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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft
RUDOLF STEINER
Das christliche Mysterium
Die Wahrheitssprache der Evangelien
Luzifer und Christus
Alte Esoterik und Rosenkreuzertum
Erkenntnisse und Lebensfriichte der Geisteswissenschaft
Notizen von einunddreiflig Vortragen
mit sechs Fragenbeantwortungen
gehalten zwischen dem 9- Februar 1906 und 17. Marz 1907
in verschiedenen Stadten
1998
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften und Notizen
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 1. Auflage besorgte Wolfram Groddeck
Fur die 2. Auflage neu durchgesehen von Meie Balaster und Hans Merkel
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1968
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1981
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1998
Einzelausgaben und
Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe Seite 320
Bibliographie-Nr. 97
Zeichnungen im Text nach Skizzen in den Nachschriften
ausgefuhrt von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1981 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-0970-3
Zu den Veroffentlkhungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Sterner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kunst-
lerisches Werk (siehe die Obersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf
Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten
wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffent-
lichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehe-
nen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten
Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, flnden sich nahere Angaben zu den
Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
DIE WAHRHEITSSPRACHE DER EVANGELIEN
Das christliche Mysterium
Dusseldorf, % Februar 1906
Das Christentum und die Lehre von Reinkarnation und Karma. Die
Notwendigkeit, ein Leben ohne diese Kenntnis zu leben, um die Be-
deutung der Erde zu erfassen. Das verborgene Wissen darum im eso-
terischen Christentum: die Verklarung; Elias und Johannes. Mission
des Weines. Hochzeit zu Kana. Adam und Christus. Kain und Abet.
Brot und Wein. Die sieben Stufen der christlichen Einweihung und
ihre Vorbereitung durch vier Tugenden.
Das religiose Weltbild des Mittelalters in Dantes
«G6ttlicher Komodie*
Dusseldorf, 11. Februar 1906
Verstandnis der «G6ttlichen Komodie* nur aus dem mittelalterlichen
Weltbild moglich. Die Erde als Mittelpunkt eines differenziert geistig
belebten Weltsystems; Ineinander-Weben von Materiellem und Gei-
stigem. Dante als Schiiler der Scholastik. Die «G6ttliche Kom6die»
als Vision des christ-katholischen Eingeweihten : die drei Tiere W61-
fin, Panther, Lowe; der Fiihrer Virgil; die drei Stufen des Jenseits im
Sinne einer Anschauung ohne die Lehre von Reinkarnation und
Karma; Holle, Fegefeuer, Garten Eden; die himmlischen Hierar-
chien; die Fiihrung Beatrices; die Dreifaltigkeit.
Das Johannes-Evangelium als Einweihungsurkunde
Erster Vortrag, Kbln, 12. Februar 1906
Die ersten zwolf Kapitel des Johannes-Evangeliums : Schilderung von
Erlebnissen in der astralischen Welt. Das Werden der Welt aus dem
gottlichen Wort. Der Werdegang des Menschen durch den Alten und
den Neuen Bund. Johannes der Taufer und Christus. Moralitat und
Technik in der Zukunft. Hochzeit zu Kana. Gesprach mit Nikode-
mus. Begegnung mit der Samariterin. Heilung des Blindgeborenen.
Auferweckung des Lazarus.
Zweiter Vortrag, Koln, 13. Februar 1906
Das Johannes-Evangelium vom 13.Kapitel an: Erlebnisse auf dem
Devachanplan. Fufrwaschung. Die Worte vom Brot und vom Wein-
stock. Die zwolf Apostel als Sinnbilder von zwolf Unterrassen. Judas
als Verrater und Martyrer. Sinn des Opfertodes Christi. Die sieben
Leidensstufen als Vorbilder der christlich-mystischen Entwicklung.
Der alte und der neue Mensch. Die Mission des Christentums; die
Umwandlung des mineralischen Reiches.
Das Johannes-Evangelium
Heidelberg, 3. Februar 1907
Verkennung des Johannes-Evangeliums durch die heutige Theologie.
Seine Bedeutung als Meditationsbuch in den christlichen Mysterien.
Die sieben Leidensstufen und die sieben Stufen des christlichen
Einweihungsweges im Johannes-Evangelium. Der siebengliedrige
Mensch. Die Umwandlung der Leibesglieder in Manas, Buddhi und
Atma mit der Hilfe des Heiligen Geistes, des Christus und des Vaters.
Bedeutung der Worte «auf den Berg gehen*; «Tempel». Sophia, die
Mutter Jesu. Die Hochzeit zu Kana. Lazarus-Johannes.
Fragenbeantwortung
«Kausalk6rper» als die Summe der Essenzen des Atherleibes eines
Menschen aus alien Erdenleben. Das Abendmahl als Einweihungs-
szene; Judas und Johannes; das Herz als Zukunftsorgan. Wasser und
Wein. Die Zukunft des Christentums. Einfluft des Atherleibes auf die
Heilung des physischen Leibes.
Das Mysterium von Golgatha
Koln, 2. Dezember 1906
Das Opfer des Jesus von Nazareth im 30.Jahre. Das Herabsteigen des
Christus auf die durch verschiedene Verkorperungen gegangene
Erde. Das Wirken der Sonnen- und Mondgeister in der Menschheits-
entwicklung. Die Entwicklung des Menschen vom gemeinsamen
Ursprung aus dem Geist, durch Stammesverwandtschaft und Ich-
Werdung zur zukiinftigen Einheit in Bruderlichkeit durch Christus.
Christus, der Geist der Erde. Alte Mysterien und das Christentum.
Die ersten Worte des Johannes-Evangeliums. Das Abendmahl. Jesus
am Kreuz. Das Blut Christi. Verwandlung der Astralatmosphare
der Erde.
Die Bedeutung des Christfestes
vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt
Leipzig, IX Dezember 1906
Das Weihnachtslicht als Sinnbild der Erdenzukunft. Die Gaben der
drei Konige. Die Darstellung der Christustat in den kleinen und
groften Mysterien des Altertums. Die sieben Stufen des alten Einwei-
hungsweges. Christbaum, Paradiesbaum, Kreuzholz; die Paradies-
baumlegende.
Der Ursprung der Religionsbekenntnisse und Gebetsformeln
Leipzig, 1 7. Februar 1907
Das alltagliche und das imaginative Bewufitsein. Die Bewulkseinszu-
stande in der atlantischen und lemurischen Zeit. Das Vaterunser in
der Ursprache und als Gedankenmantram. Urweisheit und Geistes-
wissenschaft. Einzelbewufitsein und Allbewufitsein.
Die Bergpredigt
Stuttgart, 19.Januar 1907
Der Sinn der okkulten Schlusselworte «auf den Berg gehen» und
«liebhaben». Die Bedeutung einzelner Seligpreisungen : der Sinn des
Schmerzes; Egoismus und Liebe; das Herz als Zukunftsorgan; das
Christentum und die anderen Religionen.
Fragenbeantwortung
Von den beiden mit Jesus gekreuzigten Ubeltatern. Die Initialen
I-CH. Von der Kraft der Gebete in alten Sprachen. Moderne Bibel-
kritik und geisteswissenschaftliches Bibelverstandnis.
Das Vaterunser
Karlsruhe, 4. Februar 1907
Meditation, Gebet, Zauberformel. Die Grundstimmung des christli-
chen Gebetes. Entstehung der menschlichen Wesensglieder; die Ver-
bindung der niederen und der hoheren Natur des Menschen in der
lemurischen Zeit. Die sieben Wesensglieder und die sieben Bitten
des Vaterunser.
Das Vaterunser
Koln, 6. Marz 1907 118
Der personliche Charakter des christlichen Gebetes, das sich in den
gottlichen Willen fiigt. Die drei ersten Bitten des Vaterunser und die
hohere geistige Wesenheit des Menschen. Die vier anderen Bitten
und die niederen Glieder des Menschen. Die Wirksamkeit des Vater-
unser in der Seele des Menschen.
Die Adeptenschule der Vergangenheit
Die Mysterien des Geistes, des Sohnes und des Vaters
Dusseldorf, 7. Marz 1907 125
Die Initiation der atlantischen Menschen durch die Sprache der Na-
tur. Das Herunterbringen der kosmischen Weisheit in den Gedanken
als Aufgabe der nachatlantischen Kulturen. Die Mission unserer Zeit.
Untergang der Nachatlantis durch den Krieg aller gegen alle. Uber-
windung des Egoismus durch die Entfaltung der Geisteswissenschaft.
Die Mysterien des Geistes: Fiihrung durch die Macht eines iiber-
menschlichen Fiihrers; zukiinftige Mysterien des Vaters: Fiihrung
durch Menschen, gegriindet auf Vertrauen und freie Anerkennung.
Der Ubergang durch die Mysterien des Sohnes.
Die Verhei&mg des Geistes der Wahrheit
Kdln,8.Mdrz 1907 134
Die Pfingstunterweisung an die Jiinger. Ich-Entwicklung und bewufi-
tes Selbstloswerden. Vater - Sohn - Geist. Erste Ausgiefiung des Hei-
ligen Geistes in der lemurischen Zeit. Wirken der Ich-Entwicklung
im Blut: Verwandlung des Wahrnehmens; Organbildung; Bluts-
bande; Stammes-Ich; tJbergang von der Nahehe zur Fernehe. Die Be-
deutung des Blutes Christi fur das individuelle Ich-Bewufitsein. Egois-
mus und Materialismus. Ihre Uberwindung durch das Christentum
und den von ihm verheifienen Geist der Wahrheit.
Fruhere Einweihung und esoterisches Christentum
Miinchen, 1 7. Marz 1907 142
Exoterisches und esoterisches Christentum. Paulus. Die drei niederen
Glieder des Menschen und ihre Umwandlung durch das Ich in Ma-
nas, Buddhi und Atman. Deren Verbindung mit dem Heiligen Geist,
dem Sohn und dem Vater. Vorchristliche Einweihung im Trance-
schlaf; Priesterautoritat; Nahehe - christliche Einweihung im vollen
Wachbewufitsein; auf Vertrauen gebaute Autoritat; Fernehe. Der mit
der Freiheit entstehende Egoismus; seine Uberwindung durch den
Geist der Wahrheit, der zum Frieden, zur Gnade fuhrt.
LUZIFER UND CHRISTUS
Luzifer, der Trager des Lichtes
Christus, der Bringer der Liebe
Dusseldorf, 30. Mdrz 1906 157
Die Schlange als Symbol Luzifers; Die urspriingliche Auffassung Lu-
zifers als Fiihrer zur Erkenntnis; Lichttrager. Luther und Faust. Die
Ausgliederung von Mineral-, Pflanzen- und Tierreich aus dem Reich
der Weisheit, des Lebens und der Liebe. Die Wechselwirkung zwi-
schen den Naturreichen, dem Menschen und den Gottern. Liebe und
Trieb. Das Licht, die Gabe Luzifers; die Liebe, die Gabe Jehovas. Die
Verwandlung des Lichtes in Liebe durch Christus. Das Gesetz vom
Sinai und das innere Gesetz der Gnade.
Die Kinder des Luzifer
Die Ablosung der Blutsliebe durch die geistige Liebe
Dusseldorf, 4. April 1906 165
Das Dammerbewufitsein der alten Atlantis. Erstes Erwachen des Ver-
standes am Ende der atlantischen Zeit, von Irland ausgehend. Der
Zusammenhang von somnambulem Hellsehen und Nahehe, erwa-
chender Urteilskraft und Fernehe; das dionysische Prinzip. Wieder-
holung der Menschheitsentwicklung in den ersten Jahrsiebten des
Kindes. Erziehungsprinzipien. Zwei Stromungen der Menschheit:
Streben nach innerstem Erkenntnislicht und Verharren im Offenba-
rungsglauben.
Der Verstand als Gabe Luzifers
und seine kiinftige Umwandlung in ein neues Hellsehen
Stuttgart, 29. April 1906 171
Beginn der Verstandesentfaltung um 600 v. Chr. Der Zusammenhang
der Verwandtenehe und Fernehe mit der Entwicklung des Gehirns.
Das Verhaltnis zwischen Gottern und Menschen. Luzifer als Anfa-
cher der hoheren geistigen Selbstandigkeit. Gesetz und Gnade.
Fragenbeantwortung 174
Obergang der Fiihrung des Menschen von den Gottern zu den Mei-
stern. Bewufite Umgestaltung der Erde. Wandlung der Ernahrung bis
zum Mineralischen. Die zunehmende Schnelligkeit in der Entwick-
lung des Menschen.
ALTE ESOTERIK UND ROSENKREUZERTUM
Die drei Einweihungspfade
Ansprache zur Grundung des Paracelsus-Zweiges
Basel, 19. September 1906
179
Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung im Dienste des
Menschheitsideals: Verbriiderung unter alien Menschen. Die sieben
Stufen des Jogaweges und ihre Vorbereitung; Unterwerfung unter
den Guru. Die sieben Stufen des christlich-gnostischen Weges; Chri-
stus als Fuhrer; Anleitung durch das Studium des Johannes-Evange-
Hums. Die sieben Stufen des rosenkreuzerischen Weges, dem heuti-
gen Europaer angemessen; Fiihrung durch den Ratgeber; der freie
Entschlufi.
Der Jogapfad, die christlich-gnostische Einweihung
und die Esoterik der Rosenkreuzer
Die drei Erkenntniswege : verschiedene Wege zur selben Wahrheit.
Die notwendige Angemessenheit der Wege zu den natiirlichen Aus-
gangspunkten eines Schiilers. Die sieben Stufen des Jogaweges, des
christlich-gnostischen und des christlich-rosenkreuzerischen Weges.
Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten
im rosenkreuzerischen Sinne?
Munchen, 11. Dezember 1906 206
Goethes Fragment «Die Geheimnisse*, eine Darstellung der geistes-
wissenschaftlichen Weltanschauung. Die rosenkreuzerische Einwei-
hung als der heute gangbare Weg. Seine sieben Stufen: 1. Studium,
Schulung des Denkens. 2. Imagination; der Mensch als Glied des Er-
denorganismus; der Gral. 3. Lesen der okkulten Schrift; Zeichen des
Wirbels; Tierkreisbilder; Dreieck. 4. Lebensrhythmus; Bereitung des
Steins der Weisen; Atmung; Kohlenstoff. 5. Entsprechung von
Mikrokosmos und Makrokosmos. 6. Einleben in den Makrokosmos.
7. Gottseligkeit. - Das Rosenkreuz.
Wer sind die Rosenkreuzer?
Das Urteil der Gelehrten iiber die Rosenkreuzer. Valentin Andreae.
Die heutige materialistisch-technische Zeit und der Rosenkreuzer-
weg. Die sieben Stufen des Pfades (iiber Gleichnisse und Sinnbilder;
Kreuz, Gral, Wirbel, Tierkreiszeichen; Kohlenstoff).
Koln, 30. November 1906
193
Leipzig, 16. Februar 1907
215
Die christliche Einweihung und die Rosenkreuzerschulung
Wien, 22. Februar 1907 226
Die verschiedenen Wege zur Einweihung fur verschieden geartete
Menschen. Ubersetzung des Prologs vom Johannes-Evangelium. Die
sieben Stufen des christlich-gnostischen Weges. Die sieben Stufen
des rosenkreuzerischen Weges (iiber Kreuz, Gral, Wirbel, Tierkreis-
zeichen; Kohlenstoff. Paracelsus). Gefahren der Einweihung; ihre
Vermeidung durch sechs Voriibungen.
ERKENNTNISSE UND LEBENSFROCHTE
DER GEISTESWISSENSCHAFT
Das Karmagesetz als Wirkung des Tatenlebens
Die Ursachen von Krankheit und Vererbung
Stuttgart, l4.Mdrz 1906 249
Das Karmagesetz und die drei Leibesglieder des Menschen. Das phy-
sische Tun und die Gestaltung des aufteren Schicksals im folgenden
Leben. Wirkung der Erlebnisse und Veranderungen des Astralleibes
auf die Gestaltung des folgenden Atherleibes. Die vier Tempera-
mente. Neigungen und Gewohnheiten und Gesundheit, bzw. Krank-
heit des folgenden physischen Leibes. Disposition zu Infektions-
krankheiten. Einzelkarma und Volkskarma: Aussatz als Folge der
Mongolensturme. Materialismus und Nervositat.
Das Gralsgeheimnis im Werk Richard Wagners
Landin (Mark), 29. Juli 1906 258
Richard Wagners Darstellung der Reinkarnationsidee in dem Drama
«Der Sieger*. Die Idee des «Parsifal» als Aufklingen alter Mysterien-
weisheit in Wagner. Gralsritter und Artusritter. Trotten- und Dru-
idenmysterien. Das Geheimnis von Kreuz, Gral, Blutlanze. Die Ver-
wandlung des Blutes durch Christus. Die drei Stufen: Dumpfheit,
Zweifel, Saelde. Der «Parzival» Wolframs und Wagners «Parsifal».
Die Musik des « Parsifal* als Ausdruck des Ubersinnlichen
Kassel, I6.januar 1907 269
Das Aufdammern okkulter Wahrheiten in Wagner. Der Mensch:
Umkehrung der Pflanze. Pflanzenkelch und Gralskelch. Der Zusam-
menhang von dem Opfertod Christi und der Pflanze. Wiederver-
korperungsidee in Wagners «Sieger». Karfreitagszauber. Goethes
«Geheimnisse». Paradiesbaumlegende. «Parsifal»: ein Musikdrama.
Die drei Aspekte der Welt
Koln, 4, Dezember 1906
275
Sinneswelt, Innenwelt, Gedankenwelt. Wahrnehmung der Welt;
Empfindung der Welt in der Seele; Vereinigung des Menschen mit
der Welt durch das Denken. Die Entwicklung von der Einheitlkhkeit
der physischen Welt durch die Mannigfaltigkeit der Seelenwelt zur
Einheitlichkeit der Geisteswelt.
Das Innere der Erde
Munchen, 21. April 1906 279
Die sieben Schichten der Erde, erforschbar im Zusammenhang mit
den sieben Stufen der christlichen Einweihung. Untergang Lemu-
riens. Wechselseitiger Einflufi zwischen dem Menschen und der
Feuererde.
Welches sind die Griinde dafiir, dafi es heute
eine theosophische Bewegung gibt?
Leipzig, 25. April 1906 285
Entfaltung des Materialismus. Spiritismus als Versuch einer Gegenbe-
wegung. Fehlschlag des Versuches. Die Geisteswissenschaft als der
neue Weg zum Geist in der Zeit des Materialismus.
Fragenbeantwortung 288
Uber Schulungswege. Bedeutung der Inkarnation im physischen
Leib. Sintflut. Lebenskraft bei den Atlantiern. Ernahrungsfragen.
Edelsteine und Metalle in ihrem Zusammenhang
mit der Erden- und Menschheitsevolution
Leipzig, 13. Oktober 1906 293
Entwicklung eines moralisch empfindenden Verhaltnisses zu Tier-,
Pflanzen- und Mineralwelt. Entstehung der Mineralien als begierde-
Iose Gegenbilder zu den aus Begierde entstandenen Sinnesorganen.
Einflufi von Blei und Kupfer auf den Menschen.
Fragenbeantwortung 298
Urbilder der Kunst. Gold. Uber weitere Mineralien. Die latente Kraft
in den Pflanzen («Vril»). Einweihung Goethes.
Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Erziehungsfrage
Leipzig, lZJanuar 1907 300
Erziehung im Zusammenhang mit der Kenntnis des viergliedrigen
Menschenwesens. Dreifache Geburt der Leibesglieder. Erziehung im
ersten Jahrsiebt: Ausbildung der Organe durch Wirken auf die Sinne.
Nachahmung. Zweites Jahrsiebt: Pflege des Atherleibes; Autoritat,
Vertrauen, Ehrfurcht; Gedachtnisentwicklung. Uber Kinderlieder,
Gleichnisse, Marchen, Sagen. Pflege des Kunstlerischen. Religions-
unterricht. Drittes Jahrsiebt: Ausbilden der personlichen Urteilskraft.
Tierseele und menschliche Individualist
Leipzig, 16. Mdrz 1907 309
Beseeltheit und Weisheit im Tierreich (Biber, Ameisenbau). Biogra-
phie, Physiognomie des Menschen; Entwicklungsfahigkeit. Eingliede-
rung der Menschenseele in die physische Hiille in der lemurischen
Zeit. Leben der Gruppenseele und individueller Tod. Aussonderung
und Abwartsentwicklung stehengebliebener Entwicklungsstufen als
Tiere.
Fragenbeantwortung 315
Zukiinftige Abspaltungen in der Menschheitsentwicklung. Vom
«Geistig-schwach-Werden» im Alter
Hinweise
Zu dieser Ausgabe . . . 319
Hinweise zum Text 321
Indisch-theosophische Ausdriicke 336
Korrekturen-Nachweis 337
Namenregister 339
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 341
iibersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 343
DIE WAHRHEITSSPRACHE
DER EVANGELIEN
DAS CHRISTLICHE MYSTERIUM
Diisseldorf, 9. Februar 1906
Wenn wir iiber die christliche mystische Entwickelung des Men-
schen sprechen, so miissen wir dabei in Betracht Ziehen, daft der
Weg, der im Christentum eingeschlagen worden ist, um sich geistig
hoher zu entwickeln, immer ein streng vorgeschriebener war. Den
christlich-gnostischen Entwickelungsgang konnte immer nur der-
jenige gehen, der sich von der aufteren Kultur zuriickzog. Seine vol-
lige Strenge ist nicht fur einen Menschen durchfuhrbar, der im
aufteren Schaffen darinsteht. Jeder kann aber viel erreichen, wenn er
nur annahernd diesen Weg betritt. Indessen erfordert der christliche
Weg eine ganz bedeutende Hohe der Entwickelung. Er unterschei-
det sich jedoch von alien andern Wegen dadurch, daft innerhalb
dieses Weges der Mensch nicht durch eigene Anschauung zur
Erkenntnis von Reinkarnation und Karma kommen kann.
Im esoterischen Christentum hat man wohl die Uberzeugung da-
von gehabt, daft es Reinkarnation gabe. Aber zum eigentlichen
exoterischen Christentum gehort diese Uberzeugung nicht. Es war
ein bestimmter Grund, warum das Christentum der Vergangenheit
diese Lehre nicht hatte.
Man braucht nur einige tausend Jahre zuriickzugehen, da war die
Lehre von Reinkarnation und Karma so ziemlich auf der ganzen
Erde verbreitet. Nur innerhalb der Volker semitischer Abstammung
ist die Lehre von Reinkarnation und Karma etwas zuriickgetreten.
Sonst findet man diese Lehre damals iiberall. Die Menschen, die be-
driickt von ihrem Schicksal waren, sagten sich damals: Dies ist ein
Leben unter vielen; das, was ich in diesem Leben vorbereite, wird
seinen Lohn in einem andern haben. - Damals gab es ein fortwah-
rendes Hinaufschauen nach den hoheren Welten. Das war iiberall
vorhanden, so auch bei den chaidaischen Priesterweisen. Ihnen wa-
ren die Sterne der Ausdruck einer Seele und eines Geistes, die Kor-
per von Geistern waren sie. Der ganze Weltenraum war fur sie mit
geistigen Wesenheiten belebt. Sie sprachen von den Gesetzmaftig-
keiten, nach denen die Sterne sich bewegen, als von dem Willen der
Geister, deren Korper die Sonne und die Planeten sind. Der
Mensch lebte damals, indem er seine Seele fortwahrend zu dem
Geiste hinaufrichtete. Was die Menschen damals aufierlich an Ar-
beit auf der Erde vollbracht haben, das war primitiv, wahrend dage-
gen in hohem Mafte das geistige Durchdringen des Weltalls unter
ihnen wirkte. Hohe geistige Anschauungen findet man da neben
einer primitiven materiellen Kuitur.
Nun sollte ein Zeitalter kommen, welches die aufiere, materielle
Kuitur immer mehr pflegte, welches sozusagen den Erdball fur die
materielle Kuitur eroberte. Der Blick der Menschen sollte auf dem
physischen Leben ruhen. Das Denken der chaldaischen Priesterwei-
sen, der Hermesschuler, der Schiiler der alten Rishis, war auf das
geistige Leben gerichtet. Fur sie alle waren die wiederholten Erden-
leben eine Tatsache. Davon muftten die Menschen eine Zeitlang ab-
sehen. Alle Menschen sollten einmal durch eine Inkarnation gehen,
ohne etwas von den wiederholten Erdenleben zu wissen. Das wurde
schon achthundert Jahre vor dem Beginn des Christentums vorbe-
reitet. Allmahlich flutet das wieder ab in unsere Zeit hinein. Heute
ist fur die, welche die okkulten Stromungen kennen, bekannt, dafi
jetzt auch das Christentum die Lehre von Reinkarnation und Karma
wieder aufnehmen mud.
Das geht aus dem Mysterium auf dem Berge Tabor hervor. Es
handelt sich dabei um ein Ereignis, das sich «auf dem Berge» ab-
spielte. «Auf dem Berge* ist ein Schliisselwort, das bedeutet, daft der
Meister seine Schiiler in das Innerste fiihrt, um ihnen dort die in-
timsten Lehren zu geben. Es steht da: «Die Jiinger waren entruckt.»
Das hetfk, daft sie in hohere Welten gefiihrt wurden. Da erschienen
ihnen Elias, Moses und Jesus. Das bedeutet, daft eine Oberwindung
von Raum und Zeit stattfand. Die nicht mehr da waren, Moses und
Elias, erschienen ihnen in dem devachanischen Zustande. Der
Name Elias bedeutet so viel wie der Weg Gottes, das Ziel. Das Wort
El, gleich Gott, ist enthalten in -EVbhim, Gabri^/, Miclw/, Rapha^/,
auch in Bel. Der Name Moses reprasentiert die Wahrheit. Moses ist
die okkulte Bezeichnung fur die Wahrheit. Jesus bedeutet das Le-
ben. Christus selbst, in der Mitte stehend, ist das Leben. Da wurde
sozusagen mit ehernen Worten in das Mentale geschrieben: «Der
Weg, die Wahrheit und das Leben.* Die Jiinger sagen: «Hier laftt
uns Hiitten bauen.» Das bedeutet, daft sie Chelas im zweiten Grade
waren. Ferner sagt der Herr: «Elias ist wiedererschienen, sie haben
ihn nur nicht erkannt. Saget es aber niemandem, bis daft ich wieder-
komme.» Er redet hier von der Reinkarnation, Johannes der Taufer
ist Elias. Das Wiederkommen bezieht sich auf das Wiederkommen
des Christus Jesus. Das Verstandnis fiir dieses Ereignis soil vorberei-
tet werden durch die anthroposophische Weltanschauung.
Wenn alle Menschen einmal in einer Inkarnation das Erlebnis
durchgemacht haben, nichts von Reinkarnation und Karma zu wis-
sen, dann wird Reinkarnation wieder gelehrt. In den allerintimsten
Kreisen des Christentums hat die Reinkarnation aber immer als
Wahrheit gegolten. Uberall, wo es Eingeweihte gab, die durch Taten
gelehrt haben, ist dies zu erkennen. Ein Beispiel hierfiir ist der Trap-
pis tenorden. Durch eine vollige Enthaltsamkeit im Sprechen in der
einen Inkarnation bilden sie sich zu tuchtigen Rednern fiir die fol-
genden Inkarnationen aus. Durch das Gegenteil in der einen Inkar-
nation wird also eine ganz besondere Gabe fiir die nachste Inkarna-
tion ausgebildet. Flammende Redner sollten durch die Enthaltsam-
keit im Reden erzeugt werden.
Was in einem Zeitalter aufterlich gelehrt werden sollte, war, daft
der Mensch an dem Gefuhl festhalten sollte, das Leben auf der Erde
sei mit diesem einen Leben erschopft. Der Mensch sollte sich sagen:
Eine ganze Ewigkeit hangt davon ab, was in dem einen Leben ge-
schieht. Eine radikale Ausgestaltung dieser Auffassung ist die Lehre
von den ewigen Hollenstrafen. Der Erdkreis ware nicht erobert wor-
den, wenn nicht die Lehrer des Christentums dies hinterlassen hat-
ten, daft das eine Leben als ein so wichtiges angesehen werden
sollte. Die groften Lehrer haben nie absolute Wahrheiten hingestellt,
sondern das, was dem Menschen angemessen ist. Die letzten Wahr-
heiten lehren die groften Lehrer nie, sondern das, was fiir ein Zeital-
ter forderlich ist. Die Lehre von der Reinkarnation ware in dieser
Zeit nicht das Richtige gewesen. Auch was die Geisteswissenschaft
lehrt, ist nicht die endgultige Wahrheit, sondern die anthroposophi-
sche Weltanschauung muft jetzt gelehrt werden, weil das heute das
Richtige ist. Die Menschen, die jetzt die geisteswissenschaftlichen
Lehren horen, werden die Wahrheit in einer spateren Inkarnation in
einer ganz aridern Weise horen. Innerhalb von dreitausend Jahren
werden wir etwas, was auf einem hoheren Gebiete liegt, lernen, weil
wir schon einmal durch die Anthroposophie durchgegangen sind.
Dies ist die geistige Seite. Alles Geistige mufi aber auch ein Gegen-
bild im Physischen haben. Schon einige Jahrhunderte vor Christus
hat die Individualist, die in Christus erschien, vorbereitend gewirkt.
Damit der Mensch sich dachte, die eine Inkarnation sei die ein-
zige, dazu war notwendig, daft etwas das Gehirn von der Erkenntnis
von den hoheren Prinzipien im Menschen, von Atma, Buddhi, Ma-
nas und von der Erkenntnis der Reinkarnation abschnitt. Dazu
wurde den Menschen der Wein gegeben. Friiher war bei allem Tem-
pelkultus nur das Wasser gebraucht worden. Dann wurde der Ge-
brauch des Weines eingefuhrt, und sogar ein gottliches Wesen, Bac-
chus, Dionysos, war der Reprasentant des Weines. Der tiefsteinge-
weihte Jiinger, Johannes, enthiillt in seinem Evangelium, was der
Wein fur die innere Entwickelung bedeutet. Bei der Hochzeit von
Kana in Galilaa wird das Wasser in Wein verwandelt. Durch den
Wein wurde der Mensch so zubereitet, daft er die Reinkarnation
nicht mehr verstand. Damals wurde das Opferwasser in Wein ver-
wandelt, und wir sind jetzt wieder dabei, den Wein in Wasser zu
verwandeln. Wer hinaufkommen will in die hoheren Gebiete des
Daseins, der muft sich jeden Tropfens Alkohol enthalten.
Im Johannes-Evangelium ist jede Zeile ein tiefes Erlebnis im ein-
zelnen Menschen und in der ganzen Menschheit. Jesus sagte: Ich
bin hierhergekommen, urn die Einleitung dieser Evolutionsepoche
herbeizufuhren. - Paulus, ein Eingeweihter, nennt Christus den um-
gekehrten Adam. In Adam haben wir den ersten Menschen, der
zuerst in dieser Form erscheint. Damit ist der geistige Mensch in die
Inkarnation auf der Erde versetzt. Nun kann er einen zweifachen
Weg nehmen. Er kann das nehmen, was die Gotter ihm geben, oder
sich selbst etwas Neues erwerben. Das ist die Geschichte von Kain
und Abel. Abel nimmt die Tiere, die da sind. Kain erarbeitet, was er
opfert. Durch das, was Kain erarbeitet, entsteht das Brot. Brot war
immer der Reprasentant fur das, was der Mensch selbst erarbeitet.
Der Mensch ist dadurch, daft er das Brot erarbeitet, sundig gewor-
den. Kain hat den Bruder erschlagen. Zugleich mit der eigenen Ar-
beit ist der Mensch sundig geworden, er ist in die Materie herabge-
fallen.
Der umgekehrte Adam ist Christus Jesus, der wieder hinauf-
steigt. Er mull das mit seinem Blut erkaufen. Das muftte einmal
durch eine Personlichkeit geschehen. Das Brot und der Wein finden
ihren Reprasentanten in der Person Christi, in seinem Leib und
Blut. Die Kainstat mull der Herr selbst auf sich nehmen: Dies ist
mein Leib, dies ist mein Blut. - Die Erlosung muft dadurch gesche-
hen, daft das, was auf der Erde ist, geheiligt wird. Der Wein repra-
sentiert das beim Abendmahl, das Blut kommt dadurch in Bezie-
hung zum Wein.
Die Evangelien sind nicht nur Lehrschriften, sondern sie sind
auch Lebensschriften. Mit den Erzahlungen der Evangelien sind
nicht nur auftere geschichtliche Ereignisse gemeint, sondern innere
Erlebnisse des Menschen. Christlicher Joga ist das Sich-ganz-in-
das-Evangelium-Hineinleben, als ob es das eigene Seelenleben ware.
Vier Dinge sind entschieden notwendig, damit iiberhaupt der
christliche Joga moglich sein kann. Das erste ist die Einfalt. Dies ist
eine christliche Tugend. Man mull sich klarwerden, daft man im Le-
ben in mannigfaltiger Weise solche Erfahrungen macht, durch die
man seine Unbefangenheit verliert. Fast jeder Mensch ist befan-
gen. Die einzigen unbefangenen Antworten auf Fragen sind die der
Kinder. Aber sie sind auch toricht dabei, weil die Kinder noch
nichts wissen. Man muft aber lernen, weise zu sein und unbefangen,
kindhaft unbefangen mit der Erfahrung. Das nennt man im Chri-
stentum die Einfalt.
Die zweite Tugend, die man sich erwerben mufi, besteht darin,
daft man als christlicher Mystiker das abstreifen muft, was viele Men-
schen haben, namlich das innere Wohlgefuhl an religiosen Ubun-
gen. Man muft nicht mehr aus Eigenbefriedigung sich den Ubungen
hingeben, sondern weil es der Ubungsweg erfordert. Alles Wohlge-
fiihl an religiosen Ubungen mull schweigen.
Die dritte Tugend ist noch schwieriger. Sie besteht darin, dafi
man absolut darauf verzichtet, irgend etwas seiner eigenen Tiichtig-
keit zuzuschreiben. Man muft dagegen lernen, alles der gottlichen
Kraft zuzuschreiben, dem Verdienste Gottes, der durch uns wirkt.
Ohne das kann man nicht christlicher Mystiker werden.
Als vierte Tugend mull man die geduldige Ergebenheit in das er-
reichen, was den Menschen auch immer treffen mag. Alles Sorgen
und Fiirchten mull man ablegen, allem gegeniiber gewappnet sein,
dem Besten und dem Schlechtesten gegeniiber.
Wenn man solche Tugenden nicht bis zu einem gewissen Grade
ausgebildet hat, kann man nicht hoffen, christlicher Mystiker zu
werden. Diese Vorbereitung befahigt, die sieben Stufen des christli-
chen mystischen Weges durchzumachen.
Die erste Stufe ist die Fuftwaschung. Sie muO jeder vollziehen.
Das ist die Ausfiihrung des Spruches: Wer will der Herr sein, mull
aller Knecht sein. - Wir miissen uns klar sein, dafl wir das, was wir
sind, nicht unserem eigenen Selbst verdanken. Wir miissen alles in
Rechnung stellen, was andere Menschen und die Umwelt aus uns
gemacht haben, und das ernsthaft bedenken. Dann verstehen wir,
wie wir mit der ganzen Umgebung zusammenhangen. Wenn wir
Kraft gewonnen haben durch die vier Tugenden: Einfalt, Abstreifen
des Wohlgefuhles an religiosen Ubungen, Verzicht, sich eigene
Tuchtigkeit zuzuschreiben, geduldige Ergebenheit in alles, was uns
trifft - dann bekommen wir auch die Kraft, das auszufiihren, was
man die Fufrwaschung nennt, namlich auf alles dasjenige, was uns
von aufien gegeben ist, was uns erhoben hat, mit Dankbarkeit zu se-
hen, uns vor ihm zu beugen. Verwandeln miissen wir unser ganzes
Gefuhl in lauter Dankbarkeit gegeniiber denen, die uns alles gege-
ben haben. So miissen wir niederknien vor denjenigen, durch die
wir geworden sind. Christus Jesus kniete nieder vor seinen Jungern,
weil er ohne die Jiinger nicht das sein konnte, was er geworden ist.
Christus Jesus setzt die Jiinger so voraus, wie die Pflanze das Mine-
ral, wie das Tier die Pflanze voraussetzt. Er, der der Herr ist, wird al-
ler Knecht. Wenn man das lernt, sich zu erniedrigen bis zum Ge-
fiihl der tiefsten Dankbarkeit, dann fallt manches, was soziale Htille
ist, weg, und wir konnen dann die nachste Stufe durchmachen.
Wenn wir auf die aufkre Kraft verzichten, dann miissen wir in-
nere Kraft haben. Wenn wir der Letzte geworden sind, dann gehen
wir zum Vater. Das heifk «der Weg zum Vater». Mit dieser Urkraft
sind wir dann innig verbunden. Das kann nur gefunden werden
durch eigenes Erleben. Wir miissen lernen, jeden Schmerz auszu-
halten. Das ist die zweite Stufe, die Geiftelung, die zweite Stufe im
christlich-mystischen Sinne. Dann ist das Selbst auf sich gestiitzt.
Noch hoher ist das Ertragen der Verachtung, die dritte Stufe.
Man mull ertragen lernen, daft man iiberhaupt keine Achtung bei
den Menschen findet. Man mufl die ganze Kraft im hoheren Leben
finden. Das ist das Tragen der Dornenkrone. Wir miissen lernen,
aufrechtzustehen, wenn die Welt uns verachtet und mit Hohn iiber-
schuttet.
Wenn der Mensch so weit ist, dann steht er seiner eigenen Leib-
lichkeit wie einer fremden gegenuber. Er hat sich erniedrigt,
Schmerzen ertragen gelernt, Verachtung ertragen gelernt. Jetzt ist
der Korper etwas, in dem er nicht mehr lebt, sondern den die Seele
umschwebt. Das ist die Kreuzigung, die vierte Stufe. Diese wird ab-
gelost von derjenigen, welche dadurch eintritt, daft der eigene Leib
ganz objektiv geworden ist, als wenn wir an ein fremdes Stuck Holz
gebunden waren. Dann hat das Sondersein fur uns aufgehort. Das
ist der mystische Tod am Kreuz, die fiinfte Stufe.
Die sechste Stufe ist dann erreicht, wenn der Mensch allem
gleich geworden ist, was auf der Erde ist, und er alles mit seinem
Gefuhl umfafit, die ganze Erde als seinen Leib empfindet. Das ist
die Grablegung. Damit ist der Mensch das geworden, was die Gei-
steswissenschaft das Einssein mit dem Planeten nennt. Er fiihlt dann,
daft er kein Sonderwesen ist. Der Mensch kann nur auf dieser Erde
existieren. Ein paar hundert Meilen weit von ihr rniifke er sterben,
verdorren, wie die Hand verdorrt, die vom Leibe abgeschnitten ist.
Die Erde ist dann der Leib des Menschen. In sie miissen wir begra-
ben werden. Aus diesem Zustand heraus erringt der Mensch das Er-
denbewufksein. Dann folgt die siebente Stufe, die Auferstehung:
Der Mensch ist ein Auferweckter geworden. Dieser Zustand kann
nur von dem verstanden werden, dessen Denken nicht mehr an das
physische Instrument des Gehirns gebunden ist.
Die sieben Stufen kann der Mensch durchmachen, wenn er das
Johannes-Evangelium vom dreizehnten Kapitel an immer wieder in
sich leben laftt: erstens die Fufiwaschung, den Pfad des Dienen-
Wollens, des Sich-Neigens in All-Demut; zweitens die Geifielung;
drittens die Dornenkronung; viertens die Kreuzigung; funftens den
mystischen Tod am Kreuz; sechstens die Grablegung; sieben tens
die Auferstehung. Das sind die sieben Stufen des christlichen inne-
ren Mysteriums, das aufierlich dargestellt worden ist auf dem Plan
der Weltgeschichte.
Die christlichen Monche lebten das ganze Leben hindurch im-
mer wieder in diesen Erlebnissen des Johannes-Evangeliums von
Kapitel dreizehn ab. Daraus sogen sie ihre Kraft.
DAS RELIGIOSE WELTBILD DES MITTELALTERS
IN DANTES «G5TTLICHER KOMODIE*
Dusseldorf, 11, Februar 1906
Wir wollen heute iiber eine der groftten Schopfungen der Weltlite-
ratur sprechen, iiber die «G6ttliche Komodie* Dantes. Da miissen
wir uns klar sein, daft es notwendig sein wird, wenn wir uns nur ein
klein wenig Verstandnis fiir diese Dichtung aneignen wollen, uns in
das 13. und 14. Jahrhundert zuriickzuversetzen. Goethe laftt seinen
Faust sagen. ^ en Q e j st ^ ev 2eiten heiftt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
Wenn einer eine Dichtung aus fruherer Zeit deuten will, geschieht
es gewohnlich so, daft er seinen eigenen Geist hineinlegt und das
aus der Dichtung herausliest, was aus seinem subjektiven Gefuhl
kommt.
Bei Dantes «G6ttlicher Komodie* sieht man, wie schwer es ist, sich
in die Zeit des Mittelalters zu versetzen. Es gibt dazu alle moglichen
Auslegungen. So ist da eine deutsche Ubersetzung von Carneri Aus
der Vorrede sieht man, er hat ein aufterordentliches Wagnis unter-
nommen. Er sagt, die «G6ttliche Komodie* wiirde einem immer
verleidet durch die theologische Anschauung, die von den Ausle-
gern hineingebracht werde. Er habe die rein menschliche Anschau-
ung hineingebracht. Carneri ist der Ethiker des Darwinismus. Er hat
auf Grundlage des Darwinismus eine Sittenlehre aufgestellt, eine
edle Ethik, aber materialistisch, ohne Bewufttsein von den geistigen
Kraften in der Welt. Uber seine ganze Ubersetzung ist eine materia-
listische Gesinnung ausgegossen. Das ist «der Herren eigner Geist,
in dem die Zeiten sich bespiegeln*.
Nun wollen wir uns aber wirklich in die damalige Zeit hineinver-
setzen. Wir miissen einmal alles ganz vergessen, was wir seit unserer
Kindheit aufgenommen haben, um uns in jene vergangenen Zeiten
zu versetzen. Damals dachten die Menschen dariiber ganz anders
und fuhlten ganz anders. Wir haben gelernt, wie die Planeten mit
der Sonne ein System bilden, und dafl dieses System eines unter vie-
len ist. In der Schule lernen wir: Die Sonne steht in der Mitte des
einen Systems, und um sie herum kreisen die Planeten. Abstrakte
Verstandesgesetze beherrschen alles, was da kreist, was da lebt, was
da schwebt in dem unendlichen Weltenraume um uns her. Wer so
denkt, sieht in diesem weiten Weltenraum nichts anderes als Wel-
tenkorper, die in dem groften, unendlichen leeren Raum kreisen,
Weltenkorper und darauf Lebewesen.
Ganz anders war das Bild der Welt fur die Menschen, die zur
Dante-Zeit lebten. Kein Mensch dachte damals an so etwas wie
diese abstrakten Vorstellungen. Da war unsere Erde der Mittelpunkt
des ganzen Weltensystems. Sie war aber nicht nur dieser feste Pla-
net, sondern innerhalb der Erde waren Wesenheiten, die zu dem
Menschen in Beziehung standen. Es waren dort die Krafte, die den
Menschen zu einem tierahnlichen Wesen machten. Diese waren in
der Mitte der Erde. Darin waren die verschiedenen Stufen dessen,
was man als Holle bezeichnete. So wie Dante diese Dinge schildert,
so galten sie dem Menschen dazumal als wirklich. Das ist bei Dante
nicht Dichtung. Der versteht ihn nicht, der nur einen Moment
daran denken kann, dafS Dante das als blofien Aberglauben angese-
hen hat. Damals hatte man die Vorstellung: Jenseits, auf der andern
Seite der Erde, wirkt die Schwerkraft in der entgegengesetzten
Richtung. Da stellten sich die mittelalterlichen Menschen die
Krafte vor, die dem Menschen entgegengesetzt waren, die Krafte,
die ihn loslosten von alledem, was geistige Erdenschwere bedeutet.
Da war das Lauterungsfeuer, Kamaloka.
Wenn man von da aus in den Sternenraum hinausblickt, so wa-
ren da ganz andere Vorstellungen. Der Mond war nicht ein Mineral,
sondern der Korper eines Geistwesens, auf dem viele Geistwesen
wohnten, ein Weltenkorper. Es lebten darauf Wesen, die ahnliche
Entwickelungszustande durchgemacht hatten wie die Menschen.
Sie waren aber defer hinuntergefallen als die Menschen, nur waren
ihre Laster geistiger aufgefafit als die tierischen Laster der Men-
schen.
Den Merkur stellte man sich auch als korperliches Wesen vor,
welches einen Geist umfafite. Wie wir den Menschen aus dem in-
nersten des Seelenwesens ableiten, so dachte sich der mittelalter-
liche Mensch als Geistwesen die Sonne, den Mond, Merkur, Venus,
Mars, Jupiter, Saturn. Der Mensch nahm damals iiberall Geist wahr.
Oberall war die Welt fur ihn von Geistwesen bevolkert.
In dem Fixsternhimmel lebte der Christus, seit er die Welt ver-
lassen hatte. Jenseits des Fixsternhimmels war das Empyreum, das
heifk der zehnte Himmel, welcher die Urgriinde alles Daseins um-
fafke. Diejenigen Wesenheiten, welche nicht hier auf der Erde in
diesem Leibe waren, stellte sich der Mensch vor als wohnend in ir-
gendeinem Gebiet aufterhalb der Erde. Einen Krieger, der durch
den Tod gegangen war, hatten wir nach der damaligen Vorstellung
auf dem Mars zu suchen. Einer, der ein beschauliches Leben gefuhrt
hat, ware auf dem Saturn. Der noch hohergestiegen war, war im Fix-
sternhimmel zu suchen, wo der Christus nach seinem Tode war.
Dariiber standen dann noch hohere Wesenheiten.
Aus solcher Vorstellungsweise heraus hat Dante seine «G6ttliche
Komodie* gedichtet. Die Menschen haben jetzt gar keine Vorstel-
lung davon, daft Leute der damaligen Zeit in allem Materiellen noch
etwas Geistiges gesehen haben. Fiir die damalige Anschauung gibt
es kein rein Korperliches und kein rein Geistiges. So ist ein Inein-
anderweben des Physischen und Geistigen fiir alle Gemuter selbst-
verstandlich gewesen. Wenn wir uns in eine solche Anschauung
hineinversetzen, dann leben und weben wir in den Gefiihlen, aus
denen heraus die «G6ttliche Komodie* geschrieben ist. Es ist unsin-
nig, dariiber zu streiten, ob Beatrice nur Symbol war oder die Ge-
liebte des Dante. Darin liegt gar kein Widerspruch. Beatrice war
eine wirkliche Personlichkeit, sie war aber auch der Ausdruck alles
Geistigen. Beatrice ist gerade vor dem nicht verlernten inneren Sinn
die echte Personifikation der Theologia.
Wir wollen nun die geistige Atmosphare untersuchen, aus der
das Gedicht herausgewachsen ist. Es ist der hochste Ausdruck des
christlichen Katholizismus im 13. , 14. Jahrhundert, der vor der
Kirchenspaltung liegt, aus dem heraus solche Geister gewirkt haben
wie der Kardinal Nikolaus Cusanus, der aus der Scholastik herausge-
wachsen ist. Dante ist ein Schiiler der Scholastik. Er hat die Welt so
angesehen wie sein Lehrer Thomas von Aquino.
Was war die Mission des Christentums? Es hatte die Mission,
eine andere religiose Grundanschauung zu begriinden als diejenige,
welche vorher auf der Erde war. Vorher war ein Giirtel von reli-
giosen Anschauungen iiber die ganze Welt verbreitet. Nun kam eine
andere Grundanschauung.
Wir miissen weit zuriickgehen, wenn wir uns in den Grundton
des Danteschen Gedichtes versetzen wollen. Etwa zehntausend
Jahre vor unserer Zeitrechnung geschah es, daft der weitausgebrei-
tete Kontinent, welcher Atlantis heilk, immer mehr und mehr un-
terging. In der Zeitschrift «Kosmos» wird die Existenz von Atlantis
von dem Naturforscher Arldt naturwissenschaftlich bewiesen. Was
wir Sintflut nennen, ist das allmahliche Uberfluten dieses Konti-
nentes. Die Vorfahren der jetzigen europaischen und asiatischen
Menschheit lebten auf diesem Kontinent. Eine tiefe Verwandtschaft
findet sich bei all diesen Volkern in ihrer Mythologie. Die deutsche
Mythologie spricht von jener Atlantis und nennt den atlantischen
Kontinent Niflheim, Nebelheim. Was herubergekommen ist nach
Deutschland, ist die Weltanschauung, die uns die Gestalt mitge-
bracht hat, die als Wotan geherrscht hat. Wotan ist derselbe wie
Bodha oder Buddha. Veda und Edda haben beispielsweise ebenfalls
sprachlich den gleichen Ursprung.
Alle diese Anschauungen, die hier gleichsam als ein alterer Bo-
densatz vorhanden sind, haben ein Gemeinsames. Ihnen war ur-
spriinglich die Reinkarnation ganz selbstverstandlich. Der Buddhis-
mus fand dann allerdings seine Verbreitung bei mongolischen Vol-
kern, nicht bei arischen Volkern. In die Anschauungsweise der ari-
schen Volker schob sich das semitische Element hinein, das von
Reinkarnation nichts weifi. Der erhabenste Ausdruck dieser Reli-
gionsform, die nur mit einer Inkarnation rechnet, ist das Christen-
tum. Es hat sein charakteristisches Merkmal darin, daft es nur mit
einer Verkorperung rechnet. Bei der esoterischen christlichen Lehre
war das nicht so, doch in der Volksreligion war die Lehre von der
Reinkarnation nicht enthalten. Das alte Judentum und der Arabis-
mus kannten nicht die Lehre von der Reinkarnation.
Wenn man dies voraussetzt, hat man den Grundton, aus dem das
herrliche Gedicht Dantes herausgewachsen ist. Das Gedicht stellt
dar eine Vision, ausgehend vom Karfreitag. Der war der Merktag fur
den Sieg des Lebens iiber den Tod. Das stellte man sich nicht ab-
strakt vor. Der Mensch empfand am Karfreitag und an Ostern, daft
die Sonne die neue Fruhlingskraft empfangt. Sie steigt auf, sie tritt in
das Sternbild des Widders oder Lammes. Sie treibt die Pflanzenwelt
hervor. Die Sonne betrachtete man als den Ausdruck eines Geistes-
wesens. Man stellte sich eine Beziehung der geistig-seelischen Krafte
zum Geist des Sonnenkorpers vor. So empfand man die Nacht des
Karfreitags als die geeignetste Zeit, in welcher die Seele sich in das
versetzen kann, was jenseits des Todes liegt.
Eine Vision ist das Dantesche Gedicht, eine Vision in dem
Sinne, wie sie der Eingeweihte erlebt, eine Wirklichkeit in der gei-
stigen Welt. Dante kann wirklich das Geistige wahrnehmen. Er
nimmt mit geistigen Sinnen das, was in der geistigen Welt ist, wahr.
Er stellt sich das als ein christkatholischer Eingeweihter vor. Bei der
Vision bringt er mit, was sich in seinen Organismus von der katholi-
schen Welt hineingelebt hat, aber er sieht es geistig. Jederzeit sieht
der Mensch das Geistige durch die Brille seiner Erfahrungen. Wie
der Aufenthalt des Kindes im Leibe der Mutter sich zu dem physi-
schen Plan verhalt, so verhalt sich der Aufenthalt in der geistigen
Welt zu dem, was wir hier auf der Erde geistig erleben. Hier in unse-
rem Erdenleben reifen wir gleichsam wie im Mutterleibe aus, um
nachher geistig zu erstehen. Die Sinne, die wir fur das Geistige aus-
gebildet haben, hangen von dem Leben auf dieser Erde ab. Hier rei-
fen wir aus fur das Jenseits, hier bereiten wir uns die geistigen Au-
gen und Ohren fur das Jenseits. Daher hatte Dante seine geistigen
Organe in der Weise ausgebildet, wie es die christkatholische Welt
hervorgebracht hatte.
Wenn wir in das andere Dasein hinuberkommen, dann konnen
wir dasjenige wahrnehmen, was jetzt in uns ist. Das wird uns dann
aufterlich sichtbar. Von Leidenschaften, Instinkten, Trieben sagen
wir, sie gehoren uns. Wenn wir in die geistigen Welten eingetre-
ten sind, dann werden die Inhalte unseres seelischen Organismus
etwas, was aufier uns vorhanden ist, so wie im physischen Dasein die
aufieren Gegenstande wahrzunehmen sind. Was in unserer Seele
lebt, wird uns symbolisch sichtbar.
Dante nennt drei Symbole, die drei Haupteigenschaften seines
Triebkorpers, seines Astralleibes, seiner niederen Seele darstellen:
einen Panther, einen L6wen, eine Wolfin. Seine Hauptleidenschaf-
ten treten ihm also in Gestalt von drei Tieren entgegen. Das ist aber
nicht ein bloftes Sinnbild. Wenn der Mensch den Astralplan betritt,
dann kommen ihm eben wirklich die niederen Leidenschaften in
der Form, von Tieren entgegen. Die Wolfin bedeutet die eine Lei-
denschaft. Es ist dieselbe Wolfin, die einstmals Romulus und Re-
mus gesaugt hat. Das ist die Leidenschaft, die dazumal, als das romi-
sche Volk gegriindet wurde, von den Menschen angenommen wor-
den ist, die Leidenschaft, die in allem lebt, was sich auf den Besitz
richtet, die Habsucht und andererseits das Recht auf personlichen
Besitz. Diese Leidenschaft ist damals den Menschen eingeimpft
worden, als die Wolfin Romulus und Remus gesaugt hat, vorher eig-
nete sich der Mensch die Eigenschaft der Tapferkeit an, die im L6-
wen zum Ausdruck kommt und die zur Herrschsucht werden kann.
Noch weiter zuriick liegt das, wie sich aus der Priesterherrschaft die
groftere Schlauheit herausbildet: der Panther, die Odysseus-Eigen-
schaft. Als Virgil dem Dante entgegentritt, sagt er: Befreien kann
ich dich nicht von den drei Tieren, am wenigsten aber von der Wol-
fin. - Das sagt er, weil Dante aus dem herausgewachsen ist, was von
den alten romischen Leidenschaften in Italien geblieben ist. Den
Virgil, der in der Anei'de ein Bild der Einweihung gegeben hat,
mufite Dante zum Fuhrer nehmen. Von Virgil lernten die Men-
schen damals am meisten dariiber, wie es im Jenseits aussieht. In
drei Stufen bauten sie sich damals das Jenseits auf: aus Holle, Fege-
feuer und Himmel.
Es gibt nur zwei konsequente Weltanschauungen. Die eine ist
die des Augustinus, die andere ist die von Reinkarnation und
Karma. Augustinus sagt: Auf dieser Erde ist ein Teil der Menschen
zum Guten und ein Teil zum Bosen bestimmt. - Die andere An-
schauung ist die, wonach wir uns durch viele Verkorperungen hin-
durch entwickeln. Nur diese zwei Weltanschauungen sind moglich.
Dante steht auf dem Boden der Augustinischen Weltanschauung.
Da bereitet sich der Mensch in diesem Erdenleben zu einem
Schicksal fur die Ewigkeit vor. Daher schlieftt sich an dieses Erden-
leben unmittelbar Holle, Fegefeuer oder Himmel an. Man betrach-
tet das eine Erdenleben hier als maftgebend. Man sieht nur auf die
Personlichkeit des Menschen.
Geht man iiber die Personlichkeit hinaus, so geht man iiber Ge-
burt und Tod hinaus. Uber die Personlichkeit hinausgehend ist das,
was bei der Geburt hereinkommt und beim Tode wieder heraus-
geht. Das ist die Individualitat. Was der Mensch als Individualitat
verschuldet hat, mull in einem nachsten Leben ausgeglichen wer-
den. Streicht man Reinkarnation und Karma, so muU alles in einem
Leben ausgeglichen werden. Wenn man fur alles, was die Person-
lichkeit angeht, die Vergeltung sucht, so schafft man fur das Person-
liche das Gegenbild, das ist die Holle. Die Holle ist nichts anderes
als das vollige Verstricktsein in das Personliche. Das Gegenbild des
Personlichen im Diesseits, das ist die Holle im Jenseits. Das Person-
liche darf nicht so verstrickt sein in das Diesseits, daft es das Dasein
verschont. Das Christentum hat in die Welt die Auffassung hinein-
gebracht, daft alles davon abhangt, wie sich dies eine Leben zwi-
schen Geburt und Tod abspielt. Darum muftte es das Irdische zu
einem Jammertal machen. Es muftte darauf hinweisen, daft man das
Irdische abzustreifen hat. Die heidnische Kunst ist dagegen das, was
uns in das personliche Element verstrickt. Die alten Kiinstler ver-
suchten, dieses Irdische schon zu gestalten. Wer nur das Personliche
sieht, sagt: Dieses Personliche muft alles Schone abstreifen. Er muft
gerade die Erde weniger schon machen, die Personlichkeit von dem
Diesseits losreiften. Darum war es konsequent, daft Homer und alle
Dichter des Altertums dem Dante in der Holle erschienen.
Wahr ist seine Schilderung der Geizigen und Verschwender auf
dem astralen Plan. Dort kommen dem Menschen die eigenen Lei-
denschaften als Spiegelbilder entgegen. Der Geizige sieht auf dem
astralen Plan das, was er mit dem Geiz anrichtet, als Verschwender.
Der Verschwender sieht seine Eigenschaften in dem Gegenbild des
Geizigen.
In der Stadt Dis ist Epikur, der Vertreter der Weltanschauung,
die auf den Ausbau des Diesseits geht. Die Stadt Dis soil den Repra-
sentanten des physisch Wirklichen ausdriicken. Da sind die Men-
schen in Sargen. Die Materialisten sind lebendige Tote. Sie sagen,
der Mensch sei ein blolkr Leichnam. Nun miissen sie als tote Seelen
in Sargen liegen.
Aus der Holle wird Dante in das Fegefeuer gefuhrt. Fiirsten,
die ihr eigenes Seelenheil gegeniiber dem Staatswohl versaumt haben,
miissen auch im Fegefeuer gereinigt werden. Die christlich-katho-
lische Weltanschauung geht auf Ausbildung des Personlichen aus.
Daher miissen die Fiirsten, die das versaumt haben, im Fegefeuer
schmachten.
Als nachstes Gebiet zwischen Fegefeuer und Himmel kommt
Dante in den Garten Eden. Dort werden wir in die Anschauungs-
weise eingefiihrt, die die eigentlich christliche ist: wie der Ursprung
der Kirche im Geistigen ruht. Wer im Sinne des Mittelalters verste-
hen will, wie die Kirche sein soil, mufi sich hinauforganisieren da-
hin, ihr Urbild im Jenseits zu sehen. Das fiihrt Dante im Hinblick
auf die Weltanschauung des Dionysius Areopagita von den himmli-
schen Hierarchien aus. Eine Stufenfolge gibt es da, die Dionysius
bezeichnet: Engel, Erzengel, Urkrafte, Gewalten, Machte, Herrschaf-
ten, Throne, Cherubim, Seraphim. Die Stufenfolge der weltlichen
Hierarchie der Kirche sollte ein Abbild dieser himmlischen Hierar-
chien sein. Das stellt Dante im Garten Eden dar, wo uns die Hierar-
chien symbolisch entgegentreten.
Dann ubernimmt Beatrice die Fiihrung. In der Seele unterschei-
den wir ein weibliches Element, das innere Seelenwesen, und ein
mannliches Element, das Geistige im Universum, das die Seele be-
fruchtet. Die weibliche Seele zieht uns hinan. Die mittelalterlichen
Alchimisten nannten das Weibliche im Menschen das «Lilium».
Darum spricht auch Goethe in seinem Marchen von der «schonen
Lilie». Beatrice ist wirklich im Sinne der Danteschen Denkweise so
dargestellt, daft er in ihr das Gebaude der scholastischen Theologie
zum Ausdruck bringen kann.
Ihr, Beatrice, werden zuerst die Wesen des Mondes entgegenge-
fuhrt, die ihr geistliches Geliibde gebrochen haben. Sie hatten das
Gelubde, nur dem Geistigen zu dienen, gebrochen und waren wie-
der der Sinnlichkeit verfallen. Merkur war noch fur die alte griechi-
sche Theosophie dasjenige Wesen, das mitgewirkt hat, als der alte
Atlantier sich zu dem Begriff des Ich aufgeschwungen hat. Die er-
sten Atlantier hatten noch nicht das Ich-Bewufltsein. Die Wesen-
heit, in deren Zeichen das Personliche steht, ist der Gott Merkur,
Hermes. Der Mensch kommt zum Personlichen, indem er zur Ich-
heit, zum Egoismus herunterfallt. Das hat uns zugleich zu den Men-
schen gemacht, die nach dem Besitz streben. Daher ist der Merkur
auch der Gott der Kaufleute.
Auf dem Jupiter findet Dante die Fursten, die Gerechtigkeit ge-
ubt haben. Auf der Sonne geht etwas sehr Wichtiges vor. Auf der
Sonne wird Dante der eigentliche Charakter des Ewigen gezeigt;
wie es aufzufassen ist, wenn man einen Tag erlebt, den man den
Jiingsten Tag nennt. Der Jiingste Tag verandert die Verhaltnisse. Da
treten uns zwei Menschen entgegen: Thomas von Aquino und der
Konig Salomo. Thomas von Aquino stellt das Leben im Sinne des
Christentums, des Neuen Testamentes dar, und Konig Salomo ist
der Lehrer des Alten Testamentes.
In dem Priestertum sah der Christ den korperlichen Ausdruck
dessen, was ihm der Christus in der geistigen Entwickelung war.
Nach dem Erdenleben ist der Christus entriickt und halt seinen
Triumphzug in den Fixsternhimmel. Wer hier seinen geistigen Em-
bryo so zubereitet hat, dafi er geistig schauen kann, vermag Christus
in dem Fixsternhimmel zu sehen. Der tiefsteingeweihte Jiinger,
Johannes, tritt als der Lehrer dieser Anschauung auf. Nur Christus
und Maria konnten ihren Leib in den Fixsternhimmel mit hinauf-
nehmen. Eine Meisterindividualitat hat auch den Korper ganz in
der Hand. So wie der heutige Kulturmensch lernt, mit seinen sittli-
chen Ideen iiber die Leidenschaften Herr zu sein, so wahr lernt der
Mensch auf hoherer Stufe den physischen Leib beherrschen. Jesus
und Maria hatten den physischen Leib so geheiligt, dal$ sie ihn in
die hochsten Regionen mitnehmen konnten.
Dann ubernimmt der heilige Bernhard die Fiihrung in die hohe-
ren Gebiete, wo er die Gottesanschauung, die Versenkung in das
gottliche Selbst erhalt. Da wachst Dante iiber das Kirchlich-Christli-
che hinaus. Er sieht die drei Kreise, die dreifache Urwesenheit der
Welt, Vater, Sohn und Geist Die indische Religion nennt sie
Brahma, Vishnu, Shiva. Hier stellt sich die Dreifaltigkeit des Univer-
sums dar, wo Dante sich zur rein geistigen Anschauung, zur {Con-
templation aufschwingt.
Am Schlufi wird dargestellt, wie wir in Gott leben, weben und
sind, aber uns nicht vermessen konnen, Gott zu verstehen. Nur das
ahnende Gewifiwerden der menschlichen Erkenntnis von Gott wird
am Ende dargestellt. Fur Dante war sein Gedicht das Schauspiel der
Welt, von der andern Seite gesehen.
DAS JOHANNES-EVANGELIUM
ALS EINWEIHUNGSURKUNDE
Erster Vortrag, Koln, 12. Februar 1906
Die ersten zwolf Kapitel des Johannes-Evangeliums
Die gegenwartige Theologie unterscheidet streng zwischen den drei
ersten Evangelien und dem Johannes-Evangelium. Die drei ersten
werden die synoptischen Evangelien genannt. Dagegen wird das
letzte haufig als Lehrgedicht hingestellt, welches einen historischen
Wert nicht habe. Das Entscheidende ist aber, daft wir es bei allem,
was sich in den Evangelien auf den Christus bezieht, mit einem tie-
fen Symbol zu tun haben, und daft das Symbol zugleich eine histo-
risch wichtige Tatsache ist. Es unterscheiden sich die drei ersten
Evangelien vom Johannes-Evangelium in Wirklichkeit dadurch, dafi
sie von weniger tief eingeweihten Jungern herruhren, das Johannes-
Evangelium jedoch von dem am tiefsten eingeweihten Schiiler.
Der Name des Johannes ist im Johannes-Evangelium unmittel-
bar gar nicht erwahnt, sondern er wird bezeichnet als der Jiinger,
den der Herr lieb hatte. Diese Bezeichnung ist ein Schlusselwort fur
den am tiefsten Eingeweihten. Dafi bestimmte Jiinger die intimsten
Eingeweihten sind, bezeichnete man damit, da$ man sagte, der
Meister habe sie lieb.
Der Jiinger, der das Johannes-Evangelium niederschrieb, schil-
dert zunachst ein eigenes Erlebnis. Kapitel eins bis zwolf sind Erleb-
nisse in der astralen Welt, Kapitel dreizehn und die folgenden
schildern Ereignisse auf dem Devachanplan. Das ist sehr bedeutsam
und bezeichnend fur die Sache. Johannes schildert die Erlebnisse
auf dem astralen Plan, weil er der Anschauung ist, dafi man das, was
Christus Jesus hier auf der Erde vollbracht hat, nur verstehen kann,
wenn man es im Lichte des Geistigen betrachtet. Was der Meister
getan, gesagt hat, kann man nur begreifen, wenn man sich in einen
hoheren Zustand versetzt. Durch eine innere Entwickelung kann
der Mensch dazu kommen, in der astralen Welt wirklich zu sehen.
Das erreicht man durch ganz bestimmte Arten von Meditationen.
Der Mensch muft sich abschliefien gegen die Aufienwelt. Dann mu(l
er in der Seele ewige Wahrheiten aufgehen lassen. Eine neue Welt
geht dann rings um ihn auf.
Was der Christus Jesus auf der Erde tat, konnte nur in der richti-
gen Weise beurteilt werden, wenn man sich in eine hohere Welt
versetzte. Was man physisch mit Jesus erlebt hatte, wurde erst
durchschaubar, wenn man es astral wahrnahm. Wollte man erleben,
was der Christus Jesus getan hatte, so mufite man durch das geeig-
nete christliche Meditieren sich in einen solchen Zustand versetzen,
durch den man zum Seelenverstandnis des Christus kam.
Das spricht Johannes in seinem Evangelium zuerst in der Einlei-
tung aus. Es ist ein meditatives Gebet, vom Anfang bis zu dem Satze
«die Finsternisse begriffen nicht das Lichu. Wenn die Seele erlebt,
was in diesen Satzen liegt, dann werden die Krafte erweckt, um den
Inhalt von Kapitel eins bis zwolf zu verstehen. «Im Anfang war das
Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.»
Diese alte Wahrheit wurde in alien alten Mysterien, besonders in
denen mit agyptischer Farbung, anschaulich dargestellt.
Die Worte durchtonen den Luftraum, wir wiirden sonst die
Worte nicht horen. Im Luftraum sind die Gestalten der Worte, die
wir aussprechen. Wenn die Luft, wahrend ich spreche, plotzlich
zum Erstarren gebracht werden konnte, so wiirden die in der Luft
schwirrenden Wellen als feste, starre Korper herunterfallen. Der
Mysterienlehrer machte dem Schiiler klar: So wie der Mensch
spricht und sein Inneres losringt in die Luft, so sprach auch die
Weltenseele in eine viel feinere Materie hinein, in die Akasha-Mate-
rie, und diese wurde darauf fest. Alles um uns herum ist verdichtetes
Gotteswort. So, sagte der Mysterienlehrer, ist die Welt ringsherum
ein gefrorenes Gotteswort, ein gefrorener Logos. «Im Anfang war
das Wort und das Wort war bei Gott.» Es war noch in seinem Inne-
ren, es war selbst ein Gott. Dann erfiillte es den Raum und erstarrte.
Dieser Logos ist jetzt uberall enthalten. Oberall um uns her haben
wir die Kristalle des Logos. Aber indem das Leben entsteht, steht
der Logos aus dem Schlummerzustand gleichsam auf. Im Menschen
wird er zum Lichte der Erkenntnis. Wenn wir erkennen, tritt uns
Gott, der zuerst heruntergestiegen ist in die Welt, aus dieser Welt
entgegen. Sich ganz hineinleben muft man, um so tief in die Welt
hineinzudringen, daft man gewahr wird: Der Logos lebt in der Welt.
Das, was urspriinglich geschah, war die Heranbildung des physi-
schen Menschen. In diesen physischen Menschen kam der geistige
Mensch hinein. Da schien das Licht in die Finsternis. Aber die Fin-
sternisse begriffen es zunachst nicht. Dann kommt bei seiner Fort-
entwickelung dem Menschen der Inhalt der astralen Wahrvision. Da
wird ihm klar, was der Christus Jesus war, und was seine Lehre be-
deutete: daft die Zeit damals reif war, einen umgekehrten Adam
hervorzubringen. Heruntergestiegen war der Mensch in den Korper,
und dadurch kam Geburt und Tod. Das Licht drang dann in die
Finsternis.
Nun sollte der Mensch wieder hinaufgefuhrt werden zu dem
Verstandnis dessen, daft das Leben der Sieger iiber den Tod ist. Es
erschien der Vorlaufer, der Taufer Johannes. Der Taufer verkundet,
daft das Alte, das noch ganz im Zeichen dessen steht, was die gottli-
chen Machte einst hervorgebracht haben, nun durch ein neues
Reich abgelost werden wird. Bisher hieft es: Der Gott wird euch ver-
nichten, wenn ihr gegen sein Gesetz handelt. - Das neue Reich ist
aber dasjenige, was der Mensch in sich selber erleben kann, wenn er
den Gott erlebt. Die Vorstellung des Alten Bundes ist: Wir haben
uns unter Gottes Gebot zu fiigen. Der Neue Bund sagt: Der Mensch
soil dem Gott im Inneren freiwillig folgen. Das ist die Liebe zum
Guten. Sie wird prophetisch vorherverkiindet, sie muft zunehmen.
Christus, der Reprasentant des Neuen, muft zunehmen, Johannes,
der nur sein Vorlaufer ist, muft abnehmen.
Zwei grofte Momente beriihren sich hier. Das erscheint in der
Vision des Johannes. Da erscheint alles in bildlichem Zustand. Zu-
gleich erscheint aber auch der wirkliche Taufer, seine geschichtliche
Mission vor dem geistigen Auge des Johannes. Die ganze Mission
des Christentums erscheint ihm nun. Dies schildert er im ersten
Kapitel.
Sehen wir zuriick in uralte Zeiten, in jene Zeiten, die mindestens
zweitausend Jahre vor Christus liegen. Da gab es die Weisen, die so
weit gekommen waren, daft sie in die Mysterien eingeweiht wurden.
Ein gewisses Symbol war dabei die Opferung des Wassers. Der
Weisheitspriester benutzte das Wasser als Symbol. Ein Gesetz ist,
daft der Mensch sich von der hoheren geistigen Welt durch den
Alkohol abschlielk. Wenn der Mensch sich in die geistigen Wel-
ten hinaufleben will, darf er keinen Wein trinken, auch keinen
Opferwein.
Durch die Hochzeit zu Kana wird die Mission des Christentums
charakterisiert. Die alten Priesterweisen besaflen die erhabensten
Geisteslehren, die aus der tiefsten Erkenntnis gegeben worden wa-
ren. Aber die alte heidnische Kultur hatte eines nicht: die Erobe-
rung der physischen Welt. Die Werkzeuge waren noch aufterst pri-
mitiv, die ganze auftere Kultur war primitiv. Die Menschen hatten
noch nicht den Zusammenhang mit dem, was unmittelbar hier un-
ten auf der Erde zu geschehen hatte. Damit nun der Mensch die
Erde beherrschen lernte, mufite er auf das Physische beschrankt
werden. Stark sollte er werden und den niederen Menschen hei-
ligen.
Vorbereitet wird diese Kultur durch grolte Lehrer, welche auf die
Bedeutung des physischen Plans hinweisen. Grofi ist die agyptische
Kunst in ihrer geistigen Auffassung, aber nicht als Gestaltung auf
dem physischen Plan. Die ganze griechische Kunst ist ein Herun-
terhoten des Menschen auf den physischen Plan. Das romische
Recht ist ebenfalls etwas, was den Menschen auf den physischen
Plan herunterfuhrt. Mit alldem steht der Dionysos-Dienst in Zu-
sammenhang. Der Reprasentant des Weines wird sogar als Gott dar-
gestellt. In einer erhabenen Form ist die Einfuhrung des Weines in
die Menschheitsentwickelung dargestellt in der Erzahlung von der
Hochzeit zu Kana in Galilaa. Es handelt sich in Wahrheit darum, zu
zeigen, daft das Wasser hohersteht als der Wein. Weil der Mensch
heruntergefiihrt werden sollte auf den physischen Plan, deshalb
wurde das Wasser in Wein verwandelt.
Heute sind wir mit alien unseren Einrichtungen auf den physi-
schen Plan heruntergekommen. Wenn nicht neben der Kultur auf
dem physischen Plan eine moralische Kultur einhergeht, so wirken
die physischen Errungenschaften zerstorend. Durch Entwickelung
der Moralitat wird der Mensch ganz andere Krafte erzeugen konnen
als diejenigen, die jetzt auf dem physischen Plan vorhanden sind.
Keely setzte seinen Motor in Bewegung durch Schwingungen, die er
im eigenen Organismus erregte. Solche Schwingungen hangen von
der moralischen Natur des Menschen ab. Das ist ein erster Morgen-
strahl fur dasjenige, was als Technik der Zukunft herauskommen
wird. In Zukunft werden wir Maschinen haben, die nur dann in
Bewegung geraten, wenn die Krafte von Menschen kommen, die
moralisch sind. Die unmoralischen Menschen konnen solche Ma-
schinen dann nicht in Bewegung setzen. Rein mechanischer Mecha-
nismus muft verwandelt werden in moralischen Mechanismus.
Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung bereitet dieses
Hinaufsteigen vor. Das Christentum mufke die Menschen zunachst
herabfiihren. Jetzt mull das Christentum die Menschheit wieder hin-
auffiihren. Der Wein mull wieder in Wasser verwandelt werden.
Der Blick des Johannes ging iiber die physische Wirklichkeit
hinaus. Das, was der Herr getan hat, seine Mission, erschien dem
Jiinger Johannes also in dem Bilde der Hochzeit zu Kana in Galilaa.
Solcherart sind die zwolf ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums
aufzufassen. Es steht nicht da, dafi Maria ihn aufforderte, sondern
die Mutter Jesu. Wir haben es hier mit einer mystischen Ausdrucks-
weise zu tun. Unter Mutter versteht man in aller Mystik das, was be-
fruchtet werden mull, wenn der Mensch hinaufsteigt zu einer hohe-
ren Stufe. Jesus hatte das ganze bisherige Menschheitsbewufksein
auf eine hohere Stufe zu bringen. Das ganze Menschheitsbe-
wufitsein fordert ihn auf, es eine Stufe weiterzubringen. Daher
konnte Jesus sagen: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?* - Zu
seiner Mutter hatte Jesus das nicht gesagt.
Am dritten Tage war eine Hochzeit. Das bedeutet, dafi Johannes
drei Tage lang im Einweihungsschlaf lag. Da geschah die Vision der
Hochzeit zu Kana in Galilaa. Wahrend des dreitagigen Schlafes
machte er das durch, was in der geistigen Welt vor sich ging. Am
dritten Tage erlebte er die Vision der Hochzeit zu Kana. Alles Fol-
gende sind Ereignisse, die er in der astralen Vision schaut.
Im dritten Kapitel folgt das Gesprach mit Nikodemus. In der
astralen Vision erscheint dem Johannes immer der Herr selbst. Was
mit Johannes geschehen soli, das tritt ihm in dem Gesprach mit Ni-
kodemus entgegen. Deutlich spricht sich der Herr aus. Nikodemus
versteht ihn zunachst nicht. Es soil dem Johannes selbst klarwerden,
es wird ihm in der Vision erklart, daft es sich um eine Abtotung des
niederen Menschen und um ein Aufleben des hoheren Menschen
handelt. Ihm wird allmahlich klar, wer eigentlich der Jesus ist; daft
in dem Jesus sich die ursprunglichen Krafte der Welt ausleben, der
Vater der Welt. Daher folgen hier die Reden des Christus uber den
Vater. Die Gewalt der okkulten Krafte, die Jesus hat, tritt dem Jo-
hannes als astrales Spiegelbild der wirklichen Ereignisse entgegen.
Alles ist wirklich geschehen, aber Johannes erlebt es in der astralen
Vision. So lernt Johannes durch den Herrn selbst die tiefsten Wahr-
heiten kennen.
Im vierten Kapitel folgt die Begegnung mit der Samariterin. Der
Herr sagt ihr: «Funf Manner hast du gehabt, und den du nun hast,
der ist nicht dein Mann.» Sie soli hinaufgehoben werden zu dem ho-
heren Selbst. Dazu muftte sie durch die niederen Leiber hindurch-
gehen. Das sind die alten Gatten. Jetzt muft sie mit dem hoheren
Selbst verbunden werden, das ist der neue Gatte. - In der Erzahlung
von dem Blindgeborenen wird klar, daft es das Karma des Blmdge-
borenen ist, wodurch er nicht sehend ist,
Astrale Erlebnisse sind die ersten Ereignisse im Johannes-Evan-
gelium. Ist es da nicht natiirlich, daft Johannes selbst nicht dabei ist,
weil er alles im Bilderbewufttsein erlebt? In den ersten zwolf Kapi-
teln kommt Johannes nicht vor. Da ist er noch nicht der Jiinger,
weil er dies alles auf dem Astralplan erlebt.
Nun schlaft er den Einweihungsschlaf. Jetzt soil er zu einem ho-
heren Grade heraufbefordert werden. Das geschieht, indem er sich
aus den Erlebnissen der drei Tage hiniiberlebt in den vierten Tag.
Dreieinhalb Tage dauert die Einweihung. Da erscheint ihm die
eigene Initiation, die Auferweckung seiner selbst. Das ist die Auf-
erweckung des Lazarus. Lazarus ist der Schreiber des Johannes-Evan -
geliums. Martha und Maria sind die Bewufttseinszustande seiner
Seele, die gottliche und die dem Erdenleben zugewandte Seele. Die
Schilderung des Lazarus-Wunders ist die Schilderung einer hohe-
ren Einweihung. Im zwolften Kapitel wird vorbereitet die eigent-
liche Erkenntnis der Personlichkeit des Jesus. Das sagt Johannes
selbst: Nun erkenne ich ihn, der mich auferweckt hat.
Mit dem dreizehnten Kapitel beginnt die hohere Entwickelung
des Johannes. Jedes Wort des Johannes- Evangeliums wird uns ver-
standlich, wenn wir es als ein Erlebnis des Johannes auffassen. Er
wird jetzt bewufit in seinem Ich, ohne Bilderbewuiksein. Nun wird
er bewufit der Jiinger, den der Herr lieb hatte.
DAS JOHANNES-EVANGELIUM
ALS EINWEIHUNGSURKUNDE
Zweiter Vortrag, Koln, 13- Februar 1906
Der zweite Teil des Johannes-Evangeliums
Die Erlebnisse des Johannes von Kapitel dreizehn an beziehen
sich auf den Devachanplan. Das deutet Johannes dadurch an, daft er
auferweckt ist: Der auferweckte Lazarus, das ist Johannes. Daher
kann man verstehen, daft erst von nun an die Rede von dem Jiin-
ger ist, den der Herr lieb hatte. Das ist das Mittelpunktsgeheimnis
des Johannes-Evangeliums, daft der Schreiber der auferweckte La-
zarus ist.
Johannes macht nun in der geistigen Welt die Erlebnisse mit
dem Christus durch. Namentlich der zweite Teil ist nicht blofi eine
Erzahlung dessen, was sich auf irgendeinem Weltenplane ereignet
hat, sondern es wird beschrieben, was jeder in seinem Inneren erle-
ben kann. Die Art und Weise, wie man empfindet, daft man auf der
Stufe ist, die Johannes schildert, ist folgende: Der Mensch fuhlt sich
von einem bestimmten Punkte der Entwickelung an nicht mehr ge-
trennt von alien Dingen. Er taucht unter in den Dingen um ihn her.
Das bedeutet das eigene Selbst zum Universum erweitern. Johannes
fiihlt sich als ein Glied der ganzen ihn umgebenden Welt. Das
kommt zum Ausdruck in dem devachanischen Bild von der Fufrwa-
schung. Die erlebt Johannes in der geistigen Welt, wenn die Fuftwa-
schung auch zu gleicher Zeit historisches Ereignis ist.
Immer erhebt sich ein hoheres Naturreich auf Kosten eines nied-
rigeren Reiches. Gabe es kein Mineralreich, so konnte das Pflanzen-
reich nicht seine Nahrung daraus nehmen. Das Pflanzenreich wird
hinuntergestofien, damit sich wieder ein hoheres Reich, das Tier-
reich, entwickeln kann und so weiter. Das Menschenreich braucht
auch die andern Reiche. Der hoher Entwickelte braucht den weni-
ger Entwickelten. Wenn sich nicht eine untergeordnete Kaste bil-
dete, so konnte es keine hohere Kaste geben. So wie das Pflanzen-
reich das Mineralreich voraussetzt, so setzt der Christus Jesus die
Apostel voraus. Kein Heiliger konnte sich entwickeln, wenn nicht
andere hinuntergestoften wiirden. In Kapitel 13, Vers 16 steht:
«Der Knecht ist nicht grofter denn sein Herr.» Christus ist aus den
Aposteln herausgewachsen, daher kann er sie die Herren nennen,
aus deren Gemeinschaft er herausgewachsen ist. Er wascht ihnen
die Fiifie, um anzuzeigen, daft er insofern unter ihnen steht, als er
ihnen sein Dasein verdankt. Diese Empfindung mull jeder durch-
machen am eigenen Leibe. Wer niemals diese Empfindung durch-
lebt hat, der hat den christlich-mystischen Weg nicht erkannt.
Weiter sagt Jesus: «Wer mein Brot isset, der tritt mich mit Fii-
ften.» Er fuhlt sich als in einer Gemeinschaft mit der ganzen Erde
befindlich. Er fuhlt die ganze Menschheit als auf ihm lastend, ihn
mit Fiiften tretend.
Nachdem Johannes dies alles auf dem Devachanplan erlebt hat,
kann er verstehen, was jetzt im Gleichnis vom Weinstock und den
Reben kommt. Die Gemeinschaft der ganzen christlichen Ge-
meinde kommt darin zum Ausdruck.
Wir leben in der fiinften Wurzelrasse unseres Erdendaseins.
Diese fiinfte Wurzelrasse hat sieben Unterrassen, die urindische, die
urpersische, die agyptisch-babylonisch-chaldaische, die griechisch-
romisch-semitische, die germanische, die slawische und die siebente
Unterrasse. Die drei letzten Unterrassen der vierten Wurzelrasse,
der atlantischen, sind besonders wichtig. Aus der drittletzten, der ur-
semitischen Unterrasse, ist die fiinfte Wurzelrasse hervorgegangen.
In der Gegend, wo heute Irland ist, saft diese fiinfte Unterrasse. Sie
wanderte von dort aus und Heft sich in die Wiiste Gobi oder Schamo
fiihren. Von hier ging die Stammrasse fur die jetzige Wurzelrasse,
die fiinfte, aus. Nun sind drei Unterrassen der Atlantier, sieben Un-
terrassen der arischen Wurzelrasse und zwei der sechsten Wurzel-
rasse, die in gewisser Beziehung zusammengehoren. Dann, wenn die
Menschheit alle diese Rassen durchlaufen hat, dann wird sie soweit
gekommen sein, daft ein grofter Teil der Menschheit das erlangt hat,
wozu sie veranlagt ist.
Die zwolf Apostel sind die Sinnbilder fur diese zwolf Unterras-
sen. Jesus ist aus den zwolf Aposteln herausgewachsen. Jesus neigt
sich in der Fufrwaschung zu den Rassen, denen er das Heil zu brin-
gen hat.
Im Gleichnis vom Weinstock fuhlt Christus sich als derjenige,
der mit alien Rassen in Verbindung steht; er versorgt sie mit dem,
was das geistige Lebensblut ausmacht.
Nun kommen da noch die verschiedensten Bilder in der hoheren
Welt hinein. Es wird uns der Verrat des Judas von Iskarioth vorge-
fuhrt. Er ist der Vertreter einer der Rassen, und zwar der Rasse, wel-
che gerade alles auf den materiellen Plan herabbringt, unserer jetzi-
gen fiinften Unterrasse, der materialistischen. Die Entwickelung,
derzufolge die Menschen vorher in der geistigen Anschauung gelebt
hatten und nun in die physische Welt hineingefiihrt werden mui
ten, machte es ganz selbstverstandlich, dall der Vertreter dieser fiinf-
ten Unterrasse gerade der Verrater wurde. Judas von Iskarioth war
der Vertreter der Rasse, die am tiefsten herunterkommt. Das Johan-
nes- Evangelium erlangt dadurch, daft es symbolisch aufzufassen ist,
die Moglichkeit, iiber Raum und Zeit hinaus seinen Wert zu behal-
ten. Die Tat des Judas gliedert sich ganz organisch in die Mission
Christi ein. Judas geht durch eine Art Martyrertum. Er ist der Verra-
ter und auch in gewissem Sinne Martyrer. Er fuhrt die Opferung
Christi herbei.
Durch die Reihe von Gleichnissen sollen die Apostel hinaufge-
fuhrt werden in die innere Natur des Christentums. Bei dem Opfer-
tode Christi trat alles auf den Weltenplan, auf den Plan der Ge-
schichte, was friiher sich im Mysterienkultus selbst abgespielt hatte,
indem der Schiiler es so durchlebte, wie hier im Evangelium Laza-
rus es durchlebte als den dreitagigen sinnbildlichen Tod. In Christus
sollte das auf den grofien Plan der Geschichte heraustreten. Ein
Mensch sollte von nun an auch dadurch erlost werden, wenn er
nur glaubte, ohne selbst in den Mysterien geschaut zu haben.
Jeder sollte das erleben, wenn der Geist der Wahrheit kam. Er ver-
kiindet, was durch die christlichen Ereignisse als eine Kraft in
die Weltgeschichte gelegt wird. «Was zukiinftig ist, wird er euch
verkundigen.»
Aus diesem Geiste der Wahrheit verkiindet Johannes voraus. Der
geschichtliche Verrat Christi spielt sich in der Zukunft ab in der
Rasse, die dem Judas entspricht.
Nun folgen die Ereignisse, die vorbildlich sind fur das eigene
innere Erlebnis des christlichen Mystikers. Christus erhalt den Bak-
kenstreich. Das ist das zweite wichtige Ereignis nach der Fuftwa-
schung. Das mull jeder empfangen, der in seiner Seele das Christus-
Leben durchmachen will. Man muft es mit volliger Seelenruhe ertra-
gen, von denen, vor denen man sein Bestes vertritt, nicht Anerken-
nung zu finden. Als zweites folgt auch noch die Geiftelung. Dies
heiftt moralisch-seelisch, daft wir die Schmerzen, die uns von der
Welt kommen, in Ruhe ertragen. Das ist, mit dem Backenstreich
zusammen, die zweite Stufe, die der christliche Mystiker durchzu-
machen hat
Dies machen seit jener Zeit wirklich die Schuler der christlichen
Mystik durch. Daft man fahig ist, in dieser Ruhe die Schmerzen zu
ertragen, das driickt sich am eigenen Leibe des Schiilers aus. Er be-
kommt tatsachlich eine Empfindung, als ob er mit Nadeln gesto-
chen wiirde.
Das nachste, die dritte Stufe, ist das Tragen der Dornenkrone.
Das ist: Erniedrigung ruhig hinzunehmen. Das, was niederge-
driickt wird, ist gerade das menschliche Ich. Das Vorderhirn, wel-
ches in der letzten Zeit der Atlantis ausgebildet wurde, das empfin-
det die Dornenkrone. Es treten wirklich schmerzhafte Erscheinun-
gen dieses mystisch-seelischen Zustandes auf, die man iiberwinden
muil.
Dann kommt als vierte Stufe die Kreuzigung. Dies ist das mysti-
sche Erlebnis, welches bedeutet, daft einem der eigene Leib so
fremd geworden ist wie etwas Aufterliches. Der Mensch tragt dann
die Last des Kreuzes. Seine Seele ist nun selbstandig geworden. Sie
ist dann nur noch so an den Leib gefesselt, wie der Leib Christi an
das Kreuz genagelt war. Es ist dies ein Vorgang im Inneren, den der
Mystiker empfindet. Der Mensch weift jetzt tatsachlich, daft er in
einem geistigen Leibe lebt. Die Begleiterscheinung dieses Vorganges
ist die Blutsprobe. Dann treten wirklich an den Handen und Fiiften
die Wundmale Christi auf, wenn der christliche Mystiker das durch-
gemacht hat. Fur alles, was geistig ist, gibt es eine physische Be-
gleiterscheinung.
Wenn der Mensch soweit ist, dann tritt der Tod am Kreuz ein.
Das ist ein geistiges Erlebnis. Es wird ausgedruckt in dem Aus-
spruch Goethes:
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein triiber Gast
Auf der dunklen Erde.
Und Jakob Bohme sagt: «Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der ver-
dirbt, wenn er stirbt.* Der christliche Mystiker muft den Tod ganz
und gar durchmachen. Anders kann er nicht in ein hoheres Leben
eingehen.
Dann tritt als sechstes Ereignis die Grablegung ein. Das ist die
mystische Verwirklichung der Gemeinschaft mit dem Erdenorga-
nismus. Der Schuler vereinigt sich dann mit dem Erdplaneten, er
wird ein planetarischer Geist. Alles um ihn her ist dann fur ihn sein
Korper.
Die siebente Stufe ist das hohere Leben, die Auferstehung, die
dem Menschen zuteil wird.
Das sind die sieben Stufen der christlich-mystischen Entwicke-
lung: die FufJwaschung, der Backenstreich und die Geifielung, die
Dornenkronung, die Kreuzigung, der Tod, die Grablegung und die
Auferstehung. Es ist ein innerer Weg mit aufieren Symbolen.
Johannes stellt das alles in einer solchen Weise dar, daft er tat-
sachlich ein mystisches Grundbuch gegeben hat. Die Satze mussen,
indem sie gelesen werden, als Meditationsstoff verwendet werden.
Dann hat der Mensch die Meditation, welche notwendig ist, um
diese Ereignisse durchzumachen. Es ist das Johannes-Evangelium
ein Wunderbuch, indem es in der Seele Wunder wirkt. Es ist ge-
schrieben fur alle Menschen, und alle konnen das Johannes-Evange-
lium in sich erleben.
Wir betrachten von diesem Gesichtspunkte aus nochmals das
zweite Kapitel. Der Mensch vor der Fuftwaschung ist derjenige, der
den neuen Menschen gebaren soil. Durch die sieben Stufen ist der
Mensch dann hindurchgegangen. Er wird nun der neue Mensch.
Der neue Mensch verhalt sich zu dem alten Menschen, wie das
Kind zu der Mutter. Der alte Mensch hat ihn empfangen, der alte
Mensch hat ihn getragen. So haben wir das Bild von der Mutter Jesu
zu verstehen. Jeder alte Mensch ist dazu veranlagt, ein neuer
Mensch zu werden.
Verschiedene Typen haben die alten Menschen. Wenn der neue
Mensch in ihnen geboren wird, so werden alle den gleichen Chri-
stus aus sich heraus gebaren. Der aite Mensch, die Mutter, kann in
verschiedener Weise da sein. Als Christus am Kreuze ist, blickt er
zuriick auf seine Mutter, und zwar auf die drei Frauen als seine Mut-
ter, als Reprasentanten dreier verschiedener Menschengestaltungen,
aus denen der Mystiker herauswachsen kann. Nicht mit einem
Eigennamen kann man die Mutter Jesu nennen. Dennoch nennt
man sie Maria. Maria ist dasselbe Wort wie Maja, die HiiHe, aus der
der neue Mensch hervorgegangen ist.
Bei der Herabnahme vom Kreuz sollte dem Christus kein Bein
gebrochen werden. Das hangt mit unserer ganzen Kulturentwicke-
lung zusammen. In der Atlantis besafi der Mensch noch die Fahig-
keit, auf die atherischen Bildekrafte einzuwirken. So konnte er die
Keimkraft der Kornerfruchte benutzen, um Luftschiffe in Bewe-
gung zu bringen. Die Aufgabe der zwolf Unterrassen, von der funf-
ten atlantischen Unterrasse an, ist es, die Krafte und Fahigkeiten zu
entwickeln, die sich auf das mineralische Reich beziehen, die kom-
binatorischen Fahigkeiten. Die zwolf Rassen haben die Erde so weit
zu bringen, dafi das mineralische Reich im wesentlichen erobert
wird. Die Zeit, fur die das Christentum im Mittelpunkt steht, ist die
Zeit, in welcher der Mensch das mineralische Reich umwandelt.
Der Mensch wird sich den Erdmagnetismus dienstbar machen,
wenn er einmal durch seine moralischen Krafte auf die Erde wirkt.
Fur alles iibrige ist der Mensch noch mehr oder weniger unbewufit.
Das Johannes- Evangelium ist eine der Schriften, die das Unend-
liche wie einen Quell in sich tragen.
DAS JOHANNES-EVANGELIUM
Heidelberg, 3. Februar 1907
Von der heutigen christlichen Theologie wird das Johannes-Evange-
lium angefochten. Man sagt: Die Synoptiker, die drei ersten Evange-
lien nach Matthaus, Markus und Lukas, gaben ein einheitliches Bild
von Jesus. Die Abweichungen halt man fur unbedeutend. Man sagt,
nach den Synoptikern konne man sich ein einheitliches Bild von
Jesus machen. Das Johannes-Evangelium dagegen weicht davon stark
ab, indem es in ganz anderem Ton und scheinbar in ganz anderer
Weise iiber den Stifter des Christentums spricht. Man halt es des-
halb fur weniger glaubwiirdig. Die Synoptiker, sagt man, wollten das
Leben Christi erzahlen, der Schreiber des Johannes-Evangeliums
aber habe spater gelebt und in einer Art von Hymnus ausgedriickt,
was er fuhlte. Die Theologie sieht im Johannes-Evangelium eine
glaubige Dichtung. Die Zeiten sind voriiber, wo der Theologe Bun-
sen sagte: Wenn das Johannes-Evangelium nicht historische Wahr-
heit enthalt, dann ist das Christentum uberhaupt nicht zu halten. -
Die Geisteswissenschaft hat die Aufgabe, die Bedeutung des Johan-
nes-Evangeliums den heutigen Menschen wieder zu eroffnen.
Es gibt noch etwas anderes, weshalb die heutigen Theologen den
Synoptikern den Vorzug vor dem Johannes-Evangelium geben.
Wenn man den Inhalt dieser drei Evangehen zusammenfaftt, nach-
dem man die Wunder hinausgeworfen hat, so geben sie das Bild ei-
nes erhabenen Menschen, der aber eben nur ein hochentwickelter
Mensch ist. Nach dem Johannes-Evangelium aber war Jesus etwas
anderes als nur ein hochentwickelter Mensch: Er war eine univer-
selle Wesenheit, die in dem irdischen Leibe verkorpert war. Die
Synoptiker erzahlen von Jesus von Nazareth, das Johannes-Evange-
lium handelt von dem Christus.
Die Einleitung des Johannes-Evangeliums redet von einem um-
fassenden Weltprinzip, dem Logos, das sich in Jesus von Nazareth
verkorperte: «Im Urbeginne war der Logos.» Der heutige Mensch
will nichts wissen von einem hochgeistigen Wesen, das herunter-
steigt. Er glaubt nur an hochentwickelte Menschen, er glaubt nicht,
daft je ein Gott auf Erden gelebt hat. Davon riihrt es her, daft man in
den letzten Jahrhunderten das Verhaltnis zum Johannes- Evangelium
verloren hat. Uber dieses Verhaltnis des Menschen zum Johannes-
Evangelium soil der Vortrag handeln.
Wenn man das Johannes-Evangelium liest, wie man ein anderes
Buch liest, um sich zu unterrichten von dem, was darin steht, so liest
man es ganz falsch. Das Johannes-Evangelium ist kein Buch wie das,
was man heute unter einem Buch versteht. Es ist ein Lebensbuch.
Es sei vorausgeschickt, daft in alien tiefreligiosen Urkunden jedes
Wort mit tiefer Absicht gesetzt ist. Ein Beispiel sei erlautert anhand
der Frage: Wie heifit nach dem Johannes-Evangelium die Mutter
Jesu? - Jeder wird antworten: Maria. - Aber aus dem Johannes-
Evangelium laftt sich das nicht nachweisen. Die Mutter Jesu wird im
Johannes-Evangelium zuerst bei der Erzahlung der Hochzeit zu Kana
erwahnt, aber ohne Namen: «Und am dritten Tage war eine Hoch-
zeit zu Kana, und die Mutter Jesu war da.» Spater wird sie noch ein-
mal erwahnt unter den drei Frauen am Kreuze: «Es stand aber bei
dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria,
des Kleophas Weib, und Maria Magdalena.* Hier wird also nicht
die Mutter Jesu, sondern ihre Schwester « Maria* genannt. Da es nicht
wahrscheinlich ist, dafi die Schwestern beide Maria hiefien, so mufi
man annehmen, daft die Mutter Jesu einen andern Namen trug.
Ein anderes Beispiel : Der Schreiber des Johannes-Evangeliums
oder derjenige, der sonst immer als Johannes bezeichnet wird, heifit
hier immer nur «der Jiinger, den der Herr lieb hatte»: «Da nun Jesus
seine Mutter sah und den Jiinger dabei stehen, den er lieb hatte,
spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn.» Dies ist
von tiefer Bedeutung fur das Verstandnis der Fragen, die uns im Jo-
hannes-Evangelium entgegentreten, wenn wir es in geistigem Sinne
auffassen.
Bis vor wenigen Jahrhunderten wurde das Johannes-Evangelium
als Meditationsbuch angesehen, das derjenige, der eine innere An-
schauung von Jesus haben wollte, innerlich erleben mufite. Es war
fur den Priester, der die Geheimnisse des Christentums schauen
wollte. Das haben Hunderte und Hunderte wirklich ausgefuhrt, und
Hunderte und Hunderte haben die Friichte davon gehabt. Wer zu
den christlichen Mysterien vordringen wollte, sollte seine Seele al-
lein durch das Johannes-Evangelium reif machen. Aber er mufke
wissen, daft die ersten Satze Zauberkraft haben. Der Schuler mufke
sie jeden Morgen eine Viertel- oder halbe Stunde in seiner Seele le-
ben lassen, aber ohne daniber zu spekulieren, sondern um rein die
Kraft daraus zu saugen. Das war Meditation. Dem, der so monate-
lang, jahrelang mit den ersten Satzen des Johannes-Evangeliums
lebte, zeigten diese Satze eine besondere Kraft: Die geistigen Augen
gingen ihm auf. Diese Satze sind lebendige Krafte, die fahig sind,
schlummernde Fahigkeiten zu wecken. So erlebte der Schuler alle
Bilder des Johannes-Evangeliums in astralen Visionen. Die ersten
Worte konnen dieses Erleben hervorbringen. Diese Kraft war fruher
grower als heute. Die Menschen haben sich mehr verandert, als man
gewohnlich glaubt.
In der Zeit des 13. Jahrhunderts, als es noch keine Buchdrucker-
kunst gab, lasen die Menschen nicht. Das Lesen hat die Menschen
sehr verandert. Von dem Reichtum der Gefuhle der damaligen
Menschen macht sich heute auch der Allerfrommste keinen Begriff.
Heute miissen wir denen, die vorwartskommen wollen, andere Me-
ditationen geben.
Man muftte auch das Johannes-Evangelium richtig iibersetzen,
damit es den heutigen Menschen wieder das sein konnte, was es den
friiheren war:
«Im Urbeginne war das Wort; und das Wort war bei Gott, und
ein Gott war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Alles ist durch dasselbe geworden, und aufter durch dieses ist
nichts von dem Entstandenen geworden. In diesem war das Le-
ben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht
schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.
Es ward ein Mensch, gesandt von Gott, mit seinem Namen
Johannes.
Dieser kam zum Zeugnis, auf daft er das Zeugnis ablege von dem
Licht, auf dafi durch ihn alle glauben sollten.
Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des Lichtes.
Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in
die Welt kommen.
Es war in der Welt, und die Welt ist durch es geworden, aber die
Welt hat es nicht erkannt.
In die einzelnen Menschen kam es (bis zu den Ich-Menschen
kam es); aber die einzelnen Menschen (die Ich-Menschen) nah-
men es nicht auf.»
Zur Zeit der lemurischen Rasse stieg die menschliche Seele in
ihre erste menschliche Verkorperung. Vorher ruhte sie im Schofie
Gottes; die Menschen waren noch keine Ich-Menschen.
Das innere Schauen. - Was geht nun vor, wenn der Mensch sich
einen Einblick in die geistige Welt verschafft? Der Alltagsmensch
lebt zwischen Wachen und Schlaf, der hochstens durch den Traum
unterbrochen wird. Der Mensch besteht aus physischem Leib, dem
Atherleib oder Lebensleib, dem astralischen Leib und dem Ich.
Diese vier Glieder sind im Wachen beieinander. Der physische Leib
ist eine Summe von physikalischen Apparaten, das Auge eine Ca-
mera obscura, das Ohr ein Saiteninstrument. Diese Apparate wer-
deri durchsetzt von dem Atherleib, der sie belebt und der die Emp-
findungen dem Astralleib, dem Trager von Lust und Leid, von
Trieb, Begierde und Leidenschaft, und weiter auch dem Ich iiber-
tragt. Im Schlafe liegen der physische und der Atherleib im Bette,
der astralische Leib mit dem Ich ist herausgehoben. Der Atherleib
bleibt beim physischen Leib und belebt ihn; die Lebensfunktionen
sind nicht unterbrochen wahrend des Schlafes. Farben, Tone, Lust
und Leid aber sind wie in ein tiefes Dunkel getaucht, der Mensch ist
sich ihrer nicht bewufit.
So viele Welten gibt es, als der Mensch Organe hat, sie wahrzu-
nehmen. Ohne Augen kein Licht. Hatte der Mensch ein Organ fur
die Elektrizitat, so wurde er diese ebenso wahrnehmen, wie er jetzt
etwa das Licht wahrnimmt.
Im Schlafe lebt nun der Mensch in der astralen oder auch in der
devachanischen Welt, aber er empfindet dort nichts. Erst wenn er
durch ausdauernde Arbeit hohere Organe herausbildet, tritt eine
Veranderung mit dem Menschen ein : Es beginnt um ihn her hell zu
werden. Im Schlafe empfindet er einen Raum um sich her, erfullt
von Gegenstanden. Es geschieht ihm, wie dem Blindgeborenen, der
operiert wird, astrale und geistige Sinnesorgane entstehen, er sieht
die geistige Welt, der Schlaf macht ihn nicht mehr unbewufSt. Spa-
ter beginnt die geistige Welt um ihn her zu tdnen. Er hort die Spha-
renmusik der Pythagoreer, die der heutige Mensch fur einen bild-
lichen Ausdruck halt. Goethe verstand es richtig. Im Prolog des
«Faust» sagt er:
Die Sonne tont nach alter Weise
In Bruderspharen Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Das kann man nicht fur eine Phrase halten, sondern man mull es
wortlich nehmen : Man hort die Sonne tonen, wenn man die geistige
Musik hort. Im zweiten Teil des «Faust» sagt Goethe im gleichen
Sinne:
Tonend wird fur Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Die geistige Welt tritt also fur den Menschen zuerst im Schlafe
auf, aber was er im Schlafe erlebt, mull er auch ins Alltagsleben her-
ubernehmen konnen. Das, was er zuerst im Schlafe entdeckt, mull
er auch im Wachen zwischen den physischen Gegenstanden wieder-
finden. Das erfolgt in der weiteren Schulung des Schiilers.
Nachdem die Wirkung der ersten Satze des Johannes- Evange-
liums eingetreten war, indem die Bilder desselben vor seine Seele
traten, unterstiitzte man ihn in der Ausbildung gewisser Gefuhle.
Nach einigen anderen Ubungen forderte der Lehrer den Schuler
auf, lange Zeit hindurch folgendes Gefiihl auszubilden: Wiirde die
Pflanze, die aus dem Boden wachst, den Stein betrachten, aus dem
sie wachst, so miiftte sie zu ihm sagen: Du Stein gehorst zwar einem
niedereren Reiche an als ich, aber ohne dich konnte ich nicht sein. -
Sie miilke sich demiitig zu ihm herunterneigen und ihm danken,
dafl er ihr das Leben ermoglicht. Ebenso miilke das Tier demiitig
sich vor der Pflanze neigen und ihr danken, dafS sie ihm die At-
mungsluft gibt, die es verbraucht. Ebenso mull jede hohere Klasse
von Menschen sich herabneigen zu der niederen Klasse und ihr
danken. Jeder hoherstehende Mensch verdankt dem niederen sein
Dasein. Dieses Gefiihl muftt du ganz in deiner Seele festsetzen,
stundenlang, jeden Tag, in Wochen oder Monaten.
Fiihrte der Schiiler das aus, so kam schliefilich ein geistiges Bild
vor seine Augen, das bei jedem in gleicher Weise auftrat: Er sah um
sich herum zwolf niedere Menschen sitzen, denen er die Fufte
wusch. Dann sagte ihm der Lehrer: Jetzt verstehst du innerlich das
dreizehnte Kapitel des Johannes-Evangeliums, die Fufrwaschung. -
Neben diesem geistigen Bild trat auch ein auOeres Symptom auf,
und zwar wieder bei alien das gleiche. Der Schiiler fuhlte, wie wenn
Wasser um seine Fiifie spiilte.
Darauf hatte er ein zweites Gefiihl durch Wochen und Monate
zu entwickeln: Wenn alle moglichen Schmerzen und alle Harten
des Daseins auf mich eindringen, ich will die Kraft entwickeln,
mich immer dagegenzustellen. - Hatte er dieses Gefiihl in sich ent-
wickelt, so trat wieder eine Vision auf: Er sah sich gegeiltelt. Auch
diese Vision trat bei alien in gleicher Weise ein. Das aufiere Sym-
ptom war ein Stechen und Jucken am ganzen Korper wahrend lan-
ger Zeit.
Darauf hatte er ein drittes Gefiihl auszubilden: Die Harten des
Daseins zu ertragen, ist noch nicht genug. Es kann das Beste, das du
hast, dir mit Spott und Hohn ubergossen werden. Bleibe dennoch
aufrecht stehen. - Hatte der Schiiler dieses Gefiihl ausgebildet, so
trat eine dritte Vision ein: Er sah sich mit der Dornenkrone. Als
aufSeres Symptom fuhlte er heftige Kopfschmerzen.
Darauf hatte er wieder ein anderes Gefiihl auszubilden: Alle
Menschen sagen zu dem Leibe, den sie tragen: Ich. Dein Leib mull
dir nicht wichtiger sein als irgendein anderer Gegenstand. Du mufit
deinen Leib als etwas Fremdes empfinden. - Hatte der Schiiler das
durchgemacht, so trat die Vision der Kreuzigung ein, aufierlich be-
gleitet von dem Auftreten der Blutmale Christi an den Handen und
Fiiften und an der rechten Brust - nicht an der linken Brust, wie ge-
wohnlich gesagt wird. In den Zeiten der Meditation kamen diese
Symptome ofter wieder.
Darauf sagte der Lehrer zum Schiiler: Nun kannst du den mysti-
schen Tod erleben. Dieses kann nur ungefahr geschildert werden.
Der Schiiler erlebt, wie wenn das ganze Dasein fur einen Moment
ausgeloscht wiirde, alle Dinge sind nicht mehr da, sind hinter einem
Schleier verborgen. Dann reifit der Schleier von oben bis unten aus-
einander, und der Schiiler sieht in die geistige Welt. Davor kommt
noch ein anderes Moment. Vor dem mystischen Tode hat der Schii-
ler Visionen von allem Schlechten, was es in der Welt geben kann;
er muft in die Holle hinabsteigen, ehe er den mystischen Tod erlebt.
Darauf folgt die sechste Station, wo der Schiiler anfangt, seinen
Leib iiberhaupt nicht mehr als etwas ihm Eigenes zu empfinden. Er
erweitert sein Bewufitsein auf die ganze Erde. Hat er das ausgebildet,
so nennt man das die Grablegung. - Die siebente Station kann man
nicht mehr mit irdischen Worten schildern. Es ist die Auferstehung
und Himmelfahrt; dieser Zustand ist hoher, als sich ein Mensch
ausdenken kann.
Diese sieben Stufen schildert das Johannes-Evangelium. Wer sie
alle durchmachte, der erkannte Jesus, wie er auf Erden gelebt hat.
Das Johannes-Evangelium ist der Weg, den Christus Jesus zu erken-
nen. Deshalb wurde es denen, die weise werden wollten, als Entwik-
kelungsbuch, nicht nur als Erbauungsbuch gegeben. Man kann
jeden Teil daraus erleben.
Einzelheiten: DafJ diese Wahrheit der Menschheit enthiillt
wurde, bildet einen Abschnitt in der Menschenentwickelung, der
sich mit keinem andern Abschnitt vergleichen lafit. Durch Jesus
wurde in die Welt folgendes hineingebracht: Viergliedrig war der
Mensch schon bei seiner ersten Verkorperung, aber er entwickelte
sich weiter. Betrachten wir einen unentwickelten Menschen: sein
astralischer Leib ist so geblieben, wie er ihn erhalten hat. Verglei-
chen wir ihn mit dem astralischen Leib eines europaischen Durch-
schnittsmenschen oder dem eines Idealisten wie Schiller oder
einem hochentwickelten Menschen wie Franz von Assist. Der euro-
paische Durchschnittsmensch folgt nicht mehr alien seinen Trieben.
Die einen verwirft er, er setzt auch andere Gefuhle an ihre Stelle, die
moralischen Gebote. Das Ich hat an dem astralischen Leib gearbei-
tet. Sein astralischer Leib besteht aus zwei Teilen: dem ungelauter-
ten, der noch so ist, wie er ihn empfing, und dem gelauterten TeiL
Bei Schiller ist der gelauterte Teil schon sehr grofi gegenuber dem
ungelauterten. Und der Astralleib eines Franz von Assisi besteht nur
noch aus dem gelauterten Teil. Diesen gelauterten Teil des astrali-
schen Leibes nennt man das Geistselbst oder Manas. Der Mensch
hat dann fiinf Wesensglieder.
Ebenso kann der Mensch in den Atherleib hineinarbeiten. Reli-
giose und kiinstlerische Gefuhle arbeiten am Atherleib und schaffen
daraus den Lebensgeist, Buddhi. Kann der Mensch seinen physi-
schen Leib in seine Gewalt bekommen, so ist das, was er davon ver-
geistigt hat, das Atma. In der autieren Entwickelung geht dieser Pro-
zefi sehr langsam vor sich. In Griechenland nannte man die Buddhi
«Chrestos», und dies ist heute bei den meisten Menschen nur in den
ersten Anfangen da.
Die grdftte Kraft, die unsere Zeit bekam, um die Buddhi zu ent-
wickeln, ist durch Christus gekommen. Er ermoglichte die Ausbil-
dung des sechsten Prinzips, der Buddhi, in der ganzen Menschheit.
Er vergeistigte die Menschheit. Das siebente Prinzip ist das des Va-
ters. Durch den Heiligen Geist wird Manas ausgebildet, durch Chri-
stus wird das sechste Prinzip ausgebildet, und wenn das in groftem
Umfang bei einer ganzen Rasse entwickelt ist, so ist das herausge-
kommen, was als Kraft in ihr verborgen lag, namlich das sechste
Prinzip. Dann werden alle Menschen, die zu dieser Rasse gehoren,
die sechste Stufe der Einweihung erreicht haben: die Grablegung.
Ein heiteres oder ein trauriges Gesicht laflt auf eine heitere oder
trauernde Seele schliefien, im Aufteren sieht man das Innere, alles
ist eine Aufierung der Seele. Denkt man sich die Erde als Leib einer
seelischen Wesenheit, so sind, wenn die Menschen leiblich in der
Erde aufgegangen sind, die Seelen der Menschen aufgegangen in
der Seele der Erde. Diese konnte so in der Erde sein, wie die
menschliche Seele im menschlichen Leib.
Der Mensch entnimmt dem Leibe der Erde seine Nahrung und
er tritt sie mit Fiiften. «Wer mein Brot isset, der tritt mic'h mit Fii-
Cen>, sagt Jesus. In alteren Schriften kommen oft sogenannte
Schliisselworte vor, ganz bestimmte Bezeichnungen fur bestimmte
Dinge. Wenn zum Beispiel ein Meister mit seinen Schulern in das
innerste Heiligtum geht, so «geht er auf den Berg*. Die Bergpredigt
ist eine Predigt vor den Schulern allein: «Als Jesus aber das Volk
sah, da ging er mit seinen Jungern auf den Berg.»
Ebenso ist «Tempel» der Ausdruck fur den physischen Leib. Die
niedere Natur wird er gewohnlich genannt. Ist er wirklich niedrig
im Verhaltnis zum astralischen Leib? Tatsachlich ist heute der phy-
sische Leib viel hoher entwickelt als der Astralleib. Spater wird ja al-
lerdings der astralische Leib hoher entwickelt sein als der physische
Leib. Man betrachte den Oberschenkelknochen, wo mit dem ge-
ringsten Aufwand von Stoff die grofltmogliche Kraft geleistet wird.
Oder man betrachte das Herz, das so weise eingerichtet ist, daft es
durch Jahrzehnte den fortwahrenden Attacken des Astralleibes
standhalt.
Von Eingeweihten sagte man, wenn der astrale Leib sich lockert
und bewulk wird': er ist ausgetreten aus dem Tempel. Im Johannes-
Evangelium spricht Christus vom Tempel: «Da huben sie Steine auf,
daft sie auf ihn wiirfen. Aber Jesus verbarg sich und ging zum Tem-
pel hinaus.» In diesem Sinne spricht er ferner von der Reinigung des
Tempels und dem Abbrechen des Tempels und Wiederaufbauen in
drei Tagen.
Wie Christus in die Welt trat, lafk sich folgendermalkn erken-
nen. Das sechste Prinzip, die Buddhi, ist geboren aus dem funften,
wenn dieses zur vollen Hohe gelangt ist, aus dem Geistselbst oder
Manas, oder wie die Griechen damals das fiinfte Prinzip nannten,
aus der Sophia. Alle Gnostiker, die sich zum Sinne des Johannes-
Evangeliums bekannten, nannten die Mutter Jesu «Sophia».
Durch das Erscheinen Jesu wird der Erde das sechste Prinzip ge-
bracht. Die Vereinigung des Lebensgeistes mit der Menschheit voll-
zieht sich. Dazu mulke die Sophia erst ganz reif werden. Wenn der
Lebensgeist sich mit der Menschheit vereinigt, so ist die Menschheit
die Sophia. In der Hochzeit zu Kana wird uns das im Gleichnis
erzahlt.
Das Johannes-Evangelium hat der Herr offenbaren lassen durch
den Jiinger, den er lieb hatte. Diesen Namen tragt immer der erste
und Lieblingsschuler eines Meisters. Im Johannes-Evangelium tritt
zum ersten Mai der Ausdruck von dem Jiinger, den der Herr lieb
hatte, im elften Kapitel bei der Auferweckung des Lazarus auf. In
damaliger Zeit geschah die Einweihung so, dafl der Schiiler drei
Tage im Tempel zubrachte. Hier wurde nicht nur sein Astralleib,
sondern auch sein Atherleib gelockert. Er starb also gewissermaften
und wurde am Ende der drei Tage wieder auferweckt, Diesen Jiin-
ger, den der Herr lieb hatte, weihte er ein, und die Auferweckung
des Lazarus bedeutet diese Einweihung.
Der Jiinger, der am Kreuze stand, war also auch Lazarus, und
derselbe Eingeweihte ist der Schreiber des Johannes-Evangeliums.
Um alles zusammenstimmen zu lassen, ist der Jiinger, den der Herr
lieb hatte, auch nicht friiher erwahnt, als bei der Auferweckung des
Lazarus im elften Kapitel. Diese Auffassung hatte man in alien gno-
stischen und Rosenkreuzerschulen und diese Auffassung wird auch
wiederkommen.
Das Johannes-Evangelium ist ein Buch voll von Geheimnissen,
voll von Kraften fur die Menschheit.
FRAGENBEANTWORTUNG
zum Vortrag Heidelberg, 3.Februar 1907
Was ist der Kausalkorper?
Beim Tode des Menschen von heute trennen sich der Atherleib mit
dem Astralleib und dem Ich von dem physischen Leib. Eine Zeit-
lang bleibt der Atherleib noch bei den hoheren Prinzipien, und
wahrend dieser ersten Zeit nach dem Verlassen des physischen Lei-
bes tritt vor die Seele des Menschen sein ganzes letztes Leben wie in
einem groften Tableau. Das riihrt davon her, daft der Atherleib nicht
nur der Trager der Lebensfunktionen ist, sondern auch der Trager
des Gedachtnisses. Wahrend des Lebens ist er aber durch das physi-
sche Gehirn eingeengt, er kann seine Funktion nicht entfalten. So-
bald aber die physischen Schranken fallen, so liegt das ganze Ge-
dachtnis wie ausgebreitet vor der Seele des Menschen. Dies dauert
so lange, bis der Atherleib sich nach einigen Tagen auch von dem
Astralleib und dem Ich loslost. Es lost sich aber nur das Atherisch-
Materielle, wahrend dieses Erinnerungsbild von dem Menschen
mitgenommen wird. Diese Essenz des Atherleibes behalt der
Mensch, und die Summe dieser Essenzen aus alien Erdenleben ist
der Kausalkorper.
Wie ist die Feier des Abendmahls im Johannes-Evangelium zu verstehen, besonders
die Reichung des Brotes an Judas, den Verrater?
Ein ganz bestimmter Vorgang bei der alten Einweihung besteht
darin, daft der Schuler in den Tempel gebracht wird und in einem
«dreitagigen Tode», wobei also auch sein Atherleib gelockert wird,
durch astrale und devachanische Erlebnisse hindurchgefuhrt wird.
Eines dieser Erlebnisse war, daft jeder Teil des Korpers in eine
menschliche Gestalt verwandelt wurde. Zwolf Glieder zahlte man,
und zwolf Gestalten sah der Schuler, und sich als den Dreizehnten,
die Seele der Zwolf.
Die Sinnlichkeit hat den Egoismus gebracht, der iiberwunden
werden muft. Das wurde besonders dem mittelalterlichen Schuler
gelehrt. Das Folgende hatte etwa ein Lehrer damals zu seinen Schii-
lern sprechen konnen: Sieh dir die Pflanze an, sie halt die Fruchtor-
gane keusch nach oben der Sonne entgegen. Eine Frucht kann nur
entstehen, wenn die Blute von der Sonne gekiiftt wird. Der Mensch
ist eine umgekehrte Pflanze. Das Tier steht mitten zwischen beiden.
Die Weltenseele geht durch die Pflanze, das Tier, den Menschen.
Die Weltenseele ist gekreuzigt am Kreuze der Erde. Der Mensch
hat seine Substanz durchwirkt von Begierden. Sein Fleisch steht
defer als das Fleisch der Pflanze. Spater wird der Mensch wieder
begierdelos werden und sich keusch den geistigen Sonnenstrahlen
entgegenbringen. Es entsteht das, was man den Heiligen Gral nennt,
das geistige Hervorbringen.
Beim Abendmahl im Johannes-Evangelium erscheint die niedere
Selbstsucht als Judas, der Verrater. Der Jiinger, den der Herr lieb
hatte, liegt an seiner Brust. Die gelauterte Kraft dringt herauf zum
Herzen, das in der Zukunft geistiges Hervorbringungsorgan werden
wird. Das zeigt sich schon heute im anatomischen Bau des Herzens.
Das Herz gehort zu den unwillkurlichen Muskeln und sollte als sol-
dier glatte Fasern zeigen. Aber das tut es nicht, sondern ist querge-
streift wie die willkiirlichen Muskeln. Dadurch weist es schon jetzt
auf die Zeit hin, wo es ein willkurlicher Muskel werden wird.
Beim Erwachen nach der Einweihung entrangen sich dem Schu-
ler die Worte: «Eli, Eli, lama sabachthani!», das heifit: «Mein Gott,
mein Gott, wie hast du mich verklart!» Dieser Wortlaut lafit sich im
Urtext leicht in die andere Version umstellen, die bedeutet:
«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.»
Das Haus, wo das Abendmahl stattfand, war eines der Einwei-
hungshauser.
Was bedeutet die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana?
Nach der Erklarung der heutigen Theologen bedeutet es die Um-
wandlung des Alten Testamentes in das Neue, das den sprudelnden
Wein bedeuten soil.
Hier im Norden war Siegfried der vorchristliche Eingeweihte,
der vor der christlichen Einweihung stehenblieb. Das ist angedeutet
durch die verwundbare Stelle Siegfrieds. Siegfried, der Unverwund-
bare, war an der Stelle verwundbar, wo Christus das Kreuz trug.
Einer wird kommen, der den Sinn der Erde bedeutet. Das Blut
dieses Wesens ist das Wasser. In alien Mysterien wurde das Wasser
das Blut Christi genannt.
Im 8.Jahrhundert vor Christi Geburt entwickelt sich der Diony-
sos-Dienst; mit ihm das Uberhandnehmen des Weingenusses. In
der atlantischen Zeit kannte man keinen Wein. Heute hat der Wein
seine Funktion erfiillt. Ein Zeichen fur das Schwinden des Weines
ist das Auftreten der Reblaus. Als es noch keinen Wein gab, hatten
alle Menschen ein Bewufttsein von dem ewigen Kern, der von Le-
ben zu Leben geht. In dem Glauben an die Reinkarnation hatte der
agyptische Arbeiter, von dessen Muhen bei dem Bau der Pyrami-
den wir uns heute keinen Begriff machen, seinen Trost. Das waren
Menschen, die keinen Wein tranken. Durch den Genufi des Weines
wird der Mensch abgeschnitten von der Erkenntnis der hoheren
Prinzipien. Dieser Zustand muftte einmal eintreten. Ware der
Mensch ohne Wein geblieben, so ware er der Erde iiberdrussig ge-
worden, aber das durfte nicht geschehen. Um die Kultur hervorzu-
bringen, mufke der Mensch die Erde lieb gewinnen, er mufke von
seinen fruheren Verkorperungen abgeschnitten werden, um nur die
eine, in der er gerade lebte, zu lieben. Die ganze Menschheit mufke
einmal durch eine Periode hindurchgehen, in der sie von ihren ho-
heren Prinzipien und von den fruheren Verkorperungen nichts
wufSte. Das Christentum lehrte in den ersten zwei Jahrtausenden 6f-
fentlich keine Reinkarnation, sondern nur den Eingeweihten, wie
auch Christus das tat: «Saget es niemand, bis ich wiederkomme», das
heilk, bis sich langsam die Entwickelung des sechsten Prinzips voll-
zogen hat. Nun ist die Zeit da. Die ganze Menschheit ist einmal
durch eine Inkarnation hindurchgegangen, wo sie von oben abge-
schnitten war.
In alten Zeiten bestand die Nahehe, die Ehe unter Blutsver-
wandten. Eine Folge des Ubergangs zur Fernehe war das Erloschen
des Hellsehens. Heute wiirde die Nahehe die Degeneration hervor-
bringen. Zur Zeit der Nahehe hatten die Menschen nicht nur ein
Gedachtnis von dem, was sie selbst erlebten, sondern auch von dem
Leben ihrer Eltern. Dieses vererbte Gedachtnis trug einen Namen:
Adam, Seth, Enoch. Aufier dem Gedachtnis erbte sich Gutes und
auch Boses durch die Geburt hindurch, die Erbsiinde.
Sollte das geandert werden, so mufke fur die Blutsliebe die allge-
meine Menschenliebe treten: «Wer nicht verlasset Vater, Mutter,
Weib, Kinder, der kann nicht mein Jiinger werden.*
Jesus geht auch zu den Fremden, zu dem samaritischen Weib.
«Die Juden hatten keine Gemeinschaft mit den Samaritern.* Chri-
stus Jesus stammt aus Galilaa, dem Lande, wo die grofttmogliche
Blutsmischung bestand.
Wenn von einem entfernten Stern ein Wesen die Erde beobach-
ten konnte, so wiirde es die physische Erde von einem Ather- und
Astralleib durchdrungen und umgeben sehen. Wiirde dieses Wesen
etwa die Entwickelung der Erde von Abraham bis heute beobach-
ten, so wiirde es eine Anderung der Farben sehen in dem Augen-
blick, als das Blut aus Christi Wunden flieftt. - Eine Einweihung wie
die des Apostels Paulus hatte vor dem Erscheinen Christi nicht
stattfinden konnen. Es war das eine auftere Einweihung, die dadurch
ermoglicht wurde, daft der ganze Astralleib der Erde verandert
wurde.
Frage nach der Zukunft des Christentums
Das Christentum hat so unendliche Tiefen, daft seine Entwickelung
ganz unabsehbar ist. Das Christentum ist als Religion die letzte. Es
tragt alle Moglichkeiten der Entwickelung in sich. Die Theosophie
ist nur ein Diener des Christentums.
Der Unterschied zwischen Christus und den andern groften Re-
ligionsstiftern liegt darin, daft in den andern Religionen an das ge-
glaubt wird, was ihre Stifter lehrten, im Christentum aber glaubt
man an das, was Christus ist.
EinfluC des Atherleibes auf die Heilung des physischen Leibes
Geisteskrankheiten beruhen zum Teil darauf, daft der Atherleib
nicht die Macht hat, auf gewisse Teile des physischen Korpers zu
wirken. Ist der Atherleib zu schwach, einen Teil des Korpers zu be-
herrschen, so wird dieser Teil krank. Macht man den Atherleib
stark, so hat man gehoifen.
DAS MYSTERIUM VON GOLGATHA
Koln, 2. Dezember 1906
Das Geheimnis, das hinter dem Mysterium von Golgatha steht, ge-
hdrt zu den tiefsten Geheimnissen der Weltentwickelung. Um es zu
verstehen, werden wir durch die okkulte Weisheit Jahrtausende zu-
ruck hineinleuchten miissen in die Vergangenheit der Erdenevolu-
tion. Gegen dieses tiefere Eindringen in das Mysterium von Golga-
tha bedeutet es keinen Einwand, daft das, was der Christus Jesus ge-
wirkt hat, fur jedes schlichte Gemut verstandlich sein soil. Das ist
der Fall. Aber ein voiles Verstandnis fur diese groftte Erscheinung
auf der Erde mufi aus den Tiefen der Mysterienweisheit heraus ge-
schopft werden.
In dieser Stunde wird es sich fur uns also darum handeln, aus der
ganzen Tiefe der Mysterienweisheit das Verstandnis dafur zu gewin-
nen, wie so etwas wie das Mysterium von Golgatha moglich sein
konnte. Wir miissen dabei daran festhalten, daft sich mit dem Er-
scheinen des Christus Jesus auf der Erde etwas zugetragen hat, was
wirklich einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der Menschheit
bedeutet. Wir werden das am besten verstehen, wenn wir uns die
Frage beantworten: Wer war eigentlich der Christus Jesus? Diese
Frage zerfallt fur den Okkultisten in zwei Teile. Wir miissen unter-
scheiden zwischen der Personlichkeit, die damals in Palastina gelebt
hat und dreiftig Jahre alt geworden ist, und dem, was dann aus ihr
geworden ist.
Jesus wurde Christus im dreiftigsten Jahre seines Lebens. Bei
dem gewohnlichen Menschen sind nur geringe Teile vom Astralleib
Atherleib und physischen Leib umgewandelt in Manas, Buddhi und
Atma oder Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. Jesus von
Nazareth war ein Chela im dritten Grade. Dadurch waren seine Lei-
ber in einem Zustande hoher Lauterung. Es war eine vollstandige
Reinigung, Heiligung und Lauterung bei ihm vorhanden im Astral-
leib, Atherleib und physischen Leib. Wenn ein Chela diese Laute-
rung seiner drei Leiber absolviert hat, dann wird er fahig, in einem
gewissen Zeitpunkt seines Lebens sein Ich hinzuopfern. Im dreiftig-
sten Jahre verliefS das Ich des Jesus die drei Korper und ging in die
astrale Welt iiber, so da$ auf der Erde die geheiligten drei Leiber zu-
riickblieben, gleichsam ausgehohlt vom Ich, so dafi Platz darin war
fur die hohere Individualitat. Es hat also das Ich des Jesus von Naza-
reth im dreiftigsten Jahre seines Lebens das grofte Opfer gebracht,
seine gereinigten Leiber der Individualitat des Christus zur Verfii-
gung zu stellen. Christus fiillte diese drei Leiber aus. Nach dieser
Zeit sprechen wir von dem Christus Jesus, der drei Jahre auf der
Erde umhergewandelt ist und die groften Taten in dem Leibe des
Jesus vollbracht hat.
Um zu verstehen, wer der Christus war, miissen wir in der Ent-
wickelungsgeschichte der Erde und der Menschheit weit zuriickge-
hen. Die Erde war, ehe sie Erde wurde, der alte Mond, der nicht das
Gleiche ist wie der jetzige Mond, welcher nur ein abgesplittertes
Stuck der Erde ist Ehe die Erde Mond wurde, war sie Sonne und
vorher Saturn. Wir miissen uns also driiber klar sein, daft vor Jahr-
milliarden einmal im Weltenraum ein Korper war, der alte Saturn.
Ein Planet entwickelt sich auch durch verschiedene Verkorperun-
gen hindurch. Bevor unsere Erde zur Erde wurde, war sie als Saturn,
Sonne und Mond da. Nun wollen wir uns zunachst auf die Sonne
versetzen. Da hatten denselben Rang, den heute die Menschen auf
der Erde haben, die sogenannten Feuergeister. Sie haben aber auf
der Sonne nicht wie die jetzigen Menschen ausgeschaut. Diese ho-
hen Individualitaten haben ihre Menschheit auf der Sonne unter
ganz andern Verhaltnissen durchgemacht, als der Mensch dies heute
auf der Erde tut. Auch auf dem Monde machte eine Schar von We-
sen die Menschheitsstufe durch, die dann auf die Erde als hohere
Wesen kamen: lunarische Pitris, Mondgeister, die jetzt schon eine
hohere Stufe erreicht haben als der Mensch, in der christlichen Eso-
terik Angeloi, Engel genannt. Erst auf der Erde ist der Mensch
«Mensch» geworden. Als nachste Stufe stehen iiber ihm die lunari-
schen Pitris. Noch iiber ihnen stehen die Feuergeister auf einer sehr
hohen Stufe des Werdens.
Wir kommen nun zu der Erde, und zwar zu dem Zustand der le-
murischen Rasse, die auf einem Kontinent zwischen dem heutigen
Asien, Afrika und Australien gelebt hat. Auf der Erde waren damals
physische Wesen vorhanden, hoher als die heutigen Tiere, weniger
ausgebildet als der heutige Mensch. Diese physischen Wesenheiten
bildeten eine Art von Gehause, ein Wohnhaus. Sie hatten in die De-
kadenz iibergehen miissen, wenn sie nicht befruchtet worden waren
von hoheren Wesenheiten. Damals erst zogen die Seelen in den
physischen Leib des Menschen ein. Diese Seelen haben damals
selbst erst den spateren Menschenleib vorbereitet. Die menschliche
Seele war fruher ein Teil hoherer geistiger Wesenheiten. Es waren
auf der Erde die physischen Gehause der Menschenleiber, in die
von oben hohere Wesenheiten aus den geistigen Welten seelische
Substanz hineinstromen liefien. Dieses Seelische war noch mit den
geistigen Welten verbunden. Es war wie Wasser, das als Tropfen in
eine Reihe von Gefaften ausgegossen wird. Die Wesen, die dieses
Seelische ausgossen, waren diejenigen Wesenheiten, welche auf dem
Monde ihre Menschwerdung vollendet hatten, die Mondgeister, die
jetzt eine Stufe hoher standen als die Menschen und einen Teil ih-
res Wesens in die Menschheit ausgieften konnten, damit diese sich
weiter entwickeln konnte. Dadurch wurde der Mensch fahig, seinen
Organismus immer mehr umzugestalten. Der Mensch konnte sich
erheben von der Erde, aufrechtstehen, gehen, sprechen lernen, selb-
standig werden.
Es bestand da eine gewisse Verwandtschaft zwischen all diesen
Seelen, denn sie kamen ja von gemeinschaftlichen Geistern her. Es
zeigten alle die, welche jeweils einen Tropfen von einer gemein-
samen Wesenheit bekommen hatten, grofie AhnHchkeit. Friiher
waren es die Mitglieder eines Stammes, welche solche ahnlichen
Seelen hatten. Spater waren es die Volker, zum Beispiel das ganze
agyptische, das ganze judische Volk. Sie hatten Seelen, die aus
einem gemeinschaftlichen Ursprung hervorgegangen waren.
Was die Mondgeister den Menschen gegeben hatten, war das
Geistselbst im Menschen. Dadurch wurde der Mensch eine selbst-
bewufite Wesenheit, ein Ich. Was ihm aber die Mondgeister nicht
hatten geben konnen, das konnte den Menschen nur geben eine
einzige gemeinschaftliche, noch hohere Wesenheit, die ihre
Menschheit schon auf der Sonne vollendet hatte, ein Feuergeist.
Viele solche Feuergeister hatten sich auf der Sonne ausgebildet und
waren auf der Erde hohe Geister. Ein solcher Feuergeist war beru-
fen, iiber die ganze Menschheit sein Wesen auszugieften. Fur die
ganze Erde war ein gemeinschaftlicher Geist vorhanden, der iiber
die ganze Menschheit in all ihren Gliedern das Element der Son-
nengeister oder Feuergeister ausgiefJen konnte, die Buddhi oder den
Lebensgeist. Aber in der lemurischen Rasse und in der atlantischen
Zeit waren die Menschen noch nicht reif, irgend etwas von diesem
Sonnengeist zu empfangen. In der Akasha-Chronik kann man da
hochst Merkwiirdiges in der damaligen Zeit sehen, namlich dafi
die Menschen aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und dem
Geistselbst bestanden. Das Geistselbst war aber nur in ganz schwa-
cher Weise in den Menschen darinnen. Die Buddhi oder der Le-
bensgeist umschwebte einen jeden, doch man konnte dies nur im
Astralraum bemerken. Ein jeder hatte eine solche Buddhi-Umge-
bung im astralen Raum; aber diese Buddhi, die den Menschen von
auften umschwebte, war noch nicht reif, in ihn einzudringen. Sie
war ein Teil des einen groflen Feuergeistes, der seine Tropfen iiber
die Menschen ausgegossen hatte; diese konnten nur noch nicht in
die Menschen eindringen. Durch die Tat des Christus auf Erden
wurden in den Menschen die Anlagen ausgestaltet, da$ sie das, was
wir Buddhi nennen, in ihr Manas aufnehmen konnten.
Was Christus auf der Erde tat, wurde vorbereitet durch die an-
dern groften Lehrer, die vorangingen, Buddha, der letzte Zarathu-
stra, Pythagoras, die alle ungefahr sechshundert Jahre vor Christus
lebten, das waren solche Geister, die schon viel von dem, was die an-
dern Menschen nur umschwebt hatte, sich zu eigen gemacht hatten.
Sie hatten diesen Funken des Christus in den Ich-Menschen aufge-
nommen. Auch Moses gehorte zu diesen Geistern. Aber die andern
Menschen hatten diesen Funken noch nicht im Ich-Menschen emp-
fangen.
Was in den physischen Leib, Ather- und Astralleib des Jesus von
Nazareth eingezogen ist, das ist dieser ganze Feuergeist, der gemein-
same Quell aller dieser Geistesfunken fur die Menschen. Das ist der
Christus, die einzige gottliche Wesenheit, die in der Weise in keiner
andern Form auf der Erde vorhanden ist. Sie zog ein in den Jesus
von Nazareth, damit die, welche sich verbunden fuhlten mit dem
Christus Jesus, die Kraft erhielten, die Buddhi in sich aufzunehmen.
Es beginnt mit dem Erscheinen des Christus Jesus die Moglichkeit,
die Buddhi zu empfangen. Das nannte Johannes das gottliche
Schopferwort. Das gottliche Schopferwort ist dieser Feuergeist, der
seine Funken in die Menschen ausgoft
Dadurch geschah folgendes: Konnten die Mondgeister durch
ihre Einwirkung gemeinsame Stamme unter den Menschen herbei-
fiihren, so war der Christus fur die ganze Erde ein einziger Geist, so
dafi dadurch die Menschen zu einer die ganze Erde umfassenden
Familie vereinigt wurden. Wurden die Unterschiede zwischen den
Menschen dadurch bewirkt, daft die verschiedenen Mondgeister ihre
Tropfen auf die Erde ausgegossen hatten, so wurde dagegen die Ein-
heit der Menschheit durch die Ausstromung des Christus Jesus her-
beigefiihrt. Was die Menschen verbindet, das kam auf die Erde
durch den Christus Jesus.
Da, wo Christus von dem Jiingsten Gericht spricht, sagt er in sei-
ner Weissagung also: «Wenn des Menschen Sohn kommen wird in
seiner Herrlichkeit* - damit meint er: wenn die Tropfen des Chri-
stus alle in die Menschen eingestromt sein werden, wenn alle Men-
schen Briider geworden sind -, «dann wird er sagen zu denen zu sei-
ner Rechten: Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet
das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich
bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset Ich bin durstig
gewesen, und ihr habt mich getranket*. Es wird dann keinen andern
Unterschied zwischen den Menschen mehr geben, als den zwischen
Gut und Bose.
Er sagt seinen Jiingern : «Dasjenige, was ihr einem unter den ge-
ringsten meiner Briider getan habt, das habt ihr mir getan.» Dies be-
deutet, daft der Christus Jesus auf die Zeit hinweist, wo die Tropfen,
die er ausgegossen hat, von den Menschen so aufgenommen worden
sind, daft ein Mensch, wenn er einem andern gegeniibersteht, weift,
daft in ihnen beiden die gleiche Substanz lebt. Die Kraft dazu, daft
iiberhaupt die Buddhi in den Menschen wachgerufen werden
konnte, diese Kraft ging aus von dem Leben des Christus auf der
Erde. So miissen wir den Christus als den gemeinschaftlichen Geist
der Erde auffassen.
Konnten wir von einem fernen Stern herunterschauen auf die
Erde durch lange Jahrtausende hindurch, so wurden wir einen Zeit-
punkt finden, wo Christus so auf der Erde wirkt, daft die ganze
Astralmaterie von dem Christus durchdrungen ist. Der Christus ist
der Erdengeist, und die Erde ist sein Leib. Alles, was auf der Erde
lebt und sprieftt und wachst, das ist der Christus. Er ist in all den Sa-
menkornern, in all den Baumen und in allem, was auf der Erde
wachst und sprieftt. Darum muftte Christus hindeuten auf das Brot
und sprechen: «Das ist mein Leib.» Und von dem Saft der Weintrau-
ben - beim Abendmahl handelte es sich nicht um einen schon ge-
gorenen Wein - mufite er sagen: «Dies ist mein Blut», denn der Saft
der Friichte der Erde ist sein Blut. Die Menschheit mull ihm darum
auch erscheinen wie Wesenheiten, die auf seinem Leibe umherge-
hen. Darum sprach er auch zu seinen Jungern nach der Fufrwa-
schung: «Der mein Brot isset, der tritt mich mit Fiiften.* Dieser Aus-
spruch ist wortlich zu nehmen in dem Sinne, daft die Erde der Leib
des Christus ist. Gerade dadurch, daft er sich zum Trager der Erden-
entwickelung macht, wurde ein ferner Geist sehen konnen, wie im-
mer mehr von seinem Geist einflielk in die Menschen - das Hinein-
ziehen der Substanz des Christus Jesus in jeden einzelnen Men-
schen hinein. Am Ende wiirde er die ganze Erde verwandelt sehen,
verchristete Menschen tragend, durch Christus vergottete Men-
schen. Nur was nicht teilgenommen hat an dieser Vergottung, das
wird als das Bose beiseite gesetzt. Das mull einen spateren Zeit-
punkt fur seine Entwickelung zum Guten abwarten.
Alle verschiedenen Volker vor dem Erscheinen des Christus auf
der Erde hatten Mysterien. Es wurde dargestellt in den Mysterien,
was in der Zukunft geschehen sollte. Die Schiiler wurden durch
lange Ubungen darauf vorbereitet, daft sie die Grablegung durchma-
chen konnten. Der Hierophant konnte den Schiiler dann in einen
hoheren Bewufttseinszustand bringen, wo er in einer Art von tiefem
Schlaf war. In alten Zeiten mufite immer das Bewufitsein herabge-
driickt werden, wenn das Gottliche im Menschen zum Vorschein
kommen sollte. Da wurde die Seele durch die Regionen der geisti-
gen Welt hindurchgefuhrt, und nach drei Tagen wurde der Mensch
durch den Hierophanten wiederbelebt. Dann fuhlte er sich als ein
neuer Mensch. Er bekam einen neuen Namen. Er wurde dann ein
Gottessohn genannt.
Dieser ganze Vorgang spielte sich im Mysterium von Golgatha
drauften auf dem physischen Plan ab. Vorher wurden die Schiiler
durch einen Geistesfunken des Christus belebt, und es wurde ihnen
gesagt: Es wird einmal Einer kommen, der es alien Menschen mog-
lich machen wird, verchristet zu werden. Einer wird wirklich das
Wort im Fleisch sein. Ihr konnt dies nur drei Tage lang erfahren, da
durchwandelt ihr die Reiche der Himmel. Aber Einer wird kom-
men, der durchwandelt immer die Reiche der Himmel, der wird die
Reiche der Himmel mit in die physische Welt hineintragen.
Was der Eingeweihte auf dem Astralplan erlebte, das sollte Chri-
stus auf dem physischen Plan darstellen: dafi es von Anfang an ein
gottliches Wort gegeben hat, das seine Tropfen ausgofi iiber die
Menschen, das aber die Ich-Menschen noch nicht aufnehmen konn-
ten. Das sagt uns Johannes, der Verkiinder des Ich-Menschen, der
verchristet ist, der den Christus aufgenommen hat; das bedeutet
auch das «Wort» bei Johannes. Er spricht von dem Wort, das vom
Urbeginne auf der Erde da war:
«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und
ein Gott war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Alles ist durch dasselbe geworden, und aufier durch dieses ist
nichts von dem Entstandenen geworden.
In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht der Men-
schen.
Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es
nicht begriffen.
Es ward ein Mensch, gesandt von Gott, mit seinem Namen Jo-
hannes.
Dieser kam zum Zeugnis, auf dafi er das Zeugnis ablege von dem
Licht, auf dafi durch ihn alle glauben sollten.
Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des Lichtes.
Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in
die Welt kommen.
Es war in der Welt, und die Welt ist durch es geworden, aber
die Welt hat es nicht erkannt.
In die einzelnen Menschen kam es (bis zu den Ich-Menschen
kam es), aber die einzelnen Menschen (die Ich-Menschen) nah-
men es nicht auf.
Die es aber aufhahmen, die konnten sich durch es als Gottes
Kinder offenbaren.
Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut, nicht aus
dem Willen des Fleisches, und nicht aus menschlichem Willen,
sondern aus Gott geworden.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Lehre gehort; die Lehre von dem ein-
zigen Sohn des Vaters, erfiillt von Hingabe und Wahrheit.»
Das Wort «Hingabe» in Vers 14 bedeutet fur Johannes dasselbe
wie Buddhi, «Wahrheit» ist das Manas, die Weisheit, das Geist-
selbst.
Johannes ieget Zeugnis fur ihn ab und verkiindet deutlich:
Dieser war es, von dem ich sagte: Nach mir wird derjenige kom-
men, der vor mir gewesen ist, denn er ist mein Vorganger.
Denn aus dessen Fiille haben wir alle genommen Gnade iiber
Gnade. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben, die Gnade
und die Wahrheit aber ist durch Jesus Christus entstanden.
Gott hat niemand bisher mit Augen geschaut. Der eingeborene
Sohn, der im Innern des Weltenvaters war, er ist der Fiihrer in
diesem Schauen geworden.*
Auf diese Erscheinung des Christus Jesus deutete jede Einwei-
hung in die Mysterien des Geistes hin. Im Jogaschlaf, im orphischen
Schlaf, im Hermesschlaf war diese Einweihung vorhanden. Wenn
der Eingeweihte wieder im Leibe erwachte, wenn er wieder mit phy-
sischen Sinnen horen und sprechen konnte, dann sagte er die
Worte, die im Hebraischen also lauteten: «Eli, Eli, lama sabach-
thani* - «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich erhohet!»
Das war die Initiation, wie sie im alten Judentum vor sich ging.
Der Eingeweihte erlebte wahrend des dreitagigen Aufenthaltes in
den hoheren Welten den Gang der ganzen kiinftigen Menschheits-
entwickelung, was ihm bevorstand in der zukiinftigen Menschheits-
entwickelung. Wahrend des Schauens in den drei Tagen wurden in
der Regel die zukiinftigen Menschheitsstufen nicht in abstrakter
Weise gesehen, sondern jede Stufe wurde durch eine Personlichkeit
dargestellt. Der Schauende sah zwolf Personlichkeiten. Sie stellten
die zwolf Stufen der Seelenentwickelung dar. So zeigten sich vor
ihm die Seelenkrafte wie auftere Personlichkeiten. Da sah der Einge-
weihte in einem gewissen Zeitpunkte eine ganz bestimmte Szene
sich abspielen: Er sah seine eigene Individualist verklart bis zu je-
ner Stufe, wo die ganze Menschheit von Buddhi erfullt ist - wo sie
also verchristet sein wird. Den Gott sah er als sich selbst, und die
Seelenkrafte dahinterstehen. Unmittelbar hinter ihm stand Johan-
nes, der als letzte Gestalt seine Vollendung ankiindigt. Sich selbst
sah er verklart, in einem Zustand, den er erlangen wird, wenn er
vollendet sein wird; seine Seelenkrafte personifiziert, als deren letzte
Vollkommenheitsstufe die Personlichkeit des Johannes, welcher die
Christus-Stufe verkundigt. Dann bildeten sich diese zwolf Gestalten
im Jogaschlaf so, dafl sie sich zu dem gruppierten, was man das my-
stische Gemeinsamkeitsmahl nannte. Das stellt folgendes dar.
Wenn der Mensch dasitzt, umgeben von den Seelenkraften, sagt er
sich: Diese sind mit mir eins; sie haben mich durch die Erdentwik-
kelung hindurchgefuhrt. Ich bin weitergeschritten mit den Fiiften
dieser Apostel. - Das Mahl driickt die Gemeinsamkeit der zwolf
Seelenkrafte mit dem Menschen aus.
Es besteht die Vervollkommnung des Menschen darin, daft die
niederen Krafte von ihm abfallen und nur die hoheren Krafte zu-
riickbleiben. Die niederen Krafte wird der Mensch spater nicht
mehr haben, zum Beispiel die Kraft der Fortpflanzung. Gerade die
Seelenkraft des Johannes wird es bewirkt haben, daft diese Krafte
dann hinaufgehoben sind in das liebende Herz. Es wird Strome gei-
stiger Liebe aussenden. Ist Christus im Menschen, dann ist das Herz
das Organ, das das machtigste in ihm ist. Die niedere Seelenkraft
wird dann aus dem Schofi zum Herzen emporgehoben sein. Das
erlebte jeder Eingeweihte als Mysterium des Herzens. Das fand in
den Worten Ausdruck: «Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich
erhohet!*
Mit dem Erscheinen des Christus Jesus wurde nun das ganze My-
sterium, das ganze Erlebnis, auf dem physischen Plan verwirklicht.
Es gab damals in Palastina Bruderschaften, die sich aus dem alten
Essaerorden herausgebildet hatten. Diese hielten als Symbol des
mystischen Abendmahls ein solches Mahl. Das Wort «das Oster-
lamm genieften* ist ein allgemeiner Ausdruck fur das, was zu Ostern
geschah. Jesus ging mit den Zwolfen zu Tisch und setzte das
Abendmahl ein mit den Worten: «Am Ende der Erdentwickelung
werden alle Menschen das aufgenommen haben, was ich auf die
Erde gebracht habe; da wird das wahr sein: dies ist mein Leib, dies
ist mein Blut.» Dann sagte er: «Einer unter euch wird mich verra-
ten.» Der Verrater ist der Egoismus, die niedere Begierde. Der Jiin-
ger, den der Herr lieb hatte, wufite es, denn er lag in seinem Schofie.
Solange dort diese Kraft ist, totet sie - geschlechtliche Fortpflan-
zung und Tod bedingen sich gegenseitig diese Kraft, die im Ge-
schlechtlichen liegt, steigt hoher hinauf im Leib: ins Herz. Der Jiin-
ger zeigt das im Evangelium durch seine Erhebung zum Herzen an.
Wie es sicher ist, dafi es die niedere Begierde ist, die den Verrat be-
geht, so ist es auch sicher, dafi die niedere Seelenkraft hoher geho-
ben wird. «Es war einer unter seinen Jiingern, der lag im Schofie
Jesu - dieser legte sich an die Brust Jesu.» Das bedeutete, dafi alle
niederen Krafte, aller Egoismus, heraufgehoben sind zum Herzen.
Da wiederholte Jesus seinen Jiingern das Wort: «Eli, Eli, lama
sabachthani* - «Jetzt ist des Menschen Sohn verherrlicht und Gott
verherrlicht in ihm.»
Was sich in den Mysterien abspielte, war dasselbe wie das, was in
Golgatha geschah. Unter dem Kreuze stand der Jiinger, den der
Herr lieb hatte, der beim Abendmahl in seinem Schofie gelegen
hatte und zur Brust hinaufgehoben ist. Dann stehen auch dort die
weiblichen Gestalten, seine Mutter, seiner Mutter Schwester Maria,
und Maria Magdalena. Es steht bei Johannes nicht, daft die Mutter
Jesu Maria hiefi, sondern seiner Mutter Schwester wird Maria ge-
nannt. Seine Mutter hiefi Sophia.
Johannes taufte Jesus im Jordan. Da kommt eine Taube vom
Himmel herunter. In diesem Momente geschieht eine geistige Be-
fruchtung. Die Mutter Jesu, die hier befruchtet wird - wer ist sie?
Der Chela Jesus von Nazareth, der in diesem Moment sich seines
Ichs entkleidet, das hochgebildete Manas wird befruchtet und die
Buddhi geht darin ein. Das hochgebildete Manas, das die Buddhi
empfangen hat, ist die Weisheit, Sophia, die Mutter, die befruchtet
wird von Jesu Vater. Der Name Maria, gleich Maja, bedeutet im all-
gemeinen den Mutternamen. Es heifit in der Schrift: «Der Engel
kam zu ihr und sprach: Gegriiftet seist du, Holdselige, siehe, du
wirst fruchtbar werden und einen Sohn gebaren. Der Heilige Geist
wird iiber dich kommen und die Kraft des Hochsten wird dich
iiberschatten.» Der Heilige Geist ist Jesu Vater; die Taube, die her-
unterfliegt, befruchtet die in Jesus befindliche Sophia.
Die Schrift ist also so zu lesen: «Es stand aber bei dem Kreuze
Jesu seine Mutter, Sophia.* Zu dieser Mutter spricht er: «Weib,
siehe, das ist dein Sohn.» Er hatte die Sophia, die in ihm war, selbst
auf Johannes iibertragen. Er machte ihn zu dem Sohn der Sophia
und sprach: «Das ist deine Mutter.* - «Die gottliche Weisheit hast
du fortan als deine Mutter anzuerkennen und ihr dich allein zu wei-
hen.» Was Johannes geschrieben hat, das war diese gottliche Weis-
heit, Sophia, die verkorpert ist in dem Johannes-Evangelium selber.
Das Wissen hat er selbst von Jesus empfangen, und autorisiert ist er
von Christus, die Weisheit auf die Erde zu iibertragen.
Der hochste Erdengeist mufite in einem Leibe inkarniert werden.
Dieser Leib muflte absterben, getotet werden, das Blut mufke rin-
nen. Das bedeutet etwas Besonderes. Oberall, wo Blut ist, ist das
Selbst. Sollen alle alten Selbstgemeinschaften aufhoren, dann muB
die Selbstheit, die im Blute sitzt, einmal hingeopfert werden. Alle
Einzelegoismen flieften hin mit dem Blute Christi am Kreuze. Das
Blut der Stammesgemeinschaften wird ein gemeinsames Menschen-
blut dadurch, daft in jenem Zeitpunkt das Blut Christi geopfert wor-
den ist.
Da geschah wieder etwas, was ein astraler Betrachter in der
Astralatmosphare hatte beobachten konnen: Die ganze astrale
Atmosphare der Erde anderte sich in dem Momente, wo er starb, so
daft Ereignisse moglich waren, die friiher nie moglich gewesen wa-
ren. Die plotzliche Initiation - wie bei Paulus - ware friiher nie
moglich gewesen. Sie ist dadurch moglich geworden, daft durch das
Flielten des Blutes Christi die ganze Menschheit zu einem gemein-
schaftlichen Selbst geworden ist. Damals floft das Selbst aus dem
Blute der Wunden Jesu. Nur die drei Leiber blieben am Kreuze
hangen und wurden spater wieder belebt von dem Auferstandenen.
In dem Augenblicke als der Christus den Leib verlieft, waren die
drei Leiber so stark, daft sie imstande waren, selbst das Wort zu spre-
chen, was der Verklarte nach der Initiation gesprochen hat: «Eli, Eli,
lama sabachthani.»
Diese Worte wurden alien, die von den Mysterienweisheiten et-
was wufken, gezeigt haben, daft es sich um ein Mysterium handelte.
Mit einer kleinen Umanderung im hebraischen Text entstand hier-
aus das Wort der Schrift: «Eli, Eli, lama asabthani*, das heifk: «Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.»
DIE BEDEUTUNG DES CHRISTFESTES
VOM GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN STANDPUNKT
Leipzig, 15.Dezemberl906
Viele Menschen der Jetztzeit haben zum Weihnachtsfest keine an-
dere Beziehung mehr als das Anziinden des Christbaumes. Dieser
Christbaum ist aber das jungste Sinnbild des Weihnachtsfestes.
Selbst in den Gegenden, wo er zuerst aufkam, kennt man ihn erst
etwa hundert Jahre lang. Er ist nicht, wie viele meinen, eine uralte
heidnische Uberlieferung. So neu wie der Weihnachtsbaum, so alt,
so uralt ist indessen das grolte Menschheitsfest, das uns jetzt bevor-
steht. Solange Menschen auf Erden mit dem Menschentum fiihlten,
ahnten und wulken von dem, was uber das Menschentum hinaus
zum Gottesmenschentum hinauffuhrt, was die Menschen uber sie
selbst erhebt, so lange kannte man diese erhabene Weihnachtsfeier,
Im Johannes-Evangelium findet sich ein Ausspruch, der als ein Leit-
motiv fur die Idee des Weihnachtsfestes gelten kann: «Er mull
wachsen, ich aber mull abnehmen.» Hierin finden wir den Zusam-
menhang zwischen zwei wichtigen Jahresfesten angedeutet. Johan-
nes bezeugt selbst von sich, daft er abnehmen mufi, wahrenddessen
aber der andere, der Christus, wachst. Wenn der Tag am langsten ist,
dann ist Johanni. Aber hinter der aufleren materiellen Erscheinung
in ihrer Verganglichkeit erhebt sich etwas, was im Johannes-Evange-
lium schon mit den Worten ausgedriickt wird: «Und das Licht
schien in die Finsternis*, in die abnehmenden Johannistage. Inner-
halb der Finsternis lebt das Licht, das leuchtender, lebendiger ist als
alle materiellen Lichterscheinungen - das geistige Licht. Und das
Leben des grolten Lichtes in der Finsternis ist der Inhalt des christli-
chen Weihnachtsfestes, das in den alten Zeiten in alien Religionen
gefeiert wurde und das prophetisch hindeutete auf den groften
Geistes-Sonnenhelden, den Christus Jesus.
Heute verstehen wir durch die geisteswissenschaftliche Weltan-
schauung das christliche Weihnachtsfest, das durch zwei Jahrtau-
sende hindurch als das Fest des groften Idealismus empfunden
wurde. Wenn in der Weihenacht, in der Finsternis der Mitternacht,
der Gottesdienst beginnt und die Lichter angeziindet werden, dann
leuchten sie hinaus in die Finsternis. Das bedeutet, daft, wenn einst-
mals alles auf der Erde einem aufteren Tode geweiht sein wird - wie
auch alles rein Menschliche dem Tode verfallen wird -, daft dann,
wie es von Christus zur Wahrheit gemacht wurde, im Leib die
triumphierende Seele lebt, die sich zu einem lichten Leben aus der
leiblichen Hiille erhebt, auch wenn die Erde als materieller Korper
in unzahlige Atome zerschellen wird. Aus dieser Finsternis, diesem
Untergang der Erde wird sich die Seele der ganzen Erde erheben
mit alien Menschenseelen, die in diese Erdenseele aufgenommen
sein werden. Und dafur, daft nicht nur die Erdenseele dies erreicht,
sondern daft auch alle Menschen auf Erden die gleiche Gewiftheit
haben, dafiir war der Christus Jesus das Vorbild, das Ideal.
Und so ist nicht nur die physische Sonne das Abbild des Chri-
stus-Wesens, sondern gerade die wachsende geistige Sonne. Wenn
alle Krafte verwandelt sein werden, der Erdenleib durch die Liebe
durchgluht sein wird, dann wird die Erde von dem Christus-Prinzip
ganz durchflossen sein. Dafiir ist das Weihnachtslicht das Sinnbild.
Die drei Konige sind Symbole wie ihre Gaben: das Gold Symbol
der Weisheit und der koniglichen Macht, Myrrhen Symbol der Be-
siegung des Todes, Weihrauch Symbol fur die vergeistigten Ather-
stoffe, in denen der Gott sich verwirklicht, der den Tod uberwunden
hat. Durch die drei Symbole steht Christus als Konig da, als der
Todbesieger, als Erfullung aller irdischen Entwickelung. Jeder in die
Esoterik Eingeweihte empfindet so die Geburt des Gotteskindes,
vorgeahnt in den Mysterien schon vor der Zeit Christi und erlebt
auch noch nachher. Die Mysterien waren nicht kirchliche Einrich-
tungen und Schulen im aufterlichen Sinne, sondern Erziehungs-
und zugleich Kultusstatten, wo der Mensch Weisheit lernte, Erge-
bung und Glauben, der zugleich Wissen und Erkennen ist. Grofte
und kleine Mysterien gab es. Der nach mancherlei Priifungen Zuge-
lassene sah in den kleinen Mysterien dramatische Vorstellungen der
ewigen Wahrheiten, die der hoher Eingeweihte in sich selbst erlebt.
Die groftten Momente der Menschheitsentwickelung sind im Klei-
nen zu vergleichen mit den Erfahrungen, die ein Blindgeborener
macht, wenn er operiert wird: es geht ihm eine ganz neue Welt auf.
Die Augen des Geistes werden dem Eingeweihten geoffnet. Es tut
sich ihm in Licht und Farbe eine Welt des Geistes auf, eine ganz
neue, viel groftere Welt als die physische, mit alien ihren Wesen und
Bewohnern. Alle Dinge scheinen ihm belebt. In diesem Augenblick
erleben die Eingeweihten die Geburt ihres hoheren Selbst. Das
nannte man das innere Christus-Fest. Was diese Auserwahlten erle-
ben konnten und was die Eingeweihten auch heute noch erleben
konnen, war fur die andern, in den kleinen Mysterien, ein Ideal, das
sie alle zu erreichen hoffen durften, der eine bald, der andere spater.
Wer weift, daft jeder viele Leben durchzumachen hat, der kann ge-
wift sein, daft auch in ihm seine Erweckung, jene Einweihung ein-
mal Wirklichkeit werden wird; daft die Erweckung des Christus in
ihm erreicht werden wird, die Weihnacht, da das Licht in seinem
Inneren leuchten wird. Dann wird sich jener Spruch aus dem Johan-
nes-Evangelium umkehren : Und das Licht wird in der Finsternis be-
griffen werden.
Dies wurde also in den Mysterien dargestellt. Was als das grofte
christliche Ereignis stattfand, war eine physische Wiederholung des-
sen, was sich in den Mysterien fur jeden Eingeweihten abgespielt
hat, in den kleinen Mysterien im Bilde, in den groften Mysterien im
Inneren des Menschen. In den kleinen Mysterien wurde das wich-
tige Erlebnis des inneren Christus in einer ganz bestimmten Zeit
des Jahres dargestellt, wo die Sonne am wenigsten Licht auf die
Welt sendet, in der langsten Winternacht - wie heute noch am
Weihnachtsfest. Fiihren wir uns das Bild vor Augen, das den Sinn
der inneren Menschenentwickelung in den kleinen Mysterien sym-
bolisierte. In heiliger Weihestimmung waren die Menschen, die es
sehen sollten, in der Weihnacht, in volliger Finsternis der Mitter-
nacht versammelt. Da ertonte ein eigentumlich dumpfes, donnern-
des Getose, das sich allmahlich in wundervolles rhythmisches T6-
nen, in harmonische Klange verwandelte - die Spharenmusik. Und
ein schwach erhellter Korper, eine in der Finsternis matt leuchtende
Kugel wurde sichtbar, welche die Erde symbolisieren sollte. Aus der
schwach leuchtenden Erdscheibe erstanden allmahlich ineinander-
fliefiende, zu den Tonen gehorende regenbogenfarbige Ringe, die
sich nach alien Seiten verbreiteten - die gottliche Iris. So schien in
der alten Atlantis, dem Niflheim der germanischen Mythologie, den
Menschen die Sonne durch den Nebel hindurch. Die Erscheinimg
wurde immer heller, und die sieben Farben gingen allmahlich in
schwaches Gold und schwaches Violett iiber. Und immer heller
leuchtete das Gebilde, und immer machtiger wurde das Licht, bis es
sich in den hellsten Himmelskorper, die Sonne, verwandelte. In der
Mitte dieser Sonne erschien - in der jeweiligen Sprache des betref-
fenden Volkes - der Name des Christus. Fur den Menschen, der
diese Feier mitgemacht hatte, gait das bedeutsame Wort: Er hat die
Sonne um Mitternacht gesehen. Das heifit, ein Sinnbild des geisti-
gen Schauens ist ihm erschienen. Der Mensch, dessen geistiges
Auge geoffnet ist, erlebt, dafi alle Materie durchsichtig wird, er sieht
durch die Erde hindurch, er sieht in Wirklichkeit die Sonne um
Mitternacht, er besiegt die Materie. In umgekehrter Farbe, in vio-
lett-rotlicher Farbe erscheint ihm um Mitternacht die Sonne. Was
in dem grofien Weltsinnbilde kosmisch erscheint, ist fur den Chri-
sten, ins Menschliche iibersetzt, die Erscheinung des Christus Jesus
auf Erden. Wir werden alle die Sonne um Mitternacht sehen. Das
steht auch in keinem Widerspruch zum Neuen Testament.
So ist Christus die Wesenheit, die verklaren wird, was jetzt noch
zusammenhangt mit dem Niederen, vergottlichen wird, was noch
zusammenhangt mit dem Weltlichen. Er ist die Sonne im geistigen
Gebiet. Der christliche Esoteriker oder theosophische Christ emp-
findet so den Christus Jesus. Zur Zeit, wenn die Kalte und Dunkel-
heit auf Erden am grofiten sind, findet die geistige Erweckung statt,
weil die Eingeweihten wissen, dafi alsdann bestimmte Krafte durch
den Weltenraum ziehen und die Konstellation fur die geistige Er-
weckung dann am giinstigsten ist. Die Schuler wurden belehrt, daft
sie sich nicht mit dem gewohnlichen menschlichen Wissen begnii-
gen sollten, sondern die ganze Menschheit, die ganze Erdenge-
schichte zu iiberblicken lernen miifiten. Schauet auf die Zeit hin -
sagte man den Schiilern -, wo die Erde noch mit Sonne und Mond
vereinigt war. Die damalige Menschheit lebte im Sonnenlicht. Was
spater die Erde werden sollte, war mit Geisteskraft erfullt, die gleich-
zeitig in jedem Wesen erglanzte. - Dann kam der Zeitpunkt, wo die
Sonne sich von der Erde abloste, wo das Licht von aufien auf die
Erde herabschien, wo es im Inneren des Menschen finster wurde.
Dieser Zeitpunkt ist der Beginn seiner Entwickelung zu jener fer-
nen Zukunft, wo er wieder Sonnenlicht in sich tragen wird. Dann
entwickelt sich in ihm der hohere Mensch, der Sonnenmensch, der
Licht in sich tragt und die Kraft des Erleuchtens besitzt.
So entstand die Erde aus dem Licht, sie geht durch die Finsternis
hindurch und wird wieder zum Sonnenlicht kommen. So wie gegen
den Herbst und in der Winterzeit die Kraft der Sonnenstrahlen ab-
nimmt, so tritt das Geistige in der Zeit, in welcher der Mensch die
aufieren Dinge der Erde, die Materie erkennen lernen soil, ganz zu-
riick. Aber die geistige Kraft wachst wiederum, und zur Weih-
nachtszeit vollzieht sich, was bei Paulus durch das Gleichnis vom
Weizenkorn ausgedriickt wird. Wenn das ausgesate Kornlein nicht
in der Erde zugrunde geht, kann keine neue Frucht entstehen. In
der Weihnachtszeit vergeht das alte Leben, und in seinem Schofi
entsteht das neue Leben. Die Safte der Baume steigen von diesem
Tage an, neues Leben quillt hervor, das Licht beginnt in der bis da-
hin zunehmenden Finsternis wieder zu wachsen. Dies denkt sich
der Christ ins Geistige iibersetzt. Alles Herabziehende in der Mate-
rie mull vergehen, um dem Emporspriefienden Platz zu machen.
Der Christus kam in die Welt, damit gleichsam aus der Niedrigkeit
herausgeboren wird, was zum Hochsten hinauffuhren soli. In dem
Stall der Evangelienerzahlung sehen wir eine Umwandlung, eine
Variante dessen, was die uralte Weisheit Hohle nannte. In ausge-
hohlten Felsen wurde das Fest gefeiert, verschieden nach den V61-
kern. Am nachsten Tage folgte ein zweites Fest, durch das gezeigt
wurde, wie das sprossende Leben aus der Erde, aus dem Gestein
hervorgeht. Auch dies war ein Sinnbild des Hervorwachsens des
Geistigen aus dem absterbenden Irdischen.
Oberall in den inneren Heiligtumern Agyptens, in den eleusini-
schen Mysterien und im orphischen Kult in Griechenland, in Vor-
derasien, bei den Babyloniern und Chaldaern, im Mithrasdienst der
Perser und in den Mysterien der Inder, iiberall wurde die Weih-
nacht in gleicher Weise gefeiert: Von den Teilnehmern an den klei-
nen Mysterien wurde das als sinnliches Schaubild gesehen, was die
Eingeweihten erlebten. Was dargestellt wurde, war eine propheti-
sche Hinweisung auf die Geburt des Christus im Menschen. Solche
Eingeweihte, die es schon erreicht haben, sind, wie man sagt, auf der
sechsten Stufe angelangt. Sieben solcher Stufen gab es: Auf der er-
sten Stufe war der Rabe, der den Verkehr zwischen dem Geistigen
und der Auftenwelt vermittelte. So wird in der Bibel von den Raben
des Elias gesprochen, die Sage berichtet von den Raben des Wotan
oder auch von den Raben Kaiser Barbarossas im Kyffhauser.
Auf der zweiten Stufe stand der Okkulte. Dieser war schon zum
Heiligtum zugelassen, er befand sich im Inneren desselben.
Der dritte Grad war der des Kampfers oder Streiters. Wer ihn er-
langt hatte, durfte fur die geistigen Wahrheiten nach auflen hin ein-
treten.
Wer den vierten Grad erreicht hatte, wurde der Lowe genannt.
Sein Bewufksein hatte sich liber das seiner Individualist hinaus auf
das Bewufitsein des ganzen Stammes erweitert Man denke etwa an
den Lowen vom Stamme Juda.
Der Eingeweihte des funften Grades hatte nicht nur das Stam-
mesbewufksein, sondern er hatte das Bewufksein des Volksgeistes in
das seine aufgenommen. Er erhielt daher den Namen seines Volkes,
bei den Persern hiefi er zum Beispiel der « Perser*. Den Nathanael
nennt Jesus einen «rechten Israelites; Jesus erkennt in ihm den Ein-
geweihten des funften Grades.
Die Bezeichnung dessen, der die sechste Stufe erreicht hatte, be-
zieht sich auf eine wichtige Eigenschaft. Wenn wir uns in der Natur
umschauen, so sehen wir die Naturwesen sich hinaufentwickeln von
den niedrigsten Wesen bis zum Menschen, und vom Durchschnitts-
menschen hinauf bis zu dem, der in sich den Christus geboren wer-
den laftt. Bei den niedrigen Wesen sehen wir iiberall Rhythmus im
Leben, einen Rhythmus, der den Wesen von der Sonne auferlegt
wird. Die Pflanzen bliihen stets zur selben Jahreszeit, je nach ihrer
Art, und offnen ihre Bluten, jede Art zur selben Zeit des Tages.
Auch die Tiere zeigen in wichtigen Lebensfunktionen ihren Jah-
resrhythmus. Nur der Mensch verliert immer mehr diese Regel-
maftigkeit. Er wird frei von dem Zwang des ihm urspriinglich eben-
falls auferlegten Rhythmus. Wenn aber die Liebe zu alien Wesen in
ihm erwacht und ihn durchflutet, dann wird ein neuer, eigener
Rhythmus aus ihm heraus geboren. Dieser ist nun so regelmafiig
wie der Rhythmus der Sonne, die nie um ein Kleinstes von ihrem
Lauf abweicht - die Folgen davon wurde man sich kaum ausmalen
konnen. In dem Eingeweihten des sechsten Grades sah man ein Ab-
bild des Ganges der segenspendenden Sonne im Weltenraume, das
Abbild des Christus im Menschen und in der Geisteswelt. Deshalb
wurde der sechste Grad der Sonnenheld genannt.
Ein Schauer ging durch die Seele des Schulers, der einen solchen
Sonnenhelden erblickte. In diesem war der Christus innerlich gebo-
ren. Das stellte ein Ereignis dar, das als Geburt auf dem geistigen
Plan empfunden wurde. Von den Eingeweihten der ersten Jahrhun-
derte wurde die Geburt des historischen Jesus in die aufierlich dun-
kelste Zeit des Jahres gesetzt, weil damit die geistige Sonne aufge-
gangen war. Darum wurde bei den ersten Christen auch die Mitter-
nachtsmesse eingefuhrt, ein Kultus um die finstere mitternachtige
Stunde, wo dann ein Lichtmeer auf dem Altar aufleuchtete. Der
hochste Grad war der des Vaters.
Was sich so oft im einzelnen in den Mysterien, fern von allem
aufieren Geschehen, vollzogen hatte, spielte sich in Christus Jesus
offen in der Weltgeschichte ab. Nichts Hoheres kann erlebt werden
in der menschlichen Seele als das, was aufierlich in der physischen
Welt in dem Besieger des Todes, dem Bringer des Unterpfandes
fur ein ewiges Leben der Seele, gebracht wurde. Was aus der sterben-
den Welt als neue Lebensfrucht erwuchs, wurde von den Eingeweih-
ten als die Geburt des Christus-Kindes empfunden in der geisti-
gen Welt. Wer das Geistige nicht abgesondert denkt von der physi-
schen Welt, fuhlt einen tiefen Zusammenhang zwischen der Sonne
in der Weihnacht und dem Geistesleben, das sich entwickelt
aus dem Weltenleben. In der Weihnacht wird die Geburt des grofi-
ten Ideals hingestellt, das es fur die Welt gibt, das verwirklicht wird,
wenn die Erde ihr Ziel erreicht. Was jetzt prophetisch verkiindet
wird, das wird dereinst zur Wirklichkeit. Wie die todbesiegende
Liebe auflebt im leuchtenden Weihnachtsbaum, so wird sie in
Zukunft in alien Menschen selbst aufleben. Als Perspektive steht
es jetzt da.
So fuhlen wir im Sinn des Weihnachtsfestes etwas, was aus wei-
ter Feme zu uns kommt, was aber schon in uralten Zeiten immer
gefeiert wurde. Bei richtiger Erkenntnis wird das Fest wieder eine
viel hohere Bedeutung fur uns erlangen. Auch der Baum wird uns
wichtiger werden als Sinnbild jenes Paradiesbaumes, den Sie alle aus
der Genesis kennen. Das Paradies ist ja ein Bild fur die hohere
Menschennatur, an der nichts Boses hangt. Erkenntnis konnte nur
errungen werden auf Kosten des Lebens. Wie dies angesehen wurde
von denen, die da wufiten, soil eine Legende erlautern: Als Seth wie-
der zum Paradies hingehen wollte, lief] ihn der Cherub mit dem feu-
rigen Schwert herein. Da fand er, daft der Baum des Lebens und der-
jenige der Erkenntnis miteinander verschlungen waren. Auf die
Weisung des Cherubs durfte er drei Samenkorner von diesem verei-
nigten Baume nehmen. Der Baum stellt dar, was der Mensch einst
werden soil und was erst der Eingeweihte bereits erreicht hat. Als
Adam gestorben war, nahm Seth die drei Samenkorner und steckte
sie in Adams Mund. Daraus entsprofi ein flammender Busch, worin
die Worte standen: «Ejeh Asher ejeh» - «Ich bin, der da ist, war und
sein wird.» Weiter erzahlt die Legende, Moses habe daraus seinen
Wunderstab angefertigt. Spater sei vom selben Holze das Tor des sa-
lomonischen Tempels erbaut worden. Dann sei ein Stuck davon in
den Teich Bethesda gefallen und habe ihm Wunderkraft verliehen.
Und endlich sei daraus das Kreuz Christi geformt worden. Es ist ein
Bild fur das absterbende, im Tode vergehende Leben, das in sich die
Kraft hat, neues Leben hervorzubringen.
Ein grofies Symbol steht vor uns: das Leben, das den Tod iiber-
wunden hat, das Holz aus dem Samenkorn des Paradieses. Dieses
untergehende und neu entstehende Leben stellt uns das Rosenkreuz
vor. Nicht ohne Grund sagte der grofte Goethe daher:
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein triiber Gast
Auf der dunklen Erde.
Welch wunderbarer Zusammenhang zwischen dem Baum des
Paradieses, dem Holz des Kreuzes und dem daraus spriefSenden Le-
ben! Die Geburt des ewigen Menschen im zeitlichen Leben zu emp-
finden, das soli fur uns die Christus-Idee, die Weihnacht sein. Auf
sich anwenden muft es der Mensch jetzt schon: «Das Licht scheint
in die Finsternis*, und allmahlich mufl die Finsternis das Licht be-
greifen. All die Seelen, in denen die Weihnacht den richtigen Fun-
ken erregt, werden lebendig fiihlen, was die Weihnacht in ihnen ge-
boren werden laflt, die Fahigkeit, die sich ihnen zur Kraft entwik-
keln wird, die sie instandsetzen wird, so zu sehen, zu fiihlen, zu
wollen, daft sich der Spruch umkehrt und es heifJt: Das Licht scheint
in die Finsternis, und die Finsternis hat das Licht nach und nach
begriffen.
DER URSPRUNG DER RELIGIONS BE KENNTNISSE
UND GEBETSFORMELN
Leipzig, 1 7. Februar 1907
Von einer allumfassenden Grundanschauung ging die Menschheit
aus, und je nach den Charakteren der Volker, nach den klimatischen
Verhaltnissen, in denen sie lebten, pragte sich diese in den Reli-
gionsbekenntnissen verschieden aus. Wie im Vaterunser, so treten
uns in alien andern religiosen Formeln und Bekenntnissen die gei-
steswissenschaftlichen Grundbegriffe entgegen. Mag auch mancher
sagen, sie seien blofi hineingetraumt, sie sind tatsachlich darin ent-
halten. Aber wie kommen sie hinein? Dazu mussen wir uns klarma-
chen, dafi das, was uns heute gelehrt wird, in den altesten Anschau-
ungen nicht etwa in derselben Art vorgetragen wurde. Die Formeln
der religiosen Bekenntnisse waren zu verschiedenen Zeiten sehr
verschieden. Die alteren Anschauungen sprechen in Bildern, nicht
in Begriffen, wie wir es heute tun. Diese Bilder wurden in gewisser
Weise beibehalten, und wir finden sie wieder und wieder. So wird
stets von der Erkenntnis als einem Licht geredet, und von der Weis-
heit spricht man als vom flutenden Wasser. Wie kommt es aber, daft
zu den alteren Volkern in Bildern gesprochen wurde? Wir wollen
uns einmal klarmachen, wie vor Hermes, vor Buddha, Zarathustra
und Moses, wie vor dem grolken Religionsstifter, vor Christus, die
ReHgionslehrer zu den Volkern sprachen.
Zwischen dem alltaglichen und dem imaginativen Bewulksein
mussen wir unterscheiden. Das gegenstandliche, alltagliche Be-
wufltsein haben wir von morgens bis abends. Da sehen wir die
Dinge so, wie sie sich unseren Sinnen zeigen. Die andern Be-
wufttseinszustande sind uns zunachst verborgen. Wir haben alle von
dem Zustande des traumlosen Schlafes gehort. Der hat fur den Ein-
geweihten eine ganz andere Bedeutung als fur die gewohnlichen
Menschen. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist der Einge-
weihte in einem bewufiten Zustande. Er nimmt eine Welt wahr,
wenn auch anders, in ganz anderer Art als sonst. Der gewohnliche
Mensch weifi nichts von diesem Zustand. Das Bewufksein des
traumerfiillten Schlafes kennt man schon eher. So soil uns nun der
traumerfullte Schlaf den traumlosen erklaren.
Der traumerfullte Schlaf zeigt alles in Sinnbildern. Er ist ahnlich
dem Bewufkseinszustand des Eingeweihten, wenn er in der geisti-
gen Welt ist. Bilder sieht auch der Eingeweihte, aber nicht chaoti-
sche Traumbilder, obwohl sich auch seine Bilder fortwahrend ver-
wandeln. Auf dem physischen Plane hat jedes Ding nur eine Form,
zum Beispiel ein Tisch, ein Stein. Aber je hoher wir steigen, um so
mehr ist die Form in der Verwandlung begriffen. Es verwandelt und
regt sich die Pflanze, mehr noch das Tier, am beweglichsten und
verwandlungsfahigsten ist der Mensch. Im Devachan ist alles fort-
wahrend in der Verwandlung begriffen. Durch bestimmte Ubungen
kann man es erreichen, daft, wenn man eine Pflanze betrachtet, sich
die Farbe von ihr abhebt und im freien Raume auf und ab schwebt
Dann mull man lernen, solche freischwebenden Farben und auch
Tone zu bestimmten Dingen und Wesenheiten hinleiten zu kon-
nen. Dann wird die Farbe ein Ausdruck des Innenlebens. So wirkt ja
auch die Aura des Menschen in Farbe und Form. Inneres seelisches
Erleben driickt sich in ihr aus. Auch sie ist niemals still. Eine ewige
Bewegung ist sie, eine ewige Bewegung ist das Wesentliche der ho-
heren Welt. Das ist auch das Verwirrende der geistigen Welt fur
den, der sie zum ersten Male betritt. Es verwirrt den Unerfahrenen
das, was sich augenblickgemafl manifestiert. Vor denen, die mit gei-
stigen Augen schauen, kann kein geistiges Wesen sein Seelenleben
verbergen. Der gewohnliche Mensch muft aus dem Aufieren aufs In-
nere schliefien. Frei und offen liegt in der geistigen Welt das Innere
jedes Wesens da. Wir sind da mit dem innersten Wesen der Dinge
zusammen. Dies kann sich jetzt nur der Eingeweihte verschaffen,
der das Innere der Dinge zum Aufieren hinzufugen kann. Und zwar
tut er dies bewufk. Unbewuftt konnten dies einst die Menschen vor
langer Zeit. Je alter die Menschen sind, desto weniger konnen sie
das, was wir konnen: sie konnen nicht rechnen, nicht zahlen. Von
Logik wissen sie nichts. So war es in der Mitte der atlantischen Zeit.
Dafur konnten die Atlantier aber etwas anderes. Sie konnten ein
ganz bestimmtes Gefuhl in sich aufsteigen fuhlen, wenn sie zum
Beispiel eine Pflanze betrachteten. Blaft und schattenhaft sind un-
sere Gefiihle dagegen. Die ersten Atlantier hatten noch nicht so
deutliche Farbenvorstellungen wie wir. Wie Nebel sah der Atlantier
die Farbe frei schwebend von der Pflanze aufsteigen. Auch die Farbe
eines Kristalls hatte er nicht gesehen. Einen Strahlenkranz von Far-
ben sah er zum Beispiel um einen Rubin herum, den Rubin selbst
nur als Einschnitt darin. Vor dieser Zeit sah der Mensch noch nicht
einmal die Umrisse von Menschen, Tieren und Pflanzen. Aber
wenn er sich einem Feinde naherte, so sah er ein Gebilde von
braunlich-rotlicher Farbung aufsteigen. Eine schone blaulich-rotli-
che Farbung zeigte ihm den Freund. So nahm er das Innenleben in
einzelnen Farben wahr.
Wenn wir noch weiter zuriickgehen, in die lemurische Zeit, so
waren da sogar alle Willensimpulse anders. Der Wille wirkte noch
magisch, er zeigte seine Verwandtschaft mit den Naturkraften drau-
ften. Legte damals ein Mensch die Hand iiber eine Pflanze und liefi
dabei seinen Willen wirken, so wuchs sie zusehends. Dadurch, dafi
der Mensch sich in eine Haut abschlofi, entfernten sich seine Krafte
von den Kraften der Natur.
Der Natur am unahnlichsten sind die Denkkrafte. Noch weiter
zuriick gab es Wesen, die es fur ein Unding gehalten hatten, zu sa-
gen: Ich fasse einen Begriff von einem Auftending. - Denn sie sahen
ja den Begriff draufien, arbeitend, als Wesenheit. Die Begriffe bilde-
ten ursprunglich die Dinge. Heute betrachten wir eine Uhr und bil-
den uns einen Begriff davon. Aber wir konnten uns den Begriff
«Uhr» nicht bilden, wenn nicht einmal jemand diesen Begriff, bevor
es Uhren gab, gebildet und danach eine Uhr konstruiert hatte. Gera-
deso ist es mit den Begriffen aller Dinge. Die Begriffe, die wir uns
iiber die Dinge der Welt bilden, existierten als Wirklichkeiten in ur-
ferner Vergangenheit. Damals wurden sie in die Dinge hineingelegt.
Alles entsteht nach solchen Begriffen, wie es die Menschen mit ih-
ren Schopfungen heute auch machen. Jene Wesen von damals ha-
ben gleichsam dem Werkmeister der Dinge zugeschaut. Sie hatten
einen schopferischen Intellekt. Im fleischlichen Leibe waren sie
noch nicht verkorpert. Was heute im menschlichen Leibe wohnt,
ruhte damals noch im Schofie der Gottheit. Unten auf der Erde gab
es schon ein physisches Leben und Wesen, die zwischen dem heuti-
gen Tier und Menschen standen und reif waren, die menschliche
Seele zu empfangen. Man kann sich das unter einem Bilde vorstel-
len. Wenn viele Schwammchen in Wasser getaucht werden, so wird
jedes Schwammchen Wassertropfchen aufsaugen, und so wird dann
das Wasser in lauter einzelne Tropfen geteilt. Die physische Erde
mit ihrem Gewimmel von Wesen war damals von einer geistigen
Htille umgeben, wie wir heute von einer Lufthulle. Da entstanden
erst die einzelnen Seelen, als jedes Wesen ein geistiges Tropfchen
aufgesogen hatte. Damit war auch der Prozeft eingeleitet, wodurch
der Mensch ein abgeschlossenes, gegenstandliches Bewufttsein
erhalt.
Vorher empfing die Seele von der Weltseele wie von innen her-
aus alles, denn die Weltseele wuftte ja alles. Das ist der Unterschied
zwischen heutigem und damaligem Wissen. Die innere Welt sinkt
ins Dunkel des traumlosen Schlafes herab, wenn das helle Tagesbe-
wufitsein eintritt. Der astralische Leib ist es, der die Aufienwelt
wahrnimmt: er sieht Farben, hort Tone, empfindet Lust und
Schmerz, aber er kann dies nicht ohne den physischen Leib. Der
astralische Leib ist auch derselbe wie der, der einst in der gemein-
schaftlichen Seelensubstanz war. Wenn alle Menschen zugleich ein-
schlafen wiirden und ihre Astralleiber wiirden vermischt und auch
mit dem vermischt, was sich von der allgemeinen Weltseele nicht
in einzelne Leiber herabsenkte, dann wiirde der traumlose Schlaf
aufhoren, Farben und Tone wiirden in den Astralleibern aufsteigen,
geradeso wie es ehemals war, als alle Seelen noch in der Weltseele
ruhten. Was heute Nacht ist, das war einst lichterfullt, erfullt von
Wahrnehmungen in der geistigen Welt. So hat einst die ganze
Menschheit astral wahrgenommen.
Was hat die Menschheit seit jener Zeit wahrgenommen? Was hat
der Mensch sich seither erobert? Sein Ich-Bewulksein, die Moglich-
keit, zu sich «Ich» zu sagen. Das ganze altere Bewufksein war nur ein
gesteigertes Traumbewufitsein, die Menschen waren nicht selbstbe-
wuftt. Das Selbstbewufitsein ward den Menschen beim Herunterstei-
gen in den Leib geschenkt. Und das steigert sich mehr und mehr. Es
bildet den Inhalt der jetzigen Menschheitsentwickelung. «Ich bin
der Ich-bin», hat sich den Menschen offenbart. Das ist der wahre
Name Jahves: «Ich bin der Ich-bin», oder langer ausgedriickt: «Ich
bin, der da war, der da ist und der da sein wird.» In jener urfernen
Vergangenheit war beim Menschen dies Bewufttsein nicht vorhan-
den. Wo war da ein «Ich-bin»-Bewufttsein? In dem Wesen, in dem
die Seelen enthalten waren wie Tropfen im Wasser. Der Heilige
Geist ist der, der oben vor der Einkorperung das Ich-Bewuiksein
hatte. Der Geist an sich ist das, was im Menschen zum Ich-Be-
wuOtsein kommt.
In jener urfernen Vergangenheit war das Lehren ein Ausgieften
der Weisheit: sie kam von innen, nicht von auften. Von jener Zeit
bis zu uns gab es eine Zwischenzeit, die atlantische Zeit. In ihrer
Mitte war es, da sahen die Menschen schon Umrisse von den Din-
gen und Wesen. Doch war ihnen alles noch in einen Farbennebel
eingehullt und von Tonen durchklungen, die etwas zu sagen hatten,
die weise waren. Damals entstand eine Lehre, die sich zur spateren
religiosen Lehre fortentwickelte. Vor ungeheuren Zeitraumen gab
es dort eine grofle Adeptenschule. Alles, was wir heute lernen,
stammt von jenen, den turanischen Adepten. Es ward durch Schiiler
fortgepflanzt bis auf den heutigen Tag. Damals aber lehrte man ganz
anders als heute. Man mufite darauf Rucksicht nehmen, dafS die
Menschheit sich in einem Zwischenzustand befand. Bis fiinf hatten
die weisesten Manner nicht zahlen konnen. Aber man konnte, wenn
man auf ihr Inneres reagierte, sie erleuchten, bildlich ihnen Weis-
heit beibringen. Sagen hatte man ihnen die Weisheitslehren nicht
konnen, man ware nicht verstanden worden. Die Menschen von da-
mals hatten noch kein so helles Tagesbewufitsein wie wir heute. Da-
fur aber konnten sie leicht wieder in jenen Zustand versetzt werden,
in dem die Gottheit sie von innen erleuchtete. Die Lehrer brachten
die Schiiler in einen Zustand der Hypnose. Das war aber nicht der
hypnotische Zustand, mit dem heute so viel Unfug getrieben wird,
aber etwas Ahnliches. Diesen Schlafzustand benutzten die Lehrer,
um die Schuler zu erleuchten. Damals hatte man die okkulte
Schrift, das, was man auch okkulte Sprache nennen kann. Es gibt
noch Mantren, die mehr als Gedankenwert haben. Diese sind aber
schattenhaft gegeniiber den Tonzusammenstellungen von damals.
Einfach waren diese Tonzusammenstellungen, aber wenn ein Ton
angeschlagen wurde, so war die verlorene Erleuchtungsfahigkeit er-
setzt. Da kam dann jene Welt innerer Erleuchtung kunstlich in den
Menschen hinein, er sah die Weltgeister am Werke so wie einst.
Von den Lehrern empfing dann der Schuler Formeln und be-
stimmte Zeichnungen. Die Weltengeheimnisse nahm er dann un-
mittelbar wahr. Zum Beispiel wie aus einem Samenkorn eine neue
Pflanze wird, sagte ihm dieses Zeichen:
Der heutige Mensch kann sich ohne Auslegung nichts dabei den-
ken, nichts dabei fuhlen. Auf die Menschen der damaligen Zeit
wirkte dies Zeichen unmittelbar, wenn sie es sahen, oder wenn es
abgeklopft wurde. Die Formeln, die damals Anwendung fanden,
lehrten dann die Religionsstifter den spateren Volkern.
Je weiter wir zuruckgehen, um so einheitlicher war die Weltseele
noch. Im Schlaf sind die Astralleiber aller Menschen einander noch
ziemlich ahnlich. So waren damals in Atlantis die Astralleiber alle
einander gleich. Da konnte man alien Menschen eine Urweisheit
bringen. Nachdem die gewaltige Flut uber die atlantische Mensch-
heit hingegangen war, war keine einheitliche Weisheit mehr mog-
lich. Jetzt mufite man in Indien so lehren, wie es der indische Leib
verlangte, und wieder anders in Persien, anders in Agypten, anders
bei den Griechen und Romern und wieder anders bei den alten
Germanen. Aber in alien wirklichen Religionsformen lebt das fort,
woraus sie entstanden sind. In Atlantis war die Erleuchtung Mittei-
lung von Leben, nicht von Lehre. Das Zeichen des Wirbels er-
weckte ja unmittelbar Empfindung. Heute miissen die Gefuhle sich
erst an Begriffen entzunden. Auch die sieben Bitten des Vaterunser
wurden einst so mitgeteilt wie eine Tonskala in sieben Tonen, ver-
bunden mit bestimmten sieben Farben und Geriichen.
So erlebte der atlantische Schiiler die siebengliedrige Wesenheit
des Menschen. Das goft der grofite der Religionslehrer, Christus, in
das Vaterunser. Die Wirkung des Vaterunsers hat jeder, der es betet.
Es ist kein eigentliches Mantram, obwohl es mantrische Krafte ha-
ben kann. Es ist ein Gedankenmantram. Freilich hatte es in der Ur-
sprache die groflte Gewalt. Aber da es eben ein Gedankenmantram
ist, so wird es seine Kraft nicht verlieren, und wenn man es in tau-
send Sprachen iibersetzt. Wie man verdauen kann, ohne die Ver-
dauungsgesetze zu kennen, so hat man die Frucht des Vaterunsers
auch ohne Erkenntnis, wenn auch der Hoherwissende noch eine
ganz andere Frucht davon hat.
Solchen Weg machten die religiosen Wahrheiten. Alle unsere
Seelen waren einst somnambul in der Weltenseele. Sie ward geglie-
dert und herabgezogen in viele Leiber. Die geistige Wahrnehmung
ward verdunkelt, auch die Moglichkeit, den Urzustand wieder her-
vorzurufen. Nur ein Nachklang in Begriffen und Worten sind die re-
ligiosen Lehren, und namentlich die Formeln, die aus der geistigen
Welt geholt wurden. Von Urideen und Ideen spricht noch die Weis-
heit des Alten Testamentes. In den Ideen lebt ein schwacher Ab-
glanz der Urideen. Aber jene Urweisheit ist nicht verloren. Sie ruht
noch in unseren schlummernden Seelen. Und das ins hellklare Be-
wulksein heraufzuheben, ist die Arbeit der Geisteswissenschaft.
Wenn der Mensch nach der letzten Inkarnation die ganze Auften-
welt kennengelernt haben wird, dann wird er in die urspriingliche
Hellsichtigkeit aufgenommen und bringt neue Erleuchtung, Hellbe-
wufitsein mit. Aufgehen im Allbewulksein sei Erlosung -, sagt man
im Osten. So wird es nicht sein. Ehemals, vor der ersten Einkorpe-
rung, war kein Ich-Bewufitsein da. Es wird aber nach der letzten In-
karnation da sein. Jeder Tropfen der einen Seelenflussigkeit farbt
sich mit einer ganz bestimmten Farbe, jeder mit einer andern. Jeder
bringt am Ende seine Farbe mit, und das ehemals helle, klare Was-
ser wird schillernd von unendlich schonen, leuchtenden Farben, die
aber jede fur sich da sind. Jeder bringt seine bestimmte Farbe mit,
sein individuelles Bewufksein, das unverlierbar ist. Harmonie aller
Bewulkseine ist das Allbewufttsein zuletzt. In Freiheit werden die
vielen, weil sie so wollen, eine Einheit sein! Wir miissen uns das vor-
stellen, wie es wirklich ist. Jedes Einzelbewufltsein ist ganz im All-
bewufttsein enthalten.
Diese Entwickelung der Menschheit ist nicht umsonst Ja, das
Leben hat einen Sinn, und der schdnste Sinn ist, daft der Mensch
zuletzt am Altar der Gottheit das Stuck Menschendasein nieder-
legen wird, was er selbst erworben hat. Und daraus wird gewoben
das Gewand, das der Erdgeist spinnt, wie Goethe so schon und erhe-
bend sagt:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein gluhend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
DIE BERGPREDIGT
Stuttgart, 19.Januar 1907
Die Bergpredigt (Matthaus 5) ist die bedeutendste Offenbarung des
Christentums. Gewohnlich wird darunter eine Predigt verstanden,
die Jesus von einem Berge herunter an das Volk gehalten hatte.
Aber «auf den Berg gehen* ist ein Schliisselwort, das sich in alien
Geheimsprachen findet und uralt ist. «Liebhaben* ist ebenfalls ein
okkultes Schliisselwort «Der Jiinger, welchen der Herr lieb hatte* -
und bei der Auferweckung des Lazarus : «Jesus hatte Martha lieb und
ihre Schwester und Lazarus*, «Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt*.
Immer ist unter dem Jiinger, welchen der Herr lieb hatte, der Ver-
fasser des Johannes-Evangeliums zu verstehen. Aber im ganzen Jo-
hannes-Evangelium steht nie sein Name, selbst nicht bei der Kreu-
zigung. Da heifit es: «Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jiinger
dabeistehen, den er lieb hatte.* Dieses Wort «liebhaben» hat eine
tiefe Bedeutung. Derjenige Schiiler eines Meisters, der am tiefsten
in die okkulte Wissenschaft aufgenommen und eingefuhrt wird,
heifk «ein Jiinger, den der Herr lieb hat*. «Auf den Berg gehen* be-
deutet: Ins tiefste Mysterium gehen und Worte lehren, welche die
Jiinger dann wieder zum Volke sprechen. Man liest eben die Worte
der Bibel nicht in ordentlicher Weise, sondern liest geradezu uber
die Worte hinweg.
Vers 1 heifit in rich tiger Weise iibersetzt: «Da er aber das Volk
sah, ging er hinweg auf einen Berg und setzte sich, und seine Jiinger
traten zu ihm.» Jesus ging also gerade hinweg vom Volk und redete
nur zu seinen Jiingern. Jesus Christus mufite stets die doppelte Spra-
che fuhren. Er redete in Gleichnissen, wenn er popular zum Volke
sprach. Den Jiingern aber legte er den okkulten Sinn der Worte aus,
wenn er mit ihnen «auf dem Berge* war.
Vers 3 : «Selig sind, die da Bettler sind um Geist, denn sie werden
in sich selbst finden die Reiche der Himmel.* Die Worte, ja selbst
die Buchstaben, haben alle einen geheimen, tiefen Sinn. Unser deut-
sches Ich, mit seinen Buchstabenverbindungen I, C, H, enthalt in
sich die Initialen von Jesus Christus: I-Ch. Die groflen Eingeweihten
leiteten das Wort darauf hin, dafi das Ich = Jesus Christus heraus-
kam. Nur ein Volk konnte die Geburt des Namens Jesu Christi aus
dem Ich heraus finden - und so ist die deutsche christliche Mystik
entstanden. Es gibt noch mehr solcher Worter, die einen tiefen,
wortlichen Sinn enthalten; zum Beispiel «heilig» = heil oder grund-
gesund sein. «Selig sein» = voll der Seele sein, den Inhalt der Seele
in sich selbst finden. Selig, wer Drang und Trieb hat, die Seele im-
mer mehr zum Geist zu fiihren. Wenn viele immer sagen: In sich
selbst soil man schauen, dann werden wir Gott finden -, so ist das
nicht richtig. Denn wenn wir nur in uns selbst schauen, dann finden
wir nur, was eben in uns selbst ist. Wir sollen unser Streben bewa-
chen, unsere Individualist soli herausgehen aus sich selbst, das
heifk: Erkenne dich selbst. - Die Autoritat der Menschen soli uns
nicht Uberzeugung, sondern Anregung geben.
Vers 4: «Selig sind, die da Leid auf sich nehmen, denn sie werden
durch sich selbst den Trost finden.* Das Leid stellt sich in die Welt
wie eines der grofiten Weltratsel. Schon die Griechen, dieses freie,
frohe Geschlecht, das so sehr am Dasein hing, dem Sinnengenufi
Lebensluft war, lassen den weisen Silen auf die Frage, was das Beste
fur den Menschen sei, die Antwort geben: «Elendes Eintagsge-
schlecht ... Das Allerbeste ist fur dich ganzlich unerreichbar: nicht
geboren zu sein, nicht zu sein, Nichts zu sein. Das Zweitbeste aber
ist fur dich - bald zu sterben.» Asop sagt indessen, daft man aus dem
Leid Lehre gewinnt. Und Hiob kommt durch alle seine Leiden, die
ihm auferlegt werden, zu dem Schlufi: Das Leiden lautert, es bringt
den Menschen hoher. - Warum gehen wir nach Anhorung einer
Tragodie doch befriedigt vom Theater weg? Der Held siegt gegen-
iiber dem Leid. Zwischen dem Hohersteigen des Menschen und
dem Schmerz, wenn er getragen wird, besteht ein Zusammenhang.
Leid und Schmerz der Seele sprechen durch die Physiognomie zu
den Erkennenden. Der Mensch mull sich ein Organ schaffen, damit
er das Leid tragen kann. Wie das Auge durch das Licht, das Ohr
durch den Ton gebildet wurde, so schaffen sich Leid und Schmerz
geistige Organe. In sich selbst tragt der Mensch den Trost der Er-
kenntnis, daft er das Leid tragen kann. Der Mensch wird hoher ent-
wickelt durch das Leid.
Vers 5: «Selig sind, die da sanften Geistes sind, denn sie werden
das Erdenreich besitzen.* Zwei Krafte sind in der Welt tatig: einer-
seits der Egoismus, andererseits die Liebe und das Mitleid. Soil sich
die Liebe entwickeln, mull der Egoismus schwinden. Die sinnliche
Liebe mull sich zur hoheren geistigen Liebe entwickeln. Sanften
Geistes sein, das ist auch im dritten Satz in «Licht auf den Weg» ge-
meint: «Eh' vor den Meistern kann die Stimme sprechen, mull das
Verwunden sie verlernen.» Man soli alien mit liebevoller Gesinnung
entgegenkommen, dall die Stimme nicht mehr verwundet, dann
sind wir sanftmutig, wie es in der Bergpredigt gemeint ist. Das Ziel
der Erdenentwickelung ist die Liebe, sie wird das Erdenreich
besitzen.
Vers 6 : «Selig sind, die da hungern nach der Gerechtigkeit, denn
sie werden durch sich selber gesattigt werden.* Hier sagt Christus
den Jungern die ganze Bedeutung der tieferen, innersten Krafte der
menschlichen Seele: Gebt den andern Liebe - nicht: strebt nach
Liebe dann wird die Liebe allgemein, wenn es jeder selbst tut.
Vers 7: «Selig sind, die barmherzig sind, denn sie werden durch
sich selbst Barmherzigkeit erlangen.* Wir sollen uns hineinfiihlen in
jeden einzelnen Menschen, dann wird unsere getane und gegebene
Barmherzigkeit aus den andern uns entgegenstrahlen.
Vers 8: «Sehg sind, die da Reinheit im Herzen haben, denn sie
werden durch sich selbst Gott anschauen.* Dieser Satz ist eine An-
leitung zur Mystik. Wir sollen unser Herz lautern und reinigen. Das
Auge, das da gemeint ist, um Gott zu schauen, das ist das Herz. Es
ist das Zukunftsorgan, nicht das Gehirn. Es ist Gott gegeniiber das,
was ungetriibte Augen dem Licht gegeniiber sind.
Vers 9: «Selig sind diejenigen, die da Frieden stiften, denn sie
werden Kinder Gottes durch sich selbst sein.» Die Seele macht den
Weg von Gott durch den Menschen zu Gott. Friedfertig waren die
Seelen, und der Friede fuhrt wieder hin zur gottlichen Wesenheit.
Vers 10: «Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit
willen, denn ihrer ist das Himmelreich.* Jesus Christus verlangt, der
Mensch stelle an sich selbst die Forderung der Gerechtigkeit, dann
wird ihm der Durst durch die Gerechtigkeit gestillt. Eine Erdenfor-
derung und eine Himmelsforderung werden immer auseinanderge-
halten.
Vers 1 1 : «Selig seid ihr, wenn euch die Menschen urn meinetwil-
len schmahen und verfolgen und reden allerlei Ubels wider euch, so
sie daran lugen.» Das Christentum darf nicht verwechselt werden
mit andern Religionen. Beim Buddhismus kommt es darauf an, daft
alles befolgt wird, was Buddha gelehrt hat. So ist es mit der Lehre
des Hermes in Agypten, des Zarathustra in Persien und so weiter.
Christus aber war selbst da. Die Junger waren berufen, Zeugnis ab-
zulegen : Wir haben ihn selbst gehort, haben unsere Finger in seine
Nagelmale gelegt. Der Evangelist Johannes spricht am meisten in
seinem Evangelium von Jesus Christus. Das Christentum mud an
den Christus Jesus selbst glauben, nicht nur an die Lehren von ihm.
Der Logos kam herunter zu den Ich-Menschen, das Wort ist in
einem Menschen Fleisch geworden und hat wirklich unter uns ge-
wohnt. Alle sind selig in dem Glauben an den Einzigen, in dem der
Logos selbst verkorpert ist. Nur Einer kann sagen: « Selig seid ihr, so
ihr um meinetwillen verfolgt werdet.»
Vers 12: «Seid frohen Mutes und voll von Trost, es wird fur euch
die Frucht im Himmel tragen, denn also haben sie verfolgt die Pro-
pheten,» Gemeint sind damit die von Gott inspirierten Ich-Men-
schen.
Vers 13: «Ihr seid das Salz der Erde.» Salz bedeutet das, was der
Erde Weisheit gibt.
Nun konnte jemand auf den Schlufi von Kapitel 7, 28 und 29
verweisen: «Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte,
entsetzte sich das Volk uber seine Lehre, denn er predigte gewaltig
und nicht wie die Schriftgelehrten.» Man konnte also meinen, daft
Jesus doch wirklich zu dem Volke gesprochen hatte. Allein diese
Verse stehen in gar keinem Zusammenhang mit der Bergpredigt,
diese kontrastiert sogar mit dem, was unterdessen im Volk Aufruhr
verursacht hatte. Das Volk entsetzte sich iiber eine Rede Jesu, aber
uber eine ganz andere als die Bergpredigt - und dariiber entstand im
Volke Tumult und Aufruhr. Man mull nur alien Vorgangen in der
Bibel genau nachgehen und die Worte richtig zu lesen wissen, so
geht einem fur vieles, iiber das man bisher einfach weggelesen hat,
ein neues Verstandnis auf.
FRAGENBEANTWORTUNG
zum Vortrag Stuttgart, 19-Januar 1907
Was ist von den beiden Ubeltatern zu sagen, die mit Jesus gekreuzigt wurden?
Man mufi vor alien Dingen ins Auge fassen, daft die sinnbildliche
Deutung die wirkliche Tatsache nicht ausschlieftt. Manche wollen
nur alles nach dem Buchstaben auslegen, halten Jesus nur fur einen
Menschen, der wirklich gelebt hat, und konnen nicht glauben, daft
hinter alldem noch ein tieferer Sinn steckt. Die andern dagegen
wollen alles auf geheime Weise deuten und konnen nicht an die ge-
schichtlichen Begebenheiten glauben. Aber das Sinnbild ist zugleich
wirklich geschichtliche Tatsache. Die Tatsache des Christentums ist
iiberhaupt nur zu fassen, wenn sie als wirkliche Tatsache betrachtet
wird. Es ist das Geheimnis der Menschheitsevolution: Christus zwi-
schen den beiden Verbrechern, dem, der bereut, und dem, der ver-
stockt bleibt. Es ist dies wieder der Ausgleich zwischen Egoismus
und Liebe. Die Liebe ist auf Blutsverwandtschaft gegrundet, und die
Selbstsucht will sie auseinanderbringen. Christus will dies ausglei-
chen, das bedeuten die drei Kreuze auf Golgatha. Das eine ist das
Prinzip des Guten, das andere ist das Prinzip des Bosen. «Wahrlich,
ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein.» Paradies ist
ein Schliisselwort und heiftt: Du wirst mit mir an einem Orte sein
iiber den gewohnlichen Tag hinaus. Bevor der Mensch schuldig ge-
worden ist, lebte er im Schofte der Gottheit. Wie erlangt er ein An-
recht, wieder ein Kind Gottes zu werden? Durch Friedfertigkeit!
Wie kommt man davon weg? Durch Selbstsucht!
Haben auch andere Votker in ihrem Ich die Initialen I-CH?
Es gilt nur fur die deutsche Sprache. Das deutsche Ich gibt Kraft in
die Seele. Daft diese Initialen den Namen Christus ergeben, soil uns
das Wort Iebendig machen. Christus ist da alle Tage und wirkt
durch alle Sprachen. Je weiter wir nach Osten kommen, desto rei-
cher ist die Sprache, je weiter nach Westen, desto armer. Amerika
ist darum am armsten; es hat den geringsten Wortschatz in seiner
Sprache. Die Gebete der alten Sprachen verlieren ihre alte Kraft,
wenn sie in neuere Sprachen iibertragen werden. In den lateinischen
Worten des Pater noster liegt viel mehr Kraft als im Vaterunser. Die
Sprache des alten Vaterunser ist die aramaische. Wer es sprach in
der aramaischen Sprache, hat Zauberkraft empfunden. Durch die
richtige Erfassung der Sachen miissen wir wieder die Gewalt der
Worte in die Sprache hineinbringen. Die vier Satze in «Licht auf
den Weg» zum Beispiel haben englisch nicht dieselbe Kraft wie im
Deutschen. Diese vier Satze lauten in keiner Sprache so schon, wie
in der deutschen; sie hat die schonste Ubersetzung dieser vier Satze.
Die dritte Frage ist unverstandlich.
Diese friiheren Naturforscher haben mit der grofiten Ehrf urcht zur
Bibel aufgesehen. Pfarrer X. sagte : Moses hat ebenso viele Dinge ge-
wufk wie der moderne Naturforscher, oder er war inspiriert. Pfarrer
X. hat uberhaupt eine brillante, feine Art, wie er die Bibel erklart.
Als die Bibelkritik anfing, da ging die Ehrfurcht und Achtung vor
der Bibel verloren. Aber aus der Bibelkritik wird nie anderes er-
wachsen. Fur die Geisteswissenschaft ist eines charakteristisch, und
dieses eine ist Gesinnung. Jeder Gedanke wird durchstromt von die-
ser Gesinnung, alles wird davon durchdrungen. Und was ist diese
Gesinnung? Der Natur gegenuber haben wir auch eine Gesinnung,
aber die Natur kritisieren wir nicht. Die Geisteswissenschaft will im
Geistesleben unbefangen und mit Verstandnis verstehen, alles im
Leben verfolgen; nicht den MaOstab von Sympathie und Antipathie
anlegen, sondern unbefangen alles verstehen, so im Menschenleben,
so in der geistigen Welt. Um Verstandnis handelt es sich in der Gei-
steswissenschaft. Man muO sich eine Gesinnung aneignen im Gei-
stesleben wie in den Forschungen der Natur, dann macht man Er-
fahrungen. Die Bibel soli ein Buch werden, vor dem die Kritik an-
fangt zu schweigen. Wenn man sie dann richtig und unbefangen
liest, so erlebt man, dafi man anfangt, etwas als Ausdruck und Erfah-
rung zu empfinden, was man sich vorher nicht traumen lie& Man
findet dann tiefe Weisheiten, wahrend man vorher sich Hindemisse
in den Weg gelegt hat. Aus der Geistesforschung mufi der Schlussel
gefunden werden, wie die Bibel richtig zu lesen ist; und sie wird ihn
finden. Dann wird die Bibelkritik abgelost von einer tiefen und tief-
griindigen Auslegung. Die Naturwissenschaft hat es nur mit mate-
riellen Erscheinungen zu tun und sieht davon ab, daft diese eine gei-
stige, ihnen zugrunde liegende Entwickelung haben. Die Aufgabe
der Geisteswissenschaft ist, das Wesen des Menschen zu erforschen
und die Entwickelung des Menschen im Weltenall. Wo Naturfor-
scherweisheit stehenbleiben mull, da tritt die Geistesforschung ein,
denn der Naturforscher sieht nur das Aufiere, er will die Atome er-
griinden. Aber gerade das, was der Naturforscher nicht erklaren
kann, das ist da. Auch der Haeckelismus ist fur den Geistesforscher
Wahrheit, insofern er auftere Dinge beschreibt. Der Geistesforscher
will aber mit hoheren, geistigen Augen zuriickblicken auf das zarte
Werden und will erforschen, welche geistigen Tatsachen neben den
aufteren Tatsachen hergehen. Wenn man mit Geistesaugen und Gei-
stesohren die Dinge betrachtet, dann nimmt man das Ubersinnliche
am Menschen wahr.
So viel physische Sinnesorgane wir haben, so viel nehmen wir
von der aufteren Welt wahr. Wer also streitet und sagt: Es gibt nur,
was ich physisch sehe -, der hat noch keine Geisteskrafte entwik-
kelt. So oft der Mensch ein neues Organ erwirbt, so oft nimmt er
eine neue Welt wahr. Die Seelenaugen und Seelenohren konnen er-
worben werden. Wenn der Mensch Energie und Geduld genug hat,
dann wird er ein Eingeweihter. Was ein Eingeweihter mit geistigen
Augen schaut, mull er mit Bildern aus der physischen Welt ausdriik-
ken. Das meinte Goethe, der ein Eingeweihter war, in dem Vers: «A1-
les Vergangliche ist nur ein Gleichnis.* Die groften geistigen Wahr-
heiten in zutreffenden Gleichnissen ausdriicken, nennt man imagi-
native Erkenntnis. Also nicht wegfiihren von der Materie will die
Geisteswissenschaft, sondern sie sieht in der Materie den verdichte-
ten Geist, der sich zu der Materie verhalt wie das Eis zum Wasser.
Das Siebentagewerk ist ein Vergleich mit grofien geistigen Tatsa-
chen. Wer den Schliissel zum Lesen der Bibel hat, der kann immer
wieder die Bibel ganz wortlich nehmen. Kein Dokument enthalt die
Wahrheiten der Theosophie besser als die Bibel. Die Erklarung der
Bibel und den Zugang zum unbefangensten Verstandnis der Bibel
strebt die Geisteswissenschaft an. Die Zerspaltung des Schopfungs-
werkes in zwei Teile wird man verstehen lernen, wenn man zu un-
terscheiden lernt den Menschen, der ungeschlechtlich ist - das ist
der geistige astrale Mensch. Dann fand eine Umdrehung statt: der
ungeschlechtlich-geistige Mensch wurde zum physischen zweige-
schlechtlichen Menschen, deshalb mull von einer doppelten Schop-
fung die Rede sein. So oft hort man sagen: Der Buchstabe totet, der
Geist macht lebendig -, wobei dann jeder seinen eigenen Geist
meint. Goethe sagt:
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein triiber Gast
Auf der dunklen Erde.
Dieses «Stirb» heiflt nicht: tote den physischen Leib, sondern: ge-
bare einen neuen Menschen aus dir heraus, dafi er dir das Werkzeug
gibt fur die geistige Welt. Er soli ein Werkzeug der Starke werden.
« Stirb und Werde* irnissen wir auch zum Buchstaben sagen. In der
Geisteswissenschaft ist eben alles wertvoll, auch das Kleinste ist ein
Ausdruck von verdichtetem Geist. Wer die Bibel bekampft, versteht
sie nicht, er bekampft sein eigenes Wahngebilde. Viele Menschen
vermessen sich, ein Bekenntnis zu begriinden. Aber klein und unbe-
scheiden ist es, wenn man sich dann zufrieden gibt im Bewufttsein:
Wie haben wir es so herrlich weit gebracht! - Die Geisteswissen-
schaft will immer tiefer dringen, sie will liebevoll in den Buchstaben
sich vertiefen und der Seele den Weg zum Gottlichen eroffnen.
DAS VATERUNSER
Karlsruhe, 4. Februar 1907
In all den gebetsartigen Formeln und sonstigen Weisheitsspruchen
und dergleichen, die uns uberkommen sind von den groften Religio-
nen, liegt iiberall viel von den tiefen Geheimnissen des Daseins. Wir
miissen uns nur dariiber klar sein, daft alle die verschiedenen Reli-
gionen das Gebet hatten, daft sie sich allerdings in einer bestimmten
Art unterschieden, indem die einen das Gebet mehr in der Form
der sogenannten Meditation, das Christentum und einige andere
Religionen dagegen das eigentliche, wirkliche Gebet hatten, wie es
unter diesem Namen heute bekannt ist. Meditationen haben vor-
zugsweise die orientalischen Religionen. Meditation ist ein Sich-
Versenken in einen geistigen Inhalt, und zwar so, daft der Betref-
fende in diesem geistigen Inhalt, in den er sich versenkt, ein Zusam-
mengehen mit dem geistig-gottlichen Urgrund der Welt findet.
Also fassen Sie das richtig auf : Es gibt Religionen, die ihren Ange-
horigen Meditationsformeln geben, zum Beispiel bestimmte gebets-
artige Formeln, in die man sich versenkt und in deren Versenkung
man fuhlt, wie der Strom des gottlich-geistigen Lebens die Seele
durchzieht, und der Mensch in diesen Momenten in dem gottlichen
Urgrund des Geistigen aufgeht. Diese Formeln sind aber mehr Ge-
dankeninhalt. Im Grunde genommen ist das christliche Gebet auch
nichts anderes, nur ist sein Inhalt ein mehr empfindungs- und ge-
fiihlsmaftiger. Der Christ versenkt sich mehr auf dem Wege der
Empfindung und des Gefiihls in das gottliche Wesen, das die Welt
durchstromt.
Man darf aber nicht glauben, daft das christliche Gebet immer in
einem solchen Sinne aufgefaftt wurde oder uberhaupt so aufgefaftt
werden kann, wie es heute vielfach geschieht Es gibt ein christli-
ches Urgebet, in dem der Christus Jesus selbst, so klar als es irgend
moglich ist, darauf hingewiesen hat, welche Stimmung fur den Chri-
sten im Gebet notwendig ist. Und dieses Urgebet ist einfach das:
«Vater, ist es moglich, so laft diesen Kelch an mir voriibergehen,
doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.* Fassen wir einmal
diese letzten Worte ins Auge. Wir haben es zunachst mit einer wirk-
lichen Bitte zu tun: das Voriibergehenlassen des Kelches, aber zu
gleicher Zeit mit einem volligen Aufgehen in dem Willen des Gott-
lich-Geistigen: «Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.*
Diese Stimmung, daft man wahrend des Gebets den Willen des
Gottlich-Geistigen durch sich hindurchwirken laftt, aufgeht darin,
nichts fiir sich will, sondern in sich die Gottheit wollen laftt, diese
Stimmung mull als eine Unterstromung, ein Grundton das Gebet
durchdringen, wenn es christlich sein soli.
Klar ist, wie unmoglich es ist, hierdurch ein egoistisches Gebet
zu haben. Es ist ja schon auch aus andern Griinden unmoglich, ein
egoistisches Gebet zu Gott zu schicken, denn der eine wtirde bitten
um Regen, der Nachbar um Sonnenschein, beide wiirden bitten aus
ihrem Egoismus heraus, ganz abgesehen von dem Falle, wo zwei
Heere kampfbereit einander gegenuberstehen, und jedes bittet, daft
ihm der Sieg verliehen werde, was ja ganz ausgeschlossen ist. Aber
wenn man den Unterton, den Grundton hat, «nicht mein, sondern
dein Wille geschehe», dann kann man um alles bitten, dann ist das
ein Aufgehen in dem gottlich-geistigen Willen. Ich mochte um das
bitten, aber ich stelle es der gottlich-geistigen Wesenheit anheim, zu
entscheiden, ob es mir werden soil oder nicht.
Dies ist die Grundstimmung des christlichen Gebets, und von
diesem Gesichtspunkte aus ging nun das umfassendste, universellste
Gebet der christlichen Uberlieferung: Das Vaterunser, das nach der
christlichen Uberlieferung von Christus Jesus selbst gelehrt worden
ist. Dieses gehort tatsachlich zu den allertiefsten Gebeten der Welt.
Wir konnen nur heute nicht mehr die ganze voile Tiefe des Vater-
unsers ermessen, wie es die Ursprache ergeben hat, in der es gelehrt
wurde. Aber der Gedankeninhalt ist ein so gewaltiger, daft er in kei-
ner Sprache auch nur irgendwie Einbufte erleiden konnte.
Wenn Sie zu den Gebeten anderer Volker gehen, dann finden
Sie liberall da, wo die Religionen in ihrer Blute stehen, ihre Hohe
erreicht haben, Gebete in dem Sinne, der Ihnen charakterisiert wor-
den ist. Solche Gebete haben allerdings dann, wenn die verschiede-
nen Religionen heruntergekommen sind, einen weniger richtigen
Charakter angenommen : Sie sind zu Zauberformeln geworden, zu
Mitteln des Gotzendienstes, und in der Zeit, in der Christus Jesus
die Seinigen beten lehrte, waren viele, viele solcher Zauberformeln
- die ja alle da, wo sie entstanden sind, etwas Tiefes bedeuteten - im
Gebrauch. Solche Zauberformeln bezogen sich immer auf das, was
man aufierlich gerne hatte, also gerade auch auf eine egoistische, von
personlichen Wunschen erfullte Bitte. So sollen die Christen nicht
beten, lehrte der Herr. Das ist ein Gebet, das sich auf Aufteres be-
zieht. Der Christ soli so beten, dafi sein Gebet im stillen Kammer-
lein geschieht, und das ist das Innerste der menschlichen Seele,
jener Teil, in dem sich der Mensch mit der gottlich-geistigen Wesen-
heit verbinden kann. Klar mussen wir uns ja sein, daft in jedem
Menschen etwas lebt, das wir als einen Tropfen aus dem Meere des
Gottlichen bezeichnen konnen, dafl etwas in jedem Menschen ist,
was Gott gleich ist. Es ware aber ganz falsch, zu denken, daft deshalb
der Mensch selbst Gott gleich sei. Wenn man sagt: Etwas ist im
Menschen, das Gott gleich ist -, so heiftt das noch nicht, auch der
Mensch selbst ist Gott gleich, denn ein Tropfen aus dem Meere ist
seiner Substanz nach dem Meere gleich, aber der Tropfen ist doch
nicht das Meer. So ist die menschliche Seele ein Tropfen aus dem
Meere der Gottheit, aber sie ist nicht Gott, und so wie der Tropfen
sich mit seiner eigenen Substanz vereinigen kann, wenn Sie ihn ins
Meer gieften, so vereinigt sich die Seele als ein Tropfen der Gottheit
in geistiger Weise in Gebet oder Meditation mit ihrem Gott. Dieses
Vereinigen der Seele mit ihrem Gott heiftt Christus Jesus, das Beten
im stillen Kammerlein.
Wenn wir nun zunachst charakterisiert haben, welches die Ge-
sinnung des christlichen Gebetes und die Forderung bei diesem Ge-
bet in bezug auf die christliche, menschliche Gesinnung ist, dann
werden wir uns nun den Inhalt des Vaterunsers selbst vor die Seele
riicken konnen. Gesagt wurde Ihnen, daft das Vaterunser das umfas-
sendste Gebet ist. Deshalb werden Sie es mit mir fur notig finden,
daft wir, um das Vaterunser zu verstehen, einmal eine ganz umfas-
sende Weltbetrachtung anstellen. Es wird ein weiter Umweg not-
wendig sein, das Vaterunser zu begreifen. Wir mussen von einem
gewissen Gesichtspunkte aus das Wesen des Menschen betrachten.
Sie wissen, daft wir das so tun, wie die Geistesforschung der Jahrtau-
sende es immer betrachtet hat. Fiihren wir uns das noch einmal
rasch vor die Seele.
Wenn ein Mensch vor uns steht, so steht da zunachst der physi-
sche Leib, den er in seinen Stoffen und Kraften mit alien Mineralien
und scheinbar leblosen Naturprodukten gemeinsam hat. Dieser
physische Leib des Menschen ist aber nicht, wie etwa der materiali-
stische Sinn meint, allein in dem Raume vor uns, sondern er ist nur
das allerunterste der Glieder der menschlichen Wesenheit. Als
nachstes Glied unterscheiden wir den Atherleib oder Lebensleib des
Menschen, den er gemeinschaftlich mit den Pflanzen und Tieren
hat, denn jede Pflanze, jedes Tier und jeder Mensch mull die chemi-
schen und physischen Stoffe aufrufen, so daft sie zum Leben kom-
men, nicht durch sich selbst konnen sie sich Leben geben. Das
dritte Glied ist der astralische Leib, der Trager von Lust und Leid,
Trieben, Begierden und Leidenschaften und den gewohnlichen Vor-
stellungen des taglichen Lebens. Alles das konnte der Mensch nicht
haben, wenn er nicht diesen astralischen Leib hatte. Diesen hat er
nur noch mit den Tieren gemeinschaftlich. Auch das Tier hat Lust
und Leid, Triebe, Begierden und Leidenschaften und hat also auch
diesen Leib. Den physischen Leib hat der Mensch demnach ge-
meinschaftlich mit den scheinbar leblosen Mineralien, den Ather-
oder Lebensleib mit allem was wachst und sich fortpflanzt, mit dem
ganzen Pflanzenreich; den astralischen Leib hat er gemeinschaftlich
mit der tierischen Natur. Dazu hat er noch etwas, wodurch er hin-
ausgeht iiber diese drei Naturreiche der Erde, wodurch er die Krone
der Erdenschopfung ist. Das ist das vierte Glied seiner Wesenheit
Wir kommen dazu, wenn wir eine kleine Uberlegung anstellen.
Es gibt einen Namen, der sich unterscheidet von alien iibrigen:
«Ich» konnen Sie zu niemand anderem sagen. Fur jeden anderen bin
ich ein «Du», und jeder andere ist fur mich ein «Du». «Ich» kann nur
als Name fur das, was es bedeutet, im Inneren der Seele selbst erto-
nen, niemals kann es von auften an Sie heranklingen, wenn es Sie
selbst bedeutet Das haben die tieferen Religionen immer empfun-
den zu alien Zeiten, und daher sagten sie: Wenn die Seele anfangt,
im Inneren diese ihre Selbstbezeichnung sich zu geben, dann fangt
der Gott im Menschen zu sprechen an, der Gott, der durch die
Seele spricht. Der Name «Ich» kann nicht von auften hineintonen,
er mufi in der Seele selbst ertonen. Das ist das vierte Glied der
menschlichen Wesenheit.
Die hebraische Geheimwissenschaft hat dieses Ich den unaus-
sprechlichen Namen Gottes genannt. «Jahve» bedeutet nichts ande-
res als: «Ich bin*. Was eine auftere Wissenschaft auch fiir Interpreta-
tionen geben kann, in Wahrheit hat es bedeutet: «Ich bin* - das
vierte Glied der menschlichen Wesenheit Dieses sind die vier GHe-
der, aus denen der Mensch zunachst besteht. Wir nennen sie auch
die vier Glieder der sogenannten niederen Natur des Menschen.
Nun miissen Sie, um die ganze Wesenheit des Menschen zu ver-
stehen, in der menschlichen Entwickelung noch ein wenig zuriick-
gehen. Da kommen wir zuriick zu mannigfaltigen Volkern, die uns
vorangegangen sind: die alte germanische und mitteleuropaische
Entwickelung, die griechisch-lateinischen und chaldaischen
…[truncated]