Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Geistige Wirkenskrafte
im Zusammenleben von alter und
junger Generation
Padagogischer Jugendkurs
Dreizehn Vortrage, gehalten in Stuttgart
vom 3. bis 15. Oktober 1922
1988
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Ernst Weidmann
1. Auflage, Stuttgart, o. J. [1922] (Privatdruck)
2. Auflage, herausgegeben von der Sektion fur das Geistesstreben
derjugend am Goetheanum, Dornach o. J. [1925] (Privatdruck)
3. Auflage, Dornach 1953
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988
Bibliographie-Nr. 217
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1953 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-2170-3 (Ln) 3-7274-2171-1 (Kt)
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, sparer Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Stuttgart, 3. Oktober 1922
Die Kluft zwischen der alteren und der jiingeren Generation. Die
Verschiedenheit der Seelensprachen. Konservierung des Mittelalters
in Westeuropa; westeuropaischer Materialismus in Mitteleuropa.
Goethe und Darwin. Feinheit der Gedankenbildung bei den Den-
kern noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts; dann Einbruch
der Phrase in das Geistesleben. Folge: Gedankenlosigkeit, Gesin-
nungslosigkeit, Willenslosigkeit. Die Gedanken haben nicht mehr die
Kraft, den Willen, das Herz zu durchpulsen. Fur die Wissenschafter
besteht eine besondere Schwierigkeit, sich in die wahren Forderun-
gen der Zeit hineinzufinden, weil in der Wissenschaft bewufk «herz-
lose» Gedanken angestrebt werden. Die Menschheit sehnt sich zu-
tiefst nach herzhaften Gedanken, die aus dem Zentrum echten Men-
schenwesens stromen. Giordano Bruno und Julius Robert Mayer als
Opf er ihrer Zeit. Ende des neunzehnten Jahrhunderts Knotenpunkt
in der inneren Entwicklung der Menschheit.
Zweiter Vortrag, 4. Oktober 1922
Das Suchen der Hochschuljugend nach fuhrenden Lehrern. Die Uni-
versitaten als Forscheranstalten. Unmenschlichkeit der «objektiven
Wissenschaft», vor der sich die «Philo-Sophia» davonschleichen mufi.
Aufgabe der Erziehung: dem Menschen die Moglichkeit zu geben,
auf naturgemafie Weise alt zu werden. Bis zum funfzehnten Jahr-
hundert war der Mensch von seelischen Erbschaften getragen; seit
dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts steht er seelisch vor dem
Nichts, da er den Zusammenhang mit der geistigen Welt verloren
hat. Waldorfschulpadagogik ist kein padagogisches System, sondern
eine Kunst, um das, was im Menschen verborgen ist, aufzuwecken.
Im Intellekt traumt man von der Welt. Das Mysterium von Golga-
tha lafit sich mit dem Intellekt nicht erfassen. Im Innern der Seele
ist das Bestreben, das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Die
geistige Welt mufi mit neuen Kraften erlebt werden, da alle alten
Erbschaften aufgebraucht sind. Auch dem Gemeinschaftsstreben der
Jugend liegt zutiefst dieser Impuls zugrunde. Die Jugend verlangt,
im Bewufitsein erweckt zu werden. Die Frage lautet daher: Wie fin-
den wir in uns selbst das Geistige?
Dritter Vortrag, 5. Oktober 1922
Der heutige Mensch beriicksichtigt nur das Wachbewufksein zwi-
schen Aufwachen und Einschlafen, wahrend in friiheren Zeiten der
Mensch noch etwas aus dem Schlafbewufitsein in den Tag hinuber-
nahm. Wenn von Salz, Merkur, Phosphor usw. die Rede war, so
hatte man noch eine atherische Wahrnehmung der betreffenden
Stoffe. Seit dem funfzehnten Jahrhundert hort das Hereintraufeln
des Schlafbewufitseins in das Wachbewufitsein mehr und mehr auf.
Die Kulturentwicklung vom «erzieherischen» Standpunkt aus. Fru-
her machte einBuchproduktiveKrafteimMenschenrege;heutewird
alles formal, logisch, willenlos aufgenommen. Das heutige Denken
ist ein Produkt des Gehirns; insofern hat der Materialismus recht.
Es ist aber ein totes Denken, das von einem lebendigen abgelost
werden mufi. Die an der aufieren Beobachtung gewonnenen Resul-
tate des toten Denkens konnen nicht in den Schlaf hinubergenom-
men werden. Der heutige Mensch wird im Schlaf fast aufgesogen
von der Geistigkeit der Natur, wahrend der Mensch friiher auch im
Schlaf e «etwas war». Nicht auf Worte kommt es an: Man kann auch
Theosophie materialistisch vertreten. Es soil nicht vom Geist gere-
det werden, sondern im Reden Geist entwickelt werden. Schema-
tische Anthroposophie geistlos. Pater Mager iiber Anthroposophie.
Erst aus einem inneren Durchdrungensein mit Geistigkeit heraus
konnen wir die Gegenwartskultur wieder lebendig machen.
Vierter Vortrag, 6. Oktober 1922
Die Philosophen als «Thermometer» des geistigen Zustandes ihres
Zeitalters. Spencers «Prinzipien der Ethik», durch welche nachge-
wiesen wird, dafi ethische Unterscheidungen nicht auf moralische
Intuitionen, Gefuhle etc. gegriindet werden konnen, sondern dafi es
sich nur um praktische Angemessenheit an den gegebenen Zustand
der Gesellschaft handeln kann. Demgegeniiber stellt die «Philoso-
phie der Freiheit» dar, dafi andere als die unmittelbar in der mensch-
lichen Seele blofizulegenden moralischen Intuitionen fur den Men-
schen nicht mehr mafigebend sein konnen, da die Menschenseele in
bezug auf das Geistige seit einigen Jahrzehnten gegenuber dem
Nichts steht. - Nietzsches Werdegang: Philologie, Schopenhauer,
Wagner. Nietzsche als Antisokratiker. Seine Ablehnung der «Ide-
ale» seines Zeitalters, weil er erkannte, dafi sie zu Phrasen geworden
waren. Nietzsche und Paul Ree, der die naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse seiner Zeit auf die Sittlichkeit ubertragt. Hieraus er-
gab sich fur Nietzsche die Idee des Obermenschen und der Wieder-
kehr des Gleichen. - Die heutige Jugend sucht den lebendigen Geist,
der jedoch im Intellektuellen nicht zu finden ist. Phrasenhaftigkeit
der «Jugendbewegung». Notwendigkeit der Entwicklung des
Wahrheitsgefuhls. Phrase, Konvention und Routine mussen iiber-
wunden werden durch Wahrheit, ein unmittelbares Verhaltnis von
Mensch zu Mensch, und durch Geistigkeit auch in der alltaglichen
Handlung.
Funfter Vortrag, 7. Oktober 1922
Friiher waren moralische Intuitionen Menschengruppen gegeben,
jetzt miifien sie vom Einzelnen errungen werden. Die Uroffenbarung
ist versiegt, die passiven Krafte konnen keine wahre Verbindung mit
dem Geistigen mehr herstellen. Beobachten, Experimentieren und
Denken erfordern keine innere Aktivitat. Erst beim aktiven Den-
ken geht das Denken in den Willen iiber; aus ihm entsteht die pro-
duktive moralische Phantasie. Das intellektualistische Denken steht
im Verhaltnis zum lebendigen Denken wie der Leichnam zum leben-
digen Menschen. Daher ist das eigentliche Erkenntnisobjekt das
Tote. Auf diese Weise kann zwar Wissenschaft getrieben, nicht
aber Jugend erzogen werden. Das ihr von der alteren Generation
uberlieferte Intellektualistische ist der Jugend wie ein Pfahl im
Fleisch. Die «moralischen Intuitionen» der «Philosophie der Frei-
heit» sind der Beginn des lebendigen Denkens, welches das Geistige
wieder zu erfassen vermag. Wir miifien selbsttatige lebendige Weis-
heit, die in uns vor unserer Geburt und in unserer Kindheit wirkte,
hineintragen lernen in das abgestorbene Denken. In diesem Sinne
ist das Bibelwort «So ihr nicht werdet wie die Kinder ...» heute ak-
tuell. Jugendbewegung kann nur darin bestehen, dafi Kindheit, das
heifit Geistigkeit, in das spatere Alter hineingetragen wird. Als letzte
Konsequenz entsteht eine Geistes wissenschaft, in der Anthropo-
logic zur Anthroposophie wird.
Sechster Vortrag, 8. Oktober 1922
Grundcharakter unserer Zeit padagogisch aufzufassen. Der junge-
ren Generation gegeniiber ist eine neue Verhaltensweise notig, die
aus dem Bewufitsein vom vorirdischen Seelendasein entspringt. Die
Losung des Weltenratsels im Satz «Mensch, erkenne dich selbst».
Die Welt ist die Frage und der Mensch die Antwort. Notwendige
Verwandlung der alten sittlichen Impulse : nach innen sittliche Liebe,
nach aufien Vertrauen von Mensch zu Mensch. Kantscher Pflich-
tenbegriff und ethischer Individualismus. Das Gluck des Vertrauens
und der Schmerz des Milkrauens anderen Menschen gegeniiber
wird sich in der Zukunft unendlich steigern. Menschenkenntnis mufi
der Grundnerv der Zukunftspadagogik werden. Durch erarbeitete,
nicht gottgegebene moralische Intuitionen wird alles Leben wieder
von einem religiosen Zug durchdrungen werden. Wahrend wir an-
deren Menschen mit Menschenvertrauen begegnen, mvifien wir dem
Kinde mit Gottvertrauen gegeniiberstehen. So wird das Sittliche
wieder zum Religiosen. Die Jugendbewegung mufi einen Janus-
kopf haben, der einerseits hinschaut auf die eigenen Forderungen
der Jugend an die Alteren, andererseits auf die Forderungen, die die
kommenden Generationen an die jetzt Jungen stellen werden. Die
Jugendbewegung kann nicht nur aus Opposition bestehen, sondern
mufi schopferisch nach vorne blicken.
Siebenter Vortrag, 9. Oktober 1922
Die «entgegengesetzte Mudigkeit» bei der Jugend, die nicht mehr
an den zu erringenden Erkenntnissen in der richtigen Weise ermiiden
kann. Die heutige Wissenschaft erfordert keine innere Anteilnahme.
Das Lesen eines mittelalterlichen Denkers erfordert grofite seelische
Anstrengung. Spaltung des heutigen «Erkennenden» in « Wissenschaf-
ter» und «Mensch», beide streng geschieden. Fur Lehrer, die aus dem
Buche heraus unterrichten: In jedem Kinde steckt ein verborgener
Mensch, der abweist, was der Lehrer selbst erst aus dem Buche
ablesen raufi. Wohin wandten die Menschen die seelischen Krafte,
die nicht angesprochen wurden? Die Jungen tobten (Jugendbewe-
gung), die Alten suchten ein Schlafmittel in der Theosophie, wie sie
damals vielfach getrieben wurde. Die wirkliche Sehnsucht nach et-
was Neuem kann nur durch die Geisteswissenschaft erfiillt werden.
Die vier Erkenntnismittel der alten Brahmanenschulen. Heutiges
Erkenntnismittel: Das Vertrauen, dafi einem Mitteilungen eines an-
deren Menschen Quell eigenen geistig-seelischen Erlebens werden
konnen.
Achter Vortrag, 10. Oktober 1922
Geschichtliche Entwicklung der Menschheit von den geoffenbarten
zu den selbstverarbeiteten Gedanken. Wir haben nur eine aufier-
liche Geschichte, keine Gefiihls-, Gedanken- und Seelengeschichte.
Das Jahr 333. Nominalismus und Realismus. Tragik des Mktelal-
ters: Schwindender Zusammenhang der menschlichen Gedanken
mit der geistigen Welt. Anstelle des inneren Konzipierens der Ge-
danken trat in der neueren Zeit das Aufklauben der Gedanken aus
der aufieren Sinneswelt. Kepler als Vertreter zweier Welten. Die
letzten Nachklange der Empfindung von der gottlich-geistigen Na-
tur der Gedanken gingen im neunzehnten Jahrhundert verloren
(Henle, Burdach, HyrtL). Die «Seelenkunde ohne Seele» kam auf.
Der Zusammenhang des Mikroskopischen und der makrokosmischen
Entwicklung wurde zum Empfindungsproblem vieler tiefer veran-
lagter Menschen. Fortlage. Die anthroposophische Literatur ver-
langt aktives Denken, bei dem auch das Herz beteiligt ist, nicht nur
m
der Kopf. Es handelt sich um ein Willensproblem. Durch diese in
das Denken hineingebrachte Aktivitat miifien wir uns die Gottlich-
keit des Denkens wiedererobern.
Neunter Vortrag, 11. Oktober 1922
Fehlende Briicke zwischen Mensch und Mensch. Auch junge Men-
schen wollen heute iiber alles urteilen. Dies ist nur aus dem Intellekte
heraus moglich. Uber Lebenszusammenhange kann nur aus einem
aktiven Denken heraus geurteilt werden und dieses kann vor dem
achtzehnten Lebensjahr nicht erworben werden. In der friiheren Er-
ziehung kam es nicht auf durch Diplome verbrieftes Wissen an,
sondern auf ein Konnen. Der Lehrer erwarb sich seine Autoritat
dadurch, dafi er sein Konnen unter Beweis stellte. Grammatik, Rhe-
torik und Dialektik, kunstlerischer Unterricht. Auch heute mufi
der ganze Unterricht von einem kunstlerischen Element durch-
zogen werden. Die Wahrheit kann nur durch die Schonheit erobert
werden. Der Mensch kann nicht intellektualistisch verstanden wer-
den. Die der aufieren Natur angepassten Begriffe geniigen nur fur
den physischen Leib. Bereits das untergeordnetste ubersinnlkhe
Glied, der Atherleib, kann nur aus einem kunstlerischen Seelener-
lebnis heraus verstanden werden. Eine wahre Jugendbewegung
wird nicht eine Opposition sein, sondern eine Bewegung, die sich zu
den Lehrern hindrangt wie der Saugling zur Mutterbrust. Dies wird
dann geschehen konnen, wenn der jiingeren Generation von Seiten
der alteren die Wahrheit in der Form der Schonheit entgegentritt.
Dann wird nicht der passive Intellekt, sondern der aktive Wille an-
gesprochen.
Zehnter Vortrag, 12. Oktober 1922
In bezug auf den Intellekt spielt die Reife des Menschen keine
Rolle. In Begriffen kann jeder mit jedem diskutieren. Seelische Ent-
wicklungsgeschichte der Menschheit und des einzelnen Menschen.
Rhythmischer Verlauf. Beispiele aus Goethes Leben. Vor Jahrtau-
senden wurden diese Rhythmen und Umschwiinge das ganze Leben
hindurch ebenso stark empfunden wie jetzt nur noch im Kindesal-
ter (Zahnwechsel, Geschlechtsreif e usw.) Die alteren Menschen emp-
fanden das Verdorren des Korpers und das Freiwerden der Seele
(Patriarchen). Das Bewufitsein hiervon ist den Menschen immer
mehr abhanden gekommen und mufi wieder neu errungen wer-
den. Das Geistige, das fruher im Alter naturgemafi hervorsprofi,
mufi sich der Mensch nun durch eigene innere Anstrengung erwer-
ben. Der Intellektualismus erfahrt keinen Fortschritt mehr im Sin-
ne einer Vertiefung, sondern nur im Sinne der Obung. Geisteswissen-
schaft erfordert seelische Mitarbeit. «Reines Denken» im Sinne der
« Philosophic der Freiheit» zugleich reiner Wille. Durch das reine
Denken wird ein neuer innerer Mensch geboren, der aus dem Geiste
heraus Willensentfaltung bringen kann. Diese Tatigkeit ist identisch
mit der kiinstlerischen. Die kunstlerische Verfassung braucht der
heutige Padagoge, um ein neues Verhaltnis zwischen Lehrer und
Schiiler auszubilden. Durch sie kann der Schiiler wieder dazukom-
men, in natiirlicher Weise zum Lehrer aufzuschauen.
Elfter Vortrag, 13. Oktober 1922
Im Unterbewulken der Menschen lebt das Bedurfnis, die Welt
nicht nur mit dem Kopfe, sondern mit dem ganzen Menschen zu
erfahren. Diese Fahigkeit hat der moderne Mensch nur noch bis
zum Zahnwechsel. Der Saugling ganz Sinnesorgan. Mit abstrakten
wissenschaftlichen Inhalten kann man den Menschen nicht erzie-
hen; dies ist nur moglich, wenn man ihnen kiinstlerisch entgegen-
tritt. Die «Philosophie der Freiheit» Mittel, die menschliche Indi-
vidualist zu ergreifen. Erzieher kann man nicht dadurch sein, dafi
man viel weifS, sondern dadurch, dafi man dem Schiiler menschlich
etwas geben kann. Das wesentliche zwischen Zahnwechsel und Ge-
schlechtsreife ist die seelische Konfiguration des Lehrers. Beten und
Segnen in ihrem kausalen Verhaltnis zueinander. Das Kind muft
wachstumsfahige Bilder erhalten, keine abstrakten Definitionen,
die es wie in einen Apparat einschniiren. Wir miissen eine Erzie-
hungskunst ausbilden, durch die die Menschen wieder miteinander
leben lernen.
Zwolfter Vortrag, 14. Oktober 1922
Erst in unserem Zeitalter treten Ich und Ich einander hiillenlos ge-
geniiber. In der indischen Kulturepoche wurde im Sinnlichen zu-
gleich Geistiges wahrgenommen. Bestreben der Mysterien: Auf dem
Umwege iiber das Geistig-Seelische den Menschen das Sinnliche
seelisch begreiflich zu machen. Persische Epoche: Wahrnehmung
des Menschen als Lichtgestalt. Agyptisch-chaldaische Epoche: Man
begann, das Aufiere sinnlich und das Innere geistig-seelisch zu
schauen. Griechische Epoche: Deutliches Auseinanderhalten von
korperlich-Leiblichem und geistig-Seelischem. Bis zur griechischen
Epoche wurde das Ich noch durch Hiillen hindurch wahrgenom-
men. Die Wahrnehmung des hiillenlosen Ich bewirkt ein Erschrek-
ken der neueren Menschheit (Beispiele: Baco von Verulam, Shake-
speare, Jean Paul). Anthroposophische Padagogik will keine An-
weisungen geben, sondern Menschen charakterisieren. Eigentlich
sollte iiber Erziehung nicht geredet werden. Erziehen konnen wir
nur mit den regsamen menschlichen Kraften, die in der Kindheit in
uns wirken. Der richtige Padagoge kann weder Philister noch Pe-
dant sein.
Dreizehnter Vortrag, 15. Oktober 1922 184
Der Obergang von der geoffenbarten zu den an der aufieren Natur
erarbeiteten Begriffen. Die im Innern ersterbenden Begriffe haben
sich an der aufieren Natur wieder belebt. Das von der Natur ge-
wonnene Denken geniigt nicht, um den Menschen zu begreifen. Mit
der Ausbildung der Naturwissenschaft ist die Menschenkunde in
Verf all geraten. Der Drache verschlingt das seelische Leben des Men-
schen. Der Drache kann darum eine starke Wirkung entfalten, weil
der Mensch den Menschen nicht mehr erfassen kann. Der Glaube,
dafi die Materie sich auch durch den menschlichen Organismus hin-
durch erhalte, ist ein Beweis fiir die Verkennung der menschlichen
Wesenheit. In Wahrheit wird im Menschen fortgesetzt Materie
in nichts verwandelt und neu geschaffen. Der Drache mufi besiegt
werden, indem wir erkennen, dafi auch der Michael von aufien
kommt. Jede Wissenschaft heute eine Metamorphose des Drachens.
Einziges Mittel gegen den Drachen: Sich mit dem geistigen Wesen
der Welt in wirklicher Erkenntnis zu durchdringen. Durch eine le-
bendige, kunstlerisch gefuhrte Erziehung der Jugend bereiten wir
Michael das Fahrzeug, auf dem er in unsere Zivilisation einziehen
kann. Das ist der eigentliche Grundimpuls aller Erziehungslehre.
Das Geistige ist ein Lebendiges, das nicht den Knochen gleicht, son-
dern dem Blute. Die Gefafie, in denen dieses Blut rinnt, sind die
aufwachsenden Menschen. Nur wenn das Kind unser Erzieher wird,
indem es Botschaften aus der geistigen Welt herunterbringt, wird
sich das Kind auch bereit finden, die Botschaften, die wir ihm aus
dem Erdenleben entgegenbringen, aufzunehmen. 7,u den Herzen
sollte vor allem in diesem Kurse gesprochen werden.
Hinweise 199
Namenregister 203
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 205
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 207
ERSTER VORTRAG
Stuttgart, 3.0ktober 1922
Meine lieben Freunde!
Als erstes mochte ich am heutigen Abend einige Worte der Begrti-
fiung zu Ihnen sprechen, um die Empfindungen zum Ausdruck zu
bringen, die in mir durch die Tatsache angeregt werden, dafi Sie sich
hier zusammengefunden haben. Ihr Sprecher hat eben in einer sympa-
thischen Weise zum Ausdruck gebracht, welche Impulse unter Ihnen
gewirkt haben, um hier zusammenzukommen. Ich denke, dafS vieles
von dem, was ich in den nachsten Tagen zu Ihnen werde zu sprechen
haben, eine Art Interpretation dessen wird sein miissen, was bei Ihnen
in mehr oder weniger starken inneren Seelenerlebnissen vorhanden ist
und von dem Sie wiinschen, dafi es zu einer wirklichen seelischen Klar-
heit- seelischen imGegensatze zu einer blofl begriff lichen - unter Ihnen
gebracht werde.
Es ist ganz richtig, daft dasjenige, was Sie zusammengefuhrt hat, in
den Tiefen Ihrer Seelen zu suchen ist. Diese Tiefen sind wirklich von
Kraften erfafit worden, die in der ganz besonderen Art, in der sie heute
wirken, jungen Datums sind. Man kann sagen, dafi diese Krafte, in der
Art, wie sie gerade in Ihnen wirken, kaum alter sind als das Jahrhun-
dert; aber es sind Krafte, die schon heute fur denjenigen, der sie zu
sehen vermag, sich sehr deutlich offenbaren, und die immer deutlicher
in der allernachsten Zukunft zum Vorschein kommen konnen. Wir
werden diese Krafte und die ihnen vorangegangenen, entgegengesetz-
ten, das Veraltete vom letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts,
in den nachsten Tagen recht innerlich zu charakterisieren versuchen.
Heute mochte ich zunachst einmal eine Kennzeichnung dieser Krafte
von aufien geben.
Ich denke, Sie alle verspiiren, da$ Sie sich mit dem, was eine altere
Generation der Welt heute zu sagen hat, nicht mehr zusammenfinden
konnen. Sehen Sie, man hat schon in den siebziger, achtziger, neunziger
Jahren, in einer starkeren Weise, als das jemals friiher der Fall war,
kunstlerisch oder auch theoretisch auf die tiefe Kluft hingewiesen,
welche zwischen der damals alteren und damals jiingeren Generation
lag. Aber alles, was dazumal von Dichtern und anderen Leuten iiber
diese Kluft und diesen Abgrund gesagt worden ist, ist etwas Blasses im
Vergleich zu dem, was heute in Betracht kommt. Heute ist es doch so,
dafi im Grunde genommen die jiingere und die altere Generation ganz
verschiedene Seelensprachen fiihren, viel verschiedener noch, als man
sich dessen bewulk ist. Dabei soli nicht gesprochen werden von irgend-
welcher Schuld, welche eine altere Generation der jiingeren gegenuber
haben konnte. In dieser Weise von Schuld zu sprechen, wiirde selbst zu
den Begriffsgestalten der alteren Generation, und noch dazu zu ihren
philistrosen gehoren. Wir wollen also nicht anklagen; aber wir wollen
uns bewufit sein, wie griindlich die Seelen seit zwei bis drei Jahrzehn-
ten gerade innerhalb der abendlandischen Entwickelung anders gewor-
den sind. In unserer Gegenwart stofit namlich vieles zusammen.
Vor kurzem hatte ich m England eine Reihe von Vortragen zu hal-
ten, in Oxford. Oxford mit seiner universitatsartigen Bildung ist etwas
ganz Besonderes in unserem abendlandischen Kulturzusammenhang.
Dieses Besondere empfindet man so, dafi da in Oxford, also an einer
Statte, die gar sehr zur abendlandischen Geistesentwickelung gehort,
ein durchaus nicht unsympathisches, sondern sympathisches und in vie-
ler Beziehung bewundernswertes Stuck Mittelalter in die Gegenwart
hineinragt. Wir wurden herumgefiihrt von einem Freunde, der « Gra-
duate* der Universitat Oxford ist, und es ist dort iiblich, dafi man als
«Graduate» diese Universitat nur im Talar und Barett betritt. Nach-
dem wir mit ihm herumgegangen waren, sah ich ihn auf der Strafie
wieder, und ich mufite am nachsten Morgen vor der englischen Zu-
horerschaft die Impression schildern, die ich hatte, als unser Freund
im Talar und Barett kam, weil sie mir wirklich symptomatisch erschien.
Alles das, im Zusammenhang mit all dem anderen Erlebten, veranlafite
mich, die Sache als Bild heranzuziehen und zu sagen, warum eine so-
ziale Neugestaltung bis tief in das Geistesleben der Gegenwart hinein
notwendig ist. Ich sagte: Als unser Freund mir auf der Strafie begeg-
nete, da dachte ich mir, wenn ich jetzt unmittelbar unter dem Ein-
drucke dieser Begegnung einen Brief schreiben mujEke, ich wiirde nicht
wissen, welches Datum ich auf den Brief setzen miifite; ich wiirde ver-
sucht sein, etwa das zwolfte bis dreizehnte Jahrhundert zu schreiben,
um in dem Stile zu bleiben, in dem so etwas moglich ist. Da hat man
wirklich etwas konserviert, was nicht Gegenwart ist. In Mitteleuropa
findet sich so etwas nicht. Aber was im tonangebenden Geistesleben
Mitteleuropas herrscht, ist doch wiederum ein Entwickelungsprodukt
aus dem, was ich soeben charakterisiert habe.
Hier in Mitteleuropa hat man die Talare so ziemlich abgelegt, ab-
gesehen von ganz feierlichen Gelegenheiten, wo sie Direktoren und an-
dere Funktionare sogar zu ihrem Arger tragen miissen. Unser Freund,
der zu gleicher Zeit Rechtsanwalt war, sagte mir: Wenn ich Sie in Lon-
don fiihrte, miifite ich als Rechtsanwalt auftreten und nicht ein Barett,
sondern eine Perikke tragen.
Sie sehen, da ragt etwas hinein, was alt geworden ist, was aber in
vergangenen Jahrhunderten noch lebte. Also wirklich Mittelalter in
der Gegenwart! Hier bei uns ist man aus dem, was alt geworden ist, was
aber in der friiheren Generation noch lebte, wohl herausgewachsen.
Man hat zunachst das Kostiim abgelegt, sodann in raschem Sprunge
eine etwas andere Denkweise angenommen, die aber durchaus in das
Materialistische hineingesegelt ist. Diese Gegensatze zwischen Mittel-
und Westeuropa sind aufierordentlich grofi. Es liegt da eine wirklich
recht bezeichnende Erscheinung vor, die ich lieber durch eine Tatsache
als mit abstrakten Worten charakterisieren will.
Wir haben in Mitteleuropa Goethe vergessen und Darwin angenom-
men, trotzdem Goethe die Erkenntnisse, auf die Darwin oberflachlich
hindeutet, in ihren Tiefen erfafit hat. Ich konnte viele ahnliche Er-
scheinungen anfiihren. Sie konnten einwenden, man hatte Goethe nicht
vergessen, denn es gibt ja zum Beispiel eine Goethe-Gesellschaft. Ich
glaube, Sie werden das nicht sagen; darum will ich mich auch nicht
weiter dariiber auslassen. Goethe und der mitteleuropaische Geistes-
impuls, der Goethe emporgetragen hat, sind eigentlich schon in der
zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts vergessen worden. Aber
das sind doch alles nur Symptome. Die Hauptsache ist, dafi auf dem
Wege, den Mitteleuropa und sein Geistesleben gegangen ist, die fuhren-
den Geistesanstalten im dreizehnten, vierzehnten, fiinfzehnten Jahr-
hundert sich von dem Geiste emanzipiert haben, der im Westen noch
geblieben ist. Seit dieser Zeit, wo sich diese mitteleuropaischen, geistig
fiihrenden Geistesanstalten emanzipiert haben, hat man in Mitteleuropa
das Geistige, das innerlich Seelendurchsturmende, Seelendurchpulsende
zwar nicht aus dem Menschen, aber aus dem Bewufitsein verloren. Des-
halb konnte man auch Goethe vergessen.
Im Westen hat man es in der Tradition bewahrt, in aufteren Gestal-
tungen; in Mitteleuropa, insbesondere innerhalb des deutschen Sprach-
gebietes, hat man es in die Tiefen des Seelenlebens hinuntergedrangt
und das Bewufitsein damit nicht erfullt. Dies war schon im letzten
Drittel des neunzehnten Jahrhunderts stark ausgepragt.
Im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts konnen Sie durch
eine intime geschichtliche Betrachtung Merkwiirdiges finden. Wenn
wir betrachten, was in jener Literatur, in jenem Schrifttum erscheint,
das von alien denen gelesen wird, die an der Gestaltung des Geistes-
lebens teilnehmen, so finden wir, dafi im letzten Drittel des neunzehn-
ten Jahrhunderts, bis in dieMitte der achtziger, neunziger Jahre hinein,
innerhalb des deutschen Sprachgebietes ein ganz anderer Stil in den
Journalen, sogar in den Zeitungen geherrscht hat als heute. Damals war
ein Stil, der Gedanken ziselierte, Gedanken ausgestaltete, der etwas
darauf gab, gewisse Gedankengange zu verfolgen; der sogar etwas dar-
auf gab, Schonheit in den Gedanken zu haben. Heute ist unser Stil auf
den entsprechenden Gebieten, verglichen mit dem letzten Drittel des
neunzehnten Jahrhunderts, roh und grob geworden. Man braucht nur
irgend etwas, was es auch sei, aus den sechziger, siebziger Jahren von
Menschen, die nicht gelehrt, nur allgemein gebildet waren, in die Hand
zu nehmen und Sie werden diesen grofien Unterschied finden. Die Ge-
dankenformen sind andere geworden. Aber das, was heute roh und
grob ist, ist doch gerade aus dem hervorgegangen, was oftmals fein
ziseliert und geistreich im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts
innerhalb der gelehrten Bildung iiblich war. Gerade damals sehen wir
etwas heraufziehen; und diejenigen, die heute zu den alteren Jahrgan-
gen gehoren, ohne im Sinne des heutigen Geisteslebens selber alt gewor-
den zu sein, die haben es auch erlebt: Was dazumal so furchtbar einzog
in alles Geistesleben, das ist^, was ich, symbolisch charakterisiert, die
Phrase nennen mochte.
An dieser Phrase entwickelten sich die Gedankenlosigkeit, die Gesin-
nungslosigkeit und die Willenslosigkeit, die heute auf dem Wege sind,
immer grofier und grower zu werden. In erster Linie gingen diese Dinge
aus der Phrase hervor. Sie konnen auch aufierlich verfolgen, wie sich
die Phrase hauptsachlich im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhun-
derts herausgebildet hat. Die Dinge brauchen Ihnen nicht sympathisch
zu sein, die da und dort in einem Zeitalter auf treten. Aber auch, wenn
sie einem nicht sympathisch sind, kann man sie in ihrer Bedeutung fur
den ganzen Menschenzusammenhang beobachten.
Nehmen Sie die innigen, wunderbaren Tone, die im ersten Drittel
des neunzehnten Jahrhunderts etwa in der deutschen Romantik anzu-
treffen waren, nehmen Sie das manchmal wie aus frischer, gesunder
Waldesluft heraus wehende Reden iiber Geistiges bei einem Menschen
wie Jakob Grimm, und Sie werden sagen: Da herrschte in Mitteleuropa
noch nichts von Phrase. Die zieht erst im letzten Drittel des neunzehn-
ten Jahrhunderts in Mitteleuropa ein. Wer dafiir eine Empfindung hat,
der weifi schon, wie allmahlich die Zeit der Phrase heraufgekommen
ist. Und wo die Phrase zu herrschen beginnt, da erstirbt die innerlich
seelisch erlebte Wahrheit. Und mit der Phrase geht einher ein anderes:
Der Mensch kann den Menschen nicht mehr finden im sozialen Leben.
Meine lieben Freunde! Wenn der Ton aus dem Munde klingt so,dafi
er nicht Seele hat - wie es bei der Phrase der Fall ist -, dann gehen wir
als Mensch neben dem anderen Menschen einher und konnen ihn nicht
verstehen. Das ist eine Erscheinung, die auch wieder im letzten Drittel
des neunzehnten Jahrhunderts ihren Hohepunkt erlangt hat; nicht in
den Seelentiefen drunten, aber im Bewufksein, Die Menschen wurden
einander fremd und immer fremder. Wenn damals immer lauter der
Ruf nach sozialen Impulsen und Reformen ertonte, so ist das ein Sym-
ptom dafiir, daft die Menschen unsozial geworden waren. Weil sie das
Soziale nicht mehr fiihlten, drangte es sie, nach dem Sozialen zu
schreien. Das Tier, das hungrig ist, schreit nicht nach der Nahrung, weil
es die Nahrung im Magen hat, sondern weil es sie nicht hat. Die Seele,
die nach dem Sozialen schreit, schreit nicht, weil sie vom Sozialen
durchdrungen ist, sondern weil sie diese Empfindung nicht hat. So
wurde der Mensch nach und nach zu dem Wesen, dessen man sich heute
nicht bewufit ist; aber im weitesten Umfang ist die Tatsache zwischen
Mensch und Mensch herrschend, dafi man gar nicht mehr das Bediirf-
nis hat, anderen Menschen seelisch nahezutreten. Die Menschen gehen
alle aneinander vorbei. Das meiste Interesse hat jeder Mensch nur an
sich selber.
Was ist denn ganz besonders iiblich geworden im letzten Drittel des
neunzehnten Jahrhunderts und dann aus diesem heraus in das zwanzig-
ste Jahrhundert heriibergekommen als soziales Empf inden von Mensch
zu Mensch? Einen Satz horen Sie heme immer wieder die Leute sagen:
Das ist mein Standpunkt. - Jeder hat einen Standpunkt. Als ob es dar-
auf ankame, was man fur einen Standpunkt hat! Der Standpunkt im
geistigen Leben ist namlich ebenso voriibergehend wie der Standpunkt
im physischen Leben. Gestern stand ich in Dornach, heute stehe ich
hier. Das sind zwei verschiedene Standpunkte im physischen Leben.
Es kommt darauf an, dafi man einen gesunden Willen und ein gesundes
Herz hat, um die Welt von jedem Standpunkte aus betrachten zu kon-
nen. Aber die Menschen wollen heute nicht das, was sie von den ver-
schiedenen Standpunkten aus gewinnen konnen, sondern wichtiger ist
ihnen die egoistische Behauptung ihrer Standpunkte. Damit schliefk
man sich aber in der rigorosesten Weise von seinem Nebenmenschen
ab. Sagt einer etwas, geht man nicht ein auf das, was er sagt, denn man
hat ja seinen Standpunkt. Aber dadurch kommt man sich nicht naher.
Naher kommt man sich, wenn man seine verschiedenen Standpunkte
in eine gemeinsame Welt hineinzustellen weifi. Aber diese gemeinsame
Welt fehlt heute ganz. Eine gemeinsame Welt fur den Menschen findet
sich nur im Geiste. Und der fehlt.
Das ist das zweite, und das dritte ist: Wir sind im Grunde genom-
men im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts als mhtelcuropaische
Menschheit nach und nach doch recht willensschwach geworden, wil-
lensschwach in dem Sinne, dafi der Gedanke nicht mehr die Kraft ge-
winnt, den Willen so zu stahlen, daft der Mensch, der doch ein Gedan-
kenwesen ist, die Welt aus seinen Gedanken heraus zu gestalten vermag.
Wenn davon gesprochen wird, dafi die Gedanken blafi sind, sollte
man daraus aber nicht den Schlufi ziehen, dafi man keine Gedanken
braucht, um als Mensch zu leben. Die Gedanken sollten nur nicht so
schwach sein, dafi sie im Kopfe oben sitzen bleiben. Sie sollten so stark
sein, dafi sie durch das Herz und durch den ganzen Menschen bis in
die Fufie hinunter stromen; denn es ist wahrhaft besser, wenn statt
blofier roter und weifier Blutkiigelchen auch Gedanken unser Blut
durchpulsen. Es ist gewifl wertvoll, wenn der Mensch auch ein Herz
hat und nicht blofi Gedanken. Aber das Wertvollste ist, wenn die Ge-
danken ein Herz haben. Das haben wir jedoch ganz verloren. Die Ge-
danken, welche die letzten vier bis fiinf Jahrhunderte gebracht haben,
konnen wir nicht mehr ablegen; aber diese Gedanken miissen auch ein
Herz bekommen.
Und sehen Sie, jetzt will ich Ihnen ganz aufierlich einmal sagen,
was in Ihren Seelen lebt. Sie sind herangewachsen, haben die altere
Generation kennengelernt. Diese altere Generation hat sich in Worten
dargestellt. Sie konnten nur Phrasen horen. In dieser alteren Genera-
tion stellte sich Ihnen ein unsoziales Element dar. Der eine ging an dem
anderen vorbei. Und in dieser alteren Generation stellte sich Ihnen
auch dar die Ohnmacht des Gedankens, den Willen, das Herz zu durch-
pulsen.
Mit der Phrase, mit dem antisozialen Konventionalismus und mit
der blofienLebensroutine statt derHerzens-Lebensgemeinschaft konnte
man so lange sich halten, als noch die Erbschaft der vorigen Genera-
tionen vorhanden war. Diese Erbschaft war ungefahr am Ende des
neunzehnten Jahrhunderts dahin. So war fur Sie nichts da, was zu der
eigenen Seele sprechen konnte. Sie fiihlten aber, dafi in den Tiefen ge-
rade in Mitteleuropa etwas vorhanden ist, was das tiefste Bediirfnis
hat, wiederum zu dem zuriickzufinden, was einmal jenseits der Phrase
gelebt hat, jenseits der Konvention, jenseits der Routine: das Bediirfnis,
wiederum Wahrheit zu erleben, wiederum menschliche Gemeinschaft
zu erleben, wiederum Herzhaftigkeit des ganzen Geisteslebens zu emp-
finden. Wo ist denn das? So sagt eine Stimme in Ihrem Innern.
Und wurde dies auch nicht klar und deutlich ausgesprochen, so hat
man doch oftmals in der Zeit der Morgendammerung des zwanzigsten
Jahrhunderts, wenn ein junger und ein alter Mensch nebeneinander
standen, den alten sagen horen: Das ist mein Standpunkt. - Ach, die
Menschen hatten allmahlich, als das neunzehnte Jahrhundert zu Ende
ging, alle, alle ihren Standpunkt. Der eine war Materialist, der andere
Idealist, der dritte Realist, der vierte Sensualist und so weiter. Aber
allmahlich unter der Herrschaft von Phrase, Konvention und Routine
waren die Standpunkte auf einer Eiskruste angekommen. Die geistige
Eiszeit war gekommen. Nur, dafi das Eis dunn war, und da die Stand-
punkte der Menschen die Empf indung fur ihr eigenes Gewicht verloren
hatten, so durchbrachen sie nicht die Eiskruste. Sie waren aufierdem in
ihrem Herzen kalt, sie erwarmten auch die Eiskruste nicht. Die Jiinge-
ren standen neben den Alten, die Jiingeren mit dem warmen Herzen,
das noch nicht sprach, das aber warm war. Das durchbrach die Eis-
kruste. Und der Jiingere f unite nicht: Das ist mein Standpunkt, - son-
dern der Jiingere fuhlte: Ich verliere denBoden unter den Fiifien. Meine
eigene Herzenswarme bricht dieses Eis auf, das sich zusammengezogen
hat aus Phrase, Konvention und Routine. - Wenn auch dieses Gefiihl
nicht deutlich ausgesprochen wurde - denn heute wird nichts deutlich
ausgesprochen -, so war diese Erscheinung doch seit langem vorhanden
und ist auch in der Gegenwart vorhanden.
Am schwierigsten hat es in dieser Beziehung derjenige, der heute
versucht, aus seiner gelehrten Bildung heraus sich in die Zeit hineinzu-
finden. Was sich dem darbietet, das sind die ganz bewufk als «herzlose»
Gedanken angestrebten Gedanken. Gewissen Dingen gegeniiber hat
man es allmahlich dazu gebracht, bewufit herzlose Gedanken anzustre-
ben. - Wenn man aus dem Geiste heraus redet, mufi man manchmal die
Worte etwas anders formen, als man dies heute tut, indem man uber
dieses und jenes etwas vor den Menschen aufierordentlich Logisches,
Philosophisches, Wissenschaftliches sagt. Das ist aber manchmal etwas,
das vom Geistigen aus gesehen etwas hochst Unanstandiges ist. Und zu
so etwas, was vor dem Geistigen hochst unanstandig ist, gehort zum
Beispiel das Folgende.
Die Leute sagen heute: Das ist kein richtiger Wissenschafter, der
nicht ganz logisch die Beobachtung und das Experiment interpretiert,
der nicht von Gedanke zu Gedanke fortschreitet, wie sie nur nach den
richtig ausgestalteten Methoden fortschreiten diirf en. Der ist kein rich-
tiger Denker, der das nicht tut. - Wie aber, meine lieben Freunde, wenn
die Wirklichkeit eine Kunstlerin ware und unserer ausgestalteten dia-
lektischen und experimentellen Methoden spottete, wenn die Natur
selber nach Kunstimpulsen arbeitete? Dann miifite der Natur wegen
die menschliche Wissenschaft zur Kiinstlerin werden, sonst kame man
der Natur nicht bei! Das aber ist ja nicht der Standpunkt der heutigen
Wissenschafter. Deren Standpunkt ist: Mag die Natur eine Kiinstlerin
sein oder eine Traumerin, das ist uns gleichgiiltig; wir befehlen, wie
Wissenschaft zu treiben ist. Was geht es uns an, ob die Natur eine
Kiinstlerin ist? Das geht uns gar nichts an, denn das ist nicht unser
Standpunkt.
Ich kann Ihnen zunachst nur einige Empfindungen schildern, um zu
zeigen, was da alles in chaotischer Weise durcheinanderstrebte, als das
zwanzigste Jahrhundert herankam, jenes Jahrhundert, das Sie, meine
jiingeren Freunde, vor harte innere Seelenpriifungen gestellt hat. Was
uns an aufieren Ereignissen entgegengetreten ist, einschliefilich des
furchtbaren, grausigen Weltkrieges, ist ja nur der aufiere Ausdruck
dessen, was in der heutigen, zivilisierten Welt im Inneren der Seelen
herrscht. Das ist nun einmal so. Dessen miissen wir uns bewulk werden.
Wir miissen uns auch dessen bewufk werden, da£ wir vor alien Dingen
etwas zu suchen haben, wonach das tiefste Seelenwesen - wie Ihr Spre-
cher ganz richtig gesagt hat - gerade Deutschlands sich sehnt, das aber
gerade innerhalb Deutschlands, je mehr die neueste Zeit herankam,
aus dem Bewu£tsein heraus verleugnet worden ist. Wir haben nicht nur
Goethe, wir haben auch vieles aus dem Mittelalter verloren, aus dem
Goethe herausgewachsen ist, und wir miissen das wiederfinden. Und
auf die Frage: Warum sind sie heute hierher gekommen? - mochte ich
die Antwort geben: Um das zu finden. Denn Sie sind eigentlich auf der
Suche nach etwas, was da ist. Goethe hat die Frage beantwortet, wel-
ches Geheimnis das wichtigste ist: «Das offenbare!» Es kann aber erst
offenbar werden dadurch, daft man die Augen dafiir offnet. - Es sind
schon vorzugsweise innere Angelegenheiten, innere Sehnsuchten, um
die es sich bei Ihnen handelt, wenn Sie sich recht verstehen. Und ob
sich der Einzelne padagogisch oder in einer anderen Weise auszuleben
hat, darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, dafi alles, was
heute die Menschen suchen, die wiederum ganz Mensch werden wollen,
aus dem gemeinsamen Zentrum echten Menschentums heraus gesucht
und gefunden werde. Dazu wollen wir uns eben hier zusammenfinden.
Nicht wahr, es ist ja doch etwas anderes, wenn in friiheren Jahrhun-
derten die Menschen - nehmen wir etwas Radikales - einen Giordano
Bruno verbrannt haben. Denn das war dazumal die ubliche Art, Wahr-
heiten zu widerlegen. Vergleichen Sie das, um jetzt gerade auf wissen-
schaftlichem Gebiete ein Beispiel zu nehmen, mit dem Fall des schwa-
bischen Arztes Julius Robert Mayer. Dieser kam auf einer Weltreise in
Siidasien durch die Beobachtung des Blutes auf eine Anschauung, die
man heute als die von dem Aquivalent der Warme, von der Erhaltung
der Kraft bezeichnet. Im Jahre 1844 schrieb er diese Sache auf, und
seine Abhandlung wurde von der beriihmtesten naturwissenschaftli-
chen Zeitschrift jener Zeit, den «Poggendorf , schen Annalen», als dilet-
tantisch, als ungeeignet zuriickgewiesen! Und weil Julius Robert Mayer
fur seine Wahrheit so begeistert war, dafS er immer, wenn ihm jemand
auf der Strafie begegnete, davon zu sprechen anfing, so meinten die
Fachgenossen, er leide an fixen Ideen. Er wurde bekanntlich fur irr-
sinnig erklart und in ein Sanatorium gebracht. Heute kann man nach
Heilbronn gehen und findet dort das Robert-Mayer-Denkmal. Die
Leute sagen heute, er habe das grofite physikalische Gesetz der neueren
Zeit gefunden. Meinetwillen, das alles konnte passieren. Irrtum ist na-
tiirlich etwas, dem die Menschheit verfallen kann. Das Wesentliche
aber ist, wie phrasenhaft, wie konventionell und wie aus einer blofien
Lebensroutine heraus so etwas heute beurteilt wird.
Nehmen Sie die Darstellungen, in denen der furchtbar tragische
Fall dieses so schrecklich Belachten geschildert wird. Lesen Sie, was im
neunzehnten Jahrhundert dariiber geschrieben wurde und halten Sie
eine heutige Darstellung dagegen. Was da geschehen ist, ist mit abstrak-
ten Schilderungen nicht abgetan. Wer ein Herz im Leibe hat und die
heutigen Schilderungen liest oder hort, dem ersterben innerlich alle
Haltekrafte, und ein furchtbarer Impuls tut sich in der Seele auf.
Die Menschen miissen wiederum dazu kommen, stark fiihlen zu
konnen: schon - hafilich, gut - bose, wahrhaftig - verlogen. Sie miis-
sen dazu kommen, das nicht schwachlich zu fiihlen, sondern stark zu
fiihlen, so da£ sie mit ihrem ganzen Menschen darin stehen, dafi wie-
derum Herzblut in den Worten ist. Dann zerstiebt die Phrase und man
fiihlt wieder den anderen Menschen in sich, nicht blofi sich selbst; dann
zerstiebt die ^Convention, und man kann wiederum das, was man im
Kopfe hat, durchpulsen lassen von seinem Herzblut. Dann zerstiebt
das blofie Routineleben, und das Leben wird wieder menschlich.
Alles das fiihlt die Jugend im zwanzigsten Jahrhundert. Sie suchte,
sah sich aber in einem Chaos. Diese Dinge lassen sich nicht durch die
aufiere Geschichte charakterisieren. Wir haben am Ende des neunzehn-
ten Jahrhunderts einen grofien Knotenpunkt in der inneren Entwicke-
lung der Menschheit. Die Seelen, die kurz vor oder kurz nach der Jahr-
hundertwende geboren wurden, sind innerlich ganz anders konstruiert
als die noch im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts gebore-
nen. Davon kann man sprechen, in einer gewissen Art Vergleiche an-
stellen, wenn man eben, trotzdem sich Jahr auf Jahr gehauft hat im
Lebensgange, sich nicht hat alt werden lassen.
So wollen wir morgen zunachst sehen, wie sich die neue Generation
nicht an die alte Generation angeschlossen hat, sondern durch einen
Abgrund von ihr getrennt ist. Nicht anklagen, sondern nur begreifen
wollen wir. Ich will nicht einmal anklagen, wenn ich so etwas ausspre-
che, wie das grofie Tragische, das Julius Robert Mayer geschehen ist.
Es ist vielen so gegangen. Das soli also keine Anklage sein; aber wir
sollen verstehen. Das ist das Wichtigste: dafi man versteht, was man
tief innerlich erlebt; denn das kann nicht mehr lange so f ortgehen, dafi
nur ein unklares Suchen herrscht. Was kommen mufi, ist ein gewisses
Licht, das sich ausgiefien will iiber dem unklaren Suchen, aber ohne ins
Trockene, ohne ins Kalte hineinzukommen. Mit Bewahrung des Herz-
blutes mufi man Licht f inden konnen.
Ich mochte Ihnen auf keinem Gebiete irgend etwas Mystisches vor-
machen, sondern iiberall die Wahrheit zeigen, die Wahrheit im Geiste.
Sie wissen ja, unter den vielen Phrasen, die im neunzehnten Jahrhun-
dert sich geltend gemacht haben, ist auch diese: Der grofie Pionier des
neunzehnten Jahrhunderts hatte sein Leben damit beschlossen, dafi er
der Nachwelt zurief : «Mehr Licht !». Das werde ich Ihnen nicht sagen,
denn das hat Goethe nicht gesagt. Goethe lag in seinem Liegestuhl,
atmete schwer und sagte: «Macht die Fenster laden auf!». Das ist die
Wahrheit. Das andere ist die Phrase, die sich daran gegliedert hat. Viel-
leicht ist der wahre Ausspruch Goethes besser zu gebrauchen als die
Phrase: «Mehr Licht!». Es ist eben durch dasjenige, was am Ende des
neunzehnten Jahrhunderts vorgefunden werden konnte, die Empfin-
dung entstanden: die uns vorangegangen sind, haben ja die Fenster-
laden zugemacht! Und da kam die junge Generation und fiihlte sich
beengt, hatte das Gefuhl, es miissen die Fensterladen aufgemacht wer-
den, die die alte Generation so fest zugeschlossen hat. Ja, meine lieben
Freunde, ich mochte Ihnen versprechen, wenn ich auch alt bin, im fer-
neren davon zu reden, wie wir nun versuchen konnen, die Fensterladen
aufzukriegen.
Davon wollen wir also morgen weiterreden.
ZWEITER VORTRAG
Stuttgart, 4,Oktober 1922
Wenn man heute von der Bewegung unter der Jugend spricht, kann
man deutlich unterscheiden die weiterejugendbewegung und die engere
Jugendbewegung, die man die Bewegung der Jugend an den Hochschu-
len nennen kann, derjenigen Jugend, welche den Schulen, dem Padago-
gischen iiberhaupt im weiteren Sinne zustrebt. Nicht weil ich das eine
oder andere besonders betonen mochte, sage ich das, sondern weil wir
zu dem, wozu wir kommen miissen, am leichtesten kommen, wenn wir
zunachst einmal auf die Hauptschwierigkeiten des inneren Lebens hin-
sehen, wie sie sich namentlich unter der Universitats- und Hochschul-
jugend geltend gemacht haben.
Wir werden bei diesen Betrachtungen manchmal von Einzelheiten
des Lebens ausgehen und uns dann rasch zu einem grofieren Oberblick
erheben miissen. Daher gestatten Sie mir, dafi ich zunachst ein paar
Worte iiber die Erfahrungen sage, die gerade die Universitats jugend in
ihren Seelen durchgemacht hat. Im Grunde genommen hat sich das
schon seit vielen Jahrzehnten vorbereitet; nur ist es in dem allerletzten
Jahrzehnt zu einem Hohepunkt gestiegen, so dafi man es deutlicher
wahrnehmen konnte.
Die Universitatsjugend sucht etwas. Es ist nicht weiter wunderbar,
dafi sie etwas sucht, denn man kommt ja zur Hochschule, weil man
etwas sucht. Sie suchte nach lehrenden Fuhrern - man konnte auch
sagen nach fuhrenden Lehrern -, und die Jugend fand keine fuhrenden
Lehrer. Und das war das ganz Furchtbare, das man in die verschieden-
sten Worte kleidete, das der eine konservativ, der andere radikal aus-
sprach, der eine, indem er etwas sehr Weises, der andere, indem er eine
grofte Dummheit sagte. Das wurde so ausgesprochen: Wir finden ja
keine Lehrer mehr.
Was fand man denn, wenn man an die Hochschule kam? Man fand
die, die da war en, aber in denen man das, was man suchte, nicht fand.
Sie waren stolz darauf, nicht mehr eigentliche Lehrer zu sein, sondern
Forscher. Die Universitaten und Hochschulen etablierten sich als For-
scheranstalten. Sie waren gar nicht mehr fiir die Menschen da. Sie
waren nur fiir die Wissenschaft da, und die Wissenschaft fiihrte ein
Dasein unter den Menschen, das sie als objektiv bezeichnete. Sie bleute
den Menschen in alien Tonarten ein, daJ& sie zu respektieren sei als ob-
jektive Wissenschaft. Man mu£ solche Dinge manchmal etwas bildlich
aussprechen. Die objektive Wissenschaft ging also jetzt unter den Men-
schen herum; aber die objektive Wissenschaft war ganz sicher kein
Mensch, sondern es ging etwas Unmenschliches unter den Menschen
herum und nannte sich objektive Wissenschaft.
Das konnte man in den Einzelheiten immer wieder erleben. Wie oft
heifites: Das ist schon gefunden, das gehort schon der Wissenschaft an. -
Ein anderes wird zur Wissenschaft hinzugefunden, und diese sogenann-
ten Schatze der Wissenschaft sind dann ein Aufgespeichertes, das sich
allmahlich dieses schreckliche, objektive Dasein in der Menschheit er-
rungen hat. Aber die Menschen passen nicht zu dieser objektiven unter
ihnen herumstolzierendenWesenheit,denn es gibt kein eigentliches Ver-
haltnis des wahren, echten Menschen zu dieser objektiv-kalten Wesen-
heit, die in der verschiedensten Weise aufgespeichert ist. Wir haben
nach und nach zwar die Bibliotheken und wissenschaftlichen For-
schungsinstitute bekommen. Aber insbesondere der junge Mensch sucht
doch nicht die Bibliotheken, auch nicht die wissenschaftlichen For-
schungsinstitute, sondern er sucht in den Bibliotheken - man bringt das
Wort fast gar nicht heraus - die Menschen und er findet dort: Biblio-
thekare! Er sucht in den wissenschaftlichen Forschungsinstituten die
fiir die Weisheit, fiir die wirkliche Erkenntnis begeisterten Menschen
und findet diejenigen, die man halt in den Laboratorien, in den wissen-
schaftlichen Forschungsinstituten, Kliniken und so weiter findet. Die
Alten haben es sich allmahlich angewohnt, so bequem zu sein, daft sie
eigentlich gar nicht mehr da sein wollen, sondern ihre Institute, ihre
Bibliotheken sollen da sein. Aber der Mensch kann das nicht zustande-
bringen. Wenn er auf diese Art nicht da sein will, dann ist er erst recht
da, dann wirkt er statt durch dasMenschliche durch diebleierne Schwere.
Man konnte es noch auf andere Weise aussprechen: Die Menschen
streben zu der Natur hin. - Aber, um gleich ein radikales Beispiel zu
nehmen: Die Natur ist auch um das ganz kleine Kind herum da. Nur
hat das ganz kleine Kind seelisch-geistig nichts von der Natur und
kann erst dadurch etwas von ihr erhalten, dafi es mit Menschen in Be-
ziehung kommt, mit denen es gemeinsam die Natur erleben kann. Das
gilt in gewissem Sinne auch noch bis in sehr alte Jugendjahre hinein.
Man mufi mit Menschen zusammenkommen, mit denen man gemeinsam
die Natur erleben kann. Das konnte man aber in den letzten Jahrzehn-
ten aus dem Grunde nicht, weil es keine Sprache gab, in der man skh
von der Jugend bis zum Alter hin iiber die Natur verstandigen konnte.
Wenn die Alten iiber die Natur sprechen, so ist das so, als ob sie da-
durch die Natur verdunkelten, als ob die Namen, die sie den Pflanzen
geben, nicht mehr zu den Pflanzen pafiten. Es stimmte nichts mehr.
Man hatte auf der einen Seite das Ratsel «Pflanze» vor sich; dann horte
man den Namen von den Alten, aber das stimmte nicht, weil eben der
Mensch ausgeschaltet war, weil die objektive Wesenheit «Wissenschaft»
auf der Erde herumwandelte. Das war langsam und allmahlich gekom-
men. Die letzten Jahrzehnte haben aber eine gewisse Kulmination ge-
bracht.
Was im neunzehnten Jahrhundert zu einer gewissen Kulmination
gekommen ist,zeigt sich ganz bedeutsam in einer einzelnenErscheinung.
Wenn man ein bifichen Phantasie hatte und sich in dem hoheren Bil-
dungswesen der letzten Jahrhunderte herumbewegte, dann machte man
alle Augenblicke die Bekanntschaft dieser objektiven Wesenheit «Wis-
senschaft», die in den verschiedensten Formen auftrat, aber immer die
eine, die einzige, die wirkliche objektive Wissenschaft sein wollte. Und
wenn man diese Bekanntschaft gemacht hatte, wenn einem immer wie-
der diese objektive Wissenschaft vorgestellt worden war, dann hatte
man die Einsicht, dafi sich eine andere Wesenheit verschamt seitwarts
hinwegschlich, weil sie sich nicht mehr geduldet fiihlte. Die sagte einem
dann doch, wenn man aufgestachelt wurde, hinten im Verborgenen mit
ihr zu reden: Ich habe einen Namen, der sich vor der objektiven Wis-
senschaft nicht mehr nennen darf . Ich heifie Philosophic, heifie Sophia,
Weisheit. Ich habe halt den schandlichen Vornamen von der Liebe und
habe etwas, das schon durch seinen Namen angenagelt ist, dafi es etwas
zu tun hat mit menschlicher Innerlichkeit, mit der Liebe. Ich kann mich
nicht mehr sehen lassen, ich mufi verschamt herumgehen. Die «objek-
tive Wissenschaft» prunkt damit, dafi sie nichts mehr von «Philo» in
sich hat. Sie hat zum Denkzeichen nun auch die eigentliche «Sophia»*
verloren. Aber nun gehe ich so herum, denn ich trage noch etwas Ho-
nes von Gefuhl und Menschlichkeit in mir.- Das ist ein Bild, das einem
ofter vor die Seele treten konnte. In solchen Bildern lebt sich aus, was
unbestimmt gefiihlt worden ist von unzahligen jungen Menschen der
letzten Jahrzehnte.
Immer wurde gesucht, einen Ausdruck zu finden - so wie es einen
Ausdruck im Vorstellen, einen Ausdruck im Empfinden, Fiihlen gibt -
fur das, was man eigentlich sucht. Diejenigen, die vielleicht am enthu-
siastischsten waren in den letzten Jahrzehnten, die am meisten junge
Warme in sich fiihlten, die ergingen sich in den unbestimmtesten Aus-
driicken, weil sie eigentlich nur wufken: Wir suchen etwas. Aber wenn
sie ausdrii cken wollten, was sie suchten, so war es eigentlich nichts. Das
«Nichts» war zwar wirklich nach den Faustworten «das All», aber es
prasentierte sich als ein Nichts. Man mufite iiber einen Abgrund. Das
war die Empfindung und das ist im Grunde genommen auch heute
noch die Empfindung. Diese Empfindung kann man nicht anders ver-
stehen als historisch, aber nicht historisch im alten Sinne, sondern histo-
risch im neuen Sinne.
Nun will ich von etwas ganz anderem reden, aber die Dinge werden
sich uns allmahlich zusammenschliefien. Etwa im Beginne unserer Zeit-
rechnung konnte sich der Mensch noch ganz anders fiihlen als heute,
weil in diesem Fiihlen und Empfinden noch viel Altes steckte. Man
hatte in der Seele Erbschaften. Diese Erbschaften hatte man nicht nur
im Beginne unserer Zeitrechnung, sondern noch bis tief ins Mittelalter
hinein. Jetzt aber werden die Seelen in die Welt hineinversetzt ohne
Erbschaften. Besonders stark ist dies im neuen Jahrhundert zu spiiren,
dafi die Seelen ohne Erbschaften in die Welt hineinkommen. Das auf
der einen Seite. Auf der anderen Seite: Meine lieben Freunde, fragen
Sie einmal bei denjenigen, die im Beginne unserer Zeitrechnung gelebt
haben, ob sie viel iiber das gesprochen haben, was man heute zusam-
menfafit in das Wort Erziehung. Von Erziehung wird um so weniger
gesprochen, je weiter man in die Vergangenheit zuriickkehrt. Man kann
* <piXa> — idi liebe, ffcogiia = "Weisheit.
natiirlich in verschiedener Weise von Erziehung sprechen. Man kann
von der Erziehung auch in der Weise sprechen, dafi man sagt, durch
die Erziehung soli sich die Jugend allmahlich zu dem heranbilden, was
man dann im Alter sein mochte. Denn schliefilich mufi man im Erden-
leben alt werden, wenn wir auch noch so jung sind.
In friiheren Zeiten sind eben die Menschen auf eine selbstverstand-
lichere Art jung gewesen und alt geworden als heute. Heute leben die
Menschen eigentlich in einer Welt, in der sie gar nicht auf naturgemafie
Weise jung und alt sein konnen. Man weifi ja heute nicht mehr, wie
man jung und wie man alt ist. Man weifi gar nichts mehr davon und
deshalb redet man so unendlich viel von Erziehung, weil man gern
wissen mochte, wie man die Jugend jung macht, damit sie auf respek-
tierliche Art einmal alt werden kann. Aber man weifi nicht, wie man
die Dinge drehen soli, damit die Menschen jung sein und auf eine an-
standige Weise in der Jugend das aufnehmen konnen, was ihnen die
Moglichkeit gibt, spater in einer menschen wiirdigen Weise alt zu sein.
Das alles war vor Jahrhunderten in Selbstverstandlichkeit gegossen.
Heute redet man viel iiber Erziehung. Man weift oft nicht, wie absurd
es ist, wenn die Menschen iiber Erziehung reden. Warum redet heute
fast jeder iiber Erziehung? Meist nicht darum, weil er einsieht, dafi er
so schlecht erzogen ist, sondern weil er findet, daft er wegen seiner
schlechten Erziehung Schwierigkeiten im Leben hat. Und so reden die
Menschen iiber Erziehung, weil sie finden, sie seien unerzogen. Dieses
gesteht man sich ein; aber man hat niemals etwas Richtiges auf diesem
Gebiete erlebt. Dennoch mafit man sich ein Urteil dariiber an. Man
schreit nach Erziehungsprogrammen, weil man keine Sicherheit in sich
fiihlt. Man konnte immer darauf aufmerksam machen, wie eigentlich
iiberall ein starkes Wollen da ist, aber nirgends ein Inhalt dieses Wol-
lens. Gerade das fiihlt die Jugend, daft kein Inhalt dieses Wollens da ist.
Warum ist kein Inhalt da? Weil es eigentlich in der ganzen Erdenent-
wickelung erst seit kurzer Zeit etwas wirklich Neues gibt.
Da mufi ich allerdings auf etwas verweisen, was ich nur in grofien
Umrissen andeuten kann.Es wird Ihnen aber immer mehr vor dieSeele
treten, wenn Sie sich einmal meine «Geheimwissenschaft» anschauen.
Da werden Sie finden, dafi das Erdenwesen gezeigt wird als eine Erb-
schaft von anderem Weltendasein. Wie die Namen sind, ist gleichgiil-
tig. Ich habe sie Saturn-, Sonnen-, Monddasem genannt; aber das erste
Erdendasein war ja nur eine Wiederholung der friiherenWeltendaseine.
Man kann sagen: Drei Wiederholungsperioden hat es fur die Erde ge-
geben, eine Saturn-, eine Sonnen- und eine Mondenzeit. Dann kam die
eigentliche Erdperiode. Aber diese eigentliche Erdperiode, diese atlan-
tische Zeit, war wieder nur eine Wiederholung - auf hoherer Stufe -
von dem, was fruher schon dagewesen war.
Dann kam die nachatlantische Zeit. Man stieg zu einer noch hoheren
Stufe. Aber wieder war es eine Wiederholung dessen, was schon dagewe-
sen war.Es war die nachatlantische Zeit eine Repetition der Repetition.
Die Menschheit hat tatsachlich bis in das fiinfzehnte nachchristliche
Jahrhundert gelebt von lauter Repetitionen, von lauter Erbschaften.
Bis ins fiinfzehnte Jahrhundert hineinwarman seelisch kein unbeschrie-
benes Blatt. Es stiegen in den Seelen allerlei Dinge wie von selbst auf.
Erst vom f iinf zehnten Jahrhundert ab waren die Seelen unbeschriebene
Blatter. Seit dem fiinf zehnten Jahrhundert ist erst die Erde neu. Vorher
hat man von lauter Erbschaften auf der Erde gelebt. Das beachtet man
gewohnlich nicht, dafi erst seit dem fiinfzehnten Jahrhundert die Erde
neu ist. Fruher hat man immer vom alten gezehrt. Seit dem fiinfzehn-
ten Jahrhundert steht der Mensch vis-a-vis dem Nichts. Seine Seele ist
em unbeschriebenes Blatt. Und wie lebt man seit dem fiinfzehnten Jahr-
hundert? Zunachst hat man vom Vater auf den Sohn durch Tradition
fortgeerbt, was man fruher auf andere Weise fortgeerbt hat, so dafi vom
fiinfzehnten Jahrhundert bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein
immer noch Tradition da war. Aber es ist allmahlich immer schlimmer
geworden mit der Tradition. Sie konnen das an Einzelheiten sehen.
Nehmen Sie das Recht. So iiber Recht zu sprechen wie die heutige
Menschheit iiber Recht spricht, ware zum Beispiel einem Scotus Erigena
nicht eingef alien, weil man damals noch etwas in der Seele hatte, was
einen anleitete, dazu fiihrte, von Mensch zu Mensch zu sprechen. Das
gibt es nicht mehr, weil nichts mehr in der Seele da ist, das zum Men-
schen fiihrt, weil man noch nichts gefunden hat, was aus dem Nichts
herausfiihrt. Damals konnte es wenigstens der Vater noch dem Sohne
sagen. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts ist es aber so weit ge-
kommen, dafi der Vater dem Sohne nichts Ordentliches mehr zu sagen
hatte. Dann haben die Menschen zunachst krampfhaft nach dem soge-
nannten Vernunftrecht gesucht. Aus der Vernunft sollte herausgeprelk
werden, wie man zu Vorstellungen und Empfindungen iiber das Recht
kommt. Und dann haben andere, zum Beispiel Savigny, gefunden, dafi
man aus der Vernunft nichts mehr herauspressen konne. So kam man
zu dem historischen Recht. Man hat sich hingesetzt und studiert, was
friiher war, sich vollgepfropft mit den Gefiihlen, die die langst Gestor-
benen gehabt haben, weil man selber nichts mehr hatte. Das Vernunft-
recht war ein krampfhaftes Festhalten an dem, was man schon verloren
hatte. Das historische Recht war ein Eingestandnis, dafi man aus dem
Menschen der Gegenwart iiberhaupt nichts mehr herausbekommt. So
trat man ins zwanzigste Jahrhundert hinein, und da wurde das Gefuhl
immer arger: Man steht gegeniiber dem Nichts, und man mufi aus dem
Menschen heraus etwas finden.
In der alten griechischen Zeit hatte es niemand verstanden, wenn
man von objektiver Wissenschaft gesprochen hatte. Der Mensch hat
sein Verhaltnis zur Welt damals anders ausgedriickt. Er hat, auf geisti-
ges Schauen hinweisend, von Melpomene, von Urania, von den freien
Kiinsten gesprochen. Aber diese freien Kiinste, obwohl sie reale, wirk-
liche Wesen waren, waren nicht Wesen, die auf der Erde herumgingen.
Es war etwas sehr Konkretes, was der Grieche noch in der Zeit, als es
schon eine Philosophic gab, als sein Verhaltnis zur geistigenWelt fiihlte.
Es waren die Musen, die man eigentlich liebte, richtige Wesenheiten, zu
denen man als zu realen Wesen ein Verhaltnis hatte. Nicht aus einer
blofien Phrase heraus, wie die Neueren glauben, beginnt Homer seine
Ilias: «Singe mir, Muse, vom Zorn des Peleiden Achilleus.» Homer hat
sich wie eine Art von Schale gefiihlt und die Muse hat aus ihm gespro-
chen, als eine hohere Menschlichkeit ihn erfiillend.
Als Klop stock nicht mehr aus der Phrase, in die er zum grofien Teil
hineingeboren war,reden wollte,hat er wenigstens noch gesagt: «Sing',
unsterbliche Seele, der siindigen Menschheit Erl6sung.» Aber diese un-
sterbliche Seele ist den Menschen nach und nach auch entschwunden.
Das geschah langsam und allmahlich. In den ersten Jahrhunderten der
christlichen Entwickelung findet man, wie die konkreten Musen all-
mahlich furchtbar diirreDamen geworden sind. Grammatik, Dialektik,
Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astrologie und Musik, sie hatten alles
Konkrete verloren. Schon bei Boethius haben sie fast keine konkrete
Physiognomie mehr. Man kann sie eigentlich nicht mehr recht lieben.
Dennoch sind sie noch dralle Figuren im Vergleich mit der «objektiven
Wissenschaft», die heute unter den Menschen herumwandelt. Langsam
und allmahlich ist es so gekommen, dafi der Mensch das, was in alten
Zeiten sein Zusammenhang mit der geistigen Welt war, verloren hat.
Und er mufite es verlieren, denn er mufite sich einmal zur volligen Frei-
heit entwickeln, urn alles, was menschlich ist, aus sich selber heraus zu
gestalten. Zu dem ist er aufgefordert seit dem funfzehnten Jahrhun-
dert; aber recht gespiirt hat man es erst amEnde des neunzehnten Jahr-
hunderts und insbesondere im zwanzigsten Jahrhundert. Denn jetzt
waren nicht nur die Erbschaften, sondern auch die Traditionen weg.
Die Vater hatten sozusagen nichts mehr den Sohnen zu sagen. Jetzt
fuhlte man: Wir stehen gegeniiber dem Nichts. Man f Unite, dafi die
Erde im Grunde genommen neu geworden ist.
Man kann das, was ich jetzt ausgesprochen habe, noch auf eine an-
dere Weise aussprechen. Man kann namlich die Frage stellen, was aus
der Erde geworden ware, wenn das Christus-Ereignis nicht eingetreten
ware. Man nehme an, das Christus-Ereignis ware nicht gekommen.
Dann ware die Erde in dem seelisch-geistigen Leben der Menschheit
allmahlich vertrocknet. Das Christus-Ereignis konnte nicht bis heute
warten; es mufite etwas friiher fallen als der Zeitpunkt, in dem alle
alten Erbschaften verbraucht waren, damit man mit den alten Erb-
schaften wenigstens noch das Christus-Ereignis empfinden konnte. Sie
brauchen sich nur vorzustellen: Wenn am Ende des neunzehnten oder
im zwanzigsten Jahrhundert so etwas gekommen ware wie ein Christus-
Ereignis, wie es im Beginne unserer Zeitrechnung gekommen ist, was
hatten da die Menschen unserer Zeit fur ein Hohngelachter angestimmt
gegeniiber der Pretention, dafi irgendein Ereignis eine Bedeutung haben
sollte wie das Christus-Ereignis! Es ist nicht auszudenken, was die Men-
schen empfunden hatten gegeniiber einer solchen Pretention. Zur Zeit
des Christus-Ereignisses mulke eine ganz andere Empfindung da sein.
Die Empfindung, gegeniiber dem Nichts zu stehen, durfte noch nicht
da sein. Das Christus-Ereignis trat ein im ersten Drittel des vierten
nachatlantischen Kulturzeitraumes. Und mit demselben vierten Kul-
turzeitraum, dessen erstes Drittel das Christus-Ereignis tragt, war das
Alte f ertig.
Ein Neues beginnt im fiinfzehnten Jahrhundert mit dem fiinften
nachatlantischen Kulturzeitraum, in dem wir jetzt darinstehen. In ihm
gibt es keine Traditionen; sie sind allmahlich verglommen. Jetzt steht
man gegeniiber dem Christus-Ereignis, gegeniiber den tieferen, intime-
ren religiosen Fragen ganz deutlich vor dem Nichts. Denn allmahlich
ist es selbst fiir die Theologen ganz unmoglich geworden, das Christus-
Ereignis zu verstehen. Versuchen Sie heute einmal, aus der zeitgenossi-
schen Theologie heraus irgendeine verstandliche Vorstellung zu gewin-
nen iiber das Christus-Ereignis! Als die grofiten Theologen gelten heute
diejenigen, die den Christus aus dem Jesus wegdisputieren. Es tritt ganz
deutlich hervor, dafi man vor dem Nichts steht.
Was ich sage, sind alles nur die Symptome, denn diese Dinge gehen
in den tieferen Schichten des menschlichen Seelenlebens vor sich. Diese
tieferen Schichten zaubern in die Seelen derjenigen Menschheit, die in
den letzten Jahrzehnten jung geworden ist, etwas herein, das man etwa
so ausdriicken kann: Der Mensch fiihlt sich wie abgekoppelt von dem
Strome des Weltgeschehens. Es ist schon etwas in der seelischen Ent-
wickelung des Menschen eingetreten, das mit einem furchtbaren Ruck
zu vergleichen ist.
Stellen Sie sich vor, meine Hand konnte selbstandig fiihlen, und sie
wiirde mir abgehackt. Was wiirde sie fiihlen? Sie wiirde sich abgehackt,
verdorrend fiihlen, sie wiirde sich nicht mehr als etwas Lebendiges fiih-
len. So fiihlt sich seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts
die Seele jenem allgemeinen Strome des Weltgeschehens gegeniiber wie
abgehauen, wie abgekoppelt, und die bange Frage steht vor dem Men-
schen: Wie werde ich wieder lebendig in der Seele?
Versucht man dann, aus den Impulsen heraus zu sprechen, die wieder
Leben bringen konnen, dann verstehen die Menschen, die im Sinne des
alten Geisteslebens so weiterhudeln wollen, das gar nicht. Wie wenig
wird eigentlich verstanden, was aus dem Leben heraus gesprochen wird
iiber so etwas wie die Begriindung der Waldorf schule! Da horen die
Leute zumeist etwas ganz anderes iiber die Waldorfschule, als was sie
horen sollten. Sie horen nur, dafi man zu ihnen so redet, wie man vor
Jahrzehnten auch schon geredet hat. Sie konnen ja die Worte, die man
heute iiber die Waldorfschule redet, in Biichern nachschlagen. Sie fin-
den alle diese Worte schon in den Biichern von friiher. Und wenn einer
andere Worte gebrauchen wollte oder nicht einmal andere Worte, son-
dern nur andere Satzfiigungen, so sagen die Leute, es sei eine schlechte
Sprache. Sie haben keine Ahnung von dem, was jetzt geschehen mufi,
wo die Menschheit, die noch Seele im Leibe hat, dem Nichts gegeniiber-
steht.
Was iiber Waldorfschul-Padagogik gesprochen wird, mufi man mit
anderen Ohren anhoren, als was man sonst iiber Erziehung hort, auch
iiber Reform-Erziehung. Denn auf die Fragen, die die Menschen jetzt
beantwortet haben wollen und die in den anderen Erziehungssystemen
gestellt und scheinbar beantwortet werden, gibt die Waldorfschul-
Padagogik uberhaupt keine Antwort! Worauf zielen diese Fragen?
Gewohnlich auf recht viel Vernunft, und Vernunft hat die Gegenwart
unermefilich viel. Vernunft, Intellekt und Gescheitheit sind ganz un-
geheuer verbreitete Artikel in der Gegenwart. Fragen wie die: Was
man aus dem Kinde machen soil? Wie man das oder jenes ins Kind hin-
einbringen soli? - werden furchtbar verniinftig beantwortet. Und das
lauft alles darauf hinaus: Was gefallt einem am Kinde und wie kriegt
man es zurecht, dafi es so wird, wie man es haben mochte? Aber das
hat fur den tieferen Entwickelungsgang der Menschheit keine Bedeu-
tung mehr! Auf solche Fragen gibt die Waldorfschul-Padagogik uber-
haupt keine Antwort.
Wenn man zunachst bildlich charakterisieren will, wie die Waldorf-
schul-Padagogik spricht, so mufi man sagen, dafi sie ganz anders spricht,
als man sonst in bezug auf Erziehung zu sprechen pf legt. Die Waldorf-
schul-Padagogik ist uberhaupt kein padagogisches System, sondern eine
Kunst, um dasjenige, was da ist im Menschen, aufzuwecken. Im Grunde
genommen will die Waldorf schul-Padagogik gar nicht erziehen, sondern
aufwecken. Denn heute handelt es sich um das Aufwecken. Erst miis-
sen die Lehrer aufgeweckt werden, dann miissen die Lehrer wieder die
Kinder und jungen Menschen aufwecken. Es handelt sich tatsachlich
um ein Aufwecken, nachdem die Menschheit abgekoppelt, abgeschniirt
worden ist von dem fortlaufenden Strome der Weltentwickelung. Wie
eine Hand einschlaf t, wenn sie abgeschniirt wird, so schlief die Mensch-
heit seelisch-geistig ein. Sie werden vielleicht einwenden, daft die Men-
schen es ja seit dem fiinfzehnten Jahrhundert weit gebracht haben, eine
riesige Gescheitheit entwickelt haben. Ja, ware der Weltkrieg nicht ge-
kommen - der zwar nicht in dem Mafie den Menschen Erlebnis gewor-
den ist, wie er es hatte sein konnen, durch den sie aber doch ein bifichen
wenigstens eingesehen haben, daft sie gar nicht so gescheit geworden
sind -, wer weift, wie oft man zu horen bekame: Wie haben wir es doch
so herrlich weit gebracht! - Das ware nicht mehr auszuhalten.
Es ist ja richtig: im Intellekt sind die Menschen seit dem funfzehn-
ten Jahrhundert furchtbar weit gekommen. Dieser Intellekt hat etwas
schauderhaft Verfiihrerisches, denn im Intellekt halten sich alle Men-
schen fur wach. Aber der Intellekt lehrt uns gar nichts iiber die Welt.
Er ist namlich in Wirklichkeit bloft ein Traum von der Welt. Im Intel-
lekte traumt man am allerstarksten, und indem die objektive Wissen-
schaft gerade am meisten mit dem Intellekt arbeitet, den sie auf Beob-
achtung und Experiment anwendet, traumt sie im Grunde genommen
iiber die Welt. Aber es bleibt beimTraumen. Man steht durch den Intel-
lekt in keiner objektiven Verbindung mehr mit der Welt. Der Intellekt
ist das automatische Fortdenken, nachdem man von der Welt langst
abgeschniirt ist. Deshalb sucht die gegenwartige Menschheit, wenn sie
ihre Seele in sich selber erfiihlt, wenn sie ein Gefiihl bekommt von sich
selbst in der Seele, wieder den Anschluft an die Welt, sucht wieder hin-
zukommen zurWelt. Hatte man bis ins fiinfzehnte Jahrhundert hinein
immer noch positive Erbschaften gehabt, so steht man jetzt vor einer
umgekehrten Erbschaft, vor einer negativen Erbschaft. Man macht
namlich eine eigentiimliche Entdeckung.
Bis ins fiinfzehnte Jahrhundert hinein konnten die menschlichen
Seelen das, was sie aus der Weltentwickelung heraus erbten,noch immer
mit einer gewissen Freude begriifien. Die Welt war bis dahin noch nicht
ganz abgerollt und man war noch nicht losgekoppelt. Man konnte das,
was man bekam, mit Freude begriifien. Auch heute, nach der Abkoppe-
lung, kann man sich besinnen auf dasjenige, was man ohne sein Zutun
von der Welt bekommt, aber man macht dabei eine ganz merkwtirdige
Entdeckung. Es geht einem wie dem, welcher eine Erbschaf t macht und
vergifit, sich genau zu informieren. Dann wird zusammengerechnet und
man entdeckt, dafi die Passiven die Aktiven iibersteigen. Man hat ver-
saumt, die Erbschaf t abzulehnen! Aber damit bekommt man eine so-
undso grofie Summe Schulden, die bezahlt werden miissen. Das ist eine
negative Erbschaf t; es gibt solche Falle. So hat auch die Menschheit in
ihrer Seele eine negative Erbschaft, sogar gegeniiber dem grofiten Er-
eignis, das sich in der Menschheit zugetragen hat.
Bis zum Mysterium von Golgatha haben die Menschen das Myste-
rium von Golgatha nicht zu verstehen gebraucht, denn es war nicht da.
Dann war es da, und aus den Resten der alten Erbschaften heraus
konnte man es in der Folgezeit noch abglimmend verstehen. Dann kam
das fiinfzehnte Jahrhundert, wo man solche Erbschaftsreste nicht mehr
hatte, wo aber der Vater auf den Sohn noch ein Verstandnis dafiir ver-
erben konnte, wie es sich mit dem Mysterium von Golgatha verhalt.
Heute hilft alles das nicht mehr. Die Menschen sind furchtbar gescheit;
aber so gescheit, um die Widerspriiche der vier Evangelien zu sehen,
waren ja die Menschen des siebten, achten Jahrhunderts auch gewesen.
Die Widerspriiche sind doch furchtbar leicht herauszufinden. Man hat
aber erst im neunzehnten Jahrhundert angefangen, diese Widerspriiche
zu untersuchen. So ist es auf alien Gebieten des Lebens. Der Intellekt
wurde iiberschatzt, und ein Bewufttsein, eine Empfindung vom Ereig-
nis von Golgatha ist verlorengegangen. Das religiose Empfinden ist im
Bewulksein verlorengegangen. Im tiefsten Innern hat aber die Seele
dieses Empfinden nicht verloren, und die Jugend will wissen: Wie war
es mit dem Mysterium von Golgatha? - Die Alten wufiten nichts dar-
iiber zu sagen. Ich sage nicht, dafi die Jugend etwas weifi und dafi man
etwas davon wisse auf den Universitaten. Ich sage, sie sollten etwas
davon wissen.
Wenn man das, was sich chaotisch in den lief en der Seelen abspielt,
in klare Worte falk, so ist es so: Im Innern der Seelen ist ein Streben,
das Mysterium von Golgatha wieder zu verstehen. Es wird ein neues
Christus-Erlebnis gesucht. Wlr stehen notwendigerweise vor dem neuen
Erleben des Christus-Ereignisses. In seiner ersten Gestalt ist es noch
erlebt worden mit den Resten der alten Seelenerbschaften, und da diese
seit dem fiinfzehnten Jahrhundert verbraucht sind, pflanzte es sich
durch Tradition fort. Erst im letzten Drittel des neunzehnten Jahr-
hunderts war die Verfinsterung vollstandig. Keine alten Erbschaften
waren mehr da. Es mufi aus der menschlichen Seelenverfinsterung her-
aus wieder ein Licht gesucht werden. Es mufi schon die geistige Welt
neu erlebt werden.
Das ist das bedeutsame Erlebnis, das den tief eren Naturen der gegen-
wartigen Jugendbewegung in der Seele steckt. Es ist durchaus nicht in
einem oberflachlichen, sondern in einem tieferen Sinne klar, dafi zum
ersten Male in der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit
jetzt etwas erlebt werden mufi, was ganz und gar aus den Menschen
selber heraus kommt. So lange man das nicht weifi, kann man auch
nicht iiber Padagogik reden. Man mufi sich klar sein dariiber, daft aus
der tiefsten Wurzel heraus gefragt werden mufi: Wie kommt man zum
urspriinglichsten geistigen Erleben in der Menschenseele?
Das urspriingliche geistige Erleben in der Menschenseele ist nun
etwas, was mit dem neuen Jahrhundert als das ganz umfassende und
unausgesprochene Menschen- und Weltenratsel vor dem Aufwachen
der Menschen dasteht. Es ist die Frage: Wie bringt der Mensch sein
Tiefstes, das er in sich hat, zum Aufwachen, wie kann der Mensch sich
erwecken? Man mochte sagen, die enthusiastischsten Geister der heran-
wachsenden Menschheit sind so-nur in einem Bilde kann ich es wieder
ausdriicken -, wie wenn jemand des Morgens halb aufwacht, alle seine
Glieder schwer sind und er im vollen Sinne des Wortes nicht heraus-
kann aus dem Schlafzustande. So fiihlt sich heute der Mensch: als nicht
ganz herauskonnend aus dem Schlafzustande.
Diese Tatsache liegt einem Streben zugrunde, das in den letzten
Jahrzehnten in mannigfaltigen Formen zum Ausdruck gekommen ist
und das in einer sympathischen Weise auch jetzt in diese Seelen hinein-
leuchtet.Es driickt sich in dem Gemeinschaftsstreben der jungen Mensch-
heit aus. Man sucht etwas. Ich habe gestern gesagt: Der Mensch hat
den Menschen verloren, der Mensch sucht wiederum den Menschen.
Bis ins fiinfzehnte Jahrhundert hatten die Menschen einander nicht
verloren. Wir konnen natiirlich die Weltentwickelung nicht zuriick-
schrauben; das ware audi etwas Furchtbares, wenn wir das tun wollten.
Reaktionare werden wir ganz sicher nicht werden. Aber wir mussen
doch sagen, bis in das funfzehnte Jahrhundert hinein konnten die Men-
schen den Menschen noch finden. Seit dem fiinfzehnten Jahrhundert
konnte man aus der Tradition und dem, was einem die Vater noch
sagen konnten, dunkle Gedankenbilder bekommen, die einen aufmerk-
sam machten: der andere ist ein Mensch. Man empfand es dunkel, dafi
diese Gestalt, die neben einem hergeht, doch auch ein Mensch ist. Mit
dem zwanzigsten Jahrhundert ist auch das verschwunden. Es gibt auch
keine Tradition mehr, die einem etwas sagt, und man sucht doch den
Menschen. Man sucht wirklich den Menschen. Warum? Weil man im
Grunde genommen etwas ganz anderes sucht.
Wenn die Dinge so f ortgehen, wie sie sich um die Jahrhundertwende
herum ergeben haben, dann wacht kein Mensch auf . Denn die anderen
sind auch so, dafi sie niemanden aufwecken konnen. Schliefilich mussen
die Menschen sich doch gegenseitig etwas sein. Auch in der Gemein-
schaft mussen sie sich gegenseitig etwas sein. Das ist es auch, was von
Anfang an durch alles das, was in der Waldorfschul-Padagogik lebt,
durchgeleuchtet hat. Sie sollte nicht ein System von Grundsatzen, son-
dern ein Impuls zum Aufwecken sein. Sie sollte Leben sein, nicht Wis-
sen; nicht Geschicklichkeit, sondern Kunst sollte sie sein, lebensvolles
Tun, weckende Tat. Darauf kommt es an, wenn geweckt werden soli,
da die Menschen nun schon einmal durch die Weltentwickelung in
einen Schlaf hineingekommen sind, der erfiillt ist von intellektualisti-
schem Traumen. Schon im gewohnlichen Traum wird der Mensch oft
grofienwahnsinnig. Aber dieses gewohnliche Traumen ist ein Waisen-
knabe gegenuber dem intellektualistischen Traumen.
Wenn es sich um ein Aufwecken handelt, geht es wirklich nicht, dafi
man den Intellektualismus weitertreibt. Diese objektive Wissenschaft,
die da herumgeht und alle alten Kleider abgelegt hat, weil sie sich
f urchtet, dafi man durch irgendein altes Kleid noch etwas MenschHches
finden konnte, hat sich umgeben mit der dichtesten Nebelhulle: mit
der Hulle der Objektivitat; und so merkt man eigentlich gar nichts
von dem, was in dieser Objektivitat der Wissenschaft herumgeht. Man
braucht wieder etwas Menschliches, man mufi aufgeweckt werden.
Ja, meine lieben Freunde, wenn aufgeweckt werden soil, dann mufi
eben das Mysterium von Golgatha noch einmal erlebt werden. Aber bei
dem Mysterium von Golgatha ist aufier dem irdischen Jesus noch eine
Geistwesenheit in die Erde hereingekommen. Das hat man friiher noch
erfafit, mit alten Kraften. Vom zwanzigsten Jahrhundert wird gefor-
dert, dafi man es mit neuen Kraften erfafit.Die heutige Jugend verlangt,
wenn sie sich richtig versteht, im Bewufitsein - nicht in den alten
schlummernden Kraften wie damals - erweckt zu werden. Und das
kann nur geschehen durch den Geist, kann nur geschehen, wenn in die
Gemeinschaften, die gesucht werden, tatsachlich der Geist seinen Fun-
ken hereinschlagt. Der Geist mufi der Wecker sein, der Auferweckende.
Nur dann kommen wir weiter, wenn wir uns diese tragische Gestalt
des Weltgeschehens in unserer Zeit klarmachen: dafi wir eigentlich
gegeniiber dem Nichts stehen, an das wir in der Erdenentwickelung
notwendigerweise einmal herankommen mufiten zur Begriindung der
menschlichen Freiheit. Und gegeniiber dem Nichts brauchen wir das
Aufwecken im Geiste.
Nichts anderes als allein der Geist kann die Fensterladen, von denen
ich gestern gesprochen habe, aufmachen; ohne ihn werden sie dicht ver-
schlossen bleiben. Die objektive Wissenschaft, die ich nicht tadle, deren
grofie Verdienste ich auch nicht verkenne, wird trotz alledem die
Fensterladen dicht verschlossen lassen. Denn sie will ja nur mit dem
Irdischen zu tun haben. Im Irdischen aber lebt seit dem fiinfzehnten
Jahrhundert das Menschenerweckende nicht mehr. Es mufi in dem ge-
sucht werden, was im Menschen selber aufierirdisch ist. Das ist eigent-
lich im Grunde doch das tiefste Suchen, in welchen Gestalten es heute
auch auftritt.Das sollen diejenigen, die von etwasNeuem sprechen und
ernst und wahr in ihrem Innern sind, sich fragen: Wie finden wir in uns
selbst das Unirdische, das Ubersinnliche, das Geistige? - Man braucht
das nicht wieder in intellektualistische Formen zu kleiden. Das kann
wahrhaftig in sehr konkreten Formen gesucht werden, mull auch in
solchen Formen gesucht werden. Ganz gewifi wird es nicht in intellek-
tualistischen Formen gesucht werden konnen. Wenn Sie mich fragen,
warum Sie heute gekommen sind, so kann ich nur antworten: Weil in
Ihnen die Frage lebt: Wie finden wir den Geist? - Stellen Sie dasjenige,
was Sie hierher getrieben hat, ins richtige Licht, dann stellen Sie nur
die Frage: Wie finden wir den Geist, der aus der Gegenwart heraus in
uns arbeitet? Wie finden wir diesen Geist? - Diesen Geist wollen wir
in den nachsten Tagen zu finden suchen, meine lieben Freunde.
DRITTER VORTRAG
Stuttgart, 5.0ktober 1922
Heute werde ich, um fiir manches, was ich Ihnen gern in den nachsten
Tagen sagen mochte, die Grundlagen zu gewinnen, im allerkonkretesten
Sinne vom Geist sprechen miissen. Ich mochte zunachst von einer ge-
wissen Seite her appellieren daran, dafi Sie von dem, was hier als
Geist gemeint ist, wenigstens ein griindliches Gefiihl entwickeln.
Was wird denn heute eigentHch noch von dem Menschen beriick-
sichtigt? Eigentlich doch nur dasjenige, was er bewufit erleben kann
vom Aufwachen am Morgen bis zum Einschlafen am Abend. Nur
was im Wachzustande durchlebt wird, wird heute beriicksichtigt und
zur Welt gerechnet. Nun konnen Sie vielleicht fragen, wenn Sie auf
die Stimme der unmittelbaren Gegenwart hinhorchen und sich ge-
wohnen, im Sinne dieser Stimme zu empfinden: War das nicht immer
so? Haben die Menschen fruher etwas anderes einbezogen in das, was
sie unter Wirklichkeit verstanden haben, als die Erlebnisse im Wach-
zustande?
Ich will durchaus nicht sagen, man sollte in alte Kulturepochen der
Menschheit zuriickkehren. Das liegt mir ganz fern. Es handelt sich um
Vorwartskommen und nicht um Zuriickschreiten. Aber wir konnen
doch, um uns wenigstens zu orientieren, uns einmal etwas zuriickschrau-
ben, etwas zuruckschauen hinter den Zeitpunkt, der im fuhfzehnten
Jahrhundert liegt und der dem, worauf ich gestern so energisch hin-
gewiesen habe, voranging. Da miissen wir sagen: In allem, was der
Mensch damals iiber die Welt sagte, war etwas enthalten, was heute als
Phantastik angesehen und nicht zu den Dingen hinzugerechnet wird.
Sie brauchen sich ja nur in ganz oberflachlicher Weise bekannt zu
machen mit dem, was in der Literatur - aber das ist das allerwenigste -
vorhanden ist iiber solche alteren Zeiten, und Sie werden sehen: wenn
da die Rede ist von Dingen, die wir heute mit den Namen «Salz»,
«Merkur», «Phosphor» und so weiter bezeichnen, wird eine ganze
Menge von dem mitverstanden, was der Mensch heute ganz angstlich
ausschlielk, wenn er von Phosphor, Merkur und Salz redet. Heute heifit
es: Damals haben die Leute von ihrer Phantasie etwas mitgegeben,
wenn sie von Salz, Merkur und Phosphor sprachen.
Wir wollen uns nicht dariiber streiten, warum das heute angstlich
ausgeschlossen wird. Aber wir miissen uns klar sein, dafi die Menschen
friiher dasjenige, was sie zum Beispiel in dem Phosphor anschauten,
noch dazu empfunden haben zu dem sinnlich gegebenen Phosphor,
ebenso wie die heutigen Menschen die Farbe sehen. Er war umglanzt
von einem Geistig- Atherischen, wie iiberhaupt die ganze Natur damals
fiir die Menschen umspriiht war von Geistig-Atherischem, wenn es
auch seit dem vierten, fiinften nachchristlichen Jahrhundert sehr ver-
blafit war. Aber immerhin war es fiir die Menschen noch da; es kam
nicht aus ihrer Phantasie, so wenig wie die rote Farbe aus unserer Phan-
tasie kommt; sie sahen es.
Warum sahen sie es? Sie sahen es, weil fiir sie noch etwas ausstromte
aus dem, was der Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Auf-
wachen erlebte. Im Wachzustande konnte der Mensch der damaligen
Zeit an Salz, Schwefel oder Phosphor auch nicht mehr erleben, als was
ein heutiger Mensch daran erlebt. Aber wenn die Menschen damals auf-
wachten, so war derSchlaf seelisch nicht unfruchtbar gewesen; es schlug
der Schlaf noch in den Tag heriiber und der Mensch nahm reicher wahr,
erlebte in einer intensiveren Weise alles, was da aufler ihm war. Ohne
dafi man dieses zugrunde legt, versteht man die f riiheren Zeiten gar nicht.
Spater wurde das, was die Alten zum Beispiel beim Phosphor, beim
Schwefel erlebten, ein Name, ein Abstraktes. Als Abstraktum pf lanzte
sich der Geist traditionell fort, bis man Ende des neunzehnten Jahr-
hunderts iiberhaupt nichts mehr dabei denken, wenigstens nichts mehr
dabei empfinden konnte. Nun ist fiir die aufiere Kultur, die es so un-
geheuer weit gebracht zu haben vorgibt, selbstverstandlich ganz we-
sentlich, daft der Mensch in sie eingreift mit seinem Wachbewufksein.
Maschinen wird er natiirlich aus dem Wachbewufltsein konstruieren.
Aber an sich selber kann er damit wenig machen. Wenn wir immer
wach sein miifiten, so wiirden wir sehr bald, spatestens aber am Ende
der zwanziger Jahre, Greise sein, viel schauerlichere Greise, als die
heutigen es sind. Wir konnen nicht immer wach sein, weil die Krafte,
die wir brauchen, um innerlich an unserem Organismus zu arbeiten,
nur erlebt werden zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Es ist
schon so: Der Mensch kann in seinem Wachbewufitsein sehr wohl an
der aufierlichen Kultur arbeiten; an sich selber kann er nur im Schlaf -
bewufitsein arbeiten. Und aus diesem Schlafbewulksein stromte friiher
viel in den Wachzustand hinein.
Das ist der grofie Umschwung in der Mitte des fiinfzehnten Jahr-
hunderts, dafi dieses Hereintrauf ein des Schlafbewufitseins in dasWach-
bewufitsein aufhorte.Wenn ich mich bildlich ausdriicken soil, so konnte
ich etwa so sagen: Noch im zehnten, elf ten Jahrhundert der abendlan-
dischen Kultur wacht der Mensch so auf, dalS er fiihlt, gottlich-geistige
Machte haben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in mir ihre
Taten entfaltet. Er hat etwas gefiihlt von dem Hereinragen gottlich-
geistiger Machte, wie er im Wachbewufitsein etwas fiihlt von dem
Hereinstromen des wohltuenden Sonnenlichtes. Und es war vor dem
Einschlafen in jedem Menschen etwas von, ich mochte sagen, elemen-
tarer, naturkraftiger Gebetsstimmung. Die Leute gingen in den Schlaf
hinein - oder wenn sie Erkenntnismenschen waren, suchten sie wemg-
stens so hineinzugehen - dafi sie sich gewissermafien mit ihren Seelen
den gottlich-geistigen Machten ubergaben.
Die Erziehung derer, die dazumal fur ein geistiges Leben gewonnen
werden sollten, war so geartet, dafi diese Stimmung, die ich eben charak-
terisiert habe, wirklich kultiviert worden ist. Am Ende des neunzehn-
ten Jahrhunderts war das langst von etwas anderem abgelost worden.
Da pf legten die Menschen, die sich als die geistigsten angesehen haben,
sich in andererWeise auf den Schlaf vorzubereiten. Ich habe es oftmals
gesehen und gehort, wie die Leute sich auf das Schlafen vorbereitet
haben: Ich mufi mein gehoriges Mafi Bier haben, damit ich die gehorige
Bettschwere habe. - So hiefi es. Das klingt grotesk. Aber durchaus
historisch ist es, wenn man darauf hinweist, dafi das Hineinschauen in
die geistige Welt durch den Schlafzustand ein durchaus bewufites Stre-
ben bei den Menschen abgelaufener Kulturepochen war, ganz abgese-
hen davon, dafi in alteren Zeiten die Einzuweihenden, das heiftt die
damaligen Studenten, in einer wirklich heiligen Weise auf jenen Tem-
pelschlaf vorbereitet wurden, in dem sie aufmerksam gemacht werden
sollten auf des Menschen Gemeinschaft mit einer geistigen Welt.
Man betrachtet oftmals gerade heute dasjenige, was sich in der Kul-
turentwickelung abgespielt hat, nicht so, dafi man einfach fragt: Wie
ist es erzieherisch geworden in der Menschheit? weil man gar nicht
den ganzen Menschen, sondern immer nur einen Teil des Menschen ins
Auge fafit. Heute macht es einen eigentiimlichen Eindruck auf den, der
etwas weiter als bis zum nachsten geistigen Horizont sieht, wenn die
Leute glauben, wir seien heute so weit,iiber gewisseDinge dasWahre zu
wissen, wahrend die Menschen friiher eigentlich recht kindlich waren.
Lesen Sie einmal, wie heute Geschichte der Physik geschrieben wird!
Es ist, wie wenn bis vor kurzem kindliche Vorstellungen geherrscht
hatten und man heute endlich zuErkenntnissen gelangt sei,die bleibend
sein konnen. In bezug auf gewisse Dinge stellt man sich das durchaus
so vor. Man zieht eine scharfe Grenze zwischen dem, was man heute
erreicht hat, und den Vorstellungen uber die Natur, die sich die Men-
schen im kindlichen Zeitalter gebildet haben. Man denkt nicht daran,
die Frage zu stellen, wie denn das, was man heute wissenschaftlich
aufnimmt, in weltgeschichtlich-erzieherischer Weise auf den Menschen
wirkt.
Sehen wir einmal von allem Erzieherischen ab und betrachten wir
vom heutigen Gesichtspunkt aus ein alteres naturwissenschaftliches
Buch, so erscheint es uns kmdlich. Aber lassen wir diesen Gesichtspunkt,
diesen Standpunkt beiseite und fragen wir: Wie hat ein damaliges Buch
den Menschen erzogen, und wie erzieht ihn ein jetziges? - Das jetzige
Buch mag sehr gescheit, das damalige sehr phantastisch sein. Fragen
wir aber nach demErziehungswert im grofien, so miissen wir uns sagen:
Wenn die Menschen dazumal Gelegenheit hatten, Biicher zu lesen - es
war nicht so leicht, Biicher zu lesen, es war das etwas Feierliches -, dann
zog ein Buch aus denllefen ihrer Seelen etwas heraus.Wahrhaftig,das
Lesen eines Buches war etwas wie das Wachsen: produktive Krafte
wurden losgelost im menschlichen Organismus. Man fiihlte diese pro-
duktiven Krafte. Man fiihlte, dafi da etwas Reales war. Heute ist alles
logisch-formal. Man nimmt alles formal und intellektualistisch, aber
willenlos, mit dem Kopfe auf. Aber weil es blofi mit dem Kopfe aufge-
nommen und lediglich von der physischen Kopforganisation abhangig
ist, deshalb bleibt es fiir das wahre Menschentum unf ruchtbar.
Man kampft heute gegen den Materialismus. Meine lieben Freunde,
es ware fast gescheiter, gar nicht gegen den Materialismus zu kampfen.
Denn was behauptet der Materialismus? Er behauptet, dafi das Denken
ein Produkt des Gehirns ist. Das heutige Denken ist ein Produkt des
Gehirns! Das ist gerade das Geheimnis, daft das heutige Denken ein
Produkt des Gehirns ist. In bezug auf das heutige Denken hat der Ma-
terialismus ganz recht. Nicht recht hat er fiir das Denken vor derMitte
des fiinfzehnten Jahrhunderts. Da dachte man nicht nur mit dem Ge-
hirn, sondern mit dem, was im Gehirn lebte. Man hatte lebendige Be-
griffe. Die Begriffe jener Zeit machten eigentlich, weil sie lebten, den
Eindruck, als wenn man einen Ameisenhaufen sieht. Die heutigen Be-
griffe sind tot. Das Denken ist heute gescheit, aber furchtbar bequem.
Man spurt ja das Denken nicht und liebt es um so mehr, je weniger man
es spurt. Friiher kribbelte es, wenn man dachte, weil das eine Realitat
der Seele war. Heute will man der Menschheit weismachen, dafi das
Denken immer so war wie heute. Aber das heutige Denken ist ein Ge-
hirnprodukt, das friihere Denken war kein Gehirnprodukt.
Man sollte den Materialisten dankbar sein, daft sie darauf aufmerk-
sam gemacht haben, dafi das heutige Denken vom Gehirn abhangig ist.
Denn so ist es; die Sache ist viel ernster als man denkt. Man halt den
Materialismus fiir eine falsche Weltanschauung. Das ist gar nicht richtig.
Er ist ein Produkt der Weltentwickelung, aber ein totes, ein Produkt,
das das Leben in einem Zustande charakterisiert, wo es schon abgestor-
ben ist.
Das Denken, das sich seit dem fiinfzehnten Jahrhundert vor allem
in den westlichen Kulturen entwickelt hat - wahrend die orientahsche,
wenn auch dekadente Kultur immerhin noch altes Denken aufbe-
wahrt hat -, dieses Denken hat ganz bestimmte Eigentiimlichkeiten.
Je weiter man nach "Westen kommt, desto mehr nimmt dasjenige Den-
ken uberhand, das von den Orientalen als etwas Inferiores angesehen
wird. Dem Orientalen imponiert dieses Denken gar nicht, er verachtet
es. Er hat aber auch noch nichts Neues, sondern nur das zugrunde-
gehende Alte. Dem Europaer und noch mehr dem Amerikaner wird
aber nicht mehr wohl, wenn er sich hineinversetzen soil in das Denken,
das den Veden zugrunde liegt. Da kribbelt es in seinem Gehirn - und
er liebt das tote Denken, bei dem man gar nicht merkt, dafi man denkt.
Es ist ja heute besonders beliebt, dafi man gar nicht merkt, dafi man
denkt. Heute sagen die Leute, nicht nur, wenn jemand Unsinn redet,
sondern auch, wenn ihnen jemand von etwas Lebendigem redet, dafi
ihnen ein Miihlrad im Kopf herumgeht. Sie wollen eben das Lebendige
nicht, sie wollen immer nur Totes aufschnappen.
Ein Beispiel, ich will es nur aus kulturhistorischem Interesse, nicht
als Polemik anfuhren: Ich habe einstmals geschildert, wie es wieder
moglich ist zu schauen, wie das Gesteinsartige, das Pflanzenartige, das
Tierische von einer Farbenaura umspielt ist. Die Art und Weise, wie
ich das in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» geben mufite, war eine solche,dafi sie lebendiges Denken not-
wendig machte, nicht totes Denken. Ober diese Geschichte ist jiingst so
ein rechter Universitatsprofessor der Gegenwart gekommen, so einer,
der angeblich Philosophic vertritt. Sich in das lebendige Denken hin-
einzufinden kommt fur ihn nicht in Frage. Das kann er nicht und das
gibt es daher fur ihn nicht. Jetzt soil um den Stein herum eine Farben-
aura, um die Pflanze eine Farbenaura, um das Tier eine Farbenaura
sein. Nun hat er Farben nur im Sonnenspektrum gesehen, und so findet
er, dafi auch ich sie nur im Sonnenspektrum gesehen haben konne und
aus diesem in das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich herubergenommen
hatte. Und von meiner Art und Weise, zu beschreiben, kann er kein
Wortchen verstehen. Deshalb nennt er es einen Wortschwall. Fur ihn
ist es Wortschwall! Er kann nichts davon verstehen. Fur eine grofie
Zahl von Universitatslehrern kann es so sein: ein Miihlrad geht ihnen
im Kopf herum. Nun den Kopf rasch weg! Dann kann natiirlich nichts
herauskommen.
Der lebendige Mensch verlangt aber auch ein lebendiges Denken,
und dieses Verlangen nach einem lebendigen Denken brodelt in seinem
Blute. Dariiber miissen Sie sich klar werden. Sie miissen Ihren Kopf
wieder so stark kriegen, dafi Sie nicht nur das logische, abstrakte Den-
ken, sondern auch das lebendige Denken zu vertragen vermogen. Sie
miissen nicht gleich einen Brummschadel bekommen, wenn Sie lebendig
denken sollen. Das tote Denken war fur die rein materialistische Erzie-
hung des Abendlandes, war fur diejenigen, denen das rein Intellektua-
listische eigentiimlich war. Wenn man dem nachgeht, enthiillt sich eine
recht bedenkliche Perspective.
Das friihere Denken hat man in den Schlaf hinein mitnehmen kon-
nen. Da war man noch etwas im Schlafe. Man war ein Wesen unter
anderen Wesen. Man war etwas im Schlafe, weil man das lebendige
Denken in den Schlaf hinein mitgenommen hat. Man hat es beim Auf-
wachen herausgebracht und hat es beim Einschlafen wieder mit hinein-
genommen. Das heutige Denken ist an das Gehirn gebunden. Das kann
uns aber beim Schlafen nichts helfen. So konnen wir heute nach der
gegenwartigenwissenschaftlichen Mode die allergescheitesten und aller-
gelehrtesten Leute sein, aber wir sind es nur fur den Tag. Wir horen
auf, es zu sein in der Nacht, gegeniiber derjenigen Welt, durch die wir
an uns selber arbeiten konnen. Deshalb gewohnten es sich die Menschen
ab, an sich selber zu arbeiten. Mit den Begriffen, die wir vom Auf-
wachen bis zum Einschlafen entwickeln, kann man auch nur vom Auf-
wachen bis zum Einschlafen etwas erreichen. Man kann aber nichts am
Menschen erreichen. Der Mensch mufi aus den Kraften heraus arbeiten,
durch die er sich selber konstituiert. In der Zeit, in der der Mensch
noch am meisten an sich selber bauen raufi, als kleines Kind, mufi er
am meisten schlafen. Wenn man namlich die Methode fande, um dem
Saugling die Dinge ebenso beizubringen wie den Siebzehn-, Achtzehn-
jahrigen, dann wiirden Sie bald sehen, wie die Sauglinge ausschauen
wiirden. Es ist ganz gut, dafi fur die Sauglinge noch innerhalb der Mut-
terbrust gesorgt wird und nicht auf dem Katheder. Der Mensch mufi
eben aus dem Schlafe herausholen dasjenige, wodurch er an sich selbst
tatig sein kann.
Aber wir konnen von all den Begriffen, die wir in der Wissenschaft,
in dem aufieren Beobachten, in dem aufieren Experimentieren, mit blo-
fier Beherrschung des Experimentes ausbilden, nichts hineinbekommen
in den Schlaf, und wir konnen auch nichts von dem, was wir im Schlafe
entwickeln, in diese Begrif fe vom Stoff lichen heriiberbringen. Geistiges
und Intellektuelles vertragt sich nicht miteinander, wenn sie nicht Ehe
schliefien in der vollbewufiten Welt. Fruher tat man es auf eine mehr
unbewufite Art. Heute mu$ das geschehen auf eine vollbewulke Art,
doch zu der wollen sich die Menschen nicht bekehren.
Was geschah, wenn ein Mensch der friiheren Weltenzeiten mit seiner
Seele in den Schlaf hineingekommen ist? Da war er noch immer etwas,
denn er hatte das, was die Dinge umschwebt, wovon die Menschen
heute sagen, es sei eine Phantasterei gewesen. Das trug er in den Schlaf
hinein. Da konnte der Mensch sich noch behaupten, wenn er aufierhalb
des physischen Leibes im Schlafe in der geistigen "Welt war. Er war
friiher etwas in der geistigen Welt zwischen dem Einschlafen und dem
Aufwachen. Heute ist er viel weniger. Er wird fast aufgesogen von der
Geistigkeit der Natur, wenn er beim Einschlafen seinen Korper ver-
lafit. Beim richtigen Anschauen der Welt tritt das sofort vor die Seele.
Sie sollten es nur sehen, und Sie werden es sehen konnen, wenn Sie sich
wirklich ein Schauen fiir diese Dinge erringen. Und die Menschheit
mufi sich ein Schauen fiir diese Dinge erringen, denn wir leben in einem
Zeitalter, wo nicht mehr behauptet werden kann, dafi man vom Geist
nicht reden kann wie von Steinen und Tieren. Dann werden Sie die
Moglichkeit gewinnen, zu sehen, dafi wenn der Casar auch nicht sehr
beleibt war im physischen Leben: wenn seine Seele den Korper im
Schlaf verliefi, so hatte sie immerhin eine ansehnliche Grofie - nicht
eine raumliche, sondern eine empfindungsmafiige Grofte. Seine Seele
war stattlich. Heute kann einer der dickste Bankier sein: wenn seine
Seele im Schlafe herausspaziert und sich in der Geistigkeit der Natur
aufhalt, da sollten Sie nur sehen, ein wie grafilich diirres Gestell er
wird. Er wird etwas ganz Schmachtiges. Seit dem letzten Drittel des
neunzehnten Jahrhunderts leidet eben die Menschheit durchaus an gei-
stiger Unterernahrung. Der Intellekt nahrt den Geist nicht. Er blast
ihn nur auf. Daher nimmt der Mensch nichts von Geistigkeit in den
Schlaf hinein mit, und er wird fast aufgesogen, wenn er zwischen dem
Einschlafen und dem Aufwachen als ein ganz diinnes Seelengerippe in
die geistige Natur hineinragt.
Daher ist die Frage nach dem Materialismus heute wirklich keine
theoretische. Nichts ist weniger wichtig als der theoretische Streit zwi-
schen Materialismus, Spiritualismus und Idealismus. Das sind heute
ganz wesenlose Dinge, denn mit dem Widerlegen des Materialismus ist
gar nichts getan. Wir konnen heute noch so oft den Materialismus
widerlegen, es kommt gar nichts dabei heraus. Denn schliefilich sind
die Griinde, die man zur Widerlegung des Materialismus anf iihrt, eben-
so materialistisch wie die, welche man gegen oder fiir den Idealismus
anfiihrt. Mit theoretischen Widerlegungen ist heute weder nach der
einen, noch nach der anderen Richtung etwas getan, sondern darauf
kommt es an, dafi man in der ganzen Art, wie man die Welt betrachtet,
wiederum Geist hat. Dadurch kriegen unsere Begriffe wiederum nah-
rende Kraft fiir den Menschen. Ich mochte Ihnen, urn Ihnen das ganz
klarzumachen, noch das Folgende sagen.
Ich finde eigentlich zwischen Leuten, die sich oftmals Materialisten
nennen, und solchen Leuten, die sich in gewissen kleinen sektiererischen
Kreisen, sagen wir, Theosophen nennen, keinen so hervorragenden
Unterschied. Denn die Art und Weise, wie die einen den Materialismus
und die anderen die Theosophie beweisen, unterscheidet sich gar nicht
so wesentHch. Denn wenn man mit einem Denken, das ganz vom Ge-
hirn abhangt, die Theosophie beweisen will, dann ist eben die Theo-
sophie materialistisch. Es kommt nicht darauf an, was man fiir Worte
ausspricht, sondern ob man Geist ausspricht. Wenn ich mit so manchem
theosophischen Gefasel den Haeckelismus vergleiche, so ist der Geist
bei Haeckel, wahrend die Theosophen von dem Geiste so reden, als sei
er Materie, aber nur verdiinnt. Es kommt eben nicht darauf an, dafi
man iiber den Geist redet, sondern dafi man mit Geist redet. Man kann
auch geistvoll iiber das Materielle reden, das heifit, man kann auch mit
beweglichen Begriffen iiber das Materielle reden. Das ist noch immer
viel spiritueller, als geistlos iiber den Geist reden.
Wenn heute noch so viele Menschen auftreten und mit alien mog-
lichen logischen Griinden die spirituelle Weltanschauung verteidigen,
so hilft es uns nichts, rein gar nichts. Wir bleiben namlich in der Nacht
ebenso diirr: ob wir bei Tag blofi nachdenken iiber Wasserstoff, Chlor,
Brom, Jod, Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Silizium, Kalium, Na-
trium und so weiter und da unsere Theorien bilden, oder ob wir nach-
denken dariiber, wie die Menschen aus physischem Leib, Atherleib und
Astralleib bestehen. Das ist alles ganz gleichgultig fur das Lebendige.
Wenn einer lebendig iiber Kalium und Kalzium redet, das heifit le-
bendige Chemie treibt, so ist das viel wertvoller, als wenn einer zum
Beispiel eine tote, intellektualistische Theosophie treibt. Denn auch die
kann man tot und intellektualistisch treiben. Es kommt nicht darauf
an, dafi wir intellektualistisch, materialistisch reden, sondern dafi wir
in unserem Reden Geist haben. Er mufi uns als Lebendiges durchdrin-
gen. Aber weil die Leute das heute schon gar nicht mehr verstehen, ist
es ihnen so unangenehm, wenn man einmal ernst damit macht.
In einem meiner letzten Oxforder Vortrage habe ich einmal ernst
gemacht und gesagt, um ganz deutlich zu werden: Es ist mir ganz
gleichgiiltig, ob man heute iiber Spiritualismus, Realismus, Idealismus,
Materialismus und so weiter redet. Wenn es sich mir darum handelt,
eine Sprache zu handhaben,um eine aufiereErscheinung zu charakteri-
sieren, so gebrauche ich die materialistische Sprache. Man kann das so
tun, daft auch darin der Geist lebt. Man redet aus dem Geistgebiete;
dann wird das schon spirituell, auch wenn man in materialistischen
Formen spricht. Das ist der Unterschied zwischen dem, was hier als
Anthroposophie, und dem, was draufien unter ahnlichen Namen ge-
trieben wird. Alle paar Wochen erscheinen heute schon Bticher gegen
Anthroposophie. Die geben Schilderungen, mit denen getroffen werden
soli, was ich sage. Mir aber ist das immer ganz neu, was sie angreifen;
denn gewohnlich habe ich das gar nicht gesagt. Die machen sich aller-
lei Zeug zurecht und schreiben dann grofie Biicher dariiber. Was die
Leute bekampfen, hat gewohnlich gar nichts mit dem zu tun, was ich
rede. Mir kommt es gar nicht darauf an, den Materialismus zu bekamp-
fen, sondern darauf, dafi die Begriffe aus der Welt des Geistes selber
genommen werden, daft sie erlebt werden, lebensvolle Begriffe sind. So
ist das, was hier als Anthroposophie vertreten und aufgenommen wird,
wirklich noch etwas ganz anderes, als was die Welt heute dariiber sagt.
Die Leute kampfen heute kontra Anthroposophie - und manchmal
auch pro - recht materialistisch, das heifit geistlos, wahrend es sich
darum handelt, dafi man mit dem Erleben des Geistes ernst macht. Da
fangen die Leute an, iiberhaupt nicht mehr mit dem Kopfe zurecht-
zukommen, denn wenn einer anfangt, von geistigen Wesenheiten zu
reden wie von Pf lanzen und Tieren in der Sinneswelt, dann halten sie
inn fur einen Narren. Ich kann das auch ganz gut begreifen, denn
heute besteht halt eine Kleinigkeit, nur wird diese Kleinigkeit iiber-
sehen. Sie besteht darin, dafi diese Narretei die wirkliche Realitat
ist, und zwar diejenige Realkat, die fiir den Menschen die eigentlich
lebendige ist. Die andere Realitat ist fiir die Maschine gut, aber nicht
fiir den Menschen.
Also das mochte ich einmal ganz deutlich ausgesprochen haben,
meine lieben Freunde: bei dem, was ich hier meine und jemals gemeint
habe, handelt es sich nicht darum, vom Geist zu reden, sondern darum,
aus dem Geiste heraus zu reden, im Reden selber den Geist zu entwik-
keln. Das ist dann der Geist, der erst wirklich erzieherisch wiederum
in unser totes Kulturleben hereinschlagen kann.Das mufi der Blitz wer-
den, der in unser totes Kulturleben hereinschlagen raufi, um es wiederum
zum Leben zu entziinden. Glauben Sie daher nicht, dafi Sie hier eine
Verteidigung finden dieser schematischen Begriffe, wie «physischer
Leib», «Atherleib», «Astralleib», Begriffe, die so hiibsch schematisch
in den theosophischen Zweigen aufgehangt sind und mit dem Stock
gezeigt werden, so wie im Horsaal Kalium, Natrium und so weiter mit
ihren Atomgewichten gezeigt werden. Es ist ganz einerlei, ob einer das
Kali mit seinen Atomgewichten an dem heutigen Schema zeigt, oder
den Atherleib zeigt. Das ist ganz einerlei. Darum kann es sich nicht
handeln. In diesem Sinne ist es sogar so, dafi diese Art von Theosophie
oder auch Anthroposophie, wenn Sie sie so nennen wollen, nicht etwas
Neues ist, sondern das letzte Produkt von dem Alten.
In dieser Beziehung hat man ja gerade da, wo die Leute plotzlich
einmal den Geist vertreten wollen, das unglaublichste Zeug erlebt. Ich
fiihre diese Dinge nicht an, um sie zu kritisieren, sondern als Symptom.
Ich will Ihnen zwei Geschichten erzahlen. Die eine ist diese: Ich war
einmal bei einer Versammlung im Westen Europas, wo man iiber Theo-
sophie geredet hat. Als die Vortrage zu Ende waren, kam ich mit einer
Personlichkeit iiber den "Wert dieser Vortrage in ein Gesprach. Da fafite
diese Personlichkeit, die ein guter Anhanger dessen war, was da theo-
sophisch-sektiererisch aufgetreten war,denEindruck, den sie gewonnen
hatte, in die Worte zusammen: «Es sind jetzt so wunderbare Vibratio-
nen in diesem Saale.» Das Wohlgefuhl wurde in Vibrationen, also ma-
terialistisch zum Ausdruck gebracht.
Das andere Mai molestierten mich die Menschen mit einer Ent-
deckung, die plotzlich auf geistigem Gebiete gemacht worden war. Es
wurde behauptet, die wiederholten Erdenleben, die namlich nur einer
wirklich geistigen Anschauung vor die Seele treten konnen, miilken
auch in irdischem Gewande vor das Auge treten, man miifite sie auch in
das Gewand des materialistischen Denkens hereinkriegen. Die Leute
fingen plotzlich an, vom «permanenten Atom», das durch alle Erden-
leben hindurchgeht, zu reden. Sie sagten: Wenn ich jetzt im Erdenleben
bin und nach Jahrhunderten wiederkomme, so werden die Atome in
alle Winde zerstreut sein. Aber ein einziges Atom geht iiber in das
nachste Erdenleben. Man nannte es das permanente Atom. Nun war
gliicklich das Allermaterialistischste in die wiederholten Erdenleben
hineingetragen, in das, was nur mit dem Geiste erfalk werden kann.
Als ob ein einzelner Mensch etwas davon haben konnte, wenn da ein
einziges Atom aus dem vierten, fiinften Jahrhundert etwa, in seinem
Gehirn sich herumtriebe! Das kann mir doch so egal sein, wie es mir
gleichgiiltig ware, wenn es etwa einem jenseitigen Chirurgen irgendwie
gegeben ware, mein jetziges Erdenleben dadurch auszustatten, dafi er
meinen Magen von dazumal konserviert und jetzt wieder eingesetzt
hatte. Im Prinzip unterscheidet sich das nicht voneinander.
Ich erzahle Ihnen das nicht, um mich lustig zu machen, sondern als
interessante Symptome dafur, dafi die Leute, welche vom Geist reden
wollen, vom Wohlgef uhl der geistigen Vibrationen reden, und dafi Men-
schen, die durch blofie Gedankenimitationen aufgenommen hatten, was
andere iiber wiederholte Erdenleben wulken, dieses dann so einkleiden,
dafi sie iiber das permanente Atom reden. Uber dieses permanente Atom
sind von Theosophen sogar allerlei Biicher geschrieben worden, auch
solche mit kuriosen Zeichnungen iiber die Anordnung der Wasserstoff-,
Sauerstof f-, Chlor- Atome und so weiter. Wenn man sich diese Geschich-
ten anschaut, so sind sie nicht weniger greulich als die Zeichnungen, die
die Materialisten von den Atomen entworfen haben. Es kommt nicht
darauf an, ob man behauptet, irgend etwas ist geistig oder irgend etwas
ist materiell, sondern darauf kommt es an, dafi man einsieht, man mufi
in den lebendigen Geist hinein. Wiederum sage ich das nicht in polemi-
schem Sinne, sondern um Ihnen die Sache klarzumachen.
In diesem Sinne ist die folgende Erscheinung aufierordentlich cha-
rakteristisch: Da gibt es heute einen ganz geistreichen Benediktiner-
pater namens Mager, in diesem Orden einer der besten Kopf e - und der
Benediktinerorden hat im Grunde genommen die allerbesten Kopfe.
Dieser Mager hat ein iiberaus interessantesBuchelchen geschrieben iiber
den «Wandel in der Gegenwart Gottes», ein Biichelchen, das aller dings
im Zeitalter stent, als Benedikt den Benediktinerorden gestiftet hat,
das heifit, wenn es dazumal geschrieben worden ware, so ware es ganz
zeitgemafi gewesen. Immerhin, wenn einer ein Biichelchen schreibt iiber
den Wandel des Menschen in der Gegenwart Gottes, so kann man das
noch bis zu einem gewissen Grade bewundern; und das tue ich auch.
Nun hat sich derselbe Pater auch iiber Anthroposophie ausgelassen.
Und nun wird er kniippeldicker Materialist. Das, was er da behauptet
hat, das ist wirklich furchtbar schwer zu charakterisieren fur jemand,
der sich erst in ein so steifes Denken hineinversetzen mufi. Was er am
meisten tadelt, ist, dafi das Wahrnehmen in der imaginativen Erkennt-
nis, das ich als erstes behaupte, wenn es zu einem Inhalt kommt, so ist,
dafi es fur den Pater Mager eben Bilder sind. Weiter kommt er nicht.
Und nun sagt er, er mufi - indem er sich ganz seinem wissenschaftlichen
Gewissen dabei iiberlafit - es sagen, dafi die Anthroposophie eigentlich
die Welt materialisiert. Das tadelt er furchtbar, dafi die Anthropo-
sophie die Welt materialisiert, das heifit, dafi die Anthroposophie nicht
bei wesenlosen abstraktenBegriffen stehenbleibt, wie sie der Pater liebt;
denn dort liebt man die allerabstraktesten Begriffe. Lesen Sie nur eine
katholische Philosophic einmal durch. Sie finden da: Sein, Werden,
Dasein, Schonheit und so weiter, kurz, die alleraufiersten Abstraktio-
nen. Ja nicht an die Welt herantippen! Nun merkt der Pater, dafi die
Anthroposophie lebendige Begriffe erfafit, die wirklich herunterkom-
men konnen bis zu den realen Dingen, bis zur realen Welt. Das ist ihm
greulich, furchtbar greulich ist ihm das!
Diesem Pater miifite man sagen: Ja, wenn Erkenntnis irgend etwas
Reales sein soli, so mufi sie eigentlich nachschaffen den Gang, den Gott
mit der Welt durchgemacht hat. Der hat ja vom Spirituellen ausgehend
immer materialisiert! Die Welt war erst spirituell und wurde dann
immer materieller und materieller, so dafi eine richtige Erkenntnis die-
sen Gang nachmachen mufi. Man sucht ihn nicht in der Anthroposophie,
aber man kommt dazu. Das Bild schnappt ein in die Wirklichkeit -
und das tadelt der Pater. Das ist ja gerade dasjenige, woran er selber
glauben mufi, wenn er seinem Glauben einen vernunftigen Inhalt geben
will. Aber bei uns nennt er das die Materialisierung der Erkenntnis.
Es ist den Leuten natiirlich nicht mehr recht zu machen, die ganz
fest darauf beharren: Nur ja keine lebendigen Begriffe! - Denn die
schnappen in die Wirklichkeit hinein. Dann mufi man aber mit seinen
Begriffen recht weit wegbleiben davon und bekommt eben nur Begriffe
fur das Wachbewufitsein und gar keine Begriffe, die aus der geistigen
Welt selber heraus am Menschen arbeiten konnen. Aber das braucben
wir. Wir brauchen lebendige Menschheitsentwickelung und lebendige
Menschheitserziehung. Als trocken und eisig empfindet der vollfiih-
lende Mensch die Gegenwartskultur. Sie mufi wieder Leben, innere
Regsamkeit bekommen. Sie mufi so werden, dafi sie den Menschen
erfullt, mit Leben erfullt. Und das ist allein dasjenige, was uns nun
nicht dazu fiihrt, dafi wir uns gestehen miissen, wir sollten eigentlich
gar nicht mehr vom Geiste reden, sondern dazu, dafi der gute Wille in
uns einfliefit, um in uns die Neigung zu entwickeln nicht fur ein ab-
straktes Reden, sondern fiir ein innerliches Tun im Geiste, nicht zu
einer dunklen, nebelhaften Mystik, sondern zu einem mutigen, ener-
gischenDurchdringen des eigenen menschlichenWesens mit derGeistig-
keit. Dann kann man aus diesem Durchdrungensein mit der Geistigkeit
heraus von der Materie reden, und es wird uns nicht beirren, wenn wir
iiber die wichtigen materiellen Entdeckungen sprechen, weil wir im-
stande sind, auf geisthafte Art dariiber zu reden. Dann werden wir
das, was wir dunkel in uns spiiren, als einen Drang nach vorwarts, zu
einer realen menschheitserziehenden Kraft in uns selbst gestalten kon-
nen. Davon wollen wir morgen weiterreden.
VIERTER VORTRAG
Stuttgart, 6.0ktober 1922
Ich mochte heute beginnen mit einer Beurteilung der Ethik, wie sie
sich bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts hin entwickelt hat.
Nicht etwa um nachzuweisen, daft philosophische Darstellungen der
Ethik irgendwie impulsiv fiir die Moral derMenschen wirken konnten,
sondern um Ihnen anschaulich zu machen, wie dasjenige, was aus ganz
anderen Untergriinden heraus sittlich bestimmend fiir die Menschen
wirkt, symptomatisch in den philosophischen Darstellungen des Sitt-
lichen zum Ausdruck kommt.
Man mufi iiberhaupt die Ansicht aufgeben, als obPhilosophien,wenn
sie vom Intellekt ausgehen, irgendwie unmittelbar richtunggebend sein
konnten. Aber in demjenigen, was die Philosophen sagen, driickt sich
doch der ganzeZeitimpuls aus.Niemand wird zum Beispiel behaupten,
dafi unser Warmegefiihl in einem Zimmer vom Stande des Thermo-
meters beeinflufit wird, aber jeder weifi, dafi der Stand des Thermo-
meters selbst von dem abhangig ist, was man die Warmeverhaltnisse
eines Zimmers nennen kann. Ebenso, mochte ich sagen, sieht man bei
den Philosophen, die von Sittlichkeit sprechen, welches der allgemeine
sittliche Stand ist.
Sie sehen, dafi ich die philosophischen Darstellungen des Ethischen
etwas anders behandle, als das gewohnlich geschieht. Ich behandle sie
nur wie eine Art Thermometerstand gegeniiber den Temperaturver-
haltnissen. Aber so, wie man iiber die Warmeverhaltnisse eines Zimmers
Bescheid weifi, wenn man den Thermometerstand kurz angibt, so er-
fahrt man unermefilich viel von dem, was in den Untergriinden des
allgemeinen Menschenlebens einer Gegend, eines Zeitalters liegt, wenn
man weifi, was die Philosophen dieses Zeitalters in ihren Darstellungen
zum Ausdruck bringen.
Nur von diesem Gesichtspunkte aus betrachten Sie es also, wenn ich
Ihnen eine kurze Stelle vorlese, die im Jahre 1893 in der «Deutschen
Literaturzeitung» erschienen ist und von Spencers «Prinzipien der
Ethik» handelt. Da lesen wir: «Er enthalt den, wie ich glaube, vollstan-
digsten» - so sagt der Rezensent - «und mit erdriickendem Material
gefiihrten Nachweis, dafi es schlechterdings keinen allgemeinmensch-
lichen Inhalt des Sittlichen, oder unveranderliche Sittengebote gibt;
dafi nur eine einzige Norm existiert, welche aller Schatzung mensch-
licher Eigenschaften und Handlungen zugrunde liegt: die praktische
Angemessenheit oder Unangemessenheit eines Charakters oder einer
Tat an den gegebenen Zustand der Gesellschaft, in welcher die Beur-
teilung stattfindet; und dafi eben deswegen die namlichen Dinge in ver-
schiedenen Kulturverhaltnissen sehr verschieden bewertet worden sind.
Referent ist der Ansicht, dafi diese Meisterleistung» - also die Spencer-
schen Prinzipien der Ethik - « . . . die letzten Versuche, ethische Unter-
scheidungen auf Intuitionen, angeborene Gefiihle, selbst evidente
Axiome usw. zu griinden, in der Wissenschaft wenigstens mundtot
machen mufi.» Ich lese Ihnen diese Worte aus dem Grunde vor, weil
sie die ethische Stimmung fast der ganzen zivilisierten Welt vom
Ende des neunzehnten Jahrhunderts charakterisieren, jene ethische
Stimmung, die sich so weit entwickelt hatte, da$ sie in philosophi-
sche Worte gefafk werden konnte.
Machen wir uns einmal klar, was hier eigentlich gesagt wird. Es
wird in dem wirklich aufierordentlich bedeutendenWerke,in Spencers
«Prinzipien der Ethik», der Versuch unternommen, mit erdriickendem
Material - es ist schon so, wie der Rezensent sagt - nachzuweisen, dafi
aus dem menschlichen Seelenleben sogenannte moralische Intuitionen,
moralische Axiome oder dergleichen nicht hervorgeholt werden kon-
nen, dafi man endlich aufhoren miisse, iiber solche moralische Intuitio-
nen zu sprechen. Denn das einzige, was man sagen kann, ist: Die Men-
schen handeln aus der natiirlichen Veranlagung heraus. Dieses Handeln
wird beurteilt von der gesellschaftlichen Umgebung. Der Mensch ist
gezwungen, sein Handeln nach dem Urteil der gesellschaftlichen Um-
gebung einzurichten. Daraus ergeben sich die konventionellen, sittlichen
Urteile, die sich modifizieren, je nachdem sich die menschliche Gesell-
schaft von Zeitalter zu Zeitalter andert. Und es wird hier von einem
Rezensenten im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts
gesagt, es sei nun endlich moglich, alle Versuche, iiber Ethik und sitt-
liche Anschauungen so zu sprechen, als ob es unmittelbar aus der Seele
hervorgeholte moralische Intuitionen gabe, wenigstens soweit die Wis-
senschaft in Betracht komme, mundtot zu machen.
Ich habe diese einzelne Erscheinung herausgegriffen, weil sie tat-
sachlich dasjenige charakterisiert, dem man in jener Zeit sich gegen-
iibergestellt fand, wenn man iiber Ethik, iiber Sittenimpulse nachsann.
In diese Zeitstimmung hinein versuchte ich meine «Philosophie der
Freiheit» zu schicken, die in der Anschauung gipfelt, dafi jetzt, also am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts, gerade die Zeit gekommen sei, die
im eminentesten Sinne notwendig macht, daf$ die Menschen sich darauf
besinnen, wie sie sittliche Impulse immer mehr und mehr dadurch fin-
den konnen, dajR sie auf das Wesen der menschlichen Seele selber zu-
riickgehen. Selbst fur die sittlichen Impulse des Alltags miissen sie
immer mehr und mehr zu moralischen Impulsen ihre Zuf lucht nehmen,
weil andere Impulse als die unmittelbar in der menschlichen Seele blofi-
zulegenden moralischen Intuitionen immer weniger bestimmend sein
konnen. Diese Situation lag dazumal fiir mich vor. Ich fand mich ge-
notigt,zu sagen: AlleZukunft der menschlichen Ethik hangt davon ab,
dafi die Kraft der moralischen Intuition mit jedemTage starker werde.
Damit war auch gesagt, dafi wir mit Bezug auf die moralische Padago-
gik iiberhaupt nur vorwartskommen, wenn wir die Kraft der morali-
schen Intuition in der menschlichen Seele immer mehr starken, wenn
wir das einzelne menschliche Individuum immer mehr und mehr dahin
bringen, sich bewuftt zu werden, was in seiner Seele an moralischen
Intuitionen erspriefien kann.
Demgegeniiber stand das Urteil - das schier allgemein war, denn es
ist hier nur etwas ganz Allgemeingultiges ausgesprochen -, daiS nun-
mehr die Zeit herangeriickt sei, wo mit erdriickendem Material nach-
gewiesen sei, dafi alle moralischen Intuitionen wissenschaftlich mund-
tot gemacht werden miissen. Es war also notwendig fiir mich, den Ver-
such zu machen, ein Buch zu schreiben, welches in energischer Weise
gerade den Standpunkt vertritt, der in ebenso energischer Weise von
der Wissenschaft dazumal als der bezeichnet wurde, welcher mundtot
zu machen sei.
Ich charakterisiere Ihnen dieses aus dem Grunde, weil damit an
einem einzelnen Fall dargestellt wird, wovon ich gestern und vorgestern
sprach, namlich der ungeheuer bedeutungsvolle Wendepunkt in der
gesamten Geistesentwickelung des Abendlandes amEnde des neunzehn-
ten Jahrhunderts. Alle meine Ausfiihrungen wiesen ja bis jetzt darauf
hin, dafi die Menschheit, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhun-
derts heranwuchs, vor einer ganz neuen Seelensituation steht gegeniiber
derjenigen der vorangegangenen Jahrhunderte. Ich habe schon einmal
den Ausdruck gebraucht, dafi man am Ende des neunzehnten Jahr-
hunderts als Menschenseele mit Bezug auf das Geistige gegeniiber dem
Nichts steht. Es war schon einmal notwendig, gerade gegeniiber dem
Sittlichen in scharfer Weise zu markieren, wie dasjenige, was man aus
geistigen Untergriinden heraus als das Notwendigste bezeichnen mufi
fur dieZukunft: moralische Intuition, gegeniibergestellt ist demjenigen,
was aus der Vergangenheit heraufkam - dem Nichts, das fertig ist mit
seiner Entwickelung. Es kam ja dieser Wendepunkt auf eine wirklich
tragische Weise am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gerade inner-
halb der deutschen Kultur zum Ausdruck, und man braucht, um dieses
Tragische anzudeuten, nur den Namen Nietzsche zu nennen.
Nietzsche ist fur Menschen, die bewufit und wach den Obergang
von dem neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert miterlebt haben,
wirklich das Miterleben einer Tragodie gewesen. Man kann sagen, dafi
Nietzsche selbst eine Personlichkeit war, die in den aufeinanderfolgen-
den Lebensepochen in scharfer Weise mit der eigenen Seele erlebt hat
das dem Nichts Gegeniibergestelltsein, jenem Nichts, das sie zunachst
als ein Etwas genommen hat.
Es wird vielleicht fur das, was in diesen Tagen von Ihren Seelen auf-
genommen werden sollte, nicht ganz iiberfliissig sein, diesen Friedrich
Nietzsche gerade in diesem Momente mit einigen Worten zu beruhren.
In gewissem Sinne ist Nietzsche schon derjenige Mensch gewesen, der
durch sein tragisches Schicksal scharf hindeutet auf dasjenige, was in
der geistigen Entwickelung der Menschheit im neunzehnten Jahrhun-
dert sich einer Abendrote zuneigte und eine Morgenrote mit dem be-
ginnenden neuen Jahrhundert notwendig machte.
Nietzsche ist ja hervorgegangen aus einem reif en wissenschaftlichen
Standpunkte. Er hat zunachst diesen wissenschaftlichen Standpunkt
in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in der Philologie kennen-
gelernt. Nietzsche hat wirklich mit einem innerlich aufierordentlich
beweglichen Geiste den philologischen Standpunkt von der Mitte des
neunzehnten Jahrhunderts aufgenommen, und er hat eigentlich mit der
Philologie aufgenommen den ganzen Geist des Griechentums. Dabei
war Nietzsche keine Personlichkeit, die sich gegeniiber der allgemeinen
Kultur abschlofi. Er war das Gegenteil eines Stubengelehrten. Nietzsche
nahm daher auch auf , was ihm in der Mitte des neunzehnten Jahrhun-
dertsalsphilosophischer Standpunkt nahekommen mufke: dieSchopen-
hauersche Philosophie, den Schopenhauerschen philosophischen Pessi-
mismus. Dieser Schopenhauersche philosophische Pessimismus hat auf
ihn einen tiefgehenden Eindruck gemacht, einen Eindruck, der nur
dadurch kommen konnte, dafi Nietzsche mehr als Schopenhauer sel-
ber das Hinuntersinkende des Geisteslebens, inmitten dessen er lebte,
empfunden hat. Ein Licht, das nach der Zukunft hinwies, gab es fur
Nietzsche nur in der Form der Richard Wagnerschen Musik. Wagner
war ja in bezug auf seine Weltanschauung Schopenhauerianer in der
Zeit, in der er Nietzsche kennenlernte.
Und so bildete sich fur Nietzsche, gegen den Beginn des letzten
Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, die Anschauung heraus, die
fur ihn wirklich nicht Theorie, sondern Lebensinhalt war: dafi schon
innerhalb des Griechentums jenes Zeitalter heraufgekommen war, wel-
ches den vollen menschlichen Inhalt durch den Intellektualismus er-
driickte. Nietzsche hat sich gewifi in bezug auf die Entwickelung und
vollige Ausbildung des Intellektualismus geirrt. Denn in jener Gestalt,
in der Nietzsche den Intellektualismus wie ein alles ertotendes Geistiges
erlebte, ist er eigentlich erst seit dem fiinfzehnten Jahrhundert herauf-
gekommen, wie ich das gestern und vorgestern gezeigt habe. Aber
schliefilich hat ja Nietzsche den Intellektualismus der unmittelbaren
Gegenwart erlebt, und er hat ihn zuriickdatiert bis in das spatere Grie-
chentum. Es bildete sich ihm die Anschauung: dasjenige, was so aus-
loschend wirkte fur das Lebendig-Geistige, habe eigentlich schon mit
Sokrates begonnen. So wurde Nietzsche ein Anti-Sokratiker. Er sah
schon in dem Hineinstellen des Sokrates in das griechische Geistesleben,
wie der Intellektualismus, das Verstandesmafiige, ein altes Geistiges
vertrieb.
Wohl nur wenige Menschen haben mit einer solchen elementaren
Grofie den Gegensatz empfunden zwischen dem Griechischen, wie es
dem Menschen in Xschylos, in Sophokles, der alteren griechischen bil-
denden Kunst und den grandiosen Philosophien des Heraklit, Anaxa-
goras und so weiter entgegentreten kann, zwischen diesem griechischen
Seelenleben, das noch voll von geistigen Impulsen ist, und jenem an-
deren, das sich allmahlich ertotend iiber das eigentlich Geistige legt.
Das hat fiir Nietzsche mit Sokrates seinen Anfang genommen, mit
jenem Sokrates, der gegeniiber alien Fragen der Welt die Fragen des
Verstandes gestellt hat, der allem gegeniiber seine Kunst desDefinierens
aufgestellt hat, von der Nietzsche zweifellos gefiihlt hat: wo sie be-
ginnt, setzt sich der Mensch gegeniiber dem unmittelbar lebendigen
Geiste eine Brille auf. - Es ist damit, wenn man die Begriffe nicht
prelk und so selber wieder in das Intellektualistische hineinkommt,
etwas sehr Bedeutendes von Nietzsche empfunden worden.
Sehen Sie, das wirkliche Erleben des Geistigen wird iiberall, wo man
dieses Geistige trifft, Individualismus. Das Definieren wird iiberall
Allgemeines. Wenn man durchs Leben geht, einzelnen Menschen gegen-
iibertritt, mufi man ein offenes Herz, einen offenen Sinn haben fiir
diese einzelnen Menschen. Man mufi sozusagen jedem einzelnen indivi-
duellen Menschen gegeniiber in derLage sein,ein ganz neues Menschen-
gefiihl zu entwickeln. Man wird nur dadurch dem Menschen gerecht,
dafi man in jedem einzelnen einen neuen Menschen sieht. Aus dem
Grunde hat jeder Mensch uns gegeniiber das Recht, dafi wir ihm gegen-
iiber ein neues Menschengefiihl entwickeln. Denn wenn wir mit einem
allgemeinen Begriffe kommen und sagen, so sollte der Mensch sein in
dieser oder jener Hinsicht, dann tun wir ihm unrecht. Mit jeder Defini-
tion des Menschen setzen wir uns eigentlich eine Brille auf, um den
individuellen Menschen nicht sehen zu konnen.
Das empfindet Nietzsche gegeniiber dem Geistesleben iiberhaupt,
und darin besteht seine Gegnerschaft gegeniiber dem Sokratismus. Und
so legte sich fiir die sechziger, ja auch noch fiir die ersteHalfte der sieb-
ziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts die Anschauung auf seine
Seele: das wirklich wahre, das lebendige Griechentum habe eigentlich
in der Grundlage seiner Weltempfindung eine Art Pessimismus. Die
Griechen waren im Grunde iiberzeugt gewesen, das unmittelbare Le-
ben, wie es sich der Menschheit elementar darbietet, konne dem Men-
schen keine Befriedigung, kein Totalgefiihl seiner Menschenwiirde ge-
ben.Darum nahmen sie ihre Zuf lucht zu dem, was ihnenKunst gewesen
ist, und den Griechen war die Kunst, die sie in der besten Zeit ihrer
Entwickelung gepf legt haben, die grofie Trosterin, die uber die Mangel-
haftigkeit des rein materialistischen Daseins hinweghilft. So war fur
Nietzsche die griechische Kunst nur aus der tragischen Lebensstimmung
der Griechen heraus zu begreif en. Und diese Mission der Kunst, glaubte
Nietzsche zunachst, wiirde sich wieder aufrichten lassen durch die
Wagnerische Kunst und durch alles das, was sich kunstlerisch aus der
Wagnerischen Kunst ergeben kann.
Dann kamen die siebziger Jahre, und Nietzsche f unite, dafi das nicht
so sein konne, weil er in seiner Zeit den Impuls vermifite, der das wirk-
lich finden konnte, was die Griechen als die grofie Trosterin hingesetzt
hatten iiber das unmittelbar materielle Leben. Fur Nietzsche kam die
Zeit, in der er sich die Frage stellte: Was war es eigentlich, was ich in
der Wagnerischen Kunst wie einer Wiedererneuerung der griechischen
Kunst gesucht habe? Das waren ja Ideale! - Und nun wurde ergewahr,
wie diese Ideale, so wie er sie auf seine Seele wirken liefi, eine Ahnlich-
keit hatten mit den Idealen seines Zeitalters.
Und da kam einmal in der Mitte der siebziger Jahre des neunzehn-
ten Jahrhunderts ein furchtbar tragischer Augenblick in seinem Leben:
jener Augenblick, in dem er seine Ideale ahnlich fuhlte denen der
eigenen Zeit, der Augenblick, wo er sich sagen mufite: Damit bin ich
ahnlich dem, was unser Zeitalter Ideale nennt; ich schopfe schliefilich
aus derselben Kraft, aus der mein Zeitalter seine Ideale holt. - Das war
fur Nietzsche ein ganz besonders schmerzlicher Augenblick, denn er
hatte gerade diese idealistischen Zeiterscheinungen um sich herum er-
lebt. Er hatte zum Beispiel einen David Friedrich Strang erlebt, den
das ganze Zeitalter als grofien Mann verehrte, und den er entlarvt hat
als - Philister. Jetzt sah er, wie stark seine eigenen Ideale, die er nur
durch sein Hineingeraten in den Wagnerianismus und in die griechische
Kunst aufgepekscht hatte, seiner Zeit ahnlich waren. Kraftlos jedoch
gegeniiber dem Erf assen des wirklichen Geistigen kamen ihm die Ideale
des Zeitalters vor. Und so sagte er sich: Bin ich wahr, so darf ich eigent-
lich mit meinem Zeitalter keine Ideale haben. - Wenn er es audi nicht
in diesen Worten aussprach, so war dies doch fur ihn eine tragische
Entdeckung. Wer sich recht vertieft in dasjenige, was Nietzsche in den
Jahren, von denen ich jetzt spreche, durchgemacht hat, der weifi, dafi
fur Nietzsche einmal der Augenblick der groften Tragik kam, wo er
sich auf seine Weise sagte: Wenn der gegenwartige Mensch von Idealen
redet, und das noch irgendwie zusammenstimmt mit demjenigen, was
die anderen Ideale nennen, dann bewegt er sich auf dem Gebiete der
Phrase, jener Phrase, die nicht mehr der lebendige Korper, sondern der
tote Leichnam des Geistes ist.
Aus einer solchenStimmungheraus hat Nietzsche dieWorte gepragt:
Also mufi ich mit energischer Kraft die Ideale, die ich mir bisher gebil-
det habe, aufs Eis legen. - Und dieses Aufs-Eis-Legen aller Ideale in
dem Sinne, wie ich es jetzt charakterisiert habe, beginnt fur ihn in der
Mitte der siebziger Jahre. Es entstehen seine Schriften «Menschliches,
Allzumenschliches», «Morgenr6te» und «Frohliche Wissenschaft», in
denen er in einer gewissen Weise Voltaire huldigt, die aber auch ver-
bunden sind mit einer gewissen Anschauung von der menschlichen Sitte.
Ein aufierlicher Anlafi fiir Nietzsche, von seinem friiheren Idealis-
mus loszukommen, hinzusteuern in dasjenige, was dann seine Lebens-
anschauung in der zweiten Periode seines Lebens war, bot sich ihm
dadurch, dafi er in jener Zeit Paul Ree kennenlernte, den ich den rein
naturwissenschaftlichen Behandler der menschlichen Sitte, des mensch-
lichen Sittenwesens nennen mochte. Paul Ree behandelte ganz im Sinne
der damaligen Naturwissenschaft die Entwickelung des menschlichen
Sittenlebens. Er hat das aufterordentlich interessante Buchelchen ge-
schrieben «Der Ursprung der moralischen Empfindungen», ferner ein
Buch «Die Entstehung des Gewissens». Das Buchelchen uber die mora-
lischen Empfindungen, das eigentlich jeder nachlesen sollte, der wissen
will, wie es mit dem Denken des letzten Drittels des neunzehnten Jahr-
hunderts beschaffen ist, hat auf Nietzsche einen tiefgehenden Einflufi
gehabt.
Welcher Geist herrscht nun in diesem Buchelchen? Wiederum schil-
dere ich nicht deshalb, weil ich meine, dafi von der Philosophic ein
direkter Einflufi auf das Leben ausgeht, sondern weil ich auf ein Kul-
turthermometer weisen will, an dem man ablesen kann, wie der Stand
der sittlichen Impulse und Anschauungen und der Gedanken uber die
sittlichen Impulse damals war.Nach Paul Rees Ansicht hat derMensch
urspriinglich iiberhaupt nichts anderes gehabt als das, was nach seiner
Ansicht das Kind hat: ein Trieb leben, Impulse der unbewuftten instink-
tiven Betatigung. Der einzelne Mensch stofrt gewissermaften, indem er
skh regt, nach alien Seiten mit anderen Menschen zusammen. Von ein-
zelnen solchen Regungen, die der Mensch nach auften entwickelt, stellt
sich heraus, daft sie den anderen Menschen zupaft kommen, daft sie
ihnen niitzlich sind. Von anderen stellt sich heraus, daft sie ihnen schad-
lich sind. Daraus bilden sich die Urteile: Was vom Menschen aus seinen
instinktiven Regungen als Nutzliches ausstromt, nennt man allmahlich
«gut»; was sich als schadlich erweist fiir die anderen, dem klebt man
die Marke«b6s» auf . - Natiirlich wird das Leben immer komplizierter.
Die Menschen vergessen, wie sie den Dingen diese Marken aufgeklebt
haben. Aber sie reden dann von «gut» und «bose» und haben verges-
sen, daft man anfangs nur das als «gut» bezeichnet hat, was einem
wohltat, und als «bose», was man als schadlich empfand. So hat sich
schlieftlich das, was so entstanden ist, zum Instinkte umgebildet. Neh-
men wir an, jemand stoftt blind mit dem Arm: streichelt er einen dabei,
so nennt man es gut, gibt er einem eine Ohrfeige, so nennt man es bose.
Daraus summieren sich die Urteile. Es wird das, was sich aus solchen
Urteilen zusammengepreftt hat, selber Instinkt. Ebensowenig, wie die
Menschen wissen, warum sie die Hand so heben, ebensowenig wissen
sie, woher es kommt, daft eine Stimme aus ihrer Seele hervortritt und
uber dies oder jenes moralische Urteile abgibt, was sie dann die Stimme
des Gewissens nennen. Diese « Stimme des Gewissens» ist nichts an-
deres, als was sich aus solchen instinktiven Urteilen iiber Nutzliches
und Schadliches abgesetzt hat und an sich wieder Instinkt geworden
ist und, weil man dessen Ursprung vergessen hat, wie aus dem Inneren
heraus als Gewissensstimme erklingt.
Nietzsche war durchaus imstande, aus der Regsamkeit seines Gei-
steslebens heraus zu begreifen, daft gewift nicht alle das gleiche wie
Paul Ree sagten. Aber er war sich auch klar dariiber, daft, wenn man
iiber Naturwissenschaftliches nur so denkt, wie in seinem Zeitalter
gedacht wurde, man iiber Ethisches nicht anders denken konne als
Paul Ree. Nietzsche war eben ehrlich; er zog die letztenKonsequenzen,
wie sie Paul Ree auch gezogen hat. Und Nietzsche empfand nicht etwa
einen Groll, weil da einPhilosoph aufgetreten ist, der so etwas geschrie-
ben hat. Dieses unmittelbare Faktum hatte fur Nietzsche nicht viel
mehr Bedeutung, als sich erschopfen liefie innerhalb der Ereignisse der
Stube, in welcher Paul Ree geschrieben hat, so wie einem das Thermo-
meter auch nichts weiter angibt als die Temperaturverhaltnisse der
nachsten Umgebung. Aber es zeigt einem etwas, was allgemein ist, und
das empfand Nietzsche. Er empfand den ethischen Bodensatz seiner
Zeit in diesem Buche, und insofern bejahte er es. Fur ihn gab es nichts
Wichtigeres, als die alte Phrase aufs Eis zu setzen und zu sagen: Wenn
die Menschen von nebelhaften Idealen reden, so ist das eben nur Be-
nebelung. In Wahrheit ist alles Instinkt. - Nietzsche hat oft genug
Momente gehabt, in denen er sagte: Wenn einer auftritt und sich fur
dieses oder jenes Ideal begeistert und andere auch dafiir begeistern will,
so ist das letzten Endes, weil dieser Mensch so veranlagt ist, daft er
beim Denken iiber diese Ideale just am besten seinen Magensaft ver-
arbeiten kann, weil dann die Speisen fur ihn in die beste Verdauungs-
stromung hineinkommen. - Ich driicke das etwas radikal aus, aber
durchaus in dem Sinne, wie Nietzsche in den siebziger, achtziger Jah-
ren empfunden hat. Nietzsche sagte sich: Da reden die Menschen von
allerlei Geistigem und nennen es Ideale. In Wahrheit ist das alles zu
nichts anderem da, als dafi der oder jener, je nach seiner Konstitution,
die beste Art der Verdauung und der anderen Korperfunktionen hat,
indem er gerade so fur das sogenannte Ideale empfindet. Dasjenige,
was man «menschlich» nennt, mufi man der Phrase entkleiden, denn
es ist wahrhaft ein Allzumenschliches.
Es war schon, ich mochte sagen, eine grandiose Hingabe an die Ehr-
lichkeit, mit der Nietzsche dazumal allem Idealismus den Krieg erklarte.
Ich weift, dafi man nicht immer diese Seite bei Nietzsche betont hat.
Alleinvieles, was iiber Nietzsche gesprochen worden ist, war Snobismus,
war nicht irgend etwas Ernsthaftes. So fand sich Nietzsche am Ende
seiner ersten geistigen Periode dem Nichts gegeniiber und er fand sich
in seiner zweiten Periode, die anfangt mit «Menschliches, Allzumensch-
liches» und abschliejSt mit «Frohliche Wissenschaft» in einem gewissen
Sinne in bezug auf alien Geist bewufit dem Nichts gegeniiber. Schliefi-
lich konnte er eigentlich nur noch eine Stimmung entwickeln; denn
man kann im Grunde zu keinem geistigen Inhalt kommen, wenn man
in dieser Weise alle Ideale auf menschliche physische Funktionen zu-
ruckfiihrt. Manbraucht sich nur an einem Beispiel zu veranschaulichen,
wie Nietzsches Anschauung allmahlich geworden ist.Er sagte sich etwa:
Da gibt es Leute, die nach der Askese hinarbeiten, das heilk nach der
Enthaltung von physischen Geniissen. Warum tun die das? Sie tun es,
weil sie eine aufierordentlich schlechte Verdauung haben und weil sie
sich am besten befinden > wenn sie sich physischer Geniisse enthalten;
daher sehen sie Askese als das Erstrebenswerteste an. Im Unterbewufit-
sein wollen sie aber das, bei dem sie sich am besten befinden. Sie wollen
den hochsten Genufi in der Genuftlosigkeit empfinden. Da sieht man,
wie sie geartet sind, dafi ihnen die Genufilosigkeit der allerhochste
Genufi ist.
Bei Nietzsche, der durchaus ehrlich war, hat sich diese Stimmung
verdichtet zu Momenten, in denen er Worte ausgesprochen hat wie
diese:
Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab' niemandem nie nichts nachgemacht,
Und - lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht.
Darin war in grandioser Weise, ich mochte sagen poetisch voraus-
nehmend, jene Stimmung bezeichnet, die eigentlich um die Wende des
neunzehnten, zwanzigsten Jahrhundertskulminierte, damals aber schon
so da war, dafi sie von einem tieferen Seelenleben durchaus erlebt wer-
den mufite. Nietzsche hat sich dann aus diesem dem-Nichts-Gegeniiber-
gestelltsein der zweiten Periode dadurch herausgefunden, dafi er den
Stimmungsgehalt von zwei Ideen geschaffen hat, die er dichterisch
zum Ausdruck brachte: die Idee des Ubermenschen, weil er schlieftlich
nicht mehr anders konnte, als an etwas appellieren, was aus dem Men-
schen herausgeboren werden mufite, aber noch nicht da war, und -
nachdem er in einer so grandiosen Weise das «Gegeniiber-dem-Nichts»
erlebt hatte - die Idee der ewigen Wiederkunft des Gleichen, die ihm
aus der Entwickelungsidee heraus gekommen ist. Er hat sich gerade in
seinem naturwissenschaftlichen Zeitalter in die Entwickelungsidee hin-
eingelebt. Er fand, indem er sich in dasjenige vertiefte, was ihm die
Entwickelungsgedanken gaben, nichts, was diese Entwickelung vor-
wartsbringen wiirde.Sie ergaben ihm nur die Idee einer fortwahrenden
Wiederkunft des Gleichen. Das war dann seine letzte Periode, die wir
jetzt nicht weiter zu charakterisieren brauchen. Psychologisch charak-
terisiert, ergabe sich aufierordentlich vieles.
Aber ich will nicht eine Charakteristik Nietzsches geben, sondern
nur hinweisen darauf, wie Nietzsche, der durch seine Krankheit ge-
zwungen war, Ende der achtziger Jahre die Feder niederzulegen, vor-
empfunden hat, was fur jede tiefere Seele die Stimmung werden mufi-
te um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert.
Nietzsche hat eben im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts
versucht, einer Stimmung in Worten Ausdruck zu geben, die er herge-
nommen hat aus seinen Ideenschatzen, aus der griechischen Philosophie
und Kunst, aus dem Kunstlerischen bei Wagner, aus dem Philosophi-
schen bei Schopenhauer und so weiter. Nietzsche hat immer wieder
selbst dasjenige verlassen, was er so als Charakteristik gegeben hat.
Eine letzte Schrift von ihm ist diese: «G6tzendammerung, oder wie
man mit dem Hammer philosophiert.» Er fiihlte sich als ein Zertriim-
merer der alten Ideen. Es war das schon etwas sehr Merkwiirdiges,
denn diese alten Ideen vom Geiste der Kultur entwickelung waren ja
schon zertrummert. In Nietzsches Jugend waren die Ideenschatze schon
zertriimmert. Seit dem vierzehnten, fiinfzehnten Jahrhundert haben
sich die Ideen traditionell fortgesetzt. Diese Traditionen haben aber
im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts aufgehort. Das Zer-
trummern des alten Geistes war geschehen; nur in der Phrase lebten
die Ideenschatze noch weiter.
Derjenige, der geistgemafi gedacht hatte in derZeit,in der Nietzsche
lebte, wiirde nicht das Empfinden gehabt haben, als ob er die Ideale
mit dem Hammer zerschlagen miilke, sondern er wiirde empfunden
haben, dafi diese zerschlagen worden sind einfach durch die notwen-
dige und richtige Entwickelung desMenschengeschlechtes.DieMensch-
heit ware nicht zur Freiheit gekommen,wenn das nicht geschehenware.
Aber Nietzsche, der iiberall noch in der Phrase die Ideale aufbluhen
fand, hatte den Wahn, daft er selber tat, was langst getan war. Jeden-
falls war das fort, was fur das altere Zeitalter der innere Brennstoff
des geistigen Lebens war, wodurch der Geist im Menschen angeziindet
werden konnte, so daft mit diesem angezttndeten Geist der Mensch
dann sowohl die Natur, wie das eigene Menschenleben durchleuchten
konnte. Auf dem besonderen Gebiete des Sittlichen driickt sich das so
aus,dafi man sagt: Es kann keine moralischen Intuitionen mehr geben.
Schon gestern muftte ich Ihnen sagen: Theoretische "Widerlegungen
des Materialismus als Weltanschauung sind fur unser Zeitalter eigent-
lich Unsinn, denn der Materialismus hat fur unser Zeitalter recht. Die
Gedanken, die unser Zeitalter als die richtigen ansehen muft, sind Ge-
hirnprodukte. Daher ist eine Widerlegung des Materialismus in unserem
Zeitalter an sich eine Phrase und wer ehrhch ist, kann eigentlich nicht
viel Wertvolles sehen in einer Widerlegung des Materialismus, denn auf
die theoretische Widerlegung kommt es dabei gar nicht an.DieMensch-
heit ist eben an demjenigen Punkte der Entwickelung angelangt, wo sie
keinen innerlichen, lebendigen Geist mehr hat, sondern nur jenen Gei-
stesreflex, der restlos vom physischen Gehirn abhangig ist. Fur diesen
Reflexgeist ist der Materialismus als theoretische Weltanschauung voll
berechtigt. Es handelt sich nicht darum, ob man erne falsche Welt-
anschauung hat, oder sie wider legt, sondern darum, daft man allmahlich
zu einer geistlosen inneren Lebens- und Seelenhaltung gekommen ist.
Das ist es, was wie ein Schrei, in tragischer Weise vorempf unden, durch
Nietzsches Philosophic geht.
In dieser Situation hat die natttrlich empfindende Jugendseele im
zwanzigsten Jahrhundert die geistige Lage der Welt angetroffen. Sie
werden nicht zu einer Klarheit, zu einer faftbaren Empf indung dessen
kommen, was in unbestimmter Weise, unterbewuftt in Ihren Seelen
rumort und was Sie das heutige Jugenderlebnis nennen, wenn Sie nicht
also hineinschauen in diesen Umschwung, der sich mit dem ganzen
Geistesleben notwendigerweise in der heutigen Periode der Mensch-
heitsentwickelung ergeben hat.
Wollen Sie von anderen Untergriinden aus das, was Sie in unbe-
stimmterWeise empf inden, charakterisieren, so werden Sie immer nach
einigerZeit empf inden: Sie konnen nur immer wieder Abschied nehmen
von einer solchen Charakterisierung. Sie kommen nicht auf eineWahr-
heit, sondern doch immer nur auf Phrasen. Denn solange der Mensch
heute sich nicht ehrlich gesteht: Ich mufi zum lebendigen, zum reg-
samen Geiste, zu demjenigen Geist, der im Intellektualismus nicht mehr
seine Wirklichkeit, sondern nur seinen Leichnam hat, solange ist keine
Rettung aus der Wirrnis des Zeitalters moglich. Solange einer noch
glaubt, dafi er im Intellektualismus Geist f inden kann, wo der Intellek-
tualismus gerade nur noch so die Form des Geistes ist, wie der mensch-
liche Leichnam die Form des Menschen, solange ist kein Sichfinden
des Menschen moglich.
Ein Sichfinden des Menschen kann erst dadurch eintreten, dafi man
sich ehrlich gesteht: So wie sich der menschliche Leichnam zum Men-
schen verhalt, der gestorben ist, so verhalt sich der Intellektualismus
zum Wesen des Geistes. Er tragt noch die Form, aber das Leben des
Geistes ist aus dem Intellektualismus gewichen. Und so wie der mensch-
liche Leichnam durchdrungen werden kann von Ingredienzien, die
seine Form konservieren, was die agyptischen Mumien zeigen, so kann
man,indem man den Leichnam des Geistes mit Beobachtungsresultaten,
mit Experimentierresultaten ausstaffiert, auch ihn konservieren. Man
bekommt aber dadurch kein lebendiges Geistiges, nichts, was man mit
den lebendigen Impulsen der menschlichen Seele in naturgemafterWeise
verbinden kann; man bekommt nichts anderes als ein Totes. DiesesTote
kann in wunderbarer Weise das Tote in der Welt wiedergeben, so wie
man in derMumie noch die menschliche Gestalt bewundern kann. Aber
man bekommt im Intellektualismus kein wirklich Geistiges, ebenso-
wenig wie aus der Mumie ein wirklicher Mensch gemacht werden kann.
Solange es sich darum handelt, gerade dasjenige zu konservieren,
was durch die Ehe zwischen Beobachtung und Intellekt konserviert
werden soli, solange kann man nur sagen: Die Leistungen der neueren
Zeit sind grofiartig. In dem Augenblick, wo der Mensch sich selber die
Aufgabe setzen mufi, sich im Tief sten seiner Seele nur mit dem, was sein
Geist sich innerlich selber vorhalt, zu verbinden, in dem Augenblicke
gibt es keine Verbindung zwischen dem Intellektualismus und derMen-
schenseele. Dann gibt es nur das eine, daft der Mensch sich sagt: Ich
diirste nach etwas, und alles, was mir aus intellektualistischen Unter-
griinden aus der Welt entgegentritt, gibt mir nicht Wasser fiir diesen
Durst.
Das ist es, was naturlich in Wbrte gefafit nicht so gut herauskommt,
was aber in den Empfindungen der heutigen Jugend lebt. Die heutige
Jugend sagt das oder jenes meistens so, daft, wenn man auf die Unter-
griinde der Dinge geht, man eigentlich recht argerlich wird iiber das,
was gesagt wird. Aber man trostet sich gleich iiber den Arger. Der Arger
kommt nur daher, daft scheuftlich bombastische Worte gebraucht wer-
den, die auf alles eherpassen als auf das,wasderBetreffende empfindet.
Die Phrase iiberschlagt sich und das, was als Charakter in der Jugend-
bewegung auftritt, ist fiir den, der im Geiste zu leben versteht, von
solcher Art, daft es ihm vorkommt, als wenn es Blasen waren, die fort-
wahrend zerplatzen; es ist eigentlich der sich iiberschlagende Intellek-
tualismus. Ich will Ihnen mit diesen Dingen nicht etwa selber wehe
tun, und wenn ich dem einen oder anderen doch wehe tat, so konnte
ich nichts dafiir. Dann wiirde es mir zwar leid tun, aber ich wiirde es
doch aufterordentlich gerecht finden. Ich kann nicht nur sagen, was
gef allt, ich muft schon einmal auch dasjenige sagen, was dem einen oder
anderen nicht gefallt. Ich muft ja dasjenige sagen, was ich als wahr er-
kenne.Deshalbmuft ich Ihnen sagen: Um dasjenige zu charakterisieren,
was berechtigterweise in den Seelen der jungen Menschen liegt, ist noch
etwas ganz anderes notig als ein Aufpressen der alten Begriffe, die sich
als Phrasen iiberschlagen. Das, was dazu notig ist, ist ein intensiv ent-
wickeltes Wahrheitsgeftihl.
Wahrheit brauchen wir auf dem Grunde der Seele, meine lieben
Freunde. Wahrheit ist das erste und letzte, was wir heute brauchen, und
wenn gestern Ihr Vorsitzender hier gesagt hat, wir seien soweit ge-
kommen, daft wir eigentlich das Wort «Geist» nicht mehr aussprechen
wollen, so ist das schon wie ein Gestandnis von der Wahrheit. Es ware
eigentlich viel gescheiter, wenn unser Zeitalter, das den Geist verloren
hat, das durchfixhren wiirde, nicht mehr vom Geist zu reden; denn dann
wiirden die Menschen in ehrlicher Weise wieder den Durst nach dem
wirklichen Geiste bekommen. Statt dessen nennt man heute alles mog-
liche «Geist» und «geistig». Was wir brauchen, ist Wahrheit, und wenn
der heutige junge Mensch iiber seinen eigenen Seelenzustand sich die
Wahrheit gestehen will, dann darf er nichts anderes sagen als: DasZeit-
alter hat mir alien Geist aus der Seele genommen. Meine Seele diirstet
aber nach Geist, sie diirstet nach etwas Neuem, nach einer neuen Er-
oberung des Geistes.
Solange dieses nicht in aller Ehrlichkeit und Wahrheit empfunden
wird, solange kommt die Jugendbewegung nicht zu sich selbst. Zu alle-
dem, was ich als Charakteristikum gegeben habe fur das, was wir noch
suchen mussen, fuge ich heute das hinzu: Wir mussen im Tiefsten, im
Innersten der Seele suchen nach Licht, vor alien Dingen mussen wir zu
dem tiefinnersten Ehrlichkeits- und tiefinnerlichsten Wahrheitsgefuhl
zu kommen suchen. Wenn wir auf Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit
bauen, dann werden wir weiterkommen, und weiterkommen mufi die
Menschheit. Dann werden wir dahin kommen, dafi man wieder von
Geist reden darf, der der menschlichen Natur doch am ahnlichsten ist.
Die Seele ist am ahnlichsten dem Geiste, daher kann sie ihn finden,
wenn sie will. In unserer Zeit aber mufi sie hinausstreben iiber Phrase,
Konvention und Routine; hinaus iiber die Phrase - zu der Erfassung
der Wahrheit, hinaus iiber die Konvention - zu dem unmittelbaren,
elementaren herzlichen Verhaltnis von Mensch zu Mensch, und hinaus
iiber die Routine - zu dem, wodurch in jeder einzelnen Handlung des
Lebens wieder Geist liegt, so dafi wir nicht aus einem Automatischen
heraus handeln, wie das heute so vielfach geschieht, sondern dafi in der
alltaglichsten Handlung wieder Geist lebt. Wir mussen zu der Geistig-
keit des Handelns, wir mussen zu dem unmittelbaren Erlebnis derMen-
schen untereinander und zum ehrlich en Erlebnis derWahrheit kommen.
FONFTER VORTRAG
Stuttgart, 7. Oktober 1922
Gestern habe ich Versucht, Ihnen die geistige Situation vom Ende des
neunzehnten und Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts zu charak-
terisieren und ich habe versucht, sie so zu charakterisieren, wie ich sie
selbst unmittelbar erlebt habe, so erlebt habe, dafi es mich dazu gef uhrt
hat, meine «Philosophie der Freiheit» zu schreiben.
Diese «Philosophie der Freiheit» war auf dem Impulse auf gebaut, im
Menschen moralische Intuitionen als dasjenige anzusprechen, was in
der Weltentwickelung weiterfiihren mufi zu einer Grundlegung des
sittlichen Lebens der Zukunft. Ich wollte durch meine «Philosophie
der Freiheit» zeigen, dafi in der Menschheitsentwickelung die Zeit
gekommen ist, in welcher die Sittlichkeit auf keine andere Weise fort-
gefiihrt werden kann, als dafi in bezug auf sittliche Impulse an das-
jenige appelliert wird,was derMensch aus dem Innersten seines Wesens,
ganz individuell, als moralische Impulse heraufholen kann. Ich habe
Sie darauf hingewiesen, dafi die Veroffentlichung dieser «Philosophie
der Freiheit» in eine Zeit fiel, in welcher in weitesten Kreisen gesagt
wurde, dafi man endlich erkannt habe, dafi moralische Intuitionen eine
Unmoglichkeit seien und dafi alles Reden dariiber mundtot gemacht
werden miisse. Ich mufite es also f iir notwendig halten, eine Begriindung
der moralischen Intuition zu geben, von der gerade in den Kreisen, die
glaubten,mit dem philosophischenDenken auf dem festenBoden neue-
rer Wissenschaft zu stehen, gesagt wurde, dafi sie mundtot gemacht
werden miisse. Es war daher eine scharfe Differenz zwischen dem, was
die Zeit in vielen ihrer anerkanntesten Geister fur das Richtige hielt
und dem, was ich aus den Grundlagen der menschheitlichen Entwicke-
lung heraus fur das Richtige halten mufite.
Worauf beruht aber eigentlich diese Differenz? Um dies zu ent-
decken, wollen wir uns jetzt einmal in die Tiefen des menschlichen
Seelenlebens hineinbegeben, wie es sich in unserer Zeit im Abendlande
gestaltet hat. Man hat ja auch friiher von moralischen Intuitionen
gesprochen, indem man gesagt hat, die Menschen konnen als Wesens-
individualitat die Antriebe zum Handeln aus den Tiefen ihres Wesens
heraufholen, unabhangig vom aufieren Leben. Aber schon seit dem
ersten Drittel des fiinfzehnten Jahrhunderts und immer starker in den
folgenden Jahrhunderten wurde alles das, was man in dieserWeise iiber
die moralischen Intuitionen gesagt hatte, vom rein menschlichen Stand-
punkte aus immer weniger wahr. Denn die Menschen sagten zwar,
Sittlichkeit konne nicht begriindet werden durch Beobachtung aufierer
Tatsachen; aber sie vernahmen nicht mehr etwas wirklich Lichtvolles,
wenn sie in ihr eigenes Innere schauten. So behaupteten sie wohl, mo-
ralische Intuitionen seien da, aber sie wufken eigentlich nichts mehr
davon. Alle solche Behauptungen waren schon seit Jahrhunderten von
der Art, dafi in ihnen das Denken, das vor dem fiinfzehnten Jahrhun-
dert der Menschheit eigen war, automatisch fortrollte und man noch
Tatsachen behauptete, die friiher ihre Berechtigung gehabt hatten, jetzt
aber aufhorten, berechtigt zu sein.
Die Traditionen, von denen ich Ihnen in den vorangehenden Tagen
gesprochen habe, und die durch Jahrhunderte noch fortdauerten, tru-
gen das ihrige dazu bei, dafi solche Behauptungen aufgestellt werden
konnten. Vor dem fiinfzehnten Jahrhundert sprach der Mensch nicht
blofi in unbestimmter Weise von diesen Dingen - dieses unbestimmte
Sprechen war schon das Unwahrhaftige -, sondern wenn er von Intui-
tionen, auch von moralischen Intuitionen sprach, so sprach er wie von
etwas, das im Innern des Menschen aufstieg und von dem er ebenso
eine Vorstellung hatte, als von einem Realen, Wirklichen, wie er eine
Vorstellung von einem Wirklichen hatte, wenn er des Morgens nach
dem Schlafe die Augen aufmachte und die Natur ansah. Draufien sah
er die Natur, sah die Pflanzen, die Wolken. Wenn er in sein Inneres
sah, so hatte er auf steigend das Geistige, welches das Moralische, so wie
er es dazumal als ein Gegebenes hatte, umfafite. Je weiter wir zuruck-
gehen in der Menschheitsentwickelung, desto mehr finden wir, dafi das
reale Heraufsteigen eines inneren Daseins im menschlichen Erleben
etwas Selbstverstandliches ist. Wir konnen diese Tatsachen, die sich so,
wie ich sie Ihnen eben erzahlt habe, aus der Geisteswissenschaft er-
geben, an gewissen aufieren Symptomen auch geschichtlich studieren.
So tritt zum Beispiel in der Zeit,in der das Sprechen von einer inneren
Realitat immer mehr in Unwahrheiten gerat, der Gottesbeweis auf.
Hatte man in den ersten Jahrhunderten der christlichen Geistesent-
wickelung von Gottesbeweisen gesprochen, wie Anselm von Canterbury
es tat, so hatten die Menschen nicht gewufit, was damit gemeint ist. In
noch friiheren Zeiten hatten sie es noch weniger gewuik. Im zweiten,
drittenjahrhundert vor Christi Geburt von Gottesbeweisen zu sprechen,
ware so gewesen, wie wenn eine der hier in der ersten Reihe sitzenden
Personlichkeiten aufstiinde und ich wiirde sagen: «Der Herr N.N.
steht da!», und irgend jemand hier wiirde verlangen: «Nein, das mufi
erst bewiesen werden!» Das, was der Mensch als Gottliches empfand,
war fur ihn ein unmittelbares, vor seiner Seele stehendes Wesen. Er war
behaftet mit der Wahrnehmungsfahigkeit fiir dasjenige, was er sein
Gottliches nannte. Dieses Gottliche war in jenem geschichtlichen Zeit-
alter mehr oder weniger primitiv, unvollkommen fiir die Empfindung
des heutigen Menschen. Die Menschen sind in diesem primitiven Zeit-
alter nicht weiter gekommen, als bis zu demPunkte, den man dakannte.
Aber von Beweisen hatten sie nichts horen wollen, denn das ware ihnen
absurd vorgekommen. Das Gottliche zu beweisen fing man erst in der
Zeit an, als man es innerlich verloren hatte, als es nicht mehr da war fiir
die innere geistige Anschauung. Das Aufkommen der Gottesbeweise
mufi, wenn man unbefangen die tatsachliche Welt in Betracht zieht, als
ein Symptom dafiir angesehen werden, dafi das unmittelbare Anschauen
des Gottlichen verlorengegangen war. Aber mit diesem Gottlichen
waren zugleich die damaligen sittlichen Impulse verbunden. Man kann
das, was damals sittliche Impulse waren, heute nicht mehr als solche
ansehen. Aber fiir die damaligen Zeiten war es so. Als daher mit dem
ersten Drittel des fiinfzehnten Jahrhunderts die Anschauungsfahigkeit
fiir das Gottlich-Geistige im alten Sinne versiegt war, da versiegte auch
die unmittelbare Anschauung fiir das Sittliche und es blieb nur das
traditionell Dogmatische vom Sittlichen iibrig, das die Menschen dann
so deuteten, dafi sie es «Gewissen» nannten. Aber sie meinten damit
immer etwas hochst Unbestimmtes.
Und als es dann am Ende des neunzehnten Jahrhunderts hiefi, alles
Reden liber moralische Intuitionen miisse mundtot gemacht werden,
so war das nur die letzte Konsequenz der historischen Entwickelung.
Bis dahin hatten dieMenschen noch so eine dunkle Ahnung: es gab ein-
mal solche Intuitionen. Aber jetzt fingen sie an, sich etwas zu priifen.
Schlieftlich hat ihnen die Intelligenz wenigstens das gebracht, daft sie
sich priifen konnten, und sie fanden nun, daft sie nach der Methode,
nach der sie gewohnt waren, naturwissenschaftlich zu denken, gar
nicht zu moralischen Intuitionen kamen.
Nun miissen wir uns einmal die alten moralischen Intuitionen an-
schauen. In dieser Beziehung ist unsere Geschichte sehr fadenscheinig
geworden. Wir haben eine aufiere Geschichte. Im neunzehnten Jahr-
hundert haben wir uns auch bemiiht, eine Kulturgeschichte zu begriin-
den. Eine Geschichte jedoch, die auch das Seelenleben der Menschen
berucksichtigt, hat die neuere Zeit nicht hervorbringen konnen, und so
weifi man nicht, wie das Seelische sich von den altesten Zeiten bis zum
ersten Drittel des funfzehnten Jahrhunderts entwickelt hat. Geht man
aber in der Zeit zuriick und schaut sich an, was als moralische Intuition
damals angesprochen worden ist, so findet man, das war nicht etwas,
das innerlich von der Menschenseeie erarbeitet worden war. Deshalb
hat zum Beispiel das Alte Testament das, was als moralische Intuition
da figuriert, mit vollem Recht nicht als etwas von der menschlichen
Seele Erarbeitetes empfunden, sondern als gottliche Gebote, die von
auften in sie eingeflossen waren. Und je mehr man zuriickgeht, desto
mehr findet man, daft der Mensch das, was er beim Anschauen des
Sittlichen schaute, als ein inneres Geschenk eines aufter ihm lebenden
Gottlichen fiihlte. Also als gottliches Gebot, und zwar nicht in iiber-
tragenem, nicht in symbolischem Sinn, sondern in ganz eigentlichem
Sinne wurden damals die moralischen Intuitionen angesehen.
Es ist daher schon ein groftes Stuck Wahrheit daran, wenn heute
gewisse religiose Philosophien auf eine Uroffenbarung hinweisen, die
den historischen Erdenzeiten vorangegangen ist. Die auftere Wissen-
schaft kann da nicht viel weiter kommen, als zu einer Art, ich mochte
sagen, seelischer Palaontologie. Gerade so, wie man aus dem Erdreiche
die petrifizierten Formen findet, die auf das fruhere Leben hinweisen,
so kann man in den gleichsam petrifizierten Moralideen die Formen
finden, welche auf die einstmals lebendigen, gottgegebenen Moralideen
zuruckweisen. Man kann daher auf den Begriff einer Uroffenbarung
kommen und sagen: Diese Uroffenbarung versiegte. Die Menschen ver-
loren die Fahigkeit, sich dieser Uroffenbarung bewulk zu sein. Und
der Kulminationspunkt in diesem Verlieren ist im ersten Drittel des
fiinfzehnten Jahrhunderts gelegen. Die Menschen nahmen nichts mehr
wahr, wenn sie nach innen schauten. Sie bewahrten nur noch die Tra-
dition dessen, was sie friiher geschaut batten. Dieser Tradition bemach-
tigten sich allmahlich die aufieren Bekenntnisgesellschaften und form-
ten den aufierlich gewordenen, blofi traditionellen Inhalt zu Dogmen,
an die man nur glauben sollte, wahrend man sie friiher in lebendiger
Weise, aber als aufiermenschlich erlebt hatte.
Das war die ganz signifikante Situation am Ende des neunzehnten
Jahrhunderts, dafi man in einzelnen Kreisen zum Bewufitsein gekom-
men war, dafi die alten, gottgegebenen Intuitionen nicht mehr da sind,
und dafi, wenn man mit seinem Kopf e die Gedanken der Alten bewei-
sen will, man nur sagen kann: Es gibt keine moralischen Intuitionen!
Die Wissenschaft hat die moralischen Intuitionen mundtot gemacht,
und die Menschen, wenn sie sich nur empfangend verhalten, sind nicht
mehr fahig, moralische Intuitionen zu empfangen. Ware man konse-
quent gewesen, so hatte man schon damals eine Art Spengler werden
und sagen miissen: Moralische Intuitionen gibt es nicht, folglich kann
die Menschheit eigentlich nichts tun, als in Zukunft langsam vertrock-
nen. - Man hatte hochstens seinen Grofivater fragen konnen: Habt
Ihr gehort, dafi es einmal moralische Intuitionen und Einfliisse gege-
ben hat? - und dieser hatte einem dann geantwortet: Man miifke die
Schranke und Bibliotheken durchsuchen, dann konnte man sich aus
zweiter und dritter Hand die Kenntnis von moralischen Intuitionen
noch erwerben; aber nicht mehr aus dem Erleben heraus. — Dann hatte
man sich sagen miissen: Es bleibt also nichts anderes ubrig, als in bezug
auf moralische Intuitionen zu vertrocknen, greisenhaft zu werden,
keine Jugend mehr zu haben. - Da ware man konsequent gewesen! Das
getraute man sich aber nicht, denn Konsequenz war nicht gerade eine
hervorragende Eigenschaft des aufgehenden intellektualistischen Zeit-
alters.
Man getraute sich uberhaupt alles mogliche nicht. Wenn man irgend-
ein Urteil abgab, so gab man es halb ab, etwa wie Du Bois-Reymond
in seiner Rede iiber die Grenzen des Naturerkennens, wo er sagt, der
Naturwissenschaft konne man nicht mit Supernaturalismus kommen,
denn Supernaturalismus sei Glaube und nicht Wissen; beim Super-
naturalismus hore dieWissenschaft auf. Weiter wurde auf dieses Gebiet
nicht eingegangen. Wenn einer etwas Weitergehendes dariiber sagte,
fing man an zu schimpfen und behauptete, dafi das nicht mehrWissen-
schaft sei. Konsequenz war nicht mehr eine Eigenschaft des ausgehen-
den Jahrhunderts.
So hatte man auf der einen Seite die Alternative des Austrocknens.
Das Geistige geht allmahlich ins Seelische, das Seelische ins Physische
und nach Jahrzehnten wurde die Seele nur noch antiquarische Impulse
iiber Moralitat aufstobern konnen, was schliefilich dazu fuhren wurde,
dafi nicht erst die DreilSigjahrigen, sondern schon die Zwanzigjahrigen
mit Glatzkopfen und die Fiinfzehnjahrigen mit grauen Haaren herum-
laufen. Das ist ein bilkhen bildlich gesprochen; aber das ware in der
Tat der Spenglerismus als ein praktischer Lebensimpuls. Das war die
eine Alternative.
Die andere war die, dafi man sich unmittelbar bewufit wurde: Wir
stehen mit dem Verluste der alten Intuitionen dem Nichts gegeniiber. -
Also was tun? In diesem Nichts das All suchen! Aus diesem Nichts her-
aus etwas suchen, was einem nicht gegeben wird, was man erarbeiten
mufi.Und erarbeiten konnte man nicht mehr mit den passivenKraften,
die da waren, sondern nur noch mit den starksten Erkenntniskraften,
die in diesem Zeitalter dem Menschen zur Verfugung standen: mit den
Erkenntniskraften des reinen Denkens. Denn beim reinen Denken geht
das Denken unmittelbar in den Willen iiber. Beobachten und denken
konnen Sie, ohne Ihren Willen sehr anzustrengen. Experimentieren
und Denken geht nicht in den Willen iiber; aber reines Denken, also
elementare, urspriingliche Aktivitat entfalten, dazu gehort Energie.
Da mufi der Blitz des Willens unmittelbar in das Denken selber ein-
schlagen. Da mufi der Blitz des Willens aber auch aus der ganz singu-
laren menschlichen Individualitat herauskommen. Und da mufite man
schon einmal den Mut haben, an dieses reine Denken zu appelheren,
das auch zum reinen Willen wird. Dieser wird aber zu einer neuen
Fahigkeit: der Fahigkeit, aus der unmittelbaren menschlichen Indivi-
dualitat heraus moralische Impulse zu gewinnen, die nun erarbeitet
werden miissen, die nicht mehr wie die alten gegeben sind. An Intmtio-
nen mufite appelliert werden, die erarbeitet werden! Und das Zeitalter
kennt ja dasjenige, was der Mensch im Innern erarbeitet, unter keinem
anderen Namen als unter dem der Phantasie. Also muftten in diesem
Zeitalter, das ohnedies diese innere Arbeit mundtot gemacht hat, aus
der moralischen Phantasie die kiinftigen moralischen Impulse geboren
werden; das heifit, der Mensch mufite verwiesen werden von der blofi
poetischen, kiinstlerischen Phantasie auf eine produktive moralische
Phantasie.
Alle alten Intuitionen waren immer nur Gruppen gegeben. Es besteht
ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen der Uroffenbarung und
den Menschengruppen. Die alten Intuitionen waren immer Menschen-
gruppen in ihrem Zusammenhange gegeben. Die neuen Intuitionen, die
jetzt erarbeitet werden miissen, miissen auf dem Schauplatz jeder ein-
zelnen, individuellen Menschenseele erarbeitet werden; das heilk, jeder
einzelne Mensch mufi selbst zum Quell des Sittlichen gemacht werden.
Das mufi aus dem Nichts, dem man sich gegeniibergestellt sieht, durch
die Intuitionen selber herausgeholt werden.
Das allein blieb einem iibrig, wenn man nicht damals schon als ehr-
licher Mensch in eine Art Spenglerismus iibergehen wollte, und diese
«Spengler»-Arbeiten sind ja nicht gerade lebendige Arbeiten! Es han-
delte sich aber darum, aus dem Nichts heraus, dem die Menschen
gegeniibergestellt zu sein schienen, wieder ein lebensvolles Wirkliches
zu finden; daher konnte selbstverstandlich zunachst nur an einen An-
fang appelliert werden. Denn das, woran appelliert werden mufite,
ist ein Schaffendes im Menschen, gewissermafien das Schaffen eines
inneren Menschen innerhalb des adfteren Menschen. Der aufiere Mensch
hat f riiher die moralischen Impulse von auften bekommen. Jetzt mufite
der Mensch selber einen inneren Menschen schaffen. Mit diesem inneren
Menschen bekam er zugleich die neue moralische Intuition, oder besser
gesagt, er bekommt sie. So mulke aus der Zeit herausgeboren werden,
aber als etwas, das sich zugleich der Zeit im strengsten Sinne entgegen-
stellen mufke, so etwas wie eine «Philosophie der Freiheit».
Schliefien wir daran eine Betrachtung der Seelenlage des modernen
Menschen noch von einer anderen Seite. Sehen Sie, wie - ich mochte
sagen - zur Vorbereitung des Intellektualismus in der abendlandischen
Zivilisation hinweggeschafft wurde schon vor langerer Zeit das Be-
wufitsein des vorirdischen Menschenwesens, des vorirdischen Daseins
des Menschen. Das wurde der abendlandischen Zivilisation schon in
sehr friihen Zeiten genommen, so dafi die abendlandischen Menschen
sich nicht bewuftt waren: indem ich mich aus dem embryonalen Zu-
stande der irdischen Entwickelung heraushebe, vereinigt sich mit mir
ein anderes, das aus geistig-seelischen Hohen heruntersteigt und dieses
physische Erdenwesen durchdringt.
Nun ist es bei diesem Durchdringen so, daft sich fur dieAnschauung
ganz konkret das Folgende ergibt. Ich habe Sie schon auf ein Bild hin-
gewiesen, damit durch dasselbe verdeutlicht werde, was ich hier zu
sagen habe. Wenn wir einen Leichnam ansehen, sagte ich, so wissen wir,
dafi er seine Form nicht durch die gewohnlichen Naturkrafte haben
kann, sondern er mu£ Rest sein des lebendigen Menschen. Es ware eine
Torheit, die Form des menschlichen Leibes als etwas an sich Lebendiges
auf zuf assen. Man mufi auf das zurii ckgehen, was der lebendige Mensch
war. So stellt sich aber auch das intellektualistische Denken, unbefan-
gen betrachtet,als etwas Totes vor uns hin. Natiirlich werden die Men-
schen sagen: Beweise uns das! Es beweist sich eben in der Anschauung,
und solche Beweise, die eigentHch nur fiir die Nebendinge da sind,
Iassen sich schon auffinden. Aber um das zu zeigen, miifite ich einige
Kapitel Philosophic vortragen, was aufterhalb der gegenwartigen Auf-
gabe liegt. Aber fiir den, der unbef angen zusieht, stellt sich das intellek-
tualistische Denken, aus dem unsere ganze heutige Zivilisation fliefit,
im Verhaltnis zum lebendigen Denken so dar, wie sich der Leichnam
zum lebendigen Menschen verhalt. Wie der Leichnam vom lebendigen
Menschen stammt, so stammt das, was ich heute an Denken habe, von
einem lebendigen Denken, das ich in einer friiheren Zeit hatte. Und
bei gesundem Denken mufi ich mir sagen: Dieses tote Denken muft
abstammen von einem lebendigen, das vor der Geburt da war. Der
physische Organismus ist das Grab des lebendigen Denkens, der Behal-
ter des toten Denkens.
Aber das Eigentiimliche ist, dafi man in den zwei ersten mensch-
lichen Lebensepochen bis zum sechsten, siebenten, achten Jahre, bis
zurn Ende des Zahnwechsels, und weiter bis zum dreizehnten, vier-
zehnten, fiinfzehnten Jahre, also bis zur Geschlechtsreife, sozusagen
ein noch nicht ganz totes Denken hat. Da ist das Denken im Sterben.
Gelebt hat es iiberhaupt nur im vorirdischenDasein. In den ersten zwei
Lebensepochen kommt es zum Sterben. Ganz tot wird es fur den Men-
schen seit dem ersten Drittel des fiinfzehnten Jahrhunderts eben mit
der Geschlechtsreife. Es ist dann der Leichnam dessen, was eigentlich
lebendiges Denken ist. Das war nicht immer so in der Menschheits-
entwickelung. Wenn man hinter das fiinfzehnte Jahrhundert zuriick-
geht, so zeigt sich, daft das Denken noch etwas Lebendiges gehabt hat,
daft da noch jenes Denken vorhanden war, das die heutigen Menschen
nicht leiden konnen, weil sie es so empfinden, wie wenn ihnen ein
Ameisenhaufen im Gehirn herumkribbelte. Sie konnen es nicht leiden,
wenn in ihnen etwas lebt. Sie wollen recht still und bequem in der Hal-
tung ihres Kopfes sein konnen, und auch das Denken darinnen soli
ruhig verlaufen, so daft man nur mit logischen Gesetzen etwas nachzu-
helfen braucht. Aber reines Denken, das ist so, wie wenn ein Ameisen-
haufen im Kopfe ware, und das, sagen sie, ist nicht gesund. Im Anf ange
des fiinfzehnten Jahrhunderts hat man das lebendige Denken noch ver-
tragen. - Ich sage das nicht, um eine Kritik auszuuben. Es ware auch
unangemessen, ebenso unangemessen, wie wenn man an einer Kuh be-
mangelte, daft sie kein Kalb mehr ist. Es ware zum groftten Unheil fur
die Menschheit geworden, wenn es nicht so gekommen ware. Es muftte
Menschen geben, die diesen Ameisenhaufen im Kopfe nicht vertragen
konnen. Denn das Tote muftte auf andere Weise wieder zum Leben
gebracht werden.
DieSache ist nun so, daft seit derMitte des fiinfzehnten Jahrhunderts
die Menschen nach der Geschlechtsreife ein im wesentlichen totes Den-
ken innerlich erlebten. Sie waren von dem Leichnam des Denkens aus-
gefiillt. Wenn Sie ganz ernsthaft diesen Gedanken f assen, dann wird es
Ihnen begreif lich sein, daft erst seit jener Zeit eine richtige anorganische
Naturwissenschaft entstehen konnte, weil da erst der Mensch anfing,
rein anorganische Gesetze begreifen zu konnen. Erst jetzt konnte man
das Tote so begreifen, wie es seit Galilei und Kopemikus angestrebt
wird. Das Lebendige mufke erst innerlich sterben. Als man noch inner-
lich lebendig war im Denken, da konnte man das Tote nicht aufierlich
begreif en, denn es teilte sich die lebendige Erkenntnisart dem Aufieren
mit. Immer reiner wurde die Naturwissenschaft, und das ging so fort,
bis sie am Ende des neunzehnten Jahrhunderts fast nur noch Mathema-
tik war. Das war das Ideal, dem sie zustrebte: Phoronomie sollte sie
werden, eine Art reiner Mechanik.
So wurde in neuererZeit immer mehr und mehr das Tote zum eigent-
lichen Erkenntnisobjekt. Das war jetzt das ganze Streben. Das dauerte
naturlich einige Jahrhunderte; aber die Entwickelung verlauft in dieser
Linie. Geniale Menschen wie de Lamettrie zum Beispiel, sagten schon
wie prophetisch, der Mensch sei eigentlich eine Maschine. Der Mensch,
der nur das Tote begreifen will, bedient sich allerdings nur des Ma-
schinenmafiigen, des Toten in sich selber. Das macht dem neueren
Menschen die naturwissenschaftliche Entwickelung leicht. Das Denken
erstirbt mit der Geschlechtsreife. In friiherer Zeit hatte man die gott-
gegebenen Intuitionen, weil das Denken audi noch weit liber die
Geschlechtsreife hinaus Wachstumskrafte in sich behielt. Nach der Ge-
schlechtsreife verliert der Mensch heute dieses lebendige Denken, und
so lernen die Menschen im spateren Alter nichts mehr, sondern sie
beten nur nach, was sie in friiher Jugend sich schon angeeignet haben.
Nun war das den Alten, die die Kultur in der Hand hatten, eigent-
lich ganz angemessen: mit einem toten Denken eine tote Welt zu um-
fassen.Man kann damit vorziiglich Wissenschaf t begriinden. Man kann
aber damit niemals die Jugend unterrichten und erziehen.Und warum?
Weil die Jugend bis zur Geschlechtsreife die Lebendigkeit des Denkens,
wenn auch auf unbewufite Art, behalt. Und so stellt sich, trotz alien
Nachdenkens iiber die Erziehungsgrundsatze, wie sie in neuerer Zeit
gefalk worden sind, immer mehr heraus, da£ wenn die steif gewordene
objektive Wissenschaft, die das Tote umf afit, zur Erzieherin wird und
an das Lebendige, Jugendliche herankommt, diese Jugend das wie ein
Hereinstofien eines Pfahles ins Fleisch fiihlt. Man stiefi ihr einen Pfahl
ins Herz, den Tod, und sie soil sich aus dem Herzen das Lebendige
herausreifien. Es mulke aus dem Inneren der menschlichen Entwicke-
lung heraus zu dem kommen,was heute noch sehr vieleLeute ubersehen,
was aber wirklich in einschneidender Weise vorhanden ist: zu einer
Kluft zwischen dem Alter und der Jugend. Und diese Kluft beruht
einfach darauf, dafi die Jugend sich ins lebendige Herz nicht den toten
Pfahl stofien lassen kann, den der Kopf aus dem blofien Intellektualis-
mus herausarbeitet. Die Jugend verlangt nach Lebendigkeit, die nur
aus dem Geiste heraus von menschlicher Individualitat erarbeitet wer-
den kann. Und wir machen den Anfang, diese an raoralischen Intuitio-
nen zu erarbeiten.
Hat man da einmal angef angen, wie ich es versucht habe in meiner
«Philosophie der Freiheit» darzustellen beziiglich dieses reinen Geisti-
gen - denn ein rein Geistiges sind diese moralischen Intuitionen, her-
ausgearbeitet aus der menschlichen Individualitat — und hat man sich
getraut, wahrend die anderen sagten, es sei mundtot gemacht, den Mund
aufzumachen: siehe da, die Machte, welche sagten, man wiirde mund-
tot, wenn man von moralischen Intuitionen redet, werden selber mund-
tot! So appellierte ich an das lebendige rein Geistige. Die Wissenschaft
ist tot. Sie kann den Mund nicht lebendig machen. Aber man kann
ohnedies nicht auf sie bauen. Man mufi an eine innerliche Lebendigkeit
appellieren, und so mufi man erst richtig anfangen zu suchen. Das Gott-
liche liegt gerade im Appell an die urspriinglichen moralischen geistigen
Intuitionen. Hat man aber das Geistige erfa£t, dann kann man auch
dieKrafte entfalten,um von da ausgehend das Geistige in den weiteren
Gebieten des Weltendaseins zu erfassen. Und das ist der gerade Weg
von den moralischen Intuitionen zu den anderen geistigen Inhalten.
In meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?» habe ich darzustellen versucht, dafi sich aufbaut die Erkenntnis
der iibersinnlichen Welten aus imaginativem, inspiriertem, intuitivem
Erleben, allmahlich aufbaut, Schaut man auf die aufiere Natur, so
kommt man zur Imagination, spater zur Inspiration und zuletzt zur
Intuition. In der moralischen Welt ist es anders. Kommt man da zur
Bildlichkeit, zu Imaginationen uberhaupt, so hat man an den Imagina-
tionen zugleich die Fahigkeit entwickelt, moralische Intuitionen zu
haben. Schon auf der ersten Stufe erringt man sich das, was dort erst
auf der dritten Stufe erlangt wird. In der moralischen Welt folgt auf
aufiere Wahrnehmung gleich die Intuition. Bei der Natur aber folgen
dazwischen noch zwei andere Stufen. So dafi man also gar nicht anders
kann, wenn man nicht phrasenhaft, sondern in ehrlicher Wahrheit auf
moralischem Gebiet von Intuitionen gesprochen hat, als sie als etwas
rein Geistiges anzuerkennen. Dann aber mufi man fortarbeiten, um
auch das andere Geistige zu finden. Denn qualitativ hat man in der
moralischen Intuition dasselbe ergriffen, was man dann fur die natiir-
liche Entwickelung mit einem Inhalt erfullt, meinetwillen mit der
Geheimwissenschaft.
Aber in einem solchen Gang besteht eben das, was wir notig haben,
meine lieben Freunde. Wir brauchen auf der einen Seite ein voiles Ein-
gestandnis dessen, dafi die aufiere Wissenschaft notwendigerweise nur
das Materielle umfassen kann, daher bei der Anschauung des Materiel-
len nicht nur Materialismus, sondern auch Phanomenalismus bleiben
mui Aber gearbeitet mufi daran werden, dafi das, was die Naturwis-
senschaft zum toten Denken macht, wiederum lebendig wird. Und so
wird, ich mochte sagen, auf einer etwas hoheren Stufe ein Bibelwort
lebendig. Ich will nicht in sentimentaler Weise meine Auseinander-
setzungen mit Bibelworten durchspicken, sondern ein solches nur ge-
brauchen,um manche Dinge zu verdeutlichen. Warum haben wir heute
keine wirklichen Philosophien mehr? Weil das Denken, wie ich es cha-
rakterisiert habe, eigentlich gestorben ist. Daher sind die Philosophien,
wenn sie sich blofi auf das gestorbene Denken stiitzen, von vornherein
tot. Sie leben nicht. Und wenn einer wirkhch einmal etwas Lebendiges
in der Philosophic sucht, wie Bergson } so wird doch nichts daraus, weil
er zwar nach dem Lebendigen zappelt, es aber nicht fassen kann. Das
Lebendige erfassen heifk: zuerst zum Schauen zu kommen. Was wir
notwendig haben, um zu einem Lebendigen zu kommen, ist das, was
wir nach unserem fiinfzehnten Jahre hinzutragen konnen zu dem, was
in uns gearbeitet hat vor dem fiinfzehnten Jahre. Das wird nicht durch
unseren Intellekt gestort. Wir miissen das, was da als selbsttatige, le-
bendige Weisheit in uns wirkt, hineintragen lernen in das abgestorbene
Denken. Es mufi mit Wachstumskraften und Realitat durchdrungen
werden. Deshalb mochte ich an dieses Bibelwort - und nicht aus Sen-
timentalitat — ankniipfen: «So ihr nicht werdet wie dieKindlein, konnt
ihr nicht in das Reich Gottes kommen. »
Es ist schliefilich doch immer das Reich Gottes, das man sucht. Aber
wenn man nicht wird wie das Kind vor der Geschlechtsreif e, kann man
nicht in das Reich Gottes kommen. Man mufi Kindhaftigkeit, Jugend-
haftigkeit hineinbringen in sein totes Denken. Dadurch wird es leben-
dig, dadurch kommt es auch wieder zu Intuitionen. Man mochte sagen,
wir lernen aus der Urweisheit des Kindlichen heraus sprechen. Aus
einer solchen Sprachwissenschaft, wie sie zum Beispiel Fritz Mauthner
geschrieben hat, werden eigentlich nicht nur die moralischen Intuitio-
nen mundtot gemacht, da wird eigentlich schon das ganze Reden liber
die Welt mundtot gemacht. Man sollte aufhoren, iiber die Welt zu
reden, weil Mauthner nachweist, daf5 alles Reden iiber die Welt nur
aus Worten besteht und Worte keine Wirklichkeit ausdriicken konnen.
Ein solches Denken ist erst heraufgekommen seit dem ersten Drittel
des neunzehnten Jahrhunderts. Nur iiberlegen sich die Leute nicht, was
das ware, wenn unsere Worte und Begriffe nicht blofi etwas bedeuteten,
sondern selbst etwas sein wiirden. Dann waren sie namlich nicht durch-
sichtig, dann wiirden sie wie getrubte Linsen vor unseren Augen das
Sinnliche verdecken, sie wiirden uns alleAussicht in die Welt zudecken.
Da ware etwas Schones aus dem Menschen geworden, wenn er Begriffe
und Worte hatte, die fur sich selber etwas bedeuten! Dann wiirde er
in ihnen steckenbleiben. Begriffe und Worte mussen durchsichtig sein,
damit er durch sie zu den Dingen kommt. Notwendig ist eben, wenn
man schon will, dafi alles Reden iiber die Realitaten mundtot gemacht
sei, dafi wir eine neue Sprache lernen.
In dieser Form mussen wir wiederum in die Kindheit zuruckgehen,
indem wir eine neue Sprache lernen. Die Sprache, die wir lernen in den
ersten Kinderjahren, sie wird allmahlich, weil die toten intellektualisti-
schen Begriffe hineindringen, ganz tot. Wir mussen sie wieder beleben.
Wir mussen einen Einschlag finden in dasjenige, was wir denken, wie
wir einen Einschlag gehabt haben, aus dem Unbewufiten heraus, als
wir sprechen lernten. Eine lebendige Wissenschaft mussen wir suchen.
Wir mussen es naturlich finden, dafi das Denken, das den Hohepunkt
erreicht hat im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, uns
mundtot macht fur die moralischen Intuitionen. Wir mussen lernen,
den Mund aufzumachen, indem wir die Lippen bewegen lassen vom
Geiste. Dann werden wir wieder zu Kindern werden, das heilk, wir
werden Kindheit hineintragen in das spatere Alter. Und das mussen
wir. Wenn irgendeine Jugendbewegung eine Wahrheit haben und nicht
nur Phrase sein will, so ist sie notwendigerweise Sehnsucht nach Uffnen
des menschlichen Mundes durch den Geist, Sehnsucht nach Belebung
der menschlichen Sprache durch den Geist, der aus der menschlichen
Individuality entspringt. Man sieht, wie zuerst aus der menschlichen
Individuality herausgeholt werden mussen die individuellen morali-
schen Intuitionen, und man wird sehen, wie als letzte Konsequenz
daraus dasjenige hervorgeht, was eine wirkliche Geisteswissenschaft
ist, was alle Anthropologie zu einer Anthroposophie macht.
SECHSTER VORTRAG
Stuttgart, 8. Oktober 1922
Sehrviele vonlhnen denken bei ihrem hiesigen Aufenthalt und bei aller
Betatigung, die sie innerhalb dieses hiesigen Auf enthaltes jetzt entf alten
wollen, vor alien Dingen an dasPadagogische; wohl nicht so sehr an das
Schulpadagogische, wie man es gewohnlich auffafit, sondern an diePad-
agogik, die sich ergibt, wenn man bedenkt, dafi in unserer Zeit mancber
neue Einschlag in die Entwickelung der Menscbheit hineinkommen
mufi, dafi alles Verhalten der alteren Generation gegeniiber der jiinge-
ren einen anderen Charakter annehmen muft, woriiber man sich Vor-
stellungen bilden, Empfindungen entwickeln will. Man fafit gewisser-
mafien den Grundcharakter des Zeitalters als etwas Padagogisches auf.
Ich will damit nur einen Eindruck schildern, der, wie ich glaube,
sich bei vielen von Ihnen bemerken lafit. Man darf ja, wenn man uber-
haupt in einer solchen Art auf sein Zeitalter hinsieht, nicht nur die Be-
ziehung ins Auge fassen zwischen der Generation, die in voller Jugend-
lichkeit in das Jahrhundert hereingetreten ist, und der alteren Genera-
tion, die noch etwas heriibergetragen hat von dem letzten Drittel des
neunzehnten Jahrhunderts, wie ich das in diesen Tagen charakterisiert
habe, sondern man muE sich namentlich die Frage stellen: Wie wird
man sich selber verhalten zu der Generation, die nachkommt und die
ebenso wie die erste nach dem letzten Drittel des neunzehnten Jahr-
hunderts nicht mehr so stehen kann zu dem Nichts, das sich da ergeben
hat, wie die fniheren Generationen es noch konnten? Die kommende
Generation wird nicht einmal dasjenige in sich haben, was die Gegen-
wart der jiingsten Generation, aus einer gewissen Oppositionsstellung
gegen das Altere, gegeben hat: die Begeisterung, allerdings nach einem
mehr oder weniger Unbestimmten, aber doch wenigstens eine Begeiste-
rung. Was sich weiter in der Menschheit entwickelt, wird viel mehr
den Charakter eines Verlangens, einer Sehnsucht von unbestimmter
Art haben, als das der Fall war bei jenen, die sich aus einer gewissen
Oppositionsstellung gegeniiber dem Herkommlichen heraus Begeiste-
rung holen konnten.
Und da wird es notwendig, noch tiefer als ich das schon getan habe,
in die Menschenseele hineinzuschauen. Ich habe es ja schon etwas an-
gedeutet, dafi in der neuzeitlichen Entwickelung der Menschheit im
Abendlande das Bewuiksein vom vorirdischen Seelendasein verloren-
gegangen ist. Wenn wir gerade diejenigen Vorstellungen nehmen, wel-
che als religiose der menschlichen Herzensentwickelung am nachsten
stehen und die abgelaufenen Jahrhunderte der abendlandischen Ent-
wickelung ins Auge fassen, so mussen wir sagen: seit langem ist der
Menschheit der Hinblick auf das Leben vor dem Herunterstieg in
einen physischen Erdenleib verlorengegangen. Sie mussen sich fur einen
Augenblick eine Empfindung davon bilden, wie ungeheuer anders es
ist, wenn man von dem Bewufksein durchdrungen ist: mit dem Men-
schen ist etwas heruntergestiegen aus gottlich-geistigen Welten in den
physischen Menschenleib hinein, hat sich mit dem physischen Men-
schenleib verbunden. Wenn man ein solches Bewufksein ganz und gar
nicht hat, so gibt das, vor allem dem heranwachsenden Kinde gegen-
iiber, eine ganz verschiedene Empfindung.
Hat man ein Bewufksein davon, so enthiillt uns das heranwachsende
Kind vom erstenLebensatemzuge an oder sogar noch friiher etwas, was
sich aus der geistigen Welt heraus offenbart.Da enthiillt sich etwas von
Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr. Das Kind, so
angeschaut, wird zu einem Ratsel, dem sich der Mensch in einer ganz
anderen Weise erschliefit, als wenn er vermeint, nur der Entwickelung
eines Wesens gegeniiberzustehen, das mit der Geburt oder mit der Kon-
zeption seinen Anfang genommen hat und das sich, wie man heute
sagt, von diesem Ausgangspunkte, von diesem Keimausgangspunkte
aus entwickeit.
Vielleicht verstehen wir uns noch besser, wenn ich Sie darauf auf-
merksam mache, dafi mit alledem die Grundempfindung zusammen-
hangt, die man dem Weltenratsel gegeniiber iiberhaupt hat. Sie wissen
ja, dafi in einer alteren Zeit diese Grundempfindung gegeniiber dem
Weltenratsel mit dem paradigmatischen Wort ausgedriickt worden ist:
«Mensch, erkenne dich selbst.» Es ist dieses Wort « Mensch, erkenne
dich selbst» so ziemlich das einzige, welches auf das eigentliche Weit-
ratsel in einer Art hindeutet, die gegeniiber Einwanden standhalt, die
sich ergeben, wenn von einer Losung des Weltenratsels gesprochen
wird. Ich will mich einmal in dieser Beziehung etwas paradox aus-
driicken. Nehmen wir an, irgend jemand hatte etwas gefunden, was er
eine Losung des Weltenratsels nennen kann. Was soil dann eigentlich
die Menschheit von dem Zeitpunkte der Entwickelung an machen, wo
dieses Weltratsel gelost ware? Sie wiirde alle Frische des Strebens ver-
lieren, alle Lebendigkeit des Strebens wiirde ja aufhoren! Es ware
eigentlich etwas aufierordentlich Trostloses, sich sagen zu miissen, das
Weltratsel sei erkenntnisgemafi gelost, man brauche nur in dem einen
oder anderen Buche nachzuschauen, da sei die Losung gegeben.
Man kann eigentlich gar nicht einmal sagen, dafi es nicht viele Men-
schen gabe, die so iiber die Losung des Weltenratsels denken. Sie mei-
nen, das Weltratsel sei eine Frage oder ein System von Fragen, das man
mit Erklarungen oder Charakteristiken oder dergleichen beantworten
miisse. Fiihlen Sie aber das Ertotende einer solchen Anschauung! Man
fiihlt sich ja wirklich wie erstarrt bei dem Gedanken, da oder dort
konnte es in diesem Sinne eine Losung des Weltratsels geben, man
konnte die Losung des Weltratsels studieren. Das ist ein ganz furcht-
barer, ein entsetzlicher Gedanke, demgegeniiber alles Leben erfriert.
Aber was in demWorte«Mensch,erkenne dich selbst» steckt, besagt
etwas ganz anderes. Es besagt: Man sehe hm auf die Welt! Die Welt ist
voller Ratsel, voller Geheimnisse, und jede geringste Regung im Men-
schen ist ein Hinweis auf die Geheimnisse des Kosmos im weitesten
Sinne. - Man kann nun in aller Bestimmtheit darauf hinweisen, wo alle
diese Ratsel gelost sind, und fur diesen Hinweis gibt es allerdings eine
ganz kurze Formel. Man kann namlich sagen: Alle Ratsel der Welt
sind im Menschen gelost - wieder im weitesten Umf ange. Der Mensch
selber, so wie er lebendig in der Welt herumlauft, ist die Losung des
Weltenratsels! Man schaue in die Sonne und empfinde eines der Welt-
geheimnisse. Man schaue in sich und wisse: die Losung dieses Welt-
geheimnisses liegt in dir selber. «Mensch, erkenne dich selber, und du
erkennst die Welt.»
Indem man aber die Formel so ausspricht, deutet man sogleich dar-
auf hin, dafi die Antwort nirgends abgeschlossen ist. Der Mensch ist
zwar die Losung des Weltenratsels; aber um den Menschen selber ken-
nenzulernen, hat man wieder ein Unendliches in voller Lebendigkeit
vor sich, und da wird man nie fertig. Wir wissen, wir tragen die L6-
sung des Weltenratsels in uns. Aber wir wissen auch, dafi wir mit dem,
was wir in uns suchen konnen, niemals fertig werden. Wir wissen aus
einer solchen Formulierung nur, dafi uns nicht irgendwelche abstrakte
Fragen aus dem Weltall gegeben werden, die dann ebenso abstrakt
beantwortet werden, sondern wir wissen, dafi das ganze Weltall eine
Frage und der Mensch eine Antwort ist, dafi ertont hat das Frage-
wesen des Weltalls von Urzeiten bis zur Gegenwart, dafi ertont hat aus
Menschenherzen die Antwort dieserWeltenfragen,dafi aber das Fragen
weitertonen wird bis in unendlich feme Zeiten hinein und dafi die
Menschen wieder lernen miissen, Antworten zu leben bis in eine un-
endlich feme Zukunft hinein. Wir werden nicht in pedantisch breiter
Weise auf etwas gewiesen, was in einem Buche stehen konnte, sondern
wir werden auf den Menschen selber gewiesen. In dem Satz aber:
«Mensch, erkenne dich selbst» tont uns aus den alten Zeiten, in denen
Schule, Kirche und Kunststatte in den Mysterien vereinigt waren,
etwas heriiber, das uns hinweist auf etwas, wo man nicht aus Formu-
lierungen gelernt hat, sondern aus jenem zwar zu entziffernden, aber
nur in unendlicher Tatigkeit zu entziffernden Buch uber die Welt. Und
dieses Buch iiber die Welt heifit «Mensch» !
Erf alk man den Reichtum dessen, was ich gestern auseinanderzuset-
zen versuchte, dann findet man eben, dafi durch eine solche Wendung
der Erkenntnisempfindung, durch die Art, wie man sich zur Erkennt-
nis verhalt, der Funke des Lebens selber in alles erkennende Wesen des
Menschen hineinschlagt. Und das ist es, was man braucht.
Wenn man sich die sittliche Entwickelung der Menschheit bis zu
dem Zeitpunkte, wo sie problematisch geworden war, also bis zum
ersten Drittel des fiinfzehnten Jahrhunderts, vor die Seele stellt, so
findet man, dafi die mannigfaltigsten Antriebe in dem Menschen not-
wendig waren, um dasjenige zu befolgen, was ich gestern als gott-
gegebene Gebote charakterisief t habe. Wenn wir diese Antriebe, die bei
den verschiedensten Volkerschaften in den verschiedensten Zeitaltern
herrschend waren, vor unsere Seele stellen, f inden wir eine grofie Reihe
von inneren Impulsen, die sich alle dadurch ausdriicken, dafi sie aus
gewissen Lebensvoraussetzungen heraus wie Instinkte orientiert waren.
Wir konnen die interessantesten Studien dariiber machen, wie aus der
Familie, aus dem Stamm, aus der Geschlechtsneigung, aus der Notwen-
digkeit, in aufteren Verbanden zusammenzuleben, aus der Verfolgung
des Eigennutzes und so weiter die Impulse entstehen, die alten sitt-
lichen Intuitionen zu befolgen.
Aber ebenso,wiedie alten sittlichen Intuitionen sich in der geschicht-
lichen Entwickelung abgelebt haben, worauf wir gestern aufmerksam
machen mufiten, so haben alle diese Impulse auch fur den einzelnen
Menschen nicht mehr die impulsive Kraft, die sie einstmals hatten. Sie
werden namentlich keine Kraft mehr haben, wenn diese selbsterarbei-
teten sittlichen Intuitionen, von denen ich gestern gesprochen habe,
nun wirklich im Menschen auftreten, wenn in der Weltentwickelung
wirklich die einzelnen Individuen gewissermafien aufgerufen werden,
auf der einen Seite die moralischen Intuitionen in eigener Seelenarbeit
selber zu finden, und auf der anderen Seite die innere Kraft, die Im-
pulse zu erwecken, um diesen moralischen Intuitionen nachzuleben.
Und da kommt man darauf , dafi sich die alten sittlichen Impulse immer
mehr und mehr verwandeln werden nach einer gewissen Richtung hin.
Wir sehen heute, nur verkannt und mifiverstanden von dem grofiten
Teil der zivilisierten Menschheit, zwei der allerwichtigsten sittlichen
Impulse heraufziehen. Sie ziehen herauf in den Untergriinden des See-
lischen. Will man sie interpretieren, so kommt man gewohnlich auf die
verkehrtesten Ideen. Will man sie praktisch machen, so weift man ge-
wohnlich nicht viel mit ihnen anzufangen; aber sie ziehen herauf. Es
sind, in bezug auf das Innere des Menschen: der Impuls der sittlichen
Liebe, und in bezug auf den Verkehr unter den Menschen: der sittliche
Impuls des Vertrauens von Mensch zu Mensch.
So, wie sittliche Liebe schon in der allernachsten Zukunf t fur alles
sittliche Leben notwendig sein wird, war sie weder in der Starke noch
in der Art in der Vergangenheit notwendig. Gewifi, auch fur die alteren
Zeiten gait der Spruch: «Lust und Liebe sind die Fittiche zu grofien
Taten.» Aber wenn man wahr sein will und nicht phrasenhaft, so mufi
man sagen: Jene Lust und Liebe, die die Menschen befeuert haben, um
dieses oder jenes zu tun, waren nur eine Metamorphose jener anderen
Impulse, auf die ich vorhin hingewiesen habe. In Zukunft wird die
reine grofie Liebe von innen heraus den Menschen bef liigeln miissen zu
denij was Ausfiihrung seiner sittlichen Intuitionen wird sein miissen;
und diejenigen Menschen werden sich schwach und willenlos fiihlen
gegeniiber den sittlichen Intuitionen, die nicht aus den Tiefen ihrer
Seele heraus das Feuer der Liebe fur das Sittliche entziinden, wenn
ihnen durch ihre moralische Intuition die Tat, die geschehen soli, vor
Augen steht.
Sehen Sie, wie sich da die Zeiten spalten. Das sieht man am besten
aus einer Gegeniiberstellung dessen, was, ich mochte sagen, als das Ata-
vistische der alten Zeit so vielfach in die Gegenwart heriiberspielt, und
was auf der anderen Seite wie ein erstes Morgenrot erst in uns lebt. Sie
haben ja oftmals gehort von jenem schonen Wort, das Kant iiber die
Pflicht niedergeschrieben hat: «PflichtI Du erhabener grower Name,
der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich fuhrt, in dir
fassest, sondern Unterwerfung verlangst», und so weiter. Es war das
Starkste, was man an Charakteristik der Pflicht geben kann, an Cha-
rakteristik derjenigen Impulse, die eben hervorgehen aus dem, was ich
vorhergehend geschildert habe. Da steht der Inhalt der Pflicht als eine
von aufien gegebene moralische Intuition da, und da steht auf der an-
deren Seite der Mensch dieser moralischen Intuition so gegeniiber, dafi
er sich ihr zu unterwerfen hat. Sittlich wird es empfunden, wenn der
Mensch so sich unterwirft, dafi von einem inneren Wohlgefallen an
der Befolgung der Pflicht nichts zu merken ist, sondern lediglich das
Eisige da ist: Ich muE der Pflicht folgen.
Sie wissen ja, daft Schiller schon diesem Kantschen Worte von der
Pflicht entgegengesetzt hat: «Gerne dien' ich den Freunden, doch tu'
ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mir oft, daft ich nicht tu-
gendhaft bin.» So hat Schiller in ironischer Weise auf diesen kategori-
schen Imperativ geantwortet.
Sehen Sie, diesem sogenannten kategorischen Imperativ, wie er aus
alten Zeiten, aus alten sittlichen Impulsen heriiberkommt, steht gegen-
iiber die Forderung an die Menschheit, aus den Tiefen der Seele heraus
gerade die Liebe zu dem, was Handlung, was Tat werden soil, mehr
und mehr zu entfalten. Denn in der Zukunft wiirde der Menschheit
noch so oft entgegentonen konnen: Unterwirf dich der Pflicht, dem-
jenigen, was gar keine Einschmeichelung bei sich fiihrt - es wiirde nicht
helfen! Geradesowenig, wie man im Alter von sechzig Jahren Saug-
lingsalliiren entwickeln kann, ebensowenigkann man in einem spateren
Momente der Menschheitsentwickelung so leben, wie es einem friiheren
Zeitalter der Menschheit angemessen war. Es mag ja sein, dafi einem
das besser gefallt. Aber darauf kommt es nicht an, sondern es kommt
auf dasjenige an, was innerhalb der Entwickelung der Menschheit notig
und moglich ist. Man hat einfach nicht die Moglichkeit, dariiber zu
diskutieren, ob man das, was Kant als Epigone altester Zeiten mit
diesem Satz gesagt hat, in die Zukunft heriibertragen soil. Man kann
es nicht heriibertragen, weil die Menschheit sich dariiber hinwegent-
wickelt hat und sich so entwickelt, dafi das Handeln aus Liebe den
Impuls abgeben mufi fiir die Menschheit der Zukunft.
So also gewinnen wir auf der einen Seite die Anschauung eines ethi-
schen IndividuaHsmus, auf der andern Seite aber die Notwendigkeit,
diesen ethischen IndividuaHsmus getragen zu wissen von der Liebe, die
sich ergibt aus der Anschauung der zu realisierenden Tat. Das ist nach
dem Subjektiven des Menschen hin gesehen.
Nach dem aufieren Verkehr, dem sozialen Leben hin gesehen stellt
sich die Sache so dar:Da kommen heute Leute,in denen rumort etwas-
jetzt allerdings nicht mehr durch eine fortlaufende Entwickelung der
Menschheit, sondern durch allerlei aufierlich aufgenommene Meinun-
gen - und die sagen: Ja, wenn man die Sittlichkeit auf die Individuali-
st des Menschen begriinden will, zerstort man das soziale Leben. -
Eine solche Behauptung hat aber gar keinen Inhalt; sie ist etwa ebenso
gescheit, als wenn einer sagen wollte: Wenn es in Stuttgart im Laufe
von drei Monaten so und so oft regnet, so zerstort die Natur diese oder
jene Dinge auf dem Felde. - Man kann nichts Inhaltloseres sagen, wenn
man sich einer gewissen Erkenntnisverantwortlichkeit bewufit ist. In
Anbetracht der Tatsache, dafi die Menschheit sich nach der Richtung
des
…[truncated]