Die Ergänzung heutiger Wissenschaften durch Anthroposophie

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



Zu den Verqffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswis- 
senschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschrie- 
benen und verdffentlichten Werke. Daneben hielt er in den 
Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl 
offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spa- 
ter Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst wollte ur- 
spriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht 
zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach- 
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer- 
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe be- 
traute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung 
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften 
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. 
Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen 
die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867 - 1948) wurde ge- 
mafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden 
sich nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der 
Hinweise. 



finiwrinht Rurlnlf .Stpinpr Narhlass-Vprwaltunn Rni-h-73 Spitp- 7 



RUDOLF STEINER 

Die Erganzung 
heutiger Wissenschaften 
durch Anthroposophie 

Acht offentliche Vortrdge, gehalten in Zurich 
vom 5. bis 14. November 1917 
und vom 8. bis 17. Oktober 1918 



1987 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vora Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Ernst Weidmann 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1973 
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987 



Teilausgaben und 
Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe Seite 377 



Bibliographie-Nr. 73 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1973 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0730-1 



INHALT 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 394ff. 



Zu dieser Ausgabe 6 

I 

Erster Vortrag, Zurich, 5. November 1917 9 

Anthroposophie und Seelenwissenschaft 

Zweiter Vortrag, 7. November 1917 56 

Anthroposophie und Geschichtswissenschaft 

Dritter Vortrag, 12. November 1917 110 

Anthroposophie und Naturwissenschaft 

Vierter Vortrag, 14. November 1917 165 

Anthroposophie und Sozialwissenschaft 

II 

Erster Vortrag, Zurich, 8. Oktober 1918 215 

1st eine Ubersinnliche Erkenntnisweise wissenschaftlich zu be- 
griinden? 

Zweiter Vortrag, 10. Oktober 1918 253 

Der geisteswissenschaftliche Aufbau der Seelenforschung von 
deren Grundlagen bis zu den lebenswichtigen Grenzfragen des 
Menschendaseins 

Dritter Vortrag, 15. Oktober 1918 294 

Naturerkenntnis, Sozialwissenschaft und religioses Leben im 
Lichte geisteswissenschaftlicher Anschauung 

Vierter Vortrag, 17. Oktober 1918 332 

Die Geschichte der Neuzeit im Lichte geisteswissenschaftlicher 
Forschung 

Hinweise 377 

Namenregister 392 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 394 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 399 



ZU DIESER AUSGABE 



Dieser Band umfafk zwei offentliche Vortragsreihen in Zurich. Die er- 
sten vier Vortrage vom 5. bis 14. November 1917 wurden auf Initiative 
junger anthroposophischer Akademiker gehalten. Die folgenden vier 
Vortrage vom 8. bis 17. Oktober 1918 schliefien sich grofkenteils the- 
matisch an die vorhergehenden Vortrage an, verzichten aber teilweise 
auf die besondere Blickrichtung nach bestimmten Wissenschaften. 

Die Forschungsmethoden und Forschungsergebnisse der anthro- 
posophischen Geisteswissenschaft sind - wie aus den Ausfiihrungen 
von Rudolf Steiner iiberzeugend hervorgeht - auch im Bereich der 
akademischen Wissenschaften als entscheidender Beitrag zu werten. 
Die Steigerung des menschlichen Erkenntnisvermogens iiber die dem 
blofien Intellekt gesetzten Grenzen hinaus ist als zentrales Anlie- 
gen der Anthroposophie auch fur die wissenschaftliche Problematik 
unserer Zeit von ausschlaggebender Bedeutung. Die entsprechenden 
Aussagen Rudolf Steiners haben an ihrer Geltung nichts eingebiifit; 
im Gegenteil: sie gewinnen im Hinblick auf die Weiterentwicklung 
der Wissenschaften in den letzten Jahrzehnten an Tragweite und 
Dringlichkeit. 

Im Gegensatz zu den meisten anderen offentlichen Vortragsreihen 
(z.B. den sog. «Architektenhaus-Vortragen») verzichtet hier Rudolf 
Steiner weitgehend auf systematische Entwicklung und Argumenta- 
tion der Geisteswissenschaft und konzentriert sich auf die Darstellung 
von Ergebnissen der Geistesforschung, «durch deren Mitteilung ich 
auch nichts weiter will, als anregen. Um das [. . .] in allem einzelnen 
zu belegen, zu beweisen, dazu wiirde wohl ein wochenlanger Kursus 
notwendig sein.» (S. Ill) 

«Nicht um andere Wissenschaften zu bekampfen oder irgendwie an- 
zufechten, habe ich diese Vortrage gehalten, sondern um zu zeigen [. . .], 
da$ ich sie zu schatzen weifi, indem ich nicht bloft den Glauben habe, 
sie seien grofi in dem, was sie schon sind, sondern den Glauben, sie 
seien auch grofi in dem, was aus ihnen hervorwachsen kann.» (S. 208 f.) 



I 



ANTHROPOSOPHIE UND SEELENWISSENSCHAFT 



GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE USER DIE 
MENS CH LI CHEN SEELENFRAGEN 

Zurich, 5. November 19 17 

Was in diesem Vortrage hier mit Anthroposophie gemeint 
sein wird, soil nicht irgend etwas sein, das sidi aus einer 
sektiererischen Bewegung oder Geistesstromung oder der- 
gleichen heraus ergibt, sondern etwas viel Allgemeiner- 
Menschliches: erne Geistesstromung, welclie sidi mit innerer 
Notwendigkeit in unserer Zeitepodie ergibt aus dem Her- 
aufkommen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung 
im Laufe der letzten Jahrhunderte in der Gestalt, weldie 
diese naturwissenschaftliche Weltanschauung insbesondere 
in unserer Zeit angenommen hat. 

Dabei ist aber nicht zu denken, dafi dieses als Anthro- 
posophie Gemeinte wie eine logische Folge, wie irgendeine 
Urteilskonsequenz sidi ergeben soli aus naturwissenschaft- 
lichen Voraussetzungen; sondern gedacht ist vielmehr, dafi 
diese Anthroposophie sich als lebendiges Gebilde, als Er- 
lebnis, selbst entwickeln mufi in einem Zeitalter, das fur 
viele Fragen des Lebens, der Welt, naturwissenschaftlich 
denken mufi. Mehr wie ein lebendiges Kind - wenn ich so 
sagen darf - der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart, 
denn als eine blofi logische Konsequenz, ist diese Anthro- 
posophie gedacht. 

Nun mufi ich mich allerdings bemiihen, sehr verehrte 
Anwesende, diese vier Vortrage, die iiber die verschieden- 
sten Gebiete der gegenwartigen Wissenschaften sich erstrek- 
ken sollen, zu einem Ganzen zu gestalten. Daher wird der 
einzelne Vortrag als solcher kein abgeschlossenes Ganzes 



sein konnen, und idi werde sehr bitten miissen, dieses zu 
beriicksichtigen. 

Wenn ich die Vortragsserie eroff ne mit einer Besprechung 
der Beziehungen von Anthroposophie und Seelenwissen- 
sdiaft, so sdieint dies insofern natiirlich, ja selbstverstand- 
lidi zu sein, als Anthroposophie, die orientiert sein will 
nach der geistigen Welt, die ihre Forschungsergebnisse aus 
der geistigen Welt heraus suchen soil, zunachst ganz beson- 
ders sich wird zu schaff en machen miissen mit den inneren 
Angelegenheiten des Menschen selbst, mit dem seelischen 
Leben des Menschen. Dies auf der einen Seite. Auf der 
anderen Seite aber kommt in Betracht, dafi im Laufe der 
letzten Jahrhunderte, insbesondere im Laufe des 19. Jahr- 
hunderts, dasjenige, was man Seelenwissenschaft, Psycho- 
logie nennt, im Grunde ein ganz anderes Geprage erhalten 
hat, als es noch vor kurzer Zeit hatte. Seelenwissenschaft ist 
gerade durch die Ausdehnung des naturwissenschaftlichen 
Denkens iiber viele Gebiete des Lebens vielleicht ratsel- 
voller geworden, mehr erfiillt worden von alien moglichen 
Lebensratseln als irgendeine andere wissenschaftliche Beta- 
tigung der neueren Zeit. Es war ja nur natiirlich bei den 
grofien, gewaltigen Ergebnissen des naturwissenschaftlichen 
Forschens, daft naturwissenschaftlich-methodisches Denken, 
naturwissenschaftliche Anschauungsweise gewissermafien 
Besitz ergriff von alldem, was im Bereiche der menschlichen 
Erkenntnis liegt. So ist es denn audi gekommen, dafi diese 
naturwissenschaftliche Anschauungsweise, man konnte sa- 
gen, ihre Macht ausgedehnt hat in der neueren Zeit iiber 
das Gebiet des Seelenlebens. 

Nun mochte ich von vornherein das Vorurteil, das Mifi- 
verstandnis, das sich so leicht gerade gegeniiber anthropo- 
sophischer Forschung erheben will, berichtigen, das darin- 
nen bestehen konnte, dafi anthroposophisch orientierte 



Geisteswissenschaft nicht rechnen wolle mit dem, was na- 
turwissenschaftliche Vorstellungsart der neueren Zeit der 
Mensdiheit zu bieten hat. Im Gegenteil, die weiteren Vor- 
trage, die ich hier werde zu halten haben, werden gerade 
zeigen, wie Naturwissenschaft erst dann zu ihrem vollen 
Rechte kommt, wenn sie diejenige starke Begriindung er- 
fahrt, die sie durch Anthroposophie oder Geisteswissen- 
schaft erfahren kann. Und in gewisser Beziehung wird sich 
das schon bei der Betrachtung des Verhaltnisses der Anthro- 
posophie zur menschlichen Seelenwissenschaft zeigen. Es ist 
ein berechtigtes Ideal der modernen Naturwissenschaft, 
dasjenige, was sie betrachtet als natiirliches Geschehen, als 
Inhalt der Naturprozesse und Naturtatsachen, abzulosen 
von jeglichem Seelischen, nirgends in die wissenschaftliche 
Beobachtung, in das wissenschaftliche Experiment hinein- 
zumischen irgend etwas, was aus dem Subjektiven - wie 
man es nennt was aus dem seelischen Erleben kommt. 
Dadurch allein kann diese naturwissenschaftliche Denk- 
weise hoffen, dafi der Mensch nicht das objektive Bild der 
Naturtatsachen durch dasjenige triibt, was er durch seine 
seelischen Tendenzen, durch seine seelischen Erlebnisse in 
die Natur hineintragt. 

Es ist nur naturlich, daft unter einem solchen Ideal ganz be- 
sonders die Seelenwissenschaft eine bestimmte Auspragung 
erfahren mufite. Denn so wie sich die Seele zur Aufienwelt 
stellen mull in der wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur, 
so hat sich diese Seele in friiheren Zeitlauften zur Aufien- 
welt nicht gestellt. Wer wirklich einen Sinn dafiir hat, sich 
in wissenschaftliches Denken, in Weltauffassungen verflos- 
sener Jahrhunderte hineinzufinden, der kann bemerken, 
dafi in diesen friiheren Zeitlauften die Menschen uberall, 
wenn sie versuchten, die Naturtatsachen zu erklaren und 
zu begreifen, diese Naturtatsachen nicht rein sonderten von 



dem, was die Seele empf and an diesen Naturtatsachen, was 
die Seele sich als, sagen wir, symbolische oder andere Vor- 
stellungen an diesen Naturtatsachen machen wollte. Es war 
gewissermafien dasjenige, was der Mensdi an der Natur 
erlebte, vermischt mit dem, was objektive Naturtatsache 
selbst war. Dadurch aber, dafi die Naturwissenschaft selbst 
nidit frei von manchem war, was die Seele hergab, dadurch 
kam man in bezug auf die Seelenwissenschaft in keine so 
ratselvolle Lage hinein wie in der Gegenwart. Wer schon 
Seelisdies in der Natur geoffenbart kriegte und mit den 
rein materiellen Tatsachen das Seelische mitherausnahm 
aus der Natur, der konnte audi viel eher glauben, in bezug 
auf das Gebautsein des Seelischen im Wesen der geistigen 
Welt im Einklange mit der Natur- und Weltbetrachtung 
irgend etwas zu erf ahren — viel eher, als dies jetzt moglich 
zu sein scheint, wo man die Natur so betrachten will, da!5 
gerade alles «Subjektive», alles Seelische bei dieser Betrach- 
tung wegbleibt. Wie soli man denn mit einer naturwissen- 
schaftlichen Anschauungsart, die gerade ihr vollkommenstes 
Ideal darinnen sieht, das Seelische auszuschliefien, die also 
Begriffe, Ideen, Methoden ausbilden mufi, welche auf dem 
Ausschlufi des Seelischen beruhen, wie soil man denn mit 
diesen Methoden nun heriibergehen konnen in das Seelische 
und von diesem Seelischen irgend etwas erkennen konnen? 
Wie soli man denn anwenden konnen, was man an der Na- 
turwissenschaft, die das Seelische ausschliefit, gelernt hat, 
auf die Betrachtung des seelischen Lebens? 

Dennoch, wir werden im dritten Vortrage sehen, wie ge- 
rade Physiologie, und wie audi eine sehr zukunftsreiche 
Wissenschaft, die gegenwartig erst anfangt, sich die Uni- 
versitatslehrstiihle zu erobern: die experimentelle Psy- 
chologic, ihre guten Grundlagen finden werden, wenn man 
wiederum die Moglichkeit findet, trotz dem Ideal natur- 



wissenschaftlicher Betrachtungsweise zu einer Seelenwissen- 
schaft zu kommen. Denn, was hier vertreten werden soil, 
das steht in keiner Beziehung demjenigen ablehnend gegen- 
iiber, was von seiten der Naturwissenschaft als Hilfswissen- 
schaft dem seelischen Leben zugeflossen ist. Im GegenteiH 
Gerade was psychologisdie Laboratorien der neueren Zeit 
anstreben, wird von einem gewissen anthroposophischen 
Gesichtspunkte aus erst seine rechte Fruchtbarkeit, seine 
rechte Bedeutung gewinnen. 

Man kann sich nun fragen: Was will eigentlich der 
Mensch, wenn er sich wissenschaftlich der Natur gegenuber- 
stellt in der Form, wie das heute die Naturwissenschaft mit 
Recht tut? Was will eigentlich der Mensch an der Natur 
erkennen? Man konnte iiber diese Frage stundenlang reden; 
allein ich will nur kurz andeuten, wie sie etwa beantwortet 
werden kann. 

Der Mensch entwickelt in dem, was sich abspielt im 
Laufe des seelischen Lebens, gewisse Bediirfnisse, die sich 
einfach dadurch ergeben, dafi er in sich seelisch erlebt und 
aufier sich den Ablauf der Naturtatsachen hat. Aus diesen 
Bediirfnissen heraus entwickelt sich dasjenige, was Natur- 
wissenschaft ist. Man will in der Seele selbst zurechtkom- 
men mit dem, was die Seele fragen kann, mit dem, was die 
Seele als Ratsel, als Zweifel sich aufwerfen kann bei der 
Anschauung der Natur. Und man will die Natur in einem 
solchen Bilde sehen, dafi dasjenige, was als innerer Ablauf 
der seelischen Erlebnisse in uns erfahren wird, dabei zu sei- 
nem Rechte kommt. Der Beobachter ist es eigentlich, der 
die Direktiven, der die Tendenzen der Naturwissenschaft 
gibt. Man braucht sich nur etwa an einen solchen Ausspruch 
wie den von Du Bois-Reymond zu erinnern, den er gele- 
gentlich seiner beriihmten Rede «Uber die Grenzen des 
Naturerkennens» tat: Eine Naturerkenntnis ist dann vor- 



handen, wenn unser Kausalitatsbediirfnis — also ein Sub- 
jektives, etwas, das im menschlichen Erleben begriindet 
ist wenn das befriedigt ist. Das aber setzt voraus, dafi 
dieses subjektive, personliche seelische Erleben mit seinen 
Fragen, mit seinen Zweifeln wie einer Sphinxnatur gegen- 
iibersteht dem aufieren Ablauf der Naturerscheinungen, 
dafi diese nicht in ihrem ersten Anblicke ergeben, was das 
Seelenleben als ein Bild von ihnen formt. Wir konnen das 
erste Bild, das sich dem vorlaufigen Anschauen ergibt, durch 
das, was in unserer Seele ablauft, verandern und bekom- 
men dadurch gerade die Naturwissenschaft. 

Konnen wir dies mit dem seelischen Leben ebenso ma- 
chen? Diese Frage beantwortet man sidi nur nicht immer 
deutlich und exakt genug. Zum Seelischen konnen wir uns 
nicht in derselben Art fragend mit dem gewohnlichen Be- 
wufitsein stellen, wie zur Natur. Dieses Seelische lauft in 
uns ab. Wir konnen es blofi erfahren, blofi erleben. Aber 
wir werden nichts gewinnen, wenn wir das, was uns schon 
bekannt ist, dann so gliedern, wie wir gesetzmafiig die Na- 
tur gliedern, um zu einer Naturwissenschaft zu kommen. 
Dieses seelische Erleben, wie es im gewohnlichen Alltags- 
dasein auftritt, kann man erleben; aber es ist eigentlich, 
indem man es so erlebt, kein Anlafi da, es in derselben 
Weise zu behandeln wie die Naturtatsachen. Diese fuhren 
auf Schritt und Tritt sozusagen ins Unbekannte, wahrend 
wir im seelischen Erleben unmittelbar drinnenstehen. Man 
mufi sich schon an der Naturwissenschaft selbst gewisse 
Fragestellungen anerziehen, wenn man dem seelischen Er- 
leben gegenuber eine ahnliche Methode anwenden will, wie 
sie in der Naturwissenschaft ublich ist. 

Man konnte nun sagen: Der Natur gegenuber ist der 
Beobachter als selbstverstandliche AuEenpersonlichkeit ge- 
geben; dem seelischen Erleben steht kein Beobachter gegen- 



iiber. Daher verzweif elten manche Leute iiberhaupt an einer 
Moglichkeit, das seelisdie Leben zu beobachten, weil sie sich 
gar nidit vorstellen konnten, wie die Spaltung sich voll- 
ziehen konnte: dafi man zu gleicher Zeit den Ablauf des 
Seelenlebens hat und dennoch Beobachter ist. 

Das ist es aber gerade, dieses sonderbare Paradoxon, was 
eintreten mufi, um eine Seelenwissenschaft, die sich der Na- 
turwissenschaft zur Seite stellen kann, ich mochte sagen, im 
Geiste der Forderungen der Naturwissensdiaft wieder er- 
stehen zu lassen. Die Frage nach dem Beobachter des seeli- 
schen Lebens mufi ernst, mufi in ihrer vollen Bedeutung 
und Tiefe genommen werden. Dasjenige, was in uns lebt, 
kann dieses Seelische nidit unmittelbar beobachten. Wenn 
der Naturforsdier, der das Ideal naturwissenschaftlicher 
Anschauung in der Gegenwart erfullen will, in seiner Vor- 
stellungsweise alles absondert, was Seele ist, wenn er ge- 
wissermafien das Seelisdie ganz zuriicktreten lafit, so mufi 
der Seelenf orscher heute den gerade entgegengesetzten Weg 
gehen: Er mufi nun nichts absondern von den seelischen Er- 
lebnissen, sondern er mufi etwas hereinholen in diese see- 
lischen Erlebnisse; er mufi diese seelischen Erlebnisse mit 
etwas durchdringen, was im gewohnlichen Bewufitsein nicht 
da ist. Gerade den entgegengesetzten Weg mufi der Seelen- 
f orscher gehen! Weil Naturwissenschafl grofi geworden ist 
auf ihrem Wege, mufi der Seelenforscher diesen entgegen- 
gesetzten Weg gehen. Die grofie, bedeutungsvolle Frage 
entsteht: Wie kann dieser Weg gefunden werden? 

Da werde ich nun manches Paradoxe zu sagen haben. 
Aber ich bitte, darauf Rucksicht zu nehmen, dafi dasjenige, 
was im Laufe der menschlichen Geistesentwickelung auf- 
trat, in den ersten Zeiten seines Auftretens immer einen 
paradoxen Charakter hatte. Man denke nur an die grofien, 
umwalzenden naturwissenschaftlichen Errungenschaften 



selbst, wie sie auf den Menschen gewirkt haben, welche 
Zweifel, welche Anfechtungen, welche Kampfe sie hervor- 
gerufen haben! Dem Seelischen stent der Mensch noch viel 
naher als der Natur. Kein Wunder, wenn sich audi bezug- 
lich der neueren Seelenwissenschafl so mandies von dem 
wieder ergeben kann, was sich bei dem Fortschritte des 
naturwissenschaffclichen Forschens ergeben hat. 

Klar mu£ man sich von vornherein bei der anthroposo- 
phisch orientierten Seelenwissenschafl sein, dafi man mit 
dem Bewufksein, das unseren Alltag erfiillt, das auch in 
der gewohniichen naturwissenschafllichen Forschung ublich 
ist, wie ich schon angefiihrt habe, nicht auskommt. Seelen- 
wissenschafl; wird eine Bewufitseinsfrage werden. Und als 
solche Bewufkseinsfrage habe ich diese Seelenwissenschafl; 
in meinem vor einem Jahre erschienenen Buche « Vom Men- 
schenratsel» behandelt: Wenn die Seele so, wie sie im ge- 
wohniichen Erleben ihren eigenen Erfahrungen gegenuber- 
steht, von diesen Erfahrungen im Grunde nichts wissen 
kann - wenn sie sie nur erleben kann, wie man die aufiere 
Natur, bevor man ein naturwissenschaftliches Bild von ihr 
hat, erlebt so deutet das schon darauf hin, dafl diese Seele 
mit sichVeranderungen vornehmen mufi, wenn sie ihre eige- 
nen Tatsachen beobachten will. Das wird manche Schwie- 
rigkeiten geben gegeniiber der herrschenden Denkweise der 
Gegenwart. Diese geht dahin, an die Seele ja nicht zu riih- 
ren, sie so zu lassen, wie man sie gewissermafien, wie man 
etwa sagt, «aus den Handen der Natur selbst » erhalten hat, 
und in der Wissenschaft an dasjenige, was da in ihr lebt, 
anzukniipfen. Seelenwissenschafl wird aber aus den tiefe- 
ren Quellen, die fur das gewohnliche Erleben verborgen 
sind, Krafle heraufholen mussen, durch die andere Be- 
obachtungsmethoden, andere Vorstellungsarten entstehen, 
als sie im gewohniichen Leben da sind. 



Nun will idi in Kiirze schlicht sdiildern, was mit der 
mensdilidien Seele vorgehen mu£, wenn sie ein wirklicher 
Beobachter der eigenen seelischen Erlebnisse werden will, 
besser gesagt, wenn sie den inneren Beobachter, der in ihr 
verborgen ist, erwecken will, damit sie ihr eigenes Erleben 
erforschen kann. Mit dem Denken, mit all den Vorstel- 
lungsformen, die man sich bei der Betraditung der aufieren 
Natur aneignet, kommt man dem Seelischen gegemiber 
nicht zurecht. Man kommt mit all diesen Vorsteliungen 
- wie man, gerade wenn man innerlich ringt mit der Er- 
kenntnis, bald bemerken kann - uberhaupt nicht hinaus 
iiber den Tatsachenkreis, der sich naturwissenschaftlich 
iiberschauen lafit; man kommt damit gar nicht heran an 
das Seelische. 

Die Sadie wird in dem Augenblicke anders, da man an 
die Punkte — ich nenne sie Grenzorte des Erkennens - 
kommt, an denen der Mensch zunachst zweifelnd steht und 
oftmals sich sagt: Bis hierher kommen wir mit dem, was 
uns als Menschen einmal beschieden ist in bezug auf unse- 
ren Erkenntnistrieb; aber hier liegen uniibersteigliche Gren- 
zen; iiber die kommt man nicht hinaus. - Man braucht nur 
zu sehen, wie Menschen, die, gerade erfullt von der natur- 
wissenschaftlichen Anschauungsweise der letzten Zeiten, 
mit ihren Gedanken versuchen, immer tiefer und tiefer in 
das Dasein hineinzuschurfen, an solche Grenzorte des Er- 
kennens herangelangen. Ich will ein paar Beispiele an- 
fuhren, die uns zeigen werden, wie der nach Erkenntnis 
Ringende da wirklich an ganz besondere Stellen des Seelen- 
erlebens kommt. 

Als erstes Beispiel mochte ich eines anfiihren, das ich ge- 
funden habe bei einem vielleicht als Philosoph weniger 
geschatzten, aber als Personlichkeit um so hoher zu schat- 
zenden Erkenntnissucher: bei dem beruhmten Asthetiker 



Friedrich Theodor Vischer. Als Vischer das interessante 
Biichelchen Volkelts iiber «Die Traum-Phantasie» besprach, 
da warf er sich mit aller inneren Erkenntnisenergie die 
Frage auf: Welches kann die Beziehung sein der mensch- 
lichen Seele und des menschlichen Leibes? 

Es ist ein anderes, ob man sich aus philosophischen Vor- 
aussetzungen, aus SchulbegrifTen heraus dieses Problem 
vorlegt, ob man sidi nur verstandesmafiig damit beschaf- 
tigt, oder ob es aus einem harten Denk-Erleben heraus vor 
die Seele tritt, so dafi es wirklich wie sphinxartig sich vor 
diese Seele hinstellt. Aus solchem bangem Erleben heraus 
stellte sich - das sieht man dem ganzen Zusammenhang an - 
der sogenannte V- Vischer, Friedrich Theodor Vischer, die 
Frage. Er sagt: Die Seele des Menschen, sie kann nicht im 
Leibe sein; aber sie kann audi nicht anderswo als im Leibe 
sein. - Ein vollstandiger Widerspruch! Aber ein Wider- 
spruch, der sich nicht logisch herbeigezerrt ergibt, sondern 
der sich aus dem vollen inneren Denken heraus ergibt, ein 
Widerspruch, in dem man ringt, ein Widerspruch, der der 
Beginn sein kann eines inneren Erkenntnisdramas. Und vor 
solchen inneren Erkenntnisdramen, weil sie zum Erleben 
fiihren, darf man nicht zuriickschrecken, wenn wirkliche 
Seelenwissenschaft entstehen soli. 

Ich habe damit eine der sehr bedeutungsvollen Fragen, 
die an den Grenzorten des Erkennens entstehen, angedeu- 
tet. Es gibt viele. Du Bois-Reymond hat von sieben Welt- 
ratseln gesprochen. Man konnte Hunderte und Hunderte 
kleinerer und grofierer soldier Fragen anfuhren. Bei diesen 
Fragen kann man so stehenbleiben, dafi man sagt: Bis hier- 
her reicht das menschliclie Erkennen, weher kann man nicht 
gehen! — Aber wenn man sich dieses Gestandnis macht, dann 
fehlt es nur an Erkenntnismut. Das, urn was es sich han- 
delt, ist: bei solchen Fragen mit dem vollen inneren Seelen- 



leben stehenbleiben zu konnen, diese Fragen mit alien 
gesamten Kraften der Seele nidit verstandesmafiig zu be- 
traditen, sondern sie zu durchleben und Geduld zu haben, 
zu warten; ob sich da etwas wie eine Offenbarung von 
aufien ergibt. Und das gesdiieht. 

Wer sich solche Fragen nidit mit den vorgefaftten Be- 
griffen, die er schon hat, beantworten will, sondern gewis- 
sermafien untertaucht in das Wogen, das solche Fragen 
iiber die menschliche Seele bringen, der kommt zu einem 
vollig neuen Erleben, das er nicht im gewohnlichen Bewuftt- 
sein haben kann. Ich kann mich durch einen Vergleich aus- 
driicken iiber dieses Erleben. Es ist ein elementares Erleben 
des Seelendaseins und ein elementares Erleben fiir die Ent- 
stehung einer anthroposophisch orientierten Seelenwissen- 
schaft oder Psychologie. Man muS es nur in seiner vollen 
Realitat nehmen, nicht in seiner abstrakten Totheit. Wir 
denken - ob der Vergleich nun mehr oder weniger berech- 
tigt ist oder nicht, darauf kommt es jetzt nicht an, was er 
uns sagen soil, wird er uns sagen -, wir denken an ein ganz 
niedriges Tier, das noch nicht einen nach aufien hin diffe- 
renzierten Tastsinn sich ausgebildet hat, das gewissermafien 
mit seinem Erleben nur innerlich in sich selber wiihlt und 
an die physischen Gegenstande um sich herum anstofit. Wir 
denken uns im Sinne der Evolutionstheorie, soldi ein Leben 
sich vervollkommnend. Was kann da entstehen? Dasjenige, 
was beim niedrigen Wesen nur ein Stofien an die aufieren 
Dinge ist und ein innerlich undifferenziertes Erleben dieser 
Stofie, das differenziert sich im Laufe der Entwickelung so, 
dafi der Tastsinn entsteht. Die naturwissenschaftlicheEvolu- 
tionslehre stellt die Differenzierung des Sinnenlebens iiber- 
haupt so, ich mochte sagen, aus dem Gestofienwerden von 
den Dingen, aus dem Differ enziertwerden durch dieses 
Gestofienwerden dar. Was da aufierlich, physiologisch, 



physisch meinetwillen geschieht: die Entwickelung eines 
differenzierten Tastsinnes aus dem blofien Anstofien an die 
aufieren Gegenstande, das wiederholt sidi auf rein see- 
lischem Gebiete, wenn man die Dinge lebensvoll nimmt, 
wenn man an solche Grenzorte des Erkennens mit vollem, 
innerem Seelenanteil kommt. Da fiihlt man sich an diesen 
Grenzorten zunachst wie in der Dunkelheit der geistigen 
Welt drinnen, anstofiend iiberall. Dafi solche Fragen wie 
bei Vischer entstehen, ist einem ein Beweis: Man lebt in 
einem dunklen seelisdien Dasein, gegriindet in der geisti- 
gen Welt, stofiend an die geistige Welt. Aber differenzie- 
ren mufi sich nun dasjenige, was so stofit an die geistige 
Welt! 

Im wirklichen Erleben soldier Grenzfragen fiigt sich, 
offenbart sich in die Seele etwas hinein, was sonst nicht da 
ist, was ebensowenig vorher in der Seele da ist, wie die 
Wahrnehmung der aufieren Gegenstande durch einen diffe- 
renzierten Tastsinn da ist fur das Wesen, das diesen diffe- 
renzierten Tastsinn noch nicht entwickelt hat, sondern nur 
an die Dinge stofk. Man mu£ dazu kommen, die Grenz- 
fragen, diese zahllosen, qualenden, sphinxartigen Grenz- 
fragen zu erleben, um zu wissen: die Methoden, die wir an 
der Natur gewinnen konnen, die Methoden, die gerade 
das Ideal naturwissenschaftlicher Anschauungsweise erfiil- 
len, sie fiihren, wenn es sich um das Seelisch-Geistige 
handelt, nur bis zu einem Stofien an den Grenzen; da mufi 
das Leben weiterriicken! 

Und es kann weiterriicken. Das kann nur eine Erfah- 
rungstatsache sein. Was ich hier meine, das tritt dem in der 
Naturwissenschaft wurzelnden Denker der letzten Jahr- 
zehnte nur allzu klar, nur allzu bedeutsam vor die Seele. 
Denn erst allmahlich kann die Zeit heraufkommen, wo 
durch geduldiges Sich-Hineinfinden in diese Grenzfragen 



des Erkennens die Seele wirklich ihr Lebensgebiet ausdehnt. 
Ich habe Beispiele soldier Grenzfragen angefuhrt in dem 
kleinen Kapitel, das idi gerade iiber dieseFragen in meinem 
Buche, das in den nachsten Tagen erscheinen wird, «Von 
Seelenratseln», gesdirieben habe. 

Ich mochte nodi eine andere solche Grundgrenzfrage, wie 
sie auf tritt bei Friedrich Theodor Vischer, anfiihren, als Bei- 
spiel, wie jemand, der wirklich beginnt, das Erkenntnis- 
drama in sich zu erleben, herankommt an das, was ich eben 
jetzt charakterisiert habe - wenn audi, als Friedrich Theo- 
dor Vischer strebte, noch nicht die Zeit da war, in der die 
Seele durchbrechen konnte durch die Grenzen, an denen sie 
steht -, innerlich tastend, noch nicht aufierlich differen- 
ziert im geistigen Tasten. Vischer sagt da: «Kein Geist, wo 
kein Nerven-Zentrum, wo kein Gehirn, sagen die Gegner. 
Kein Nerven-Zentrum, kein Gehirn, sagen wir, wenn es 
nicht von unten auf unzahligen Stufen vorbereitet ware; 
es ist leicht, spottlich von einem Umrumoren des Geistes 
in Granit und Kalk zu reden, - nicht schwerer, als es uns 
ware, spottweise zu fragen, wie sich das Eiweifi im Gehirn 
zu Ideen auf schwinge. Der menschlichen Erkenntnis schwin- 
det die Messung der Stufenunterschiede. Es wird Geheimnis 
bleiben, wie es kommt und zugeht, dafi die Natur, unter 
welcher doch der Geist schlummern mu£, als so vollkom- 
mener Gegenschlag des Geistes dasteht, dafi wir uns» — ich 
bitte, die Redeweise ins Auge zu fassen! - «Beulen daran 
stofien; es ist eine Diremtion von solchem Schein der Ab- 
solutheit, dafi mit Hegels Anderssein und Aufiersichsein, 
so geistreich die Formel, doch so gut wie nichts gesagt, die 
Schroffheit der scheinbaren Scheidewand einfach verdeckt 
wird. Die richtige Anerkennung der Schneide und des Sto- 
res in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte, aber keine 
Erklarung dafiir.* 



Man kann nicht genauer die Schilderung dieses inneren 
Seelenlebens haben: wie es sich fiihlt zunachst anschlagend 
an die geistige Welt da, wo es diese Grenzfragen erlebt, 
wie es sich sehnt, sich aus diesem Heranschlagen an die 
geistige Welt zu differenzieren zu einem wirklichen Tasten 
der geistigen Welt, zu einem Aufgehen eines - um den 
Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen - geistigen Organes. 
Wie Goethe von Geistesaugen und Geistesohren spricht, so 
konnte man sagen, gehen^auf der elementarsten Stufe gei- 
stige Tastorgane auf , dadurch, daft man sich in diese Dinge 
hineinlebt. Das ist ein wirklicher Lebensprozefi, ein wirk- 
licher Wachstumsprozefi; das ist nicht eine blofte Anwen- 
dung desjenigen, was man schon gelernt hat an den anderen 
Wissenschaften; sondern das ist etwas, was so real ist wie 
das Heranwachsen des Kindes, was aber die Seele in Re- 
gionen hineinbringt, die sie vorher nicht erlebt hat. 

Ober diese Dinge tauschen sich heute viele. Einer ganz 
prinzipiellen Tauschung auf diesem Gebiete gibt sich der 
beruhmt gewordene Philosoph Bergson zum Beispiel hin. 
Bergson spricht davon, dafi man nicht die Welt umfassen 
konne mit dem zergliedernden Verstande, dafi man insbe- 
sondere das Seelenleben nicht erfassen konne mit dem zer- 
gliedernden Verstande, weil im Seelischen, weil iiberhaupt 
im Dasein iiberall «Werden» ist, iiberall «Fliefien», iiberall 
«Leben». Was glaubt Bergson? Dafi dasjenige, worauf es 
ankommt, schon da ist, dafi man es suchen kann mit den 
Kraften, die man schon hat. Das ist aber der grofie Irrtum. 
Da findet man nicht dasjenige, was das Seelische wirklich 
erklaren kann, sondern die Seele mufi iiber sich selber hin- 
ausgehen; die Seele mull etwas entwickeln, was sie nicht 
hat. Sie mufi nicht glauben, dafi das Leben, das sie erfor- 
schen soli, schon da ist, sondern daft dieses Leben erst 
errungen werden mufi. 



Vor diesem Sidi-Vertiefen in das Erkenntnisdrama des 
Inneren haben viele — ich darf den Ausdruck wohl gebrau- 
chen — eigentlidi eine grofie Angst. Sie glauben, in den Ab- 
grund der Subjektivitat, in den Abgrund der Individuali- 
st hineinzukommen. Wenn sie sich wirklich in soldier Art 
in diesen Abgrund hineinbegeben wiirden, wie es jetzt ge- 
schildert worden ist, dann wiirden sie finden, dafi, indem 
sie das tun, sie innerlich ein so Objektives finden, wie man 
aufierlich dasObjektive flndet, wenn man derNatur gegen- 
ubersteht. Es ist nur eine Illusion, wenn man glaubt, dafi 
der eine Mensch dieses, der andere jenes beim Durchleben 
des Erkenntnisdramas flndet. In gewisser Beziehung miis- 
sen die individuellen Erlebnisse verschieden sein, weil sie 
verschiedene Aspekte, verschiedene Ansiditen desselben 
Dinges von verschiedenen Seiten sind. Aber damit, dafi 
man Photographien von verschiedenen Seiten von irgend- 
einem Ding auf nimmt und diese Photographien verschieden 
sind, damit ist nicht gesagt, dafi das Ding selbst nicht sein 
Objektives diesen Aspekten darbietet. Man mufi das, was 
der Erkenner auf diese Weise heraufholt aus seiner Seele, 
nicht so nehmen, dafi man es rein dogmatisch hinnimmt, 
dafi man nun an die besondere Formulierung, die er gibt, 
wie an ein Dogma oder ein Naturgesetz glaubt. Sondern 
man mufi sich klar sein: Es mag noch so subjektiv durch 
den besonderen Aspekt das sein, was durch die geistigen 
Tastorgane erscheint - und wenn die Methoden, die ich 
jetzt nur prinzipiell angegeben habe, weiter ausgebildet 
sind, so entstehen wirklich geistig-seelische Organe, die 
man mit Geistesaugen und Geistesohren vergleichen kann -, 
wenn auf Grundlage des schauenden Bewufitseins, so nenne 
ich es in meinem Buche «Vom Menschenratsel», die geistige 
Welt charakterisiert wird, dann mag das, was der Beobach- 
ter schildert, ein subjektiver Aspekt sein; aber indem man 



es hinnimmt, steht man der geistigen Wirklichkeit gegen- 
iiber, wie man ein wirkliches Abbild eines Baumes hat, 
wenn man es audi nur von einer Seite hat. Das ist das, was 
gerade auf diesem Gebiete verstanden werden mufi. 

Wenn der Mensch in diesem seinem seelisch-geistigen 
Leben iiber sidi selbst hinausgeht, ergibt sidi das, was ich 
in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe- 
ren Welten?» schildere, in der Sie eine ausfiihrliche Dar- 
stellung finden konnen, was die Seele mit sich zu machen 
hat, um so iiber sidi hinauszugehen. Ich konnte heute selbst- 
verstandlich nur das Prinzipielle angeben. Wenn Sie das, 
was da in diesem Buche dargestellt ist, bis zu einem ge- 
wissen Grade verfolgen, werden Sie finden, warum ich die 
Erlebnisse, die vollig neue Erlebnisse sind gegeniiber dem 
gewohnlichen Bewufksein, zunachst Imaginationen genannt 
habe, und die Bewuikseinsstufe, die sich da entwickelt, das 
imaginative Bewufitsein. 

Dieses imaginative Bewufitsein ist nichts Phantastisches. 
Es hat einen Inhalt, der neu ist gegeniiber dem, was man 
vorher erfahren hat. «Imaginatives Bewufitsein» ist ein 
Wort wie so viele. Worauf es ankommt, ist, dafi in den 
Imaginationen, die man sich als Bereicherung des Seelen- 
lebens erwirbt, klar ausgedriickt ist, dafi sie, nun, sagen 
wir, Abbilder sind einer geistigen Wirklichkeit, wie unsere 
gewohnlichen Vorstellungen Abbilder sind der aufieren 
physischen Wirklichkeit. 

Ich habe Ihnen den Prozefi geschildert, durch den die 
Seele auf der ersten Stufe sich iiber sich selbst hinaushebt 
zu dem, was man imaginatives Erkennen nennt. Mit diesem 
imaginativen Erkennen lebt man tatsachlich in einem Zu- 
stande, den man mit einem paradoxen Wort bezeichnen 
mufi - das selbstverstandlich unter den Denkgewohnheiten 
der Gegenwart nur spottisch behandelt werden kann: Man 



lebt, indem man seine Seele vereinigt mit dem, was man 
so erlebt, man lebt aufierhalb des Leibes. Darauf kommt 
es an! Und man lernt vor alien Dingen dasjenige, was 
man so erlebt ohne die Zuhilfenahme des Leibes, zu unter- 
scheiden: erstens von den gewohnlichen sinnlichen Wahr- 
nehmungen, die an der sinnlichen Aufienwelt gewonnen 
sind; aber audi von alledem, was Visionen, Halluzinatio- 
nen, Illusionen sind. 

Denn das mufi immer festgehalten werden: Der Weg, 
der hier angedeutet worden ist, f iihrt nach der gerade entge- 
gengesetzten Linie hin als der Weg, der als ein krankhafter 
bezeichnet werden kann, der nach dem illusionaren, nach 
dem visionaren Leben fiihrt. Gerade wer sich in das ima- 
ginative Leben hineinfindet, der weifi, dafi das, was wir 
sinnlich wahrnehmen, mit unseren gesunden Sinnen an der 
Natur wahrnehmen, dafi das geistig hoher steht als alles, 
was durch Visionen, Halluzinationen vor unsere Seele tre- 
ten kann. Indem wir uns Visionen hingeben, tauchen wir 
tiefer in unsere blofie Leiblichkeit hinab, verbinden wir uns 
inniger mit der Leiblichkeit, durchziehen wir die Leiblich- 
keit mit unserem Seelischen, machen uns nicht von ihr frei. 

Wenn wir im dritten Vortrage uber den Menschen als 
Naturwesen sprechen werden, wird uns klarwerden, war- 
um die Inhalte der Visionen mit Geistwahrnehmungen ver- 
wechselt werden konnen. Heute, wo wir von dem seelischen 
Erleben sprechen, handelt es sich darum, den Unterschied 
scharf hervorzuheben: daft der Visionar hinuntersteigt in 
sein Leibesleben, derjenige aber, der nach der imaginativen 
Erkenntnis strebt, in ein rein Seelisches sich hineinlebt, 
durch das er zu einem vom Leibe unabhangigen Erleben 
kommt. 

Das ist, wie gesagt, eine paradoxe Vorstellung fur die 
Denkgewohnheiten der Gegenwart. Derjenige, der heute 



aus laienhaften Untergriinden, aus dilettantischen Vorstel- 
lungen heraus an die geistige Welt kommen mochte, der 
mochte sich diese geistige Welt so gern nadi dem Muster- 
bilde der aufieren Wahrnehmungen vorstellen, der mochte 
so gern - man sieht das an dem verhangnisvollen Spiritis- 
mus -, dafi ihm, wie durch ein physisches Experiment im 
Laboratorium eine Naturtatsadie, so geistige Tatsadien 
entgegentreten. Er mochte den Geist greifen. Was uns aber 
entgegentritt in der imaginativen Wahrnehmung, das lafit 
sich nicht mit etwas Greifbarem vergleichen. Ich habe es 
in dem Buch «Von Seelenratseln» verglichen - aber es ist 
nicht dasselbe, es lafit sich nur vergleichen — mit den 
Erinnerungsvorstellungen, die wir aus dem Untergrunde 
unseres seelischen Lebens glauben heraufzuholen iiber ver- 
gangene Erlebnisse. Die Diinnheit, blofi seelisch-geistig, die 
solche Erinnerungserlebnisse haben, das ist das einzige, 
worin der Geist, in dem die Seele wurzelt, iiberhaupt erlebt 
werden kann. Nur dafi die Imaginationen, die so wie Er- 
innerungsvorstellungen in der Seele aufgehen, nicht an- 
kniipfen an in der physischen Welt Erlebtes, sondern dafi 
sie durch ihren eigenen Inhalt ankiindigen: man ist einge- 
treten in eine neue, geistige Welt, in eine Welt, die man 
vorher nicht gekannt hat. Man mufi sich erst nach und 
nach bekanntmachen mit der ganz anderen Art des see- 
lischen Erlebens, wenn man so mit seinem Ich nun nicht 
die Stiitze hat der leiblichen Organe, durch die man die 
aufieren Wahrnehmungen sich verschafft; man mufi sich 
nach und nach erst gewohnen in dieses Leben hinein. 

Vor alien Dingen: trotzdem ich diese Vorstellungen der 
imaginativen Erkenntnis mit Erinnerungsvorstellungen 
verglichen habe, trotzdem hat alles, was als Imagination 
auftritt, was also die Wiedergabe einer geistigen Wirklich- 
keit ist, eine Eigentumlichkeit, an die wir uns sehr schwer 



gewohnen, namlich die Eigentumlichkeit, dafi je vollkom- 
mener eine solche geistige Wahrnehmung in der Imagina- 
tion ist, desto weniger konnen wir uns, nachdem wir sie 
gehabt haben, an sie erinnern. Wir sind gewohnt, an das- 
jenige uns zu erinnern, was durch unsere Seele gezogen ist. 
So, wie wir das geistige Erlebnis haben, so erzeugt es uns 
nicht Erinnerungskraft unmittelbar; sondern der Vorgang 
ist ein ganz anderer. Ich habe ihn in meinem Buch «Von 
Seelenratseln» geschildert. Der Vorgang ist der folgende: 
Wenn man eine bestimmte Imagination haben will, so mufi 
man sidi dazu vorbereiten, man mufi die Seele iiben, dafi 
sie innerlich die Krafte entwickelt, durch die die Imagina- 
tion sich ihr offenbaren kann. An das, was die Seele tut, 
an das, was die Seele vornimmt, um zu der Imagination 
zu kommen, an das kann man sich erinnern. Dadurch kann 
man die Imagination von neuem hervorrufen. Man kann 
also, wenn man einmal ein geistiges Erlebnis in imagina- 
tiver Erkenntnis gehabt hat, sich nicht ohne weiteres an 
dasselbe erinnern, sondern man mufi wiederum alle die 
inneren Seelenvorbereitungen machen; an die kann man 
sich erinnern. Man kann sich sagen: Das hast du getan, 
jenes hast du getan; tu* es wieder, dann bekommst du das 
Erlebnis wieder. - Und nur dann, wenn es uns gelingt, 
gewissermafien in das gewohnliche Bewulksein, in das ge- 
wohnliche Denken, vorstellungsmafiig, Abbilder der Ima- 
ginationen hereinzubringen, dann konnen wir uns an diese 
Abbilder erinnern. Aber das, was wirklich Imagination ist, 
das mufi immer von neuem auftreten, sonst ist es keine 
wirkliche Imagination. 

Eine andere Eigentumlichkeit ist diese: Vorstellungen, 
die wir im aufieren Leben gewinnen, werden von uns um so 
leichter gebildet, je ofter wir sie bilden. Wahrend wir da 
eine gewisse Obung bekommen und die Dinge in unsere 



Gewohnheit ubergehen, ist das bei dem Erleben der Ima- 
gination, bei dem Erleben wirklicher geistiger Tatsadien 
nicht der Fall. Das Gegenteil ist der Fall: Je ofter wir unter 
denselben Bedingungen eine Imagination haben wollen, 
desto undeutlicher wird sie. Daher riihrt der sonderbare 
Umstand, der recht paradoxe Umstand, dafi Sdiiiler des 
geistigen Lebens, die sich Miihe geben, zu gewissen Ima- 
ginationen zu kommen, solche Imaginationen haben und 
dann verwundert sind, warum sie sich nicht wiederholen. 
Da verliert sich sogar die Gabe, die Sache wieder hervor- 
zurufen, oftmals schon das zweite, dritte Mai, und es ist 
dann notwendig, dafi neue und immer erneuerte Veran- 
staltungen gemacht werden, um das, was uns gewisser- 
mafien flieht, indem es einmal aus der geistigen Welt an 
uns herangetreten ist, wieder heraufzurufen. 

Solche inneren seelischen Obungen, welche diese Schwie- 
rigkeiten uberbrikken, finden Sie alle im einzelnen geschil- 
dert in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?», wenn audi das selbst nur ein kurzer 
Abrifi desjenigen ist, was spater iiber diese Dinge von mir 
gesagt worden ist. 

Eine weitere Eigentumlichkeit ist diese, dafi man mit 
solchen imaginativen Vorstellungen nur zurechtkommt, 
wenn man in dem Denk-, wie in dem Vorstellungs-, Emp- 
findungs- und Willensleben, das man sich als Mensch bis 
zu dieser geistigen Schulung angeeignet hat, Anhaltspunkte 
findet, um die Imaginationen mit Vorstellungen zu durch- 
dringen. Wenn man nicht sorgfaltig hierauf achtgibt, kann 
man zwar nicht krankhaft, aber seelisch verworren und 
verdunkelt werden. Man kommt immer wiederum dazu, 
sich zu sagen: Jetzt erfahrst du etwas Geistiges, das kannst 
du noch nicht verstehen, du hast nicht tief genug Begriffe 
dafiir ausgebildet. - Dann mufi man aufhoren, dann mufi 



man den Weg so andern, dafi man versucht, sein gewohn- 
liches, in der Sinnenwelt auszubildendes Vorstellen weiter- 
zufiihren, um bei einer spateren Gelegenheit das zu ver- 
stehen, was man vorher nicht verstanden hat. 

Kurz, ich konnte nodi viele solcne Eigenschaften anfiih- 
ren, man macht Bekanntschaft mit lauter Dingen, welche 
frappierend, paradox sind gegeniiber dem seelischen Erle- 
ben, das dem gewohnlichen Bewufksein angehort. Dann 
aber erst, wenn man in dieser Weise gewissermafien das 
Seelisdie losgerissen hat von dem Leiblichen, dann erst steht 
man im Geistigen, in der geistigen Welt drinnen. Die Er- 
f ahrung, die geistige, kann keiner bestreiten. 

Mit dem, was ich Ihnen bisher geschildert habe, kommt 
man bis zu gewissen Einsichten. Man kommt zu der Ein- 
sicht, dafi aufier dem physischen Leib, den man an sich 
tragt und der das Objekt der Anatomie, der Physiologie, 
iiberhaupt der aufieren Naturwissenschaft ist, uns wirklich 
das eigen ist, was ich in meinen neueren Buchern, damit 
kein Mifiverstandnis entsteht, «Bildekrafteleib» nenne, 
wahrend ich es friiher «Atherleib» genannt habe. Es 
ist wirklich ein zweites Element, das in uns ist und das 
sich niemals der gewohnlichen Wahrnehmung, dem ge- 
wohnlichen seelischen Erleben ergeben kann, sondern das 
sich nur ergeben kann, wenn dieses seelische Erleben bis 
zur Imagination fortschreitet. Denn dieser Bildekrafteleib 
ist nichts Raumliches; dieser Bildekrafteleib ist etwas, das 
nur in der Zeit lebt, das aber in der Zeit so lebt, dafi alles, 
was in unserem physischen Leib, sagen wir, von unserer 
Geburt oder Empfangnis bis zu unserem Tode wirkt, her- 
ausquillt aus diesem Bildekrafteleib. Einen zweiten Leib, 
einen Bildekrafteleib tragen wir in uns. Er wird eine Reali- 
tat, eine Wirklichkeit fur das imaginative Bewufitsein. 

Aber weiter kommen wir mit diesem imaginativen Be- 



wufksein nicht, als zu dem, was uns als Bildekrafteleib 
— der Ausdruck ist paradox, das macht aber nichts — von 
der Geburt bis zum Tode begleitet. Weiter kommt man, 
wenn man nun zu dem, was eben angedeutet worden ist, 
fortschreitend nodi in anderer Weise die nun frei gewor- 
dene Seele innerlich erkraftet, innerlich erstarkt, wenn man 
nun in immer erneuter und erneuter geduldiger Ubung zu 
dem, was man Vorstellungsleben, was man Begriffsleben 
nennt, ein ganz neues Verhaltnis bekommt. 

Vorstellen ist fur uns im gewohnlichen Leben ja etwas, 
wodurch wir uns die aufieren Gegenstande vergegenwar- 
tigen. Wenn wir eine Vorstellung haben, glauben wir: das, 
was wir innerlich von einem aufieren Gegenstand besitzen 
konnen, besitzen wir eben! Davon miissen wir fur das Ge- 
biet des geistigen Erlebens loskommen. Wir miissen uns 
gewissermafien in die Lage versetzen konnen, unsere Vor- 
stellungen wie innerlich gegeneinander kampfende Krafte 
und Machte in uns im innerlichen Erkenntnisdrama ablau- 
fen zu lassen. Wir miissen die Fahigkeit gewinnen, eine 
Vorstellung in den Kampf mit der anderen treten zu 
lassen. Wir miissen uns die Sehnsucht erwerben, wenn wir 
eine Sache von einer Seite charakterisiert haben, sie auch 
von der entgegengesetzten Seite zu charakterisieren. Auf 
dieser Stufe werden die Ausdriicke: Materialismus, Idealis- 
mus, Spiritualismus, Sensualismus und so weiter, sie werden 
alle Redensarten, weil alle diese Begriffe, die blofi aus den 
Begriffsnetzen herausgesponnen sind, sich eben wie photo- 
graphische Aufnahmen von verschiedenen Seiten erweisen. 

Wir lernen erkennen, dafi wir mit unseren Begriff en auf 
geistigem Gebiete uns so verhalten miissen, wie wir uns 
auf sinnlichem Gebiete in unseren Sinnesorganen verhalten. 
Wir gehen um die Gegenstande herum. Wir betrachten die 
Begriffe nicht als Abbilder, sondern nur als dasjenige, was 



einseitig von diesem oder jenem Aspekte aus die Dinge 
charakterisiert. 

Der Geistesf orscher wird daher gerade den Trieb in sich 
ausbilden, die Dinge von der einen Seite zu charakterisie- 
ren, und sie audi von der anderen Seite, von der entgegen- 
gesetzten Seite zu charakterisieren. Er wird namentlich 
eine Sehnsucht empfinden, gewisse Vorstellungen sidi zu 
bilden und dann sich selbst zu widerlegen, diesen inner- 
lichen Kampf wirklich durchzumachen. Ich gebe da nur 
einige prinzipielle innerliche Gesichtspunkte an, die man 
aufsteigend wahrmachen mufi, wenn man an dem Grenz- 
ort der Erkenntnis bis zu einem gewissen Punkt gekommen 
ist. 

Dann entwickelt sich die Seele weiter. Sie gelangt dazu, 
das in sich zu entwickeln - und ich bitte, da von allem 
Aberglauben oder vorurteilsvoller Vorstellung abzusehen -, 
was ich in meinen Biichern genannt habe die inspirierte 
Erkenntnis. In einem hoheren Grade lost sich dadurch 
die Seele vom Leibe los, und nach dem Erringen dieser 
Erkenntnisstuf e ist man nun nicht blofi imstande, zu iiber- 
schauen, was als ein Bildekrafteleib in der Zeitenfolge unser 
Dasein von der Geburt bis zum Tode begleitet, sondern 
jetzt ist man imstande, audi Geistiges zu schauen, das aufier 
unserem Leibe ist, geistige Wirklichkeit, wie die physi- 
schen Augen physische Wirklichkeit schauen. Ich werde im 
nachsten Vortrage von der aufieren geistigen Wirklichkeit 
zu sprechen haben und will hinweisen zunachst auf das, 
was der Mensch als in ihm selbst beschlossene geistige Wirk- 
lichkeit mit dieser inspirierten Erkenntnis nunmehr schaut. 

Was da auftaucht vor der inspirierten Erkenntnis, das 
lebt nicht in unserem Dasein von der Geburt bis zum Tode, 
das hat vor uns gelebt, bevor wir durch die Geburt, oder 
sagen wir Empfangnis, in den irdischen Leib eingetreten 



sind; und nachdem wir durch den Tod in die geistige Welt 
eintreten werden, wird es mit uns leben. Das hat sich ver- 
bunden mit den Erbmassen, die uns von Eltern und Vor- 
eltern physisch uberkommen; das durdidrang dieses Phy- 
sisdie. Zur Anschauung desjenigen, was von uns unserem 
physischen Dasein seelisch vorangegangen ist, was unserem 
physischen Tode folgt, gelangt man wirklich durdi die in- 
spirierte Erkenntnis, weil man zu einem geistigen An- 
schauen des von diesem physischen Leib vollig Unabhangi- 
gen gelangt. Der Bildekrafteleib ist noch an dieses physische 
Dasein gebunden; er zerstaubt, wenn er von diesem physi- 
schen Dasein getrennt wird. Was die inspirierte Erkenntnis 
wahrnehmen kann, das zerstaubt nicht, das bleibt in sich, 
das ist dasjenige, das durch Geburten und Tode geht. Auf 
dem Gebiete der inspirierten Erkenntnis kann nun der 
Mensch wirklich sachgemajS untersuchen, was ihn verbindet 
mit rein geistigen Welten, was kraftvoll arbeitet, so dafi 
er dieser Mensch wird, wenn sich mit seinem geistigen Teil 
verbindet die physische Erbmasse. 

Und das dritte, wozu man gelangt, ist die Intuition. Da- 
mit ist nicht das Unklare gemeint, das gewdhnlich mit 
«Intuition» bezeichnet wird, sondern dasjenige, was ich 
nun andeuten will. Was man als dritte Stufe der geistigen 
Erkenntnis erringen kann, das erlangt man dann, wenn 
man vollstandig gewahr wird — es wird das in einem be- 
stimmten Zeitpunkte der seelischen Entwickelung auftre- 
ten dafi man ein anderer ist, dafi man wirklich einen 
inneren Beobachter in sich gefunden hat durch die Anstren- 
gungen, die man gemacht hat durch Imagination und In- 
spiration hindurch. 

Da tritt ein Bedeutsames ein innerhalb desjenigen, was 
ich das Erkenntnisdrama genannt habe. Da tritt etwas ein, 
wo man sagen kann: Man sieht, dafi aus dem Geistigen 



heraus nicht nur dieser unser physischer Leib mitgestaltet 
ist, man lernt sehen, dafi unsere Seele selber, so wie sie mit 
ihren Gefiihlen, mit ihren Tendenzen, mit ihren Ambi- 
tionen, mit ihren AfTekten, mit ihrem Willenscharakter in 
uns lebt, dafi sie so selber durch geistige Vorgange gewor- 
den ist. Ein innerlicher Schicksalsschlag wird das Erkennt- 
nisdrama. 

Man mag Schicksalserlebnisse haben im Leben, die einen 
himmelhoch jauchzend, zu Tode betriibt sein lassen, man 
mag das Sdilimmste und das Freudigste erleben: was man 
erlebt, wenn man das Werden nicht nur des Leiblichen, 
sondern das Werden des Seelischen erlebt, das ist ein Schick- 
salsschlag, ein innerlicher Schicksalsschlag, der fur den, der 
ihn voll erlebt im Erkenntnisdrama, mehr bedeutet als die 
hochsten und tief sten, f reudvollsten und leidvollsten Schick- 
salserlebnisse des aufieren Daseins. 

Wenn das so sein kann, wenn in der Seele wirklich diese 
innere Kraft den Umschwung bewirken kann, dafi ihr nicht 
nur das Leibliche aus dem Geistigen heraus erscheint, son- 
dern das Seelische selbst innerhalb des geistigen Werdens, 
dann tritt die intuitive Erkenntnis ein. Und dann ist das 
Gebiet beschritten, welches die wiederholten Erdenleben, 
das Zunickschauen zu friiheren Erdenleben und das Gewifi- 
sein, dafi dieses Erdenleben sich wiederholen wird, umfaftt. 
Die Erkenntnis tritt ein, dafi das gesamte Leben des Men- 
schen besteht aus aufeinanderfolgenden Erdenleben mit 
dazwischenliegenden Leben in der geistigen Welt vom Tod 
zu einer neuen Geburt. 

Mit alldem mufi verbunden sein, dafi unser innerer see- 
lischer Blick auf etwas gerichtet wird, fur das er eigentlich 
nicht eingeschult ist durch den Bezug auf die aufiere Natur. 
Mit Bezug auf die aufiere Natur fragen wir stets nach der 
Herkunft, nach den Ursachen. Mit den Fragen nach der 



Herkunft, nach den Ursachen, kommen wir aber nicht dem 
Geiste gegeniiber zurecht. Derjenige, der sich das geistige 
Gebiet so erschliefit, wie ich es erwahnt habe, dem offen- 
bart sidi, dafi sich in alles Wachsende, Gedeihende, in alles 
Fortschreitende, sich Entwickelnde hineinstellt eine riick- 
schreitendeEntwickelung, ein fortdauerndes Abbrockeln des 
Daseins, ein fortdauerndes Zerstorerisches. Deshalb haben 
diejenigen, die vielleicht nicht in dieser modernen Form 
dies durchschauten, aber in den Formen, in denen man 
friiher solche Sachen gewufit hat, gesagt: Geistige Erkennt- 
nis fiihrt an die Pforte des Todes. - Man lernt erkennen, 
dafi Bewufitsein, geistiges Erleben, bewufites Geist-Erle- 
ben nur auftreten kann dadurch, dafi sich in das Wach- 
sende, Gedeihende, in das Fortschreitende der Entwicke- 
lung hineinstellt dasjenige, was dieses Dasein abbrockelt; 
und man lernt erkennen, dafi der Tod nur das einmalige 
grofie Ereignis ist, das man sich aufgeteilt, gewissermafien 
in seine Atome zerteilt denken kann als dasjenige, was in 
uns fortwahrend geschieht, wahrend wir im leiblichen Le- 
ben bewu$t werden. Das Wissen in dieser Welt ist ein 
Hereintreten im kleinen desjenigen, was uns mit einem 
Schlag uberfallt, wenn wir durch die Pforte des Todes 
gehen. 

Man lernt die Verwandtschaft des Bewufitseins mit dem 
Sterben erkennen. Und eben dadurch, dafi man die Ver- 
wandtschaft des Bewufitseins mit dem Sterben erkennen 
lernt, dadurch lernt man auch erkennen, wie dieses Be- 
wufitsein hindurchschreitet durch die Pforte des Todes, wie 
der Tod gerade ein Erwecker ist eines anderen Bewufitseins, 
in das wir eintreten, wenn wir den physischen Leib ab- 
legen, den wir ja gewissermafien nur behufs der Erkennt- 
nis ablegen, wenn wir solche imaginative, inspirierte, intui- 
tive Erkenntnis erwerben. 



Man mufi sich hineinfinden, iiber seine Beziehung zur 
Welt in ganz anderer Art zu denken, als man es vorher 
gewohnt war, wenn man sidi einen wirklichen Begriff 
madien will von geistigem Erkennen. Vor alien Dingen 
mu£ man den Glauben ganz verlieren, dafl man den Geist 
irgendwie finden kann, wenn man die materielle Welt 
deutet, wenn man die materielle Welt irgendwie kritisiert, 
wenn man an der materiellen Welt Gesetze findet. Die 
Gesetze, die man an der materiellen Welt findet, die gelten 
audi nur fur die materielle Welt. Den Geist findet man 
nicht durch Deutung der Sinneswelt; den Geist findet man 
im physischen Leib an der Sinneswelt; aber man findet ihn 
im f reien Erleben des geistigen Gebietes. 

Ich kann mich durch einen Vergleidi klarmachen: Wenn 
wir die Wortreihen, die Buchstabenreihen lesen, so nehmen 
wir sie nicht so auf, dafi wir sagen: da ist ein senkrechter 
Strich, da ist ein horizontaler Strich; wir deuten nicht die 
Buchstaben, wir sehen iiber die Buchstabenreihe und Wort- 
reihe hin, und da entwickelt sich ein innerlicher Inhalt. 
Dieser Inhalt hat mit einer Deutung der Buchstaben nichts 
zu tun. Man mufi lesen gelernt haben. Was sich beim Leser 
entwickelt, ist etwas ganz anderes, als was in den Buch- 
staben liegt. Man kann nicht den Geist, den man beim 
Lesen aus den Buchstaben heraus findet, aus dem Setzer- 
kasten holen. Ebensowenig kann man aus der Natur durch 
Deutung der Natur das geistige Leben finden. Das geistige 
Leben kann man nur finden, wenn man die Seele iiber sich 
selbst hinaufhebt und dadurch dasjenige findet, was nun 
aus dem Geiste selbst hereinragt in dieses physische Leben, 
insofern im Physischen die Seele sich erlebt zwischen Ge- 
burt und Tod. 

Sie sehen, da kommt eine Seelenwissenschaft zustande, 
welche gut neben der Naturwissenschaft stehen kann, weil 



sie gar nicht die Methoden auf das Seelische iibertragt, 
welche an der Natur herangebildet sind, weil sie aber 
audi nicht bei diesem Seelischen, wie es im gewohnlichen 
Dasein erlebt wird, stehenbleibt, sondern in dieses See- 
lische hineintragt ein Objektives, aus dem heraus dieses 
Seelische sich erlebt, und aus dem auch das Leibliche gebo- 
ren ist, wie wir im dritten dieser Vortrage sehen werden. 

Das sind einige Andeutungen, nur die allerersten, 
elementaren Andeutungen - bezuglich alles iibrigen mull 
ich auf meine Biicher verweisen — , Andeutungen, wie der 
Mensch das finden kann, das in ihm liegt und das sein 
Ewiges ist, wie diese Seelenlehre, die anthroposophisch 
orientiert ist, den Menschen wiederum wirklich dazu fiihrt, 
daft nun nicht mehr einzutreten braucht, was bei einem 
sehr bedeutenden, aber tragisch sein Denken ertragenden 
Forscher der Gegenwart eingetreten ist, bei dem im Marz 
dieses Jahres hier in Zurich verstorbenen grofien Psycho- 
logen Franz Brentano. Franz Brentano lebte sich hinein in 
die psychologische Forschung in dem Zeitalter, als die 
aufiere naturwissenschaftliche Denkweise heraufkam. Er 
wollte die naturwissenschaftliche Methode, so wie sie ist, 
anwenden auf das Seelenleben. Man kommt mit dieser 
naturwissenschaftlichen Methode aber nicht weiter, als Vor- 
stellungen zu vergleichen: wie Gefuhle aus der Seele her- 
auf wollen, wie Aufmerksamkeit ist und so weiter im 
aufieren physischen Leben. Aber Franz Brentano beklagt 
es in seinem Buch «Psychologie vom empirischen Stand- 
punkte», im ersten Band, den er geschrieben hat, und der 
der einzige geblieben ist, er beklagt, was die Seelenwissen- 
schaft da nicht erreichen kann, indem er sagt: Was kann uns 
helfen, wenn wir auch recht naturwissenschafllich zu Werke 
gehen, die Vergleichung von Vorstellungen, die Assoziation 
von Vorstellungen, das Entstehen von Lust und Unlust und 



so weiter, wenn sich die groften HofFnungen eines Platon und 
Aristoteles nicht erfiillen konnen: dafi wir Einsidit gewin- 
nen konnen durch die Seelenwissenschaft in das Fortleben 
des besseren Teiles unseres Wesens nach dem Durdigehen 
durch die Pforte des Todes. - Franz Brentano beklagt, dafi 
er mit seinen Mitteln sich an diese Probleme nicht heran- 
machen kann. Das ist merkwiirdig, wie er bis zu seinem 
Lebensende gerungen hat mit diesen Problemen. Die Auf- 
richtigkeit, die Ehri'chkeit seines Ringens geht gerade aus 
dem tragischen Umstande hervor, den ich im dritten Ka- 
pitel meines Buches «Von Seelenratseln» in einem Nachruf 
an Franz Brentano ausgefiihrt habe. Immer wieder und 
wiederum versprach er die Fortsetzung seiner « Psycho- 
logies nachdem der erste Band erschienen war. Sie war 
auf vier oder fiinf Bande berechnet, im Friihling 1874 er- 
schien der erste Band, fiir den Herbst versprach er den 
zweiten, dann in kurzen Zeitraumen die folgenden: Nichts 
ist wieder erschienen! Er wollte mit naturwissenschafblicher 
Methode das Seelenleben meistern, er wollte ehrlich und 
aufrichtig zu Werke gehen. Hatte er es vermocht, hatte 
nicht die naturwissenschafcliche Methode wie ein Bleige- 
wicht an seinen Forscherkraften gehangen, weil er sie eben 
mi£verstand, er ware fahig gewesen, einzutreten durch das 
Tor in das geistige Erleben, das aus der Seele etwas herauf- 
holt, was nicht da sein kann, wenn man blofi naturwissen- 
schaftliche Methoden hat. An dem tragischen Forscherleben 
Franz Brentanos zeigt sich wie an vielen anderen Person- 
lichkeiten der Gegenwart - aber bei ihm, weil er eine so 
bedeutende und zu gleicher Zeit innerlich so grundehrliche 
Natur war, besonders eindringlich -, wie gerade durch die 
naturwissenschaftlichen Errungenschaften eine solche See- 
lenwissenscliaft mit Notwendigkeit gefordert wird, die 
nur in vom Leiblichen befreiten seelischen Erfahrungen er- 



langt werden kann. Da werden wiederum die grofien Pro- 
bleme vor die Seele hintreten konnen, die vor alien Din gen 
den Menschen beschaftigen miissen, indem er den Blick auf 
sein eigenes Seelenleben richtet: das grofie Problem des un- 
sterblidien Lebens - indem wir den wirklich unsterblichen 
Teil erfassen durch solche Methoden, wie wir es geschildert 
haben - und audi das Problem der Willensfreiheit, von 
dem wir in diesen Vortragen noch sprechen werden, beides 
Probleme, die gerade die wichtigsten, die zwingendsten 
sind. Man lese aber nach die Psychologien der letzten Jahr- 
zehnte. Diese Probleme sind vollstandig verbannt, ja ver- 
schwunden aus der psychologischen Forsdiung, einfacli aus 
den Griinden, die in der heutigen Betrachtung angegeben 
worden sind. 

Aber nicht nur, dafi man an diese grofien Seelenfragen 
herankommt! Sondern audi dasjenige, was der Psychologe 
sucht, was er gerade mit seinen durch Vertiefung in die 
naturwissenschaftliche Denkweise entstandenen Methoden 
erforschen will, audi das wird erst vollig klar, wenn man 
es verfolgen kann von dem Gesichtspunkte aus, der hier 
angedeutet worden ist. Die Sache liegt schon so: Natur- 
wissenschaft wird auf der einen Seite gelten, Geisteswissen- 
schaft, Geistesforschung auf der anderen Seite. Aber wie 
man beim Tunnelgraben, wenn man riditig alles erwogen 
hat, von zwei Seiten grabend, in der Mitte sich zusammen- 
findet, so finden sich Geistesforschung und Naturforschung 
zusammen und geben erst ein Ganzes der vom Menschen 
erstrebten Erkenntnis. 

Ich will nur ein Beispiel anfiihren, wie auch die gewohn- 
liche Psychologie dadurch erobert werden kann, dafi man 
sich in diese hohen Gebiete begibt, auf welche heute nur 
elementar hingedeutet worden ist. Es liegen vor dem Men- 
schen, wenn er psychologisch forscht, solche Fragen wie die 



nadi dem Gedachtnis, nadi der Erinnerung. Man konnte 
verzweif eln, wenn man sich in den gewohnlichen Psycho- 
logien mit dem Erinnerungsproblem befafit. Da wird einem 
so ganz klar, wie da die Grenzorte des Erkennens sind: 
Der Mensch stellt sich etwas vor, gewinnt eine Vorstellung 
an einer aufieren Wahrnehmung; nun ja, diese Vorstellung 
«geht hinunter» ins seelisdie Element, «verschwindet», so 
sagt man, aber der Mensch kann sich spater an die Vorstel- 
lung erinnern. Wo war sie? 

Ich will mich jetzt nicht verbreiten iiber all das, was seit 
Jahrhunderten gesagt wird iiber diese Fragen. Nach der 
einen Seite sagt man: Solche Vorstellungen verschwinden 
hinunter ins Unbewufke, treten dann wiederum hinauf 
iiber die Schwelle des Bewufitseins. - Ich mochte jemanden 
kennen, der imstande ist, wenn er diese Worte pragt, mit 
ihnen einen inhaltlichen Sinn zu verbinden! Man verliert 
sofort einen Sinn, wenn man von diesem «Hinuntersteigen» 
und « Hinauf steigen» der Vorstellungen spricht. Sprechen 
kann man von allem; aber vorstellen kann man es sich 
nicht; denn es entspricht keiner irgendwie gearteten Wirk- 
lichkeit. Die mehr physiologisch orientierten Psychologen 
sprechen davon, dafi «Spuren» sich «eingraben» in das 
Nervensystem, in das Gehirn; diese Spuren «rufen» dann 
diese Vorstellungen «erneut hervor». Man krankt dann 
daran, zu erklaren, wie aus diesen Spuren hervorgegraben 
wird die Vorstellung, die hinuntergezogen ist. Wie gesagt, 
man kann verzweifeln an dem, was da Inhalt der gewohn- 
lidien Psychologien ist. Wieviel ernste, edle, echte Forscher- 
arbeit wird doch auf diese Probleme gewendet! Durchaus 
nicht verkannt werden soli diese ehrliche, echte Forschungs- 
arbeit. 

Die Wahrheit ist aber, dafi auch diese einfache Tatsache 
des Seelenlebens sich erst im rechten Lichte zeigt, wenn 



man sie mit derjenigen Kraft der Seele betrachtet, die nun 
die Geistorgane hat, die nun wirklich vom Gesichtspunkte, 
der in der geistigen Welt eingenommen wird, auch das ge- 
wohnliche Seelenleben beobachtet. Da merkt man: Es ist 
gar keine Rede davon, dafi eine Vorstellung, die idi jetzt 
habe, irgendwo «hinunterzieht» und irgendwo wieder 
«heraufkommt». Das Erinnern wird iiberhaupt ganz falsch 
vorgestellt. Eine Vorstellung, die ich durch eine auftere 
Wahrnehmung jetzt gewinne und jetzt habe, die lebt in mir 
iiberhaupt nicht als etwas Reales, sondern als Spiegelbild, 
das sich die Seele bildet durch die Spiegelung des Leibes. 
Wir werden davon naher im dritten Vortrage sprechen. 
Und es lebt diese Vorstellung nur jetzt! Wenn ich sie aus 
dem Seelenleben verloren habe, dann ist sie nicht mehr da. 
Es gibt das gar nicht: Hinuntertauchen von Vorstellungen 
und Wiederherauftauchen - und so Erinnerungen bilden. 
Die triviale Vorstellung der Erinnerung ist schon falsch. 

Worauf es ankommt, ist: wenn man die Kraft der Seele 
fur das geistige Schauen gescharft hat, so sieht man - wie 
man in der Aufienwelt beobachtet, so kann man im Geiste 
das beobachten — , daft, wahrend wir eine Vorstellung ge- 
winnen durch eine Wahrnehmung, noch ein anderer Vor- 
gang vor sich geht. Und nicht der Vorstellungsvorgang, 
sondern dieser andere, unterbewufke Vorgang, der sich 
parallel dem Vorstellen abspielt, erzeugt in uns etwas, das, 
indem ich die Vorstellung habe, gar nicht unmittelbar ins 
Bewufksein kommt, das aber fortlebt. Habe ich jetzt eine 
Vorstellung, so entsteht ein unterbewufiter und jetzt rein 
an das Korperliche gebundener Prozefi. Wenn spater durch 
irgendeine Veranlassung dieser Prozeft wieder aufgerufen 
wird, dann bildet sich, indem die Seele jetzt hinblickt auf 
diesen Prozefi, der ein rein leiblicher ist, aufs neue die 
Vorstellung. Eine erinnerte Vorstellung ist eine aus den 



Tiefen des Leibeslebens herauf gebildete neue Vorstellung, 
die der alten gleicht, weil sie durdi den unterbewufiten 
Prozefi, der sich gebildet hat im leiblichen Leben, herauf- 
gerufen wird. Die Seele liest gewissermafien das Engramm, 
das in dem Leibe eingegraben ist, wenn sie sich an eine 
Vorstellung erinnert. 

So werden schon die gewohnlichen Vorstellungen der 
Psychologen korrigiert. Man gewinnt das Richtige anstelle 
desjenigen, was im gewohnlichen Erleben ganz falsch vor- 
gestellt wird. Und so konnte ich, die ganze Psychologie 
durchgehend, Ihnen an vielen Punkten zeigen, wie sich vor 
der wirklichen Erkenntnis das, was die Seele eigentlich 
glaubt als ihr Erlebnis zu haben, als eine Illusion erweist, 
wie man ganz f alsche Vorstellungen iiber dieses Seelenleben 
hat, wie diese sich erst korrigieren lassen mussen dadurch, 
dafi die Seele sich befreit vom Leibe und nun wirklich vom 
geistigen Gesichtspunkte aus ihr Erleben beobachten kann. 

Gerade durch solche Vorstellungen, die auf der einen 
Seite wirklich der Wissenschaft den Geist erschliefien und 
die geistige Welt eroffnen, wird auf der anderen Seite erst 
dasjenige, was in treuer und fleifiiger Forschung nach natur- 
wissenschaftlicher Methode auch in der Experimentalpsy- 
chologie, in der physiologischen Psychologie gewonnen 
wird, an die rechte Stelle geriickt. Und diesen Gebieten 
steht wahrhaftig die anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschafl; nicht feindlich, nicht unsympathisch gegen- 
iiber. Sondern sie, die weifi, dafi die gewohnlichen Metho- 
den, die an der aufieren Natur gewonnen werden, im 
seelischen Erleben nicht zu Losungen, sondern nur zu Fra- 
gen fiihren konnen, zu richtigen Fragestellungen, sie wird 
gerade durch ihr Licht erst dasjenige recht fruchtbar machen 
konnen, was auf dem aufieren naturwissenschaftlichenWege 
gewonnen werden kann. 



Wie das Arbeiten der anthroposophisch orientierten 
Geisteswissenschaft wirklich von der anderen Seite des 
Berges her, wie man einen Tunnel von zwei Seiten grabt, 
der Naturwissenschaft sidi entgegen arbeitet, kann sich 
audi an einem weiteren Beispiel zeigen. In der letzten Zeit 
sind darwinistisch orientierte Naturforscher zu etwas sehr 
Interessantem gekommen, das ich gleich anfiihren werde. 
Vorher will idi noch erwahnen, dafi die unterbewufke 
Tatigkeit, welche der Erinnerung zugrunde Hegt, indem sie 
sich parallel dem Vorstellen unterbewufit entwickelt, zwar 
etwas anderes, aber verwandt ist mit dem, was in den Ver- 
erbungskraften, in den Wachstumskraften liegt. Den Kraf- 
ten, die in uns wachsen, sind diejenigen Krafte verwandt, 
die wirksam sind im Unterbewufiten, wenn wir an einer 
sinnlicben Wahrnehmung eine Vorstellung bilden und die 
Dispositionen hervorrufen im Leiblichen, die spater ge- 
lesen werden, die zur Erinnerung fiihren. Durch wirklidie 
seelische Beobachtung kommt man zu einer klaren An- 
schauung iiber die Verwandtschaft der Gedacbtniskrafte 
mit den Vererbungs- und Wachstumskraften. Es wird eine 
Briicke geschaffen - und wir werden von solchen Briicken in 
den nachsten Tagen noch deutlicher sprechen — zwischen 
Seelisch-Geistigem und Leiblichem. 

Und nun sehe man, wie Richard Semon, der darwini- 
stisch orientierte Naturforscher, in einem sehr interessanten 
Buche ausgeht von den Vererbungsverhaltnissen, von dem 
Auftreten von Vererbungsmerkmalen, und dazu kommt, 
diese Vererbungskrafte zusammenzubringen mit den Ge- 
dachtniskraften! Der Naturforscher kommt also dazu, die 
Vererbungskrafte verwandt mit den Gedachtniskraften zu 
finden, Der Seelenforscher kommt dazu, die unterbewufi- 
ten, der Erinnerung zugrundeliegenden Krafte mit denen 
der Vererbung verwandt zu finden! 



Diese Dinge geschehen ganz unabhangig voneinander. 
Was Richard Semon als Mneme beschrieben hat in seinem 
sehr interessanten Buch, das begegnet sich mit der Seelen- 
forschung, die anthroposophisch orientiert ist, und die sich 
auf die Betrachtung derjenigen Gebiete ausdehnt, die nach 
naturwissenschaftlichen Methoden auch am Menschen er- 
forscht werden. Doch davon dann im dritten Vortrage. 

Gewift, schon das Elementare, das ich mir erlaubte heute 
vorzubringen uber die Erfolge eines wirklichen Geist- 
Erlebens der Seele und dadurch uber die Begriindung einer 
neueren Seelenwissenschaft, es mufi den Denkgewohnheiten 
der Gegenwart gegeniiber vielfach paradox erscheinen. 
Aber wenn das auch durchaus gerade dem am begreiflich- 
sten ist, der in diesen Dingen drinnensteht, so darf wohl 
auch gesagt werden, man moge sich nur wirklich nicht blofi 
in einem Vortrage anregen lassen, sondern sich vertiefen 
in den ernsten Gang geisteswissenschaftlicher Forschung. 
Man wird sehen, dafi die Krafte zwar auf andere Weise 
verwendet werden als auf dem Gebiet der Naturwissen- 
schaffc, dafi aber der Forscherweg der Anthroposophie nicht 
minder ernst, nicht minder miihevoll ist als derjenige, der 
auf seiten der naturwissenschaftlichen Forschung entwickelt 
wird, wenn auch gerade dasjenige, was bei der Natur wis- 
senschaft Resultat, Ergebnis ist, bei der Geistesforschung 
Ausgangspunkt sein mufi: Wir langen bei den Begriffen, 
Vorstellungen, Naturgesetzen an, wenn wir Natur erfor- 
schen wollen. Wir gehen davon aus, dafi uns das, was Na- 
turforscher erleben, bis an die Grenzorte bringt, wenn wir 
in die Geistesforschung und in die anthroposophische See- 
lenforschung eintreten wollen. 

So meine ich, dafi die Psychologie, die Seelenforschung, 
die auf Anthroposophie fufit, nicht als gegnerisch gegen- 
iiber den berechtigten Forderungen der heutigen natur- 



wissenschaftlichen Denkweise bezeidinet werden darf. Im 
Gegenteil: sie lehnt nichts ab, was aus den berechtigten 
Forsdiungen der Naturwissenschaft hervorgeht; sie ist nir- 
gends gegnerisch zu dieser berechtigten Naturwissenschaft! 
Aber sie kann nicht stehenbleiben etwa dabei, blofie logi- 
sche Folgerungen zu ziehen aus dem, was die Naturwissen- 
schaft schon selbst gibt. Eine solche Philosophie bedeutet 
Geisteswissenschaft nicht, die nur weiter logische Folgerun- 
gen ziehen will aus der Naturwissenschaft. Nein! Ein 
hoheres Bekenntnis mufi die anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft ablegen, das Bekenntnis, dafi hervor- 
gehen mufi diese Geistesforschung aus der Naturwissen- 
schaft nicht als eine abstrakte logische Folge, sondern als 
ein lebendiges Kind. 

Und den Glauben, den starkeren Glauben als mancher 
Naturforscher, der die Geistesforschung ablehnt, den star- 
keren Glauben an die Naturforschung hat der Geistesfor- 
scher, dafi diese Naturforschung stark genug ist, nicht nur 
zu ihren logischen Konsequenzen zu fuhren, sondern stark 
genug, ein ganz Lebendiges gleichsam aus sich heraus zu 
gebaren, das entsteht mit eigener Lebenskraft, durch eigenes 
freies Leben gedeihen mufi, und das sein mufi: die von der 
Naturwissenschaft selber geforderte Geisteswissenschaft. 



Fragenbeantwortung 
nach dem Vortrag in Ziirich, $. November 19 17 

Zum Thema der wiederholten Erdenleben wurden mehrere Fragen 
gestellt. 

Sehr verehrte Anwesende! Die Fragen, die hier aufge- 
worfen worden sind, sie sind solche, daft vieles Unbefrie- 
digende an der Antwort bleibt, wenn man sie kurz beant- 
wortet, oder aber, daft man, wenn man sie richtig befriedi- 
gend beantworten wollte, ganze Biidier sprechen miiftte. 
Zunachst liegt die Frage vor: 

Was fur einen Zweck hat die Reinkarnation? 

Ja, sehr verehrte Anwesende, im Grunde genommen ist 
die Frage nach dem Zweck - ich muft schon der Antwort 
den wissenschaftHchen Charakter geben, sonst ist es ja nur 
einHerumreden — geradeso wie die Frage nach dem Grunde— 
ob nun die Teleologie berechtigt ist oder nicht, darauf kann 
ich mich nicht einlassen eine Frage, die in der pbysischen 
Welt entspringt, innerhalb der physischen Welt ihre Bedeu- 
tung hat. Die Reinkarnation - wenn man so die wieder- 
holten Erdenleben nennen will, ich vermeide gern Schlag- 
worte, deshalb sprach ich auch heute von wiederholten Er- 
denleben -, die Reinkarnation aber ist von Gesetzen ge- 
tragen, welche der geistigen Welt angehoren, welche in der 
geistigen Welt ihre Bedeutung haben. Und daran gewohnt 
man sich am allerschwersten: dafi man beim Obergang von 
der physischen Welt in die geistige Welt auch seine Begriffe 
wandeln, metamorphosieren mufi, daft die Begriffe, welche 
fur die physische Welt gelten, ihre Bedeutung, ihre Trag- 
weite verlieren, wenn man in die geistige Welt eintritt. Wer 
begonnen hat, den eigentlichen Charakter der geistigen 



Welt zu kennen, der fragt nicht eigentlich, wie man nach 
dem Zwecke einer Masdiine fragt, nach dem « 2 week des 
Menschen », viel weniger nach dem «Zweck der Reinkar- 
nation». 

Ich habe im Laufe des Vortrags gesagt: die Denkungs- 
weise, die an Hand der Naturwissenschaft gewonnen wird - 
das ist ja im wesentlichen auch die Denkweise, die an der 
physischen Aufienwelt gewonnen wird -, sie fuhrt hoch- 
stens zu den richtigen Frage-Stellungen; aber die Antwor- 
ten raufi man dann versuchen, aus der geistigen Welt her- 
einzuholen. 

Nun, natiirlich, wer so etwas fragt: «Welchen Zweck hat 
die Reinkarnation?» der denkt sich etwas dabei. Es ent- 
spricht das einem gewissen Bediirfnis, etwas zu wissen, ob- 
wohl die Frage nach dem Zweck ja eigentlich in dieser 
Sphare nicht anwendbar ist, um die es sich da handelt. Nun 
aber bitte ich Sie, folgendes zu bedenken. Ich mochte sagen, 
ich mufi die Bausteine zur Fragenbeantwortung zusam- 
mentragen. Geisteswissenschaft ist eben etwas, was man 
nicht wie ein kleines Handbuch so schnell sich aneignen 
kann, sondern es ist etwas, was wirklich ein sehr umfas- 
sendes Gebiet ist. 

Wenn wir im Leben Fragen stellen, so konnen wir so 
ver fahren, dafi wir gewissermafien mit den Fragen immer 
bis ans Ende gehen. Aber vielleicht wird das nicht in alien 
Fallen anwendbar sein. Sehen Sie, soldi eine Frage wie 
diese, die wird einem hundert und hundertmal gestellt. Ich 
habe oftmals das Folgende dazu gesagt: Es kann Menschen 
geben, die wollen von Zurich nach Rom fahren, und sie 
wollen den Weg wissen. Ja, wenn ihnen jemand den ge- 
nauen Weg mit alien Details nicht angeben kann in Zurich 
hier, so wollen sie uberhaupt nicht nach Rom fahren. Es 
kann aber audi solche Menschen geben, weldie befriedigt 



sind, den Weg von Ziiridi nach Lugano zu wissen, und die 
dann befriedigt sind, wenn sie in Lugano erfahren, wie sie 
weiterkommen, und dann, wie sie wieder weiterkommen. 
Das ist ein Vergleich. Er will das Folgende besagen: Wenn 
wir in einem Erdenleben stehen, so ist dieses hinblickend 
auf folgende Erdenleben. Darinnen driickt sich eine Ent- 
wickelung aus. Wir werden in anderen Erdenleben Dinge 
gewinnen, die wir in diesem Erdenleben nicht gewinnen. 
Wir gehen durch Erlebnisse, die uns andere Priifungen, an- 
dere Erfahrungen bringen. Wiirden wir in diesem Erden- 
leben alle Fragen beantworten konnen, so wiirde dieses 
Erdenleben nicht folgende Erdenleben erzeugen! 

So handelt es sich fur Geisteswissenschaft darum, die Tat- 
sacbe der Reinkarnation, wenn ich den Ausdruck schon ge- 
braudien soil, hinzustellen. So wie der Mensch dem einzel- 
nen Erdenleben aus seinen freien Impulsen heraus den 
Zweck gibt, so gibt er aufeinanderfolgende Zwecke, von 
denen einer aus dem anderen hervorgeht, den wieder- 
holten Erdenleben. Und er wird sich nicht einbilden, in 
einem Erdenleben den ganzen Umfang des menschlichen 
Daseins, das durch die wiederholten Erdenleben geht, zu 
definieren. Definitionen, die etwas umfassen wollen, ge- 
wdhnt man sich uberhaupt ab, wenn man in das wirk- 
lich geistige Seelenerleben hineinkommt. Definitionen sind 
im gewohnlichen physischen Leben ganz gut; im geisti- 
gen Leben, wo alles auf Aspekte hinauslauft, da wird man 
wirklich, wenn jemand just Definitionen verlangt, erin- 
nert an das Beispiel, das in der griechischen Literatur ge- 
geben ist, wo ausgefiihrt wird, was eine Definition ist. Auf 
die Frage, wie man einen Menschen definieren solle, wird 
gesagt - man kann ja immer nur aus einzelnen Merkmalen 
heraus definieren -: Ein Mensch ist eine Wesenheit, die 
zwei Beine und keine Federn hat. - Da brachte das nach- 



ste Mai einer einen Hahn mit, den er gerupft hatte - als 
«Menschen». 

Nun, ich weifi selbstverstandlich, was die Logik alles 
fordert von einer riditigen Definition. Dennoch, vor dem 
geistigen Auge nehmen sich Definitionen doch als Einseitig- 
keiten aus. Ebenso alle Zwecksetzungen, Kausalsetzungen 
und so weiter. Die Wirklichkeit ist etwas, in das man sich 
hineinfindet, in dem man lebt und webt, das man aber nicht 
mit einseitigen Begriffen umspannen wird. Man wird in 
den aufeinanderfolgenden Erdenleben die Zwecke finden. 
So dafi also ein rechter Inhalt nicht da ist bei der Frage 
nach dem «Zweck der Reinkarnation». 

Frage: Ist Reinkarnation ein Produkt der Vorstellung im Geistigen? 

Ja, sehr verehrte Anwesende, das kann man schon sagen, 
aber man mufi dazunehmen, was ich in meinem Buch «Von 
Seelenratseln» gezeigt habe: Vorstellungen, so wie man sie 
im gewohnlichen Bewufitsein hat, sind eigentlich vor dem 
geistigen Schauen keine wirklichen Vorstellungen, sondern 
sie sind abgelahmte Vorstellungen, sie sind wie die Leichen 
der Vorstellungen. Das ist das Merkwiirdige. Was in der 
Seele lebt, ist weit mehr als das, was im gewohnlichen Be- 
wufitsein zum Bewufitsein kommt. Was in der Seele lebt, 
wird herabgelahmt, weil es nicht ertragen wiirde vom ge- 
wohnlichen Bewufitsein, und lebt dann wie ein Vorstel- 
lungsleichnam. Daher die abstrakten BegrifFe in der Seele. 
Was man da hat, das ist eigentlich nur ein Spiegelbild, das 
ist etwas, was auftritt und vergeht, was gar nicht erinnert 
wird, wie ich im Vortrag ausgefuhrt habe. Was aber dahin- 
tersteht, was in die Imagination hereinkommt, diese leben- 
dige geistige Realitat, da's ist dasjenige, was durch den Tod 
hindurchgeht und was in den Kraften der Reinkarnation 



allerdings lebt. Vielleidit wird das die Antwort der Frage 
sein. 

Frage: 1st Reinkarnation absolute gesetzmafiige Einrichtung, nicht 
ein Ergebnis der Bildekrafte? 

Ein Ergebnis der Bildekrafte ist nur das Leben zwischen 
Geburt und Tod beziehungsweise Empfangnis und Tod. 
Aber das, was hier Reinkarnation genannt wird, stent 
unter weit hoheren geistigen Gesetzen. Ob sie eine « gesetz- 
mafiige Einrichtung» ist, das ist schwer zu beantworten; sie 
ist eben eine Tatsache. Die wiederholten Erdenleben sind 
eine Tatsache. «Ein Ergebnis der Bildekrafte ?» Den Bilde- 
krafteleib eignet sich der Mensch erst an, wenn er als Seele 
gegen die Empfangnis zugeht; den legt er audi nach dem 
Tode wieder ab; der Bildekrafteleib ist - wie ich im Vor- 
trag ausgefuhrt habe — nichts Ewiges. Die Krafte aber, die 
in Betracht kommen, wenn von den Gesetzen der Reinkar- 
nation gesprochen wird, sind solche, die gar nicht herein- 
treten, nicht nur nicht ins Ich-Bewufitsein, sondern gar nicht 
in den Bereich der gewohnlichen physischen Welt. 

Sehen Sie, da konnte sich schon auf diesem Gebiete der 
Weg fur viele Menschen eroffnen, wenn man nur suchen 
wiirde in der richtigen Weise. Es handelt sich darum - wie 
ich schon fiir einzelne Dinge angegeben habe — , dafi die 
Erlebnisse in der geistigen Welt paradox wirken gegen- 
iiber den Erlebnissen des gewohnlichen Daseins, dafi in 
vieler Beziehung die Dinge ganz anders wirken, die man 
erlebt, wenn man in die geistige Welt eintritt, gegeniiber 
den Dingen der physischen Welt. Und da mufi man sagen: 
der Mensch kommt, weil er sein Vorstellungsvermogen nach 
den Erfahrungen des naturlichen Lebens, des naturlichen 
Geschehens einrichtet, mit seinen Begriffen kaum iiber 
Raumesvorstellungen hinaus. Eine genauere, eine wirklich 



ehrliche Selbsterkenntnis zeigt, wie wenig der Mensch iiber 
Raumesvorstellungen hinauskommt. Denn sehen Sie: die 
Zeitvorstellungen, woran gewinnt man sie? Eigentlich aus 
Raumvorstellungen! Die Raumanderungen, die Ortsande- 
rungen der Sonne, des Mondes, der Zeiger der Uhr sogar 
bei uns, aus denen gewinnen wir Zeitvorstellungen. Aber 
es sind eigentlich Raumvorstellungen, die wir da haben. 
Das Geistige aber in seiner niedersten Form als Bildekrafte- 
leib lebt schon in der Zeit. Da mufi man schon eine wirk- 
liche Vorstellung von der Zeit haben! 

Aber eine wirkliche Vorstellung von der Zeit verschaff en 
sich heute die wenigsten Menschen. Und noch weniger ver- 
schafft man sich eine wirkliche Vorstellung von den ver- 
schiedenen Geschwindigkeiten — also jetzt nicht Zeiten, 
sondern Geschwindigkeiten — , die im Seelisch-Geistigen 
herrschen. Unser seelisches Leben beruht darauf, dafi zum 
Beispiel das Denken, das Vorstellen, mit einer ganz an- 
deren Geschwindigkeit ablauft als das Fiihlen, und dieses 
wiederum mit einer ganz anderen Geschwindigkeit als das 
Wollen. Diese Dinge - dafi innerlich im Seelenleben ver- 
schiedene ineinandergeschichtete Geschwindigkeiten sind - 
bewirken gerade das innere Entstehen des Bewufkseins. 
Bewufitsein entsteht nur da, wo irgend etwas sich stort. 
Daher ist Bewufitsein sogar verwandt mit dem Tode: 
weil der Tod das Leben stort. Aber uberhaupt: es stort 
sich etwas! Daher ist zum Beispiel die Bergsonsche Vor- 
stellung so falsch, dafi man iiberall aufs Leben sehen mufi 
und auf die Bewegung; wahrend man geradezu zum Wesen 
der Bewegung kommt, wenn man die Bewegung hindert, 
zum Wesen des Lebens kommt dadurch, dafi man sieht, 
wie das Leben vom Tode erfaiSt wird. Etwas anderes, 
als das Leben auffassen, ist es, in das Wesen des Lebens 
eindringen. 



Diese Dinge fiihren dazu, einzusehen, dafi Gesetzmafiig- 
keit selbst etwas anderes wird, wenn man in das geistige 
Leben eintritt, was vielen Menschen hochst unbequem ist. 
Sie fassen daher gar nicht den Mut, in die geistige Welt 
einzudringen mit ihren Begriffen und Ideen: weil diese 
BegrifFe und Ideen sich verandern miifiten! Wenn man 
wirklich geistig forscht, lernt man das im Grunde genom- 
men sehr, sehr griindlich kennen. Ich rede sehr ungern von 
Personlichem, weil das Personliche mit dem Objektiven 
nicht viel zu tun hat. Aber vor vielen Jahren schon trat 
mir eine wichtige Frage entgegen, die auf einem gewissen 
Spezialgebiet fur mich fruchtbar geworden ist: Herbart 
und andere Psychologen haben das Rechnen, die Mathe- 
matik angewendet auf die Seelenforschung; sie versuditen, 
seelische Tatsachen zu berechnen. Eduard von Hartmann 
hat dann sogar moralisch zu nehmende Tatsachen zu be- 
rechnen versucht, indem er den Pessimismus mathematisch 
zu begriinden unternahm; auf die eine Seite, die Soll-Seite 
des Lebens buchte er alle Lusterlebnisse, auf die Haben- 
Seite alle Unlusterlebnisse und sagte dann: die Bilanz er- 
gibt einenOberschufi anUnlust - also ist das Leben schlecht. 

Ich habe gezeigt, daft die ganze Rechnung unsinnig ist. 
Sie konnen diesen Beweis finden in dem entsprechenden 
Kapitel meiner «Ph^osophie der Freiheit», die 1894 ge- 
schrieben ist. Wenn man hier von Rechnung sprechen will, 
so ist der Rechnungsanfang ganz anders zu machen. Er ist 
so zu machen, dafi man nicht eine Subtraktion macht, eine 
zur Bilanz fiihrende Subtraktion, sondern dafi man eine 
Division aufschreibt, einen Bruch, dafi man als Zahler auf- 
schreibt alles, was man an Lust, an Freude, an Erhebung 
erlebt in seinem Lebenslauf , und als Nenner alien Schmerz, 
alles Leid. Betrachten wir diesen Bruch. Wann wiirde das 
Leben nicht mehr lebenswert erscheinen? Wenn der Nenner 



Null ware, gar kein Schmerz da ware, so ware der Wert 
unendlidi grofi. Aber der Nenner mufi unendlich grofi 
werden, wenn der Brudi den Wert Null haben sollte. Das 
heifit: erst dann wiirde das Leben nicht mehr lebenswert 
erscheinen, wenn die Schmerzen unendlidi grofi waren. Die 
Entscheidung dariiber gibt uns keine abstrakte Rechnung, 
sondern die Entscheidung gibt uns das Leben selber. Das 
Leben rechnet so! 

Wenn man auf seelische Ereignisse sieht, so kann man 
das Verhaltnis der Rechnung zum seelischen Ereignis nicht 
so machen, wie Herbart oder wie Hartmann in diesem 
Falle. Sondern das Leben gibt das Resultat, und wenn man 
dann hinaufkommt in die geistigen Welten, so zerteilt sich 
das Resultat auseinander - eine Summe in Summanden, ein 
Bruch in Zahler und Nenner. Gerade ins Umgekehrte 
kommt man hinein. Wahrend man hier im physischen Leben 
die einzelnen Summanden und Zahler und Nenner hat und 
dann das Resultat bekommt, ist es umgekehrt: im geistigen 
Erleben ist das Resultat da; es wird erlebt, und in die gei- 
stige Welt hinein gehen die einzelnen Elemente, die zum Re- 
sultat fiihren. Sie sehen also: man mufi viele Vorstellungen 
griindlich umdenken, wenn man die Schwelle iiberschreiten 
will zwischen der physischen und der geistigen Welt. 

Vielleicht konnen solche Ausfuhrungen, die ich an diese 
Frage angeknupft habe, doch bei Ihnen die Vorstellung 
hervorrufen, dafi wirklich diese Geisteswissenschaft nicht 
etwas ist, das so aus dem Armel herausgeschiittelt oder 
aus der Phantasie herausgeboren ist, sondern dafi sie etwas 
ist, was schon wirklich — wie ich im Vortrag gesagt habe - 
mit nicht geringeren Kraften erarbeitet wird, als in irgend- 
einer anderen wissenschafllichen Arbeit Krafte angewendet 
werden. Nur stehen sie auf einem anderen Gebiete. So dafi 
man sagen mull: es ist Gesetzmafiiges in jenem Verlaufe, 



der durch die wiederholten Erdenleben ausgedriickt wird. 
Aber die Natur dieses Gesetzmafiigen mufi man sich eigent- 
lich erst verschaffen. Daher sagte ich, es handelt sich nicht 
darum, dafi man deutet die Naturerscheinungen, sondern 
dajS man sich wirklich erhebt iiber die Naturerscheinungen 
und das Geistige frei in sich erlebt. Damit habe ich die 
Frage beantwortet. 

Nun erne merkwiirdige Frage - merkwurdig nach diesem Vortrage: 
"Welches sind die geistigen Tastorgane? 

Ja, etwas Sinnliches darf man sich nicht vorstellen dar- 
unter. Ich habe scharf hervorgehoben, daft es sich um etwas 
Seelisch-Geistiges handelt, das man nur mit dem verglei- 
chen kann, was in der Erinnerung auflebt. Also wenn man 
das so beantwortet haben will, daft man zum Unterbegriff 
«geistige Tastorgane» einen Oberbegriff sucht, den man 
schon kennt, dann wird man mit dieser Sache nicht zurecht- 
kommen. Sondern man mu£ sich eben hindurchwinden 
durch das, was gezeigt worden ist: Die Seele gerat an Gren- 
zen, differenziert sich und entwickelt « geistige Tastorgane », 
die, auf seelisch-geistigem Gebiet, verglichen werden kon- 
nen mit den Tastorganen auf physischem Gebiet, so wie 
«Geistesaugen» und «Geistesohren» mit physischen Augen 
und physischen Ohren. 

Frage: Gibt es klare Definitional davon, was man unter «Glaube» 
versteht? 

Nun miifke ich Ihnen natiirlich eine Sprachgeschichte des 
Wortes «Glaube» geben, wenn ich vollstandig sein wollte, 
und von da ausgehend dann die verschiedenen Formen des 
Glaubens entwickeln. Ich mochte aber das Folgende sagen: 
Das Wort «Glaube» hat in unserer neueren Zeit die einge- 



schrankte Bedeutung erhalten des Fiirwahrhaltens aus sub- 
jektiven Griinden heraus, also eine Erkenntnis, die eigentlidi 
keine Erkenntnis ist, sondern nur ein subjektives Surrogat 
fiir eine Erkenntnis. Das hat man nicht zu alien Zeiten 
unter «Glaube» verstanden. Will man verstehen, woraus 
die Glaubensvorstellung eigentlidi entstanden ist, so mu£ 
man sich folgendes vorhalten. 

Wie ich nur angedeutet habe im heutigen Vortrage, war 
friiher die Seele in einer anderen Weise mit der Wirklich- 
keit verkniipft. So abgesondert hat die Seele eine Natur- 
wirklichkeit von sich selber erst in neueren Zeitlauften. In 
jenen alteren Zeiten, in denen die Seele noch mehr mit der 
geistigen Wirklichkeit verkmipft war und ein inneres Be- 
wufitsein von seelischem Gehalt in einer anderen Art ent- 
wickelt hat, als das jetzige moderne Anthroposophische 
sein mufi, da wufke man: wenn man etwas fiir wahr halt, 
so ist das nicht blofi ein theoretisches Verhalten, sondern 
es ist in diesem Furwahrhalten zugleich eine Kraft des Seins 
drin. Wenn ich ein Ideal habe und glaube an mein Ideal, 
so ist dieses glauben an das Ideal nicht bloft das Prasent- 
machen der Idee des Ideals im Bewulksein, sondern es ver- 
bindet sich eine seelische Kraft mit dem Ideal. Und diese 
Verbindung einer seelischen Kraft mit dem Ideal gehort 
von seiten des Menschen der Wirklichkeit an. Man arbeitet 
an der Wirklichkeit mit. Es ist also eine positive Kraftent- 
faltung, die im «Glauben» liegt. 

In einer entsprechenden Weise kommt in dem interessan- 
ten Buch von Ricarda Huch: «Luthers Glaube», der Glaube- 
begriff zum Vorschein. Da ist wiederum gefunden der 
Glaubebegriff nicht blofi als ein Furwahrhalten, sondern 
als ein Mit-dem-Realwerden-sich-Verbinden; so dafi man, 
ich mochte sagen, indem man in der Glaubenskraft drinnen- 
steht, etwas in sich hat wie den Keim, den die Pflanze in 



sich hat, der audi nodi keine wirkliche Pflanze ist, aber 
die Kraft hat, eine wirkliche Pflanze zu werden. 

Es ist nicht ein Erkenntnisabbild, was man also im Glau- 
ben haben wollte, aber es ist ein Vorstellungselement, das 
sich mit einer wirklichen Kraft verbindet, so dafi man mit 
dem Glauben in der Realitat steht. Und wiirde jemand 
selbst behaupten wollen, dafi der Glaube ihm keine Er- 
kenntnis bringt, so wiirde er trotzdem noch zugeben miis- 
sen, wenn er den Glaubebegriff in dieser Weise anwendet, 
dafi ihn das, was dieser Glaubebegriff als Realitat enthalt, 
in die Wirklichkeit hineinstellt. - Das sind so kleine An- 
deutungen, Skizzen. 



ANTHROPOSOPHIE UND GESCHICHTS- 
WISSENSCHAFT 

GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE UBER 
DIE ENTWICKELUNG DER MENSCHHEIT 
UND IHRER KULTURFORMEN 

Zurich, 7. November 19 17 

Es ist merkwiirdig, dafi die Geschichte als Wissenschaft in 
einer Zeit entstanden ist, die - bei genauerem Zusehen 
merkt man dieses - eigentlich am wenigsten geeignet war, 
die Geschichte zur Wissenschaft zu gestalten. Daher bin 
ich bei den heutigen Auseinandersetzungen in einer etwas 
anderen Lage als vorgestern, da ich die Faden ziehen wollte 
von der Anthroposophie zur Seelenwissenschaft. Bei der 
Seelenwissenschaft, Psychologie, handelte es sich, als das 
naturwissenschaftliche Denken der neueren Zeit in die 
Menschheitsentwickelung hereinbrach, darum, auszudehnen 
gewissermafien den Bereich der naturwissenschaftlichen 
Vorstellungsart auf die Seelenerscheinungen. Es handelte 
sich darum, zu erobern das Gebiet der Seelenerscheinungen, 
das in friiheren Zeiten anders bearbeitet worden ist, iiber 
das anders gedacht worden ist, durch die naturwissenschaft- 
liche Methode. Dies aus dem Grunde, weil in dieser neueren 
Zeit bei vielen, welche vor alien Dingen berufen waren, 
Wissenschaft zu bearbeiten, der Eindruck gerechtfertigter- 
weise entstanden ist, dafi der Geist, der in der naturwissen- 
schaftlichen Forschung herrscht, der einzig wahrhaft wis- 
senschaftliche sei. 

Nun mufi man sagen, indem die naturwissenschaftliche 
Anschauungsart auf die Seelenwissenschaft angewendet 
worden ist, hat sie sich immerhin an etwas betatigt, das 



ein Gegebenes ist. Wenn audi wahre Seelenwissenschaft, 
wie wir vorgestern gesehen haben, zu ganz anderen For- 
schungsarten kommen raufi, so ist gewissermafien das 
Objekt, der Gegenstand der Seelenforschung, audi fiir die 
naturwissenschaftliche Methode unmittelbar in dem Men- 
sdien gegeben. 

Ganz anders scheint dieses mit Bezug auf die Geschichts- 
wissensdiaft zu sein. Und indem man versucht, auf die hier 
in Betradit kommenden, man konnte fast sagen, paradoxen 
Tatsadien aufmerksam zu madien, mufi man darauf hin- 
weisen, was eigentlich wenig bekannt ist, wenigstens wenig 
bedadit wird, dafS dasjenige, was man Wissensdiaft der 
Geschichte nennt, keine sehr alte Sadie ist. 

Im 1 8. Jahrhundert haben diejenigen, die den Begriff 
der Wissensdiaft gepragt und vertreten Haben, Geschichte 
keineswegs noch als Wissensdiaft gelten lassen. Geschichts- 
wissenschaft ist im Grunde genommen eine Schopfung des 
19. Jahrhunderts. Sie ist damit eigentlich entstanden in 
einer Zeit, in der gerade die naturwissenschaftlichen Metho- 
den in einer besonderen Bliite zur Anerkennung gebracht 
worden sind. In der Art und Weise, wie man heute zur 
Geschichte steht, stand man im 18. Jahrhundert noch nicht. 
Ich will nur einen charakteristischen Ausspruch des Philo- 
sophen Wolff iiber die Geschichte anfiihren, noch aus dem 
18. Jahrhundert, einen Ausspruch, dem man viele an die 
Seite setzen konnte, die da bezeugen, dafi dazumal unter 
wissenschafllichen Leuten Geschichte gait als eine Aufzeich- 
nung von Begebenheiten, aber nicht als irgend etwas, was 
den Namen Wissensdiaft verdient. Wolff sagte im 18. Jahr- 
hundert: «Da die historischen Schriften blofi erzahlen, was 
geschehen ist, so braucht es nicht viel Verstand und Nach- 
denken, dieselben zu lesen.» Erklarungsmethoden, Metho- 
den, durch welche Zusammenhang und Ordnung in die 



Aufeinanderfolge der geschichtlichen Tatsadien kommen 
soli, das wurde eigentlidi erst gang und gabe im Laufe des 
19. Jahrhunderts. 

Die Ansdiauung, dafi Gesdiichte durdi ihre Natur, durdi 
ihr Wesen gar keine Wissenschaft sein konne, ist immerhin 
unter den Leuten, die sich immer mehr und mehr hinein- 
gewohnt haben in die naturwissenschaftliche Denkweise, 
in radikalster Weise zum Ausdrucke gekommen bei Fritz 
Mautbner, der ja bekanntgeworden ist durch seine sprach- 
kritischen Studien, durch sein grofies «W6rterbuch der Phi- 
losophie», das er in den letzten Jahren geschrieben hat. Wer 
in diesem Worterbuch den Artikel «Geschichte» liest, der 
so recht aus dem Bewufksein heraus geschrieben sein will, 
dajS nur auf dem Gebiete der Naturerkenntnis «Wissen- 
schaft» moglich ist, wer diesen Artikel iiber «Geschichte» 
liest, wird fmden, daft in radikaler Weise dem, was man 
Geschichte nennt, der Charakter einer Wissenschaft abge- 
sprochen wird, dafi es sogar als etwas Paradoxes hingestellt 
wird, nachdem man die Naturerkenntnisse zu solch beson- 
ders ausgepragten Methoden gebracht hat, Geschichte da- 
neben als eine Wissenschaft gelten zu lassen. 

Schon einer der Hauptumstande, an denen der modern 
natur wissenschaftlich Denkende seine Begriffe von Wissen- 
schaft sich zurechtriickt, trifft fur diesen naturwissenschaft- 
lich Denkenden gegeniiber der Geschichte nicht zu: Was 
will der Natur forscher, indem er forscht? Er will heute 
hauptsachlich die Bedingungen, unter denen irgendeine 
Naturerscheinung zustande kommt, in eine solche Zusam- 
menstellung bringen, dafi das Naturereignis so folgt, dafi 
er sagen kann: Wenn ahnliche oder identische Bedingun- 
gen wieder eintreten, so miissen auch dieselben Erschei- 
nungen eintreten. 

Auf diese Art, die Aufmerksamkeit auf die Wieder- 



holung der Erscheinungen zu richten, weist der naturwis- 
sensdiaftlidi Denkende der Gegenwart ganz besonders hin. 
Er verlangt von einem richtigen Experiment, dafi es so ein- 
zurichten ist, daft man in einer gewissen Weise dazu 
kommt, voraussagen zu konnen, was unter gewissen ge- 
gebenen Naturbedingungen eintreten miisse. 

Nun kann man allerdings sagen: Wenn man diese An- 
forderungen an die Geschichte als Wissenschaft stellt, so 
kommt sie in einer gewissen Weise schlecht weg! Icii will 
nur auf ein paar Beispiele hinweisen. In den letzten Zeiten 
hat sich allmahlich bei Leuten, die geschichtlich denken 
wollten, eine eigentiimliche Anschauung herausgebildet, die 
auf eine merkwurdige Weise, ich mochte sagen, auf eine 
tatkraflige Weise widerlegt worden ist. Bei Menschen, 
wenn sie glaubten, einen gewissen historisch tiefen Blick 
zu haben fiir soziale und okonomische Zusammenhange 
innerhalb des menschlichen Werdens, hat sich die Ansicht 
herausgebildet — die besonders im Beginne des gegenwar- 
tigen Krieges stark geltend gemacht worden ist — , dafi unter 
den gegenwartigen okonomischen und sozialen Verhalt- 
nissen dieser Krieg jedenfalls nicht langer als hochstens 
vier bis sechs Monate dauern konne. Nun, man mufi sagen, 
die Widerlegung dieser Anschauung hat sich durch die Tat- 
sachen als eine radikale herausgestellt! Viele Menschen hiel- 
ten diese Behauptung fiir eine durchaus tief wissenschafllich 
begriindete. Wie oft hort man, wenn die Menschen den 
gegenwartigen Ereignissen gegeniiberstehen, die wichtig 
fiir das menschliche Leben sind und die sie deshalb beurtei- 
len wollen, wie oft hort man: Die Geschichte lehrt dies 
oder jenes iiber diese Ereignisse. - Die Menschen treten die- 
sen Ereignissen gegemiber, wollen ein Urteil haben, wie sie 
sich verhalten sollen, wie sie zu denken haben iiber den 
eventuellen Verlauf; dann hort man von denjenigen, die 



sich etwas mit der Geschichte befafk haben: Die Geschichte 
lehrt dies oder jenes! - Wie oft hort man heute gegeniiber 
den gegenwartigen ersdiiitternden, tragischen Ereignissen, 
die iiber die Menschheitsentwickelung hereingebrodien sind, 
wie oft hort man heute sagen, wenn dies oder jenes auftritt: 
Die Geschichte lehrt dies oder jenes. - Nun, wenn die Ge- 
sdiichte so lehrt, wie diejenigen gemeint haben, dafi sie 
lehre, die die Unmoglichkeit voraussagten, dafi diese Ereig- 
nisse langer als vier bis sechs Monate dauern, dann kann 
man sagen: Dies, das Wissen, das aus der Geschichte ge- 
schopft wird, widerlegt sich durch die Tatsachen in einer 
merkwiirdigen Weise! 

Ein anderes Beispiel, das vielleicht nicht minder bezeich- 
nend ist, mochte ich anfiihren. Ein wahrhaft nicht unbe- 
deutender Mensch trat 1789 sein Lehramt der Geschichte 
an. Es war die Zeit, in der gerade, ich mochte sagen, die 
Morgenrote des Geschichtsstudiums als Wissenschaft auf- 
trat. 1789 trat in Jena Schiller sein Lehramt der Geschichte 
an. Er hielt die beruhmt gewordene Antrittsrede iiber die 
philosophische und die aufierliche mechanistische Behand- 
lung der geschichtlichen Ereignisse. Im Laufe dieser An- 
trittsrede sprach er einen merkwiirdigen Satz aus, den er 
glaubte geschopft zu haben aus einer philosophischen Be- 
trachtungsweise des menschlichen Geschehens, also desjeni- 
gen, was man als «Geschichte» bezeichnet. Er glaubte, sich 
eine Ansicht gebildet zu haben iiber dasjenige, was man 
«aus der Geschichte lernen» kann, und er sagte: «Die euro- 
paische Staatengesellschaft scheint in eine grofie Familie 
verwandelt; die Hausgenossen konnen einander anfeinden, 
aber hofTentlich nicht mehr zerfleischen.» 1789 ist dieses 
gesprochen als ein sogenanntes historisches Urteil von einem 
wahrhaft nicht unbedeutenden Menschen. Darauf folgten 
die Franzosische Revolution, die Napoleonischen Krieget 



Und wenn dasjenige, was man aus der Geschichte lernen 
kann, wirklich damit gelernt ware, dann wurde audi unsere 
heutige Zeit noch herangezogen werden konnen bei der Be- 
wahrheitung einer soldien Lehre: Die europaischen Staaten 
konnen sich zwar anfeinden, aber nicht mehr zerfleischen! 

Auch hier eine merkwiirdige Widerlegung desjenigen, 
was man will, wenn man behauptet, aus der Geschichte, so 
wie sie auf gef afit ist, konne man lernen fur ein Urteil, wenn 
man sich den Tatsachen der Gegenwart oder Zukunft 
gegeniiberstellt. Beweise fur das, was damit angedeutet ist, 
konnten unzahlige aufgebracht werden. Das ist das eine. 
Das andere aber ist: von alien moglichen Gesichtspunkten 
her die Geschichte, den Lauf der geschichtlichen Ereignisse, 
«wissenschaftlich zu durchdringen». War dieses 19. Jahr- 
hundert mit diesen Methoden ganz besonders glucklich? 
Gerade diejenigen, die glaubten, die strengen wissenschaft- 
lichen Methoden auf die Geschichte anzuwenden, konnten 
am wenigsten befriedigt sein, wenn es sich darum handelte, 
sich zu fragen, ob wirklich etwas Besonderes dabei heraus- 
kommt, solche Methoden, wie sie in der Naturwissenschaft 
mit Recht ublich sind, auf das geschichtliche Werden anzu- 
wenden, um dieses geschichtliche Werden «im Lichte einer 
Wissenschaft» zu sehen. 

Man braucht nur einiges sich vorzuhalten. Es ist mir 
heute nicht moglich — da ich ja ganz andere Absichten habe, 
als die Geschichtswissenschaft also solche zu kritisieren -, 
auf alle Einzelheiten der Versuche einzugehen, die gemacht 
worden sind, um zu einer geschichtlichen Methode zu kom- 
men. Es gibt die Anschauung, dafi die Geschichte gemacht 
wird von den grofien Mannern; dann die Anschauung, dafi 
die grofien Manner selber ihren Charakter, ihre Krafte 
erhalten haben durch das sogenannte Milieu. Es gibt auch 
die Anschauung, dafi die geschichtlichen Tatsachen nur dann 



verstanden werden, wenn man die okonomisch-kulturellen 
Verhaltnisse zugrunde legt, also dasjenige, was in der 
Menschheitsentwickelung geschieht, hervorgehen lafit aus 
den okonomisch sozialen Untergriinden und so weiter. 

Nur an ein paar Beispielen, in denen versucht worden 
ist, mit der Denkweise, die sich in der Naturwissenschaft 
so bewahrt hat, an das Geschichtliche heranzutreten, soil 
gezeigt werden, wie der Versuch doch eigentlich, ich will 
nicht sagen, geschekert ist, aber zu Unbefriedigendem ge- 
fuhrt hat. Da haben wir - um von irgend etwas auszu- 
gehen - den Versuch, aus einem umfassenden wissenschaft- 
lichen Streben heraus audi die geschichtliche Evolution der 
Menschheit zu behandeln, bei dem Englander Herbert 
Spencer. Er, der mit naturwissenschaftlichem Denken die 
ganze Weltenentwickelung und alles Sein durchdringen 
wollte, er versucht naturwissenschaflliche Begriflfe anzu- 
wenden auf die Geschichte, auf das geschichtliche Werden. 
Da ist er auf etwas sehr Merkwiirdiges gekommen. Er 
weijS, dafi sich der einzelne Organismus, zum Beispiel der 
menschliche Organismus, aber audi der Organismus der 
hoheren Tiere, indem er aus der Zelle allmahlich heraus- 
wachst, aus drei Gliedern der Zelle entwickelt: aus dem 
Ektoderm, dem Entoderm, dem Mesoderm; das sind drei 
Teile, Glieder einer Zelle, aus denen sich der Organismus 
entwickelt. 

Nun sieht Herbert Spencer auch in dem, was sich ge- 
schichtlich entwickelt, gewissermafien in dem Organismus 
der sich entwickelnden Menschheit einen ahnlichen Prozeft 
wie den, der stattflndet, wenn sich der natiirliche Organis- 
mus aus der Zelle heraus entwickelt. Und wie sich einzelne 
Organsysteme des menschlichen Organismus zum Beispiel 
entwickeln aus diesen Gliedern der Zelle, die ich angefuhrt 
habe, so nimmt solches Herbert Spencer auch an fiir die Ent- 



wicklung des geschichtlichen Organismus der Menschheit. 
Er sagt: Audi da ist etwas vorhanden wie ein Ektoderm, 
ein Entoderm und ein Mesoderm. - Und zwar entwickelt 
Herbert Spencer, der englische Philosoph, die merkwiir- 
dige Ansicht: im geschichtlichen Werden der Menschheit 
entwickelt sich aus dem, was man Ektoderm des ge- 
schichtlichen Prozesses nennen kann, der kriegerische Stand, 
alles, was kriegerisch ist in der Welt; aus dem Entoderm 
entwickelt sich der friedliebende und arbeitende Stand; 
aus dem Mesoderm der Handelsstand; und aus dem Zu- 
sammenwirken dieser drei Stande entsteht dasjenige, was 
«geschichtlicher Organismus» ist. So dafi im Sinne des 
Philosophen Herbert Spencer derjenige Gemeinschafts- 
organismus der vollkommenste ist, der sich am meisten, am 
vollkommensten im Lauf der Geschichte aus dem Ektoderm 
heraus bildet; denn aus dem Ektoderm heraus bildet sich 
im menschlichen Organismus namlich das Nervensystem. 
Und da Herbert Spencer, der englische Philosoph, den 
kriegerischen Stand, das Militarwesen eines Staates hervor- 
gehend sich denkt aus dem Ektoderm, dem also, was ent- 
spricht der Entwickelungsanlage fiir das menschliche Ner- 
vensystem, so ist im Sinne Herbert Spencers dasjenige 
staatliche Gemeinwesen das allervollkommenste, das den 
vollkommenst ausgebildeten Kriegerstand hat. Wie das 
Gehirn aus dem Nervensystem herausgenommen wird, das 
dem Ektoderm entstammt, so fordert Herbert Spencer fiir 
das Gemeinwesen, dafi die Regierenden nur aus dem 
Kriegerstand entnommen werden! Ich will diese Merk- 
wurdigkeit nur erwahnen und mit Riicksicht auf die gegen- 
wartige Zeit keine weiteren kritischen Bemerkungen an 
diese Herbert Spencersche militaristische Theorie von der 
Entwicklung der menschlichen Gesellschafl in der Geschich- 
te kniipfen. 



Ein anderer Versuch, das geschichtliche Werden zu durch- 
dringen mit Vorstellungen, die der naturwissenschaftlichen 
Anschauungsart entnommen sind, liegt vor - ich erwahne 
nur Spitzen der Denkerentwickelung - bei Auguste Comte. 
Da wird wiederum versucht, die Gesetze der Medianik, der 
Statik und Dynamik anzuwenden auf das, was unter Men- 
schen im geschichtlichen Werden geschieht: Die Verhalt- 
nisse der einzelnen Glieder des Staates, der im geschicht- 
lichen Werden ist, werden in einer «sozialen Statik», in 
einer «historischen Statik» behandelt; dasjenige, was sich 
verandert, was sich bewegt, was vorwartsschreitet, wird als 
«historische Dynamik» angesehen. 

Und so konnte man vieles, vieles anfuhren. Es wiirde 
sich, wenn man kritisch eingehen wollte auf diese Versuche 
und auf nodi viele andere, zeigen, wie wenig es gelingt, 
irgend etwas Befriedigendes dadurch herauszubekommen, 
dafi man gerade naturwissenschaflliche Vorstellungen, die 
auf ihrem Gebiete streng gesichert sind, ubertragt auf die 
Betrachtung des geschichtlichen Werdens. 

In anderer Art haben Menschen, die gewissermafien in 
der Morgenrote, bei der Begriindung der Geschichte als 
Wissenschaft standen, wiederum versucht, etwas wie Er- 
klarungsprinzipien in das geschichtliche Werden hineinzu- 
bringen. Man braucht sich nur zu erinnern an einen der 
grofiartigsten Versuche in der Zeit der Entstehung einer ge- 
schichtlichen Anschauung, der durch Lessing gemacht wor- 
den ist in seinem beriihmten kleinen Werke, das er auf 
der Hohe seiner geistigen Entwickelung geschrieben hat, 
in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts». Dieser Ver- 
such ist ja ganz besonders interessant aus dem Grunde, 
weil da versucht wird, nicht aufierlich mit naturwissen- 
schaftlicher Denkweise an das geschichtliche Werden heran- 
zukommen, sondern den Begriff der Erziehung, also etwas, 



worinnen immerhin Geistiges verfloditen ist, anzuwenden 
auf das gesdiiditlidie Werden. Lessing stellt sidi vor, dafi 
man die aufeinanderfolgenden Tatsadien des geschicht- 
lidien Werdens nur dadurdi verstehe, dafi man dieses Hin- 
leben der Menschheit durch die Geschichte auffafit als eine 
«Erziehung des Menschengeschlechts», die geleitet wird von 
gewissen historischen Machten, die hinter dem aufieren 
Geschehen waken. 

Und interessant ist es, auf welche Art Lessing Zusam- 
menhang hineinbringt in den fortlaufenden Gang der hi- 
storischen Erscheinungen. Man hat, gerade weil er diesen 
Zusammenhang auf eine bestimmte Art hineinbringt, wie 
das so einmal geschieht, gesagt: Nun ja, Lessing war ja ein 
grofier Mann, aber die Abhandlung iiber die «Erziehung 
des Menschengeschlechts», die hat er eben geschrieben, als 
er schon nicht mehr auf der Hohe stand - weil er versuchte, 
den Lauf der geschichtlichen Ereignisse wirklich auf see- 
lische Art zu einem inneren Ereignis zu machen, wenigstens 
zunachst hypothetisch. Da kam er auf die Idee der wieder- 
holten Erdenleben der menschlichen Seele. Er schaute zu- 
riick in die verschiedenen Epochen und sagte: Die Men- 
schen, die gegenwartig leben, sie haben oflmals gelebt; in 
ihren Seelen tragen sie heruber in diese Epoche, was sie 
in f riiheren Epochen aufgenommen haben. Da ist dasjenige, 
was sich als Impuls durchzieht durch die geschichtliche Ent- 
wickelung, das, was in den Seelen selber liegt. 

Man konnte, wenn man das audi zunachst nur als Hypo- 
these ansehen will, immerhin darauf hinweisen, wie un- 
endlich vieles, was sonst ratselhaft erscheinen mufi in der 
Entwickelungsgeschichte der Menschheit, aufgehellt werden 
kann, wenn audi nur hypothetisch, dadurch, dafi man als 
die Trager der historischen Impulse von einer Epoche in 
die andere hinuber die Menschenseelen selber annimmt. 



Dadurch wird auf einmal das sonst zusammenhanglose 
Gewebe im geschichtlichen Werden zu einem zusammen- 
hangenden. Nur dadurch konnte gehofft werden, dafi die 
einzelnen Tatsachen des gesdiiditlidien Werdens nicht mehr 
nebeneinander stehen, sondern sich wirklich auseinander 
ergeben, weil dasjenige da ist, was sie auseinander hervor- 
bringt. 

Die Anschauung, die Lessing in diesem kleinen Werke: 
«Die Erziebung des Mensdiengeschlechts» geltend gemadit 
hat, hat eigentlich keine Fortsetzung erfahren aus dem 
Grunde, weil ja dann das naturwissenschaflliche Zeitalter 
zu seinem Hohepunkte heranriickte, und dieses Zeitalter 
zunachst aus Griinden heraus, die in dem nachsten Vor- 
trage nodi zutage treten werden, abgeneigt sein mufke — 
die naturwissenschaftlidie Vorstellungsweise in ihrerSphare 
hat von sich aus ganz recht, wenn sie diese Abneigung hat — 
der Annahme der wiederholten Erdenleben. 

Und so kam es denn, dafi dann im Laufe des 19. Jahr- 
hunderts alle moglichen Versuche gemacht worden sind. 
Man braucht nur zu erinnern an den Versuch Hegels, die 
ganze Entwickelung der Weltgeschichte aufzufassen als 
einen Fortschritt des menschlichen Bewufitseins der Frei- 
heit und so weiter. Es konnten Hunderte und aber Hunderte 
von Versuchen angefiihrt werden, wodurch geZeigt wiirde, 
wie immer wieder und wiederum ein Anlauf dazu genom- 
men worden ist, Erklarungsprinzipien in das geschicht- 
Hche Werden hineinzubringen und dadurch Geschichte zu 
einer Wissenschafl; zu gestalten. 

Daneben hat es allerdings audi immer Geister gegeben 
wie zum Beispiel Schopenhauer y welcher der Ansicht war, 
dafi in der Geschichte sich eben nichts wiederholt und daher 
von einer Geschichtswissenschaft uberhaupt nicht die Rede 
sein konne, weil die Geschichte nur erzahlen konne, was als 



aufeinanderfolgendeTatsachen geschieht, nicht aber irgend- 
welche Impulse finden konne, die als Erklarungsprinzipien 
in der Geschidite walten wie in den natiirlidien Tatsachen 
die Naturgesetze. 

Und in frischer Erinnerung ist ja nodi der gewaltige 
Protest, den Friedricb Nietzsche vorgebracht hat gegen die 
Geschidite als solche, indem er zu zeigen versuchte, da£ durch 
die Aneigmmg nicht der Geschichte in ihren Ideen, sondern 
der geschichtlichen Denkweise, durch die Aneignung jener 
Denkweise, welche pocht auf dasjenige, «was die Ge- 
schichte ergibt», und das weiter in den Seelen verarbeiten 
will, dafi dadurch die Menschenseele, die produktiv und 
tatig sein soil in der Gegenwart, die fruchtbar gegeniiber- 
steht den Ereignissen, die an sie herantreten, dafi diese 
Menschenseele durch den «Historismus», wie Nietzsche 
sagt, wie ausgesogen wird. So dafi derjenige, der nur histo- 
rische Impulse in sich fiihlt, fur Nietzsche ein Mensch war, 
der einem Wesen gleicht, welches sich immerfort des Schla- 
f es enthalten miifite, dadurch niemals bef ruchtende Lebens- 
krafte in seine Entwickelung aufnehmen konnte, sondern 
immer nur sich verzehren lassen miifite von dem, was eben 
verzehrend und zerstorend auf den Mensdien wirkt wie 
das Leben im Historismus. Diese Abhandlung Nietzsches 
iiber «Nutzen und Nachteil der Historie fiir das Leben», 
ist eine der bedeutsamsten aus der ganzen Denkweise 
Nietzsches heraus. 

Diese einleitenden Worte sollten nur der Tatsache gelten, 
wie strittig Geschichte heute als Wissenschaft ist nach den 
verschiedensten Seiten, in ganz anderem Mafie noch strittig 
als zum Beispiel Seelenwissenschaft oder Psydiologie. Die 
Frage mufi entstehen aus alledem heraus: Woher kommt 
so etwas? - Aus den Voraussetzungen, die zugrunde gelegt 
werden der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 



schaft, mufi darauf geantwortet werden: Weil zunachst die 
Aufmerksamkeit auf diesem Gebiete nicht gelenkt worden 
ist auf die grofie, grundlegende Frage: Womit im Mensdien 
haben wir es denn iiberhaupt zu tun, wenn von geschicht- 
lidiem Werden die Rede ist? Was ist denn vom Mensdien 
beteiligt an diesem geschichtlichen Werden? Was wirkt denn 
im Mensdien, wenn er eingesponnen ist, eingewoben ist 
in das geschiditliche Werden? - Um diese Frage zu beant- 
worten, mufi man allerdings einige geisteswissenschaftliche 
Einblicke gewinnen in das Wesen des Mensdien, insofern 
dieses Wesen viel weiter geht, als das gewohnliche Bewufit- 
sein reicht. 

Ich mochte, um auseinanderzusetzen, was ich jetzt hier 
zu sagen habe, um einen Ausgangspunkt fiir eine Ge- 
schichtsbetrachtung zu gewinnen, ankniipfen - Sie werden 
gleidi nachher sehen, aus weldiem Grunde ich das tue — an 
eine Betrachtung iiber das menschlidie Seelenleben, insofern 
dieses menschlidie Seelenleben rhythmisch immer wieder 
und wieder heraustritt aus dem, was man den gewohn- 
lichen Bewufkseinszustand nennt. Wir miissen ja den ge- 
wohnlichen Bewufitseinszustand im Leben abwechseln 
lassen mit dem Schlafzustand. Wir werden, vom geistes- 
wissenschaftlichen Standpunkt die Natur betrachtend, das 
nachste Mai iiber dieses Thema noch genauer zu reden 
haben; heute will ich nur dasjenige erwahnen, was Grund- 
lage fiir eine Geschichtsbetrachtung werden kann. 

Wenn der Schlaf in unser Seelenleben hereintritt, dann 
dampft sich das Bewufitsein so weit herunter, dafi wir 
annahernd sprechen konnen von Bewufitlosigkeit, obwohl 
fiir den, der genau betrachten kann, im Schlafe durchaus 
nicht vollige Bewufitlosigkeit vorhanden ist. Was im ge- 
wohnlichen Tagesleben der Inhalt unserer Wahrnehmungs- 
welt, der Inhalt unserer Welt des Fuhlens und Wollens ist, 



das hort auf, das tritt in das Dunkel eines unbewufiten 
oder unterbewufiten Dahinlebens hinunter. Zwischen den 
beiden Zustanden, zwischen dem Wachzustand und dem 
Schlafzustande, liegt der Traumzustand. 

Dieser Traumzustand ist etwas hochst Merkwiirdiges. 
Die Philosophic selbst hat im 19. Jahrhundert von ihren 
mehr naturwissenschaftlichen Vorstellungen angenaherten 
Begriffen aus versucht, in die Natur dieser ratselvollen 
Traumeswelt, die aus dem bewufitlosen Zustande des 
Schlafes aufsteigt und so unahnlich ist dem aufieren Erleb- 
nis des gewdhnlichen Bewufitseins, hineinzudringen. Aber 
audi da ist etwas ganz Merkwiirdiges eingetreten. Der 
Philosoph Johannes Volkelt zum Beispiel, der sich in den 
siebziger Jahren bequemt hat, ein Buch iiber die Traum- 
phantasie zu schreiben, er liefi die Sache liegen wie eine 
gliihende Kohle, die jemand anfafit und die er gleich wie- 
derum wegwirfl. Kritiker, die dann iiber dieses Buch «Die 
Traum-Phantasie» geschrieben haben, sind, nur weil sie 
sich iiberhaupt eingelassen haben, die Sache ernst zu neh- 
men, des Spiritismus beschuldigt worden. Wessen beschul- 
digt man heute die Menschen nicht alles! 

Was ist denn eigentlich diese ratselvoll aus den Unter- 
griinden des Schlafens heraufsteigende Traumeswelt? Was 
sind die Bilder, die da auf und ab wogen im Traume? 
Diese Frage lafit sich allerdings audi nur mit jenem Be- 
wufitsein, von dem ich vorgestern hier sprach, mit dem 
schauenden Bewufitsein, erortern. Derjenige, der aufsteigt 
von dem gewohnlichen Bewufitsein zu dem, was ich vor- 
gestern hier erortert habe als die imaginative Erkenntnis, 
die inspirative Erkenntnis, die intuitive Erkenntnis, der 
also mit seiner vom Leibe getrennten Seele, wie ich es aus- 
einandergesetzt habe, aufsteigt, wirklich in der geistigen 
Welt zu leben, der erst kann zu einer Anschauung kommen 



iiber dasjenige, was eigentlich vorgeht in der mensdiliclien 
Seele, wenn sie in Traumbildern lebt. Idi kann natiirlich 
heute nur anregen, manches aus den Ergebnissen der Gei- 
steswissenschaft anfiihren; die weiteren Ausfuhrungen wer- 
den Sie schon verfolgen miissen in meinen Buchern. 

Wenn man mit den Methoden, die vorgestern hier er- 
ortert worden sind, das Traumleben erforscht, dann kommt 
man dazu, einzusehen, dafi dasjenige, in dem gewisser- 
mafien das Seelische wahrend des Schlafes vom Einschlafen 
bis zum Aufwachen verlauft, tatsachlich getrennt ist vom 
physisch-leiblichen Leben, Dieses Getrenntsein vom phy- 
sisch-leiblichen Leben lernt man eben erkennen durch die 
geisteswissenschaftlichen Methoden. Man lernt erkennen, in 
welcher Verfassung die Seele ist, wenn sie getrennt ist vom 
Leibe. Daher kann man audi vergleichen das Leben in den 
Traumbildern mit diesem wissenschaftlich erforschbaren 
Getrenntsein vom Leibe. Und man flndet dann, dafi der 
Traum eigentlich eine viel zusammengesetztere Erscheinung 
ist, als man gewohnlich meint. 

Was in der Seele lebt, indem die Seele traumt, das ist 
in der Tat etwas, was nicht nur mit unserer Gegenwart zu 
tun hat, so wie das wache Tagesleben mit der Gegenwart 
zu tun hat, sondern es ist dasjenige, was in der Tat, in 
unserem Organismus, in unserem Gesamtmenschenwesen 
sich ausbildet wie der kleine Keim in der wachsenden 
Pflanze. Was als Keim in der wachsenden Pflanze sich ent- 
wickelt, ist die physische Ursache fur die nachste Pflanze. 
Was in die Traumbilder eingewickelt - wenn ich den Aus- 
druck gebrauchen darf - in der menschlichen Seele aus der 
Dumpfheit des Schlafes heraustritt, das ist jetzt nicht 
physisch, das ist geistig-seelisch die Grundlage fur das- 
jenige, was durch die Pforte des Todes geht, was eintritt 
dann in die geistige Welt und durchmacht das Leben zwi- 



schen dem Tod und einer neuen Geburt, urn wieder zu 
erscheinen. 

Aber es ist ein schwacher geistig-seelischer Keim, es ist 
ein so schwacher geistig-seelisdier Keim, dafi er aus seinen 
eigenen ihm innewohnenden Kraften nicht zu einem see- 
lischen Inhalte kommt. Daher kommt er nur zu dem In- 
halte, der sidi aus Reminiszenzen, aus Anklangen an die 
durchlebte Welt, gegenwartig oder vergangen durchlebte 
Welt, kniipft. Derjenige, der geisteswissenschaftlich den 
Traum untersucht, der sagt sich: Wie in so vielen Dingen, 
so steckt in dem ahnungsvollen, aber aberglaubischen Be- 
wufksein, daft sich im Traume oftmals die Zukunft ent- 
hiillen konne, auf der einen Seite eine geahnte Wahrheit, 
aber auf der anderen Seite ein gefahriicher Aberglaube; 
dies letztere aus dem Grunde, weil in dem, was im Traume 
lebt, ich mochte sagen substantial, wirklich, die Seele, wie 
sie sich in die Zukunft hinein entwickelt, vorhanden ist, 
wirklich das Ewige unserer Seele vorhanden ist. Dasjenige, 
was traumt, von dem kann man schon ahnen, dafi es in 
sich zwar nicht die Vorstellung, wohl aber die lebendige 
Anlage fiir die Zukunft des Menschen enthalt. Der Inhalt 
des Traumes, der wird genommen aus den chaotisch ver- 
wobenen Reminiszenzen und dergleichen. Wahrend es also 
Aberglaube ist, den Inhalt des Traumes irgendwie anders 
deuten zu wollen als im geisteswissenschaftlichen Sinne, 
mufi man sagen, dafi dasjenige, was traumt, in der Tat 
mit dem ewigen Wesen der Menschenseele zu tun hat, so 
dafi nur der Inhalt des Traumeslebens dasjenige ist, was 
den Menschen in Illusionen wiegt. 

Kommt man aus dem gewohnlichen Bewufitsein zu dem, 
was ich vorgestern charakterisiert habe als das schauende 
Bewufitsein, dann gelangt man, wie ich gesagt habe, zu 
Imaginationen, zu Inspirationen. Und man ist mit diesem 



Inhalte des schauenden Bewufitseins drinnen in einer gei- 
stigen Welt. Man ist also audi drinnen in jener Welt, in 
welcher die Seele lebt, wenn sie aufier dem Leibe ist und 
traumt. Dann ist sie aber, idi mochte sagen, auf eine kind- 
lidie Weise, auf eine noch unvollkommene Weise, dann ist 
sie so darinnen, wie der Pflanzenkeim in der Pflanze ist, 
der ja erst die Anlage zur nachsten Pflanze ist. In der Ima- 
gination, in der Inspiration enthiillt sich die Welt, in der 
audi die traumende Seele drinnen ist. 

Nun glaubt man gewohnlich, der Mensch traume nur, 
wenn er schlaft. Das ist nun audi ein soldier Irrtum, wie 
er sich selbstverstandlich ergeben mufi, wenn man seine 
BegrifFe nur aus der aufieren Welt bildet. Aber es ist eben 
ein Irrtum, es ist eine Illusion. Und tiefere Denker, unter 
anderen Kant, aber audi viele andere, sie haben schon ge- 
ahnt, dafi dasjenige, was die Seele im Schlafe, im Traume 
durchsetzt, keineswegs blofi im Schlafe, blofi im Traume 
anwesend ist, sondern dafi es das ganze Leben durchzieht. 
Wachen wir auf, dann allerdings ist ein Teil unseres Seelen- 
lebens in die Welt versetzt, der da vorliegen die aufieren 
Beobaditungen der Sinne, der da vorliegen diejenigen Be- 
grifFe, die sich ankniipfen an diese aufieren Beobaditungen 
der Sinne. Von diesem Bewufitseinsinhalte sind wir ganz 
eingenommen, dem sind wir ganz hingegeben; den betrach- 
ten wir, weil er gleichsam als das starke Licht alle schwa- 
cheren Inhalte, die in unserer Seele leben, immer uber- 
strahlt, den betrachten wir gewissermafien als den einzigen 
Inhalt unseres wachen Tagesbewufitseins. Aber das ist ein 
Irrtum! Denn wahrend wir erfiillt sind von diesem wachen 
Tagesbewufkseinsinhalte, leben in den Tiefen unserer Seele 
unterbewufit solche Inhalte fort, die ganz gleich sind den 
Traumen, die in der Nacht aus dem Schlaf auftauchen. 
Wir traumen fort wahrend des Wachens, nur werden wir 



das Traumen nicht gewahr! Und so paradox es klingt, audi 
das andere ist richtig: Wir traumen nicht nur fort, wir 
schlafen fort. So dafi unser Bewufitsein stets ein dreifaches 
im Wachzustande ist: oben, auf der Oberflache gleidisam, 
das wache Tagesbewufksein, unten, im Unterbewufiten, ein 
Unterstrom des fortdauernden Traumens, und tiefer ein 
Fortschlafen. 

Und wir konnen audi angeben, in bezug auf was wir 
traumen, in bezug auf was wir sdilafen! Wir traumen 
namlich mit Bezug auf alles dasjenige, was nicht in Vor- 
stellungen, in deutlich zu machenden Begriffen in unsere 
Seele herauftaucht, sondern was sich entladt in uns als 
Gefuhl. Die Gefiihle steigen in uns nicht auf aus irgend- 
einem vollbewuflten, wachbewufiten Zustande, sie steigen 
auf aus einer Welt in uns, die nur getraumt wird. Es ist 
nicht richtig, wenn gemeint wird, wie manche Herbartschen 
Philosophen meinen, dafi sich die Gefiihle aus Zusammen- 
wirkung von Vorstellungen ergeben. Nein, im Gegenteil, die 
Vorstellungen werden durchsetzt mit demjenigen, was auf- 
steigt aus einem tieferen Seelenleben, das in einem Fort- 
traumen wahrend des Wachzustandes besteht. Auch die 
Leidenschaften, die Affekte, steigen aus einem Leben des 
wachen Traumens, das nur iibertont wird von dem voll- 
bewufken Seelenleben, herauf . Und unsere Willensimpulse, 
sie bleiben, ich mochte sagen, so ratselhaft in ihrem Hervor- 
quellen aus dem Seelenleben, weil sie aus dem Seelengrunde 
heraufkommen, in dem wir auch im wachen Zustande 
schlafend s'md. 

So dafi unsere vollbewufiten Vorstellungen sich oben 
entwickeln im Wachbewufitsein, unsere Gefiihle her auf - 
schlagen wie Wogen aus einem unterbewufiten Zustande, 
aus einem Traumes-Tagesleben, und die Willensimpulse 
gar heraufschlagen aus einem Schlafesleben. Was das fiir 



eine Bedeutung hat fiir die Bildung von sozialen, von 
Rechtsvorstellungen, von ethischen Vorstellungen, was das 
fiir eine Bedeutung hat fiir die Frage der Willensfreiheit 
- wir werden dann beim letzten Vortrage iiber diese Dinge 
spredien. 

Heute aber soli uns vorzugsweise etwas anderes inter- 
essieren. Emzelne scharfsinnige Geister haben sdion be- 
merkt, dafi man niemals zum Beispiel die Leidenschaften 
erklaren kann, wenn man nicht an die Erklarung der Trau- 
meswelt herangeht, weil Leidenschaften nur dadurch im 
Menschen leben, auch die besten, edelsten Leidenschaften, 
dalS der Mensch traumt wahrend des Wachens, und das 
Getraumte nicht in der Weise des wachen Bewufitseins 
herauf kommt, sondern hineinwogt in dieses wache Bewufk- 
sein aus der Region, in der eben getraumt wird. 

Nun ergibt sich ein anderes geisteswissenschaftliches 
Resultat, das man in der Gegenwart fast noch ungern 
ausspricht, weil es so sehr alien gewohnten Begriffen wider- 
spricht; aber vieles, das im Lauf der Menschheitsentwicke- 
lung in die Wissenschaft eingetreten ist, das ist eben 
zunachst ein Paradoxon gewesen. Es hat sich dann 
doch durchgesetzt. Die Kopernikanische Weltanschauung 
ist ja von einer gewissen geistigen Richtung her erst im 
Jahre 1822 als eine erlaubte Weltanschauung angesehen 
worden. Warum sollte nicht das, was als Geisteswissen- 
schaft oder Anthroposophie auftritt, vielleicht auch so 
lange warten miissen, bis es, jetzt nicht von dieser Rich- 
tung, sondern von der modernen Wissenschaft anerkannt 
wird? 

Dasjenige, was wirklich verlauft, wenn man den Strom 
des Menschenlebens betrachtet, das ist nicht etwas, was mit 
den Begriffen, die im Wachbewufitsein durchgemacht wer- 
den, durchlebt wird, sondern was fiir die Geschichte vor- 



liegt, was in der Geschichte kraftet und wirkt, lebt gar 
nidit in dem menschlichen Wachbewufksein, so paradox 
das klingt, sondern die Impulse, die durch die Geschidite 
walten und wogen, werden von der Menschheit nur ge- 
traumt. Nicht heller und nicht anders durchzieht dasjenige, 
was den Lauf der Geschidite vorwarts treibt, die mensch- 
liche Seele als ein Traum. Von dem Traume des Werdens 
zu sprechen, ist vollig wissenschafllich. Das zeigt sich ge- 
rade, wenn man eben erkennt, dafi erst von dem schauen- 
den Bewufitsein Einblick gewonnen werden kann in das, 
was eigentlich geschichtliche Impulse sind, wenn man diese 
geschichtlichen Impulse durchdringt mit dem imaginativen, 
mit dem inspirierten Forschungsleben. Indem der Mensch 
der Geschichte angehort, insofern er in diese Geschichte ein- 
greifl, hat er es nicht zu tun mit irgend etwas, was man 
so beobachten kann, dafi es auf BegrifFe gebracht werden 
kann, wie die BegrifFe sind, mit denen die Naturwissen- 
schaft zu tun hat, sondern der Mensch hat es zu tun mit 
solchen BegrifFen, die eigentlich das gewohnliche Bewufit- 
sein nur von dem Traume her kennt. 

Man konnte nun leicht gegen Geisteswissenschafl ein- 
wenden: Also ist die Geisteswissenschafl etwas Phantasti- 
sches, denn sie fiihrt wichtige Impulse zuriick auf reine 
Phantasieprodukte, sogar auf Traumprodukte. Ja, sehr 
verehrte Anwesende, das mag schon sein, aber wenn die 
Wirklichkeit so ist, dafi sie eben in der menschlichen Seele 
als Traum leben mufi, so mufi diese Wirklichkeit da erfafit 
werden, wo sie eben wahrgenommen werden kann! 

Gerade von naturwissenschaffclichem Denken her hat 
man gegen die Geschichte als Wissenschafl eingewendet, 
dafi Geschichte es ja nur zu tun habe mit einzelnen Tat- 
sachen, aber man komme nie dahinter, was eigentlich eine 
geschichtliche Tatsache sei, man konne sie nicht so klar 



und deutlich vor sich haben, wie man eine naturwissen- 
schaftliche Tatsache, eine Naturtatsache vor sich hat. 

Audi geisteswissenschaftlich ist dieses durchaus richtig; 
aber geisteswissenschaftlich mull die Sache noch wesentlich 
vertieft werden. Der Geisteswissenschaftler sagt also zu- 
nachst: Blickst du auf dasjenige hin, was eigentlich ge- 
schichtliche Impulse sind, so sind sie ja gar nicht gegeben 
dann, wenn man den gewdhnlichen Verstand, der es mit 
aufieren Tatsachen zu tun hat, auf diese richtet; dann sind 
da die geschichtlichen Tatsachen gar nicht gegeben. Die ge- 
schichtlichen Tatsachen sind erst gegeben, wenn man das 
imaginative und das inspirierte Bewufitsein auf iibersinn- 
liche Impulse richtet, die gar nicht in den aufieren Tatsachen 
liegen. 

Was so Geisteswissenschaft an die Oberflache des mensch- 
lichen Denkens brmgt, so ganz aus dem Nichts herausgeholt 
ist es allerdings nicht in der neueren Zeit. Sondern die- 
jenigen Menschen, die mit Erkenntnisproblemen gerungen 
haben, die Erkenntnisdramen in sich durchgemacht haben, 
die haben schon, wenn audi nur als einzelne Lichtblitze, 
zuweilen ihre Aufmerksamkeit hinwenden mussen auf das- 
jenige, worauf die Geisteswissenschaft nun systematisch ge- 
ordnet kommt. Und da konnte ich wiederum viele Beispiele 
anfiihren, wie gewissermafien divinatorisch der eine oder 
andere, der ein um Erkenntnis Ringender war, auf man- 
cherlei gekommen ist, was durch Geisteswissenschaft zur 
Klarheit gebracht wird. Von diesem ein Beispiel, das ich 
audi angefiihrt habe in meinem Buche, das demnachst er- 
scheinen wird: «Von Seelenratseln.» 

Der Psychologe Fortlage hat in seinen Psychologievor- 
tragen, die er 1869 gehalten hat, eine sehr merkwiirdige 
Stelle iiber das menschliche Bewufitsein und seinen Zusam- 
menhang mit dem Phanomen des Todes. Er sagt: «'w r enn 



wir uns lebendige Wesen nennen, und so uns eine Eigen- 
sdiaft beilegen, die wir mit Tieren und Pflanzen teilen, so 
verstehen wir unter dem lebendigen Zustand notwendig 
etwas, das uns nie verlaflt und sowohl im Sdilaf als im 
Wachen stets in uns fortdauert. Dies ist das vegetative Le- 
ben der Ernahrung unseres Organismus, ein unbewuikes 
Leben, ein Leben des Schlafes. Das Gehirn macht hier da- 
durch eine Ausnahme, dafi dieses Leben der Ernahrung, 
dieses Schlaf leben bei ihm in den Pausen des Wachens iiber- 
wogen wird von dem Leben der Verzehrung. In diesen 
Pausen steht das Gehirn einer iiberwiegenden Verzehrung 
preisgegeben und gerat folglich in einen Zustand, welcher, 
wenn er sich auf die iibrigen Organe miterstreckte, die ab- 
solute Entkrafligung des Leibes oder den Tod zu Wege 
bringen wiirde.» 

Das ist ein grofiartiger Lichtblick, indem Fortlage nichts 
Geringeres sagt als dieses: Wiirden die Vorgange, die auf 
das menschliche Gehirn wirken, in vollem Wachbewufitsein 
den ganzen iibrigen Leib ergreifen, so wiirden sie ihn zer- 
storen; wir haben es also in Wahrheit mit Abbauprozessen 
im Menschen zu tun, wenn wir es mit den Verhaltnissen 
des gewohnlichen Bewufitseins zu tun haben. Es war ein 
tiefer Lichtblick Fortlages, wenn er weiterfahrt: «Das Be- 
wufitsein ist ein kleiner und partieller Tod, der Tod ist 
ein grofies und totales Bewufitsein, ein Erwachen des gan- 
zen We sens in seinen inner sten Tiefen.» 

Dieser Zusammenhang zwischen Tod und Bewufitsein 
kommt hier ahnungsvoll grofiartig heraus. Fortlage weifi: 
wenn man dasjenige, was einmal geschieht, indem der Tod 
uns iiberfallt, gleichsam in «Atome» zerlegt, jetzt in «Zeit- 
atome», so bilden diese «Atome» die fortwahrenden Ge- 
schehnisse unseres wachen Bewufitseins. Indem wir unser 
waches Bewufitsein entfalten, entwickeln wir ein atomisti- 



sches Sterben, und der Tod ist nur, gewissermafien ins 
grofie getrieben, dasjenige, was wir in jedem Augenblicke 
des wachen Bewufkseins iiber unser Gehirn kommend ha- 
ben; so dafi der Tod audi fur Fortlage nichts anderes ist 
als die auf einmal erfolgende Erweckung eines Bewufit- 
seins fiir die geistige Welt, wahrend das fortlaufende Be- 
wufksein uns fortwahrend im kleinen abtotet, wie wir es 
fiir das gewohnliche tagwache Bewuiksein brauchen. Stehen 
wir also einem Mensdien gegeniiber, so konnen wir sagen 
~ und was Fortlage ahnte, durch die Geisteswissenschaft 
wird es vollstandig bestatigt — : Was als Seelisch-Geistiges 
in diesem Mensdien lebt, das ist eigentlich ein Aufzehren- 
des, ein Zerstorerisches; und dasjenige, was in ihm lebt als 
vegetatives Leben, das halt nur die Zerstorung so lange 
auf, bis der Tod eintritt. Wenn der Tod eintritt, so tritt 
nur im groften Mafistabe das auf, was wahrend des bewufi- 
ten Lebens langsam, ich mochte sagen atomistisch, sich ent- 
wickelt. Wir tragen den Tod fortwahrend in uns, nur dafi 
wir neben dem Tod das gegen ihn kampfende Leben in uns 
tragen, und dieses kampfende Leben eben von der Seele 
durchsetzt ist. 

So ist es, wenn wir den einzelnen lebenden Mensdien 
betraditen, weldier mit seinem Leibe vor uns so steht, dafi 
dieser Leib - wir wollen im dritten Vortrag genauer iiber 
die Sache sprechen - ein Ergebnis des Seelenlebens ist. Da 
haben wir den Tod, der aber, so lange die Lebenskrafte 
walten konnen, fortwahrend gehindert wird hereinzukom- 
men, der, ich mochte sagen, hinter den Erscheinungen lauert, 
ja geradezu eine wesentliche Beziehung des Lebens ist, weil 
die Erscheinung des Lebens blofies Pflanzenleben ware, 
wenn der Tod nicht dieses Leben fortwahrend abtotete und 
dadurch gerade leiblich das Bewufitsein zustande kame. 

Lernt man diese eigentiimliche Beziehung des Todes zu 



dem menschlichen Leibesleben kennen, dann erst erhellt 
sich das schauende Bewufitsein so, dafi es ein Urteil gewin- 
nen kann, ja einen Sinn gewinnen kann fiir dasjenige, was 
eigentlich im Verlauf der historischen Tatsadien vorliegt, 
jener Tatsachen, welche die gewohnliche Geschichtserzah- 
lung eben auffiihrt, die da geschehen aufterlich, und die 
so erzahlt werden konnen, wie man zumeist Geschidite 
erzahlt. 

Was liegt in diesem aufierlichen Geschehen vor, in den 
aufeinanderfolgenden Tatsachen? Wiederum mufi etwas 
aufierordentlich Paradoxes gesagt werden: Zu ihrem see- 
lischen Inhalte, der von dem Menschen nur getraumt wird 
im Verlaufe des geschichtlichen Werdens, verhalten sich die 
aufieren geschichtlichen Tatsachen nun nicht wie ein Leib, 
der den Tod in sich tragt, sondern wie ein schon toter Leib, 
aus dem die Seele bereits heraufien ist. Das heifit, in den 
«historischen Tatsachen» ist die Seele nie drinnen! Wah- 
rend im menschlidien Leben der Tod eintritt, wenn das 
Leibesleben abgelaufen ist - nachdem also die Seele das 
Leibesleben durchzogen hatte und dann der Leib, ohne das 
Seelische, allein ist -, ist der gesamte Organismus der histo- 
rischen Tatsachen ein blofier toter Leib, ein aufierer toter 
Leib gegeniiber dem, was innerlich als geschichtliche Im- 
pulse von Zeitalter zu Zeitalter walk und lebt, und was 
nur erfafk werden kann, wenn man den Blick nicht richtet 
auf die aufieren Tatsachen, sondern wenn man den Blick 
richtet auf dasjenige, was lebt, was so lebt, dafi es nicht 
sich ergeben kann aus den aufieren Tatsachen. 

Durch einen Vergleich mochte ich mich noch weiter klar- 
machen. Nehmen wir an, irgend jemand glaubt - viele 
Menschen glauben das ja — , er brauche nur die Tatsachen 
der Geschichte so recht klar aufzufassen, wie man natur- 
wissenschaftliche Tatsachen auffafit, so miisse man aus der 



Auf einanderf olge dieser geschichtlichen Auf f assungen wirk- 
lich eine Wissenschaft der Geschichte herstellen konnen. Der 
das glaubt, wurde dasselbe glauben - wirklich, so paradox 
das audi klingt -, wie jemand, der der Ansicht ware, wenn 
er einen toten, verstorbenen Menschenleib vor sich hatte, 
so miifite er aus dem das seelische Leben irgendwie heraus- 
holen konnen. Es ist nicht drinnen! Ebensowenig ist in den 
historischen Tatsachen dasjenige drinnen, was Seele der 
Geschichte ist. Die historischen Tatsachen sehen wir mit 
jenem Verstande, der an die aufiere Wahrnehmung gebun- 
den ist und sich entwickelt aus dem, was an die aufiere 
Wahrnehmung gebunden ist; aber mit diesem Verstande 
sehen wir nur, was tot ist an dem geschichtlichen Werden. 
Eindringen kann der Mensch mit dem gewohnlichen Be- 
wufitsein in das geschichtliche Werden nur als Traumender; 
durchschauen kann er dieses geschichtliche Werden, das 
eigentlich seelische Leben in der Geschichte, nur mit dem 
imaginativen, mit dem inspirierten Bewufksein. Daher ist 
es so, dafi von dem, was als geschichtliche Tatsache vorliegt, 
uberhaupt nur Erzahlungen, nur Aufzahlungen geliefert 
werden konnen, dafi es wirklich wahr ist, was der grofie 
Jacob Burckhardt gesagt hat: Philosophic ist Nichtge- 
schichte, denn Philosophic stellt die einzelne Tatsache unter 
die andere, und Geschichte ist Nichtphilosophie - Jacob 
Burckhardt hat das Wort gebraucht — weil sie es nur mit 
der Koordination, mit der Nebeneinanderstellung der Tat- 
sachen zu tun hat. 

Daraus aber geht hervor ein ganz bestimmtes Verhalten 
im historischen Denken, daraus, dafi man dies, was eben 
auseinandergesetzt worden ist, zugrunde legt: man mufi, 
wenn man wirklich historisch denken will, klar auf das 
kommen - durch schauendes, durch geisteswissenschaftliches 
Bewufitsein was im gewohnlichen geschichtlichen Verlauf 



durchaus nicht erfahren werden kann, was in dem Werden 
drinnen ist, aber in den aufieren Tatsadien sidi gar nidit 
zeigt, ebensowenig wie sidi die Seele in einem toten Men- 
sdienleibe zeigt. 

Es entsteht die Frage: Kann man dasjemge, was in dem 
geschichtlichen Werden eigentlich lebt, wirklich durch ima- 
ginative, durdi inspirierte Erkenntnis anschauen? Nun, idi 
will, nachdem ich sdion so viele Paradoxa gesagt habe, 
nicht zuriickhalten damit, audi noch auf einiges Konkrete 
aufmerksam zu machen, wie dieses Schauen, das ich vor- 
gestern charakterisierte, genauer nc»ch in meinen Biichern, 
wie dieses schauende, dieses imaginative, dieses intuitive, 
inspirierte Bewufitsein zu einer gewissen Anschauung iiber 
das menschliche Werden kommt, zu dem sich aber die aufie- 
ren Tatsadien nur verhalten wie der tote Menschenleib zu 
der Seele. Ich will moglichst konkret sprechen, weil ich ja 
ein Exempel, ein Beispiel anfuhre. 

Wer versucht, in dasjenige einzudringen, wovon das ge- 
wohnliche Bewufitsein nur traumt, der gelangt dazu, vor 
alien Dingen das geschichtliche Werden abzugrenzen, so 
dafi er an gewissen Punkten hauptsachlichste, ich mochte 
sagen, Knotenpunkte des geschichtlichen Lebens findet, wie 
wir auch im einzelnen menschlichen Organismus bestimmte 
Abschnitte finden. Gegen das siebente Jahr zu bekommt 
das Kind neue Zahne; um das vierzehnte Jahr herum wird 
es geschlechtsreif . Solche Einschnitte haben wir in das indi- 
viduelle Menschenleben zu verzeichnen, wenn wir es phy- 
siologisch betrachten. Fiir die Geisteswissenschaft bedeuten 
diese Einschnitte noch viel mehr als fiir die gewohnliche 
physiologische Wissenschaft, die eben mit ihren Betrachtun- 
gen nicht zu Ende kommt. Zu ahnlichen Einsichten kommt 
die geisteswissenschaflliche Betrachtung iiber das geschicht- 
liche Werden. Und da ergibt sich - jetzt ganz abgesehen 



von den aufieren Tatsachen, allein durdi Hinschauen auf 
dasjenige, was geistig ablauft dafi abgegrenzt ist ein 
Zeitraum im europaischen, iiberhaupt im geschichtlichen 
Menschenwerden, der etwa beginnt im 8. Jahrhundert vor 
der christlichen Zeitrechnung, und der da schliefit im 15. 
Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Was da einge- 
schlossen ist zwischen diesen zwei Zeitpunkten, das ist in 
gewisser Beziehung so ein Ganzes, wie das Leben eines Kin- 
des vom siebenten Jahre, wo es die zweiten Zahne be- 
kommt, bis zur Geschlechtsreife. Wie man da ein Ganzes 
formen kann, so dafi dann ein Umschwung stattfindet, der 
bedeutungsvoller in den menschlichen Organismus eingreift 
als die dazwischenliegenden Ereignisse, so mufi man sagen, 
solche Einschnitte waren da im 8. Jahrhundert vor der 
christlichen Zeitrechnung und im 15. Jahrhundert etwa, 
nachdem die christliche Zeitrechnung eingetreten war. Die- 
ses Zeitalter erscheint, mit besonderem Charakter, mit be- 
sonderenEigentiimlichkeiten in bezug auf die geistigeWirk- 
lichkeit, die den geschichtlichen Tatsachen zugrunde liegt, 
der geisteswissenschaftlich-geschichtlichen Betrachtung als 
ein Ganzes, als ein Zusammengehoriges. 

Ich kann naturlich nur einzelne Punkte anfiihren. Man 
kann, indem man solche Dinge geisteswissenschaftlich 
charakterisiert, auf alle moglichen Einzelheiten kommen; 
man kann geradezu zu solchen Konkretheiten kommen, wie 
man zu Konkretheiten der Wahrnehmung kommt, wenn 
man die Reihe der Pflanzen verfolgt in der Botanik und 
dergleichen. Ich will nur einige allgemeine Gesichtspunkte 
anfiihren. 

In diesem Zeitalter lebte der Mensch als Ganzes so - aber 
man mufi, um das zu erkennen, ihn innerlich seelisch be- 
trachten, abgesehen von den Tatsachen — , dafi sein Verstand 
noch viel instinktiver wirkte, als er in unserem Zeitalter 



wirkt. Was der Mensdi aus seinem Verstande, aus seinem 
Bewufitsein heraus tat, das war nodi inniger zugleich eine 
Tat des Leibes, war nodi inniger verkniipft mit dem Leibe. 
Der Verstand war nodi instinktiver. Wenn Sie die einzel- 
nen Feststellungen in meinen Buchern studieren, so werden 
Sie darauf kommen, dafi das seelische Erleben des Men- 
sdien eingeteilt wird, wenn ich den schulmafiigen Ausdruck 
gebrauchen darf, fiir die Geisteswissenschaft: in das Leben 
der «Empfindungsseele», der dumpfesten, fast nodi im Un- 
bewufiten lebenden Seele; der «Verstandes- oder Gemiits- 
seele», die aber dodi noch so wirkt, dafi dasjenige, was in 
ihr lebt, nicht vollbewufit sidi entwickelt, sondern noch 
einen instinktiven Charakter hat; und dann der «Bewufk- 
seinsseele», die das Ich im vollen Selbstbewufitsein erlebt, 
die das Ich emanzipiert von dem Leibesleben, wo der Ver- 
stand nicht mehr instinktiv auftritt, sondern losgelost, 
kritisch sich den Dingen gegeniiberstellt. Von diesen Seelen- 
gliedern, wenn man es so nennen kann, war in dem Men- 
schen dieses Zeitalters, das ich innerhalb seiner Grenzen 
charakterisiert habe, also in dem Menschen der griechischen 
Zeit, in dem Menschen der Zeit der romischen Entwicke- 
lung insbesondere die Verstandes- oder Gemiitsseele tatig. 
Die wirkte. Und dasjenige, was im menschlichen Seelen- 
leben auf und ab wogte und zu sozialen, zu gesdiichtlichen, 
zu wissenschaftlichen, zu kiinstlerischen Gestaltungen, zu 
religiosen Lebensgestaltungen fiihrte, all das wirkte so, wie 
es wirkte, aus dem Grunde, weil die Seele dieses Eigentiim- 
liche in sich hatte, dafi der Verstand noch instinktiv wirkte. 

Das, was ich so in allgemeinen Prinzipien darstelle, das 
kann aber bis in konkrete Einzelheiten verfolgt werden. 
Man kann geradezu innerlich geistig beschreiben, wie der 
Unterschied auftreten mufite: wie sich in Griechenland das 
instinktive Verstandesleben mehr nach der Leibesseite hin 



entwickelte, wie der Griedie den Leib dadurch durdiseelt 
auffafke, sidi audi so wie ein durchseelter Menschenleib in 
das soziale Leben hineinstellte, wie man dann hiniiber- 
kommt in das Romische, wo der Impuls zum romischen 
Burgertum auf trat aus dieser besonderen Konstitution der 
Seele heraus und so waiter. Dann erlebt man, wenn man 
dieses innerlich imaginativ durchlebt, jenen bedeutsamen 
Einschnitt, der im 15. Jahrhundert klar stattfindet. Die 
Dinge geschehen natiirlich so, daft sie sich allmahlich ent- 
wickeln. Nach und nach kommen erst die Impulse heraus. 
Aber genau ist der Einschnitt gegeben im 15. Jahrhundert. 
Da geschieht wirklich eine Art Revolutionierung der Men- 
schennatur. Nur derjenige, der eben die Dinge so betrach- 
tet, kommt darauf, die anderen glauben immer, dafi alles 
so sukzessive vor sich geht, wahrend tatsachlich im ge- 
schichtlichen Werden grofie Vorstofie geschehen. Da wird 
der Verstand in einer ganz anderen Weise zur Menschen- 
natur gestellt. Er emanzipiert sich, er gliedert sich mehr 
dem Selbstbewufitsein ein. Wenn das Denken materiali- 
stisch und sinnlicher wird, kommt das nur daher, dafi der 
Verstand nicht mehr mit dem Unterbewufken in Verbin- 
dung steht. Der Mensch trachtet nach solchen staatlichen 
Zusammenhangen, nach solchen Strukturen des Gemein- 
schaftslebens, nach solchen Beziehungen der Staaten unter- 
einander, nach solchem Ausleben der iibrigen Kulturver- 
haltnisse, wie sie entspringen aus diesem eigentumlichen, 
von dem menschlichen gewohnlichen Bewufksein eben nicht 
gewufiten, sondern nur getraumten Loslosen des verstandi- 
gen vom instinktiven Leben, aus dem Selbstandigwerden 
des Verstandes vom instinktiven Leben. 

Nur einiges Allgemeinere gebe ich an. Und so kann man 
zuriickgehen in der geisteswissenschaftlichen Betrachtung 
hinter das 8. Jahrhundert vor unserer Zekrechnung. Man 



kommt dann zu einem anderen Abschnitt, der zuriickgeht 
bis in das 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, von 
dem man wiederum Besonderes, Charakteristisches findet, 
von dem man Einzelheiten finden kann. 

So findet man allmahlich hinter den Tatsadien etwas, 
was eben nur in Imaginationen, nur im inspirierten, im 
schauenden Bewuiksein beobachtet werden kann. Und 
dann, wenn man dies, was keine Tatsadien als solche geben 
konnen, erfafk hat, was sonst von dem Menschen eben fur 
gewohnlich in den Tatsachenbeobachtungen und in dem 
Verstande, der der aufteren Tatsachenbeobachtung ange- 
hort, nur getraumt wird, dann hat man das Werdende in 
der Geschichte. Denn dieses Werdende lebt im Traumbe- 
wufitsein der Menschheit und wird nur aufgehellt durch 
das imaginative und inspirierte Bewufitsein. Hat man dies 
erfafit, dann erst bekommen die Tatsachen ihre entspre- 
chende Beleuchtung. 

Wie man, wenn man einen toten Leib vor sich hat, von 
diesem toten Leib sagen mufi: er hatte seine Bedeutung, als 
die Seele noch in ihm war - wie die Seele gewissermafien 
ihr Licht hinwirft au£ den toten Leib, so ist es, daft wir 
allein, indem wir das Geistige mit dem schauenden Be- 
wuiksein erfassen, leben in dem Lichte, das nun die Tat- 
sachen bestrahlt. Die einzelne Tatsache bekommt ihre Er- 
klarung, wenn wir sie aus dem heraus beleuchten, was wir 
auf diese Art gewinnen. 

So kann Geschichte als Wissenschaft nicht entstehen ohne 
schauendes Bewufitsein- Wer glaubt, Geschichte konne ent- 
stehen ohne schauendes Bewufitsein, der gleicht einem Men- 
schen, der da einen Gegenstand beleuchten lafit von einem 
Lichte, dann durch irgendeine Drehvorrichtung das Licht 
auf einen zweiten Gegenstand fallen lafit, dann durch die 
Drehvorrichtung weiter das Licht auf einen dritten Gegen- 



stand fallen lafit, und dann sagt: Der zweite Gegenstand 
ist beleuchtet, das ist die Folge des Leuchtens des ersten 
Gegenstandes; der dritte Gegenstand ist beleuchtet, das ist 
die Folge des Leuchtens des zweiten Gegenstandes. - Das ist 
nicht wahr! Jeder Gegenstand wird beleuchtet vom Lichte 
aus. 

So ist es mit der geschichtlichen Tatsache. Derjenige, der 
Versuche macht, die Tatsachen auseinander zu erklaren, 
indem er sie - wie Jacob Burckhardt sehr richtig sagt - 
koordiniert, nebeneinanderstellt, der gleicht dem, der das 
Licht auf seinem zweiten Gegenstand von dem Lichte auf 
den ersten herleitet, wahrend er es herleiten miiflte von 
dem gemeinsamen Lichte, das erst auf den ersten, dann auf 
den zweiten, dann auf den dritten Gegenstand fallt. Das- 
jenige, was die geschichtliche Tatsache erklart, das liegt in 
der geistigen Welt, und wir miissen aus der geistigen Welt 
heraus die Tatsachen beleuchten, die sonst tot bleiben, 
geradeso wie die Gegenstande nicht leuchten, wenn wir sie 
nicht mit dem ihnen gemeinsamen Lichte beleuchten. 

Es ist in der Tat ein radikaler Umschwung, der gefor- 
dert wird fur die Geschichtsbetrachtung, allein es ist audi 
nicht zu verwundern. Es ist eben die Geschichte entstanden 
in dem Zeitalter, das auf dem naturwissenschaftlichen Ge- 
biete mit Recht alles ablehnte, was nur dem Subjektiven 
angehort. Und man hat zunachst angewendet auf diese, 
man mochte sagen, wie zur Unzeit entstandene Geschichte 
- das ist natiirlich ein nicht ganz gutes Wort - die natur- 
wissenschaftlichen Methoden, wahrend gerade Geschichte 
nur gedeihen kann, wenn sich die Naturwissenschaft er- 
ganzt durch Geisteswissenschaft. 

Dann aber wird man allerdings nicht mehr in ethischer 
Weise oder in der Weise, wie es viele andere gemacht haben, 
nach abstrakten Ideen in der Geschichte suchen. Ideen kon- 



nen nichts bewirken, Ideen sind etwas ganz Passives. Man 
wird nach den wirklich realen geistigen Entitaten und 
Machten sudien, die hinter dem geschichtlichen Werden 
stehen und die nur durch das imaginative Bewufksein er- 
forsdit werden konnen. 

Sehr merkwiirdig nun: hat man namlich diese Richtlinie, 
dann fallt in der Tat wirklich Licht auf das, was geahnt 
werden kann in der Aufeinanderfolge der Tatsachen, was 
aber den, der die Tatsachen nur nebeneinander betrachtet, 
nicht zu Erklarungen fuhren kann. Das geschichtliche Wer- 
den wird, wie durch Blitzschlage von oben, zu einer Wis- 
senschaft, wenn die Geisteswissenschaft einschlagt. Es wird 
immer mehr unwissenschaftlich blofi erzahlt werden, wenn 
Geisteswissenschaft nicht einschlagen kann. 

Es ist interessant: Jacob Burckhardt macht darauf auf- 
merksam, dafi ungefahr in dem Zeitalter, in dem die Gei- 
steswissenschaft den Anfang der Periode ansetzen mull, 
von der ich heute gesprochen habe — nur dafi natiirlich, so 
wie sich zum Beispiel die Geschlechtsreife audi iiber einige 
Jahre hin erstreckt, diese Zeitpunkte nicht ganz genau 
stimmen -, er weist darauf hin, dafi in der Zeit vom 6., 
7. Jahrhundert vor Christi Geburt ein gemeinsames Ereig- 
nis von China durch Vorderasien bis nach Europa herein, 
namlich eine allgemeine religiose Bewegung zu bemerken 
ist. Die aufiere Geschichte kennt die Tatsachen: Weil da 
ein solcher Umschwung sich vollzogen hat, geschehen 
diese Tatsachen! Das Licht fallt auf sie. Und fur das Ende, 
was da geschieht nach dem 15. Jahrhundert, gibt Jacob 
Burckhardt wiederum an - sehr merkwiirdig - die an den 
Namen Luthers sich kniipfende religiose Bewegung. Wie- 
derum tritt eine solche Erschutterung ein, die bemerkbar 
ist in Europa, aber auch zu gleicher Zeit in Indien. Wie 
sich dasjenige, was im Geistigen erschaut wird, aufierlich 



in den Tatsachen ein Spiegelbild schafft, wie es die Tat- 
sachen beleuchtet, das tritt durch Geisteswissenschafl her- 
vor. Geschichte wird aus einer Tatsachenaufzahlung eine 
wirkliche Wissensdiaft. 

Man mufi sagen: auch auf diesem Gebiete ist die Sehn- 
sudit vieler Menschen nach dem Richtigen gegangen. Herman 
Grimm, der versuchte, die Geschichte zu vergeistigen, der 
aber nicht fortschritt bis zu dem Punkte, wo das imagina- 
tive Bewu£tsein hineinschaut in die geistige Welt, er ver- 
suchte mit alien Mitteln irgend etwas als geschichtliche 
Impulse zu finden, was sich hinter den gewohnlichen Tat- 
sachen abspielt. Er kam dadurch, wie tastend, zu einer 
merkwiirdigen Einteilung, die er in seinen Vorlesungen 
immer wiederholte. Er sagte, er miisse einteilen das bis- 
herige geschichtliche Werden in ein erstes Jahrtausend - un- 
gefahr lafit er das beginnen in dem Zeitpunkte, den ich fiir 
die Epoche angegeben habe, die ich eben beschrieben habe -, 
dann in ein zweites Jahrtausend und in ein drittes Jahrtau- 
send. Herman Grimm tastet eben. Er fafit als die «ersten 
zwei Jahrtausende» das zusammen, was ich fiir den grie- 
chisch-lateinischenZeitraum-der ja vom8. Jahrhundert vor 
Christo bis zum 15. Jahrhundert nach Christo dauert - an- 
gegeben habe. Und das jetzige Leben, in dem wir drinnen- 
stehen, das noch viele Jahrhunderte andauern wird und 
ein ebenso zusammengehoriges Ganzes ist, welches imagi- 
nativ erkannt werden kann, und die Tatsachen heraus- 
gestaltet aus sich, dieses Zeitalter fafit Herman Grimm als 
das «dritte Jahrtausend » auf. Und er versucht, wenigstens, 
ich mochte sagen, ein Surrogat fiir das geistig Geschaute zu 
haben, in dem er die Geschichte auffassen will als «Phan- 
tasie-Arbeit der V6lker». Weil er nicht auf die geistige 
Realitat kommen kann, auf dasjenige, was wirkt im ge- 
schichtlichen Werden, fafit er dasjenige, was hinter den 



aufieren Ersdieinungen ist, auf als «Phantasie-Arbeit». Er 
macht es also dadurch zwar zur Illusion, erinnert aber 
daran, dafi eigentlich die wirklichen historischen Impulse 
von den Mensdien des gewohnlichen Bewufkseins nur 
durchtraumt werden. 

Daher ist aus dem, was vom geschichtlichen Werden 
uberhaupt aufierlich mit dem Verstande zu erfassen ist, 
audi wirklich nur das Tote zu erfassen. Und wiederum ist 
es interessant, dafi gerade Historiker, die so recht mit dem 
Verstande arbeiten, die, ich mochte sagen, diesen Verstand 
noch instinktiv anwenden, die nicht so wie Herbert Spencer 
durch allerlei kiinstlich hineinzutragende naturwissen- 
schaftliche Vorstellungen diesen Verstand anwenden, son- 
dern etwa wie der Historiker Gibbon, solche, die zwar den 
Verstand anwenden, der audi in der Naturwissenschaft 
angewendet wird, aber ihn doch noch instinktiv anwenden, 
dafi sie dazu kommen - was fiir Herman Grimm ein son- 
derbares Ratsel war -, besonders gut zu beobachten und 
zu beschreiben die Verfallszeiten der menschlichen ge- 
schichtlichen Entwickelung, wo wenig Seelisches drinnen 
ist. So beschreibt Gibbon von einer Zeit, in der sogar viel 
Seelisches, Seelisch-Werdendes, Seelisch-Wachsendes ist, von 
der Zeit vom Beginne des Christentums durch die romische 
Entwickelung das, was er «decline», Niedergang nennt, 
das Verfallende. Weil er den Verstand auf die Erscheinun- 
gen richtet, beschreibt er dieses ganze Werden in den ersten 
christlichen Jahrhunderten als einen Verfall. Das ist sehr 
natiirlich, weil der Verstand, wenn er sich so betatigt, wie 
er sich an der Natur betatigen mufi, im Laufe der aufieren 
Erscheinungen nur den Verfall sehen kann. Gibbon kann 
nicht sehen, was sich in der Zeit, in der das eine zerfallt, 
das andere wachst und gedeiht, was sich durch die christ- 
lichen Impulse in die Geschichte hineinfindet. Wie das aber 



arbeitet, das kommt nicht an den aufieren Tatsachen unmit- 
telbar zum Ausdruck, sondern nur, wenn man es beleuditet 
mit dem Lichte, das durch die Geisteswissenschaft kommt. 

Interessant ist zum Beispiel nodi ein anderes. Es ist 
wirklich erst unter der heraufkommenden Geisteswissen- 
schaft moglich, Gesdiichte zu einer Wissenschaft zu machen. 
Aber naturKch ist dasjenige, was durch die Geisteswissen- 
schaft erworben ist, bei erleuchteten Kopfen, die Distink- 
tionsvermogen haben, immer in Lichtblitzen zutage ge- 
treten. Und sehr interessant ist eine Erscheinung: Jacob 
Burckhardt macht in seinen geschichtlich-soziologischen 
Vortragen, die er an der Basler Universitat in den sechziger 
Jahren gehalten hat, wiederholt aufmerksam auf einen 
Historiker, historischen Philosophen der ersten Halfle des 
19. Jahrhunderts, der, man kann schon sagen, wenn auch 
Jacob Burckhardt oftmals gegen ihn polemisiert, einen star- 
ken Eindruck auf ihn gemacht haben mufi. Man sieht das 
aus dem ganzen Gedankengang Jacob Burckhardts. Das ist 
der Philosoph Ernst von Lasaulx. Er ist ziemlich unbe- 
kannt geblieben. Lasaulx hat ein merkwiirdiges Buch ge- 
schrieben, gerade dasjenige, auf welches auch Burckhardt 
wiederholt in seinen Vortragen hinweist: «Neuer Versuch 
einer alten, auf die "Wahrheit der Tatsachen gegriindeten 
Philosophic der Gesdiichte. » Nun gewifi, Lasaulx, der 
ausgestattet war mit einem gewissen ahnenden Durch- 
schauen desjenigen, was sonst als geschichtliche Impulse von 
den Menschen nur durchtraumt wird, Lasaulx hat aber 
doch selbstverstandlich im naturwissenschaftlichen Zeitalter 
hingesehen auf das, was ich nennen mochte Interpretation 
der Tatsachen. Und weil er den naturwissenschaftlich ge- 
schulten Verstand angewendet hat, so hat er vorzugsweise 
hingesehen wiederum auf den «decline» im 19. Jahrhun- 
dert, auf das Niedergehende. Es ist im 19. Jahrhundert 



natiirlich audi Aufgehendes. Das kann aber nur gesehen 
werden mit dem inspirierten und imaginativen Bewuftt- 
sein. Dafi so etwas da ist - erst am Schlusse des Buches von 
Lasaulx tritt es wie ahnend auf. Aber was er ausfuhrt in 
diesem Buche, oh, es ist mafilos - verzeihen Sie den sonder- 
baren Ausdruck — , mafilos interessant! Er geht die europa- 
ische Geschichte durch von ihrem Anfang bis ins 19. Jahr- 
hundert hinein. Uberall beschreibt er, wegen der eben 
geschilderten besonderen Riditung - er bildete sich an der 
Naturwissenschaft heran — , das Verfallende, das Nieder- 
gehende, die Krafte, die eigentlich ins Sterben hineinfuhren. 
Nun gibt es Kapitel in diesem Buche - wenn man sie liest, 
so sind sie genau wie eine Beschreibung von Niedergangs- 
tendenzen, die prophetisch jemand in den funfziger Jahren 
des 19. Jahrhunderts von den Kraften machte, die fuhren 
mufiten zu dem gegenseitigen Zerfleischen der europaischen 
Nationen der Gegenwart. Man kann sagen, nirgends wird 
in einer ergreifenderen, grofiartigeren Weise vorausgeahnt 
- weil der Verstand gerichtet ist auf das Niedergehende - 
dasjenige, was sich jetzt als solches Ergebnis des Nieder- 
gehenden herausgestellt hat. 

Das sind solche unmittelbaren Beweise, dafi, wenn man 
gewissermafien aus dem Anschauen oder Ertraumen der 
wahren geschichtlichen Impulse heraus sich begibt in das 
Betrachten nur der besonderen aufieren Tatsachen, es dann 
ist, wie wenn man aus dem wachen Bewufitsein einschlaft 
und nicht mehr sieht, was als Wachsendes, Gedeihendes, als 
dasjenige, was den Menschen wirklich vorwartsbringt, die 
Geschichte durchpulst. Durch die Erkenntnis dieses Wach- 
senden, Gedeihenden, wird aber auch die Geschichte heraus- 
gehoben aus aller blofien Naturkausalitat. Dadurch, dafi 
man sie geisteswissenschaftlich betrachtet, wird die Ge- 
schichte heraufgehoben zum Range einer Wissenschaft, so 



dafi man sagen konnte: Was Lessing in seiner «Erziehung 
des Menschengeschiechts» geahnt hat, was er nodi, ver- 
zeihen Sie den Ausdruck, unbeholfen und audi unriditig, 
illusorisdi ausgesprodien hat, das wird erst auf eine sichere 
Grundlage gestellt; wahrend die aufieren Tatsachen keinen 
Zusammenhang zeigen. Dasjenige, in dem die Menschen- 
seele lebt, traumend lebt, das wird ein fortiaufend orga- 
nisch-geistiges Leben, aber ich meine ein Geistesleben, wenn 
es geisteswissenschaftlich als der Inhalt der Gesdiichte be- 
traditet wird. 

Und dann kommt man allerdings audi darauf , wie der 
gewohnliche Betrachter dadurch getauscht wird, dafi er 
dieses Werden in der Geschichte wie einen Organismus be- 
trachtet. Dadurch, dafi man es wie einen Organismus be- 
trachtet, mufl man es oft vergleichen mit dem Werden des 
einzelnen Menschenlebens. Ich selber habe in meiner Jugend 
einen Lehrer gehabt, der sehr gerne die einzelnen aufein- 
anderfolgenden geschichtlichen Perioden mit dem einzelnen 
Menschenleben verglichen hat: Persische Geschichte, chai- 
daische Geschichte mit dem Junglingsleben, mit dem spate- 
ren Junglingsleben das griechische Leben, das erwadiende 
Mannesalter mit dem romischen Leben. Und so wird oft die 
fortlaufende Geschichte vorgestellt durch Analogie mit dem 
Menschen. Das ist die Quelle fiir eine starke geschichtliche 
Illusion. Denn wenn wir audi in der Weise, wie ich es an- 
gedeutet habe, dazu kommen, die Entwickelung der Men- 
schenseele im Verlauf des historischen Werdens in der 
Gesamtmenschheit drinnen zu betrachten, so konnen wir 
das, gerade wenn wir uns so in die geistige Realitat des 
geschichtlichen Werdens hineinleben, dann niemals so wahr- 
nehmen, wie wir wahrnehmen die Entwickelung der Men- 
schenseele von der Kindheit durch das Jiinglings- oder 
Jungfrauenleben, weiter durch das Mannes-, Frauenleben 



und so fort bis in das Greisenleben hinein. So entwickelt 
sich dieses hinter den historischen Tatsachen stehende gei- 
stige Leben eben nicht, sondern es entwickelt sich anders. 
Da kommt wiederum ein Paradoxon heraus. Wird es so 
hingestellt, erscheint es eben paradox, wenn es schon tief 
begriindet ist in der wirklichen geisteswissenschaftlichen 
Betrachtung, auf die ich in diesen Vortragen hinweise. 

Man kann schon dasjenige, was in einem solchen Zeit- 
raum, der sich als Ganzes darstelit, lebt und darin beobach- 
tet werden kann, vergleichen mit den Perioden im Men- 
schenleben. Aber man mufi dann merkwiirdigerweise den 
Verlauf des geschichtlichen Werdens, so sonderbar das klingt, 
nicht vergleichen mit dem Werden vom Saugling durch das 
Kind, durch den Jiingling zum Mann, sondern umgekehrt. 
Man mufi das geschichtliche Leben umgekehrt verlauf end 
denken! Wenn man zum Beispiel die Gesamtgeistesverf as- 
sung des Zeitraums vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis 
zum 1 5 . nachchristlichen Jahrhundert vergleicht mit einem 
Stuck individuellen Menschenlebens, so kann man es ver- 
gleichen mit den Dreifiigerjahren des Menschenlebens. Man 
kann sagen: in den Dreifiigerjahren des Menschenlebens ist, 
obzwar in anderer Konstitution, in anderer Stimmung zu 
dem Menschenwesen, dasjenige, was in der Seele lebt, an 
den Leib so gebunden, wie es in dieser griechisch-romischen 
Zeitperiode bis ins 15. Jahrhundert hinein war; und was 
dann darauf folgt, das lafit sich dann nicht vergleichen mit 
dem, was auf die Dreifiigerjahre folgt, sondern was ihnen 
vorangeht. In der Tat, gegeniiber dem einzelnen Menschen- 
leben geht das geschichtliche Leben zuruck! 

Indem der Verstand in unserem Zeitalter sich emanzi- 
piert, nimmt er in der Tat ein Verhaltnis zum Leibesleben 
an, das sich vergleichen lafit mit dem Verhaltnis des Ver- 
standes zum Leibesleben in den spateren Zwanzigerjahren 



des einzelnen Menschenlebens. Eine folgende Geschichts- 
periode verhalt sich zu der friiheren so, dafi man den Ver- 
gleich wagen darf : Wie das Kind, das noch jung ist, lernt 
von dem Alteren, der vielleidit dasjenige, was das Kind in 
einer spateren Form aufnimmt, noch instinktiver in sich 
verarbeitet hat - wir lernen ja immer von denjenigen, die 
wieder selber in der Kindheit gelernt haben — , so ist es audi 
in den aufeinanderfolgenden Zeitaltern beim Bewufkseins- 
ubergang von einem Zeitalter zu einem anderen Zeitalter; 
und dieser Verlauf der Geschichte wird selber eine Bewufit- 
seinserscheinung, die allerdings im Traumesleben ablauft. 
Wir haben es nicht zu tun im Lessingschen Sinne mit einer 
Erziehung des Menschengeschlechts, die so verlauft: von 
der Kindheit durch das Jiinglings- und Mannesalter zum 
Greisenalter, sondern wir haben es im Gegenteil mit einer 
rucklaufigen Erziehung des Menschengeschlechts zu tun. 
Und gerade durch diese rucklaufige Erziehung kommt das 
in das geschichtliche Werden hinein, was man als einen 
Fortschritt bezeichnen kann. Weil der Mensch als Seele in 
spateren Zeitaltern gleichsam jiinger an solche Dinge heran- 
tritt als in friiheren Zeitaltern, entwickelt er audi einen 
grofieren Grad von Freiheit, einen grofieren Grad von 
Unbewufkheit, Kindhaftigkeit gegeniiber seinen Mitmen- 
schen, wodurch alles, was gewohnlich als Fortschritt be- 
zeichnet wird, in die Weltenentwickelung hineinkommt. 

Zum Schlufi will ich nur noch auf eine Erscheinung 
aufmerksam machen aus dem vielen, was heute schon an- 
gefiihrt werden konnte zum Belege fur das, was ich aus- 
gefiihrt habe: dieses eigentiimliche, bedeutungsvoll fort- 
schreitende Verhaltnis, das eintritt, indem das Christentum 
von den Volkern des romisdien Reiches, die es zuerst auf- 
genommen haben, ubergeht auf die jungen germanischen 
Volker. Da tritt eine eigentiimliche Erscheinung ein. Wie 



ist sie erklarlidi ? Nur dadurch ist sie erklarlidi, dafi im 
Ganzen der geschichtlichen Entwickelung das griechisch- 
romische Leben, das zuerst von den grofien Impulsen des 
Christentums ergriff en worden ist, in einem spateren Sta- 
dium des Erlebens war und daher dieses Christentum so 
ausgebildet hat, wie wir es in der Gnosis, in den sonstigen 
Dogmenbildungen ausgebildet finden. Indem dann das 
Christentum an ein jiingeres Stadium des Erlebens heran- 
tritt, also von einem alteren auf ein jiingeres iibertritt-ganz 
entsprechend der Bewufitseinserscheinung des geschicht- 
lichen Werdens, die ich angefuhrt habe - nimmt es andere 
Formen an; da wird es innerlicher; da emanzipiert sich 
gleichsam das religiose Bewufitsein von dem instinktiven 
Verstande; da wird die Religion als christliche Religion 
selbstandiger; da trennen sich spater vollstandig das reli- 
giose und das wissenschaftliche Bewufitsein. 

Der ganze Gang wird dadurch erklarlich, dafi man die 
Sache als ein Bewufitseinsphanomen auffafit so, dafi das 
Bewufitsein der germanischen Volker, das in einer anderen 
Seelenkonstitution begrundet ist, das Christentum iiber- 
nimmt - ich mochte sagen, wie das Kind von einem Alte- 
ren - von den romischen Vorgangern, nicht von irgend- 
welchen Vorfahren, sondern von den romischen Vorgan- 
gern. 

Das alles smd ja gewifi nur einzelne Andeutungen, und 
ich weijS jedenfalls ebensogut wie jemand, der diese einzel- 
nen Andeutungen sehr anfechtbar findet, wieviel eingewen- 
det werden kann gegen solche Andeutungen. Aber nur 
derjenige, der sich wirklich ernstlich befafit mit der Ent- 
wickelung der Geisteswissenschaft, andererseits aber mit all 
den Ratsel- und Sphinxf ragen, welche die junge Wissenschaft 
der Geschichte aufwirft, der wird allmahlich in das Ver- 
standnis desjenigen eindringen, was mit diesen Anregungen 



heute gemeint ist. Und eine Erganzung fur das praktisdie 
Leben, fur das aufiere soziale Leben, fiir das Eingreifen 
in das soziale Leben, fiir das Verstandnis der Tatsachen, die 
uns aus diesem unmittelbaren Leben heraus so beriihren, 
dafi sie unser Leid und unsere Freude ausmachen, der Ereig- 
nisse, die da jetzt in dieser tragischen Zeit so besonders 
nahe an unsere Seele herantreten - Konsequenzen fiir solche 
Dinge aus dieser historischen Ansdiauung heraus, sie sollen 
in dem vierten Vortrage am nachsten Mittwoch dann zu- 
tage treten. 

Beschliefien mochte ich diese heutigen Auseinander- 
setzungen damit, dafi ich darauf hinweise, wie prophetisch 
angelegte Naturen, Naturen, welche — ohne dafi die Gei- 
steswissenschaft in ihrem Zeitalter schon da war — dieses 
geisteswissenschaftliche Denken instinktiv voraus in sich 
hatten, wie solche Naturen instinktiv audi das Richtige tra- 
fen, indem sie auf die Geschidite der Menschheit hinblick- 
ten. Ich blicke da auf Goethe, der sich ja nur vereinzelt mit 
geschichtlichen Problemen befafk hatte, zum Beispiel in sei- 
ner Geschichte der Farbenlehre, der aber ein tiefes Ver- 
standnis fiir die Geschichte hatte. Indem er mit ahnendem 
Seelenvermogen hinblickte auf die Geschichte, formulierte 
er das, was sich ihm ergab, noch nicht so, wie das heute hier 
formuliert worden ist. Aber dafi die Menschheit eigentlich 
das geschichtliche Werden mit dem gewohnlichen Bewufk- 
sein nur durchtraumt, also es in den Regionen erlebt, wor- 
aus auch Gefiihle, woraus Affekte, woraus Leidenschaften, 
Gemiitsbewegungen entstehen, indem Goethe dieses, was 
heute gesagt worden ist, ahnte, konnte er sich zur Geschichte 
in der richtigen Weise stellen. Er wufite: was auch die Ge- 
schichte aufbringen kann an Begriffen, die naturwissen- 
schaftlich gearteten Begriffen ahnlich schauen, das gibt 
eigentlich nur Unfruchtbares fiir das Menschenleben; denn 



das entspringt aus derselben Region des Seelenlebens, in 
der das wache Bewufitsein lebt. Dieses wache Bewufitsein 
ist aber nur fur das Naturdasein da; Geschichtliches wird 
vom Menschen erlebt in den Traumregionen, aus denen 
Leidenschaften, Affekte, aus denen Gemiitsbewegungen 
aufsteigen. Bevor daher der Mensch sich einlebt in das ima- 
ginative, in das inspirierte Bewufitsein, so lange er im ge- 
schichtlichen Werden drinnensteht mit dem gewohnlichen 
Bewulksein, kann seine Seele, sein Gemiit audi nur ergriff en 
werden von dem, was aus dem Traumbewufitsein heraus 
als Erfahrung des Geschichtlichen kommt. Ergriffen werden 
kann der Mensdi nicht von dem, was abstrakte Begriffe, 
was Ideen sind, die aus demselben Verstande heraus stam- 
men, der iiber die Naturtatsadien sidi ergeht. Das alles 
bleibt unfruchtbar. Fruclitbar wird nur, was gerade aus 
denselben Regionen herauskommt und in denselben Regio- 
nen wirkt, in denen es aus der Gesdiichte herausgeholt 
wird. Das ist das beste an der Geschidite. Weil Gesdiichte 
getraumt wird - Goethe folgert es nicht, er ahnt es -, so 
kann das, was aus der Gesdiichte kommt, audi nur in der 
Traumregion des Enthusiasmus, der Gemiitsbewegungen 
wirken. Und Goethe sagt: Das Beste, was uns die Gesdiichte 
geben kann, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. - Damit 
aber haben wir in bedeutungsvoller Weise zwar nicht eine 
Formulierung der geschichtlichen Wissenschaft, aber eine 
lebendige Erfassung desjenigen gegeben, aus dichterischem 
Gemiit heraus, was zur Anschauung erhoben werden muiS 
durch die Geisteswissenschaft. Solange wir in der Gesdiichte 
mit dem gewohnlichen Bewufksein leben, sind wir eigent- 
lich nicht an ihr beteiligt. Insofern unser Enthusiasmus in 
ihr steckt und wir uns zu ihren Erscheinungen so stellen, 
wie sich Enthusiasmus dazu stellen kann, nehmen wir am 
geschichtlichen Leben selber teil. 



So wie wir aus der Natur lernen, konnen wir aber aus 
der Geschichte erst lernen, wenn wir das geschichtliche Wer- 
den anschauen mit dem imaginativen, mit dem inspirierten 
Bewufitsein. Diese Betraditungen dann auszudehnen auf 
die Natur und auf das soziale Leben, das wird die Auf gabe 
der nachsten Vortrage sein. 



Fragenbeantwortung 
nach dem Vortrag in Zurich, 7. November 19 17 

Frage: Wie stent es mit der materialistisdien Geschichtsauffassung, 
mit Marx zum Beispiel? 

Nun, bei einer solchen Gelegenheit mufi ich darauf hin- 
weisen, dafi von der Geisteswissenschaft, eben aus geistes- 
wissensdiafllichen Untergriinden heraus, das vollig ernst 
genommen wird, werden muE, was ich im vorigen Vortrage 
gesagt habe uber die Stellung, die die Seele nach und nach 
zu dem bekommt, was man Begriffe in ihrem Verhaltnis zu 
der Wirklichkeit nennt. Ich sagte: im gewohnlichen Be- 
wufitsein ist man zufrieden, wenn man einen Begriff ge- 
wissermafien als Abbild der Wirklichkeit hat; im schauen- 
den Bewufitsein mufi man immer nach einer ganzen Anzahl 
von Begriffen streben, die sich so verhalten wie von ver- 
schiedenen Seiten her aufgenommene Photographien. Was 
in Begriffe gefafit wird, kann niemals gegeniiber der geisti- 
gen Welt irgendwie erschopf end die Wirklichkeit darstellen, 
sondern nur immer einen Aspekt der Wirklichkeit. So ist 
es auch mit den hochsten philosophischen Begriffen: Vor 
dem gewohnlichen Bewufitsein ist man Pantheist, oder man 
ist Monadist, um nur diese zwei Gegensatze zu erwahnen. 



Man erkennt ein Gottliches, das alles durchwebt und 
durchlebt; man ist Pantheist; oder man erkennt, wie etwa 
die Leibnizianer, einzelne reale Monaden, die in ihrem Zu- 
sammenwirken das Weltenganze ergeben. 

Der Geisteswissenschafler kann weder Pantheist nodi 
Monadist sein, weil er einfach im Pantheismus eine Summe 
von BegrifFen, im Monadismus eine Summe von BegrifFen 
hat, die beide von verschiedenen Seiten aus die Wirklichkeit 
beleuchten, so dafi, wenn ich einen Vergleich wagen darf, 
ich sagen mochte: wer Pantheist ist, der sieht nur aufs Aus- 
atmen, wer Monadist ist, sieht nur aufs Einatmen. Wie man 
den Lebensprozefi nicht unterhalten kann durch Einatmen 
oder durch Ausatmen, sondern durch Einatmen und Aus- 
atmen, so kann die geistige Wirklichkeit nur begriffen wer- 
den, indem man in seinem Begriffsleben lebendig wird und 
sowohl pantheistisch wie monadistisch sich die Wirklichkeit 
zu beleuchten versteht. Wenn man blower Monadist ist wie 
Leibniz, so gilt das fur den Geisteswissenschafler so, als 
wenn man an zuviel eingeatmeter Luft erstickt. Man er- 
stickt. Wenn man blofier Pantheist ist, so gilt das fur den 
Geisteswissenschafler so, wie wenn man in einem luflleeren 
Raume atmen wollte. Also zu dem Begriffsleben bekommt 
man als Geisteswissenschafler ein lebendiges Verhaltnis. 
Man mufi dieses lebendige Verhaltnis so lebendig wie mog- 
lich denken. Denn wenn sich dieses lebendige Verhaltnis 
zum Begriffsleben einstellt, dann lebt man in dem gegen- 
seitigen Kampfen und Sich-Harmonisieren der Begriff e, das 
in die geistige Wirklichkeit eintaucht, ganz darinnen, auf 
reale Weise; wahrend man mit dem gewohnlichen Bewufit- 
sein in seinen BegrifFen auf abstrakte Weise lebt. Schon die 
einf achsten Begrifle andern sich dadurch in ihrem Verhalt- 
nis zur Wirklichkeit. 

Ich will ein Beispiel anfiihren. Man kann heute in der 



Schule lernen: Die Korper sind undurchdringlich. Und das 
wird als Definition angefuhrt: die Undurchdringlichkeit 
besteht darin, dafi in deni Raum, in dem ein Korper ist, 
ein anderer nicht sein kann. - So kann ein Geisteswissen- 
schafter den Satz nicht sagen. Ein Geisteswissenschafter 
kann niemals von einer begrifflichen Definition ausgehen, 
sondern nur von einer begrifflichen Charakteristik. Er sagt 
in diesem Falle: Dasjenige, welches sich so verhalt, dafi es 
einen Raum in der Art ausfullt, dafi kein anderes Wesen in 
diesem Raume drinnen sein kann, ist ein materieller Kor- 
per. — Das heifk, er kehrt die Sache gerade um, er geht aus 
davon, seinen Begriff nur in den Grenzen anzuwenden, 
weil er ihn lebendig hat, in denen er anzuwenden ist. Er 
verabsolutiert nicht die BegrifFe. Das stellt sich in den aller- 
emfachsten Denkoperationen ein, wenn man wirklich den 
Sprung macht, den ich nennen mochte: den Sprung iiber die 
Schwelle der geistigen Welt. Man mufi das wirklich sehr 
ernst nehmen. Die Menschen mochten heute noch so im Ab- 
strakten herumreden, wenn von der geistigen Welt die 
Rede ist. Aber die ganze Seelenkonstitution, die ganze Art 
zu denken, wird eine andere, wenn man in die Wirklichkeit 
eintritt. Die Begriffe werden erlebt, so dafi man ihre Wirk- 
lichkeit durchlebt. Sehen Sie: ein abstrakt denkender 
Mensch, fur den ist eine Rose, die er im Zimmer in Wasser 
gestellt hat, selbstverstandlich eine Wirklichkeit. Aber das 
ist gar keine Wirklichkeit. Denn im wirklichen Leben kann 
eine Rose nicht da sein, ohne dafi sie am Rosenstrauch ist 
und im ganzen Zusammenhang mit dem Rosenstrauch ent- 
steht. Der Geisteswissenschafter ist sich also immer bewufk, 
dafi er, wo etwas mit etwas anderem zusammengehort, es 
im Zusammenhange zu denken hat. Er weifi: der BegrifF 
Rose als abgeschnittene Rose ist ein unwirklicher BegrifF. 
Denken Sie sich das ausgedehnt auf die ganze Formung, 



auf die ganze Struktur des Denkens, dann werden Sie einen 
Begriff bekommen von dem bedeutungsvollen Umschwung, 
der eintritt, wenn die Schwelle zur geistigen Welt uber- 
schritten ist. Da bekommt man eben die Wirklichkeit. 
Da bekommt man ein inneres, erlebbares Vorstellen von 
der Tragweite der Begriffe. Denn man kommt gar nicht 
darauf, wenn man im Abstrakten herumwirtschaftet, wie 
die Naturwissenschaft es mufi, wie man da zu unwirklichen 
Begriffen kommt. Ich erinnere bei einer solchen Gelegenheit 
gern an einen Vortrag, den Professor Dewar im Beginne 
des Jahrhunderts in London gehalten hat, einen sehr geist- 
vollen Vortrag vom Standpunkte des naturwissenschaffc- 
lichen Denkens. Von dem Standpunkte dieses naturwissen- 
schaftlichen, physikalischen Denkens aus konstruiert Pro- 
fessor Dewar einen Endzustand des Erdenseins, zu dem die 
Erde gekommen sein wird, wenn so und so viele Millionen 
von Jahren verflossen sein werden, die Temperatur nach 
und nach eine andere geworden ist und so weiter. Wenn 
man gewisse Tatsachen verfolgt, wie man sie heute vor sich 
hat, so kann man ganz gut, indem man die Konsequenzen 
zieht, zu einer solchen Ausmalung eines Endzustandes kom- 
men. Professor Dewar schildert sehr geistreich, wie gewisse 
Stoffe, die heute noch nicht leuchten, dann leuchten werden; 
werden mit gewissen StofFen die Wande beschmiert, so 
werden die Wande so leuchten, dafi man dabei Zeitungen 
lesen kann. - Allerdings wird es so kalt sein, dafi man nicht 
weifi, wer die Zeitungen drucken wird. Da hapert die 
Sache schon in der Wirklichkeit. Aber Dewar gebraucht 
dieses Bild. Was heute abreifit, wenn man nur ein kleines 
Gewicht daranhangt, wird eine so starke Kohasion haben, 
dafi Zentnerlasten daran angehangt werden konnen und so 
weiter. Das Ganze ist sehr richtig ausgedacht, und man 
kann, wenn man darauf eingeht, einen Endzustand des 



Erdenzustandes konstruieren, alles physikalisch exakt dar- 
stellen. Der Vortrag konnte wirklich selbstverstandlich 
einen grofien Eindruck machen, weil ein Physiker, der tief 
vertraut ist mit den physikalischen Begriffen, den End- 
zustand der Erde anschaulich, ich mochte fast sagen, hand- 
greiflich anschaulich make. 

Der Geisteswissenschaffcer erlebt etwas bei einer solchen 
Schilderung; denn er wird sofort zu den anders beleuchte- 
ten Begriffen gefiihrt. Denn, was der Professor Dewar da 
macht, indem er diesen nach Millionen von Jahren ein- 
tretenden Endzustand der Erde schildert, das ist doch auf 
dieselbe Weise gewonnen, wie wenn Sie die aufeinander- 
folgenden Zust'ande des Magens und des Herzens eines 
Menschen im dreizehnten Jahre, im vierzehnten, fiinfzehn- 
ten, sechzehnten Jahre - wie es sich so langsam verandert — 
in Rechnung setzen und dann konsequent weiter schliefien 
wiirden, wie nach zwei-, dreihundert Jahren das Ganze 
ausschauen wird, das Herz, der Magen und so weiter. Das 
kann alles sehr rich tig sein, im naturwissenschaftlichen 
Sinne gedacht, abstrakt gedacht. Nur just ist der Mensch 
dann langst gestorben, der Magen ist nicht mehr da! Indem 
sich diese Realitatsgesinnung hinstellt neben das andere, 
sehr Geistvolle, lebt man in lebendigen Begriffen, kann man 
dahin kommen, einzusehen, da& das zwar ganz richtig ist, 
was der Professor Dewar schildert als Endzustand der Erde 
in einigen Millionen von Jahren - nur dafi die Erde gestor- 
ben ist bis dahin, nicht mehr da ist. Genauso ist es aber, wenn 
man zuriickrechnet, dreizehn, zwolf, elf Jahre und so wei- 
ter, wie das war vor hundertfunfzig Jahren. Der Mensch 
hat noch nicht gelebt! So macht es namlich die Kant- 
Laplacesche Theorie, indem sie den Anfangszustand aus 
physikalischen Unterlagen heraus sehr fein und geistvoll 
konstruiert als Nebelzustand und so weiter, aus dem sich 



alles heraus ergibt - nur just fiir den Zeitpunkt, fur den 
man das ansetzen mufi, war das alles nodi nicht da! 

Das ist der Obergang von abstraktem Denken in reales 
Denken. Und indem ich das im allgemeinen charakterisiert 
habe, darf ich jetzt sagen, dafi so etwas wie die materialisti- 
sche Geschichtsauffassung mit ihren BegrifTen mit einer 
gewissen Notwendigkeit aufgetreten ist, dafi sich, was ge- 
schichtlich geschieht, eigentlich nur auf Klassenkampfen 
aufbaut, auf dem Ausleben der mater iellen Interessen. Der 
Begriff des Materialismus hat ja in der materialistischen 
Geschichtsauffassung nicht denselben Sinn wie der Begriff 
des Materialismus in der Naturwissenschaft. Er ist ent- 
standen, indem gewisse durchaus mogliche Begriffe gebildet 
worden sind. Aber man miifke den Standpunkt einhalten: 
Wieviel vom geschichtlichen Werden kann man mit diesen 
Begriffen umfassen? Man umfafit eben eine Stromung 
dabei, eine Stromung, die sogar erst im 1 6. Jahrhundert 
heraufkommt! 

Die Menschen sind heute nicht autoritatsglaubig, selbst- 
verstandlich! Denn den Autoritatsglauben haben sich die 
Menschen abgewohnt! Aber, ja - «die Wissenschaft» ist 
mindestens eine starke Autoritat. Und wenn man auf eine 
gewisse Anzahl von Dogmen schwort, dann ist alles andere 
Torheit, Unsinn, Jammerlichkeit. Ich habe einmal vor 
Jahren durch Jahre hindurch Vortrage gehalten in Arbeiter- 
kreisen, viele Vortrage, auch geschichtliche Vortrage, in 
denen ich die Geschichte so zu charakterisieren versuchte, 
wie sie sich eben einem undogmatischen Denken ergibt. 
Aber nachdem ich eine ziemlich treue Zuhorerschaft, die sich 
immer mehr vermehrte - ich darf das schon sagen ohne 
Eitelkeit -, bekommen hatte, da wurden gewisse sozial- 
demokratische Fuhrer aufmerksam auf die Sache, dafi da 
nicht orthodoxer Marxismus, orthodoxe materialistische 



Geschiditsauffassung gelehrt, dafi da sogar die merkwiir- 
dige Ansicht vertreten werde, dafi die Begriffe, welche die 
materialistische Geschiditsauffassung in sich fafit, erst vom 
1 6. Jahrhundert ab eine Anwendung gewinnen, daft vorher 
die Anwendung gar nicht moglich ist, dafi sie gerade aus 
den Untergriinden der Geschichte heraus eine Anwendung 
gewinnen, weil da der Verstand, wie ich es gezeigt habe, 
sich emanzipiert, weil da der Mensch iiberhaupt erst dazu 
kommt, sich zu emanzipieren von einem gewissen instink- 
tiven Leben und so weiter, da£ die materiellen Interessen 
dafiir die Widerlage liefern, so da£ man - wenn auch nur 
als Teil der historischen Ingredienzien — zu der materiali- 
stischen Geschiditsauffassung kommt, und immerhin doch 
diese oder jene Erscheinung von ihr aus beleuchten kann. 
Wenn man aber diese materialistische Geschiditsauffassung 
allein zugrunde legt, so bekommt man dabei keine Ge- 
schichte; man lafit eben das andere weg, was an anderen 
Impulsen vorhanden ist; so mufi man auch die Begriffe, die 
der Marxismus aufgebracht hat, als etwas betrachten, was 
wiederum ein Aspekt ist, was eine Photographie der Wirk- 
lichkeit von einer gewissen Seite her lief ert, die man ergan- 
zen mufi durch Aspekte von anderen Seiten. Und diese 
sozialdemokratischen Fiihrer machten dann diesen Vor- 
tragen ein Ende! Das ist gerade das Eigentiimliche der Gei- 
steswissenschaft: dafi sie gerecht werden kann den innerlich 
giiltigen Impulsen, die auf dem oder jenem geistigen Ge- 
biete auftreten, dafi sie gerade ihre relative Berechtigung 
einsehen kann, wie aber der Irrtum sogleich entsteht, wenn 
man einen einseitigen Aspekt verabsolutiert und ihn zum 
allgemeinen Erklarungsprinzip macht. Das ist es, worauf 
es ankommt. 

Es verlauft naturlich das Leben so, dafi die Menschen 
sich versteifen auf einen BegrifF. Die Menschen wollen 



iiberhaupt lieber in Begriffen leben als in der Wirklichkeit, 
lieber in Abstraktionen leben als in der "Wirklichkeit. Man 
ist viel mehr zufrieden, wenn man ein paar Begriff e hat, in 
die alles mogliche hineingepfahlt werden kann. Aber die 
Wirklichkeit ist nicht so. So wie man eben - den Vergleich 
muS ich immer wieder gebrauchen - einen Baum nur be- 
kommt, wenn man ihn auf einen Aspekt hin von einem 
gewissen Gesichtspunkte aus photographiert, auf einen an- 
deren Aspekt hin von einem anderen Gesichtspunkte aus 
photographiert, so ist es audi mit der gesamten Wirklich- 
keit, wenn sie eben als Wirklichkeit erf aft t werden will. 

Man mufi sagen, dafi es ja, weil materielle Interessen in 
das geschichtliche Werden im Laufe der letzten drei bis vier 
Jahrhunderte so machtig eingetreten sind, ganznatiirlichist, 
dafi auch eine materialistische Geschichtsauf f assung herauf- 
kam, eine Vertretung der Ansicht, dafi der auftere Verlauf 
der Geschichte mit den grobsten, nur fiir das Naturdasein 
passenden Begriffen zu erfassen ist. Aber man erfafit da 
erst recht nur Totes, nur Unlebendiges. Ich komme auf 
solche Dinge noch zu sprechen im vierten Vortrage, wo ich 
mehr auf das ethische, soziale Leben einzugehen habe. Und 
das Unwirkliche wiirde sich sofort zeigen, wenn nun wirk- 
lich die Wirklichkeit einzig und allein mit solchen Begriffen 
begliickt wiirde. Da wiirde man schon sehen, wie diese 
Wirklichkeit durch solche Begriffe, wenn sie sich einleben 
wiirden, ertotet wiirde; wahrend sie, wenn man sie als 
einen blofien Aspekt betrachtet, fruchtbar werden konnen. 

Das ist, was ich in Anlehnung an diese Frage sagen 
mochte. Natiirlich konnte ich noch stundenlang iiber die 
Sache fortsprechen. 

Dr. Steiner wird ersudit, den Vorgang, der dem Erinnern zugrunde 
Hegt, den er im ersten Vortrage schilderte, nodimals beleuditen zu 
wollen. 



Nun, da ich ohnedies auf solche Dinge im nachsten Vor- 
trage nodi einmal zu sprechen komme, so werde idi mich in 
der Beantwortung der Frage etwas kiirzer fassen konnen. 
Wir haben audi nur nodi ein paar Minuten Zeit. Da mochte 
ich vor alien Dingen sagen, dafi es eine irrtiimliche Vor- 
stellung ist, wenn man glaubt, das, was ich als gegenwartige 
Vorstellung habe, die ich an einer Wahrnehmung gewinne 
— sagen wir also zum Beispiel: Ich sehe einen Gegenstand 
an, stelle ihn auch vor zu gleicher Zeit bleibe erhalten. 
Was ich da gewinne, was ich noch als eine Nachwirkung 
habe, wenn ich den Gegenstand aus dem Auge lasse, das 
ist ein blofies Spiegelbild, das ist nichts, was wieder auf- 
treten kann; das ist etwas, was da ist und dann wirklich 
vergeht, so wie das Spiegelbild vergangen ist, wenn ich 
an dem Spiegel vorbeigehe und aufier den Bereich des 
Spiegels komme. Also es ist eine irrtumliche Vorstellung, 
sich ein Reservoir der Seele zu denken, in das etwa hinein- 
gehen wiirden die Vorstellungen, die dann wiederum her- 
ausgeholt wiirden aus diesem Reservoir. Die Vorstellungen 
verweilen nicht, die Vorstellungen bleiben nicht! Sondern 
wahrend ich vorstelle, geht zugleich ein unterbewufiter 
Prozefi, der aber imaginativ beobachtet werden kann, also 
ein fiirs gewohnliche Bewufitsein unterbewufiter ProzeE 
vor sich; und dieser unterbewufite Prozeft, der bewirkt im 
Organismus dasjenige, was wieder ablauft durch neue Ver- 
anlassungen, wenn erinnert wird. Wenn ich eine Vor- 
stellung an einem Gegenstand dadurch gewinne, daft der 
Gegenstand auf meine Sinne wirkt, dann entsteht die Vor- 
stellung; wenn ich eine Vorstellung habe, die ich als Erinne- 
rungsvorstellung gewinne, so ist es genau ebenso, nur dafi 
nicht der auftere materielle Gegenstand mir den Eindruck 
macht, und ich mir auf Grund des aufSeren Gegenstandes 
die Vorstellung bilde, sondern ich schaue gewissermafien in 



mein Inneres hinein, auf das, was unbewulk aufgenommen 
worden ist, und bilde mir danadi die Vorstellung. Wenn 
ich das sdiematisch ausdriicken will: ich bilde mir jetzt eine 
Vorstellung «zehn»; nach einiger Zeit taucht die Vorstel- 
lung «zehn» wieder auf; es ist aber nicht wahr, dafi die 
Vorstellung «zehn» dieselbe ist — dafi sie vergangen ist und 
nachher wieder da ist. Was bleibt, ist ein unbewufites En- 
gramm, dieses unbewufke Engramm, das sich als Parallel- 
prozeft gebildet hat, wahrend ich die Vorstellung hatte, das 
bleibt; und das nehme ich wahr, wenn ich wiederum vor- 
stelle. Wenn also «zehn» auftritt, so tritt es auf als Ergeb- 
nis einer Anregung von auften; wenn «zehn» wieder auf- 
tritt, tritt es auf als Ergebnis einer Anregung von innen, 
und ich nehme von innen heraus wahr, was ich erinnere. 
Das ist der Vorgang, den man geisteswissenschaftlich sehr 
gut beobachten kann, der padagogisch gut verwertet wer- 
den kann, der auch beobachtet werden kann von einem auf- 
merksamen Padagogen, wenn er nur sein Aufmerksam- 
keitsvermogen in einer entsprechenden Weise orientiert hat. 

Denken Sie doch nur einmal daran, wie auswendig ge- 
lernt wird. Beobachten Sie da genau. Da konnen Sie es 
handgreiflich haben: was man alles fur Veranstaltungen 
macht, dafi der Parallelprozefi sich abspielt! Die Vorstellung 
ist aufgenommen, aber man will den Parallelprozefi sich so 
abspielen lassen, dafi man ihn gewissermaften einpaukt in 
€twas, was unterbewulk bleibt. Sie konnen beim Einpauken 
beobachten: die Vorstellungen werden nicht irgendwie zur 
Erinnerung fuhren, sondern ein Prozefi, der als Unter- 
stiitzungsprozefi des blofien Vorstellens entstehen mufi und 
wirklich im Unterbewufken liegt. Und dieses Arbeiten im 
Unterbewufiten - sehen Sie nur, wenn jemand ein Gedicht 
einpaukt, was da alles zu Hilfe genommen wird! — , der 
Geisteswissenschafter beobachtet es direkt. Und mit dem 



Lichte, das gewonnen wird, sieht man. Manche Einpaukende 
nehmen sogar alles Mogliche zu Hilfe, sdilagen sich an die 
Stirne und so weiter, was durchaus nicht mit dem Erlebnis 
der Vorstellung zusammenhangt! GehenSie auf denProzeft 
naher ein, so werden Sie sehen, dafi hier ein wichtiges 
Grenzgebiet beriihrt ist zwischen Psychologie und Physio- 
logic Wir werden das nachste Mai audi sehen, wie die gei- 
steswissenschaftlich orientierte Physiologie da auf etwas 
kommen kann. 

So dafi ich richtungsgemafi definieren mochte: Das Vor- 
stellen entsteht zunachst, als primares Vorstellen, unter 
dem Einflusse einer aufteren Wahrnehmung, vom aufieren 
Gegenstand angeregt; oder als Erinnerung, angeregt von 
innen; so dafi ich das eine Mai nach aufien gewissermafien 
lese, das andere Mai nach innen lese. Wenn ich zweimal 
hintereinander ein Buch lese, so ist es audi aus demselben 
Buche erworben, aber es sind aufeinanderfolgende Er- 
"werbungen. 

Also das ist dasjenige, was eventuell zur Charakteristik 
dienen kann. Dazu wird einiges kommen, wenn ich im 
dritten Vortrag den Menschen als Naturwesen bespreche. 

Frage: Werden die hoheren Bewufitseine nidit individuell versdiie- 
den sem? 

Es ist, wie ich schon das letzte Mai sagte, sehr nahe- 
liegend, dafi man zu dieser Anschauung kommt: daft der 
eine, in dem er diese Bewufitseinszustande entwickelt, zu 
anderen Formen kommt als der andere; aber dieses darf 
durchaus nicht zuruckschrecken lassen vor dem Verfolgen 
dessen, was ich das Erkenntnisdrama genannt habe; denn 
das Individualistische ist nur ein Zwischenzustand. Man 
geht allerdings durch eine starke individualistische Periode 
durch, ist sich aber ihrer bewufit, so dafi man sie iiber- 



windet. Dann gelangt man ins objektive Innere hinein. 
Und nur weil man ungenau betrachtet, kommt es, dafi man 
glaubt: der eine behaupte das, der andere jenes. So ist es 
nicht. Die Verschiedenheiten sind nicht grofier, als schliefi- 
lich audi die Verschiedenheiten sind, wenn zwei Reisende 
eine und dieselbe Gegend beschreiben: der eine lenkt seinen 
Blick auf das, der andere auf jenes; die Beschreibungen 
sehen sich gar nicht ahnlich; dennoch beschreiben sie die- 
selbe Gegend; und es ware ein Unsinn, zu glauben, dafi 
man deshalb durch ihre Beschreibung nicht zur Objektivitat 
gefiihrt wiirde, oder dafi sie selber nicht der Objektivitat 
gegeniibergestanden waren. Ich habe deshalb gesagt: Ge- 
wifi, es liegt nahe, an individualistische Auspragung des 
Erlebens derhoherenBewufitseinszustande zu denken; aber 
das ist eben nur ein Zwischenzustand. In Wahrheit kommt 
man ebenso, wie wenn man das Subjektive im Anschauen 
der Natur iiberwindet und zur objektiven Natur hinaus- 
kommt, zum objektiven Geist, wenn man das Subjektive 
in der Imagination auszuschalten vermag. Und wenn Sie in 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und 
in der «Geheimwissenschaft im Umrifi» lesen, wie dieses 
Subjektive ausgeschaltet wird beim Hinaufleben in die an- 
deren Bewufitseinszustande, so werden Sie sehen, dafi man 
da innerlich ebenso zu einem objektiven Geistigen kommt, 
wie man aufierlich zu einem objektiven Natiir lichen kommt. 
Es wird wirklich nach aufien das Subjektive ausgeschaltet 
in der Naturwissenschaft, nach dem Geistigen zu das Sub- 
jektive ausgeschaltet in der Geisteswissenschaft. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:7 3 Seite:10 9 



ANTHROPOSOPHIE UND NATURWISSENSCHAFT 



GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE UBER DIE NATUR 
UND DEN MENSCHEN ALS NATUR¥ESEN 

Zurich, 12. November 19 17 

Zu den fur den Geisteswissenschafter selbst bedeutsamsten 
Beziehungen zu anderen wissenschaftlichen Stromungen ge- 
hort die Beziehung zur naturwissenschaftlichen Forschung 
der Gegenwart und der neueren Zeit uberhaupt. Wenn 
irgend etwas von vornherein die Notwendigkeit der an- 
throposophisch orientierten Geisteswissenschaft klarlegen 
kann, so ist dies ganz besonders das Verhaltnis zur Natur- 
wissenschaft, in das sie sich selber stellen mufi. 

Unter den AngrifFen, welche diese hier gemeinte Geistes- 
wissenschaft gefunden hat, sind insbesondere diejenigen, 
welche sich gegen meine eigene Stellung zur Naturwissen- 
schaft der Gegenwart richten, wenigstens fiir mich selbst 
von einigem weitergehenden Interesse. Dafi schliefilich An- 
grirTe, Gegnerschaften von seiten der Naturwissenschaft 
selbst gegen eine Geistesrichtung erwachsen, die zwar streng 
auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, aber doch in 
fast alien Dingen iiber die Naturwissenschaft hinausgehen 
mufi, das ist ja ganz begreiflich. Aber merkwiirdig und fiir 
die ganze Stellung der Geisteswissenschaft doch von einer 
gewissen Bedeutung, ist, dafi mir selbst gerade in der letz- 
ten Zeit immer wieder und wiederum der Vorwurf gemacht 
wird, daft ich nicht ablehnend der naturwissenschaftlichen 
Forschung der Gegenwart gegeniiberstehe, sondern im Ge- 
genteil, dafi ich voll auf diesem Boden stehe. Dieser Vor- 
wurf wird mir von vermeintlichen Bekennern einer «gei- 
steswissenschaftlichen» Richtung gemacht. Und man darf 



schon sagen: mit derjenigen wissenschaftlichen Richtung, 
die in diesen Vortragen zutage tritt, ist man gewissermafien 
eingeklemmt zwischen den Gegnersdiaften, die von der 
Naturwissenschaft herkommen, und den Gegnersdiaften, 
die von irgendwelchen unklaren, mystischen, spirituellen 
Seiten sidi fast ebenso stark geltend machen. 

Nun mufi ich sagen, daft die Geisteswissenschaft, wie ich 
sie hier in diesen Vortragen zu vertreten habe, nicht nur das 
Bekenntnis ablegen muS, in die Notwendigkeit versetzt 
zu sein, anzukniipfen an die Naturwissenschaft, sondern 
dafl sie sich audi dazu bekennen mufi, dafl sie, so wie sie 
in der Gegenwart notwendig ist und auftreten mufi, den 
naturwissenschaftlichen Errungensdiaften Anregung, For- 
derung in jeder Beziehung nidit nur zu danken hat, sondern 
zu danken haben mui Denn gerade die Geisteswissenschaft 
hat, wenn sie nicht dilettantisch, laienhaft, unklar bleiben 
will, eine Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft 
im eminentesten Sinne notwendig, weil sie gerade auf- 
bauen mufi in einer gewissen Beziehung, wie wir das heute 
sehen werden, auf den neuesten Ergebnissen der Natur- 
wissenschaft. 

Das mag allerdings denjenigen, die mancherlei schon von 
dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
kennen, paradox erscheinen. Allein ich werde gerade im 
Laufe des heutigen Vortrags nach vielleicht fast alien Seiten 
hin mancherlei Paradoxes zu sagen haben. Und von vorn- 
herein mochte ich insbesondere am heutigen Abend ge- 
wissermaften um Entschuldigung bitten, dafi ich vorzugs- 
weise genotigt sein werde, Ergebnisse der Geistesforschung 
vorzubringen, Ergebnisse, durch deren Mitteilung ich audi 
nichts weiter will, als anregen. Um das, was heute zu sagen 
ist, in allem einzelnen zu belegen, zu beweisen, dazu wiirde 
wohl ein wochenlanger Kursus notwendig sein. 



Die naturwissenschaftliche Entwickelung der neueren 
Zeit mufi man in ihrer Wesenheit ins Auge fassen, wenn 
man ein richtiges Verhaltnis gerade als Geisteswissenschaf- 
ter zu ihr gewinnen will. Diese naturwissenschaftliche Rich- 
tung verdankt ihr Geprage eigentlich keineswegs dem, was 
sie selbst sich als ihre grofien Vorziige zuschreibt, sondern 
ganz anderen Voraussetzungen, ganz anderen Tatsachen. 
Der eigentumliche Charakter, den die naturwissenschaft- 
liche Vorstellungsart und Denkweise durch die letzten vier 
Jahrhunderte und insbesondere im 19. Jahrhundert und bis 
zu unserer Gegenwart angenommen hat, beruht darauf, 
dafi im Lauf der geschichtlichen Menschheitsentwickelung 
ganz bestimmte Erkenntnisneigungen, ganz bestimmte Er- 
kenntnisbegabungen bei den Menschen aufgetreten sind. 

Man stellt dieses Heraufkommen der naturwissenschaft- 
lichen Denkweise oftmals so dar: Nun ja, durch Jahr- 
tausende in fruheren Zeiten seien eben die Menschen gerade 
auf dem Boden der Naturwissenschaft auf Irrpfaden ge- 
gangen; und nun, ich will nicht den trivialen Ausdruck ge- 
brauchen, der so oft gesagt wird: Und nun haben wir es 
so herrlich weit gebracht! -, sondern ich will nur darauf 
aufmerksam machen, wie gute, ehrliche, aufrichtige Be- 
kenner naturwissenschaftlicher Vorstellungsart doch glau- 
ben, dafi es sich halt einmal fiir die Menschheit ergeben 
habe, nun in gewissen Dingen zur «Wahrheit», zur «rich- 
tigen Erkenntnis» zu kommen, wahrend friihere Zeiten 
«auf Irrpfaden gewandelt» haben. 

Allein, wenn man etwas in das Wesen naturwissenschaft- 
licher Entwickelung hineinblickt, so wird man sehen, dafi 
nicht so sehr das Wunder eingetreten ist, dafi plotzlich seit 
dem 16. Jahrhundert die Menschheit auf die alleingultige 
Wahrheit gekommen ist, sondern daft seit diesem 16. Jahr- 
hundert eben ganz bestimmte Begabungen, ganz bestimmte 



Neigungen und Richtungen fixr den Erkenntnisweg auf- 
getreten sind, und dafi nun diese Neigungen, diese mensch- 
lichen Bediirfnisse, diese, idi mochte sagen, Vorliebe gerade 
die Menschheit dahin gebradit haben, auf der einen Seite 
den Blick, die Aufmerksamkeit auf die Natur zu lenken, 
und auf der anderen Seite dem Wissen von der Natur das 
Geprage zu geben, das wir heute, gerade wenn wir auf gei- 
steswissenschaftlichem Boden stehen, so sehr bewundern 
miissen. 

Eine der hervorstechendsten Begabungen, die da auf- 
getreten sind, ist die: genau das rein aufierlich-sinnlich Tat- 
sachliche zu beobachten. Mit dieser Vorliebe und Begabung 
fur die Beobaditung des sinnlich Gegebenen, des sinnlich 
Tatsachlichen, hat sich aber audi die andere Neigung ver- 
knupft: dem sinnlich Tatsachlichen einen ganz vorzuglichen 
ausschliefilichen Wert beizulegen und zu glauben, dafi alles, 
was iiber das sinnlich Tatsachliche hinausgeht, den Men- 
schen in irgendwelche unerlaubte Erkenntnisgebiete, in 
irgendwelche verschwommene phantastische Spharen hin- 
einfiihren, kurz, zu Erkenntnisabgriinden geleiten miisse. 

Dafi dieses so ist, kann man insbesondere ersehen, wenn 
man den Blick wirft auf das Bestreben, den Menschen selbst 
naturwissenschaftlich zu erobern. Dieses Bestreben ging 
darauf hinaus, dieselben Krafte, dieselben Gesetzmafiigkei- 
ten, die sich fiir die vom Menschen abgesonderte Natur 
finden, auch auf den Menschen anzuwenden, den Menschen 
gewissermafien zu verstehen als ein blofies Naturwesen, 
aber als ein solches Naturwesen, wie es vor dem natur- 
forscherischen Blicke der neueren Zeit entstanden ist. Und 
dieser Eroberungszug der Naturwissenschaft hat sich nicht 
nur auf das aufierlich Naturliche des Menschen, sondern er 
hat sich audi darauf erstreckt, das Seelische des Menschen in 
irgendeiner Weise naturwissenschaftlich zu betrachten, ja 



es moglichst nahe heranzubringen an die reineNaturgesetz- 
maftigkeit. Und man kann, ich mochte sagen, dem moder- 
nen Seelenforsdier sogar Befriedigung, Genugtuung an- 
merken, wenn er in der Lage ist, irgend etwas, wovon er 
glaubt, daft es sidi als ein unumstoftliches Naturgesetz er- 
wiesen hat, audi anwenden zu konnen auf das menschliche 
Seelenleben. Wenn idi extreme Falle nach dieser Richtung 
hin vorfiihre, so mochte ich damit die Sache moglichst ekla- 
tant charakterisieren. 

Wer noch auf dem Standpunkt stent, daft das menschliche 
Seelische ein Wesen in sich ist, der wird selbstverstandlich 
zu der Vorstellung kommen, daft dieses in sich geschlossene 
menschliche seelische Wesen sich durch Willensimpulse 
- tiber Freiheit oder Unfreiheit werden wir iibermorgen 
sprechen — kraflmafiig durch den Organismus aufiern kann. 
Die Vorstellung, dafi das Seelenwesen gewisserma£en der 
Kraftursprung fur die Bewegung, fiir die Handlung des 
Organismus ist, beherrscht sogar manche Menschen der 
Gegenwart. 

Diejenigen aber, die da glauben, rein naturwissenschaft- 
lich denken zu sollen, sagen sich: Die Naturwissenschaft hat 
im 19. Jahrhundert als eines ihrer bedeutsamsten Gesetze 
erobert das von der Konstanz, von der Erhaltung der Ener- 
gie, von der Umwandlung der Krafte in solcher Art, daft 
nicht irgendwie Neues entstehen kann im Kraftesystem, 
daft nicht irgend etwas eingreifen kann in dieses Krafte- 
system, das nicht schon innerhalb dieses Kraftesystems drin- 
nen lebt. Wenn nun, so sagt man sich, die Seele imstande 
ware, von si
…[truncated]