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RUDOLF STEINER GES AMT AUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
Zu den Verqffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswis-
senschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschrie-
benen und verdffentlichten Werke. Daneben hielt er in den
Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl
offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spa-
ter Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst wollte ur-
spriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht
zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach-
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe be-
traute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte.
Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen
die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867 - 1948) wurde ge-
mafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden
sich nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der
Hinweise.
finiwrinht Rurlnlf .Stpinpr Narhlass-Vprwaltunn Rni-h-73 Spitp- 7
RUDOLF STEINER
Die Erganzung
heutiger Wissenschaften
durch Anthroposophie
Acht offentliche Vortrdge, gehalten in Zurich
vom 5. bis 14. November 1917
und vom 8. bis 17. Oktober 1918
1987
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vora Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Ernst Weidmann
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1973
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987
Teilausgaben und
Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe Seite 377
Bibliographie-Nr. 73
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1973 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0730-1
INHALT
Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 394ff.
Zu dieser Ausgabe 6
I
Erster Vortrag, Zurich, 5. November 1917 9
Anthroposophie und Seelenwissenschaft
Zweiter Vortrag, 7. November 1917 56
Anthroposophie und Geschichtswissenschaft
Dritter Vortrag, 12. November 1917 110
Anthroposophie und Naturwissenschaft
Vierter Vortrag, 14. November 1917 165
Anthroposophie und Sozialwissenschaft
II
Erster Vortrag, Zurich, 8. Oktober 1918 215
1st eine Ubersinnliche Erkenntnisweise wissenschaftlich zu be-
griinden?
Zweiter Vortrag, 10. Oktober 1918 253
Der geisteswissenschaftliche Aufbau der Seelenforschung von
deren Grundlagen bis zu den lebenswichtigen Grenzfragen des
Menschendaseins
Dritter Vortrag, 15. Oktober 1918 294
Naturerkenntnis, Sozialwissenschaft und religioses Leben im
Lichte geisteswissenschaftlicher Anschauung
Vierter Vortrag, 17. Oktober 1918 332
Die Geschichte der Neuzeit im Lichte geisteswissenschaftlicher
Forschung
Hinweise 377
Namenregister 392
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 394
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 399
ZU DIESER AUSGABE
Dieser Band umfafk zwei offentliche Vortragsreihen in Zurich. Die er-
sten vier Vortrage vom 5. bis 14. November 1917 wurden auf Initiative
junger anthroposophischer Akademiker gehalten. Die folgenden vier
Vortrage vom 8. bis 17. Oktober 1918 schliefien sich grofkenteils the-
matisch an die vorhergehenden Vortrage an, verzichten aber teilweise
auf die besondere Blickrichtung nach bestimmten Wissenschaften.
Die Forschungsmethoden und Forschungsergebnisse der anthro-
posophischen Geisteswissenschaft sind - wie aus den Ausfiihrungen
von Rudolf Steiner iiberzeugend hervorgeht - auch im Bereich der
akademischen Wissenschaften als entscheidender Beitrag zu werten.
Die Steigerung des menschlichen Erkenntnisvermogens iiber die dem
blofien Intellekt gesetzten Grenzen hinaus ist als zentrales Anlie-
gen der Anthroposophie auch fur die wissenschaftliche Problematik
unserer Zeit von ausschlaggebender Bedeutung. Die entsprechenden
Aussagen Rudolf Steiners haben an ihrer Geltung nichts eingebiifit;
im Gegenteil: sie gewinnen im Hinblick auf die Weiterentwicklung
der Wissenschaften in den letzten Jahrzehnten an Tragweite und
Dringlichkeit.
Im Gegensatz zu den meisten anderen offentlichen Vortragsreihen
(z.B. den sog. «Architektenhaus-Vortragen») verzichtet hier Rudolf
Steiner weitgehend auf systematische Entwicklung und Argumenta-
tion der Geisteswissenschaft und konzentriert sich auf die Darstellung
von Ergebnissen der Geistesforschung, «durch deren Mitteilung ich
auch nichts weiter will, als anregen. Um das [. . .] in allem einzelnen
zu belegen, zu beweisen, dazu wiirde wohl ein wochenlanger Kursus
notwendig sein.» (S. Ill)
«Nicht um andere Wissenschaften zu bekampfen oder irgendwie an-
zufechten, habe ich diese Vortrage gehalten, sondern um zu zeigen [. . .],
da$ ich sie zu schatzen weifi, indem ich nicht bloft den Glauben habe,
sie seien grofi in dem, was sie schon sind, sondern den Glauben, sie
seien auch grofi in dem, was aus ihnen hervorwachsen kann.» (S. 208 f.)
I
ANTHROPOSOPHIE UND SEELENWISSENSCHAFT
GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE USER DIE
MENS CH LI CHEN SEELENFRAGEN
Zurich, 5. November 19 17
Was in diesem Vortrage hier mit Anthroposophie gemeint
sein wird, soil nicht irgend etwas sein, das sidi aus einer
sektiererischen Bewegung oder Geistesstromung oder der-
gleichen heraus ergibt, sondern etwas viel Allgemeiner-
Menschliches: erne Geistesstromung, welclie sidi mit innerer
Notwendigkeit in unserer Zeitepodie ergibt aus dem Her-
aufkommen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung
im Laufe der letzten Jahrhunderte in der Gestalt, weldie
diese naturwissenschaftliche Weltanschauung insbesondere
in unserer Zeit angenommen hat.
Dabei ist aber nicht zu denken, dafi dieses als Anthro-
posophie Gemeinte wie eine logische Folge, wie irgendeine
Urteilskonsequenz sidi ergeben soli aus naturwissenschaft-
lichen Voraussetzungen; sondern gedacht ist vielmehr, dafi
diese Anthroposophie sich als lebendiges Gebilde, als Er-
lebnis, selbst entwickeln mufi in einem Zeitalter, das fur
viele Fragen des Lebens, der Welt, naturwissenschaftlich
denken mufi. Mehr wie ein lebendiges Kind - wenn ich so
sagen darf - der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart,
denn als eine blofi logische Konsequenz, ist diese Anthro-
posophie gedacht.
Nun mufi ich mich allerdings bemiihen, sehr verehrte
Anwesende, diese vier Vortrage, die iiber die verschieden-
sten Gebiete der gegenwartigen Wissenschaften sich erstrek-
ken sollen, zu einem Ganzen zu gestalten. Daher wird der
einzelne Vortrag als solcher kein abgeschlossenes Ganzes
sein konnen, und idi werde sehr bitten miissen, dieses zu
beriicksichtigen.
Wenn ich die Vortragsserie eroff ne mit einer Besprechung
der Beziehungen von Anthroposophie und Seelenwissen-
sdiaft, so sdieint dies insofern natiirlich, ja selbstverstand-
lidi zu sein, als Anthroposophie, die orientiert sein will
nach der geistigen Welt, die ihre Forschungsergebnisse aus
der geistigen Welt heraus suchen soil, zunachst ganz beson-
ders sich wird zu schaff en machen miissen mit den inneren
Angelegenheiten des Menschen selbst, mit dem seelischen
Leben des Menschen. Dies auf der einen Seite. Auf der
anderen Seite aber kommt in Betracht, dafi im Laufe der
letzten Jahrhunderte, insbesondere im Laufe des 19. Jahr-
hunderts, dasjenige, was man Seelenwissenschaft, Psycho-
logie nennt, im Grunde ein ganz anderes Geprage erhalten
hat, als es noch vor kurzer Zeit hatte. Seelenwissenschaft ist
gerade durch die Ausdehnung des naturwissenschaftlichen
Denkens iiber viele Gebiete des Lebens vielleicht ratsel-
voller geworden, mehr erfiillt worden von alien moglichen
Lebensratseln als irgendeine andere wissenschaftliche Beta-
tigung der neueren Zeit. Es war ja nur natiirlich bei den
grofien, gewaltigen Ergebnissen des naturwissenschaftlichen
Forschens, daft naturwissenschaftlich-methodisches Denken,
naturwissenschaftliche Anschauungsweise gewissermafien
Besitz ergriff von alldem, was im Bereiche der menschlichen
Erkenntnis liegt. So ist es denn audi gekommen, dafi diese
naturwissenschaftliche Anschauungsweise, man konnte sa-
gen, ihre Macht ausgedehnt hat in der neueren Zeit iiber
das Gebiet des Seelenlebens.
Nun mochte ich von vornherein das Vorurteil, das Mifi-
verstandnis, das sich so leicht gerade gegeniiber anthropo-
sophischer Forschung erheben will, berichtigen, das darin-
nen bestehen konnte, dafi anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft nicht rechnen wolle mit dem, was na-
turwissenschaftliche Vorstellungsart der neueren Zeit der
Mensdiheit zu bieten hat. Im Gegenteil, die weiteren Vor-
trage, die ich hier werde zu halten haben, werden gerade
zeigen, wie Naturwissenschaft erst dann zu ihrem vollen
Rechte kommt, wenn sie diejenige starke Begriindung er-
fahrt, die sie durch Anthroposophie oder Geisteswissen-
schaft erfahren kann. Und in gewisser Beziehung wird sich
das schon bei der Betrachtung des Verhaltnisses der Anthro-
posophie zur menschlichen Seelenwissenschaft zeigen. Es ist
ein berechtigtes Ideal der modernen Naturwissenschaft,
dasjenige, was sie betrachtet als natiirliches Geschehen, als
Inhalt der Naturprozesse und Naturtatsachen, abzulosen
von jeglichem Seelischen, nirgends in die wissenschaftliche
Beobachtung, in das wissenschaftliche Experiment hinein-
zumischen irgend etwas, was aus dem Subjektiven - wie
man es nennt was aus dem seelischen Erleben kommt.
Dadurch allein kann diese naturwissenschaftliche Denk-
weise hoffen, dafi der Mensch nicht das objektive Bild der
Naturtatsachen durch dasjenige triibt, was er durch seine
seelischen Tendenzen, durch seine seelischen Erlebnisse in
die Natur hineintragt.
Es ist nur naturlich, daft unter einem solchen Ideal ganz be-
sonders die Seelenwissenschaft eine bestimmte Auspragung
erfahren mufite. Denn so wie sich die Seele zur Aufienwelt
stellen mull in der wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur,
so hat sich diese Seele in friiheren Zeitlauften zur Aufien-
welt nicht gestellt. Wer wirklich einen Sinn dafiir hat, sich
in wissenschaftliches Denken, in Weltauffassungen verflos-
sener Jahrhunderte hineinzufinden, der kann bemerken,
dafi in diesen friiheren Zeitlauften die Menschen uberall,
wenn sie versuchten, die Naturtatsachen zu erklaren und
zu begreifen, diese Naturtatsachen nicht rein sonderten von
dem, was die Seele empf and an diesen Naturtatsachen, was
die Seele sich als, sagen wir, symbolische oder andere Vor-
stellungen an diesen Naturtatsachen machen wollte. Es war
gewissermafien dasjenige, was der Mensdi an der Natur
erlebte, vermischt mit dem, was objektive Naturtatsache
selbst war. Dadurch aber, dafi die Naturwissenschaft selbst
nidit frei von manchem war, was die Seele hergab, dadurch
kam man in bezug auf die Seelenwissenschaft in keine so
ratselvolle Lage hinein wie in der Gegenwart. Wer schon
Seelisdies in der Natur geoffenbart kriegte und mit den
rein materiellen Tatsachen das Seelische mitherausnahm
aus der Natur, der konnte audi viel eher glauben, in bezug
auf das Gebautsein des Seelischen im Wesen der geistigen
Welt im Einklange mit der Natur- und Weltbetrachtung
irgend etwas zu erf ahren — viel eher, als dies jetzt moglich
zu sein scheint, wo man die Natur so betrachten will, da!5
gerade alles «Subjektive», alles Seelische bei dieser Betrach-
tung wegbleibt. Wie soli man denn mit einer naturwissen-
schaftlichen Anschauungsart, die gerade ihr vollkommenstes
Ideal darinnen sieht, das Seelische auszuschliefien, die also
Begriffe, Ideen, Methoden ausbilden mufi, welche auf dem
Ausschlufi des Seelischen beruhen, wie soil man denn mit
diesen Methoden nun heriibergehen konnen in das Seelische
und von diesem Seelischen irgend etwas erkennen konnen?
Wie soli man denn anwenden konnen, was man an der Na-
turwissenschaft, die das Seelische ausschliefit, gelernt hat,
auf die Betrachtung des seelischen Lebens?
Dennoch, wir werden im dritten Vortrage sehen, wie ge-
rade Physiologie, und wie audi eine sehr zukunftsreiche
Wissenschaft, die gegenwartig erst anfangt, sich die Uni-
versitatslehrstiihle zu erobern: die experimentelle Psy-
chologic, ihre guten Grundlagen finden werden, wenn man
wiederum die Moglichkeit findet, trotz dem Ideal natur-
wissenschaftlicher Betrachtungsweise zu einer Seelenwissen-
schaft zu kommen. Denn, was hier vertreten werden soil,
das steht in keiner Beziehung demjenigen ablehnend gegen-
iiber, was von seiten der Naturwissenschaft als Hilfswissen-
schaft dem seelischen Leben zugeflossen ist. Im GegenteiH
Gerade was psychologisdie Laboratorien der neueren Zeit
anstreben, wird von einem gewissen anthroposophischen
Gesichtspunkte aus erst seine rechte Fruchtbarkeit, seine
rechte Bedeutung gewinnen.
Man kann sich nun fragen: Was will eigentlich der
Mensch, wenn er sich wissenschaftlich der Natur gegenuber-
stellt in der Form, wie das heute die Naturwissenschaft mit
Recht tut? Was will eigentlich der Mensch an der Natur
erkennen? Man konnte iiber diese Frage stundenlang reden;
allein ich will nur kurz andeuten, wie sie etwa beantwortet
werden kann.
Der Mensch entwickelt in dem, was sich abspielt im
Laufe des seelischen Lebens, gewisse Bediirfnisse, die sich
einfach dadurch ergeben, dafi er in sich seelisch erlebt und
aufier sich den Ablauf der Naturtatsachen hat. Aus diesen
Bediirfnissen heraus entwickelt sich dasjenige, was Natur-
wissenschaft ist. Man will in der Seele selbst zurechtkom-
men mit dem, was die Seele fragen kann, mit dem, was die
Seele als Ratsel, als Zweifel sich aufwerfen kann bei der
Anschauung der Natur. Und man will die Natur in einem
solchen Bilde sehen, dafi dasjenige, was als innerer Ablauf
der seelischen Erlebnisse in uns erfahren wird, dabei zu sei-
nem Rechte kommt. Der Beobachter ist es eigentlich, der
die Direktiven, der die Tendenzen der Naturwissenschaft
gibt. Man braucht sich nur etwa an einen solchen Ausspruch
wie den von Du Bois-Reymond zu erinnern, den er gele-
gentlich seiner beriihmten Rede «Uber die Grenzen des
Naturerkennens» tat: Eine Naturerkenntnis ist dann vor-
handen, wenn unser Kausalitatsbediirfnis — also ein Sub-
jektives, etwas, das im menschlichen Erleben begriindet
ist wenn das befriedigt ist. Das aber setzt voraus, dafi
dieses subjektive, personliche seelische Erleben mit seinen
Fragen, mit seinen Zweifeln wie einer Sphinxnatur gegen-
iibersteht dem aufieren Ablauf der Naturerscheinungen,
dafi diese nicht in ihrem ersten Anblicke ergeben, was das
Seelenleben als ein Bild von ihnen formt. Wir konnen das
erste Bild, das sich dem vorlaufigen Anschauen ergibt, durch
das, was in unserer Seele ablauft, verandern und bekom-
men dadurch gerade die Naturwissenschaft.
Konnen wir dies mit dem seelischen Leben ebenso ma-
chen? Diese Frage beantwortet man sidi nur nicht immer
deutlich und exakt genug. Zum Seelischen konnen wir uns
nicht in derselben Art fragend mit dem gewohnlichen Be-
wufitsein stellen, wie zur Natur. Dieses Seelische lauft in
uns ab. Wir konnen es blofi erfahren, blofi erleben. Aber
wir werden nichts gewinnen, wenn wir das, was uns schon
bekannt ist, dann so gliedern, wie wir gesetzmafiig die Na-
tur gliedern, um zu einer Naturwissenschaft zu kommen.
Dieses seelische Erleben, wie es im gewohnlichen Alltags-
dasein auftritt, kann man erleben; aber es ist eigentlich,
indem man es so erlebt, kein Anlafi da, es in derselben
Weise zu behandeln wie die Naturtatsachen. Diese fuhren
auf Schritt und Tritt sozusagen ins Unbekannte, wahrend
wir im seelischen Erleben unmittelbar drinnenstehen. Man
mufi sich schon an der Naturwissenschaft selbst gewisse
Fragestellungen anerziehen, wenn man dem seelischen Er-
leben gegenuber eine ahnliche Methode anwenden will, wie
sie in der Naturwissenschaft ublich ist.
Man konnte nun sagen: Der Natur gegenuber ist der
Beobachter als selbstverstandliche AuEenpersonlichkeit ge-
geben; dem seelischen Erleben steht kein Beobachter gegen-
iiber. Daher verzweif elten manche Leute iiberhaupt an einer
Moglichkeit, das seelisdie Leben zu beobachten, weil sie sich
gar nidit vorstellen konnten, wie die Spaltung sich voll-
ziehen konnte: dafi man zu gleicher Zeit den Ablauf des
Seelenlebens hat und dennoch Beobachter ist.
Das ist es aber gerade, dieses sonderbare Paradoxon, was
eintreten mufi, um eine Seelenwissenschaft, die sich der Na-
turwissenschaft zur Seite stellen kann, ich mochte sagen, im
Geiste der Forderungen der Naturwissensdiaft wieder er-
stehen zu lassen. Die Frage nach dem Beobachter des seeli-
schen Lebens mufi ernst, mufi in ihrer vollen Bedeutung
und Tiefe genommen werden. Dasjenige, was in uns lebt,
kann dieses Seelische nidit unmittelbar beobachten. Wenn
der Naturforsdier, der das Ideal naturwissenschaftlicher
Anschauung in der Gegenwart erfullen will, in seiner Vor-
stellungsweise alles absondert, was Seele ist, wenn er ge-
wissermafien das Seelisdie ganz zuriicktreten lafit, so mufi
der Seelenf orscher heute den gerade entgegengesetzten Weg
gehen: Er mufi nun nichts absondern von den seelischen Er-
lebnissen, sondern er mufi etwas hereinholen in diese see-
lischen Erlebnisse; er mufi diese seelischen Erlebnisse mit
etwas durchdringen, was im gewohnlichen Bewufitsein nicht
da ist. Gerade den entgegengesetzten Weg mufi der Seelen-
f orscher gehen! Weil Naturwissenschafl grofi geworden ist
auf ihrem Wege, mufi der Seelenforscher diesen entgegen-
gesetzten Weg gehen. Die grofie, bedeutungsvolle Frage
entsteht: Wie kann dieser Weg gefunden werden?
Da werde ich nun manches Paradoxe zu sagen haben.
Aber ich bitte, darauf Rucksicht zu nehmen, dafi dasjenige,
was im Laufe der menschlichen Geistesentwickelung auf-
trat, in den ersten Zeiten seines Auftretens immer einen
paradoxen Charakter hatte. Man denke nur an die grofien,
umwalzenden naturwissenschaftlichen Errungenschaften
selbst, wie sie auf den Menschen gewirkt haben, welche
Zweifel, welche Anfechtungen, welche Kampfe sie hervor-
gerufen haben! Dem Seelischen stent der Mensch noch viel
naher als der Natur. Kein Wunder, wenn sich audi bezug-
lich der neueren Seelenwissenschafl so mandies von dem
wieder ergeben kann, was sich bei dem Fortschritte des
naturwissenschaffclichen Forschens ergeben hat.
Klar mu£ man sich von vornherein bei der anthroposo-
phisch orientierten Seelenwissenschafl sein, dafi man mit
dem Bewufksein, das unseren Alltag erfiillt, das auch in
der gewohniichen naturwissenschafllichen Forschung ublich
ist, wie ich schon angefiihrt habe, nicht auskommt. Seelen-
wissenschafl; wird eine Bewufitseinsfrage werden. Und als
solche Bewufkseinsfrage habe ich diese Seelenwissenschafl;
in meinem vor einem Jahre erschienenen Buche « Vom Men-
schenratsel» behandelt: Wenn die Seele so, wie sie im ge-
wohniichen Erleben ihren eigenen Erfahrungen gegenuber-
steht, von diesen Erfahrungen im Grunde nichts wissen
kann - wenn sie sie nur erleben kann, wie man die aufiere
Natur, bevor man ein naturwissenschaftliches Bild von ihr
hat, erlebt so deutet das schon darauf hin, dafl diese Seele
mit sichVeranderungen vornehmen mufi, wenn sie ihre eige-
nen Tatsachen beobachten will. Das wird manche Schwie-
rigkeiten geben gegeniiber der herrschenden Denkweise der
Gegenwart. Diese geht dahin, an die Seele ja nicht zu riih-
ren, sie so zu lassen, wie man sie gewissermafien, wie man
etwa sagt, «aus den Handen der Natur selbst » erhalten hat,
und in der Wissenschaft an dasjenige, was da in ihr lebt,
anzukniipfen. Seelenwissenschafl wird aber aus den tiefe-
ren Quellen, die fur das gewohnliche Erleben verborgen
sind, Krafle heraufholen mussen, durch die andere Be-
obachtungsmethoden, andere Vorstellungsarten entstehen,
als sie im gewohniichen Leben da sind.
Nun will idi in Kiirze schlicht sdiildern, was mit der
mensdilidien Seele vorgehen mu£, wenn sie ein wirklicher
Beobachter der eigenen seelischen Erlebnisse werden will,
besser gesagt, wenn sie den inneren Beobachter, der in ihr
verborgen ist, erwecken will, damit sie ihr eigenes Erleben
erforschen kann. Mit dem Denken, mit all den Vorstel-
lungsformen, die man sich bei der Betraditung der aufieren
Natur aneignet, kommt man dem Seelischen gegemiber
nicht zurecht. Man kommt mit all diesen Vorsteliungen
- wie man, gerade wenn man innerlich ringt mit der Er-
kenntnis, bald bemerken kann - uberhaupt nicht hinaus
iiber den Tatsachenkreis, der sich naturwissenschaftlich
iiberschauen lafit; man kommt damit gar nicht heran an
das Seelische.
Die Sadie wird in dem Augenblicke anders, da man an
die Punkte — ich nenne sie Grenzorte des Erkennens -
kommt, an denen der Mensch zunachst zweifelnd steht und
oftmals sich sagt: Bis hierher kommen wir mit dem, was
uns als Menschen einmal beschieden ist in bezug auf unse-
ren Erkenntnistrieb; aber hier liegen uniibersteigliche Gren-
zen; iiber die kommt man nicht hinaus. - Man braucht nur
zu sehen, wie Menschen, die, gerade erfullt von der natur-
wissenschaftlichen Anschauungsweise der letzten Zeiten,
mit ihren Gedanken versuchen, immer tiefer und tiefer in
das Dasein hineinzuschurfen, an solche Grenzorte des Er-
kennens herangelangen. Ich will ein paar Beispiele an-
fuhren, die uns zeigen werden, wie der nach Erkenntnis
Ringende da wirklich an ganz besondere Stellen des Seelen-
erlebens kommt.
Als erstes Beispiel mochte ich eines anfiihren, das ich ge-
funden habe bei einem vielleicht als Philosoph weniger
geschatzten, aber als Personlichkeit um so hoher zu schat-
zenden Erkenntnissucher: bei dem beruhmten Asthetiker
Friedrich Theodor Vischer. Als Vischer das interessante
Biichelchen Volkelts iiber «Die Traum-Phantasie» besprach,
da warf er sich mit aller inneren Erkenntnisenergie die
Frage auf: Welches kann die Beziehung sein der mensch-
lichen Seele und des menschlichen Leibes?
Es ist ein anderes, ob man sich aus philosophischen Vor-
aussetzungen, aus SchulbegrifTen heraus dieses Problem
vorlegt, ob man sidi nur verstandesmafiig damit beschaf-
tigt, oder ob es aus einem harten Denk-Erleben heraus vor
die Seele tritt, so dafi es wirklich wie sphinxartig sich vor
diese Seele hinstellt. Aus solchem bangem Erleben heraus
stellte sich - das sieht man dem ganzen Zusammenhang an -
der sogenannte V- Vischer, Friedrich Theodor Vischer, die
Frage. Er sagt: Die Seele des Menschen, sie kann nicht im
Leibe sein; aber sie kann audi nicht anderswo als im Leibe
sein. - Ein vollstandiger Widerspruch! Aber ein Wider-
spruch, der sich nicht logisch herbeigezerrt ergibt, sondern
der sich aus dem vollen inneren Denken heraus ergibt, ein
Widerspruch, in dem man ringt, ein Widerspruch, der der
Beginn sein kann eines inneren Erkenntnisdramas. Und vor
solchen inneren Erkenntnisdramen, weil sie zum Erleben
fiihren, darf man nicht zuriickschrecken, wenn wirkliche
Seelenwissenschaft entstehen soli.
Ich habe damit eine der sehr bedeutungsvollen Fragen,
die an den Grenzorten des Erkennens entstehen, angedeu-
tet. Es gibt viele. Du Bois-Reymond hat von sieben Welt-
ratseln gesprochen. Man konnte Hunderte und Hunderte
kleinerer und grofierer soldier Fragen anfuhren. Bei diesen
Fragen kann man so stehenbleiben, dafi man sagt: Bis hier-
her reicht das menschliclie Erkennen, weher kann man nicht
gehen! — Aber wenn man sich dieses Gestandnis macht, dann
fehlt es nur an Erkenntnismut. Das, urn was es sich han-
delt, ist: bei solchen Fragen mit dem vollen inneren Seelen-
leben stehenbleiben zu konnen, diese Fragen mit alien
gesamten Kraften der Seele nidit verstandesmafiig zu be-
traditen, sondern sie zu durchleben und Geduld zu haben,
zu warten; ob sich da etwas wie eine Offenbarung von
aufien ergibt. Und das gesdiieht.
Wer sich solche Fragen nidit mit den vorgefaftten Be-
griffen, die er schon hat, beantworten will, sondern gewis-
sermafien untertaucht in das Wogen, das solche Fragen
iiber die menschliche Seele bringen, der kommt zu einem
vollig neuen Erleben, das er nicht im gewohnlichen Bewuftt-
sein haben kann. Ich kann mich durch einen Vergleich aus-
driicken iiber dieses Erleben. Es ist ein elementares Erleben
des Seelendaseins und ein elementares Erleben fiir die Ent-
stehung einer anthroposophisch orientierten Seelenwissen-
schaft oder Psychologie. Man muS es nur in seiner vollen
Realitat nehmen, nicht in seiner abstrakten Totheit. Wir
denken - ob der Vergleich nun mehr oder weniger berech-
tigt ist oder nicht, darauf kommt es jetzt nicht an, was er
uns sagen soil, wird er uns sagen -, wir denken an ein ganz
niedriges Tier, das noch nicht einen nach aufien hin diffe-
renzierten Tastsinn sich ausgebildet hat, das gewissermafien
mit seinem Erleben nur innerlich in sich selber wiihlt und
an die physischen Gegenstande um sich herum anstofit. Wir
denken uns im Sinne der Evolutionstheorie, soldi ein Leben
sich vervollkommnend. Was kann da entstehen? Dasjenige,
was beim niedrigen Wesen nur ein Stofien an die aufieren
Dinge ist und ein innerlich undifferenziertes Erleben dieser
Stofie, das differenziert sich im Laufe der Entwickelung so,
dafi der Tastsinn entsteht. Die naturwissenschaftlicheEvolu-
tionslehre stellt die Differenzierung des Sinnenlebens iiber-
haupt so, ich mochte sagen, aus dem Gestofienwerden von
den Dingen, aus dem Differ enziertwerden durch dieses
Gestofienwerden dar. Was da aufierlich, physiologisch,
physisch meinetwillen geschieht: die Entwickelung eines
differenzierten Tastsinnes aus dem blofien Anstofien an die
aufieren Gegenstande, das wiederholt sidi auf rein see-
lischem Gebiete, wenn man die Dinge lebensvoll nimmt,
wenn man an solche Grenzorte des Erkennens mit vollem,
innerem Seelenanteil kommt. Da fiihlt man sich an diesen
Grenzorten zunachst wie in der Dunkelheit der geistigen
Welt drinnen, anstofiend iiberall. Dafi solche Fragen wie
bei Vischer entstehen, ist einem ein Beweis: Man lebt in
einem dunklen seelisdien Dasein, gegriindet in der geisti-
gen Welt, stofiend an die geistige Welt. Aber differenzie-
ren mufi sich nun dasjenige, was so stofit an die geistige
Welt!
Im wirklichen Erleben soldier Grenzfragen fiigt sich,
offenbart sich in die Seele etwas hinein, was sonst nicht da
ist, was ebensowenig vorher in der Seele da ist, wie die
Wahrnehmung der aufieren Gegenstande durch einen diffe-
renzierten Tastsinn da ist fur das Wesen, das diesen diffe-
renzierten Tastsinn noch nicht entwickelt hat, sondern nur
an die Dinge stofk. Man mu£ dazu kommen, die Grenz-
fragen, diese zahllosen, qualenden, sphinxartigen Grenz-
fragen zu erleben, um zu wissen: die Methoden, die wir an
der Natur gewinnen konnen, die Methoden, die gerade
das Ideal naturwissenschaftlicher Anschauungsweise erfiil-
len, sie fiihren, wenn es sich um das Seelisch-Geistige
handelt, nur bis zu einem Stofien an den Grenzen; da mufi
das Leben weiterriicken!
Und es kann weiterriicken. Das kann nur eine Erfah-
rungstatsache sein. Was ich hier meine, das tritt dem in der
Naturwissenschaft wurzelnden Denker der letzten Jahr-
zehnte nur allzu klar, nur allzu bedeutsam vor die Seele.
Denn erst allmahlich kann die Zeit heraufkommen, wo
durch geduldiges Sich-Hineinfinden in diese Grenzfragen
des Erkennens die Seele wirklich ihr Lebensgebiet ausdehnt.
Ich habe Beispiele soldier Grenzfragen angefuhrt in dem
kleinen Kapitel, das idi gerade iiber dieseFragen in meinem
Buche, das in den nachsten Tagen erscheinen wird, «Von
Seelenratseln», gesdirieben habe.
Ich mochte nodi eine andere solche Grundgrenzfrage, wie
sie auf tritt bei Friedrich Theodor Vischer, anfiihren, als Bei-
spiel, wie jemand, der wirklich beginnt, das Erkenntnis-
drama in sich zu erleben, herankommt an das, was ich eben
jetzt charakterisiert habe - wenn audi, als Friedrich Theo-
dor Vischer strebte, noch nicht die Zeit da war, in der die
Seele durchbrechen konnte durch die Grenzen, an denen sie
steht -, innerlich tastend, noch nicht aufierlich differen-
ziert im geistigen Tasten. Vischer sagt da: «Kein Geist, wo
kein Nerven-Zentrum, wo kein Gehirn, sagen die Gegner.
Kein Nerven-Zentrum, kein Gehirn, sagen wir, wenn es
nicht von unten auf unzahligen Stufen vorbereitet ware;
es ist leicht, spottlich von einem Umrumoren des Geistes
in Granit und Kalk zu reden, - nicht schwerer, als es uns
ware, spottweise zu fragen, wie sich das Eiweifi im Gehirn
zu Ideen auf schwinge. Der menschlichen Erkenntnis schwin-
det die Messung der Stufenunterschiede. Es wird Geheimnis
bleiben, wie es kommt und zugeht, dafi die Natur, unter
welcher doch der Geist schlummern mu£, als so vollkom-
mener Gegenschlag des Geistes dasteht, dafi wir uns» — ich
bitte, die Redeweise ins Auge zu fassen! - «Beulen daran
stofien; es ist eine Diremtion von solchem Schein der Ab-
solutheit, dafi mit Hegels Anderssein und Aufiersichsein,
so geistreich die Formel, doch so gut wie nichts gesagt, die
Schroffheit der scheinbaren Scheidewand einfach verdeckt
wird. Die richtige Anerkennung der Schneide und des Sto-
res in diesem Gegenschlag findet man bei Fichte, aber keine
Erklarung dafiir.*
Man kann nicht genauer die Schilderung dieses inneren
Seelenlebens haben: wie es sich fiihlt zunachst anschlagend
an die geistige Welt da, wo es diese Grenzfragen erlebt,
wie es sich sehnt, sich aus diesem Heranschlagen an die
geistige Welt zu differenzieren zu einem wirklichen Tasten
der geistigen Welt, zu einem Aufgehen eines - um den
Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen - geistigen Organes.
Wie Goethe von Geistesaugen und Geistesohren spricht, so
konnte man sagen, gehen^auf der elementarsten Stufe gei-
stige Tastorgane auf , dadurch, daft man sich in diese Dinge
hineinlebt. Das ist ein wirklicher Lebensprozefi, ein wirk-
licher Wachstumsprozefi; das ist nicht eine blofte Anwen-
dung desjenigen, was man schon gelernt hat an den anderen
Wissenschaften; sondern das ist etwas, was so real ist wie
das Heranwachsen des Kindes, was aber die Seele in Re-
gionen hineinbringt, die sie vorher nicht erlebt hat.
Ober diese Dinge tauschen sich heute viele. Einer ganz
prinzipiellen Tauschung auf diesem Gebiete gibt sich der
beruhmt gewordene Philosoph Bergson zum Beispiel hin.
Bergson spricht davon, dafi man nicht die Welt umfassen
konne mit dem zergliedernden Verstande, dafi man insbe-
sondere das Seelenleben nicht erfassen konne mit dem zer-
gliedernden Verstande, weil im Seelischen, weil iiberhaupt
im Dasein iiberall «Werden» ist, iiberall «Fliefien», iiberall
«Leben». Was glaubt Bergson? Dafi dasjenige, worauf es
ankommt, schon da ist, dafi man es suchen kann mit den
Kraften, die man schon hat. Das ist aber der grofie Irrtum.
Da findet man nicht dasjenige, was das Seelische wirklich
erklaren kann, sondern die Seele mufi iiber sich selber hin-
ausgehen; die Seele mull etwas entwickeln, was sie nicht
hat. Sie mufi nicht glauben, dafi das Leben, das sie erfor-
schen soli, schon da ist, sondern daft dieses Leben erst
errungen werden mufi.
Vor diesem Sidi-Vertiefen in das Erkenntnisdrama des
Inneren haben viele — ich darf den Ausdruck wohl gebrau-
chen — eigentlidi eine grofie Angst. Sie glauben, in den Ab-
grund der Subjektivitat, in den Abgrund der Individuali-
st hineinzukommen. Wenn sie sich wirklich in soldier Art
in diesen Abgrund hineinbegeben wiirden, wie es jetzt ge-
schildert worden ist, dann wiirden sie finden, dafi, indem
sie das tun, sie innerlich ein so Objektives finden, wie man
aufierlich dasObjektive flndet, wenn man derNatur gegen-
ubersteht. Es ist nur eine Illusion, wenn man glaubt, dafi
der eine Mensch dieses, der andere jenes beim Durchleben
des Erkenntnisdramas flndet. In gewisser Beziehung miis-
sen die individuellen Erlebnisse verschieden sein, weil sie
verschiedene Aspekte, verschiedene Ansiditen desselben
Dinges von verschiedenen Seiten sind. Aber damit, dafi
man Photographien von verschiedenen Seiten von irgend-
einem Ding auf nimmt und diese Photographien verschieden
sind, damit ist nicht gesagt, dafi das Ding selbst nicht sein
Objektives diesen Aspekten darbietet. Man mufi das, was
der Erkenner auf diese Weise heraufholt aus seiner Seele,
nicht so nehmen, dafi man es rein dogmatisch hinnimmt,
dafi man nun an die besondere Formulierung, die er gibt,
wie an ein Dogma oder ein Naturgesetz glaubt. Sondern
man mufi sich klar sein: Es mag noch so subjektiv durch
den besonderen Aspekt das sein, was durch die geistigen
Tastorgane erscheint - und wenn die Methoden, die ich
jetzt nur prinzipiell angegeben habe, weiter ausgebildet
sind, so entstehen wirklich geistig-seelische Organe, die
man mit Geistesaugen und Geistesohren vergleichen kann -,
wenn auf Grundlage des schauenden Bewufitseins, so nenne
ich es in meinem Buche «Vom Menschenratsel», die geistige
Welt charakterisiert wird, dann mag das, was der Beobach-
ter schildert, ein subjektiver Aspekt sein; aber indem man
es hinnimmt, steht man der geistigen Wirklichkeit gegen-
iiber, wie man ein wirkliches Abbild eines Baumes hat,
wenn man es audi nur von einer Seite hat. Das ist das, was
gerade auf diesem Gebiete verstanden werden mufi.
Wenn der Mensch in diesem seinem seelisch-geistigen
Leben iiber sidi selbst hinausgeht, ergibt sidi das, was ich
in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe-
ren Welten?» schildere, in der Sie eine ausfiihrliche Dar-
stellung finden konnen, was die Seele mit sich zu machen
hat, um so iiber sidi hinauszugehen. Ich konnte heute selbst-
verstandlich nur das Prinzipielle angeben. Wenn Sie das,
was da in diesem Buche dargestellt ist, bis zu einem ge-
wissen Grade verfolgen, werden Sie finden, warum ich die
Erlebnisse, die vollig neue Erlebnisse sind gegeniiber dem
gewohnlichen Bewufksein, zunachst Imaginationen genannt
habe, und die Bewuikseinsstufe, die sich da entwickelt, das
imaginative Bewufitsein.
Dieses imaginative Bewufitsein ist nichts Phantastisches.
Es hat einen Inhalt, der neu ist gegeniiber dem, was man
vorher erfahren hat. «Imaginatives Bewufitsein» ist ein
Wort wie so viele. Worauf es ankommt, ist, dafi in den
Imaginationen, die man sich als Bereicherung des Seelen-
lebens erwirbt, klar ausgedriickt ist, dafi sie, nun, sagen
wir, Abbilder sind einer geistigen Wirklichkeit, wie unsere
gewohnlichen Vorstellungen Abbilder sind der aufieren
physischen Wirklichkeit.
Ich habe Ihnen den Prozefi geschildert, durch den die
Seele auf der ersten Stufe sich iiber sich selbst hinaushebt
zu dem, was man imaginatives Erkennen nennt. Mit diesem
imaginativen Erkennen lebt man tatsachlich in einem Zu-
stande, den man mit einem paradoxen Wort bezeichnen
mufi - das selbstverstandlich unter den Denkgewohnheiten
der Gegenwart nur spottisch behandelt werden kann: Man
lebt, indem man seine Seele vereinigt mit dem, was man
so erlebt, man lebt aufierhalb des Leibes. Darauf kommt
es an! Und man lernt vor alien Dingen dasjenige, was
man so erlebt ohne die Zuhilfenahme des Leibes, zu unter-
scheiden: erstens von den gewohnlichen sinnlichen Wahr-
nehmungen, die an der sinnlichen Aufienwelt gewonnen
sind; aber audi von alledem, was Visionen, Halluzinatio-
nen, Illusionen sind.
Denn das mufi immer festgehalten werden: Der Weg,
der hier angedeutet worden ist, f iihrt nach der gerade entge-
gengesetzten Linie hin als der Weg, der als ein krankhafter
bezeichnet werden kann, der nach dem illusionaren, nach
dem visionaren Leben fiihrt. Gerade wer sich in das ima-
ginative Leben hineinfindet, der weifi, dafi das, was wir
sinnlich wahrnehmen, mit unseren gesunden Sinnen an der
Natur wahrnehmen, dafi das geistig hoher steht als alles,
was durch Visionen, Halluzinationen vor unsere Seele tre-
ten kann. Indem wir uns Visionen hingeben, tauchen wir
tiefer in unsere blofie Leiblichkeit hinab, verbinden wir uns
inniger mit der Leiblichkeit, durchziehen wir die Leiblich-
keit mit unserem Seelischen, machen uns nicht von ihr frei.
Wenn wir im dritten Vortrage uber den Menschen als
Naturwesen sprechen werden, wird uns klarwerden, war-
um die Inhalte der Visionen mit Geistwahrnehmungen ver-
wechselt werden konnen. Heute, wo wir von dem seelischen
Erleben sprechen, handelt es sich darum, den Unterschied
scharf hervorzuheben: daft der Visionar hinuntersteigt in
sein Leibesleben, derjenige aber, der nach der imaginativen
Erkenntnis strebt, in ein rein Seelisches sich hineinlebt,
durch das er zu einem vom Leibe unabhangigen Erleben
kommt.
Das ist, wie gesagt, eine paradoxe Vorstellung fur die
Denkgewohnheiten der Gegenwart. Derjenige, der heute
aus laienhaften Untergriinden, aus dilettantischen Vorstel-
lungen heraus an die geistige Welt kommen mochte, der
mochte sich diese geistige Welt so gern nadi dem Muster-
bilde der aufieren Wahrnehmungen vorstellen, der mochte
so gern - man sieht das an dem verhangnisvollen Spiritis-
mus -, dafi ihm, wie durch ein physisches Experiment im
Laboratorium eine Naturtatsadie, so geistige Tatsadien
entgegentreten. Er mochte den Geist greifen. Was uns aber
entgegentritt in der imaginativen Wahrnehmung, das lafit
sich nicht mit etwas Greifbarem vergleichen. Ich habe es
in dem Buch «Von Seelenratseln» verglichen - aber es ist
nicht dasselbe, es lafit sich nur vergleichen — mit den
Erinnerungsvorstellungen, die wir aus dem Untergrunde
unseres seelischen Lebens glauben heraufzuholen iiber ver-
gangene Erlebnisse. Die Diinnheit, blofi seelisch-geistig, die
solche Erinnerungserlebnisse haben, das ist das einzige,
worin der Geist, in dem die Seele wurzelt, iiberhaupt erlebt
werden kann. Nur dafi die Imaginationen, die so wie Er-
innerungsvorstellungen in der Seele aufgehen, nicht an-
kniipfen an in der physischen Welt Erlebtes, sondern dafi
sie durch ihren eigenen Inhalt ankiindigen: man ist einge-
treten in eine neue, geistige Welt, in eine Welt, die man
vorher nicht gekannt hat. Man mufi sich erst nach und
nach bekanntmachen mit der ganz anderen Art des see-
lischen Erlebens, wenn man so mit seinem Ich nun nicht
die Stiitze hat der leiblichen Organe, durch die man die
aufieren Wahrnehmungen sich verschafft; man mufi sich
nach und nach erst gewohnen in dieses Leben hinein.
Vor alien Dingen: trotzdem ich diese Vorstellungen der
imaginativen Erkenntnis mit Erinnerungsvorstellungen
verglichen habe, trotzdem hat alles, was als Imagination
auftritt, was also die Wiedergabe einer geistigen Wirklich-
keit ist, eine Eigentumlichkeit, an die wir uns sehr schwer
gewohnen, namlich die Eigentumlichkeit, dafi je vollkom-
mener eine solche geistige Wahrnehmung in der Imagina-
tion ist, desto weniger konnen wir uns, nachdem wir sie
gehabt haben, an sie erinnern. Wir sind gewohnt, an das-
jenige uns zu erinnern, was durch unsere Seele gezogen ist.
So, wie wir das geistige Erlebnis haben, so erzeugt es uns
nicht Erinnerungskraft unmittelbar; sondern der Vorgang
ist ein ganz anderer. Ich habe ihn in meinem Buch «Von
Seelenratseln» geschildert. Der Vorgang ist der folgende:
Wenn man eine bestimmte Imagination haben will, so mufi
man sidi dazu vorbereiten, man mufi die Seele iiben, dafi
sie innerlich die Krafte entwickelt, durch die die Imagina-
tion sich ihr offenbaren kann. An das, was die Seele tut,
an das, was die Seele vornimmt, um zu der Imagination
zu kommen, an das kann man sich erinnern. Dadurch kann
man die Imagination von neuem hervorrufen. Man kann
also, wenn man einmal ein geistiges Erlebnis in imagina-
tiver Erkenntnis gehabt hat, sich nicht ohne weiteres an
dasselbe erinnern, sondern man mufi wiederum alle die
inneren Seelenvorbereitungen machen; an die kann man
sich erinnern. Man kann sich sagen: Das hast du getan,
jenes hast du getan; tu* es wieder, dann bekommst du das
Erlebnis wieder. - Und nur dann, wenn es uns gelingt,
gewissermafien in das gewohnliche Bewulksein, in das ge-
wohnliche Denken, vorstellungsmafiig, Abbilder der Ima-
ginationen hereinzubringen, dann konnen wir uns an diese
Abbilder erinnern. Aber das, was wirklich Imagination ist,
das mufi immer von neuem auftreten, sonst ist es keine
wirkliche Imagination.
Eine andere Eigentumlichkeit ist diese: Vorstellungen,
die wir im aufieren Leben gewinnen, werden von uns um so
leichter gebildet, je ofter wir sie bilden. Wahrend wir da
eine gewisse Obung bekommen und die Dinge in unsere
Gewohnheit ubergehen, ist das bei dem Erleben der Ima-
gination, bei dem Erleben wirklicher geistiger Tatsadien
nicht der Fall. Das Gegenteil ist der Fall: Je ofter wir unter
denselben Bedingungen eine Imagination haben wollen,
desto undeutlicher wird sie. Daher riihrt der sonderbare
Umstand, der recht paradoxe Umstand, dafi Sdiiiler des
geistigen Lebens, die sich Miihe geben, zu gewissen Ima-
ginationen zu kommen, solche Imaginationen haben und
dann verwundert sind, warum sie sich nicht wiederholen.
Da verliert sich sogar die Gabe, die Sache wieder hervor-
zurufen, oftmals schon das zweite, dritte Mai, und es ist
dann notwendig, dafi neue und immer erneuerte Veran-
staltungen gemacht werden, um das, was uns gewisser-
mafien flieht, indem es einmal aus der geistigen Welt an
uns herangetreten ist, wieder heraufzurufen.
Solche inneren seelischen Obungen, welche diese Schwie-
rigkeiten uberbrikken, finden Sie alle im einzelnen geschil-
dert in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?», wenn audi das selbst nur ein kurzer
Abrifi desjenigen ist, was spater iiber diese Dinge von mir
gesagt worden ist.
Eine weitere Eigentumlichkeit ist diese, dafi man mit
solchen imaginativen Vorstellungen nur zurechtkommt,
wenn man in dem Denk-, wie in dem Vorstellungs-, Emp-
findungs- und Willensleben, das man sich als Mensch bis
zu dieser geistigen Schulung angeeignet hat, Anhaltspunkte
findet, um die Imaginationen mit Vorstellungen zu durch-
dringen. Wenn man nicht sorgfaltig hierauf achtgibt, kann
man zwar nicht krankhaft, aber seelisch verworren und
verdunkelt werden. Man kommt immer wiederum dazu,
sich zu sagen: Jetzt erfahrst du etwas Geistiges, das kannst
du noch nicht verstehen, du hast nicht tief genug Begriffe
dafiir ausgebildet. - Dann mufi man aufhoren, dann mufi
man den Weg so andern, dafi man versucht, sein gewohn-
liches, in der Sinnenwelt auszubildendes Vorstellen weiter-
zufiihren, um bei einer spateren Gelegenheit das zu ver-
stehen, was man vorher nicht verstanden hat.
Kurz, ich konnte nodi viele solcne Eigenschaften anfiih-
ren, man macht Bekanntschaft mit lauter Dingen, welche
frappierend, paradox sind gegeniiber dem seelischen Erle-
ben, das dem gewohnlichen Bewufksein angehort. Dann
aber erst, wenn man in dieser Weise gewissermafien das
Seelisdie losgerissen hat von dem Leiblichen, dann erst steht
man im Geistigen, in der geistigen Welt drinnen. Die Er-
f ahrung, die geistige, kann keiner bestreiten.
Mit dem, was ich Ihnen bisher geschildert habe, kommt
man bis zu gewissen Einsichten. Man kommt zu der Ein-
sicht, dafi aufier dem physischen Leib, den man an sich
tragt und der das Objekt der Anatomie, der Physiologie,
iiberhaupt der aufieren Naturwissenschaft ist, uns wirklich
das eigen ist, was ich in meinen neueren Buchern, damit
kein Mifiverstandnis entsteht, «Bildekrafteleib» nenne,
wahrend ich es friiher «Atherleib» genannt habe. Es
ist wirklich ein zweites Element, das in uns ist und das
sich niemals der gewohnlichen Wahrnehmung, dem ge-
wohnlichen seelischen Erleben ergeben kann, sondern das
sich nur ergeben kann, wenn dieses seelische Erleben bis
zur Imagination fortschreitet. Denn dieser Bildekrafteleib
ist nichts Raumliches; dieser Bildekrafteleib ist etwas, das
nur in der Zeit lebt, das aber in der Zeit so lebt, dafi alles,
was in unserem physischen Leib, sagen wir, von unserer
Geburt oder Empfangnis bis zu unserem Tode wirkt, her-
ausquillt aus diesem Bildekrafteleib. Einen zweiten Leib,
einen Bildekrafteleib tragen wir in uns. Er wird eine Reali-
tat, eine Wirklichkeit fur das imaginative Bewufitsein.
Aber weiter kommen wir mit diesem imaginativen Be-
wufksein nicht, als zu dem, was uns als Bildekrafteleib
— der Ausdruck ist paradox, das macht aber nichts — von
der Geburt bis zum Tode begleitet. Weiter kommt man,
wenn man nun zu dem, was eben angedeutet worden ist,
fortschreitend nodi in anderer Weise die nun frei gewor-
dene Seele innerlich erkraftet, innerlich erstarkt, wenn man
nun in immer erneuter und erneuter geduldiger Ubung zu
dem, was man Vorstellungsleben, was man Begriffsleben
nennt, ein ganz neues Verhaltnis bekommt.
Vorstellen ist fur uns im gewohnlichen Leben ja etwas,
wodurch wir uns die aufieren Gegenstande vergegenwar-
tigen. Wenn wir eine Vorstellung haben, glauben wir: das,
was wir innerlich von einem aufieren Gegenstand besitzen
konnen, besitzen wir eben! Davon miissen wir fur das Ge-
biet des geistigen Erlebens loskommen. Wir miissen uns
gewissermafien in die Lage versetzen konnen, unsere Vor-
stellungen wie innerlich gegeneinander kampfende Krafte
und Machte in uns im innerlichen Erkenntnisdrama ablau-
fen zu lassen. Wir miissen die Fahigkeit gewinnen, eine
Vorstellung in den Kampf mit der anderen treten zu
lassen. Wir miissen uns die Sehnsucht erwerben, wenn wir
eine Sache von einer Seite charakterisiert haben, sie auch
von der entgegengesetzten Seite zu charakterisieren. Auf
dieser Stufe werden die Ausdriicke: Materialismus, Idealis-
mus, Spiritualismus, Sensualismus und so weiter, sie werden
alle Redensarten, weil alle diese Begriffe, die blofi aus den
Begriffsnetzen herausgesponnen sind, sich eben wie photo-
graphische Aufnahmen von verschiedenen Seiten erweisen.
Wir lernen erkennen, dafi wir mit unseren Begriff en auf
geistigem Gebiete uns so verhalten miissen, wie wir uns
auf sinnlichem Gebiete in unseren Sinnesorganen verhalten.
Wir gehen um die Gegenstande herum. Wir betrachten die
Begriffe nicht als Abbilder, sondern nur als dasjenige, was
einseitig von diesem oder jenem Aspekte aus die Dinge
charakterisiert.
Der Geistesf orscher wird daher gerade den Trieb in sich
ausbilden, die Dinge von der einen Seite zu charakterisie-
ren, und sie audi von der anderen Seite, von der entgegen-
gesetzten Seite zu charakterisieren. Er wird namentlich
eine Sehnsucht empfinden, gewisse Vorstellungen sidi zu
bilden und dann sich selbst zu widerlegen, diesen inner-
lichen Kampf wirklich durchzumachen. Ich gebe da nur
einige prinzipielle innerliche Gesichtspunkte an, die man
aufsteigend wahrmachen mufi, wenn man an dem Grenz-
ort der Erkenntnis bis zu einem gewissen Punkt gekommen
ist.
Dann entwickelt sich die Seele weiter. Sie gelangt dazu,
das in sich zu entwickeln - und ich bitte, da von allem
Aberglauben oder vorurteilsvoller Vorstellung abzusehen -,
was ich in meinen Biichern genannt habe die inspirierte
Erkenntnis. In einem hoheren Grade lost sich dadurch
die Seele vom Leibe los, und nach dem Erringen dieser
Erkenntnisstuf e ist man nun nicht blofi imstande, zu iiber-
schauen, was als ein Bildekrafteleib in der Zeitenfolge unser
Dasein von der Geburt bis zum Tode begleitet, sondern
jetzt ist man imstande, audi Geistiges zu schauen, das aufier
unserem Leibe ist, geistige Wirklichkeit, wie die physi-
schen Augen physische Wirklichkeit schauen. Ich werde im
nachsten Vortrage von der aufieren geistigen Wirklichkeit
zu sprechen haben und will hinweisen zunachst auf das,
was der Mensch als in ihm selbst beschlossene geistige Wirk-
lichkeit mit dieser inspirierten Erkenntnis nunmehr schaut.
Was da auftaucht vor der inspirierten Erkenntnis, das
lebt nicht in unserem Dasein von der Geburt bis zum Tode,
das hat vor uns gelebt, bevor wir durch die Geburt, oder
sagen wir Empfangnis, in den irdischen Leib eingetreten
sind; und nachdem wir durch den Tod in die geistige Welt
eintreten werden, wird es mit uns leben. Das hat sich ver-
bunden mit den Erbmassen, die uns von Eltern und Vor-
eltern physisch uberkommen; das durdidrang dieses Phy-
sisdie. Zur Anschauung desjenigen, was von uns unserem
physischen Dasein seelisch vorangegangen ist, was unserem
physischen Tode folgt, gelangt man wirklich durdi die in-
spirierte Erkenntnis, weil man zu einem geistigen An-
schauen des von diesem physischen Leib vollig Unabhangi-
gen gelangt. Der Bildekrafteleib ist noch an dieses physische
Dasein gebunden; er zerstaubt, wenn er von diesem physi-
schen Dasein getrennt wird. Was die inspirierte Erkenntnis
wahrnehmen kann, das zerstaubt nicht, das bleibt in sich,
das ist dasjenige, das durch Geburten und Tode geht. Auf
dem Gebiete der inspirierten Erkenntnis kann nun der
Mensch wirklich sachgemajS untersuchen, was ihn verbindet
mit rein geistigen Welten, was kraftvoll arbeitet, so dafi
er dieser Mensch wird, wenn sich mit seinem geistigen Teil
verbindet die physische Erbmasse.
Und das dritte, wozu man gelangt, ist die Intuition. Da-
mit ist nicht das Unklare gemeint, das gewdhnlich mit
«Intuition» bezeichnet wird, sondern dasjenige, was ich
nun andeuten will. Was man als dritte Stufe der geistigen
Erkenntnis erringen kann, das erlangt man dann, wenn
man vollstandig gewahr wird — es wird das in einem be-
stimmten Zeitpunkte der seelischen Entwickelung auftre-
ten dafi man ein anderer ist, dafi man wirklich einen
inneren Beobachter in sich gefunden hat durch die Anstren-
gungen, die man gemacht hat durch Imagination und In-
spiration hindurch.
Da tritt ein Bedeutsames ein innerhalb desjenigen, was
ich das Erkenntnisdrama genannt habe. Da tritt etwas ein,
wo man sagen kann: Man sieht, dafi aus dem Geistigen
heraus nicht nur dieser unser physischer Leib mitgestaltet
ist, man lernt sehen, dafi unsere Seele selber, so wie sie mit
ihren Gefiihlen, mit ihren Tendenzen, mit ihren Ambi-
tionen, mit ihren AfTekten, mit ihrem Willenscharakter in
uns lebt, dafi sie so selber durch geistige Vorgange gewor-
den ist. Ein innerlicher Schicksalsschlag wird das Erkennt-
nisdrama.
Man mag Schicksalserlebnisse haben im Leben, die einen
himmelhoch jauchzend, zu Tode betriibt sein lassen, man
mag das Sdilimmste und das Freudigste erleben: was man
erlebt, wenn man das Werden nicht nur des Leiblichen,
sondern das Werden des Seelischen erlebt, das ist ein Schick-
salsschlag, ein innerlicher Schicksalsschlag, der fur den, der
ihn voll erlebt im Erkenntnisdrama, mehr bedeutet als die
hochsten und tief sten, f reudvollsten und leidvollsten Schick-
salserlebnisse des aufieren Daseins.
Wenn das so sein kann, wenn in der Seele wirklich diese
innere Kraft den Umschwung bewirken kann, dafi ihr nicht
nur das Leibliche aus dem Geistigen heraus erscheint, son-
dern das Seelische selbst innerhalb des geistigen Werdens,
dann tritt die intuitive Erkenntnis ein. Und dann ist das
Gebiet beschritten, welches die wiederholten Erdenleben,
das Zunickschauen zu friiheren Erdenleben und das Gewifi-
sein, dafi dieses Erdenleben sich wiederholen wird, umfaftt.
Die Erkenntnis tritt ein, dafi das gesamte Leben des Men-
schen besteht aus aufeinanderfolgenden Erdenleben mit
dazwischenliegenden Leben in der geistigen Welt vom Tod
zu einer neuen Geburt.
Mit alldem mufi verbunden sein, dafi unser innerer see-
lischer Blick auf etwas gerichtet wird, fur das er eigentlich
nicht eingeschult ist durch den Bezug auf die aufiere Natur.
Mit Bezug auf die aufiere Natur fragen wir stets nach der
Herkunft, nach den Ursachen. Mit den Fragen nach der
Herkunft, nach den Ursachen, kommen wir aber nicht dem
Geiste gegeniiber zurecht. Derjenige, der sich das geistige
Gebiet so erschliefit, wie ich es erwahnt habe, dem offen-
bart sidi, dafi sich in alles Wachsende, Gedeihende, in alles
Fortschreitende, sich Entwickelnde hineinstellt eine riick-
schreitendeEntwickelung, ein fortdauerndes Abbrockeln des
Daseins, ein fortdauerndes Zerstorerisches. Deshalb haben
diejenigen, die vielleicht nicht in dieser modernen Form
dies durchschauten, aber in den Formen, in denen man
friiher solche Sachen gewufit hat, gesagt: Geistige Erkennt-
nis fiihrt an die Pforte des Todes. - Man lernt erkennen,
dafi Bewufitsein, geistiges Erleben, bewufites Geist-Erle-
ben nur auftreten kann dadurch, dafi sich in das Wach-
sende, Gedeihende, in das Fortschreitende der Entwicke-
lung hineinstellt dasjenige, was dieses Dasein abbrockelt;
und man lernt erkennen, dafi der Tod nur das einmalige
grofie Ereignis ist, das man sich aufgeteilt, gewissermafien
in seine Atome zerteilt denken kann als dasjenige, was in
uns fortwahrend geschieht, wahrend wir im leiblichen Le-
ben bewu$t werden. Das Wissen in dieser Welt ist ein
Hereintreten im kleinen desjenigen, was uns mit einem
Schlag uberfallt, wenn wir durch die Pforte des Todes
gehen.
Man lernt die Verwandtschaft des Bewufitseins mit dem
Sterben erkennen. Und eben dadurch, dafi man die Ver-
wandtschaft des Bewufitseins mit dem Sterben erkennen
lernt, dadurch lernt man auch erkennen, wie dieses Be-
wufitsein hindurchschreitet durch die Pforte des Todes, wie
der Tod gerade ein Erwecker ist eines anderen Bewufitseins,
in das wir eintreten, wenn wir den physischen Leib ab-
legen, den wir ja gewissermafien nur behufs der Erkennt-
nis ablegen, wenn wir solche imaginative, inspirierte, intui-
tive Erkenntnis erwerben.
Man mufi sich hineinfinden, iiber seine Beziehung zur
Welt in ganz anderer Art zu denken, als man es vorher
gewohnt war, wenn man sidi einen wirklichen Begriff
madien will von geistigem Erkennen. Vor alien Dingen
mu£ man den Glauben ganz verlieren, dafl man den Geist
irgendwie finden kann, wenn man die materielle Welt
deutet, wenn man die materielle Welt irgendwie kritisiert,
wenn man an der materiellen Welt Gesetze findet. Die
Gesetze, die man an der materiellen Welt findet, die gelten
audi nur fur die materielle Welt. Den Geist findet man
nicht durch Deutung der Sinneswelt; den Geist findet man
im physischen Leib an der Sinneswelt; aber man findet ihn
im f reien Erleben des geistigen Gebietes.
Ich kann mich durch einen Vergleidi klarmachen: Wenn
wir die Wortreihen, die Buchstabenreihen lesen, so nehmen
wir sie nicht so auf, dafi wir sagen: da ist ein senkrechter
Strich, da ist ein horizontaler Strich; wir deuten nicht die
Buchstaben, wir sehen iiber die Buchstabenreihe und Wort-
reihe hin, und da entwickelt sich ein innerlicher Inhalt.
Dieser Inhalt hat mit einer Deutung der Buchstaben nichts
zu tun. Man mufi lesen gelernt haben. Was sich beim Leser
entwickelt, ist etwas ganz anderes, als was in den Buch-
staben liegt. Man kann nicht den Geist, den man beim
Lesen aus den Buchstaben heraus findet, aus dem Setzer-
kasten holen. Ebensowenig kann man aus der Natur durch
Deutung der Natur das geistige Leben finden. Das geistige
Leben kann man nur finden, wenn man die Seele iiber sich
selbst hinaufhebt und dadurch dasjenige findet, was nun
aus dem Geiste selbst hereinragt in dieses physische Leben,
insofern im Physischen die Seele sich erlebt zwischen Ge-
burt und Tod.
Sie sehen, da kommt eine Seelenwissenschaft zustande,
welche gut neben der Naturwissenschaft stehen kann, weil
sie gar nicht die Methoden auf das Seelische iibertragt,
welche an der Natur herangebildet sind, weil sie aber
audi nicht bei diesem Seelischen, wie es im gewohnlichen
Dasein erlebt wird, stehenbleibt, sondern in dieses See-
lische hineintragt ein Objektives, aus dem heraus dieses
Seelische sich erlebt, und aus dem auch das Leibliche gebo-
ren ist, wie wir im dritten dieser Vortrage sehen werden.
Das sind einige Andeutungen, nur die allerersten,
elementaren Andeutungen - bezuglich alles iibrigen mull
ich auf meine Biicher verweisen — , Andeutungen, wie der
Mensch das finden kann, das in ihm liegt und das sein
Ewiges ist, wie diese Seelenlehre, die anthroposophisch
orientiert ist, den Menschen wiederum wirklich dazu fiihrt,
daft nun nicht mehr einzutreten braucht, was bei einem
sehr bedeutenden, aber tragisch sein Denken ertragenden
Forscher der Gegenwart eingetreten ist, bei dem im Marz
dieses Jahres hier in Zurich verstorbenen grofien Psycho-
logen Franz Brentano. Franz Brentano lebte sich hinein in
die psychologische Forschung in dem Zeitalter, als die
aufiere naturwissenschaftliche Denkweise heraufkam. Er
wollte die naturwissenschaftliche Methode, so wie sie ist,
anwenden auf das Seelenleben. Man kommt mit dieser
naturwissenschaftlichen Methode aber nicht weiter, als Vor-
stellungen zu vergleichen: wie Gefuhle aus der Seele her-
auf wollen, wie Aufmerksamkeit ist und so weiter im
aufieren physischen Leben. Aber Franz Brentano beklagt
es in seinem Buch «Psychologie vom empirischen Stand-
punkte», im ersten Band, den er geschrieben hat, und der
der einzige geblieben ist, er beklagt, was die Seelenwissen-
schaft da nicht erreichen kann, indem er sagt: Was kann uns
helfen, wenn wir auch recht naturwissenschafllich zu Werke
gehen, die Vergleichung von Vorstellungen, die Assoziation
von Vorstellungen, das Entstehen von Lust und Unlust und
so weiter, wenn sich die groften HofFnungen eines Platon und
Aristoteles nicht erfiillen konnen: dafi wir Einsidit gewin-
nen konnen durch die Seelenwissenschaft in das Fortleben
des besseren Teiles unseres Wesens nach dem Durdigehen
durch die Pforte des Todes. - Franz Brentano beklagt, dafi
er mit seinen Mitteln sich an diese Probleme nicht heran-
machen kann. Das ist merkwiirdig, wie er bis zu seinem
Lebensende gerungen hat mit diesen Problemen. Die Auf-
richtigkeit, die Ehri'chkeit seines Ringens geht gerade aus
dem tragischen Umstande hervor, den ich im dritten Ka-
pitel meines Buches «Von Seelenratseln» in einem Nachruf
an Franz Brentano ausgefiihrt habe. Immer wieder und
wiederum versprach er die Fortsetzung seiner « Psycho-
logies nachdem der erste Band erschienen war. Sie war
auf vier oder fiinf Bande berechnet, im Friihling 1874 er-
schien der erste Band, fiir den Herbst versprach er den
zweiten, dann in kurzen Zeitraumen die folgenden: Nichts
ist wieder erschienen! Er wollte mit naturwissenschafblicher
Methode das Seelenleben meistern, er wollte ehrlich und
aufrichtig zu Werke gehen. Hatte er es vermocht, hatte
nicht die naturwissenschafcliche Methode wie ein Bleige-
wicht an seinen Forscherkraften gehangen, weil er sie eben
mi£verstand, er ware fahig gewesen, einzutreten durch das
Tor in das geistige Erleben, das aus der Seele etwas herauf-
holt, was nicht da sein kann, wenn man blofi naturwissen-
schaftliche Methoden hat. An dem tragischen Forscherleben
Franz Brentanos zeigt sich wie an vielen anderen Person-
lichkeiten der Gegenwart - aber bei ihm, weil er eine so
bedeutende und zu gleicher Zeit innerlich so grundehrliche
Natur war, besonders eindringlich -, wie gerade durch die
naturwissenschaftlichen Errungenschaften eine solche See-
lenwissenscliaft mit Notwendigkeit gefordert wird, die
nur in vom Leiblichen befreiten seelischen Erfahrungen er-
langt werden kann. Da werden wiederum die grofien Pro-
bleme vor die Seele hintreten konnen, die vor alien Din gen
den Menschen beschaftigen miissen, indem er den Blick auf
sein eigenes Seelenleben richtet: das grofie Problem des un-
sterblidien Lebens - indem wir den wirklich unsterblichen
Teil erfassen durch solche Methoden, wie wir es geschildert
haben - und audi das Problem der Willensfreiheit, von
dem wir in diesen Vortragen noch sprechen werden, beides
Probleme, die gerade die wichtigsten, die zwingendsten
sind. Man lese aber nach die Psychologien der letzten Jahr-
zehnte. Diese Probleme sind vollstandig verbannt, ja ver-
schwunden aus der psychologischen Forsdiung, einfacli aus
den Griinden, die in der heutigen Betrachtung angegeben
worden sind.
Aber nicht nur, dafi man an diese grofien Seelenfragen
herankommt! Sondern audi dasjenige, was der Psychologe
sucht, was er gerade mit seinen durch Vertiefung in die
naturwissenschaftliche Denkweise entstandenen Methoden
erforschen will, audi das wird erst vollig klar, wenn man
es verfolgen kann von dem Gesichtspunkte aus, der hier
angedeutet worden ist. Die Sache liegt schon so: Natur-
wissenschaft wird auf der einen Seite gelten, Geisteswissen-
schaft, Geistesforschung auf der anderen Seite. Aber wie
man beim Tunnelgraben, wenn man riditig alles erwogen
hat, von zwei Seiten grabend, in der Mitte sich zusammen-
findet, so finden sich Geistesforschung und Naturforschung
zusammen und geben erst ein Ganzes der vom Menschen
erstrebten Erkenntnis.
Ich will nur ein Beispiel anfiihren, wie auch die gewohn-
liche Psychologie dadurch erobert werden kann, dafi man
sich in diese hohen Gebiete begibt, auf welche heute nur
elementar hingedeutet worden ist. Es liegen vor dem Men-
schen, wenn er psychologisch forscht, solche Fragen wie die
nadi dem Gedachtnis, nadi der Erinnerung. Man konnte
verzweif eln, wenn man sich in den gewohnlichen Psycho-
logien mit dem Erinnerungsproblem befafit. Da wird einem
so ganz klar, wie da die Grenzorte des Erkennens sind:
Der Mensch stellt sich etwas vor, gewinnt eine Vorstellung
an einer aufieren Wahrnehmung; nun ja, diese Vorstellung
«geht hinunter» ins seelisdie Element, «verschwindet», so
sagt man, aber der Mensch kann sich spater an die Vorstel-
lung erinnern. Wo war sie?
Ich will mich jetzt nicht verbreiten iiber all das, was seit
Jahrhunderten gesagt wird iiber diese Fragen. Nach der
einen Seite sagt man: Solche Vorstellungen verschwinden
hinunter ins Unbewufke, treten dann wiederum hinauf
iiber die Schwelle des Bewufitseins. - Ich mochte jemanden
kennen, der imstande ist, wenn er diese Worte pragt, mit
ihnen einen inhaltlichen Sinn zu verbinden! Man verliert
sofort einen Sinn, wenn man von diesem «Hinuntersteigen»
und « Hinauf steigen» der Vorstellungen spricht. Sprechen
kann man von allem; aber vorstellen kann man es sich
nicht; denn es entspricht keiner irgendwie gearteten Wirk-
lichkeit. Die mehr physiologisch orientierten Psychologen
sprechen davon, dafi «Spuren» sich «eingraben» in das
Nervensystem, in das Gehirn; diese Spuren «rufen» dann
diese Vorstellungen «erneut hervor». Man krankt dann
daran, zu erklaren, wie aus diesen Spuren hervorgegraben
wird die Vorstellung, die hinuntergezogen ist. Wie gesagt,
man kann verzweifeln an dem, was da Inhalt der gewohn-
lidien Psychologien ist. Wieviel ernste, edle, echte Forscher-
arbeit wird doch auf diese Probleme gewendet! Durchaus
nicht verkannt werden soli diese ehrliche, echte Forschungs-
arbeit.
Die Wahrheit ist aber, dafi auch diese einfache Tatsache
des Seelenlebens sich erst im rechten Lichte zeigt, wenn
man sie mit derjenigen Kraft der Seele betrachtet, die nun
die Geistorgane hat, die nun wirklich vom Gesichtspunkte,
der in der geistigen Welt eingenommen wird, auch das ge-
wohnliche Seelenleben beobachtet. Da merkt man: Es ist
gar keine Rede davon, dafi eine Vorstellung, die idi jetzt
habe, irgendwo «hinunterzieht» und irgendwo wieder
«heraufkommt». Das Erinnern wird iiberhaupt ganz falsch
vorgestellt. Eine Vorstellung, die ich durch eine auftere
Wahrnehmung jetzt gewinne und jetzt habe, die lebt in mir
iiberhaupt nicht als etwas Reales, sondern als Spiegelbild,
das sich die Seele bildet durch die Spiegelung des Leibes.
Wir werden davon naher im dritten Vortrage sprechen.
Und es lebt diese Vorstellung nur jetzt! Wenn ich sie aus
dem Seelenleben verloren habe, dann ist sie nicht mehr da.
Es gibt das gar nicht: Hinuntertauchen von Vorstellungen
und Wiederherauftauchen - und so Erinnerungen bilden.
Die triviale Vorstellung der Erinnerung ist schon falsch.
Worauf es ankommt, ist: wenn man die Kraft der Seele
fur das geistige Schauen gescharft hat, so sieht man - wie
man in der Aufienwelt beobachtet, so kann man im Geiste
das beobachten — , daft, wahrend wir eine Vorstellung ge-
winnen durch eine Wahrnehmung, noch ein anderer Vor-
gang vor sich geht. Und nicht der Vorstellungsvorgang,
sondern dieser andere, unterbewufke Vorgang, der sich
parallel dem Vorstellen abspielt, erzeugt in uns etwas, das,
indem ich die Vorstellung habe, gar nicht unmittelbar ins
Bewufksein kommt, das aber fortlebt. Habe ich jetzt eine
Vorstellung, so entsteht ein unterbewufiter und jetzt rein
an das Korperliche gebundener Prozefi. Wenn spater durch
irgendeine Veranlassung dieser Prozeft wieder aufgerufen
wird, dann bildet sich, indem die Seele jetzt hinblickt auf
diesen Prozefi, der ein rein leiblicher ist, aufs neue die
Vorstellung. Eine erinnerte Vorstellung ist eine aus den
Tiefen des Leibeslebens herauf gebildete neue Vorstellung,
die der alten gleicht, weil sie durdi den unterbewufiten
Prozefi, der sich gebildet hat im leiblichen Leben, herauf-
gerufen wird. Die Seele liest gewissermafien das Engramm,
das in dem Leibe eingegraben ist, wenn sie sich an eine
Vorstellung erinnert.
So werden schon die gewohnlichen Vorstellungen der
Psychologen korrigiert. Man gewinnt das Richtige anstelle
desjenigen, was im gewohnlichen Erleben ganz falsch vor-
gestellt wird. Und so konnte ich, die ganze Psychologie
durchgehend, Ihnen an vielen Punkten zeigen, wie sich vor
der wirklichen Erkenntnis das, was die Seele eigentlich
glaubt als ihr Erlebnis zu haben, als eine Illusion erweist,
wie man ganz f alsche Vorstellungen iiber dieses Seelenleben
hat, wie diese sich erst korrigieren lassen mussen dadurch,
dafi die Seele sich befreit vom Leibe und nun wirklich vom
geistigen Gesichtspunkte aus ihr Erleben beobachten kann.
Gerade durch solche Vorstellungen, die auf der einen
Seite wirklich der Wissenschaft den Geist erschliefien und
die geistige Welt eroffnen, wird auf der anderen Seite erst
dasjenige, was in treuer und fleifiiger Forschung nach natur-
wissenschaftlicher Methode auch in der Experimentalpsy-
chologie, in der physiologischen Psychologie gewonnen
wird, an die rechte Stelle geriickt. Und diesen Gebieten
steht wahrhaftig die anthroposophisch orientierte Geistes-
wissenschafl; nicht feindlich, nicht unsympathisch gegen-
iiber. Sondern sie, die weifi, dafi die gewohnlichen Metho-
den, die an der aufieren Natur gewonnen werden, im
seelischen Erleben nicht zu Losungen, sondern nur zu Fra-
gen fiihren konnen, zu richtigen Fragestellungen, sie wird
gerade durch ihr Licht erst dasjenige recht fruchtbar machen
konnen, was auf dem aufieren naturwissenschaftlichenWege
gewonnen werden kann.
Wie das Arbeiten der anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft wirklich von der anderen Seite des
Berges her, wie man einen Tunnel von zwei Seiten grabt,
der Naturwissenschaft sidi entgegen arbeitet, kann sich
audi an einem weiteren Beispiel zeigen. In der letzten Zeit
sind darwinistisch orientierte Naturforscher zu etwas sehr
Interessantem gekommen, das ich gleich anfiihren werde.
Vorher will idi noch erwahnen, dafi die unterbewufke
Tatigkeit, welche der Erinnerung zugrunde Hegt, indem sie
sich parallel dem Vorstellen unterbewufit entwickelt, zwar
etwas anderes, aber verwandt ist mit dem, was in den Ver-
erbungskraften, in den Wachstumskraften liegt. Den Kraf-
ten, die in uns wachsen, sind diejenigen Krafte verwandt,
die wirksam sind im Unterbewufiten, wenn wir an einer
sinnlicben Wahrnehmung eine Vorstellung bilden und die
Dispositionen hervorrufen im Leiblichen, die spater ge-
lesen werden, die zur Erinnerung fiihren. Durch wirklidie
seelische Beobachtung kommt man zu einer klaren An-
schauung iiber die Verwandtschaft der Gedacbtniskrafte
mit den Vererbungs- und Wachstumskraften. Es wird eine
Briicke geschaffen - und wir werden von solchen Briicken in
den nachsten Tagen noch deutlicher sprechen — zwischen
Seelisch-Geistigem und Leiblichem.
Und nun sehe man, wie Richard Semon, der darwini-
stisch orientierte Naturforscher, in einem sehr interessanten
Buche ausgeht von den Vererbungsverhaltnissen, von dem
Auftreten von Vererbungsmerkmalen, und dazu kommt,
diese Vererbungskrafte zusammenzubringen mit den Ge-
dachtniskraften! Der Naturforscher kommt also dazu, die
Vererbungskrafte verwandt mit den Gedachtniskraften zu
finden, Der Seelenforscher kommt dazu, die unterbewufi-
ten, der Erinnerung zugrundeliegenden Krafte mit denen
der Vererbung verwandt zu finden!
Diese Dinge geschehen ganz unabhangig voneinander.
Was Richard Semon als Mneme beschrieben hat in seinem
sehr interessanten Buch, das begegnet sich mit der Seelen-
forschung, die anthroposophisch orientiert ist, und die sich
auf die Betrachtung derjenigen Gebiete ausdehnt, die nach
naturwissenschaftlichen Methoden auch am Menschen er-
forscht werden. Doch davon dann im dritten Vortrage.
Gewift, schon das Elementare, das ich mir erlaubte heute
vorzubringen uber die Erfolge eines wirklichen Geist-
Erlebens der Seele und dadurch uber die Begriindung einer
neueren Seelenwissenschaft, es mufi den Denkgewohnheiten
der Gegenwart gegeniiber vielfach paradox erscheinen.
Aber wenn das auch durchaus gerade dem am begreiflich-
sten ist, der in diesen Dingen drinnensteht, so darf wohl
auch gesagt werden, man moge sich nur wirklich nicht blofi
in einem Vortrage anregen lassen, sondern sich vertiefen
in den ernsten Gang geisteswissenschaftlicher Forschung.
Man wird sehen, dafi die Krafte zwar auf andere Weise
verwendet werden als auf dem Gebiet der Naturwissen-
schaffc, dafi aber der Forscherweg der Anthroposophie nicht
minder ernst, nicht minder miihevoll ist als derjenige, der
auf seiten der naturwissenschaftlichen Forschung entwickelt
wird, wenn auch gerade dasjenige, was bei der Natur wis-
senschaft Resultat, Ergebnis ist, bei der Geistesforschung
Ausgangspunkt sein mufi: Wir langen bei den Begriffen,
Vorstellungen, Naturgesetzen an, wenn wir Natur erfor-
schen wollen. Wir gehen davon aus, dafi uns das, was Na-
turforscher erleben, bis an die Grenzorte bringt, wenn wir
in die Geistesforschung und in die anthroposophische See-
lenforschung eintreten wollen.
So meine ich, dafi die Psychologie, die Seelenforschung,
die auf Anthroposophie fufit, nicht als gegnerisch gegen-
iiber den berechtigten Forderungen der heutigen natur-
wissenschaftlichen Denkweise bezeidinet werden darf. Im
Gegenteil: sie lehnt nichts ab, was aus den berechtigten
Forsdiungen der Naturwissenschaft hervorgeht; sie ist nir-
gends gegnerisch zu dieser berechtigten Naturwissenschaft!
Aber sie kann nicht stehenbleiben etwa dabei, blofie logi-
sche Folgerungen zu ziehen aus dem, was die Naturwissen-
schaft schon selbst gibt. Eine solche Philosophie bedeutet
Geisteswissenschaft nicht, die nur weiter logische Folgerun-
gen ziehen will aus der Naturwissenschaft. Nein! Ein
hoheres Bekenntnis mufi die anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft ablegen, das Bekenntnis, dafi hervor-
gehen mufi diese Geistesforschung aus der Naturwissen-
schaft nicht als eine abstrakte logische Folge, sondern als
ein lebendiges Kind.
Und den Glauben, den starkeren Glauben als mancher
Naturforscher, der die Geistesforschung ablehnt, den star-
keren Glauben an die Naturforschung hat der Geistesfor-
scher, dafi diese Naturforschung stark genug ist, nicht nur
zu ihren logischen Konsequenzen zu fuhren, sondern stark
genug, ein ganz Lebendiges gleichsam aus sich heraus zu
gebaren, das entsteht mit eigener Lebenskraft, durch eigenes
freies Leben gedeihen mufi, und das sein mufi: die von der
Naturwissenschaft selber geforderte Geisteswissenschaft.
Fragenbeantwortung
nach dem Vortrag in Ziirich, $. November 19 17
Zum Thema der wiederholten Erdenleben wurden mehrere Fragen
gestellt.
Sehr verehrte Anwesende! Die Fragen, die hier aufge-
worfen worden sind, sie sind solche, daft vieles Unbefrie-
digende an der Antwort bleibt, wenn man sie kurz beant-
wortet, oder aber, daft man, wenn man sie richtig befriedi-
gend beantworten wollte, ganze Biidier sprechen miiftte.
Zunachst liegt die Frage vor:
Was fur einen Zweck hat die Reinkarnation?
Ja, sehr verehrte Anwesende, im Grunde genommen ist
die Frage nach dem Zweck - ich muft schon der Antwort
den wissenschaftHchen Charakter geben, sonst ist es ja nur
einHerumreden — geradeso wie die Frage nach dem Grunde—
ob nun die Teleologie berechtigt ist oder nicht, darauf kann
ich mich nicht einlassen eine Frage, die in der pbysischen
Welt entspringt, innerhalb der physischen Welt ihre Bedeu-
tung hat. Die Reinkarnation - wenn man so die wieder-
holten Erdenleben nennen will, ich vermeide gern Schlag-
worte, deshalb sprach ich auch heute von wiederholten Er-
denleben -, die Reinkarnation aber ist von Gesetzen ge-
tragen, welche der geistigen Welt angehoren, welche in der
geistigen Welt ihre Bedeutung haben. Und daran gewohnt
man sich am allerschwersten: dafi man beim Obergang von
der physischen Welt in die geistige Welt auch seine Begriffe
wandeln, metamorphosieren mufi, daft die Begriffe, welche
fur die physische Welt gelten, ihre Bedeutung, ihre Trag-
weite verlieren, wenn man in die geistige Welt eintritt. Wer
begonnen hat, den eigentlichen Charakter der geistigen
Welt zu kennen, der fragt nicht eigentlich, wie man nach
dem Zwecke einer Masdiine fragt, nach dem « 2 week des
Menschen », viel weniger nach dem «Zweck der Reinkar-
nation».
Ich habe im Laufe des Vortrags gesagt: die Denkungs-
weise, die an Hand der Naturwissenschaft gewonnen wird -
das ist ja im wesentlichen auch die Denkweise, die an der
physischen Aufienwelt gewonnen wird -, sie fuhrt hoch-
stens zu den richtigen Frage-Stellungen; aber die Antwor-
ten raufi man dann versuchen, aus der geistigen Welt her-
einzuholen.
Nun, natiirlich, wer so etwas fragt: «Welchen Zweck hat
die Reinkarnation?» der denkt sich etwas dabei. Es ent-
spricht das einem gewissen Bediirfnis, etwas zu wissen, ob-
wohl die Frage nach dem Zweck ja eigentlich in dieser
Sphare nicht anwendbar ist, um die es sich da handelt. Nun
aber bitte ich Sie, folgendes zu bedenken. Ich mochte sagen,
ich mufi die Bausteine zur Fragenbeantwortung zusam-
mentragen. Geisteswissenschaft ist eben etwas, was man
nicht wie ein kleines Handbuch so schnell sich aneignen
kann, sondern es ist etwas, was wirklich ein sehr umfas-
sendes Gebiet ist.
Wenn wir im Leben Fragen stellen, so konnen wir so
ver fahren, dafi wir gewissermafien mit den Fragen immer
bis ans Ende gehen. Aber vielleicht wird das nicht in alien
Fallen anwendbar sein. Sehen Sie, soldi eine Frage wie
diese, die wird einem hundert und hundertmal gestellt. Ich
habe oftmals das Folgende dazu gesagt: Es kann Menschen
geben, die wollen von Zurich nach Rom fahren, und sie
wollen den Weg wissen. Ja, wenn ihnen jemand den ge-
nauen Weg mit alien Details nicht angeben kann in Zurich
hier, so wollen sie uberhaupt nicht nach Rom fahren. Es
kann aber audi solche Menschen geben, weldie befriedigt
sind, den Weg von Ziiridi nach Lugano zu wissen, und die
dann befriedigt sind, wenn sie in Lugano erfahren, wie sie
weiterkommen, und dann, wie sie wieder weiterkommen.
Das ist ein Vergleich. Er will das Folgende besagen: Wenn
wir in einem Erdenleben stehen, so ist dieses hinblickend
auf folgende Erdenleben. Darinnen driickt sich eine Ent-
wickelung aus. Wir werden in anderen Erdenleben Dinge
gewinnen, die wir in diesem Erdenleben nicht gewinnen.
Wir gehen durch Erlebnisse, die uns andere Priifungen, an-
dere Erfahrungen bringen. Wiirden wir in diesem Erden-
leben alle Fragen beantworten konnen, so wiirde dieses
Erdenleben nicht folgende Erdenleben erzeugen!
So handelt es sich fur Geisteswissenschaft darum, die Tat-
sacbe der Reinkarnation, wenn ich den Ausdruck schon ge-
braudien soil, hinzustellen. So wie der Mensch dem einzel-
nen Erdenleben aus seinen freien Impulsen heraus den
Zweck gibt, so gibt er aufeinanderfolgende Zwecke, von
denen einer aus dem anderen hervorgeht, den wieder-
holten Erdenleben. Und er wird sich nicht einbilden, in
einem Erdenleben den ganzen Umfang des menschlichen
Daseins, das durch die wiederholten Erdenleben geht, zu
definieren. Definitionen, die etwas umfassen wollen, ge-
wdhnt man sich uberhaupt ab, wenn man in das wirk-
lich geistige Seelenerleben hineinkommt. Definitionen sind
im gewohnlichen physischen Leben ganz gut; im geisti-
gen Leben, wo alles auf Aspekte hinauslauft, da wird man
wirklich, wenn jemand just Definitionen verlangt, erin-
nert an das Beispiel, das in der griechischen Literatur ge-
geben ist, wo ausgefiihrt wird, was eine Definition ist. Auf
die Frage, wie man einen Menschen definieren solle, wird
gesagt - man kann ja immer nur aus einzelnen Merkmalen
heraus definieren -: Ein Mensch ist eine Wesenheit, die
zwei Beine und keine Federn hat. - Da brachte das nach-
ste Mai einer einen Hahn mit, den er gerupft hatte - als
«Menschen».
Nun, ich weifi selbstverstandlich, was die Logik alles
fordert von einer riditigen Definition. Dennoch, vor dem
geistigen Auge nehmen sich Definitionen doch als Einseitig-
keiten aus. Ebenso alle Zwecksetzungen, Kausalsetzungen
und so weiter. Die Wirklichkeit ist etwas, in das man sich
hineinfindet, in dem man lebt und webt, das man aber nicht
mit einseitigen Begriffen umspannen wird. Man wird in
den aufeinanderfolgenden Erdenleben die Zwecke finden.
So dafi also ein rechter Inhalt nicht da ist bei der Frage
nach dem «Zweck der Reinkarnation».
Frage: Ist Reinkarnation ein Produkt der Vorstellung im Geistigen?
Ja, sehr verehrte Anwesende, das kann man schon sagen,
aber man mufi dazunehmen, was ich in meinem Buch «Von
Seelenratseln» gezeigt habe: Vorstellungen, so wie man sie
im gewohnlichen Bewufitsein hat, sind eigentlich vor dem
geistigen Schauen keine wirklichen Vorstellungen, sondern
sie sind abgelahmte Vorstellungen, sie sind wie die Leichen
der Vorstellungen. Das ist das Merkwiirdige. Was in der
Seele lebt, ist weit mehr als das, was im gewohnlichen Be-
wufitsein zum Bewufitsein kommt. Was in der Seele lebt,
wird herabgelahmt, weil es nicht ertragen wiirde vom ge-
wohnlichen Bewufitsein, und lebt dann wie ein Vorstel-
lungsleichnam. Daher die abstrakten BegrifFe in der Seele.
Was man da hat, das ist eigentlich nur ein Spiegelbild, das
ist etwas, was auftritt und vergeht, was gar nicht erinnert
wird, wie ich im Vortrag ausgefuhrt habe. Was aber dahin-
tersteht, was in die Imagination hereinkommt, diese leben-
dige geistige Realitat, da's ist dasjenige, was durch den Tod
hindurchgeht und was in den Kraften der Reinkarnation
allerdings lebt. Vielleidit wird das die Antwort der Frage
sein.
Frage: 1st Reinkarnation absolute gesetzmafiige Einrichtung, nicht
ein Ergebnis der Bildekrafte?
Ein Ergebnis der Bildekrafte ist nur das Leben zwischen
Geburt und Tod beziehungsweise Empfangnis und Tod.
Aber das, was hier Reinkarnation genannt wird, stent
unter weit hoheren geistigen Gesetzen. Ob sie eine « gesetz-
mafiige Einrichtung» ist, das ist schwer zu beantworten; sie
ist eben eine Tatsache. Die wiederholten Erdenleben sind
eine Tatsache. «Ein Ergebnis der Bildekrafte ?» Den Bilde-
krafteleib eignet sich der Mensch erst an, wenn er als Seele
gegen die Empfangnis zugeht; den legt er audi nach dem
Tode wieder ab; der Bildekrafteleib ist - wie ich im Vor-
trag ausgefuhrt habe — nichts Ewiges. Die Krafte aber, die
in Betracht kommen, wenn von den Gesetzen der Reinkar-
nation gesprochen wird, sind solche, die gar nicht herein-
treten, nicht nur nicht ins Ich-Bewufitsein, sondern gar nicht
in den Bereich der gewohnlichen physischen Welt.
Sehen Sie, da konnte sich schon auf diesem Gebiete der
Weg fur viele Menschen eroffnen, wenn man nur suchen
wiirde in der richtigen Weise. Es handelt sich darum - wie
ich schon fiir einzelne Dinge angegeben habe — , dafi die
Erlebnisse in der geistigen Welt paradox wirken gegen-
iiber den Erlebnissen des gewohnlichen Daseins, dafi in
vieler Beziehung die Dinge ganz anders wirken, die man
erlebt, wenn man in die geistige Welt eintritt, gegeniiber
den Dingen der physischen Welt. Und da mufi man sagen:
der Mensch kommt, weil er sein Vorstellungsvermogen nach
den Erfahrungen des naturlichen Lebens, des naturlichen
Geschehens einrichtet, mit seinen Begriffen kaum iiber
Raumesvorstellungen hinaus. Eine genauere, eine wirklich
ehrliche Selbsterkenntnis zeigt, wie wenig der Mensch iiber
Raumesvorstellungen hinauskommt. Denn sehen Sie: die
Zeitvorstellungen, woran gewinnt man sie? Eigentlich aus
Raumvorstellungen! Die Raumanderungen, die Ortsande-
rungen der Sonne, des Mondes, der Zeiger der Uhr sogar
bei uns, aus denen gewinnen wir Zeitvorstellungen. Aber
es sind eigentlich Raumvorstellungen, die wir da haben.
Das Geistige aber in seiner niedersten Form als Bildekrafte-
leib lebt schon in der Zeit. Da mufi man schon eine wirk-
liche Vorstellung von der Zeit haben!
Aber eine wirkliche Vorstellung von der Zeit verschaff en
sich heute die wenigsten Menschen. Und noch weniger ver-
schafft man sich eine wirkliche Vorstellung von den ver-
schiedenen Geschwindigkeiten — also jetzt nicht Zeiten,
sondern Geschwindigkeiten — , die im Seelisch-Geistigen
herrschen. Unser seelisches Leben beruht darauf, dafi zum
Beispiel das Denken, das Vorstellen, mit einer ganz an-
deren Geschwindigkeit ablauft als das Fiihlen, und dieses
wiederum mit einer ganz anderen Geschwindigkeit als das
Wollen. Diese Dinge - dafi innerlich im Seelenleben ver-
schiedene ineinandergeschichtete Geschwindigkeiten sind -
bewirken gerade das innere Entstehen des Bewufkseins.
Bewufitsein entsteht nur da, wo irgend etwas sich stort.
Daher ist Bewufitsein sogar verwandt mit dem Tode:
weil der Tod das Leben stort. Aber uberhaupt: es stort
sich etwas! Daher ist zum Beispiel die Bergsonsche Vor-
stellung so falsch, dafi man iiberall aufs Leben sehen mufi
und auf die Bewegung; wahrend man geradezu zum Wesen
der Bewegung kommt, wenn man die Bewegung hindert,
zum Wesen des Lebens kommt dadurch, dafi man sieht,
wie das Leben vom Tode erfaiSt wird. Etwas anderes,
als das Leben auffassen, ist es, in das Wesen des Lebens
eindringen.
Diese Dinge fiihren dazu, einzusehen, dafi Gesetzmafiig-
keit selbst etwas anderes wird, wenn man in das geistige
Leben eintritt, was vielen Menschen hochst unbequem ist.
Sie fassen daher gar nicht den Mut, in die geistige Welt
einzudringen mit ihren Begriffen und Ideen: weil diese
BegrifFe und Ideen sich verandern miifiten! Wenn man
wirklich geistig forscht, lernt man das im Grunde genom-
men sehr, sehr griindlich kennen. Ich rede sehr ungern von
Personlichem, weil das Personliche mit dem Objektiven
nicht viel zu tun hat. Aber vor vielen Jahren schon trat
mir eine wichtige Frage entgegen, die auf einem gewissen
Spezialgebiet fur mich fruchtbar geworden ist: Herbart
und andere Psychologen haben das Rechnen, die Mathe-
matik angewendet auf die Seelenforschung; sie versuditen,
seelische Tatsachen zu berechnen. Eduard von Hartmann
hat dann sogar moralisch zu nehmende Tatsachen zu be-
rechnen versucht, indem er den Pessimismus mathematisch
zu begriinden unternahm; auf die eine Seite, die Soll-Seite
des Lebens buchte er alle Lusterlebnisse, auf die Haben-
Seite alle Unlusterlebnisse und sagte dann: die Bilanz er-
gibt einenOberschufi anUnlust - also ist das Leben schlecht.
Ich habe gezeigt, daft die ganze Rechnung unsinnig ist.
Sie konnen diesen Beweis finden in dem entsprechenden
Kapitel meiner «Ph^osophie der Freiheit», die 1894 ge-
schrieben ist. Wenn man hier von Rechnung sprechen will,
so ist der Rechnungsanfang ganz anders zu machen. Er ist
so zu machen, dafi man nicht eine Subtraktion macht, eine
zur Bilanz fiihrende Subtraktion, sondern dafi man eine
Division aufschreibt, einen Bruch, dafi man als Zahler auf-
schreibt alles, was man an Lust, an Freude, an Erhebung
erlebt in seinem Lebenslauf , und als Nenner alien Schmerz,
alles Leid. Betrachten wir diesen Bruch. Wann wiirde das
Leben nicht mehr lebenswert erscheinen? Wenn der Nenner
Null ware, gar kein Schmerz da ware, so ware der Wert
unendlidi grofi. Aber der Nenner mufi unendlich grofi
werden, wenn der Brudi den Wert Null haben sollte. Das
heifit: erst dann wiirde das Leben nicht mehr lebenswert
erscheinen, wenn die Schmerzen unendlidi grofi waren. Die
Entscheidung dariiber gibt uns keine abstrakte Rechnung,
sondern die Entscheidung gibt uns das Leben selber. Das
Leben rechnet so!
Wenn man auf seelische Ereignisse sieht, so kann man
das Verhaltnis der Rechnung zum seelischen Ereignis nicht
so machen, wie Herbart oder wie Hartmann in diesem
Falle. Sondern das Leben gibt das Resultat, und wenn man
dann hinaufkommt in die geistigen Welten, so zerteilt sich
das Resultat auseinander - eine Summe in Summanden, ein
Bruch in Zahler und Nenner. Gerade ins Umgekehrte
kommt man hinein. Wahrend man hier im physischen Leben
die einzelnen Summanden und Zahler und Nenner hat und
dann das Resultat bekommt, ist es umgekehrt: im geistigen
Erleben ist das Resultat da; es wird erlebt, und in die gei-
stige Welt hinein gehen die einzelnen Elemente, die zum Re-
sultat fiihren. Sie sehen also: man mufi viele Vorstellungen
griindlich umdenken, wenn man die Schwelle iiberschreiten
will zwischen der physischen und der geistigen Welt.
Vielleicht konnen solche Ausfuhrungen, die ich an diese
Frage angeknupft habe, doch bei Ihnen die Vorstellung
hervorrufen, dafi wirklich diese Geisteswissenschaft nicht
etwas ist, das so aus dem Armel herausgeschiittelt oder
aus der Phantasie herausgeboren ist, sondern dafi sie etwas
ist, was schon wirklich — wie ich im Vortrag gesagt habe -
mit nicht geringeren Kraften erarbeitet wird, als in irgend-
einer anderen wissenschafllichen Arbeit Krafte angewendet
werden. Nur stehen sie auf einem anderen Gebiete. So dafi
man sagen mull: es ist Gesetzmafiiges in jenem Verlaufe,
der durch die wiederholten Erdenleben ausgedriickt wird.
Aber die Natur dieses Gesetzmafiigen mufi man sich eigent-
lich erst verschaffen. Daher sagte ich, es handelt sich nicht
darum, dafi man deutet die Naturerscheinungen, sondern
dajS man sich wirklich erhebt iiber die Naturerscheinungen
und das Geistige frei in sich erlebt. Damit habe ich die
Frage beantwortet.
Nun erne merkwiirdige Frage - merkwurdig nach diesem Vortrage:
"Welches sind die geistigen Tastorgane?
Ja, etwas Sinnliches darf man sich nicht vorstellen dar-
unter. Ich habe scharf hervorgehoben, daft es sich um etwas
Seelisch-Geistiges handelt, das man nur mit dem verglei-
chen kann, was in der Erinnerung auflebt. Also wenn man
das so beantwortet haben will, daft man zum Unterbegriff
«geistige Tastorgane» einen Oberbegriff sucht, den man
schon kennt, dann wird man mit dieser Sache nicht zurecht-
kommen. Sondern man mu£ sich eben hindurchwinden
durch das, was gezeigt worden ist: Die Seele gerat an Gren-
zen, differenziert sich und entwickelt « geistige Tastorgane »,
die, auf seelisch-geistigem Gebiet, verglichen werden kon-
nen mit den Tastorganen auf physischem Gebiet, so wie
«Geistesaugen» und «Geistesohren» mit physischen Augen
und physischen Ohren.
Frage: Gibt es klare Definitional davon, was man unter «Glaube»
versteht?
Nun miifke ich Ihnen natiirlich eine Sprachgeschichte des
Wortes «Glaube» geben, wenn ich vollstandig sein wollte,
und von da ausgehend dann die verschiedenen Formen des
Glaubens entwickeln. Ich mochte aber das Folgende sagen:
Das Wort «Glaube» hat in unserer neueren Zeit die einge-
schrankte Bedeutung erhalten des Fiirwahrhaltens aus sub-
jektiven Griinden heraus, also eine Erkenntnis, die eigentlidi
keine Erkenntnis ist, sondern nur ein subjektives Surrogat
fiir eine Erkenntnis. Das hat man nicht zu alien Zeiten
unter «Glaube» verstanden. Will man verstehen, woraus
die Glaubensvorstellung eigentlidi entstanden ist, so mu£
man sich folgendes vorhalten.
Wie ich nur angedeutet habe im heutigen Vortrage, war
friiher die Seele in einer anderen Weise mit der Wirklich-
keit verkniipft. So abgesondert hat die Seele eine Natur-
wirklichkeit von sich selber erst in neueren Zeitlauften. In
jenen alteren Zeiten, in denen die Seele noch mehr mit der
geistigen Wirklichkeit verkmipft war und ein inneres Be-
wufitsein von seelischem Gehalt in einer anderen Art ent-
wickelt hat, als das jetzige moderne Anthroposophische
sein mufi, da wufke man: wenn man etwas fiir wahr halt,
so ist das nicht blofi ein theoretisches Verhalten, sondern
es ist in diesem Furwahrhalten zugleich eine Kraft des Seins
drin. Wenn ich ein Ideal habe und glaube an mein Ideal,
so ist dieses glauben an das Ideal nicht bloft das Prasent-
machen der Idee des Ideals im Bewulksein, sondern es ver-
bindet sich eine seelische Kraft mit dem Ideal. Und diese
Verbindung einer seelischen Kraft mit dem Ideal gehort
von seiten des Menschen der Wirklichkeit an. Man arbeitet
an der Wirklichkeit mit. Es ist also eine positive Kraftent-
faltung, die im «Glauben» liegt.
In einer entsprechenden Weise kommt in dem interessan-
ten Buch von Ricarda Huch: «Luthers Glaube», der Glaube-
begriff zum Vorschein. Da ist wiederum gefunden der
Glaubebegriff nicht blofi als ein Furwahrhalten, sondern
als ein Mit-dem-Realwerden-sich-Verbinden; so dafi man,
ich mochte sagen, indem man in der Glaubenskraft drinnen-
steht, etwas in sich hat wie den Keim, den die Pflanze in
sich hat, der audi nodi keine wirkliche Pflanze ist, aber
die Kraft hat, eine wirkliche Pflanze zu werden.
Es ist nicht ein Erkenntnisabbild, was man also im Glau-
ben haben wollte, aber es ist ein Vorstellungselement, das
sich mit einer wirklichen Kraft verbindet, so dafi man mit
dem Glauben in der Realitat steht. Und wiirde jemand
selbst behaupten wollen, dafi der Glaube ihm keine Er-
kenntnis bringt, so wiirde er trotzdem noch zugeben miis-
sen, wenn er den Glaubebegriff in dieser Weise anwendet,
dafi ihn das, was dieser Glaubebegriff als Realitat enthalt,
in die Wirklichkeit hineinstellt. - Das sind so kleine An-
deutungen, Skizzen.
ANTHROPOSOPHIE UND GESCHICHTS-
WISSENSCHAFT
GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE UBER
DIE ENTWICKELUNG DER MENSCHHEIT
UND IHRER KULTURFORMEN
Zurich, 7. November 19 17
Es ist merkwiirdig, dafi die Geschichte als Wissenschaft in
einer Zeit entstanden ist, die - bei genauerem Zusehen
merkt man dieses - eigentlich am wenigsten geeignet war,
die Geschichte zur Wissenschaft zu gestalten. Daher bin
ich bei den heutigen Auseinandersetzungen in einer etwas
anderen Lage als vorgestern, da ich die Faden ziehen wollte
von der Anthroposophie zur Seelenwissenschaft. Bei der
Seelenwissenschaft, Psychologie, handelte es sich, als das
naturwissenschaftliche Denken der neueren Zeit in die
Menschheitsentwickelung hereinbrach, darum, auszudehnen
gewissermafien den Bereich der naturwissenschaftlichen
Vorstellungsart auf die Seelenerscheinungen. Es handelte
sich darum, zu erobern das Gebiet der Seelenerscheinungen,
das in friiheren Zeiten anders bearbeitet worden ist, iiber
das anders gedacht worden ist, durch die naturwissenschaft-
liche Methode. Dies aus dem Grunde, weil in dieser neueren
Zeit bei vielen, welche vor alien Dingen berufen waren,
Wissenschaft zu bearbeiten, der Eindruck gerechtfertigter-
weise entstanden ist, dafi der Geist, der in der naturwissen-
schaftlichen Forschung herrscht, der einzig wahrhaft wis-
senschaftliche sei.
Nun mufi man sagen, indem die naturwissenschaftliche
Anschauungsart auf die Seelenwissenschaft angewendet
worden ist, hat sie sich immerhin an etwas betatigt, das
ein Gegebenes ist. Wenn audi wahre Seelenwissenschaft,
wie wir vorgestern gesehen haben, zu ganz anderen For-
schungsarten kommen raufi, so ist gewissermafien das
Objekt, der Gegenstand der Seelenforschung, audi fiir die
naturwissenschaftliche Methode unmittelbar in dem Men-
sdien gegeben.
Ganz anders scheint dieses mit Bezug auf die Geschichts-
wissensdiaft zu sein. Und indem man versucht, auf die hier
in Betradit kommenden, man konnte fast sagen, paradoxen
Tatsadien aufmerksam zu madien, mufi man darauf hin-
weisen, was eigentlich wenig bekannt ist, wenigstens wenig
bedadit wird, dafS dasjenige, was man Wissensdiaft der
Geschichte nennt, keine sehr alte Sadie ist.
Im 1 8. Jahrhundert haben diejenigen, die den Begriff
der Wissensdiaft gepragt und vertreten Haben, Geschichte
keineswegs noch als Wissensdiaft gelten lassen. Geschichts-
wissenschaft ist im Grunde genommen eine Schopfung des
19. Jahrhunderts. Sie ist damit eigentlich entstanden in
einer Zeit, in der gerade die naturwissenschaftlichen Metho-
den in einer besonderen Bliite zur Anerkennung gebracht
worden sind. In der Art und Weise, wie man heute zur
Geschichte steht, stand man im 18. Jahrhundert noch nicht.
Ich will nur einen charakteristischen Ausspruch des Philo-
sophen Wolff iiber die Geschichte anfiihren, noch aus dem
18. Jahrhundert, einen Ausspruch, dem man viele an die
Seite setzen konnte, die da bezeugen, dafi dazumal unter
wissenschafllichen Leuten Geschichte gait als eine Aufzeich-
nung von Begebenheiten, aber nicht als irgend etwas, was
den Namen Wissensdiaft verdient. Wolff sagte im 18. Jahr-
hundert: «Da die historischen Schriften blofi erzahlen, was
geschehen ist, so braucht es nicht viel Verstand und Nach-
denken, dieselben zu lesen.» Erklarungsmethoden, Metho-
den, durch welche Zusammenhang und Ordnung in die
Aufeinanderfolge der geschichtlichen Tatsadien kommen
soli, das wurde eigentlidi erst gang und gabe im Laufe des
19. Jahrhunderts.
Die Ansdiauung, dafi Gesdiichte durdi ihre Natur, durdi
ihr Wesen gar keine Wissenschaft sein konne, ist immerhin
unter den Leuten, die sich immer mehr und mehr hinein-
gewohnt haben in die naturwissenschaftliche Denkweise,
in radikalster Weise zum Ausdrucke gekommen bei Fritz
Mautbner, der ja bekanntgeworden ist durch seine sprach-
kritischen Studien, durch sein grofies «W6rterbuch der Phi-
losophie», das er in den letzten Jahren geschrieben hat. Wer
in diesem Worterbuch den Artikel «Geschichte» liest, der
so recht aus dem Bewufksein heraus geschrieben sein will,
dajS nur auf dem Gebiete der Naturerkenntnis «Wissen-
schaft» moglich ist, wer diesen Artikel iiber «Geschichte»
liest, wird fmden, daft in radikaler Weise dem, was man
Geschichte nennt, der Charakter einer Wissenschaft abge-
sprochen wird, dafi es sogar als etwas Paradoxes hingestellt
wird, nachdem man die Naturerkenntnisse zu solch beson-
ders ausgepragten Methoden gebracht hat, Geschichte da-
neben als eine Wissenschaft gelten zu lassen.
Schon einer der Hauptumstande, an denen der modern
natur wissenschaftlich Denkende seine Begriffe von Wissen-
schaft sich zurechtriickt, trifft fur diesen naturwissenschaft-
lich Denkenden gegeniiber der Geschichte nicht zu: Was
will der Natur forscher, indem er forscht? Er will heute
hauptsachlich die Bedingungen, unter denen irgendeine
Naturerscheinung zustande kommt, in eine solche Zusam-
menstellung bringen, dafi das Naturereignis so folgt, dafi
er sagen kann: Wenn ahnliche oder identische Bedingun-
gen wieder eintreten, so miissen auch dieselben Erschei-
nungen eintreten.
Auf diese Art, die Aufmerksamkeit auf die Wieder-
holung der Erscheinungen zu richten, weist der naturwis-
sensdiaftlidi Denkende der Gegenwart ganz besonders hin.
Er verlangt von einem richtigen Experiment, dafi es so ein-
zurichten ist, daft man in einer gewissen Weise dazu
kommt, voraussagen zu konnen, was unter gewissen ge-
gebenen Naturbedingungen eintreten miisse.
Nun kann man allerdings sagen: Wenn man diese An-
forderungen an die Geschichte als Wissenschaft stellt, so
kommt sie in einer gewissen Weise schlecht weg! Icii will
nur auf ein paar Beispiele hinweisen. In den letzten Zeiten
hat sich allmahlich bei Leuten, die geschichtlich denken
wollten, eine eigentiimliche Anschauung herausgebildet, die
auf eine merkwurdige Weise, ich mochte sagen, auf eine
tatkraflige Weise widerlegt worden ist. Bei Menschen,
wenn sie glaubten, einen gewissen historisch tiefen Blick
zu haben fiir soziale und okonomische Zusammenhange
innerhalb des menschlichen Werdens, hat sich die Ansicht
herausgebildet — die besonders im Beginne des gegenwar-
tigen Krieges stark geltend gemacht worden ist — , dafi unter
den gegenwartigen okonomischen und sozialen Verhalt-
nissen dieser Krieg jedenfalls nicht langer als hochstens
vier bis sechs Monate dauern konne. Nun, man mufi sagen,
die Widerlegung dieser Anschauung hat sich durch die Tat-
sachen als eine radikale herausgestellt! Viele Menschen hiel-
ten diese Behauptung fiir eine durchaus tief wissenschafllich
begriindete. Wie oft hort man, wenn die Menschen den
gegenwartigen Ereignissen gegeniiberstehen, die wichtig
fiir das menschliche Leben sind und die sie deshalb beurtei-
len wollen, wie oft hort man: Die Geschichte lehrt dies
oder jenes iiber diese Ereignisse. - Die Menschen treten die-
sen Ereignissen gegemiber, wollen ein Urteil haben, wie sie
sich verhalten sollen, wie sie zu denken haben iiber den
eventuellen Verlauf; dann hort man von denjenigen, die
sich etwas mit der Geschichte befafk haben: Die Geschichte
lehrt dies oder jenes! - Wie oft hort man heute gegeniiber
den gegenwartigen ersdiiitternden, tragischen Ereignissen,
die iiber die Menschheitsentwickelung hereingebrodien sind,
wie oft hort man heute sagen, wenn dies oder jenes auftritt:
Die Geschichte lehrt dies oder jenes. - Nun, wenn die Ge-
sdiichte so lehrt, wie diejenigen gemeint haben, dafi sie
lehre, die die Unmoglichkeit voraussagten, dafi diese Ereig-
nisse langer als vier bis sechs Monate dauern, dann kann
man sagen: Dies, das Wissen, das aus der Geschichte ge-
schopft wird, widerlegt sich durch die Tatsachen in einer
merkwiirdigen Weise!
Ein anderes Beispiel, das vielleicht nicht minder bezeich-
nend ist, mochte ich anfiihren. Ein wahrhaft nicht unbe-
deutender Mensch trat 1789 sein Lehramt der Geschichte
an. Es war die Zeit, in der gerade, ich mochte sagen, die
Morgenrote des Geschichtsstudiums als Wissenschaft auf-
trat. 1789 trat in Jena Schiller sein Lehramt der Geschichte
an. Er hielt die beruhmt gewordene Antrittsrede iiber die
philosophische und die aufierliche mechanistische Behand-
lung der geschichtlichen Ereignisse. Im Laufe dieser An-
trittsrede sprach er einen merkwiirdigen Satz aus, den er
glaubte geschopft zu haben aus einer philosophischen Be-
trachtungsweise des menschlichen Geschehens, also desjeni-
gen, was man als «Geschichte» bezeichnet. Er glaubte, sich
eine Ansicht gebildet zu haben iiber dasjenige, was man
«aus der Geschichte lernen» kann, und er sagte: «Die euro-
paische Staatengesellschaft scheint in eine grofie Familie
verwandelt; die Hausgenossen konnen einander anfeinden,
aber hofTentlich nicht mehr zerfleischen.» 1789 ist dieses
gesprochen als ein sogenanntes historisches Urteil von einem
wahrhaft nicht unbedeutenden Menschen. Darauf folgten
die Franzosische Revolution, die Napoleonischen Krieget
Und wenn dasjenige, was man aus der Geschichte lernen
kann, wirklich damit gelernt ware, dann wurde audi unsere
heutige Zeit noch herangezogen werden konnen bei der Be-
wahrheitung einer soldien Lehre: Die europaischen Staaten
konnen sich zwar anfeinden, aber nicht mehr zerfleischen!
Auch hier eine merkwiirdige Widerlegung desjenigen,
was man will, wenn man behauptet, aus der Geschichte, so
wie sie auf gef afit ist, konne man lernen fur ein Urteil, wenn
man sich den Tatsachen der Gegenwart oder Zukunft
gegeniiberstellt. Beweise fur das, was damit angedeutet ist,
konnten unzahlige aufgebracht werden. Das ist das eine.
Das andere aber ist: von alien moglichen Gesichtspunkten
her die Geschichte, den Lauf der geschichtlichen Ereignisse,
«wissenschaftlich zu durchdringen». War dieses 19. Jahr-
hundert mit diesen Methoden ganz besonders glucklich?
Gerade diejenigen, die glaubten, die strengen wissenschaft-
lichen Methoden auf die Geschichte anzuwenden, konnten
am wenigsten befriedigt sein, wenn es sich darum handelte,
sich zu fragen, ob wirklich etwas Besonderes dabei heraus-
kommt, solche Methoden, wie sie in der Naturwissenschaft
mit Recht ublich sind, auf das geschichtliche Werden anzu-
wenden, um dieses geschichtliche Werden «im Lichte einer
Wissenschaft» zu sehen.
Man braucht nur einiges sich vorzuhalten. Es ist mir
heute nicht moglich — da ich ja ganz andere Absichten habe,
als die Geschichtswissenschaft also solche zu kritisieren -,
auf alle Einzelheiten der Versuche einzugehen, die gemacht
worden sind, um zu einer geschichtlichen Methode zu kom-
men. Es gibt die Anschauung, dafi die Geschichte gemacht
wird von den grofien Mannern; dann die Anschauung, dafi
die grofien Manner selber ihren Charakter, ihre Krafte
erhalten haben durch das sogenannte Milieu. Es gibt auch
die Anschauung, dafi die geschichtlichen Tatsachen nur dann
verstanden werden, wenn man die okonomisch-kulturellen
Verhaltnisse zugrunde legt, also dasjenige, was in der
Menschheitsentwickelung geschieht, hervorgehen lafit aus
den okonomisch sozialen Untergriinden und so weiter.
Nur an ein paar Beispielen, in denen versucht worden
ist, mit der Denkweise, die sich in der Naturwissenschaft
so bewahrt hat, an das Geschichtliche heranzutreten, soil
gezeigt werden, wie der Versuch doch eigentlich, ich will
nicht sagen, geschekert ist, aber zu Unbefriedigendem ge-
fuhrt hat. Da haben wir - um von irgend etwas auszu-
gehen - den Versuch, aus einem umfassenden wissenschaft-
lichen Streben heraus audi die geschichtliche Evolution der
Menschheit zu behandeln, bei dem Englander Herbert
Spencer. Er, der mit naturwissenschaftlichem Denken die
ganze Weltenentwickelung und alles Sein durchdringen
wollte, er versucht naturwissenschaflliche Begriflfe anzu-
wenden auf die Geschichte, auf das geschichtliche Werden.
Da ist er auf etwas sehr Merkwiirdiges gekommen. Er
weijS, dafi sich der einzelne Organismus, zum Beispiel der
menschliche Organismus, aber audi der Organismus der
hoheren Tiere, indem er aus der Zelle allmahlich heraus-
wachst, aus drei Gliedern der Zelle entwickelt: aus dem
Ektoderm, dem Entoderm, dem Mesoderm; das sind drei
Teile, Glieder einer Zelle, aus denen sich der Organismus
entwickelt.
Nun sieht Herbert Spencer auch in dem, was sich ge-
schichtlich entwickelt, gewissermafien in dem Organismus
der sich entwickelnden Menschheit einen ahnlichen Prozeft
wie den, der stattflndet, wenn sich der natiirliche Organis-
mus aus der Zelle heraus entwickelt. Und wie sich einzelne
Organsysteme des menschlichen Organismus zum Beispiel
entwickeln aus diesen Gliedern der Zelle, die ich angefuhrt
habe, so nimmt solches Herbert Spencer auch an fiir die Ent-
wicklung des geschichtlichen Organismus der Menschheit.
Er sagt: Audi da ist etwas vorhanden wie ein Ektoderm,
ein Entoderm und ein Mesoderm. - Und zwar entwickelt
Herbert Spencer, der englische Philosoph, die merkwiir-
dige Ansicht: im geschichtlichen Werden der Menschheit
entwickelt sich aus dem, was man Ektoderm des ge-
schichtlichen Prozesses nennen kann, der kriegerische Stand,
alles, was kriegerisch ist in der Welt; aus dem Entoderm
entwickelt sich der friedliebende und arbeitende Stand;
aus dem Mesoderm der Handelsstand; und aus dem Zu-
sammenwirken dieser drei Stande entsteht dasjenige, was
«geschichtlicher Organismus» ist. So dafi im Sinne des
Philosophen Herbert Spencer derjenige Gemeinschafts-
organismus der vollkommenste ist, der sich am meisten, am
vollkommensten im Lauf der Geschichte aus dem Ektoderm
heraus bildet; denn aus dem Ektoderm heraus bildet sich
im menschlichen Organismus namlich das Nervensystem.
Und da Herbert Spencer, der englische Philosoph, den
kriegerischen Stand, das Militarwesen eines Staates hervor-
gehend sich denkt aus dem Ektoderm, dem also, was ent-
spricht der Entwickelungsanlage fiir das menschliche Ner-
vensystem, so ist im Sinne Herbert Spencers dasjenige
staatliche Gemeinwesen das allervollkommenste, das den
vollkommenst ausgebildeten Kriegerstand hat. Wie das
Gehirn aus dem Nervensystem herausgenommen wird, das
dem Ektoderm entstammt, so fordert Herbert Spencer fiir
das Gemeinwesen, dafi die Regierenden nur aus dem
Kriegerstand entnommen werden! Ich will diese Merk-
wurdigkeit nur erwahnen und mit Riicksicht auf die gegen-
wartige Zeit keine weiteren kritischen Bemerkungen an
diese Herbert Spencersche militaristische Theorie von der
Entwicklung der menschlichen Gesellschafl in der Geschich-
te kniipfen.
Ein anderer Versuch, das geschichtliche Werden zu durch-
dringen mit Vorstellungen, die der naturwissenschaftlichen
Anschauungsart entnommen sind, liegt vor - ich erwahne
nur Spitzen der Denkerentwickelung - bei Auguste Comte.
Da wird wiederum versucht, die Gesetze der Medianik, der
Statik und Dynamik anzuwenden auf das, was unter Men-
schen im geschichtlichen Werden geschieht: Die Verhalt-
nisse der einzelnen Glieder des Staates, der im geschicht-
lichen Werden ist, werden in einer «sozialen Statik», in
einer «historischen Statik» behandelt; dasjenige, was sich
verandert, was sich bewegt, was vorwartsschreitet, wird als
«historische Dynamik» angesehen.
Und so konnte man vieles, vieles anfuhren. Es wiirde
sich, wenn man kritisch eingehen wollte auf diese Versuche
und auf nodi viele andere, zeigen, wie wenig es gelingt,
irgend etwas Befriedigendes dadurch herauszubekommen,
dafi man gerade naturwissenschaflliche Vorstellungen, die
auf ihrem Gebiete streng gesichert sind, ubertragt auf die
Betrachtung des geschichtlichen Werdens.
In anderer Art haben Menschen, die gewissermafien in
der Morgenrote, bei der Begriindung der Geschichte als
Wissenschaft standen, wiederum versucht, etwas wie Er-
klarungsprinzipien in das geschichtliche Werden hineinzu-
bringen. Man braucht sich nur zu erinnern an einen der
grofiartigsten Versuche in der Zeit der Entstehung einer ge-
schichtlichen Anschauung, der durch Lessing gemacht wor-
den ist in seinem beriihmten kleinen Werke, das er auf
der Hohe seiner geistigen Entwickelung geschrieben hat,
in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts». Dieser Ver-
such ist ja ganz besonders interessant aus dem Grunde,
weil da versucht wird, nicht aufierlich mit naturwissen-
schaftlicher Denkweise an das geschichtliche Werden heran-
zukommen, sondern den Begriff der Erziehung, also etwas,
worinnen immerhin Geistiges verfloditen ist, anzuwenden
auf das gesdiiditlidie Werden. Lessing stellt sidi vor, dafi
man die aufeinanderfolgenden Tatsadien des geschicht-
lidien Werdens nur dadurdi verstehe, dafi man dieses Hin-
leben der Menschheit durch die Geschichte auffafit als eine
«Erziehung des Menschengeschlechts», die geleitet wird von
gewissen historischen Machten, die hinter dem aufieren
Geschehen waken.
Und interessant ist es, auf welche Art Lessing Zusam-
menhang hineinbringt in den fortlaufenden Gang der hi-
storischen Erscheinungen. Man hat, gerade weil er diesen
Zusammenhang auf eine bestimmte Art hineinbringt, wie
das so einmal geschieht, gesagt: Nun ja, Lessing war ja ein
grofier Mann, aber die Abhandlung iiber die «Erziehung
des Menschengeschlechts», die hat er eben geschrieben, als
er schon nicht mehr auf der Hohe stand - weil er versuchte,
den Lauf der geschichtlichen Ereignisse wirklich auf see-
lische Art zu einem inneren Ereignis zu machen, wenigstens
zunachst hypothetisch. Da kam er auf die Idee der wieder-
holten Erdenleben der menschlichen Seele. Er schaute zu-
riick in die verschiedenen Epochen und sagte: Die Men-
schen, die gegenwartig leben, sie haben oflmals gelebt; in
ihren Seelen tragen sie heruber in diese Epoche, was sie
in f riiheren Epochen aufgenommen haben. Da ist dasjenige,
was sich als Impuls durchzieht durch die geschichtliche Ent-
wickelung, das, was in den Seelen selber liegt.
Man konnte, wenn man das audi zunachst nur als Hypo-
these ansehen will, immerhin darauf hinweisen, wie un-
endlich vieles, was sonst ratselhaft erscheinen mufi in der
Entwickelungsgeschichte der Menschheit, aufgehellt werden
kann, wenn audi nur hypothetisch, dadurch, dafi man als
die Trager der historischen Impulse von einer Epoche in
die andere hinuber die Menschenseelen selber annimmt.
Dadurch wird auf einmal das sonst zusammenhanglose
Gewebe im geschichtlichen Werden zu einem zusammen-
hangenden. Nur dadurch konnte gehofft werden, dafi die
einzelnen Tatsachen des gesdiiditlidien Werdens nicht mehr
nebeneinander stehen, sondern sich wirklich auseinander
ergeben, weil dasjenige da ist, was sie auseinander hervor-
bringt.
Die Anschauung, die Lessing in diesem kleinen Werke:
«Die Erziebung des Mensdiengeschlechts» geltend gemadit
hat, hat eigentlich keine Fortsetzung erfahren aus dem
Grunde, weil ja dann das naturwissenschaflliche Zeitalter
zu seinem Hohepunkte heranriickte, und dieses Zeitalter
zunachst aus Griinden heraus, die in dem nachsten Vor-
trage nodi zutage treten werden, abgeneigt sein mufke —
die naturwissenschaftlidie Vorstellungsweise in ihrerSphare
hat von sich aus ganz recht, wenn sie diese Abneigung hat —
der Annahme der wiederholten Erdenleben.
Und so kam es denn, dafi dann im Laufe des 19. Jahr-
hunderts alle moglichen Versuche gemacht worden sind.
Man braucht nur zu erinnern an den Versuch Hegels, die
ganze Entwickelung der Weltgeschichte aufzufassen als
einen Fortschritt des menschlichen Bewufitseins der Frei-
heit und so weiter. Es konnten Hunderte und aber Hunderte
von Versuchen angefiihrt werden, wodurch geZeigt wiirde,
wie immer wieder und wiederum ein Anlauf dazu genom-
men worden ist, Erklarungsprinzipien in das geschicht-
Hche Werden hineinzubringen und dadurch Geschichte zu
einer Wissenschafl; zu gestalten.
Daneben hat es allerdings audi immer Geister gegeben
wie zum Beispiel Schopenhauer y welcher der Ansicht war,
dafi in der Geschichte sich eben nichts wiederholt und daher
von einer Geschichtswissenschaft uberhaupt nicht die Rede
sein konne, weil die Geschichte nur erzahlen konne, was als
aufeinanderfolgendeTatsachen geschieht, nicht aber irgend-
welche Impulse finden konne, die als Erklarungsprinzipien
in der Geschidite walten wie in den natiirlidien Tatsachen
die Naturgesetze.
Und in frischer Erinnerung ist ja nodi der gewaltige
Protest, den Friedricb Nietzsche vorgebracht hat gegen die
Geschidite als solche, indem er zu zeigen versuchte, da£ durch
die Aneigmmg nicht der Geschichte in ihren Ideen, sondern
der geschichtlichen Denkweise, durch die Aneignung jener
Denkweise, welche pocht auf dasjenige, «was die Ge-
schichte ergibt», und das weiter in den Seelen verarbeiten
will, dafi dadurch die Menschenseele, die produktiv und
tatig sein soil in der Gegenwart, die fruchtbar gegeniiber-
steht den Ereignissen, die an sie herantreten, dafi diese
Menschenseele durch den «Historismus», wie Nietzsche
sagt, wie ausgesogen wird. So dafi derjenige, der nur histo-
rische Impulse in sich fiihlt, fur Nietzsche ein Mensch war,
der einem Wesen gleicht, welches sich immerfort des Schla-
f es enthalten miifite, dadurch niemals bef ruchtende Lebens-
krafte in seine Entwickelung aufnehmen konnte, sondern
immer nur sich verzehren lassen miifite von dem, was eben
verzehrend und zerstorend auf den Mensdien wirkt wie
das Leben im Historismus. Diese Abhandlung Nietzsches
iiber «Nutzen und Nachteil der Historie fiir das Leben»,
ist eine der bedeutsamsten aus der ganzen Denkweise
Nietzsches heraus.
Diese einleitenden Worte sollten nur der Tatsache gelten,
wie strittig Geschichte heute als Wissenschaft ist nach den
verschiedensten Seiten, in ganz anderem Mafie noch strittig
als zum Beispiel Seelenwissenschaft oder Psydiologie. Die
Frage mufi entstehen aus alledem heraus: Woher kommt
so etwas? - Aus den Voraussetzungen, die zugrunde gelegt
werden der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft, mufi darauf geantwortet werden: Weil zunachst die
Aufmerksamkeit auf diesem Gebiete nicht gelenkt worden
ist auf die grofie, grundlegende Frage: Womit im Mensdien
haben wir es denn iiberhaupt zu tun, wenn von geschicht-
lidiem Werden die Rede ist? Was ist denn vom Mensdien
beteiligt an diesem geschichtlichen Werden? Was wirkt denn
im Mensdien, wenn er eingesponnen ist, eingewoben ist
in das geschiditliche Werden? - Um diese Frage zu beant-
worten, mufi man allerdings einige geisteswissenschaftliche
Einblicke gewinnen in das Wesen des Mensdien, insofern
dieses Wesen viel weiter geht, als das gewohnliche Bewufit-
sein reicht.
Ich mochte, um auseinanderzusetzen, was ich jetzt hier
zu sagen habe, um einen Ausgangspunkt fiir eine Ge-
schichtsbetrachtung zu gewinnen, ankniipfen - Sie werden
gleidi nachher sehen, aus weldiem Grunde ich das tue — an
eine Betrachtung iiber das menschlidie Seelenleben, insofern
dieses menschlidie Seelenleben rhythmisch immer wieder
und wieder heraustritt aus dem, was man den gewohn-
lichen Bewufkseinszustand nennt. Wir miissen ja den ge-
wohnlichen Bewufitseinszustand im Leben abwechseln
lassen mit dem Schlafzustand. Wir werden, vom geistes-
wissenschaftlichen Standpunkt die Natur betrachtend, das
nachste Mai iiber dieses Thema noch genauer zu reden
haben; heute will ich nur dasjenige erwahnen, was Grund-
lage fiir eine Geschichtsbetrachtung werden kann.
Wenn der Schlaf in unser Seelenleben hereintritt, dann
dampft sich das Bewufitsein so weit herunter, dafi wir
annahernd sprechen konnen von Bewufitlosigkeit, obwohl
fiir den, der genau betrachten kann, im Schlafe durchaus
nicht vollige Bewufitlosigkeit vorhanden ist. Was im ge-
wohnlichen Tagesleben der Inhalt unserer Wahrnehmungs-
welt, der Inhalt unserer Welt des Fuhlens und Wollens ist,
das hort auf, das tritt in das Dunkel eines unbewufiten
oder unterbewufiten Dahinlebens hinunter. Zwischen den
beiden Zustanden, zwischen dem Wachzustand und dem
Schlafzustande, liegt der Traumzustand.
Dieser Traumzustand ist etwas hochst Merkwiirdiges.
Die Philosophic selbst hat im 19. Jahrhundert von ihren
mehr naturwissenschaftlichen Vorstellungen angenaherten
Begriffen aus versucht, in die Natur dieser ratselvollen
Traumeswelt, die aus dem bewufitlosen Zustande des
Schlafes aufsteigt und so unahnlich ist dem aufieren Erleb-
nis des gewdhnlichen Bewufitseins, hineinzudringen. Aber
audi da ist etwas ganz Merkwiirdiges eingetreten. Der
Philosoph Johannes Volkelt zum Beispiel, der sich in den
siebziger Jahren bequemt hat, ein Buch iiber die Traum-
phantasie zu schreiben, er liefi die Sache liegen wie eine
gliihende Kohle, die jemand anfafit und die er gleich wie-
derum wegwirfl. Kritiker, die dann iiber dieses Buch «Die
Traum-Phantasie» geschrieben haben, sind, nur weil sie
sich iiberhaupt eingelassen haben, die Sache ernst zu neh-
men, des Spiritismus beschuldigt worden. Wessen beschul-
digt man heute die Menschen nicht alles!
Was ist denn eigentlich diese ratselvoll aus den Unter-
griinden des Schlafens heraufsteigende Traumeswelt? Was
sind die Bilder, die da auf und ab wogen im Traume?
Diese Frage lafit sich allerdings audi nur mit jenem Be-
wufitsein, von dem ich vorgestern hier sprach, mit dem
schauenden Bewufitsein, erortern. Derjenige, der aufsteigt
von dem gewohnlichen Bewufitsein zu dem, was ich vor-
gestern hier erortert habe als die imaginative Erkenntnis,
die inspirative Erkenntnis, die intuitive Erkenntnis, der
also mit seiner vom Leibe getrennten Seele, wie ich es aus-
einandergesetzt habe, aufsteigt, wirklich in der geistigen
Welt zu leben, der erst kann zu einer Anschauung kommen
iiber dasjenige, was eigentlich vorgeht in der mensdiliclien
Seele, wenn sie in Traumbildern lebt. Idi kann natiirlich
heute nur anregen, manches aus den Ergebnissen der Gei-
steswissenschaft anfiihren; die weiteren Ausfuhrungen wer-
den Sie schon verfolgen miissen in meinen Buchern.
Wenn man mit den Methoden, die vorgestern hier er-
ortert worden sind, das Traumleben erforscht, dann kommt
man dazu, einzusehen, dafi dasjenige, in dem gewisser-
mafien das Seelische wahrend des Schlafes vom Einschlafen
bis zum Aufwachen verlauft, tatsachlich getrennt ist vom
physisch-leiblichen Leben, Dieses Getrenntsein vom phy-
sisch-leiblichen Leben lernt man eben erkennen durch die
geisteswissenschaftlichen Methoden. Man lernt erkennen, in
welcher Verfassung die Seele ist, wenn sie getrennt ist vom
Leibe. Daher kann man audi vergleichen das Leben in den
Traumbildern mit diesem wissenschaftlich erforschbaren
Getrenntsein vom Leibe. Und man flndet dann, dafi der
Traum eigentlich eine viel zusammengesetztere Erscheinung
ist, als man gewohnlich meint.
Was in der Seele lebt, indem die Seele traumt, das ist
in der Tat etwas, was nicht nur mit unserer Gegenwart zu
tun hat, so wie das wache Tagesleben mit der Gegenwart
zu tun hat, sondern es ist dasjenige, was in der Tat, in
unserem Organismus, in unserem Gesamtmenschenwesen
sich ausbildet wie der kleine Keim in der wachsenden
Pflanze. Was als Keim in der wachsenden Pflanze sich ent-
wickelt, ist die physische Ursache fur die nachste Pflanze.
Was in die Traumbilder eingewickelt - wenn ich den Aus-
druck gebrauchen darf - in der menschlichen Seele aus der
Dumpfheit des Schlafes heraustritt, das ist jetzt nicht
physisch, das ist geistig-seelisch die Grundlage fur das-
jenige, was durch die Pforte des Todes geht, was eintritt
dann in die geistige Welt und durchmacht das Leben zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt, urn wieder zu
erscheinen.
Aber es ist ein schwacher geistig-seelischer Keim, es ist
ein so schwacher geistig-seelisdier Keim, dafi er aus seinen
eigenen ihm innewohnenden Kraften nicht zu einem see-
lischen Inhalte kommt. Daher kommt er nur zu dem In-
halte, der sidi aus Reminiszenzen, aus Anklangen an die
durchlebte Welt, gegenwartig oder vergangen durchlebte
Welt, kniipft. Derjenige, der geisteswissenschaftlich den
Traum untersucht, der sagt sich: Wie in so vielen Dingen,
so steckt in dem ahnungsvollen, aber aberglaubischen Be-
wufksein, daft sich im Traume oftmals die Zukunft ent-
hiillen konne, auf der einen Seite eine geahnte Wahrheit,
aber auf der anderen Seite ein gefahriicher Aberglaube;
dies letztere aus dem Grunde, weil in dem, was im Traume
lebt, ich mochte sagen substantial, wirklich, die Seele, wie
sie sich in die Zukunft hinein entwickelt, vorhanden ist,
wirklich das Ewige unserer Seele vorhanden ist. Dasjenige,
was traumt, von dem kann man schon ahnen, dafi es in
sich zwar nicht die Vorstellung, wohl aber die lebendige
Anlage fiir die Zukunft des Menschen enthalt. Der Inhalt
des Traumes, der wird genommen aus den chaotisch ver-
wobenen Reminiszenzen und dergleichen. Wahrend es also
Aberglaube ist, den Inhalt des Traumes irgendwie anders
deuten zu wollen als im geisteswissenschaftlichen Sinne,
mufi man sagen, dafi dasjenige, was traumt, in der Tat
mit dem ewigen Wesen der Menschenseele zu tun hat, so
dafi nur der Inhalt des Traumeslebens dasjenige ist, was
den Menschen in Illusionen wiegt.
Kommt man aus dem gewohnlichen Bewufitsein zu dem,
was ich vorgestern charakterisiert habe als das schauende
Bewufitsein, dann gelangt man, wie ich gesagt habe, zu
Imaginationen, zu Inspirationen. Und man ist mit diesem
Inhalte des schauenden Bewufitseins drinnen in einer gei-
stigen Welt. Man ist also audi drinnen in jener Welt, in
welcher die Seele lebt, wenn sie aufier dem Leibe ist und
traumt. Dann ist sie aber, idi mochte sagen, auf eine kind-
lidie Weise, auf eine noch unvollkommene Weise, dann ist
sie so darinnen, wie der Pflanzenkeim in der Pflanze ist,
der ja erst die Anlage zur nachsten Pflanze ist. In der Ima-
gination, in der Inspiration enthiillt sich die Welt, in der
audi die traumende Seele drinnen ist.
Nun glaubt man gewohnlich, der Mensch traume nur,
wenn er schlaft. Das ist nun audi ein soldier Irrtum, wie
er sich selbstverstandlich ergeben mufi, wenn man seine
BegrifFe nur aus der aufieren Welt bildet. Aber es ist eben
ein Irrtum, es ist eine Illusion. Und tiefere Denker, unter
anderen Kant, aber audi viele andere, sie haben schon ge-
ahnt, dafi dasjenige, was die Seele im Schlafe, im Traume
durchsetzt, keineswegs blofi im Schlafe, blofi im Traume
anwesend ist, sondern dafi es das ganze Leben durchzieht.
Wachen wir auf, dann allerdings ist ein Teil unseres Seelen-
lebens in die Welt versetzt, der da vorliegen die aufieren
Beobaditungen der Sinne, der da vorliegen diejenigen Be-
grifFe, die sich ankniipfen an diese aufieren Beobaditungen
der Sinne. Von diesem Bewufitseinsinhalte sind wir ganz
eingenommen, dem sind wir ganz hingegeben; den betrach-
ten wir, weil er gleichsam als das starke Licht alle schwa-
cheren Inhalte, die in unserer Seele leben, immer uber-
strahlt, den betrachten wir gewissermafien als den einzigen
Inhalt unseres wachen Tagesbewufitseins. Aber das ist ein
Irrtum! Denn wahrend wir erfiillt sind von diesem wachen
Tagesbewufkseinsinhalte, leben in den Tiefen unserer Seele
unterbewufit solche Inhalte fort, die ganz gleich sind den
Traumen, die in der Nacht aus dem Schlaf auftauchen.
Wir traumen fort wahrend des Wachens, nur werden wir
das Traumen nicht gewahr! Und so paradox es klingt, audi
das andere ist richtig: Wir traumen nicht nur fort, wir
schlafen fort. So dafi unser Bewufitsein stets ein dreifaches
im Wachzustande ist: oben, auf der Oberflache gleidisam,
das wache Tagesbewufksein, unten, im Unterbewufiten, ein
Unterstrom des fortdauernden Traumens, und tiefer ein
Fortschlafen.
Und wir konnen audi angeben, in bezug auf was wir
traumen, in bezug auf was wir sdilafen! Wir traumen
namlich mit Bezug auf alles dasjenige, was nicht in Vor-
stellungen, in deutlich zu machenden Begriffen in unsere
Seele herauftaucht, sondern was sich entladt in uns als
Gefuhl. Die Gefiihle steigen in uns nicht auf aus irgend-
einem vollbewuflten, wachbewufiten Zustande, sie steigen
auf aus einer Welt in uns, die nur getraumt wird. Es ist
nicht richtig, wenn gemeint wird, wie manche Herbartschen
Philosophen meinen, dafi sich die Gefiihle aus Zusammen-
wirkung von Vorstellungen ergeben. Nein, im Gegenteil, die
Vorstellungen werden durchsetzt mit demjenigen, was auf-
steigt aus einem tieferen Seelenleben, das in einem Fort-
traumen wahrend des Wachzustandes besteht. Auch die
Leidenschaften, die Affekte, steigen aus einem Leben des
wachen Traumens, das nur iibertont wird von dem voll-
bewufken Seelenleben, herauf . Und unsere Willensimpulse,
sie bleiben, ich mochte sagen, so ratselhaft in ihrem Hervor-
quellen aus dem Seelenleben, weil sie aus dem Seelengrunde
heraufkommen, in dem wir auch im wachen Zustande
schlafend s'md.
So dafi unsere vollbewufiten Vorstellungen sich oben
entwickeln im Wachbewufitsein, unsere Gefiihle her auf -
schlagen wie Wogen aus einem unterbewufiten Zustande,
aus einem Traumes-Tagesleben, und die Willensimpulse
gar heraufschlagen aus einem Schlafesleben. Was das fiir
eine Bedeutung hat fiir die Bildung von sozialen, von
Rechtsvorstellungen, von ethischen Vorstellungen, was das
fiir eine Bedeutung hat fiir die Frage der Willensfreiheit
- wir werden dann beim letzten Vortrage iiber diese Dinge
spredien.
Heute aber soli uns vorzugsweise etwas anderes inter-
essieren. Emzelne scharfsinnige Geister haben sdion be-
merkt, dafi man niemals zum Beispiel die Leidenschaften
erklaren kann, wenn man nicht an die Erklarung der Trau-
meswelt herangeht, weil Leidenschaften nur dadurch im
Menschen leben, auch die besten, edelsten Leidenschaften,
dalS der Mensch traumt wahrend des Wachens, und das
Getraumte nicht in der Weise des wachen Bewufitseins
herauf kommt, sondern hineinwogt in dieses wache Bewufk-
sein aus der Region, in der eben getraumt wird.
Nun ergibt sich ein anderes geisteswissenschaftliches
Resultat, das man in der Gegenwart fast noch ungern
ausspricht, weil es so sehr alien gewohnten Begriffen wider-
spricht; aber vieles, das im Lauf der Menschheitsentwicke-
lung in die Wissenschaft eingetreten ist, das ist eben
zunachst ein Paradoxon gewesen. Es hat sich dann
doch durchgesetzt. Die Kopernikanische Weltanschauung
ist ja von einer gewissen geistigen Richtung her erst im
Jahre 1822 als eine erlaubte Weltanschauung angesehen
worden. Warum sollte nicht das, was als Geisteswissen-
schaft oder Anthroposophie auftritt, vielleicht auch so
lange warten miissen, bis es, jetzt nicht von dieser Rich-
tung, sondern von der modernen Wissenschaft anerkannt
wird?
Dasjenige, was wirklich verlauft, wenn man den Strom
des Menschenlebens betrachtet, das ist nicht etwas, was mit
den Begriffen, die im Wachbewufitsein durchgemacht wer-
den, durchlebt wird, sondern was fiir die Geschichte vor-
liegt, was in der Geschichte kraftet und wirkt, lebt gar
nidit in dem menschlichen Wachbewufksein, so paradox
das klingt, sondern die Impulse, die durch die Geschidite
walten und wogen, werden von der Menschheit nur ge-
traumt. Nicht heller und nicht anders durchzieht dasjenige,
was den Lauf der Geschidite vorwarts treibt, die mensch-
liche Seele als ein Traum. Von dem Traume des Werdens
zu sprechen, ist vollig wissenschafllich. Das zeigt sich ge-
rade, wenn man eben erkennt, dafi erst von dem schauen-
den Bewufitsein Einblick gewonnen werden kann in das,
was eigentlich geschichtliche Impulse sind, wenn man diese
geschichtlichen Impulse durchdringt mit dem imaginativen,
mit dem inspirierten Forschungsleben. Indem der Mensch
der Geschichte angehort, insofern er in diese Geschichte ein-
greifl, hat er es nicht zu tun mit irgend etwas, was man
so beobachten kann, dafi es auf BegrifFe gebracht werden
kann, wie die BegrifFe sind, mit denen die Naturwissen-
schaft zu tun hat, sondern der Mensch hat es zu tun mit
solchen BegrifFen, die eigentlich das gewohnliche Bewufit-
sein nur von dem Traume her kennt.
Man konnte nun leicht gegen Geisteswissenschafl ein-
wenden: Also ist die Geisteswissenschafl etwas Phantasti-
sches, denn sie fiihrt wichtige Impulse zuriick auf reine
Phantasieprodukte, sogar auf Traumprodukte. Ja, sehr
verehrte Anwesende, das mag schon sein, aber wenn die
Wirklichkeit so ist, dafi sie eben in der menschlichen Seele
als Traum leben mufi, so mufi diese Wirklichkeit da erfafit
werden, wo sie eben wahrgenommen werden kann!
Gerade von naturwissenschaffclichem Denken her hat
man gegen die Geschichte als Wissenschafl eingewendet,
dafi Geschichte es ja nur zu tun habe mit einzelnen Tat-
sachen, aber man komme nie dahinter, was eigentlich eine
geschichtliche Tatsache sei, man konne sie nicht so klar
und deutlich vor sich haben, wie man eine naturwissen-
schaftliche Tatsache, eine Naturtatsache vor sich hat.
Audi geisteswissenschaftlich ist dieses durchaus richtig;
aber geisteswissenschaftlich mull die Sache noch wesentlich
vertieft werden. Der Geisteswissenschaftler sagt also zu-
nachst: Blickst du auf dasjenige hin, was eigentlich ge-
schichtliche Impulse sind, so sind sie ja gar nicht gegeben
dann, wenn man den gewdhnlichen Verstand, der es mit
aufieren Tatsachen zu tun hat, auf diese richtet; dann sind
da die geschichtlichen Tatsachen gar nicht gegeben. Die ge-
schichtlichen Tatsachen sind erst gegeben, wenn man das
imaginative und das inspirierte Bewufitsein auf iibersinn-
liche Impulse richtet, die gar nicht in den aufieren Tatsachen
liegen.
Was so Geisteswissenschaft an die Oberflache des mensch-
lichen Denkens brmgt, so ganz aus dem Nichts herausgeholt
ist es allerdings nicht in der neueren Zeit. Sondern die-
jenigen Menschen, die mit Erkenntnisproblemen gerungen
haben, die Erkenntnisdramen in sich durchgemacht haben,
die haben schon, wenn audi nur als einzelne Lichtblitze,
zuweilen ihre Aufmerksamkeit hinwenden mussen auf das-
jenige, worauf die Geisteswissenschaft nun systematisch ge-
ordnet kommt. Und da konnte ich wiederum viele Beispiele
anfiihren, wie gewissermafien divinatorisch der eine oder
andere, der ein um Erkenntnis Ringender war, auf man-
cherlei gekommen ist, was durch Geisteswissenschaft zur
Klarheit gebracht wird. Von diesem ein Beispiel, das ich
audi angefiihrt habe in meinem Buche, das demnachst er-
scheinen wird: «Von Seelenratseln.»
Der Psychologe Fortlage hat in seinen Psychologievor-
tragen, die er 1869 gehalten hat, eine sehr merkwiirdige
Stelle iiber das menschliche Bewufitsein und seinen Zusam-
menhang mit dem Phanomen des Todes. Er sagt: «'w r enn
wir uns lebendige Wesen nennen, und so uns eine Eigen-
sdiaft beilegen, die wir mit Tieren und Pflanzen teilen, so
verstehen wir unter dem lebendigen Zustand notwendig
etwas, das uns nie verlaflt und sowohl im Sdilaf als im
Wachen stets in uns fortdauert. Dies ist das vegetative Le-
ben der Ernahrung unseres Organismus, ein unbewuikes
Leben, ein Leben des Schlafes. Das Gehirn macht hier da-
durch eine Ausnahme, dafi dieses Leben der Ernahrung,
dieses Schlaf leben bei ihm in den Pausen des Wachens iiber-
wogen wird von dem Leben der Verzehrung. In diesen
Pausen steht das Gehirn einer iiberwiegenden Verzehrung
preisgegeben und gerat folglich in einen Zustand, welcher,
wenn er sich auf die iibrigen Organe miterstreckte, die ab-
solute Entkrafligung des Leibes oder den Tod zu Wege
bringen wiirde.»
Das ist ein grofiartiger Lichtblick, indem Fortlage nichts
Geringeres sagt als dieses: Wiirden die Vorgange, die auf
das menschliche Gehirn wirken, in vollem Wachbewufitsein
den ganzen iibrigen Leib ergreifen, so wiirden sie ihn zer-
storen; wir haben es also in Wahrheit mit Abbauprozessen
im Menschen zu tun, wenn wir es mit den Verhaltnissen
des gewohnlichen Bewufitseins zu tun haben. Es war ein
tiefer Lichtblick Fortlages, wenn er weiterfahrt: «Das Be-
wufitsein ist ein kleiner und partieller Tod, der Tod ist
ein grofies und totales Bewufitsein, ein Erwachen des gan-
zen We sens in seinen inner sten Tiefen.»
Dieser Zusammenhang zwischen Tod und Bewufitsein
kommt hier ahnungsvoll grofiartig heraus. Fortlage weifi:
wenn man dasjenige, was einmal geschieht, indem der Tod
uns iiberfallt, gleichsam in «Atome» zerlegt, jetzt in «Zeit-
atome», so bilden diese «Atome» die fortwahrenden Ge-
schehnisse unseres wachen Bewufitseins. Indem wir unser
waches Bewufitsein entfalten, entwickeln wir ein atomisti-
sches Sterben, und der Tod ist nur, gewissermafien ins
grofie getrieben, dasjenige, was wir in jedem Augenblicke
des wachen Bewufkseins iiber unser Gehirn kommend ha-
ben; so dafi der Tod audi fur Fortlage nichts anderes ist
als die auf einmal erfolgende Erweckung eines Bewufit-
seins fiir die geistige Welt, wahrend das fortlaufende Be-
wufksein uns fortwahrend im kleinen abtotet, wie wir es
fiir das gewohnliche tagwache Bewuiksein brauchen. Stehen
wir also einem Mensdien gegeniiber, so konnen wir sagen
~ und was Fortlage ahnte, durch die Geisteswissenschaft
wird es vollstandig bestatigt — : Was als Seelisch-Geistiges
in diesem Mensdien lebt, das ist eigentlich ein Aufzehren-
des, ein Zerstorerisches; und dasjenige, was in ihm lebt als
vegetatives Leben, das halt nur die Zerstorung so lange
auf, bis der Tod eintritt. Wenn der Tod eintritt, so tritt
nur im groften Mafistabe das auf, was wahrend des bewufi-
ten Lebens langsam, ich mochte sagen atomistisch, sich ent-
wickelt. Wir tragen den Tod fortwahrend in uns, nur dafi
wir neben dem Tod das gegen ihn kampfende Leben in uns
tragen, und dieses kampfende Leben eben von der Seele
durchsetzt ist.
So ist es, wenn wir den einzelnen lebenden Mensdien
betraditen, weldier mit seinem Leibe vor uns so steht, dafi
dieser Leib - wir wollen im dritten Vortrag genauer iiber
die Sache sprechen - ein Ergebnis des Seelenlebens ist. Da
haben wir den Tod, der aber, so lange die Lebenskrafte
walten konnen, fortwahrend gehindert wird hereinzukom-
men, der, ich mochte sagen, hinter den Erscheinungen lauert,
ja geradezu eine wesentliche Beziehung des Lebens ist, weil
die Erscheinung des Lebens blofies Pflanzenleben ware,
wenn der Tod nicht dieses Leben fortwahrend abtotete und
dadurch gerade leiblich das Bewufitsein zustande kame.
Lernt man diese eigentiimliche Beziehung des Todes zu
dem menschlichen Leibesleben kennen, dann erst erhellt
sich das schauende Bewufitsein so, dafi es ein Urteil gewin-
nen kann, ja einen Sinn gewinnen kann fiir dasjenige, was
eigentlich im Verlauf der historischen Tatsadien vorliegt,
jener Tatsachen, welche die gewohnliche Geschichtserzah-
lung eben auffiihrt, die da geschehen aufterlich, und die
so erzahlt werden konnen, wie man zumeist Geschidite
erzahlt.
Was liegt in diesem aufierlichen Geschehen vor, in den
aufeinanderfolgenden Tatsachen? Wiederum mufi etwas
aufierordentlich Paradoxes gesagt werden: Zu ihrem see-
lischen Inhalte, der von dem Menschen nur getraumt wird
im Verlaufe des geschichtlichen Werdens, verhalten sich die
aufieren geschichtlichen Tatsachen nun nicht wie ein Leib,
der den Tod in sich tragt, sondern wie ein schon toter Leib,
aus dem die Seele bereits heraufien ist. Das heifit, in den
«historischen Tatsachen» ist die Seele nie drinnen! Wah-
rend im menschlidien Leben der Tod eintritt, wenn das
Leibesleben abgelaufen ist - nachdem also die Seele das
Leibesleben durchzogen hatte und dann der Leib, ohne das
Seelische, allein ist -, ist der gesamte Organismus der histo-
rischen Tatsachen ein blofier toter Leib, ein aufierer toter
Leib gegeniiber dem, was innerlich als geschichtliche Im-
pulse von Zeitalter zu Zeitalter walk und lebt, und was
nur erfafk werden kann, wenn man den Blick nicht richtet
auf die aufieren Tatsachen, sondern wenn man den Blick
richtet auf dasjenige, was lebt, was so lebt, dafi es nicht
sich ergeben kann aus den aufieren Tatsachen.
Durch einen Vergleich mochte ich mich noch weiter klar-
machen. Nehmen wir an, irgend jemand glaubt - viele
Menschen glauben das ja — , er brauche nur die Tatsachen
der Geschichte so recht klar aufzufassen, wie man natur-
wissenschaftliche Tatsachen auffafit, so miisse man aus der
Auf einanderf olge dieser geschichtlichen Auf f assungen wirk-
lich eine Wissenschaft der Geschichte herstellen konnen. Der
das glaubt, wurde dasselbe glauben - wirklich, so paradox
das audi klingt -, wie jemand, der der Ansicht ware, wenn
er einen toten, verstorbenen Menschenleib vor sich hatte,
so miifite er aus dem das seelische Leben irgendwie heraus-
holen konnen. Es ist nicht drinnen! Ebensowenig ist in den
historischen Tatsachen dasjenige drinnen, was Seele der
Geschichte ist. Die historischen Tatsachen sehen wir mit
jenem Verstande, der an die aufiere Wahrnehmung gebun-
den ist und sich entwickelt aus dem, was an die aufiere
Wahrnehmung gebunden ist; aber mit diesem Verstande
sehen wir nur, was tot ist an dem geschichtlichen Werden.
Eindringen kann der Mensch mit dem gewohnlichen Be-
wufitsein in das geschichtliche Werden nur als Traumender;
durchschauen kann er dieses geschichtliche Werden, das
eigentlich seelische Leben in der Geschichte, nur mit dem
imaginativen, mit dem inspirierten Bewufksein. Daher ist
es so, dafi von dem, was als geschichtliche Tatsache vorliegt,
uberhaupt nur Erzahlungen, nur Aufzahlungen geliefert
werden konnen, dafi es wirklich wahr ist, was der grofie
Jacob Burckhardt gesagt hat: Philosophic ist Nichtge-
schichte, denn Philosophic stellt die einzelne Tatsache unter
die andere, und Geschichte ist Nichtphilosophie - Jacob
Burckhardt hat das Wort gebraucht — weil sie es nur mit
der Koordination, mit der Nebeneinanderstellung der Tat-
sachen zu tun hat.
Daraus aber geht hervor ein ganz bestimmtes Verhalten
im historischen Denken, daraus, dafi man dies, was eben
auseinandergesetzt worden ist, zugrunde legt: man mufi,
wenn man wirklich historisch denken will, klar auf das
kommen - durch schauendes, durch geisteswissenschaftliches
Bewufitsein was im gewohnlichen geschichtlichen Verlauf
durchaus nicht erfahren werden kann, was in dem Werden
drinnen ist, aber in den aufieren Tatsadien sidi gar nidit
zeigt, ebensowenig wie sidi die Seele in einem toten Men-
sdienleibe zeigt.
Es entsteht die Frage: Kann man dasjemge, was in dem
geschichtlichen Werden eigentlich lebt, wirklich durch ima-
ginative, durdi inspirierte Erkenntnis anschauen? Nun, idi
will, nachdem ich sdion so viele Paradoxa gesagt habe,
nicht zuriickhalten damit, audi noch auf einiges Konkrete
aufmerksam zu machen, wie dieses Schauen, das ich vor-
gestern charakterisierte, genauer nc»ch in meinen Biichern,
wie dieses schauende, dieses imaginative, dieses intuitive,
inspirierte Bewufitsein zu einer gewissen Anschauung iiber
das menschliche Werden kommt, zu dem sich aber die aufie-
ren Tatsadien nur verhalten wie der tote Menschenleib zu
der Seele. Ich will moglichst konkret sprechen, weil ich ja
ein Exempel, ein Beispiel anfuhre.
Wer versucht, in dasjenige einzudringen, wovon das ge-
wohnliche Bewufitsein nur traumt, der gelangt dazu, vor
alien Dingen das geschichtliche Werden abzugrenzen, so
dafi er an gewissen Punkten hauptsachlichste, ich mochte
sagen, Knotenpunkte des geschichtlichen Lebens findet, wie
wir auch im einzelnen menschlichen Organismus bestimmte
Abschnitte finden. Gegen das siebente Jahr zu bekommt
das Kind neue Zahne; um das vierzehnte Jahr herum wird
es geschlechtsreif . Solche Einschnitte haben wir in das indi-
viduelle Menschenleben zu verzeichnen, wenn wir es phy-
siologisch betrachten. Fiir die Geisteswissenschaft bedeuten
diese Einschnitte noch viel mehr als fiir die gewohnliche
physiologische Wissenschaft, die eben mit ihren Betrachtun-
gen nicht zu Ende kommt. Zu ahnlichen Einsichten kommt
die geisteswissenschaflliche Betrachtung iiber das geschicht-
liche Werden. Und da ergibt sich - jetzt ganz abgesehen
von den aufieren Tatsachen, allein durdi Hinschauen auf
dasjenige, was geistig ablauft dafi abgegrenzt ist ein
Zeitraum im europaischen, iiberhaupt im geschichtlichen
Menschenwerden, der etwa beginnt im 8. Jahrhundert vor
der christlichen Zeitrechnung, und der da schliefit im 15.
Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Was da einge-
schlossen ist zwischen diesen zwei Zeitpunkten, das ist in
gewisser Beziehung so ein Ganzes, wie das Leben eines Kin-
des vom siebenten Jahre, wo es die zweiten Zahne be-
kommt, bis zur Geschlechtsreife. Wie man da ein Ganzes
formen kann, so dafi dann ein Umschwung stattfindet, der
bedeutungsvoller in den menschlichen Organismus eingreift
als die dazwischenliegenden Ereignisse, so mufi man sagen,
solche Einschnitte waren da im 8. Jahrhundert vor der
christlichen Zeitrechnung und im 15. Jahrhundert etwa,
nachdem die christliche Zeitrechnung eingetreten war. Die-
ses Zeitalter erscheint, mit besonderem Charakter, mit be-
sonderenEigentiimlichkeiten in bezug auf die geistigeWirk-
lichkeit, die den geschichtlichen Tatsachen zugrunde liegt,
der geisteswissenschaftlich-geschichtlichen Betrachtung als
ein Ganzes, als ein Zusammengehoriges.
Ich kann naturlich nur einzelne Punkte anfiihren. Man
kann, indem man solche Dinge geisteswissenschaftlich
charakterisiert, auf alle moglichen Einzelheiten kommen;
man kann geradezu zu solchen Konkretheiten kommen, wie
man zu Konkretheiten der Wahrnehmung kommt, wenn
man die Reihe der Pflanzen verfolgt in der Botanik und
dergleichen. Ich will nur einige allgemeine Gesichtspunkte
anfiihren.
In diesem Zeitalter lebte der Mensch als Ganzes so - aber
man mufi, um das zu erkennen, ihn innerlich seelisch be-
trachten, abgesehen von den Tatsachen — , dafi sein Verstand
noch viel instinktiver wirkte, als er in unserem Zeitalter
wirkt. Was der Mensdi aus seinem Verstande, aus seinem
Bewufitsein heraus tat, das war nodi inniger zugleich eine
Tat des Leibes, war nodi inniger verkniipft mit dem Leibe.
Der Verstand war nodi instinktiver. Wenn Sie die einzel-
nen Feststellungen in meinen Buchern studieren, so werden
Sie darauf kommen, dafi das seelische Erleben des Men-
sdien eingeteilt wird, wenn ich den schulmafiigen Ausdruck
gebrauchen darf, fiir die Geisteswissenschaft: in das Leben
der «Empfindungsseele», der dumpfesten, fast nodi im Un-
bewufiten lebenden Seele; der «Verstandes- oder Gemiits-
seele», die aber dodi noch so wirkt, dafi dasjenige, was in
ihr lebt, nicht vollbewufit sidi entwickelt, sondern noch
einen instinktiven Charakter hat; und dann der «Bewufk-
seinsseele», die das Ich im vollen Selbstbewufitsein erlebt,
die das Ich emanzipiert von dem Leibesleben, wo der Ver-
stand nicht mehr instinktiv auftritt, sondern losgelost,
kritisch sich den Dingen gegeniiberstellt. Von diesen Seelen-
gliedern, wenn man es so nennen kann, war in dem Men-
schen dieses Zeitalters, das ich innerhalb seiner Grenzen
charakterisiert habe, also in dem Menschen der griechischen
Zeit, in dem Menschen der Zeit der romischen Entwicke-
lung insbesondere die Verstandes- oder Gemiitsseele tatig.
Die wirkte. Und dasjenige, was im menschlichen Seelen-
leben auf und ab wogte und zu sozialen, zu gesdiichtlichen,
zu wissenschaftlichen, zu kiinstlerischen Gestaltungen, zu
religiosen Lebensgestaltungen fiihrte, all das wirkte so, wie
es wirkte, aus dem Grunde, weil die Seele dieses Eigentiim-
liche in sich hatte, dafi der Verstand noch instinktiv wirkte.
Das, was ich so in allgemeinen Prinzipien darstelle, das
kann aber bis in konkrete Einzelheiten verfolgt werden.
Man kann geradezu innerlich geistig beschreiben, wie der
Unterschied auftreten mufite: wie sich in Griechenland das
instinktive Verstandesleben mehr nach der Leibesseite hin
entwickelte, wie der Griedie den Leib dadurch durdiseelt
auffafke, sidi audi so wie ein durchseelter Menschenleib in
das soziale Leben hineinstellte, wie man dann hiniiber-
kommt in das Romische, wo der Impuls zum romischen
Burgertum auf trat aus dieser besonderen Konstitution der
Seele heraus und so waiter. Dann erlebt man, wenn man
dieses innerlich imaginativ durchlebt, jenen bedeutsamen
Einschnitt, der im 15. Jahrhundert klar stattfindet. Die
Dinge geschehen natiirlich so, daft sie sich allmahlich ent-
wickeln. Nach und nach kommen erst die Impulse heraus.
Aber genau ist der Einschnitt gegeben im 15. Jahrhundert.
Da geschieht wirklich eine Art Revolutionierung der Men-
schennatur. Nur derjenige, der eben die Dinge so betrach-
tet, kommt darauf, die anderen glauben immer, dafi alles
so sukzessive vor sich geht, wahrend tatsachlich im ge-
schichtlichen Werden grofie Vorstofie geschehen. Da wird
der Verstand in einer ganz anderen Weise zur Menschen-
natur gestellt. Er emanzipiert sich, er gliedert sich mehr
dem Selbstbewufitsein ein. Wenn das Denken materiali-
stisch und sinnlicher wird, kommt das nur daher, dafi der
Verstand nicht mehr mit dem Unterbewufken in Verbin-
dung steht. Der Mensch trachtet nach solchen staatlichen
Zusammenhangen, nach solchen Strukturen des Gemein-
schaftslebens, nach solchen Beziehungen der Staaten unter-
einander, nach solchem Ausleben der iibrigen Kulturver-
haltnisse, wie sie entspringen aus diesem eigentumlichen,
von dem menschlichen gewohnlichen Bewufksein eben nicht
gewufiten, sondern nur getraumten Loslosen des verstandi-
gen vom instinktiven Leben, aus dem Selbstandigwerden
des Verstandes vom instinktiven Leben.
Nur einiges Allgemeinere gebe ich an. Und so kann man
zuriickgehen in der geisteswissenschaftlichen Betrachtung
hinter das 8. Jahrhundert vor unserer Zekrechnung. Man
kommt dann zu einem anderen Abschnitt, der zuriickgeht
bis in das 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, von
dem man wiederum Besonderes, Charakteristisches findet,
von dem man Einzelheiten finden kann.
So findet man allmahlich hinter den Tatsadien etwas,
was eben nur in Imaginationen, nur im inspirierten, im
schauenden Bewuiksein beobachtet werden kann. Und
dann, wenn man dies, was keine Tatsadien als solche geben
konnen, erfafk hat, was sonst von dem Menschen eben fur
gewohnlich in den Tatsachenbeobachtungen und in dem
Verstande, der der aufteren Tatsachenbeobachtung ange-
hort, nur getraumt wird, dann hat man das Werdende in
der Geschichte. Denn dieses Werdende lebt im Traumbe-
wufitsein der Menschheit und wird nur aufgehellt durch
das imaginative und inspirierte Bewufitsein. Hat man dies
erfafit, dann erst bekommen die Tatsachen ihre entspre-
chende Beleuchtung.
Wie man, wenn man einen toten Leib vor sich hat, von
diesem toten Leib sagen mufi: er hatte seine Bedeutung, als
die Seele noch in ihm war - wie die Seele gewissermafien
ihr Licht hinwirft au£ den toten Leib, so ist es, daft wir
allein, indem wir das Geistige mit dem schauenden Be-
wuiksein erfassen, leben in dem Lichte, das nun die Tat-
sachen bestrahlt. Die einzelne Tatsache bekommt ihre Er-
klarung, wenn wir sie aus dem heraus beleuchten, was wir
auf diese Art gewinnen.
So kann Geschichte als Wissenschaft nicht entstehen ohne
schauendes Bewufitsein- Wer glaubt, Geschichte konne ent-
stehen ohne schauendes Bewufitsein, der gleicht einem Men-
schen, der da einen Gegenstand beleuchten lafit von einem
Lichte, dann durch irgendeine Drehvorrichtung das Licht
auf einen zweiten Gegenstand fallen lafit, dann durch die
Drehvorrichtung weiter das Licht auf einen dritten Gegen-
stand fallen lafit, und dann sagt: Der zweite Gegenstand
ist beleuchtet, das ist die Folge des Leuchtens des ersten
Gegenstandes; der dritte Gegenstand ist beleuchtet, das ist
die Folge des Leuchtens des zweiten Gegenstandes. - Das ist
nicht wahr! Jeder Gegenstand wird beleuchtet vom Lichte
aus.
So ist es mit der geschichtlichen Tatsache. Derjenige, der
Versuche macht, die Tatsachen auseinander zu erklaren,
indem er sie - wie Jacob Burckhardt sehr richtig sagt -
koordiniert, nebeneinanderstellt, der gleicht dem, der das
Licht auf seinem zweiten Gegenstand von dem Lichte auf
den ersten herleitet, wahrend er es herleiten miiflte von
dem gemeinsamen Lichte, das erst auf den ersten, dann auf
den zweiten, dann auf den dritten Gegenstand fallt. Das-
jenige, was die geschichtliche Tatsache erklart, das liegt in
der geistigen Welt, und wir miissen aus der geistigen Welt
heraus die Tatsachen beleuchten, die sonst tot bleiben,
geradeso wie die Gegenstande nicht leuchten, wenn wir sie
nicht mit dem ihnen gemeinsamen Lichte beleuchten.
Es ist in der Tat ein radikaler Umschwung, der gefor-
dert wird fur die Geschichtsbetrachtung, allein es ist audi
nicht zu verwundern. Es ist eben die Geschichte entstanden
in dem Zeitalter, das auf dem naturwissenschaftlichen Ge-
biete mit Recht alles ablehnte, was nur dem Subjektiven
angehort. Und man hat zunachst angewendet auf diese,
man mochte sagen, wie zur Unzeit entstandene Geschichte
- das ist natiirlich ein nicht ganz gutes Wort - die natur-
wissenschaftlichen Methoden, wahrend gerade Geschichte
nur gedeihen kann, wenn sich die Naturwissenschaft er-
ganzt durch Geisteswissenschaft.
Dann aber wird man allerdings nicht mehr in ethischer
Weise oder in der Weise, wie es viele andere gemacht haben,
nach abstrakten Ideen in der Geschichte suchen. Ideen kon-
nen nichts bewirken, Ideen sind etwas ganz Passives. Man
wird nach den wirklich realen geistigen Entitaten und
Machten sudien, die hinter dem geschichtlichen Werden
stehen und die nur durch das imaginative Bewufksein er-
forsdit werden konnen.
Sehr merkwiirdig nun: hat man namlich diese Richtlinie,
dann fallt in der Tat wirklich Licht auf das, was geahnt
werden kann in der Aufeinanderfolge der Tatsachen, was
aber den, der die Tatsachen nur nebeneinander betrachtet,
nicht zu Erklarungen fuhren kann. Das geschichtliche Wer-
den wird, wie durch Blitzschlage von oben, zu einer Wis-
senschaft, wenn die Geisteswissenschaft einschlagt. Es wird
immer mehr unwissenschaftlich blofi erzahlt werden, wenn
Geisteswissenschaft nicht einschlagen kann.
Es ist interessant: Jacob Burckhardt macht darauf auf-
merksam, dafi ungefahr in dem Zeitalter, in dem die Gei-
steswissenschaft den Anfang der Periode ansetzen mull,
von der ich heute gesprochen habe — nur dafi natiirlich, so
wie sich zum Beispiel die Geschlechtsreife audi iiber einige
Jahre hin erstreckt, diese Zeitpunkte nicht ganz genau
stimmen -, er weist darauf hin, dafi in der Zeit vom 6.,
7. Jahrhundert vor Christi Geburt ein gemeinsames Ereig-
nis von China durch Vorderasien bis nach Europa herein,
namlich eine allgemeine religiose Bewegung zu bemerken
ist. Die aufiere Geschichte kennt die Tatsachen: Weil da
ein solcher Umschwung sich vollzogen hat, geschehen
diese Tatsachen! Das Licht fallt auf sie. Und fur das Ende,
was da geschieht nach dem 15. Jahrhundert, gibt Jacob
Burckhardt wiederum an - sehr merkwiirdig - die an den
Namen Luthers sich kniipfende religiose Bewegung. Wie-
derum tritt eine solche Erschutterung ein, die bemerkbar
ist in Europa, aber auch zu gleicher Zeit in Indien. Wie
sich dasjenige, was im Geistigen erschaut wird, aufierlich
in den Tatsachen ein Spiegelbild schafft, wie es die Tat-
sachen beleuchtet, das tritt durch Geisteswissenschafl her-
vor. Geschichte wird aus einer Tatsachenaufzahlung eine
wirkliche Wissensdiaft.
Man mufi sagen: auch auf diesem Gebiete ist die Sehn-
sudit vieler Menschen nach dem Richtigen gegangen. Herman
Grimm, der versuchte, die Geschichte zu vergeistigen, der
aber nicht fortschritt bis zu dem Punkte, wo das imagina-
tive Bewu£tsein hineinschaut in die geistige Welt, er ver-
suchte mit alien Mitteln irgend etwas als geschichtliche
Impulse zu finden, was sich hinter den gewohnlichen Tat-
sachen abspielt. Er kam dadurch, wie tastend, zu einer
merkwiirdigen Einteilung, die er in seinen Vorlesungen
immer wiederholte. Er sagte, er miisse einteilen das bis-
herige geschichtliche Werden in ein erstes Jahrtausend - un-
gefahr lafit er das beginnen in dem Zeitpunkte, den ich fiir
die Epoche angegeben habe, die ich eben beschrieben habe -,
dann in ein zweites Jahrtausend und in ein drittes Jahrtau-
send. Herman Grimm tastet eben. Er fafit als die «ersten
zwei Jahrtausende» das zusammen, was ich fiir den grie-
chisch-lateinischenZeitraum-der ja vom8. Jahrhundert vor
Christo bis zum 15. Jahrhundert nach Christo dauert - an-
gegeben habe. Und das jetzige Leben, in dem wir drinnen-
stehen, das noch viele Jahrhunderte andauern wird und
ein ebenso zusammengehoriges Ganzes ist, welches imagi-
nativ erkannt werden kann, und die Tatsachen heraus-
gestaltet aus sich, dieses Zeitalter fafit Herman Grimm als
das «dritte Jahrtausend » auf. Und er versucht, wenigstens,
ich mochte sagen, ein Surrogat fiir das geistig Geschaute zu
haben, in dem er die Geschichte auffassen will als «Phan-
tasie-Arbeit der V6lker». Weil er nicht auf die geistige
Realitat kommen kann, auf dasjenige, was wirkt im ge-
schichtlichen Werden, fafit er dasjenige, was hinter den
aufieren Ersdieinungen ist, auf als «Phantasie-Arbeit». Er
macht es also dadurch zwar zur Illusion, erinnert aber
daran, dafi eigentlich die wirklichen historischen Impulse
von den Mensdien des gewohnlichen Bewufkseins nur
durchtraumt werden.
Daher ist aus dem, was vom geschichtlichen Werden
uberhaupt aufierlich mit dem Verstande zu erfassen ist,
audi wirklich nur das Tote zu erfassen. Und wiederum ist
es interessant, dafi gerade Historiker, die so recht mit dem
Verstande arbeiten, die, ich mochte sagen, diesen Verstand
noch instinktiv anwenden, die nicht so wie Herbert Spencer
durch allerlei kiinstlich hineinzutragende naturwissen-
schaftliche Vorstellungen diesen Verstand anwenden, son-
dern etwa wie der Historiker Gibbon, solche, die zwar den
Verstand anwenden, der audi in der Naturwissenschaft
angewendet wird, aber ihn doch noch instinktiv anwenden,
dafi sie dazu kommen - was fiir Herman Grimm ein son-
derbares Ratsel war -, besonders gut zu beobachten und
zu beschreiben die Verfallszeiten der menschlichen ge-
schichtlichen Entwickelung, wo wenig Seelisches drinnen
ist. So beschreibt Gibbon von einer Zeit, in der sogar viel
Seelisches, Seelisch-Werdendes, Seelisch-Wachsendes ist, von
der Zeit vom Beginne des Christentums durch die romische
Entwickelung das, was er «decline», Niedergang nennt,
das Verfallende. Weil er den Verstand auf die Erscheinun-
gen richtet, beschreibt er dieses ganze Werden in den ersten
christlichen Jahrhunderten als einen Verfall. Das ist sehr
natiirlich, weil der Verstand, wenn er sich so betatigt, wie
er sich an der Natur betatigen mufi, im Laufe der aufieren
Erscheinungen nur den Verfall sehen kann. Gibbon kann
nicht sehen, was sich in der Zeit, in der das eine zerfallt,
das andere wachst und gedeiht, was sich durch die christ-
lichen Impulse in die Geschichte hineinfindet. Wie das aber
arbeitet, das kommt nicht an den aufieren Tatsachen unmit-
telbar zum Ausdruck, sondern nur, wenn man es beleuditet
mit dem Lichte, das durch die Geisteswissenschaft kommt.
Interessant ist zum Beispiel nodi ein anderes. Es ist
wirklich erst unter der heraufkommenden Geisteswissen-
schaft moglich, Gesdiichte zu einer Wissenschaft zu machen.
Aber naturKch ist dasjenige, was durch die Geisteswissen-
schaft erworben ist, bei erleuchteten Kopfen, die Distink-
tionsvermogen haben, immer in Lichtblitzen zutage ge-
treten. Und sehr interessant ist eine Erscheinung: Jacob
Burckhardt macht in seinen geschichtlich-soziologischen
Vortragen, die er an der Basler Universitat in den sechziger
Jahren gehalten hat, wiederholt aufmerksam auf einen
Historiker, historischen Philosophen der ersten Halfle des
19. Jahrhunderts, der, man kann schon sagen, wenn auch
Jacob Burckhardt oftmals gegen ihn polemisiert, einen star-
ken Eindruck auf ihn gemacht haben mufi. Man sieht das
aus dem ganzen Gedankengang Jacob Burckhardts. Das ist
der Philosoph Ernst von Lasaulx. Er ist ziemlich unbe-
kannt geblieben. Lasaulx hat ein merkwiirdiges Buch ge-
schrieben, gerade dasjenige, auf welches auch Burckhardt
wiederholt in seinen Vortragen hinweist: «Neuer Versuch
einer alten, auf die "Wahrheit der Tatsachen gegriindeten
Philosophic der Gesdiichte. » Nun gewifi, Lasaulx, der
ausgestattet war mit einem gewissen ahnenden Durch-
schauen desjenigen, was sonst als geschichtliche Impulse von
den Menschen nur durchtraumt wird, Lasaulx hat aber
doch selbstverstandlich im naturwissenschaftlichen Zeitalter
hingesehen auf das, was ich nennen mochte Interpretation
der Tatsachen. Und weil er den naturwissenschaftlich ge-
schulten Verstand angewendet hat, so hat er vorzugsweise
hingesehen wiederum auf den «decline» im 19. Jahrhun-
dert, auf das Niedergehende. Es ist im 19. Jahrhundert
natiirlich audi Aufgehendes. Das kann aber nur gesehen
werden mit dem inspirierten und imaginativen Bewuftt-
sein. Dafi so etwas da ist - erst am Schlusse des Buches von
Lasaulx tritt es wie ahnend auf. Aber was er ausfuhrt in
diesem Buche, oh, es ist mafilos - verzeihen Sie den sonder-
baren Ausdruck — , mafilos interessant! Er geht die europa-
ische Geschichte durch von ihrem Anfang bis ins 19. Jahr-
hundert hinein. Uberall beschreibt er, wegen der eben
geschilderten besonderen Riditung - er bildete sich an der
Naturwissenschaft heran — , das Verfallende, das Nieder-
gehende, die Krafte, die eigentlich ins Sterben hineinfuhren.
Nun gibt es Kapitel in diesem Buche - wenn man sie liest,
so sind sie genau wie eine Beschreibung von Niedergangs-
tendenzen, die prophetisch jemand in den funfziger Jahren
des 19. Jahrhunderts von den Kraften machte, die fuhren
mufiten zu dem gegenseitigen Zerfleischen der europaischen
Nationen der Gegenwart. Man kann sagen, nirgends wird
in einer ergreifenderen, grofiartigeren Weise vorausgeahnt
- weil der Verstand gerichtet ist auf das Niedergehende -
dasjenige, was sich jetzt als solches Ergebnis des Nieder-
gehenden herausgestellt hat.
Das sind solche unmittelbaren Beweise, dafi, wenn man
gewissermafien aus dem Anschauen oder Ertraumen der
wahren geschichtlichen Impulse heraus sich begibt in das
Betrachten nur der besonderen aufieren Tatsachen, es dann
ist, wie wenn man aus dem wachen Bewufitsein einschlaft
und nicht mehr sieht, was als Wachsendes, Gedeihendes, als
dasjenige, was den Menschen wirklich vorwartsbringt, die
Geschichte durchpulst. Durch die Erkenntnis dieses Wach-
senden, Gedeihenden, wird aber auch die Geschichte heraus-
gehoben aus aller blofien Naturkausalitat. Dadurch, dafi
man sie geisteswissenschaftlich betrachtet, wird die Ge-
schichte heraufgehoben zum Range einer Wissenschaft, so
dafi man sagen konnte: Was Lessing in seiner «Erziehung
des Menschengeschiechts» geahnt hat, was er nodi, ver-
zeihen Sie den Ausdruck, unbeholfen und audi unriditig,
illusorisdi ausgesprodien hat, das wird erst auf eine sichere
Grundlage gestellt; wahrend die aufieren Tatsachen keinen
Zusammenhang zeigen. Dasjenige, in dem die Menschen-
seele lebt, traumend lebt, das wird ein fortiaufend orga-
nisch-geistiges Leben, aber ich meine ein Geistesleben, wenn
es geisteswissenschaftlich als der Inhalt der Gesdiichte be-
traditet wird.
Und dann kommt man allerdings audi darauf , wie der
gewohnliche Betrachter dadurch getauscht wird, dafi er
dieses Werden in der Geschichte wie einen Organismus be-
trachtet. Dadurch, dafi man es wie einen Organismus be-
trachtet, mufl man es oft vergleichen mit dem Werden des
einzelnen Menschenlebens. Ich selber habe in meiner Jugend
einen Lehrer gehabt, der sehr gerne die einzelnen aufein-
anderfolgenden geschichtlichen Perioden mit dem einzelnen
Menschenleben verglichen hat: Persische Geschichte, chai-
daische Geschichte mit dem Junglingsleben, mit dem spate-
ren Junglingsleben das griechische Leben, das erwadiende
Mannesalter mit dem romischen Leben. Und so wird oft die
fortlaufende Geschichte vorgestellt durch Analogie mit dem
Menschen. Das ist die Quelle fiir eine starke geschichtliche
Illusion. Denn wenn wir audi in der Weise, wie ich es an-
gedeutet habe, dazu kommen, die Entwickelung der Men-
schenseele im Verlauf des historischen Werdens in der
Gesamtmenschheit drinnen zu betrachten, so konnen wir
das, gerade wenn wir uns so in die geistige Realitat des
geschichtlichen Werdens hineinleben, dann niemals so wahr-
nehmen, wie wir wahrnehmen die Entwickelung der Men-
schenseele von der Kindheit durch das Jiinglings- oder
Jungfrauenleben, weiter durch das Mannes-, Frauenleben
und so fort bis in das Greisenleben hinein. So entwickelt
sich dieses hinter den historischen Tatsachen stehende gei-
stige Leben eben nicht, sondern es entwickelt sich anders.
Da kommt wiederum ein Paradoxon heraus. Wird es so
hingestellt, erscheint es eben paradox, wenn es schon tief
begriindet ist in der wirklichen geisteswissenschaftlichen
Betrachtung, auf die ich in diesen Vortragen hinweise.
Man kann schon dasjenige, was in einem solchen Zeit-
raum, der sich als Ganzes darstelit, lebt und darin beobach-
tet werden kann, vergleichen mit den Perioden im Men-
schenleben. Aber man mufi dann merkwiirdigerweise den
Verlauf des geschichtlichen Werdens, so sonderbar das klingt,
nicht vergleichen mit dem Werden vom Saugling durch das
Kind, durch den Jiingling zum Mann, sondern umgekehrt.
Man mufi das geschichtliche Leben umgekehrt verlauf end
denken! Wenn man zum Beispiel die Gesamtgeistesverf as-
sung des Zeitraums vom 8. vorchristlichen Jahrhundert bis
zum 1 5 . nachchristlichen Jahrhundert vergleicht mit einem
Stuck individuellen Menschenlebens, so kann man es ver-
gleichen mit den Dreifiigerjahren des Menschenlebens. Man
kann sagen: in den Dreifiigerjahren des Menschenlebens ist,
obzwar in anderer Konstitution, in anderer Stimmung zu
dem Menschenwesen, dasjenige, was in der Seele lebt, an
den Leib so gebunden, wie es in dieser griechisch-romischen
Zeitperiode bis ins 15. Jahrhundert hinein war; und was
dann darauf folgt, das lafit sich dann nicht vergleichen mit
dem, was auf die Dreifiigerjahre folgt, sondern was ihnen
vorangeht. In der Tat, gegeniiber dem einzelnen Menschen-
leben geht das geschichtliche Leben zuruck!
Indem der Verstand in unserem Zeitalter sich emanzi-
piert, nimmt er in der Tat ein Verhaltnis zum Leibesleben
an, das sich vergleichen lafit mit dem Verhaltnis des Ver-
standes zum Leibesleben in den spateren Zwanzigerjahren
des einzelnen Menschenlebens. Eine folgende Geschichts-
periode verhalt sich zu der friiheren so, dafi man den Ver-
gleich wagen darf : Wie das Kind, das noch jung ist, lernt
von dem Alteren, der vielleidit dasjenige, was das Kind in
einer spateren Form aufnimmt, noch instinktiver in sich
verarbeitet hat - wir lernen ja immer von denjenigen, die
wieder selber in der Kindheit gelernt haben — , so ist es audi
in den aufeinanderfolgenden Zeitaltern beim Bewufkseins-
ubergang von einem Zeitalter zu einem anderen Zeitalter;
und dieser Verlauf der Geschichte wird selber eine Bewufit-
seinserscheinung, die allerdings im Traumesleben ablauft.
Wir haben es nicht zu tun im Lessingschen Sinne mit einer
Erziehung des Menschengeschlechts, die so verlauft: von
der Kindheit durch das Jiinglings- und Mannesalter zum
Greisenalter, sondern wir haben es im Gegenteil mit einer
rucklaufigen Erziehung des Menschengeschlechts zu tun.
Und gerade durch diese rucklaufige Erziehung kommt das
in das geschichtliche Werden hinein, was man als einen
Fortschritt bezeichnen kann. Weil der Mensch als Seele in
spateren Zeitaltern gleichsam jiinger an solche Dinge heran-
tritt als in friiheren Zeitaltern, entwickelt er audi einen
grofieren Grad von Freiheit, einen grofieren Grad von
Unbewufkheit, Kindhaftigkeit gegeniiber seinen Mitmen-
schen, wodurch alles, was gewohnlich als Fortschritt be-
zeichnet wird, in die Weltenentwickelung hineinkommt.
Zum Schlufi will ich nur noch auf eine Erscheinung
aufmerksam machen aus dem vielen, was heute schon an-
gefiihrt werden konnte zum Belege fur das, was ich aus-
gefiihrt habe: dieses eigentiimliche, bedeutungsvoll fort-
schreitende Verhaltnis, das eintritt, indem das Christentum
von den Volkern des romisdien Reiches, die es zuerst auf-
genommen haben, ubergeht auf die jungen germanischen
Volker. Da tritt eine eigentiimliche Erscheinung ein. Wie
ist sie erklarlidi ? Nur dadurch ist sie erklarlidi, dafi im
Ganzen der geschichtlichen Entwickelung das griechisch-
romische Leben, das zuerst von den grofien Impulsen des
Christentums ergriff en worden ist, in einem spateren Sta-
dium des Erlebens war und daher dieses Christentum so
ausgebildet hat, wie wir es in der Gnosis, in den sonstigen
Dogmenbildungen ausgebildet finden. Indem dann das
Christentum an ein jiingeres Stadium des Erlebens heran-
tritt, also von einem alteren auf ein jiingeres iibertritt-ganz
entsprechend der Bewufitseinserscheinung des geschicht-
lichen Werdens, die ich angefuhrt habe - nimmt es andere
Formen an; da wird es innerlicher; da emanzipiert sich
gleichsam das religiose Bewufitsein von dem instinktiven
Verstande; da wird die Religion als christliche Religion
selbstandiger; da trennen sich spater vollstandig das reli-
giose und das wissenschaftliche Bewufitsein.
Der ganze Gang wird dadurch erklarlich, dafi man die
Sache als ein Bewufitseinsphanomen auffafit so, dafi das
Bewufitsein der germanischen Volker, das in einer anderen
Seelenkonstitution begrundet ist, das Christentum iiber-
nimmt - ich mochte sagen, wie das Kind von einem Alte-
ren - von den romischen Vorgangern, nicht von irgend-
welchen Vorfahren, sondern von den romischen Vorgan-
gern.
Das alles smd ja gewifi nur einzelne Andeutungen, und
ich weijS jedenfalls ebensogut wie jemand, der diese einzel-
nen Andeutungen sehr anfechtbar findet, wieviel eingewen-
det werden kann gegen solche Andeutungen. Aber nur
derjenige, der sich wirklich ernstlich befafit mit der Ent-
wickelung der Geisteswissenschaft, andererseits aber mit all
den Ratsel- und Sphinxf ragen, welche die junge Wissenschaft
der Geschichte aufwirft, der wird allmahlich in das Ver-
standnis desjenigen eindringen, was mit diesen Anregungen
heute gemeint ist. Und eine Erganzung fur das praktisdie
Leben, fur das aufiere soziale Leben, fiir das Eingreifen
in das soziale Leben, fiir das Verstandnis der Tatsachen, die
uns aus diesem unmittelbaren Leben heraus so beriihren,
dafi sie unser Leid und unsere Freude ausmachen, der Ereig-
nisse, die da jetzt in dieser tragischen Zeit so besonders
nahe an unsere Seele herantreten - Konsequenzen fiir solche
Dinge aus dieser historischen Ansdiauung heraus, sie sollen
in dem vierten Vortrage am nachsten Mittwoch dann zu-
tage treten.
Beschliefien mochte ich diese heutigen Auseinander-
setzungen damit, dafi ich darauf hinweise, wie prophetisch
angelegte Naturen, Naturen, welche — ohne dafi die Gei-
steswissenschaft in ihrem Zeitalter schon da war — dieses
geisteswissenschaftliche Denken instinktiv voraus in sich
hatten, wie solche Naturen instinktiv audi das Richtige tra-
fen, indem sie auf die Geschidite der Menschheit hinblick-
ten. Ich blicke da auf Goethe, der sich ja nur vereinzelt mit
geschichtlichen Problemen befafk hatte, zum Beispiel in sei-
ner Geschichte der Farbenlehre, der aber ein tiefes Ver-
standnis fiir die Geschichte hatte. Indem er mit ahnendem
Seelenvermogen hinblickte auf die Geschichte, formulierte
er das, was sich ihm ergab, noch nicht so, wie das heute hier
formuliert worden ist. Aber dafi die Menschheit eigentlich
das geschichtliche Werden mit dem gewohnlichen Bewufk-
sein nur durchtraumt, also es in den Regionen erlebt, wor-
aus auch Gefiihle, woraus Affekte, woraus Leidenschaften,
Gemiitsbewegungen entstehen, indem Goethe dieses, was
heute gesagt worden ist, ahnte, konnte er sich zur Geschichte
in der richtigen Weise stellen. Er wufite: was auch die Ge-
schichte aufbringen kann an Begriffen, die naturwissen-
schaftlich gearteten Begriffen ahnlich schauen, das gibt
eigentlich nur Unfruchtbares fiir das Menschenleben; denn
das entspringt aus derselben Region des Seelenlebens, in
der das wache Bewufitsein lebt. Dieses wache Bewufitsein
ist aber nur fur das Naturdasein da; Geschichtliches wird
vom Menschen erlebt in den Traumregionen, aus denen
Leidenschaften, Affekte, aus denen Gemiitsbewegungen
aufsteigen. Bevor daher der Mensch sich einlebt in das ima-
ginative, in das inspirierte Bewufitsein, so lange er im ge-
schichtlichen Werden drinnensteht mit dem gewohnlichen
Bewulksein, kann seine Seele, sein Gemiit audi nur ergriff en
werden von dem, was aus dem Traumbewufitsein heraus
als Erfahrung des Geschichtlichen kommt. Ergriffen werden
kann der Mensdi nicht von dem, was abstrakte Begriffe,
was Ideen sind, die aus demselben Verstande heraus stam-
men, der iiber die Naturtatsadien sidi ergeht. Das alles
bleibt unfruchtbar. Fruclitbar wird nur, was gerade aus
denselben Regionen herauskommt und in denselben Regio-
nen wirkt, in denen es aus der Gesdiichte herausgeholt
wird. Das ist das beste an der Geschidite. Weil Gesdiichte
getraumt wird - Goethe folgert es nicht, er ahnt es -, so
kann das, was aus der Gesdiichte kommt, audi nur in der
Traumregion des Enthusiasmus, der Gemiitsbewegungen
wirken. Und Goethe sagt: Das Beste, was uns die Gesdiichte
geben kann, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. - Damit
aber haben wir in bedeutungsvoller Weise zwar nicht eine
Formulierung der geschichtlichen Wissenschaft, aber eine
lebendige Erfassung desjenigen gegeben, aus dichterischem
Gemiit heraus, was zur Anschauung erhoben werden muiS
durch die Geisteswissenschaft. Solange wir in der Gesdiichte
mit dem gewohnlichen Bewufksein leben, sind wir eigent-
lich nicht an ihr beteiligt. Insofern unser Enthusiasmus in
ihr steckt und wir uns zu ihren Erscheinungen so stellen,
wie sich Enthusiasmus dazu stellen kann, nehmen wir am
geschichtlichen Leben selber teil.
So wie wir aus der Natur lernen, konnen wir aber aus
der Geschichte erst lernen, wenn wir das geschichtliche Wer-
den anschauen mit dem imaginativen, mit dem inspirierten
Bewufitsein. Diese Betraditungen dann auszudehnen auf
die Natur und auf das soziale Leben, das wird die Auf gabe
der nachsten Vortrage sein.
Fragenbeantwortung
nach dem Vortrag in Zurich, 7. November 19 17
Frage: Wie stent es mit der materialistisdien Geschichtsauffassung,
mit Marx zum Beispiel?
Nun, bei einer solchen Gelegenheit mufi ich darauf hin-
weisen, dafi von der Geisteswissenschaft, eben aus geistes-
wissensdiafllichen Untergriinden heraus, das vollig ernst
genommen wird, werden muE, was ich im vorigen Vortrage
gesagt habe uber die Stellung, die die Seele nach und nach
zu dem bekommt, was man Begriffe in ihrem Verhaltnis zu
der Wirklichkeit nennt. Ich sagte: im gewohnlichen Be-
wufitsein ist man zufrieden, wenn man einen Begriff ge-
wissermafien als Abbild der Wirklichkeit hat; im schauen-
den Bewufitsein mufi man immer nach einer ganzen Anzahl
von Begriffen streben, die sich so verhalten wie von ver-
schiedenen Seiten her aufgenommene Photographien. Was
in Begriffe gefafit wird, kann niemals gegeniiber der geisti-
gen Welt irgendwie erschopf end die Wirklichkeit darstellen,
sondern nur immer einen Aspekt der Wirklichkeit. So ist
es auch mit den hochsten philosophischen Begriffen: Vor
dem gewohnlichen Bewufitsein ist man Pantheist, oder man
ist Monadist, um nur diese zwei Gegensatze zu erwahnen.
Man erkennt ein Gottliches, das alles durchwebt und
durchlebt; man ist Pantheist; oder man erkennt, wie etwa
die Leibnizianer, einzelne reale Monaden, die in ihrem Zu-
sammenwirken das Weltenganze ergeben.
Der Geisteswissenschafler kann weder Pantheist nodi
Monadist sein, weil er einfach im Pantheismus eine Summe
von BegrifFen, im Monadismus eine Summe von BegrifFen
hat, die beide von verschiedenen Seiten aus die Wirklichkeit
beleuchten, so dafi, wenn ich einen Vergleich wagen darf,
ich sagen mochte: wer Pantheist ist, der sieht nur aufs Aus-
atmen, wer Monadist ist, sieht nur aufs Einatmen. Wie man
den Lebensprozefi nicht unterhalten kann durch Einatmen
oder durch Ausatmen, sondern durch Einatmen und Aus-
atmen, so kann die geistige Wirklichkeit nur begriffen wer-
den, indem man in seinem Begriffsleben lebendig wird und
sowohl pantheistisch wie monadistisch sich die Wirklichkeit
zu beleuchten versteht. Wenn man blower Monadist ist wie
Leibniz, so gilt das fur den Geisteswissenschafler so, als
wenn man an zuviel eingeatmeter Luft erstickt. Man er-
stickt. Wenn man blofier Pantheist ist, so gilt das fur den
Geisteswissenschafler so, wie wenn man in einem luflleeren
Raume atmen wollte. Also zu dem Begriffsleben bekommt
man als Geisteswissenschafler ein lebendiges Verhaltnis.
Man mufi dieses lebendige Verhaltnis so lebendig wie mog-
lich denken. Denn wenn sich dieses lebendige Verhaltnis
zum Begriffsleben einstellt, dann lebt man in dem gegen-
seitigen Kampfen und Sich-Harmonisieren der Begriff e, das
in die geistige Wirklichkeit eintaucht, ganz darinnen, auf
reale Weise; wahrend man mit dem gewohnlichen Bewufit-
sein in seinen BegrifFen auf abstrakte Weise lebt. Schon die
einf achsten Begrifle andern sich dadurch in ihrem Verhalt-
nis zur Wirklichkeit.
Ich will ein Beispiel anfiihren. Man kann heute in der
Schule lernen: Die Korper sind undurchdringlich. Und das
wird als Definition angefuhrt: die Undurchdringlichkeit
besteht darin, dafi in deni Raum, in dem ein Korper ist,
ein anderer nicht sein kann. - So kann ein Geisteswissen-
schafter den Satz nicht sagen. Ein Geisteswissenschafter
kann niemals von einer begrifflichen Definition ausgehen,
sondern nur von einer begrifflichen Charakteristik. Er sagt
in diesem Falle: Dasjenige, welches sich so verhalt, dafi es
einen Raum in der Art ausfullt, dafi kein anderes Wesen in
diesem Raume drinnen sein kann, ist ein materieller Kor-
per. — Das heifk, er kehrt die Sache gerade um, er geht aus
davon, seinen Begriff nur in den Grenzen anzuwenden,
weil er ihn lebendig hat, in denen er anzuwenden ist. Er
verabsolutiert nicht die BegrifFe. Das stellt sich in den aller-
emfachsten Denkoperationen ein, wenn man wirklich den
Sprung macht, den ich nennen mochte: den Sprung iiber die
Schwelle der geistigen Welt. Man mufi das wirklich sehr
ernst nehmen. Die Menschen mochten heute noch so im Ab-
strakten herumreden, wenn von der geistigen Welt die
Rede ist. Aber die ganze Seelenkonstitution, die ganze Art
zu denken, wird eine andere, wenn man in die Wirklichkeit
eintritt. Die Begriffe werden erlebt, so dafi man ihre Wirk-
lichkeit durchlebt. Sehen Sie: ein abstrakt denkender
Mensch, fur den ist eine Rose, die er im Zimmer in Wasser
gestellt hat, selbstverstandlich eine Wirklichkeit. Aber das
ist gar keine Wirklichkeit. Denn im wirklichen Leben kann
eine Rose nicht da sein, ohne dafi sie am Rosenstrauch ist
und im ganzen Zusammenhang mit dem Rosenstrauch ent-
steht. Der Geisteswissenschafter ist sich also immer bewufk,
dafi er, wo etwas mit etwas anderem zusammengehort, es
im Zusammenhange zu denken hat. Er weifi: der BegrifF
Rose als abgeschnittene Rose ist ein unwirklicher BegrifF.
Denken Sie sich das ausgedehnt auf die ganze Formung,
auf die ganze Struktur des Denkens, dann werden Sie einen
Begriff bekommen von dem bedeutungsvollen Umschwung,
der eintritt, wenn die Schwelle zur geistigen Welt uber-
schritten ist. Da bekommt man eben die Wirklichkeit.
Da bekommt man ein inneres, erlebbares Vorstellen von
der Tragweite der Begriffe. Denn man kommt gar nicht
darauf, wenn man im Abstrakten herumwirtschaftet, wie
die Naturwissenschaft es mufi, wie man da zu unwirklichen
Begriffen kommt. Ich erinnere bei einer solchen Gelegenheit
gern an einen Vortrag, den Professor Dewar im Beginne
des Jahrhunderts in London gehalten hat, einen sehr geist-
vollen Vortrag vom Standpunkte des naturwissenschaffc-
lichen Denkens. Von dem Standpunkte dieses naturwissen-
schaftlichen, physikalischen Denkens aus konstruiert Pro-
fessor Dewar einen Endzustand des Erdenseins, zu dem die
Erde gekommen sein wird, wenn so und so viele Millionen
von Jahren verflossen sein werden, die Temperatur nach
und nach eine andere geworden ist und so weiter. Wenn
man gewisse Tatsachen verfolgt, wie man sie heute vor sich
hat, so kann man ganz gut, indem man die Konsequenzen
zieht, zu einer solchen Ausmalung eines Endzustandes kom-
men. Professor Dewar schildert sehr geistreich, wie gewisse
Stoffe, die heute noch nicht leuchten, dann leuchten werden;
werden mit gewissen StofFen die Wande beschmiert, so
werden die Wande so leuchten, dafi man dabei Zeitungen
lesen kann. - Allerdings wird es so kalt sein, dafi man nicht
weifi, wer die Zeitungen drucken wird. Da hapert die
Sache schon in der Wirklichkeit. Aber Dewar gebraucht
dieses Bild. Was heute abreifit, wenn man nur ein kleines
Gewicht daranhangt, wird eine so starke Kohasion haben,
dafi Zentnerlasten daran angehangt werden konnen und so
weiter. Das Ganze ist sehr richtig ausgedacht, und man
kann, wenn man darauf eingeht, einen Endzustand des
Erdenzustandes konstruieren, alles physikalisch exakt dar-
stellen. Der Vortrag konnte wirklich selbstverstandlich
einen grofien Eindruck machen, weil ein Physiker, der tief
vertraut ist mit den physikalischen Begriffen, den End-
zustand der Erde anschaulich, ich mochte fast sagen, hand-
greiflich anschaulich make.
Der Geisteswissenschaffcer erlebt etwas bei einer solchen
Schilderung; denn er wird sofort zu den anders beleuchte-
ten Begriffen gefiihrt. Denn, was der Professor Dewar da
macht, indem er diesen nach Millionen von Jahren ein-
tretenden Endzustand der Erde schildert, das ist doch auf
dieselbe Weise gewonnen, wie wenn Sie die aufeinander-
folgenden Zust'ande des Magens und des Herzens eines
Menschen im dreizehnten Jahre, im vierzehnten, fiinfzehn-
ten, sechzehnten Jahre - wie es sich so langsam verandert —
in Rechnung setzen und dann konsequent weiter schliefien
wiirden, wie nach zwei-, dreihundert Jahren das Ganze
ausschauen wird, das Herz, der Magen und so weiter. Das
kann alles sehr rich tig sein, im naturwissenschaftlichen
Sinne gedacht, abstrakt gedacht. Nur just ist der Mensch
dann langst gestorben, der Magen ist nicht mehr da! Indem
sich diese Realitatsgesinnung hinstellt neben das andere,
sehr Geistvolle, lebt man in lebendigen Begriffen, kann man
dahin kommen, einzusehen, da& das zwar ganz richtig ist,
was der Professor Dewar schildert als Endzustand der Erde
in einigen Millionen von Jahren - nur dafi die Erde gestor-
ben ist bis dahin, nicht mehr da ist. Genauso ist es aber, wenn
man zuriickrechnet, dreizehn, zwolf, elf Jahre und so wei-
ter, wie das war vor hundertfunfzig Jahren. Der Mensch
hat noch nicht gelebt! So macht es namlich die Kant-
Laplacesche Theorie, indem sie den Anfangszustand aus
physikalischen Unterlagen heraus sehr fein und geistvoll
konstruiert als Nebelzustand und so weiter, aus dem sich
alles heraus ergibt - nur just fiir den Zeitpunkt, fur den
man das ansetzen mufi, war das alles nodi nicht da!
Das ist der Obergang von abstraktem Denken in reales
Denken. Und indem ich das im allgemeinen charakterisiert
habe, darf ich jetzt sagen, dafi so etwas wie die materialisti-
sche Geschichtsauffassung mit ihren BegrifTen mit einer
gewissen Notwendigkeit aufgetreten ist, dafi sich, was ge-
schichtlich geschieht, eigentlich nur auf Klassenkampfen
aufbaut, auf dem Ausleben der mater iellen Interessen. Der
Begriff des Materialismus hat ja in der materialistischen
Geschichtsauffassung nicht denselben Sinn wie der Begriff
des Materialismus in der Naturwissenschaft. Er ist ent-
standen, indem gewisse durchaus mogliche Begriffe gebildet
worden sind. Aber man miifke den Standpunkt einhalten:
Wieviel vom geschichtlichen Werden kann man mit diesen
Begriffen umfassen? Man umfafit eben eine Stromung
dabei, eine Stromung, die sogar erst im 1 6. Jahrhundert
heraufkommt!
Die Menschen sind heute nicht autoritatsglaubig, selbst-
verstandlich! Denn den Autoritatsglauben haben sich die
Menschen abgewohnt! Aber, ja - «die Wissenschaft» ist
mindestens eine starke Autoritat. Und wenn man auf eine
gewisse Anzahl von Dogmen schwort, dann ist alles andere
Torheit, Unsinn, Jammerlichkeit. Ich habe einmal vor
Jahren durch Jahre hindurch Vortrage gehalten in Arbeiter-
kreisen, viele Vortrage, auch geschichtliche Vortrage, in
denen ich die Geschichte so zu charakterisieren versuchte,
wie sie sich eben einem undogmatischen Denken ergibt.
Aber nachdem ich eine ziemlich treue Zuhorerschaft, die sich
immer mehr vermehrte - ich darf das schon sagen ohne
Eitelkeit -, bekommen hatte, da wurden gewisse sozial-
demokratische Fuhrer aufmerksam auf die Sache, dafi da
nicht orthodoxer Marxismus, orthodoxe materialistische
Geschiditsauffassung gelehrt, dafi da sogar die merkwiir-
dige Ansicht vertreten werde, dafi die Begriffe, welche die
materialistische Geschiditsauffassung in sich fafit, erst vom
1 6. Jahrhundert ab eine Anwendung gewinnen, daft vorher
die Anwendung gar nicht moglich ist, dafi sie gerade aus
den Untergriinden der Geschichte heraus eine Anwendung
gewinnen, weil da der Verstand, wie ich es gezeigt habe,
sich emanzipiert, weil da der Mensch iiberhaupt erst dazu
kommt, sich zu emanzipieren von einem gewissen instink-
tiven Leben und so weiter, da£ die materiellen Interessen
dafiir die Widerlage liefern, so da£ man - wenn auch nur
als Teil der historischen Ingredienzien — zu der materiali-
stischen Geschiditsauffassung kommt, und immerhin doch
diese oder jene Erscheinung von ihr aus beleuchten kann.
Wenn man aber diese materialistische Geschiditsauffassung
allein zugrunde legt, so bekommt man dabei keine Ge-
schichte; man lafit eben das andere weg, was an anderen
Impulsen vorhanden ist; so mufi man auch die Begriffe, die
der Marxismus aufgebracht hat, als etwas betrachten, was
wiederum ein Aspekt ist, was eine Photographie der Wirk-
lichkeit von einer gewissen Seite her lief ert, die man ergan-
zen mufi durch Aspekte von anderen Seiten. Und diese
sozialdemokratischen Fiihrer machten dann diesen Vor-
tragen ein Ende! Das ist gerade das Eigentiimliche der Gei-
steswissenschaft: dafi sie gerecht werden kann den innerlich
giiltigen Impulsen, die auf dem oder jenem geistigen Ge-
biete auftreten, dafi sie gerade ihre relative Berechtigung
einsehen kann, wie aber der Irrtum sogleich entsteht, wenn
man einen einseitigen Aspekt verabsolutiert und ihn zum
allgemeinen Erklarungsprinzip macht. Das ist es, worauf
es ankommt.
Es verlauft naturlich das Leben so, dafi die Menschen
sich versteifen auf einen BegrifF. Die Menschen wollen
iiberhaupt lieber in Begriffen leben als in der Wirklichkeit,
lieber in Abstraktionen leben als in der "Wirklichkeit. Man
ist viel mehr zufrieden, wenn man ein paar Begriff e hat, in
die alles mogliche hineingepfahlt werden kann. Aber die
Wirklichkeit ist nicht so. So wie man eben - den Vergleich
muS ich immer wieder gebrauchen - einen Baum nur be-
kommt, wenn man ihn auf einen Aspekt hin von einem
gewissen Gesichtspunkte aus photographiert, auf einen an-
deren Aspekt hin von einem anderen Gesichtspunkte aus
photographiert, so ist es audi mit der gesamten Wirklich-
keit, wenn sie eben als Wirklichkeit erf aft t werden will.
Man mufi sagen, dafi es ja, weil materielle Interessen in
das geschichtliche Werden im Laufe der letzten drei bis vier
Jahrhunderte so machtig eingetreten sind, ganznatiirlichist,
dafi auch eine materialistische Geschichtsauf f assung herauf-
kam, eine Vertretung der Ansicht, dafi der auftere Verlauf
der Geschichte mit den grobsten, nur fiir das Naturdasein
passenden Begriffen zu erfassen ist. Aber man erfafit da
erst recht nur Totes, nur Unlebendiges. Ich komme auf
solche Dinge noch zu sprechen im vierten Vortrage, wo ich
mehr auf das ethische, soziale Leben einzugehen habe. Und
das Unwirkliche wiirde sich sofort zeigen, wenn nun wirk-
lich die Wirklichkeit einzig und allein mit solchen Begriffen
begliickt wiirde. Da wiirde man schon sehen, wie diese
Wirklichkeit durch solche Begriffe, wenn sie sich einleben
wiirden, ertotet wiirde; wahrend sie, wenn man sie als
einen blofien Aspekt betrachtet, fruchtbar werden konnen.
Das ist, was ich in Anlehnung an diese Frage sagen
mochte. Natiirlich konnte ich noch stundenlang iiber die
Sache fortsprechen.
Dr. Steiner wird ersudit, den Vorgang, der dem Erinnern zugrunde
Hegt, den er im ersten Vortrage schilderte, nodimals beleuditen zu
wollen.
Nun, da ich ohnedies auf solche Dinge im nachsten Vor-
trage nodi einmal zu sprechen komme, so werde idi mich in
der Beantwortung der Frage etwas kiirzer fassen konnen.
Wir haben audi nur nodi ein paar Minuten Zeit. Da mochte
ich vor alien Dingen sagen, dafi es eine irrtiimliche Vor-
stellung ist, wenn man glaubt, das, was ich als gegenwartige
Vorstellung habe, die ich an einer Wahrnehmung gewinne
— sagen wir also zum Beispiel: Ich sehe einen Gegenstand
an, stelle ihn auch vor zu gleicher Zeit bleibe erhalten.
Was ich da gewinne, was ich noch als eine Nachwirkung
habe, wenn ich den Gegenstand aus dem Auge lasse, das
ist ein blofies Spiegelbild, das ist nichts, was wieder auf-
treten kann; das ist etwas, was da ist und dann wirklich
vergeht, so wie das Spiegelbild vergangen ist, wenn ich
an dem Spiegel vorbeigehe und aufier den Bereich des
Spiegels komme. Also es ist eine irrtumliche Vorstellung,
sich ein Reservoir der Seele zu denken, in das etwa hinein-
gehen wiirden die Vorstellungen, die dann wiederum her-
ausgeholt wiirden aus diesem Reservoir. Die Vorstellungen
verweilen nicht, die Vorstellungen bleiben nicht! Sondern
wahrend ich vorstelle, geht zugleich ein unterbewufiter
Prozefi, der aber imaginativ beobachtet werden kann, also
ein fiirs gewohnliche Bewufitsein unterbewufiter ProzeE
vor sich; und dieser unterbewufite Prozeft, der bewirkt im
Organismus dasjenige, was wieder ablauft durch neue Ver-
anlassungen, wenn erinnert wird. Wenn ich eine Vor-
stellung an einem Gegenstand dadurch gewinne, daft der
Gegenstand auf meine Sinne wirkt, dann entsteht die Vor-
stellung; wenn ich eine Vorstellung habe, die ich als Erinne-
rungsvorstellung gewinne, so ist es genau ebenso, nur dafi
nicht der auftere materielle Gegenstand mir den Eindruck
macht, und ich mir auf Grund des aufSeren Gegenstandes
die Vorstellung bilde, sondern ich schaue gewissermafien in
mein Inneres hinein, auf das, was unbewulk aufgenommen
worden ist, und bilde mir danadi die Vorstellung. Wenn
ich das sdiematisch ausdriicken will: ich bilde mir jetzt eine
Vorstellung «zehn»; nach einiger Zeit taucht die Vorstel-
lung «zehn» wieder auf; es ist aber nicht wahr, dafi die
Vorstellung «zehn» dieselbe ist — dafi sie vergangen ist und
nachher wieder da ist. Was bleibt, ist ein unbewufites En-
gramm, dieses unbewufke Engramm, das sich als Parallel-
prozeft gebildet hat, wahrend ich die Vorstellung hatte, das
bleibt; und das nehme ich wahr, wenn ich wiederum vor-
stelle. Wenn also «zehn» auftritt, so tritt es auf als Ergeb-
nis einer Anregung von auften; wenn «zehn» wieder auf-
tritt, tritt es auf als Ergebnis einer Anregung von innen,
und ich nehme von innen heraus wahr, was ich erinnere.
Das ist der Vorgang, den man geisteswissenschaftlich sehr
gut beobachten kann, der padagogisch gut verwertet wer-
den kann, der auch beobachtet werden kann von einem auf-
merksamen Padagogen, wenn er nur sein Aufmerksam-
keitsvermogen in einer entsprechenden Weise orientiert hat.
Denken Sie doch nur einmal daran, wie auswendig ge-
lernt wird. Beobachten Sie da genau. Da konnen Sie es
handgreiflich haben: was man alles fur Veranstaltungen
macht, dafi der Parallelprozefi sich abspielt! Die Vorstellung
ist aufgenommen, aber man will den Parallelprozefi sich so
abspielen lassen, dafi man ihn gewissermaften einpaukt in
€twas, was unterbewulk bleibt. Sie konnen beim Einpauken
beobachten: die Vorstellungen werden nicht irgendwie zur
Erinnerung fuhren, sondern ein Prozefi, der als Unter-
stiitzungsprozefi des blofien Vorstellens entstehen mufi und
wirklich im Unterbewufken liegt. Und dieses Arbeiten im
Unterbewufiten - sehen Sie nur, wenn jemand ein Gedicht
einpaukt, was da alles zu Hilfe genommen wird! — , der
Geisteswissenschafter beobachtet es direkt. Und mit dem
Lichte, das gewonnen wird, sieht man. Manche Einpaukende
nehmen sogar alles Mogliche zu Hilfe, sdilagen sich an die
Stirne und so weiter, was durchaus nicht mit dem Erlebnis
der Vorstellung zusammenhangt! GehenSie auf denProzeft
naher ein, so werden Sie sehen, dafi hier ein wichtiges
Grenzgebiet beriihrt ist zwischen Psychologie und Physio-
logic Wir werden das nachste Mai audi sehen, wie die gei-
steswissenschaftlich orientierte Physiologie da auf etwas
kommen kann.
So dafi ich richtungsgemafi definieren mochte: Das Vor-
stellen entsteht zunachst, als primares Vorstellen, unter
dem Einflusse einer aufteren Wahrnehmung, vom aufieren
Gegenstand angeregt; oder als Erinnerung, angeregt von
innen; so dafi ich das eine Mai nach aufien gewissermafien
lese, das andere Mai nach innen lese. Wenn ich zweimal
hintereinander ein Buch lese, so ist es audi aus demselben
Buche erworben, aber es sind aufeinanderfolgende Er-
"werbungen.
Also das ist dasjenige, was eventuell zur Charakteristik
dienen kann. Dazu wird einiges kommen, wenn ich im
dritten Vortrag den Menschen als Naturwesen bespreche.
Frage: Werden die hoheren Bewufitseine nidit individuell versdiie-
den sem?
Es ist, wie ich schon das letzte Mai sagte, sehr nahe-
liegend, dafi man zu dieser Anschauung kommt: daft der
eine, in dem er diese Bewufitseinszustande entwickelt, zu
anderen Formen kommt als der andere; aber dieses darf
durchaus nicht zuruckschrecken lassen vor dem Verfolgen
dessen, was ich das Erkenntnisdrama genannt habe; denn
das Individualistische ist nur ein Zwischenzustand. Man
geht allerdings durch eine starke individualistische Periode
durch, ist sich aber ihrer bewufit, so dafi man sie iiber-
windet. Dann gelangt man ins objektive Innere hinein.
Und nur weil man ungenau betrachtet, kommt es, dafi man
glaubt: der eine behaupte das, der andere jenes. So ist es
nicht. Die Verschiedenheiten sind nicht grofier, als schliefi-
lich audi die Verschiedenheiten sind, wenn zwei Reisende
eine und dieselbe Gegend beschreiben: der eine lenkt seinen
Blick auf das, der andere auf jenes; die Beschreibungen
sehen sich gar nicht ahnlich; dennoch beschreiben sie die-
selbe Gegend; und es ware ein Unsinn, zu glauben, dafi
man deshalb durch ihre Beschreibung nicht zur Objektivitat
gefiihrt wiirde, oder dafi sie selber nicht der Objektivitat
gegeniibergestanden waren. Ich habe deshalb gesagt: Ge-
wifi, es liegt nahe, an individualistische Auspragung des
Erlebens derhoherenBewufitseinszustande zu denken; aber
das ist eben nur ein Zwischenzustand. In Wahrheit kommt
man ebenso, wie wenn man das Subjektive im Anschauen
der Natur iiberwindet und zur objektiven Natur hinaus-
kommt, zum objektiven Geist, wenn man das Subjektive
in der Imagination auszuschalten vermag. Und wenn Sie in
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und
in der «Geheimwissenschaft im Umrifi» lesen, wie dieses
Subjektive ausgeschaltet wird beim Hinaufleben in die an-
deren Bewufitseinszustande, so werden Sie sehen, dafi man
da innerlich ebenso zu einem objektiven Geistigen kommt,
wie man aufierlich zu einem objektiven Natiir lichen kommt.
Es wird wirklich nach aufien das Subjektive ausgeschaltet
in der Naturwissenschaft, nach dem Geistigen zu das Sub-
jektive ausgeschaltet in der Geisteswissenschaft.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:7 3 Seite:10 9
ANTHROPOSOPHIE UND NATURWISSENSCHAFT
GEISTESWISSENSCHAFTLICHE ERGEBNISSE UBER DIE NATUR
UND DEN MENSCHEN ALS NATUR¥ESEN
Zurich, 12. November 19 17
Zu den fur den Geisteswissenschafter selbst bedeutsamsten
Beziehungen zu anderen wissenschaftlichen Stromungen ge-
hort die Beziehung zur naturwissenschaftlichen Forschung
der Gegenwart und der neueren Zeit uberhaupt. Wenn
irgend etwas von vornherein die Notwendigkeit der an-
throposophisch orientierten Geisteswissenschaft klarlegen
kann, so ist dies ganz besonders das Verhaltnis zur Natur-
wissenschaft, in das sie sich selber stellen mufi.
Unter den AngrifFen, welche diese hier gemeinte Geistes-
wissenschaft gefunden hat, sind insbesondere diejenigen,
welche sich gegen meine eigene Stellung zur Naturwissen-
schaft der Gegenwart richten, wenigstens fiir mich selbst
von einigem weitergehenden Interesse. Dafi schliefilich An-
grirTe, Gegnerschaften von seiten der Naturwissenschaft
selbst gegen eine Geistesrichtung erwachsen, die zwar streng
auf dem Boden der Naturwissenschaft steht, aber doch in
fast alien Dingen iiber die Naturwissenschaft hinausgehen
mufi, das ist ja ganz begreiflich. Aber merkwiirdig und fiir
die ganze Stellung der Geisteswissenschaft doch von einer
gewissen Bedeutung, ist, dafi mir selbst gerade in der letz-
ten Zeit immer wieder und wiederum der Vorwurf gemacht
wird, daft ich nicht ablehnend der naturwissenschaftlichen
Forschung der Gegenwart gegeniiberstehe, sondern im Ge-
genteil, dafi ich voll auf diesem Boden stehe. Dieser Vor-
wurf wird mir von vermeintlichen Bekennern einer «gei-
steswissenschaftlichen» Richtung gemacht. Und man darf
schon sagen: mit derjenigen wissenschaftlichen Richtung,
die in diesen Vortragen zutage tritt, ist man gewissermafien
eingeklemmt zwischen den Gegnersdiaften, die von der
Naturwissenschaft herkommen, und den Gegnersdiaften,
die von irgendwelchen unklaren, mystischen, spirituellen
Seiten sidi fast ebenso stark geltend machen.
Nun mufi ich sagen, daft die Geisteswissenschaft, wie ich
sie hier in diesen Vortragen zu vertreten habe, nicht nur das
Bekenntnis ablegen muS, in die Notwendigkeit versetzt
zu sein, anzukniipfen an die Naturwissenschaft, sondern
dafl sie sich audi dazu bekennen mufi, dafl sie, so wie sie
in der Gegenwart notwendig ist und auftreten mufi, den
naturwissenschaftlichen Errungensdiaften Anregung, For-
derung in jeder Beziehung nidit nur zu danken hat, sondern
zu danken haben mui Denn gerade die Geisteswissenschaft
hat, wenn sie nicht dilettantisch, laienhaft, unklar bleiben
will, eine Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft
im eminentesten Sinne notwendig, weil sie gerade auf-
bauen mufi in einer gewissen Beziehung, wie wir das heute
sehen werden, auf den neuesten Ergebnissen der Natur-
wissenschaft.
Das mag allerdings denjenigen, die mancherlei schon von
dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
kennen, paradox erscheinen. Allein ich werde gerade im
Laufe des heutigen Vortrags nach vielleicht fast alien Seiten
hin mancherlei Paradoxes zu sagen haben. Und von vorn-
herein mochte ich insbesondere am heutigen Abend ge-
wissermaften um Entschuldigung bitten, dafi ich vorzugs-
weise genotigt sein werde, Ergebnisse der Geistesforschung
vorzubringen, Ergebnisse, durch deren Mitteilung ich audi
nichts weiter will, als anregen. Um das, was heute zu sagen
ist, in allem einzelnen zu belegen, zu beweisen, dazu wiirde
wohl ein wochenlanger Kursus notwendig sein.
Die naturwissenschaftliche Entwickelung der neueren
Zeit mufi man in ihrer Wesenheit ins Auge fassen, wenn
man ein richtiges Verhaltnis gerade als Geisteswissenschaf-
ter zu ihr gewinnen will. Diese naturwissenschaftliche Rich-
tung verdankt ihr Geprage eigentlich keineswegs dem, was
sie selbst sich als ihre grofien Vorziige zuschreibt, sondern
ganz anderen Voraussetzungen, ganz anderen Tatsachen.
Der eigentumliche Charakter, den die naturwissenschaft-
liche Vorstellungsart und Denkweise durch die letzten vier
Jahrhunderte und insbesondere im 19. Jahrhundert und bis
zu unserer Gegenwart angenommen hat, beruht darauf,
dafi im Lauf der geschichtlichen Menschheitsentwickelung
ganz bestimmte Erkenntnisneigungen, ganz bestimmte Er-
kenntnisbegabungen bei den Menschen aufgetreten sind.
Man stellt dieses Heraufkommen der naturwissenschaft-
lichen Denkweise oftmals so dar: Nun ja, durch Jahr-
tausende in fruheren Zeiten seien eben die Menschen gerade
auf dem Boden der Naturwissenschaft auf Irrpfaden ge-
gangen; und nun, ich will nicht den trivialen Ausdruck ge-
brauchen, der so oft gesagt wird: Und nun haben wir es
so herrlich weit gebracht! -, sondern ich will nur darauf
aufmerksam machen, wie gute, ehrliche, aufrichtige Be-
kenner naturwissenschaftlicher Vorstellungsart doch glau-
ben, dafi es sich halt einmal fiir die Menschheit ergeben
habe, nun in gewissen Dingen zur «Wahrheit», zur «rich-
tigen Erkenntnis» zu kommen, wahrend friihere Zeiten
«auf Irrpfaden gewandelt» haben.
Allein, wenn man etwas in das Wesen naturwissenschaft-
licher Entwickelung hineinblickt, so wird man sehen, dafi
nicht so sehr das Wunder eingetreten ist, dafi plotzlich seit
dem 16. Jahrhundert die Menschheit auf die alleingultige
Wahrheit gekommen ist, sondern daft seit diesem 16. Jahr-
hundert eben ganz bestimmte Begabungen, ganz bestimmte
Neigungen und Richtungen fixr den Erkenntnisweg auf-
getreten sind, und dafi nun diese Neigungen, diese mensch-
lichen Bediirfnisse, diese, idi mochte sagen, Vorliebe gerade
die Menschheit dahin gebradit haben, auf der einen Seite
den Blick, die Aufmerksamkeit auf die Natur zu lenken,
und auf der anderen Seite dem Wissen von der Natur das
Geprage zu geben, das wir heute, gerade wenn wir auf gei-
steswissenschaftlichem Boden stehen, so sehr bewundern
miissen.
Eine der hervorstechendsten Begabungen, die da auf-
getreten sind, ist die: genau das rein aufierlich-sinnlich Tat-
sachliche zu beobachten. Mit dieser Vorliebe und Begabung
fur die Beobaditung des sinnlich Gegebenen, des sinnlich
Tatsachlichen, hat sich aber audi die andere Neigung ver-
knupft: dem sinnlich Tatsachlichen einen ganz vorzuglichen
ausschliefilichen Wert beizulegen und zu glauben, dafi alles,
was iiber das sinnlich Tatsachliche hinausgeht, den Men-
schen in irgendwelche unerlaubte Erkenntnisgebiete, in
irgendwelche verschwommene phantastische Spharen hin-
einfiihren, kurz, zu Erkenntnisabgriinden geleiten miisse.
Dafi dieses so ist, kann man insbesondere ersehen, wenn
man den Blick wirft auf das Bestreben, den Menschen selbst
naturwissenschaftlich zu erobern. Dieses Bestreben ging
darauf hinaus, dieselben Krafte, dieselben Gesetzmafiigkei-
ten, die sich fiir die vom Menschen abgesonderte Natur
finden, auch auf den Menschen anzuwenden, den Menschen
gewissermafien zu verstehen als ein blofies Naturwesen,
aber als ein solches Naturwesen, wie es vor dem natur-
forscherischen Blicke der neueren Zeit entstanden ist. Und
dieser Eroberungszug der Naturwissenschaft hat sich nicht
nur auf das aufierlich Naturliche des Menschen, sondern er
hat sich audi darauf erstreckt, das Seelische des Menschen in
irgendeiner Weise naturwissenschaftlich zu betrachten, ja
es moglichst nahe heranzubringen an die reineNaturgesetz-
maftigkeit. Und man kann, ich mochte sagen, dem moder-
nen Seelenforsdier sogar Befriedigung, Genugtuung an-
merken, wenn er in der Lage ist, irgend etwas, wovon er
glaubt, daft es sidi als ein unumstoftliches Naturgesetz er-
wiesen hat, audi anwenden zu konnen auf das menschliche
Seelenleben. Wenn idi extreme Falle nach dieser Richtung
hin vorfiihre, so mochte ich damit die Sache moglichst ekla-
tant charakterisieren.
Wer noch auf dem Standpunkt stent, daft das menschliche
Seelische ein Wesen in sich ist, der wird selbstverstandlich
zu der Vorstellung kommen, daft dieses in sich geschlossene
menschliche seelische Wesen sich durch Willensimpulse
- tiber Freiheit oder Unfreiheit werden wir iibermorgen
sprechen — kraflmafiig durch den Organismus aufiern kann.
Die Vorstellung, dafi das Seelenwesen gewisserma£en der
Kraftursprung fur die Bewegung, fiir die Handlung des
Organismus ist, beherrscht sogar manche Menschen der
Gegenwart.
Diejenigen aber, die da glauben, rein naturwissenschaft-
lich denken zu sollen, sagen sich: Die Naturwissenschaft hat
im 19. Jahrhundert als eines ihrer bedeutsamsten Gesetze
erobert das von der Konstanz, von der Erhaltung der Ener-
gie, von der Umwandlung der Krafte in solcher Art, daft
nicht irgendwie Neues entstehen kann im Kraftesystem,
daft nicht irgend etwas eingreifen kann in dieses Krafte-
system, das nicht schon innerhalb dieses Kraftesystems drin-
nen lebt. Wenn nun, so sagt man sich, die Seele imstande
ware, von si
…[truncated]