung in die Menschheit hineinflofi, dadurch ist eine gewisse euro- 
paische Atmosphare geschaffen worden, in die die folgenden Seelen 
hineinversetzt worden sind. 

Also wie die Seelen gelebt haben in folgenden Jahrhunderten, 
wie die Seelen in den folgenden Jahrhunderten geworden sind, das 
hangt zusammen mit diesen Ereignissen. Wenn daher ein Mensch 
damals gesagt hatte: Nun, was ist das weiter? Es ist ein poUtischer 
Gegensatz der Volker zwischen Siid- und Mitteleuropa so wiirde 
er recht gehabt haben. Aber derjenige, der gesagt hatte: Sieh bin, die 
Konfiguration der geistigen Kultur aller folgenden Jahrhunderte 
nimmt ihrcn Ausgang von dem, was hier geschieht -, so hatte der 
auch recht gehabt, und er hatte in weiterem Sinne recht gehabt. Da- 
mit, daiJ man von irgend etwas die naheliegenden Ursachen auffin- 
det, daH man sagt, was die nachstliegenden Gegensatze sind, hat 
man nicht die ganze Schwere des Ereignisses getroffen. Die Dinge 
dieser Welt hangen aufs innigste zusammen. Und wenn wir inner- 



lich Starkung brauchen, um sozusagen die rechte Kraft zu finden 
fiir das Vertreten unserer Sache, dann brauchen wir uns nur zu er- 
innern, dafS in einem wahrhaft noch kleineren Zirkel, als der uns- 
rige einer ist, zusammengesessen haben diejenigen, die im Beginne 
der christlichen Verkiindigung die grofSe Weltwahrheit des Chri- 
stentums vertreten haben. Ich habe schon ofter diesen Vergleich 
gebraucht, aber wir wollen ihn auch heute noch einmal anwen- 
den. 

Es gab eine Zeit, die konnen wir geradezu so beschreiben: Wir 
sehen das alte Romische Reich. Wir sehen es leben ganz und gar in 
der Atmosphare der alten heidnischen Wehanschauung. Wir sehen 
dieses Reich mit seinen Menschen, die gewissermafSen die obere 
Schichte bilden. Da unten, wahrhaftig noch mehr unten als unser 
«unten» heute ist, wirkHch im gewohnUchen Sinne «unten», in den 
Katakomben unter der Erde, sehen wir die ersten, an Zahl sparli- 
chen Christen, mit dem, was ganz fremd ist der Weltkuhur oben, 
aber was sie so in ihren Herzen tragen, daO die Kraft, mit der sie es 
tragen, eben wehumschaffend ist. Und, meine Heben Freunde, wenn 
wir uns diese Katakomben vergegenwartigen : da unten in den Kata- 
komben, mit ihren Gedanken nach dem Christus-Impuls hin ge- 
richtet, sehen wir die ersten Christen, und oben iiber ihren Kopfen 
die Romer - Sie wissen ja, wie die mit den ersten Christen verfahren 
sind, ich brauche es Ihnen nicht zu erzahlen. Und wenn Sie sich ein 
paar Jahrhunderte danach das Bild vor die Seele malen, wie anders 
sieht es aus! Hinweggefegt ist das, was oben war, und hinaufgedrun- 
gen von unten nach oben ist das, was verachtet unten im Verborge- 
nen war. Gewifi, die Zeiten und die Formen, in denen so etwas ge- 
schieht, andern sich, aber das Wesentliche bleibt. Von denjenigen, 
die heute die aufiere Wissenschaftskultur, die aufJere geistige Kultur 
vertreten, wenn es auch nicht ortHch und wortlich zu nehmen ist, 
kann auch gesagt werden, sie fiihlen sich «oben», und sie nennen 
das, was getrieben wird in unseren Reihen, eine Weltanschauung 
von ein paar Sektierern, ein paar unnormalen Kopfen. Aber derje- 
nige, der wirklich in das Wesen dieser unserer Weltanschauung ein- 
dringt und der sich vor alien Dingen damit durchdringt, er darf die 



Zuversicht haben, daiS auch hier einmal das Unten das Oben sein 
wird. Und da konnen sich dann schon die Gedanken zusammen- 
schltel^en, die Gedanken der umgestalteten Welt, die aus der so 
schweren Zeit unserer Tage hervorgehen wird, sich anschlieOend an 
das, was im Geistigen die Menschheit ergreifen muU. Denn es gibt 
kaum eine grofSere Ahnlichkeit im geschichdichen Werden als die 
Ahnlichkeit zwischen unserer Zeit und derjenigen, die sich abge- 
spielt hat, als die alte romische Kultur noch oben und das Christen- 
tum, von wenigen getreuen Seelen vertreten, noch unten war. 

Aufmerksam machen mochte ich darauf, wenn ich auch nicht 
durch ein allzu genaues, pedantisches Hinweisen auf diese Dinge 
unsere Empfindungen, die in diesen Tagen weit sein sollen, zu stark 
verengen will, da£ gerade dieses gut ist, wenn wir uns so unser Zeit- 
alter und das Rom vom ersten Aufgange des Christentums wie als 
Bilder fiir unsere Imagination vor die Seele halten. 

Nun, meine lieben Freunde, viele, die heute dem, was wir Gei- 
steswissenschaft nennen, entgegentreten, miissen ja zweifellos das 
ganz Andersartige desjenigen empfinden, was Geisteswissenschaft 
vertreten mud, gegeniiber dem, was sonst allgemein unter den heute 
«normal» benannten Menschen vertreten wird. Aber auch da brau- 
chen wir nur darauf zu blicken, wenn wir dies in rechter Weise ver- 
stehen wollen, wie doch ganz andersartig die erste Verkiindigung 
des Christentums war gegeniiber demjenigen, was bei den damals 
normal Genannten, etwa den Romern, gang und gabe war. Mit ei- 
nem solchen Gedanken muH man sich vertraut machen, wenn im- 
mer wieder und wiederum uns entgegnet wird, dal] man ja mit den 
Mitteln, die berechtigte Erkenntnismittel sind, solche Welten nicht 
erreichen konne wie die, von denen hier die Rede ist. Aber wir miis- 
sen auch wirklich die intimere Arbeit in unseren Zweigen so auffas- 
sen, dai] wir uns sagen: Dieses Leben in unseren Zweigen ist als sol- 
ches nicht nutzlos. Es ist nicht gleichgiiltig gegeniiber unserer Sache 
selbst, daiJ wir in solchen Zweigen zusammenkommen und immer 
wieder nicht nur die Bekanntschaft mit den theoretischen Ergebnis- 
sen unserer Lehre erneuern - darauf kommt es nicht an -, sondern 
auch das warme Fiihlen und Empfinden fiir die konkreten Dinge 



und Wesenheiten der geistigen Welt. Dadurch gewohnen wir uns 
hinein in die Art und Weise des seelischen Empfindens und Fiih- 
lens, die es uns allerdings moglich machen, geistige Wahrheiten an- 
ders hinzunehmen als diejenigen, die unvorbereitet sind. Es mufi 
schon in unseren Zweigabenden zuweilen etwas aus den hoheren, 
spateren Partien der geistigen Erkenntnis gesagt werden, man kann 
nicht immer wieder vom Anfang anfangen. Aber es mufJ auch dieses 
Vertrautsein mit dem Zweigleben dem grofSten Teil der Seelen un- 
serer Freunde die Moglichkeit gewahren, solche Dinge, wie ich sie 
vorgestern angedeutet habe, die besondere Art der Bewahrheitung 
unserer geistigen Erkenntnis, in sich aufzunehmen. 

Man kann diese Dinge nicht in derselben Weise bewahrheiten, 
wie man die aufieren Dinge bewahrheitet: indem man die Leute mit 
den Augen darauf stofit. Aber derjenige, der eine Empfindung hat 
fiir so etwas, wie ich es das letztemal angedeutet habe, der wird, 
wenn er auch nicht selbst in die geistigen Welten hineinschaut, fiih- 
len, wie dutch das Sich-gegenseitig-Stiitzen der geistigen Wahrhei- 
ten der Wahrheitswert erhoht wird. Deshalb will ich noch einmal 
darauf aufmerksam machen, wie es so sehr bedeutsam ist, wie auf 
der einen Seite durch jahrelanges Beobachten ein gewisser Gesichts- 
punkt herausgekommen ist, daO ein Drittel der Zeit unseres Lebens 
zwischen Geburt und Tod wiederum nacherlebt wird nach dem 
Tode, und nunmehr ein ganz anderer Gesichtspunkt aufgefunden 
wird: der Gesichtspunkt, daH wir eigentlich das Schlafesleben in ei- 
ner besonderen Form durchleben wahrend dieser Zeit, die wir das 
Kamaloka nennen, und dafJ diese Zeit auch ein Drittel des Lebens 
auf dem physischen Plan ergibt. Diese beiden Gesichtspunkte sind 
ganz unabhangig voneinander, von verschiedenen Ausgangspunkten 
aus gefunden worden. Und so haben wir auch bei anderen Gelegen- 
heiten schon gezeigt, wie man von drei oder vier Gesichtspunkten 
aus immer zu demselben kommt. Da stiitzen sich die Wahrheiten 
gegenseitig. Dafiir, meine lieben Freunde, muC man sich auch ein 
Gefiihl erwerben! Und davon kann das dann ausgehen, wovon ich 
sagen mochte, daiJ es etwas gibt wie ein natiirliches elementares 
Wahrheitsgefiihl fiir diese geistigen Erkenntnisse. An das mufi ich ja 



oft appellieren, sonst konnte ich nicht spatere, hohere Wahrheiten 
an den einzelnen Zweigabenden aussprechen. 

Wir haben vorgestern darauf aufmerksam gemacht, da{J der 
rechte Zusammenhalt unseres Ich-BewufStseins zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt gleichsam angefacht wird durch jene pan- 
oramamafiige Uberschau, die wir iiber das letzte Erdenleben haben 
nach dem Tode. Wir iiberschauen da unser Leben gleichsam in ei- 
nem Lebenstableau. Machen Sie sich nur ganz klar, was das eigent- 
lich ist, was man da schaut. Wir sind gewohnt, hier auf dem physi- 
schen Plan als Menschen gewissermaiJen in einer Art Mittelpunkt 
unseres Welthorizontes zu stehen und im Umkreis die Welt zu se- 
hen, die auf unsere Sinne einen Eindruck macht Wir iiberschauen 
den Horizont, der auf uns einen Eindruck machen kann. Wir 
schauen nicht in uns hinein in diesem normalen Leben auf dem 
physischen Plan, sondern wir schauen aus uns heraus. Nun ist es 
wichtig, dafi wir, wenn wir uns einen Begriff aneignen woUen von 
dem unmittelbar auf den Tod folgenden Leben, gleich darauf auf- 
merksam werden, daiS nun dieser Blick auf das Lebenspanorama so- 
fort anders ist als dasjenige, was wir an Wahrnehmung gewohnt sind 
fiir den physischen Plan. Auf dem physischen Plan, da sehen wir aus 
uns heraus; wir sehen die Welt als unsere Umgebung. Da sind wir, 
wir schauen aus uns heraus, wir schauen nicht in uns herein. Da ha- 
ben wir nun unmittelbar nach dem Tode ein paar Tage, wo unser 
Blickfeld ausgefiillt ist von dem, was wir zwischen Geburt und Tod 
erlebt haben. Da blicken wir hin von dem Umkreise aus auf das 
Zentrum. Wir blicken auf unser eigenes Leben, auf den zeitlichen 
Verlauf unseres eigenen Lebens. Wahrend wir sonst sagen : Da sind 
wir, und da ist alles iibrige, haben wir unmittelbar nach dem Tode 
gleich das BewufJtsein: Diesen Unterschied zwischen uns und der 
Welt gibt es nicht, sondern wir schauen vom Umkreis auf unser Le- 
ben hin, und das ist fiir diese paar Tage unsere Welt. So wie man im 
gewohnlichen Wahrnehmen auf dem physischen Plane Berge, Hau- 
ser, Fliisse, Baume und so weiter sieht, so sieht man dasjenige, was 
man durchlebt hat im Leben von einem gewissen personlichen Ge- 
sichtspunkte aus, als seine nun unmittelbare Welt. Und dafl man das 



sieht, das gibt den Ausgangspunkt fiir die Erhaltung des Ich nun 
durch das ganze Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Das starkt 
und kraftigt die Seele so, daC sie zwischen Tod und neuer Geburt 
immer weifi: Ich bin ein Ich! 

Hier im physischen Leben fiihlen wir unser Ich dadurch - ich 
habe das ja schon oft angedeutet dafi wir in einer gewissen Bezie- 
hung zu unserer Korperlichkeit stehen. Sehen Sie, wenn Sie genau 
auf den Traum achten, so werden Sie sich sagen: im Traume haben 
Sie kein deutliches Gefiihl des Ich, sondern oft ein Gefiihl des Los- 
getrenntseins. Das kommt davon her, dall der Mensch hier auf dem 
physischen Plan sein Ich eigentiich nur fiihlt durch die Beriihrung 
mit seinem Leibe. In grober Weise konnen Sie sich das etwa so ver- 
gegenwartigen: Sie gehen so mit dem Finger durch die Luft - da ist 
nichts! Sie gehen weiter - da ist immer noch nichts. Indem Sie aber 
anstofSen, wissen Sie von sich. Sie werden sich gewahr, indem Sie 
anstoOen. Und so wird auch das Gewahrwerden unseres Ich herbei- 
gefiihrt Nicht das Ich selbst - das Ich ist eine Wesenheit -, aber das 
Ich-BewufStsein, das BewuCtsein vom Ich. Der GegenstofJ macht 
uns aufmerksam auf unser Selbst. Also im physischen Leben sind 
wir ich-bewufit dadurch, dad wir in einem physischen Leibe leben. 
Dafiir haben wir den physischen Leib bekommen. Im Leben zwi- 
schen Tod und neuer Geburt haben wir ein Ich-BewulJtsein da- 
durch, dafi wir die Krafte bekommen haben, die ausgehen von der 
Anschauung des letzten Lebens. Wir stofien gewissermaflen an das- 
jenige, was uns die Raumeswelt gibt, und gewinnen dadurch unser 
Ich-Bewufitsein fiir das Leben zwischen Geburt und Tod. Wir sto- 
fSen an das, was wir selbst erlebt haben zwischen Geburt und Tod im 
letzten Leben, und haben dadurch unser Ich-Bewulltsein fiir das Le- 
ben zwischen Tod und neuer Geburt. 

Nun folgt das ganz andere Leben, das ein Drittel an Zeit ein- 
nimmt von dem Leben zwischen Geburt und Tod, das man so oft 
das Kamaloka-Leben nennt. Da ist es so, dafS eine Erweiterung un- 
serer Anschauung eintritt. Wahrend in den ersten Tagen unsere An- 
schauung eigentiich nur auf uns selbst, auf das verflossene Leben, 
nicht auf die Personlichkeit bin gerichtet ist, ist das in der nachsten 



Zeit nun ganz anders. Gewil], die Kraft, sich nun als Ich 2u wissen, 
die bleibt. Aber nun tritt - Sie konnen das, was ich jetzt zusammen- 
fasse, sich selbst zusammensuchen aus einzelnen Biichern und Zyk- 
len - etwas ganz Eigenartiges ein: Das, woran der Mensch eben erst 
sich gewohnen muC, weil die ganze Anschauungsweise der Welt 
eine ganz andere ist als die hier auf dem physischen Plan. Es besteht 
ein grower Teil dessen, was der Mensch nach dem Tode durchzuma- 
chen hat, in dem Sichhineingewohnen in eine andere Anschauungs- 
weise. Hier erblicken wir um uns herum die Natur. Das, was wir 
hier in der physischen Welt als Natur anblicken, das ist ja ganz und 
gar nicht vorhanden in der Welt, die unsere Welt ist zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt. Dafiir, wie wir hier die Natur sehen, 
haben wir eben unsere physischen Augen, Ohren, unseren ganzen 
physischen Wahrnehmungsapparat. Und mit anderen Wahrneh- 
mungsorganen kann diese Natur, so wie sie ist in ihrer Farbenfiille 
und sonstigen Eigenschaften, nicht wahrgenommen werden. Des- 
halb werden wir mit einem physischen Leibe ausgestattet, damit wir 
die Natur wahrnehmen konnen. Nach dem Tode ist an Stelle des- 
sen, was hier als Natur um uns ist, die geistige Welt um uns, die wir 
beschreiben als die Welt der Hierarchien, eine Welt von lauter We- 
senheiten, eine Welt von lauter Seelen. Nicht Materie oder Substanz 
oder Gegenstande, die Farbe haben, sondern lauter Wesen. Das ist 
das Wesentliche, worauf es ankommt. Daher ist selbstverstandlich 
die tiberraschung am grofiten fiir diejenigen Seelen, die hier im 
physischen Leben den Geist ableugnen. Denn diejenigen, die den 
Geist ableugnen und gar nichts davon glauben, die werden in eine 
Welt versetzt, die sie eben abgeleugnet haben, die ihnen ganzlich 
unbekannt ist. Sie miissen zwangsweise in einer Welt leben, von der 
sie eigentlich gewoUt haben, dafi sie nicht da sei. 

Wir sind also umringt von Geistumgebung, von lauter Wesen, 
von lauter Seelen. Und nach und nach pragt sich heraus, gestaltet 
sich heraus aus dieser ailgemeinen Seelenwelt - iiberall sind Seelen, 
die wir zunachst nicht kennen; wir wissen: da sind lauter Seelen, 
aber wir kennen sie nicht im einzelnen -, tritt heraus nach und nach 
die einzelne Seele bestimmter, konkreter, und es treten heraus na- 



mentlich in dieser Zeit die Seelen der Menschen, mit denen wir ge- 
lebt haben hier auf dem physischen Plane. Wir lernen erkennen, in- 
dem wir der Fiille von Seelen, unter denen wir da sind, gegeniiber- 
treten: diese Seele ist der, eine andere Seele ist ein anderer. Wir ma- 
chen Bekanntschaft mit diesen Seelen. Zunachst miissen wir uns 
bekanntmachen damit, dall die ganze Art und Weise, wie man dann 
zur Welt steht zwischen Tod und neuer Geburt, doch eine wesent- 
lich andere ist, auch noch in anderer Beziehung als angedeutet, als 
die Art und Weise, in der man zur Welt steht hier auf dem physi- 
schen Plan. Hier nennen wir die Welt aufier uns. Nach dem Tode 
haben wir wirklich das BewulStsein, da{? die Welt in uns ist. Es sieht 
aus wie ein paradoxer Vergleich, aber es ist doch so: Denken Sie 
sich einmal, Sie wiirden fiir einen Moment hier auf der Erde sich 
ganz verfliichtigen, Sie wiirden in Dunst aufgehen. Diese Dunst- 
wolke, die Sie selber sind, verbreitet sich mehr und mehr, und sie 
bleibt erst stehen - nehmen wir fiir einen Augenblick das Firma- 
ment wie eine Wesenheit - als Firmament, da, *wo die Welt mit 
Brettern verschlagen ist», wie man so sagt. Sie fiihlen sich dann als 
dieses Firmament und schauen nun alles drinnen, so dafi Sie mit 
dem Bewul^tsein draufien stehen und die Welt im Innern sehen. 
Wir fiihlen uns so, dalJ alles, was auftritt, innerlich auftritt. So wie 
ein Schmerz hier in uns auftritt, so treten nach dem Tode die We- 
sen in uns auf als Innenerlebnis. Das bewirkt ja das unendlich In- 
time der Erlebnisse zwischen Tod und neuer Geburt, das Verbun- 
densein mit ihnen, dafi man sie als Innenerlebnis eigentlich zuerst 
hat. Aber da gibt es einen gewissen Unterschied. Sehen Sie, von 
solch einer Seele, die man anfangt zu erkennen, wie ich es beschrie- 
ben habe, von der kann man zunachst wissen: Sie ist da; aber sie hat 
nicht Gestalt, sie ist noch nicht wahrnehmbar. Um sie wahrnehmbar 
zu machen, mufi man eine innere Tatigkeit verrichten, die etwa fol- 
gendes darstellt. Man denke sich ins Geistige iibersetzt: Ich fiihle et- 
was hinter mir, was ich nicht sehe, so dal] ich mir also die Vorstel- 
lung mache, es ist da, aber ich mufJ eine Tatigkeit verrichten, um 
diese Vorstellung zu bekommen. Ich mochte sagen, es ist zu verglei- 
chen damit, dall ich mir nach dem Abtasten von einem Gegenstand 



eine Zeichnung mache. Also innere Tatigkeit ist notwendig, damit 
die Imagination auftritt. Ich weiC: das Wesen ist da, aber die Imagi- 
nation mul^ ich erst schaffen, indem ich mit dem Wesen mich in- 
nerlich verbinde. Das ist die eine Art, wie man Seelen wahrnehmen 
kann. Die andere Art ist so, daiS man diese innere Tatigkeit nicht so 
hervorragend stark verrichtet, sondern daC sie sich selber macht. Sie 
tritt auf, ohne dafi man viel dazu zu tun hat. Es ist so, wie wenn man 
hier etwas anschaut, aber natiirlich ins Geistige iibersetzt. Und die- 
ser Unterschied kann zwischen zwei Seelen vorhanden sein: Von 
der einen Seele bekommt man eine Anschauung dadurch, dal5 man 
viel mittut; von der anderen Seele dadurch, daO einem die Imagina- 
tion sich von selbst gibt: man braucht nur aufmerksam zu sein. So 
mufi man diesen Unterschied angeben. Denn wenn Sie mit einer 
Seele so bekannt werden, dafS Sie mehr Tatigkeit brauchen, so ist 
das eine Seele, die verstorben ist. Und eine Seele, die sich mehr von 
selbst ergibt, ist eine solche, die hier auf der Erde verkorpert ist im 
physischen Leibe. Diese Unterschiede sind eben wirklich auch da. 
Der Mensch steht - mit Ausnahmen, die wir ja auch einmal erwah- 
nen konnen - nach dem Tode sowohl in Verbindung mit solchen 
Seelen, die verstorben sind, wie mit den Seelen, die noch hier auf 
der Erde sind. Und der Unterschied liegt in der Art und Weise, wie 
man selbst tatig oder passiv sein mu{5, in welcher Weise die Imagi- 
nation von der Seele, der man gegeniibertritt, entsteht. 

Nun gibt es einen Begriff, eine Eigenschaft, iiber die wir schon 
verschiedentlich gesprochen haben, die wir aber noch einmal zu- 
sammenfassen wollen fiir dieses ganze Leben, das ein Drittel der 
Zeit des verflossenen Erdenlebens einnimmt und das wir gewohnt 
sind, das Kamaloka- Leben zu nennen. Wenn Sie hier auf der Erde 
leben und Sie einer pufft, so wissen Sie es, Sie nehmen das wahr, Sie 
sagen, er hat mich gepufft. Und es ist in der Regel anders, das Erleb- 
nis, wenn Sie einer pufft, als wenn Sie einen anderen puffen. Und 
wenn Sie von jemandem etwas gesagt bekommen, so ist das Erleb- 
nis hier anders, als wenn Sie etwas sagen. Ganz umgekehrt ist es in 
dem Kamaloka-Leben, in dem man zuriicklebt diese Zeit zwischen 
Geburt und Tod. Da ist es nun so - lassen Sie mich dieses grobe 



Beispiel anwenden -: wenn man jemandem einen Puff gegeben hat 
im Leben, so empfindet man das, was er an dem Puff empfunden 
hat. Wenn man jemanden verletzt hat durch ein Wort, so macht 
man durch die Empfindung, die er durchgemacht hat. Man erlebt 
also aus den Seelen der anderen heraus. Mit anderen Worten, man 
erlebt die Wirkungen, die man durch seine eigenen Taten erreicht 
hat, man erlebt bei diesem Zuriickgehen alles dasjenige, was die an- 
deren Menschen hier wahrend unseres Lebens zwischen Geburt 
und Tod durch uns erlebt haben. Wenn Sie mit so und so viel hun- 
dert Menschen hier zwischen Geburt und Tod gelebt haben, so ha- 
ben ja diese vielen hundert Menschen durch Sie etwas erlebt. Aber 
hier im physischen Leben konnen Sie nicht das fiihlen, was die an- 
deren fiihlen und erleben durch Sie, sondern Sie erleben nur dasje- 
nige, was Sie selbst durch die anderen erleben. Nach dem Tode ist 
es umgekehrt. Und das ist das Wesentliche, dafi wir bei dem Riick- 
gang alles erleben, was die anderen durch uns erlebt haben. Also die 
Wirkungen des letzten Erdendaseins, die machen wir durch. Und es 
liegt wirklich die Aufgabe dieser Jahre darin, dafS wir diese Wirkun- 
gen durchmachen. 

Nun, indem wir diese Wirkungen durchmachen, wird das Erleb- 
nis dieser Wirkungen in uns zu Kraften. Das geschieht auf die fol- 
gende Weise. Nehmen Sie an, ich habe einem Menschen eine Belei- 
digung zugefiigt. Er hat dadurch Bitterkeit empfunden. Diese Bitter- 
keit mache ich nun durch wahrend der Kamaloka-Zeit, die erlebe 
ich als eigenes Erlebnis. Ja, indem ich sie nun erlebe, macht sich in 
mir die Kraft geltend, die als Gegenkraft gelten mui^, das heil^t in- 
dem ich diese Bitterkeit durchlebe, nehme ich in mich die Kraft auf, 
diese Bitterkeit wegzuschaffen aus der Welt. So nehme ich alle 
Wirkungen meiner Taten wahr und nehme dadurch auf die Kraft, 
sie wegzuschaffen. Und ich nehme wahrend der Zeit, die ein Drittel 
des verflossenen Erdenlebens dauert, in mich alle die Krafte auf, die 
man ausdriicken kann als die intensive Begierde in uns, in der jetzt 
entkorperten Seele alles wegzuschaffen, was die VervoUkommnung 
stort, weil es die Seele zuriickwirft in der Entwickelung. 

Wenn Sie sich das durchdenken, so werden Sie sehen, dad man 



sich selber das Karma macht, das heilJt, dafJ man in sich diesen 
Wunsch hat, so zu werden, dafi das ausgeloscht werden kann, was 
man fiir ausloschenswert halt. Es wird also das Karma vorbereitet 
gerade in dieser Zeit. Wir einverleiben unserer Seele die Kraft, die 
wir aufnehmen miissen zwischen Tod und neuer Geburt, um in der 
nachsten Inkarnation die Konfiguration unseres Lebens herbeizu- 
fuhren, die wir als die richtige ansehen konnen. Ich mochte sagen, 
das ist die Technik des Karma-Schaffens. Man mufi sich, um diese 
Dinge recht zu verstehen - nicht theoretisch, sondern so, daiS sie 
tief in unsere Gefiihls- und Willenskraft hineingehen -, klar sein, 
daiJ die ganze Gefiihlsrichtung des Toten eine ganz andere wird, als 
die des Lebenden ist. Der Lebende wird unendlich leicht sagen kon- 
nen: Ich bedaure diesen oder jenen Toten, dal] er durchmachen 
mud das oder jenes, wofiir er vielleicht nichts kann! Sie konnen an- 
nehmen, irgend jemand hat einem anderen schwere Verletzungen 
zugefiigt, kann aber nichts dafiir. Nun bedauern Sie vielleicht den 
Toten. Das ist unangemessen; denn der Tote will nichts sehnlicher, 
als dall die Kraft sich in ihm entwickele, wodurch er das ausgleichen 
kann. Das ist gerade das, was er als sein Gutes ansieht. Sie wiirden 
ihm anwiinschen, dafS er dasjenige nicht erreicht, was er sehnlichst 
erreichen will. Dazu mud er aber das alles durchmachen. Denn das 
Positive entwickelt sich am Negativen. An dem Einsehen dessen, 
was man angerichtet hat, entwickelt man die Krafte, es auszuglei- 
chen. 

So kann man sagen: Am Ende dieses Kamaloka-Abschnittes hat 
man nach dem Wiedererleben des letzten Lebens schon bestimmt, 
wie man in der nachsten Inkarnation in dieses Dasein wieder eintre- 
ten will, wie man da und dort mit dem und jenem Menschen zu- 
sammensein will, damit man dieses oder jenes ausgleichen kann. Im 
wesentlichen bestimmt man da das Karmische fiir das Leben, in das 
man eintritt. 

Fiir die nachste Zeit ist es so, dafi wir uns aus der geistigen Welt 
heraus die Krafte aneignen, durch die wir den Menschen im allge- 
meinen formen konnen, durch die wir einen fiir unsere Individuali- 
tat geeigneten Leib uns schaffen konnen. Zuerst haben wir den Plan 



unseres Karma. Nun mussen wir erst den Menschen dazu gestalten. 
Das bedarf einer viel langeren Zeit noch, aber das folgt dann darauf. 
Daraus konnen Sie aber ersehen, da{$ das Wesentliche der Kama- 
loka-Zeit eben darin liegt, dal^ uns die Moglichkeit geboten wird, 
unsere nachste Inkarnation in moralischer Weise in der richtigen 
Art vorzubereiten. Nun mussen wir uns klar sein, dafS immer jede 
folgende Inkarnation abhangt von der friiheren Inkarnation. Wir se- 
hen ja, wie sie vorbereitet wird, die folgende Inkarnation. Und wir 
sehen, dafS die ganze Art des Lebens eines Menschen abhangt von 
der Art, wie er sein friiheres Leben durchlebt hat. DaO das der Frei- 
heit widerspreche - ich werde darauf noch zuriickkommen -, das ist 
ein Einwand, der von Menschen, die die Sache nicht durchdrungen 
haben, gemacht wird; aber es widerspricht nicht der Freiheit. 

Wenn wir so die einzelnen Menschen im Leben betrachten, so 
finden wir, dafi sie tausendfaltig verschieden sind; soviel iiberhaupt 
Menschen sind auf der Erde, so verschieden sind sie. Aber man 
kann Kategorien unterscheiden. Es gibt Menschen, welche so wir- 
ken, dafS man von ihrer friihesten Jugend an sieht: Dieser Mensch 
ist zu diesem oder jenem ganz besonders geeignet. Nicht wahr, es 
gibt solche Menschen. In der Kindheit schon kann man sagen, sie 
werden das oder jenes vollbringen. Sie stofSen sich gleichsam in die- 
ses Dasein herein, sie haben Aktivitat. Sie haben eine bestimmte 
Aufgabe und entwickeln Kraft dazu. Andere Menschen finden wir, 
die haben fiir vieles Interesse, sie haben aber nicht solche ausgespro- 
chene Richtung auf irgend etwas hin. Sie nehmen viel auf. Sie kom- 
men vielleicht sogar spater im Leben zu einer bestimmten Aufgabe, 
die ihnen nicht ganz entspricht; sie hatten vielleicht eine andere in 
ahnlicher Weise vollfiihren konnen. 

Kurz, die Menschen sind in bezug auf die Art und Weise, wie sie 
im Leben wirken, voneinander recht verschieden, und das macht ja 
eigentlich das Leben moglich. Es gibt zum Beispiel Menschen, die 
treten im Leben auf, und es liegt ihnen nicht, ich mochte sagen, in 
aufieren Taten viel zu wirken; aber sie brauchen nur das oder jenes 
Wort zu sagen, so hat das eine Wirkung auf die Menschen. Sie wir- 
ken mehr durch ihr InnerHches. Andere Menschen wirken mehr 



durch ihr Aulleres. Das hangt innig zusammen mit der Art und 
Weise, wie man in der vorhergehenden Inkarnation durch das Le- 
ben gegangen ist. Es gibt Menschen, die sterben jung, sagen wir vor 
dem fiinfunddreif^igsten Jahr, um diese Grenze zu haben. Solche- 
Menschen sind durch diesen Tod in einer ganz anderen Lage als 
diejenigen Menschen, die nach dem fiinfunddreiOigsten Lebensjahre 
sterben. Stirbt man vor dem fiinfunddreifligsten Lebensjahr, so ist es 
so, dafS man noch nahersteht der Welt, aus der man bei der Geburt 
herausgekommen ist. Und das fiinfunddreifiigste Lebensjahr ist eine 
wichtige Grenze. Da iiberschreitet man gleichsam eine Briicke. Da 
zieht sich die Welt, aus der man herausgegangen ist, zuriick, und 
man gebiert mehr aus dem Innern heraus eine neue geistige Welt. 
Das ist wichtig, dafJ wir das unterscheiden. Und nun stirbt ein 
Mensch vor dem fiinfunddreifiigsten Lebensjahr. Wird er dann wie- 
derverkorpert, so wachst ihm in einer gewissen Weise die Kraft zu, 
die er nicht verwendet hat in der Lebenszeit, die auf das fiinfund- 
dreifSigste Lebensjahr folgen wiirde. Solche Menschen, die in einer 
Inkarnation vor dem fiinfunddreifiigsten Jahr durch den Tod gehen 
und dadurch fiir diese Inkarnation die Krafte sparen, die sonst auf- 
gebraucht worden waren, wenn sie fiinfzig, sechzig, siebzig Jahre alt 
geworden waren, bei denen summiert sich diese Kraft, die sie da er- 
spart haben, mit den Kraften, mit denen sie sich in die nachste In- 
karnation einverleiben, und dadurch werden solche Seelen in Lei- 
bern geboren, durch die sie imstande sind, zumeist in ihrer Jugend, 
mit starken Eindriicken dem Leben entgegenzutreten. 

Mit anderen Worten, wenn solche Seelen, die in der vorherge- 
henden Inkarnation vor dem fiinfunddreilSigsten Jahr gestorben 
sind, sich wieder inkarnieren, so macht alles auf sie einen starken 
Eindruck. Es entriistet sie etwas stark, sie freuen sich stark, sie ha- 
ben lebhafte Empfindungen, und es drangt sie rasch zu Willensim- 
pulsen. Das sind solche Menschen, die dann stark in das Leben hin- 
eingestellt werden, die ihre Mission bekommen. Man stirbt nicht 
umsonst vor dem fiinfunddreifjigsten Lebensjahr, sondern man wird 
dann hineingestellt in das Leben in einer ganz bestimmten Weise. 
Wenn man aber nach dem fiinfunddreil^igsten Jahr stirbt - die 



Dinge kreuzen sich miteinander, es kann das Sterben vor dem fiinf- 
unddreifSigsten Jahr noch etwas anderes bringen, es sind nur Bei- 
spiele, es mufi nicht so sein -, so kann das dazu fiihren, da{l man im 
nachsten Leben von den Dingen der Weltumgebung nicht so starke 
Einfliisse bekommt. Man kann sich nicht rasch begeistern, man 
kann nicht rasch entriistet sein. Man macht sich langsamer, aber in- 
timer mit den Dingen bekannt und wachst dadurch in der nachsten 
Inkarnation in ein solches Leben hinein, durch das man mehr durch 
die InnerHchkeit wirkt, ohne so bestimmt hingefiihrt zu werden zu 
einer bestimmten Lebensaufgabe. Man wird im Leben stehen so, 
dad man eine andere Aufgabe vielleicht lieber hatte, aber dazu ver- 
wendet werden kann, etwas Besonderes auszufiihren, vielleicht gar 
gegen seinen Willen. Weil man durch die vorhergehende Erdenin- 
karnation sich dazu geeignet gemacht hat, feiner zu wirken, ist man 
brauchbar in weiterem Umfange. 

Wird zum Beispiel ein Mensch - ich habe diesen Fall schon frii- 
her erwahnt - in sehr friiher Jugend durch die Pforte des Todes ge- 
fiihrt, sagen wir im elften, zwolften, dreizehnten Lebensjahr, so hat 
er eine kurze Kamaloka-Zeit, aber er steht noch sehr nahe der Welt, 
die er verlassen hat bei der physischen Geburt. Da stellt sich alles 
anders heraus. Wenn man eben dies in seinem Karma hat, dann 
folgt auf ein solches Leben, das mit dem zwolften Jahre schon ge- 
schlossen hat, auch schon eine Riickschau in den ersten Tagen nach 
dem Tode, aber man hat sie in einer solchen Weise, dalj sie mehr 
von aulSen an einen herantritt, wahrend man, wenn man im fiinfzig- 
sten, sechzigsten, siebzigsten Jahr stirbt, selber viel mehr dazu tun 
muC, um die Riickschau zu bekommen. Man bekommt sie durch ei- 
gene Aktivitat. Und dadurch, dai^ man dieses Leben nach dem Tode 
in verschiedener Weise zu durchleben hat, dadurch werden die 
Menschen in verschiedener Weise fiir ein nachstes Leben vorberei- 
tet. Es kann sein, dal] man in einem Leben besonders aktiv ist. 
Wiirde man als eine besonders aktive Natur friih hinweggerafft aus 
dem Leben, so wiirde das eintreten, dafJ man im nachsten Leben 
durch sein Karma bestimmt ware, hineingestellt zu werden mit ei- 
ner ganz bestimmten Lebensaufgabe, die man dann auch unbedingt 



durchfiihrt. Man ist wie pradestiniert. 1st man aber in einem Leben 
ganz besonders aktiv und lebt man bis in ein spateres Alter hinein, 
dann verinnerlichen sich diese Krafte. Dann hat man im nachsten 
Leben eine kompliziertere Aufgabe. Die auiSere Aktivitat tritt dann 
zuriick, und es tritt gerade die Notwendigkeit an die Seele, innere 
Aktivitat zu entwickeln. 

So kompliziert ist das Leben des Menschen, wie es sich eben von 
Inkarnation zu Inkarnation entwickelt. Wir werden diese Betrach- 
tungen dann iibermorgen fortsetzen. Jet?* mochte ich nur eben 
schHei^en damit, daB ich Ihnen sage: Wenn Sie nun einer solchen 
Zeit gegeniiberstehen, wie die unsrige ist, in der in verhaltnismafiig 
kurzer Zeit ausnahmsweise viele Menschen in abnormer Weise 
durch den Tod gefiihrt werden, dann bereitet sich dadurch etwas 
ganz Abnormes vor. Und das mul^ sich einmal vorbereiten. Sie se- 
hen jedes Jahr, wie die Zeit der Bliiten stol^weise in die Welt 
kommt. Wenn Sie zuruckblicken in die Geschichte, so konnen Sie 
sagen : auch da treten stofiweise die Bliiten auf . Eine groUe Bliitezeit 
war die Zeit von Lessing, Herder, Schiller, Fichte, Goethe. Es ist, als 
seien alle genialen Menschen wie auf einem Haufen beisammen. 
Dann hort es wieder auf, und so geht die Welt stofJweise fort. Man 
spricht ja von solch stofSweisem Auftreten der Genies; dann geht es 
wieder anders. Da haben wir auf geistigem Gebiet stofJweise ein 
Aufbliihen, ein besonderes SpriefSen. Nun sehen wir in unseren Ta- 
gen stoiJweise auf physischem Gebiet ein Sterben. Da haben Sie 
wiederum zwei Dinge, die Sie als Bilder nebeneinanderstellen kon- 
nen und die ungeheuer vielsagend als Bilder sind. Grol^es physi- 
sches Sterben, das ist der Same fiir spateres bedeutsames geistiges 
Aufbliihen. Die Dinge haben alle zwei Seiten. Von diesem Gesichts- 
punkte aus sagen wir uns eben, immer wieder und wiederum Kraft 
und Trost suchend, aber auch in unseren Hoffnungen Zuversicht 
uns erringend, im Zusammenhang mit unserer Zeit und gerade aus 
dem BewuiJtsein unserer Geisteswissenschaft heraus: 



Aus dem Mut der Kampfer, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geistbewul^t 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 20. November 1915 



Wir haben die Tage, die wir jetzt hier zusammensein konnten, dazu 
verwendet, um nach der einen oder nach der anderen Seite Lichter 
zu werfen auf den Zusammenhang der Leben der Menschen hier 
auf dem physischen Plan und der Leben, die zugebracht werden 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und auch einiges iiber 
den Zusammenhang der einzelnen aufeinanderfolgenden Erdenle- 
ben, die der Mensch durchmacht Sie haben gesehen, dal^ wenn ver- 
sucht wird, genauer ins einzelne dieser Verhaltnisse einzugehen, die 
Untersuchung allerdings kompliziert wird, aber sie wird dann im 
Grunde genommen erst recht fruchtbar, da uns erst eine solche, ins 
einzelne gehende Untersuchung gewissermafSen iiber Einzelheiten 
auch der Lebensfragen und Lebensratsel manchen AufschlufS geben 
kann. Wir wollen in einer solchen Betrachtung etwas fortfahren, 
miissen dazu allerdings heute damit beginnen, ein wenig einzuge- 
hen auf die GUederung des Menschen, die wir ja kennen, die wir 
aber wiederholentUch besprechen wollen im Hinblick auf solche 
Eigenschaften, die uns fiir die folgende Betrachtung wichtig sein 
werden. 

Nun, meine lieben Freunde, so wie wir als Menschen hier auf der 
Erde leben, so leben wir ja, wie Sie aus den verschiedenen Zyklen, 
Vortragen und Biichern wissen, in einer ganz bestimmten Epoche 
der Erdenentwickelung. Und wir haben ja entnehmen konnen aus 
dem ganzen Geist unserer Betrachtungen, daO es einen inneren 
Sinn hat, eine gewisse innere Bedeutung hat, dad wir unsere Seele 
hindurchtragen durch diese verschiedenen Epochen der Erdenent- 
wickelung. Aus den Darstellungen, die gegeben worden sind, wer- 
den Sie schon ersehen haben, wie nicht nur das aufJere, sondern das 
ganze Leben des Menschen hier auf der Erde selbstverstandlich ver- 
schieden ist nach den verschiedenen Epochen. Anders war das 
ganze Leben der Seele schon - wir wollen zunachst ja nur auf das 
Leben der Seele sehen -, wenn wir nur die nachatlantischen Epo- 



chen betrachten, in der altindischen, anders in der urpersischen, an- 
ders in der agyptisch-chaldaischen, anders in der griechisch-lateini- 
schen, anders in unserer Zeit. Durch alle diese Epochen trugen wir 
unsere Seelen hindurch. In alien diesen Epochen suchten unsere 
Seelen, die meisten Menschen wiederholt in einer Epoche, Korper, 
welche der Seele ermoglichen, die Welt so aufzunehmen, wie man 
gerade mit den Kraften einer solchen Epoche die Welt aufnehmen 
kann. 

Wenn Sie sich erinnern, was gesagt worden ist iiber die Eigen- 
tiimlichkeiten des Seelenlebens in den einzelnen Epochen, so wer- 
den Sie noch einen genaueren Einblick gewinnen konnen. Sehen 
wir uns zum Beispiel das Leben in der ersten nachatlantischen Epo- 
che an, so finden wir, dalS die menschliche Seele vorzugsweise wah- 
rend des Erdenlebens damit beschaftigt ist, die Wechselwirkung ih- 
res eigenen Wesens mit dem Atherleib auszuwirken, also sozusagen 
dasjenige so recht zu erleben, was erlebt werden kann, wenn man 
hauptsachlich hier im Erdenleben in Wechselwirkung steht als 
Seele mit dem Atherleibe. Dann in der zweiten nachatlantischen 
Epoche lebte die Seele alles das aus, was ausgelebt werden kann, 
wenn man so recht in Wechselwirkung steht mit dem Astralleibe. 
In der dritten nachatlantischen Kulturperiode lebte die Seele alles 
das aus, was ausgelebt werden kann durch die Wechselwirkung mit 
der Empfindungsseele; in der vierten Kulturperiode lebte die Seele 
aus die Wechselwirkung mit der Verstandes- oder Gemiitsseele, und 
in unserer Zeit wird ausgelebt alles das, was ausgelebt werden kann, 
wenn man in Wechselwirkung steht mit der BewulStseinsseele. Je 
nachdem die Seele, die sich in diesen einzelnen Epochen bewegte 
in diesen Gliedern der menschlichen Natur, dieses oder jenes er- 
lebte, riickte sie im allgemeinen Weltenfortschritt weiter. Es ist 
grundverschieden dasjenige, was man in diesen verschiedenen Epo- 
chen an Verhaltnissen der eigenen Seele zur ganzen Welt erlebt. 
Davon muC man sich ja schon eine Vorstellung machen konnen 
nach dem, was bisher gegeben ist. Nun, in unserer Zeit lebt man 
also in der Bewuf^tseinsseele, und die ganze Kultur unserer fianften 
Kulturperiode besteht ja darinnen, dalS die ganze menschliche Seele, 



das ganze menschliche Ich zur Welt solche Beziehungen ankniipft, 
die durch das Verhaltnis zur Bewul^tseinsseele gegeben sind. Was 
man erleben kann, wenn man in die BewufJtseinsseele seine Kraft 
hineinschickt, das erlebt man in unserer Epoche. 

Nun konnen wir aber auch die ganze Sache von einem anderen 
Gesichtspunkt fassen. Wodurch geschieht es denn im allgemeinen 
kosmischen Zusammenhange, dal^ man in der Bewufitseinsseele 
lebt? Man lebt ja natiirlich als Mensch nicht nur in der Bewufitseins- 
seele, sondern auch in anderen Giiedern der menschlichen Natur. 
Im engeren Sinne bilden wir in unserer Zeit die Fahigkeiten, die die 
Menschheit jetzt gerade ausbildet, vorzugsweise dadurch aus, dafS 
wir mit unserem Ich auf dem Umwege durch die BewufJtseinsseele 
so recht in der Organisation unseres physischen Leibes hier leben 
zwischen Geburt und Tod. Der Grieche in der vierten nachatlanti- 
schen Epoche lebte noch nicht so stark in Abhangigkeit von seinem 
physischen Leibe wie wir. Der Grieche lebte im Leibe selber noch 
auf eine innerliche Art. Das bewirkte, daf^ er in der Verstandes- oder 
Gemiitsseele arbeitete. Dadurch war er in der Lage, seinen physi- 
schen Leib in ganz anderer Weise auszufiillen, als wir es konnen. 
Der Grieche zum Beispiel hatte von jeder Handbewegung eine viel 
starkere innere Gefiihlsnuance als der heutige Mensch. Auf diese 
Dinge kann keine auf^ere Wissenschaft eingehen, aber sie sind vor- 
handen. Der Grieche fiihlte, wenn er einen Arm bog, wie die einzel- 
nen Muskeln anschwollen, wie sich ein Winkel bildete. Dadurch 
war der Grieche als Bildhauer in der Lage, ganz anders zu schaffen. 
Der heutige Bildhauer arbeitet nach dem Modell. Er schaut das Mo- 
dell an und arbeitet danach. Nicht so der Grieche. Er hatte ein inne- 
res Gefuhl von der Form des Armes, der Physiognomie und so wei- 
ter. Das war bei ihm inneres Erleben. Jetzt ist der Mensch in gewis- 
ser Weise herausgerissen aus dem, was er erleben kann im physi- 
schen Leibe, wenn er in der Bewul^tseinsseele lebt. Er ist zwar 
gleichsam tiefer in seinen physischen Leib hereingegangen, er ist 
naher verwandt geworden damit, als es der Grieche sein konnte, 
aber dadurch auch ist er fiir all dasjenige, was der physische Leib 
gibt, unempfindlich geworden. Er bedient sich der Organe des phy- 



sischen Leibes in einem hoheren Sinne als der Grieche. Der Grie- 
che konnte gewisse Farbennuancen nicht sehen, wie wir sie heute 
sehen, well er noch nicht so im physischen Leibe drinnensteckte 
wie wir heute. Wenn Sie bei Homer nachlesen, so konnen Sie se- 
hen, wie wenig Farben er anfiihrt. Das andert sich also in dieser 
Weise. Der Mensch macht sich verwandter mit seinem physischen 
Leibe, aber damit spiirt er auch sein Inneres nicht so im physischen 
Leibe. Man miifite vielmehr sagen, er spiirt am physischen Leibe 
nicht mehr sein Inneres, er stofit mehr nach der Aullenwelt. Kurz, 
es ist ein Ringen mit den Fahigkeiten des physischen Leibes, wah- 
rend es im Griechentum vielmehr ein Ringen mit der Form war. So 
dafi wir sagen konnen: Wir bilden die BewufStseinsseele gerade da- 
durch, daiJ wir mit unserem Ich eine gewissermal^en innere Ver- 
wandtschaft mit dem physischen Leibe eingehen, dai^ wir uns so 
recht in den physischen Leib hineinstemmen. Dadurch ist die Zeit 
gekommen, in der man nicht mehr viel weiiS von den spirituellen 
Vorgangen und Dingen, die Zeit des Materialismus, weil man sich 
so sehr hineingestofien hat in den physischen Leib. 

Nun liegt aber natiirlich im physischen Leibe wiederum der 
Atherleib. Der Grieche wufite viel mehr noch von seinem Ather- 
leibe. Er spiirte, wenn auch nur in einem leisen Anklang, wie der 
Atherleib immer nachklingt den physischen Bewegungen des Lei- 
bes. Er verspiirte noch, dafi nicht blolS die physische Hand sich be- 
wegt, sondern daO die Atherhand sich mitbewegt und zugrunde 
liegt der physischen Bewegung. Das also ist verlorengegangen. Nun 
hat der Mensch aber, wahrend er in dieser Griechenzeit war, das al- 
les so durchgemacht, dafS er viel intensiver sich in seinem Ather- 
leibe fiihlte als jetzt. Das ist ihm nicht verlorengegangen. Wir haben 
das ja alle durchgemacht als Seelen, das steckt in unserem Atherleib 
darinnen. Das steckt alles darinnen in konservierten Gedanken. Und 
wenn wir aus der Welt, in der wir sind zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, heraustreten, so lassen wir wie in einem Vergessen 
zuriick alles dasjenige, was wir eigentlich vorher recht gut in unse- 
rem Atherleibe haben beherrschen konnen. Indem wir jetzt so tief 
in unseren physischen Leib hineinstoilen, lassen wir das zuriick, was 



wir uns in der Griechenzeit erworben haben. Sie sehen daraus 
schon, da{] unser Atherleib eigentlich sehr vieles enthalt, wovon der 
Mensch jetzt nur kein BewufJtsein hat. Der Mensch entwickelt sein 
Bewuf^tsein jetzt hauptsachlich im physischen Leibe. Dadurch deckt 
er zu dasjenige, was in seinem Atherleibe ist. Ware dem Menschen 
all das Wissen von der inneren, menschlichen Organisation, das er 
in seinen Atherleib hineingeheimnifJt hat, bewufit, so wiirde er un- 
endhch viel mehr wissen als jetzt. Denn dieser Atherleib hat sich 
eine gewisse Vollkommenheit erworben, die groller ist, als der 
Mensch sich jetzt bewuOt ist. Uberhaupt ist in bezug auf den Ather- 
leib vieles zuriickgedrangt, weil wir ihn eben nicht in der entspre- 
chenden Weise zum Bewufitsein bringen; wir wissen vieles nicht 
von diesem Atherleibe. 

Unter anderem arbeitet im Atherleib, wie Sie wissen, wiederum 
der Astralieib. Alles dasjenige, was der Atherleib so arbeitet, muii 
natiirlich durchdrungen gedacht werden vom Astralleibe. Wenn 
man alles das plotzlich heraufbringen konnte, was der Atherleib ent- 
halt, so wiirde man unendlich viel gescheiter sein, als man es in der 
jetzigen Epoche ist, wo man eben mit seinem physischen Leibe 
kampft. Denn dieser Atherleib enthalt zum Beispiel - natiirlich ist 
der Astralieib daran beteiligt - unendlich viele Weisheitsschatze. 
Die sind unten in unserer Seele, in dem Atherleibe. Da sind vor al- 
ien Dingen eine Menge von Geschicklichkeiten, eine Menge von 
Wissensstoff. Zum Beispiel in bezug auf Geometric: Ich habe schon 
einmal hier ausgesprochen, wie viel Sie unbewullt von Geometric 
wissen. Es ist dies wirklich eine Wahrheit; denn wenn Sie Geome- 
tric kennenlernen, so konnen Sie sie nicht aul^en von den Dingen 
her kennenlernen, sondern es holt sie der Mensch herauf, indem er 
das, was im Atherleib ist, zum Bewul^tsein bringt. Wenn er aufierlich 
Figuren aufzeichnet, so dienen sie nur als eine Anregung. Wenn ich 
ein Dreieck aufzeichne, von dem ich weif5, daf] es 180 Grad hat, so 
weifi ich das aus dem Atherleibe. DalS man die Figur aufzeichnet, 
das ist nur eine Spekulation auf die menschliche Faulheit In Wahr- 
heit wissen Sie alles, was Sie an Geometric lernen konnen, unbe- 
wuf^t; das steckt da unten in den Tiefen des unbewulJten Seelen- 



lebens. Uberhaupt, man glaubt gar nicht, wie gescheit man ist in den 
unterbewufiten Seelentiefen. Wenn man es nur wiiiXte! Das Unheil 
der menschlichen Entwickelung liegt nicht darin, dai^ die Menschen 
wenig Weisheit in sich haben, sondern darin, daH sie die Weisheit 
nicht heraufholen konnen aus der eigenen Seele. Alle erzieherische 
Entwickelung beruht darauf, dafj man die verborgene Weisheit her- 
aufholt aus den Tiefen der Seele. Nun wiirden wir aber, wenn wir 
diese Dinge nicht so heraufholen miifiten, doch unsere Entwicke- 
lung nicht fordern konnen, wie wir sie fordern soUen. Sehen Sie, 
wenn wir nicht zum physischen Leibe ein solches Verhaltnis be- 
kommen wiirden, wie wir es jetzt bekommen haben, so wiirden wir 
als furchtbar gescheite Kinder geboren werden, und es wiirde gar 
nicht viel kosten, verhaltnismalSig friih dasjenige, was im Atherleibe 
steckt, heraufzuholen. Aber der Mensch wiirde dann viel zu wenig 
Miihe darauf verwenden, die Weisheit zu erlangen. Dadurch wiirde 
sie zu wenig sein Eigentum sein, er wiirde zu sehr ein Abklatsch 
sein der Weisheit. Die personliche Aneignung erfolgt dadurch, daf^ 
wir ein solches Verhaltnis zum physischen Leibe haben wie jetzt in 
der funften Kulturperiode. Diese personliche Aneignung macht 
erst, daf^ das Wissen zu unserem eigenen Wissen wird, und dann ha- 
ben wir es fiir uns, wenn wir es auf diese Weise heraufholen. Das gilt 
in bezug auf den Atherleib. 

Mit Bezug auf den Astralleib gilt aber noch etwas ganz anderes, 
da gilt das Folgende : Wenn wir alle Einzelheiten heraufholen konn- 
ten, die im Astralleibe liegen, alles, was der Astralleib weif?, dann 
ware das eigentlich fiir unser gegenwartiges Leben kein Gewinn. 
Denn wir wiirden dadurch wirklich wie Automaten innerhalb der 
Menschheit leben. Unser Astralleib weiC zum Beispiel in der Tat - 
nicht unser Bewuf^tsein, aber der Astralleib - wie er als Astralleib zu 
all den einzelnen Menschen steht, mit denen er sich im Leben be- 
gegnet. Unser Astralleib hat ein solches Bewufitsein. So dafS, wenn 
wir konnten - derjenige, der es will, kann es nicht, und derjenige, 
der es kann, macht es nicht, weil das zur Ausbildung eines okkulten 
Egoismus schlimmster Art fiihren wiirde -, aber wenn man alles 
das, was der Astralleib weifS, bewufJt machen konnte, so wiirde man 



zum Beispiel genau wissen: Mit dieser oder jener Personlichkeit er- 
wirkst du dir Unannehmlichkeiten, mit dieser oder jener wirst du 
Freundlichkeiten erleben. Solches Wissen wiirde das Leben natiir- 
lich ganz verandern, aber fiir unser gegenwartiges irdisches Verhalt- 
nis nicht im giinstigen Sinne. Nun konnte ich noch viel erzahlen, 
was der Astralleib weifJ, aber der iibt unbewuOt sein Wissen auch 
schon aus, nur ein Wissen, das wirklich im Zusammenhange des 
Menschenlebens wenig beachtet wird. 

Nehmen Sie einmal an, ein Mensch kommt durch ein Ungliick 
um. Das erscheint uns so, nicht wahr, wenn wir das gewohnliche 
Menschenleben betrachten, dafJ dieses Ungliick den Menschen ge- 
troffen hat. Denn ein Ungliick sucht der Mensch, so wie sein gegen- 
wartiges Bewulltsein beschaffen ist, nicht. Wiirde man den Astral- 
leib priifen, so wiirde man kein Ungliick finden, das der Mensch, in- 
sofern er in dem Astralleibe ist, nicht sucht. Was da notwendig ist 
fiir das gewohnliche Bewufitsein, das ist aus freier innerer Wahl ge- 
sucht vom Astralleibe. Das ist so gewollt, richtig gewollt vom Astral- 
leibe. Selbst wenn man von einem Eisenbahnzuge iiberfahren wird, 
ist das von dem Astralleibe eigentlich fur den ganzen Lebenszusam- 
menhang in Erwagung gezogen, es ist nicht etwas, was blofJ zugesto- 
Cen ist. 

Also nicht nur, daiS wir unseren Zusammenhang mit den iibrigen 
Menschen in unserem Astralleibe haben als Weisheit, wir haben 
auch wirklich unseren Zusammenhang mit dem ganzen aufieren Le- 
ben, mit dem, was sich als Naturereignisse oder sonstige soziale Er- 
eignisse abspielt, in die wir verwickelt sind. Was uns da verschlossen 
ist und sein soil, ist gut, sonst wiirden wir nichts lernen fiir die wei- 
tere Entwickelung. Aber im Astralleibe ist ein wirklicher Gedanke 
vorhanden, das heifit eine Art von Wissen fiir alles dasjenige, was 
unser Wesen in Zusammenhang zeigt mit den Ereignissen und 
Menschenelementen, in die hinein wir verwickelt sind. Die Men- 
schen, sage ich, achten das im gewohnlichen Leben eigentlich ziem- 
lich wenig. Denn wenn uns irgend etwas zustofit, von dem man sagt, 
«es stofSt uns eben zu», dann betrachtet man in der Regel dasjenige, 
was uns da zugestoOen ist, nur danach, dafS es uns eben zugestofSen 



ist. Man zieht wirklich nicht in Erwagung, was geschehen ware, 
wenn einem das nicht gerade zugestof^en ware. Ich will einen ekla- 
tanten Fall herausgreifen. Ein Mensch wird verwundet in einem Au- 
genblick seines Lebens. Nicht wahr, im gewohnlichen Leben denkt 
man: Nun, er ist verwundet worden. - Da schlielJt man ab. Was aber 
geschehen ware, wenn der Mensch nicht verwundet worden ware, 
darauf sieht man nicht. Denn, nicht wahr, durch eine Verwundung 
andert sich das ganze Leben, alles Folgende geschieht anders. Aber 
der Astralleib durchschaut den ganzen Zusammenhang, indem er 
vor der Verwundung steht. Man kann sagen, der Astralleib ist hell- 
sehend. 

Und das wahre Ich, das noch tiefer im UnterbewuOtsein ruht, das 
wir im Tiefsten haben, das ist noch hellsehender, viel hellsehender. 
Nicht wahr, Sie sind sich ja klar dariiber, meine lieben Freunde, dafi 
wir unseren physischen Leib schon auf dem alten Saturn gebildet 
haben, dafi wir unseren Atherleib auf der Sonne gebildet haben und 
daH wir unseren Astralleib auf dem alten Mond gebildet haben. Un- 
ser Ich ist das Baby unter den menschlichen Gliedern, es ist am 
jiingsten. Dieses Ich wird so, wie jetzt der physische Leib gebil- 
det ist, erst auf dem Vulkan gebildet sein, also nachdem die Jupiter- 
Entwickelung und die Venus-Entwickelung voriiber sein wird. 
Aber dieses Ich ruht zugleich im SchofSe der geistigen Welt. Dann, 
wahrend der Vulkanzeit, wird ein ungeheures Wissen von dem 
Zusammenhang des Lebens von dem Ich ausstrahlen. Aber dieses 
Wissen ist schon jetzt in uns, und die Jupiter- und Venus-Ent- 
wickelung wird darin bestehen, dafJ die Fahigkeit dazu heraufgeholt 
wird. 

Wir erblicken also, indem wir auf diesen Untergrund des Seelen- 
lebens blicken, in einer wunderbaren Weise unseren Zusammen- 
hang mit der geistigen Welt. Uns Menschen ist ja im normalen 
Menschenleben zunachst nur das gegeben, was wir empfangen, in- 
dem das Ich sich spiegelt im physischen Leibe. Aber dahinter ruht 
ein weit ausgebreitetes Erdenwissen, das im Atherleibe ist. Dahinter 
ruht wiederum ein hellsichtiges Wissen, das im Astralleibe schon 
ist, und ein noch hellsichtigeres Wissen, das im wahren Ich ist. 



Diese Dinge sich vorher zu iiberlegen, ist gut, bevor man auf das 
eingeht, was ich nun eigentlich besprechen will. 

Nehmen wir den Fall, der uns ja jetzt in so tausendfaltiger Weise 
so tief zur Seele spricht, den Fall: Bin Mensch wir im jugendlichen 
Alter, wie es jetzt oft geschieht, auf dem Kriegsschauplatz durch die 
Pforte des Todes gefiihrt. Sehen Sie, was da eintritt, das ist, dafi in 
ganz anderer Weise die tieferliegenden Glieder der menschlichen 
Natur, Atherleib, Astralleib und Ich, aus dem Zusammenhang mit 
dem physischen Leibe gerissen werden, als wenn der Mensch alt ge- 
worden ist und langsam in seinem Bette stirbt. Bin schnelleres Tren- 
nen von dem physischen Leibe findet da oftmals statt. Ich habe 
schon gesprochen von dem Prophetischen des Atherleibes. Wir ha- 
ben gesagt, dafJ selbst in den Bildern des Traumes - der ja dadurch 
entsteht, dafi sich der Astralleib nach dem Atherleibe hinneigt und 
dais der Atherleib gespiegelt bekommt dasjenige, was der Astralleib 
erlebt -, wenn wir diese Bilder in gewisser Weise auslegen konnten, 
etwas von prophetischer Art liegt, was uns auf unser kiinftiges 
Leben hinweist. 

Fiir denjenigen, der nun als Geistesforscher diese Dinge zu erfor- 
schen hat, entsteht aus solchen Erwagungen heraus eine wichtige 
Frage. Man mufi sich allerdings die Frage zunachst einmal vorlegen, 
aber dann ist dieses Vorlegen der Frage eine Art Leitung zu der 
Antwort hin, die sich dann aus der hellsichtigen Beobachtung erge- 
ben mufi. Man sagt sich zum Beispiel: Der Mensch ist ja doch be- 
stimmt, hier auf der Erde, wenn das Leben normal ablauft, das Pa- 
triarchenalter zu erreichen, das Leben langsam aufzubrauchen. Da- 
fiir ist sein Atherleib und sein Astralleib und sein Ich eingerichtet. 
Das kann im normalen Lebensablauf geschehen. Nun wird plotzlich 
durch eine Kugel, die den Menschen trifft, der ganze Zusammen- 
hang gestort. Damit aber wird eine Fahigkeit, zum Beispiel die Fa- 
higkeit des Atherleibes - ich will jetzt die Betrachtung auf den ein- 
zelnen Menschen richten die Kraft, die nun durch das ganze Le- 
ben hindurch hatte wie prophetisch wirken konnen, die den Men- 
schen hatte hindurchfiihren konnen durch viele Lebensverhaltnisse 
noch, herausgerissen aus dem Leben; sie wird getrennt von dem 



physischen Plan. Nehmen Sie an, die Kugel hatte nicht getroffen - 
wir konnen die Hypothese stellen und absehen davon, daf] es ja 
selbstverstandlich Karma ist -, dann wiirde der Mensch diese Kraft 
nach und nach verbraucht haben in seinem Atherleibe, vielieicht 
durch viele Jahre hindurch. Diese Kraft ist trotzdem in seinem See- 
leninnern da; sie ist «nicht nicht da», diese Kraft. Dai^ sie da ist, das 
sieht man schon, wenn nun ein solcher Mensch, den eine Kugel ge- 
troffen hat, auf sein Lebenstableau zuriickblickt, zuriickblickt im 
Atherleibe. Ich habe es schon angedeutet: Dieses Lebenstableau hat 
einen ganz anderen Charakter. Es hat den Charakter, als ob es von 
der Aufienwelt herankomme, nicht so sehr von der Innenwelt er- 
zeugt werden miif^te. Kurz, diese Energie, diese Kraft, die da abge- 
schnitten wird, die ist im Menschen. Und die Beobachtung ergibt 
auch, dafS sie da ist, daH sie verandert das ganze folgende Leben nach 
dem Tode. Ebenso ist es mit der Kraft, die im Astralleibe ist. Die 
wiirde ja auch verwendet worden sein wahrend des ganzen Lebens. 
Die ist auch noch da. Kurz, der Mensch tritt ganz anders durch die 
Pforte des Todes, wenn er gewaltsam aus dem physischen Leben 
herausgerissen wird, wenn er etwa durch eine Kugel getroffen wird 
und dadurch das Leben verlailt, als wenn er langsam im Bette ge- 
storben ware. 

Nun entsteht die grolJe Frage fiir den Geistesforscher: Was be- 
deutet das denn eigentlich? Was bedeutet es fiir eine Epoche, daf? 
der Mensch durch dasjenige, was ich angefiihrt habe, eigentlich et- 
was ganz anderes hineinbringt in die geistige Welt, als er hinein- 
bringt, wenn er das Leben ausgelebt hat? Fiir eine solche Epoche, 
wie die ist, in der wir leben, ist das von unendlich grof^er Bedeutung, 
denn vieles von der Art des Geschilderten wird in die geistige Welt 
hineingetragen. Was bedeutet denn das fiir die geistige Welt? Das 
ist eine ungeheuer bedeutungsvolle Frage. - Wenn man sich ein we- 
nig ansieht das Verhaltnis der geistigen Welt zur physischen Welt, 
wie Sie es nachlesen konnen in dem Wiener Zyklus; «Inneres We- 
sen des Menschen und Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt*, dann kommt das naher, was man so lange nicht glauben 
kann, was sich aber der geistigen Forschung ganz klar darstellt: dafS 



sich wirklich alle Begriffe und Vorstellungen andem, wenn man in 
die geistige Welt kommt. Und so ist es nicht nur, wenn man durch 
Initiation hineinkommt in die geistige Welt, sondern so ist es auch 
bei dem Durchgang durch den Tod. 

Sehen Sie, hier entwickelt sich eigentlich die Menschheit im 
Grunde immer mehr und mehr nach einer bestimmten Richtung, 
man kann sagen, des sogenannten Seinsbegriffes. Und heute ist 
schon ein gewaltiges Versenktsein in die Vorliebe fiir den Seinsbe- 
griff vorhanden. Was meine ich eigentlich mit dem Seinsbegriff, mit 
dem Begriff des Seins? Nun, es laCt ja heute kaum einer noch etwas 
gelten, was sich nicht gibt als ein ^Sein*. Wenn irgendeiner kommt, 
der nicht von etwas spricht, was handgreiflich ist, so wird er fiir einen 
Phantasten gehalten. Die Menschen gehen umher und reden von 
dem «Wirklichen», und demgegeniiber ist ein blofier Gedanke nichts. 
Es gibt heute unzahlige Menschen, die achten den Gedanken deshalb 
nicht, weil sie nicht von ihm angebissen werden konnen. «Sein» 
bedeutet fiir sie: man bekommt kniippeldick dasjenige, was wahrge- 
nommen wird. Man hat nichts dazu zu tun, dal5 irgend etwas ist, son- 
dern es gibt sich als seiend. Und was nicht in dieser Weise sich als 
seiend gibt, das wollen die Menschen immer weniger gelten lassen. 

In der Entwickelung der geistigen Welt ist das Umgekehrte der 
Fall. Dasjenige, was seiend ist, was einen Eindruck macht wie physi- 
sche Gegenstande, das ist fiir den Menschen im Geistigen etwas 
Feindliches, etwas Storendes, etwas, wovon er weil], dal5 es zum 
Nichtigen gehort, dalJ es verurteilt ist, in das Nichtige zu verschwin- 
den. Und kommt man so ohne weiteres in ein geistiges Gebiet, wo 
nicht sehr weit entwickelte Seelen sind, Seelen, die also, ich mochte 
sagen, fiir den Geist noch ebenso naiv sind, wie viele Seelen fiir die 
Erde naiv sind, so findet man fiir die verstorbenen Seelen dort das 
entgegengesetzte Urteil. Etwas, worauf sie Wert legen, das darf nicht 
«sein», wie man hier auf der Erde von «sein» spricht. Dasjenige, was 
hier Sein ist, das ist nicht wertvoll fiir diese Seelen. Im geistigen Le- 
ben ist es ja so, dafS man lauter geistigen Wesen gegenubersteht. Die 
wirken auf einen. Die mufS man erst zur Anschauung bringen. Es ist 
da so; Man steht in der geistigen Welt; hinter einem stehen Seelen 



der geistigen Hierarchien, Angeloi, Archangeloi und so weiter. Man 
weid, sie sind da. Aber wenn sie fiir einen da sein sollen, so mufi 
man sie erst auferwecken zu dem, was man hier das Sein nennt. Das, 
was in der geistigen Welt auf einen wirkt, das mull man zur Imagi- 
nierung bringen. Was nichterwecktes Sein ist, wozu man nichts tut, 
was so kniippeldick einfach vorhanden ist, das ist dort nicht wertvol- 
les Sein. 

Hier auf der Erde steht man und ist umgeben von der Natur, und 
die geistige Welt, zu der mull man sich erheben, die ist nicht so 
ohne weiteres da. Es kostet keine besondere Miihe, die Natur um 
sich zu haben. Sie ergibt sich von selbst als ein Sein. Deshalb Heben 
es die Materialisten, die Natur um sich zu haben. Die ist aber nicht 
mehr da in der geistigen Welt. Es ist nichts da in der geistigen Welt, 
als was man sich immer erarbeitet. Da mufl man immerfort tatig 
sein. Das, was da ist, das ist die andere Welt, die Welt, die man ver- 
lassen hat; auf die blickt man immer hin als auf eine seiende Welt: 
diese Welt, die das Vergangliche in sich tragt, die fortwahrend 
kampft mit dem Nichtigen. 

Wenn fiir einen Augenblick die Sache so ware, dafS die Welt, wel- 
che die Materialisten lieben, verschwinden wiirde, dalS die Men- 
schen nichts wissen wiirden von ihrem Leibe, dafl sie sich die Imagi- 
nation erst schaffen miillten, wenn sie nichts von dem Tisch wissen 
wiirden, bis sie ihn sich selbst denkend erschaffen wiirden, dafiir 
aber die geistige Welt sehen wiirden, so hatten sie fur das Leben 
hier, was sie dort haben in der geistigen Welt. In der geistigen Welt 
ist die Welt eben nur durch die eigene Tatigkeit zur Anschauung zu 
bringen. Die jenseitige Welt, also unser Diesseits, ist dort immer da. 
Wahrend hier der Himmel verborgen ist und nur die Welt, die um 
uns ist, immer da ist, ist dort die Welt eigentlich verborgen, wenn 
man sie nicht tatig erst zur eigenen Anschauung bringt. Das Jen- 
seits, unser Diesseits, das ist eine Welt, an die man nicht bloll glau- 
ben kann, sondern von der man wissen kann unmitteibar. Aber das, 
was diese unsere Welt hier, vom Gesichtspunkte der anderen Welt 
betrachtet, ich mochte sagen, fatal macht, das ist, dall sie mit dem 
Sein durchdrungen ist. Das stort, dafl diese Welt mit dem Sein 



durchdrungen ist, wirklich, das stort. Wenn viele sagen: Ich woUte 
schon an eine geistige Welt glauben, wenn ich sie nur hier sehen 
konnte!, so kann man das vergleichen mit dem, was die Seelen in 
der geistigen Welt sagen: Ja, diese fortwahrend da unten vorhandene 
physische Welt, man wollte sie schon ertragen, wenn sie nur nicht 
fortwahrend *ware»; wenn sie nur nicht das Sein so aufdringlich in 
sich hatte. Man kann gar nicht hinunterschauen auf die Erde, ohne 
dais sie in alien ihren Punkten das furchtbare «Sein» hat. 

Und wenn hier jemand praktischer Materialist ist und nicht an 
Ideale glauben kann, dann liebt er nur das Sein. Aber damit nicht 
sich die Gesinnung von dem blolSen kniippeldicken Sein hier aus- 
breite, erstehen immer von Zeit zu Zeit die Idealisten, die die Men- 
schen an die Kraft der Ideale und ihre Wirksamkeit im geschichtli- 
chen Fortschritt glauben machen. Diese Ideale des Sittlichen, des 
Schonen, des Religiosen, sie werden hineingetragen in die Welt. Ge- 
wiO, die grobklotzigen Materialisten, die geben nichts darauf; hoch- 
stens tun sie sie ab mit ein paar Worten. Es wird das, was nicht 
kniippeldick im materiellen Sinne seiend ist, gerade als das Wert- 
volle des Lebens auf den physischen Plan hereingetragen. Und 
wenn man von einem hoheren menschlichen Gesichtspunkte aus 
die Entwickelung der Menschheit iiber die Erde betrachtet, so sagt 
man sich: Gewifi, die Natur ist grofS, ist bedeutend; sie ist «da». Aber 
was ware dieses ganze menschliche Leben, wenn nur die seiende 
Natur ware - und ware sie noch so schon -, wenn der Mensch nicht 
Ideale haben konnte, wenn er nicht angespornt werden konnte, 
nicht von dem Seienden, sondern von dem Sein-SoUenden des sitt- 
lichen, des religiosen, des kiinstlerischen, des padagogischen Le- 
bens? Das Nicht-Seiende, mochte ich sagen, das hereindringt aus ei- 
ner geistigen Welt als die Ideale der Menschheit - das Nicht- 
Seiende, aber Sein-Sollende, das macht das Leben erst wertvoll. Das 
empfindet jeder gut, der nicht ganz im Sumpfe des Materialismus 
untergegangen ist. Und so erscheinen die, die im Laufe der Ge- 
schichte auftreten und im besonderen Sinne Trager der Ideale sind, 
als diejenigen, die das seiende Leben aus dem Sein-Sollenden erst 
wertvoll machen. 



Und fiir den Geistesforscher stellt sich nun heraus: Von der gei- 
stigen Welt sieht man in einer ahnlichen Weise zuriick auf das irdi- 
sche Leben, aber so, dafJ man als hohere Seele Verlangen tragt da- 
nach, dal5 nicht alles auf dieser Erde blof^ «ist»; daf^ es unter dem, 
was auf die Erde getreten ist, auch etwas gibt, was nicht im eminen- 
testen Sinne nach Erdenart «ist». Es muf^ etwas beigemischt sein 
dem Erdensein, was nicht im gewohnHchen Erdensinne ist. Und 
dies stellt sich heraus, ich mochte sagen, als etwas unendiich Bedeu- 
tungsvolles, wenn es sich dem Geistesforscher ergibt, bei denjenigen 
Leben, die veranlagt waren fiir ein langes Leben und gewaltsam ab- 
geschnitten worden sind, so dafS wir einen Teil eines solchen Lebens 
haben, der vom jenseitigen Standpunkte aus angesehen eigentlich 
fiif das Sein bestimmt war und dieses Sein nicht ausgelebt hat. Neh- 
men wir an, ein Mensch hat, statt bis zum siebzigsten, achtzigsten 
Jahre nach seinen Lebenskraften, nur bis zum fiinfundzwanzigsten, 
sechsundzwanzigsten Jahre in der Welt gelebt. Dann wurde er, sa- 
gen wir, von einer Kugel getroffen. Seine Glieder der Menschenna- 
tur wurden plotzlich auseinandergelost. Der Atherleib, der Astral- 
leib und das Ich hatten noch lange die Gabe entwickeln konnen, 
den physischen Leib zu erhalten. Das, was da noch hatte folgen kon- 
nen nach dem Schusse, das ist fiir das Erdendasein bestimmt gewe- 
sen; es ist nicht im Sein aufgegangen. Das nimmt sich aber von jen- 
seits aus gesehen so aus, daf^ man sieht: Da unten ist nicht blof^ 
Seiendes, da unten ist dem Erdensein auch etwas beigemischt, was 
zum Sein bestimmt ist, aber nicht das Sein durchlebt hat, Sein, das 
blof^ der Anlage nach vorhanden ist. Auch Sein-SoUendes im gewis- 
sen Sinne. Daher sind diejenigen, die ihr Leben also friih endigen 
durch eine aufSere Veranlassung, indem sie durch die Todespforte 
gehen, fiir die geistige Welt in einem ahnhchen Sinne - nur in ei- 
nem ahnlichen Sinne, nicht im gleichen Sinne - geistige Boten wie 
die Idealisten, die hier auf die Erde kommen, um dem Seienden das 
Sein-SoUende beizumischen. So steigen herauf diejenigen, die friih 
durch die Pforte des Todes gegangen sind, um dem Himmel Kunde 
zu bringen, daf? da unten auf der Erde auch Sein-SoUendes, nicht 
blofS Seiendes ist. 



Es ist eine unendlich tiefe, bedeutsame Entdeckung, die man 
machen kann, wenn man auf dieses Kapitel der Geistesforschung 
kommt, indem man kennenlernt jene dem Himmel zugekehrten 
Idealisten, die Idealisten werden dadurch, dal^ sie hier auf der Erde 
in der angedeuteten Weise durch die Pforte des Todes gehen. Und 
solch einen Gedanken wirklich mit unserer Seele zu vereinigen, es 
geziemt uns das in der jetzigen Zeit sehr wohl. 

Betritt man eben die Gefilde des geistigen Lebens, so ist es notig, 
dall neben denjenigen, die dort sozusagen ihre Aufgabe im geistigen 
Leben verrichten, auch solche sind, die hinweisen auf die Erde, so 
daf] sie eigentlich etwas in die Erdenentwickelung hineinverwoben 
haben, aber es friiher herausgenommen haben, als es der Anlage 
nach hatte heraufgebracht werden soUen. Daher kann man auch sa- 
gen: Diejenigen, die also durch die Pforte des Todes gehen, sie wer- 
den in vieler Beziehung fiir die Menschenseelen der geistigen Welt 
diejenigen, die an das Hohe des Erdenlebens glauben lassen, die 
glauben lassen im Jenseits, dalS das Erdenleben wirklich auch Geisti- 
ges als WertvoUes in sich enthalt. Sie nehmen dort eine ahnliche 
Stellung ein wie die Idealisten hier auf der Erde. 

Wir miissen uns ja schon einmal bekanntmachen damit, daf^ wir 
uns die Menschen, indem sie weiterleben in der geistigen Welt, 
nicht so vorstellen diirfen, wie sie zuletzt hier gewesen sind. Die tri- 
viale Vorstellung, die sich die Menschen machen, zum Beispiel, dafS 
die, die als Kinder sterben, weiterleben als Kinder, ist selbstver- 
standlich nicht richtig. Die Gestalt, die die Toten zuletzt hatten, 
kann bildhaft in der Imagination so erscheinen; das ist aber nicht 
die Gestalt, sondern der Ausdruck. Es kann ein Kind sterben, aber 
das Menschenwesen, das in dem Kinde verkorpert war, kann eine 
sehr entwickelte Seele sein und fortleben nach dem Tode als eine 
sehr hoch entwickelte Seele. Das habe ich schon oft erwahnt. 

Nun aber sehen wir, dafJ in die geistige Welt etwas hinaufgetra- 
gen wird, was als ein mit dem irdischen Sein verbundenes und doch 
nicht in demselben aufgehendes, ein gleichsam jenseitiges Sein- 
Sollendes ist. Das wirkt in der Entwickelung, welche die Menschen- 
seele nun wiederum zwischen dem Tode und einer neuen Geburt 



durchmacht, mit. Menschen, die durch die Todespforte gegangen 
sind, sieht man dann das Leben zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt so durchmachen, dad sie gewissermafSen das mensch- 
liche der Erde in einem viel reicheren, viel umfanglicheren Sinne 
jenseits zur Vorstellung bringen, als man es zur Vorstellung bringen 
kann, wenn man ein normales Erdenleben ausgelebt hat. Nicht 
wahr, das soli nichts dariiber entscheiden, was dem Menschen vor- 
gezeichnet ist durch das Karma. Wenn man alt wird, es ist Karma. 
Wenn man jung stirbt, es ist Karma. Aber gerade so, wie man sich 
nicht willkiirlich auf der Erde zu dieser oder jener Individualitat ma- 
chen kann nach dem diesseitigen BewufJtsein, so kann man auch 
nicht bestimmen vom Erdenbewulltsein aus, wie sich dieses Leben 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gestalten soil. Wenn 
man also gewaltsam vom physischen Dasein in die geistige Welt 
hinaufgeht, so hat man ein viel intensiveres Anschauen, imaginativ, 
von allem Menschlichen, als man es hat, wenn man eben auf eine 
andere Weise in die geistige Welt eingetreten ist. 

Man kann sagen: Diejenigen Menschen, die also durch die Pforte 
des Todes gehen, die stehen wahrend ihres Lebens zwischen Tod 
und neuer Geburt insbesondere demjenigen nahe, was auf der Erde 
geschieht im Sinne des Allgemein-Menschlichen. Man kann das se- 
hen, wenn man Menschen priift, die etwas ganz besonders Wichti- 
ges in irgendeinem Abschnitt ihres Lebens tun, so dafS es darauf an- 
kommt, dafi dieser Mensch das Betreffende tut. Sagen wir, ein 
Mensch tut im neunundvierzigsten Jahre etwas - es ist das selbstver- 
standhch nur nach okkulter Anschauung zu sehen -, was ungeheuer 
bedeutsam nach irgendeiner Richtung hin ist. Das priift man zu- 
riick. Dann findet man den Menschen in einer friiheren Verkorpe- 
rung so, dall er dazumal vielleicht gerade in seinem neunundvierzig- 
sten Lebensjahr eines mehr oder weniger gewaltsamen Todes ge- 
storben ist. Das heifit, er hat dadurch eben diesen starken Zusam- 
menhang mit der ideellen Entwickelung auf der Erde hier erlangt, 
dal] er das aufgenommen hat, dieses Sein-Sollende fiir die geistige 
Welt. Dadurch hat er die starke Kraft gehabt, dafl er einverleibt hat 
seinem ganzen seelischen Wesen, das Bestimmte gerade in einem 



bestimmten Jahre zu voilbringen. Man kann auch daraus wieder er- 
sehen - ich habe das letztemal ja dariiber gesprochen da{J Men- 
schen, welche namendich durch ihren Willen mancherlei zu bewir- 
ken haben, die also mehr fiir die allgemeine Menschheit leben, in ir- 
gendeiner Weise solch sein-soUendes Leben mit hinaufgenommen 
haben in irgendeiner friiheren Inkarnation. 

Es ist ja besonders schwierig, wenn man sich das Leben im Gei- 
stigen nur so vorstellen will wie ein etwas verdiinntes irdisches Le- 
ben, sich mit dieser Vorstellung auszusohnen, die man vom geisti- 
gen Leben erlangt: dafi hier das physische Leben fortwahrend be- 
kannt ist von selbst; dai^ jenseits das Leben ist, das unbekannt ist; 
und dafi auch davon das Gegenteil gilt im geistigen Leben. Man 
pflegt sich nicht gleich richtig vorzustellen, dafi eigentlich, wenn 
man nicht etwas dazu tut, alles dunkel und finster ist im geistigen 
Leben, daf? man alles erst zum Licht heraufholen muH und dafi alles, 
was diesseits ist, von jenseits aus sichtbar ist - jenseits, das aber un- 
ser Diesseits ist -, und daij das Bedeutungsvolle, das beigemischt ist, 
in einem Sein-Sollenden besteht. Dies ist eine Vorstellung, die man 
sich erwerben mufi, wenn man in richtiger Weise den Zusammen- 
hang des physischen Lebens mit dem geistigen Leben einsehen will. 

Ich sagte: Es ist wirklich ganz gut in unserer Zeit, sich mit sol- 
chen Vorstellungen bekanntzumachen. Denn die schmerzbewegte 
Seele fragt sich so sehr haufig heute: Warum miissen denn so viele 
Menschen im bliihendsten Lebensalter in die geistige Welt abgeru- 
fen werden? Warum konnen sie ihr Leben hier nicht ausbilden? 
Und so sonderbar es klingt - wie gesagt, die geistigen Wahrheiten 
sind ja zuweilen etwas, was grausam scheinen kann -, so ist es doch 
wahr: In die geistige Welt muf^ die Moglichkeit hineingetragen wer- 
den, auf die Erde so zu blicken, dafi diese Erde selber vom Geiste 
durchdrungen werden kann. Wiirden alie Menschen ihr normales 
Lebensalter erreichen, kein Mensch als Martyrer, kein Mensch im 
friihen Alter sich zu opfern in der Lage sein, dann wiirde die Erde 
von driiben als dem wertlosen Sein verfallen aussehen. Das, was der 
Erde hier beigemischt ist an Ideellem, ist aber auch zu gleicher Zeit 
dasjenige, was immerzu aus dem Vergangenen ein besseres Zukiinf- 



tiges hervorbringt. Und das hangt auch zusammen mit diesem, was 
da hingeopfert wird. Ein Mensch, der mit sechsundzwanzig Jahren 
sein ganzes folgendes Leben opfert, der gibt dieses ganze folgende 
Leben, das er sonst an seine aul^ere Arbeit gewendet hatte, dem 
FortschrittsprozeO der Menschheit. Es lebt weiter. In dem, was jetzt 
an Fortschrittskraften da ist, lebt das, was Menschen hingeopfert ha- 
ben an Leben, die sie batten hier noch durchleben konnen. Die Er- 
denentwickelung braucht die Lebensopfer. Da kann man sehen, wie 
das, was sonst in unserem materialistischen Zeitalter eigentlich nur 
mehr ein abstrakter Begriff ist, wie das unendlich konkret wird. 

Noch in einem anderen Sinne, als ich es im Juli hier entwickelte, 
konnen wir sagen: Nicht nur diese Atherleiber wirken sozusagen im 
ganzen Zusammenhang des Menschheitsfortschrittes, sondern auch 
die Arbeit der friih durch den Tod Gegangenen. Die Arbeit dieser 
Individualitaten ist eine solche, dafi wir sagen konnen: Wer sind 
denn diejenigen, die vorzugsweise fiir das Allgemeine der Mensch- 
heit arbeiten, die sich allgemeine Aufgaben stellen in spateren In- 
karnationen? Es sind diejenigen, die in einer friiheren Inkarnation 
in irgendeiner Weise einen Opfertod durchgemacht haben. Die hin- 
gebungsvolien, dem Geistigen hier auf der Erde zugeneigten Natu- 
ren, die verdanken das ihrem ein Martyrium zu nennenden Leben 
in einer vorhergehenden Inkarnation. Die Erde konnte nicht fort- 
schreiten, wenn sich nicht Menschen opfern wiirden. 

Und wenn man dies bedenkt, meine lieben Freunde, dann kann 
man von der Gegenwart in die Zukunft einen Blick tun. So unend- 
lich viele werden jetzt geopfert, opfern sich. So schmerzlich dieses 
ist, von den personlichen Gesichtspunkten aus betrachtet, so kann 
man sich damit versohnen, wenn man es vom Gesichtspunkte der 
Weisheit der Welt betrachtet. Ebensoviel, als jetzt geopfert wird, 
wird der Zukunft an Fortschrittskraften gegeben. Die Menschheit 
braucht solche Fortschrittskrafte. Man bedenkt das heute noch nicht 
in geniigendem Sinne, aber man wird es bedenken, wenn nicht ein- 
mal Jahrhunderte, sondern geniigend viele Jahrzehnte iiber die ma- 
teriaHstische Entwickelung der Menschheit hingeflossen sind. Der 
Materialismus wird in rasender Eile seine Konsequenzen ziehen. In- 



nerlich war der Hohepunkt des Materiaiismus im neunzehnten 
Jahrhundert, aber die Menschen wiirden versinken im Materiaiis- 
mus, wenn nicht eine Umkehr gegeben wird. Diese Umkehr, sie soli 
gegeben werden durch die Geisteswissenschaft. Aber sie kann nur 
dadurch gegeben werden, da{5 starke Krafte arbeiten, da{S wirklich 
das Ideelle in das Erdenleben hineingearbeitet werde. Viele, die jetzt 
abgerufen werden, werden dazu dienen, dafi die Erde nicht verfallt 
dem Materiaiismus, dafJ der Materiaiismus nicht allein herrschen 
wird. 

Lesen Sie es, meine lieben Freunde, in dem Vortragszyklus iiber 
die Apokalypse, wo es nur in groiJen Ziigen angedeutet worden ist, 
nach, und machen Sie sich daraus einen Begriff, wie viele Friichte 
des Opfertodes die Erde in der Zukunft brauchen wird, damit sie 
vom Versinken im Materiaiismus und dem, was damit verbunden 
ist, Streit, Hafl, Feindschaft, wenigstens soweit erlost wird, als sie er- 
lost werden mufi, damit sie ihren weiteren Weg im Kosmos durch- 
machen kann. Es ist schon so, dall solche Zeiten wie die unserige 
mehr als andere dazu auffordern, nicht nur zu denken an das, was 
geschieht, sondern auch zu denken an die Friichte dessen, was ge- 
schieht. Und diese Friichte konnen wir nur erkennen, wenn wir die 
zwei Seiten des Weltendaseins ins Auge fassen, diese zwei Seiten, 
die uns zeigen, dafS wir wirklich zwei vollig verschiedene Pole des 
Lebens durchmachen, hier zwischen der Geburt und dem Tode, 
und dort zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Hier sind 
wir in gewissem Sinne mit unserem innersten Wesen passiv und 
miissen arbeiten, wahrhaftig so, dai^ es vielen viel zu viel wird, wenn 
wir zur Anschauung einer geistigen Welt uns aufschwingen wollen. 
Dort ist es notwendig, dal] wir aktiv sind, tatig sind, um das, in dem 
wir sind, um die unmittelbar gegenwartige Welt in unserer An- 
schauung zu haben. Dagegen haben wir immer, wie eine Mahnung, 
die «seiende» Welt drunten vor uns. 

Hier herein in diese irdische Welt tragen die Idealisten das, was 
das Sein-Sollende ist, was das Seiende wertvoll macht. In die Welt, 
in die die Menschen gehen durch die Pforte des Todes, in die dieje- 
nigen eintreten, die ihr Leben ausgelebt haben, um in regelmafiigem 



Gang das irdische Leben fortzufiihren, treten auch jene ein, die 
mehr oder weniger friih als Martyrer sterben, und sind dort die Zeu- 
gen davon, dad da unten nicht blofi Materielles, nicht blofi dem 
Nichtigen, dem Verganglichen Verfallenes ist, sondern daf? beige- 
mischt ist dieser Erde auch das, was da zuriickbehalten diejenigen, 
die ein Leben nicht vol! auslebten, sondern denen es gewaltsam zer- 
stort worden ist. 

Man mufS schon solche Dinge nicht nur verstandesmallig neh- 
men, sondern tief mit seiner Empfindung durchdringen, dann klart 
sich einem manches auf. Es sind gewifi viele Ratsel in der Gegen- 
wart enthalten, aber einige davon klaren sich auf, wenn man also das 
SchmerzHche, was geschieht, im Zusammenhang mit der groi^en 
Weisheit der Welt betrachtet. 

Auch das ist wiederum ein Kapitel, das uns, wenn wir das eben 
Ausgesprochene auf unsere Zeit anwenden, die wichtige Wahrheit 
verkorpern kann: 

Aus dem Mut der Kampfer, 
Aus dem Blut der Schiachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesfrucht - 
Lenken Seelen geistbewufit 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 7. Dezember 1915 



Geisteswissenschaft soil uns ja auf alien Gebieten den Zusammen- 
hang zeigen zwischen den geistigen Welten und den Welten, die 
wir, wahrend wir in unserem Erdenleibe sind, wahrnehmen durch 
unsere Sinne, die wir zu verstehen suchen durch die Gedanken un- 
seres Verstandes. Nun haben wir uns durch einige Betrachtungen 
hindurch beschaftigt insbesondere mit den Zusammenhangen, die 
da bestehen zwischen dem Leben, das der Mensch als Seele fiihrt 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und dem Leben, das 
er hier im physischen Leibe verkorpert fiihrt. Wir halten ja immer 
den Gedanken fest, dafi der Mensch, solange er hier innerhalb des 
physischen Leibes lebt, seine Gedanken nach der Sphare richtet, die 
er zu durchleben hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 
Wir halten den Gedanken fest nach dieser Sphare gerichtet, nicht 
um eine bloOe Neugierde zu befriedigen, sondern weil wir uns 
durch unsere geisteswissenschaftlichen Betrachtungen haben iiber- 
zeugen konnen, dafS das Hineindringen der Gedanken jener ande- 
ren Welt in diese Welt auch beitragt zu dem, was diese Welt hier an 
erhohenden, an durchkraftenden Gedanken fiir Wirken, Denken, 
Empfinden und so weiter sich erringen kann. Wir miissen an dem 
Gedanken festhalten, dafi sich viele Geheimnisse des Lebens nur 
auflosen lassen, wenn man den Mut hat, an das Ratsel des Todes, 
wie man es nennen kann, heranzutreten. Nun konnen wir heute, 
um von einem ganz besonderen Gesichtspunkte aus wiederum den 
Zusammenhang der geistigen Welt mit der sinnlichen hier vor un- 
ser Seelenauge treten zu lassen, von einer trivialen Betrachtung, 
die allerdings vieles an tiefgehenden Empfindungen einschliefit, aus- 
gehen. 

Wir gehen aus von der Tatsache, die wir ja oftmals besprochen 
haben, wie der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet. Ich 
sage, wir gehen aus von etwas, was alltaglich ist, was aber doch mit 
tiefgehenden und den Menschen in seiner tiefsten Seele ergreifen- 



den Erlebnissen zusammenhangt. Wenn wir einem Menschen hier 
in der physischen Welt gegeniiberstehen, machen wir uns die Ge- 
danken, die uns mit ihm verbinden konnen, wir bilden ihm gegen- 
iiber unsere Empfindungen, unsere Gefiihle von Sympathie, von 
Antipathic aus, wir stehen ihm mehr oder weniger freundschaftlich 
oder mehr oder weniger ablehnend gegeniiber, kurz, wir bilden uns 
hier in der physischen Welt ein gewisses Verhaltnis aus zu einem 
anderen Menschen. Dieses Verhaltnis kann durch die Bande des 
Blutes gegeben sein, es kann sich auch erst durch die im Leben zu- 
tagetretende Wahlverwandtschaft zur Geltung bringen. Das alles- 
wird gefafit werden konnen unter dem, was in diesem Augenblicke 
mit «Verhaltnis zwischen Mensch und Mensch* gemeint ist. 

Wenn nun der Mensch, mit dem uns irgendwelche Bande zu- 
sammengehalten haben, hinweggeht von der physischen Welt und 
durch die Pforte des Todes tritt, so bleibt uns von diesem Menschen 
zunachst die Erinnerung zuriick, das heilJt eine Summe von Emp- 
findungen, Gedanken, die wir aus dem Verhaltnis zu ihm in uns 
rege gemacht haben, die wir in uns belebt haben. Und in einer ganz 
anderen Weise leben von jetzt an, da der Mensch durch die Pforte 
des Todes von uns hinweggegangen ist, die Empfindungen, die Vor- 
stellungen, die Gedanken, die uns mit ihm verbinden, als sie friiher, 
da er noch mit uns den physischen Plan bewohnt hat, lebten. Als er 
mit uns den physischen Plan bewohnt hat, wufSten wir, dafi jederzeit 
zu dem, was wir uns in unserer Seele im Verhaltnis zu ihm ausgebil- 
det haben, die aufSere physische Realitat hinzutreten kann, dafi wir 
mit unseren inneren Erlebnissen der aulleren physischen Realitat 
gegeniibertreten konnen. Wir miissen auch jederzeit gewartig sein, 
dafJ der Mensch durch irgendeine neue Art, sich darzuleben, die 
Empfindungen, die Gefiihle, die wir bisher fiir ihn gehabt haben, in 
der einen oder in der anderen Richtung verandert. Wir denken oft- 
mals nicht an den radikalen Unterschied, der auftritt, wenn plotz- 
lich, oder auch nicht plotzlich, der Augenblick eintritt, wo wir fort- 
an nur noch die Erinnerung an den betreffenden Menschen in unse- 
rer Seele tragen konnen, wo wir wissen konnen: unseren Augen 
wird er nicht mehr erscheinen, unsere Hand wird er nicht mehr er- 



greifen. Das Bild, das wir von ihm gebildet haben, bleibt im wesent- 
lichen dasjenige, was wir uns schon gebildet haben. Es ist etwas ganz 
Radikales, das in dem Verhaltnis zweier Menschen eintritt. Wie ge- 
sagt, es ist etwas, was trivial fiir den Gedanken klingt, was aber tief 
eingreifend ist in unser Innenleben, in dem einzelnen Falle, wo es 
eintritt: die Tatsache, dafi Erinnerung uns wird eine Menschenseele, 
die bisher durch ihre physische Verkorperung auf uns von aulJen 
her einen Eindruck gemacht hat. 

Aber vergleichen wir nun diese Erinnerung mit anderen Erinne- 
rungen, die wir uns sonst aus unseren Erlebnissen bilden. Wir ieben 
ja zu einem grol^en Telle unser physisches Leben in Erinnerungen 
aus. Wir wissen von dem, was wir erlebt haben. Sagen wir zum Bei- 
spiel, wir wissen von Ereignissen, die an uns voriibergezogen sind, 
von denen wir Gedanken behalten haben, wir wissen, dall wir uns 
durch diese Gedanken an verflossene Zeiten wenden konnen, in de- 
nen die betreffenden Ereignisse stattgefunden haben. Uberblicken- 
wir nun aber dasjenige, was wir so in dem groiSten Teile unserer Er- 
innerungen haben - ich sage, in dem grofiten Teile unserer Erinne- 
rungen so tragen wir in Gedanken etwas in uns, was nicht mehr 
da ist: verflossene Ereignisse, Ereignisse, deren Wirklichkeit wir 
nicht mehr in der auileren Welt antreffen konnen, die der Vergan- 
genheit angehoren. 

Ganz anders ist vor unserem seelischen Auge, wenn wir das Gei- 
stige der Geisteswissenschaft aufgenommen haben, dasjenige, was 
wir Erinnerung an einen Verstorbenen nennen miissen, Erinnerung 
an eine Seele, die durch die Pforte des Todes gegangen ist. Ganz an- 
ders ist das. Da tragen wir Gedanken in uns, aber fiir diese Gedan- 
ken ist etwas Wirkliches da, allerdings nicht in der uns zuganglichen 
aufieren, physischen Welt, aber in der geistigen Welt. Dasjenige, 
worauf sich diese Gedanken beziehen, das ist da, obzwar es nicht in 
die Sphare unserer Sichtbarkeit eintreten kann. Das ist eine ganz an- 
dere Erinnerungsvorstellung als eine Erinnerungsvorstellung an et- 
was, was hier in der physischen Welt vergangen ist. Wenn wir die 
Tatsache, die hier vorliegt, im Verhaltnis zu der gesamten Welt ein- 
mal betrachten woUen, so konnen wir sagen: Wir tragen in unserer 



Seele Gedanken an eine Wesenheit, die in der geistigen Welt ist. 
Nun wissen wir - und insbesondere mud uns das klargeworden sein 
aus Betrachtungen, die wir an den letzten drei Abenden, die wir hier 
zusammensein konnten, gehalten haben dafi nicht nur die Sehn- 
suchten der Seelen, die hier verkorpert sind, hinaufgehen nach den 
geistigen Welten, sondern da{5 auch das Bewui^tsein der Seelen, die 
durch die Pforte des Todes gegangen sind, die nun leben in der 
Welt zwischen Tod und neuer Geburt, sich heruntererstreckt auf 
dasjenige, was hier in der physischen Welt vorgeht. Wir konnen uns 
sagen; Diejenigen Seelen, die entkorpert in der geistigen Welt le- 
ben, bekommen von der physischen Welt hier dasjenige in ihr Be- 
wufitsein herauf, was sie vermoge ihrer geistigen Anschauung und 
ihres geistigen Herabsehens eben wahrnehmen konnen. Ich habe in 
einer der letzten Betrachtungen angedeutet, wie Seelen, die noch 
hier im physischen Leibe verkorpert leben, wahrgenommen werden 
von den sogenannten toten Seelen, im Gegensatz zu der Wahrneh- 
mung, die sie von Seelen haben, die wie sie leben in der Zeit zwi- 
schen Tod und neuer Geburt. Ich habe ausgefiihrt, wie die Seelen, 
die in der geistigen Welt leben, um eine Wahrnehmung zu haben, 
immer tatig sein miissen, wie sie zum Beispiel wissen: Jetzt ist eine 
andere Seele in deiner Nahe -, wie sie aber, um sie anzuschauen, in- 
neriich tatig sein miissen. Sie miissen sich gleichsam das Bild kon- 
struieren, das Bild entsteht nicht von selbst, wie es hier in der physi- 
schen Welt entsteht. Man hat in der geistigen Welt zuerst den Ge- 
danken des «Da-seins» und mull dann gleichsam innerlich miterle- 
ben dieses «Da-sein», damit das Bild entsteht. Es ist der umgekehrte 
Weg. 

Nun ist aber doch ein bedeutsamer Unterschied in der Bildkon- 
struktion in bezug auf diejenigen Seelen, die auch schon in der gei- 
stigen Welt sind, und solche, die noch hier auf der Erde im physi- 
schen Leibe verkorpert sind. Wahrend der Mensch im Leben zwi- 
schen Tod und neuer Geburt das Bild einer Seele, die auch schon in 
der geistigen Welt ist, ganz und gar aus sich heraus erzeugen mufS, 
wahrend er da ganz und gar tatig sein muO, fiihlt er sich bei einer 
Seele, welche noch hier auf der Erde lebt, mehr passiv ~ das Bild 



kommt ihm mehr entgegen. Also die Tatigkeit ist eine geringere bei 
einer Seele, die noch hier auf Erden lebt, als bei einer Seele, die 
auch schon entkorpert ist, die innere Anstrengung ist eine gerin- 
gere. Dadurch drijckt sich eben der Unterschied aus fiir diejenigen, 
die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt leben. Wenn Sie das 
nehmen, so werden Sie sich sagen: Wenn sich die Seele, nachdem 
sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, in die geistige Welt so 
hineinlebt, halt sie nicht nur ihre Umschau iiber jene Wesen der ho- 
heren Hierarchien oder der Menschenseelen, die auch mit ihr in der 
geistigen Welt leben, sondern es taucht vor ihr auch die Welt der 
Seelen hier auf, namentlich derjenigen, zu denen sie Beziehung ge- 
habt hat hier, bevor sie durch die Pforte des Todes geschritten ist. 

Es ist ja dieser bedeutsame Unterschied noch festzuhalten, dafi, 
wahrend hier der Mensch auf Erden im Grunde genommen das, was 
das Erdendasein ausmacht, immer urn sich hat und nur im Geiste 
ergreifen kann - das «nur» ist natiirlich sehr vergleichsweise nur zu 
nehmen - die *andere» Welt, so ist es, wenn die Seele in der geisti- 
gen Welt ist, gerade umgekehrt. Das, was sie dort von selbst sieht, 
das ist unsereWeh, die Welt, die von dort aus die jenseitige ist, wah- 
rend sie sich anstrengen mul^, um die eigene Welt, in der sie dann 
ist, immer als Wahrnehmung zu haben, um sie sich immer zu kon- 
struieren. Also dort ist das Diesseits dasjenige, was man sich immer- 
fort erarbeiten muiS, und das Jenseits ist dasjenige, was eigentlich 
immer sich wie von selbst ergibt. Nun aber tauchen innerhalb dieses 
Jenseits - was fiir uns Diesseits ist, von der anderen Seite gesehen 
aber das Jenseits - die Menschenseelen auf mit demjenigen, was in 
ihnen lebt, insbesondere diejenigen Menschenseelen, zu denen Be- 
ziehungen wahrend der Erdenzeit angekniipft worden sind. Diese 
Menschenseelen treten auf. Aber innerhalb, ich mochte sagen, die- 
ses Meeres von geistigen Wahrnehmungen, die da von der anderen 
Welt hier an und in den Menschenseelen gemacht werden, treten 
zuweilen auf die Erinnerungen an diejenigen, die durch die Pforte 
des Todes gegangen sind. Stellen Sie sich das lebendig vor. Denken 
wir uns einmal hypothetisch, wir lebten in einem Zeitpunkte, in 
dem sich keine Seele irgendeines Toten erinnerte. Dann wiirden na- 



tiirlich die Toten die Menschenseelen auch sehen, aber in diesen 
Menschenseelen wiirden keine Erinnerungen an die Toten leben. In 
dieses Meer, das sich den entkorperten Seelen darbietet, gehen nun 
hinein die Erinnerungen, die Erinnerungen an die Toten. Da leben 
sie drinnen. Das ist etwas, was durch den freien Willen der Men- 
schen und durch die Liebe der Menschen hier hinzukommt zu dem, 
was der Tote von der anderen Seite immer sehen kann. Das ist also 
etwas, was hinzukommt. 

Sehen Sie, hier haben wir wieder einen Punkt, wo dem Geistes- 
forscher wichtige Fragen aufgehen, wo der Geistesforscher die Frage 
aufwerfen mud: Was geschieht fiir denjenigen, der durch die Pforte 
des Todes gegangen ist, dadurch, daC er nun eingebettet sieht in die 
flutenden Seelen hier in unserer Welt die Erinnerungen, die diese 
flutenden Seelen an die Toten haben, was geschieht dadurch, dalj er 
diese Erinnerungen wahrnimmt? Es ist bei der Geistesforschung so, 
dafi man, wenn einem eine solche Ratselfrage aufgeht, diese Ratsel- 
frage zuerst griindlich erleben muf^. Man mufi sich hineinleben. 
Wenn man nun anfangt zu spekulieren, wie die Losung einer sol- 
chen Frage sein konnte, wie die Antwort sein konnte, dann kommt 
man sicher zunachst auf das Falsche. Denn das Anstrengen des ge- 
wohnlichen, an das Gehirn gebundenen Verstandes, das gibt in der 
Regel durchaus keine Losung. Man kann durch dasjenige, was in- 
nere Anstrengung ist, die Losung nur vorbereiten. Die Losungen 
von Ratselfragen, die sich auf die geistige Welt beziehen, ergeben 
sich wirklich so, daO sie herauskommen aus der geistigen Welt wie 
eine Begnadung. Man mufS warten. Man kann eigentlich nichts an- 
deres tun, als in der Frage so recht leben, immer wieder und wie- 
derum die Frage durchmeditieren, die Frage mit alien Empfin- 
dungsqualitaten, die sie entwickeln kann, in der Seele aufleben las- 
sen und ruhig warten, bis man - der Ausdruck ist wirklich ganz 
richtig gebraucht - gewiirdigt wird, aus der geistigen Welt heraus 
eine Antwort zu bekommen. Und die kommt einem in der Regel 
von einer ganz anderen Seite zu, als man eigentlich denkt. Es 
kommt aus der geistigen Welt heraus dann die Antwort im rechten 
Augenblick, das heilSt im Augenblick, wo man die eigene Seele ge- 



nugend prapariert hat, so daiS sie die Antwort entgegennehmen 
kann. Dafi es die rechte Antwort ist, ja das lallt sich nicht durch eine 
Theorie ausmachen, ebensowenig wie durch Theorie sich etwas iiber 
die physische Wirklichkeit ausmachen Vadt Das lafSt sich nur durch 
das Erleben selber ausmachen, Diejenigen, die jede geistige Wirk- 
lichkeit immer nur ableugnen und sagen: das kann man nicht be- 
weisen, es mui^ alles bewiesen werden - denen mochte ich nur die 
Frage stellen, ob jemals schon ein Mensch in der physischen Welt 
das Dasein eines Walfisches hatte beweisen konnen, wenn dieser 
nicht gefunden worden ware. Nichts kann man beweisen, was nicht 
in irgendeiner Weise in Wirklichkeit aufgezeigt werden mufJ. So 
mud man auch in der geistigen Welt dasjenige erleben, was Wirk- 
lichkeit ist. 

Nun gewii^, dasjenige, was da eintritt in das Bewufitsein als L6- 
sung, es stellt sich, je nachdem man sich zubereitet hat in der Seele, 
in der verschiedensten Weise dar. Auf mannigfache Weise kann sich 
die Wahrheit darstellen, aber sie ist doch als die Wahrheit zu erle- 
ben. Wenn man sich diese Ratselfrage, die ich eben jetzt hingestellt 
habe, so recht in der Seele leben lafSt, da tritt auf, scheinbar von ei- 
ner ganz anderen Seite her, ein inneres Bild, welches, ich mochte sa- 
gen, den inneren Anspruch darauf macht, einem etwas zu geben 
iiber die Losung des betreffenden Ratsels. Da kann auftreten das 
Bild eines Menschen, der etwa sich photographieren laOt, der sein 
Portrat bilden lafSt. Uberhaupt tritt auf das Bild irgendeiner physi- 
schen Sache, eine Nachbildung dieser physischen Sache. Und zu- 
letzt tritt auf alles dasjenige, was man in den Bereich des Kiinstleri- 
schen und auch der kiinstlerischen Darstellung setzen kann. Wenn- 
Sie sich vorstellen, wie das physische Leben verlauft, so konnen Sie 
sich sagen, dieses physische Leben verlauft so, dafJ der Mensch den 
aufleren Naturwesen und Naturereignissen gegeniibersteht: die lau- 
fen ab. Ebenso laufen die menschlichen Angelegenheiten ab, dasje- 
nige, was der Mensch sorgt und webt fiir seine Bediirfnisse und so 
weiter, dasjenige, was ihm in der Geschichte ablauft. Aber dariiber 
hinaus sucht der Mensch etwas, was im Grunde genommen nichts 
zu tun hat mit dem unmittelbar Notwendigen in der Welt. Die 



Menschenseele wird gewahr, dafi, wenn nur die Natur und die Ge- 
schichte mit den menschlichen Bediirfnisbefriedigungen ablaufen 
wiirde, das Leben ode und kahl ware. Der Mensch schafft iiber den 
Naturlauf und iiber den Bediirfnislauf hinaus etwas bier im physi- 
schen Dasein. Er bekommt das Bediirfnis, nicht blofi, sagen wir, ir- 
gendeine Landschaft zu sehen, sondern diese Landschaft auch nach- 
zubilden. Er richtet es im Leben so ein, daiJ jemand, der mit ihm in 
irgendeinem Zusammenhang steht, von ihm ein Bild bekommen 
kann und dergleichen mehr. Wir konnen, von da ausgehend, an das 
ganze Reich der Kunst denken, das der Mensch hier als eine hohere 
WirkHchkeit iiber die Wirklichkeit hinaus schafft zu der gewohnh- 
chen Natur- und Geschichtswirklichkeit hinzu. Denken Sie, was 
alles nicht in der Weh ware, wenn es keine Kunst gabe, wenn die 
Kunst nicht hinzubringen wiirde zu dem, was, wir konnen sagen, 
von selbst da ist, dasjenige, was sie aus ihrem Quell zu geben ver- 
mag. Die Kunst schafft etwas, was durch Notwendigkeit nicht da zu 
sein brauchte. Ware es nicht da, so konnte alles Naturnotwendige 
gleichwohl geschehen: Man konnte sich denken, daf^ ohne irgend- 
eine Nachbildung oder kiinstlerische Darstellung der Verlauf des 
Lebens vom Erdenanfang bis zum Erdenende ginge. Was ailes die 
Menschen dann nicht batten, das mag man sich ausmalen. Aber 
theoretisch moglich ware es, dalS unsere Erde gestraft ware damit, 
daiS sich auf ihr keine Kunst entwickeln konnte. Wir haben in der 
Kunst etwas iiber das Leben Hinausgehendes. Denken Sie sich alles 
das, was in der Kunst geschaffen ist, in der Welt stehend und die 
Menschen also durch die Welt gehend, dann haben Sie gewisserma- 
fien zwei parallel laufende Prozesse: die Natur- und Geschichtsnot- 
wendigkeiten und dasjenige, was als kiinstlerische Stromung hinein- 
gestellt ist. 

Sehen Sie, so wie die Kunst gewissermafien eine geistige Welt 
hereinzaubert in die physische Wirklichkeit, so zaubert die Erinne- 
rung, die hier in der Seele Platz greift, eine andere Welt in die Welt 
derer, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, herein. Fiir die 
Toten konnte die Welt ablaufen, ohne daf5 in den Seelen hier Erin- 
nerungen lebten, die aus Liebe, die aus alien menschlichen Verhalt- 



nissen geboren sind. Aber es wiirde dann fiir die Toten die Welt, die 
die ihre ist, so ablaufen, wie fiir uns eine Welt ablaufen wiirde, in der 
wir nichts finden konnten, was iiber die gewohnliche Wirklichkeit 
hinausgeht. Das ist ein ungeheuer bedeutungsvoller Zusammen- 
hang, daf5 durch die Gedanken der Liebe, durch die Gedanken der 
Erinnerung, durch all das, was uns in dieser Weise in der Seele auf- 
geht im Zusammenhang mit denen, die nicht mehr in der physi- 
schen Welt sind, fiir die, die nicht in der physischen Welt sind, dort 
etwas Analoges geschaffen wird demjenigen, was hier das kiinstleri- 
sche Schaffen ist. Und so wie der Mensch das kiinstlerische Schaffen 
aus sich heraus in der physischen Welt hier vollbringen mui^, aus 
dem Eigenen etwas hinzutun mufl, so muO wiederum fiir diejenigen, 
die in der geistigen Welt sind, das Entgegengesetzte eintreten. Es 
muU ihnen von der anderen Welt entgegengebracht werden, von 
den Seelen, die hier zuriickgeblieben sind, die hier noch verkorpert 
sind; von den Seelen, die sie mehr passiv sehen als diejenigen See- 
len, die schon mit ihnen in der geistigen Welt stehen. Was fiir uns 
Natur- und Geschichtsverlauf waren, die sich nur von selbst vollzie- 
hen, ohne Kunst, ohne all dasjenige, was der Mensch bildet iiber die 
unmittelbare Wirklichkeit hinaus, das ware fiir die Toten eine Welt, 
in der nicht innerhalb der physischen Welt zuriickgebliebene See- 
len lebten mit Erinnerungen. 

Solche Dinge, sehen Sie, sie werden nicht gewufit innerhalb des 
physischen Lebens der Menschen. Man sagt so, sie werden nicht ge- 
wuOt -. Sie werden nicht gewufSt von dem, was das gewohnliche Be- 
wufStsein ist, aber von demjenigen, was tieferes unterbewui^tes Be- 
wuf^tsein ist, werden diese Dinge gewui^t, und das Leben wurde 
auch immer danach eingerichtet. Warum wurde Wert darauf gelegt 
von den menschlichen Gemeinschaften, daO Allerseelentage, Toten- 
tage und dergleichen gefeiert werden? Und derjenige, der nicht an 
einem allgemeinen Totentage teilnehmen kann, hat eben seine eige- 
nen Totentage. Warum ist das? Weil in dem unterbewuf^ten Be- 
wuf^tsein der Menschen eben das lebt, was man nennen konnte ein 
dunkles BewufJtsein von dem, was in die Welt hineingestellt wird 
dadurch, dafi die Erinnerungen an die Toten belebt werden, beson- 



ders belebt werden. Wenn die offene Seele des Geistesschauers an 
einem AUerseelentag oder an einem Totensonntag oder dergleichen 
dahin geht, wo viele Menschen erscheinen mit den Erinnerungen an 
die Toten, so nimmt sic wahr, daO da die Toten teilnehmen, und es 
ist fiir die Toten dann so, nur natiirlich entsprechend verschieden 
gedacht, wie wenn hier auf dem physischen Erdenrund die Men- 
schen einen Dom besuchen und jene Formen schauen wiirden, die 
sie nicht schauen konnten, wenn nicht aus der kiinstierischen Phan- 
tasie heraus zu dem physischen Dasein etwas hinzuerschaffen wor- 
den ware, oder wenn sie eine Symphonic horen oder dergleichen. 
Es ist gewissermafien das iiber das gewohnliche Mai] des Daseins 
hinaus Entstehende, das sich in all diesen Erinnerungen darbietet. 
Und wie sich die Kunst hineinstellt in den physisch-historischen 
Menschenverlauf, so stellen sich die Erinnerungen an die Toten her- 
ein in das Bild, das die Seelen zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt von ihrer Welt aus bekommen. In solchen Gebrauchen, die 
sich bilden innerhalb der menschlichen Gemeinschaften, driickt 
sich eben jenes geheime Wissen aus, das die Seelen in ihren Unter- 
griinden haben, und mancher ehrwiirdige Gebrauch hangt eben mit 
diesem unterbewuJSten Bewul^tsein zusammen. 

Wir stehen vor den Zusammenhangen des Lebens viel bewun- 
dernder noch, wenn wir sie durchdringen konnen mit dem, was uns 
die Geisteswissenschaft an die Hand gibt, als wenn wir sie nicht da- 
mit durchdringen konnen. Wenn der Tote in der Seele eines Men- 
schen, der mit ihm in einem Verhaltnis hier gestanden hat, eine Er- 
innerung an sich antrifft, so ist es immer so, wie wenn ihm etwas 
entgegentreten wiirde, was ihm das Leben verschont, was ihm das 
Leben erhoht. Und setzt sich hier fiir uns Schonheit aus demjenigen 
zusammen, was Kunst ist, so setzt sich fiir die Toten Schonheit zu- 
sammen aus demjenigen, was hinaufstrahlt aus den Herzen, den 
Seelen der an ihre Toten sich erinnernden Menschen. 

Das ist auch ein Zusammenhang zwischen der Welt hier und der 
geistigen Welt dort. Und es ist dies ein solcher Gedanke, der eng zu- 
sammenhangt mit jenem anderen Gedanken, der aus vielem, vielem 
hervorgeht, was in der Geisteswissenschaft gepflogen werden kann, 



dem Gedanken von dem Wertvollen, dem Wichtigen des Erdenle- 
bens. Geisteswissenschaft fiihrt uns nicht dahin, die Erde mit alle- 
dem, was sie hervorbringen kann, zu verachten, sondern Geisteswis- 
senschaft fiihrt uns dahin, das physische Erdenleben als ein Glied zu 
betrachten innerhalb des gesamten Weltenlebens und als ein not- 
wendiges Glied; als ein Glied, das auf das hin angelegt ist, was in der 
geistigen Welt wirkt und ohne das die geistige Welt nicht in ihrer 
Vollstandigkeit erscheinen wiirde. Und wenn wir nunmehr unseren 
Blick sozusagen dahin wenden, daf] aus unserer physischen Welt 
heraus die Schonheit fiir die Toten ersprieOen mufi, so schliel^t sich 
uns der Gedanke auf, dalJ diese Schonheit fiir die geistige Welt feh- 
len wiirde, wenn es nicht eine physische Welt geben konnte mit 
Menschenseelen, die im Leibe auch noch Gedanken, gefiihlsdurch- 
trankte, empfindungsdurchwellte Gedanken entwickeln konnten an 
diejenigen, die nicht in der physischen Welt sind. Es bedeutete viel, 
meine lieben Freunde, wenn in alten Zeiten zum Beispiel ganze 
Volksstamme immer wieder und wiederum hingebungsvoU in ihren 
Festen an die groHen Ahnen dachten, wenn sie vereinigten ihre Ge- 
fiihle im Hinblick auf einen grof^en Ahn. Es bedeutete viel, wenn sie 
solche Gedenktage einrichteten, denn das war immer das Aufleuch- 
ten eines Schonen fiir die geistigen Welten, das heifSt fiir die Seelen, 
die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt standen. Und so 
wenig, nun, sagen wir, um milde zu sprechen, so wenig «unalbern* 
es ware, wenn jemand besonderes Gefallen hier auf der Erde an sei- 
nem eigenen Bildnis, an seinem eigenen Portrat fande - das ist ja 
natiirlich etwas Albernes, nicht wahr? -, so bedeutsam ist nun das 
Bild, das der Tote findet bei den hier Zuriickgebliebenen von sich 
selber. Denn, meine lieben Freunde, das miissen wir festhalten: Un- 
ser Erdenmensch wird etwas ganz anderes fiir uns, wenn wir ihn, ais 
Tote, vom Gesichtspunkte des Geistigen aus betrachten; das haben 
wir ofters betont. Hier sind wir innerhalb unserer Haut eingeschlos- 
sen, hier ist uns dasjenige, was wir als «wir», als «ich» bezeichnen, 
eben das innerhalb der Haut Eingeschlossene, was uns wert ist. 
Auch fiir den «selbstlosen* Menschen gilt das! Fiir die «ganz selbst- 
losen Menschen* gilt das vielleicht sogar um einen Grad mehr als 



fiir diejenigen, die sich weniger selbstlos diinken! Wert ist uns vor 
alien Dingen, was innerhalb dieser Haut eingeschlossen ist; dann 
kommt die iibrige Welt. Wir blicken zu dieser iibrigen Welt als zur 
Auilenwelt. Das ist aber gerade das Bedeutungsvolle, daC wir, wenn 
wir aus unserem Korper draufSen sind, mit der Auf^enwelt vereinigt 
werden; wir leben in dieser AufSenwelt. Dieses Aufgehen, dieses 
Sich-Ausbreiten iiber die AuiSenwelt, ich habe es ofters beschrieben. 
Und dasjenige, was dann sich so zu uns verhalt wie jetzt die AuOen- 
welt, das ist das, was wir gerade hier zwischen Geburt und Tod fiir 
uns ausgelebt haben. Die Aufienwelt wird, wir konnen sagen, gewis- 
sermaf^en unsere Innenwelt; und das, was hier unsere Innenwelt ist, 
wird dann unsere AulJenwelt. Daher diese bedeutsame Erfahrung, 
wie ich sie in meiner «Theosophie» beriihrte, beim Betreten des Gei- 
sterlandes: «Das bist du> 

Also unsere Innenwelt hier, die unser Ich umfai^t, auf die blicken 
wir dann hin, das ist die Aul^enwelt. Und da ist es so, dal^ jene Seele, 
die nun nicht in dieser Weise egoistisch sein kann, wie sie hier ego- 
istisch ist, zuriickblickt auf die Gedanken, die ihr entgegentreten als 
die Gedanken an sie. Das ist dasjenige, was wie eine Aullenwelt ihr 
entgegentritt, was wirklich einverleibt sein darf in den Umfang des- 
sen, was wir dann als das Schone bezeichnen, als dasjenige, was uns 
erhebt, was uns dann erheben darf. Es kommt zu dem, was eine Au- 
f^enwelt ist - namlich die Erinnerung an das, was wir durchgemacht 
haben zwischen Geburt und Tod -, etwas hinzu, was nicht in die- 
sem unserem Leben lebt, sondern was in anderen Seelen lebt, aber 
sich auf uns bezieht. Das ist wirklich das Hineinstellen eines iiber 
uns, das heifit iiber unsere Aufienwelt Hinausgehenden, wie hier das 
Hineinstellen des Kunstwerkes etwas ist, was iiber die gewohnliche, 
von selbst dastehende Wirklichkeit hinausgeht. So wenig «nett>» es 
hier ist von dem Menschen, wenn er nicht nur in sich, sondern noch 
dazu in sein Bild verliebt ist, so selbstverstandlich ist es dort, daU 
man zu dem, was in den Seelen, die zuriickgeblieben sind, als Bild 
von einem auftritt und hinzukommt zu der anderen Erscheinung, 
die man von sich hat, daC man zu dem so steht, wie man hier etwa 
steht zu einem Landschaftsbild im Verhaltnis zur Landschaft oder 



dergleichen. So ist es also, dafS man, wenn einem diese Ratselfrage 
vor die Seele kommt, das Bild von dem Menschen und seinem Bild 
in den Seelen der Hinterbliebenen erhalt und daf5 man von da aus 
den Weg findet zur Beantwortung einer solchen Ratselfrage. Das 
Spekulieren fiihrt in der Regel zu nichts, sondern das Wartenkon- 
nen, das geduldige Abwarten. Dasjenige, womit man sich bemiihen 
soli, sind eigendich mit Bezug auf die geistigen Welten die Fragen; 
die Antworten miissen sich durch Gnade, durch sich offenbarende 
Gnade der Menschenseele ergeben. 

Ich habe im Verlaufe dieser Betrachtung eben darauf aufmerk- 
sam gemacht, wie die Menschen Einrichtungen treffen, Erinne- 
rungstage, Erinnerungsfeste im allgemeinen, die zusammenhangen 
mit einem tiefen, aber vom gewohnlichen BewulJtsein nicht umfaf^- 
ten Wissen. Das hangt damit zusammen, da{] der Mensch iiberhaupt 
in den Untergriinden seiner Seele ein dumpfes, umfassendes Wissen 
hat - ich habe hier schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht - 
und dad er eigentlich das Wissen, das er mit seinem BewufJtsein 
umfafJt, herausholt aus seinem umfassenden Wissen. Ich habe dar- 
auf aufmerksam gemacht, wie gescheit wir eigentlich waren, wenn 
wir all das mit unserem Oberbewul^tsein umfassen konnten, was un- 
ser astralischer Leib umfafSt. Aber dieser Astralleib, der geht auch in 
einem viel hoheren Sinne wissend durch das Leben, als wir gewohn- 
lich glauben. Wir schatzen dieses Wissen unseres Astralleibes nicht, 
weil wir eben nichts davon wissen; aber wir konnen uns wenigstens 
eine Vorstellung machen von diesem umfassenderen Wissen des 
Astralleibes, wenn wir uns das Folgende vor die Seele stellen: 

Sehen Sie, wir leben so, wir konnen es ja sagen, gewissermaf^en 
in den Tag hinein. Wir beurteilen die Ereignisse sehr wenig nach ih- 
rem Zusammenhange. Wiirden wir sie nach ihrem Zusammen- 
hange betrachten, so wiirde uns manches ganz, ganz anders erschei- 
nen. Denken Sie doch nur einmai, es kann passieren, nicht wahr, 
daf? wir uns irgend etwas vornehmen: Wir nehmen uns am Morgen 
etwas vor, was wir am Abend ausfiihren wollen. Mittags passiert uns 
irgend etwas, was uns verhindert, die Sache am Abend auszufiihren. 
Wir argern uns zuweilen griindlich, dafi wir die Sache am Abend 



nicht ausfiihren konnen. Wir sind der Meinung, dai3 es viel schoner, 
viel richtiger gewesen ware, wenn wir die Sache hatten ausfiihren 
konnen. Der Astralleib mit seinem umfassenderen, aber uns nicht 
zum BewufJtsein kommenden Wissen, der weifS das eben anders. 
Der Astralleib sieht in einem solchen Falle oftmals: Wenn du die 
Angelegenheit, die du dir fiir abends vorgenommen hast, ausfiihrst, 
so kommst du in eine Lage, wo du vieileicht hinfallst und dir ein 
Bein brichst. Es kann ja durchaus im Bereich der Moglichkeiten lie- 
gen, dafi wir dem gar nicht entgehen konnen; wenn wir abends das, 
was wir uns vorgenommen haben, ausfiihren, so gibt es eben eine 
Konstellation vorher, dafj wir uns ein Bein brechen. Das wissen wir 
in unserem Oberbewul^tsein nicht, aber der Astralleib durchschaut 
das, und er fiihrt uns nun in eine solche Lage, durch die wir selber 
verhindern, dafS das eintritt, was wir abends haben ausfiihren woUen. 
DaO das eingetreten ist, woriiber wir so argerlich waren, das ist zu- 
weilen im Gesamtzusammenhang unseres Lebens aufierordentlich 
weise. Aber das wird nicht aus dem Zufall herausgeboren, sondern 
es wird ganz aus der Weisheit unseres Astralleibes, die uns eigent- 
lich aus dem OberbewuOtsein heraus unbewul^t bleibt, gemacht. 
Wenn wir einsehen konnten, warum wir manches tun und einiges 
nicht tun, vieileicht well wir etwas anderes nicht tun konnten oder 
zu etwas anderem erst gefiihrt werden, wenn wir das alles durch- 
schauen konnten, so wiirden wir immer einen Zusammenhang in 
unserem Leben sehen, der von einem Weiseren in uns ausgeht, als 
wir in unserem Oberbewufitsein sind. 

Es ist schon in unserem Leben Zusammenhang, aber dieser Zu- 
sammenhang wird nicht in seiner ganzen Sphare durchschaut. Und 
sobald wir uns richtig den Gedanken vor die Seele halten, wie wir 
eigentlich mit den geistigen Welten zusammenhangen, so wird uns 
die Sache schon klar. Uber uns liegt ein Wesen, das im engeren 
Sinne zu uns gehort, ein Wesen aus der Hierarchic der Angeloi, un- 
ser schiitzender Geist. Wir wenden uns sogar jetzt immer im Beginn 
unserer Betrachtungen an die schiitzenden Geister derjenigen, die 
draulSen die groilen Forderungen der Zeit unmittelbar zu erfiillen 
haben. Dieser schiitzende Geist sieht nun hinein in den Zusammen- 



hang. Aus einem Gefiihl heraus war das lange im Menschenbe- 
wufitsein rege, dall gewisse Zusammenhange, die wir nicht iiber- 
schauen, von diesem schiitzenden Geist iiberschaut werden. Nun 
sind aber die Grenzen zwischen dem, was wir iiberschauen, und 
dem, was wir nicht iiberschauen mit unserem BewufJtsein, verander- 
lich. Es gibt ja wirklich Menschen hier, die dadurch mit einer gewis- 
sen inneren Zufriedenheit durch das Leben gehen, dalS sie das, was 
an sie herankommt, eben an sich herankommen lassen, weil sie an 
die waltende Weisheit glauben, weil sie durchdrungen sind davon, 
dail auch dasjenige, woriiber man so leicht argerlich werden kann, 
vom Waken der Weisheit durchtrankt ist. Es ist ja manchmal 
schwer, wenn etwas passiert, was so recht gegen unsere Absichten 
geht, an die waltende Weisheit zu glauben. Aber darin besteht ge- 
rade einer derjenigen Impulse, die uns so recht in Zusammenhang 
mit den Wirkungen der geistigen Welt bringen, dafS wir uns hinein- 
zufiigen wissen in die waltende Weisheit, ohne bequem oder faul 
dadurch zu werden, ohne zu glauben, daO diese waltende Weisheit 
selbstandig fiir uns handelt. Die Grenze ist also verschiebbar, und 
auch in bezug auf das Handeln, auf das Bilden von Absichten ist die 
Grenze verschiebbar. Da treten allerdings in das gewohnliche Be- 
wufitsein Impulse herein, die etwas Intimes, Zartes haben. Wie oft, 
nicht wahr, kommt es, daH wir uns etwas vornehmen fiir einen spa- 
teren Zeitraum. Nun kommt irgend etwas, wir haben das Gefiihl, 
wir miissen dies tun, was eigentlich verhindert das Spatere. Wir ha- 
ben das Gefiihl, aus der sich bietenden Notwendigkeit heraus zu 
handeln und die Sache ja nicht unzart anfassen zu diirfen, denn wir 
wissen: Wenn wir sie unzart anfassen, dann zersplittert sie sich vor 
uns, dann zerstiebt sie. Wir haben neben dem, worauf wir unsere 
Freiheit richten, mehr oder weniger deutlich einen Menschen in 
uns, der sich durch das Leben durchtasten will und der glaubt, 
durch das, was er ertasten kann, viel mehr zu erreichen als durch 
dasjenige, was er mit seinen Begriffen ganz genau sich abzirkeln 
kann. Die Grenze ist verschiebbar. 

Aber die Grenze ist zuweiien noch mehr verschiebbar, und da 
kommt ein Punkt in Betracht, der wirklich recht ins Auge gefafSt 



werden soli gegeniiber dem praktischen Leben. Es gibt Menschen - 
und in gewisser Beziehung sind wir alle ergriffen von dem, was in 
solchen Menschen waltet - die auch eine gewisse Sehnsucht, eine 
gewisse Begierde haben, sich ihr Leben zurechtzulegen, so zwischen 
den Zeilen des Lebens durchzugehen. Nehmen Sie einen auffallen- 
den Fall an; Sie kennen einen Menschen, der schhefit mit einem an- 
deren Menschen Freundschaft. Sie sagen sich zunachst: Ich kann 
wirklich nicht recht begreifen, warum der mit diesem anderen 
Freundschaft schliefit, es ist mir nicht durchsichtig, es herrscht 
keine rechte Beziehung zwischen diesen beiden Menschen, aber der 
tut alles, um an diesen Menschen heranzukommen. Man kann es 
nicht begreifen, und man merkt manchmal erst sehr lange nachher, 
warum das geschehen ist: Der Betreffende braucht diesen Menschen 
vielleicht erst viel spater zu etwas. Er hat mit diesem Menschen 
Freundschaft geschlossen, nicht weil er an ihm etwas erlebt hat, was 
er gerne hatte, nicht um seiner selbst willen, sondern als Mittel fiir 
etwas, was erst spater eintreten sollte. Er hat sich das Leben «zu- 
rechtgeriickt* : Dadurch, dafl er mit ihm Freundschaft geschlossen 
hat, ist dieser Mensch zu etwas gekommen, wodurch er ihm spater 
in einer Situation helfen kann. Und die Folge davon ist, dafS nun 
wirklich das eintritt, mit Hilfe jenes sogenannten Freundes, was 
sonst nicht eingetreten ware. 

Dehnen Sie diesen Gedanken iiber das Leben aus, so werden Sie 
sehen, wie ungeheuer verbreitet das im Leben ist, dafS sich die Men- 
schen vorher etwas zurechtlegen, das sie nicht so unmittelbar wol- 
len, wie sie es sich zurechtlegen, sondern von dem sie wollen, daiS es 
so ist, weil sie es eigentlich erst in den Wirkungen gebrauchen wol- 
len. Man mufi also sagen: Es gibt Menschen, welche in diesem 
Sich-Zurechtlegen-des-Lebens eine - wir konnen jetzt nicht sagen 
Weisheit, denn wir werden ein inneres Widerstreben haben, dies 
Weisheit zu nennen -, aber welche eine ungeheure Schlauheit ha- 
ben, eine ganz ungeheure Schlauheit, in friiheren Stadien ihres Le- 
bens etwas zu tun, was ihnen nicht in diesen Stadien, sondern erst 
in nachherigen Stadien ihres Lebens irgendwie zugute kommen soil. 
Und wir haben dann das Gefiihl: Ich hatte den Menschen eigentlich 



gar nicht fiir so schlau gehalten, denn wenn ich mit ihm zusammen- 
komme, wenn ich mit ihm Gedanken austausche, wenn ich mit ihm 
zusammenlebe, da ist er eigentlich viel diimmer, als er sein mulS, 
wenn er sich das Leben so zurechtzimmert. 

Sehen Sie, das kommt davon her, weil in der Tat dasjenige, was 
der Mensch im astraHschen Leibe tragt, gescheiter sein kann als das, 
was er in seinem gewohnlichen BewufJtsein tragt. Wenn der Mensch 
stark seinen Egoismus hinunterdrangt in das UnbewufJte, wenn er 
nicht mit einer gewissen Urspriinghchkeit lebt, sondern wenn er so 
sehr seinen Egoismus, ich mochte sagen, iiberspringen laf^t, dann er- 
greift sein Egoismus auch sein unterbewufites BewuOtsein, und es 
lebt in ihm der Mensch, der in uns alien lebt, aber der uns sonst an- 
leitet, das Leben eben zu nehmen in elementarer, in unmittelbarer 
Weise: er leitet ihn dann an, das Leben zu deichseln, sich einzurich- 
ten, sich vorher die Bedingungen zu schaffen fiir ein Spateres. Da 
sehen wir walten den astralischen Leib mit seiner Gescheitheit. 
Aber wir sehen ihn jetzt durchtrankt, nicht von dem, was wir sonst 
im Leben walten sehen, sondern wir sehen von dem gewohnlichen 
Bewufitsein den Egoismus hinuntergedrangt in das astralische Be- 
wuiJtsein, und wir sehen, daQ der Mensch eigentlich mit viel mehr 
scheinbarer, wie wir dann sagen, «Uberlegung> durch das Leben 
geht, als ihm nach seinem BewuiStsein eigentlich schon zukommt. 
Da liegen viele gefahrliche Seiten fiir die Entwickelung der Men- 
schenseele, und sehr wichtig ist es, daf^ man sich dessen bewuf^t ist, 
daf5 man in dem Augenblick, wo man herantritt an dasjenige, was in 
uns sonst unbewullt wirkt, versucht, nicht zu stark mit seinem Ego- 
ismus heranzutreten. Deshalb muil auch immer wieder und wie- 
derum dieses Absehen von dem Egoismus fiir die Entwickelung 
nach der geistigen Welt hin betont werden. 

Da, unter unserem gewohnlichen BewuHtsein, waltet wirklich et- 
was, was durchsetzt sein kann vom Bewuf^tsein unseres schiitzenden 
Geistes aus der Hierarchic der Angeloi, und dann kommt eben das- 
jenige zustande, was uns manchmal vor dem gewohnlichen Be- 
wulltsein der Menschen unbesonnen erscheinen lassen kann, was 
aber doch unter einer gewissen Regel steht, die ich in einem der 



Mysterien sehr einfach habe ausdrucken wollen dadurch, dafi ich 
sagte oder durch eine Person sagen lief^: Die Herzen miissen oft- 
mals das Karma deuten. - Wenn man aber dariiber hinausgeht, iiber 
dasjenige, was das Herz deutet im Karma, wenn man den Verstand 
walten lafit, so setzt sich diesem Verstand zuweilen eine starke Dosis 
von Egoismus bei. Oder aber es kann dieser Egoismus so darinnen 
walten, dafi wir den Menschen schlauer finden, als er uns von sei- 
nem unmittelbaren BewuiJtsein heraus erscheint. Dann hat er den 
Egoismus hinuntergedrangt in seinen astralischen Leib. Da kommt 
ihm etwas, jetzt nicht von den regularen Wesen aus der Hierarchie 
der Angeloi, sondern etwas Luziferisches in das Wirken der Seele 
hinein, etwas, was den Menschen eine weitere Sphare umkreisen 
la{5t, als er eigentlich bewufSt umkreisen wiirde nach seiner entspre- 
chenden Entwickelungsstufe. Wir sehen, dai? dasjenige, was so not- 
wendig ist zu betonen, gerade wenn man an die geisteswissenschaft- 
liche Entwickelung herantritt, wirklich etwas Zartes und Intimes ist; 
denn selbstverstandlich soUen wir unser BewufStsein erweitern, aber 
wir sollen uns unser Bewuiltsein erweiternd auch immerzu bemii- 
hen, das Hindernis hinwegzuschaffen, das durch das Hinunterneh- 
men oder Hinaufnehmen - das ist ja ganz gleichgiiltig, das eine oder 
das andere - des Egoismus in eine tiefere oder hohere BewufStseins- 
sphare entsteht. 

Sie konnen fragen: Ja, wie konnen wir denn das? Es ist gut sagen, 
man solle den Egoismus nicht aus seinem gewohnlichen Be- 
wufJtsein herausbringen. Wie kann man vermeiden, den Egoismus 
aus seinem gewohnHchen BewufStsein zu bringen? - Ja, sehen Sie, 
meine lieben Freunde, das kann man nicht durch Regeln, sondern 
das kann man nur dadurch, daH man seine Interessen erweitert. 
Wenn man seine Interessen erweitert, dann bekampft man schon 
immer in irgendeiner Weise seinen Egoismus. Denn mit jedem 
neuen Interesse, das man gewinnt, geht man ein Stiick aus sich her- 
aus. Deshaib wird Geisteswissenschaft durch uns so betrieben, wie 
sie betrieben wird, dal] nicht immer nur Riicksicht genommen wird 
auf dasjenige, was die Menschen nun gerade aus ihrem Egoismus 
heraus gerne horen wollen, sondern dafi wirklich die Interessen er- 



weitert werden. Wie oft wird immer wieder und wiederum die Frage 
gestellt: Warum sind die Biicher so unverstandlich geschrieben? 
Konnte man sie nicht viel popularer schreiben? Und der eine oder 
andere macht Vorschlage, wie man recht, recht popular die Biicher 
schreiben konnte. Man mufi sich eigentUch wehren dagegen, diese 
Popularitat zu erreichen, denn sie erhoht nur den Egoismus. Wenn 
es gar so leicht ist, in die Geisteswissenschaft hineinzukommen, so 
kann eben jeder ohne Uberwindung seines Egoismus hineinkom- 
men. Aber in der Arbeit, die man geistig durchmachen mud, wenn 
man sich etwas anstrengt, muC man schon ein Stuck von seinem 
Egoismus wegbringen, und so kommt man unegoistischer hinein in 
dasjenige, was man erreichen will durch die Geisteswissenschaft, 
wenn man sich etwas anstrengen muiS, als wenn es ganz popular dar- 
gestellt wird. Wir haben es zum Beispiel erleben miissen, dafS je- 
mand auftrat, der sagte: Es gibt so viele Menschen, welche den gan- 
zen Tag zu arbeiten haben. Wenn sich diese Menschen abends hin- 
setzen und die schweren Biicher lesen sollen, so kommen sie damit 
nicht zurecht. Denen sollte man doch ganz leicht lesbare Biicher lie- 
fern. - Darauf mufSte man ihm sagen: Warum soil man diese Men- 
schen verhindern, die wenige Zeit, die sie haben, dazu zu nehmen, 
die Biicher zu lesen, die mit voller Absicht aus den geistigen Bedin- 
gungen heraus geschrieben worden sind? Warum sollen sie diese 
Zeit verwenden, um Schriften zu lesen, die zwar bequem zu lesen 
sind, die aber, weil sie die Dinge trivialisieren, selbst wenn sie viel- 
leicht dem Wortlaut nach dasselbe geben, dadurch, dafi sie die See- 
len nicht in dieselbe Lage versetzen, dennoch in das triviale Leben 
dasjenige herabzerren, was gerade herausfiihren soli aus dem trivia- 
len Leben auch mit Bezug auf die Art und Weise, wie man es durch- 
lebt in einer anderen Sphare? 

Das wird von ganz besonderer Wichtigkeit sein, dafS man bei der 
Geisteswissenschaft nicht bloO das «Was», sondern das «Wie» ins 
Auge faiJt, dafi man sich wirklich allmahlich bequemt, sich hinein- 
zuleben in Vorstellungen iiber eine Welt, die nun einmal ganz an- 
ders ist als die gewohnliche physische Welt, und daher auch sich an- 
gewohnt, nach und nach, andere Vorstellungen sich zu bilden, als 



diejenigen sind, die man sich in so bequemer Weise aus der physi- 
schen Welt heraus gebildet hat. Und da mochte ich heute am 
Schlusse noch eine Vorstellung erwagen, die wir bei der nachsten 
Betrachtung heute in acht Tagen wieder brauchen werden. Aber ich 
will sie schon heute erwagen, damit Sie sehen, dad man vielleicht 
sogar gut tut, sich neue Worte anzueignen fiir dasjenige, was in der 
geistigen Welt vor sich geht. 

Fiir die Art und Weise, wie ein Mensch zwischen Geburt und 
Tod lebt, haben wir ein Wort, das etwas ausdriickt im Leben, aus- 
driickt in Anlehnung an dasjenige, was wir sehen: das Wort «altern». 
Wir sehen das Kind frisch, rund, das innere Leben durch die aulle- 
ren Formen fliel^end, wir sehen das Kind bis zu einem gewissen 
Jahre strotzend von innerem Leben, das sich in die aul5ere Form er- 
gieCt. Dann kommt die Zeit, wo das innere Leben nicht mehr so 
sich ergiefit, wo wir Runzeln bekommen, wo es anders wird mit uns. 
Kurz, wir verfolgen dieses auf^ere Leben von der Geburt bis zum 
Tode nach der Art, wie sich uns der physische Leib darstellt in die- 
sem Lebensverlauf. Das nennen wir altern aus dem ganz trivialen 
Grunde, well unser physischer Leib jung ist, wenn wir geboren wer- 
den, und alt ist, wenn wir sterben. 

Mit dem Atherleib ist es ganz anders. Unser Atherleib, wenn wir 
das Wort iiberhaupt anwenden woUen, ist durch die Krafte, durch 
die er gebildet wird, alt, wenn er zur Geburt oder Empfangnis hin- 
geleitet wird. Er ist alt, indem wir eben erst unser physisches Leben 
anfangen, da ist er ausgepragt und ausziseliert, da hat er viele, viele 
innere Formungen - es sind Bewegungen, aber die sind innere For- 
mungen. Die werden ihm genommen im Verlaufe des Lebens, aber 
dafiir wird die Kraft, zu leben, erhoht, und er ist ein Kind, wenn wir 
alt sterben. Der Atherleib macht gerade die umgekehrte Entwicke- 
lung durch als der physische Leib. Wenn wir vom physischen Leibe 
sagen «wir altern», miifJten wir vom Atherleibe sagen «wir jiingern*, 
und es ist gut, diesen Ausdruck zu bilden: Wir «jungern» in bezug 
auf unseren Atherleib. Wir «]ungern» wirklich in bezug auf unseren 
Atherleib, so daU wir diesen Atherleib, wenn wir geboren werden, in 
seiner Kraft gerichtet haben auf all dasjenige, was eingeschlossen ist 



in der menschlichen Haut, wahrend er, wenn wir in einem gewissen 
Alter durch die Pforte des Todes gehen, eine Art Verwandtschaft 
hat mit dem ganzen Kosmos. Er hat die Krafte wieder zuriickbe- 
kommen, die ihm genommen waren. In dem AugenbUck, wo wir 
Kind waren, da war sein Zusammenhang mit dem Kosmos unter- 
brochen, da muCte er alle seine Krafte in den einzigen Raum hin- 
einsenden, der in der menschlichen Haut eingeschlossen ist, da war 
er auf einen Punkt der Welt gleichsam zusammengedrangt. Nun 
wird er wiederum frisch, nun wird er wiederum in den Kosmos im- 
mer mehr und mehr hineingestellt in demselben MalSe, als der phy- 
sische Leib altert. Wir konnen sagen - der Ausdruck ist natiirlich 
sehr iibertrieben -: Wahrend wir fahl und runzelig werden, wird der 
Atherleib pausbackig und ist wiederum ein Abbild der auileren 
Kraft, der aufSeren schaffenden, strotzenden Kraft, wie der physi- 
sche Leib ein Ausdruck ist der aufieren strotzenden, schaffenden 
Kraft im Anfange der Kindheit. Wir «jiingern» mit Bezug auf den 
Atherleib. Und es wird schon die Notwendigkeit auch nach und 
nach kommen, geradezu Worte zu bilden, um die ganz andersarti- 
gen Verhaltnisse der geistigen Welt wirklich auffassen zu konnen. 
Das ist wichtig, daf^ wir uns mit diesem radikalen Unterschied in der 
ganzen Anschauung der geistigen Welt gegeniiber der physischen 
Welt bekanntmachen. An diesem Punkte woUen wir dann das nach- 
ste Mai unsere Betrachtungen ankniipfen. 



FUNFTER VORTRAG 
Berlin, 14. Dezember 1915 

Wir haben die letzten Betrachtungen hier von einem gewissen Ge- 
sichtspunkte her auf das Leben gerichtet, das hinter jenem verlauft, 
welches fiir den Menschen in der Ailtaglichkeit oder in der gewohn- 
lichen Wissenschaft ablauft in seinem ihm durch das Erdenwerk- 
zeug, durch das physische Werkzeug vermittelten physischen Be- 
wufJtsein. Im Grunde genommen sind ja alle unsere Betrachtungen 
auf dieses Leben, das unter der SchweOe des gewohnHchen Be- 
wufitseins verlauft, gewendet. Dennoch versuchen wir, wie das ja in 
der Geisteswissenschaft sein mujR, von den verschiedensten Seiten 
her diesem Leben nahezukommen. 

Wahrend einem GewifSheit gegeben wird in bezug auf die aufSere 
physisch-sinnliche Wirklichkeit einfach durch das Anschauen - der 
Mensch sagt; Ich weifJ, daO etwas ist, wenn ich es gesehen habe -, 
wird eine GewiOheit xiber die geistigen Welten auch fiir denjenigen, 
der nicht durch besondere Ubungen in sie aufzusteigen vermag, da- 
durch geschaffen, daf^ man sie von verschiedenen Seiten her be- 
leuchtet erhah. Durch diese Beleuchtungen von verschiedenen Sei- 
ten her, die dann zusammenstimmen, kann eine gewisse GewiCheit 
erlangt werden. 

Ich habe insbesondere darauf aufmerksam gemacht, dafi der 
Mensch in der Welt nicht nur durch dasjenige darinnensteht, was er 
so iiberschaut mit dem gewohnlichen BewufStsein, sondern daiS un- 
ter der Schwelle des gewohnlichen BewufStseins ein Leben des Men- 
schen ablauft, welches nicht vom BewufStsein umfafit wird, welches 
allerdings erkennbar wird, wenn der Mensch, wie man sagt, durch 
die Pforte der Initiation schreitet, welches aber unbewufSt bleibt fiir 
das gewohnliche Menschenleben. Es geht mit dem Ganzen, das der 
Mensch ist, vieles in der Welt vor - so habe ich mich ausgedriickt -, 
und dasjenige, wovon man, indem man durch das Leben im physi- 
schen Leibe schreitet, weiil, ist nur ein Teil dessen, was eigentlich 
mit dem Menschen vorgeht. Und alles Bestreben, mit der geistigen 



Welt in einen Zusammenhang zu kommen, besteht darin, etwas 
hineinzuschauen in dieses Leben, das unter der Schwelle des ge- 
wohnlichen BewuOtseins verlauft, das heiOt durch eine Erweiterung 
dieses Bewufitseins die Schwelle zu iiberschreiten und hineinzu- 
schauen eben in das, worin wir ja in der Wirklichkeit stehen, was wir 
aber nicht mit dem gewohnlichen BewufStsein iiberschauen. Und so 
sagte ich, dafi eine gewisse verschiebbare Schwelle ist zwischen dem 
gewohnlichen BewuOtsein und demjenigen, was - und das Wort hat 
ja fiir uns eine bestimmte Geltung - «unbewufit-bewuCt» fiir den 
Menschen verlauft. 

Ich hatte das letzte Mai ein sehr naheliegendes Beispiel ange- 
fiihrt. Der Mensch nimmt sich des Morgens friih etwas vor, das er 
am Abend ausfiihren will. Er lebt sozusagen in dem Gedanken, dalS 
er dies am Abend ausfiihren werde. Mittags passiert irgend etwas, 
was ihn verhindert, die Sache am Abend auszufiihren. Fiir das ge- 
wohnliche BewuOtsein liegt da vielleicht eines jener Ereignisse vor, 
die man einen Zufall nennt. Sieht man aber tiefer in das Menschen- 
leben hinein, so entdeckt man in diesem sogenannten Zufall Weis- 
heit, aber eben eine Weisheit, die unter der Schwelle des Be- 
wujRtseins liegt. Man kann eigentlich diese Weisheit mit dem ge- 
wohnlichen BewufXtsein nicht durchschauen, aber man entdeckt in 
solchen Fallen sehr haufig, dafi, wenn das Hindernis am Mittag 
nicht eingetreten ware, der Mensch vielleicht in recht schlimme La- 
gen gebracht worden ware dadurch, daH er am Abend das Betref- 
fende unternommen hatte. Ich sagte das letzte Mai, er hatte sich 
vielleicht am Abend ein Bein gebrochen oder dergleichen. Und so- 
wie man dann den Zusammenhang hat, entdeckt man, dal^ Weisheit 
liegt in dem ganzen Verlauf, dal^ die Seele selbst das Hindernis ge- 
sucht, herbeigefiihrt hat, aber mit Absichten, die unter der Schwelle 
des BewuOtseins liegen. Nun, das ist etwas, was ganz hart am ge- 
wohnlichen BewufStsein noch Uegt, aber es weist hinunter in eine 
Region, der der Mensch angehort, der er angehort mit den verborge- 
nen Teilen seines Wesens, die, nachdem er den physischen Leib ab- 
gelegt hat, durch die Pforte des Todes schreiten. Es gehort jenem 
waltenden Bewul^tsein an, von dem wir im offentlichen Vortrag ge- 



sprochen haben als von einem Zuschauer unserer Willenshandlun- 
gen. Dieser Zuschauer ist wirklich immer da. Er lenkt und leitet 
uns, aber das gewohnliche Bewui^tsein weifJ nichts von ihm. Vieles 
geht da vor, das sich zwischen die Ereignisse, die das gewohnliche 
BewulStsein iiberschaut, hineinstellt. Und da bereitet sich, wie sich 
das Lebewesen im Ei vorbereitet, nam
…[truncated]