Der irdische und der kosmische Mensch

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN DER 
ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Der irdische 
und der kosmische Mensch 



Ein Zyklus von neun Vortragen, 
gehalten in Berlin am 23. Oktober 1911 
und zwischen dem 19. Marz und 20. Juni 1912 



1989 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung 



Die Herausgabe besorgte Hans W. Zbinden 



1. Auflage (Zyklus 36) Berlin 1917 

2. Auflage, erweitert um 23. Oktober 1911, 
Dornach 1932 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 



Bibliographie-Nr. 133 

Einbandzeichen von Assja Turgenieff, Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck Rastatt 



ISBN 3-7274-1330-1 



7,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muf5 gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf- 
tes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 
Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 175 



Erster Vortrag, Berlin, 23. Oktober 1911 9 

Zur Orientierung. Einfiihrungsvortrag fiir den Winter 1911/12 

Zweiter Vortrag, 19. Marz 1912 25 

Die Zeugen vergangener Zeiten in den gegenwartigen Menschheits- 
kulturen 

Dritter Vortrag, 26. Marz 1912 42 

Der Zufall und das gegenwartige Menschenbewufitsein. Eine Oster- 
meditation 

Vierter Vortrag, 23. April 1912 61 

Die menschlichen Seelenkrafte und ihre Inspiratoren. Kalewala - das 
Epos der Finnen 

Funfter Vortrag, 2. Mai 1912 81 

Der Eintritt der Reinkarnationsidee in die abendlandische Kultur. Die 
Heroldschaft einer Individuality fiir das Christentum 

Sechster Vortrag, 14. Mai 1912 99 

Die Mission der Erde. Erstaunen, Mitgefuhl und Gewissen. Das Blei- 
bende des Christus-Impulses 

Siebenter Vortrag, 20. Mai 1912 117 

Die Signatur der Menschheitsentwickelung. Die fortlaufende Indivi- 
dualitat. Das Auftauchen der neuen Kraft des Geistselbst im Menschen 

Achter Vortrag, 18. Juni 1912 133 

Bewufitsein, Gedachtnis, Karma. Gedankenformen 

Neunter Vortrag, 20. Juni 1912 147 

Formkrafte des Innern. Das Prinzip des Fortschritts in der Evolution. 
Der Ernst der Stunde 

Hinweise 169 

Namenregister 173 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 1 75 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschrif ten 181 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 183 



ERSTER VORTRAG 
Berlin, 23.0ktober 1911 



Da wir uns nach einer langeren Sommerpause wieder hier in diesem 
Zweig zusammenfinden, so darf vielleicht mit ein paar Worten wenig- 
stens iiber dasjenige gesprochen werden, was das anthroposophische 
Leben wahrend einer solchen Sommerpause betrifft, und insbesondere 
iiber das, was uns das anthroposophische Leben wahrend dieser letzten 
Sommerpause gebracht hat, die ja fur unser engeres mitteleuropaisches 
spirituelles Leben keineswegs bedeutungslos verlaufen ist. Sie wissen, 
dafi von den Zeiten an, da wir uns hier zuletzt zusammenfanden, um 
dann die Sommerpause eintreten zu lassen, die Vorbereitungen be- 
gannen fur die Munchener Veranstaltung. Diese beginnt gewdhnlich 
mit einer dramatischen Auffiihrung, die im Geiste unserer spirituellen 
Bewegung gehalten ist. Und wir waren in der Lage, in den letzten 
Jahren diese dramatischen Auffuhrungen auszubauen ! Wir haben zu- 
nachst eine solche dramatische Vorstellung einem Munchener Vor- 
tragszyklus vorangeschkkt, waren dann in der Lage, im vorigen Jahre 
zwei solcher Vorstellungen voranzuschicken, und in diesem Jahre 
konnten wir es mit dreien versuchen. Es ist immer in der verschieden- 
stenBeziehung selbstverstandlich ein Wagnis mit diesen Vorfuhrungen 
verbunden. Aber dank der, man darf sagen, allseitigen Opferwilligkeit 
derjenigen, die sich an diesen kuntlerischen anthroposophischen Ver- 
anstaltungen beteiligen konnen, ist es uns gelungen, gerade nach dieser 
Richtung hin einen Anfang zu machen, denn als etwas anderes als 
einen Anfang konnen wir die Sache vorlaufig nicht bezeichnen, den 
Anfang einer Sache, die ja wohl ihre Fortsetzung finden wird als wich- 
tiger Einschlag des anthroposophischen Lebens, wenn wir alle in 
diesen unsern physischen Leibern nicht mehr werden dabei sein 
konnen. Aber zu solchen Dingen, die bereits iiber den engsten Kreis 
des personlichsten Wirkens hinaus gedacht sind, muB ja immer ein 
Anfang gemacht werden. Und die, welche sich zunachst daran be- 
teiligen, haben es notig - um der notigen Bescheidenheit wie auch um 
der notigen Kraft willen -, das BewuBtsein zu haben, daG man es mit 



einem Anfang zu tun hat. Wir verbinden ja diese Auffuhrungen immer 
mit einem Vortragszyklus, welcher nicht nur allerlei Mitglieder unserer 
Gesellschaft vereinigt, sondern auch allerlei Freunde unserer geistes- 
wissenschaftlichen Stromung, die, man darf jetzt sagen, von alien mog- 
lichen europaischen Landern sich bei der Miinchener Veranstaltung 
einflnden. Was insbesondere in diesem Jahre auffallend sein kann, das 
werden fur den, der auBerlich und innerlich in die Sachen hinein- 
zuschauen sich bemiiht, zwei Dinge sein. Das eine ist gerade die Art, 
wie wir denken, das anthroposophische Leben zunachst in die Kunst 
hineinzutragen. Denn das liegt uns ja so sehr am Herzen, daB das 
spirituelle Leben in alle Lebenszweige und AuBerungen des Daseins 
hineingetragen werde. DaB es uns so wichtig scheint, es in die Kunst 
hineinzutragen, das ist, daB Geisteswissenschaft nicht eine bloBe ab- 
strakte Theorie und Lehre sein will, sondern hineingetragen werden 
soil ins unmittelbare Leben, damit sie sozusagen praktisch wirken 
konne. Es ist dabei wohl auffallig gerade bei den Miinchener Vor- 
stellungen, daB die Geisteswissenschaft nicht in auBerlicher Weise 
durch allerlei Ausdenken und Auskliigeln dieses bewirken will, son- 
dern daB von ihrem unmittelbaren Leben auch wieder etwas Leben 
ausgehen kann fur das kiinstlerische Wirken. Das zeigt sich in der Art 
und Weise, wie in Munchen mit einer innigen Hingabe und mit wach- 
sendem Verstandnis die Anthroposophen, welche als Teilnehmer da- 
bei sind, sich in die Sache finden. Das zeigt sich aber auch darin, daB 
wir im Jahre 1909 eine Vorstellung, im vorigen Jahre zwei, und in 
diesem Jahre, trotz groBer Schwierigkeiten, sogar drei Vorstellungen 
vorbereiten konnten. Wenn Sie auf die Dinge selbst eingehen, so 
werden Sie aus einem Werke, wie es die «Pnifung der Seele» ist, er- 
sehen konnen, wie das, was okkultistische Beobachtung ist, sehr wohl 
in derselben Weise zu kiinstlerischen Darstellungen verwertet werden 
kann, wie das, was die auBeren Beobachtungen des Lebens sind. Kurz, 
ich konnte sehr viel sprechen, wenn iiber den inneren Nerv der Sache 
gesprochen werden soli. 

Was besonders in Munchen auffallt, ist der stets wachsende Zu- 
drang zu unsern Veranstaltungen. Und der bewirkt, daB wir sowohl 
bei den kiinstlerischen Unternehmungen - namentlich aber auch beim 



geisteswissenschaftlichen Vortragszyklus - den Raummangel in einer 
ganz ausgiebigen Weise verspuren. Bei dem Vortragszyklus ist dieser 
Raummangel ja auch auBerlich so zu spiiren, daB sich die Teilnehmer 
durch die Hitze im Saale recht sehr unbehaglich fuhlen. Nun wurde ja 
natiirlich ein leichter Einwand der sein, daB man sagt, dann nehme 
man einfach einen groBeren Saal. Aber mit diesem groBeren Saal 
nehmen hat es auch seine Schwierigkeit. Die Geisteswissenschaft er- 
fordert, wie Sie alle wissen, doch eine gewisse Intimitat. Und so wenig 
es moglich ist, daB man in Wahrheit einen alten griechischen Drama- 
tiker in einem Zirkus auffuhren kann - nach sicheren Nachrichten soil 
es ja auch in der Gegenwart zwar geschehen sein, aber nur der Mangel 
an jeglichem Kunstverstandnis kann dahin fuhren, daB es in weiteren 
Kreisen Zustimmung oder sogar Zuspruch finden kann; man muB 
sich dariiber wundern; aber auf der anderen Seite ist es wieder nicht 
zu verwundern, wenn man weiB, wie wenig Kunstlerisches in unserer 
Zeit ist, daB so etwas fur moglich gehalten wird -, also so wenig mog- 
lich es ist, in einem Zirkus einen alten griechischen Dramatiker auf- 
zufuhren, in einem so groBen Raume wie einem Zirkus schon, aber 
nicht in einem « Zirkus », ebensowenig geht dies mit der Geistes- 
wissenschaft : sie kann schon auch in einem alten griechischen Theater 
getrieben werden, aber nicht in einem endlos bis zum ZirkusmaBigen 
gefuhrten Saal. Und ich muB offen gestehen, statt daB wir jetzt in 
Berlin von dem Architektenhaussaal, der mir das Maximum an GrdBe 
scheint, ubergehen zu einem Saal, der groBer ist, wiirde ich viel lieber 
einen solchen Vortrag im Architektenhause zweimal halten, als einmal 
in einem groBeren Saal. Das sind Dinge, die doch so sehr mit dem 
inneren, intimen Wesen der Geisteswissenschaft zusammenhangen, 
daB sie vielleicht heute noch nicht eingesehen werden, die aber doch, 
wenn alles, was in der Geisteswissenschaft enthalten ist, in die ver- 
schiedenen Lebenszweige sich verbreitet, eingesehen werden konnen. 

Was nun die Unternehmungen in Munchen betrifft, so ist es ja nicht 
anders moglich, wenn durch alles, was man in einem kleinen Saale tun 
kann, etwas erreicht werden soli, was anthroposophisch ist, als daB 
unser anthroposophisches Leben uns dazu fuhren muB, uns unsern 
Innenraum selber zu schaffen. Das hat zu dem Gedanken gefiihrt, in 



Miinchen einen groBen Bau aufzufiihren, der uns gestattet, wirklich 
auch fur die Bedurfnisse des Miinchener Zyklus ein eigenes Haus zu 
haben. Wie viel Gliick wir damit haben werden, das werden die nach- 
sten Zeiten zeigen. Derm es ist ganz sicher, wenn wir in die Lage 
kommen werden, den Miinchener Bau aufzufiihren, daB wir ihn bald 
auffuhren miissen, weil wir sonst um die schonsten Friichte unseres 
Wirkens doch kommen werden, aus dem einfachen Grunde, weil es 
dann moglich sein wird, gerade in den nachsten Jahren in der ent- 
sprechenden Weise zu wirken, wenn wir die Raumlichkeit dazu haben. 
DaB damit etwas erreicht werden kann, wenn wir in der Lage sind, den 
Raum selber zu bauen, das haben wir nicht nur bei kleinen Anfangen 
gesehen, sondern jetzt wieder, wo der Stuttgarter Zweig sich das erste 
mitteleuropaische anthroposophische Haus aufgefiihrt hat. Und die, 
welche bei der ErofFnung anwesend waren, werden sich hinlanglich 
davon iiberzeugt haben, was ein im anthroposophischen Sinne weihe- 
voller Innenraum wirklich zu bedeuten hat, und wie es etwas ganz 
anderes ist, wenn man in einen solchen Raum hineinkommt als sonst 
in einen Saal, ganz abgesehen von den einzelnen Feinheiten, die ich 
auseinandersetzte, als ich in Stuttgart sprach iiber die Bedeutung der 
Farbe, der Raumesbegrenzung und so weiter fur die Pflege okkulter 
Erkenntnis in einem solchen Raum. Haben wir es doch gesehen, daB 
diese Vertiefung, die wir auf dem Gebiete der Anthroposophie an- 
streben, doch in einem gewissen Sinne zahlreiche Ohren, zahlreiche 
Herzen und Seelen schon in Mitteleuropa findet und wahrscheinlich 
auch weiter hinaus immer mehr und mehr finden wird. Wir haben ge- 
sehen, wie leicht allerdings in unserer Zeit - wir haben es ja immer 
wieder und wieder sehen miissen - sozusagen die Sehnsucht Platz 
greifen kann, auf bequeme Art sich Uberzeugungen und Erkenntnisse 
von den geistigen Welten zu verscharTen. Ich glaube, wenn so Vor- 
tragszyklus auf Vortragszyklus gefolgt ist und immer mehr zugemutet 
wurde dem Denken, dem gefuhlsmaBigen Sich-Vertiefen, der Aus- 
breitung der Kenntnis der einzelnen Gebiete des Lebens, auch des 
okkulten Lebens, dann werden es eine groBe Anzahl von denjenigen, 
die mit uns gestrebt haben, manchmal schon empfunden haben, daB 
wir bier gerade in der Stromung des spirituellen Lebens, die wir die 



unsrige nennen, es gar zu bequem den Menschen nicht machen. Und 
wenn wir alles betrachten, was im Laufe der Zeit, wenn ich den tri- 
vialen Ausdruck gebrauchen datf, aufgespeichert worden ist - und es 
ist, manchmal wirklich zu meinem Schrecken, viel aufgespeichert an 
unserem Biichertisch hier an Zyklen und Schriften -, was alles da im 
Laufe der Jahre zusammengekommen ist und was im Grunde ge- 
nommen der, welcher wirklich die Stromung, die wir die unsrige 
nennen, in einer intimen Beziehung kennenlernen will, sich doch ein 
wenig ansehen muB, wenn wir das bedenken, dann werden wir uns 
sagen konnen: Bequem machen wir es niemandem, der in die geistige 
Welt hineingehen will. - Aber dennoch, es hat sich im Laufe der Jahre 
immer mehr und mehr gezeigt, daB wir das Ohr, das Herz, die Seele 
der Menschen, so weit wir zu ihnen kommen, schon zu finden in der 
Lage sind. Wenn auch in einer sonderbaren Weise, die jetzt nicht wei- 
ter erortert werden soil, zum Beispiel der KongreB der europaischen 
Sektionen in Genua nicht zustande gekommen ist, so hat sich nicht 
etwa herausgestellt, daB wir unsererseits, weil nun dieser KongreB 
nicht zustande gekommen ist, sozusagen feiern konnten. Es hatte sich 
ja denken lassen, daB, nachdem der KongreB ausgefallen ist - in letzter 
Stunde wurde dies angekiindigt, iiber die Ursachen und Grunde davon 
spater -, daB wir hatten feiern konnen. Aber es stellte sich gleich her- 
aus, wie notig es war, diese Zeit andets anzuwenden, so daB Vortrage 
hineinfielen wahrend der Zeit des Genueser Kongresses in Lugano, 
Locarno, Mailand, Neuchatel und Bern. So waren wir immerhin in der 
Lage, wenigstens in dieser Zeit auf einem Boden zu wirken, auf dem 
zu wirken es vielleicht sonst in der nachsten Zeit schwierig geworden 
ware. Und wenn ich zum Beispiel bedenke, daB eben in Neuchatel eine 
Loge sich zusammengeschlossen hat, die das Bedurfnis hatte, geradezu 
sich zu benennen nach dem Namen einer groBen geistigen, spiri- 
tuellen Individualitat, auf den Namen des Christian Rosenkreutz, 
und das Bedurfnis hatte, intime Dinge iiber denselben zu horen - die 
ich in der nachsten Zeit auch hier zum Vortrag bringen werde wenn 
ich bedenke, daB, um iiber Christian Rosenkreutz 2u sprechen, immer- 
hin alles notig war, was wir im Laufe der Jahre zusammengetragen 
haben an okkulten Wahrheiten, um diese einzigartige Individualitat zu 



verstehen, und daB dennoch ein inniges Bediirfnis vorhanden war, 
iiber diese Individualitat etwas Intimeres zu horen, so muB gesagt 
werden : Es ist gelungen, uns geisteswissenschaftlich zu vertiefen, ob- 
wohl wir es denjenigen, die mit uns arbeiten, nicht gerade bequem ge- 
macht haben. - Und wie leicht machen wir es trotzdem denjenigen, 
die wirklich zu einem Vertiefen kommen wollen, wie leicht machen 
wir es! Wir diirfen es, ohne zu uberheben, sagen, daB wir es leicht 
machen. 

Denken Sie zum Beispiel iiber das Faktum nach! Es ist von mir 
immer wieder und wieder betont worden, daB wir innerhalb unserer 
geisteswissenschaftlichen Bewegung das okkulte Ideal als die Grund- 
lage unseres ganzen anthroposophischen Lebens ansehen miissen: Es 
gibt in Wirklichkeit nur einen Okkultismus, nur eine okkulte Wahr- 
heit. Es kann nicht in Wahrheit einen ostlichen und einen westlichen 
Okkultismus geben. Das ware ebenso gescheit, als wenn man eine 
ostliche und eine westliche Mathematik unterscheiden wurde. Aber es 
kann das eine oder das andere Problem, die eine oder die andere Frage, 
durch die Eigentiimlichkeit der Menschen besser im Osten oder besser 
im Westen durch die okkulte Forschung gepflegt werden. Daher 
miissen wir sagen: Was sich auf jene groBe Erscheinung bezieht, die 
wir nun seit Jahren hier als die Christus-Erscheinung bezeichnen, ist 
ein Ergebnis der okkulten Forschungen der letzten Jahrhunderte 
innerhalb der europaischen esoterischen Schulen, der europaischen 
Pflegestatten des Okkultismus. Alles, was gesagt worden ist im Laufe 
der Jahre iiber die Individualitat, die wir Jesus von Nazareth nennen, 
was iiber die zwei Jesusknaben gesagt worden ist, iiber die Einkehr 
des Christus in den Leib des Jesus von Nazareth in dem Zeitpunkt, der 
markiert wird durch die Johannestaufe im Jordan, was iiber das Myste- 
rium von Golgatha gesagt ist und was jetzt wieder in Karlsruhe ge- 
sagt worden ist iiber das Mysterium der Auferstehung, alles das sind 
einmal Wahrheiten, die gar nicht heute verkiindet werden konnten, 
wenn nicht seit der Mitte des 12. Jahrhunderts bis in unsere Tage her- 
ein die okkulten Forschungen des Abendlandes gepflegt worden 
waren. Und dennoch, man kann das Christentum nicht verstehen, ohne 
diese Wahrheiten zu haben. Man kann zum Beispiel das Christentum 



wirklich nicht verstehen, ohne Verstandnis fur die Auferstehung zu 
haben, und wenn man ein noch so groBer Theologe ist. Wer heute so 
redet wie die modernen Theologen, kann das Christentum nicht ver- 
stehen. Denn, was konnten sie anfangen zum Beispiel mit dem Worte 
des Paulus : «Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt 
vergeblich, so ist auch vergeblich euer Glaube»? Kurz, gibt es kein 
Verstandnis der Auferstehung, so gibt es kein Verstandnis des 
Christentums ! Aber auf der anderen Seite muB man wieder bedenken, 
daB die auBere Vernunft, ob man sie anwendet auf die Geisteswissen- 
schaft oder auf die Naturwissenschaft, nun einmal die Eigentiimlich- 
keit hat, daB sie an solche Sachen, wie die Auferstehung, nicht heran- 
kommen kann. Der moderne Denker sagt: Ich muB einen Strich durch 
mein ganzes Gedankengebaude machen, wenn ich an die Auferstehung 
und an das, was im Johannes-Evangelium geschildert ist, wirklich 
glauben sollte ! - Das haben zahlreiche Menschen aus ihrem BewuBt- 
sein heraus gesagt. Daher ist es notwendig, daB der Okkultismus iiber 
diese Tatsachen im Abendlande seine Aufschliisse gibt. Gerade diese 
Tatsachen, die sich auf die Mysterien des Abendlandes, des Christen- 
tums beziehen, hat die orientalisierende Richtung des Okkultismus, 
insofern sie auBerlich bekannt werden kann, nicht. Denn warum? Die 
Menschen driiben in Asien, mit Ausnahme der Gegenden um Klein- 
asien, interessiert doch der Christus nicht, hat sie nicht interessiert. Sie 
haben nicht das Bediirfnis, nach seiner Wesenheit zu fragen, hatten es 
durch die ganzen Jahrhunderte und Jahrtausende nicht. So daB es in 
Indien und Tibet wunderbare okkulte Lehren gibt iiber die Wesenheit 
zum Beispiel des Buddha oder der Bodhisattva; aber es hat niemanden 
besonders interessiert, iiber die Wesenheit des Christus nachzudenken 
oder gar okkult nachzuforschen. Daher kann man unmoglich von den 
orientalischen Richtungen der Theosophie verlangen, daB sie iiber den 
Christus etwas wissen. 

Als die theosophische Bewegung ins Leben trat, da hat, wie Sie alle 
wissen, fur dieselbe Ungeheures Helena Petrowna Blavatsky gewirkt. 
Wodurch hat sie Ungeheures gewirkt? Etwa dadurch, daB damals die 
«drei Grundsatze» der Theosophischen Gesellschaft aufgestellt wor- 
den sind, die heute noch immer auf den Aufnahmescheinen stehen? 



Dadurch ganz gewiB nicht, daB man gesagt hat : Es muB eine Gesell- 
schaft geben, welche die «allgemeine Menschenliebe » pflegt! - Denn 
solcher gibt es viele, und jeder normal denkende Mensch wird die 
Pflege der allgemeinen Menschenliebe als etwas ansehen, was ver- 
breitet werden soil. Wodurch H. P. Blavatsky so stark gewirkt hat, das 
ist, daB durch sie eine so groBe Menge von okkulten Wahrheiten in die 
Welt gedrungen ist. Und wer die « Entschleierte Isis» und die dann 
Jahre danach erschienene « Secret Doctrine » nimmt, der wird sich 
sagen: Trotz allem, was dagegen einzuwenden ist, enthalten diese 
Werke eine Unsumme von Wahrheiten, von denen bis dahin niemand 
im geistigen Leben, auBer denen, die eine Initiation genossen haben, 
eine Ahnung hatte. Und wenn auch Frau Blavatsky ein unlogischer, 
unordentlicher Kopf war und Dinge ausgedacht hat, die neben den 
Mitteilungen hoher Meister stehen und nicht dort stehen sollten - das 
zu erortern, wiirde jetzt zu weit fiihren wenn sie auch eine leiden- 
schaftliche Natur war und oftmals gesprochen hat, wie es nicht geht 
- denn es geht im Okkultismus nicht, daB man so leidenschaftlich und 
so unsystematisch spricht -, wenn man auch sagen konnte, daB es gut 
ware, die « Entschleierte Isis» zu nehmen und sie systematisch und 
logisch anzuordnen, oder aus der « Secret Doctrine » funf Sechstel her- 
auszunehmen und das andere Sechstel in einer ordentlichen Weise zu 
redigieren, so muB man doch in dem theosophischen Leben auf das 
Positive gehen und sagen: Es ist da etwas Gewaltiges in das okkulte 
Leben hereingekommen. 

Aber wie stehen denn die Dinge in Wahrheit? In Wahrheit stehen 
sie so, daB H. P. Blavatsky in der Zeit, als sie die « Entschleierte Isis» 
schrieb, eine Art rosenkreuzerischer Inspiration hatte. In der «Ent- 
schleierten Isis » stehen - bis auf die Fehler des Rosenkreuzertums - 
ganz groBe rosenkreuzerische Wahrheiten, und was darin bedeutsam 
ist, das ist eigentlich alles rosenkreuzerisch. Ich sagte, bis auf die Fehler 
des Rosenkreuzertums! Denn das alte Rosenkreuzertum hatte zum 
Beispiel nicht die Moglichkeit, die Wahrheiten der Reinkarnation und 
des Karma einzusehen; denn die Wahrheiten iiber Reinkarnation und 
Karma hatte das Rosenkreuzertum des 13., 14., 15. Jahrhunderts nicht. 
Das war etwas, was fur das Abendland erst spater erobert werden 



konnte. Frau Blavatsky hat in der «Entschleierten Isis » auch nicht eine 
einigermaBen hinreichende Lehre von Reinkarnation und Karma, sie 
hat alle Fehler des Rosenkreuzertums sogar ubernommen. Dann kam 
es so, daB Frau Blavatsky durch Dinge, die heute zu besprechen zu 
weit fuhren wiirde, abgekommen war von den Einfliissen, die aus dem 
Rosenkreuzertum kamen, und eingefangen wurde von einer orientali- 
sierenden Theosophie. Daraus ist dann die «Geheimlehre» hervor- 
gegangen, die in bezug auf alles, was nicht christlich ist, groBe Wahr- 
heiten enthalt, in bezug auf alles aber, was christlich ist, hochst Un- 
sinniges. So daB in bezug auf alle Religionen und Weltanschauungs- 
systeme der Welt, auBer dem Judentum und dem Christentum, die 
Blavatskysche Geheimlehre sehr zu brauchen ist, aber was sich darin 
findet in bezug auf das Judentum und Christentum, ist gar nicht zu 
brauchen, weil H. P. Blavatsky in ein Feld hineinkam, wo man diese 
Wahrheiten nicht gepflegt hat. Damit hangt nun die ganze Richtung 
zusammen, welche die theosophische Bewegung spater genommen 
hat. Sie wurde unzulanglich, diese theosophische Bewegung, fur das 
Begreifen des Christentums. Und an einem Fall - an unserem wich- 
tigen Fall - lassen Sie es mich klarmachen, was unzulanglich ist an der 
theosophischen Bewegung fur das Begreifen des Christentums. 

Die hochste Individualitat, auBer den hochsten Initiierten, die auch 
im Orientalismus nicht anders reden als wir, ist fur den orientalischen 
Okkultismus die Individualitat des Bodhisattva. Ein solcher Bodhi- 
sattva war jene Individualitat, die dann etwa fiinf Jahrhunderte vor 
unserer Zeitrechnung zu der nachsten Wiirde aufgestiegen ist, die man 
nun wieder im Orientalismus begreift. So daB wir es damit zu tun 
haben, daB jener Bodhisattva, welcher der Sohn des Konigs Suddho- 
dana war, im neunundzwanzigsten Jahre zum Buddha geworden ist. 
Mit dem Buddha- Werden ist fur jeden, der das Wesen des Buddha- 
bekenntnisses versteht, das verbunden, daB die betrefTende Wesenheit 
nicht mehr, nach dem physischen Leben, in welchem sie der Buddha 
geworden ist, auf der Erde wiedererscheinen kann. Also der Bodhi- 
sattva wird Buddha. Dann kommt er nicht mehr in einem gewohn- 
lichen Leib nach den Gesetzen der Reinkarnation auf die Erde. Aber 
er hat einen Nachfolger. In dem Augenblick, als der Bodhisattva die 



Erleuchtung empfing und zum Buddha aufstieg, hatte er gleichsam 
einen Nachfolger zum Bodhisattva ernannt. Dieser nachste Bodhisattva 
wird nun immer als Mensch, als hervorragender Mensch erscheinen, 
bis er selber zur Buddhawiirde aufsteigt. Nun wird es jeder Bekenner 
des Orientalismus als eine Wahrheit betrachten, daB genau funftausend 
Jahre nach der Erleuchtung des Gautama Buddha unter dem Bodhi- 
baum der nachfolgende Bodhisattva zur Buddhawiirde aufsteigen und 
als Maitreya-Buddha erscheinen wird. Das ist dreitausend Jahre nach 
unserer Zeit. So daB bis dahin in den verschiedensten Inkarnationen, 
die da kommen werden, ein Bodhisattva leben wird, der immer wieder 
und wieder auf der Erde erscheinen wird, der aber erst zur Buddha- 
wiirde aufsteigen wird dreitausend Jahre nach unserer Zeit, und dann 
auf der Erde ein groBer Lehrer sein wird. 

Das ist die hochste Individualitat, zu der sich die orientalisierende 
okkulte Lehre erhebt. Dadurch, daB Frau Blavatsky gewissermaBen 
eingefangen worden ist von der orientalisierenden Richtung, war das 
Verstandnis, das man fur die Dinge erlangen konnte, begrenzt durch 
die orientalischen BegrifFe. Nun wollte man aber auch den Europaern 
eine Art Verstandnis fur das Christentum geben. Aber man war nicht 
imstande, mit den orientalisierenden BegrifFen wirklich das Christen- 
tum zu verstehen. Man kam nur bis zur Bodhisattva- und Buddha- 
Individualitat. Die Folge davon war, daB auch die Hellseher nur bis 
zu einer Bodhisattva-Individualitat kamen. Eine solche aber war vor- 
handen in einer Individualitat, welche hundertfunf Jahre vor unserer 
Zeitrechnung gelebt hat in dem Jeshu ben Pandira, der zu den Essaern 
in einer besonderen Beziehung gestanden hat, der Schuler gehabt hat, 
unter anderen auch denjenigen, der dann das Matthaus-Evangelium 
vorbereitet hat. Eine solche Bodhisattva-Individualitat, die der Nach- 
folger war des Gautama Buddha, war in jenem Jeshu ben Pandira ver- 
korpert. Von demselben spricht nun die orientalisierende Theosophie. 
Und es ist nun fur den hellseherischen Blick gerade so, als ob hundert- 
funf Jahre nach dem Jeshu ben Pandira in der Welt nichts Besonderes 
geschehen ware. Nehmen Sie H. P. Blavatsky. Sie richtete ihren okkul- 
ten Blick hin auf den Punkt, wo Jeshu ben Pandira gelebt hat ; sie sah, 
daB darin eine groBe Bodhisattva-Individualitat verkorpert war, aber 



weil ihr okkultes Auge durch das Einfangen in eine orientalisierende 
Theosophie begrenzt war, so konnte sie nicht sehen, daB hundertfiinf 
Jahre danach der Christus da war. Kurz, sie wuBte iiber den Christus 
nur das, was man im Abendlande iiber ihn sagte, und daraus bildete 
sich die Idee, es habe iiberhaupt nicht ein Christus gelebt, das sei alles 
Schwindel, sondern es habe nur hundertfiinf Jahre vor unserer Zeit- 
rechnung ein Jeshu ben Pandira gelebt, der gesteinigt und dann an 
einem Baum aufgehangt worden ist, der also nicht gekreuzigt worden 
ist. Dieser Jeshu ben Pandira wird nun so beschrieben, als wenn er der 
Jesus von Nazareth gewesen ware. Das ist aber eine vollstandige Ver- 
wechslung. Und iiber den wirklichen Jesus von Nazareth, welcher der 
Trager des Christus gewesen ist, wird iiberhaupt nichts gesagt; den 
usurpiert man und nennt den, welcher hundertfiinf Jahre friiher da 
war, den « Christus ». Weil man ihm einen europaischen Namen geben 
will, nennt man ihn Christus. 

Wir aber miissen sagen : Man sieht in jener Stromung einfach nicht, 
was die Christus-Wesenheit ist. In dem Augenblicke, wo man auf so 
etwas aufmerksam machen muB, ist man natiirlich in einer unangeneh- 
men Lage; das laBt sich nicht leugnen. Denn warum? Da muB ich 
schon sagen: Fur jeden, der die eine oder die andere Wissenschaft 
kennt, gibt es Dinge, iiber die man streiten kann. - Aber es gibt doch 
solche Dinge, iiber die man nicht streiten kann, wo man, wenn der 
andere etwas anderes meint, sich sagen muB : Dann weiB er eben nicht, 
worum es sich handelt. - Nur kann man als ein auBerordentlich hoch- 
miitiger Mensch angesehen werden, wenn man sagt : Das verstehst du 
nicht! - In dieser unangenehmen Lage sind wir, daB wir denen, die 
iiber den Jeshu ben Pandira wie von dem Christus sprechen, nicht zu- 
stimmen konnen. Sie sind eben nicht so weit, es zu verstehen. Es ist 
unangenehm, das sagen zu miissen, aber es ist so. Daher kann man es 
ihnen nicht verdenken, wenn sie von jener Wesenheit, welche sie ja auch 
anerkennen, so reden, als ob sie sich immer wieder im Fleische inkar- 
nieren konnte. Denn von jener Wesenheit, die als die Christus-Wesen- 
heit nur einmal im Fleische erscheinen konnte, haben sie keinen Be- 
griff. Und nun nehmen Sie das «Esoterische Christentum» von Annie 
Besant in die Hand, lesen Sie es genauer, als man in Theosophenkreisen 



gewohnt ist zu lesen: es wird eine Individualitat darin geschildert, die 
hundertfunf Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt hat; es wird nur 
der Fehler gemacht, daB sie als « Christus » bezeichnet wird. Nehmen 
wir nun an, irgendeine Personlichkeit, zum Beispiel die, welche das 
genannte Buch geschrieben hat, wollte nun sagen: Im 20. Jahrhundert 
erscheint in irgendeinem Menschen, im Fleische der, den sie damals 
beschrieben hat im «Esoterischen Christentum », - dann ware dagegen 
gar nichts einzuwenden als nur, von unserem Standpunkte aus, das, 
was jemand zu horen bekame, der nach Indien ginge und dort sagte : 
Der Buddha wird wieder inkarniert. - Denn da wiirde ihm gesagt 
werden: Du bist eben ein ganz ungebildeter Europaer. Von Buddha 
wissen wir alle, daB er nicht wieder im Fleische erscheinen kann; da 
verstehst du nichts von dem Buddhismus. - Dasselbe miissen wir aber 
auch fur uns Europaer in Anspruch nehmen, wenn jemand sagte, der 
Christus wird ein zweites Mai inkarniert. Dem wiirden wir antworten 
miissen: Das verstehst du nicht, denn die wirkliche Erkenntnis der 
Christus- Wesenheit zeigt uns, daB diese Wesenheit eine solche ist, 
welche nur einmal in einem fleischlichen Leibe erscheinen kann ! - Das 
sind Verstandnisse einer Sache, sagen wir verschiedenen Niveaus. Da 
gibt es dann kein MiBverstandnis. 

Ich frage: Worauf beschrankt sich das, was uns von irgendeiner 
orientalisierenden theosophischen Richtung trennen konnte? Leugnen 
wir, daB hundertfunf Jahre vor unserer Zeitrechnung ein Mensch ge- 
lebt hat, der wegen Gotteslasterung gesteinigt und danach an einem 
Baum aufgehangt worden ist? Nein, wir leugnen es nicht. Oder leug- 
nen wir, daB in dieser Wesenheit eine groBe Individualitat verborgen 
war? Das leugnen wir nicht. Wir leugnen auch nicht, daB diese Wesen- 
heit sich im 20. Jahrhundert wieder inkarnieren kann. Wir anerkennen 
es. Gibt es also irgendeinen realen Punkt, wo wir leugnen wiirden, 
was in der anderen Stromung charakterisiert wird? Nur den, daB wir 
sagen miissen : Der, welcher von uns der Christus genannt wird, den 
kennt ihr nicht, ihr nennt nur einen anderen so.- Wir aber miissen uns 
das Recht vorbehalten, daB wir das richtigstellen diirfen. Sonst ist es 
nur eine Sache der Nomenklatur. Nur das eine gibt es nicht, daB ihr 
ausdriicklich sagt, daB nichts dagewesen ware von dem, wovon wir, 



als am Ausgangspunkte unserer Zeitrechnung geschehen, reden. Denn 
da setzen wir bin unsere beiden Jesusknaben, die Johannestaufe im 
Jordan, das Mysterium von Golgatha. Davon redet ihr nichts! Wir 
diirfen doch das Recht haben, davon etwas zu wissen, wovon ihr 
nichts wiBt. Denn sonst wiirde man dekretieren: Was wir nicht wissen, 
darf kein anderer wissen; denn das ist alles falsch, was wir nicht wis- 
sen. - In dieser Beziehung stehen wir auf dem Boden, daB wir gar 
nicht negieren, und wenn etwas negiert wird, so ist es von der anderen 
Seite. 

So BeBe sich sehr leicht jedes MiBverstandnis beseitigen, das irgend- 
wie aufgeworfen werden kann. Daher ist es im Grunde genommen nie 
moglich, daB auf unserem Boden ein MiBverstandnis entsteht, und es 
gibt auch keines. Nur miissen wir das Recht haben, daB wir okkulte 
Forschungen, die es einfach auf jenem Boden nicht gibt, weii man 
nichts von ihnen weiB, und die gerade das Problem des Westens un- 
endlich vertiefen, heranbringen zum theosophischen Leben. So sehen 
wir, daB es in einem wichtigen Punkte, wenn guter Wille vorhanden 
ist, gar nicht notwendig ist, daB irgendwelche Disharmonien inner- 
halb der theosophischen Stromung herauskommen. Dazu ist allerdings 
guter Wille notwendig, guter Wille nicht etwa dahingehend, daB man 
irgendeine Wahrheit verleugnet, die man als die richtige anerkennen 
kann. Das ware nicht guter Wille, sondern Verleugnung der Wahr- 
heit. Aber guter Wille muB insofern vorhanden sein, daB man ver- 
nunftig ist. Denn, wodurch entstehen verschiedene Meinungen? Etwa 
dadurch, daB eine Sache von verschiedenen Standpunkten aus be- 
trachtet wird, oder auch vielleicht dadurch, daB sie von verschiedenen 
Hohen aus betrachtet wird? Ist das der Fall, dann wird der andere aber 
auch den Grund nicht angeben konnen. Und dann handelt es sich 
darum, daB man die Sache einsieht und Nachsicht hat. 

Das ist das, was ich gerade am heutigen Tage, wo wir das erste Mai 
wieder beisammen sind, anfuhren muB als etwas, was wenigstens fur 
uns feststehen muB und was angefuhrt wurde zum Beweise dafur, wie 
leicht es gerade innerhalb unserer Stromung ist, klar zu sehen, wenn 
man klar sehen will. Deshalb diirfen wir sagen: Wir haben es gar nicht 
notig, irgend jemandem Opposition zu machen, wir konnen es ruhig 



abwarten, bis man uns Opposition macht. - Wir konnen ruhig weiter- 
arbeiten und wiirden diese Sache nicht hervorheben, wiirden auch 
heute hier davon nicht gesprochen haben, wenn nicht unsere Freunde 
dadurch beirrt wiirden, daB man sagt : Die Theosophen sind ganz un- 
einig untereinander. - Sobald man auf die Dinge eingeht, kommt man 
vielleicht auf die hochst unbequeme Sache, daB man sagen muB : Man 
weiB auf der anderen Seite gewisse Dinge nicht. - Das kann einem 
den Stempel des Hochmutes aufdrucken, und das wird man schon zu- 
weilen auf sich nehmen miissen, wenn man sich sonst dessen bewuBt 
ist, daB man im Ernst demiitig und bescheiden sein kann. Das war es 
auch, was in dem letzten Jahr notwendig war herauszuarbeiten als das, 
was wirklich an Fortschritt zu verzeichnen ist in der okkulten Arbeit 
seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, wie es zum Beispiel dargestellt ist 
in dem Buche «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Mensch- 
heit». Diese Ergebnisse, die seit jener Zeit vorhanden sind, werden 
uberhaupt kaum von irgendeiner anderen Stromung erwahnt als von 
der unsrigen. Daher diirfen wir sagen, daB wir die Unbequemlichkeit, 
auf die fortschrittlichsten okkulten Ergebnisse einzugehen, unserer 
okkulten Richtung schon einmal auferlegen. Und wir diirfen es als ein 
gutes Ergebnis unserer Sommerarbeit betrachten, daB zum Beispiel 
bei der Begriindung des Arbeitszweiges in Neuchatel das Bediirfnis 
bestand, den groBten Lehrer des Christentums, Christian Rosenkreutz, 
in seinen verschiedenen Inkarnationen und in seiner Eigentumlichkeit 
einmal genauer kennenzulernen. 

Ich selber habe heute vorgebracht, was vorgebracht worden ist, da- 
mit jeder von Ihnen die Moglichkeit hat, dariiber Auskunft zu geben, 
wie die Sachen eigentlich liegen, wenn jemand von der anderen Seite 
sagt : Hier wird gesagt, der Christus inkarniere sich im 20. Jahrhundert 
wieder; dort wird gesagt, der Christus komme nur als geistige Wesen- 
heit. Das sind zwei verschiedene Standpunkte. - Nein, man darf nicht 
dabei stehenbleiben, daB es zwei verschiedene Standpunkte sind, son- 
dern man muB betonen - auch auf der anderen Seite -, daB man dort 
von jener Wesenheit spricht, welche hundertfiinf Jahre vor unserer 
Zeitrechnung gesteinigt worden ist. Wenn aber zum Beispiel in dem 
letzten Buche von Annie Besant, «Ein Wandel der Welt», alle Dinge 



verwischt werden und nicht darauf aufmerksam gemacht wird, daB 
der Name Christus nur usurpiert wird, wenn also ein krasser Wider- 
spruch besteht zwischen dem «Esoterischen Christentum» und dem 
«Wandel der Welt», so sind das doch Dinge, auf die man hinweisen 
muB, damit nicht jemand glaube, in dem neuen Buche von Annie 
Besant sei von dem Christus die Rede. Derm sonst miiBte Annie Besant 
sagen, sie mache durch das «Esoterische Christentum» einen dicken 
Strich und der Inhalt ware nicht mehr richtig. Denn, wenn der Inhalt 
richtig ware, so wird eben darin von einer Wesenheit gesprochen, die 
hundertfunf Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt hat und nicht in 
einer gewissen Weise im Beginne unserer Zeitrechnung, wie wir von 
dem Christus Jesus sprechen. 

So ist das Charakteristische unserer Stromung dies, daft wir bis zu 
der neuesten Zeit mit unseren Mitteilungen iiber die okkulten For- 
schungsergebnisse hinaufgehen. Daher ist es auch in gewisser Be- 
ziehung, wenn auch unbewuBt, eine Art Verleumdung, wenn wir 
-nicht von uns selbst, sondernvonAuBenstehenden-«Rosenkreuzer» 
genannt werden. Es ist in gewisser Beziehung eine Art Verleumdung; 
wenigstens erinnert es, wenn AuBenstehende uns «Rosenkreuzer» 
nennen, an eine niedliche Sache, die sich in einer mitteldeutschen 
Stadt auf dem Markt abgespielt hat, wo gesagt wurde, man wisse doch, 
daB der und der ein Phlegmatiker sei. Was, sagte da jemand, der soli 
ein Phlegmatiker sein? Ich weiB doch, daB er ein Metzger ist und nicht 
ein Phlegmatiker! - Aber dieselbe Logik, daB man, wenn man ein 
Metzger ist, kem Phlegmatiker sein kann, liegt zugrunde, wenn man 
sagen wiirde : Die Stromung, in der wir leben, sei keine theosophische, 
sondern eine « rosenkreuzerische ». Warum pflegen wir rosenkreuze- 
rische Prinzipien? Weil es rosenkreuzerische Pflegestatten des Okkul- 
tismus gegeben hat, und weil wir rosenkreuzerische Ergebnisse, die 
da sind, die gepflegt worden sind, aufnehmen miissen in unsere theo- 
sophische Stromung hinein, wie wir unbefangen iiber Brahmanismus, 
Orientalismus, iiber alteres und neueres Christentum gesprochen 
haben. Ich glaube nicht, daB in vielen anderen theosophischen Zwei- 
gen als bei uns, wie dies geschehen ist, zum Beispiel gesprochen wor- 
den ist iiber die mexikanischen Gottheiten Quetsalkoatl und Tezka- 



tlipoka. So aber werden neben all den iibrigen Dingen auch die 
rosenkreuzerischen okkulten Ergebnisse aufgenommen. Das ist ganz 
natiirlich, wenn man es nichtverschmaht, okkulte Dinge aufzunehmen. 
Und wenn wir ein gut Stuck von Symbolen haben, die aus dem Rosen- 
kreuzertum genommen sind, so riihrt das davon her, daB solche Dinge 
auf das Gemiit und Herz des modernen Menschen am besten wirken. 
So sind wir gerade deshalb moderne Theosophen, weil wir es nicht 
verschmahen, die modernstenForschungsresultate aufzunehmen. Oder 
hat vielleicht jemand schon einmal gehort, daB ich die Anrede ge- 
braucht habe: Meine lieben «rosenkreuzerischen» Freunde? - Gerade 
weil wir auf dem allgemeinenBoden derTheosophie stehen, geschehen 
solche Dinge. Daher ist es eine unbewuBte Verleumdung, wenn unsere 
Bewegung belegt wird mit der Bezeichnung «rosenkreuzerisch». Mit 
diesen Dingen muB man Nachsicht haben. 

Unsere Aufgabe wird sich nun in diesem Winter besonders darauf 
beziehen, Lehren, Wahrheiten, die wir friiher empfangen haben, noch 
mehr zu vertiefen. So mochte ich namentlich, urn den Boden vor- 
zubereiten und demnachst auch hier iiber Christian Rosenkreutz spre- 
chen zu konnen, iiber die dreifache Gliederung des Menschen und 
ihre wirklichen Griinde sprechen, insofern der Mensch ein solcher ist, 
der intellektuelle, asthetische und moralische Impulse aufnehmen 
kann. Wir werden diese Dinge sehr tief in den okkulten Untergriinden 
suchen miissen und die Lehren, welche wir zum Beispiel empfangen 
haben iiber die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung, gerade 
dadurch zur Vertiefung bringen, daB wir den intellektuellen, den 
asthetischen und den moralischen Menschen betrachten. 



ZWEITER VORTRAG 
Berlin, 19.Marz 1912 



Ich mochte Ihnen heute zur Einleitung unserer Betrachtungen zuerst 
zwei novellenartige Geschichten erzahlen. Die erste Geschichte, aus 
der ich die genaueren Daten auslasse, ware zunachst die folgende: 

Es lebten einstmals zwei Knaben. Diese beiden Knaben waren innig 
miteinander von friihester Jugend an befreundet. Der eine war ganz 
besonders begabt, lernte auBerordentlich leicht und brachte es bei 
seinem Heranwachsen sehr bald dazu, die besten Hoffhungen zu er- 
wecken, einen hoheren akademischen Grad zu erzielen. Der andere der 
beiden Knaben war weniger begabt. Er muBte, da ihn der Freund 
auBerordentlich gern hatte, von diesem immerzu unterrichtet werden, 
es muBte ihm nachgeholfen werden, und sonderlich viel konnte er 
nicht lernen. Das schadete zunachst fur sein auBeres Leben insofern 
nicht auBerordentlich viel, als er zunachst ein kleines Erbteil und da- 
von sein Auskommen hatte. Der Knabe, der der begabtere war, der 
nun zum Jiingling herangewachsen war und bald vor der Erringung 
eines akademischen Grades stand, starb aber dahin. Und da es in der 
Gegend, wo diese Geschichte spielt, ublich ist, sehr bald eine Familie 
zu griinden, so hatte der andere, der diimmere, schon zu sorgen fur die 
Familie des Hingestorbenen. Das tat er, aber dadurch ging sein Erb- 
teil sehr bald dahin. Er sagte sich aber: Da sich die geistigen Gaben 
meines Freundes so verganglich erwiesen haben, so werden sehr bald 
auch meine auBeren Gaben dahin sein; ich muB mir also jetzt eine 
auBere Existenz griinden. Das tat er, indem er Kaufmann wurde. Er 
muBte sehr viel herumreisen. Als er einmal in einer fremden Gegend 
vor einem Hause saB, setzte sich zu ihm ein riesengroBer Mann. Der 
machte den Eindruck, als wenn er viele Tage nichts gegessen hatte 
und als wenn ihn sehr hungerte. Da erbarmte sich der andere und lieB 
ihm Speise bringen : die war sehr schnell verzehrt. Der reisende Kauf- 
mann sah es und war auBerordentlich erstaunt. Und da die eine Speise 
nicht ausreichte, um seinen Hunger zu stillen, so brachte er ihm noch 
eine zweite. Die aB der groBe Mann mit ebensolchem HeiBhunger, und 



dann sagte er, wenn er aber satt sein sollte, miiBte er noch einen ganzen 
Schweineschinken und sehr, sehr viele Kuchen haben. Die aB er alle 
auch auf und war dann anscheinend von seiner sehr bedeutenden Mahl- 
zeit satt. Durch dieses Ereignis waren sie Freunde geworden, der 
groBe und der kleine Mann, und sie machten nun die Wanderung zu- 
sammen. Der GroBe wurde dem Kleinen aber bald sehr lastig, und 
dieser sagte daher,. er konne seine Gesellschaft entbehren. Der GroBe 
versicherte aber dem Kleinen seine Freundschaft und sagte, er wolle 
ihn nicht verlassen, nicht in Leid und nicht in der Freude. Nun hatte 
der Kleine die Sehnsucht, den GroBen nach seinem Leben zu fragen. 
Da sagte der : Ich habe auf der Erde kein Haus, ich habe auf dem Meere 
kein Boot; ich wohne bei Tag im Dorfe, bei Nacht in der Stadt. - 
Diese Ausdriicke verstand zunachst der Kleine sehr wenig. Da ereig- 
nete es sich, daB sie iiber einen breiten FluB iibersetzen muBten. Das 
Schiff, auf dem sie beide saBen, kenterte und ging unter. Da fielen die 
beiden, der Kleine und der GroBe, ins Wasser. Der GroBe erhob sich 
auBerordentlich rasch, trug den Kleinen zu einer gesicherten Stelle, 
brachte auch das Boot herbei und setzte den Mann hinein, tauchte 
dann wieder unter und holte alle die Kaufmannsschatze hervor, die 
der Kleine verfrachten wollte, bis auf alle Einzelheiten, die hinunter- 
gesunken waren. Da hatte der Kleine vor dem GroBen selbstverstand- 
lich einen auBerordentlichen Respekt bekommen und sie fuhrten nach 
Freundesart mannigfaltige, unter anderen auch tiefe Gesprache. So 
sagte der Kleine zum GroBen: Ach, wenn man nur konnte sich er- 
kennend zum Himmel erheben, und wenn es doch moglich ware, zu 
wissen, was da oben vorgeht! - Da antwortete ihm der GroBe: Hast 
du vielleicht Lust, dich in die Luft zu erheben? - Und als der Kleine 
es bejahte, fuhlte er sehr bald etwas wie Mudigkeit und schlief ein. 
Als er wieder aufwachte, sah er oben die Sterne, wie Staubfaden im 
Kelch der Lotosblume im Himmel steckend; einen konnte er sogar 
pfliicken und verbarg ihn in seinem Armel. Er sah dann herankommen 
ein groBes Drachenschiff, von Drachen gezogen und gelenkt. Darauf 
war ein groBes FaB mit Wasser, und der GroBe machte den Kleinen 
darauf aufmerksam, der nun bei ihm in den Wolken war, daB man das 
Wasser so ausgieBen konne, daB es dann auf die Erde heruntertraufelt. 



Und der Kleine verstand, daB er in der Lage war, in der sonst die 
Geister der Luft sind, wenn sie den Regen auf die Erde herunter- 
traufeln lassen. Er bat nur noch den GroBen, das Wasser aus dem FaB 
iiber seinen Heimatort auszuschiitten. Dann bat er ihn, daB er ihn an 
einem Seil wieder herunterlasse auf die Erde. Aber der GroBe sagte 
ihm vorher noch: Siehe, du hast mich jetzt gerettet; ich bin ein Sohn 
des Donnergottes und habe meinen Dienst zu leisten bei der Begabung 
der Erde mit Regen und so weiter, und da ich eine Weile meinen Dienst 
nicht ordentlich geleistet habe, so muBte ich das Leben fuhren, das du 
kennst. - Dann lieB er den Kleinen wieder herunter auf die Erde. Der 
war nun wieder in seiner Heimat und brachte auch den Stern mit, den 
er gepfluckt hatte auf der Himmelswiese, und stellte ihn auf seinem 
Tisch auf. Da erhellte dieser wundersam das ganze Zimmer; man 
konnte lesen bei dem Schein dieses Sternes, der sich bei Tag nur wie 
ein einfacher Meteorstein ausnahm, bei Nacht jedoch glanzte er wun- 
derbar auf. Das ging so lange, bis die etwas eitle Frau des Mannes ein- 
mal bei dem Sternenschein ihr Haar kammte; das lieB er sich nicht 
gefallen und wurde kleiner und kleiner. Eines Tages hatte die Frau 
den merkwurdigen Trieb: verschlucke den Stein 1 Und die Folge da- 
von war, daB der kleine Mann plotzlich die Erscheinung hatte des ihm 
ja wohlbekannten groBen Mannes, der ihm sagte: Siehe, durch das, 
was jetzt eingetreten ist, kann ich eine besondere Entwickelungsstufe 
erreichen. Ich werde jetzt als Sohn des Donnergottes eine Weile auf 
die Erde kommen konnen: Deine Frau wird mich als deinen Sohn 
gebaren; ich werde dein Sohn sein! - Und tatsachlich wurde er als 
der Sohn dieses Mannes geboren. Dieser Sohn hatte die Eigenschaft, 
im Dunkeln zu leuchten wie einst der Stern, so daB man ihn auch das 
Sternkind nannte. So lebte er heran. Obzwar sein Leuchten mit dem 
Heranwachsen abnahm, zeigte es sich doch in Form seiner groBen 
Begabung. Er wurde sehr bald ein auBer ordentlich bedeutsamer 
Mensch im Leben. 

Das ist die eine novellistische Geschichte. Sie werden mich nun 
fragen, warum erzahle ich Ihnen diese Geschichte? Aber bevor ich Ihnen 
dies sage, werde ich Ihnen eine zweite, ahnliche Geschichte erzahlen : 

Es war einmal ein Mann, den man bei uns vielleicht einen Hofrat 



oder einen Regierungsrat nennen wiirde. Der hatte nun mit seiner 
Familie ein auBerordentlich schones, geraumiges Haus bewohnt. Aber 
nach einiger Zeit stellte sich in diesem Hause etwas Kurioses heraus : 
daB man namlich bei Tag, namentlich aber bei Nacht in diesem Hause 
keine Ruhe haben konnte; man wurde von alien Seiten immerdar ge- 
stoBen, gekneipt, alle Dinge wurden einem vorgeworfen, kurz, ein 
furchtbarer Gespensterspuk stellte sich heraus. Daher verlieB man 
dieses Haus und ein anderes wurde bezogen. Man lieB nur einen Diener 
zuriick zur Bewachung. Aber dieser Diener starb sehr bald, nach 
einigen Tagen. Man schickte bald einen zweiten hin; der starb eben- 
falls. Mit einem dritten ging es ebenso, so daB man nun das Haus ohne 
Diener lassen wollte. Da kam ein junger Mann, ein Freigeist, der sich 
zum Examen vorbereiten sollte und dazu dieses Haus beziehen wollte. 
Der Hofrat warnte ihn: da konne man nie wieder lebendig heraus- 
kommen, jedenfalls erfahre man die furchtbarsten Dinge. Aber der 
junge Mann sagte : Ich habe eben eine Abhandlung geschrieben iiber 
die «Unwirklichkeit der Geister», die ist ein Beweis dafiir, daB es 
keine Geister gibt. Ich konnte noch viel dergleichen schreiben, und 
ein Mensch, der so etwas geschrieben hat, furchtet sich nicht vor dem, 
was in einem solchen Hause vorgeht! - Da lieB sich der Hofrat be- 
wegen, ihm das Haus zu iiberlassen. Der junge Mann nahm eine ganze 
Anzahl von Biichern mit, die er durchstudieren wollte, und setzte sich 
nieder, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Aber es dauerte nicht lange, 
da zupfte ihn etwas bald am einen Ohr, bald am andern Ohr, bald 
wieder woanders, kurz, in der mannigfaltigsten Weise wurde er be- 
helligt. Und als er dann schlafen ging, da ging es erst recht los. Er 
hatte die ganze Nacht keine Ruhe, und der gute Freigeist fing an, sich 
in der jammerlichsten Weise zu furchten. Er wollte aber doch nicht 
der Schande preisgegeben werden und hielt deshalb stramm aus. Und 
da er so ausgehalten hatte, zeigten sich ihm auch die geisterhaften Ge- 
stalten, die sich iiber seine Bucher beugten, zum Beispiel den SpaB 
machten, ihm die Augen zuzuhalten, wenn er lesen wollte, und der- 
gleichen. Recht couragiert war ja der gute Mann, aber die Sache war 
doch schauerlich. Das ging nun in der Weise weiter, bis er durch seine 
Gutmutigkeit eine Art Freundschaft schloB mit den zwei geistigen 



Wesenheiten, welche ihn da immer neckten und ihn von alien Seiten 
molestierten. Da kam es denn so weit, daB er die Entdeckung machte : 
die konnen nicht lesen, mochten aber gerne lesen konnen. Und so 
stellte sich heraus, daB er eine richtige Geisterschule einrichtete und 
sie unterrichtete im Nachschreiben von allerlei Dingen, die in seinen 
Biichern standen und so weiter. Sie waren dafur auBerordentlich dank- 
bar, und so hatte jedes etwas gelernt. Fiir ihn war )etzt der Geister- 
umgang recht kurzweilig geworden, und die Geister, die im Hause 
wohnten, hatten sogar durch ihn etwas profitiert. So riickte die Zeit 
heran, wo er sein Examen machen sollte. Er hatte unter diesem 
mancherlei Amusement so viel gelernt, daB er hoffte, in das Examen 
gehen zu konnen. Er hatte aber einen Feind. Der brachte es dahin, 
daB sich das Geriicht verbreitete, er hatte sich seine schriftlichen 
Examen erschwindelt. Weil man nun in jenem Lande in solchen 
Sachen auBerordentlich streng ist und weil man dies zunachst glaubte, 
so wurde er dariiber eingesperrt. Nun war er im Gefangnis, und man 
sperrte ihn recht lange ein und gab ihm auch nichts zu essen. Eines 
Tages aber brachte ihm eine seiner Geistfreundinnen zu essen. Sie 
brachte dann auch die andere mit, und sie versorgten ihn mit allem, 
was er brauchte. Daher spann sich zwischen ihm und einer der Geist- 
freundinnen eine noch viel groBere Freundschaft, als sie schon vorher 
bestand. Und die Folge war, daB, nachdem sich seine Unschuld er- 
wiesen hatte und er wieder freigelassen worden war, er jetzt seine 
Geistfreundin, obwohl er friiher die Unwirklichkeit der Geister «be- 
wiesen» hatte, fur so «wirklich» hielt, daB er sogar beschloB, sie zu 
heiratenl Sie aber sagte, in der Lage, in der sie ware, konne sie nicht 
heiraten, denn sie gehore der geistigen Welt an. Wenn er aber zu 
einem bestimmten Zauberpriester ginge und diesen um Rat frage, dann 
gabe es einen Ausweg. So ging er zu dem Zauberpriester, und der gab 
ihm einen Zauberspruch, indem er ihm sagte: Seine Geistfreundin 
solle, wenn ein Leichenzug vorbeiginge, gerade bei dem Sarge den 
Zauberspruch verschlucken, dann konne sie Mensch werden und ihn 
heiraten. - Nicht lange danach sollte dort auch wirklich ein Begrabnis 
stattfinden. Da ging die Geistfreundin an den Leichenzug heran, ver- 
schluckte den Zauberspruch und verschwand auf der Stelle in den 



Sarg hinein. Man war hdchst iiberrascht, daB man da die Gestalt, die 
auBerlich sichtbar war - denn sie war auch fur andere sichtbar ge- 
worden, als sie den Zauberspruch verschluckte -, in den Sarg hatte 
hineinverschwinden sehen. Man stellte also den Sarg auf die Erde, 
offnete ihn, aber da stellte sich heraus, daB iiberhaupt keine Leiche 
drinnen war. Das Begrabnis konnte daher nicht stattfinden. Dafiir aber 
kam die Geistfreundin nach einigen Tagen zu dem Freunde und er- 
zahlte ihm, sie sei jetzt der Mensch geworden, der dort im Sarge war 
und sie konnten sich jetzt ehelich verbinden. Und so lebten jetzt die 
beiden, die sich in dem Gespensterhause kennengelernt hatten, zu- 
sammen als Ehefreunde weiter. 

Wenn Sie ein wenig diese beiden Geschichten iiberdenken, so wer- 
den Sie sich eines gestehen miissen. Wenn Sie alliiberall die Literatur 
durchblattern, die den Europaern zuganglich ist: ahnliche Geschich- 
ten, und wenn man auch in die altesten Zeiten des Gespensterglaubens 
zuriickgeht, findet man nicht. Man findet einHereinspielen derGeister- 
welt in die Welt des Menschen. Aber in einer solchen Weise, daB man 
in dem Moment, wo man die Erzahlung liest, unbedingt die Meinung 
hat: natiirlicher kann man nicht die Geisterwelt in die menschliche 
hereinspielen lassen - finden Sie wohl in der europaischen Literatur 
solche novellistische Erzahlungen nicht. Sie sind ganz eigenartig. 
Wenn man die Art und Weise verfolgt, wie in diesen Erzahlungen vor- 
gegangen wird, so fallt das Eigenartige auf, daB zum Beispiel in der 
ersten Erzahlung gesagt wird: Ein Stern wird geboren als ein Sohn 
eines Menschen und lebt dann auf der Erde als Mensch weiter ! - So 
daB es also sozusagen fur ein BewuBtsein, das so denkt, wie es bei der 
ersten Novelle zugrunde liegt, eine Selbstverstandlichkeit ist, daB da 
Wesen auf den Sternen sind, die urverwandt sind mit den Menschen- 
wesen, und daB die, welche als Menschen auf der Erde herumgehen, 
eigentlich verkorperte Sternwesen sein konnten. Das liegt als eine 
vollige Selbstverstandlichkeit der ersten Erzahlung zugrunde. Der 
zweiten liegt zugrunde, daB ein Mensch, der sich verbindet, sogar 
ehelich verbindet mit einem andern Menschenwesen, zuerst dieses 
andere Menschenwesen kennenlernt in der geistigen Welt, und daB 
dieses Wesen dann heruntersteigt in die physische Welt und dort 



weiterlebt. Also ein ganz ahnlicher Zug wie bei der ersten Erzahlung. 
Dieses ganz eigenartige Zusammenleben mit der geistigen Welt - nicht 
nur, wie wir es in unsern europaischen Sagen und Legenden finden, 
sondern auf dem ganz andern Grund und Boden, wie wir das gleich 
besprechen werden -, so eigenartig wie dort tritt es uns in der ge- 
samten europaischen Literatur nicht entgegen, es sei denn, daB in der 
neueren Literatur solche Dinge nachgemacht wiirden. 

Nun erinnern Sie sich an etwas, was ich in einem der letzten offent- 
lichen Vortrage gesagt habe. Ich habe da, wie man es bei einem offent- 
lichen Vortrage tun kann, gesprochen uber den Hergang der Erden- 
entwickelung und uber den mit der Erdenentwickelung verbundenen 
Ursprung des Menschen. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daB 
das, was wir jetzt die Entwickelung der Menschheit nennen, verhalt- 
nismaBig spat seinen Anfang genommen hat. Heute sprechen wir so 
von der Entwickelung des Menschen und der Menschheit, daB wir 
sagen: Wenn ein Mensch in das physische Erdendasein hereintritt, so 
kommt zunachst das, was wir seinen inneren Wesenskern nennen, aus 
einer vorhergehenden Inkarnation. Das arbeitet in dem Menschen 
innerhalb eines gewissen Spielraumes, bildet plastisch die feineren 
Organe, das Gehirn, die feinere Leiblichkeit iiberhaupt aus, kurz, wir 
haben in dem Menschen einen geistig-seelischen Wesenskern, der aus 
fruheren Inkarnationen kommt und der sich einhiillt in das, was von 
den Vorfahren kommt und durch die Generationen, durch die phy- 
sische Vererbung weitergetragen wird. So haben wir in einem Men- 
schen, der auf derErde auftritt, zusammengefugt das, was aus fruheren 
Inkarnationen kommt, mit dem, was von Generation zu Generation 
getragen wird und sich hemmlegt um das, was von Verkorperung zu 
Verkorperung geht. Nun habe ich gesagt, daB diese Art der Mensch- 
heitsentwickelung erst eingetreten ist wahrend der atlantischen Zeit, 
als Bedingungen auf der Erde auftraten, welche eine solche Entwicke- 
lung des Menschen und der Menschheit moglich machten. Und ich 
habe darauf hingedeutet, daB dieser Art und Weise der Menschheits- 
entwickelung eine andere vorangegangen ist, in der tatsachlich nicht 
auf dem Wege der Wechselwirkung von Mann und Frau und des Zu- 
sammentretens dessen, was von Mann und Frau kommt, mit dem, was 



durch die verschiedenen Verkorperungen hindurchgeht, der Mensch 
das Erdendasein betreten hat, sondern daB wir, wenn wir weiter zu- 
riickgehen in der Erdenentwickelung, auf eine ganz andere Art und 
Weise von Menschenentstehung und Menschenursprung kommen, 
weil die Erde das, was sie im Laufe der Zeit geworden ist, erst in der 
nachatlantischen Zeit geworden ist. Nicht so grundverschieden von 
der jetzigen Erdengestaltung war die letzte atlantische Zeit. Aber die 
erste atlantische Zeit war doch so grundverschieden von der spateren, 
daB sich alle die iiber die ^Configuration der Erde eine falsche Vor- 
stellung machen, die nicht damit rechnen, daB in dieser Zeit ganz 
andere Verhaltnisse herrschten. Denn die Erde war, nachdem sie 
durchgemacht hatte die Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, nicht nur 
ein lebendes Wesen, sondern auch ein geistiges Wesen, ein groBer, 
von Geistigem und Seelischem durchzogener Organismus. Wir kom- 
men nicht zuriick zu einem leblosen Gasball im Sinne der Kant- 
Laplaceschen Theorie, sondern wir kommen zuriick zu der Erde als 
einem groBen Lebewesen. Und die Entwickelung der Menschheit war 
in den alteren Zeiten so, daB eine Befruchtung nicht stattfand zwischen 
Mann und Frau, sondern zwischen « oben » und «unten », in der Weise, 
daB die Erde in ihrer Lebendigkeit hergab mehr das substantielle Ele- 
ment, das mehr materielles Element war, wahrend von oben, wie 
Regen, der sich befruchtend ergieBt iiber Wiesenflachen, das geistige 
Prinzip kam und sich verband mit dem mehr materiellen Prinzip. 
Durch diese Befruchtung traten die ersten Menschen ins Dasein. Das 
ist es, was wir gezeigt haben und was sogar in dem vorhin erwahnten 
offentlichen Vortrage besprochen worden ist, und was sich auch lo- 
gisch rechtfertigen laBt, wenn man die Errungenschaften der Natur- 
wissenschaft in richtigem Sinne betrachtet. 

Dann sonderte die Erde eine feste Masse wie eine Art Knochen- 
system aus, und es wurde nun unmoglich, daB sie etwas, was sie friiher 
hergab wie ein zu befruchtendes Ei, weiter hergeben konnte. Es muBte 
das mehr an das Innere des Menschen abgegeben werden. An Stelle 
der Befruchtung von oben trat nun die Befruchtung durch die beiden 
Geschlechter, und was friiher eingepragt worden ist durch die Wech- 
selwirkung von oben und unten, das ging iiber in die Vererbungs- 



verhaltnisse und in die mit den Vererbungsverhaltnissen verbundenen 
Reinkarnationsverhaltnisse. Dadurch verbarg sich das, was sich friiher 
an der Oberflache abgespielt hatte, im Innern. Es traten Menschen auf, 
die immer mehr und mehr fahig wurden, im Sinne einer in der Ver- 
erbung fortlaufenden Fortpflanzung die Eigenschaften, die friiher der 
Mensch erhalten hatte aus der geistigen Sphare, zu vererben oder von 
Reinkarnation zu Reinkarnation zu iibertragen. Es brauchtnurerinnert 
zu werden an einzelne Dinge, welche damals gesagt worden sind : wie 
die ersten Meschen, die da auftraten, zuerst doppelgeschlechtlich 
waren, wie dann die Differenzierung eintrat in das Mannliche und in das 
Weibliche und wie sich dann die gegenwartigen Verhaltnisse heraus- 
gestalteten, so daB das, was friiher mehr von oben wirkte - das mehr 
weibliche Element -, iiberging an die Frau, und was mehr in dem irdi- 
schen Element wirkte, in der Vererbungslinie iiberging an den Mann. 

Nun ist Ihnen aus verschiedenen Andeutungen, die im Laufe der 
Jahre iiber Menschheit und Menschheitsentwickelung gemacht wor- 
den sind, auch klar, daB diese Verhaltnisse bis in die atlantische Zeit 
hineingespielt haben, und daB eigentlich erst in der zweiten Halfte der 
atlantischen Zeiten die gegenwartige Form der Menschheitsentwik- 
kelung auftrat. Wenn wir also zuriickblicken auf die atiantische 
Bevolkerung unserer Erde, so miissen wir sagen: Diese atlantische 
Bevolkerung unserer Erde lebte ja eigentlich mitten drinnen noch in 
den Uberbleibseln der alten Verhaltnisse, der Befruchtung irdischer 
Substantialitat durch himmlische Geistigkeit. Fiir sie war die Ent- 
stehung eines Menschen die unmittelbare Verkorperung, das Herab- 
steigen eines Geistigen in das Substantielle. - Wie wir den Regen vom 
Himmel fallen und die Erde durchfeuchten sehen, so sah die atlan- 
tische Bevolkerung den Menschen heruntersteigend aus himmlischen 
Hohen, sich verbindend mit einer Substantialitat, welche die Erde her- 
gab, sich darin verkorpernd und dann herumgehend auf der Erde. Die 
Verhaltnisse anderten sich nur langsam und allmahlich, so daB in ge- 
wissen Gebieten schon lange die Vorbereitungen zu den gegenwarti- 
gen Verhaltnissen vorhanden waren, wahrend in andern Gebieten, 
wo die Vorbedingungen fiir die alten Verhaltnisse sich erhalten hatten, 
es so war, daB die Menschen wuBten: der Mensch ist zuerst oben in 



der geistigen Welt und sucht sich dann eine korperliche Substanz, um 
sich zu verbinden mit der Erdenmenschheit. Wenn also der Mensch 
in der atlantischen Zeit seine Mitmenschen hat herumgehen sehen, so 
sagte er sich: Das ist ja der Erde entnommen; aber was da drinnen ist, 
das ist derselben Welt entnommen, welcher die Sterne angehoren; der 
Mensch ist aus den Sternenwelten heruntergestiegen. ~ So wuBten die 
Menschen etwas, was wie ein Marchen aus alten Tagen klingt, daB der 
Mensch aus himmHschen Hohen heruntersteigt, sich mit Erdenmaterie 
umhiillt und umkleidet. Sie kannten die Wechselwirkung von Himmel 
und Erde, und indem sie den Menschen in die Erde hereingestellt 
sahen, wuBten sie: Der Mensch steigt herunter, er ist zuerst ein Geist; 
wenn er Materie annimmt, geht er auf dem Erdenrund herum ! - Also 
ein Himmelswesen, ein Wesen aus der geistigen Welt sah man in dem 
Menschen. Denn man wuBte: so wie man als Mensch herumgeht, 
unterscheidet man sich von den Geistern nur dadurch, daB die Men- 
schen mit Materie umkleidet sind, die Geister nicht. Es war ein 
sanfterer Ubergang von der geistigen Welt zur physischen Welt. Und 
nicht nur, daB es fur den Atlantier ein Unsinn gewesen ware, die 
geistige Welt abzuleugnen, sondern es war fur ihn auch klar, daB doch 
kein so groBer Unterschied war zwischen physischen Menschen und 
Geistwesen, die der geistigen Welt angehoren. Er wuBte : mit einem 
Menschen kann man verkehren durch Zeichen, indem man die ersten 
Elemente der menschlichen Ursprache verwendet, mit den Geistern 
auch, aber so, daB der Verkehr des Menschen mit den Geistern in einer 
ahnlichen Weise geschieht wie mit den Menschen. 

Von diesem unmittelbaren Wissen eines Zusammenhanges des 
Menschen mit der geistigen Welt hat sich selbstverstandlich iiber die 
atlantische Katastrophe hin wenig erhalten. Es war die nachatlantische 
Zeit im wesentlichen dazu berufen, im Menschen den Sinn fur das 
Erdendasein auszubilden fur alles, was man durch die Ausbildung der 
physischen Werkzeuge, des Leibes, gewinnen kann, so daB das selbst- 
verstandliche Zusammenleben mit der geistigen Welt sehr bald im 
Laufe der nachatlantischen Zeit verschwand. Aber was fur das nor- 
male BewuBtsein verschwindet, das erhalt sich im atavistischen Hell- 
sehen, in Momenten, wo die Seele besonders mit sich selber ist. Man 



mochte sagen: Was fruher Erfahrung ist, was die Seele durchmacht, 
indem sie dea Blick in die geistige Umwelt richtet, das wird spater 
wiedergeboren, aber als Phantasie wiedergeboren. Nehmen wir an, es 
wurde irgendein Volk der nachatlantischen Zeit geben, das ganz be- 
sonders dadurch ausgezeichnet ware, daB es am ailermeisten noch zu- 
riickbehalten hatte von den Eigenturnlichkeiten und Kraften der 
atlantischen Zeit. Natiirlich wiirde dieses Volk in der nachatlantischen 
Zeit nicht atlantische Erlebnisse haben konnen. Aber in seiner Phan- 
tasie miiBte etwas auftreten, was seine Phantasie unterscheidet von dem, 
was die Phantasie weniger zuriickgebliebener Reste atlantischer Rassen 
sind, die sich neu gebildet haben. Die tonangebenden Rassen der nach- 
atlantischen Zeit werden daher weniger erstehen lassen diesen selbst- 
verstandlichen Umgang des Menschen mit der geistigen Welt. Ein 
Volk dagegen, das dadurch ganz besonders charakteristisch ist, daB es 
wie hereingebracht hat in die nachatlantische Zeit, was man in diese 
hereinbringen kann als Seelenverfassung aus der atlantischen Zeit, ein 
solches Volk muB ganz andere Nachwirkungen zeigen in der Seele als 
die eigentUchen nachatlantischen Rassen. Bei einem Volke, das so 
charakterisiert werden konnte im Sinne der okkulten Weltauffassung, 
daB es nicht zu den fortschreitenden Rassen gehort, sondern wie ein 
Zuriickgebliebenes aus den alten atlantischen Rassen sich darstellt, bei 
ihm miiBten wir vermuten, daB die Phantasie, die erzahlt vom Zu- 
sammenhange der Menschenwelt und der Gespensterwelt, in einer 
ganz anderen Weise wirkt als bei andern Volkern. Bei einem solchen 
Volke konnten wir vermuten, daB in einer grotesken Weise in der 
Phantasie so etwas auftreten wird, wie wenn das Wesen eines Sternes 
plotzlich den EntschluB faBt, sich als Sohn eines Menschen zu ver- 
korpern, der diesem Sterne Wohltaten erwiesen hat, wie es in unserer 
ersten novellistischen Geschichte erzahlt ist, wo wir sehen, daB ein 
Sternwesen als Sohn des befreundeten Menschen geboren wird, der 
mit dem geistigen Wesen, das der Sohn des Donnergottes ist, eine 
Weile auf der Erde herumgegangen ist. Und auf der andern Seite sehen 
wir an der zweiten Erzahlung, daB ein ganz sanfter tJbergang ist zu 
dem Verlieben mit dem Geistwesen da oben, und daB ein solches 
Wesen dann nicht auf dem gewohnlichen Wege der Menschen- 



werdung heruntersteigt, sondern sich auswahlt einen toten Korper 
und sich so herunterbegibt. Das ist so, wie wenn eine atlantische Seek, 
die oft gesehen hat, wie ein Mensch heruntersteigt und irdische Sub- 
stanz ahnimmt, sich verirrt hatte in einen Korper, der gar nicht der 
nachatlantischen Zeit angemessen ist, sondern der atlantischen Zeit, 
wo man nicht geboren werden brauchte in der jetzigen Weise, sondern 
einfach die Erdenmaterie annahm. In diesem Sinne konnten wir solche 
Erzahlungen als eine Nachwirkung fruherer Zustande auffassen. Wir 
wurden uns also bei einer Rasse, die Uberbleibsel fruherer atlantischer 
Rassen ware, uber solche Erzahlungen nicht wundern. Und interessant 
ist es, daB eine Reihe solcher Erzahlungen, die ganz denselben Charak- 
ter tragen wie die angefiihrten, von Martin Buber gesammelt und unter 
dem Titel «Chinesische Geister- und Liebesgeschichten » erschienen 
sind. Das zeigt, daB wirklich das der Fall ist, was vermutet werden 
darf nach dem, was uns die okkulte Wissenschaft zeigt, wenn es auch 
nur Traditionen sind. 

So sehen wir, wie wir alles, was uns in der Welt entgegentritt, licht- 
voll beleuchten konnen,wenn wir nur Geduld haben, um die intimeren 
Zusammenhange der Weltenentwickelung wirklich ins Auge zu fassen. 
Die Menschen der Gegenwart werden vielfach mit Staunen vor sol- 
chen Dingen stehen. Begreifen werden sie dieselben aber erst, wenn 
sie sehen, daB so etwas fur den, der die intimeren Zusammenhange der 
Menschheitsentwickelung erfaBt, eben einfach selbstverstandlich ist. 
Man wird Geisteswissenschaft nicht etwa dadurch besser und besser 
begreifen, daB man pedantisch logische Beweise fordert, denn Beweise 
sind nur fur den gut, der die Behauptungen glauben will, Beweise sind 
nur fur den da, der sie als « Beweise » glauben kann. Man braucht aber 
einfach nicht an die Beweise zu glauben, dann erspart man es sich, an 
die Behauptungen zu glauben! Geisteswissenschaft wird sich in die 
Seelen dadurch einleben, daB sich immer mehr und mehr zeigen wird, 
wie bis in die geheimsten Winkel der geistigen und auch der mate- 
riellen Kultur die Gesetze, deren Erkenntnis nur auf okkultem Wege 
gewonnen werden kann, immer mehr und mehr Raum gewinnen. Die 
Weistiimer werden sich dadurch einleben, daB immer mehr und mehr 
Menschen die Geduld haben werden, zu verfolgen, wie alles, was man 



zusammenzutragen vermag aus der Welt, um es in das Licht einer 
geistigen Weltanschauung zu riicken, durchaus zusammenstirnmt, und 
wie auf diese Weise die Dinge erst ihre voile Beleuchtung und ihre wahre 
Erklarung erfahren konnen, wahrend sie sonst unverstanden bleiben. 

Wenn wir dies ins Auge fassen, werden wir sagen konnen: Die 
nachatlantische Kultur hat ihre besondere Aufgabe; diese namlich, daft 
allmahlich von der Menschheit, welche ihre Zeit in der rechten Weise 
versteht, die Erkenntnisse, die Willensbetatigungen und die Gemiits- 
verfassungen angeeignet werden, die mit Hilfe der leiblichen Werk- 
zeuge angeeignet werden konnen. In dieser Beziehung wird immer 
weiter- und weitergeschritten werden konnen. Mit diesem Weiter- 
schreiten steht man im Grunde genommen drinnen in der Entwicke- 
lung, die begonnen hat eben mit der Kultur der heiligen indischen 
Rishis bis zum Herabsteigen des Christus-Impulses in unsere Mensch- 
heit. Daneben aber ist vieles enthalten, was wie gebundenes, altes spiri- 
tuelles Gut in der Menschheit vorhanden ist. War ja die europaische 
Menschheit im hochsten Grade schon verwundert dariiber, daB un- 
mittelbare spirituelle EinbUcke in die Welt der europaischen Mensch- 
heit zukamen, als erschlossen werden konnten die Weistiimer Indiens 
oder des alten Persiens : die Krishna- oder Brahmankultur, die Kultur 
des alten Zarathustra und so weiter. Mehr als in den spateren Erzeug- 
nissen der Erkenntnis war naturgemaB das spirituelle Element in den 
alteren Kulturen vorhanden. Und als man vom Abendlande aus mit 
diesen alteren Kulturen bekannt wurde, da wirkten sie verbliirTend, 
zum Beispiel als sie erschlossen wurden von der deutschen Geistes- 
entwickelung in der ersten Halfte des 19.Jahrhunderts, etwa in der 
Weise, wie Friedrich Schlegel das Indertum erschlossen hat, oder wie 
spater das Persertum erschlossen worden ist. Das wirkte so verbluf- 
fend, daB wir, wenn wir dies beriicksichtigen, philosophische Rich- 
tungen verstehen, auf welche die orientalische Philosophic einen tiefen 
EinfiuB genommen hat, wie zum Beispiel bei Schopenhauer oder Eduard 
von Hartmann. Da haben wir das erste Erstaunen des Abendlandes 
gegeniiber dem, was wie eine gebundene Spiritualitat in diesen alteren 
Kulturen erhalten ist. Wir stehen jetzt einer andern Epoche gegen- 
iiber, der Epoche, in welcher noch eine ganz andere gebundene Spiri- 



tualitat das Abendland wird in Verwunderung setzen konnen, namlich 
diejenige Spiritualitat, die zwar durchaus nicht der Mission der nach- 
atlantischen Menschheit angehort, die ihr aber wie ein Erbgut von 
friiher geblieben ist, die verhiillt war bis in unsere Epoche herein 
innerhalb des dem Abendlande recht unbekannten chinesischen 
Geisteslebens. Und es wird nur eines Umstandes bediirfen, urn sozu- 
sagen das, was da geschehen wird, geradezu zum Oberwaltiger zu 
machen der europaisch abendlandischen Geisteskultur, so daB diese 
etwa ihre eigentliche Mission, ihre eigentliche Bedeutung und Aufgabe 
wiirde vergessen konnen. Es wird der Mensch, der immer mehr und 
mehr in die Zukunft hineinlebt, sich klarmachen miissen, daB auf un- 
serem Erdenrund gebundenes Geistesgut, spirituelle Erkenntnis, die 
aus der alten atlantischen Zeit zuriickgeblieben ist, in einem viel 
hoheren MaBe noch vorhanden ist, als beim Bekanntwerden der alten 
Brahman- und Zarathustrakultur aufgetaucht ist, die herausentbunden 
werden wird, wenn einmal das Chinesentum frei werden wird in seiner 
geistigen Kultur. Dann wird zweierlei notwendig werden fur den 
Menschen, welcher der Zukunft entgegenlebt. Man wird erkennen, 
daB da ein bedeutender Strom spirituellen Lebens herausflieBen muB, 
der in einer wunderlichen Weise die Menschen auch auBerlich unter- 
richten wird von dem, wovon sie sich ja allerdings unterrichten konn- 
ten, wenn sie in das spirituelle Leben eindringen wollten auf dem 
Wege, den die Geisteswissenschaft eroffhet. Wenn aber der weitaus 
groBte Teil der Menschheit gegeniiber dem, was die Geisteswissen- 
schaft der Menschheit bieten kann - um jetzt einen Ausdruck zu ge- 
brauchen, den unser verehrter Freund Michael Bauer bei unserer 
Generalversammlung fur einen andern Zweck gebraucht hat -, in 
Schlafhaubigkeit verbleiben wird, so wird einmal, wenn sich, in einer 
allerdings nicht fur das europaisch abendlandische BewuBtsein ge- 
eigneten Weise, spirituelles Geistesgut aus dem Chinesentum heraus- 
ergieBen wird, dieser Teil der Menschheit dadurch verblufft sein und 
wird sehen, daB sich eine solche Kultur nicht begreifen laBt mit dem 
philistrosen pedantischen Stile des Abendlandes, sondern nur, wenn 
man sich hineinvertieft in das, was aufgebaut ist auf der alten Chinesen- 
kultur, was als alte Taokultur vorhanden war. Die Geisteswissen- 



schaft ist diesen Leuten oft aus dem Grunde unangenehm, weil man 
sich mit ihr so befassen muB, daB man an sie glaubt. Die aber, welche 
sich der Schlaf haubigkeit weiter befleiBigen, sie werden verblufft sein, 
sie werden sich aber auch wohl fiihlen, wenn ihnen manches aus der 
Geisteswissenschaft entgegentritt als entbundenes Chinesentum, als 
ein Erbgut aus der alten atlantischen Zeit. Dann werden sie sogar das 
haben, daB sie werden sagen konnen: Wir brauchen ja nicht daran zu 
glauben, denn, was historisch geblieben ist, das studiert man, weil es 
interessant ist! - So machen es die Philologen, die Archaologen. Man 
braucht nicht daran zu glauben, man hat es, indem man es studiert, 
und ist enthoben, an die Dinge zu « glauben ». Aber was da frei wird, 
das wird noch auf andere Weise wirken : es wird durch seine Macht, 
durch seine Selbstverstandlichkeit, durch seine GroBe wirken, es wird 
verbluffen, es wird schockieren. Es wird sich iiber das, was sich die 
Menschheit in der christlichen Kultur erobert hat, so ergieBen, daB 
man gegeniiber dem, was da kommen wird an eingerosteter, an ein- 
chinesisierter Kultur, die richtige Perspektive, den richtigen Stand- 
punkt wird haben wollen. Das wird so sein, daB man sich sagt : Diese 
Spiritualitat war da, sie bedeutete einstmals die geistige Kultur unserer 
Erde. Aber eine jede Zeit hat ihre eigene Mission, und die europaisch 
abendlandische Kultur hat die Aufgabe, aus dem Umkreise des Welten- 
daseins alles dasjenige herauszusaugen, was herausgesaugt werden 
kann aus dem Geistigen, so daB dieses Geistige sich zeigt trotz und 
hinter der sinnlichen Welt, hinter dem, was Augen sehen und Hande 
greifen konnen und was sich uns darstellt als Offenbarung aus den 
geistigen Welten. Man wird verstehen miissen, daB eine andere Mis- 
sion aus der andern Zeit da ist, und daB wir feststehen miissen auf dem 
Boden, den das Christentum gezimmert hat. 

Das ist das, was den andern Standpunkt geben wird. So wird man 
freudig aufnehmen, was aus den alten Zeiten heriiberlebt, aber man 
wird es durchglanzen, durchleben mit dem, was aus der neueren Zeit, 
aus der nachatlantischen christlichen Kultur in den Seelen sich allmah- 
lich erhoben hat. Die Schwachen aber werden sagen : Wir nehmen die 
Spiritualitat da, wo sie uns gebracht wird, denn wir wollen nur den 
sensationellen Einblick haben in die geistigen Welten! - So wird es 



vielleicht gewisse neuartige Theosophen geben, die da sagen werden : 
Die Wahrheit ruht nicht bei dem tief erfaBten Christus-Prinzip, son- 
dern in dem, was die Chinesen erhalten haben, was wiedererscheint, 
wenn sie die in die untersten Schichten der Seele hinabgezogenen 
atlantischen Weistiimer wieder hervorbringen. - Und es wird sich 
vielleicht eine neueGeheimlehre iiberEuropa ergieBen, die abgeschrie- 
ben ist aus den chinesischen Wahrheiten und die dann sagen wird: 
Hatte doch diese moderne Theosophie eine Aft von Muster an einer 
solchen Theosophie, die ihre Aufgabe nicht darin gesehen hat, den 
Quell des spirituellen Lebens herauszuholen aus der christlichen My- 
stik und der christlichen Liebe, sondern die abgeschrieben hat, und 
dazu noch recht mangelhaft, die Weistiimer des alten Indien, etwas 
verbramt mit den Weistiimern des alten Agypten. - Und die Schwa- 
chen, sie konnten ebenso gierig nach dem Chinesentum ausschauen, 
wie die Schwachen ausschauen nach dem, was, wie sie glauben, das 
alte oder auch das neue Indertum an Spiritualitat eroffhet. Liegt doch 
auch fur den Europaer jenseits gewisser Wasser China ebensogut fern, 
wie Indien fern liegt. Und wenn man den Menschen erzahlen wird, 
daB in China mit Hilfe von Kraften, die jetzt wieder entbunden sind, 
gewisse Offenbarungen stattgefunden haben, so wird das vielleicht den 
Menschen glaubhafter erscheinen, als daB so etwas in Berlin statt- 
gefunden hatte. 

Wenn wir dies bedenken, werden wir das richtige Gleichgewicht 
linden zwischen dem freudigen Aufnehmen desjenigen, was der 
Menschheit erhalten ist aus alteren spirituellen Zeitaltern, und dem 
Feststehen auf demjenigen Boden, zu dem es die Menschheit gebracht 
hat im Laufe der Zeitenentwickelung. DaB man dieses Gleichgewicht 
beachtet, daB dieses Gleichgewicht wirklich ins Auge gefaBt wird, das 
ist und wird sein die immerwahrende Sorge derjenigen Geistesbewe- 
gung, die wir die unsrige nennen. Daher ist es einfach eine Unwahr- 
heit, wenn irgendwo gesagt wird, daB wir verleugnen oder auBer acht 
lassen wurden, was zum Beispiel an indischer Spiritualitat sich dar- 
bietet. Das ist eine Unwahrheit. Und wer unsere Geistesbewegung 
mitgemacht hat, der weiB, daB dies eine Unwahrheit ist. Und traurig 
ware es, wenn solche Unwahrheiten wie Charakteristiken unserer Be- 



wegung etwa drauBen in der Welt Platz greifen konnten. Mit gegen- 
sat2lichen Meinungen wird man leicht fertig; die gleichen sich leicht 
aus. Mit dem aber, was unrichtig dargestellt wird, kann man MiB- 
verstandnis auf MiBverstandnis hervorrufen, denn es ist das Eigen- 
artige des MiBverstandnisses, daB es fortzeugend neue MiBverstand- 
nisse gebiert. Aus diesem Gesichtspunkte heraus muB es fur uns die 
erste Aufgabe sein, da, wo wir selber auf den Standpunkt uns stellen, 
zu dem es die abendlandische Entwickelung gebracht hat, uns bewuBt 
zu sein, inwiefern dieser Standpunkt seine Berechtigung hat gegen- 
iiber den andern Entwickelungsphasen der Menschheitsentwickelung. 
Auf der andern Seite miissen wir aber darauf bedacht sein, daB alle 
Charakteristiken, die wir liefern iiber andere Phasen der Menschheits- 
entwickelung, iiber andere Spiritualitat, auf ehrlicher, wahrhafter Dar- 
stellung fuBen. Und immer wieder und wieder soil es betont werden, 
weil es sich einleben soil in die Herzen der Theosophen : Wenn auch 
vieles wird hinuntersinken von dem, was wir erobern konnten an 
geistiger Einsicht, der durchdringende Charakter wird bleiben. Und 
nach dem sollen wir hinarbeiten, daB, was auch vor unserem geistigen 
Auge auftauchen mag, wie sich uns auch die Dinge darstellen mogen, 
wir alles durchsetzt sein lassen von dem Streben nach Ehrlichkeit, 
Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit ! Und wenn man in der Zukunft 
vielleicht gar nichts anderes wird sagen konnen in bezug auf das ein- 
zelne, das hier gefunden worden ist, als : manches ist verbessert wor- 
den, manches ist gar nicht geblieben, aber ein Beispiel ist geliefert, daB 
auch auf okkultem Gebiete, auf dem Gebiete der geistigen Forschung, 
nicht immerdar hineinzuspielen brauchen Scharlatanerie und Humbug 
in ernste Forschung, sondern daB trotz allem Streben nach okkultem 
Wissen dieses durchzogen sein kann von Wahrhaftigkeit, Aufrichtig- 
keit und Ehrlichkeit: dafur ist ein Beispiel geliefert worden - wenn 
man das von unserer Bewegung wird sagen konnen, dann ist fur die 
Entwickelung der spirituellen und eigentlichen okkulten Bewegung 
mit unserer Bewegung Gutes geleistet worden. Und es wird von uns 
vielleicht als unser schonstes BewuBtsein anerkannt werden diirfen, 
daB wir nichts, nichts einlassen wollen, von dem man nicht in der 
Zukunft wird so sprechen konnen, wie es eben angedeutet worden ist. 



DRITTER VORTRAG 
Berlin, 26.Marz 1912 



Ankniipfen mochte ich den Ausgangspunkt unserer heutigen Betrach- 
tung an das Wort Zufall. Wir sprechen in der mannigfaltigsten Weise 
davon, daB gewisse Ereignisse in der AuBenwelt uns dadurch erklar- 
lich sind, daB sie gesetzmaBig verlaufen, daB wir in ihnen gewisse 
Gesetze, daB wir Naturgesetze erkennen, wahrend von andern Er- 
eignissen so gesprochen wird, daB der Mensch eigentlich sagt: Er 
erkenne kein Gesetz, warum dieses oder jenes in einem bestimmten 
Zeitpunkt gerade eingetroffen ist, er konne in einem solchen Tat- 
sachen verlauf, wie er ihm vor Augen stent, nur den Zufall anerkennen. 
Insbesondere wird unsere gegenwartige Wissenschaft geneigt sein, 
iiberall da, wo sie mit den ja durchaus abstrakten und rein verstandes- 
maBigen Gesetzen, die sie allein anerkennt und die sie Naturgesetze 
nennt, nicht ausreicht, von einem bloBen Zufall, das heiBt, von etwas 
zu reden, demgegeniiber es uberhaupt verboten ist, irgendeine Ge- 
setzmaBigkeit anzunehmen. Die gegenwartige Wissenschaft verbietet 
ja geradezu da, wo sie vom Zufall spricht, wo sie mit ihren Gesetzen 
nicht heran will, noch von irgendwelcher GesetzmaBigkeit zu spre- 
chen. Denn im Grunde genommen ist eigentlich, wie sich im ganzen 
und im einzelnen zeigt, kaum irgend etwas intoleranter im ganzen 
menschlichen Zeitverlauf, als gerade - nicht die Tatsachen der Wissen- 
schaft, die konnen nicht intolerant sein, und in bezug auf Darstellung 
der Tatsachen schreiben wir auch der gegenwartigen Wissenschaft das 
groBte Verdienst zu - was sich auf baut dagegen auf den Tatsachen 
als wissenschaftliche Gesinnung. Die materialistische Gesinnung in 
unserer Zeit ist etwas, was zu dem Allerintolerantesten gehort, das im 
Zeitenverlaufe iiberhaupt den Menschen hat treffen konnen. 

Wenn wir nun einmal gefiihlsmaBig den Zufall im Sinne unserer 
Geisteswissenschaft ansehen, so fragen wir uns zunachst : Wie tritt der 
Zufall an den Menschen heran? Wie stellt sich das, was man zufallig 
nennt, dem Menschen dar? - Es stellt sich so dar, wenn es eintritt, als 
ob der Mensch aus seinen Gedanken heraus, aus seinen irgendwie ge- 



arteten Ideen nicht voraussetzen konnte, diesem Zufall einen Sinn, 
eine innere GesetzmaBigkeit zuzuschreiben. Es stellt sich so dar, als ob 
die menschliche Vernunft sozusagen den Zufall einfach gehen lassen 
miisse, wie er sich darbietet, und sich nicht darum bekiimmern konnte, 
ob in diesem Zufall etwas von einer GesetzmaBigkeit stecken wiirde. 
Insbesondere ist es ja mit jenen Zufalligkeiten, die als solche scheinbar 
unerklarlich in das menschliche Leben hereinfallen, zumeist so, daB die 
Menschen mit ihrer Vernunft, mit ihrem Verstande nicht recht heran 
wollen, diese Zufalligkeiten zu bemeistern. Mit dem Gefuhl verhalt 
sich der Mensch merkwurdigerweise anders, und das ist etwas, was 
man zwar in der Gegenwart nicht benicksichtigt, was aber doch tief 
lehrreich ist : das Gefuhl laBt sich nicht immer in der Art und Weise, 
wie es wirkt, bemeistern von den Vorurteilen des Verstandes und der 
Vernunft, sondern es wirkt herauf - wie Sie aus zahlreichen ofFent- 
Hchen und Zweigvortragen erkennen konnen - aus verborgenen 
Untergriinden der Seele, die noch gescheiter sind als der Mensch in 
seinem Verstande und seiner Vernunft. So kommt es vor, daB den 
Menschen das trifft, was Verstand und Vernunft eine Zufalligkeit 
nennen, wodurch sich aber doch der Mensch in seinen Gefuhlen an- 
gezogen oder abgestoBen findet, woriiber er sich angenehm oder un- 
angenehm beriihrt fiihlt. Nehmen wir nur einen ganz bestimmten Fall, 
von dem Sie nicht leugnen werden, daB er Ihnen sehr haufig in ahn- 
licher Weise in Ihrem Leben immer wieder und wieder begegnen 
kann. Nehmen wir den Fall: ein Schuler sitze und schwitze iiber 
irgendeiner Rechenaufgabe; furchtbar sitze er und schwitze er, weil 
er die Losung dieser Rechenaufgabe nicht treffen kann. Aber er hat 
sie nun nach langem Sitzen und Schwitzen doch gelost und ist nun 
froh, daB er ein Resultat herausbekommen hat. Aber er sagt sich: 
Wenn ich ganz sicher sein soli, daB ich nicht sitzenbleibe und eine 
schlechte Zensur bekomme, so muB ich diese Aufgabe noch einmal 
durchrechnen ! - und er macht sich darauf gefaBt, daB er sie, nachdem 
er sein Abendbrot gegessen hat, noch einmal durchrechnet. Da kommt 
ganz zufallig, durch etwas, das gar nicht damit zusammenhangt, ein 
Kollege des Schiilers herein und fragt : Was hast du herausbekommen? 
- Beide vergleichen ihr Ergebnis und es stimmt zusammen, und dem 



Schiiler ist auf diese Weise erspart, was ihm sonst gebliiht hatte. Er 
ist nun befreit davon, braucht nicht noch einmal eine Stunde sitzen 
und schwitzen und kann sich gleich schlafen legen. Wenn nun der 
Vater ein «aufgeklarter» Mann ist, so wird er sagen: Der andere 
Schiiler ist nicht darum hereingestiirzt, um meinem Sohne eine Stunde 
abzunehmen, die ihm doch vielleicht in seiner Gesundheit hatte scha- 
den konnen, sondern er ist abgeschickt von seiner Mutter, um mir 
dies oder jenes zu bringen, was ich vergessen habe. Der Vater also 
nennt es einen Zufall. - Aber konnen Sie ableugnen, was Sie ja nicht 
ableugnen werden, daB der Schiiler ein recht angenehmes Gefuhl hat, 
wenn er audi nicht glauben wird, daB ihm ein Engel diesen Kollegen 
zugefuhrt hat? Er wird recht angenehm davon beriihrt sein in seinem 
Gefuhl, ganz anders, als vielleicht Verstand und Vernunft sprechen. 
Der Vater wird ganz sicher nicht geneigt sein, anzunehrnen, daB ein 
Engel vom Himmel diesen Kollegen seinem Sohne zugeschickt habe, 
er wird aber doch sympathisch davon beriihrt sein. 

Das meine ich, wenn ich sage, das Gefuhl kann gescheiter sein, wenn 
es aus verborgenen Seelentiefen heraufwirkt, als Verstand und Ver- 
nunft, die sich im Verlaufe der Erdenmission erst selbstandig aus- 
bilden sollen, so ausbilden sollen, daB sie gerade wie gottverlassen auf 
sich selber angewiesen sind und daher auch leicht in den Irrtum ver- 
fallen konnen, daB in dem, was sich ihnen darbietet, nicht irgendeine 
gottlich-geistige GesetzmaBigkeit lebe, sondern daB eigentlich gar 
nichts darinnen lebe. So diirfen wir sagen: Was sich aus den Tiefen 
unserer Seele herauf holt, wodurch wir, wie in diesem Fall, im Gefuhl 
gescheiter sind als in Verstand und Vernunft, das weist uns darauf hin, 
ganz deutlich, daB die Behauptung der Geisteswissenschaft richtig ist, 
daB dasjenige, was in den verborgenen Seelentiefen unten ist und wie 
im Gefuhl sich herauf holt aus diesen verborgenen Seelentiefen, eben 
aus jener Epoche herstammt, in welcher sich der Mensch noch nicht 
selbst iiberlassen war, und daB das, was in unsern Gefiihlen spricht als 
Sympathie und Antipathie, noch aus dem alten Mondenzeitalter her- 
ruhrt. So daB der Mensch in seinem Verstande und seiner Vernunft 
erst im Laufe der Erdenentwickelung so gescheit zu werden braucht, 
als er in seinen Gefiihlen geworden ist durch die alte Mondenentwik- 



kelung. Nun kann jemand sagen : Ich habe wohlweislich bemerkt, daB 
das Gefiihl auch nicht immer ganz gescheit ist, daB es auch sehr dumm 
sein kann. - Das riihrt davon her, daB unsere Gefuhle als Erden- 
menschen schon beeinfluBt sind von unserem Verstande und unserer 
Vernunft, daB diese schon hinunterwirken in das Gefiihl, so daB 
dieses, wenn es dumm wird, nur dadurch dumm wird, daB es beein- 
fluBt wird von Verstand und Vernunft. Wiirde es nicht schon durch 
die allgemeinen Inkarnationsverhaltnisse und durch die allgemeine 
Entwickelung der Menschheit sich von Verstand und Vernunft be- 
einfluBt erzeigen, so ware es im Menschen tatsachlich der Gescheitere 
gegeniiber der Vernunft und dem Verstande, welche die Dummeren 
sind. 

Wenn wir die Sache so betrachten, stellt sich uns etwas ganz Eigen- 
tiimliches fur den Zufall heraus, was auBerordentlich lehrreich ist. Wir 
konnten sogar die Frage aufwerfenr Ist es nicht sinnvoll, daB der 
Mensch gewisse Dinge so ansehen kann, wenn er sie so ansehen will, 
daB er sie zufallig nennt? Ist das nicht vielleicht sinnvoll? - Die Frage 
konnte sehr wohl aufgeworfen werden, und sie erweist sich nicht als 
sinnlos, wenn wir bedenken, daB der Mensch in der Erdenentwicke- 
lung Verstand und Vernunft, was wir unser normales BewuBtsein 
nennen, gerade entwickeln soil. Er soil am Ende der Erdenentwicke- 
lung so weit sein, daB er die GesetzmaBigkeit in denjenigen Tatsachen 
einsieht, die er heute noch als zufallig ansieht. So treten sie ihm heute 
noch als zufallig entgegen. Er kann ihnen noch nicht, wie in notwen- 
digen Naturereignissen, das Gesetz unmittelbar ablesen, sie verhiillen 
ihm noch ihre GesetzmaBigkeit. Aber der Mensch wird lernen gerade 
in dem, was wahrend der Erdenentwickelung die GesetzmaBigkeit 
verhullt und sich dadurch als Zufall erweist, eine tiefere GesetzmaBig- 
keit zu erkennen, eine solche GesetzmaBigkeit, welche dann, wenn die 
Erdenentwickelung abgelaufen sein wird, sich tatsachlich mit der- 
selben Notwendigkeit wird aufdrangen, wie sich jetzt die Natur- 
gesetze aufdrangen, aber erst, wenn die Erdenentwickelung abgelau- 
fen sein wird. Wenn ihm jetzt schon das, was wir Zufalligkeiten 
nennen, so entgegentreten wiirde wie die Naturgesetze, so wiirde der 
Mensch nichts daran lernen konnen. Er wiirde sich nicht dazu ent- 



schlieBen konnen, sich zu sagen: Du kannst es als sinnvoll ansehen 
und auch als Zufall ansehen! - Also, weil es in des Menschen Hand 
und in des Menschen Willkiir gegeben ist, Verstand und Vernunft auf 
das anzuwenden, was sich als zufallig darbietet, dadurch lernt er sich 
hineinfinden in die Erdeninkarnationen, lernt das, was der Zufall 
scheinbar regellos darbietet, mit Verstand und Vernunft zu durch- 
dringen, so daB also das, was ihm scheinbar nicht als so starre, ab- 
strakte GesetzmaBigkeiten erscheinen kann, als geistige GesetzmaBig- 
keiten erscheinen muB. 

Da blicken wir in einen sehr weisen Zusammenhang des Welten- 
werdens hinein, der, wenn wir ihn sinnvoll erfassen, uns sagt: Es ist 
auBerordentlich geistvoll im Weltendasein eingerichtet, daB uns ge- 
wisse Dinge als Zufall entgegentreten ; daher miissen wir sie selbst 
erst aufwinden auf Faden einer GesetzmaBigkeit, die wir in ihnen 
selbst erst entdecken miissen. Und damit wir uns dabei selbst ergreifen, 
uns selbst in die Waagschale werfen, um in unserer Entwickelung 
weiterzukommen, wurde es in unsern Willen gestellt, entweder weise 
zu sein oder toricht, entweder anzuerkennen eine GesetzmaBigkeit 
auch in den Zufalligkeiten oder nur die starren Naturgesetze gelten zu 
lassen. So wird es sich nach und nach heranbilden, daB im Laufe der 
Zeit diejenigen Wissenszweige dasein werden, die sich nur der auBe- 
ren, abstrakten, verstandesmaBigen Naturgesetze bedienen wollen und 
alles andere als Zufall abweisen werden. Diese auBeren Wissenszweige 
werden wie Betatigungen des Seelenlebens erscheinen, die aber - 
wenn der Mensch mit seinem Seelenwesen aufgeblickt hatte im Sinne 
des Schlusses des Goetheschen « Faust » in eine hohere Welt und in 
die Nahe dessen gekommen ware, was man in aller Mystik als «Ewig 
Weibliches » bezeichnet, wo die ewigen Naturgesetze und die wissen- 
schaftlichen Zweige symbolisch-mystisch als Weibliches dargestellt 
werden - am Ende des Erdendaseins als «torichte Jungfrauen» sich 
erweisen wiirden. Dagegen wird sich in dem, was sich heute als Gei- 
steswissenschaft geltend macht, etwas heranbilden, das dort, worin 
die torichten Jungfrauen, die auBeren Wissenschaften, keine Gesetz- 
maBigkeit hereinbringen konnen, GesetzmaBigkeit und Weisheit her- 
einbringen wird. Das wird ausbilden eine Anzahl vonWissenszweigen, 



und diese werden am Ende der Erdenentwickelung die «weisen Jung- 
frauen » sein. Und es zeigt schon die schone Parabel im Evangelium, 
wie es, wenn dieZeiten erfullt sein werden, ergehen wird den torichten 
und den weisen Jungfrauen. 

Diese Dinge sind immer geeignet, uns in die Geheimnisse der 
Weltenentwickelung wirklich etwas hineinzufuhren. Wenn wir aber 
das, was wir so aus der Beobachtung der auBeren Welt unmittelbar 
auf uns haben wirken lassen, verbinden mit mancherlei von dem, was 
wir durch die Geisteswissenschaft erfahren haben, so stellt sich uns 
doch ein sehr merkwurdiger Zusammenhang heraus, und ich bitte Sie, 
diesen Zusammenhang mit mir in Gedanken zu verfolgen. 

Sie wissen, daB sich der Mensch den Inhalt, die Erkenntnisse, die 
Errungenschaften, die Erlebnisse des normalen BewuBtseins wahrend 
der Erdenzeit immer mehr und mehr aneignen wird. Aber es geht alle 
Entwickelung langsam und allmahlich vor sich. Und daher wird her- 
einragen - und ragt schon jetzt herein - in unsere rein abstrakte Ver- 
nunft- und Verstandesentwickelung, in die bloBen Naturwissenschaf- 
ten das, was in der Zukunft erst fur den Menschen normal sein wird : 
es ragt herein, was nicht bloB aus dem normalen BewuBtsein stammt, 
sondern was zu tun hat mit hoheren BewuBtseinsformen. Das ist 
natiirlich etwas, das dem normalen BewuBtsein verschleiert sein muB, 
das aber auf die tieferen Hintergrunde des Daseins hinweist. Daher ist 
es naturlich, daB iiberall da, wo irgend etwas hereinragt, was das nor- 
male BewuBtsein iiberschreitet, auch in einer merkwiirdigen Weise 
mehr zutage treten wird, als man leichten Herzens mit Zufall wird 
bezeichnen konnen. Oder mit andern Worten: So lange der Mensch 
bloB mit dem normalen BewuBtsein in dem Zusammenleben wirkt, 
wird man auch leichten Herzens von Zufall sprechen konnen. Be- 
trachten Sie nur einmal das Leben. Wenn Sie in der Weise als Men- 
schen miteinander verkehren, daB Sie nicht den geringsten Anspruch 
darauf machen, daB irgend etwas anderes in den Verkehr der Menschen 
hereinspiele als das, was Verstand und Vernunft im Sprechen und 
Handeln der Menschen hereinbringen konnten, so lange werden Sie 
leichten Herzens viel von Zufall sprechen konnen. Denn dann wird 
alles, was in dem Zusammensein der Menschen und in den auBeren 



Tatsachen sich nicht durchdringbar fur eine gewisse GesetzmaBigkeit 
darstellt, alsZufall sich so darstellen, daBman schwerdahinterkommen 
wird, wie auch in dem scheinbar Zufalligen ein wirklicher gesetz- 
maBiger Zusammenhang ist. Aber nehmen wir an, es tritt irgend etwas 
in unser Erdenleben herein, was den ganz gewohnlichen, bloB auf 
Verstand und Vernunft begriindeten Menschenverkehr durchbricht, 
was mehr ist im menschlichen Zusammenleben als bloB Verstand und 
Vernunft. Und damit Sie sehen, was ich meine, mochte ich einen be- 
stimmten Fall anfuhren, den ich Sie bitte, eben als einen Fall anzu- 
sehen, der sich im Leben so zugetragen hat und an dem wir mit den 
Mitteln der Geisteswissenschaft mancherlei lernen konnen. Es sei ein 
recht schroffer, wenig schoner, eigentlich haBlicher Fall angefuhrt, an 
dem wir aber wie an einem Experiment kennenlernen konnen, was 
wirklich geschieht. 

An einem Orte hatte es sich zugetragen, daB ein Pfarrer einem Ehe- 
mann seine Frau abspenstig gemacht hat. Der Pfarrer hatte eine Art 
Liebesverhaltnis mit dieser Frau entwickelt und dem Ehemann war 
dies auBerordentlich leid. An demselben Orte fanden sich nun zwei 
Menschen, die miteinander befreundet waren und die dem Pfarrer 
nicht bloB durch ihren Verstand und ihre Vernunft, sondern auch 
durch ihre Gefuhle zugetan waren. Sie standen in seinem Bannkreis, 
weil dieser nicht nur durch Verstand und Vernunft wirkte, sondern 
auch durch den religiosen Kultus, durch das, was an spirituellem 
Leben in der Religion ist. DaB dieser Kultus in diesem Falle nicht be- 
sonders gut gewirkt hat, darauf kommt es hier nicht an, sondern dar- 
auf, zu welchen Mitteln die beiden griffen und daB der Pfarrer eben 
der Seelsorger dieser beiden war. Und das kam so weit, daB die beiden 
Freunde dem Pfarrer etwas Gutes tun wollten und sie besprachen sich 
dariiber, mit alien Mitteln den Ehemann aus dem Wege zu schaffen. 
Insofern ist der Fall haBlich, weil sich das spirituelle Element ver- 
mischt mit dem egoistisch menschlichen; er wird also in gewisser 
Weise zu einer Art schwarzer Magie. Es besprachen sich also die 
beiden Freunde, den Ehemann zu ermorden, und sie taten es auch. 
Die beiden hatten so eine schwere Schuld auf sich geladen, nicht bloB 
durch den VernunftbeschluB, sondern auch durch das Vorhandensein 



eines psychischen Elementes, das durch die Gemeinde hindurch- 
wirkte. Wir haben also den merkwiirdigen Fall, daB wir in einem 
menschlichen Zusammenhang nicht bloB das drinnen haben, was Ver- 
stand und Vernunft ist, sondern auch das, was hinter Verstand und 
Vernunft ist; wir haben es wirksam, weil eben der Pfarrer ein Pfarrer 
war und mit den Mitteln des spirituellen Lebens wirkte. Was konnen 
wir nun nach den uns jet2t schon angeeigneten geisteswissenschaft- 
lichen Voraussetzungen erwarten? Weil ja Ereignisse Ursachen sind 
und als solche Folgen haben, so konnen wir erwarten, daB sich an das, 
was geschehen ist, auch noch etwas anderes anschlieBt. Sie werden nun 
in den meisten Fallen, wo nur etwas geschieht, was bloB mit Verstand 
und Vernunft zu tun hat, viele sogenannte Zufalligkeiten finden. Diese 
Zufalligkeiten werden so sprechen im Leben, daB Sie leichten Herzens 
dieselben als Zufalligkeiten ansprechen werden, wenn Sie noch nicht 
von Geisteswissenschaft berxihrt sind. Aber nicht so leichten Herzens 
werden die Menschen solche Wirkungen im Leben als Zufalligkeiten 
ansprechen konnen, die aus Ursachen folgen, bei denen Spirituelles, 
Psychisches mitgewirkt hat. Zwei Freunde waren es, die miteinander 
den Mord bewirkt hatten. Wir haben also zu erwarten, daB in diesem 
Falle das Karma besonders wirkte und zwingen wiirde, durch die Art 
wie es eintritt, doch nicht bloB an Zufall zu denken. So daB also doch 
etwas Besonderes geschehen muBte, wenn, wie in diesem Fall, so etwas 
die Ursache ist : ein EinfluB sozusagen, den man mit den Worten wie 
graue oder schwarze Magie bezeichnen konnte. Und siehe da, was 
geschah wirklich? Die beiden Morder wurden kurioserweise krank, 
und zwar an zwei verschiedenen Krankheiten, und starben beide in 
derselben Stunde! Wer nun durchaus von Zufall sprechen will, der 
wird naturlich auch hier wieder von Zufall reden wollen. Der Mensch 
aber, der nun nicht durchaus nur von Zufall sprechen will, wird da 
doch versucht sein, etwas tiefer nachzudenken. Und was fur dieses 
eklatante Beispiel angefuhrt worden ist, das werden Sie vielfach be- 
statigt finden, wo Sie nur wirklich priifen wollen, wo Sie vermuten 
konnen im Leben, daB etwas anderes hereinspielt als das, was nur aus- 
schlieBlich zur Erdenmission und zum ErdenbewuBtsein gehort, wo 
also etwas hereinspielt, das hinter der Sphare des Daseins seine Ur- 



stande hat, das mehr oder weniger durch den sonderbaren auBeren 
Verlauf schon auf etwas Abnormes, wie der gewohnliche Mensch 
sagen wiirde, hinweist. Wer aber vom Standpunkte der Geistes- 
wissenschaft aus beobachtet, wiirde sagen: Es ist so, wie wenn mit 
Fingern darauf hingewiesen wiirde, daB, weil in den Ursachen ein 
anderer Sinn Hegt, sich auch die Wirkungen in ihrem karmischen 
Verlauf ganz besonders sinnvoll zeigen. 

Da sehen wir also, daB wir in der Tat, wenn wir das Walten des 
Ubersinnlichen hinter dem Sinnlichen ins Auge fassen, schon durch 
die Art und Weise, wie uns die Erscheinungen, die auBeren Tatsachen 
entgegentreten, darauf hingewiesen werden: Es ist etwas anderes mit 
diesen auBeren Tatsachen als mit denjenigen, die nicht so verlaufen, 
daB Obersinnliches in ihnen mitspielt. - Es ware ja auBerordentlich 
wiinschenswert, wenn einmal auch in der auBeren Wissenschaft etwas 
anderes untersucht wiirde zu alien moglichen unnotigen Dingen, die 
heute in der Wissenschaft so zahlreich outage gefordert werden, und 
die der in gewisser Beziehung geistvolle Asthetiker Friedrich Theodor 
Vischer einmal damit gegeiBelt hat, daB er sagte : Es fand sich einmal 
ein Gelehrter, der wiihlte sich ein in das Goethe-Haus und untersuchte 
dort alien moglichen Staub, der seit Jahren abgelagert war, und alle 
Papiere, die noch in den Papierkorben seit langen Zeiten sich fanden, 
ging dann in allerlei abgelegene Raume, stieB ubelriechende Kehricht- 
fasser um und brachte dann eine Abhandlung zustande iiber den « Zu- 
sammenhang der Frostbeulen der Frau Geheimrat von Goethe mit den 
symbolisch allegorischen Figuren im zweiten Teile des Faust ». - Das 
ist etwas radikal. Aber in den Biicherkatalogen, die iiber die aller- 
gelehrtesten Abhandlungen herausgegeben werden, ist schon so etwas 
zu finden. Es ware niitzlich fur die auBere Wissenschaft, wenn sie statt 
dessen, was der V-Vischer charakterisieren wollte, einmal solcheDinge 
verwenden wiirde, an denen sich eklatant zeigt, daB in den Gescheh- 
nissen, die man geneigt ist fur Zufall zu halten, doch etwas waltet, was 
uns schon in der Art, wie es uns entgegentritt, zeigt, daB bei solchen 
Ereignissen, wo der Mensch untertaucht in das Psychische, auch der 
Sinn eklatant hervortritt. Natiirlich tritt er in dem, was man so leichten 
Herzens mit Zufall benennt, auch hervor; nur ist es da nicht so genau 



zu sehen, da muB schon eine geistige Beobachtung hinzukommen, 
wenn darin das Walten des ja iiberall vorhandenen Gesetzes gesehen 
werden soli. Und wir sehen dann in dem, was uns gerade wie das 
Gegenteil der GesetzmaBigkeit entgegentritt, was uns als Zufall ent- 
gegentritt, auch wenn wir unser Leben nur betrachten, das Zusammen- 
stoBen von zwei Welten, richtig das ZusammenstoBen zweier Welten. 
- Was ist das eigentlich? 

Der Mensch hat seine Erdenmission zu vollbringen, das heiBt, er 
hat das, was wir jetzt das normale BewuBtsein nennen, auszubilden. 
Er hat also durch die weise Welteneinrichtung die Moglichkeit vor 
sich, eine ganz groBe Sphare von Ereignissen als Zufall zu betrachten. 
Es unterliegt also gewissermaBen seiner Willkiir, dort GesetzmaBigkeit 
hineinzubringen. Aber niemals verlauft nur eine Stromung, sondern es 
verlaufen immer mehrere Stromungen. Wir sehen, wie ja iiberall Spi- 
rituelles hineinspielt, das heiBt solches Spirituelles, an dem auch der 
Mensch teilnimmt. Es ware auch Spirituelles in einem auBeren Er- 
eignis von der geschilderten Art, wenn der Betreffende, von dem ge- 
sprochen worden ist, kein Pfarrer gewesen ware; aber dann ware er 
nicht in diesen Tatsachenzusammenhang hineingestellt. Ich meine es 
also so, daB der Mensch mit seiner Seelenentwickelung an dem Spiri- 
tuellen selber beteiligt ist. Das ist das, was sich neben der verstandes- 
und vernunftmaBigen Stromung in der Welt auch klar darstellt. Immer 
spielen beide Stromungen in unser Leben herein. Sie diirfen nicht etwa 
glauben, daB zum Beispiel diejenigen, welche als Monisten auftreten, 
das heiBt als Materialisten, immer ganz unabhangig sind vom Spiri- 
tuellen oder gar nichts glauben, wie sie annehmen. Der ganze Monis- 
mus ist nichts anderes als ein Glaube ; es handelt sich nur darum, daB 
er ein Glaube ist, der dem Wesentlichen des Menschen gegemiber das 
Spirituelle verdunkelt. So daB es sich eigentlich darum handelt, daB 
man bei solchen Dingen Maja wirklich durchschaut. Schwer ist es ja 
allerdings, bei dem menschlichen Vorurteil immer die Maja zu durch- 
schauen. Wenn man in der Maja tief drinnensteckt, durchschaut man 
sie nicht so leicht, Wer heute auf einem geschichtlich materialistischen 
Standpunkt steht, der wird vielleicht sagen: Die Entwickelung der 
Menschheit verlauft so, daB aus gewissen rein materialistischen Gegen- 



satzen im menschlicheti Zusammenleben sich irgendeine Art von Zu- 
sammenbmch entwickeln wird, und aus diesem Zusammenbruch wird 
dann eine neue Gesellschaftsordnung erwachsen. - Wir wissen, daB 
eine solche Voraussetzung gemacht wird bei der Stromung des ge- 
schichtlichen Materialismus. Man hat prophezeit, daB die Entwicke- 
lung so vor sich geht, daB durch den Gegensatz der Klassen und 
Stande ein Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung zustande 
kommt, und daraus wiirde sich dann herausentwickeln eine Art Neu- 
begriindung der Gesellschaft. Ein solcher geschichtlicher Materialist 
wird ganz gewiB zugeben, daB er an nichts glaubt, sondern nur auf 
geschichtliche Tatsachen sich stiitzt, und er wird aus einer gewissen 
inneren Befriedigung, ja Beseligung heraus sagen: Was waren das 
doch fur sonderbare Kerle, die von der Apokalypse gesprochen haben, 
von einem tausendjahrigen Reich und so weiter, die von einer andern 
Gestaltung der Zukunft aus der geistigen Welt heraus gesprochen 
haben! - Er wird sie als zuriickgebliebene Propheten uber die Achsel 
ansehen. DaB er aber doch nur den andern Glauben iibernimmt, daB 
er an Stelle des spiritualistischen Glaubens den materialistischen Glau- 
ben setzt, davon hat er keine Ahnung. Nur muB so etwas von dem 
Wahrheitsuchenden durchschaut werden; er muB immer mehr und 
mehr uber die Maja hinauskommen. 

So stoBen in der angedeuteten Art in uns zwei Welten zusammen, 
eine, welche bloB zusammenhangt mit Verstand und Vernunft, wie sie 
sich aus der Erdenmission ergeben, und die andere, welche zusammen- 
hangt mit spirituellen Ereignissen, die sich so gruppieren, daB sie auch 
in ihrer Zufalligkeit eklatant fur sich selber sprechen, wie es in dem 
angedeuteten Falle war, den wir durch unzahlige andere Falle ver- 
mehren konnten. 

Was ist es denn, was uns dazu bringen kann, daB wir zwar stehen- 
bleiben bei dem, was ja durchaus im Sinne der Erdenmission liegt: in 
den Zufall durch unsere eigene Willkiir erst die GesetzmaBigkeit hin- 
einzubringen, so daB wir wirklich an das ankniipfen, was uns eine 
weise Weltenentwickelung gegeben hat, daB wir gewisse Dinge als 
zufallig anschauen konnen, und dann aber, wenn wir gescheiter sind, 
erst die GesetzmaBigkeit hineinpragen wollen? Was ist es, daB wir so die 



GesetzmaBigkeit hineinbringen? Fassen wir sozusagen ohne Schonung 
gegeniiber den gegenwartigen Schwachen das ins Auge, was da vorliegt. 

Die Menschen der Gegenwart werden sich mit kiihnem, wissen- 
schaftlichem Wagemut auf die Naturgesetze stiirzen und die Natur- 
tatsachen in solche Gesetze einfassen. Da sind die Menschen kiihn. 
Warum sind sie da kiihn? Es ist vielleicht schonungslos, aber es ist 
doch in einer gewissen Weise wahr: die Menschen sind kiihn, weil 
dazu nichts weiter gehort ! Da6 man Naturgesetze anerkennt, daB man 
dort Gesetze voraussetzt, wo die auBeren Tatsachen so stramm spre- 
chen, dazu gehort kein besonderer Mut. Wir wiirden heute sogar ge- 
neigt sein, dem Leugner von Naturgesetzen einen starkeren Respekt 
zuzusprechen als dem Anerkenner derselben. Wenn jemand sagen 
wiirde : Da sagen die Leute, es gibt Naturgesetze, aber das kann auch 
nur Zufall sein, - so wiirden wir diesem vielleicht mehr Respekt ent- 
gegenbringen, weil es em radikal kiihner EntschluB ware, in der 
Sphare der GesetzmaBigkeit auch einen bloBen Zufall anzunehmen. 
Nietzsche war nahe daran, alles als einen Zufall zu betrachten. So 
konnte also jemand sagen: Wenn die Sonne bisher alle Tage auf- 
gegangen ist, so konnte das ebenfalls auf einem Zufall beruhen, und 
die Menschen hatten nicht weniger Recht, dieses tagliche Aufgehen 
der Sonne als einen Zufall anzusehen wie andere Ereignisse. - Das 
konnte stark, konnte mutig sein, nur ware es natiirlich falsch. Aber Na- 
turgesetze anerkennen, die in den chemischen, in den physikalischen 
Vorgangen wirken, das ist ein Mut, der ja da ist, den die Menschen 
haben, und er soli ihnen nicht abgesprochen werden; aber er ist billig. 
Denn die Welt laBt sich nicht leicht als eine bloBe Zufalligkeit be- 
trachten, insofern man es mit Naturtatsachen zu tun hat. Aber der Mut 
verdunstet gegeniiber den Dingen, die man gewohnlich als zufallig 
bezeichnet, wo der Mensch gerade stark sein sollte - namlich dem 
Zufall gegeniiber - und sich sagen sollte: Da treten mir in einer ge- 
wissen Sphare Ereignisse gegeniiber, welche sich scheinbar sinnlos 
zusammenschlieBen; ich werde einen tieferen Sinn darin suchen. - 
Hineintragen den Sinn in die auBere Zufalligkeit, das hieBe, sich mit 
starker Seele den auBeren Zeichen entgegenwerfen, so daB der Mut 
auch andauerte gegeniiber den scheinbar zufalligen Ereignissen. So 



daB also das heutige Phantasieren gegeniiber dem Zufall aus einer 
inneren Schwache stammt, weil sich der Mensch nicht getraut gegen- 
iiber den Dingen, die er heute Zufall nennt, ein Gesetz anzuerkennen. 
Das ist etwas, was man bezeichnen darf als wissenschaftliche Feigheit, 
als Feigheit der Wissenschaft gegeniiber dem Zufall : stehenzubleiben 
und nicht den Mut zu haben, in das, was sich als ein bloBes wirres 
Chaos darbietet, die Gesetze hineinzutragen, weil das Gesetz sich nicht 
selbst anbietet und dazu zwingt, es aus innerem Mut hineinzutragen. 
Daher muB entgegentreten der mutiosen Wissenschaft, die sich heute 
bloB auf Naturgesetze ausdehnen will, die mutvolle, starke, kiihne 
Wissenschaft des Geistes, welche die innere Seele so belebt, daB in das 
scheinbare Chaos der Zufalligkeiten Gesetz und Ordnung hinein- 
gebracht wird. Und das ist diejenige Seite der Geisteswissenschaft, von 
der man sagen muB: Der Mensch soil durch sie stark werden, um 
nicht bloB dort GesetzmaBigkeiten anzuerkennen, wo die auBeren 
Verhaltnisse zu Starke und Mut zwingen, sondern auch dort, wo er 
sein Inneres aufrufen muB, um so zu sprechen, wie sonst nur dieNatur- 
ereignisse mit ihrem Zwange zu ihm sprechen. Die Natur ist fertig, ist 
da. Der Mensch tritt ihr gegeniiber. Neben die Natur und iiberall in die 
Natur hinein stellt sich die Zufalligkeit. Der Mensch ist selbst in diese 
Zufalligkeit hineinverwoben, und ein groBer Teil dessen, was er sein 
Schicksal nennt, liegt in den Gesetzen dieser Zufalligkeit. Was muB 
geschehen? Was geschehen muB, das sei heute noch beantwortet. 

Geschehen muB etwas, was man in der Tat vielfach heute in der 
auBeren exoterischen Welt nicht einmal ahnt, wovon man sich gar 
keine Vorstellung macht. Es braucht, damit das geschehen soil, was 
geschehen konnte, eine Anfeuerung des Impulses, der zur auBeren 
Wissenschaftlichkeit treibt, eine Anfeuerung, die nicht von dieser 
auBeren Wissenschaftlichkeit allein kommen kann, ganz unmoglich 
von ihr kommen kann. Es braucht einen EinfluB auf diese auBere 
Wissenschaft von der geistigen, von der spirituellen Forschung her. 
Derm die auBere Wissenschaft wird, weil sie sich zwingen laBt zu ihren 
GesetzmaBigkeiten, sich nicht aufraflfen konnen zu dem Mut, der not- 
wendig ist, um in das Reich der scheinbaren Zufalligkeiten spirituelle 
GesetzmaBigkeit hineinzuschauen. Es hangt das mit dem zusammen, 



das oft hier beriihrt worden ist, daB Geisteswissenschaft, wenn sie 
ernst genommen sein soli, auf einen neuen Impuls horen muB, der zu- 
gleich hinweist auf eine Befeuerung des menschlichen Seelenmutes, 
der dazu fiihren muB, daB etwas durchaus Neues in die Welt hinein- 
treten muB: wenn dieses Neue auch nichts anderes ist als die Neu- 
erfassung desselben Impulses, welcher der Menschheit zwar gegeben 
worden ist, aber mehr oder weniger unbewuBt gegeben worden ist 
und zur BewuBtheit von unserem Zeitalter an aufgerufen werden 
muB. Man sieht es uberall, wie ein neuer Impuls kommen muB. Aber 
die anderen merken es auch, welche diesen neuen Impuls nicht wollen. 
Sie merken es ganz klar; aber sie geben sich manchmal in einer recht 
merkwiirdigen Weise dariiber Rechenschaft. Sie sagen es zwar nicht 
direkt. Aber das Merkwurdige ist doch, daB alle die, welche den Mut 
nicht haben zu dem, was jetzt gekennzeichnet worden ist, sich zwar 
noch in einer merkwiirdigen Weise abzufinden vermogen mit alien 
moglichen philosophischen und sonstigen Auseinandersetzungen iiber 
die geistige Welt, die noch so ein biBchen Kompromisse schlieBen mit 
dem, was als naturliche Gesinnung herrscht. Sie werden da und dort 
eine anerkennenswerte Nachsicht finden mit alledem, was in eine 
geistige Welt hineinweist, was sich aber doch in einer ge wis sen Art 
noch gefallen laBt, zusammengeworfen zu werden mit alledem, das 
man sonst gern hat und das sich noch zeigen kann unter anstandigen, 
naturwissenschaftlich gesinnten Leuten: aber irgendwo wird da eine 
Ausnahme gemacht. Diejenigen, die so recht glauben, daB sie das 
Recht dazu haben «unbedingt» zu urteilen, sie werden sagen: Ja, mit 
denen, die eine idealistische Philosophic vertreten, welche eine all- 
gemeine, auf Vernunft begriindete Annahme einer geistigen Welt 
macht, mit denen laBt sich ja reden, mit denen kann man sich aus- 
einandersetzen. - Aber in merkwurdige Tone, in merkwurdige Taten 
verfallen die Menschen, wenn sie etwas horen von Geisteswissenschaft 
oder Anthroposophie. Da wird ihnen unbehaglich. Sie geben sich dar- 
iiber nicht so ganz Rechenschaft, aber das eine ist ihnen klar: damit 
wollen sie nichts zu tun haben. Da werden sie auch unerbittlich, und 
da sind sie nicht so ganz nachsichtig, da wird geschimpft und die 
Geisteswissenschaft hingestellt als etwas Phantastisches, Ertraumtes 



und Willkiirliches. Und selbst die, welche noch von oben herunter zu- 
weilen eine Nachsicht haben mit andern idealistischen Richtungen, der 
Geisteswissenschaft gegeniiber verhalten sie sich doch so, daB fast der 
Goethesche Ausspruch zuschanden wird: «Den Teufel spurt das Volk- 
chen nie, und wenn er sie beim Kragen hatte ! », weil sie da die Anthro- 
posophie so empfinden, als wenn es schon der leibhaftige Teufel ware. 
Sie sagen es oft nicht, aber es ist so, ist ganz merkwiirdig so. 

Man kann heute hinweisen auf einen Fall, der sich in unsern Reihen 
selber zugetragen hat, kann deshalb darauf hinweisen, weil er jetzt 
schon durch deutsche Zeitungen geht. Da hatte einer der Unsrigen an 
einer nordischen Universitat eine Abhandlung als Doktorschrift ein- 
gereicht iiber das «Verhaltnis des Ich zum Denken». Ware er in der 
gliicklichen Lage gewesen, in der ich selber war, bevor ich unter dem 
Namen «Theosophie» die Weltanschauung vertreten habe, die ich 
jetzt vertrete, als ich meine « Philosophic der Freiheit» schrieb, so 
wiirden die Menschen ja keine Ahnung, ich sage, kerne «falsche» 
Ahnung haben, daB in dieser Abhandlung das Verhaltnis des Ich zum 
Denken eine Beziehung zur Theosophie habe. Denn gar nichts kommt 
darin iiber Theosophie vor, so wenig wie in meiner «Wahrheit und 
Wissenschaft » und in der « Philosophic der Freiheit » etwas von Theo- 
sophie vorkommt. In diesen beiden Schriften haben die Menschen gar 
nicht geahnt, was dahintersteckt, haben auch nichts geredet, und die 
Dinge haben zuweilen eine merkwiirdig giinstigeBeurteilung erfahren. 
Ich konnte das so recht priifen. Eines Tages wurde ich auf Grund 
meiner Goethe- Schriften aufgefordert, das Kapitel iiber Goethes Ver- 
haltnis zur Natur wissenschaft zu schreiben. Das Werk erschien lange 
Zeit nicht, das Manuskript lag lange beim Herausgeber. Es war da- 
zumal fast eine Selbstverstandlichkeit, daB mir dieses Kapitel iiber- 
tragen war, und es zweifelte auch keiner der in Betracht kommenden 
Menschen daran, daB dieses Kapitel gerade von mir geschrieben 
werden sollte. Aber da geschah etwas Merkwiirdiges : Ich hatte ange- 
fangen, das Wort Theosophie auszusprechen, ja, ich war sogar offiziell 
innerhalb der theosophischen Bewegung aufgetreten - und die Ab- 
handlung wurde mir als «unbrauchbar» zuriickgeschickt ! 

Sie sehen, welche inneren Griinde da spielen. Da kann man die 



Dinge abfangen, welche da mitspielen : ware unser Freund nicht Theo- 
soph, so wiirden die Menschen nicht verkannt haben, daB da eine 
logisch dialektische Abhandlung vorliegt iiber das Verhaltnis des Ich 
zum Denken. Aber nun ist jene Universitatsstadt, wo sich das zu- 
getragen hat, nicht so groB, man wuBte, daB der Betreffende ein 
Theosoph ist, und nun war seine Arbeit unbrauchbar fur die Ge- 
lehrten, die noch dazu Experimentalpsychologen sind, die da sagen: 
Gesetze erkennen wir nur da an, wo der auBere Zwang herrscht. - 
Wenn jemand aber Gesetze anerkennt, wo kein auBerer Zwang 
herrscht, wie ja bei dem Verhaltnis des Ich zum Denken kein auBerer 
Zwang herrschen kann, so ist der Betreffende von vornherein zuriick- 
gewiesen. Kurz, die Abhandlung unseres Freundes wurde zuriickge- 
wiesen. Es wurde aber noch etwas anderes gemacht. Diese Abhand- 
lung ist ja in einer nordischen Sprache geschrieben, die nur sehr wenige 
kennen, und da schickte man sie nun an einen alten deutschen Ge- 
lehrten, der «zufallig» diese nordische Sprache kennt - ich sage dies 
absichtlich. Dem alten Herrn mutete man ja viel Philosophic zu; aber 
man konnte nicht das voraussetzen, was in diesem Falle giinstig war : 
daB der Betreffende nicht Theosoph war! 

So hat er also sein Urteil abgegeben, hat es objektiv abgegeben, und 
siehe da : es wurde ein auBerordentlich giinstiges Urteil. 

Solcher Geschichten reihte sich an diese Abhandlung noch eine an, 
und worauf es dabei ankommt, werden Sie gleich sehen. In diesen 
Tagen wurde mir ein Ausschnitt aus der « Frankfurter Zeitung» ge- 
schickt, wo in einer unglaublichen Weise iiber diese Sache berichtet 
wird, so daB man absolut nicht mehr erkennt, worum es sich handelt; 
denn es wird die Sache geradezu - obwohl sie selbst mit der Theoso- 
phie nichts zu tun hat - so dargestellt, als ob nun an einer nordischen 
Universitat iiber Theosophie gestritten wird ! Nicht iiber Theosophie, 
sondern iiber einen ganz anderen Punkt! Und das diirfte nicht ver- 
schleiert werden. Dariiber namlich: ob es noch moglich ist, irgendwo 
eine Bresche zu schieBen gegen die Intoleranz, von der wir gesprochen 
haben. Ober das, worauf es eigentlich ankommt, dariiber wird nicht 
gesprochen. Da spielen eben andere Griinde mit, und so werden Sie 
die kuriosesten Entstellungen iiber solche Vorgange finden. 



Ich erwahne es, damit Sie die Sache wissen und beurteilen konnen, 
und weil so etwas immer wieder und wieder vorkommt und sich selbst 
unter den Theosophen Leute finden, die es ernst nehmen und sagen : 
Da oder dort ist etwas Spirituelles -, wahrend Sie dariiber belehrt sein 
sollten, daB sie das, was als ein wirklich neuer Impuls kommen soil, 
nicht zu suchen haben da oder dort, sondern in derGeisteswissenschaft 
selber. Denn nur dadurch gedeiht, was die Welt vorwartsbringen soil, 
wenn es sich in seiner eigenen Kraft erfaBt. Und so muB sich der 
Mensch erfassen in seiner eigenen Kraft, urn dennoch die Welt in ihrer 
scheinbaren Zufalligkeit als sinnvoll und gottdurchdrungen zu durch- 
schauen. Dieser Impuls muB aus der Geisteswissenschaft heraus ge- 
geben werden. Wie muB er gegeben werden? So, daB die Menschen 
erkennen werden, daB einmal im Laufe der Menschheitsentwickelung 
der Zeitpunkt da war, der jetzt eben neu erkannt werden soil, auf den 
uns unter anderem so bedeutungsvoll im Markus-Evangelium hin- 
gedeutet wird, der damals eingetreten ist, jetzt aber fur das mensch- 
liche BewuBtsein erobert werden soli, auf den im Markus-Evangelium 
im ersten Kapitel mit den Worten hingedeutet wird: «Es ist erfiillt der 
Inhalt der alten Zeit, und herbeigekommen ist das Reich der Himmel ; 
erkennt euch und schauet hin auf dasjenige, was aus der neuen Bot- 
schaft flieBt ! » Und dann wird, wenige Stellen wetter, merkwiirdig ge- 
sprochen von dem Christus Jesus. Es handelt sich wahrhaftig in un- 
serer Gemeinschaft nicht darum, ein orthodoxes Dogma zu vertreten, 
sondern darauf hinzuweisen, wie an einer Stelle der Menschheits- 
entwickelung der Impuls eingetreten ist, der jetzt zur Starkung der 
inneren Krafte fiihren muB, durch den das menschliche Ich sich er- 
kennt, aber auch in der Welt sich selbst schauen lernt und in sich selbst 
hineintragen lernt, was sonst nur als blinder Zufall erscheint. Warum 
spricht zu dem Menschen aus den Naturerscheinungen heraus kein 
Zufall? Warum spricht er da von GesetzmaBigkeit? Das ist aus dem 
Grunde, weil nach dem Ablauf der Saturn-, Sonnen- und Monden- 
entwickelung eingegriffen haben die Geister der Form, die Exusiai. 
Und wenn Naturgesetze sich ofFenbaren, so sind das keine abstrakten 
Gesetze, sondern es sind im spirituellen Sinne die Taten der Exusiai, 
der Geister der Form. Und indem der Mensch hineinschaut in den Ab- 



lauf der Naturereignisse, schaut er in den Naturgesetzen die Taten der 
Exusiai. Aber zusammengesunken ist der Mensch in seinem Mut. Und 
da, wo die Exusiai nicht sprechen, wo sie nicht handgreiflich hin- 
weisen auf das, was sie in die Naturtatsachen hineingelegt haben, da 
ahnt der Mensch nichts mehr davon, daB dort auch Geistiges als die 
GesetzmaBigkeit spricht. Dahin aber muB es kommen, daB der Mensch 
von den Ereignissen, die er heute noch in das Reich des Zufalls wirft, 
so sprechen lernt, wie in den Naturtatsachen die Exusiai sprechen. 
Zusammengeklappt in seinem Mut ist der Mensch. Wie lernt er nur 
sprechen iiber das, was als Menschenschicksal durch die Menschheit 
zieht? Nur wie die «Grammatiker», die nur die Worte aufzahlen und 
keinen Zusammenhang suchen, und gar oft glauben, daB keine wir- 
kende und lebendige Kraft darinnen ware. Der Mensch aber muB 
lernen nicht nur in den Naturtatsachen, in den Taten der Exusiai einen 
Zusammenhang zu sehen, sondern er muB auch durch einen inneren 
Impuls so sprechen lernen iiber die Ereignisse in der Menschheit, wie 
wenn die Exusiai auch sprechen wiirden in dem, was ihm heute als 
Zufalligkeit erscheint. Damit aber das geschehen kann, muBte Einer 
kommen, der nicht spricht wie die, welche nichts wissen von den 
scheinbaren Zufalligkeiten. Der da kommen muBte, der muBte spre- 
chen nicht wie die Grammatiker, sondern wie die Exusiai aus den 
Naturtatsachen sprechen. So sprach der Christus aus dem Jesus. Und 
das zeigt uns das Evangelium in einer wunderbaren Weise an, indem 
es uns nicht bloB in abstrakter Weise sagt: «Und sie entsetzten sich 
iiber seiner Lehre», sondern indem es gleich hinzufiigt: «...denn er 
lehrte, wie die Exusiai lehren», rjv yap dtddaxiov afrrobs i^ouaiav 
l/wv, (en gar didaskon autous hos exuslan echon). Wo lehren die 
Exusiai? In den Naturtatsachen! So, mit derselben Naturnotwendig- 
keit sprach der Christus aus dem Jesus iiber das, was er zu sagen hatte 
iiber die scheinbar nicht durch Naturgesetze beherrschten Reiche. 

Das ist der Impuls, der hineinkommen muB in die Menschen. Dann 
werden sie den Mut finden, in den heutigen Zufalligkeiten das Reich 
der spirituellen GesetzmaBigkeit kennenzulernen und nach und nach 
dariiber so sprechen zu lernen, wie die Exusiai, wie die Geister der 
Form in den Naturtatsachen sprechen. Das war der grofie Osterimpuls 



der Menschheit, daB in dem Jesus von Nazareth etwas lebte, was da 
sprach mit derjenigen inneren Notwendigkeit, mit der sonst die Na- 
turgesetze in den Naturtatsachen sprechen, von dem irdischen Mine- 
ralreich bis oben hinauf uber das Reich der Wolken in das Reich der 
Sterne hinein. So sprach der Christus in dem Jesus von Nazareth! Und 
wenn der Mensch die Moglichkeit findet, seinen Mut anzufeuern 
durch diesen Impuls, dann wird er die einheitliche GesetzmaBigkeit 
in alien Tatsachen des Weltgeschehens erkennen, in den Naturtat- 
sachen und auch in den Geistestatsachen, von denen man glaubt, daB 
dort der Zufall spielt. Das ist das Neue, daB die Menschen, abgesehen 
von alien Vorurteilen, verstehen lernen miissen, worin das Gewaltige 
des Christus-Impulses besteht und woriiber hinaus sie der Christus- 
Impuls heben kann. Mit solchen Gedanken schreiten wir entgegen 
demjenigen Fest, das man als Erinnerungsfest an jene Tatsache be- 
zeichnet, durch welche erkannt wurde im Laufe der Menschheits- 
entwickelung, daB ein solcher Impuls der Menschheit zuteil geworden 
ist. Es wird mancherlei von dem, was gerade im heutigen Vortrage 
gesagt worden ist, ganz gut verwertet werden konnen als eine Art 
Ostermeditation, und Sie werden dann verspiiren, daB das, was aus 
einer solchen Betrachtung wie der heutigen hineinflieBt in die Seele, 
nutzlich sein kann fur die Stimmung, die den Menschen dem Oster- 
feste entgegenbringen kann, wie das auch in unserem Seelenkalender 
charakterisiert worden ist. 



VIERTER VORTRAG 
Berlin, 23.April 1912 



Ich habe Sie, bevor wir zumGegenstand unserer heutigen Betrachtung 
kommen, noch einmal hinzuweisen auf den ja jetzt wirklich erschie- 
nenen anthroposophischen Kalender, in dem ich den Versuch ge- 
macht habe, das, was ein Kalender sein kann fur den Menschen, 
wiederum lebendig zu machen dadurch, daB die Zeiten, Krafte- und 
Zeitenverhaltnisse wiederum zuriickgefuhrt werden auf ihre Ur- 
spriinge, durch die sie erkannt werden konnen in okkulten Imagina- 
tionen. Vieles von dem, was jetzt sich nur in den abstrakten Zeichen 
der Tierkreisbilder ausdriickt, kann lebendig gemacht werden, wenn 
wiederum das in eine gefuhlsmaBige Imagination umgewandelt wird, 
was ja auch urspriinglich mit den Tierkreisbildern gemeint war. Das 
ist geschehen in den erneuerten Tierkreisbildern, wie sie in der emp- 
findungsmaBigen Intuition von Fraulein von Eckhardt stein gegeben 
sind, so daB man sich wieder hineinempfinden kann in ein lebendiges 
Verhaltnis zumHimmel. Sie mussen nur versuchen, das, was in Bildern 
gegeben ist, in sich selber empfindungsgemaB lebendig zu machen. 

Sie linden dann fur die einzelnen Wochen des Jahres Meditations- 
formeln. Diese Meditationsformeln seien Ihnen ganz besonders ans 
Herz gelegt, denn sie enthalten das, was in der Seele lebendig gemacht 
werden kann und was dann wirklich entspricht einem lebendigen Ver- 
haltnis von Seelenkraften zu Kraften des Makrokosmos. Was wir 
nennen konnen den Fortgang der Zeit, das wird gelenkt und geleitet 
von geistigen Wesenheiten, von geistigen Wesenheiten, die in ihren 
gegenseitigen Beziehungen, in ihren lebendigen gegenseitigen Ver- 
haltnissen eigentlich die Zeit bedingen, die Zeit machen, konnte man 
sagen. Nun ist es ganz abstrakt und bloB allegorisch, wenn das, was 
auch beim Menschen Zeiterlebnissen entspricht, das Zeitliche in der 
Menschenseele, ohne weiteres parallelisiert wiirde mit Vorgangen, die 
sich auf die Zeit im Makrokosmos beziehen. Sie werden sehen, daB 
ganz andere Erlebnisse der Menschenseele, die in gewisser Beziehung 
gar nichts mit Zeit zu tun haben, dort gegeben sind. Wenn Sie diese 



Dinge in der Seele lebendig machen, so werden Sie das Verhaltnis 
kennenlernen, das die Seele erleben kann zwischen Zentrum und Pe- 
ripherie der Sinneserlebnisse. Dieses eigentumliche Verhaltnis, es kann 
geandert werden durch diese Meditationen. Es kann dadurch hervor- 
gerufen werden eine Imagination des Verhaltnisses der Wesenheiten, 
die den Fortgang der Zeit bedingen, so daB man durch diese zweiund- 
funfzig Formeln in der Tat den Weg finden kann aus dem Mikrokos- 
mos zum Makrokosmos. 

Was der Kalender als AuBeres hat, ist nur die exoterische Seite, 
denn in Wahrheit schreiben wir 1879. Die Zeitverhaltnisse, die ge- 
schaut werden konnen durch okkulte Beobachtung, sollen wirklich 
hier zum Ausdruck gebracht werden. Damit soil hier begonnen wer- 
den, denn es ist naturlich nur ein erster Anfang. Mit dem Mysterium 
von Golgatha ist gegeben die Geburt des Ich-BewuBtseins innerhalb 
der Menschheit. Und diese Tatsache wird allmahlich irnmer mehr und 
mehr in der geistigen Kultur unserer Erde erkannt werden als be- 
deutsam fur alle Zukunft der Menschheit. So wird man nach und nach 
verstehen, daB es gerechtfertigt ist, das Jahr 1879 zu zahlen heute, das 
heiBt 1912 weniger 33. Damit ist auch gegeben, daB die Zeit gerechnet 
wird von Ostern zu Ostern, daB wir nicht mit dem Januar beginnen, 
weil, wenn man in der Geburt des Ich-BewuBtseins etwas Wesent- 
liches sieht fur die geistige Menschheitsentwickelung, es auch gerecht- 
fertigt ist, jedes Jahr daran erinnert zu werden, indem diese Geburt des 
Ich-BewuBtseins selber bezogen wird auf Verhaltnisse des Mikro- 
kosmos und Makrokosmos. Ein bedeutsamer Zug des Verhaltnisses 
von Mikrokosmos und Makrokosmos ist gegeben, wenn das Oster- 
fest in Zusammenhang mit der Geburt des Ich-BewuBtseins gedacht 
wird. DaB heute gesucht wird, das Osterdatum auf einen bestimmten 
Tag zu verlegen, statt es vom Himmel abzulesen, das gehort ganz 
selbstverstandlich zur Signatur unserer Zeit, die fur alle auBeren Ver- 
haltnisse immer mehr in den Materialismus hineinsturmt und vergiBt, 
was mit dem Spirituellen zusammenhangt. Es wird notwendig sein 
vielleicht, daB in der anthroposophischen Stromung bewahrt werde 
gegeniiber dem Industrialismus, dem Kommerzialismus, dem Mate- 
rialismus iiberhaupt, die Erinnerung an die konkreten Daten, die nicht 



gegeben werden durch Geld- und Scheckauszahlen, sondern durch 
Verhaltnisse des Weltenalls. Es wird das erste groBe Zeichen sein, daB 
die auBere und innere Kultur, der ganz materialistischen und der spiri- 
tualistischen Bahnen griindlich nebeneinanderher gehen miissen, wenn 
es der auBeren Kultur gelingen sollte, das Osterdatum loszureiBen von 
der Bestimmung aus der Sternenwelt heraus. Man wiirde vor einer 
HofTnungslosigkeit stehen, wenn man glauben wollte, daB aus der 
materialistischen Kultur heraus ein wirklicher Aufschwung zu spiri- 
tuellen Tatsachen moglich sein sollte. Es ist ein erster Versuch fur 
dieses Jahr; ich hoffe, daB, indem die Anthroposophen den Kalender 
benutzen, sie uns unterstiitzen werden, inn in immer vollkommenerer 
Gestalt vor die Welt hintreten zu las sen. 

Einige unserer Freunde der deutschen Sektion waren mit mir in den 
letzten Wochen innerhalb eines auswartigen anthroposophischen 
Arbeitsfeldes : wir hatten das Arbeitsfeld Finnlands in Helsingfors 
betreten. Ein solches Verweilen auf einem auswartigen anthroposo- 
phischen Arbeitsfelde ist immer etwas, was den Teilnehmern vor 
Augen zu riicken in der Lage ist: die Zusammengehorigkeit des an- 
throposophischen Lebens auf der einen Seite, wo es wahrhaft vertreten 
wird iiber den Erdkreis hin, und auf der andern Seite die tiefe Be- 
griindetheit dieses anthroposophischen Lebens in der Kultur der 
Gegenwart, die Notwendigkeit dieses Lebens fur die Kultur der 
Gegenwart. Es war ja, ich mochte sagen, fur mein BewuBtsein ganz 
besonders bedeutungsvoll, daB unsere Freunde in Finnland einen 
Vortrag von mir gewiinscht haben iiber das altehrwiirdige Epos der 
Finnen, iiber die «Kalewala». Damit, daB dieser Wunsch vor Zeiten 
ausgesprochen worden ist, war ja fur mich die Notwendigkeit ge- 
geben, mich auch vom Standpunkte des Okkultismus aus mit dieser 
ganz merkwurdigen Dichtung des merkwiirdigen finnischen Volkes 
zu beschaftigen. Und auch dabei trat wieder etwas hervor, was ich bei 
vielen andern Gelegenheiten auch hier an diesem Orte schon ofter er- 
wahnt habe. Ein ganz besonderes Gefiihl iiberkommt uns, wenn wir 
ganz unabhangig von allem, was Menschen iiber die geistige Welt 
bisher gewuBt haben und in ihrer Art in Worten zum Ausdruck ge- 
bracht haben, in diese geistigen Welten uns vertiefen und finden, wie 



es in denselben aussieht und wie der Mensch zu ihnen steht, und wenn 
wir dann ebenso unabhangig davon uns fragen: Wie verstehen wir 
nun, nachdem wir den Einblick in die geistigen Welten, auch den Ein- 
blick in das Verhaltnis des Menschen zu ihnen gewonnen haben, das- 
jenige, was in den Uberlieferungen der verschiedensten Volker, was 
in den Urkunden enthalten ist, die von den Jahrhunderten her zu uns 
sprechen? Wie verstehen wir dies mit den iiber die ubersinnliche Welt 
gewonnenen Erkenntnissen? - Da haben wir gesehen, wie zum Bei- 
spiel in der biblischen Urkunde und in andern Urkunden, welche 
deutlich auf dem Grunde des Okkultismus erbaut sind, in einer andern 
Ausdrucksweise aller dings als wir sie jetzt geben miissen, aus alten 
Zeiten, aus den verschiedensten Zeiten der Menschheitsentwickelung 
und in den verschiedensten Formen dasjenige zum Ausdruck gebracht 
wird, was wir heute selber finden. Dadurch gewinnen dann diese Ur- 
kunden fur uns ein ganz neues Gesicht und eine ganz neue Kraft. Dann 
sagen wir uns: In den Welten, in die wir hinein wollen durch den 
geistigen Erkenntnispfad, durch unser allmahliches Uns-Aufschwin- 
gen zur Initiation, in diesen Welten haben gewisse Menschen gestanden 
und von ihnen heraus den Epochen ihre groBen Offenbarungen ge- 
geben. Und in den verschiedensten Zeiten haben sie in den verschie- 
densten Weisen drinnen gestanden. 

Ein solches ganz besonderes Gefiihl konnte einen beschleichen in 
bezug auf die okkulte Bedeutung des altehrwiirdigen finnischen Epos 
Kalewala. Und fur mich selber war gerade der Kalewala gegenuber 
die Empfindung eine ganz besonders lebhafte, ich mochte sagen, eine 
besonders charakteristische. Diese finnische Dichtung ist zwar in alle 
europaischen Sprachen ubersetzt,aber sie unterscheidet sich im Grunde 
genommen von alien anderen erzahlenden Dichtungen ganz bedeut- 
sam und laBt sich mit keiner so ohne wekeres vergleichen. 

Nun wissen Sie, daB vor vielen Jahren, als zum ersten Male mein 
Buch «Theosophie» erschien, eine innere Notwendigkeit, eine unab- 
hangige Betrachtung der spirituellen Welt dazu gefiihrt hat, das 
menschliche Seelenleben einzuteilen in drei Seelenglieder : in die Emp- 
findungsseele, in die Verstandes- oder Gemutsseele und in die BewuBt- 
seinsseele. Diese drei Seelenglieder sind gewonnen nur durch okkulte 



Forschung, nur durch okkulte Beobachtung. Es sind dabei, als diese 
Gliederung gewonnen worden ist, keine Blicke geworfen worden auf 
diese oder jene Uberlieferung. Nichts anderes ist zu Rate gezogen 
worden als das, was sich ergibt, wenn man den okkulten Blick in die 
geistigen Welten hineinrichtet. Nun kam die Notwendigkeit, weil un- 
sere Freunde von der finnischen Sektion ersucht hatten um eine ok- 
kulte Interpretation der Kalewala, diese Kalewala einmal anzusehen 
vom Gesichtspunkte der okkulten Forschung. 

Es ist immer wieder und wieder betont worden, daB das mensch- 
liche BewuBtsein und das menschliche Seelenleben, wie wir sie jetzt 
haben, nicht immer so waren wie heute, sondern, wenn wir zuriick- 
gehen in der Menschheitsentwickelung, so kommen wir zu denjenigen 
Urzeiten, inwelchen das gegenwartige Wahrnehmen, das gegenwartige 
Denken und die gegenwartige Art sich zur AuBenwelt zu verhalten, 
nicht vorhanden waren, aber ein altes, urspriingliches Hellsehen war 
damals den Urmenschen eigen. Wenn wir also gleichsam den Blick zu- 
riickwenden iiber die Menschheitsentwickelung hin, so finden wir von 
einem ge wis sen Zeitpunkt ab, der etwa mit dem Jahre 600 vor der 
christlichen Zeitrechnung beginnt, auch die Zeit, wo in der Mensch- 
heitsentwickelung die besondere Konfiguration des Seelenlebens ein- 
tritt, welche dann zu dem mehr abstrakten wissenschaftlichen Denken 
gefiihrt hat, wahrend friiher immer noch vorhanden sind Stiicke, Reste 
alten Hellsehens oder wenigstens Erinnerungen daran, die sich bei 
einem Volke langer, bei einem andern weniger lange erhalten haben. 
Oberall finden wir, wenn wir zuriickgehen in der Entwickelung der 
einzelnen Volker, daB diese Volker sich erst nach und nach zu dem 
gegenwartigen BewuBtsein hindurchgerungen haben. Vorher haben 
wir eine Erinnerung an menschliche Urzeiten, in welchen das normale 
menschliche BewuBtsein eine Art von Hellsehen hatte. Und in der 
Zeit der Dammerung zwischen dem alten Hellsehen und dem gegen- 
wartigen BewuBtsein sind eigentlich die Epen, die Volksdichtungen 
entstanden. 

Eine solche Wahrheit, wie wir sie jetzt finden, daB die menschliche 
Seele sich gliedert in Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemiits- 
seele und BewuBtseinsseele, ware naturlich dem Menschen der Urzeit 



durchaus nicht moglich gewesen zu finden. Aber diese Menschen 
hatten ganz in der Urzeit ein wirkliches Hellsehen, wenn auch nicht 
durchleuchtet von dem jetzigen Intellekt, von dem jetzigen Verstande, 
wenn auch etwas traumhaft, dammerhaft. Sie hatten, bevor das gegen- 
wartige BewuBtsein heraufkam, etwas wieZwischenzustande zwischen 
unserem gegenwartigen Wachzustand und Schlafzustand, in denen sie 
abet lebendige Erinnemngen hatten, daB es einstmals anders zu- 
gegangen war, daB alie Verhaltnisse anders waren, und daB sich der 
einzelne Mensch zu dem andern nicht so verhielt, wie es das jetzige 
BewuBtsein ergibt, sondern wie es das alte Hellsehen ergab. Was die 
Volker durchgemacht hatten in der Zeit von dem Niedergange des 
alten Hellsehertums bis zum Eintritt in das gegenwartige BewuBtsein, 
das schilderten sie in den Epen, in den groBen Volkerdichtungen. 

Der heutige materialistische Mensch sagt nun, daB sich das mensch- 
liche Seelenleben allmahlich heraufentwickelt habe aus den materiellen 
Prozessen, die an den menschlichen Organismus gebunden sind, aus 
Prozessen, wie sie sich bei niedrigeren Wesen auch finden. Die Geistes- 
wissenschaft aber zeigt, daB das, was beim Tiere sich im Seelenleben 
findet, niemals Veranlassung hatte geben konnen zu einer Gliederung 
in Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemutsseele und BewuBtseins- 
seele, daB vielmehr unmittelbar aus einer geistigen Welt herunter- 
geflossen ist in den Erdenmenschen diese innere Trinitat der mensch- 
lichen Seelenglieder, der Empfindungsseele, der Verstandes- oder Ge- 
mutsseele und der BewuBtseinsseele. Daher kann sich der Mensch 
sagen, wenn er hinaufschaut in die geistige Welt: Da flieBen drei 
Strome herunter, denen in der geistigen Welt drei Wesenheiten ent- 
sprechen, welche die unmittelbaren Inspiratoren der Empfindungs- 
seele, der Verstandes- oder Gemutsseele und der BewuBtseinsseele 
sind. Die Schopfer dieser drei Seelenglieder haben wir gleichsam in 
einer Welt zu suchen, die heute der ubersinnlichen Welt eben ange- 
hort, mit der aber die Menschen der Urzeit in einer unmittelbaren Ver- 
bindung standen. 

Nun wis sen wir, daB in dem Augenblick, wo wir in die geistige Welt 
hinaufsteigen, unser menschliches Anschauen uns zur Imagination 
wird, gleichgultig, ob wir hinaufsteigen durch bewuBte Schulung, wie 



es beim modernen Menschen der Fall sein wird, oder ob es durch das 
alte Hellsehen der friiheren Zeiten war. Da stieg die Seele auch hinauf 
zu einer Art Imagination. Daher hatte sie in Bildern vor sich das Her- 
ausflieBen der dreifachen Menschenseele aus der geistigen Welt. - Nun 
treten uns in dem finnischen Nationalepos drei Helden entgegen. Zu- 
nachst sind sie hochst merkwiirdig, diese drei sonderbaren Geschopfe, 
die etwas Ubermenschliches haben und die wieder stufenweise etwas 
echt Menschliches haben. Geht man aber naher und untersucht man 
namentlich mit okkulten Mitteln die Sache, so zeigt sich, daB in diesen 
drei heldenhaften Gestalten die Schopfer, die letzten Schopfer und 
Inspiratoren dermenschlichen Seelenkrafte gegeben sind. Der Schopfer 
der Empfindungsseele entspricht dem, was in der Kalewala geschildert 
ist mit dem Namen Wainamoinen; der Schopfer der Verstandes- oder 
Gemiitsseele ist geschildert als Ilmarinen und der Schopfer der Be- 
wuBtseinsseele als Lemminkainen. Es tritt uns also hier bei diesem so 
merkwurdigen Volke in seiner Nationaldichtung in einer Imagina- 
tionsform aus dem urspriinglichen menschlichen Hellsehen das ent- 
gegen, was die moderne okkulte Forschung wiederfindet. Und wenn 
wir den gegenwartigen Menschen betrachten, so ist er, wie er uns als 
auBerer Mensch entgegentritt, wie wir ihn vor uns haben, nur dadurch 
moglich, daB zuerst veranlagt war im Verlauf der Menschheitsevolu- 
tion auf der Erde dieses dreigliedrige Seelenwesen. Ich habe das schon 
angedeutet in den offentlichen Berliner Architektenhausvortragen« Der 
Ursprung des Menschen im Lichte der Geisteswissenschaft», vom 
4. Januar 1912, und «Der Ursprung der Tierwelt im Lichte der Gei- 
steswissenschaft » vom 18. Januar 1912. Wir haben uns vorzustellen, 
daB im Verlauf e des Erdenprozesses einmal weder Menschen noch 
Tiere, sondern sozusagen ein undifferenziertes Etwas von Erdenleben 
vorhanden war; daB sich dann zuerst abgeschmirt haben die Wesen, 
die nur bis zur Tierheit gekommen sind, wahrend, als schon alle Tiere 
da waren, der Mensch noch gewartet hat bis andereErdenbedingungen 
eingetreten waren, und deshalb, weil er auf andere Erdenbedingungen 
gewartet hatte, konnte er seine gegenwartige Form erhalten. Das 
heiBt, wahrend schon die Tiere ihre verschiedenen Formen auf der 
Erde entwickelt hatten, war der Mensch noch oben in der geistigen 



Welt, er entwickelte sich erst, als die Tiere ihre festen Formen schon 
erhalten hatten. Und es ist so, daB der Mensch zuerst diese Veran- 
lagung in die drei Seelenglieder erhalten hatte, in Empfindungsseele, 
Verstandes- oder Gemiitsseele und BewuBtseinsseele. Dann brachte 
er in die Erdenverhaltnisse hinein die Moglichkeit, als solcher 
Mensch in auBerer Form aufzutreten, wie er eben jetzt ist. 

Wenn wir dies ins Auge fassen, konnen wir sagen: Der Mensch, wie 
er uns jetzt als fertiges Wesen entgegentritt, hat eigentlich das Tier- 
reich vor sich heruntergeschickt und ist dann nachgekommen, als die 
Erdenverhaltnisse so waren, daB er sein zur Dreigliedrigkeit ver- 
anlagtes Seelenleben in einer auBeren Form zum Ausdruck bringen 
konnte. - Was heiBt das aber eigentlich? Sonderbarerweise gewinnen, 
wenn man diese okkulten Wahrheiten ins Auge faBt, jene religiosen 
Uberlieferungen, die auf Okkultismus gebaut sind, wieder ihren tiefen 
Wert und werden nur enthoben der alten Vorstellungen, mit denen 
man eben nichts Rechtes mehr verbinden konnte. Der Mensch nahm in 
sich die Erdenverhaltnisse, die Erdenmaterie erst auf, als er sie so um- 
arbeiten konnte, daB sie seine gegenwartige Gestalt werden konnte, 
welche Gestalt der Abdruck werden konnte seines Seelenlebens, seines 
dreigliedrigen Seelenlebens. Der Mensch verarbeitete also die Erden- 
materie nach den Gesetzen seines Seelenlebens, gliederte das, was 
Erdenmaterien sind, in den Plan seines Seelenlebens ein und wurde so 
der Erdenmensch, das heiBt, er schmiedete die Erdenmaterie nach 
dem Muster seines Seelenvorbildes. Man braucht nur jetzt an die bi- 
blische Vorstellung zu denken von dem Verarbeiten des Erdenstoffes, 
nicht Erdenstaubes, sondern der Erdensubstanz, zum Menschen, dann 
hat man in dieser biblischen Vorstellung, die so viel verspottet worden 
ist von der modernen Abklarung - will sagen Aufklarung -, einen 
tiefen Sinn gegeben. Denn es wird darin namlich auf den Moment hin- 
gewiesen, als die Tiere schon da waren, weil sie fruher herunter- 
gestiegen waren, und aus der Erdensubstanz erst das geformt wurde 
nach dem Seelenvorbilde, was jetzt als leiblicher Mensch vor uns 
steht. 

Nun ist es ganz wunderbar, daB dieser Vorgang gerade groBartig 
dargestellt wird im Imaginativen in dem finnischen Nationalgedicht 



Kalewala, und zwar wird er dort dargestellt als das Schmieden eines 
geheimnisvollen Instrumentes, das dort in der Kalewala Sampo heiBt. 
Die kuriosesten Erklarungen sind fur dieses geheimnisvolle Instru- 
ment Sampo gegeben worden. In Wahrheit ist es der aus dem Zu- 
sammenwirken der drei Seelenprinzipien geschmiedete Atherleib, 
dessen Abdruck dann der physische Leib ist. So hat man hier - und es 
ist gar nicht notig, da8 wir die genaueren Dinge hier ausfiihren, es 
braucht nur darauf hingewiesen 2u werden - mit dem finnischenNatio- 
nalgedicht Kalewala etwas, was ganz selbstverstandlich aus der Er- 
innerung des finnischen Volkes herstammt, die noch eine Erinnerung 
friiherer hellseherischer Wahrnehmungen war, und in diesen hell- 
seherischen Wahrnehmungen wuBten die Menschen noch etwas von 
dem Heruntersteigen des Menschen als seelisches Wesen in seiner 
Dreigliedrigkeit in den physischen Leib. Das ist das Bemerkenswerte 
an einer solchen Sache, daB wir in den altenHeldensangen der Mensch- 
heit das wiederfinden, was wir uns heute erobern als Wahrheiten, als 
Erkenntnisse uber die geistigen Welten. Was wir an vielen Beispielen 
gefunden haben gegeniiber den fur alle Menschen wichtigen Urkun- 
den, das finden wir hier an einem besonderen Beispiel, das noch dazu, 
man mochte sagen, wie aus der Vergessenheit im 19. Jahrhundert auf- 
getaucht ist. Denn es war ja vergessen und wurde erst im Laufe des 
19.Jahrhunderts zusammengestellt aus Volksgesangen, die im Volke 
gelebt haben. Nichts war niedergeschrieben im Beginne des 19.Jahr- 
hunderts von dem, was wir heute als Kalewala haben, sondern es 
wurde erst herausgehort aus dem Volke und danach zusammengestellt, 
hat also nur im Volke gelebt. Wir brauchen, wenn wir vor einer sol- 
chen Tatsache stehen, gar nichts anderes als das, was da ist. Das heiBt, 
was ist denn in einem solchen Falle da? Es ist das da, daB ein Arzt des 
19.Jahrhunderts wahrnimmt: Da singt das Volk von allerlei Dingen, 
die ganz interessant sind - und daran geht, diese Dinge einmal zu 
sammeln. Nun werden sie zusammengestellt, werden auf diese Weise 
dem Volke wieder wert; man kurnmert sich darum, die Sachen werden 
in alle europaischen Sprachen iibersetzt, die Gelehrten geben torichte 
Erklarungen uber die einzelnen Dinge, aber die Sache ist da, sie hat 
im Volke gelebt. 



Wir gehen nun daran, mit dem, was wir heute als geistige Erkennt- 
nisse haben. Es stellt sich heraus, ob man will oder nicht, wenn man 
nur guten Willen hat, daB in dem, was da im Volke gelebt hat, was da 
aufgelesen ist aus dem Volke, okkulter Inhalt enthalten ist, okkulter 
Inhalt, den wir heute wiederfinden, so wie wir ihn, wenn wir guten 
Willen haben, wiederfinden in Homers Ilias, in der Odyssee, in dem 
Nibelungenliede und so weiter. Nur muB man eben jenen guten Willen 
haben, die Dinge zu suchen, muB ernsthaft suchen, muB allerdings 
nicht mit Allegorien oder mit den Mitteln einer symbolischen Mythen- 
deutung an die Sache herangehen, sondern sie unmittelbar auf sich 
wirken lassen. Was wir selbst gefunden haben auf okkultem Gebiete, 
das leuchtet uns aus den Imaginationen aus grauer Vorzeit entgegen. 
Hier kommt nun aber noch etwas Besonderes dazu. Es trat mir nam- 
lich bei der Kalewala etwas ganz Besonderes entgegen. Als ich die 
Kalewala in die Hand nahm, da horte ich auch, daB die SchluBrunen, 
die von einer Beriihrung des altfinnischen Geisteslebens mit dem 
Christentum handeln, ofTenbar spater hinzugefiigt sein miiBten; denn, 
wahrend alles andere den alten heidnischen Charakter hat, tragen die 
SchluBrunen durchaus etwas Christliches hinein, aber etwas zart 
Christliches. Und da stellte sich mir heraus, wunderbarerweise, daB 
dies dazugehort, daB ohne diese letzten Runen die Kalewala gar nicht 
denkbar ist. Das heiBt, wie die Kalewala entstanden ist und im Volke 
gelebt hat, so ist alles so gestaltet, daB es zuletzt ganz selbstverstand- 
lich gipfelt in einem zarten Hinweis auf das Christentum. Und man 
mochte sagen, auf das allerunpersonlichste Christentum, das sich nur 
denken laBt, auf ein Christentum, das das allerunpalastinensischste 
Christentum ist, das kaum wiederzuerkennen ist fur die christlichen 
Begriffe. So daB wir hier damit zu rechnen haben, daB aus ein und der- 
selben Seele das geboren war, was nicht mehr bei den iibrigen Kultur- 
volkern Europas mit der christlichen Kultur zusammen geboren wer- 
den konnte : denn, als die christliche Kultur kam, war lange die Zeit 
vorbei, in welcher dasHellsehen noch zuruckging in dieZeiten, welche 
entsprechen dem Heruntergliedern der dreifachen menschlichen Seele 
zur Menschengestalt. So haben wir hier bei dem finnischen Volke noch 
etwas von dem ZusammenschlieBen des uralten Hellsehens mit dem, 



was durch die christliche Kultur hereinspielt. Es ist damit etwas ganz 
Merkwiirdiges, etwas ganz Einziges gegeben, was vielleicht sonst 
nicht zu finden ist auf der Erde. Es ist ja vielleicht durch die besondere 
Verehrung, welche in Finnland fur die Kalewala herrscht, dieses Epos 
davor bewahrt, das Schicksal der IUas durchzumachen. Denn ich weiB 
nicht, ob vielen von Ihnen bekannt ist, daB Gelehrsamkeit die Ilias 
erst in kleine Stiicke zerhackt hat und dann behauptet hat, daB diese 
Ilias nicht von einem Menschen, der Homer geheiBen habe, iiberhaupt 
nicht von einem einzigen Menschen stamme, sondern nur spater zu- 
sammengesammelte Gesange ware. Bei der Kalewala hat man zwar 
das Faktum, daB die Sache gesammelt ist. Aber es ist ein Ganzes, ein 
einheitliches Ganzes ; man wird vielleicht in der Zukunft einige Ab- 
anderungen trefFen miissen, aber es ist ein einheitliches Ganzes. Es Hegt 
also die Tatsache vor, daB man hier aus dem BewuBtsein des Volkes 
eine Summe von okkulten Imaginationen aufgelesen hat, die sich fiir 
die geistige Weltanschauung durch ihren eigenen Gehalt deutlich als 
solche ausweisen. Verfolgt man mit der Akasha-Chronik die Sache 
zuriick, so stellt sich heraus, daB sie zuriickfiihrt auf die uralt heiligen 
Mysterien des nordlichen Europa, daB die Dinge inspiriert sind von 
den Initiierten und dem Volke gegeben und einverleibt worden sind. 

Warum habe ich Ihnen diese Tatsachen auseinandergesetzt? Was 
wir sonst iiber geisteswissenschaftliche Angelegenheiten besprechen, 
was wir seit Jahren besprochen haben, das wurde auch besprochen in 
Helsingfors und das wird besprochen in andern Gegenden Europas. 
Ein besonderes Neues, mochte ich sagen, und ein speziell Finnlandi- 
sches war eben jener offentliche Vortrag, den ich halten durfte iiber 
den okkulten Gehalt der Volksepen und besonders iiber den okkulten 
Gehalt der Kalewala. Und da fuhlte man ganz das, was fiir die geistes- 
wissenschaftliche Bewegung das Wesentliche ist, was sich immer mehr 
und mehr als das Wesentliche iiber die ganze Erde hin geltend machen 
wird. Man fiihlt : Mit der Geisteswissenschaft ist man in bezug auf das 
geistige Leben iiberall zu Hause, denn sie ist das Licht, das hinein- 
leuchtet in den Geistesweg, den die Menschheit iiber die Erde hin ge- 
nommen hat. Und so ist es wieder ein iiberwaltigendes Gefiihl, in 
diesen zusammengelesenen Volksdichtungen, die nun ein Ganzes 



bilden, durch die Geisteswissenschaft den eigentlichen Gehalt zu fin- 
den, zu finden, wie die Voiksseele da einmal gesprochen und gedichtet 
hat, bis ins 9., 10., ll.Jahrhundert herein, noch lebendige Erinne- 
rungen habend an das alte Hellsehen, wie es dann im Volke lebte, in 
diesem sonderbaren finnischen Volke, das sich noch Gebrauche und 
Kiinste von alter magischer Art erhalten hat, um dann zu sehen, wie 
uns Geisteswissenschaft alle diese Dinge erst verstandlich macht, wie 
sie uns zu deren Verstandnis fiihrt. 

Unter den vielen Zeichen, die angefuhrt werden konnten fur das, 
was sich uns sozusagen wie groBe spirituelle Tatsachen unserer un- 
mittelbar kommenden Zeit darstellt, ist dieses auch eines : die Geistes- 
wissenschaft tragt uns in ein sprachlich ganz fremdes Gebiet, denn die 
finnische Sprache unterscheidet sich ganz von alien iibrigen euro- 
paischen Sprachen, man versteht nichts von ihr auBerlich, man wird 
in ein ganz fremdes Gebiet getragen. Und was lernt man durch die 
Geisteswissenschaft kennen? Woriiber spricht man durch die Geistes- 
wissenschaft mit diesem Volke, das in bezug auf das, was in den letzten 
Jahrhunderten geschehen ist, den andern europaischen Volkern ganz 
fremd ist? Man spricht mit ihm uber das, was sein Allerheiligstes ist, 
was jetzt wieder so auflebt, daB die Leute nach der Kalewala trachten, 
daB die Kalewala lebendig wird in aller Kulturwelt. Man lernt sich 
sofort verstehen in dem Allerheiligsten, was da die Voiksseele aus- 
spricht. 

So kann es uber das ganze Erdenrund hin sein, wenn man zwei 
Dinge begreift, die der Grundnerv sein miissen fur alles anthroposo- 
phische Leben. Das eine ist, daB wir in der Tat vor einer neuen Er- 
schlieBung von spirituellen Tatsachen fur die Menschheit stehen. Dar- 
auf ist oft aufmerksam gemacht worden. Am meisten hingewiesen auf 
diese Tatsache finden Sie wohl in meinem Rosenkreuzermysterium 
«Die Pforte der Einweihung», daB wir Zeiten entgegengehen, in wel- 
chen die Menschenseelen immer mehr und mehr offen werden fur die 
spirituellen Welten, so daB hereinbrechen werden OfTenbarungen aus 
den geistigen Welten, daB die Menschenseele, weil sie entgegenwachst 
der geistigen Welt und weil dies eine Art Naturereignis sein wird, 
wirklich sich offnen wird der geistigen Welt, so daB die Menschen 



nach und nach - im Laufe der nachsten drei Jahrtausende - hinauf- 
wachsen werden in die geistige Welt. Wir miissen durch Geistes- 
wissenschaft nur verstehen lernen, inwiefern und warum es so kom- 
men muB. Rekapitulieren Sie sich nur einmal eine Tatsache, die ofter 
angegeben worden ist. 

Wenn wir die nachatlantischen Kulturen ins Auge fassen, so haben 
wir in der ersten nachatlantischen Kulturzeit, in der uralt heiligen in- 
dischen Rishikultur, man mochte sagen, eine Kultur, die unmittelbar 
herausquillt aus dem menschlichen Atherleibe. Wir haben dann in der 
urpersischen Kulturzeit eine Kultur aus dem, was wir den Empfin- 
dungsleib nennen, den Astralleib. In der agyptisch-chaldaischen Kul- 
turzeit haben wir eine Kultur aus der Empfindungsseele. Aus der Ver- 
standes- oder Gemiitsseele haben wir eine Kultur in der griechisch- 
lateinischen Zeit, und in unserer Zeit haben wir eine Kultur aus der 
BewuBtseinsseele. Dann wird kommen eine Kultur aus dem Geist- 
selbst und so weiter. Fassen Sie diesen ganzen Gang der nachatlanti- 
schen Kulturentwickelung ins Auge, so werden Sie sich sagen: Es ist 
in diesem ganzen nachatlantischen Kulturzeitraum die Sache so, daft 
wir eine Art absteigender Linie haben bis in die griechisch-lateinische 
Zeit. Es ist in dieser Zeit deutlich wahrnehmbar, daB auf der einen 
Seite - das laBt sich nicht leugnen - der Mensch am meisten hinunter- 
gestiegen ist auf den physischen Plan. In einer ungeheuren Ver- 
schlingung und Verknotung des geistigen Lebens mit dem physischen 
Plan zeigt sich ja das Eigentumliche dieser vierten nachatlantischen 
Kulturperiode. Zugleich aber zeigt sich jener Einschlag, den wir als 
das Mysterium von Golgatha bezeichnen. Wir haben dieses notwen- 
dige ZusammentrefFen des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes 
mit dem Mysterium von Golgatha oftmals hervorgehoben. Rufen Sie 
sich alles zuriick, was Sie uber die Sache wissen. Aber ein anderes ist 
auch noch als eine wichtige Tatsache ins Auge zu fassen. Im einzelnen 
Leben, im individuellen Leben driickt sich vielfach dieser Gang der 
Menschheitsentwickelung aus. Wir haben bis zum siebenten Jahre die 
Entwickelung des physischen Leibes. Aus der Darstellung, die ofter 
gegeben worden ist und die enthalten ist in der kleinen Schrift «Die 
Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft », 



wis sen wir, daB wir bis zum siebenten Jahre vorzugsweise eine Ent- 
wickelung des physischen Leibes haben ; das liegt als eine menschheit- 
liche Entwickelung vor der groBen atlantischen Katastrophe. Dann, 
in einer gewissen Weise wiederholt vom siebenten bis zum vierzehnten 
Lebensjahre, wenn auch verschleiert, haben wir das, was in die mensch- 
liche Kultur selber hineingepragt ist als die Kultur des Atherleibes, 
die Sie zur hochsten Glorie erhoben finden in der aiten indischen Zeit. 
Dann haben wir die Kultur, die wir bezeichnen konnten als die Ent- 
sprechung der urpersischen Zeit: vom vierzehnten bis zum einund- 
zwanzigsten Lebensjahre die Kultur des astralischen Leibes. Dann 
haben wir die Kultur des agyptisch-chaldaischen Zeitraumes, im ein- 
zelnen Leben sich spiegelnd in der Entwickelung des Menschen vom 
einundzwanzigsten bis achtundzwanzigsten Jahre ; dann folgt im ein- 
zelnen Leben sich spiegelnd die Kulturentwickelung, die wir als die 
griechisch-lateinische Kultur bezeichnen konnen, vom achtundzwan- 
zigsten bis ins funfunddreiBigste Jahr hinein. Das ist eine wichtige 
Zeit. Denn ebenso wie damals fur die nachatlantische Menschheit ein 
Umschwung geschehen ist von einer absteigenden zur aufsteigenden 
Kultur, so kann zwischen dem achtundzwanzigsten und funfunddrei- 
Bigsten Jahre ein Umschwung geschehen beim einzelnen Menschen. 
Wir stehen in der Mitte des einzelnen individuellen Lebens zu gleicher 
Zeit im einzelnen Leben vor einem aufsteigenden und einem ab- 
steigenden Leben. Wir gehen sozusagen, indem wir das fiinfunddrei- 
Bigste Jahr iiberschreiten, in das Lebensverwelken, in das auBerliche 
Vertrocknen und Welkwerden des Menschen. Fur diese Zeit muB es 
in der einzelnen menschlichen Natur etwas geben, was entspricht dem 
Umschwung von der absteigenden in die aufsteigende Kultur. Es ist 
nicht zufallig, daB das Mysterium von Golgatha bei dem Christus 
Jesus gerade in diesen Zeitraum hineinfiel, zwischen das achtund- 
zwanzigste und funfunddreiBigste Jahr, sondern das ist fur den, der 
diese Zusammenhange durchschaut, selbstverstandlich. Es muBte ge- 
rade in den Zeitraum hineintreten, welcher der Entwickelung der Ver- 
standes- oder Gemiitsseele entspricht, Jetzt stehen wir, wenn wir die 
auBerliche Menschheits kultur ins Auge fassen, seit dem Ende des 
Mittelalters in der Entwickelung der BewuBtseinsseele. Dieselbe wird 



noch lange Zeit dauern. Dann kommt die Entwickelung des Geist- 
selbst. 

Nun tritt fur den einzelnen Menschen das Ich eigentlich ganz 
unregelmaBig auf, und zwar grandios unregelmaBig. Ich kann heute 
- in der Zukunft werde ich diese Tatsachen weiter ausfiihren - nur 
andeuten, worum es sich dabei handelt. Denken Sie, wie in der re- 
gularen Menschenorganisation bis 2um siebenten Jahre der physische 
Leib, bis zum vierzehnten Jahre der Atherleib sich entwickelt und so 
weiter. Dann wiirde innerhalb der Verstandes- oder Gemiitsseele - 
wie Sie nachlesen konnen in der «Erziehung des Kindes vom Ge- 
sichtspunkte der Geisteswissenschaft» - eigentlich erst das Ich regular 
eintreten, denn erst dann haben wir in der auBerlichen Organisation 
das richtige Instrument fur das Ich. Nun tritt aber das Ich schon in der 
allerersten Zeit ein fur den Menschen, ganz unabhangig von der auBe- 
ren Organisation, in dem Zeitpunkte, bis zu dem man sich spater zu- 
riickerinnert. Woher kommt das, daB der Mensch, wenn er als auBere 
Organisation betrachtet wird, sein Ich gebiert zwischen dem achtund- 
zwanzigsten und fiinfunddreiBigsten Jahre, aber es in Wirklichkeit in 
friihester Kindheit gebiert? Das kommt von dem Verschieben des 
inneren Menschen gegeniiber dem auBeren Menschen durch die luzi- 
ferischen Krafte. Es sind, wie wir es immer darstellen muBten, die 
luziferischen Krafte dasjenige, was ein Zuriickbleiben in der Zeit be- 
deutet. Unser Ich beruht, wie wir es in uns tragen, auf luziferischen 
Kraften, denn es beruht auf Zuruckerinnerung auf das, was uns von 
unserem Erleben zuriickgeblieben ist. Luzifer lost los dieses Ich. Daher 
lebt es losgelost von der auBeren Organisation. Eine Zeitlang war die 
Sache so, daB der Mensch auBerlich ankniipfen muBte an noch etwas 
anderes als an sein bloBes Ich. Das war, daB er ankniipfen muBte, wenn 
es in der richtigen Weise sein sollte, an einen Menschen, der einmal 
in dem vierten nachatlantischen Kulturzeitraum gelebt hat, sein drei- 
Bigstes Jahr erreicht hat, dann inspiriert worden ist von dem Christus 
mit einer Kraft, die aber auf der Erde nicht hiniiberleben konnte uber 
das dreiunddreiBigste Jahr, sondern die mit dem dreiunddreiBigsten 
Jahr durch den Tod ging. Es war zunachst ein auBerlich historisches 
Ankniipfen, es muBte einfach von den Eltern den Kindern, von diesen 



den Kindeskindern und so weiter als eine geschichtliche Tatsache er- 
zahlt werden. Was ich Ihnen oft von der einen Seite entwickelt habe, 
nehmen Sie es jetzt von der innerlichen Seite. Bis zu diesem Zeitpunkt, 
wo die Entwickelung der BewuBtseinsseele liegt, erinnert sich der 
Mensch, wenn er zuriickdenkt, an sein Ich, das einmal geboren worden 
ist : denn der Mensch schlaft sich herein in das Erdendasein. Was vor 
diesem Zeitpunkt war, das sagen uns unsere Eltern, alteren Geschwi- 
ster und so weiter. Wie sich der Mensch jetzt an dieses Ich erinnert, 
welches das luziferische Ich ist, so wird er sich spater - und das tritt 
in den nachsten drei Jahrtausenden als etwas ganz Besonderes in die 
Menschheitsentwickelung herein - wie in einer Imagination gegen- 
iiberstehend sehen einem anderen Ich. Er wird sich kiinftig erinnern, 
daB in einem bestimmten Zeitpunkt seiner Kindheit das luziferische 
Ich aufgetaucht ist und daB in einem andern Zeitpunkt, an den er sich 
zuriickerinnert, gegen das luziferische Ich, sagen wir, das Christus-Ich 
sich hinstellt, und statt des einen Ich-Punktes werden zwei auftreten. 
DaB dies als Erinnerung auftritt, das wird der Beweis dafur sein, daB 
das Christus-Ereignis nicht erst zu geschehen hat, sondern daB es sich 
schon abgespielt hat. Kurz, wie sich der Mensch gegenwartig an sein 
Ich erinnert, so wird er sich spater erinnern an die Imagination des 
zweiten Ich und damit den Weg finden zu dem, was wir als die Chri- 
stus-Erscheinung charakterisiert haben. 

DaB der Mensch also wirklich entgegenwachst neuen inneren Er- 
fahrungen, spirituellen Erlebnissen ganz neuer Art, das ist das, was 
auf dem Boden der Geisteswissenschaft begriffen werden muB. Denn, 
natiirlich muB das, was der Mensch erfahren soil, vorbereitet werden. 
So gehen wir also neuen Erlebnissen der Menschenseele entgegen. Das 
ist das eine, was zur Geisteswissenschaft notwendig ist. Das zweite ist, 
daB diese neuen Erlebnisse solche sind, die Frieden und Eintracht und 
Harmonie iiber die Erde hin unter die Menschen bringen werden. 
Und sie bringen sie wirklich! Deshalb ist so uberwaltigend groBartig 
ein Verstehen des Volksgeistes in einem ganz anderen Winkel. Man 
versteht, was der Volksgeist gedichtet hat, wenn man es durch Geistes- 
wissenschaft beleuchtet. Man muB nur den Willen haben, auf das ein- 
zugehen, was aus diesem Volksgeiste heraus entspringt, und nichts 



hineintragen. Das muB die andere Seite, die Gesinnungsseite einer 
spirituellen Weltanschauung sein. Fassen wir sie ganz ernsthaft ins 
Auge. Wie stent sie da? Man hat gestritten, hat mehr als gestritten, hat 
blutig gekampft in den aufeinanderfolgenden Zeiten um einzelne re- 
ligiose Meinungen. Versteht man den Grundnerv der Geisteswissen- 
schaft, dann wird man in Zukunft iiber einzelne religiose Meinungen 
nicht mehr kampfen. Was man ins Auge fassen wird, werden die Tat- 
sachen sein, die spirituellen Tatsachen, und man wird iiber die einzel- 
nen religiosen Probleme so Meinungsverschiedenheiten haben, wie 
man sonst auch Meinungsverschiedenheiten hat, aber nicht so, wie es 
zu blutigen Kampfen gefuhrt hat. Derm man wird erkennen, daB die 
groBen VolksofTenbarungen, wo sie auftreten, zuruckfiihren auf ge- 
wisse wichtige Erkenntnisse. Man wird auf den Grund dieser Er- 
kenntnisse kommen; man wird verstehen, daB Wahrheiten in den ver- 
schiedenen Religionen enthalten sind. Die vergleichende Religions- 
wissenschaft ist heute weit gediehen in bezug auf die einzelnen Re- 
ligionssysteme und ihre Vergleichung untereinander. Schone Resul- 
tate hat sie zutage gefordert. Aber von welcher Gesinnung ist sie mehr 
oder weniger doch durchdrungen? Von der Gesinnung ist sie durch- 
drungen, wenn sie auch mehr oder weniger klein beigibt, daB alle 
Religionen falsch sind. Nicht auf den Wahrheitsgehalt gehen diese 
vergleichenden Religionswissenschaften los, sondern auf den Irrtums- 
gehalt. Geisteswissenschaft aber wird auf den Wahrheitsgehalt der ein- 
zelnen Religionen losgehen, auf das, was aus den Initiationsprinzipien, 
aus den verschiedenen Einweihungen in die Religionen hineingekom- 
men ist. Und wie werden sich dann die Menschen gegeniiberstehen? 
Fragen wir einmal: Wie wird ein Christ gegeniiberstehen einem Bud- 
dhisten? - Der Christ wird kennenlernen das ganz GroBartige und 
Erhabene des buddhistischen Systems, er wird kennenlernen, weil sich 
das Christentum selber durchringen wird zum Verstehen von Rein- 
karnation und Karma, das GroBe, das der Buddhismus in sich tragt in 
Reinkarnation und Karma. Er wird aber noch etwas anderes ver- 
stehen, namlich, daB es gewisse Individualitaten in der Weltenentwik- 
kelung gibt, die vom Bodhisattva zum Buddha werden. Verstehen 
wird der Christ, was er eigentlich nur durch eine anthroposophische 



Entwickelung verstehen lernen kann : wie der Konigssohn des Suddho- 
dana im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens - gerade dann 
muBte es sein, alle diese Tatsachen ergeben sich, wenn Sie nur diese 
Dinge ins Auge fassen, wie sie in der Geisteswissenschaft gelehrt 
werden - zum Buddha wird. Das hangt zusammen mit dem, was dar- 
gestellt ist in der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Ge- 
sichtspunkte der Geisteswissenschaft ». Durch ein solches Verstandnis 
wird der Christ auch begreifen, daB ein Wesen, wie eine solche In- 
dividualist, nicht wieder in einem physischen Leibe zur Erde her- 
untersteigt. Nicht wie auf eine Fabel sieht der, welcher wirklich als 
Christ Theosoph und als Theosoph, wenn man will, Christ ist, nicht 
wie auf einen Mythos sieht er auf das, was es im Buddhismus gibt, 
sondern er glaubt wie der Buddhist selbst an diese Wahrheit, daB der 
Bodhisattva im neunundzwanzigsten Jahre zum Buddha geworden ist 
und nicht in einem physischen Leibe wiederkommt. Und er respektiert 
und achtet diesen Glauben, er glaubt mit dem Buddhisten, glaubt das, 
was der Buddhist glaubt, steht innerhalb des Buddhismus auf seinem 
Boden, nimmt es nicht wie eine kindliche Phantasie, sondern er weiB, 
daB in dem Konigssohne des Suddhodana eine Individualitat zu einer 
solchen Wiirde aufgestiegen ist, daB sie nicht mehr herunterzusteigen 
braucht in einen physischen Leib, sondern in einer andern Weise hin- 
einwirkt in die Entwickelung der Menschheit. Und niemals wiirde sich 
der Christ mischen in die spirituellen Angelegenheiten des Buddhisten 
in der Weise, daB er ihn auf etwas Fremdes hinweisen wird. Das wird 
er verstehen, was der Buddhist aus dem Buddhismus als Wahres her- 
ausgewinnen kann. 

Und was wird ein Buddhist sagen, der als ein buddhistischer Theo- 
soph dem Christentum gegeniiber steht? Er wird versuchen zu be- 
greifen, was es heiBt, daB in einer Personlichkeit, die als Jesus von 
Nazareth bezeichnet wird, im dreiBigsten Jahre ihres Lebens das Ich 
ersetzt wird durch Den, welchen die vierte nachatlantische Kultur- 
periode den Christus genannt hat, der dann durch drei Jahre in dem 
Leibe des Jesus von Nazareth weilte. Er wird verstehen, was es heiBt, 
daB das, was als Substanz des Christus existiert und durch den Tod 
mit dem Christus Jesus gehen muBte, ausgestromt ist uber die Kultur 



der Menschheit. Er wird zu begreifen versuchen, daB dieses Leben von 
def Johannestaufe am Jordan bis zum Mysterium von Golgatha ein 
einmaliges Ereignis in der Menschheitsentwickelung darstellt, und daB 
das, was einmal in dem Jesus von Nazareth inkarniert war, nicht 
wiederkommen kann, ebensowenig wiederkommen kann, wie der 
Buddha jemals wieder auf die Erde kommen kann. Wie der Buddha 
fruher da war als Bodhisattva, um dann aufzusteigen als Buddha in die 
geistigen Welten, das achtet der auf dem theosophischen Boden 
stehende Christ. Wie die Individuality des Christus heruntergestiegen 
ist in den Leib des Jesus von Nazareth, wie sie darin drei Jahre gelebt 
hat, durch den Tod gegangen ist, wie diese Kraft sich ausgebreitet hat 
uber die spirituelle Erdenatmosphare und darin weiterlebt, diese ganze 
Anerkennung dieser spirituellen Tatsachen achtet der buddhistische 
Theosoph, der theosophische Buddhist gegeniiber dem, was der Christ 
als sein Glaubensbekenntnis anerkennen muB. Gegenseitiges Ver- 
stehen der Glaubensbekenntnisse auf der Erde und damit gegenseitige 
Harmonie: das ist der Grundnerv geisteswissenschaftlicher Welten- 
betrachtung. Und widersinnig ware es, wiirde der Christ lehren, daB 
eine Individualitat erstehen konnte, welche der wiederverkorperte 
Buddha ware. Auflehnen miiBte sich die buddhistische Bevolkerung, 
wo eine solche Lehre in eine buddhistische Gegend gebracht wiirde, 
gegen ein solches Vorgehen. Unfrieden aber miiBte es in eine christ- 
liche Gemeinde bringen, wenn die Menschen horen miiBten, daB das, 
was der Christus ist, sich im Fleische wieder inkarnieren konnte. Theo- 
sophie aber ist da, um gegenseitiges Verstandnis der einzelnen, aus den 
Initiationen hervorgehenden religiosen Stromungen iiber die Erde zu 
bringen. Dann wird es echte Theosophie, echte Geisteswissenschaft 
geben in den Herzen, wenn man dies verstehen wird. Dann wird es 
keine neuen Sektenbildungen geben, keine neue Ankiindigung von 
auBeren physischen Propheten, auf welche die Menschheit nicht mehr 
in jenem auBeren Sinne wartet. Sondern dann wird man auch be- 
greifen jenes rosenkreuzerische Prinzip, welches seit Begriindung des 
Rosenkreuzertums feststeht: daB die, welche zu lehren haben, iiber 
ihre Mission der auBern Welt gegeniiber nicht fruher sprechen diirfen. 
Innerhalb des Rosenkreuzertums ist es eine alte Regel, daB der auBeren 



exoterischen Welt gegeniiber nie gesprochen wird bei der Zeitgenos- 
senschaft von irgendeinem, der als ein Lehrer der rosenkreuzerischen 
Richtung zu gelten hat, sondern erst hundert Jahre nach seinem Tode. 
Nicht vorher, weil dadurch allein das unpersonliche Element hinein- 
gebracht werden kann in eine wirkliche spirituelle Bewegung. 

Sich klar sein dariiber, daB wir vor einer solchen Entwickelung der 
menschlichen Seele stehen, in welcher die Menschenseele das Herein- 
leuchten des spirituellen Elementes immer mehr und mehr gewahr 
werden wird, und daB dadurch das ubersinnliche Christus-Ereignis 
eintreten wird, von dem wir prophetisch sprechen diirfen, und sich 
klar sein dariiber, daB echte Theosophie immer mehr und mehr zum 
Verstandnis desjenigen fuhren muB, was fur den einzelnen religios 
heilig ist, das sind die zwei Dinge, die den Menschen zum Theosophen 
innerhalb der theosophischen Bewegung machen. Daran, daB er sich 
uber diese zwei Dinge klar ist, wird man an dem Menschen erkennen 
konnen, ob er die Aufgabe der Theosophie in der Gegenwart wirklich 
begriffen hat. 



FUNFTER VORTRAG 
Berlin, 2. Mai 1912 



Vergleichen wir, was im Laufe der Menschheitsentwickelung an gei- 
stigem Leben, an Anschauungen iiber die geistige Welt und die Welt 
iiberhaupt 2utage getreten ist, dann bekommen wir auf der einen Seite 
wirklkh das Bild eines sinnvollen Fortschrittes, eines Fortschrittes der 
ganzen Menschheitsentwickelung auf der ganzen Erde. Und wir be- 
kommen, wenn wir mit den Mitteln geistiger Forschung und geistes- 
wissenschaftlicher Denkweise diesen Fortschritt verfolgen, den Ein- 
druck, daB der Mensch iiberhaupt als eine einzelne Individualist teil- 
nimmt an dem Gesamtfortschritt der Menschheit, indem er mit seiner 
Seele in den aufeinanderfolgenden Wiederverkorperungen seines Da- 
seins die aufeinanderfolgenden Zeitraume und Epochen durchmacht 
und sozusagen dadurch Gelegenheit hat, auf der einen Seite alles her- 
iiberzutragen, was er sich in seiner Seele angeeignet hat in alten und 
in neueren Zeiten, aber auch andererseits Gelegenheit hat, an allem so- 
zusagen teilzunehmen, wenn er mit seiner Seele in der einen Kultur- 
epoche gelebt hat, fur die Gesamtentwickelung der Erde eben nicht zu 
verschwinden, sondern zu bleiben, um wieder teilzunehmen an dem, 
wozu es die Erde auch in spaterer Zeit gebracht hat. Einen solchen 
Gesamtfortschritt nehmen wir wahr. Aber wir brauchen uns nur an 
einiges zu erinnern, was ofter betont worden ist in unsern geistes- 
wissenschaftlichen Betrachtungen, und wir werden sehen, daB der 
Fortschritt nicht ein so einfach gradliniger ist, daB man sagen konnte, 
es fangt bei einfachen, primitiven Sachen an und steigt immer fort und 
fort in die Hohe, sondern daB der Fortschritt und die ganze Ent- 
wickelung iiberhaupt etwas Kompliziertes sind. 

Wir haben, wenn wir auf die nachatlantischeZeit Riicksicht nehmen, 
uns einen Einblick verschafft, wie nach der groBen atlantischen Kata- 
strophe zuerst eine Kulturepoche da war, die wir als die altindische 
bezeichnen, von einer solchen Hohe, von einem solchen Hineinblick 
in die geistige Welt, wie es seit jener Zeit nicht wieder erreicht worden 
ist, und wie es erst wieder erreicht werden wird, wenn der fiinfte und 



sechste nachatlantische Kultur2eitraum vergangen sein werden und 
der siebente wieder da sein wird. So finden wir in bezug auf gewisse 
Arten der menschheitlichen Geistesentwickelung ein zeitenweises 
Heruntersteigen, dem dann wieder ein Hinaufsteigen folgt. Wir finden 
zum Beispiel die griechisch-lateinische Kultur, von der wir sagen, daB 
sie in einer gewissen Weise ein Hochstes darstellt in bezug auf Ver- 
mahlung des griechischen Volkes mit der Kunst und in bezug auf Ein- 
richtungen in dem griechischen und romischen Staatsleben, so daB ein 
gewisses harmonisches Zusammenleben des Menschen mit dem phy- 
sischen Plan erreicht war. Wir sehen aber auch, daB fur diese Epoche 
charakteristisch ist ein Ausspruch des groBen Griechen: Lieber ein 
Bettler sein in der Oberwelt als ein Konig im Reiche der Schatten! - 
Das heiBt, es ist fur diese Epoche hochsten Menschheitsglanzes auf 
dem physischen Plan nur ein geringes BewuBtsein vorhanden fur die 
Bedeutung der spirituellen Welt, die jenseits des physischen Planes ist. 
Und seit jener Zeit sehen wir das Abnehmen des unmittelbaren Ver- 
wachsenseins des Menschen mit dem physischen Plan, sehen ein Ab- 
nehmen dessen, was in dieser Richtung GroBes hervorgebracht ist, 
sehen aber dafur wieder auch ein allmahliches Hineinwachsen der 
Menschheit in die spirituellen Welten. Das sei gesagt fur die Charak- 
teristik, daB der Gang der Menschheitsentwickelung ein komplizierter 
ist und daB, wenn man die Vorteile und Lichtseiten der einen Epoche 
hervorhebt, man damit durchaus nicht zu meinen braucht, daB andere 
Epochen, die diese Ordnungen nicht haben, etwa im absoluten Sinne 
geringer anzuschlagen waren. Wenn wir oft von dem sprechen, was 
das Christentum in die Welt gebracht hat, so wis sen wir, daB wir in 
dieser Beziehung erst in einem Anfange stehen und daB jene spiri- 
tuellen Hdhen, die im Oriente erreicht sind vor der Zeit des Christen- 
tums, noch nicht wieder errungen sind. Das alles miissen wir beriick- 
sichtigen, damit kein Schein aufkomme, daB wir, wenn wir die Vor- 
ziige des einen Zeitalters hervorheben, etwa ungerecht waren gegen 
die GroBe und die Bedeutung anderer Epochen. In diesem Sinne bitte 
ich Sie, auch einen Unterschied aufzufassen, der nicht einen Vorteil 
auf der einen Seite und einen Nachteil auf der andern Seite charakte- 
risieren will. Nur eben einen Unterschied will ich bezeichnen, wenn 



ich charakterisieren will den Unterschied zwischen gewissen Ent- 
wickelungen der rrichtchristlichen, auch nicht althebraischen, sondern 
vorchristlichen orientalischen Kulturentwickelung und dem Christen- 
tum selber, dem Christentum namentlich, wie wir es wieder aufgehen 
sehen durch die geisteswissenschaftliche Vertiefung dieses Christen- 
tums. 

Wenn wir in die orientalische Weltanschauung hineinblicken, so 
sehen wir, daB sie eines hatte, auf dem sie fest stand, auf das sie immer 
wieder und wieder hinwies, worauf das Christentum in seiner bis- 
herigen Entwickelung weniger Riicksicht nahm. Es hatte die orien- 
talische Weltanschauung diejenige Idee, jenes groBe Weltgesetz, das 
wir uns heute wieder durch die Geisteswissenschaft erobern: die An- 
schauung von der Wiederkunft des Menschen in verschiedenen Erden- 
leben und von dem Gesetz des Karma. Wahrend das Christentum 
durch Jahrhunderte hindurch nur gerechnet hat mit dem Leben des 
Menschen zwischen Geburt und Tod und einem - sich daranschlie- 
Bend, fortiaufend - auch einfachen Himmelsleben, haben wir in der 
orientalischen Welt bereits die klare Erkenntnis von der Wiederkehr 
des Menschen in den wiederholten Erdenleben. Und das Bedeutende, 
das die orientalischen Weltanschauungen haben, wird immer hervor- 
geholt aus dieser groBen GesetzmaBigkeit der Menschheitsentwicke- 
lung. Dadurch bildete sich in der orientalischen Lehre etwas heraus 
iiber die Fiihrer, die groBen Lehrer und die Helden der Menschheits- 
entwickelung, das sich grundsatzlich unterscheidet von allem, was 
sich innerhalb der abendlandischen Entwickelung herausgebildet hat 
iiber die groBen Fiihrer und Helden. Wir finden innerhalb der orien- 
talischen Weltanschauungen Hinweise auf Wesenheiten, von denen 
uns von vornherein gesagt wird, daB sie immer wiederkommen und 
daB das Bedeutungsvolle ihres Wirkens gerade durch das Bedeutungs- 
volle in ihren aufeinanderfolgenden Erdenleben sich erkennen laBt. 

Wir sehen vor uns hingestellt den Gautama Buddha und sehen schon 
in der Namengebung desselben, worauf es ankommt. Denn Buddha 
ist kein Eigenname, wie Sokrates, RafFael oder andere Eigennamen 
sind, sondern es ist ein Rangname. Und auf dem Boden der Welt- 
anschauung, auf dem die Buddhalehre erwachsen ist, spricht man von 



vielen Buddhas. Buddha ist eine Wiirde. Wir haben es oft hervor- 
gehoben, daB der Gautama Buddha, bevor er als der Konigssohn des 
Suddhodana eben der Buddha geworden ist, von dem die orientalische 
Weltanschauung heute spricht, ein Bodhisattva war. Das heiBt, es 
blickt die orientalische Weltanschauung auf die durch die einzelnen 
Inkarnadonen gehende Individualitat, sieht hin, wie die Individualitat 
aufsteigt von Inkarnation zu Inkarnation und dann zu jener Hohe 
kommt, die mit der Buddhawiirde erreicht ist. Und dann wird die 
Individualitat mit alledem, was sie Einschneidendes geleistet hat, nicht 
bezeichnet mit einem Eigennamen. Nur selten wird im Buddhismus, 
wenn von der Eigenart des Buddha gesprochen werden soil, von dem 
Prinzen Siddharta gesprochen, sondern meistens von einer Wiirde, 
von einer solchen Wiirde aber, zu der nicht er allein aufgestiegen ist, 
sondern zu der jeder aufsteigen kann. So weist die orientalische Welt- 
anschauung, wenn sie auf die groBen Fiihrer deutet, auf dasjenige hin, 
was durch die wiederholten Erdenleben durchgeht, und sie fiihrt ge- 
rade die GroBe und die Bedeutung ihrer Fiihrer auf das zuriick, was 
sie sich erwarben durch die wiederholten Erdenleben. 

Vergleichen wir diese Erscheinung mit dem, was sich die abend- 
landische Kulturentwickelung vorgesetzt hat. Da horen wir erzahlen 
von der GroBe des Plato, von der GroBe des Sokrates. Da tritt uns 
eine Gestalt wie die des Paulus entgegen. Ja, wir konnen schon be- 
ginnen im Alten Testament, wo uns eine Gestalt wie Moses entgegen- 
tritt. Weiter treffen wir Gestalten wie RafFael, Michelangelo, Leonardo 
da Vinci und andere. Man spricht im Abendlande von der einzelnen 
Personlichkeit, und hat nicht im Auge die Individualitat, die sich durch 
die wiederholten Erdenleben zieht. Man wendet den Blick nicht auf 
das, was von Geburt zu Tod, von Tod zu Geburt geht, sondern man 
spricht von dem, was als einzelne menschliche Personlichkeit von 
diesem Jahr bis zu jenem Jahr dagestanden und gelebt hat. So sehen 
wir, daB die orientalische Weltanschauung mehr sieht auf die fort- 
laufende Individualitat, die von Verkorperung zu Verkorperung geht, 
daB aber die abendlandische Kultur sich wenig darum gekiimmert hat, 
was zum Beispiel Sokrates war in fruheren Erdenleben, bevor er 
Sokrates wurde, oder was aus ihm werden wird in spateren Leben. 



Ebenso machen wir es mit Paulus oder anderen. Das ist ein bedeut- 
samer Unterschied. Es ist eben einfach die Sache so zu charakteri- 
sieren, da6 man sagt: Das ganze Wesen des Abendlandes hat bisher 
darin bestanden, auf die Bedeutung der Personlichkeit, auf die Be- 
deutung des einzelnen Lebens des Menschen ganz besonders hinzu- 
weisen. - Jetzt erst, wo wir im geistigen Leben vor einem groBen Um- 
schwung stehen, beginnen wir damit, nachdem wir uns sozusagen 
innerhalb der abendlandischen Kultur einen MaBstab angeeignet 
haben fur die Beurteilung der einzelnen Personlichkeit, uns wieder 
aufzuschwingen zu dem, was in der orientalischen Weltanschauung 
der Betrachtung des Menschenwesens als selbstverstandlich zugrunde 
liegt, uns wieder aufzuschwingen zu dem, was in der einzelnen Person- 
lichkeit als Individualist lebt und eben von Leben zu Leben gegangen 
ist. Da erscheint uns denn etwas Eigentiimliches als eine bedeutsame 
Perspektive fur die Zukunft. Und diese Perspektive fur die Zukunft 
wird die Menschheit immer mehr und mehr brauchen. 

So sehen wir, daB wir in der Tat in der christlichen Weltanschauung 
etwas verloren hatten, was der Orient schon hatte, und was wir uns 
erst jetzt wieder beginnen zu erobern. Der Gang der Menschheits- 
entwickelung ist iiberhaupt so, daB gewisse alte Stiicke abgeworfen 
werden miissen, daB neue hinzukommen und daB das Alte durch das 
Neue wieder erobert wird. So hatte die ganze Menschheit einst in Ur- 
zeiten ein Urhellsehen. Das muBte abgeworfen werden. Es trat dann 
an seine Stelle die rein auBere Wahrnehmungsanschauung. Und es 
wird spater wieder zu der Wahrnehmungsanschauung das hinzukom- 
men, was zukiinftiges Hellsehen ist. So im GroBen und so im Einzel- 
nen, aber ein ungeheuer Bedeutungsvolles wird der Menschheit da- 
durch erwachsen. Es muBte schon einmal so sein, daB fur das Abend- 
land die Betrachtung der Menschheit in einzelne Personlichkeiten aus- 
einandergefallen ist. Aber nachdem die Menschheit heute davor steht, 
sich notwendigerweise zu vertiefen, wird sie schon von selbst die 
Sehnsucht finden, die einzelnen Stiicke, die hervortreten im Leben des 
Menschen zwischen Geburt und Tod, miteinander zu verbinden. Und 
dann wird ein ungeheures Verstandnis davon ausstrahlen fur den Fort- 
schritt, fur die Krafte, die sich hindurchentwickeln durch den Strom 



des einzelnen und auch des Menschheitsfortschrittes. Wir konnen das 
an einem einzelnen Falle priifen. 

Sie erinnern sich an den Vortrag «Der Prophet Elias im Lichte der 
Geisteswissenschaft» vom 14. Dezember 1911 in Berlin. Sie erinnern 
sich, daB ich dazumal darauf hingewiesen habe, wie durch eine okkulte 
Forschung dieses Prophetenbild in einer ganz merkwiirdigen Weise 
vor uns erscheint. Ich will auf die Einzelheiten nicht weiter jetzt ein- 
gehen, will nur sagen, wie an diesem Prophetenbilde durch die okkulte 
Forschung herausgekommen ist, daB Elias es war, der mit einer be- 
sonderen Intensitat und Kraft darauf hingewiesen hat, daB das, was 
die Menschheit ein Gottliches nennen kann, eigentlich nur zu er- 
blicken ist in seiner ureigenen Gestalt - und zwar im tiefsten Zentrum 
des Menschen -, im eigentlichen Ich des Menschen. So daB wir, zu- 
sammenfassend, das groBe Prophetenwort des Elias so charakteri- 
sieren konnen: Von ihm ist die Erkenntnis ausgegangen, daB alles, 
was uns von der AuBenwelt gelehrt werden kann, nur ein Gleichnis 
ist, und daB die Erkenntnis iiber die eigentliche Natur des Menschen 
nur aufgehen kann im eigenen Ich. - Nur ist Elias nicht dazu gekom- 
men, die Kraft und die Bedeutung des einzelnen Ich zu erkennen, 
sondern er stellte gleichsam ein auBer dem Menschen stehendes gott- 
liches Ich auf. Aber erkennen sollte man dieses gottliche Ich, erkennen 
sollte man, daB es hereinstrahlt in das menschliche Ich. DaB es im 
menschlichen Ich aufersteht und seine voile Kraft entfaltet, das ist die 
Eroberung dann des Christentums. So erscheint die Wirksamkeit des 
Elias als etwas wie eine Heroldschaft fur das Christentum. So etwa 
kann man sprechen, wenn man mit den okkulten Mitteln forscht und 
das einzelne Leben des Elias, wie es dasteht in der Geschichte der 
Menschheitsentwickelung, charakterisiert. 

Man kann dann darangehen, wieder ein anderes Leben zu charakte- 
risieren, das Leben derjenigen Personlichkeit, die Sie kennen als 
Johannes den Taufer, und hat die Moglichkeit zu erfahren, wie aus 
dem Munde Johannes des Taufers die Menschheit erfahren sollte, was 
in unmittelbarer Nahe kommen sollte. «Andert die Seelenverfas- 
sung!», so ungefahr waren die Worte des Taufers, «schauet nicht 
mehr in die Zeiten riickwarts, wo man das Gottliche nur am Ausgangs- 



punkte der Menschheitsentwickelung gesucht hat, schauet indie eigene 
Seele und in das, was am tiefsten in ihr ist, dann werdet ihr erkennen, 
daB die Reiche der Himmel nahe herbeigekommen sind ! » Das heiBt, 
daB die Entwickelung vorliegt, daB das Ich tatsachlich in sich das 
Gottliche nnden kann. Wir sehen eine Art Heroldschaft des Christen- 
tums verandert gegeniiber dem Elias durch den Lauf der Zeit. Wir 
sehen, wenn wir die auBere Personlichkeit des Johannes des Taufers 
charakterisieren, wie er uns eigentlich ganz anderes darstellt. Aber 
nun haben wir durch die Geisteswissenschaft erfahren und leben uns 
in diese Dinge immer mehr und mehr hinein, daB es dieselbe Wesen- 
heit ist, die in dem Propheten Elias dagestanden hat und die in 
Johannes dem Taufer wieder auflebte. Wir fugen, um das einzelne 
Leben zu verstehen, das hinzu, was der Orient schon gehabt hat. Nur 
hat er nicht das Kraftvolle der Einzelpersonlichkeit in einer so auBer- 
ordentlichen Weise betont. 

Wir gehen weiter. Wir haben dann die Moglichkeit, jene merk- 
wiirdige Personlichkeit 2u charakterisieren, die zwischen dem Jahre 
1483 und 1520 gelebt hat, die am Karfreitag des Jahres 1483 geboren 
ist und gleichsam dadurch sich hineinstellte lebendig - um schon durch 
ihre Geburt das anzukiindigen - in das Mysterium von Golgatha. Wir 
lernen also kennen die Gestalt des groBen Malers RaffaeL Man ist in 
der Betrachtung des Abendlandes selbstverstandlich gewohnt, nun 
RafTael wieder fur sich zu betrachten. Aber gerade, wenn heute die 
Gestalt Raffaels betrachtet wird, muB man sagen, einer umfassenderen, 
tieferen Weltbetrachtung gegeniiber wird es bald erscheinen, daB 
eigentlich die abendlandische Betrachtung gegeniiber Raffael kaum 
ausreicht. Sonderbar erscheint da dem, der tiefer die Dinge zu be- 
trachten strebt, diese merkwiirdige Gestalt des Raffael. Es ist, wie 
wenn seine Begabung unmittelbar mit ihm geboren ist. Wir sehen ihn, 
wie er sich an einem Karfreitag - man kann es so sagen - « geboren 
werden laBt », um gleichsam zu zeigen, wie er sich in das Mysterium 
von Golgatha hineinstellt. Dann sehen wir, wie wir gar nicht anders 
konnen als ihn so ahnlich zu betrachten, wie wenn gleich in seiner 
allerersten Anlage alles sich angekiindigt hat, was in seiner spateren 
GrdBe wieder aufgetreten ist. Friih verwaist, ist er in die Welt hinaus- 



geworfen, in den romischen Glanz und die Herrlichkeit hineingewor- 
fen. Da sehen wir ihn Schritt fur Schritt aufsteigen in einem kurzen 
Leben zu einer ungeheuren Hohe. 

Was ist nun dieses Leben Raffaels? Merkwiirdig erscheint es uns. 
Wir brauchen nur ein wenig die Umgebung zu betrachten, in die 
RafTael hineingeboren ist. Denken Sie, daB er hineingeboren ist in die 
Wende des 15. zum 16. Jahrhundert, in eine Zeit der umfanglichsten 
Streitigkeiten auf religiosem Gebiete, wo das Christentum zerspalten 
war in Sekten iiber Sekten iiber die ganze Erde hin, in denen die mach- 
tigsten, aber auch furchtbarsten Kampfe stattfanden in bezug auf das 
Christentum. Wir betrachten nun seine Bilder. Sonderbar, wie uns 
seine Bilder erscheinen! Wir konnen sie nicht betrachten, ohne zu ver- 
gessen, was dazumal rund herum im Christentum vorgegangen ist, 
und sehen etwas hochst Eigenartiges uns entgegenleuchten : den Jubel 
iiber die GroBe der Kraft des Christentums, wie es eingegrirTen hat in 
die Menschheitsentwickelung! Wir stellen uns heute vor ein solches 
Bild wie die « Schule von Athen », wie man sie gewohnlich nennt, wir 
sehen da jene merkwurdigen Gestalten, welche die Philister dadurch 
entziffern, daB sie den Baedeker in die Hand nehmen und nun wissen : 
das eine ist der Sokrates, das andere der Diogenes und so weiter, wah- 
rend es uns fur die Kunstbetrachtung gar nichts sagt. Aber eines fuhlen 
wir, wenn wir lediglich das Evangelium in die Hand nehmen und 
namentlich die Apostelgeschichte aufmerksam lesen, daB in einem 
Bilde vor uns steht die ganze Kraft des Unterschiedes, der da war 
zwischen den vorchristlichen Anschauungen in Griechenland und 
denen des Christentums selber. Das tritt uns auch entgegen in dem 
anderen Bilde, in der «Disputa», wie man sie nennt, aber nicht nennen 
sollte. Es ist wahr, man hat in der « Schule von Athen » jene Szene aus 
dem Evangelium vor sich, wo die Griechen vernehmen, daB eine Per- 
sonlichkeit ankam, die da sagt: Ihr habt bisher gehort von alierlei 
Gottern. Aber das Gottliche driickt sich nicht aus in Bildern. GroBes 
habt ihr von den lebenden Gottern gesagt. Es gibt noch GroBeres : 
das GroBe von dem Gotte, der am Kreuz gestorben und auferstanden 
ist ! - Und wir fuhlen seine Kraft und treten vor das Bild, das man die 
« Schule von Athen » nennt, und schauen die merkwurdigen Philoso- 



phenkopfe, die aufmerksam zuhoren, als Paulus spricht. Und es ver- 
geht uns dann vor dem unmittelbaren Anblick die philistrose Aus- 
deutung, die erst spater gegeben worden ist : daB man es da zu tun habe 
in der Mitte mit Aristoteles, Plato und so weiter. Wir fiiblen, daB 
Raffael eigentiich jenen Moment hinstellen wollte, da Paulus unter die 
Griechen trat. Ja, wenn Sie genau im Evangelium nachsehen, so finden 
Sie sogar in jener Gestalt mit der bedeutsam weisenden Gebarde eine 
Personlichkeit aus dem Evangelium. So daB man im Evangelium sogar 
das Modell fur eine Personlichkeit dieses Bildes sehen konnte: namlich 
fur die Personlichkeit des Paulus! 

Und so gehen wir von Bild zu Bild, vergessen, was sich rings ereig- 
net hat, weil eine groBe Kraft aus den Bildern spricht, und wir haben 
die Empfindung : Da lebt das Christentum in seiner groBten Kraft in 
den Bildern fort, die Raffael geschaffen hat, da lebt ein Christentum, 
iiber das kein Streit sein kann, da lebt ein Christentum, iiber das man 
sich nicht in Sekten zerspalten kann. - Man weiB in der nachsten Zeit 
nur nicht viel von diesem Christentum, das lebendig durch die Bilder 
des Raffael wirkt. Wenn man sie noch genauer anschaut, dann hat man 
ein anderes Gefuhl noch, ein Gefuhl, wie wenn derjenige, der diese 
Bilder gemalt hat, die ewige Jugendlichkeit, die ewige Siegeskraft des 
Christentums hatte malen wollen. Und dann fragen wir uns vielleicht, 
wenn wir so diese Bilder anschauen: Wie war nun die Fortwirkung 
dieser Bilder? 

Wir brauchen uns nur zu erinnern, daB bald die Zeit kam, in der ein 
solcher Kunstdespot wie Bernini, der so Ungeheures fur die Ver- 
auBerlichung der Kunst getan hat, warnte vor der Nachahmung 
RafFaels; man kann sogar von einem Vergessen Raffaels sprechen. 
Und in Deutschland und Westeuropa sah es iml8. Jahrhundert sonder- 
bar aus mit Raffael und dem Verstandnisse Raffaels. Lesen Sie den 
ganzen Voltaire, und Sie werden kaum einiges iiber Raffael finden. Sie 
konnen noch einen anderen sich anschauen, der spater allerdings zu 
anderer Anschauung gekommen ist. Sie konnen nachdenken daruber, 
wie merkwurdig es Goethe gegangen ist, als er das erste Mai die Dres- 
dener Galerie besucht hat. Vielleicht werden Sie voraussetzen, wenn 
Sie vor die « Sixtinische Madonna » hintreten, daB da ein lichtes Ent- 



ziicken iiber dieses Bild in Goethes Seele aufgegangen sei. Sie konnten 
es voraussetzen nach all den Lobeshymnen, mit denen er spater iiber 
die «Sixtinische Madonna » gesprochen hat. Aber wir mussen uns er- 
innern, was er gehort hatte von den Dresdener Galeriebeamten und 
von denen, welche die offiziellen Hiiter dieses Bildes waren. Da horte 
er, daB das Kind in den Armen der Mutter, dem wir das ungemeine 
Hellsehen in den Augen ansehen, gemein realistisch gemalt sei; es 
konnte nicht von Raffael herruhren, sondern miisse von einem andern 
iibermalt worden sein. Und besonders konnten die kleinen Engel nicht 
von RafFael herstammen. Es war nicht ein Siegeszug, als die «Six- 
tinische Madonna » in Dresden einzog. Allerdings ist es dann ein Ver- 
dienst Goethes gewesen, daB er, nachdem er zu einer Wiirdigung 
RafFaels gekommen war, zum Verstandnisse der « Sixtinischen Ma- 
donna » und Raffaels iiberhaupt beigetragen hat. 

Schauen wir jetzt den Gang derEntwickelung iml9. Jahrhundert an. 
Nehmen wir einmal davon Abstand, was sich in den katholischen Lan- 
dern zugetragen hat und sehen wir nur auf protestantische Gegenden, 
denen das Dogma der Maria konfessionell fern liegt. Sehen wir da, was 
fur ein Siegeszug nicht nur mit der « Sixtinischen Madonna », sondern 
mit alien Raffaelschen Madonnen sich vollzogen hat. Da konnen wir 
dann bemerken, selbst wenn wir jetzt nicht die Originale im Auge 
haben, sondern an die vielen, in bester Art hergestellten Stiche denken, 
wie sich die Menschen bemiihen, Raffaels ganzes Schaffen in moglichst 
vollkommener Art vor die Menschheit hinzustellen. Wenige Menschen 
haben doch Gelegenheit, immer die Originale an den Ursprungsstatten 
zu sehen. Man kann selbstverstandlich an einem Stiche nicht sehen, 
was das eigentlich Kunstlerische ist ; das zu glauben, ware eine rohe 
Barbarei. Aber da ist etwas anderes eingezogen in die Entwickelung 
der Menschheit : da ist in die Gegenden, die iiberhaupt nichts wis sen 
wollten von dem Dogma der unbefleckten Empfangnis, ein Christen- 
tum eingezogen, unabhangig von alien konfessionellen Unterschieden. 
Die Leute haben die konfessionellen Unterschiede in Theorien und 
Systemen verfochten. Und wahrend sie dies taten, ist ein einheitliches 
Bild dieses groBen Mysteriums - man mochte sagen: in okkulten 
Schriftzugen - in den Nachbildungen der Raffaelschen Kunst einge- 



zogen, dieses Mysterium wieder belebend. Ein Herold des Christen- 
tums steht wieder vor uns. GroBes und Ungeheures wird sich in Zu- 
kunft daraus noch entwickeln. Und wenn wir Verstandnis dafur haben, 
werden uns zu Hilfe kommen die Empfindungen, die in die Mensch- 
heit eingedrungen sind: was herunterstrahlt von dem Bilde der «Six- 
tinischen Madonna », von der « Madonna mit den Fischen» und an- 
deren Madonnen oder von der «Schule von Athen», der «Disputa» 
und andern Bildern von Raffael. Ohne daB sie es wissen, haben heute 
die Menschen in ihren Seelen die Gefuhle eines interkonfessionellen 
Christentums, das da lebt in dieser wunderbaren okkulten Schrift. 

Wieder hat einer verkiindet und vorherbegriindet wie ein Herold 
einen neuen Aufschwung des Christentums : Raffael, nachdem ihn zu- 
erst die Menschen nicht verstanden haben. Wir lernen durch die 
okkulte Forschung, daB dieselbe Individualitat, die einst in Elias und 
spater in Johannes dem Taufer wirkte, wieder auf der Erde gelebt hat 
in Raffael. Wir lernen dadurch verstehen, wie die Krafte sich hindurch- 
entwickeln von Leben zu Leben in derselben Seele, und wir lernen 
manches verstehen als Wirkung fruherer Ursachen. Der Taufer wurde 
enthauptet. Sein Werk ging erst wieder auf in dem, was sein groBer 
Nachfolger tat. Verges sen wurde die neue Heroldschaft des Taufers in 
Raffael durch lange Zeiten hindurch. Wieder auf ging es in dem, was 
wir auch geisteswissenschaftlich uber den Christus-Impuls wieder zu 
sagen haben. Wie unendlich lichtvoll wird unser Verstandnis gefordert, 
wenn wir verbinden die Charakteristiken dessen, was durch die einzel- 
nen Personlichkeiten hindurchgeht, und wie anschaulich wird uns 
dann die einzelne Personlichkeit ! 

Ich sagte, die Bilder des Raffael erscheinen uns wie ein Jubel uber 
die Kraft des Christentums. Raffael steht selbstverstandlich auf dem 
Boden der Ereignisse der christlichen Tatsachen; aber in einer ganz 
eigenartigen Weise verkorpert er das, aus bestimmten Gefiihlen her- 
aus. Wir lassen den Blick schweifen und fragen uns: Raffael hat so 
GroBes geleistet in bezug auf die kiinstlerische Verkorperung der 
christlichen Kraft; was hat Raffael nicht gemalt? - Er hat keine Szene 
auf dem Olberg gemalt, er hat keine Kreuzigung gemalt. Als er eine 
Kreuztragung gemalt hat, ist es ein sehr schlechtes Bild geworden: 



wir sehen, daB es wie in einem Auftrage entstand. Er hat auch nichts 
gemalt von den Szenen, die der Kreuzigung vorangegangen sind. Erst 
da erhebt sich RafFael zu voller GroBe, als er zu verkorpern hat die 
Gestalt des groBen Nachfolgers des Johannes : die Gestalt des Paulus 
in dem Bilde der «Schule von Athen», oder wenn er, mit Ubergehen 
der iibrigen christlichen Ereignisse, die Transfiguration malt. Aus 
dem, was RafFael nicht gemalt hat, gewinnen wir ein gewisses Ver- 
standnis dafiir, wie es ihm feme lag, dasjenige zu malen, was sich erst 
als Ereignis auf der Erde zugetragen - nicht auf die spirituelle Welt 
bezieht sich das -, nachdem er in seinem vorhergehenden Leben ent- 
hauptet war. Man empfindet es unmittelbar, warum RafFael weniger 
diese Bilder gemalt hat. Ja, wenn man diese Bilder anschaut, so hat 
man an allem, was aus der Zeit nach der Enthauptung des Johannes 
stammt, dieEmpfindung, daB es nicht so, wie es bei den andernBildern 
der Fall ist, aus der fruheren Erinnerung hervorgegangen ist. 

Wenn man das alles zusammennimmt, kann man aber wieder eine 
andere Empfindung haben. Man kann dann die Empfindung haben: 
Was wird einstmals in der Menschheit in zukiinftigen Jahrhunderten, 
man braucht nicht einmal an Jahrtausende zu denken, mit all den Bil- 
dern, die als so groBe, gewaltige Symbole gewirkt haben? - Man wird 
gewiB lange Zeit die Reproduktionen haben, aber nicht mehr lange 
die Originale. Wer heute mit Wehmut das Bild Leonardo da Vincis 
« Das Abendmahl » anschaut, der bekommt eine Anschauung, was aus 
der physischen Substanz dieser Bilder einst wird. Ja, man bekommt 
auf der andern Seite noch eine Anschauung : daB man erst, wenn man 
sich aus der Geisteswissenschaft heraus eine Anschauung dafiir ver- 
schaffen kann, was RafFael zum Beispiel in der «Schule von Athen» 
und in der «Disputa» gemalt hat, eine richtige Wurdigung dieser Bil- 
der bekommt. Denn, was man heute an den Wanden im Vatikan zu 
Rom sieht, das ist ja durch die vielen Auf besserungen und so weiter 
schon etwas ganz Verdorbenes. Man kann nicht die urspriingliche 
Vorstellung der Originale mehr haben; denn durch die vielen Auf- 
besserungen ist jetzt schon Ungeheures verdorben. Wie wird es also 
damit in wenigen Jahrhunderten sein? Alle Erhaltungskiinste der 
Menschen werden nicht ausreichen, um das Material der Bilder vor 



dem Verfall zu schiitzen. Hingeschwunden wird es in wenigen Jahr- 
hunderten sein, Man wird die Motive kennen, gewiB ; aber was damals 
Raffael als sein Ureigenes geleistet hat, das wird hinschwinden. Da 
geht uns der Gedanke auf : 1st die Menschheitsentwickelung nun wirk- 
lich nichts anderes, als daB die Dinge fortwahrend entstehen, um dann 
ins Wesenlose riinunterzusinken? 

Unser Blick schweift weiter und wir kommen zu der jugendlichen 
Gestalt des deutschen Dichters Novalis, Wenn wir uns auf Novalis ein- 
lassen, sehen wir erstens in seinen Schriften das wunderbare Aufer- 
stehen des Christus-Gedankens in einer ei
…[truncated]