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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Erneuerungs-Impulse
fur Kultur und Wissenschaft
Berliner Hochschulkurs
Sieben Vortrdge, gehalten beim
anthroposopbischen Hochschulkurs
in Berlin vom 6. bis 11. Mdrz 1922
mit einem Bericht in Dornach am 18. M'drz 1922
Uber den Berliner Hochschulkurs
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Susi Lotscher und Ulla Trapp
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Friihere Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der «Hinweise»
Bibliographie-Nr. 81
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung,Dornach/Schweiz
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0810-3
7>u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861 bis
1925) gliedert sich in die drei groften Abteilungen: Schrif-
ten - Vortrage - Kunstlerisches Werk (siehe die Ubersicht
am Schluft des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich
wie fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthro-
posophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen
Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner urspninglich
nicht gewollt, daft sie schriftlich fetsgehalten wurden, da
sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften an-
gefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlaftt, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der
Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte.
Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi
gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen
werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867 - 1948) wurde
gemaft ihren Richtlmien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit er-
forderlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunter-
lagen am Beginn der Hinweise.
INH ALT
Erster Vortrag, Berlin, 6. Marz 1922 . ... 13
Anthroposophie und Naturwissenschaft
Naturwissenschaft: Anwendung der Methodik aus der
anorganischen Natur auf andere Gebiete; Anthroposo-
phie: Metamorphosieren der Begriffe. Naturwissen-
schaft: rationalistische, Anthroposophie: phanomeno-
logische Naturauffassimg. Goethe und Ernst Mach als
Phanomenologen. Kausalitatserklarungen nach mathe-
matischer Begriffsbildung. Goethes Idee von der «Ur-
pflanze». Phanomenologisches «Lesen». Anthroposo-
phie anerkennt die Berechtigung der mathematisch-
kausalen Denkweise, jedoch nicht als einzig mogliches
Begriffssystem. Atomismus. - Spiegelung der Aufien-
welt im Menschen, geistig-seelisch und materiell.
Zweiter Vortrag, 6. Marz 1922 36
Die menschliche und die tierische Organisation
Morphologische Verwandtschaft von Mensch und Tier;
Goethes Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim
Menschen. Metamorphose von der tierischen Organisa-
tion ins Menschliche hinauf. - Biologische Differenzie-
rung von Mensch und Tier; Sinnesleben als Beispiel. Die
zwolf Sinne des Menschen. Das Hineingestelltsein der
menschlichen und tierischen Organisation in den Kos-
mos: vertikale bzw. horizontale Lage des Riickgrates. -
Menschliche Sinneswahrnehmung und daran sich an-
schlie£endes Vorstellungsmafiiges; Sehsinn als Beispiel.
Gleichgewichtssinn und mathematische Vorstellungen.
Was wird in der physischen Organisation des Menschen
bewirkt durch seine, vom Tier verschiedene Gleich-
gewichtslage?
Dritter Vortrag, 7. Marz 1922
Anthroposophie und Philosophie
Unterschiedliches Erleben der Philosophie friiher und
heute. Heute zu unterscheiden Philosophie des Westens,
der Mitte und des Ostens. - Westen: Herbert Spencer:
Orientierung nach der Naturwissenschaft. Strenge Tren-
nung von Wissenschaft und dem religiosen Glauben des
Einzelnen. Mitte: Hegel: Vereinigung von geistiger und
sinnlicher Welt, von Glauben und Wissen. Hegels Ste-
henbleiben im Abstrakten als Tragik; seine Logik als
Keim dazu, den Gedanken als Realitat erleben zu kon-
nen. Osten: Wladimir Solowjew: Erleben in der Gei-
stigkeit. Verwendung westlicher Begriffe als Illustration
fur das mystische Erleben. - Osten: der Philosoph als
Priester, Westen: der Philosoph als Weltmann, Mitte:
der Philosoph als Lehrer. - UnbewuEte Ubernahme des
westlichen naturwissenschaftlichen Denkens in Mittel-
europa im 19. Jahrhundert. Keine Weiterbildung von
Begriffen im Westen, dadurch Verlust von Begriffen in
der Mitte. - Westen: Naturwissenschaftliche Ergebnisse
als Weltenfrage. Mitte: Durchstofien zum Gedanken
bei Hegel. Osten: Hinschauen zu dem, was iiber dem
Gedanken lebt. - Briickeschlagen zwischen West und
Ost durch die Anthroposophie.
Vierter Vortrag, 8. Marz 1922
Anthroposophie und Erziehungswissenschaft
Die Wirkung anthroposophischer Ideen auf den ganzen
Menschen. - Spekulationen iiber den Zusammenhang
zwischen dem Geistig-SeeHschen und dem Leiblich-
Physischen des Menschen in der Psychologic Anwen-
dung naturwissenschaftlicher Prinzipien in metamor-
phosierter Weise bei der anthroposophischen Betrach-
tung des Menschen. Beziehung zwischen Geistig-
Seelischem und Physisch-Leiblichem beim Kind: Nach-
ahmungsprinzip in der ersten Lebensepoche, Autori-
tatsprinzip in der zweiten. - Unbefriedigende Erzie-
hungsmethoden als Folge des Abstrakten des Intellek-
tualismus. Ablesen des Lernplanes und Lernzieles an
der Entwicklung des Kindes in der Waldorf-Padagogik.
- Intellektualismus in der dritten Lebensepoche, nach
der Geschlechtsreife. - Intellektualistischer Kulturim-
puls in unserem Zeitalter; die dadurch entstehende Pro-
blematik, die voile Menschennatur des Kindes und Ju-
gendlichen zu verstehen. Briicke vom Erwachsenen zur
Kindeswelt durch die Anthroposophie. - Vom Umgang
mit dem Kiinstlerischen und Intellektualistischen in der
Waldorfpadagogik. Uber die Gesinnung des Lehrers.
Funfter Vortrag, 9. Marz 1922
Anthroposophie und Sozialwissenschaft
Die «Kernpunkte der sozialen Frage»: Forderung nach
einer Dreigliederung des sozialen Organismus; Impulse
statt utopistischer Ideen; Mifiverstehen des Buches bei
Wirtschaftstheoretikern wie -praktikern. - Instinktive
Fuhrung des Wirtschaftslebens in alteren Kulturen und
Durchdringung desselben mit intellektualistischen Ge-
danken seit dem 15. Jahrhundert. - Zwei Stromungen:
Wirtschaftstheoretiker, ohne Einflufi auf die Praxis,
Wirtschaftspraktiker, im Instinktiven verbleibend. Eine
Art Synthese der beiden im heutigen wirtschaftlich-
wissenschaftlichen Realismus, daraus resultierend die
sozialpolitische Gesetzgebung. Woodrow Wilson als
abstrakter Theoretiker. Durch die Anthroposophie
lebendige soziale Impulse anstatt abstrakte intellektua-
listische Ideen.
Sechster Vortrag, 10. Marz 1922
Anthroposophie und Theologie
Besprechung einer Notiz in einer theologischen Zeit-
schrift. Grundsatzliches iiber das Verhaltnis der An-
throposophie zu Theologie und Religion. Anthroposo-
phie als Arbeitsgebiet und Forschungsmethode. - Va-
ter-Gott-Vorstellung war in alten Zeiten den Menschen
gegeben. Atheismus als Krankheit. Verstandnis fur das
Christus-Ereignis und Hinfiihrung zum Christus-Er-
lebnis durch die Anthroposophie. Den Christus nicht
finden als Schicksalsungluck. Nicht zum Geiste kom-
men als seelische Beschranktheit.
Siebenter Vortrag, 11. Marz 1922 140
Anthroposophie und Sprachwissenschaft
Bewulkes und Unterbewufites der Sprache. Sprache als
Objekt der wissenschaftlichen Betrachtung. Uber einen
Parallelvortrag vor englischsprechenden und anderen
Zuhorern: Empfindungsnuancen gegeniiber «Pflicht»
und «Duty». Sprache als Nuance der Volksseele. - Un-
terschiedliches Spracherleben in verschiedenen Zeit-
epochen. Sanskrit als Beispiel: das Erleben beim Wort
«manas»; Konsonanten: zuriickgehaltene Gebarden,
metamorphosierte Nachbitdung der aufieren Welt, Vo-
kale: herausgeboren aus Sympathie und Antipathie; das
Einfliefien traumhafter Imaginationen in die Sprache. -
Ich-Empfindung in verschiedenen Zeiten. Das geistige
Erleben der Sprache im Westen, in der Mitte und im
Osten. - Wilhelm Wundt und seine Theorien liber den
Ursprung der Sprache.
Bericht iiber den anthroposophischen
Hochschulkurs in Berlin 159
Aus dem Mitgliedervortrag in Dornach, 18. Marz 1922
ANHANG
Programm (Faksimile) 1 83
Zwei Briefe des Berliner Zweigleiters
Rudolf Meyer an Rudolf Steiner 187
Pressestimmen:
Ernst Uehli.: «Der Anthroposophische Hochschulkurs in
Berlin» in «Dreigliederung des sozialen Organismus»,
Nrn. 38-40, 1922 (Auszug) 189
Eberhard Kurras: «Vom Anthroposophischen Hoch-
schulkursus zu Berlin» in «Das Goetheanum»,
Nr. 33, 1922 194
Heinrich Frick; «Wer hat herausgefordert?» in
«Die Christliche Welt», Nr. 13, 1922 (Auszug) . . . 198
Heinrich Frick: «Anthroposophie und evangelische Theo-
iogie» in «Die Christliche Welt»,
Nr. 17, 1922 (Auszug) 199
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Hinweise
Zu dieser Ausgabe 201
Hinweise zum Text 203
Namenregister 223
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 225
ERSTER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE
UND NATURWISSENSCHAFT
Berlin, 6. Marz 1922
Sehr verehrte Anwesende! Es war der Wunsch des Ko-
mitees fixr diese Hochschulwoche, dafi ich an jedem Tage
durch einige Ausfiihrungen einleite, was im Laufe des
Tages wissenschaftlich zur Verhandlung kommen soil.
Es ist das ja wohl so eingerichtet worden aus der An-
schauung heraus, dafi durch Anthroposophie die ein-
zelnen Wissenschafts- und Lebenszweige eine gewisse
Befruchtung erfahren sollen; und nur in diesem Sinne,
als einleitende Bemerkungen zu den Verhandlungen des
Tages, bitte ich Sie diese ersten Vortrage aufzufassen.
Was mich immer am meisten gewundert hat bei der
Entgegennahme der anthroposophischen Forschungs-
methode, das ist der Widerstand, der insbesondere von
philosophisch-naturwissenschaftlicher Seite - ich sage
nicht: rein von naturwissenschaftlicher Seite - der An-
throposophie entgegengebracht wird, und zwar aus dem
Grunde, weil man glaubt, dafi Anthroposophie in einer
unberechtigten oppositionellen Weise den Methoden der
Naturwissenschaft gegenuberstehe, welche sich in so
fruchtbarer Art im Laufe der letzten Jahrhunderte, ins-
besondere des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben.
Und mir scheint, dafi unter all den Dingen, die in bezug
auf Anthroposophie von unserer Zeitgenossenschaft am
allerschwersten eingesehen werden, das ist, dafi An-
throposophie gerade gegenuber der Naturwissenschaft
nichts anderes will, als die Methoden, die in der Natur-
wissenschaft sich so fruchtbar erwiesen haben, in ent-
sprechender Weise weiterzubilden. Allerdings mufi man
unter der Idee der Weiterbildung etwas anderes noch
verstehen konnen, wenn man von dieser Seite her zum
Begreifen des Anthroposophischen kommen will, als
das, was man gewohnlich heute eine Weiterbildung von
theoretischen Anschauungen nennt.
Eine Weiterbildung der theoretischen Anschauungen
ist heute den meisten Menschen dieses: daft die besondere
Art der Gedankenverkniipfung - insbesondere, wenn
ich mich so ausdriicken darf, das Feld der Gedanken -
dieselbe bleibt, auch wenn man die betreffenden Gedan-
kensysteme auf andere Gebiete der Welterscheinungen
ausdehnt. So zum Beispiel: Man kommt, wenn man sich
naturwissenschaftlich betatigt, gegenuber der leblosen,
der anorganischen Natur in die Notwendigkeit, gewisse
Gedankenverkniipfungen, ein gewisses Feld von Gedan-
ken, das heiftt eine Summe von miteinander verbunde-
nen Gedanken zugrundezulegen, um gewissermafien eine
Theorie der unorganischen, der leblosen Naturerschei-
nungen zu bekommen. Dieses System von Gedanken
will man dann so, wie es ist, weiter ausdehnen, wenn
man ein anderes Gebiet der Welt, also zum Beispiel das
Gebiet der organischen Naturerscheinungen, zu begrei-
fen bestrebt ist. Man will also mit derjenigen kausalen
Orientierung, die sich so fruchtbar erweist im unorga-
nischen Gebiet, einfach hinubergehen in das Gebiet der
Lebewesen und diese mit denselben Begriffen durch-
tranken und erklaren, also gewissermafien begrifflich das
Gebiet der Lebewesen ebenso zu einem Wirkungssystem
von unorganischen Kausalitaten machen, wie man ja
genotigt ist, es gegeniiber der leblosen, der unorganischen
Natur zu tun. Also was man sich angeeignet hat als
Gedankensystem aus der leblosen Natur, das tragt man
einfach hinuber in die organische Natur. Und das ist das,
was man heute gewohnlich unter «Erweiterung» von
Gedanken und Theorien versteht.
Damit stent allerdings dann im vollen Gegensatz, was
Anthroposophie unter einer solchen Erweiterung von
Gedanken verstehen mufi. Sie mufi den Begriff eines
gewissen selbstandigen Wachsens, eines Sichmetamor-
phosierens der Idee vollziehen, wenn von einem Gebiete
der Welterscheinungen zu einem anderen ubergegangen
wird, so dafi man nicht bloft das, was man an den leb-
losen Naturerscheinungen gelernt hat, ich mochte sa-
gen «logisch iibertragen» kann auf die belebten Natur-
erscheinungen. So wie vergleichsweise in der Lebewelt
die Dinge selber sich sehr verandern, wenn sie wachsen,
wenn sie Metamorphosen durchmachen, und wie sie
dann oftmals in der Gestaltung, die sie angenommen
haben, gar nicht wiederzuerkennen sind, so miissen auch
die Gedanken andere Gestaltungen annehmen, wenn sie
in ein anderes Gebiet kommen. Was aber iiber alle Ge-
biete hin dasselbe bleibt und was dann der ganzen wis-
senschaftlichen Weltauffassung methodisch einen moni-
stischen Charakter gibt, das ist die Art und Weise, wie
man sich innerlich stellt zu dem, was man «wissen-
schaftliche Gewifiheit» nennen kann, was die Grundlage
gibt zur wissenschaftlichen Uberzeugung. Wer zu prii-
fen vermag, warum man nicht mit den Begriffen, die man
in der leblosen Natur schon einmal gewohnt ist anzu-
wenden, zu einer Befriedigung des menschlichen Kau-
salitatsbediirfnisses kommt - wenn ich mich des Du
Bois-Reymondschen Ausdruckes bedienen darf wer
das wirklich innerlich kennenlernt, der kann es dann
hiniiberfiihren in die Art und Weise, wie man durch
ganz andere Begriffe, die aber doch nur Metamorphosen
gegeniiber den friiheren Begriffen sind, iiberzeugt wird
in der Welt des Lebendigen. Diese Art, wie sich der
Mensch da innerhalb des Wissenschaftsgetriebes stellt,
ist durchaus monistisch durch die ganze wissenschaft-
liche Weltanschauung hindurch. Das ist etwas, was
gewohnlich mifiverstanden wird und was dazu fuhrt,
dafi man der anthroposophisch-wissenschaftlichen Welt-
anschauung nicht einen monistischen, sondern einen
dualistischen Charakter beilegen will.
Das zweite, was sehr haufig zu Mifiverstandnissen
fuhrt, ist der Phanomenalismus, dem sich Anthroposo-
phie gerade mit Bezug auf Naturwissenschaft hingeben
mufi. Wir haben ja gerade in dem fur so vieles fruchtbar-
sten Zeitalter naturwissenschaftlicher Entwicklung, etwa
in der Zeit, in welcher der bedeutende Naturforscher
Virchow seine Rede gehalten hat iiber die Ablosung der
philosophischen Weltanschauung durch die naturwis-
senschaftliche, erfahren, wie alles, was damals mit einer
gewissen historischen Berechtigung an fruchtbaren Be-
griffen iiber das Anorganische gewonnen worden ist,
dazu gefiihrt hat, einen gewissen Rationalismus in der
Naturwissenschaft zu begriinden. Und das Zeitalter, das
auf der einen Seite streng auf Empirismus gegeniiber der
aufteren Tatsachenwelt hinarbeitete, das erging sich doch
in einem sehr weittragenden Rationalismus, wenn es
dazu kam, die empirisch erkundeten Naturtatsachen zu
erklaren.
Demgegeniiber steht nun die Anthroposophie auf
dem Standpunkte, der sich ergibt - wenigstens fur mich
sich ergeben hat, wenn ich diese personliche Bemerkung
machen darf - aus der Goetheschen Naturauffassung
heraus. Anthroposophie steht auf dem Boden einer pha-
nomenologischen Naturauffassung. In einer gewissen
Weise hat diese Phanomenologie in der neueren Zeit
wieder Ernst Mach begriindet, und so wie er sie begriin-
det, scheint sie durchaus wiederum fruchtbare Ge-
sichtspunkte zu enthalten, wenn man ihre Grenzen ein-
halt. Es handelt sich bei Goethe einfach um das, was in
seinen Worten liegt: Die Erscheinungswelt selbst ist schon
geniigend Theorie, man braucht nicht erst zu kunst-
lichen Theorien fortzuschreiten. Die Blaue des Himmels
ist ein Phanomen, innerhalb dessen man stehenbleiben
und sich nicht herbeilassen soli, nun in rationalistischer
Weise durch blofte Gedanken hinter den Erscheinungen
zunachst hypothetische, angenommene Erklarungsgriinde
zu suchen. Goethe kam ja auf diesem Wege zur Statu-
ierung dessen, was er «Urphanomen» nannte. Wenn
auch, wie es ja selbstverstandlich ist, im Laufe des fur die
Naturwissenschaft so fruchtbaren 19. Jahrhunderts
vieles von dem iiberholt worden ist, was Goethe in der
Naturwissenschaft wollte, so kann man doch sagen:
Das Methodische, die Denkweise selbst, die Goethe in
die Naturwissenschaft hineingetragen hat, ist heute
nicht nur noch nicht iiberholt, sondern sie scheint
mir uberhaupt noch nicht griindlich genug verstanden
zu sein.
Ich weift sehr gut, wie im 19. Jahrhundert manches -
man mochte sagen fast alles - von den Einzelheiten
Goethescher Darstellungen iiber naturwissenschaftliche
Dinge iiberholt worden ist. Dennoch mochte ich auch
heute noch den Satz aufrecht erhalten, den ich in den
80er Jahren des vorigen Jahrhunderts in bezug auf die
Goethesche Naturanschauung ausgesprochen habe: da!5
Goethe der Kopernikus und Kepler ist fur die organi-
sche Naturwissenschaft. Ich will diesen Satz aus dem
Grunde auch heute noch aufrecht erhalten, weil ich
glaube, daft folgendes durchaus gerechtfertigt ist.
Wodurch kommen wir denn schlieftlich zu einer
wirklichen Naturanschauung auf dem Gebiete, auf dem
gerade das 19. Jahrhundert so viel geleistet hat? Ich kann
das, was ich meine, nicht anders begrenzen als durch
diese historische Kategorie. Das, worin das 19. Jahr-
hundert in der Naturwissenschaft so viel geleistet hat,
fiihrt zuletzt fast iiberall zurtick auf die Anwendung der
mathematischen Methoden; denn auch da, wo man nicht
rein mathematisch vorgeht, sondern nach anderen Kau-
salitatsprinzipien denkt, wo man Theorien ausgebildet
hat, lag ja durchaus auch die mathematische Denkweise
zugrunde.
Bezeichnend dafiir ist etwa das Folgende: Wir haben
gesehen, wie im Laufe des 19. Jahrhunderts gewisse
Partien der Naturwissenschaft durchaus in einer gewis-
sen rationalistischen Weise dadurch begriindet werden
sollten, daft man Mathematik in sie einfiihrte. Bekannt
ist der Kantsche Satz, daft eigentlich in jeder Wissenschaft
nur so viel wirkliche Gewiftheit sei, wie Mathematik in
ihr zu finden sei. - Nun kann man selbstverstandlich
Mathematik nicht iiberall hintragen. Die Kausalitatser-
klarungen gehen weiter als die Moglichkeit mathemati-
scher Begriffsbildungen. Aber das, was man so unter-
nommen hat an Kausalitatserklarungen, das wurde doch
weitgehend nach dem Muster mathematischer Begriffs-
bildungen unternommen. Und als sich dann Ernst Mach
daranmachte, von seinem mehr phanomenologischen
Standpunkte aus dieses Begriffssystem zu iiberschauen,
muftte er auch auf den Begriff der Kausalitat zuriick-
blicken, wie er sich in der Naturwissenschaft im Laufe
des 19. Jahrhunderts ausgebildet hat, und er wollte zu
einem gewissen Inhalt fur diesen Kausalkatsbegriff kom-
men. Zuletzt sagte er sich: Wenn ich eine Wirkung mit
einer Ursache zusammendenke, so ist doch eigentlich
nichts anderes darin enthalten als ein mathematischer
Funktionsbegriff; zum Beispiel wenn ich sage: x ist gleich
y, wobei ich unter x die Ursachen zusammenfasse und
unter y die Wirkung, habe ich das Ganze auf diejenigen
Begriffe zuriickgefuhrt, die ich in der Mathematik habe,
wenn ich den Funktionsbegriff bilde. Also man kann
auch aus der Geschichte der Wissenschaften sehen, wie
man den Mathematikbegriff in das ganze Gebiet der
Naturwissenschaft hineingetragen hat.
Nun wird Goethe - und zwar mit einem gewissen
Recht - gewohnlich als ein Nicht-Mathematiker angese-
hen; er hat sich ja selbst als einen solchen bezeichnet.
Aber wenn man so einfach Goethe als einen Nicht-
Mathematiker hinstellt, so fuhrt das auch wieder zu
Mifiverstandnissen - in dem Sinne etwa, daft Goethe
nicht viel im einzelnen mathematisch habe leisten kon-
nen, daft er nicht besonders geschickt gewesen sei, auch
schon zu seiner Zeit durchaus bestehende mathemati-
sche Exempel zu losen. Das mufi naturlich durchaus
zugegeben werden. Ich glaube auch nicht, daft Goethe
bei seinem ganzen Wesen sonderlich viel Geduld gehabt
hatte, sich auf die Losung einzelner mathematischer
Exempel einzulassen, wenn es mehr ins Algebraische
hineingegangen ware. Das muft schon zugegeben wer-
den. Aber Goethe war in gewissem Sinne, so paradox es
klingt, mehr ein mathematischer Kopf als mancher Ma-
thematiker; denn er hatte eine feine Einsicht in die Natur
des Mathematisierens, in die Natur des Bildens von
mathematischen Begriffen, und er schatzte diese Art und
Weise zu denken, die ganz in dem inneren Seelenprozefi
auch mit dem Inhalt der Vorstellung bleibt, wenn sie
Begriffe bildet.
Man iiberschaut im Mathematischen, wenn man Be-
griffe bildet, innerlich vollstandig alles. Nehmen Sie als
ein einfaches Beispiel in der euklidischen Geometrie den
gewohnlichen Beweis dafiir, dafi die drei Winkel eines
Dreiecks zusammen 180 Grad betragen, wo man oben
durch die Spitze des Dreiecks eine Parallele zur Grund-
linie zieht, die dort auf diese Weise entstandenen Winkel
betrachtet, die als Wechselwinkel gleich sind den beiden
anderen Winkeln des Dreiecks - der dazwischen liegende
bleibt sich ja gleich -, und wo man dann sehen kann, wie
diese drei Winkel dort an der Spitze zusammen 180 Grad
betragen, also in ihrer Summe den drei Winkeln des
Dreiecks gleich sind. - Wenn man das iiberschaut, hat
man einen mathematischen Beweis, aber man hat zu
gleicher Zeit etwas, wobei man gar nicht abhangig ist
von einer aufieren Anschauung, sondern durchaus die
Dinge in innerlichem Konstruieren uberschauen kann.
Hat man dann ein aufieres Dreieck, so findet man, dafi
durch die aufieren Tatsachen verifiziert wird, was man
vorher innerlich iiberschaut hat. Das ist in der ganzen
Mathematik so. Es bleibt alles so, daft man nicht an die
Sinnesanschauung heranzugehen braucht, um zu dem zu
kommen, was man «Beweis» nennt, dafi aber alles, was
man innerlich gefunden hat, auch aufierhch Stuck fur
Stuck verifiziert werden kann.
Diese besondere Art des Mathematischen ist es ja,
welche Goethe gerade als die eminent wissenschaftliche
ansah, und insofern war er wirklich ein guter mathema-
tischer Kopf. Das liegt zum Beispiel auch der Fiihrung
jenes beriihmten Gespraches zugrunde, das Goethe und
Schiller einmal in der Bliitezeit ihrer Freundschaft ge-
fuhrt haben iiber die Methode der naturwissenschaft-
lichen Betrachtung. Sie waren beide bei einem Vortrage,
den der Naturforscher Batsch in der Naturforschenden
Gesellschaft in Jena gehalten hatte, und als sie fortgin-
gen, sagte ja Schiller zu Goethe iiber das, was sie dort
gehort hatten, das sei eine zerstiickelte Art, die Naturer-
scheinungen zu betrachten, damit komme man zu nichts
Ganzem. - Man kann sich denken, dafi Batsch einfach
die einzelnen Naturobjekte nebeneinander hingeordnet
und es unterlassen hatte, wie es ja auch durchaus einem
Naturforscher der damaligen Zeit geziemte, irgendetwas
vorzufuhren, was zu einer Gesamtanschauung in der
Natur fuhren konnte. Schiller empfand dies unbefrie-
digend und spracrl sich dariiber bei Goethe aus. Und
Goethe sagte, er verstehe es, eine gewisse Einheit, eine
gewisse Ganzheit in eine solche Naturbetrachtung hin-
einzubringen. Und er fing an, mit wenigen Strichen - er
erzahlt es ja selbst - die «Urpflanze» aufzuzeichnen, wie
sie zu denken ist, wie sie innerlich angeschaut werden
kann, nicht, wie sie in dieser oder jener Pflanze zu Tage
tritt, sondern wie sie innerlich angeschaut werden kann
mit Wurzel, Stengel, Blattern, Bliite, Frucht.
Ich habe in meinen Einleitungen zu den «Naturwis-
senschaftlichen Schriften» Goethes in den 80er Jahren
des vorigen Jahrhunderts versucht, das Bild, das damals
Goethe auf das Papier vor Schiller hingeworfen hat,
nachzuzeichnen. - Schiller sah sich das an und sagte
dann aus seiner Denkweise heraus: Das ist keine Erfah-
rung, das ist eine Idee. - Schiller hatte eben gemeint:
wenn man so etwas aufzeichnet, so hat man das aus sich
heraus gesponnen; das ist als Idee, als Gedanke ganz gut,
hat aber in der Wirklichkeit im Grunde genommen keine
Quelle. Goethe verstand diese Denkweise eigentlich gar
nicht, und zuletzt endete das Gesprach damit, da£ Goethe
erwiderte, gewissermaften das Gesprach zusammenfas-
send: Wenn das so ist, dann sehe ich meine Ideen mit
Augen.
Was meinte denn Goethe damit? Er meinte - er hat es
nicht so ausgesprochen, aber er meinte es: Wenn ich ein
Dreieck hinzeichne, so hat es von selbst eine Winkel-
summe von 180 Grad; und wenn ich noch so viele
Dreiecke anschaue, das, was ich an diesem einen Dreieck
innerlich konstruiert habe, das pafk auialle Dreiecke; ich
habe also etwas aus dem Innern heraus gewonnen, das
nun in vollem Umfang auf das Erfahrene pafit. So wollte
Goethe auch eine «Urpflanze» - gewissermafien gemafi
dem «Urdreieck» - zeichnen, und einen solchen Cha-
rakter sollte diese Urpflanze haben, dafi man diesen bei
jeder einzelnen Pflanze finden konne. Und so, wie die
Winkelsumme jedes Dreiecks, wenn man das Urdreieck
hat, 180 Grad betragt, so sollte auch dieses ideelle Gebilde,
die Urpflanze, in jeder einzelnen Pflanze wiedergefunden
werden, wenn man die ganze Pflanzenreihe durchgeht.
In diesem Sinne wollte Goethe die ganze Wissen-
schaft gestalten. Im wesentlichen wollte er - er kam ja
damit nicht weiter - die Wissenschaft des Organischen
so gestalten und eine solche Denkweise einfuhren, wie
sie sich fur die Wissenschaft des Unorganischen als
fruchtbar erwiesen hat. Man sieht das ganz besonders
klar, wenn Goethe von Italien aus schreibt, wie er die
Idee der Urpflanze immer weiter ausgebildet hat. Da
sagt er ungefahr: Da, unter den Pflanzen in Siiditalien
und Sizilien in der Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt ist
mir die Urpflanze ganz besonders aufgegangen, und es
muft sich doch ein Gebilde finden lassen, das die Mog-
lichkeit aller wirklichen Pflanzen in sich hat, ein Gebil-
de, das sich nach verschiedenen Seiten hin variieren kann;
es nimmt dann diese oder jene, langgestreckte oder andere
Blattform an, bildet bald die Bliite, bald die Frucht mehr
aus und so weiter - so wie ein Dreieck stumpfwinklig
oder spitzwinklig sein kann. Ein Gebilde wollte Goethe
finden, nach dessen Muster alle Pflanzen gebildet sind.
Es ist ganz falsch, wenn dann spater Schleiden meinte,
Goethe habe mit der Urpflanze eine tatsachliche Pflanze
gemeint. Das ist nicht so - so wie auch der Mathemati-
ker, der vom Dreieck spricht, nicht irgendein bestimm-
tes Dreieck im Auge hat -, sondern Goethe meinte ein
Gebilde, das innerlich erzeugt wird, das sich aber in der
Auftenwelt iiberall verifiziert findet.
So war Goethe im Grunde genommen ein durchaus
mathematischer Kopf, viel mathematischer als etwa die,
die die Astronomie ausbilden. Und das ist das Wesent-
liche. Das veranlafite Goethe auch, in diesem Gesprach
mit Schiller zu sagen: Dann sehe ich meine Ideen mit
Augen. - Er sah sie mit Augen, weil er sie iiberall in den
Phanomenen verfolgen konnte. Er begriff gar nicht, daft
etwas nur eine «Idee» sein sollte, weil er sich im vollen
Einklang fand mit der Erfahrung, wenn er Ideen bildete;
geradeso, wie der Mathematiker sich im Einklang fuhlt
mit der Erfahrung, wenn er mathematische Ideen bildet.
Das aber fuhrte Goethe, ich mochte sagen, durch eine
innere Konsequenz dazu, zur blofien Phanomenologie
zu kommen, das heifk, nichts hinter den Erscheinun-
gen als solchen zu suchen, vor alien Dingen nicht eine
rationalistische Atomwelt zu konstruieren.
Nun, damit betritt man ein Gebiet, auf dem sich viele
- ich kann aber doch nur sagen - auf Mifiverstandnissen
beruhende Kampfe gegeniiber mancher naturwissen-
schaftlich-philosophischen Anschauung entwickelten. Es
handelt sich zunachst einfach darum, das, was sich den
Sinnen in der aufieren Welt darbietet, was also in der
Beobachtung und im Experiment gegeben ist, rein als
Phanomen zu betrachten. Goethe und mit ihm die ganze
naturwissenschaftliche Phanomenologie beschrankt sich
darauf, nicht gleich von irgendeinem sinnlichen Phano-
men zu einem dahinterstehenden Atomgeschehen zu
gehen, sondern zunachst das sinnliche Phanomen und
das einzelne Element der sinnlichen Tatsachen rein ins
Auge zu fassen, sie also nicht auf ein Dahinterliegendes
zu beziehen, sondern auf andere Elemente in der sinn-
lichen Erscheinungswelt, und den Zusammenhang in
der sinnlichen Erscheinungswelt aufzusuchen.
Man kann sehr leicht - ich verstehe vollstandig, wo-
her die entsprechenden Mifiverstandnisse kommen - eine
solche Phanomenologie sogar trostlos finden. Man konnte
zum Beispiel sagen: Wenn man sich nun bloft beschranken
will auf das Beschreiben der gegenseitigen Beziehungen
der sinnlichen Phanomene und dann diejenigen Phano-
mene aufsucht, die am einfachsten sind, in denen sich
moglichst uberschaubares Geschehen abspielt - und die
Goethe «Urphanomene» nennt -, so kommt man bei
einem solchen Vorgehen nicht zu einer Anschauung
liber jene unendlich fruchtbaren Dinge, die zum Beispiel
die moderne Chemie geliefert hat. Wie, so konnte man
fragen, kann man denn eigentlich gegeniiber den Atom-
gewichtsverhaltnissen auskommen, ohne eine Anschau-
ung iiber eine atomistische Welt? Nun, in einem solchen
Falle mochte man aber doch die Gegenfrage stellen:
Wenn man sich nun wirklich besinnt auf das, was da
vorliegt, hat man es denn da zu tun mit einer Notwen-
digkeit, vom Phanomen abzugehen? Man hat es gar nicht
damit zu tun. Man hat es auch bei den Atomgewichts-
verhaltnissen mit Phanomenen zu tun, namlich mit Ge-
wichtsverhaltnissen. Aber man konnte auch fragen: Fuhrt
es denn weiter, wenn man nun diese durch Zahlen aus-
driickbaren Atomgewichtsverhaltnisse dadurch zu er-
klaren versucht, dafi man gewisse Molekularstrukturen
aus den Atomgewichten auf rein denkerische, rationa-
listische Weise bildet? Man kann eben auch diese Fra-
ge aufwerfen. Kurz, worum es sich handelt, wenn die
Goethesche Denkweise ausgebildet wird, das ist: ste-
henzubleiben innerhalb der Phanomene selbst. Ich
mochte dafiir einen trivialen Vergleich gebrauchen.
Nehmen wir an, jemand bekommt ein aufgeschriebe-
nes Wort vor sein Auge. Was wird er tun? Nun, wenn er
nie lesen gelernt hat, wird er davor stehen wie vor etwas
Unerklarbarem. Hat er aber lesen gelernt, so wird er
unbewufk die einzelnen Formen zusammenfugen; er wird
den Wortsinn in der Seele erleben. Aber er wird ganz
gewift nicht von den Formen aus, zum Beispiel beim W,
etwas zu erklaren versuchen, indem er den Ausgang
nahme von dem nach aufwarts gehenden Strich, dann
iiberginge zu dem nach abwarts gehenden, um dadurch
auf etwas diesem Buchstaben Zugrundeliegendes zu
kommen. Nein, er wird lesen - und nicht durch Unter-
legungen erklaren wollen. So mochte auch die Phano-
menologie «lesen». Sie mochte innerhalb des Zusammen-
hanges der Phanomene stehenbleiben und lesen lernen,
und nicht, wenn ich einen Komplex von Phanomenen
habe, von ihm aus zunickgehen auf Atomstrukturen.
Es handelt sich also darum, das Feld des Phenomena-
len hinzunehmen und in seiner eigenen inneren Bedeu-
tung lesen zu lernen. Dadurch wird man dann zu einer
Naturwissenschaft kommen, welche in ihren Inhalten
nichts Rationalistisches, hinter den Phanomenen Kon-
struiertes hat, sondern welche einfach in der Art und
Weise, wie sie die Phanomene iiberschaut, gewisse ge-
setzmaftige Strukturen findet. Uberall wird dieser Na-
turwissenschaft eingegliedert sein die Summe der Pha-
nomene selbst. Man wird auf eine bestimmte Art iiber die
Natur reden. In dieser Art zu reden werden die Natur-
gesetze enthalten sein, aber uberall werden in den Aus-
drucksformen schon die Phanomene selber liegen. Man
wird also das bekommen, was ich nennen mochte: eine
den Erscheinungen immanente Naturwissenschaft. Nach
einer solchen strebte Goethe. Die Art und Weise, wie er
das betrieb, muli unter den Fortschritten der neueren
Zeit verandert werden, aber es ist doch so, dafi das
Grundprinzip festgehalten werden kann. Und wenn
dieses Grundprinzip festgehalten wird, stellt sich fur die
menschliche Auffassungsweise der Natur ganz von selbst
etwas heraus, das ich in der folgenden Weise charakte-
risieren mochte.
Es ist ja ganz selbstverstandlich, daft wir als gegen-
wartige Menschheit unsere naturwissenschaftlichen Be-
griffe zunachst an der unorganischen Natur gebildet
haben. Das ist dadurch veranlaftt gewesen, daft die un-
organischen Naturerscheinungen verhaltnismafiig ein-
fach sind; das war aber auch veranlaftt dadurch, daft ja,
wenn man ins organische Reich hinaufsteigt, durchaus
auch die im Leblosen wirkenden Agenzien fortdauern.
Wenn man vom Mineralreich zum Pflanzenreich her-
aufsteigt, dann ist es ja nicht so, daft etwa die leblose
Wirkungsweise bei der Pflanze aufhorte; sie wird nur
eingefaftt in ein hoheres Prinzip, aber sie dauert in der
Pflanze fort. Wir tun recht, wenn wir die physischen und
chemischen Prozesse in den Pflanzenorganismus hinein
weiterverfolgen, und zwar nach denselben Gesichts-
punkten, nach denen wir gewohnt sind, sie in der un-
organischen Natur zu verfolgen. Wir miissen dann nur
auch die Fahigkeit haben, in unseren Begriffssystemen
iiberzugehen zu veranderten, zu metamorphosierten Be-
griffen. Wir miissen schon verfolgen, wie das Unorgani-
sche auch verwendet wird in der Pflanze und wie die-
selben Prozesse, die sich in der leblosen Natur finden,
auch in die Pflanze hineingehen. Aber dadurch wird die
Versuchung hervorgerufen, dafi man wissenschaftlich
nur das verfolgt, was sich aus der minerahschen Welt
hereinerstreckt in Pflanze und Tier und dabei einfach
unberiicksichtigt lafit, was dann in den hoheren Reichen
dazu auftritt. Diese Versuchung wurde durch einen be-
sonderen Umstand gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts
noch aufierordentlich grower. Das ist in folgender Weise
geschehen.
Wenn man die leblose Natur betrachtet, fiihlt man
sich gewissermafien innerlich tief befriedigt, weil man
die Erscheinungen mit mathematischen Gedanken ver-
folgen kann. Und es ist sehr begreiflich, dafi Du Bois-
Reymond in einer so wortreichen und glanzenden Weise
in seiner Rede «Uber die Grenzen des Natur erkennens»
die Laplacesche Weltanschauung, die er die «astronomi-
sche Auffassung» des ganzen natiirlichen Weltendaseins
nennt, gefeiert hat, mochte ich sagen. Nach dieser astro-
nomischen Auffassung wird ja nicht nur der Sternen-
himmel so angesehen, dafi man seine einzelnen Phano-
mene mit mathematischen Gedanken zusammenfafk und
sie dann als ein Ganzes, soweit es geht, konstruiert,
sondern man versucht, auch damit unterzutauchen in die
Konstitution der Materie. Man versucht im Molekiil ein
kleines Weltsystem zu konstruieren, wo sich die Atome
so bewegen und zueinander stehen wie die Sterne im
Weltgebaude. Man konstruiert sich so im Kleinen kleinste
Weltsysteme und hat die Befriedigung, dafi man so im
Kleinen dieselben Gesetzmafiigkeiten findet wie im
Grofien. So hat man in den einzelnen Atomen und Mo-
lekulen ein System sich bewegender Korper, wie man
drau£en im Weltgebaude das System der Fixsterne und
Planeten hat. Das ist charakteristisch fur die Art, wie
man vor allem im 19. Jahrhundert gestrebt hat und wo-
durch, wie Du Bois-Reymond sagte, das Kausalitats-
bediirfnis des Menschen sich befriedigt fiihlt. Es ist das
einfach entstanden aus dem Drang heraus, das mathe-
matisch Fruchtbare in alle Naturerscheinungen hinein-
zutragen. Daraus entstand nun eben die Versuchung, bei
diesem Mathematischen in der Betrachtung der Natur-
erscheinungen stehenzubleiben.
Es wird keinem einfallen, auch einem Anthroposo-
phen nicht, wenn er nicht laienhaft iiber diese Dinge
spricht, bestreiten zu wollen, dafi dies alles seine Berech-
tigung hat, namentlich dann, wenn man innerhalb der
Phanomene stehen bleibt und sich bemiiht, die Einzel-
heiten, zum Beispiel der Astronomie, in diesem Sinne
aufzufassen. Keinem wird es einfallen, dagegen einen
Kampf zu fiihren. Aber im Laufe des 19. Jahrhunderts
trat das ein, dafi man bei dem, was die Welt darbietet,
alles das tibersah, was qualitativ ist, und nur das sah, was
ja da ist und in allem Qualitativen drinnen ist: das, was
durch die Mathematik zu erfassen ist. Da mufi man
unterscheiden: Man kann durchaus zugeben, dafi diese
mechanistische Welterklarung voll berechtigt ist; es ist
gar nichts dagegen einzuwenden. Aber etwas anderes ist
es, ob man sie auf bestimmten Gebieten als vollberech-
tigt erklart oder ob man sie nun als das einzige mogliche
Begriffssystem hingestellt will und mit diesem Begriffs-
system schon alles in der Welt fiir erklart halten will.
Hier liegt der Differenzpunkt. Es wird durch den
Anthroposophen nicht im geringsten das bestritten, was
seine Berechtigung hat. Die Anthroposophie kampft
namlich gar nicht gegen die anderen, und es ist interes-
sant, bei Diskussionen zu verfolgen, wie Anthroposophie
eigentlich alles innerhalb der berechtigten Grenzen zu-
gibt. Es fallt den Anthroposophen gar nicht ein, das, was
durch die Naturwissenschaft geltend gemacht wird, ir-
gendwie zu bestreiten. Sondern es handelt sich darum,
ob es berechtigt ist, das ganze Gebiet der Phanomene mit
der mathematisch-kausalen Denkweise zu umfassen, oder
ob es berechtigt ist, aus der Summe der Erscheinungen
dasjenige herauszunehmen, was mathematisch-kausal eine
reine Abstraktion ist, und es hinzustellen als einen «er-
dachten» Welteninhalt, wie es zum Beispiel der fruhere
Atomismus getan hat. Heute ist der Atomismus bis zu
einem gewissen Grade schon phanomenologisch ge-
worden, und bis zu diesem Grade geht Anthroposophie
ganz gewift mit. Aber es handelt sich darum, daft heute
eben noch etwas hereinspukt von dem im 19. Jahrhundert
so ungoetheschen Atomismus, der sich nicht beschrankte
auf die Phanomene, sondern der ein reines Begriffssystem
hinter den Phanomenen konstruierte. Und wenn man
sich nicht klar dartiber ist, daft man es doch nur mit
einem Begriffssystem zu tun hat, das die Welt hinter den
Erscheinungen sucht, sondern sich der Anschauung hin-
gibt, man habe mit diesem Begriffssystem ein Reales
ergriffen, so wird man durch dieses Begriffssystem ge-
wissermafien festgenagelt. Denn es ist die Eigentiimlich-
keit solcher Begriffssysteme, dafi sie den Menschen
festnageln. Er wird durch sie zum Dogmatiker, und
dann sagt er: Da gibt es Leute, die wollen das Organische
mit ganz anderen Begriffen erklaren, die sie von ganz
woanders her haben, aber das gibt es nicht; wir haben
solche Begriffssysteme ausgebildet, die die Welt hinter
den Erscheinungen umfassen, und die ist die einzige
Welt und die mufi auch das einzig Wirksame in bezug
auf das Organische sein. - Aber auf diese Weise wird in
die Betrachtung des Organischen das hineingetragen,
was man fur die Erscheinungen der unorganischen Na-
tur ausgebildet hat; man sieht das Organische als auf
dieselbe Art gebildet an wie die unorganische Natur.
Hier mu£ Klarheit geschaffen werden. Ohne diese
Klarheit kann man niemals eine wirkliche Diskussions-
grundlage schaffen. Anthroposophie will durchaus nicht
in dilettantischer Weise gegen berechtigte Methoden
siindigen; sie will nicht siindigen gegen das Berechtigte
des Atomismus, sondern sie will die Bahn frei haben fur
das Bilden von Gedankensystemen, wie sie friiher fur
das Anorganische gebildet wurden und jetzt fur andere
Gebiete der Natur gebildet werden mussen. Das wird
geschehen, wenn man sich sagt: In den Phanomenen will
ich nur «lesen»; das heifk, das, was ich zuletzt iiber den
Inhalt der Naturgesetze bekomme, liegt innerhalb der
Phanomene selber - geradeso wie beim Lesen eines
Wortes der Sinn in den Buchstaben selber liegt. Wenn
ich recht liebevoll innerhalb der Phanomene stehenblei-
be und nicht darauf aus bin, die Wirklichkeit irgendwie
mit einem hypothetischen Gedankensystem zu durch-
setzen, dann werde ich in meinem wissenschaftlichen
Sinne frei bleiben fur eine Wekerentwicklung der Begrif-
fe. Und dieses Freibleiben ist das, was wir ausbilden
mussen.
Wir diirfen uns nicht durch ein Begriffssystem, das
wir fiir ein bestimmtes Naturgebiet vollberechtigt ausge-
bildet haben, festnageln lassen, es auf andere Gebiete
anzuwenden. Bilden wir eine blofie Phanomenologie
aus, was selbstverstandlich nur dadurch geschehen kann,
daft man die geschauten oder durch das Experiment
dargestellten Phanomene mit Gedanken durchsetzt und
verbindet und so zu Naturgesetzen kommt, bleibt man
also innerhalb der Phanomene stehen, so bekommt man
ein ganz anderes Verhaltnis zum Gedanken selbst; dann
bekommt man ein Erlebnis davon, wie in den Phano-
menen selbst schon die Naturgesetze vorhanden sind,
die dann in unseren Gedanken auftreten. Geben wir
uns so diesen Gedanken hin, dann haben wir gar keine
Berechtigung mehr, sofern wir innerhalb der Natur-
erscheinungen stehenbleiben, von einem Gegensatz zwi-
schen dem subjektiven Gedanken und dem objektiven
Naturgesetz zu sprechen. Wir tauchen einfach in die
Phanomene unter und haben dann in den Inhalten der
Naturgesetze einen Gedankeninhalt gegeben, den uns
die Dinge selber geben. Deshalb sagte Goethe ganz naiv:
Dann sehe ich meine Ideen - die eigentlich Naturgesetze
waren — in der Natur mit Augen.
Wenn man sich in dieser Weise zu den Phanomenen
der unorganischen Natur stellt, dann ist es moglich, dies
in die Organik hiniiberzutragen, auch im wissenschaft-
Hchen Sinne. Wenn man dann sieht, daft ein Pferd braun
oder ein Schimmel weift ist, wird man das nicht auf
unorganische Farben zuruckfuhren, sondern es nur auf
etwas beziehen, was als ein geistig-seelisch Lebendiges in
einem Organismus selber lebt. Man wird verstehen ler-
nen aus der erkrafteten inneren Organisation heraus, daft
sich das Tier wie auch die Pflanze selbst die Farbe gibt.
Selbstverstandlich muE man dabei alle Einzelheiten, zum
Beispiel das Funktionieren des Stoffwechsels, innerlich
durchschauen. Aber man tragt dann nicht in die Organik
das herauf, was man in der Unorganik gefunden hat.
Man nagelt sich nicht fest auf ein bestimmtes Gedan-
kensystem, und man wird nicht dieselbe Gesinnung, die
man auf einem Gebiete gehabt hat, in die anderen Gebiete
herauftragen. Man bleibt ein «mathematischer Kopf»,
mehr als die, welche die Begriffe nicht metamorphosie-
ren wollen ins Qualitative hinein. So kommt man dazu,
fur die hoheren Gebiete des Naturdaseins das innere
Anschauen ebenso gelten zu lassen, wie man das innere
Anschauen gelten lafit fur leblose mathematische Gebilde.
Das ist das, was ich hier nur kurz skizzieren kann,
was aber, wenn es weiter ausgebildet wird, zeigt, daft die
wissenschaftliche Seite der Anthroposophie durchaus das
kann, was Goethe nannte: Rechenschaft ablegen vor
jedem, auch vor dem strengsten Mathematiker. Denn das
wollte Goethe mit der Ausbildung seiner Idee von der
Urpflanze, zu der er gekommen ist, und mit der Idee des
Urtieres, wozu er nicht gekommen ist. Und das will
Anthroposophie: Hervorgehen lassen aus der Goethe-
schen Weltanschauung das, was diese in bezug auf die
Erscheinungen der Natur konnte und vom Erfassen des
Lebendigen in der Imagination aufsteigen zu dem Typus
der Pflanze und zu dem Typus des Tieres. Ich habe
schon in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ge-
zeigt, daft wir fur die organische Natur die aus dem
Unorganischen genommenen Begriffe metamorphosie-
ren miissen. Davon werde ich in den nachsten Tagen
noch weiter zu sprechen haben. Dadurch kommt man
aber dazu, in der Organik dasjenige zu sehen, was das
eigentliche Wirkungsprinzip, Gestaltungsprinzip ist. Und
da mochte ich an den Schluft dieser Betrachtungen etwas
hinstellen, was in den nachsten Tagen noch weitere Be-
trachtung erfahren wird, und was zeigen soli, wie diese
materialistische Phase naturwissenschaftlicher Entwick-
lung von der Anthroposophie nicht unterschatzt wird.
Die Anthroposophie mufi in dieser materialistischen
Phase der Naturwissenschaft ein wichtiges Ubergangs-
prinzip sehen, eine Erziehungsmethode, damit man ein-
mal gelernt hat, sich rein der aufteren Sinnes-Empirie
hinzugeben. Das war aufierordentlich erzieherisch fur
die Entwicklung der Menschheit, und nur wenn man
diese Erziehung genossen hat, kann man auch dazu
kommen, gewisse Dinge mit voller Klarheit zu iiber-
sehen. Denn wer nun, ausgeriistet mit solchem Wissen-
schaftssinn die auftere materielle Welt betrachtet, der
schaut, wie sich diese materielle Welt innerlich im
Menschen «spiegelt», wenn ich mich dieses Ausdrucks
bedienen darf.
Die Welt, wie wir sie im Innern erleben, ist mehr oder
weniger eine Abstraktion, ein von Empfindungen und
Willensimpulsen durchzogenes inneres Bild dessen, was
die aufiere materielle Welt ist; so dafi wir, wenn wir vom
Verfolgen der materiellen Auftenwelt zum Geistig-See-
lischen libergehen, zu einem blofi Bildhaften kommen.
Halten wir das ganz streng fest: auften die Summe der
materiellen Erscheinungen, die wir im phanomenologi-
schen Sinne anschauen - im Innern das Seelisch-Geistige,
mit einem gewissen abstrakten Charakter, mit einem
Bildcharakter. Tritt man aber mit anthroposophischer
Anschauung in die Betrachtung dessen ein, was der
aufieren materiellen Welt geistig zugrunde liegt, in den
Geist, der da wirkt in den Bewegungen der Sterne, in
dem Werden der Mineralien, der Pflanzen und der Tiere,
tritt man ein in das Geistige des Werdens der Aufienwelt,
lernt man diese durch Imagination, Inspiration und In-
tuition kennen, dann gibt uns auch das ein inneres
Spiegelbild des Menschen. Aber was ist dieses innere
Spiegelbild des Menschen? Das sind unsere materiellen
Organe. Sie antworten mir jetzt auf das, was ich vorher
kennengelernt habe als die Natur der Sonne, als die
Natur des Mondes, der Mineralien, der Pflanzen, der
Tiere und so weiter; darauf antworten mir die inneren
Organe. Ich lerne das Eigene des menschlichen Orga-
nismus nur kennen, wenn ich das AuEere der Welt
kennenlerne. Die materielle Welt aufien spiegelt sich
innen geistig-seelisch; die geistig-seelische Welt auften
spiegelt sich innen in den Formen von Lunge, Leber,
Herz und so weiter. Die inneren Organe sind, wenn
man sie anschaut, so in einem Verhaltnis zur geistigen
Aufienwelt, wie unsere Gedanken und Empfindungen
zur materiellen Aufienwelt in einem Verhaltnis sind.
Das zeigt uns, wie die Anthroposophie durchaus
nicht in einem schwarmerischen Sinne den Materialis-
mus ablehnen will. Sehen Sie sich den ganzen Umfang
der Naturwissenschaft an: Tausende werden unbefriedigt
sein liber das, was da aus der Naturwissenschaft mit den
gewohnlichen Methoden gewonnen wird. Die Anthro-
posophie wird durch ihre Methoden gerade liber das
Materielle der Welt eine Anschauung gewinnen, die nicht
unbefriedigt lassen wird. Sie anerkennt das Materielle in
der eigenen inneren Organisation und in dem Phano-
menologischen der Umwelt; aber sie muE zu gleicher
Zeit erkennen, dafi diese innere Organisation ein Ergebnis,
eine Konsequenz von kosmischem Geistig-Seelischen
ist. Sie will daher auch das erganzen, was in der Astro-
nomie, in der Astrophysik, Physik oder Chemie nur
mathematisch geleistet wird. Das wird sie in einer orga-
nischen Kosmologie und so weiter erkunden und da-
durch auch zu einem Verstandnis des materiellen Men-
schen vordringen. Darin liegen dann die Grundlagen
fur dasjenige, was Anthroposophie fur die Medizin, die
Biologie und so weiter geben will.
So glaube ich durch diese Andeutungen, die ich jetzt
nur ganz skizzenhaft geben konnte, darauf hingedeutet
zu haben, wie Anthroposophie, wenn man sie richtig
erfafit, nicht so angesehen werden kann, als ob sie von
sich aus sich in einen Kampf stellen wolle gegen die
gegenwartige Wissenschaft; sondern die Dinge liegen
so, da£ die gegenwartigen Vertreter der Wissenschaft
noch nicht die Briicke zur Anthroposophie geschlagen
haben, um zu sehen, wie die Anthroposophie streng
wissenschaftlich auch gegeniiber den Naturerscheinun-
gen sein will.
ZWEITER VORTRAG
DIE MENSCHLICHE
UND DIE TIERISCHE ORGANISATION
Berlin, 6. Marz 1922
Sehr verehrte Anwesende! Bei diesem Vortrage bitte ich
Sie zu beriicksichtigen, dafi ich bis gestern Abend anneh-
men mufite, dafi ich diesen Vortrag heute von Dr. Kolisko
horen wurde, und ihn nicht selber halten wiirde. Es war
daher in dieser kurzen Zeit nicht moglich, das, was ich
zu sagen haben werde, irgendwie zurechtzulegen, und
ich kann auch nur hoffen, im grofien und ganzen un-
gefahr dasjenige in den Einzelheiten zu treffen, was Dr.
Koslisko heute zu Ihnen hat sagen wollen.
Wenn von anthroposophischen Gesichtspunkten aus
iiber das Verhaltnis der tierischen Welt zur menschli-
chen Welt gesprochen wird, so darf besonders darauf
aufmerksam gemacht werden, wie die gegenwartigen an-
throposophischen Ideen geschichtlich doch zusammen-
hangen mit demjenigen, was sich aus der Goetheschen
Weltanschauung - ich habe das jetzt hier schon zweimal
gesagt - ergibt. Und fur das Thema, das jetzt in Frage
steht, kommt insbesondere eine der allerersten Leistun-
gen Goethes auf naturwissenschaftlichem Gebiete in
Betracht, namlich seine Abhandlung, die den Titel tragt:
«Dem Menschen wie den Tieren ist ein Zwischenkiefer-
knochen in der obern Kinnlade zuzuschreiben». Man
mufi nun alle die Verhaltnisse sich vor Augen fiihren,
aus denen heraus Goethe dazu gekommen ist, diese
Abhandlung aufgrund eingehender anatomischer und
physiologischer Studien, auch aufgrund von Ansatzen
zu embryologischen Studien, die er gemacht hat, zu
schreiben.
In der Zeit, als Goethe sich, schon als junger Student
und spater als der Freund der ja in einer gewissen Weise
von ihm abhangigen Jenaischen Universitatsinstitute, in
diejenigen Probleme hineinlebte, in die er durch alles
das hineingestellt war, und namentlich in das Problem,
welches der eigentliche Unterschied des Menschen
gegeniiber dem Tiere sei, da sah er iiberall um sich
herum, wie man bemuht war, irgendetwas in der
Gestaltung, in der Morphologie des Menschen und der
Tiere zu finden, das auf einen strengen Unterschied
hinwies zwischen dem Menschen, der gewissermafien
die Krone der Schopfung sein soil, und der Tierwelt.
Und an dem Umstande, dafi sich der sogenannte
Zwischenkieferknochen, der sonst bei den Tieren iiber-
all von den anderen Kieferknochen deutlich abgetrennt
ist, sich ja beim Menschen nicht als abgesonderter
Knochen findet, an diesem Umstande glaubte man,
gerade in einem Teil der Kopfesbildung einen solchen
durchgreifenden Unterschied zwischen Mensch und
Tier zu finden. Goethe ging das nicht ein. Er war der
Ansicht, da Mensch und Tier in bezug auf ihre ganze
Organisation analog gebildet sind, so durfe in einer
solchen Einzelheit sich nicht eine Differenzierung. zei-
gen. Und da allerdings der Zwischenkieferknochen
beim erwachsenen Menschen mit den anderen Kiefer-
knochen verwachsen ist, so suchte Goethe zu zeigen,
wie das eben nur auf einer spateren Verwachsung
beruht, und dafi der Mensch in seinen embryonalen
Verhaltnissen den oberen Zwischenkieferknochen auch
hat, wie die Tiere.
Man mull nur einmal verfolgen, mit welchem En-
thusiasmus Goethe darauf hinweist, dafi es ihm gelungen
ist zu zeigen, wie der Mensch tatsachlich den Zwi-
schenkieferknochen mit den Tieren gemeinsam hat, um
eben aus dem groften und ganzen heraus zu zeigen, daft
aus dem Bau, aus der Morphologie des Menschen und
der Tiere ein so durchgreifender Unterschied zwischen
beiden im einzelnen nicht zu finden sei. Also von einer
solchen Abgrenzung des Menschen von den Tieren in
der Weise, wie es im 18. Jahrhundert iiberall sich fand,
kann fur Goethe nicht die Rede sein - kann auch fur die
Anthroposophie nicht die Rede sein. Was schon Goethe
annahm, ist dies: Indem die tierische Organisation zur
menschlichen heraufsteigt, werden die einzeinen, schon
im Tiere liegenden Organformen umgebildet und dann
gewissermafien durch ihre Umbildung in die Moglichkeit
versetzt, nun Platz zu haben fur das, was sich vom
Innern des Menschen her, aus dem ganzen Menschen
heraus in der also umgebildeten tierischen Organisation
offenbaren kann. Nur an eine Metamorphose der tie-
rischen Organisation ins Menschliche herauf dachte
Goethe, nicht an eine selbstandig abgegliederte mensch-
liche Morphologie.
Dies, mochte ich sagen, mufi man als Grundlage
voraussetzen, wenn nun auch im anthroposophischen
Sinne aufgesucht wird die Differenzierung zwischen dem
tierischen und dem menschlichen Organlsmus. Wenn
die Organisation selbst, in ihren Formen, nur auf einer
Metamorphose des Tierischen und des Menschlichen
beruht, dann mufi man, wenn man die Differenzie-
rung aufsuchen will, vor allem darauf sehen, wie das
Leben beim Menschen und wie es beim Tiere verlauft,
man mufi gewissermaften darauf sehen, wie aus dem
Menschlichen heraus das Funktionieren mit den Orga-
nen sich gestaltet, und wie aus dem Tierischen heraus das
Funktionieren mit den Organen sich gestaltet. Kurz,
man muft den Unterschied mehr auf einem biologischen,
als auf einem morphologischen Gebiete suchen.
Nun kann man von einer gewissen Seite her der
Auffassung von einem biologischen Unterschied ganz
besonders die Wege bereiten, indem man von demjeni-
gen ausgeht, was einem als die Grundlage des tierischen
Funktionierens erscheinen mu£, und das 1st sowohl bei
den Menschen wie bei den Tieren das, was mit den
Sinnesorganen zusammenhangt. Die Sinnesorgane oder
besser gesagt, die Funktionen der Sinnesorgane, leben ja
mehr oder weniger in allem, was sich im tierischen und
menschlichen Organismus abspielt. Wir mussen schon
bei den niederen Tieren annehmen, daft sich bei den
einfachen Ernahrungsprozessen, in den reinen Stoff-
wechselvorgangen, ein gewisses Funktionieren primi-
tiver Sinne abspielt, daft also, sagen wir, Geschmacks-
erlebnisse zum Beispiel parallel gehen dem, was mehr
oder weniger rein chemisch der Stoffwechsel ist. Diese
Dinge differenzieren sich immer mehr und mehr, je
weiter man in der Tierreihe heraufkommt, bis zum
Menschen hin. Aber wir werden durchaus nirgends, wenn
wir unbefangen auf die tierische Organisation eingehen,
etwas finden, worinnen nicht ein Sinnesleben vorhanden
ist. Gewift, man kann sagen: Was hat schlieftlich dieses
Sinnesleben zum Beispiel mit der Lymphebildung oder
mit der Blutbildung und so weiter zu tun?
Nun ist man heute auch schon in der nicht von An-
throposophie beeinfluftten Wissenschaft dazu gekom-
men, von unterbewufiten Vorgangen der menschlichen
Psyche zu sprechen, und es wird deshalb, auch wenn es
der Kiirze der Zeit halber nur angedeutet werden kann,
nicht als etwas ganz Unberechtigtes erscheinen, wenn
ich sage: Was sich in Mund und Gaumen als das Ge-
schmackserlebnis abspielt, was als das Geschmackserleb-
nis auftritt unter dem Wirken und der Funktion zum
Beispiel des Ptyalins, des Pepsins und so weiter, wie sollte
das nicht auch ins Unbewuftte hineinspielen? Warum
sollte - ich sage es als eine Art von Postulat - das Ge-
schmackserlebnis sich nicht fortsetzen durch den ganzen
Organismus, und warum sollten nicht unbewufit Ge-
schmackserlebnisse parallel gehen der Lymphe- und
Blutbildung und alien Organprozessen? Wir werden da-
her die menschliche und die tierische Organisation von
ihrer biologischen Seite her sehr wohl verfolgen konnen,
wenn wir einmal das Sinnesleben betrachten.
Dieses Sinnesleben verlauft nun - wie ich fur einige
von Ihnen seit Jahren angedeutet habe, wie es zum Teil
durchaus schon eine Sache der aufteren Wissenschaft ist
- nicht nur in den gewohnlich angefiihrten fiinf Sinnen,
sondern in einer deutlich unterscheidbaren Anzahl von
zwolf menschlichen Sinnen. Dabei muft man aber bloft
vom Menschen sprechen. Fur den, der einsehen will, daft
es ebenso berechtigt ist, von zwolf Sinnen zu sprechen,
wie von fiinf oder sechs - vom Sehen, Horen, Riechen,
Schmecken, Fiihlen oder Tasten -, fur den ist es berechtigt,
davon zu sprechen, daft wir zum Beispiel einen Gleich-
gewichtssinn haben, der uns innerlich erkennen laftt, ob
wir auf beiden Fiifien stehen oder nur auf einem, ob wir
mit unsern Armen die eine oder die andere Bewegung
ausfiihren und so weiter. Indem wir uns als Mensch in
die Welt hineinstellen, sind wir in einer Gleichge-
wichtslage. Diese Gleichgewichtslage nehmen wir also,
wenn auch viel dumpfer, sinnlich wahr, wie wir dasjenige
sinnlich wahrnehmen, was im Sehvorgang sich abspielt;
so dafi wir von einem Gleichgewichtssinn sprechen kon-
nen, wie wir von einem Sehsinn sprechen konnen. Wir
miissen uns nur dariiber klar sein: Wenn wir von diesem
Gleichgewichtssinn sprechen, so wenden wir uns mehr
der eigenen Organisation zu; wir schauen gewissermafien
nach innen, wahrend wir mit den Augen nach au$en
schauen. Aber es liegt diesem Erleben im Gleichge-
wichtssinn durchaus eine sinnliche Funktion zugrunde.
Ebenso konnen wir nach einer anderen Seite hin die
Anzahl der Sinne erganzen. Wenn wir bloft horen, so ist
das Funktionieren des menschlichen Organismus etwas
wesentlich anderes, als wenn wir zwar durch das Ohr
direkt horen, aber dann auf das eingehen, was indirekt in
der Sprache uns wahrnehmbar wird. Wenn wir mit in-
nerem Verstandnis die Worte, die Satze des anderen
verfolgen, haben wir es nicht blofi zu tun mit einem
Urteilen, sondern dem Urteilsprozefi geht auch da vor-
aus ein Wahrnehmungsprozefi, ein Sinnesprozeft; also
wir miissen davon sprechen, daft wir einen Sprachsinn
- oder eigentlich einen Sprachesinn, einen Wortesinn -
haben, wie wir einen Gehorsinn haben. Mit anderen
Worten: Wir miissen, wenn wir die Worte mehr anato-
misch-physiologisch betrachten, innerhalb der mensch-
lichen Organisation eine spezielle [Sinnes] organisation
voraussetzen, welche dem Anhoren des Gesprochenen
ebenso entspricht, wie die Gehororganisation dem An-
horen der unartikulierten Tone. Und wir miissen eine
Spezialorganisation voraussetzen fur den Sprachsinn, die
ganz ahnlich ist einer sonstigen Sinnesorganisation, zum
Beispiel der Sehorganisation oder der Hororgamsation.
Wir diirfen auch, wenn wir unbefangen zu Werke
gehen, nicht sagen: Wir lernen erkennen, daft ein anderer
Mensch vor uns stent, wenn wir sehen, dafS an dieser
aufteren Raumesform etwas wie eine Nase ist, wie zwei
Augen und so weiter, und nun durch Analogie schlieften,
daft darin ein Mensch steckt, weil wir sehen, daft in uns
selber ein Mensch steckt, der sich aufterlich offenbart
durch Nase, Augen und so weiter. Ein solcher unbewuft-
ter Schluft liegt in Wirklichkeit nicht zugrunde, aber es
liegt ein unmittelbares Eingehen auf den anderen Men-
schen zugrunde, dem etwas Spezielles in der Organisa-
tion des Menschen entsprechen muft, das nur zu paral-
lelisieren ist mit einer Sinnesorganisation, so daft wir
auch von einem Ichsinn sprechen konnen. Wenn wir in
dieser Weise das Funktionieren des Menschen ganz un-
befangen durchschauen, miissen wir mit derselben Be-
rechtigung, mit der wir von einer Gehor-, Geschmack-
und so weiter -organisation sprechen, auch sprechen von
einer Wahrnehmungsorganisation fur Worte, von einer
Wahrnehmungsorganisation fur Gedanken, von einer
Wahrnehmungsorganisation fur das Ich - nicht fur das
eigene Ich, denn das beruht auf etwas ganz anderem.
Und wir miissen weiter sprechen von einem Bewe-
gungssinn, denn ob wir uns bewegen oder ob wir in
Ruhe sind, das ist etwas ganz anderes. Ebenso miissen
wir dann sprechen von einem Lebenssinn - die ge-
wohnliche Wissenschaft spricht zum Teil schon davon.
Wenn wir so die Zahl der Sinnesorganisationen fest-
stellen, kommen wir auf zwolf menschliche Sinne. Von
diesen sind eine Anzahl allerdings innere Sinne; denn wir
nehmen den inneren Organismus - wie wir uns fiihlen
und wie es uns geht im Gleichgewichtssinn, im Bewe-
gungssinn und so weiter - ebenfalls wahr. Aber qualitativ
ist das Erlebnis beim Wahrnehmen der inneren Organi-
sation durchaus das gleiche wie beim Seh-, Hor- oder
Geschmackvorgang. Es handelt sich nur darum, die Dinge
im richtigen Zusammenhang zu sehen.
Wenn man in dieser Weise in bezug auf den Men-
schen von einer vollstandigen Sinnesphysiologie ausgeht,
werden gewisse biologische Erscheinungen auf der einen
Seite im Reiche des Menschen, auf der anderen Seite im
Reiche der Tiere von einer ganz besonderen Bedeutung
[sichtbar], von einer Bedeutung, die bestehen kann, auch
wenn man alles dasjenige restlos zugibt, was von neueren
Naturforschern, selbst von Haeckel, vorgebracht worden
ist fur den morphologischen und auch physiologischen
Zusammenhang der menschlichen Organisation mit
der tierischen. Hier walten ja allerdings die unmoglich-
sten Mifiverstandnisse. Man glaubt zum Beispiel, die
Anthroposophie miisse sich in Gegensatz stellen zum
Haeckelismus, einfach aus dem Grunde, weil sie von der
blofien Betrachtung der Sinneswahrnehmungen zur em-
pirischen Betrachtung des Geistigen aufsteigt; man glaubt,
Anthroposophie miisse aus diesen Untergriinden heraus
etwas am Haeckelismus verandern. Nein! - Was am
Haeckelismus verandert werden mu(S, das mu£ aus na-
turwissenschaftlicher Methodik heraus verandert wer-
den, da braucht Anthroposophie nicht mitzureden, da
kann man auch als Naturforscher mit Haeckel disku-
tieren.
Was Anthroposophie zu sagen hat, das liegt auf einem
ganz anderen Gebiete. Mit Recht kann betont werden:
Zahlt man die Knochen der hoheren Tiere, so unter-
scheidet sich die Anzahl der Knochen nicht von der beim
Menschen. Und ebenso ist es mit den Muskeln. So
kommen wir nicht zu einer Differenzierung der mensch-
lichen und der tierischen Organisation. Aber wenn wir
biologisch vorgehen, kommen wir zu einer wirklichen
Differenzierung. Wir kommen dann dazu, einen beson-
deren Wert darauf zu legen, daft sich im wesentlichen die
menschliche Organisation in einer anderen Art in den
Kosmos hineinstellt als die tierische. Wenn wir gerade
die hoheren Tiere betrachten, miissen wir sagen: Ein
Wesentliches bei ihnen ist es, dafi die Achse ihres
Riickgrats parallel zur Erdoberflache geht, wahrend im
Gegensatz dazu beim Menschen im Verlaufe seines Le-
bens die horizontale Lage der Riickgratachse in eine
vertikale verwandelt wird, so daft also eine wichtige
Lebensfunktion beim Menschen darin besteht, sich auf-
zurichten. - Ich weifi, es kann nun natiirlich eingewen-
det werden: Es gibt doch aber auch Tiere mit mehr oder
weniger aufrechter, vertikaler Riickgratachse. - Darauf
kommt es aber nicht an, wie es sich gegeniiber einer
aufteren Morphologie ausnimmt, sondern darauf, wie die
ganze Organisation veranlagt ist. Wir werden auch sehen,
wie bei gewissen Tieren, Vogelarten oder auch Sauge-
tierarten, bei denen mehr oder weniger die Riickgratachse
in eine vertikale Lage gebracht werden kann, gerade
gegeniiber ihrer ganzen Veranlagung eine Art Degene-
rierung auftritt, wahrend es beim Menschen schon in der
Veranlagung liegt, daft die Riickgratachse eine Vertikal-
lage hat.
Als ich dies einmal vor vielen Jahren bei einem Vor-
trage in Miinchen sagte, kam ein naturwissenschaftlich
gebildeter Mann zu mir, den ich natiirlich ganz gut
verstehen konnte, und sagte: Wenn wir schlafen, haben
wir aber doch auch die Riickgratachse horizontal. -
Darauf aber kommt es nicht an, sagte ich ihm, sondern
darauf, wie im Verhaltnis zu der Lage, sagen wir, der
Bein- oder Fufiknochen zum ganzen ubrigen Korperbau
die Riickgratachse im ganzen kosmischen Zusammenhang
des Menschen gestellt ist, und wie sich das beim Men-
schen oder beim Tier auswirkt. Der Mensch hat zwar
beim Schlafen sein Ruckgrat horizontal, aber diese hori-
zontale Lage ist aufterlich; innerlich dynamisch ist der
Mensch so organisiert, dafi er sich in seinen Gleich-
gewichtszustand bringen kann, wo die Riickgratachse
vertikal ist. Und wenn sich Tiere in einen solchen
Gleichgewichtszustand bringen, so degenerieren sie in
gewisser Beziehung, oder sie bringen es dahin, gewisse
menschenahnliche Funktionen zu entwickeln und da-
durch auch das zu beweisen, was ich nun ausfuhren will.
Wir konnen sagen: Indem der Mensch rein funktio-
nell aus der gesamten Dynamik seines Wesens heraus im
Laufe seiner ersten Lebensjahre seine Riickgratachse
vertikal gestaltet, bringt er sich im Kosmos in eine andere
Gleichgewichtslage als das Tier. Aber jedes Wesen ist ja
aus dem Gesamtkosmos heraus gebildet; man konnte
auch sagen, es pafit sich ihm an - ich will jetzt darauf
nicht weiter eingehen. Wenn wir die Gestaltung der
einzelnen Knochen, zum Beispiel der Rippen- oder
Kopfknochen und so weiter verfolgen, dann werden wir
auch morphologisch die Moglichkeit gewinnen, in den
Formen der Rippen- oder der Kopfknochen eines
Menschen oder eines Hundes die Anpassung zu finden
an die Vertikallage oder Horizontallage des Rtickgrats.
Indem sich der Mensch in die vertikale Lage hineinfin-
det, lebt er gegeniiber dem Tier, das auf seinen vier Bei-
nen steht, in einer ganz anderen Gleichgewichtslage; er
lebt in einem ganz anderen kosmischen Zusammenhang.
Nun versuchen wir, das Problem von einer anderen
Seite her anzufassen und uns klarzumachen, was eigent-
lich im Menschen beim Sinnesvorgang und was in An-
lehnung an den Sinnesvorgang bei ihm vorgeht. Ich
werde dabei wegen der Kiirze der Zeit genotigt sein, nur
andeutend zu sprechen, aber es konnte das auch in eine
ganz exakte biologisch-physiologische Terminologie um-
gesetzt werden.
Nehmen wir den Sehvorgang. Wir konnen ihn gliedern
in das, was spezifische Funktion des Sehorgans ist, und
in das, was sich dann abspielt in der weiteren Fortsetzung
in das Physische hinein, ich mochte sagen, in Analogie
dazu, dafi der Sehnerv vom Auge ausgeht und sich dann
im Innern der Nervenorganisation verliert. Wir konnen
also unterscheiden: einmal den Sehvorgang selbst, und
aann alles, was sich daranschlieftt im Gesamterleben. In
dem unmittelbar prasenten Sehvorgang ist noch das
Vorstellungsmafiige immanent; indem wir irgend etwas
anschauen, trennen wir noch nicht das Vorstellungs-
mafiige von dem Sehvorgang. Wenden wir das Auge ab
von dem, was wir anschauen, so behalten wir einen vor-
stellungsmafiigen Rest zuriick, der deutlich seine Ver-
wandtschaft mit dem beim Sehvorgang Wahrgenomme-
nen zeigt. Wer das richtig analysieren kann, sieht, wie
verschieden gerade das ist, was sich als Vorstellungsrest
ergibt aus dem Sehvorgang, gegeniiber dem, was sich
ergibt aus einem Horvorgang. Wir haben also in uns das
Erlebnis des Sehvorganges, ich mochte sagen, in dua-
listischer Weise: zuerst mehr hingewendet zu dem, was
die eigentliche Sinneswahrnehmung ist, und dann hin-
gewendet zu dem, was uns als vorstellungsma&ger Rest,
als mehr oder weniger ausgestaltete Erinnerung bleibt.
Nun nehmen Sie einmal alles das, was im Menschen
lebt an innerem Vorstellungsmafiigen, das sich anlehnt
an die fixnf Sinne. Das meiste im menschlichen Seelen-
leben lehnt sich ja an an die Sehvorgange; nur ein Neuntel
etwa von dem, was durch die Sehvorgange gegeben ist,
ist durch die Horvorgange gegeben. Und wenn wir das
innere Seelenleben betrachten, so ist dadurch noch we-
niger gegeben als durch die Seh- und Horvorgange und
so weiter. Wir wissen, daft dabei das Vorstellungmaftige,
das ja zur bleibenden Erinnerung fuhrt, auch eine Rolle
spielt, aber eine wesentlich geringere als beim Seh- und
Horvorgang.
Nun konnen wir die Frage aufwerfen: Gibt es fur die
mehr verborgenen Sinne, zum Beispiel fur den Gleich-
gewichtssinn oder fur den Bewegungssinn auch diese
Dualitat, wie wir sie finden beim Sehsinn in dem Wahr-
nehmungsmafiigen und dem Vorstellungsmaftigen? Bei
einer wirklich unbefangenen Physiologie und Psycho-
logic gibt es dies auch zum Beispiel fur den Gleich-
gewichtssinn, nur wird gewohnlich der Zusammenhang
nicht bemerkt. In dem Vortrage, den ich eben gehalten
habe, habe ich von dem Mathematischen gesprochen,
von dem Sichzurechtfinden in den Raumesverhaltnissen,
wo das Mathematische geometrisch angewandt wird.
Wir konstruieren uns Raumesverhaltnisse. Was ist das
eigentlich, was wir da tun? Es ist in bezug auf den ganzen
Menschen genau dasselbe wie das, was wir tun, wenn wir
beim Sehvorgang die Wahrnehmung deutlich absondern
von dem Vorstellungsmafiigen, indem wir die Vorstellung
innerlich behalten. [Wir nehmen eine Farbe nicht nur
aufierlich wahr], sondern wir erleben das Qualitative der
Farbe, des Farbtones, und es lebt sogar das Gefuhl, das
ich als Gefuhl habe bei einer warmen oder kalten Farbe,
im Innern fort.
Wir konnen uns nun folgendes sagen: Ich will einmal
in einer umfassenden Seelenschau alle diejenigen Vor-
stellungen iiberschauen, die ich im Leben dadurch ge-
wonnen habe, dafi ich durch meine Augen sehen kann.
Wir wiirden ein inneres visuelles System in der Seele
bekommen. Wir wiirden, ohne dafi wir jetzt aufiere
Sehvorgange haben, innerlich aufsteigen haben eine Art
Nachkonstruktion der Sehvorgange. Und wenn Sie dies
in ebensolcher Weise in bezug auf den Gleichgewichts-
sinn beriicksichtigen, dann kommen Sie darauf, dafi Sie
durch alles das, was Sie durch den Gleichgewichtssinn
im eigenen Organismus erleben, etwas im Innern herauf-
steigen haben, das dem Geometrischen in der aufieren
Welt [entspricht].* Mathematik oder Mechanik haben
wir nicht [aus der aufieren Erfahrung] gewonnen. Ma-
thematische und mechanische [Gesetze] sind durch inne-
res [Konstruieren gewonnen]. Wenn Sie sich mechani-
sche [Gesetze] vergegenwartigen, so haben Sie sie [ge-
wonnen] durch das Vorstellungsmafiige Ihres Gleichge-
wichtssinnes. Der ganze Mensch wird da zum Sinnesorgan
und er bildet dabei [innerlich] gleichsam den anderen Pol
[zu dem Wahrgenommenen] aus. Wir bilden zum Beispiel
die Mathematik aus und glauben, wir haben in ihr eine
reine a-priori-Wissenschaft. Aber die Mathematik ist
keine reine a-priori-Wissenschaft. Wir merken nur nicht,
daft wir dasjenige, was wir im Gleichgewichtssinn erle-
ben, ebenso [in mathematisch-geometrische Vorstellun-
gen] umsetzen, wie die Sehwahrnehmung sich in die
Sehvorstellungen umsetzt. Ohne daft wir die Briicke
Die nachfolgenden Ausfiihrungen sind vom Stenographen nur liik-
kenhaft festgehalten. Die vom Herausgeber vorgenommenen not-
wendigen Erganzungen - gekennzeichnet durch eckige Klammern -
stiitzen sich im wesentlichen auf folgende Vortrage Rudolf Steiners:
16. Marz 1921, in GA 324; 29. September, 1. und 3. Oktober 1920, in
GA 322.
bemerken, wird das [durch den Gleichgewichtssinn
Wahrgenommene] zu Mathematik oder zu Mechanik.
Wenn Sie das bedenken, werden Sie den innigen Zu-
sammenhang des menschlichen Gesamtorganismus mit
seiner Gleichgewichtslage im Kosmos verstehen. Dann
werden Sie sich sagen: Beim Tier, das auf seinen vier Bei-
nen steht und dem durch seine Gleichgewichtslage auch
der Inhalt seines Gleichgewichtssinnes gegeben ist, mufi ja
das Erleben des Gleichgewichts sich in einer ganz ande-
ren Weise innerlich spiegeln als beim Menschen im Ma-
thematischen. Wir finden das Mathematische einfach als
ein Ergebnis unseres Hineingestelltseins in denKosmos.
Wir reden von drei Dimensionen, weil wir nach drei
Dimensionen in den Kosmos hineingestellt sind. Aber
die vertikale Dimension haben wir uns selbst erst im
Laufe unseres Lebens errungen. Wir haben uns in die
vertikale Dimension erst hineingestellt. Was wir so in
fruhester Kindheit erleben, das spiegelt sich uns spater in
der Mathematik; es geht das nur nicht so schnell wie
beim Sehvorgang. Die Spiegelung des Gleichgewicht-
Erlebens geht im Laufe des Lebens vor sich. Wir haben
in der Kindheit sehr stark das Erleben des Gleichge-
wichtssinnes, wenn wir vom Kriechen iibergehen zum
Gehen und Stehen. Das spiegelt sich uns im spateren
Lebensalter und wird als Mathematik und Mechanik
sichtbar. Wir halten oft die Mathematik fur etwas aus
uns selbst Gesponnenes. Das ist sie nicht. Sie geht aus
der Wahrnehmung des eigenen Organismus hervor.
Warum sind denn gewisse Gedanken beim Menschen so,
dafi er sie auf den Kosmos beziehen kann, da£ er sich aus
den Gedanken ein ganzes Gedankengebaude bilden kann?
Das ist nur das Ergebnis dessen, wie der Mensch im
Kosmos drinnensteht. Und wenn wir nun die Gleich-
gewichtslage, in der sich das Tier befindet [in seinem
Verhaltnis zum Kosmos], vergleichen mit der Gleich-
gewichtslage des Menschen, so konnen wir sagen: Wir
haben beim Tier das Gebundensein an die Erdenorgani-
sation und wir haben beim Menschen das Aufgerich-
tetsein, das Herausgehobensein aus der Erdenorgani-
sation. Was wir als selbstandige Gedanken aussprechen,
riihrt davon her, daft wir uns fiir unsere menschliche
Organisation auch eine selbstandige Gleichgewichtslage
erringen.
Es ist also der Akt des Sichhineinstellens in den
Kosmos nicht etwas, was aus dem Organismus selbst
hervorgeht und sich auch beim Tier findet, sondern
etwas, was in diesen menschlichen Organismus selbst
sich hineinbildet und was erst im Laufe der [ersten]
Leben[sjahre] errungen wird, bis in die Organe hinein.
Dadurch kommen wir zu jener Polaritat des Menschen
[gegemiber dem Tier], daft auf der einen Seite der Mensch
aufrechtsteht und einen aufrechten Gang hat, und daft
dieser ganzen kosmischen Position, in der der Mensch
lebt, nun eben alles das angepaftt wird, was sich im
einzelnen bei Mensch und Tier nicht unterscheidet. Und
auf der anderen Seite erscheint im Seelischen dasjenige
als Gedanken, was jetzt uber das sinnlich Angeschaute,
iiber das mit den fiinf Sinnen Wahrgenommene hinaus-
geht, was sich davon losmacht. So wie sich der Mensch
durch seine Stellung zum Kosmos losmacht von der
Erde, ebenso machen sich die Gedanken des Menschen
los von ihrer Gebundenheit an die Sinneswelt, sie werden
in einer gewissen Beziehung frei.
Wir miissen - fur die Anthroposophie ist das wieder-
um eine Sicherheit, hier mochte ich es zunachst mehr als
Postulat hinstellen - wir miissen darin, daft der Mensch
diese durch die aufrechte Stellung seiner Ruckgratachse
bedingte Gleichgewichtslage hat, etwas sehen, was den
Menschen trennt von dem Tiere; und auf der anderen
Seite rmissen wir die besondere Form der Vorstellungs-
welt, der Gedanken, als das spezifisch Menschliche an-
sehen. Aber gerade der, der solche Dinge vom anthro-
posophischen Standpunkte aus durchschaut - das wird
mehr oder weniger noch zur Sprache kommen kon-
nen -, der sieht, wie der Mensch durch die besondere
Ausbildung seines Gleichgewichtssinnes und seines Be-
wegungssinnes auch mehr zu einem freien Gedankensy-
stem kommt, als das [bei dem Erleben durch] Augen und
Ohren der Fall ist, und der wird auch einsehen, daft der
Mensch nun dafur auch eine innere Organisation haben
mufi. Der Mensch hat einfach eine Organisation in sich,
die beim Tier noch nicht zu finden ist - das kann durchaus
auch einmal materiell nachgewiesen werden -, die einfach
derjenigen Form der Gedanken dient, die sich losgeris-
sen hat von der [Gebundenheit an die Erde] wie beim
Tier, und die durch die besondere Gleichgewichtslage
beim Menschen bedingt ist. Wir konnen also sagen:
Indem der Mensch sich aufrichtet, schafft er sich ein
Organ fur die abstrakten Gedanken.
Und so haben wir beim Menschen die durch seine
aufrechte Lage bedingte Organisation, die zunachst nichts
anderes zeigt, als daft die Organe, die beim Tier auch da
sind, eine andere Lage haben; aber durch diese aufrechte
Lage wird in der Nerven- und Blutorganisation bewirkt,
daft unter dem Einfluft dieser anderen Gleichgewichtslage
im Menschen etwas auftritt, was das Tier nicht haben
kann. Da finden wir das, was den Menschen biologisch
vom Tier unterscheidet. Wir finden diesen Zusammen-
hang wirklich in der physischen Organisation des Men-
schen und nicht in einem bloften Dynamismus. Das ist
von fundamentaler Bedeutung. Stellen Sie sich nur ein-
mal die Umbildung der Organisation vor, die geschieht
durch die Veranderung der Gleichgewichtslage, wie sie
beim Tier ist, in die Gleichgewichtslage des Menschen,
was sich da andert zum Beispiel in bezug auf die Ober-
imd Unterschenkel, die Hande und so weiter. [Stellen Sie
sich einmal vor, was es bedeutet], daft der Mensch ein
Zweihander ist und kein Vierfiiftler. Der Mensch ist
zwar mit denselben Formen ausgestattet wie das Tier,
aber er hat sie in einer anderen Lage und dadurch in
veranderten, metamorphosierten Formen. Das wird auch
einmal anatomisch nachgewiesen werden konnen, wenn
die notwendigen Werkzeuge und Experimentiermetho-
den ausgebildet sein werden. Wir suchen nach solchen
Werkzeugen und Experimentiermethoden in unseren
Instituten in Stuttgart. Man mufi allerdings, um diese
Methoden auch aufterlich empirisch zu find en, zuerst
durch imaginatives Anschauen darauf gekommen sein,
[wo die Unterschiede liegen]. Daher ist die Anthroposo-
phie in bezug auf [die Erforschung] der feineren Gebiete
der Menschen-, Tier- und Pflanzenformen der Wissen-
schaft durchaus nicht unniitz, denn die Wissenschaft
kann die Dinge nicht durch Imagination finden. Sind sie
aber gefunden, dann konnen sie auch [durch die Wis-
senschaft] verifiziert werden.
Wenn man darauf schaut, wie eine andere Gleichge-
wichtslage die Organe umbildet, so findet man auch, daft
bestimmte Organe so umgeandert werden, daft sie zum
menschlichen Sprachorgan werden, daft der Organismus
sprachschopferisch wird.
Damit haben Sie nun eine Einsicht gewonnen in die
besondere Organisation des Menschen, die einfach da-
durch entsteht, daft er ein aufrechtgehendes Wesen ist,
was sogar bis ins Materielle hinein Folgen hat. Auch in
bezug auf den physiologischen Sprachorganismus haben
Sie etwas gegeben - auch wo man einen aufieren mor-
phologischen Unterschied zwischen Mensch und Tier
nicht festsetzen kann -, was doch eine Differenzierung
zwischen Mensch und Tier in biologischer Beziehung
zeigt.
Dies sind einige Anregungen, die den Weg angeben
konnen, wie das, was in einer aufSeren, laienhaften Weise
gesucht wird, auch auf einem wirklich wissenschaftli-
chen Wege untersucht werden kann. Ich konnte das, was
ich sagen wollte, hier nur skizzieren. Aber denken Sie
sich [diese Gedanken] weiter fortgesetzt, so ergibt sich
fur die Wissenschaft tatsachlich ein Weg, um die Unter-
schiede zwischen der tierischen und der menschlichen
Organisation in biologischer Beziehung zu [erforschen].
DRITTER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE UND PHILOSOPHIE
Berlin, 7. Marz 1922
Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist immer schwer,
wenn man mit einem ernsten wissenschaftlichen Gewis-
sen den iiberkommenen Ausdruck «Logos» in irgendei-
ne der neueren Sprachen iibersetzen will. Wir sagen ja,
wenn wir «Logos» iibersetzen, gewohnlich «Wort», wie
das fiir die Bibel iiblich ist. Wir denken aber, wenn wir
zum Beispiel die «Logik» im Sinne haben, nicht so sehr
an das «Wort», sondern wir denken dann an den «Ge-
danken», wie er in den menschlichen Individuen wirkt
und seine Gesetzmafiigkeiten hat. Doch wenn wir von
«Philologie» reden, so haben wir wiederum das Bewufit-
sein: Wir entwickeln eine Wissenschaft, die sich auf das
Wort bezieht. Ich mochte sagen: Gerade heute ist das,
was nach neuerem Sprachgebrauch in dem Wort « Logos »
enthalten ist, im Grunde genommen in allem Philoso-
phischen drinnen. Und wenn wir von «Philosophie»
sprechen, dann konnen wir in dem, was wir dabei nicht
so sehr definieren als erleben, gar wohl empfinden, wie
ein Abglanz dieses unbestimmten Erlebnisses gegeniiber
dem Logos in all dem enthalten ist, was wir bei «Philo-
sophie» fiihlen.
Philosophic deutet ja dem Wortlaute nach - was aber
zweifellos damals, als Philosophic entstand, etwas mehr
als nur Wortlaut war deutet ja auf ein ganz bestimm-
tes inneres Erlebnis des Menschen; das Wort Philo-
sophie deutet darauf, dafi der Mensch an dem, was dem
Logos verwandt ist, «Sophia», ein bestimmtes, man
mochte sagen, wenn auch nicht ein personliches, so doch
ein allgemein menschliches Interesse hat. Es deutet das
Wort Philosophic weniger unmittelbar auf den Besitz
eines Wissenschaftlichen hin, als auf ein inneres Verhalten
des Menschen zu dem weisheitsvollen Inhalt des Wis-
senschaftlichen. Da unser Gefiihl gegemiber der Philo-
sophic heute nicht mehr so ganz sicher ist wie in den
Zeiten, als Philosophic auf der einen Seite fast zusam-
menfiel mit, ich will nicht sagen mit Wissenschaft, aber
mit wissenschaftlichem Streben, und auf der anderen
Seite etwas war, was auf ein inneres menschliches Ver-
halten hindeutete, haben wir heute ein aufterordentlich
unbestimmtes Erlebnis, wenn wir von Philosophic spre-
chen oder uns in Philosophic betatigen. Dieses unbe-
stimmte Erlebnis ist aber aufierordentlich schwer aus
den Tiefen des Bewuikseins heraufzuheben, wenn man
das auf eine blofi dialektische oder auch aufierlich defi-
nierende Weise versucht, und nicht einzugehen versucht
auf das, was gegeniiber der Philosophic menschliches
Erleben im Laufe der geschichtlichen Entwicklung war.
Zu einer solchen Betrachtung fordert ja die Gegenwart
ganz besonders heraus.
Blicken wir als mitteleuropaische Menschen um eini-
ge Jahrzehnte zuriick, so war eigentlich das Hineinleben
in die Philosophic fur den Menschen, der ein solches
Einleben suchte, gerade in Mitteleuropa noch etwas an-
deres, als es heute im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhun-
derts ist, wo wir ja im Grunde genommen nicht nur
aufterlich physisch, sondern gerade geistig wirklich so
viel durchlebt haben, wie friiher - man darf das ruhig
aussprechen - in Jahrhunderten erlebt worden ist. Und
wenn man zuriickblickt auf die Erlebnisse, die ein -
wenn ich mich des pedantisch-philistrosen Ausdruckes
bedienen darf - Philosophie-Beflissener so in den 50er,
60er, 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, vielleicht auch
noch spater, als Mitteleuropaer haben konnte, so sind es
im wesentlichen diese: Man blickte zuriick auf die Bliite-
zeit deutscher philosophischer Entwicklung, man blickte
zuriick auf die grofie Philosophenzeit Fichtes, Schellings,
Hegels; man hatte um sich eine gebildete und gelehrte
Welt, welche diese Philosophenzeit als etwas durchaus
Abgetanes betrachtete und welche in der heraufkom-
menden naturwissenschaftlichen Weltanschauung dasje-
nige sah, was an die Stelle friiherer philosophischer Be-
trachtungen treten sollte. Man bewunderte die Grofie
der Gedankenerhebung, wie sie bei einem Schelling
hervortrat, man bewunderte die Energie und die Kraft
Fichtescher Gedankenentwicklung, man hatte vielleicht
auch ein Gefiihl fur das rein Umfassende, Scharfsinnige
Hegelschen Denkens, aber man betrachtete mehr oder
weniger dieses klassische Zeitalter deutscher Philosophic
doch als etwas Uberwundenes.
Und daneben gab es dann die Bestrebung, aus der
Naturwissenschaft heraus etwas zu entwickeln, was eine
allgemeine Weltanschauung werden sollte, von den Be-
strebungen der « Kraft- und Stoff-Menschen» bis zu den-
jenigen, die vorsichtiger aus naturwissenschaftlichen
Begriffen heraus zu einer philosophischen Weltanschau-
ung kommen wollten, die aber die ehemalige idealisti-
sche Philosophic eben ablehnten. Es gab alle Nuancen
von Denken und Forschen auf diesem Gebiete.
Und dann gab es eine dritte Sorte von Denkern auf
diesem Gebiete, die konnten nicht mitgehen mit dem
bloften naturwissenschaftlichen Begninden einer Welt-
anschauung, aber sie konnten auf der anderen Seite auch
wieder nicht hineintauchen in das real Gedankliche, wie
es etwa bei Hegel gegeben ist. Fur diese entstand die
grofie Frage: Wie kann sich der Mensch mit seinem
Denken, das er als etwas ausbildet, das nur in ihm selber
Hegt, in ein Verhaltnis zur Objektivitat, zur Aufienwelt
setzen? - Es waren die Erkenntnistheoretiker der ver-
schiedenen Nuancen, welche in dem Ruf «zuriick zu
Kant» iibereinstimmten, aber diesen Weg zu Kant in der
verschiedensten Weise einschlugen; es waren scharfsin-
nige Denker wie etwa Liebmann, Volkelt und so weiter,
die aber im Grunde genommen doch innerhalb des Er-
kenntnistheoretischen blieben und nicht iiber die Frage
hinauskamen: Wie soli der Mensch mit dem, was er
gedanklich, vorstellungsgemafi in sich tragt, die Briicke
schlagen zu einer trans sub jektiven, aufterhalb des Men-
schen bestehenden Realitat?
Was ich Ihnen hier als eine Situation schildere, die der
Philosophie-Beflissene etwa im letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts vorfand, hat zu keinerlei Art von Losung
gefuhrt. Das war gewissermafien die Mitte eines Dramas
oder irgendeines in der Zeit verlaufenden Kunstwerkes,
zu dem kein Ende hinzugefunden worden ist. Es liefen
diese Bestrebungen mehr oder weniger ins Unbestimmte
aus. Sie liefen aus in eine grofte Anzahl von Fragen, und
iiberall fehlte im Grunde genommen der Mut, gegeniiber
diesen Fragen auch nur das Streben nach Losungsversu-
chen zu entwickeln.
Heute nimmt sich die Situation in der ganzen philo-
sophischen Welt so aus, daft man sie gar nicht mehr so
schildern kann, wie ich jetzt eben die Situation vom
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dargestellt habe,
wenn man die Wirklichkeit treffen will. Heute sind vor
unserem Blick philosophische Gesichtspunkte aufge-
taucht, welche, ich mochte sagen, aus ganz anderen
Untergriinden emporgestiegen sind, und die notwendig
machen, dafi wir heute die philosophische Situation in
einer ganz anderen Weise charakterisieren. Heute tritt,
wenn wir die philosophische Situation charakterisieren
wollen, scharf vor unser Seelenauge dasjenige, wofur ja
unser Blick im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts
so sehr gescharft werden konnte, namlich die vonein-
ander so stark differierenden philosophischen Weltan-
schauungen des Westens, der europaischen Mitte und
des europaischen Ostens. Heute steht in einer anderen
Weise als noch vor kurzer Zeit vor unserem gefuhlsma-
fiigen Erleben des Philosophischen das, was sich etwa
aussprechen kann in den drei Namen: Herbert Spencer -
Hegel - Wladimir Solowjew. Indem wir diese drei Per-
sonlichkeiten vor uns hinstellen, haben wir in ihnen die
Reprasentanten dessen, was heute die philosophische
Situation charakterisieren kann. Innerlich war das ge-
wissermafien schon immer oder seit langer Zeit der Fall,
aber es tritt erst heute die philosophische Situation so
charakteristisch vor unser Seelenauge.
Sehen wir uns einmal den Westen an: Herbert Spen-
cer. Ich mulke naturlich, wenn ich vollstandig sein wollte,
den ganzen Hergang der philosophischen Entwicklung
schildern, wie er von Bacon, Locke iiber Mill zu Spencer
gefuhrt hat; doch das kann heute nicht meine Aufgabe
sein. In Herbert Spencer tritt uns eine Personlichkeit
entgegen, welche Philosophic begriinden will, aber Phi-
losophic begriinden will rein aus Begriffssystemen her-
aus, die an der Naturwissenschaft gewonnen sind. Wir
finden in Spencer eine Personlichkeit, die zu dem Na-
turwissenschaftlichen restlos Ja sagt, und die aus diesem
Jasagen heraus die Konsequenz zieht: Also muE alles
philosophische Denken iiber die Welt aus diesem Na-
turwissenschaftlichen gewonnen werden. So sehen wir,
wie Spencer sucht, in der Naturwissenschaft gewisse
Vorgange in Begriffe zu fassen, zum Beispiel wie ein
fortwahrendes Sichzusammenziehen und Sichausbreiten
der Stoffe stattfindet, ein Differenzieren und Konsoli-
dieren, Er beobachtet das zum Beispiel an der Pflanze,
die in den Blattern sich ausbreitet und sich im Keime
zusammenzieht, und er versucht, solche Begriffe dann in
klare naturwissenschaftliche Formen zu bringen und
damit eine Weltanschauung auf zubauen. Und er versucht
sogar, die menschliche Gesellschaft selber, den sozialen
Organismus, nur so zu denken, dafi dieses Denken eine
Analogie bietet zu dem natiirlichen Organismus. Da
kommt er aber sogleich in die Enge. Der natiirliche
Organismus des Menschen ist gebunden an den Zusam-
menflufi alles dessen, wodurch dieser Organismus mit
der Aufienwelt in ein Verhaltnis tritt, durch Wahrneh-
mungen, durch Vorstellungen und so weiter. Der einzelne
natiirliche Organismus ist gebunden an das, was sich
unter dem EinfluE des Sensoriums entwickeln kann.
In dem gesellschaftlichen Organismus findet Herbert
Spencer ein solches Sensorium nicht, kein irgendwie
zentral zusammenlaufendes Nervensystem. Dennoch
konstruiert er einen solchen gesellschaftlichen Organis-
mus und findet darin gewissermafien die Kronung seines
philosophischen Gebaudes, das ganz auf Naturwissen-
schaft aufgebaut ist.
Was liegt damit eigentlich in diesem Westen vor? Da
liegt vor, dafi dort gerade der naturwissenschaftliche
Gedanke in seiner vollen, seiner berechtigten Einseitig-
keit sich entwickelt hat. Da liegt vor, dafi aus den ur-
spriinglichen Volkeranlagen heraus feinste Beobach-
tungsgabe und Experimentiertalent sich entwickelt ha-
ben. Da liegt vor, daft ein Interesse vorhanden ist, die
Welt des aufierlich Sinnlich-Wirklichen in den kleinsten
Einzelheiten zu beobachten, ohne dabei etwa ungedul-
dig zu werden und auf steigen zu wollen zu irgendwelchen
zusammenfassenden Begriffen. Da liegt aber auch vor
ein Hang, mit der Wissenschaft stehenzubleiben innerhalb
dieser aufteren sinnlichen Tatsachenwelt. Da liegt das
vor, was ich nennen mochte: eine Art Furcht davor, von
der Sinneswelt irgendwie zu einem Zusammenfassenden
aufzusteigen. Da aber der Mensch doch nicht anders
kann, als zu leben in etwas, was auch uber die Sinneswelt
hinausgeht, was dem Menschen nicht einfach durch die
Sinne gegeben wird, so tritt hier im Westen die Er-
scheinung hervor, daft die gesamte geistige Welt restlos
iibergeben sein soli dem individuellen Glauben des ein-
zelnen, und daft dieser Glaube frei von allem wissen-
schaftlichen Einflufi sich entwickeln soli. Was Inhalt des
Religiosen ist, das will sich der Mensch nicht antasten
lassen von dem, was er wissenschaftlich erkundet. So
sehen wir, daft bei Herbert Spencer, der in seiner Art
ganz konsequent die naturwissenschaftliche Denkweise
herauffuhrt bis in die Soziologie hinein, streng [getrennt]
vorhanden ist, auf der einen Seite die Wissenschaft, die
ganz naturwissenschaftlich verlaufen soil, und auf der
anderen Seite fiir den Menschen ein geistiger Inhalt, mit
dem Wissenschaft sich mchts zu schaffen machen soil.
Gehen wir nun von Herbert Spencer zu dem, was uns
bei Hegel entgegentritt. Es verschlagt nichts, daft Hegel,
der dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts angehorte,
im zweiten Drittel fiir das mitteleuropaische Philoso-
phieren mehr oder weniger als iiberwunden gait, denn
was fur Mitteleuropa charakteristisch ist, das ist doch am
bedeutsamsten gerade bei Hegel zum Vorschein gekom-
men. Sehen wir uns Hegel an: Schon in seiner, ich mochte
sagen, gefuhlsmafiigen Veranlagung liegt eine gewisse
Abneigung gegen diese universalistische naturwissen-
schaftliche Art, mit der Weltanschauung so zu verfah-
ren, wie sie im Westen ausgestaltet wird durch Herbert
Spencer, aber sich selbstverstandlich vorbereitet hat durch
dessen Vorganger, sowohl die Naturforscher wie auch
die Philosophen. Wir sehen bei Hegel, wie er zum Bei-
spiel Newton nicht leiden kann, wie ihm die besondere
Art, das Weltall nur mechamstisch zu denken, unsym-
pathisch ist, wie er Newton ablehnt nicht etwa blo£ in
bezug auf die Farbenlehre, sondern auch als Interpreten
des Kosmos. Hegel gibt sich Miine, zu den Keplerschen
Formeln iiber die Planetenbewegungen zuriickzukeh-
ren; er analysiert die Keplerschen Formeln iiber die
Planetenbewegungen und findet fur sich, dafi Newton
eigentlich gar nichts hinzugefugt hat, sondern dafi in den
Keplerschen Formeln schon das ganze Gravitationsge-
setz drinnenliegt. Und das ubernimmt er aus dem Grunde,
weil er aus dem, was bei Kepler mehr aus geistigem
Erleben kommt, ein wissenschaftliches Denken hervor-
gehen sieht, das umfassend ist und das das aufiere Natur-
wissenschaftliche vom Geiste aus begreiflich zu machen
versucht. Kepler ist fur Hegel einfach die Personlichkeit,
die imstande ist, in den Geist auch mit dem Denken
einzudringen und eine Briicke zu schlagen zwischen
dem, was wissenschaftlich erkannt wird, und dem, was
nach der Meinung des Westens blofi geglaubt werden
soli, der also imstande ist, die Wissenschaft heraufzutra-
gen in das Gebiet, das fur den Westen vermeintliches
Gebiet des Glaubens ist.
Aus diesem Grunde lehnt Hegel, ganz im Einklang
mit Goethe, die Newtonsche Farbenlehre streng ab.
Uberall sehen wir in der Hegelschen Anlage eine Art
Antipathie gegen das, was bei Newton aus dessen An-
lagen heraus ganz naturlich ist. Dafiir ist bei Hegel ein
entschiedenes Talent vorhanden, ganz in dem Gedank-
lichen selber zu leben. Fur Hegel war das einfach selbst-
verstandlich, was Goethe gegeniiber Schiller sagte: «Ich
sehe meine Ideen mit Augen». Das ist scheinbar eine
Naivitat, allein, solche Naivitaten nehmen sich oftmals,
richtig betrachtet, als die tiefste philosophische Weisheit
aus. Hegel wiirde einfach nicht verstanden haben, wie
man behaupten konne, die Idee des Dreiecks sei nicht zu
fassen, denn Hegels Leben verlief eigentlich ganz - wenn
ich mich so ausdriicken darf - auf dem Plan des Gedan-
kens. Fur ihn war auch eine hohere Offenbarungswelt,
eine Welt hoherer Geistigkeit dadurch vorhanden, dafi
sie gewissermafien ihre Schattenbilder auf eine Flache
wirft, die von Gedanken ausgefiillt ist. Von oben her
wirft die geistige Welt ihre Schattenbilder auf die Flache
der menschhchen Seele, auf der der menschliche Gedan-
ke sich entwickelt. Dadurch kommt fur Hegel der Begriff
des hoheren Geistigen zustande, da$ es auf der Flache
der Seele sich abschattet als Gedanken. Hegel ist dazu
veranlagt, diese Gedanken voll als Geistiges zu erleben,
und er erlebt auch das naturliche Geschehen nicht in
seiner elementaren Gegenwart, sondern sieht es in den
Gedankenbildern, die es auf die Flache der Seele gewor-
fen hat.
So wird es in Hegels Philosophic zur Unmoglich-
keit, in jener aufterlichen Weise Wissen und Glauben
voneinander zu trennen, wie es dem Westen ganz
naturlich ist. Fur Hegel wird zur Lebensaufgabe die
Vereinigung der geistigen Welt, die der Westen einfach
aus seinen Anlagen heraus in das blofie Glaubensgebiet
verweisen will, mit der sinnlich-physischen Welt, zu
einer solchen Welt, von der man wissen kann. Hier ist
nicht mehr Wissen auf der einen Seite, Glauben auf der
anderen Seite; hier ist der Menschenseele das grofie,
bedeutsame Problem gestellt: Wie findet man im in-
neren Erleben selbst die Briicke zwischen Glauben und
Wissen, zwischen Geist und Natur? Aber es war
gewissermaften das Tragische in Hegel, daft er das, was
er in so grandioser Weise als ein Problem aufzuwerfen
verstand, eigentlich nur sah sozusagen in bezug auf die
Flache des Gedankens, daft er zwar die innere Kraft,
die innere Lebendigkeit des Gedankens zu erleben
verstand, aber vom Inhalte des Gedankens nichts
Lebendiges erfassen konnte, Nehmen Sie die Hegelsche
Logik: Wiederum zuriickgehen will er zum alten Begriff
des Logos! Er fiihlt: Wenn wir iiberhaupt einen realen
Begriff vom Logos haben wollen, dann muE der Logos
etwas sein, was nicht bloft als ein Gedachtes, sondern
als ein real Wirkendes die Welt durchflutet und
durchlebt. Fur ihn ist der Logos nicht nur abstrakt-
logischer Inhalt, sondern fur ihn wird er realer Welt-
inhalt. Sehen wir uns seine «Logik» an, den einen der
drei Teile von Hegels Philosophic: Sie enthalt nur
abstrakte Begriffe! Und so steht, so furchtbar ergreifend
fur den, der mit seinem ganzen Menschen auf die
Hegelsche Philosophic einzugehen weift, auf der einen
Seite Hegels so grundrichtige Empfindung: Durch das,
was in dem Logos erfafk werden kann, mufi eingedrun-
gen werden in das schopferische Prinzip der Welt. Der
Logos mufi sein «Gott vor der Erschaffung der Welt»
- ein Hegelscher Ausdruck!
Dies auf der einen Seite. Und wie wird auf der ande-
ren Seite dieser Logos von Hegel selbst entwickelt? Er
beginnt beim «Sein», kommt zu dem «Nichts», zu dem
«Werden», zu dem «Dasein». Er kommt zu der Kausali-
tat, dem Zweck, zu der Teleologie. Man sehe sich die
ganzen Begriffe in der Hegelschen Logik an und frage
sich: 1st das dasjenige, was «vor dem Beginn der Schop-
fung als der Inhalt des G6ttlichen» da sein konnte? Es ist
abstrakte Logik, Forderung des Schopferischen, der
Logos als Postulat, aber als rein menschliches Gedan-
kenpostulat! Man empfinde diese Tragik, die darin liegt!
Und man empfinde dann weiter die Tragik, die darin
liegt, daft die Hegelsche Philosophic als iiberwunden
gait! Sie enthalt aber Momente, aus denen in der Tat
neues Leben sprie£en kann. Sie enthalt Keime. Hegel hat
sein Heil gesehen in dem: Sein - Nichts - Werden -
Dasein. Wenn aber heute die Leute Hegel zugefuhrt
bekommen, dann sagen sie: Das ist eine alte Schwarte,
darauf brauchen wir uns nicht einzulassen. - Wenn man
es aber unternimmt, sich durch einen inneren Seelen-
prozefi darauf einzulassen, den Begriff innerlich zu er-
leben, wie ihn Hegel zu erleben suchte, dann schwinden
alle Begriffe von Empirie und Rationalismus, dann wird
der Gedanke erfahren und das Erfahrene unmittelbar
gedacht. Da wird der Gedanke zum Erlebnis und das
Erlebnis zum reinen Gedanken. Wer das mitmacht, der
empfindet das Bestreben, den Gedanken aus der Ab-
straktheit zu erlosen, und die Hegelsche Logik als den
Keim dazu, daft aus dem Gedanken etwas ganz anderes
werden kann, wenn er sich lebendig ausgestaltet. Mir
erscheint oft Hegels Logik als der Keim einer Pflanze,
dem man kaum ansieht, was er werden kann, der aber
doch die mannigfaltigsten Anlagen in sich tragt. Und mir
scheint, wenn dieser Keim wachst, wenn ihn der Mensch
liebevoll pflegt und in den seelischen Boden einsetzt
durch anthroposophische Forschung, dann entsteht ge-
rade das, dafi der Gedanke nicht nur gedacht, sondern als
Realitat erlebt werden kann. Da haben wir das Mittel-
europaische.
Gehen wir nun zum Osten, so haben wir in Wladimir
Solowjew einen Mann vor uns, der wie kein anderer
Philosoph dazu berufen ist, immer mehr nun auch ein
Inhalt unseres eigenen philosophischen Strebens zu
werden, der uns so wichtig werden mufi, indem wir seine
besondere Charaktereigentumlichkeit auf uns wirken
lassen. Wir sehen in Solowjew zugleich den Reprasen-
tanten dessen, was europaisch-ostliche Denkweise ist,
die aber nicht die orientalisch-asiatische ist. Solowieff
hat ja alles Europaische aufgenommen, er hat es nur in
seiner besonderen ostlichen Art entwickelt. Aber was
sehen wir da sich entwickeln in bezug auf menschliches
wissenschaftliches Streben? Da sehen wir, wie eigentlich
gerade jene Denkweise, auf die der Westen bei Herbert
Spencer das meiste gibt, etwas ist, auf das Solowjew im
Grunde genommen hinunterschaut, an dem er hochstens
die Wahrheiten und Erkenntnisse, die er sucht, sozusa-
gen illustriert. Dagegen ist das, was er auseinandersetzt,
ein voiles Erleben in der Geistigkeit selbst. Es tritt bei
ihm nicht mit dem vollen Bewufitsein hervor; es tritt
mehr atavistisch, unbewufk hervor, aber es ist ein Erle-
ben in der Geistigkeit selbst. Es ist der mehr oder weniger
traumhafte Versuch, wissentlich das zu erleben, was der
Westen - wiederum ganz bewufit - in das Gebiet des
Glaubens versetzt. Und so finden wir im Osten eine
Auseinandersetzung mit dem, was in unbestimmter Weise
erlebt werden kann, was sich etwa ausnimmt wie ein
einseitiges Erleben dessen, zu dem Hegel als der Geistig-
keit der Welt von dem natiirlichen Dasein aus die Briicke
hiniiberschlagen wollte.
Vertieft sich heute jemand, der aus mitteleuropa-
ischer Geistesbildung hervorgegangen ist, in Solowjew,
so hat er zunachst ein aufierordentlich unbehagliches
Gefuhl. Er empfindet etwas, was ihn erinnert an man-
ches nebelhaft Mystische, an Uberhitztes im menschlichen
Seelenleben, das nicht zu solchen Begriffen kommt, die
sich aufierlich durch irgend etwas restlos belegen lassen,
sondern die nur innerlich erlebt werden konnen. Er
empfindet das vollstandig Unbestimmte des mystischen
Erlebens, aber er findet auch, dafi Solowjew sich durch-
aus derjenigen Begriffsformen und Ausdrucksmittel be-
dient, die wir kennen, Hegelscher, Humescher, Millscher,
sogar solcher, die spencerisch sind - aber nur als Illu-
stration. So kann man durchaus sagen, dafi er nicht im
Nebulosen stehenbleibt, sondern daft er durch die Art,
wie er das Religiose als Wissenschaft behandelt, wie er es
in allem sucht und als Philosophic entfaltet, durchaus an
den philosophischen Begriffsentwicklungen des Westens
gemessen und kritisiert werden kann.
So sehen wir uns heute vor der Situation: Im Westen
das Bestreben, aus der Naturwissenschaft heraus eine
Weltanschauung zu gewinnen, das Naturwissenschaft-
liche auf die eine Seite zu stellen, das Geistige auf die
andere Seite, und in der Mitte zu ringen mit dem Pro-
blem, die Briicke zwischen beiden zu schlagen und das in
den unbestimmten Ausdrucken, die Hegel gebraucht
hat: «Die Natur ist der Geist in seinem Anderssein»,
«Der Geist ist der Begriff, wenn er wieder zu sich zu-
riickgekehrt ist». In alien diesen stammelnden Ausdriik-
ken liegt die Tragik, dafi Hegel nur an der Pflege des
abstrakten Gedankens das erleben konnte, nach dem er
eigentlich strebte. Und dann sehen wir im Osten, bei
Solowjew, etwa die Art noch bewahrt, wie wohl die
Kirchenvater in bezug auf Philosophic geredet haben
mochten vor dem Konzil zu Nicaa. Er versetzt uns
vollstandig zuriick in die drei ersten nachchristlichen
Jahrhunderte des Abendlandes. So haben wir im Osten
ein Erleben der geistigen Welt, das sich noch nicht auf-
schwingen kann zu selbsteigenen begrifflichen Formu-
lierungen, das die westlichen Formulierungen, die west-
lichen Begriffe gebraucht, um sich auszusprechen, und
dem daher die Formulierungen etwas Unbestimmtes,
sogar etwas Aufgedrangtes, Fremdes bleiben.
So sehen wir also, wie in dreifacher Art das philo-
sophische Weltbild sich entfaltet hat. Und indem wir
verfolgen, wie diese dreifache Art eines philosophi-
schen Weltbildes aus den Charakteren und Anlagen der
Menschheit des Westens, der Mitte und des Ostens her-
vorgeht, konnen wir sehen, daft es uns heute obliegen
mufi - da doch Wissenschaft als etwas Einheitliches sich
iiber die ganze Menschheit ausbreiten muft -, etwas zu
find en, was sich erheben kann iiber diese verschiedenen
philosophischen Aspekte, die im Grunde genommen
doch noch aus denjenigen Elementen hervorgehen, wo
die Philosophic noch eine menschlich-personliche An-
gelegenheit war. Wir sehen heute: Auf verschiedene Art
lieben der Westen, die Mitte von Europa und der Osten
die Weisheit. Wir begreifen, daft in alteren Zeiten die
Philosophic noch da sein konnte als eine innere Seelen-
verfassung. Jetzt aber, in der neueren Zeit, wo sich die
Menschen so stark differenziert haben, kommt diese Art,
die Weisheit zu lieben, in mannigfaltigen Weisen zum
Ausdruck. Und vielleicht konnen wir gerade daran er-
kennen, was wir selber zu tun haben, insbesondere, was
wir in der Mitte zu tun haben, wo ja das Problem am
tragischsten und intensivsten aufgeworfen ist, wenn dies
auch heute noch nicht in der gleichen Art vor alien
philosophischen Gemiitern stent.
Wenn ich das bildlich zusammenfassen soil, was ich
ausgefiihrt habe, so mochte ich sagen: In Solowjew spricht
philosophisch gesehen der alte Priester, der in hoheren
Welten lebte und eine Art innerer Fahigkeiten zu ent-
wickeln hatte, in diesen hoheren Welten zu leben; prie-
sterliche Sprache, nur ins Philosophische umgesetzt, fuhlt
man iiberall bei Solowjew. Im Westen, bei Herbert
Spencer, spricht der Weltmann, der sich in die Lebens-
praxis hineinschicken will, der - wie es ja aus der darwi-
nistischen Theorie hervorgehen kann - die Wissenschaft
so ausbilden will, dafi sie die praktische Lebensgrund-
lage ergeben kann. In der Mitte haben wir weder den
Weltmann noch den Priester; Fichte, Schelling, Hegel,
sie sind keine priesterlichen Naturen wie etwa Solowjew.
In der Mitte haben wir den Lehrer, den Volkspadagogen,
und zwar auch da, wo die deutsche Philosophic etwa
hervorgegangen ist aus der religiosen Vertiefung; da ist
der Pastor wiederum zum Lehrer geworden. Das Lehr-
hafte haftet auch der Hegelschen Philosophic an. Und
wir sehen in der neuesten Zeit - etwa bei Oswald
Kiilpe wie die Sache so geworden ist, dafi nun die
Philosophic, als man sie eigentlich schon verloren hatte,
nichts mehr ist als eine Zusammenfassung dessen, was
die einzelnen Wissenschaften geben. Man fragt bei der
unorganischen Naturwissenschaft: was kommen da fur
Begriffe hervor?, man fragt bei der organischen Natur-
wissenschaft: was kommen da fur Begriffe hervor?, bei
der Geschichte, bei der Religionswissenschaft ebenso,
und so weiter. Man sammelt diese Begriffe und bildet
damit aufierlich abstrakt eine Einheit. Ich mochte sagen,
was Gegenstand der Lehre in den einzelnen Wissen-
schaften ist, soil eine Gesamtlehre bilden. Das ist es,
wozu im Grunde genommen die Wissenschaft in der
Mitte nach der ganzen Veranlagung der Menschen gelan-
gen mufke.
Blicken wir zuriick auf das, was da geworden ist, so
sehen wir: Bei Herbert Spencer der unbedingte Glaube
an die Naturwissenschaft, der Glaube, festhalten zu
miissen an dem, was Beobachtung, Experiment und der
reflektierende Verstand, der sich liber Beobachtung und
Experiment hermacht, erleben konnen; und man tauscht
sich dariiber hinweg, welcher Widerspruch darin liegt,
wenn man die so gewonnenen Begriffe hinauftragen will
bis in den sozialen Organismus, und - obwohl dieser das
allerwichtigste Charakteristikon des natiirlichen Orga-
nismus, das Sensorium, nicht hat - ihn dennoch erfassen
will mk denselben Begriffen, die im natiirlichen Dasein
sich ergeben. Wir sehen die Hinneigung zu dem Natur-
wissenschaftlichen so stark, daft Charaktere mogHch
geworden sind, die - wie Newton - einseitig festhalten
an dem Mechanistischen und ihre Seelenbedurfnisse ab-
seits davon befriedigen. Newton hat ja bekanntlich in
ganz einseitig mystischer Weise die Apokalypse zu er-
klaren versucht; also neben seiner wissenschaftlichen
Weltauffassung hatte er seine eigenen mystischen Be-
diirfnisse.
Sehen wir uns zum Beispiel an, was da als Naturwis-
senschaft aufgetreten und nach und nach im Laufe des
19. Jahrhunderts unbewufit in der europaischen Mitte
ubernommen worden ist; denn man hat in der europa-
ischen Mitte die Wissenschaft einfach nach dem Muster
dessen ausgebildet, was westliches naturwissenschaft-
liches Denken war. Man merkte das nicht, aber man
bildete dennoch alles Weltanschauungsdenken nach dem
Muster des Westens aus. Wie wild wurden die Leute,
wenn irgend jemand einmal versuchte, die Goethesche
Denkweise in der Physik gegeniiber der Newtonschen in
Schutz zu nehmen! - Und wie verlief die Entwicklung in
der Biologie? Goethe hat eine Organik begriindet, zu der
ein Einleben in Begriffe in mathematischer Art notwen-
dig ist. Die Zeit drangt, eine Biologie zu gewinnen, die
dem modernen Denken angemessener ist als das, was aus
alten Zeiten heraufgekommen ist. Aber der weitere Fort-
schritt im 19. Jahrhundert hat einmal fur Mitteleuropa
nicht die Goethesche Biologie angenommen, sondern
die des Darwinismus, der von Begriffen durchsetzt ist,
die gegeniiber den Goetheschen sich so ausnehmen wie
die Begriffe des 16. Jahrhunderts gegeniiber denen des
1 8. Jahrhunderts. Einzig und allein in Mitteleuropa hatten
sich einmal die Begriffe fortgebildet; im Westen ist man
bei denjenigen Begriffen geblieben, die ausreichten fur
das Naturbegreifen. So kommt es, daft gewisse Begriffe
im Westen einfach nicht vorhanden sind und dafi sie, als
man in Mitteleuropa das westliche Denken iibernommen
hat, einfach verlorengingen. Zum Beispiel der Gedanke,
der lebendige Gedanke, der Begriff des Erfassens einer
Wirklichkeit, abgesondert von einem Empirischen, wie
er bei Hegel zum Vorschein gekommen ist, ist einfach in
Mitteleuropa heute nicht vorhanden; er ging deshalb
verloren, weil das mitteleuropaische Denken vom west-
lichen Denken iiberflutet worden ist.
So haben wir in Mitteleuropa die Aufgabe, hinzu-
schauen auf das, was naturwissenschafthche Denkweise
sein kann. Dem Anthroposophen wird es iibel genom-
men, wenn er diese naturwissenschaftliche Denkweise
mit ebensolcher Liebe pflegt wie der Naturforscher sel-
ber. Nichts, gar nichts soli gegen die naturwissenschaft-
liche Denkweise von mir gesagt werden; es ist nur ein
Mifiverstandnis, wenn man dies glaubt. Aber ich mufi
naturwissenschaftliche Denkweise eben in ihrer Reinheit
sehen und dann auch versuchen, sie in ihrer Reinheit zu
charakterisieren. Und da stellen sich fur den, der unbe-
fangen der naturwissenschaftlichen Denkweise gegen-
iibersteht, die Dinge, die diese selbst darstellt - so wie
etwa die westlichen Forscher sie dargestellt haben, wie es
Haeckel in einer genialen Weise getan hat -, da stellen
sich diese Ergebnisse westlicher Forschungsart, wenn
man sie so lafit und nicht philosophisch umdeutet, nicht
als Losungen, nicht als Antworten dar, sondern sie stellen
sich iiberall als Fragen dar. Die ganze Naturwissenschaft
wird nach und nach fur den Unbefangenen nicht zu einer
Antwort auf Fragen, sondern sie wird zur grofien Wel-
tenfrage selbst. Uberall empfindet man: Was gerade in
der schonsten Weise durch diese Naturwissenschaft er-
forscht wird - meinetwillen bis zur Atomtheorie, die ich
auch nicht negiere, sondern nur an ihren richtigen Platz
stellen will -, das alles wird zu Fragen, und aus dem
Westen spricht eine grofie Fragestellung zu uns. Woher
riihrt diese Fragestellung?
Wenn wir den Blick in die Aufienwelt lenken und uns
blofi der Wahrnehmung des Gegebenen zuwenden, so
haben wir darin keine voile Wirklichkeit. Wir werden als
Menschen hineingeboren in die Welt, sind so konstitu-
iert, wie wir es schon einmal sind, nehmen einen Teil der
Wirklichkeit fur unsere Anschauung in unser eigenes
Innere herein, schauen dann die Auftenwelt, das Sinnlich-
Gegebene an - und es fehlt uns in unserer Anschauung
derjenige Teil der Wirklichkeit, der in uns lebt, den wir
nur durch menschliches Ringen verbinden konnen mit
der andern halben Wirklichkeit, die uns von auften ent-
gegenschaut. Blicken wir nach dem Westen, so sehen wir
dort die halbe Wirklichkeit mit besonderer Hingebung
erforscht; aber sie liefert nur eine Summe von Fragen,
weil sie halbe Wirklichkeit ist. So tritt uns auf der einen
Seite die eine Halfte der Wirklichkeit, das Gegebene
entgegen; schaut man es richtig an, so wird es zur Frage.
In Mitteleuropa empfand man das Fragenhafte, das die
westliche Denkweise geben kann, und man versuchte
durchzustoften bis zum Gedanken. Das ist die Hegelsche
Philosophic
Im Osten empfand man das, was iiber dem Gedanken
lebt, was zum Gedanken hinunterwirkt; aber man kam
nicht dazu, es selbst so weit zum Leben zu erwecken,
daft sozusagen das Fleisch auch ein Knochensystem er-
hielt. Solowjew war fahig, in seiner Philosophie Fleisch,
Muskeln, auch Blut zu entwickeln - aber das Knochen-
geriist fehlt. Und daher nahm er die Hegelschen Begriffe,
die Humeschen und andere und bildete damit dem, was
er zu sagen hatte, ein fremdes Knochensystem ein. Erst
wenn man in der Lage ist, nicht mehr ein fremdes Kno-
chensystem zu gebrauchen, dann verwandelt sich das,
was im Geistigen erlebt werden kann. So aber, wie es
etwa bei Solowjew auf tritt, fuhrt es ein schattenhaftes
Dasein, weil es sich nicht zum Knochensystem durchbil-
den und dadurch anschaulich werden kann. Wenn man
dabei nicht stehenbleiben will, sich nur aufterlich ein
Knochensystem zu entwickeln, sondern in der Geistig-
keit lebt und sich vorbereitet durch starke geistige Ar-
beit, dann entwickelt man fur das geistige Erleben selbst
das innere Knochensystem, man entwickelt die Begriffe,
die man dazu braucht. Dazu sollen jene Ubungen sein,
die zum Beispiel in meinen Schriften «Geheimwissen-
schaft», «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» und anderen gegeben sind. Da entwickelt man
das, was nun wirklich zu einem inneren Begriffsorga-
nismus werden kann. Das ist dann die andere Seite der
Wirklichkeit, und diese Seite der Wirklichkeit hat ihre
Keime in der ostlichen Philosophic Solowjews.
In Mitteleuropa gab es immer nur das grofie Problem:
zwischen Natur und Geist die Briicke zu schlagen. Es
ist fur uns zu gleicher Zeit ein bedeutsames historisches
Problem geworden: die Briicke zu schlagen zwischen
West und Ost, und diese Aufgabe mull heute vor uns
stehen in der Philosophic Diese Aufgabe fiihrt aber
zugleich hinein in die Anthroposophie. Wird die An-
throposophie innerlich fahig, sich selber in dem Gedan-
kenerleben lebendige Gestalt zu geben, dann darf sie
auch auf der anderen Seite ganz materialistisch die
natiirliche Wirklichkeit erleben, wie man sie im Westen
erlebt; denn dann wird nicht durch abstrakte Begriffe,
sondern im lebendigen Wissenschaftsringen die Briicke
gebaut zwischen dem bloften Glauben und dem Wissen,
zwischen dem Erkennen und der subjektiven Gewiftheit.
Dann wird aus der Philosophic eine wirkliche Anthro-
posophie entwickelt, und die Philosophic kann jederzeit
von dieser lebendigen Wissenschaft befruchtet werden.
Das wird die Hegelsche Philosophic erst wieder zum
Leben erwecken konnen, wenn ihr durch das anthro-
posophische Erleben Lebensblut geistiger Art zugefiihrt
wird. Dann wird nicht mehr eine Logik dastehen, die
so abstrakt ist, daft sie nicht der «Geist jenseits der
Natur» sein kann, wie Hegel wollte, sondern daft sie
das wirklich sein kann, indem dann nicht der abstrakte,
sondern der lebendige Geist von der Philosophic erfafk
wird.
Das gab der Anthroposophie zunachst die Aufgabe,
zu untersuchen: Wie mufi gemaft unserem heutigen
Standpunkte, der nun wiederum Jahrzehnte hinter He-
gel liegt, die Brucke geschlagen werden zwischen dem,
was wir Wahrheit nennen auf der einen Seite, die die
voile Wirklichkeit umfassen mufi, und dem, was wir
Wissenschaft nennen auf der anderen Seite, die nun auch
die voile Wirklichkeit umfassen mufi. Kurz, es mufite
das Problem gestellt werden - und das ist das wichtigste
aus der Anthroposophie hervorgehende philosophische
Problem: Welches ist die Beziehung zwischen Wahrheit
und Wissenschaft?
Dieses Problem mochte ich in der Einleitung heute
an die Spitze derjenigen Betrachtung gestellt haben, von
der ich glaube, dafi sie nun folgen wird.
VIERTER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE
UND ERZIEHUNGSWISSENSCHAFT
Berlin, 8. Marz 1922
Meine sehr verehrten Anwesenden! Es wird anthroposo-
phischer Weltanschauung in begreiflicher Weise immer
der Vorwurf gemacht, dafi sie ihre Ideen, ihre Ergebnisse
verkiindet auf der Grundlage von Forschungen, zu de-
nen die Fahigkeiten im Menschen erst herangebildet
werden miissen, dafi also Forschungsergebnisse der An-
throposophie nicht von vornherein von jedem nachge-
priift werden konnen, und dafi sie dennoch diese An-
schauungen vor den hierauf unvorbereiteten Menschen
verkiinde.
Doch gerade dieser Vorwurf, so scheinbar berechtigt
er ist, gehort zu den aller unberechtigsten, welche der
anthroposophischen Bewegung gemacht werden konnen.
Denn es handelt sich bei ihr nicht darum, jeden einzel-
nen sofort dazu anzuleiten, ein Forscher im ubersinnli-
chen Gebiet zu werden, sondern es handelt sich bei ihr
darum, ihre Forschungsergebnisse auf eine Weise dar-
zulegen, die von jedem einzelnen Menschen nachgepriift
werden kann, einfach durch den gewohnlichen gesunden
Menschenverstand und die gewohnliche gesunde Logik.
Dies macht allerdings nicht unnotig, dafi danach gestrebt
wird, wenigstens die ersten Schritte zu ubersinnlicher
Forschung zu machen, und dafur gibt es ja Anleitungen
in den verschiedenen Schriften, die auch hier schon ge-
nannt worden sind. Jeder kann also bis zu einem gewis-
sen Grade ein anthroposophischer Forscher werden -
einfach aus den Zivilisationsbedingungen der Gegenwart
heraus -, aber zum Priifen der Ergebnisse anthroposo-
phischer Forschung ist dies nicht notig, denn diese
Priifung kann einfach aus dem gesunden Menschenver-
stand heraus erfolgen. Und eines der Gebiete, auf denen
diese Priifung wirklich praktisch erfolgen kann, ist das
padagogische Gebiet.
Sehr verehrte Anwesende! Anthroposophische Welt-
anschauung mufke lange rein in dem Sinne wirken, die
dem Menschen nahegehenden Ideen iiber das Ubersinn-
liche vorzubringen, bevor es ihr aus den Kulturbedin-
gungen der Gegenwart heraus moglich war, in das
praktische Leben, wozu sie sich so besonders veranlagt
fiihlt, wirklich einzugreifen. Dies wurde nun auf einem
eingeschrankten Gebiete - und auch da wieder nur in
einem sehr geringen Mafc - moglich, als Emil Molt in
Stuttgart die Waldorfschule begriindete, deren Leitung
mir obliegt. Zwar war schon friiher, wie das kleine
Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichts-
punkte der Geisteswissenschaft» zeigt, der Versuch un-
ternommen worden, aus anthroposophischen Unter-
grunden heraus bestimmte Erziehungsprinzipien zu
vertreten. Allein erst durch die Griindung der Waldorf-
schule ist es moglich geworden, diese Dinge in die Le-
benspraxis einzufiihren, und seit jener Zeit ist es auch
moglich, die padagogisch-didaktische Seite der Anthro-
posophie im einzelnen durchzufiihren. Es wird mir na-
tiirlich nicht moglich sein, hier in diesem einleitenden
Vortrag mehr als einige Andeutungen zu geben, allein
ich denke, dafS durch die anderen Vortrage des heutigen
Tages das Angedeutete weiter ausgefiihrt werden kann.
Was durch anthroposophische Ideen aufgenommen
wird, wenn man sie einfach mit dem gesunden Men-
schenverstand fur sich selber verifiziert, ist nicht blofi
eine theoretische Anschauung, das sind nicht bloft
Ideen abstrakter Art, die man nun haben kann, um
irgend-welche Erkenntnisbediirfnisse in theoretischer
Weise zu befriedigen. Sondern das, was in den Ideen
zum Ausdruck kommt, die aus anthroposophischen
Quellen geschdpft sind, das ist wirkliche menschliche
Kraft, das ist etwas, was iibergeht in den ganzen
Menschen, was die Liebe intensiver macht, was in die
Tatkraft des Menschen sich umsetzen kann. Wahrend
die Ideen und Gedanken der ublichen Wissenschaft-
lichkeit, die sich nur auf die Sinneswelt beziehen, gerade
darin ihr Eigentiimliches haben, daft sie sich in den
Dienst theoretischer und auch wiederum nur fur die
Sinneswelt in Betracht kommender praktischer Interessen
stellen, ist es das Charakteristische derjenigen Ideen, in
welche anthroposophische Forschungsergebnisse hin-
eingelegt sind, daft sie auf den ganzen Menschen, auf
seine Erkraftung, auf seine - wenn ich es so ausdriicken
darf - Lebensgeschicklichkeit, auf sein Lebensverstandnis
wirken, und zwar auf jenes Lebensverstandnis, das ihm
moglich macht, durch seinen Willen bei den verschie-
densten Gelegenheiten des Lebens wirklich einzugrei-
fen. Und wenn man an irgendeinem Ende einfach dieses
Leben anfaftt und es befruchtet durch anthroposophi-
sche Ideen, so kann man sehen, wie das Handeln des
Menschen, wenn es sich dirigieren laftt von diesen
Ideen, dann groftere Kraft, groftere Eindringlichkeit
und so weiter erhalt. Das ist etwas, was sich insbeson-
dere auf padagogisch-didaktischem Gebiete bewahren
muft.
Wir hatten ja, als die Waldorf schule begriindet wor-
den ist, nicht Gelegenheit, die aufieren Bedingungen fur
die Erziehung und den Unterricht der uns iibergebenen
Kinder auszuwahlen. Es wird in der Gegenwart vielfach
geltend gemacht, wenn ein befriedigender Unterricht,
eine befriedigende Erziehung zustandekommen soli, dann
miisse der oder jener Ort fiir die Schule, fiir das Erzie-
hungsinstitut oder dergleichen ausgesucht werden. Ge-
wift, fiir alle diese Behauptungen spricht aufterordentlich
vieles, und sie bewahren sich ja auch in der Praxis bis zu
einem gewissen Grade. Aber wir hatten das alles nicht.
Zunachst mufken wir den Versuch aus den gegebenen
Bedingungen heraus mit den Kindern der Stuttgarter
Waldorf- Astoria-Zigaretten-Fabrik beginnen. Wir hatten
also ein ganz bestimmtes Kindermaterial zunachst, wir
muiken in einem Hause, das selbstverstandlich sehr wenig
dazu geeignet war - es war ein friiheres Wirtshaus -, mit
unserem Unterricht und unserer Erziehung beginnen.
Wir konnten uns also auf nichts verlassen als auf das, was
rein aus geistigen Untergriinden heraus fiir die padago-
gischen und didaktischen Gesichtspunkte selbst begon-
nen werden kann.
Und da mufi immer wieder betont werden: Weil
Anthroposophie nicht eine abstrakte Kopf-Erkenntnis -
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf - anstrebt,
sondern eine Einsicht in die Welt und ihre Geheimnisse,
die den ganzen Menschen ergreift, so kann sie gerade
dadurch zu einer Menschenerkenntnis, zu einem Men-
schenverstandnis fiihren, wie man es sonst nicht auf
irgendeinem theoretischen Gebiete erreichen kann. Und
letzten Endes beruht ja alle Erziehung, aller Unterricht
auf jenem Menschenverstandnis, das sich bewahrt in
dem Verhaltnis des Lehrenden, des Erziehenden zum
werdenden, heranwachsenden Menschen, zum Kinde.
Daher ist unsere Waldorf-Padagogik aufgebaut auf einer
intimen Erkenntnis des werdenden Menschen, des Kin-
des. Ich brauche nur eine Einzelheit anzudeuten, an der
ersichtlich werden kann, wie sich wirkliche Einsicht in
den ganzen Menschen in der Praxis bewahren muft.
Wir haben ja heute auch eine Psychologie, die mehr
oder weniger von der anerkannten Wissenschaft gelten
gelassen wird. Aber diese Psychologie theoretisiert her-
um an mancherlei Fragen, die eben immer einen unbe-
friedigenden Rest lassen miissen. Sie legt sich zum Bei-
spiel die Frage vor: Welches Verhaltnis besteht zwischen
dem Geistig-Seelischen und dem Leiblich-Physischen
des Menschen? - und sie hat alle moglichen Theorien
dariiber ausgebildet. Wir haben da drei Typen von
Theorien: Die eine sucht von dem Geistig-Seelischen
auszugehen, dieses zunachst in irgendeiner Weise zu
definieren, sich einen abstrakten Begriff davon zu ma-
chen und dann zu untersuchen, inwiefern das Geistig-
Seelische auf das Physisch-Leibliche wirken kann. Eine
andere, mehr materialistisch gefarbte Theorie geht davon
aus, dafi das Leiblich-Physische die Grundlage sei, und
dafi dieses Leiblich-Physische dann das Geistig-Seeli-
sche nur als eine Funktion hervorbringe. Eine dritte
Theorie ist die des psycho-physischen Parallelismus, die
davon ausgeht, in gleicher Weise nebeneinander gelten
zu lassen das Geistig-Seelische und das Leiblich-Physische
und nur zu verfolgen, wie die Funktionen des einen
parallel neben denen des andern verlaufen, ohne dafi
man auf ein inneres Wechselverhaltnis zwischen beiden
eingeht. Das alles sind psychologische Spekulationen.
Sie werden erst in dem Augenblick zu Angelegenhei-
ten der Lebenspraxis, wo man durch diese Psychologie,
durch diese Seelenerkenntnis, zu padagogisch-didak-
tischen Triebkraften kommt.
Man kann sagen: Auf diesem Gebiet ist einfach unse-
re Anschauung des Geistig-Seelischen des Menschen noch
nicht denjenigen Prinzipien nachgekommen, die wir
gewohnt sind, in der Naturwissenschaft wie selbstver-
standlich zu verfolgen. In der Naturwissenschaft ver-
folgen wir, wenn zum Beispiel irgendwo Warme auftritt,
ohne da£ zunachst auf die gewdhnliche Art Warme
zugefuhrt worden ist, wie diese Warme in einem anderen
Zustande, also als sogenannte latente Warme vorhanden
war und wie sie sich aus diesem latenten Zustande ent-
wickelt hat, und nun als Warme offenbar wird. Solche
Prinzipien, wie sie in der Naturwissenschaft gang und
gabe sind, miissen - selbstverstandlich in der entspre-
chenden Weise metamorphosiert - auch aufgenommen
werden in die Betrachtung des Vollmenschlichen des
Menschen, welches das Geistig-Seelische in sich schliefit.
Und man kommt zu einer solchen Anschauungs-
weise, die sich vor der Naturwissenschaft voll recht-
fertigen lafit - wenn das auch heute noch nicht eingese-
hen wird -, wenn man etwa seinen Blick hinwendet auf
die erste bedeutungsvolle Umwandlung, die mit der
ganzen menschlichen Organisation vor sich geht mit
dem Zahnwechsel um das siebente Lebensjahr herum.
Man beobachtet solche Umwandlungen des Menschen
in der Regel recht aufierlich. Allein, der Zahnwechsel ist
etwas, was in das ganze menschliche Leben tief eingreift.
Wer sein Anschauungsvermogen dafiir schult, der lernt
erkennen, wie mit dem Eintritt des Zahnwechsels das
ganze seelische Leben des Kindes ein anderes wird. Er
lernt erkennen, wie das Kind vorher im vollsten Sinne
des Wortes eigentlich nicht «in sich» lebte, sondern ganz
mit seinem Seelenleben in seiner Umgebung aufging. Er
lernt erkennen, wie das Wesentlichste der Triebkrafte
im kindlichen Orgamsmus vor dem Zahnwechsel die
Nachahmung ist. Durch Nachahmung lernt das Kind
seine Bewegungen.
Man kann durch eine unbefangene Beobachtung ge-
nau feststellen, wie die Bewegungen von Vater und Mutter
oder von der anderen Umgebung des Kindes hineingehen
in den kindlichen Organismus selbst. Man kann verfol-
gen, wie unter gesunden Verhaltnissen die Sprache gelernt
wird unter dem Einfluft der Nachahmung. Man kann
sehen, wie das Kind im vollsten Sinne des Wortes mit
seinem ganzen Wesen an seine Umgebung hingegeben
ist. Das aber wird vollig anders im Verlaufe des Zahn-
wechsels. Da sehen wir, wie sich im Kinde Krafte ausbil-
den, die bewirken, dafi das Kind nun selbstandig Vor-
stellungen hervorbringen kann. Diese Fahigkeit zu
selbstandigen Vorstellungen, die das Innere des Kindes
bis zu einem gewissen Grade von der Umwelt befreien,
ist vor dem siebenten Lebensjahr gar nicht vorhanden.
Mit dem Zahnwechsel erlangt das Kind eine gewisse
Innerlichkeit und es wird dann nach und nach auch fur
Abstraktes zuganglich.
Nun ist aber durch die kindliche Natur wiederum
bedingt, dafi alles, was innerlich in den das Kind umge-
benden Menschen lebt, von dem Kind aufgenommen
wird. Daher mufi es in der zweiten Lebensepoche, die
mit dem Zahnwechsel beginnt und bis zur Geschlechts-
reife geht, so angesehen werden, da£ es alles, was sich in
ihm nun innerlich ausbildet, in Anpassung an die
menschliche Umgebung ausbildet. Nicht das, was die
Menschen seiner Umgebung tun, denn das wird nach-
geahmt, sondern das, was in diesen Menschen lebt 3 also
was zum Ausdruck kommt durch das Wort, durch die
Gesinnung, durch die Gedankenrichtung, das iibertragt
sich auf das Kind und zwar jetzt nicht durch Nachah-
mung, sondern durch eine Kraft, die aufzunehmen das
Kind ebenso veranlagt ist wie in ihm die Wachstums-
und Ernahrungskrafte veranlagt sind: die Kraft der Au-
toritat. Man wird wohl nicht mifiverstehen, was ich hier
mit der Kraft der Autoritat meine, denn derjenige, der
«Die Philosophic der Freiheit» geschrieben hat, will
hier nur darauf hinweisen, wie das Autoritatsprinzip fur
eine bestimmte Lebensphase des Menschen in Betracht
kommt. Es soli also nicht die gesamte Erziehung abge-
stellt werden auf das, was man heute vielfach als das
Autoritatsprinzip bezeichnet. Wenn man nun auf solche
Beobachtungen den entsprechenden Wert legt, dann dif-
ferenzieren sich die Dinge immer deutlicher und man
erwirbt sich immer mehr die Fahigkeit, die Metamor-
phosen im Menschen nicht nur von Jahr zu Jahr, sondern
von Monat zu Monat beobachten zu konnen. Was aber
ist es denn, was da zwischen Zahnwechsel und Ge-
schlechtsreife im Kinde zutage tritt?
Wenn man sich einen Blick aneignet fur das, was da
tatsachlich vorliegt, dann findet man, daft zwischen dem
siebten und vierzehnten Jahr - das sind natiirlich nur
approximative Zahlen - beim Kind innerlich seelisch das
zum Ausdruck kommt, was vorher verborgen in ihm als
Kraft wirkte. Dieses steckte unten in der Leiblichkeit
und bewirkte die Ausgestaltung des menschlichen Or-
ganismus, wirkte auch in der Umbildung des Gehirns in
den ersten Lebensjahren und in der Zubereitung der
Sprachorgane, wirkte also in allem, was das Kind iiber-
haupt in seinem Korperlichen ausbildete. Und so kann
man sagen: So wie zum Beispiel die Warme in einem
Korper verborgen sein und dann durch gewisse Umstan-
de frei werden kann, so wird das Geistig-Seelische, das
in den ersten sieben Lebensjahren latent im Physisch-
Organischen wirkt, was in jeder einzelnen Bewegung, in
jedem korperlichen Vorgang zum Ausdruck kommt, erst
spater frei. Nach dem siebten Lebensjahr wird das
Korperliche mehr sich selbst iiberlassen; es zieht sich das
Geistig-Seelische allerdings nicht vollstandig aus dem
Korperlichen heraus, aber doch in einem hohen Mafie.
Der Zahnwechsel ist dann eine Art Schlufipunkt der
ersten Entwicklungsphase, in der das Geistig-Seelische
des Menschen noch deckungsgleich war mit dem Phy-
sisch-Leiblichen.
Sie sehen, daft man durch eine solche Betrachtungs-
weise in die Lage kommt, nun eine wirkliche Beziehung
zu erkennen zwischen dem Geistig-Seelischen und dem
Physisch-Leiblichen. Man theoretisiert nicht mehr nur
herum iiber die Frage, wie denn die beiden aufeinander
wirken und so weiter. Man sieht einfach das Geistig-
Seelische wahrend der einen Lebensepoche ganz im
Korperlichen drin - man hat es in der kindlichen Ent-
wicklung anschaulich vor sich - und man sieht es spater,
nach seiner Befreiung, in seiner eigenen Gestalt. Man
vergleicht also nicht erst, was man zuvor in abstrakte
Begriffe gefaftt hat, sondern man verfolgt die Wirksam-
keit des Geistig-Seelischen im Korperlichen in den ver-
schiedenen Lebensepochen. Das heiftt aber, daft das, was
in der Naturwissenschaft als das den aufieren Sinnen
Zugangliche erforscht wird, herausgehoben wird in das
geistige Gebiet. Wiirde man viel mehr auf die Einzel-
heiten dessen, was Anthroposophie will, eingehen und
nicht bei oberflachlichen Definitionen stehenbleiben, so
wiirde man schon sehen, welch eine treue Fortsetzerin
der so berechtigten naturwissenschaftlichen Denkweise
die geisteswissenschaftlich-anthroposophische Weltan-
schauung eigentlich ist. Dann aber, wenn man sich in
dieser Weise bis herein in die Begriffs- und Ideenwelt
Menschenerkenntnis erwirbt, dann lost sich der Vorwurf
von der Lebensfremdheit der Ideenwelt von selber auf.
Sehr verehrte Anwesende! Anthroposophie will am
wenigsten auf padagogischem Gebiete irgendwie oppo-
sitionell sein zu dem, was an Grofiem und Bedeutsamem
im Laufe besonders des 19. Jahrhunderts durch die groften
Padagogen der Menschheit an padagogischen Prinzipien
gegeben worden ist. Anthroposophie erkennt vollig an,
daft grofte, bedeutungsvolle Erziehungsprinzipien da sind
und sie steht nicht zuriick vor irgend jemandem in der
Anerkennung der groften Padagogen. Allein, dennoch
mufi man sagen: Bei alien grofien Erziehungsprinzipien,
die da sind, herrscht heute vielfach eine gewisse Unbe-
friedigung gegeniiber der Erziehungspraxis, und Erzie-
hungsmethoden der verschiedensten Art treten auf zum
Zeugnis dafur, dafi es so ist. Warum ist das so?
Es ist dies oft lediglich eine Folge des Intellektualis-
mus in unserem Zeitalter. Dieser Intellektualismus be-
wirkt ja - mehr als man gewohnlich glaubt - eine gewisse
Lebensfeindlichkeit, namentlich fur die sozialen Gebiete
des Daseins. Er erzeugt in bezug auf das Ideenhafte
eigentlich nur das Abstrakte. Das Abstrakte aber hat
keine Lebenskraft in sich; es ist in gewisser Beziehung
der Leichnam des Geistigen und wird auch als solcher
erlebt. Und hat man die schonsten Grundsatze, fur die
man geradezu in Begeisterung ergluhen kann - solange
diese Grundsatze abstrakt bleiben, konnen sie im Leben
nicht einen irgendwie giinstigen Einflufi gewinnen. Erst
wenn diese Grundsatze durchzogen werden von wirk-
licher Geistigkeit, von lebendiger Geistigkeit, die sich
mit dem Wesen des Menschen verbindet, konnen diese
Grundsatze praktisch werden. Und so mochte Anthro-
posophie nicht neue Erziehungsgrundsatze wiederum in
abstrakter Art aufstellen; sie will nur eine Anleitung sein
fiir die padagogischen und didaktischen Geschicklich-
keiten, fiir die Handhabung der Erziehungskunst und
der Unterrichtskunst, und sie mochte gerade das geben,
was auch die schonsten Erziehungsgrundsatze nicht ge-
ben konnen: geistige Untergriinde fiir die praktische
Handhabung, fiir die innere Befahigung des Lehrers, in
der Schule und in der Erziehung zu wirken.
Daher ist ja auch die Waldorf schule nicht so einge-
richtet, dafi - wie leider oft geglaubt wird - durch sie
Weltanschauung, wie wir sie vor Erwachsenen vortragen,
in die Kinder hineingepfropft werden sollte. Wir haben
daher ganz besonders zu betonen, daft sogar der Reli-
gionsunterricht fiir die katholischen Kinder den katho-
lischen Pfarrern, und fiir die evangelischen Kinder den
evangelischen Pfarrern iiberlassen wird. Wir haben nur
einen freien Religionsunterricht eingerichtet fiir dieje-
nigen Kinder, die Dissidentenkinder sind, und die, wenn
dieser Unterricht nicht eingerichtet worden ware, gar
keinen Religionsunterricht hatten. Gerade dadurch konn-
te wieder etwas zur Belebung des religiosen Gefiihles
geleistet werden; denn gerade diejenigen Eltern, die sonst
ihre Kinder dem Religionsunterricht ganz entzogen hat-
ten, schicken ihre Kinder jetzt in diesen Religionsunter-
richt, in welchem wir uns Miihe geben, nicht etwa An-
throposophie vorzutragen, sondern das auszugestalten,
was fiir das kindliche Alter in dieser Beziehung ausge-
staltet werden mufi. Also nicht darum handelt es sich,
Anthroposophie in das kindliche Gemiit hineinzutragen,
sondern darum, daft die Lehrerschaft durch Anthro-
posophie dazu kommt, die padagogisch-didaktischen
Handlungsweisen so einzurichten, daft sie nun wirklich
wahrer Menschenerziehung entsprechen.
Hieraus folgt, daft zunachst einfach durch die prakti-
sche Handhabung eine solche Erziehung und ein solcher
Unterricht zustandekommen, die nicht bloft auf das Kind
sehen, sondern die auf den ganzen Menschen sehen.
Denn es ware hochst toricht, etwa die Fiifte oder Hande
eines Kindes, wie sie im kindlichen Alter sind, als etwas
Fertiges zu betrachten und sie etwa zu notigen, so zu
bleiben, wie sie im kindlichen Alter sind. Es ist selbst-
verstandlich, daft wir im kindlichen Alter den kindlichen
Organismus als etwas Werdendes betrachten, das spater
im Leben anders zu sein hat. Aber in bezug auf das
Geistig-Seelische tun wir im Leben nicht immer das
Gleiche. Wir sehen oftmals sogar, daft dem Kinde starre
Begriffe beigebracht werden und das Kind haufig schon
im kindlichen Alter etwas in seine Seele hereinbekommt,
was scharfe Konturen hat. Das ist falsch! Es muft sich
darum handeln, daft wir alles, was wir dem kindlichen
Organismus einverleiben wollen, so an ihn heranbringen,
daft es wachsen, daft es sich nach und nach umwandeln
kann; so daft der Mensch spater, im dreiftigsten Jahre
zum Beispiel, nicht nur eine Erinnerung an das hat, was
er im kindlichen Alter aufgenommen hat, sondern daft er
das damals Aufgenommene so umgestaltet hat, wie er
auch seine Glieder umgestaltet hat, Wir miissen dem
Kinde in allem, was wir ihm geistig-seelisch geben, auch
etwas geben, was Wachstumskrafte, was Umwandlungs-
krafte in sich hat; das heiftt, wir miissen den Unterricht
lebendiger und immer lebendiger machen.
Gewift, das kann als abstraktes Prinzip ausgespro-
chen werden; aber praktisch erreicht kann es nur wer-
den, wenn eine wirklich intime Menschenerkenntnis
vorhanden ist. Eine solche intime Menschenerkenntnis
macht es moglich, dafi man einfach von der kindlichen
Natur selbst alles abliest, was man gewohnlich unter
Lehrplan und unter Lernziel versteht. Daher herrscht in
der Waldorfschule ein soldier Lehrplan und sind solche
Lernziele in Aussicht genommen, die aus einer wirk-
lichen Menschenkenntnis heraus von Monat zu Monat
aus der Entwicklung der kindlichen Natur selbst abge-
lesen werden. Es ist der Versuch gemacht worden, wirk-
lich alles in lebendigem Sinne zu gestalten.
Ich will nur eines erwahnen. Es ist ja heute in ver-
schiedener Beziehung auch im heutigen offentlichen
Unterricht manches besser geworden. Allein, Sie wissen
alle, dafi wahrend des ganzen Schuljahres das Kind ei-
gentlich mehr als es einem gewohnlich bewulk wird,
unter dem System leidet, das die Fortschritte des Kindes
beurteilt. Da gibt es auf der einen Seite die kindlichen
Leistungen, auf der anderen Seite die Beurteilungen dieser
Leistungen durch den Lehrer; die werden so ausgedriickt:
«befriedigend», «fast befriedigend», «fast kaum befrie-
digend», «minder befriedigend» und so weiter. Ich mufi
Ihnen offen gestehen: Ich war eigentlich nie fahig, einen
Unterschied einzusehen zwischen «fast befriedigend»,
«fast nicht befriedigend» und dergleichen. Bei uns in der
Waldorfschule handelt es sich darum, dafi aus der Ge-
samtheit der Fortschritte heraus am Ende des Schuljah-
res dem Kinde eine Art Zeugnis iibergeben wird, in dem
der Lehrer individuell das Kind charakterisiert, indem er
einfach das, was er an dem Kinde erlebt hat, auf ein Stuck
Papier schreibt. Das Kind sieht so eine Art Spiegelbild
seiner selbst, und die Praxis hat gezeigt, dafi es dieses
Spiegelbild - worauf nicht «befriedigend», «minder be-
friedigend» und so weiter fur die einzelnen Gegenstande
steht - mit einer gewissen inneren Befriedigung und
Freude aufnimmt, selbst wenn darin Tadel stehen. Und
dann bekommt das Kind eine Art Kraftspruch mit, der
gerade aus seiner Natur geholt ist, den es sich dann
aneignet, und der ihm ein Leitspruch fur das nachste Jahr
sein kann. - So kann man, wenn man die Liebe dazu hat,
auf das Lebendige einzugehen, den Unterricht selbst
unter ungiinstigen Verhaltnissen lebendig gestalten.
Dadurch aber kommen wir auch dazu, etwas zu
iiberwinden, was in unserem Zeitalter gerade in der
Padagogik und Didaktik iiberwunden werden mufi. Man
wird ja heute in der aufieren Geschichtsschreibung we-
nig Anhaltspunkte dafur finden, wie sich die Seelenver-
fassungen der Menschen in den einzelnen Entwicklungs-
epochen der Menschheit geandert haben. Wer aber Un-
befangenheit genug hat, wird schon verstehen konnen,
wie das, was man als geistige Aufterungen zum Beispiel
des 10., 11., 12. Jahrhunderts sich vor die Seele stellen
kann, einen ganz anderen Charakter tragt als das, was
etwa seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Seelenverf as-
sung der zivilisierten Menschheit geworden ist. Ja, bis
zum 20. Jahrhundert herauf hat sich der Intellektualis-
mus in der Menschheit bis zu einem Kulminationspunkt
entwickelt. Dieser Intellektualismus hat aber die Eigen-
tumlichkeit, da£ er - geradeso wie das Nachahmungs-
prinzip oder das Autoritatsprinzip - erst in einem be-
stimmten Lebensalter des Menschen aus einem laten-
ten in einen freien Zustand versetzt wird, und das ist
beim Intellektualismus in einem verhaltnismafiig spaten
Lebensalter der Fall. Wir sehen, wie der Mensch eigent-
lich erst, wenn er die Geschlechtsreife iiberwunden hat,
eigentlich sogar noch spater, aus seiner elementaren Na-
tur heraus geeignet wird, zum Intellektualistischen fort-
zuschreiten. Vorher wirkt das Intellektualistische auf
seine Seelentatigkeit durchaus ablahmend, abtotend.
Daher konnen wir sagen: Wir leben in einem Zeital-
ter, das eigentlich nur fiir den erwachsenen Menschen da
ist, das als den wichtigsten Kulturimpuls etwas hat, was
erst im erwachsenen Menschen voll zum Ausdruck
kommen sollte. Das aber hat zur Folge, dafi wir heute
mit dem, was in bezug auf die ganze Kultur fiir die
erwachsenen Menschen gerade tonangebend ist, eigent-
lich das Kind und selbst den jungen Menschen nicht
mehr verstehen!
Das ist das wichtigste, was in unserer Zivilisation zu
beriicksichtigen ist. Wir miissen uns daruber klar sein, dafi
wir gerade durch diejenigen Krafte, durch die wir unsere
Wissenschaften und unsere Technik zu so grofien Trium-
phen und so grofier Bliite gebracht haben, uns die Mog-
lichkeit nehmen, das Kind voll zu verstehen und auf die
voile Menschennatur des Kindes einzugehen. Es bedarf
eben wieder eigener Mittel, um die Briicke zu dem jungen
Menschen und dem Kinde heriiber zu schlagen. Das, was
jetzt in mannigfacher Gestalt als Jugendbewegung auftritt
- man mag sich dazu verhalten, wie man will -, hat seine
tiefste Berechtigung; sie ist nichts anderes als der Schrei
der Jugend: Ihr Erwachsenen habt eine Zivilisation, die
wir einf ach nicht verstehen, wenn wir uns unserer elemen-
tarsten Natur hingeben! - Aber diese Briicke vom Er-
wachsenen zur Kindeswelt mufi wieder gefunden werden,
und dazu mochte Anthroposophie das ihrige beitragen.
Und wenn man dann vom allgemeinen Kulturstand-
punkt zum einzelnen heruntersteigt, wird man wieder
finden, wie dieser Erziehungsplan, der abgelesen ist vom
Wesen des Kindes selbst, uns erkennen lafit, was man
im Erziehungsplan fiir die einzelnen Lebensphasen der
Kindheit entwickeln muE. Schreiben und Lesen waren in
friiheren Zeitaltern etwas ganz anderes, als sie es heute
sind. Nehmen Sie unsere heutigen Buchstaben: sie sind
etwas ganz Abstraktes, Lebensfremdes im Verhaltnis
zum eigentlichen Leben. Gehen wir zu friiheren Zeiten
zuriick: Wir finden in der Bilderschrift etwas, was sich
unmittelbar an das Leben anlehnt. Wir machen uns heute
oft gar keine Gedanken dariiber, wie innig mit dem
Leben [diese Bilderschrift] verbunden war, und wie heute
dem Leben so fremd ist: Lesen und Schreiben. Ja, wir
stehen in einer Zivilisation drinnen, der es natiirlich
ist, daft das Lebensfremdeste zu Zwecken der Zivilisa-
tion ausgebildet wird. Wer heute mit unbefangenem
Sinn zum Beispiel einen Stenographen oder einen alten
Menschen an der Schreibmaschine sitzen sieht, der weift,
daft mit einer solchen Betatigung gerade das menschlich
Fremdeste in die Zivilisation eingezogen ist. Sehr verehr-
te Anwesende, man wird nicht kulturfeindlich oder zum
Reaktionar, wenn man dies ausspricht. Es wird auch
nichts gesagt gegeniiber dem, was mit diesen Mitteln in
die neuere Zeit eingezogen ist; sie muftten da sein. Aber
es mussen auch die Gegenkrafte entwickelt werden, die
das wieder heilen, was, wenn es einzig und allein wirk-
sam gelassen wird, nur zu einem gewissen Niedergang
der Kultur, zu einer Dekadenz fuhren konnte. Und das
wichtigste Moment, was in dieser Beziehung als Heil-
mittel eingefuhrt werden kann, liegt in der Erziehung,
im Unterricht, der aber stets erzieherisch gestaltet wer-
den muft.
Wenn wir das Kind in die Volksschule hereinbekom-
men, ist es ja so, daft sein Intellekt zunachst noch
schlummert. Die Fahigkeit zu abstraktem Denken, die
erst von anderem belebt werden mufi, diese Fahigkeit
tritt erst spater auf. Daher konnen wir mit den abstrak-
ten Schreibe- und Leseformen an das Kind, wenn es in
die Schule kommt, noch nicht herankommen. Da konnen
wir nur das nehmen, womit wir lebendig an das Kind
herankommen konnen, denn im Kinde selbst wirkt ja ein
kiinstlerisches seelisches Prinzip, das vollkommener und
grofiartiger ist als jede andere Kunst. Das wirkt auf
unbewuftte Art. Diese miissen wir fortsetzen und miis-
sen versuchen, fur das kindliche Alter besondere Formen
zu erfinden, wodurch das Kind auf kiinstlerische Art in
das Schreiben, das heifit in die Betatigung seines gesamten
Menschen hereinkommt und dann zum Lesen iibergeht.
Man mufi in bezug auf die Padagogik, wenn die Kinder
heute im achten oder neunten Jahre noch nicht lesen
oder schreiben konnen, den Mut haben, sagen zu kon-
nen: Gott sei Dank, daft die Kinder in diesen Jahren noch
nicht lesen oder schreiben konnen! - denn es kommt
nicht darauf an, daft der Mensch dieses oder jenes [fruh]
lernt, sondern daft er es im richtigen Lebensalter und auf
eine richtige Art lernt.
So ist in der Waldorfschule der Unterricht auf kiinst-
lerische Gestaltung hin eingerichtet. Aus padagogisch-
kunstlerischen Prinzipien heraus wird zunachst vorge-
gangen und erst allmahlich zum Intellektualistischen
ubergeleitet. Wir tragen auch dem Rechnung, dafi das
Musikalische moglichst fruh im Unterricht auftritt, weil
es zur Willensbildung des Menschen in Beziehung steht.
Wir tragen dem dadurch Rechnung, dafi wir zu dem
gewohnlichen Turnunterricht den Eurythmie-Unterricht,
das beseelte Turnen, in den Unterricht eingefiigt haben.
Es muE noch metamorphosiert werden, muE ins Pad-
agogisch-Didaktische umgesetzt werden, dann aber fin-
det man, daft durch diese Bewegungskunst, die das
wahrzunehmen hat, was Geist und Seele des Menschen
ist, etwas vermittelt wird, was sinnvoll 1st. Man findet,
daft das Kind sich wahrend der schulpflichtigen Erziehung
in diese Bewegungskunst so hineinfindet, wie es sich als
ganz kleines Kind eben in die Sprache hineinfindet, mit
innerem Wohlgefallen und mit innerer Selbstverstand-
lichkeit. - Dieses Herausarbeiten aus dem Kunstlerischen
fiihrt dann auch dahin, daft man das Kind von sehr friih
an mit Farben hantieren laftt. Wenn das auch zuweilen
unbequem ist, und wenn dann auch scharfere Reinlich-
keitsgrundsatze als sonst dabei eingreifen miissen, so
wird sich doch herausstellen, daft man dadurch das Kind
tiefer in das Leben einfuhrt als sonst. Man bringt es dazu,
daft es einen Sinn bekommt fur das Leben, daft es nicht
am Leben vorbeigeht, sondern daft es mit der aufieren
Welt lebt, daft es empfanglich wird fur alles Schone, fur
alles, was ihm sinnvoll in Natur und Menschenleben
entgegentritt. Und dies ist wichtiger als die Ubertragung
einzelner Einzelheiten aus diesem oder jenem Gebiete
auf das Kind.
Zu alle dem aber, was ich hier nur in seinen Richt-
linien andeuten kann, kommt das, was aus anthroposo-
phischen Untergriinden heraus in die Gesinnung des
Lehrers einflieftt, was der Lehrer einfach durch sein
ganzes Wesen mitbringt an padagogisch-didaktischen
Imponderabilien, wenn er die Tiir des Schulzimmers
hinter sich schlieftt nach der Klasse zu, wenn er vor die
Kinder tritt. Wer mit lebendigem Sinn - nicht mit ab-
strakten Ideen - anschaut, wie das Kind nachahmend
sich anpaftt an die Umgebung, der weift, was in diesem
Kinde als Geistig-Seelisches wirkt. Er lernt das Kind
kennen und bekommt dadurch die Voraussetzungen, es
in ganz anderer Weise zu beurteilen, als man es gewohn-
lich tut. Ich will dafiir nur ein Beispiel anfiihren.
Man lernt ja so manches, wenn man in diesem Sinne
das Leben ansieht. Zu mir kam einmal ein Elternpaar
und sagte, der junge Sohn, der bisher ganz brav und
ordentlich gewesen sei, habe jetzt plotzlich gestohlen.
Ich fragte: «Wie alt ist das Kind?» -, die Eltern antwor-
teten: «Fiinf Jahre». Ich sagte: «Dann muft man erst
untersuchen, was das Kind eigentlich getan hat, denn
vielleicht hat es gar nicht gestohlen, » - Was hatte es denn
getan? Es hatte einiges Geld aus der Schublade genom-
men, aus der die Mutter jeden Morgen Geld nahm, wenn
sie einkaufen wollte. Fur dieses Geld hatte sich der
Knabe einige Naschereien gekauft, die er nicht einmal
fur sich selbst verwendet hat, sondern die er anderen
Kindern gegeben hat. In diesem Fall muE man sagen: Da
ist gar keine Rede von Stehlen; das Kind hat einfach
gesehen, was die Mutter jeden Morgen getan hat, und es
fiihlte sich befugt, dies selbst auch zu machen. Das Kind
ist ein Nachahmer. Jenes Verhaltnis des Kindes zu den
Normen der Erwachsenen, die ihren Ausdruck finden in
«gut» und «bose», tritt ja erst ein, wenn der Zahnwechsel
iiberwunden ist. Wir miissen deshalb eine ganz andere
Beurteilungsmoglichkeit gewinnen und wissen lernen:
alles, was wir in der Umgebung des Kindes tun, muE so
eingerichtet werden, dafi das Kind es nachahmen kann,
es nachahmen kann bis in die Imponderabilien der Ge-
danken hinein. Da erweist sich eben die Realitat der
Gedanken. Nicht blofi das, was wir tun, sondern auch
die Art und Weise unserer Gedanken ist maEgebend
dafiir. Wir sollen uns in der Umgebung des Kindes nicht
jedem Gedanken hingeben, denn er wirkt auf das Kind.
Also bis auf die Imponderabilien hin miissen die Gedan-
ken beriicksichtigt werden.
Schaut man darauf hin, wie das Kind bis zum sieben-
ten Jahre mit seiner Umgebung lebt, dann hat man darin
einen Abdruck dafur, was das Kind war, bevor der
Mensch in die physisch-sinnliche Welt heruntersteigt.
Bis dahin - das zeigt anthroposophische Forschung - ist
der Mensch ganz umgeben von einer geistig-seelischen
Welt, die so mit ihm zusammenhangt im Universum, wie
hier in der physischen Welt sein Leib mit dieser. Und
wir kommen dazu, in dem kindlichen Leben bis zum
siebenten Jahre eine rechte Fortsetzung des Lebens vor
der Geburt oder vor der Konzeption zu sehen. Das aber
rauE sich verwandeln in padagogisch-didaktische Emp-
findung, so daft der Lehrer so vor dem Kinde stent, daft
er sich sagt: Mir ist aus iibersinnhchen Welten etwas
iibergeben, das ich entratseln muft, dem ich die Lebens-
bahn ebnen muft.
Unterricht und Erziehung wird so wirklich ein Op-
ferdienst gegemiber der ganzen Welt. Es wird iiber Un-
terricht und Erziehung etwas ausgegossen von jener
Gesinnung, die eine Kraft ist, und ohne die wirklicher
Unterricht und wirkliche Erziehung nichts sein konnen.
Diese Gesinnung, die sich nicht aus aufierlich ange-
nommener, sondern aus innerlich erarbeiteter anthropo-
sophischer Weltanschauung ergibt, sie ist gerade das
Allerwichtigste im padagogisch-didaktischen Wirken.
Man steht dann mit religioser scheuer Ehrfurcht vor
dem, was der kindliche Leib in sich birgt; man schaut
hin, wie ein aus den ewigen Weltengrunden Erstandenes
nach und nach sich offenbart in den kindlichen Bewe-
gungen, Gesten und so weiter, und man weift, daft man
ein Lebensratsel in praktischer Art zu losen hat. Die
ganze Erziehungs- und Unterrichtsgesinnung wird da-
durch uberhaupt erst in die richtigen Wege geleitet.
Diese Atmosphare, die sich ausbreitet bei alien Hand-
lungen, die im schulgemafien Leben getan werden mus-
sen, ist das, was Anthroposophie vor allem hinein haben
mochte in das Unterrichts- und Erziehungswesen, und
von dem sie alle Einzelheiten beherrscht haben mochte.
Aber um sie beherrschen zu konnen, ist notig, daft man
mit wirklicher innerer Anschauung dazu komme, in der
kleinsten Lebensregung des Kindes zu sehen, wie der
Geist fortwirkt bis in die Fingerspitzen hinein. Der Lehrer
wird sich dazu eine innere Gesamtanschauung aneignen,
so daft er aus einer Fahigkeit, die wiederum zum Instinkt
werden mu£, seiner Klasse gegeniibertritt mit der Ge-
sinnung und der Geschicklichkeit, die gerade aus dieser
innerlichen Verarbeitung der anthroposophischen Welt-
anschauung kommen.
Das sind einige Andeutungen, die ich geben konnte;
sie werden in den folgenden Vortragen weiter ausgefuhrt
werden konnen. Diese Andeutungen sollten zeigen, daft
die Anthroposophie nicht radikal sein will gegen das
Grofie, was auf padagogischem Gebiete geleistet worden
ist, sondern daft sie sein will eine Helferin fur das Grofie,
sonst nur abstrakt Bleibende, so daft es in der Lebens-
praxis lebendig durchgefuhrt werden kann, damit die
Erziehungskunst ein wirklicher Impuls, ein wirksamer
Faktor in unserem sozialen Leben werden kann!
FUNFTER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE
UND SOZIALWISSENSCHAFT
Berlin, 9. Marz 1922
Meine sehr verehrten Anwesenden! Noch mehr als bei
den iibrigen einleitenden Worten, die ich zu diesen Ta-
gesunternehmungen vorauszusprechen habe, wird es
heute der Fall sein, dafi ich mich auf Andeutungen zu
beschranken habe, da ja das Wesentliche, was zu sagen
ist, in den folgenden Vortragen iiber Einzelheiten des
Wirtschaftslebens gerade fur das heute in Betracht
kommende Gebiet wird liegen miissen.
Man kann heute wohl nicht iiber Sozialwissenschaft
sprechen, wenn man nur von einem theoretischen Stand-
punkte ausgeht. Man kann heute - und ich meine damit
die unmittelbare Gegenwart, den gegenwartigen Au-
genblick - iiber solche Fragen nur sprechen, wenn man
im Hintergrunde hat die trostlose Lage des Wirtschafts-
lebens in der gegenwartigen zivilisierten Welt. In diese
trostlose Lage fiel in einer gewissen Weise auch noch
dasjenige hinein, was ich nach der vorlaufigen Beendigung
der furchtbaren Weltkriegskatastrophe darzustellen ver-
suchte in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage».
Ich ging dazumal aus von jener Beobachtung des
sozialwirtschaftlichen Lebens, die sich eigentlich im ge-
genwartigen Zeitpunkt der Weltentwicklung jedem auf-
drangen sollte. Es ist die, daK das Wirtschaftsleben der
Gegenwart innig verquickt ist mit dem, was sich inner-
halb des ganzen Umfanges der sozialen Frage bewegt, Ja,
die meisten Menschen in der Gegenwart werden wohl
kaum empfinden, dafi die soziale Frage getrennt werden
konne von der wirtschaftlichen Frage. Und dennoch
ging gerade mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen
Frage» darauf aus, dadurch Klarheit zu schaffen in bezug
auf das hier in Betracht kommende Gebiet, dafi dar-
auf hingewiesen wurde, wie das Wirtschaftsleben inner-
halb des sozialen Organismus seme eigene selbstandige
Stellung erhalten miisse, jene selbstandige Stellung, durch
welche innerhalb desselben die Tatsachen und Ein-
richtungen lediglich nach wirtschaftlichen Grundsatzen,
wirtschaftlichen Gesichtspunkten und Impulsen ihre
Gestaltung bekommen. Insofern enthalt eigentlich mein
Buch - ich sage es hier in ganz unumwundener Weise,
weil gerade darauf aufierordentlich viel ankommt - einen
inneren Widerspruch. Allein, dieses Buch wollte nicht
ein theoretisches Buch der Sozialwissenschaft sein. Die-
ses Buch wollte Anregungen geben vor alien Dingen den
Lebenspraktikern; dieses Buch wollte aus dem heraus
geschrieben sein, was man in jahrzehntelanger Beobach-
tung des europaischen Wirtschaftslebens sich aneignen
konnte. Und indem so dieses Buch anstrebte, durch und
durch realistisch zu sein, unmittelbar eine Anregung fur
praktisches Handeln zu sein - und zwar fur praktisches
Handeln im Augenblick -, mufite es ja einen Wider-
spruch enthalten. Dieser Widerspruch ist namlich kein
anderer als der, der unser ganzes soziales Leben durch-
zieht, und der darin besteht, dafi dieses soziale Leben im
Laufe der neueren Zeit durcheinander, chaotisch das
gebracht hat, was nur dann lebensfahig ist, wenn es sich
aus seinen eigenen Bedingungen in jedem seiner einzel-
nen Glieder entwickelt.
Ich muftte sprechen von einer Dreigliederung des
sozialen Organismus, die dazu fiihren wiirde, daft das
Wirtschaftsleben in vollig freier Weise, relativ abgeson-
dert sich organisiert von dem Rechts- und Staatsleben
und von dem geistigen Leben, daft also dieses Wirt-
schaftsleben von denjenigen, die in ihm drinnen stehen,
die aus seinen eigenen Impulsen heraus handeln konnen,
gestaltet wird. Nun aber leben wir ja zunachst in einer
Zeit, in welcher ein solcher Zustand nicht da ist, in
welcher das Wirtschaftsleben absolut drinnen steht in
der iibrigen Struktur des sozialen Organismus. Wir leben
in einer Zeit, in welcher der Widerspruch eine Realitat
ist. Daher konnte eine Schrift, die aus der Realitat heraus
geschrieben sein wollte und fur die Realitat Anregungen
bieten wollte, nur etwas Widerspruchsvolles wiederum
bringen; sie konnte nur darauf ausgehen, aus dem Wi-
dersprechenden heraus zunachst zur Klarheit, zur Kla-
rung der Verhaltnisse aufzurufen.
Ich bin deshalb heute in einer ganz besonderen Lage,
indem ich diese Einleitung spreche, weil in bezug auf
dasjenige, was auf anthroposophischem Boden, mit an-
throposophischen Denkmethoden gefunden worden ist,
aber gefunden worden ist aufgrund durchaus realisti-
scher, jahrzehntelanger Beobachtung der europaischen
Wirtschaftsverhaltnisse - weil das doch in den weitesten
Kreisen zunachst in der argsten Weise miftverstanden
worden ist. Ich kann nur sagen: Ich begreife vollstandig
diese Miftverstandnisse, die diesen zugrunde liegenden
Absichten entgegengebracht worden sind; diese Miftver-
standnisse sind eben auch ein Zeitphanomen. Allein, ich
mufi auf der anderen Seite der Anschauung sein, daft in
der Uberwindung dieser Miftverstandnisse dasjenige liegt,
was wir zunachst auf soziologischem, auf sozialem Ge-
biete anzustreben haben, und gerade dazu mochte ich
einiges Orientierende sagen.
Als mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage»
zuerst veroffentlicht wurde, fiel es in eine Zeit mittel-
europaischer Entwicklung, die unmittelbar gefolgt war
der furchtbaren Kriegskatastrophe. Es war eine Zeit, die
dem Versailler Vertrag vorangegangen war; es war eine
Zeit, in welcher die Valutaverhaltnisse der mitteleuro-
paischen und der osteuropaischen Staaten noch wesent-
lich andere waren. Nicht aus irgendeinem Wolkenkuk-
kucksheim heraus waren die Impulse gemeint, die damals
in meinen «Kernpunkten» niedergeschrieben wurden,
sondern sie waren aus der unmittelbaren Weltsituation
der damaligen Zeit heraus so gedacht, da$ ich glauben
durfte, wenn eine groftere Anzahl von Menschen sich
fande, welche auf Grundlage dieser Anregungen Weite-
res suchte, dann wiirde man - namentlich von Mitteleu-
ropa aus - einen Impuls auch in die wirtscha ftliche
Entwicklung hineinwerfen konnen, der zu einer Art von
Aufstieg fuhren konnte in dem ja damals deutlich ver-
nehmbaren und bis heute andauernden Abfall des Wirt-
schaftslebens und des sozialen Lebens uberhaupt. Man
konnte damals sich sagen, wenn man aus den sehr
komplizierten Verhaltnissen der Weltsituation heraus
dachte: Vielleicht bleibt kein Stein stehen, so wie er
hineingebaut ist in das Ideengebaude der « Kernpunkte
der sozialen Frage» -; aber diese Ideen waren iiberall
herausgedacht aus demjenigen, was war. Doch man
konnte sie angreifen, und es ware vielleicht etwas ganz
anderes herausgekommen, als man zunachst schriftlich
fixieren konnte. Denn nicht darauf kam es an, Ideen in
utopistischer Weise hinzustellen, die ein Bild etwa eines
sozialen Zukunftsorganismus entwerfen wollten; son-
dern darauf kam es an, Menschen zu finden, welche
verstanden: Hier liegen reale, unmittelbar im Leben
vorhandene Probleme vor; wir miissen uns aus unserer
Sachkenntnis heraus mit diesen Problemen befassen und
miissen sehen, ob wir, indem wir uns mit diesen Pro-
blemen befassen, dann immer weiteres und weiteres
Verstandnis finden.
Nun ist im Grunde genommen etwas ganz anderes
eingetreten. Es haben sich auf der einen Seite wohl
Theoretiker gefunden, welche iiber das, was in meinem
Buche stent, allerlei Diskussionen gepflogen haben,
welche an das dort Ausgesprochene allerlei Forderungen
gekniipft haben. Es hat auch Theoretiker gegeben, die in
vollstandig mifiverstehender Art das, was gesagt war, in
utopistischem Sinne umdeuteten und immer wieder
fragten: Wie wird sich dieses, wie wird sich jenes ge-
stalten?, - was man ja eigentlich hatte abwarten miissen.
Es hat sich sogar die merkwiirdige Tatsache herausge-
stellt, die fur mich ganz iiberraschend war, daft gerade
die wirtschaftlichen Praktiker, die in irgendeinem Ge-
biete des Wirtschaftslebens mit ihrer Routine ganz gut
drinnenstanden, die sich in diesem oder jenem Ge-
schaftszweige auskannten und es abgelehnt hatten, sich
in ihrem Geschaftszweige etwas hereinreden zu lassen
von dem, der nicht gerade in diesem Geschaftszweig
versiert war -, daft diese Praktiker diskutierten iiber die
Kernpunkte der sozialen Frage und sich durch das, was
von ihnen als Folgerung gezogen wurde, gerade als die
abstraktesten Theoretiker erwiesen. Es zeigte sich, daft
man im Wirtschaftsleben ganz gut ein routinierter Prak-
tiker sein konnte - im alten Sinne; unter den neuen
Verhaltnissen kannten sie sich nicht mehr aus daft aber
diese Praktiker absolut nicht in der Lage waren, das, was
hier angeschlagen war in bezug auf die Probleme auch
des Wirtschaftslebens, anders als gerade von dem Ge-
sichtspunkte der abstraktesten Theorien aus zu diskutie-
ren; so dafi man da gerade in Verzweiflung kommen
konnte, wenn man Praktikern gegeniiberstand und sich
mit ihnen eine Diskussion entwickelte, wo sie durchaus
nicht auf etwas Konkretes eingingen, sondern nur das
vollig triviale Allgemeine iiber die soziale Frage und
namentlich iiber den wirtschaftlichen Teil der sozialen
Frage wiederholten, wenn man sich mit ihnen irgendwie
dariiber aussprach.
Das andere, was einem da entgegentreten konnte,
war, da£ zunachst ja diejenigen, die nun so die ganz
handfesten Praktiker sind, es uberhaupt ablehnten, sich
in solcher Weise iiber die mogliche Gestaltung der
wirtschaftlichen Probleme zu unterhalten. Das Weitere
war, dafi ja einiges Interesse zum Beispiel in sozialistischen
Kreisen erweckt werden konnte, dafi man aber gerade
dort die Erfahrung machen konnte, daft das, was gewollt
war, am allerwenigsten von dieser Seite verstanden wurde,
und dafi alles nur danach beurteilt wurde, ob es sich in
die alten Parteischablonen einfiige oder nicht. Und so
verging jene Zeit, aus der heraus diese Anregungen ge-
dacht waren. Es kam das ganze furchtbare Valuta-Elend,
das aber in einer ganz anderen Weise eigentlich zu be-
urteilen ist, als man es heute gewohnlich beurteilt.
Als zuerst mein «Aufruf an das deutsche Volk und
an die Kulturwelt» und dann die «Kernpunkte der so-
zialen Frage» erschienen waren, da zeigte sich sogleich,
wie einzelne Personlichkeiten, die es ja in ihrer Art mit
einer Gesundung des mitteleuropaischen Wirtschaftsle-
bens ganz ehrlich meinten, sagten: Ja, solche Vorschlage
- sie nannten das Vorschlage - sind ja ganz schon, aber
es sollte zunachst einmal gesagt werden, wie wir zu
einer Aufbesserung der Valuta kommen. Das wurde in
Zeiten gesagt, als das Valuta-Elend gegeniiber den heu-
tigen Verhaltnissen noch das reine Paradies war. Nun
zeigt sich in solchen Forderungen, wie man uberall nur
an den aufteren Symptomen herumpfuschen will. Es
zeigt sich wenig Verstandnis dafiir, daft ja in den Valuta-
verhaltnissen nur die an die Oberflache schlagenden
ungesunden Wirtschaftsverhaltnisse sich symptomatisch
anzeigen, daft man mit einer solchen Symptomenkur
iiberhaupt das Ubel gar nicht anpackt, und daft es sich
darum handelt, viel tiefer und tiefer in die sozialwirt-
schaftlichen Zustande der Gegenwart hineinzugehen,
wenn man in irgendeiner Weise dazu kommen will, die
Probleme realistisch zu besprechen, fur die die Andeu-
tung gegeben werden sollte in den «Kernpunkten der
sozialen Frage». Und so ist es denn gekommen, daft das,
was ich wiederholt am Schlusse von Vortragen, die ich
im Anschlusse an die «Kernpunkte» hielt, damals gerufen
habe: man solle sich besinnen, ehe es zu spat ist -, daft
dieses «Zu spat!» in einem hohen Grade heute eingetreten
ist, daft wir gar nicht mehr in der Lage sind, in dem
urspriinglichen Sinne, der die «Kernpunkte» durchpulst,
die Sache anzufassen; denn mittlerweile ist das Chaos
des Wirtschaftslebens so hereingebrochen, daft wiederum
ganz andere Erganzungen notwendig waren zu dem,
was dazumal nicht blofi ausgesprochen werden sollte,
sondern ausgesprochen werden mufke, meiner Uber-
zeugung nach. Und man wird wohl doch kaum vor-
iibergehen konnen an einer Charakteristik unseres Zeit-
alters im allgemeinen, wenn man das besprechen will,
was heute auch dem Wirtschaftsleben am allerschad-
lichsten ist.
Als ich gestern ein Zeitungsblatt in die Hand nahm,
da trat mir - und es konnen einem heute ja die wichtig-
sten Symptome gewissermaften aus einzelnen Satzen, die
heute unsere Zeitgenossen aussprechen, iiberall entge-
gentreten -, es trat mir ein Artikel entgegen: «Verschie-
bung der Demission des Lloyd George bis nach der
Konferenz von Genua». Damit war wieder einmal die
heutige Tagessituation ausgesprochen, indem alles, was
heute den Tag charakterisiert, «wartet». «Wir wollen
warten» - das ist eigentlich heute iiberall das Prinzip;
warten, bis irgend etwas geschieht, von dem man nicht
sagen kann, was es eigentlich sein wird. Was da gesche-
hen soli, weifi man nicht, aber man wartet, bis es ge-
schehen ist! Das ist das, was heute den Leuten tief in den
Seelen sitzt, auf alien Gebieten. Und nun mochte ich
etwas scheinbar - aber nur scheinbar - recht Abstraktes
vorbringen; aber auch das ist durchaus in realistischem
Sinne gemeint, denn es weist hin auf die unter uns
wirksamen Krafte, durch die wir eigentlich im Laufe der
Menschheitsentwicklung allmahlich dazu gekommen
sind, dieses so aussichtsvolle Prinzip «wir wollen war-
ten» iiberall geltend zu machen.
Wenn wir in altere Kulturentwicklungen zuriickblik-
ken, so finden wir gerade bei diesen alteren Kulturen,
daft ein eigentliches wissenschaftliches Denken, auch in
dem Sinne, wie es in den alten Zeiten vorhanden war -
Sie wissen das ja aus dem Vortrage, den ich hier zuletzt
in der Philharmonie gehalten habe nicht rein «wissen-
schaftlich» zu nennen ist. Sieht man aber auf das, was an
Stelle des heutigen wissenschaftlichen Denkens stand, so
kann man wissen, daft aus jenem Denken zunachst nicht
unmittelbar das wirtschaftliche Leben hervorgegangen
ist. Das wirtschaftliche Leben hat sich zunachst mehr
oder weniger unabhangig von dem menschlichen Ge-
danken, wie instinktiv - um nicht zu sagen automatisch
- im Wechselverkehr der Menschheit entwickelt. Was
man im wirtschaftHchen Leben hat tun wollen, hat sich
einfach aus der Lebenspraxis heraus entwickelt. Man hat
instinktiv gehandelt, hat ja wohl auch den Bereich des
Handels erweitert iiber dieses oder jenes Gebiet, aber
alles ist eben mehr oder weniger instinktiv geschehen.
Man mag nun das eine oder andere einwenden vom
Gesichtspunkte der heutigen Auffassungen von Men-
schenfreiheit, Menschenwurde und so weiter gegen die
wirtschaftHchen Zustande alterer Zeiten; allein, man wird
gut tun, auch auf der anderen Seite zu sehen, wie ganz
merkwurdige Symptome in der Menschheitsentwicklung,
die auch heute noch lehrreich sein konnen, sich zum
Beispiel zeigen in der Art und Weise, wie Arbeitnehmer
und Arbeitgeber - wenn wir diese modernen Ausdriicke
auf alte Zeiten anwenden wollten - im Verhaltnis zuein-
ander lebten im alten Griechentum, im alten Agypter-
tum, bis nach Asien hiniiber. Diese Dinge nehmen sich
gegeniiber den heutigen Empfindungen so aus, dafi sie
eben die scharfste Kritik selbstverstandlich herausfor-
dern; allein, jede solche Kritik ist eben unhistorisch, und
man mufi sagen: Es waren eben diejenigen Verhaltnisse
in den entsprechenden Zeitepochen da, die sich aus dem
damaligen Empfinden jener Menschheit ergaben. Das ist
das eine, was man ins Auge fassen mufi.
Das andere ist die Tatsache, die zusammenhangt mit
jenem Umschwung in der Menschheitsentwicklung, auf
den ich schon ofters hindeuten muftte, der etwa im 15.
Jahrhundert liegt, und durch den die Seelenverfassung
der zivilisierten Menschheit eine ganz andere geworden
ist. Ich sagte schon: Die auftere Geschichte weist wenig
darauf hin, wie damals die Gesamtlebensauffassung der
menschlichen Seele eine andere geworden ist. Und wenn
wir uns dann fragen: Wie steht diese menschliche Ent-
wicklung zum Wirtschaftsleben? - dann bekommen wir
die Antwort: Die Zeit der instinktiven Fuhrung des
Wirtschaftslebens, die so war, wie ich sie eben charakte-
risiert habe, diese Zeit reichte noch herein bis in die
Epoche dieses Umschwunges. Mit diesem Umschwunge
kam dann herauf in die Seelenverfassung der Menschheit
der Intellektualismus, der Drang, mit reiner Verstan-
deslogik die Welt zu begreifen. Dieser Drang, der einfach
ein tiefes Bediirfnis der menschlichen Seelenverfassung
wurde, er bewahrte sich ja in so glanzender Art gerade
auf naturwissenschaftlichem Gebiete und auf jenem
Gebiete, das aus der Naturwissenschaft in so glanzender
Weise sich herausgebildet hat: auf dem Gebiete der
Technik, wo er die au$erordentlichsten, nicht genug
anzuerkennenden Triumphe gefeiert hat. Aber dieser
Intellektualismus - und das werden doch verschiedene
Auseinandersetzungen gezeigt haben, die hier auch wah-
rend dieses Kursus schon gepflogen worden sind -
hat sich vollig unfahig gezeigt, die Erscheinungen des
Menschenlebens und Menschenwesens selbst, auch in
sozialer Beziehung, zu ergreifen. Man kann mit diesem
Intellektualismus, mit dieser intellektualistischen Orien-
tierung der Seele in grandioser Weise die aufiere sinnli-
che Natur auf ihre Gesetzmafiigkeiten zuruckfiihren.
Man kann aber nicht mit diesem Intellektualismus diese
sich ineinander verschlingenden und wahrend des Ver-
schlingens sich organisierenden und wahrend des Orga-
nisierens sich seelisch auslebenden und geistig sich
durchdringenden Verhaltnisse des sozialen Lebens er-
greifen. Ich mochte sagen: Das Netzwerk intellektuali-
stischer Ideen ist einfach zu weitmaschig fur das, was im
sozialen Leben vorliegt. Aber wissenschaftlich zu denken
- das hat die Menschheit gelernt an diesem Intellektua-
lismus. In ihn ist ja zuletzt alles einbezogen worden, bis
in die Theologie hinein. Der Intellektualismus beherrscht,
wenn wir auch beobachten und experimentieren, doch
unsere ganze wissenschaftliche Denkweise, und wir
haben es zuletzt dahin gebracht, das, was nicht in die
Bahnen des Intellektualismus hineingebracht wird, ein-
fach als nicht wissenschaftlich anzusehen.
In diese Zeit des Intellektualismus fiel nun hinein der
Ubergang von dem rein instinktiven zu demjenigen
Wirtschaftsleben, das angefacht werden soil mit mensch-
lichen Gedanken. Wir diirfen sagen: In der Zeit, wo man
noch nicht intellektualistisch iiber die Welt gedacht hat,
wurde das Wirtschaftsleben instinktiv gefiihrt. Als aber
die Zeit heraufkam, die immer mehr und mehr nach
Weltwirtschaft und Weltverkehr hintendierte, wurde der
Mensch aus dieser Tendenz nach Weltverkehr und
Weltwirtschaft dazu angehalten, auch das Wirtschaftsle-
ben nun mit Gedanken zu durchdringen. Diese Gedan-
ken aber wurden allein aus dem Intellektualismus heraus
genommen. Dadurch zeigte sich in allem, was als wirt-
schaftswissenschaftliche Gedanken heraufgezogen ist -
im Merkantilismus, im Physiokratismus, in den natio-
nalokonomischen Ideen eines Adam Smith, wie in allem,
was dann spater hervorgetreten ist bis zu Karl Marx -,
daft auf der einen Seite das Wirtschaftsleben forderte,
daft nicht mehr bloft instinktiv gewirtschaftet wurde,
sondern daft es mit Gedanken erfaftt werde, daft aber auf
der anderen Seite, da die Gedanken nur hergenommen
werden konnten aus dem Intellektualismus, damit alle
wirtschaftlichen Anschauungen durch und durch einseitig
wurden, so dafi aus diesen wirtschaftlichen Anschauun-
gen niemals eigentlich etwas hervorging, was man fort-
wirken gesehen hatte in der wirtschaftlichen Praxis. Auf
der einen Seite waren die Wirtschaftstheoretiker, die aus
intellektualistischen Satzen Axiome bildeten - wie zum
Beispiel Ricardo, Adam Smith oder John Stuart Mill
und die auf solchen Axiomen Systeme aufbauten, womit
sie eine ganz in sich verlaufende Geistesart bildeten; auf
der anderen Seite war die wirtschaftliche Praxis, die
eigentlich einer Durchdringung mit dem Geist bedurft
hatte, die diese Durchdringung geradezu forderte, aber
keinen Anschlu£ fand, die im alten Instinktleben fort-
wirkte und daher in das vollstandige Chaos verfiel.
So waren diese zwei Stromungen in der neueren Zeit
immer mehr gang und gabe geworden: auf der einen
Seite die Wirtschaftstheoretiker - ohne EinfluiS auf die
wirtschaftliche Praxis; auf der anderen Seite die Prakti-
ker, welche die alte, zur Routine gewordene Praxis fort-
setzten, und damit das Wirtschaftsleben der zivilisierten
Welt in das Chaos hineinwarfen. - Man mu£ selbstver-
standlich solche Dinge in einer etwas radikalen Weise
aussprechen, denn nur dadurch wird wirklich auf das
hingedeutet, was ist, was wirksam ist und was als Problem
aufgefafit werden mu£.
Wenn man nun, ich mochte sagen, eine Art Ver-
bindung, eine Art Synthese zwischen wirtschaftlichem
Denken - das aber von der Praxis allmahlich ganz ausge-
rottet worden ist - und dieser wirtschaftlichen Praxis
sucht, so findet man diese Verbindung hochstens in
einem. In der neuesten Zeit bildete sich namlich heraus
eine Art von wirtschaftlichem Realismus, eine Art wirt-
schaftlich-wissenschaftlicher Realismus, der da sagt, man
konne iiberhaupt nicht so allgemein zu Gesetzen des
Wirtschaftslebens kommen, sondern man miisse die Tat-
sachen der Wirtschaft betrachten, wie sie sich bei ein-
zelnen Nationen oder Menschengruppen abspielen, und
nur wenn man in dieser Weise rein aufierlich betrachtet,
was geschehen ist, konne man einige Richtlinien fur das
wirtschaftliche Handeln finden. Was aus diesen Unter-
griinden heraus entstanden ist, das ist das, was dann
als die sogenannte sozialpolitische, als die wirtschaftli-
che Gesetzgebung aufgetreten ist. Das heifk, man hat
allmahlich geglaubt, herausgefunden zu haben, dafi
man zwar durch die Betrachtung der tatsachlichen wirt-
schaftlichen Verhaltnisse im Zusammenhange mit den sie
durchsetzenden sozialen Verhaltnissen gewisse Richt-
linien bekommen konne, die man dann in der wirtschaft-
lichen Gesetzgebung zum Ausdruck brachte; man hat
also auf dem Umwege durch den Staat versucht, einiges
von dem zu verwirklichen, was aus den Beobachtungen
hervorgegangen ist, aber dadurch hat man in Wirklichkeit
selbst zugegeben, da£ aus diesen Beobachtungen wirk-
liche wissenschaftliche Wirtschaftsgesetze gar nicht
hervorgehen konnen. Ja, in dieser Situation steht man
eigentlich im Grunde genommen heute noch drinnen.
Und gerade, wenn man in der Lage ist, einschneiden-
de Erfahrungen zu machen und, ich mochte sagen, so-
ziale Urphanomene in der richtigen Weise zu werten,
dann sieht man, wie man in dieser Situation drinnen
steht.
Sie wissen ja alle, dafi in das in ein so furchtbares
Chaos hineingehende Zivilisationsleben in einem gewis-
sen Zeitpunkte die sogenannten «Vierzehn Punkte»
Woodrow Wilsons fielen. Was waren diese Vierzehn
Punkte denn eigentlich? Sie waren im Grunde genommen
nichts anderes als die abstrakten Prinzipien eines welt-
fremden Mannes, die abstrakten Prinzipien eines Men-
schen, der von der Wirklichkeit wenig wulke, wie sich
dann in Versailles, wo er in der Wirklichkeit eine her-
vorragende Rolle hatte spielen konnen, gezeigt hat. Ein
wirklichkeitsfremder Mann wollte aus dem Intellektua-
lismus heraus der Welt zeigen, wie sie sich organisieren
sollte. Man muli nur erlebt haben, mit welcher Begei-
sterung die zivilisierte Menschheit an diesen Vierzehn
Punkten hing, allerdings mit Ausnahme eines grofien
Teiles der mitteleuropaischen Bevolkerung, fur die es
aber leider auch einen, wenn auch kurzen Zeitraum gab,
in dem sie auf diese Vierzehn Punkte hereinfiel.
Im Jahre 1917 versuchte ich demgegeniiber, einzelnen
Personlichkeiten Mitteleuropas, die sich dafiir interes-
sierten, denen aber nicht nachgelaufen wurde, sondern
die entweder herankamen oder herangebracht wurden,
zu zeigen, wie abstrakt, wie wirklichkeitsfremd dasjeni-
ge ist, was da in die soziale Gestaltung der Welt herein
will, wie sozusagen alles das, was an schlechten Erzie-
hungsgrundsatzen in der modernen Zivilisation waltet,
kondensiert in diesem Weltschulmeister Woodrow Wil-
son sich darstellte, und wie die abstrakten Grundsatze
dieser - im schlechten Sinne - Weltschulmeisterei von
den Leuten mit Begeisterung aufgenommen wurden.
Dazumal versuchte ich zu zeigen, dafi eine Gesundung
dieser Verhaltnisse nur eintreten konne, wenn man ge-
geniiber alien solchen abstrakten Einstellungen sich auf
den Boden stellt, der die Gedanken nicht ausschliefk, der
aber gerade die Gedanken so hervorbringt, dafi sie aus
der Wirklichkeit, aus der Realitat herauswachsen. Dann
darf man sich aber nicht irgend etwas Utopistisches
ausdenken - ich mochte sagen, die Woodrow Wilson-
schen Grundsatze waren der verdichtetste Utopismus,
waren der Utopismus in der dritten Potenz schon
sondern dann mufi man sich klar sein, dafi man aus den
realen Bedingungen der gegenwartigen Menschheit selbst
suchen mufi, wie Impulse zu finden sind. Daher verzich-
tete ich bei dem, was ich auseinanderzusetzen hatte, auf
jede utopistische Theorie, verzichtete darauf, iiberhaupt
zu sagen, wie sich etwa Kapital, wie sich Arbeit und
dergleichen gestalten sollten; ich gab hochstens einige
Beispiele dafiir, wie man sich denken konne, daft sie sich
aus den gegenwartigen Verhaltnissen heraus in eine
nachste Zukunft hinein gestalten konnten. Das aber war
alles nur zur Illustration dessen gesagt, was sie werden
sollten; denn ebenso gut wie ich da iiber die Wandlung
der Kapitalkrafte in meinen «Kernpunkten» gesprochen
habe, ebenso gut konnte diese Wandlung auch in einer
modifizierten Weise sich vollziehen. Nicht darauf kam
es mir an, ein abstraktes Zukunftsbild hinzustellen,
sondern zu sagen, aus welchen Untergriinden heraus, auf
reale Art, man nun - nicht zu einer theoretisch ausge-
dachten, sondern zu einer wirklichen Losung der soge-
nannten sozialen Frage kommen konnte. Es handelte
sich nicht darum, zu sagen: Dies oder jenes ist die Losung
der sozialen Frage. Um eine solche Losung zu versu-
chen, dazu habe ich nun wirklich zu viele Erfahrungen
gemacht. Ich war schon in den 80er Jahren des vori-
gen Jahrhunderts in dem gemiitlichen Wien fast jeden
Nachmittag nach zwei Uhr eine Stunde zusammen mit
alien moglichen gescheiten Leuten. Da ist im Verlaufe
einer Stunde die soziale Frage jeden Nachmittag mehr-
mals gelost worden! Und derjenige, der unbefangen ge-
nug in die Verhaltnisse der Gegenwart hineinsieht, weifi
schon ganz gut, dafi Losungen, die heute oftmals in
dicken Biichern auftreten, auch nicht viel mehr wert
sind, als die, welche damals in Wien mit einigen Bleistift-
strichen und vielen fanatischen Worten iiber einer wei-
ften Tischplatte verhandelt worden sind. Darum konnte
es sich also nicht handeln, und das war das argste Mi$-
verstandnis, das mir entgegengebracht wurde, dafi es sich
urn so etwas handeln sollte.
Was ich zeigen wollte, war: Die Losung des sozialen
Problems kann nur auf reale Weise selbst erfolgen; diese
Losung kann iiberhaupt nicht durch Diskussionen, son-
dern nur durch Geschehen, durch Tatigkeit erfolgen. Zu
dieser Tatigkeit miissen aber erst die Bedingungen hin-
gestellt werden, und auf diese Bedingungen versuchte
ich in meinen «Kernpunkten» und in anderen Auseinan-
dersetzungen zu verweisen. Ich versuchte zu zeigen, da$
wir in unserem sozialen Organismus einmal solche Ein-
richtungen brauchen, die es ermoglichen, da$ ein Gei-
stesleben aus seinen eigenen Bedingungen heraus sich
entwickeln kann, wo also nur die Bedingungen des
Geisteslebens selbst wirken; dafi wir sodann ein zweites
Glied brauchen, wo nur die rechtlich-staatlichen Impul-
se wirken, und aufterdem ein drittes Glied, wo nur dieje-
nigen Impulse wirken, die aus der Warenproduktion
und der Warenkonsumtion hervorgehen, und die zu-
letzt, wenn sie sich aus einem assoziativen Wirtschafts-
system entwickeln, gipfeln miissen in einer gesunden
Preisbildung. Damit sollten nicht etwa die alten Stande
wieder ins Dasein zuriickgerufen werden. Nicht die
Menschen sollten sich gliedern in einen Lehrstand, einen
Wehrstand und einen Nahrstand; sondern der Mensch
der neueren Zeit ist bis zur Individualist vorgeschritten,
und er wird nicht in abstrakter Weise eingegliedert sein
in einen bestimmten Stand. Aber was drauften als Ein-
richtungen vorhanden ist, das tendiert einfach aus den
Kraften, die im geschichtlichen Werden vorhanden sind,
dazu, da£ abgesondert aus den eigenen Bedingungen
heraus verhandelt wird, etwas getan wird fur das Gei-
stesleben, fur das Rechts- oder Staatsleben und fur das
Wirtschaftsleben. Dann erst, wenn die Bedingungen dazu
geschaffen sind, daft zum Beispiel der Wirtschafter rein
aus wirtschaftlichen Impulsen heraus das gestalten kann,
was etwa die gegenwartigen Marktverhaltnisse modifi-
zieren soli, oder was die gegenwartigen Kapitalverhalt-
nisse modifizieren soil, erst wenn solche Moglichkeiten
geschaffen sind, entwickelt sich unter den Menschen
dasjenige, was eine reale Losung - die aber in fortwah-
rendem Werden ist - der sozialen Frage genannt werden
kann.
Also es geht mir nicht darum, die soziale Frage zu
losen, weil ich der Meinung sein mufke, dafi liberhaupt
diese Losung nie in einem einzelnen Moment als etwas
Abgeschlossenes gegeben werden kann, weil das soziale
Problem, nachdem es einmal heraufgekommen ist, in
fortwahrendem Flufi ist. Der soziale Organismus ist
etwas, was jung wird, altert, und dem immer neue Impulse
eingeflofit werden miissen, von dem aber nie gesagt
werden kann: so und so ist seine Gestalt. Wenn der
soziale Organismus nicht so ist, daft die Menschen in
einem, alle Interessen zusammenmischenden Parlament
zusammensitzen, wo dann wirtschaftlich Interessierte
iiber Fragen des Geisteslebens, staatliche Interessen iiber
wirtschaftliche Fragen und so weiter entscheiden, sondern
wenn in einem gesunden sozialen Organismus die ein-
zelnen Gebiete aus ihren eigenen Bedingungen heraus
betrachtet werden, dann wird einmal das Staatsleben auf
eine reale demokratische Grundlage gestellt werden
konnen; dann wird das, was zu sagen ist, nicht von einem
Menschen in einem solchen einzigen Parlament gesagt
werden, sondern es wird hervorgehen aus den fortdau-
ernden kontinuierlichen Verhandlungen unter den ein-
zelnen Gliedern des sozialen Organismus.
In diesem Sinne war also mein Buch eine Mahnung
dazu, endlich aufzuhoren mit dem unfruchtbaren Reden
iiber die soziale Frage und sich auf einen Boden zu
stellen, von dem aus man jeden Tag die Losung der
sozialen Probleme in die Hand nehmen kann. Es war ein
Ruf, der an die Verstehenden ging, um wirklich das, was
immer nur im Abstrakten gedacht war, uberzufuhren in
das durchdachte Handeln. Dazu sollten zum Beispiel im
wirtschaftlichen Leben die Assoziationen dienen. Solche
Assoziationen sind grundverschieden von dem, was in
der neueren Zeit an Vergesellschaftungen zustande ge-
kommen ist, und konnen jeden Tag aus den wirtschaft-
lichen Untergriinden gebildet werden. Bei ihnen handelt
es sich darum, daft nun wirklich diejenigen Menschen,
die im Behandeln von Warenproduktion, von Waren-
zirkulation und im Konsumieren von Waren verbunden
sind - was jeder Mensch ist -, sich zu Assoziationen
zusammenschlieften, so daft daraus vor allem die gesun-
de Preisbildung hervorgeht. Es ist ein langer Weg von
dem, was aus Sach- und Fachkenntnis heraus die in den
Assoziationen verbundenen Menschen werden zu leisten
haben, bis zu dem, was nicht durch eine Gesetzgebung,
auch nicht als Resultat von Diskussionen, sondern als
Resultat der Erfahrung sich ergibt als die gesunde Preis-
bildung. Doch vor allem hatten Menschen das Bedurf-
nis, die Grundziige dessen, was damals gewollt wurde
und was ich jetzt in diesen einleitenden Worten vor Sie
hinzustellen versuchte, zu diskutieren; denn die Welt
war so eingeschult in abstraktes Denken, daft man auch
diese Anregung nur vom Gesichtspunkte des abstrakten
Denkens nahm, und daft man sich mit dem, was ich nur
als Illustration gegeben habe, vor allem so hilft, daft man
stundenlang diskutiert, wahrend es sich darum hande In
sollte, wirklich einzusehen, wie jeden Tag die Gliederung
des sozialen Organismus in Angriff genommen werden
kann in der Weise, wie es in den «Kernpunkten» ange-
deutet ist.
So handelt es sich heute nicht darum, theoretische
Losungen der sozialen Frage zu suchen, sondern die
Bedingungen aufzusuchen, unter denen die Menschen
sozial leben werden. Und sie werden sozial leben, wenn
der soziale Organismus nach seinen drei Gliedern hin
arbeitet, wie ja der naturliche Organismus auch unter
dem Einfluft seiner relativen Dreigliederung gerade zur
Einheit hin arbeitet.
Sehen Sie, man muft heute erst einmal sagen, wie
solche Dinge gemeint sind. Und wenn man sie aus-
spricht, wird immer noch gefordert, daft nun die Worte,
deren man sich schon einmal bedienen mufi, so genom-
men werden sollen, wie man sie nimmt nach der intellek-
tualistischen Bedeutung, die man ihnen heute beilegt.
Man iibersetzt sofort in seinen Intellektualismus das,
was ganz ausdriicklich nicht in Intellektualismus einge-
taucht ist. Daher ist iiber Kapital, iiber die Naturgrund-
lagen der Produktion, iiber die Arbeit in meinem Buche
so gesprochen, daft die Ideen einfach fur das Leben
gedacht sind. Wenn wir abstrakt verhandeln, konnen wir
lange definieren, und das ist ja auch geschehen. Der eine
sagt mit demselben Recht: Kapital ist kristallisierte Ar-
beit, ist Arbeit, die aufgespeichert ist - wie der andere
mit demselben Recht sagt: Kapital ist ersparte Arbeit.
Und so kann man es mit alien volkswirtschaftlichen
Begriffen machen, wenn man innerhalb des Intellektua-
lismus stehen bleibt. Aber das alles sind nicht Dinge, mit
denen man es nur theoretisch zu tun haben kann, sondern
die man lebendig in ihrer Gestaltung erfassen mull. Und
wer sich wie die Praktiker, die viel auf ihre Praxis und
Routine sich zugute tun, der Abstraktheit in diesen
Dingen befleiftigt, der kann folgendes machen, was ich
durch einen Vergleich verdeutlichen will.
Ich sehe den Ernst Muller. Er ist klein, hat durchaus
kindliche Ziige und kindliche Eigenschaften. Ich sehe
diesen Ernst Muller nach zwanzig Jahren wieder und
sage: Das ist nicht der Ernst Muller, denn der ist klein,
hat kindliche Eigenschaften und eine ganz andere Phy-
siognomic - Ja, wenn ich mir damals meinen Begriff von
dem Ernst Muller gebildet habe und ihn nun nach zwanzig
Jahren zur Deckung bringen will mit dem, was mir jetzt
als reale Wesenheit entgegentritt, so mache ich einen
furchtbaren Fehler. Doch so wenig es die Menschen
glauben mogen: es ist so, wenn sie heute wirtschaftlich
denken. Sie machen sich Gedanken und Begriffe iiber
Kapital und Arbeit und so weiter, und sie meinen, diese
Begriffe miifken immer Geltung haben. Aber da braucht
man nicht zwanzig Jahre zu warten, braucht man nur
von einem Arbeitgeber zum andern zu gehen, aus einem
Lande ins andere und entdeckt dann, daft der Begriff,
den man sich an der einen Stelle gebildet hat, eben an der
anderen Stelle gar nicht mehr gilt, wenn er sich nicht von
selbst umgewandelt hat - wie der Ernst Muller. Man
erkennt nicht, was da ist, wenn man nicht bewegliche
Begriffe hat, die voll im Leben drinnen stehen.
Das ist das, was moglich machte, daE gerade auf
anthroposophischem Boden in unserer heutigen Zeit der
Not auch wirtschaftliche Einrichtungen ihren Ausdruck
finden, weil Anthroposophie es ihrer Natur nach gegen-
iiber dem bewegHchen Geiste mit beweglichen Ideen zu
tun haben mufi, weil man an ihr lernen kann, wie man
seine Ideen mit Wachstumskraft, mit innerer Beweg-
lichkeit ausstatten mu£ und dann mit solchen Ideen - so
wenig es die heutigen Praktiker glauben mogen - auch in
die andersgeartete Wirklichkeit eintauchen kann, die sich
abspielt als soziales Leben von Mensch zu Mensch, von
Volk zu Volk durch die ganze, nunmehr notwendig
gewordene und so kiinstlich beeintrachtigte Weltwirt-
schaft hindurch. Und so darf wohl gesagt werden: Nicht
eine Aufterlichkeit ist es, daft gerade auf anthroposophi-
schem Boden auch der Versuch gemacht wurde, zu -
nicht sozialen Ideen, sondern zu sozialen Impulsen zu
kommen. Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der uber
diese Dinge viel diskutiert worden ist. Ich habe immer
sagen miissen: Ich meine soziale Impulsel - Das hat die
Leute furchtbar geargert. Denn selbstverstandlich hatte
ich sagen sollen: soziale Ideen oder soziale Gedanken;
denn die Leute hatten fur solche Dinge nur Gedanken im
Kopf e. Daft ich von Impulsen sprach, argerte sie furchtbar;
denn sie merkten nicht, daft ich «Impulse» brauchte aus
dem Grunde, weil ich Realitaten meinte und nicht ab-
strakte Ideen. Ausdriicken muft man sich selbstverstand-
lich in abstrakten Ideen.
So muft heute wieder begriffen werden, daft ein neues
Verstandnis gesucht werden muft fur das, was man das
soziale Problem nennt. Wir leben heute unter anderen
Verhaltnissen als im Jahre 1919. Die Zeit 1st insbesondere
auf dem Wirtschaftsgebiete aufterordentlich schnellebig.
Notwendig ist es, daft selbst solche Ideen, die schon fur
die damalige Zeit beweglich gehalten worden sind, wei-
ter in Fluft gehalten werden, und daft man bei seinen
Beobachtungen auf dem Standpunkte des Geistesgegen-
wartigen steht. Wer die Verhaltnisse des Wirtschaftslebens
real ins Auge zu fassen vermag, der weift, da£ sie sich seit
der Abfassung der «Kernpunkte» wesentlich geandert
haben, und daft man nicht wieder bloft so deduzieren
kann wie damals. Aber man wird dort [in den «Kern-
punkten»] wenigstens einen Versuch finden, diese Me-
thode des sozialen Denkens in einer realistischen Weise
zu suchen, gerade vielleicht deshalb, weil dieser Versuch
entsprossen ist einem Boden, wo Realitaten immer ge-
sucht wurden, wo man nicht in Schwarmerei oder in
falsche Mystik hineinfallen will - weil dieser Versuch
erwachsen ist auf dem nach Exakthek ringenden Boden
der anthroposophischen Weltanschauung.
SECHSTER VORTRAG
ANTHROPOSOPHIE UND THEOLOGIE
Berlin, 10. Marz 1922
Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich bin genotigt,
auszugehen von einer Zeitschriftennotiz, die mir eben
iiberreicht worden ist, einer Notiz in der «Christlichen
Welt», von der ich - weil ich sie vorher nicht kannte -
selbstverstandlich nicht dachte, bei meinen heutigen ein-
leitenden Worten auszugehen. In dieser Zeitungsnotiz
steht: «Vom 5. bis 12. Marz findet in Berlin ein anthro-
posophischer Hochschulkurs statt. ... Der Tag der
Theologen ist Freitag, der 10. - Diese Veranstaltung am
Freitag ist nun eine unzweideutige Herausforderung
Steiners und seiner Anhanger an die Theologen» und so
weiter.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, diese heuti-
ge Veranstaltung mag alles andere sein; das, was sie
jedenfalls nicht ist und wodurch sie, wenn es der Glaube
ware, im allertiefsten Sinne mifiverstanden wiirde, das ist
eine Herausforderung an die Theologen. Ich selber bin
an dieser Veranstaltung niemals in irgendeiner anderen
Weise beteiligt gewesen, als dafi ich gefragt worden bin,
ob ich durch Vortrage und einleitende Betrachtungen
mitwirken wolle an diesem Hochschulkurse, dessen
Initiative nicht von mir ausgegangen ist. Ich bin am
wenigsten beteiligt an der heutigen Veranstaltung, das
heifit, an der Einfugung dieses Programmpunktes in den
Hochschulkurs, und ich wiirde niemals daran gedacht
haben, dafi dasjenige, was heute hier verhandelt werden
soil, aufgefafit werden konnte als eine «unzweideutige
Herausforderung an die heutigen Theologen».
Daher gestatten Sie auch, meine sehr verehrten An-
wesenden, damit nicht wieder oder neuerdings alle mog-
lichen MilSverstandnisse sich an das kniipfen, was ich
hier als ganz wenige einleitende Worte zu sagen haben
werde, dafi ich mich heute wirklich beschranke auf das
Thema: Das Verhaltnis der Anthroposophie zur Theo-
logie, und dafi ich mit Riicksicht darauf, daft nicht neue
Miftverstandnisse entstehen, auf einiges verzichte von
dem, was von mir hier vorgebracht wiirde, weil ich sonst
neuerdings sehen miifke, wie das verkannt wird, was von
mir gewollt wird.
Sehr verehrte Anwesende, es war niemals mein Be-
streben - verzeihen Sie, wenn ich durch diese an mich
ergangene Herausforderung gezwungen bin, heute ganz
kurz in der Einleitung einzelne personliche Bemerkun-
gen zu machen es war eigentlich niemals meine Ab-
sicht, irgendwie die Theologie herauszufordern, und von
ihrem Ausgangspunkt an hat Anthroposophie, insofern
sie ein Arbeitsgebiet darstellt, an dem ich selbst beteiligt
bin, niemals irgendwie gesucht, sich innerhalb ihrer Arbeit
mit der heutigen Theologie als solcher auseinanderzu-
setzen. Das ist, insofern es geschehen ist, und es ist ja
wirklich von mir so wenig wie moglich geschehen, le-
diglich dadurch geschehen, da£ Angriffe gegen die An-
throposophie von theologischer Seite her allerdings sehr
viele erfolgt sind, und daE man sich - nicht so sehr ich als
andere - manchmal zur Wehr setzt. Denn Anthroposo-
phie wollte als Arbeitsgebiet durchaus, ich mochte sagen,
der Theologie gegeniiber neutral bleiben, sie will arbei-
ten aus dem gegenwartigen Wissenschaftsgeist heraus.
Man hatte am Ende des vorigen Jahrhunderts eine
gewisse wissenschaftliche Richtung, gewisse wissen-
schaftliche Methoden, eine gewisse wissenschaftliche
Gesinnung vor sich, eine Gesinnung und Methode, welche
aus Griinden, iiber die ich schon gesprochen habe, und
iiber die wegen der Kiirze der Zeit nicht ausfiihrlich
gesprochen werden kann, eine Methode und Gesinnung,
die man aus der ganzen geschichtlichen Entwicklung der
neueren Zeit insbesondere anwendete auf die naturwis-
senschaftliche Forschung, und durch die man innerhalb
der naturwissenschaftlichen Forschung die grofkmog-
lichsten Triumphe - ich meine das nicht in einem trivialen,
sondern in einem tieferen Sinne - fur Menschenfortschritt
und Menschenwohl errungen hat. Der naturwissen-
schaftlichen Forschung stand in dieser Zeit die Philoso-
phic, ich mochte sagen etwas ratios gegeniiber. Die
Philosophic mufite sich auseinandersetzen mit denjenigen
Methoden, welche vor alien Dingen auf die Naturwis-
senschaft angewendet worden sind, und welche in der
Philosophic, in der man es doch mit einem ganz anderen
Tatsachengebiet zu tun hat, nicht anwendbar waren.
Man war sich, ich mochte sagen theoretisch und er~
kenntnistheoretisch nicht immer dariiber klar, in wel-
chem Sinne man mit den naturwissenschaftlichen Me-
thoden in der Philosophic arbeiten sollte. Man ist dann
in der experimentellen Psychologie auf ein gewisses
Gebiet verfallen, wo es mehr oder weniger scheinbar
oder auch mehr oder weniger richtig geht, aber die Un-
sicherheit ist im Grunde genommen doch auch da vor-
handen. Demgegenuber erarbeitete sich Anthroposophie
aus den verschiedensten Untergninden heraus ihre eigene
Arbeitsmethode. Sie will auf der einen Seite demjenigen
Rechnung tragen, was gerade mit der besonderen Aus-
bildung der neueren Denk- und Forschungsmethoden in
der Naturwissenschaft zu erreichen ist, auf der anderen
Seite den menschlichen Bediirfmssen nach einer geistigen
Welt und ihrer Erkenntnis. Man stand auf der emen Seite
vor der Tatsache, die naturwissenschaftlichen Methoden
voll anzuerkennen, und in bezug auf die Behandlung des
naturwissenschaftlichen Gebietes - ich habe das schon
ausgesprochen - bin ich heute selbst noch so Haeckel-
ianer, wie ich es in den 90er Jahren des vorigen Jahrhun-
derts gewesen bin; nicht in dem Sinne, als ob die natur-
wissenschaftlichen Methoden nicht weitergebildet wer-
den miifken und als ob nicht gerade von Seiten der
Naturwissenschaft manches gegen das, was Haeckel ge-
schrieben hat, eingewendet werden miilke, aber da kommt
man auf ein ganz anderes Diskussionsgebiet, ich meine
in der Behandlung der rein natiirlichen Welt bin ich
heute genauso Haeckelianer wie damals. Es handelt sich
mehr darum, was man an der naturwissenschaftlichen
Betrachtungsart erlebt, namentlich dadurch, dafi man
sich erzieht in naturwissenschaftlicher Exaktheit, in na-
turwissenschaftlicher Gesinnung, also um das, was man
dadurch ausbilden kann an Ideen und Begriffen, die man
einfach braucht, wenn man naturwissenschaftlich arbei-
ten will. Denn eines bleibt fur alle Weltbetrachtung - ich
kann wegen der Kiirze der Zeit jetzt den Beweis dafiir
nicht erbringen - eine Wahrheit: Wenn fur die aufiere
Sinnesbeobachtung der Satz gilt: Es ist nichts im Ver-
stande, was nicht vorher in den Sinnen ist -, so gilt ganz
gewifi auf der anderen Seite der Leibnizsche Satz: «aufier
der Verstand selber».
Im Erleben des Verstandes, das heilk in dem Sich-
Bewegen der Seele in den Verstandes-Kategorien, in dem
Erleben der Ideen, mit denen man die Naturobjekte, die
Naturtatsachen untersucht und die man zuletzt zur For-
mulierung der Naturgesetze braucht, in dem Erleben
dieser Ideenwelt liegt etwas, was durchaus iiber das
Erleben von blofi Sinnlichem hinausgeht, so dafi man,
wenn man als naturwissenschaftlicher Forscher der Na-
turwissenschaft gegeniibersteht, sich sagen mufi, wenn
man unbefangen genug dazu ist: Alles das, was im Ver-
stande ist, mufi aus den Sinnen heraus geschopft werden,
nur der Verstand selbst kann nicht aus den Sinnen heraus
geschopft werden.
Hat man aber einmal lebensvoll dies begriffen, dann
gibt es auch kein Hindernis dafiir, nun zu betrachten,
was innerlich gewissermaften angeschaut wird in der
Verfolgung, die Verstandes-Kategorien weiterzubilden
durch einen innerlichen seelisch-geistigen ProzeE, durch
einen solchen Prozefi, der innerlich etwas ganz ahnliches
ist wie aufiere Wachstumsprozesse bei der Pflanze und
beim Tier. Man bleibt durchaus mit seiner Gesinnung
gerade dem naturlichen Werden treu, wenn man zugibt,
dafi aus dem Keim, den man in innerlicher Anschauung
vor sich hat, man die Wahrheit gewinnt, dafi der Verstand
selbst nicht aus der Sinneswelt geschopft werden kann.
Man bleibt dem treu, was man erlernt hat an dem na-
turlichen Dasein, wenn man den Versuch macht, den
menschlichen Verstand selbst als einen Keim zu be-
trachten, der innerlich wachsen kann; und wenn man
diesen Versuch wirklich unternimmt, dann ist das iibrige
eine unmittelbare Folge dessen, was ich in diesen Tagen
hier und an anderen Orten geschildert habe von dem
Wachsen des menschlichen Intellekts in Imagination,
Inspiration und Intuition. Das ist lediglich eine Sache
des weiteren Fortschrittes der inneren menschlichen
Entwicklung. Dadurch ergibt sich aber eine wirkliche
Anschauung der geistigen Welt. Diese Anschauung der
geistigen Welt versucht man in der Anthroposophie, so
gut es geht, nach dem heutige
…[truncated]