Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Individualitäten. Die Verinnerlichung der Jahresfeste

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 



vortrAge vor mitgliedern 

der ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Die menschliche Seele in ihrem 
Zusammenhang mit gottlich-geistigen 

Individualitaten 

Die Verinnerlichung der Jahresfeste 



Elf Vortrage, gehalten in 
Bern, Dornach, Prag, Stuttgart und Berlin 
vom 6. April bis ll.Juli 1923 



1992 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Wolfram Groddeck 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1966 

2., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1983 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992 
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 224 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff und Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafrverwaltung, Dornach/Schweiz 

Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 
ISBN 3-7274-2240-8 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent- 
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche 
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der 
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser 
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung 
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie- 
ren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor- 
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.* 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schluft 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaften auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Ausfuhrliche Inhaksangaben S. 229 ff. 



Schicksalsgestaltung in Schlafen und Wachen. Die Geistigkeit der 
Sprache und die Gewissensstimme 

Bern, 6. April 1923 9 

Der individualisierte Logos und die Kunst, aus dem Worte den 
Geist herauszulosen 

Stuttgart, ZMai 1923 32 

Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtod- 
lichen Dasein 

Stuttgart, 21. Juni 1923 51 

Mauthners «Kritik der Sprache* - Die Unzulanglichkeit heutigen 
Denkens, aufgezeigt an Rubner und Schweitzer 

Stuttgart, 4Juli 1923 72 

Die vier Wesensglieder des Menschen - Der Spiegelcharakter des 
intellektuellen Denkens und die Realitat des sittlich-religiosen 
Erlebens 

Stuttgart, 11 Juli 1923 93 

Drei Etappen des Erwachens der menschlichen Seele 

Prag, 28. April 1923 (Ohne Einleitung) 114 

Anthroposophie - der Weg zu einem vertieften Verstandnis des 
Ostermysteriums 

Prag, 29. April 1923 126 



Die Himmelfahrtsoffenbarung und das Pfingstgeheimnis 

Dornach, I.Mai 1923 (Ohne Schlufi) 144 

Johannistimmung - Der gescharfte Johanniblick 

Dornach, 24Juni 1923 158 

Wiedergewinnung des lebendigen Sprachquells durch den Chri- 
stus-Impuls - Der Michael-Gedanke als Anruf des menschlichen 
Willens 

Dornach, 13. April 1923 174 

Die Schaffung eines Michael-Festes aus dem Geiste heraus - Die 
Ratsel des inneren Menschen 

Berlin, 23. Mai 1923 189 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 219 

Hinweise zum Text 221 

Namenregister 227 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 229 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 235 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 237 



SCHICKSALSGESTALTUNG IN SCHLAFEN UND WACHEN 

DIE GEISTIGKEIT DER SPRACHE UND DIE 
GEWISSENSSTIMME 

Bern, 6. April 1923 

Lassen Sie uns heute etwas betrachten, das vielleicht in gewissem 
Sinne wiederum eine Erganzung zu dem gestrigen offentlichen Vor- 
trage bilden kann. Naher ins Auge fas sen mochte ich heute die Art, 
wie sich der Mensch hineinstellt in jenen Teil der Weltenordnung, der 
zusammenhangt mit seinem eigenen Schicksal, mit demjenigen, was 
wir in unserem Kreise gewohnt worden sind, das Karma zu nennen. 
Wie findet eigentlich diese Schicksalsgestaltung beim Menschen statt? 
Da miissen wir, um diese Frage lebensfahig, nicht theoriefahig zu 
beantworten, etwas naher eingehen auf die Wesenheit des Menschen. 

Man spricht von dem menschlichen Leben oftmals so, daB man 
sagt : Das Menschenleben zerfallt in diese beiden voneinander unter- 
schiedenen BewuBtseinszustande, in das Wachen und in das Schlafen. 
Aber man faBt dabei das Schlafen eigentlich nur in dem Sinne auf, daB 
man sich die Vorstellung bildet: Im Schlafe ruht sich der Mensch eben 
aus. - Die naturwissenschaftliche Anschauung nimmt ja iiberhaupt an, 
daB die BewuBtseinstatigkeit aufhort mit dem Einschlafen, dann 
wiederum beginnt, daB also auch in bezug auf den Organismus das 
Schlafen nichts weiter sei als ein Aussetzen der menschlichen Tatigkeit 
zur Ruhe. Aber der Schlaf ist nicht ein bloBes Ruhen, sondern man 
muB sich klar dariiber sein, daB vom Einschlafen bis zum Aufwachen 
zunachst das, was wir den astralischen Leib nennen, und dann das Ich als 
wirklich Wesenhaftes auBer dem physischen und atherischen Leibe sind. 

Nun kann der Mensch zwar auf der Entwickelungsstufe, auf der er 
gegenwartig im Erdenleben steht, kein unmittelbares BewuBtsein da- 
von erringen, was eigentlich dieses Ich und was der astralische Leib 
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen tun. Aber dasjenige, was 
die beiden da tun, das ist fur das menschliche Leben zum mindesten 
von einer ebenso groBen Bedeutung wie das tagwachende Leben. DaB 
das Ich und der astralische Leib kein BewuBtsein entwickeln konnen 



von all den komplizierten Verhaltnissen, die mit ihnen vorgehen im 
Schlafe, das riihrt nur davon her, daB im Erdenstadium, so wie es 
heute ist, dieses Ich und dieser astralische Leib keine Organe haben, 
urn die Ereignisse, in die sie verstrickt sind, wahrzunehmen. Aber 
diese Ereignisse sind da. Und diese Ereignisse werden vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen durchgemacht, und sie wirken herein in 
das Tagesleben, in das bewuBte Leben des Menschen. 

Wir werden uns am besten richtige Vorstellungen verschaffen viber 
die Art und Weise, wie hereinwirken die Erlebnisse von Ich und 
astralischem Leib in das tagwachende Leben, wenn wir auf den An- 
fang des Menschenlebens sehen. Wir haben das bei andern Betrach- 
tungen schon ofter getan. Da schlaft sich gewissermaBen in der aller- 
ersten Lebenszeit der Mensch als ganz kleines Kind in das Erdenleben 
herein. Man darf da nicht nur von derjenigen Zeit sprechen, in der das 
Kind vollstandig schlaft, so daB es auch auBerlich sichtbar ist, daB es 
schlaft, sondern man muB eigentlich von der ganzen Zeit sprechen, 
an die man sich mit dem gewohnlichen BewuBtsein gar nicht zuriick- 
erinnern kann. Das Kind mag allerdings auch fur diese Zeit fiir die 
auBerliche Beobachtung einen wachen Eindruck machen, aber das- 
jenige, was im BewuBtsein vor sich geht, bildet sich ja nicht so aus, 
daB es spater erinnert wird. Und alles dasjenige, was von dem Kinde 
erlebt wird, ohne daB es sich spater daran erinnert, all das konnen wir 
so bezeichnen, daB wir sagen: Wir verweisen dabei auf die Zeit, in 
welcher sich der Mensch in das Erdenleben hereinschlaft. 

Aber was entwickelt sich alles gerade aus diesem Schlafenszustande 
im Beginne des menschlichen Erdenlebens? Drei Dinge miissen wir 
ganz besonders ins Auge fassen, wenn wir verstehen wollen, wie das 
wirkt, was da der Mensch heruntergetragen hat aus seinem vor- 
irdischen Dasein, was er in einer ihm selbst dunklen, schlafdunklen 
Art nun hineinverwebt in sein physisches Dasein ; drei Dinge sind es, 
die der Mensch in einer andern Weise als die Tiere sich aneignen muB. 
Die Tiere eignen sich das entweder gar nicht an, oder sie bringen es 
schon mehr oder weniger mit auf die Welt. 

Diese drei Dinge sind dasjenige, was wir gewohnlich im Leben so 
bezeichnen, daB es sehr einseitig aufgefaBt wird. Nur ein kleiner Teil 



von dem Ganzen wird eigentlich aufgefaBt. Das erste ist das Gehen- 
lernen. Der Mensch kommt als ein Wesen in die irdische Welt, das 
nicht gehen kann, das sich erst das Gehen aneignen muB. Das zweite, 
was sich der Mensch aneignen muB, ist das Sprechen, und das dritte 
ist das Denken. Wir konnen beim Kinde genau unterscheiden, wie 
manchmal das eine vor dem andern kommt, aber wenn man die 
Menschheit im allgemeinen nimmt, so kann man im ganzen sagen : Der 
Mensch lernt gehen, sprechen, denken - jedenfalls das Denken erst 
nach dem Sprechen. Erst aus dem Sprechen heraus entsteht allmahlich 
die Fahigkeit, dasjenige, was in Worte gefaBt wird, auch in Gedanken 
festzuhalten. Und es dauert eigentlich ziemlich lange, bis man wirklich 
sagen kann: Das Kind denkt. 

Aber gerade das Gehen wird als etwas sehr Einseitiges aufgefaBt. 
Das Gehen besteht ja nicht bloB darin, daB das Kind sich aufrichten 
lernt und sozusagen seine Beine in pendelnde Bewegung setzen kann, 
sondern es besteht darin, daB das Kind uberhaupt sich aneignet, das 
Gleichgewicht, das menschliche Gleichgewicht in der Welt durchaus 
zu beherrschen, ich mochte sagen: daB man sich iiberall hinstellen 
kann, ohne daB man umfallt; daB man also seinen Leib hineinstellen 
kann in die Welt, seine Muskeln, seine GliedmaBen so beherrschen 
lernt, daB der Schwerpunkt des Leibes, ob wir stehen, oder ob wir 
gehen, an die richtige Stelle fallt. Aber das ist noch immer einseitig 
aufgefaBt, denn Sie miissen bedenken, daB etwas auBerordentlich 
Wichtiges sich dabei noch vollzieht: das ist die DifFerenzierung der 
Beine und der Arme. 

Die Tiere gebrauchen ihre vier GliedmaBen in gleichformiger 
Weise - in der Regel wenigstens, wenn Abweichungen da sind, laBt 
sich das sehr gut erklaren -, der Mensch differenziert. Er braucht 
zum Ins-Gleichgewicht-Stellen, er braucht zum Gehen seine Beine, 
wahrend die Arme und die Hande gerade wunderbare Ausdrucks- 
mittel fur sein Seelisches und die Trager seiner Weltenarbeit werden. 
Gerade auch in dieser DifFerenzierung zwischen FiiBen und Handen, 
Armen und Beinen liegt dasjenige, was hinzugehort zu dem, was man 
gewohnlich mit dem Gehenlernen nur einseitig bezeichnet. Damit ist 
man dann zu dem gekommen, was uns innerhalb der physischen Welt 



dasjenige bezeugt, was sich der Mensch erst wahrend des physischen 
Erdenlebens aneignet. 

Das zweite, was er sich aneignet, indem er - wie beim Gehen und 
Stehen, beim Gleichgewichtsuchen, beim DifFerenzieren der Hande 
von den FiiBen - probiert, nachahmend probiert, das zweite, was er 
sich dadurch aneignet, ist das Sprechen. Und wir konnen sagen : Das 
Sprechen ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Gehen, nament- 
lich nicht mit dem Gebrauche der differenzierten Hand. Denn man 
weiB ja, wie das Sprechen mit einer ganz bestimmten Ausbildung 
eines Gehirnorgans, der linken Schlafenwindung zusammenhangt. 
Aber das ist nur bei denjenigen Menschen der Fall, welche vorzugs- 
weise die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens mit der rechten 
Hand erledigen. Linkshander haben auf der andern Seite, der rechten 
Seite, ihr Sprachorgan gelegen. Daraus konnen wir schon sehen, wie 
mit dem Suchen nach Gleichgewicht dasjenige zusammenhangt, was 
sich im Sprechen ausdriickt. 

Und aus dem Sprechen heraus entwickelt sich dann das Denken. 
Nur auf kiinstliche Weise kann derjenige, der stumm geboren ist, 
zum Denken gebracht werden. Aber fur all diejenigen Menschen, die 
nicht stumm geboren werden, ist das Denken etwas, was sich aus dem 
Sprechen erst herausentwickelt. 

Nun aber kann man diese Eigentumlichkeit des Menschen, die ich 
eben jetzt zusammengefaBt habe, eigentlich erst ganz iibersehen, wenn 
man den Obergang des Menschen im spateren Leben aus dem Wachen 
in den Schlafzustand verfolgt. Da ist es ja so, daB physischer Leib und 
atherischer Leib auf physische Weise im Bette ruhend sind, daB das 
Ich und der astralische Leib sich im wesentlichen getrennt haben von 
dem physischen und dem atherischen Leib. Wenn wir aber nun mit 
den Mitteln der Geisteswissenschaft an diesen astralischen Leib des 
Menschen herantreten, wie er vom physischen und Atherleib vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen getrennt ist, dann finden wir, daB 
dieser astralische Leib wesentlich in sich die Krafte enthalt, die zu- 
sammenhangen mit dem Sprechenlernen des Menschen. Es ist auBer- 
ordentlich interessant, das Einschlafen und Aufwachen des Menschen 
zu beobachten, wenn er als Kind sprechen lernt, und es ist sogar noch 



interessant bei irgend jemandem, der erst als Erwachsener sprechen 
lernt, zu beobachten, wie der astralische Leib gerade an dem Sprechen- 
lernen aufierordentlich stark beteiligt ist. Denn der astralische Leib 
tragt in der Zeit, in der der Mensch im Sprechenlernen darinnen ist, 
und auch spater, wenn er sich im Tageslaufe des Sprechens bedient, 
mit sich das Geistig-Seelische, das in den Worten, das in der Sprache 
liegt, hinaus aus dem physischen und Atherleibe. 

Konnen Sie verfolgen, wie der Mensch spricht, wie er seine Worte 
formt, wie er seinen Worten den eigentumlichen Stimmklang gibt, 
konnen Sie verfolgen, wie er in seine Worte die Kraft der tlber- 
zeugung seiner Seele hineinlegt, wie er das Seelische, das er erlebt, 
in seine Worte hineinverlegt, dann konnen Sie auch weiter verfolgen, 
wie mit dem Einschlafen der astralische Leib dieses Geistig-Seelische 
aus dem physischen Leib und dem Atherleib herausnimmt und im 
schlafenden Zustande gerade die Nachwirkung des Geistig-Seelischen 
der Sprache in der geistig-seelischen Welt wie em Nachschwingen 
enthalt. Sie konnen die Wortbildungen, die Lautnuancierungen, die 
Oberzeugungskraft, die der Mensch in die Worte hineinzulegen ver- 
mag, auch an dem schlafenden astralischen Leibe verfolgen. Da ist 
naturlich nicht etwas von einer Schwingungskraft vorhanden, die sich 
der Luft mitteilt; dadurch kommt auch kein physischer Stimmklang 
der Sprache zustande. Aber dasjenige, was auf den Wellen der Worte 
als Geistig-Seelisches aus dem menschlichen Munde herauskommt und 
vom menschlichen Ohre gehort wird, was da auf dem Strom der 
Sprache sich seelisch vermittelt, das tragt als Seelisch-Geistiges der 
astralische Leib hinaus in die geistige Welt, wenn der Mensch schlaft. 
Man sieht das nur deutlicher wahrend das Kind oder auch der Er- 
wachsene im Erlernen einer Sprache sich anstrengen, die Sprache sich 
erst aneignen; aber statt findet es das ganze Leben hindurch, daft das- 
jenige, was wir bei Tag sprechen, in bezug auf sein Geistig-Seelisches 
dann in der Nacht vom astralischen Leibe hinausgetragen wird in die 
geistige Welt. So daft wir sagen konnen: Namentlich die Gefuhls- 
nuance des Gesprochenen wird durch den astralischen Leib aus dem 
Menschen hinausgetragen wahrend der Nacht. Das ist eine Eigen- 
tumlichkeit des astralischen Leibes. 



Aber jetzt beobachten wir, wie das Ich sich vom Einschlafen bis 
zum Aufwachen verhalt. Das Ich ist ebenso zunachst, ich mochte 
sagen, rein natiirlich an das GliedmaBensystem gebunden. Wie der 
astralische Leib an die Brust gebunden ist und aus der Brust die 
Sprache kommt, in eben solcher Weise ist das Ich an alles dasjenige 
gebunden, was der Mensch mit seinen Gliedern ausfiihrt, was der 
Mensch vom Aufwachen bis zum Einschlafen tut, indem er diesen 
oder jenen Gang macht, indem er dieses oder jenes mit seinen Armen 
und Handen vollzieht. So wie der astralische Leib in jedes Wort 
hineinflieBt und das Seelische des Wortes sich herausnimmt wahrend 
des Schlafens, so ist das Ich verbunden mit jeder Bewegung, die wir 
machen, indem wir in der Welt diesen oder jenen Ort aufsuchen im 
Wachzustande. Es ist das Ich verbunden mit jeder Handbewegung, 
mit jedem Ergreifen irgendeines Gegenstandes. Aber wahrend man 
beim astralischen Leib, weil die Sprache etwas so Seelisches ist, das 
eigentliche Seelische weniger beachtet, weniger darauf aufmerksam 
wird, daB in der Sprache eben noch etwas ganz Besonderes seelisch 
in die Sprache hineinergossen wird, ist man schon bei dem Zu- 
sammenhang des Ich mit den GliedmaBen geneigt, iiberhaupt nicht 
mehr darauf Riicksicht zu nehmen, daB damit etwas Seelisch-Geistiges 
verkmipft ist. Man faBt halt das Gehen, man faBt das Greifen mit den 
Handen auf wie etwas, ich mochte sagen, was rein in einer Art physi- 
schem Mechanismus geschieht, der der menschliche Organismus sein 
soil. Das ist aber nicht der Fall. 

Dasjenige, was in jeder Fingerbewegung wahrend des Tages liegt, 
was in jedem Schritte liegt, mit dem man einen Ort aufsucht, das ent- 
halt auch ein Geistig-Seelisches, so wie das Wort em Geistig-Seelisches 
enthalt. Und das, was da mit unseren GliedmaBen verbunden ist, was 
verbunden ist mit unseren Bewegungen, das nimmt das Ich beim 
Einschlafen aus unserem physischen und Atherleib hinaus in die 
geistige Welt, nur deutlich verbunden jetzt mit einem besonderen 
Geistig-Seelischen: damit namlich, daB das Ich in jedem Augenblick 
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen unbewuBt zufrieden oder 
unzufrieden ist - Sie werden das gleich nachher besser verstehen, wenn 
ich es weiter erlautern werde -, zufrieden ist damit, wenn ich mich 



zwar deutlich, aber etwas trivial ausdriicken muB, ob die Beine sich 
nach diesem oder jenem Ort hinbewegt und etwas getan haben, ob die 
Arme dies oder jenes verrichtet haben. Nicht nur wird der Nachklang 
der Beinbewegungen und Armbewegungen hinausgenommen in das 
Schlafen, sondern es wird Zufriedenheit oder Unzufriedenheit hinaus- 
genommen. Es haftet vom Einschlafen bis zum Aufwachen dem Er- 
leben des Ich an : Eigentlich hattest du dahin nicht gehen sollen. Oder : 
Eigentlich war das recht gut, daB du dahin gegangen bist. Eigentlich 
war es gut, daB du dies oder jenes mit deinen Armen gemacht hast. 
Eigentlich war es schlecht, daB du dies oder jenes getan hast. - Das 
ist das Geistig-Seelische, das das Ich hinzusetzt zu dem, was es aus den 
GliedmaBen des Menschen hinausnimmt in den schlafenden Zustand. 

Und woher kommt es denn, daB dies so ist? Das kommt davon, daB 
der astralische Leib, indem er zwischen dem Einschlafen und Auf- 
wachen in die geistige Welt versetzt wird, nach der Weltenordnung 
beim Menschen eigentlich dazu bestimmt ist, in innigen Kontakt zu 
kommen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen mit denjenigen 
Wesenheiten, welche in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» ge- 
schildert sind als angehdrig der Hierarchie der Archangeloi, der Erz- 
engel. Denn mit dem, was wir da als den Nachklang der Sprache mit 
hinausnehmen in das Schlafen, fiihlen sich diese Archangeloiwesen 
verwandt. Das ist dasjenige, was sie brauchen, das ist dasjenige, was 
sie erleben wollen. 

Ich mochte sagen : Genau ebenso, wie wir Menschen im physischen 
Erdenleben darauf angewiesen sind, zu atmen, also Sauerstoff um uns 
haben, und daher den Sauerstoff als etwas Wohltatiges empfinden, so 
empfinden die Erzengel, die mit dem Inneren der Erde verbunden sind, 
es als ihr Bedurfnis, daB ihnen die Menschenseelen, wenn sie schlafen, 
entgegenbringen den Nachklang dessen, was in ihrer Sprache liegt. 

Das ist das Eigentiimliche der menschlichen Sprache, daB sie Ver- 
wandtschaft hat durch die Vermittlung des Schlafzustandes mit der 
Hierarchie der Archangeloi, der Erzengel. Sie werden sich erinnern, 
wenn Sie sich ins Gedachtnis rufen, was ich verschiedentlich gesagt 
habe in friiheren Zyklen : daB eigentlich die Erzengel die Genien, die 
Leiter, die Fiihrer der Volkssprachen sind. Das hangt damit zusam- 



men. Die Erzengel sind deshalb die Fiihrer der Volkssprachen, weil 
sie - es ist ja figiirlich ausgesprochen, aber es ist so - geradezu ein- 
atmen dasjenige, was ihnen der Mensch aus der Sprache entgegen- 
tragt, wenn er einschlaft. Aber es ergibt sich sofort eine Unzulanglich- 
keit des Menschen, wenn der Mensch mit seiner Sprache in den 
schlafenden Zustand nicht das Rechte hinausbringt. 

Das ist etwas, was man insbesondere innerhalb der Gegenwarts- 
kultur beobachten kann. Innerhalb dieser Gegenwartskultur ist eigent- 
lich wenig von dem vorhanden, was man Idealismus nennt, und die 
menschlichen Worte haben allmahlich bloB solche Bedeutungen an- 
genommen, die sich auf auBerlich physisch-materielle Dinge beziehen. 
Die Bezeichnung von Idealen - was ja voraussetzt, daB man ans 
Geistige glaubt, denn das Ideal ist Geistiges -, die Bezeichnung von 
Idealen fallt immer mehr und mehr aus. Die Menschen entwickeln 
nicht im wachen Zustande den Schwung, den inneren Enthusiasmus 
fur Idealismus. Dadurch reden sie eigentlich auch nur mehr iiber 
solche Dinge, die in der physischen Welt da sind. Worte nehmen 
immer mehr und mehr die Bezeichnung an fur Dinge, die in der 
physischen Welt da sind. 

Es ist ja so, daB in unserer Zeit mehr oder weniger selbst diejenigen 
Menschen, die sehr fanatisch manchmal an den Geist glauben wollen, 
doch den Geist gerade ablehnen. Da machen sie spiritistische Experi- 
mente, wobei sie den Geist sich manifestieren las sen, weil sie eigentlich 
an den Geist nur glauben wollen, wenn er materiell sein kann. Aber 
das ist ja kein Geist, der im materiellenLichtschimmer und dergleichen 
erscheint. Spiritismus ist namlich die auBerste Form des Materialismus. 
Man versucht den Geist abzuleugnen dadurch, daB man nur das als 
Geist gelten laBt, was in die Welt des Materiellen hereinkommt. 

Also wir sind schon einmal in einem Zeitalter, wo die Worte sich 
nicht so aus der Seele herausringen, daB sie einen idealen Schwung 
annehmen. Und das wird immer weniger. Aber wenn dieser ideale 
Schwung nicht da ist, wenn, mit andern Worten, der Mensch im 
wachenden Zustande nicht in der Lage ist, auBer von den physischen 
Dingen auch von seinen Idealen zu sprechen, gewissermaBen sich 
hinzuwenden an dasjenige, was eben dem Ideal angehort, was iiber 



die physische Welt hinausliegt, was dem Leben Ziele gibt, die iiber 
das physische Leben hinausliegen, wenn der Mensch nicht in seiner 
Tagessprache Worte entwickelt fur Ideale, wenn nicht die Sprache 
selber in Idealismus ergossen ist — dann findet der Mensch nur auBer- 
ordentlich schwierig wahrend des schlafenden Zustandes jenen Zu- 
sammenhang mit dem Erzengelwesen, der ihm eigentlich notwendig 
ist, und dann kommt im schlafenden Zustande keine Ordnung hinein 
in dasjenige, was sich da abspielen soil zwischen der menschlichen 
Seele und der Hierarchie der Archangeloi. Wenn das der Fall ist, wenn 
der Mensch dem Materialismus verfallen ist, in seiner Sprache keinen 
Idealismus entwickelt, die Worte nach und nach so geworden sind, 
daB der Mensch nur mehr wenig spricht von Idealen, dann verflieBt 
das irdische Leben so, daB der Mensch jede Nacht eigentlich, wenn 
ich mich so ausdriicken darf, den AnschluB versaumt an das Erzengel- 
wesen. Dann wird es ihm schwer, mit der geistigen Welt so innig ver- 
bunden zu sein, daB er nun auch in geniigender Weise das Leben nach 
dem Tode, vom Tode zu einer neuen Geburt, kraftig durchleben 
kann. Der Mensch schwacht sich dadurch, daB seine Sprache keinen 
Idealismus enthalt, fur das Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt. 

Zu wissen, wie es sich mit diesen Dingen verhalt, ist eigentlich 
schon ein Lebenswissen. Derjenige, der weiB, was es fur eine Be- 
deutung hat, wenn die Sprache keinen Idealismus enthalt, der wird 
endlich die Kraft gewinnen, wiederum einzutreten dafiir, daB in die 
menschliche Sprache auch Idealismus hineinkommt. Schon wahrend 
des Erdenlebens kann man bemerken, daB derjenige nicht zu seiner 
rechten Kraft kommt, der aus dem Erzengelwesen nicht die notige 
Kraft heraussaugen kann in diesem Zustand vom Einschlafen bis zum 
Aufwachen. Wir kdnnen geradezu sagen in bezug auf dasjenige, was 
die Sprache an uns als Menschen wahrend des Schlafes tun soli: Um 
das in der rechten Weise als Ergebnis fur das Leben zu bekommen, 
miissen wir uns wirklich bemiihen, solchen Idealismus zu haben, daB 
in die Worte nicht bloB die Verstandigung iiber das alltagliche Leben 
einflieBt, sondern in die Worte auch Geistiges in Form des Idealismus 
einflieBt. 



Aber noch starker tritt das hervor, wenn wir jetzt auf den schlafen- 
den Zustand des Ich schauen. Das Ich nimmt mit hinaus in den schla- 
fenden Zustand Zufriedenheit und Unzufriedenheit iiber dasjenige, 
was die GliedmaBen getan haben. Geradeso wie der astralische Leib 
durch die Nachwirkung der Sprache an die Hierarchie der Erzengel 
herangetragen wird, so wird das Ich durch das, was es da als Nach- 
klang der taglichen Verrichtungen durch Arme und Beine hinaus- 
bringt in den Schlafzustand, herangetragen an die Hierarchie der 
Urkrafte, der Archai, der Urbeginne. Aus diesen Urbeginnen kommt 
uns dann die Kraft, erstens den physischen Leib in der richtigen Weise 
zu durchdringen, so daB wir nicht nur das Gute wollen, sondern bis 
zu einem gewissen Grade auch imstande sind, die Triebe des physi- 
schen Leibes soweit zu beherrschen, daB wir kein Hindernis haben an 
unserem physischen Leib, um dasjenige zu tun, was wir in der Freiheit 
des Gedankens uns als Pflicht oder als Ziel vorsetzen. Wir sind frei 
im Gedanken. Aber die Kraft, die Freiheit im Leben anzuwenden, 
bekommen wir nur, wenn wir in den Schlaf hinaustragen den richtigen 
Zusammenhang mit den Urkraften, mit den Archai. 

Aber wie konnen wir das? Der Idealismus bringt unseren astra- 
lischen Leib in richtiger Weise mit den Erzengelwesen in Zusammen- 
hang. Was bringt unser Ich in der richtigen Weise mit den Urkraften 
in Zusammenhang? Wenn auch wir zunachst unbewufit in der Nacht 
bleiben - aber das Wesen aus der Hierarchie der Urkrafte hat ein 
volliges BewuBtsein von der Sache, nimmt dasjenige auf, was wir 
unbewuBt haben, und entwickelt es zu einem ausgesprochenen Ge- 
danken der Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem, was wir am 
Tage getan haben. Was aber bringt uns in einen richtigen Zusammen- 
hang mit diesen Urkraften, in einen solchen Zusammenhang, wie wir 
ihn durch den Idealismus in der Sprache zu den Erzengeln be- 
kommen? 

Es gibt nichts anderes, um wahrend des Schlafens in bezug auf sein 
Ich in den richtigen Zusammenhang mit den Urkraften zu kommen, 
als wirkliche, echte, wahre Menschenliebe, unbefangene Menschen- 
liebe, allgemeine Menschenliebe, richtiges Interesse fur jeden Mit- 
menschen, mit dem uns das Leben zusammenbringt, nicht Sympathie 



oder Antipathie, die nur aus irgend etwas herauskommen, das wir 
nicht iiberwinden wollen. Echte, wahre Menschenliebe wahrend des 
Wachzustandes fuhrt uns zwischen dem Einschlafen und Aufwachen 
in den SchoB der Urkrafte, der Archai, in der richtigen Weise hinein. 
Und da wird, wahrend das Ich im SchoBe der Archai ruht, das Karma, 
das Schicksal geformt. Da entsteht das Urteil: Ich bin unzufrieden mit 
demjenigen, was ich mit meinen Armen und Beinen getan habe. Und 
aus dem, was da als eine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit sich 
ergibt, entsteht nun nicht bloB das, was gilt fur die Zeit kurz nach 
dem Tode, sondern fur das nachste Erdenleberi; es entsteht die Kraft 
zum richtigen Bilden des Schicksals, so daB auch wirklich die Dinge 
ausgeglichen werden, die wir in einem Erdenleben empfunden haben 
wahrend des Schlafes, im Ich, im Zusammenhange mit den Ur- 
kraften. 

Wenn Sie dies bedenken, so sehen Sie genau hinein in diesen merk- 
wiirdigen Zusammenhang des Ich und des Schicksals, des Karma. 
Wahrend wir sozusagen dem astralischen Leibe ansehen, wie er, wenn 
der Mensch ein Idealist ist, die Sprache als eine Opfergabe den Erz- 
engeln ubergibt, so daB ihn dann die Erzengel in der richtigen Weise 
zwischen Tod und neuer Geburt leiten konnen, so sehen wir, wie das 
Ich an dem Schicksal webt. Da wird das Karma ausgearbeitet im 
Zusammenhange mit den Urkraften, Und die Urkrafte haben wieder- 
um die Gewalt, dasjenige uns zu verleihen, was wir brauchen, um 
nicht nur die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt durchzugehen, 
sondern beim nachsten Herabsteigen ins Irdische mit einer solchen 
Kraft anzukommen, daB wir, wenn wir ein kleines Kind sind, jetzt 
mit der Erbschaft vom vorhergehenden Erdenleben so oder so gehen 
lernen, Gleichgewicht finden lernen, FuBe und Hande, Arme und 
Beine differenzieren lernen. 

Es ist sehr merkwurdig, zu sehen, wie beim Kinde, wenn es vom 
Kriechen zum Gehen iibergeht, wenn es zunachst Gleichgewicht er- 
wirbt, in dieser Anstrengung die Art und Weise nachwirkt, wie im 
letzten Erdenleben das Ich durch allgemeine Menschenliebe in der 
richtigen Weise den Schlaf in Zusammenhang mit den Urkraften ge- 
bracht hat. Das druckt sich aus im Gehenlernen. Man kann dies bis 



in die Einzelheiten verfolgen. Man kann sehen, wenn ein Kind immer 
wieder umkippt, wie das davon herruhrt, daB in einem fruheren Leben 
. das Kind starke menschenhassende Gefuhle entwickelt hat. Da ist es 
nur herangekommen an die Urkrafte, da hat es nicht die richtige Ver- 
bindung mit ihnen gefunden, und gerade in dieses Gehenlernen hinein, 
in das fortwahrende Umkippen, da hinein pragt sich die Wirkung 
aus. Derjenige, der sich einen richtigen Blick gerade dafur aneignen 
wiirde, der also zum Beispiel sich vornehmen wiirde : Ich will dadurch 
ein richtiger Erzieher werden, daB ich die Kinder im Gehenlernen 
richtig beobachte wer das durchfiihren konnte, der wiirde aus der 
Art und Weise, wie das Kind gehen lernt, wirklich Ungeheures von 
dem sehen, was man auch als Unterrichtender, als Erzieher karmisch 
auszugleichen hat, weil es aus dem vorhergehenden Erdenleben durch 
nicht geniigende, oder geniigende, aber falsch angebrachte Menschen- 
liebe in dieses Leben hereingebracht worden ist. 

Hier sehen Sie, wie die materialistische Ansicht beim Physischen 
bleibt. Die materialistische Ansicht beschreibt, wie der menschliche 
Organismus wie eine Maschine sich aufrichtet, gehen lernt und so 
weiter. Aber mit allem Physischen ist ein Geistiges verbunden, und 
derjenige, der den ganzen Vorgang uberschaut, lernt erkennen, daB 
im Gehenlernen des Kindes hereinspielt das vorhergehende Erden- 
leben. Das heiBt, Gehenlernen ist iiberhaupt die Art und Weise, wie 
der Mensch, wenn er ein neues Erdenleben antritt, seinen physischen 
Korper beherrschen lernt. Und fur den, der die Sache vollstandig 
uberschaut, ist das Gehenlernen nicht erschopft damit, daB man seine 
Beine aufrichten kann und den ganzen Korper aufrichten kann, son- 
dern das geht so weit, daB es nun zu inneren Prozessen des Menschen 
kommt, auch dazu, wie der Mensch nun innerlich Herr wird iiber 
seine Driisentatigkeit und so weiter. Denn wenn das Kind gehen ge- 
Jernt hat, und schon vorher, kommt es nicht nur auf das Gehen an, 
sondern es kommt auch darauf an, daB es, sagen wir, wenn es einen 
phlegmatischeren oder cholerischeren Charakter hat oder ein Uber- 
maB an den oder jenen Emotionen, dann seine Driisentatigkeit be- 
herrschen oder nicht beherrschen lernt. Das hangt wiederum mit dem 
zusammen, was wahrend des Schlafes aus den vorhergehenden Erden- 



leben aus allgemeinerMenschenliebe oder nicht allgemeiner Menschen- 
liebe sich als das Verhaltnis zu den Urkraften herausgestellt hat. 

Wenn man materialistisch denkt, so sagt man : Der Mensch ruht im 
Schlafe. - Aber er ruht nicht bloB. Wenn er den richtigen Idealismus 
wahrend des Wachens entwickelt, so tragt er in den Schlaf hinein fur 
den astralischen Leib die Moglichkeit, sich hinaufzuschwingen zu der 
Hierarchie der Archangeloi, also mit der geistigen Welt wahrend des 
Schlafes so in Beziehung zu treten, daB in der richtigen Weise verlebt 
werden kann die Zeit vom Tode bis zu einer neuen Geburt. Natiirlich 
tragen wir, wenn wir diese Zeit nicht richtig verleben, auchSchwachen 
davon in das Erdenleben hinein. Aber in der Art und Weise, wie sich 
der Mensch in ein richtiges Verhaltnis zu den Urkraften, zu den 
Archai versetzt, davon hangt es dann ab, wie wir uns das nachste 
Leben zu zimmern verstehen. Man sieht also, daB allgemetne Men- 
schenliebe geradezu eine schopferische Kraft hat. Denn, wovon hangt 
es denn ab, daB irgend jemand stark und kraftig ist in einem Leben, 
um semen physischen Leib in den Dienst der Seele zu stellen, beherr- 
schen zu konnen seinen physischen Leib? Das hangt davon ab, ob er 
im vorhergehenden Leben Menschenliebe, etwas rein Seelisches ent- 
wickelt hat. 

Sie erinnern sich, wie ich in friiheren Vortragen gesagt habe : Das 
Seelische des einen Erdenlebens lebt sich in dem Physischen des nach- 
sten Erdenlebens aus, das Geistige des einen Erdenlebens in dem 
Seelischen des nachsten Erdenlebens. - Aber so hangen die Dinge zu- 
sammen, die ich eben auseinandergesetzt habe. 

Man kann nicht blofi so im allgemeinen behaupten, daB es so etwas 
wie ein Schicksal, wie ein Karma gibt. Man kann geradezu sagen: 
Man schaut, wie der Mensch an seinem Karma arbeitet. Er webt es 
wahrend des Schlafes, aber er erntet dasjenige, was er zum Gewebe 
braucht, wahrend des Wachens ein. Denn das, was er webt, sind die 
Faden, die er wirken muB aus allgemeiner Menschenliebe; oder die 
Faden, die fortwahrend abreiBen und ein schlechtes Karma fur das 
nachste Leben bilden, das sind diejenigen, die aus MenschenhaB ge- 
woben sind. Denn fur das Karma kommen als schopferische Krafte 
vor alien Dingen Menschenliebe und MenschenhaB in Betracht. 



Nun muB man diese Sache in der richtigen Weise ansehen. Es ist 
im Grunde genommen eine bequeme Karmaauffassung, wenn man 
sagt: Ich bin krank - nun, das ist mein Karma. Mich hat dieses Un- 
gliick getroffen - das ist mein Karma. - Ich will nicht sagen, daB es als 
Lebensweisheit besonders beruhigend ist, aber eine bequeme theore- 
tische Auffassung ist es, in fatalistischer Weise alles auf das Karma zu 
schieben. Es ist aber durchaus nicht richtig so. Denn nehmen Sie an, 
Sie betrachten nicht dieses Erdenleben, sondern das drittnachste, so 
werden Sie in dem drittnachsten Erdenleben auf dieses jetzige zuriick- 
schauen konnen. Dann werden Sie sagen: Es ist mein Karma. - Aber 
dasjenige, was Ihr Karma ist, weist in dieses Erdenleben zuriick; da 
ist es entstanden. Das heiBt, es ist fortwahrend entstehendes Karma da. 

Wir mussen nicht alles in die Vergangenheit zuriickschieben. Wir 
miissen uns klar sein, daB in der richtigen Weise zum Karma sich zu 
stellen dazu fiihrt, daB man sich sagt: Eine Krankheit, die mich jetzt 
trifft, braucht gar nicht die Folge friiherer seelischer Schwachen zu 
sein, sondern es kann eine Krankheit zuallererst auftreten. Aber Karma 
gilt doch. Trifft mich eine Krankheit, ein Ungliick in diesem Erden- 
leben, es wird der Ausgleich kommen, oder dieses Ungliick, diese 
Krankheit konnen der Ausgleich sein. 

Das heiBt, man muB immer auch mit der Zukunft rechnen, wenn 
man von Karma spricht. Das Verhaltnis, das man zum Karma hat, ist 
das, daB man unerschiitterlich wird in der Anerkennung der all- 
gemeinen Weltengerechtigkeit, daB man also weiB : Alles gleicht sich 
aus, aber nicht so, daB man einfach die Reihe der Erdenleben zerreiBt 
durch das gegenwartige und alles auf die Vergangenheit schiebt. 

Derjenige stellt sich in einer lebensvollen Weise in den karmischen 
Verlauf der Lebensereignisse hinein, der da weiB : Ausgleich ist. Aber 
das Wesentliche bei der Karmaauffassung ist die Seelenstimmung, die 
aus dieser Auffassung kommt. Und die Seelenstimmung, die aus der 
Karmaauffassung kommen muB, das ist die, daB fur den Fall, wo 
irgend etwas, sagen wir als Ungliick, die Ausgleichung ist fur eine 
friihere Seelenschwache, wir darin den AnlaB finden, uns zu sagen: 
Hattest du jetzt dieses Ungliick nicht erfahren, so hattest du die 
Schwache fernerhin behalten. Wenn du in die Tiefen deiner Seele 



hineinsiehst, so muBt du sagen : Es ist recht, daB dieses Ungliick iiber 
mich gekommen ist, denn dadurch ist eine Schwache ausgeloscht, eine 
Schwache hinweggenommen. 

Wer ein solches Ungliick, welches ein Ausgleich ist fur eine vor- 
herige Seelenschwache oder Verfehlung, hinwegwiinscht, stellt sich 
eigentlich nicht auf den Standpunkt vollstandiger Menschenwiirde. Er 
sagt gewissermaBen : Ach, mir ist es gleichgiiltig, ob ich schwach 
bleibe oder eine gewisse Starke mir erringel - Allein derjenige faBt 
ein Ungliick in der richtigen Weise auf, der da sagt: Falls es fur eine 
friihere Schwache ware, ist es gut, daB es mich getroffen hat. Denn ich 
werde diese Schwache, die ich gehabt habe, die sich in einer Ver- 
fehlung vielleicht ausgedriickt hat, durch das Ungliick fiihlen. Da- 
durch losche ich die Schwache aus, ich werde wieder stark. 

Und falls ein Ungliick als erster Schritt im Karma kommt, so ist die 
richtige Stimmung dagegen diese, daB man sich sagt : Wenn den Men- 
schen nur dasjenige treffen wiirde, was er sich wiinscht, so wiirde er 
gerade durch einen Lebensverlauf, der so ist, recht schwach werden. 
Wir wiirden zwar unter Umstanden in einem oder zwei Erdenleben 
bequem und wohl leben, weil immer nur dasjenige iiber uns kommt, 
was wir uns wiinschen, aber im dritten, vierten Erdenleben wiirden 
wir iiberhaupt seelisch und geistig wie gelahmt sein, weil gar keine 
Anstrengung in uns entstehen wiirde, um Widerstande zu iiber- 
winden. Widerstande lassen sich ja nur iiberwinden, wenn das Un- 
erwartete, das Unerwiinschte kommt. Entwickelt man aber die rechte 
Kraft an den Widerstanden, nimmt man genug Menschenliebe hinein 
in den Schlaf, dann gestaltet sich dasjenige, was von dem Ich im 
Zusammenhange mit den Urkraften, mit den Archai als Karma ge- 
woben wird so, daB der richtige Ausgleich in dem nachsten Erden- 
leben stattfindet. 

Alle anthroposophischen Wahrheiten miissen nicht bloB theore- 
tische Wahrheiten sein, durch die man etwas erkennt, sondern sie sind 
alle so, daB sie in die Stimmung, in die Gemiitsverfassung iibergehen. 
Und derjenige, bei dem sie nicht in die Gemiitsverfassung iibergehen, 
der hat sie noch nicht vollstandig erfaBt, der hat sie bloB als theore- 
tische Wahrheiten erfaBt. Das richtige Verstehen des Karma, des 



Schicksals, fiihrt eben dazu, daB der Mensch zwar, indem er dem 
Leben gegeniibersteht, sogar feiner empfanglich wird fur Gliick und 
Ungluck, als er sonst es ist - er erlebt stark Gliick und Ungluck 
aber er findet auch die Moglichkeit, in seiner Seele sich gewissermaBen 
der geistigen Welt gegeniiber in jene Stimmung zu versetzen, die nun 
nicht aus einem Glaubensbekenntnis heraus, sondern aus der An- 
schauung desjenigen kommt, was Ich und astralischer Leib tun, wah- 
rend sie dem Tagesleben entzogen sind. Aus der Anerkenntnis dessen 
kommt er in die Stimmung hinein, unerlaBlich festzuhalten an der 
Weltgerechtigkeit. Karma verstehen heiBt, in der richtigen Weise die 
Weltgerechtigkeit anschauen. Es heiBt nicht, phlegmatisch werden 
gegeniiber Gliick oder Ungluck, gegeniiber Freude und Schmerz, aber 
es heiBt, Freude und Schmerz, Gliick und Ungluck an die richtige 
Stelle des Lebens versetzen. 

Nun kbnnen wir sagen: Wenn man den Menschen wahrend des 
Tageslebens sieht, so sieht man ja eigentlich nur Ich und astralischen 
Leib, wie sie sich betatigen am physischen Leibe, und dann weiB man 
nur etwas von der Betatigung am physischen Leibe, nicht von dem 
Geistig-Seelischen im Ich und astralischen Leibe. Wenn ich mit einem 
Menschen spreche, achte ich auf die Worte, die er mir sagt, und bin 
ich dann Materialist, so erklare ich mir das folgendermaBen : Lunge, 
Kehlkopf und so weiter arbeiten, dadurch wird die Luft in Schwin- 
gungen versetzt, die stoBen an mein Ohr an und so weiter. - Sehe ich 
aber die Sache recht an, so sehe ich vibrieren in dem, was als Worte 
sich bildet, was in der Sprache sich ausgestaltet, seinen astralischen 
Leib. Aber ich finde dann mit diesem astralischen Leibe verbunden 
des Menschen Verwandtschaft mit der gottlich-geistigen Welt. Ich 
sage mir: Ist der astralische Leib im physischen Leibe darinnen wah- 
rend des Tagwachens, dann verbirgt er sich in der Sprache und in 
ahnlichen Tatigkeiten. Wahrend der Nacht nimmt er teil an dem 
Leben der hoheren Hierarchies Und in einer solchen Weise ist es 
auch der Fall mit dem Ich. 

So diirfen wir sagen : Wenn der Mensch schlaft, so ruht er sich nicht 
bloB fiir das tagliche Leben aus. Dann arbeitet er in der geistigen 
Welt, so wie er mit seinem physischen Leib arbeitet und spricht hier 



in der physischen Welt. Und so wie der Materialismus ableugnet, dafi 
als reales Wesen Ich und astralischer Leib vorhanden sind wahrend 
des Schlafens, so muB es auch der Materialismus belassen, daB er 
nicht die ganze Welt verstehen kann. Denn was ist fur den Materia- 
lismus moralische Welt? Moralische Welt ist fur ihn, was sich der 
Mensch vorsetzt in Gedanken, was aber mit den weltschopferischen 
Kraften nichts zu tun hat. Fur denjenigen, der wirklich, wahrhaftig 
hineinschaut ins menschliche Leben, ist die moralische Weltenord- 
nung dasjenige, in dem der Mensch schlafend ebenso stark lebt, wie 
er wachend in Luft und Licht lebt. 

Da gibt es noch etwas, was wesentlich ist 2u beachten. Wenn wir 
sterben, nehmen wir die Sprache heraus - dasselbe gilt dann auch fur 
das Karma -, wir sterben, und wir waren das Leben hindurch in 
richtiger oder in mehr oder weniger mangelhafter Weise verbunden 
mit der Welt der Archangeloi. Das hat sich wiederholt in jedem 
Schlafe. Wir tragen durch die Pforte des Todes in die geistige Welt 
dasjenige hinaus, was uns die Erzengelwesen im Schlafe gegeben 
haben. Da konnen wir uns dann in der richtigen Weise in die geistige 
Welt hineinfinden, die der Logos ist, die aus den kosmischen Elemen- 
ten besteht, die in den Worten der Sprache ihr Abbild haben, da 
konnen wir uns hineinfinden in die geistige Welt fur das Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Aber so einfach ist dies nicht. Wenn wir durch den Tod gehen, 
haben wir keinen physischen Korper mehr. Da geniigt das, was die 
Erzengel uns mitgegeben haben aus jedem Schlafzustand, um zu 
wirken, um es zu verwerten zwischen Tod und neuer Geburt. Wenn 
wir aber aufwachen als physische Erdenmenschen, mussen wir in den 
physischen Leib wiederum untertauchen. Das konnen uns die Erz- 
engel gar nicht vermitteln. Da mussen noch hohere Hierarchien mit- 
wirken: diejenigen Wesen, die ich in meiner «Geheimwissenschaft» 
bezeichnet habe als die Exusiai und als die Kyriotetes. Die mussen das, 
was wir zunachst im Verein mit den Erzengeln durch die Geistigkeit 
der Sprache uns errungen haben, in die Triebe und Begierden des 
physischen Leibes, der uns sonst Widerstand leistet, hineinbringen. 
Da flammt es dann auf als Gewissensstimme. Aber indem das, was wir 



aus dem Schlaf in den Leib hineintragen, als Gewissensstimme auf- 
flammt, wirkt in dieser Gewissensstimme dasjenige, was in der Hier- 
archie der Exusiai und der Kyriotetes, als einer hoheren Hierarchie als 
der der Erzengel, gegeben ist. 

Wenn wir also in der physischen Welt herumschauen und finden, 
daB der eine oder der andere Mensch das Gewissen so stark entwickelt, 
daB sein physischer Leib bessere Triebe, bessere Instinkte bekommt, 
dann haben infolge des Idealismus seiner Sprache Kyriotetes und 
Exusiai in der richtigen Weise an ihm gewirkt. 

Und wiederum, wenn der Mensch durch allgemeine Menschenliebe 
in den richtigen Zusammenhang kommt mit den Archai, mit den 
Urkraften, so arbeitet er sich sein Karma in einer solchen Weise aus, 
wie es eben in dem nachsten Erdenleben im Gehenlernen, im Gleich- 
gewichtlernen, im Geschicklichwerden der Arme, im Beherrschen des 
Driisensystems und so weiter in der allerersten Kindheitszeit, wenn 
wir uns in das Erdenleben hereinschlafen, sich in den Korper hinein- 
fugt. Denn wir haben uns das erworben, daB wir sozusagen im Verein 
mit den Urkraften, mit den Archai zwischen Tod und neuer Geburt 
arbeiten konnen. Aber damit der Mensch hier auf Erden in einer 
richtigen Weise eine feine Empfindung, ein scharfes BewuBtsein be- 
kommt fur seine eigenen Taten, dazu ist notwendig, daB diejenige 
Hierarchie, die ich Ihnen in der «Geheimwissenschaft» bezeichnet 
habe als die Dynamis, im Zusammenhang wirkt mit den Archai, also 
wiederum Wesenheiten einer hoheren Hierarchie. 

Wenn dem Menschen nun allgemeine Menschenliebe fehlt, richtiges 
Interesse an seiner menschlichen Umgebung fehlt, so findet er nicht 
den richtigen AnschluB an die Archai. Dadurch verdirbt er sich die 
Moglichkeit, sich sein Karma fur das nachste Erdenleben in der rich- 
tigen Weise zu weben, und es miissen weitere Erdenleben kommen, 
durch die er das ausgleicht, Aber fur dieses Erdenleben hat er noch 
das im Nachteil, daB er immer weniger und weniger die Kraft be- 
kommt, die Urteile, die gebildet werden, Zufriedenheit oder Un- 
zufriedenheit mit dem, was Beine und Hande tun, hinauszutragen in 
den physischen Leib. Denn das konnen wir nicht selber, da mussen 
wir durch verstarkte Menschenliebe in der richtigen Weise mit den 



Dynamis zusammenkommen, Die tragen dann in der richtigen Weise 
in unseren physischen Leib die Kraft herein, die das Richtige ausfuhrt. 
Sonst klappen wir zusammen, trotzdem wir das Richtige einsehen. 

Frei werden konnen wir in Gedanken. DaB wir aber auch die Frei- 
heit in der richtigen Weise im physischen Leben gebrauchen konnen, 
dazu mussen wir das richtige Gleichgewicht im Wachen und Schlafen 
herstellen, weil wir in der richtigen Weise nicht nur mit den Urkraften, 
sondern auch mit den Dynamis zusammenkommen mussen. 

Die hochste Hierarchie, Seraphim, Cherubim, Throne, sie wollen 
das, was wir tun, hinaustragen in die Welt, Exusiai, Dynamis, Kyrio- 
tetes tragen aus dem Schlaf als moralische Kraft dasjenige, was wir in 
Gedanken erfassen, herein in unser korperliches Wesen. Die Sera- 
phim, Cherubim und Throne tragen das wiederum hinaus in die Welt, 
so daB unsere eigenen moralischen Krafte weltschopferische Krafte 
werden. 

Wenn also die Erde einmal in den Jupiterzustand iibergehen wird 
und unsere moralischen Krafte bei dieser Umwandlung ihre richtigen 
Funktionen ausfuhren, haben die Seraphim, Cherubim und Throne 
natiirlich damit nur etwas zu tun, wenn wir ihnen die notigen Unter- 
lagen dafiir geben. Ubergeben wir ihnen dadurch, daB wir immer 
schwacher und schwacher werden, Zerstorungskrafte, dann arbeiten 
wir mit an der Zerstorung der Erde, nicht an dem Auf bau des Jupiter. 

Sie sehen, die Gliederung der geistigen Welt ist in der Anthropo- 
sophie wahrhaftig nicht bloB dazu da, daB man fur einzelne Stufen 
Namen hat, sondern man kann nach und nach wirklich eingehen in 
den ganzen Zusammenhang der Welt, kann den Zusammenhang des 
Menschen mit der geistigen Welt so iiberschauen, wie man sonst den 
Zusammenhang des Menschen mit der physischen Welt uberschaut. 
Und das ist dasjenige, was den Menschen wiederum die rechte Kraft 
geben wird zu einem auf bauenden Leben, wenn sie in dieser Weise 
den Weg finden, um ihren Zusammenhang mit der geistigen Welt 
einzusehen, wenn sie nicht bloB glauben, der Schlaf sei da, um zu 
ruhen, sondern die Oberzeugung gewinnen : Der Schlaf ist da, um mit 
der geistigen Welt unter den Nachwirkungen des physischen Lebens 
in den richtigen Zusammenhang zu kommen. 



Ja, es ist schon richtig, die geistig-moralische Welt kann der Mensch 
leugnen, weil er sie zunachst in diesem Erdenstadium verschlaft. Aber 
es muB durch eine wirkliche Wissenschaft herauskommen, was der 
Mensch da verschlaft. Er verschlaft namlich dasjenige, was sich in das 
Erdenleben herein als himmlisches Dasein erstreckt. Dazu hat der 
Mensch den Schlaf, daB er tatsachlich aus der geistigen Welt sich die 
entsprechende Kraft herausholen kann gerade fur sein physisches 
Leben. 

Betrachten Sie jetzt von diesem Gesichtspunkte aus den Zusammen- 
hang desjenigen, was ich versuchte, Ihnen heute skizzenhaft dar- 
zulegen, mit meiner « Philosophic der Freiheit». Da werden Sie finden: 
Ich habe ausdriicklich betont, es kame nicht darauf an, daB man die 
Theorie aufstellt, der Wille solle frei sein, sondern der Gedanke soil 
frei sein. Der Gedanke muB gerade den Willen beherrschen, wenn man 
ein freier Mensch sein will. Aber damit der Wille dem freien Gedanken 
nicht einen unmoglichen Widerstand bietet, muB der Mensch sein 
Leben in entsprechender Weise einrichten. Den Gedanken konnen 
wir frei machen als Mensch, der wir geworden sind in der physischen 
Welt. Das Gemiit und den Willen bekommen wir bloB frei, wenn wir 
fur das Gemiit in das richtige Verhaltnis zu den Erzengeln, wenn wir 
fur den Willen in das richtige Verhaltnis zu den Archai kommen. 

Daher ist es aber auch so : Dasjenige, was in der Sprache lebt, lassen 
wir mit dem Geistig-Seelischen hinausgehen in der Nacht. Dasjenige, 
was in unseren GliedmaBen lebt, lassen wir auch hinausgehen. Astra- 
lischer Leib und Ich gehen hinaus. Der atherische Leib bleibt beim 
physischen Leib. Das Denken, das an den atherischen Leib gebunden 
ist, das setzt sich fort im atherischen Leib. Nur wissen wir im gewohn- 
lichen BewuBtsein nichts davon, wie der atherische Leib vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen denkt, weil wir drauBen sind. Es ist gar 
nicht wahr, daB wir in dem schlafenden Zustand nicht denken, wir 
denken vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Die Gedanken laufen 
fortwahrend ab in unserem Atherleib, nur weiB der Mensch nichts 
davon. Er fangt erst wiederum an etwas zu wissen, wenn er unter- 
taucht; da werden die Gedanken wieder lebendig fur sein BewuBt- 
sein. Deshalb, weil die Gedanken mit dem physischen Erdenleben 



durch den Atherleib so verbunden sind, ist es, daB der Mensch in 
Gedanken frei sein kann. Denn auf die Erde ist er versetzt, um frei 
zu werden. Die Kraft der Freiheit kann er sich nur aus der geistigen 
Welt holen, die Kraft zur Freiheit im Gemiite, die Kraft zur Freiheit 
im Willen. 

Das ist der Zusammenhang mit der Tatsache, daB der Mensch seine 
eigentliche Denkgrundlage, den Atherleib, durch das ganze Erden- 
leben hindurch behalt. Der Atherleib geht wahrend des Erdenlebens 
nicht hinaus in eine kosmische Welt. Der astralische Leib und das Ich 
gehen hinaus. Erst wenn der Tod eintritt, geht auch der Atherleib 
hinaus. Da kommt dann die Riickschau auf das Leben durch ein, zwei, 
drei Tage, wo der Mensch sein ganzes Leben iiberschaut, so ahnlich, 
wie ich das gestern fur die Imagination, die erste Stufe des iibersinn- 
lichen Erkennens, beschrieben habe. Es tritt das nach dem Tode unter 
alien Umstanden ein, daB der Mensch also zuriicksieht auf sein ver- 
flossenes Erdenleben. Aber wahrend das ganze Meer der Gedanken, 
die er schlafend und wachend zwischen der Geburt und dem Tode 
durchgemacht hat, da ist, wahrend diese in den ersten drei Tagen 
nach dem Tode daliegen wie ein Meer von ineinanderwebenden Ge- 
danken, nimmt der Kosmos diese Gedanken sogleich danach in An- 
spruch. Sie losen sich auf, und nach zwei bis drei Tagen ist die ganze 
Riickschau in den Kosmos verflogen. Wir sagen, der Atherleib hat 
sich auch getrennt. In Wahrheit hat der Kosmos den Atherleib auf- 
genommen, aufgesogen. Er hat sich immer mehr und mehr ver- 
grofiert, bis er endlich ganz in den Kosmos aufgegangen ist. Da wer- 
den wir dann wiederum als Ich und Astralisches aufgenommen in den 
SchoB der hoheren Hierarchien. Und erst, wenn wir wiederum einen 
Atherleib bekommen, konnen wir zum Erdenleben heruntersteigen, 
konnen wir die Arbeit an uns zum freien Menschen fortsetzen. Denn 
das Erdenleben hat als Ziel, den Menschen zum freien Menschen zu 
machen. Das kann ihm auf Erden geschenkt werden, was im reinen 
Denken als Grundlage zur Freiheit liegt. Deshalb bleibt aber auch 
der Atherleib durch das ganze Erdenleben mit dem physischen Leibe 
verbunden, das heiBt, lost sich mit dem Tode auf in Welten, wo 
die Freiheit nicht erlernt wird. Die wird wahrend des Erdenlebens 



erlernt; Sie wissen ja, auch nur wahrend gewisser Epochen des 
Erdenlebens. 

So konnen wir einsehen, daB die Freiheit durchaus in richtiger Ver- 
bindung mit dem Karma steht, denn die Freiheit hat zu tun mit dem, 
was im Bette liegen bleibt, was mit uns auch wahrend des Schlafes 
verbunden 1st, was sich nicht trennt von uns. Das Karma wird ge- 
woben von dem Ich zwischen Einschlafen und Aufwachen. Das Karma 
wird gewoben abseits von dem im Menschen, worin die Freiheit liegt. 
Das Karma webt auch nicht an den freien oder unfreien Gedanken, 
das Karma webt an Gemut und Willen. Da kommt aus den Tiefen der 
Menschennatur heraus, aus dem traumenden Gemiit und dem schla- 
fenden Willen, das Karma herauf. In dieses konnen wir hineingieBen, 
das heiBt, dem entgegenstellen dasjenige, was in der Freiheit der Ge- 
danken, im reinen Denken, in den ethischen, moralischen Impulsen 
lebt, wie ich sie beschrieben habe in der « Philosophic der Freiheit »; 
diese mussen im reinen Denken liegen. 

So schlieBt sich wirklich alles zusammen. Und das ware so not- 
wendig, daB man immer mehr und mehr darauf aufmerksam wiirde, 
wie, je weiter man in der Anthroposophie vorriickt, desto mehr sich 
alle Einzelheiten zusammenschlieBen. Naturlich, wenn jemand heran- 
kommt an irgend etwas, was dieses oder jenes Gebiet darstellt, kann 
er Widerspruch iiber Widerspruch flnden. Das ist gar nicht anders 
moglich, weil man, um einzusehen, daB es so ist, wie es auf einem 
einzelnen Gebiete dargestellt wird, doch eben das eine Gebiet im Zu- 
sammenhange mit dem Ganzen betrachten muB. Sonst urteilt man so 
wie einer, der iiber einen einzelnen Planeten urteilt und nicht begreifen 
kann, warum sich der so oder so bewegt: man muB das ganze Planeten- 
system beachten. Und so muB man auch, will man etwas wissen iiber 
Welt und Leben, den Zusammenhang, die physischen, seelischen und 
geistigen Tatsachen und die Einzelheiten der Tatsachenwelten ver- 
suchen zu uberschauen. 

Das wollte ich Ihnen heute, wo sich die Moglichkeit gegeben hat, 
daB wir auch wieder im Zweige zusammensein konnten, auseinander- 
setzen. Ich wollte damit etwas beitragen dazu, daB Sie die Stimmung 
empfinden, die der Mensch dem Karma, das heiBt der Weltgerechtig- 



keit gegenuber entwickeln kann, wenn er in der richtigen Weise sich 
einlebt in die Anthroposophie. Denn auf die Empfindungen kommt es 
an, die wir ins Leben hiniiber tragen, nicht auf das bloBe Einsehen des 
Theoretischen. Moge es Ihnen wirklich immer mehr und mehr ge- 
lingen, dasjenige, was Ihnen die Anthroposophie gibt, nicht bloG zum 
Gedankeninhalt, sondern zum Seeleninhalt, oder, wie man richtig 
sagt, zum Herzensinhalt zu machen. Und je mehr es gelingt, dafi 
Anthroposophie Herzensinhalt derjenigen ist, die sie verstehen wollen, 
desto mehr wird es auch gelingen, Anthroposophie immer mehr in 
das allgemeine Kultur- und Geistesleben einzufuhren. Und das brau- 
chen wir gar sehr, sonst wird die Menschhek mit den alten Tradi- 
tionen, mit den alten Dingen nicht vorwartskommen konnen. Ver- 
suchen Sie, immer mehr und mehr den Weg der Anthroposophie 
vom Kopf zum Herzen zu finden. In Ihren Herzen wird Anthropo- 
sophie gut geborgen sein. 



DER 1NDIVIDUAL1S1ERTE LOGOS UND DIE KUNST, 
AUS DEM WORTE DEN GEIST HERAUSZULOSEN 



Stuttgart, 2. Mai 1923 



Auf dem anthroposophischen Boden der Gegenwart muB es dazu 
kommen, wiederum die Kunst zu entwickeln, welche eine der Kiinste 
der alten Mysterien war, jener Mysterien, die auf eine ganz andere 
Art menschlicher Erkenntnis aufgebaut waren, als wir heute auf- 
bauen, die aber in ihren Gebrauchen, in demjenigen, was ihrer ganzen 
Handlungsweise zugrunde lag, vieles hatten, was der Menschheit 
verlorengegangen ist, und was wieder erneuert werden muB. Die- 
jenige Kunst, die ich gerade mit diesen Worten meine, kann man ganz 
im Sinne der alten Mysterien bezeichnen, indem man sagt: Es muB 
aus den Worten Geist geholt werden. Es war allerdings in den alten 
Mysterien so, daB man, wenn man «Wort», « Logos » gesagt hat, etwas 
viel Vollwichtigeres meinte, als man heute bei dem Worte «Wort» 
meint. Aber wir mussen lernen, mit den Dingen und Vorgangen der 
Welt wiederum tieferen und immer tieferen Sinn zu verbinden, und 
so auch mit dem Satze: Es muB wiederum dazu kommen, aus den 
Worten den Geist zu holen. Wir wollen uns das heute mit einem ganz 
bestimmten Beispiel einmal vor die Seele stellen. 

Es ist im Grunde genommen etwas auBerordentlich Abstraktes, 
wenn man davon spricht, der Mensch bestehe seinem Wesen nach aus 
dem physischen Leibe, dem Atherleibe, dem astralischen Leibe, dem 
Ich und so weiter. Deshalb wurde auch bei den verschiedensten Ge- 
legenheiten versucht zu charakterisieren, was mit diesen einzelnen 
Wesensgliedern des Menschen eigentlich gemeint ist. Aber man kann 
in solchen Charakteristiken immer weiter gehen, man wird dadurch 
immer geistiger. Und in dieser Art wollen wir heute einmal den 
menschlichen Atherleib so ins Seelenauge fassen, daB wir dasjenige 
charakterisieren, was sich dem ubersinnlichen Schauen uber die Wesen- 
heit dieses menschlichen Atherleibes ergibt. Man darf nicht bei der 
unbestimmten Vorstellung stehenbleiben, die sich etwa daraus ergibt, 
daB man das Verhaltnis dieses Atherleibes zum physischen Leibe in 



seiner andersartigen substantiellen BeschafFenheit charakterisiert oder 
dergleichen. Das alles sind Annaherungen an die Wirklichkeit, und 
erst wenn man diese Annaherungen an die Wirklichkeit immer weiter 
treibt, dann kommt man dazu, in das wahre Wesen einer solchen 
Sache einzudringen. 

Nun wissen wir alle, daB, wenn der Mensch innerhalb seiner Erden- 
wirklichkeit in den schlafenden Zustand iibergeht, dann innerhalb des 
physischen Leibes auch der Atherleib zuriickbleibt und daB, wie wir 
es ja immer charakterisiert haben, herausgehen aus diesem physischen 
Leibe und dem Atherleibe der astralische Leib und das Ich. Dieser 
astralische Leib und das Ich sind auf der gegenwartigen Stufe ihrer 
kosmischen Entwickelung, ich mochte sagen, noch so lebensschwach, 
daB sie keine bewuBten Erlebnisse zwischen dem Einschlafen und dem 
Aufwachen haben konnen. Welcher Art diese unbewuBten Erlebnisse 
sind, die astralischer Leib und Ich zwischen dem Einschlafen und dem 
Aufwachen haben, davon haben wir auch annaherungsweise schon 
des ofteren gesprochen. 

Wir wollen aber heute den Blick einmal zuruckrichten auf dasjenige, 
was sozusagen im Bette liegen bleibt, wenn der Mensch schlaft, und 
insbesondere auf den atherischen Leib sehen, gewissermaBen das 
Wort Atherleib so behandeln, daB wir aus ihm den Geist herausholen 
mit derjenigen Kunst, von der ich eben sagte, daB sie in den alten 
Mysterien geiibt worden ist. Da handelt es sich wirklich dann darum, 
diesen Atherleib einmal ins Seelenauge zu fassen, zu sagen, was da 
eigentlich der ubersinnlichen Anschauung sich ergibt als das Wesen 
dieses Atherleibes, wenn der Mensch schlaft. Wir sehen mit dem Ein- 
schlafen den physischen Leib immer mehr und mehr zur Ruhe kom- 
men, wir sehen, wie der Mensch wahrend des Schlafzustandes die 
Moglichkeit verliert, seine Glieder zu bewegen. Wir sehen aber auch, 
wie er die Moglichkeit verliert, seinen Willen durch die innere leib- 
liche Struktur so zu senden, daB seine Sinne tatig sein mtiBten. Das 
Verhaltnis der AuBenwelt zu den Sinnen andert sich nicht, aber das 
Verhaltnis der Sinne zur AuBenwelt andert sich dadurch, daB der 
Mensch gewissermaBen auch innerlich so ruhig wird, wie er mit Bezug 
auf seine Arme und Beine auBerlich ruhig wird, so daB der Wille 



nicht durch die Sinnesorgane geschickt wird und die Sinnesorgane 
nicht der AuBenwelt jene feinen Bewegungen entgegenbringen, die 
da sein miissen, wenn Sinneswahrnehmungen zustande kommen. Aber 
es ist ein volliger Irrtum, zu glauben, daB die Sinnesorgane selbst, 
oder besser gesagt der Raum, in dem die Sinnesorgane sich aus- 
breiten, von Untatigkeit erfiillt ist wahrend des Schlafes. Der physische 
Leib bleibt ruhig seiner ganzen Ausdehnung nach, aber der Ather- 
leib des Menschen wird um so tatiger, um so innerlich beweglicher 
zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Das ist gerade das 
Charakteristische, daB in demselben MaBe, in dem sich die Tatigkeit 
des physischen Leibes beim Einschlafen und nach demselben beruhigt, 
um so mehr eine immer regere Tatigkeit des atherischen Leibes mit 
dem Schlafen beginnt. Und diese Tatigkeit und Regsamkeit des athe- 
rischen Leibes strahlt insbesondere von den Sinnen aus. So daB man 
sagen kann: Richtet man den ubersinnlichen Blick, das ubersinnliche 
Anschauen auf den schlafenden Menschen, das heiBt auf dasjenige 
vom Menschen, was in der physischen Hiille da ist, dann findet man, 
wie von den Orten, an denen die Sinnesorgane lokalisiert sind, nach 
innen eine fortwahrende Tatigkeit und Regsamkeit strahlt. Und diese 
Tatigkeit und Regsamkeit ist das Leben des Atherleibes oder Lebens- 
leibes wahrend des Schlafes. 

Man sieht zum Beispiel, wie mit dem Einschlafen eine besondere 
Regsamkeit beginnt von dem Orte der menschlichen Augen aus. Es 
ist mit diesen Augen so, als ob durch die Einwirkungen des Lichtes 
wahrend des Wachens das Auge sich anftillte mit Kraften zu einer 
Tatigkeit, die sich erst entfaltet mit dem Einschlafen. Und diese Tatig- 
keit ist eben eine atherische. In demselben MaBe, in dem die Licht- 
und Farbenwirkungen von auBen im Auge sich verfinstern, beginnen 
die Augen selber wie zwei phosphoreszierende Sonnen atherisch das 
innere Wesen des physischen Teiles des schlafenden Menschen zu 
durchstrahlen. Ein phosphoreszierendes Glimmlicht durchhellt den 
Innenraum des Menschen. Sie brauchen sich nicht zu verwundern, 
daB dieses phosphoreszierende Glimmlicht, das nach dem Inneren des 
Menschen erstrahlt, nicht in der gewohnlichen Art gesehen werden 
kann. Denn daB die Augen des andern Menschen dasjenige, was da im 



Inneren wahrend des Schlafens glimmt, nicht sehen, das ist zu be- 
greifen, weil der Mensch durch seine ganze Organisation fur das 
physische Auge undurchsichtig ist, zu den undurchsichtigen Korpern 
gehort. Dasjenige, was im Inneren vorgeht, wird mit den auBeren 
physischen Augen nicht gesehen. Aber im Inneren des physischen 
Leibes ist zunachst kein Organ, welches dieses Glimmende, Phospho- 
reszierende unmittelbar sehen konnte. 

Damit haben wir eine der inneren Tatigkeiten und Regsamkeiten 
des atherischen Leibes im Menschen wahrend des Schlafes charakte- 
risiert. In diese Tatigkeit stromt eine andere hinein. In der Tat, das- 
jenige, was ja der Mensch noch im Einschlafen verspiiren kann - ein 
gewisses Summen und Zirpen, stromendes Rauschen seiner Innen- 
organisation -, setzt sich wahrend des Schlafzustandes in einer auBer- 
ordentlich melodien- und harmonienreichen musikalischen Regsam- 
keit fort, die auch das ganze Innere des Menschen wahrend des 
Schlafes durchsetzt. Diese musikalische Regsamkeit dauert vom Ein- 
schlafen bis zum Aufwachen. Und die auBerhalb des physischen und 
Atherleibes befindlichen Wesensglieder Ich und astralischer Leib wer- 
den stark beeindruckt von demjenigen, was sie da im Bette zuriick- 
gelassen haben als den tonenden, klingenden atherischen Leib, der 
aber in seinem Tonen und Klingen zugleich leuchtet. Nur bleibt zu- 
nachst dasjenige, was da als Eindruck auf Ich und astralischen Leib 
ausgeubt wird, im UnbewuBten. 

Ebenso werden nach dem Inneren des Menschen atherische Warme- 
stromungen, und zwar von der ganzen Oberflache der Haut, nach 
innen gestrahlt. Zusammen mit manch anderem, was ferner Hegt dem 
in der auBeren Welt als Warme, Licht und Tone Wahrgenommenen, 
was man daher auch schwer charakterisieren kann, ergibt das alles ein 
ungeheuer schones, groBartiges, gewaltiges inneres Regen und Be- 
wegen und Fluten des atherischen menschlichen Leibes. Das ist so, 
wie wenn sich aus dem Universum mit dem atherischen Leibe des 
Menschen herauserhobe, aus inneren Griinden - welche inneren 
Griinde aber keine andern sind als die menschliche Wesenheit selber, 
als ihr Dasein -, erhobe inselartig, mochte ich sagen, aus dem all- 
gemeinen Atherischen des Kosmos heraus: dieses besondere Tonen 



und Leuchten und Fluten in Warmestromungen des individuellen 
atherischen Leibes des Menschen. Und dieses warmende Fluten, dieses 
phosphoreszierende Leuchten, dieses musikalische Tonen, sie sind es 
ja auch, welche wenige Tage nach dem Tode des Menschen als athe- 
rischer Leib sich loslosen vom astralischen Leibe und Ich und hinaus- 
fluten, hinausstromen in den allgemeinen Ather des Universellen, des 
Kosmischen. 

Vielleicht haben manche von Ihnen bemerkt, wie dem Menschen, 
wenn er des Morgens aufwacht und abends etwa bei einem Konzerte 
war, das auf ihn einen lebendigen Eindruck gemacht hat, das Auf- 
wachen so erscheint, als ob die Seele sich herauserhobe aus dem 
wiederholten Erleben der im Konzert gehorten Musik. Es ist so, als 
ob die Seele noch einmal wahrend des Schlafes das ganze Konzert 
durchgemacht hatte. Der Vorgang ist aber komplizierter, als er dem 
gewohnlichen BewuBtsein erscheint. Denn in Wahrheit erhebt sich die 
Seele von den Eindrucken jener Weltenmusik, die sich individualisiert 
im menschlichen Atherleibe. Aber indem der Mensch wiederum zu- 
ruckkehrt in seinen Atherleib und durch die Eindrucksfahigkeit des 
physischen Leibes alles dasjenige, was ich Ihnen fur diesen Atherleib 
geschildert habe, iibertdnt wird, iibersetzt die menschliche Seele das- 
jenige, was individualisierte kosmische Musik ist, in die zuletzt ge- 
horten irdischen Tone. Die sind gewissermaBen das Kleid, das sich 
diese kosmische Musik im Momente des Aufwachens uberzieht, weil 
diese kosmische Musik eine gewisse Gemeinschaft mit den flutenden 
Tonmassen des gehorten Konzertes hat. Weil der Mensch im gewohn- 
lichen BewuBtsein unfahig ist, die kosmische Musik zu vernehmen, 
umkleidet sich diese kosmische Musik mit dem, was ihr am meisten 
vergleichbar ist aus dem irdischen Leben: mit den im Konzert ge- 
horten Tonmassen. So ist das wirkliche Erlebnis, das einer Erschei- 
nung zugrunde liegt, die vielleicht die meisten von Ihnen einmal 
gehabt haben. 

Sie sehen also, welch Kompliziertes eigentlich im menschlichen 
Atherleib enthalten ist. Und wenn man versucht, weiter einzudringen 
mit den Mitteln, mit denen man in solche Welten eindringen kann, 
dann merkt man, daB dieses warmende Stromen, dieses phosphores- 



zierende milde Leuchten, diese fluktuierende Musik die auBere Offen- 
barung fur waltende Weltenwesen ist. Eigentlich ist alles dasjenige, 
was ich Ihnen beschrieben habe, wiederum das auBere Kleid, die 
auBere OfTenbarung, der Schein von waltenden Weltenwesen. Und 
diese waltenden Weltenwesen enthullen sich als diejenigen, die wir 
aus der anthroposophischen Lkeratur kennen als die Exusiai. Ich habe 
daher diese Exusiai auch ofter OrTenbarungen genannt, weil sie ihrer 
inneren Wesenheit nach leben in demjenigen, was in den mensch- 
lichen Sinnesorganen wahrend des irdischen Schlafzustandes des Men- 
schen nach dem Inneren des Menschenwesens hin erstrahlt. In diesem 
Erstrahlen offenbart sich eben das Leben und Weben jener Wesen- 
heiten der hoheren Hierarchien, die wir die Exusiai nennen. 

Nun kann man aber mit denselben Mitteln, mit denen man diese 
Offenbarungen der gerade im Schlafe in ihrer atherischen Substanz so 
rege werdenden menschlichen Sinne beobachtet, weiter verfolgen, wie 
dieses Nach-innen-Strahlen-und-Stromen eben weiter nach innen 
wirkt. Geradeso wie man im tagwachen Zustande sich sagt: Du siehst 
irgendeinen leuchtenden Gegenstand; man verfolgt dann gewisser- 
maBen die Linie vom Auge nach diesem leuchtenden Gegenstande 
hin, der leuchtende Gegenstand wird irgendwo auf der Strecke auBen 
gefunden, die da die Sehlinie des Auges, also des Sinnesorganes 
bildet so kann man, aber jetzt nach innen, dasjenige verfolgen, was 
atherisch von den Sinnen nach innen stromt, flutet und strahlt. Man 
wird da nicht so lange Wege durchzumachen haben, kurze Wege, man 
wird sehr bald auftreffen auf ein anderes. Das phosphoreszierende 
Mildleuchten, das von den Augen ausgeht, das musikalische Wirken, 
das lokal ausgehend von den Gehororganen sich darstellt, das stro- 
mende Warmen, das von dem ganzen Umfange der Haut nach innen 
geht, all das geht sehr bald iiber in ein organisch in sich geschlossenes 
atherisches System. Wahrend man, wenn man den wachenden Men- 
schen beobachtet, den atherischen Leib in Tatigkeit sieht - den ganzen 
physischen Leib des Menschen allerdings auch, aber in einer etwas 
andern Tatigkeit, als ich sie fur den Schlaf beschrieben habe; man 
sieht dann diese Tatigkeit sich ein wenig iiber den physischen Leib des 
Menschen heraus ausdehnen -, sieht man jetzt gewissermaBen das- 



jenige, was von den Sinnen und von der ganzen Haut nach innen 
stromt und wellt und strahlt, eine gewisse Strecke gestaltet wie eine 
Art schalenartige Nachbildung des Menschen, die sich nach innen 
erstreckt. Man sieht von den Augen nach innen phosphoreszierendes 
Leuchten, das dann iibergeht in etwas anderes, was ich gleich be- 
schreiben werde. Man sieht das warmende Stromen von der Haut 
nach innen gehen, so eine Art Schaie, die dem menschlichen physi- 
schen Organismus nachgebildet ist, die eine gewisse Dichte erreicht, 
dann aber iibergeht in eine Art Atherorganisation, die in ihrem sub- 
stantiellen Gehalt wie durchmischt, zusammengesetzt ist aus musika- 
lischem Wirken, phosphoreszierendem Lichte, Warmestromungen. 
Das alles und manches andere stromt durcheinander, beeinfluBt sich 
gegenseitig, bildet eine Art Organisation, die eben die atherische 
Organisation des Menschen ist. Und wenn man nun diese atherische 
Organisation des Menschen ins Geistesauge faBt, wenn man beginnt, 
sie zu verstehen nach alledem, wie sie sich enthullt, dann kann man sie 
nicht anders ansprechen als: sie besteht aus lauter Gedankenformen, 
aus stromenden Gedanken. Was da drinnen stromt, ist in jedem Punkte 
Gedanke. Wurde man in irgendeinem Augenblick diese fortwahrend 
fluktuierende innere Regsamkeit des schlafenden Atherleibes ver- 
folgen und in einem Augenblick dann aufzeichnen, wiirde man natur- 
lich Linien oder Farbenformen hinmalen, aber wenn man die Sub- 
stanz dieser Linien oder Farbenformen charakterisieren sollte, konnte 
man nicht anders sagen als: Das ist, wie wenn Gedanken anfangen 
wiirden zu stromen. - Es ist dasselbe, was sonst in der Gedanken- 
tatigkeit lebt, was aber da ein Stromen, ein Wellen, ein Fluktuieren 
wird. Es ist die individualisierte Gedankenbildung des Kosmos. Diese 
individualisierte Gedankenbildung des Kosmos enthullt sich als der 
individualisierte Logos. Denn eigentlich kann man gar nicht einmal 
sagen : Was da im Menschen drinnen stromt und webt als Gedanken- 
bildung, als innerer AnschluB an diese nach innen strahlenden und 
stromenden Sinnesbewegungen, das ist bloB stromender Gedanke -, 
sondern das redet, redet allerdings eine stumme, aber eben eine fur 
das Innere des Menschen wahrnehmbare Sprache, redet wirklich - 
wie alle Dinge durch den Logos zu uns sprechen - in einer indivi- 



duellen Gestalt, driickt aus in einem geistig wahrzunehmenden inneren 
Worte das Wesen des Menschen. 

Wenn wir also von den Sinnen tiefer nach innen gehen, so erscheint 
uns gewissermaBen die nach innen gewendete menschliche Sprache. 
Ja, es ist durchaus so, daft man sagen kann : Ich und astralischer Leib 
des Menschen, die vom Einschlafen bis zum Aufwachen auBerhalb 
des physischen und Atherleibes sind, bleiben allerdings fur das ge- 
wohnliche BewuBtsein unbewuBt, aber sie erleben deshalb doch das- 
jenige, was geschieht. Und wie sie die atherische Tatigkeit der Sinne 
wahrend des Schlafes erleben als nach einwarts gerichtetes Stromen 
und Strahlen, so erleben dieses Ich und dieser astralische Leib wah- 
rend des schlafenden Zustandes des Menschen den Atherleib als indivi- 
dualisierten Logos, wie eine nach innenwarts gewendete Sprache. Es 
ist, wie wenn die Sprache, die sonst nach auBen strahlt zu den Ohren 
unserer Mitmenschen, sich wahrend des Schlafes atherisch gewandelt 
nach innen gewendet hatte, und wie wenn wir alles dasjenige, was wir 
wahrend des Tages vom Aufwachen bis zum Einschlafen gesprochen 
haben, noch einmal in ruckwartiger Folge - es beginnt mit dem 
Abend und endet mit dem Morgen - nach innen aussprechen wiirden. 
Wir reden nach innen in einer stummen Sprache wiederum alles das- 
jenige, was wir vom Morgen bis zum Abend ausgesprochen haben, 
aber so, daB wir unser ganzes Seelisches in dieser nach innenwarts 
gewendeten Sprache zur Offenbarung bringen. Also insofern das 
Wesen des Menschen in demjenigen erlebt wird, was der Mensch vom 
Morgen bis zum Abend spricht, wird dieses im Sprechen Erlebte vom 
Abend bis zum Morgen nach innen realisiert in dem tonenden, spre- 
chenden Logos, jenem tonenden, sprechenden, individualisierten 
Logos, der aber zu gleicher Zeit, wie in das Atherische zeitlich hinein- 
schreibend, in jenem glimmenden, mild phosphoreszierenden Lichte 
die okkulte Schrift zum Ausdruck bringt fur all das, was da innen- 
warts als die andere Seite des am Tage Gesprochenen wahrend der 
Nacht zur Wirksamkeit kommt - uberhaupt wahrend des Schlafens : 
es ist ja geradeso, wenn der Mensch ein Tages schlafchen halt, nur daB 
die Dinge sich dann fragmentarischer ausleben. 

Und wenn man wiederum mit denselben Mitteln, mit denen sich das 



innere Weben des individualisierten Logos offenbart, nun nachforscht, 
was da eigentlich ist, was er da zunachst in einem fur das eigentliche 
Wesen der Welt doch auBeren Schein kundgibt, wenn man weiter 
priift, was das Wesenhafte ist, dann kommt man darauf: Das ist die 
Summe jener Hierarchien, die wir bezeichnet haben in der anthropo- 
sophischen Literatur als die Dynamis, die iiber den Exusiai stehen, 
Und als drittes findet man dann, wenn man versucht, die Kunst 
zu entwickeln, aus den Worten die Wesenhaftigkeiten zu suchen, als 
drittes findet man die Wesenhaftigkeiten fur das, was ich einmal be- 
schrieben habe wie eine Art Gegenriickgrat. Vielleicht erinnern sich 
manche von Ihnen, wie ich vor vielen Jahren beschrieben habe den 
menschlichen Atherleib. Schon in «Lucifer-Gnosis», in den Artikeln, 
welche das Wesen des Menschen dort wiedergeben, ist beschrieben, 
wie die Stromungen, die im Atherleib im allgemeinen liegen, sich 
auch ergeben in ihrem Zusammenwirken in solch einem Gebilde, das 
nach vorne beim Menschen liegt, wie beim physischen Leibe nach 
riickwarts die Knochenbildungen des Riickgrates mit dem Riicken- 
markskanal liegen. Wir haben im physischen Leibe dieses vertikal 
verlaufende Riickgrat mit dem Ruckenmarkskanal, und wir haben im 
atherischen Leibe ein Zusammenstromen, Zusammenstrahlen des- 
jenigen, was ich Ihnen eben jetzt beschrieben habe in einer Art von 
Gegenriickgrat, das aber, wenn man den physischen Leib ins Auge 
fafit, an der vorderen Seite des Menschen liegt. Und wie von dem 
physischen Riickgrat die Nervenstrange, aber auch zum Beispiel die 
Rippenknochen ausgehen, so verlaufen die erwahnten Strahlungen 
und Stromungen in dem atherischen Leibe so, daB sie jetzt nicht aus- 
gehen von diesem Gegenriickgrat, sondern in ihm gewissermaBen 
zusammenstromen, mit alldem, was sie haben, an der Vorderseite des 
menschlichen atherischen Leibes zusammenwirken. Das gibt ein un- 
gemein schdnes, groBartiges, gewaltiges atherisches Organ, das aber 
insbesondere in einer glitzernden, leuchtenden, tonenden, in allerlei 
Warmewirkungen sich entladenden, aber auch innerlich sprechenden 
Wesenheit besteht und sich insbesondere so enthiillt wahrend des 
Schlafzustandes des Menschen. Und man bekommt, wenn man ge- 
nauer zusieht, durchaus eine Anschauung davon, wie dann dieses 



Organ dasjenige durchsetzt, was ich einmal, weil solche Dinge mit 
vdlliger anschaulicher Bildhaftigkeit beschrieben werden miissen, als 
die einzelnen Lotusblumen charakterisiert habe. So daB Sie erkennen 
konnen, wie durch dieses Organ, das aus dem Atherleibe zusammen- 
stromend sich selber erwirkt und dann mit den Stromungen des astra- 
lischen Leibes die Lotusblumen formt, wie durch dieses Organ der 
Mensch eben weiter seinen AnschluB findet an die auBerliche astra- 
lische, kosmische Welt. 

Und wieder ist das eine Art von Offenbarung. Doch wieder ist das 
etwas, was man ansprechen kann als einen auBeren Schein, fur den 
man die innere Wesenheit suchen muB. Und sucht man diese innere 
Wesenheit, so findet man sie in der Hierarchie, die ich in der anthropo- 
sophischen Literatur genannt habe die Kyriotetes. Jetzt erst haben 
Sie aus dem Worte Atherleib herausgeholt dasjenige, was wesenhafter 
Atherleib des Menschen eigentlich ist. Er ist ein Zusammenwirken, 
Zusammenfluten, Zusammenweben der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, 
die ihre stromende, flutende, tonende, sprechende Wirksamkeit indi- 
vidualisieren und den menschlichen Atherleib bilden. 

Aber indem wir dasjenige anschauen, was da individualisierend 
Kyriotetes, Dynamis, Exusiai so bilden, daB es, hineinleuchtend in 
seiner Individualisierung in den menschlichen physischenLeib, hinein- 
warmend, hineintonend, hineinsprechend den menschlichen Atherleib 
bildet, dann sind wir auch schon beim astralischen Leib des Menschen 
angelangt. Denn in diesem Sich-regend-Betatigen, in diesem indivi- 
dualisierenden, aus dem Kosmos stromenden, aber im Menschen sich 
individualisierenden Betatigen der zweiten Hierarchie ist dasjenige 
enthalten, was menschlicher astralischer Leib ist. Im Atherleibe zeigt 
sich diese Tatigkeit, im astralischen Leibe ist sie. 

Und nun bedenken Sie diese ganze Tatigkeit, in die da der Mensch 
wahrend des Schlafes verwoben ist. In diese Tatigkeit der zweiten 
Hierarchie ist er ja wahrend des Schlafes unbewuBt verwoben, diese 
ganze Tatigkeit braucht der Mensch, wenn er durch die Pforte des 
Todes hindurchgeschritten ist. Denn in dieser Tatigkeit muB er weiter- 
hin leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wenn er den 
Atherleib als solchen abgestreift hat, wenn hingefiutet ist nach einigen 



Tagen dasTonen, dieses musikalischeWirken, dieses mild phosphores- 
zierende Leuchten, dieses warmende Stromen. Wenn das einige Tage 
nach dem Tode ausgeflossen ist in den universellen Kosmos, wenn 
man das Leuchten immer weiter sich ausbreitend, aber auch immer 
schwacher und schwacher werdend bemerkt hat, wenn man die Musik 
immer stiller und stiller werdend bemerkt hat - ich muBte eigentlich 
anders sprechen : wenn man von diesen Regionen spricht, ist es natiir- 
lich, ein Ding durch seinen polarischen Gegensatz auszudrucken; 
besser ware es, denn das entspricht mehr dem, was der Tote wahr- 
nimmt, wenn ich sagen wiirde : Dasjenige, was zuerst wie ein stummes 
Tonen ist, das aber fur den inneren Menschen wahrnehmbar ist, das 
wird immer lauter und lauter, indem es sich verbreitet, und es ist dann 
so, wie wenn man - gerade durch das Lauterwerden, das man nun als 
geistig-seelisches, aber fur die Erde abgestorbenes Wesen nicht mehr 
vernehmen kann, weil man die physischen Ohren nicht hat, es miiBten 
eben physische Ohren da sein - das immer Lauterwerden eben ver- 
nimmt wie ein Verglimmen der inneren atherischen Musik. 

Ahnlich ist es mit dem andern, das der Mensch da unmittelbar nach 
dem Tode in den ersten Tagen durchlebt. Da aber fuhlt er sich in 
seinem astralischen Leibe. Aber das ist ja wieder nur die Aufienseite, 
von der man spricht, ein Wort: Der Mensch befindet sich in der 
Seelenwelt, wie ich es in der «Theosophie» beschrieben habe. Aber 
das, was ich dort beschrieben habe, was zunachst denEindruck wieder- 
gibt fur das dem Menschen zugangliche nachste Seelenorgan, das ent- 
hiillt sich ja fur die im Kosmischen zu entwickelnde universelle, kos- 
mische Intelligenz als eine in sich sich verschlingende, in sich sich ver- 
webende Tatigkeit der Wesenheiten der zweiten Hierarchic 

Und nun bemerken Sie, wie dieses Sein in der Tatigkeit dieser 
Wesenheiten der zweiten Hierarchie nach dem Tode zunachst eigent- 
lich ist. Man hat gelebt auf Erden zwischen der Geburt und dem Tode, 
man hat abgewechselt zwischen dem Wachen und dem Schlafen. Wah- 
rend des Wachens war man mit dieser ganzen Tatigkeit, in der die 
menschliche Seele lebt, verwoben in Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. 
Man war mit alldem immer genotigt, in die Formen des physischen 
Leibes unterzutauchen. Wahrend des Schlafes lebte man mit dem 



Atherleibe, der aber auch diese ganze Tatigkeit hinindividualisiert auf 
die Formen des menschlichen physischen Leibes. Da nahm aber diese 
Tatigkeit, in die man verwoben war, fur diese zweite Hierarchie auch 
all das an, was der Mensch moralisch war: inwiefern er gut und bose 
war, inwiefern er dem Irrtum oder der Wahrheit hingegeben war. 
Die denWesenheiten der zweiten Hierarchie angemessenen Tatigkeiten 
individualisieren sich nach dem hin, was da der Mensch ist als guter 
oder boser Erdenmensch, als in Wahrheit oder in Irrtum lebender 
Erdenmensch. Und man muB sich erst richten nach dem, was nun die 
Wesen dieser zweiten Hierarchie aus ihrem Sein heraus fur eine Tatig- 
keit ausiiben wollen fur das Wesen des Menschen. 

Man muB gewissermaBen, wenn ich mich grob ausdriicken will, das 
Folgende beriicksichtigen. Nehmen Sie an, man ist verkniipft mit 
irgendeinem Wesen aus der Hierarchie der Dynamis. Dadurch daB 
man das ist, entwickelt man ja dann, indem noch ein Erzengelwesen 
diese Tatigkeit vermittelt, die Fahigkeit des Sprechens im mensch- 
lichen Organismus. Aber indem man diese Fahigkeit entwickelt, wer- 
den gewissermaBen die Tatigkeiten der Dynamis verrenkt und auch 
ins Kleinliche verzerrt. Und wenn der Mensch seine Worte dazu ver- 
wendet, Boses, HaBerfulltes zu sagen, dann werden sie stark verrenkt, 
diese Tatigkeiten der zweiten hoheren Hierarchie. Und das alles muB 
wieder eingerichtet werden. Das alles muB so werden, daB der Mensch 
nicht in den Formen weiterlebt, die er all dem, was ich da geschildert 
habe, gegeben hat durch seine moralische Wesenheit oder auch seine 
unmoralische Wesenheit, sondern daB er das alles abstreift und daB 
er sich hineinfindet in die Betatigung und Regsamkeit, welche die der 
Wesen der zweiten Hierarchie ist. Dieses Abstreifen der Verrenkun- 
gen, der Verkleinlichungen, dieses Abstreifen der ins Gegenteil gehen- 
den Verkehrungen der Regsamkeiten der zweiten Hierarchie, das wird 
bewirkt durch alles dasjenige, was ich als den Durchgang des Men- 
schen durch die Seelenwelt beschrieben habe. Und dann ist der Mensch 
aufgestiegen zu dem, was ich in der «Theosophie» beschrieben habe 
als das Geisterland, wenn der Mensch folgen kann mit seinem eigenen 
Ich-Dasein, mit seinem geistig-seelischen innersten Dasein den Tatig- 
keiten, die entsprechen dem Wesen der Dynamis und Kyriotetes. 



Da haben Sie - mit der Kunst, aus Worten das Wesenhafte hervor- 
zusuchen - noch einmal geschildert, charakterisiert das Wesen des 
Menschen. So nahert man sich immer mehr und mehr einer An- 
schauung des Wesens des Menschen. Man muB, geradeso als wenn 
man die Verteilung der Figuren eines Raffaelschen Madonnenbildes, 
der Sixtina zumBeispiel, zuerst mit ein paar charakteristischen Strichen 
auf die Tafel bloB hinzeichnen wiirde, so mit den Worten physischer 
Leib, Atherleib, astralischer Leib, Ich hinzeichnen dasjenige, was in 
Wirklichkeit aber voll erfiillte innerliche Regsamkeit und Tatigkeit 
ist, innerhalb welcher Regsamkeit und Tatigkeit sich eben die Wesen- 
heiten des Kosmos, des physischen, seelischen und geistigen Kosmos 
ofTenbaren. Zuletzt kommt man immer auf Wesenhaftes. Wenn man 
irgend etwas so schildert, als ob es ein raumlich sich unbestimmt Aus- 
breitendes ware, als ob es ein in der Zeit Schwimmendes ware, wenn 
man so etwas schildert, was man dann nennt physische Welt, athe- 
rische Welt, so schildert man eigentlich immer die OfFenbarung. Man 
schildert eigentlich so, wie man, wenn irgendwo in der Feme ein 
Muckenschwarm ist, nicht die einzelnen Mucken unterscheidet, son- 
dern nur einen grauen Fleck in der Luft sieht: man malt dann einen 
grauen Fleck, weil man auch nur einen solchen sieht. So ist ein solcher 
grauer Fleck in der eigentlichen Welt das, was man zuerst nennt 
Atherleib, astralischer Leib. Sind solche grauen Flecke in der physi- 
schen Luft und schaut man dann naher hin, geht man naher heran, so 
entdeckt man die einzelnen wesenhaften Mucken. Schaut man naher 
zu bei diesen geistigen grauen Flecken, Atherleib, astralischer Leib, 
dann entdeckt man immer Wesenheiten. 

Wesenheiten, das ist dasjenige, wozu man zuletzt bei aller Welt- 
erklarung kommen muB. Denn Wesenheiten sind einzig und allein das 
Reale. Es entsteht irgend etwas nur durch das Zusammenwirken von 
Wesenheiten, wodurch dann dem undeutlichen Gesichte sich eben 
dasjenige ergibt, was nicht wkklich ist. Wie da in der grauen Wolke, 
die ja nicht wirklich ist, die Mucken wirklich die einzelnen Wesen- 
heiten sind, so sind iiberall in der Welt die einzelnen Wesenheiten das 
Wirksame, und das andere ist nur ein Schein, der aus dem Zusammen- 
sein der Wesenheiten entsteht. Auch die physische Materie ist ein 



solcher Schein. In Wahrheit liegt allem Wesenhaftes zugrunde. Das 
muB der Mensch wiederum einsehen, damit er nicht von dem spricht, 
was gar nicht da ist, von Materie, oder auch, was nicht besser ist, vom 
Geist im allgemeinen, sondern damit er sprechen lernt von Wesen- 
heiten, von individuellen Wesenheiten des Weltenalls. 

Man hat einstmals in den alten Mysterien verstanden, von Wesen- 
heiten des "Weltenalls zu sprechen. Und man hat schon einmal gewuBt, 
daB Materie sowohl wie dasjenige, was man im gewohnlichen BewuBt- 
sein als Geist bezeichnet, was aber nur ein graues Geistiges ist, das in 
alien Dingen pantheistisch darin sein soil, dies nicht etwas ist, womit 
man Realitaten bezeichnet, sondern daB man, wenn man Realitaten 
haben will, die einzelnen wesenhaften Dinge haben muB. Nur ist das 
BewuBtsein von diesen Wesenheiten allmahlich verlorengegangen; 
verlorengegangen in dem MaBe, als sich im Menschen selber dieses 
Wesenhafte immer mehr und mehr herausgebildet hat. Es ist durchaus 
so, daB in der neueren Zeit, beginnend mit dem ersten Drittel des 
15. Jahrhunderts - ich habe diesen Zeitpunkt oft erwahnt - der Mensch 
immer intellektueller wird. Dasjenige, was er von sich weiB, wird 
immer abstrakter. Aber hinter diesem abstrakteren Leben steckt eine 
immer mehr in sich lebende Wesenhaftigkeit, die in sich immer voller 
wird an innerer Geistigkeit. Und der Mensch hat das ttaumhafte 
BewuBtsein verloren, das er einmal hatte von den Wesenhaftigkeiten 
im Kosmos, gerade indem er immer mehr und mehr eine sich er- 
fassende Wesenhaftigkeit wurde. Er muB wiederum die Anschauung 
gewinnen, daB nur da Realitaten sind, wo individuelle Wesenheiten 
aufgezeigt werden konnen im Kosmos. Das war der notwendige 
Gang der Menschheitsentwickelung, daB man in alten Zeiten uberall 
Wesenhaftes gesehen hat, aber das war eben ein TraumbewuBtsein. 
Dann ist die Zeit gekommen, wo man gewissermaBen die Sache so 
empfunden hat, als ob all dieses Wesenhafte, all das, was im Kosmos 
lebt als das Wesenhafte, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai, Archai, Ar- 
changeloi, Angeloi, Menschen-Iche, tierische Gruppenseelen, pflanz- 
liche kosmische Seelen und so weiter, die Realitaten sind. Nicht ein- 
mal die Tiere, wie sie auf der Erde leben, sind Realitaten, sie sind auch 
nur Schein; die Realitaten sind die Gruppenseelen. Die ganze Pflanzen- 



welt der Erde ist keine Realitat, sondern die Erdenseele ist die Realitat. 
Pflanzen sind ja nur wie die Haare auf dem Erdenorganismus, gleich 
den Haaren auf unserem eigenen Organismus. Aber indem man ein- 
mal gewuBt hat, alle diese Wesenheiten, die ich eben genannt habe, 
sind - sich hinstrahlend, offenbarend, sich aussprechend - im Weltenall 
vorhanden, wuBte man: Das Sich-Aussprechen kommt aus ihrer 
Wesenheit. Jenes allgemeine Erklingen, das aus dem ZusammenfluB 
dessen entsteht, wenn sich die einzelnen Wesenheiten aussprechen, das 
ist der Logos. Aber der Logos, er ist auch zunachst nur ein Schein 
gewesen. Nur dadurch, daB ihn der Christus zusammengefaBt hat, 
diesen Schein gewissermaBen in seiner eigenen Wesenheit verdichtet 
hat, ist durch das Mysterium von Golgatha der Scheinlogos als wirk- 
licher Logos auf der Erde geboren worden. 

So muB man diesen Zusammenhang durchschauen. Man kann dann 
die einzelnen Wesenheiten geistig beschreiben, wie sie mild phos- 
phoreszierend leuchten und tonen, wie sie Warmestromungen ver- 
breiten, wie sie sich aussprechen. Das ergibt fur jedes einzelne Wesen 
eine voile geistige Gestaltung. Und diese vollen geistigen Gestal- 
tungen sind das einzig Wirkliche im Weltenall. Viel hat man im 
alten traumhaften BewuBtsein von diesen einzigen Wirklichkeiten im 
Weltenall gewuBt. Aber, ich mochte sagen, es schrumpfte immer mehr 
und mehr dieses Wissen zusammen. Man wuBte einmal : So strahlt eine 
gewisse Wesenheit Form, die man zu den Kyriotetes zahlt, so strahlen 
menschliche Iche, so strahlen Angeloi und so weiter. Aber man konnte 
immer weniger und weniger schauen von den Realitaten, das alles 
schrumpfte immer mehr wie in einem Punkte zusammen. Man wuBte 
urspriinglich ganz gut, wie sich die Offenbarungen der Exusiai zum 
Beispiel von den Offenbarungen der Menschen-Iche unterschieden, 
wiederum die Offenbarungen der Menschen-Iche von den Offen- 
barungen der tierischen Gruppenseelen oder der pflanzlichen Erden- 
seele. Man wuBte die Unterscbiede, allmahlich aber breitete sich Un- 
bewuBtheit iiber diese Unterschiede aus. Und es gab eine Zeit, in der 
nur mehr das BewuBtsein vorhanden war: Ja, es gibt solche Reali- 
taten, alles andere ist nicht real. Raum ist nicht real, Zeit ist nicht real, 
Materie ist nicht real, auch die allgemeine Geistigkeit ist nicht real, 



sondern Weltenindividualitaten sind real. Aber man konnte sie nicht 
mehr voneinander unterscheiden. Da bezeichnete man sie mit einem 
gleichformigen Worte, mit dem gleichformigen Worte Monade. So 
war es bei Leibni^, bei Giordano Bruno. Sie sprachen von Monaden. 
Diese Monaden waren, bis ins Winzige zusammengeschrumpft, jene 
Realitaten, von denen ich eben sprach. Und man unterschied die 
eine Monade von der andern hochstens noch in dem Attribut, das 
man hinzufugte zu dem Worte Monas : die Monade der Exusiai, die 
Monade der Menschen, die Monade der Tiere und so weiter. 

Und endlich haben die Menschen auch die Moglichkeit verioren, 
von den Monaden zu sprechen, denen zunachst der groBe deutsche 
Denker eine vorstellende Kraft zugeschrieben hatte, weil er eine 
Ahnung hatte davon, daB eben Geistiges lebt in dem, was zur Monade 
zusammengeschrumpft war. Wir mussen uns nicht nur erinnern, daB 
die Monade ein Lebendiges ist. Soil die Menschheitszivilisation nicht 
verfallen, sondern sich immer weiter entwickeln, mussen wir uns 
nicht nur an die Monade erinnern, wir mussen wiederum verstehen, 
und zwar jetzt mit einem erhohten, klaren BewuBrsein, wie alle wirk- 
lichen Realitaten geistig-seelische, lebendige Wesenhaftigkeiten sind. 
Da aber muB das, was zuerst wie mit ein paar Linien hingezeichnet 
wird - physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib -, in der Weise 
belebt werden, wie wir das heute getan haben. 

Und man gelangt dazu, gewissermaBen das menschliche Geistig- 
Seelische verwoben zu sehen in die Wesenhaftigkeiten der zweiten 
Hierarchic Aber indem man dann verfolgt, wie der Mensch von 
Erdenleben zu Erdenleben geht, wie eine ausgleichende kosmische 
Gerechtigkeit, ein Karma wirkt von Erdenleben zu Erdenleben, wie 
das zu gleicher Zeit entspricht einer gewissenWirksamkeit imKosmos, 
gelangt man dazu, auch hier wiederum nicht bei der Abstraktion 
Karma, bei der Abstraktion Weltengerechtigkeit stehenzubleiben oder 
gar bei der Abstraktion moralische Weltenordnung, sondern man ge- 
langt da auch zu Realitaten. Wie man, wenn man beim atherischen 
Leibe zu beschreiben beginnt, hinaufkommt bis zur zweiten Hier- 
archie, damit aber zugleich den astralischen Leib des Menschen be- 
schrieben hat, so kann man beim astralischen Leibe beginnen, kann 



im astralischen Leibe Denken, Fiihlen, Wollen, die da verglimmen 
mit dem Einschlafen, die mit dem astralischen Leibe hinausgehen, 
gewissermaBen auffangen. Fangt man da an, sucht man dafur die 
Realitaten, dann findet man: In unserem menschlichen Denken lebt 
eigentlich die Tatigkeit der Angeloi, in unserer menschlichen Sprache, 
die aus dem Gefuhl entspringt, lebt, nachtlich schlafend fur den Men- 
schen, die Tatigkeit der Archangeloi, und in dem, was durch die 
menschlichen Bewegungen der GliedmaBen, durch das Willensdurch- 
setzte im wachen Leben zur Offenbarung kommt, was ja auch im 
astralischen Leibe vor sich geht, lebt nachtlich, wenn der astralische 
Leib drauBen ist, die Welt der Archai. Aber das, was da drauBen lebt, 
diese iibersinnlichen Tatigkeiten von Archai, Archangeloi, Angeloi, 
die dann sich spiegeln beim wachenden Menschen im Wollen, Fiihlen, 
Denken, die mussen zusammengestimmt werden mit Atherleib und 
physischem Leib. Der physische Leib muB nun auch so gestaltet wer- 
den, daB er zum Denkorgan, zum Sprachorgan oder zum Bewegungs- 
organismus werden kann. Da sieht man, wie wieder die Tatigkeit der 
Kyriotetes, Dynamis, Exusiai in noch hohere Tatigkeit ubergeht: in 
die Tatigkeit der Throne, welche die menschliche Willensbetattgung 
in Einklang bringen mit der Organisation des physischen Menschen, 
des Stoffwechsel-GliedmaBenmenschen. Wir kommen dann zur Hier- 
archie der Cherubim, welche in Einklang bringen die menschliche 
Sprachfahigkeit mit der Organisation desjenigen, was der Sprache 
physisch zugrunde liegen kann. Im Sprach- und Gesangsorganismus, 
uberhaupt in alledem, was Organismus ist fur Sprache oder Sprach- 
ahnliches im Menschen, da bringen das menschliche Gefuhlsleben mit 
der Sprachorganisation in Einklang die Cherubim. Alles dasjenige, was 
nun Denkfahigkeit ist, das muB auch sein physisches Organ haben im 
Nerven-Sinnesmenschen: das Denken bringen in Einklang mit dem 
Nerven-Sinnesmenschen die Seraphim. Das Sprechen und alles, was 
mit dem Sprechen zusammenhangt, das wird mit Denken und Fiihlen 
in Einklang gebracht von den Cherubim. 

So sehen wir, wenn wir den dreigliedrigen Menschen haben, in der 
Nerven-Sinnesorganisation, in der Grundlage fur das Denken die 
schaffenden Seraphim; in all dem, was der rhythmische Mensch ist, 



was als physischer Organismus in Einklang gebracht werden muB mit 
der Sprachfahigkeit, in all dem sehen wir die schaffenden Cherubim. 
In all dem, was in der Bewegung der menschlichen Glieder, in alien 
Willensbetatigungen zum Ausdruck kommt, dafur muB die innere 
Organisation des Stoffwechsel-GliedmaBenmenschen da sein; dieKon- 
kordanz wird bewirkt von den Thronen. Wir sehen auch daraus, was 
physische Menschengestalt ist, wie sie in Schein sich auflost. Die 
Realitaten stehen dahinter: die Seraphim, Cherubim, Throne. In die 
Tatigkeit der Seraphim, Cherubim, Throne sehen wir immer, wenn 
das menschliche Ich verwoben ist mit seiner Innentatigkeit, wenn der 
Mensch sich wachend bewegt, wachend spricht, wachend fuhlt, 
wachend denkt. 

Auf diese Weise konnen wir wiederum erneuerte Mysterienweisheit 
fur den Menschen finden, jene Mysterienweisheit, die sozusagen wie- 
der die Kunst handhabt, aus dem Worte den Geist herauszulosen, aus 
demjenigen, was zuerst nur mit Strichen skizziert werden kann als 
physischer Mensch, atherischer Mensch, astralischer Mensch und Ich, 
Wesenhaftes zu finden. Wesenhaftes besteht immer in individuellen 
Geistwesenheiten, die erlebend in sich tragen das Seelische, die schaf- 
fen das sich OfTenbarende, das Physische. Realitaten sind eigentlich 
nur seiende Geistindividualitaten. DaB sie sich auBern als Seelisches, 
das ist, weil sie sich innerlich und gegenseitig sich anregend erleben. 
DaB es eine physische Welt gibt, das ist, weil diese Geistindividuali- 
taten, die zu den Monaden verabstrahiert worden und dann ganz aus 
dem Gesichtskreise der Menschen verschwunden sind, je nach ihren 
verschiedenen Daseinsstufen sich schaffend oflfenbaren. Hier konnen 
wir zuriickgehen von der geschaffenen Welt, die eigentlich nichts 
anderes ist als das auBere Scheinen schaffender Wesenheiten, zu der 
sich erlebenden Welt, zur seelischen Welt, die aber die sich erlebende 
Welt geistiger Individualitaten ist. Dann kommen wir, wenn wir selbst 
zur wahren Wirklichkeit zuriickgehen, zu den Geistindividualitaten 
selber, deren Ausdruck und Leben die Welt ist. Indem der Mensch auf 
der Erde steht, lebt er immer in den Offenbarungen der geistigen 
Individualitaten. Zwischen dem Tode und einer neuen Geburt muB 
er ansichtig werden und voll durchgehen durch die eigene Gestalt der 



Geistindividualitaten. Und er muB sich zu seiner Vollkommenheit in 
seiner Gesamtentwickelung dadurch hindurchringen, daB er aus dem 
Ansichtigsein der Gestalt der Geistrealitaten iibergeht in die Erden- 
gestaltung, in der er nicht ansichtig ist der Geistindividualitaten, in 
der sich die Geistindividualitaten gewissermaBen nur von auBen in 
ihrer Umkleidung zeigen. 

Aber der Mensch muB, wenn das Erdenleben nicht in die vollige 
Verkommenheit verfallen soil, wiederum lernen, aus der auBeren 
Umkleidung die innere Geistindividualitat der hoheren Welt zu er- 
schauen, zu erkennen, zu verstehen. Dann wird der Mensch sehen, wie 
sein ganzes Leben besteht aus einem Ringen innerhalb der Umklei- 
dungen des Gottlichen und einem Leben innerhalb des Wesens des 
Gottlichen. Aber er kann nur erlangen ein richtiges Darinnenstehen 
im Wesen des Gottlichen, wenn er sein eigenes Wesen immer mehr 
und mehr ausbildet im Ansichtigwerden auch der auBeren Umklei- 
dung. Lernen muB er aber auch, durch die Umkleidung hindurch- 
zudringen zu den Wesen. Nicht stehenbleiben darf er bei der auBeren 
Schilderung, sondern vordringen muB er zum inneren Leben. 

Wenn solches von einer groBeren Anzahl von Menschen einmal an- 
gestrebt werden wird, dann wird die Morgenrote da sein fur eine 
kiinftige Erdenentwickelung, auch zur Neugestaltung des Erden- 
daseins, zu Jupiter-, Venus-, Vulkangestaltung. Die Anthroposo- 
phische GeseUschaft muB Menschen vereinigen, die sich heute als den 
Kern von dem fuhlen, was immer weitere und weitere Kreise Ziehen 
muB in der Zivilisation der Menschheit, damit die Fortschrittsent- 
wickelung der Menschheit wirklich geschehen konne und das Erden- 
leben nicht verfalle. 



UNSER GEDANKENLEBEN IN SCHLAFEN 
UND WACHEN UND IM NACHTOD LICHEN DASEIN 

Stuttgart, 2U]uni 1923 

Wenn wir den Menschen so betrachten, wie er im irdischen Dasein 
steht, dann muB uns ohne Zweifel als das Bedeutendste in seinen 
LebensauBerungen er scheinen die Denk- oder Vorstellungsfahigkek, 
die Fahigkeit, sich iiber die Welt, iiber das eigene Handeln und so 
weiter Gedanken zu machen. Wir tauschen uns, wenn wir uns iiber 
den irdischen Lebensverlauf ein anderes Urteil bilden. GewiB, man- 
ches bringt uns nahe, zu sagen, das Wertvollste konne fur den Men- 
schen nicht in den Gedanken liegen. Der Mensch empfindet zum Bei- 
spiel gewissermaBen unter der Schwelle der Gedanken seine Gefuhls-, 
seine GemiitsauBerungen, und was der Mensch iiber seine eigenen 
Aufgaben, iiber sein Verhalten zu seinen Mitmenschen, ja auch iiber 
die Welt fiihlen konne, das sei wertvoller als sein Denken. Und gar 
erst, wenn wir auf das moralische Dasein schauen und aufmerksam 
werden auf die Stimme des Gewissens, dann werden wir uns sagen: 
Diese Stimme des Gewissens spricht aus tiefen Untergriinden der 
Seele heraus, die von dem bloBen Denken nicht erreicht werden. - 
Insbesondere werden wir veranlaBt, eine solche Aussage zu machen, 
wenn wir darauf hinweisen wollen, daB der Mensch auch durch die 
hochste Entwickelung seines Gedankenlebens, wie er sie durch Schu- 
lung erreichen kann im gewohnlichen irdischen Leben, nicht in mora- 
lischer Beziehung das erreichen kann, was ein lauteres, ja man mochte 
oftmals sagen, ein in Einfalt wirkendes Gewissen impulsiert. Aber 
dennoch, wir tauschen uns, wenn wir sagen, daB Gedanken deshalb, 
weil alle diese Dinge richtig sind - und sie sind richtig -, nicht das 
Wesentliche des irdischen Menschenlebens seien. Denn gewiB, aus 
unsaglich tieferen Untergriinden heraus als die Gedanken tont die 
Stimme des Gewissens, tonen die Gefiihle des Mitleids und so weiter. 
Aber fur den Menschen bekommen diese aus den Untergriinden seiner 
Seele heraustonenden und herauslebenden Impulse erst dann das 
rechte Licht, erst dann dasjenige, was sie eigentlich in das Mensch- 



liche heraufhebt, wenn sie von Gedanken durchsetzt werden. Auch 
die Stimme des Gewissens bekommt ihren Wert dadurch, daB sie aus 
den Untergrunden der Seele heraufwirkt, sich aber dann in der Ge- 
dankenwelt auslebt und der Mensch in Gedanken kleiden kann, was 
ihm die Stimme des Gewissens sagt. Ohne das Gedankenleben zu 
iiberschatzen, miissen wir uns, wenn wir uns einem illusionsfreien 
menschlichen BewuBtsein hingeben wollen, doch sagen, dieses Ge- 
dankenleben mache den Menschen erst zum Menschen. Und in einer 
gewissen Beziehung hat der deutsche Philosoph Hegel schon recht, 
wenn er sagt : Es ist das Denken, das den Menschen vom Tiere unter- 
scheidet. 

Aber wenn wir nun hinblicken auf den ganzen Umfang derjenigen 
Gedanken, die uns in unserem ganzen irdischen Leben vom Auf- 
wachen bis zum Einschlafen erfiillen und wir in dieser Betrachtung, 
in diesem Hinschauen ehrlich sind, dann werden wir uns sagen : Der 
groBte Teil unserer Gedanken in unserem Erdenleben ist in irgend- 
einer Weise von auBen, von den Sinneseindrucken, von den Erleb- 
nissen, die mit den materiellen Vorgangen des Erdendaseins zusam- 
menhangen, abhangig. Und unsere Gedanken verlaufen in innigem 
Zusammenhang mit dem Erdenleben, so daB wir gerade das Wert- 
vollste im Menschenleben wahrend unseres Daseins zwischen der 
Geburt und dem Tode mit dem Erdenleben verbinden. Wenn wir 
aber das vollstandige Menschenleben auf Erden anschauen, wie wir 
es von gewissen Gesichtspunkten gerade in den letzten Vortragen 
getan haben, die ich hier halten durfte, dann muB uns auffallen, daB 
mindestens ein Drittel unseres Erdendaseins gedankenlos verlauft. 
Wenn wir mit den gewohnlichen Hilfsmitteln unseres irdischen Be- 
wuBtseins zuriickblicken auf unser Erdenleben, dann gliedern wir ja 
eigentlich immer nur die Tageserlebnisse an die Tageserlebnisse, wir 
lassen die Schlafeserlebnisse, welche im UnbewuBten liegenbleiben, 
selbstverstandlich aus. Aber damit lassen wir bei einer gewohnlichen 
Riickschau auf unser Erdenleben zum mindesten ein Drittel unseres 
Erdenlebens aus unserer Betrachtung weg. Das ist selbstverstandlich, 
weil dieses Drittel, das verschlafene Drittel dieses Erdenlebens, im 
UnbewuBten liegenbleibt. 



Aber Sie wissen aus friiheren Vortragen, die ich hier gehalten habe, 
daB diese Tatigkeit, die wir im unbewuBten Schlafen zubringen, nicht 
ohne Erlebnisse ist. Das Ich und der astralische Mensch machen 
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ihre Erlebnisse durch, die 
nur nicht ins BewuBtsein hereinleuchten. Und wenn man naher zu- 
sieht, dann findet man, daB jene unbewuBten Krafte, die zwischen 
dem Einschlafen und Aufwachen wirken, auch im Wachzustande 
weiterleben. Sie leben auch da, man mochte sagen, ein Schlafleben 
weiter fort. Sie wirken in unsere gesamte Willenstatigkeit, die wir 
nicht klarer vor dem gewohnlichen BewuBtsein haben als die Schlaf- 
zustande. Sie wirken in einem groBen Teil unseres Gefuhlslebens 
weiter, das eine Art Traumesdasein bildet. Gerade wenn wir auf das- 
jenige, was aus unserem tiefsten Wesen, aus dem Grundwesen heraus- 
kommt, hinschauen, so mussen wir auch wahrend des wachen Tages- 
lebens auf etwas UnbewuBtes schauen. Und man kommt dann durch 
geisteswissenschaftliche Betrachtung darauf, daB dasjenige, was im 
Menschen das Wirksame ist zwischen dem Einschlafen und Auf- 
wachen, weiter fortwirkt im Wachen, fortwirkt als Ich und astra- 
lischer Mensch, daB diese aber nicht in die Sphare des gewohnlichen 
BewuBtseins eintreten, sondern nur in ihren Wirkungen, in den 
Willenswirkungen, in den Gemiitswirkungen auftreten. Dadurch be- 
kommt dasjenige, was eigentlich im vollen wachen BewuBtsein vor- 
liegt, das Gedankenleben, noch ein besonderes Gesicht. Und gerade 
dieses besondere Gesicht wird uns begreiflich, wenn wir jenes Dasein 
ins Auge fassen, welches der Mensch nicht auf der Erde zubringt, 
welches er zubringt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. 

Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann macht er 
Zustande durch, die ich Ihnen oft beschrieben habe, die auch in 
unserer Literatur verzeichnet sind, und die Sie ja, von gewissen Seiten 
her wenigstens, kennen. Wenn man genau und exakt untersucht, an 
welchen einzelnen Gliedern der menschlichen Wesenheit unser Den- 
ken, unser Vorstellen eigentlich haftet, dann kommen wir darauf, daB 
wir zum irdischen Gedankenbilden den physischen Leib brauchen. 
Der physische Leib ist wirklich dasjenige, was in Tatigkeit gesetzt 
werden muB, wenn der Mensch als Erdenmensch Gedanken hat, Fer- 



ner muB zu diesem Ziele, zum Gedankenhaben, in Tatigkeit gesetzt 
werden der atherische Leib. Das sind aber gerade diejenigen zwei 
Glieder der Menschennatur, die zwischen dem Einschlafen und dem 
Aufwachen eben auch bewuBtlos, wie man den Eindruck hat, im 
Bette liegen bleiben. Allein, kommt man zu einer gewissen Entwicke- 
lung des BewuBtseins, zu einer gewissen Schulung unserer Seeie, die 
einem dann die Moglichkeit gibt, auch die physischen Dinge vom 
geistigen Gesichtspunkt aus zu sehen, dann kommt man darauf, daft 
der Mensch die ganze Zeit iiber denkt, in der er schlaft. Der Mensch 
denkt wahrend seines Erdenlebens niemals nicht, wenn wir den ganzen 
Menschen betrachten. 

Wenn wir namlich des Morgens aufwachend zuriickkehren in unse- 
ren physischen und Atherleib, so wird das gewohnliche BewuBtsein 
sehr rasch hineingedrangt in diesen physischen und Atherleib, und es 
wird dieses gewohnliche BewuBtsein nur gewahr, daB dann die auBe- 
ren Dinge Eindriicke zu machen beginnen, daB wir dann Sinneswahr- 
nehmungen haben, die wir gedanklich verarbeiten, von den auBeren 
gegenwartigen Gegenstanden Sinneswahrnehmungen haben. Wenn 
der Mensch aber dazu gelangt, viel bewuBter in seinen physischen und 
Atherleib unterzutauchen, dann trifft er beim Aufwachen auf das 
Denken, das fortwahrend zwischen dem Einschlafen und Aufwachen 
stattgefunden hat in ihm. Er war nur nicht dabei mit seinem Ich und 
astralischen Leib. Er denkt, das heiBt, der physische Leib und der 
Atherleib sind in einer fortwahrenden Gedankentatigkeit zwischen 
dem Einschlafen und dem Aufwachen, nur ist der Mensch mit seinem 
Ich und astralischen Leib auBer dieser Gedankentatigkeit, er macht 
sie nicht mit und glaubt, sie sei nicht vorhanden. Er befindet sich da 
in einer groBen Selbsttauschung iiber sich. Und da man dasjenige, was 
im normalen Leben schon harmonisch eingegliedert ist in die gesamte 
Natur des Menschen, iiberhaupt in die gesamte Natur der Wesen, be- 
sonders gut dann erkennen kann, wenn es herausgerissen aus der 
Harmonie, abnorm auftritt, so kann der Mensch auch schon aus 
auBeren Erfahrungen, wenn sich diese im Zusammenhang der Welt 
ergeben, darauf kommen, daB er nicht nur zwischen dem Einschlafen 
und Aufwachen denkt, sondern daB er sogar gescheiter denkt zwischen 



dem Einschlafen und Aufwachen, wenn er nicht dabei ist, als wenn er 
dabei ist. Wir kommen namlich zu dem, ich mochte sagen, deprimie- 
renden Selbstgestandnis, wenn wir die ganze Sachlage uberschauen, 
daB unser Atherleib schlechter denkt, wenn wir, dem Ich und dem 
astralischen Leib nach, mit dem normalen BewuBtsein darinnen- 
stecken, als wenn wir nicht darinnenstecken. Wir verderben die in 
unserem Atherleibe ablaufenden Gedanken dadurch, daB wir mit 
unserem gewohnlichen BewuBtsein darinnenstecken. 

Daher sind durchaus von dem, der in diese Dinge Einsicht hat, 
Erzahlungen zu bestatigen, wie etwa die folgende: Da waren einmal 
zwei Universitatsstudenten. Der eine war Philologe und verstand 
nichts vom Rechnen - ich muB das hinzusetzen -, verstand gar nichts 
vom Rechnen. Der andere war Mathematikstudent. Nun, man hat ja 
so die Erfahrung, daB, wenn es zu gewissen Partien des Mathematik- 
studiums kommt, man schon ein wenig iiber den Problemen schwitzen 
muB. Bei der Philologie geht es meistens leichter. Und so war es denn 
bei diesen zwei Studenten, die, wie das bei Studenten schon vor- 
kommt, das Zimmer teilten, auch zusammen schliefen, so, daB, als sie 
eines Abends mit ihren Vorbereitungen zum Examen zu Ende waren, 
der Philologiestudent sehr selbstzufrieden war, der Mathematik- 
student hingegen gar nicht, weil er ein Problem, das er fur eine schrift- 
liche Aufgabe hatte losen sollen, nicht losen konnte. Er legte sich 
hochst unbefriedigt zu Bett, und es stellte sich die merkwurdige Tat- 
sache heraus : Zu einer bestimmten Stunde wird der Philologiestudent 
aufgeweckt, er sieht, wie der Mathematikstudent aufsteht, zum 
Schreibtisch hingeht und weiterbriitet, auch schreibt, langere Zeit 
schreibt, und dann sich wieder ins Bett legt und schlaft. Am nachsten 
Tage, als beide aufstanden, sagte der Mathematikstudent : Wir haben 
doch gestern gar nicht gekneipt, ich habe heute einen furchtbaren 
Kater. - Da sagte der andere : Das ist auch gar nicht zu verwundern, 
wenn du urn drei Uhr nachts aufstehst und stundenlang rechnest, daB 
du dann einen wirren Kopf hast am nachsten Morgen. - Da sagte der 
erste: Ich bin nicht aufgestanden ! - Er wuBte absolut nichts da von, 
daB er aufgestanden ware. Nun schauten sie nach, und siehe da, er 
hatte seine Aufgabe gelost, er wuBte aber gar nichts davon. Solche 



Dinge sind durchaus nicht bloBe Marchen. Ich wahle ein Bei spiel, das 
der Literatur angehort, aus dem Grunde, damit es nachkontrolliert 
werden kann. Ich konnte Ihnen viele ahnliche Dinge ja erzahlen. Es 
kommt mir gar nicht auf diesen einzelnen Fall an, es kommt mir viel- 
mehr darauf an, daB dies tatsachlich eine Realitat ist: wenn das Be- 
wuBtsein nicht vorhanden ist - ich sage ausdriicklich, def Betreffende 
wuBte nichts davon werden der physische Leib und Atherleib ge- 
wissermaBen durch Puffe von auBen bearbeitet, und der Atherleib 
arbeitet im physischen Leib allein an der Fortsetzung der Aufgabe. 

Ja, ich weiB schon, was in den Herzen von manchen figuriert, ich 
weiB, daB mancher ganz gern hatte, wenn es recht oft vorkommen 
wiirde. Aber so leicht hat es die jungere Menschheit nicht. Also in 
diesem Fall atbeiteten Ich und astralischer Leib nur durch Pufle von 
auBen, und da erweist sich der Atherleib, wenn er allein im physischen 
Leibe arbeiten kann, oftmals sogar als genial gegeniiber dem, was man 
oftmals gar nicht genial macht, wenn man mit seinem Ich und astra- 
lischen Leib dabei ist. Wie gesagt, nur zur Illustrierung der Tatsache, 
daB der Mensch die ganze Nacht hindurch Gedanken hat, das heiBt 
der physische Leib und der Atherleib des Menschen, und nur nicht 
dabei ist mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe. Denn die 
Gedanken werden unmittelbar von der AuBenwelt durch die Ver- 
mittlung des Atherleibes gebildet, und dann wird der physische Leib 
zu Hilfe genornmen, um die Gedanken als physischer Erdenmensch 
zu hegen. 

So miissen wir denn das Gedankenleben durchaus gebunden flnden 
an den physischen Leib und den Atherleib. Das ist beim Gefuhlsleben 
und beim Willensleben nicht der Fall. Es ist nur ein Aberglaube der 
heutigen offiziellen Wissenschaft, daB das Gefuhlsleben und das 
Willensleben in derselben Weise vom physischen und Atherleibe ab- 
hangig waren wie das Gedankenleben. Daruber habe ich ofter ge- 
sprochen, ich will mich heute nicht daruber auslassen, sondern nur 
hinweisen auf die mannigfaltigen Betrachtungen, die ich vor einem 
groBen Teil von Ihnen veranstaltet habe. 

Nun ist der Mensch im gegenwartigen Erdenleben nicht so, daB er 
verfolgen kann, was sein Ich und sein astralischer Leib da erleben, 



wenn sie vom Ather- und physischen Leib getrennt sind und sich 
vom gewohnlichen Leben nur den Willen und einen Teil des Gefuhls 
mitnehmen. Denn dieses Erleben zwischen dem Einschlafen und dem 
Aufwachen geschieht in der Tat in einer ganz andern Welt, geschieht 
in einer geistigen Welt, geschieht in einer Welt, in der nicht die Um- 
gebung in den Naturreichen, in dem Mineralreich, Pflanzenreich ist, 
sondern in der die Umgebung die hoheren Hierarchien sind, in der die 
Umgebung eine Welt von geistigen Wesenheken, von geistigen Ge- 
schehnissen ist. Aber insofern der Mensch im Erdenleben verweilt, ist 
es durchaus so, daB er noch nicht geniigend entwickelt ist, um alles 
dasjenige, was er da erlebt mit seinem Ich und astralischen Leib vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen, in das BewuBte und SelbstbewuBte 
zu verfolgen. Es bleibt unbewuBt, aber ist deshalb nicht weniger 
lebendig als das BewuBte. Es wird durchgemacht, es ist etwas, was 
dann, nachdem es durchgemacht ist, zum inneren Gehalt des Men- 
schen gehort. Wir wachen auch an jedem Morgen so verandert auf, 
wie wir verandert worden sind durch die Nacht. Wir wachen nicht 
etwa bloB in demjenigen Zustande auf, bis zu dem wir gekommen 
sind bis zum Abend vor dem Einschlafen, sondern wir wachen in dem 
Zustande auf, zu dem uns das Schlafesleben gemacht hat. 

Wenn wir nun durch die Pforte des Todes gehen, so legen wir den 
physischen und Ather leib ab. Und demgemaB stellt sich auch das 
Erlebnis so ein, dafi der Mensch unmittelbar in den ersten Tagen, 
nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist - das Ablegen des 
Atherleibes dauert nur wenige Tage -, sein Gedankenleben wie von 
der Welt aufgesogen empfindet. Er hat erst einen fluchtigen Riickblick 
auf das Erdenleben. Es ist so, wie wenn er sein Erdenleben als seine 
Welt erblickte, in lebendigen Bildern sieht. Wie mit einem Schlage 
steht das verflossene Erdenleben vor der Seele, wenn die Seele sich 
ganz befreit von dem physischen Leibe und dem Atherleibe, wenn also 
der Durchgang durch die Pforte des Todes erfolgt ist. Aber durch 
Tage noch findet dieser ProzeB, dieser Vorgang statt, daB, nachdem 
der physische Leib abgelegt ist, der Atherleib sich langsam in dem 
allgemeinen Weltenather auflost. Wahrend der Zeit ist der Eindruck 
da, daB zuerst ein lebendiger, scharf konturierter Oberblick iiber das 



Erdenleben da ist. Dann wird er immer schwacher und schwacher, 
aber zu gleicher Zeit gewissermaBen kosmischer, bis er endlich nach 
einigen Tagen wie vom Menschen abschmilzt. 

Damit aber geht in diesen wenigen Tagen alles dasjenige vom Men- 
schen fort, was gerade das Wertvollste am Erdenleben ist. All das, 
was wir iiber die Dinge der Welt, was wir iiber unsere ganze irdische 
Umgebung denken, was unser gewohnliches BewuBtsein erfullt, das 
schmilzt von uns weg, schmilzt innerhalb weniger Tage weg. Und in 
demselben MaBe, in dem dieser Inhalt des Erdenlebens wegschmilzt, 
in demselben MaBe taucht dasjenige auf, was der Mensch immer im 
schlafenden Zustande unbewuBt durchlebt hat. Dariiber breitet sich 
jetzt das BewuBtsein aus. Das beginnt bewuBt zu werden. Hatten wir 
keine Erlebnisse wahrend des Schlafes, so ware iiberhaupt unser Leben 
drei oder vier Tage nach dem Tode zu Ende als bewuBtes Leben. 
Denn dasjenige, was wir gerade fur unser Wertvollstes wahrend des 
Erdenlebens halten, das schmilzt ab, und aus diesem sich verdunkeln- 
den, abdammernden BewuBtsein taucht dasjenige auf, was wir immer 
durchlebt haben im schlafenden Zustande, was da unbewuBt ge- 
blieben ist. 

Nun ist die Eigentumlichkeit desjenigen, was wir im schlafenden 
Zustande durchleben, dies, daB fur das Schlafen die Welt umgekehrt 
verlauft. Ob das Schlafen nun lange oder kurz ist, wenn wir ein- 
schlafen, das macht es nicht aus, weil die Zeitverhaltnisse fur den 
andern BewuBtseinszustand auch ganz andere sind. Ob Sie also eine 
lange Nacht schlafen oder ein paar Minuten, die Charakteristik, die ich 
gebe, ist fur beide Schlafverlaufe gleich. Wenn der Mensch die Zeit 
durchmiBt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann 
durchlebt er zuriick dasjenige, was er in der physischen Welt durch- 
gemacht hat zwischen dem letzten Aufwachen bis zum Einschlafen. 
Das durchlebt er in anderer Gestalt durchlaufend noch einmal, und er 
durchlebt es so: Wahrend wir bei unserem TagesbewuBtsein das 
Durchleben mehr mit der physischen Nuancierung und mit Gefuhlen 
iiber die physische Nuancierung haben, den Ablauf der Ereignisse 
vom Anfang bis zum Ende, jedes einzelne Ereignis oder den Umstand, 
wie sie aufeinanderfolgen, in der physischen intellektuellen Nuancie- 



rung durchleben; im Schlafen erieben wir das alles zuruck, aber mit 
moralischer Nuancierung. Da leben die moraiisch-religiosen Impulse 
darin, da durchleben wir die Sache so, daB wir ein jedes Ereignis 
werten danach, wie wertvoll oder unwertvoll es uns als Mensch macht. 
Da konnten wir uns keinen Illusionen daruber hingeben, wenn wir es 
bewuBt durchmachen wurden, was es fur eine Bedeutung hat, ob wir 
dieses oder jenes vollbracht haben, denn da werten wir die Ereignisse 
des Tages in bezug auf unser Menschtum. 

Was fur die menschliche Ordnung auf Erden gilt, ist schon einmal 
so, daB die Naturforschung gut reden hat, in der Welt flnde sich nur 
Kausalitat, nur Ursachlichkeit, nur die Begriindung des Nachfolgen- 
den aus dem Vorhergehenden, weil der Mensch in seinem wachen 
Leben nur diese Stromung sieht, nur diese Stromung wahrnimmt. 
Aber eine andere Stromung ist auch in der Wirklichkeit darinnen, nur 
bleibt sie dem Menschen fur das ErdenbewuBtsein unbewuBt. Der 
Mensch durchlebt aber diese moralische Weltenordnung jede Nacht 
zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Da werten wir die 
Dinge moralisch, namentlich im Zusammenhang mit unserem eigenen 
Menschenwert. Und das machen wir jede Nacht beziehungsweise 
jedesmal zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen fur die vor- 
angegangene Wachensperiode durch. Und wenn wir durch die Pforte 
des Todes gegangen sind, dann machen wir riickwartsverlaufend 
durch die letzte Nacht, vorletzte Nacht, drittletzte Nacht, bis zur 
ersten Nacht, in der wir uns nach der Geburt zum erstenmal bewuBt 
geworden sind, etwa ein Drittel des Erdenlebens, weil wir ein Drittel 
des Erdenlebens verschlafen haben. Vor uns ist versunken der 
physisch-ursachliche Weltenverlauf, vor uns ist aufgestiegen dasjenige, 
was Gotter und Geister iiber diesen Weltenverlauf denken, fiihlen, 
wollen. Aber wir hangen zunachst noch zusammen mit dem Kolorit, 
mit der Farbung, welche das Erdenleben alldem gegeben hat, weil wir 
es durchmachen miissen in der Form, wie wir es durchlebt haben wah- 
rend des Erdenlebens. Ungefahr ein Drittel, weil wir ein Drittel ver- 
schlafen, brauchen wir zu diesem Riickwartsdurchleben, das dann eben 
so verlauft, wie ich es zum Beispiel in meiner «Theosophie» beschrie- 
ben habe, wo ich das Seelenland, die Seelenwelt beschrieben habe. 



Wir miissen, ehe wir in eine Welt eintreten, die rein geistig ist, erst 
alles dasjenige durchleben, was wir auf der Erde unbewuBt in den 
Schlafzustanden durchlebt haben. Damit schulen wir unser BewuBt- 
sein heran fur das eigentliche geistige Erleben zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt. Und es ist zu gleicher Zeit ein Freiwerden vom 
irdischen Leben, dieses Riickwartsdurchleben des Erdenlebens. Wir 
werden nicht fruher in unserem BewuBtsein so frei, da8 dieses Be- 
wuBtsein sich zwischen den Geistern der hoheren Welten bewegen 
kann in vollstandig ihm angemessener Weise, bis wir uns durch dieses 
Riickwartserleben eben freigemacht haben. Dann sind wir ungefahr 
wieder am Ausgangspunkt unseres Lebens fur die hohere Welt an- 
gelangt. Und dann verlauft das weitere Leben zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt so, daft es ein rein geistiges Erleben ist. Ebenso 
wie wir hier zwischen physischen Wesen und physischen Gescheh- 
nissen leben, leben wir dann in der geistigen Welt zwischen geistigen 
Wesen und geistigen Geschehnissen, zwischen denjenigen geistigen 
Wesenheiten und ihren Taten, die niemals auf die Erde herunter- 
steigen, zwischen denjenigen Wesenheiten, die als Menschen auf die 
Erde heruntersteigen, die fruher durch die Pforte des Todes gegangen 
sind als wir, oder die uns nachfolgen. Wir treffen eben mit alien den 
Menschen wiederum zusammen, mit denen wir Gemeinschaft gehabt 
haben wahrend des Erdenlebens. Und diese Gemeinschaft ist ja eine 
sehr ausgedehnte. Denn dadurch, daft wir das Schlafesleben durch- 
leben, wird eingeschlossen in diese Gemeinschaft auch alles das, was 
wir nur in Andeutungen mit den Menschen wahrend des Erdenlebens 
durchmessen haben. DaB wir in jedem Schlafzustande schon darinnen- 
stehen in der geistigen Welt, aber noch als Erdenmensch die Erden- 
ereignisse riickwarts erleben, gerade diese Tatsache unterscheidet 
wiederum dieses allnachtliche irdische Erleben des Menschen von 
demjenigen, das er dann durchmacht, wenn er durch die Pforte des 
Todes durchgegangen ist. 

Zunachst miissen wir uns ja gestehen: Was wir als den Inhalt unseres 
BewuBtseins im Erdenleben anerkennen, das schmilzt von uns hinweg 
im Laufe von wenigen Tagen. Dasjenige, was wir gar nicht achten im 
Laufe des Erdenlebens, weil es in das UnbewuBte des Schlafes ge- 



taucht ist, das taucht nachher auf, indem wir es wirklich durchleben - 
ja, wirklich durchleben. Namlich in jenen irdischen Schlafzustanden 
durchleben wir mit unserem Ich und astralischen Leib riickwarts- 
lebend bildhaft nur die wachen Ereignisse. Indem wir durch die Pforte 
des Todes schreiten, tauchen wir in die geistige Substanz ebenso unter, 
wie wir hier in materielle Substanz untertauchen, wenn wir Erden- 
menschen werden. Man konnte schon sagen: Wie wir, indem wir 
Erdenmenschen werden, einen physischen und einen atherischen Leib 
erhalten, so erhalten wir eine hohere Wesenhaftigkeit als auBere Um- 
hiillung, eine geistige Umhullung, wenn wir durch die Pforte des 
Todes geschritten sind. Dadurch aber machen wir dasjenige, was wir 
hier nur bildhaft durchleben in Schlafzustanden, dann real durch. Das 
ist wirkliches, reales Erleben, ebenso wirkliches Erleben, wie das im 
physischen Leibe verbrachte Erdenleben wirkliches Erdenleben ent- 
halt. Und erst an dieses wirkliche Erleben, das eine in der Wirklichkeit 
erfolgte Wiederholung des Bild-Erlebens jedes Schlafzustandes ist, 
erst an dieses schHeBen sich dann jene Erlebnisse an, die wir im 
weiteren Verlaufe unseres Lebens zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt durchmachen. 

Dann folgt die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in 
der wir unser ganzes irdisches Dasein sozusagen abgelegt haben und, 
wie ich Ihnen schon dargestellt habe, das nachste Erdenleben vor- 
bereiten, indem wir im Verein mit den Wesenheiten der geistigen Welt 
den Geistkeim unseres folgenden Erdenlebens, vor alien Dingen des 
nachsten physischen Leibes, formen. Dann wiederum kommt eine 
Zeit, wo der Mensch wieder mehr dem Erdenleben zuneigt. Nachdem 
der Mensch eine lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Ge- 
burt unter geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen gelebt hat, 
ist es so - naturlich auf einer ganz andern Stufe, aber durch einen 
Vergleich mochte ich es klarmachen -, wie es ungefahr bei einem 
Menschen ist, der sich mude fuhlt und einschlafen will. So fuhlt der 
Mensch, wie ihm das im Geiste vorhandene BewuBtsein schwacher 
wird, wie er nicht mehr so mit den Wesenheiten der hoheren Welt 
arbeiten kann, und sein BewuBtsein geht wiederum iiber zu einem 
Interesse an einem neuen Erdenleben. So wie wir alltaglich in den 



Schlaf versinken, wo unser BewuBtsein ganz unbewuBt wird, so 
sinken wir gewissermaBen im rein geistigen BewuBtsein, das den 
groBten Teil der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt 
erfullt, herunter, aber jetzt nicht zur BewuBtlosigkeit, sondern in ein 
Erfiilltsein von Interesse fur das Erdenleben, nun aber von der andern 
Seite her gesehen, von der Seite der geistigen Welt her, in ein Interesse 
fiir das Erdenleben. Dieses Interesse fiir das Erdenleben taucht viele 
Jahre, viele Jahrhunderte friiher auf, bevor wir zum Erdenleben her- 
untersteigen. Wir gewinnen schon ein Interesse fiir unser kommendes 
Erdenleben, wenn auf der Erde selbst nicht nur unser GroBvater lebt, 
sondern ein weit zuriickliegender Urahne, der viele Generationen vor 
uns lebte, von dem wir dann abstammen. Es verwandelt sich das 
Interesse, das wir so lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt fiir die rein geistige Welt gehabt haben, zum Interesse an einer 
Generationenfolge. Am Ende dieser Generationenfolge werden wir 
dann selbst geboren. Wir verfolgen in der Tat von der geistigen Welt 
aus lange Zeiten hindurch die Ahnen, an deren Ende unsere eigenen 
Eltern stehen. So daB wir von der geistigen Welt aus in unsere Ab- 
stammung hineinwachsen. 

Diese Dinge werden einmal in das allgemeine MenschenbewuBtsein 
iibergehen, und man wird dann erst sehen, in welch eingeschranktem 
MaBe das gilt, wovon heute eine zwar richtige, aber auBerordentlich 
beschrankte Wissenschaft immer wieder redet: die Vererbung. Die 
physische Vererbung kann erst dann dem Menschen klarwerden, 
wenn er weiB, welchen Anteil an den physischen Vererbungsgestal- 
tungen diejenigen Krafte selbst haben, mit denen er schon aus der 
geistigen Welt an seiner ganzen Ahnenfolge beteiligt ist. Wenn wir 
hier mit unserer physischen eingeschrankten Wissenschaft darauf hin- 
weisen, wie wir diese oder jene Eigenschaft unseres UrurgroBvaters 
haben, so miissen wir nicht vergessen, wie wir, schon als dieser 
UrurgroBvater lebte, von der geistigen Welt unser Interesse hatten an 
dem, wie unser UrurgroBvater war, wie wir hineinwachsen in dasjenige, 
was sich dann auBerlich in den Eigenschaften von Generation zu Ge- 
neration ausbildet. Wir wachsen ja hinein von der geistigen Welt aus. 

Diese Dinge werden auch spater einmal, wenn Anthroposophie 



mehr in die Zivilisation der allgemeinen Menschheit hineinkommt, 
ihre praktische Bedeutung gewinnen. Man ermiBt gar nicht, wieviel 
Mutlosigkeit, Energielosigkeit der Seelen heute auf eine halbbewuBte, 
unbewuBte Art aus den Gedanken der Vererbung herkommt, weil 
namentlich die Wissenschaft von diesen Vererbungsverhaltnissen in 
einer ganz unzulanglichen Weise nur sprechen kann. Aber diese Dinge 
sind schon selbst in die Kunst ubergegangen, sind in das allgemeine 
Menschendenken ubergegangen. 

Wenn der Mensch sich einmal mit dem BewuBtsein durchdringen 
wird, wie er nicht nur an die physische Gestaltung seiner Ahnen an- 
geschlossen ist, sondern an die Entwickelung seiner eigenen Seele, die 
von der geistigen Welt aus verfolgt die ganze Ahnenentwickelung 
und mitbaut an der Ahnenentwickelung, dann wird eben dieses Be- 
wuBtsein innerlich real werden. Dann wird wiederum vom Geiste aus 
Energie und Mut in die Seelen kommen bei manchen Menschen, bei 
denen aus den heutigen Denkweisen heraus Mutlosigkeit und Energie- 
losigkeit kommt. Denn das ist von dem allergeringsten Wert, daB wir 
theoretisch dieses oder jenes iiber die geistige Welt wissen. Meistens 
kleiden wir es uns sogar in physische Gedankenformen, was wir iiber 
die geistige Welt denken. Nicht darauf kommt es an, daB wir uns 
theoretische Gedanken iiber die geistige Welt machen. GewiB, wir 
miissen sie uns zuerst machen, diese Gedanken, damit sie in unser 
Gemiit, in unseren Willen hineingehen, aber das Wesentliche ist dann, 
daB sie in unserem Gemvite, in unserem Gefuhl leben konnen. 

Ich mochte, um dieses zu veranschaulichen, folgendes sagen. Die 
anthroposophische Bewegung ist durch die Zeitverhaltnisse, die ich 
in Dornach jetzt vor kurzem charakterisiert habe, eine Zeitlang Hand 
in Hand gegangen mit der sogenannten theosophischen Bewegung. 
Sie hat niemals Lehren der theosophischen Bewegung aufgenommen, 
sondern nur ihre Zuhorer innerhalb der Theosophischen Gesellschaft 
gefunden. Aber es gibt ja auch Lehren, die als solche der theoso- 
phischen Bewegung bekannt sind. Oberflachlinge verwechseln die 
Theosophie mit der Anthroposophie. Aber trotzdem die Zahl dieser 
Oberflachlinge eine sehr groBe ist, muB Ihnen doch klar sein der 
groBe, tiefgehende Unterschied. Diesen tiefgehenden Unterschied 



mochte ich noch durch einige Bemerkungen charakterisieren. Ver- 
suchen Sie einmal, so recht zu verfolgen, wie eigentlich gerade theo- 
sophische Lehren arbeiten. Sie reden ja auch von den Gliedern der 
menschlichen Natur, Gliedern der menschlichen Wesenheit, sogar, 
was die unteren Glieder betrifft, mit denselben Namen: physischer 
Leib, Atherleib, astralischer Leib. Aber gehen Sie dann auf Beschrei- 
bungen ein, so werden Sie finden: Der physische Leib, das ist der 
dichte Leib, dann kommt der Atherleib, etwas dtinner, aber doch so 
eine Art Nebel, dann kommt der astralische Leib, wieder dtinner, ein 
diinnerer Nebel, und dann muB man furchtbar klettern, es wird aber 
immer nur ein diinnerer und diinnerer Nebel. Sehen Sie sich an, wie 
wenig sich diese Literatur einlaBt auf das, was in der anthroposo- 
phischen Literatur, ich mochte sagen, schon den Abc-Schiitzen zu- 
gemutet wird, sich den Atherleib nicht als etwas Diinneres vor- 
zustellen, sondern als etwas Entgegengesetztes vom physischen Leib. 
So wie der physische Leib den Raum ausfiillt, nimmt der Atherleib 
etwas weg. Physische Materie erfullt den Raum, Athersubstanz saugt 
den Raum aus. Da gibt es nichts von der Art, daB man immer in 
diinnere Nebel kommt, sondern da wird wirklich der Weg zur geisti- 
gen Betrachtung angetreten. Das stort viele sogar, denn sie haben 
hiibsche Moglichkeiten, an die physische Welt anzukniipfen in diesen 
immer diinner werdenden Nebeln, man kann sich das Ganze durch 
physische Bilder vorstellen, so daB man ganze Systeme, ganze Welt- 
anschauungen auf diese theosophische Art bilden kann. 

Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann, sagte ich 
Ihnen, schmelzen seine Gedanken ab innerhalb weniger Tage. Aber 
diese Theosophie schmilzt innerhalb weniger Stunden ab, sie gehort 
zum ersten, was vergessen wird. Das Eigentiimliche ist, daB jene 
Gedanken, die aus dem Spiritismus stammen, iiberhaupt nicht einmal 
in den allerersten Augenblicken nach dem Tode noch wirksam sind, 
die kann der Mensch nicht einmal durch die Pforte des Todes tragen. 
Die Gedanken, die sich der Mensch aus spiritistischen Experimenten 
macht, das sind die allermaterialistischsten Gedanken. Als das er- 
weisen sie sich dadurch, daB sie gar nicht iiber den Tod hinausgetragen 
werden. Wahrend namlich die Spiritisten glauben, daB ihnen Ge- 



danken von einer geistigen Welt durch die Medien hereingetragen 
werden, ist die Wahrheit diese, daft alle Gedanken, die iiber den 
Spiritismus gemacht werden, gar nicht einmal iiber den Tod hinaus- 
gehen. So stark sind die Illusionen, denen sich die Menschen dann 
hingeben, wenn sie irgendwie sich Anschauungen iiber die geistige 
Welt bilden wollen. 

Worum es sich handelt, ist nicht, daB wir uns bloB Gedanken 
machen iiber die geistige Welt - wir miissen sie uns zunachst machen, 
damit iiberhaupt der Inhalt der geistigen Welt in die Seele herein- 
kommt -, aber das, worum es sich handelt, ist, daB diese Gedanken 
sich als lebendig schaffend erweisen. Die gewohnlichen physischen 
Erdengedanken sind abstrakte Gedanken. Die meisten wissenschaft- 
lichen Gedanken sind ganz abstrakte Gedanken, die tun eigentlich 
nichts in der menschlichen Wesenheit, so wenig als die Spiegelbilder 
etwas tun konnen. Sie sind nur Bilder, diese Gedanken. Wenn Sie 
mit einem Menschen zu gleicher Zeit in den Spiegel schauen und eine 
Ohrfeige bekommen, so werden Sie nicht irgendeinem der Spiegel- 
bilder das zuschreiben, daB Sie die Ohrfeige bekommen haben, son- 
dern einem wirklichen Menschen, der neben Ihnen steht. Gedanken 
sind ebenso wie die Spiegelbilder : sie tun nichts, sie impulsieren nicht 
in Wirklichkeit. Erst die moralischen Intuitionen in den Gedanken 
sind das Impulsierende. Und so ist es, daB wir zwar ausgehen miissen 
von Gedanken, daB aber die Gedanken iiber die geistige Welt so 
wirken miissen, wie Realitaten wirken, nicht wie Gedanken. 

Dann erst treten wir ein in die wirkliche anthroposophische An- 
schauung, wenn wir die Gedanken als Realitaten empfinden, sie auch 
als Realitaten erleben. Hier liegt auch dasjenige, dem oftmals mit einem 
Einwande begegnet wird. Oberflachlinge sagen auch: Diese ganze 
anthroposophische Weltanschauung kann auch auf Einbildung be- 
ruhen, der Mensch unterliegt Selbstsuggestionen. Man sagt als Bei- 
spiel, daB der Mensch manchmal so sensitiv ist, daB er beim bloBen 
Gedanken des Limonadetrinkens schon von der Empfindung, die man 
eben beim wirklichen Limonadetrinken auch haben kann, ausgefullt 
wird. Es ist richtig, es gibt so sensitive Menschen, die nur an eine 
Limonade zu denken brauchen und sie haben den Limonaden- 



geschmack im Munde. Wenn das als Einwand entgegengebracht wird, 
so ist das richtig, aber es soil jemand sagen, ob er sich durch den 
bloBen Gedanken an die Limonade den Durst geloscht hat ! Das hat 
er eben nicht getan. In die Realitat treten die bloBen Gedanken nicht 
iiber . Solange allerdings Anthroposophie bloB Gedanke bleibt, gleicht 
sie dem, was man an einer vorgesteliten Limonade hat. Aber das 
braucht sie nicht zu bleiben, denn sie ist aus der geistigen Realitat 
heraus geschopft. Sie wirkt nicht bloB wie ein Gedanke, sondern sie 
wirkt, wie auf den physischen Leib die auBere Realitat der Stoffe 
wirkt. Sie durchdringt, sie durchpulst das Willens- und dasGefuhls- 
leben des Menschen. Sie wird Realitat im Menschen. Das ist es, worauf 
es ankommt. 

Damit ist schlieBlich nichts Besonderes getan, wenn wir die Anthro- 
posophie als Theorie haben. Sie muB Leben werden. Sie kann aber 
insbesondere in diesem Punkte Leben werden, daB sie unsere Seelen 
energievoll, tragkraftig, mutvoll macht; daB in dem Momente, wenn 
wir in Sorge fur das physische Erdenleben, in tiefster Trauer und 
tiefstem Elend stehen, wir im Aufblick zu einer geistigen Welt von 
innerer Freudigkeit, von innerem Trost, von innerer Energie erfullt 
werden konnen. Dann wird Anthroposophie wie ein lebendiges 
Wesen, dann wird sie etwas, was wie unter uns wandelt als ein leben- 
diges Wesen. Dann aber ist sie eigentlich erst dasjenige unter uns ge- 
worden, was sie werden sollte, dann durchdringt sie erst alle unsere 
Tatigkeit. Und dann bringt sie uns dazu, diese Welt, in die wir ja 
auch um des Geistes, nicht um der physischen Materie willen auf 
Erden hineingestellt werden, wirklich zu durchdringen. Vor alien 
Dingen kommt dann Anthroposophie zur wirklichen Menschen- 
kenntnis. Denn wenn man den Menschen einfach so betrachtet, daB 
man, nachdem er gestorben ist, absieht von dem, was nun durch die 
Pforte des Todes gegangen ist und bloB dasjenige ins Auge faBt, was 
als physischer Leib ubriggeblieben ist, auf anatomischem Wege, in- 
dem man den Leichnam seziert, physiologisch den Menschen be- 
trachtet: dadurch erfahrt man ja das allerwenigste iiber den Menschen. 
Denn dann wird eigentlich alles so mehr oder weniger gleichgiiltig 
am Menschen, gleichgeltend besser gesagt : die Blutzelle wird mit der 



Nervenzelle stark gleichgeltend. GewiB, man unterscheidet sie - ich 
will Ihnen nicht irgendeinen Unsinn vortragen -, aber man unter- 
scheidet sie nicht in bezug auf das Wesen. In bezug auf das Wesen 
kann man sie nur unterscheiden, wenn man die Beziehung dieser 
Elementarwesenheit Zelle zum Geistigen kennt. Nun ist es bei der 
Nervenzelle so, iiberhaupt bei jedem Nervenpartikelchen, daB in dem 
Nervenwesen dasjenige, was aus dem Geiste kommt, ich mochte 
sagen, sein irdisches Heim findet. Wir kommen, wenn wir aus der 
geistigen Welt heraustreten und wieder Erdenbiirger werden, durch 
die Ihnen bekannten Vorgange in unseren physischen Leib herein. 
Was uns da dient, indem wir heruntersteigen in die physische Welt, 
das ist alles das, was mit unserem Nervenmenschen zusammenhangt. 
Wir setzen uns gewissermaBen in unset Nervensystem hinein, indem 
wir aus der geistigen Welt heruntersteigen. Und das Eigentiimliche 
dieses Nervenmenschen, jeder einzelnen Nervenzelle, jedes Nerven- 
partikelchens, besteht darin, daB das Geistige diese Nervensubstanz 
so ausfiillt, daB innerhalb des Nervenmenschen in der Wesenheit das 
da ist, was man nennen konnte : zur Materie verdichteter Geist. Es ist ja 
nicht ganz so, sondern so, daB beim irdischen Menschen fortwahrend ein 
Austausch stattrlndet zwischen Nervenmaterie und Blutmaterie. Aber es 
ist der Austausch so, daB innerhalb der Nervenmaterie die eigentliche 
Blutmaterie nicht geduldet, immer herausgeworfen wird, so daB wir 
in der Nervenmaterie etwas haben, was wahrend un seres ganzen Erden- 
lebens fur die irdische Geistigkeit wie ein Undurchlassiges ist. 

Wir kommen auf die Erde, machen uns zum Nervenmenschen und 
sagen damit : Wir sind Himmelssprossen. Insoferne wir Nervenmen- 
schen sind, sind wir Himmelssprossen, und wir setzen geistig uns da 
fest, bleiben Himmelssprossen, insofern wir Nervenmenschen sind. 
Da ist gewissermaBen die Geistigkeit, die wir vorher waren, starr ge- 
worden. Und sie gliedert sich das iibrige an, was nicht Nervenmensch 
ist, was also im Extrem der Blutmensch ist. Das wird angegliedert, 
das ist andere Materie. Das ist Materie, die fortwahrend mit dem 
Geiste in inniger Wechselwirkung steht, die fortwahrend von dem 
Geiste durchsprudelt wird. Wahrend im Nervenleibe der Geist er- 
starrt ist, wird er im Blutleibe immer neu geschaffen, da lebt die 



eigentliche irdische Metamorphose. Diese zwei Menschenwesenheiten 
sind zusammengegliedert, sind ganz voneinander verschieden, wie 
positive und negative Elektrizitat voneinander verschieden ist. Wir 
tragen eine solche Polaritat in uns in bezug auf die Beschaffenheit 
unseres Nervenleibes und Blutleibes. Die andern Organe sind meta- 
morphosierte Organe aus Blut und Nerven. 

Es ist etwas ganz anderes, ob irgend etwas in unserem BlutprozeB 
vor sich geht - das ist dann irdisch -, oder ob etwas in unserem 
NervenprozeB vor sich geht. Das kommt uns zwar nicht zum BewuBt- 
sein, weil die Substanz des Geistes so erstarrt ist, daB alles zuriick- 
reflektiert wird. Das sind dann unsere Gedanken, die zuriickreflektiert 
werden. Aber diese Zweiheit, diesen Dualismus tragen wir in uns, daB 
wir fortwahrend himmlischer Abkommling und irdischer Keim sind. 
Himmlischer Abkommling, irdischer Keim - beide sind polarisch 
einander entgegengesetzt -, die wirken zusammen. 

Nun, gestatten Sie mir, daB ich einen Vergleich gebrauche. Sie 
haben zwei entgegengesetzte Zustande. Wenn Sie sich die Waage vor- 
stellen und im Hypomochlion festgehalten rechter und linker Waage- 
balken: Sie haben Gleichgewicht, wenn das Gewicht auf der einen 
Seite so groB ist wie das auf der andern Seite. Immer, wenn Sie das 
Gewicht auf der einen Waageschale vergroBern, mussen Sie es auf der 
andern Seite auch vergroBern, damit der Waagebalken horizontal 
bleibt. Aber ein Punkt ist da, den das gar nicht interessiert : das ist der 
Punkt, wo der Waagebalken aufgehangt ist. Sie konnen die Waage 
uberall herumschaffen, wenn Sie sie an dem einen Punkt halten, wo 
der Waagebalken unterstiitzt ist. Sie konnen uberall sehen, wie links 
von rechts abhangig ist und umgekehrt, aber gar nicht kiimmert sich 
darum dieser Auf hangepunkt. Da ist alles im Gleichgewicht, und was 
da auch auf den zwei Waagschalen vorgeht, es ist ganz unabhangig 
von dem, was gerade just in diesem einen Punkte bei der Waage vor- 
geht. Sie konnen einmal eine Bewegung so machen, wenn Sie die 
geniigende Geschicklichkeit anwenden, Sie konnen auch eine solche 
Bewegung oder eine solche machen mit dem Auf hangepunkte : das 
hangt gar nicht zusammen mit dem, was auf der Waage, auf der 
rechten und linken Seite des Waagebalkens vor sich geht. So ist es 



beim Menschen auch, nur ist da kein Aufhangepunkt, aber eine 
Gleichgewichtslage zwischen dem, was er als Nervenmensch ist und 
dem, was er auf der Erde wird. Diese zwei Dinge stehen miteinander 
in einem Zusammenhang, den man untersuchen kann. Bei einem 
Menschen, der auf der einen Seite starke Gedanken hat, kommen diese 
in einem starken WillensentschluB zum Ausdruck. Wenn ein Mensch 
starke Muskeln hat, hat er auch andere Gedanken iiber sein Wollen. 
Aber dazwischen ist eine Gleichgewichtslage. Die Gleichgewichtslage 
liegt nicht im Kopf als Reprasentanten des Nervenmenschen - nicht 
in den GliedmaBen als Reprasentanten des Blutmenschen. Sie Hegt 
dazwischen, sie ist etwas wie ein Hypomochlion, was die Gleich- 
gewichtslage von beiden ist. 

Und was ist der Mensch dadurch, daB er diese Gleichgewichtslage 
hat? Sehen Sie, wenn die Waage sich selbstandig bewegen wiirde, so 
wiirde sie sich in ihrem Gleichgewichtspunkt ganz unbekummert 
darum bewegen konnen, wie ihr Waagebalken belastet oder nicht 
belastet wird. Da der Mensch eine solche Gleichgewichtslage hat, be- 
wegt er sich auch als Erdenmensch ganz unabhangig von dem, was die 
Naturwissenschaft als die Kausalitat des Willens, als die Unfreiheit, 
als die Verursachung der Willensimpulse findet. So wahr es ist, daB 
Sie eine GesetzmaBigkeit haben zwischen dem rechten und linken 
Waagebalken, so wahr ist alles das, was die Naturwissenschaft iiber 
die Ursache eines Willensentschlusses sagt. Aber der Wille selbst liegt 
im Hypomochlion, in der Gleichgewichtslage. Man muB also erst die 
wirkliche Wesenheit des Menschen erkennen, dann hat man ein Urteil 
dariiber, ob der Mensch ein freies Wesen ist oder nicht. Diese Er- 
klarung ergibt sich aber erst, wenn man die Beziehung des Geistes auf 
der einen Seite sozusagen zur positiven Materie, auf der andern Seite 
zur negativen Materie kennt, also eigentlich die positive Beziehung 
des Menschen zur Materie und die negative. Dann findet man zwischen 
beiden die Region, wo der Mensch als freies Wesen realisiert ist. Dann 
schaut man hinein in dasjenige, wo sich der Mensch heraushebt sowohl 
aus der Ursachlichkeit wie aus der geistigen Determination. In alten 
Zeiten hatte man die geistige Determination, von der ausgehend die 
Philosophic behauptete, daB der Mensch vom Geiste aus iiberall deter- 



miniert sein miiBte; in der neueren Zeit die Naturkausalitat. So wie 
die Deterministen im Nervenmenschen platscherten und nicht wuBten, 
daB immer ein Anderes, Entgegengesetztes ein Gleichgewicht bewirkt, 
so bewegen sich die heutigen Menschen in der Naturkausalitat. Beide 
finden die Unfreiheit des Menschen. Aber die Freiheit liegt zwischen 
drinnen. 

So handelt es sich darum, daB wir wirklich in die Lage kommen, die 
physische Welt gerade dadurch zu begreifen, daB wir das Verhaltnis 
dieser physischen Welt zur geistigen richtig ins Auge fassen konnen. 
Damit kommt man nicht aus, daB man sagt : Der physischen Welt liegt 
eine geistige zugrunde. - Da kommen Sie hochstens zu der Trivial- 
vorstellung : Da steht der physische Mensch, und irgendwo schwimmt 
ein geistiges Urbild. - Da kommen Sie nicht zu einer Vorstellung des 
physischen Menschen. Sie konnen den physischen Menschen nur so 
verstehen, daB zu der einen Halfte des Menschen die geistige Welt in 
einer ganz andern Beziehung steht als zu der andern Halfte, und daB 
dazwischen ein von beiden nicht beriihrter Gleichgewichtspunkt ist, 
der die menschliche Freiheit bildet. 

Im Grunde genommen miiBte ein innerliches Entzucken in der 
Seele entstehen - ich rede gleich wieder von dem, was durch die Ge- 
danken bewirkt wird, die mit aller Lebendigkeit aus dem Geistigen 
herausgeholt sind -, es miiBte ein innerliches Entzucken in der Seele 
entstehen, wenn sie sich sagen kann: Es fallt einem wie Schuppen von 
den Augen, wenn man sich sagen kann, der Mensch ist frei, und wenn 
man hinschauen kann auf die Grunde dieser Freiheit. - Solange es 
bloB Menschen gibt, welche mit genialer Gescheitheit - ich will diese 
den Anthroposophen nicht absprechen - die Anthroposophie ein- 
sehen, sich zu ihr bekennen als zu Gedanken, so lange lebt Anthropo- 
sophie noch nicht. In dem Momente, wo bei besonders wichtigen 
Erkenntnissen die Seelen vor Entziicken zerspringen mochten und 
freudig erregt werden von dieser oder jener Einsicht, dann erst, wenn 
solche Menschen sich als Anthroposophen fiihlen, dann ist die anthro- 
posophische Bewegung entstanden. Sie entsteht eigentlich als anthro- 
posophische Bewegung im ganzen Menschen. Dann trifft sie auch auf 
die Gleichgewichtslage auf. 



Nun, meine lieben Freunde, ich mochte Sie von diesem Vortrage 
damit entlassen, dafi ich Sie der Vorstellung ausliefere, die Sie fragt: 
Wie weit konnen wir heute schon von anthroposophischen Gedanken 
innerlich durchgluht und erkenntnisfreudig entziickt werden? - Dann 
denken Sie von diesem Gesichtspunkte aus uber den Anfang der 
anthroposophischen Bewegung nach ! 



MAUTHNERS «KRITIK DER SPRACHE» - 
DIE UNZULANGLICHKEIT HEUTIGEN DENKENS, 
AUFGEZEIGT AN RUBNER UND SCHWEITZER 

Stuttgart, 4.Juli 1923 

Es ist in unserer Zeit auBerhalb der Kreise der anthroposophischen 
Bewegung wenig Verstandnis dafur vorhanden, wie man eigentlich 
wiederum zu einer wirklichen Seelenanschauung kommen soli. Ich 
spreche damit einen Satz aus, der vielleicht auf der einen Seite man- 
chem ganz unverstandlich klingt, weil doch oftmals die Voraussetzung 
gemacht wird, daB man wisse, was Seele ist, womit man es zu tun 
habe, wenn man von der Seele spricht - und so weiter, Und auf der 
andern Seite kann ein solcher Ausspruch vielfach auch wiederum wie 
eine Selbstverstandlichkeit genommen werden in dem Sinne, daB die 
jahrhunderte-, ja jahrtausendealten Anschauungen iiber die mensch- 
liche Seele einmal abgewirtschaftet haben und daB man warten miisse 
mit einer Anschauung iiber die menschliche Seele, bis die natur- 
wissenschaftlichen Forschungen so weit sein konnen, daB sie Auf- 
schluB iiber das Seelische zu geben in der Lage skid. 

Nun mochte ich doch diesen beiden Einwanden heute zunachst nur 
das entgegenstellen, was der eben verstorbene, von mir ofter genannte 
Sprachforscher Frit% Mauthner geltend gemacht hat: daB die Men- 
schen in der Gegenwart vielfach glauben, sie hatten iiber das oder 
jenes eine Anschauung, wahrend sie doch im Grunde genommen nur 
Worte haben. Und Mauthner hat aus diesem Grunde eine «Kritik 
der Sprache» geschrieben. Er wollte zeigen, daB gerade die heute 
zivilisierte Menschheit eine vererbte Sprache hat. Man hat fur alles 
mogliche Ausdriicke. Wenn man aber naher nachsieht, was hinter 
den Worten steckt, so ist es eigentlich in Wirklichkeit nichts. Man hat 
das Wort, glaubt, mit dem Worte etwas zu bezeichnen, bezeichnet 
aber in Wirklichkeit damit nichts. 

Nun ist es ja selbstverstandlich eine Unsinnigkeit, diese Kritik der 
Sprache etwa anzuwenden auf die naturwissenschaftlichen Erkennt- 
nisse. Denn niemand wird der Anschauung sein, daB - ob man nun 



viel oder wenig, sagen wir, iiber ein Pferd zu denken weiB - man 
durch den Ausdruck « Pferd » in irgendeiner Sptache iiber die Sache 
Pferd beirrt sein konnte. Jeder weiB doch ganz genau zu unterschei- 
den, daB man auf dem Worte Pferd nicht reiten kann und auf dem 
wirklichen Pferd reiten kann. Und damit ist schon von vorneherein 
zum Ausdruck gebracht, daB mit Bezug auf die Dinge, die in der 
Natur gegeben sind, eine Kritik der Sprache ziemlich belanglos ist, 
denn man wird immer den Unterschied kennen zwischen dem Worte 
und der Sache mit Bezug auf die auBere Anschauung. Ich glaube nicht, 
daB jemand, der ausreiten will, sich statt auf den wirklichen Schimmel 
auf das Wort Schimmel setzen wird. 

Aber wirklich anders verhalt es sich mit alldem, was sich in unserer 
heutigen Zivilisation bezieht einerseits auf die Seele, auf das Seelen- 
leben, die Tatsachen des Seelenlebens, und was sich auf der andern 
Seite bezieht auf die ethischen, auf die sittlichen Forderungen der 
Menschheit. Da muB man tatsachlich sagen: Es ist eigentlich zumeist 
nur ein Glaube vorhanden, daB hinter denWorten Realitaten stecken.- 
Deshalb kann man es auch verstehen, daB Mauthner tief nachdachte: 
Soli man denn iiberhaupt das Wort « Seele » noch aussprechen? Es 
steckt ja nicht Reales dahinter, was der Mensch so meint, wie wenn 
er von dem Pferd mit dem Worte Pferd spricht. Die Menschen haben 
ja nicht mehr Anschauungen iiber das Seelenleben. Daher sollte man 
nicht nur, wie es eine Seelenkunde des 19. Jahrhunderts getan hat, die 
Seele aus der Seelenkunde weglassen, man sollte iiberhaupt das Wort 
Seele ganz ausmerzen, und so wie man von etwas Unbestimmtem 
spricht, von «seelischen Erscheinungen» sprechen. Wenn man sagen 
will, das sind drei Wesenheiten, Karl, Fritz, Hans, die von dem glei- 
chen Vater und der gleichen Mutter Sonne sind, und oberflachlich sie 
bezeichnend iiber sie hinweggehen will, dann sagt man: Geschwister. 
Warum sollte man denn, meint Mauthner, da man nur so Unbestimm- 
tes iiber die seelischen Erscheinungen weiB, Seele sagen? Es be- 
zeichnet das Wort Seele nichts, man sollte «Geseel» sagen. Wenn das 
nun wirklich Gluck hatte und auf kommen wiirde, ware man die Tau- 
schung los, daB, wenn man Seele sagt, man noch irgend etwas da- 
hinter habe. Denn man wiirde in der Zukunft nicht mehr sagen, der 



Mensch habe eine unsterbliche Seek. Der Mensch hat wahrend seines 
Erdenlebens in sich ein Geseel. Ich bin in meinem tiefsten Geseel 
geriihrt und so weiter. 

Die Dinge sind tatsachlich getade fur diejenigen Menschen, welche 
in ernsthafter Weise auf eine Anschauung des Geistes ausgehen, von 
auBerordentlichem Ernste, von einem viel groBeren Ernste, als man 
gewohnlich meint. Jedenfalls beweisen sie, wie sehr die Menschen 
aufhorchen sollten in der Gegenwart, wenn irgendwo geltend ge- 
macht wird, es sollen wiederum die rechten Mittel gesucht werden, 
um zur Realitat der Seele, zur Wirklichkeit der Seele zu gelangen. 

Man sagt heute, die seelischen Fahigkeiten seien in der Hauptsache 
Denken, Fiihlen, Wollen. Aber es sollten die Menschen nur einmal 
sich ehrlich klarmachen wollen, was sie bei diesen Ausdrucken Den- 
ken, Fiihlen, Wollen verstehen. Es wiirde ihnen bald der Glaube aus- 
rauchen, daB sie dabei auf Reales hinschauen. Ich mochte heute nur 
davon sprechen, wie Anthroposophie verdeutlichen kann, daB man 
ja mit dem gewohnlichen BewuBtsein gar nicht in der Lage ist, in die- 
ser Beziehung auf ein voll Reales hinzuschauen. Und das, was ich 
heute einleitend andeuten mochte in dieser Hinsicht, das werde ich 
dann im nachsten Vortrag weiter ausfuhren, denn es obliegt mir heute, 
noch vor alien Dingen auf eine andere Seite hinzuweisen. 

Wenn der Mensch heute ehrlich in sich selbst hineinsieht, dann 
muB er sich gestehen: Dasjenige, was er an Gedanken in sich tragt, 
ist zumeist - ja, fur die meisten ist alles, was an Gedanken in ihnen 
getragen wird - aus der AuBenwelt genommen. Die Gedanken sind 
mehr oder weniger nur Spiegelbilder dessen, was in der auBeren 
physisch-sinnlichen Wirklichkeit auf die menschlichen Sinne einen 
Eindruck macht. Versuchen Sie nur einmal deutlich das Selbst- 
beobachtungsexperiment zu machen und sich zu fragen : Wieviel Ge- 
danken sind denn in diesem menschlichen BewuBtsein, die auf etwas 
anderes hinweisen - auBer dem, daB wir Worte haben : Denken, Fiih- 
len, Wollen, Gott, Unsterblichkeit und so weiter die auf etwas hin- 
weisen in dem Geistesleben der gewohnlichen Zivilisation, was nicht 
von der AuBenwelt gespiegelt ist. Die Menschen trachten ja nur da- 
nach, alles so aufzufassen, wie es von der AuBenwelt gespiegelt werden 



kann. Und wenn man heute vielen Menschen das Geistige klarmachen 
will, dann ver langen sie eigentlich schon auch fur das Geistige Lichtbil- 
der, vielleicht einen Film oder dergleichen, weil sie sagen : Wenn uns 
das nicht veranschaulicht wird, wenn uns nicht sinnliche Bilder vor 
Augen gestellt werden, dann begreifen wir ja nichts vom Geistigen! 

In solchen Momenten, wo die Leute verlangen, daB man ihnen 
auch das Geistige in sinnliche Bilder kleidet, da sind sie ehrlicher, als 
wenn sie etwa als Seelenkundige iiber die Seele sprechen. Wenn wir 
vieles von dem zusammennehmen, was ich gerade hier in diesem 
Hause ofter besprochen habe, dann werden wir uns daruber klar- 
werden konnen, daB wir, wenn wir so zuruckschauen auf unser Den- 
ken, nur eine Seite dieses Denkens haben. In diesem Sinne kann man 
sogar von einer Wirklichkeit sprechen - aber so kann man von einer 
Wirklichkeit sprechen, wie wenn man einen Menschen nur von hinten 
kennenlernt. Stellen Sie sich die groteske Sache vor: Sie kennen einen 
Menschen nur von der Hinterseite ! Dann kennen Sie ihn zwar, aber 
Sie kennen nicht sein Wesen. Sie konnen hochstens manchmal irgend 
etwas von seinem Wesen erfassen. Dann aber mussen schon solche 
Falle eintreten, wie bei dem Studenten, der einmal als ein ganz junger 
Dachs nach Heidelberg gekommen ist, sich hat einschreiben lassen bei 
dem beriihmten Professor Kuno Fischer, und nun in seiner groBen 
Freude, bevor er ins Kolleg ging, zum Friseur eilte, sich herrichten 
lieB, und weil er so voll davon ist, daB er den beriihmten Mann horen 
werde, auch mit dem Friseur daruber redet. Da sagt der Friseur: Ja, 
heute schreibt der Kuno Fischer was auf die Tafel! - Da fragt ihn der 
Student: Woher wissen Sie denn das, daB der Kuno Fischer heute 
etwas auf die Tafel schreibt? - Ja, wenn er etwas auf die Tafel schreibt, 
dann laBt er sich vor der Vorlesung hinten einen Scheitel machen; da 
dreht er sich um! 

Nun ja, wenn solche deutlichen Zeichen vorliegen, daB der Charak- 
ter in der Scheitelung des Hinterhauptes zum Ausdruck kommt, dann 
kann man ja etwas erfahren von dem Inneren der Personlichkeit, auch 
wenn man sie nur von hinten kennenlernt. Aber es ist erstens vielleicht 
nicht besonders erheblich, zweitens ist es doch bei den meisten Men- 
schen so, daB man da nicht sehr viel erfahrt. 



Bezuglich unseres Denkens, dieses fur das Erdenleben wichtigsten 
Teiles des Seelischen, nimmt man in dec Tat nur wahr, wenn ich mich 
so ausdriicken darf, die Hinterseite. Die Vorderseite entgeht der ge- 
wohnlichen Beobachtung. Denn, wenn man mit Anthroposophie an 
die Menschenbeobachtung herantritt und sich fragt: 1st das alles am 
Denken, daB man sich abstrakte Vorstellungen iiber die sinnlich er- 
griffenen auBeren Dinge macht? - so kommt man darauf, daB das 
nicht alles vom Denken ist, sondern das Denken ist, auBer daB es 
diese Summe von abstrakten Gedanken darstellt, auch noch eine 
Summe von Kraften. Die Gedanken konnen eigentlich nichts machen, 
und am besten denkt man eigentlich, wenn man nichts macht, wenn 
man sich ruhig hinsetzt, wenn man der Ruhe pflegt. Gedanken sind 
kraftlos, wie Spiegelbilder kraftlos sind. Aber wenn man nun den 
Menschen verfolgt, vom Kleinkind auf bis er groBer gewachsen ist, 
und wenn man spater wiederum die ja auch noch in dem Menschen 
vorhandenen Wachstumsprozesse verfolgt - wenn auch der Mensch 
nicht mehr groBer wird, Wachstumsprozesse sind ja noch immer da -, 
wenn man auf das schaut, was da im Menschen die Krafte seines 
Wachstums sind, dann sind das dieselben Krafte, nun von der andern 
Seite gesehen, die sich nach nick warts zeigen in den abstrakten Ge- 
danken. Nach auBen sendet der Mensch die abstrakten Gedanken, 
nach innen sind das die Krafte, die sein Gehirn formen. In den ersten 
kindlichen Jahren wird das Gehirn plastisch geformt. Die Krafte, die 
sonst irgendwo wirken als Wachstums krafte, sind die Krafte des 
Denkens. Und wie Sie sich, wenn Sie einen Menschen von hinten 
sehen - um dieVorstellung hegenzu diirfen, er sei ein ganzer Mensch-, 
die Vorderseite hinzudenken mussen, so mussen Sie zu dem abstrakten 
Denken das konkrete, reale Gedankenkraften hinzudenken, das in den 
Menschen hineingeht, am Menschen arbeitet. 

Das ist ja das Wesen einer auf die gesunde Anthroposophie ge- 
griindeten Padagogik, daB der Padagoge weiB: Es ist nicht getan 
damit, daB das Kind von dem oder jenem diese oder jene abstrakte 
Vorstellung bekommt. Denn ob das Kind eine lebendige, bildhafte, in 
sich regsame Vorstellung bekommt oder eine tote Vorstellung, das ist 
ein groBer Unterschied. Die tote Vorstellung wirkt hemmend auf die 



Wachstumsprozesse, die regsame Vorstellung wirkt fordernd auf die 
Wachstumsprozesse. Und so kommen wir darauf, daB das Denken die 
eine Seite zeigt, die kraftlos nur die AuBenwelt spiegelt, und nach 
innen gerichtet sehen wir eine lebendige, den ganzen Organismus des 
Menschen durchkraftende Seite, die nur die andere Seite seines Wachs- 
tums darstellt, das geistige Gegenbild seines Wachstums. Und wenn 
man weiter forscht, dann findet man, daB sich der Mensch dasjenige, 
was da die andere Seite darstellt - in bezug auf den Menschen ist es 
die ruckwartige, aber in bezug auf das Denken ist es die Vorderseite -, 
zwar nicht das tote Denken, das uns nur nach vorne, auf der andern 
Seite erscheint, sondern dieses lebendige Denken herunterbringt aus 
seinem vorirdischen Dasein. 

In der Tat ist der Obergang aus dem vorirdischen Dasein in das 
irdische Dasein in bezug auf diese Sache so, daB der Mensch im vor- 
irdischen Dasein frei entwickelt ein System von Kraften, das allseitig 
in der geistigen Welt wirkt. Dann steigt er herunter in das irdische 
Dasein. Da verwandelt sich dieses in der geistigen Welt regsame wal- 
tende Denken selber in die inneren Organisationskrafte des Leibes, 
und nach aufien sendet es gleichsam die spiegelnde Flache, wohinein 
die Erde ihre Bilder wirft. Das ist der Tatbestand. Nun aber ist es 
allerdings so, daB der Mensch, nachdem er die Zeit zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt in geniigender Weise absolviert hat, 
dann fur dieses lebendige Denken eben in der geistigen Welt keine 
Aufgabe hat. Dieses lebendige Denken hat seine groBe Aufgabe in 
der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn die Auf- 
gabe vollendet ist, dann tritt eben driiben die Erscheinung ein, die ich 
Ihnen ofter beschrieben habe : Die Seele wendet sich zum Erdenleben. 
Da aber hat dieses Denken eine neue Aufgabe : die Aufgabe, den Men- 
schenleib zu bilden. Und das ist das Bedeutsame bei dem irdischen 
Denken des Menschen, bei dem aus dem Geistigen herkommenden 
Denken des Menschen, daB es gestaltend auf den Menschenleib ge- 
richtet ist. So haben wir in unserem wahren, in unserem wirklichen 
Denken ein Erbstiick aus der geistigen Welt, aber ein solches, das nur 
etwas ist auf der Erde, denn in der geistigen Welt hat es seine Aufgabe 
verloren. Dem verdanken wir die Tatsache, daB dieses unser Denken 



auf der Erde so klar werden kann. Hatte dieses Denken noch eine 
Aufgabe wie in der geistigen Welt, so konnte es auf Erden nicht so 
klar werden. 

Gehen wir aber zu der andern Fahigkeit der menschlichen Seele 
iiber, zu dem Fiihlen. Da werden Sie alle merken - ganz abgesehen 
davon, was ich selbst hier in diesem Raume dariiber gesprochen habe : 
Das Gefuhl ist nicht so klar wie das Denken. Das Gefuhl ist etwas, was 
zwar in einer andern Gestalt, aber so wie das Traumen auftritt. Die 
Seelenverfassung ist wahrend des Fiihlens im Grunde ganz dieselbe 
wie wahrend des Traumens, nur daB das Fiihlen in ganz anderer Form 
auftritt. Warum ist das so? Nun, auch beim Fiihlen haben wir, geradeso 
wie beim Denken, hier fiir dieses Erdenleben nur die Hinterseite. 
Aber die Vorderseite ist jetzt nicht bloB dem Menschenleibe zu- 
gelenkt, sondern, indem der Mensch aus dem vorirdischen Dasein, 
aus dem Dasein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, herunter- 
steigt auf die Erde, behalt er auch dasjenige, was hinter dem Fiihlen 
steckt, als Erbstiick. Aber das bleibt noch dem Geistigen zugewandt, 
das hat nicht bloB eine irdische Aufgabe. Daher nimmt der Mensch 
jede Nacht, wenn er einschlaft, sein Denken nicht mit in den Schlaf, 
sein Fiihlen aber nimmt er mit. Und wenn Sie die Traume in der 
rechten Weise betrachten, so sind sie Bilder, weil die logischen Ge- 
danken nicht fortleben; aber die Gefiihle leben weiter fort. Mit jedem 
Schlaf taucht der Mensch in die ganze geistige Welt ein. Sein Denken 
nimmt der Mensch nicht mit, das Fiihlen aber nimmt er mit, und erst 
recht das Wollen. 

Mit dem Wollen ist ja begreiflicherweise bei Tage nichts anzu- 
fangen. Ich habe ofters ausgesprochen : Der Mensch kann sich etwas 
vornehmen, er hat einen Gedanken. Wie der Gedanke aber hinunter- 
gleitet in den Leib, wie der WillensentschluB, die Hand zu bewegen, 
weiterwirkt, das bleibt so dunkel, wie der Zustand im Schlaf dunkel 
bleibt. Aber dafur behalt der Mensch fiir seinen Willen am meisten 
aus dem Ewigen. Und wiederum kann man beim Willen sehen, aus 
der Regsamkeit des Menschen - denn wenn der Mensch sich nicht 
regt, ist nicht ein Wille vorhanden, sondern nur ein Wiinschen -, 
beim Willen kann man gerade sehen, daB der Mensch auf der Erde 



nach auBen wirkt. Nach der andern Seite gesehen, stellt der Wille ein 
ganz und gar Ewiges dar. Das Denken stellt auch ein Ewiges dar, aber 
ein solches, das sich umgewandelt hat zu einer irdischen Betatigung. 
Der Wille aber bleibt im Ewigen vorhanden und ist tatig an dem 
durch die wiederholten Erdenleben hindurchgehenden Schicksal des 
Menschen, an dem Karma. 

Ich wollte Ihnen damit nur einleitend sagen, wie man zu einer wirk- 
lichen Seelenlehre vordringt, so daB man wiederum hinter den Worten 
Denken, Fuhlen, Wollen Realitaten hat, daB man wiederum auf Wirk- 
liches hindeutet. Wie man bei dem Worte Pferd auf das auBere 
physische Pferd hinweist, so kann man, wenn man auf diese Weise 
anthroposophisch in das Seelenleben eindringt, wieder zur Wirklich- 
keit, zu Realitaten kommen. Das ist der Weg, und auf diesem Wege 
wird zugleich dasjenige kommen - weil es, wenn er das verstehen will, 
die edelsten Krafte im Menschen anregt -, was ich am Ende des 
letzten Vortrages hier betont habe : daB Anthroposophie nie verstan- 
den wird, wenn sie Theorie ist, sondern erst verstanden ist, wenn im 
Erwerben des Anthroposophischen der Mensch ein anderer wird, der 
Mensch sich wirklich umwandelt; wenn er in ethischer, in mensch- 
licher Beziehung iiberhaupt ein anderer wird. 

Dem, was in dieser Weise angestrebt wird, steht heute etwas andres 
gegeniiber. Und jetzt komme ich zu dem, was ich gerade verpflichtet 
bin, Ihnen zu sagen, weil Anthroposophie schonin der Welt darinsteht 
und man fur dasjenige, was geschieht, wach sein muB. Man darf 
nicht immer geschlossene Fenster haben, sondern muB auch hinaus- 
schauen, und so ist es spirituelle, geistige Pflicht, iiber diese Dinge 
zu sprechen. Oberall namlich, wo Leute heute giauben, allein aus 
der Naturwissenschaft die klaren BegrifTe bekommen zu haben, 
wird das Anthroposophische etwa mit der Behauptung abgetan: 
das ist Phantasie, Spekulation, das ist Phantastik. Und jene Leute 
sagen, daB sie allein das klare Denken haben. Abgesehen davon, 
daB man naturlich, wenn man sich der Anthroposophie nahert, durch 
das Verfolgen des Anthroposophischen die innere Sicherheit von der 
Wahrheit bekommt, muB man sich aber doch manchmal auch an- 
schauen, wie klar denn eigentlich das heutige Denken ist ! Das mochte 



ich Ihnen zunachst an einem Beispiel erortern, aus dem Grunde, weil 
der Anthroposoph bei wachen Sinnen sein soli iiber das, was heute 
Zeitkultur oder Zeitzivilisation ist. Ich nehme ein Beispiel, das schon 
etwas besagt. Wenn man, sagen wir, einen Menschen, der in den Zei- 
tungen schreibt, auf seine Logik hin priift, so ist nicht viel damit 
gesagt. Aber ich nehme einen bedeutenden Naturforscher der Gegen- 
wart und sage ausdriicklich, daB ich nichts Hamisches, nichts Herab- 
setzendes sagen will, weil ich durchaus anerkenne, wir haben es da 
mit einem bedeutenden Naturforscher und mit einer ernsten An- 
gelegenheit zu tun, die er bespricht. Und da mochte ich Sie auf die 
Klarheit in dieser Beziehung, wie sie in der Gegenwart herrscht, auf- 
merksam machen. 

Der bekannte Naturforscher Max Rubner hielt im Oktober 1910 an 
der Berliner Universitat die Rektoratsrede, die betitelt ist: «Unsere 
Ziele fur die Zukunft.» Er spricht iiber die geistigen Ziele der Zu- 
kunft, und es spricht wirklich nicht der Nachstbeste, sondern es 
spricht einer, der in der Forschung drinnensteckt und den man fur 
einen ernsten und tiichtigen Forscher ansehen muB vom Gesichts- 
punkte der heutigen Zivilisation. Am Schlusse seiner Rede apostro- 
phiert er auch die Studenten und versucht - nun ja, in einer nach 
seiner Art schonen Weise - klarzumachen, daB sie studieren sollen. 
Aber er tut das eben mit den «klaren» Begriffen - ichmeine«klar» in 
GansefiiBchen -, die heute eben einem solchen Forscher aus dem 
heutigen Denken heraus moglich sind. Ich will auf einzelnes aufmerk- 
sam machen. Da sagt er zunachst, indem er die Studenten apostro- 
phiert: «Wir miissen alle lernen; wir bringen auf die Welt nichts 
anderes mit als unser Instrument zur geistigen Arbeit, ein un- 
beschriebenes Blatt, das Gehim, verschieden veranlagt, verschieden 
entwicklungsfahig; wir empfangen alles aus der AuBenwelt . . . » 

Also eine ja heute oft angetroffene Anschauung, die da besagt: 
Seht, wenn ihr iiber das Seelenleben sprechen wollt, auf euer Gehirn 
hin, das ist ein unbeschriebenes Blatt, das muB alles durch die Ein- 
driicke der AuBenwelt bekommen. Kommen wir also zur Welt, so 
haben wir unser Gehirn als ein unbeschriebenes Blatt, miissen uns den 
Welteindriicken aussetzen, dann gehen die in uns hinein, dann wird 



das Blatt beschrieben. Also, sagt er zu seinen Studenten, setzt euch 
nur frisch, wacker und munter den Welteindriicken aus, dann wird 
euer unbeschriebenes Blatt, das ihr mkgebracht habt, beschrieben. 

In einem weiteren Satz sagt er ihnen nun, wie sie das machen sollen. 
Da sagt er: «Kein Gehirn mochte auch das alles fassen, was seine Vor- 
fahren insgesamt erlebt und erfahren haben ; was Milliarden Gehirne 
im Laufe der menschlichen Geschichte erwogen und gereift, was 
unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben.. .» 

Also die Studenten sollen nur achtgeben auf dasjenige, was die 
Geistesheroen mitgeschaffen haben. Aber jetzt schaffen auf einmal die 
Geistesheroen, jetzt miissen sich also die unbeschriebenen Gehirne 
den beschriebenen Gehirnen der Geistesheroen entgegensetzen ! Sie 
sehen, sobald man zwei Satze zusammenstellt, wovon der eine auf 
Seite 23, der andere auf Seite 24 steht: sie werden nicht mehr stim- 
men ! Denn waren die Geistesheroen auch unbeschriebene Gehirne, so 
wiirde von ihren Eindrucken auf die unbeschriebenen Gehirne nicht 
so gesprochen werden konnen, daB diese Gehirne etwas geschaffen 
haben, denn das wird ja gerade in Abrede gestellt: Alles muB von 
der AuBenwelt empfangen werden. Jetzt wird aber zu der AuBenwelt 
auch das gerechnet, was Menschengehirne schaffen. Man muB schon 
auf solche Dinge eingehen. 

Aber da heiBt es dann weiter: «Das Erlernte gibt das Grund- 
material fur das produktive Denken. » Nun, setzen Sie die zwei Satze 
zusammen: «Wir empfangen alles aus der AuBenwelt », und den zwei- 
ten: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial fur das produktive Den- 
ken^) So spricht heute nicht ein gewbhniicher Zeitungsschreiber, so 
spricht heute ein mit Recht so genannter verdienstvoller Forscher aus 
der Zeitzivilisation heraus. Sehen Sie, da ist es ja im Grunde genom- 
men nebensachlich, wenn man nun noch auf die Art und Weise hin- 
weisen will, in welcher eine solche Personlichkeit charakterisiert, wie 
das Gehirn verfahrt. «... es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem 
neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirnes zu arbeiten.» Darum 
sagt er den Studenten, sie sollen sich manchmal auch nach andern 
Fachern umsehen, nach denen sie sich bisher noch nicht umgesehen 
haben: «... manche Felder des Gehirns werden erst ertragnisreich, 



wenn man sie wiederholt beackert, tragen aber schlieBlich dieselben 
guten Friichte, wie andere, die miiheloser sich erschlieBen. » 

Nun, schlieBlich bringt der Boden, den man beackert, auch nicht 
den Pflug hervor. Man kann, wenn man eingehen will auf diese Ge- 
danken, iiberhaupt keinen Gedanken mehr fassen. Aber nun findet 
Rubner, daB dieses Denken doch ganz naturlich ist. 

Damit ich Ihnen die Bedeutung dessen zeigen kann, was er da 
spricht, mochte ich doch noch etwas vorausschicken. Wenn jemand 
Sport treibt, so sehen wir ihn in verschiedenen Bewegungen. Wenn 
es einen besonders interessiert, kann er sich sogar eine Momentauf- 
nahme von diesen Bewegungen machen. Aber man muB schon, wenn 
man die Dinge unbefangen nimmt, versichern : Wenn man die inneren 
organischen Prozesse verfolgt, die sich abspielen, wahrend da einer 
im Sport herumhantiert : das, was sich da innen zwischen Nerv und 
Muskel als eine Art Vernichtungs- und WiederherstellungsprozeB ab- 
spielt, das ist wahrhaftig fur das Menschliche erstens viel wichtiger, 
aber auch unendlich viel interessanter als dasjenige, was als Moment- 
aufnahme aufgenommen werden kann. Ich sage gar nichts gegen den 
Sport als auBere Kdrpenibung. Aber was der Sportier nach innen ist, 
das ist wahrhaftig viel interessanter, als was er nach auBen ist. In dem, 
was er da bewirkt innerhalb des Organismus, fangt es erst an, inter- 
essant zu werden. 

Nun ist es so, daB in bezug auf die Bewegung der menschlichen 
Glieder das Umgekehrte der Fall ist wie beim Denken. Beim Denken 
ist es so, daB dasjenige, was verrichtet wird, was also geschieht, was 
die Tatsache ist, das Wesentliche ist, und dasjenige, was in der Orga- 
nisation liegt, das Unwesentliche ist. Beim Sport ist das, was auBerlich 
in den Tatsachen sich abspielt, das weniger Interessante. Dasjenige, 
was nach innen der Organismus tut, das Interessantere. Beim Denken 
ist das, was als Denken sich darlebt, was Denken wirklich ist, das 
Interessante; was der Organismus dabei tut, ist etwas mehr oder 
weniger Einfaches. Daher darf man, wenn man die Dinge durch- 
schaut, nicht mehr vom Denken ebenso sprechen, wie von der Muskel- 
bewegung. 

Aber wenn das alles oberfiachlich, auBerlich wird, was sagt man da? 



Dann erklart man die Dinge so: «Das Denken starkt das Gehirn, 
letzteres (das Gehirn) nimmt durch Obung ebenso in den Leistungen 
zu, wie ein anderes Organ, wie unsere Muskelkraft durch Arbeit und 
Sport. Studieren ist Gehirnsport. » 

Sie sehen, unsere Zivilisation wird bei ihrem wichtigsten Elemente, 
beim Denken iiber die Dinge, ertappt, wenn man sie an einem solchen 
Platze faBt. Man wacht durch etwas anderes nicht auf fur dasjenige, 
was eigentlich in der Gegenwart geschieht. 

Nun mochte ich Ihnen eine Personlichkeit vorfiihren, die wirklich 
durch ihre in gewissen Grenzen Genialitat zu nennende Art sich vor- 
trefflich negative Gedanken macht iiber unsere gegenwartige Zivilisa- 
tion, diese wohl zu charakterisieren versteht: wie es zuletzt eine un- 
mogliche Formung und Gestaltung des Denkens ist, was unsere Zivili- 
sation zu Verfall und Abgrund gebracht hat. Und ich muB sagen : Wer 
das Buch geschrieben hat von dem « Verfall und Wiederaufbau der 
Kultur», Albert Schweitzer, der ist in der Lage, solche Dinge zu be- 
urteilen. Wer zum Beispiele Albert Schweitzers 1906 erschienenes 
Buch «Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung» kennt, die Art, 
wie Schweitzer einzugehen weiB selbst auf die Apokalyptik, so daB 
er schon ein gutes Stuck den andern Theologen voraus ist, der muB 
zugeben, daB Schweitzer ein gesundes Urteil haben kann iiber das- 
jenige, was das gegenwartige Geistesleben eigentlich wert ist. Nun hat 
er dieses Buch geschrieben, dessen erster Teil eben erst erschienen ist. 
Das erste Kapitel lautet: «Die Schuld der Philosophic an dem Nieder- 
gang der Kultur.» Und wahrhaft messerscharf fallen nun die Satze, 
welche unser gegenwartiges Geistesleben, unser Zivilisationsleben 
charakterisieren sollen. Gleich der erste Satz lautet: «Wir stehen im 
Zeichen des Niedergangs der Kultur. Der Krieg hat diese Situation 
nicht geschaflfen. Er selber ist nur eine Erscheinung davon. Was 
geistig gegeben war, hat sich in Tatsachen umgesetzt, die nun ihrer- 
seits wieder in jeder Hinsicht verschlechternd auf das Geistige zuriick- 
wirken.» Ein Mensch, der Einsichten hat in die Wertlosigkeit der 
gegenwartigen Kultur! Und weiter: «Wir kamen von der Kultur ab, 
weil kein Nachdenken iiber Kultur unter uns vorhanden war ... So 
iiberschritten wir die Schwelle des Jahrhunderts mit unerschiitterten 



Einbildungen iiber uns selbst.» Und nun fragt er sich: Warum ist 
denn diese Verfallserscheinung der Kultur da? Warum leben wir im 
Niedergange der Kultur? - Und er sagt sich: Wenn wir nur kurze 
Zeit zuriickschauen, in die Zeit selbst, wo der Intellektualismus in 
seinem ersten Blutestadium war, da haben die Leute noch eine 
«Totalweltanschauung» gehabt, da haben sie noch von den ethischen, 
von den sittlichen Zielen so gesprochen, daB sie in denselben Quellen 
lagen wie die Naturgesetze. Sie haben die Naturgesetze angeschaut, 
und sind dann aufgestiegen mit denselben Anschauungen zu den 
Quellen des Sittlichen, haben also eine «Totalweltanschauung» ge- 
habt, die das Sittliche und Naturliche gleichmaBig umfaBte. 

Sie erinnern sich, wie oft ich darauf hingewiesen habe, daB der Ver- 
fall unserer Kultur damit gegeben worden ist, daB wir eine einseitige 
Naturanschauung haben, die an den Anfang unseres Erdenwerdens 
die Kant-Laplacesche Theorie oder ahnliches stellt, wo alles aus einem 
Urnebel heraus sich gebildet hat. Es hat sich auch der Mensch aus 
diesem Urnebel heraus gebildet, dann ist das entstanden, was man 
sittliche Ideale nennt - Illusionen -, und wenn einstmals der Warmetod 
eintritt, der nach rein physikalischen Gesetzen eintreten muB, dann 
wird ein groBes Leichenfeld da sein, aber begraben wird damit das- 
jenige sein, was als Kulturideale oder als sittliche Ideale auftauchte. 
So ist nicht mehr unsere Sittlichkeit in der Weltanschauung darinnen. 
Sie steckt nicht mehr darin, sie ist etwas, was man nur noch in abstrak- 
ten Gedanken abfing. Auch das weiB Schweitzer, daB im Grunde ge- 
nommen dies so geworden ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts. 
Recht deutlich spricht er sich daruber aus: «Nun ist fur alle offenbar, 
daB die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist... Die Auf- 
klarungszeit» - damit meint er diese Zeit, wo der Intellektualismus die 
erste Blute gehabt hat - «und der Rationalismus hatten ethische und 
Vernunftideale iiber die Entwicklung des Einzelnen zum wahren 
Menschentum, iiber seine Stellung in der Gesellschaft, iiber deren 
materielle und geistige Aufgaben, iiber das Verhalten der Volker 
zueinander und ihr Aufgehen in einer durch die hochsten, geistigen 
Ziele geeinten Menschheit aufgestellt . . . Aber um die Mitte des neun- 
zehnten Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung ethischer Ver- 



nunftideale mit der Wirklichkeit an abzunehmen. Im Laufe der fol- 
genden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Stillstand. Kampflos 
und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur. Ihre Gedanken 
blieben hinter der Zeit zuriick, als waren sie zu erschopft, mit ihr 
Schritt zu halten. » 

Und nun will Albert Schweitzer klarmachen, daB, wenn die Men- 
schen nicht mehr wirksame Gedanken haben, die Kultur zugrunde 
gehen muB. Da die wirksamen Gedanken in der Philosophic enthalten 
zu sein scheinen, so schreibt er den Grund fur den Niedergang der 
Kultur der Philosophic zu. Er weiB - und driickt es auch in diesem 
Buche aus -, daft, wenn auch Hegel und Kant nur von wenigen gelesen 
werden, ihre Gedanken doch die Gedanken von Tausenden beherr- 
schen, denn sie gehen durch alle moglichen unbemerkten Strome in 
die breitesten Massen der Menschheit iiber, und einer iibertreibt gar 
nicht, der heute sagt: Wenn nur die popularsten Biicher die einfach- 
sten Gebirgsbauern zu lesen begonnen haben, so steckt schon der 
Kant in ihnen. Man glaubt immer nur, die Philosophic wirkt auf die- 
jenigen, welche die Philosophen lesen. Das ist eben auBere Maja. 

Deshalb sagt Schweitzer: «Das Entscheidende war das Versagen 
der Philosophic » Aber nun behandelt er diese Philosophic doch mit 
einigem Mideid und sagt sich: Die Philosophic hatte denken sollen, 
aber da das Denken abgekommen war, da man das Denken verlernt 
hat, so braucht man sich nicht zu verwundern, daB die Philosophic 
auch nicht mehr denken konnte. - Also er behandelt die Philosophic 
noch ein biBchen milde. «Der Philosophic ward nicht klar, daB die 
Energie der ihr anvertrauten Kulturideen anting fraglich zu werden. 
Am Schlusse eines der hervorragendsten, am Ende des neunzehnten 
Jahrhunderts erschienenen Werkes iiber Geschichte der Philosophic » - 
dasselbe, das ich hier auch einmal besprochen habe - «wird diese als 
der ProzeB definiert, in dem sich < Schritt fur Schritt, mit immer 
klarerem und sichererem BewuBtsein die Besinnung auf die Kultur- 
werte vollzogen hat, deren Allgemeingultigkeit der Gegenstand der 
Philosophic selbst ist>. Dabei vergaB der Verfasser das Wesentliche: 
daB namlich friiher die Philosophic sich nicht nur auf die Kulturwerte 
besann, sondern sie auch als wirkende Ideen in die offentliche Meinung 



ausgehen lieB, wahrend sie ihr von der zweiten Halfte des neunzehnten 
Jahrhunderts an immer mehr zu einem gehiiteten, unproduktiven 
Kapital wurden. » 

Aber nun wird er milde. Was kann schlieBlich der Philosoph dafiir, 
wenn er auch nicht mehr denkt, da alle andern nicht denken: «DaB 
das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschauung von opti- 
mistisch-ethischem Charakter aufzustellen und die Ideale, die die Kul- 
tur ausmachen, in einer solchen zu begriinden, war nicht Schuld der 
Philosophic, sondern eine Tatsache, die sich in der Entwicklung des 
Denkens einstellte. Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philo- 
sophic dadurch, daB sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der 
Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur 
unterhielte. » 

Also, daB die Philosophen nicht mehr denken konnten, das nimmt 
ihnen Schweitzer nicht mehr ubel, da es eine allgemeine Gewohnheit 
der Leute geworden ist, nicht mehr zu denken. Aber das nimmt er den 
Philosophen iibel, daB sie das gar nicht bemerkt haben. Wenigstens 
bemerken hatten sie es sollen. 

«Ihrer letzten Bestimmung nach ist die Philosophic Anfuhrerin und 
Wachterin der allgemeinen Vernunft. Ihre Pflicht ware es gewesen, 
unserer Welt einzugestehen, daB die ethischen Vernunftideale nicht 
mehr wie fruher in einer Totalweltanschauung Halt fanden, sondern 
bis auf weiteres auf sich selbst gestellt seien und sich allein durch ihre 
innere Kraft in der Welt behaupten muBten... So wenig philoso- 
phierte die Philosophic iiber Kultur, daB sie nicht einmal merkte, wie 
sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der 
Stunde der Gefahr schlief der Wachter, der uns wach erhalten sollte. 
So kam es, daB wir nicht um unsere Kultur rangen.» 

Nun, ich glaube, ich habe Ihnen von diesem Schlafen wirklich von 
den verschiedensten Gesichtspunkten aus schon hier mancnerlei er- 
zahlt. 

In dem nachsten Kapitel bespricht Schweitzer die kulturhemmenden 
Elemente in uns. Da kommt er zu ganz interessanten Anschauungen. 
Er findet namlich, daB der Mensch durch dasjenige, was er als Kultur 
in der neuesten Zeit aufgenommen hat, erstens unfrei geworden ist. 



Nun, das kann man ihm nachfuhlen, denn die Menschen sind ja nach 
und nach dazu gekommen, wirklich nur gewissen Leithammeln nach- 
zulaufen, auf die Autoritat der Wissenschaft zu schworen und so 
weiter. Aber nun behauptet Schweitzer, daB der Mensch ungesammelt 
ist im Denken. Ich glaube, auch dariiber brauchen wir nicht viel zu 
verhandeln; da wird Schweitzer wohl recht haben, daB die Kraft zum 
Sammeln in unserer Zivilisation wirklich sehr zuriickgegangen ist. 
Dann aber nennt er den Menschen unvollstandig. Nun, werden die 
Leute sagen, wenn er uns schon unfrei und uns so ungesammelt 
findet; daB wir nicht einmal ganze Menschen sein sollen, das konnen 
wir ihm doch nicht konzedieren! - Aber er meint das so: Das, was 
heute einer lernt, das ist eine Spezialitat, sei er ein Gelehrter oder sei er 
irgendwie ein anderer Mensch, so daB immer nur gewisse Seiten seiner 
Fahigkeiten ausgebildet werden, nicht der Totalmensch. Daher gehen 
wir also als unvollstandige, gar nicht als ganze Menschen herum. Und 
dann findet er als viertes, daB die Humanitat im hochsten Grade ab- 
genommen hat. Er fuhrt da schone Beispiele an. Er ist aber uberhaupt 
der Ansicht, daB unfreie, ungesammelte und nicht ganze Menschen 
auch nicht die Humanitat im ethischen Leben entfalten. Dann findet 
er noch ein kulturhemmendes Element in der Uberorganisation, in 
der Ausrottung der menschlichen Individualist. Wieviel kommt denn 
heute noch auf den einzelnen an? Es kommt nur auf dasjenige an, was 
durch irgendwelche Organisationen vorgezeichnet ist. Oberorganisa- 
tion wirft Schweitzer mit Recht unserer Zeit als besondere Neigung 
vor. 

Aber nun will er auch ubergehen zu der Beantwortung der Frage, 
wie man denn wiederum zu einer Kultur kommen soli. Was ist denn 
zu tun, um wiederum zu einer Kultur zu kommen? Da stellt er die 
Frage: Wie muB denn die Kultur beschaffen sein, zu der wir kom- 
men? - Und er sagt: Sie muB ethisch und optimistisch sein. - Nun, 
denken Sie, Sie wollen sich ein Haus bauen, Sie gehen zu einem Bau- 
meister, der sagt: Da muBt du mir etwas beschreiben, wie das Haus 
sein muB, damit ich dir die Plane machen kann. - Da sagen Sie ihm: 
Das Haus, das muB fest sein, wettersicher, schon, und so, daB man 
bequem darinnen wohnen kann. - Nun ja, Plane machen laBt sich 



damit nicht, aber Sie glauben, etwas gesagt zu haben, wenn Sie sagen : 
Das Haus muB fest, wetter sicher, schon und so sein, daB man bequem 
darinnen wohnen kann. Nur kann man nichts anfangen mit diesen 
Aussagen. Ebensowenig konnen Sie etwas anfangen mit der Aussage: 
Eine Weltanschauung muB ethisch und optimistisch sein. Es ist das- 
selbe, genau dasselbe. 

Ich war einmal als kleiner Junge in einem Dorf, da war ein ProzeB. 
Einer Personlichkeit namlich aus dem Kreise der Honorationen waren 
die Hiihner gestohlen worden. Der Richter wollte nun durchaus 
wissen, wie es mit dem StrafmaB sei, er wollte diese Hiihner be- 
schrieben haben. Da fragte er den Betreffenden, wie denn die Hiihner 
waren? Nun, es waren halt schone Hiihner. - Ja, damit kann man 
nichts anfangen, Sie miissen uns so sagen, daB wir eine Vorstellung 
dariiber bekommen, was die Hiihner wert gewesen sein konnen. - 
Nun, es waren recht schone Hiihner. - Ja, aber, nicht wahr, man muB 
wissen, ob die Hiihner mager waren, ob sie dick waren ... - Na, 
es waren wirklich recht schone Hiihner. - Und so ging es fort, es war 
iiberhaupt nichts aus dem Mann herauszubringen auBer dem, daB es 
recht schone Hiihner waren. 

Nun haben wir hier einen ganz hervorragenden Geist, der in einer 
auBerordentlich feinen und treffenden Weise den Verfall der Kultur 
schneidend charakterisiert, der sogar sehr vieles weiB, was die Men- 
schen sich heute gar nicht eingestehen mochten. So weiB er zum Bei- 
spiel das Folgende - es ist gut, daB es auch ein anderer sagt als immer 
nur der Anthroposoph -: «Die Zusammenfassung der Erkenntnisse 
und die Geltendmachung ihrer Konsequenzen fur die Weltanschauung 
sei nicht seine Sache. Friiher war jeder wissenschaftliche Mensch zu- 
gleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner 
Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermogen an- 
gelangt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu konnen. 
Darum gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast 
keine denkende Wissenschaft mehr. » Es ist wirklich gut, daB es ein- 
mal ein anderer sagt. Aber sehen Sie, trotz aller dieser Einsicht kommt 
er eben nicht weiter als zu den schonen Hiihnern. AuBerordentlich 
charakteristisch ! So etwas, das als wirklich fruchtbare Weltanschauung 



wiederum auftritt, so etwas muB ethisch, optimistisch sein: fest, 
wettersicher, schon, und so, daB man bequem darinnen wohnen kann ! 

Ja, er kommt in dieser negativen Charaktetistik sehr weit. Er be- 
merkt namlich, daB es da Leute gibt, die doch schon gefuhlt haben, 
daB dieses Denken, der Gehirnsport, nicht zu den Quellen des Daseins 
fiihrt. Daher haben sie gesagt: Na, wollen wir iiberhaupt dieses ganze 
Denken kassieren und auf einem Gefiihls- oder Glaubensweg, auf 
einem mystischen Wege zum Wahren kommen. - Das sieht er ein, und 
da er ein scharfer Denker selber ist, bis zu gewissen Grenzen, so stellt 
er eine merkwiirdige Frage. Die Frage heiBt: «Philosophische, ge- 
schichtliche und naturwissenschaftliche Fragen, denen er nicht ge- 
wachsen war, gingen iiber den fruheren Rationalismus wie Lawinen 
nieder und begruben ihn auf dem Wege. Die neue denkende Welt- 
anschauung muB sich aus diesem Chaos herausarbeiten. Alles was 
tatsachlich ist, auf sich wirken lassen, durch alle Arten von Cberlegen 
und Erkennen hindurchgehend» - ja, wenn er jetzt nur ein biBchen 
durch Erkennen und Oberlegen hindurchginge : das Haus soil schon 
und wetterfest sein «strebe sie auf die letzte Bedeutung des Seins 
und des Lebens zu, ob sich etwas davon entratseln lasse. 

Das letzte Wissen, in dem der Mensch das eigene Sein in dem uni- 
versellen Sein begreift, ist, sagt man, mystischer Art. Damit meint 
man, daB es nicht mehr in dem gewohnlichen Oberlegen zustande 
kommt, sondern irgendwie erlebt wird. 

Aber warum annehmen» - sagt er jetzt -, «dafi der Weg des Den- 
kens vor der Mystik ende? Wohl hat das bisherige Vernunftdenken 
immer Halt gemacht, wenn es in die Nahe der Mystik kam ...» 

Nun fragt man sich: Was will Anthroposophie? Von klarem, mathe- 
matisch klarem Denken ausgehen, vor der Mystik nicht haltmachen, 
sondern denkend eindringen in die Gebiete, die fur das Ewige er- 
schlossen werden sollen. Die Leute sagen selbst dann noch immer, das 
Haus soli fest, wettersicher und so sein, daB es sich bequem darinnen 
wohnen laBt ~ wenn es schon dasteht vor ihrer Nase, aber sie nicht 
hineinfinden. Es darf das schon wirklich ohne Unbescheidenheit in 
aller Unbefangenheit gesagt werden. Aber das sind ja nicht die schlech- 
testen, das sind die besten, das sind die scharfen Denker ! Vor solchen 



Dingen darf man nicht die Augen verschlieBen. Man muB nicht immer 
herumreden davon, daB man dem oder jenem begreifHch macht, was 
Anthroposophie ist, wenn die Leute so reden. 

Aber noch weiter: «Das zu Ende gedachte Denken fuhrt also 
irgendwo und irgendwie zu einer lebendigen, fur alle Menschen denk- 
notwendigen Mystik ...» Das rechte Bauen fuhrt zu dem guten Haus, 
wie ich es haben will! Nun weiter, er findet ja die Menschen un- 
gesammelt, und nun will er klarmachen, was die Menschen tun sollen, 
damit sie iiber diesen schrecklichen Zustand hinauskommen, in den 
die Kultur verfallen ist: «An sich schon hat das Besinnen auf den 
Sinn des Lebens eine Bedeutung. Kommt solches Nachdenken wieder 
unter uns auf, so welken die Eitelkeits- und Leidenschaftsideale, die 
jetzt wie boses Unkraut in den Uberzeugungen der Massen wuchern, 
rettungslos dahin. Wieviel ware fur die heutigen Zustande schon ge- 
wonnen, wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu 
den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten . . . » - 
da steht nicht in der Anmerkung: Das Genauere ist zu ersehen aus 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?», o nein, son- 
dern da steht, man muB irgendwie dahin kommen, daB es Menschen 
gibt, die sich drei Minuten Zeit nehmen, um sich gedanklich zu sam- 
meln - « . . . sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels 
emporblickten und bei der Teilnahme an einem Begrabnis uns dem 
Ratsel von Tod und Leben hingeben wiirden, statt in gedankenloser 
Unterhaltung hinter dem Sarge einherzugehen ...» 

Dann schlieBt das damit, nachdem zuerst aufmerksam gemacht 
worden ist : Aber irgend etwas, was nun eine Weltanschauung ist, soil 
man eigentlich den Menschen nicht sagen; wir brauchen zwar eine 
solche Weltanschauung - ich mochte bloB wissen, wozu wir sie brau- 
chen, wenn wir sie den Menschen nicht sagen sollen! «Die groBe 
Revision der Uberzeugungen und Ideale, in denen und fur die wir 
leben, kann sich nicht so vollziehen, daB man in die Menschen unserer 
Zeit andere, bessere Gedanken hineinredet, als die, die sie haben ...» 

Das darf ja nicht sein, daB man bessere Gedanken hineinredet in die 
Menschen, als sie haben, sondern man muB sie sich selbst iiberlassen ! 
Besinne dich, mache dir andere Gedanken, wenn du hinter einem 



Sarge einhergehst, besinne dich! - J a, dann werden halt die Menschen 
das weitermachen, was sie bisher gemacht haben: sie werden nicht 
wissen, auf was sie sich besinnen sollen in den drei Minuten und so 
weiter. 

«Das bisherige Denken gedachte den Sinn des Lebens aus dem 
Sinn der Welt zu verstehen. Es kann sein, daB wir uns darein schicken 
miissen, den Sinn der Welt dahingestellt sein zu lassen und unserm 
Leben aus dem Willen zum Leben, wie er in uns ist, einen Sinn zu 
geben...» - es kann sein! - «M6gen auch die Wege, auf denen wir 
dem Ziele zuzustreben haben, noch im Dunkel liegen : die Richtung, 
in der wir gehen miissen, ist klar. Miteinander haben wir uber den 
Sinn des Lebens denkend zu werden, miteinander darum zu ringen, 
zu einer welt- und lebenbejahenden Weltanschauung zu gelangen, in 
der unser von uns als notwendig und wertvoll erlebter Trieb zu 
wirken Rechtfertigung, Orientierung, Klarung, Vertiefung, Versitt- 
lichung und Stahlung findet, und daraufhin fahig wird, definitive und 
vom Geiste wahrer Humanitat eingegebene Kulturideale aufzustellen 
und zu verwirklichen. » - Es werden halt schone Hiihner sein! 

Niemand wird sagen konnen, daB ich eine kaustische, gewollt 
negative Kritik iiben will. Denn das erste Beispiel von Professor 
Rubner habe ich genommen, weil ich eben eine Personlichkeit wahlen 
wollte, die in bezug auf ihre wissenschaftlichen Leistungen nicht an- 
zuerkennen eine Albernheit ware. Das zweite Beispiel habe ich so 
gewahlt, daB ich sagen konnte, daB ich denjenigen, der dieses Buch 
geschrieben hat, als einen der scharfsten Denker, als eine solche Per- 
sonlichkeit ansehe, die am meisten Berechtigung hat, in einer solchen 
Weise zu sprechen. Ich will nicht abfallige Kritik iiben, so etwas liegt 
mir fern. Man muB sich bemuhen, auf dasjenige charakterisierend 
hinzuweisen, was ist. Aber wenn dann Albert Schweitzer sagt: Die 
Philosophic hatte Wachterin sein sollen, aber gerade sie hat geschla- 
fen dann konnen wir doch nicht anders, als sagen: Er setzt den 
Schlaf fort. 

Wollen wir warten, wie der zweite Teil wird, aber der erste ver- 
spricht fur den zweiten Teil, daB er nicht viel anders sein wird. Er 
setzt den Schlaf fort, traumt nur aus dem Schlaf heraus. Wiinsche 



sind es, Realitaten sind es nicht. Das muB unser Streben sein, iiber 
bloBe Illusionen, uber Phrasen hinaus zu Realitaten zu kommen. Sie 
sehen, wie ausgepreBt die Worte unserer Sprache sind. So muB man 
vorgehen, wie wir angefangen haben heute abend, uber die Seele zu 
sprechen, dann bekommt man wieder Inhalt in die Worte. Sonst, ja, 
wie sagt Schweitzer: Die Philosophic ist an dem Niedergang der 
Kultur nicht schuld, aber schuld ist sie daran, daB sie das gar nicht 
gemerkt hat. - Nun, Albert Schweitzer ist naturlich auch nicht daran 
schuld, daB unsere Worte so ausgepreBt sind, daB keine BegrirTe mehr 
darinnen sind, keine Realitaten mehr darinnen sind, Aber daran ist 
er schuld, daB er das gar nicht bemerkt. Er bemerkt das gar nicht, daB 
er herumredet mit vollig ausgepreBten Worten. 

Ich war verpflichtet gegenuber dieser eben erschienenen Kulturtat 
Albert Schweitzers - ich meine das nicht hamisch, ich meine das ganz 
im Ernste - in solch schneidender Weise auf den Kulturniedergang 
aufmerksam zu machen. Ich war verpflichtet, darauf hinzuweisen, wie 
eigentlich die Ecke beschaffen sein muB, von der man ein wirkliches 
Urteil iiber dasjenige gewinnt, was auf der einen Seite nicht ist, auf der 
andern Seite zu geschehen hat. Nachdem wir diese Episode durch- 
gemacht haben, wollen wir das nachste Mai iiber konkrete Themata 
der Anthroposophie weiter reden. 



DIE VIER WESENSGLIEDER DES MENSCHEN 

DER SPIEGELCHARAKTER DES INTELLEKTUELLEN 
DENKENS UND DIE REALITAT DES SITTLICH- 
RELIGIOSEN ERLEBENS 

Stuttgart, 11Juli 1923 



Wir wollen davon ausgehen, daB der Mensch ein vielgliedriges, ein 
mehrgliedriges Wesen ist, also von einer uns ganz bekannten Tat- 
sache. Wir wollen davon ausgehen, daB innerhalb der anthroposophi- 
schen Bewegung immer die Bemuhung vorhanden ist, zu begreifen, 
inwiefern sich die menschliche Wesenheit aus Gliedern zusammen- 
setzt, die jedes fur sich ein gewisses Verstandnis erfordern, so daB 
das Begreifen der ganzen Menschenwesenheit nur moglich ist, wenn 
man in der Lage ist, das Verstandnis, das man den einzelnen Gliedern 
entgegengebracht hat, zu einem Ganzen zu vereinigen. Wenn wir 
zunachst von allem iibrigen absehen, so wissen wir, daB diese mensch- 
liche Wesenheit gegliedert ist in den physischen Leib, in den Atherleib 
oder Bildekrafteleib, in den astralischen Leib und in dasjenige, was 
wir als das Ich bezeichnen., Nun ist das nicht etwa - oder sollte wenig- 
stens nicht sein - eine bloBe Einteilung des Menschen und seiner 
Wesenheit, sondern dasjenige, was da aufgezahlt wird als die vier 
Glieder der menschlichen Wesenheit, stammt eigentlich aus ganz ver- 
schiedenen Welten und kann nur verstanden werden aus den inneren 
Bedingungen dieser Welten heraus. Und erst wenn man verstanden 
hat, wie physischer Leib, Ather- oder Bildekrafteleib, astralischer Leib 
und Ich aus ihren entsprechenden Welten heraus gebildet sind, dann 
ist man imstande, aus dem Zusammenklingen des Verstandnisses die- 
ser einzelnen menschlichen Glieder sich ein Verstandnis der gesamten 
menschlichen Wesenheit zu verschaffen. Den physischen Leib des 
Menschen muB man einfach begreifen aus der physischen Welt heraus, 
aber den atherischen oder Bildekrafteleib muB man seinerseits wieder- 
um verstehen aus der atherischen Welt heraus und so weiter. Wenn 
wir nicht auf diesem Gebiete auBerordentlich genau sind, wenn wir 
uns nicht darauf einlassen, daB die Dinge eben so sich verhalten, wie 



ich sie eben angedeutet habe, dann kdnnen wir nicht zu einem Er- 
fassen der Gesamtwesenheit des Menschen kommen. 

Sehen wir einmal ab vom physischen Leib des Menschen. Das 
konnen wir aus dem Grunde, weil die gesamte auBere Bildung und 
Wissenschaftlichkeit heute darauf ausgeht, den physischen Leib des 
Menschen zu begreifen. Aber nicht in demselben Sinne ist es heute 
ein Bestreben, den atherischen oder Bildekrafteleib des Menschen zu 
verstehen. Man macht sich hochstens die Vorstellung, daB dieser 
atherische oder Bildekrafteleib vielleicht aus einer feineren Substanz 
besteht als der dichte physische Leib und daB diese feinere atherische 
Substanz nun einmal dem physischen Leib beigemischt ist. Aber so 
sind ja die Dinge nicht, sondern die Sache ist wesentlich anders : Der- 
jenige, der alles begriffen hatte, was aus der physischen Wissenschaft 
heraus begriffen werden kann, um sich eine Vorstellung iiber die 
Wirkungsweise des physischen Leibes zu machen, konnte ganzlich 
unwissend sein iiber den atherischen oder Bildekrafteleib, denn gerade 
wenn wir auf den Menschen sehen, so ist es unmoglich, die Gesetze 
des atherischen oder Bildekrafteleibes in der Nahe der Erde zu finden. 
Wir konnen gar nicht in der Nahe der Erde selbst die Gesetze des 
atherischen oder Bildekrafteleibes suchen. Denn geradeso wie wir, 
wenn wir bei einem in senkrechter Richtung fallenden Stein sagen: 
Da ist die Schwerkraft tatig, der Stein bewegt sich in der Richtung 
gegen den Mittelpunkt der Erde -, geradeso wie wir in der Nahe der 
Erde oder in der Erde die Ursachen fur das Fallen des Steins suchen, 
geradeso wie wir da richtig vorgehen, gehen wir falsch vor, wenn wir 
nach den Ursachen des Geschehens im atherischen oder Bildekrafte- 
leib fragen, falls wir in der Nahe der Erde bleiben. Wir miissen viel- 
mehr dasjenige, was in unserem atherischen oder Bildekrafteleib 
wirkt, gar nicht auf der Erde suchen, sondern in den Weiten des 
Weltenalls, gewissermaBen in einer unbestimmt weit von uns ent- 
fernten Kugeloberflache. Da wir ken die Krafte von alien Seiten hinein. 
So wie vom Mittelpunkt der Erde die physischen Krafte heraus- 
wirken, so wirken von alien Seiten die Krafte herein und bedingen 
unseren Atherleib. 

Erinnern Sie sich einmal, was ich Ihnen gesagt habe mit Bezug auf 



den Obertritt des Menschen aus seinem vorirdischen Dasein in das 
irdische Dasein. Er kommt herunter und hat die Gesetze fur seinen 
physischen Leib schon auf die Erde geschickt. Dann sammelt er, sagte 
ich, aus den Weiten des Weltenathers seinen Atherleib. Da ist er also, 
bevor er das, was er vorausgeschickt hat, seinen physischen Leib, 
bezieht, Ich, astralischer Leib und Atherleib. Aber den Atherleib hat 
er in bezug auf seine GesetzmaBigkeit nicht von der Erde her ge- 
bildet, sondern wir sagen reprasentativ: aus den vier Weltgegenden ; 
aber damit ist ja nur gemeint, von alien Seiten zusammengezogen. 
Also von alien Seiten der Weltperipherie, des Umkreises, werden 
die Gesetze wirksam, wenn der menschliche Atherleib gebildet 
wird. 

Da kommt nun etwas, was von vorneherein, wenn man es darlegt, 
fur den Menschen der Gegenwart etwas auBerordentlich Schockie- 
rendes, etwas auBerordentlich Frappierendes hat. Sie werden mir recht 
geben, wenn ich sage: Ziinden wir hier eine noch so starke Flamme 
an, so wird die Lichtstarke um so weniger fur uns bedeuten, je mehr 
wir uns entfernen von der Lichtquelle, und es tritt endlich in einer 
gewissen Entfernung ein Punkt ein, wo diese Lichtquelle kaum noch 
in Betracht kommt, wo sie schon so schwach geworden ist, daB wir 
jedenfalls nicht mehr lesen konnen; wo wir, wenn irgendwo in einer 
groBen Entfernung ein Licht ist, fur alle praktischen Zwecke sagen 
konnen, es sei eben kein Licht da. Das wird jeder zugeben. Ebenso 
gibt die heutige Wissenschaft zu, daB die Schwerkraft mit dem Quadrat 
der Entfernung abnimmt, immer schwacher wird, je weiter man in den 
Umkreis kommt. Was aber die Menschen heute gar nicht bedenken, 
das ist das Folgende. Wir sprechen auf der Erde in unseren Worten 
die GesetzmaBigkeiten aus, die auf der Erde geltend sind. Auch die 
GesetzmaBigkeit, die wir als Erdenmenschen aus sprechen, nimmt ab, 
wird immer schwacher und schwacher und ist endlich fur eine gewisse 
Weite praktisch gar nicht mehr da. Sie konnen noch so schlau Natur- 
gesetze aufstellen fur irdische Verhaltnisse, Sie konnen noch so schlau 
geschichtliche Satze aufstellen fur dasjenige, was auf der Erde ge- 
schieht : diese Gesetze, die Naturgesetze und geschichtlichen Gesetze 
gelten in einem gewissen Umkreise ebensowenig, wie die Starke der 



Schwerkraft oder eine Lichtstarke da noch eine Bedeutung hat. Daher 
ist es naiv, wenn jemand etwa behaupten wollte, daB fur einen Stern, 
der so und so viele Lichtjahre weit entfernt sein soil, dieselben Natur- 
gesetze gelten wie bei uns. Denn die Giiltigkeit unserer Naturgesetze 
besteht eben nur fur
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