Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung und als Grundlage der Erkenntnis des Menschengeistes

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUS GABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Die Weltgeschichte 

in anthroposophischer Beleuchtung 
und als Grundlage der Erkenntnis 
des Menschengeistes 

Neun Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 24. Dezember 1923 bis 1. Januar 1924 
wahrend der Grundungsversammlung 
der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 



1991 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH /SCHWEIZ 



Nach vom Vottragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung 

Die Hefausgabe der 4. Auflage besorgte Caroline Wispier 



1. Auflage (ohne 1. Januar 1924), Dornach 1945 

2. Auflage (zusammen mit «Mysterienstatten des Mittel- 
alters» und «Das Osterfest als ein Stuck Mysterien- 
geschichte der Menschheit») Gesamtausgabe Dornach 1962 

3. Auflage (Teilausgabe aus vorangehendem Sammelband) 

Dornach 1963 

4. Auflage, neu mit den Stenogrammen vergiichen, 
Gesamtausgabe Dornach 1980 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991 



Bibliographie-Nr. 233 

Einbandgestaltung von Assia Turgenieff 
liber die Zeichnungen im Texte und Wandtafelzeichnungen siehe Seite 165 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
© 1980 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-2331-5 



Zu den Verbffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge- 
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dal5 in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften auliert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 24. Dezember 1923 

Die Seelengeschichte der Menschheit 

in bezug auf die Entwickelung des Gedachtnisses 

Das Verstandlichwerden der Weltgeschichte durch Einsicht in die Seelen- 
geschichte. Heutiges Vorstellen und Erinnern, Fiihlen, Wollen und ihre 
Entsprechungen bei vorgeschichtlichen orientalischen Volkern: Statt der 
Gedankenbilder - das Erleben des Kopfes und damit verbunden der gan- 
zen Erde; statt der Gefuhlserlebnisse - das Erfahren des eigenen Brust- 
raumes und des Herzens und damit verbunden des unmittelbaren Erden- 
umkreises und der Sonne; statt des individuellen Willens - das Erleben 
der Beweglichkeit der Glieder und darin wirkend das Verhaltnis der Erde 
zur Gestirnswelt. Entwickelung des Gedachtnisses: lokalisierte Erinne- 
rung, haftend an aufieren Merkzeichen; Ursprung des Denkmalwesens. 
Rhythmisierte Erinnerung, beginnend mit den Wanderungen nach 
Asien; Ursprung der Verskunst. Modernes Zeitgedachtnis, beginnend im 
Aufgang des Griechentums. Weg der Verinnerlichung. 

Zweiter Vortrag, 25. Dezember 1923 

Bewufitseinsebenen und Entwickelungsimpulse 
der alten Volker Asiens 

Das Welterleben der alten Zeit. Erleben der irdischen Umgebung als un- 
terstes Gebiet eines vierstufigen, einheitlich-geistigen Weltganzen. 
Tagesbewufitsein: traumendes Wachen, das die Eindriicke der Welt 
in Imaginationen verwandelt; Erleben der Elementargeister. Schlaf: 
dumpfes Bewufitsein von der Welt der dritten Hierarchies Vertiefung bis 
zur Welt der zweiten Hierarchic Bewufitsein der Eingeweihten: Voraus- 
nahme des heutigen Wachbewufitseins; Lesen und Schreiben; Erfahren 
der Geistentleerheit; Moralitat; Ausgleich durch Begegnung mit Wesen 
der ersten Hierarchic Verlauf der aufieren Geschichte in grausamen Er- 
oberungskriegen. Der Impuls der Weiterentwickelung darin: Ausein- 
andersetzung junger Volker mit alteren, um an deren Todeskraften Be- 
wufitsein, Besonnenheit zu erwerben. Anders spater die Griechen: ihr 
Uberschufi an Todeskraften iiber die Lebenskrafte; der Trojanische Krieg 
als Angstkrieg. 

Dritter Vortrag, 26. Dezember 1923 

Das agyptisch-chaldaische Zeitalter. Gilgamesch und Eabani 

Die Doppelheit des menschlichen Ich-Bewufitseins im dritten nachatlan- 
tischen Zeitraum: Beginn des Hinuntersinkens aus dem Geistig-Seeli- 
sischen in das Physisch-Atherischc Gilgamesch und Eabani. Das Zusam- 



menwirken der «alten» Erobererkraft Gilgameschs mit dem Hell-Erkennen 
des «jungen» Eabani, auch tiber den Tod hinaus. Gilgameschs Bewufit- 
sein von dem welthistorischen Ubergang aus innerer Erfahrung, nicht 
durch Zugehorigkeit zu den asiatisch-kosmischen Mysterien. Das Problem 
der Unsterblichkeit. Das Bewuiksein der Zusammengehorigkeit von 
Menschheitsentwickelung und Erdenentwickelung. Letztes Fortwirken 
der asiatisch-kosmischen Mysterien in Ephesus; ihr Zugang zur atheri- 
schen Welt. Wiederverkorperung Gilgameschs und Eabanis als Angeho- 
rige der ephesischen Mysterien; Konsolidierung der vergangenen geistig- 
seelischen Erlebnisse in Erdenweisheit; Ausbildung eines klaren Bewufit- 
seins fur die doppelte Zugehorigkeit des Menschen zur Erdenwelt und 
zur oberen Geistwelt. 

Vierter Vortrag, 27. Dezember 1923 

Die hybernischen und die ephesischen Mysterien. 
Alexander und Aristoteles 

Bewufitseinsverdunklung und Freiheitsbildung. Vorbereitung und Einwei- 
hungserlebnisse in den hybernischen Mysterien; die Art des Sich-Ein- 
lebens in den Kosmos, in das Wirken von Sonne und Mond. Der Ein- 
weihungsweg in den ephesischen Mysterien; das Einleben in den Welten- 
ather durch Einsicht in das Wesen der Sprache; das menschliche Sprechen 
als Abbild des schopferischen Weltenlogos. Der Nachklang unmittel- 
barer Geistgegenwart in Ephesus; die Abbilder davon in der griechischen 
Kultur. Aristoteles und Alexander. Das «Alexanderlied» des Pfaffen 
Lamprecht. Verlust und Schicksal vieler Schriften des Aristoteles. Seine 
Lehre an den Schiller Alexander iiber die Erde und den Weltenather, 
tiber die Beziehung des Menschen zu den Elementen und die Verwandt- 
schaft des Menschen mit der Erde. Alexanders Erleben in bezug auf die 
Geistigkeit und die geographische Wirksamkeit der Elemente; sein Zug 
nach Osten aus Impulsen, die an Naturliches und Moralisches gleicher- 
mafien anknupfen. 

FOnfter Vortrag, 28. Dezember 1923 

Die besondere Stellung des Mysteriums von Ephesus. 
Alexander der Grofie 

Der Charakter der orientalischen Mysterien: die Gegenwart des Gottlich- 
Geistigen; das Erleben des Zusammenhanges von Natiirlichem und Mora- 
lischem; das Erleben der Verwandtschaft des Menschen mit der Pflanzen- 
welt, der Befreiung gegenuber der Tierwelt; die Abhangigkeit der Offen- 
barung von Raum und Zeit. Der Charakter der griechischen Mysterien: 
das Erleben der Schattenbilder des Gottlich-Geistigen; Unabhangigkeit 
der Offenbarung von Raum und Zeit, ihre Abhangigkeit von Vorberei- 
tung und Reife des einzelnen Menschen. Ephesus: der Nachklang unmit- 
telbarer Geistrealitat, aber schon in Unabhangigkeit von Raum und Zeit. 
Der Abstieg Griechenlands aus einer «gottlichen» in eine rein irdische 



Zivilisation; Beginn der Geschichtsschreibung durch Herodot; Ephesus 
als letzte geistige Orientierungsstatte. Die Bedeutung des Zusammen- 
falls von der Gebuft Alexanders und dem Brand von Ephesus. Der Im- 
puls Alexanders, ein geistiger Ephesus zu begriinden. Griindung der 
Akademien in Agypten und Asien; Alexandrien. Das Ende der orienta- 
lischen, nur imaginativ erfafibaren Geschichte durch das Heraufkommen 
der romisch-westlichen Welt. 

Sechster Vortrag, 29. December 1923 

Zwischen der Offenbarung Asiens und der gegenwartigen 
Wirkungsgeschichte des Aristotelismus 

Die Ubergangszeit zwischen Alexander und Julian Apostata. Die Kultur 
davor: getragen von den Impulsen der Mysterien; danach: vom Person- 
lichkeitsprinzip. Der Zusammenhang der Weltengliederung nach Gei- 
sterland, Seelenwelt und physischer Welt mit der Gliederung des welt- 
historischen Prozesses. Die Verwandlung der Erinnerungsfahigkeit zum 
persdnlichen Zeitgedachtnis; Geschichtsschreibung; Tradition. Das My- 
sterium von Golgatha und die Mysterien von Hybernia. Das Fortwirken 
der Impulse des Aristoteles: durch Alexander dringt das Naturgeist- 
Wissen in den Osten, erst im Mittelalter abgeschwacht in das Abendland; 
durch Theophrast gelangen die logischen Schriften in den Westen. Der 
Charakter der aristotelischen Logik als geistiger Schulung. Fortleben des 
aristotelischen Naturgeist-Wissens in der Unscheinbarkeit der Volksweis- 
heit. Paracelsus, Bohme u.a. Der Abstieg der geistigen Bildung seit Grie- 
chenland: Gymnast, Rhetor, Doktor. Die letzten Auslaufer des Aristote- 
lismus im 19. Jahrhundert ermoglichen gerade noch ein Wiederan- 
knupfen an die alte Offenbarung. Der Brand von Ephesus und der Brand 
des Goetheanum. 

Siebenter Vortrag, 30. December 1923 

Das Verlorengehen des Wissens um den Zusammenhang 
des Menschen mit der Welt in der Neuzeit 

Der letzte grofte historische Einschnitt: der Ubergang in das Zeitalter der 
Bewufitseinsseele. Das Wissen noch im Mittelalter um die Entsprechung 
von Mikrokosmos und Makrokosmos. Die Unterschiedlichkeit der Metalle 
in der Natur oder im Menschen; feinste Arten des Substanzaustausches 
zwischen Mensch und Kosmos. Der physische Mensch und die Krafte der 
Erde. Die Krafte desWeltenumkreises und der Atherleib; Verdeutlichung 
dieser Krafte am Eiweifi, insofern es Trager der Fortpflanzung ist. Ables- 
barkeit des Wirkens der Erden- bzw. Umkreiskrafte an der menschlichen 
Gestalt: Beine, Kopf, Arme. Der Astralleib und die Krafte von auflerhalb 
des Raumes. Beispiele fur das Sicheinfugen der irdischen Krafte in das 
Atherische bzw. in das Astral- Atherische: Fortpflanzung der Gall- 
wespe; die Beziehung von Biene, Blume und Wabenbau zu der Bildung 
der Quarzkristalle. Die Notwendigkeit erneuerter Einsicht in das Zusam- 



menwirken der Wesensglieder des Menschen und den Zusammenhang 
mit den Naturreichen; die Grundlagen einer neuen Heilkunde. Die Be- 
ziehung der Ich-Organisation zu allem Mineralischen; die Ich-Organisa- 
tion und die Warme; die Verwandlung alles Festen, Fliissigen, Luftigen 
und Warmehaften durch die Aufnahme der Ich-Organisation. 

Achter Vortrag, 31. Dezember 1923 134 

Der Brand von Ephesus und der Brand des Goetheanum 

Der Ephesus-Brand und das aus der Antike iiberlieferte Wort vom Neid 
der Gotter. Die Mysterien als Statten der Begegnung und des Verstehens 
zwischen Menschen und den «guten Gdttern». Der Neid luziferisch- 
ahrimanischer Gotter. Die Tat von Golgatha durch den Gott, der der 
hochsten Liebe fahig ist. Was Angelegenheit von Gottern und Menschen 
war, wird im Zeitalter der Freiheit Angelegenheit des physischen Men- 
schenlebens. Die Anspruchslosigkeit, mit der sich Gotterweisheit im 
Mittelalter im Irdischen darstellt. Die Unterweisung eines Rosenkreuzer- 
Meisters an einen Schiller: das Verhaltnis des physischen, Ather- und 
Astralleibes zur Erde; ihre eigentliche Zugehdrigkeit zu den Hierarchien; 
das besondere Verhaltnis des Menschen zur Warme. Die «Sprache» der 
neuen geistigen Offenbarung in den Formen und Bildinhalten des 
Goetheanum. Die Statue der Gottin in Ephesus - die Statue des Mensch- 
heitsreprasentanten im Goetheanum. Der Brand des Goetheanum und 
der Neid der Menschen. Verwandlung des Schmerzes in Treue und Tat- 
kraft in bezug auf die geistigen Impulse des Goetheanum. 

Neunter Vortrag, l.Januar 1924 148 

Die durch Anthroposophie auferlegte Verantwortung 

Blick auf das Zukunftsziel anthroposophischen Strebens: zu verhindern, 
daft die Menschheit den historisch auferlegten Schwellenubertritt ver- 
wirkt durch den Mifibrauch des Ideenvermogens ausschliefilich fur die ma- 
terielle Welt. Die Aufgabe Dornachs als dem Ort, an dem off en von den 
geistigen Realitaten gesprochen werden mufi. Die notwendige Kompro- 
mifilosigkeit und Wahrhaftigkeit in bezug auf den anthroposophischen 
Impuls in den verschiedenen Zweigen der Lebenspraxis. Von der Hoffnung, 
die sich mit der Weihnachtstagung verbindet. Der Grundsteinspruch. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 165 

Hinweise zum Text 165 

Textanderungen 169 

Namenregister 170 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 171 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 173 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 24. Dezember 1923 



In diesen Abendstunden unserer Weihnachtszusammenkunft mochte 
ich Ihnen einen solchen Uberblick der Menschheitsentwickelung auf 
Erden geben, der dazu fiihren kann, dasjenige, was der Mensch in der 
Gegenwart ist, intimer und intensiver in das Bewufttsein aufzuneh- 
men. Gerade in dieser gegenwartigen Zeit, in der sich so aufierordent- 
lich Bedeutsames, man darf schon sagen, fur die ganze Kulturmensch- 
heit vorbereitet, miifke es eigentlich jedem tiefer denkenden Men- 
schen naheliegen, die Frage aufzuwerfen: Wie ist die gegenwartige 
Konfiguration, die gegenwartige Verfassung der menschlichen Seele 
aus einer Entwickelung langer Zeiten hervorgegangen? - Denn es 
kann ja nicht geleugnet werden, dafi das Gegenwartige dadurch ver- 
standlich wird, dafi man es in seinem Hervorgehen aus dem Vergan- 
genen zu begreifen versucht. 

Nun ist man aber gerade in der Gegenwart aufierordentlich be- 
fangen in bezug auf die Entwickelung des Menschen und der Mensch- 
heit. Zunachst stellt man sich ja vor, dafi der Mensch in bezug auf sein 
seelisch-geistiges Leben so, wie er jetzt ist, im wesentlichen wahrend 
der ganzen geschichtlichen Zeit war. Gewift , mit Bezug auf das eigent- 
lich Wissenschaftliche stellt man sich vor, daft in alten Zeiten die Men- 
schen kindlich waren, an allerlei Phantastereien geglaubt haben und 
daft die Menschen eigentlich gescheit im wissenschaftlichen Sinne erst 
in der allerletzten Zeit geworden sind. Aber wenn man davon absieht, 
was das eigentlich Wissenschaftliche ist, so denkt man sich dann, daft 
im allgemeinen die Seelenverfassung, die der heutige Mensch hat, 
auch schon der Grieche, der Orientale, gehabt hat. Wenn man sich 
auch im Kleinen Modifikationen im Seelenleben denkt, im groften 
ganzen denkt man sich: wahrend der historischen Zeit ist eben eigent- 
lich alles so gewesen wie heute. Da nimmt man an, daft das geschicht- 
liche Leben ins Vorgeschichtliche verlauft und sagt: Da weift man 
nichts Rechtes. - Dann aber geht man weiter zuruck: Da war der 
Mensch noch in seiner tierischen Gestalt. - Geht man also die Ge- 



schichte zuriick, so stellt man sich das Seelenleben so ziemlich un- 
verandert vor, dann, im Nebel verschwimmend, das Bild und dann 
der Mensch in tierischer Unvollkommenheit, so ein besseres Affen- 
wesen. 

Das ist ja ungefahr die gebrauchliche Vorstellung von heute. Sie 
beruht eben auf einer auflerordentlichen Befangenheit, denn man 
bemiiht sich, indem man eine solche Vorstellung ausbildet, gar 
nicht zu erkennen, welch tiefgehende Unterschiede schon vorhanden 
sind in der Seelenverfassung zwischen dem Menschen der Gegenwart 
und einer verhaltnismafiig gar nicht so weit zurikkliegenden Zeit, 
sagen wir, dem 11., 10., 9. nachchristlichen Jahrhundert, oder wie 
grofi der Unterschied in der Seelenverfassung ist zwischen einem 
heutigen Menschen und einem Zeitgenossen des Mysteriums von 
Golgatha oder gar einem heutigen Menschen und einem Griechen. 
Und gehen wir dann in die orientalische Welt zuriick, von der ge- 
wissermafien die griechische Zivilisation eine Art Kolonie war, eine 
Spatkolonie, so kommen wir in Seelenverfassungen des Menschen 
hinein, die total verschieden sind von der Seelenverfassung des ge- 
genwartigen Menschen. Und ich mochte gleich an Beispielen, an 
wirklichen Fallen Ihnen zeigen, wie der Mensch, der vor, sagen wir, 
zehntausend Jahren etwa oder fiinfzehntausend Jahren im Oriente 
gelebt hat, ganz anders geartet war als wieder der Grieche und als 
wir selbst etwa. 

Stellen wir uns einmal unser Seelenleben vor das Seelenauge hin. 
Nehmen wir irgend etwas aus unserem eigenen Seelenleben heraus. 
Wir haben irgendein Erlebnis. Wir bilden uns von diesem Erlebnis, 
an dem wir durch unsere Sinne oder sonst durch unsere Personlich- 
keit beteiligt sind, eine Idee, einen Begriff, eine Vorstellung. Wir 
behalten diese Vorstellung in unserem Denken, und sie kann wieder- 
um nach einiger Zeit als Erinnerung aus unserem Denken in das be- 
wulke Seelenleben heraufkommen. Sie haben heute, sagen wir, 
irgendwelches Erinnerungserlebnis, das Sie zuruckfiihrt in Ihre wahr- 
genommenen Erlebnisse vor vielleicht zehn Jahren. Und nun fassen 
Sie ganz genau, was das eigentlich ist. Etwas haben Sie vor zehn 
Jahren erlebt. Sagen wir, Sie haben vor zehn Jahren eine Gesellschaft 



von Menschen besucht, Sie haben die Vorstellung bekommen von 
jedem einzelnen dieser Menschen, deren Antlitz und so weiter. Sie 
haben erlebt, was diese Menschen zu Ihnen gesagt haben, was Sie 
mit ihnen gemeinsam getan haben und so weiter. Das alles kann im 
Bilde heute vor Ihnen auftauchen. Es ist ein innerliches Seelenbild, 
das von dem Ereignis von vielleicht vor zehn Jahren in Ihnen vor- 
handen ist. Und nicht nur nach der Wissenschaft, sondern nach 
einem allgemeinen Gefuhl, das allerdings heute von den Menschen 
schon aufterordentlich schwach erlebt wird, aber das vorhanden ist, 
lokalisiert man eine solche Erinnerungsvorstellung, die ein Erlebnis 
wiederum heraufbringt, im menschlichen Haupte. Man sagt sich: Im 
Kopfe ist dasjenige vorhanden, was als Erinnerung an ein Erlebnis 
da ist. 

Nun, machen wir jetzt einen ziemlich grofien Sprung zuruck in 
der Menschheitsentwickelung, und sehen wir uns Bevolkerungen der 
orientalischen Gegenden einmal an, von denen unsere historisch 
geschilderten Chinesen, Inder und so weiter eigentlich erst die Nach- 
kommen sind. Also gehen wir wirklich Tausende von Jahren zuruck. 
Wenn wir da einen Menschen dieser alten Zeiten ins Auge fassen, 
dann lebte der nicht so, dafi er sagte: Ich habe in meinem Kopfe die 
Erinnerung an irgend etwas, was ich im aufieren Leben erfahren 
habe, durchgemacht habe. - Solch ein inneres Erlebnis hatte er gar 
nicht, das gab es fur ihn nicht. Er hatte nicht Gedanken, Ideen, die 
seinen Kopf anfullten. Die Oberflachlichkeit des gegenwartigen 
Menschen meint: Heute haben wir Ideen, Begriffe, Vorstellungen; 
das haben die Menschen in der historischen Zeit immer gehabt. - So 
ist es aber nicht. 

Wenn wir mit geistiger Einsicht weit genug zuriickgehen, so 
treffen wir eben auf Menschen auf, die ganz und gar nicht Ideen, 
Begriffe, Vorstellungen im Kopfe hatten, die namlich nicht einen 
solchen abstrakten Inhalt ihres Kopfes erlebten, sondern, so grotesk 
es Ihnen erscheinen mag, die den ganzen Kopf erlebten, die ihre 
Kopfe einfach spiirten, einfach empfanden. Mit Abstraktionen in 
unserem Sinne haben sich diese Menschen nicht abgegeben. Im 
Kopfe Ideen zu erleben, das kannten sie eben nicht, aber ihren eige- 



nen Kopf erleben, das kannten sie. Und so wie Sie, wenn Sie ein 
Erinnerungsbild haben an ein Erlebnis, dieses Erinnerungsbild auf 
das Erlebnis beziehen, wie eine Relation besteht zwischen Ihrem 
Erinnerungsbild und dem Erlebnis, das da draufien war, so bezogen 
diese Menschen das Erlebnis ihres Kopfes auf die Erde, auf die ganze 
Erde. Und sie sagten: Es gibt in der Welt die Erde, es gibt in der 
Welt mich und an mir meinen Kopf. Und mein Kopf, den ich auf 
meinen Schultern trage, der ist die kosmische Erinnerung an die 
Erde. Die Erde ist friiher dagewesen, mein Kopf spater. Aber daft ich 
einen Kopf habe, das ist die Erinnerung, die kosmische Erinnerung 
an das Erdendasein. Das Erdendasein ist noch immer da, aber das- 
jenige, was die ganze Konfiguration, die ganze Gestaltung des Men- 
schenkopfes ist, das ist in Relation zu der ganzen Erde. - Und so 
fiihlte ein solcher alter Orientale in seinem eigenen Haupte das 
Wesen des Erdenplaneten selber. Er sagte: Die Gotter haben aus 
dem allgemeinen kosmischen Dasein herauserschaffen, herauser- 
zeugt die Erde mit ihren Reichen der Natur, die Erde mit ihren 
Fliissen und Bergen. Aber ich selber trage auf meinen Schultern 
mein Haupt. Dieses Haupt ist ein getreues Abbild der Erde selber. 
Dieses Haupt mit seinem in ihm fliefienden Blute ist ein getreues 
Abbild der iiber die Erde flieftenden Fluft- und Meeresstromungen. 
Dasjenige, was auf der Erde an Gebirgskonfiguration ist, wiederholt 
sich in meinem eigenen Haupte in der Konfiguration meines Ge- 
hirnes. Ich trage auf meinen Schultern ein mir zugehoriges Abbild 
des irdischen Planeten. - Genau so, wie der moderne Mensch sein 
Erinnerungsbild auf sein Erlebnis bezieht, so bezog dieser Mensch 
seinen ganzen Kopf auf den Erdenplaneten. Sehen Sie, das war eine 
betrachtlich andere Innenanschauung des Menschen. 

Und weiter. Wenn der Mensch den Umkreis der Erde empfindet 
und in seine Anschauung fafit, dann wird ihm dieser Umkreis, das 
Luftige, das die Erde umgibt, erscheinen als von der Sonne und ihrer 
Warme und ihrem Lichte durchsetzt, und man kann in gewissem 
Sinne sagen, dafi die Sonne lebt im Luftumkreise der Erde. Die Erde 
offnet sich dem Weltenall, indem sie ihre Wirkungen, die sie von 
sich aussendet, dem Luftkreis iibergibt und sich den Sonnenwir- 



kungen erschlielk. Und jeder Mensch empfand in diesen alten 
Zeiten diejenige Gegend der Erde, auf der er gerade lebte, als ganz 
besonders wichtig, als ganz besonders wesentlich. Und so, sagen wit, 
empfand ein alter Orientale irgendeinen Teil der Erdoberflache als 
seinen Teil, unten die Erde, oben den sonnenzugekehrten Umkreis. 
Das andere der Erde, links und rechts und vorne und rikkwarts, das 
verschwamm im mehr Allgemeinen (siehe Zeichnung, linker Teil). 




Wenn also etwa ein alter Orientale, auf indischem Boden lebend, 
diesen indischen Boden als fur ihn besondets wichtig empfunden 
hat, dann verschwand ihm dasjenige, was sonst auf der Erde war, 
ostwarts, siidwarts, westwarts, im Allgemeinen. Da kiimmerte er sich 
nicht viel um die Art und Weise, wie die Erde angrenzt an die 
iibrigen kosmischen Raume. Dagegen war ihm der Boden, auf dem 
er gerade war, besonders wichtig (siehe Zeichnung, links, rot). Das 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 165. 



15 



Hinausleben der Erde in den Weltenraum in dieser Gegend wurde 
ihm besonders wichtig. Wie er atmen durfte auf diesem besonderen 
Boden, das empfand er als ein fur ihn besonders wichtiges Erlebnis. 
Heute fragen sich die Menschen nicht viel: Wie atmet man auf 
einem bestimmten Boden? - Sie stehen allerdings unter dem Ein- 
flufs giinstigerer oder ungiinstigerer Atmungsbedingung, aber ins Be- 
wufitsein wird das nicht so aufgenommen. Ein soldier alter Orientale 
hat eigentlich gerade in der Art und Weise, wie er atmen durfte, ein 
tiefes Erlebnis gehabt, und so in anderem, was damk zusammen- 
hing, wie die Erde an den Weltenraum hinausgrenzt. 

Dasjenige, was die ganze Erde war, das empfand der Mensch als 
das, was in seinem Haupte lebt. Aber das Haupt, es ist abgeschlossen 
dutch feste Knochenwande nach oben, nach den Seiten, nach hinten. 
Aber es hat gewisse Ausgange, ein gewisses freies Offnen nach unten, 
Tafel i nach dem Brustkorb (siehe Zeichnung Seite 15, rechts). Das war 
rechts ^ a j ten Menschen von ganz besonderer Wichtigkeit, zu fuhlen, 
wie das Haupt mit einer relativen Freiheit sich gegen den Brustkorb 
hin offnet. Es empfand dieser Mensch die innere Konfiguration des 
Hauptes als ein Abbild des Irdischen. Mufite er die Erde in Relation 
mit seinem Haupte setzen, so muike er den Umkreis, dasjenige, was 
iiber der Erde ist, mit dem, was nun an das Untere in ihm geht, in 
Relation setzen. Das Sich-Offnen nach unten, das Zugekehrtsein 
dem Herzen, das empfand der Mensch als zugeordnet dem Umkreis, 
als Bild, als Offnung der Erde in den Kosmos hinaus. Und ein ge- 
waltiges Erlebnis war es fur den Menschen, wenn er sagte: In mei- 
nem Haupte fuhle ich die ganze Erde. Dieses Haupt ist eine kleine 
Erde. Aber diese ganze Erde offnet sich in meinen Brustkorb hinein, 
der mein Herz tragt. Und dasjenige, was da sich abspielt zwischen 
meinem Haupte und meinem Brustkorb, meinem Herzen, das ist 
das Abbild dessen, was sich zutragt von meinem Leben hinaus in 
den Kosmos, hinaus zu dem sonnenzugekehrten Umkreis, - Und es 
war ein wichtiges, grundliches Erlebnis, wenn der alte Mensch sagte: 
Hier, in meinem Haupte, lebt in mir die Erde. Gehe ich tiefer, so 
kehrt sich die Erde der Sonne zu (siehe Pfeile), und das Abbild der 
Sonne ist mein Herz. 



Da war der Mensch bei dem angekommen, was in der alten Zeit 
entspricht unserem Gefuhlsleben. Wir haben noch das abstrakte Ge- 
fuhlsleben, aber wir wissen ja unmittelbar nichts von unserem Her- 
zen. Durch die Anatomie, durch die Physiologie glauben wir etwas 
davon zu wissen. Aber was da gewulk wird, das ist ja ungefahr eben- 
soviel wie dasjenige, was wir von einem in Papiermache nachgebilde- 
ten Herzen wissen. Das aber, was wir als Gefiihlserlebnis der Welt 
haben, das hatte der alte Mensch nicht. Er hatte dafiir sein Herz- 
erlebnis. Und wie wir unser Gefiihl hinausbeziehen auf die Welt, 
die mit uns lebt, wie wir empfinden, ob wir einen Menschen lieben, 
ob wir einem Menschen antipathisch begegnen, diese oder jene 
Blume lieben, dieser oder jener abgeneigt sind, wie wir unser Gefiihl 
auf die Welt beziehen, aber auf eine Welt, die, man mochte sagen, 
in luftiger Abstraktion herausgerissen ist aus dem soliden festen 
Kosmos, so bezog der alte Orientale sein Herz auf den Kosmos, das 
heifit auf dasjenige, was von der Erde in den Umkreis ging, der 
Sonne zu. 

Und wir, wir sagen zum Beispiel heute, wenn wir gehen: Wir 
wollen gehen. - Wir wissen, unser Wille lebt in unseren Gliedern. 
Der Mensch des alten Orients, der hatte ein wesentlich anderes Er- 
lebnis. Das, was wir heute Wille nennen, kannte er ja nicht. Es ist 
ein bloltes Vorurteil, wenn man meint, daft dasjenige, was wir 
Denken, Fiihlen, Wollen nennen, bei den alten orientalischen Vol- 
kern vorhanden war. Das war es gar nicht. Sie hatten Kopferlebnisse, 
die die Erdenerlebnisse waren, Brusterlebnisse oder Herzenserleb- 
nisse, die die Erlebnisse des unmittelbaren Umkreises bis zur Sonne 
waren. Die Sonne entspricht dem Herzenserlebnis. Aber sie hatten 
dann das Sich-Dehnen und -Strecken in die Glieder, das Wahr- 
nehmen der eigenen Menschlichkeit im Bewegen der Beine und 
Fiifie, im Bewegen der Arme und Hande. Sie waren dadrinnen. 
Aber in diesem das Innenwesen Hineindehnen in die Glieder emp- 
fanden sie doch nicht blofi ein Bild des Umkreises der Erde, sondern 
sie empfanden direkt ein Bild des Zusammenhanges des Menschen 
mit den Sternenwelten (siehe Zeichnung Seite 15). In meinem 
Kopfe habe ich ein Bild der Erde. In dem, was sich im Kopfe frei 



nach unten dehnt in die Brust hin zum Herzen, habe ich ein Bild 
dessen, was im Umkreise der Erde ist. In dem, was ich als die Krafte 
meiner Arme und Hande, meiner Fiifie und Beine empfinde, habe 
ich das, was abbildet das Verhaltnis der Erde zu den weit im Welten- 
raum draufien lebenden Gestirnen. 

So daft der Mensch, der in jenen alten Zeiten seine Erlebnisse aus- 
driickte, die er hatte als, wie wir es heute nennen wiirden, wollender 
Mensch, nicht gesagt hat: Ich gehe. - Schon in den Worten lag das 
nicht. Er hat auch nicht gesagt: Ich setze mich. - Wenn man die 
alten Sprachen auf diese feinen Inhalte priifen wiirde, wiirde man 
iiberall finden, dafi fur die Tatsache, die wir bezeichnen als: Ich 
gehe -, das alte Orientalische hatte: Mars impulsiert mich, Mars ist 
in mir tatig. - Das Vorwartsgehen, das war das Empfinden der Mars- 
impulse in den Beinen. Das Angreifen von irgend etwas, das Gefiihl 
mit den Handen war so ausgedriickt, dafi man sagte: Venus wirkt in 
mir. - Das Zeigen von etwas, das Weisen, auch wenn ein grober 
Mensch einem anderen etwas dadurch weisen wollte, da$ er ihm 
einen Tritt gab, alles Weisen wurde so ausgedriickt, dafl man sagte, 
Merkur wirke in dem Menschen. Das Niedersetzen war die Jupiter- 
tatigkeit in dem Menschen. Und das Niederlegen, ob es nun im 
Ausruhen war, ob es aus Faulenzerei war, das war ausgedriickt da- 
durch, dafi man sagte, man gebe sich den Impulsen des Saturn hin. 
Also man fiihlte in seinen Gliedmaften die Weiten des Kosmos drau- 
fien. Der Mensch wufite: wenn er von der Erde aus in die Welten- 
weiten geht, dann kommt er von der Erde in den Umkreis, in die 
Gestirnsphare. Wenn er von seinem Haupte nach abwarts geht, 
macht er dasselbe in seiner eigenen Wesenheit durch. In seinem 
Haupte ist er in der Erde, in seinem Brustkorb und Herzen im Um- 
kreise, in seinen Gliedmafien im Sternenkosmos draufien. 

Ich mochte sagen, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus 
kann man das durchaus sagen: Ach, wir armen Menschen der Gegen- 
wart, wir erleben die abstrakten Gedanken. Was sind sie viel? Wir 
sind ja sehr stolz darauf, aber wir vergessen iiber den selbst geschei- 
testen abstrakten Gedanken unseren Kopf. Und unser Kopf ist viel 
inhaltsreicher als unsere allergescheitesten Gedanken. Eine einzige 



Gehirnwindung - Anatomie und Physiologie wissen ja nicht viel von 
dem wunderbaren Geheimnis der Gehirnwindungen - ist etwas 
Groflartigeres, Gewaltigeres als die genialste abstrakte Wissenschaft 
irgendeines Menschen. - Und es gab eben einmal eine Zeit auf der 
Erde, wo der Mensch sich bewufk war nicht blofi seiner armseligen 
Gedanken, sondern seines Kopfes, wo er den Kopf empfand, wo er 
empfand, meinetwillen sagen wir, den Vierhiigelkorper oder die 
Sehhiigel, wo er sie empfand in ihrer Nachbildung einer gewissen 
physischen Gebirgskonfiguration der Erde; wo der Mensch nicht 
blofi aus irgendeiner abstrakten Lehre heraus das Herz auf die Sonne 
bezog, sondern wo er empfand: Wie mein Haupt zu meiner Brust, 
zu meinem Herzen, so steht die Erde im Verhaltnis zur Sonne. 

Es war das die Zeit, in welcher der Mensch mit seinem ganzen 
Leben eben mit dem Weltenall, mit dem Kosmos zusammenge- 
wachsen war. Aber dieses Zusammengewachsensein, das druckte sich 
in seinem ganzen Leben aus. Wir sind ja gerade dadurch, dafi wir 
an die Stelle unseres Kopfes das armselige Denken setzen, allerdings 
in die Lage versetzt, gedankliche Erinnerungen zu haben. Wir 
bilden uns Gedankenbilder von dem, was wir durchlebt haben, als 
abstrakte Erinnerungen unseres Kopfes. Das konnte derjenige, der 
nicht die Gedanken hatte, sondern noch seinen Kopf empfand, 
nicht. Der konnte sich nicht Erinnerungen bilden. Kam man daher 
nach jenen Gegenden des uralten Orients, in denen die Leute sich 
noch ihrer Kopfe bewufit waren, aber keine Gedanken hatten, also 
auch keine Erinnerungen hatten, dann findet man in besonderer 
Ausbildung etwas, was wir wiederum gerade beginnen, notig zu 
haben. Eine lange Zeit hatten es die Menschen nicht notig, und es 
ist ja eigentlkh auch nur eine kleine Schlamperei unseres Seelen- 
lebens, da$ wir es wieder notig haben. Wenn man in jener Zeit, von 
der ich spreche, in die Gegenden kam, wo die Menschen lebten, die 
sich ihres Kopfes, ihrer Brust, ihres Herzens, ihrer Gliedmafien so 
bewufit waren, wie ich es geschildert habe, dann sah man uberall: da 
ist irgendein kleiner Pflock in die Erde hineingesetzt und irgendein 
Zeichen daraufgesetzt, da ist an irgendeine Wand irgendein Zei- 
chen gemacht. Alle Lebensgebiete, alle Lebensortlichkeiten der 



Menschen waren mit lauter Merkzeichen iibersat, denn man hatte 
noch nicht ein Gedankengedachtnis. Wo irgend etwas geschah, da 
stellte man gewissermaflen ein kleines Denkmal auf , und wenn man 
wieder hinkam, dann erlebte man an dem Merkzeichen, das man 
machte, die Sache wieder. Der Mensch war eben zusammengewach- 
sen in seinem Haupte mit der Erde. Heute macht er bloft eine Notiz 
in seinem Kopfe - und ich sagte ja schon, wir beginnen schon wie- 
derum damit, Notizen nicht nur im Kopfe zu machen, sondern in 
unseren Notizbiichern und dergleichen, aber ich sagte auch, das ist 
ja blofi eine Schlamperei der Seele, aber wir werden es immer mehr 
und mehr brauchen; aber dazumal gab es das nicht, Notizen im 
Kopfe zu machen, weil die Gedanken, die Ideen eben nicht vor- 
handen waren; da wurde alles iibersat von Merkzeichen. Und aus 
dieser naturgemafien Anlage der Menschen entstand ja das Denkmal- 
wesen. 

Alles, was in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit aufge- 
treten ist, ist ja aus dem Inneren der menschlichen Natur heraus 
bedingt. Man sollte nur ehrlich sein und sich gestehen: Die eigent- 
liche tiefere Grundlage des Denkmalwesens, die kennt ja der gegen- 
wartige Mensch gar nicht. Er macht aus Gewohnheit Denkmaler. 
Aber diese Denkmaler sind die Uberreste jener alten Merkzeichen, 
wo der Mensch noch nicht ein solches Gedachtnis hatte wie heute, 
sondern wo er darauf angewiesen war, an der Stelle, an der er etwas 
erlebt hatte, ein Merkzeichen anzubringen, und wenn er wieder hin- 
kam, eben das aufleben zu lassen in seinem Kopfe, der alles das auf- 
leben lalk, was irgendwie mit der Erde in Verbindung ist. Der Erde 
iibergeben wir dasjenige, was der Kopf erlebt hat - das war Prinzip 
in alten Zeiten. 

Und ich mochte sagen: Wir haben im alten Oriente eine uralte 
Zeit zu verzeichnen, die Zeit der lokalisierten Erinnerungen, wo 
eigentlich alles Erinnerungsmafiige gebunden ist daran, daft man 
Erinnerungszeichen auf die Erde hinstellte. Die Erinnerung war 
nicht dadrinnen, die war drauften, uberall waren Denkzettel und 
Denksteine. Man stellte Erinnerungszeichen auf die Erde hin. Das 
war das lokalisierte Gedachtnis, die lokalisierte Erinnerung. 



Fur eine spirituelle Entwickelung des Menschen ist es heute noch 
aufierordentlich gut, wenn er etwas ankniipft an dieses nicht im 
Inneren des Menschen befindliche Erinnerungsvermogen, sondern 
an jenes Erinnerungsvermogen, das eben eigentlich im Zusammen- 
sein des Menschen mit der irdischen Aufienwelt sich entfaltet und 
gestaltet; wenn er sich zum Beispiel sagt: Ich will mich nicht erinnern 
an dies oder jenes, sondern ich mache mir da oder dort ein Merk- 
zeichen - oder: Ich will uberhaupt iiber gewisse Dinge nur in 
Gemaftheit von Merkzeichen innere seelische Empfindungen ent- 
wickeln. Ich will in meinem Zimmer in einer Ecke ein Madonnen- 
bild aufstellen, und ich will, indem das Madonnenbild vor meine 
Seele tritt, dasjenige erleben, was ich eben in der Hinlenkung 
meiner Seele zur Madonna erleben kann. - Denn es ist eine feine 
Beziehung zu solchen Einrichtungen wie dem Madonnenbilde, das 
wir in den Wohnungen antreffen, wenn wir nur ein wenig nach dem 
Osten kommen. Nicht nur in Rutland ist es so, es ist ja uberall schon 
auch im mittleren Osteuropa. Das alles sind im Grunde genommen 
Uberreste aus der Zeit der lokalisierten Erinnerungen. Die Erinnerung 
haftet aufien an dem Orte. 

Aber ein zweites Stadium ist das andere, wo der Mensch iibergeht 
von der lokalisierten Erinnerung zu der rhythmisierten Erinnerung. 
Wir haben also erstens die lokalisierte Erinnerung, zweitens die rhyth- 
misierte Erinnerung. Da hatte der Mensch nun nicht aus irgendeiner 
schlauen bewufken Finesse heraus, sondern aus seiner inneren We- 
senheit heraus das Bediirfnis entwickelt, im Rhythmus zu leben. Er 
hatte das Bediirfnis entwickelt, wenn er irgend etwas gehort hatte, 
das so in sich zu reproduzieren, dafi ein Rhythmus herauskam. Wenn 
er die Kuh erlebte - Muh - , dann nannte er sie nicht Muh allein, 
sondern Muhmuh oder meinetwillen sogar in alteren Zeiten 
Muhmuhmuh. Das heifit, er tiirmte das Wahrgenommene so iiber- 
einander, dafi ein Rhythmus herauskam. In manchen Wortbil- 
dungen konnen Sie das heute noch verfolgen, zum Beispiel der 
Gaugauch oder Kuckuck. Oder auch dann, wenn die Wortbil- 
dungen nicht unmittelbar hintereinander stehen, sehen Sie wenig- 
stens, wie bei Kindern das Bediirfnis noch vorhanden ist, diese 



Wiederholungen auszubilden. Das ist noch eine Erbschaft aus der 
Zeit, wo die rhythmisierte Erinnerung Platz gegriffen hat, wo man 
nichts erinnerte, was man nur einfach erlebte, wo man nur dasjenige 
erinnerte, was man in Rhythmisierung, also in Wiederholungen, in 
rhythmischer Wiederholung erlebte. Und so mufite wenigstens 
zwischen dem, was aufeinanderfolgte, eine Ahnlichkeit sein: Mann 
und Maus, Stock und Stein. Diese Rhythmisierung des Erlebten, das 
ist ein letzter Rest einer hochgradigen Sehnsucht, iiberall zu 
rhythmisieren, denn was nicht rhythmisiert wurde in dieser zweiten 
Epoche, nach dem lokalisierten Gedachtnisse, das behielt der 
Mensch nicht. Und aus diesem rhythmisierten Gedachtnisse hat 
sich dann eigentlich die gesamte altere Verskunst herausgebildet, 
uberhaupt die versifizierte Dichtung. Und erst als dritte Stufe hat 
sich dasjenige gebildet, was wir heute noch kennen: die zeitliche Er- 
innerung, wo wir nicht mehr raumlich in der Auftenwelt den An- 
griffspunkt der Erinnerung haben, wo wir auch nicht mehr an- 
gewiesen sind auf den Rhythmus, sondern wo dasjenige, was sich 
in die Zeit hineinstellt, spater wieder hervorgerufen werden kann. 
Dieses unser ganz abstraktes Gedachtnis ist erst die dritte Stufe in 
der Gedachtnisentwickelung. 

Und nun fassen Sie den Zeitpunkt genau ins Auge, wo in der 
Menschheitsentwickelung gerade ubergeht die rhythmische Erinne- 
rung in die Zeiterinnerung, wo das zuerst auftritt, was uns in unserer 
jammerlichen Abstraktheit des modernen Menschen ganz selbstver- 
standlich ist: das Zeitgedachtnis, wo wir im Bilde das hervorrufen, 
was wir hervorrufen; wo wir nicht mehr so erleben, dafi wir in halb 
oder ganz unbewufker Tatigkeit etwas in rhythmischer Wieder- 
holung wachgerufen haben mussen, wenn es wieder aufsteigen sollte. 
Nehmen Sie diesen Zeitpunkt des Uberganges der rhythmischen 
Erinnerung in die zeitliche Erinnerung, dann haben Sie jenen Zeit- 
punkt, wo der alte Orient eben nach Griechenland heriiber koloni- 
siert, jenen Zeitpunkt, der Ihnen in der Geschichte geschildert wird 
als die Entstehung der von Asien heriiber nach Europa begriindeten 
Kolonien. Was die Griechen erzahlen von jenen Heroen, die von 
Asien oder Agypten gekommen sind und sich auf griechischem 



Boden niedergelassen haben, das ist eigentlich die Erzahlung, die da 
heiften miilke: Es zogen aus einmal aus dem Lande, wo da war das 
rhythmische Gedachtnis, die groften Helden und suchten ein Klima 
auf, wo das rhythmische Gedachtnis ubergehen konnte in das zeit- 
Hche Gedachtnis, in die zeitliche Erinnerung. 

Damit haben wir den Zeitpunkt des Aufganges des Griechen- 
tums streng bezeichnet. Denn was im Oriente als das Mutter- und 
Stammland des Griechentums dagestanden hat, das ist im Grunde 
genommen ein Menschengebiet mit ausgebildetem rhythmischem 
Gedachtnis. Da hat der Rhythmus gelebt. Und eigentlich ist der alte 
Orient nur dann richtig begriffen von dem Menschen, wenn er ihn 
vorstellt als das Land des Rhythmus. Und wenn das Paradies nur so 
weit zuriickversetzt wird, als die Bibel es zuriickversetzt, dann wiir- 
den wir, wenn wir das Paradies nach Asien verlegen, es uns vorzu- 
stellen haben als das Gebiet, wo die reinsten Rhythmen durch den 
Kosmos erklangen und im Menschen wiederum anfeuerten das, was 
sein rhythmisches Gedachtnis war, wo der Mensch als Rhythmus- 
Erleber in einem Kosmos als Rhythmus-Erzeuger lebte. 

Fiihlen Sie einmal in der Bhagavad Gita noch etwas nach von 
dem, was einstmals jenes grandiose Rhythmus -Erleb en war, fiihlen 
Sie es nach in der Vedenliteratur, fiihlen Sie es selbst in vielem 
nach, was auch westasiatische Dichtung und westasiatisches Schrift- 
tum ist, wenn wir dieses moderne Wort gebrauchen diirfen: da 
leben die Nachklange des einstmals ganz Asien mit majestatischem 
Inhalt durchgreifenden Rhythmus, der sich widerspiegelte als das 
Geheimnis des Umkreises der Erde in dem menschlichen Brustkorb, 
in dem menschlichen Herzen. Und dann kommen wir in noch altere 
Zeiten, wo die rhythmische Erinnerung nach riickwarts zuriick- 
verlauft in das lokalisierte Gedachtnis, wo die Menschen noch nicht 
rhythmische Erinnerungen hatten, wo die Menschen darauf ange- 
wiesen waren, da, wo sie etwas erlebt hatten, das Merkzeichen hin- 
zustellen. Wenn sie nicht an diesem One waren, brauchten sie das 
nicht; wenn sie an diesen Ort kamen, mufiten sie sich erinnern. Aber 
nicht sie erinnerten sich, das Merkzeichen, die Erde erinnerte sie. 
Wie die Erde iiberhaupt dasjenige ist, was den menschlichen Kopf 



als sein Abbild hat, so hat nun das Merkzeichen in der Erde fur diese 
Menschen der lokalisierten Erinnerungen im Kopfe sein Abbild 
wiederum hervorgerufen. Der Mensch lebt ganz mit der Erde, der 
Mensch hat sein Gedachtnis ganz in seiner Verbindung mit der 
Erde. Das Evangelium erinnert daran nur noch an einer Stelle, wo es 
mitteilt, dafi der Christus etwas in die Erde hineinschreibt. 

Und wir haben einen Zeitpunkt festgehalten, wo die lokalisierte 
Erinnerung iibergeht in die rhythmische Erinnerung. Das ist der 
Zeitpunkt, wo wahrend des Unterganges der alten Atlantis von west- 
warts nach ostwarts, nach Asien hiniiber, die uralten nachatlan- 
tischen Volker wandern. Denn wir haben, wenn wir von Europa 
nach Asien hiniibergehen, erst die Wanderung von der alten Atlan- 
tis, die ja heute der Boden des Atlantischen Ozeans ist, hiniiber 
nach Asien (siehe Zeichnung), und die Zuruckwanderung der Kul- 
tur wiederum nach Europa. Beim Heruberwandern der atlantischen 
Volker nach Asien haben wir den Ubergang der lokalisierten Erinne- 
rung in die rhythmisierte Erinnerung, die ihre Vollendung im asia- 
tischen Geistesleben hat. Dann haben wir bei der ^Colonisation nach 
Griechenland heriiber den Ubergang von der rhythmischen Erinne- 
rung zu der Zeiterinnerung, die wir heute noch in uns tragen. 




Und in dieser Ausbildung der Erinnerung liegt die ganze Zivilisa- 
tion zwischen der atlantischen Katastrophe und der Entstehung der 



griechischen Zivilisation, liegt alles das, was mehr legendenhaft, 
mehr sagenhaft als historisch vom alten Asien zu uns herubertont. 
Nicht dadurch lernen wir die Entwickelung der Menschen auf der 
Erde kennen, daft wir das Auftere vor alien Dingen ins Auge fassen, 
daft wir die aufteren Dokumente priifen, sondern daft wir die Ent- 
wickelung dessen, was im Inneren des Menschen lebt, ins Auge 
fassen, daft wir ins Auge fassen, wie so etwas wie das Erinnerungs- 
vermogen, die Erinnerungsfahigkeit sich von aufien nach dem 
Inneren entwickelt hat. 

Sie wissen ja alle, was diese Erinnerungsfahigkeit fur den heuti- 
gen Menschen bedeutet. Sie werden schon gehort haben von Men- 
schen, die plotzlich in krankhafter Weise irgendeinen Teil ihres 
Lebens, an den sie sich erinnern sollten, ausgeloscht haben. Jemand, 
mit dem ich befreundet war, hat vor seinem Tode ein furchtbares 
Schicksal dadurch erfahren, daft es ihm passierte, daft er eines Tages 
sich aus seinem Heim entfernte, sich auf der Bahnstation ein Billett 
kaufte bis zu einem bestimmten Punkt, dann ausstieg, sich wieder 
eins kaufte; das alles, indem die Erinnerung an sein Leben bis zum 
Kaufen dieses Billetts momentan in ihm ausgeloscht war. Er tat alles 
klug, der Verstand war ganz intakt; das Gedachtnis war ausgeloscht. 
Und er fand sich dann wiederum, indem das Gedachtnis wieder an- 
kniipfte an fruher, in einem Obdachlosenasyl in Berlin, in welchem 
er sich eingefunden hatte. Man konnte nachher konstatieren, daft er 
in der Zwischenzeit in halb Europa herumgereist ist, ohne daft er 
dieses Erlebnis verbinden konnte mit seinen friiheren Erlebnissen. 
Das Gedachtnis dammerte erst wieder auf, nachdem er auf ihm ganz 
unbekannte Weise in dieses Berliner Asyl fur Obdachlose gekommen 
ist. Das ist nur ein Beispiel fur zahlreiche Falle, die uns im Leben ja 
entgegentreten, wo wir sehen, wie das seelische Leben des modernen 
Menschen eben einfach nicht intakt ist, wenn nicht der Erinnerungs- 
faden bis zu einem gewissen Zeitpunkt nach unserer Geburt unab- 
gerissen ist. 

Das war bei denjenigen Menschen, bei denen die lokalisierte Er- 
innerung ausgebildet war, nicht der Fall. Die kannten iiberhaupt 
diesen Erinnerungsfaden nicht. Aber sie waren unglucklich in ihrem 



Seelenleben gewesen, sie waren so geworden, wie wir werden, wenn 
etwas in uns das Selbst ausloscht, wenn sie nicht iiberall auf ihrem 
Boden umgeben gewesen waren von Denkzeichen, die sie an das 
erinnerten, was sie selbst erlebt haben, von Denkzeichen, die sie 
selber iiberall errichtet hatten, aber auch von Denkzeichen, die ihre 
Vater, ihre Schwestern, Briider und so weiter errichtet hatten, die in 
ihrer Konfiguration ahnlich schauten ihren eigenen Denkzeichen, 
und die sie daher zu Verwandtem hinbrachten. Aber dasjenige, was 
wir innerlich als die Bedingung unseres intakten Selbstes empfinden, 
das war fur diese Menschen ein Aufierliches. 

Nur dadurch, dafi wir diesen Seelenwandel in der Menschheit vor 
unserer Seele voriiberziehen lassen, kommen wir auf die ganze Be- 
deutung dieses Seelenwandels in der historischen Entwkkelung der 
Menschheit. Dadurch, daft man so etwas betrachtet, bekommt die 
Geschichte erst ihr Licht. Und ich wollte zunachst einmal an einem 
besonderen Beispiel aufweisen, wie die Seelengeschichte der Mensch- 
heit in bezug auf das Erinnerungsvermogen ist. Wir wollen dann in 
den nachsten Tagen sehen, wie sich die historischen Ereignisse in 
ihrer wahren Gestalt erst zeigen werden, wenn wir sie beleuchten 
konnen mit dem Lichte, das so von der menschlichen Seelenkunde 
her genommen ist. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 25. Dezember 1923 



Aus den gestrigen Darstellungen wird Ihnen hervorgegangen sein, 
wie man eine richtige Anschauung iiber den geschichtlkhen Verlauf 
der Menschenentwickelung auf der Erde nur dadurch bekommen 
kann, dafi man sich einlafit auf die durchaus verschiedenen Seelen- 
zustande, die vorhanden waren in den verschiedenen Zeitaltern. 
Und ich versuchte ja gestern zu begrenzen die eigentliche altorienta- 
lische, die asiatische Entwickelung, versuchte hinzuweisen auf jenen 
Zeitabschnitt, in dem die Nachkommen der atlantischen Bevolke- 
rung nach der atlantischen Katastrophe ihren Weg herubergefunden 
haben vom Westen nach dem Osten und nach und nach Europa, 
Asien bevolkert haben. Dasjenige, was dann durch diese Volker- 
schaften in Asien ablauft, es stand ja ganz unter dem Einflusse eines 
Gemiitszustandes dieser Menschen, der an das Rhythmische ge- 
wohnt war. Im Beginne haben wir noch die Nachklange, die deut- 
lichen Nachklange desjenigen, was ja in der Atlantis vollstandig vor- 
handen war: das lokalisierte Gedachtnis. Dann geht es wahrend der 
orientalischen Entwickelung in das ryhthmische Gedachtnis iiber. 
Und ich zeigte Ihnen ja, wie mit der griechischen Entwickelung erst 
der Umschwung zum Zeitgedachtnis eintrkt. 

Damit aber ist die eigentliche asiatische Entwickelung - denn 
das, was die Geschichte darstellt, sind ja schon Dekadenzzustande - 
diejenige ganz andersgearteter Menschen, als es die Menschen 
spaterer Zeit sind, und die aufieren geschichtlichen Geschehnisse 
sind in jenen alten Zeiten viel mehr abhangig von dem, was im 
Menschengemiite lebte, als spater. Was in jenen alteren Zeiten im 
Menschengemute lebte, das lebte eben im ganzen Menschen. Man 
kannte nicht ein so abgesondertes Seelen- und Denkleben wie 
heute. Man kannte nicht dieses Denken, das gar keinen Zusammen- 
hang mehr fuhlt mit den inneren Vorgangen des menschlichen 
Hauptes. Man kannte nicht dieses abstrakte Fiihlen, das gar nicht 
mehr sich im Zusammenhang weifi mit der Blutzirkulation, sondern 



man kannte nur ein Denken, das man zu gleicher Zeit innerlich als 
Geschehen des Hauptes erlebte, ein Fiihlen, das man erlebte im 
Atmungs- und Blutrhythmus und so weiter. Man erlebte, man emp- 
fand den ganzen Menschen in ungetrennter Einheit. 

Das alles war aber damit verbunden, dafi man auch das Verhalt- 
nis zur Welt, zum Weltenall, zum Kosmos, zum Geistigen und Phy- 
sischen im Kosmos ganz anders erlebte als spater. Der heutige 
Mensch erlebt sich auf Erden mehr oder weniger auf dem Lande oder 
in Stadten. Er ist umgeben von dem, was er als Walder anschaut, als 
Fliisse, als Berge, oder er ist umgeben von dem, was Gemauer der 
Stadte ist. Und wenn er von dem Kosmisch-Ubersinnlichen spricht, 
ja, wo ist es denn eigentlich? Der moderne Mensch weift ja sozusagen 
keine Sphare anzugebea, wo er das Kosmisch-Ubersinnliche sich 
denken soli. Es ist nirgends eigentlich fur ihn greifbar, fafibar, ich 
meine auch nicht seelisch-geistig greifbar, fafibar. Das war so nicht 
in jener alten orientalischen Entwickelung, sondern in jener alten 
orientalischen Entwickelung war eigentlich die Umgebung, die wir 
heute als physische Umgebung bezeichnen wiirden, nur die unterste 
Partie einer einheitlich gedachten Welt. Da war um den Menschen 
herum dasjenige, was in den drei Naturreichen enthalten ist, was in 
Flufi und Berg und so weiter enthalten ist, aber das war zu gleicher 
Zeit geistdurchwachsen, wenn ich so sagen darf, geistdurchstromt, 
geistdurchwoben. Und der Mensch sagte: Ich lebe mit Bergen, ich 
lebe mit Fliissen, aber ich lebe auch mit den Elementargeistern der 
Berge, der Fliisse. Ich lebe im physischen Reich, aber dieses phy- 
sische Reich ist der Korper eines geistigen Reiches. Um mich herum 
ist uberall die geistige Welt, die unterste geistige Welt. 

Da war dieses Reich, das nun fur uns das irdische geworden ist, 
unten. Der Mensch lebte darinnen. Aber er stellte sich eben in 
Tafel 3 seinem Bilde vor (siehe Zeichnung), daft, wo dieses Reich (hell) 
nach oben hin aufhort, eben ein anderes beginnt (gelb-rot), in 
welches das untere iibergeht, und dann wieder ein anderes (blau), 
und zuletzt das hochste, das noch zu erreichen ist (orange). Und 
wenn wir nach dem, was unter uns in der anthroposophischen Er- 
kenntnis iiblich geworden ist, diese Reiche benennen wollten - im 



alten orientalischen Leben hatten sie andere Namen, aber das kommt 
nicht darauf an, wir wollen sie so benennen, wie sie fur uns heiften -, 
so wiirden wir da oben die erste Hierarchie haben: Seraphim, Cheru- 
bim, Throne, dann die zweite Hierarchie: Kyriotetes, Dynamis, Exu- 
siai, und die dritte Hierarchie: Archai, Archangeloi, Angeloi. 




Tafel 3 



Und nun kam das vierte Reich, wo die Menschen drinnen leben, 
wo wir heute nach unserer Erkenntnis nur die Naturgegenstande 
und Naturvorgange ansetzen, wo diese Menschen die Naturvorgange 
und Naturdinge durchwoben fuhlten von den Elementargeistern des 
Wassers, der Erde. Und das war Asien (siehe Zeichnung). 

Asien bedeutete das unterste Geisterreich, in dem man als Mensch 
noch darinnen ist. Alierdings, was heute unsere gewohnliche An- 
schauung ist, die der Mensch fur sein gewohnliches Bewufitsein hat, 
das hatte man in jenen alten orientalischen Zeiten nicht. Es ware 
ganz unsinnig zu denken, dafi man in jenen alten orientalischen 
Zeiten die Moglichkeit gehabt hatte, geistlose Materie irgendwo zu 
vermuten. Was wir heute reden von Sauerstoff, Stickstoff, es ware ja 
fur jene alten Zeiten zu denken die reine Unmoglichkeit gewesen. 
Sauerstoff war das Geistige, das belebend, erregend wirkte auf das 
schon Lebendige, das beschleunigend auf das Leben des Lebendigen 



wirkte. Stickstoff, den wir heute uns so vorstellen, dafi er dem Sauer- 
stoff beigemengt in der Luft enthalten ist, Stickstoff war jenes Gei- 
stige, das die Welt durchwebt und das, indem es auf das lebendige 
Orgariische wirkt, dieses Organische bereitmacht, in skh Seelisches 
aufzunehmen. Nur so kannte man zum Beispiel Sauerstoff und 
Stickstoff. Und so kannte man alle Naturvorgange als im Zusammen- 
hange mit Geistigem, weil man die Anschauung, die man heute als 
Mann auf der Strafie hat, gar nicht hatte. Einzelne hatten sie, und 
das waren gerade die Eingeweihten, die Initiierten. Die an- 
deren Menschen hatten fur das gewohnlkhe Alltagliche einen 
Bewulkseinszustand, der sehr ahnlich ist einem Wachtraum, aber 
eben ein Traumzustand, wie er bei uns nur noch in abnormen 
Erlebnissen vorhanden ist. Mit diesem Traumen ging der Mensch 
herum. Mit diesem Traumen ging er an die Wiesen, an die Baume, 
an die Fliisse heran, an die Wolken, und er sah alles in dieser Wei- 
se, wie man es sehen und horen kann in diesem Traumzustande. 

Sie miissen sich nur einmal vorstellen, was da zum Beispiel gesche- 
hen kann fur den heutigen Menschen. Der Mensch ist eingeschlum- 
mert. Plotzlich tritt vor ihm auf das Bild, das Traumesbild eines feu- 
rigen Of ens. Er hort: Feurio! Drauflen fahrt die Feuerwehr vorbei, um 
irgendwo ein Feuer zu loschen. - Wie weit verschieden ist dasjenige, 
was trocken die menschliche Vernunft, wie man sagt, und das ge- 
wohnlkhe sinnliche Anschauen von diesem Tun der Feuerwehr ver- 
nehmen, von dem, was der Traum dem Menschen vorspiegeln kann. 
Aber so in Traume gegossen war alles das, was jene alte orientalische 
Menschheit erlebte. Da verwandelte sich alles, was draufien in den 
Reichen der Natur war, in Bilder. Und in diesen Bildern erlebte man 
die Elementargeister des Wassers, der Erde, der Luft, des Feuers. 
Und jener Plumpsackschlaf, den wir haben-ich meine, jener Schlaf, 
wo man eben ganz daliegt wie ein Sack und gar nichts von sich 
weift -, den hatten die Menschen in damaliger Zeit nicht. Nicht 
wahr, diesen Schlaf gibt es doch heute. Den hatten aber die Men- 
schen in der damaligen Zeit nicht, sondern sie hatten auch wahrend 
dieses Schlafes ein dumpfes Bewulksein. Wahrend sie auf der einen 
Seite, wie wir es heute nennen, ihren Korper ausruhten, wob das 



Geistige in ihnen in einem Tatigsein der aufteren Welt. Und in 
diesem Weben nahm man wahr dasjenige, was die dritte Hierarchie 
ist. Asien nahm man wahr im gewohnlichen Wach-Traumzustande, 
das heifit in dem alltaglichen Bewufttsein von damals. Die dritte 
Hierarchie nahm man wahr im Schlafe. Und in den Schlaf tauchte 
dann zuweilen ein noch dumpfes Bewufttsein ein, aber ein Bewuftt- 
sein, welches seine Erlebnisse tief in das Menschengemiit hinein- 
grub. So daft es also fur diese orientalische Bevolkerung dieses All- 
tagsbewufitsein gab, wo alles sich in Imaginationen und Bilder 
wandelte. Sie waren nicht so real, wie jene der alteren Zeit, zum 
Beispiel der atlantischen oder gar der lemurischen Zeit oder der 
Mondenzeit, aber es waren immerhin Bilder, die da noch vorhanden 
waren auch wahrend dieser orientalischen Entwickelung. 

Also diese Menschen hatten diese Bilder. Dann hatten sie in den 
Schlafzustanden dasjenige, was sie in die Worte kleiden konnten: 
Entschlummern wir dem gewohnlichen irdischen Dasein, dann 
treten wir ein in das Reich der Angeloi, Archangeloi, Archai und 
leben unter ihnen. Die Seele macht sich frei vom Organismus und 
lebt unter den Wesen der hoheren Hierarchien. 

Zu gleicher Zeit war man sich klar dariiber, daft, wahrend man in 
Asien lebte, mit Gnomen, Undinen, Sylphen, Salamandern, das 
heifit mit den Elementargeistern der Erde, des Wassers, der Luft, des 
Feuers, daft man in dem Schlaf zustand, in dem der Korper sich aus- 
ruhte, erlebte die Wesenheiten der dritten Hierarchie, aber zu 
gleicher Zeit erlebte mit dem planetarischen Dasein, mit demjeni- 
gen, was in dem Planetensystem lebt, das zur Erde gehort. - Dann 
aber trat manchmal herein in das Schlafbewufttsein, wo man die 
dritte Hierarchie wahrnahm, ein ganz besonderer Zustand, in dem 
der Schlafende fuhlte: Es kommt ein ganz fremdes Bereich an mich 
heran. Es nimmt mich etwas an sich, es holt mich etwas weg aus dem 
irdischen Dasein. Das fuhlte man noch nicht, indem man in die 
dritte Hierarchie versetzt war, aber indem dieser tiefere Schlafzu- 
stand kam, fuhlte man dieses. Eigentlich war niemals ein deutliches 
Bewufttsein davon vorhanden, was wahrend dieses Schlafzustandes 
der dritten Art geschah. Aber tief, tief bohrte sich ein in das ganze 



menschliche Sein dasjenige, was da erlebt wurde aus der zweiten 
Hierarchie heraus. Und der Mensch hatte es bei seinem Aufwachen 
in seinem Gemiite, und er sagte: Ich bin begnadet worden von 
hoheren Geistern, die uber dem planetarischen Dasein ein Leben 
haben. - Und so sprachen diese Menschen dann von jener Hierarchie, 
welche die Exusiai, die Kyriotetes und die Dynamis umfafit. - Und 
dieses, was ich Ihnen jetzt erzahle, das war sozusagen im alter en 
Asien im Grunde das gewohnliche Bewufksein. Die zwei Bewufit- 
seinszustande, das Wachend-Schlafen, Schlafend- Wachen, und den 
Schlaf, in den die dritte Hierarchie hereinragte, das hatten schon 
von vornherein alle. Und manche hatten durch ihre besondere 
Naturanlage dann dieses Hereinragen eines tieferen Schlafes, wo die 
zweite Hierarchie in das menschliche Bewufksein hereinspielte. 

Und die Eingeweihten in den Mysterien, sie bekamen einen wei- 
teren Bewulkseinszustand. Welchen? Das ist eben gerade das Uber- 
raschende. Wenn man die Antwort darauf gibt: Welchen Bewufit- 
seinszustand bekamen nun die Eingeweihten der damaligen Zeit? -, 
so lautet sie: Den Bewulkseinszustand, den Sie heute amTage immer 
haben. - Sie entwickeln ihn in Ihrem zweiten, dritten Lebensjahre 
auf naturliche Weise. Der alte Orientale ist auf naturliche Weise nie 
dazu gekommen, sondern er mulke ihn kunstlich heranbilden. Er 
mulke ihn heranbilden aus dem wachenden Traumen, traumenden 
Wachen. Wahrend er, wenn er herumging mit seinem wachenden 
Traumen, traumenden Wachen, Bilder iiberall sah, die mehr oder 
weniger symbolisch nur dasjenige gaben, was wir heute mit scharfen 
Konturen sehen, kamen die Eingeweihten dazu, die Dinge dazumal 
so zu sehen, wie sie der Mensch heute mit dem gewohnlichen Be- 
wufksein alle Tage sieht. Und die Eingeweihten kamen dazumal 
dazu, durch dieses erst heranentwickelte Bewufitsein das zu lernen, 
was heute jeder Schulknabe und jedes Schulmadchen in der Volks- 
schule lernt. Und der Unterschied bestand nicht darin, dafi der 
Inhalt etwas anderes war. Allerdings jene abstrakten Buchstaben- 
formen, die wir heute haben, die hatte man damals nicht. Die 
Schrift wies Charaktere auf, welche in innigerem Zusammenhange 
mit den Sachen und Vorgangen der Welt standen. Aber immerhin, 



das Schreiben, das Lesen lernten in diesen alten Zeiten nur die Ein- 
geweihten, weil man schreiben und lesen eben nur lernen kann in 
dem verstandesmafiigen Bewufitseinszustand, der heute der natiir- 
liche ist. 

Wenn Sie sich also vorstellen wiirden, dafi irgendwo wiederum 
auftreten wiirde diese altorientalische Welt mit Menschen jener Art, 
wie sie damals waren, und Sie unter diese Menschen treten wiirden 
mit Ihrer Seelenartung von heute, so waren Sie fur jene Menschen 
dazumal alle Eingeweihte. Der Unterschied liegt eben nicht im In- 
haltlichen. Sie waren Eingeweihte, aber Sie wiirden von den Men- 
schen der damaligen Zeit in dem Augenblicke, wo Sie als Einge- 
weihte erkannt wiirden, mit alien moglichen Mitteln aus dem Lande 
getrieben werden, weil die Leute sich dariiber klar waren, dafi man 
als Eingeweihter die Dinge nicht so wissen darf, wie die heutigen 
Menschen sie wissen. Man darf zum Beispiel - das war die Anschau- 
ung der damaligen Zeit, ich charakterisiere sie durch dieses Bild - 
nicht schreiben konnen, nach der Ansicht der damaligen Leute, wie 
die Menschen der heutigen Zeit schreiben konnen. Wenn ich mich 
hineinversetze in ein Gemiit der damaligen Zeit und es trate einem 
ein solcher Pseudoeingeweihter, das heifit ein gewohnlicher Mensch, 
ein gewohnlich gescheiter Mensch der Gegenwart entgegen, so 
wiirde dieser Mensch der damaligen Zeit sagen: Der kann schreiben, 
er macht Zeichen auf das Papier, die etwas bedeuten, und er ist sich 
nicht einmal bewufit, wie unendlich teuflisch es ist, so etwas zu tun 
und nicht das Bewufitsein in sich zu tragen, dafi man dies nur im 
Auftrage des gottlichen Weltbewufitseins tun darf, dafi man Zei- 
chen, die etwas bedeuten, auf das Papier nur machen darf, wenn 
man sich bewufit ist: Der Gott wirkt in den Handen, in den Fingern, 
der Gott wirkt in der Seele, so dafi die Seele sich ausdriickt durch 
diese Buchstabenformen. - Dieses, das nicht in der Verschiedenheit 
des Inhaltes liegt, das in der menschlichen Auffassung der Sache 
liegt, das ist es, was eben die Eingeweihten der alten Zeit noch ganz 
anders hatten als die heutigen Menschen, welche dasselbe inhaltlich 
haben. Sie werden, wenn Sie in meiner Schrift «Das Christentum als 
mystische Tatsache», die jetzt wiederum in Neuauflage erschienen 



ist, nachlesen, gleich im Anfange angedeutet finden, daft darinnen 
eigentlich das Wesen des Eingeweihten der alten Zeit lag. Und es 
ist eigentlich immer so in der Weltenentwickelung: Was in einer 
spateren Zeit auf naturliche Art in dem Menschen erwachst, das 
ist in einer fruheren Zeit dutch die Einweihung zu erringen. 

Gerade indem ich so etwas darstelle, werden Sie den griindlichen 
Unterschied verspiiren zwischen der Gemiitslage dieser alten orien- 
talischen Volker der vorhistorischen Entwickelung und den Men- 
schen, die spater in die Zivilisation eingetreten sind. Es ist schon 
eine andere Menschheit, die den untersten Himmel Asien nannte 
und das eigene Land darunter verstand, die Natur, die einen 
umgab. Man wufite, wo der letzte Himmel ist. Vergleichen Sie 
das mit den Anschauungen von heute, wie wenig die Menschen 
der Gegenwart dasjenige, was sie umgibt, als den letzten Him- 
mel betrachten. Die meisten konnen ihn ja nicht als den letz- 
ten betrachten, weil sie die vorhergehenden auch nicht kennen. 

Nun, wir sehen also, daft das Geistige bis tief in das Naturdasein 
hereinragt in dieser alten Zeit. Und dennoch, wir treffen etwas unter 
diesen Menschen wiederum, das uns in der gegenwartigen Zeit 
unendlich barbarisch erscheinen mochte, wenigstens vielen von uns. 
Den Menschen dazumal ware es furchtbar barbarisch erschienen, 
wenn jemand so hatte schreiben konnen, mit solcher Gesinnung, 
wie man heute schreiben kann. Es ware ihnen iiberhaupt teuflisch 
erschienen. Einer grofien Anzahl von Menschen der Gegenwart 
erscheint es aber ganz gewift wiederum barbarisch, wie in jenem 
Asien driiben es etwas ganz Selbstverstandliches war, daft eine 
Volkerschaft, die von Westen nach dem Osten weiter hiniiberzog, 
oftmals mit grofter Grausamkeit eine andere, die schon sefthaft war, 
sich untertan machte, deren Land eroberte, die Bevolkerung zu 
Sklaven machte. Das ist iiberhaupt im wekeren Umfange der Inhalt 
dieser orientalischen Geschichte uber ganz Asien. Wahrend diese 
Menschen eine hohe spirituelle Anschauung hatten in der Art, wie 
ich es eben charakterisiert habe, verlief die aufiere Geschichte in 
fortwahrenden Eroberungen fremden Landes, deren Bevolkerung 
untertanig gemacht worden ist. Das erscheint gewift vielen Men- 



schen in der Gegenwart wiederum barbarisch. Und wenn heute auch 
noch irgendwie Eroberungskriege vorhanden sind, so hat man doch 
dabei, selbst diejenigen, die sie verteidigen, nicht ein ganz gutes 
Gewissen. Man merkt das den Verteidigungen der Eroberungskriege 
schon an: man hat nicht ein ganz gutes Gewissen dabei. In der 
damaligen Zeit hatte man gerade gegenuber den Eroberungskriegen 
das allerbeste Gewissen, und man fand, dafi dieses Erobern iiber- 
haupt gottgewollt ist. Und dasjenige, was dann spater als die Frie- 
denssehnsuchten iiber einen grofien Teil Asiens sich ausgebreitet 
hatte, das ist eigentlich Spatprodukt der Zivilisation. Dagegen ist 
Friihprodukt der Zivilisation fur Asien das fortwahrende Erobern 
von Landern und Untertanigmachen der Bevolkerungen. Je weiter 
man in die vorhistorischen Zeiten zuriickschaut, desto mehr findet 
man dieses Erobern, von dem nur ein Schatten noch dasjenige 
ist, was Xerxes und ahnliche Leute getan haben. 

Aber diesem Prinzip der Eroberungen liegt ja etwas ganz Be- 
stimmtes zugrunde. In der damaligen Zeit war eben durch jene 
Bewufitseinszustande bei den Menschen, die ich Ihnen geschildert 
habe, der Mensch auch im Verhaltnis zu den anderen Menschen und 
zur Welt in einer ganz anderen Lage als heute. Gewisse Unter- 
schiede in den Bevolkerungsteilen der Erde haben heute ihre prin- 
zipielle Bedeutung verloren. Dazumal waren sie in einer ganz 
anderen Weise vorhanden als heute. Und so wollen wir einmal 
etwas, was oftmals real war, als Beispiel vor unsere Seele hinstellen. 

Nehmen wir an, wir hatten hier links das europaische Gebiet 
(Zeichnung Seite 36), hier rechts das asiatische Gebiet. Eine er- Tafel 3 
obernde Bevolkerung (rot) konnte, auch vom Norden von Asien, 
heriiberkommen, dehnt sich iiber irgendein Gebiet in Asien aus, 
macht die Bevolkerung untertan (rot um gelb). 

Was lag da eigentlich vor? In den charakterisierten Fallen, welche 
die eigentliche geschichtliche Entwickelung im Flufi erhielten, war 
immer die Bevolkerung, die erobernd auftrat, als Volk oder als Rasse 
jung - jung, voller Jugendkraft. Nun, was heifit heute unter den 
Menschen der gegenwartigen Erdenentwickelung jung sein? Unter 
den Menschen der gegenwartigen Erdenentwickelung heifit jung 



Tafel 4 




sein, so viel Todeskrafte in jedem Augenblick seines Lebens in sich 
tragen, daft man die Seelenkrafte, die die absterbenden Vorgange 
des Menschen brauchen, versorgen kann. Wir haben ja die spriefien- 
den, sprossenden Lebenskrafte in uns; die machen uns aber nicht 
besonnen, sondern die machen uns gerade ohnmachtig, bewufitlos. 
Die abbauenden, die Todeskrafte, die fortwahrend in uns auch wir- 
ken, die nur immer von den Lebenskraften wahrend des Schlafes 
iiberwunden werden, so daft wir eben nur am Ende des Lebens zu- 
sammenfassen all die Todeskrafte in dem einmaligen Tode, diese 
Todeskrafte miissen fortwahrend in uns sein. Die bewirken die Be- 
sonnenheit, das Bewufitsein. Das ist aber eben ein Charakteristi- 
kum der gegenwartigen Menschheit. Solch eine junge Rasse, ein 
junges Volk, das litt an seinen iiberstarken Lebenskraften. Was 
da Mensch war, hatte fortwahrend das Gefuhl: Ich driicke dauernd 
mein Blut gegen meine Korperwande. Ich kann es nicht aus- 
halten. Mein Bewufitsein will nicht besonnen werden. Ich kann 
meine voile Menschlichkeit wegen meiner Jugendlichkeit nicht ent- 
wickeln. 

So sprachen allerdings nicht die gewohnlichen Menschen, so 
sprachen aber die Eingeweihten in den Mysterien, die diese ganzen 
geschichtlichen Vorgange dazumal noch leiteten und lenkten. Und 
so hatte eine solche Bevolkerung zuviel Jugend, zuviel Lebenskrafte, 



zuwenig von dem in sich, was Besonnenheit geben konnte. Dann 
zog sie aus, eroberte ein Gebiet, wo eine altere Bevolkerung lebte, 
die schon in irgendeiner Weise Todeskrafte in sich aufgenommen 
hatte, weil sie bereits in die Dekadenz gekommen war, zog aus, 
machte sich diese Bevolkerung untertanig. Es brauchte nicht eine 
Blutsverwandtschaft einzutreten zwischen den Eroberern und den zu 
Sklaven Gemachten. Dasjenige, was sich unbewufk im Seelischen 
abspielte zwischen den Eroberern und den versklavten Leuten, das 
wirkte verjiingend, und auf die Besonnenheit hin wirkte es. Und der 
erobernde Mensch, der sich seinen Hof begriindet hatte, wo er nun 
seine Sklaven hatte, er brauchte eben auch nur den Einflufi auf sein 
Bewufitsein. Er brauchte nur hinzulenken seinen Sinn auf diese 
Sklaven, und, ich mochte sagen, abgedampft in der Sehnsucht nach 
der Ohnmachtigkeit wurde die Seele, und Bewufttheit, Besonnen- 
heit trat ein. 

Dasjenige, was wir heute als individueller Mensch erreichen miis- 
sen, wurde dazumal im Zusammenleben mit den anderen Men- 
schen erreicht. Man brauchte sozusagen um sich eine Bevolkerung, 
die mehr Todeskrafte in sich hatte als eine herrisch auftretende, aber 
junge, nicht zu voller Besonnenheit kommende Bevolkerung. Die 
rang sich hinauf zu dem, was sie als Menschen brauchten, dadurch, 
dafi sie eine andere Bevolkerung iiberwanden. Und so sind diese 
oftmals so furchtbaren, uns heute so barbarisch anmutenden alt- 
orientalischen Kampfe nichts anderes als die Impulse der Mensch- 
heitsentwickelung iiberhaupt. Sie mufiten da sein. Sie sind die 
Impulse der Menschheitsentwickelung. Die Menschheit hatte auf 
der Erde sich nicht entwickeln konnen, wenn nicht diese uns heute 
barbarisch anmutenden furchtbaren Kampfe und Kriege vorhanden 
gewesen waren. 

Die Eingeweihten der Mysterien, die sahen dann eben die Welt 
doch schon so, wie sie heute gesehen wird, nur verbanden sie damit 
eine andere Seelenverfassung, eine andere Gesinnung. Fur sie war 
dasjenige, was sie in scharfen Konturen erlebten, so wie wir heute 
beim sinnlichen Wahrnehmen die aufieren Dinge in scharfen Kon- 
turen erleben, fur sie war das immerhin dasjenige, was von den 



Tafel 3 




Gottern kam, auch fur das menschliche Bewulksein von den Gottern 
kam. Denn wie trat das vor einen damaligen Eingeweihten? 

Sehen Sie, da war vielleicht, sagen wir, der Blitz. Nehmen wir 
ein recht anschauliches Bild. Nun, ihn sieht der heutige Mensch 
so, wie Sie ja wissen, dafi man eben den Blitz sieht (siehe Zeich- 
nung, oben). Das sah der alte Mensch nicht so. Der sah hier lebend-gei- 
stige Wesenheiten sich bewegen (gelb), und die scharfen Konturen 
des Blitzes verschwanden vollstandig. Das war ein Heereszug oder eine 
Prozession von Geistwesen, die uber dem oder im Weltenraum vor- 
wartsdrangen. Den Blitz als solchen sah er nicht. Er sah einen Gei- 
sterzug durch den Weltenraum schweben. Fur den Eingeweihten 
wurde das so, dalS er ja auch wie die anderen Leute diesen Heereszug 
sah, aber fur sein Schauen, das in ihm entwickelt worden war, 
konnte sich, indem das Bild von dem Heereszug allmahlich sich 
dampfte und dann verschwand, der Blitz herausentwickeln in der 
Gestalt, wie ihn heute jeder sieht. Die ganze Natur, wie sie heute 
jeder sieht, mufite in alten Zeiten erst durch die Initiation errungen 
werden. Aber wie empfand man dieses? Auch dieses empfand man 
durchaus nicht in der Gleichgultigkeit, mit der man heute Erkennt- 



nisse oder Wahrheiten empfindet. Man empfand dieses durchaus 
mit einem moralischen Einschlag. Und wenn wir uns das anschauen, 
was mit den Jiingern der Mysterien geschah, so mussen wir uns das 
Folgende sagen: Sie wurden eingefuhrt in diejenige Naturanschau- 
ung, die dann spater die naturgemafie, alien zugangliche war. Ein- 
zelne nur wurden durch harte innere Priifungen und Proben zu 
dieser Naturanschauung hingefiihrt. Dann aber hatten sie ganz 
naturgemafi folgende Empfindung: Da ist der Mensch mit seinem 
gewohnlichen Bewufitsein. Er sieht diesen Heereszug von Elementar- 
wesen durch die Liifte reiten. Aber er ist dadurch, dafi er eine solche 
Anschauung hat, bar des menschlichen freien Willens. Er ist ganz 
hingegeben an die gottlich-geistige Welt. - Denn in diesem 
waehenden Traumen, traumenden Wachen lebte der Wille nicht als 
freier, sondern als derjenige, der in den Menschen einstromte als 
der gottliche Wille. Und der Eingeweihte, der den Blitz pun heraus- 
kommen sah aus diesen Imaginationen, der empfand das so, dafi er 
sagen lernte durch seinen Initiator: Ich mufi ein Mensch sein, der in 
der Welt sich auch bewegen darf ohne die Gotter, fiir den die Gotter 
auswerfen ins Unbestimmte den Welteninhalt. - Es war gewisser- 
mafien fur die Initiierten dasjenige, was sie in scharfen Konturen 
sahen, der von den Gottern ausgeworfene Welteninhalt, an den der 
Eingeweihte herantrat, um unabhangig zu werden von den Gottern. 

Sie begreifen, es ware ein unertraglicher Zustand gewesen, wenn 
er nicht irgendein ausgleichendes Moment gehabt hatte. Das hat er 
aber gehabt. Denn indem der Eingeweihte auf der einen Seite Asien 
erleben lernte gottverlassen, geistverlassen, lernte er auf der anderen 
Seite einen noch tieferen Bewufitseinszustand kennen als derjenige 
war, der zur zweiten Hierarchie hinreichte. Er lernte kennen 
zu seiner entgotterten Welt die Welt der Seraphim, Cherubim und 
Throne. 

In einer bestimmten Zeit der asiatischen Entwickelung, die etwa 
die mittlere ist - wir werden iiber die Zeiten noch genauer zu spre- 
chen haben -, war der Bewufitseinszustand dieser Menschen, dieser 
Eingeweihten so, dafi sie iiber die Erde hingingen und ungefahr 
schon den Anblick von den Erdenreichen hatten, den der moderne 



Mensch hat; aber das fuhlten sie eigentlich in ihren Gliedern. Sie 
fuhlten ihre Glieder befreit von den Gottern in der entgotterten 
Erdenmaterie. Aber dafiir begegneten sie in diesem gotterlosen 
Lande den hohen Gottern der Seraphim, Cherubim und Throne. 
Man lernte als Eingeweihter nicht mehr blofi kennen jene grau- 
griinen Geistwesen, welche die Bilder des Waldes, die Bilder der 
Baume waren, sondern man lernte als Eingeweihter kennen den 
Wald geistlos, aber man hatte dafiir das Ausgleichende, dafi man in 
dem Walde gerade den Angehorigen der ersten Hierarchie begeg- 
nete, irgendeinem Wesen aus dem Reiche der Seraphim, Cherubim 
oder Throne. 

Das alles als soziale Konfiguration aufgefalk, ist eben das 
Wesen tliche im geschichtlichen Werden des alten Orients. Und 
die treibenden Krafte der Weiterentwickelung, sie sind diejenigen, 
die den Ausgleich suchen zwischen jungen Rassen und alten Rassen, 
so dafi die jungen Rassen an den alten reif werden konnen, gerade 
an den unterworfenen Seelen reif werden konnen. Und so weit wir 
nach Asien hiniiberblicken, iiberall finden wir dies, dafi junge 
Rassen, die durch sich selber nicht besonnen werden konnen, die 
Besonnenheit im Erobern suchen. Aber wenn wir den Blick von 
Asien heriiberlenken nach Griechenland, dann finden wir, daft da 
etwas anders wird. In Griechenland driiben war auch schon in den 
herrlichsten Zeiten der griechischen Entwickelung eine Bevolkerung, 
welche allerdings das Alterwerden verstanden hat, aber nicht ver- 
standen hat, das Alterwerden zu durchdringen mit voller Geistig- 
keit. Ich habe ja ofter aufmerksam machen miissen auf jenen cha- 
rakteristischen Ausspruch des weisen Griechen: Besser ein Bettler 
sein in der Oberwelt als ein Konig im Reiche der Schatten. - Mit 
dem Tode drauiten und mit dem Tode auch drinnen im Menschen 
kam der Grieche nicht zurecht. Aber auf der anderen Seite hatte er 
diesen Tod wieder in sich. Und so war bei dem Griechen nicht eine 
Sehnsucht nach Besonnenheit, die als Impuls in ihm vorhanden 
gewesen ware, sondern bei dem Griechen war es die Angst vor dem 
Tode. Diese Angst vor dem Tode empfanden die jungen orienta- 
lischen Volker nicht, denn sie zogen auf Eroberungen aus, wenn die 



Menschen als Rasse den Tod nicht in der richtigen Weise erleben 
konnten. 

Der innere Konflikt aber, den die Griechen mit dem Tode erlebt 
haben, der fiihrte als ein innerer Menschheitsimpuls zu dem, wovon 
uns berichtet wird als dem Trojanischen Krieg. Die Griechen brauch- 
ten nicht den Tod bei einer fremden Bevolkerung zu suchen, um 
die Besonnenheit sich zu erobern, die Griechen brauchten aber 
gerade fur dasjenige, was sie vom Tode empfanden, das innere 
lebensvolle Geheimnis vom Tode. Und das fiihrte zu jenem Kon- 
flikte zwischen den Griechen als solchen und den Menschen, von 
denen die Griechen hergekommen waren in Asien. Der Trojanische 
Krieg ist ein Sorgenkrieg, der Trojanische Krieg ist ein Angstkrieg. 
Wir sehen, wie einander gegeniiberstehen im Trojanischen Kriege 
die Reprasentanten der kleinasiatischen Priesterkultur und die Grie- 
chen, die den Tod schon in sich fiihlen, aber mit dem Tode nichts 
anzufangen wissen. Die iibrige orientalische Bevolkerung, die auf 
Eroberungen auszog, die wollte den Tod, die hatte ihn nicht; die 
Griechen hatten den Tod, wufiten aber mit ihm nichts anzufangen. 
Sie brauchten einen ganz anderen Einschlag, um mit dem Tode 
etwas anfangen zu konnen. Achill, Agamemnon, alle diese Leute 
tragen den Tod in sich, wissen aber nichts mit ihm anzufangen. Sie 
schauen hiniiber nach Asien. Und sie haben in Asien driiben eine 
Bevolkerung, die in der umgekehrten Lage ist, die unter dem un- 
mittelbaren Eindruck der entgegengesetzten Seelenlage leidet. Da 
driiben sind diejenigen Menschen, die den Tod nicht in dieser inten- 
siven Weise fiihlen wie die Griechen, die den Tod fiihlen als etwas, 
was im Grunde doch lebenstrotzend ist. 

In einer wunderbaren Weise hat das eigentlich Homer zum Aus- 
drucke gebracht. Uberall, wo die Trojaner den Griechen gegeniiber- 
gestellt werden - sehen Sie sich an die charakteristischen Figuren 
Hektor und Achill -, uberall ist dieser Gegensatz da. Und in diesem 
Gegensatze driickt sich aus, was an der Grenze von Asien und 
Europa geschieht. Asien hatte in jener alten Zeit sozusagen einen 
Uberschufl des Lebens iiber den Tod, sehnte sich nach Tod. Europa 
auf griechischem Boden hatte einen Uberschufl von Tod im Men- 



schen, mit dem man nichts anzufangen wufite. So standen sich Eu- 
ropa und Asien von einem zweiten Gesichtspunkte aus gegeniiber: 
auf der einen Seite der Ubergang des rhythmischen Erinnerns in das 
zeitliche Erinnern, auf der anderen Seite das ganz verschiedene Er- 
leben gegeniiber dem Tode in der menschlichen Organisation. 

Wir werden dann morgen diesen Gegensatz, den ich Ihnen am 
Schlusse der heutigen Betrachtung nur andeuten konnte, genauer 
betrachten, um so jene tief in die Menschheitsentwickelung ein- 
schneidenden Ubergange kennenzulernen, die von Asien nach 
Europa heruberfuhren und ohne deren Verstandnis im Grunde 
genommen doch auch mchts in der gegenwartigen Entwkkelung der 
Menschheit zu verstehen ist. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 26. Dezember 1923 

Fast genau auf den Tag ist es, daft ich vor dreizehn Jahren in Stutt- 
gart in einem Vortragszyklus, den ich auch gehalten habe zwischen 
Weihnachten und Neujahr, iiber dasselbe Thema sprach, zu dem 
auch dieser Vortragszyklus gehort. Nur werde ich den Gesichts- 
punkt, der dazumal dem Thema nach gewaltet hat, etwas zu 
verandern haben. 

Wir haben uns ja damit beschaftigt, in den zwei Einleitungs- 
vortragen an unsere Seele ein Verstandnis dafiir heranzubringen, 
wie grundlich sich die Gemiits-, die Seelenverfassung der Mensch- 
heit im Laufe der geschichtlichen Entwickelung und namentlich der 
vorgeschichtlichen Entwickelung geandert hat. Wir brauchen auch 
diesmal, zunachst wenigstens, nicht weiter zurikkzugehen als einige 
Jahrtausende. Sie wissen ja, daft wir geisteswissenschaftlich als den 
wichtigsten Zusammenhang, der sich ergibt fur das Geschichtliche 
und Vorgeschichtliche seit der sogenannten atlantischen Katastro- 
phe, von welcher die Erde befallen worden ist, denjenigen be- 
trachten, den man gewohnlich die Zeit der Erdenvereisung, die 
jiingere Eiszeit, nennt. Dazumal aber ging ja auch der letzte Akt des 
Unterganges des atlantischen Kontinents vor sich, der heute den 
Boden des Atlantischen Ozeans bildet. Und nach dieser atlantischen 
Katastrophe haben wir dann bis zu unserer Zeit, worauf ja oftmals 
aufmerksam gemacht worden ist, funf aufeinanderfolgende grofie 
Kulturzeitraume, von denen die ersten ja der geschichtlichen Uber- 
lieferung vollstandig entfallen sind. Denn dasjenige, was im Oriente 
driiben als Schrifttum - auch in den herrlichen Veden, in der tief- 
gehenden Vedantaphilosophie - enthalten ist, das sind ja nur Nach- 
klange dessen, was man schildern muft, wenn man jene Kultur- 
epoche darstellen will, von der ich immer als der urindischen, der 
urpersischen, auch in meiner «Geheimwissenschaft», spreche. 

Nun, auch bis dahin wollen wir heute nicht zunkkgehen, son- 
dern wir wollen jenen Zeitraum ins Auge fassen, den ich ofter be- 



zeichnet habe als die chaldaisch-agyptische Kulturperiode, die der 
griechischen vorangegangen ist. Wir haben darauf aufmerksam 
machen miissen, dafi in dieser Zeit zwischen der atlantischen Ka- 
tastrophe und dem griechischen Zeitalter sich mit Bezug auf die 
Erinnerungsfahigkeit, die Menschen-Gedachtniskraft, und mit 
Bezug auf das menschliche Zusammenleben grolte Veranderungen 
vollzogen haben. Ein solches Gedachtnis, wie wir es heute haben, so 
dafi wir uns in der Zeit nach rikkwarts etwas vergegenwartigen 
konnen, ein solches Zeitgedachtnis war ja in dieser dritten nach- 
atlantischen Kulturperiode noch nicht vorhanden, sondern es war 
ein Gedachtnis vorhanden, das gebunden war an rhythmisches Er- 
leben, wie ich es dargestellt habe. Und das ist ja hervorgegangen aus 
dem, was besonders stark wahrend der atlantischen Periode vor- 
handen war: das lokalisierte Gedachtnis, wo der Mensch iiberhaupt 
nur ein Gegenwartsbewulksein in sich trug, aber durch alles 
mogliche, was er in der Aufienwelt entweder vorfand oder selber 
hinsetzte, Merkzeichen hatte, durch die er sich mit der Vergangen- 
heit nicht nur seiner eigenen Personlichkeit, sondern mit der Ver- 
gangenheit der Menschheit iiberhaupt in eine Beziehung setzte. 

Merkzeichen waren aber nicht nur diejenigen, die unmittelbar 
auf der Erde angebracht waren, sondern Merkzeichen waren auch 
gerade in den alteren Zeiten die Konstellationen am Himmel, ins- 
besondere die Planetenkonstellationen, aus denen man in ihrer Wie- 
derholung oder variierten Wiederholung erkannte, wie die Dinge in 
Vorzeiten waren. So dafi eigentlich fur die Bildung des aufieren 
lokalisierten Gedachtnisses einer alteren Menschheit Himmel und 
Erde zusammenwirkten. 

Aber diese altere Menschheit war auch in ihrer ganzen mensch- 
heitlichen Konstitution anders beschaffen als die spatere oder gar als 
die Menschheit unserer Zeit. Die Menschheit unserer Zeit tragt in 
sich im Wachzustande das Ich und den astralischen Leib so unver- 
merkt im physischen Leibe, dafi die meisten Menschen ja eigentlich 
es nicht bemerken, wie dieser physische Leib, als eine viel bedeu- 
tungsvollere Organisation als er selbst ist, den astralischen Leib und 
die Ich-Organisation in sich tragt neben dem Atherleib. Sie kennen 



ja diese Zusammenhange. Eine altere Menschheit aber empfand den 
Tatbestand des eigenen Seins ganz anders. Und zu einer solchen 
Menschheit kehren wir noch zuriick, wenn wir in die friihere dritte 
nachatlantische Kulturperiode, in die agyptisch-chaldaische, zuriick- 
kehren. Da erlebte sich der Mensch als Geist und Seele im hohen 
Mafie noch auflerhalb seines physischen und Atherleibes, auch wenn 
er wach war. Er wufite zu unterscheiden: Das habe ich an mir als 
meinen Geist und meine Seele - Ich und astralischen Leib nennen 
wir es -, und das ist verbunden mit meinem physischen und meinem 
Atherleibe. Der Mensch ging als diese Zweiheit durch die Welt. Er 
nannte seinen physischen Leib und seinen Atherleib nicht Ich, son- 
dern er nannte Ich zunachst nur seinen Geist und seine Seele, das- 
jenige, was geistig war und was nach unten in einer gewissen Weise 
in Zusammenhang, aber in einem fur ihn merkbaren Zusam- 
menhang mit dem physischen und mit dem Atherleib war. Und in 
diesem Geist- Seelischen, in diesem Ich und astralischen Leib emp- 
fand der Mensch das Hereindringen der gottlich-geistigen Hierar- 
chien, so wie der Mensch heute das Hereindringen der Natursub- 
stanzen in seinen physischen Leib empfindet. 

In diesem physischen Leib empfindet ja der Mensch so, dafi er 
weifl, er nimmt mit der Nahrung, mit der Atmung die Substanzen 
der aufSeren Naturreiche auf. Die sind vorher drauften, dann in ihm. 
Die wirken so, dafi sie durch ihn durchgehen, Bestandteile von ihm 
werden. Dazumal wufite der Mensch, der eine gewisse Trennung 
seines Geist- Seelischen von seinem Physisch-Atherischen empfand, 
dafS Angeloi, Archangeloi bis hinauf zu den hochsten Hierarchien 
Geistig- Substantielles seien, das nun auch durch sein Geistig-See- 
lisches durchgeht, zu Bestandteilen, wenn ich mich so ausdriicken 
darf, von ihm wird. So dalS der Mensch in jedem Augenblicke 
seines Lebens sagen konnte: In mir leben die Gotter. - Und er fafite 
sein Ich nicht als von unten durch physische und atherische Sub- 
stanzen aufgebaut auf, sondern er fafite sein Ich als ihm durch 
Gnade geschenkt, von oben, von seiten der Hierarchien kommend, 
auf. Und gewissermafien wie eine Last, wie ein Vehikel, wie etwas, 
dessen er sich wie des Lebenswagens bediente, um vorwarts zu 



kommen in der physischen Welt, faftte er sein Physisch-Atherisches 
auf . Wenn man dies nicht in entsprechender Weise ins Seelenauge 
faftt, so versteht man eigentlich den historischen Hergang der 
Menschheitsentwickelung nicht. 

Nun konnten wir an verschiedenen charakteristischen Beispielen 
diesen historischen Hergang der Menschheitsentwickelung ver- 
folgen. Wir wollen heute gewissermafien einen Faden vor uns hin- 
stellen, einen Faden, den ich eben auch schon dazumal vor dreizehn 
Jahren beruhrt habe, indem ich ankniipfte dazumal an jenes histo- 
risch-sagenhafte Dokument, welches die alteste Phase jener Ent- 
wickelung darstellt, von der ich sprechen will, namlich das Gilga- 
mesch-Epos. Aber das Gilgamesch-Epos ist eben zum Teil sagen- 
haft, und ich werde den Vorgang, den ich, wie gesagt, vor dreizehn 
Jahren dargestellt habe, heute so darstellen, wie er sich aus dem gei- 
stigen Anschauen heraus unmittelbar ergibt. 

Da haben wir in einer Stadt Vorderasiens - Erek nennt sie das 
Gilgamesch-Epos - eine von jenen Eroberernaturen, von denen ich 
gestern gesprochen habe, die so recht herausgewachsen waren aus 
jenen Seelen- und sozialen Menschheitsverfassungen, die gestern 
charakterisiert worden sind. Gilgamesch nennt ihn das Epos. Also 
wir haben es da mit einer Personlichkeit zu tun, die in der Zeit, von 
der wir jetzt reden, ebenso beschaffen war, wie ich es nun charakte- 
risiert habe, die viele alte Menschheitseigentumlichkeken noch be- 
wahrt hatte aus friiheren Zeiten. Aber so klar es fur diese Personlich- 
keit in der damaligen Zeit war, daft sie gewissermafien die Doppel- 
heit ist zwischen dem Geistig-Seelischen, in das die Gotter herein - 
ragen, und dem Physisch-Atherischen, in das die Erden- und 
Kosmossubstanzen, die physischen und atherischen Substanzen 
hineinragen, so sehr ist auch dieses eine Tatsache, daft in der Zeit, in 
der diese Personlichkeit, von der das Gilgamesch-Epos spricht, lebte, 
gerade die charakteristischen Menschen, die reprasentativen Men- 
schen bereits in einer Ubergangsepoche zur spateren Menschheits- 
entwickelung standen. Und dieser Ubergang bestand darinnen, daft 
das Ich-Bewufttsein, das verhaltnismafiig kurz vorher beim Geistig- 
Seelischen oben war, wenn ich mich so ausdriicken darf, hinunter- 



gesenkt sich hatte in das Leiblich-Atherische, so dafi also Gilgamesch 
gerade unter denen war, die anfingen, nicht zu seinem Geistig- 
Seehschen, in dem die Gotter gefuhlt wurden, Ich zu sagen, sondern 
zu dem, was irdisch-atherisch an ihm war. Das war diese neue 
Seelenverfassung . 

Aber in diese Seelenverfassung, von der wir sagen konnen, es ist 
das Ich heruntergezogen aus dem Geistig-Seelischen, als bewufkes 
Ich heruntergezogen in das Leiblich-Atherische, in dieser Personlich- 
keit waren zugleich noch jene alten Gewohnheiten: jene alte Ge- 
wohnheit, vorzugsweise dasjenige nur gedachtnismafiig zu erleben, 
was im Rhythmus erlebt wurde, und es war jene innere Empfindung 
da, welche fuhlte, man mufi mit den Kraften des Todes bekannt 
werden, weil eigentlich nur die Krafte des Todes dasjenige ergeben, 
was den Menschen zur Besonnenhek bringt. Nun, gerade dadurch, 
daft man es in dieser Gilgamesch-Personlichkeit zu tun hat mit einer 
Seele, die dazumal schon durch viele Erdeninkarnationen gegangen 
war, aber in die neue Form des Menschendaseins, die so war, wie ich 
sie jetzt geschildert habe, eingetreten war, gerade dadurch war diese 
Personlichkeit, ich mochte sagen, in einem physischen Dasein, das 
eine gewisse Unsicherheit in sich trug. Die Berechtigung sozusagen 
der Eroberergewohnheiten und des rhythmischen Gedachtnisses 
fingen an, nicht mehr fur die Erde zu gelten. Und so waren die Er- 
lebnisse dieser Personlichkeit durchaus die Erlebnisse einer Uber- 
gangsepoche. 

Daher passierte es, daft, als diese Personlichkeit aus der alten Ge- 
wohnheit heraus eben gerade jene Stadt, die im Gilgamesch-Epos 
Erek genannt wird, durch Eroberung sich aneignete, daft Konflikte 
kamen in dieser Stadt. Zunachst wurde diese Personlichkeit nicht 
gern in der Stadt gesehen, wurde als Fremder empfunden, ware 
auch wohl allein mit all den Schwierigkeiten, die sich in der Stadt 
ergeben hatten, nicht zurechtgekommen. Da fand sich, weil das 
Schicksal sie dahin fuhrte, eine andere Personlichkeit - das Gilga- 
mesch-Epos nennt sie Eabani -, eine Personlichkeit, die verhaltnis- 
mafiig spat auf die Erde heruntergestiegen war aus jenem planeta- 
rischen Dasein, das ja die Erdenmenschheit eine Zeitlang gefuhrt 



hat in dem Sinne, wie ich das in meiner «Geheimwissenschaft» be- 
schrieben habe. Sie wissen ja: Nach und nach wahrend der atlan- 
tischen Zeit sind die Seelen heruntergekommen, die einen fruher, 
die anderen spater, nachdem sie sich in sehr friihen Zeiten der 
Erdenentwickelung von der Erde nach dem Kosmos auf verschiedene 
Planeten zuriickgezogen hatten. 

Wir haben es in Gilgamesch zu tun mit einer Personlichkeit, mit 
einer Individuality, die verhaltnismafiig friih zur Erde wieder zu- 
riickgezogen ist, also in der Zeit, von der ich spreche, viele Erdenin- 
karnationen erlebt hatte. Bei der anderen Personlichkeit, die nun 
auch nach jener Stadt hingezogen wurde, haben wir es zu tun mit 
einer solchen, die verhaltnismafiig lange im planetarischen Dasein 
geblieben war und sich spat erst wiederum auf die Erde begeben hat. 
Das ist ja von einem etwas anderen Gesichtspunkte in meinem Vor- 
tragszyklus, der vor dreizehn Jahren in Stuttgart gehalten worden ist 
iiber Geschichte vom Standpunkte der Geisteswissenschaft, zu lesen. 

Diese Personlichkeit nun, die kam in innige Freundschaft mit 
Gilgamesch, und zusammen konnten sie dann wirklich haltbare 
soziale Zustande in der Stadt Erek in Vorderasien herstellen. Das war 
namentlich dadurch moglich, daft dieser zweiten Personlichkeit 
verhaltnismafiig viel geblieben war von jenem Wissen, das durch 
wenige Erdeninkarnationen noch bewahrt geblieben war aus dem 
kosmischen Aufenthalte aufierhalb der Erde. Da war, wie ich schon 
damals in Stuttgart sagte, bei dieser Personlichkeit eine Art Hell- 
sichtigkeit, Hellhorigkeit, Hell-Erkenntnis vorhanden. Und aus dem 
Zusammenflusse desjenigen, was aus den alten Eroberergewohn- 
heiten und aus dem auf Rhythmus hinzielenden Gedachtnis bei der 
einen Personlichkeit vorhanden war, und aus dem Hineinschauen 
in die Weltengeheimnisse der anderen Personlichkeit erwuchs, so 
wie das ja in alteren Zeiten zumeist der Fall war, der Aufbau der 
sozialen Ordnung in jener Stadt Vorderasiens. Friede zog in diese 
Stadt ein, Gluck der Bewohner zog ein, und alles ware zunachst in 
Ordnung gewesen, wenn nicht ein bestimmtes Ereignis eingetreten 
ware, das den ganzen Lauf der Tatsachen in einer anderen Weise 
wiederum orientiert hat. 



Da war in jener Stadt eine Art Mysterium, das Mysterium einer 
Gottin, und dieses Mysterium bewahrte aufierordentlich viele Ge- 
heimnisse der Welt. Aber es war im Sinne der damaligen Zek eine 
Art, ich mochte sagen, synthetischen Mysteriums, das heifit, da 
waren gesammelt in diesem Mysterium die verschiedensten Myste- 
rienoffenbarungen Asiens. Und zu den verschiedenen Zeiten 
wurden die Mysteriengehalte in einer variierten, metamorphosierten 
Weise dort gepflegt und gelehrt. Das verstand zunachst diejenige 
Personlichkeit, die im Epos den Namen Gilgamesch tragt, nicht, 
klagte an diese Mysterienstatte, daft sie Widerspruchsvolles lehre. 
Und dadurch, daft von maftgebender Seite - denn die beiden Per- 
sonlichkeiten, von denen ich spreche, waren ja diejenigen, die 
eigentlich der ganzen Stadt die Ordnung und die Verwaltung 
gaben -, dadurch, daft von einer so bedeutungsvollen Stelle das 
Mysterium angeklagt wurde, ergaben sich Schwierigkeiten, die zu- 
letzt dazu fuhrten, daft die Mysterienpriester sich an diejenigen 
Machte wandten, an die man sich eben in den alten Mysterien 
wenden konnte. Sie werden ja heute sich nicht verwundern, daft 
man sich in den alten Mysterien wirklich an die geistigen Wesen- 
heiten der hoheren Hierarchien wenden konnte, da ich Ihnen doch 
gestern gesagt habe: Asien war in alten orientalischen Zeiten ja 
eigentlich nur der unterste Himmel, und in diesem untersten 
Himmel wufite man die gottlich-geistigen Wesen gegenwartig und 
verkehrte mit ihnen. - Dieser Verkehr wurde insbesondere in den 
Mysterien gepflegt. Und so wandte sich denn die Priesterschaft der 
Ischtarmysterien an diejenigen geistigen Machte, an die sie sich sonst 
immer gewendet hatte, wenn sie Erleuchtungen wollte, und da kam 
denn das zustande, daft diese geistigen Machte eine gewisse Strafe 
tiber die Stadt verhangten. 

Man druckte das dazumal so aus, daft man sagte: Etwas, was 
eigentlich eine hohere geistige Kraft ist, wirkt in Erek als tierische 
Gewalt, als gespensterhafte tierische Gewalt. - Es kam allerlei iiber 
die Bewohner, physische Krankheiten, aber namentlich seelische 
Zerriittungen. Und die Folge davon war, daft die eine Personlich- 
keit, die sich zu Gilgamesch geschlagen hat, die im Epos Eabani 



genannt wird, infolge dieser Schwierigkeiten starb, aber eigentlich 
zur Fortsetzung der Mission der anderen Personlichkeit auf Erden 
auch nach dem Tode geistig bei dieser Personlichkeit verblieb. So 
dafi wir also die spatere Lebenszeit, die spatere Entwickelung jener 
Personlichkeit, die im Epos den Namen Gilgamesch tragt, so auf- 
zufassen haben, daft auch weiterhin ein Zusammenwirken ist 
zwischen den zwei charakterisierten Personlichkeiten, aber so, daft 
Eingebungen, Erleuchtungen des Gilgamesch von seiten des Eabani 
in der Folgezeit stattfanden, so daft Gilgamesch allein fortdauernd 
handelte nicht nur aus seinem eigenen Willen heraus, sondern aus 
dem Willen der beiden, aus dem Zusammenflusse des Willens der 
beiden. 

Damit habe ich Ihnen wieder etwas hingestellt, was in diesen 
alten Zeiten durchaus eine Moglichkeit war. So eindeutig war das 
menschliche Gemiit nicht in jener alten Zeit, wie es heute ist. Daher 
konnte es auch in dem Sinne nicht das Erlebnis der Freiheit geben 
wie heute. Es konnte durchaus entweder ein geistiges Wesen, das 
niemals auf Erden sich verkorpert hatte, durch den Willen einer 
irdischen Personlichkeit wirken, oder es konnte, wie es ja bei Gilga- 
mesch der Fall war, eine Personlichkeit, die schon durch den Tod 
gegangen war, die ein Postmortem-Leben fuhrte, durch den Willen 
einer Personlichkeit auf Erden sprechen, handeln. Und so war es bei 
Gilgamesch. Und aus dem, was sich auf diese Weise aus dem 
Zusammenflusse der zwei Willen ergab,'stieg in Gilgamesch vor 
alien Dingen eine ziemlich klare Erkenntnis davon auf, in welcher 
historischen Lage er sich eigentlich befand. Er fing an, gerade 
durch den Einfluft des ihn inspirierenden Geistes zu wissen, daft das 
Ich sich heruntergesenkt hat in den sterblichen physischen und in 
den Atherleib, und es fing fur Gilgamesch an, das Problem der Un- 
sterblichkeit eine intensiv starke Rolle zu spielen. Alle seine Sehn- 
sucht ging darauf hin, irgendwie hinter dieses Problem der Unsterb- 
lichkeit zu kommen. Die Mysterien, die dasjenige bewahrten, was 
liber Unsterblichkeit auf Erden in der damaligen Zeit zu sagen war, 
die offneten sich zunachst Gilgamesch nicht. Diese Mysterien hatten 
ja noch die Tradition und aus den Traditionen heraus auch zum 



grolten Teil die lebendige Erkenntnis, die vorhanden war, wahrend 
auf der Erde die Urweisheit in der alten atlantischen Zeit waltete. 

Aber die Trager dieser Urweisheit, die einstmals auf der Erde 
wandelten als geistige Wesenheiten, sie hatten sich langst zuriick- 
gezogen und die kosmische Kolonie des Mondes gegrundet. Denn es 
ist die reine Kinderei, zu meinen, dafs der Mond der starre, erfrorene 
Korper sei, als den ihn die heutige Physik schildert. Der Mond ist 
der Weltaufenthalt vor alien Dingen derjenigen geistigen Wesen- 
heiten, welche die ersten groften Lehrer der Erdenmenschheit waren, 
die der Erdenmenschheit einstmals die Urweisheit gebracht haben 
und die sich, bald nachdem der Mond als physischer Weltenkorper 
die Erde verlassen und seinen eigenen Ort im Planetensystem ein- 
genommen hat, nach diesem Monde zuriickgezogen haben. Der- 
jenige, der heute durch imaginative Erkenntnis die Moglichkeit hat, 
den Mond wirklich kennenzulernen, lernt auch noch in dieser kosmi- 
schen Kolonie jene geistigen Wesenheiten kennen, die einstmals die 
Lehrer der Urweisheit der Menschheit auf der Erde waren. Was diese 
einst gelehrt hatten, aber auch jene Impulse, durch die man selbst 
in einer gewissen Beziehung zu dieser Urweisheit kommen kann, 
bewahrten die Mysterien. Allein eine rechte Verbindung zwischen 
diesen Mysterien Vorderasiens zum Beispiel und der Personlichkeit, 
die im Epos Gilgamesch genannt wird, gab es nicht. Aber durch den 
ubersinnlichen Einflufi des Freundes, der im Postmortem-Zustande 
mit Gilgamesch vereinigt war, kam der innere Drang in Gilgamesch, 
Wege in der Welt aufzusuchen, durch die er imstande sein konne, 
etwas liber die Unsterblichkeit der Seele zu erfahren. 

Im Mittelalter ist es ublich geworden, wenn man etwas iiber die 
geistige Welt erfahren wollte, sich in das Innere des Menschen zu 
versenken. In der neueren Zeit ist nun, ich mochte sagen, ein noch 
innerlicherer Vorgang ublich. Aber in jenen alteren Zeiten, von 
denen ich jetzt spreche, wufate man ganz genau: Die Erde ist nicht 
jener Gesteinsklotz, als den ihn etwa die heutige Geologie be- 
schreibt, sondern die Erde ist ein lebendig beseeltes, geistiges 
Wesen. - Und so wie etwa ein kleines Tier, wenn es iiber den Men- 
schen lauft, den Menschen kennenlernen kann, indem es iiber die 



Nase lauft, iiber die Stirne lauft, durch die Haare lauft und durch 
diese Reise sein Wissen erwirbt, so war es in der damaligen Zeit, 
dafl der Mensch, indem er sich auf die Wanderung iiber die Erde 
machte, die Erde in ihren verschiedenen Konfigurationen an ver- 
schiedenen Orten kennenlernte und dafi er dadurch Einblicke 
gewann in die geistige Welt. Er gewann sie, ob ihm nun der Zugang 
zu den Mysterien gestattet war oder nicht, er gewann sie. Und es ist 
wirklich keine Aufierlichkeit, dafi von Pythagoras und ahnlichen 
Leuten erzahlt wird, da£ sie zur Erwerbung ihrer Erkenntnisse eben 
grofie Wanderungen machten. Man ging die Erde ab, um in der 
Mannigfaltigkeit ihrer Konfigurationen dasjenige aufzunehmen, 
was aus der verschiedenen Gestaltung der geistig-seelisch-physischen 
Erde an verschiedenen Orten dieser Erde zu beobachten war. Heute 
konnen die Menschen nach Afrika, nach Australien reisen, sie 
erleben ja doch mit Ausnahme der Aufterlichkeiten, die sie an- 
glotzen, nicht viel anderes, als was sie zu Hause auch erleben. Denn 
fur die radikalen Verschiedenheiten, die da bestehen zwischen ver- 
schiedenen Erdenflecken, ist eben die menschliche Empfanglichkeit 
erstorben. In der Zeit, von der ich jetzt spreche, war sie nicht er- 
storben. Und so bedeutete schon der Drang, durch eine Wanderung 
iiber die Erde hin etwas zu bekommen fur die Losung des Problems 
der Unsterblichkeit, fur Gilgamesch etwas sehr Bedeutsames. 

Und so trat er denn diese Wanderung an. Diese Wanderung war 
fur ihn von einem immerhin sehr, sehr bedeutenden Erfolge. Er traf 
in einer Gegend, die etwa in demselben Gebiete liegt, von dem in 
der neueren Zeit viel die Rede war, das aber in bezug auf seine 
sozialen Zustande natiirlich sich sehr geandert hat, er traf in dem 
Gebiete des sogenannten Burgenlandes, iiber das gestritten worden 
ist, ob es zu Zisleithanien oder zu Ungarn gehoren sollte, in einem 
Gebiet also des Burgenlandes, ein altes Mysterium. Der Ober- 
priester dieses Mysteriums wird im Gilgamesch-Epos Xisuthros ge- 
nannt. Er traf ein altes Mysterium, das eine echte Mysterien -Nach- 
form der alten atlantischen Mysterien war, natiirlich in einer Meta- 
morphose, wie das in einer so spaten Zeit der Fall sein konnte. 

Und in der Tat, in dieser Mysterienstatte wufite man die Erkennt- 



nisfahigkeit des Gilgamesch zu beurteilen, zu wiirdigen. Man wollte 
ihm entgegenkommen. Es wurde ihm eine Priifung auferlegt, die 
dazumal vielen Schiilern der Mysterien auferlegt worden ist. Die 
Priifung bestand darin, gewisse Exerzitien zu machen bei vollem 
Wachsein durch sieben Tage und sieben Nachte. Das ging fur ihn 
nicht. Und so unterwarf er sich denn nur dem Surrogat einer solchen 
Priifung. Und dieses Surrogat bestand darin, dalS ihm gewisse Sub- 
stanzen zubereitet wurden, die er in sich aufnahm und durch die er 
in der Tat eine gewisse Erleuchtung bekam, wenn auch, wie es auf 
diesem Felde immer der Fall ist, wenn nicht gewisse Ausnahme- 
bedingungen garantiert sind, diese in gewissem Sinne zweifelhaft 
waren. Aber eine gewisse Erleuchtung war nun bei Gilgamesch vor- 
handen, eine gewisse Einsicht in die Weltenzusammenhange, in das 
geistige Gefuge der Welt. So dafi, als Gilgamesch diese Wanderung 
vollendet hatte und wiederum zuriickkehrte, in ihm in der Tat eine 
hohe geistige Einsicht vorhanden war. 

Er wanderte etwa die Donau entlang, siidwarts der Donau ent- 
lang wiederum zuriick in seinen Heimatort, in seinen gewahlten 
Heimatort. Aber bevor er in diesem Heimatort ankam, unterlag er, 
weil er eben nicht in der anderen Weise, die ich geschildert habe, 
sondern in jener etwas schwierigen Weise die Einweihung in das 
nachatlantische Mysterium erhalten hatte, er unterlag der ersten 
Versuchung, einer furchtbaren Zornanwandelung iiber ein Ereignis, 
das ihn traf, eigentlich etwas, das er horte von dem, was in der Stadt 
vorging. Er horte es, bevor er in der Stadt anlangte. Eine furchtbare 
Zornaufwallung iiberkam ihn, und durch diese Zornaufwallung 
wurde fast vollstandig die Erleuchtung verdunkelt, so dalS er ohne 
diese ankam. 

Dennoch aber, und das ist das Eigentiimliche dieser Personlich- 
keit, bestand ja die Moglichkeit fort, im Zusammenhange mit dem 
verstorbenen Freunde, mit dem Geiste des verstorbenen Freundes in 
die geistige Welt hineinzublicken oder wenigstens Mitteilungen zu 
bekommen von der geistigen Welt. Nun ist es aber doch einanderes, 
durch eine Initiation unmittelbar hineinzuschauen in die geistige 
Welt oder Mitteilungen zu bekommen von einer Personlichkeit, die 



im Postmortem-Zustande ist. Man kann aber doch sagen: Etwas von 
einer Einsicht in das Wesen der Unsterblichkeit ist bei Gilgamesch 
geblieben. - Und ich sehe jetzt ab von dem, was danndurchgemacht 
wird nach dem Tode; diese Ereignisse, die da durchgemacht werden, 
die spielen ja in das Bewufttsein nachster Inkarnationen, heute und 
damals, noch nicht sehr stark hinein: in das Bewufttsein! In das 
Leben, in die innere Konstitution gewift sehr stark, aber nicht in 
das Bewufttsein. 

Sehen Sie, da habe ich Ihnen zwei Personlichkeiten geschildert, 
die miteinander zum Ausdrucke bringen die menschliche Geistes- 
verfassung in der dritten nachatlantischen Kulturperiode, ungefahr 
in ihrer Mitte, die durchaus noch so lebten, daft an der Art ihres 
Lebens stark bemerkbar war, wie der Mensch aus einer Zweiheit be- 
steht. Denn der eine, Gilgamesch, war sich ja dieser Zweiheit 
bewuftt, wenn er auch einer der ersten war, die es durchgemacht 
hatten, daft das Ich-Bewufttsein sich heruntergesenkt hat, das Ich 
sich heruntergesenkt hat in das Physisch-Atherische. Der andere hat, 
weil er wenige Inkarnationen auf der Erde mitgemacht hatte, eine 
Hell-Erkenntnis gehabt, wodurch er uberhaupt die Einsicht hatte, 
daft es Materie, Stoff, ja gar nicht gibt, daft alles geistig ist, daft das 
sogenannte Stoffliche nur eine andere Form des Geistigen ist. 

Sie konnen sich ja vorstellen: alles das, was der Mensch heute 
denkt und empfindet, konnte er ja bei einer solchen Konstitution 
seines Wesens selbstverstandlich nicht denken und empfinden. Sein 
ganzes Denken und Empfinden war eben anders. Und was an solche 
Personlichkeiten herankommen konnte, war naturlich nicht unser 
heutiges Schulmaftiges, weder etwas, das dem heutigen Volks- 
schulmaftigen noch dem hoheren Schulmaftigen ahnlich war, son- 
dern alles, was geistig, kulturell, zivilisatorisch an die Menschen 
herankam, flofi ja aus den Mysterien heraus, kam in irgendeiner 
Weise zur Mitteilung durch allerlei Kanale in die breitesten Massen 
der Menschen. Aber die eigentlichen Pfleger waren die Priester- 
weisen in den Mysterien. 

Nun war das Eigentiimliche bei beiden Personlichkeiten, von 
denen ich spreche, daft sie in jener Inkarnation, die ich eben geschil- 



dert habe, durch ihre besondere Seelenart den Mysterien, gerade 
den Mysterien ihrer Umgebung nicht nahestehen konnten. Der- 
jenige, der im Gilgamesch-Epos Eabani genannt wird, er stand nahe 
den Mysterien durch seine aufterirdischen Aufenthalte; derjenige, 
der Gilgamesch genannt wird, hat eine Art Initiation erlebt in einem 
nachatlantischen Mysterium, die aber nur halbe Frikhte in ihm ge- 
tragen hat. Aber all das wirkte so, daft wie im eigenen Sein dieser 
Personlichkeiten etwas gefuhlt wurde von ihnen, das sie ahnlich 
machte der menschlich irdischen Vorzeit. Beide konnten sich sagen: 
Wie sind wir denn geworden? Was haben wir denn mitgemacht mit 
der Erdenentwickelung? Wir sind ja so, wie wir sind, eben durch die 
Erdenentwickelung geworden. Was haben wir denn da mitgemacht? 

Die Unsterblichkeitsfrage, an der Gilgamesch gelkten, mit der er 
gerungen hat, die hing ja dazumal gerade durch das, was in den 
menschlichen Seelen war, mit notwendigen Einsichten uber die 
irdische vorzeitliche Entwickelung zusammen. Und man konnte 
eigentlich iiber die Unsterblichkeit der Seele nicht im damaligen 
Sinne denken oder empfinden, wenn man nicht zu gleicher Zeit 
eine gewisse Einsicht davon hatte, wie die Seelen der Menschen, die ja 
auch bei den uraltesten Entwickelungsphasen der Erde, wahrend des 
Monden- und Sonnenzustandes und so weiter schon dabei waren, das- 
jenige, was dann irdisch geworden ist, an sich haben herankommen 
sehen. Man fuhlte, man gehort zur Erde dazu; man muft, um sich sel- 
ber zu erkennen, seinen Zusammenhang mit der Erde durchschauen. 

Nun waren die Geheimnisse, die in alien asiatischen Mysterien 
gepflogen wurden, in erster Linie kosmische Mysterien, die gerade 
den Hergang der Erdenentwickelung im Zusammenhange mit dem 
Kosmos zu ihrem Lehr- und Weisheitsinhalte hatten. Es trat in 
diesen Mysterien in einer ganz lebendigen Weise, so daft es im 
Menschen zu Ideen werden konnte, vor die Menschen hin eineUber- 
schau von dem, wie die Erde sich entwickelt hat und wie in dem 
Wellen und Wogen der Substanzen und Krafte der Erde durch 
Sonnen-, Monden- und Erdenzeit der Mensch sich mit all diesen 
Substanzen entwickelt hat. Das wurde in aller Lebendigkeit vor- 
gefuhrt. 



Eines derjenigen Mysterien, in denen solche Dinge vorgefuhrt 
wurden, hatte sich erhalten bis in sehr spate Zeiten. Es ist die Myste- 
rienstatte von Ephesus, die Mysterienstatte der Artemis von Ephe- 
sus. Diese Mysterienstatte von Ephesus, sie war ja so, daft sie in 
ihrem Mittelpunkte das Bildnis der Gottin Artemis hatte. Wenn 
heute einer die Nachbildungen der Gottin Artemis von Ephesus an- 
schaut, so hat er nur die groteske Empfindung einer Frauengestalt 
mit lauter Briisten, weil er keine Ahnung hat, wie solche Sachen in 
alten Zeiten erlebt worden sind. Auf das Erleben dieser Dinge kam 
es ja in alten Zeiten an. Die Schiiler der Mysterien hatten Vorberei- 
tungen durchzumachen, durch die sie dann zum eigentlichen 
Zentrum der Mysterien getuhrt wurden. Das Zentrum dieser ephesi- 
schen Mysterien war dieses Artemisbildnis. Wenn sie zu diesem 
Zentrum gefuhrt wurden, so wurden sie eins mit einem solchen 
Bildnis. Der Mensch horte auf, indem er vor diesem Bildnis stand, 
das Bewufttsein zu haben, er sei irgend etwas da in seiner Haut 
drinnen. Er bekam das Bewufttsein, daft er das ist, was das Bild ist. 
Er identifizierte sich mit dem Bilde. Und dieses Sich-Identifizieren 
im Bewufttsein mit dem Gotterbilde zu Ephesus, das hatte die 
Wirkung, daft man nun nicht mehr hinschaute auf die Reiche der 
Erde, die einen umgaben, auf Steine, Baume, Fliisse, Wolken und 
so weiter, sondern indem man sich hineinfuhlte in das Bildnis der 
Artemis, bekam man innerlich die Anschauung seines Zusammen- 
hanges mit den Atherwelten. Man fiihlte sich eins mit der Sternen- 
welt, mit den Vorgangen in der Sternenwelt. Man fiihlte nicht die 
irdische Substantiality innerhalb der menschlichen Haut, man 
fiihlte sein kosmisches Dasein. Man fiihlte sich im Atherischen. 

Und durch dieses Sich-Fiihlen im Atherischen ging einem auf, 
was fruhere Zustiinde des Erdenerlebens des Menschen waren und 
des Erdenerlebens an sich. Heute schauen wir die Erde so an, daft 
sie, wie gesagt, eine Art Gesteinsklotz ist, der die Gewasser tragt 
iiber einen groften Teil seiner Oberflache hin, der umgeben ist von 
einem Luftkreis, in dem Sauerstoff und Stickstoff und andere Stoffe 
sind, in dem vor alien Dingen das ist, was der Mensch zum Atmen 
braucht und so weiter. Und wenn die Menschen heute in dem, was 



gebrauchliche Naturerkenntnisse sind, zu spekulieren, zu beobach- 
ten, die Beobachtung zu deuten anfangen - dann kommt schon 
etwas Rechtes heraus! Denn dasjenige, was diesen heutigen 
Zustanden in uraltesten Zeiten vorangegangen ist, das kann nur 
durch Geistesschau erlangt werden. Aber ein solches Geistesschauen 
iiber Urzustande der Erde und der Menschheit ging den Schiilern 
von Ephesus auf, wenn sie sich mit dem Gotterbilde identifizierten, 
und sie lernten erkennen, wie dasjenige, was heute Atmosphare um 
die Erde ist, einst nicht so war, wie es jetzt ist, sondern wie das, was 
da vorhanden war in dieser Erdenumgebung an der Stelle, wo heute 
die Atmosphare ist, wie das aufierordentlich feines, fliissig-fluchtiges 
Eiweifi war, Eiweiflsubstanz. So dafi alles, was auf der Erde lebte, zu 
seiner Entstehung die Krafte dieser iiber die Erde hin fluchtig- 
fliissigen Eiweifisubstanz brauchte und auch in dieser lebte. Und 
man schaute an, wie dasjenige, was in dieser Eiweifisubstanz schon 
in einem gewissen Sinne da war, fein verteilt, aber durchaus mit der 
Tendenz, iiberall zu kristallisieren (siehe Zeichnung, rotlich), was da 
in fein verteiltem Zustande als Kieselsaure war, eine Art Sinnesorgan 
der Erde darstellte, das die Imaginationen, die Einfliisse iiberall vom 
Kosmos her in sich aufnahm. So dafi man in dem Kieselsauregehalt 



der irdisch-eiweiftartigen Atmosphare iiberall reale, aufterlich vor- 
handene Imaginationen hatte. 

Diese Imaginationen hatten die Form von riesigen pflanzlichen 
Organismen, und aus dem, was sich als Imaginationen dem Ir- 
dischen einbildete, entwickelte sich ja spater dutch Aufnahme der 
atmospharischen Substanz das Pflanzliche, zuerst in einer flikhtig- 
fliissigen Form im Umkreis der Erde. Spater erst senkte es sich in den 
Boden ein und wurde das spatere Pflanzliche. Und aufter dem 
Kieselsaurehaltigen war in diese Albuminatmosphare eingebettet 
Kalkiges in feiner Verteilung. Aus dem Kalkigen heraus entstand 
wiederum unter dem Einflusse der Gerinnung dieses Eiweifies das 
Tierische. Und der Mensch fuhlte sich in alledem darinnen. Der 
Mensch fuhlte, er war in den Urzeiten eins mit der ganzen Erde. Er 
lebte in dem, was sich in der Erde als Pflanzen bildete durch Ima- 
gination, er lebte in dem, was sich im Irdischen als Tierisches 
bildete, so wie ich es eben jetzt geschildert habe. Jeder Mensch 
empfand sich im Grunde genommen als ausgedehnt iiber die ganze 
Erde, als eins mit der Erde. So daft die Menschen, wie ich es in be- 
zug auf das menschliche Ideenvermogen in meinem Buche «Das 
Christentum als mystische Tatsache» fur die Platonische Lehre noch 
dargestellt habe, ineinandersteckten. 

Sehen Sie, das Schicksal ergab, daft jene beiden Personlichkeiten, 
von denen ich in Stuttgart damals gesprochen habe, jetzt wieder 
spreche, wiederum verkorpert waren als Angehorige des ephesischen 
Mysteriums und da das, was ich nunmehr skizziert habe, innig in 
ihre Seelen aufnahmen. Dadurch wurde in einer gewissen Weise ihr 
Seelisches innerlich konsolidiert. Sie nahmen als Erdenweisheit jetzt 
durch das Mysterium auf, was ihnen fruher nur im Erlebnis, aber 
zum gr often Teil im unbewuftten Erlebnis zuganglich war. Dadurch 
war also auf zwei voneinander getrennte Inkarnationen das Erleben 
des Menschlichen bei diesen Personlichkeiten verteilt. Dadurch aber 
trugen sie in sich ein starkes Bewufttsein der Zusammengehorigkeit 
des Menschen mit der oberen, mit der geistigen Welt, aber zugleich 
ein starkes, ein intensives Empfindungsvermogen fur alles das, was 
irdisch ist. 



Denn sehen Sie, wenn einem bei zwei Dingen diese zwei Dinge 
immer durcheinanderflieflen, wenn man sie nicht auseinanderhalten 
kann, dann verschwimmen sie ineinander; wenn sie sich aber deut- 
lich unterscheiden, dann kann man jedes an dem anderen beurteilen. 
Und so konnten denn diese beiden Personlichkeiten auf der einen 
Seite das aus dem Leben heraus folgende Geistige der oberen Welt, 
das in ihnen lebte als Nachklang der fruheren Inkarnationen, beur- 
teilen. Und jetzt, da ihnen die Sache im Mysterium iiberliefert 
wurde, im ephesischen Mysterium unter dem Einflusse der Gottin 
Artemis, jetzt konnten sie beurteilen, wie die Dinge auf der Erde 
aufier dem Menschen entstanden sind, wie allmahlich das Aufa- 
menschliche auf Erden sich herausgebildet hat aus einem urspriing- 
lichen Substantiellen, das den Menschen mitumfafke. Dadurch 
wurde das Leben gerade dieser Personlichkeiten, das zum Teil noch 
in die letzte Zeit fallt, in der Heraklit in Ephesus lebte, dann aber in 
die spatere Zeit, es wurde das Leben dieser Personlichkeiten ein 
besonders innerlich reiches, ein innerlich von Weltengeheimnissen 
stark durchzucktes. Und es entstand auch ein starkes Bewufitsein 
davon, wie der Mensch in seinem Seelenleben zusammenhangen 
kann nicht blofi mit dem, was sich horizontal auf der Erde aus- 
breitet, sondern mit dem, was nach oben sich breitet, wenn der 
Mensch seine Wesenheit nach oben dehnt. Und diese innere Seelen- 
konfiguration, die diese beiden Personlichkeiten, die miteinander 
gewirkt hatten in der alteren agyptisch-chaldaischen Periode, die 
dann miteinander gelebt haben zur Zeit des Heraklit also, konnte 
man sagen, aber noch etwas spater, im Zusammenhange mit dem 
ephesischen Mysterium, es konnte dieses Zusammenwirken sich nun 
fortsetzen. Die Seelenkonfiguration, die sich bei beiden ausgebildet 
hatte, die ging ja dann durch den Tod, ging durch die geistige Welt 
durch und bereitete sich zu einem Erdenleben vor, von dem aus im 
Grunde genommen vieles zum Problem werden mulke, auf ver- 
schiedene Art natiirlich zum Problem werden mufite. Und gerade an 
der Art und Weise, wie sich diese beiden Personlichkeiten in den 
historischen Gang der Erdenentwickelung hineinstellen mufiten, 
sieht man, wie durch die Erlebnisse der Seelen aus fruheren Zeiten, 



die sich dann karmisch in die spateren Erdenleben hinein fortsetzen, 
wie die Dinge sich vorbereiten, die dann im spateren Leben in ganz 
anderen Metamorphosen der Einverleibung in die Erdenmensch- 
heitsentwickelung erscheinen. 

Und ich fuhre dieses Beispiel aus dem Grunde an, weil diese 
beiden Personlichkeiten dann auftreten in einer auBerordentlich 
wichtigen Epoche der historischen Entwickelung, auf die ich dazu- 
mal in Stuttgart auch hingewiesen habe. Denn eigentlich habe ich 
diese Sachen alle schon von einem gewissen Gesichtspunkte vor drei- 
zehn Jahren besprochen. Diese Personlichkeiten, die also durch- 
gegangen waren durch ein weit ausgedehntes Weltenleben in der 
agyptisch-chaldaischen Epoche, die dann dieses Weltenleben inner- 
lich vertieft haben, so dafi sich ihre Seelen konsolidiert hatten in 
einer gewissen Weise, diese Personlichkeiten lebten in spateren 
Inkarnationen auf als Aristoteles und Alexander der Grofie. Und erst 
dann, wenn man diese Untergriinde in den Seelen von Aristoteles 
und Alexander dem Grofien ins Auge fafit, kann man, wie ich schon 
in Stuttgart in jenem historischen Kapitel dargestellt habe, ver- 
stehen, worinnen eigentlich das besteht, was dazumal auf eine so 
problematische Weise in diesen Personlichkeiten in der Dekadenz 
des Griechentums beim Ausgangspunkte der romisch-romanischen 
Herrschaft, was dann durch diese Personlichkeiten gewirkt hat. 
Davon wollen wir dann morgen im nachsten Vortrag weiter sprechen. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 27. Dezember 1923 



Es war gestern meine Aufgabe, an einzelnen Personlichkeiten zu 
zeigen, wie die weltgeschichtliche Entwickelung sich abspielt. Man 
kann, wenn man in geisteswissenschaftlicher Richtung vorwarts- 
schreiten will, auch gar nicht anders darstellen als so, dafi man die 
Folge der Ereignisse in ihrer Spiegelung in dem Menschen zeigt. 
Denn bedenken Sie, dafi nur unser Zeitalter aus Griinden, die wir 
noch im Verlauf dieser Vortrage besprechen werden, so geartet ist, 
dalS der Mensch sich abgeschlossen von der iibrigen Welt als ein 
einzelnes Wesen fiihlt. Alle vorangehenden Zei taker und auch alle 
folgenden Zeitalter, das mufi ausdriicklich betont werden, sind so, 
daft die Menschen sich fiihlten und fiihlen werden als Glied der 
ganzen Welt, als hineingehorig in die ganze Welt. Wie ich oftmals 
gesagt habe: So wie ein Finger an einem Menschen kein fur sich 
bestehendes Wesen sein kann, sondern nur am Menschen, wahrend 
er vom Menschen abgetrennt eben nicht mehr der Finger ist, 
sondern zugrunde geht, etwas ganz anderes ist, ganz anderen 
Gesetzen unterliegt als am Organismus, geradeso wie der Finger nur 
Finger ist in Verbindung mit dem Organismus, so ist der Mensch nur 
Wesen in irgendeiner Form, sei es in der Form des Erdenlebens, sei 
es in der Form des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Ge- 
burt, im Zusammenhange mit der ganzen Welt. - Aber das Bewuftt- 
sein davon war eben in friiheren Zeiten vorhanden, wird spater 
wieder vorhanden sein, ist nur heute getriibt, verdunkelt, weil, wie 
wir horen werden, der Mensch diese Vertrubung, Verdunkelung 
brauchte, um das Erlebnis der Freiheit in vollem Mafie in sich aus- 
bilden zu konnen. Und in je altere Zeiten wir zuriickkommen, um 
so mehr finden wir, wie die Menschen ein Bewufltsein ihrer Zusam- 
mengehorigkeit mit dem Kosmos haben. 

Nun habe ich Ihnen zwei Personlichkeiten dargestellt, die eine 
Gilgamesch genannt in dem bekannten Epos, die andere Eabani in 
demselben Epos, und ich habe Ihnen gezeigt, wie diese Personlich- 



keiten im alten chaldaisch-agyptischen Zeitraum auf die Art leben, 
wie man eben damals leben konnte, wie sie dann eine Vertiefung 
erfahren durch die ephesischen Mysterien. Und ich habe schon 
gestern darauf aufmerksam gemacht, wie dieselben Menschenwesen 
dann in die weltgeschichtliche Entwickelung hineingestellt sind in 
Aristoteles und Alexander. Aber damit wir vollig verstehen konnen, 
wie in jenen Zeiten, in denen sich das fur diese Personlichkeiten 
abspielte, was ich beschrieben habe, der Gang der Erdenentwicke- 
lung uberhaupt war, miissen wir noch genauer hineinschauen in 
dasjenige, was solche Seelen in diesen drei aufeinanderfolgenden 
Zeitpunkten in sich aufnehmen konnten. 

Ich habe Sie ja darauf aufmerksam gemacht, wie die hinter dem 
Namen Gilgamesch sich verbergende Personlichkeit einen Zug nach 
dem Westen unternimmt und immerhin eine Art westlicher nach- 
atlantischer Initiation durchmacht. Nun wollen wir uns, um das 
Spatere zu verstehen, eine Vorstellung davon bilden, wie eine solche 
spate Initiation war. Wir miissen da allerdings diese Initiation auf- 
suchen an derjenigen Statte, wo Nachklange der alten atlantischen 
Initiation lange Zeit bestehen blieben. Und das war der Fall bei den 
Mysterien von Hybernia, von denen ich ja zu den Freunden, die hier 
in Dornach sind, in der letzten Zeit schon gesprochen habe. Ich muft 
aber einiges von dem Besprochenen nachholen, damit wir das zum 
vollen Verstandnis bringen, was hier in Betracht kommt. 

Die Mysterien von Hybernia, die irischen Mysterien, haben ja 
lange Zeit bestanden. Sie haben bestanden noch zur Zeit der Be- 
griindung des Christentums, und sie sind diejenigen, welche von 
einer gewissen Seite her die alten Weisheitslehren der atlantischen 
Bevolkerung am treuesten bewahrt haben. Nun mochte ich Ihnen 
ein Bild geben zunachst iiber die Erlebnisse, die jemand hatte, der 
in die irischen Mysterien in der nachatlantischen Zeit eingeweiht 
worden ist. Derjenige, der diese Weihe, diese Initiation empfangen 
sollte, mulke dazumal in einer strengen Art vorbereitet werden, wie 
uberhaupt die Vorbereitungen in die Mysterien in alten Zeiten von 
einer aufierordentlichen Strenge waren. Der Mensch mufite eigent- 
lich innerlich in seiner Seelenverfassung, in seiner ganzen mensch- 



heitlichen Verfassung umgestaltet werden. Dann handelte es sich 
darum, daft bei den Mysterien von Hybernia der Mensch zunachst so 
vorbereitet wurde, daft er aufmerksam wurde, in starkcn inneren 
Erlebnissen aufmerksam wurde auf dasjenige, was triigerisch ist in 
dem den Menschen umgebenden Sein, in alien den Dingen, die den 
Menschen so umgeben, daft er ihnen zunachst der Sinneswahrneh- 
mung nach das Sein zuschreibt. Und der Mensch wurde ferner auf- 
merksam gemacht auf all die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die 
sich ihm gegeniiberstellen, wenn er nach der Wahrheit, nach der 
wirklichen Wahrheit strebt. Der Mensch wurde aufmerksam ge- 
macht, daft im Grunde genommen alles, was uns in der Sinneswelt 
umgibt, eine Illusion ist, daft die Sinne ein Illusionares geben und 
daft sich die Wahrheit verbirgt hinter der Illusion, daft also eigent- 
lich das wahre Sein vom Menschen durch die Sinneswahrnehmung 
nicht zu erreichen ist. 

Nun werden Sie sagen, das ist eine Uberzeugung, die Sie in Ihrer 
langen anthroposophischen Zeit ja schon immer hatten. Das wissen 
Sie ganz gut, werden Sie sagen. Aber jenes Wissen, das iiberhaupt in 
dem gegenwartigen Bewufttsein ein Mensch haben kann von dem 
illusionaren Charakter der sinnlichen Aufienwelt, das ist eben gar 
nichts gegen die inneren Erschiitterungen, gegen die innere Tragik, 
die durchgemacht wurde von den Menschen, die damals vorbereitet 
wurden fur die hybernische Einweihung. Denn wenn man so theo- 
retisch sich sagt: Alles ist Maja, alles ist Illusion -, so nimmt man das 
eigentlich sehr leicht. Aber die Vorbereitung der hybernischen 
Schiller wurde so weit getrieben, daft sie sich sagten: Es gibt keine 
Menschenmoglichkeit, durch die Illusion durchzudringen und zu 
dem wirklichen, wahrhaftigen Sein zu kommen. 

Die Schiiler wurden dadurch vorbereitet, daft sie sich, gewisser- 
maften zunachst aus Verzweiflung, innerlich seelisch zufrieden- 
stellten mit der Illusion. Sie kamen in die verzweiflungsvolle Stim- 
mung hinein, daft der illusionare Charakter ein so aufdringlicher, ein 
so gewaltiger ist, daft man iiber die Illusion iiberhaupt nicht hinaus- 
kommen kann. Und es gab im Leben dieser Schiiler immer wieder 
die Stimmung: Nun, dann mufi man eben in der Illusion bleiben -, 



das heifit aber: Dann mufi man den Boden unter den Fiifien ver- 
lieren, denn auf der Illusion ist nicht festzustehen. - Ja, von der 
Strenge der Vorbereitung in den alten Mysterien, von der macht 
man sich heute im Grunde kaum eine Vorstellung. Die Menschen 
schrecken eben zuriick vor demjenigen, was innere Entwickelung 
wirklich fordert. 

Und ebenso, wie es mit dem Sein und seinem illusionaren Cha- 
rakter war, so war es fur diese Schiiler mit dem Streben nach Wahr- 
heit. Und alles lernten sie kennen, was den Menschen verhindert in 
seinen Emotionen, in seinen dunklen, ihn iiberwaltigenden Emp- 
findungen und Gefiihlen, zur Wahrheit zu kommen, was triibt das 
klare Licht der Erkenntnis. So darl sie auch da wiederum in einen 
Zeitpunkt hineinkamen, in dem sie sich sagten: Wenn wir also nicht 
in der Wahrheit leben konnen, dann miissen wir eben im Irrtum, in 
der Unwahrheit leben! - Es heilk ja geradezu, seine Menschheit aus 
sich selber herausreifien, wenn man eine Zeit seines Lebens dazu 
kommt, zu verzweifeln an Sein und Wahrheit. 

Das alles war dazu da, damit der Mensch durch das Erleben des 
Gegenteiles von dem, was er zuletzt als das Ziel erreichen soil, 
diesem Ziele die richtig tiefe menschliche Empfindung entgegen- 
bringt. Denn wer nicht kennengelernt hat, was es heifit, mit Irrtum 
und Illusion zu leben, der weifi eben das Sein und die Wahrheit 
nicht zu schatzen. Und schatzen lernen sollten die Schiiler von 
Hybernia die Wahrheit und das Sein. 

Und dann, wenn die Schiiler solches durchgemacht hatten, wenn 
sie gewissermafien den Gegenpol absolviert hatten von dem, wozu 
sie zuletzt kommen mufken, dann wurden sie - und ich muft das, 
was nun geschah, in solcher Bildlichkeit darstellen, wie sie dazumal 
in der Tat in den hybernischen Mysterien real war - in eine Art 
Heiligtum gefiihrt, in dem zwei Bildsaulen waren, Bildsaulen von 
einer ungeheuer starken suggestiven Gewalt. Und die eine dieser 
Bildsaulen von gigantischer Grofie, sie war so, dafi sie innerlich hohl 
war; die Aultenflache, die den Hohlraum umgab, also die Gesamt- 
substanz, aus der die Bildsaule bestand, war ein durchaus elastischer 
Stoff, so dafi iiberall, wo man driickte, man hineindriicken konnte 



in die Bildsaule. Aber in dem Augenblicke, wo man mit dem 
Drucken nachliefi, da stellte sich die Form wieder her. Die ganze 
Bildsaule war so gemacht, daft vorzugsweise das Haupt ausgebildet 
war und daft man, indem man ihr entgegentrat, das Gefuhl 
hatte: vom Haupte aus strahlen die Krafte in den iibrigen kolos- 
salen Korper, denn den hohlen Innenraum sah man natiirlich 
nicht, nahm ihn nicht wahr, merkte ihn nur, wenn man driickte. 
Und man wurde angehalten zu drucken. Man hatte das Gefuhl, 
daft der ganze ubrige Korper aufier dem Kopfe von den Kraften 
des Kopfes ausgestrahlt wird, daft der Kopf alles tut an dieser 
Bildsaule. 

Ich gebe Ihnen gern zu, daft wenn ein heu tiger Mensch in der 
gegenwartigen Prosa des Lebens vor die Bildsaule hingefiihrt wurde, 
er ja auch kaum etwas anderes als Abstraktes empfinden wurde. 
Gewift, aber es ist eben etwas anderes, mit seinem ganzen Inneren, 
mit seinem Geist, mit seiner Seele, mit seinem Blute, mit seinen 
Nerven erlebt zu haben die Macht der Illusion und die Macht des 
Irrtums und dann die suggestive Gewalt einer solchen gigantischen 
Gestalt zu erleben. 

Diese Bildsaule hatte einen mannhchen Charakter. Neben ihr 
stand eine andere, die einen weiblichen Charakter hatte. Sie war 
nicht hohl. Sie war aus einem nicht elastischen, aber plastischen 
Stoff. Wenn man an ihr driickte - und man wurde wieder ange- 
halten, an ihr zu drucken -, zerstorte man die Form. Man grub ein 
Loch ein in den Korper. 

Aber nachdem der Schiiler an der einen Bildsaule erfahren hatte, 
daft durch Elastizitat sich alles wieder herstellte in der Form, nach- 
dem er an der anderen Bildsaule erfahren hatte, daft er sie deformiert 
hatte mit seinem Drucken, verliefi er nach einigem anderen, von dem 
ich gleich sprechen werde, den Raum, und er wurde erst wiederum 
in diesen Raum gefiihrt, wenn alle die Fehler, die Deformationen, 
die er vollbracht hatte an der plastischen, nicht elastischen Bildsaule, 
die einen weiblichen Charakter hatte, wieder ausgeglichen waren. Er 
wurde erst wiederum hineingefuhrt, wenn die Bildsaule intakt war. 
Und durch alle diese Vorbereitungen - ich kann die Sache nur 



skizzenhaft schildern -, die der Schiiler durchgemach hatte, bekam 
er bei der Bildsaule, die einen weiblichen Charakter hatte, in seinem 
ganzen Menschenwesen nach Geist, Seele und Leib ein inneres Er- 
lebnis. Dieses innere Erlebnis war ja auch schon friiher bei ihm vor- 
bereitet, aber es stellte sich in vollstem Mafie ein dutch die suggestive 
Wirkung der Bildsaule selber. Er bekam in sich ein Gefiihl einer 
inneren Erstarrung, einer inneren frostigen Erstarrung. Und diese 
frostige Erstarrung wirkte so in ihm, daft er seine Seele mit Imagina- 
tionen aufgefullt sah, und diese Imaginationen waren Bilder des 
Erdenwinters, Bilder, die darstellten den Erdenwinter. Also der 
Schiiler wurde dazu gefiihrt, von innen heraus das Winterliche zu 
schauen im Geiste. 

Bei der anderen Bildsaule, der mannlichen, war es so, daft der 
Schiiler etwas empfand, wie wenn all sein Leben, das er sonst in 
seinem ganzen Leibe hatte, in sein Blut ginge, wie wenn das Blut 
durchdrungen wiirde von Kraften und an die Haut driickte. 
Wahrend er also vor der einen Bildsaule glauben muftte, zum 
frostigen Skelett zu werden, muftte er vor der anderen Bildsaule 
glauben, daft sein ganzes inneres Leben in Hitze zugrunde gehe und 
er lebe in seiner ausgespannten Haut. Und dieses Erleben des 
ganzen Menschen, an dessen Oberflache gedriickt, das fiihrte den 
Schiiler dazu, die Einsicht zu bekommen, sich zu sagen: Du ver- 
spiirst dich, du empfindest dich, du erlebst dich so, wie du warest, 
wenn von allem im Kosmos allein die Sonne auf dich wirkte. - Und 
der Schiiler lernte auf diese Weise die kosmische Sonnenwirkung in 
ihrer Verteilung erkennen. Er lernte erkennen die Beziehung des 
Menschen zur Sonne. Und er lernte erkennen, daft der Mensch nur 
deshalb in Wirklichkeit nicht so ist, wie er sich jetzt unter der 
suggestiven Wirkung der Sonnenstatue vorkam, weil andere Krafte 
von anderen Weltenecken aus diese Wirkung modifizieren. In 
solcher Art lernte sich der Schiiler einleben in den Kosmos. Und 
wenn der Schiiler die suggestive Wirkung der Mondenstatue emp- 
fand, wenn er also innerlich das Frostige hatte der Erstarrung, die 
winterliche Landschaft erlebte - bei der Sonnenstatue erlebte er 
sommerliche Landschaft im Geiste, wie aus sich selbst erzeugt -, 



dann fiihlte der Mensch, wie er ware, wenn nur die Mondenwir- 
kungen da waren. 

Sehen Sie, in der Gegenwart, was weifi man denn eigentlich da von 
der Welt? Man weifi von der Welt, dafi die Zichorie blau ist, daft die 
Rose rot ist, der Himmel blau ist und so weiter. Aber das sind ja keine 
erschiitternden Eindriicke. Die berichten nur von dem Allernachsten, 
das in der menschlichen Umgebung ist. Der Mensch mufi in einem 
intensiveren Mafie mit seiner ganzen Wesenheit zum Sinnesorgan 
werden, wenn er die Geheimnisse des Weltenalls kennenlernen will. 
Und es wurde eben durch die suggestive Wirkung der Sonnenstatue 
sein Wesen in seinem ganzen Blutumlauf konzentriert. Der Mensch 
lernte sich als Sonnenwesen kennen, indem er diese suggestive 
Wirkung in sich erlebte. Und der Mensch lernte sich als Mondenwesen 
kennen, indem er die suggestive Wirkung der weiblichen Statue 
erlebte. Und dann konnte er aus diesen seinen inneren Erlebnissen 
heraus sagen, wie Sonne und Mond auf den Menschen wirken, so wie 
heute der Mensch nach dem Erlebnis seines Auges sagen kann, wie die 
Rose wirkt, nach dem Erlebnis seines Ohres, wie der Ton cis wirkt und 
so weiter. Und so erlebten die Schiiler dieser Mysterien noch in den 
nachatlantischen Zeiten das Eingegliedertsein des Menschen in den 
Kosmos. Das wurde fur sie eine unmittelbare Erfahrung. 

Nun, dasjenige, was ich Ihnen erzahlt habe, ist eine kurze Skizze 
dessen, was in ganz grandioser Weise bis in die ersten Jahrhunderte 
der christlichen Entwickelung herein an den Mysterien in Hyber- 
nia von den Schiilern erlebt worden ist als kosmisches Erlebnis, in- 
dem man an das Sonnen- und an das Mondenerlebnis herangefuhrt 
wurde. 

In ganz anderer Weise waren die Erlebnisse, welche die Schiiler 
durchzumachen hatten in den ephesischen, den kleinasiatischen 
ephesischen Mysterien. In diesen ephesischen Mysterien erlebte man 
in ganz besonders intensiver Weise mit seinem ganzen Menschen 
dasjenige, was dann spater einen paradigmatischen Ausdruck ge- 
funden hat in den Anfangsworten des Johannes -Evangeliums: «Im 
Urbeginne war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und ein Gott 
war das Wort.» 



In Ephesus wurde der Schiiler nicht vor zwei Statuen gefuhrt, 
sondern vor eine, vor die eine Statue, die ja bekannt ist als die 
Artemis von Ephesus. Und indem der Schiiler sich identifizierte mit 
dieser Statue, die voller Leben war, die iiberall von Leben strotzte, 
lebte sich der Schiiler in den Weltenather ein. Er hob sich hinaus mit 
seinem ganzen inneren Erleben und Empfinden vom blofien Erden- 
leben, er hob sich in das Erleben des Weltenathers hinein. Und ihm 
wurde das Folgende klar. Ihm wurde zunachst vermittelt, was 
eigentlich die menschliche Sprache ist. Und an der menschlichen 
Sprache, also dem menschlichen Abbild, dem menschlichen abbild- 
lichen Logos gegeniiber dem Welten-, dem kosmischen Logos, an 
dem wurde ihm klargemacht, wie das Weltenwort schopferisch 
durch den Kosmos webt und walk. 

Ich kann wiederum die Sache nur skizzieren. Sie ging so vor sich. 
Der Schiiler wurde besonders aufmerksam darauf gemacht, wirklich 
zu erleben, was da geschieht, wenn der Mensch spricht, wenn er 
dem Atmungsaushauch das Wort einpragt. Der Schiiler wurde zum 
Erleben dessen gefuhrt, wie dasjenige, was er da durch seine eigene 
innere Tat in Leben uberfiihrt, in dem luftigen Elemente geschieht, 
dafi aber mit dem, was im luftigen Elemente geschieht, zwei andere 
Vorgange verbunden sind. 

Stellen wir uns vor, dies sei der Aushauch (siehe Zeichnung, 
Tafel 6 rechter Teil, hellblau mit roter Linie), dem eingepragt wiirden ge- 
wisse Wortgebilde, die der Mensch spricht. Wahrend dieser Aus- 
hauch, zu Worten geformt, aus unserer Brust nach aufien stromt, 
geht nach unten die rhythmische Schwingung iiber in das ganze 
walkige, in das fliissige Element, das den menschlichen Organismus 
durchzieht (hell; Wasser). So dafi der Mensch beim Sprechen in der 
Hone seines Kehlkopfes, seiner Sprachorgane, die Luftrhythmen 
hat; parallel aber geht mit diesem Sprechen ein Durchwellen und 
Durchwogen des Flussigkeitsleibes in ihm. Die Fliissigkeit, die 
unterhalb der Sprachregion ist, kommt in Schwingungen, schwingt 
mit im Menschen. Und das ist es ja im wesentlichen, daft wir das, 
was wir sprechen, begleiten vom Fiihlen. Und wiirde nicht mit- 
schwingen das walkige Element im Menschen, die Sprache ginge 



neutral nach auften, gleichgiiltig nach auften; der Mensch wiirde 
nicht mitfuhlen mit dem Gesprochenen. Nach oben aber, nach dem 
Kopf, geht das Warmeelement (rot), und es begleiten die Worte, 
die wir dem Aushauche einpragen, die nach oben stromenden 
Warmewellen, die unser Haupt durchdringen und die da bewirken, 
daft wir die Worte mit Gedanken begleiten. So daft, wenn wir 
sprechen, wir es zu tun haben mit dreierlei: mit Luft, Warme, 
Wasser oder Flussigkeit. 




Tafel 6 



Dieser Vorgang, der erst ein Gesamtbild dessen gibt, was im 
menschlichen Sprechen webt und lebt, dieser Vorgang wurde zum 
Ausgangspunkt genommen bei dem Schuler von Ephesus. Und 
dann wurde ihm klargemacht, wie dieses, was da im Menschen sich 
abspielt, ein vermenschlichter Weltenvorgang ist, daft in einer ge- 
wissen alteren Zeit die Erde selber so gewirkt hat, daft in ihr nun 
nicht das luftformige, aber das waftrige, das ftussige Element (lin- 
ker Teil der Zeichnung, blau), jenes fliissige Element, von dem ich 



gestern gesprochen habe als fluchtig-flussiges Eiweifi, in einer 
solchen Wellenbewegung war. So wie dann im Menschen im Kleinen 
die Luft beim Aushauche ist, wenn er spricht, so war dereinst das die 
Erde als Atmosphare umgebende fluchtig-flussige Eiweifi. Und das 
ging dann uber, so wie hier das Luftformige in das Warmeelement, 
in eine Art Luftelement (links, hellblau), und unten in eine Art 
erdigen Elementes (hell). So daft, wie bei uns in unserem Korper 
durch das fliissige Element die Gefuhle entstehen, so entstanden in 
der Erde die Erdenbildungen, die Erdenkrafte, alles dasjenige, was 
in der Erde wirkt und wellt an Kraften. Und es entstand dariiber im 
luftigen Element dasjenige, was webende kosmische Gedanken sind, 
die da schaffend wirken im Irdischen. 

Das war ein majestatischer, gewaltiger Eindruck, den der Mensch 
in Ephesus bekam, wenn er aufmerksam darauf gemacht wurde, dafi 
in seiner Sprache der mikrokosmische Nachklang dessen lebt, was 
einmal makrokosmisch war. Und der Schiiler von Ephesus fuhlte, 
indem er sprach, in dem Erlebnis des Sprechens eine Einsicht in das 
Wirken des Weltenwortes, wie es einstmals sinnvoll das fliissig- 
fluchtige Element bewegte, wie es oben gren2te an die schaffenden 
Weltengedanken, unten an die entstehenden Erdenkrafte. 

So lebte sich der Schiller ein in das Kosmische, indem er in rich- 
tiger Weise sein eigenes Sprechen verstehen lernte: In dir ist der 
menschliche Logos. Der menschliche Logos wirkt aus dir wahrend 
deiner Erdenzeit, und du bist als Mensch der menschliche Logos. - 
Denn in der Tat, durch dasjenige, was nach unten stromt im 
fliissigen Elemente, werden wir als Mensch geformt aus der Sprache 
heraus; durch dasjenige, was nach oben stromt, haben wir unsere 
menschlichen Gedanken wahrend unserer Erdenzeit. - Aber ebenso, 
wie in dir das Menschlichste der mikrokosmische Logos ist, so war 
einstmals der Logos im Urbeginn und war bei Gott und war selber 
ein Gott. 

Das wurde in Ephesus griindlich, weil durch den Menschen und 
am Menschen selber, verstanden. 

Sehen Sie, wenn Sie sich nun solch eine Personlichkeit anschauen 
wie diejenige, die sich hinter dem Namen Gilgamesch verbirgt, 



dann mussen Sie das Gefiihl bekommen, daft diese ja lebte in dem 
ganzen Milieu, in dcr ganzen Umgebung, die ausstrahlte von den 
Mysterien. Denn alle Kultur, alle Zivilisation war in friiheren Zeiten 
Ausstrahlung der Mysterien. Und wenn ich Ihnen Gilgamesch 
nenne, so war er, als er noch in seiner Heimat Erek war, zwar nicht 
in die Mysterien von Erek selber eingeweiht, wohl aber in einer Zivi- 
lisation drinnen, die substantiell durchsetzt war von dem, was man 
empfinden konnte dutch diese Beziehung zum Kosmos. Und dann 
wurde von ihm etwas erlebt bei dem Zug nach dem Westen, was ihn 
direkt bekannt machte allerdings nicht mit den hybernischen Myste- 
rien, soweit kam er nicht, aber gewissermafien mit dem, was ge- 
pflegt wurde in einer Kolonie der hybernischen Mysterien, ich sagte 
Ihnen, im heutigen Burgenlande war diese Kolonie. Das lebte in der 
Seele dieses Gilgamesch. Das bildete sich weiter aus in dem Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt, das nun folgte und fur das dann 
beim nachsten Erdenleben in Ephesus selber die Vertiefung der 
Seele stattfand. 

Nun, fur beide Personlichkeiten, von denen ich gesprochen 
habe, fand eine solche Vertiefung der Seele statt. Da brandete 
gewissermafien aus der allgemeinen Zivilisation an die Menschen- 
seelen dieser Personlichkeiten etwas in Realitat heran, in starker, 
intensiver Realitat noch, was seit der homerischen Zeit in Griechen- 
land im wesentlichen schon nur noch schoner Schein war. 

Gerade in Ephesus driiben, an jener Statte, an der ja auch Hera- 
klit lebte und an der noch so viel von alter Realitat empfunden 
wurde bis in die spatere griechische Zeit herein, bis ins 6., 5. Jahr- 
hundert der vorchristlichen Zeit, gerade in Ephesus konnte man 
noch nachempfinden die ganze Realitat, in der einstmals die 
Menschheit gelebt hat, als sie noch in unmittelbarer Beziehung zu 
dem Gottlich-Geistigen stand, als noch Asia nur der unterste der 
Himmel war, in dem man noch in Verbindung stand mit den oberen 
Himmeln, die daran grenzten, weil in Asia die Naturgeister erlebt 
wurden, dariiber die Angeloi, Archangeloi und so weiter, dariiber 
die Exusiai und so weiter. Und so kann man sagen: Wahrend schon 
in Griechenland selbst die Nachklange nur sich herausbildeten an 



dasjenige, was einstmals Realitat war, wahrend dasjenige, was Wirk- 
lichkeit war, sich umwandelte in die Bilder der Heroensagen, an 
denen noch deutlich zu merken ist, dafi sie hinweisen auf urspriing- 
liche Realitaten, wahrend in Griechenland das dramatische Element 
urspriinglicher Realitaten in Aschylos Leben gewann, war es eigent- 
lich in Ephesus noch immer so, dafi man, in das tiefe Dunkel der 
Mysterien getaucht, Nachklange jener alten Realitaten empfand, in 
denen der Mensch in unmittelbarem Zusammenhange mit der 
gottlich-geistigen Welt lebte. Und das ist ja das Wesentliche des 
Griechentums, daft der Grieche in die dem Menschen naherliegen- 
den Mythen und in die dem Menschen naherliegende Schonheit und 
Kunst getaucht hat, also ins Abbild getaucht hat dasjenige, was 
einstmals im Zusammenhange mit dem Kosmos eben vom Menschen 
erlebt werden konnte. 

Und nun mussen wir uns vorstellen, wie, als nun schon auf der 
einen Seite diese griechische Zivilisation auf ihrem Hohepunkte an- 
gelangt war, als sie stolz zurikkgewiesen hatte sogar dasjenige, was, 
wie in den Perserkriegen, noch nachstolkn wollte von alter asia- 
tischer Realitat, als sie auf der einen Seite auf ihrem Hohepunkte 
angelangt war, aber auf der anderen Seite schon im Sturze war, wie 
das Personlichkeiten erlebten, die in ihren Seelen deutlich die Nach- 
klange desjenigen trugen, was einstmals gottlich-geistige irdische 
Realitat in Geist, Seele und Leib des Menschen war. 

Und so mussen wir uns vorstellen, dafi eigentlich Alexander der 
Grofte und Aristoteles in einer Welt lebten, die ihnen doch nicht 
ganz konform war, die eigentlich tragisch fur sie war. Das Eigentiim- 
liche ist, dafi in Alexander und in Aristoteles Menschen lebten, die 
eine andere Beziehung zum Geistigen hatten als ihre Umgebung, 
die, trotzdem sie sich nicht viel kummerten um die samothrakischen 
Mysterien, dennoch in ihrer Seele eine grofie Verwandtschaft hatten 
mit dem, was in den samothrakischen Mysterien mit den Kabiren 
vorging. Das hat man lange Zeit gefiihlt, im Mittelalter noch nach- 
gefiihlt. Und man muft schon sagen - dariiber machen sich die Men- 
schen heute ganz falsche Vorstellungen -, wie noch im Mittelalter, 
bis herein ins 13., 14. Jahrhundert, bei einzelnen Menschen aller 



Stande ein deutliches geistiges Anschauen wenigstens auf dem 
Gebiete war, das man einstmals im alten Oriente driiben Asia 
genannt hat. Und das im Mittelalter von einem Priester gedichtete 
«Alexanderlied» ist immerhin ein sehr bedeutsames Dokument des 
spateren Mittelalters. Gegenuber dem, was heute in der Geschichte 
entstellt lebt von demjenigen, was sich abgespielt hat durch Alex- 
ander und Aristoteles, erscheint das, was der Priester Lamprecht 
als Alexanderlied etwa im 12. Jahrhundert gedichtet hat, noch als 
eine groftartige, mit der alten verwandte Auffassung dessen, was 
durch Alexander den Grofien geschehen ist. 

Sie brauchen nur das Folgende sich vor die Seele zu stellen. Wir 
haben im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht ja eine wunderbare 
Schilderung, eine wunderbare Schilderung etwa der folgenden Art: 
Jedes Jahr, wenn der Friihling kommt und man geht nach einem 
Wald hinaus und kommt an den Waldesrand, da wo an diesem 
Waldesrand Blumen wachsen und wo zu gleicher Zeit die Sonne so 
steht, daft von den Waldesbaumen der Schatten fallt auf die am 
Waldesrande wachsenden Blumen, da sieht man, wie im Schatten 
der Waldesbaume im Friihling aus den Blumenkelchen hervor- 
kommen die geistigen Blumenkinder, die an den Waldesrandern 
Tanze und Reigen vollfuhren. - Und man erkennt ganz deutlich, 
dafi in dieser Schilderung des Pfaffen Lamprecht durchschimmert 
etwas von einer wirklichen Erfahrung, von einer Erfahrung, die 
Menschen der damaligen Zeit noch machen konnten; daft sie nicht 
in die Walder hinausgingen, um in prosaischer Weise zu sagen: Da 
ist Gras, da sind Blumen, da fangen die Baume an -, sondern wenn 
sie sich dem Walde naherten, dann trat ihnen, wenn die Sonne 
hinter dem Walde stand und der Schatten iiber die Blumen her fiel, 
im Schatten der Waldesbaume von den Blumen aus entgegen die 
ganze Welt von Blumengeschopfen, die da waren fur sie, bevor sie 
den Wald betraten, wo sie ja dann im Walde die anderen Elemen- 
targeister wahrnahmen. Aber dieser Blumenreigen, der erschien 
dem Pfaffen Lamprecht als das, was er besonders gern schildern 
wollte. Und es ist immerhin bedeutsam, dafi, als der Pfaffe Lamp- 
recht die Alexanderzuge schildern wollte, er diese Schilderung 



durchsetzte und durchstromte - noch im 12. Jahrhundert, Anfang 
des 12. Jahrhunderts -, durchsetzte und durchstromte mit Schilde- 
rungen der Natur, die iiberall das Sich-Offenbaren der Elementar- 
reiche in sich schlieften. Das Ganze ist getragen von dem Bewufltsein: 
Wenn man schildern will, was da vorging einstmals in Makedonien, 
als die Alexanderziige nach Asien begannen und als Alexander 
von Aristoteles unterrichtet wurde, wenn man das schildern will, 
so kann man es nicht schildern, indem man die prosaische Erde 
ringsherum beschreibt, sondern man kann es allein schildern, 
wenn man hinzunimmt zu der prosaischen Erde die Reiche der 
elementarischen Wesenheiten. 

Aber sehen Sie, wenn Sie heute ein Geschichtswerk lesen - es ist 
ja ganz berechtigt fur die gegenwartige Zeit -, nun ja, dann lesen Sie 
eben: Alexander hat gegen den Rat seines Lehrers Aristoteles, dem 
er ungehorsam war, die Mission sich eingebildet, er miisse die Barba- 
ren mit den zivilisierten Menschen versohnen und miisse eine 
Durchschnittskultur etwa hervorrufen, die bestehen sollte aus den 
zivilisierten Griechen, aus den Hellenen, aus den Makedoniern und 
den Barbaren. Das ist zwar fur die heutige Zeit richtig, aber den- 
noch, gegeniiber der Wahrheit, der wirklichen Wahrheit ist es eben 
lappisch. Und man empfangt den Eindruck des Grolkrtigen, wenn 
man sieht, wie der Pfaffe Lamprecht, indem er die Alexanderziige 
schildert, diesen Alexanderziigen ein ganz anderes Ziel setzt. Und es 
kommt einem vor, als ob dasjenige, was ich eben geschildert habe als 
das Hereinragen der Natur-Elementarreiche, des Geistigen der Na- 
tur in das Physische der Natur, als ob dies eben blofi die Introduk- 
tion sein sollte. Denn was ist das Ziel der Alexanderziige im Alexan- 
derlied des Pfaffen Lamprecht? 

Alexander kommt bis an die Pforte des Paradieses! Das ist zwar 
ins Christliche der damaligen Zeit umgesetzt, aber es entspricht ei- 
gentlich in einem hohen Mafie, wie ich weker ausfuhren werde, der 
Wahrheit. Denn die Alexanderziige waren nicht blofi gemacht, um 
Eroberungen zu vollziehen oder, gar gegen den Rat des Aristoteles, 
um die Barbaren mit den Hellenen zu versohnen, sondern die Alex- 
anderziige waren durchsetzt von einem wirklichen hohen geistigen 



Ziel, und sie waren impulsiert aus dem Geiste heraus. Und wir lesen 
dann beim Pfaffen Lamprecht, der also, man kann sagen, funfzehn 
Jahrhunderte, nachdem Alexander gelebt hat, in seiner Art mit 
grower Hingebung diese Alexanderziige schildert, wir lesen, dafi 
Alexander bis an die Pforte des Paradieses kommt, aber in das Para- 
dies selber nicht hineinkommt, weil, wie der Pfaffe Lamprecht 
meint, nur derjenige in das Paradies hineinkommt, der die rechte 
Demut hat. Aber Alexander konnte in der vorchristlichen Zeit noch 
nicht die rechte Demut haben, denn die rechte Demut konnte erst 
das Christentum in die Menschheit hineinbringen. Immerhin, wenn 
man nicht in engherzigem, sondern in weitherzigem Sinn so etwas 
auffafit, so sehen wir, wie der christliche Pfaffe Lamprecht etwas 
von dem Tragischen der Alexanderziige empfindet. 

Nun, ich wollte Sie mit dieser Schilderung des Alexanderliedes 
nur aufmerksam darauf machen, dafi es nicht uberraschend zu sein 
braucht, wenn man gerade an diesem Beispiel der Alexanderziige 
einsetzt, um das Vorhergehende und Nachherige der Menschheits- 
geschichte des Abendlandes in seiner Angliederung an das Morgen- 
land zu schildern. Denn dasjenige, was dabei als Empfindung zu- 
grunde liegt, war noch, wie Sie sehen, bis zu einer verhaltnismafiig 
spaten Zeit des Mittelalters nicht nur als eine allgemeine Empfin- 
dung vorhanden, sondern in so konkreter Weise vorhanden, dafi 
dieses Alexanderlied entstehen konnte, das nun eigentlich wirklich 
in einer grofiartig dramatischen Weise schildert, was nun durch die 
beiden Seelen, die ich Ihnen charakterisiert habe, sich abgespielt 
hat. Durchaus weist dieser Punkt der makedonischen Geschichte auf 
der einen Seite weit in die Vergangenheit zuriick, auf der anderen 
Seite weit in die Zukunft hinein. Und man mufi vor alien Dingen 
dabei berucksichtigen, dafi iiber all dem, was bei Aristoteles und 
Alexander vorhanden ist, weltgeschichtliche Tragik schwebt. Schon 
aufierlich verrat sich diese weltgeschichtliche Tragik. Sie verrat sich 
dadurch, dafi ja durch die besonderen Verhaltnisse, durch diebeson- 
deren weltgeschichtlichen Schicksalsverhaltnisse von Aristoteles nur 
der kleinste Teil der Schriften in das europaische Abendland ge- 
kommen sind und dann von der Kirche weiter gepflegt worden sind. 



Es sind eigentlich im wesentlichen nur die logischen und die ins 
Logische gekleideten Schriften. Wer aber heute noch sich vertieft in 
das Wenige, was von den naturwissenschaftlichen Schriften des Ari- 
stoteles erhalten ist, der wird bei Aristoteles sehen, wie gewaltig 
seine Einsicht noch war in den Zusammenhang des Kosmos mit dem 
Menschen. Ich mochte Sie da nur auf eines aufmerksam machen. 

Wir sprechen heute ja auch vom irdischen Elemente, vom 
walkigen Elemente, vom luftigen Elemente, vom feurigen oder 
Warmeelemente und dann von dem anderen, dem Ather. Wie 
stellt Aristoteles die Sache dar? Er stellt die Erde dar, die feste 
Erde (siehe Zeichnung, heller Kern), die flussige Erde, Wasser 



Tafel 7 




(hellrot), die Luft (blau), das Ganze mit dem Feuer durchdrungen 
und vom Feuer umgeben (tiefrot). Aber so reicht fur Aristoteles 
die Erde bis zum Monde hinauf. Und vom Kosmos herein, von 
den Sternen herein bis zum Monde - also nicht mehr in den irdi- 



schen Bereich, aber bis zum Monde, bis hierher -, vom Tierkreis, 
von den Sternen herein reicht raumlich-kosmisch der iibrige Ather 
(hell auften). Der Ather reicht bis zum Monde herunter. 

Das lesen ja auch heute noch die Gelehrten in den Buchern, die 
iiber Aristoteles geschrieben werden. Aristoteles selber aber sagte 
seinem Schiller Alexander immer wieder und wiederum: Jener 
Ather, der da aufierhalb des Irdisch-Warmehaften ist, also der 
Lichtather, chemische Ather, Lebensather, war auch einstmals mit 
der Erde verbunden. Das alles ging bis zur Erde herein. Als aber der 
Mond sich zuriickzog in der alten Entwickelung, da zog sich der 
Ather von der Erde zurikk. Und - so meinte Aristoteles zu seinem 
Schiller Alexander - so ist dasjenige, was aufierlich raumlich tote 
Welt ist, auf der Erde zunachst nicht vom Ather durchzogen. Aber 
wenn zum Beispiel der Fruhling naht, dann bringen die Elementar- 
geister von dem Monde fur diejenigen Wesen, die entstehen - die 
Pflanzen, die Tiere, die Menschen -, den Ather aus dem Monden- 
bereiche gerade wiederum in diese Wesen hinein, so dafi der Mond 
das Gestaltende ist. 

Stand man vor der einen, der weiblichen Gestalt in Hybernia, so 
empfand man das ganz lebhaft, wie der Ather eigentlich nicht der 
Erde angehort, sondern von den Elementargeistern alljahrlich, so- 
weit er notwendig ist zur Entstehung der Wesen, auf die Erde 
heruntergebracht wird. 

Es gab auch fur Aristoteles tiefe Einsichten in den Zusammen- 
hang des Menschen mit dem Kosmos. Die Schriften, die davon 
handelten, hat der Schiller Theophrast nicht nach dem Westen 
kommen lassen. Nach dem Orient ging einiges von diesen Schriften 
zurikk, wo noch Verstandnis fur solche Dinge war. Und da kam es 
dann durch Nordafrika und Spanien, durch Juden und Araber kam 
es nach dem Westen von Europa und stiefi in der Weise, wie ich das 
noch schildern will, mit den Ausstrahlungen, mit den Zivilisations- 
ausstrahlungen der Mysterien von Hybernia zusammen. 

Aber das, was ich Ihnen bis jetzt charakterisiert habe, war ja nur 
der Ausgangspunkt fur die Lehren, die Aristoteles dem Alexander 
gab. Die bezogen sich durchaus auf inneres Erleben. Und wenn ich, 



ich mochte sagen, in etwas kohlezeichnender Darstellung die Sache 
gebe, so mufi ich folgendes sagen: Alexander lernte durch Aristoteles 
gut kennen, daft dasjenige, was draufien in der Welt lebt als das 
irdische, das waftrige, das luftige, das feurige Element, auch im 
Menschen drinnen lebt, daft der Mensch in dieser Beziehung ein 
wirklicher Mikrokosmos ist, daft in ihm, in seinen Knochen, das 
irdische Element lebt, daft in seiner Blutzirkulation und in alle dem, 
was Safte in ihm sind, Lebenssafte sind, das waftrige Element lebt; 
daft in ihm das luftige Element in der Atmung und Atmungserre- 
gung wirkt, in der Sprache wirkt, daft das feurige Element in den 
Gedanken lebt. Alexander wufite sich noch in den Elementen der 
Welt lebend. Aber indem man sich in den Elementen der Welt 
lebend fiihlte, fiihlte man auch noch seine innige Verwandtschaft 
mit der Erde. Heute reist der Mensch nach Ost, nach West, nach 
Nord, nach Siid: er empfindet nicht, was da eigentlich alles auf ihn 
einsturmt, denn er sieht ja nur dasjenige, was seine aufieren Sinne 
wahrnehmen, und er sieht ja nur, was die irdischen Substanzen in 
ihm wahrnehmen, nicht was die Elemente in ihm wahrnehmen. 
Aber Aristoteles konnte den Alexander lehren: Wenn du auf der 
Erde nach dem Osten ziehst, ziehst du immer mehr und mehr 
hinein in ein dich austrocknendes Element. Du ziehst in das 
Tafel 6 Trockene hinein (siehe Zeichnung). 

Sie mussen sich das nicht so vorstellen, daft, wenn man nach 
Aisen hinuberzieht, man ganz austrocknet. Es ist natiirlich das so, 
daft es feine Wirkungen sind, aber Wirkungen, die durchaus nach 
den Anleitungen des Aristoteles Alexander in sich empfand. Er 
konnte sich in Makedonien sagen: Ich habe einen gewissen Grad von 
Feuchtigkeit in mir; der vermindert seine Feuchtigkeit, indem ich 
nach Osten hinuberziehe. - So fiihlte er mit der Wanderung auf der 
Erde die Konfiguration der Erde, wie man fiihlt, sagen wir, wenn 
man einen Menschen beriihrt, iiber irgendeinen Teil seines Korpers 
streichelnd fahrt, wie der Unterschied ist zwischen Nase und Augen 
und Mund. So nahm eine solche Personlichkeit, wie die geschilderte, 
noch wahr, wie der Unterschied ist, wenn man sich erlebt, indem 
man immer mehr und mehr in das Trockene hineinkommt, und wie 



man sich erlebt, wenn man nach der anderen Seite, nach dem 
Westen, in das Feuchte hineinkommt. 




Die anderen Differenzierungen, die erleben die Menschen, wenn 
auch grob, noch heute. Gegen Norden erleben sie ja das Kalte, 
gegen Siiden das Warme, das Feurige. Aber jenes Zusammenspiel 
von feucht-kalt, wenn man nach dem Nordwesten hiniiberkam, das 
fiihlen die Menschen nicht mehr. Aristoteles machte rege in Alex- 
ander, was Gilgamesch erlebt hat, als er den Zug nach dem Westen 
hinuber unternommen hatte. Und die Folge davon war, dafi im un- 
mittelbaren inneren Erleben der Schiiler das wahrnehmen konnte, 
was nun eben erlebt wird in der Zwischenzone zwischen feucht und 
kalt nach Nordwesten hin: Wasser. Und es war durchaus nicht nur 
eine mogliche, sondern eine sehr wirkliche Redensart fur einen 
solchen Menschen wie Alexander, da$ er nicht sagte: Dahin geht der 
Zug, nach Nordwesten sondern: Dahin geht der Zug, wo das 
Element des Wassers die Oberherrschaft fuhrt. - In der Zwischen- 
zone zwischen feucht und warm liegt das Element, wo die Luft die 
Oberherrschaft fuhrt. So war es in den alten griechisch-chthonischen 



Mysterien gelehrt, so war es in den alten samothrakischen Mysterien 
gelehrt, so war es von Aristo teles seinem unmittelbaren Schiiler 
gelehrt. Und in der Zwischenzone zwischen kalt und trocken, also 
gegen Sibirien zu von Makedonien aus, wurde die Region der Erde 
erlebt, wo die Erde selbst, das Irdische die Oberherrschaft fiihrte, 
das Element Erde, das Feste. In der Zwischenzone zwischen warm 
und trocken, also gegen Indien hin, wurde jene Region der Erde 
erlebt, wo vorherrschte das Feuerelement. Und so war es, dafi der 
Schiiler des Aristoteles nach Nordwesten zeigte und sagte: Da emp- 
finde ich herwirkend auf der Erde die Wassergeister. - Dafi er nach 
Siidwesten zeigte und sagte: Da her empfinde ich die Luftgeister. - 
Darl er nach Nordosten zeigte, und da die Geister der Erde vorzugs- 
weise heranschweben sah. Dafi er nach Sudosten zeigte, gegen 
Indien zu, und die Geister des Feuers heranschweben oder in ihrem 
Elemente sah. 

Und Sie empfinden jene tiefe Verwandtschaft gegeniiber dem 
Naturlichen und gegeniiber dem Moralischen, wenn ich jetzt am 
Schlusse sage, es entstand in Alexander die Redensart: Ich raufi aus 
dem kaltfeuchten Elemente heraus mich ins Feuer stiirzen, den Zug 
nach Indien unternehmen! - Das war eine Redensart, die ebenso an 
Natiirliches ankniipfte, wie sie ankniipfte an Moralisches, wovon wir 
dann morgen sprechen wollen. Aber ich wollte Sie hineinfuhren 
anschaulich in dasjenige, was da lebte. Denn in dem, was da ver- 
handelt wurde zwischen Alexander und Aristoteles, sehen Sie zu 
gleicher Zeit sich spiegeln den ganzen Umschwung in der welt- 
geschichtlichen Entwickelung. Man konnte noch im intimen Unter- 
richt in der damaligen Zeit sprechen von den groften Mysterien der 
vergangenen Zeit. Dann nahm die Menschheit nur mehr das Lo- 
gische, das Abstrakte, die Kategorien auf, wahrend sie das andere 
zuruckstiefi. Daher deuten wir damit zugleich auf einen ungeheuren 
Umschwung in der weltgeschichtlichen Entwickelung der Mensch- 
heit, auf einen allerwichtigsten Punkt in dem ganzen Hergang der 
europaischen Zivilisation in ihrem Zusammenhange mit dem Orient. 
Davon dann morgen weiter. 



FUNFTER VORTRAG 



Dornach, 28. Dezember 1923 

Unter den alten Mysterien nimmt dasjenige von Ephesus eine ganz 
besondere Stellung ein. Ich habe ja mit jenem Entwickelungsele- 
mente in der Geschichte des Abendlandes, das sich ankniipft an den 
Namen des Alexander, auch dieses Mysteriums von Ephesus geden- 
ken miissen. Man begreift den Sinn der neueren und alteren Ge- 
schichte nur, wenn man eingeht auf den Umschwung, den das My- 
sterienwesen, von welchem ja alle alteren Zivilisationen ausgegangen 
sind, erfahren hat vom Orient heriiber nach dem Okzident, nach 
Griechenland also zunachst. Und dieser Umschwung besteht in dem 
Folgenden. 

Sehen Sie, wenn man in alle alteren Mysterien des Morgenlandes 
hineinschaut, iiberall bekommt man den Eindruck: Da sind die My- 
sterienpriester in der Lage, grofie, bedeutsame Wahrheiten aus ihren 
Schauungen an ihre Schuler zu offenbaren. Ja, in je altere Zeiten 
man zuruckgeht, desto mehr sind diese Priesterweisen imstande, in 
den Mysterien die unmittelbare Gegenwart der Gotter selber, der 
geistigen Wesenheiten, welche die planetarischen Welten, welche 
die Erdenerscheinungen lenken, hervorzurufen, so dafi die Gotter 
wirklich da waren. 

Der Zusammenhang des Menschen mit dem Makrokosmos, er 
enthullte sich ja in verschiedenen Mysterien auf eine ahnlich grolkr- 
tige Weise, wie ich sie Ihnen gestern fur die Mysterien von Hybernia 
dargestellt habe und auch fur dasjenige, was noch Aristoteles Alex- 
ander dem Grofien zu sagen hatte. Vor alien Dingen lag aber das vor 
in alien altorientalischen Mysterien, dafi das Moralische, die mora- 
lischen Impulse nicht streng geschieden waren von den natiirlichen 
Impulsen. Indem Aristoteles den Alexander nach Nordwesten wies, 
wo die Geister des Wasserelementes die herrschenden waren, kam 
von dort nicht blofi ein physischer Impuls, wie heute vom Nord- 
westen der Wind oder andere rein physische Dinge kommen, son- 
dern es kamen auch moralische Impulse mit den physischen Im- 



pulsen. Das Physische und das Moralische war eines. Das konnte es 
sein, weil iiberhaupt durch jene Erkenntnisse, welche in diesen My- 
sterien gegeben wurden, der Mensch sich mit der ganzen Natur - 
er nahm ja den Geist der Natur wahr - als eine Einheit fuhlte. Da ist 
zum Beispiel eines in dem Verhaltnis des Menschen zur Natur, das 
etwa gerade in der Zeit liegt, die verflossen ist zwischen der Lebens- 
zeit des Gilgamesch und der Lebenszeit jener Individualitat, zu der 
er in seiner nachsten Inkarnation wurde in der Nahe des Mysteriums 
von Ephesus. Gerade in der Zeit finden wir noch ganz lebendig eine 
Anschauung iiber den Zusammenhang des Menschen mit der Geist- 
natur. Dieser Zusammenhang ist der folgende. Durch alles das, was 
da der Mensch kennenlernte iiber die Wirkung der Elementargeister 
in der Natur, iiber die Wirkung der intelligenten Wesenheiten in 
den planetarischen Vorgangen, kam der Mensch zu der Uberzeu- 
gung: Da draufien sehe ich iiberall ausgebreitet die Pflanzenwelt, 
die griinende, die spriefiende, die sprossende, die fruchtende Pflan- 
zenwelt. Da sehe ich die einjahrigen Pflanzen auf der Wiese, auf 
dem Felde, die im Friihling heranwachsen, die im Herbste wieder 
vergehen; da sehe ich jahrhundertelang wachsende Baume, welche 
Rinde und Holz auflen bekommen und mit ihren Wurzeln weit in 
die Erde hineinreichen. Das alles, was da draufien wurzelt in den 
einjahrigen Krautern und Blumen, was da wachst mit festen Im- 
pulsen hinein in die Erde, das habe ich als Mensch einmal in mir 
getragen. 

Sehen Sie, heute fuhlt der Mensch, wenn irgendwo in einem 
Raume Kohlensaure ist, die durch die Atmung der Menschen ent- 
standen ist: Diese Kohlensaure habe ich mit ausgeatmet. - Das fuhlt 
der Mensch, dafi er in den Raum die Kohlensaure hineingeatmet 
hat. Der Mensch ist ja heute, ich mochte sagen, nur noch in einem 
geringen Zusammenhange mit dem Kosmos. In dem luftigen Teile 
seines Wesens, in der Luft, die der Atmung und den sonstigen Luft- 
prozessen, die im Organismus vor sich gehen, zugrunde liegt, da ist 
der Mensch ganz im lebendigen Zusammenhange mit der grofien 
Welt, mit dem Makrokosmos. Er kann hinschauen auf die ausge- 
atmete Atemluft, auf die Kohlensaure, die in ihm war und die jetzt 



drauften ist. Aber so, wie der Mensch heute - er tut es ja nicht, aber 
er konnte es - hinschaut auf die ausgeatmete Kohlensaure, so schaute 
der Mensch, der in den orientalischen Mysterien entweder eingeweiht 
war oder aufgenommen hatte die Weisheit, die aus den orienta- 
lischen Mysterien nach auften gestromt ist, die ganze Pflanzenwelt 
an. Er sagte sich: Ich schaue zuriick in der Weltenentwickelung auf 
eine alte Sonnenzeit. Da habe ich die Pflanzen noch inmir getragen. 
Und dann habe ich sie herausstromen lassen in die weiten Kreise des 
Erdenseins. Aber als ich die Pflanzen noch in mir trug, als ich noch 
jener Adam Kadmon war, der die ganze Erde umfaftte und die 
Pflanzenwelt mit, da war diese ganze Pflanzenwelt noch etwas 
Wasserig-Luftiges . 

Der Mensch sonderte von sich ab diese Pflanzenwelt. Wenn Sie 
sich vorstellen, Sie wiirden die Grofte erlangen der ganzen Erde und 
dann nach innen absondern Pflanzliches, das nun im waftrigen Ele- 
mente sich metamorphosierend entsteht, vergeht, heranwachst, an- 
ders wird, verschiedene Gestalten eben annimmt, dann wiirden 
Sie in Ihr Gemiit heraufrufen, wie es einmal war. Und daft es einmal 
so war, das sagten sich diejenigen, die etwa in der Gilgamesch-Zeit 
im Oriente drliben ihre Bildung aufgenommen hatten. Und schau- 
ten sie dann auf das Pflanzenwachstum auf den Wiesen hin, dann 
sagten sie sich: Wir haben die Pflanzen abgesondert in einem frii- 
heren Stadium unserer Entwickelung, aber die Erde hat die Pflanzen 
aufgenommen. Das Wurzelhafte ist ihnen erst von der Erde verlie- 
hen worden, ebenso alles dasjenige, was das Holzige ist, was die 
Baumesnatur des Pflanzenhaften ist. - Aber das allgemein Pflanzen- 
hafte, das hat der Mensch von sich abgesondert, und das ist von der 
Erde aufgenommen worden. Eine innige Verwandtschaft fuhlte der 
Mensch mit allem Pflanzhchen. 

Nicht eine gleiche Verwandtschaft fuhlte der Mensch mit dem 
hoheren Tierischen, denn er wuftte, er konnte sich nur dadurch auf 
die Erde heraufarbeiten, daft er iiberwunden hat die tierische Bil- 
dung, daft er zuruckgelassen hat auf seinem Entwickelungswege die 
Tiere. Die Pflanzen hat er bis zur Erde mitgenommen, sie dann der 
Erde iibergeben, so daft die Erde sie in ihren Schoft aufnahm. Er 



wurde fur die Pflanzen auf der Erde der Vermittler der Gotter, der 
Vermittler zwischen den Gottern und der Erde. 

Daher fuhlten solche Menschen, die nun wirklich jenes grolte Er- 
lebnis hatten, das man skizzenhaft ganz einfach darstellen kann 
(siehe Zeichnung): Der Mensch kommt an die Erde heran aus dem 
Weltenall (gelb). Die Zahl kommt ja nicht in Betracht, da, wie ich 
schon gestern sagte, die Menschen ineinanderstaken. Er sondert alles 
Pflanzliche ab, und die Erde nimmt das Pflanzliche auf und gibt 
ihm das Wurzelhafte (dunkelgriine Striche). - So fuhlte der Mensch, 

Tafel 8 r 0* 



wie wenn er mit dem Pflanzenwachstum gewissermalten die Erde 
umschlungen hatte (rote Umhullung) und wie wenn die Erde dank- 
bar gewesen ware fur dieses Umschlungenwerden und aufgenom- 
men hat dasjenige, was ihr der Mensch an wafkig-luftigen Pflanzen- 
elementen zuhauchen konnte. Und diejenigen, die solches fuhlten, 
die fuhlten sich in bezug auf dieses Pflanzenbringen zur Erde als 
innig verwandt mit dem Gotte, mit dem Hauptgotte des Merkur. 
Durch diese Empfindung, man habe selber die Pflanzen auf die 
Erde gebracht, kam man in eine besondere Beziehung zu dem Gotte 
Merkur. 





rot 



Dagegen fuhlte man gegeniiber den Tieren: man konnte sie nicht 
mit auf die Erde bringen, man mufite sie absondern, man mufke 
sich freimachen von ihnen, sonst hatte man die menschliche Gestalt 
nicht in der richtigen Weise entwickeln konnen. Man schob gewisser- 
malten die Tiere von sich ab, so dafi die Tiere eben weggeschoben 
wurden vom Menschen (rote Striche nach aufien) und dann fur sich 
eine Entwickelung durchmachen mulken auf einer niedrigeren 
Stufe, als der Mensch selber steht. So fuhlte sich auf der einen Seite 
der alte Mensch gerade der Gilgamesch-Zeit und der folgenden Zeit 
hineingestellt zwischen das Tierreich und das Pflanzenreich. Dem 
Pflanzenreich gegeniiber fuhlte er sich als der Trager, der die Erde so- 
zusagen besamt in Vertretung der Gotter. Dem Tierreich gegeniiber 
fuhlte er sich so, als ob er es von sich abgestolten hatte, um Mensch 
zu werden ohne die Belastung mit den Tieren, die dadurch verkiim- 
mert sind. Der ganze agyptische Tierdienst hangt iibrigens mit 
dieser Anschauung zusammen. Vieles in Asien driiben von jenem 
tiefen Mitleid, das man da findet gegeniiber den Tieren, hangt 
damit zusammen. Und es war eben eine grofiartige Naturanschau- 
ung, die so fuhlte die Verwandtschaft des Menschen mit der Pflan- 
zenwelt auf der einen Seite, mit der tierischen Welt auf der anderen 
Seite. Der Tierwelt gegeniiber fuhlte man die Befreiung, der pflanz- 
lichen Welt gegeniiber fuhlte man die innige Verwandtschaft mit 
ihr. Man fuhlte als Mensch die Pflanzenwelt als ein Stuck von sich 
selber, und man fuhlte die Erde in inniger Liebe, weil die Erde 
dieses Stuck Menschentum, das die Pflanzen sind, in sich aufge- 
nommen hat, in sich einwurzeln liefi, ja sogar aus ihrem Material sie 
mit Rinde iiberzog in den Baumen. Uberall war Moralisches in der 
Beurteilung der physischen Umwelt vorhanden. Man ging an die 
Pflanzen der Wiese heran und empfand in diesen nicht nur das 
natiirliche Wachstum, sondern eine moralische Beziehung des Men- 
schen zu diesem Wachstum. Man empfand den Tieren gegeniiber 
wieder eine moralische Beziehung: man hat sich iiber sie hinaus- 
gerungen. 

Also eine groftartige Geistnatur-Anschauung stromte aus von 
diesen Mysterien driiben im Oriente. Mysterien waren dann auch, 



aber mit einer weit weniger realen Geistnatur-Anschauung, in Grie- 
chenland. Die griechischen Mysterien sind grandios, gewift, aber sie 
unterscheiden sich ganz wesentlich von den orientalischen Myste- 
rien. Es ist eben alles so in den orientalischen Mysterien, daft der 
Mensch sich eigentlich nicht auf der Erde fuhlt durch sie, sondern 
sich angegliedert fuhlt an den Kosmos, an das Weltenall. In Grie- 
chenland war auch das Mysterienwesen zuerst auf der Stufe ange- 
kommen, wo der Mensch sich mit der Erde in Verbindung fuhlte. 
Daher war dasjenige, was im Oriente entweder erschien oder emp- 
funden wurde in den Mysterien, die wesenhaft geistige Welt selber. 
Man schildert eben die absolute Wahrheit, wenn man sagt: In den 
altorientalischen Mysterien erschienen die Gotter selber unter den 
Priestern, die da opferten und die Gebete verrichteten. - Die Myste- 
rientempel waren zu gleicher Zeit die irdischen Gaststatten der 
Gotter, wo die Gotter eben das den Menschen schenkten durch die 
Priesterweisen, was sie ihnen an Himmelsgiitern zu schenken hatten. 
In den griechischen Mysterien erschienen nur mehr die Bilder der 
Gotter, die Abbilder, etwas wie die Schattenbilder; wahrhafte, echte 
Bilder, aber wie Schattenbilder, nicht mehr die gottlichen Wesen- 
heiten, nicht mehr die Realitaten, sondern die Schattenbilder. So 
daft der Grieche eine ganz andere Empfindung hatte als derjenige, 
welcher der alten orientalischen Kultur angehorte. Der Grieche 
hatte die Empfindung: Es gibt Gotter, aber den Menschen ist nur 
moglich, Bilder von diesen Gottern zu haben, so wie man in der 
Erinnerung die Bilder der Erlebnisse hat, nicht mehr die Erlebnisse 
selber. 

Das war die tiefe Grundempfindung, die aus den griechischen 
Mysterien herauskam, daft die Menschen die Empfindung hatten, 
sie haben etwas wie Erinnerungen an den Kosmos, nicht die Erschei- 
nung des Kosmos selber, Bilder vom Kosmos, Bilder der Gotter, 
nicht die Gotter selber, Bilder von den Vorgangen auf Saturn, 
Sonne, Mond, nicht mehr die lebendige Verbindung mit dem, was 
real war auf Saturn, Sonne, Mond, wie der Mensch etwa die reale 
Verbindung mit seiner Kindheit hat. Und diese reale Verbindung 
mit Sonne, Mond, Saturn hatten eben die Menschen der orienta- 



lischen Ziviiisation aus ihren Mysterien heraus. So hatte das Myste- 
rienwesen der Griechen etwas Bildhaftes. Es erschienen eben die 
Schattengeister der gottlich-geistigen Wirklichkeit. Aber das hatte 
etwas bedeutsames anderes gebracht. Denn sehen Sie, es gab noch 
einen Unterschied zwischen den orientalischen Mysterien und den 
griechischen. 

Bei den orientalischen Mysterien war es doch immer so, daft wenn 
man irgend etwas von dem Grolkrtigen, Gigantischen, das man da 
erfahren konnte, wissen wollte, dafi man erst die rechte Zeit abzu- 
warten hatte. Da war es so, dafi man irgend etwas nur erfahren 
konnte, wenn man den Opferdienst, der dazugehorte, also gewisser- 
mafien die iibersinnlichen Experiments, im Herbste machte, andere 
im Friihling, andere zur Hochsommerzeit, andere im tiefen Winter. 
Und wiederum, es war moglich, dafi zu irgendeiner Zeit, die man 
dadurch als die richtige erkannte, dafi die Mondkonstellation eine 
bestimmte war, irgendwelchen Gottern geopfert wurde. Dann er- 
schienen sie in den Mysterien. Man kam zu ihren Offenbarungen. 
Dann mufite man wiederum, sagen wir, dreifiig Jahre warten, bis 
wiederum dieselbe Gelegenheit war, dafi irgendeine Gotterwesen- 
heit sich in den Mysterien zeigte. Zum Beispiel alles dasjenige, was 
sich auf Saturn bezog, konnte nur alle dreifiig Jahre irgendwie in den 
Bereich der Mysterien treten, alles was sich auf den Mond bezog, 
ungefahr immer in achtzehn Jahren und so weiter. So dafi die Prie- 
sterweisen der orientalischen Mysterien die grandiosen, gigantischen 
Erkenntnisse und Anschauungen, die sie gewannen, eben nur in 
Abhangigkeit von Zeit und Raum und allem moglichen bekamen. 
Man bekam zum Beispiel ganz andere Offenbarungen tief in Berg- 
hohlen drinnen, andere Offenbarungen auf den Gipfeln der Berge. 
Man bekam andere Offenbarungen, wenn man irgendwie tiefer in 
Asien driiben war oder an der Kiiste war und dergleichen. Also 
eine gewisse Abhangigkeit von Raum und Zeit auf der Erde, das war 
das Charakteristische gerade der Mysterien des Orients. 

In Griechenland waren die grofien gigantischen Realitaten dahin- 
geschwunden. Bilder waren noch da. Aber die Bilder konnte man 
jetzt haben nicht in Abhangigkeit von Jahreszeit oder Jahrhundert- 



lauf oder dem Orte, sondern die Bilder konnte man haben, wenn 
man sich als Mensch in der richtigen Weise vorbereitete, wenn man 
diese oder jene Exerzitien machte, diese oder jene personlichen Opfer 
brachte. Wenn man dann auf einer gewissen Stufe der Opfer und 
der personlichen Reife angekommen war, dann konnte man deshalb, 
weil man das als Mensch erreicht hatte, die Wahrnehmungen der 
Schatten der groften Weltereignisse und Weltwesenheiten haben. 

Das ist der grofie Umschwung im Mysterienwesen vom alten 
Orient nach Griechenland heriiber, dafi die alten onentalischen 
Mysterien unterworfen waren den Bedingungen von Erdenort und 
Erdenraum, dafi die griechischen Mysterien diejenigen waren, wo 
der Mensch in Betracht kam mit dem, was er den Gottern entgegen- 
brachte. Der Gott kam sozusagen in seinem Schattenbilde, in sei- 
nem Spektrum, wenn der Mensch gewiirdigt werden konnte durch 
die Vorbereitungen, die er dazu gemacht hatte, daft der Gott im 
Spektrum zu ihm kam. Dadurch sind die griechischen Mysterien 
wirklich die Vorbereitung der neueren Menschheit geworden. 

Nun, mitten drinnen zwischen den alten orientalischen und den 
griechischen Mysterien stand das von Ephesus. Es hatte eben seine 
besondere Stellung. Denn in Ephesus konnten jene, die dort die 
Einweihung gewannen, durchaus noch etwas von den gigantischen, 
majestatischen Wahrheiten des alten Orients erfahren. Sie wurden 
noch beriihrt von dem inneren Empfinden und Fuhlen des Zusam- 
menhanges des Menschen mit dem Makrokosmos und dem gottlich- 
geistigen Wesen des Makrokosmos. Oh, in Ephesus war noch viel 
von dem wahrzunehmen, was uberirdisch war. Und die Identifizie- 
rung mit der Artemis, mit der Gottin des Mysteriums von Ephesus, 
die brachte eben noch jenen lebendigen Zusammenhang: Die Pflan- 
zenwelt ist die deine, die Erde hat sie nur aufgenommen. Die Tier- 
welt hast du iiberwunden, du hast sie zurikklassen miissen. Du 
mufit moglichst mit Mitleid schauen auf die Tiere, die auf dem 
Wege zuriickbleiben mufiten, damit du Mensch werden konntest. - 
Dieses Sich -eins -Fuhlen mit dem Makrokosmos, das wurde noch aus 
den unmittelbaren Erlebnissen, noch aus den Realitaten dem Ein- 
geweihten von Ephesus iiberliefert. 



Aber es war in Ephesus schon als dem ersten Mysterium, das 
gegen das Abendland zugekehrt war, die Unabhangigkeit von den 
Jahreszeiten oder von dem Jahrhundertlauf, kurz, von Ort und Zeit 
auf Erden. In Ephesus kam es schon an auf die Exerzitien, die der 
Mensch machte, auf die Art und Weise, wie er sich durch Opferung 
und Hingabe an die Gotter reif gemacht hatte. So daft in der Tat das 
Mysterium von Ephesus auf der einen Seite durch den Inhalt der My- 
sterienwahrheiten noch hinweist nach dem alten Oriente, und da- 
durch, daft es schon herangeriickt war an die menschliche Entwicke- 
lung, an das Menschentum, war das Mysterium von Ephesus wie- 
derum dem Griechentum schon zugeneigt. Es war sozusagen das 
letzte Mysterium da driiben im Osten, wo noch die alten gigan- 
tischen Wahrheiten an die Menschen herantraten, herantreten 
konnten. Denn im Osten waren sonst die Mysterien schon in die 
Dekadenz gekommen. 

Wo die alten Wahrheiten sich am langsten erhalten haben, das 
ist in den Mysterien des Westens. Von Hybernia kann man noch 
erzahlen Jahrhunderte nach der Entstehung des Christentums. Aber 
ich mochte sagen: Die Geheimnisse von Hybernia, sie sind im Grun- 
de genommen doppelt geheimnisvoll. - Denn sehen Sie, das, was 
ich Ihnen gestern erzahlt habe von diesen zwei Statuen, wovon die 
eine eine Sonnen- , die andere eine Mondesstatue ist, eine mannliche 
und eine weibliche Statue ist, diese Geheimnisse von den Statuen 
sind heute so, daft sie selbst aus der sogenannten Akasha-Chronik 
noch schwer zu erforschen sind. Es ist verhaltnismafiig gar nicht 
schwierig fur denjenigen, der in diesen Dingen geschult ist, heran- 
zukommen an die Bilder der orientalischen Mysterien und aus dem 
Astrallichte heraus diese Bilder zu holen, Aber kommt man oder will 
man an die Mysterien von Hybernia herankommen, will man sich 
ihnen nahern im Astrallichte, so bekommt man zunachst etwas wie 
eine Betaubung. Es schlagt einen zuriick. Sie wollen selbst in den 
Akasha-Nachbildungen sich heute nicht mehr sehen lassen, trotz- 
dem sie am langsten bestanden haben in ursprunglicher Echtheit, 
diese irischen, diese hybernischen Mysterien. 

Nun bedenken Sie: Beriihrt von den hybernischen Mysterien war 



ja die Individualitat, die in Alexander dem Grofien steckte, wahrend 
der Gilgamesch-Zeit, wahrend des Zuges nach dem Westen bis in 
die Gegend des heutigen Burgenlandes. Es lebte indieser Menschen- 
individualitat und lebte auf eine sehr alte Art in der Zeit, in der 
eben durchaus noch starke Anklange in diesem Westen waren an die 
atlantische Zeit. Das war nun durch den seelischen Zustand, der 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfliefit, hindurch- 
getragen. Dann waren die beiden Freunde, Eabani und Gilgamesch, 
wiederum eben gerade in Ephesus, um dort mit einer grofien Be- 
wufitheit dasjenige zu erleben, was mehr oder weniger noch unbe- 
wufit, unterbewufk im Zusammenhange mit der gottlich -geistigen 
Welt vorher wahrend der Gilgamesch-Zeit erlebt worden war. Aber 
es war wahrend der ephesischen Zeit ein verhaltnismaftig ruhiges 
Leben, ein Verdauen, Verarbeiten desjenigen, was in fruheren, be- 
wegteren Zeiten in die Seelen hineingezogen war. 

Nun mufi man bedenken: Bevor diese Individualitaten wiederum 
erschienen in der Dekadenz der Griechenzeit, in dem Aufbluhen 
der makedonischen Zeit, was war da iiber Griechenland hinweg- 
gegangen! Dieses Griechenland der alten Zeit, das im Grunde ge- 
nommen sich iiber das Meer hiniiber ausdehnte und auch Ephesus 
umfalke, bis tief nach Kleinasien hineinging, dieses Griechenland, 
das hatte eben in den Schattenbildern durchaus noch den Nach- 
klang der alten Gotterzeit. Im Schatten wurde der Zusammenhang 
des Menschen mit der geistigen Welt wohl erlebt. Aber aus dem 
Schatten arbeitete sich das Griechentum allmahlich heraus, und wir 
sehen ja stufenweise, wie sich die griechische Zivilisation aus einer 
sozusagen gottlichen Zivilisation in eine rein irdische hineinarbeitet. 

Oh, die wichtigsten Dinge des geschichtlichen Werdens werden 
ja gar nicht beruhrt in dem, was heute ganz materialistisch aufiere 
Geschichte ist! Wichtig fur die ganze Auffassung des Griechentums 
ist das allerdings, weil nur mehr ein Schattenbild da war in der grie- 
chischen Zivilisation von der alten Gottlichkeit, in der der Mensch 
zusammenhing mit den ubersinnlichen Welten, dafi der Mensch all- 
mahlich herauskam aus der Gotterwelt und zu dem Gebrauche 
seiner eigenen, ganz individuell personlichen geistigen Fahigkeiten 



kam. Das ging stufenweise vor sich. Wir konnen es den Dramen des 
Aschylos noch ansehen, wie da dasjenige, was noch gefuhlt wird von 
der alten Gotterzeit, wie das nun noch auftritt in kiinstlerischem 
Bilde. Aber kaum kommt Sophokles, so reilk schon sozusagen der 
Mensch sich ab von diesem Sich-zusammen-Fuhlen mit dem gott- 
lich-geistigen Dasein. Und dann, dann tritt etwas ein, was an einen 
Namen gekniipft ist, der ganz gewifi nicht hoch genug zu schatzen 
ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus; aber es gibt ja verschie- 
dene Gesichtspunkte in der Welt. 

Sehen Sie, in alteren griechischen Zeiten hatte man wahrhaftig 
nicht notwendig, Geschichte aufzuzeichnen. Wozu denn? Es war ja 
die lebendige Abschattung da des wichtigen Vergangenen. Die Ge- 
schichte las man ab in demjenigen, was sich in den Mysterien zeigte. 
Da waren die Schattenbilder, die lebendigen Schattenbilder. Was 
sollte man denn aufschreiben als Geschichte? Da kam die Zeit, wo 
diese Schattenbilder hinuntergingen in die untere Welt, wo das 
menschliche Bewufitsein sie nicht mehr aufnehmen konnte. Da ent- 
stand zuerst der Drang, nun Geschichte aufzuschreiben. Da kam der 
erste Prosaiker der Geschichte, Herodot, herauf. Und man konnte 
von da an viele Namen nennen, immer zielt das daraufhin, sozu- 
sagen herauszureifien die Menschheit aus dem Gottlich-Geistigen, 
sie hinzustellen in das rein Irdische. Aber immerhin war iiber diesem 
ganzen Irdischwerden wahrend des Griechentums ein Glanz, ein 
Glanz, von dem wir morgen horen werden, dafi er eben nicht auf 
das Romertum und nicht auf das Mittelalter ubergegangen ist. Ein 
Glanz war da. Den Schattenbildern, auch den in der Abenddamme- 
rung der griechischen Zivilisation verglimmenden Schattenbildern 
spurte man es noch an, empfand man es an, dafi sie gottlichen Ur- 
sp rungs waren. 

Und inmitten von all dem, wie die Zufluchtsstatte, wo man Auf- 
klarung fand iiber all das, was da in Griechenland, ich mochte sa- 
gen, in Fragmenten der Kultur vorhanden war, inmitten von all dem 
stand Ephesus. Heraklit, viele der grofiten Philosophen, auchPlaton, 
Pythagoras, sie alle haben noch von Ephesus gelernt. Ephesus war 
wirklich dasjenige, was bis zu einem gewissen Punkte bewahrt hatte 



die alten orientalischen Weistiimer. Und auch diejenigen Individua- 
litaten, die in Aristoteles und Alexander dem Grofien waren, in 
Ephesus konnten sie erfahren, etwas spater als Heraklit, was dann 
noch an altem Wissen in den orientalischen Mysterien war, das als 
Erbstikk geblieben ist dem Mysterium von Ephesus. Innig verbun- 
den insbesondere mit der Alexanderseele war dasjenige, was in 
Ephesus an Mysterienwesen lebte. Und nun geschah eines jener 
historischen Ereignisse, von denen die Triviallinge annehmen, dafi 
sie ein aurlerer Zufall sind, die aber gerade tief, tief begriindet sind 
in den inneren Zusammenhangen der Menschheitsentwickelung. 

Um die Bedeutung dieses historischen Ereignisses einsehen zu 
konnen, rufen wir uns das Folgende einmal vor die Seele, Denken 
Sie daran, dafi ja in den beiden Seelen, in der Seele desjenigen, der 
dann Aristoteles wurde, und desjenigen, der Alexander der Grofie 
wurde, zunachst das lebte, was innerlich verarbeitet war aus uralter 
Zeit heraus, dann das lebte, was in Ephesus ihnen ungeheuer wert- 
voll geworden war. Ich mochte sagen, ganz Asien, aber in der Form, 
in der es griechisch geworden war in Ephesus, lebte in den beiden, 
insbesondere in der Seele desjenigen, der spater Alexander der 
Grorje geworden ist. Nun stelle man sich auch den Charakter vor - 
ich habe ihn geschildert aus der Gilgamesch-Zeit -, und man denke 
sich, dafi sich ja nun im lebendigen Verkehr zwischen Alexander 
und Aristoteles das Wissen, das an den alten Orient und an Ephesus 
gebunden war, wiederholte, aber in der neuen Form des Wissens 
wiederholte. Man stelle sich das nur vor. Man stelle sich vor, was 
hatte werden mussen, wenn das gigantische Dokument, das eigent- 
lich in diesen Seelen mit einer ungeheuren Intensitat gelebt hat, 
wenn dieses gigantische Dokument, das Mysterium von Ephesus, 
dagewesen ware, wenn also auch in der Alexander-Inkarnation Alex- 
ander das Mysterium von Ephesus noch angetroffen hatte! Man stelle 
sich das vor, und man wurdige dann die Tatsache, dafi an dem Tage, 
an dem Alexander geboren wurde, Herostrat die Brandfackel in das 
Heiligtum von Ephesus geworfen hat, so dalS der Dianentempel von 
Ephesus an dem Tage, an dem Alexander geboren wurde, durch 
Frevlerhand abgebrannt ist. Es ward nicht mehr gefunden dasjenige, 



was gerade gekniipft war an seine Denkmal-Dokumente. Das war 
nun nicht da; das war im Grunde genommen allein jetzt als histo- 
rische Mission in der Seele des Alexander und in seinem Lehrer 
Aristoteles. 

Und nun verbinden Sie dasjenige, was da in ihnen als Seelisches 
lebte, mit dem, was ich gestern, als wie aus der Konfiguration der 
Erde heraus folgend, in der Mission Alexanders des Groften zeigte. 
Und nun werden Sie verstehen konnen, dafi ja mit Ephesus wie aus- 
geloscht war dasjenige, was im Orient real, reale Offenbarung des 
Gottlich-Geistigen war. Die anderen Mysterien waren im Grunde 
genommen nur noch Dekadenzmysterien, in denen Traditionen 
aufbewahrt wurden, wenn auch manchmal sehr lebhafte Tradi- 
tionen, und Traditionen, die in besonders veranlagten Naturen 
allerdings hellseherische Krafte hervorriefen. Aber die Grofiartig- 
keit, das Gigantische der alten Zeit war nicht da. Mit Ephesus war 
ausgeloscht dasjenige, was aus Asien herubergekommen war. Nun 
wurdigen Sie den Entschlufi in der Seele Alexanders des Grofien: 
Diesem Orient, der verloren hat dasjenige, was er einst hatte, muft 
es wenigstens gebracht werden in der Form, in der es in Griechen- 
land im Schattenbilde sich bewahrt hat! - Damit entstand der Ge- 
danke Alexanders des Groiten, hiniiberzuziehen nach Asien, so weit 
als nur gezogen werden konnte, um das, was der Orient verloren 
hatte, ihm im Schattenbilde in der griechischen Kultur wiederum 
zu bringen. 

Und nun sehen wir, wie mit diesem Zug Alexanders des Grofien 
tatsachlich in einer ganz wunderbaren Weise nicht eine Kulturer- 
oberung gemacht wird, wie man nicht versucht, irgendwieHellenen- 
tum in einer aufieren Weise dem Orientalen zu bringen, sondern 
Alexander der Grofie nimmt iiberall nicht nur die Sitten des Landes 
an, sondern er ist iiberall imstande, aus den Herzen, aus den Gemii- 
tern der Menschen heraus zu denken. Als er nach Agypten, nach 
Memphis kommt, wird er als ein Befreier von all dem geistigen Skla- 
venzeug angesehen, das bis dahin geherrscht hat. Das Perserreich 
durchdringt er mit einer Kultur, mit einer Zivilisation, zu der die 
Perser niemals imstande gewesen sind. Bis nach Indien dringt er vor. 



Den Plan fafit er, den Ausgleich, die Harmonisierung zu bewirken 
zwischen hellenischer und orientalischer Zivilisation. Uberall griindet 
er Akademien. Die bedeutsamsten fur die Nachwelt sind ja dann die 
Akademien, die er in Alexandria, in Nordagypten, griindete. Aber 
das allerwichtigste ist, dafi er uberall in Asien driiben grofie und 
kleine Akademien griindet, in denen dann in der folgenden Zeit die 
Werke des Aristoteles, auch die Traditionen des Aristoteles gepflegt 
werden. Und das hat durch Jahrhunderte in Vorderasien weiterge- 
wirkt, so weitergewirkt, dafi, ich mochte sagen, immerfort noch wie 
im schwachen Nachbilde sich das wiederholt hat, was Alexander 
inaugurierte. Alexander hat zunachst in einem machtigen Stofi das 
Naturwissen driiben in Asien gepflanzt bis nach Indien hinein - 
durch seinen friihen Tod war er nur nicht imstande, bis nach Ara- 
bien zu kommen: Das war sein HauptzieL Bis nach Indien hinein, 
bis nach Agypten hinein, iiberallhin verpflanzte er das, was er als 
Naturgeist-Wissen von Aristoteles aufgenommen hatte. Und er hat 
es uberall so hingestellt, dafi es fruchtbar werden konnte dadurch, 
dafi die Menschen, die es aufnehmen sollten, es als ihr Eigenes emp- 
fanden, nicht als ein fremdes Hellenisches, das ihnen aufgedrangt 
werden sollte. Es konnte tatsachlich nur eine so feuerspriihende 
Natur wie Alexander der Grofie dies bewirken, was da bewirkt wor- 
den ist. Denn immerdar kamen Nachschiibe. Viele Gelehrte der 
spateren Zeit gingen wiederum von Griechenland hiniiber, und 
insbesondere war es eine der Akademien - aufier Edessa war es 
die Akademie von Gondishapur -, welche durch Jahrhunderte hin- 
durch immer wieder und wiederum Nachziige aus Griechenland er- 
fahren hat. 

Da wurde das Ungeheure vollzogen, dafi dasjenige, was vom 
Tafel 8 Oriente heriibergekommen war (es wurde gezeichnet, wobei sich 
die beiden Zeichnungen iiberschnitten; siehe Originaltafel 8. - 
Rot von rechts nach links, heller Fleck), was in Ephesus gestoppt 
worden ist durch die Brandfackel des Herostrat, dafi das von sei- 
nem Schattenbilde, das in Griechenland war, zuriick beleuchtet 
wurde (hellgriin von links nach rechts) bis zum letzten Akt, als 
durch ostromische Tyrannei die griechischen Philosophenschulen 




Tafel 8 



geschlossen wurden im 6. nachchristlichen Jahrhunderte und die 
letzten der griechischen Philosophen sich hiniiberfliichteten nach 
der Akademie von Gondishapur. 

Es war dieses ein Ineinanderarbeiten desjenigen, was vorangegangen 
war, und desjenigen, was zuriickgeblieben war. Dadurch war in der 
Tat in dieser Mission, wenn auch mehr oder weniger unbewufit, aber 
es war darinnen, dafi ja in einer gewissen Weise in Griechenland die 
Welle des Zivilisationslebens angekommen war auf eine luziferische 
Art, in Asien driiben sie zuriickgeblieben war auf eine ahrimanische 
Art; in Ephesus war der Ausgleich. Und Alexander wollte, da Ephe- 
sus physisch an seinem Geburtstage zugrunde gegangen war, ein 
geistiges Ephesus, das seine Sonnenstrahlen iiber Orient und Okzi- 
dent ausstrahlen sollte, begriinden. In tieferem Sinne lag dem Wol- 
len Alexanders zugrunde, ein geistiges Ephesus zu begriinden iiber 
Vorderasien bis nach Indien hinein, iiber das agyptische Afrika, iiber 
den Osten von Europa. 

Man kann nicht die geschichtliche Entwickelung der abendlandi- 
schen Menschheit verstehen, wenn man diesen Hintergrund nicht 
hat. Denn bald nachdem dies geschehen war, nachdem hier versucht 
worden war, das uralt ehrwiirdige Ephesus auf breitem Raum auszu- 
breiten, wurde im Grunde genommen in Alexandrien in Agypten, 
wenn auch in matten Schriftzeichen, dasjenige bewahrt, was in 
leuchtenden weiten Lettern einmal vorhanden war in Ephesus. Und 
nachdem gebluht hat diese Nachblute von Ephesus, machte sich ja 



geltend weiter im Westen driiben das Romertum, das nun eine ganz 
andere Welt ist, das nichts mehr zu tun hat mit den griechischen 
Schattenbildern, sondern das im menschlichen Wesen eben nur die 
Erinnerungen an diese alten Zeiten zuriickbehalt. Daher ist der 
wichtigste Einschnitt, der in der Geschichte studiert werden kann, 
der, als nach dem Brande von Ephesus begriindet werden soli durch 
Alexander ein geistiges Ephesus, das dann zuriickgeschoben wird 
von demjenigen, was sich weiter im Westen geltend macht, zuerst 
als Romertum, dann als Christen turn und so weiter. Und man ver- 
steht die Entwickelung der Menschheit nur, wenn man sich sagt: So 
wie wir sind, mit unserer Art, mit dem Verstand aufzufassen, mit 
unserer Art, aus dem Willen heraus zu wirken, mit unserer Gemuts- 
stimmung, so konnen wir zuriickschauen in das alte Rom. Da ver- 
steht man alles. Aber man kann nicht zuriickschauen nach Grie- 
chenland, nicht nach dem Oriente. Da mufi man in Imaginationen 
schauen, dazu ist geistiges Schauen notwendig. 

Ja, nach Siiden diirfen wir schauen auch im geschichtlichen Wer- 
den mit dem gewohnlichen, niichtern prosaischen Verstande, nicht 
aber nach dem Osten. Denn wenn wir nach dem Osten schauen, 
miissen wir in Imaginationen schauen: hintenaufdem Hintergrunde 
die machtigen Mysterientempel des uralten Asien der nachatlan- 
tischen Zeit, wo die Priesterweisen jedem ihrer Schiller seinen Zu- 
sammenhang mit dem GottHch-Geistigen des Kosmos klarlegten, 
wo eine Zivilisation war, wie sie, wie ich Ihnen geschildert habe, in 
der Gilgamesch-Zeit aufgenommen werden konnte. Dann miissen 
wir sehen, indem wir iiber Asien zerstreut diese wunderbaren Tem- 
pel schauen, wie im Vordergrunde Ephesus steht, bewahrend noch 
vieles von dem, was schon abgeblalk war in den iiber Asien zerstreu- 
ten Tempeln, vieles von dem noch bewahrend, aber schon ins Grie- 
chentum iibergegangen. Schon braucht der Mensch nicht mehr auf 
die Sternkonstellationen und Jahreszeiten zu warten und auf seine 
eigenen Lebensalter, um die Offenbarungen der Gotter zu empfan- 
gen in Ephesus, sondern schon kann er durch dasjenige, was er, 
wenn er reif ist, opfert, wenn er Exerzitien macht, sich den Gottern 
nahen, so daft sie gnadevoll zu ihm kommen. Und nun sehen wir in 



einer Welt, die durch dieses Bild wiedergegeben wird, in der Hera- 
klit-Zeit, vorbereitet die Personlichkeiten, von denen ich Ihnen ge- 
sprochen habe, nun sehen wir 356, am Geburtstage Alexanders des 
Groften, die Feuerflammen auflodern aus dem Tempel von Ephesus. 
Alexander der Grofte wird geboren, findet seinen Lehrer Aristoteles. 
Und es ist, wie wenn aus diesen zum Himmel aufsteigenden Feuer- 
flammen von Ephesus heraus ertonen wiirde fur diejenigen, die ver- 
stehen konnten: Begriindet ein geistiges Ephesus, wo in den Weiten 
das alte physische Ephesus wie sein Mittelpunkt, wie sein Zentrum 
in der Erinnerung dastehen kann. 

Und so sehen wir dieses Bild des alten Asien mit seinen Myste- 
rienstatten, im Vordergrunde Ephesus, brennend, seine Schiiler, 
und gleichzeitig fast, in etwas spaterer Zeit, die Alexanderziige, die 
das, was Griechenland im Fortschritte der Menschheit geben konnte, 
hinubertrugen, so dafi im Bilde nach Asien kam, was Asien an Rea- 
litat verloren hatte. 

Und indem wir da hinuberschauen, unsere Imagination beflugelt 
sein lassen von dem, was sich da als Ungeheures ergibt, sehen wir 
zuriick auf den wahrhaften alten Abschnitt der Geschichte, den man 
imaginativ fassen mufi. Und dann sehen wir erst im Vordergrunde 
sich erheben die romische Welt, die Welt des Mittelalters, die Welt, 
die bis zu uns herein geht. Und alle anderen Einteilungen - Alter- 
tum, Mittelalter und Neuzeit, oder wie sonst die Gliederungen 
heifien -, die rufen im Grunde genommen nur falsche Vorstellungen 
hervor. Dieses Bild allein, das ich jetzt vor Sie hingestellt habe, kann 
Ihnen, wenn Sie es tiefer und immer defer verfolgen, einen wirk- 
lichen Einblick geben auch in die Geheimnisse, die sich bis zum 
heutigen Tage in dem Werden der europaischen Geschichte ergeben 
haben. Davon dann morgen weiter. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 29. Dezember 1923 



Die Zeit drei bis vier Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golga- 
tha, drei bis vier Jahrhunderte nachher, was einen Zeitraum von 
sechs bis acht Jahrhunderten gibt, diese Zeit ist fur das Verstandnis 
der Geschichte des Abendlandes in ihrem Anschlusse an das Mor- 
genland ganz besonders wichtig. Das Wesentliche der Ereignisse, 
von denen ich in den vergangenen Tagen gesprochen habe und die 
da gipfelten im Auftreten des Aristotelismus und in den Alexander- 
ziigen von Makedonien nach Asien hiniiber, das Wesentliche dieser 
Ereignisse ist, daft sie eine Art von Abschluft bilden fur jene Zivili- 
sation des Orients, die noch ganz und gar getaucht war in die Im- 
pulse des Mysterienwesens. 

Der letzte Abschluft sozusagen dieser noch echten, reinen Myste- 
rienimpulse des Orients war ja der frevlerische Brand von Ephesus. 
Und wir haben es dann zu tun mit demjenigen, was sozusagen fur 
Europa, fur Griechenland, dann iibrigbleibt an Mysterientradition, 
an Schattenbildern, mochte ich sagen, der alten gottdurchdrun- 
genen Zivilisation. Und vier Jahrhunderte nach dem Mysterium von 
Golgatha konnen wir sozusagen sehen durch ein anderes Ereignis, 
was noch vorhanden war von den Trummern des Mysterienwesens. 
Wir konnen es sehen an Julianus Apostata. Julianus Apostata, der 
romische Kaiser, wird im 4. Jahrhundert in dasjenige eingeweiht, in 
das man eben eingeweiht werden konnte, von einem der letzten 
Hierophanten der eleusinischen Mysterien. Das heifk, Julianus Apo- 
stata erfuhr ebensoviel von dem, was die alteren Gottergeheimnisse 
des Orients waren, als im 4. nachchristlichen Jahrhundert in den 
Eleusinien noch zu erfahren war. 

Damit haben wir an einem Punkt, dem Ausgangspunkt eines 
gewissen Zeitalters, den Brand von Ephesus stehen. An dem Tage 
des Brandes von Ephesus ist der Geburtstag Alexanders des Grofien. 
Wir haben am Ende dieser Epoche stehen, 363, den Todestag, den 
gewaltsamen Tod Julianus Apostatas driiben in Asien. Man mochte 



sagen: Mitten drinnen in diesem Zeitraume steht das Mysterium von 
Golgatha. Und nun sehen wir uns einmal an, wie sich dieser Zeit- 
raum, den ich eben begrenzt habe, eigentlich ausnimmt in der gan- 
zen Entwickelungsgeschkhte der Menschheit. Wir haben ja jetzt die 
merkwurdige Tatsache vor uns liegen, daft, wenn wir zurikkschauen 
wollen jenseits dieses Zeitraumes in die Entwickelung der Mensch- 
heit hinein, wir etwas tun miissen in unserem Anschauen, das sehr 
ahnlich ist einem anderen. Nur bringen wir die beiden Dinge oft- 
mals nicht zusammen. 

Erinnern Sie sich, wie ich genotigt war darzustellen in meiner 
«Theosophie» die Welten, die fur uns in Betracht kommen: die phy- 
sische Welt, daran grenzend eine tibergangswelt, die Seelenwelt, 
und dann als die Welt, in die nur Eintritt gewinnen kann der 
hochste Teil des Menschen, das Geisterland. Und wenn manabsieht 
von den besonderen Eigentiimlichkeiten dieses Geisterlandes, das 
gegenwartig der Mensch durchmacht zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, wenn man so auf die allgemeinen Eigentiimlich- 
keiten des Geisterlandes sieht, dann ist es so, daft wir in ganz ahn- 
licher Weise, wie wir umorientieren miissen unsere Seelenverfas- 
sung, um dieses Geisterland zu begreifen, umorientieren miissen 
unsere Seelenverfassung, um dasjenige zu begreifen, was jenseits 
dieses Zeitpunktes liegt. Mit den Begriffen und Vorstellungen, die 
auf die heutige Welt anwendbar sind, sollen wir nur ja nicht glau- 
ben, dasjenige verstehen zu konnen, was hinter dem Brande von 
Ephesus liegt. Da mufi man andere Begriffe und Vorstellungen aus- 
bilden, die einem eben gestatten, hinzuschauen auf Menschen, die 
noch wufiten, daft sie, so wie der Mensch im Atmungsprozesse mit 
der aulteren Luft, sie durch ihre Seele fortdauernd mit den Gottern 
zusammenhangen . 

Und nun, sehen wir uns an diese Welt, die gewissermafien ein 
irdisches Devachan, ein irdisches Geisterland ist, denn die physische Tafel 9 
Welt niitzt nichts fur diese Welt. Dann haben wir jene Zwischenzeit 
von meinetwillen 356 vor Christus bis 363 nach Christus. Und was 
liegt nun jenseits davon? Jenseits davon gegen Asien hin, jenseits 
gegen Europa zu liegt die Welt, aus der die gegenwartige Mensch- 



Tafel 9 




heit eben im Begriffe ist ebenso herauszukommen, wie die alte 
Menschheit aus der orientalischen Welt iiber die griechische ins 
Romerreich hineingekommen ist (siehe Zeichnung). Denn dasjenige, 
was dutch die Jahrhundette des Mittelaltets bis in unsete Zeiten her- 
ein sich als Zivilisation entwickelt hat, das ist eine Zivilisation, welche 
sich gebildet, entfaltet hat, abgesehen von dem eigentlichen Inneren 
des Mysterienwesens, welche sich entwickelt hat auf der Grundlage 
dessen, was der Mensch mit seinen Begriffen und Vorstellungen aus- 
bilden kann. In Griechenland hatte es sich schon vorbereitet seit 
Herodot, der in aufierlicher Weise die Tatsachen der Geschichte be- 
schrieben hat und nicht mehr an das Geistige oder wenigstens nur 
hochst mangelhaft an das Geistige herangetreten ist. Dann bildet 
skh das immer mehr und mehr aus. Aber in Griechenland bleibt 
immer noch etwas von dem Hauche jener Schattenbilder, die an das 
geistige Leben erinnern sollten. In Rom dagegen beginnt jenes Zeit- 
alter, dem die Menschheit der Gegenwart noch verwandt ist, jenes 
Zeitalter, das in einer ganz anderen Weise eine Seelenverfassung 
hat
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