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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM ARCHIV
Erganzungen zu den
padagogischen Grundkursen
Veroffentlichung aus dem Archiv der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung
als Studienmaterial fiir die Lehrer an Waldo rfschulen
Ubersicht iiber die Konferenzen in drei Banden
Erster Band
1. Schuljahr: 16. September 1919 bis 24. Juli 1920
Konferenzen vom 8. September 1919 bis 31. Juli 1920
2. Schuljahr: 20. September 1920 bis 11. Juni 1921
Konferenzen vom 21. September 1920 bis 26. Mai 1921
Zweiter Band
5. Schuljahr: 18. Juni 1921 bis 30. Mai 1922
Konferenzen vom 16. Juni 1921 bis 10. Mai 1922
4. Schuljahr: 20. Juni 1922 bis 24. Marz 1923
Konferenzen vom 20. Juni 1922 bis 8. Marz 1923
Dritter Band
5. Schuljahr: 24. April 1923 bis 7. April 1924
Konferenzen vom 30. Marz 1923 bis 27. Marz 1924
6. Schuljahr: 30. April 1924 bis 30. Marz 1925
Konferenzen vom 9. April 1924 bis 3. September 1924
RUDOLF STEINER
Konferenzen
mit den Lehrern
der Freien Waldorfschule in Stuttgart
1919 bis 1924
Dritter Band
Das fiinfte und sechste Schuljahr
1975
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEI Z
Veroffentlichung aus dem Archiv der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach
als Studienmaterial fur die Lehrer an Waldorfschulen
Aus verschiedenen, von Rudolf Steiner nicht durchgesehenen unvollstandigen
Nachschriften und handschriftlkhen Notizen der Teilnehmer zusammengestellt und
herausgegeben von Erich Gabert (f) und Hans Rudolf Niederhauser
unter redaktioneller Mitarbeit von Anton Rodi
Erste Veroffentlichung als Vervielfaltigung fur
Lehrer der Waldorfschulen, o. J. (intern)
Zweite Veroffentlichung (mit Auslassungen)
in „Die Menschenschule", 1946—1956
Dritte, erweiterte Ausgabe (Vervielfaltigung)
in 8 Heften, Stuttgart 1962-1964
Vierte, neu durchgesehene und erweiterte Ausgabe
(erste Buchauflage in 3 Banden), Gesamtausgabe Dornach 1975
Der Aufsatz „Die padagogische Zielsetzung der Waldorfschule in Stuttgart"
erschien in der Erziehungsnummer der Zeitschrift ,,Soziale Zukunft", Dornach 1920
Bibliographie-Nr. 300 / 3
Alle Rechte fiir die Wortlaute Rudolf Steinersbei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung,
Dornach / Schweiz
© 1975 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz
Abdruck, auch auszugsweise, nicht gestattet
Printed in Switzerland by Buchdruckerei Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-3000-1 (Reihe)
ISBN 3-7274-3003-6 (3. Band, Ln.) ISBN 3-7274-3006-0 (3. Band, Kt.)
Als lebensmaftige Voraussetzung gait fur die Teil-
nehmer dieser Konferenzen die Kenntnis der
Anthroposophie, der drei grundlegenden Vor-
tragskurse: ,,Allgemeine Menschenkunde als
Grundlage der Padagogik", ,,Erziehungskunst.
Methodisch-Didaktisches" und die ,,Seminar-
besprechungen", sowie der anderen Kurse, die
Rudolf Steiner fur die Lehrer der Waldorfschule
gehalten hat: ,,Menschenerkenntnis und Unter-
richtsgestaltung", 1921, ,,Meditativ erarbeitete
Menschenkunde", 1920, „Erziehungsfragen im
Reifealter" und ,,Zur kiinstlerischen Gestaltung
des Unterrichts", 1922, ,,Anregungen zur inner-
lichen Durchdringung des Lehrerberufs", 1923.
Diese Kenntnis mufi als Grundlage zur Beurtei-
lung des Ganzen wie der Einzelheiten dieser Kon-
ferenzen auch beim Leser vorausgesetzt werden.
Die Wortlaute der Konferenzen waren nicht zur
Verdffentlichung gedacht. Es mufi hinge nommen
werden, daB in den von Rudolf Steiner nicht
durchgesehenen, unvollstandigen Aufzeichnun-
gen Fehlerhaftes enthalten ist.
INHALT
Rudolf Steiner:
Konferenzen vom:
30. Marz 1923 •. . " 16
24. April 1923 28
25. April 1923 34
3. Mai 1923 45
25. Mai 1923 52
21.Jimil923 60
3. Juli 1923 64
Besprechung mit dem Verwaltungsrat am 5. Juli 1923 ... 71
Konferenzen vom:
12. Juli 1923 72
31. Juli 1923 82
18. September 1923 90
16. Oktober 1923 100
18. Dezember 1923 104
5. Februar 1924 110
27. Marz 1924 132
9. April 1924 141
29. April 1924 145
30. April 1924 150
2. Junil924 161
19. Junil924 170
15. Juli 1924 182
3. September 1924 191
Zeittafet 195
Hinweise 201
Liste der Kurse und Vortrdge Rudolf Steiner s 213
Sachwortverzeichnis, Bande 1—3 225
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 271
DIE PADAGOGISCHE zielsetzung der
WALDORFSCHULE IN STUTTGART
Rudolf Steiner
Wer sich auf den heutigen Bildungsanstalten fur den Beruf des Pad-
agogen vorbereitet, nimmt viele gute Grundsatze iiber Erziehungs-
wesen und Unterrichtskunst ins Leben mit. Und der gute Wille, diese
Grundsatze auch anzuwenden, ist zweifellos bei vielen vorhanden,
denen dies als Aufgabe zufallt. Dennoch ist eine weitgehende Unbe-
friedigtheit auf diesem Lebensgebiete vorhanden. Immer neue oder
neu erscheinende Zielsetzungen tauchen auf; und Anstalten werden
begriindet, welche den Forderungen der Menschennatur und des
sozialen Lebens besser Rechnung tragen sollen als diejenigen, welche
aus der allgemeinen Zivilisation der neueren Menschheit hervor-
gegangen sind. Unbillig ware es, nicht anzuerkennen, daft die Erzie-
hungs- und Unterrichtskunde seit mehr als einem Jahrhundert die
edelsten, von hohem Idealismus getragenen Personlichkeiten zu
ihren Pflegern gehabt hat. Was der Geschichte von diesen einverleibt
ist, stellt einen reichen Schatz von padagogischer Weisheit und von
begeisternden Anweisungen fur den Erzieherwillen dar, die der
angehende Lehrer aufnehmen kann.
Man wird kaum in Abrede stellen konnen, daft fur jeden Mangel, den
man im Felde des Erziehens und Unterrichtens findet, sich leitende
Ideen bei den bisher fiihrenden grofien Padagogen aufweisen lassen,
durch deren Befolgung Abhilfe geschaffen werden konnte. Die
Unbefriedigtheit kann nicht in dem Fehlen einer sorgsam gepflegten
Erziehungskunde liegen; sie kann auch nicht auf dem Mangel an
gutem Willen bei denen beruhen, die im Erziehen und Unterrichten
tatig sind. Aber sie ist doch nicht unberechtigt. Das beweisen die
Erfahrungen des Lebens jedem Unbefangenen.
Von solchen Empfindungen sind diejenigen durchdrungen gewesen,
die an der Begriindung der Waldorfschule in Stuttgart beteiligt sind.
Emil Molt, der Begriinder dieser Schule, und der Schreiber dieses
Artikels, welcher der Erziehungs- und Unterrichtsart die Richtung
geben durfte, und der sich an der Fortfiihrung dieser Richtung wei-
terhin beteiligen darf: sie wollen mit dieser Schule eine padagogische
und eine soziale Aufgabe losen.
Bei dem Versuch, die padagogische Aufgabe zu losen, kommt es
darauf an, den Grund zu erkennen, warum die guten Erziehungs-
prinzipien, die vorhanden sind, in so weitgehendem Mafie zu nichi
befriedigenden Ergebnissen fiihren. — Es wird doch zum Beispiel
allgemein anerkannt, daB die sich entwickelnde Individuality des
Kindes fiir die Gewinnung der leitenden Ideen im Unterrichten
und Erziehen beobachtet werden miisse. In alien Tonarten wird
dieser Gesichtspunkt als ein richtiger hingestellt.
Aber es gibt heute gewichtige Hindernisse, diesen Gesichtspunkt
einzunehmen. Er erfordert, um in wahrer Praxis zur Geltung zu
kommen, eine Seelenerkenntnis, die wirklich das Wesen des Men-
schen aufschlieBt. Zu einer solchen fuhrt die Weltanschauung
nicht, welche die geistige Bildung der Gegenwart beherrscht. Diese
Weltanschauung glaubt nur dann einen sicheren Boden unter den
FUBen zu haben, wenn sie allgemeingiiltige Gesetze aufstellen
kann. Gesetze, die man in festen Begriffen aussprechen und dann
auf den einzelnen Fall anwenden kann. Man gewohnt sich an das
Streben nach solchen Gesetzen, wenn man seine Berufsbildung in
den Bildungsanstalten der Gegenwart erwirbt. Auch die fiir den
Erzieherberuf Vorgebildeten sind an das Denken in solchen Geset-
zen gewohnt. Aber die menschliche Seelenwesenheit widerstrebt
der Erkenntnis, wenn man sie durch solche Gesetze fassen will.
Nur die Natur ergibt sich diesen Gesetzen. Will man das Wesen der
Seele durchschauen, so muB man das GesetzmaBige mit kiinstleri-
scher Gestaltungskraft in der Erkenntnis durchdringen. Der Erken-
nende muB zum kiinstlerisch Schauenden werden, wenn er das See-
lische erfassen will. Man kann dozieren: ein solches Erkennen sei
kein wahres Erkennen, denn es beteilige das personliche Erlebnis
an dem Erfassen der Dinge. Solches Dozieren mag noch so viele
logische Vorurteile fiir sich haben; es hat die Tatsache gegen sich,
daB ohne die Beteiligung des inneren personlichen, des schaffen-
den Erfassens das Seelische nicht zu erkennen ist. Man schreckt
vor dieser Beteiligung zuriick, weil man glaubt, damit unbedingt in
die personliche Willkiir des Beurteilens hineinzukommen. GewiB,
man kommt in diese Willkiir hinein, wenn man sich nicht durch
sorgfaltige Selbsterziehung innere Objektivitat aneignet.
Damit ist aber der Weg angedeutet, den derjenige einschlagt, der
neben der auf ihrem Gebiete berechtigten Naturerkenntnis eine
wahre Geist-Erkenntnis gelten laBt. Und dieser kommt es zu, das
Wesen des Seelischen aufzuschlieBen. Sie muB e;ne wirkliche Erzie-
hungs- und Unterrichtskunst tragen. Denn sie fuhrt zu einer Men-
schenerkenntnis, die so in sich bewegliche, lebendige Ideen hat,
daB der Erzieher sie in die praktische Anschauung der einzelnen
kindlichen Individuality umsetzen kann. Und erst wer dieses ver-
mag, fur den gewinnt die Forderung, nach der Kindesindividualitat
zu erziehen und zu unterrichten, eine praktische Bedeutung.
In unserer Zeit, mit ihrem Intellektualismus, mit ihrer Liebe zur
Abstraktion, wird man das hier Ausgesprochene mit Einwanden zu
wider legen suchen, wie etwa der ist: es sei doch selbstverstandlich,
dafi man allgemeine Ideen, die man iiber das Wesen des Menschen
auch aus der gegenwartigen Zeitbildung heraus gewonnen habe, fur
den einzelnen Fall individualisiere.
Doch um richtig zu individualisieren, so, wie es befahigt, die
besondere Kindesindividualitat erzieherisch zu fiihren, dazu ist
notig, in einer besonderen Geisteserkenntnis den Blick fiir das
erworben zu haben, was nicht als einzelner Fall unter ein allgemei-
nes Gesetz gebracht werden kann, sondern dessen Gesetz erst an
diesem Fall anschauend erfafit werden muft. Die hier gemeinte
Geist-Erkenntnis fiihrt nicht, nach dem Vorbilde der Naturerkennt-
nis, zum Vorstellen allgemeiner Ideen, um diese im einzelnen Falle
anzuwenden, sondern sie erzieht den Menschen zu einer Seelen-
verfassung, die den einzelnen Fall in seiner Selbstandigkeit schauend
erlebt. — Diese Geisteswissenschaft verfolgt, wie sich der Mensch in
seinem Kindes- und Jugendalter entwickelt. Sie zeigt, wie die kind-
liche Natur von der Geburt bis zum Zahnwechsel so geartet ist, dafi
sie sich aus dem Trieb der Nachahmung entfaltet. Was das Kind sieht,
hort und so weiter, erregt in ihm den Trieb, das gleiche zu tun. Wie
sich dieser Trieb gestaltet, das untersucht bis ins einzelne die Geistes-
wissenschaft. Man braucht zu dieser UntersuchungMethoden, die in
jedem Punkte das blofie Gesetzesdenken in das kiinstlerische
Anschauen hiniiberleiten. Denn, was das Kind zur Nachahmung reizt
und die Art, wie es nachahmt, laflt sich nur in dieser Art an-
schauen. — In der Periode des Zahnwechsels vollzieht sich ein volli-
ger Umschwung im kindlichen Erleben. Es tritt der Trieb auf, das zu
tun oder auch zu denken, was ein anderer Mensch, der von dem
Kinde als Autoritat empfunden wird, tut oder denkt, wenn er dieses
Tun oder Denken als richtig bezeichnet. Vor diesem Lebensalter
wird nachgeahmt, um das eigene Wesen zum Nachbild der Ura-
gebung zu machen; mit dem Eintritt in dieses Alter wird nicht blofi
nachgeahmt, sondern es wird das fremde Wesen mit einem gewis-
sen Grade der Bewufltheit in das eigene Wesen hereingenommen.
Doch bleibt der Nachahmungstrieb neben dem anderen, der Auto-
ritat zu folgen, bis etwa zum neunten Lebensjahre noch bestehen.
Geht man von den Aufterungen dieser zwei Haupttriebe fiir die bei-
den aufeinanderfolgenden Kindesalter aus, so fallt der Blick auf
andere Offenbarungen der kindlichen Natur. Man lernt die lebendig-
plastische Entwickelung der menschlichen Kindheit kennen.
Wer in diesem Felde seine Beobachtungen aus der Vorstellungsart
heraus anstellt, die fur Naturdinge, ja die auch fur denMenschen als
Naturwesen die richtige ist, dem entzieht sich, was das eigentlich
Bedeutsame ist. Wer aber auf die fur dieses Gebiet sachgema.Be Beob-
achtungsart eingeht, der scharft sein Seelenauge fur das Individuelle
der Kindeswesenheit. Ihm wird das Kind nicht zum ,,einzelnen
Fall", den er nach einem Allgemeinen beurteilt, sondern zum ganz
individuellen Ratsel, das er zu losen sucht.
Man wird einwenden, solches anschauendes Eingehen auf das ein-
zelne Kind sei doch in einer Schulklasse mit einer groBeren Schiiler-
zahl nicht moglich. Ohne deshalb iibergroBen Schiilerzahlen in den
Klassen das Wort reden zu wollen, muB doch gesagt werden, daB ein
Lehrer mit einer Seelenerkenntnis, wie sie hier gemeint ist, leichter
mit vielen Schiilern zurecht kommen wird als der andere ohne wirk-
liche Seelenerkenntnis. Denn diese Seelenerkenntnis wird sich in
dem Gebaren der ganzen Personlichkeit des Lehrers offenbaren; sie
wird jedem seiner Worte, allem seinem Tun das Geprage geben; und
die Kinder werden innerlich aktiv unter seiner Fuhrung werden. Er
wird nicht jeden einzelnen zur Aktivitat zu zwingen haben, denn
seine allgemeine Haltungwird auf das einzelne Kind wirken.
Aus der Erkenntnis der kindlichen Entwickelung ergeben sich sach-
gemaB Lehrplan und Lehrmethode. Durchschaut man, wie der Nach-
ahmungstrieb und der Impuls, unter die Autoritat sich zu stellen,
beim Kinde in den ersten Volksschuljahren ineinanderwirken, so
weiB man, wie man fur diese Jahre zum Beispiel den Schreibunter-
richt zu gestalten hat. Baut man ihn auf die Intellektualitat, so arbei-
tet man gegen die Krafte, die sich durch den Nachahmungstrieb
offenbaren; geht man von einer Art Zeichnen aus, das man allmah-
lich in das Schreiben iiberfuhrt, so entwickelt man, was sich zu ent-
wickeln strebt. In dieser Art laBt sich der Lehrplan ganz aus der
Natur der kindlichen Entwickelung heraus gewinnen. Und nur ein
Lehrplan, der in dieser Art gewonnen ist, arbeitet in der Richtung
der menschlichen Entwickelung. Er macht den Menschen stark;
jeder andere verkiimmert seine Krafte. Und diese Verkummerung
macht ihre Wirkungen fur das ganze Leben geltend.
Es ist nur durch eine Seelenerkenntnis der geschilderten Art mog-
lich, einen Erziehungsgrundsatz anzuwenden wie denjenigen von der
Notwendigkeit, die Individualist der kindlichen Natur zu beob-
achten.
Eine Padagogik, die praktisch anwenden will, was theoretisch von
vielen als gute Grundsatze verfochten wird, mufi gebaut sein auf eine
wahre Geisteswissenschaft. Sonst wird es nur durch die wenigen
Padagogen, die durch gliickliche Naturanlagen instinktiv sich ihre
Praxis erarbeiten, wirken konnen. Von einer wahren geisteswissen-
schaftlichen Menschenerkenntnis soli die padagogische und didak-
tische Erziehungs- und Unterrichtspraxis der Waldorf schule befruch-
tet sein. Die Lehrer nach dieser Richtung hin anzuregen, stellte ich
mir mit einem Kursus in geisteswissenschaftlicher Padagogik und
Didaktik zur Aufgabe, den ich fur sie vor der Eroffnung der Schule
abgehalten habe.
Damit ist, allerdings nur skizzenhaft, die padagogische Aufgabe
gekennzeichnet, fur die ein erster Versuch zur Losung mit dieser
Schule gemacht worden ist. In der Waldorfschule hat Emil Molt
zugleich eine Einrichtung geschaffen, die einer sozialen Forderung
der Gegenwart entspricht. Sie ist zunachst die Volksschule fur die
Kinder der in der Waldorf-Astoria-Fabrik in Stuttgart Arbeitenden.
Neben diesen Kindern sitzen auch diejenigen anderer Bevolkerungs-
klassen, so daB der Charakter der Einheits-Volksschule voll gewahrt
ist. Das ist alles, was zunachst von einem einzelnen getan werden
kann. Im umfassenden Sinne wird mit der Schule eine wichtige
soziale Aufgabe fur die Zukunft erst gelost werden konnen, wenn die
sozialen Gesamteinrichtungen alles Schulwesen so in sich einglie-
dern, dafi dieses von dem Geiste durchdrungen sein wird, der in der
Waldorfschule so weit zur Geltung gebracht wird, als es unter den
gegenwartigen Verhaltnissen moelich ist.
Die obigen Darlegungen zeigen, dafi alle padagogische Kunst auf eine
Seelenerkenntnis gebaut sein muI3, die an die Personlichkeit des Leh-
rers eng gebunden ist. Diese Personlichkeit mufi sich in ihrem pad-
agogischen Schaffen frei ausleben konnen. Das ist nur moglich, wenn
die gesamte Verwaltung des Schulwesens autonom auf sich selbst
gestellt ist. Wenn der ausiibende Lehrer in bezug auf die Verwaltung
nur wieder mit ausiibenden Lehrern zu tun hat. Ein nicht ausiibender
Padagoge ist in der Schulverwaltung ein Fremdkorper wie ein nicht
kunstlerisch Schaffender, dem obliegen wiirde, kunstlerisch Schaf-
fenden die Richtung vorzuzeichnen. Das Wesen der padagogischen
Kunst fordert, dafi die Lehrerschaft sich teilt zwischen Erziehen
und Unterrichten und der Verwaltung des Schulwesens. Dadurch
wird in der Verwaltung voll walten der Gesamtgeist, der sich aus
der geistigen Haltung aller einzelnen zu einer Unterrichts- und
Erziehungsgemeinschaft vereinigten Lehrer gestaltet. Und es wird
in dieser Gemeinschaft nur das Geltung haben, was aus der Seelen-
erkenntnis sich ergibt.
Eine solche Gemeinschaft ist nur moglich in dem dreigliedrigen
sozialen Organismus, der ein freies Geistesleben neben einem demo-
kratisch orientierten Staats- und einem selbstandigen Wirtschafts-
leben hat. Ein Geistesleben, das seine Direktiven von der politischen
Verwaltung oder von den Machten des Wirtschaftslebens erhalt,
kann nicht eine Schule in seinem Schofte pflegen, deren Impulse von
der Lehrerschaft selbst restlos ausgehen. Eine freie Schule wird aber
Menschen in das Leben hineinstellen, die im Staate und in der Wirt-
schaft ihre voile Kraft entfalten konnen, weil diese in ihnen ent-
wickelt wird.
Wer nicht der Meinunghuldigt, daft die unpersonlichen Produktions-
verhaltnisse oder ahnliches die Menschen gestaltet, sondern aus der
tatsachlichen Wirklichkeit erkennt, wie die Menschen die soziale
Ordnung schaffen, der wird auch einsehen, welche Bedeutung eine
Schule hat, die nicht auf die Partei- oder sonstigen Ansichten gebaut
ist, sondern auf dasjenige, was der menschlichen Gemeinschaft
durch die stets neu in sie eintretenden Generationen aus den Tiefen
des Weltenwesens zugefiihrt wird. Dies aber zu erkennen und aus-
zubilden ist nur einer Seelenanschauung moglich, wie sie hier ver-
sucht worden ist zu charakterisieren. Von diesem Gesichtspunkte
aus erscheint die tiefgehende soziale Bedeutung einer padagogischen
Praxis, die auf Geisteswissenschaft begriindet ist.
Von dieser padagogischen Praxis wird manches anders beurteilt wer-
den miissen, als es gegenwartig von den Padagogen geschieht. Um nur
auf eines in dieser Richtung Liegende hinzuweisen, seierwahnt, daft
in der Waldorfschule dem gewohnlichen Turnen als gleichberechtigt
eine Art Eurythmie an die Seite gesetzt worden ist. Diese Eurythmie
ist eine sichtbare Spsache. Durch sie werden die menschlichen
Korperglieder bewegt, wird der ganze Mensch und werden Men-
schengruppen zu solchen Bewegungen veranlaftt, die gesetzmaftig
einen Seeleninhalt ausdriicken wie die Lautsprache oder die Musik.
Der ganze Mensch wird beseelt bewegt. Wenn nun heute das Turnen,
das direkt nur auf die Erstarkung des Korpers und hochstens indirekt
auf die moralische Kraftigung des Menschen wirken kann, vorurteils-
voll iiberschatzt wird, weil es einseitig auf das Physische geht, so
wird eine spatere Zeit erkennen, wie die beseelte Bewegungskunst
der Eurythmie zugleich mit dem Physischen die Willensinitiative
zur Entfaltung bringt. Sie erfaftt den Menschen als Ganzes nach
Leib, Seele und Geist.
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Wer nicht in einer Art von Seelenschlaf die gegenwartige Krisis des
europaischen Zivilisationslebens an sich voriibergehen laftt, sondern
sie voll miterlebt, der kann ihre Urspriinge nicht bloft in verfehlten
aufieren Einrichtungen sehen, die einer Verbesserung bediirfen,
sondern er raufi sie tief im Inneren des menschlichen Denkens,
Fiihlens und Wollens suchen. Dann aber wird er auch unter den
Wegen zur Gesundung unseres sozialen Lebens denjenigen der Erzie-
hung der kommenden Generation anerkennen. Und er wird einen
Versuch nicht ganz unbeachtet lassen, der in der padagogischen
Kunst nach Mitteln sucht, durch die gute Grundsatze und ein guter
Wille auch praktisch sich ausleben konnen. Die Waldorfschule ist
nicht eine ,,Reformschule" wie so manche andere, die gegriindet
werden, weil man zu wissen glaubt, worin die Fehler dieser oder
jener Art des Erziehens und Unterrichtens liegen; sondern sie ist dem
Gedanken entsprungen, dafi die besten Grundsatze und der beste
Wille in diesem Gebiete erst zur Wirksamkeit kommen konnen, wenn
der Erziehende und Unterrichtende ein Kenner der menschlichen
Wesenheit ist. Man kann dies nicht sein, ohne auch eine lebendige
Anteilnahme zu entwickeln an dem ganzen sozialen Leben der
Menschheit. Der Sinn, der geoffnet ist fiir das Wesen des Menschen,
nimmt auch alles Leid und alle Freude der Menschheit als eigenes
Erlebnis hin. Durch einen Lehrer, der Seelenkenner, Menschen-
kenner ist, wirkt das ganze soziale Leben auf die in das Leben hin-
einstrebende Generation. Aus seiner Schule werden Menschen her-
vorgehen, die sich kraftvoll in das Leben hineinstellen konnen.
Konferenz vom Freitag 30. Mdrz 1923, 9—14 Uhr
Nach der kiinstlerisch-padagogischen Tagung
Dr. Steiner: Meine lieben Freunde! Das, was ich zuerst sagen
mochte, das ist das, daft ja der Riickblick, den wir auf die verflossene
Epoche machen konnen, uns mit tiefer Befriedigung erfiillt. Die Ver-
anstaltung war eine auBerordentlich befriedigende, und man kann
schon sagen, so wie die Dinge in sich als Waldorfschul-Angelegenheit
gegliedert waren, wie die einzelnen Dinge durchgefuhrt worden sind,
wie die einzelnen Redner gesprochen haben, war esganz gewiB auch
nicht nur innerlich eine auBerordentlich gute Veranstaltung, son-
dern es war auch eine Veranstaltung, die als solche wohl einen gro-
Ben Eindruck hat auf die Besucher machen konnen. Und es ist zwei-
fellos, daB durch solche Veranstaltungen von seiten der Waldorf-
schule die Schwierigkeiten, die bestehen, namentlich auch, was sehr
in Betracht kommt, in finanzieller Beziehung, nicht auf einmal, aber
nach und nach vielleicht doch iiberwunden werden konnen, wenn
wir nur so lange aushalten konnen, solange es notwendig ist auszu-
halten, um auf moglichst weite Kreise in solcher Weise zu wirken.
Also, es ist wirklich dankbar anzuerkennen von jedem Mitwirken-
den, daft die Veranstaltung in einer so auBerordentlich befriedi-
genden Weise abgelaufen ist. Und es ist ein Beweis dafiir, daB trotz
Ihrer Anstrengungen, die Sie das Jahr in der Schule abzuleisten hat-
ten, es moglich war, in unmittelbarem AnschluB daran immerhin so
bedeutsame Leistungen zutage zu fordern. Ich hoffe nur, daB die
Ermiidung nicht nachkommt, daB der Schulanfang ein ebenso giin-
stiger sein kann, wie der ganze SchulschluB ein auBerordentlich
giinstiger gewesen ist. Nicht wahr, Sie setzen voraus, daB ich herzlich
dabei bin bei alldem, was in dieser Richtung geschehen ist. Und es ist
insbesondere den Veranstaltern in herzlicher Weise fur die groBe
Miihe, die sie fur diese Veranstaltung verwendet haben, zu danken.
Ich glaube, das ganze Lehrerkollegium muB dem engeren Veranstal-
terkreis auBerordentlich dankbar sein.
Sie gestatten mir nur, daB ich zwei Dinge erwahne, die ich glaube,
daB sie wichtig sind zu erwahnen. Erstens mit Riicksicht auf unsere
allgemein-anthroposophischen Angelegenheiten — ich werde sie nur
soweit erwahnen, als sie ins Lehrerkollegium hineingehoren — , und
zweitens, was wichtig sein kann fur folgende Veranstaltungen. Nicht
wahr, das bitte ich immer vorauszusetzen dabei, daB ich ausdriicklich
betone, daB diese Veranstaltung eine auBerordentlich gluckliche und
zufriedenstellende war.
30. 3. 1923
17
Das einc, was kommen miiBte bei uns, wenn irgendwie auch solche
Veranstaltungen wiederum in der richtigen Weise segenbringend
sein sollen, das ware, daB eine wirkliche Verstandigung da ware iiber
all dasjenige, was sich in Stuttgart wahrend einer solchen Veranstal-
tung abspielt, daft eine wirkliche Verstandigung da ware mit der
Anthroposophischen Gesellschaft als solcher. Sonst wiirden wirtat-
sachlich allmahlich in die Gefahr kommen — in der wir ja darinnen-
stehen und alles iibrige; aber da darf die Waldorfschule am wenigsten
dazu beigetragen haben, daft wir in der Kalamitat stecken, daft die
Waldorfschule auch in der Zukunft, soweit es moglich ist, versucht,
irgendwie die Verstandigung mit der Gesellschaft in einem solchen
Falle herbeizufiihren, so daB nicht der Fall eintritt, daft wir die
Moglichkeit haben, durch eine solche Veranstaltung eine groBe
Anzahl von Anthroposophen da zu haben, die den allerwichtigsten
Teil des Publikums bildeten, und die wahrend der ganzen Veranstal-
tung nicht Gelegenheit hatten, irgend etwas spezifisch Anthro-
posophisches zu horen. Die also von weither kommen und abreisen,
ohne daB etwas Anthroposophisches sich zutragt, mit vollstandiger
Ignorierung der anthroposophischen Bewegung als solcher. Das ist
dasjenige, das so stark im Untergrund gespielt hat, und aus dem
naturlich die ganze Sache, die jetzt durch die groBe und ungeheuer
aufopfernde Anstrengung gesteigert worden ist, wiederum wesent-
lich beeintrachtigt wird. Es ware naturlich von dem allergroftten
Vorteil gewesen, wenn beispielsweise jemand das verlangt hatte,
wenn wahrend der Veranstaltung eine speziell anthroposophische
Veranstaltung hatte zustande kommen konnen.
Nun, vor alien Dingen hat das anthroposophische Komitee — jetzt
sind es zwei — , diese haben nicht daran gedacht, daB so etwas mit
voller Berechtigung ergriffen werden muB, wenn man Gelegenheit
hat, eine Anzahl Anthroposophen hier zu haben. Sie diirfen sich
keiner Illusion hingeben. Es waren naturlich eine Menge anderer
Leute da, die dadurch herbeigelockt worden sind. Das ist etwas, was
nur in dem MaBe Richtigkeit hat, als auf der anderen Seite der
anthroposophische Einschlag darin ist; was sofort seine Richtigkeit
verliert, wenn der Einschlag nicht darin ist.
Richtige treue Pfleger der Waldorfschule werden Sie nur unter den
Menschen finden, welche das Anthroposophische verstehen. Sie
diirfen nicht glauben, daB der augenblickliche Eindruck, der
gemacht wird, irgendwie halt, und daB der nicht irgendwie bei einer
Anzahl von Menschen zur Gegnerschaft fiihrt, die sich auf mich
abladt. Auch die brillanteste Veranstaltung wird, wenn diese Dinge
18
30. 3. 1923
vergessen werden, in der Zukunft zur Gegnerschaft, die sich auf mich
abladt. Alles wird gut, wenn die Sorgfalt verwendet wird, in solchen
Fallen eine Verstandigung auf dem Boden der Anthroposophischen
Gesellschaft herbeizufiihren. Das kann dazu fiihren, daB man zeigt,
Anthroposophie ist da, aber durch ihre eigene Natur hat sie nicht die
Tendenz, dasjenige, was sie begriindet, zu einer spezifisch anthro-
posophischen Sache zu machen. Sie ist dazu da, um die Dinge zu
einer allgemein-menschlichen Sache zu machen.
Dr. Schubert hat es auBerordentlich gut hervorgehoben. Aber wenn
Sie irgendeine wunderbare Statue aufstellen, Sie schatzen die Statue
auBerordentlich, und Sie stellen sie auf ein Loch, so werden Sie
sehen, daB die Statue bald nicht mehr da steht. Das ist dasjenige, was
nicht bedacht wird. Es werden die schonsten Dinge gemacht, aber sie
stehen ohne Boden da. Der Boden muB die anthroposophische
Bewegung sein. Wir sind hart daran, wir kommen in den Fall des
alten Osterreich, das in seine Teilstaaten zerfallt, und als solches
nicht mehr da ist. Wir stehen vor der Absurditat wiederum durch
zwei Mitteilungsblatter, die gar nichts enthalten. Wir stehen vor der
Gefahr, daft die Anthroposophische Gesellschaft in Einzelunter-
nehmungen zerfallt, daB wir haben werden die Waldorfschule, den
Kommenden Tag und so weiter, daB wir keine Anthroposophische
Gesellschaft mehr haben. Dann gibt es fur die ganze Sache kein
Interesse mehr.
Mit Schulraten muB man artig sein, Sie diirfen sich aber nicht ver-
sprechen einen Erfolg bei Schulraten. Wenn Sie glauben, daB Sie da
einen Erfolg haben, dann bauen Sie auf Illusionen. Wir bauen auf
Illusionen. Das diirfen wir nicht, sonst werden Sie die schonsten
Krafte eines Tages auf einem Loch finden. Das miissen wir vermei-
den. Das ist dasjenige, was stark in Betracht kommt. Man darf sich
nicht die Aussicht auf das Ganze verbauen lassen dadurch, daB man
sich blenden laBt von dem, was also in sich selbst eine brillante Sache
ist.
Auf der anderen Seite mochte ich dann auf dies hinweisen, daB wir in
der Zukunft vermeiden miissen — das erste Mai wird es nicht EinfluB
haben, weil die Leute dasjenige, was sie einmal horen, wieder ver-
gessen, wenn nicht in den Seelen der Leute der Keim zur Gegner-
schaft ist — , aber dasjenige, was vermieden werden muB in der
Zukunft, das ist das allzustarke Betonen der negativen, kritischen
Elemente. Das ist etwas, was in den brillantesten Vortragen hervor-
getreten ist. Sie miissen voriibergehend so dezidiert betont werden.
Man kann schon mit Keulen schlagen, ich habe nichts dagegen. Nur
30. 3. 1923
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diirfen nicht die negativen Instanzen in der Veranlagung schon
darinnen liegen. Und so war schon der Vortrag von Dr. N. gespickt
mit negativen Instanzen. Es wiirde fortfressen, wenn die Leute es
wiederholt horen wiirden. Sie haben uber Erleben in der Geschichte
gesprochen. Sie haben mit Hinweis auf Herman Grimm auf Doku-
mente furchtbar geschimpft. Herman Grimm, der, als er methodisch
gesprochen hat, betont hat, daft man nur soweit Geschichte vor-
tragen kann, als Material vorhanden ist. Wenn Sie erzahlen, man soil
eine Geschichte aufbauen aus dem Inneren und auf die Dokumente
verzichten, da tritt der Einwand zutage: was weift der Dr. N. aus
seiner ganzen Geschichte, wenn er nicht Geschichte studiert hat.
Also, es ist etwas, was in sich selbst zusammensturzt. Sie (zu einem
anderen Lehrer) muftten am nachsten Tage hinweisen, daft Sie Doku-
mente vorweisen.
Nun, nicht wahr, man muft bei einem solchen Falle die Dokumente
ins richtige Licht stellen. Man kann nur den Leuten sagen, jedes
Dokument muft erst beleuchtet werden. Die Sonne, von der fur ein
Dokument das Licht kommt, kann nicht aus den Dokumenten kom-
men. Wenn man das Kind mit dem Bade ausschiittet, gibt man den
Leuten auf Schritt und Tritt neue Angriffspunkte. In der Geschichte
ist ohne Dokumente nicht das geringste zu machen, wenn man nicht
den Gegenpol entwickelt, wenn man zeigt, jedes Dokument hat erst
den richtigen Wert, wenn es in der richtigen Weise beleuchtet wird.
Solche negativen Instanzen schaden in einer unermeftlichen Weise,
weil sie fortfressen. Es war ganz gut, daft Sie (zu dem anderen Leh-
rer) sanft und mild die Sache ausgebessert haben. Es ware notwendig
gewesen, darauf hinzuweisen, daft ein Lapsus passiert ist, so daft das
Ganze ein geschlossenes Bild gegeben hatte. Es muft eine Korrektur
eintreten von einer anderen Seite. Sie waren nahe daran, Sie haben es
nicht iibers Herz gebracht, dann aber auch etwas zum Wohle der
Dokumente zu sagen. Das hatte geschehen miissen.
Dann nicht wahr, war es in einem gewissen Sinne ein Fehler, die
Besprechung des Religiosen mit dem Thema zu beleben ,,Das
kiinstlerische Element im Religionsunterricht". Es kam im Vortrage
nichts vor iiber die kiinstlerische Gestaltung des Religionsunterrich-
tes. Das Thema war nicht gerechtfertigt. So fiel die Besprechung des
Religionsunterrichtes aus der ganzen Sache heraus. Diese Dinge sind
auch wiederum durch die ganze Tatsache negative Instanzen.
Das Vermeiden der negativen Instanzen, das ist schon dasjenige, was
wir ganz aufterordentlich stark ins Auge fassen miissen. Ich habe
absichtlich den Aufsatz iiber Richard Wahle jetzt geschrieben, weil
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30. 3. 1923
ich ein Bild geben will, wie die Anthroposophische Gesellschaft
mundlich und schriftlich mit der Auftenwelt verkehren soil. Ich habe
das geschrieben, um in der Haltung zu zeigen, wie man sich verhalten
soil. Wenn Sie diesen Aufsatz lesen, mochte ich Sie bitten, sich daran
zu orientieren, wie man die Leute, mit denen wir nach auften ver-
kehren wollen, behandelt.
Es ist schon notwendig, daft man die positiven Sachen beriicksich-
tigt, sonst kommen wir iiber Illusionen gar nicht hinaus. Mit illusio-
nen zu arbeiten, ist zerstorend. Wir durfen uns keinen Illusionen
hingeben in der Beurteilung der Sachen. Wir miissen uns klar sein
dariiber: weiter kommen wir nur durch die Leute, die geistig jung-
fraulich zu uns kommen, Wir kommen mit denen allein vorwarts.
Wenn Sie je glauben wiirden, dem Schulrat trotz aller hoflichen
Behandlung eine andere Meinung beizubringen, so geben Sie sich den
argsten Illusionen hin, die furchtbar schadlich sind. Es handelt sich
darum, daft man die Leute bei Wohlwollen erhalt, aber sich nicht den
Illusionen hingibt, das konnen die Forderer sein. Hochstens nur in
Aufterlichkeiten, daft sie einen nicht verbieten. Der Schulrat hat
einen Eindruck bekommen, der sich in die Worte zusammenschlie-
ften laftt: Es ist nicht so schlimm mit der Waldorfschule. Denn eigent-
lich vertritt sie die Sache, die auch unsere Uberzeugung ist. — Wenn
Sie diese Uberzeugung haben, dann wollen wir die Waldorfschule
morgen schlieften. Dann ist es nicht notwendig, daft sie errichtet
worden ist.
Illusionsfrei miissen Sie werden. Kritisieren ist furchtbar leicht. Man
braucht nicht das Kritisieren zu vermeiden, aber dann muft man das
Kritisieren einsetzen lassen an positiven Punkten. Es ist selbst vom
Gesichtspunkt des exakten Hellsehens so, daft es sich darum handelt,
daft die Dinge, die man gewinnt, zur Beleuchtung desjenigen da sind,
was von auften herantritt. Nehmen Sie den Sinn von ,,Wahrheit und
Wissenschaft", so werden Sie finden: die Wahrnehmung und das, was
der Mensch erarbeitet — in der gegenseitigen Durchdringung liegt die
Wirklichkeit.
Ja, das sind die Dinge, insoferne sie die Waldorfschule betreffen, die
sich in der letzten Zeit wesentlich aufgeschwungen hat, und alles tun
mochte, um also unsere Sache weiterzubringen. Aber das ware not-
wendig, daft eine gewisse Verstandigung mit den Zentraldirektio-
nen — im Sinne des iiblichen Wortes — der ganzen anthroposophi-
schen Arbeit da ware. Das ist im Schwinden, trotzdem gewichtige
Mitglieder der Komitees hier sitzen. Sie vergessen sofort, daft sie
Anthroposophen sind, wenn sie Waldorflehrer werden. Das ist etwas,
was nicht geht.
30. 3. 1923
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Eben gerade das war ein wesentlicher Mangel, daB nicht die Idee
aufgetaucht ist, man muB etwas fur die Anthroposophen machen,
die als Fremde hergekommen sind, und die jetzt gerade etwas
Anthroposophisches gebraucht hatten. Es ist eine merkwiirdige
Diskrepanz, daB man von alien Seiten bestiirmt wird, daB etwas
Anthroposophisches kommen soil — es ist so gewesen, daft ich nicht
zwei Schritte machen konnte — , und ein Beriicksichtigen dieser kon-
kreten Wiinsche der bestehenden Gesellschaft wird iiberhaupt nicht
in Frage gezogen von seiten derjenigen, die sich bereit erklart haben,
die Angelegenheit zu lenken. Im Gegenteil, sie beriicksichtigen ihre
eigenen Wiinsche nicht einmal. Selbst haben sie auch Wiinsche. Das
wiirde sofort anders sein, wenn wiederum von seiten der einzelnen
Strdmungen, wie der padagogischen, ein ordentliches Stupsen statt-
finden wiirde nach der anderen Seite. Das ist etwas, was wir beriick-
sichtigen miissen, was in der Zukunft, gleich wenn wir mitder Kon-
ferenz fertig sind, gewuBt werden rmiBte.
X
Dr. Steiner: Jetzt handelt es sich darum, daft wir endgiiltig mit der
Besetzung der Klassen in Ordnung kommen. Da sind vor allem die la
und lb. Fraulein Hofmann (Anm.: sie hatte als Vertretung eine
Klasse gefiihrt) braucht fur ihre Tatigkeit in der Waldorfschule tat-
sachlich ein Jahr Gesundung. Es ist nicht moglich, daB sie hier ihre
Kraft, die eine ausgezeichnete ist, einsetzen kann, wenn sie sich nicht
ein Jahr erholt. So wiirde ich jetzt den Vorschlag machen, daB Frau-
lein Dr. von Heydebrand die la ubernimmt. Es entspricht das auch
ihren Wiinschen. Ich glaube, wir werden auf diese Weise solche Fra-
gen so losen, ganz aus der Sache heraus. Es muB die Frage der Beset-
zung der Klassen betrachtet werden als eine Angelegenheit des gan-
zen Kollegiums. Daher bitte ich hier ganz unverhohlen alle Dinge pro
und kontra vorzubringen, welche man vorbringen kann, wenn es sich
um die Besetzung einer Klasse handelt. Bei Fraulein Dr. von Heyde-
brand gibt es kein Pro und Kontra. Es wird jeder froh sein, wenn sie
die Klasse la ubernimmt.
Gibt es fur lb schon Vorschlage? Ich mochte natiirlich bitten, daB
sich das Kollegium als solches, da jeder einverstanden sein muB mit
der Besetzung, sich dariiber auBert.
Es wird iiber Fraulein N. gesprochen.
Dr. Steiner: Vieles liegt daran, daB Sie nicht sprechen konnen. Sie
werden in der Weise nie reiissieren. Sie miissen einen wirklichen
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30.3. 1923
Sprachunterricht sich bequemen zu nehmen. Das, daft Sie nicht fer-
tig geworden sind, riihrt davon her, daft Sie durch Ihre Gewohnheit
sich so gaben, wie Sie gewohnt waren, sich zu geben. Sie konnen
nicht sprechen. Wenn man so vor der Klasse ist, so wird man nicht
fertig werden.
Z. sagt etwas dazu.
Dr. Steiner: Das gilt fur viele. Das sieht Herr Z. nicht ein, weil er von
sich aus eine Sprache entwickelt, die so ist, daft sie unmittelbar bis in
die letzten Fasern wirkt. Sie mussen nicht unterschatzen, wieviel das
ausmacht, ob man sich darubermacht, seine Sprachprozesse zu ge-
stalten oder nicht. Wenn man es instinktiv tut, wie Sie — es kommt
Ihnen zugute, daft Sie stimmaftig eine wirksame Sprache haben — ,
dann darf man sich nicht wundern, daft man die Sache hier trifft.
Fraulein N. wird so lange Schwierigkeiten haben, solange sie sich
nicht bequemt, einen ordentlichen Sprachunterricht zu nehmen.
(Zu Herrn Z.) Ihre Sprache tragt, und von der Sprache hangt das
ganze Gebaren ab. (Zu Fraulein N.) Sie werden sehen, wenn Sie sich
bequemen, Sprachunterricht zu nehmen, so werden Sie andere
Gebarden machen. Dadurch, daft Sie das haben, machen Sie auf die
Kinder den Eindruck der philistrosen Tante. Es ist dasjenige, worauf
es ankommt. Der Herr Z. macht den Eindruck des schneidigen
Herrn. Warum soil man die Dinge nicht sagen? In der Padagogik
kommt es ungeheuer auf diese Sache an. Sie mussen sich daran ge-
wohnen, in dieser Beziehung mit Bezug auf das Ablegenkonnen des
Philistrosen Fortschritte machen zu wollen.
Wenn Sie ordentlich Sprachunterricht nehmen, werden Sie nicht so
oft erkaltet sein. Ich wundere mich nicht; unterschatzen Sie nicht,
was fur einen hygienischen Einfluft ein ordentliches Sprechenkon-
nen hat. Ein ordentliches Sprechenkonnen hat eine grofte Bedeu-
tung. Solange die Sprachorgane so sind, daft man sie nicht gebrau-
chen kann, daft alles eins ans andere sich anlehnt, solange die Sprach-
organe keine Kultur haben, so lange ist man erkaltet. Ich finde es
entsetzlich, daft so viele Erkaltungen sind. Wiirden einmal die Men-
schen ordentlich gezwiebelt werden mit einem Sprechenlernen,
dann wiirden die Erkaltungen verschwinden.
Frau Dr. Steiner: Sprechenlernen hilft einem hinweg iiber Erkaltungen, aber
nicht immer.
Dr. Steiner: Aber dies ist tatsachlich der Fall, es ist eine dringende
Notwendigkeit, daft nach dieser Richtung hier etwas getan wird iiber-
haupt. Ich meine das nicht moralisch, sondern asthetisch.
30. 3. 1923
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Es wird die Frage besprochen, ob Frl. N. an der Waldorfschule bleiben kann
und will. Einige Lehrer machen Einwendungen gegen ihren Unterricht.
Frdulein N.: Mir ware am wertvollsten, was Sie, Herr Doktor, dazu sagen.
Dr. Steiner: Ich habe ja gesagt, was ich denke. Wenn die Dinge sich so
fortpflanzen, dann werden maftlose Schwierigkeiten entstehen. Ich
bitte aber auch zu beriicksichtigen, was heute dem A passiert, hat
auch dem B passieren konnen. Ich glaube, daB es nicht ohne triibe
Perspektive ist, und dann konnen wir zumachen.
Ublich war die Meinung, daft ich sollte die Lehrer hierher berufen.
Von dieser Meinung sollte nicht abgegangen werden. Nun handelt es
sich darum, daft nicht abgegangen wird im Tatsachlichen, aber im
Empfinden, im ganzen Handhaben der Sache. Ich werde in den Fall
gesetzt, daB ich werde vielleicht sogar die Frage aufwerfen miissen,
ob das Kollegium nicht selbst die Lehrer berufen will.
Auf der anderen Seite ist es so gekommen — daran hat die heutige
Besprechung nichts geandert — , daB es vielleicht doch fur Siebesser
ist, wenn Sie nach C. gehen. Ich glaube, es ware besser. Man iiber-
windet nicht leicht solche Stimmungen. Das ist mir jetzt erst auf-
ge fallen.
Es ist schade. Wie soil man die Frage entscheiden, wenn der Wunsch
besteht, alles soli im Lehrerkollegium diskutiert werden. Es kann
morgen einem anderen passieren. Bei dem Besetzen von Stellen hier
an der Waldorfschule kommt so viel in Betracht, was manchmal
schon, wenn man es in Worte kleidet, nicht mehr dasselbe ist. Es ist
wirklich eine Schwierigkeit, das zu tun, wenn die Dinge dann ent-
gegnet werden, daft man sagt: absolut unbrauchbar fiir eine Klasse.
Es kann morgen einem anderen passieren. Es diirfte nicht der Fall
sein. Es mufite mit dem einen Fall genug sein. Es ist furchtbar traurig,
daft wir einen solchen Fall behandeln. Ich glaube wirklich, daft es
nicht unbegriindet ist. Fraulein N. hat sich, abgesehen von der Klas-
senfrage, die Sympathie einer Anzahl von Kollegen nicht erwerben
konnen. Das kann aber jedem von Ihnen passieren.
Wer erlebt hat, was ich erlebt habe, das ist eine lehrreiche Ge-
schichte. In Wien dozierte ein Mensch, Lorenz, der wurde zum Rek-
tor gewahlt und hat seine Rede gehalten iiber die Politik des Aristo-
teles. Er war der Gott. Sein Vorganger war ein Kirchenrechtslehrer.
Dieser Prorektor wurde durch eine Rede, die er im Landtag gehalten
hatte, furchtbar unbeliebt. Die Studenten haben sich vorgenommen,
den trampeln sie aus. Nun kam die Sache zur Entscheidung an den
Rektor. Lorenz geht in die Klasse hinein und wird mit ,,Hoch"
24
30.3. 1923
empfangen. Er sagt: Meine Herren, Ihre Hoch sind mir ganz gleich-
giiltig. Nachdem Sie einen Mann, der, was immer fur eine politische
Uberzeugung er haben mag, aber einen Mann,' der eine solche Kapa-
zitat in der Wissenschaft ist, daft ich nicht wiirdigbin, dem Manne die
Schuhriemen aufzulosen (nachdem Sie den austrampeln), so sind
mir Ihre ,,Hoch" gleichgiiltig. Die Leute haben geschrien ,,Pereat
Lorenz". Das ist eine sehr lehrreiche Geschichte.
Dann wiirde es sich darum handeln, wer die lb ubernimmt. Wollen
wir die Frage offenlassen.
Wahrend Dr. Steiner jetzt die Unterrichtsverteilung fiir 1923/24 noch einmal
durchgeht, gibt er noch eine Reihe einzelner Anordnungen. Zu einer der Lehr-
krafte:
Dr. Steiner: Sie miissen ein Jahr auf Urlaub gehen. Das kann ich
nicht verantworten; daft Sie auf Krankheitsurlaub gingen und nach
kurzer Zeit wieder da sind. Wenn Sie so krank geworden sind, dann
sind Sie so krank, daft ich Sie bitte, jetzt noch ein Jahr auf Urlaub zu
gehen. Nachdem Sie die ganze padagogische Veranstaltung haben
mitmachen konnen, haben Sie den Beweis geliefert, daft Sie hatten
warten konnen mit dem Krankheitsurlaub. Ich betrachte das als
einen starken Affront, daft Sie weggehen und dadurch Konfusion
hervorrufen. Aber nachdem Sie wiederum erschienen sind und die
ganze Veranstaltung mitgemacht haben, dann kann ich nicht sagen,
daft ich Vertrauen habe, daft Sie den Unterricht mit dem Schul-
beginn wieder aufnehmen konnen. Ich kann nur den Vorschlag
machesn, daft Sie ein Jahr weiter auf Urlaub gehen. Das ganze ist eine
unmogliche Geschichte.
Da muft ich selbst auf dem Standpunkt beharren, das ist eine so
grofte Enttauschung gewesen, daft ich kein Vertrauen dazu habe, daft
Sie den Unterricht in irgendeiner erfolgreichen Weise machen kon-
nen. Es ist keine harte Maftnahme. Der Betrieb der Waldorfschule ist
kein Spiel. Das kann man nicht durchgehen lassen, daft man die
Sache von der leichten Achsel nimmt.
Sie haben gesehen, daft es mir schwer geworden ist, wieder einen
zweiten Fall eintreten zu lassen. Natiirlich muftte man sich der
Gesundheit fiigen. Aber dann muftte man auch den Willen haben, die
Gesundheit wieder herzustellen. Es ist keine harte Maftregel, wenn
ich Sie bitte, ein Jahr auf Urlaub zu gehen.
Mich darf jeder hart treffen mit seinen personlichen Ambitionen.
Auf mir kann jeder herumtrampeln. Das sind Dinge, die ich mit
niemand so reden mochte; vor dem Jahr 1918 brauchte ich nicht so
30. 3. 1923
25
zu reden. Die Dinge werden in griindlicher Weise miBbraucht. Es ist
doch keine harte MaBregel. Es war ein bodenloser Leichtsinn, daB
Sie jetzt gekommen sind. Es ist sehr notwendig, daB Sie sich so
kraftigen, daB Sie nicht wieder solche leichtsinnigen Sachen bege-
hen. Wenn Sie den Unterricht wieder so erteilen, dann kann ich kein
Vertrauen haben. Aber da nun die Sache so behandelt wird, daB Sie
beweisen, Sie miiBten weggehen; dann kommen Sie in einer Zeit
zuriick, wo es lacherlich ist, zuriickzukommen.
Die Redensarten kenne ich. Wenn es einem gefallt, zu solchen Ver-
anstaltungen zu kommen, dann sagt man, es ist ungeheuer wichtig.
Sie miissen sich klar sein dariiber, daB ich nichts zugeben kann, als
daB Sie sich ein Jahr lang griindlich erholen. Ich weiB nicht, warum
Sie das hart trifft. Sie miissen sich angewohnen, die Sache mit einer
groften Gewissenhaftigkeit zu treiben, und sich verpflichtet fiihlen,
dann nicht aus der Erholungszeit wegzuschwanzen, weil Sie jetzt
vielleicht etwas horen konnen. Dann muB man auch, wenn man
etwas zu leisten hat, gewissenhaft mit der Gesundheit verfahren. Ich
sage das in der dezidierten Weise und meine es gut mit Ihnen. Aber
ein Jahr Urlaub miissen Sie haben.
(Zu einem Lehrer einer oberen Volksschulklasse:) Es sind so furcht-
bar viele Unzufriedenheiten gegen Sie; es ist eine ganze Gruppe
Eltern, die finden, daB Sie schroff sind, daB die Kinder nicht zurecht-
kommen mit der Art, wie Sie darstellen. Mich hat esgetroffen, weil
ich gefunden habe, wie Sie die Botanik dargestellt haben, das war
anschaulich und gut. Es ist schwierig, weil man sieht, daB Dinge aus
den verschiedensten Ecken herauskommen.
X.: Ich werde alles tun, um das zu beheben.
Dr. Steiner: Ich wiirde doch meinen, daB Sie nicht zu kindlich wer-
den miissen in der Behandlung dessen, was man zur Illustrierung sagt.
Mir kommt vor, Sie stellen sich die Kinderseele auf einer zu unteren
Stufe vor. Sie leben nicht mit der Kinderseele auf der Stufe, auf der
sie schon steht. Man muB die Klasse so behandeln, daB man die Dinge
nicht zu kindlich illustriert.
Ob wir es nicht doch in der 9. Klasse werden so machen miissen, daB
wir abgehen vom reinen Hauptunterricht? Die 8. betrachten wir als
letzte Volksschulklasse. Die folgenden Klassen doch so, daB die
Lehrer wechseln. Nun fragt es sich, ob wir auskommen. Gehen wir
jetzt von den Lehrern aus.
Dr. Steiner bespricht bis ins einzelne die Verteilung der Lehrer, Facher und
Stunden.
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30. 3. 1923
Dr. Steiner: In den oberen Klassen wiirde zu dem Hauptunterricht
dazu kommen der durchgehende mathematische Repetitionsunter-
richt. Da geniigen zwei Stunden. Wenn der Mathematiklehrer selbst
den Hauptunterricht hat, brauchen die Repetitionsstunden nicht
durchzulaufen.
(Wegen eines neueintretenden jungen Lehrers:) Nun will X. kom-
men, der so eingefiigt werden soil, daft er selbstverstandlich nicht den
Weg des Stuttgarter Systems macht, damit er verdorben wird; der
weise geleitet werden soil. Es ware gut, wenn er in alle Falle, wo die
realistischen Facher ersetzt werden mtissen, wenn er da einspringen
konnte. Erstens haben wir jemand, der supplieren kann, zweitens
wurde vielleicht die Frage entstehen, ob er iiberhaupt standig im
Unterricht wirken konnte in oberen Klassen bei den realistischen
Fachern. Er miiftte unter Leitung von jemandem einen solchen
Unterricht ubernehmen. Wir miissen eine Art Entlastung dadurch
herbeifuhren, daft er dazu verwendet wird, das oder jenes fortzu-
setzen, das eingeleitet wird von denen, die als realistische Lehrer
wirken. Wir kriegen sonst nicht die Moglichkeit heraus, Lehrkrafte
auszubilden. Das kann gut gemacht werden. Woran diese realisti-
schen Facher leiden, das ist die nicht geniigende Vorbereitung. Die
Lehrer sind einfach nicht geniigend vorbereitet. Das ist schon so.
Man kann dem nur abhelfen, wenn man entlastet.
Deshalb mochte ich eben, daft X. hier ware. Aufterdem liegt noch ein
anderer Grund vor: X. wird vielleicht einmal etwas recht Ordent-
liches leisten. Nun sehe ich nicht, daft die Forschungsinstitute in
einer solchen Verfassung sind, daft man ihn dorthin geben soli. Da
wiirde er nur herumlungern. Wir diirfen nicht die jiingeren Leute
wegschmeiften, wahrend wir sie hier gut einreihen konnen. Er wird
etwas machen. Solch einen Gesichtspunkt miissen wir haben. Dann
konnen die realistischen Facher in der richtigen Weise besetzt
werden.
Y.: . . .
Dr. Steiner (bei der Besprechung einer Neuanstellung fur den huma-
nistischen Unterricht): Ihre Frau konnte den humanistischen Unter-
richt in der 9. Klasse ubernehmen? Ich habe bis jetzt nicht den
Vorschlag gemacht, weil ich geglaubt habe, daft sie mit den Kindern
zuviel zu tun hat. Es darf nicht zuviel das einreiften, daft Mann und
Frau beide hier beschaftigt sind. Nachdem sie die Kinder aus dem
Schmutzigsten heraus hat, ware es ganz gut, wenn sie Literatur-
geschichte undGeschichte ubernehmen konnte.
30. 3. 1923
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Wenn man unter dem Druck stent, daft die 12. Klasse das Abiturium
machen muft, dann muft man andere Bedingungen erfullen. Der
Unterricht muft furchtbar scharf genommen werden. Wir miissen uns
bald beschaftigen mit der Frage des Abituriums. Man wird die
Schiiler fragen in einer Weise, wo man sie leicht durchfallen lassen
kann.
Jetzt ware es wiinschenswert, wenn man in der Lage ware, zum
Abiturium nur die zu fuhren, die es wirklich machen wollen. Die
Abituriumsfrage ist fiir uns eine Crux. Es werden zuletzt vielleicht
nicht so furchtbar viele sein. Sind denn unter denMadchen so viele,
die das Abiturium machen wollen?
X.: In den anderen oberen Klassen sind manche, die zur Eurythmie wollen.
Dr. Steiner: Das waren solche, die kein Abiturium machen sollten.
Die Eurythmie als solche, wenn diese Eurythmieschule halbwegs
sich auf festen Boden stellt, so wird man sie ausgestalten miissen;
so wie es jetzt ist, bleibt es nicht. Eurythmie wird sich vervoll-
kommnen. Wenn eine Ballettanzerin werden will, muft sie sieben
Jahre einen richtigen Unterricht durchmachen. Nun miissen da
auch Nebenfacher eingerichtet werden. Mit der Zeit wiirde es
unerliiftlich sein, daft ein wirklicher menschenkundlicher Unter-
richt eingeftihrt wird. Dann miissen auch die Nachbarkiinste getrie-
ben werden. Man muft die Nachbarkiinste nach dem Tanz und
Mimischen beriicksichtigen. Die Eurythmieschule muft natiirlich,
wenn sie gedeihen soil, ausgebaut werden. Sie miissen dann darauf
sehen, daft eine solche Ausbildung fiinf Jahre in Anspruch nehmen
muft. Man muft dazu kommen, nicht wild Eurythmistinnen zu
erzeugen. Eurythmistinnen, die als Lehrer funktionieren sollen, die
muftten eigentlich vollkommen ausgebildete Leute sein. Auch in
der Menschenkunde und so weiter. Dann miissen sie auch Litera-
turgeschichts-Unterricht haben. Es muft nach und nach ein rich-
tiger Lehrplan eingerichtet werden.
Nun fragt es sich, ob man nicht es so machen konnte, daft die,
welche Eurythmistinnen werden wollen, dann von Stunden, die sie
nicht haben wollen, befreit werden. Die konnen in die Eurythmie-
schule hiniibergehen und dort Unterricht nehmen.
Im Lehrplan der Waldorfschule wiirde es doch gut sein, die Gabe-
lung nicht mit der Eurythmie vorzunehmen. Erst miiftte diese
Sache so gemacht werden, daft die, welche gegabelt werden, ver-
zichten auf das Abiturium. Auf Lateinisch und Griechisch miissen
die, welche sich kunstlerisch ausbilden wollen, verzichten.
28
24.4. 1923
Es wird gefragt, ob die 12. Klasse auch Buchbinden haben sollte und Gold-
schnitt lernen.
Dr. Steiner: Es ware schon, wenn das weiter fortgefiihrt werden soli.
Konferenz vom Dienstag 24. April 1923, 16.30-19 Uhr
Dr. Steiner: Nun wiirde ich meinen, dafi es gut ware, wenn wir
heute die formalen Sachen erledigen, und wenn dann noch etwas
zu sagen ist in bezug auf den Schulanfang, wird sich das vielleicht
besser dann sagen lassen, wenn wir die formalen Dinge erledigt
haben. Es ist wahrscheinlich doch moglich, daft wir morgen uns zu
einer Konferenz versammeln, damit wir iiber den Schulanfang mehr
von einem geistigen Standpunkt sprechen konnen. Heute mochte ich
glauben, daft wir die verschiedenen Bediirfnisse, die aus der Lehrer-
schaft kommen, erledigen sollen.
Es folgt die Verteilung der Lehrer auf die Klassen und die Besetzung des
Sprachunterrichts.
Dr. Steiner: Jetzt handelt es sich darum, wer in bezug auf diese
Besetzung einen besonderen Wunsch hat.
Es werden auf geauBerte Wiinsche hin noch einige Anderungen vorgenommen.
X.: Ich wollte fragen, ob es nicht moglich ist, eine gewisse Stufenfolge festzu-
stellen im Kunstunterricht. Ich hatte mir gedacht, morgen in der 9. Klasse mit
dem anzufangen, was zusammenhangt mit dem ganzen Lehrplan, der in der
Geschichte und Literaturgeschichte angesetzt ist. Ich wollte darstellen, wie das
Kunstlerische aus der Mythologie entspringt.
Dr. Steiner: Es ware gut, wenn man den Kunstunterricht in Einklang
bringen wiirde mit dem geschichtlichen undliteraturgeschichtlichen
Unterricht. Wenn Sie versuchen wiirden, von der germanischen
Mythologie heriiberzukommen zum Kiinstlerischen, aber dabei
stehenbleiben und vielleicht zeigen, wie spater die germanischen
Mythen in einer anderen Form in der kiinstlerischen Entwickelung
auftauchen als Asthetisches. Man kann durchaus zum Beispiel das
Heraufkommen gerade von Diirer als Kiinstler mit der Art und Weise,
wie in der germanischen Mythologie die Formen sind, zusammen-
bringen. Das sind ja fiinfzehnjahrige Kinder. Man konnte Veranlas-
24. 4. 1923
29
sung nehmen, zu beweisen, daft die alten Germanen friiher die Gotter
ebenso gem alt haben wie spater Diirer seine Gestalten.
Dann wiirden Sie iibergehen in der 10. Klasse — der Lehrplan wiirde
gegeben sein durch die Vorstufe der 9. — , also 10. Klasse: Goethes
Lyrik und Stil; das konnte bleiben. 11. Klasse: Zusammenfassung
von Musikalischem und Dichterischem, das kann bleiben.
Dr. Steiner bestatigt die Angaben des Lehrers fur den Kunstunterricht iiber
das, was bisher in der betreffenden Klasse behandelt worden war. Dieser Leh-
rer macht nun fiir die 12. Klasse mit Riicksicht auf das Abitur den Vorschlag:
das, was im Deutschen behandelt wird, die Literatur von 1740 ab, ,,kunstle-
risch zu durchwandern".
Dr. Steiner: Dann wiirde ein besonderer literaturgeschichtlicher
Unterricht wegfallen. Wir miissen schon sehen, daft die Schiiler das-
jenige erreichen, was sie gefragt werden konnen. Nun, nicht wahr,
aus der neueren Literaturgeschichte werden sie gefragt werden von
der ganzen Sache von Gottsched und Bodmer an, und einiges, was
dann folgt. Sie konnen immer miteinander gehen im Deutschen und
im Kunstunterricht.
Aber damit wir nicht so das Kompromift schlieften, daft wir nicht
auch zu unserem Recht kommen, wiirde ich glauben, daft es gut
ware, wenn man dies noch tun wiirde: Es sind eine grofte Anzahl von
charakteristischen Goetheschen Literaturwerken zuruckzufuhren
auf malerische Eindriicke; dagegen sind eine grofte Anzahl roman-
tischer Kunstwerke auf musikalische Eindriicke zuruckzufuhren.
Dieses Sich-Beriihren der Kiinste untereinander herausarbeiten.
Es wird erwahnt ein Aufsatz von K. Burdach in der Deutschen Rundschau:
„Schillers Chordrama und dieGeburt des tragischen Stiles aus der Musik."
Dr. Steiner: Die Burdachsche Untersuchung leidet an dem Mangel,
daft sie eine Tendenz hat. Er will nachweisen, daft aus urspriinglichen
elementarischen Kraften irgendwo gewisse Motive entspringen, und
dann verfolgt er sie weiter. Und dann sind wirkliche Konstruktionen
da. Es ist ganz gewift nicht der Fall, daft Schiller so abhangig ist von
den friiheren Stromungen, wie es der Burdach feststellen will. Man
darf dabei das Charakteristische nicht verwischen, daft er, als er wie-
der Dramatiker wird, experimentiert und dadurch auf die verschie-
denen Versuche kommt, ein Chordrama zu machen, ein roman-
tisches Drama zu machen, daft er auf Shakespearesche Art wieder
zuruckgeht im ,, Demetrius". Man darf diese Details, die der Burdach
gibt, nicht aufter acht lassen, die konnen einem nutzlich sein. Aber
wahrscheinlich werden Sie zu einem anderen Resultat kommen als
30
24.4. 1923
Burdach, wahrscheinlich zu dem, daB Schiller etwas ganz anderes
gemacht hatte als die „Braut von Messina", wenn er wirklich in
diesem Strom geschwommen hatte.
Der Aufsatz gehort in die Reihe, aus der die ganze Produktion von
Burdach hervorgeht; er hat die „idee fixe", er will nachweisen, da
entspringt wie aus einem untermenschlichen Quell ein Motiv. Alles
ist allem ahnlich. Man muB bei Burdach vorsichtig sein. Erhat auch
die andere Geschichte gemacht, daB er also das Minnesangerwesen
aus dem Arabisch-Provencalischen ableitet, da/5 er die ganze groBe
geistig-literarische Strom ung anfangen lafit mit dem Urimpuls, der so
in der Mitte des Mittelalters liegt. ,, Faust und Moses" gehort auch in
diese Reihe; ShakespearesDramen.
X. spricht iiber seinen Unterricht in der 10. Klasse, morgenlandische Ge-
schichte und mittelhochdeutsche Literatur.
Dr. Steiner: Das muBte im Einklang miteinander gemacht werden.
Wenn Sie auch die Dokumente hassen, miissen wir doch ausgehen
von dem, was Sie zugrunde gelegt haben. In der Gegenwart gibt es
nichts, was man zugrunde legen konnte; man rniiBte eine altere histo-
rische Darstellung zugrunde legen und dann da unsere Anschauung
als Geschichte vortragen. Konnten Sie nicht zum Beispiel Heeren
zugrunde legen? Ebensogut kann man auch Rotteck zu Hilfe neh-
men; er ist etwas antiquiert und tendenzios. Dann ware es gut, wenn
man eine Konkordanz herausbrachte mit dem kiinstlerischen Stil-
unterricht. Ungeheuer viel Bleibendes konnen die jungen Leute
haben, wenn man mit ihnen liest einzelne Kapitel von Johannes
Miiller, ,,Vierundzwanzig Biicher allgemeiner Geschichte". Das ist
ein historischer S til, fast taciteisch. Diese Versuche sind immer
gemacht worden aus einem Einheitlichen, was in unserem Sinne
erneuert werden muB.
Wenn Sie zu stark auf die Geologie zuriickgehen, dann stehen Sie in
der Gefahr, den Keller zu nehmen, das ErdgeschoB wegzulassen und
die zweite Etage zu nehmen, wahrend Sie gerade bei dem anfangen
sollen, was von der Geologie als geschichtliches Motiv nachzuweisen
ist, Wanderungen der Volker und Abhangigkeiten vom Erdterrito-
rium. Dafiir gibt es einen der Stuttgarter offentlichen Vortrage: „Die
Volker der Erde im Lichte der Geisteswissenschaft." Das konnen Sie
nicht in der Klasse vortragen; das ist fur die erleuchteten alteren
Stuttgarter. Das miissen Sie iibersetzen fur die Jugend, und kiinftig ja
unterlassen, die ,,ChymischeHochzeit" durchzunehmen.
Wenn Sie gleich die Vorbereitung beginnen, gleich mit dieser Litera-
24. 4. 1923
31
tur, so miissen Sie etwas wie Heeren, Rotteck oder Johannes Muller
nehmen. Es ist nattirlich nicht richtig, die Geschichte zu verwandeln
in eine blofte Religionsgeschichte; das wtirde doch zukommen dem
Religionslehrer. Den Lehrplan werde ich Ihnen morgen vortragen.
X.: Wovon soli ich ausgehen bei diesem Unterricht?
Dr. Steiner: Sie haben selbst charakterisiert, Sie wollen ausgehen
von der Abhangigkeit von der Erde. Also die Ausgangspunkte neh-
men von den Klimaten, von den Zonen — die kalte, heute gemaftigte
Zone — , von den Erdformationen, und darauf die Geschichte
griinden. Abhangigkeit von Gebirgen und Ebenen, wie ein Volk sich
verandert, wenn es vom Gebirge ins Tal herabsteigt. Aber alles dies
historisch, nicht geographisch, so daft man ein bestimmtes Volk in
einer bestimmten Zeit behandelt. Zeigen, warum zum Beispiel die
Griechen Griechen geworden sind. Dazu Heeren als Leitfaden beniit-
zen. Es kommt darauf an, daft die Dinge richtig sind.
X, (die in einer 9. Klasse den Geschichts- und Deutschunterricht iibernehmen
soil); Ich hatte gern eine Anleitung fur die Geschichte in der 9. Klasse. Worauf
soil ich besonderen Wert legen?
Dr. Steiner: Man mufi den Stoff vertiefen.
Die bisherige Klassenlehrerin: Ich habe in der 8. Klasse die Geschichte in Bil-
dern gegeben und in Biographien. Ich habe Wert gelegt auf das Kultur-
geschichtliche im 19. Jahrhundert.
Dr. Steiner: Woriiber nach unserem Lehrplan die Kinder eine Vor-
stellung bekommen sollten in der 8. und 9. Klasse zusammen, das
sind die inneren geschichtlichen Motive, die groflen Ziige. Daft sie
einsehen, wie das 15. und 16. Jahrhundert die Erweiterung des gan-
zen Gesichtskreises der Menschen bringt, nach alien Richtungen,
geographisch, astronomisch; wie sich das in der Geschichte auslebt.
Dann im 17. und 18. Jahrhundert die Wirkung der Aufklarung auf
das geschichtliche Leben. Und im 19. Jahrhundert das Ineinander-
flieBen, Ineinanderfluten der Volker und alles, was es in sich birgt.
Die Jahrhunderte geben Veranlassung, die Tatsachen darzustellen,
die unter diese Gesichtspunkte fallen.
Zur Vorbereitung des Lehrers: Es ware furchtbar gut, wenn Sie sich
eine Vorstellung machen konnten, was fur eine Geschichte entstan-
den ware, wenn Schillers ,, Geschichte des Dreiftigjahrigen Krieges"
bis zu unseren Tagen fortgefiihrt worden ware, was daraus fur eine
moderne Geschichte entstanden ware. Fur Mitteleuropa sind die
ganz kurzen Zusammenstellungen, die der Treitschke gegeben hat,
32
24.4. 1923
sehr gut. Das erste Kapitel seiner ,,Deutschen Geschichte", da hat
man die Faden gezeichnet alle darin, in der Einleitung.
X. will in der 12. Klasse mit Reihen anfangen, bis zur Integral- und Differen-
tialrechnung.
Dr. Steiner: Differential- und Integralrechnung ist ja nicht so sehr
viel verlangt. Wenn man das aber okonomisch einteilt, kann man
friiher zum Integrieren ubergehen. Man kann die Reihen zur gegen-
seitigen Aufklarung nehmen. Ich wiirde den Hauptwert darauf legen,
daft man soweit kommt, daft man die Differential- und Integral-
rechnung auf die Kurvenlehre anwendet, daft man Tangenten und
Normale behandeln kann mit dem, was man aus der Differential- und
Integralrechnung hat. Das wiirde fur das Abiturium geniigen. Wenn
die Schuler die Gleichung einer Ellipse, Hyperbel behandeln konnen,
so ware das schon gut. Es werden ja die Aufgaben veroffentlicht, die
gegeben werden.
Dr. Steiner erfahrt, dafl es doch auch schwerere Aufgaben gibt.
Dr. Steiner: Ich frage mich, was bleibt fur den Hochschulunterricht
iibrig; es bleibt eben nichts mehr tibrig zu wissen. — Dann wiirden Sie
morgen mit den Reihen anfangen.
Es wird gefragt wegen der Formeln in der Chemie.
Dr. Steiner: Man muftte sich erkundigen, was im Abitur gefragt wird.
Das ist die Schwierigkeit, daft wir in Kompromisse hineinkommen.
Wir miissen so weit gehen, daft wir die Schuler durchbringen durchs
Abiturium. Es ist ja schrecklich.
Nicht wahr, wenn man wenigstens stereometrische Formeln ver-
wenden wiirde, dann wiirde man Sinn damit verwenden konnen.
Zumeist werden ganz in der Ebene geschriebene Formeln verwendet,
die sinnlos sind. Die Prozesse miissen gewuftt werden. Das ist ganz
sinnlos, das ist traurig, aber wir miissen das berucksichtigen.
Morgen konnen wir zu derselben Zeit zusammenkommen zur
Besprechung von Lehrplanfragen. Jetzt mochte ich noch Fragen und
Wiinsche erledigen.
X. fragt wegen der Lekture im Englischen; Dickens' ,, Christmas Carol" sei zu
schwer fiir die 8. Klasse.
Dr. Steiner: Sie konnen sicher sein, Sie miiftten den Dickens lesen
konnen mit den Kindern, die fast noch gar nichts konnen, und was
sie lernen sollen, konnen Sie bei ihm am leichtesten ankniipfen.
24.4. 1923
33
Erzahlen Sie, wie es weitergeht. Ob das Problem nicht so zu losen
ware, daB man die Kinder zuerst bekanntmacht mit dem Inhalt und
dann die Proben herausnimmt, die besonders gut zu behandeln sind,
wo diese Schwierigkeiten nicht so stark sind. Diese Schwierigkeiten
muB man doch iiberwinden konnen. Gerade fur Nichtskonner ist
diese Lektiire die allerbeste Sache.
Eine Klassenlehrerin der 8. Klasse: Der E. B. fiihlt sich nicht wohl bei mir.
X.: Ein Mitschiiler wiirde gerne in der anderen Klasse sein, weil die kiinstleri-
scher sind.
Dr. Steiner: Den kann man tauschen.
Religionsunterricht: Es gibt Stundenplanschwierigkeiten, und die Klassen sind
zu grofi.
Dr. Steiner: Es kann doch nicht anders sein als im Vorjahr. Stunden-
planmaBig muB sich das losen lassen. Ich kann mir nicht denken, daft
dies nicht zu losen ist. Mehr als fiinfzig sollen nicht im Religions-
unterricht zusammen sein.
Wegen eines taubstummen Kindes in der Hilfsklasse.
Dr. Steiner: Das Kind ist nicht taubstumm, es hort sowohl und kann
auch zum Sprechen gebracht werden. Aber es ist das Zentralorgan
trage. Man kommt ihm nicht bei und muB alles eirifach versuchen.
Man muB ihr langsam vorsprechen, muB sich alles nachher nach-
sprechen lassen und da so vorgehen, daB man es zuerst langsam
macht und dann die Sache beschleunigt, daB sie allmahlich schneller
fassen muB. Und auch die Ubung machen, daft man laut vorspricht
und sie dann leise und umgekehrt. Man macht es erst langsam, sie
dann schnell, und variiert das. Wenn moglich Reihen von Wortern,
die einen Zusammenhang haben, riickwarts und dann vorwarts, um
auf das Denksprachzentrum zu wirken. Dann wiirde ich sie die Heil-
eurythmieiibungen machen lassen, die auf den Kopf angewandt wer-
den, und zwar taglich, wenn auch nur kurze Zeit.
(Zum Schularzt:) Aufterdem wiirde sie bekommen EdelweiB in der
6. Dezimale, weil das ein wirksames Heilmittel ist fiir die Verbindung
von Gehornerv und Gehorzentrum. Es wirkt stark, wirkt selbst da
noch, wo die Gehororgane skleros sind. Es hangt beim EdelweiB
damit zusammen, das saugt sich ein, die Bliiten. Dann werden Sie
finden, daft bei der Bliite die ganze GesetzmaBigkeit, die also zwi-
schen diesem eigentumlichen, nicht Mineralisieren, aber Mineral-
Verstofflichen liegt, daB das eine auBerordentliche Ahnlichkeit
34 25. 4. 1923
hat mit den Prozessen, welche das Gehororgan konstituieren. Wir
haben seit zehn Jahren dieses Mittel angewendet. Gut vorwas-
sern!
X. fragt wegen der Ausgestaltung des Handlungsraumes.
Dr. Steiner: Der kann vorlaufig so bleiben, der Raum, wie er ist.
Konferenz vom Mittwoch 25. April 1923, 16.30-19 Uhr
Dr. Steiner: Die Hauptsorge ist, dafi wir leider gezwungen sind, mit
der letzten Klasse eigentlich das Waldorfschul-Prinzip zu verleugnen,
dafi wir nicht einen Lehrplan zugrunde legen konnen, der dem Prin-
zip entsprechen wiirde. Wir werden jetzt einfach generaliter sagen
miissen: Wir miissen im letzten Jahrgang alle diejenigen Facher pfle-
gen, die einfach im Lehrplan der hiesigen hoheren Schulen vorhan-
den sind, und so pflegen, wie sie vorhanden sind, und ich sehe schon
mit Schrecken den Verlauf des letzten Halbjahrs, wo wir werden
alles sistieren miissen auBer den Priifungsfachern, und nur die Prii-
fungsfacher pflegen. Denn es ist kaum moglich, daran zu denken,
dafi auf eine andere Weise zu bewirken ist, dafi die Schiiler ein Abi-
turium bestehen. Das ist eine rechte Sorge, so dafi ich eigentlich nach
langem Uberlegen finde, da!5 es sich im Grunde ertibrigt, aufter dem,
was wir schon in Aussicht genommen haben, unter Einfiihrung der
chemischen Technologie und so weiter, dafi es sich eriibrigt, iiber den
Lehrplan viel zu sprechen.
Es wiirde ja wiinschenswert sein, dafl gerade in diesem Lebensalter —
es sind etwa Achtzehnjahrige — die Schiiler ein abschliefiendes Ver-
standnis gewinnen wiirden fiir das Historisch-Kiinstlerische und
schon aufnehmen wiirden das Spirituelle, ohne ihnen anthro-
posophische Dogmatik beizubringen, in Literatur, Kunstgeschichte
und Geschichte. Wir miilken also eben den Versuch machen, in Lite-
ratur, Kunstgeschichte und Geschichte das Spirituelle nicht nur
inhaltlich, sondern auch in der Art der Behandlung hineinzubringen;
muflten also zum Beispiel wenigstens fur diese Schiiler das erreichen,
was ich selbst bei meinen Arbeitern in Dornach angestrebt habe,
denen ich schon klarmachen konnte, daft ja eigentlich, sagen wir,
solch eine Insel, wie zum Beispiel die britische Insel, im Meere
25. 4. 1923
35
schwimmt und festgehalten wird von aufien durch Sternenkrafte.
Man hat es zu tun mit einer Insel, die sitzt nicht auf Grund auf, sie
schwimmt, sie wird von aufien festgehalten. Im ganzen, im Prinzip
wird die kontinentale Gestaltung und Inselgestaltung von aufien
durch den Kosmos bewirkt. Das ist bei der Konfiguration der Fest-
lander iiberhaupt der Fall. Das sind Wirkungen des Kosmos, Wir-
kungen der Sternenwelt. Die Erde ist durchaus ein Spiegelbild des
Kosmos, nicht etwas, was von innen bewirkt wird. Solche Dinge
miissen wir nun doch vermeiden. Wir konnen sie aus dem Grunde
nicht bringen, weil die Schiiler veranlaik wiirden, das im Examen
ihren Professoren beizubringen, und dann wiirden wir in einen
schrecklichen Ruf kommen. Das muBte aber eigentlich in der Geo-
graphic erreicht werden.
In der Phy sik und Chemie miilke man es dahin bringen, jenes Prinzip
durchzufiihren, wonach das ganze System der Chemie und das ganze
System der Physik ein Organismus ist, eine Einheit, und nicht ein
Aggregat, wie jetzt angenommen wird. Wir haben ja mit der
12. Klasse eine Art von AbschluB, wir miissen iiberall die Resultate
ziehen. Wir miissen solche Fragen, zum Beispiel aus der Miner alogie,
beantworten: Warum gibt es fiinf regelmafiige Korper? Das miissen
wir in der Kristallographie und Mineralogie machen.
Im Kunstlerischen ergibt sich iiberall eine Fortsetzung aus dem
Friiheren in Musik, Plastik und Malerei. Das kann nie abgeschlossen
sein.
All dies konnen wir gar nicht aufstellen. Wir konnen nur als neuen
Gegenstand eine Stunde chemische Technologie einfuhren und
miissen nun sehen, iiberall einfach die Schiiler so weit zu bringen, dafi
sie die Abiturientenfragen beantworten konnen. Das ist im Grunde
furchtbar, aber wir konnen dem nicht entgehen. Wir miissen aber um
so mehr sehen, daft wir moglichst viel bis zum vierzehnten Jahre sehr
genau im Sinne des Lehrplans arbeiten. Da wiirde ich sehr bitten, daB
dasjenige, was bisher manchmal noch unter die Bank gefallen ist, daft
dies bis in dieses Jahr hinein sehr stark berucksicntigt wird. Der
Lehrplan sollte schon strikte bis dahin durchgefiihrt werden.
Ich habe Ihnen dies gesagt, damit Sie wissen, wie man im Sinne
des Waldorfschul-Prinzips die Sache zu denken hatte, wenn man es
mit achtzehnjahrigen jungen Leuten zu tun hatte. Achtzehnjahrige
junge Leute sollten dahin gebracht werden, in lebendiger Weise
schon die historischen Epochen zu verstehen, und zwar mit dem
„Jungerwerden" der Menschheit; das wiirde einen bedeutenden Ein-
flufi auf die Menschheit ausiiben. In der altesten Epoche spiirten die
36
25.4. 1923
Menschen die seelische Entwickelung bis zum sechzigsten Jahre. Als
das Mysterium von Golgatha kam, da fiel das Alter der Menschheit
gerade in das dreiunddreilMgste Jahr hinein, wahrend wir heute
eigentlich nur bis zum siebenundzwanzigsten Jahr kommen. Das ist
ein durchgehender Zug, der mufite begreiflich werden, bevor irgend-
ein Fachstudium auf einer Hochschule betrieben wiirde. Das miiBte
allgemeine Bildung werden in einer Schule nach Waldorf-Lehrplan.
Das wiirde einen ungeheuer wohltuenden EinfluB auf die seelische
Verfassung haben.
Die Sache ist ja so: Wenn wir uns das Lehrziel vorhalten der
12. Klasse, bei der man sich vorzustellen hat, dafl die Schiiler an die
Hochschule iibergehen, da miiflte man sich vorstellen, daft die all-
gemeine Bildung abgeschlossen ist. Es ergibt sich ein heutiges Lehr-
ziel aus folgenden Umstanden: Sie konnen heute der Welt gegeniiber
Anthroposophie so vertreten, daB die Menschen mit gesundem
Menschengefuhl — denn gesunden Menschenverstand gibt es heute
nicht — Anthroposophie auffassen konnen, ein gefiihlsmaftiges Ver-
standnis dafiir gewinnen konnen. Aber es ist heute schlechterdings
jemandem, der nicht besonders dazu veranlagt ist, und der die heu-
tige Gymnasialbildung durchgemacht hat, unmoglich, gewisse
anthroposophische Wahrheiten zu begreifen. Fur gewisse Dinge gibt
es heute Vorstellungsunmoglichkeiten.
Wenn Sie sich ausgefiihrt denken die Koliskosche Chemie, sie ist fiir
einen heutigen Chemiker unvorstellbar. Die Vorstellungsfahigkeit
dafiir konnen Sie bis zum achtzehnten, neunzehnten Jahr beibrin-
gen, bis zum Ablauf des Mondenzyklus. Nach achtzehn, neunzehn
Jahren erscheint dieselbe Mondkonstellation. Das ist der Zeitraum,
bis zu dem man gekommen sein soil, um gewisse Begriffe aufzu-
nehmen.
Sie alle haben gegeniiber der heutigen Menschheit einen gewissen
Spleen; Sie haben durch irgend etwas, wodurch Sie herausgefallen
sind aus der gegenwartigen allgemeinen Bildung — was bei dem ein-
zelnen mehr oder weniger hervortritt — , haben Sie einen gewissen
Spleen. Sie sind etwas, einen Grad nicht ganz normal for die heutige
Menschheit. Derjenige, der heute normal ist, der sogenannte normale
Mensch, der kann gewisse Dinge nicht verstehen. Die Koliskosche
Chemie kann ein Chemiker mit der gewohnlichen Bildung nicht ver-
stehen. Er hat einfach keine Begriffe dafiir. Das mochte man errei-
chen als Lehrziel, dafl dies unseren Schiilern moglich wiirde. Das
konnen wir nicht ausfiihren, wenn wir genotigt sind, ebenso am
Ruinieren der Gehirne zu arbeiten, wie eben gegenwartig durch das
25. 4. 1923
37
Schulwesen gearbeitet wird am Ruinieren der Gehirne. Die Seelen
kann man nicht ruinieren, die korrigieren sich bis zum nachsten
Erdenleben, obwohl vielleicht, wenn es so bleibt wie heute, und
wenn es im nachsten Erdenleben so weitergeht, die Menschheit dege-
nerieren wird. — Das konnen wir nicht ausfuhren. Das konnen wir
unmoglich ausfuhren.
Selbst solche Menschen, wie Herman Grimm einer war, der konnte
nur durch schroffe Abweisung gewisser Begriffe sich auf der Insel
erhalten, auf der er war. Er ging an manchem vorbei. Aber das waren
auch die letzten Leute, die noch solche Begriffe hatten. Es ist also
mit den Leuten, die etwa in den neunziger Jahren des vorigen Jahr-
hunderts ganz alte Leute waren, mit diesen ist diese Moglichkeit
ausgestorben.
Besonders schwierig ist es mit der heutigen Jugend. Diese heutige
Jugend, was sich stark zeigt in unserer anthroposophischen Jugend-
bewegung, hat stark die Tendenz, iiberhaupt alle Ideen abzulehnen,
sich nicht zu kummern um die Ideen. Dadurch wird sie verwildert,
sofern sie nicht Anthroposophie aufnimmt. Sie ist in eine furchtbare
Tragik hineingetrieben, wenn sie schon akademische Jugend ist und
das Gymnasium durchgemacht hat. Wir konnen sogar mehr errei-
chen fur diejenigen Schuler, die mit dem vierzehnten Jahre insprak-
tische Leben gehen.
Es ist also zum Beispiel selbst das unmoglich, die Raumlehre so zu
entwickeln, wie ich es im neuen Lehrerkurs angegeben habe in Dor-
nach, die drei Dimensionen, oben— unten, rechts— links, vorne—
hinten. Dadurch ist ja eine Misere auch herbeigefuhrt fur das Ver-
breiten der anthroposophischen Wahrheiten iiberhaupt. Sehen Sie,
iiber solche Dinge, fur solche Dinge gibt es iiberhaupt heute kein
Publikum, fur die es im weitesten Sinne ein Publikum geben soilte.
Daft man erortert: Alles, was willenshaft ist, wirkt innerhalb der
Erdensphare dreidimensional. Alles, was gefiihlshaft ist, wirkt
nicht dreidimensional, sondern zweidimensional, so dafi man immer
no tig haben wiirde, wenn man im Seelischen vom Wollen zum Gefuhl
iibergeht, so miifite man immer die dritte Dimension, nun, nicht auf
eine Ebene projizieren, sondern auf eine ebene Richtung, eine
Ebenendirektion, die also entspricht dem vorne— hinten. — Dabei ist
zu beachten, daft man nicht etwa blofl — man kann es reduzieren auf
die Schnitt-(Symmetrie-)Ebene des Menschen, aber man kann es
nicht darauf beschrankt sein lassen. Diese Ebene ist iiberall zwei-
dimensional. — Das Denken fiihrt dann in die Eindimensionalitat,
das Ich in die Nulldimensionalitat. Dadurch wiirde die Sache sehr
38
25. 4. 1923
durchsichtig werden. Nun frage ich Sie, wie man die Sache heute
zum Vortrag bringen konnte, obwohl es elementare Dinge sind. Es
gibt heute keine Mdglichkeit, das einem Publikum plausibel zu
machen. Es gibt kein Publikum dafiir.
Nun, nicht wahr, wie schon ware es zum Beispiel, wenn man aufier
der gewohnlichen Perspektive, der orthogonalen, schiefen und zen-
tralen, wenn man aufterdem noch konnte Perspektive von drei
Dimensionen auf zwei Dimensionen, von zwei auf eine Dimension,
dann von einer auf null zuriickfiihren, wenn man das machen konnte,
so daft der Punkt in sich ungemein differenziert wiirde.
Diese Dinge alle, die sage ich Ihnen aus dem Grunde, damit Sie eben
sehen, wie es fur die Zukunft werden miiftte, und wie man eine
Schule so anlegen miiftte, daft man wiederum gebildete Menschen
bekommt. Heute sind die sogenannten Gebildeten hochst uneebil-
det, denn manche Dinge miissen heute einfach die Schiiler auf eine
bestimmte Art wissen, wahrend es notwendig ware, daft sie es auf
eine ganz andere Weise wissen wiirden. Nun meine ich, daft man in
den unteren Klassen soviel als moglich nach dieser Richtung tun
muft, daft wir aber gezwungen sind, in den letzten Klassen einfach
untreu zu werden unserem Prinzip. Im wesentlichen! Wir konnen
nur dies oder jenes einflieften lassen.
Selbst so jemand wie die J. W. sagte mir, sie wird das Abiturium
machen, wenn sie sieht, daft sie es machen kann. Ich habe gesagt, es
hat nur einen Sinn, wenn sie ganz genau weift, daft sie durchkommt.
Wenn sie durchfliegt, ist es der Schule nicht zum Gunsten.
Nun ist das Schlimme noch das, wenn wir es etwa noch durchsetzen
konnten, daft unsere Zeugnisse gelten, dann wiirden die Schiiler mit
dem, was unserem Lehrplan entsprechen wiirde, gut ein Fach-
studium auf den Hochschulen treiben konnen. Alles das, was beim
Abiturium und im heutigen Schulleben die Misere bildet, das ist zum
heutigen Fachstudium nicht notwendig. Fachstudium konnte man
treiben mit der Koliskoschen Chemie; man wiirde zunachst
schockiert sein von den Formeln, die kann man aber nachholen.
Viel wichtiger ist, daft man das innere Gefiige der Stoffe und Ver-
bindungen iiberhaupt hat. Das sind die Dinge, die ich sagen wollte.
Diese Frage mochte ich doch erortern. Ich wiirde den Lehrplan
ausgearbeitet haben, aber es hat keinen Zweck fur die 12. Klasse.
Wir kennen ihn jetzt.
Alle praktischen Facher miissen, soweit es geht, durchgefuhrt wer-
den. Das muft nach einiger Zeit gefiihlt werden. Ich mochte schon
einmal, damit die Kinder eine Sicherheit bekommen, abfragen.
25. 4. 1923
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Dazumal habe ich den Eindruck bekommen, daft sie, wenn sie
schlecht gefragt werden, die Frage als ungewohnt empfinden.
X.: Ware es moglich, eine Gabelung zu machen?
Dr. Steiner: Dann miiftte man vom vierzehnten Jahre an Doppel-
klassen haben. Dazu haben wir nicht genug Lehrer. Wir kommen mit
den Geldmitteln in Verlegenheit. Mich wiirde die Bilanz interessie-
ren. Soweit miiftte man die Bilanz im Kopfe haben.
Es wird iiber die Bilanz gesprochen.
Dr. Steiner: Ja, aber das Wichtigste ist doch nicht, daft wir eine
Bilanz haben, sondern daft wir immer das Notige in der Kasse haben.
Weitergehen wird es schon, nur muft man dafur etwas tun.
Sonst ist es unmoglich, gewisse Dinge, die wunschenswert waren,
einzurichten. An eine solche Gabelung diirfen wir nicht denken.
Hochschulmaftig unsere Ziele zu erreichen, wird noch lange nicht
moglich sein. Das ware durch den Kulturrat moglich gewesen, der
nach ein paar Wochen entschlafen ist. Dies, was wunschenswert
ware, wiirde ja dadurch zu erreichen sein, daft man den Zustand
herbeifiihrt, der in Osterreich fur viele Privatrealschulen und -gym-
nasien bestanden hat. Ordensgymnasien gab es viele, die das Recht
hatten, Zeugnisse auszustellen fur die Matura, es gab Realschulen,
die gultige Zeugnisse ausstellen konnten. Es gibt, glaube ich, nicht
solche Anstalten in Deutschland. Was uns bewilligt werden miiftte,
das ware, daft ein staatlicher Kommissar kame, aber daft die Lehrer
selbst priifen konnten bei uns. Ein staatlicher Kommissar, der kann
auch furchtbar in die Seele zwicken. Aber schlieftlich wiirde der
Kommissar kaum ausschlaggebend sein fur die Noten, wenn das
Abitur hier abgehalten wiirde mit den Lehrern der Waldorfschule.
X., - Ich glaube, es ist zweckmaflig, von Anfang an es denjenigen unter den
Abiturienten zu sagen, die kein genugendes Examen machen konnen.
Dr. Steiner: Da kommt es auf das Folgende an. Es wird zugeschrie-
ben dem Mangel der Lehrerschaft, wenn mehr als ein Drittel in einer
Schulklasse das Lehrziel nicht erreicht. Was unter dem Drittel ist, gilt
als von den Schiilern herriihrend. Wenn aber iiber ein Drittel der
Schuler das Lehrziel nicht erreichen, gilt dies als ein Mangel der
Lehrerschaft. Es ist doch bekannt?
Es fallt in der Regel niemand durch, dessen Klassenzeugnis gut ist.
Wir sind dem ausgesetzt, daft keine Riicksicht genommen wird.
Dann ist da ein weiterer Punkt, das ist der, ob es nicht moglich ware,
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25. 4. 1923
von den so unpadagogisch abgefaftten Handbiichern fur die Schiiler
ganz abzugehen. Der Lehrer kann sich daraus vorbereiten. Die mei-
sten Handbiicher sind bloB Extrakte aus den entsprechenden wissen-
schaftlichen Biichern. Nun habe ich bemerkt, daft Aufgaben gestellt
werden aus solchen Biichern, dafl Lesestiicke gelesen werden. Da-
durch kann viel verdorben werden. Von diesen Handbiichern,
namentlich Materialienbiichern, von denen mulke man abkommen
konnen. Die Liibsenschen Handbiicher konnen gebraucht werden,
die sind durch und durch padagogisch abgefaftt; die letzten Auflagen
sind vielleicht verdorben. Die Liibsenschen Biicher sind bis in die
Auflagen, die der Nachfolger gemachthat, padagogisch. Denken Sie,
was fiir ein prachtvolles Werk die Infinitesimalrechnung ist in pad-
agogischer Beziehung. Dann ist auch die analytische Geometrie aus-
gezeichnet padagogisch, die altere Auflage groflartig. Ausgezeichnet
ist das Buch iiber das Algebraische, iiber Analysis. Da ist da zum
Beispiel eine Aufgabensammlung; die Aufgaben sind auflerordent-
lich gut zu stellen, weil die Losungsmethoden sehr gut padagogisch
sind.
X.: Soil man die Schulbttcher auch vor dem Examen ganz verwerfen?
Dr. Steiner: Wenn es sich um Ubersetzungswerke handelt, braucht
die Sache nicht so schlecht zu sein. Aber zum Beispiel deutsche
Lesestiicke, die diirfen aus den gebrauchlichen Handbiichern nicht
genommen werden, da ist ein Ungeschmack darin. Wir miiftten doch
vielleicht dahin streben, die Unterrichtsgange immer schriftlich nie-
derzulegen und fiir den Lehrer des nachsten Jahrgangs fruchtbar zu
machen, so dafi wenigstens vielleicht Lektiire daraus werden konnte.
Es gibt doch so viele Leute, die Maschine schreiben. Warum konnen
die nicht Texte zubereiten, die man liest? Alle Biiros sitzen doch voll
von Menschen. Ich weiB nicht, was die Leute machen, die in den
Biiros sitzen.
X.: Die Schiiler in der obersten Klasse mochten eine Stunde Unterricht mehr
haben im Franzosischen.
Dr. Steiner: Ich wiirde am liebsten alles mogliche noch machen. Es
ist ein Skandal, daB die Schiiler in der 12. Klasse nicht bekommen
konnen die Anfangsgriinde der Baukunst. Wenn alle zusammen-
helfen in den Sprachen, dann wird es schon gehen.
Ein Sprachlehrer fragt nach englischer Prosalekture fiir die 12. Klasse, nach
Carlyle, ,,Heldenverehrung", nach der englischen Zeitschrift ,,Athenaura".
25. 4. 1923
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Dr. Steiner: Das „Athenaum", das ist etwas, was praktisch redi-
giert worden ist. Man sollte es den Schiilern nicht in die Hand
geben, sondern einzelne Aufsatze herausnehmen. Auch ftir die
11. Klasse kame das in Betracht. Solch eine gut redigierte Zeit-
schrift haben wir in Deutschland nicht mehr. Das ist eine alte Zeit-
schrift, es ist eine humanistische Zeitschrift par excellence. Die
deutsche Nachahmung, eine furchtbar pedantische Nachahmung,
waren die ,, Blatter fur Literarische Unterhaltung". Auch Zarnckes
,,Literarisches Zentralblatt", das sind schreckliche Nachahmungen.
Das Zentralblatt war ein Organ von Leuten, die es in England gar
nicht gibt.
X.: Mit Tacitus und Horaz hatte man genug zu tun. Soli man Sallust nehmen?
Dr. Steiner: Sallust und Tacitus. Ich wiirde meinen, daB die Ger-
mania geniigt. Man laftt aus der Germania ein grofteres Stiick lesen,
und dann gibt man eine Probe.
Es wird gefragt nach dem Musikunterricht in der 12. Klasse.
Dr. Steiner: Ein Organ fur die Stile als solche, ein Bewufttwerden,
wodurch Bach sich unterscheidet von anderen, das ist die Haupt-
sache fur die 12. Klasse. Sie konnen hochstens gestort sein, wenn wir
zu Weihnachten sehen, daft es nicht geht, daB wir zu Weihnachten
alien Kunstunterricht kassieren. Das betrachten Sie nicht als eine
unmogliche Perspektive, wenn wir zu Weihnachten alles mogliche
kassieren. Unsere Dinge sind Allotria fur die anderen Leute.
Es wird gefragt nach dem Religionsunterricht in der 12. Klasse.
Dr. Steiner: Da ware Religionsgeschichtliches durchzunehmen. Da
wiirde ein Uberblick iiber die religiose Entwickelung der Menschheit
gegeben werden konnen. Von ethnographischen Religionen aus-
gehen, Volksreligionen, dann die Universalreligionen.
Von ethnographischen Religionen ausgehen, wo die Religionen noch
ganz abhangig sind von den Volksstammen. Agyptische Lokalgotter-
religionen. In Griechenland sind auch iiberall Lokalgottheiten. Man
mufi sie stufenweise nehmen. Zuerst hat man die Religionen, wo der
Kultus unbeweglich an den Ort gebunden ist, der heilige Ort. Dann
diese, wo bei Wandervolkern das Zelt an die Stelle des heiligen
Ortes tritt, wo die Kulthandlung beweglich wird; da entsteht die
Volksreligion. Und dann sind da die Universalreligionen, Buddhis-
mus und Christentum. Eine andere Religion kann man nicht
Universalreligion nennen.
42
25. 4. 1923
Fiir die 9. Klasse Apostelgeschichte des Lukas, Ausgieflung des Hei-
ligen Geistes.
Es wird nach den Apokryphen gefragt.
Dr. Steiner: Die Kinder sind zu unreif, um die Apokryphen zu neh-
men. Die Apokryphen enthalten vieles, was richtiger ist alsdas, was
in den Evangelien steht. Wir haben es immer erganzt, was aus den
Apokryphen verifiziert werden kann. Es kommen starke Konflikte
heraus. Die Kinder miissen, wenn sie ein Evangelium in die Hand
bekommen, die vier Evangelien haben. Man kann es schwer erklaren,
worauf die Widerspriiche beruhen. Wenn sie auch die Apokryphen
bekommen, stimmt nichts mehr. Ich wiirde die Apostelgeschichte
nehmen,
Eine Frage wegen Religionsunterricht in der 10. Klasse.
Dr. Steiner: Nach dem Johannes-Evangelium sind mehrere Wege
moglich. Entweder Markus oder Augustinus in Auswahl; aus den
„Confessiones" das auswahlen, wo er mehr iiber das Religiose
spricht.
Es wird gefragt, ob in der 12. Klasse Zoologie und Botanik gegeben werden
sollen.
Dr. Steiner: Die Disziplin tritt ein, wenn man gultige Zeugnisnoten
hat. In der 5. Klasse gibt es Zoologie. Spater den Menschen. Dann
kommt wieder die Zoologie. Ware nicht diese Matura, so wiirde ich es
glanzend moglich finden, in drei Wochen den Kindern herrliche
Zoologie beizubringen, das sind achtzehn Vormittage, zwolf Tier-
klassen. In der 12. Klasse sollte sich die Zoologie auf eine Systematik
beschranken. Ebenso bei den Pflanzen.
Die ganze Knochenlehre ist bekannt dadurch, dafi Sie Anthropologic
getrieben haben. Das Wesentliche ist, daft sie eine Art Obersicht
bekommen iiber die Gliederung der Tiere.
Man fangt bei den Moneren an, geht durch die Schlauchtiere hinauf,
es kommen zwolf heraus, wenn man die Wirbeltiere als eine einzige
Klasse betrachtet.
Es wird noch einmal nach dem Schwimmen der Kontinente gefragt.
Dr. Steiner: In der Regel denkt man doch nicht dariiber nach, wie es
ausschaut, wenn man dem Mittelpunkt der Erde zukommt. Man
kommt sehr bald in Schichten, wo es fliissig ist, gleich ob Wasser oder
etwas anderes. Also schon nach dem, was man immerhin annimmt,
25. 4. 1923
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schwimmen die Kontinente. Nun fragt es sich, warum sie nicht
durcheinander purzeln, warum es nicht hin und her geht, warum sie
immer gleich weit voneinander entfernt sind, da doch die Erde alien
moglichen Einflussen ausgesetzt ist. Warum stoflen sie sich nun
nicht; warum ist der Kanal zum Beispiel immer gleich breit? Da gibt
es aus dem Inneren der Erde keine Erklarung dafiir. Das kommt von
auBen. Es schwimmt ja alles Festland, das ist von den Sternen fest-
gehalten. Es wiirde zerbrechen. Die Grundform des Meeres tendiert
nach dem Spharischen.
Es wird noch eine Frage gestellt nach naheren Einzelheiten. Dr. Steiner
nimmt das Heft eines Lehrers, zeichnet die nachstehende Skizze hinein und
gibt dabei Erklarungen:
Dr. Steiner: Es ist interessant, der Gegensatz. Die Kontinente
schwimmen, sie sitzen nicht auf. Die Kontinente auf der Erde wer-
den von auften festgehalten durch Fixsternkonstellationen. Wenn
die sich andern, andern sich auch die Kontinente. Auf alten Tellurien
44
25.4. 1923
und Atlanten sind auch noch die Tierkreisbilder richtig eingezeich-
net, mit diesen Beziehungen zwischen Fixsternkonstellation und
Konfiguration der Erdoberflache. Die Kontinente sind von der
Peripherie herein gehalten; die grofte Sphare halt die Erdteile. Der
Mond dagegen wird dynamisch von der Erde gehalten, wie auf einem
Zapfen. Der Mond geht so mit, wie wenn er einen richtigen Zapfen
hatte.
Es wird gefragt nach Malaufgaben fur die etwa Vierzehn- bis Fiinfzehn-
jahrigen.
Dr. Steiner: In der Malerei sollte man die Kinder Naturstimmungen
machen lassen. Die Fortbildungsschuler in Dornach haben in der
Malerei Glanzendes geleistet. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
habe ich voneinander unterscheiden lassen. Das haben einzelne
glanzend getroffen. Diese Unterschiede sollten sie kennenlernen und
darstellen. Diese Sachen konnte man schon pflegen, zum Beispiel
Regenstimmung im Walde. Ferner sollten sie auch den Unterschied
kennenlernen zwischen Malerischem und Plastischem.
Es sollte in den unteren Klassen schon darauf Rucksicht genommen
werden, daft nicht, wenn alle Stricke reiften und man nicht durch-
kommt mit dem anderen Stoff, daft man rasch zu dem Auskunfts-
mittel greift, den Kindern schnell ein Marchen zu erzahlen, damit sie
stillehalten.
Ich hoffe, morgen friih in die Schule hinaufzukommen.
Konferenz vomDonnerstag 3. Mai 1923, 21 Uhr
Dr. Steiner: Wir wollen die heme zu erledigenden Angelegenheiten
in Frage und Antwort erledigen. Langere Auseinandersetzungen
kann ich nicht machen. Wir wollen einmal die Dinge, die als Wtinsche
und Intentionen vorliegen, behandeln, aber allseitig. Ich mochte,
daB niemand etwas auf seiner Seele laBt, was er nicht vorbringen
konnte.
Es wird eine Gabelung vorgeschlagen zwischen einem reinen Waldorfschulzug
und einem Oberrealschulzug. Die Eltern sollen sich entscheiden.
Dr. Steiner: Es wiirde das darauf hinauslaufen, daB man das Schul-
prinzip durchfiihrt und dann die Kinder ausliefert einer Art von
Presse. Die Hauptsache liegt darin, daB so durchgreifend, wie es
notwendig ware zu einer solchen Regelung, der Waldorfschul-
Gedanke doch noch nicht verstanden wird. Ich glaube, der Waldorf-
schul-Gedanke wird verstanden werden gerade dadurch, daft man
nicht durch Sich-Fiigen, auch nicht durch ein starres Durchrennen
doch nur Halbheiten erzielt, sondern daB man zeigt, wie unmoglich
es ist, ein verniinftiges Schulwesen unter den heutigen Verhaltnissen
durchzufuhren. Ich bin auch nie dafiir, wenn Schwierigkeiten
gemacht werden iiber die Grundschule, daB wir die Schwierigkeiten
durch Hintertiiren vermeiden, sondern ich bin dafiir, daB man den
Leuten klarmacht: So sind die Sachen. Ihr konnt das nicht erreichen,
wenn Ihr nicht eine starke Agitation fur den Waldorfschul-Gedanken
entfaltet. — Ich glaube nicht, daB man durch Hinterturmethoden
etwas Bedeutsames erreichen konnte.
Ich habe noch ein anderes Bedenken: wenn wir uns auf einen solchen
Standpunkt stellen, wie Sie ihn ausgesprochen haben, dann sind wir
genotigt, den Waldorfschul-Gedanken noch in einer viel groBeren
Gediegenheit und Vollkommenheit durchzufuhren, als es bisher
gelungen ist. Denn dariiber diirfen wir uns auch keiner Illusion hin-
geben: tatsachlich wissen unsere Schiiler — das ist Amtsgeheimnis! —
zuwenig fur die Behauptung, daB die Waldorfschule das gibt, was
notwendig ist zu wissen bis zum achtzehnten Lebensjahr eines Men-
schen, Sie wissen zuwenig. Es ist bisher nicht gelungen, eine genii-
gend groBe Anzahl von Schiilern bis zu unserem Lehrziel zu bringen.
Und das ware die erste Anforderung, die wir den Eltern und der Welt
gegeniiber erfullen miissen, wenn wir auf der anderen Seite so etwas
pratendieren wiirden der AuBenwelt gegeniiber, wie Sie vorgeschla-
46
3. 5. 1923
gen haben. Man kann jederzeit durch irgendwelche Mittel heraus-
bekommen, daB in bezug auf manche Dinge auch das Lehrziel im
Prinzip des Waldorfschul-Gedankens nicht erreicht worden ist. Das
miissen wir erreichen. Das miissen wir berikksichtigen.
Ich glaube, wir sind noch nicht ganz in der Lage nach unserenLehrerfol-
gen, uns sehr stark auf ein Postament zu stellen. Denn nicht wahr,
die Ablegung des Abiturientenexamens liegt schlieBlich uns insofern
im Wege, als wir voraussetzen miissen, ein iibelwollendes Lehrer-
kollegium kann einfach unsere ganze Klasse durchfallen lassen. Dem
konnen wir kaum entgehen durch irgend etwas. Wir wiirden jaiiber-
haupt, wenn es sich darum handeln wiirde, bloB den Waldorfschul-
Gedanken durchzufiihren, den ganzen Lehrplan fur die letzten vier
Klassen, nicht im Kunstunterricht, aber zum Beispiel fur Lateinund
Griechisch, nicht so einrichten, wie er jetzt ist. Die Aufnahme einer
solchen Art von Latein- und Griechischunterricht, wie wir sie jetzt
haben, ist von vorneherein unter dem Gesichtspunkt eingerichtet,
daB die Abiturientenpriifung abgelegt werden soli. Es ist immer so
durchgesprochen worden: wie muB man die Sache einrichten, daB
die Priiflinge ein Abiturientenexamen machen konnten. Ich kann
mir nicht denken, daB die Sache anders auslauft als so, daft wir dieses
KompromiB schlieften miissen und immer wieder betonen, daB wir es
miissen, und damit gerade den Beweis liefern, daB auch noch etwas
ganz anderes als bloB der Wille der Lenker einer solchen Schule
mitwirken muB, um tatsachlich den Waldorfschul-Gedanken zu
realisieren. Denn das, was Sie vorschlagen, wiirde nur das sein, ob die
Presse hier in der Schule gemacht wiirde oder drauBen. Wenn wir die
Presse selber einrichten, wiirde es humoristisch sein; wenn wir die
Schiiler einer fremden Presse drauBen iibergeben, dann ware es tra-
gisch. Das wiirde dazu fiihren, den Waldorfschul-Gedanken zu stark
zu verwischen. Es wiirde doch kaum zu etwas anderem fiihren, als
daB der Waldorfschul-Gedanke nach und nach als Schrulle gelten
wiirde. Die Eltern wiirden sich sagen: Die wissen selbst recht genau,
daB sie die Kinder nicht weit genug bringen, und darum appellieren
sie an eine Presse.
X.: Was hat jetzt ganz konkret fur die 12. Klasse zu geschehen?
Dr. Steiner: Wir miissen im Sinne der letzten Konferenz mit den
Behorden verhandeln. Dies ist alles, was gemacht werden kann, was
aber ebensogut auch nicht geschehen kann. Wir konnen auch das
machen, daB wir, wenn die Zeit da ist, unsere Schiiler anmelden zum
Abiturientenexamen.
3.5. 1923
47
X.. - Wir wtirden aufmerksam gemacht werden, wie die Wunsche und Ansichten
des Ministeriums noch beriicksichtigt werden konnten.
Dr. Steiner: Das kann gemacht werden. Es kann aber auch unter-
bleiben. Man braucht sich nur die Lehrplane und eine Anzahl von
Abiturientenfragen zu nehmen.
X.: Es wiirde die Matura erleichtern.
Dr. Steiner: Das ist eine aufterliche Sache, und es wiirde auf einem
Umweg das sein, daft unsere letzte Klasse vom Ministerium aus gelei-
tet wiirde. Es ware auch mehr zur Bequemlichkeit der Leute dort als
fiir uns. Die prinzipielle Frage ist die, ob wir geneigt sind, die Schiiler
vorzubereiten furs Examen oder nicht. Und dann, wenn wir sie nicht
vorbereiten, dann wiirde doch die Folge diese sein, daft wir zuletzt
nach und nach die letzten vier Klassen zuschlieften konnen. Es
wtirden unsere Eltern die Schiiler nicht schicken. Dieses Verstandnis
hat sich noch nirgends geoffenbart. Denn die Eltern verbinden zum
groften Teil mit dem Waldorfschul-Gedanken dies, daft die Kinder
genauso die Priifung machen konnen wie sonst, nur daft es in der
Waldorfschule zehnmal leichter sein soil. Daft wir durch eine Art
Zauberei es den Kindern leichter machen. Man darf sich doch keinen
Illusionen hingeben iiber die Kapazitat der heutigen Bevolkerung.
Deshalb sehe ich keine Moglichkeit, etwas anderes zu tun, als dieses
Kompromift aufzunehmen.
Dr. Steiner gibt Beispiele fiir die Examensaufgaben.
Dr. Steiner: Es wird gar nicht so furchtbar schwierig sein, die Schiiler
dazu vorzubereiten, daft sie dasselbe konnen, was die anderen kon-
nen, wenn wir das Waldorfschul-Prinzip unterbrechen, weil wir
andere Gegenstande nehmen wiirden. Das folgt nicht aus der Ent-
wickelung, daft ein Schiiler dies weift.
Ich habe jetzt zweimal den Versuch gemacht, dieses notwendige
Kompromiftmachen zu erklaren. Das eine Mai im Dornacher Kurs
vor den Schweizer und tschechischen Lehrern und das zweite Mai,
als ich meinen Vortrag gehalten habe in der Urania in Prag. Da wollte
eine grofte Anzahl von Leuten dableiben und wollten nicht nach
Hause gehen. Wir versammelten uns im zweiten Saal. Da habe ich
noch einen zweiten Vortrag gehalten iiber den Waldorfschul-Gedan-
ken und habe wiederum dies Kompromift hervorgehoben. Undwie-
derum ist es verstanden worden, daft es erfordert, daft die Sache von
einem ganz anderen Gesichtspunkt erfaftt wird. Im allgemeinen ist
48
3. 5. 1923
ein Verstandnis dafiir zu erzielen, daB wir ein KompromiB schlie-
Ben miissen.
Es muB mehr Feuer in diesem Verstandnis da sein. Das erreichen wir
aber nie durch eine Hintertiir, sondern wir miissen uns ganz auf den
prinzipiellen Standpunkt stellen und sagen, daB wir ein KompromiB
eben machen, wo es notwendig ist, um die ganze Sache ad absurdum
zu fiihren.
X.: Es ist an alien Schulen iiblich, daB eine bestimmte langere Frist vorher die
Zulassung zur Priifung von der Schule aus ausgesprochen wird. Wir sollten
auch den Schiilern bis zu den groBen Ferien sagen, ob sie von uns zugelassen
werden oder nicht.
Dr. Steiner: Ja, aber das diirfen wir nicht machen, ohne das Aquiva-
lent zu schaffen, daB wir den zuriickgewiesenen Schiilern gestatten,
zu repetieren, und wir haben dann im nachsten Jahre dieselbe
Bescherung. Das geht also nicht.
X.: Wenn wir alle zulassen, riskieren wir, daB 60 Prozent durchfallen.
Dr. Steiner: Denen miissen wir unsererseits ein schlechtes Zeugnis
geben, ein schlechtes Jahreszeugnis. Dann lehnt die Behorde sie ab.
Die Ablehnung durch das Lehrerkollegium hat keine rechtliche
Bedeutung. Wir konnen auch keinen Schiiler anmelden. Rechtlich
konnen nur die Schiiler selbst das tun. Wir konnen keinen abhalten,
daB er sich zum Examen meldet. Melden sich welche, die wir nicht
fur fahig halten, so miissen wir uns durch das schlechte Jahreszeugnis
schiitzen. Wir konnen nur sagen, von dem oder jenem liegt ein sol-
ches Jahreszeugnis vor. Das ist allein der Standpunkt, den wir theo-
retisch einnehmen konnen. Wir konnen niemand verbieten von
unseren Schiilern, sich zum Abitur zu melden. Das ist ausgeschlos-
sen, daB wir das tun. Es ist doch wohl so, daB jeder sich melden kann,
der das betreffende Jahr hat. Wahrscheinlich verlangt die Priifungs-
kommission, daB er nachweist, daB er die notigen Anforderungen
erfullt haben konnte. Es miiBte in unserem Zeugnis stehen, daB er
nach unserer Ansicht nicht geniigt. Je spater wir die Eltern fragen, ob
ihr Kind Matura machen will, um so eher konnen wir abraten.
Also wir konnen nicht anders entscheiden als das letzte Mai. Aber
moglichst wahren das Waldorfschul-Prinzip implicite, das laBt sich
machen. Aber natiirlich ist es so: in vielen Gegenstanden, die wir
lehren und die die anderen nicht lehren, da sind unsere Schiiler nicht
weit genug fur unsere Begriffe, sind nicht auf einer Stufe, die uns
selber geniigen kann. Wir miiBten versuchen, dieses richtige MaB zu
finden zwischen dem Herantragen desjenigen, was wir vortragen
3. 5. 1923
49
wollen in der Klasse durch uns selbst und dem Mitarbeiten der
Schtiler. Das ist nicht immer der Fall, daft die Schuler geniigend
mitarbeiten. Es ist moglich, daft in den hoheren Klassen Schuler
dasitzen, die die ganze Stunde dosen. Nicht wahr, es gibt Schiiler, die
keine Ahnung haben von dem, was vorgetragen worden ist, wenn sie
gefragt werden. Das war schon in der Zeit der Fall, als wir noch gar
nicht vom Abiturientenexamen sprachen.
Wir haben die Unterrichtsmethode bestimmt fur die letzte Klasse.
Philosophische Propadeutik konnte man ja im letzten Halbjahr ein-
fiihren, damit sie diese wissenschaftliche Gaunersprache kennen. —
Es ist besser, wenn die Zwolftklaftler im ersten Halbjahr so sind, daft
sie das Examen machen konnen, als im allerletzten Halbjahr.
Gewohnlich wird darauf gesehen, da6 die Schuler schon im Laufe des
ersten Semesters reif sind.
Es wird gefragt wegen einer Fortbildungsschule an der Waldorfschule.
Dr. Steiner: Die mit vierzehn Jahren aus einer Schule kommen,
miissen noch in die Fortbildungsschule gehen. Das ist nur zu errei-
chen dadurch, dafl wir unsere Fortbildungskurse anerkennen lassen.
Durch diese gewohnliche Pflichtfortbildungsschule geht der Cha-
rakter der Einheitsschule verloren. Da wir den Lehrplan gliedern
nach den Anforderungen des Menschenwesens, hat das keine Bedeu-
tung. Natiirlich konnen wir solche Dinge aufwuhlen. Das ist aber der
Anfang vom Ende. Dann kommt es sofort auf das hinaus, dafi wir
gezwungen werden, fur alle Klassen von der 5. an, der hoheren Schul-
behorde uns zu unterwerfen. Das, wodurch wir die Moglichkeit des
Bestehens haben, das ist eine Liicke im wurttembergischen Volks-
schulgesetz gewesen, daG man Schulen einrichten konnte ohne staat-
lich genehmigte Lehrerschaft. Das hatten wir nicht erreichen kon-
nen, wenn wir eine Mittelschule hatten errichten wollen. Die
Behorde hatte dann in Wiirttemberg gepriifte Lehrer verlangt. Wir
leben von einer Liicke im Gesetz, die bestand vor der ,,Befreiung"
Deutschlands, im alten Regime. Heute konnte man auch hier nicht
mehr eine Waldorfschule errichten. Jetzt duldet man uns, weil man
sich geniert, uns nicht zu dulden. Aber alle die Schulen, die heute
anderswo versucht werden, im Grunde ist es Mumpitz. Die miissen
Lehrer haben, die gepriift sind. Es wird keine zweite Waldorfschule
mehr gestattet unter den gegenwartigen Verhaltnissen.
X.: Konnte man nicht unsere Fortbildungskurse ausbauen? Es gehen dieses
Jahr viel mehr Vierzehnjahrige ab.
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3. 5. 1923
Dr. Steiner: Das kann man nicht aus dem Armel schiitteln. Blofie
Intentionen geniigen nicht; es gehoren auch die Krafte dazu. Ich
weift nicht, ob wir iiberhaupt die Fortbildungskurse halten konnen,
ohne neue Lehrkrafte zu haben.
Dann haben wir noch andere Dinge.
X./ Es sind so viel schwache Kinder in den Klassen.
Dr. Steiner: Dieses konnten wir ganz gut tun, Schiiler, die nichts
versprechen, von vorneherein nicht aufzunehmen. Von vorneherein
zu sagen: Wir werden das Lehrziel nicht erreichen; das geht nicht. —
Wir konnen ganz gut die Schiiler ausschlieften, von denen wir anneh-
men konnen, sie haben das Lehrziel nicht erreicht. In der Aufnahme
muBten wir vorsichtiger sein.
In den Sprachen ist es eine andere Frage. Da diirfen wir es nicht
machen. Sonst ware das ein Grund, uns die vier untersten Jahre zu
nehmen. Wir miissen ein Kind doch in die 5. Klasse aufnehmen. Es
ware vielleicht wiinschenswert, wenn wir die ganze Sprachsache
extra hatten, so dafi wir diese Schiiler mit den Kleinen zusammen-
steckten. Wir mulken das so eingerichtet haben, daft diese Schiiler fur
die Sprachen weiter unten waren. Die Kinder muBten halt in die
nachstniedere Klasse kommen. Jedes Kind paftt in irgendeine Klasse.
Vielleicht konnen wir Anfangskurse einrichten.
In den ersten drei Wochen ist es kaum moglich, so etwas zu sagen.
Jede Priifung positiv gestalten! Man muft das Kind fragen: Was weiftt
du — , um herauszukriegen, was das Kind kann. Immer feststellen
wollen, was das Kind kann! Einfach Fragen stellen, das sollte man
nicht machen. Man soil feststellen wollen, was das Kind kann, nicht,
was es nicht kann.
Es wird gefragt wegen Heileurythmie.
Dr. Steiner: Man sollte das Prinzip haben, dem Hauptunterricht
nichts abzuzwacken, sie woanders ansetzen.
Eine Frage wegen eines Schulers, der grofle Temperaturschwankungen hat.
Dr. Steiner: Er wird nicht lebendig. Sie miissen ihm seine Mutter
wegnehmen. Die Dinge muB man im Lehrerkollegium besprechen.
Die ist eine unberechenbare Dame, die seelisch von 34 zu 39 Grad
hinaufsteigt. Er macht es physisch nach. Der war immer so. Seiner
Mutter, die bei jeder Gelegenheit, wenn keine Veranlassung ist,
einem einen Mordskrach macht, habe ich gesagt: Geben Sie ihn recht
weit von sich selber weg. — Er ist ein sensitiver Junge geworden. Man
3. 5. 1923
51
kann sich nichts Unrationelleres vorstellen von Kindererziehung als
das, was in diesem Hause existiert. Es ist eine absolute Unmoglich-
keit. Da ist man machtlos, weil es kein anderes Mittel gibt, als den
Jungen von seiner Mutter zu befreien. Gewisse Dinge mu6 man als
ein Karma betrachten. Der Junge war nie in einer ordentlichen
Schule. Er ist immer in schlampiger Weise unterrichtet worden. Es
liegt ein Karma vor.
Es wird gefragt wegen Hospitationen.
Dr. Steiner: Im allgemeinen sollte man das Hospitieren auf das Aller-
notwendigste einschranken. In gewissen Fallen mufi man Ausnah-
men machen. Wir miiftten uns angewohnen zu fragen, welchen
Zweck sie damit verbinden. Es wird auch viel mehr Respekt ein-
floften.
Es ware am besten, ein gedrucktes Formular zu machen, damit man
sieht, daft wir damit iiberlaufen werden, in dem steht, wir konnen
solche Gesuche nur beriicksichtigen, wenn die Sache ausdrucklich
nach Zweck und Ziel motiviert angegeben wird.
X.: Ich habe altere und jiingere Steinzeit besprochen und dann die Bronzezeit.
Dr. Steiner: Man hat nicht notig, die beiden zu analogisieren. Es ist
ganz gut, wenn Sie diese Einteilung beibringen. Die Kulturepochen
sind Seelenentwickelung.
X.: Wie soli in der Geschichte in der 12. Klasse vorgegangen werden?
Dr. Steiner: Eine Ubersicht iiber alle Perioden schaffen, dafi die
Damen und Herren etwas wissen.
X. : Am meisten fehlt es an Anschauung in der Chronologic
Dr. Steiner: Friihere Historiker haben das Notige getan. Der Rotteck
hat synchronistische Tabellen.
Die Kinder sind nicht stramm genug im Turnen, hochstens ein paar
sind annahernd genugend. Sie miissen lernen, die Muskeln strafien.
Man mufi sie ermahnen. Die Kinder sind zu lange ohne Turnen gewe-
sen. Sie konnen schon etwas. Es gibt kein anderes Mittel, als sie
immer wieder ermahnen. Den Einzelnen darauf aufmerksam
machen. Man muft dem Einzelnen es sagen.
Ein deutscher Schulaufsatz: „Das Kamel, ein Bindeglied zwischen Landschaft
und Menschentatigkeit."
Konferenz vom Freitag 25. Mai 1923, 20.30 Uhr
Dr. Steiner: Wir sind kurz nach Schulanfang. Wir wollen in diesem,
wahrscheinlich sehr bedeutungsschweren Jahre sehen, wie dieDinge
gehen. Was haben Sie zu berichten?
Es wird gefragt wegen der Anschaffung eines Geschichtsbuches fur die
12. Klasse.
Dr. Steiner: Es ist doch so, dafl die Kinder etwas wissen miissen. Der
Geschichtsunterricht in der letzten Klasse der Mittelschulen ist meist
eine Art Wiederholung. Das ist auch bei uns der Fall. Ware es denn
nicht moglich, den Kindern durch Notizen den gelernten Stoff so
nahezubringen, dafi ein eigentliches Lehrbuch entbehrlich ware?
Sehen Sie, es ist von aufterordentlicher Wichtigkeit, dafl man diese
Methode pflegt, mit moglichster Okonomie gerade dasjenige zusam-
menzustellen, was behalten werden soil. Ich selbst erinnere mich mit
grofter Freude, wie wir durch alle Klassenhindurch kein Geometrie-
buch gehabt haben, sondern dafi das Wesentliche zusammengefaik
worden ist durch ein Diktat. Solch ein selbstgeschriebenes Buch ist
von vorneherein etwas, was ungeheuer viel dazu beitragt, daB man
das auch wen3, was darin steht. Es ist selbstverstandlich, wenn die
Kinder alles das erst lernen miissen, was sie brauchen, so konnte man
das nicht machen. Wenn die Dinge fruchtbar gemacht wurden, dann
ware es moglich, daft die Dinge zusammengefaftt wurden, welche die
Kinder wissen miissen. Der zu priifende Stoff aus der Geschichte ist
auf funfzig bis sechzig geschriebenen Seiten enthalten. Es ist klar,
daft niemand, selbst der ein Fachmann in der Geschichte ist, im
Augenblick das bei der Hand hat, was im Ploetz darin steht. Es ist nur
eine Illusion, wenn man so ein Buch den Kindern in die Hande gibt.
Das sind bloft Titeliiberschriften, wahrend man auf funfzig bis sech-
zig Seiten den Stoff zusammenfassen konnte. Es konnte der Wunsch
auftauchen, bei alien Unterrichtsgegenstanden solche Biicher zu
haben; davon sollte man absehen.
Bei diesen Dingen kommt es an auf das Okonomische des Zusam-
menfassens. In den Schulen wird es so gemacht, daft die Kinder
unterstreichen miissen, was sie biiffeln sollen. Sie miissen schon in
ihrer Zeit die Sachen bewaltigen. Von der 10. Klasse ab ein solches
Geschichtsheft diktieren.
Ein Lehrer der Mittelstufe fragt nach den Epochenheften.
25. 5. 1923
53
Dr. Steiner: Im Anschluft an die Stunde soli man das Diktat geben
iiber den durchgenommenen Stoff. Das Diktat mit den Kindern zu-
sammen aufbauen. Man kann in der einen Stunde die Sache schrift-
lich zusammenfassen und das in der nachsten Stunde wiederholen.
Stichsatze lieber als Stichworte.
Wie laftt sich die 12. Klasse in der Mathematik an?
Der Mathematiklehrer: Wirklich gut. Der Stoff ist fast bewaltigt.
Dr. Steiner: Ich zweifle gar nicht daran, daft sie in diesen elemen-
taren Dingen der hoheren Mathematik genug konnen. Ich wiirde in
der 12. Klasse fragen, ob sie ohne weiteres diese Priifungsaufgaben
losen konnen:
Es ist gegeben ein schiefer Kegel. Die Achse sei a, der Neigungswinkel
mit der Grundflache a, Radius 9. Zu berechnen ist die Hohe des
Kegels und die grofite und kleinste Seitenlinie.
9x2 + 25y 2 = 225. Die beiden Koordinaten sind x = 5, y = 2. Zu
suchen ist die Gleichung der Tangente und die Lange der Tan-
gente (?).
Es konnte sein, daB sie zeichnerisch losen miifiten: Es ist der geo-
metrische Ort aller Punkte zu suchen, die von einem gegebenen
Punkte und von einer gegebenen Ebene gleichweit abstehen.
Dann dies: Es ist die Schattenfigur einer durch einen Kreis begrenz-
ten Ebene auf einem Kegel zu suchen.
Dann: Wiirden die Schuler konstruieren konnen eine Zykloide?
Es ist doch notwendig, dafi die Kinder sich gewohnen, deutsche
Aufsatze zu machen. Es konnte der Lehrstoff selbst verwendet wer-
den zu Aufsatzen.
X.: Mir scheint, dafi man den Kindern etwas von der Technik eines Aufsatzes
sagen mufi.
Dr. Steiner: An den Fehlern zeigen, wie es sein soli, auch stilistisch.
Das theoretische Auseinandersetzen von Dispositionen wiirde ich
nicht machen. Das kann zum Verderben fiihren, wenn die Kinder
schlechte deutsche Aufsatze liefern.
X. : Die Interpunktion ist nicht in Ordnung.
Dr. Steiner: Sie werden nicht leicht eine verniinftige Methodik fin-
den, das den Kindern beizubringen. Diese Frage mussen wir padago-
gisch untersuchen. Dazu gehort die Voraussetzung der Interpunk-
54
25.5. 1923
tion iiberhaupt. Diese Frage ist etwas, was wir padagogisch behan-
deln mussen. Fiir die nachste Konferenz mufi ich das vorbereiten. Es
scheint keine naturgemaBe Methode zu geben, die Interpunktion zu
rechtfertigen. Unsere deutsche Interpunktion ist auf Grundlage der
lateinischen entstanden und sehr pedantisch. Das Lateinische hat
eine logische Interpunktion. Im mittelalterlichen Latein entsteht sie,
beim Ubergang ins Mittelalter. Im klassischen Latein gab es keine.
„Im Reich der Interpunktionen" von Morgenstern. Interpunktion
ist etwas, was in gewissen Jahren nicht zu verstehen ist, weil esganz
intellektualistisch ist. Das Komma vor ,,und" ist erst nach vierzehn
Jahren zu verstehen; dann aber begreifen die Kinder es ohne weite-
res. DaB es in diesen Dingen keine hohere Ratio gibt, das zeigt das
Buch von Herman Grimm. Man kann nicht sagen, daB es falsch ist.
Lesen Sie Herman Grimms Raphael-Buch, den Anfang. Er setzt
immer gleich einen Punkt. Lesen Sie auch einen Aufsatz, in dem ihm
ein Schulmeister die Fehler korrigiert hat. Grimm hat darauf geant-
wortet. Das ist eine sehr interessante Auseinandersetzung. Im Bande
Essays, der der letzte ist: ,,Aus den letzten zehn Jahren." Lehrreich
ist es auch, einen faksimilierten Brief von Goethe sich in die Hand zu
nehmen, Goethe konnte keine Interpunktion.
Es wird gefragt, wegen des Zusammensetzens von Buben und Madchen.
Dr. Steiner: Es ist besser, wenn solche Abneigungen bestehen, dem
Rechnung zu tragen.
Ein Lehrer der Mittelklassen fragt wegen Rundschrift.
Dr. Steiner: Rundschrift kann man machen.
Es war eine Klasse geteilt worden, und der neue Klassenlehrer meinte, er habe
fast alle die schlechten Schiiler bekommen.
Dr. Steiner; Ich verstehe nicht recht, wie diese Meinung entstehen
konnte. Warum trennen wir nicht so, wie es sein miiBte, damit es
unmoglich wird, eine solche Interpretation zu haben? Es ist gar kein
Grund, anders zu trennen als nach dem Alphabet. Das ist besser, als
wenn man in eine Klasse die Besseren nimmt und in die andere die
Schlechteren.
Ein Tumlehrer: Der C. H. will nicht turnen und nicht Eurythmie machen
wegen seiner inneren Entwicklung.
Dr. Steiner: Wenn der kleine H. diese Sache anfangt, dann ist das der
Weg, so zu werden wie sein alterer Bruder. Er muB bewogen werden,
25. 5. 1923
55
den Unterricht vollstandig mitzumachen. Das ist Faxerei! Wenn man
ihm nachgibt, wird er ebenso wie sein Bruder. Es geht nicht, dafi ein
Schiiler ohne wahren Grund nicht alle Stunden mitmacht.
Turnlehrer: Die letzten zwei Klassen wollen an das Turnen nicht heran. Sie
kommen so in die Stunde herein, dafi ich mich peinlich beriihrt fiihle.
Dr. Steiner: Etwas liegt daran, daft die Kinder das Turnen nicht
gehabt haben. Es ist etwas, wovon sie nicht wissen, warum sie es jetzt
haben sollen. Das wird auch nicht zu iiberwinden sein. Das ist ein
Fehler in den Einrichtungen der Waldorfschule gewesen; da wird
immer etwas zuriickbleiben.
Dagegen ware es schon moglich, dafi wir etwas tun, worauf wir schon
vor einigen Jahren Wert gelegt haben — Herr Baumann ist ja damals
zum Disziplin- und Anstandslehrer avanciert — , dafi wir etwas
Riicksicht nehmen wiirden auf die Umgangsformen. Da fehlt es in
den hoheren Klassen. Sobald man dies pedantisch macht — es
braucht nicht pedantisch zu sein — , wird es ungemiitlich, gerade fur
diese Jungen etwas ungemiitlich. Es mufi die Form mit Form getrie-
ben werden! Und zwar mit einem gewissen Humor! Das ist eine
Sache, die ich noch nicht geniigend berucksichtigt finde, dafi mehr
Humor hineinkommt. Nicht Spafiigkeit, aber dafi eine humorvolle
Handhabung in die ganze Schulfiihrung hineinkame. Es ist doch so,
dafi unsere Freunde zu wenig aus sich herausgehen.
Es ist schon richtig, dafi das vorhanden ist, der Waldorfschul-Geist;
der ist da. Aber auf der anderen Seite ist es so, dafi man die innere
Uberwindung des Menschen durch die Anthroposophie . . . Anthro-
posophie ist selbst ein Mensch, aber keine Vielheit, sondern in jedem
ein anderer Mensch. Nun kann man ganz aus sich heraus durch die
Anthroposophie. Da konnte noch manches geschehen. Dafi nicht der
Herr X. in der Klasse steht oder das Fraulein Y., sondern die durch
Anthroposophie umgewandelten X. und Y. Es konnten ebensogut
auch andere Namen genannt werden. Diese Emanzipation vom Geist
der Schwere mufi weitergehen. Der Geist der Schwere herrscht noch
etwas in den Klassen. Der mufi heraus! Ernst ist richtig, aber nicht
der philistrose. Der philistrose Ernst mufi heraus aus den Menschen!
Das Uberwinden des Menschen durch sein hoheres Ich, das ist das-
jenige, was wir haben mussen, um erst dahin zu kommen, dafi die
Kinder uns nicht damit kommen, dafi wir kein Recht haben, ihnen
(iiber ihr Benehmen) etwas zu sagen. Die Lehrer mussen sich gegen-
seitig abschleifen. Sie diirfen sich nicht gehen lassen, so dafi der eine
alles durchgehen lafit und der andere fortwahrend ermahnt. Beim X.
56
25. 5. 1923
konnen Sie sicher die Hande in den Hosentaschen haben, beim Z.
aber nicht. Das stimmt nicht zusammen. Es mufi Stil in der Schule
sein, der zusammenfassend wirkt, der im Zusammenwirken auch
zustande kommt. So etwas konnte auch Gegenstand der Konferenz
sein, die Sie ohne mich haben.
Es wird iiber das Benehmen ernes' der grofieren Madchen berichtet.
Dr. Steiner: Das Madchen sagt Ihnen: Gottseidank! Sie wird wo hi
am Nachmittag einen Tee gehabt haben; da kann ich mir gut vorstel-
len, dafi sie nicht turnen will. Das liegt nicht am Turnen. Man muft
sich iiber die Ungezogenheiten der Kinder hinwegsetzen. Der X.
wiirde es von dem Madchen genial finden, Sie finden es ungezogen.
Es ist aber auch so oft schon vorgekommen, dafl andere Lehrer nicht
die mindeste Agriertheit gezeigt haben. Das verstehen die Kinder
nicht. Wir miissen mit Humor auf Formen etwas geben. Gute
menschliche Formen sind etwas, was auf die moralische Verfassung
Einfluft hat, was sich in der spateren Entwickelung in das Moralische
hinein auswirkt. Es strahlt zuriick. Es braucht nicht Kastenform zu
sein.
Da mtifken wir achtgeben auf das Uberwinden des einzelnen Momen-
tes, auf das Uberwinden des Menschen durch sein hoheres Selbst. Je
mehr wir entlastet werden, desto mehr wird es moglich sein. In
Norwegen haben die Lehrer dreiftig Stunden. Wir kommen heuer
dazu, daft einzelne unter zwanzig Stunden haben. Je weniger Stun-
den einer hat, desto mehr kann er sich vorbereiten; auch in der Weise,
dafi die individuellen Eigenheiten ausgeloscht werden. Nicht unsere
Individualitaten sollen wir ausloschen, sondern unsere individuellen
Eigenheiten. Gehenlassen sollte man sich gar nicht. Auf keinen Fall
darf der Lehrer sich gehenlassen.
Der Turnlehrer: Soil der P. I. turnen?
Dr. Steiner: Er soil turnen und auch etwas Heileurythmie machen.
Alle moglichen konsonantischen Dinge, in nicht zu kurzen Zeit-
raumen. Es nicht sehr lang machen, aber alles durch. Er ist eigentlich
innerlich organisch verkriippelt.
Es wird gefragt wegen eines Schiilers der oberen Klassen, der sehr leise sprach.
Dr. Steiner: Es ware gut, wenn man ihn memorieren laBt. Streng
darauf sehen, daft er auswendig lernt, aber moglichst dichterisch
geformte Sprache, oder sonst irgendwie geformte Sprache.
25. 5. 1923
57
Es wird gefragt nach dem Gartenbauunterricht in den obersten Klassen.
Dr. Steiner: Gartenbau machen wir nur biszur 10. Klasse. Die ober-
sten Klassen sollte man aus dem Gartenbau herauslassen. Pfropfen
wiirden die Kinder gerne machen. Wenn sie ins Mysterium des Pfrop-
fens eingefiihrt wiirden, werden sie es gerne machen.
Der Schularzt berichtet: Hundertsiebzig Kinder haben das Unterernahrungs-
mittel genommen. Hundertzwanzig habe ich untersucht. Die meisten sehen
besser aus. Achtzig haben ein bis zwei Kilogramm zugenommen.
Dr. Steiner: Fur die kurze Zeit ist das nicht schlecht.
Der Schularzt stellt eine Frage nach Lungentuberkulose.
Dr. Steiner: Bei Kindern mit Lungentuberkulose ist meist auch der
Darm infiziert. Deswegen mufi man bei Lungenaffektionen unter-
suchen, ob hier nicht auch Darmtuberkulose im Anzuge ist, weil
Darmtuberkulose nicht allein (?) kommt in diesem zarten Alter. Da
wird man am besten vom Darm aus kurieren.
Bei Darmtuberkulose und Bauchspeicheldriisen-Tuberkulose: Den
Saft einer halben Zitrone nehmen auf ein Wasserglas Wasser und
damit PrieBnitzumschlage machen urn den Unterleib iiber Nacht.
Auch die Anti-Tuberkulosemittel I und II. Moglichst warme Sachen
essen, moglichst kein tierisches Fett. Warme Eier, warme Getranke,
zum Beispiel warme Limonade; moglichst warm.
Der Schularzt: In der Beurteilung der Kinder nach Groflkopfen und Klein-
kopfen gibt es Schwierigkeiten.
Dr. Steiner: Sie werden noch stark eingehen miissen auf den wirk-
lichen Sachverhalt. Es verbergen sich so viele Dinge. Es kommt vor,
daB sich das bei einem Kind erst spater zeigt.
Jetzt hatte ich gerne von den ersten Klassen gehort. Schnappen sie
ein, die Kinder? Die Psychologie der ersten Klasse miissen wir klas-
senweise aufwarts verfolgen. Jede Klasse ist eine Individualist.
Diese beiden ersten Klassen sind interessante Individualitaten.
X.: Die Kleinen sind originell. Sie sind wie Mehlsacke und doch originell.
Dr. Steiner: Sie miissen sich klar werden, dafl die Briillerei nur
scheinbar ist. Sie miissen den Eifer nur herausfinden.
Es wird gefragt, ob man den Kindern die Linkshandigkeit abgewohnen soil.
Dr. Steiner: In der Regel, ja! Man kann linkshandige Kinder in jun-
gem Alter, etwa vor dem neunten Jahr, noch in allem Schulmafiigen
58
25. 5. 1923
an Rechtshandigkeit gewohnen. Es wiirde nur richtig sein, das nicht
zu machen, wenn es schadlich wirken konnte, was in wenig Fallen
der Fall sein wird. Die Kinder sind keine Summe, sondern eine kom-
plizierte Potenz. Wenn man bei den Kindern Symmetrie zwischen
rechts und links herbeifiihren will und beide Hande gleichmaBigiibt,
kann das in spaterem Alter zu Schwachsinnigkeit fuhren.
Das Phanomen der Linkshandigkeit ist ein ausgesprochen karmi-
sches Phanomen, und ist in bezug auf das Karma ein Phanomen der
karmischen Schwache. Wenn ich ein Beispiel nehmen soil: Ein
Mensch, der im vorhergehenden Leben sich iiberarbeitet hat, so daB
er sich ubernommen hat, nicht nur physisch oder intellektuell in der
Arbeit, sondern iiberhaupt geistig oder seelisch oder im Gemiit, und
der dann dadurch in einem darauffolgenden Leben mit einer starken
Schwache kommt, der ist nicht imstande — der Teil des Menschen im
neuen Leben, der aus dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt
stammt, ist besonders im unteren Menschen konzentriert; der aus
dem vorigen Leben stammende mehr im Kopfteil — , diese karmische
Schwache, die jetzt im unteren Menschen ist, zu uberwinden. Da-
durch wird das, was sich sonst stark ausbildet, das wird schwach, und
dafiir werden als Ersatz das linke Bein und die linke Hand besonders
engagiert und zur Hilfe genommen. Das Vorherrschen der linken
Hand fuhrt dazu, daB statt der linken jetzt die rechte Stirnwindung
des Gehirns in der Sprache bemuht wird.
Gibt man dem zu sehr nach, so bleibt diese Schwache vielleicht auch
fur das spater folgende, also dritte Erdenleben zurtick. Gibt man dem
nicht nach, so gleicht sich die Schwache aus.
Halt man das Kind an, alles rechts und links gleich gut auszufuhren,
Schreiben, Zeichnen, Arbeiten, so wird der innere Mensch so neu-
tralisiert, daB das Ich und der Astralleib so herausgehoben werden,
daft der Mensch ganz schlapp wird im spateren Leben. Der Atherleib
ist ohnehin links starker als rechts, der Astralleib ist rechts starker
entwickelt als links. Das darf man nicht umgehen, darauf muB man
Riicksicht nehmen. Es darf kein mechanischer Ausgleich versucht
werden. Es ist das Dilettantischste, was geschehen kann, wenn man
anstrebt, daB mit beiden Handen gleichmaBig gearbeitet werden soli.
Das Streben nach gleichmaBiger Ausbildung beider Hande, das ist
zusammenhangend mit der heutigen volligen Unkenntnis vom Wesen
des Menschen.
Es wird gesprochen iiber eine Schulerin; sie mufi geimpft werden; sie hat eine
Grippe durchgemacht.
25. 5. 1923
59
Dr. Steiner: Das ist eine Lahmung des Sensoriums unter dem Vier-
hugelkorper. Die Sache ist nicht leicht.
Ein Kind im schulpflichtigen Alter muft etwa acht bis neun Stunden
schlafen. Das mufi man individuell behandeln, Ich habe andeuten
wollen, wie ein Kind, welches zuwenig schlaft, musikalisch ungenii-
gend empfinden wird. Ein Kind, das zuviel schlaft, wird sich schwach
erweisen fur alle die Dinge, die ein mehr plastisches Vorstellen erfor-
dern.
Daran erkennt man die Schadigung des zu lange oder zu kurz Schla-
fens; die zuviel schlafen, sind wenig befahigt, sich in Formenhaftes,
Plastisches hineinzufinden, zum Beispiel in Geometric Die zuwenig
schlafen, werden schwach sein im Erfassen des Musikalischen und in
der Geschichtsauffassung.
X.: . . .
Dr. Steiner: Der B. B. ist ein periodischer Flegel. Er wird Zeiten
haben, wo es besser ist, und Zeiten, wo es schlechter ist. Um ganz
verniinftig zu werden, wird es mehrere Jahre brauchen.
Konferenz vom Donnerstag 21. Juni 1923, nachmittags
Dr. Steiner: Was mir jetzt Sorge macht in bezug auf die Schule, das
sind Dinge, die wirklich so sind, daft es mir durch den Kopf gegangen
ist, daft ich eigentlich nachste Woche zweiTage hier werde zubringen
miissen. Es sind zweierlei Dinge, die natiirlich besprochen werden
miissen. Aber heute konnen wir nichts anderes tun, als uns auf die
nachsten Sorgen einlassen.
Nun nicht wahr, gewift alle diese Punkte, die wir ge stern angefiihrt
haben, die sind wichtige Punkte. Aber heute ist erstens die Inter-
punktionsfrage, die mir viel Sorge macht nach dem, was ich heute
morgen in den verschiedenen Klassen gesehen habe. Und das zweite,
was wir vor alien Dingen werden losen miissen, das ist eine gewisse
Verwilderung der Schule, die wirklich nicht leicht genommen wer-
den darf.
Gehen wir von diesem bestimmten Punkte aus. Nehmen wir die
Klasse 9b, um sie als Ausgangspunkt zu betrachten. Ich kenne die
Dinge aus den Schilderungen der Lehrkrafte. Heute morgen war die
9b anstandig. Sie haben mir nur Sorge gemacht durch die Art, wie sie
schreiben. Das kann nicht so bleiben.
Aber nicht wahr, die moralische Verwilderung, da wiirde ich Sie
bitten, daft diejenigen, die iiber diese moralische Verwilderung zu
klagen haben, diese Klagen objektiv vorbringen wurden.
Mehrere Lehrer berichten iiber die Klasse und iiber die besonders schwierigen
Schiiler: F. R., T. L., D. M., K. F. und J. L. Man konnte versuchen, was man
wollte, es war in ihrer Respektlosigkeit dem Groflen in der Kunst gegeniiber nie
moglich, eine ehrfurchtige Stimmung zu erzeugen. T. R. hat die Buben auf-
gewiegelt und angestiftet zu einer Pogromstimmung. Sie haben auch die Tiiren
des Lehrer-WC mit obszonen Dingen beschmiert.
Dr. Steiner: Zunachst mochte ich sagen, der F. R. leidet an Verfol-
gungswahn und ist aufterdem ein ausgesprochener Frauenhasser. Der
T. L. scheint ein etwas schwachsinniger Bursche zu sein. D. M. ist
schwachsinnig, ebenso K. F. Es liegen Psychopathien vor. Und dieses
Frauenhassertum vom F. R. wirkt auf andere ab. Das ist schon der
Fall. Nun ware es natiirlich namentlich interessant, ob nicht ein
grofter Teil seiner Ungezogenheiten mit diesem Kapitel zusammen-
hangen. Die Ungezogenheiten, die ich kennengelernt habe, kommen
aus dieser Ecke heraus.
Kein leichter Fall! F. R. ist jener Knabe, der zuerst in der 4. Klasse
war als eine Art verpriigelter Junge, von Haus aus. Dazu kam, daft er
21.6. 1923
61
sich in der 4. Klasse aufierordentlich schlecht behandelt fiihlte von
der Lehrerin, und manche Dinge, die er vorgebracht hat, nahmen in
der Phantasie besondere Farbungen an. Die Dinge, die er vorbrachte,
schienen mir so, daft er auf die Lehrerin einen unsympathischen
Eindruck gemacht hat, und daB sie ihn auszankte. Und nun hat er
sich subjektiverweise berechtigt geglaubt zu denken, die Lehrerin
hatte in der Klasse ihre Lieblinge, und er sei der Schlimmste, er sei
zuriickgesetzt. Und nun war es dazumal zu einer kleinen Krisis
gekommen, namentlich weil die Lehrerin nicht stramm dabeigeblie-
ben ist. Sie hat mancherlei dezidiert zugeben miissen. Der Junge ist in
der 4. Klasse nicht entsprechend behandelt worden, so daft keine
Moglichkeit vorlag, als zu bitten, ihn in die 5. Klasse zu nehmen. Wir
haben uns dazumal Sorgen daruber gemacht. Aber nun hatten Sie ihn
von einem bestimmten Zeitpunkt ab. Wie war es denn?
X.: Ich habe in der 5. Klasse keine Schwierigkeiten gehabt. Er hat einen star-
ken Eindruck bekommen.
Dr. Steiner: Dieser Eindruck beruht darauf, dafi der Junge damals —
er war vier Jahre jiinger — den Eindruck bekommen hat, es gibt noch
eine Gerechtigkeit. Es mag spater nachgelassen haben, aber damals
hat er den Eindruck bekommen. Er hat gefunden, alle Welt ist unge-
recht, aber es gibt noch eine Gerechtigkeit. Nun ist er Psychopath.
Nun, nicht wahr, seither kommt mir vor, da/3 der Junge — was soil
man machen, der Junge ist nur zu behandeln, wenn er Vertrauen hat
zu irgend jemand. Es mag von seiten der Lehrer berechtigt sein, aber
was er verloren haben muB, das ist das Vertrauen. Er muft das Ver-
trauen wieder verloren haben.
Der T. L., das ist ein Junge, welcher, wenn er etwas liest oder hort,
wird er davon besessen. Das ist ein der Besessenheit ausgesetzter
Junge. Er wird vom Guten und Schlechten besessen. Er wird von
etwas, was dramatisch an ihn herantritt, besessen und redet aus der
Besessenheit heraus. Wenn er gescheit zu Ihnen geredet hat, hat er
aus der Besessenheit heraus gescheit geredet. Es ist schon eine rechte
Miser e.
Brav ist der K. F. auch nicht. Der ist nicht blofl Verfiihrter, der hat
auch schon Initiative in sich zur nicht ganz Bravheit. Der mufi eine
starke Hand fuhlen. Es ist nicht leicht, denn sehen Sie, wir sind nicht
in der Lage, die Dinge anders als mit grofier Energie zu behande In.
Nun ist auch noch das zu beriicksichtigen. Wenn Sie bei F. R. in der
9. Klasse voraussetzen, daft er jemals einen ordentlichen Aufsatz
iiber Raffael und Griinewald machen wiirde, dann werden Sie nie
62
21.6. 1923
zurechtkommen. Das wird er in seiner ganzen gegenwartigen Inkar-
nation nicht machen. Das kann er nicht. Er kann das auch nicht
fassen. Es liegt auflerhalb seines Gesichtskreises. Wenn er nun da ist
und merkt, er kann etwas nicht verstehen, dann verodet er innerlich,
und dann kommen seine schlechten Safte, die atherischen schlech-
ten Safte kommen zum Vorschein und stacheln ihn furchtbar auf.
Und dann wird die Rachsiichtigkeit ausgeldst. Das ist der Refrain
seines Denkens, ungerecht behandelt zu werden.
Ich kann nichts anderes machen, als mit diesen fiinf Buben sprechen.
Das kann die ganze 9b zu einer Unmoglichkeit machen. Nachste
Woche werde ich mit diesen Buben sprechen. Es mufl Ordnung
geschaffen werden. Wir haben keine Moglichkeit, irgendwie etwas
Besonderes zu tun. Alle diese Dinge weisen auf Untergrunde hin.
Man mufl manche Dinge unterscheiden nur als Symptome. Diese
obszonen Dinge sind nur Symptom fur etwas, was er sonst gehabt
hat. Das ging wahrscheinlich aus einer Rache gegen einen Lehrer
hervor.
Ich kannte einmal eine Klasse, da war das Pensum, Briefe schreiben.
Nun hatten Sie sehen sollen, was die Jungen ausgedacht haben, um
die Namensunterschrift zu besorgen. Was fur Namen sie ausgedacht
haben. Wenn sie sie gelesen haben, die Namen — sie haben immer das
erreicht dadurch, daft sie den Vornamen abgekiirzt haben bis zu den
unmoglichsten Buchstaben — , in dem Augenblick, wo sie den Vor-
namen und Nachnamen zusammen gelesen haben, kamen zynische
Unanstandigkeiten heraus. Die ganze Anstalt hat es gewufit.
Die Dinge sind kaum serios zu nehmen. Es ist haufigdavon abhangig,
wie man lacht dabei. Sie werden sich noch angewohnen miissen,
dabei zu lachen. Wenn Sie sich dabei argern — fimfzehnjahrige
Buben, das ist eine besondere Rasse von Menschen. Der Fall mufl
weiter behandelt werden.
Ein schwieriger Punkt fur diese Kinder sind die Ubergangsjahre. Da
kommt man darauf, daft etwas geschehen mufl. Es ist zuwenig
Schlagkraft und Stoflkraft in dem Deutschunterricht im 8. und
9. Schuljahr. Das fehlt der Psyche dieser Kinder. Es fehlt, daft
zuwenig Schlagkraft im Deutschunterricht ist. Es muflte geschehen,
daft in interessanter Weise die Kinder aufmerksam gemacht werden
auf die Gliederung von Satzen, auf den Stil von Satzen. Es miiBte an
der Aufsatzlehre Stilgefuhl entwickelt werden. Das miifite auch
schon im zwolften Jahre beginnen. Ich habe auf entsprechende
Dinge stark hingewiesen im Kurs iiber geschlechtsreif werdende
Kinder. Es miifke die Bilderlehre besprochen werden, Tropen,
21.6. 1923
63
Metaphern, Synekdoche, das fehlt, soviel ich jetzt bemerkt habe,
den Kindern vollstandig. Wir kriegen auch nie fertig, dafl wir Inter-
punktion hineinbringen, wenn sie nicht begriffen haben, was ein
Wort im Stil wert ist.
Es ist fur sie tatsachlich der Deutschunterricht in Stil- und Aufsatz-
lehre so, daB sie nicht reif werden konnen. Sie wissen heute in der 9b
noch nicht, was ein Satz ist. Sie schreiben so, dafi sie keine Ahnung
haben, was ein Satz ist. Sie haben kein Gefiihl fur Stilisierung. Das
mull herein in den Unterricht. Der Deutschunterricht ist nicht ganz
das, was er sein soli, und das hat eine ungeheure Bedeutung fur die
Entwickelungsjahre der Kinder. Sie mutieren, Knaben wie Madchen,
genauso in bezug auf die innere Stilisierung der Satze, wie sie aufier-
lich das machen in bezug auf die Sprache. Wenn man das nicht
berucksichtigt, dann kriegen sie einen innerlichen Defekt.
Das Bedeutsame ist aber dies. Wenn Sie die ganze Waldorfschule
nehmen und fragen, wieviel Prozent der Schiiler in dieser Weise sind,
dafi man gegen sie so scharf urteilen mufi, so sind es noch lange keine
5 Prozent.
Aber ich mochte Sie auf folgendes aufmerksam machen. In der
Gesellschaft kommt allerlei vor. Neulich kam zu einem Funktionar
ein Herr, der sagte: Ja, ich weifi, Ihr habt grofte Ideen. Die Ideen sind
sehr gut, aber kein Mensch in der Gesellschaft hat den richtigen
Willen. Und das ist aus dem Grunde, weil Ihr in der Gesellschaft nicht
richtig methodisch die Egoisten pflegt. Ich bin das Muster eines
richtigen Egoisten. Ich habe keine Idee, ich mochte diese Idee haben.
Aber ich habe den Willen. Ein paar solche Leute, wie ich bin, und ich
mache Sie darauf aufmerksam, wir waren drei bis vier Schiiler von
meiner Art, aber die ganze Schiilerschaft und Lehrerschaft hat uns
pariert, und zuletzt auch der Schulinspektor.
Drei bis vier konnen eine ganze Klasse dominieren, sogar die Schule.
Die Schule kann deshalb nicht zugrunde gehen.
Es gibt da auch noch andere Dinge, so wie in der 3b. Diese 3b, das ist
jetzt auch eine abscheuliche Klasse. Nun aber, da ware ein Hilfs-
mittel, das helfen wiirde, wenn man zwei Jungenherausnehmen und
in die Hilfsklasse stecken wiirde. Die Hilfsklasse miissen wir einrich-
ten nicht nur fur diejenigen, die an intellektueller Schwachsinnigkeit
leiden, sondern auch fur die, die moralisch Psychopathen sind. Das
wiirde fur die Klasse 3b heilsam sein. Diese beiden Jungen, der K. E.
und der R. B., die sollen gleich in die Hilfsklasse. Die stecken die
ganze Klasse an. Die Klasse wiirde nicht so schlimm sein, aber da sind
diese zwei Jungen; solange die darinnen sein werden, wird die ganze
Klasse nichts anfangen konnen.
Konferenz vom Dienstag 3. Juli 1923, 21 Uhr
Dr. Steiner: Wir werden zu sprechen haben liber die leidigen ange-
klagten Klassen. Ich konnte die Kinder der 9. Klasse noch nicht
anschauen. Das, was ich mit den Kindern zu sprechen haben werde,
muB in Harmonie stehen mit den Lehrern. Das ware heute kaum
moglich gewesen, weil ich aus der letzten Konferenz kein deutliches
Bild bekommen habe, worauf die eigentlichen Klagen gehen. Es ist
so schwer zu bemerken, was man den Kindern vorwerfen soil, und da
muB man furchtbar achtgeben; man kann durch solche Dinge auch
vieles schlechter machen, als es ist. Daher mochte ich bitten, sich
ganz konkret auszudriicken, so daB dann etwas bleibt, was man den
Kindern sagen kann, ohne daB der Lehrer durch die Antwort der
Kinder zu kurz kommt. Es darf nicht moglich sein, daB die Kinder
antworten konnen in einer Weise, wobei der Lehrer zu kurz kommt.
Die Sache ist nicht leicht zu losen. Heute sind die Kinder brav gewe-
sen. Im besonderen wiirde ich horen iiber den K. F., was der ausfriBt.
Im ganzen sind die Kinder brav gewesen. Es gibt auch schwache
Schiller. Beim F. ist das der Fall, daB er physische Storungen hat, daB
er aus physischen Storungen heraus gewisse Dinge macht. Es miissen
solche Dinge da sein, die man den Kindern vorwerfen kann, ohne daB
sie kommen und sagen, das und das ist geschehen. Man sollte sich
genau verstandigen, wie die Dinge laufen. Heute waren sie brav und
das letzte Mai auch.
Es wird berichtet von der Deputation aus der 9. Klasse gegen F. R., den sie
hinaus haben wollen. G. T. war der Sprecher.
Dr. Steiner: Es kann eine Rankiine dabei mitspielen. Nachdem es
bekannt geworden ist, daB durch Aussagen der Schiller Schiller her-
ausgeworfen worden sind, ist es leicht moglich, daB sich eine Anzahl
vornimmt, wir werden den herausbeiBen. Es ist ein Komplott gewe-
sen, das ein biBchen ausartet. — Nun wird auch gesagt, daB sie in den
anderen Stunden ein Indianergeheul ausfiihren.
Eine Lehrerin berichtet iiber das Kirschensteinspucken.
Dr. Steiner: Diese Dinge,. die sind heute so, daB sie nur durch lang-
sames Sichgewohnen an den Lehrer anders werden konnen. Die wer-
den nicht von heute auf morgen anders. Die Klasse war friiher nicht
so, sie hat doch das nicht getan. Da waren die Dinge einfach so, daB
einige unaufmerksam waren, durch Schwatzen den Unterricht
3. 7. 1923
65
gestort haben. Es wissen nun die Kinder, daft Klagen iiber sie gefiihrt
werden. Sie werden aber dies, daft in der Konferenz gesprochen wird,
erst gewahr, wenn ich sie morgen rufe. Vorher wissen sie es merit.
Warum machen die Kinder in derEurythmie so einGeheul? Es muft
die Kinder etwas aufstacheln. Ob das nicht solche Dinge sind, die,
wenn man mit Humor begegnet, am allerbesten zu kurieren waren?
Der F. R. ist ein schwieriger Junge aus dem Grunde, weil er im
Elternhaus doch recht maftig behandelt wird. Der T. L. ist ein sehr
begabter Junge.
Dann wird ja auch iiber 8a und 8b geklagt. Die Haltung als solche
braucht einen nicht zu wundern; es miiftten nicht Kinder sein. Aber
daft es so stark wahrend des Unterrichts hervortreten soli. Heute
saften alle wie Duckmauser.
Die Kinder diirfen in der 9. Klasse nicht dasGefiihl bekommen, daft
der Lehrer in einer Sache unsicher ist, daft er nicht in einer absoluten
Sicherheit sie lenkt. Dieses Gefiihl diirfen sie nicht bekommen. Von
dem mochte ich abraten, daft man sagt: ,,Das weift ich nicht." Die
Tatsache, daft man sagt, ich weift es nicht, ist zu vermeiden; gerade
wenn man etwas nicht weift. Furchtbar vermeiden, daft man es nicht
weift! Es laftt sich das auch erreichen in einem Alter, wo die Kinder
so kritisch sind. In dem Alter ist es sehr wichtig, daft man ihnen nie
mit einer Skepsis begegnet. Man muft die Dinge mit Humor behan-
deln. Ich werde mit den Kindern reden. Nur fiirchte ich, wird es nicht
so giinstig abgehen, sondern innerlich werden sie noch kritischer
werden. Was ich schwierig finde, das ist dies, daft die Kinder den
Eindruck haben werden, sie sind bei mir verklagt worden. Wenn sie
nicht verklagt worden waren, hatte ich nichts gegen sie. Mit Aus-
nahme dessen, daft sie keine Interpunktion haben, kann man doch
sagen, daft die Kinder im wesentlichen mit dem Unterricht mitgehen.
Das sind also vierzehnjahrige Kinder. Die Dinge, die sie da machen,
sind so, daft sie immerhin eine Konzentration voraussetzen, die sie
fahig sind auszuuben, so daft also Nichtsnutzigkeiten sekundar sein
konnen. Sie konnen nicht primar sein. Durch die Bank machen die
Kinder die fiir ein vierzehnjahriges Kind nicht ganz leicht vorzustel-
lenden Sachen. Das war die 9. Klasse.
Ich werde dann diese verschiedenen jungen Manner sehen vorzu-
nehmen. Aber von der Deputation werde ich nichts wissen. Das ist
der Anfang zu derselben Prozedur, die wir im vorigen Jahr gehabt
haben. Dann werde ich selbst sehen, was ich mit diesen jungen Her-
ren machen kann.
Die 8. Klasse, da habe ich mal hereingesehen. Da mochte ich sagen,
66
3.7. 1923
daft die Notwendigkeit vorliegt, daft man die Kinder nicht mit Far-
ben malen laBt, wenn sie kein aufgespanntes Zeichenpapier haben.
Sonst wird die Schlampigkeit gefordert. Sie miissen lernen, ihr Zei-
chenpapier selbst ordentlich aufzuspannen mit Gummi. Nur auf dem
bespannten Papier mit Farbe arbeiten! Wenn die Vorbereitungen
hierzu auch Zeit in Anspruch nehmen, das schadet nichts. Die Kin-
der haben doch viel davon, wenn es ordentlich mit ihnen gemacht
wird. Die Kinder in der 8a machen die Dinge viel zu schnell. Sie
malen auch viel zu schnell. Die Hefte schauen so aus, daft es im Kind
unmoglich Gedanken hervorruft.
Wegen des Schiilers B. B.
Dr. Steiner: Nicht wahr, es ist so, wenn er Zutrauen gewinnt, so wird
es langsam anders werden. Er hat noch eine ganze Reihe von Klassen
vor sich. Wenn er Zutrauen gewinnt, wird es anders werden. Beson-
dere Behandlungsweise? Da muftte man ihn privat unterrichten. Das
kommt manchmal vor, daB er sich auf der einen Seite austobt.
Es wird gefragt wegen Deutsch und Geschichte in der 11. Klasse.
Dr. Steiner: Jetzt gab es eine Art Literaturiibersicht. Sie konnen
doch nicht alles fiir die 12. Klasse lassen. Warum fahren Sie nicht
weiter fort? Das kann doch in ein paar Absatzen durchgemacht
werden, was literarisch hineinfallt.
Aber im Geschichtsunterricht ist doch vorgesehen, daft man wieder
ankniipft. Man mufi fur die Zeit, wo keine geistige Geschichte zu
nehmen ist, versuchen, geschichtlich hiniiberzuleiten. Die 10. Klasse
schlieftt mit der Schlacht von Charonea; in der 11. Klasse muft man
Geschichte des Mittelalters treiben. Sie werden nicht erreichen, daB
sich die Jungen ein Verstandnis vom Parzival aneignen, wenn Sie
keinen geschichtlichen Uberblick geben. Man muft doch an die Zeit
historisch ankniipfen.
X.: Dann wiirde ich jetzt zu absolvieren haben die mittelalterliche Geschichte?
Dr. Steiner: Eigentlich hatte das geschichtliche Tableau vorausgehen
miissen. Sie haben heute von Friedrich Barbarossa geredet. Sie reden
doch iiber Geschichte des Mittelalters. Im Lehrplan steht sogar, daft
man diese literaturgeschichtlichen Fragen im Zusammenhang mit
einem Geschichtstableau behandeln soil. Es sind auch die literari-
schen Themen da, die historisch zuriickweisen, zum Beispiel das
Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht, oder der Trojanische Krieg.
Es sind viele historische Stoffe behandelt in der Periode.
3.7. 1923
67
Was die Hauptsorge jetzt macht, ist, wenn die Kinder mit einer sol-
chen Interpunktion zum Examen kommen, kann es schlimm wer-
den. In der 9b machen sie keine Interpunktion. Das Interpungieren
hangt davon ab, dafi man in einer anregenden Weise die Gestaltung
des Satzes bespricht. Und das kann sehr gut geschehen im Verlaufe
des Literaturunterrichts.
Nicht wahr, es ist zum Beispiel eine Moglichkeit, daft man, wenn man
von alterer deutscher Sprachform ausgeht, in fesselnder Weise zeigt,
wie allmahlich durch das rein Lateinischwerden der Schrift, des
Schrifttums, der Relativsatz erst heraufkommt. Der zunachst muft
die Grundlage abgeben fur das Studieren des Beistrichs. Man kommt
zu einer anderen Beistrichinterpunktion, wenn man zunachst den
Kindern beibringt, dafi sie jeden Relativsatz einschlieften miissen
durch Beistriche. Der Relativsatz lafik sich interessant besprechen,
weil er im alteren deutschen Sprachschatz nicht enthalten ist. Esist
auch im Dialekt nicht enthalten, und da kann man zuruckgehen auf
das Nibelungenlied und so weiter und kann dies erortern, wie die
Relativsatze hereinkommen und damit die ersten Notwendigkeiten,
diese Sprachlogik in die Sprache hineinzubringen. Denn hat man das,
daft man den Relativsatz in die Beistriche hineingesetzt hat, dann
kommt man von dort dazu, iiberhaupt den Begriff des Satzes genauer
den Kindern zu erklaren. Dann miissen sie lernen, dafi jeder Satz
durch irgendwelche Interpunktion abgetrennt ist. Die anderen Dinge
sind nicht so furchtbar wichtig.
Von da geht man iiber zu den an der Sprache entwickelten Ele-
menten des Denkens und bekommt schon den Strichpunkt, der ein
starkerer Beistrich ist und einen groften Einschnitt bedeutet. Punkte
setzen sie ja.
Nun ist es in der 9. reichlich Zeit, daft sie doch eben anfangen. Man
mufi es an der positiven Sprachgestaltung herausarbeiten konnen,
indem man etwas auf den Sinn eingeht. Das mu6 besonders anregend
gemacht werden, dies darf nicht langweilig gemacht werden. Gram-
matik allein langweilt sie am meisten.
Im Sprechen, beim Diktieren, mufi man bemerklich machen, wie die
Satze aufhoren und anfangen. Man muB das bemerklich machen,
nicht indem man die Zeichen mitdiktiert, sondern die Kinder haben
sehr viel davon, wenn man sie gewohnt, dai3 sie an der Behandlung
des Satzes die Interpunktion lernen. Die Interpunktion diktieren,
das ist eine miftliche Sache. Ich wiirde nicht die Interpunktion dik-
tieren, sondern sie beim Sprechen horen lassen. Es ware viel schoner,
wenn man etwas anderes machen konnte. Es ware viel schoner, wenn
68
3. 7. 1923
man konnte so abteilen — bei der alten deutschen Sprache laftt es
sich so machen, nicht mehr bei der dem Lateinischen nachgebildeten
neuen — , daft man Satz fiir Satz abschreibt. Auf eine Zeile einen
Satz.
Den kiinstlerischen Bau des Satzes kann man schon, ohne pedantisch
zu werden, anregend mit den Kindern besprechen. Man kann ein
Gefuhl dafiir hervorrufen, was" ein Satz ist; daft man dem Kinde es
zum Bewufttsein bringt, was ein Satz ist. Daft also Satze gestalten
etwas Positives ist, das sollte auch gepflegt werden. Man sollte solche
Sachen machen, daft man zum Beispiel am Stile Herman Grimms den
gestalteten Satz zeigt, bildartig geformt. Der schreibt doch wirkliche
Satze. In dem, was man gewohnlich liest, liest man nicht Satze,
sondern Bandwiirmer; Satze werden ganz vermifit. Ein Gefuhl her-
vorrufen fur den gestalteten Satz! Herman Grimm schreibt Satze. Es
muftte ein Unterschied sein zwischen diesem Stil Herman Grimms
und dem, was man sonst liest, zum Beispiel in den gewdhnlichen
Geschichtsbuchern. Das kann so gemacht werden, daft man ein
gewisses Gefuhl fiir den geschlossenen Satz und seine Einschiebsel
hervorruft in der 9. Klasse.
Etwas, was sehr helfen kann, haben wir auch im Lehrplan, eine Art
Poetik. Das fehlt ganz, das wird gar nicht beriicksichtigt. Ich merke,
daft die Kinder nicht ein Gefuhl bekommen, was eine Metapher ist.
Die Kinder miissen wissen, was eine Metapher ist, Metonymie und
Synekdoche. Das ist etwas Wunderbares, was sich da ergeben kann.
Das steht im Lehrplan und ist nie gemacht worden. Diese Tropen-
lehre hilft dazu, die Kinder dazu zu kriegen, den Satz zu gestalten.
Wenn sie ins Bild kommen, dann kriegt man die Satzgestaltung her-
aus. An Beispielen erortert man es. Man sagt zum Beispiel, was das
bedeutet: ,,Oh Wasserrose, du bliihender Schwan; oh Schwan, du
schwimmende Rose." Das ist eine Doppelmetapher. Dadurch
bekommt der junge Mensch ein scharfes Gefuhl, durch den meta-
phorischen Ausdruck, wo der Satz schlieftt auf kiinstlerische Art.
Es ist gar nicht so unkiinstlerisch, einmal zu versuchen bei guten
Stilisten, statt der Beistriche und Strichpunkte, die Satze einzurah-
men. Man kann ganz gut Herman Grimmsche Satze einrahmen mit
rotem Bleistift; einrahmen und dann, wenn einer weniger notwendig
ist fiir den Inhalt, konnte man ihn zweimal einrahmen, rot und blau.
Dann bekommt man ein hiibsches koloriertes Bild vom kiinstlerisch
gestalteten Satz. Und dann vergleichen Sie solche Satze mit dem, was
man gewohnlich schreibt, mit dem Stil von Zeitungen. Auch die
,,Anthroposophie" war fruher nicht ausgenommen. Friiher war sie
3. 7. 1923
69
so-so fortgehend, wie der deutsche Philister schreibt. Jetzt ist sie
besser.
Dieses mufl ganz entschieden gemacht werden. Und die Interpunk-
tion mufi dazu verwendet werden, um den Kindern etwas Gefuhls-
logik beizubringen. Diese Dinge konnen auch durchaus anregend
sein. Wenn man die Kinder daran gewohnt, dafi sie die Relativsatze in
Kommas einschliefien, ergibt sich allesiibrige von selbst. Man mu/3 so
weit gehen, daft man begreiflich macht, wie ein Relativsatz im
Grunde genommen ein Adjektiv ist. Man mufl sagen:
,,Ein rotes Roslein"; man macht kein Zeichen.
,,Ein Roslein, rot";
nun ist es so, da/3 man nach Roslein ein anreihendes Komma machen
konnte.
,,Ein Roslein, welches rot ist." Es ist ganz klar, es ist ein Adjektiv.
Wenn man das an anregenden Beispielen erortert, so ist es nicht
langweilig. Im Dialekt sagt man: ,,Der Vater, wo schreiben kann."
Der Relativsatz ist ein Adjektiv. Der Relativsatz als Ganzes ist ein
Adjektiv. Dieser Ausgangspunkt fur den Relativsatz ist auch fur die
Fremdsprachen sehrwichtig.
X. erwahnt die Auffassung von Wegener, da/3 der Relativsatz der Form nach
aus dem Fragesatz entstanden ist.
Dr. Steiner: Die Frage kann zugrunde liegen. Jedes Adjektiv ist
eigentlich die Antwort auf eine Frage. Aber: ,,Hier sind schone
Apfel, gib mir welche!" Da ist gar nichts von einer Frage.
Die Sprachforscher sind manchmal drollig. Ich kenne viele Abhand-
lungen iiber das ,,es", es blitzt, es donnert. Miclosich hat lange
Abhandlungen geschrieben iiber das „es". Das deutsche „es" ist
nichts anderes als das — was interessant wiirde — , was die Verkiir-
zungsform ist fiir Zeus. Es ist dieselbe Bedeutung da wie Zeus, der
Gott; Zeus blitzt, Zeus donnert. Es ist eine Verkummerungsform.
Viele deutsche Worter miissen bis zum Griechischen zuriickgeleitet
werden. Dieses deutsche Wortchen ,,es" = Zeus. Englisch ,,it" miifite
auch gesucht werden. Es bezieht sich auf das tatsachlich zugrunde
liegende Gottlich-Geistige. Wegener wollte doch hoffentlich nicht
beschreiben, daft der Relativsatz ein Fragesatz ist.
Dann wollen wir es so machen, vom Relativsatz ausgehen. Von dazu
den Satzen, die Verkiirzungen sind und Bestimmungen von adjekti-
vischer Natur. Und dann dasjenige, was stark herausgehoben werden
muft, iibergehend zum Strichpunkt. Den Punkt lediglich durch die
70
3. 7. 1923
Betonung oder Pause erreichen. Doppelpunkt, dafiir ist leicht ein
Gefiihl hervorzurufen. Der Doppelpunkt stent fur etwas, was man
nicht sagt. Statt daft man sagt ,,das Folgende", oder statt daft man
immer die langwierigen Relativsatze sagt, macht man einen Doppel-
punkt. Man driickt es aber im Ton der Sprache aus. Wie jener Schiiler,
der Tiere nennen sollte. Tiere sind: der Lowe, die Gans, der Hund,
der Bolsche. — Der Lehrer fragt, was das ist, der Bolsche? — Auf
dem Buch stent doch, Bolsche, das Urtier.
Der Schularzt spricht iiber besondere medizinische Falle.
Dr. Steiner: Das Madchen L. K. in der 1. Klasse, da wird irgendeine
recht schlimme Verwickelung da sein mit dem ganzen Inneren. Da
wird auch nicht viel zu machen sein. Das sind diese Falle, die immer
haufiger vorkommen, daft Kinder geboren werden und Menschen-
formen da sind, die eigentlich in bezug auf das hochste Ich keine
Menschen sind, sondern die ausgefiiilt sind mit nicht der Menschen-
klasse angehorigen Wesenheiten. Seit den neunziger Jahren schon
kommen sehr viele ichlose Menschen vor, wo keine Reinkarnation
vorliegt, sondern wo die Menschenform ausgefiiilt wird von einer Art
Naturdamon. Es gehen schon eine ganze Anzahl alte Leute herum,
die eigentlich nicht Menschen sind, sondern naturgeistige Wesen und
Menschen nur in bezug auf ihre Gestalt. Man kann nicht eine
Damonenschule errichten.
X.: Wie ist das moglich?
Dr. Steiner: An sich ist nicht ausgeschlossen, daft im Kosmos ein
Rechenfehler geschieht. Es sind doch lange fiireinander determiniert
die hinuntersteigenden Individualitaten. Es geschehen auch Genera-
tionen, fur die keine Individualist Lust hat hinunterzukommen und
sich mit der Leiblichkeit zu verbinden, oder die sie auch gleich am
Anfang verlassen. Da treten dann andere Individuen ein, die nicht
recht passen. Aber dies ist wirklich jetzt sehr haufig, daft ichlose
Menschen herumgehen, die eigentlich keine Menschen sind, die nur
menschliche Gestalt haben, naturgeistahnliche Wesen, was man
nicht erkennt, weil sie in menschlicher Gestalt herumgehen. Sie
unterscheiden sich auch sehr wesentlich von den Menschen in bezug
auf alles Geistige. Sie konnen es zum Beispiel nie zu einem Gedacht-
nis bringen in den Dingen, die Satze sind. Sie haben eigentlich nur
Wortgedachtnis, kein Satzgedachtnis.
Die Ratsel des Lebens sind nicht so einfach. Wenn eine solche Wesen-
heit durch den Tod geht, dann geht sie zuriick in die Natur, woher sie
5. 7. 1923
71
gekommen ist. Der Leichnam zerfallt; eine richtige Auflosung des
Atherleibes ist nicht da, und das Naturwesen geht in die Natur zu-
riick.
Es konnte sein, daB irgendwie automatisch etwas geschehen konnte.
Der ganze Apparat des menschlichen Organismus ist da. Man kann
unter Umstanden in den Gehirnautomatismen eine Pseudomoral
ziichten.
Man redet sehr ungern iiber diese Dinge, iiachdem wir ohnedies viel-
fach gegnerisch angefallen werden. Denken Sie, was die Leute sagen,
wenn sie horen, hier wird erklart, daB es Menschen gibt, die keine
Menschen sind. Aber es sind Tatsachen. Wir wiirden auch nicht sol-
chen Niedergang der Kultur haben, wenn ein starkes Gefuhl dafiir
vorhanden ware, daB manche Leute herumgehen, die gerade da-
durch, daB sie riicksichtslos sind, etwas werden, daB die keine Men-
schen sind, sondern Damonen in Menschengestalt.
Aber wir wollen das nicht in die Welt hinausposaunen. Die Gegner-
schaft ist so schon groB genug, Solche Dinge schockieren die Men-
schen furchtbar. Es hat einen furchtbaren Schock hervorgerufen, als
ich genotigt war zu sagen, daB ein ganz beruhmter Universitatspro-
fessor, der einen groBen Ruf hat, daB der, nach einem sehr kurzen
Leben zwischen Tod und neuer Geburt, ein wiederverkorperter
Neger war, ein Forscher.
Aber diese Dinge wollen wir nicht der Welt verkiinden.
Besprechung Dr. Steiners mit dem Verwaltungsrat,
Donnerstag, 5. Juli 1923
Dr. Steiner berichtet iiber das Gesprach mit den Schiilern der Klasse
9b: Es sind Prachtjungen! T. L. ist der Sprecher, auch K. F. Sie
halten sich nicht fur Engel, erkennen ihre Schandtaten an. Uniiber-
legter Ubermut. F. R. hatte den Aufsatz nicht schreiben konnen,
weil er nicht geniigend gewuBt hatte. Sie wollen kameradschaftlich
sein. Sie wollen nun fiir einen ordentlichen Ton sorgen.
In den Jungen steckt viel Vernunft, die nicht herausgeholt ist.
Konferenz vom Donnerstag 12. Juli 1923, 20 Uhr
Dr. Steiner: Als erstes mochte ich zuriickkommen auf die Ange-
legenheit der 9b; obwohl ich schon kurz dariiber gesprochen habe,
mochte ich noch einmal zuriickkommen, weil die Sache doch eine
prinzipielle Bedeutung hat. Zunachst mochte ich bemerken, daB es
durchaus so verlaufen ist, die Besprechung mit den Knaben, daB ich
nun heute sehr gerne horen wiirde, was das im Benehmen der jungen
Burschen fur eine Konsequenz gehabt hat. Aber gezeigt hat diese
Unterredung doch, daB eben vorhanden ist bei diesen Knaben das-
jenige, was zu erwarten ist fur dieses Lebensalter, ein sehr starkes
Entwickeln intellektueller Krafte. Diese intellektuellen Krafte kom-
men mit der Geschlechtsreife zum Vorschein. Bei Knaben gerade in
der Weise, daB vielfach im UnterbewuBtsein eine gewisse Sehnsucht
besteht, die Verstandeskraft an irgend etwas zu iiben. Nun ist es
natiirlich, daB die Jungen durch sich selbst nur darauf kommen
konnen, diese Verstandeskraft an riipelhaften Sachen zu iiben. Sol-
len sie das nicht tun, so miissen sie auf andere Dinge hingelenkt
werden. Bei diesen fiinf Jungen, am wenigsten bei K. F., ist ein Quell
von Intelligenz in iibersprudelnder Weise wirklich vorhanden, und
das will heraus.
Nun muB in diesem Alter in der Weise, wie ich es in einigen Vortra-
gen angedeutet habe, das in die ganze padagogisch-didaktische Tatig-
keit hiniibergeleitet werden. Die Jungen miissen dazu kommen,
Interesse zu fassen an etwas, an dem sie ihren Intellekt verbrauchen
konnen. Sonst bleibt er unverbraucht und lebt sich in solchen Din-
gen aus, wie er sich ausgelebt hat. Es ist vor alien Dingen darauf zu
sehen, daB man die Jungen mit etwas beschaftigt im Verlaufe des
Unterrichts, woran sie ihren Verstand geradezu so iiben konnen, daB
dieser Verstand in Spannung kommt und dann Losungen erlebt. Das
kann man in jeden Vortrag einflechten. Man kann die Fragen so
stellen, daB sie zu Spannungen fiihren, und Losungen erleben lassen.
Das bloBe Zuhoren ist gerade in diesem Lebensalter etwas, was in
nicht giinstiger Weise auf sie wirkt. Esistganz zweifellos, daB zuwei-
len zu stark in der 9b-Klasse auf das bloBe Zuhoren gerechnet wor-
den ist. Sobald die Jungen beschaftigt sind, sind sie ordentlich. Wenn
sie bloB zuhoren sollen, so erlahmt, weil ihr Verstand stagniert (?),
ihre innere Kraft.
Wohltuend konnte einem auffallen, daB sie nicht aus Frechheit, son-
dern aus richtiger menschlicher Haltung heraus nichts geleugnet
12. 7. 1923
73
haben. Noch mehr konnte auffallen, daB sie nichts beschonigt
haben, daB sie iiberzeugt waren davon, daB sie Nichtsnutzigkeiten
begangen haben, daB es unerhort ist, daB man so etwas nicht tut. Sie
zeigten eine wiirdige menschliche Haltung, indem sie zum Beispiel
sogar das lieferten, daft der T. L., der sich in selbstverstandlicher
Weise zum Sprecher gemacht hat, gleich seine Rede damit einleitete,
da/3 er sagte, er hatte kein Recht iiber die Sache zu sprechen, denn er
sei derjenige, der am allerunanstandigsten gewesen ware. Aberda es
so komme, wolle er sprechen. Er sprach sehr verniinftig. Es sind
eigentlich doch prachtige Jungens, auch der F. R. Und in bezugauf
Selbsterkenntnis konnte mancher Erwachsene von ihnen etwas ler-
nen. Sie beschonigten nichts. Sie waren davon iiberzeugt, daB es ein
groBes Unrecht war, daB sie die Klosetts beschrieben. Da ist etwas,
was sie aufstachelt. Alle anderen Klosetts sind angeschmiert, und da
war eins noch leer, und da sehen sie nicht ein, warum das nicht auch
verziert sein sollte. Wenn dieser Gedanke einer latenten Intelligenz
herauskommt, dann drangt diese latente Intelligenz das hervor, daB
sie leere Flachen beschmiert wie die anderen. Dann ist da eine
gewisse Stimmung, die nicht einmal eine nichtsnutzige Stimmung zu
nennen ist, die ist dadurch eingerissen.
Sie haben gesagt, unter den anderen Erlassen steht die Unterschrift
der Schulverwaltung. Nun haben sie da etwas aufgeschrieben und
haben gefunden, da muB auch diese Unterschrift stehen, weil sie
unter alien anderen Dingen steht. Aus all diesem sieht man, es ist sehr
stilvoll. In den Jungen lebt das wie eine Art Besessenheit. Sie haben
Katzenjammer dariiber. Das alles sind Stimmungen, auf die man
eingehen muB. Dazu braucht man Humor, sonst kriegen einen die
Jungen unter.
Nun, nicht wahr, ist die Sache so: die Jungen suchen die eigentliche
Ursache in der AuBerung eines Lehrers in der 9a-Klasse, daB die
9b-Klasse eine nichtsnutzige ist. Da sagten sie, wenn der herein-
kommt in unsere Klasse, wo er das noch gar nicht wissen konnte,
dann soli er auch wissen, wie das ist. — Das ist sehr intelligent. Sie
sind von einem gewissen Wahrheitsgefiihl erfiillt. Unintelligent sind
die Jungen nicht. Und wenn man die Intelligenz auf die richtigen
Bahnen leitet, ist es ganz zweifellos, daB man recht viel erreichen
kann. Sie sind eigentlich Prachtkerle. Ich muB doch immer sagen,
wer zu stark den Stab bricht dariiber, von dem meine ich, er muBte
etwas vergessen haben aus seiner Jugendzeit von funfzehn Jahren. Es
gibt verschiedene Nuancen, aber einige, wenn die Erinnerung wach
bleibt, werden doch da sein. Der einzige Unterschied ist der, daB vor
74
12. 7. 1923
einiger Zeit diese Dinge mehr geheim getrieben worden sind, daft die
jetzt an die Oberflache getragen werden.
Mir kommt es auf das Prinzipielle an, daft kein Segen zu erwarten ist,
wenn es nicht gelingt, die Intelligenz dieser Jungenzu verwenden in
der Fiihrung des Unterrichts selbst. Die Sache muft so gehandhabt
werden, daft das selbst in der Fiihrung des Unterrichts verwendet
wird. Sonst bleibt die Intelligenz unbeschaftigt, und die Jungen
konnen nicht ihre Intelligenz einspannen in dasjenige, wo sie hinein
soil, und treiben Unfug.
Ich habe den F. R. gefragt, wie er dazugekommen ist, in dem Aufsatz
diese Gesprache zwischen Raffael und Griinewald in das Hotel Mar-
quardt zu verlegen. Er sagte, er hatte weder iiber Raffael noch iiber
Griinewald etwas gewuftt. So hatte er es geschrieben. Da hat der T. L.
gesagt: Du hast schon nachher auch einiges Ordentliches geschrie-
ben.
Ich habe gesagt, sie sollen mir ein Beispiel sagen von dem, was sie
angeschrieben haben. Da sagten sie, das konnten sie vor einem
anstandigen Menschen nicht sagen. Sie sind auch schamhaft, halten
etwas auf guten Ton.
Nun mochte ich gerne horen, was sich seither zugetragen hat. Sie
haben mir versprochen, sie wollen sich gegen die Lehrer als anstan-
dige junge Manner und gegen die Damen chevaleresk benehmen.
Es wird berichtet iiber die seitherige Haltung der Klasse.
Dr. Steiner: Wir konnen den Kindern nicht Ratsel aufgeben. Das
habe ich mit den Dornacher Anthroposophen versucht. Man muft die
Intelligenz im Unterricht verwenden. In dieser Beziehung ist man-
ches notwendig, um den Unterricht wirklich gerade in diesem
Lebensalter auf das Denken der Kinder hin zu dirigieren und dann
anzuhalten darin.
Da ist es manchmal in den humanistischen Fachern eine Gefahr,
entweder den Unterricht zu unbearbeitet vorzubringen, zu sehr im
Stadium stecken zu lassen, wie man den Stoff hat, wie man ihn sich
selber angeeignet hat. Man muft ihn umarbeiten. Das ist die eine
Klippe.
Und die andere Klippe ist, daft man viel zu anthroposophisch wird,
wie Herr X. Ich war auf Nadeln gesessen, daft diese Besucher von
gestern zu sehr den Geschichtsunterricht ins Religiose umgesetzt
gefunden haben. Es laftt sich das nicht so machen, daft man den
Geschichtsunterricht zu sehr auf das Religiose hin orientiert. Dazu
ist der Religionsunterricht da. Es scheinen ganz wohlwollende Leute
12. 7. 1923
75
gewesen zu sein. Es konnte dennoch sein, wenn sie es bemerken,
daB gleich der Waldorfschule so ein Stempel aufgedriickt wiirde,
daB zuviel von Anthroposophie in den Unterrichtsinhalt hinein-
getragen wird.
Ich kam in eine Klasse hinein, beim Eurythmieunterricht, da hat
man ihr angesehen nicht nur, da/3 sie ordentlich waren, sondern
daB sie vorher ordentlich gewesen sind. So etwas von Musterhaf-
tem in einer Klasse kann man vor die ganze Welt hinstellen, wie die
Eurythmie war in der Klasse 9a. Man sah es der Klasse an, daB sie
vorher ordentlich war. Das kann man ihnen ansehen, ob sie damit
gerade in dem Moment anfangen, wo man hereinkommt. Das ist
eine Musterklasse gewesen.
Nicht wahr, was 8a und b betrifft, konnte ich nicht konstatieren,
daft es so furchtbar raffiniert unordentliche Kinder gewesen waren.
Bei dem B. B. ist es notwendig, daB man anfangt, an dasjenige zu
appellieren, fur das er zuganglich ist, an seinen Verstand. Er ist
nicht zuganglich, wenn man ihm etwas befiehlt; dagegen wenn
man ihm klarmacht, daB es ein Unsinn ist, was er tun will, so
macht er, was man von ihm verlangt. Wenn man es ihm erklart, wie
ich es neulich gemacht habe. Er hat in seinem Heft mit Bleistift
geschrieben. Nun hat es keinen Sinn, bei diesem Temperament zu
sagen: Du darfst nicht mit Bleistift schreiben. So kann man sicher
sein, daB man ihn verdirbt. Ich habe ihm gesagt: Du verschmierst
ja alles, das sieht greulich aus. — Kaum hatte ich den Riicken
gedreht, so hatte er sich seine Feder hergerichtet und hat mit der
Feder geschrieben. Es kommt auf die Weise an, wie man das
gebraucht. Man muB den Jungen treffen mit dem, was er versteht
und nicht versteht. Er ist ein Junge, den es stachelt; wenn es ihm
einfallt, so macht er eine Nase, aber er ist ein furchtbar gutmiitiger
Junge, dem man beibringen miiBte, daB das nicht schon aussieht.
Man miiBte es ihm im richtigen Momente beibringen, daB er sich
dadurch verhaBlicht. Wie man iiberhaupt in diesem Lebensalter
beachten muB: da hort dieses Befehle nehmen auf, die Autoritat
hort rasch auf, flaut ab, gerade wenn man vorher stark darauf ein-
gestellt war, und man bekommt die Opposition. Da muB man sehr
achtgeben. Ich wiirde es empfehlen, lesen Sie diese vier Vortrage,
die ich tiber das geschlechtsreife Alter gehalten habe, lesen Sie
diese Vortrage nach, dann werden Sie darin alles finden, was sol-
che Dinge vermeiden macht. — Ich hoffe, daB wir iiber dieses Prin-
zipielle weiterkommen.
76
12.7. 1923
X. berichtet eingehend iiber den Besuch Dr. Steiners mit drei Lehrern beim
Ministerium und iiber das, was man da erfahren hat wegen der Anforderungen
in den einzelnen Priifungsfachern.
Dr. Steiner: Es wird auch Freihandzeichnen gepriift. Das soil jetzt
Herr Wolffhiigel in der 12. Klasse machen. — Ich habe dem Herrn
dort gesagt, wenn wir geniigend weit sind und unseren Stundenplan
ausgebildet haben werden, werde ich versuchen, dasganze Freihand-
zeichnen zu entwickeln an Diirers Bild ,,Melancholie". Man hat darin
alle moglichen Schattierungen von hell und dunkel und kann das
auch in Farben umsetzen. Wenn man dieses ganze Bild zum Ver-
standnis bringt, so miissen die Schuler alles konnen.
Ich habe gefragt, um dadurch etwas festzustellen, abgesehen von der
Bedingung, daft der Betreffende achtzehn Jahre alt sein raufi, ob
einer, der sich ganz privat vorbereitet hat, der keine Schule hinter
sich hat, ob der auch zugelassen werden kann. Er sagt, er kann zuge-
lassen werden. Damit hat er bewiesen, daft wir nicht verpflichtet
sind, eine Unterstellung unter die offentliche Schulaufsicht anzu-
streben. Ich stellte diese Frage, um zu sehen, ob eine Moglichkeit
vorhanden ist, daft man uns zwingt, uns unter die Schulaufsicht zu
stellen. Das wurttembergische Schulgesetz ist, wenn man absieht von
dem, was sonst geschehen ist, eines der liberalsten. Es ist in keinem
deutschen Bundesstaat, auch nicht in der Schweiz, ein so liberales
Schulgesetz vorhanden. Die Dinge konnen sich andern in bezug auf
die letzte Klasse.
Nun jetzt, nachdem wir wissen, daft nur der Stoff derletzten Klasse
gepriift wird, wiirde es sich empfehlen, alles iibrige zu vollenden und
dann einzusetzen mit dem, was die Leute dort haben wollen.
Ein biftchen vollenden mtiftte man schon Chemie. Man miiftte ver-
suchen, zu etwas iiberzugehen, was Gegenstand der Matura ist. In der
Formationslehre ist wenig durchgenommen worden. Dieses eignen
sich die Kinder langsam an. Wenigstens konnte man vor den Ferien
eine Art Verstandnis erwecken fur das geologische Denken, fur das,
was Formationen sind, wie Gesteinsartiges darinnen ist und Ver-
steinerungen. Eine Art Schema konnte man schon vor den Ferien
durchnehmen, damit die Kinder nachher Einzelheiten noch lernen
miiftten. Wir werden einschranken miissen. Technologie und Euryth-
mie werden weggenommen vor Ende Februar, auch Religions-
unterricht.
Sie konnen Teile an X. (einen neuberufenen Lehrer) abgeben. Ich
habe X. berufen, daft er im Lehrerkollegium eine Stiitze finde. Wenn
er verbummelt, werde ich das Lehrerkollegium verantwortlich
12. 7. 1923
77
mac hen. Er ist so begabt, daB man ihm dies iibergeben kann, daB er es
kann, wenn er will. Das ganze Lehrerkollegium ist verpflichtet, sich
um ihn zu kiimmern. Vorlaufig miissen Sie versuchen, die Chemie
zum AbschluB zu bringen. Vor den Ferien eine Ubersicht iiber die
Formationslehre bis zur Eiszeit, nachher miiBte man den Begriff von
Alkohol beibringen, von der Funktion des Alkohols, Begriff von
Ather, die Funktionen der atherischen Ole, das Wesen der organi-
schen Gifte, der Alkaloide, noch einen Begriff von Zyanverbindun-
gen im Gegensatz zu den Kohlen-Wasserstoffverbindungen. Die
qualitativen Zusammenhange braucht man. Man kann es ganz aus
den qualitativen Zusammenhangen heraus verstehen.
Wenn wir iiber die Geologie sprechen wiirden, wiirde ich empfehlen,
riickwarts zu gehen, von der Gegenwart, vom Alluvium, zum Dilu-
vium, dann die Eiszeit zu besprechen, einen Begriff hervorzurufen
von dem Zusammenhang solcher Erscheinungen wie die Eiszeit mit
dem AuBertellurischen, schon mit der Veranderung der Erdachse,
ohne Festlegung auf bestimmte Hypothesen. Dann von da aus
zuruckgehen durch die Tertiarperiode. Den Kindern klarmachen,
wann die zweite Saugetierwelt, die erste Saugetierwelt herauf-
kommt. Wenn man ins Karbon zuruckkommt, kann man dann ein-
fach die Wendung nehmen. Idealiter ware es so, daB man so den
Ubergang nimmt: In den spateren Formationen, da hat man abge-
sondert das Miner alisierte, das vegetabilisch Versteinerte und das
animalisch Versteinerte. Nun kommen wir ins Karbon zuriick. Da
hort das, was animalisch versteinert werden kann, auf. Wir haben nur
noch versteinert Vegetabilisches. Das ganze Karbon ist Pflanze. Da
hort der Unterschied auf; es gibt nichts anderes mehr als Pflanze.
Dann kommt man noch weiter zuriick und hat also ein vollstandig
Undifferenziertes. Diese Dinge.
Vielleicht konnte doch einmal der Vortrag hervorgeholt werden; ich
habe einmal die Geologie unseren Arbeitern klargemacht, wo ich die
Dinge lebendig erzahlt habe. Da habe ich in zwei Stunden alles aus
der Geologie vorgebracht. Die zwei Vortrage waren schon wichtig.
Das konnte man gleich machen, daB die zwei Vortrage herausgesucht
werden.
Die Formen waren friiher eigentlich nur Atherformen. Nicht wahr,
die Karbonformation, die ist so vorzustellen, daB dazumal uberhaupt
die Individualisierung in einzelne Pflanzen nicht so stark war, wie
man es sich vorstellt. Heute stellen sich die Leute vor, es waren
Fame. Es war vielmehr ein undifferenzierter Brei, der sich petrifi-
zierte. Und in diesem Brei war fortwahrend das Atherische tatig,
78
12. 7. 1923
hatte Sekretionen (?), die dann herunterfielen, und die eigentlich
organische Masse im Status nascendi war, die sich gleich petrifiziert
hat.
Bei dieser Gelegenheit mochte ich, wenn auch mit einigem Vor-
behalt die Einteilung geben, die auch dabei als Leitmotiv dienen
konnte. Man miiftte, aber mit Vorbehalt, eigentlich die gesamte
Zoologie so behandeln, daft man drei Gruppen zu je vier Unterabtei-
lungen, was zwolf Gesamtabteilungen ergibt, als Tierartklassen oder
Typen anfiihrt. Da ware die
Erste Haup tgruppe :
1. Protisten, ganz undifferenzierte Infusorien, Protozoen
2. Schwamme, Korallen, Anemonen; dann
3. Echinodermen, von den Haarsternen bis zu den Seeigeln; dann
4. Manteltiere, wo also nicht mehr eine so ordentliche auftere
Schalenbildung vorhanden ist, wo die Schalenbildung schon
zuriickgeht
Zweite Hauptgruppe :
5. Weichtiere
6. Wiirmer
7. Gliedertiere
8. Fische
Dritte Hauptgruppe:
9. Amphibien
10. Reptilien
11. Vogel
12. Sauger.
Bei der Tierkreiszuteilung, da mtiftten Sie beginnen mit den Saugern
und die an den Lowen stellen; Vogel Jungfrau; Reptilien Waage;
Amphibien Skorpion; Fische Schiitze; Gliedertiere Steinbock;
Wiirmer Wassermann. Dann geht es nach der anderen Seite weiter. Da
bekommen Sie Protisten beim Krebs; Korallen Zwillinge; Stier
Echinodermen; Manteltiere Widder; Weichtiere Fische. Sie miissen
bedenken, daft der Tierkreis zu einer Zeit entstanden ist, wo ganz
andere Benennungen und Zusammenfassungen waren. In der hebrai-
schen Sprache kommt ,,Fisch" nicht vor, so daft es ganz begriindet
ist, daft Sie im Schopfungswerk die Fische auch nicht erwahnt fin-
den, weil die hebraische Sprache gar keinen Ausdruck fiir Fische hat.
12. 7. 1923
79
Sie galten als Vogel, die im Wasser leben. - So teilen sie sich im
Tierkreis auf, und namentlich zu sieben und fiinf, dem Tag und der
Nacht zu.
Darin liegt auch das, was der Dreigliederung des Menschen ent-
spricht.
Die erste Gruppe sind die Kopftiere: Protisten, Schwamme, Echi-
nodermen, Manteltiere.
Die zweite Gruppe sind die rhythmischen Tiere: Weichtiere, Wur-
mer, Gliedertiere, Fische. Das ist der mittlere Mensch und der Kopf.
Die dritte Gruppe sind die Gliedmaften tiere, wobei aber immer das
andere dazutritt. Also Gliedmaflen und Rhythmisches und Kopf; die
Dreigliederung anstrebend, aber noch nicht ausfuhrend.
Wenn man es als ausgebreiteten Menschen nehmen will, wiirde der
Kopf entsprechen der ersten Gruppe, der rhythmische Mensch der
zweiten Gruppe, der Gliedmaftenmensch der dritten Gruppe.
Geologisch genommen geht es vom Kopf aus. Sie miissen die geolo-
gischen Formationen auch durch die zwolf Reihen verfolgen, miissen
anfangen mit der ersten Gruppe, durch die zweite Gruppe zur dritten
Gruppe. Mit den Formationen mufi man es komplettieren. Da rei-
chen die Infusorien zuriick, als die erste Gruppe. Die Formen der
ersten Gruppe, die jetzt vorkommen, sind dekadente Formen von
den atherischen Formen der Vorzeit. Halbdekadente Formen sind
die zweite Gruppe. Eigentlich gehoren hierher nur ihre nichtdeka-
denten Vorfahren. Nicht dekadente, eigentlich primare Formen sind
erst die dritte Gruppe. Deshalb bildet das schon einen Anhaltspunkt
fur die Formationenlehre.
Mit der Tiergeographie handelt es sich darum, daB man aufsucht den
Tierkreis und mit Beriicksichtigung dessen, was jetzt gesagt worden
ist; daft man von der Projektion des Tierkreises auf der Erde ausgeht,
und dann die Ausstrahlungsbezirke der Tiergruppen auf der Erde
findet. Sie haben doch Globen, wo der Tierkreis darauf ist auf der
Erde. Wasgebraucht wird, ist schon da.
Von vulkanischen Formationen kann man nicht sprechen, sondern
von vulkanischer Tatigkeit, die die geologischen Formationen durch-
kreuzt.
Man muB auch versuchen, die Pflanzen in zwolf Gruppen zu bringen;
das werde ich auch noch machen.
80
12. 7. 1923
Dr. Steiner: Sie haben deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts
gelesen. Man miiftte natiirlich versuchen, diesen Schiilern Proben zu
bringen. Tieck, ,,Phantasus", kleine Stiicke von Zacharias Werner,
,, Sonne des Tales". Lyrik: Wilhelm Miiller; Novalis; Immermann,
Eichendorff; Uhland, auch kleine Proben von Herzog Ernst; Lenau;
Gustav Schwab; Justinus Kerner; Geibel; Greif; Heine, nur Anstan-
diges; Hebbel; OttoLudwig, etwas; Morike. Das ware so ungefahr,
was man braucht. Kleist; Holderlin. Dagegen wiirde ich empfehlen,
sonst im Lehrplan der anderen Klassen Lessing zu pflegen, Herder
und Klopstock. Logau, bessere Sinnspriiche sind spater gar nicht
geschrieben worden, Logau ist ein feiner Sinnspruchemacher. Gott-
fried Keller; Grillparzer. Von den Dichtern, die ich angefiihrt habe,
nur lyrische Proben. Man muft etwas von Gottfried Keller lesen, den
,,Griinen Heinrich" erzahlen. Richard Wagner.
Das war fur die Maturavorbereitung angegeben.
Dr. Steiner: Ich wollte diese Zoologische Einteilung und den Lehr-
plan besprechen.
Nun mochte ich bitten, was sonst noch zu besprechen ist.
X. : Was soil man den Schiilern iiber die Priifung sagen?
Dr. Steiner: Man braucht den Schiilern nur zu sagen, wir sind voll-
standig informiert. Es ist ein inneres Grundgesetz der Padagogik, daft
diejenigen, die erzogen und unterrichtet werden, nicht die Geheim-
kunst des Erziehens kennenlernen und mitdiskutieren. Das ist bei
uns als eine Art Unsitte eingerissen und muft schnellstens abgeschafft
werden. Das ist etwas, was nicht geht. Die Auffassung, die allmahlich
entsteht, daft man in bezug auf die Lebensalter keinen Unterschied
macht, die fiihrt dazu, daft die Kinder iiber die Handhabung der
Methode selber nachdenken.
Diese Aufterlichkeit kann man ihnen sagen: Ihr miiftt achtzehn Jahre
alt sein; ihr braucht ein Zeugnis. Dann sagt man ihnen, daft wir sehr
gut informiert sind, daft, wenn sie fleiftig sind, sie das Abitur beste-
hen werden. Was konnen wir sonst tun? Die aufteren Dinge schon.
Bei den Kindern ist es nicht gut, wenn man sie an Konferenzen
gewohnt. Die Kinder sollen das Gefuhl kriegen, die Lehrer machen
schon das Richtige. Sie fiirchten, daft ihnen viel Interessantes ver-
lorengeht.
Es war wegen Hitze viel Unterricht ausgefallen.
Dr. Steiner: Das sind elementare Ereignisse. Der Winter wird schon
wieder kalt sein.
12. 7. 1923
81
(Zum Lehrer der 8. Klasse:) Die Kinder miissen das BewuBtsein
haben, wenn Sie sich mit einem oder zweien beschaftigen, daB sie
auch gefragt werden konnen. Die Kinder miissen sich interessieren
fur die Beschaftigung mit dem Einzelnen. Es sollte eigentlich im
Grunde genommen, wenn es nicht ein Ausarbeiten von Rechnungen
ist, wenn horbar lauter Unterricht ist, nicht etwas vorkommen, was
nur fur den Einzelnen von Interesse ist, sondern fur alle. Sie sollen in
der Erwartungleben, daB sie aufgerufen werden konnen. Machen Sie
es nur so, daB Sie unmittelbar fortsetzen lassen den anderen, der
unaufmerksam ist. Dann kriegen sie das Gefuhl, jeder kann in jedem
Moment einen Satz fortsetzen miissen.
Wenn man das Durchgenommene wieder abfragt, muB es in anderer
Form abgefragt werden. Das miissen Sie so einrichten konnen, daB
die Kinder Antworten geben. Man kriegt es allmahlich als eine Praxis
heraus. Man muB nur lebhaft sein in den Dingen. Man muB von
einem Schiiler zum anderen hiniiberspringen, so daB die Kinder den
ProzeB wahrnehmen des Uberspringens. Sie haben doch jetzt schon
den Kontakt mit den Schiilern, den Sie vor Jahren gar nicht gehabt
haben. Dagegen wiirde ich meinen, daB viel zu viel das geschieht,
was man Aufzeigen nennt. Es kommt eine furchtbare Unruhe
hinein dadurch, daB in manchen Klassen ewig aufgezeigt wird. Das
sollte zuriicktreten. Es sollte sich darauf beschranken, daB der
Lehrer mehr aufruft, daB er auswahlt diejenigen, die antworten
sollen.
Die eine Frage ist mir auf dem Herzen liegend. Das ist die Frage,
wie man diese Sache losen soli mit den Heften, wenn mit Farben
gemalt wird, wahrend man mit Farben nur aufgespanntes Zeichen-
papier bemalen soil. Es ist schon so, daB eine groBe Schlamperei
entwickelt wird. Zeichenbretter, das ist nicht zu erreichen, weil es
viel zu teuer ist. Es kann schon ein glattgehobeltes Brett sein.
Konnte das nicht mit dem Handwerksunterricht verbunden wer-
den, daB solche Bretter gemacht werden, auf die man aufspannen
kann? Diese Methode, im gewohnlichen Heft die Kinder malen zu
lassen, bewahrt sich nicht. Sobald man mit den Farben anfangt,
miiBte man auch mit dem Aufspannen anfangen.
Bei der Ch. O. in der 1. Klasse ist etwas bedrohlich. Es weist dar-
auf hin, daB das Kind unterernahrt ist und bald zersetztes Blut
haben wird. Wenn man die Klassen durchgeht und die Kinder
sieht, es ist schrecklich. Man miiBte die Kinder feststellen, die an
der Grenze sind. Es kommt nicht auf viel oder wenig essen an, son-
dern daB die Kinder ordentlich verdauen konnen.
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Auf die zahlreichen Psychopathenkinder mufi man achtgeben. Der
St. B. in der 1. Klasse sieht astrale Fliegen. Der miifite auch etwas
behandelt werden. Der ganze Astralleib ist in Unordnung, Eine
starke Asymmetrie des Astralleibes nach alien Seiten. Man miifite
versuchen, ihn solche Ubungen machen zu lassen, heileurythmisch,
wobei er die Hande auf den Riicken machen mufi. Ubungen, die
man sonst nach vorne macht, nach riickwarts machen.
Konferenz vom Dienstag 31. Juli 1923
Dr. Steiner: Ich bedaure es sehr, dafi ich nicht habe beim Schul-
schlufi da sein konnen. Es ging nicht, und ich habe gedacht, dafi wir
uns bei einer solchen Gelegenheit noch sehen werden. Nun haben Sie
mir gesagt, dafi Sie heute von sich aus notwendige Dinge zu bespre-
chen hatten. Das, bitte ich, wollen wir beginnen.
Es wird ein Brief von dem Vater des F. R. vorgelesen. Der Junge hat sechzehn
silberne Loffel gestohlen. Der Vater will ihn zuhause behalten.
Dr. Steiner: Diese Loffelgeschichte ist schon alt. Das Verhaltnis zum
Vater ist nie anders gewesen, als es jetzt ist. Der Vater mag ihn ja
herausnehmen, wenn er will. Wir mussen sehen, dafi wir mit dem
Jungen fertig werden. Heraussetzen konnen wir ihn sicher nicht.
Nicht wahr, der Junge braucht in dieser Zeit ein wenig moralischen
Halt. Man mufi ihm moralischen Halt gewahren. Er ist auch erst in
der 9. Klasse, und in dieser Klasse brauchen die Kinder moralischen
Halt. Sie mussen einen gewissen Hang zur Lehrerschaft haben. Sie
mussen die Lehrerschaft lieben. Ich glaube, es ist der Kontakt mit
dieser ganzen 9. Klasse verloren worden. Die Jungen sehen sofort
ein, dafi das furchtbar unrecht ist. Ich glaube, gerade diese Dieb-
stahlsgeschichte hat ein furchtbares Reuegefiihl ausgelost in F. R. Da
miifite man ihm zu Hilfe kommen in solch einer Sache. Wir konnen
unter keiner Bedingung diesen Jungen herausnehmen lassen. Wir
konnen nichts beitragen dazu, daft der Junge von der Schule weg-
kommt. Wir mussen mit ihm fertig werden.
Ist bei dem G. T. nicht ein bifichen die Sucht, sich anzumeiern? Er
scheint den angenehmen Buben zu spielen.
Man mufi sich vor subjektiven Ausdriicken hiiten. Wiirde dieser Aus-
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druck gebraucht sein, so wiirde das eine subjektive Bezeichnung sein.
Selbst wenn die Jungen das Allerschlimmste ausfressen, mufi man
stets die Tat treffen, niemals die Personlichkeit. Sobald man die
Jungen schimpft, ist nicht mehr zurechtzukommen.
Nicht wahr, der alte R. ist ein Mensch, der sich gar nicht vor seinem
Jahzorn zu halten weift, der den Jungen so behandelt, daft es fast
begreiflich erscheint, daft der Junge zu solchen Ausschreitungen
kommt. Wo solche hauslichen Verhaltnisse vorliegen, da kann man
den Jungen nur bedauern.
Es mufi mehr Kontakt mit den Schiilern gefunden werden in den
oberen Klassen. Diese Schuler vertragen es noch nicht in diesem
Alter, daft sie ohne personliches Interesse den ganzen Vormittag
durch gefiihrt werden. Sie wollen, daft man sich fur sie personlich
interessiert. Sie wollen, daft man sie kennt, daft man eingeht auf sie.
Das wollen sie. Es ist halt doch eben in diesen Klassen noch Schule,
nicht Kolleg. Es ist zu stark Kolleg, Seminar, und nicht eigentlich
Schule. Sie wollen Kontakt mit dem Lehrer.
Ich sagte Ihnen schon, es waren fiinf. Diese fiinf sind keine Jungen,
die man auf die Strafte werfen kann. Wenn man diese Jungen auf die
Strafte wirft, dann geht der Menschheit etwas verloren, was man
nicht verlorengehen zu lassen braucht. Man kann es nicht verloren-
gehen lassen. Der F. R. ist nicht so begabt, aber T. L. ist begabt.
Der Vater mag machen, was er will; wir konnen uns nur Miihe geben.
Es ist verriickt zu sagen, man will ihn an den Schraubstock bringen.
Der Vater kann seine Kiinste anwenden wahrend der Ferien. Ich
glaube, es muft gesucht werden, mehr personliches Verhaltnis zu
bekommen zu den Schiilern der oberen Klassen. Bei den oberen
Klassen ist es dringend notwendig, daft man mehr personliches Ver-
haltnis gewinnt.
Ein Lehrer der 9. Klasse sagt, dafi er bei dem friiheren Klassenlehrer dieser
Klasse hospitieren will.
Dr. Steiner: Vom Zuhoren konnen Sie interessante Apercus
machen. Aber furchtbar viel hangt davon ab, gar keine Schwierig-
keiten zu haben, wenn man vor der Klasse steht, mit dem Stoff. In
der Freizeit vor allem den Stoff totaliter verarbeitet zu haben, so daft
der Stoff keine Rolle mehr spielt, daft man alles in die Methode
hineinlegen kann, die sich ganz von selbst ergibt. Es ist diese Diszi-
plinfrage in erster Linie eine Frage der guten, methodischen Vor-
bereitung. Das ist es in alien Gegenstanden und in alien Klassen. Es
ist eine Frage der Vorbereitung. Es ist vielleicht schon dies als Grund-
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frage zu beriicksichtigen, ob denn keine Zeit ist zur Vorbereitung. Es
mag sein, daB mir viele sagen, es ist zur richtigen Vorbereitung keine
Zeit, aber daran liegt es. Es konnte eingesehen werden, daB die Wal-
dorfschule das notwendig macht, griindliche Vorbereitung, daB man
mit dem Stoff keine Schwierigkeiten mehr hat, wenn man vor der
Klasse steht. Das merken die Schuler sehr bald undfiihlen sich dann
enthoben der Autoritat. Dann fangt es an.
Ich kann mir nichts anderes denken, als daB alle diese fiinf Jungen
ganz ordentliche Jungen sind. Der F. R. ist ein Schwachling. Er ist
darauf angewiesen, von seiner Umgebung so behandelt zu werden,
daB er das Gefuhl hat, man meint es ehrlich mit ihm. Dieses Gefuhl
hat er seinem Vater gegeniiber nicht. Fortwahrend ist sein unter-
bewuBtes Inneres auf dem Auslug: geht es mir in der Schule auch so
wie zuhause? Er will Verstandnis finden. Aber er findet, daB er ohne
Verstandnis behandelt wird. Der Vater weiB es nicht, daB er jah-
zornig ist. Es hangt alles davon ab, daB die Jungen fur den Inhalt des
Schulunterrichts sich interessieren. Da geben alle acht in der
Algebra. Sie sind nicht schlimm gewesen. Ich habe oft beobachtet,
wie Sie ganz gut mit ihnen fertig geworden sind.
Das ist ein Unfug, daB der Vater diesen Brief geschrieben hat. Das tut
er, nachdem ich ihm gesagt habe, die Grundbedingung fur dieDieb-
stahlsangelegenheit ist dies, daft kein Mensch dariiber redet, zu nie-
mand, und wir miissen dem Jungen beibringen, daft er zu niemandem
dariiber redet. Und nun macht es der Vater hinterher doch. Der Alte
ist viel ungezogener als der Junge. Es ist furchtbar schwer. Der Junge
liigt einen nicht an, auch wenn er Schandlichkeiten zu gestehen hat;
der Alte liigt aber fortwahrend. Es ist eben so: der Junge weiB, daB
der Vater liigt, wenn er den Mund aufmacht. Der Junge weiB das aus
seiner Erfahrung. Das giinstigste ware gewesen, wenn die Jungen
gesehen hatten, daB man soviel Abscheu vor der Tat, aber Mitleid vor
ihrem moralischen Schicksal hat, daB man die Sache zudecken will;
wahrend die Jungen nur verlieren, wenn man es an die groBe Glocke
hangt. Es ware schon schon, wenn der F. R. von den Eltern weg-
gebracht werden konnte.
Es erwachsen allerlei Aufgaben. Ich habe selbst einen Schuler anzu-
melden, den S. T. Er ist sechzehnjahrig, wxrd in die 9. Klasse zu
kommen haben. Also der Junge ist am besten beschlagen in der
Philosophic, kennt Plato, kennt Kant, kennt die ,, Philosophic der
Freiheit", ist ein guter Mathematiker, schlechter Lateiner, schlecht
in Deutsch, schlecht in der Geschichte, mittelmaBig schlecht in der
Geographie und Naturgeschichte, und ganz abscheulich schlecht im
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Zeichnen. Das ist alles zu beriicksichtigen. Aber man kann ihn nicht
in die 8. geben. Er hat die 9. Klasse eines Realgymnasiums hinter
sich. Er ware auch zu alt. — Da handelt es sich darum, dafi eine
Pension gesucht wird. Man miifite sehen, daft man eine ausfindig
macht. Eine Lehrerpension ist nicht da, also mufi man versuchen, ob
er nicht in einer anderen Weise versorgt werden kann.
Eine Lehrerin sagt, in der 8. Klasse sei immer ein schrecklicher Larm. Sie will
zwei Schiiler extra nehmen oder die Klasse teilen.
Dr. Steiner: Extra nehmen ist keine besondere Methode. Man mufi
versuchen zu verhindern, daft er hinauslauft. Man kann ihnen schon
nachhelfen. Extra zu nehmen, das nicht; wenn es moglich ist, die
Klasse zu teilen, das schon. Die Klasse ist fur diese Verhaltnisse zu
grofi. Wenn Sie ihnen Nachhilfestunden geben, das wiirde ganz gut
gehen. Nur nicht einzelne herausnehmen, und sie nicht in der Klasse
haben. Das wird immer vorkommen, da/3 man schwierig zu behan-
delnde Schiiler hat. In den gewohnlichen Schulen hat man solche
Schiiler nicht. Bei uns miissen sie mit hinaufgehen. Aber ich glaube
doch, es geht, wenn man mit ihnen befreundet wird.
Es wird gefragt wegen des B. B. in der 8. Klasse.
Dr. Steiner: Man hat in der Menschheit auch solche Leute, und man
hat die Aufgabe, sich ihrer nicht zu entledigen, sondern sie wirklich
auch zu behandeln. Ich glaube, wir diirfen gar nicht darauf Einflufi
nehmen. Was die Mutter tun will, ist eine andere Sache. Wir diirfen
nicht, weil wir finden, daft Schwierigkeiten vorliegen, irgendeinen
Schiiler aus der Schule weggeben. Er mufi interessiert werden. Es ist
mit ihm fertig zu werden, wenn man ihm mit Griinden beikommt.
Der B. hat behauptet, er hatte nichts von den Pflaumen genommen.
Herr S. hat ihn gefragt, waren sie reif oder unreif? Er hat gesagt,
Herr S. ist doch sehr schlau. Er gibt sich als tiberwunden an.
Man mufi ihm mit Griinden kommen. Das veranlafit ihn dann, dafi er
in sich geht, wahrend sonst — bitte, nageln Sie eine Kiste zu mit
einem Hammer, der fortwahrend vom Stiel abfallt, so ist es mit
seinen Gedanken. Zwischen den Partien seines Gehirns liegen Fett-
klumpen. Er bringt seine Gehirnpartien nicht zusammen, es liegen
Fettklumpen dazwischen. Wenn man ihn stark zum Nachdenken
anregt, dann geht er in sich. Da durchdringt er das Fett. Ich bin
uberzeugt davon, er ist gutmiitig, man wird fertig mit ihm.
Man mufi sich Miihe geben, ihn zu iiberfuhren. Nun haben Sie wieder
fiinf Wochen Zeit. Schlaue kann man sich aneignen.
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Brennesselbader werden ihm niitzen. Etwas niitzen wird, wenn man
Zitronensaft in die Bader hineintut, und jedenfalls bittere Stoffe,
bittere Pflanzen, ich will sagen Sauerkraut. Wenn es geht, eine
Mischung von alien dreien. Suftholz nicht. Dreimal die Woche, nicht
zu warm. Mit Mehlspeisen maftig sein. Wenn er Brot iftt, versuchen
Sie es ihm zu rosten, daft moglichst wenig Wasser darin ist. Er hat
eben Neigung zur innerlichen Fettbildung, die muft erst fort. Er ist
auch faul. Man kann die ganz regularen Heileurythmie-Ubungen mit
ihm machen fur Fett. Bohnenkaffee kann ihm gut bekommen.
X..* Wie kann man sich Schlauheit aneignen?
Dr. Sterner: Haben Sie das ,,Goetheanum" gelesen mit den Ratseln
von Brentano? Ich rate Ihnen, schaffen Sie das Buch an und losen
Sie alle die Ratsel. Ich meine es im Ernst. Ich habe die vier schwer-
sten ausgesucht. Das ware in bezug auf B. und Schlauheit.
X.: Der Bund entschiedener Schulreformer hat zur Teilnahme an einer Pad-
agogischen Veranstaltung eingeladen.
Dr. Steiner: Es handelt sich darum, ob man Neigung hat, da hin-
zugehen und dort zu reden. Es ist sinnlos. Wer einen solchen Brief
schreibt, ist nicht zum Schulreformer geboren, am wenigsten zum
entschiedenen. Es ist der absolute Wahnsinn. Auf der anderen Seite
kann man den Standpunkt annehmen, daft man irgend redet von den
Dingen. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, daft man mog-
lichst viel dariiber redet. Hier kann jemand, der das nicht scheut,
hingehen und reden und die Dinge vertreten. Sinn hat es keinen. Wer
einen solchen Brief schreibt, der ist nicht berufen. Es ist ein Getue.
Das sieht man dem Brief gleich an.
Es wird gefragt wegen Beteiligung an der Kunsterziehungs-Tagung in Stuttgart.
Dr. Steiner: Sinn haben nur die Dinge , die wir mit volliger Beherrschung
der Initiative von uns aus machen. Dieses Mittun hat nur dann einen
Sinn, wenn man den Gesichtspunkt befolgt, man will an einer Stelle
von der Sache reden. Eskann trotzdem jemand aufmerksam werden
auf die Waldorfschul-Methode in jeder Art von Gemeinschaft. Natiir-
lich mussen es solche Leute sein, wo eine Aussicht ist, daft man etwas
Verniinftiges erreichen kann, wie die englischen Veranstaltungen
sind; liber die muft man anders denken. Aber dieses Zeug hier, was
bloft Pflanzreifterei ist, das muft man so behandeln, daft man sich
nichts davon verspricht. Wenn Sie nicht besondere Lust haben hhv
zugehen, dann schreiben Sie, wir sind in der nachsten Zeit mit dem
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Ausbau der Waldorfschule und ihrer Methoden so beschaftigt, daft
wir uns ganz dem widmen miissen. Das wird mehr niitzen als diese
Ausstellung. Wir miissen sehr darauf sehen, daft wir uns das Interesse,
das die Leute haben, auch anschauen. Sonst bringen wir die Waldorf-
schule herunter. Wir konnen ihm ganz gut diese Auskunft geben, dafi
wir keine Zeit haben, weil wir die Methode selbst ausbauen miissen.
Bloft die Malereien der Kinder ausstellen, halten wir fur unpadago-
gisch.
Wir konnen heute nicht ganz prinzipielle Fragen besprechen. Viel-
leicht sind noch Bediirfnisse beziiglich des Inhaltes der Klassen oder
der Behandlungsmethode.
Es wird gefragt nach dem Lehrplan der 11. Klasse in Algebra.
Dr. Steiner: Ich habe die Sache so angegeben, daft ich gesagt habe, es
sollte der Stoff soweit behandelt werden, daft man kommt bis zum
Verstandnis des Carnotschen Lehrsatzes und seiner Anwendungen.
Damit ist der ganze Lehrplan gekennzeichnet. Da ist viel Algebra
darin. Da hat man notwendig viel Algebra, Reihenlehre, Funktionen
und so weiter. Es kann schon bei diesem Lehrplan bleiben. Daft man
ihnen Aufgaben geben kann, bei deren Losung sie den Carnotschen
Lehrsatz nach alien Seiten beherrschen miissen.
(Uber den neuangestellten LehrerX.:) Bei X. kommt dies in Be-
tracht, daft ich das Lehrerkollegium fur seine Erziehung als Mensch
verantwortlich mache. Man muft dafiir sorgen, daft er nicht ausartet.
Ein Religionslehrer: Was soli ich als Beispiele fiir Volkerreligionen nehmen?
Dr. Steiner: Altes Testament; die Hebraer.
Es wird gefragt nach dem Kunstunterricht. Goethesche Lyrik in der
10. Klasse. Tropenlehre.
Dr. Steiner: Es ist ein Stoff, der eigentlich fast die Klasse ausfullt.
Man kann naturlich die Tropen- und Figurenlehre nehmen. Man
kann den Kindern eine Empfindung beibringen fiir die poetischen
Formen. Man darf nicht sagen, daft Goethe erst von einem
bestimmten Lebensalter es gekonnt hat; daft er erst mit vierzig J ah-
ren eine Stanze machen konnte, sonst denkt der Schiiler: Na, was
soli ich denn machen, wenn der Goethe erst mit vierzig Jahren . . .
Auf solche Dinge, die Reaktionen hervorrufen — es stoftt auf — , da
muft man aufpassen wie ein Heftelmacher. Man kann es gut behan-
deln. Fiir den Kunstunterricht ist der Stoff der Anlaft. Man kann sich
ganz nach dem richten, was die Schiiler verstehen.
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Eine Frage nach Kaiser Heinrich II., dem Heiligen.
Dr. Steiner: Ich habe gesagt, es war sein Wille, zu begriinden eine
,,ecclesia catholica, non romana". Dasist eine bekannte Geschichte.
Ganz sicher finden Sie das uberall, wo Heinrich II. dargestellt wird.
Lamprecht ist kein Historiker, er ist Dilettant. Er ist interessant,
symptomatisch fur die Entwickelung der Geschichtswissenschaft.
Sie miissen irgendein Quellenwerk sich aufsuchen uber Heinrich II.
Es ist iiberliefert. Es ist nicht ein Wahlspruch, sondern das, was er
gefuhlt hat. Das Brevier hat Heinrich II. eingefuhrt als Heiligen. In
diesem Zusammenhang kann man immer sagen: dazumal war es
moglich, dafi einer ins Brevier kam, der nur eine katholische, nicht
eine romisch-katholische Kirche wollte.
Es ist bei Lamprecht eher kokett, kein urspriingliches Empfinden. Er
spricht auch so selbstgefallig.
X.: Was bedeuten in Wolframs Parzival die Worte „lapsit exillis" als Name fur
den Gral?
Dr. Steiner: Das ist noch nicht erforscht worden.
X..- . . .
Dr. Steiner: Die Hauptsache ist, daft Sie sich erholen. Frisch werden!
Dafl der Enthusiasmus erbluht wahrend der Ferien, daft die Bliite zur
Frucht geworden ist, wenn Sie wieder anfangen, auch da, wo die
Klassen nicht ganz gut sind. Jetzt freuen sich die Schiiler doch schon,
dafi sie Sie wieder haben werden.
Ja, die Verhaltnisse in Deutschland werden jetzt immer triiber und
trtiber. Es kommt das vollstandige Chaos.
Die Oxforder Vortrage sollen erscheinen. — Es kommt eines in
Betracht. Heute morgen sagte mir Leinhas aus seinem Apercu her-
aus: Schliefilich haben doch so viele Leute so reichlich Stoff und
schreiben nicht! Warum schreiben die nicht? Selbst das ,,Goethea-
num" wird nach und nach an Stoffmangel leiden.
Es wird gefragt nach der Art der Bearbeitung der padagogischen Vortrage fur
die Veroffentlichung.
Dr. Steiner: Auch das Padagogische miifite doch in so selbstandiger
Weise, wie Steffen meine Vortrage wiedergibt, erscheinen konnen,
bearbeitet von denen, die in den Dingen darinnenstehen. Individuell,
personlich verarbeitet das aussprechen, was man zu sagen hat. Gel-
tend machen und ausfiihren die Dinge, die man als Spezialgebiet der
Waldorfschule als ideale hat, so daft ein lebendiges Reden von den
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padagogischen Prinzipien der Waldorfschule auftritt. Uber den
Kunstunterricht konnten so schone Aufsatze geschrieben werden.
Das ,,Goetheanum" braucht auch wirkliche Aufsatze. Es miiftte
sozusagen ein Furor entstehen, selbstandige Leistungen geben zu
wollen. Wenn es auch nur selbstandige Wiirdigungen von dem und
jenem Angeschlagenen sind, aber sich exponieren!
Woher kommen die unbrauchbaren Manuskripte? Auch aus der
Gesellschaft? Ja, manchmal sind ja auch unbrauchbare abgedruckt.
Es ware schon gut, wenn gerade dies, was hier bei der Kunsttagung in
einem universalen Sinn hat heraustreten sollen, warum soli das nicht
die Veranlassung geben zu speziellen Ausfuhrungen?
Es gibt auch eine Moglichkeit, ganz interessant methodische Fragen
zu behandeln, zum Beispiel diese methodischen Fragen, wie ich sie
dazumal in Dornach besprochen habe. Es liegt auch viel zu wenig der
Welt vor eine Literatur iiber die Waldorfschule. Konnen Sie nicht
uber Ihre Unterrichtsprinzipien schreiben? Zweiundvierzig Lehrer
sind da, fast so viel, daft in jedem Heft vier davon schreiben konnten.
Es ist schon notwendig, daft diese Dinge bei uns entwickelt werden,
daft ein Gefiihl fur dieses Darstellen von verschiedenen Gesichts-
punkten aus erwachst. Ich habe ein Musterbeispiel davon geben wol-
len, in diesen Einleitungen zu den verschiedenen Eurythmievor-
stellungen, wenn ich versuche, es immer umzugieften, immer das-
selbe von den verschiedensten Punkten aus zu geben. Das habe ich
mit diesen Eurythmie-Einleitungen versucht. Als ich neulich eine
gehalten habe, da standen die Leute drauften und gingen nicht hinein
dazu. Das war bei der Delegiertentagung. Es war nach dieser Sitzung,
wo sich die deutschen Delegierten so ausgezeichnet haben, wo einer
gesagt
…[truncated]