Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 



Zur Titelerweiterung 



Der fruhere Titel «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften» ist in der 
Ausgabe von 1987 erweitert worden in «Einleitungen zu Goethes Natur- 
wissenschaftliche Schriften» und durch den Untertitel «zugleich eine 
Grundlegung der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)». Dazu sei fol- 
gendes bemerkt: Das tiefe Verstandnis der Goetheschen Natur- und Welt- 
auffassung, das in diesen Einleitungen auseinandergesetzt wird, ist nur 
moglich geworden, weil im jungen Rudolf Steiner ein kongenialer Aus- 
gangspunkt schon in Entwicklung begriffen war, als er mit der Goethe- 
schen Naturwissenschaft bekannt wurde. Dadurch fuhrte die Durchdrin- 
gung der Goetheschen Schriften zugleich auch zur Entfaltung des eigenen 
Ausgangspunktes und fand dabei ihren ersten schriftstellerischen Aus- 
druck. Die in den Einleitungen vorgebrachten Grundanschauungen wur- 
den so «zugleich zu einer Grundlegung der Geisteswissenschaft (Anthro- 
posophie)». Daneben muB aber betont werden, daB das z.B. in «Wahrheit 
und Wissenschaft» und in der «Philosophie der Freiheit» sowie in den 
spateren Schriften und Vortragen vorliegende «Gedankengebaude eine in 
sich selbst begriindete Ganzheit ist, die nicht aus der Goetheschen Welt- 
anschauung abgeleitet zu werden braucht». 



RUDOLF STEINER 



EINLEITUNGEN 
ZU GOETHES 
NATURWISSENSCHAFTLICHEN 

SCHRIFTEN 

ZUGLEICH EINE GRUNDLEGUNG DER 
GEISTESWISSENSCHAFT (ANTHROPOSOPHIE) 



1987 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 
Die Herausgabe besorgte Paul G. Bellmann 



Urspriinglich erschienen als Einleitungen zu «Goethes Naturwissenschaft- 
liche Schriften» in Kurschners «Deutsche National-Litteratur», mit Ein- 
leitungen, FuBnoten und Erlauterungen herausgegeben von Rudolf Steiner, 

4 Bande, Stuttgart 1884-97. 

Selbstandige Ausgaben der Einleitungen: 

1. Auflage (1.-5. Tsd., bezeichnet als erste 
bis fiinfte Auflage) Dornach 1926 

2, Auflage, Freiburg i.Br. 1949 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach. 1973 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987 



Bibliographie-Nr. 1 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaB Verwaltung, Dornach/Schweiz 
©1973 by Rudolf Steiner-NachlaB Verwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0011-0 



INHALT 



Zur Einfiihrung. Aus «Mein Lebensgang», Kap. VI 7 

1884,1. Band 

I. Einleitung 9 

IL Die Entstehung der Metamorphosenlehre .... 14 

III. Die Entstehung von Goethes Gedanken iiber die 

Bildung der Tiere 40 

IV Uber das Wesen und die Bedeutung von Goethes 

Schriften iiber organische Bildung 70 

V. AbschluB iiber Goethes morphologische An- 

schauungen 116 

1887, IL Band 

VI. Goethes Erkenntnis-Art 121 

VII. Uber die Anordnung der naturwissenschaftlichen 

Schriften Goethes 130 

VIII. Von der Kunst zur Wissenschaft 134 

IX. Goethes Erkenntnistheorie 141 

X. Wissen und Handeln im Lichte der Goetheschen 

Denkweise 168 

XL Verhaltnis der Goetheschen Denkweise zu ande- 

ren Ansichten 213 

XII. Goethe und die Mathematik 237 

XIII. Das geologische Grundprinzip Goethes .... 242 

XIV. Die meteorologischen Vorstellungen Goethes . . 249 



1890, III. Band 

XV. Goethe und der naturwissenschaftliche Illusionis- 

mus 252 

XVI. Goethe als Denker und Forscher. 258 

1897, IV Band, 1. und 2. Abteilung 

XVII. Goethe gegen den Atomismus 302 

XVIIL Goethes Weltanschauung in seinen «Spriichen in 

Prosa» 330 

Ubersicht iiber die Herausgabetatigkeit Rudolf Steiners 

in den Jahren 1884 bis 1897 345 

Personenregister. 346 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 349 



ZUR EINFUHRUNG 



Aus Rudolf Steiners Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang», Kap. VI 



Auf Schroers Empfehlung hin lud mich 1883 Joseph 
Kiirschner ein, innerhalb der von ihm veranstalteten 
«Deutschen Nationalliteratur» Goethes Naturwissenschaft- 
liche Schriften mit Einleitungen und fortlaufenden Erkla- 
rungen herauszugeben. Schroer, der selbst fur dieses groBe 
Sammelwerk die Dramen Goethes ubernommen hatte, 
sollte den ersten der von mir zu besorgenden Bande mit 
einem einfuhrenden Vorworte versehen. Er setzte in die- 
sem auseinander, wie Goethe als Dichter und Denker in- 
nerhalb des neuzeitlichen Geisteslebens steht. Er sah in der 
Weltanschauung, die das auf Goethe folgende naturwissen- 
schaftliche Zeitalter gebracht hatte, einen Abfall von der 
geistigen Hohe, auf der Goethe gestanden hatte. Die Auf- 
gabe, die mir durch die Herausgabe von Goethes Naturwis- 
senschaftlichen Schriften zugefallen war, wurde in umfas- 
sender Art in dieser Vorrede charakterisiert. 

Fur mich schloB diese Aufgabe eine Auseinandersetzung 
mit der Naturwissenschaft auf der einen, mit Goethes gan- 
zer Weltanschauung auf der andern Seite ein. Ich muBte, 
da ich nun mit einer solchen Auseinandersetzung vor die 
Offentlichkeit zu treten hatte, alles, was ich bis dahin als 
Weltanschauung mir errungen hatte, zu einem gewissen 
AbschluB bringen . . . 

Die Denkungsart, von der die Naturwissenschaft seit 
dem Beginn ihres groBen Einflusses auf die Zivilisation des 
neunzehnten Jahrhunderts beherrscht war, schien mir un- 



geeignet, zu einem Verstandnisse dessen zu gelangen, was 
Goethe fiir die Naturerkenntnis erstrebt und bis zu einem 
hohen Grade auch erreicht hatte. 

Ich sah in Goethe eine Personlichkeit, welche durch das 
besondere geistgemaBe Verhaltnis, in das sie den Menschen 
zur Welt gesetzt hatte, auch in der Lage war, die Natur- 
erkenntnis in der rechten Art in das Gesamtgebiet des 
menschlichen Schaffens hineinzustellen. Die Denkungsart 
des Zeitalters, in das ich hineingewachsen war, schien mir 
nur geeignet, Ideen iiber die leblose Natur auszubilden. Ich 
hielt sie fiir ohnmachtig, mit den Erkenntniskraften an die 
belebte Natur heranzutreten. Ich sagte mir, um Ideen zu 
erlangen, welche die Erkenntnis des Organischen vermit- 
teln konnen, ist es notwendig, die fiir die unorganische Na- 
tur tauglichen Verstandesbegriffe erst selbst zu beleben. 
Denn sie erschienen mir tot und deshalb auch nur geeignet, 
das Tote zu erfassen. 

Wie sich in Goethes Geist die Ideen belebt haben, wie 
sie Ideengestaltungen geworden sind, das versuchte ich fiir 
eine Erklarung der Goetheschen Naturanschauung darzu- 
stellen. 

Was Goethe im einzelnen iiber dieses oder jenes Gebiet 
der Naturerkenntnis gedacht und erarbeitet hatte, schien 
mir von geringerer Bedeutung neben der zentralen Ent- 
deckung, die ich ihm zuschreiben muBte. Diese sah ich dar- 
in, daB er gefunden hat, wie man iiber das Organische den- 
ken miisse, um ihm erkennend beizukommen. 



I 

EINLEITUNG 



Am 18. August des Jahres 1787 schrieb Goethe von Italien 
aus an Knebel: «Nach dem, was ich bei Neapel, in Sizilien 
von Pflanzen und Fischen gesehen habe, wlirde ich, wenn 
ich zehn Jahre junger ware, sehr versucht sein, eine Reise 
nach Indien zu machen, nicht um etwas Neues zu ent- 
decken, sondern um das Entdeckte nach meiner Art anzu- 
sehen.» [WA 8, 250 1 ] In diesen Worten liegt der Gesichts- 
punkt, aus dem wir Goethes wissenschaftliche Arbeiten zu 
betrachten haben. Es handelt sich bei ihm nie um die Ent- 
deckung neuer Tatsachen, sondern um das Eroffnen eines 
neuen Gesichtspunktes, um eine bestimmte Art die Natur 
anzusehen. Es ist wahr, daB Goethe eine Reihe groBer Ein- 
zelentdeckungen gemacht hat, wie jene des Zwischenkno- 
chens und der Wirbeltheorie des Schadels in der Osteologie, 
der Identitat aller Pflanzenorgane mit dem Stammblatte in 
der Botanik usf. Aber als belebende Seele aller dieser Einzel- 
heiten haben wir eine groBartige Naturanschauung zu be- 
trachten, von der sie getragen werden, haben wir in der 
Lehre von den Organismen vor allem eine groBartige, alles 
tibrige in den Schatten stellende Entdeckung ins Auge zu fas- 
sen: die des Wesens des Organismus selbst. Jenes Prinzip, 
durch welches ein Organismus das ist, als das er sich dar- 

1 [Alle Stellen aus von Goethe verfaBten Briefen sind zitiert nach 
der sog. Weimarer Ausgabe (= WA) oder Sophien-Ausgabe von 
Goethes Werken, Abteilung IV: Briefe, 50 Bde., Weimar 1887-1912; 
die beiden Ziffern beziehen sich auf Band und Seitenzahl dieser Ab- 
teilung. - Hinzufugungen des Herausgebers sind in eckige Klammern 
gesetzt.] 



stellt, die Ursachen, als deren Folge uns die AuBerungen des 
Lebens erscheinen, und zwar alles, was wir in prinzipieller 
Hinsicht diesbezuglich zu fragen haben, hat er dargelegt. 2 Es 
ist dies vom Anfange an das Ziel alles seines Strebens in be- 
zug auf die organischen Naturwissenschaften; bei Verfol- 
gung desselben drangen sich ihm jene Einzelheiten wie von 
selbst auf. Er muBte sie finden, wenn er im weiteren Stre- 
ben nicht gehindert sein wollte. Die Naturwissenschaft vor 
ihm, die das Wesen der Lebenserscheinungen nicht kannte 
und die Organismen einfach nach der Zusammensetzung 
aus Teilen, nach deren auBerlichen Merkmalen untersuchte, 
so wie man dieses bei unorganischen Dingen auch macht, 
muBte auf ihrem Wege oft den Einzelheiten eine falsche 
Deutung geben, sie in ein falsches Licht setzen. An den 
Einzelheiten als solchen kann man naturlich einen solchen 
Irrtum nicht bemerken. Das erkennen wir eben erst, wenn 
wir den Organismus verstehen, da die Einzelheiten fur sich, 
abgesondert betrachtet, das Prinzip ihrer Erklarung nicht 
in sich tragen. Sie sind nur durch die Natur des Ganzen zu 
erklaren, weil es das Ganze ist, das ihnen Wesen und Be- 

Wer ein solches Ziel von vornherein fiir unerreichbar erklart, der 
wird zum Verstandnis Goethescher Naturanschauungen nie kom- 
men; wer dagegen vorurteilslos, diese Frage offenlassend, an das Stu- 
dium derselben geht, der wird sie nach Beendigung desselben ge- 
wiB bejahend beantworten. Es konnten wohl manchem durch einige 
Bemerkungen Goethes selbst Bedenken aufsteigen, wie z. B. folgende 
ist: «Wir hatten... ohne Anmafiung, die ersten Triebfedern der Na- 
turwirkungen entdecken zu wollen, auf AuBerung der Krafte, durch 
welche die Pflanze ein und dasselbe Organ nach und nach umbildet, 
unsere Aufmerksamkeit gerichtet.» Allein solche Ausspruche richten 
sich bei Goethe nie gegen die prinzipielle Moglichkeit, die Wesenheit 
der Dinge zu erkennen, sondern er ist nur vorsichtig genug iiber die 
physikalisch-mechanischen Bedingungen, welche dem Organismus 
zugrunde liegen, nicht vorschnell abzuurteilen, da er wohl wuBte, 
daB solche Fragen nur im Laufe der Zeit gelost werden konnen. 



deutung gibt. Erst nachdem Goethe eben diese Natur des 
Ganzen enthiillt hatte, wurden ihm jene irrtiimlichen Aus- 
legungen sichtbar; sie waren mit seiner Theorie der Lebe- 
wesen nicht zu vereinigen, sie widersprachen derselben. 
Wollte er auf seinem Wege weiter gehen, so muBte er der- 
gleichen Vorurteile wegschaffen. Dies war beim Zwischen- 
knochen der Fall. Tatsachen, die nur dann von Wert und 
Interesse sind, wenn man eben jene Theorie besitzt, wie 
die Wirbelnatur der Schadelknochen, waren jener alteren 
Naturlehre unbekannt. Alle diese Hindernisse muBten 
durch Einzelerfahrungen aus dem Wege geraumt werden. 
So erscheinen uns denn die letzteren bei Goethe nie als 
Selbstzweck; sie miissen immer gemacht werden, urn einen 
groBen Gedanken, urn jene zentrale Entdeckung zu besta- 
tigen. Es ist nicht zu leugnen, daB Goethes Zeitgenossen 
friiher oder spater zu denselben Beobachtungen kamen, 
und daB heute vielleicht alle auch ohne Goethes Bestrebun- 
gen bekannt waren; aber noch viel weniger ist zu leugnen, 
daB seine groBe, die ganze organische Natur umspannende 
Entdeckung bis heute von keinem zweiten unabhangig von 
Goethe in gleich vortrefflicher Weise ausgesprochen wor- 
den ist 3 , ja es fehlt uns bis heute an einer auch nur einiger- 

Damit wollen wir keineswegs sagen, Goethe sei in dieser Hinsicht 
iiberhaupt nie verstanden worden. Im Gegenteil: "Wir nehmen in 
dieser Ausgabe selbst wiederholt AnlaB, auf eine Reihe von Man- 
nern hinzuweisen, die uns als Fortsetzer und Ausarbeiter Goethescher 
Ideen erscheinen. Namen wie Voigt, Nees von Esenbeck, d'Alton 
(der altere und der jiingere), Schelver, C. G. Cams, Martius u. a. 
gehoren in diese Reihe. Aber diese bauten eben auf der Grundlage 
der in den Goetheschen Schriften niedergelegten Anschauungen ihre 
Systeme auf, und man kann gerade von ihnen nicht sagen, daB sie 
auch ohne Goethe zu ihren Begriffen gelangt waren, wogegen aller- 



maBen befriedigenden Wurdigung derselben. Es erscheint 
im Grunde gleichgiiltig, ob Goethe eine Tatsache zuerst 
oder nur wiederentdeckt hat; sie gewinnt durch die Art, wie 
er sie seiner Naturanschauung einfiigt, erst ihre wahre Be- 
deutung. Das ist es, was man bisher ubersehen hat. Man hob 
jene besonderen Tatsachen zu sehr hervor und forderte da- 
durch zur Polemik auf. Wohl wies man oft auf Goethes 
Uberzeugung von der Konsequenz der Natur hin, allein 
man beachtete nicht, daB damit nur ein ganz nebensach- 
liches, wenig bedeutsames Charakteristikon der Goethe- 
schen Anschauungen gegeben ist und daB es beispielsweise 
in bezug auf die Organik die Hauptsache ist, zu zeigen, 
welcher Natur das ist, welches jene Konsequenz bewahrt. 
Nennt man da den Typus, so hat man zu sagen, worinnen 
die Wesenheit des Typus im Sinne Goethes besteht. 

Das Bedeutsame der Pflanzenmetamorphose liegt z. B. 
nicht in der Entdeckung der einzelnen Tatsache, daB Blatt, 
Kelch, Krone usw. identische Organe seien, sondern in dem 
groBartigen gedanklichen Aufbau eines lebendigen Ganzen 
durcheinander wirkender Bildungsgesetze, welcher daraus 
hervorgeht und der die Einzelheiten, die einzelnen Stufen 
der Entwicklung, aus sich heraus bestimmt. Die GroBe 
dieses Gedankens, den Goethe dann auch auf die Tierwelt 
auszudehnen suchte, geht einem nur dann auf, wenn man 
versucht, sich denselben im Geiste lebendig zu machen, 
wenn man es unternimmt ihn nachzudenken. Man wird 
dann gewahr, daB er die in die Idee ubersetzte Natur der 
Pflanze selbst ist, die in unserem Geiste ebenso lebt wie 

dings Zeitgenossen des letzteren - z. B. Josephi von Gottingen - 
selbstandig auf den Zwischenknochen, oder Oken auf die Wirbel- 
theorie gekommen sind. 



im Objekte; man bemerkt auch, daB man sich einen Orga- 
nismus bis in die kleinsten Teile hinein belebt, nicht als 
toten, abgeschlossenen Gegenstand, sondern als sich Ent- 
wickelndes, Werdendes, als die stetige Unruhe in sich selbst 
vorstellt. 

Indem wir nun im folgenden versuchen, alles hier An- 
gedeutete eingehend darzulegen, wird sich uns zugleich das 
wahre Verhaltnis der Goetheschen Naturanschauung zu 
jener unserer Zeit offenbaren, namentlich zur Entwick- 
lungstheorie in moderner Gestalt. 



n 

DIE ENTSTEHUNG 
DER METAMORPHOSENLEHRE 



Wenn man der Entstehungsgeschichte von Goethes Gedan- 
ken tiber die Bildung der Organismen nachgeht, so kommt 
man nur allzuleicht in Zweifel tiber den Anteil, den man 
der Jugend des Dichters, d. h. der Zeit vor seinem Eintritte 
in Weimar zuzuschreiben hat. Goethe selbst dachte sehr 
gering von seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen in 
dieser Zeit: «Von dem..., was eigentlich auBere Natur 
heiBt, hatte ich keinen Begriff und von ihren sogenannten 
drei Reichen nicht die geringste Kenntnis.» (Siehe Goethes 
Naturwissenschaftliche Schriften in Ktirschners Deutscher 
National-Literatur 4 , I. Band [S. 64].) Auf diese AuBe- 
rung gesttitzt, denkt man sich meistens den Beginn seines 
naturwissenschaftlichen Nachdenkens erst nach seiner An- 
kimft in Weimar. Dennoch erscheint es geboten, noch wei- 
ter zurtickzugehen, wenn man nicht den ganzen Geist sei- 
ner Anschauimgen unerklart lassen will. Die belebende Ge- 
walt, welche seine Studien in jene Richtung lenkte, die wir 
spater darlegen wollen, zeigt sich schon in frtihester Jugend. 

Als Goethe an die Leipziger Hochschule kam, herrschte 
in den naturwissenschaftlichen Bestrebungen daselbst noch 
ganz jener Geist, der fur einen groBen Teil des achtzehnten 
Jahrhunderts charakteristisch ist und der die gesamte Wis- 
senschaft in zwei Extreme auseinanderwarf, welche zu ver- 
einigen man kein Bedtirfnis ftihlte. Auf der einen Seite 
stand die Philosophic Christian Wolffs (1679-1754), wel- 

4 [Im folgenden mit Natw. Sehr, abgekiirzt.] 



che sich ganz in einem abstrakten Elemente bewegte; auf 
der anderen die einzelnen Wissenschaftszweige, welche in 
der auBerlichen Beschreibung unendlicher Einzelheiten sich 
verloren und denen jedes Bestreben mangelte, in der Welt 
ihrer Objekte ein hoheres Prinzip aufzusuchen. Jene Philo- 
sophic konnte den Weg aus der Sphare ihrer allgemeinen 
Begriffe in das Reich der unmittelbaren Wirklichkeit, des 
individuellen Daseins nicht finden. Da wurden die selbst- 
verstandlichsten Dinge mit aller Ausfiihrlichkeit behan- 
delt. Man erfuhr, daB das Ding ein Etwas sei, welches kei- 
nen Widerspruch in sich habe, daB es endliche und unend- 
liche Substanzen gebe usw. Trat man aber mit diesen All- 
gemeinheiten an die Dinge selbst heran, um deren Wirken 
und Leben zu verstehen, so stand man vollig ratios da; man 
konnte keine Anwendung jener Begriffe auf die Welt, in der 
wir leben und die wir verstehen wollen, machen. Die uns 
umgebenden Dinge selbst aber beschrieb man in ziemlich 
prinziploser Weise, rein nach dem Augenschein, nach ihren 
auBerlichen Merkmalen. Es standen sich hier eine Wissen- 
schaft der Prinzipien, welcher der lebendige Gehalt, die 
liebevolle Vertiefung in die unmittelbare Wirklichkeit 
fehlte, und eine prinziplose Wissenschaft, welche des ideel- 
len Gehaltes ermangelte, gegemiber ohne Vermittlung, jede 
fiir die andere unfruchtbar. Goethes gesunde Natur fand 
sich von beiden Einseitigkeiten in gleicher Weise abge- 
stoBen 5 und im Widerstreite mit ihnen entwickelten sich 
bei ihm Vorstellungen, die ihn spater zu jener fruchtbaren 
Naturauffassung fuhrten, in welcher Idee und Erfahrung 
in allseitiger Durchdringung sich gegenseitig beleben und 
zu einem Ganzen werden. 

5 Siehe «Dichtung und Wahrheit», II. Teil, 6. Buch. 



Der Begriff, den jene Extreme am wenigsten erfassen 
konnten, entwickelte sich daher bei Goethe zuerst: der Be- 
griff des Lebens. Ein lebendes Wesen stellt uns, wenn wir 
es seiner auBeren Erscheinung nach betrachten, eine Menge 
von Einzelheiten dar, die uns als dessen Glieder oder Or- 
gane erscheinen. Die Beschreibung dieser Glieder, ihrer 
Form, gegenseitigen Lage, GroBe usw. nach, kann den Ge- 
genstand weitlaufigen Vortrages bilden, dem sich die zweite 
der von uns bezeichneten Richtungen hingab. Aber in die- 
ser Weise kann man auch jede mechanische Zusammenset- 
zung aus unorganischen Korpern beschreiben. Man vergaB 
vollig, daB bei dem Organismus vor allem festgehalten 
werden musse, daB hier die auBere Erscheinung von einem 
inneren Prinzipe beherrscht wird, daB in jedem Organe das 
Ganze wirkt. Jene auBere Erscheinung, das raumliche Ne- 
beneinander der Glieder kann auch nach der Zerstorung 
des Lebens betrachtet werden, denn sie dauert ja noch eine 
Zeitlang fort. Aber was wir an einem toten Organismus 
vor uns haben, ist in Wahrheit kein Organismus mehr. Es 
ist jenes Prinzip verschwunden, welches alle Einzelheiten 
durchdringt. Jener Betrachtung, welche das Lehen zerstort, 
um das Lehen zu erkennen, setzt Goethe friihzeitig die Mog- 
lichkeit und das Bediirfnis einer hdheren entgegen. Wir se- 
hen dies schon in einem Briefe aus der StraBburger Zeit 
vom 14. Juli 1770, wo er von einem Schmetterlinge spricht: 
«Das arme Tier zittert im Netz, streift sich die schonsten 
Farben ab; und wenn man es ja unversehrt erwischt, so 
steckt es doch endlich steif und leblos da; der Leichnam ist 
nicht das ganze Tier, es gehort noch etwas dazu, noch ein 
Hauptstuck und bei der Gelegenheit, wie bei jeder andern, 
ein hauptsachliches Hauptstuck: das Lehen ...» [WA 1, 



238] Derselben Anschauung sind ja auch die Worte im 
«Faust» [I. Teil/Studierzimmer] entsprungen: 

«Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben, 
Sucht erst den Geist herauszutreiben; 
Dann hat er die Teile in der Hand, 
Fehlt, leider! nur das geistige Band.» 

Bei dieser Negation einer Auffassung blieb aber Goethe, 
wie dies bei seiner Natur wohl vorauszusetzen ist, nicht 
stehen, sondern er suchte seine eigene immer mehr auszu- 
bilden, und wir erkennen in den Andeutungen, welche wir 
iiber sein Denken von 1769-1775 haben, gar oft schon die 
Keime fur seine spateren Arbeiten. Er bildet sich hier die 
Idee eines Wesens aus, bei dem jeder Teil den andern be- 
lebt, bei dem ein Prinzip alle Einzelheiten durchdringt. Im 
«Faust» [I. Teil/Nacht] heiBt es: 

«Wie alles sich zum Ganzen webt, 
Eins in dem andern wirkt und lebt.» 

und im «Satyros» [4. Akt] : 

«Wie im Unding das Urding erquoll, 
Lichtsmacht durch die Nacht scholl, 
Durchdrang die Tiefen der Wesen all, 
DaB aufkeimte Begehrungs-Schwall 
Und die Elemente sich erschlossen, 
Mit Hunger ineinander ergossen, 
Alldurchdringend, alldurchdrungen. » 

Dieses Wesen wird so gedacht, daB es in der Zeit steten 
Veranderungen unterworfen ist, daB aber in alien Stufen 
der Veranderungen sich immer nur ein Wesen offenbart, 



das sich als das Dauernde, Bestandige im Wechsel behaup- 
tet. Im «Satyros» heiBt es von jenem Urdinge weiter: 

«Und auf und ab sich rollend ging 
Das all und ein' und ewig' Ding, 
Immer verdndert, immer bestandig!» 

Man vergleiche damit, was Goethe im Jahre 1807 als Ein- 
leitung zu seiner Metamorphosenlehre schrieb: «Betrachten 
wir aber alle Gestalten, besonders die organischen, so fin- 
den wir, daB nirgend ein Bestehendes, nirgend ein Ruhen- 
des, ein Abgeschlossenes vorkommt, sondern daB vielmehr 
alles in einer steten Bewegung schwanke.» (Natw. Schr., I. 
Bd. [S. 8]) Diesem Schwankenden stellt er dort die Idee 
oder «ein in der Erfahrung nur fur den Augenblick Fest- 
gehaltenes» als das Bestandige entgegen. Man wird aus obi- 
ger Stelle aus «Satyros» deutlich genug erkennen, daB der 
Grund zu den morphologischen Gedanken schon in der Zeit 
vor dem Eintritte in Weimar gelegt wurde. 

Das, was aber festgehalten werden muB, ist, daB jene 
Idee eines lebenden Wesens nicht gleich auf einen einzelnen 
Organismus angewendet, sondern daB das ganze Univer- 
sum als ein solches Lebewesen vorgestellt wird. Hierzu ist 
freilich in den alchymistischen Arbeiten mit Fraulein von 
Klettenberg und in der Lekture des Theophrastus Paracel- 
sus nach seiner Ruckkehr von Leipzig (1768/69) die Ver- 
anlassung zu suchen. Man suchte jenes das ganze Univer- 
sum durchdringende Prinzip durch irgendeinen Versuch 

ft 

festzuhalten, es in einem Stoffe darzustellen. Doch bildet 
diese ans Mystische streifende Art der Weltbetrachtung nur 
eine vorubergehende Episode in Goethes Entwicklung und 
«Dichtung und Wahrheit», IL Teil, 8. Buch. 



weicht bald einer gesunderen und objektiveren Vorstel- 
lungsweise. Die Anschauung von dem ganzen Weltall als 
einem groBen Organismus, wie wir sie oben in den Stellen 
aus «Faust» und «Satyros» angedeutet fanden, bleibt aber 
noch aufrecht bis in die Zeit urn 1780, wie wir spater aus 
dem Aufsatze «Die Natur» sehen werden. Sie tritt uns im 
«Faust» noch einmal entgegen, und zwar da, wo der Erd- 
geist als jenes den All-Organismus durchdringende Lebens- 
prinzip dargestellt wird [I. Teil/Nacht]: 

«In Lebensfluten, im Tatensturm 

Wall ich auf und ab, 

Webe hin und her! 

Geburt und Grab, 

Ein ewiges Meer, 

Ein wechselnd Weben, 

Ein gliihend Leben.» 

Wahrend sich so bestimmte Anschauungen in Goethes Geist 
entwickelten, kam ihm in StraBburg ein Buch in die Hand, 
welches eine Weltanschauung, die der seinigen gerade ent- 
gegengesetzt ist, zur Geltung bringen wollte. Es war Hoi- 
bachs «Sy steme de la nature». Hatte er bis dahin nur den 
Umstand zu tadeln gehabt, daB man das Lebendige wie 
eine mechanische Zusammenhaufung einzelner Dinge be- 
schrieb, so konnte er in Holbach einen Philosophen kennen- 
lernen, der das Lebendige wirklich fur einen Mechanismus 
ansah. Was dort bloB aus einer Unfahigkeit, das Leben in 
seiner Wurzel zu erkennen, entsprang, das fiihrte hier zu 
einem das Leben ertotenden Dogma. Goethe sagt daruber 
in «Dichtung und Wahrheit» (III. Teil, 11. Buch): «Eine 

n 

«Dichtung und Wahrheit», III. Teil, 11. Buch. 



Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her be- 
wegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts und links 
und nach alien Seiten, ohne weiteres, die unendlichen Pha- 
nomene des Daseins hervorbringen. Dies alles waren wir 
sogar zufrieden gewesen, wenn der Verfasser wirklich aus 
seiner bewegten Materie die Welt vor unseren Augen auf- 
gebaut hatte. Aber er mochte von der Natur so wenig wis- 
sen als wir; denn indem er einige allgemeine Begriffe hin- 
gepfahlt, verlaBt er sie sogleich, um dasjenige, was hoher 
als die Natur, oder als hohere Natur in der Natur erscheint, 
zur materiellen, schweren, zwar bewegten, aber doch rich- 
tungs- und gestaltlosen Natur zu verwandeln, und glaubt 
dadurch recht viel gewonnen zu haben.» Goethe konnte 
darinnen nichts finden als «bewegte Materie» und im Ge- 
gensatze dazu bildeten sich seine Begriffe von Natur im- 
mer klarer aus. Wir finden sie im Zusammenhange darge- 
stellt in seinem Aufsatz «Die Natur» 8 , welcher um das Jahr 
1780 geschrieben ist. Da in diesem Aufsatze alle Gedanken 
Goethes tiber die Natur, welche wir bis dahin nur zerstreut 
angedeutet finden, zusammengestellt sind, so gewinnt er 
eine besondere Bedeutung. Die Idee eines Wesens, welches 
in bestandiger Veranderung begriffen ist und dabei doch 
immer identisch bleibt, tritt uns hier entgegen: «Alles ist 
neu und immer das Alte.» «Sie (die Natur) verwandelt sich 
ewig, und ist kein Moment Stillstehen in ihr,» aber «ihre 
Gesetze sind unwandelbar.» Wir werden spater sehen, daB 

8 [Natw. Schr., 2. Bd., S. 5ff.; beziiglich dieses Aufsatzes vgl. man 
auch die Ausfuhrungen Rudolf Steiners in «Grundlinien einer Er- 
kenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung», Gesamtausgabe 
Dornach 1960, S. 138 (Anm. zu S. 28) und «Methodische Grundla- 
gen der Anthroposophie 1884 — 1901», Gesamtausgabe Dornach 1961, 
S. 320 ff.] 



Goethe in der unendlichen Menge von Pflanzengestalten 
die eine Urpflanze sucht. Auch diesen Gedanken finden wir 
hier schon angedeutet: «Jedes ihrer (der Natur) Werke hat 
ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isolier- 
testen Begriff, und doch macht alles Eins aus.» Ja sogar die 
Stellung, welche er spater Ausnahmefallen gegeniiber ein- 
nahm, namlich sie nicht einfach als Bildungsfehler anzu- 
sehen, sondern aus Naturgesetzen zu erklaren, spricht sich 
hier schon ganz deutlich aus: «Auch das Unnatiirlichste ist 
Natur» und «ihre Ausnahmen sind selten.» 9 

Wir haben gesehen, daB Goethe sich schon vor seinem 
Eintritte in Weimar einen bestimmten Begriff von einem 
Organismus ausgebildet hatte. Denn wenngleich der er- 
wahnte Aufsatz «Die Natur» erst lange nach demselben 
entstanden ist, so enthalt er doch groBtenteils fruhere An- 
schauungen Goethes. Auf eine bestimmte Gattung von Na- 
turobjekten, auf einzelne Wesen hatte er diesen Begriff 
noch nicht angewendet. Dazu bedurfte es der konkreten 
Welt der lebenden Wesen in unmittelbarer Wirklichkeit. 
Der durch den menschlichen Geist hindurchgegangene Ab- 
glanz der Natur war durchaus nicht das Element, welches 
Goethe anregen konnte. Die botanischen Gesprache bei 
Hofrat Ludwig in Leipzig blieben ebenso ohne tiefere Wir- 
kung, wie die Tischgesprache mit den medizinischen Freun- 
den in StraBburg. In bezug auf die wissenschaftlichen Stu- 

9 Siehe iiber die Autorschaft dieses Aufsatzes Anmerkung 1 am 
Schlusse dieser Schrift. [Rudolf Steiner hatte die Absicht, fur die 
Sonderausgabe samtlicher Einleitungen zu Goethes «Naturwissen- 
schaftlichen Schriften», 1.-5. AufL, Dornach 1926, an dieser und 
weiteren 35 bereits von ihm bezeichneten Stellen - diese Stellen tra- 
gen im vorliegenden Text samtlich einen * - Anmerkungen zu 
schreiben. Er konnte diese Absicht nicht mehr verwirklichen.] 



dien erscheint uns der junge Goethe ganz als der die Frische 
urspriinglichen Anschauens der Natur entbehrende Faust, 
welcher seine Sehnsucht nach derselben mit den Worten 
ausspricht [I. Teil/Nacht]: 

«Ach! konnt' ich doch auf Bergeshohn 
In deinem (des Mondes) lieben Lichte gehn, 
Um Bergeshohle mit Geistern schweben, 
Auf Wiesen in deinem Dammer weben.» 

Wie eine Erfullung dieser Sehnsucht erscheint es uns, wenn 
ihm bei seinem Eintritte in Weimar gegonnt ist, «Stuben- 
und Stadtluft mit Land-, Wald- und Gartenatmosphare zu 
vertauschen» (Natw. Sehr., 1. Bd., S. 64). 

Als die unmittelbare Anregung zum Studium der Pflan- 
zen haben wir des Dichters Beschaftigung mit dem Pflan- 
zen von Gewachsen in den ihm von dem Herzoge Karl 
August geschenkten Garten zu betrachten. Die Empfang- 
nahme desselben von seiten Goethes erfolgte am 2 1 . April 
1776 und das von R. Keil herausgegebene «Tagebuch» mel- 
det uns von nun an oft von Goethes Arbeiten in diesem Gar- 
ten, die eines seiner Lieblingsgeschafte werden. Ein weiteres 
Feld fiir Bestrebungen in dieser Richtung bot ihm der Thii- 
ringerwald, wo er Gelegenheit hatte, auch die niederen Or- 
ganismen in ihren Lebenserscheinungen kennenzulernen. Es 
interessieren ihn besonders die Moose und Flechten. Am 
31. Oktober 1778 bittet er Frau von Stein um Moose von 
alien Sorten und womoglich mit den Wurzeln und feucht, 
damit sie sich wieder fortpflanzen. Es muB uns hochst be- 
deutsam erscheinen, daB Goethe sich hier schon mit dieser 
tiefstehenden Organismenwelt beschaftigte und spater die 
Gesetze der Pflanzenorganisation doch von den hoheren 



Pflanzen ableitete. Wir haben dies in Erwagung dieses Um- 
standes nicht, wie viele tun, einer Unterschatzung der Be- 
deutung der weniger entwickelten Wesen, sondern voll- 
bewuBter Absicht zuzuschreiben. 

Nun verlaBt der Dichter das Reich der Pflanzen nicht 
mehr. Schon sehr friih mogen wohl Linnes Schriften vor- 
genommen worden sein. Wir erfahren von der Bekannt- 
schaft mit denselben zuerst aus den Briefen an Frau von 
Stein im Jahre 1782. 

Linnes Bestrebungen gingen dahin, eine systematische 
Ubersichtlichkeit in die Kenntnis der Pflanzen zu bringen- 
Es sollte eine gewisse Reihenfolge gefunden werden, in der 
jeder Organismus an einer bestimmten Stelle steht, so daB 
man ihn jederzeit leicht auffinden konne, ja daB man iiber- 
haupt ein Mittel der Orientierung in der grenzenlosen 
Menge der Einzelheiten hatte. Zu diesem Zwecke muBten 
die Lebewesen nach Graden ihrer Verwandtschaft unter- 
sucht und diesen entsprechend in Gruppen zusammenge- 
stellt werden. Da es sich dabei vor allem darum handelte, 
jede Pflanze zu erkennen und ihren Platz im Systeme leicht 
aufzufinden, so muBte man insbesondere auf jene Merk- 
male Rlicksicht nehmen, welche die Pflanzen voneinander 
unterscheiden. Um eine Verwechslung einer Pflanze mit 
einer anderen unmoglich zu machen, suchte man vorziig- 
lich diese unterscheidenden Kennzeichen auf. Dabei wur- 
den von Linne und seinen Schulern auBerliche Kennzeichen, 
GroBe, Zahl und Stellung der einzelnen Organe als cha- 
rakteristisch angesehen. Die Pflanzen waren auf diese 
Weise wohl in eine Reihe geordnet, aber so, wie man auch 
eine Anzahl unorganischer Korper hatte ordnen konnen: 
nach Merkmalen, welche dem Augenscheine, nicht der in- 



neren Natur der Pflanze entnommen waren. Sie erschienen 
in einem auBerlichen Nebeneinander, ohne inneren, not- 
wendigen Zusammenhang. Bei dem bedeutsamen Begriffe, 
den Goethe von der Natur eines Lebewesens hatte, konnte 
ihm diese Betrachtungsweise nicht genugen. Es war da nir- 
gends nach dem Wesen der Pflanze geforscht. Goethe muBte 
sich die Frage vorlegen: Worin besteht dasjenige «Etwas», 
welches ein bestimmtes Wesen der Natur zu einer Pflanze 
macht? Er muBte ferner anerkennen, daB dieses Etwas in 
alien Pflanzen in gleicher Weise vorkomme. Und doch war 
die unendliche Verschiedenheit der Einzelwesen da, wel- 
che erklart sein wollte. Wie kommt es, daB jenes Eine sich 
in so mannigfaltigen Gestalten offenbart? Dies waren wohl 
die Fragen, welche Goethe beim Lesen der Linneschen 
Schriften auf warf, denn er sagt ja selbst von sich: «Das, 
was er - Linne - mit Gewalt auseinanderzuhalten suchte, 
muBte, nach dem innersten Bedurfnis meines Wesens, zur 
Vereinigung anstreben». 10 

Ungefahr in dieselbe Zeit, wie die erste Bekanntschaft 
mit Linne, fallt auch die mit den botanischen Bestrebungen 
des Rousseau. Am 16. Juni 1782 schreibt Goethe an [Her- 
zog] Karl August: «In Rousseaus Werken finden sich ganz 
allerliebste Briefe iiber die Botanik, worin er diese Wissen- 
schaft auf das faBlichste und zierlichste einer Dame vor- 
tragt. Es ist recht ein Muster, wie man unterrichten soil und 
eine Beilage zum Emil. Ich nehme daher den AnlaB, das 
scheme Reich der Blumen meinen schonen Freundinnen aufs 
neue zu empfehlen.» [WA 5, 347] Rousseaus Bestrebungen 
in der Pflanzenkunde muBten auf Goethe einen tiefen Ein- 
druck machen. Das Hervorheben einer aus dem Wesen der 

10 Vgl. Natw. Sehr., 1. Bd. [S. 68]. 



Pflanzen hervorgehenden und ihm entsprechenden Nomen- 
klatur, die Urspriinglichkeit des Beobachtern, das Betrach- 
ten der Pflanze um ihrer selbst willen, abgesehen von alien 
Niitzlichkeitsprinzipien, die uns bei Rousseau entgegentre- 
ten, alles das war ganz im Sinne Goethes. Beide hatten ja 
auch das gemeinsam, daB sie nicht durch ein speziell her- 
angezogenes wissenschaftliches Bestreben, sondern durch 
allgemein menschliche Motive zum Studium der Pflanze 
gekommen waren. Dasselbe Interesse fesselte sie an densel- 
ben Gegenstand. 

Die nachsten eingehenden Beobachtungen der Pflanzen- 
welt fallen in das Jahr 1784. Wilhelm Freiherr von Glei- 
chen, genannt RuBwurm, hatte damals zwei Schriften her- 
ausgegeben, welche Untersuchungen zum Gegenstande hat- 
ten, die Goethe lebhaft interessierten: «Das Neueste aus 
dem Reiche der Pflanzen» (Nurnberg 1764) und «Auser- 
lesene mikroskopische Entdeckungen bei Pflanzen, Blumen 
und Bliiten, Insekten und anderen Merkwurdigkeiten» 
(Nurnberg 1777-81). Beide Schriften behandelten die Be- 
fruchtungsvorgange an der Pflanze. Der Bllitenstaub, die 
Staubfaden und Stempel wurden sorgfaltig untersucht und 
die dabei stattfindenden Prozesse auf schon ausgefuhrten 
Tafeln dargestellt. Diese Untersuchungen machte nun Goe- 
the nach. Am 12. Januar 1785 schreibt er an F.H. Jacobi: 
«Ein Mikroskop ist aufgestellt, um die Versuche des v. 
Gleichen, genannt RuBwurm, mit Fruhlingseintritt nach- 
zubeobachten und zu kontrollieren.» [WA 7, 8] In dem- 
selben Fruhlinge wurde auch die Natur des Samens studiert, 
wie uns ein Brief an Knebel vom 2. April 1785 zeigt: «Die 
Materie vom Samen habe ich durchgedacht, soweit meine 
Erfahrungen reichen.» [WA 7, 36] Bei alien diesen Unter- 



suchungen handelt es sich bei Goethe nicht urn das Einzelne; 
das Ziel seiner Bestrebungen ist, das Wesen der Pflanze zu 
erforschen. Er meldet davon am 8. April 1785 an Merck, 
daB er in der Botanik «hubsche Entdeckungen und Kom- 
binationen gemacht hat». [WA 7, 41] Auch der Ausdruck 
Kombinationen beweist uns hier, daB er darauf ausgeht, 
denkend sich ein Bild der Vorgange in der Pflanzenwelt zu 
entwerfen. Das Studium der Botanik naherte sich jetzt 
rasch einem bestimmten Ziele. Wir miissen dabei nun frei- 
lich daran denken, daB Goethe im Jahre 1784 den Zwi- 
schenknochen entdeckt hat, wovon wir unten ausdriick- 
lich sprechen wollen und daB er damit dem Geheimnis, wie 
die Natur bei der Bildung organischer Wesen verfahrt, um 
eine bedeutende Stufe nahergenickt war. Wir miissen fer- 
ner daran denken, daB der erste Teil von Herders «Ideen 
zur Philosophic der Geschichte» 1784 abgeschlossen wurde 
und daB Gesprache iiber Gegenstande der Natur zwischen 
Goethe und Herder damals sehr haufig waren. So berichtet 
Frau von Stein an Knebel am 1. Mai 1784: «Herders neue 
Schrift macht wahrscheinlich, daB wir erst Pflanzen und 
Tiere waren . . . Goethe griibelt jetzt gar denkreich in die- 
sen Dingen und jedes, was erst durch seine Vorstellung ge- 
gangen ist, wird auBerst interessant.» [Zur deutschen Li- 
teratur und Geschichte, hrsg. von H. Duntzer, Bd. I, Niirn- 
berg 1857, S. 120.] Wir sehen daraus, welcher Art Goethes 
Interesse fur die groBten Fragen der Wissenschaft damals 
war. Es muB uns also jenes Nachdenken iiber die Natur der 
Pflanze und die Kombinationen, die er dariiber im Friih- 
ling 1785 macht, ganz erklarlich erscheinen. Mitte April 
dieses Jahres geht er nach Belvedere eigens um seine Zwei- 
fel und Fragen zur Losung zu bringen und am 15. Juni 



[1786!] macht er an Frau von Stein folgende Mitteilung: 
«Wie lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich dir 
nicht ausdriicken, mein langes Buchstabieren hat mir ge- 
holfen, jetzt ruckts auf einmal, und meine stille Freude 
ist unaussprechlich.» [WA 7, 229] Kurz vorher will er 
sogar eine kleine botanische Abhandlung fur Knebel schrei- 
ben, um ihn fur diese Wissenschaft zu gewinnen. 11 Die 
Botanik zieht ihn so an, daB seine Reise nach Karlsbad, 
die er am 20. Juni 1785 antritt, um den Sommer dort zuzu- 
bringen, zu einer botanischen Studienreise wird. Knebel be- 
gleitete ihn. In der Nahe von Jena treffen sie einen 17- 
jahrigen Jtingling, [Friedrich Gottlieb] Dietrich, dessen 
Blechtrommel zeigte, daB er eben von einer botanischen 
Exkursion heimkehrt. Uber diese interessante Reise erfah- 
ren wir naheres aus Goethes «Geschichte meines botani- 
schen Studiums» und aus einigen Mitteilungen von [Fer- 
dinand] Cohn 12 in Breslau, der dieselben einem Manu- 
skripte Dietrichs entlehnen konnte. In Karlsbad bieten 
nun gar oft botanische Gesprache eine angenehme Un- 
terhaltung. Nach Hause zuruckgekehrt widmet Goethe 
sich mit groBer Energie dem Studium der Botanik; er 
macht an der Hand von Linnes Philosophia 13 Beobachtun- 
gen liber Pilze, Moose, Flechten und Algen, wie wir solches 
aus seinen Briefen an Frau von Stein ersehen. Erst jetzt, wo 
er bereits selbst vieles gedacht und beobachtet, wird ihm 
Linne nutzlicher, er findet bei ihm AufschluB uber viele 

11 «Gerne schickte ich dir eine kleine botanische Lektion, wenn sie nur 
schon geschrieben ware.» [Brief an Knebel vom] 2. April 1785. 
[WA 7, 36] 

12 [«Deutsche Rundschau» (Berlin etc.) Bd. XXVIII (Juli-Sept.) 1881, 
S.34f.] 

13 [Karl von Linne, «Philosophia botanica», Stockholm 1751.] 



Einzelheiten, die ihm bei seinen Kombinationen vorwarts 
helfen. Am 9. November 1785 berichtet er an Frau von 
Stein: «Ich lese im Linne fort, denn ich muB wohl, ich habe 
kein ander Buch. Es ist die beste Art, ein Buch gewiB zu 
lesen, die ich Ofters praktizieren muB, besonders da ich 
nicht leicht ein Buch auslese. Dieses ist aber vorzuglich 
nicht zum Lesen, sondern zum Rekapitulieren gemacht 
und tut mir nun treftliche Dienste, da ich iiber die meisten 
Punkte selbst gedacht habe.» [WA 7,118] Wahrend dieser 
Studien wurde ihm immer klarer, dafi es dock nur eine 
Grundform sei, welche in der unendlichen Menge einzelner 
Pflanzenindividuen erscheint, es wurde ihm auch diese 
Grundform seihst immer anschaulicher, er erkannte ferner, 
dafi in dieser Grundform die Fdhigkeit unendlicher Aban- 
derung liege, wodurch die Mannigfaltigkeit aus der Einheit 
erzeugt wird. Am 9. Juli 1786 schreibt er an Frau von Stein: 
«Es ist ein Gewahrwerden der . . . Form, mit der die Natur 
gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige 
Lehen hervorbringt.» [WA 7, 242] Nun handelte es sich 
vor allem darum, das Bleibende, Bestandige, jene Urform, 
mit welcher die Natur gleichsam spielt, im einzelnen zu ei- 
nem plastischen Bilde auszubilden. Dazu bedurfte es einer 
Gelegenheit, das wahrhaft Konstante, Dauernde in der 
Ptlanzenform von dem Wechselnden, Unbestandigen zu 
trennen. Zu Beobachtungen dieser Art hatte Goethe noch 
ein zu kleines Gebiet durchforscht. Er muBte eine und die- 
selbe Pflanze unter verschiedenen Bedingungen und Ein- 
fliissen beobachten; denn nur dadurch fallt das Verander- 
liche so recht in die Augen. Bei Pflanzen verschiedener Art 
fallt es uns weniger auf. Dieses alles brachte die begliik- 
kende Reise nach Italien, welche er am 3. September von 



Karlsbad aus angetreten hatte. Schon an der Flora der Al- 
pen ward manche Beobachtung gemacht. Er fand hier nicht 
bloB neue von ihm noch nie gesehene Pflanzen, sondern 
auch solche, die er schon kannte, aber verdndert. «Wenn 
in der tiefern Gegend Zweige und Stengel starker und ma- 
stiger waren, die Augen naher aneinanderstanden und die 
Blatter breit waren, so wurden hoher ins Gebirg hinauf 
Zweige und Stengel zarter, die Augen ruckten auseinander, 
so daB von Knoten zu Knoten ein groBerer Zwischenraum 
stattfand und die Blatter sich lanzenformiger bildeten. Ich 
bemerkte dies bei einer Weide und einer Gentiana und iiber- 
zeugte mich, daB es nicht etwa verschiedene Arten waren. 
Auch am Walchensee bemerkte ich langere und schlankere 
Binsen als im Unterlande.» Ahnliche Beobachtungen wie- 
derholten sich. In Venedig am Meere entdeckt er verschie- 
dene Pflanzen, welche ihm Eigenschaften zeigen, die ihnen 
nur das alte Salz des Sandbodens, mehr aber die salzige 
Luft geben konnte. Er fand da eine Pflanze, die ihm wie 
unser «unschuldiger Huflattich» erschien, «hier aber mit 
scharfen Waff en bewaffnet und das Blatt wie Leder, so 
auch die Samenkapseln, die Stiele, alles war mastig und 
fett.» 15 Da sah Goethe alle auBeren Merkmale der Pflanze, 
alles was an ihr dem Augenscheine angehort, unbestandig, 
wechselnd. Er zieht daraus den SchluB, daB also in diesen 
Eigenschaften das Wesen der Pflanze nicht liege, sondern 
tiefer gesucht werden miisse. Von ahnlichen Beobachtun- 
gen, wie hier Goethe, ging auch Darwin aus, als er seine 
Zweifel tiber die Konstanz der auBeren Gattungs- und Art- 
formen zur Geltung brachte. Die Resultate aber, welche 

14 Italienische Reise, 8. Sept. 1786. 

15 Italienische Reise, 8. Okt. 1786. 



von den beiden gezogen werden, sind durchaus verschieden. 
Wahrend Darwin in jenen Eigenschaften das Wesen des 
Organismus in der Tat fur erschopft halt und aus der Ver- 
anderlichkeit den SchluB zieht: Also gibt es nichts Kon- 
stantes im Leben der Pflanzen, gent Goethe tiefer und zieht 
den SchluB: Wenn jene Eigenschaften nicht konstant sind, 
so muB das Konstante in einem anderen, welches jenen ver- 
anderlichen AuBerlichkeiten zugrunde liegt, gesucht wer- 
den. Dieses letztere auszubilden wird Goethes Ziel, wah- 
rend Darwins Bestrebungen dahin gehen, die Ursachen 
jener Veranderlichkeit im einzelnen zu erforschen und dar- 
zulegen. Beide Betrachtungsweisen sind notwendig und er- 
ganzen einander. Man geht ganz fehl, wenn man Goethes 
GroBe in der organischen Wissenschaft darinnen zu finden 
glaubt, daB man in ihm den bloBen Vorlaufer Darwins 
sieht. Seine Betrachtungsweise ist eine viel breitere; sie um- 
faBt zwei Seiten: 1. Den Typus, d. i. die sich im Organismus 
offenbarende Gesetzlichkeit, das Tier-Sein im Tiere, das 
sich aus sich herausbildende Leben, das Kraft und Fahigkeit 
hat, sich durch die in ihm liegenden Moglichkeiten in man- 
nigfaltigen, auBeren Gestalten (Arten, Gattungen) zu ent- 
wickeln. 2. Die Wechselwirkung des Organismus und der 
unorganischen Natur und der Organismen untereinander 
(Anpassung und Kampf urns Dasein). Nur die letztere Seite 
der Organik hat Darwin ausgebildet. Man kann also nicht 
sagen: Darwins Theorie sei die Ausbildung von Goethes 
Grundideen, sondern sie ist bloB die Ausbildung einer Seite 
der letzteren. Sie blickt nur auf jene Tatsachen, welche ver- 
anlassen, daB sich die Welt der Lebewesen in einer gewis- 
sen Weise entwickelt, nicht aber auf jenes «Etwas», auf 
welches jene Tatsachen bestimmend einwirken. Wenn die 



eine Seite allein verfolgt wird, so kann sie auch durchaus 
nicht zu einer vollstandigen Theorie der Organismen fuh- 
ren, sie muB wesentlich im Geiste Goethes verfolgt werden, 
sie muB durch die andere Seite von dessen Theorie erganzt 
und vertieft werden. Ein einfacher Vergleich wird die Sache 
deutlicher machen. Man nehme ein Stuck Blei, mache es 
durch Erhitzen fliissig und gieBe es dann in kaltes Wasser. 
Das Blei hat zwei aufeinander folgende Stadien seines Zu- 
standes durchgemacht; das erste wurde bewirkt durch die 
hohere, das zweite durch die niedrigere Temperatur. Wie 
sich die beiden Stadien gestalten, das hangt nun nicht allein 
von der Natur der Warme, sondern ganz wesentlich auch 
von jener des Bleies ab. Ein anderer Korper wurde, durch 
dieselben Medien gebracht, ganz andere Zustande zeigen. 
Auch die Organismen lassen sich von den sie umgebenden 
Medien beeinllussen, auch sie nehmen, durch letztere ver- 
anlaBt, verschiedene Zustande an und zwar durchaus ihrer 
Natur entsprechend, entsprechend jener Wesenheit, die sie 
zu Organismen macht. Und diese Wesenheit findet man in 
Goethes Ideen. Derjenige, der ausgenistet mit dem Ver- 
standnisse dieser Wesenheit ist, der wird erst imstande sein 
zu begreifen, warum die Organismen auf bestimmte Ver- 
anlassungen gerade in einer solchen und keiner andern 
Weise antworten (reagieren). Ein solcher wird erst imstande 
sein, sich iiber die Veranderlichkeit der Erscheinungsfor- 
men der Organismen und die damit zusammenhangenden 
Gesetze der Anpassung und des Kampfes urns Dasein die 
richtigen Vorstellungen zu machen. 16 

i (i 

Unnotig wohl ist es zu sagen, daB die moderne Deszendenztheorie 
damit durchaus nicht bezweifelt werden soil, oder daB ihre Behaup- 
tungen damit eingeschrankt werden sollen; im Gegenteil, es wird 
ihnen erst eine sichere Basis geschaffen. 



Der Gedanke der Urpflanze bildet sich immer bestimm- 
ter, klarer in Goethes Geist aus. Im botanischen Garten zu 
Padua (Italienische Reise, 27. Sept. 1786), wo er unter einer 
ihm fremden Vegetation einhergeht, wird ihm der «Ge- 
danke immer lebendiger, daB man sich alle Pflanzengestal- 
ten vielleicht aus einer entwickeln konne». Am 17. Novem- 
ber 1786 schreibt er an Knebel: «So freut mien doch mein 
biBchen Botanik erst recht in diesen Landen, wo eine fro- 
here, weniger unterbrochene Vegetation zu Hause ist. Ich 
habe schon recht artige, ins allgemeine gehende Bemerkun- 
gen gemacht, die auch dir in der Folge angenehm sein wer- 
den.» [WA 8, 58] Am 19. Februar 1787 (siehe Italienische 
Reise) schreibt er in Rom, daB er auf dem Wege sei, «neue 
scheme Verhaltnisse zu entdecken, wie die Natur solch ein 
Ungeheures, das wie nichts aussieht, aus dem Einfachen 
das Mannigfaltigste entwickelt.» Am 25. Marz bittet er, 
Herdern zu sagen, daB er mit der Urpflanze bald zustande 
ist. Am 17. April (siehe Italienische Reise) schreibt er in 
Palermo von der Urpflanze die Worte nieder: «Eine solche 
muB es doch geben! Woran wiirde ich sonst erkennen, daB 
dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht 
alle nach einem Muster gebildet waren.» Er hat im Auge 
den Komplex von Bildungsgesetzen, welcher die Pflanze 
organisiert, sie zu dem macht, was sie ist und wodurch wir 
bei einem bestimmten Objekte der Natur zu dem Gedan- 
ken kommen: Dieses ist eine Pflanze -, das ist die Ur- 
pflanze.* Als solche ist sie ein Ideelles, nur im Gedanken 
Festzuhaltendes; sie gewinnt aber Gestalt, sie gewinnt eine 
gewisse Form, GroBe, Farbe, Zahl ihrer Organe usw. Diese 
auBere Gestalt ist nichts Festes, sondern sie kann unendliche 
Veranderungen erleiden, welche alle jenem Komplexe von 



Bildungsgesetzen gemaB sind, aus ihm mit Notwendigkeit 
folgen. Hat man jene Bildungsgesetze, jenes Urbild der 
Pflanze erfaBt, so hat man das in der Idee festgehalten, 
was bei jedem einzelnen Pflanzenindividuum die Natur 
gleichsam zugrunde legt und woraus sie dasselbe als eine 
Folge ableitet und entstehen laBt. Ja man kann selbst je- 
nem Gesetze gemaB Pflanzengestalten erfinden, welche aus 
dem Wesen der Pflanze mit Notwendigkeit folgen und 
existieren konnten, wenn die notwendigen Bedingungen da- 
zu eintraten. Goethe sucht so gleichsam das im Geiste nach- 
zubilden, was die Natur bei der Bildung ihrer Wesen voll- 
zieht. Er schreibt am 17. Mai 1787 17 an Herder: «Ferner 
muB ich Dir vertrauen, daB ich dem Geheimnis der Pflan- 
zenzeugung und Organisation ganz nahe bin und daB es 
das einfachste ist, was nur gedacht werden kann . Die 
Urpflanze wird das wunderlichste Geschopf von der Welt, 
um welches mich die Natur selbst beneiden soil. Mit diesem 
Modell und dem Schlussel dazu kann man alsdann noch 
Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein mus- 
sen, das heiBt: die, wenn sie auch nicht existieren, doch 
existieren konnten und nicht etwa malerische oder dichte- 
rische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche 
Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird 
sich auf alles ubrige Lebendige anwenden lassen.» Es tritt 
nun hier noch eine weitere Verschiedenheit der Goethe- 
schen Auffassung von der Darwins hervor, namentlich, 
wenn man beriicksichtigt, wie letztere gewohnlich vertre- 
ten wird. 18 Diese nimmt an, daB die auBeren Einflusse wie 

17 

Italienische Reise. 

1 8 

Wir haben hier weniger die Entwicklungslehre derjenigen Natur- 
forscher, die auf dem Boden der sinnenfalligen Empirie stehen, vor 



mechanische Ursachen auf die Natur eines Organismus 
einwirken und ihn dementsprechend verandern. Bei Goethe 
sind die einzelnen Veranderungen verschiedene AuBerun- 
gen des Urorganismus, der in sich selbst die Fahigkeit hat, 
mannigfache Gestalten anzunehmen und in einem be- 
stimmten Falle jene annimmt, welche den ihn umgebenden 
Verhaltnissen der AuBenwelt am angemessensten ist. Diese 
auBeren Verhaltnisse sind bloB Veranlassung, daB die in- 
neren Gestaltungskrafte in einer besonderen Weise zur Er- 
scheinung kommen. Diese letzteren allein sind das konsti- 
tutive Prinzip, das Schopferische in der Pflanze. Daher 
nennt es Goethe am 6. September 1787 19 auch ein Vp xal new 
(Ein und Alles) der Pflanzenwelt. 

Wenn wir nun auf diese Urpflanze selbst eingehen, so 
ist dariiber folgendes zu sagen. Das Lebendige ist ein in sich 
beschlossenes Ganze, welches seine Zustande aus sich selbst 
setzt. Sowohl im Nebeneinander der Glieder, wie in der 
zeitlichen Aufeinanderfolge der Zustande eines Lebewesens 
ist eine Wechselbeziehung vorhanden, welche nicht durch 
die sinnenfalligen Eigenschaften der Glieder bedingt er- 
scheint, nicht durch mechanisch-kausales Bedingtsein des 
Spateren von dem Fruheren, sondern welche von einem 
hoheren iiber den Gliedern und Zustanden stehenden Prin- 
zipe beherrscht wird. Es ist in der Natur des Ganzen be- 
dingt, daB ein bestimmter Zustand als der erste, ein anderer 
als der letzte gesetzt wird; und auch die Aufeinanderfolge 

Augen, als vielmehr die theoretischen Grundlagen, die Prinzipien, 
die dem Darwinismus zugrunde gelegt werden. Vor allem natiirlich 
die Jenaische Schule mit Haeckel an der Spitze; in diesem Geiste 
ersten Ranges hat wohl die Darwinsche Lehre mit aller ihrer Ein- 
seitigkeit ihre konsequente Ausgestaltung gefunden. 

19 Italienische Reise. 



der mittleren ist in der Idee des Ganzen bestimmt; das Vor- 
her ist von dem Nachher und umgekehrt abhangig; kurz, 
im lebendigen Organismus ist Entwicklung des einen aus 
dem andern, ein Ubergang der Zustande ineinander, kein 
fertiges, abgeschlossenes Sein des Einzelnen, sondern stetes 
Werden. In der Pflanze tritt dieses Bedingtsein jedes ein- 
zelnen Gliedes durch das Ganze insofern auf, als alle Or- 
gane nach derselben Grundform gebaut sind. Am 17. Mai 
1787 20 schreibt Goethe diesen Gedanken an Herder mit den 
Worten: «Es war mir namlich aufgegangen, daB in dem- 
jenigen Organ (der Pflanze), welches wir gewohnlich als 
Blatt ansprechen, der wahre Proteus verborgen liege, der 
sich in alien Gestaltungen verstecken und offenbaren 
konne. Ruckwarts und vorwarts ist die Pflanze immer nur 
Blatt, mit dem kunftigen Keime so unzertrennlich vereint, 
daB man sich eins ohne das andere nicht denken darf.» 
Wahrend beim Tiere jenes hohere Prinzip, das jedes Ein- 
zelne beherrscht, uns konkret entgegentritt als dasjenige, 
welches die Organe bewegt, seinen Bedurfnissen gemaB ge- 
braucht usw., entbehrt die Pflanze noch eines solchen wirk- 
lieben Lebensprinzipes; bei ihr offenbart sich dasselbe erst 
in der unbestimmteren Weise, daB alle Organe nach dem- 
selben Bildungstypus gebaut sind, ja daB in jedem Teile 
der Moglichkeit nach die ganze Pflanze enthalten ist und 
durch gunstige Umstande aus demselben auch hervorge- 
bracht werden kann. Goethe wurde dieses besonders klar, 
als in Rom Rat Reiffenstein bei einem Spaziergange mit 
ihm hier und da einen Zweig abreiBend behauptete, der- 
selbe musse in die Erde gesteckt, fortwachsen und sich zur 
ganzen Pflanze entwickeln. Die Pflanze ist also ein Wesen, 

Italienische Reise. 



welches in aufeinanderfolgenden Zeitraumen gewisse Or- 
gane entwickelt, welche alle sowohl untereinander, wie je- 
des einzelne mit dem Ganzen nach ein und derselben Idee 
gebaut sind. Jede Pflanze ist ein harmonisches Ganze von 
Pflanzen. 21 Als Goethe dieses klar vor Augen stand, han- 
delte es sich fiir ihn nur noch um die Einzelbeobachtungen, 
die es ermoglichten, die verschiedenen Stadien der Entwick- 
lung, welche die Pflanze aus sich heraus setzt, im beson- 
deren darzulegen. Auch dazu war schon das Notige ge- 
schehen. Wir haben gesehen, daB Goethe schon im Friihjahr 
1785 Samen untersucht hat; von Italien aus meldet er Her- 
dern am 17. Mai 1787, daB er den Punkt, wo der Keim 
steckt, ganz klar und zweifellos gefunden habe. [WA Abt. 
I, 31, 240] Damit war fiir das erste Stadium des Pflanzen- 
lebens gesorgt. Aber auch die Einheit des Baues aller Blatter 
zeigte sich bald anschaulich genug. Neben zahlreichen an- 
deren Beispielen fand Goethe in dieser Hinsicht vor allem 
am frischen Fenchel den Unterschied der unteren und obe- 
ren Blatter, die aber trotzdem immer dasselbe Organ sind. 

22 

Am 25. Marz [1787] bittet er Herdern zu melden, daB 
seine Lehre von den Kotyledonen so sublimiert sei, daB man 
schwerlich wird weitergehen konnen. Es war nur noch ein 
kleiner Schritt zu tun, um auch die Blutenblatter, die Staub- 
gefaBe und Stempel als metamorphosierte Blatter anzu- 
sehen. Dazu konnten die Untersuchungen des englischen 

2 1 

In welchem Sinne diese Einzelheiten zum Ganzen stehen, werden 
wir an verschiedenen Stellen Gelegenheit haben auszufiihren. Woll- 
ten wir einen Begriff der heutigen Wissenschaft fiir ein solches Zu- 
sammenwirken von belebten Teilwesen zu einem Ganzen entlehnen, 
so ware es etwa der eines «Stockes» in der Zoologie. Es ist dies eine 
Art Staat von Lebewesen, ein Individuum, das wieder aus selb- 
standigen Individuen besteht, ein Individuum hoherer Art. 

22 Italienische Reise. [WA Abt. I, 31, 75] 



Botanikers Hill fiihren, welche damals allgemeiner bekannt 
wurden und die Umbildungen einzelner Bliitenorgane in 
andere zum Gegenstande haben. 

Indem die Krafte, welche das Wesen der Pflanze organi- 
sieren, ins wirkliche Dasein treten, nehmen sie eine Reihe 
raumlicher Gestaltungsformen an. Es handelt sich nun urn 
den lebendigen Begriff, welcher diese Formen ruckwarts 
und vorwarts verbindet. 

Wenn wir die Metamorphosenlehre Goethes, wie sie uns 
aus dem Jahre 1790 vorliegt, betrachten, so finden wir dar- 
innen, daB bei Goethe dieser Begriff der des wechselnden 
Ausdehnens und Zusammenziehens ist. Im Samen ist die 
Pflanzenbildung am starksten zusammengezogen (konzen- 
triert). Mit den Blattern erfolgt hierauf die erste Entfal- 
tung, Ausdehnung der Bildungskrafte. Was im Samen auf 
einen Punkt zusammengedrangt ist, das tritt in den Blattern 
raumlich auseinander. Im Kelche ziehen sich die Krafte 
wieder an einem Achsenpunkte zusammen; die Krone wird 
durch die nachste Ausdehnung bewirkt; StaubgefaBe und 
Stempel entstehen durch die nachste Zusammenziehung; 
die Frucht durch die letzte (dritte) Ausdehnung, worauf 
sich die ganze Kraft des Pllanzenlebens (dies entelechische 
Prinzip) wieder im hochst zusammengezogenen Zustande 
im Samen verbirgt. Wahrend wir nun so ziemlich alle Ein- 
zelheiten des Metamorphosengedankens bis zur endlichen 
Verwertung in dem 1790 erschienenen Aufsatze verfolgen 
konnen, wird es mit dem Begriffe der Ausdehnung und Zu- 
sammenziehung nicht so leicht gehen. Doch wird man nicht 
fehlgehen, wenn man annimmt, daB dieser ubrigens tief 
in Goethes Geist wurzelnde Gedanke auch schon in Italien 
mit dem Begriffe der Pflanzenbildung verwebt wurde. Da 



der Inhalt dieses Gedankens die durch die bildenden Krafte 
bedingte groBere oder geringere raumliche Entfaltung ist, 
also in dem liegt, was sich an der Pflanze dem Auge un- 
mittelbar darbietet, so wird er wohl dann am leichtesten 
entstehen, wenn man den Gesetzen der natiirlichen Bildung 
gemafi die Pflanze zu zeichnen unternimmt. Nun fand 
Goethe in Rom einen strauchartigen Nelkenstock, welcher 
ihm die Metamorphose besonders klar zeigte. Dariiber 
schreibt er nun: «Zur Aufbewahrung dieser Wundergestalt 
kein Mittel vor mir sehend, unternahm ich es, sie genau zu 
zeichnen, wobei ich immer zu mehrerer Einsicht in den 
Grundbegriff der Metamorphose gelangte.» 23 Solche Zeich- 
nungen sind vielleicht noch ofters gemacht worden und dies 
konnte dann zu dem in Rede stehenden Begriff fuhren.* 

Im September 1787 bei seinem zweiten Aufenthalte in 
Rom tragt Goethe seinem Freunde Moritz die Sache vor; 
er findet dabei, wie lebendig, anschaulich die Sache bei ei- 
nem solchen Vortrage wird. Es wird immer aufgeschrieben, 
wie weit sie gekommen sind. Aus dieser Stelle und einigen 
anderen AuBerungen Goethes erscheint es wahrscheinlich, 
daB auch die Niederschrift der Metamorphosenlehre we- 
nigstens aphoristisch noch in Italien geschehen ist. Er sagt 
weiter: «Auf diese Art - im Vortrage mit Moritz - konnt' 
ich allein etwas von meinen Gedanken zu Papier bringen.» 24 
Es ist nun keine Frage, daB am Ende des Jahres 1789 und am 
Anfange des Jahres 1790 die Arbeit in der Gestalt, wie sie 
uns jetzt vorliegt, niedergeschrieben wurde; allein inwie- 
weit diese letztere Niederschrift bloB redaktioneller Natur 

23 [Italienische Reise / Storende Naturbetrachtungen; vgl. auch den 
Brief Goethes an Knebel vom 18. Aug. 1787 (WA 8, 251).] 

24 [Italienische Reise, 28. Sept. 1787.] ' 



war und was noch hinzukam, das wird schwer zu sagen 
sein. Ein fur die nachste Ostermesse angekiindigtes Buch, 
welches etwa dieselben Gedanken hatte enthalten konnen, 
verleitete ihn im Herbste 1789, seine Ideen vorzunehmen 
und ihre Veroffentlichung zu befordern. Am 20. Novem- 
ber schreibt er dem Herzoge, daB er angespornt sei, seine 
botanischen Ideen zu schreiben. Am 18. Dezember iiber- 
schickt er die Schrift bereits dem Botaniker Batsch in Jena 
zur Durchsicht; am 20. geht er selbst dorthin, um sich mit 
Batsch zu besprechen; am 22. meldet er Knebel, daB Batsch 
die Sache gut aufgenommen habe. Er kehrt nach Hause zu- 
riick, arbeitet die Schrift noch einmal durch, uberschickt 
sie dann wieder an Batsch, der sie am 19. Januar 1790 zu- 
ruckschickt. Welche Erlebnisse nun die Handschrift sowohl 
wie die Druckschrift machte, hat Goethe selbst ausfuhr- 
lich erzahlt (siehe Natw. Schr., 1. Bd. [S. 91 ff.]). Die groBe 
Bedeutung der Metamorphosenlehre, sowie das Wesen der- 
selben im einzelnen werden wir unten [S. 70 ff.] in dem Auf- 
satze: «t)ber das Wesen und die Bedeutung von Goethes 
Schriften iiber organische Bildung» abhandeln. 



Ill 



DIE ENTSTEHUNG VON GOETHES GEDANKEN 
UBER DIE BILDUNG DER TIERE 



Lavaters groBes Werk: «Physiognomische Fragmente zur 
Beforderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe» er- 
schien in den Jahren 1775-1778. Goethe hatte daran regen 
Anteil genommen, nicht nur dadurch, daB er die Heraus- 
gabe leitete, sondern indem er auch selbst Beitrage lieferte. 
Besonders interessant ist es nun aber, daB wir in diesen Bei- 
tragen schon den Keim zu seinen spateren zoologischen Ar- 
beiten finden konnen. 

Die Physiognomik suchte in der auBeren Form des Men- 
schen dessen Inneres, dessen Geist zu erkennen. Man behan- 
delte die Gestalt nicht um ihrer selbst willen, sondern als 
Ausdruck der Seele. Goethes plastischer, zur Erkenntnis 
auBerer Verhaltnisse geschaffener Geist blieb dabei nicht 
stehen. Mitten in jenen Arbeiten, welche die auBere Form 
nur als Mittel zur Erkenntnis des Inneren behandelten, 
ging ihm die Bedeutung der ersteren, der Gestalt, in ihrer 
Selbstandigkeit auf. Wir sehen dieses aus seinen Arbeiten 
uber die Tierschadel aus dem Jahre 1776, welche sich im 
2. Bande, 2. Abschnitt der «Physiognomischen Fragmente» 
eingeschaltet finden. 25 Er liest in diesem Jahre Aristoteles 
uber die Physiognomik , findet sich dadurch zu obigen 
Arbeiten angeregt, zugleich aber versucht er es, den Un- 
terschied des Menschen von den Tieren zu untersuchen. Er 
findet diesen Unterschied in dem durch das Ganze des 

25 Vgl. Natw. Schr., 2. Bd., S. 68 ff. 

26 [Brief an J. K. Lavater, etwa 20. Marz 1776; WA 3, 42.] 



menschlichen Baues bedingten Hervortreten des Hauptes, 
in der hohen Ausbildung des menschlichen Gehirnes, zu 
dem alle Teile des Korpers als zu ihrer Zentralstatte hin- 
weisen- «Wie die ganze Gestalt als Grundpfeiler des Ge- 
wolbes dasteht, in dem sich der Himmel bespiegeln soll.» 27 
Das Gegenteil davon findet er nun beim tierischen Baue. 
«Der Kopf an das Ruckgrat nur angehangt! Das Gehirn, 
Ende des Ruckenmarks, hat nicht mehr Umfang, als zur 
Auswirkung der Lebensgeister und zu Leitung eines ganz 
gegenwartig sinnlichen Geschopfes notig ist.» 28 Mit diesen 
Andeutungen hat sich Goethe iiber die Betrachtung einzel- 
ner Zusammenhange des AuBeren mit dem Inneren des 
Menschen erhoben zur Auffassung eines groBen Ganzen 
und zur Anschauung der Gestalt als solcher. Er ist zur An- 
sicht gekommen, daB das Ganze des menschlichen Baues 
die Grundlage bildet zu seinen hoheren LebensauBerungen, 
daB in der Eigentumlichkeit dieses Ganzen die Bedingung 
liegt, welche den Menschen an die Spitze der Schopfung 
stellt. Was wir uns dabei vor allem gegenwartig halten miis- 
sen, ist, daB Goethe die tierische Gestalt in der ausgebilde- 
ten menschlichen wieder aufsucht; nur daB dort die mehr 
den animalischen Verrichtungen dienenden Organe in den 
Vordergrund treten, gleichsam der Punkt sind, auf den die 
ganze Bildung hindeutet und dem sie dient, wahrend die 
menschliche Bildung jene Organe besonders ausbildet, wel- 
che den geistigen Funktionen dienen. Schon hier finden 
wir: Was Goethe als tierischer Organismus vorschwebt, ist 
nicht mehr dieser oder jener sinnlich-wirkliche, sondern 
ein ideeller, der sich bei den Tieren mehr nach einer niede- 

27 Vgl. Natw. Sehr., 2. Bd., S.68 [Eingang]. 
29 Ebenda. 



ren, bei dem Menschen nach einer hoheren Seite ausbildet. 
Schon trier liegt der Keim zu dem, was Goethe spater Ty- 
pus nannte und womit er «kein einzelnes Tier», sondern die 
«Idee» des Tieres bezeichnen wollte. Ja noch mehr: Schon 
hier findet man einen Anklang an ein spater von ihm ausge- 
sprochenes, in seinen Konsequenzen wichtiges Gesetz, daB 
namlich «die Mannigfaltigkeit der Gestalt daher entspringt, 
daB diesem oder jenem Teil ein Ubergewicht iiber die an- 
dern zugestanden ist.» 29 Es wird ja schon hier der Gegen- 
satz von Tier und Mensch darinnen gesucht, daB sich eine 
ideelle Gestalt nach zwei verschiedenen Richtungen hin 
ausbildet, daB jedesmal ein Organsystem das Ubergewicht 
gewinnt und das ganze Geschopf davon seinen Charakter 
erhalt. 

In demselben Jahre (1776) finden wir aber auch, daB 
Goethe Klarheit daniber gewinnt, wovon auszugehen ist, 
wenn man die Gestalt des tierischen Organismus betrach- 
ten will. Er erkannte, daB die Knochen die Grundfesten 
der Bildung sind 30 , ein Gedanke, den er spater aufrechter- 
halten hat, indem er bei den anatomischen Arbeiten durch- 
aus von der Knochenlehre ausging. In diesem Jahre schreibt 
er den in dieser Hinsicht wichtigen Satz nieder 31 : «Die be- 
weglichen Teile formen sich nach ihnen (den Knochen), 
eigentlicher zu sagen, mit ihnen und treiben ihr Spiel nur 
insoweit es die festen vergonnen.» Auch eine weitere An- 
deutung in Lavaters Physiognomik: «Man kann es schon 
bemerkt haben, daB ich das Knochensystem fiir die Grund- 
zeichnung des Menschen - den Schadel fiir das Fundament 

29 Siehe Natw. Schr., 1. Bd., S. 247. 

30 Siehe Natw. Schr., 2. Bd. [S. 68 f.]. 

31 Ebenda [S. 69]. 



des Knochensystems und alles Fleisch beinahe nur fiir das 
Kolorit dieser Zeichnung halte» 32 , mag wohl auf Goethes 
Anregung, der sich mit Lavater oft liber diese Dinge be- 
sprach, geschrieben worden sein. Sie sind ja mit den von 
Goethe verfaBten Andeutungen 33 identisch. Nun macht 
aber Goethe eine weitere Bemerkung dazu, welche wir be- 
sonders beriicksichtigen miissen: «Diese Anmerkung (daB 
man an den Knochen und namentlich am Schadel am stark - 
sten sehen kann, wie die Knochen die Grundfesten der Bil- 
dung sind), die hier (bei Tieren) unleugbar ist, wird bei der 
Anwendung auf die Verschiedenheit der Menschenschddel 
groBen Widerspruch zu leiden haben.» 34 Was tut Goethe hier 
anderes, als das einfachere Tier im zusammengesetzten 
Menschen wieder aufsuchen, wie er sich spater (1795) aus- 
driickt! Wir gewinnen hieraus die Uberzeugung, dafi die 
Grundgedanken, auf welchen spater Goethes Gedanken 
iiber die Bildung der Tiere aufgebaut werden sollten, aus 
der Beschaftigung mit Lavaters Physiognomik heraus im 
Jahre 1 776 sich bei ihm festsetzten. 

In diesem Jahre beginnt auch Goethes Studium des Ein- 
zelnen der Anatomic Am 22. Januar 1776 schreibt er an 
Lavater: «Der Herzog hat mir sechs Schadel kommen 
lassen, habe herrliche Bemerkungen gemacht, die Euer 
Hochwurden zu Diensten stehen, wenn dieselben Sie nicht 
ohne mich fanden.» [WA 3, 20] Die weiteren Anregungen 
zu einem eingehenderen Studium der Anatomie boten ihm 
die Beziehungen zur Universitat Jena. Wir haben die er- 
sten Andeutungen hieriiber aus dem Jahre 1781. In dem 

Lavaters Fragmente II, 143. 

33 SieheNatw. Schr., 2. Bd. [S. 69]. 

34 [Ebenda.] 



von Keil herausgegebenen Tagebuche bemerkt er unter dem 
15. Oktober 1781, daB er nach Jena mit dem alten Einsie- 
del ging und dort Anatomie trieb. Hier war ein Gelehrter, 
der Goethes Studien ungeheuer forderte: Loder. Derselbe 
fuhrt ihn denn auch weiter in die Anatomie ein, wie er am 
29. Oktober 1781 an Frau von Stein 35 und am 4. Novem- 
ber an Karl August schreibt. In letzterem Briefe spricht 
er nun auch die Absicht aus, den «jungen Leuten» der Zei- 
chenakademie «das Skelett zu erklaren und sie zur Kennt- 
nis des menschlichen Korpers anzufiihren». Er setzt hinzu: 
«Ich tue es zugleich um meinet- und ihretwillen, die Me- 
thode, die ich gewahlt habe, wird sie diesen Winter iiber 
vollig mit den Grundsaulen des Korpers bekannt machen.» 
Die Einzeichnungen im Tagebuch Goethes zeigen, daB er 
diese Vorlesungen wirklich gehalten und am 16. Januar be- 
endet hat. Gleichzeitig wird wohl viel mit Loder iiber den 
Bau des menschlichen Korpers verhandelt worden sein. Un- 
ter dem 6. Januar bemerkt das Tagebuch: Demonstration 
des Herzens durch Loder. Haben wir nun gesehen, daB 
Goethe schon 1776 weitausblickende Gedanken iiber den 
Bau der tierischen Organisation hegte, so ist keinen Augen- 
blick daran zu zweifeln, daB seine jetzigen eingehenden 
Beschaftigungen mit Anatomie iiber die Betrachtung der 
Einzelheiten hinaus sich zu hoheren Gesichtspunkten er- 
hoben. So schreibt er an Lavater und Merck am 14. Novem- 
ber 1781, erbehandele «die Knochen als einen Text, woran 

«Ein beschwerlicher Liebesdienst, den ich iibernommen habe, fuhrt 
mich meiner Liebhaberei naher. Loder erklart mir alle Beine und 
Muskeln, und ich werde in wenig Tagen vieles fassen.» [WA 5, 207] 

o o 

«Mir hat er (Loder) in diesen acht Tagen, die wir, freilich soviel als 
meine Wachterschaft litt, fast ganz dazu anwandten, Osteologie und 
Myologie durchdemonstriert.» [WA 5,211] 



sich alles Leben und alles Menschliche anhangen laBt». 
[WA 5, 217 u. 220] Bei Betrachtung eines Textes bilden 
sich in unserem Geiste Bilder und Ideen, die von jenem 
hervorgerufen, erzeugt erscheinen. Als einen solchen Text 
behandelte Goethe die Knochen, d. h. indem er sie betrach- 
tet, gehen ihm Gedanken iiber alles Leben und alles Mensch- 
liche auf. Es muBten sich bei ihm also bei diesen Betrach- 
tungen bestimmte Ideen iiber die Bildung des Organismus 
geltend gemacht haben. Nun haben wir aus dem Jahre 1782 
eine Ode von Goethe: «Das G6ttliche», welche uns einiger- 
maBen erkennen laBt, wie er iiber die Beziehung des Men- 
schen zur ubrigen Natur damals dachte. Die erste Strophe 
heiBt: 

«Edel sei der Mensch, 
Hilfreich und gut! 
Denn das allein 
Unterscheidet ihn 
Von alien Wesen, 
Die wir kennen.» 

Indem in den ersten zwei Zeilen dieser Strophe der Mensch 
nach seinen geistigen Eigenschaften erfaBt wird, sagt 
Goethe, diese allein unterscheiden ihn von alien anderen 
Wesen der Welt. Dieses «allein» zeigt uns ganz klar, daB 
Goethe den Menschen seiner physischen Konstitution nach 
durchaus in Ubereinstimmung mit der ubrigen Natur auf- 
faBte. Es wird bei ihm der Gedanke, auf den wir schon 
oben aufmerksam machten, immer lebendiger, daB eine 
Grundform die Gestalt des Menschen sowohl wie der Tiere 
beherrsche, daB sie bei ersterem sich nur zu einer solchen 
Vollkommenheit steigere, daB sie fahig ist, der Trager eines 
freien geistigen Wesens zu sein. Seinen sinnenfalligen Ei- 



genschaften nach muB auch der Mensch, wie es in jener Ode 
weiter heiBt: 

«Nach ewigen, ehrnen 
GroBen Gesetzen» 
Seines . . . «Daseins 
Kreise vollenden.» 

Aber diese Gesetze bilden sich bei ihm nach einer Seite aus, 
die es ihm moglich macht, daB er das «Unmogliche» ver- 
mag: 

«Er unterscheidet, 
Wahletund richtet; 
Er kann dem Augenblick 
Dauer verleihen.» 

Nun muB man dazu noch bedenken, daB, wahrend sich 
diese Anschauungen bei Goethe immer bestimmter ausbil- 
deten, er in lebendigem Verkehre mit Herder stand, der 
im Jahre 1783 seine «Ideen zu einer Philosophic der Ge- 
schichte der Menschheit» aufzuzeichnen begann. Dieses 
Werk ging beinahe hervor aus den Unterhaltungen der bei- 
den, und manche Idee wird wohl auf Goethe zunickzufuh- 
ren sein. Die Gedanken, welche hier ausgesprochen werden, 
sind oft ganz Goethisch, nur in Herders Weise gesagt, so 
daB wir aus denselben einen sicheren SchluB auf die dama- 
ligen Gedanken Goethes machen konnen. 

Herder hat nun im ersten Teil 37 von dem Wesen der 
Welt folgende Auffassung. Es muB eine Hauptform voraus- 
gesetzt werden, welche durch alle Wesen hindurchgeht und 
sich in verschiedener Weise verwirklicht. «Vom Stein zum 

[Herder, Ideen zur Philosophic der Geschichte der Menschheit, I. 
Teil, 5. Buch-, in: Herders Samtliche Werke, hg. v. B. Suphan; Ber- 
lin 1877-1913, 13. Bd., S. 167.] 



Kristall, vom Kristall zu den Metallen, von diesen zur 
Pflanzenschopfung, von den Pflanzen zum Tier, von die- 
sem zum Menschen sahen wir die Form der Organisation 
steigen, mit ihr auch die Krafte und Triebe des Geschopfs 
vielartiger werden, und sich endlich alle in der Gestalt des 
Menschen, sofern diese sie fassen konnte, vereinen.» Der 
Gedanke ist ganz klar: Eine ideelle, typische Form, die als 
solche selbst nicht sinnenfallig wirklich ist, realisiert sich 
in einer unendlichen Menge raumlich voneinander getrenn- 
ter und ihren Eigenschaften nach verschiedenen Wesen bis 
herauf zum Menschen. Auf den niederen Stufen der Orga- 
nisation verwirklicht sie sich stets nach einer bestimmten 
Richtung; nach dieser bildet sie sich besonders aus. Indem 
diese typische Form bis zum Menschen heransteigt, nimmt 
sie alle Bildungsprinzipien, die sie bei den niederen Orga- 
nismen immer nur einseitig ausgebildet hat, die sie auf ver- 
schiedene Wesen verteilt hat, zusammen, um eine Gestalt 
zu bilden. Daraus geht auch die Moglichkeit einer so hohen 
Vollkommenheit beim Menschen hervor. Bei ihm hat die 
Natur auf ein Wesen verwendet, was sie bei den Tieren auf 
viele Klassen und Ordnungen zerstreut hat. Dieser Gedanke 
wirkte ungemein fruchtbar auf die nachherige deutsche 
Philosophic Es sei hier die Darstellung, welche Oken spater 
fiir dieselbe Vorstellung gegeben hat, zu ihrer Verdeutli- 
chung erwahnt. Er sagt 38 : «Das Tierreich ist nur ein Tier, 
d. h. die Darstellung der Tierheit mit alien ihren Organen 
jedes fiir sich ein Ganzes. Ein einzelnes Tier entsteht, wenn 
ein einzelnes Organ sich vom allgemeinen Tierleib ablost 
und dennoch die wesentlichen Tierverrichtungen ausiibt. 
Das Tierreich ist nur das zerstuckelte hochste Tier: Mensch.» 

38 Oken, Lehrbuch der Naturphilosophie. 2. Aufl., Jena 1831, S. 389. 



Es gibt nur eine Menschenzunft, nur ein Menschenge- 
schlecht, nur eine Menschengattung, eben weil er das ganze 
Tierreich ist. So gibt es z. B. Tiere, bei denen die Tast- 
organe ausgebildet sind, ja die ganze Organisation auf die 
Tatigkeit des Tastens hinweist und in ihr das Ziel findet, 
andere, bei denen besonders die FreBwerkzeuge ausgebildet 
sind usf., kurz bei jeder Tiergattung tritt einseitig ein Or- 
gansystem in den Vordergrund; das ganze Tier gent in dem- 
selben auf; alles iibrige tritt bei ihm in den Hintergrund. In 
der menschlichen Bildung nun bilden sich alle Organe und 
Organsysteme so aus, daB eines dem andern Raum genug 
zur freien Entwicklung laBt, daB jedes einzelne in jene 
Schranken zurucktritt, welche notig erscheinen, um alle an- 
dern in gleicher Weise zur Geltung kommen zu lassen. So 
entsteht ein harmonisches Ineinanderwirken der einzel- 
nen Organe und Systeme zu einer Harmonie, welche den 
Menschen zum vollkommensten, die Vollkommenheiten 
aller ubrigen Geschopfe in sich vereinigenden Wesen macht. 
Diese Gedanken haben nun auch den Inhalt der Gesprache 
Goethes mit Herder gebildet, und Herder verleiht ihnen in 
folgender Weise Ausdruck: daB «das Menschengeschlecht 
als der grofie Zusammenflufi niederer organischer Krafte» 
anzusehen ist, «die in ihm zur Bildung der Humanitat kom- 
men sollten». Und an einem anderen Orte: «Und so konnen 
wir annehmen: dafi der Mensch ein Mittelgeschopf unter 
den Tieren, d. i. die ausgearbeitete Form sei, in der sich die 
Ziige aller Gattungen um ihn her im feinsten Inbegriff 
sammeln.» 39 

Um den Anteil, welchen Goethe an Herders Werke 
«Ideen zu einer Philosophic der Geschichte der Menschheit» 

39 Herder, a. a. O. I. Teil, 5. Buch, bzw. I. Teil, 2. Buch. 



nahm, zu kennzeichnen, wollen wir folgende Stelle aus ei- 
nem Briefe Goethes an Knebel vom 8. Dezember 1783 an- 
fiihren: «Herder schreibt eine Philosophie der Geschichte, 
wie Du Dir denken kannst, von Grund aus neu. Die ersten 
Kapitel haben wir vorgestern zusammen gelesen, sie sind 
kostlich . . . Welt- und Naturgeschichte rast jetzt recht bei 
uns.» [WA 6, 224] Die Ausfiihrungen Herders im 3. Buch 
VI und im 4. Buch I, daB die in der menschlichen Organi- 
sation bedingte aufrechte Haltung und was damit zusam- 
menhangt, die Grundbedingung seiner Vernunfttatigkeit 
ist, erinnert direkt an das, was Goethe 1776 im 2. Abschnitt 
des zweiten Bandes der «Physiognomischen Fragmente» 
Lavaters iiber den Geschlechtsunterschied des Menschen 
von den Tieren angedeutet hat, und was wir schon oben 
erwahnt haben. Es ist nur eine Ausfuhrung jenes Gedan- 
kens. Das alles berechtigt uns aber anzunehmen, daB Goethe 
und Herder in bezug auf ihre Ansichten iiber die Stellung 
des Menschen in der Natur in jener Zeit (1783 ff.) der 
Hauptsache nach einig waren. 

Nun bedingt eine solche Grundanschauung aber, daB 
jedes Organ, jeder Teil eines Tieres sich im Menschen musse 
wiederfinden lassen, nur in die durch die Harmonie des 
Ganzen bedingten Schranken zunickgedrangt. Ein Kno- 
chen z. B. muB allerdings bei einer bestimmten Tiergattung 
zu seiner besonderen Ausbildung kommen, muB sich hier 
vordrangen, allein er muB sich bei alien ubrigen auch we- 
nigstens angedeutet finden, ja er darf beim Menschen nicht 
fehlen. Nimmt er dort jene Gestalt an, welche ihm vermoge 
seiner eigenen Gesetze zukommt, so hat er sich hier einem 
Ganzen zu fiigen, seine eigenen Bildungsgesetze denen des 
ganzen Organismus anzupassen. Fehlen aber darf er nicht, 



wenn nicht in der Natur ein RiB geschehen soil, wodurch 
die konsequente Ausgestaltung eines Typus gestort wiirde. 

So stand es mit den Anschauungen bei Goethe, als er auf 
einmal eine Ansicht gewahr wurde, welche diesen groBen 
Gedanken durchaus widersprach. Den Gelehrten der da- 
maligen Zeit war es vornehmlich darum zu tun, Kennzei- 
chen zu finden, welche eine Tiergattung von der andern 
unterscheiden. Der Unterschied der Tiere von dem Men- 
schen sollte darin bestehen, daB die ersteren zwischen den 
beiden symmetrischen Halften des Oberkiefers einen klei- 
nen Knochen, den Zwischenknochen haben, der die oberen 
Schneidezahne enthalt, und welcher dem Menschen fehlen 
soil. Als Merck im Jahre 1782 anfing, sich lebhaft fur die 
Knochenlehre zu interessieren und sich um Beihilfe an ei- 
nige der bekanntesten Gelehrten damaliger Zeit wandte, er- 
hielt er von einem derselben, dem bedeutenden Anatomen 
Sommerring, am 8. Oktober 1782 folgende Auskunft iiber 
den Unterschied von Her und Mensch 40 : «Ich wunschte, daB 
Sie Blumenbach nachsahen, wegen des ossis intermaxillaris, 
der ceteris paribus der einzige Knochen ist, den alle Tiere 
vom Affen an, selbst der Orang Utang eingeschlossen, ha- 
ben, der sich hingegen nie beim Menschen findet; wenn Sie 
diesen Knochen abrechnen, so fehlt Ihnen nichts, um nicht 
alles vom Menschen auf die Tiere transferieren zu konnen. 
Ich lege deshalb einen Kopf von einer Hirschkuh bei, um 
Sie zu uberzeugen, daB dieses os intermaxillare (wie es Blu- 
menbach) oder os incisivum (wie es Camper nennt) selbst 
bei Tieren vorhanden ist, die keine Schneidezahne in der 
obern Kinnlade haben. » Obwohl Blumenbach an den Scha- 
deln ungeborener oder junger Kinder eine Spur quasi rudi- 

40 Briefe an J. H. Merck, Darmstadt 1835 [S. 354 f.]. 



mentum des ossis intermaxillaris fand, ja sogar an einem 
solchen Schadel einmal zwei vollig abgesonderte kleine 
Knochenkerne als wahren Zwischenknochen fand, so gab 
er die Existenz eines solchen doch nicht zu. Er sagt davon: 
«Es ist noch himmelweit vom wahren osse intermaxillari 
verschieden.» Camper, der beriihmteste Anatom der Zeit, 
war derselben Ansicht. Der letztere sagt 41 z. B. von den 
Zwischenknochen: «die nimmer by menschen gevonden 
wordt, zelfs niet by de Negers.» Merck war fiir Camper 
von der innigsten Verehrung durchdrungen und befaBte 
sich mit seinen Schriften. 

Nicht nur Merck, sondern auch Blumenbach und Som- 
merring standen mit Goethe im Verkehre. Der Briefwechsel 
mit ersterem zeigt uns, daB Goethe an dessen Knochenun- 
tersuchungen den innigsten Anteil nahm und iiber diese 
Dinge seine Gedanken mit ihm austauschte. Am 27. Okto- 
ber 1782 ersuchte er Merck, ihm etwas von Campers In- 

42 

kognito zu schreiben und ihm dessen Briefe zu schicken. 
Ferner haben wir im April des Jahres 1783 einen Besuch 
Blumenbachs in Weimar zu verzeichnen. Im September des- 
selben Jahres geht Goethe nach Gottingen, um dort Blu- 
menbach und alle Professoren zu besuchen. Am 28. Sep- 
tember schreibt er an Frau von Stein: «Ich habe mir vor- 
genommen alle Professoren zu besuchen und Du kannst 
denken, was das zu laufen gibt, um in ein paar Tagen her- 
umzukommen.» [WA 6, 202] Er geht hierauf nach Kassel, 
wo er mit Forster und Sommerring zusammentrifft. Von 
dort aus schreibt er an Frau von Stein am 2. Oktober: «Ich 

41 In: «Natuuf kundige Verhandelingen over den orang Outang...». 
Amsterdam 1782, p. 75, § 2. 

42 [WA 6,75] 



sehe sehr schone und gute Sachen und werde fiir meinen 
stillen FleiB belohnt. Das Gliicklichste ist, daB ich nun sa- 
gen kann, ich bin auf dem rechten Wege und es gent mir 
von nun an nichts verloren.» [WA 6, 204] 

In diesem Verkehr wird Goethe wohl zuerst auf die 
herrschenden Ansichten iiber den Zwischenknochen auf- 
merksam geworden sein. Bei seinen Anschauungen muBten 
ihm diese sofort als ein Irrtum erscheinen. Die typische 
Grundform, nach welcher alle Organismen gebaut sein miis- 
sen, ware damit vernichtet. Bei Goethe konnte kein Zwei- 
fel obwalten, daB auch dieses Glied, welches bei alien hohe- 
ren Tieren mehr oder weniger ausgebildet zu finden ist, 
auch an der Bildung der menschlichen Gestalt teil haben 
miisse, und hier nur zurucktreten werde, weil die Organe 
der Nahrungsaufnahme uberhaupt hinter denen, welche 
geistigen Funktionen dienen, zurucktreten. Goethe konnte 
vermoge seiner ganzen Geistesrichtung nicht anders den- 
ken, als daB ein Zwischenknochen auch beim Menschen vor- 
handen sei. Es handelte sich nur um den empirischen Nach- 
weis desselben, nur darum, welche Gestalt er bei dem Men- 
schen annimmt, inwiefern er sich in das Ganze des Orga- 
nismus hier einfugt. Dieser Nachweis gelang ihm nun im 
Friihling des Jahres 1784 in Gemeinschaft mit Loder, mit 
dem er in Jena Menschen- und Tierschadel verglich. Goethe 
kundigte die Sache am 27. Marz sowohl der Frau von Stein 43 
wie auch Herder 44 an. 

43 «Es ist mir ein kostliches Vergnugen geworden, ich habe eine ana- 
tomische Entdeckung gemacht, die wichtig und schon ist.» [WA 
6, 259] 

44 «Ich habe gefunden - weder Gold noch Silber, aber was mir eine 
unsagliche Freude macht - das os intermaxillare am Menschen !» 
[WA 6,258] 



Man darf nun diese einzelne Entdeckung gegenliber den 
groBen Gedanken, von denen sie getragen ist, nicht iiber- 
schatzen; sie hatte auch fiir Goethe nur den Wert, ein Vor- 
urteil hinwegzuraumen, welches hinderlich erschien, wenn 
seine Ideen bis in die auBersten Kleinigkeiten eines Organis- 
mus konsequent verfolgt werden sollten. Als einzelne Ent- 
deckung erblickte sie auch Goethe nie, immer nur im Zu- 
sammenhange mit seiner groBen Naturanschauung. So ha- 
ben wir es zu verstehen, wenn er in dem obenerwahnten 
Briefe an Herder sagt: «Es soil Dich auch recht herzlich 
freuen, denn es ist wie der SchluBstein zum Menschen, fehlt 
nicht, ist auch da! Aber wie!» Und gleich erinnert er den 
Freund an weitere Ausblicke: «Ich habe mir's auch in Ver- 
bindung mit Deinem Ganzen gedacht, wie schon es da 
wird.» Die Behauptung: die Tiere haben einen Zwischen- 
knochen, der Mensch aber keinen, konnte fiir Goethe kei- 
nen Sinn haben. Liegt es in den einen Organismus bilden- 
den Kraften, bei den Tieren zwischen den beiden Oberkie- 
ferknochen einen Zwischenknochen einzuschieben, so miis- 
sen dieselben bei dem Menschen an jener Stelle, wo sich bei 
den Tieren jener Knochen befindet, in wesentlich derselben, 
nur der auBeren Erscheinung nach verschiedenen Weise 
tatig sein. Weil Goethe sich den Organismus nie als tote, 
starre Zusammensetzung, sondern immer als aus seinen in- 
neren Bildungskraften hervorgehend dachte, so muBte er 
sich fragen: Was machen diese Krafte im Oberkiefer des 
Menschen? Es konnte sich gar nicht darum handeln, ob der 
Zwischenknochen vorhanden, sondern wie er beschaffen 
ist, was fiir eine Bildung er annimmt. Und dieses muBte em- 
pirisch gefunden werden. 

Bei Goethe wurde nun der Gedanke immer reger, ein 



groBeres Werk liber die Natur auszuarbeiten. Wir konnen 
dies aus verschiedenen AuBerungen entnehmen. So schreibt 
er im November 1784 an Knebel, als er ihm die Abhand- 
lung uber seine Entdeckung uberschickt: «Ich habe mich 
enthalten, das Resultat, worauf schon Herder in seinen 
Ideen deutet, schon jetzo merken zu lassen, daB man nam- 
lich den Unterschied des Menseben vom Tier in nichts ein- 
zelnem finden konne.» [WA 6, 389] Hier ist vor allem 
wichtig, daB Goethe sagt, er habe sich enthalten, den 
Grundgedanken schon jetzo merken zu lassen; er will das 
also spater in einem groBeren Zusammenhange tun. Ferner 
zeigt uns diese Stelle, daB die Grundgedanken, die uns bei 
Goethe vor allem interessieren: die groBen Ideen iiber den 
tierischen Typus langst vor jener Entdeckung vorhanden 
waren. Denn Goethe gesteht hier selbst, daB sie sich schon 
in Herders Ideen angedeutet finden; die Stellen aber, in 
denen dies geschieht, sind vor der Entdeckung des Zwi- 
schenknochens geschrieben. Die Entdeckung des Zwischen- 
knochens ist somit nur eine Folge jener grofien Anschauun- 
gen. Fur jene, welche diese Anschauungen nicht hatten, 
muBte sie unverstandlich bleiben. Es war ihnen das einzige 
naturhistorische Merkmal genommen, wodurch sie den 
Menschen von den Tieren schieden. Von jenen Gedanken, 
welche Goethe beherrschten und die wir friiher andeuteten, 
daB die bei den Tieren zerstreuten Elemente sich in der einen 
menschlichen Gestalt zu einer Harmonie vereinigen und so 
trotz der Gleichheit alles Einzelnen eine Differenz im Gan- 
zen begrunden, welche dem Menschen seinen hohen Rang 
in der Reihe der Wesen anweist, davon hatten sie wenig 
Ahnung. Ihr Betrachten war kein ideelles, sondern ein 
auBerliches Vergleichen; und fur das letztere war aller- 



dings der Zwischenknochen beim Menschen nicht da. Was 
Goethe verlangte: mit den Augen des Geistes zu sehen, da- 
fur hatten sie wenig Verstandnis. Das begrlindete denn 
auch den Unterschied des Urteiles zwischen ihnen und 
Goethe. Wahrend Blumenbach, der die Sache doch auch 
ganz deutlich sah, zu dem Schlusse kam: «Es ist doch him- 
melweit verschieden vom wahren osse intermaxillari», ur- 
teilt Goethe: Wie laBt sich eine noch so groBe auBere Ver- 
schiedenheit bei der notwendigen inneren Identitat erkla- 
ren. Goethe wollte nun offenbar diesen Gedanken konse- 
quent ausarbeiten und er hat sich besonders in den nun fol- 
genden Jahren viel damit beschaftigt. Am 1. Mai 1784 
schreibt Frau von Stein an Knebel 45 : «Herders neue Schrift 
macht wahrscheinlich, daB wir erst Pflanzen und Tiere 
waren . . . Goethe grubelt jetzt gar denkreich in diesen Din- 
gen und jedes, was erst durch seine Vorstellung gegangen 
ist, wird auBerst interessant.» In welchem Grade in Goethe 
der Gedanke lebte, seine Anschauungen liber die Natur in 
einem groBeren Werke darzustellen, das wird uns besonders 
anschaulich, wenn wir sehen, daB er bei jeder neuen Ent- 
deckung, die ihm gelingt, nicht umhin kann, Freunden ge- 
genliber die Moglichkeit einer Ausdehnung seiner Gedanken 
auf die ganze Natur ausdrucklich hervorzuheben. Im Jahre 
1786 schreibt er an Frau von Stein, er wolle seine Ideen 
tiber die Weise, wie die Natur mit einer Hauptform gleich- 
sam spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt, «auf 
alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich» ausdehnen. 
Und da in Italien der Metamorphosengedanke fur die 
Pflanze bis in alle Einzelheiten plastisch vor seinem Geiste 

45 Wir fiihrten ihre Worte schon oben [S. 26] in anderem Zusammen- 
hange an. 



steht, schreibt er in Neapel am 17. Mai 1787 nieder: «Das- 
selbe Gesetz wird sich auf alles... Lebendige anwenden las- 
sen. » 46 Der erste Aufsatz der «Morphologischen Hefte» 
(1817) enthalt die Worte: «Mag daher das, was ich mir in 
jugendlichem Mute ofters als ein Werk traumte, nun als 
Entwurf, ja als fragmentarische Sammlung hervortreten.» 
DaB ein solches Werk von Goethes Hand nicht zustande 
kam, mussen wir beklagen. Nach alledem, was vorliegt, 
ware es eine Schopfung geworden, welche alles, was von 
dergleichen in der neueren Zeit geleistet wurde, weit hinter 
sich gelassen hatte. Es ware ein Kanon geworden, von dem 
jede Bestrebung auf naturwissenschaftlichem Gebiete aus- 
gehen muBte und an dem man ihren geistigen Gehalt priifen 
konnte. Der tiefste philosophische Geist, welchen nur Ober- 
llachlichkeit Goethe absprechen kann, hatte sich hier ver- 
bunden mit einer liebevollen Versenkung in das sinnlich- 
erfahrungsgemaB Gegebene; fern von jeder einseitigen 
Systemsucht, welche durch ein allgemeines Schema alle 
Wesen zu umfassen glaubt, wiirde hier jeder einzelnen In- 
dividualitat ihr Recht widerfahren sein. Wir hatten es hier 
mit dem Werke eines Geistes zu tun, bei dem nicht ein ein- 
zelner Zweig menschlichen Strebens mit Zurucksetzung 
aller anderen sich hervortut, sondern bei dem die Totalitat 
menschlichen Seins immer im Hintergrunde schwebt, wenn 
er ein einzelnes Gebiet behandelt. Dadurch bekommt jede 
einzelne Tatigkeit ihre gehorige Stelle im Zusammenhange 
des Ganzen. Die objektive Versenkung in die betrachteten 
Gegenstande verursacht, daB der Geist in ihnen vollig auf- 
geht, so daB uns Goethes Theorien so erscheinen, als ob sie 
nicht ein Geist von den Gegenstanden abstrahierte, sondern 

48 [Italienische Reise.] 



als ob sie die Gegenstande selbst in einem Geiste bildeten, 
der sich bei der Betrachtung selbst vergiBt. Diese strengste 
Objektivitat wiirde GoethesWerk zum vollendetsten Werke 
der Naturwissenschaft machen; es ware ein Ideal, dem je- 
der Naturforscher nachstreben muBte; es ware fiir den Phi- 
losophen ein typisches Musterbild fiir die Auffindung der 
Gesetze objektiver Weltbetrachtung. Man kann annehmen, 
daB die Erkenntnistheorie, welche jetzt als eine philoso- 
phische Grundwissenschaft allerwarts auftritt, erst dann 
wird fruchtbar werden konnen, wenn sie ihren Ausgangs- 
punkt von Goethes Betrachtungs- und Denkweise nehmen 
wird. Goethe selbst gibt den Grund, warum dieses Werk 
nicht zustande kam, in den Annalen zu 1790 mit den Wor- 
ten an: «Die Aufgabe war so groB, daB sie in einem zer- 
streuten Leben nicht gelost werden konnte.» 

Wenn man von diesem Gesichtspunkte ausgeht, so ge- 
winnen die einzelnen Fragmente, welche uns von Goethes 
Naturwissenschaft vorliegen, eine ungeheure Bedeutung. 
Ja wir lernen sie erst recht schatzen und verstehen, wenn 
wir sie als hervorgehend aus jenem groBen Ganzen be- 
trachten. 

Im Jahre 1784 sollte aber, gleichsam bloB als Vorubung, 
die Abhandlung iiber den Zwischenknochen ausgearbeitet 
werden. Veroffentlicht sollte sie zunachst nicht werden, 
denn Goethe schreibt am 6. Marz 1785 an Sommerring 
daruber: «Da meine kleine Abhandlung gar keinen An- 
spruch an Publizitat hat und blofi als ein Konzept anzu- 
sehen ist, so wiirde mir alles, was Sie mir iiber diesen Ge- 
genstand mitteilen wollen, sehr angenehm sein.» [WA 7, 
21] Dennoch wurde sie mit aller Sorgfalt und mit Zuhilfe- 
nahme aller notigen Einzelstudien ausgefuhrt. Es wurden 



sogleich junge Leute zu Hilfe genommen, welche nach Cam- 
pers Methode osteologische Zeichnungen unter Goethes 
Leitung auszufiihren hatten. Er bittet deshalb am 23. April 
[1784] Merck [WA 6, 267f.] urn Auskunft iiber diese Me- 
thode und laBt sich von Sommerring [WA 6, 277] Cam- 
persche Zeichnungen schicken. Merck, Sommerring und 
andere Bekannte werden um Skelette und Knochen aller 
Art ersucht. Am 23. April schreibt er an Merck, daB ihm 
folgende Skelette sehr angenehm sein wurden: «... eine 
Myrmecophaga, Bradypus, Lowen, Tiger oder dergleich- 
chen.» [WA 6, 268] Am 14. Mai [WA 6, 278] ersucht er 
Sommerring um den Schadel von dessen Elefantenskelett 
und den Schadel des Nilpferdes, am 16. September um die 
Schadel von folgenden Tieren: «Wilde Katze, Lowe, jun- 
ger Bar, Incognitum, Ameisenbar, Kamel, Dromedar, See- 
I6we.» [WA 6, 357] Auch um einzelne Auskunfte werden 
die Freunde ersucht, so Merck um die Beschreibung des 
Gaumenteiles seines Rhinozeros und insbesondere um Auf- 
klarung daniber, «wie eigentlich das Horn des Rhinoceros 
auf dem Nasenknochen sitzt». [WA 6, 267] Goethe ist in 
dieser Zeit ganz in jene Studien vertieft. Der erwahnte Ele- 
fantenschadel wird durch Waitz von vielen Seiten nach 
Campers Methode gezeichnet [WA 6, 356], von Goethe 
mit einem groBen Schadel seines Besitzes und mit anderen 
Tierschadeln verglichen, da er entdeckte, daB an jenem 
Schadel die meisten Suturen noch unverwachsen waren. 
[WA 6,293 f.] Er macht an diesem Schadel noch eine wich- 
tige Bemerkung. Man nahm bis dahin an, daB bei alien 
Tieren bloB die Schneidezahne im Zwischenknochen ein- 
gefiigt seien, wahrend die Eckzahne dem Oberkieferbein 
angehorten; nur der Elefant sollte eine Ausnahme ma- 



chen. Bei ihm sollten die Eckzahne im Zwischenknochen 
enthalten sein. DaB dies nicht der Fall ist, zeigt ihm nun 
ebenfalls jener Schadel, wie er in einem Brief an Herder 
schreibt. [WA 6, 308] Auf einer Reise nach Eisenach 
[WA 6, 278] und Braunschweig, die Goethe in diesem 
Sommer [1784] unternimmt, begleiten ihn seine osteolo- 
gischen Studien. Auf letzterer will er in Braunschweig ei- 
nem «ungeborenen Elefanten in das Maul sehen und mit 
Zimmermann ein wackeres Gesprach fiihren». [WA 6, 332] 
Er schreibt von diesem Fotus weiter an Merck: «Ich wollte, 
wir hatten den Fotus, den sie in Braunschweig haben, in 
unserm Kabinette, er sollte in kurzer Zeit seziert, skelettiert 
und prapariert sein. Ich weiB nicht, wozu ein solches Mon- 
strum in Spiritus taugt, wenn man es nicht zergliedert und 
den innern Bau erklart.» [WA 6, 332 u. 333] Aus diesen 
Studien ging denn jene Abhandlung hervor, welche im 1. 
Bande [S. 277 ff.] der Naturwissenschaftlichen Schriften in 
Kurschners National-Literatur mitgeteilt wird. Bei Ab- 
fassung derselben ist Goethen Loder sehr behilflich. Unter 
dessen Beistande kommt eine lateinische Terminologie zu- 
stande. Loder besorgt ferner eine lateinische Ubersetzung. 
[WA 6, 407] Im November 1784 schickt Goethe die Ab- 
handlung an Knebel [WA 6, 389 f.] und schon am 19. De- 
zember an Merck [WA 6,409 f.], obwohl er noch kurz vor- 
her (2. Dezember) glaubt, daB vor Ende des Jahres nicht 
viel daraus werden wird. [WA 6,400 f.] Das Werk war mit 
den notigen Zeichnungen ver sehen. Wegen Camper war die 
erwahnte lateinische Ubersetzung beigefugt. Merck sollte 
das Werk an Sommerring schicken. Dieser erhielt es im Ja- 
nuar 1785. Von da ging die Sache an Camper. Wenn wir 
nun einen Blick auf die Art der Aufnahme werfen, die 



Goethes Abhandlung gefunden, so tritt uns ein recht un- 
erquickliches Bild entgegen. Niemand hat anfangs das Or- 
gan, ihn zu verstehen auBer Loder, mit dem er zusammen 
gearbeitet, und Herder. Merck hat iiber die Abhandlung 
Freude, ist aber von der Wahrheit des Asserti nicht durch- 
drimgen. [WA 7,1 1 f.] Sommerring schreibt in dem Briefe, 
mit dem er die Ankunft der Abhandlung Merck anzeigt: 
«Die Hauptidee hatte schon Blumenbach. Im Paragraph, 
der sich anfangt: <Es wird also kein Zweifel [iibrig blei- 
ben] >, sagt er [Goethe], <da die ubrigen (Grenzen) ver- 
wachsen>; schade nur, daB diese niemals da gewesen. Ich 
habe nun Kinnbacken von Embryonen, von drei Monaten 
bis zum Adulto vor mir, und an keinem ist jemals eine 
Grenze vorwarts zu sehen gewesen. Und durch den Drang 
der Knochen gegen einander die Sache zu erklaren? Ja, 
wenn die Natur als ein Schreiner mit Keil und Hammer ar- 
beitete!» 47 Am 13. Februar 1785 schreibt Goethe an Merck: 
«Von Sommerring habe ich einen sehr leichten Brief. Er 
will mir's gar ausreden. Ohe!» [WA 7,12] - Und Sbmmer- 
ung schreibt am 1 1 . Mai 1785 an Merck: «Goethe will, wie 
ich aus seinem gestrigen Briefe sehe, von seiner Idee in An- 
sehung des ossis intermaxillaris noch nicht ab.» 

Und nun Camper49 Am 16. September 17 8 5 50 teilte er 

47 Briefe an J. H. Merck, S. 438. 

48 Ebenda S. 448. 

49 Man nahm bisher an, daB Camper die Abhandlung anonym erhalten 
habe. Sie kam ihm auf einem Umwege zu: Goethe schickte sie erst 
an Sommerring, dieser an Merck und der letztere sollte sie an Cam- 
per gelangen lassen. Nun befindet sich aber unter den Briefen Mercks 
an Camper, die noch ungedruckt sind, und die sich im Originale in 
der «Bibliotheque de la societe neerlandaise pour les progres de la 
medecine» zu Amsterdam befinden, ein Brief vom 17. Januar 1785 
mit folgender Stelle (wir zitieren buchstablich): «Monsieur de 



Merck mit, daB die beigegebenen Tafeln durchaus nicht 
nach seiner Methode gezeichnet seien. Er findet dieselben 
sogar recht tadelnswert. Das AuBere des schonen Manu- 
skriptes wird gelobt, die lateinische Ubersetzung getadelt, 
ja dem Autor sogar der Rat erteilt, sich hierinnen auszubil- 
den. Drei Tage spater 51 schreibt er, daB er eine Zahl von Be- 
obachtungen iiber den Zwischenknochen gemacht habe, daB 
er aber fortfahren miisse zu behaupten, der Mensch habe kei- 
nen Zwischenknochen. Er gibt alle Beobachtungen Goethes 
zu, nur nicht die auf den Menschen beziiglichen. Am 21. 
Marz 1786 schreibt er noch einmal, daB er aus einer gro- 
Ben Zahl von Beobachtungen zu dem Schlusse gekommen 
sei: der Zwischenknochen existiere heim Menschen nicht. 
Campers Briefe zeigen deutlich, daB er den besten Willen 
hatte in die Sache einzudringen, daB er aber nicht imstande 
war, Goethe auch nur im geringsten zu verstehen. 

Loder sah Goethes Entdeckung sogleich in dem rechten 
Lichte. Er hebt sie in seinem «Anatomischen Handbuch» 
von 1788 53 hervor und behandelt sie von nun an in alien 

Goethe, Poete celebre, conseiller intime du Due de Weimar, vient 
de m'envoier un specimen osteologicum, que doit vous etre envoie 
apres que Mr. Somring l'aura v ii . . . C'est un petit traite sur l'os 
intermaxillaire, qui nous apprend entre autres la verite, que le 
Triche(chus) a 4 dents incisives et que le Chameau a en deux.» Ein 
Brief vom 10. Marz 1785 zeigt an, daB Merck die Abhandlung dem- 
nachst an Camper schicken wird, wobei wieder der Name Goethe 
ausdnicklich vorkommt: «J'aurai l'honneur de vous envoier le spe- 
cimen osteolog. de Mr. de Goethe, mon ami, par une voie, qui ne 
sera pas conteuse un de ces jours. » Am 28. April 1785 spricht Merck 
die Hoffnung aus, daB Camper die Sache erhalten habe, wobei wie- 
der «Goethe» vorkommt. Es ist somit wohl kein Zweifel, daB Cam- 
per den Verfasser kannte. 

50 Briefe an J. H. Merck, S. 466. 

51 Ebenda, S. 469. 

52 Ebenda S. 481. 

53 Goethes Annalen zu 1790. 



seinen Schriften wie eine der Wissenschaft vollgultig an- 
gehorige Sache, an welcher nicht der mindeste Zweifel sein 
kann. 

Herder schreibt daruber an Knebel: «Goethe hat uns 
seine Abhandlung vom Knochen vorgelegt, die sehr einfach 
und schon ist; der Mensch geht auf dem wahren Naturwege, 
und das Gliick geht ihm entgegen». 54 Herder war eben im- 
stande, die Sache mit dem «geistigen Auge», mit dem sie 
Goethe ansah, zu betrachten. Ohne dieses konnte man mit 
ihr nichts anfangen. Man kann dies am besten aus folgen- 
dem sehen. Wilhelm Josephi (Privatdozent an der Univer- 
sitat Gottingen) schreibt in seiner «Anatomie der Sauge- 
tiere» 1787: «Man nimmt die ossa intermaxillaria mit als 
ein Hauptunterscheidungszeichen der Affen vom Men- 
schen an; indes meinen Beobachtungen nach hat der Mensch 
ebenfalls solche ossa intermaxillaria wenigstens in den er- 
sten Monaten seines Seins, welche aber gewohnlich schon 
friih, und zwar schon im Mutterleibe mit den wirklichen 
Oberkiefern vorzuglich nach auBen verwachsen, so daB 
ofters noch gar keine merkliche Spur davon zunickbleibt.» 
Hier ist Goethes Entdeckung allerdings auch vollkommen 
ausgesprochen, aber nicht als eine aus der konsequenten 
Durchfuhrung des Typus geforderte, sondern als der Aus- 
druck eines unmittelbar in die Augen fallenden Tatbestan- 
des. Wenn man bloB auf letzteren angewiesen ist, dann 
hangt es allerdings nur vom glucklichen Zufalle ab, ob 
man gerade solche Exemplare findet, an denen man die 
Sache genau sehen kann. FaBt man aber die Sache in Goe- 
thes ideeller Weise, so dienen diese besonderen Exemplare 

5 Knebels Literarischer NachlaB etc., hg. v. Varnhagen v. Ense u. Th. 
Mundt, Leipzig 1835, IL Bd., S. 236. 



bloB zur Bestatigung des Gedankens, bloB dazu das, was 
die Natur sonst verbirgt, off en zu demon strieren; es kann 
aber die Idee selbst an jedem beliebigen Exemplare ver- 
folgt werden, jedes zeigt einen besonderen Fall derselben. 
Ja, wenn man die Idee besitzt, ist man imstande, durch 
dieselbe gerade jene Falle zu finden, in denen sie sich be- 
sonders auspragt. Ohne dieselbe aber ist man dem Zufalle 
anheimgegeben. Man siehtin der Tat, daB, nachdem Goethe 
durch seinen groBen Gedanken die Anregung gegeben hatte, 
man durch Beobachtung zahlreicher Falle sich von der 
Wahrheit seiner Entdeckung allmahlich uberzeugt hat. 

Merck blieb wohl stets schwankend. Am 13. Februar 
1785 schickt ihm Goethe eine gesprengte obere Kinnlade 
vom Menschen und vom Trichechus und gibt ihm Anhalts- 
punkte, die Sache zu verstehen. Aus Goethes Brief vom 8. 
April scheint es, daB Merck einigermaBen gewonnen war. 
Bald aber anderte er seine Ansicht wieder, denn am 11. 
November 1786 schreibt er an Sommerring 55 : «Wie ich 
hore, hat Vicq d'Azyr sogar Goethes sogenannte Entdek- 
kung in sein Werk aufgenommen.» 

Sommerring stand nach und nach von seinem Wider- 
stande ab. In seinem Werke: «Vom Baue des menschlichen 
K6rpers» sagt er (S. 160): «Goethes sinnreicher Versuch 
aus der vergleichenden Knochenlehre, daB der Zwischen- 
knochen der Oberkinnlade dem Menschen mit den ubrigen 
Tieren gemein sei, von 1785, mit sehr richtigen Abbildun- 
gen, verdiente offentlich bekannt zu sein.» 

Schwerer war wohl Blumenbach zu gewinnen. In sei- 

55 [Rudolf Wagner, Samuel Thomas von Sommerrings Leben und Ver- 
kehr mit seinen Zeitgenossen, 1. Abt.:] Briefe beruhmter Zeitgenos- 
sen an Sommerring [Leipzig 1844] S. 293. 



nem «Handbuch der vergleichenden Anatomie», 1805 , 
sprach er noch die Behauptung aus: der Mensch habe kei- 
nen Zwischenknochen. In seinem 1830-32 geschriebenen 
Auf satze: «Principes de Philosophic Zoologique» kann aber 

57 

Goethe schon von Blumenbachs Bekehrung sprechen. Er 
trat nach personlichem Verkehre auf Goethes Seite. 58 Am 
15. Dezember 1825 liefert er Goethe sogar ein schemes Bei- 
spiel zur Bestatigung seiner Entdeckung. Ein Athlet aus 
dem Hessischen suchte bei Blumenbachs Kollegen Langen- 
beck Hilfe wegen eines «ganz tierisch prominierenden os 
intermaxillare». 59 Von spateren Anhangern Goethescher 
Ideen werden wir noch zu sprechen haben. Hier sei nur 
noch erwahnt, daB M. J. Weber die Trennung des bereits 
mit der Oberkinnlade verwachsenen Zwischenknochens 

fid 

durch verdiinnte Salpetersaure gelungen ist. 

Goethe setzte seine Knochenstudien auch nach Vollen- 
dung jener Abhandlung fort. Die gleichzeitigen Entdeckun- 
gen in der Pflanzenkunde machen sein Interesse an der 
Natur noch zu einem regeren. Fortwahrend borgt er ein- 
schlagige Objekte von seinen Freunden. Am 7. Dezember 
1785 61 ist Sommerring sogar schon argerlich, «daB ihm 
Goethe nicht seine Kopfe wieder schickt». Aus einem Briefe 
Goethes an Sommerring vom 8. Juni 1786 erfahren wir, 
daB er bis dahin noch immer Schadel von letzterem hatte. 

Auch in Italien begleiteten ihn seine groBen Ideen. Wah- 

56 Ebenda- s. Anm. 55 - S. 22. 

57 Natw. Sehr., l.Bd., S. 405. 

CO 

Gesprache mit Eckermann, 2. Aug. 1830. 

59 Goethes Naturwissenschaftliche Korrespondenz (1812-1832), hg. v. 
F. Th. Bratranek, I. Bd., S. 51. 

60 [Froriep, Notizen aus dem Gebiet der Natur- und Heilkunde, Bd. 
19,1828, S. 283.] 

61 Briefe an J. H. Merck, S. 476. 



rend sich der Gedanke der Urpflanze in seinem Geiste aus- 
gestaltete, kommt er auch zu Begriffen iiber die Gestalt des 
Menschen. Am 20. Januar 1787 schreibt Goethe in Rom: 
«Auf Anatomie bin ich so ziemlich vorbereitet, und ich 
habe mir die Kenntnis des menschlichen Korpers, bis auf 
einen gewissen Grad, nicht ohne Miihe erworben. Hier 
wird man durch die ewige Betrachtung der Statuen immer- 
fort, aber auf eine hohere Weise, hingewiesen. Bei unserer 
medizinisch-chirurgischen Anatomie kommt es bloB darauf 
an, den Teil zu kennen, und hierzu dient auch wohl ein 
kummerlicher Muskel. In Rom aber wollen die Teile nichts 
heiBen, wenn sie nicht zugleich eine edle scheme Form dar- 
bieten. 

In dem groBen Lazarett San Spirito hat man den Kunst- 
lern zulieb einen sehr schonen Muskelkorper dergestalt be- 
reitet, daB die Schonheit desselben in Verwunderung setzt. 
Er konnte wirklich fiir einen geschundenen Halbgott, fur 
einen Marsyas gelten. 

So pflegt man auch, nach Anleitung der Alten, das Ske- 
lett nicht als eine kunstlich zusammengereihte Knochen- 
masse zu studieren, vielmehr zugleich mit den Bandern, 
wodurch es schon Leben und Bewegung erhalt.» 

Es handelte sich bei Goethe hier vor allem darum, die 
Gesetze kennenzulernen, nach denen die Natur die orga- 
nischen und vorzuglich die menschlichen Gestalten bildet, 
die Tendenz, welche sie bei der Formung derselben ver- 
folgt. So wie er in der Reihe der unendlichen Pflanzenge- 
stalten die Urpflanze aufsucht, mit der man noch Pflanzen 
ins Unendliche erfinden kann, die konsequent sein mussen, 
d. h. welche jener Naturtendenz vollkommen gemaB sind 

[Italienische Reise.] 



und welche existieren wiirden, wenn die geeigneten Be- 
dingungen da waren; ebenso hatte es Goethe in bezug auf 
die Tiere und den Menschen darauf angelegt, «ideale Cha- 
raktere zu entdecken», welche den Gesetzen der Natur 
vollkommen gemaB sind. Bald nach seiner Ruckkehr aus 
Italien erfahren wir, daB Goethe «fleiBig in anatomicis» 
ist und im Jahre 1789 schreibt er an Herder: «Ich habe eine 
neuentdeckte Harmoniam naturae vorzutragen.» Was hier 
neu entdeckt wurde, durfte nun ein Teil der Wirbeltheorie 
des Schadels sein. Die Vollendung dieser Entdeckung fallt 
aber in das Jahr 1790. Was er bis dahin wuBte, war, daB 
alle Knochen, welche das Hinterhaupt bilden, drei modi- 
fizierte Ruckenmarkswirbel darstellen. Goethe dachte sich 
die Sache folgendermaBen. Das Gehirn stellt nur eine Ruk- 
kenmarksmasse zur hochsten Stufe vervollkommnet dar. 
Wahrend im Riickenmarke die vorzugsweise den niedri- 
geren organischen Funktionen dienenden Nerven enden 
und von dort ausgehen, enden und beginnen im Gehirne die 
den hoheren (geistigen) Funktionen dienenden Nerven, 
vorzugsweise die Sinnesnerven. Im Gehirne erscheint nur 
ausgebildet, was im Riickenmarke der Moglichkeit nach 
schon angedeutet ist. Das Gehirn ist ein vollkommen aus- 
gebildetes Mark, das Ruckenmark ein noch nicht zur vollen 
Entfaltung gekommenes Gehirn. Nun sind den Partien des 
Ruckenmarkes die Wirbelkorper der Wirbelsaule vollkom- 
men angebildet, sind deren notwendige Umhullungsorgane. 
Es erscheint nun auf das hochste wahrscheinlich, daB wenn 
das Gehirn ein Ruckenmark auf hochster Potenz ist, auch 
die dasselbe umhullenden Knochen nur hoher ausgebil- 
dete Wirbelkorper seien. Das ganze Haupt erscheint auf 
diese Weise schon vorgebildet in den niedrigerstehenden 



korperlichen Organen. Es sind die auch schon auf unter- 
geordneter Stufe tatigen Krafte auch hier wirksam, nur 
bilden sie sich im Kopfe zu der hochsten in ihnen liegenden 
Potenz aus. Wieder handelte es sich fur Goethe nur um den 
Nachweis, wie sich denn die Sache der sinnenfalligen Wirk- 
lichkeit nach eigentlich gestaltet? Vom Hinterhauptbein, 
dem hinteren und vorderen Keilbein, sagt Goethe, erkannte 
er diese Verhaltnisse sehr bald; daB aber auch das Gaum- 
bein, die obere Kinnlade und der Zwischenknochen modi- 
fizierte Wirbelkorper seien, erkannte er auf seiner Reise 
nach Norditalien, als er auf den Diinen des Lido einen ge- 
borstenen Schafschadel fand. Dieser Schadel war so gliick- 
lich auseinandergefallen, daB in den einzelnen Stucken ge- 
nau die einzelnen Wirbelkorper zu erkennen waren. Goethe 
zeigte diese schone Entdeckung am 30. April 1790 der Frau 
von Kalb an mit den Worten: «Sagen Sie Herdern, daB ich 
der Tiergestalt und ihren mancherlei Umbildungen um eine 
ganze Formel naher geriickt bin und zwar durch den son- 
derbarsten Zufall.»* [WA 9, 202] 

Dies war eine Entdeckung von der weittragendsten Be- 
deutung.* Es war damit bewiesen, daB alle Glieder eines 
organischen Ganzen der Idee nach identisch sind und daB 
«innerlich ungeformte» organische Massen sich nach auBen 
in verschiedener Weise aufschlieBen, daB es ein und das- 
selbe ist, was auf niederer Stufe als Ruckenmarksnerv, auf 
hoherer als Sinnesnerv sich zu dem die AuBenwelt auf- 
nehmenden, ergreifenden, erfassenden Sinnesorgane auf- 
schlieBt. Jedes Lebendige war damit in seiner von innen 
heraus sich formenden, gestaltenbildenden Kraft aufge- 
zeigt; es war als wahrhaft Lebendiges jetzt erst begriffen. 
Goethes Grundideen waren jetzt auch in bezug auf die Tier- 



bildung zu einem Abschlusse gekommen. Es war die Zeit 
zur Ausarbeitung derselben gekommen, obwohl er den Plan 
dazu schon friiher hatte, wie uns der Briefwechsel Goethes 
mit F. H. Jacobi beweist. [WA 9, 184] Als er im Juli 1790 
dem Herzoge in das schlesische Lager folgte, war er dort (in 
Breslau) vorzugsweise mit seinen Studien iiber die Bildung 
der Tiere beschaftigt. Er begann dort auch wirklich seine 
diesbezuglichen Gedanken aufzuzeichnen. Am 3 1 . August 
1790 schreibt er an Friedrich von Stein: «In allem dem 
Gewuhle nab' ich angefangen, meine Abhandlung iiber 
die Bildung der Tiere zu schreiben.» [WA 9, 223] 

In einem umfassenden Sinn enthalt die Idee des Tier- 
typus das Gedicht: «Die Metamorphose der Tiere», das 
1820 im zweiten der «Morphologischen Hefte» zuerst er- 
schienen ist. In den Jahren 1790-95 nahm von naturwis- 
senschaftlichen Arbeiten die Farbenlehre Goethe vorzug- 
lich in Anspruch. Zu Anfang des Jahres 1795 war Goethe in 
Jena, wo auch die Gebriider v. Humboldt, Max Jacobi und 
Schiller anwesend waren. In dieser Gesellschaft brachte 
Goethe seine Ideen iiber vergleichende Anatomie vor. Die 
Freunde fanden seine Darstellungen so bedeutsam, daB sie 
ihn aufforderten, seine Gedanken zu Papier zu bringen. 
Wie aus einem Schreiben Goethes an Jacobi den Alteren her- 
vorgeht [WA 10, 232], hat Goethe dieser Aufforderung so- 
gleich in Jena Geniige getan, indem er das im 1. Bande von 
Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften in Kurschners 
National-Literatur [S. 241-275] abgedruckte Schema einer 
vergleichenden Knochenlehre Max Jacobi diktierte. Die ein- 
leitenden Kapitel wurden 1796 weiter ausgefuhrt [Ebenda 

/TO 

Vgl. Natw. Schr., 1. Bd., S. 344 if., wo einzelnes noch in Anmer- 
kungen gesagt ist. 



S. 325ff.]. In diesen Abhandlungen sind Goethes Grund- 
anschauungen iiber Tierbildung ebensosehr wie in seiner 
Schrift: «Versuch, die Metamorphose der Pflanze zu er- 
klaren» jene iiber Pflanzenbildung enthalten. Im Verkehre 
mit Schiller ~ seit 1794 - trat ein Wendepunkt seiner An- 
schauungen ein, indem er sich von nun an seiner eigenen 
Verfahrungs- und Forschungsweise gegenliber betrachtend 
verhielt, wobei ihm seine Anschauungsweise gegenstdndlich 
wurde. Wir wollen nach diesen historischen Betrachtungen 
uns nun zum Wesen und der Bedeutung von Goethes An- 
schauungen iiber die Bildung der Organismen wenden. 



IV 

UBER DAS WESEN UND DIE BEDEUTUNG 
VON GOETHES SCHRIFTEN 
UBER ORGANISCHE BILDUNG 

Die hohe Bedeutung von Goethes morphologischen Arbei- 
ten ist darin zu suchen, daB in denselben die theoretische 
Grundlage und die Methode des Studiums organischer Na- 
turen festgestellt ist, welches eine wissenschaftliche Tat er- 
sten Ranges ist. 

Will man dieses in der richtigen Weise wiirdigen, so muB 
man sich vor allem den groBen Unterschied gegenwartig 
halten, welcher zwischen Erscheinungen der anorganischen 
und solchen der organischen Natur besteht. Eine Erschei- 
nung der ersteren Art ist z. B. der StoB zweier elastischer 
Kugeln aufeinander. Ist die eine Kugel ruhend und stoBt 
die andere in einer gewissen Richtung und mit einer gewis- 
sen Geschwindigkeit auf dieselbe, so erhalt jene ebenfalls 
eine gewisse Bewegungsrichtung und eine gewisse Ge- 
schwindigkeit. Handelt es sich nun darum, eine solche Er- 
scheinung zu begreifen, so kann dies nur dadurch erreicht 
werden, daB wir das, was unmittelbar fur die Sinne da ist, 
in Begriffe verwandeln. Es muB uns dieses in dem MaBe 
gelingen, daB nichts Sinnenfallig-Wirkliches bleibt, wel- 
ches wir nicht begrifllich durchdrungen hatten. Wir sehen 
die eine Kugel ankommen, an die andere stoBen, letztere 
sich weiter bewegen. Wir haben diese Erscheinung begrif- 
fen, wenn wir aus Masse, Richtung und Geschwindigkeit 
der ersten und aus der Masse der anderen die Geschwin- 
digkeit und Richtung von letzterer angeben konnen; wenn 



wir einsehen, daB unter den gegebenen Verhaltnissen jene 
Erscheinung mit Notwendigkeit eintreten mlisse. Das letz- 
tere heiBt aber nichts anderes, als: Es muB dasjenige, was 
sich unseren Sinnen darbietet, als eine notwendige Folge 
dessen erscheinen, was wir ideell vorauszusetzen haben. 1st 
das letztere der Fall, so konnen wir sagen, daB sich Begriff 
und Erscheinung decken. Es ist nichts im Begriff e, was nicht 
auch in der Erscheinung ware und nichts in der Erschei- 
nung, was nicht auch im Begriffe ware. Nun haben wir auf 
jene Verhaltnisse, als deren notwendige Folge eine Erschei- 
nung der unorganischen Natur auftritt, naher einzugehen. 
Hier tritt der wichtige Umstand ein, daB die sinnlich wahr- 
nehmbaren Vorgange der unorganischen Natur durch Ver- 
haltnisse bedingt werden, welche ebenfalls der Sinnenwelt 
angehoren. In unserem Falle kommen Masse, Geschwindig- 
keit und Richtung, also durchaus Verhaltnisse der Sinnen- 
weit in Betracht. Es tritt nichts weiteres als Bedingung der 
Erscheinung auf. Nur die unmittelbar sinnlich-wahrnehm- 
baren Umstande bedingen sich unter einander. Eine begriff - 
liche Erfassung solcher Vorgange ist also nichts anderes 
als eine Ableitung von Sinnenfallig-Wirklichem aus Sinnen- 
fallig-Wirklichem. Raumlich-zeitliche Verhaltnisse, Masse, 
Gewicht oder sinnlich wahrnehmbare Krafte wie Licht 
oder Warme sind es, welche Erscheinungen hervorrufen, 
die wieder in dieselbe Reihe gehoren. Ein Korper wird er- 
warmt und vergroBert dadurch sein Volumen; das erste 
wie das zweite gehort der Sinnenwelt an, sowohl die Ur- 
sache wie die Wirkung. Wir brauchen also, um solche Vor- 
gange zu begreifen, gar nicht aus der Sinnenwelt herauszu- 
gehen. Wir leiten nur innerhalb derselben eine Erscheinung 
aus der andern ab. Wenn wir also eine solche Erscheinung 



erklaren, d. h. begrifflich durchdringen wollen, so haben 
wir in den Begriff keine anderen Elemente aufzunehmen 
als solche, welche auch anschaulich mit unseren Sinnen 
wahrzunehmen sind. Wir konnen alles anschauen, was wir 
begreifen wollen. Und darin besteht das Decken von 
Wahrnehmung (Erscheinung) und Begriff. Es bleibt uns 
nichts dunkel in den Vorgangen, weil wir die Verhalt- 
nisse kennen, aus denen sie folgen. Hiermit haben wir das 
Wesen der unorganischen Natur entwickelt und zugleich 
gezeigt, inwiefern wir dieselbe, ohne iiber sie hinauszugehen, 
aus sich seihst erklaren konnen. An dieser Erklarbarkeit hat 
man nun niemals gezweifelt, seit man uberhaupt angefan- 
gen hat, iiber die Natur dieser Dinge zu denken. Man hat 
zwar nicht immer den obigen Gedankengang durchge- 
macht, aus welchem die Moglichkeit einer Deckung von 
Begriff und Wahrnehmung folgt; doch hat man nie An- 
stand genommen, die Erscheinungen auf die angedeutete 

64 

Weise aus der Natur ihres eigenen Wesens zu erklaren. 

Anders aber verhielt es sich bis zu Goethe mit den Er- 
scheinungen der organischen Welt. Beim Organismus er- 
scheinen die fur die Sinne wahrnehmbaren Verhaltnisse, z. 
B. Form, GroBe, Farbe, Warmeverhaltnisse eines Organes, 
nicht bedingt durch Verhaltnisse der gleichen Art. Man 

64 Einige Philosophen behaupten, daB wir die Erscheinungen der Sin- 
nenwelt wohl auf ihre urspriinglichen Elemente (Krafte) zuriick- 
fiihren konnen, daB wir aber diese ebensowenig wie das Wesen des 
Lebens erklaren konnen. Demgegenuber ist zu bemerken, daB jene 
Elemente einfach sind, d. i. sich nicht weiter aus einfacheren Elemen- 
ten zusammensetzen lassen. In ihrer Einfachheit sie abzuleiten, zu 
erklaren, ist aber eine Unmoglichkeit, nicht weil unser Erkenntnis- 
vermogen begrenzt ist, sondern weil sie auf sich selbst beruhen; sie 
sind uns in ihrer Unmittelbarkeit gegenwartig, sie sind in sich abge- 
schlossen, aus nichts weiterem ableitbar. 



kann z. B. von der Pflanze nicht sagen, daB GroBe, Form, 
Lage usw. der Wurzel die sinnlich-wahrnehmbaren Ver- 
haltnisse am Blatte oder an der Bliite bedingen. Ein Korper, 
bei dem dies der Fall ware, ware nicht ein Organismus, son- 
dern eine Maschine. Man muB vielmehr zugestehen, daB 
alle sinnlichen Verhaltnisse an einem lebenden Wesen nicht 
als Folge von andern sinnlich-wahrnehmbaren Verhaltnis- 
sen erscheinen 65 , wie dies bei der unorganischen Natur der 
Fall ist. Alle sinnlichen Qualitaten erscheinen hier viel- 
mehr als Folge eines solchen, welches nicht mehr sinnlich 
wahrnehmbar ist. Sie erscheinen als Folge einer iiber den 
sinnlichen Vorgangen schwebenden hoheren Einheit. Nicht 
die Gestalt der Wurzel bedingt jene des Stammes und wie- 
derum die Gestalt von diesem jene des Blattes usw., son- 
dern alle diese Formen sind bedingt durch ein iiber ihnen 
Stehendes, welches selbst nicht wieder sinnlich-anschau- 

65 Dies ist eben der Gegensatz des Organismus zur Maschine. Bei der 
letzteren ist alles Wechselwirkung der Teile. Es existiert nichts Wirk- 
liches in der Maschine selbst auBer dieser Wechselwirkung. Das ein- 
heitliche Prinzip, welches das Zusammenwirken jener Teile be- 
herrscht, fehlt im Objekte selbst und liegt auBerhalb desselben in 
dem Kopfe des Konstrukteurs als Plan. Nur die auBerste Kurzsich- 
tigkeit kann leugnen, daB gerade darinnen die Differenz zwischen 
Organismus und Mechanismus besteht, daB dasjenige Prinzip, welches 
das Wechselverhaltnis der Teile bewirkt, beim letzteren nur auBer- 
halb (abstrakt) vorhanden ist, wahrend es bei ersterem in dem Dinge 
selbst wirkliches Dasein gewinnt. So erscheinen dann auch die sinn- 
lich wahrnehmbaren Verhaltnisse des Organismus nicht als bloBe 
Folge auseinander, sondern als beherrscht von jenem inneren Prin- 
zipe, als Folge eines solchen, das nicht mehr sinnlich wahrnehmbar 
ist. In dieser Hinsicht ist es ebensowenig sinnlich wahrnehmbar, wie 
jener Plan im Kopfe des Konstrukteurs, der ja auch nur fur den Geist 
da ist; ja es ist im wesentlichen jener Plan, nur daB er jetzt einge- 
zogen ist in das Innere des Wesens und nicht mehr durch Vermitt- 
lung eines Dritten - jenes Konstrukteurs - seine Wirkungen voll- 
zieht, sondern dieses direkt selbst tut. 



licher Form ist; sie sind wohl fureinander da, nicht aber 
durcheinander. Sie bedingen sich nicht untereinander, son- 
dern sind alle bedingt von einem anderen. Wir konnen trier 
das, was wir sinnlich wahrnehmen, nicht wieder aus sinn- 
lich wahrnehmbaren Verhaltnissen ableiten, wir miissen 
in den Begriff der Vorgange Elemente aufnehmen, welche 
nicht der Welt der Sinne angehoren, wir miissen tiber die 
Sinnenwelt hinausgehen. Es geniigt die Anschauung nicht 
mehr, wir miissen die Einheit begrifllich erfassen, wenn 
wir die Erscheinungen erklaren wollen. Dadurch aber tritt 
eine Entfernung von Anschauung und Begriff ein; sie schei- 
nen sich nicht mehr zu decken; der Begriff schwebt iiber 
der Anschauung. Es wird schwer, den Zusammenhang bei- 
der einzusehen. Wahrend in der unorganischen Natur Be- 
griff und Wirklichkeit eins waren, scheinen sie hier aus- 
einanderzugehen und eigentlich zwei verschiedenen Wel- 
ten anzugehoren. Die Anschauung, welche sich den Sinnen 
unmittelbar darbietet, scheint ihre Begriindung, ihre We- 
senheit nicht in sich selbst zu tragen. Das Objekt scheint 
aus sich selbst nicht erklarbar, weil sein Begriff nicht von 
ihm selbst, sondern von etwas anderem entnommen ist. Weil 
das Objekt nicht von Gesetzen der Sinnenwelt beherrscht 
erscheint, doch aber fiir die Sinne da ist, ihnen erscheint, 
so ist es, als wenn man hier vor einem unlosbaren Wider- 
spruche in der Natur stiinde, als wenn eine Kluft bestunde 
zwischen anorganischen Erscheinungen, welche aus sich 
selbst zu begreifen sind, und organischen Wesen, bei denen 
ein Eingriff in die Gesetze der Natur geschieht, hei denen 
allgemeingiiltige Gesetze auf einmal durchbrochen wiirden. 
Diese Kluft nahm man in der Tat bis auf Goethe allgemein 
in der Wissenschaft an; erst ihm gelang es, das losende Wort 



des Ratsels zu sprechen. Erklarbar aus sich selbst sollte, so 
dachte man vor ihm, nur die unorganische Natur sein; bei 
der organischen hore das menschliche Erkenntnisvermogen 
auf. Man wird die GroBe der Tat, welche Goethe vollbracht 
hat, am besten ermessen, wenn man bedenkt, daB der groBe 
Reformator der neueren Philosophic Kant jenen alten Irr- 
tum nicht nur vollkommen teilte, sondern sogar eine wis- 
senschaftliche Begriindung dafur zu finden suchte, daB es 
dem menschlichen Geiste nie gelingen werde, die organi- 
schen Bildungen zu erklaren. Wohl sah er die Moglichkeit 
eines Verstandes ein — eines intellectus archetypus, eines 
intuitiven Verstandes -, dem es gegeben ware, den Zusam- 
menhang von Begriff und Wirklichkeit bei den organischen 
Wesen geradeso wie bei den Anorganismen zu durch- 
schauen; allein dem Menschen selbst sprach er die Moglich- 
keit eines solchen Verstandes ab. Der menschliche Ver- 
stand soil namlich nach Kant die Eigenschaft haben, daB 
er sich die Einheit, den Begriff einer Sache nur als hervor- 
gehend aus der Zusammenwirkung der Teile - als durch 
Abstraktion gewonnenes analytisches Allgemeine - den- 
ken kann, nicht aber so, daB jeder einzelne Teil als der 
AusfluB einer bestimmten konkreten (synthetischen) Ein- 
heit, eines Begriffes in intuitiver Form erschiene. Daher 
sei es diesem Verstande auch unmoglich, die organische Na- 
tur zu erklaren, denn diese muBte ja aus dem Ganzen in die 
Teile wirkend gedacht werden. Kant sagt daruber: «Unser 
Verstand hat also das Eigene fur die Urteilskraft, daB ihm 
Erkenntnis durch denselben, durch das Allgemeine, das Be- 
sondere nicht bestimmt wird, und dieses also von jenem 
nicht abgeleitet werden kann». 66 Wir muBten danach also 

Kant, Kritik der Urteilskraft; Ausgabe von Kehrbach, S. 294. 



bei den organischen Bildungen darauf verzichten, den not- 
wendigen Zusammenhang der Idee des Ganzen, welche 
nur gedacht werden kann mit dem, was unseren Sinnen im 
Raume und in Zeit erscheint, zu erkennen. Wir miiBten uns 
nach Kant darauf beschranken, einzusehen, dafi ein solcher 
Zusammenhang existiert; die logische Forderung aber zu 
erkennen, wie der allgemeine Gedanke, die Idee aus sich 
heraustritt und als sinnenfallige Wirklichkeit sich offen- 
bart, diese konne bei den Organismen nicht erfiillt werden. 
Wir miiBten vielmehr annehmen, daB sich Begriff und 
Wirklichkeit hier unvermittelt gegemiberstunden und durch 
einen auBerhalb der beiden liegenden EinfluB etwa auf die- 
selbe Weise zustande gebracht worden seien, wie der 
Mensch nach einer von ihm aufgeworfenen Idee irgendein 
zusammengesetztes Ding, z. B. eine Maschine aufbaut. Da- 
mit war die Moglichkeit einer Erklarung der Organismen- 
welt geleugnet, ihre Unmoglichkeit sogar scheinbar be- 
wiesen. 

So standen die Dinge, als Goethe sich daran machte, 
die organischen Wissenschaften zu pflegen. Aber er ging 
an das Studium derselben, nachdem er durch die wieder- 
holte Lekture des Philosophen Spinoza in der angemessen- 
sten Weise darauf vorbereitet war. 

Zum ersten Male machte sich Goethe an Spinoza im 
Friihjahre 1774. Goethe sagt von dieser seiner ersten Be- 
kanntschaft mit dem Philosophen in «Dichtung und Wahr- 
heit» : «Nachdem ich mich namlich in aller Welt um ein 
Bildungsmittel meines wunderlichen Wesens vergebens um- 
gesehen hatte, geriet ich endlich an die <Ethik> dieses Man- 
nes». Im Sommer desselben Jahres traf Goethe mit Friedrich 

67 III.Teil, 14. Buch. 



Jacobi zusammen. Letzterer, der sich ausfuhrlicher mit Spi- 
noza auseinandersetzte - wovon seine Briefe «t)ber die Leh- 
re des Spinoza», 1785, zeugen -, war ganz dazu geeignet, 
Goethe tiefer in das Wesen des Philosophen einzufiihren. 
Spinoza wurde damals auch viel besprochen, denn bei 
Goethe «war noch alles in der ersten Wirkung und Gegen- 
wirkung, garend und siedend». Einige Zeit spater fand 
er in der Bibliothek seines Vaters ein Buch, dessen Autor 
gegen Spinoza heftig kampfte, ja ihn bis zur vollkomme- 
nen Fratze entstellte. Dies wurde der AnlaB, daB sich 
Goethe mit dem tiefen Denker noch einmal ernstlich be- 
schaftigte. Er fand in seinen Schriften Aufschlusse iiber die 
tiefsten wissenschaftlichen Fragen, die er damals aufzu- 
werfen fahig war. Im Jahre 1784 liest der Dichter Spinoza 
mit Frau von Stein. Er schreibt am 19. November 1784 an 
die Freundin: «Ich bringe den Spinoza lateinisch mit, wo 
alles viel deutlicher... ist.» [WA 6, 392] Die Wirkung 
dieses Philosophen auf Goethe war nun eine ungeheure. 
Goethe selbst war sich dariiber stets klar. Im Jahre 1816 
schreibt er an Zelter: «AuBer Shakespeare und Spinoza 
wiiBt' ich nicht, daB irgend ein Abgeschiedener eine solche 
Wirkung auf mich getan (wie Linne).» [WA 27,219] Er be- 
trachtet also Shakespeare und Spinoza als die beiden Gei- 
ster, welche auf ihn den groBten EinfluB ausgeiibt haben. 
Wie nun sich dieser EinfluB in bezug auf die Studien orga- 
nischer Bildung auBerte, das wird uns am deutlichsten, wenn 
wir uns ein Wort iiber Lavater aus der «Italienischen Reise» 
vorhalten: Lavater vertrat eben auch jene damals allgemein 
gangbare Ansicht, daB ein Lebendiges nur durch einen nicht 
in der Natur der Wesen selbst gelegenen EinfluB, durch 

88 [Dichtung und Wahrheit, III. Teil, 14. Buch.] 



eine Stoning der allgemeinen Naturgesetze entstehen konne. 
Daruber schrieb denn Goethe die Worte: «Neulich fand 
ich in einer leidig apostolisch-kapuzinermaBigen Deklama- 
tion des Zuricher Propheten die unsinnigen Worte: Alles, 
was Leben hat, lebt durch etwas aufier sich. Oder so un- 
gefahr klang's. Das kann nun so ein Heidenbekehrer hin- 
schreiben, und bei der Revision zupft ihn der Genius nicht 
beim Armel». 69 Dies ist nun ganz im Geiste Spinozas ge- 
sprochen. Spinoza unterscheidet drei Arten von Erkennt- 
nis. Die erste Art ist jene, bei der wir uns bei gewissen ge- 
horten oder gelesenen Worten der Dinge erinnern und uns 
von diesen Dingen gewisse Vorstellungen bilden, ahnlich 
denen, durch welche wir die Dinge bildlich vorstellen. Die 
zweite Art der Erkenntnis ist jene, bei welcher wir uns aus 
zureichenden Vorstellungen von den Eigenschaften der 
Dinge Gemeinbegriffe bilden. Die dritte Art der Erkennt- 
nis ist nun aber diejenige, bei welcher wir von der zurei- 
chenden Vorstellung des wirklichen Wesens einiger Attri- 
bute Gottes zur zureichenden Erkenntnis des Wesens der 
Dinge fortschreiten. Diese Art der Erkenntnis nennt nun 
Spinoza scientia intuitiva, das anschauende Wissen. Diese 
letztere, die hochste Art der Erkenntnis, war es nun, die 
Goethe anstrebte. Man muB sich dabei vor allem klar sein, 
was Spinoza damit sagen will: Die Dinge sollen so erkannt 
werden, daB wir in ihrem Wesen einige Attribute Gottes 
erkennen. Der Gott Spinozas ist der Ideengehalt der Welt, 
das treibende, alles stutzende und alles tragende Prinzip. 
Man kann sich nun dieses entweder so vorstellen, daB man 
es als selbstandiges, fur sich abgesondert von den endlichen 
Wesen existierendes Wesen voraussetzt, welches diese end- 

69 Italienische Reise, 5. Okt. 1787. 



lichen Dinge neben sich hat, sie beherrscht und in Wechsel- 
wirkung versetzt. Oder aber, man stellt sich dieses Wesen 
als aufgegangen in den endlichen Dingen vor, so daB es 
nicht mehr iiber und neben ihnen, sondern nur mehr in 
ihnen existiert. Diese Ansicht leugnet jenes Urprinzip kei- 
neswegs, sie erkennt es vollkommen an, nur betrachtet sie 
es als ausgegossen in die Welt. Die erste Ansicht betrachtet 
die endliche Welt als Offenbarung des Unendlichen, aber 
dieses Unendliche bleibt in seinem Wesen erhalten, es ver- 
gibt sich nichts. Es geht nicht aus sich heraus, es bleibt, was 
es vor seiner Offenbarung war. Die zweite Ansicht sieht die 
endliche Welt ebenso als eine Offenbarung des Unendlichen 
an, nur nimmt sie an, daB dieses Unendliche in seinem Offen- 
barwerden ganz aus sich herausgegangen ist, sich selbst, 
sein eigenes Wesen und Leben in seine Schopfung gelegt 
hat, so daB es nur mehr in dieser existiert. Da nun Erken- 
nen offenbar ein Gewahrwerden des Wesens der Dinge ist, 
dieses Wesen doch aber nur in dem Anteile, den ein end- 
liches Wesen von dem Urprinzipe aller Dinge hat, be- 
stehen kann, so heiBt Erkennen ein Gewahrwerden jenes 
Unendlichen in den Dingen. 70 Nun nahm man, wie wir 
oben ausgefuhrt haben, vor Goethe bei der unorganischen 
Natur wohl an, daB man sie aus sich selbst erklaren konne, 
daB sie ihre Begrundung und ihr Wesen in sich trage, nicht 
so aber bei der organischen. Hier konnte man jenes Wesen, 
welches sich in dem Objekte offenbart, nicht in dem letz- 
teren selbst erkennen. Man nahm es daher auBerhalb des- 
selben an. Kurz: Man erklarte die organische Natur nach 
der ersten Ansicht, die anorganische nach der zweiten. Die 
Notwendigkeit einer einheitlichen Erkenntnis hatte, wie 

70 

Einiger Attribute Gottes in denselben. 



wir gesehen haben, Spinoza bewiesen. Er war zu sehr Phi- 
losoph, als daB er diese theoretische Forderung auch auf 
die speziellen Zweige der Organik hatte ausdehnen kon- 
nen.* Dies blieb nun Goethe vorbehalten. Nicht nur der 
obige Ausspruch, sondern noch zahlreiche andere bewei- 
sen uns, daB er sich entschieden zur spinozistischen Auffas- 
sung bekannte. In «Dichtung und Wahrheit» 71 : «Die Na- 
tur wirkt nach ewigen, notwendigen, dergestalt gottlichen 
Gesetzen, daB die Gottheit selbst daran nichts andern 
konnte.» Und in bezug auf das 1811 erschienene Buch Ja- 
cobis: «Von den gottlichen Dingen und ihrer Offenbarung» 
bemerkt Goethe 72 : «Wie konnte mir das Buch eines so herz- 
lich geliebten Freundes willkommen sein, worin ich die 
These durchgefuhrt sehen sollte: die Natur verberge Gott. 
MuBte, bei meiner reinen, tiefen, angeborenen und geubten 
Anschauungsweise, die mich Gott in der Natur; die Natur 
in Gott zu sehen unverbriichlich gelehrt hatte, so daB diese 
Vorstellungsart den Grund meiner ganzen Existenz machte, 
muBte nicht ein so seltsamer, einseitig-beschrankter Aus- 
spruch mich dem Geiste nach von dem edelsten Manne, des- 
sen Herz ich verehrend liebte, fur ewig entfernen?» [WA 
Abt. I, 36, 71] Goethe war sich des groBen Schrittes, den er 
in der Wissenschaft vollfuhrt, vollstandig bewuBt; er er- 
kannte, daB er, indem er die Schranken zwischen anorgani- 
scher und organischer Natur brach und Spinozas Denkweise 
konsequent durchfuhrte, eine bedeutsame Wendung der Wis- 
senschaf t herbeifuhre. Wir finden diese Erkenntnis in dem 
Aufsatz «Anschauende Urteilskraft» ausgeprochen. Nach- 
dem er die oben von uns mitgeteilte Kantsche Begnindung 



IV. Teil, 16. Buch. 

Tag- und Jahres-Hefte 1811. 



der Unfahigkeit des menschlichen Vertandes, einen Organis- 
mus zu erklaren, in der «Kritik der Urteilskraft» gefunden, 
spricht er sich dagegen so aus: «Zwar scheint der Verfasser 
(Kant) trier auf einen gottlichen Verstand zu deuten, allein 
wenn wir ja im Sittlichen durch Glauben an Gott, Tugend 
und Unsterblichkeit uns in eine obere Region erheben und 
an das erste Wesen annahern sollen, so diirft' es wohl im 
Intellektuellen derselbe Fall sein, daB wir uns durch das 
Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen 
Teilnahme an ihren Produktionen wurdig machten. Hatte 
ich doch erst unbewuBt und aus innerem Trieb auf jenes 
Urbildliche, Typische rastlos gedrungen, war es mir sogar 
gegluckt, eine naturgemaBe Darstellung aufzubauen, so 
konnte mien nunmehr nichts weiter verhindern, das Aben- 
teuer der Vernunft, wie es der Alte vom Konigsberge selbst 
nennt, mutig zu bestehen.» [Natw. Schr., 1. Bd. S. 116.] 

Das Wesentliche eines Vorganges der unorganischen Na- 
tur oder anders gesagt: eines der bloBen Sinnen welt ange- 
horigen Vorganges besteht darin, daB er durch einen ande- 
ren ebenfalls nur der Sinnenwelt angehorigen ProzeB be- 
wirkt und determiniert wird. Nehmen wir nun an, der ver- 
ursachende ProzeB bestehe aus den Elementen m, c und r 73 , 
der bewirkte aus m', c' und r'; so ist immer bei bestimmten 
m, c, und r, m', c' und r' eben durch jene bestimmt. Will ich 
nun den Vorgang begreifen, so muB ich den Gesamtvor- 
gang, der sich aus der Ursache und Wirkung zusammen- 
setzt, in einem gemeinsamen Begriffe darstellen. Dieser 
Begriff ist nun aber nicht derart, daB er im Vorgange selbst 
liegen und daB er den Vorgang bestimmen konnte. Er faBt 

73 Masse, Richtung und Geschwindigkeit einer bewegten elastischen 
Kugel. 



nun beide Vorgange in einen gemeinsamen Ausdruck zu- 
sammen. Er bewirkt und bestimmt nicht. Nur die Objekte 
der Sinnenwelt bestimmen sich. Die Elemente m, c und r 
sind auch fur die auBeren Sinne wahrnehmbare Elemente. 
Der Begriff erscheint nur da, um dem Geiste als Mittel der 
Zusammenfassung zu dienen, er drtickt etwas aus, was nicht 
ideell, nicht begrifflich, was sinnenfallig wirklich ist. Und 
jenes etwas, was er ausdruckt, dies ist sinnenfalliges Objekt. 
Auf der Moglichkeit, die AuBenwelt durch die Sinne aufzu- 
fassen und ihre Wechselwirkung durch Begriffe auszu- 
driicken, beruht die Erkenntnis der anorganischen Natur. 
Die Moglichkeit, auf diese Art Dinge zu erkennen, sah 
Kant fur die einzige dem Menschen zukommende an. Die- 
ses Denken nannte er diskursives; was wir erkennen wollen, 
ist auBere Anschauung; der Begriff, die zusammenfassende 
Einheit, bloBes Mittel. Wollten wir aber die organische Na- 
tur erkennen, so muBten wir das ideelle Moment, das Be- 
griflliche nicht als ein solches fassen, das ein anderes aus- 
driickt, bedeutet, von diesem sich seinen Inhalt borgt, son- 
dern wir muBten das Ideelle als solches erkennen; es muBte 
einen eigenen aus sich selbst, nicht aus der raumlich-zeit- 
lichen Sinnenwelt stammenden Inhalt haben. Jene Einheit, 
welche dort unser Geist bloB abstrahiert, muBte sich auf 
sich selbst bauen, sie muBte sich aus sich heraus gestalten, 
sie muBte ihrem eigenen Wesen gemaB, nicht nach den Ein- 
fliissen anderer Objekte gebildet sein. Die Erfassung einer 
solchen aus sich selbst sich gestaltenden, sich aus eigener 
Kraft offenbarenden Entitat sollte dem Menschen versagt 
sein. Was ist nun zu einer solchen Erfassung notig? Eine 
Urteilskraft, welche einem Gedanken auch einen anderen 
als bloB einen durch die auBeren Sinne aufgenommenen 



Stoff verleihen kann, eine solche, welche nicht bloB Sin- 
nenfalliges erfassen kann, sondern auch rein Ideelles fiir 
sich, abgesondert von der sinnlichen Welt. Man kann nun 
einen Begriff, der nicht durch Abstraktion aus der Sinnen- 
welt genommen ist, sondern der einen aus ihm und nur aus 
ihm flieBenden Gehalt hat, einen intuitiven Begriff und 
die Erkenntnis desselben eine intuitive nennen. Was daraus 
folgt, ist klar: Ein Organismus kann nur im intuitiven Be- 
griffe erfaBt werden. DaB es dem Menschen gegonnt sei, so 
zu erkennen, das zeigt Goethe durch die Tat.* 

In der unorganischen Welt herrscht Wechselwirkung der 
Teile einer Erscheinungsreihe, gegenseitiges Bedingtsein der 
Glieder derselben durcheinander. In der organischen ist 
dies nicht der Fall. Hier bestimmt nicht ein Glied eines 
Wesens das andere, sondern das Ganze (die Idee) bedingt 
jedes Einzelne aus sich selbst, seinem eigenen Wesen ge- 
maB. Dieses sich aus sich selbst Bestimmende kann man mit 
Goethe eine Entelechie nennen. Entelechie ist also die sich 
aus sich selbst in das Dasein rufende Kraft. Was in die 
Erscheinung tritt, hat auch sinnenfalliges Dasein, aber dies 
ist durch jenes entelechische Prinzip bestimmt. Daraus ent- 
springt auch der scheinbare Widerspruch. Der Organismus 
bestimmt sich aus sich selbst, macht seine Eigenschaften 
einem vorausgesetzten Prinzipe gemaB, und doch ist er 
sinnlich-wirklich. Er ist also auf eine ganz andere Weise 
zu seiner sinnlichen Wirklichkeit gekommen als die andern 
Objekte der Sinnenwelt; er scheint daher auf nicht natur- 
lichem Wege entstanden zu sein. Nun ist es aber auch 
ganz erklarlich, daB der Organismus in seiner AuBerlich- 
keit ebenso den Einllussen der Sinnenwelt ausgesetzt ist, 
wie jeder andere Korper. Der vom Dache fallende Stein 



kann ebenso ein lebendes Wesen, wie einen unorganischen 
Korper treffen. Durch Aufnahme von Nahrung usw. ist 
der Organismus mit der AuBenwelt im Zusammenhange; 
alle physischen Verhaltnisse der AuBenwelt wirken auf inn 
ein. Naturlich kann dies auch nur insoferne stattfinden, 
als der Organismus Objekt der Sinnenwelt, raumlich-zeit- 
liches Objekt ist. Dieses Objekt der AuBenwelt nun, das 
zum Dasein gekommene entelechische Prinzip, ist die 
auBere Erscheinung des Organismus. Da er hier aber nicht 
nur seinen eigenen Bildungsgesetzen, sondern auch den Be- 
dingungen der AuBenwelt unterworfen ist, nicht nur so 
ist, wie er dem Wesen des sich aus sich selbst bestimmen- 
den entelechischen Prinzipes gemaB sein sollte, sondern so, 
wie er von anderem abhangig, beeinfluBt ist, so erscheint 
er gleichsam sich selbst nie ganz angemessen, nie bloB seiner 
eigenen Wesenheit gehorchend. Da tritt nun die mensch- 
liche Vernunft ein und bildet sich in der Idee einen Orga- 
nismus, der nicht den Einrliissen der AuBenwelt gemaB, 
sondern nur jenem Prinzipe entsprechend ist. Jeder zu- 
fallige EinfluB, der mit dem Organischen als solchem nichts 
zu tun hat, fallt dabei ganz weg. Diese rein dem Orga- 
nischen im Organismus entsprechende Idee ist nun die Idee 
des Urorganismus, der Typus Goethes. Hieraus sieht man 
auch die hohe Berechtigung dieser Typusidee ein. Sie ist 
nicht ein bloBer Verstandesbegriff, sie ist dasjenige, was in 
jedem Organismus das wahrhaft Organische ist, ohne wel- 
ches derselbe nicht Organismus ware. Sie ist sogar reeller 
als jeder einzelne wirkliche Organismus, weil sie sich in 
jedem Organismus offenbart. Sie driickt auch das Wesen 
eines Organismus voller, reiner aus als jeder einzelne, be- 
sondere Organismus. Sie ist auf wesentlich andere Weise 



gewonnen als der Begriff eines unorganischen Vorganges. 
Jener ist abgezogen, abstrahiert aus der Wirklichkeit, er ist 
nicht in letzterer wirksam; die Idee des Organismus aber 
ist als Entelechie im Organismus tatig, wirksam; sie ist in 
der von unserer Vernunft erfaBten Form nur die Wesen- 
heit der Entelechie selbst. Sie faBt die Erfahrung nicht zu- 
sammen; sie bewirkt das zu Erfahrende. Goethe driickt dies 
mit den Worten aus: «Begriff ist Summe, Idee Resultat der 
Erfahrung; jene zu ziehen, wird Verstand, dieses zu erfas- 
sen, Vernunft erfordert.» (Spruche in Prosa [Natw. Schr., 
4. Bd., 2. Abt, S. 379]) Damit ist jene Art der Realitat, die 
dem Goetheschen Urorganismus (Urpflanze oder Urtier) 
zukommt, erklart. Diese Goethesche Methode ist offenbar 
die einzig mogliche, um in das Wesen der Organismenwelt 
einzudringen. 

Beim Unorganischen ist es als wesentlich zu betrachten, 
daB die Erscheinung in ihrer Mannigfaltigkeit mit der sie 
erklarenden Gesetzlichkeit nicht identisch ist, sondern auf 
letztere, als auf ein ihr AuBeres, bloB hinweist. Die An- 
schauung - das materielle Element der Erkenntnis — die uns 
durch die auBeren Sinne gegeben ist, und der Begriff - das 
formelle - durch den wir die Anschauung als notwendig 
erkennen, stehen einander gegenuber als zwei einander zwar 
objektiv fordernde Elemente, aber so daB der Begriff nicht 
in den einzelnen Gliedern einer Erscheinungsreihe selbst 
liegt, sondern in einem Verhaltnisse derselben zueinander. 
Dieses Verhaltnis, welches die Mannigfaltigkeit in ein ein- 
heitliches Ganze zusammenfaBt, ist in den einzelnen Tei- 
len des Gegebenen begrlindet, aber als Games (als Einheit) 
kommt es nicht zur realen, konkreten Erscheinung. Zur 
auBeren Existenz - im Objekte - kommen nur die Glieder 



dieses Verhaltnisses. Die Einheit, der Begriff kommt als 
solcher erst in unserem Verstande zur Erscheinung. Es 
kommt ihm die Aufgabe zu, das Mannigfaltige der Erschei- 
nung zusammenzufassen, er verhalt sich zu dem letzteren 
als Summe, Wir haben es hier mit einer Zweiheit zu tun, mit 
der mannigfaltigen Sache, die wir anschauen, und mit der 
Einheit, die wir denken. In der organischen Natur stehen 
die Teile des Mannigfaltigen eines Wesens nicht in einem 
solchen auBerlichen Verhaltnisse zueinander. Die Einheit 
kommt mit der Mannigfaltigkeit zugleich, als mit ihr iden- 
tisch in dem Angeschauten zur Realitat. Das Verhaltnis 
der einzelnen Glieder eines Erscheinungsganzen (Organis- 
mus) ist ein reales geworden. Es kommt nicht mehr bloB in 
unserem Verstande zur konkreten Erscheinung, sondern 
im Objekte selbst, in welch letzterem es die Mannigfaltig- 
keit aus sich selbst hervorbringt. Der Begriff hat nicht bloB 
die Rolle einer Summe, eines Zusammenfassenden, welches 
sein Objekt aufier sich hat; er ist mit demselben vollkom- 
men eins geworden. Was wir anschauen, ist nicht mehr ver- 
schieden von dem, wodurch wir das Angeschaute denken; 
wir schauen den Begriff als Idee selbst an. Daher nennt 
Goethe das Vermogen, wodurch wir die organische Natur 
begreifen, anschauende Urteilskraft. Das Erklarende - das 
Formelle der Erkenntnis, der Begriff - und das Erklarte - 
das Materielle, die Anschauung - sind identisch. Die Idee, 
durch welche wir das Organische erfassen, ist somit we- 
sentlich verschieden von dem Begriffe, durch den wir das 
Unorganische erklaren; sie faBt ein gegebenes Mannigfal- 
tige nicht bloB - wie eine Summe - zusammen, sondern setzt 
ihren eigenen Inhalt aus sich heraus. Sie ist Resultat des 
Gegebenen (der Erfahrung), konkrete Erscheinung. Hierin 



liegt der Grund, warum wir in der unorganischen Natur- 
wissenschaft von Gesetzen (Naturgesetzen) sprechen und 
die Tatsachen durch sie erklaren, in der organischen Na- 
tur dies dagegen durch Typen tun. Das Gesetz ist mit der 
Mannigfaltigkeit der Anschauung, die es beherrscht, nicht 
ein und dasselbe, es steht iiber ihr; im Typus aber ist Ideelles 
und Reales zur Einheit geworden, das Mannigfaltige kann 
nur als ausgehend von einem Punkte des mit ihm identi- 
schen Ganzen erklart werden. 

In der Erkenntnis dieses Verhaltnisses zwischen der 
Wissenschaft des Unorganischen und jener des Organischen 
liegt das Bedeutsame Goethescher Forschung. Man irrt da- 
her, wenn man heute vielfach die letztere fur eine Voraus- 
nahme jenes Monismus erklart, welcher eine das Organi- 
sche wie das Unorganische umfassende einheitliche Natur- 
anschauung dadurch begrunden will, daB er das erstere auf 
dieselben Gesetze - die mechanisch-physikalischen Katego- 
rien und Naturgesetze - zuruckzufuhren bestrebt ist, von 
denen das letztere bedingt wird. Wie Goethe sich eine mo- 
nistische Anschauung denkt, haben wir gesehen. Die Art, 
wie er das Organische erklart, ist wesentlich verschieden 
von der, wie er beim Unorganischen vorgeht. Er will die 
mechanische Erklarungsweise streng abgelehnt wissen bei 
dem, was hoherer Art ist (siehe «Spruche in Prosa» [Natw. 
Schr., 4. Bd., 2. Abt., S. 413]). Er tadelt an Kieser und 
Link, daB sie die organischen Erscheinungen auf unorga- 
nische Wirkungsweisen zuruckfuhren wollen. (Ebenda 1. 
Bd., S. 198 u. 206.) 

Die Veranlassung zu der angedeuteten irrtlimlichen An- 
sicht iiber Goethe hat das Verhaltnis gegeben, in das er sich 
zu Kant in bezug auf die Moglichkeit einer Erkenntnis der 



organischen Natur gesetzt hat. Wenn aber Kant behaup- 
tet, daB unser Verstand die organische Natur nicht zu er- 
klaren vermag, so meint er damit gewiB nicht, daB sie auf 
mechanischer Gesetzlichkeit beruhe, und er sie nur als eine 
Folge mechanisch-physikalischer Kategorien nicht fassen 
kann. Der Grund von diesem Unvermogen liegt nach Kant 
vielmehr gerade darin, daB unser Verstand bloB Mecha- 
nisch-Physikalisches erklaren konne und das Wesen des 
Organismus nicht dieser Natur ist. Ware es dieses, so 
konnte der Verstand vermoge der ihm zu Gebote stehen- 
den Kategorien es sehr wohl begreifen. Goethe denkt nun 
nicht etwa daran, die organische Welt trotz Kant als Me- 
chanismus zu erklaren; sondern er behauptet, daB uns das 
Vermogen keineswegs abgehe, die hohere Art der Natur- 
wirksamkeit, welche das Wesen des Organischen begriin- 
det, zu erkennen. 

Indem wir das vorhin Gesagte erwagen, tritt uns so- 
gleich ein wesentlicher Unterschied zwischen anorganischer 
und organischer Natur entgegen. Weil dort jeder beliebige 
ProzeB einen anderen bewirken kann, dieser wieder einen 
anderen usf., so erscheint die Reihe der Vorgange nirgends 
als eine geschlossene. Alles ist in steter Wechselwirkung, 
ohne daB sich eine gewisse Gruppe von Objekten der Ein- 
wirkung anderer gegemiber abzuschlieBen vermochte. Die 
anorganischen Wirkungsreihen haben nirgends Anfang und 
Ende; das folgende steht mit dem vorhergehenden nur in 
einem zufalligen Zusammenhange. Fallt ein Stein zur Erde, 
so hangt es von der zufalligen Form des Objektes, auf wel- 
ches er fallt, ab, welche Wirkung er ausiibt. Anders nun ist 
die Sache in einem Organismus. Hier ist die Einheit das 
erste. Die auf sich gebaute Entelechie enthalt eine Anzahl 



sinnlicher Gestaltungsformen, von denen eine die erste, eine 
andere die letzte sein muB; bei denen nur immer in ganz 
bestimmter Weise die eine auf die andere folgen kann. Die 
ideelle Einheit setzt aus sich heraus eine Reihe sinnenfalliger 
Organe in zeitlicher Aufeinanderfolge und in raumlichem 
Nebeneinandersein und schlieBt sich in ganz bestimmter 
Weise von der ubrigen Natur ab. Sie setzt ihre Zustande 
aus sich heraus. Daher sind sie auch nur in der Weise zu be- 
greifen, daB man das aus einer ideellen Einheit hervorge- 
hende Gestalten aufeinanderfolgender Zustande verfolgt, 
d. h. ein organisches Wesen ist nur in seinem Werden, in 
seiner Entwicklung zu verstehen. Der unorganische Kor- 
per ist abgeschlossen, starr, nur von auBen zu erregen, in- 
nen unbeweglich. Der Organismus ist die Unruhe in sich 
selbst, vom Innern heraus stets sich umbildend, verwan- 
delnd, Metamorphosen bildend. Darauf beziehen sich fol- 
gende Ausspruche Goethes: «Die Vernunft ist auf das Wer- 
dende, der Verstand auf das Gewordene angewiesen; jene 
bekummert sich nicht: wozu? dieser fragt nicht: woher? - 
Sie erfreut sich am Entwickeln; er wunscht alles festzu- 
halten, damit er es nutzen konne» («Spruche in Prosa»; 
Natw. Schr., 4. Bd., 2. Abt., S. 373) und «Die Vernunft 
hat nur iiber das Lebendige Herrschaft; die entstandene 
Welt, mit der sich die Geognosie abgibt, ist tot.» [Ebenda 
S.373] 

Der Organismus tritt uns in der Natur in zwei Haupt- 
formen entgegen: als Pflanze und als Tier; in beiden auf 
verschiedene Weise. Die Pflanze unterscheidet sich vom 
Tiere durch den Mangel eines realen Innenlebens. Beim 
Tiere tritt das letztere als Empfindung, willkurliche Bewe- 
gung usw. auf. Die Pflanze hat ein solches seelisches Prin- 



zip nicht. Sie geht noch ganz in ihrer AuBerlichkeit, in der 
Gestalt auf. Indem jenes entelechische Prinzip gleichsam 
von einem Punkte aus das Leben bestimmt, tritt es uns in 
der Pflanze in der Weise entgegen, daB alle einzelnen Or- 
gane nach demselben Gestaltungsprinzipe gebildet sind. Die 
Entelechie erscheint hier als Gestaltungskraft der einzel- 
nen Organe. Letztere sind alle nach einem und demselben 
Bildungstypus gebaut, sie erscheinen als Modifikationen 
eines Grundorganes, als Wiederholung desselben auf ver- 
schiedenen Entwicklungsstufen. Das, was die Pflanze zur 
Pflanze macht, eine gewisse formbildende Kraft, ist in je- 
dem Organe auf gleiche Weise wirksam. Jedes Organ er- 
scheint so als identisch mit alien anderen und auch mit der 
ganzen Pflanze. Goethe driickt dies so aus: «Es ist mir 
namlich aufgegangen, daB in demjenigen Organ der 
Pflanze, weiches wir als Blatt gewohnlich anzusprechen 
pflegen, der wahre Proteus verborgen liege, der sich in 
alien Gestaltungen verstecken und offenbaren konne. Vor- 
warts und ruckwarts ist die Pflanze immer nur Blatt, mit 
dem kunftigen Keime so unzertrennlich vereint, daB man 

74 

eins ohne das andere nicht denken darf.» Die Pflanze er- 
scheint so gleichsam aus lauter einzelnen Pflanzen zusam- 
mengesetzt, als ein komplizierteres Individuum, das wie- 
der aus einfacheren besteht. Die Bildung der Pflanze schrei- 
tet also von Stufe zu Stufe vor und bildet Organe; jedes 
Organ ist mit jedem andern identisch, d. h. dem Bildungs- 
prinzipe nach gleich, der Erscheinung nach verschieden. 
Die innere Einheit dehnt sich bei der Pflanze gleichsam 
in die Breite, sie lebt sich in der Mannigfaltigkeit aus, ver- 
liert sich in derselben, so daB sie nicht, wie wir dies spater 

74 [Italienische Reise, 17. Mai 1787.] 



am Tiere sehen werden, ein mit einer gewissen Selbstandig- 
keit ausgestattetes konkretes Dasein gewinnt, welches als 
Lebenszentrum der Mannigfaltigkeit der Organe gegen- 
ubertritt und sie als Vermittler mit der AuBenwelt ge- 
braucht. 

Es entsteht nun die Frage: Wodurch wird jene Ver- 
schiedenheit in der Erscheinung der dem inneren Prinzipe 
nach identischen Pflanzenorgane herbeigefuhrt? Wie ist es 
den Bildungsgesetzen, die alle nach einem Gestaltungsprin- 
zipe wirken, moglich, das eine Mai ein Laubblatt, das andere 
Mai ein Kelchblatt hervorzubringen? Die Verschiedenheit 
kann bei dem ganz in der AuBerlichkeit liegenden Leben 
der Pflanze auch nur auf auBerlichen, d. h. raumlichen 
Momenten beruhen. Als solche sieht Goethe nun eine ab- 
wechselnde Ausdehnung und Zusammenziehung an. Indem 
das entelechische, aus einem Punkte wirkende Prinzip des 
Pllanzenlebens ins Dasein tritt, manifestiert es sich als 
raumlich, die Bildungskrafte wirken im Raume. Sie er- 
zeugen Organe von bestimmter raumlicher Form. Nun 
konzentrieren sich diese Krafte entweder, sie streben gleich- 
sam in einen einzigen Punkt zusammen; und dies ist das 
Stadium der Zusammenziehung, oder sie breiten sich aus, 
entfalten sich, sie trachten sich gewissermaBen voneinan- 
der zu entfernen: dies ist das Stadium der Ausdehnung. Im 
ganzen Leben der Pflanze wechseln drei Ausdehnungen 
mit drei Zusammenziehungen. Alles, was in die dem We- 
sen nach identischen Bildungskrafte der Pflanze Verschie- 
denes hineinkommt, ruhrt von dieser wechselnden Aus- 
dehnung und Zusammenziehung her. Zuerst ruht die ganze 
Pflanze der Moglichkeit nach auf einen Punkt zusammen- 
gezogen im Samen (a). Daraus tritt sie nun hervor und ent- 



faltet sich, dehnt sich aus in der Blattbildung (c). Die Bil- 
dungskrafte stoBen sich immer mehr ab, daher erscheinen 
die unteren Blatter noch roh, kompakt (cc'); je weiter auf- 
warts, desto gerippter, gezackter werden sie. Was sich vor- 
her noch aneinanderdrangte, tritt jetzt auseinander (Blatt 
d und e). Was friiher in aufeinanderfolgenden Zwischen- 
raumen (zz') stand, das tritt in der Kelchbildung (f) wieder 



an einem Punkte des Stengels auf (w). Die letztere bildet 
die zweite Zusammenziehung. In der Blumenkrone tritt 
neuerdings eine Entfaltung, Ausbreitung ein. Die Blumen- 
blatter (g) sind im Vergleiche zu den Kelchblattern feiner, 
zarter; was nur von einer geringeren Intensitat auf einem 
Punkte, also von einer groBeren Extension der Bildungs- 
krafte herriihren kann. In den Geschlechtsorganen [Staub- 





i 



k 



gefaBen (h) und Stempel (i)] tritt die nachste Zusammen- 
ziehung ein, worauf in der Fruchtbildung (k) eine neue 
Ausdehnung stattfindet. In dem aus der Frucht hervorge- 
henden Samen (a) erscheint wieder das ganze Wesen der 

75 

Pflanze auf einen Punkt zusammengedrangt. 

Die ganze Pflanze stellt nur eine Entfaltung, eine Reali- 
sation des in der Knospe oder im Samen der Moglichkeit 
nach Ruhendem dar. Knospe und Same brauchen nur die 
geeigneten auBeren Einrliisse, um zu vollkommenen Ptlan- 
zenbildungen zu werden. Der Unterschied zwischen Knospe 
und Same ist nur dieser, daB der letztere unmittelbar die 
Erde zum Boden seiner Entfaltung hat, wahrend die erstere 
im allgemeinen eine Pflanzenbildung auf einer Pflanze 
selbst darstellt. Der Same stellt ein Pflanzenindividuum 
hoherer Art dar, oder, wenn man will, einen ganzen Kreis 
von Pflanzengebilden. Die Pflanze beginnt gleichsam mit 
jeder Knospenbildung ein neues Stadium ihres Lebens, sie 
regeneriert sich, sie konzentriert ihre Krafte, um sie von 
neuem wieder zu entfalten. Die Knospenbildung ist also 
zugleich eine Unterbrechung der Vegetation. Das Pflan- 
zenleben kann sich zur Knospe zusammenziehen, wenn die 
Bedingungen eigentlichen realen Lebens mangeln, um sich 
bei Eintritt derselben neuerdings zu entfalten. Die Unter- 

Die Frucht entsteht durch Auswachsung des unteren Teiles des 
Stempels (Fruchtknotens 1); sie stellt ein spateres Stadium desselben 
dar, kann also nur getrennt gezeichnet werden. In der Fruchtbildung 
tritt die letzte Ausdehnung ein. Das Pflanzenleben differenziert sich 
in ein abschlieBendes Organ, eigentliche Frucht, und in den Sa- 
men; in der ersteren sind gleichsam alle Momente der Erscheinung 
vereinigt, sie ist bloBe Erscheinung, sie entfremdet sich dem Leben, 
wird totes Produkt. Im Samen sind alle inneren, wesentlichen Mo- 
mente des Pflanzenlebens konzentriert. Aus ihm entsteht eine neue 
Pflanze. Er ist fast ganz ideell geworden, die Erscheinung ist bei 
ihm auf ein Minimum reduziert. 



brechung der Vegetation im Winter beruht darauf. Goethe 
sagt dariiber : «Es ist gar interessant, zu bemerken, wie 
eine lebhaft fortgesetzte und durch starke Kalte nicht un- 
terbrochene Vegetation wirkt; hier gibt's keine Knospen, 
und man lernt erst begreifen, was eine Knospe sei.» Was 
also bei uns in der Knospe verborgen runt, ist dort offen 
am Tage; es ist also wahres Pflanzenleben, was in der letz- 
teren liegt; nur fehlen die Bedingungen seiner Entfaltung. 

Man hat sich nun ganz besonders gegen den Begriff 
abwechselnder Ausdehnung und Zusammenziehung bei 
Goethe gewendet. Alle Angriffe darauf aber gehen von ei- 
nem MiBverstandnisse aus. Man glaubt, daB diese Begriffe 
nur dann Gultigkeit haben konnten, wenn sich eine phy- 
sikalische Ursache fiir sie finden lieBe, wenn man eine Wir- 
kungsweise der in der Pllanze wirkenden Gesetze nachwei- 
sen konnte, aus welcher ein solches Ausdehnen und Zusam- 
menziehen folge. Dies zeigt nur, daB man die Sache auf die 
Spitze statt auf die Basis stellt. Es ist nichts vorauszusetzen, 
was die Ausdehnung oder Zusammenziehung bewirkt; im 
Gegenteile: alles andere ist Folge der ersteren, sie bewirken 
eine fortschreitende Metamorphose von Stufe zu Stufe. 
Man kann sich eben den Begriff nicht in seiner selbsteige- 
nen, in seiner intuitiven Form vorstellen; man verlangt, 
daB er das Resultat eines auBeren Vorganges darstellen soil. 
Man kann sich Ausdehnung und Zusammenziehung nur als 
bewirkt, nicht als bewirkend denken. Goethe sieht Aus- 
dehnung und Zusammenziehung nicht so an, als ob sie aus 
der Natur der an der Pllanze vor sich gehenden unorgani- 
schen Prozesse folgen wiirden, sondern er betrachtet sie als 
die Art, wie sich jenes innere entelechische Prinzip gestal- 

Italienische Reise, 2. Dez. 1786. 



tet. Er konnte sie also nicht als Summe, als Zusammenfas- 
sung sinnenfalliger Vorgange ansehen und aus solchen de- 
duzieren, sondern er muBte sie als eine Folge des innern 
einheitlichen Prinzips selbst ableiten. 

Das Pflanzenleben wird unterhalten durch den Stoff- 
wechsel. In bezug auf diesen tritt eine wesentliche Ver- 
schiedenheit zwischen jenen Organen ein, welche naher 
der Wurzel sind, d. h. dem Organe, das die Nahrungsauf- 
nahme aus der Erde besorgt, und jenen, welche den bereits 
durch andere Organe hindurchgegangenen Nahrungsstoff 
bekommen. Erstere erscheinen unmittelbar von ihrer auBe- 
ren anorganischen Umgebung abhangig, diese dagegen von 
den ihnen vorhergehenden organischen Teilen. Jedes fol- 
gende Organ erhalt daher eine gleichsam fiir sich, durch 
das vorhergehende zubereitete Nahrung. Die Natur schrei- 
tet vom Samen zur Frucht in einer Stufenfolge fort, so daB 
das Nachfolgende als Resultat des Vorangehenden er- 
scheint. Und dieses Fortschreiten nennt Goethe ein Fort- 
schreiten auf einer geistigen Leiter. Nichts weiter als das 
von uns Angedeutete liegt in seinen Worten, «daB ein obe- 
rer Knoten, indem er aus dem vorhergehenden entsteht 
und die Safte mittelbar durch ihn empfangt, solche feiner 
und filtrierter erhalten, auch von der inzwischen gesche- 
henen Einwirkung der Blatter genieBen, sich selbst feiner 
ausbilden und seinen Blattern und Augen feinere Safte zu- 
bringen musse». Alle diese Dinge werden verstandlich, 
wenn man ihnen den von Goethe gemeinten Sinn beilegt. 

Die hier dargelegten Ideen sind die im Wesen der Ur- 
pflanze gelegenen Elemente und zwar in der bloB dieser 
selbst angemessenen Weise, nicht so, wie sie in einer be- 
stimmten Pflanze zur Erscheinung kommen, wo sie nicht 



mehr urspriinglich, sondern den auBeren Verhaltnissen an- 
gemessen sind. 

Beim Tierleben tritt nun freilich etwas anderes ein. Das 
Leben verliert sich trier nicht in der AuBerlichkeit, sondern 
es separiert sich, sondert sich von der Korperlichkeit ab 
und gebraucht die korperliche Erscheinung nur noch als 
sein Werkzeug. Es auBert sich nicht mehr als bloBes Ver- 
mogen, einen Organismus von innen heraus zu gestalten, 
sondern es auBert sich in einem Organismus als etwas, was 
noch auBer dem Organismus, als dessen beherrschende 
Macht, da ist. Das Tier erscheint als eine in sich beschlos- 
sene Welt, ein Mikrokosmos in viel hoherem Sinne als die 
Pllanze. Es hat ein Zentrum, dem jedes Organ dient. 

«So ist jeglicher Mund geschickt die Speise zu fassen, 

Welche dem Korper gebuhrt, es sei nun schwachlich und zahnlos 

Oder machtig der Kiefer gezahnt; in jeglichem Falle 

Fordert ein schicklich Organ den iibrigen Gliedern die Nahrung. 

Auch bewegt sich jeglicher FuB, der lange, der kurze 

Ganz harmonisch zum Sinne des Tiers und seinem Bedurfnis.» 77 

Bei der Pflanze ist in jedem Organ die ganze Pflanze, 
aber das Lebensprinzip existiert nirgends als ein bestimm- 
tes Zentrum, die Identitat der Organe liegt in der Gestal- 
tung nach denselben Gesetzen. Beim Tiere erscheint jedes 
Organ als aus jenem Zentrum kommend, das Zentrum bil- 
det seinem Wesen gemaB alle Organe. Die Gestalt des Tie- 
res ist also die Grundlage fur sein auBerliches Dasein. Sie 
ist aber von innen bestimmt. Die Lebensweise muB sich also 
nach jenen inneren Gestaltungsprinzipien richten. Andrer- 
seits ist die innere Bildung in sich unumschrankt, frei; sie 

77 [«Metamorphose derTiere»]; vgl. Natw. Schr., 1. Bd., S. 344. 



kann sich den auBeren Einflussen innerhalb gewisser Gren- 
zen fiigen; doch ist diese Bildung eine durch die innere Na- 
tur des Typus und nicht durch mechanische Einwirkungen 
von auBen bestimmte. Die Anpassung kann also nicht so 
weit gehen, daB sie den Organismus nur als ein Produkt 
der AuBenwelt erscheinen lieBe. Seine Bildung ist eine in 
Grenzen eingeschrankte. 

«Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie; 
Denn nur also beschrankt war je das Vollkommene moglich.» 78 

Ware jedes tierische Wesen nur den im Urtier liegenden 
Prinzipien gemaB, so waren sie alle gleich. Nun aber glie- 
dert sich der tierische Organismus in eine Menge von Or- 
gansystemen, die jedes bis zu einem bestimmten Grad der 
Ausbildung kommen konnen. Dieses begnindet nun eine 
verschiedenartige Entwicklung. Der Idee nach gleichbe- 
rechtigt mit alien andern, kann sich doch ein System beson- 
ders in den Vordergrund drangen, kann den im tierischen 
Organismus liegenden Vorrat von Bildungskraften auf sich 
verwenden und ihn den anderen Organen entziehen. Das 
Tier erscheint so nach der Richtung jenes Organsystems hin 
besonders ausgebildet. Ein anderes Tier erscheint nach einer 
anderen Richtung gebildet. Hierin liegt die Moglichkeit 
der Differenzierung des Urorganismus bei seinem Uber- 
gange in die Erscheinung in Gattungen und Arten. 

Die wirklichen (tatsachlichen) Ursachen der Differen- 
zierung sind damit aber noch nicht gegeben. Hier treten in 
ihre Rechte: die Anpassung, welcher zufolge der Organis- 
mus den ihn umgebenden auBeren Verhaltnissen gemaB 

[Metamorphose derTiere, a. a. O. S. 345.] 



gestaltet, und der Kampf urns Dasein, der darauf hinar- 
beitet, daB nur die den obwaltenden Umstanden am besten 
angepaBten Wesen sich erhalten. Anpassung und Kampf 
urns Dasein konnten aber am Organismus gar nichts be- 
wirken, wenn das den Organismus konstituierende Prinzip 
nicht ein solches ware, das bei stets aufrecht erhaltener in- 
nerer Einheit die mannigfaltigsten Formen annehmen kann. 
Der Zusammenhang der auBeren Bildungskrafte mit diesem 
Prinzipe ist keineswegs so aufzufassen, als wenn die erste- 
ren auf die letzteren etwa in der Art bestimmend einwirk- 
ten, wie ein unorganisches Wesen auf ein anderes. Die auBe- 
ren Verhaltnisse sind zwar die Veranlassung, dafi sich der 
Typus in einer bestimmten Form ausbildet; diese Form 
selbst aber ist nicht aus den auBeren Bedingungen, sondern 
aus dem inneren Prinzipe herzuleiten. Man wird bei die- 
ser Erklarung die ersteren immer aufzusuchen haben, die 
Gestalt selbst aber hat man nicht als ihre Folge zu betrach- 
ten. Das Ableiten von Gestaltungsformen eines Organis- 
mus aus der umgebenden AuBenwelt durch bloBe Kausali- 
tat wiirde Goethe geradeso verworfen haben, wie er es mit 
dem teleologischen Prinzip getan hat, wonach die Form 
eines Organes auf einen auBeren Zweck, dem es zu dienen 
hatte, zuruckgefuhrt wurde. 

Bei denjenigen Organsystemen des Tieres, bei denen es 
mehr auf die AuBerlichkeit des Baues ankommt, z. B. bei 
den Knochen, da tritt auch jenes bei den Pllanzen beobach- 
tete Gesetz wieder hervor, wie bei der Bildung der Schadel- 
knochen. Die Gabe Goethes, die innere GesetzmaBigkeit in 
rein auBerlichen Formen zu erkennen, tritt hier ganz be- 
sonders hervor. 

Der Unterschied, der mit diesen Anschauungen Goethes 



zwischen Pflanze und Tier festgestellt wird, konnte be- 
langlos erscheinen angesichts dessen, daB die neuere Wis- 
senschaft Griinde zu berechtigten Zweifeln an einer festen 
Grenze zwischen Pflanze und Tier hat. Der Unmoglich- 
keit der Aufstellung einer solchen Grenze war sich aber 
Goethe schon bewuBt (siehe Natw. Schr., 1. Bd., S. 11). 
Dennoch gibt es bestimmte Definitionen von Pflanze und 
Tier. Das hangt mit seiner ganzen Naturanschauung zu- 
sammen. Er nimmt in der Erscheinung uberhaupt kein 
Konstantes, Festes an; denn in letzterer schwankt alles in 
steter Bewegung. Das im Begriffe festzuhaltende Wesen 
einer Sache ist aber nicht schwankenden Formen zu ent- 
nehmen, sondern gewissen mittleren Stufen, auf denen es 
sich beobachten laBt (siehe a. a. O., S. 8). Es ist fiir Goethes 
Anschauung ganz naturlich, daB man bestimmte Definitio- 
nen aufstellt und diese trotzdem in der Erfahrung von ge- 
wissen Ubergangsgebilden nicht festgehalten werden. Ja 
er sieht gerade darin das bewegliche Leben der Natur. 

Mit diesen Ideen hat Goethe die theoretische Grundlage 
fiir die organische Wissenschaft begrundet. Er hat das We- 
sen des Organismus gefunden. Man kann dieses leicht ver- 
kennen, wenn man verlangt, daB der Typus, jenes sich aus 
sich heraus gestaltete Prinzip (Entelechie), selbst durch et- 
was anderes erklart werden solle. Aber dies ist eine unbe- 
grundete Forderung, weil der Typus, in intuitiver Form 
festgehalten, sich selbst erklart. Fiir jeden, der jenes «Sich- 
nach-sich-selbst-Formen» des entelechischen Prinzipes er- 
faBt hat, bildet dieses die Losung des Lebensratsels. Eine 
andere Losung ist unmoglich, weil jene das Wesen der 
Sache selbst ist. Wenn der Darwinismus einen Urorganis- 
mus voraussetzen muB, so kann man von Goethe sagen, 



daB er das Wesen jenes Urorganismus entdeckt hat. Goethe 
ist es, welcher mit dem bloBen Nebeneinander reihen der 
Gattungen und Arten brach und eine Regeneration der or- 
ganischen Wissenschaft dem Wesen des Organismus gemaB 
vornahm. Wahrend die Vor-Goethesche Systematik ebenso 
viele verschiedene Begriffe (Ideen) brauchte, als auBerlich 
verschiedene Gattungen existieren, zwischen denen sich 
keine Vermittlung fand, erklarte Goethe, daB der Idee nach 
alle Organismen gleich, nur der Erscheinung nach verschie- 
den sind; und er erklarte, warum sie es sind. Damit war die 
philosophische Grundlage fur ein wissenschaftliches Sy- 
stem der Organismen geschaffen. Es handelte sich nur noch 
um die Ausfuhrung desselben. Es muBte gezeigt werden, wie 
alle realen Organismen nur Offenbarungen einer Idee seien 
und wie sie sich in einem bestimmten Falle offenbaren. 

Die groBe Tat, welche damit in der Wissenschaft getan 
war, wurde auch mannigfach von tiefer gebildeten Ge- 

80 

lehrten anerkannt. Der jungere d'Alton schreibt am 6. 

79 In der modernen. Naturlehre versteht man unter Urorganismus ge- 
wohnlich eine Urzelle (Urzytode), d. h. ein einfaches Wesen, wel- 
ches auf der untersten Stufe der organischen Entwicklung steht. Man 
hat hier ein ganz bestimmtes, reales, sinnenfallig wirkliches Wesen 
im Auge. Wenn man im Goetheschen Sinne von Urorganismus 
spricht, so ist nicht dieses ins Auge zu fassen, sondern jene Essenz 
(Wesenheit), jenes gestaltende, entelechische Prinzip, welches be- 
wirkt, daB jene Urzelle ein Organismus ist. Dieses Prinzip kommt 
im einfachsten Organismus ebenso wie im vollendetsten zur Erschei- 
nung, nur in verschiedener Ausbildung. Es ist die Tierheit im Tiere, 
das, wodurch ein Wesen ein Organismus ist. Darwin setzt es von 
Anfang an voraus; es ist da, wird eingefuhrt und dann sagt er von 
ihm, daB es auf die Einfliisse der AuBenwelt in dieser oder jener 
Weise reagierte. Es ist bei ihm ein unbestimmtes X, dieses unbe- 
stimmte X sucht Goethe zu erklaren. 

on 

Goethes Naturwissenschaftliche Korrespondenz (1812-1823), hg. v. 
F. TL Bratranek, 1. Bd., [Leipzig 1874,] S. 28. 



Juli 1827 an Goethe: «Ich wiirde es fixr die schonste Be- 
lohnung erachten, wenn Euer Exzellenz, dem die Natur- 
wissenschaft nicht allein eine vollige Umgestaltung in 
grofiartigen Uberblicken und neuen Ansichten der Botanik, 
sondern selbst vielfache treffliche Bereicherungen in dem 
Gebiete der Knochenlehre verdankt, in vorliegenden Blat- 
tern ein beifallswertes Bestreben erkennten.» Nees von 
Esenbeck 81 am 24. Juni 1820: «In Ihrer Schrift, die Sie 
einen <Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erkla- 
ren>, nannten, hat zuerst die Pflanze unter uns liber sich 
selbst geredet und in dieser schonen Vermenschlichung auch 
mich, als ich noch jung war, bestrickt.» Endlich Voigt 82 
am 6. Juni 1831: «Mit lebhafter Teilnahme und unterta- 
nigem Dank habe ich die kleine Schrift iiber die Metamor- 
phose empfangen, welche mich als so fruhen Teilnehmer an 
dieser Lehre nun auch auf das verbindlichste historisch 
einverleibt. Es ist sonderbar, man ist gegen die animalische 
Metamorphose - ich meine nicht die alte der Insekten, son- 
dern die von der Wirbelsaule ausgehende - billiger gewe- 
sen, als gegen die vegetabilische. Abgesehen von den Pla- 
giaten und MiBbrauchen, mochte die stille Anerkennung 
darin ihren Grund haben, daB man bei ihr weniger zu ris- 
kieren glaubte. Denn beim Skelett bleiben die isolierten 
Knochen ewig dieselben, in der Botanik aber droht die Me- 
tamorphose die ganze Terminologie und folglich die Be- 
stimmung der Spezies umzuwerfen, und da furchten sich 
denn die Schwachen, weil sie nicht wissen, wohin so etwas 
fiihren konne.» Hier ist voiles Verstandnis der Goetheschen 
Ideen vorhanden. Es ist das BewuBtsein da, daB eine neue 

81 Ebenda, 2. Bd., [Leipzig 1874] S. 19 f. 

82 Ebenda, 2. Bd., S. 366. 



Art der Anschauung des Individuellen Platz greifen miisse; 
und aus dieser neuen Anschauung sollte erst die neue Syste- 
matic die Betrachtung des Besonderen hervorgehen. Der 
auf sich selbst gebaute Typus enthalt die Moglichkeit, bei 
seinem Eintreten in die Erscheinung unendlich mannigfal- 
tige Formen anzunehmen; und diese Formen sind der Ge- 
genstand unserer sinnlichen Anschauung, sie sind die im 
Raume und in der Zeit lebenden Gattungen und Arten der 
Organismen. Indem unser Geist jene allgemeine Idee, den 
Typus erfaBt, hat er das ganze Organismenreich in seiner 
Einheit begriffen. Wenn er nun die Gestaltung des Typus in 
jeder besonderen Erscheinungsform anschaut, wird ihm die 
letztere begreiflich; sie erscheint ihm als eine der Stufen, 
der Metamorphosen, in denen sich der Typus verwirklicht. 
Und diese verschiedenen Stufen aufzuzeigen, sollte das We- 
sen der durch Goethe zu begriindenden Systematik sein. So- 
wohl im Tier- wie im Pflanzenreiche herrscht eine auf- 
steigende Entwicklungsreihe; die Organismen gliedern sich 
in vollkommene und unvollkommene. Wie ist dieses mog- 
lich? Die ideelle Form, der Typus der Organismen hat eben 
das Charakteristische, daB er aus raumlich zeitlichen Ele- 
menten besteht. Es erschien deshalb auch Goethe als eine 
sinnlich-ubersinnliche Form. Er enthalt raumlich-zeitliche 
Formen als ideelle Anschauung (intuitiv). Wenn er nun in 
die Erscheinung tritt, kann die wahrhaft (nicht mehr in- 
tuitiv) sinnliche Form jener ideellen vollig entsprechen oder 
nicht; es kann der Typus zu seiner vollkommenen Ausbil- 
dung kommen oder nicht. Die niederen Organismen sind 
eben dadurch die niederen, daB ihre Erscheinungsform 
nicht vollig dem organischen Typus entspricht. Je mehr 
auBere Erscheinung und organischer Typus in einem be- 



stimmten Wesen sich decken, desto vollkommener ist das- 
selbe. Dies ist der objektive Grund einer aufsteigenden Ent- 
wicklungsreihe. Die Aufzeigung dieses Verhaltnisses bei 
jeder Organismenform ist die Aufgabe einer systemati- 
schen Darstellung. Bei Aufstellung des Typus, der Uror- 
ganismen, kann aber hierauf keine Riicksicht genommen 
werden; es kann sich dabei nur darum handeln, eine Form 
zu finden, welche den vollkommensten Ausdruck des Ty- 
pus darstellt. Eine solche soil Goethes Urpflanze bieten. 

Man hat Goethe den Vorwurf gemacht, daB er bei Auf- 
stellung seines Typus auf die Welt der Kryptogamen keine 
Riicksicht genommen habe. Wir haben schon fruher dar- 
auf hingewiesen, daB dieses nur in vollig bewuBter Weise 
geschehen kann, da er sich mit dem Studium dieser Pflan- 
zen auch beschaftigt hat. Es hat aber seinen objektiven 
Grund. Die Kryptogamen sind eben jene Pflanzen, in denen 
die Urpflanze nur hochst einseitig zum Ausdrucke kommt; 
sie stellen die Pflanzenidee in einer einseitigen sinnenfal- 
ligen Form dar. Sie konnen an der aufgestellten Idee be- 
urteilt werden; diese selbst aber kommt in den Phanero- 
gamen erst zu ihrem volligen Ausbruche. 

Was aber hier zu sagen ist, ist dieses, daB Goethe diese 
Ausfuhrung seiner Grundgedanken nie vollbracht hat, daB 
er das Reich des Besonderen zu wenig betreten hat. Daher 
bleiben alle seine Arbeiten fragmentarisch. Seine Absicht, 
auch hier Licht zu schaffen, zeigen uns seine Worte in der 
«Italienischen Reise» (27. September 1786), daB es ihm mit 
Hilfe seiner Ideen moglich sein werde, «Geschlechter und 
Arten wahrhaft zu bestimmen, welches, wie mich diinkt, 
bisher sehr willkurlich geschieht». Dieses Vorhaben hat er 
nicht ausgefuhrt, den Zusammenhang seiner allgemeinen 



Gedanken mit der Welt des Besonderen, mit der Wirklich- 
keit der einzelnen Formen nicht besonders dargelegt. Dies 
sah er selbst als einen Mangel seiner Fragmente an; er 
schreibt am 28. Juni 1828 darauf bezuglich an [F.J.] So- 
ret von de Candolle: «Auch wird mir immer klarer, wie 
er die Intentionen ansieht, in denen ich mien fortbewege 
und die in meinem kurzen Aufsatze iiber die Metamorphose 
zwar deutlich genug ausgesprochen sind, deren Bezug aber 
auf die Erfahrungsbotanik, wie ich langst weifi, nicht deut- 
lich genug hervorgeht.» [WA 44, 161] Dies ist wohl auch 
der Grund, warum Goethes Anschauungen so miBverstan- 
den wurden; denn sie wurden es nur deshalb, weil sie iiber- 
haupt nicht verstanden wurden. 

In Goethes Begriffen erhalten wir auch eine ideelle Er- 
klarung fur die durch Darwin und Haeckel gefundene Tat- 
sache, daB dieEntwicklungsgeschichte des Individuums eine 
Repetition der Stammesgeschichte reprasentiert. Denn fiir 
mehr als eine unerklarte Tatsache kann das, was Haeckel 
hier bietet, doch nicht genommen werden. Es ist die Tat- 
sache*, daB jedes Individuum alle jene Entwicklungssta- 
dien in abgekiirzter Form durchmacht, welche uns zugleich 
die Palaontologie als gesonderte organische Formen auf- 
weist. Haeckel und seine Anhanger erklaren dieses aus dem 
Gesetze der Vererbung. Aber letzteres ist selbst nichts an- 
deres als ein abgekiirzter Ausdruck fiir die angefuhrte Tat- 
sache. Die Erklarung dafur ist, daB jene Formen sowie je- 
des Individuum die Erscheinungsformen eines und dessel- 
ben Urbildes sind, welches in aufeinanderfolgenden Zeit- 
perioden die der Moglichkeit nach in ihm liegenden Ge- 
staltungskrafte zur Entfaltung bringt. Jedes hohere Indi- 
viduum ist eben dadurch vollkommener, daB es durch die 



gunstigen Einflusse seiner Umgebung nicht gehindert wird, 
sich seiner inneren Natur nach vollig frei zu entfalten. 
MuB das Individuum dagegen durch verschiedene Einwir- 
kungen gezwungen auf einer niedrigeren Stufe stehenblei- 
ben, so kommen nur einige von seinen inneren Kraften zur 
Erscheinung, und es ist dann bei ihm das einGanzes, was bei 
jenem vollkommeneren Individuum nur ein Teil eines Gan- 
zen ist. Und auf diese Weise erscheint der hohere Organis- 
mus in seiner Entwicklung aus den niedrigeren zusammen- 
gesetzt oder auch die niedrigeren erscheinen in ihrer Ent- 
wicklung als Teile des hoheren. Wir mussen daher in der 
Entwicklung eines hoheren Tieres die Entwicklung aller 
niedrigeren wieder erblicken (biogenetisches Gesetz). So- 
wie der Physiker nicht damit zufrieden ist, bloB die Tat- 
sachen auszusprechen und zu beschreiben, sondern nach 
den Gesetzen derselben forscht, d. h. nach den Begriffen 
der Erscheinungen, so kann es auch demjenigen, der in die 
Natur der organischen Wesen eindringen will, nicht ge- 
nugen, wenn er bloB die Tatsachen der Verwandtschaft, 
Vererbung, Kampf urns Dasein usw. anfuhrt, sondern er 
will die diesen Dingen zugrunde liegenden Ideen erkennen. 
Dieses Streben finden wir bei Goethe. Was dem Physiker 
die drei Keplerschen Gesetze, das sind dem Organiker die 
Goetheschen Typusgedanken. Ohne sie ist uns die Welt ein 
bloBes Labyrinth von Tatsachen. Dies wurde oft miBver- 
standen. Man behauptet, der Begriff der Metamorphose im 
Sinne Goethes ware ein bloBes Bild, das sich im Grunde 
nur in unserem Verstande durch Abstraktion vollzogen hat. 
Es ware Goethe unklar gewesen, daB der Begriff von Ver- 
wandlung der Blatter in Blutenorgane nur dann einen Sinn 
habe, wenn letztere, z. B. die StaubgefaBe, einmal wirkliche 



Blatter waren. Allein dies stellt Goethes Anschauungen auf 
den Kopf. Es wird ein sinnenfalliges Organ zum prinzipiell 
ersten gemacht und das andere auf sinnenfallige Weise dar- 
aus abgeleitet. So hat es Goethe nie gemeint. Bei ihm ist das- 
jenige, welches der Zeit nach das erste ist, durchaus nicht 
auch der Idee, dem Prinzipe nach das erste. Nicht weil die 
StaubgefaBe einmal wahre Blatter waren, sind sie letzteren 
heute verwandt; nein, sondern weil sie ideell, ihrem inne- 
ren Wesen nach verwandt sind, erschienen sie einmal als 
wahre Blatter, Die sinnliche Verwandlung ist nur Folge 
der ideellen Verwandtschaft und nicht umgekehrt. Heute 
ist der empirische Tatbestand der Identitat aller Seiten- 
organe der Pflanze bestimmt, aber warum nennt man diese 
identisch? Nach Schieiden, weil sich dieselben an der Achse 
alle so entwickeln, daB sie als seitliche Hervorragungen hin- 
ausgeschoben werden, in der Weise, daB die seitliche Zel- 
lenbildung nur an dem urspriinglichen Korper bleibt und 
an der zuerst gebildeten Spitze sich keine neuen Zellen bil- 
den. Dies ist eine rein auBerliche Verwandtschaft, und man 
betrachtet als die Folge davon die Idee der Identitat. An- 
ders ist die Sache wieder bei Goethe. Die Seitenorgane sind 
bei ihm ihrer Idee, ihrem inneren Wesen nach identisch; 
daher erscheinen sie auch nach auBen als identische Bil- 
dungen. Die sinnenfallige Verwandtschaft ist bei ihm eine 
Folge der inneren, ideellen. Die Goethesche Auffassung un- 
terscheidet sich von der materialistischen durch die Frage- 
stellungen; beide widersprechen einander nicht, sie ergan- 
zen einander. Goethes Ideen bilden zu jener die Grundlage. 
Nicht nur eine dichterische Prophezeiung spaterer Entdek- 
kungen sind Goethes Ideen, sondern selbstandige theore- 
tische Entdeckungen, die noch lange nicht genug gewiir- 



digt sind, an denen die Naturwissenschaft noch lange zeh- 
ren wird. Wenn die empirischen Tatsachen, die er beniitzte, 
langst durch genauere Detailforschungen iiberholt, teil- 
weise sogar widerlegt sein werden; die aufgestellten Ideen 
sind ein fiir allemal grundlegend fiir die Organik, denn sie 
sind von jenen empirischen Tatsachen unabhangig. Wie 
jeder neu aufgefundene Planet nach Keplers Gesetzen um 
seinen Fixstern kreisen muB, so muB jeder Vorgang in der 
organischen Natur nach Goethes Ideen geschehen. Lange 
vor Kepler und Kopernikus sah man die Vorgange am ge- 
stirnten Himmel. Diese fanden erst die Gesetze. Lange vor 
Goethe beobachtete man das organische Naturreich, Goethe 
fand dessen Gesetze. Goethe ist der Kopernikus und Kepler 
der organischen Welt. 

Man kann sich das Wesen der Goetheschen Theorie auch 
auf folgende Weise klar machen. Neben der gewohnlichen 
empirischen Mechanik, welche nur die Tatsachen sammelt, 
gibt es noch eine rationale Mechanik, welche aus der inne- 
ren Natur der mechanischen Grundprinzipien die aprio- 
ristischen Gesetze als notwendige deduziert. Sowie die er- 
stere zur letzteren, so verhalten sich Darwins, Haeckels 
usw. Theorien zur rationalen Organik Goethes. Diese Seite 
seiner Theorie war Goethe vom Anfange an nicht sogleich 
klar. Spater freilich spricht er sie schon ganz entschieden 
aus. Wenn er am 21. Januar 1832 an Heinr. Wilh. Ferd. 
Wackenroder schreibt: «Fahren Sie fort, mit allem, was Sie 
interessiert, mich bekannt zu machen; es schliefit sich irgend- 
wo an meine Betrachtungen an» [WA 49,21 1 ], so will er da- 
mit nur sagen, daB er die Grundprinzipien der organischen 
Wissenschaft gefunden habe, aus denen sich alles iibrige 
miisse ableiten lassen. In friiherer Zeit aber wirkte das alles 



unbewuBt in seinem Geiste und er behandelte die Tatsachen 
darnach. 83 Gegenstandlich wurde es ihm erst durch jenes 
erste wissenschaftliche Gesprach mit Schiller, welches wir 
unten mitteilen. 84 Schiller erkannte sogleich die ideelle Na- 
tur von Goethes Urpflanze und behauptete, einer solchen 
konne keine Wirklichkeit angemessen sein. Das regte Goethe 
an, uber das Verhaltnis dessen, was er Typus nannte, zur 
empirischen Wirklichkeit nachzudenken. Er traf hier auf 
ein Problem, welches zu den bedeutsamsten des menschli- 
chen Forschens iiberhaupt gehort: das Problem des Zusam- 
menhangs von Idee und Wirklichkeit, von Denken und Er- 
fahrung. Das wurde ihm immer klarer: die einzelnen em- 
pirischen Objekte entsprechen keines seinem Typus voll- 
kommen; kein Wesen der Natur war mit ihm identisch. 
Der Inhalt des Typusbegriffes kann also nicht aus der Sin- 
nenwelt als solcher stammen, obwohl er an derselben ge- 
wonnen wird. Er muB also in dem Typus selbst liegen; die 
Idee des Urwesens konnte nur eine solche sein, welche ver- 
moge einer in ihr selbst liegenden Notwendigkeit einen In- 
halt aus sich entwickelt, der dann in anderer Form - in 
Form der Anschauung - in der Erscheinungswelt auftritt. 
Es ist in dieser Hinsicht interessant, zu sehen, wie Goethe 
selbst empirischen Naturforschern gegemiber fur die Rechte 
der Erfahrung und die strenge Auseinanderhaltung von 
Idee und Objekt eintritt. Sommerring ubersendet ihm im 
Jahre 1786 ein Buch, in dem er (Sommerring) den Versuch 
macht, den Sitz der Seele zu entdecken. Goethe findet in 

Goethe empfand dies sein unbewuBtes Handeln oft als Dumpfheit. 
Siehe K. J. Schroer, Faust von Goethe, 6. Aufl., Stuttgart 1926, Bd. 
II, S. XXXIV ff. 
84 Natw. Schr., 1. Bd., S. 108 ff. 



einem Briefe, den er am 28. August 1796 an Sommerring 
richtet, daB dieser zu viel Metaphysik mit seinen Anschau- 
ungen verwoben habe; eine Idee iiber Gegenstdnde der Er- 
fahrung habe keine Berechtigung, wenn sie iiber diese hin- 
ausginge, wenn sie nicht im Wesen der Objekte selbst be- 
griindet ist. Bei Objekten der Erfahrung sei die Idee ein 
Organ, das als notwendigen Zusammenhang zu fassen, was 
sonst im blinden Neben- und Nacheinander bloB wahrge- 
nommen wurde. Daraus aber, daB die Idee nichts Neues zu 
dem Objekte hinzubringen darf, folgt, daB das letztere 
selbst, seinem eigenen Wesen nach ein Ideelles ist, daB iiber- 
haupt die empirische Realitat zwei Seiten haben muB: die 
eine, wonach sie Besonderes, Individuelles, die andere, wo- 
nach sie Ideell-Allgemeines ist. 

Der Umgang mit den zeitgenossischen Philosophen so- 
wie die Lekture der Werke derselben fuhrte Goethe man- 
chen Gesichtspunkt in dieser Hinsicht zu. Schellings Werk 
«Von der Weltseele» und dessen «[Erster] Entwurf eines 
Systems der Naturphilosophie» ([Goethes] Annalen zu 
1798-1799) sowie Steffens «Grundzuge der philosophi- 
schen Naturwissenschaft» wirkten befruchtend auf ihn ein. 
Auch mit Hegel wurde manches durchgesprochen. Diese 
Anregungen fuhrten endlich dahin, daB Kant, mit dem sich 
Goethe schon einmal, durch Schiller angeregt, beschaftigt 
hatte, wieder vorgenommen wurde. 1817 (siehe Annalen) 
betrachtete er geschichtlich dessen EinfluB auf seine Ideen 
iiber Natur und naturliche Dinge. Diesem auf das Zentrale 
der Wissenschaft gehenden Nachdenken verdanken wir die 
Aufsatze: 

Gluckliches Ereignis, 

Anschauende Urteilskraft, 



Bedenken und Ergebung, 
Bildungstrieb, 

Das Unternehmen wird entschuldigt, 

Die Absicht eingeleitet, 

Der Inhalt bevorwortet, 

Geschichte meines botanischen Studiums, 

Entstehen des Aufsatzes iiber Metamorphose der 

Pflanzen. 

Alle diese Aufsatze sprechen den oben schon angedeuteten 
Gedanken aus, daB jedes Objekt zwei Seiten hat: die eine 
unmittelbare seines Erscheinens (Erscheinungsform), die 
zweite, welche sein Wesen enthalt. So gelangt Goethe zu 
der allein befriedigenden Naturanschauung, welche die 
eine wahrhaft objektive Methode begnindet. Wenn eine 
Theorie die Idee als etwas dem Objekte selbst Fremdes, 
bloB Subjektives betrachtet, so kann sie nicht behaupten, 
wahrhaft objektiv zu sein, wenn sie sich nur uberhaupt der 
Idee bedient. Goethe aber kann behaupten, nichts zu den 
Objekten hinzuzufugen, was nicht schon in ihnen selbst 
lage. 

Auch ins Einzelne, Tatsachliche hin verfolgte Goethe 
jene Wissenszweige, auf welche seine Ideen Bezug hatten. 
Im Jahre 1795 (siehe K. A. Bottiger, Literarische Zustande 
und Zeitgenossen usw. I. Bd., Leipzig 1838, S. 49) horte er 
bei Loder Banderlehre; er verlor uberhaupt in dieser Zeit 
die Anatomie und Physiologie nicht aus den Augen, was 
um so wichtiger erscheint, als er gerade damals seine Vor- 
trage iiber Osteologie niederschrieb. 1796 wurden Ver- 
suche gemacht, Pflanzen im Finstern und unter farbigen 
Glasern zu ziehen. Spater wurde auch die Metamorphose 
der Insekten verfolgt. 



Eine weitere Anregung kam von dem Philologen [F. A.] 
Wolf, der Goethe auf seinen Namensvetter Wolff aufmerk- 
sam machte [WA 27, 209f.], welcher in seiner «Theoria 
generationis» schon im Jahre 1759 Ideen ausgesprochen 
hatte, die denen Goethes liber die Metamorphose der Pflan- 
zen ahnlich waren. Goethe wurde dadurch veranlaBt, sich 
mit Wolff eingehender zu beschaftigen, welches im Jahre 
1807 geschah (siehe Annalen zu 1807 und Natw. Schr., 1. 
Bd., S. 5); er fand indes spater, daB Wolff bei all seinem 
Scharfsinn gerade die Hauptsachen noch nicht klar waren. 
Den Typus als ein Unsinnliches, seinen Inhalt bloB aus in- 
nerer Notwendigkeit Entwickelndes, kannte er noch nicht. 
Er betrachtete die Pflanze noch als einen auBerlichen, me- 
chanischen Zusammenhang von Einzelheiten. 

Der Verkehr mit zahlreichen befreundeten Naturfor- 
schern sowie die Freude dariiber, daB er bei vielen ver- 
wandten Geistern Anerkennung und Nachahmung seines 
Strebens gefunden hatte, brachten Goethe im Jahre 1807 
auf den Gedanken, die bis dahin zuruckgehaltenen Frag- 
mente seiner naturwissenschaftlichen Studien herauszu- 
geben. Von dem Vorhaben, ein groBeres naturwissenschaft- 
liches Werk zu schreiben, kam er allmahlich ab. Es kam 
aber zur Herausgabe der einzelnen Aufsatze im Jahre 1807 
noch nicht. Das Interesse an der Farbenlehre drangte die 
Morphologie wieder fiir einige Zeit in den Hintergrund. 
Das erste Heft derselben erschien erst im Jahre 1817. Bis 
1824 erschienen dann zwei Bande, der erste in vier, der 
zweite in zwei Heften. Neben den Aufsatzen iiber Goethes 
eigene Ansichten finden wir hier Besprechungen bedeuten- 
derer literarischer Erscheinungen aus dem Gebiete der Mor- 
phologie und auch Abhandlungen anderer Gelehrter, de- 



ren Ausfuhrungen sich aber stets erganzend zu Goethes 
Naturerklarung verhalten. 

Zu einer intensiveren Beschaftigung fand sich Goethe 
in bezug auf die Naturwissenschaft noch zweimal aufge- 
fordert. In beiden Fallen waren es bedeutende literarische 
Erscheinungen auf dem Gebiete dieser Wissenschaft, die 
mit seinen eigenen Bestrebungen innigst zusammenhingen. 
Das erste Mai ward durch die Arbeiten des Botanikers 
Martius iiber die Spiraltendenz die Anregung gegeben, das 
zweite Mai durch einen naturwissenschaftlichen Streit in 
der franzosischen Akademie der Wissenschaften. 

Martius setzte die Pflanzenform in ihrer Entwicklung 
aus einer Spiral- und einer Vertikaltendenz zusammen. Die 
Vertikaltendenz bewirkt das Wachsen in der Richtung der 
Wurzel und des Stengels; die Spiraltendenz die Ausbrei- 
tung in den Blattern, Bliiten usw. Goethe sah in diesem 
Gedanken nur eine mehr auf das Raumliche (vertikal, Spi- 
ral) Rucksicht nehmende Ausbildung seiner bereits in der 
Schrift iiber die Metamorphose 1790 niedergelegten Ideen. 
Beziiglich des Beweises dieser Behauptung verweisen wir 
auf die Anmerkungen zu Goethes Aufsatz «Uber die Spi- 
raltendenz der Vegetation» 85 , aus denen hervorgeht, daB 
Goethe in demselben nichts wesentlich Neues gegemiber 
seinen fruheren Ideen vorbringt. Wir mochten dieses be- 
sonders an jene richten, welche behaupten, daB hier sogar 
ein Ruckschritt Goethes von fruheren klaren Anschauun- 
gen bis zu den «tiefsten Tiefen der Mystik» wahrzuneh- 
men sei. 

Noch im hochsten Alter (1830-32) verfaBte Goethe 
zwei Aufsatze iiber den Streit der beiden franzosischen Na- 

85 Natw. Schr., 1. Bd., S. 217 ff. 



turforscher Cuvier und Geoffroy Saint-Hilaire. In die- 
sen Aufsatzen finden wir noch einmal in schlagender Kiirze 
die Prinzipien von Goethes Naturanschauung zusammen- 
gestellt. 

Cuvier war ganz im Sinne der alteren Naturforscher 
Empiriker. Fiir jede Tierart suchte er einen ihr entspre- 
chenden, besonderen Begriff. So viele einzelne Tierarten 
die Natur darbietet, so viele einzelne Typen glaubte er in 
den gedanklichen Aufbau seines Systems der organischen 
Natur aufnehmen zu miissen. Die einzelnen Typen standen 
bei ihm aber ganz unvermittelt nebeneinander. Was er nicht 
berucksichtigte, ist folgendes. Mit dem Besonderen als sol- 
chem, wie es uns unmittelbar in der Erscheinung gegeniiber- 
tritt, ist unser Erkenntnisbedurfnis nicht befriedigt. Da wir 
aber einem Wesen der Sinnenwelt mit keiner anderen Ab- 
sicht gegenubertreten, als eben dieses Wesen zu erkennen, 
so ist nicht anzunehmen, daB der Grund, warum wir uns 
mit dem Besonderen als solchem nicht befriedigt erklaren, 
in unserem Erkenntnisvermogen liege. Er muB vielmehr 
im Objekte selbst liegen. Das Wesen des Besonderen selbst 
ist in dieser seiner Besonderheit eben durchaus noch nicht 
erschopft; es drangt, um verstanden zu werden, zu einem 
solchen hin, welches kein Besonderes, sondern ein Allge- 
meines ist. Dieses Ideell-Allgemeine ist das eigentliche We- 
sen - die Essenz - eines jeden besonderen Daseins. Das letz- 
tere hat in der Besonderheit nur eine Seite seines Daseins, 
wahrend die zweite das Allgemeine - der Typus - ist (siehe 
Goethes «Spruche in Prosa»; Natw. Schr., 4. Bd., 2. Abt., 
S. 374). So ist es zu verstehen, wenn von dem Besonderen 
als einer Form des Allgemeinen gesprochen wird. Da das 
eigentliche Wesen, die Inhaltlichkeit des Besonderen somit 



das Ideell-Allgemeine ist, so ist es unmoglich, daB das letz- 
tere aus dem Besonderen hergeleitet, von ihm abstrahiert 
werde. Es muB, da es nirgends seinen Inhalt entlehnen 
kann, sich diesen Inhalt selbst geben. Das Typisch-Allge- 
meine ist mithin ein solches, bei dem Inhalt und Form iden- 
tisch sind. Deswegen kann es aber auch nur als ein Ganzes 
erfaBt werden, unabhangig vom Einzelnen. Die Wissen- 
schaft hat die Aufgabe, an jedem Besonderen zu zeigen, wie 
dasselbe, seinem Wesen nach, sich dem Ideell-Allgemeinen 
unterordnet. Dadurch treten die besonderen Arten des Da- 
seins in das Stadium gegenseitiger Bestimmtheit und Ab- 
hangigkeit. Was sonst nur als raumlich-zeitliches Neben- 
und Nacheinander wahrgenommen werden kann, wird im 
notwendigen Zusammenhange gesehen. Cuvier wollte aber 
von letzterer Anschauung nichts wissen. Sie war hingegen 
diejenige Geoffroy Saint-Hilaires. So stellt sich in Wirk- 
lichkeit jene Seite dar, von welcher aus Goethe fur jenen 
Streit Interesse hatte. Die Sache wurde vielfach dadurch 
entstellt, daB man durch die Brille modernster Anschau- 
ungen die Tatsachen in einem ganz anderen Lichte erblickte, 
als in dem sie erscheinen, wenn man ohne Voreingenom- 
menheit an sie herantritt. Geoffroy berief sich nicht nur auf 
seine eigenen Forschungen, sondern auch auf mehrere deut- 
sche Gesinnungsgenossen und nennt unter diesen auch 
Goethe. 

Das Interesse, welches Goethe an dieser Sache hatte, war 
ein auBerordentliches. Er war hocherfreut, in Geoffroy 
Saint-Hilaire einen Genossen zu finden: «Jetzt ist Geoffroy 
Saint-Hilaire entschieden auf unserer Seite und mit ihm 
alle bedeutenden Schuler und Anhanger Frankreichs. Die- 
ses Ereignis ist fur mich von ganz unglaublichem Wert und 



ich juble mit Recht iiber den endlichen Sieg einer Sache, 
der ich mein Leben gewidmet habe und die vorziiglich auch 
die meinige ist», sagt er am 2. August 1830 zu Eckermann. 
Es ist uberhaupt eine eigentumliche Erscheinung, daB 
Goethes Forschungen in Deutschland nur bei den Philo- 
sophen, weniger aber bei den Naturforschern, in Frank- 
reich hingegen bei letzteren bedeutenderen Anklang fan- 
den. De Candolle schenkte der Goetheschen Metamorpho- 
senlehre die groBte Aufmerksamkeit, behandelte uberhaupt 
die Botanik in einer Weise, welche den Goetheschen An- 
schauungen nicht feme stand. Auch war Goethes «Meta- 
morphose» bereits durch [F. de] Gingins-Lassaraz ins Fran- 
zosische ubersetzt. Unter solchen Verhaltnissen konnte 
Goethe wohl hoffen, daB eine unter seiner Mitwirkung be- 
sorgte Ubersetzung seiner botanischen Schriften ins Fran- 
zosische nicht auf unfruchtbaren Boden fallen werde. Eine 
solche lieferte denn auch 1831 unter Goethes fortwahren- 
der Beihilfe Friedrich Jakob Soret. Sie enthielt jenen ersten 
«Versuch» von 1790 (vgl. Natw. Schr., 1. Bd., S. 17 ff.); 
die Geschichte des botanischen Studiums Goethes (ebenda 
S. 61 ff.) und die Wirkung seiner Lehre auf die Zeitgenos- 
sen (ebenda S. 194 ff.), sowie einiges liber de Candolle, fran- 
zosisch mit gegenuberstehendem deutschen Text. 



V 



ABSCHLUSS UBER GOETHES 
MORPHOLOGISCHE ANSCHAUUNGEN 



Wenn ich am Schlusse der Betrachtung iiber Goethes Me- 
tamorphosen-Gedanken auf die Anschauungen zuruck- 
blicke, die ich mich auszusprechen gedrungen fiihlte, so 
kann ich mir nicht verhehlen, eine wie groBe Zahl hervor- 
ragender Vertreter verschiedener Richtungen der Wissen- 
schaft anderer Ansicht sind. Ihre Stellung zu Goethe steht 
mir deutlich vor Augen; und das Urteil, das sie iiber mei- 
nen Versuch, den Standpunkt unseres groBen Denkers und 
Dichters zu vertreten, aussprechen werden, diirfte im vor- 
aus zu ermessen sein. 

In zwei Heerlager geteilt stehen sich die Ansichten iiber 
Goethes Bestrebungen auf naturwissenschaftlichem Gebiete 
gegemiber. 

Die Vertreter des modernen Monismus mit dem Profes- 
sor Haeckel an der Spitze erkennen in Goethe den Prophe- 
ten des Darwinismus, der sich das Organische ganz in ihrem 
Sinne von den Gesetzen beherrscht denkt, die auch in der 
unorganischen Natur wirksam sind. Was Goethe fehlte, 
sei nur die Selektionstheorie gewesen, durch welche erst 
Darwin die monistische Weltanschauung begriindet und die 
Entwicklungstheorie zur wissenschaftlichen Uberzeugung 
erhoben habe. 

Diesem Standpunkte steht ein anderer gegeniiber, wel- 
cher annimmt, die Typusidee bei Goethe sei weiter nichts 
als ein allgemeiner Begriff, eine Idee im Sinne der plato- 
nischen Philosophic Goethe hatte zwar einzelne Behaup- 



tungen getan, die an die Entwicklungstheorie erinnern, wo- 
zu er durch den in seiner Natur gelegenen Pantheismus ge- 
kommen sei; bis zum letzten mechanischen Grunde fortzu- 
schreiten hatte er aber kein Bedurfnis gefiihlt. Von Ent- 
wicklungstheorie im modernen Sinne des Wortes konne 
daher bei ihm nicht die Rede sein. 

Indem ich versuchte, Goethes Anschauungen ohne Vor- 
aussetzung irgendeines positiven Standpunktes, rein aus 
Goethes Wesen, aus dem Ganzen seines Geistes zu erklaren, 
wurde klar, daB weder die eine noch die andere der er- 
wahnten Richtungen — so auBerordentlich bedeutend auch 
dasjenige ist, was sie beide zu einer Beurteilung Goethes ge- 
liefert haben - seine Naturanschauung vollkommen richtig 
interpretiert hat. 

Die erste der charakterisierten Ansichten hat ganz 
recht, wenn sie behauptet, Goethe habe dadurch, daB er die 
Erklarung der organischen Natur anstrebte, den Dualis- 
mus bekampft, der zwischen dieser und der unorganischen 
Welt unubersteigliche Schranken annimmt. Aber Goethe 
behauptete die Moglichkeit dieser Erklarung nicht des- 
halb, weil er sich die Formen und Erscheinungen der or- 
ganischen Natur in einem mechanischen Zusammenhange 
dachte, sondern weil er einsah, daB der hdhere Zusammen- 
hang, in dem dieselben stehen, unserer Erkenntnis keines- 
wegs verschlossen ist. Er dachte sich das Universum zwar 
in monistischer Weise als unentzweite Einheit - von der er 
den Menschen durchaus nicht ausschloB [siehe den Brief 
Goethes an F. H. Jacobi vom 23. Nov. 1801; WA 15, 
280 f.] -, aber deshalb erkannte er doch an, daB innerhalb 
dieser Einheit Stufen zu unterscheiden sind, die ihre eigenen 
Gesetze haben. Er verhielt sich schon seit seiner Jugend ab- 



lehnend gegenuber Bestrebungen, welche sich die Einheit als 
Einformigkeit vorstellen und die organische Welt, wie iiber- 
haupt das, was innerhalb der Natur als hohere Natur er- 
scheint, von den in der unorganischen Welt wirksamen 
Gesetzen beherrscht denken (siehe «Geschichte meines bo- 
tanischen Studiums» inNatw. Schr., 1. Bd., S. 61 ff.). Diese 
Ablehnung war es auch, welche inn spater zur Annahme 
einer anschauenden Urteilskraft notigte, durch welche wir 
die organische Natur erfassen im Gegensatze zum diskur- 
siven Verstande, durch den wir die unorganische Natur er- 
kennen. Goethe denkt sich die Welt als einen Kreis von 
Kreisen, von denen jeder einzelne sein eigenes Erklarungs- 
prinzip hat. Die modernen Monisten kennen nur einen 
einzigen Kreis, den der unorganischen Naturgesetze. 

Die zweite der angefuhrten Meinungen iiber Goethe 
sieht ein, daB es sich bei ihm um etwas anderes handelt als 
beim modernen Monismus. Da aber ihre Vertreter es als ein 
Postulat der Wissenschaft ansehen, daB die organische Na- 
tur gerade so wie die unorganische erklart werde und eine 
Anschauung wie die Goethes von vornherein perhorres- 
zieren, so sehen sie es uberhaupt als nutzlos an, auf seine 
Bestrebungen naher einzugehen. 

So konnten Goethes hohe Prinzipien weder da noch dort 
zur vollen Geltung kommen. Und gerade diese sind das 
Hervorragende seiner Bestrebungen, sind das, was fur den- 
jenigen, der sich ihre ganze Tiefe vergegenwartigt hat, auch 
dann an Bedeutung nicht verliert, wenn er einsieht, daB 
manches von den Einzelheiten Goethescher Forschung der 
Berichtigung bedarf. 

Hieraus erwachst nun fur denjenigen, der Goethes An- 
schauungen darzulegen versucht, die Forderung, iiber die 



kritische Beurteilung des einzelnen, was Goethe in diesem 
oder jenem Kapitel der Naturwissenschaft gefunden, hin- 
weg den Blick auf das Zentrale Goethescher Naturanschau- 
ung zu lenken.* 

Indem ich dieser Forderung zu entsprechen suchte, liegt 
die Moglichkeit nahe, gerade von denjenigen miBverstan- 
den zu werden, bei denen es mir am meisten leid tun wiirde, 
von den reinen Empirikern. Ich meine jene, welche den als 
tatsachlich nachzuweisenden Zusammenhangen der Orga- 
nismen, dem empirisch gebotenen Stoffe nach alien Seiten 
nachgehen und die Frage nach den ursprunglichen Prinzi- 
pien der Organik als eine heute noch offene betrachten. 
Gegen sie konnen meine Ausfuhrungen nicht gerichtet sein, 
denn sie benihren sie nicht. Im Gegenteile: Ich baue gerade 
auf sie einen Teil meiner Hoffnungen, weil sie die Hande 
nach alien Seiten noch frei haben. Sie sind es auch, die man- 
ches von Goethe Behauptete noch zu berichtigen haben wer- 
den, denn im Tatsachlichen irrte er zuweilen; hier kann na- 
turlich auch das Genie die Schranken seiner Zeit nicht iiber- 
winden. 

Im Prinzipiellen kam er aber zu Grundanschauungen, 
die fur die Wissenschaft vom Organischen dieselbe Bedeu- 
tung haben wie Galileis Grundgesetze fur die Mechanik. 

Dies zu begninden, machte ich mir zur Aufgabe. 

Mogen jene, die meine Worte nicht zu uberzeugen ver- 
mogen, mindestens den redlichen Willen sehen, mit dem 
ich bemuht war, ohne Rucksicht auf Personen, nur der 
Sache zugewandt, das angedeutete Problem, Goethes wis- 
senschaftliche Schriften aus dem Ganzen seiner Natur zu 
erklaren, zu losen und eine fur mich erhebende Uberzeu- 
gung auszusprechen. 



Hat man in derselben Weise gliicklich und erfolgreich 
begonnen, Goethes Dichtungen zu erklaren, so liegt hierin 
schon die Forderung, alle Werke seines Geistes in diese Art 
der Betrachtung hereinzuziehen. Dies kann nicht fur im- 
mer ausbleiben und ich werde nicht der letzte sein von de- 
nen, die sich herzlich freuen werden, wenn es meinem Nach- 
folger besser gelingt als mir. Mochten jugendlich strebende 
Denker und Forscher, namentlich jene, die mit ihren An- 
sichten nicht bloB in die Breite gehen, sondern direkt dem 
Zentralen unseres Erkennens ins Auge schauen, meinen 
Ausfuhrungen einige Aufmerksamkeit schenken und in 
Scharen nachfolgen, um vollkommener auszufuhren, was 
ich darzulegen bestrebt war. 



VI 

GOETHES ERKENNTNIS-ART 



Johann Gottlieb Fichte sandte im Juni 1794 die ersten Bo- 
gen seiner «Wissenschaftslehre» an Goethe. Dieser schrieb 
hierauf am 24. Juni an den Philosophen: «Was mien be- 
trifft, werde ich Ihnen den groBten Dank schuldig sein, 
wenn Sie mien endlich mit den Philosophen versohnen, die 
ich nie entbehren und mit denen ich mich niemals vereini- 
gen konnte.» [WA 10,167] Was der Dichter hier bei Fichte, 
das hatte er friiher bei Spinoza gesucht; spater suchte er es 
bei Schelling und Hegel: eine philosophische Weltansicht, 
die seiner Denkweise gemaB ware. Vollige Befriedigung 
aber brachte dem Dichter keine der philosophischen Rich- 
tungen, die er kennen lernte. 

Das erschwert wesentlich unsere Aufgabe. Wir wollen 
Goethe von der philosophischen Seite naherkommen. Hatte 
er selbst einen wissenschaftlichen Standpunkt als den seini- 
gen bezeichnet, so konnten wir uns auf diesen berufen. Das 
ist aber nicht der Fall. Und so obliegt uns denn die Aufgabe, 
aus alledem, was uns von dem Dichter vorliegt, den philoso- 
phischen Kern zu erkennen, der in ihm lag, und davon ein 
Bild zu entwerfen. Wir halten fiir den richtigen Weg, diese 
Aufgabe zu losen, eine auf Grundlage der deutschen idea- 
listischen Philosophic gewonnene Ideenrichtung. Diese Phi- 
losophic suchte ja in ihrerWeise denselben hochsten mensch- 
lichen Bedurfnissen zu genugen, denen Goethe und Schiller 
ihr Leben widmeten. Sie ging aus derselben Zeitstromung 
hervor. Sie steht daher auch Goethe viel naher als dieje- 
nigen Anschauungen, die heute vielfach die Wissenschaf- 



2 



ten beherrschen. Aus jener Philosophic wird sich eine 
Ansicht bilden lassen, als deren Konsequenz sich das er- 
gibt, was Goethe dichterisch gestaltet, was er wissenschaft- 
lich dargelegt hat. Aus unseren heutigen wissen
…[truncated]