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RUDOLF STEINER GESAMTAUS GABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Die Weltgeschichte
in anthroposophischer Beleuchtung
und als Grundlage der Erkenntnis
des Menschengeistes
Neun Vortrage, gehalten in Dornach
vom 24. Dezember 1923 bis 1. Januar 1924
wahrend der Grundungsversammlung
der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH /SCHWEIZ
Nach vom Vottragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung
Die Hefausgabe der 4. Auflage besorgte Caroline Wispier
1. Auflage (ohne 1. Januar 1924), Dornach 1945
2. Auflage (zusammen mit «Mysterienstatten des Mittel-
alters» und «Das Osterfest als ein Stuck Mysterien-
geschichte der Menschheit») Gesamtausgabe Dornach 1962
3. Auflage (Teilausgabe aus vorangehendem Sammelband)
Dornach 1963
4. Auflage, neu mit den Stenogrammen vergiichen,
Gesamtausgabe Dornach 1980
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
Bibliographie-Nr. 233
Einbandgestaltung von Assia Turgenieff
liber die Zeichnungen im Texte und Wandtafelzeichnungen siehe Seite 165
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
© 1980 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach /Schweiz
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel
ISBN 3-7274-2331-5
Zu den Verbffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Ge-
sellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor-
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden miissen, dal5 in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auliert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist
am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei-
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 24. Dezember 1923
Die Seelengeschichte der Menschheit
in bezug auf die Entwickelung des Gedachtnisses
Das Verstandlichwerden der Weltgeschichte durch Einsicht in die Seelen-
geschichte. Heutiges Vorstellen und Erinnern, Fiihlen, Wollen und ihre
Entsprechungen bei vorgeschichtlichen orientalischen Volkern: Statt der
Gedankenbilder - das Erleben des Kopfes und damit verbunden der gan-
zen Erde; statt der Gefuhlserlebnisse - das Erfahren des eigenen Brust-
raumes und des Herzens und damit verbunden des unmittelbaren Erden-
umkreises und der Sonne; statt des individuellen Willens - das Erleben
der Beweglichkeit der Glieder und darin wirkend das Verhaltnis der Erde
zur Gestirnswelt. Entwickelung des Gedachtnisses: lokalisierte Erinne-
rung, haftend an aufieren Merkzeichen; Ursprung des Denkmalwesens.
Rhythmisierte Erinnerung, beginnend mit den Wanderungen nach
Asien; Ursprung der Verskunst. Modernes Zeitgedachtnis, beginnend im
Aufgang des Griechentums. Weg der Verinnerlichung.
Zweiter Vortrag, 25. Dezember 1923
Bewufitseinsebenen und Entwickelungsimpulse
der alten Volker Asiens
Das Welterleben der alten Zeit. Erleben der irdischen Umgebung als un-
terstes Gebiet eines vierstufigen, einheitlich-geistigen Weltganzen.
Tagesbewufitsein: traumendes Wachen, das die Eindriicke der Welt
in Imaginationen verwandelt; Erleben der Elementargeister. Schlaf:
dumpfes Bewufitsein von der Welt der dritten Hierarchies Vertiefung bis
zur Welt der zweiten Hierarchic Bewufitsein der Eingeweihten: Voraus-
nahme des heutigen Wachbewufitseins; Lesen und Schreiben; Erfahren
der Geistentleerheit; Moralitat; Ausgleich durch Begegnung mit Wesen
der ersten Hierarchic Verlauf der aufieren Geschichte in grausamen Er-
oberungskriegen. Der Impuls der Weiterentwickelung darin: Ausein-
andersetzung junger Volker mit alteren, um an deren Todeskraften Be-
wufitsein, Besonnenheit zu erwerben. Anders spater die Griechen: ihr
Uberschufi an Todeskraften iiber die Lebenskrafte; der Trojanische Krieg
als Angstkrieg.
Dritter Vortrag, 26. Dezember 1923
Das agyptisch-chaldaische Zeitalter. Gilgamesch und Eabani
Die Doppelheit des menschlichen Ich-Bewufitseins im dritten nachatlan-
tischen Zeitraum: Beginn des Hinuntersinkens aus dem Geistig-Seeli-
sischen in das Physisch-Atherischc Gilgamesch und Eabani. Das Zusam-
menwirken der «alten» Erobererkraft Gilgameschs mit dem Hell-Erkennen
des «jungen» Eabani, auch tiber den Tod hinaus. Gilgameschs Bewufit-
sein von dem welthistorischen Ubergang aus innerer Erfahrung, nicht
durch Zugehorigkeit zu den asiatisch-kosmischen Mysterien. Das Problem
der Unsterblichkeit. Das Bewuiksein der Zusammengehorigkeit von
Menschheitsentwickelung und Erdenentwickelung. Letztes Fortwirken
der asiatisch-kosmischen Mysterien in Ephesus; ihr Zugang zur atheri-
schen Welt. Wiederverkorperung Gilgameschs und Eabanis als Angeho-
rige der ephesischen Mysterien; Konsolidierung der vergangenen geistig-
seelischen Erlebnisse in Erdenweisheit; Ausbildung eines klaren Bewufit-
seins fur die doppelte Zugehorigkeit des Menschen zur Erdenwelt und
zur oberen Geistwelt.
Vierter Vortrag, 27. Dezember 1923
Die hybernischen und die ephesischen Mysterien.
Alexander und Aristoteles
Bewufitseinsverdunklung und Freiheitsbildung. Vorbereitung und Einwei-
hungserlebnisse in den hybernischen Mysterien; die Art des Sich-Ein-
lebens in den Kosmos, in das Wirken von Sonne und Mond. Der Ein-
weihungsweg in den ephesischen Mysterien; das Einleben in den Welten-
ather durch Einsicht in das Wesen der Sprache; das menschliche Sprechen
als Abbild des schopferischen Weltenlogos. Der Nachklang unmittel-
barer Geistgegenwart in Ephesus; die Abbilder davon in der griechischen
Kultur. Aristoteles und Alexander. Das «Alexanderlied» des Pfaffen
Lamprecht. Verlust und Schicksal vieler Schriften des Aristoteles. Seine
Lehre an den Schiller Alexander iiber die Erde und den Weltenather,
tiber die Beziehung des Menschen zu den Elementen und die Verwandt-
schaft des Menschen mit der Erde. Alexanders Erleben in bezug auf die
Geistigkeit und die geographische Wirksamkeit der Elemente; sein Zug
nach Osten aus Impulsen, die an Naturliches und Moralisches gleicher-
mafien anknupfen.
FOnfter Vortrag, 28. Dezember 1923
Die besondere Stellung des Mysteriums von Ephesus.
Alexander der Grofie
Der Charakter der orientalischen Mysterien: die Gegenwart des Gottlich-
Geistigen; das Erleben des Zusammenhanges von Natiirlichem und Mora-
lischem; das Erleben der Verwandtschaft des Menschen mit der Pflanzen-
welt, der Befreiung gegenuber der Tierwelt; die Abhangigkeit der Offen-
barung von Raum und Zeit. Der Charakter der griechischen Mysterien:
das Erleben der Schattenbilder des Gottlich-Geistigen; Unabhangigkeit
der Offenbarung von Raum und Zeit, ihre Abhangigkeit von Vorberei-
tung und Reife des einzelnen Menschen. Ephesus: der Nachklang unmit-
telbarer Geistrealitat, aber schon in Unabhangigkeit von Raum und Zeit.
Der Abstieg Griechenlands aus einer «gottlichen» in eine rein irdische
Zivilisation; Beginn der Geschichtsschreibung durch Herodot; Ephesus
als letzte geistige Orientierungsstatte. Die Bedeutung des Zusammen-
falls von der Gebuft Alexanders und dem Brand von Ephesus. Der Im-
puls Alexanders, ein geistiger Ephesus zu begriinden. Griindung der
Akademien in Agypten und Asien; Alexandrien. Das Ende der orienta-
lischen, nur imaginativ erfafibaren Geschichte durch das Heraufkommen
der romisch-westlichen Welt.
Sechster Vortrag, 29. December 1923
Zwischen der Offenbarung Asiens und der gegenwartigen
Wirkungsgeschichte des Aristotelismus
Die Ubergangszeit zwischen Alexander und Julian Apostata. Die Kultur
davor: getragen von den Impulsen der Mysterien; danach: vom Person-
lichkeitsprinzip. Der Zusammenhang der Weltengliederung nach Gei-
sterland, Seelenwelt und physischer Welt mit der Gliederung des welt-
historischen Prozesses. Die Verwandlung der Erinnerungsfahigkeit zum
persdnlichen Zeitgedachtnis; Geschichtsschreibung; Tradition. Das My-
sterium von Golgatha und die Mysterien von Hybernia. Das Fortwirken
der Impulse des Aristoteles: durch Alexander dringt das Naturgeist-
Wissen in den Osten, erst im Mittelalter abgeschwacht in das Abendland;
durch Theophrast gelangen die logischen Schriften in den Westen. Der
Charakter der aristotelischen Logik als geistiger Schulung. Fortleben des
aristotelischen Naturgeist-Wissens in der Unscheinbarkeit der Volksweis-
heit. Paracelsus, Bohme u.a. Der Abstieg der geistigen Bildung seit Grie-
chenland: Gymnast, Rhetor, Doktor. Die letzten Auslaufer des Aristote-
lismus im 19. Jahrhundert ermoglichen gerade noch ein Wiederan-
knupfen an die alte Offenbarung. Der Brand von Ephesus und der Brand
des Goetheanum.
Siebenter Vortrag, 30. December 1923
Das Verlorengehen des Wissens um den Zusammenhang
des Menschen mit der Welt in der Neuzeit
Der letzte grofte historische Einschnitt: der Ubergang in das Zeitalter der
Bewufitseinsseele. Das Wissen noch im Mittelalter um die Entsprechung
von Mikrokosmos und Makrokosmos. Die Unterschiedlichkeit der Metalle
in der Natur oder im Menschen; feinste Arten des Substanzaustausches
zwischen Mensch und Kosmos. Der physische Mensch und die Krafte der
Erde. Die Krafte desWeltenumkreises und der Atherleib; Verdeutlichung
dieser Krafte am Eiweifi, insofern es Trager der Fortpflanzung ist. Ables-
barkeit des Wirkens der Erden- bzw. Umkreiskrafte an der menschlichen
Gestalt: Beine, Kopf, Arme. Der Astralleib und die Krafte von auflerhalb
des Raumes. Beispiele fur das Sicheinfugen der irdischen Krafte in das
Atherische bzw. in das Astral- Atherische: Fortpflanzung der Gall-
wespe; die Beziehung von Biene, Blume und Wabenbau zu der Bildung
der Quarzkristalle. Die Notwendigkeit erneuerter Einsicht in das Zusam-
menwirken der Wesensglieder des Menschen und den Zusammenhang
mit den Naturreichen; die Grundlagen einer neuen Heilkunde. Die Be-
ziehung der Ich-Organisation zu allem Mineralischen; die Ich-Organisa-
tion und die Warme; die Verwandlung alles Festen, Fliissigen, Luftigen
und Warmehaften durch die Aufnahme der Ich-Organisation.
Achter Vortrag, 31. Dezember 1923 134
Der Brand von Ephesus und der Brand des Goetheanum
Der Ephesus-Brand und das aus der Antike iiberlieferte Wort vom Neid
der Gotter. Die Mysterien als Statten der Begegnung und des Verstehens
zwischen Menschen und den «guten Gdttern». Der Neid luziferisch-
ahrimanischer Gotter. Die Tat von Golgatha durch den Gott, der der
hochsten Liebe fahig ist. Was Angelegenheit von Gottern und Menschen
war, wird im Zeitalter der Freiheit Angelegenheit des physischen Men-
schenlebens. Die Anspruchslosigkeit, mit der sich Gotterweisheit im
Mittelalter im Irdischen darstellt. Die Unterweisung eines Rosenkreuzer-
Meisters an einen Schiller: das Verhaltnis des physischen, Ather- und
Astralleibes zur Erde; ihre eigentliche Zugehdrigkeit zu den Hierarchien;
das besondere Verhaltnis des Menschen zur Warme. Die «Sprache» der
neuen geistigen Offenbarung in den Formen und Bildinhalten des
Goetheanum. Die Statue der Gottin in Ephesus - die Statue des Mensch-
heitsreprasentanten im Goetheanum. Der Brand des Goetheanum und
der Neid der Menschen. Verwandlung des Schmerzes in Treue und Tat-
kraft in bezug auf die geistigen Impulse des Goetheanum.
Neunter Vortrag, l.Januar 1924 148
Die durch Anthroposophie auferlegte Verantwortung
Blick auf das Zukunftsziel anthroposophischen Strebens: zu verhindern,
daft die Menschheit den historisch auferlegten Schwellenubertritt ver-
wirkt durch den Mifibrauch des Ideenvermogens ausschliefilich fur die ma-
terielle Welt. Die Aufgabe Dornachs als dem Ort, an dem off en von den
geistigen Realitaten gesprochen werden mufi. Die notwendige Kompro-
mifilosigkeit und Wahrhaftigkeit in bezug auf den anthroposophischen
Impuls in den verschiedenen Zweigen der Lebenspraxis. Von der Hoffnung,
die sich mit der Weihnachtstagung verbindet. Der Grundsteinspruch.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 165
Hinweise zum Text 165
Textanderungen 169
Namenregister 170
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 171
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 173
ERSTER VORTRAG
Dornach, 24. Dezember 1923
In diesen Abendstunden unserer Weihnachtszusammenkunft mochte
ich Ihnen einen solchen Uberblick der Menschheitsentwickelung auf
Erden geben, der dazu fiihren kann, dasjenige, was der Mensch in der
Gegenwart ist, intimer und intensiver in das Bewufttsein aufzuneh-
men. Gerade in dieser gegenwartigen Zeit, in der sich so aufierordent-
lich Bedeutsames, man darf schon sagen, fur die ganze Kulturmensch-
heit vorbereitet, miifke es eigentlich jedem tiefer denkenden Men-
schen naheliegen, die Frage aufzuwerfen: Wie ist die gegenwartige
Konfiguration, die gegenwartige Verfassung der menschlichen Seele
aus einer Entwickelung langer Zeiten hervorgegangen? - Denn es
kann ja nicht geleugnet werden, dafi das Gegenwartige dadurch ver-
standlich wird, dafi man es in seinem Hervorgehen aus dem Vergan-
genen zu begreifen versucht.
Nun ist man aber gerade in der Gegenwart aufierordentlich be-
fangen in bezug auf die Entwickelung des Menschen und der Mensch-
heit. Zunachst stellt man sich ja vor, dafi der Mensch in bezug auf sein
seelisch-geistiges Leben so, wie er jetzt ist, im wesentlichen wahrend
der ganzen geschichtlichen Zeit war. Gewift , mit Bezug auf das eigent-
lich Wissenschaftliche stellt man sich vor, daft in alten Zeiten die Men-
schen kindlich waren, an allerlei Phantastereien geglaubt haben und
daft die Menschen eigentlich gescheit im wissenschaftlichen Sinne erst
in der allerletzten Zeit geworden sind. Aber wenn man davon absieht,
was das eigentlich Wissenschaftliche ist, so denkt man sich dann, daft
im allgemeinen die Seelenverfassung, die der heutige Mensch hat,
auch schon der Grieche, der Orientale, gehabt hat. Wenn man sich
auch im Kleinen Modifikationen im Seelenleben denkt, im groften
ganzen denkt man sich: wahrend der historischen Zeit ist eben eigent-
lich alles so gewesen wie heute. Da nimmt man an, daft das geschicht-
liche Leben ins Vorgeschichtliche verlauft und sagt: Da weift man
nichts Rechtes. - Dann aber geht man weiter zuruck: Da war der
Mensch noch in seiner tierischen Gestalt. - Geht man also die Ge-
schichte zuriick, so stellt man sich das Seelenleben so ziemlich un-
verandert vor, dann, im Nebel verschwimmend, das Bild und dann
der Mensch in tierischer Unvollkommenheit, so ein besseres Affen-
wesen.
Das ist ja ungefahr die gebrauchliche Vorstellung von heute. Sie
beruht eben auf einer auflerordentlichen Befangenheit, denn man
bemiiht sich, indem man eine solche Vorstellung ausbildet, gar
nicht zu erkennen, welch tiefgehende Unterschiede schon vorhanden
sind in der Seelenverfassung zwischen dem Menschen der Gegenwart
und einer verhaltnismafiig gar nicht so weit zurikkliegenden Zeit,
sagen wir, dem 11., 10., 9. nachchristlichen Jahrhundert, oder wie
grofi der Unterschied in der Seelenverfassung ist zwischen einem
heutigen Menschen und einem Zeitgenossen des Mysteriums von
Golgatha oder gar einem heutigen Menschen und einem Griechen.
Und gehen wir dann in die orientalische Welt zuriick, von der ge-
wissermafien die griechische Zivilisation eine Art Kolonie war, eine
Spatkolonie, so kommen wir in Seelenverfassungen des Menschen
hinein, die total verschieden sind von der Seelenverfassung des ge-
genwartigen Menschen. Und ich mochte gleich an Beispielen, an
wirklichen Fallen Ihnen zeigen, wie der Mensch, der vor, sagen wir,
zehntausend Jahren etwa oder fiinfzehntausend Jahren im Oriente
gelebt hat, ganz anders geartet war als wieder der Grieche und als
wir selbst etwa.
Stellen wir uns einmal unser Seelenleben vor das Seelenauge hin.
Nehmen wir irgend etwas aus unserem eigenen Seelenleben heraus.
Wir haben irgendein Erlebnis. Wir bilden uns von diesem Erlebnis,
an dem wir durch unsere Sinne oder sonst durch unsere Personlich-
keit beteiligt sind, eine Idee, einen Begriff, eine Vorstellung. Wir
behalten diese Vorstellung in unserem Denken, und sie kann wieder-
um nach einiger Zeit als Erinnerung aus unserem Denken in das be-
wulke Seelenleben heraufkommen. Sie haben heute, sagen wir,
irgendwelches Erinnerungserlebnis, das Sie zuruckfiihrt in Ihre wahr-
genommenen Erlebnisse vor vielleicht zehn Jahren. Und nun fassen
Sie ganz genau, was das eigentlich ist. Etwas haben Sie vor zehn
Jahren erlebt. Sagen wir, Sie haben vor zehn Jahren eine Gesellschaft
von Menschen besucht, Sie haben die Vorstellung bekommen von
jedem einzelnen dieser Menschen, deren Antlitz und so weiter. Sie
haben erlebt, was diese Menschen zu Ihnen gesagt haben, was Sie
mit ihnen gemeinsam getan haben und so weiter. Das alles kann im
Bilde heute vor Ihnen auftauchen. Es ist ein innerliches Seelenbild,
das von dem Ereignis von vielleicht vor zehn Jahren in Ihnen vor-
handen ist. Und nicht nur nach der Wissenschaft, sondern nach
einem allgemeinen Gefuhl, das allerdings heute von den Menschen
schon aufterordentlich schwach erlebt wird, aber das vorhanden ist,
lokalisiert man eine solche Erinnerungsvorstellung, die ein Erlebnis
wiederum heraufbringt, im menschlichen Haupte. Man sagt sich: Im
Kopfe ist dasjenige vorhanden, was als Erinnerung an ein Erlebnis
da ist.
Nun, machen wir jetzt einen ziemlich grofien Sprung zuruck in
der Menschheitsentwickelung, und sehen wir uns Bevolkerungen der
orientalischen Gegenden einmal an, von denen unsere historisch
geschilderten Chinesen, Inder und so weiter eigentlich erst die Nach-
kommen sind. Also gehen wir wirklich Tausende von Jahren zuruck.
Wenn wir da einen Menschen dieser alten Zeiten ins Auge fassen,
dann lebte der nicht so, dafi er sagte: Ich habe in meinem Kopfe die
Erinnerung an irgend etwas, was ich im aufieren Leben erfahren
habe, durchgemacht habe. - Solch ein inneres Erlebnis hatte er gar
nicht, das gab es fur ihn nicht. Er hatte nicht Gedanken, Ideen, die
seinen Kopf anfullten. Die Oberflachlichkeit des gegenwartigen
Menschen meint: Heute haben wir Ideen, Begriffe, Vorstellungen;
das haben die Menschen in der historischen Zeit immer gehabt. - So
ist es aber nicht.
Wenn wir mit geistiger Einsicht weit genug zuriickgehen, so
treffen wir eben auf Menschen auf, die ganz und gar nicht Ideen,
Begriffe, Vorstellungen im Kopfe hatten, die namlich nicht einen
solchen abstrakten Inhalt ihres Kopfes erlebten, sondern, so grotesk
es Ihnen erscheinen mag, die den ganzen Kopf erlebten, die ihre
Kopfe einfach spiirten, einfach empfanden. Mit Abstraktionen in
unserem Sinne haben sich diese Menschen nicht abgegeben. Im
Kopfe Ideen zu erleben, das kannten sie eben nicht, aber ihren eige-
nen Kopf erleben, das kannten sie. Und so wie Sie, wenn Sie ein
Erinnerungsbild haben an ein Erlebnis, dieses Erinnerungsbild auf
das Erlebnis beziehen, wie eine Relation besteht zwischen Ihrem
Erinnerungsbild und dem Erlebnis, das da draufien war, so bezogen
diese Menschen das Erlebnis ihres Kopfes auf die Erde, auf die ganze
Erde. Und sie sagten: Es gibt in der Welt die Erde, es gibt in der
Welt mich und an mir meinen Kopf. Und mein Kopf, den ich auf
meinen Schultern trage, der ist die kosmische Erinnerung an die
Erde. Die Erde ist friiher dagewesen, mein Kopf spater. Aber daft ich
einen Kopf habe, das ist die Erinnerung, die kosmische Erinnerung
an das Erdendasein. Das Erdendasein ist noch immer da, aber das-
jenige, was die ganze Konfiguration, die ganze Gestaltung des Men-
schenkopfes ist, das ist in Relation zu der ganzen Erde. - Und so
fiihlte ein solcher alter Orientale in seinem eigenen Haupte das
Wesen des Erdenplaneten selber. Er sagte: Die Gotter haben aus
dem allgemeinen kosmischen Dasein herauserschaffen, herauser-
zeugt die Erde mit ihren Reichen der Natur, die Erde mit ihren
Fliissen und Bergen. Aber ich selber trage auf meinen Schultern
mein Haupt. Dieses Haupt ist ein getreues Abbild der Erde selber.
Dieses Haupt mit seinem in ihm fliefienden Blute ist ein getreues
Abbild der iiber die Erde flieftenden Fluft- und Meeresstromungen.
Dasjenige, was auf der Erde an Gebirgskonfiguration ist, wiederholt
sich in meinem eigenen Haupte in der Konfiguration meines Ge-
hirnes. Ich trage auf meinen Schultern ein mir zugehoriges Abbild
des irdischen Planeten. - Genau so, wie der moderne Mensch sein
Erinnerungsbild auf sein Erlebnis bezieht, so bezog dieser Mensch
seinen ganzen Kopf auf den Erdenplaneten. Sehen Sie, das war eine
betrachtlich andere Innenanschauung des Menschen.
Und weiter. Wenn der Mensch den Umkreis der Erde empfindet
und in seine Anschauung fafit, dann wird ihm dieser Umkreis, das
Luftige, das die Erde umgibt, erscheinen als von der Sonne und ihrer
Warme und ihrem Lichte durchsetzt, und man kann in gewissem
Sinne sagen, dafi die Sonne lebt im Luftumkreise der Erde. Die Erde
offnet sich dem Weltenall, indem sie ihre Wirkungen, die sie von
sich aussendet, dem Luftkreis iibergibt und sich den Sonnenwir-
kungen erschlielk. Und jeder Mensch empfand in diesen alten
Zeiten diejenige Gegend der Erde, auf der er gerade lebte, als ganz
besonders wichtig, als ganz besonders wesentlich. Und so, sagen wit,
empfand ein alter Orientale irgendeinen Teil der Erdoberflache als
seinen Teil, unten die Erde, oben den sonnenzugekehrten Umkreis.
Das andere der Erde, links und rechts und vorne und rikkwarts, das
verschwamm im mehr Allgemeinen (siehe Zeichnung, linker Teil).
Wenn also etwa ein alter Orientale, auf indischem Boden lebend,
diesen indischen Boden als fur ihn besondets wichtig empfunden
hat, dann verschwand ihm dasjenige, was sonst auf der Erde war,
ostwarts, siidwarts, westwarts, im Allgemeinen. Da kiimmerte er sich
nicht viel um die Art und Weise, wie die Erde angrenzt an die
iibrigen kosmischen Raume. Dagegen war ihm der Boden, auf dem
er gerade war, besonders wichtig (siehe Zeichnung, links, rot). Das
* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 165.
15
Hinausleben der Erde in den Weltenraum in dieser Gegend wurde
ihm besonders wichtig. Wie er atmen durfte auf diesem besonderen
Boden, das empfand er als ein fur ihn besonders wichtiges Erlebnis.
Heute fragen sich die Menschen nicht viel: Wie atmet man auf
einem bestimmten Boden? - Sie stehen allerdings unter dem Ein-
flufs giinstigerer oder ungiinstigerer Atmungsbedingung, aber ins Be-
wufitsein wird das nicht so aufgenommen. Ein soldier alter Orientale
hat eigentlich gerade in der Art und Weise, wie er atmen durfte, ein
tiefes Erlebnis gehabt, und so in anderem, was damk zusammen-
hing, wie die Erde an den Weltenraum hinausgrenzt.
Dasjenige, was die ganze Erde war, das empfand der Mensch als
das, was in seinem Haupte lebt. Aber das Haupt, es ist abgeschlossen
dutch feste Knochenwande nach oben, nach den Seiten, nach hinten.
Aber es hat gewisse Ausgange, ein gewisses freies Offnen nach unten,
Tafel i nach dem Brustkorb (siehe Zeichnung Seite 15, rechts). Das war
rechts ^ a j ten Menschen von ganz besonderer Wichtigkeit, zu fuhlen,
wie das Haupt mit einer relativen Freiheit sich gegen den Brustkorb
hin offnet. Es empfand dieser Mensch die innere Konfiguration des
Hauptes als ein Abbild des Irdischen. Mufite er die Erde in Relation
mit seinem Haupte setzen, so muike er den Umkreis, dasjenige, was
iiber der Erde ist, mit dem, was nun an das Untere in ihm geht, in
Relation setzen. Das Sich-Offnen nach unten, das Zugekehrtsein
dem Herzen, das empfand der Mensch als zugeordnet dem Umkreis,
als Bild, als Offnung der Erde in den Kosmos hinaus. Und ein ge-
waltiges Erlebnis war es fur den Menschen, wenn er sagte: In mei-
nem Haupte fuhle ich die ganze Erde. Dieses Haupt ist eine kleine
Erde. Aber diese ganze Erde offnet sich in meinen Brustkorb hinein,
der mein Herz tragt. Und dasjenige, was da sich abspielt zwischen
meinem Haupte und meinem Brustkorb, meinem Herzen, das ist
das Abbild dessen, was sich zutragt von meinem Leben hinaus in
den Kosmos, hinaus zu dem sonnenzugekehrten Umkreis, - Und es
war ein wichtiges, grundliches Erlebnis, wenn der alte Mensch sagte:
Hier, in meinem Haupte, lebt in mir die Erde. Gehe ich tiefer, so
kehrt sich die Erde der Sonne zu (siehe Pfeile), und das Abbild der
Sonne ist mein Herz.
Da war der Mensch bei dem angekommen, was in der alten Zeit
entspricht unserem Gefuhlsleben. Wir haben noch das abstrakte Ge-
fuhlsleben, aber wir wissen ja unmittelbar nichts von unserem Her-
zen. Durch die Anatomie, durch die Physiologie glauben wir etwas
davon zu wissen. Aber was da gewulk wird, das ist ja ungefahr eben-
soviel wie dasjenige, was wir von einem in Papiermache nachgebilde-
ten Herzen wissen. Das aber, was wir als Gefiihlserlebnis der Welt
haben, das hatte der alte Mensch nicht. Er hatte dafiir sein Herz-
erlebnis. Und wie wir unser Gefiihl hinausbeziehen auf die Welt,
die mit uns lebt, wie wir empfinden, ob wir einen Menschen lieben,
ob wir einem Menschen antipathisch begegnen, diese oder jene
Blume lieben, dieser oder jener abgeneigt sind, wie wir unser Gefiihl
auf die Welt beziehen, aber auf eine Welt, die, man mochte sagen,
in luftiger Abstraktion herausgerissen ist aus dem soliden festen
Kosmos, so bezog der alte Orientale sein Herz auf den Kosmos, das
heifit auf dasjenige, was von der Erde in den Umkreis ging, der
Sonne zu.
Und wir, wir sagen zum Beispiel heute, wenn wir gehen: Wir
wollen gehen. - Wir wissen, unser Wille lebt in unseren Gliedern.
Der Mensch des alten Orients, der hatte ein wesentlich anderes Er-
lebnis. Das, was wir heute Wille nennen, kannte er ja nicht. Es ist
ein bloltes Vorurteil, wenn man meint, daft dasjenige, was wir
Denken, Fiihlen, Wollen nennen, bei den alten orientalischen Vol-
kern vorhanden war. Das war es gar nicht. Sie hatten Kopferlebnisse,
die die Erdenerlebnisse waren, Brusterlebnisse oder Herzenserleb-
nisse, die die Erlebnisse des unmittelbaren Umkreises bis zur Sonne
waren. Die Sonne entspricht dem Herzenserlebnis. Aber sie hatten
dann das Sich-Dehnen und -Strecken in die Glieder, das Wahr-
nehmen der eigenen Menschlichkeit im Bewegen der Beine und
Fiifie, im Bewegen der Arme und Hande. Sie waren dadrinnen.
Aber in diesem das Innenwesen Hineindehnen in die Glieder emp-
fanden sie doch nicht blofi ein Bild des Umkreises der Erde, sondern
sie empfanden direkt ein Bild des Zusammenhanges des Menschen
mit den Sternenwelten (siehe Zeichnung Seite 15). In meinem
Kopfe habe ich ein Bild der Erde. In dem, was sich im Kopfe frei
nach unten dehnt in die Brust hin zum Herzen, habe ich ein Bild
dessen, was im Umkreise der Erde ist. In dem, was ich als die Krafte
meiner Arme und Hande, meiner Fiifie und Beine empfinde, habe
ich das, was abbildet das Verhaltnis der Erde zu den weit im Welten-
raum draufien lebenden Gestirnen.
So daft der Mensch, der in jenen alten Zeiten seine Erlebnisse aus-
driickte, die er hatte als, wie wir es heute nennen wiirden, wollender
Mensch, nicht gesagt hat: Ich gehe. - Schon in den Worten lag das
nicht. Er hat auch nicht gesagt: Ich setze mich. - Wenn man die
alten Sprachen auf diese feinen Inhalte priifen wiirde, wiirde man
iiberall finden, dafi fur die Tatsache, die wir bezeichnen als: Ich
gehe -, das alte Orientalische hatte: Mars impulsiert mich, Mars ist
in mir tatig. - Das Vorwartsgehen, das war das Empfinden der Mars-
impulse in den Beinen. Das Angreifen von irgend etwas, das Gefiihl
mit den Handen war so ausgedriickt, dafi man sagte: Venus wirkt in
mir. - Das Zeigen von etwas, das Weisen, auch wenn ein grober
Mensch einem anderen etwas dadurch weisen wollte, da$ er ihm
einen Tritt gab, alles Weisen wurde so ausgedriickt, dafl man sagte,
Merkur wirke in dem Menschen. Das Niedersetzen war die Jupiter-
tatigkeit in dem Menschen. Und das Niederlegen, ob es nun im
Ausruhen war, ob es aus Faulenzerei war, das war ausgedriickt da-
durch, dafi man sagte, man gebe sich den Impulsen des Saturn hin.
Also man fiihlte in seinen Gliedmaften die Weiten des Kosmos drau-
fien. Der Mensch wufite: wenn er von der Erde aus in die Welten-
weiten geht, dann kommt er von der Erde in den Umkreis, in die
Gestirnsphare. Wenn er von seinem Haupte nach abwarts geht,
macht er dasselbe in seiner eigenen Wesenheit durch. In seinem
Haupte ist er in der Erde, in seinem Brustkorb und Herzen im Um-
kreise, in seinen Gliedmafien im Sternenkosmos draufien.
Ich mochte sagen, und von einem gewissen Gesichtspunkte aus
kann man das durchaus sagen: Ach, wir armen Menschen der Gegen-
wart, wir erleben die abstrakten Gedanken. Was sind sie viel? Wir
sind ja sehr stolz darauf, aber wir vergessen iiber den selbst geschei-
testen abstrakten Gedanken unseren Kopf. Und unser Kopf ist viel
inhaltsreicher als unsere allergescheitesten Gedanken. Eine einzige
Gehirnwindung - Anatomie und Physiologie wissen ja nicht viel von
dem wunderbaren Geheimnis der Gehirnwindungen - ist etwas
Groflartigeres, Gewaltigeres als die genialste abstrakte Wissenschaft
irgendeines Menschen. - Und es gab eben einmal eine Zeit auf der
Erde, wo der Mensch sich bewufk war nicht blofi seiner armseligen
Gedanken, sondern seines Kopfes, wo er den Kopf empfand, wo er
empfand, meinetwillen sagen wir, den Vierhiigelkorper oder die
Sehhiigel, wo er sie empfand in ihrer Nachbildung einer gewissen
physischen Gebirgskonfiguration der Erde; wo der Mensch nicht
blofi aus irgendeiner abstrakten Lehre heraus das Herz auf die Sonne
bezog, sondern wo er empfand: Wie mein Haupt zu meiner Brust,
zu meinem Herzen, so steht die Erde im Verhaltnis zur Sonne.
Es war das die Zeit, in welcher der Mensch mit seinem ganzen
Leben eben mit dem Weltenall, mit dem Kosmos zusammenge-
wachsen war. Aber dieses Zusammengewachsensein, das druckte sich
in seinem ganzen Leben aus. Wir sind ja gerade dadurch, dafi wir
an die Stelle unseres Kopfes das armselige Denken setzen, allerdings
in die Lage versetzt, gedankliche Erinnerungen zu haben. Wir
bilden uns Gedankenbilder von dem, was wir durchlebt haben, als
abstrakte Erinnerungen unseres Kopfes. Das konnte derjenige, der
nicht die Gedanken hatte, sondern noch seinen Kopf empfand,
nicht. Der konnte sich nicht Erinnerungen bilden. Kam man daher
nach jenen Gegenden des uralten Orients, in denen die Leute sich
noch ihrer Kopfe bewufit waren, aber keine Gedanken hatten, also
auch keine Erinnerungen hatten, dann findet man in besonderer
Ausbildung etwas, was wir wiederum gerade beginnen, notig zu
haben. Eine lange Zeit hatten es die Menschen nicht notig, und es
ist ja eigentlkh auch nur eine kleine Schlamperei unseres Seelen-
lebens, da$ wir es wieder notig haben. Wenn man in jener Zeit, von
der ich spreche, in die Gegenden kam, wo die Menschen lebten, die
sich ihres Kopfes, ihrer Brust, ihres Herzens, ihrer Gliedmafien so
bewufit waren, wie ich es geschildert habe, dann sah man uberall: da
ist irgendein kleiner Pflock in die Erde hineingesetzt und irgendein
Zeichen daraufgesetzt, da ist an irgendeine Wand irgendein Zei-
chen gemacht. Alle Lebensgebiete, alle Lebensortlichkeiten der
Menschen waren mit lauter Merkzeichen iibersat, denn man hatte
noch nicht ein Gedankengedachtnis. Wo irgend etwas geschah, da
stellte man gewissermaflen ein kleines Denkmal auf , und wenn man
wieder hinkam, dann erlebte man an dem Merkzeichen, das man
machte, die Sache wieder. Der Mensch war eben zusammengewach-
sen in seinem Haupte mit der Erde. Heute macht er bloft eine Notiz
in seinem Kopfe - und ich sagte ja schon, wir beginnen schon wie-
derum damit, Notizen nicht nur im Kopfe zu machen, sondern in
unseren Notizbiichern und dergleichen, aber ich sagte auch, das ist
ja blofi eine Schlamperei der Seele, aber wir werden es immer mehr
und mehr brauchen; aber dazumal gab es das nicht, Notizen im
Kopfe zu machen, weil die Gedanken, die Ideen eben nicht vor-
handen waren; da wurde alles iibersat von Merkzeichen. Und aus
dieser naturgemafien Anlage der Menschen entstand ja das Denkmal-
wesen.
Alles, was in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit aufge-
treten ist, ist ja aus dem Inneren der menschlichen Natur heraus
bedingt. Man sollte nur ehrlich sein und sich gestehen: Die eigent-
liche tiefere Grundlage des Denkmalwesens, die kennt ja der gegen-
wartige Mensch gar nicht. Er macht aus Gewohnheit Denkmaler.
Aber diese Denkmaler sind die Uberreste jener alten Merkzeichen,
wo der Mensch noch nicht ein solches Gedachtnis hatte wie heute,
sondern wo er darauf angewiesen war, an der Stelle, an der er etwas
erlebt hatte, ein Merkzeichen anzubringen, und wenn er wieder hin-
kam, eben das aufleben zu lassen in seinem Kopfe, der alles das auf-
leben lalk, was irgendwie mit der Erde in Verbindung ist. Der Erde
iibergeben wir dasjenige, was der Kopf erlebt hat - das war Prinzip
in alten Zeiten.
Und ich mochte sagen: Wir haben im alten Oriente eine uralte
Zeit zu verzeichnen, die Zeit der lokalisierten Erinnerungen, wo
eigentlich alles Erinnerungsmafiige gebunden ist daran, daft man
Erinnerungszeichen auf die Erde hinstellte. Die Erinnerung war
nicht dadrinnen, die war drauften, uberall waren Denkzettel und
Denksteine. Man stellte Erinnerungszeichen auf die Erde hin. Das
war das lokalisierte Gedachtnis, die lokalisierte Erinnerung.
Fur eine spirituelle Entwickelung des Menschen ist es heute noch
aufierordentlich gut, wenn er etwas ankniipft an dieses nicht im
Inneren des Menschen befindliche Erinnerungsvermogen, sondern
an jenes Erinnerungsvermogen, das eben eigentlich im Zusammen-
sein des Menschen mit der irdischen Aufienwelt sich entfaltet und
gestaltet; wenn er sich zum Beispiel sagt: Ich will mich nicht erinnern
an dies oder jenes, sondern ich mache mir da oder dort ein Merk-
zeichen - oder: Ich will uberhaupt iiber gewisse Dinge nur in
Gemaftheit von Merkzeichen innere seelische Empfindungen ent-
wickeln. Ich will in meinem Zimmer in einer Ecke ein Madonnen-
bild aufstellen, und ich will, indem das Madonnenbild vor meine
Seele tritt, dasjenige erleben, was ich eben in der Hinlenkung
meiner Seele zur Madonna erleben kann. - Denn es ist eine feine
Beziehung zu solchen Einrichtungen wie dem Madonnenbilde, das
wir in den Wohnungen antreffen, wenn wir nur ein wenig nach dem
Osten kommen. Nicht nur in Rutland ist es so, es ist ja uberall schon
auch im mittleren Osteuropa. Das alles sind im Grunde genommen
Uberreste aus der Zeit der lokalisierten Erinnerungen. Die Erinnerung
haftet aufien an dem Orte.
Aber ein zweites Stadium ist das andere, wo der Mensch iibergeht
von der lokalisierten Erinnerung zu der rhythmisierten Erinnerung.
Wir haben also erstens die lokalisierte Erinnerung, zweitens die rhyth-
misierte Erinnerung. Da hatte der Mensch nun nicht aus irgendeiner
schlauen bewufken Finesse heraus, sondern aus seiner inneren We-
senheit heraus das Bediirfnis entwickelt, im Rhythmus zu leben. Er
hatte das Bediirfnis entwickelt, wenn er irgend etwas gehort hatte,
das so in sich zu reproduzieren, dafi ein Rhythmus herauskam. Wenn
er die Kuh erlebte - Muh - , dann nannte er sie nicht Muh allein,
sondern Muhmuh oder meinetwillen sogar in alteren Zeiten
Muhmuhmuh. Das heifit, er tiirmte das Wahrgenommene so iiber-
einander, dafi ein Rhythmus herauskam. In manchen Wortbil-
dungen konnen Sie das heute noch verfolgen, zum Beispiel der
Gaugauch oder Kuckuck. Oder auch dann, wenn die Wortbil-
dungen nicht unmittelbar hintereinander stehen, sehen Sie wenig-
stens, wie bei Kindern das Bediirfnis noch vorhanden ist, diese
Wiederholungen auszubilden. Das ist noch eine Erbschaft aus der
Zeit, wo die rhythmisierte Erinnerung Platz gegriffen hat, wo man
nichts erinnerte, was man nur einfach erlebte, wo man nur dasjenige
erinnerte, was man in Rhythmisierung, also in Wiederholungen, in
rhythmischer Wiederholung erlebte. Und so mufite wenigstens
zwischen dem, was aufeinanderfolgte, eine Ahnlichkeit sein: Mann
und Maus, Stock und Stein. Diese Rhythmisierung des Erlebten, das
ist ein letzter Rest einer hochgradigen Sehnsucht, iiberall zu
rhythmisieren, denn was nicht rhythmisiert wurde in dieser zweiten
Epoche, nach dem lokalisierten Gedachtnisse, das behielt der
Mensch nicht. Und aus diesem rhythmisierten Gedachtnisse hat
sich dann eigentlich die gesamte altere Verskunst herausgebildet,
uberhaupt die versifizierte Dichtung. Und erst als dritte Stufe hat
sich dasjenige gebildet, was wir heute noch kennen: die zeitliche Er-
innerung, wo wir nicht mehr raumlich in der Auftenwelt den An-
griffspunkt der Erinnerung haben, wo wir auch nicht mehr an-
gewiesen sind auf den Rhythmus, sondern wo dasjenige, was sich
in die Zeit hineinstellt, spater wieder hervorgerufen werden kann.
Dieses unser ganz abstraktes Gedachtnis ist erst die dritte Stufe in
der Gedachtnisentwickelung.
Und nun fassen Sie den Zeitpunkt genau ins Auge, wo in der
Menschheitsentwickelung gerade ubergeht die rhythmische Erinne-
rung in die Zeiterinnerung, wo das zuerst auftritt, was uns in unserer
jammerlichen Abstraktheit des modernen Menschen ganz selbstver-
standlich ist: das Zeitgedachtnis, wo wir im Bilde das hervorrufen,
was wir hervorrufen; wo wir nicht mehr so erleben, dafi wir in halb
oder ganz unbewufker Tatigkeit etwas in rhythmischer Wieder-
holung wachgerufen haben mussen, wenn es wieder aufsteigen sollte.
Nehmen Sie diesen Zeitpunkt des Uberganges der rhythmischen
Erinnerung in die zeitliche Erinnerung, dann haben Sie jenen Zeit-
punkt, wo der alte Orient eben nach Griechenland heriiber koloni-
siert, jenen Zeitpunkt, der Ihnen in der Geschichte geschildert wird
als die Entstehung der von Asien heriiber nach Europa begriindeten
Kolonien. Was die Griechen erzahlen von jenen Heroen, die von
Asien oder Agypten gekommen sind und sich auf griechischem
Boden niedergelassen haben, das ist eigentlich die Erzahlung, die da
heiften miilke: Es zogen aus einmal aus dem Lande, wo da war das
rhythmische Gedachtnis, die groften Helden und suchten ein Klima
auf, wo das rhythmische Gedachtnis ubergehen konnte in das zeit-
Hche Gedachtnis, in die zeitliche Erinnerung.
Damit haben wir den Zeitpunkt des Aufganges des Griechen-
tums streng bezeichnet. Denn was im Oriente als das Mutter- und
Stammland des Griechentums dagestanden hat, das ist im Grunde
genommen ein Menschengebiet mit ausgebildetem rhythmischem
Gedachtnis. Da hat der Rhythmus gelebt. Und eigentlich ist der alte
Orient nur dann richtig begriffen von dem Menschen, wenn er ihn
vorstellt als das Land des Rhythmus. Und wenn das Paradies nur so
weit zuriickversetzt wird, als die Bibel es zuriickversetzt, dann wiir-
den wir, wenn wir das Paradies nach Asien verlegen, es uns vorzu-
stellen haben als das Gebiet, wo die reinsten Rhythmen durch den
Kosmos erklangen und im Menschen wiederum anfeuerten das, was
sein rhythmisches Gedachtnis war, wo der Mensch als Rhythmus-
Erleber in einem Kosmos als Rhythmus-Erzeuger lebte.
Fiihlen Sie einmal in der Bhagavad Gita noch etwas nach von
dem, was einstmals jenes grandiose Rhythmus -Erleb en war, fiihlen
Sie es nach in der Vedenliteratur, fiihlen Sie es selbst in vielem
nach, was auch westasiatische Dichtung und westasiatisches Schrift-
tum ist, wenn wir dieses moderne Wort gebrauchen diirfen: da
leben die Nachklange des einstmals ganz Asien mit majestatischem
Inhalt durchgreifenden Rhythmus, der sich widerspiegelte als das
Geheimnis des Umkreises der Erde in dem menschlichen Brustkorb,
in dem menschlichen Herzen. Und dann kommen wir in noch altere
Zeiten, wo die rhythmische Erinnerung nach riickwarts zuriick-
verlauft in das lokalisierte Gedachtnis, wo die Menschen noch nicht
rhythmische Erinnerungen hatten, wo die Menschen darauf ange-
wiesen waren, da, wo sie etwas erlebt hatten, das Merkzeichen hin-
zustellen. Wenn sie nicht an diesem One waren, brauchten sie das
nicht; wenn sie an diesen Ort kamen, mufiten sie sich erinnern. Aber
nicht sie erinnerten sich, das Merkzeichen, die Erde erinnerte sie.
Wie die Erde iiberhaupt dasjenige ist, was den menschlichen Kopf
als sein Abbild hat, so hat nun das Merkzeichen in der Erde fur diese
Menschen der lokalisierten Erinnerungen im Kopfe sein Abbild
wiederum hervorgerufen. Der Mensch lebt ganz mit der Erde, der
Mensch hat sein Gedachtnis ganz in seiner Verbindung mit der
Erde. Das Evangelium erinnert daran nur noch an einer Stelle, wo es
mitteilt, dafi der Christus etwas in die Erde hineinschreibt.
Und wir haben einen Zeitpunkt festgehalten, wo die lokalisierte
Erinnerung iibergeht in die rhythmische Erinnerung. Das ist der
Zeitpunkt, wo wahrend des Unterganges der alten Atlantis von west-
warts nach ostwarts, nach Asien hiniiber, die uralten nachatlan-
tischen Volker wandern. Denn wir haben, wenn wir von Europa
nach Asien hiniibergehen, erst die Wanderung von der alten Atlan-
tis, die ja heute der Boden des Atlantischen Ozeans ist, hiniiber
nach Asien (siehe Zeichnung), und die Zuruckwanderung der Kul-
tur wiederum nach Europa. Beim Heruberwandern der atlantischen
Volker nach Asien haben wir den Ubergang der lokalisierten Erinne-
rung in die rhythmisierte Erinnerung, die ihre Vollendung im asia-
tischen Geistesleben hat. Dann haben wir bei der ^Colonisation nach
Griechenland heriiber den Ubergang von der rhythmischen Erinne-
rung zu der Zeiterinnerung, die wir heute noch in uns tragen.
Und in dieser Ausbildung der Erinnerung liegt die ganze Zivilisa-
tion zwischen der atlantischen Katastrophe und der Entstehung der
griechischen Zivilisation, liegt alles das, was mehr legendenhaft,
mehr sagenhaft als historisch vom alten Asien zu uns herubertont.
Nicht dadurch lernen wir die Entwickelung der Menschen auf der
Erde kennen, daft wir das Auftere vor alien Dingen ins Auge fassen,
daft wir die aufteren Dokumente priifen, sondern daft wir die Ent-
wickelung dessen, was im Inneren des Menschen lebt, ins Auge
fassen, daft wir ins Auge fassen, wie so etwas wie das Erinnerungs-
vermogen, die Erinnerungsfahigkeit sich von aufien nach dem
Inneren entwickelt hat.
Sie wissen ja alle, was diese Erinnerungsfahigkeit fur den heuti-
gen Menschen bedeutet. Sie werden schon gehort haben von Men-
schen, die plotzlich in krankhafter Weise irgendeinen Teil ihres
Lebens, an den sie sich erinnern sollten, ausgeloscht haben. Jemand,
mit dem ich befreundet war, hat vor seinem Tode ein furchtbares
Schicksal dadurch erfahren, daft es ihm passierte, daft er eines Tages
sich aus seinem Heim entfernte, sich auf der Bahnstation ein Billett
kaufte bis zu einem bestimmten Punkt, dann ausstieg, sich wieder
eins kaufte; das alles, indem die Erinnerung an sein Leben bis zum
Kaufen dieses Billetts momentan in ihm ausgeloscht war. Er tat alles
klug, der Verstand war ganz intakt; das Gedachtnis war ausgeloscht.
Und er fand sich dann wiederum, indem das Gedachtnis wieder an-
kniipfte an fruher, in einem Obdachlosenasyl in Berlin, in welchem
er sich eingefunden hatte. Man konnte nachher konstatieren, daft er
in der Zwischenzeit in halb Europa herumgereist ist, ohne daft er
dieses Erlebnis verbinden konnte mit seinen friiheren Erlebnissen.
Das Gedachtnis dammerte erst wieder auf, nachdem er auf ihm ganz
unbekannte Weise in dieses Berliner Asyl fur Obdachlose gekommen
ist. Das ist nur ein Beispiel fur zahlreiche Falle, die uns im Leben ja
entgegentreten, wo wir sehen, wie das seelische Leben des modernen
Menschen eben einfach nicht intakt ist, wenn nicht der Erinnerungs-
faden bis zu einem gewissen Zeitpunkt nach unserer Geburt unab-
gerissen ist.
Das war bei denjenigen Menschen, bei denen die lokalisierte Er-
innerung ausgebildet war, nicht der Fall. Die kannten iiberhaupt
diesen Erinnerungsfaden nicht. Aber sie waren unglucklich in ihrem
Seelenleben gewesen, sie waren so geworden, wie wir werden, wenn
etwas in uns das Selbst ausloscht, wenn sie nicht iiberall auf ihrem
Boden umgeben gewesen waren von Denkzeichen, die sie an das
erinnerten, was sie selbst erlebt haben, von Denkzeichen, die sie
selber iiberall errichtet hatten, aber auch von Denkzeichen, die ihre
Vater, ihre Schwestern, Briider und so weiter errichtet hatten, die in
ihrer Konfiguration ahnlich schauten ihren eigenen Denkzeichen,
und die sie daher zu Verwandtem hinbrachten. Aber dasjenige, was
wir innerlich als die Bedingung unseres intakten Selbstes empfinden,
das war fur diese Menschen ein Aufierliches.
Nur dadurch, dafi wir diesen Seelenwandel in der Menschheit vor
unserer Seele voriiberziehen lassen, kommen wir auf die ganze Be-
deutung dieses Seelenwandels in der historischen Entwkkelung der
Menschheit. Dadurch, daft man so etwas betrachtet, bekommt die
Geschichte erst ihr Licht. Und ich wollte zunachst einmal an einem
besonderen Beispiel aufweisen, wie die Seelengeschichte der Mensch-
heit in bezug auf das Erinnerungsvermogen ist. Wir wollen dann in
den nachsten Tagen sehen, wie sich die historischen Ereignisse in
ihrer wahren Gestalt erst zeigen werden, wenn wir sie beleuchten
konnen mit dem Lichte, das so von der menschlichen Seelenkunde
her genommen ist.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 25. Dezember 1923
Aus den gestrigen Darstellungen wird Ihnen hervorgegangen sein,
wie man eine richtige Anschauung iiber den geschichtlkhen Verlauf
der Menschenentwickelung auf der Erde nur dadurch bekommen
kann, dafi man sich einlafit auf die durchaus verschiedenen Seelen-
zustande, die vorhanden waren in den verschiedenen Zeitaltern.
Und ich versuchte ja gestern zu begrenzen die eigentliche altorienta-
lische, die asiatische Entwickelung, versuchte hinzuweisen auf jenen
Zeitabschnitt, in dem die Nachkommen der atlantischen Bevolke-
rung nach der atlantischen Katastrophe ihren Weg herubergefunden
haben vom Westen nach dem Osten und nach und nach Europa,
Asien bevolkert haben. Dasjenige, was dann durch diese Volker-
schaften in Asien ablauft, es stand ja ganz unter dem Einflusse eines
Gemiitszustandes dieser Menschen, der an das Rhythmische ge-
wohnt war. Im Beginne haben wir noch die Nachklange, die deut-
lichen Nachklange desjenigen, was ja in der Atlantis vollstandig vor-
handen war: das lokalisierte Gedachtnis. Dann geht es wahrend der
orientalischen Entwickelung in das ryhthmische Gedachtnis iiber.
Und ich zeigte Ihnen ja, wie mit der griechischen Entwickelung erst
der Umschwung zum Zeitgedachtnis eintrkt.
Damit aber ist die eigentliche asiatische Entwickelung - denn
das, was die Geschichte darstellt, sind ja schon Dekadenzzustande -
diejenige ganz andersgearteter Menschen, als es die Menschen
spaterer Zeit sind, und die aufieren geschichtlichen Geschehnisse
sind in jenen alten Zeiten viel mehr abhangig von dem, was im
Menschengemiite lebte, als spater. Was in jenen alteren Zeiten im
Menschengemute lebte, das lebte eben im ganzen Menschen. Man
kannte nicht ein so abgesondertes Seelen- und Denkleben wie
heute. Man kannte nicht dieses Denken, das gar keinen Zusammen-
hang mehr fuhlt mit den inneren Vorgangen des menschlichen
Hauptes. Man kannte nicht dieses abstrakte Fiihlen, das gar nicht
mehr sich im Zusammenhang weifi mit der Blutzirkulation, sondern
man kannte nur ein Denken, das man zu gleicher Zeit innerlich als
Geschehen des Hauptes erlebte, ein Fiihlen, das man erlebte im
Atmungs- und Blutrhythmus und so weiter. Man erlebte, man emp-
fand den ganzen Menschen in ungetrennter Einheit.
Das alles war aber damit verbunden, dafi man auch das Verhalt-
nis zur Welt, zum Weltenall, zum Kosmos, zum Geistigen und Phy-
sischen im Kosmos ganz anders erlebte als spater. Der heutige
Mensch erlebt sich auf Erden mehr oder weniger auf dem Lande oder
in Stadten. Er ist umgeben von dem, was er als Walder anschaut, als
Fliisse, als Berge, oder er ist umgeben von dem, was Gemauer der
Stadte ist. Und wenn er von dem Kosmisch-Ubersinnlichen spricht,
ja, wo ist es denn eigentlich? Der moderne Mensch weift ja sozusagen
keine Sphare anzugebea, wo er das Kosmisch-Ubersinnliche sich
denken soli. Es ist nirgends eigentlich fur ihn greifbar, fafibar, ich
meine auch nicht seelisch-geistig greifbar, fafibar. Das war so nicht
in jener alten orientalischen Entwickelung, sondern in jener alten
orientalischen Entwickelung war eigentlich die Umgebung, die wir
heute als physische Umgebung bezeichnen wiirden, nur die unterste
Partie einer einheitlich gedachten Welt. Da war um den Menschen
herum dasjenige, was in den drei Naturreichen enthalten ist, was in
Flufi und Berg und so weiter enthalten ist, aber das war zu gleicher
Zeit geistdurchwachsen, wenn ich so sagen darf, geistdurchstromt,
geistdurchwoben. Und der Mensch sagte: Ich lebe mit Bergen, ich
lebe mit Fliissen, aber ich lebe auch mit den Elementargeistern der
Berge, der Fliisse. Ich lebe im physischen Reich, aber dieses phy-
sische Reich ist der Korper eines geistigen Reiches. Um mich herum
ist uberall die geistige Welt, die unterste geistige Welt.
Da war dieses Reich, das nun fur uns das irdische geworden ist,
unten. Der Mensch lebte darinnen. Aber er stellte sich eben in
Tafel 3 seinem Bilde vor (siehe Zeichnung), daft, wo dieses Reich (hell)
nach oben hin aufhort, eben ein anderes beginnt (gelb-rot), in
welches das untere iibergeht, und dann wieder ein anderes (blau),
und zuletzt das hochste, das noch zu erreichen ist (orange). Und
wenn wir nach dem, was unter uns in der anthroposophischen Er-
kenntnis iiblich geworden ist, diese Reiche benennen wollten - im
alten orientalischen Leben hatten sie andere Namen, aber das kommt
nicht darauf an, wir wollen sie so benennen, wie sie fur uns heiften -,
so wiirden wir da oben die erste Hierarchie haben: Seraphim, Cheru-
bim, Throne, dann die zweite Hierarchie: Kyriotetes, Dynamis, Exu-
siai, und die dritte Hierarchie: Archai, Archangeloi, Angeloi.
Tafel 3
Und nun kam das vierte Reich, wo die Menschen drinnen leben,
wo wir heute nach unserer Erkenntnis nur die Naturgegenstande
und Naturvorgange ansetzen, wo diese Menschen die Naturvorgange
und Naturdinge durchwoben fuhlten von den Elementargeistern des
Wassers, der Erde. Und das war Asien (siehe Zeichnung).
Asien bedeutete das unterste Geisterreich, in dem man als Mensch
noch darinnen ist. Alierdings, was heute unsere gewohnliche An-
schauung ist, die der Mensch fur sein gewohnliches Bewufitsein hat,
das hatte man in jenen alten orientalischen Zeiten nicht. Es ware
ganz unsinnig zu denken, dafi man in jenen alten orientalischen
Zeiten die Moglichkeit gehabt hatte, geistlose Materie irgendwo zu
vermuten. Was wir heute reden von Sauerstoff, Stickstoff, es ware ja
fur jene alten Zeiten zu denken die reine Unmoglichkeit gewesen.
Sauerstoff war das Geistige, das belebend, erregend wirkte auf das
schon Lebendige, das beschleunigend auf das Leben des Lebendigen
wirkte. Stickstoff, den wir heute uns so vorstellen, dafi er dem Sauer-
stoff beigemengt in der Luft enthalten ist, Stickstoff war jenes Gei-
stige, das die Welt durchwebt und das, indem es auf das lebendige
Orgariische wirkt, dieses Organische bereitmacht, in skh Seelisches
aufzunehmen. Nur so kannte man zum Beispiel Sauerstoff und
Stickstoff. Und so kannte man alle Naturvorgange als im Zusammen-
hange mit Geistigem, weil man die Anschauung, die man heute als
Mann auf der Strafie hat, gar nicht hatte. Einzelne hatten sie, und
das waren gerade die Eingeweihten, die Initiierten. Die an-
deren Menschen hatten fur das gewohnlkhe Alltagliche einen
Bewulkseinszustand, der sehr ahnlich ist einem Wachtraum, aber
eben ein Traumzustand, wie er bei uns nur noch in abnormen
Erlebnissen vorhanden ist. Mit diesem Traumen ging der Mensch
herum. Mit diesem Traumen ging er an die Wiesen, an die Baume,
an die Fliisse heran, an die Wolken, und er sah alles in dieser Wei-
se, wie man es sehen und horen kann in diesem Traumzustande.
Sie miissen sich nur einmal vorstellen, was da zum Beispiel gesche-
hen kann fur den heutigen Menschen. Der Mensch ist eingeschlum-
mert. Plotzlich tritt vor ihm auf das Bild, das Traumesbild eines feu-
rigen Of ens. Er hort: Feurio! Drauflen fahrt die Feuerwehr vorbei, um
irgendwo ein Feuer zu loschen. - Wie weit verschieden ist dasjenige,
was trocken die menschliche Vernunft, wie man sagt, und das ge-
wohnlkhe sinnliche Anschauen von diesem Tun der Feuerwehr ver-
nehmen, von dem, was der Traum dem Menschen vorspiegeln kann.
Aber so in Traume gegossen war alles das, was jene alte orientalische
Menschheit erlebte. Da verwandelte sich alles, was draufien in den
Reichen der Natur war, in Bilder. Und in diesen Bildern erlebte man
die Elementargeister des Wassers, der Erde, der Luft, des Feuers.
Und jener Plumpsackschlaf, den wir haben-ich meine, jener Schlaf,
wo man eben ganz daliegt wie ein Sack und gar nichts von sich
weift -, den hatten die Menschen in damaliger Zeit nicht. Nicht
wahr, diesen Schlaf gibt es doch heute. Den hatten aber die Men-
schen in der damaligen Zeit nicht, sondern sie hatten auch wahrend
dieses Schlafes ein dumpfes Bewulksein. Wahrend sie auf der einen
Seite, wie wir es heute nennen, ihren Korper ausruhten, wob das
Geistige in ihnen in einem Tatigsein der aufteren Welt. Und in
diesem Weben nahm man wahr dasjenige, was die dritte Hierarchie
ist. Asien nahm man wahr im gewohnlichen Wach-Traumzustande,
das heifit in dem alltaglichen Bewufttsein von damals. Die dritte
Hierarchie nahm man wahr im Schlafe. Und in den Schlaf tauchte
dann zuweilen ein noch dumpfes Bewufttsein ein, aber ein Bewuftt-
sein, welches seine Erlebnisse tief in das Menschengemiit hinein-
grub. So daft es also fur diese orientalische Bevolkerung dieses All-
tagsbewufitsein gab, wo alles sich in Imaginationen und Bilder
wandelte. Sie waren nicht so real, wie jene der alteren Zeit, zum
Beispiel der atlantischen oder gar der lemurischen Zeit oder der
Mondenzeit, aber es waren immerhin Bilder, die da noch vorhanden
waren auch wahrend dieser orientalischen Entwickelung.
Also diese Menschen hatten diese Bilder. Dann hatten sie in den
Schlafzustanden dasjenige, was sie in die Worte kleiden konnten:
Entschlummern wir dem gewohnlichen irdischen Dasein, dann
treten wir ein in das Reich der Angeloi, Archangeloi, Archai und
leben unter ihnen. Die Seele macht sich frei vom Organismus und
lebt unter den Wesen der hoheren Hierarchien.
Zu gleicher Zeit war man sich klar dariiber, daft, wahrend man in
Asien lebte, mit Gnomen, Undinen, Sylphen, Salamandern, das
heifit mit den Elementargeistern der Erde, des Wassers, der Luft, des
Feuers, daft man in dem Schlaf zustand, in dem der Korper sich aus-
ruhte, erlebte die Wesenheiten der dritten Hierarchie, aber zu
gleicher Zeit erlebte mit dem planetarischen Dasein, mit demjeni-
gen, was in dem Planetensystem lebt, das zur Erde gehort. - Dann
aber trat manchmal herein in das Schlafbewufttsein, wo man die
dritte Hierarchie wahrnahm, ein ganz besonderer Zustand, in dem
der Schlafende fuhlte: Es kommt ein ganz fremdes Bereich an mich
heran. Es nimmt mich etwas an sich, es holt mich etwas weg aus dem
irdischen Dasein. Das fuhlte man noch nicht, indem man in die
dritte Hierarchie versetzt war, aber indem dieser tiefere Schlafzu-
stand kam, fuhlte man dieses. Eigentlich war niemals ein deutliches
Bewufttsein davon vorhanden, was wahrend dieses Schlafzustandes
der dritten Art geschah. Aber tief, tief bohrte sich ein in das ganze
menschliche Sein dasjenige, was da erlebt wurde aus der zweiten
Hierarchie heraus. Und der Mensch hatte es bei seinem Aufwachen
in seinem Gemiite, und er sagte: Ich bin begnadet worden von
hoheren Geistern, die uber dem planetarischen Dasein ein Leben
haben. - Und so sprachen diese Menschen dann von jener Hierarchie,
welche die Exusiai, die Kyriotetes und die Dynamis umfafit. - Und
dieses, was ich Ihnen jetzt erzahle, das war sozusagen im alter en
Asien im Grunde das gewohnliche Bewufksein. Die zwei Bewufit-
seinszustande, das Wachend-Schlafen, Schlafend- Wachen, und den
Schlaf, in den die dritte Hierarchie hereinragte, das hatten schon
von vornherein alle. Und manche hatten durch ihre besondere
Naturanlage dann dieses Hereinragen eines tieferen Schlafes, wo die
zweite Hierarchie in das menschliche Bewufksein hereinspielte.
Und die Eingeweihten in den Mysterien, sie bekamen einen wei-
teren Bewulkseinszustand. Welchen? Das ist eben gerade das Uber-
raschende. Wenn man die Antwort darauf gibt: Welchen Bewufit-
seinszustand bekamen nun die Eingeweihten der damaligen Zeit? -,
so lautet sie: Den Bewulkseinszustand, den Sie heute amTage immer
haben. - Sie entwickeln ihn in Ihrem zweiten, dritten Lebensjahre
auf naturliche Weise. Der alte Orientale ist auf naturliche Weise nie
dazu gekommen, sondern er mulke ihn kunstlich heranbilden. Er
mulke ihn heranbilden aus dem wachenden Traumen, traumenden
Wachen. Wahrend er, wenn er herumging mit seinem wachenden
Traumen, traumenden Wachen, Bilder iiberall sah, die mehr oder
weniger symbolisch nur dasjenige gaben, was wir heute mit scharfen
Konturen sehen, kamen die Eingeweihten dazu, die Dinge dazumal
so zu sehen, wie sie der Mensch heute mit dem gewohnlichen Be-
wufksein alle Tage sieht. Und die Eingeweihten kamen dazumal
dazu, durch dieses erst heranentwickelte Bewufitsein das zu lernen,
was heute jeder Schulknabe und jedes Schulmadchen in der Volks-
schule lernt. Und der Unterschied bestand nicht darin, dafi der
Inhalt etwas anderes war. Allerdings jene abstrakten Buchstaben-
formen, die wir heute haben, die hatte man damals nicht. Die
Schrift wies Charaktere auf, welche in innigerem Zusammenhange
mit den Sachen und Vorgangen der Welt standen. Aber immerhin,
das Schreiben, das Lesen lernten in diesen alten Zeiten nur die Ein-
geweihten, weil man schreiben und lesen eben nur lernen kann in
dem verstandesmafiigen Bewufitseinszustand, der heute der natiir-
liche ist.
Wenn Sie sich also vorstellen wiirden, dafi irgendwo wiederum
auftreten wiirde diese altorientalische Welt mit Menschen jener Art,
wie sie damals waren, und Sie unter diese Menschen treten wiirden
mit Ihrer Seelenartung von heute, so waren Sie fur jene Menschen
dazumal alle Eingeweihte. Der Unterschied liegt eben nicht im In-
haltlichen. Sie waren Eingeweihte, aber Sie wiirden von den Men-
schen der damaligen Zeit in dem Augenblicke, wo Sie als Einge-
weihte erkannt wiirden, mit alien moglichen Mitteln aus dem Lande
getrieben werden, weil die Leute sich dariiber klar waren, dafi man
als Eingeweihter die Dinge nicht so wissen darf, wie die heutigen
Menschen sie wissen. Man darf zum Beispiel - das war die Anschau-
ung der damaligen Zeit, ich charakterisiere sie durch dieses Bild -
nicht schreiben konnen, nach der Ansicht der damaligen Leute, wie
die Menschen der heutigen Zeit schreiben konnen. Wenn ich mich
hineinversetze in ein Gemiit der damaligen Zeit und es trate einem
ein solcher Pseudoeingeweihter, das heifit ein gewohnlicher Mensch,
ein gewohnlich gescheiter Mensch der Gegenwart entgegen, so
wiirde dieser Mensch der damaligen Zeit sagen: Der kann schreiben,
er macht Zeichen auf das Papier, die etwas bedeuten, und er ist sich
nicht einmal bewufit, wie unendlich teuflisch es ist, so etwas zu tun
und nicht das Bewufitsein in sich zu tragen, dafi man dies nur im
Auftrage des gottlichen Weltbewufitseins tun darf, dafi man Zei-
chen, die etwas bedeuten, auf das Papier nur machen darf, wenn
man sich bewufit ist: Der Gott wirkt in den Handen, in den Fingern,
der Gott wirkt in der Seele, so dafi die Seele sich ausdriickt durch
diese Buchstabenformen. - Dieses, das nicht in der Verschiedenheit
des Inhaltes liegt, das in der menschlichen Auffassung der Sache
liegt, das ist es, was eben die Eingeweihten der alten Zeit noch ganz
anders hatten als die heutigen Menschen, welche dasselbe inhaltlich
haben. Sie werden, wenn Sie in meiner Schrift «Das Christentum als
mystische Tatsache», die jetzt wiederum in Neuauflage erschienen
ist, nachlesen, gleich im Anfange angedeutet finden, daft darinnen
eigentlich das Wesen des Eingeweihten der alten Zeit lag. Und es
ist eigentlich immer so in der Weltenentwickelung: Was in einer
spateren Zeit auf naturliche Art in dem Menschen erwachst, das
ist in einer fruheren Zeit dutch die Einweihung zu erringen.
Gerade indem ich so etwas darstelle, werden Sie den griindlichen
Unterschied verspiiren zwischen der Gemiitslage dieser alten orien-
talischen Volker der vorhistorischen Entwickelung und den Men-
schen, die spater in die Zivilisation eingetreten sind. Es ist schon
eine andere Menschheit, die den untersten Himmel Asien nannte
und das eigene Land darunter verstand, die Natur, die einen
umgab. Man wufite, wo der letzte Himmel ist. Vergleichen Sie
das mit den Anschauungen von heute, wie wenig die Menschen
der Gegenwart dasjenige, was sie umgibt, als den letzten Him-
mel betrachten. Die meisten konnen ihn ja nicht als den letz-
ten betrachten, weil sie die vorhergehenden auch nicht kennen.
Nun, wir sehen also, daft das Geistige bis tief in das Naturdasein
hereinragt in dieser alten Zeit. Und dennoch, wir treffen etwas unter
diesen Menschen wiederum, das uns in der gegenwartigen Zeit
unendlich barbarisch erscheinen mochte, wenigstens vielen von uns.
Den Menschen dazumal ware es furchtbar barbarisch erschienen,
wenn jemand so hatte schreiben konnen, mit solcher Gesinnung,
wie man heute schreiben kann. Es ware ihnen iiberhaupt teuflisch
erschienen. Einer grofien Anzahl von Menschen der Gegenwart
erscheint es aber ganz gewift wiederum barbarisch, wie in jenem
Asien driiben es etwas ganz Selbstverstandliches war, daft eine
Volkerschaft, die von Westen nach dem Osten weiter hiniiberzog,
oftmals mit grofter Grausamkeit eine andere, die schon sefthaft war,
sich untertan machte, deren Land eroberte, die Bevolkerung zu
Sklaven machte. Das ist iiberhaupt im wekeren Umfange der Inhalt
dieser orientalischen Geschichte uber ganz Asien. Wahrend diese
Menschen eine hohe spirituelle Anschauung hatten in der Art, wie
ich es eben charakterisiert habe, verlief die aufiere Geschichte in
fortwahrenden Eroberungen fremden Landes, deren Bevolkerung
untertanig gemacht worden ist. Das erscheint gewift vielen Men-
schen in der Gegenwart wiederum barbarisch. Und wenn heute auch
noch irgendwie Eroberungskriege vorhanden sind, so hat man doch
dabei, selbst diejenigen, die sie verteidigen, nicht ein ganz gutes
Gewissen. Man merkt das den Verteidigungen der Eroberungskriege
schon an: man hat nicht ein ganz gutes Gewissen dabei. In der
damaligen Zeit hatte man gerade gegenuber den Eroberungskriegen
das allerbeste Gewissen, und man fand, dafi dieses Erobern iiber-
haupt gottgewollt ist. Und dasjenige, was dann spater als die Frie-
denssehnsuchten iiber einen grofien Teil Asiens sich ausgebreitet
hatte, das ist eigentlich Spatprodukt der Zivilisation. Dagegen ist
Friihprodukt der Zivilisation fur Asien das fortwahrende Erobern
von Landern und Untertanigmachen der Bevolkerungen. Je weiter
man in die vorhistorischen Zeiten zuriickschaut, desto mehr findet
man dieses Erobern, von dem nur ein Schatten noch dasjenige
ist, was Xerxes und ahnliche Leute getan haben.
Aber diesem Prinzip der Eroberungen liegt ja etwas ganz Be-
stimmtes zugrunde. In der damaligen Zeit war eben durch jene
Bewufitseinszustande bei den Menschen, die ich Ihnen geschildert
habe, der Mensch auch im Verhaltnis zu den anderen Menschen und
zur Welt in einer ganz anderen Lage als heute. Gewisse Unter-
schiede in den Bevolkerungsteilen der Erde haben heute ihre prin-
zipielle Bedeutung verloren. Dazumal waren sie in einer ganz
anderen Weise vorhanden als heute. Und so wollen wir einmal
etwas, was oftmals real war, als Beispiel vor unsere Seele hinstellen.
Nehmen wir an, wir hatten hier links das europaische Gebiet
(Zeichnung Seite 36), hier rechts das asiatische Gebiet. Eine er- Tafel 3
obernde Bevolkerung (rot) konnte, auch vom Norden von Asien,
heriiberkommen, dehnt sich iiber irgendein Gebiet in Asien aus,
macht die Bevolkerung untertan (rot um gelb).
Was lag da eigentlich vor? In den charakterisierten Fallen, welche
die eigentliche geschichtliche Entwickelung im Flufi erhielten, war
immer die Bevolkerung, die erobernd auftrat, als Volk oder als Rasse
jung - jung, voller Jugendkraft. Nun, was heifit heute unter den
Menschen der gegenwartigen Erdenentwickelung jung sein? Unter
den Menschen der gegenwartigen Erdenentwickelung heifit jung
Tafel 4
sein, so viel Todeskrafte in jedem Augenblick seines Lebens in sich
tragen, daft man die Seelenkrafte, die die absterbenden Vorgange
des Menschen brauchen, versorgen kann. Wir haben ja die spriefien-
den, sprossenden Lebenskrafte in uns; die machen uns aber nicht
besonnen, sondern die machen uns gerade ohnmachtig, bewufitlos.
Die abbauenden, die Todeskrafte, die fortwahrend in uns auch wir-
ken, die nur immer von den Lebenskraften wahrend des Schlafes
iiberwunden werden, so daft wir eben nur am Ende des Lebens zu-
sammenfassen all die Todeskrafte in dem einmaligen Tode, diese
Todeskrafte miissen fortwahrend in uns sein. Die bewirken die Be-
sonnenheit, das Bewufitsein. Das ist aber eben ein Charakteristi-
kum der gegenwartigen Menschheit. Solch eine junge Rasse, ein
junges Volk, das litt an seinen iiberstarken Lebenskraften. Was
da Mensch war, hatte fortwahrend das Gefuhl: Ich driicke dauernd
mein Blut gegen meine Korperwande. Ich kann es nicht aus-
halten. Mein Bewufitsein will nicht besonnen werden. Ich kann
meine voile Menschlichkeit wegen meiner Jugendlichkeit nicht ent-
wickeln.
So sprachen allerdings nicht die gewohnlichen Menschen, so
sprachen aber die Eingeweihten in den Mysterien, die diese ganzen
geschichtlichen Vorgange dazumal noch leiteten und lenkten. Und
so hatte eine solche Bevolkerung zuviel Jugend, zuviel Lebenskrafte,
zuwenig von dem in sich, was Besonnenheit geben konnte. Dann
zog sie aus, eroberte ein Gebiet, wo eine altere Bevolkerung lebte,
die schon in irgendeiner Weise Todeskrafte in sich aufgenommen
hatte, weil sie bereits in die Dekadenz gekommen war, zog aus,
machte sich diese Bevolkerung untertanig. Es brauchte nicht eine
Blutsverwandtschaft einzutreten zwischen den Eroberern und den zu
Sklaven Gemachten. Dasjenige, was sich unbewufk im Seelischen
abspielte zwischen den Eroberern und den versklavten Leuten, das
wirkte verjiingend, und auf die Besonnenheit hin wirkte es. Und der
erobernde Mensch, der sich seinen Hof begriindet hatte, wo er nun
seine Sklaven hatte, er brauchte eben auch nur den Einflufi auf sein
Bewufitsein. Er brauchte nur hinzulenken seinen Sinn auf diese
Sklaven, und, ich mochte sagen, abgedampft in der Sehnsucht nach
der Ohnmachtigkeit wurde die Seele, und Bewufttheit, Besonnen-
heit trat ein.
Dasjenige, was wir heute als individueller Mensch erreichen miis-
sen, wurde dazumal im Zusammenleben mit den anderen Men-
schen erreicht. Man brauchte sozusagen um sich eine Bevolkerung,
die mehr Todeskrafte in sich hatte als eine herrisch auftretende, aber
junge, nicht zu voller Besonnenheit kommende Bevolkerung. Die
rang sich hinauf zu dem, was sie als Menschen brauchten, dadurch,
dafi sie eine andere Bevolkerung iiberwanden. Und so sind diese
oftmals so furchtbaren, uns heute so barbarisch anmutenden alt-
orientalischen Kampfe nichts anderes als die Impulse der Mensch-
heitsentwickelung iiberhaupt. Sie mufiten da sein. Sie sind die
Impulse der Menschheitsentwickelung. Die Menschheit hatte auf
der Erde sich nicht entwickeln konnen, wenn nicht diese uns heute
barbarisch anmutenden furchtbaren Kampfe und Kriege vorhanden
gewesen waren.
Die Eingeweihten der Mysterien, die sahen dann eben die Welt
doch schon so, wie sie heute gesehen wird, nur verbanden sie damit
eine andere Seelenverfassung, eine andere Gesinnung. Fur sie war
dasjenige, was sie in scharfen Konturen erlebten, so wie wir heute
beim sinnlichen Wahrnehmen die aufieren Dinge in scharfen Kon-
turen erleben, fur sie war das immerhin dasjenige, was von den
Tafel 3
Gottern kam, auch fur das menschliche Bewulksein von den Gottern
kam. Denn wie trat das vor einen damaligen Eingeweihten?
Sehen Sie, da war vielleicht, sagen wir, der Blitz. Nehmen wir
ein recht anschauliches Bild. Nun, ihn sieht der heutige Mensch
so, wie Sie ja wissen, dafi man eben den Blitz sieht (siehe Zeich-
nung, oben). Das sah der alte Mensch nicht so. Der sah hier lebend-gei-
stige Wesenheiten sich bewegen (gelb), und die scharfen Konturen
des Blitzes verschwanden vollstandig. Das war ein Heereszug oder eine
Prozession von Geistwesen, die uber dem oder im Weltenraum vor-
wartsdrangen. Den Blitz als solchen sah er nicht. Er sah einen Gei-
sterzug durch den Weltenraum schweben. Fur den Eingeweihten
wurde das so, dalS er ja auch wie die anderen Leute diesen Heereszug
sah, aber fur sein Schauen, das in ihm entwickelt worden war,
konnte sich, indem das Bild von dem Heereszug allmahlich sich
dampfte und dann verschwand, der Blitz herausentwickeln in der
Gestalt, wie ihn heute jeder sieht. Die ganze Natur, wie sie heute
jeder sieht, mufite in alten Zeiten erst durch die Initiation errungen
werden. Aber wie empfand man dieses? Auch dieses empfand man
durchaus nicht in der Gleichgultigkeit, mit der man heute Erkennt-
nisse oder Wahrheiten empfindet. Man empfand dieses durchaus
mit einem moralischen Einschlag. Und wenn wir uns das anschauen,
was mit den Jiingern der Mysterien geschah, so mussen wir uns das
Folgende sagen: Sie wurden eingefuhrt in diejenige Naturanschau-
ung, die dann spater die naturgemafie, alien zugangliche war. Ein-
zelne nur wurden durch harte innere Priifungen und Proben zu
dieser Naturanschauung hingefiihrt. Dann aber hatten sie ganz
naturgemafi folgende Empfindung: Da ist der Mensch mit seinem
gewohnlichen Bewufitsein. Er sieht diesen Heereszug von Elementar-
wesen durch die Liifte reiten. Aber er ist dadurch, dafi er eine solche
Anschauung hat, bar des menschlichen freien Willens. Er ist ganz
hingegeben an die gottlich-geistige Welt. - Denn in diesem
waehenden Traumen, traumenden Wachen lebte der Wille nicht als
freier, sondern als derjenige, der in den Menschen einstromte als
der gottliche Wille. Und der Eingeweihte, der den Blitz pun heraus-
kommen sah aus diesen Imaginationen, der empfand das so, dafi er
sagen lernte durch seinen Initiator: Ich mufi ein Mensch sein, der in
der Welt sich auch bewegen darf ohne die Gotter, fiir den die Gotter
auswerfen ins Unbestimmte den Welteninhalt. - Es war gewisser-
mafien fur die Initiierten dasjenige, was sie in scharfen Konturen
sahen, der von den Gottern ausgeworfene Welteninhalt, an den der
Eingeweihte herantrat, um unabhangig zu werden von den Gottern.
Sie begreifen, es ware ein unertraglicher Zustand gewesen, wenn
er nicht irgendein ausgleichendes Moment gehabt hatte. Das hat er
aber gehabt. Denn indem der Eingeweihte auf der einen Seite Asien
erleben lernte gottverlassen, geistverlassen, lernte er auf der anderen
Seite einen noch tieferen Bewufitseinszustand kennen als derjenige
war, der zur zweiten Hierarchie hinreichte. Er lernte kennen
zu seiner entgotterten Welt die Welt der Seraphim, Cherubim und
Throne.
In einer bestimmten Zeit der asiatischen Entwickelung, die etwa
die mittlere ist - wir werden iiber die Zeiten noch genauer zu spre-
chen haben -, war der Bewufitseinszustand dieser Menschen, dieser
Eingeweihten so, dafi sie iiber die Erde hingingen und ungefahr
schon den Anblick von den Erdenreichen hatten, den der moderne
Mensch hat; aber das fuhlten sie eigentlich in ihren Gliedern. Sie
fuhlten ihre Glieder befreit von den Gottern in der entgotterten
Erdenmaterie. Aber dafiir begegneten sie in diesem gotterlosen
Lande den hohen Gottern der Seraphim, Cherubim und Throne.
Man lernte als Eingeweihter nicht mehr blofi kennen jene grau-
griinen Geistwesen, welche die Bilder des Waldes, die Bilder der
Baume waren, sondern man lernte als Eingeweihter kennen den
Wald geistlos, aber man hatte dafiir das Ausgleichende, dafi man in
dem Walde gerade den Angehorigen der ersten Hierarchie begeg-
nete, irgendeinem Wesen aus dem Reiche der Seraphim, Cherubim
oder Throne.
Das alles als soziale Konfiguration aufgefalk, ist eben das
Wesen tliche im geschichtlichen Werden des alten Orients. Und
die treibenden Krafte der Weiterentwickelung, sie sind diejenigen,
die den Ausgleich suchen zwischen jungen Rassen und alten Rassen,
so dafi die jungen Rassen an den alten reif werden konnen, gerade
an den unterworfenen Seelen reif werden konnen. Und so weit wir
nach Asien hiniiberblicken, iiberall finden wir dies, dafi junge
Rassen, die durch sich selber nicht besonnen werden konnen, die
Besonnenheit im Erobern suchen. Aber wenn wir den Blick von
Asien heriiberlenken nach Griechenland, dann finden wir, daft da
etwas anders wird. In Griechenland driiben war auch schon in den
herrlichsten Zeiten der griechischen Entwickelung eine Bevolkerung,
welche allerdings das Alterwerden verstanden hat, aber nicht ver-
standen hat, das Alterwerden zu durchdringen mit voller Geistig-
keit. Ich habe ja ofter aufmerksam machen miissen auf jenen cha-
rakteristischen Ausspruch des weisen Griechen: Besser ein Bettler
sein in der Oberwelt als ein Konig im Reiche der Schatten. - Mit
dem Tode drauiten und mit dem Tode auch drinnen im Menschen
kam der Grieche nicht zurecht. Aber auf der anderen Seite hatte er
diesen Tod wieder in sich. Und so war bei dem Griechen nicht eine
Sehnsucht nach Besonnenheit, die als Impuls in ihm vorhanden
gewesen ware, sondern bei dem Griechen war es die Angst vor dem
Tode. Diese Angst vor dem Tode empfanden die jungen orienta-
lischen Volker nicht, denn sie zogen auf Eroberungen aus, wenn die
Menschen als Rasse den Tod nicht in der richtigen Weise erleben
konnten.
Der innere Konflikt aber, den die Griechen mit dem Tode erlebt
haben, der fiihrte als ein innerer Menschheitsimpuls zu dem, wovon
uns berichtet wird als dem Trojanischen Krieg. Die Griechen brauch-
ten nicht den Tod bei einer fremden Bevolkerung zu suchen, um
die Besonnenheit sich zu erobern, die Griechen brauchten aber
gerade fur dasjenige, was sie vom Tode empfanden, das innere
lebensvolle Geheimnis vom Tode. Und das fiihrte zu jenem Kon-
flikte zwischen den Griechen als solchen und den Menschen, von
denen die Griechen hergekommen waren in Asien. Der Trojanische
Krieg ist ein Sorgenkrieg, der Trojanische Krieg ist ein Angstkrieg.
Wir sehen, wie einander gegeniiberstehen im Trojanischen Kriege
die Reprasentanten der kleinasiatischen Priesterkultur und die Grie-
chen, die den Tod schon in sich fiihlen, aber mit dem Tode nichts
anzufangen wissen. Die iibrige orientalische Bevolkerung, die auf
Eroberungen auszog, die wollte den Tod, die hatte ihn nicht; die
Griechen hatten den Tod, wufiten aber mit ihm nichts anzufangen.
Sie brauchten einen ganz anderen Einschlag, um mit dem Tode
etwas anfangen zu konnen. Achill, Agamemnon, alle diese Leute
tragen den Tod in sich, wissen aber nichts mit ihm anzufangen. Sie
schauen hiniiber nach Asien. Und sie haben in Asien driiben eine
Bevolkerung, die in der umgekehrten Lage ist, die unter dem un-
mittelbaren Eindruck der entgegengesetzten Seelenlage leidet. Da
driiben sind diejenigen Menschen, die den Tod nicht in dieser inten-
siven Weise fiihlen wie die Griechen, die den Tod fiihlen als etwas,
was im Grunde doch lebenstrotzend ist.
In einer wunderbaren Weise hat das eigentlich Homer zum Aus-
drucke gebracht. Uberall, wo die Trojaner den Griechen gegeniiber-
gestellt werden - sehen Sie sich an die charakteristischen Figuren
Hektor und Achill -, uberall ist dieser Gegensatz da. Und in diesem
Gegensatze driickt sich aus, was an der Grenze von Asien und
Europa geschieht. Asien hatte in jener alten Zeit sozusagen einen
Uberschufl des Lebens iiber den Tod, sehnte sich nach Tod. Europa
auf griechischem Boden hatte einen Uberschufl von Tod im Men-
schen, mit dem man nichts anzufangen wufite. So standen sich Eu-
ropa und Asien von einem zweiten Gesichtspunkte aus gegeniiber:
auf der einen Seite der Ubergang des rhythmischen Erinnerns in das
zeitliche Erinnern, auf der anderen Seite das ganz verschiedene Er-
leben gegeniiber dem Tode in der menschlichen Organisation.
Wir werden dann morgen diesen Gegensatz, den ich Ihnen am
Schlusse der heutigen Betrachtung nur andeuten konnte, genauer
betrachten, um so jene tief in die Menschheitsentwickelung ein-
schneidenden Ubergange kennenzulernen, die von Asien nach
Europa heruberfuhren und ohne deren Verstandnis im Grunde
genommen doch auch mchts in der gegenwartigen Entwkkelung der
Menschheit zu verstehen ist.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 26. Dezember 1923
Fast genau auf den Tag ist es, daft ich vor dreizehn Jahren in Stutt-
gart in einem Vortragszyklus, den ich auch gehalten habe zwischen
Weihnachten und Neujahr, iiber dasselbe Thema sprach, zu dem
auch dieser Vortragszyklus gehort. Nur werde ich den Gesichts-
punkt, der dazumal dem Thema nach gewaltet hat, etwas zu
verandern haben.
Wir haben uns ja damit beschaftigt, in den zwei Einleitungs-
vortragen an unsere Seele ein Verstandnis dafiir heranzubringen,
wie grundlich sich die Gemiits-, die Seelenverfassung der Mensch-
heit im Laufe der geschichtlichen Entwickelung und namentlich der
vorgeschichtlichen Entwickelung geandert hat. Wir brauchen auch
diesmal, zunachst wenigstens, nicht weiter zurikkzugehen als einige
Jahrtausende. Sie wissen ja, daft wir geisteswissenschaftlich als den
wichtigsten Zusammenhang, der sich ergibt fur das Geschichtliche
und Vorgeschichtliche seit der sogenannten atlantischen Katastro-
phe, von welcher die Erde befallen worden ist, denjenigen be-
trachten, den man gewohnlich die Zeit der Erdenvereisung, die
jiingere Eiszeit, nennt. Dazumal aber ging ja auch der letzte Akt des
Unterganges des atlantischen Kontinents vor sich, der heute den
Boden des Atlantischen Ozeans bildet. Und nach dieser atlantischen
Katastrophe haben wir dann bis zu unserer Zeit, worauf ja oftmals
aufmerksam gemacht worden ist, funf aufeinanderfolgende grofie
Kulturzeitraume, von denen die ersten ja der geschichtlichen Uber-
lieferung vollstandig entfallen sind. Denn dasjenige, was im Oriente
driiben als Schrifttum - auch in den herrlichen Veden, in der tief-
gehenden Vedantaphilosophie - enthalten ist, das sind ja nur Nach-
klange dessen, was man schildern muft, wenn man jene Kultur-
epoche darstellen will, von der ich immer als der urindischen, der
urpersischen, auch in meiner «Geheimwissenschaft», spreche.
Nun, auch bis dahin wollen wir heute nicht zunkkgehen, son-
dern wir wollen jenen Zeitraum ins Auge fassen, den ich ofter be-
zeichnet habe als die chaldaisch-agyptische Kulturperiode, die der
griechischen vorangegangen ist. Wir haben darauf aufmerksam
machen miissen, dafi in dieser Zeit zwischen der atlantischen Ka-
tastrophe und dem griechischen Zeitalter sich mit Bezug auf die
Erinnerungsfahigkeit, die Menschen-Gedachtniskraft, und mit
Bezug auf das menschliche Zusammenleben grolte Veranderungen
vollzogen haben. Ein solches Gedachtnis, wie wir es heute haben, so
dafi wir uns in der Zeit nach rikkwarts etwas vergegenwartigen
konnen, ein solches Zeitgedachtnis war ja in dieser dritten nach-
atlantischen Kulturperiode noch nicht vorhanden, sondern es war
ein Gedachtnis vorhanden, das gebunden war an rhythmisches Er-
leben, wie ich es dargestellt habe. Und das ist ja hervorgegangen aus
dem, was besonders stark wahrend der atlantischen Periode vor-
handen war: das lokalisierte Gedachtnis, wo der Mensch iiberhaupt
nur ein Gegenwartsbewulksein in sich trug, aber durch alles
mogliche, was er in der Aufienwelt entweder vorfand oder selber
hinsetzte, Merkzeichen hatte, durch die er sich mit der Vergangen-
heit nicht nur seiner eigenen Personlichkeit, sondern mit der Ver-
gangenheit der Menschheit iiberhaupt in eine Beziehung setzte.
Merkzeichen waren aber nicht nur diejenigen, die unmittelbar
auf der Erde angebracht waren, sondern Merkzeichen waren auch
gerade in den alteren Zeiten die Konstellationen am Himmel, ins-
besondere die Planetenkonstellationen, aus denen man in ihrer Wie-
derholung oder variierten Wiederholung erkannte, wie die Dinge in
Vorzeiten waren. So dafi eigentlich fur die Bildung des aufieren
lokalisierten Gedachtnisses einer alteren Menschheit Himmel und
Erde zusammenwirkten.
Aber diese altere Menschheit war auch in ihrer ganzen mensch-
heitlichen Konstitution anders beschaffen als die spatere oder gar als
die Menschheit unserer Zeit. Die Menschheit unserer Zeit tragt in
sich im Wachzustande das Ich und den astralischen Leib so unver-
merkt im physischen Leibe, dafi die meisten Menschen ja eigentlich
es nicht bemerken, wie dieser physische Leib, als eine viel bedeu-
tungsvollere Organisation als er selbst ist, den astralischen Leib und
die Ich-Organisation in sich tragt neben dem Atherleib. Sie kennen
ja diese Zusammenhange. Eine altere Menschheit aber empfand den
Tatbestand des eigenen Seins ganz anders. Und zu einer solchen
Menschheit kehren wir noch zuriick, wenn wir in die friihere dritte
nachatlantische Kulturperiode, in die agyptisch-chaldaische, zuriick-
kehren. Da erlebte sich der Mensch als Geist und Seele im hohen
Mafie noch auflerhalb seines physischen und Atherleibes, auch wenn
er wach war. Er wufite zu unterscheiden: Das habe ich an mir als
meinen Geist und meine Seele - Ich und astralischen Leib nennen
wir es -, und das ist verbunden mit meinem physischen und meinem
Atherleibe. Der Mensch ging als diese Zweiheit durch die Welt. Er
nannte seinen physischen Leib und seinen Atherleib nicht Ich, son-
dern er nannte Ich zunachst nur seinen Geist und seine Seele, das-
jenige, was geistig war und was nach unten in einer gewissen Weise
in Zusammenhang, aber in einem fur ihn merkbaren Zusam-
menhang mit dem physischen und mit dem Atherleib war. Und in
diesem Geist- Seelischen, in diesem Ich und astralischen Leib emp-
fand der Mensch das Hereindringen der gottlich-geistigen Hierar-
chien, so wie der Mensch heute das Hereindringen der Natursub-
stanzen in seinen physischen Leib empfindet.
In diesem physischen Leib empfindet ja der Mensch so, dafi er
weifl, er nimmt mit der Nahrung, mit der Atmung die Substanzen
der aufSeren Naturreiche auf. Die sind vorher drauften, dann in ihm.
Die wirken so, dafi sie durch ihn durchgehen, Bestandteile von ihm
werden. Dazumal wufite der Mensch, der eine gewisse Trennung
seines Geist- Seelischen von seinem Physisch-Atherischen empfand,
dafS Angeloi, Archangeloi bis hinauf zu den hochsten Hierarchien
Geistig- Substantielles seien, das nun auch durch sein Geistig-See-
lisches durchgeht, zu Bestandteilen, wenn ich mich so ausdriicken
darf, von ihm wird. So dalS der Mensch in jedem Augenblicke
seines Lebens sagen konnte: In mir leben die Gotter. - Und er fafite
sein Ich nicht als von unten durch physische und atherische Sub-
stanzen aufgebaut auf, sondern er fafite sein Ich als ihm durch
Gnade geschenkt, von oben, von seiten der Hierarchien kommend,
auf. Und gewissermafien wie eine Last, wie ein Vehikel, wie etwas,
dessen er sich wie des Lebenswagens bediente, um vorwarts zu
kommen in der physischen Welt, faftte er sein Physisch-Atherisches
auf . Wenn man dies nicht in entsprechender Weise ins Seelenauge
faftt, so versteht man eigentlich den historischen Hergang der
Menschheitsentwickelung nicht.
Nun konnten wir an verschiedenen charakteristischen Beispielen
diesen historischen Hergang der Menschheitsentwickelung ver-
folgen. Wir wollen heute gewissermafien einen Faden vor uns hin-
stellen, einen Faden, den ich eben auch schon dazumal vor dreizehn
Jahren beruhrt habe, indem ich ankniipfte dazumal an jenes histo-
risch-sagenhafte Dokument, welches die alteste Phase jener Ent-
wickelung darstellt, von der ich sprechen will, namlich das Gilga-
mesch-Epos. Aber das Gilgamesch-Epos ist eben zum Teil sagen-
haft, und ich werde den Vorgang, den ich, wie gesagt, vor dreizehn
Jahren dargestellt habe, heute so darstellen, wie er sich aus dem gei-
stigen Anschauen heraus unmittelbar ergibt.
Da haben wir in einer Stadt Vorderasiens - Erek nennt sie das
Gilgamesch-Epos - eine von jenen Eroberernaturen, von denen ich
gestern gesprochen habe, die so recht herausgewachsen waren aus
jenen Seelen- und sozialen Menschheitsverfassungen, die gestern
charakterisiert worden sind. Gilgamesch nennt ihn das Epos. Also
wir haben es da mit einer Personlichkeit zu tun, die in der Zeit, von
der wir jetzt reden, ebenso beschaffen war, wie ich es nun charakte-
risiert habe, die viele alte Menschheitseigentumlichkeken noch be-
wahrt hatte aus friiheren Zeiten. Aber so klar es fur diese Personlich-
keit in der damaligen Zeit war, daft sie gewissermafien die Doppel-
heit ist zwischen dem Geistig-Seelischen, in das die Gotter herein -
ragen, und dem Physisch-Atherischen, in das die Erden- und
Kosmossubstanzen, die physischen und atherischen Substanzen
hineinragen, so sehr ist auch dieses eine Tatsache, daft in der Zeit, in
der diese Personlichkeit, von der das Gilgamesch-Epos spricht, lebte,
gerade die charakteristischen Menschen, die reprasentativen Men-
schen bereits in einer Ubergangsepoche zur spateren Menschheits-
entwickelung standen. Und dieser Ubergang bestand darinnen, daft
das Ich-Bewufttsein, das verhaltnismafiig kurz vorher beim Geistig-
Seelischen oben war, wenn ich mich so ausdriicken darf, hinunter-
gesenkt sich hatte in das Leiblich-Atherische, so dafi also Gilgamesch
gerade unter denen war, die anfingen, nicht zu seinem Geistig-
Seehschen, in dem die Gotter gefuhlt wurden, Ich zu sagen, sondern
zu dem, was irdisch-atherisch an ihm war. Das war diese neue
Seelenverfassung .
Aber in diese Seelenverfassung, von der wir sagen konnen, es ist
das Ich heruntergezogen aus dem Geistig-Seelischen, als bewufkes
Ich heruntergezogen in das Leiblich-Atherische, in dieser Personlich-
keit waren zugleich noch jene alten Gewohnheiten: jene alte Ge-
wohnheit, vorzugsweise dasjenige nur gedachtnismafiig zu erleben,
was im Rhythmus erlebt wurde, und es war jene innere Empfindung
da, welche fuhlte, man mufi mit den Kraften des Todes bekannt
werden, weil eigentlich nur die Krafte des Todes dasjenige ergeben,
was den Menschen zur Besonnenhek bringt. Nun, gerade dadurch,
daft man es in dieser Gilgamesch-Personlichkeit zu tun hat mit einer
Seele, die dazumal schon durch viele Erdeninkarnationen gegangen
war, aber in die neue Form des Menschendaseins, die so war, wie ich
sie jetzt geschildert habe, eingetreten war, gerade dadurch war diese
Personlichkeit, ich mochte sagen, in einem physischen Dasein, das
eine gewisse Unsicherheit in sich trug. Die Berechtigung sozusagen
der Eroberergewohnheiten und des rhythmischen Gedachtnisses
fingen an, nicht mehr fur die Erde zu gelten. Und so waren die Er-
lebnisse dieser Personlichkeit durchaus die Erlebnisse einer Uber-
gangsepoche.
Daher passierte es, daft, als diese Personlichkeit aus der alten Ge-
wohnheit heraus eben gerade jene Stadt, die im Gilgamesch-Epos
Erek genannt wird, durch Eroberung sich aneignete, daft Konflikte
kamen in dieser Stadt. Zunachst wurde diese Personlichkeit nicht
gern in der Stadt gesehen, wurde als Fremder empfunden, ware
auch wohl allein mit all den Schwierigkeiten, die sich in der Stadt
ergeben hatten, nicht zurechtgekommen. Da fand sich, weil das
Schicksal sie dahin fuhrte, eine andere Personlichkeit - das Gilga-
mesch-Epos nennt sie Eabani -, eine Personlichkeit, die verhaltnis-
mafiig spat auf die Erde heruntergestiegen war aus jenem planeta-
rischen Dasein, das ja die Erdenmenschheit eine Zeitlang gefuhrt
hat in dem Sinne, wie ich das in meiner «Geheimwissenschaft» be-
schrieben habe. Sie wissen ja: Nach und nach wahrend der atlan-
tischen Zeit sind die Seelen heruntergekommen, die einen fruher,
die anderen spater, nachdem sie sich in sehr friihen Zeiten der
Erdenentwickelung von der Erde nach dem Kosmos auf verschiedene
Planeten zuriickgezogen hatten.
Wir haben es in Gilgamesch zu tun mit einer Personlichkeit, mit
einer Individuality, die verhaltnismafiig friih zur Erde wieder zu-
riickgezogen ist, also in der Zeit, von der ich spreche, viele Erdenin-
karnationen erlebt hatte. Bei der anderen Personlichkeit, die nun
auch nach jener Stadt hingezogen wurde, haben wir es zu tun mit
einer solchen, die verhaltnismafiig lange im planetarischen Dasein
geblieben war und sich spat erst wiederum auf die Erde begeben hat.
Das ist ja von einem etwas anderen Gesichtspunkte in meinem Vor-
tragszyklus, der vor dreizehn Jahren in Stuttgart gehalten worden ist
iiber Geschichte vom Standpunkte der Geisteswissenschaft, zu lesen.
Diese Personlichkeit nun, die kam in innige Freundschaft mit
Gilgamesch, und zusammen konnten sie dann wirklich haltbare
soziale Zustande in der Stadt Erek in Vorderasien herstellen. Das war
namentlich dadurch moglich, daft dieser zweiten Personlichkeit
verhaltnismafiig viel geblieben war von jenem Wissen, das durch
wenige Erdeninkarnationen noch bewahrt geblieben war aus dem
kosmischen Aufenthalte aufierhalb der Erde. Da war, wie ich schon
damals in Stuttgart sagte, bei dieser Personlichkeit eine Art Hell-
sichtigkeit, Hellhorigkeit, Hell-Erkenntnis vorhanden. Und aus dem
Zusammenflusse desjenigen, was aus den alten Eroberergewohn-
heiten und aus dem auf Rhythmus hinzielenden Gedachtnis bei der
einen Personlichkeit vorhanden war, und aus dem Hineinschauen
in die Weltengeheimnisse der anderen Personlichkeit erwuchs, so
wie das ja in alteren Zeiten zumeist der Fall war, der Aufbau der
sozialen Ordnung in jener Stadt Vorderasiens. Friede zog in diese
Stadt ein, Gluck der Bewohner zog ein, und alles ware zunachst in
Ordnung gewesen, wenn nicht ein bestimmtes Ereignis eingetreten
ware, das den ganzen Lauf der Tatsachen in einer anderen Weise
wiederum orientiert hat.
Da war in jener Stadt eine Art Mysterium, das Mysterium einer
Gottin, und dieses Mysterium bewahrte aufierordentlich viele Ge-
heimnisse der Welt. Aber es war im Sinne der damaligen Zek eine
Art, ich mochte sagen, synthetischen Mysteriums, das heifit, da
waren gesammelt in diesem Mysterium die verschiedensten Myste-
rienoffenbarungen Asiens. Und zu den verschiedenen Zeiten
wurden die Mysteriengehalte in einer variierten, metamorphosierten
Weise dort gepflegt und gelehrt. Das verstand zunachst diejenige
Personlichkeit, die im Epos den Namen Gilgamesch tragt, nicht,
klagte an diese Mysterienstatte, daft sie Widerspruchsvolles lehre.
Und dadurch, daft von maftgebender Seite - denn die beiden Per-
sonlichkeiten, von denen ich spreche, waren ja diejenigen, die
eigentlich der ganzen Stadt die Ordnung und die Verwaltung
gaben -, dadurch, daft von einer so bedeutungsvollen Stelle das
Mysterium angeklagt wurde, ergaben sich Schwierigkeiten, die zu-
letzt dazu fuhrten, daft die Mysterienpriester sich an diejenigen
Machte wandten, an die man sich eben in den alten Mysterien
wenden konnte. Sie werden ja heute sich nicht verwundern, daft
man sich in den alten Mysterien wirklich an die geistigen Wesen-
heiten der hoheren Hierarchien wenden konnte, da ich Ihnen doch
gestern gesagt habe: Asien war in alten orientalischen Zeiten ja
eigentlich nur der unterste Himmel, und in diesem untersten
Himmel wufite man die gottlich-geistigen Wesen gegenwartig und
verkehrte mit ihnen. - Dieser Verkehr wurde insbesondere in den
Mysterien gepflegt. Und so wandte sich denn die Priesterschaft der
Ischtarmysterien an diejenigen geistigen Machte, an die sie sich sonst
immer gewendet hatte, wenn sie Erleuchtungen wollte, und da kam
denn das zustande, daft diese geistigen Machte eine gewisse Strafe
tiber die Stadt verhangten.
Man druckte das dazumal so aus, daft man sagte: Etwas, was
eigentlich eine hohere geistige Kraft ist, wirkt in Erek als tierische
Gewalt, als gespensterhafte tierische Gewalt. - Es kam allerlei iiber
die Bewohner, physische Krankheiten, aber namentlich seelische
Zerriittungen. Und die Folge davon war, daft die eine Personlich-
keit, die sich zu Gilgamesch geschlagen hat, die im Epos Eabani
genannt wird, infolge dieser Schwierigkeiten starb, aber eigentlich
zur Fortsetzung der Mission der anderen Personlichkeit auf Erden
auch nach dem Tode geistig bei dieser Personlichkeit verblieb. So
dafi wir also die spatere Lebenszeit, die spatere Entwickelung jener
Personlichkeit, die im Epos den Namen Gilgamesch tragt, so auf-
zufassen haben, daft auch weiterhin ein Zusammenwirken ist
zwischen den zwei charakterisierten Personlichkeiten, aber so, daft
Eingebungen, Erleuchtungen des Gilgamesch von seiten des Eabani
in der Folgezeit stattfanden, so daft Gilgamesch allein fortdauernd
handelte nicht nur aus seinem eigenen Willen heraus, sondern aus
dem Willen der beiden, aus dem Zusammenflusse des Willens der
beiden.
Damit habe ich Ihnen wieder etwas hingestellt, was in diesen
alten Zeiten durchaus eine Moglichkeit war. So eindeutig war das
menschliche Gemiit nicht in jener alten Zeit, wie es heute ist. Daher
konnte es auch in dem Sinne nicht das Erlebnis der Freiheit geben
wie heute. Es konnte durchaus entweder ein geistiges Wesen, das
niemals auf Erden sich verkorpert hatte, durch den Willen einer
irdischen Personlichkeit wirken, oder es konnte, wie es ja bei Gilga-
mesch der Fall war, eine Personlichkeit, die schon durch den Tod
gegangen war, die ein Postmortem-Leben fuhrte, durch den Willen
einer Personlichkeit auf Erden sprechen, handeln. Und so war es bei
Gilgamesch. Und aus dem, was sich auf diese Weise aus dem
Zusammenflusse der zwei Willen ergab,'stieg in Gilgamesch vor
alien Dingen eine ziemlich klare Erkenntnis davon auf, in welcher
historischen Lage er sich eigentlich befand. Er fing an, gerade
durch den Einfluft des ihn inspirierenden Geistes zu wissen, daft das
Ich sich heruntergesenkt hat in den sterblichen physischen und in
den Atherleib, und es fing fur Gilgamesch an, das Problem der Un-
sterblichkeit eine intensiv starke Rolle zu spielen. Alle seine Sehn-
sucht ging darauf hin, irgendwie hinter dieses Problem der Unsterb-
lichkeit zu kommen. Die Mysterien, die dasjenige bewahrten, was
liber Unsterblichkeit auf Erden in der damaligen Zeit zu sagen war,
die offneten sich zunachst Gilgamesch nicht. Diese Mysterien hatten
ja noch die Tradition und aus den Traditionen heraus auch zum
grolten Teil die lebendige Erkenntnis, die vorhanden war, wahrend
auf der Erde die Urweisheit in der alten atlantischen Zeit waltete.
Aber die Trager dieser Urweisheit, die einstmals auf der Erde
wandelten als geistige Wesenheiten, sie hatten sich langst zuriick-
gezogen und die kosmische Kolonie des Mondes gegrundet. Denn es
ist die reine Kinderei, zu meinen, dafs der Mond der starre, erfrorene
Korper sei, als den ihn die heutige Physik schildert. Der Mond ist
der Weltaufenthalt vor alien Dingen derjenigen geistigen Wesen-
heiten, welche die ersten groften Lehrer der Erdenmenschheit waren,
die der Erdenmenschheit einstmals die Urweisheit gebracht haben
und die sich, bald nachdem der Mond als physischer Weltenkorper
die Erde verlassen und seinen eigenen Ort im Planetensystem ein-
genommen hat, nach diesem Monde zuriickgezogen haben. Der-
jenige, der heute durch imaginative Erkenntnis die Moglichkeit hat,
den Mond wirklich kennenzulernen, lernt auch noch in dieser kosmi-
schen Kolonie jene geistigen Wesenheiten kennen, die einstmals die
Lehrer der Urweisheit der Menschheit auf der Erde waren. Was diese
einst gelehrt hatten, aber auch jene Impulse, durch die man selbst
in einer gewissen Beziehung zu dieser Urweisheit kommen kann,
bewahrten die Mysterien. Allein eine rechte Verbindung zwischen
diesen Mysterien Vorderasiens zum Beispiel und der Personlichkeit,
die im Epos Gilgamesch genannt wird, gab es nicht. Aber durch den
ubersinnlichen Einflufi des Freundes, der im Postmortem-Zustande
mit Gilgamesch vereinigt war, kam der innere Drang in Gilgamesch,
Wege in der Welt aufzusuchen, durch die er imstande sein konne,
etwas liber die Unsterblichkeit der Seele zu erfahren.
Im Mittelalter ist es ublich geworden, wenn man etwas iiber die
geistige Welt erfahren wollte, sich in das Innere des Menschen zu
versenken. In der neueren Zeit ist nun, ich mochte sagen, ein noch
innerlicherer Vorgang ublich. Aber in jenen alteren Zeiten, von
denen ich jetzt spreche, wufate man ganz genau: Die Erde ist nicht
jener Gesteinsklotz, als den ihn etwa die heutige Geologie be-
schreibt, sondern die Erde ist ein lebendig beseeltes, geistiges
Wesen. - Und so wie etwa ein kleines Tier, wenn es iiber den Men-
schen lauft, den Menschen kennenlernen kann, indem es iiber die
Nase lauft, iiber die Stirne lauft, durch die Haare lauft und durch
diese Reise sein Wissen erwirbt, so war es in der damaligen Zeit,
dafl der Mensch, indem er sich auf die Wanderung iiber die Erde
machte, die Erde in ihren verschiedenen Konfigurationen an ver-
schiedenen Orten kennenlernte und dafi er dadurch Einblicke
gewann in die geistige Welt. Er gewann sie, ob ihm nun der Zugang
zu den Mysterien gestattet war oder nicht, er gewann sie. Und es ist
wirklich keine Aufierlichkeit, dafi von Pythagoras und ahnlichen
Leuten erzahlt wird, da£ sie zur Erwerbung ihrer Erkenntnisse eben
grofie Wanderungen machten. Man ging die Erde ab, um in der
Mannigfaltigkeit ihrer Konfigurationen dasjenige aufzunehmen,
was aus der verschiedenen Gestaltung der geistig-seelisch-physischen
Erde an verschiedenen Orten dieser Erde zu beobachten war. Heute
konnen die Menschen nach Afrika, nach Australien reisen, sie
erleben ja doch mit Ausnahme der Aufterlichkeiten, die sie an-
glotzen, nicht viel anderes, als was sie zu Hause auch erleben. Denn
fur die radikalen Verschiedenheiten, die da bestehen zwischen ver-
schiedenen Erdenflecken, ist eben die menschliche Empfanglichkeit
erstorben. In der Zeit, von der ich jetzt spreche, war sie nicht er-
storben. Und so bedeutete schon der Drang, durch eine Wanderung
iiber die Erde hin etwas zu bekommen fur die Losung des Problems
der Unsterblichkeit, fur Gilgamesch etwas sehr Bedeutsames.
Und so trat er denn diese Wanderung an. Diese Wanderung war
fur ihn von einem immerhin sehr, sehr bedeutenden Erfolge. Er traf
in einer Gegend, die etwa in demselben Gebiete liegt, von dem in
der neueren Zeit viel die Rede war, das aber in bezug auf seine
sozialen Zustande natiirlich sich sehr geandert hat, er traf in dem
Gebiete des sogenannten Burgenlandes, iiber das gestritten worden
ist, ob es zu Zisleithanien oder zu Ungarn gehoren sollte, in einem
Gebiet also des Burgenlandes, ein altes Mysterium. Der Ober-
priester dieses Mysteriums wird im Gilgamesch-Epos Xisuthros ge-
nannt. Er traf ein altes Mysterium, das eine echte Mysterien -Nach-
form der alten atlantischen Mysterien war, natiirlich in einer Meta-
morphose, wie das in einer so spaten Zeit der Fall sein konnte.
Und in der Tat, in dieser Mysterienstatte wufite man die Erkennt-
nisfahigkeit des Gilgamesch zu beurteilen, zu wiirdigen. Man wollte
ihm entgegenkommen. Es wurde ihm eine Priifung auferlegt, die
dazumal vielen Schiilern der Mysterien auferlegt worden ist. Die
Priifung bestand darin, gewisse Exerzitien zu machen bei vollem
Wachsein durch sieben Tage und sieben Nachte. Das ging fur ihn
nicht. Und so unterwarf er sich denn nur dem Surrogat einer solchen
Priifung. Und dieses Surrogat bestand darin, dalS ihm gewisse Sub-
stanzen zubereitet wurden, die er in sich aufnahm und durch die er
in der Tat eine gewisse Erleuchtung bekam, wenn auch, wie es auf
diesem Felde immer der Fall ist, wenn nicht gewisse Ausnahme-
bedingungen garantiert sind, diese in gewissem Sinne zweifelhaft
waren. Aber eine gewisse Erleuchtung war nun bei Gilgamesch vor-
handen, eine gewisse Einsicht in die Weltenzusammenhange, in das
geistige Gefuge der Welt. So dafi, als Gilgamesch diese Wanderung
vollendet hatte und wiederum zuriickkehrte, in ihm in der Tat eine
hohe geistige Einsicht vorhanden war.
Er wanderte etwa die Donau entlang, siidwarts der Donau ent-
lang wiederum zuriick in seinen Heimatort, in seinen gewahlten
Heimatort. Aber bevor er in diesem Heimatort ankam, unterlag er,
weil er eben nicht in der anderen Weise, die ich geschildert habe,
sondern in jener etwas schwierigen Weise die Einweihung in das
nachatlantische Mysterium erhalten hatte, er unterlag der ersten
Versuchung, einer furchtbaren Zornanwandelung iiber ein Ereignis,
das ihn traf, eigentlich etwas, das er horte von dem, was in der Stadt
vorging. Er horte es, bevor er in der Stadt anlangte. Eine furchtbare
Zornaufwallung iiberkam ihn, und durch diese Zornaufwallung
wurde fast vollstandig die Erleuchtung verdunkelt, so dalS er ohne
diese ankam.
Dennoch aber, und das ist das Eigentiimliche dieser Personlich-
keit, bestand ja die Moglichkeit fort, im Zusammenhange mit dem
verstorbenen Freunde, mit dem Geiste des verstorbenen Freundes in
die geistige Welt hineinzublicken oder wenigstens Mitteilungen zu
bekommen von der geistigen Welt. Nun ist es aber doch einanderes,
durch eine Initiation unmittelbar hineinzuschauen in die geistige
Welt oder Mitteilungen zu bekommen von einer Personlichkeit, die
im Postmortem-Zustande ist. Man kann aber doch sagen: Etwas von
einer Einsicht in das Wesen der Unsterblichkeit ist bei Gilgamesch
geblieben. - Und ich sehe jetzt ab von dem, was danndurchgemacht
wird nach dem Tode; diese Ereignisse, die da durchgemacht werden,
die spielen ja in das Bewufttsein nachster Inkarnationen, heute und
damals, noch nicht sehr stark hinein: in das Bewufttsein! In das
Leben, in die innere Konstitution gewift sehr stark, aber nicht in
das Bewufttsein.
Sehen Sie, da habe ich Ihnen zwei Personlichkeiten geschildert,
die miteinander zum Ausdrucke bringen die menschliche Geistes-
verfassung in der dritten nachatlantischen Kulturperiode, ungefahr
in ihrer Mitte, die durchaus noch so lebten, daft an der Art ihres
Lebens stark bemerkbar war, wie der Mensch aus einer Zweiheit be-
steht. Denn der eine, Gilgamesch, war sich ja dieser Zweiheit
bewuftt, wenn er auch einer der ersten war, die es durchgemacht
hatten, daft das Ich-Bewufttsein sich heruntergesenkt hat, das Ich
sich heruntergesenkt hat in das Physisch-Atherische. Der andere hat,
weil er wenige Inkarnationen auf der Erde mitgemacht hatte, eine
Hell-Erkenntnis gehabt, wodurch er uberhaupt die Einsicht hatte,
daft es Materie, Stoff, ja gar nicht gibt, daft alles geistig ist, daft das
sogenannte Stoffliche nur eine andere Form des Geistigen ist.
Sie konnen sich ja vorstellen: alles das, was der Mensch heute
denkt und empfindet, konnte er ja bei einer solchen Konstitution
seines Wesens selbstverstandlich nicht denken und empfinden. Sein
ganzes Denken und Empfinden war eben anders. Und was an solche
Personlichkeiten herankommen konnte, war naturlich nicht unser
heutiges Schulmaftiges, weder etwas, das dem heutigen Volks-
schulmaftigen noch dem hoheren Schulmaftigen ahnlich war, son-
dern alles, was geistig, kulturell, zivilisatorisch an die Menschen
herankam, flofi ja aus den Mysterien heraus, kam in irgendeiner
Weise zur Mitteilung durch allerlei Kanale in die breitesten Massen
der Menschen. Aber die eigentlichen Pfleger waren die Priester-
weisen in den Mysterien.
Nun war das Eigentiimliche bei beiden Personlichkeiten, von
denen ich spreche, daft sie in jener Inkarnation, die ich eben geschil-
dert habe, durch ihre besondere Seelenart den Mysterien, gerade
den Mysterien ihrer Umgebung nicht nahestehen konnten. Der-
jenige, der im Gilgamesch-Epos Eabani genannt wird, er stand nahe
den Mysterien durch seine aufterirdischen Aufenthalte; derjenige,
der Gilgamesch genannt wird, hat eine Art Initiation erlebt in einem
nachatlantischen Mysterium, die aber nur halbe Frikhte in ihm ge-
tragen hat. Aber all das wirkte so, daft wie im eigenen Sein dieser
Personlichkeiten etwas gefuhlt wurde von ihnen, das sie ahnlich
machte der menschlich irdischen Vorzeit. Beide konnten sich sagen:
Wie sind wir denn geworden? Was haben wir denn mitgemacht mit
der Erdenentwickelung? Wir sind ja so, wie wir sind, eben durch die
Erdenentwickelung geworden. Was haben wir denn da mitgemacht?
Die Unsterblichkeitsfrage, an der Gilgamesch gelkten, mit der er
gerungen hat, die hing ja dazumal gerade durch das, was in den
menschlichen Seelen war, mit notwendigen Einsichten uber die
irdische vorzeitliche Entwickelung zusammen. Und man konnte
eigentlich iiber die Unsterblichkeit der Seele nicht im damaligen
Sinne denken oder empfinden, wenn man nicht zu gleicher Zeit
eine gewisse Einsicht davon hatte, wie die Seelen der Menschen, die ja
auch bei den uraltesten Entwickelungsphasen der Erde, wahrend des
Monden- und Sonnenzustandes und so weiter schon dabei waren, das-
jenige, was dann irdisch geworden ist, an sich haben herankommen
sehen. Man fuhlte, man gehort zur Erde dazu; man muft, um sich sel-
ber zu erkennen, seinen Zusammenhang mit der Erde durchschauen.
Nun waren die Geheimnisse, die in alien asiatischen Mysterien
gepflogen wurden, in erster Linie kosmische Mysterien, die gerade
den Hergang der Erdenentwickelung im Zusammenhange mit dem
Kosmos zu ihrem Lehr- und Weisheitsinhalte hatten. Es trat in
diesen Mysterien in einer ganz lebendigen Weise, so daft es im
Menschen zu Ideen werden konnte, vor die Menschen hin eineUber-
schau von dem, wie die Erde sich entwickelt hat und wie in dem
Wellen und Wogen der Substanzen und Krafte der Erde durch
Sonnen-, Monden- und Erdenzeit der Mensch sich mit all diesen
Substanzen entwickelt hat. Das wurde in aller Lebendigkeit vor-
gefuhrt.
Eines derjenigen Mysterien, in denen solche Dinge vorgefuhrt
wurden, hatte sich erhalten bis in sehr spate Zeiten. Es ist die Myste-
rienstatte von Ephesus, die Mysterienstatte der Artemis von Ephe-
sus. Diese Mysterienstatte von Ephesus, sie war ja so, daft sie in
ihrem Mittelpunkte das Bildnis der Gottin Artemis hatte. Wenn
heute einer die Nachbildungen der Gottin Artemis von Ephesus an-
schaut, so hat er nur die groteske Empfindung einer Frauengestalt
mit lauter Briisten, weil er keine Ahnung hat, wie solche Sachen in
alten Zeiten erlebt worden sind. Auf das Erleben dieser Dinge kam
es ja in alten Zeiten an. Die Schiiler der Mysterien hatten Vorberei-
tungen durchzumachen, durch die sie dann zum eigentlichen
Zentrum der Mysterien getuhrt wurden. Das Zentrum dieser ephesi-
schen Mysterien war dieses Artemisbildnis. Wenn sie zu diesem
Zentrum gefuhrt wurden, so wurden sie eins mit einem solchen
Bildnis. Der Mensch horte auf, indem er vor diesem Bildnis stand,
das Bewufttsein zu haben, er sei irgend etwas da in seiner Haut
drinnen. Er bekam das Bewufttsein, daft er das ist, was das Bild ist.
Er identifizierte sich mit dem Bilde. Und dieses Sich-Identifizieren
im Bewufttsein mit dem Gotterbilde zu Ephesus, das hatte die
Wirkung, daft man nun nicht mehr hinschaute auf die Reiche der
Erde, die einen umgaben, auf Steine, Baume, Fliisse, Wolken und
so weiter, sondern indem man sich hineinfuhlte in das Bildnis der
Artemis, bekam man innerlich die Anschauung seines Zusammen-
hanges mit den Atherwelten. Man fiihlte sich eins mit der Sternen-
welt, mit den Vorgangen in der Sternenwelt. Man fiihlte nicht die
irdische Substantiality innerhalb der menschlichen Haut, man
fiihlte sein kosmisches Dasein. Man fiihlte sich im Atherischen.
Und durch dieses Sich-Fiihlen im Atherischen ging einem auf,
was fruhere Zustiinde des Erdenerlebens des Menschen waren und
des Erdenerlebens an sich. Heute schauen wir die Erde so an, daft
sie, wie gesagt, eine Art Gesteinsklotz ist, der die Gewasser tragt
iiber einen groften Teil seiner Oberflache hin, der umgeben ist von
einem Luftkreis, in dem Sauerstoff und Stickstoff und andere Stoffe
sind, in dem vor alien Dingen das ist, was der Mensch zum Atmen
braucht und so weiter. Und wenn die Menschen heute in dem, was
gebrauchliche Naturerkenntnisse sind, zu spekulieren, zu beobach-
ten, die Beobachtung zu deuten anfangen - dann kommt schon
etwas Rechtes heraus! Denn dasjenige, was diesen heutigen
Zustanden in uraltesten Zeiten vorangegangen ist, das kann nur
durch Geistesschau erlangt werden. Aber ein solches Geistesschauen
iiber Urzustande der Erde und der Menschheit ging den Schiilern
von Ephesus auf, wenn sie sich mit dem Gotterbilde identifizierten,
und sie lernten erkennen, wie dasjenige, was heute Atmosphare um
die Erde ist, einst nicht so war, wie es jetzt ist, sondern wie das, was
da vorhanden war in dieser Erdenumgebung an der Stelle, wo heute
die Atmosphare ist, wie das aufierordentlich feines, fliissig-fluchtiges
Eiweifi war, Eiweiflsubstanz. So dafi alles, was auf der Erde lebte, zu
seiner Entstehung die Krafte dieser iiber die Erde hin fluchtig-
fliissigen Eiweifisubstanz brauchte und auch in dieser lebte. Und
man schaute an, wie dasjenige, was in dieser Eiweifisubstanz schon
in einem gewissen Sinne da war, fein verteilt, aber durchaus mit der
Tendenz, iiberall zu kristallisieren (siehe Zeichnung, rotlich), was da
in fein verteiltem Zustande als Kieselsaure war, eine Art Sinnesorgan
der Erde darstellte, das die Imaginationen, die Einfliisse iiberall vom
Kosmos her in sich aufnahm. So dafi man in dem Kieselsauregehalt
der irdisch-eiweiftartigen Atmosphare iiberall reale, aufterlich vor-
handene Imaginationen hatte.
Diese Imaginationen hatten die Form von riesigen pflanzlichen
Organismen, und aus dem, was sich als Imaginationen dem Ir-
dischen einbildete, entwickelte sich ja spater dutch Aufnahme der
atmospharischen Substanz das Pflanzliche, zuerst in einer flikhtig-
fliissigen Form im Umkreis der Erde. Spater erst senkte es sich in den
Boden ein und wurde das spatere Pflanzliche. Und aufter dem
Kieselsaurehaltigen war in diese Albuminatmosphare eingebettet
Kalkiges in feiner Verteilung. Aus dem Kalkigen heraus entstand
wiederum unter dem Einflusse der Gerinnung dieses Eiweifies das
Tierische. Und der Mensch fuhlte sich in alledem darinnen. Der
Mensch fuhlte, er war in den Urzeiten eins mit der ganzen Erde. Er
lebte in dem, was sich in der Erde als Pflanzen bildete durch Ima-
gination, er lebte in dem, was sich im Irdischen als Tierisches
bildete, so wie ich es eben jetzt geschildert habe. Jeder Mensch
empfand sich im Grunde genommen als ausgedehnt iiber die ganze
Erde, als eins mit der Erde. So daft die Menschen, wie ich es in be-
zug auf das menschliche Ideenvermogen in meinem Buche «Das
Christentum als mystische Tatsache» fur die Platonische Lehre noch
dargestellt habe, ineinandersteckten.
Sehen Sie, das Schicksal ergab, daft jene beiden Personlichkeiten,
von denen ich in Stuttgart damals gesprochen habe, jetzt wieder
spreche, wiederum verkorpert waren als Angehorige des ephesischen
Mysteriums und da das, was ich nunmehr skizziert habe, innig in
ihre Seelen aufnahmen. Dadurch wurde in einer gewissen Weise ihr
Seelisches innerlich konsolidiert. Sie nahmen als Erdenweisheit jetzt
durch das Mysterium auf, was ihnen fruher nur im Erlebnis, aber
zum gr often Teil im unbewuftten Erlebnis zuganglich war. Dadurch
war also auf zwei voneinander getrennte Inkarnationen das Erleben
des Menschlichen bei diesen Personlichkeiten verteilt. Dadurch aber
trugen sie in sich ein starkes Bewufttsein der Zusammengehorigkeit
des Menschen mit der oberen, mit der geistigen Welt, aber zugleich
ein starkes, ein intensives Empfindungsvermogen fur alles das, was
irdisch ist.
Denn sehen Sie, wenn einem bei zwei Dingen diese zwei Dinge
immer durcheinanderflieflen, wenn man sie nicht auseinanderhalten
kann, dann verschwimmen sie ineinander; wenn sie sich aber deut-
lich unterscheiden, dann kann man jedes an dem anderen beurteilen.
Und so konnten denn diese beiden Personlichkeiten auf der einen
Seite das aus dem Leben heraus folgende Geistige der oberen Welt,
das in ihnen lebte als Nachklang der fruheren Inkarnationen, beur-
teilen. Und jetzt, da ihnen die Sache im Mysterium iiberliefert
wurde, im ephesischen Mysterium unter dem Einflusse der Gottin
Artemis, jetzt konnten sie beurteilen, wie die Dinge auf der Erde
aufier dem Menschen entstanden sind, wie allmahlich das Aufa-
menschliche auf Erden sich herausgebildet hat aus einem urspriing-
lichen Substantiellen, das den Menschen mitumfafke. Dadurch
wurde das Leben gerade dieser Personlichkeiten, das zum Teil noch
in die letzte Zeit fallt, in der Heraklit in Ephesus lebte, dann aber in
die spatere Zeit, es wurde das Leben dieser Personlichkeiten ein
besonders innerlich reiches, ein innerlich von Weltengeheimnissen
stark durchzucktes. Und es entstand auch ein starkes Bewufitsein
davon, wie der Mensch in seinem Seelenleben zusammenhangen
kann nicht blofi mit dem, was sich horizontal auf der Erde aus-
breitet, sondern mit dem, was nach oben sich breitet, wenn der
Mensch seine Wesenheit nach oben dehnt. Und diese innere Seelen-
konfiguration, die diese beiden Personlichkeiten, die miteinander
gewirkt hatten in der alteren agyptisch-chaldaischen Periode, die
dann miteinander gelebt haben zur Zeit des Heraklit also, konnte
man sagen, aber noch etwas spater, im Zusammenhange mit dem
ephesischen Mysterium, es konnte dieses Zusammenwirken sich nun
fortsetzen. Die Seelenkonfiguration, die sich bei beiden ausgebildet
hatte, die ging ja dann durch den Tod, ging durch die geistige Welt
durch und bereitete sich zu einem Erdenleben vor, von dem aus im
Grunde genommen vieles zum Problem werden mulke, auf ver-
schiedene Art natiirlich zum Problem werden mufite. Und gerade an
der Art und Weise, wie sich diese beiden Personlichkeiten in den
historischen Gang der Erdenentwickelung hineinstellen mufiten,
sieht man, wie durch die Erlebnisse der Seelen aus fruheren Zeiten,
die sich dann karmisch in die spateren Erdenleben hinein fortsetzen,
wie die Dinge sich vorbereiten, die dann im spateren Leben in ganz
anderen Metamorphosen der Einverleibung in die Erdenmensch-
heitsentwickelung erscheinen.
Und ich fuhre dieses Beispiel aus dem Grunde an, weil diese
beiden Personlichkeiten dann auftreten in einer auBerordentlich
wichtigen Epoche der historischen Entwickelung, auf die ich dazu-
mal in Stuttgart auch hingewiesen habe. Denn eigentlich habe ich
diese Sachen alle schon von einem gewissen Gesichtspunkte vor drei-
zehn Jahren besprochen. Diese Personlichkeiten, die also durch-
gegangen waren durch ein weit ausgedehntes Weltenleben in der
agyptisch-chaldaischen Epoche, die dann dieses Weltenleben inner-
lich vertieft haben, so dafi sich ihre Seelen konsolidiert hatten in
einer gewissen Weise, diese Personlichkeiten lebten in spateren
Inkarnationen auf als Aristoteles und Alexander der Grofie. Und erst
dann, wenn man diese Untergriinde in den Seelen von Aristoteles
und Alexander dem Grofien ins Auge fafit, kann man, wie ich schon
in Stuttgart in jenem historischen Kapitel dargestellt habe, ver-
stehen, worinnen eigentlich das besteht, was dazumal auf eine so
problematische Weise in diesen Personlichkeiten in der Dekadenz
des Griechentums beim Ausgangspunkte der romisch-romanischen
Herrschaft, was dann durch diese Personlichkeiten gewirkt hat.
Davon wollen wir dann morgen im nachsten Vortrag weiter sprechen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 27. Dezember 1923
Es war gestern meine Aufgabe, an einzelnen Personlichkeiten zu
zeigen, wie die weltgeschichtliche Entwickelung sich abspielt. Man
kann, wenn man in geisteswissenschaftlicher Richtung vorwarts-
schreiten will, auch gar nicht anders darstellen als so, dafi man die
Folge der Ereignisse in ihrer Spiegelung in dem Menschen zeigt.
Denn bedenken Sie, dafi nur unser Zeitalter aus Griinden, die wir
noch im Verlauf dieser Vortrage besprechen werden, so geartet ist,
dalS der Mensch sich abgeschlossen von der iibrigen Welt als ein
einzelnes Wesen fiihlt. Alle vorangehenden Zei taker und auch alle
folgenden Zeitalter, das mufi ausdriicklich betont werden, sind so,
daft die Menschen sich fiihlten und fiihlen werden als Glied der
ganzen Welt, als hineingehorig in die ganze Welt. Wie ich oftmals
gesagt habe: So wie ein Finger an einem Menschen kein fur sich
bestehendes Wesen sein kann, sondern nur am Menschen, wahrend
er vom Menschen abgetrennt eben nicht mehr der Finger ist,
sondern zugrunde geht, etwas ganz anderes ist, ganz anderen
Gesetzen unterliegt als am Organismus, geradeso wie der Finger nur
Finger ist in Verbindung mit dem Organismus, so ist der Mensch nur
Wesen in irgendeiner Form, sei es in der Form des Erdenlebens, sei
es in der Form des Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Ge-
burt, im Zusammenhange mit der ganzen Welt. - Aber das Bewuftt-
sein davon war eben in friiheren Zeiten vorhanden, wird spater
wieder vorhanden sein, ist nur heute getriibt, verdunkelt, weil, wie
wir horen werden, der Mensch diese Vertrubung, Verdunkelung
brauchte, um das Erlebnis der Freiheit in vollem Mafie in sich aus-
bilden zu konnen. Und in je altere Zeiten wir zuriickkommen, um
so mehr finden wir, wie die Menschen ein Bewufltsein ihrer Zusam-
mengehorigkeit mit dem Kosmos haben.
Nun habe ich Ihnen zwei Personlichkeiten dargestellt, die eine
Gilgamesch genannt in dem bekannten Epos, die andere Eabani in
demselben Epos, und ich habe Ihnen gezeigt, wie diese Personlich-
keiten im alten chaldaisch-agyptischen Zeitraum auf die Art leben,
wie man eben damals leben konnte, wie sie dann eine Vertiefung
erfahren durch die ephesischen Mysterien. Und ich habe schon
gestern darauf aufmerksam gemacht, wie dieselben Menschenwesen
dann in die weltgeschichtliche Entwickelung hineingestellt sind in
Aristoteles und Alexander. Aber damit wir vollig verstehen konnen,
wie in jenen Zeiten, in denen sich das fur diese Personlichkeiten
abspielte, was ich beschrieben habe, der Gang der Erdenentwicke-
lung uberhaupt war, miissen wir noch genauer hineinschauen in
dasjenige, was solche Seelen in diesen drei aufeinanderfolgenden
Zeitpunkten in sich aufnehmen konnten.
Ich habe Sie ja darauf aufmerksam gemacht, wie die hinter dem
Namen Gilgamesch sich verbergende Personlichkeit einen Zug nach
dem Westen unternimmt und immerhin eine Art westlicher nach-
atlantischer Initiation durchmacht. Nun wollen wir uns, um das
Spatere zu verstehen, eine Vorstellung davon bilden, wie eine solche
spate Initiation war. Wir miissen da allerdings diese Initiation auf-
suchen an derjenigen Statte, wo Nachklange der alten atlantischen
Initiation lange Zeit bestehen blieben. Und das war der Fall bei den
Mysterien von Hybernia, von denen ich ja zu den Freunden, die hier
in Dornach sind, in der letzten Zeit schon gesprochen habe. Ich muft
aber einiges von dem Besprochenen nachholen, damit wir das zum
vollen Verstandnis bringen, was hier in Betracht kommt.
Die Mysterien von Hybernia, die irischen Mysterien, haben ja
lange Zeit bestanden. Sie haben bestanden noch zur Zeit der Be-
griindung des Christentums, und sie sind diejenigen, welche von
einer gewissen Seite her die alten Weisheitslehren der atlantischen
Bevolkerung am treuesten bewahrt haben. Nun mochte ich Ihnen
ein Bild geben zunachst iiber die Erlebnisse, die jemand hatte, der
in die irischen Mysterien in der nachatlantischen Zeit eingeweiht
worden ist. Derjenige, der diese Weihe, diese Initiation empfangen
sollte, mulke dazumal in einer strengen Art vorbereitet werden, wie
uberhaupt die Vorbereitungen in die Mysterien in alten Zeiten von
einer aufierordentlichen Strenge waren. Der Mensch mufite eigent-
lich innerlich in seiner Seelenverfassung, in seiner ganzen mensch-
heitlichen Verfassung umgestaltet werden. Dann handelte es sich
darum, daft bei den Mysterien von Hybernia der Mensch zunachst so
vorbereitet wurde, daft er aufmerksam wurde, in starkcn inneren
Erlebnissen aufmerksam wurde auf dasjenige, was triigerisch ist in
dem den Menschen umgebenden Sein, in alien den Dingen, die den
Menschen so umgeben, daft er ihnen zunachst der Sinneswahrneh-
mung nach das Sein zuschreibt. Und der Mensch wurde ferner auf-
merksam gemacht auf all die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die
sich ihm gegeniiberstellen, wenn er nach der Wahrheit, nach der
wirklichen Wahrheit strebt. Der Mensch wurde aufmerksam ge-
macht, daft im Grunde genommen alles, was uns in der Sinneswelt
umgibt, eine Illusion ist, daft die Sinne ein Illusionares geben und
daft sich die Wahrheit verbirgt hinter der Illusion, daft also eigent-
lich das wahre Sein vom Menschen durch die Sinneswahrnehmung
nicht zu erreichen ist.
Nun werden Sie sagen, das ist eine Uberzeugung, die Sie in Ihrer
langen anthroposophischen Zeit ja schon immer hatten. Das wissen
Sie ganz gut, werden Sie sagen. Aber jenes Wissen, das iiberhaupt in
dem gegenwartigen Bewufttsein ein Mensch haben kann von dem
illusionaren Charakter der sinnlichen Aufienwelt, das ist eben gar
nichts gegen die inneren Erschiitterungen, gegen die innere Tragik,
die durchgemacht wurde von den Menschen, die damals vorbereitet
wurden fur die hybernische Einweihung. Denn wenn man so theo-
retisch sich sagt: Alles ist Maja, alles ist Illusion -, so nimmt man das
eigentlich sehr leicht. Aber die Vorbereitung der hybernischen
Schiller wurde so weit getrieben, daft sie sich sagten: Es gibt keine
Menschenmoglichkeit, durch die Illusion durchzudringen und zu
dem wirklichen, wahrhaftigen Sein zu kommen.
Die Schiiler wurden dadurch vorbereitet, daft sie sich, gewisser-
maften zunachst aus Verzweiflung, innerlich seelisch zufrieden-
stellten mit der Illusion. Sie kamen in die verzweiflungsvolle Stim-
mung hinein, daft der illusionare Charakter ein so aufdringlicher, ein
so gewaltiger ist, daft man iiber die Illusion iiberhaupt nicht hinaus-
kommen kann. Und es gab im Leben dieser Schiiler immer wieder
die Stimmung: Nun, dann mufi man eben in der Illusion bleiben -,
das heifit aber: Dann mufi man den Boden unter den Fiifien ver-
lieren, denn auf der Illusion ist nicht festzustehen. - Ja, von der
Strenge der Vorbereitung in den alten Mysterien, von der macht
man sich heute im Grunde kaum eine Vorstellung. Die Menschen
schrecken eben zuriick vor demjenigen, was innere Entwickelung
wirklich fordert.
Und ebenso, wie es mit dem Sein und seinem illusionaren Cha-
rakter war, so war es fur diese Schiiler mit dem Streben nach Wahr-
heit. Und alles lernten sie kennen, was den Menschen verhindert in
seinen Emotionen, in seinen dunklen, ihn iiberwaltigenden Emp-
findungen und Gefiihlen, zur Wahrheit zu kommen, was triibt das
klare Licht der Erkenntnis. So darl sie auch da wiederum in einen
Zeitpunkt hineinkamen, in dem sie sich sagten: Wenn wir also nicht
in der Wahrheit leben konnen, dann miissen wir eben im Irrtum, in
der Unwahrheit leben! - Es heilk ja geradezu, seine Menschheit aus
sich selber herausreifien, wenn man eine Zeit seines Lebens dazu
kommt, zu verzweifeln an Sein und Wahrheit.
Das alles war dazu da, damit der Mensch durch das Erleben des
Gegenteiles von dem, was er zuletzt als das Ziel erreichen soil,
diesem Ziele die richtig tiefe menschliche Empfindung entgegen-
bringt. Denn wer nicht kennengelernt hat, was es heifit, mit Irrtum
und Illusion zu leben, der weifi eben das Sein und die Wahrheit
nicht zu schatzen. Und schatzen lernen sollten die Schiiler von
Hybernia die Wahrheit und das Sein.
Und dann, wenn die Schiiler solches durchgemacht hatten, wenn
sie gewissermafien den Gegenpol absolviert hatten von dem, wozu
sie zuletzt kommen mufken, dann wurden sie - und ich muft das,
was nun geschah, in solcher Bildlichkeit darstellen, wie sie dazumal
in der Tat in den hybernischen Mysterien real war - in eine Art
Heiligtum gefiihrt, in dem zwei Bildsaulen waren, Bildsaulen von
einer ungeheuer starken suggestiven Gewalt. Und die eine dieser
Bildsaulen von gigantischer Grofie, sie war so, dafi sie innerlich hohl
war; die Aultenflache, die den Hohlraum umgab, also die Gesamt-
substanz, aus der die Bildsaule bestand, war ein durchaus elastischer
Stoff, so dafi iiberall, wo man driickte, man hineindriicken konnte
in die Bildsaule. Aber in dem Augenblicke, wo man mit dem
Drucken nachliefi, da stellte sich die Form wieder her. Die ganze
Bildsaule war so gemacht, daft vorzugsweise das Haupt ausgebildet
war und daft man, indem man ihr entgegentrat, das Gefuhl
hatte: vom Haupte aus strahlen die Krafte in den iibrigen kolos-
salen Korper, denn den hohlen Innenraum sah man natiirlich
nicht, nahm ihn nicht wahr, merkte ihn nur, wenn man driickte.
Und man wurde angehalten zu drucken. Man hatte das Gefuhl,
daft der ganze ubrige Korper aufier dem Kopfe von den Kraften
des Kopfes ausgestrahlt wird, daft der Kopf alles tut an dieser
Bildsaule.
Ich gebe Ihnen gern zu, daft wenn ein heu tiger Mensch in der
gegenwartigen Prosa des Lebens vor die Bildsaule hingefiihrt wurde,
er ja auch kaum etwas anderes als Abstraktes empfinden wurde.
Gewift, aber es ist eben etwas anderes, mit seinem ganzen Inneren,
mit seinem Geist, mit seiner Seele, mit seinem Blute, mit seinen
Nerven erlebt zu haben die Macht der Illusion und die Macht des
Irrtums und dann die suggestive Gewalt einer solchen gigantischen
Gestalt zu erleben.
Diese Bildsaule hatte einen mannhchen Charakter. Neben ihr
stand eine andere, die einen weiblichen Charakter hatte. Sie war
nicht hohl. Sie war aus einem nicht elastischen, aber plastischen
Stoff. Wenn man an ihr driickte - und man wurde wieder ange-
halten, an ihr zu drucken -, zerstorte man die Form. Man grub ein
Loch ein in den Korper.
Aber nachdem der Schiiler an der einen Bildsaule erfahren hatte,
daft durch Elastizitat sich alles wieder herstellte in der Form, nach-
dem er an der anderen Bildsaule erfahren hatte, daft er sie deformiert
hatte mit seinem Drucken, verliefi er nach einigem anderen, von dem
ich gleich sprechen werde, den Raum, und er wurde erst wiederum
in diesen Raum gefiihrt, wenn alle die Fehler, die Deformationen,
die er vollbracht hatte an der plastischen, nicht elastischen Bildsaule,
die einen weiblichen Charakter hatte, wieder ausgeglichen waren. Er
wurde erst wiederum hineingefuhrt, wenn die Bildsaule intakt war.
Und durch alle diese Vorbereitungen - ich kann die Sache nur
skizzenhaft schildern -, die der Schiiler durchgemach hatte, bekam
er bei der Bildsaule, die einen weiblichen Charakter hatte, in seinem
ganzen Menschenwesen nach Geist, Seele und Leib ein inneres Er-
lebnis. Dieses innere Erlebnis war ja auch schon friiher bei ihm vor-
bereitet, aber es stellte sich in vollstem Mafie ein dutch die suggestive
Wirkung der Bildsaule selber. Er bekam in sich ein Gefiihl einer
inneren Erstarrung, einer inneren frostigen Erstarrung. Und diese
frostige Erstarrung wirkte so in ihm, daft er seine Seele mit Imagina-
tionen aufgefullt sah, und diese Imaginationen waren Bilder des
Erdenwinters, Bilder, die darstellten den Erdenwinter. Also der
Schiiler wurde dazu gefiihrt, von innen heraus das Winterliche zu
schauen im Geiste.
Bei der anderen Bildsaule, der mannlichen, war es so, daft der
Schiiler etwas empfand, wie wenn all sein Leben, das er sonst in
seinem ganzen Leibe hatte, in sein Blut ginge, wie wenn das Blut
durchdrungen wiirde von Kraften und an die Haut driickte.
Wahrend er also vor der einen Bildsaule glauben muftte, zum
frostigen Skelett zu werden, muftte er vor der anderen Bildsaule
glauben, daft sein ganzes inneres Leben in Hitze zugrunde gehe und
er lebe in seiner ausgespannten Haut. Und dieses Erleben des
ganzen Menschen, an dessen Oberflache gedriickt, das fiihrte den
Schiiler dazu, die Einsicht zu bekommen, sich zu sagen: Du ver-
spiirst dich, du empfindest dich, du erlebst dich so, wie du warest,
wenn von allem im Kosmos allein die Sonne auf dich wirkte. - Und
der Schiiler lernte auf diese Weise die kosmische Sonnenwirkung in
ihrer Verteilung erkennen. Er lernte erkennen die Beziehung des
Menschen zur Sonne. Und er lernte erkennen, daft der Mensch nur
deshalb in Wirklichkeit nicht so ist, wie er sich jetzt unter der
suggestiven Wirkung der Sonnenstatue vorkam, weil andere Krafte
von anderen Weltenecken aus diese Wirkung modifizieren. In
solcher Art lernte sich der Schiiler einleben in den Kosmos. Und
wenn der Schiiler die suggestive Wirkung der Mondenstatue emp-
fand, wenn er also innerlich das Frostige hatte der Erstarrung, die
winterliche Landschaft erlebte - bei der Sonnenstatue erlebte er
sommerliche Landschaft im Geiste, wie aus sich selbst erzeugt -,
dann fiihlte der Mensch, wie er ware, wenn nur die Mondenwir-
kungen da waren.
Sehen Sie, in der Gegenwart, was weifi man denn eigentlich da von
der Welt? Man weifi von der Welt, dafi die Zichorie blau ist, daft die
Rose rot ist, der Himmel blau ist und so weiter. Aber das sind ja keine
erschiitternden Eindriicke. Die berichten nur von dem Allernachsten,
das in der menschlichen Umgebung ist. Der Mensch mufi in einem
intensiveren Mafie mit seiner ganzen Wesenheit zum Sinnesorgan
werden, wenn er die Geheimnisse des Weltenalls kennenlernen will.
Und es wurde eben durch die suggestive Wirkung der Sonnenstatue
sein Wesen in seinem ganzen Blutumlauf konzentriert. Der Mensch
lernte sich als Sonnenwesen kennen, indem er diese suggestive
Wirkung in sich erlebte. Und der Mensch lernte sich als Mondenwesen
kennen, indem er die suggestive Wirkung der weiblichen Statue
erlebte. Und dann konnte er aus diesen seinen inneren Erlebnissen
heraus sagen, wie Sonne und Mond auf den Menschen wirken, so wie
heute der Mensch nach dem Erlebnis seines Auges sagen kann, wie die
Rose wirkt, nach dem Erlebnis seines Ohres, wie der Ton cis wirkt und
so weiter. Und so erlebten die Schiiler dieser Mysterien noch in den
nachatlantischen Zeiten das Eingegliedertsein des Menschen in den
Kosmos. Das wurde fur sie eine unmittelbare Erfahrung.
Nun, dasjenige, was ich Ihnen erzahlt habe, ist eine kurze Skizze
dessen, was in ganz grandioser Weise bis in die ersten Jahrhunderte
der christlichen Entwickelung herein an den Mysterien in Hyber-
nia von den Schiilern erlebt worden ist als kosmisches Erlebnis, in-
dem man an das Sonnen- und an das Mondenerlebnis herangefuhrt
wurde.
In ganz anderer Weise waren die Erlebnisse, welche die Schiiler
durchzumachen hatten in den ephesischen, den kleinasiatischen
ephesischen Mysterien. In diesen ephesischen Mysterien erlebte man
in ganz besonders intensiver Weise mit seinem ganzen Menschen
dasjenige, was dann spater einen paradigmatischen Ausdruck ge-
funden hat in den Anfangsworten des Johannes -Evangeliums: «Im
Urbeginne war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und ein Gott
war das Wort.»
In Ephesus wurde der Schiiler nicht vor zwei Statuen gefuhrt,
sondern vor eine, vor die eine Statue, die ja bekannt ist als die
Artemis von Ephesus. Und indem der Schiiler sich identifizierte mit
dieser Statue, die voller Leben war, die iiberall von Leben strotzte,
lebte sich der Schiiler in den Weltenather ein. Er hob sich hinaus mit
seinem ganzen inneren Erleben und Empfinden vom blofien Erden-
leben, er hob sich in das Erleben des Weltenathers hinein. Und ihm
wurde das Folgende klar. Ihm wurde zunachst vermittelt, was
eigentlich die menschliche Sprache ist. Und an der menschlichen
Sprache, also dem menschlichen Abbild, dem menschlichen abbild-
lichen Logos gegeniiber dem Welten-, dem kosmischen Logos, an
dem wurde ihm klargemacht, wie das Weltenwort schopferisch
durch den Kosmos webt und walk.
Ich kann wiederum die Sache nur skizzieren. Sie ging so vor sich.
Der Schiiler wurde besonders aufmerksam darauf gemacht, wirklich
zu erleben, was da geschieht, wenn der Mensch spricht, wenn er
dem Atmungsaushauch das Wort einpragt. Der Schiiler wurde zum
Erleben dessen gefuhrt, wie dasjenige, was er da durch seine eigene
innere Tat in Leben uberfiihrt, in dem luftigen Elemente geschieht,
dafi aber mit dem, was im luftigen Elemente geschieht, zwei andere
Vorgange verbunden sind.
Stellen wir uns vor, dies sei der Aushauch (siehe Zeichnung,
Tafel 6 rechter Teil, hellblau mit roter Linie), dem eingepragt wiirden ge-
wisse Wortgebilde, die der Mensch spricht. Wahrend dieser Aus-
hauch, zu Worten geformt, aus unserer Brust nach aufien stromt,
geht nach unten die rhythmische Schwingung iiber in das ganze
walkige, in das fliissige Element, das den menschlichen Organismus
durchzieht (hell; Wasser). So dafi der Mensch beim Sprechen in der
Hone seines Kehlkopfes, seiner Sprachorgane, die Luftrhythmen
hat; parallel aber geht mit diesem Sprechen ein Durchwellen und
Durchwogen des Flussigkeitsleibes in ihm. Die Fliissigkeit, die
unterhalb der Sprachregion ist, kommt in Schwingungen, schwingt
mit im Menschen. Und das ist es ja im wesentlichen, daft wir das,
was wir sprechen, begleiten vom Fiihlen. Und wiirde nicht mit-
schwingen das walkige Element im Menschen, die Sprache ginge
neutral nach auften, gleichgiiltig nach auften; der Mensch wiirde
nicht mitfuhlen mit dem Gesprochenen. Nach oben aber, nach dem
Kopf, geht das Warmeelement (rot), und es begleiten die Worte,
die wir dem Aushauche einpragen, die nach oben stromenden
Warmewellen, die unser Haupt durchdringen und die da bewirken,
daft wir die Worte mit Gedanken begleiten. So daft, wenn wir
sprechen, wir es zu tun haben mit dreierlei: mit Luft, Warme,
Wasser oder Flussigkeit.
Tafel 6
Dieser Vorgang, der erst ein Gesamtbild dessen gibt, was im
menschlichen Sprechen webt und lebt, dieser Vorgang wurde zum
Ausgangspunkt genommen bei dem Schuler von Ephesus. Und
dann wurde ihm klargemacht, wie dieses, was da im Menschen sich
abspielt, ein vermenschlichter Weltenvorgang ist, daft in einer ge-
wissen alteren Zeit die Erde selber so gewirkt hat, daft in ihr nun
nicht das luftformige, aber das waftrige, das ftussige Element (lin-
ker Teil der Zeichnung, blau), jenes fliissige Element, von dem ich
gestern gesprochen habe als fluchtig-flussiges Eiweifi, in einer
solchen Wellenbewegung war. So wie dann im Menschen im Kleinen
die Luft beim Aushauche ist, wenn er spricht, so war dereinst das die
Erde als Atmosphare umgebende fluchtig-flussige Eiweifi. Und das
ging dann uber, so wie hier das Luftformige in das Warmeelement,
in eine Art Luftelement (links, hellblau), und unten in eine Art
erdigen Elementes (hell). So daft, wie bei uns in unserem Korper
durch das fliissige Element die Gefuhle entstehen, so entstanden in
der Erde die Erdenbildungen, die Erdenkrafte, alles dasjenige, was
in der Erde wirkt und wellt an Kraften. Und es entstand dariiber im
luftigen Element dasjenige, was webende kosmische Gedanken sind,
die da schaffend wirken im Irdischen.
Das war ein majestatischer, gewaltiger Eindruck, den der Mensch
in Ephesus bekam, wenn er aufmerksam darauf gemacht wurde, dafi
in seiner Sprache der mikrokosmische Nachklang dessen lebt, was
einmal makrokosmisch war. Und der Schiiler von Ephesus fuhlte,
indem er sprach, in dem Erlebnis des Sprechens eine Einsicht in das
Wirken des Weltenwortes, wie es einstmals sinnvoll das fliissig-
fluchtige Element bewegte, wie es oben gren2te an die schaffenden
Weltengedanken, unten an die entstehenden Erdenkrafte.
So lebte sich der Schiller ein in das Kosmische, indem er in rich-
tiger Weise sein eigenes Sprechen verstehen lernte: In dir ist der
menschliche Logos. Der menschliche Logos wirkt aus dir wahrend
deiner Erdenzeit, und du bist als Mensch der menschliche Logos. -
Denn in der Tat, durch dasjenige, was nach unten stromt im
fliissigen Elemente, werden wir als Mensch geformt aus der Sprache
heraus; durch dasjenige, was nach oben stromt, haben wir unsere
menschlichen Gedanken wahrend unserer Erdenzeit. - Aber ebenso,
wie in dir das Menschlichste der mikrokosmische Logos ist, so war
einstmals der Logos im Urbeginn und war bei Gott und war selber
ein Gott.
Das wurde in Ephesus griindlich, weil durch den Menschen und
am Menschen selber, verstanden.
Sehen Sie, wenn Sie sich nun solch eine Personlichkeit anschauen
wie diejenige, die sich hinter dem Namen Gilgamesch verbirgt,
dann mussen Sie das Gefiihl bekommen, daft diese ja lebte in dem
ganzen Milieu, in dcr ganzen Umgebung, die ausstrahlte von den
Mysterien. Denn alle Kultur, alle Zivilisation war in friiheren Zeiten
Ausstrahlung der Mysterien. Und wenn ich Ihnen Gilgamesch
nenne, so war er, als er noch in seiner Heimat Erek war, zwar nicht
in die Mysterien von Erek selber eingeweiht, wohl aber in einer Zivi-
lisation drinnen, die substantiell durchsetzt war von dem, was man
empfinden konnte dutch diese Beziehung zum Kosmos. Und dann
wurde von ihm etwas erlebt bei dem Zug nach dem Westen, was ihn
direkt bekannt machte allerdings nicht mit den hybernischen Myste-
rien, soweit kam er nicht, aber gewissermafien mit dem, was ge-
pflegt wurde in einer Kolonie der hybernischen Mysterien, ich sagte
Ihnen, im heutigen Burgenlande war diese Kolonie. Das lebte in der
Seele dieses Gilgamesch. Das bildete sich weiter aus in dem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt, das nun folgte und fur das dann
beim nachsten Erdenleben in Ephesus selber die Vertiefung der
Seele stattfand.
Nun, fur beide Personlichkeiten, von denen ich gesprochen
habe, fand eine solche Vertiefung der Seele statt. Da brandete
gewissermafien aus der allgemeinen Zivilisation an die Menschen-
seelen dieser Personlichkeiten etwas in Realitat heran, in starker,
intensiver Realitat noch, was seit der homerischen Zeit in Griechen-
land im wesentlichen schon nur noch schoner Schein war.
Gerade in Ephesus driiben, an jener Statte, an der ja auch Hera-
klit lebte und an der noch so viel von alter Realitat empfunden
wurde bis in die spatere griechische Zeit herein, bis ins 6., 5. Jahr-
hundert der vorchristlichen Zeit, gerade in Ephesus konnte man
noch nachempfinden die ganze Realitat, in der einstmals die
Menschheit gelebt hat, als sie noch in unmittelbarer Beziehung zu
dem Gottlich-Geistigen stand, als noch Asia nur der unterste der
Himmel war, in dem man noch in Verbindung stand mit den oberen
Himmeln, die daran grenzten, weil in Asia die Naturgeister erlebt
wurden, dariiber die Angeloi, Archangeloi und so weiter, dariiber
die Exusiai und so weiter. Und so kann man sagen: Wahrend schon
in Griechenland selbst die Nachklange nur sich herausbildeten an
dasjenige, was einstmals Realitat war, wahrend dasjenige, was Wirk-
lichkeit war, sich umwandelte in die Bilder der Heroensagen, an
denen noch deutlich zu merken ist, dafi sie hinweisen auf urspriing-
liche Realitaten, wahrend in Griechenland das dramatische Element
urspriinglicher Realitaten in Aschylos Leben gewann, war es eigent-
lich in Ephesus noch immer so, dafi man, in das tiefe Dunkel der
Mysterien getaucht, Nachklange jener alten Realitaten empfand, in
denen der Mensch in unmittelbarem Zusammenhange mit der
gottlich-geistigen Welt lebte. Und das ist ja das Wesentliche des
Griechentums, daft der Grieche in die dem Menschen naherliegen-
den Mythen und in die dem Menschen naherliegende Schonheit und
Kunst getaucht hat, also ins Abbild getaucht hat dasjenige, was
einstmals im Zusammenhange mit dem Kosmos eben vom Menschen
erlebt werden konnte.
Und nun mussen wir uns vorstellen, wie, als nun schon auf der
einen Seite diese griechische Zivilisation auf ihrem Hohepunkte an-
gelangt war, als sie stolz zurikkgewiesen hatte sogar dasjenige, was,
wie in den Perserkriegen, noch nachstolkn wollte von alter asia-
tischer Realitat, als sie auf der einen Seite auf ihrem Hohepunkte
angelangt war, aber auf der anderen Seite schon im Sturze war, wie
das Personlichkeiten erlebten, die in ihren Seelen deutlich die Nach-
klange desjenigen trugen, was einstmals gottlich-geistige irdische
Realitat in Geist, Seele und Leib des Menschen war.
Und so mussen wir uns vorstellen, dafi eigentlich Alexander der
Grofte und Aristoteles in einer Welt lebten, die ihnen doch nicht
ganz konform war, die eigentlich tragisch fur sie war. Das Eigentiim-
liche ist, dafi in Alexander und in Aristoteles Menschen lebten, die
eine andere Beziehung zum Geistigen hatten als ihre Umgebung,
die, trotzdem sie sich nicht viel kummerten um die samothrakischen
Mysterien, dennoch in ihrer Seele eine grofie Verwandtschaft hatten
mit dem, was in den samothrakischen Mysterien mit den Kabiren
vorging. Das hat man lange Zeit gefiihlt, im Mittelalter noch nach-
gefiihlt. Und man muft schon sagen - dariiber machen sich die Men-
schen heute ganz falsche Vorstellungen -, wie noch im Mittelalter,
bis herein ins 13., 14. Jahrhundert, bei einzelnen Menschen aller
Stande ein deutliches geistiges Anschauen wenigstens auf dem
Gebiete war, das man einstmals im alten Oriente driiben Asia
genannt hat. Und das im Mittelalter von einem Priester gedichtete
«Alexanderlied» ist immerhin ein sehr bedeutsames Dokument des
spateren Mittelalters. Gegenuber dem, was heute in der Geschichte
entstellt lebt von demjenigen, was sich abgespielt hat durch Alex-
ander und Aristoteles, erscheint das, was der Priester Lamprecht
als Alexanderlied etwa im 12. Jahrhundert gedichtet hat, noch als
eine groftartige, mit der alten verwandte Auffassung dessen, was
durch Alexander den Grofien geschehen ist.
Sie brauchen nur das Folgende sich vor die Seele zu stellen. Wir
haben im Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht ja eine wunderbare
Schilderung, eine wunderbare Schilderung etwa der folgenden Art:
Jedes Jahr, wenn der Friihling kommt und man geht nach einem
Wald hinaus und kommt an den Waldesrand, da wo an diesem
Waldesrand Blumen wachsen und wo zu gleicher Zeit die Sonne so
steht, daft von den Waldesbaumen der Schatten fallt auf die am
Waldesrande wachsenden Blumen, da sieht man, wie im Schatten
der Waldesbaume im Friihling aus den Blumenkelchen hervor-
kommen die geistigen Blumenkinder, die an den Waldesrandern
Tanze und Reigen vollfuhren. - Und man erkennt ganz deutlich,
dafi in dieser Schilderung des Pfaffen Lamprecht durchschimmert
etwas von einer wirklichen Erfahrung, von einer Erfahrung, die
Menschen der damaligen Zeit noch machen konnten; daft sie nicht
in die Walder hinausgingen, um in prosaischer Weise zu sagen: Da
ist Gras, da sind Blumen, da fangen die Baume an -, sondern wenn
sie sich dem Walde naherten, dann trat ihnen, wenn die Sonne
hinter dem Walde stand und der Schatten iiber die Blumen her fiel,
im Schatten der Waldesbaume von den Blumen aus entgegen die
ganze Welt von Blumengeschopfen, die da waren fur sie, bevor sie
den Wald betraten, wo sie ja dann im Walde die anderen Elemen-
targeister wahrnahmen. Aber dieser Blumenreigen, der erschien
dem Pfaffen Lamprecht als das, was er besonders gern schildern
wollte. Und es ist immerhin bedeutsam, dafi, als der Pfaffe Lamp-
recht die Alexanderzuge schildern wollte, er diese Schilderung
durchsetzte und durchstromte - noch im 12. Jahrhundert, Anfang
des 12. Jahrhunderts -, durchsetzte und durchstromte mit Schilde-
rungen der Natur, die iiberall das Sich-Offenbaren der Elementar-
reiche in sich schlieften. Das Ganze ist getragen von dem Bewufltsein:
Wenn man schildern will, was da vorging einstmals in Makedonien,
als die Alexanderziige nach Asien begannen und als Alexander
von Aristoteles unterrichtet wurde, wenn man das schildern will,
so kann man es nicht schildern, indem man die prosaische Erde
ringsherum beschreibt, sondern man kann es allein schildern,
wenn man hinzunimmt zu der prosaischen Erde die Reiche der
elementarischen Wesenheiten.
Aber sehen Sie, wenn Sie heute ein Geschichtswerk lesen - es ist
ja ganz berechtigt fur die gegenwartige Zeit -, nun ja, dann lesen Sie
eben: Alexander hat gegen den Rat seines Lehrers Aristoteles, dem
er ungehorsam war, die Mission sich eingebildet, er miisse die Barba-
ren mit den zivilisierten Menschen versohnen und miisse eine
Durchschnittskultur etwa hervorrufen, die bestehen sollte aus den
zivilisierten Griechen, aus den Hellenen, aus den Makedoniern und
den Barbaren. Das ist zwar fur die heutige Zeit richtig, aber den-
noch, gegeniiber der Wahrheit, der wirklichen Wahrheit ist es eben
lappisch. Und man empfangt den Eindruck des Grolkrtigen, wenn
man sieht, wie der Pfaffe Lamprecht, indem er die Alexanderziige
schildert, diesen Alexanderziigen ein ganz anderes Ziel setzt. Und es
kommt einem vor, als ob dasjenige, was ich eben geschildert habe als
das Hereinragen der Natur-Elementarreiche, des Geistigen der Na-
tur in das Physische der Natur, als ob dies eben blofi die Introduk-
tion sein sollte. Denn was ist das Ziel der Alexanderziige im Alexan-
derlied des Pfaffen Lamprecht?
Alexander kommt bis an die Pforte des Paradieses! Das ist zwar
ins Christliche der damaligen Zeit umgesetzt, aber es entspricht ei-
gentlich in einem hohen Mafie, wie ich weker ausfuhren werde, der
Wahrheit. Denn die Alexanderziige waren nicht blofi gemacht, um
Eroberungen zu vollziehen oder, gar gegen den Rat des Aristoteles,
um die Barbaren mit den Hellenen zu versohnen, sondern die Alex-
anderziige waren durchsetzt von einem wirklichen hohen geistigen
Ziel, und sie waren impulsiert aus dem Geiste heraus. Und wir lesen
dann beim Pfaffen Lamprecht, der also, man kann sagen, funfzehn
Jahrhunderte, nachdem Alexander gelebt hat, in seiner Art mit
grower Hingebung diese Alexanderziige schildert, wir lesen, dafi
Alexander bis an die Pforte des Paradieses kommt, aber in das Para-
dies selber nicht hineinkommt, weil, wie der Pfaffe Lamprecht
meint, nur derjenige in das Paradies hineinkommt, der die rechte
Demut hat. Aber Alexander konnte in der vorchristlichen Zeit noch
nicht die rechte Demut haben, denn die rechte Demut konnte erst
das Christentum in die Menschheit hineinbringen. Immerhin, wenn
man nicht in engherzigem, sondern in weitherzigem Sinn so etwas
auffafit, so sehen wir, wie der christliche Pfaffe Lamprecht etwas
von dem Tragischen der Alexanderziige empfindet.
Nun, ich wollte Sie mit dieser Schilderung des Alexanderliedes
nur aufmerksam darauf machen, dafi es nicht uberraschend zu sein
braucht, wenn man gerade an diesem Beispiel der Alexanderziige
einsetzt, um das Vorhergehende und Nachherige der Menschheits-
geschichte des Abendlandes in seiner Angliederung an das Morgen-
land zu schildern. Denn dasjenige, was dabei als Empfindung zu-
grunde liegt, war noch, wie Sie sehen, bis zu einer verhaltnismafiig
spaten Zeit des Mittelalters nicht nur als eine allgemeine Empfin-
dung vorhanden, sondern in so konkreter Weise vorhanden, dafi
dieses Alexanderlied entstehen konnte, das nun eigentlich wirklich
in einer grofiartig dramatischen Weise schildert, was nun durch die
beiden Seelen, die ich Ihnen charakterisiert habe, sich abgespielt
hat. Durchaus weist dieser Punkt der makedonischen Geschichte auf
der einen Seite weit in die Vergangenheit zuriick, auf der anderen
Seite weit in die Zukunft hinein. Und man mufi vor alien Dingen
dabei berucksichtigen, dafi iiber all dem, was bei Aristoteles und
Alexander vorhanden ist, weltgeschichtliche Tragik schwebt. Schon
aufierlich verrat sich diese weltgeschichtliche Tragik. Sie verrat sich
dadurch, dafi ja durch die besonderen Verhaltnisse, durch diebeson-
deren weltgeschichtlichen Schicksalsverhaltnisse von Aristoteles nur
der kleinste Teil der Schriften in das europaische Abendland ge-
kommen sind und dann von der Kirche weiter gepflegt worden sind.
Es sind eigentlich im wesentlichen nur die logischen und die ins
Logische gekleideten Schriften. Wer aber heute noch sich vertieft in
das Wenige, was von den naturwissenschaftlichen Schriften des Ari-
stoteles erhalten ist, der wird bei Aristoteles sehen, wie gewaltig
seine Einsicht noch war in den Zusammenhang des Kosmos mit dem
Menschen. Ich mochte Sie da nur auf eines aufmerksam machen.
Wir sprechen heute ja auch vom irdischen Elemente, vom
walkigen Elemente, vom luftigen Elemente, vom feurigen oder
Warmeelemente und dann von dem anderen, dem Ather. Wie
stellt Aristoteles die Sache dar? Er stellt die Erde dar, die feste
Erde (siehe Zeichnung, heller Kern), die flussige Erde, Wasser
Tafel 7
(hellrot), die Luft (blau), das Ganze mit dem Feuer durchdrungen
und vom Feuer umgeben (tiefrot). Aber so reicht fur Aristoteles
die Erde bis zum Monde hinauf. Und vom Kosmos herein, von
den Sternen herein bis zum Monde - also nicht mehr in den irdi-
schen Bereich, aber bis zum Monde, bis hierher -, vom Tierkreis,
von den Sternen herein reicht raumlich-kosmisch der iibrige Ather
(hell auften). Der Ather reicht bis zum Monde herunter.
Das lesen ja auch heute noch die Gelehrten in den Buchern, die
iiber Aristoteles geschrieben werden. Aristoteles selber aber sagte
seinem Schiller Alexander immer wieder und wiederum: Jener
Ather, der da aufierhalb des Irdisch-Warmehaften ist, also der
Lichtather, chemische Ather, Lebensather, war auch einstmals mit
der Erde verbunden. Das alles ging bis zur Erde herein. Als aber der
Mond sich zuriickzog in der alten Entwickelung, da zog sich der
Ather von der Erde zurikk. Und - so meinte Aristoteles zu seinem
Schiller Alexander - so ist dasjenige, was aufierlich raumlich tote
Welt ist, auf der Erde zunachst nicht vom Ather durchzogen. Aber
wenn zum Beispiel der Fruhling naht, dann bringen die Elementar-
geister von dem Monde fur diejenigen Wesen, die entstehen - die
Pflanzen, die Tiere, die Menschen -, den Ather aus dem Monden-
bereiche gerade wiederum in diese Wesen hinein, so dafi der Mond
das Gestaltende ist.
Stand man vor der einen, der weiblichen Gestalt in Hybernia, so
empfand man das ganz lebhaft, wie der Ather eigentlich nicht der
Erde angehort, sondern von den Elementargeistern alljahrlich, so-
weit er notwendig ist zur Entstehung der Wesen, auf die Erde
heruntergebracht wird.
Es gab auch fur Aristoteles tiefe Einsichten in den Zusammen-
hang des Menschen mit dem Kosmos. Die Schriften, die davon
handelten, hat der Schiller Theophrast nicht nach dem Westen
kommen lassen. Nach dem Orient ging einiges von diesen Schriften
zurikk, wo noch Verstandnis fur solche Dinge war. Und da kam es
dann durch Nordafrika und Spanien, durch Juden und Araber kam
es nach dem Westen von Europa und stiefi in der Weise, wie ich das
noch schildern will, mit den Ausstrahlungen, mit den Zivilisations-
ausstrahlungen der Mysterien von Hybernia zusammen.
Aber das, was ich Ihnen bis jetzt charakterisiert habe, war ja nur
der Ausgangspunkt fur die Lehren, die Aristoteles dem Alexander
gab. Die bezogen sich durchaus auf inneres Erleben. Und wenn ich,
ich mochte sagen, in etwas kohlezeichnender Darstellung die Sache
gebe, so mufi ich folgendes sagen: Alexander lernte durch Aristoteles
gut kennen, daft dasjenige, was draufien in der Welt lebt als das
irdische, das waftrige, das luftige, das feurige Element, auch im
Menschen drinnen lebt, daft der Mensch in dieser Beziehung ein
wirklicher Mikrokosmos ist, daft in ihm, in seinen Knochen, das
irdische Element lebt, daft in seiner Blutzirkulation und in alle dem,
was Safte in ihm sind, Lebenssafte sind, das waftrige Element lebt;
daft in ihm das luftige Element in der Atmung und Atmungserre-
gung wirkt, in der Sprache wirkt, daft das feurige Element in den
Gedanken lebt. Alexander wufite sich noch in den Elementen der
Welt lebend. Aber indem man sich in den Elementen der Welt
lebend fiihlte, fiihlte man auch noch seine innige Verwandtschaft
mit der Erde. Heute reist der Mensch nach Ost, nach West, nach
Nord, nach Siid: er empfindet nicht, was da eigentlich alles auf ihn
einsturmt, denn er sieht ja nur dasjenige, was seine aufieren Sinne
wahrnehmen, und er sieht ja nur, was die irdischen Substanzen in
ihm wahrnehmen, nicht was die Elemente in ihm wahrnehmen.
Aber Aristoteles konnte den Alexander lehren: Wenn du auf der
Erde nach dem Osten ziehst, ziehst du immer mehr und mehr
hinein in ein dich austrocknendes Element. Du ziehst in das
Tafel 6 Trockene hinein (siehe Zeichnung).
Sie mussen sich das nicht so vorstellen, daft, wenn man nach
Aisen hinuberzieht, man ganz austrocknet. Es ist natiirlich das so,
daft es feine Wirkungen sind, aber Wirkungen, die durchaus nach
den Anleitungen des Aristoteles Alexander in sich empfand. Er
konnte sich in Makedonien sagen: Ich habe einen gewissen Grad von
Feuchtigkeit in mir; der vermindert seine Feuchtigkeit, indem ich
nach Osten hinuberziehe. - So fiihlte er mit der Wanderung auf der
Erde die Konfiguration der Erde, wie man fiihlt, sagen wir, wenn
man einen Menschen beriihrt, iiber irgendeinen Teil seines Korpers
streichelnd fahrt, wie der Unterschied ist zwischen Nase und Augen
und Mund. So nahm eine solche Personlichkeit, wie die geschilderte,
noch wahr, wie der Unterschied ist, wenn man sich erlebt, indem
man immer mehr und mehr in das Trockene hineinkommt, und wie
man sich erlebt, wenn man nach der anderen Seite, nach dem
Westen, in das Feuchte hineinkommt.
Die anderen Differenzierungen, die erleben die Menschen, wenn
auch grob, noch heute. Gegen Norden erleben sie ja das Kalte,
gegen Siiden das Warme, das Feurige. Aber jenes Zusammenspiel
von feucht-kalt, wenn man nach dem Nordwesten hiniiberkam, das
fiihlen die Menschen nicht mehr. Aristoteles machte rege in Alex-
ander, was Gilgamesch erlebt hat, als er den Zug nach dem Westen
hinuber unternommen hatte. Und die Folge davon war, dafi im un-
mittelbaren inneren Erleben der Schiiler das wahrnehmen konnte,
was nun eben erlebt wird in der Zwischenzone zwischen feucht und
kalt nach Nordwesten hin: Wasser. Und es war durchaus nicht nur
eine mogliche, sondern eine sehr wirkliche Redensart fur einen
solchen Menschen wie Alexander, da$ er nicht sagte: Dahin geht der
Zug, nach Nordwesten sondern: Dahin geht der Zug, wo das
Element des Wassers die Oberherrschaft fuhrt. - In der Zwischen-
zone zwischen feucht und warm liegt das Element, wo die Luft die
Oberherrschaft fuhrt. So war es in den alten griechisch-chthonischen
Mysterien gelehrt, so war es in den alten samothrakischen Mysterien
gelehrt, so war es von Aristo teles seinem unmittelbaren Schiiler
gelehrt. Und in der Zwischenzone zwischen kalt und trocken, also
gegen Sibirien zu von Makedonien aus, wurde die Region der Erde
erlebt, wo die Erde selbst, das Irdische die Oberherrschaft fiihrte,
das Element Erde, das Feste. In der Zwischenzone zwischen warm
und trocken, also gegen Indien hin, wurde jene Region der Erde
erlebt, wo vorherrschte das Feuerelement. Und so war es, dafi der
Schiiler des Aristoteles nach Nordwesten zeigte und sagte: Da emp-
finde ich herwirkend auf der Erde die Wassergeister. - Dafi er nach
Siidwesten zeigte und sagte: Da her empfinde ich die Luftgeister. -
Darl er nach Nordosten zeigte, und da die Geister der Erde vorzugs-
weise heranschweben sah. Dafi er nach Sudosten zeigte, gegen
Indien zu, und die Geister des Feuers heranschweben oder in ihrem
Elemente sah.
Und Sie empfinden jene tiefe Verwandtschaft gegeniiber dem
Naturlichen und gegeniiber dem Moralischen, wenn ich jetzt am
Schlusse sage, es entstand in Alexander die Redensart: Ich raufi aus
dem kaltfeuchten Elemente heraus mich ins Feuer stiirzen, den Zug
nach Indien unternehmen! - Das war eine Redensart, die ebenso an
Natiirliches ankniipfte, wie sie ankniipfte an Moralisches, wovon wir
dann morgen sprechen wollen. Aber ich wollte Sie hineinfuhren
anschaulich in dasjenige, was da lebte. Denn in dem, was da ver-
handelt wurde zwischen Alexander und Aristoteles, sehen Sie zu
gleicher Zeit sich spiegeln den ganzen Umschwung in der welt-
geschichtlichen Entwickelung. Man konnte noch im intimen Unter-
richt in der damaligen Zeit sprechen von den groften Mysterien der
vergangenen Zeit. Dann nahm die Menschheit nur mehr das Lo-
gische, das Abstrakte, die Kategorien auf, wahrend sie das andere
zuruckstiefi. Daher deuten wir damit zugleich auf einen ungeheuren
Umschwung in der weltgeschichtlichen Entwickelung der Mensch-
heit, auf einen allerwichtigsten Punkt in dem ganzen Hergang der
europaischen Zivilisation in ihrem Zusammenhange mit dem Orient.
Davon dann morgen weiter.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 28. Dezember 1923
Unter den alten Mysterien nimmt dasjenige von Ephesus eine ganz
besondere Stellung ein. Ich habe ja mit jenem Entwickelungsele-
mente in der Geschichte des Abendlandes, das sich ankniipft an den
Namen des Alexander, auch dieses Mysteriums von Ephesus geden-
ken miissen. Man begreift den Sinn der neueren und alteren Ge-
schichte nur, wenn man eingeht auf den Umschwung, den das My-
sterienwesen, von welchem ja alle alteren Zivilisationen ausgegangen
sind, erfahren hat vom Orient heriiber nach dem Okzident, nach
Griechenland also zunachst. Und dieser Umschwung besteht in dem
Folgenden.
Sehen Sie, wenn man in alle alteren Mysterien des Morgenlandes
hineinschaut, iiberall bekommt man den Eindruck: Da sind die My-
sterienpriester in der Lage, grofie, bedeutsame Wahrheiten aus ihren
Schauungen an ihre Schuler zu offenbaren. Ja, in je altere Zeiten
man zuruckgeht, desto mehr sind diese Priesterweisen imstande, in
den Mysterien die unmittelbare Gegenwart der Gotter selber, der
geistigen Wesenheiten, welche die planetarischen Welten, welche
die Erdenerscheinungen lenken, hervorzurufen, so dafi die Gotter
wirklich da waren.
Der Zusammenhang des Menschen mit dem Makrokosmos, er
enthullte sich ja in verschiedenen Mysterien auf eine ahnlich grolkr-
tige Weise, wie ich sie Ihnen gestern fur die Mysterien von Hybernia
dargestellt habe und auch fur dasjenige, was noch Aristoteles Alex-
ander dem Grofien zu sagen hatte. Vor alien Dingen lag aber das vor
in alien altorientalischen Mysterien, dafi das Moralische, die mora-
lischen Impulse nicht streng geschieden waren von den natiirlichen
Impulsen. Indem Aristoteles den Alexander nach Nordwesten wies,
wo die Geister des Wasserelementes die herrschenden waren, kam
von dort nicht blofi ein physischer Impuls, wie heute vom Nord-
westen der Wind oder andere rein physische Dinge kommen, son-
dern es kamen auch moralische Impulse mit den physischen Im-
pulsen. Das Physische und das Moralische war eines. Das konnte es
sein, weil iiberhaupt durch jene Erkenntnisse, welche in diesen My-
sterien gegeben wurden, der Mensch sich mit der ganzen Natur -
er nahm ja den Geist der Natur wahr - als eine Einheit fuhlte. Da ist
zum Beispiel eines in dem Verhaltnis des Menschen zur Natur, das
etwa gerade in der Zeit liegt, die verflossen ist zwischen der Lebens-
zeit des Gilgamesch und der Lebenszeit jener Individualitat, zu der
er in seiner nachsten Inkarnation wurde in der Nahe des Mysteriums
von Ephesus. Gerade in der Zeit finden wir noch ganz lebendig eine
Anschauung iiber den Zusammenhang des Menschen mit der Geist-
natur. Dieser Zusammenhang ist der folgende. Durch alles das, was
da der Mensch kennenlernte iiber die Wirkung der Elementargeister
in der Natur, iiber die Wirkung der intelligenten Wesenheiten in
den planetarischen Vorgangen, kam der Mensch zu der Uberzeu-
gung: Da draufien sehe ich iiberall ausgebreitet die Pflanzenwelt,
die griinende, die spriefiende, die sprossende, die fruchtende Pflan-
zenwelt. Da sehe ich die einjahrigen Pflanzen auf der Wiese, auf
dem Felde, die im Friihling heranwachsen, die im Herbste wieder
vergehen; da sehe ich jahrhundertelang wachsende Baume, welche
Rinde und Holz auflen bekommen und mit ihren Wurzeln weit in
die Erde hineinreichen. Das alles, was da draufien wurzelt in den
einjahrigen Krautern und Blumen, was da wachst mit festen Im-
pulsen hinein in die Erde, das habe ich als Mensch einmal in mir
getragen.
Sehen Sie, heute fuhlt der Mensch, wenn irgendwo in einem
Raume Kohlensaure ist, die durch die Atmung der Menschen ent-
standen ist: Diese Kohlensaure habe ich mit ausgeatmet. - Das fuhlt
der Mensch, dafi er in den Raum die Kohlensaure hineingeatmet
hat. Der Mensch ist ja heute, ich mochte sagen, nur noch in einem
geringen Zusammenhange mit dem Kosmos. In dem luftigen Teile
seines Wesens, in der Luft, die der Atmung und den sonstigen Luft-
prozessen, die im Organismus vor sich gehen, zugrunde liegt, da ist
der Mensch ganz im lebendigen Zusammenhange mit der grofien
Welt, mit dem Makrokosmos. Er kann hinschauen auf die ausge-
atmete Atemluft, auf die Kohlensaure, die in ihm war und die jetzt
drauften ist. Aber so, wie der Mensch heute - er tut es ja nicht, aber
er konnte es - hinschaut auf die ausgeatmete Kohlensaure, so schaute
der Mensch, der in den orientalischen Mysterien entweder eingeweiht
war oder aufgenommen hatte die Weisheit, die aus den orienta-
lischen Mysterien nach auften gestromt ist, die ganze Pflanzenwelt
an. Er sagte sich: Ich schaue zuriick in der Weltenentwickelung auf
eine alte Sonnenzeit. Da habe ich die Pflanzen noch inmir getragen.
Und dann habe ich sie herausstromen lassen in die weiten Kreise des
Erdenseins. Aber als ich die Pflanzen noch in mir trug, als ich noch
jener Adam Kadmon war, der die ganze Erde umfaftte und die
Pflanzenwelt mit, da war diese ganze Pflanzenwelt noch etwas
Wasserig-Luftiges .
Der Mensch sonderte von sich ab diese Pflanzenwelt. Wenn Sie
sich vorstellen, Sie wiirden die Grofte erlangen der ganzen Erde und
dann nach innen absondern Pflanzliches, das nun im waftrigen Ele-
mente sich metamorphosierend entsteht, vergeht, heranwachst, an-
ders wird, verschiedene Gestalten eben annimmt, dann wiirden
Sie in Ihr Gemiit heraufrufen, wie es einmal war. Und daft es einmal
so war, das sagten sich diejenigen, die etwa in der Gilgamesch-Zeit
im Oriente drliben ihre Bildung aufgenommen hatten. Und schau-
ten sie dann auf das Pflanzenwachstum auf den Wiesen hin, dann
sagten sie sich: Wir haben die Pflanzen abgesondert in einem frii-
heren Stadium unserer Entwickelung, aber die Erde hat die Pflanzen
aufgenommen. Das Wurzelhafte ist ihnen erst von der Erde verlie-
hen worden, ebenso alles dasjenige, was das Holzige ist, was die
Baumesnatur des Pflanzenhaften ist. - Aber das allgemein Pflanzen-
hafte, das hat der Mensch von sich abgesondert, und das ist von der
Erde aufgenommen worden. Eine innige Verwandtschaft fuhlte der
Mensch mit allem Pflanzhchen.
Nicht eine gleiche Verwandtschaft fuhlte der Mensch mit dem
hoheren Tierischen, denn er wuftte, er konnte sich nur dadurch auf
die Erde heraufarbeiten, daft er iiberwunden hat die tierische Bil-
dung, daft er zuruckgelassen hat auf seinem Entwickelungswege die
Tiere. Die Pflanzen hat er bis zur Erde mitgenommen, sie dann der
Erde iibergeben, so daft die Erde sie in ihren Schoft aufnahm. Er
wurde fur die Pflanzen auf der Erde der Vermittler der Gotter, der
Vermittler zwischen den Gottern und der Erde.
Daher fuhlten solche Menschen, die nun wirklich jenes grolte Er-
lebnis hatten, das man skizzenhaft ganz einfach darstellen kann
(siehe Zeichnung): Der Mensch kommt an die Erde heran aus dem
Weltenall (gelb). Die Zahl kommt ja nicht in Betracht, da, wie ich
schon gestern sagte, die Menschen ineinanderstaken. Er sondert alles
Pflanzliche ab, und die Erde nimmt das Pflanzliche auf und gibt
ihm das Wurzelhafte (dunkelgriine Striche). - So fuhlte der Mensch,
Tafel 8 r 0*
wie wenn er mit dem Pflanzenwachstum gewissermalten die Erde
umschlungen hatte (rote Umhullung) und wie wenn die Erde dank-
bar gewesen ware fur dieses Umschlungenwerden und aufgenom-
men hat dasjenige, was ihr der Mensch an wafkig-luftigen Pflanzen-
elementen zuhauchen konnte. Und diejenigen, die solches fuhlten,
die fuhlten sich in bezug auf dieses Pflanzenbringen zur Erde als
innig verwandt mit dem Gotte, mit dem Hauptgotte des Merkur.
Durch diese Empfindung, man habe selber die Pflanzen auf die
Erde gebracht, kam man in eine besondere Beziehung zu dem Gotte
Merkur.
rot
Dagegen fuhlte man gegeniiber den Tieren: man konnte sie nicht
mit auf die Erde bringen, man mufite sie absondern, man mufke
sich freimachen von ihnen, sonst hatte man die menschliche Gestalt
nicht in der richtigen Weise entwickeln konnen. Man schob gewisser-
malten die Tiere von sich ab, so dafi die Tiere eben weggeschoben
wurden vom Menschen (rote Striche nach aufien) und dann fur sich
eine Entwickelung durchmachen mulken auf einer niedrigeren
Stufe, als der Mensch selber steht. So fuhlte sich auf der einen Seite
der alte Mensch gerade der Gilgamesch-Zeit und der folgenden Zeit
hineingestellt zwischen das Tierreich und das Pflanzenreich. Dem
Pflanzenreich gegeniiber fuhlte er sich als der Trager, der die Erde so-
zusagen besamt in Vertretung der Gotter. Dem Tierreich gegeniiber
fuhlte er sich so, als ob er es von sich abgestolten hatte, um Mensch
zu werden ohne die Belastung mit den Tieren, die dadurch verkiim-
mert sind. Der ganze agyptische Tierdienst hangt iibrigens mit
dieser Anschauung zusammen. Vieles in Asien driiben von jenem
tiefen Mitleid, das man da findet gegeniiber den Tieren, hangt
damit zusammen. Und es war eben eine grofiartige Naturanschau-
ung, die so fuhlte die Verwandtschaft des Menschen mit der Pflan-
zenwelt auf der einen Seite, mit der tierischen Welt auf der anderen
Seite. Der Tierwelt gegeniiber fuhlte man die Befreiung, der pflanz-
lichen Welt gegeniiber fuhlte man die innige Verwandtschaft mit
ihr. Man fuhlte als Mensch die Pflanzenwelt als ein Stuck von sich
selber, und man fuhlte die Erde in inniger Liebe, weil die Erde
dieses Stuck Menschentum, das die Pflanzen sind, in sich aufge-
nommen hat, in sich einwurzeln liefi, ja sogar aus ihrem Material sie
mit Rinde iiberzog in den Baumen. Uberall war Moralisches in der
Beurteilung der physischen Umwelt vorhanden. Man ging an die
Pflanzen der Wiese heran und empfand in diesen nicht nur das
natiirliche Wachstum, sondern eine moralische Beziehung des Men-
schen zu diesem Wachstum. Man empfand den Tieren gegeniiber
wieder eine moralische Beziehung: man hat sich iiber sie hinaus-
gerungen.
Also eine groftartige Geistnatur-Anschauung stromte aus von
diesen Mysterien driiben im Oriente. Mysterien waren dann auch,
aber mit einer weit weniger realen Geistnatur-Anschauung, in Grie-
chenland. Die griechischen Mysterien sind grandios, gewift, aber sie
unterscheiden sich ganz wesentlich von den orientalischen Myste-
rien. Es ist eben alles so in den orientalischen Mysterien, daft der
Mensch sich eigentlich nicht auf der Erde fuhlt durch sie, sondern
sich angegliedert fuhlt an den Kosmos, an das Weltenall. In Grie-
chenland war auch das Mysterienwesen zuerst auf der Stufe ange-
kommen, wo der Mensch sich mit der Erde in Verbindung fuhlte.
Daher war dasjenige, was im Oriente entweder erschien oder emp-
funden wurde in den Mysterien, die wesenhaft geistige Welt selber.
Man schildert eben die absolute Wahrheit, wenn man sagt: In den
altorientalischen Mysterien erschienen die Gotter selber unter den
Priestern, die da opferten und die Gebete verrichteten. - Die Myste-
rientempel waren zu gleicher Zeit die irdischen Gaststatten der
Gotter, wo die Gotter eben das den Menschen schenkten durch die
Priesterweisen, was sie ihnen an Himmelsgiitern zu schenken hatten.
In den griechischen Mysterien erschienen nur mehr die Bilder der
Gotter, die Abbilder, etwas wie die Schattenbilder; wahrhafte, echte
Bilder, aber wie Schattenbilder, nicht mehr die gottlichen Wesen-
heiten, nicht mehr die Realitaten, sondern die Schattenbilder. So
daft der Grieche eine ganz andere Empfindung hatte als derjenige,
welcher der alten orientalischen Kultur angehorte. Der Grieche
hatte die Empfindung: Es gibt Gotter, aber den Menschen ist nur
moglich, Bilder von diesen Gottern zu haben, so wie man in der
Erinnerung die Bilder der Erlebnisse hat, nicht mehr die Erlebnisse
selber.
Das war die tiefe Grundempfindung, die aus den griechischen
Mysterien herauskam, daft die Menschen die Empfindung hatten,
sie haben etwas wie Erinnerungen an den Kosmos, nicht die Erschei-
nung des Kosmos selber, Bilder vom Kosmos, Bilder der Gotter,
nicht die Gotter selber, Bilder von den Vorgangen auf Saturn,
Sonne, Mond, nicht mehr die lebendige Verbindung mit dem, was
real war auf Saturn, Sonne, Mond, wie der Mensch etwa die reale
Verbindung mit seiner Kindheit hat. Und diese reale Verbindung
mit Sonne, Mond, Saturn hatten eben die Menschen der orienta-
lischen Ziviiisation aus ihren Mysterien heraus. So hatte das Myste-
rienwesen der Griechen etwas Bildhaftes. Es erschienen eben die
Schattengeister der gottlich-geistigen Wirklichkeit. Aber das hatte
etwas bedeutsames anderes gebracht. Denn sehen Sie, es gab noch
einen Unterschied zwischen den orientalischen Mysterien und den
griechischen.
Bei den orientalischen Mysterien war es doch immer so, daft wenn
man irgend etwas von dem Grolkrtigen, Gigantischen, das man da
erfahren konnte, wissen wollte, dafi man erst die rechte Zeit abzu-
warten hatte. Da war es so, dafi man irgend etwas nur erfahren
konnte, wenn man den Opferdienst, der dazugehorte, also gewisser-
mafien die iibersinnlichen Experiments, im Herbste machte, andere
im Friihling, andere zur Hochsommerzeit, andere im tiefen Winter.
Und wiederum, es war moglich, dafi zu irgendeiner Zeit, die man
dadurch als die richtige erkannte, dafi die Mondkonstellation eine
bestimmte war, irgendwelchen Gottern geopfert wurde. Dann er-
schienen sie in den Mysterien. Man kam zu ihren Offenbarungen.
Dann mufite man wiederum, sagen wir, dreifiig Jahre warten, bis
wiederum dieselbe Gelegenheit war, dafi irgendeine Gotterwesen-
heit sich in den Mysterien zeigte. Zum Beispiel alles dasjenige, was
sich auf Saturn bezog, konnte nur alle dreifiig Jahre irgendwie in den
Bereich der Mysterien treten, alles was sich auf den Mond bezog,
ungefahr immer in achtzehn Jahren und so weiter. So dafi die Prie-
sterweisen der orientalischen Mysterien die grandiosen, gigantischen
Erkenntnisse und Anschauungen, die sie gewannen, eben nur in
Abhangigkeit von Zeit und Raum und allem moglichen bekamen.
Man bekam zum Beispiel ganz andere Offenbarungen tief in Berg-
hohlen drinnen, andere Offenbarungen auf den Gipfeln der Berge.
Man bekam andere Offenbarungen, wenn man irgendwie tiefer in
Asien driiben war oder an der Kiiste war und dergleichen. Also
eine gewisse Abhangigkeit von Raum und Zeit auf der Erde, das war
das Charakteristische gerade der Mysterien des Orients.
In Griechenland waren die grofien gigantischen Realitaten dahin-
geschwunden. Bilder waren noch da. Aber die Bilder konnte man
jetzt haben nicht in Abhangigkeit von Jahreszeit oder Jahrhundert-
lauf oder dem Orte, sondern die Bilder konnte man haben, wenn
man sich als Mensch in der richtigen Weise vorbereitete, wenn man
diese oder jene Exerzitien machte, diese oder jene personlichen Opfer
brachte. Wenn man dann auf einer gewissen Stufe der Opfer und
der personlichen Reife angekommen war, dann konnte man deshalb,
weil man das als Mensch erreicht hatte, die Wahrnehmungen der
Schatten der groften Weltereignisse und Weltwesenheiten haben.
Das ist der grofie Umschwung im Mysterienwesen vom alten
Orient nach Griechenland heriiber, dafi die alten onentalischen
Mysterien unterworfen waren den Bedingungen von Erdenort und
Erdenraum, dafi die griechischen Mysterien diejenigen waren, wo
der Mensch in Betracht kam mit dem, was er den Gottern entgegen-
brachte. Der Gott kam sozusagen in seinem Schattenbilde, in sei-
nem Spektrum, wenn der Mensch gewiirdigt werden konnte durch
die Vorbereitungen, die er dazu gemacht hatte, daft der Gott im
Spektrum zu ihm kam. Dadurch sind die griechischen Mysterien
wirklich die Vorbereitung der neueren Menschheit geworden.
Nun, mitten drinnen zwischen den alten orientalischen und den
griechischen Mysterien stand das von Ephesus. Es hatte eben seine
besondere Stellung. Denn in Ephesus konnten jene, die dort die
Einweihung gewannen, durchaus noch etwas von den gigantischen,
majestatischen Wahrheiten des alten Orients erfahren. Sie wurden
noch beriihrt von dem inneren Empfinden und Fuhlen des Zusam-
menhanges des Menschen mit dem Makrokosmos und dem gottlich-
geistigen Wesen des Makrokosmos. Oh, in Ephesus war noch viel
von dem wahrzunehmen, was uberirdisch war. Und die Identifizie-
rung mit der Artemis, mit der Gottin des Mysteriums von Ephesus,
die brachte eben noch jenen lebendigen Zusammenhang: Die Pflan-
zenwelt ist die deine, die Erde hat sie nur aufgenommen. Die Tier-
welt hast du iiberwunden, du hast sie zurikklassen miissen. Du
mufit moglichst mit Mitleid schauen auf die Tiere, die auf dem
Wege zuriickbleiben mufiten, damit du Mensch werden konntest. -
Dieses Sich -eins -Fuhlen mit dem Makrokosmos, das wurde noch aus
den unmittelbaren Erlebnissen, noch aus den Realitaten dem Ein-
geweihten von Ephesus iiberliefert.
Aber es war in Ephesus schon als dem ersten Mysterium, das
gegen das Abendland zugekehrt war, die Unabhangigkeit von den
Jahreszeiten oder von dem Jahrhundertlauf, kurz, von Ort und Zeit
auf Erden. In Ephesus kam es schon an auf die Exerzitien, die der
Mensch machte, auf die Art und Weise, wie er sich durch Opferung
und Hingabe an die Gotter reif gemacht hatte. So daft in der Tat das
Mysterium von Ephesus auf der einen Seite durch den Inhalt der My-
sterienwahrheiten noch hinweist nach dem alten Oriente, und da-
durch, daft es schon herangeriickt war an die menschliche Entwicke-
lung, an das Menschentum, war das Mysterium von Ephesus wie-
derum dem Griechentum schon zugeneigt. Es war sozusagen das
letzte Mysterium da driiben im Osten, wo noch die alten gigan-
tischen Wahrheiten an die Menschen herantraten, herantreten
konnten. Denn im Osten waren sonst die Mysterien schon in die
Dekadenz gekommen.
Wo die alten Wahrheiten sich am langsten erhalten haben, das
ist in den Mysterien des Westens. Von Hybernia kann man noch
erzahlen Jahrhunderte nach der Entstehung des Christentums. Aber
ich mochte sagen: Die Geheimnisse von Hybernia, sie sind im Grun-
de genommen doppelt geheimnisvoll. - Denn sehen Sie, das, was
ich Ihnen gestern erzahlt habe von diesen zwei Statuen, wovon die
eine eine Sonnen- , die andere eine Mondesstatue ist, eine mannliche
und eine weibliche Statue ist, diese Geheimnisse von den Statuen
sind heute so, daft sie selbst aus der sogenannten Akasha-Chronik
noch schwer zu erforschen sind. Es ist verhaltnismafiig gar nicht
schwierig fur denjenigen, der in diesen Dingen geschult ist, heran-
zukommen an die Bilder der orientalischen Mysterien und aus dem
Astrallichte heraus diese Bilder zu holen, Aber kommt man oder will
man an die Mysterien von Hybernia herankommen, will man sich
ihnen nahern im Astrallichte, so bekommt man zunachst etwas wie
eine Betaubung. Es schlagt einen zuriick. Sie wollen selbst in den
Akasha-Nachbildungen sich heute nicht mehr sehen lassen, trotz-
dem sie am langsten bestanden haben in ursprunglicher Echtheit,
diese irischen, diese hybernischen Mysterien.
Nun bedenken Sie: Beriihrt von den hybernischen Mysterien war
ja die Individualitat, die in Alexander dem Grofien steckte, wahrend
der Gilgamesch-Zeit, wahrend des Zuges nach dem Westen bis in
die Gegend des heutigen Burgenlandes. Es lebte indieser Menschen-
individualitat und lebte auf eine sehr alte Art in der Zeit, in der
eben durchaus noch starke Anklange in diesem Westen waren an die
atlantische Zeit. Das war nun durch den seelischen Zustand, der
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfliefit, hindurch-
getragen. Dann waren die beiden Freunde, Eabani und Gilgamesch,
wiederum eben gerade in Ephesus, um dort mit einer grofien Be-
wufitheit dasjenige zu erleben, was mehr oder weniger noch unbe-
wufit, unterbewufk im Zusammenhange mit der gottlich -geistigen
Welt vorher wahrend der Gilgamesch-Zeit erlebt worden war. Aber
es war wahrend der ephesischen Zeit ein verhaltnismaftig ruhiges
Leben, ein Verdauen, Verarbeiten desjenigen, was in fruheren, be-
wegteren Zeiten in die Seelen hineingezogen war.
Nun mufi man bedenken: Bevor diese Individualitaten wiederum
erschienen in der Dekadenz der Griechenzeit, in dem Aufbluhen
der makedonischen Zeit, was war da iiber Griechenland hinweg-
gegangen! Dieses Griechenland der alten Zeit, das im Grunde ge-
nommen sich iiber das Meer hiniiber ausdehnte und auch Ephesus
umfalke, bis tief nach Kleinasien hineinging, dieses Griechenland,
das hatte eben in den Schattenbildern durchaus noch den Nach-
klang der alten Gotterzeit. Im Schatten wurde der Zusammenhang
des Menschen mit der geistigen Welt wohl erlebt. Aber aus dem
Schatten arbeitete sich das Griechentum allmahlich heraus, und wir
sehen ja stufenweise, wie sich die griechische Zivilisation aus einer
sozusagen gottlichen Zivilisation in eine rein irdische hineinarbeitet.
Oh, die wichtigsten Dinge des geschichtlichen Werdens werden
ja gar nicht beruhrt in dem, was heute ganz materialistisch aufiere
Geschichte ist! Wichtig fur die ganze Auffassung des Griechentums
ist das allerdings, weil nur mehr ein Schattenbild da war in der grie-
chischen Zivilisation von der alten Gottlichkeit, in der der Mensch
zusammenhing mit den ubersinnlichen Welten, dafi der Mensch all-
mahlich herauskam aus der Gotterwelt und zu dem Gebrauche
seiner eigenen, ganz individuell personlichen geistigen Fahigkeiten
kam. Das ging stufenweise vor sich. Wir konnen es den Dramen des
Aschylos noch ansehen, wie da dasjenige, was noch gefuhlt wird von
der alten Gotterzeit, wie das nun noch auftritt in kiinstlerischem
Bilde. Aber kaum kommt Sophokles, so reilk schon sozusagen der
Mensch sich ab von diesem Sich-zusammen-Fuhlen mit dem gott-
lich-geistigen Dasein. Und dann, dann tritt etwas ein, was an einen
Namen gekniipft ist, der ganz gewifi nicht hoch genug zu schatzen
ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus; aber es gibt ja verschie-
dene Gesichtspunkte in der Welt.
Sehen Sie, in alteren griechischen Zeiten hatte man wahrhaftig
nicht notwendig, Geschichte aufzuzeichnen. Wozu denn? Es war ja
die lebendige Abschattung da des wichtigen Vergangenen. Die Ge-
schichte las man ab in demjenigen, was sich in den Mysterien zeigte.
Da waren die Schattenbilder, die lebendigen Schattenbilder. Was
sollte man denn aufschreiben als Geschichte? Da kam die Zeit, wo
diese Schattenbilder hinuntergingen in die untere Welt, wo das
menschliche Bewufitsein sie nicht mehr aufnehmen konnte. Da ent-
stand zuerst der Drang, nun Geschichte aufzuschreiben. Da kam der
erste Prosaiker der Geschichte, Herodot, herauf. Und man konnte
von da an viele Namen nennen, immer zielt das daraufhin, sozu-
sagen herauszureifien die Menschheit aus dem Gottlich-Geistigen,
sie hinzustellen in das rein Irdische. Aber immerhin war iiber diesem
ganzen Irdischwerden wahrend des Griechentums ein Glanz, ein
Glanz, von dem wir morgen horen werden, dafi er eben nicht auf
das Romertum und nicht auf das Mittelalter ubergegangen ist. Ein
Glanz war da. Den Schattenbildern, auch den in der Abenddamme-
rung der griechischen Zivilisation verglimmenden Schattenbildern
spurte man es noch an, empfand man es an, dafi sie gottlichen Ur-
sp rungs waren.
Und inmitten von all dem, wie die Zufluchtsstatte, wo man Auf-
klarung fand iiber all das, was da in Griechenland, ich mochte sa-
gen, in Fragmenten der Kultur vorhanden war, inmitten von all dem
stand Ephesus. Heraklit, viele der grofiten Philosophen, auchPlaton,
Pythagoras, sie alle haben noch von Ephesus gelernt. Ephesus war
wirklich dasjenige, was bis zu einem gewissen Punkte bewahrt hatte
die alten orientalischen Weistiimer. Und auch diejenigen Individua-
litaten, die in Aristoteles und Alexander dem Grofien waren, in
Ephesus konnten sie erfahren, etwas spater als Heraklit, was dann
noch an altem Wissen in den orientalischen Mysterien war, das als
Erbstikk geblieben ist dem Mysterium von Ephesus. Innig verbun-
den insbesondere mit der Alexanderseele war dasjenige, was in
Ephesus an Mysterienwesen lebte. Und nun geschah eines jener
historischen Ereignisse, von denen die Triviallinge annehmen, dafi
sie ein aurlerer Zufall sind, die aber gerade tief, tief begriindet sind
in den inneren Zusammenhangen der Menschheitsentwickelung.
Um die Bedeutung dieses historischen Ereignisses einsehen zu
konnen, rufen wir uns das Folgende einmal vor die Seele, Denken
Sie daran, dafi ja in den beiden Seelen, in der Seele desjenigen, der
dann Aristoteles wurde, und desjenigen, der Alexander der Grofie
wurde, zunachst das lebte, was innerlich verarbeitet war aus uralter
Zeit heraus, dann das lebte, was in Ephesus ihnen ungeheuer wert-
voll geworden war. Ich mochte sagen, ganz Asien, aber in der Form,
in der es griechisch geworden war in Ephesus, lebte in den beiden,
insbesondere in der Seele desjenigen, der spater Alexander der
Grorje geworden ist. Nun stelle man sich auch den Charakter vor -
ich habe ihn geschildert aus der Gilgamesch-Zeit -, und man denke
sich, dafi sich ja nun im lebendigen Verkehr zwischen Alexander
und Aristoteles das Wissen, das an den alten Orient und an Ephesus
gebunden war, wiederholte, aber in der neuen Form des Wissens
wiederholte. Man stelle sich das nur vor. Man stelle sich vor, was
hatte werden mussen, wenn das gigantische Dokument, das eigent-
lich in diesen Seelen mit einer ungeheuren Intensitat gelebt hat,
wenn dieses gigantische Dokument, das Mysterium von Ephesus,
dagewesen ware, wenn also auch in der Alexander-Inkarnation Alex-
ander das Mysterium von Ephesus noch angetroffen hatte! Man stelle
sich das vor, und man wurdige dann die Tatsache, dafi an dem Tage,
an dem Alexander geboren wurde, Herostrat die Brandfackel in das
Heiligtum von Ephesus geworfen hat, so dalS der Dianentempel von
Ephesus an dem Tage, an dem Alexander geboren wurde, durch
Frevlerhand abgebrannt ist. Es ward nicht mehr gefunden dasjenige,
was gerade gekniipft war an seine Denkmal-Dokumente. Das war
nun nicht da; das war im Grunde genommen allein jetzt als histo-
rische Mission in der Seele des Alexander und in seinem Lehrer
Aristoteles.
Und nun verbinden Sie dasjenige, was da in ihnen als Seelisches
lebte, mit dem, was ich gestern, als wie aus der Konfiguration der
Erde heraus folgend, in der Mission Alexanders des Groften zeigte.
Und nun werden Sie verstehen konnen, dafi ja mit Ephesus wie aus-
geloscht war dasjenige, was im Orient real, reale Offenbarung des
Gottlich-Geistigen war. Die anderen Mysterien waren im Grunde
genommen nur noch Dekadenzmysterien, in denen Traditionen
aufbewahrt wurden, wenn auch manchmal sehr lebhafte Tradi-
tionen, und Traditionen, die in besonders veranlagten Naturen
allerdings hellseherische Krafte hervorriefen. Aber die Grofiartig-
keit, das Gigantische der alten Zeit war nicht da. Mit Ephesus war
ausgeloscht dasjenige, was aus Asien herubergekommen war. Nun
wurdigen Sie den Entschlufi in der Seele Alexanders des Grofien:
Diesem Orient, der verloren hat dasjenige, was er einst hatte, muft
es wenigstens gebracht werden in der Form, in der es in Griechen-
land im Schattenbilde sich bewahrt hat! - Damit entstand der Ge-
danke Alexanders des Groiten, hiniiberzuziehen nach Asien, so weit
als nur gezogen werden konnte, um das, was der Orient verloren
hatte, ihm im Schattenbilde in der griechischen Kultur wiederum
zu bringen.
Und nun sehen wir, wie mit diesem Zug Alexanders des Grofien
tatsachlich in einer ganz wunderbaren Weise nicht eine Kulturer-
oberung gemacht wird, wie man nicht versucht, irgendwieHellenen-
tum in einer aufieren Weise dem Orientalen zu bringen, sondern
Alexander der Grofie nimmt iiberall nicht nur die Sitten des Landes
an, sondern er ist iiberall imstande, aus den Herzen, aus den Gemii-
tern der Menschen heraus zu denken. Als er nach Agypten, nach
Memphis kommt, wird er als ein Befreier von all dem geistigen Skla-
venzeug angesehen, das bis dahin geherrscht hat. Das Perserreich
durchdringt er mit einer Kultur, mit einer Zivilisation, zu der die
Perser niemals imstande gewesen sind. Bis nach Indien dringt er vor.
Den Plan fafit er, den Ausgleich, die Harmonisierung zu bewirken
zwischen hellenischer und orientalischer Zivilisation. Uberall griindet
er Akademien. Die bedeutsamsten fur die Nachwelt sind ja dann die
Akademien, die er in Alexandria, in Nordagypten, griindete. Aber
das allerwichtigste ist, dafi er uberall in Asien driiben grofie und
kleine Akademien griindet, in denen dann in der folgenden Zeit die
Werke des Aristoteles, auch die Traditionen des Aristoteles gepflegt
werden. Und das hat durch Jahrhunderte in Vorderasien weiterge-
wirkt, so weitergewirkt, dafi, ich mochte sagen, immerfort noch wie
im schwachen Nachbilde sich das wiederholt hat, was Alexander
inaugurierte. Alexander hat zunachst in einem machtigen Stofi das
Naturwissen driiben in Asien gepflanzt bis nach Indien hinein -
durch seinen friihen Tod war er nur nicht imstande, bis nach Ara-
bien zu kommen: Das war sein HauptzieL Bis nach Indien hinein,
bis nach Agypten hinein, iiberallhin verpflanzte er das, was er als
Naturgeist-Wissen von Aristoteles aufgenommen hatte. Und er hat
es uberall so hingestellt, dafi es fruchtbar werden konnte dadurch,
dafi die Menschen, die es aufnehmen sollten, es als ihr Eigenes emp-
fanden, nicht als ein fremdes Hellenisches, das ihnen aufgedrangt
werden sollte. Es konnte tatsachlich nur eine so feuerspriihende
Natur wie Alexander der Grofie dies bewirken, was da bewirkt wor-
den ist. Denn immerdar kamen Nachschiibe. Viele Gelehrte der
spateren Zeit gingen wiederum von Griechenland hiniiber, und
insbesondere war es eine der Akademien - aufier Edessa war es
die Akademie von Gondishapur -, welche durch Jahrhunderte hin-
durch immer wieder und wiederum Nachziige aus Griechenland er-
fahren hat.
Da wurde das Ungeheure vollzogen, dafi dasjenige, was vom
Tafel 8 Oriente heriibergekommen war (es wurde gezeichnet, wobei sich
die beiden Zeichnungen iiberschnitten; siehe Originaltafel 8. -
Rot von rechts nach links, heller Fleck), was in Ephesus gestoppt
worden ist durch die Brandfackel des Herostrat, dafi das von sei-
nem Schattenbilde, das in Griechenland war, zuriick beleuchtet
wurde (hellgriin von links nach rechts) bis zum letzten Akt, als
durch ostromische Tyrannei die griechischen Philosophenschulen
Tafel 8
geschlossen wurden im 6. nachchristlichen Jahrhunderte und die
letzten der griechischen Philosophen sich hiniiberfliichteten nach
der Akademie von Gondishapur.
Es war dieses ein Ineinanderarbeiten desjenigen, was vorangegangen
war, und desjenigen, was zuriickgeblieben war. Dadurch war in der
Tat in dieser Mission, wenn auch mehr oder weniger unbewufit, aber
es war darinnen, dafi ja in einer gewissen Weise in Griechenland die
Welle des Zivilisationslebens angekommen war auf eine luziferische
Art, in Asien driiben sie zuriickgeblieben war auf eine ahrimanische
Art; in Ephesus war der Ausgleich. Und Alexander wollte, da Ephe-
sus physisch an seinem Geburtstage zugrunde gegangen war, ein
geistiges Ephesus, das seine Sonnenstrahlen iiber Orient und Okzi-
dent ausstrahlen sollte, begriinden. In tieferem Sinne lag dem Wol-
len Alexanders zugrunde, ein geistiges Ephesus zu begriinden iiber
Vorderasien bis nach Indien hinein, iiber das agyptische Afrika, iiber
den Osten von Europa.
Man kann nicht die geschichtliche Entwickelung der abendlandi-
schen Menschheit verstehen, wenn man diesen Hintergrund nicht
hat. Denn bald nachdem dies geschehen war, nachdem hier versucht
worden war, das uralt ehrwiirdige Ephesus auf breitem Raum auszu-
breiten, wurde im Grunde genommen in Alexandrien in Agypten,
wenn auch in matten Schriftzeichen, dasjenige bewahrt, was in
leuchtenden weiten Lettern einmal vorhanden war in Ephesus. Und
nachdem gebluht hat diese Nachblute von Ephesus, machte sich ja
geltend weiter im Westen driiben das Romertum, das nun eine ganz
andere Welt ist, das nichts mehr zu tun hat mit den griechischen
Schattenbildern, sondern das im menschlichen Wesen eben nur die
Erinnerungen an diese alten Zeiten zuriickbehalt. Daher ist der
wichtigste Einschnitt, der in der Geschichte studiert werden kann,
der, als nach dem Brande von Ephesus begriindet werden soli durch
Alexander ein geistiges Ephesus, das dann zuriickgeschoben wird
von demjenigen, was sich weiter im Westen geltend macht, zuerst
als Romertum, dann als Christen turn und so weiter. Und man ver-
steht die Entwickelung der Menschheit nur, wenn man sich sagt: So
wie wir sind, mit unserer Art, mit dem Verstand aufzufassen, mit
unserer Art, aus dem Willen heraus zu wirken, mit unserer Gemuts-
stimmung, so konnen wir zuriickschauen in das alte Rom. Da ver-
steht man alles. Aber man kann nicht zuriickschauen nach Grie-
chenland, nicht nach dem Oriente. Da mufi man in Imaginationen
schauen, dazu ist geistiges Schauen notwendig.
Ja, nach Siiden diirfen wir schauen auch im geschichtlichen Wer-
den mit dem gewohnlichen, niichtern prosaischen Verstande, nicht
aber nach dem Osten. Denn wenn wir nach dem Osten schauen,
miissen wir in Imaginationen schauen: hintenaufdem Hintergrunde
die machtigen Mysterientempel des uralten Asien der nachatlan-
tischen Zeit, wo die Priesterweisen jedem ihrer Schiller seinen Zu-
sammenhang mit dem GottHch-Geistigen des Kosmos klarlegten,
wo eine Zivilisation war, wie sie, wie ich Ihnen geschildert habe, in
der Gilgamesch-Zeit aufgenommen werden konnte. Dann miissen
wir sehen, indem wir iiber Asien zerstreut diese wunderbaren Tem-
pel schauen, wie im Vordergrunde Ephesus steht, bewahrend noch
vieles von dem, was schon abgeblalk war in den iiber Asien zerstreu-
ten Tempeln, vieles von dem noch bewahrend, aber schon ins Grie-
chentum iibergegangen. Schon braucht der Mensch nicht mehr auf
die Sternkonstellationen und Jahreszeiten zu warten und auf seine
eigenen Lebensalter, um die Offenbarungen der Gotter zu empfan-
gen in Ephesus, sondern schon kann er durch dasjenige, was er,
wenn er reif ist, opfert, wenn er Exerzitien macht, sich den Gottern
nahen, so daft sie gnadevoll zu ihm kommen. Und nun sehen wir in
einer Welt, die durch dieses Bild wiedergegeben wird, in der Hera-
klit-Zeit, vorbereitet die Personlichkeiten, von denen ich Ihnen ge-
sprochen habe, nun sehen wir 356, am Geburtstage Alexanders des
Groften, die Feuerflammen auflodern aus dem Tempel von Ephesus.
Alexander der Grofte wird geboren, findet seinen Lehrer Aristoteles.
Und es ist, wie wenn aus diesen zum Himmel aufsteigenden Feuer-
flammen von Ephesus heraus ertonen wiirde fur diejenigen, die ver-
stehen konnten: Begriindet ein geistiges Ephesus, wo in den Weiten
das alte physische Ephesus wie sein Mittelpunkt, wie sein Zentrum
in der Erinnerung dastehen kann.
Und so sehen wir dieses Bild des alten Asien mit seinen Myste-
rienstatten, im Vordergrunde Ephesus, brennend, seine Schiiler,
und gleichzeitig fast, in etwas spaterer Zeit, die Alexanderziige, die
das, was Griechenland im Fortschritte der Menschheit geben konnte,
hinubertrugen, so dafi im Bilde nach Asien kam, was Asien an Rea-
litat verloren hatte.
Und indem wir da hinuberschauen, unsere Imagination beflugelt
sein lassen von dem, was sich da als Ungeheures ergibt, sehen wir
zuriick auf den wahrhaften alten Abschnitt der Geschichte, den man
imaginativ fassen mufi. Und dann sehen wir erst im Vordergrunde
sich erheben die romische Welt, die Welt des Mittelalters, die Welt,
die bis zu uns herein geht. Und alle anderen Einteilungen - Alter-
tum, Mittelalter und Neuzeit, oder wie sonst die Gliederungen
heifien -, die rufen im Grunde genommen nur falsche Vorstellungen
hervor. Dieses Bild allein, das ich jetzt vor Sie hingestellt habe, kann
Ihnen, wenn Sie es tiefer und immer defer verfolgen, einen wirk-
lichen Einblick geben auch in die Geheimnisse, die sich bis zum
heutigen Tage in dem Werden der europaischen Geschichte ergeben
haben. Davon dann morgen weiter.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 29. Dezember 1923
Die Zeit drei bis vier Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golga-
tha, drei bis vier Jahrhunderte nachher, was einen Zeitraum von
sechs bis acht Jahrhunderten gibt, diese Zeit ist fur das Verstandnis
der Geschichte des Abendlandes in ihrem Anschlusse an das Mor-
genland ganz besonders wichtig. Das Wesentliche der Ereignisse,
von denen ich in den vergangenen Tagen gesprochen habe und die
da gipfelten im Auftreten des Aristotelismus und in den Alexander-
ziigen von Makedonien nach Asien hiniiber, das Wesentliche dieser
Ereignisse ist, daft sie eine Art von Abschluft bilden fur jene Zivili-
sation des Orients, die noch ganz und gar getaucht war in die Im-
pulse des Mysterienwesens.
Der letzte Abschluft sozusagen dieser noch echten, reinen Myste-
rienimpulse des Orients war ja der frevlerische Brand von Ephesus.
Und wir haben es dann zu tun mit demjenigen, was sozusagen fur
Europa, fur Griechenland, dann iibrigbleibt an Mysterientradition,
an Schattenbildern, mochte ich sagen, der alten gottdurchdrun-
genen Zivilisation. Und vier Jahrhunderte nach dem Mysterium von
Golgatha konnen wir sozusagen sehen durch ein anderes Ereignis,
was noch vorhanden war von den Trummern des Mysterienwesens.
Wir konnen es sehen an Julianus Apostata. Julianus Apostata, der
romische Kaiser, wird im 4. Jahrhundert in dasjenige eingeweiht, in
das man eben eingeweiht werden konnte, von einem der letzten
Hierophanten der eleusinischen Mysterien. Das heifk, Julianus Apo-
stata erfuhr ebensoviel von dem, was die alteren Gottergeheimnisse
des Orients waren, als im 4. nachchristlichen Jahrhundert in den
Eleusinien noch zu erfahren war.
Damit haben wir an einem Punkt, dem Ausgangspunkt eines
gewissen Zeitalters, den Brand von Ephesus stehen. An dem Tage
des Brandes von Ephesus ist der Geburtstag Alexanders des Grofien.
Wir haben am Ende dieser Epoche stehen, 363, den Todestag, den
gewaltsamen Tod Julianus Apostatas driiben in Asien. Man mochte
sagen: Mitten drinnen in diesem Zeitraume steht das Mysterium von
Golgatha. Und nun sehen wir uns einmal an, wie sich dieser Zeit-
raum, den ich eben begrenzt habe, eigentlich ausnimmt in der gan-
zen Entwickelungsgeschkhte der Menschheit. Wir haben ja jetzt die
merkwurdige Tatsache vor uns liegen, daft, wenn wir zurikkschauen
wollen jenseits dieses Zeitraumes in die Entwickelung der Mensch-
heit hinein, wir etwas tun miissen in unserem Anschauen, das sehr
ahnlich ist einem anderen. Nur bringen wir die beiden Dinge oft-
mals nicht zusammen.
Erinnern Sie sich, wie ich genotigt war darzustellen in meiner
«Theosophie» die Welten, die fur uns in Betracht kommen: die phy-
sische Welt, daran grenzend eine tibergangswelt, die Seelenwelt,
und dann als die Welt, in die nur Eintritt gewinnen kann der
hochste Teil des Menschen, das Geisterland. Und wenn manabsieht
von den besonderen Eigentiimlichkeiten dieses Geisterlandes, das
gegenwartig der Mensch durchmacht zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt, wenn man so auf die allgemeinen Eigentiimlich-
keiten des Geisterlandes sieht, dann ist es so, daft wir in ganz ahn-
licher Weise, wie wir umorientieren miissen unsere Seelenverfas-
sung, um dieses Geisterland zu begreifen, umorientieren miissen
unsere Seelenverfassung, um dasjenige zu begreifen, was jenseits
dieses Zeitpunktes liegt. Mit den Begriffen und Vorstellungen, die
auf die heutige Welt anwendbar sind, sollen wir nur ja nicht glau-
ben, dasjenige verstehen zu konnen, was hinter dem Brande von
Ephesus liegt. Da mufi man andere Begriffe und Vorstellungen aus-
bilden, die einem eben gestatten, hinzuschauen auf Menschen, die
noch wufiten, daft sie, so wie der Mensch im Atmungsprozesse mit
der aulteren Luft, sie durch ihre Seele fortdauernd mit den Gottern
zusammenhangen .
Und nun, sehen wir uns an diese Welt, die gewissermafien ein
irdisches Devachan, ein irdisches Geisterland ist, denn die physische Tafel 9
Welt niitzt nichts fur diese Welt. Dann haben wir jene Zwischenzeit
von meinetwillen 356 vor Christus bis 363 nach Christus. Und was
liegt nun jenseits davon? Jenseits davon gegen Asien hin, jenseits
gegen Europa zu liegt die Welt, aus der die gegenwartige Mensch-
Tafel 9
heit eben im Begriffe ist ebenso herauszukommen, wie die alte
Menschheit aus der orientalischen Welt iiber die griechische ins
Romerreich hineingekommen ist (siehe Zeichnung). Denn dasjenige,
was dutch die Jahrhundette des Mittelaltets bis in unsete Zeiten her-
ein sich als Zivilisation entwickelt hat, das ist eine Zivilisation, welche
sich gebildet, entfaltet hat, abgesehen von dem eigentlichen Inneren
des Mysterienwesens, welche sich entwickelt hat auf der Grundlage
dessen, was der Mensch mit seinen Begriffen und Vorstellungen aus-
bilden kann. In Griechenland hatte es sich schon vorbereitet seit
Herodot, der in aufierlicher Weise die Tatsachen der Geschichte be-
schrieben hat und nicht mehr an das Geistige oder wenigstens nur
hochst mangelhaft an das Geistige herangetreten ist. Dann bildet
skh das immer mehr und mehr aus. Aber in Griechenland bleibt
immer noch etwas von dem Hauche jener Schattenbilder, die an das
geistige Leben erinnern sollten. In Rom dagegen beginnt jenes Zeit-
alter, dem die Menschheit der Gegenwart noch verwandt ist, jenes
Zeitalter, das in einer ganz anderen Weise eine Seelenverfassung
hat
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