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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft
RUDOLF STEINER
Die menschliche Seele in ihrem
Zusammenhang mit gottlich-geistigen
Individualitaten
Die Verinnerlichung der Jahresfeste
Elf Vortrage, gehalten in
Bern, Dornach, Prag, Stuttgart und Berlin
vom 6. April bis ll.Juli 1923
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Wolfram Groddeck
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1966
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1983
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 224
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff und Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafrverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2240-8
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.*
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schluft
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaften auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfuhrliche Inhaksangaben S. 229 ff.
Schicksalsgestaltung in Schlafen und Wachen. Die Geistigkeit der
Sprache und die Gewissensstimme
Bern, 6. April 1923 9
Der individualisierte Logos und die Kunst, aus dem Worte den
Geist herauszulosen
Stuttgart, ZMai 1923 32
Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtod-
lichen Dasein
Stuttgart, 21. Juni 1923 51
Mauthners «Kritik der Sprache* - Die Unzulanglichkeit heutigen
Denkens, aufgezeigt an Rubner und Schweitzer
Stuttgart, 4Juli 1923 72
Die vier Wesensglieder des Menschen - Der Spiegelcharakter des
intellektuellen Denkens und die Realitat des sittlich-religiosen
Erlebens
Stuttgart, 11 Juli 1923 93
Drei Etappen des Erwachens der menschlichen Seele
Prag, 28. April 1923 (Ohne Einleitung) 114
Anthroposophie - der Weg zu einem vertieften Verstandnis des
Ostermysteriums
Prag, 29. April 1923 126
Die Himmelfahrtsoffenbarung und das Pfingstgeheimnis
Dornach, I.Mai 1923 (Ohne Schlufi) 144
Johannistimmung - Der gescharfte Johanniblick
Dornach, 24Juni 1923 158
Wiedergewinnung des lebendigen Sprachquells durch den Chri-
stus-Impuls - Der Michael-Gedanke als Anruf des menschlichen
Willens
Dornach, 13. April 1923 174
Die Schaffung eines Michael-Festes aus dem Geiste heraus - Die
Ratsel des inneren Menschen
Berlin, 23. Mai 1923 189
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 219
Hinweise zum Text 221
Namenregister 227
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 229
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 235
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 237
SCHICKSALSGESTALTUNG IN SCHLAFEN UND WACHEN
DIE GEISTIGKEIT DER SPRACHE UND DIE
GEWISSENSSTIMME
Bern, 6. April 1923
Lassen Sie uns heute etwas betrachten, das vielleicht in gewissem
Sinne wiederum eine Erganzung zu dem gestrigen offentlichen Vor-
trage bilden kann. Naher ins Auge fas sen mochte ich heute die Art,
wie sich der Mensch hineinstellt in jenen Teil der Weltenordnung, der
zusammenhangt mit seinem eigenen Schicksal, mit demjenigen, was
wir in unserem Kreise gewohnt worden sind, das Karma zu nennen.
Wie findet eigentlich diese Schicksalsgestaltung beim Menschen statt?
Da miissen wir, um diese Frage lebensfahig, nicht theoriefahig zu
beantworten, etwas naher eingehen auf die Wesenheit des Menschen.
Man spricht von dem menschlichen Leben oftmals so, daB man
sagt : Das Menschenleben zerfallt in diese beiden voneinander unter-
schiedenen BewuBtseinszustande, in das Wachen und in das Schlafen.
Aber man faBt dabei das Schlafen eigentlich nur in dem Sinne auf, daB
man sich die Vorstellung bildet: Im Schlafe ruht sich der Mensch eben
aus. - Die naturwissenschaftliche Anschauung nimmt ja iiberhaupt an,
daB die BewuBtseinstatigkeit aufhort mit dem Einschlafen, dann
wiederum beginnt, daB also auch in bezug auf den Organismus das
Schlafen nichts weiter sei als ein Aussetzen der menschlichen Tatigkeit
zur Ruhe. Aber der Schlaf ist nicht ein bloBes Ruhen, sondern man
muB sich klar dariiber sein, daB vom Einschlafen bis zum Aufwachen
zunachst das, was wir den astralischen Leib nennen, und dann das Ich als
wirklich Wesenhaftes auBer dem physischen und atherischen Leibe sind.
Nun kann der Mensch zwar auf der Entwickelungsstufe, auf der er
gegenwartig im Erdenleben steht, kein unmittelbares BewuBtsein da-
von erringen, was eigentlich dieses Ich und was der astralische Leib
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen tun. Aber dasjenige, was
die beiden da tun, das ist fur das menschliche Leben zum mindesten
von einer ebenso groBen Bedeutung wie das tagwachende Leben. DaB
das Ich und der astralische Leib kein BewuBtsein entwickeln konnen
von all den komplizierten Verhaltnissen, die mit ihnen vorgehen im
Schlafe, das riihrt nur davon her, daB im Erdenstadium, so wie es
heute ist, dieses Ich und dieser astralische Leib keine Organe haben,
urn die Ereignisse, in die sie verstrickt sind, wahrzunehmen. Aber
diese Ereignisse sind da. Und diese Ereignisse werden vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen durchgemacht, und sie wirken herein in
das Tagesleben, in das bewuBte Leben des Menschen.
Wir werden uns am besten richtige Vorstellungen verschaffen viber
die Art und Weise, wie hereinwirken die Erlebnisse von Ich und
astralischem Leib in das tagwachende Leben, wenn wir auf den An-
fang des Menschenlebens sehen. Wir haben das bei andern Betrach-
tungen schon ofter getan. Da schlaft sich gewissermaBen in der aller-
ersten Lebenszeit der Mensch als ganz kleines Kind in das Erdenleben
herein. Man darf da nicht nur von derjenigen Zeit sprechen, in der das
Kind vollstandig schlaft, so daB es auch auBerlich sichtbar ist, daB es
schlaft, sondern man muB eigentlich von der ganzen Zeit sprechen,
an die man sich mit dem gewohnlichen BewuBtsein gar nicht zuriick-
erinnern kann. Das Kind mag allerdings auch fur diese Zeit fiir die
auBerliche Beobachtung einen wachen Eindruck machen, aber das-
jenige, was im BewuBtsein vor sich geht, bildet sich ja nicht so aus,
daB es spater erinnert wird. Und alles dasjenige, was von dem Kinde
erlebt wird, ohne daB es sich spater daran erinnert, all das konnen wir
so bezeichnen, daB wir sagen: Wir verweisen dabei auf die Zeit, in
welcher sich der Mensch in das Erdenleben hereinschlaft.
Aber was entwickelt sich alles gerade aus diesem Schlafenszustande
im Beginne des menschlichen Erdenlebens? Drei Dinge miissen wir
ganz besonders ins Auge fassen, wenn wir verstehen wollen, wie das
wirkt, was da der Mensch heruntergetragen hat aus seinem vor-
irdischen Dasein, was er in einer ihm selbst dunklen, schlafdunklen
Art nun hineinverwebt in sein physisches Dasein ; drei Dinge sind es,
die der Mensch in einer andern Weise als die Tiere sich aneignen muB.
Die Tiere eignen sich das entweder gar nicht an, oder sie bringen es
schon mehr oder weniger mit auf die Welt.
Diese drei Dinge sind dasjenige, was wir gewohnlich im Leben so
bezeichnen, daB es sehr einseitig aufgefaBt wird. Nur ein kleiner Teil
von dem Ganzen wird eigentlich aufgefaBt. Das erste ist das Gehen-
lernen. Der Mensch kommt als ein Wesen in die irdische Welt, das
nicht gehen kann, das sich erst das Gehen aneignen muB. Das zweite,
was sich der Mensch aneignen muB, ist das Sprechen, und das dritte
ist das Denken. Wir konnen beim Kinde genau unterscheiden, wie
manchmal das eine vor dem andern kommt, aber wenn man die
Menschheit im allgemeinen nimmt, so kann man im ganzen sagen : Der
Mensch lernt gehen, sprechen, denken - jedenfalls das Denken erst
nach dem Sprechen. Erst aus dem Sprechen heraus entsteht allmahlich
die Fahigkeit, dasjenige, was in Worte gefaBt wird, auch in Gedanken
festzuhalten. Und es dauert eigentlich ziemlich lange, bis man wirklich
sagen kann: Das Kind denkt.
Aber gerade das Gehen wird als etwas sehr Einseitiges aufgefaBt.
Das Gehen besteht ja nicht bloB darin, daB das Kind sich aufrichten
lernt und sozusagen seine Beine in pendelnde Bewegung setzen kann,
sondern es besteht darin, daB das Kind uberhaupt sich aneignet, das
Gleichgewicht, das menschliche Gleichgewicht in der Welt durchaus
zu beherrschen, ich mochte sagen: daB man sich iiberall hinstellen
kann, ohne daB man umfallt; daB man also seinen Leib hineinstellen
kann in die Welt, seine Muskeln, seine GliedmaBen so beherrschen
lernt, daB der Schwerpunkt des Leibes, ob wir stehen, oder ob wir
gehen, an die richtige Stelle fallt. Aber das ist noch immer einseitig
aufgefaBt, denn Sie miissen bedenken, daB etwas auBerordentlich
Wichtiges sich dabei noch vollzieht: das ist die DifFerenzierung der
Beine und der Arme.
Die Tiere gebrauchen ihre vier GliedmaBen in gleichformiger
Weise - in der Regel wenigstens, wenn Abweichungen da sind, laBt
sich das sehr gut erklaren -, der Mensch differenziert. Er braucht
zum Ins-Gleichgewicht-Stellen, er braucht zum Gehen seine Beine,
wahrend die Arme und die Hande gerade wunderbare Ausdrucks-
mittel fur sein Seelisches und die Trager seiner Weltenarbeit werden.
Gerade auch in dieser DifFerenzierung zwischen FiiBen und Handen,
Armen und Beinen liegt dasjenige, was hinzugehort zu dem, was man
gewohnlich mit dem Gehenlernen nur einseitig bezeichnet. Damit ist
man dann zu dem gekommen, was uns innerhalb der physischen Welt
dasjenige bezeugt, was sich der Mensch erst wahrend des physischen
Erdenlebens aneignet.
Das zweite, was er sich aneignet, indem er - wie beim Gehen und
Stehen, beim Gleichgewichtsuchen, beim DifFerenzieren der Hande
von den FiiBen - probiert, nachahmend probiert, das zweite, was er
sich dadurch aneignet, ist das Sprechen. Und wir konnen sagen : Das
Sprechen ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Gehen, nament-
lich nicht mit dem Gebrauche der differenzierten Hand. Denn man
weiB ja, wie das Sprechen mit einer ganz bestimmten Ausbildung
eines Gehirnorgans, der linken Schlafenwindung zusammenhangt.
Aber das ist nur bei denjenigen Menschen der Fall, welche vorzugs-
weise die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens mit der rechten
Hand erledigen. Linkshander haben auf der andern Seite, der rechten
Seite, ihr Sprachorgan gelegen. Daraus konnen wir schon sehen, wie
mit dem Suchen nach Gleichgewicht dasjenige zusammenhangt, was
sich im Sprechen ausdriickt.
Und aus dem Sprechen heraus entwickelt sich dann das Denken.
Nur auf kiinstliche Weise kann derjenige, der stumm geboren ist,
zum Denken gebracht werden. Aber fur all diejenigen Menschen, die
nicht stumm geboren werden, ist das Denken etwas, was sich aus dem
Sprechen erst herausentwickelt.
Nun aber kann man diese Eigentumlichkeit des Menschen, die ich
eben jetzt zusammengefaBt habe, eigentlich erst ganz iibersehen, wenn
man den Obergang des Menschen im spateren Leben aus dem Wachen
in den Schlafzustand verfolgt. Da ist es ja so, daB physischer Leib und
atherischer Leib auf physische Weise im Bette ruhend sind, daB das
Ich und der astralische Leib sich im wesentlichen getrennt haben von
dem physischen und dem atherischen Leib. Wenn wir aber nun mit
den Mitteln der Geisteswissenschaft an diesen astralischen Leib des
Menschen herantreten, wie er vom physischen und Atherleib vom
Einschlafen bis zum Aufwachen getrennt ist, dann finden wir, daB
dieser astralische Leib wesentlich in sich die Krafte enthalt, die zu-
sammenhangen mit dem Sprechenlernen des Menschen. Es ist auBer-
ordentlich interessant, das Einschlafen und Aufwachen des Menschen
zu beobachten, wenn er als Kind sprechen lernt, und es ist sogar noch
interessant bei irgend jemandem, der erst als Erwachsener sprechen
lernt, zu beobachten, wie der astralische Leib gerade an dem Sprechen-
lernen aufierordentlich stark beteiligt ist. Denn der astralische Leib
tragt in der Zeit, in der der Mensch im Sprechenlernen darinnen ist,
und auch spater, wenn er sich im Tageslaufe des Sprechens bedient,
mit sich das Geistig-Seelische, das in den Worten, das in der Sprache
liegt, hinaus aus dem physischen und Atherleibe.
Konnen Sie verfolgen, wie der Mensch spricht, wie er seine Worte
formt, wie er seinen Worten den eigentumlichen Stimmklang gibt,
konnen Sie verfolgen, wie er in seine Worte die Kraft der tlber-
zeugung seiner Seele hineinlegt, wie er das Seelische, das er erlebt,
in seine Worte hineinverlegt, dann konnen Sie auch weiter verfolgen,
wie mit dem Einschlafen der astralische Leib dieses Geistig-Seelische
aus dem physischen Leib und dem Atherleib herausnimmt und im
schlafenden Zustande gerade die Nachwirkung des Geistig-Seelischen
der Sprache in der geistig-seelischen Welt wie em Nachschwingen
enthalt. Sie konnen die Wortbildungen, die Lautnuancierungen, die
Oberzeugungskraft, die der Mensch in die Worte hineinzulegen ver-
mag, auch an dem schlafenden astralischen Leibe verfolgen. Da ist
naturlich nicht etwas von einer Schwingungskraft vorhanden, die sich
der Luft mitteilt; dadurch kommt auch kein physischer Stimmklang
der Sprache zustande. Aber dasjenige, was auf den Wellen der Worte
als Geistig-Seelisches aus dem menschlichen Munde herauskommt und
vom menschlichen Ohre gehort wird, was da auf dem Strom der
Sprache sich seelisch vermittelt, das tragt als Seelisch-Geistiges der
astralische Leib hinaus in die geistige Welt, wenn der Mensch schlaft.
Man sieht das nur deutlicher wahrend das Kind oder auch der Er-
wachsene im Erlernen einer Sprache sich anstrengen, die Sprache sich
erst aneignen; aber statt findet es das ganze Leben hindurch, daft das-
jenige, was wir bei Tag sprechen, in bezug auf sein Geistig-Seelisches
dann in der Nacht vom astralischen Leibe hinausgetragen wird in die
geistige Welt. So daft wir sagen konnen: Namentlich die Gefuhls-
nuance des Gesprochenen wird durch den astralischen Leib aus dem
Menschen hinausgetragen wahrend der Nacht. Das ist eine Eigen-
tumlichkeit des astralischen Leibes.
Aber jetzt beobachten wir, wie das Ich sich vom Einschlafen bis
zum Aufwachen verhalt. Das Ich ist ebenso zunachst, ich mochte
sagen, rein natiirlich an das GliedmaBensystem gebunden. Wie der
astralische Leib an die Brust gebunden ist und aus der Brust die
Sprache kommt, in eben solcher Weise ist das Ich an alles dasjenige
gebunden, was der Mensch mit seinen Gliedern ausfiihrt, was der
Mensch vom Aufwachen bis zum Einschlafen tut, indem er diesen
oder jenen Gang macht, indem er dieses oder jenes mit seinen Armen
und Handen vollzieht. So wie der astralische Leib in jedes Wort
hineinflieBt und das Seelische des Wortes sich herausnimmt wahrend
des Schlafens, so ist das Ich verbunden mit jeder Bewegung, die wir
machen, indem wir in der Welt diesen oder jenen Ort aufsuchen im
Wachzustande. Es ist das Ich verbunden mit jeder Handbewegung,
mit jedem Ergreifen irgendeines Gegenstandes. Aber wahrend man
beim astralischen Leib, weil die Sprache etwas so Seelisches ist, das
eigentliche Seelische weniger beachtet, weniger darauf aufmerksam
wird, daB in der Sprache eben noch etwas ganz Besonderes seelisch
in die Sprache hineinergossen wird, ist man schon bei dem Zu-
sammenhang des Ich mit den GliedmaBen geneigt, iiberhaupt nicht
mehr darauf Riicksicht zu nehmen, daB damit etwas Seelisch-Geistiges
verkmipft ist. Man faBt halt das Gehen, man faBt das Greifen mit den
Handen auf wie etwas, ich mochte sagen, was rein in einer Art physi-
schem Mechanismus geschieht, der der menschliche Organismus sein
soil. Das ist aber nicht der Fall.
Dasjenige, was in jeder Fingerbewegung wahrend des Tages liegt,
was in jedem Schritte liegt, mit dem man einen Ort aufsucht, das ent-
halt auch ein Geistig-Seelisches, so wie das Wort em Geistig-Seelisches
enthalt. Und das, was da mit unseren GliedmaBen verbunden ist, was
verbunden ist mit unseren Bewegungen, das nimmt das Ich beim
Einschlafen aus unserem physischen und Atherleib hinaus in die
geistige Welt, nur deutlich verbunden jetzt mit einem besonderen
Geistig-Seelischen: damit namlich, daB das Ich in jedem Augenblick
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen unbewuBt zufrieden oder
unzufrieden ist - Sie werden das gleich nachher besser verstehen, wenn
ich es weiter erlautern werde -, zufrieden ist damit, wenn ich mich
zwar deutlich, aber etwas trivial ausdriicken muB, ob die Beine sich
nach diesem oder jenem Ort hinbewegt und etwas getan haben, ob die
Arme dies oder jenes verrichtet haben. Nicht nur wird der Nachklang
der Beinbewegungen und Armbewegungen hinausgenommen in das
Schlafen, sondern es wird Zufriedenheit oder Unzufriedenheit hinaus-
genommen. Es haftet vom Einschlafen bis zum Aufwachen dem Er-
leben des Ich an : Eigentlich hattest du dahin nicht gehen sollen. Oder :
Eigentlich war das recht gut, daB du dahin gegangen bist. Eigentlich
war es gut, daB du dies oder jenes mit deinen Armen gemacht hast.
Eigentlich war es schlecht, daB du dies oder jenes getan hast. - Das
ist das Geistig-Seelische, das das Ich hinzusetzt zu dem, was es aus den
GliedmaBen des Menschen hinausnimmt in den schlafenden Zustand.
Und woher kommt es denn, daB dies so ist? Das kommt davon, daB
der astralische Leib, indem er zwischen dem Einschlafen und Auf-
wachen in die geistige Welt versetzt wird, nach der Weltenordnung
beim Menschen eigentlich dazu bestimmt ist, in innigen Kontakt zu
kommen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen mit denjenigen
Wesenheiten, welche in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» ge-
schildert sind als angehdrig der Hierarchie der Archangeloi, der Erz-
engel. Denn mit dem, was wir da als den Nachklang der Sprache mit
hinausnehmen in das Schlafen, fiihlen sich diese Archangeloiwesen
verwandt. Das ist dasjenige, was sie brauchen, das ist dasjenige, was
sie erleben wollen.
Ich mochte sagen : Genau ebenso, wie wir Menschen im physischen
Erdenleben darauf angewiesen sind, zu atmen, also Sauerstoff um uns
haben, und daher den Sauerstoff als etwas Wohltatiges empfinden, so
empfinden die Erzengel, die mit dem Inneren der Erde verbunden sind,
es als ihr Bedurfnis, daB ihnen die Menschenseelen, wenn sie schlafen,
entgegenbringen den Nachklang dessen, was in ihrer Sprache liegt.
Das ist das Eigentiimliche der menschlichen Sprache, daB sie Ver-
wandtschaft hat durch die Vermittlung des Schlafzustandes mit der
Hierarchie der Archangeloi, der Erzengel. Sie werden sich erinnern,
wenn Sie sich ins Gedachtnis rufen, was ich verschiedentlich gesagt
habe in friiheren Zyklen : daB eigentlich die Erzengel die Genien, die
Leiter, die Fiihrer der Volkssprachen sind. Das hangt damit zusam-
men. Die Erzengel sind deshalb die Fiihrer der Volkssprachen, weil
sie - es ist ja figiirlich ausgesprochen, aber es ist so - geradezu ein-
atmen dasjenige, was ihnen der Mensch aus der Sprache entgegen-
tragt, wenn er einschlaft. Aber es ergibt sich sofort eine Unzulanglich-
keit des Menschen, wenn der Mensch mit seiner Sprache in den
schlafenden Zustand nicht das Rechte hinausbringt.
Das ist etwas, was man insbesondere innerhalb der Gegenwarts-
kultur beobachten kann. Innerhalb dieser Gegenwartskultur ist eigent-
lich wenig von dem vorhanden, was man Idealismus nennt, und die
menschlichen Worte haben allmahlich bloB solche Bedeutungen an-
genommen, die sich auf auBerlich physisch-materielle Dinge beziehen.
Die Bezeichnung von Idealen - was ja voraussetzt, daB man ans
Geistige glaubt, denn das Ideal ist Geistiges -, die Bezeichnung von
Idealen fallt immer mehr und mehr aus. Die Menschen entwickeln
nicht im wachen Zustande den Schwung, den inneren Enthusiasmus
fur Idealismus. Dadurch reden sie eigentlich auch nur mehr iiber
solche Dinge, die in der physischen Welt da sind. Worte nehmen
immer mehr und mehr die Bezeichnung an fur Dinge, die in der
physischen Welt da sind.
Es ist ja so, daB in unserer Zeit mehr oder weniger selbst diejenigen
Menschen, die sehr fanatisch manchmal an den Geist glauben wollen,
doch den Geist gerade ablehnen. Da machen sie spiritistische Experi-
mente, wobei sie den Geist sich manifestieren las sen, weil sie eigentlich
an den Geist nur glauben wollen, wenn er materiell sein kann. Aber
das ist ja kein Geist, der im materiellenLichtschimmer und dergleichen
erscheint. Spiritismus ist namlich die auBerste Form des Materialismus.
Man versucht den Geist abzuleugnen dadurch, daB man nur das als
Geist gelten laBt, was in die Welt des Materiellen hereinkommt.
Also wir sind schon einmal in einem Zeitalter, wo die Worte sich
nicht so aus der Seele herausringen, daB sie einen idealen Schwung
annehmen. Und das wird immer weniger. Aber wenn dieser ideale
Schwung nicht da ist, wenn, mit andern Worten, der Mensch im
wachenden Zustande nicht in der Lage ist, auBer von den physischen
Dingen auch von seinen Idealen zu sprechen, gewissermaBen sich
hinzuwenden an dasjenige, was eben dem Ideal angehort, was iiber
die physische Welt hinausliegt, was dem Leben Ziele gibt, die iiber
das physische Leben hinausliegen, wenn der Mensch nicht in seiner
Tagessprache Worte entwickelt fur Ideale, wenn nicht die Sprache
selber in Idealismus ergossen ist — dann findet der Mensch nur auBer-
ordentlich schwierig wahrend des schlafenden Zustandes jenen Zu-
sammenhang mit dem Erzengelwesen, der ihm eigentlich notwendig
ist, und dann kommt im schlafenden Zustande keine Ordnung hinein
in dasjenige, was sich da abspielen soil zwischen der menschlichen
Seele und der Hierarchie der Archangeloi. Wenn das der Fall ist, wenn
der Mensch dem Materialismus verfallen ist, in seiner Sprache keinen
Idealismus entwickelt, die Worte nach und nach so geworden sind,
daB der Mensch nur mehr wenig spricht von Idealen, dann verflieBt
das irdische Leben so, daB der Mensch jede Nacht eigentlich, wenn
ich mich so ausdriicken darf, den AnschluB versaumt an das Erzengel-
wesen. Dann wird es ihm schwer, mit der geistigen Welt so innig ver-
bunden zu sein, daB er nun auch in geniigender Weise das Leben nach
dem Tode, vom Tode zu einer neuen Geburt, kraftig durchleben
kann. Der Mensch schwacht sich dadurch, daB seine Sprache keinen
Idealismus enthalt, fur das Leben zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt.
Zu wissen, wie es sich mit diesen Dingen verhalt, ist eigentlich
schon ein Lebenswissen. Derjenige, der weiB, was es fur eine Be-
deutung hat, wenn die Sprache keinen Idealismus enthalt, der wird
endlich die Kraft gewinnen, wiederum einzutreten dafiir, daB in die
menschliche Sprache auch Idealismus hineinkommt. Schon wahrend
des Erdenlebens kann man bemerken, daB derjenige nicht zu seiner
rechten Kraft kommt, der aus dem Erzengelwesen nicht die notige
Kraft heraussaugen kann in diesem Zustand vom Einschlafen bis zum
Aufwachen. Wir kdnnen geradezu sagen in bezug auf dasjenige, was
die Sprache an uns als Menschen wahrend des Schlafes tun soli: Um
das in der rechten Weise als Ergebnis fur das Leben zu bekommen,
miissen wir uns wirklich bemiihen, solchen Idealismus zu haben, daB
in die Worte nicht bloB die Verstandigung iiber das alltagliche Leben
einflieBt, sondern in die Worte auch Geistiges in Form des Idealismus
einflieBt.
Aber noch starker tritt das hervor, wenn wir jetzt auf den schlafen-
den Zustand des Ich schauen. Das Ich nimmt mit hinaus in den schla-
fenden Zustand Zufriedenheit und Unzufriedenheit iiber dasjenige,
was die GliedmaBen getan haben. Geradeso wie der astralische Leib
durch die Nachwirkung der Sprache an die Hierarchie der Erzengel
herangetragen wird, so wird das Ich durch das, was es da als Nach-
klang der taglichen Verrichtungen durch Arme und Beine hinaus-
bringt in den Schlafzustand, herangetragen an die Hierarchie der
Urkrafte, der Archai, der Urbeginne. Aus diesen Urbeginnen kommt
uns dann die Kraft, erstens den physischen Leib in der richtigen Weise
zu durchdringen, so daB wir nicht nur das Gute wollen, sondern bis
zu einem gewissen Grade auch imstande sind, die Triebe des physi-
schen Leibes soweit zu beherrschen, daB wir kein Hindernis haben an
unserem physischen Leib, um dasjenige zu tun, was wir in der Freiheit
des Gedankens uns als Pflicht oder als Ziel vorsetzen. Wir sind frei
im Gedanken. Aber die Kraft, die Freiheit im Leben anzuwenden,
bekommen wir nur, wenn wir in den Schlaf hinaustragen den richtigen
Zusammenhang mit den Urkraften, mit den Archai.
Aber wie konnen wir das? Der Idealismus bringt unseren astra-
lischen Leib in richtiger Weise mit den Erzengelwesen in Zusammen-
hang. Was bringt unser Ich in der richtigen Weise mit den Urkraften
in Zusammenhang? Wenn auch wir zunachst unbewufit in der Nacht
bleiben - aber das Wesen aus der Hierarchie der Urkrafte hat ein
volliges BewuBtsein von der Sache, nimmt dasjenige auf, was wir
unbewuBt haben, und entwickelt es zu einem ausgesprochenen Ge-
danken der Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem, was wir am
Tage getan haben. Was aber bringt uns in einen richtigen Zusammen-
hang mit diesen Urkraften, in einen solchen Zusammenhang, wie wir
ihn durch den Idealismus in der Sprache zu den Erzengeln be-
kommen?
Es gibt nichts anderes, um wahrend des Schlafens in bezug auf sein
Ich in den richtigen Zusammenhang mit den Urkraften zu kommen,
als wirkliche, echte, wahre Menschenliebe, unbefangene Menschen-
liebe, allgemeine Menschenliebe, richtiges Interesse fur jeden Mit-
menschen, mit dem uns das Leben zusammenbringt, nicht Sympathie
oder Antipathie, die nur aus irgend etwas herauskommen, das wir
nicht iiberwinden wollen. Echte, wahre Menschenliebe wahrend des
Wachzustandes fuhrt uns zwischen dem Einschlafen und Aufwachen
in den SchoB der Urkrafte, der Archai, in der richtigen Weise hinein.
Und da wird, wahrend das Ich im SchoBe der Archai ruht, das Karma,
das Schicksal geformt. Da entsteht das Urteil: Ich bin unzufrieden mit
demjenigen, was ich mit meinen Armen und Beinen getan habe. Und
aus dem, was da als eine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit sich
ergibt, entsteht nun nicht bloB das, was gilt fur die Zeit kurz nach
dem Tode, sondern fur das nachste Erdenleberi; es entsteht die Kraft
zum richtigen Bilden des Schicksals, so daB auch wirklich die Dinge
ausgeglichen werden, die wir in einem Erdenleben empfunden haben
wahrend des Schlafes, im Ich, im Zusammenhange mit den Ur-
kraften.
Wenn Sie dies bedenken, so sehen Sie genau hinein in diesen merk-
wiirdigen Zusammenhang des Ich und des Schicksals, des Karma.
Wahrend wir sozusagen dem astralischen Leibe ansehen, wie er, wenn
der Mensch ein Idealist ist, die Sprache als eine Opfergabe den Erz-
engeln ubergibt, so daB ihn dann die Erzengel in der richtigen Weise
zwischen Tod und neuer Geburt leiten konnen, so sehen wir, wie das
Ich an dem Schicksal webt. Da wird das Karma ausgearbeitet im
Zusammenhange mit den Urkraften, Und die Urkrafte haben wieder-
um die Gewalt, dasjenige uns zu verleihen, was wir brauchen, um
nicht nur die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt durchzugehen,
sondern beim nachsten Herabsteigen ins Irdische mit einer solchen
Kraft anzukommen, daB wir, wenn wir ein kleines Kind sind, jetzt
mit der Erbschaft vom vorhergehenden Erdenleben so oder so gehen
lernen, Gleichgewicht finden lernen, FuBe und Hande, Arme und
Beine differenzieren lernen.
Es ist sehr merkwurdig, zu sehen, wie beim Kinde, wenn es vom
Kriechen zum Gehen iibergeht, wenn es zunachst Gleichgewicht er-
wirbt, in dieser Anstrengung die Art und Weise nachwirkt, wie im
letzten Erdenleben das Ich durch allgemeine Menschenliebe in der
richtigen Weise den Schlaf in Zusammenhang mit den Urkraften ge-
bracht hat. Das druckt sich aus im Gehenlernen. Man kann dies bis
in die Einzelheiten verfolgen. Man kann sehen, wenn ein Kind immer
wieder umkippt, wie das davon herruhrt, daB in einem fruheren Leben
. das Kind starke menschenhassende Gefuhle entwickelt hat. Da ist es
nur herangekommen an die Urkrafte, da hat es nicht die richtige Ver-
bindung mit ihnen gefunden, und gerade in dieses Gehenlernen hinein,
in das fortwahrende Umkippen, da hinein pragt sich die Wirkung
aus. Derjenige, der sich einen richtigen Blick gerade dafur aneignen
wiirde, der also zum Beispiel sich vornehmen wiirde : Ich will dadurch
ein richtiger Erzieher werden, daB ich die Kinder im Gehenlernen
richtig beobachte wer das durchfiihren konnte, der wiirde aus der
Art und Weise, wie das Kind gehen lernt, wirklich Ungeheures von
dem sehen, was man auch als Unterrichtender, als Erzieher karmisch
auszugleichen hat, weil es aus dem vorhergehenden Erdenleben durch
nicht geniigende, oder geniigende, aber falsch angebrachte Menschen-
liebe in dieses Leben hereingebracht worden ist.
Hier sehen Sie, wie die materialistische Ansicht beim Physischen
bleibt. Die materialistische Ansicht beschreibt, wie der menschliche
Organismus wie eine Maschine sich aufrichtet, gehen lernt und so
weiter. Aber mit allem Physischen ist ein Geistiges verbunden, und
derjenige, der den ganzen Vorgang uberschaut, lernt erkennen, daB
im Gehenlernen des Kindes hereinspielt das vorhergehende Erden-
leben. Das heiBt, Gehenlernen ist iiberhaupt die Art und Weise, wie
der Mensch, wenn er ein neues Erdenleben antritt, seinen physischen
Korper beherrschen lernt. Und fur den, der die Sache vollstandig
uberschaut, ist das Gehenlernen nicht erschopft damit, daB man seine
Beine aufrichten kann und den ganzen Korper aufrichten kann, son-
dern das geht so weit, daB es nun zu inneren Prozessen des Menschen
kommt, auch dazu, wie der Mensch nun innerlich Herr wird iiber
seine Driisentatigkeit und so weiter. Denn wenn das Kind gehen ge-
Jernt hat, und schon vorher, kommt es nicht nur auf das Gehen an,
sondern es kommt auch darauf an, daB es, sagen wir, wenn es einen
phlegmatischeren oder cholerischeren Charakter hat oder ein Uber-
maB an den oder jenen Emotionen, dann seine Driisentatigkeit be-
herrschen oder nicht beherrschen lernt. Das hangt wiederum mit dem
zusammen, was wahrend des Schlafes aus den vorhergehenden Erden-
leben aus allgemeinerMenschenliebe oder nicht allgemeiner Menschen-
liebe sich als das Verhaltnis zu den Urkraften herausgestellt hat.
Wenn man materialistisch denkt, so sagt man : Der Mensch ruht im
Schlafe. - Aber er ruht nicht bloB. Wenn er den richtigen Idealismus
wahrend des Wachens entwickelt, so tragt er in den Schlaf hinein fur
den astralischen Leib die Moglichkeit, sich hinaufzuschwingen zu der
Hierarchie der Archangeloi, also mit der geistigen Welt wahrend des
Schlafes so in Beziehung zu treten, daB in der richtigen Weise verlebt
werden kann die Zeit vom Tode bis zu einer neuen Geburt. Natiirlich
tragen wir, wenn wir diese Zeit nicht richtig verleben, auchSchwachen
davon in das Erdenleben hinein. Aber in der Art und Weise, wie sich
der Mensch in ein richtiges Verhaltnis zu den Urkraften, zu den
Archai versetzt, davon hangt es dann ab, wie wir uns das nachste
Leben zu zimmern verstehen. Man sieht also, daB allgemetne Men-
schenliebe geradezu eine schopferische Kraft hat. Denn, wovon hangt
es denn ab, daB irgend jemand stark und kraftig ist in einem Leben,
um semen physischen Leib in den Dienst der Seele zu stellen, beherr-
schen zu konnen seinen physischen Leib? Das hangt davon ab, ob er
im vorhergehenden Leben Menschenliebe, etwas rein Seelisches ent-
wickelt hat.
Sie erinnern sich, wie ich in friiheren Vortragen gesagt habe : Das
Seelische des einen Erdenlebens lebt sich in dem Physischen des nach-
sten Erdenlebens aus, das Geistige des einen Erdenlebens in dem
Seelischen des nachsten Erdenlebens. - Aber so hangen die Dinge zu-
sammen, die ich eben auseinandergesetzt habe.
Man kann nicht blofi so im allgemeinen behaupten, daB es so etwas
wie ein Schicksal, wie ein Karma gibt. Man kann geradezu sagen:
Man schaut, wie der Mensch an seinem Karma arbeitet. Er webt es
wahrend des Schlafes, aber er erntet dasjenige, was er zum Gewebe
braucht, wahrend des Wachens ein. Denn das, was er webt, sind die
Faden, die er wirken muB aus allgemeiner Menschenliebe; oder die
Faden, die fortwahrend abreiBen und ein schlechtes Karma fur das
nachste Leben bilden, das sind diejenigen, die aus MenschenhaB ge-
woben sind. Denn fur das Karma kommen als schopferische Krafte
vor alien Dingen Menschenliebe und MenschenhaB in Betracht.
Nun muB man diese Sache in der richtigen Weise ansehen. Es ist
im Grunde genommen eine bequeme Karmaauffassung, wenn man
sagt: Ich bin krank - nun, das ist mein Karma. Mich hat dieses Un-
gliick getroffen - das ist mein Karma. - Ich will nicht sagen, daB es als
Lebensweisheit besonders beruhigend ist, aber eine bequeme theore-
tische Auffassung ist es, in fatalistischer Weise alles auf das Karma zu
schieben. Es ist aber durchaus nicht richtig so. Denn nehmen Sie an,
Sie betrachten nicht dieses Erdenleben, sondern das drittnachste, so
werden Sie in dem drittnachsten Erdenleben auf dieses jetzige zuriick-
schauen konnen. Dann werden Sie sagen: Es ist mein Karma. - Aber
dasjenige, was Ihr Karma ist, weist in dieses Erdenleben zuriick; da
ist es entstanden. Das heiBt, es ist fortwahrend entstehendes Karma da.
Wir mussen nicht alles in die Vergangenheit zuriickschieben. Wir
miissen uns klar sein, daB in der richtigen Weise zum Karma sich zu
stellen dazu fiihrt, daB man sich sagt: Eine Krankheit, die mich jetzt
trifft, braucht gar nicht die Folge friiherer seelischer Schwachen zu
sein, sondern es kann eine Krankheit zuallererst auftreten. Aber Karma
gilt doch. Trifft mich eine Krankheit, ein Ungliick in diesem Erden-
leben, es wird der Ausgleich kommen, oder dieses Ungliick, diese
Krankheit konnen der Ausgleich sein.
Das heiBt, man muB immer auch mit der Zukunft rechnen, wenn
man von Karma spricht. Das Verhaltnis, das man zum Karma hat, ist
das, daB man unerschiitterlich wird in der Anerkennung der all-
gemeinen Weltengerechtigkeit, daB man also weiB : Alles gleicht sich
aus, aber nicht so, daB man einfach die Reihe der Erdenleben zerreiBt
durch das gegenwartige und alles auf die Vergangenheit schiebt.
Derjenige stellt sich in einer lebensvollen Weise in den karmischen
Verlauf der Lebensereignisse hinein, der da weiB : Ausgleich ist. Aber
das Wesentliche bei der Karmaauffassung ist die Seelenstimmung, die
aus dieser Auffassung kommt. Und die Seelenstimmung, die aus der
Karmaauffassung kommen muB, das ist die, daB fur den Fall, wo
irgend etwas, sagen wir als Ungliick, die Ausgleichung ist fur eine
friihere Seelenschwache, wir darin den AnlaB finden, uns zu sagen:
Hattest du jetzt dieses Ungliick nicht erfahren, so hattest du die
Schwache fernerhin behalten. Wenn du in die Tiefen deiner Seele
hineinsiehst, so muBt du sagen : Es ist recht, daB dieses Ungliick iiber
mich gekommen ist, denn dadurch ist eine Schwache ausgeloscht, eine
Schwache hinweggenommen.
Wer ein solches Ungliick, welches ein Ausgleich ist fur eine vor-
herige Seelenschwache oder Verfehlung, hinwegwiinscht, stellt sich
eigentlich nicht auf den Standpunkt vollstandiger Menschenwiirde. Er
sagt gewissermaBen : Ach, mir ist es gleichgiiltig, ob ich schwach
bleibe oder eine gewisse Starke mir erringel - Allein derjenige faBt
ein Ungliick in der richtigen Weise auf, der da sagt: Falls es fur eine
friihere Schwache ware, ist es gut, daB es mich getroffen hat. Denn ich
werde diese Schwache, die ich gehabt habe, die sich in einer Ver-
fehlung vielleicht ausgedriickt hat, durch das Ungliick fiihlen. Da-
durch losche ich die Schwache aus, ich werde wieder stark.
Und falls ein Ungliick als erster Schritt im Karma kommt, so ist die
richtige Stimmung dagegen diese, daB man sich sagt : Wenn den Men-
schen nur dasjenige treffen wiirde, was er sich wiinscht, so wiirde er
gerade durch einen Lebensverlauf, der so ist, recht schwach werden.
Wir wiirden zwar unter Umstanden in einem oder zwei Erdenleben
bequem und wohl leben, weil immer nur dasjenige iiber uns kommt,
was wir uns wiinschen, aber im dritten, vierten Erdenleben wiirden
wir iiberhaupt seelisch und geistig wie gelahmt sein, weil gar keine
Anstrengung in uns entstehen wiirde, um Widerstande zu iiber-
winden. Widerstande lassen sich ja nur iiberwinden, wenn das Un-
erwartete, das Unerwiinschte kommt. Entwickelt man aber die rechte
Kraft an den Widerstanden, nimmt man genug Menschenliebe hinein
in den Schlaf, dann gestaltet sich dasjenige, was von dem Ich im
Zusammenhange mit den Urkraften, mit den Archai als Karma ge-
woben wird so, daB der richtige Ausgleich in dem nachsten Erden-
leben stattfindet.
Alle anthroposophischen Wahrheiten miissen nicht bloB theore-
tische Wahrheiten sein, durch die man etwas erkennt, sondern sie sind
alle so, daB sie in die Stimmung, in die Gemiitsverfassung iibergehen.
Und derjenige, bei dem sie nicht in die Gemiitsverfassung iibergehen,
der hat sie noch nicht vollstandig erfaBt, der hat sie bloB als theore-
tische Wahrheiten erfaBt. Das richtige Verstehen des Karma, des
Schicksals, fiihrt eben dazu, daB der Mensch zwar, indem er dem
Leben gegeniibersteht, sogar feiner empfanglich wird fur Gliick und
Ungluck, als er sonst es ist - er erlebt stark Gliick und Ungluck
aber er findet auch die Moglichkeit, in seiner Seele sich gewissermaBen
der geistigen Welt gegeniiber in jene Stimmung zu versetzen, die nun
nicht aus einem Glaubensbekenntnis heraus, sondern aus der An-
schauung desjenigen kommt, was Ich und astralischer Leib tun, wah-
rend sie dem Tagesleben entzogen sind. Aus der Anerkenntnis dessen
kommt er in die Stimmung hinein, unerlaBlich festzuhalten an der
Weltgerechtigkeit. Karma verstehen heiBt, in der richtigen Weise die
Weltgerechtigkeit anschauen. Es heiBt nicht, phlegmatisch werden
gegeniiber Gliick oder Ungluck, gegeniiber Freude und Schmerz, aber
es heiBt, Freude und Schmerz, Gliick und Ungluck an die richtige
Stelle des Lebens versetzen.
Nun kbnnen wir sagen: Wenn man den Menschen wahrend des
Tageslebens sieht, so sieht man ja eigentlich nur Ich und astralischen
Leib, wie sie sich betatigen am physischen Leibe, und dann weiB man
nur etwas von der Betatigung am physischen Leibe, nicht von dem
Geistig-Seelischen im Ich und astralischen Leibe. Wenn ich mit einem
Menschen spreche, achte ich auf die Worte, die er mir sagt, und bin
ich dann Materialist, so erklare ich mir das folgendermaBen : Lunge,
Kehlkopf und so weiter arbeiten, dadurch wird die Luft in Schwin-
gungen versetzt, die stoBen an mein Ohr an und so weiter. - Sehe ich
aber die Sache recht an, so sehe ich vibrieren in dem, was als Worte
sich bildet, was in der Sprache sich ausgestaltet, seinen astralischen
Leib. Aber ich finde dann mit diesem astralischen Leibe verbunden
des Menschen Verwandtschaft mit der gottlich-geistigen Welt. Ich
sage mir: Ist der astralische Leib im physischen Leibe darinnen wah-
rend des Tagwachens, dann verbirgt er sich in der Sprache und in
ahnlichen Tatigkeiten. Wahrend der Nacht nimmt er teil an dem
Leben der hoheren Hierarchies Und in einer solchen Weise ist es
auch der Fall mit dem Ich.
So diirfen wir sagen : Wenn der Mensch schlaft, so ruht er sich nicht
bloB fiir das tagliche Leben aus. Dann arbeitet er in der geistigen
Welt, so wie er mit seinem physischen Leib arbeitet und spricht hier
in der physischen Welt. Und so wie der Materialismus ableugnet, dafi
als reales Wesen Ich und astralischer Leib vorhanden sind wahrend
des Schlafens, so muB es auch der Materialismus belassen, daB er
nicht die ganze Welt verstehen kann. Denn was ist fur den Materia-
lismus moralische Welt? Moralische Welt ist fur ihn, was sich der
Mensch vorsetzt in Gedanken, was aber mit den weltschopferischen
Kraften nichts zu tun hat. Fur denjenigen, der wirklich, wahrhaftig
hineinschaut ins menschliche Leben, ist die moralische Weltenord-
nung dasjenige, in dem der Mensch schlafend ebenso stark lebt, wie
er wachend in Luft und Licht lebt.
Da gibt es noch etwas, was wesentlich ist 2u beachten. Wenn wir
sterben, nehmen wir die Sprache heraus - dasselbe gilt dann auch fur
das Karma -, wir sterben, und wir waren das Leben hindurch in
richtiger oder in mehr oder weniger mangelhafter Weise verbunden
mit der Welt der Archangeloi. Das hat sich wiederholt in jedem
Schlafe. Wir tragen durch die Pforte des Todes in die geistige Welt
dasjenige hinaus, was uns die Erzengelwesen im Schlafe gegeben
haben. Da konnen wir uns dann in der richtigen Weise in die geistige
Welt hineinfinden, die der Logos ist, die aus den kosmischen Elemen-
ten besteht, die in den Worten der Sprache ihr Abbild haben, da
konnen wir uns hineinfinden in die geistige Welt fur das Leben
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Aber so einfach ist dies nicht. Wenn wir durch den Tod gehen,
haben wir keinen physischen Korper mehr. Da geniigt das, was die
Erzengel uns mitgegeben haben aus jedem Schlafzustand, um zu
wirken, um es zu verwerten zwischen Tod und neuer Geburt. Wenn
wir aber aufwachen als physische Erdenmenschen, mussen wir in den
physischen Leib wiederum untertauchen. Das konnen uns die Erz-
engel gar nicht vermitteln. Da mussen noch hohere Hierarchien mit-
wirken: diejenigen Wesen, die ich in meiner «Geheimwissenschaft»
bezeichnet habe als die Exusiai und als die Kyriotetes. Die mussen das,
was wir zunachst im Verein mit den Erzengeln durch die Geistigkeit
der Sprache uns errungen haben, in die Triebe und Begierden des
physischen Leibes, der uns sonst Widerstand leistet, hineinbringen.
Da flammt es dann auf als Gewissensstimme. Aber indem das, was wir
aus dem Schlaf in den Leib hineintragen, als Gewissensstimme auf-
flammt, wirkt in dieser Gewissensstimme dasjenige, was in der Hier-
archie der Exusiai und der Kyriotetes, als einer hoheren Hierarchie als
der der Erzengel, gegeben ist.
Wenn wir also in der physischen Welt herumschauen und finden,
daB der eine oder der andere Mensch das Gewissen so stark entwickelt,
daB sein physischer Leib bessere Triebe, bessere Instinkte bekommt,
dann haben infolge des Idealismus seiner Sprache Kyriotetes und
Exusiai in der richtigen Weise an ihm gewirkt.
Und wiederum, wenn der Mensch durch allgemeine Menschenliebe
in den richtigen Zusammenhang kommt mit den Archai, mit den
Urkraften, so arbeitet er sich sein Karma in einer solchen Weise aus,
wie es eben in dem nachsten Erdenleben im Gehenlernen, im Gleich-
gewichtlernen, im Geschicklichwerden der Arme, im Beherrschen des
Driisensystems und so weiter in der allerersten Kindheitszeit, wenn
wir uns in das Erdenleben hereinschlafen, sich in den Korper hinein-
fugt. Denn wir haben uns das erworben, daB wir sozusagen im Verein
mit den Urkraften, mit den Archai zwischen Tod und neuer Geburt
arbeiten konnen. Aber damit der Mensch hier auf Erden in einer
richtigen Weise eine feine Empfindung, ein scharfes BewuBtsein be-
kommt fur seine eigenen Taten, dazu ist notwendig, daB diejenige
Hierarchie, die ich Ihnen in der «Geheimwissenschaft» bezeichnet
habe als die Dynamis, im Zusammenhang wirkt mit den Archai, also
wiederum Wesenheiten einer hoheren Hierarchie.
Wenn dem Menschen nun allgemeine Menschenliebe fehlt, richtiges
Interesse an seiner menschlichen Umgebung fehlt, so findet er nicht
den richtigen AnschluB an die Archai. Dadurch verdirbt er sich die
Moglichkeit, sich sein Karma fur das nachste Erdenleben in der rich-
tigen Weise zu weben, und es miissen weitere Erdenleben kommen,
durch die er das ausgleicht, Aber fur dieses Erdenleben hat er noch
das im Nachteil, daB er immer weniger und weniger die Kraft be-
kommt, die Urteile, die gebildet werden, Zufriedenheit oder Un-
zufriedenheit mit dem, was Beine und Hande tun, hinauszutragen in
den physischen Leib. Denn das konnen wir nicht selber, da mussen
wir durch verstarkte Menschenliebe in der richtigen Weise mit den
Dynamis zusammenkommen, Die tragen dann in der richtigen Weise
in unseren physischen Leib die Kraft herein, die das Richtige ausfuhrt.
Sonst klappen wir zusammen, trotzdem wir das Richtige einsehen.
Frei werden konnen wir in Gedanken. DaB wir aber auch die Frei-
heit in der richtigen Weise im physischen Leben gebrauchen konnen,
dazu mussen wir das richtige Gleichgewicht im Wachen und Schlafen
herstellen, weil wir in der richtigen Weise nicht nur mit den Urkraften,
sondern auch mit den Dynamis zusammenkommen mussen.
Die hochste Hierarchie, Seraphim, Cherubim, Throne, sie wollen
das, was wir tun, hinaustragen in die Welt, Exusiai, Dynamis, Kyrio-
tetes tragen aus dem Schlaf als moralische Kraft dasjenige, was wir in
Gedanken erfassen, herein in unser korperliches Wesen. Die Sera-
phim, Cherubim und Throne tragen das wiederum hinaus in die Welt,
so daB unsere eigenen moralischen Krafte weltschopferische Krafte
werden.
Wenn also die Erde einmal in den Jupiterzustand iibergehen wird
und unsere moralischen Krafte bei dieser Umwandlung ihre richtigen
Funktionen ausfuhren, haben die Seraphim, Cherubim und Throne
natiirlich damit nur etwas zu tun, wenn wir ihnen die notigen Unter-
lagen dafiir geben. Ubergeben wir ihnen dadurch, daB wir immer
schwacher und schwacher werden, Zerstorungskrafte, dann arbeiten
wir mit an der Zerstorung der Erde, nicht an dem Auf bau des Jupiter.
Sie sehen, die Gliederung der geistigen Welt ist in der Anthropo-
sophie wahrhaftig nicht bloB dazu da, daB man fur einzelne Stufen
Namen hat, sondern man kann nach und nach wirklich eingehen in
den ganzen Zusammenhang der Welt, kann den Zusammenhang des
Menschen mit der geistigen Welt so iiberschauen, wie man sonst den
Zusammenhang des Menschen mit der physischen Welt uberschaut.
Und das ist dasjenige, was den Menschen wiederum die rechte Kraft
geben wird zu einem auf bauenden Leben, wenn sie in dieser Weise
den Weg finden, um ihren Zusammenhang mit der geistigen Welt
einzusehen, wenn sie nicht bloB glauben, der Schlaf sei da, um zu
ruhen, sondern die Oberzeugung gewinnen : Der Schlaf ist da, um mit
der geistigen Welt unter den Nachwirkungen des physischen Lebens
in den richtigen Zusammenhang zu kommen.
Ja, es ist schon richtig, die geistig-moralische Welt kann der Mensch
leugnen, weil er sie zunachst in diesem Erdenstadium verschlaft. Aber
es muB durch eine wirkliche Wissenschaft herauskommen, was der
Mensch da verschlaft. Er verschlaft namlich dasjenige, was sich in das
Erdenleben herein als himmlisches Dasein erstreckt. Dazu hat der
Mensch den Schlaf, daB er tatsachlich aus der geistigen Welt sich die
entsprechende Kraft herausholen kann gerade fur sein physisches
Leben.
Betrachten Sie jetzt von diesem Gesichtspunkte aus den Zusammen-
hang desjenigen, was ich versuchte, Ihnen heute skizzenhaft dar-
zulegen, mit meiner « Philosophic der Freiheit». Da werden Sie finden:
Ich habe ausdriicklich betont, es kame nicht darauf an, daB man die
Theorie aufstellt, der Wille solle frei sein, sondern der Gedanke soil
frei sein. Der Gedanke muB gerade den Willen beherrschen, wenn man
ein freier Mensch sein will. Aber damit der Wille dem freien Gedanken
nicht einen unmoglichen Widerstand bietet, muB der Mensch sein
Leben in entsprechender Weise einrichten. Den Gedanken konnen
wir frei machen als Mensch, der wir geworden sind in der physischen
Welt. Das Gemiit und den Willen bekommen wir bloB frei, wenn wir
fur das Gemiit in das richtige Verhaltnis zu den Erzengeln, wenn wir
fur den Willen in das richtige Verhaltnis zu den Archai kommen.
Daher ist es aber auch so : Dasjenige, was in der Sprache lebt, lassen
wir mit dem Geistig-Seelischen hinausgehen in der Nacht. Dasjenige,
was in unseren GliedmaBen lebt, lassen wir auch hinausgehen. Astra-
lischer Leib und Ich gehen hinaus. Der atherische Leib bleibt beim
physischen Leib. Das Denken, das an den atherischen Leib gebunden
ist, das setzt sich fort im atherischen Leib. Nur wissen wir im gewohn-
lichen BewuBtsein nichts davon, wie der atherische Leib vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen denkt, weil wir drauBen sind. Es ist gar
nicht wahr, daB wir in dem schlafenden Zustand nicht denken, wir
denken vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Die Gedanken laufen
fortwahrend ab in unserem Atherleib, nur weiB der Mensch nichts
davon. Er fangt erst wiederum an etwas zu wissen, wenn er unter-
taucht; da werden die Gedanken wieder lebendig fur sein BewuBt-
sein. Deshalb, weil die Gedanken mit dem physischen Erdenleben
durch den Atherleib so verbunden sind, ist es, daB der Mensch in
Gedanken frei sein kann. Denn auf die Erde ist er versetzt, um frei
zu werden. Die Kraft der Freiheit kann er sich nur aus der geistigen
Welt holen, die Kraft zur Freiheit im Gemiite, die Kraft zur Freiheit
im Willen.
Das ist der Zusammenhang mit der Tatsache, daB der Mensch seine
eigentliche Denkgrundlage, den Atherleib, durch das ganze Erden-
leben hindurch behalt. Der Atherleib geht wahrend des Erdenlebens
nicht hinaus in eine kosmische Welt. Der astralische Leib und das Ich
gehen hinaus. Erst wenn der Tod eintritt, geht auch der Atherleib
hinaus. Da kommt dann die Riickschau auf das Leben durch ein, zwei,
drei Tage, wo der Mensch sein ganzes Leben iiberschaut, so ahnlich,
wie ich das gestern fur die Imagination, die erste Stufe des iibersinn-
lichen Erkennens, beschrieben habe. Es tritt das nach dem Tode unter
alien Umstanden ein, daB der Mensch also zuriicksieht auf sein ver-
flossenes Erdenleben. Aber wahrend das ganze Meer der Gedanken,
die er schlafend und wachend zwischen der Geburt und dem Tode
durchgemacht hat, da ist, wahrend diese in den ersten drei Tagen
nach dem Tode daliegen wie ein Meer von ineinanderwebenden Ge-
danken, nimmt der Kosmos diese Gedanken sogleich danach in An-
spruch. Sie losen sich auf, und nach zwei bis drei Tagen ist die ganze
Riickschau in den Kosmos verflogen. Wir sagen, der Atherleib hat
sich auch getrennt. In Wahrheit hat der Kosmos den Atherleib auf-
genommen, aufgesogen. Er hat sich immer mehr und mehr ver-
grofiert, bis er endlich ganz in den Kosmos aufgegangen ist. Da wer-
den wir dann wiederum als Ich und Astralisches aufgenommen in den
SchoB der hoheren Hierarchien. Und erst, wenn wir wiederum einen
Atherleib bekommen, konnen wir zum Erdenleben heruntersteigen,
konnen wir die Arbeit an uns zum freien Menschen fortsetzen. Denn
das Erdenleben hat als Ziel, den Menschen zum freien Menschen zu
machen. Das kann ihm auf Erden geschenkt werden, was im reinen
Denken als Grundlage zur Freiheit liegt. Deshalb bleibt aber auch
der Atherleib durch das ganze Erdenleben mit dem physischen Leibe
verbunden, das heiBt, lost sich mit dem Tode auf in Welten, wo
die Freiheit nicht erlernt wird. Die wird wahrend des Erdenlebens
erlernt; Sie wissen ja, auch nur wahrend gewisser Epochen des
Erdenlebens.
So konnen wir einsehen, daB die Freiheit durchaus in richtiger Ver-
bindung mit dem Karma steht, denn die Freiheit hat zu tun mit dem,
was im Bette liegen bleibt, was mit uns auch wahrend des Schlafes
verbunden 1st, was sich nicht trennt von uns. Das Karma wird ge-
woben von dem Ich zwischen Einschlafen und Aufwachen. Das Karma
wird gewoben abseits von dem im Menschen, worin die Freiheit liegt.
Das Karma webt auch nicht an den freien oder unfreien Gedanken,
das Karma webt an Gemut und Willen. Da kommt aus den Tiefen der
Menschennatur heraus, aus dem traumenden Gemiit und dem schla-
fenden Willen, das Karma herauf. In dieses konnen wir hineingieBen,
das heiBt, dem entgegenstellen dasjenige, was in der Freiheit der Ge-
danken, im reinen Denken, in den ethischen, moralischen Impulsen
lebt, wie ich sie beschrieben habe in der « Philosophic der Freiheit »;
diese mussen im reinen Denken liegen.
So schlieBt sich wirklich alles zusammen. Und das ware so not-
wendig, daB man immer mehr und mehr darauf aufmerksam wiirde,
wie, je weiter man in der Anthroposophie vorriickt, desto mehr sich
alle Einzelheiten zusammenschlieBen. Naturlich, wenn jemand heran-
kommt an irgend etwas, was dieses oder jenes Gebiet darstellt, kann
er Widerspruch iiber Widerspruch flnden. Das ist gar nicht anders
moglich, weil man, um einzusehen, daB es so ist, wie es auf einem
einzelnen Gebiete dargestellt wird, doch eben das eine Gebiet im Zu-
sammenhange mit dem Ganzen betrachten muB. Sonst urteilt man so
wie einer, der iiber einen einzelnen Planeten urteilt und nicht begreifen
kann, warum sich der so oder so bewegt: man muB das ganze Planeten-
system beachten. Und so muB man auch, will man etwas wissen iiber
Welt und Leben, den Zusammenhang, die physischen, seelischen und
geistigen Tatsachen und die Einzelheiten der Tatsachenwelten ver-
suchen zu uberschauen.
Das wollte ich Ihnen heute, wo sich die Moglichkeit gegeben hat,
daB wir auch wieder im Zweige zusammensein konnten, auseinander-
setzen. Ich wollte damit etwas beitragen dazu, daB Sie die Stimmung
empfinden, die der Mensch dem Karma, das heiBt der Weltgerechtig-
keit gegenuber entwickeln kann, wenn er in der richtigen Weise sich
einlebt in die Anthroposophie. Denn auf die Empfindungen kommt es
an, die wir ins Leben hiniiber tragen, nicht auf das bloBe Einsehen des
Theoretischen. Moge es Ihnen wirklich immer mehr und mehr ge-
lingen, dasjenige, was Ihnen die Anthroposophie gibt, nicht bloG zum
Gedankeninhalt, sondern zum Seeleninhalt, oder, wie man richtig
sagt, zum Herzensinhalt zu machen. Und je mehr es gelingt, dafi
Anthroposophie Herzensinhalt derjenigen ist, die sie verstehen wollen,
desto mehr wird es auch gelingen, Anthroposophie immer mehr in
das allgemeine Kultur- und Geistesleben einzufuhren. Und das brau-
chen wir gar sehr, sonst wird die Menschhek mit den alten Tradi-
tionen, mit den alten Dingen nicht vorwartskommen konnen. Ver-
suchen Sie, immer mehr und mehr den Weg der Anthroposophie
vom Kopf zum Herzen zu finden. In Ihren Herzen wird Anthropo-
sophie gut geborgen sein.
DER 1NDIVIDUAL1S1ERTE LOGOS UND DIE KUNST,
AUS DEM WORTE DEN GEIST HERAUSZULOSEN
Stuttgart, 2. Mai 1923
Auf dem anthroposophischen Boden der Gegenwart muB es dazu
kommen, wiederum die Kunst zu entwickeln, welche eine der Kiinste
der alten Mysterien war, jener Mysterien, die auf eine ganz andere
Art menschlicher Erkenntnis aufgebaut waren, als wir heute auf-
bauen, die aber in ihren Gebrauchen, in demjenigen, was ihrer ganzen
Handlungsweise zugrunde lag, vieles hatten, was der Menschheit
verlorengegangen ist, und was wieder erneuert werden muB. Die-
jenige Kunst, die ich gerade mit diesen Worten meine, kann man ganz
im Sinne der alten Mysterien bezeichnen, indem man sagt: Es muB
aus den Worten Geist geholt werden. Es war allerdings in den alten
Mysterien so, daB man, wenn man «Wort», « Logos » gesagt hat, etwas
viel Vollwichtigeres meinte, als man heute bei dem Worte «Wort»
meint. Aber wir mussen lernen, mit den Dingen und Vorgangen der
Welt wiederum tieferen und immer tieferen Sinn zu verbinden, und
so auch mit dem Satze: Es muB wiederum dazu kommen, aus den
Worten den Geist zu holen. Wir wollen uns das heute mit einem ganz
bestimmten Beispiel einmal vor die Seele stellen.
Es ist im Grunde genommen etwas auBerordentlich Abstraktes,
wenn man davon spricht, der Mensch bestehe seinem Wesen nach aus
dem physischen Leibe, dem Atherleibe, dem astralischen Leibe, dem
Ich und so weiter. Deshalb wurde auch bei den verschiedensten Ge-
legenheiten versucht zu charakterisieren, was mit diesen einzelnen
Wesensgliedern des Menschen eigentlich gemeint ist. Aber man kann
in solchen Charakteristiken immer weiter gehen, man wird dadurch
immer geistiger. Und in dieser Art wollen wir heute einmal den
menschlichen Atherleib so ins Seelenauge fassen, daB wir dasjenige
charakterisieren, was sich dem ubersinnlichen Schauen uber die Wesen-
heit dieses menschlichen Atherleibes ergibt. Man darf nicht bei der
unbestimmten Vorstellung stehenbleiben, die sich etwa daraus ergibt,
daB man das Verhaltnis dieses Atherleibes zum physischen Leibe in
seiner andersartigen substantiellen BeschafFenheit charakterisiert oder
dergleichen. Das alles sind Annaherungen an die Wirklichkeit, und
erst wenn man diese Annaherungen an die Wirklichkeit immer weiter
treibt, dann kommt man dazu, in das wahre Wesen einer solchen
Sache einzudringen.
Nun wissen wir alle, daB, wenn der Mensch innerhalb seiner Erden-
wirklichkeit in den schlafenden Zustand iibergeht, dann innerhalb des
physischen Leibes auch der Atherleib zuriickbleibt und daB, wie wir
es ja immer charakterisiert haben, herausgehen aus diesem physischen
Leibe und dem Atherleibe der astralische Leib und das Ich. Dieser
astralische Leib und das Ich sind auf der gegenwartigen Stufe ihrer
kosmischen Entwickelung, ich mochte sagen, noch so lebensschwach,
daB sie keine bewuBten Erlebnisse zwischen dem Einschlafen und dem
Aufwachen haben konnen. Welcher Art diese unbewuBten Erlebnisse
sind, die astralischer Leib und Ich zwischen dem Einschlafen und dem
Aufwachen haben, davon haben wir auch annaherungsweise schon
des ofteren gesprochen.
Wir wollen aber heute den Blick einmal zuruckrichten auf dasjenige,
was sozusagen im Bette liegen bleibt, wenn der Mensch schlaft, und
insbesondere auf den atherischen Leib sehen, gewissermaBen das
Wort Atherleib so behandeln, daB wir aus ihm den Geist herausholen
mit derjenigen Kunst, von der ich eben sagte, daB sie in den alten
Mysterien geiibt worden ist. Da handelt es sich wirklich dann darum,
diesen Atherleib einmal ins Seelenauge zu fassen, zu sagen, was da
eigentlich der ubersinnlichen Anschauung sich ergibt als das Wesen
dieses Atherleibes, wenn der Mensch schlaft. Wir sehen mit dem Ein-
schlafen den physischen Leib immer mehr und mehr zur Ruhe kom-
men, wir sehen, wie der Mensch wahrend des Schlafzustandes die
Moglichkeit verliert, seine Glieder zu bewegen. Wir sehen aber auch,
wie er die Moglichkeit verliert, seinen Willen durch die innere leib-
liche Struktur so zu senden, daB seine Sinne tatig sein mtiBten. Das
Verhaltnis der AuBenwelt zu den Sinnen andert sich nicht, aber das
Verhaltnis der Sinne zur AuBenwelt andert sich dadurch, daB der
Mensch gewissermaBen auch innerlich so ruhig wird, wie er mit Bezug
auf seine Arme und Beine auBerlich ruhig wird, so daB der Wille
nicht durch die Sinnesorgane geschickt wird und die Sinnesorgane
nicht der AuBenwelt jene feinen Bewegungen entgegenbringen, die
da sein miissen, wenn Sinneswahrnehmungen zustande kommen. Aber
es ist ein volliger Irrtum, zu glauben, daB die Sinnesorgane selbst,
oder besser gesagt der Raum, in dem die Sinnesorgane sich aus-
breiten, von Untatigkeit erfiillt ist wahrend des Schlafes. Der physische
Leib bleibt ruhig seiner ganzen Ausdehnung nach, aber der Ather-
leib des Menschen wird um so tatiger, um so innerlich beweglicher
zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Das ist gerade das
Charakteristische, daB in demselben MaBe, in dem sich die Tatigkeit
des physischen Leibes beim Einschlafen und nach demselben beruhigt,
um so mehr eine immer regere Tatigkeit des atherischen Leibes mit
dem Schlafen beginnt. Und diese Tatigkeit und Regsamkeit des athe-
rischen Leibes strahlt insbesondere von den Sinnen aus. So daB man
sagen kann: Richtet man den ubersinnlichen Blick, das ubersinnliche
Anschauen auf den schlafenden Menschen, das heiBt auf dasjenige
vom Menschen, was in der physischen Hiille da ist, dann findet man,
wie von den Orten, an denen die Sinnesorgane lokalisiert sind, nach
innen eine fortwahrende Tatigkeit und Regsamkeit strahlt. Und diese
Tatigkeit und Regsamkeit ist das Leben des Atherleibes oder Lebens-
leibes wahrend des Schlafes.
Man sieht zum Beispiel, wie mit dem Einschlafen eine besondere
Regsamkeit beginnt von dem Orte der menschlichen Augen aus. Es
ist mit diesen Augen so, als ob durch die Einwirkungen des Lichtes
wahrend des Wachens das Auge sich anftillte mit Kraften zu einer
Tatigkeit, die sich erst entfaltet mit dem Einschlafen. Und diese Tatig-
keit ist eben eine atherische. In demselben MaBe, in dem die Licht-
und Farbenwirkungen von auBen im Auge sich verfinstern, beginnen
die Augen selber wie zwei phosphoreszierende Sonnen atherisch das
innere Wesen des physischen Teiles des schlafenden Menschen zu
durchstrahlen. Ein phosphoreszierendes Glimmlicht durchhellt den
Innenraum des Menschen. Sie brauchen sich nicht zu verwundern,
daB dieses phosphoreszierende Glimmlicht, das nach dem Inneren des
Menschen erstrahlt, nicht in der gewohnlichen Art gesehen werden
kann. Denn daB die Augen des andern Menschen dasjenige, was da im
Inneren wahrend des Schlafens glimmt, nicht sehen, das ist zu be-
greifen, weil der Mensch durch seine ganze Organisation fur das
physische Auge undurchsichtig ist, zu den undurchsichtigen Korpern
gehort. Dasjenige, was im Inneren vorgeht, wird mit den auBeren
physischen Augen nicht gesehen. Aber im Inneren des physischen
Leibes ist zunachst kein Organ, welches dieses Glimmende, Phospho-
reszierende unmittelbar sehen konnte.
Damit haben wir eine der inneren Tatigkeiten und Regsamkeiten
des atherischen Leibes im Menschen wahrend des Schlafes charakte-
risiert. In diese Tatigkeit stromt eine andere hinein. In der Tat, das-
jenige, was ja der Mensch noch im Einschlafen verspiiren kann - ein
gewisses Summen und Zirpen, stromendes Rauschen seiner Innen-
organisation -, setzt sich wahrend des Schlafzustandes in einer auBer-
ordentlich melodien- und harmonienreichen musikalischen Regsam-
keit fort, die auch das ganze Innere des Menschen wahrend des
Schlafes durchsetzt. Diese musikalische Regsamkeit dauert vom Ein-
schlafen bis zum Aufwachen. Und die auBerhalb des physischen und
Atherleibes befindlichen Wesensglieder Ich und astralischer Leib wer-
den stark beeindruckt von demjenigen, was sie da im Bette zuriick-
gelassen haben als den tonenden, klingenden atherischen Leib, der
aber in seinem Tonen und Klingen zugleich leuchtet. Nur bleibt zu-
nachst dasjenige, was da als Eindruck auf Ich und astralischen Leib
ausgeubt wird, im UnbewuBten.
Ebenso werden nach dem Inneren des Menschen atherische Warme-
stromungen, und zwar von der ganzen Oberflache der Haut, nach
innen gestrahlt. Zusammen mit manch anderem, was ferner Hegt dem
in der auBeren Welt als Warme, Licht und Tone Wahrgenommenen,
was man daher auch schwer charakterisieren kann, ergibt das alles ein
ungeheuer schones, groBartiges, gewaltiges inneres Regen und Be-
wegen und Fluten des atherischen menschlichen Leibes. Das ist so,
wie wenn sich aus dem Universum mit dem atherischen Leibe des
Menschen herauserhobe, aus inneren Griinden - welche inneren
Griinde aber keine andern sind als die menschliche Wesenheit selber,
als ihr Dasein -, erhobe inselartig, mochte ich sagen, aus dem all-
gemeinen Atherischen des Kosmos heraus: dieses besondere Tonen
und Leuchten und Fluten in Warmestromungen des individuellen
atherischen Leibes des Menschen. Und dieses warmende Fluten, dieses
phosphoreszierende Leuchten, dieses musikalische Tonen, sie sind es
ja auch, welche wenige Tage nach dem Tode des Menschen als athe-
rischer Leib sich loslosen vom astralischen Leibe und Ich und hinaus-
fluten, hinausstromen in den allgemeinen Ather des Universellen, des
Kosmischen.
Vielleicht haben manche von Ihnen bemerkt, wie dem Menschen,
wenn er des Morgens aufwacht und abends etwa bei einem Konzerte
war, das auf ihn einen lebendigen Eindruck gemacht hat, das Auf-
wachen so erscheint, als ob die Seele sich herauserhobe aus dem
wiederholten Erleben der im Konzert gehorten Musik. Es ist so, als
ob die Seele noch einmal wahrend des Schlafes das ganze Konzert
durchgemacht hatte. Der Vorgang ist aber komplizierter, als er dem
gewohnlichen BewuBtsein erscheint. Denn in Wahrheit erhebt sich die
Seele von den Eindrucken jener Weltenmusik, die sich individualisiert
im menschlichen Atherleibe. Aber indem der Mensch wiederum zu-
ruckkehrt in seinen Atherleib und durch die Eindrucksfahigkeit des
physischen Leibes alles dasjenige, was ich Ihnen fur diesen Atherleib
geschildert habe, iibertdnt wird, iibersetzt die menschliche Seele das-
jenige, was individualisierte kosmische Musik ist, in die zuletzt ge-
horten irdischen Tone. Die sind gewissermaBen das Kleid, das sich
diese kosmische Musik im Momente des Aufwachens uberzieht, weil
diese kosmische Musik eine gewisse Gemeinschaft mit den flutenden
Tonmassen des gehorten Konzertes hat. Weil der Mensch im gewohn-
lichen BewuBtsein unfahig ist, die kosmische Musik zu vernehmen,
umkleidet sich diese kosmische Musik mit dem, was ihr am meisten
vergleichbar ist aus dem irdischen Leben: mit den im Konzert ge-
horten Tonmassen. So ist das wirkliche Erlebnis, das einer Erschei-
nung zugrunde liegt, die vielleicht die meisten von Ihnen einmal
gehabt haben.
Sie sehen also, welch Kompliziertes eigentlich im menschlichen
Atherleib enthalten ist. Und wenn man versucht, weiter einzudringen
mit den Mitteln, mit denen man in solche Welten eindringen kann,
dann merkt man, daB dieses warmende Stromen, dieses phosphores-
zierende milde Leuchten, diese fluktuierende Musik die auBere Offen-
barung fur waltende Weltenwesen ist. Eigentlich ist alles dasjenige,
was ich Ihnen beschrieben habe, wiederum das auBere Kleid, die
auBere OfTenbarung, der Schein von waltenden Weltenwesen. Und
diese waltenden Weltenwesen enthullen sich als diejenigen, die wir
aus der anthroposophischen Lkeratur kennen als die Exusiai. Ich habe
daher diese Exusiai auch ofter OrTenbarungen genannt, weil sie ihrer
inneren Wesenheit nach leben in demjenigen, was in den mensch-
lichen Sinnesorganen wahrend des irdischen Schlafzustandes des Men-
schen nach dem Inneren des Menschenwesens hin erstrahlt. In diesem
Erstrahlen offenbart sich eben das Leben und Weben jener Wesen-
heiten der hoheren Hierarchien, die wir die Exusiai nennen.
Nun kann man aber mit denselben Mitteln, mit denen man diese
Offenbarungen der gerade im Schlafe in ihrer atherischen Substanz so
rege werdenden menschlichen Sinne beobachtet, weiter verfolgen, wie
dieses Nach-innen-Strahlen-und-Stromen eben weiter nach innen
wirkt. Geradeso wie man im tagwachen Zustande sich sagt: Du siehst
irgendeinen leuchtenden Gegenstand; man verfolgt dann gewisser-
maBen die Linie vom Auge nach diesem leuchtenden Gegenstande
hin, der leuchtende Gegenstand wird irgendwo auf der Strecke auBen
gefunden, die da die Sehlinie des Auges, also des Sinnesorganes
bildet so kann man, aber jetzt nach innen, dasjenige verfolgen, was
atherisch von den Sinnen nach innen stromt, flutet und strahlt. Man
wird da nicht so lange Wege durchzumachen haben, kurze Wege, man
wird sehr bald auftreffen auf ein anderes. Das phosphoreszierende
Mildleuchten, das von den Augen ausgeht, das musikalische Wirken,
das lokal ausgehend von den Gehororganen sich darstellt, das stro-
mende Warmen, das von dem ganzen Umfange der Haut nach innen
geht, all das geht sehr bald iiber in ein organisch in sich geschlossenes
atherisches System. Wahrend man, wenn man den wachenden Men-
schen beobachtet, den atherischen Leib in Tatigkeit sieht - den ganzen
physischen Leib des Menschen allerdings auch, aber in einer etwas
andern Tatigkeit, als ich sie fur den Schlaf beschrieben habe; man
sieht dann diese Tatigkeit sich ein wenig iiber den physischen Leib des
Menschen heraus ausdehnen -, sieht man jetzt gewissermaBen das-
jenige, was von den Sinnen und von der ganzen Haut nach innen
stromt und wellt und strahlt, eine gewisse Strecke gestaltet wie eine
Art schalenartige Nachbildung des Menschen, die sich nach innen
erstreckt. Man sieht von den Augen nach innen phosphoreszierendes
Leuchten, das dann iibergeht in etwas anderes, was ich gleich be-
schreiben werde. Man sieht das warmende Stromen von der Haut
nach innen gehen, so eine Art Schaie, die dem menschlichen physi-
schen Organismus nachgebildet ist, die eine gewisse Dichte erreicht,
dann aber iibergeht in eine Art Atherorganisation, die in ihrem sub-
stantiellen Gehalt wie durchmischt, zusammengesetzt ist aus musika-
lischem Wirken, phosphoreszierendem Lichte, Warmestromungen.
Das alles und manches andere stromt durcheinander, beeinfluBt sich
gegenseitig, bildet eine Art Organisation, die eben die atherische
Organisation des Menschen ist. Und wenn man nun diese atherische
Organisation des Menschen ins Geistesauge faBt, wenn man beginnt,
sie zu verstehen nach alledem, wie sie sich enthullt, dann kann man sie
nicht anders ansprechen als: sie besteht aus lauter Gedankenformen,
aus stromenden Gedanken. Was da drinnen stromt, ist in jedem Punkte
Gedanke. Wurde man in irgendeinem Augenblick diese fortwahrend
fluktuierende innere Regsamkeit des schlafenden Atherleibes ver-
folgen und in einem Augenblick dann aufzeichnen, wiirde man natur-
lich Linien oder Farbenformen hinmalen, aber wenn man die Sub-
stanz dieser Linien oder Farbenformen charakterisieren sollte, konnte
man nicht anders sagen als: Das ist, wie wenn Gedanken anfangen
wiirden zu stromen. - Es ist dasselbe, was sonst in der Gedanken-
tatigkeit lebt, was aber da ein Stromen, ein Wellen, ein Fluktuieren
wird. Es ist die individualisierte Gedankenbildung des Kosmos. Diese
individualisierte Gedankenbildung des Kosmos enthullt sich als der
individualisierte Logos. Denn eigentlich kann man gar nicht einmal
sagen : Was da im Menschen drinnen stromt und webt als Gedanken-
bildung, als innerer AnschluB an diese nach innen strahlenden und
stromenden Sinnesbewegungen, das ist bloB stromender Gedanke -,
sondern das redet, redet allerdings eine stumme, aber eben eine fur
das Innere des Menschen wahrnehmbare Sprache, redet wirklich -
wie alle Dinge durch den Logos zu uns sprechen - in einer indivi-
duellen Gestalt, driickt aus in einem geistig wahrzunehmenden inneren
Worte das Wesen des Menschen.
Wenn wir also von den Sinnen tiefer nach innen gehen, so erscheint
uns gewissermaBen die nach innen gewendete menschliche Sprache.
Ja, es ist durchaus so, daft man sagen kann : Ich und astralischer Leib
des Menschen, die vom Einschlafen bis zum Aufwachen auBerhalb
des physischen und Atherleibes sind, bleiben allerdings fur das ge-
wohnliche BewuBtsein unbewuBt, aber sie erleben deshalb doch das-
jenige, was geschieht. Und wie sie die atherische Tatigkeit der Sinne
wahrend des Schlafes erleben als nach einwarts gerichtetes Stromen
und Strahlen, so erleben dieses Ich und dieser astralische Leib wah-
rend des schlafenden Zustandes des Menschen den Atherleib als indivi-
dualisierten Logos, wie eine nach innenwarts gewendete Sprache. Es
ist, wie wenn die Sprache, die sonst nach auBen strahlt zu den Ohren
unserer Mitmenschen, sich wahrend des Schlafes atherisch gewandelt
nach innen gewendet hatte, und wie wenn wir alles dasjenige, was wir
wahrend des Tages vom Aufwachen bis zum Einschlafen gesprochen
haben, noch einmal in ruckwartiger Folge - es beginnt mit dem
Abend und endet mit dem Morgen - nach innen aussprechen wiirden.
Wir reden nach innen in einer stummen Sprache wiederum alles das-
jenige, was wir vom Morgen bis zum Abend ausgesprochen haben,
aber so, daB wir unser ganzes Seelisches in dieser nach innenwarts
gewendeten Sprache zur Offenbarung bringen. Also insofern das
Wesen des Menschen in demjenigen erlebt wird, was der Mensch vom
Morgen bis zum Abend spricht, wird dieses im Sprechen Erlebte vom
Abend bis zum Morgen nach innen realisiert in dem tonenden, spre-
chenden Logos, jenem tonenden, sprechenden, individualisierten
Logos, der aber zu gleicher Zeit, wie in das Atherische zeitlich hinein-
schreibend, in jenem glimmenden, mild phosphoreszierenden Lichte
die okkulte Schrift zum Ausdruck bringt fur all das, was da innen-
warts als die andere Seite des am Tage Gesprochenen wahrend der
Nacht zur Wirksamkeit kommt - uberhaupt wahrend des Schlafens :
es ist ja geradeso, wenn der Mensch ein Tages schlafchen halt, nur daB
die Dinge sich dann fragmentarischer ausleben.
Und wenn man wiederum mit denselben Mitteln, mit denen sich das
innere Weben des individualisierten Logos offenbart, nun nachforscht,
was da eigentlich ist, was er da zunachst in einem fur das eigentliche
Wesen der Welt doch auBeren Schein kundgibt, wenn man weiter
priift, was das Wesenhafte ist, dann kommt man darauf: Das ist die
Summe jener Hierarchien, die wir bezeichnet haben in der anthropo-
sophischen Literatur als die Dynamis, die iiber den Exusiai stehen,
Und als drittes findet man dann, wenn man versucht, die Kunst
zu entwickeln, aus den Worten die Wesenhaftigkeiten zu suchen, als
drittes findet man die Wesenhaftigkeiten fur das, was ich einmal be-
schrieben habe wie eine Art Gegenriickgrat. Vielleicht erinnern sich
manche von Ihnen, wie ich vor vielen Jahren beschrieben habe den
menschlichen Atherleib. Schon in «Lucifer-Gnosis», in den Artikeln,
welche das Wesen des Menschen dort wiedergeben, ist beschrieben,
wie die Stromungen, die im Atherleib im allgemeinen liegen, sich
auch ergeben in ihrem Zusammenwirken in solch einem Gebilde, das
nach vorne beim Menschen liegt, wie beim physischen Leibe nach
riickwarts die Knochenbildungen des Riickgrates mit dem Riicken-
markskanal liegen. Wir haben im physischen Leibe dieses vertikal
verlaufende Riickgrat mit dem Ruckenmarkskanal, und wir haben im
atherischen Leibe ein Zusammenstromen, Zusammenstrahlen des-
jenigen, was ich Ihnen eben jetzt beschrieben habe in einer Art von
Gegenriickgrat, das aber, wenn man den physischen Leib ins Auge
fafit, an der vorderen Seite des Menschen liegt. Und wie von dem
physischen Riickgrat die Nervenstrange, aber auch zum Beispiel die
Rippenknochen ausgehen, so verlaufen die erwahnten Strahlungen
und Stromungen in dem atherischen Leibe so, daB sie jetzt nicht aus-
gehen von diesem Gegenriickgrat, sondern in ihm gewissermaBen
zusammenstromen, mit alldem, was sie haben, an der Vorderseite des
menschlichen atherischen Leibes zusammenwirken. Das gibt ein un-
gemein schdnes, groBartiges, gewaltiges atherisches Organ, das aber
insbesondere in einer glitzernden, leuchtenden, tonenden, in allerlei
Warmewirkungen sich entladenden, aber auch innerlich sprechenden
Wesenheit besteht und sich insbesondere so enthiillt wahrend des
Schlafzustandes des Menschen. Und man bekommt, wenn man ge-
nauer zusieht, durchaus eine Anschauung davon, wie dann dieses
Organ dasjenige durchsetzt, was ich einmal, weil solche Dinge mit
vdlliger anschaulicher Bildhaftigkeit beschrieben werden miissen, als
die einzelnen Lotusblumen charakterisiert habe. So daB Sie erkennen
konnen, wie durch dieses Organ, das aus dem Atherleibe zusammen-
stromend sich selber erwirkt und dann mit den Stromungen des astra-
lischen Leibes die Lotusblumen formt, wie durch dieses Organ der
Mensch eben weiter seinen AnschluB findet an die auBerliche astra-
lische, kosmische Welt.
Und wieder ist das eine Art von Offenbarung. Doch wieder ist das
etwas, was man ansprechen kann als einen auBeren Schein, fur den
man die innere Wesenheit suchen muB. Und sucht man diese innere
Wesenheit, so findet man sie in der Hierarchie, die ich in der anthropo-
sophischen Literatur genannt habe die Kyriotetes. Jetzt erst haben
Sie aus dem Worte Atherleib herausgeholt dasjenige, was wesenhafter
Atherleib des Menschen eigentlich ist. Er ist ein Zusammenwirken,
Zusammenfluten, Zusammenweben der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes,
die ihre stromende, flutende, tonende, sprechende Wirksamkeit indi-
vidualisieren und den menschlichen Atherleib bilden.
Aber indem wir dasjenige anschauen, was da individualisierend
Kyriotetes, Dynamis, Exusiai so bilden, daB es, hineinleuchtend in
seiner Individualisierung in den menschlichen physischenLeib, hinein-
warmend, hineintonend, hineinsprechend den menschlichen Atherleib
bildet, dann sind wir auch schon beim astralischen Leib des Menschen
angelangt. Denn in diesem Sich-regend-Betatigen, in diesem indivi-
dualisierenden, aus dem Kosmos stromenden, aber im Menschen sich
individualisierenden Betatigen der zweiten Hierarchie ist dasjenige
enthalten, was menschlicher astralischer Leib ist. Im Atherleibe zeigt
sich diese Tatigkeit, im astralischen Leibe ist sie.
Und nun bedenken Sie diese ganze Tatigkeit, in die da der Mensch
wahrend des Schlafes verwoben ist. In diese Tatigkeit der zweiten
Hierarchie ist er ja wahrend des Schlafes unbewuBt verwoben, diese
ganze Tatigkeit braucht der Mensch, wenn er durch die Pforte des
Todes hindurchgeschritten ist. Denn in dieser Tatigkeit muB er weiter-
hin leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wenn er den
Atherleib als solchen abgestreift hat, wenn hingefiutet ist nach einigen
Tagen dasTonen, dieses musikalischeWirken, dieses mild phosphores-
zierende Leuchten, dieses warmende Stromen. Wenn das einige Tage
nach dem Tode ausgeflossen ist in den universellen Kosmos, wenn
man das Leuchten immer weiter sich ausbreitend, aber auch immer
schwacher und schwacher werdend bemerkt hat, wenn man die Musik
immer stiller und stiller werdend bemerkt hat - ich muBte eigentlich
anders sprechen : wenn man von diesen Regionen spricht, ist es natiir-
lich, ein Ding durch seinen polarischen Gegensatz auszudrucken;
besser ware es, denn das entspricht mehr dem, was der Tote wahr-
nimmt, wenn ich sagen wiirde : Dasjenige, was zuerst wie ein stummes
Tonen ist, das aber fur den inneren Menschen wahrnehmbar ist, das
wird immer lauter und lauter, indem es sich verbreitet, und es ist dann
so, wie wenn man - gerade durch das Lauterwerden, das man nun als
geistig-seelisches, aber fur die Erde abgestorbenes Wesen nicht mehr
vernehmen kann, weil man die physischen Ohren nicht hat, es miiBten
eben physische Ohren da sein - das immer Lauterwerden eben ver-
nimmt wie ein Verglimmen der inneren atherischen Musik.
Ahnlich ist es mit dem andern, das der Mensch da unmittelbar nach
dem Tode in den ersten Tagen durchlebt. Da aber fuhlt er sich in
seinem astralischen Leibe. Aber das ist ja wieder nur die Aufienseite,
von der man spricht, ein Wort: Der Mensch befindet sich in der
Seelenwelt, wie ich es in der «Theosophie» beschrieben habe. Aber
das, was ich dort beschrieben habe, was zunachst denEindruck wieder-
gibt fur das dem Menschen zugangliche nachste Seelenorgan, das ent-
hiillt sich ja fur die im Kosmischen zu entwickelnde universelle, kos-
mische Intelligenz als eine in sich sich verschlingende, in sich sich ver-
webende Tatigkeit der Wesenheiten der zweiten Hierarchic
Und nun bemerken Sie, wie dieses Sein in der Tatigkeit dieser
Wesenheiten der zweiten Hierarchie nach dem Tode zunachst eigent-
lich ist. Man hat gelebt auf Erden zwischen der Geburt und dem Tode,
man hat abgewechselt zwischen dem Wachen und dem Schlafen. Wah-
rend des Wachens war man mit dieser ganzen Tatigkeit, in der die
menschliche Seele lebt, verwoben in Exusiai, Dynamis, Kyriotetes.
Man war mit alldem immer genotigt, in die Formen des physischen
Leibes unterzutauchen. Wahrend des Schlafes lebte man mit dem
Atherleibe, der aber auch diese ganze Tatigkeit hinindividualisiert auf
die Formen des menschlichen physischen Leibes. Da nahm aber diese
Tatigkeit, in die man verwoben war, fur diese zweite Hierarchie auch
all das an, was der Mensch moralisch war: inwiefern er gut und bose
war, inwiefern er dem Irrtum oder der Wahrheit hingegeben war.
Die denWesenheiten der zweiten Hierarchie angemessenen Tatigkeiten
individualisieren sich nach dem hin, was da der Mensch ist als guter
oder boser Erdenmensch, als in Wahrheit oder in Irrtum lebender
Erdenmensch. Und man muB sich erst richten nach dem, was nun die
Wesen dieser zweiten Hierarchie aus ihrem Sein heraus fur eine Tatig-
keit ausiiben wollen fur das Wesen des Menschen.
Man muB gewissermaBen, wenn ich mich grob ausdriicken will, das
Folgende beriicksichtigen. Nehmen Sie an, man ist verkniipft mit
irgendeinem Wesen aus der Hierarchie der Dynamis. Dadurch daB
man das ist, entwickelt man ja dann, indem noch ein Erzengelwesen
diese Tatigkeit vermittelt, die Fahigkeit des Sprechens im mensch-
lichen Organismus. Aber indem man diese Fahigkeit entwickelt, wer-
den gewissermaBen die Tatigkeiten der Dynamis verrenkt und auch
ins Kleinliche verzerrt. Und wenn der Mensch seine Worte dazu ver-
wendet, Boses, HaBerfulltes zu sagen, dann werden sie stark verrenkt,
diese Tatigkeiten der zweiten hoheren Hierarchie. Und das alles muB
wieder eingerichtet werden. Das alles muB so werden, daB der Mensch
nicht in den Formen weiterlebt, die er all dem, was ich da geschildert
habe, gegeben hat durch seine moralische Wesenheit oder auch seine
unmoralische Wesenheit, sondern daB er das alles abstreift und daB
er sich hineinfindet in die Betatigung und Regsamkeit, welche die der
Wesen der zweiten Hierarchie ist. Dieses Abstreifen der Verrenkun-
gen, der Verkleinlichungen, dieses Abstreifen der ins Gegenteil gehen-
den Verkehrungen der Regsamkeiten der zweiten Hierarchie, das wird
bewirkt durch alles dasjenige, was ich als den Durchgang des Men-
schen durch die Seelenwelt beschrieben habe. Und dann ist der Mensch
aufgestiegen zu dem, was ich in der «Theosophie» beschrieben habe
als das Geisterland, wenn der Mensch folgen kann mit seinem eigenen
Ich-Dasein, mit seinem geistig-seelischen innersten Dasein den Tatig-
keiten, die entsprechen dem Wesen der Dynamis und Kyriotetes.
Da haben Sie - mit der Kunst, aus Worten das Wesenhafte hervor-
zusuchen - noch einmal geschildert, charakterisiert das Wesen des
Menschen. So nahert man sich immer mehr und mehr einer An-
schauung des Wesens des Menschen. Man muB, geradeso als wenn
man die Verteilung der Figuren eines Raffaelschen Madonnenbildes,
der Sixtina zumBeispiel, zuerst mit ein paar charakteristischen Strichen
auf die Tafel bloB hinzeichnen wiirde, so mit den Worten physischer
Leib, Atherleib, astralischer Leib, Ich hinzeichnen dasjenige, was in
Wirklichkeit aber voll erfiillte innerliche Regsamkeit und Tatigkeit
ist, innerhalb welcher Regsamkeit und Tatigkeit sich eben die Wesen-
heiten des Kosmos, des physischen, seelischen und geistigen Kosmos
ofTenbaren. Zuletzt kommt man immer auf Wesenhaftes. Wenn man
irgend etwas so schildert, als ob es ein raumlich sich unbestimmt Aus-
breitendes ware, als ob es ein in der Zeit Schwimmendes ware, wenn
man so etwas schildert, was man dann nennt physische Welt, athe-
rische Welt, so schildert man eigentlich immer die OfFenbarung. Man
schildert eigentlich so, wie man, wenn irgendwo in der Feme ein
Muckenschwarm ist, nicht die einzelnen Mucken unterscheidet, son-
dern nur einen grauen Fleck in der Luft sieht: man malt dann einen
grauen Fleck, weil man auch nur einen solchen sieht. So ist ein solcher
grauer Fleck in der eigentlichen Welt das, was man zuerst nennt
Atherleib, astralischer Leib. Sind solche grauen Flecke in der physi-
schen Luft und schaut man dann naher hin, geht man naher heran, so
entdeckt man die einzelnen wesenhaften Mucken. Schaut man naher
zu bei diesen geistigen grauen Flecken, Atherleib, astralischer Leib,
dann entdeckt man immer Wesenheiten.
Wesenheiten, das ist dasjenige, wozu man zuletzt bei aller Welt-
erklarung kommen muB. Denn Wesenheiten sind einzig und allein das
Reale. Es entsteht irgend etwas nur durch das Zusammenwirken von
Wesenheiten, wodurch dann dem undeutlichen Gesichte sich eben
dasjenige ergibt, was nicht wkklich ist. Wie da in der grauen Wolke,
die ja nicht wirklich ist, die Mucken wirklich die einzelnen Wesen-
heiten sind, so sind iiberall in der Welt die einzelnen Wesenheiten das
Wirksame, und das andere ist nur ein Schein, der aus dem Zusammen-
sein der Wesenheiten entsteht. Auch die physische Materie ist ein
solcher Schein. In Wahrheit liegt allem Wesenhaftes zugrunde. Das
muB der Mensch wiederum einsehen, damit er nicht von dem spricht,
was gar nicht da ist, von Materie, oder auch, was nicht besser ist, vom
Geist im allgemeinen, sondern damit er sprechen lernt von Wesen-
heiten, von individuellen Wesenheiten des Weltenalls.
Man hat einstmals in den alten Mysterien verstanden, von Wesen-
heiten des "Weltenalls zu sprechen. Und man hat schon einmal gewuBt,
daB Materie sowohl wie dasjenige, was man im gewohnlichen BewuBt-
sein als Geist bezeichnet, was aber nur ein graues Geistiges ist, das in
alien Dingen pantheistisch darin sein soil, dies nicht etwas ist, womit
man Realitaten bezeichnet, sondern daB man, wenn man Realitaten
haben will, die einzelnen wesenhaften Dinge haben muB. Nur ist das
BewuBtsein von diesen Wesenheiten allmahlich verlorengegangen;
verlorengegangen in dem MaBe, als sich im Menschen selber dieses
Wesenhafte immer mehr und mehr herausgebildet hat. Es ist durchaus
so, daB in der neueren Zeit, beginnend mit dem ersten Drittel des
15. Jahrhunderts - ich habe diesen Zeitpunkt oft erwahnt - der Mensch
immer intellektueller wird. Dasjenige, was er von sich weiB, wird
immer abstrakter. Aber hinter diesem abstrakteren Leben steckt eine
immer mehr in sich lebende Wesenhaftigkeit, die in sich immer voller
wird an innerer Geistigkeit. Und der Mensch hat das ttaumhafte
BewuBtsein verloren, das er einmal hatte von den Wesenhaftigkeiten
im Kosmos, gerade indem er immer mehr und mehr eine sich er-
fassende Wesenhaftigkeit wurde. Er muB wiederum die Anschauung
gewinnen, daB nur da Realitaten sind, wo individuelle Wesenheiten
aufgezeigt werden konnen im Kosmos. Das war der notwendige
Gang der Menschheitsentwickelung, daB man in alten Zeiten uberall
Wesenhaftes gesehen hat, aber das war eben ein TraumbewuBtsein.
Dann ist die Zeit gekommen, wo man gewissermaBen die Sache so
empfunden hat, als ob all dieses Wesenhafte, all das, was im Kosmos
lebt als das Wesenhafte, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai, Archai, Ar-
changeloi, Angeloi, Menschen-Iche, tierische Gruppenseelen, pflanz-
liche kosmische Seelen und so weiter, die Realitaten sind. Nicht ein-
mal die Tiere, wie sie auf der Erde leben, sind Realitaten, sie sind auch
nur Schein; die Realitaten sind die Gruppenseelen. Die ganze Pflanzen-
welt der Erde ist keine Realitat, sondern die Erdenseele ist die Realitat.
Pflanzen sind ja nur wie die Haare auf dem Erdenorganismus, gleich
den Haaren auf unserem eigenen Organismus. Aber indem man ein-
mal gewuBt hat, alle diese Wesenheiten, die ich eben genannt habe,
sind - sich hinstrahlend, offenbarend, sich aussprechend - im Weltenall
vorhanden, wuBte man: Das Sich-Aussprechen kommt aus ihrer
Wesenheit. Jenes allgemeine Erklingen, das aus dem ZusammenfluB
dessen entsteht, wenn sich die einzelnen Wesenheiten aussprechen, das
ist der Logos. Aber der Logos, er ist auch zunachst nur ein Schein
gewesen. Nur dadurch, daB ihn der Christus zusammengefaBt hat,
diesen Schein gewissermaBen in seiner eigenen Wesenheit verdichtet
hat, ist durch das Mysterium von Golgatha der Scheinlogos als wirk-
licher Logos auf der Erde geboren worden.
So muB man diesen Zusammenhang durchschauen. Man kann dann
die einzelnen Wesenheiten geistig beschreiben, wie sie mild phos-
phoreszierend leuchten und tonen, wie sie Warmestromungen ver-
breiten, wie sie sich aussprechen. Das ergibt fur jedes einzelne Wesen
eine voile geistige Gestaltung. Und diese vollen geistigen Gestal-
tungen sind das einzig Wirkliche im Weltenall. Viel hat man im
alten traumhaften BewuBtsein von diesen einzigen Wirklichkeiten im
Weltenall gewuBt. Aber, ich mochte sagen, es schrumpfte immer mehr
und mehr dieses Wissen zusammen. Man wuBte einmal : So strahlt eine
gewisse Wesenheit Form, die man zu den Kyriotetes zahlt, so strahlen
menschliche Iche, so strahlen Angeloi und so weiter. Aber man konnte
immer weniger und weniger schauen von den Realitaten, das alles
schrumpfte immer mehr wie in einem Punkte zusammen. Man wuBte
urspriinglich ganz gut, wie sich die Offenbarungen der Exusiai zum
Beispiel von den Offenbarungen der Menschen-Iche unterschieden,
wiederum die Offenbarungen der Menschen-Iche von den Offen-
barungen der tierischen Gruppenseelen oder der pflanzlichen Erden-
seele. Man wuBte die Unterscbiede, allmahlich aber breitete sich Un-
bewuBtheit iiber diese Unterschiede aus. Und es gab eine Zeit, in der
nur mehr das BewuBtsein vorhanden war: Ja, es gibt solche Reali-
taten, alles andere ist nicht real. Raum ist nicht real, Zeit ist nicht real,
Materie ist nicht real, auch die allgemeine Geistigkeit ist nicht real,
sondern Weltenindividualitaten sind real. Aber man konnte sie nicht
mehr voneinander unterscheiden. Da bezeichnete man sie mit einem
gleichformigen Worte, mit dem gleichformigen Worte Monade. So
war es bei Leibni^, bei Giordano Bruno. Sie sprachen von Monaden.
Diese Monaden waren, bis ins Winzige zusammengeschrumpft, jene
Realitaten, von denen ich eben sprach. Und man unterschied die
eine Monade von der andern hochstens noch in dem Attribut, das
man hinzufugte zu dem Worte Monas : die Monade der Exusiai, die
Monade der Menschen, die Monade der Tiere und so weiter.
Und endlich haben die Menschen auch die Moglichkeit verioren,
von den Monaden zu sprechen, denen zunachst der groBe deutsche
Denker eine vorstellende Kraft zugeschrieben hatte, weil er eine
Ahnung hatte davon, daB eben Geistiges lebt in dem, was zur Monade
zusammengeschrumpft war. Wir mussen uns nicht nur erinnern, daB
die Monade ein Lebendiges ist. Soil die Menschheitszivilisation nicht
verfallen, sondern sich immer weiter entwickeln, mussen wir uns
nicht nur an die Monade erinnern, wir mussen wiederum verstehen,
und zwar jetzt mit einem erhohten, klaren BewuBrsein, wie alle wirk-
lichen Realitaten geistig-seelische, lebendige Wesenhaftigkeiten sind.
Da aber muB das, was zuerst wie mit ein paar Linien hingezeichnet
wird - physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib -, in der Weise
belebt werden, wie wir das heute getan haben.
Und man gelangt dazu, gewissermaBen das menschliche Geistig-
Seelische verwoben zu sehen in die Wesenhaftigkeiten der zweiten
Hierarchic Aber indem man dann verfolgt, wie der Mensch von
Erdenleben zu Erdenleben geht, wie eine ausgleichende kosmische
Gerechtigkeit, ein Karma wirkt von Erdenleben zu Erdenleben, wie
das zu gleicher Zeit entspricht einer gewissenWirksamkeit imKosmos,
gelangt man dazu, auch hier wiederum nicht bei der Abstraktion
Karma, bei der Abstraktion Weltengerechtigkeit stehenzubleiben oder
gar bei der Abstraktion moralische Weltenordnung, sondern man ge-
langt da auch zu Realitaten. Wie man, wenn man beim atherischen
Leibe zu beschreiben beginnt, hinaufkommt bis zur zweiten Hier-
archie, damit aber zugleich den astralischen Leib des Menschen be-
schrieben hat, so kann man beim astralischen Leibe beginnen, kann
im astralischen Leibe Denken, Fiihlen, Wollen, die da verglimmen
mit dem Einschlafen, die mit dem astralischen Leibe hinausgehen,
gewissermaBen auffangen. Fangt man da an, sucht man dafur die
Realitaten, dann findet man: In unserem menschlichen Denken lebt
eigentlich die Tatigkeit der Angeloi, in unserer menschlichen Sprache,
die aus dem Gefuhl entspringt, lebt, nachtlich schlafend fur den Men-
schen, die Tatigkeit der Archangeloi, und in dem, was durch die
menschlichen Bewegungen der GliedmaBen, durch das Willensdurch-
setzte im wachen Leben zur Offenbarung kommt, was ja auch im
astralischen Leibe vor sich geht, lebt nachtlich, wenn der astralische
Leib drauBen ist, die Welt der Archai. Aber das, was da drauBen lebt,
diese iibersinnlichen Tatigkeiten von Archai, Archangeloi, Angeloi,
die dann sich spiegeln beim wachenden Menschen im Wollen, Fiihlen,
Denken, die mussen zusammengestimmt werden mit Atherleib und
physischem Leib. Der physische Leib muB nun auch so gestaltet wer-
den, daB er zum Denkorgan, zum Sprachorgan oder zum Bewegungs-
organismus werden kann. Da sieht man, wie wieder die Tatigkeit der
Kyriotetes, Dynamis, Exusiai in noch hohere Tatigkeit ubergeht: in
die Tatigkeit der Throne, welche die menschliche Willensbetattgung
in Einklang bringen mit der Organisation des physischen Menschen,
des Stoffwechsel-GliedmaBenmenschen. Wir kommen dann zur Hier-
archie der Cherubim, welche in Einklang bringen die menschliche
Sprachfahigkeit mit der Organisation desjenigen, was der Sprache
physisch zugrunde liegen kann. Im Sprach- und Gesangsorganismus,
uberhaupt in alledem, was Organismus ist fur Sprache oder Sprach-
ahnliches im Menschen, da bringen das menschliche Gefuhlsleben mit
der Sprachorganisation in Einklang die Cherubim. Alles dasjenige, was
nun Denkfahigkeit ist, das muB auch sein physisches Organ haben im
Nerven-Sinnesmenschen: das Denken bringen in Einklang mit dem
Nerven-Sinnesmenschen die Seraphim. Das Sprechen und alles, was
mit dem Sprechen zusammenhangt, das wird mit Denken und Fiihlen
in Einklang gebracht von den Cherubim.
So sehen wir, wenn wir den dreigliedrigen Menschen haben, in der
Nerven-Sinnesorganisation, in der Grundlage fur das Denken die
schaffenden Seraphim; in all dem, was der rhythmische Mensch ist,
was als physischer Organismus in Einklang gebracht werden muB mit
der Sprachfahigkeit, in all dem sehen wir die schaffenden Cherubim.
In all dem, was in der Bewegung der menschlichen Glieder, in alien
Willensbetatigungen zum Ausdruck kommt, dafur muB die innere
Organisation des Stoffwechsel-GliedmaBenmenschen da sein; dieKon-
kordanz wird bewirkt von den Thronen. Wir sehen auch daraus, was
physische Menschengestalt ist, wie sie in Schein sich auflost. Die
Realitaten stehen dahinter: die Seraphim, Cherubim, Throne. In die
Tatigkeit der Seraphim, Cherubim, Throne sehen wir immer, wenn
das menschliche Ich verwoben ist mit seiner Innentatigkeit, wenn der
Mensch sich wachend bewegt, wachend spricht, wachend fuhlt,
wachend denkt.
Auf diese Weise konnen wir wiederum erneuerte Mysterienweisheit
fur den Menschen finden, jene Mysterienweisheit, die sozusagen wie-
der die Kunst handhabt, aus dem Worte den Geist herauszulosen, aus
demjenigen, was zuerst nur mit Strichen skizziert werden kann als
physischer Mensch, atherischer Mensch, astralischer Mensch und Ich,
Wesenhaftes zu finden. Wesenhaftes besteht immer in individuellen
Geistwesenheiten, die erlebend in sich tragen das Seelische, die schaf-
fen das sich OfTenbarende, das Physische. Realitaten sind eigentlich
nur seiende Geistindividualitaten. DaB sie sich auBern als Seelisches,
das ist, weil sie sich innerlich und gegenseitig sich anregend erleben.
DaB es eine physische Welt gibt, das ist, weil diese Geistindividuali-
taten, die zu den Monaden verabstrahiert worden und dann ganz aus
dem Gesichtskreise der Menschen verschwunden sind, je nach ihren
verschiedenen Daseinsstufen sich schaffend oflfenbaren. Hier konnen
wir zuriickgehen von der geschaffenen Welt, die eigentlich nichts
anderes ist als das auBere Scheinen schaffender Wesenheiten, zu der
sich erlebenden Welt, zur seelischen Welt, die aber die sich erlebende
Welt geistiger Individualitaten ist. Dann kommen wir, wenn wir selbst
zur wahren Wirklichkeit zuriickgehen, zu den Geistindividualitaten
selber, deren Ausdruck und Leben die Welt ist. Indem der Mensch auf
der Erde steht, lebt er immer in den Offenbarungen der geistigen
Individualitaten. Zwischen dem Tode und einer neuen Geburt muB
er ansichtig werden und voll durchgehen durch die eigene Gestalt der
Geistindividualitaten. Und er muB sich zu seiner Vollkommenheit in
seiner Gesamtentwickelung dadurch hindurchringen, daB er aus dem
Ansichtigsein der Gestalt der Geistrealitaten iibergeht in die Erden-
gestaltung, in der er nicht ansichtig ist der Geistindividualitaten, in
der sich die Geistindividualitaten gewissermaBen nur von auBen in
ihrer Umkleidung zeigen.
Aber der Mensch muB, wenn das Erdenleben nicht in die vollige
Verkommenheit verfallen soil, wiederum lernen, aus der auBeren
Umkleidung die innere Geistindividualitat der hoheren Welt zu er-
schauen, zu erkennen, zu verstehen. Dann wird der Mensch sehen, wie
sein ganzes Leben besteht aus einem Ringen innerhalb der Umklei-
dungen des Gottlichen und einem Leben innerhalb des Wesens des
Gottlichen. Aber er kann nur erlangen ein richtiges Darinnenstehen
im Wesen des Gottlichen, wenn er sein eigenes Wesen immer mehr
und mehr ausbildet im Ansichtigwerden auch der auBeren Umklei-
dung. Lernen muB er aber auch, durch die Umkleidung hindurch-
zudringen zu den Wesen. Nicht stehenbleiben darf er bei der auBeren
Schilderung, sondern vordringen muB er zum inneren Leben.
Wenn solches von einer groBeren Anzahl von Menschen einmal an-
gestrebt werden wird, dann wird die Morgenrote da sein fur eine
kiinftige Erdenentwickelung, auch zur Neugestaltung des Erden-
daseins, zu Jupiter-, Venus-, Vulkangestaltung. Die Anthroposo-
phische GeseUschaft muB Menschen vereinigen, die sich heute als den
Kern von dem fuhlen, was immer weitere und weitere Kreise Ziehen
muB in der Zivilisation der Menschheit, damit die Fortschrittsent-
wickelung der Menschheit wirklich geschehen konne und das Erden-
leben nicht verfalle.
UNSER GEDANKENLEBEN IN SCHLAFEN
UND WACHEN UND IM NACHTOD LICHEN DASEIN
Stuttgart, 2U]uni 1923
Wenn wir den Menschen so betrachten, wie er im irdischen Dasein
steht, dann muB uns ohne Zweifel als das Bedeutendste in seinen
LebensauBerungen er scheinen die Denk- oder Vorstellungsfahigkek,
die Fahigkeit, sich iiber die Welt, iiber das eigene Handeln und so
weiter Gedanken zu machen. Wir tauschen uns, wenn wir uns iiber
den irdischen Lebensverlauf ein anderes Urteil bilden. GewiB, man-
ches bringt uns nahe, zu sagen, das Wertvollste konne fur den Men-
schen nicht in den Gedanken liegen. Der Mensch empfindet zum Bei-
spiel gewissermaBen unter der Schwelle der Gedanken seine Gefuhls-,
seine GemiitsauBerungen, und was der Mensch iiber seine eigenen
Aufgaben, iiber sein Verhalten zu seinen Mitmenschen, ja auch iiber
die Welt fiihlen konne, das sei wertvoller als sein Denken. Und gar
erst, wenn wir auf das moralische Dasein schauen und aufmerksam
werden auf die Stimme des Gewissens, dann werden wir uns sagen:
Diese Stimme des Gewissens spricht aus tiefen Untergriinden der
Seele heraus, die von dem bloBen Denken nicht erreicht werden. -
Insbesondere werden wir veranlaBt, eine solche Aussage zu machen,
wenn wir darauf hinweisen wollen, daB der Mensch auch durch die
hochste Entwickelung seines Gedankenlebens, wie er sie durch Schu-
lung erreichen kann im gewohnlichen irdischen Leben, nicht in mora-
lischer Beziehung das erreichen kann, was ein lauteres, ja man mochte
oftmals sagen, ein in Einfalt wirkendes Gewissen impulsiert. Aber
dennoch, wir tauschen uns, wenn wir sagen, daB Gedanken deshalb,
weil alle diese Dinge richtig sind - und sie sind richtig -, nicht das
Wesentliche des irdischen Menschenlebens seien. Denn gewiB, aus
unsaglich tieferen Untergriinden heraus als die Gedanken tont die
Stimme des Gewissens, tonen die Gefiihle des Mitleids und so weiter.
Aber fur den Menschen bekommen diese aus den Untergriinden seiner
Seele heraustonenden und herauslebenden Impulse erst dann das
rechte Licht, erst dann dasjenige, was sie eigentlich in das Mensch-
liche heraufhebt, wenn sie von Gedanken durchsetzt werden. Auch
die Stimme des Gewissens bekommt ihren Wert dadurch, daB sie aus
den Untergrunden der Seele heraufwirkt, sich aber dann in der Ge-
dankenwelt auslebt und der Mensch in Gedanken kleiden kann, was
ihm die Stimme des Gewissens sagt. Ohne das Gedankenleben zu
iiberschatzen, miissen wir uns, wenn wir uns einem illusionsfreien
menschlichen BewuBtsein hingeben wollen, doch sagen, dieses Ge-
dankenleben mache den Menschen erst zum Menschen. Und in einer
gewissen Beziehung hat der deutsche Philosoph Hegel schon recht,
wenn er sagt : Es ist das Denken, das den Menschen vom Tiere unter-
scheidet.
Aber wenn wir nun hinblicken auf den ganzen Umfang derjenigen
Gedanken, die uns in unserem ganzen irdischen Leben vom Auf-
wachen bis zum Einschlafen erfiillen und wir in dieser Betrachtung,
in diesem Hinschauen ehrlich sind, dann werden wir uns sagen : Der
groBte Teil unserer Gedanken in unserem Erdenleben ist in irgend-
einer Weise von auBen, von den Sinneseindrucken, von den Erleb-
nissen, die mit den materiellen Vorgangen des Erdendaseins zusam-
menhangen, abhangig. Und unsere Gedanken verlaufen in innigem
Zusammenhang mit dem Erdenleben, so daB wir gerade das Wert-
vollste im Menschenleben wahrend unseres Daseins zwischen der
Geburt und dem Tode mit dem Erdenleben verbinden. Wenn wir
aber das vollstandige Menschenleben auf Erden anschauen, wie wir
es von gewissen Gesichtspunkten gerade in den letzten Vortragen
getan haben, die ich hier halten durfte, dann muB uns auffallen, daB
mindestens ein Drittel unseres Erdendaseins gedankenlos verlauft.
Wenn wir mit den gewohnlichen Hilfsmitteln unseres irdischen Be-
wuBtseins zuriickblicken auf unser Erdenleben, dann gliedern wir ja
eigentlich immer nur die Tageserlebnisse an die Tageserlebnisse, wir
lassen die Schlafeserlebnisse, welche im UnbewuBten liegenbleiben,
selbstverstandlich aus. Aber damit lassen wir bei einer gewohnlichen
Riickschau auf unser Erdenleben zum mindesten ein Drittel unseres
Erdenlebens aus unserer Betrachtung weg. Das ist selbstverstandlich,
weil dieses Drittel, das verschlafene Drittel dieses Erdenlebens, im
UnbewuBten liegenbleibt.
Aber Sie wissen aus friiheren Vortragen, die ich hier gehalten habe,
daB diese Tatigkeit, die wir im unbewuBten Schlafen zubringen, nicht
ohne Erlebnisse ist. Das Ich und der astralische Mensch machen
zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ihre Erlebnisse durch, die
nur nicht ins BewuBtsein hereinleuchten. Und wenn man naher zu-
sieht, dann findet man, daB jene unbewuBten Krafte, die zwischen
dem Einschlafen und Aufwachen wirken, auch im Wachzustande
weiterleben. Sie leben auch da, man mochte sagen, ein Schlafleben
weiter fort. Sie wirken in unsere gesamte Willenstatigkeit, die wir
nicht klarer vor dem gewohnlichen BewuBtsein haben als die Schlaf-
zustande. Sie wirken in einem groBen Teil unseres Gefuhlslebens
weiter, das eine Art Traumesdasein bildet. Gerade wenn wir auf das-
jenige, was aus unserem tiefsten Wesen, aus dem Grundwesen heraus-
kommt, hinschauen, so mussen wir auch wahrend des wachen Tages-
lebens auf etwas UnbewuBtes schauen. Und man kommt dann durch
geisteswissenschaftliche Betrachtung darauf, daB dasjenige, was im
Menschen das Wirksame ist zwischen dem Einschlafen und Auf-
wachen, weiter fortwirkt im Wachen, fortwirkt als Ich und astra-
lischer Mensch, daB diese aber nicht in die Sphare des gewohnlichen
BewuBtseins eintreten, sondern nur in ihren Wirkungen, in den
Willenswirkungen, in den Gemiitswirkungen auftreten. Dadurch be-
kommt dasjenige, was eigentlich im vollen wachen BewuBtsein vor-
liegt, das Gedankenleben, noch ein besonderes Gesicht. Und gerade
dieses besondere Gesicht wird uns begreiflich, wenn wir jenes Dasein
ins Auge fassen, welches der Mensch nicht auf der Erde zubringt,
welches er zubringt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann macht er
Zustande durch, die ich Ihnen oft beschrieben habe, die auch in
unserer Literatur verzeichnet sind, und die Sie ja, von gewissen Seiten
her wenigstens, kennen. Wenn man genau und exakt untersucht, an
welchen einzelnen Gliedern der menschlichen Wesenheit unser Den-
ken, unser Vorstellen eigentlich haftet, dann kommen wir darauf, daB
wir zum irdischen Gedankenbilden den physischen Leib brauchen.
Der physische Leib ist wirklich dasjenige, was in Tatigkeit gesetzt
werden muB, wenn der Mensch als Erdenmensch Gedanken hat, Fer-
ner muB zu diesem Ziele, zum Gedankenhaben, in Tatigkeit gesetzt
werden der atherische Leib. Das sind aber gerade diejenigen zwei
Glieder der Menschennatur, die zwischen dem Einschlafen und dem
Aufwachen eben auch bewuBtlos, wie man den Eindruck hat, im
Bette liegen bleiben. Allein, kommt man zu einer gewissen Entwicke-
lung des BewuBtseins, zu einer gewissen Schulung unserer Seeie, die
einem dann die Moglichkeit gibt, auch die physischen Dinge vom
geistigen Gesichtspunkt aus zu sehen, dann kommt man darauf, daft
der Mensch die ganze Zeit iiber denkt, in der er schlaft. Der Mensch
denkt wahrend seines Erdenlebens niemals nicht, wenn wir den ganzen
Menschen betrachten.
Wenn wir namlich des Morgens aufwachend zuriickkehren in unse-
ren physischen und Atherleib, so wird das gewohnliche BewuBtsein
sehr rasch hineingedrangt in diesen physischen und Atherleib, und es
wird dieses gewohnliche BewuBtsein nur gewahr, daB dann die auBe-
ren Dinge Eindriicke zu machen beginnen, daB wir dann Sinneswahr-
nehmungen haben, die wir gedanklich verarbeiten, von den auBeren
gegenwartigen Gegenstanden Sinneswahrnehmungen haben. Wenn
der Mensch aber dazu gelangt, viel bewuBter in seinen physischen und
Atherleib unterzutauchen, dann trifft er beim Aufwachen auf das
Denken, das fortwahrend zwischen dem Einschlafen und Aufwachen
stattgefunden hat in ihm. Er war nur nicht dabei mit seinem Ich und
astralischen Leib. Er denkt, das heiBt, der physische Leib und der
Atherleib sind in einer fortwahrenden Gedankentatigkeit zwischen
dem Einschlafen und dem Aufwachen, nur ist der Mensch mit seinem
Ich und astralischen Leib auBer dieser Gedankentatigkeit, er macht
sie nicht mit und glaubt, sie sei nicht vorhanden. Er befindet sich da
in einer groBen Selbsttauschung iiber sich. Und da man dasjenige, was
im normalen Leben schon harmonisch eingegliedert ist in die gesamte
Natur des Menschen, iiberhaupt in die gesamte Natur der Wesen, be-
sonders gut dann erkennen kann, wenn es herausgerissen aus der
Harmonie, abnorm auftritt, so kann der Mensch auch schon aus
auBeren Erfahrungen, wenn sich diese im Zusammenhang der Welt
ergeben, darauf kommen, daB er nicht nur zwischen dem Einschlafen
und Aufwachen denkt, sondern daB er sogar gescheiter denkt zwischen
dem Einschlafen und Aufwachen, wenn er nicht dabei ist, als wenn er
dabei ist. Wir kommen namlich zu dem, ich mochte sagen, deprimie-
renden Selbstgestandnis, wenn wir die ganze Sachlage uberschauen,
daB unser Atherleib schlechter denkt, wenn wir, dem Ich und dem
astralischen Leib nach, mit dem normalen BewuBtsein darinnen-
stecken, als wenn wir nicht darinnenstecken. Wir verderben die in
unserem Atherleibe ablaufenden Gedanken dadurch, daB wir mit
unserem gewohnlichen BewuBtsein darinnenstecken.
Daher sind durchaus von dem, der in diese Dinge Einsicht hat,
Erzahlungen zu bestatigen, wie etwa die folgende: Da waren einmal
zwei Universitatsstudenten. Der eine war Philologe und verstand
nichts vom Rechnen - ich muB das hinzusetzen -, verstand gar nichts
vom Rechnen. Der andere war Mathematikstudent. Nun, man hat ja
so die Erfahrung, daB, wenn es zu gewissen Partien des Mathematik-
studiums kommt, man schon ein wenig iiber den Problemen schwitzen
muB. Bei der Philologie geht es meistens leichter. Und so war es denn
bei diesen zwei Studenten, die, wie das bei Studenten schon vor-
kommt, das Zimmer teilten, auch zusammen schliefen, so, daB, als sie
eines Abends mit ihren Vorbereitungen zum Examen zu Ende waren,
der Philologiestudent sehr selbstzufrieden war, der Mathematik-
student hingegen gar nicht, weil er ein Problem, das er fur eine schrift-
liche Aufgabe hatte losen sollen, nicht losen konnte. Er legte sich
hochst unbefriedigt zu Bett, und es stellte sich die merkwurdige Tat-
sache heraus : Zu einer bestimmten Stunde wird der Philologiestudent
aufgeweckt, er sieht, wie der Mathematikstudent aufsteht, zum
Schreibtisch hingeht und weiterbriitet, auch schreibt, langere Zeit
schreibt, und dann sich wieder ins Bett legt und schlaft. Am nachsten
Tage, als beide aufstanden, sagte der Mathematikstudent : Wir haben
doch gestern gar nicht gekneipt, ich habe heute einen furchtbaren
Kater. - Da sagte der andere : Das ist auch gar nicht zu verwundern,
wenn du urn drei Uhr nachts aufstehst und stundenlang rechnest, daB
du dann einen wirren Kopf hast am nachsten Morgen. - Da sagte der
erste: Ich bin nicht aufgestanden ! - Er wuBte absolut nichts da von,
daB er aufgestanden ware. Nun schauten sie nach, und siehe da, er
hatte seine Aufgabe gelost, er wuBte aber gar nichts davon. Solche
Dinge sind durchaus nicht bloBe Marchen. Ich wahle ein Bei spiel, das
der Literatur angehort, aus dem Grunde, damit es nachkontrolliert
werden kann. Ich konnte Ihnen viele ahnliche Dinge ja erzahlen. Es
kommt mir gar nicht auf diesen einzelnen Fall an, es kommt mir viel-
mehr darauf an, daB dies tatsachlich eine Realitat ist: wenn das Be-
wuBtsein nicht vorhanden ist - ich sage ausdriicklich, def Betreffende
wuBte nichts davon werden der physische Leib und Atherleib ge-
wissermaBen durch Puffe von auBen bearbeitet, und der Atherleib
arbeitet im physischen Leib allein an der Fortsetzung der Aufgabe.
Ja, ich weiB schon, was in den Herzen von manchen figuriert, ich
weiB, daB mancher ganz gern hatte, wenn es recht oft vorkommen
wiirde. Aber so leicht hat es die jungere Menschheit nicht. Also in
diesem Fall atbeiteten Ich und astralischer Leib nur durch Pufle von
auBen, und da erweist sich der Atherleib, wenn er allein im physischen
Leibe arbeiten kann, oftmals sogar als genial gegeniiber dem, was man
oftmals gar nicht genial macht, wenn man mit seinem Ich und astra-
lischen Leib dabei ist. Wie gesagt, nur zur Illustrierung der Tatsache,
daB der Mensch die ganze Nacht hindurch Gedanken hat, das heiBt
der physische Leib und der Atherleib des Menschen, und nur nicht
dabei ist mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe. Denn die
Gedanken werden unmittelbar von der AuBenwelt durch die Ver-
mittlung des Atherleibes gebildet, und dann wird der physische Leib
zu Hilfe genornmen, um die Gedanken als physischer Erdenmensch
zu hegen.
So miissen wir denn das Gedankenleben durchaus gebunden flnden
an den physischen Leib und den Atherleib. Das ist beim Gefuhlsleben
und beim Willensleben nicht der Fall. Es ist nur ein Aberglaube der
heutigen offiziellen Wissenschaft, daB das Gefuhlsleben und das
Willensleben in derselben Weise vom physischen und Atherleibe ab-
hangig waren wie das Gedankenleben. Daruber habe ich ofter ge-
sprochen, ich will mich heute nicht daruber auslassen, sondern nur
hinweisen auf die mannigfaltigen Betrachtungen, die ich vor einem
groBen Teil von Ihnen veranstaltet habe.
Nun ist der Mensch im gegenwartigen Erdenleben nicht so, daB er
verfolgen kann, was sein Ich und sein astralischer Leib da erleben,
wenn sie vom Ather- und physischen Leib getrennt sind und sich
vom gewohnlichen Leben nur den Willen und einen Teil des Gefuhls
mitnehmen. Denn dieses Erleben zwischen dem Einschlafen und dem
Aufwachen geschieht in der Tat in einer ganz andern Welt, geschieht
in einer geistigen Welt, geschieht in einer Welt, in der nicht die Um-
gebung in den Naturreichen, in dem Mineralreich, Pflanzenreich ist,
sondern in der die Umgebung die hoheren Hierarchien sind, in der die
Umgebung eine Welt von geistigen Wesenheken, von geistigen Ge-
schehnissen ist. Aber insofern der Mensch im Erdenleben verweilt, ist
es durchaus so, daB er noch nicht geniigend entwickelt ist, um alles
dasjenige, was er da erlebt mit seinem Ich und astralischen Leib vom
Einschlafen bis zum Aufwachen, in das BewuBte und SelbstbewuBte
zu verfolgen. Es bleibt unbewuBt, aber ist deshalb nicht weniger
lebendig als das BewuBte. Es wird durchgemacht, es ist etwas, was
dann, nachdem es durchgemacht ist, zum inneren Gehalt des Men-
schen gehort. Wir wachen auch an jedem Morgen so verandert auf,
wie wir verandert worden sind durch die Nacht. Wir wachen nicht
etwa bloB in demjenigen Zustande auf, bis zu dem wir gekommen
sind bis zum Abend vor dem Einschlafen, sondern wir wachen in dem
Zustande auf, zu dem uns das Schlafesleben gemacht hat.
Wenn wir nun durch die Pforte des Todes gehen, so legen wir den
physischen und Ather leib ab. Und demgemaB stellt sich auch das
Erlebnis so ein, dafi der Mensch unmittelbar in den ersten Tagen,
nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist - das Ablegen des
Atherleibes dauert nur wenige Tage -, sein Gedankenleben wie von
der Welt aufgesogen empfindet. Er hat erst einen fluchtigen Riickblick
auf das Erdenleben. Es ist so, wie wenn er sein Erdenleben als seine
Welt erblickte, in lebendigen Bildern sieht. Wie mit einem Schlage
steht das verflossene Erdenleben vor der Seele, wenn die Seele sich
ganz befreit von dem physischen Leibe und dem Atherleibe, wenn also
der Durchgang durch die Pforte des Todes erfolgt ist. Aber durch
Tage noch findet dieser ProzeB, dieser Vorgang statt, daB, nachdem
der physische Leib abgelegt ist, der Atherleib sich langsam in dem
allgemeinen Weltenather auflost. Wahrend der Zeit ist der Eindruck
da, daB zuerst ein lebendiger, scharf konturierter Oberblick iiber das
Erdenleben da ist. Dann wird er immer schwacher und schwacher,
aber zu gleicher Zeit gewissermaBen kosmischer, bis er endlich nach
einigen Tagen wie vom Menschen abschmilzt.
Damit aber geht in diesen wenigen Tagen alles dasjenige vom Men-
schen fort, was gerade das Wertvollste am Erdenleben ist. All das,
was wir iiber die Dinge der Welt, was wir iiber unsere ganze irdische
Umgebung denken, was unser gewohnliches BewuBtsein erfullt, das
schmilzt von uns weg, schmilzt innerhalb weniger Tage weg. Und in
demselben MaBe, in dem dieser Inhalt des Erdenlebens wegschmilzt,
in demselben MaBe taucht dasjenige auf, was der Mensch immer im
schlafenden Zustande unbewuBt durchlebt hat. Dariiber breitet sich
jetzt das BewuBtsein aus. Das beginnt bewuBt zu werden. Hatten wir
keine Erlebnisse wahrend des Schlafes, so ware iiberhaupt unser Leben
drei oder vier Tage nach dem Tode zu Ende als bewuBtes Leben.
Denn dasjenige, was wir gerade fur unser Wertvollstes wahrend des
Erdenlebens halten, das schmilzt ab, und aus diesem sich verdunkeln-
den, abdammernden BewuBtsein taucht dasjenige auf, was wir immer
durchlebt haben im schlafenden Zustande, was da unbewuBt ge-
blieben ist.
Nun ist die Eigentumlichkeit desjenigen, was wir im schlafenden
Zustande durchleben, dies, daB fur das Schlafen die Welt umgekehrt
verlauft. Ob das Schlafen nun lange oder kurz ist, wenn wir ein-
schlafen, das macht es nicht aus, weil die Zeitverhaltnisse fur den
andern BewuBtseinszustand auch ganz andere sind. Ob Sie also eine
lange Nacht schlafen oder ein paar Minuten, die Charakteristik, die ich
gebe, ist fur beide Schlafverlaufe gleich. Wenn der Mensch die Zeit
durchmiBt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann
durchlebt er zuriick dasjenige, was er in der physischen Welt durch-
gemacht hat zwischen dem letzten Aufwachen bis zum Einschlafen.
Das durchlebt er in anderer Gestalt durchlaufend noch einmal, und er
durchlebt es so: Wahrend wir bei unserem TagesbewuBtsein das
Durchleben mehr mit der physischen Nuancierung und mit Gefuhlen
iiber die physische Nuancierung haben, den Ablauf der Ereignisse
vom Anfang bis zum Ende, jedes einzelne Ereignis oder den Umstand,
wie sie aufeinanderfolgen, in der physischen intellektuellen Nuancie-
rung durchleben; im Schlafen erieben wir das alles zuruck, aber mit
moralischer Nuancierung. Da leben die moraiisch-religiosen Impulse
darin, da durchleben wir die Sache so, daB wir ein jedes Ereignis
werten danach, wie wertvoll oder unwertvoll es uns als Mensch macht.
Da konnten wir uns keinen Illusionen daruber hingeben, wenn wir es
bewuBt durchmachen wurden, was es fur eine Bedeutung hat, ob wir
dieses oder jenes vollbracht haben, denn da werten wir die Ereignisse
des Tages in bezug auf unser Menschtum.
Was fur die menschliche Ordnung auf Erden gilt, ist schon einmal
so, daB die Naturforschung gut reden hat, in der Welt flnde sich nur
Kausalitat, nur Ursachlichkeit, nur die Begriindung des Nachfolgen-
den aus dem Vorhergehenden, weil der Mensch in seinem wachen
Leben nur diese Stromung sieht, nur diese Stromung wahrnimmt.
Aber eine andere Stromung ist auch in der Wirklichkeit darinnen, nur
bleibt sie dem Menschen fur das ErdenbewuBtsein unbewuBt. Der
Mensch durchlebt aber diese moralische Weltenordnung jede Nacht
zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Da werten wir die
Dinge moralisch, namentlich im Zusammenhang mit unserem eigenen
Menschenwert. Und das machen wir jede Nacht beziehungsweise
jedesmal zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen fur die vor-
angegangene Wachensperiode durch. Und wenn wir durch die Pforte
des Todes gegangen sind, dann machen wir riickwartsverlaufend
durch die letzte Nacht, vorletzte Nacht, drittletzte Nacht, bis zur
ersten Nacht, in der wir uns nach der Geburt zum erstenmal bewuBt
geworden sind, etwa ein Drittel des Erdenlebens, weil wir ein Drittel
des Erdenlebens verschlafen haben. Vor uns ist versunken der
physisch-ursachliche Weltenverlauf, vor uns ist aufgestiegen dasjenige,
was Gotter und Geister iiber diesen Weltenverlauf denken, fiihlen,
wollen. Aber wir hangen zunachst noch zusammen mit dem Kolorit,
mit der Farbung, welche das Erdenleben alldem gegeben hat, weil wir
es durchmachen miissen in der Form, wie wir es durchlebt haben wah-
rend des Erdenlebens. Ungefahr ein Drittel, weil wir ein Drittel ver-
schlafen, brauchen wir zu diesem Riickwartsdurchleben, das dann eben
so verlauft, wie ich es zum Beispiel in meiner «Theosophie» beschrie-
ben habe, wo ich das Seelenland, die Seelenwelt beschrieben habe.
Wir miissen, ehe wir in eine Welt eintreten, die rein geistig ist, erst
alles dasjenige durchleben, was wir auf der Erde unbewuBt in den
Schlafzustanden durchlebt haben. Damit schulen wir unser BewuBt-
sein heran fur das eigentliche geistige Erleben zwischen dem Tode und
einer neuen Geburt. Und es ist zu gleicher Zeit ein Freiwerden vom
irdischen Leben, dieses Riickwartsdurchleben des Erdenlebens. Wir
werden nicht fruher in unserem BewuBtsein so frei, da8 dieses Be-
wuBtsein sich zwischen den Geistern der hoheren Welten bewegen
kann in vollstandig ihm angemessener Weise, bis wir uns durch dieses
Riickwartserleben eben freigemacht haben. Dann sind wir ungefahr
wieder am Ausgangspunkt unseres Lebens fur die hohere Welt an-
gelangt. Und dann verlauft das weitere Leben zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt so, daft es ein rein geistiges Erleben ist. Ebenso
wie wir hier zwischen physischen Wesen und physischen Gescheh-
nissen leben, leben wir dann in der geistigen Welt zwischen geistigen
Wesen und geistigen Geschehnissen, zwischen denjenigen geistigen
Wesenheiten und ihren Taten, die niemals auf die Erde herunter-
steigen, zwischen denjenigen Wesenheiten, die als Menschen auf die
Erde heruntersteigen, die fruher durch die Pforte des Todes gegangen
sind als wir, oder die uns nachfolgen. Wir treffen eben mit alien den
Menschen wiederum zusammen, mit denen wir Gemeinschaft gehabt
haben wahrend des Erdenlebens. Und diese Gemeinschaft ist ja eine
sehr ausgedehnte. Denn dadurch, daft wir das Schlafesleben durch-
leben, wird eingeschlossen in diese Gemeinschaft auch alles das, was
wir nur in Andeutungen mit den Menschen wahrend des Erdenlebens
durchmessen haben. DaB wir in jedem Schlafzustande schon darinnen-
stehen in der geistigen Welt, aber noch als Erdenmensch die Erden-
ereignisse riickwarts erleben, gerade diese Tatsache unterscheidet
wiederum dieses allnachtliche irdische Erleben des Menschen von
demjenigen, das er dann durchmacht, wenn er durch die Pforte des
Todes durchgegangen ist.
Zunachst miissen wir uns ja gestehen: Was wir als den Inhalt unseres
BewuBtseins im Erdenleben anerkennen, das schmilzt von uns hinweg
im Laufe von wenigen Tagen. Dasjenige, was wir gar nicht achten im
Laufe des Erdenlebens, weil es in das UnbewuBte des Schlafes ge-
taucht ist, das taucht nachher auf, indem wir es wirklich durchleben -
ja, wirklich durchleben. Namlich in jenen irdischen Schlafzustanden
durchleben wir mit unserem Ich und astralischen Leib riickwarts-
lebend bildhaft nur die wachen Ereignisse. Indem wir durch die Pforte
des Todes schreiten, tauchen wir in die geistige Substanz ebenso unter,
wie wir hier in materielle Substanz untertauchen, wenn wir Erden-
menschen werden. Man konnte schon sagen: Wie wir, indem wir
Erdenmenschen werden, einen physischen und einen atherischen Leib
erhalten, so erhalten wir eine hohere Wesenhaftigkeit als auBere Um-
hiillung, eine geistige Umhullung, wenn wir durch die Pforte des
Todes geschritten sind. Dadurch aber machen wir dasjenige, was wir
hier nur bildhaft durchleben in Schlafzustanden, dann real durch. Das
ist wirkliches, reales Erleben, ebenso wirkliches Erleben, wie das im
physischen Leibe verbrachte Erdenleben wirkliches Erdenleben ent-
halt. Und erst an dieses wirkliche Erleben, das eine in der Wirklichkeit
erfolgte Wiederholung des Bild-Erlebens jedes Schlafzustandes ist,
erst an dieses schHeBen sich dann jene Erlebnisse an, die wir im
weiteren Verlaufe unseres Lebens zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt durchmachen.
Dann folgt die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in
der wir unser ganzes irdisches Dasein sozusagen abgelegt haben und,
wie ich Ihnen schon dargestellt habe, das nachste Erdenleben vor-
bereiten, indem wir im Verein mit den Wesenheiten der geistigen Welt
den Geistkeim unseres folgenden Erdenlebens, vor alien Dingen des
nachsten physischen Leibes, formen. Dann wiederum kommt eine
Zeit, wo der Mensch wieder mehr dem Erdenleben zuneigt. Nachdem
der Mensch eine lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Ge-
burt unter geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen gelebt hat,
ist es so - naturlich auf einer ganz andern Stufe, aber durch einen
Vergleich mochte ich es klarmachen -, wie es ungefahr bei einem
Menschen ist, der sich mude fuhlt und einschlafen will. So fuhlt der
Mensch, wie ihm das im Geiste vorhandene BewuBtsein schwacher
wird, wie er nicht mehr so mit den Wesenheiten der hoheren Welt
arbeiten kann, und sein BewuBtsein geht wiederum iiber zu einem
Interesse an einem neuen Erdenleben. So wie wir alltaglich in den
Schlaf versinken, wo unser BewuBtsein ganz unbewuBt wird, so
sinken wir gewissermaBen im rein geistigen BewuBtsein, das den
groBten Teil der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
erfullt, herunter, aber jetzt nicht zur BewuBtlosigkeit, sondern in ein
Erfiilltsein von Interesse fur das Erdenleben, nun aber von der andern
Seite her gesehen, von der Seite der geistigen Welt her, in ein Interesse
fiir das Erdenleben. Dieses Interesse fiir das Erdenleben taucht viele
Jahre, viele Jahrhunderte friiher auf, bevor wir zum Erdenleben her-
untersteigen. Wir gewinnen schon ein Interesse fiir unser kommendes
Erdenleben, wenn auf der Erde selbst nicht nur unser GroBvater lebt,
sondern ein weit zuriickliegender Urahne, der viele Generationen vor
uns lebte, von dem wir dann abstammen. Es verwandelt sich das
Interesse, das wir so lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt fiir die rein geistige Welt gehabt haben, zum Interesse an einer
Generationenfolge. Am Ende dieser Generationenfolge werden wir
dann selbst geboren. Wir verfolgen in der Tat von der geistigen Welt
aus lange Zeiten hindurch die Ahnen, an deren Ende unsere eigenen
Eltern stehen. So daB wir von der geistigen Welt aus in unsere Ab-
stammung hineinwachsen.
Diese Dinge werden einmal in das allgemeine MenschenbewuBtsein
iibergehen, und man wird dann erst sehen, in welch eingeschranktem
MaBe das gilt, wovon heute eine zwar richtige, aber auBerordentlich
beschrankte Wissenschaft immer wieder redet: die Vererbung. Die
physische Vererbung kann erst dann dem Menschen klarwerden,
wenn er weiB, welchen Anteil an den physischen Vererbungsgestal-
tungen diejenigen Krafte selbst haben, mit denen er schon aus der
geistigen Welt an seiner ganzen Ahnenfolge beteiligt ist. Wenn wir
hier mit unserer physischen eingeschrankten Wissenschaft darauf hin-
weisen, wie wir diese oder jene Eigenschaft unseres UrurgroBvaters
haben, so miissen wir nicht vergessen, wie wir, schon als dieser
UrurgroBvater lebte, von der geistigen Welt unser Interesse hatten an
dem, wie unser UrurgroBvater war, wie wir hineinwachsen in dasjenige,
was sich dann auBerlich in den Eigenschaften von Generation zu Ge-
neration ausbildet. Wir wachsen ja hinein von der geistigen Welt aus.
Diese Dinge werden auch spater einmal, wenn Anthroposophie
mehr in die Zivilisation der allgemeinen Menschheit hineinkommt,
ihre praktische Bedeutung gewinnen. Man ermiBt gar nicht, wieviel
Mutlosigkeit, Energielosigkeit der Seelen heute auf eine halbbewuBte,
unbewuBte Art aus den Gedanken der Vererbung herkommt, weil
namentlich die Wissenschaft von diesen Vererbungsverhaltnissen in
einer ganz unzulanglichen Weise nur sprechen kann. Aber diese Dinge
sind schon selbst in die Kunst ubergegangen, sind in das allgemeine
Menschendenken ubergegangen.
Wenn der Mensch sich einmal mit dem BewuBtsein durchdringen
wird, wie er nicht nur an die physische Gestaltung seiner Ahnen an-
geschlossen ist, sondern an die Entwickelung seiner eigenen Seele, die
von der geistigen Welt aus verfolgt die ganze Ahnenentwickelung
und mitbaut an der Ahnenentwickelung, dann wird eben dieses Be-
wuBtsein innerlich real werden. Dann wird wiederum vom Geiste aus
Energie und Mut in die Seelen kommen bei manchen Menschen, bei
denen aus den heutigen Denkweisen heraus Mutlosigkeit und Energie-
losigkeit kommt. Denn das ist von dem allergeringsten Wert, daB wir
theoretisch dieses oder jenes iiber die geistige Welt wissen. Meistens
kleiden wir es uns sogar in physische Gedankenformen, was wir iiber
die geistige Welt denken. Nicht darauf kommt es an, daB wir uns
theoretische Gedanken iiber die geistige Welt machen. GewiB, wir
miissen sie uns zuerst machen, diese Gedanken, damit sie in unser
Gemiit, in unseren Willen hineingehen, aber das Wesentliche ist dann,
daB sie in unserem Gemvite, in unserem Gefuhl leben konnen.
Ich mochte, um dieses zu veranschaulichen, folgendes sagen. Die
anthroposophische Bewegung ist durch die Zeitverhaltnisse, die ich
in Dornach jetzt vor kurzem charakterisiert habe, eine Zeitlang Hand
in Hand gegangen mit der sogenannten theosophischen Bewegung.
Sie hat niemals Lehren der theosophischen Bewegung aufgenommen,
sondern nur ihre Zuhorer innerhalb der Theosophischen Gesellschaft
gefunden. Aber es gibt ja auch Lehren, die als solche der theoso-
phischen Bewegung bekannt sind. Oberflachlinge verwechseln die
Theosophie mit der Anthroposophie. Aber trotzdem die Zahl dieser
Oberflachlinge eine sehr groBe ist, muB Ihnen doch klar sein der
groBe, tiefgehende Unterschied. Diesen tiefgehenden Unterschied
mochte ich noch durch einige Bemerkungen charakterisieren. Ver-
suchen Sie einmal, so recht zu verfolgen, wie eigentlich gerade theo-
sophische Lehren arbeiten. Sie reden ja auch von den Gliedern der
menschlichen Natur, Gliedern der menschlichen Wesenheit, sogar,
was die unteren Glieder betrifft, mit denselben Namen: physischer
Leib, Atherleib, astralischer Leib. Aber gehen Sie dann auf Beschrei-
bungen ein, so werden Sie finden: Der physische Leib, das ist der
dichte Leib, dann kommt der Atherleib, etwas dtinner, aber doch so
eine Art Nebel, dann kommt der astralische Leib, wieder dtinner, ein
diinnerer Nebel, und dann muB man furchtbar klettern, es wird aber
immer nur ein diinnerer und diinnerer Nebel. Sehen Sie sich an, wie
wenig sich diese Literatur einlaBt auf das, was in der anthroposo-
phischen Literatur, ich mochte sagen, schon den Abc-Schiitzen zu-
gemutet wird, sich den Atherleib nicht als etwas Diinneres vor-
zustellen, sondern als etwas Entgegengesetztes vom physischen Leib.
So wie der physische Leib den Raum ausfiillt, nimmt der Atherleib
etwas weg. Physische Materie erfullt den Raum, Athersubstanz saugt
den Raum aus. Da gibt es nichts von der Art, daB man immer in
diinnere Nebel kommt, sondern da wird wirklich der Weg zur geisti-
gen Betrachtung angetreten. Das stort viele sogar, denn sie haben
hiibsche Moglichkeiten, an die physische Welt anzukniipfen in diesen
immer diinner werdenden Nebeln, man kann sich das Ganze durch
physische Bilder vorstellen, so daB man ganze Systeme, ganze Welt-
anschauungen auf diese theosophische Art bilden kann.
Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann, sagte ich
Ihnen, schmelzen seine Gedanken ab innerhalb weniger Tage. Aber
diese Theosophie schmilzt innerhalb weniger Stunden ab, sie gehort
zum ersten, was vergessen wird. Das Eigentiimliche ist, daB jene
Gedanken, die aus dem Spiritismus stammen, iiberhaupt nicht einmal
in den allerersten Augenblicken nach dem Tode noch wirksam sind,
die kann der Mensch nicht einmal durch die Pforte des Todes tragen.
Die Gedanken, die sich der Mensch aus spiritistischen Experimenten
macht, das sind die allermaterialistischsten Gedanken. Als das er-
weisen sie sich dadurch, daB sie gar nicht iiber den Tod hinausgetragen
werden. Wahrend namlich die Spiritisten glauben, daB ihnen Ge-
danken von einer geistigen Welt durch die Medien hereingetragen
werden, ist die Wahrheit diese, daft alle Gedanken, die iiber den
Spiritismus gemacht werden, gar nicht einmal iiber den Tod hinaus-
gehen. So stark sind die Illusionen, denen sich die Menschen dann
hingeben, wenn sie irgendwie sich Anschauungen iiber die geistige
Welt bilden wollen.
Worum es sich handelt, ist nicht, daB wir uns bloB Gedanken
machen iiber die geistige Welt - wir miissen sie uns zunachst machen,
damit iiberhaupt der Inhalt der geistigen Welt in die Seele herein-
kommt -, aber das, worum es sich handelt, ist, daB diese Gedanken
sich als lebendig schaffend erweisen. Die gewohnlichen physischen
Erdengedanken sind abstrakte Gedanken. Die meisten wissenschaft-
lichen Gedanken sind ganz abstrakte Gedanken, die tun eigentlich
nichts in der menschlichen Wesenheit, so wenig als die Spiegelbilder
etwas tun konnen. Sie sind nur Bilder, diese Gedanken. Wenn Sie
mit einem Menschen zu gleicher Zeit in den Spiegel schauen und eine
Ohrfeige bekommen, so werden Sie nicht irgendeinem der Spiegel-
bilder das zuschreiben, daB Sie die Ohrfeige bekommen haben, son-
dern einem wirklichen Menschen, der neben Ihnen steht. Gedanken
sind ebenso wie die Spiegelbilder : sie tun nichts, sie impulsieren nicht
in Wirklichkeit. Erst die moralischen Intuitionen in den Gedanken
sind das Impulsierende. Und so ist es, daB wir zwar ausgehen miissen
von Gedanken, daB aber die Gedanken iiber die geistige Welt so
wirken miissen, wie Realitaten wirken, nicht wie Gedanken.
Dann erst treten wir ein in die wirkliche anthroposophische An-
schauung, wenn wir die Gedanken als Realitaten empfinden, sie auch
als Realitaten erleben. Hier liegt auch dasjenige, dem oftmals mit einem
Einwande begegnet wird. Oberflachlinge sagen auch: Diese ganze
anthroposophische Weltanschauung kann auch auf Einbildung be-
ruhen, der Mensch unterliegt Selbstsuggestionen. Man sagt als Bei-
spiel, daB der Mensch manchmal so sensitiv ist, daB er beim bloBen
Gedanken des Limonadetrinkens schon von der Empfindung, die man
eben beim wirklichen Limonadetrinken auch haben kann, ausgefullt
wird. Es ist richtig, es gibt so sensitive Menschen, die nur an eine
Limonade zu denken brauchen und sie haben den Limonaden-
geschmack im Munde. Wenn das als Einwand entgegengebracht wird,
so ist das richtig, aber es soil jemand sagen, ob er sich durch den
bloBen Gedanken an die Limonade den Durst geloscht hat ! Das hat
er eben nicht getan. In die Realitat treten die bloBen Gedanken nicht
iiber . Solange allerdings Anthroposophie bloB Gedanke bleibt, gleicht
sie dem, was man an einer vorgesteliten Limonade hat. Aber das
braucht sie nicht zu bleiben, denn sie ist aus der geistigen Realitat
heraus geschopft. Sie wirkt nicht bloB wie ein Gedanke, sondern sie
wirkt, wie auf den physischen Leib die auBere Realitat der Stoffe
wirkt. Sie durchdringt, sie durchpulst das Willens- und dasGefuhls-
leben des Menschen. Sie wird Realitat im Menschen. Das ist es, worauf
es ankommt.
Damit ist schlieBlich nichts Besonderes getan, wenn wir die Anthro-
posophie als Theorie haben. Sie muB Leben werden. Sie kann aber
insbesondere in diesem Punkte Leben werden, daB sie unsere Seelen
energievoll, tragkraftig, mutvoll macht; daB in dem Momente, wenn
wir in Sorge fur das physische Erdenleben, in tiefster Trauer und
tiefstem Elend stehen, wir im Aufblick zu einer geistigen Welt von
innerer Freudigkeit, von innerem Trost, von innerer Energie erfullt
werden konnen. Dann wird Anthroposophie wie ein lebendiges
Wesen, dann wird sie etwas, was wie unter uns wandelt als ein leben-
diges Wesen. Dann aber ist sie eigentlich erst dasjenige unter uns ge-
worden, was sie werden sollte, dann durchdringt sie erst alle unsere
Tatigkeit. Und dann bringt sie uns dazu, diese Welt, in die wir ja
auch um des Geistes, nicht um der physischen Materie willen auf
Erden hineingestellt werden, wirklich zu durchdringen. Vor alien
Dingen kommt dann Anthroposophie zur wirklichen Menschen-
kenntnis. Denn wenn man den Menschen einfach so betrachtet, daB
man, nachdem er gestorben ist, absieht von dem, was nun durch die
Pforte des Todes gegangen ist und bloB dasjenige ins Auge faBt, was
als physischer Leib ubriggeblieben ist, auf anatomischem Wege, in-
dem man den Leichnam seziert, physiologisch den Menschen be-
trachtet: dadurch erfahrt man ja das allerwenigste iiber den Menschen.
Denn dann wird eigentlich alles so mehr oder weniger gleichgiiltig
am Menschen, gleichgeltend besser gesagt : die Blutzelle wird mit der
Nervenzelle stark gleichgeltend. GewiB, man unterscheidet sie - ich
will Ihnen nicht irgendeinen Unsinn vortragen -, aber man unter-
scheidet sie nicht in bezug auf das Wesen. In bezug auf das Wesen
kann man sie nur unterscheiden, wenn man die Beziehung dieser
Elementarwesenheit Zelle zum Geistigen kennt. Nun ist es bei der
Nervenzelle so, iiberhaupt bei jedem Nervenpartikelchen, daB in dem
Nervenwesen dasjenige, was aus dem Geiste kommt, ich mochte
sagen, sein irdisches Heim findet. Wir kommen, wenn wir aus der
geistigen Welt heraustreten und wieder Erdenbiirger werden, durch
die Ihnen bekannten Vorgange in unseren physischen Leib herein.
Was uns da dient, indem wir heruntersteigen in die physische Welt,
das ist alles das, was mit unserem Nervenmenschen zusammenhangt.
Wir setzen uns gewissermaBen in unset Nervensystem hinein, indem
wir aus der geistigen Welt heruntersteigen. Und das Eigentiimliche
dieses Nervenmenschen, jeder einzelnen Nervenzelle, jedes Nerven-
partikelchens, besteht darin, daB das Geistige diese Nervensubstanz
so ausfiillt, daB innerhalb des Nervenmenschen in der Wesenheit das
da ist, was man nennen konnte : zur Materie verdichteter Geist. Es ist ja
nicht ganz so, sondern so, daB beim irdischen Menschen fortwahrend ein
Austausch stattrlndet zwischen Nervenmaterie und Blutmaterie. Aber es
ist der Austausch so, daB innerhalb der Nervenmaterie die eigentliche
Blutmaterie nicht geduldet, immer herausgeworfen wird, so daB wir
in der Nervenmaterie etwas haben, was wahrend un seres ganzen Erden-
lebens fur die irdische Geistigkeit wie ein Undurchlassiges ist.
Wir kommen auf die Erde, machen uns zum Nervenmenschen und
sagen damit : Wir sind Himmelssprossen. Insoferne wir Nervenmen-
schen sind, sind wir Himmelssprossen, und wir setzen geistig uns da
fest, bleiben Himmelssprossen, insofern wir Nervenmenschen sind.
Da ist gewissermaBen die Geistigkeit, die wir vorher waren, starr ge-
worden. Und sie gliedert sich das iibrige an, was nicht Nervenmensch
ist, was also im Extrem der Blutmensch ist. Das wird angegliedert,
das ist andere Materie. Das ist Materie, die fortwahrend mit dem
Geiste in inniger Wechselwirkung steht, die fortwahrend von dem
Geiste durchsprudelt wird. Wahrend im Nervenleibe der Geist er-
starrt ist, wird er im Blutleibe immer neu geschaffen, da lebt die
eigentliche irdische Metamorphose. Diese zwei Menschenwesenheiten
sind zusammengegliedert, sind ganz voneinander verschieden, wie
positive und negative Elektrizitat voneinander verschieden ist. Wir
tragen eine solche Polaritat in uns in bezug auf die Beschaffenheit
unseres Nervenleibes und Blutleibes. Die andern Organe sind meta-
morphosierte Organe aus Blut und Nerven.
Es ist etwas ganz anderes, ob irgend etwas in unserem BlutprozeB
vor sich geht - das ist dann irdisch -, oder ob etwas in unserem
NervenprozeB vor sich geht. Das kommt uns zwar nicht zum BewuBt-
sein, weil die Substanz des Geistes so erstarrt ist, daB alles zuriick-
reflektiert wird. Das sind dann unsere Gedanken, die zuriickreflektiert
werden. Aber diese Zweiheit, diesen Dualismus tragen wir in uns, daB
wir fortwahrend himmlischer Abkommling und irdischer Keim sind.
Himmlischer Abkommling, irdischer Keim - beide sind polarisch
einander entgegengesetzt -, die wirken zusammen.
Nun, gestatten Sie mir, daB ich einen Vergleich gebrauche. Sie
haben zwei entgegengesetzte Zustande. Wenn Sie sich die Waage vor-
stellen und im Hypomochlion festgehalten rechter und linker Waage-
balken: Sie haben Gleichgewicht, wenn das Gewicht auf der einen
Seite so groB ist wie das auf der andern Seite. Immer, wenn Sie das
Gewicht auf der einen Waageschale vergroBern, mussen Sie es auf der
andern Seite auch vergroBern, damit der Waagebalken horizontal
bleibt. Aber ein Punkt ist da, den das gar nicht interessiert : das ist der
Punkt, wo der Waagebalken aufgehangt ist. Sie konnen die Waage
uberall herumschaffen, wenn Sie sie an dem einen Punkt halten, wo
der Waagebalken unterstiitzt ist. Sie konnen uberall sehen, wie links
von rechts abhangig ist und umgekehrt, aber gar nicht kiimmert sich
darum dieser Auf hangepunkt. Da ist alles im Gleichgewicht, und was
da auch auf den zwei Waagschalen vorgeht, es ist ganz unabhangig
von dem, was gerade just in diesem einen Punkte bei der Waage vor-
geht. Sie konnen einmal eine Bewegung so machen, wenn Sie die
geniigende Geschicklichkeit anwenden, Sie konnen auch eine solche
Bewegung oder eine solche machen mit dem Auf hangepunkte : das
hangt gar nicht zusammen mit dem, was auf der Waage, auf der
rechten und linken Seite des Waagebalkens vor sich geht. So ist es
beim Menschen auch, nur ist da kein Aufhangepunkt, aber eine
Gleichgewichtslage zwischen dem, was er als Nervenmensch ist und
dem, was er auf der Erde wird. Diese zwei Dinge stehen miteinander
in einem Zusammenhang, den man untersuchen kann. Bei einem
Menschen, der auf der einen Seite starke Gedanken hat, kommen diese
in einem starken WillensentschluB zum Ausdruck. Wenn ein Mensch
starke Muskeln hat, hat er auch andere Gedanken iiber sein Wollen.
Aber dazwischen ist eine Gleichgewichtslage. Die Gleichgewichtslage
liegt nicht im Kopf als Reprasentanten des Nervenmenschen - nicht
in den GliedmaBen als Reprasentanten des Blutmenschen. Sie Hegt
dazwischen, sie ist etwas wie ein Hypomochlion, was die Gleich-
gewichtslage von beiden ist.
Und was ist der Mensch dadurch, daB er diese Gleichgewichtslage
hat? Sehen Sie, wenn die Waage sich selbstandig bewegen wiirde, so
wiirde sie sich in ihrem Gleichgewichtspunkt ganz unbekummert
darum bewegen konnen, wie ihr Waagebalken belastet oder nicht
belastet wird. Da der Mensch eine solche Gleichgewichtslage hat, be-
wegt er sich auch als Erdenmensch ganz unabhangig von dem, was die
Naturwissenschaft als die Kausalitat des Willens, als die Unfreiheit,
als die Verursachung der Willensimpulse findet. So wahr es ist, daB
Sie eine GesetzmaBigkeit haben zwischen dem rechten und linken
Waagebalken, so wahr ist alles das, was die Naturwissenschaft iiber
die Ursache eines Willensentschlusses sagt. Aber der Wille selbst liegt
im Hypomochlion, in der Gleichgewichtslage. Man muB also erst die
wirkliche Wesenheit des Menschen erkennen, dann hat man ein Urteil
dariiber, ob der Mensch ein freies Wesen ist oder nicht. Diese Er-
klarung ergibt sich aber erst, wenn man die Beziehung des Geistes auf
der einen Seite sozusagen zur positiven Materie, auf der andern Seite
zur negativen Materie kennt, also eigentlich die positive Beziehung
des Menschen zur Materie und die negative. Dann findet man zwischen
beiden die Region, wo der Mensch als freies Wesen realisiert ist. Dann
schaut man hinein in dasjenige, wo sich der Mensch heraushebt sowohl
aus der Ursachlichkeit wie aus der geistigen Determination. In alten
Zeiten hatte man die geistige Determination, von der ausgehend die
Philosophic behauptete, daB der Mensch vom Geiste aus iiberall deter-
miniert sein miiBte; in der neueren Zeit die Naturkausalitat. So wie
die Deterministen im Nervenmenschen platscherten und nicht wuBten,
daB immer ein Anderes, Entgegengesetztes ein Gleichgewicht bewirkt,
so bewegen sich die heutigen Menschen in der Naturkausalitat. Beide
finden die Unfreiheit des Menschen. Aber die Freiheit liegt zwischen
drinnen.
So handelt es sich darum, daB wir wirklich in die Lage kommen, die
physische Welt gerade dadurch zu begreifen, daB wir das Verhaltnis
dieser physischen Welt zur geistigen richtig ins Auge fassen konnen.
Damit kommt man nicht aus, daB man sagt : Der physischen Welt liegt
eine geistige zugrunde. - Da kommen Sie hochstens zu der Trivial-
vorstellung : Da steht der physische Mensch, und irgendwo schwimmt
ein geistiges Urbild. - Da kommen Sie nicht zu einer Vorstellung des
physischen Menschen. Sie konnen den physischen Menschen nur so
verstehen, daB zu der einen Halfte des Menschen die geistige Welt in
einer ganz andern Beziehung steht als zu der andern Halfte, und daB
dazwischen ein von beiden nicht beriihrter Gleichgewichtspunkt ist,
der die menschliche Freiheit bildet.
Im Grunde genommen miiBte ein innerliches Entzucken in der
Seele entstehen - ich rede gleich wieder von dem, was durch die Ge-
danken bewirkt wird, die mit aller Lebendigkeit aus dem Geistigen
herausgeholt sind -, es miiBte ein innerliches Entzucken in der Seele
entstehen, wenn sie sich sagen kann: Es fallt einem wie Schuppen von
den Augen, wenn man sich sagen kann, der Mensch ist frei, und wenn
man hinschauen kann auf die Grunde dieser Freiheit. - Solange es
bloB Menschen gibt, welche mit genialer Gescheitheit - ich will diese
den Anthroposophen nicht absprechen - die Anthroposophie ein-
sehen, sich zu ihr bekennen als zu Gedanken, so lange lebt Anthropo-
sophie noch nicht. In dem Momente, wo bei besonders wichtigen
Erkenntnissen die Seelen vor Entziicken zerspringen mochten und
freudig erregt werden von dieser oder jener Einsicht, dann erst, wenn
solche Menschen sich als Anthroposophen fiihlen, dann ist die anthro-
posophische Bewegung entstanden. Sie entsteht eigentlich als anthro-
posophische Bewegung im ganzen Menschen. Dann trifft sie auch auf
die Gleichgewichtslage auf.
Nun, meine lieben Freunde, ich mochte Sie von diesem Vortrage
damit entlassen, dafi ich Sie der Vorstellung ausliefere, die Sie fragt:
Wie weit konnen wir heute schon von anthroposophischen Gedanken
innerlich durchgluht und erkenntnisfreudig entziickt werden? - Dann
denken Sie von diesem Gesichtspunkte aus uber den Anfang der
anthroposophischen Bewegung nach !
MAUTHNERS «KRITIK DER SPRACHE» -
DIE UNZULANGLICHKEIT HEUTIGEN DENKENS,
AUFGEZEIGT AN RUBNER UND SCHWEITZER
Stuttgart, 4.Juli 1923
Es ist in unserer Zeit auBerhalb der Kreise der anthroposophischen
Bewegung wenig Verstandnis dafur vorhanden, wie man eigentlich
wiederum zu einer wirklichen Seelenanschauung kommen soli. Ich
spreche damit einen Satz aus, der vielleicht auf der einen Seite man-
chem ganz unverstandlich klingt, weil doch oftmals die Voraussetzung
gemacht wird, daB man wisse, was Seele ist, womit man es zu tun
habe, wenn man von der Seele spricht - und so weiter, Und auf der
andern Seite kann ein solcher Ausspruch vielfach auch wiederum wie
eine Selbstverstandlichkeit genommen werden in dem Sinne, daB die
jahrhunderte-, ja jahrtausendealten Anschauungen iiber die mensch-
liche Seele einmal abgewirtschaftet haben und daB man warten miisse
mit einer Anschauung iiber die menschliche Seele, bis die natur-
wissenschaftlichen Forschungen so weit sein konnen, daB sie Auf-
schluB iiber das Seelische zu geben in der Lage skid.
Nun mochte ich doch diesen beiden Einwanden heute zunachst nur
das entgegenstellen, was der eben verstorbene, von mir ofter genannte
Sprachforscher Frit% Mauthner geltend gemacht hat: daB die Men-
schen in der Gegenwart vielfach glauben, sie hatten iiber das oder
jenes eine Anschauung, wahrend sie doch im Grunde genommen nur
Worte haben. Und Mauthner hat aus diesem Grunde eine «Kritik
der Sprache» geschrieben. Er wollte zeigen, daB gerade die heute
zivilisierte Menschheit eine vererbte Sprache hat. Man hat fur alles
mogliche Ausdriicke. Wenn man aber naher nachsieht, was hinter
den Worten steckt, so ist es eigentlich in Wirklichkeit nichts. Man hat
das Wort, glaubt, mit dem Worte etwas zu bezeichnen, bezeichnet
aber in Wirklichkeit damit nichts.
Nun ist es ja selbstverstandlich eine Unsinnigkeit, diese Kritik der
Sprache etwa anzuwenden auf die naturwissenschaftlichen Erkennt-
nisse. Denn niemand wird der Anschauung sein, daB - ob man nun
viel oder wenig, sagen wir, iiber ein Pferd zu denken weiB - man
durch den Ausdruck « Pferd » in irgendeiner Sptache iiber die Sache
Pferd beirrt sein konnte. Jeder weiB doch ganz genau zu unterschei-
den, daB man auf dem Worte Pferd nicht reiten kann und auf dem
wirklichen Pferd reiten kann. Und damit ist schon von vorneherein
zum Ausdruck gebracht, daB mit Bezug auf die Dinge, die in der
Natur gegeben sind, eine Kritik der Sprache ziemlich belanglos ist,
denn man wird immer den Unterschied kennen zwischen dem Worte
und der Sache mit Bezug auf die auBere Anschauung. Ich glaube nicht,
daB jemand, der ausreiten will, sich statt auf den wirklichen Schimmel
auf das Wort Schimmel setzen wird.
Aber wirklich anders verhalt es sich mit alldem, was sich in unserer
heutigen Zivilisation bezieht einerseits auf die Seele, auf das Seelen-
leben, die Tatsachen des Seelenlebens, und was sich auf der andern
Seite bezieht auf die ethischen, auf die sittlichen Forderungen der
Menschheit. Da muB man tatsachlich sagen: Es ist eigentlich zumeist
nur ein Glaube vorhanden, daB hinter denWorten Realitaten stecken.-
Deshalb kann man es auch verstehen, daB Mauthner tief nachdachte:
Soli man denn iiberhaupt das Wort « Seele » noch aussprechen? Es
steckt ja nicht Reales dahinter, was der Mensch so meint, wie wenn
er von dem Pferd mit dem Worte Pferd spricht. Die Menschen haben
ja nicht mehr Anschauungen iiber das Seelenleben. Daher sollte man
nicht nur, wie es eine Seelenkunde des 19. Jahrhunderts getan hat, die
Seele aus der Seelenkunde weglassen, man sollte iiberhaupt das Wort
Seele ganz ausmerzen, und so wie man von etwas Unbestimmtem
spricht, von «seelischen Erscheinungen» sprechen. Wenn man sagen
will, das sind drei Wesenheiten, Karl, Fritz, Hans, die von dem glei-
chen Vater und der gleichen Mutter Sonne sind, und oberflachlich sie
bezeichnend iiber sie hinweggehen will, dann sagt man: Geschwister.
Warum sollte man denn, meint Mauthner, da man nur so Unbestimm-
tes iiber die seelischen Erscheinungen weiB, Seele sagen? Es be-
zeichnet das Wort Seele nichts, man sollte «Geseel» sagen. Wenn das
nun wirklich Gluck hatte und auf kommen wiirde, ware man die Tau-
schung los, daB, wenn man Seele sagt, man noch irgend etwas da-
hinter habe. Denn man wiirde in der Zukunft nicht mehr sagen, der
Mensch habe eine unsterbliche Seek. Der Mensch hat wahrend seines
Erdenlebens in sich ein Geseel. Ich bin in meinem tiefsten Geseel
geriihrt und so weiter.
Die Dinge sind tatsachlich getade fur diejenigen Menschen, welche
in ernsthafter Weise auf eine Anschauung des Geistes ausgehen, von
auBerordentlichem Ernste, von einem viel groBeren Ernste, als man
gewohnlich meint. Jedenfalls beweisen sie, wie sehr die Menschen
aufhorchen sollten in der Gegenwart, wenn irgendwo geltend ge-
macht wird, es sollen wiederum die rechten Mittel gesucht werden,
um zur Realitat der Seele, zur Wirklichkeit der Seele zu gelangen.
Man sagt heute, die seelischen Fahigkeiten seien in der Hauptsache
Denken, Fiihlen, Wollen. Aber es sollten die Menschen nur einmal
sich ehrlich klarmachen wollen, was sie bei diesen Ausdrucken Den-
ken, Fiihlen, Wollen verstehen. Es wiirde ihnen bald der Glaube aus-
rauchen, daB sie dabei auf Reales hinschauen. Ich mochte heute nur
davon sprechen, wie Anthroposophie verdeutlichen kann, daB man
ja mit dem gewohnlichen BewuBtsein gar nicht in der Lage ist, in die-
ser Beziehung auf ein voll Reales hinzuschauen. Und das, was ich
heute einleitend andeuten mochte in dieser Hinsicht, das werde ich
dann im nachsten Vortrag weiter ausfuhren, denn es obliegt mir heute,
noch vor alien Dingen auf eine andere Seite hinzuweisen.
Wenn der Mensch heute ehrlich in sich selbst hineinsieht, dann
muB er sich gestehen: Dasjenige, was er an Gedanken in sich tragt,
ist zumeist - ja, fur die meisten ist alles, was an Gedanken in ihnen
getragen wird - aus der AuBenwelt genommen. Die Gedanken sind
mehr oder weniger nur Spiegelbilder dessen, was in der auBeren
physisch-sinnlichen Wirklichkeit auf die menschlichen Sinne einen
Eindruck macht. Versuchen Sie nur einmal deutlich das Selbst-
beobachtungsexperiment zu machen und sich zu fragen : Wieviel Ge-
danken sind denn in diesem menschlichen BewuBtsein, die auf etwas
anderes hinweisen - auBer dem, daB wir Worte haben : Denken, Fiih-
len, Wollen, Gott, Unsterblichkeit und so weiter die auf etwas hin-
weisen in dem Geistesleben der gewohnlichen Zivilisation, was nicht
von der AuBenwelt gespiegelt ist. Die Menschen trachten ja nur da-
nach, alles so aufzufassen, wie es von der AuBenwelt gespiegelt werden
kann. Und wenn man heute vielen Menschen das Geistige klarmachen
will, dann ver langen sie eigentlich schon auch fur das Geistige Lichtbil-
der, vielleicht einen Film oder dergleichen, weil sie sagen : Wenn uns
das nicht veranschaulicht wird, wenn uns nicht sinnliche Bilder vor
Augen gestellt werden, dann begreifen wir ja nichts vom Geistigen!
In solchen Momenten, wo die Leute verlangen, daB man ihnen
auch das Geistige in sinnliche Bilder kleidet, da sind sie ehrlicher, als
wenn sie etwa als Seelenkundige iiber die Seele sprechen. Wenn wir
vieles von dem zusammennehmen, was ich gerade hier in diesem
Hause ofter besprochen habe, dann werden wir uns daruber klar-
werden konnen, daB wir, wenn wir so zuruckschauen auf unser Den-
ken, nur eine Seite dieses Denkens haben. In diesem Sinne kann man
sogar von einer Wirklichkeit sprechen - aber so kann man von einer
Wirklichkeit sprechen, wie wenn man einen Menschen nur von hinten
kennenlernt. Stellen Sie sich die groteske Sache vor: Sie kennen einen
Menschen nur von der Hinterseite ! Dann kennen Sie ihn zwar, aber
Sie kennen nicht sein Wesen. Sie konnen hochstens manchmal irgend
etwas von seinem Wesen erfassen. Dann aber mussen schon solche
Falle eintreten, wie bei dem Studenten, der einmal als ein ganz junger
Dachs nach Heidelberg gekommen ist, sich hat einschreiben lassen bei
dem beriihmten Professor Kuno Fischer, und nun in seiner groBen
Freude, bevor er ins Kolleg ging, zum Friseur eilte, sich herrichten
lieB, und weil er so voll davon ist, daB er den beriihmten Mann horen
werde, auch mit dem Friseur daruber redet. Da sagt der Friseur: Ja,
heute schreibt der Kuno Fischer was auf die Tafel! - Da fragt ihn der
Student: Woher wissen Sie denn das, daB der Kuno Fischer heute
etwas auf die Tafel schreibt? - Ja, wenn er etwas auf die Tafel schreibt,
dann laBt er sich vor der Vorlesung hinten einen Scheitel machen; da
dreht er sich um!
Nun ja, wenn solche deutlichen Zeichen vorliegen, daB der Charak-
ter in der Scheitelung des Hinterhauptes zum Ausdruck kommt, dann
kann man ja etwas erfahren von dem Inneren der Personlichkeit, auch
wenn man sie nur von hinten kennenlernt. Aber es ist erstens vielleicht
nicht besonders erheblich, zweitens ist es doch bei den meisten Men-
schen so, daB man da nicht sehr viel erfahrt.
Bezuglich unseres Denkens, dieses fur das Erdenleben wichtigsten
Teiles des Seelischen, nimmt man in dec Tat nur wahr, wenn ich mich
so ausdriicken darf, die Hinterseite. Die Vorderseite entgeht der ge-
wohnlichen Beobachtung. Denn, wenn man mit Anthroposophie an
die Menschenbeobachtung herantritt und sich fragt: 1st das alles am
Denken, daB man sich abstrakte Vorstellungen iiber die sinnlich er-
griffenen auBeren Dinge macht? - so kommt man darauf, daB das
nicht alles vom Denken ist, sondern das Denken ist, auBer daB es
diese Summe von abstrakten Gedanken darstellt, auch noch eine
Summe von Kraften. Die Gedanken konnen eigentlich nichts machen,
und am besten denkt man eigentlich, wenn man nichts macht, wenn
man sich ruhig hinsetzt, wenn man der Ruhe pflegt. Gedanken sind
kraftlos, wie Spiegelbilder kraftlos sind. Aber wenn man nun den
Menschen verfolgt, vom Kleinkind auf bis er groBer gewachsen ist,
und wenn man spater wiederum die ja auch noch in dem Menschen
vorhandenen Wachstumsprozesse verfolgt - wenn auch der Mensch
nicht mehr groBer wird, Wachstumsprozesse sind ja noch immer da -,
wenn man auf das schaut, was da im Menschen die Krafte seines
Wachstums sind, dann sind das dieselben Krafte, nun von der andern
Seite gesehen, die sich nach nick warts zeigen in den abstrakten Ge-
danken. Nach auBen sendet der Mensch die abstrakten Gedanken,
nach innen sind das die Krafte, die sein Gehirn formen. In den ersten
kindlichen Jahren wird das Gehirn plastisch geformt. Die Krafte, die
sonst irgendwo wirken als Wachstums krafte, sind die Krafte des
Denkens. Und wie Sie sich, wenn Sie einen Menschen von hinten
sehen - um dieVorstellung hegenzu diirfen, er sei ein ganzer Mensch-,
die Vorderseite hinzudenken mussen, so mussen Sie zu dem abstrakten
Denken das konkrete, reale Gedankenkraften hinzudenken, das in den
Menschen hineingeht, am Menschen arbeitet.
Das ist ja das Wesen einer auf die gesunde Anthroposophie ge-
griindeten Padagogik, daB der Padagoge weiB: Es ist nicht getan
damit, daB das Kind von dem oder jenem diese oder jene abstrakte
Vorstellung bekommt. Denn ob das Kind eine lebendige, bildhafte, in
sich regsame Vorstellung bekommt oder eine tote Vorstellung, das ist
ein groBer Unterschied. Die tote Vorstellung wirkt hemmend auf die
Wachstumsprozesse, die regsame Vorstellung wirkt fordernd auf die
Wachstumsprozesse. Und so kommen wir darauf, daB das Denken die
eine Seite zeigt, die kraftlos nur die AuBenwelt spiegelt, und nach
innen gerichtet sehen wir eine lebendige, den ganzen Organismus des
Menschen durchkraftende Seite, die nur die andere Seite seines Wachs-
tums darstellt, das geistige Gegenbild seines Wachstums. Und wenn
man weiter forscht, dann findet man, daB sich der Mensch dasjenige,
was da die andere Seite darstellt - in bezug auf den Menschen ist es
die ruckwartige, aber in bezug auf das Denken ist es die Vorderseite -,
zwar nicht das tote Denken, das uns nur nach vorne, auf der andern
Seite erscheint, sondern dieses lebendige Denken herunterbringt aus
seinem vorirdischen Dasein.
In der Tat ist der Obergang aus dem vorirdischen Dasein in das
irdische Dasein in bezug auf diese Sache so, daB der Mensch im vor-
irdischen Dasein frei entwickelt ein System von Kraften, das allseitig
in der geistigen Welt wirkt. Dann steigt er herunter in das irdische
Dasein. Da verwandelt sich dieses in der geistigen Welt regsame wal-
tende Denken selber in die inneren Organisationskrafte des Leibes,
und nach aufien sendet es gleichsam die spiegelnde Flache, wohinein
die Erde ihre Bilder wirft. Das ist der Tatbestand. Nun aber ist es
allerdings so, daB der Mensch, nachdem er die Zeit zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt in geniigender Weise absolviert hat,
dann fur dieses lebendige Denken eben in der geistigen Welt keine
Aufgabe hat. Dieses lebendige Denken hat seine groBe Aufgabe in
der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn die Auf-
gabe vollendet ist, dann tritt eben driiben die Erscheinung ein, die ich
Ihnen ofter beschrieben habe : Die Seele wendet sich zum Erdenleben.
Da aber hat dieses Denken eine neue Aufgabe : die Aufgabe, den Men-
schenleib zu bilden. Und das ist das Bedeutsame bei dem irdischen
Denken des Menschen, bei dem aus dem Geistigen herkommenden
Denken des Menschen, daB es gestaltend auf den Menschenleib ge-
richtet ist. So haben wir in unserem wahren, in unserem wirklichen
Denken ein Erbstiick aus der geistigen Welt, aber ein solches, das nur
etwas ist auf der Erde, denn in der geistigen Welt hat es seine Aufgabe
verloren. Dem verdanken wir die Tatsache, daB dieses unser Denken
auf der Erde so klar werden kann. Hatte dieses Denken noch eine
Aufgabe wie in der geistigen Welt, so konnte es auf Erden nicht so
klar werden.
Gehen wir aber zu der andern Fahigkeit der menschlichen Seele
iiber, zu dem Fiihlen. Da werden Sie alle merken - ganz abgesehen
davon, was ich selbst hier in diesem Raume dariiber gesprochen habe :
Das Gefuhl ist nicht so klar wie das Denken. Das Gefuhl ist etwas, was
zwar in einer andern Gestalt, aber so wie das Traumen auftritt. Die
Seelenverfassung ist wahrend des Fiihlens im Grunde ganz dieselbe
wie wahrend des Traumens, nur daB das Fiihlen in ganz anderer Form
auftritt. Warum ist das so? Nun, auch beim Fiihlen haben wir, geradeso
wie beim Denken, hier fiir dieses Erdenleben nur die Hinterseite.
Aber die Vorderseite ist jetzt nicht bloB dem Menschenleibe zu-
gelenkt, sondern, indem der Mensch aus dem vorirdischen Dasein,
aus dem Dasein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, herunter-
steigt auf die Erde, behalt er auch dasjenige, was hinter dem Fiihlen
steckt, als Erbstiick. Aber das bleibt noch dem Geistigen zugewandt,
das hat nicht bloB eine irdische Aufgabe. Daher nimmt der Mensch
jede Nacht, wenn er einschlaft, sein Denken nicht mit in den Schlaf,
sein Fiihlen aber nimmt er mit. Und wenn Sie die Traume in der
rechten Weise betrachten, so sind sie Bilder, weil die logischen Ge-
danken nicht fortleben; aber die Gefiihle leben weiter fort. Mit jedem
Schlaf taucht der Mensch in die ganze geistige Welt ein. Sein Denken
nimmt der Mensch nicht mit, das Fiihlen aber nimmt er mit, und erst
recht das Wollen.
Mit dem Wollen ist ja begreiflicherweise bei Tage nichts anzu-
fangen. Ich habe ofters ausgesprochen : Der Mensch kann sich etwas
vornehmen, er hat einen Gedanken. Wie der Gedanke aber hinunter-
gleitet in den Leib, wie der WillensentschluB, die Hand zu bewegen,
weiterwirkt, das bleibt so dunkel, wie der Zustand im Schlaf dunkel
bleibt. Aber dafur behalt der Mensch fiir seinen Willen am meisten
aus dem Ewigen. Und wiederum kann man beim Willen sehen, aus
der Regsamkeit des Menschen - denn wenn der Mensch sich nicht
regt, ist nicht ein Wille vorhanden, sondern nur ein Wiinschen -,
beim Willen kann man gerade sehen, daB der Mensch auf der Erde
nach auBen wirkt. Nach der andern Seite gesehen, stellt der Wille ein
ganz und gar Ewiges dar. Das Denken stellt auch ein Ewiges dar, aber
ein solches, das sich umgewandelt hat zu einer irdischen Betatigung.
Der Wille aber bleibt im Ewigen vorhanden und ist tatig an dem
durch die wiederholten Erdenleben hindurchgehenden Schicksal des
Menschen, an dem Karma.
Ich wollte Ihnen damit nur einleitend sagen, wie man zu einer wirk-
lichen Seelenlehre vordringt, so daB man wiederum hinter den Worten
Denken, Fuhlen, Wollen Realitaten hat, daB man wiederum auf Wirk-
liches hindeutet. Wie man bei dem Worte Pferd auf das auBere
physische Pferd hinweist, so kann man, wenn man auf diese Weise
anthroposophisch in das Seelenleben eindringt, wieder zur Wirklich-
keit, zu Realitaten kommen. Das ist der Weg, und auf diesem Wege
wird zugleich dasjenige kommen - weil es, wenn er das verstehen will,
die edelsten Krafte im Menschen anregt -, was ich am Ende des
letzten Vortrages hier betont habe : daB Anthroposophie nie verstan-
den wird, wenn sie Theorie ist, sondern erst verstanden ist, wenn im
Erwerben des Anthroposophischen der Mensch ein anderer wird, der
Mensch sich wirklich umwandelt; wenn er in ethischer, in mensch-
licher Beziehung iiberhaupt ein anderer wird.
Dem, was in dieser Weise angestrebt wird, steht heute etwas andres
gegeniiber. Und jetzt komme ich zu dem, was ich gerade verpflichtet
bin, Ihnen zu sagen, weil Anthroposophie schonin der Welt darinsteht
und man fur dasjenige, was geschieht, wach sein muB. Man darf
nicht immer geschlossene Fenster haben, sondern muB auch hinaus-
schauen, und so ist es spirituelle, geistige Pflicht, iiber diese Dinge
zu sprechen. Oberall namlich, wo Leute heute giauben, allein aus
der Naturwissenschaft die klaren BegrifTe bekommen zu haben,
wird das Anthroposophische etwa mit der Behauptung abgetan:
das ist Phantasie, Spekulation, das ist Phantastik. Und jene Leute
sagen, daB sie allein das klare Denken haben. Abgesehen davon,
daB man naturlich, wenn man sich der Anthroposophie nahert, durch
das Verfolgen des Anthroposophischen die innere Sicherheit von der
Wahrheit bekommt, muB man sich aber doch manchmal auch an-
schauen, wie klar denn eigentlich das heutige Denken ist ! Das mochte
ich Ihnen zunachst an einem Beispiel erortern, aus dem Grunde, weil
der Anthroposoph bei wachen Sinnen sein soli iiber das, was heute
Zeitkultur oder Zeitzivilisation ist. Ich nehme ein Beispiel, das schon
etwas besagt. Wenn man, sagen wir, einen Menschen, der in den Zei-
tungen schreibt, auf seine Logik hin priift, so ist nicht viel damit
gesagt. Aber ich nehme einen bedeutenden Naturforscher der Gegen-
wart und sage ausdriicklich, daB ich nichts Hamisches, nichts Herab-
setzendes sagen will, weil ich durchaus anerkenne, wir haben es da
mit einem bedeutenden Naturforscher und mit einer ernsten An-
gelegenheit zu tun, die er bespricht. Und da mochte ich Sie auf die
Klarheit in dieser Beziehung, wie sie in der Gegenwart herrscht, auf-
merksam machen.
Der bekannte Naturforscher Max Rubner hielt im Oktober 1910 an
der Berliner Universitat die Rektoratsrede, die betitelt ist: «Unsere
Ziele fur die Zukunft.» Er spricht iiber die geistigen Ziele der Zu-
kunft, und es spricht wirklich nicht der Nachstbeste, sondern es
spricht einer, der in der Forschung drinnensteckt und den man fur
einen ernsten und tiichtigen Forscher ansehen muB vom Gesichts-
punkte der heutigen Zivilisation. Am Schlusse seiner Rede apostro-
phiert er auch die Studenten und versucht - nun ja, in einer nach
seiner Art schonen Weise - klarzumachen, daB sie studieren sollen.
Aber er tut das eben mit den «klaren» Begriffen - ichmeine«klar» in
GansefiiBchen -, die heute eben einem solchen Forscher aus dem
heutigen Denken heraus moglich sind. Ich will auf einzelnes aufmerk-
sam machen. Da sagt er zunachst, indem er die Studenten apostro-
phiert: «Wir miissen alle lernen; wir bringen auf die Welt nichts
anderes mit als unser Instrument zur geistigen Arbeit, ein un-
beschriebenes Blatt, das Gehim, verschieden veranlagt, verschieden
entwicklungsfahig; wir empfangen alles aus der AuBenwelt . . . »
Also eine ja heute oft angetroffene Anschauung, die da besagt:
Seht, wenn ihr iiber das Seelenleben sprechen wollt, auf euer Gehirn
hin, das ist ein unbeschriebenes Blatt, das muB alles durch die Ein-
driicke der AuBenwelt bekommen. Kommen wir also zur Welt, so
haben wir unser Gehirn als ein unbeschriebenes Blatt, miissen uns den
Welteindriicken aussetzen, dann gehen die in uns hinein, dann wird
das Blatt beschrieben. Also, sagt er zu seinen Studenten, setzt euch
nur frisch, wacker und munter den Welteindriicken aus, dann wird
euer unbeschriebenes Blatt, das ihr mkgebracht habt, beschrieben.
In einem weiteren Satz sagt er ihnen nun, wie sie das machen sollen.
Da sagt er: «Kein Gehirn mochte auch das alles fassen, was seine Vor-
fahren insgesamt erlebt und erfahren haben ; was Milliarden Gehirne
im Laufe der menschlichen Geschichte erwogen und gereift, was
unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben.. .»
Also die Studenten sollen nur achtgeben auf dasjenige, was die
Geistesheroen mitgeschaffen haben. Aber jetzt schaffen auf einmal die
Geistesheroen, jetzt miissen sich also die unbeschriebenen Gehirne
den beschriebenen Gehirnen der Geistesheroen entgegensetzen ! Sie
sehen, sobald man zwei Satze zusammenstellt, wovon der eine auf
Seite 23, der andere auf Seite 24 steht: sie werden nicht mehr stim-
men ! Denn waren die Geistesheroen auch unbeschriebene Gehirne, so
wiirde von ihren Eindrucken auf die unbeschriebenen Gehirne nicht
so gesprochen werden konnen, daB diese Gehirne etwas geschaffen
haben, denn das wird ja gerade in Abrede gestellt: Alles muB von
der AuBenwelt empfangen werden. Jetzt wird aber zu der AuBenwelt
auch das gerechnet, was Menschengehirne schaffen. Man muB schon
auf solche Dinge eingehen.
Aber da heiBt es dann weiter: «Das Erlernte gibt das Grund-
material fur das produktive Denken. » Nun, setzen Sie die zwei Satze
zusammen: «Wir empfangen alles aus der AuBenwelt », und den zwei-
ten: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial fur das produktive Den-
ken^) So spricht heute nicht ein gewbhniicher Zeitungsschreiber, so
spricht heute ein mit Recht so genannter verdienstvoller Forscher aus
der Zeitzivilisation heraus. Sehen Sie, da ist es ja im Grunde genom-
men nebensachlich, wenn man nun noch auf die Art und Weise hin-
weisen will, in welcher eine solche Personlichkeit charakterisiert, wie
das Gehirn verfahrt. «... es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem
neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirnes zu arbeiten.» Darum
sagt er den Studenten, sie sollen sich manchmal auch nach andern
Fachern umsehen, nach denen sie sich bisher noch nicht umgesehen
haben: «... manche Felder des Gehirns werden erst ertragnisreich,
wenn man sie wiederholt beackert, tragen aber schlieBlich dieselben
guten Friichte, wie andere, die miiheloser sich erschlieBen. »
Nun, schlieBlich bringt der Boden, den man beackert, auch nicht
den Pflug hervor. Man kann, wenn man eingehen will auf diese Ge-
danken, iiberhaupt keinen Gedanken mehr fassen. Aber nun findet
Rubner, daB dieses Denken doch ganz naturlich ist.
Damit ich Ihnen die Bedeutung dessen zeigen kann, was er da
spricht, mochte ich doch noch etwas vorausschicken. Wenn jemand
Sport treibt, so sehen wir ihn in verschiedenen Bewegungen. Wenn
es einen besonders interessiert, kann er sich sogar eine Momentauf-
nahme von diesen Bewegungen machen. Aber man muB schon, wenn
man die Dinge unbefangen nimmt, versichern : Wenn man die inneren
organischen Prozesse verfolgt, die sich abspielen, wahrend da einer
im Sport herumhantiert : das, was sich da innen zwischen Nerv und
Muskel als eine Art Vernichtungs- und WiederherstellungsprozeB ab-
spielt, das ist wahrhaftig fur das Menschliche erstens viel wichtiger,
aber auch unendlich viel interessanter als dasjenige, was als Moment-
aufnahme aufgenommen werden kann. Ich sage gar nichts gegen den
Sport als auBere Kdrpenibung. Aber was der Sportier nach innen ist,
das ist wahrhaftig viel interessanter, als was er nach auBen ist. In dem,
was er da bewirkt innerhalb des Organismus, fangt es erst an, inter-
essant zu werden.
Nun ist es so, daB in bezug auf die Bewegung der menschlichen
Glieder das Umgekehrte der Fall ist wie beim Denken. Beim Denken
ist es so, daB dasjenige, was verrichtet wird, was also geschieht, was
die Tatsache ist, das Wesentliche ist, und dasjenige, was in der Orga-
nisation liegt, das Unwesentliche ist. Beim Sport ist das, was auBerlich
in den Tatsachen sich abspielt, das weniger Interessante. Dasjenige,
was nach innen der Organismus tut, das Interessantere. Beim Denken
ist das, was als Denken sich darlebt, was Denken wirklich ist, das
Interessante; was der Organismus dabei tut, ist etwas mehr oder
weniger Einfaches. Daher darf man, wenn man die Dinge durch-
schaut, nicht mehr vom Denken ebenso sprechen, wie von der Muskel-
bewegung.
Aber wenn das alles oberfiachlich, auBerlich wird, was sagt man da?
Dann erklart man die Dinge so: «Das Denken starkt das Gehirn,
letzteres (das Gehirn) nimmt durch Obung ebenso in den Leistungen
zu, wie ein anderes Organ, wie unsere Muskelkraft durch Arbeit und
Sport. Studieren ist Gehirnsport. »
Sie sehen, unsere Zivilisation wird bei ihrem wichtigsten Elemente,
beim Denken iiber die Dinge, ertappt, wenn man sie an einem solchen
Platze faBt. Man wacht durch etwas anderes nicht auf fur dasjenige,
was eigentlich in der Gegenwart geschieht.
Nun mochte ich Ihnen eine Personlichkeit vorfiihren, die wirklich
durch ihre in gewissen Grenzen Genialitat zu nennende Art sich vor-
trefflich negative Gedanken macht iiber unsere gegenwartige Zivilisa-
tion, diese wohl zu charakterisieren versteht: wie es zuletzt eine un-
mogliche Formung und Gestaltung des Denkens ist, was unsere Zivili-
sation zu Verfall und Abgrund gebracht hat. Und ich muB sagen : Wer
das Buch geschrieben hat von dem « Verfall und Wiederaufbau der
Kultur», Albert Schweitzer, der ist in der Lage, solche Dinge zu be-
urteilen. Wer zum Beispiele Albert Schweitzers 1906 erschienenes
Buch «Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung» kennt, die Art,
wie Schweitzer einzugehen weiB selbst auf die Apokalyptik, so daB
er schon ein gutes Stuck den andern Theologen voraus ist, der muB
zugeben, daB Schweitzer ein gesundes Urteil haben kann iiber das-
jenige, was das gegenwartige Geistesleben eigentlich wert ist. Nun hat
er dieses Buch geschrieben, dessen erster Teil eben erst erschienen ist.
Das erste Kapitel lautet: «Die Schuld der Philosophic an dem Nieder-
gang der Kultur.» Und wahrhaft messerscharf fallen nun die Satze,
welche unser gegenwartiges Geistesleben, unser Zivilisationsleben
charakterisieren sollen. Gleich der erste Satz lautet: «Wir stehen im
Zeichen des Niedergangs der Kultur. Der Krieg hat diese Situation
nicht geschaflfen. Er selber ist nur eine Erscheinung davon. Was
geistig gegeben war, hat sich in Tatsachen umgesetzt, die nun ihrer-
seits wieder in jeder Hinsicht verschlechternd auf das Geistige zuriick-
wirken.» Ein Mensch, der Einsichten hat in die Wertlosigkeit der
gegenwartigen Kultur! Und weiter: «Wir kamen von der Kultur ab,
weil kein Nachdenken iiber Kultur unter uns vorhanden war ... So
iiberschritten wir die Schwelle des Jahrhunderts mit unerschiitterten
Einbildungen iiber uns selbst.» Und nun fragt er sich: Warum ist
denn diese Verfallserscheinung der Kultur da? Warum leben wir im
Niedergange der Kultur? - Und er sagt sich: Wenn wir nur kurze
Zeit zuriickschauen, in die Zeit selbst, wo der Intellektualismus in
seinem ersten Blutestadium war, da haben die Leute noch eine
«Totalweltanschauung» gehabt, da haben sie noch von den ethischen,
von den sittlichen Zielen so gesprochen, daB sie in denselben Quellen
lagen wie die Naturgesetze. Sie haben die Naturgesetze angeschaut,
und sind dann aufgestiegen mit denselben Anschauungen zu den
Quellen des Sittlichen, haben also eine «Totalweltanschauung» ge-
habt, die das Sittliche und Naturliche gleichmaBig umfaBte.
Sie erinnern sich, wie oft ich darauf hingewiesen habe, daB der Ver-
fall unserer Kultur damit gegeben worden ist, daB wir eine einseitige
Naturanschauung haben, die an den Anfang unseres Erdenwerdens
die Kant-Laplacesche Theorie oder ahnliches stellt, wo alles aus einem
Urnebel heraus sich gebildet hat. Es hat sich auch der Mensch aus
diesem Urnebel heraus gebildet, dann ist das entstanden, was man
sittliche Ideale nennt - Illusionen -, und wenn einstmals der Warmetod
eintritt, der nach rein physikalischen Gesetzen eintreten muB, dann
wird ein groBes Leichenfeld da sein, aber begraben wird damit das-
jenige sein, was als Kulturideale oder als sittliche Ideale auftauchte.
So ist nicht mehr unsere Sittlichkeit in der Weltanschauung darinnen.
Sie steckt nicht mehr darin, sie ist etwas, was man nur noch in abstrak-
ten Gedanken abfing. Auch das weiB Schweitzer, daB im Grunde ge-
nommen dies so geworden ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Recht deutlich spricht er sich daruber aus: «Nun ist fur alle offenbar,
daB die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist... Die Auf-
klarungszeit» - damit meint er diese Zeit, wo der Intellektualismus die
erste Blute gehabt hat - «und der Rationalismus hatten ethische und
Vernunftideale iiber die Entwicklung des Einzelnen zum wahren
Menschentum, iiber seine Stellung in der Gesellschaft, iiber deren
materielle und geistige Aufgaben, iiber das Verhalten der Volker
zueinander und ihr Aufgehen in einer durch die hochsten, geistigen
Ziele geeinten Menschheit aufgestellt . . . Aber um die Mitte des neun-
zehnten Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung ethischer Ver-
nunftideale mit der Wirklichkeit an abzunehmen. Im Laufe der fol-
genden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Stillstand. Kampflos
und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur. Ihre Gedanken
blieben hinter der Zeit zuriick, als waren sie zu erschopft, mit ihr
Schritt zu halten. »
Und nun will Albert Schweitzer klarmachen, daB, wenn die Men-
schen nicht mehr wirksame Gedanken haben, die Kultur zugrunde
gehen muB. Da die wirksamen Gedanken in der Philosophic enthalten
zu sein scheinen, so schreibt er den Grund fur den Niedergang der
Kultur der Philosophic zu. Er weiB - und driickt es auch in diesem
Buche aus -, daft, wenn auch Hegel und Kant nur von wenigen gelesen
werden, ihre Gedanken doch die Gedanken von Tausenden beherr-
schen, denn sie gehen durch alle moglichen unbemerkten Strome in
die breitesten Massen der Menschheit iiber, und einer iibertreibt gar
nicht, der heute sagt: Wenn nur die popularsten Biicher die einfach-
sten Gebirgsbauern zu lesen begonnen haben, so steckt schon der
Kant in ihnen. Man glaubt immer nur, die Philosophic wirkt auf die-
jenigen, welche die Philosophen lesen. Das ist eben auBere Maja.
Deshalb sagt Schweitzer: «Das Entscheidende war das Versagen
der Philosophic » Aber nun behandelt er diese Philosophic doch mit
einigem Mideid und sagt sich: Die Philosophic hatte denken sollen,
aber da das Denken abgekommen war, da man das Denken verlernt
hat, so braucht man sich nicht zu verwundern, daB die Philosophic
auch nicht mehr denken konnte. - Also er behandelt die Philosophic
noch ein biBchen milde. «Der Philosophic ward nicht klar, daB die
Energie der ihr anvertrauten Kulturideen anting fraglich zu werden.
Am Schlusse eines der hervorragendsten, am Ende des neunzehnten
Jahrhunderts erschienenen Werkes iiber Geschichte der Philosophic » -
dasselbe, das ich hier auch einmal besprochen habe - «wird diese als
der ProzeB definiert, in dem sich < Schritt fur Schritt, mit immer
klarerem und sichererem BewuBtsein die Besinnung auf die Kultur-
werte vollzogen hat, deren Allgemeingultigkeit der Gegenstand der
Philosophic selbst ist>. Dabei vergaB der Verfasser das Wesentliche:
daB namlich friiher die Philosophic sich nicht nur auf die Kulturwerte
besann, sondern sie auch als wirkende Ideen in die offentliche Meinung
ausgehen lieB, wahrend sie ihr von der zweiten Halfte des neunzehnten
Jahrhunderts an immer mehr zu einem gehiiteten, unproduktiven
Kapital wurden. »
Aber nun wird er milde. Was kann schlieBlich der Philosoph dafiir,
wenn er auch nicht mehr denkt, da alle andern nicht denken: «DaB
das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschauung von opti-
mistisch-ethischem Charakter aufzustellen und die Ideale, die die Kul-
tur ausmachen, in einer solchen zu begriinden, war nicht Schuld der
Philosophic, sondern eine Tatsache, die sich in der Entwicklung des
Denkens einstellte. Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philo-
sophic dadurch, daB sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der
Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur
unterhielte. »
Also, daB die Philosophen nicht mehr denken konnten, das nimmt
ihnen Schweitzer nicht mehr ubel, da es eine allgemeine Gewohnheit
der Leute geworden ist, nicht mehr zu denken. Aber das nimmt er den
Philosophen iibel, daB sie das gar nicht bemerkt haben. Wenigstens
bemerken hatten sie es sollen.
«Ihrer letzten Bestimmung nach ist die Philosophic Anfuhrerin und
Wachterin der allgemeinen Vernunft. Ihre Pflicht ware es gewesen,
unserer Welt einzugestehen, daB die ethischen Vernunftideale nicht
mehr wie fruher in einer Totalweltanschauung Halt fanden, sondern
bis auf weiteres auf sich selbst gestellt seien und sich allein durch ihre
innere Kraft in der Welt behaupten muBten... So wenig philoso-
phierte die Philosophic iiber Kultur, daB sie nicht einmal merkte, wie
sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der
Stunde der Gefahr schlief der Wachter, der uns wach erhalten sollte.
So kam es, daB wir nicht um unsere Kultur rangen.»
Nun, ich glaube, ich habe Ihnen von diesem Schlafen wirklich von
den verschiedensten Gesichtspunkten aus schon hier mancnerlei er-
zahlt.
In dem nachsten Kapitel bespricht Schweitzer die kulturhemmenden
Elemente in uns. Da kommt er zu ganz interessanten Anschauungen.
Er findet namlich, daB der Mensch durch dasjenige, was er als Kultur
in der neuesten Zeit aufgenommen hat, erstens unfrei geworden ist.
Nun, das kann man ihm nachfuhlen, denn die Menschen sind ja nach
und nach dazu gekommen, wirklich nur gewissen Leithammeln nach-
zulaufen, auf die Autoritat der Wissenschaft zu schworen und so
weiter. Aber nun behauptet Schweitzer, daB der Mensch ungesammelt
ist im Denken. Ich glaube, auch dariiber brauchen wir nicht viel zu
verhandeln; da wird Schweitzer wohl recht haben, daB die Kraft zum
Sammeln in unserer Zivilisation wirklich sehr zuriickgegangen ist.
Dann aber nennt er den Menschen unvollstandig. Nun, werden die
Leute sagen, wenn er uns schon unfrei und uns so ungesammelt
findet; daB wir nicht einmal ganze Menschen sein sollen, das konnen
wir ihm doch nicht konzedieren! - Aber er meint das so: Das, was
heute einer lernt, das ist eine Spezialitat, sei er ein Gelehrter oder sei er
irgendwie ein anderer Mensch, so daB immer nur gewisse Seiten seiner
Fahigkeiten ausgebildet werden, nicht der Totalmensch. Daher gehen
wir also als unvollstandige, gar nicht als ganze Menschen herum. Und
dann findet er als viertes, daB die Humanitat im hochsten Grade ab-
genommen hat. Er fuhrt da schone Beispiele an. Er ist aber uberhaupt
der Ansicht, daB unfreie, ungesammelte und nicht ganze Menschen
auch nicht die Humanitat im ethischen Leben entfalten. Dann findet
er noch ein kulturhemmendes Element in der Uberorganisation, in
der Ausrottung der menschlichen Individualist. Wieviel kommt denn
heute noch auf den einzelnen an? Es kommt nur auf dasjenige an, was
durch irgendwelche Organisationen vorgezeichnet ist. Oberorganisa-
tion wirft Schweitzer mit Recht unserer Zeit als besondere Neigung
vor.
Aber nun will er auch ubergehen zu der Beantwortung der Frage,
wie man denn wiederum zu einer Kultur kommen soli. Was ist denn
zu tun, um wiederum zu einer Kultur zu kommen? Da stellt er die
Frage: Wie muB denn die Kultur beschaffen sein, zu der wir kom-
men? - Und er sagt: Sie muB ethisch und optimistisch sein. - Nun,
denken Sie, Sie wollen sich ein Haus bauen, Sie gehen zu einem Bau-
meister, der sagt: Da muBt du mir etwas beschreiben, wie das Haus
sein muB, damit ich dir die Plane machen kann. - Da sagen Sie ihm:
Das Haus, das muB fest sein, wettersicher, schon, und so, daB man
bequem darinnen wohnen kann. - Nun ja, Plane machen laBt sich
damit nicht, aber Sie glauben, etwas gesagt zu haben, wenn Sie sagen :
Das Haus muB fest, wetter sicher, schon und so sein, daB man bequem
darinnen wohnen kann. Nur kann man nichts anfangen mit diesen
Aussagen. Ebensowenig konnen Sie etwas anfangen mit der Aussage:
Eine Weltanschauung muB ethisch und optimistisch sein. Es ist das-
selbe, genau dasselbe.
Ich war einmal als kleiner Junge in einem Dorf, da war ein ProzeB.
Einer Personlichkeit namlich aus dem Kreise der Honorationen waren
die Hiihner gestohlen worden. Der Richter wollte nun durchaus
wissen, wie es mit dem StrafmaB sei, er wollte diese Hiihner be-
schrieben haben. Da fragte er den Betreffenden, wie denn die Hiihner
waren? Nun, es waren halt schone Hiihner. - Ja, damit kann man
nichts anfangen, Sie miissen uns so sagen, daB wir eine Vorstellung
dariiber bekommen, was die Hiihner wert gewesen sein konnen. -
Nun, es waren recht schone Hiihner. - Ja, aber, nicht wahr, man muB
wissen, ob die Hiihner mager waren, ob sie dick waren ... - Na,
es waren wirklich recht schone Hiihner. - Und so ging es fort, es war
iiberhaupt nichts aus dem Mann herauszubringen auBer dem, daB es
recht schone Hiihner waren.
Nun haben wir hier einen ganz hervorragenden Geist, der in einer
auBerordentlich feinen und treffenden Weise den Verfall der Kultur
schneidend charakterisiert, der sogar sehr vieles weiB, was die Men-
schen sich heute gar nicht eingestehen mochten. So weiB er zum Bei-
spiel das Folgende - es ist gut, daB es auch ein anderer sagt als immer
nur der Anthroposoph -: «Die Zusammenfassung der Erkenntnisse
und die Geltendmachung ihrer Konsequenzen fur die Weltanschauung
sei nicht seine Sache. Friiher war jeder wissenschaftliche Mensch zu-
gleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner
Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermogen an-
gelangt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu konnen.
Darum gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast
keine denkende Wissenschaft mehr. » Es ist wirklich gut, daB es ein-
mal ein anderer sagt. Aber sehen Sie, trotz aller dieser Einsicht kommt
er eben nicht weiter als zu den schonen Hiihnern. AuBerordentlich
charakteristisch ! So etwas, das als wirklich fruchtbare Weltanschauung
wiederum auftritt, so etwas muB ethisch, optimistisch sein: fest,
wettersicher, schon, und so, daB man bequem darinnen wohnen kann !
Ja, er kommt in dieser negativen Charaktetistik sehr weit. Er be-
merkt namlich, daB es da Leute gibt, die doch schon gefuhlt haben,
daB dieses Denken, der Gehirnsport, nicht zu den Quellen des Daseins
fiihrt. Daher haben sie gesagt: Na, wollen wir iiberhaupt dieses ganze
Denken kassieren und auf einem Gefiihls- oder Glaubensweg, auf
einem mystischen Wege zum Wahren kommen. - Das sieht er ein, und
da er ein scharfer Denker selber ist, bis zu gewissen Grenzen, so stellt
er eine merkwiirdige Frage. Die Frage heiBt: «Philosophische, ge-
schichtliche und naturwissenschaftliche Fragen, denen er nicht ge-
wachsen war, gingen iiber den fruheren Rationalismus wie Lawinen
nieder und begruben ihn auf dem Wege. Die neue denkende Welt-
anschauung muB sich aus diesem Chaos herausarbeiten. Alles was
tatsachlich ist, auf sich wirken lassen, durch alle Arten von Cberlegen
und Erkennen hindurchgehend» - ja, wenn er jetzt nur ein biBchen
durch Erkennen und Oberlegen hindurchginge : das Haus soil schon
und wetterfest sein «strebe sie auf die letzte Bedeutung des Seins
und des Lebens zu, ob sich etwas davon entratseln lasse.
Das letzte Wissen, in dem der Mensch das eigene Sein in dem uni-
versellen Sein begreift, ist, sagt man, mystischer Art. Damit meint
man, daB es nicht mehr in dem gewohnlichen Oberlegen zustande
kommt, sondern irgendwie erlebt wird.
Aber warum annehmen» - sagt er jetzt -, «dafi der Weg des Den-
kens vor der Mystik ende? Wohl hat das bisherige Vernunftdenken
immer Halt gemacht, wenn es in die Nahe der Mystik kam ...»
Nun fragt man sich: Was will Anthroposophie? Von klarem, mathe-
matisch klarem Denken ausgehen, vor der Mystik nicht haltmachen,
sondern denkend eindringen in die Gebiete, die fur das Ewige er-
schlossen werden sollen. Die Leute sagen selbst dann noch immer, das
Haus soli fest, wettersicher und so sein, daB es sich bequem darinnen
wohnen laBt ~ wenn es schon dasteht vor ihrer Nase, aber sie nicht
hineinfinden. Es darf das schon wirklich ohne Unbescheidenheit in
aller Unbefangenheit gesagt werden. Aber das sind ja nicht die schlech-
testen, das sind die besten, das sind die scharfen Denker ! Vor solchen
Dingen darf man nicht die Augen verschlieBen. Man muB nicht immer
herumreden davon, daB man dem oder jenem begreifHch macht, was
Anthroposophie ist, wenn die Leute so reden.
Aber noch weiter: «Das zu Ende gedachte Denken fuhrt also
irgendwo und irgendwie zu einer lebendigen, fur alle Menschen denk-
notwendigen Mystik ...» Das rechte Bauen fuhrt zu dem guten Haus,
wie ich es haben will! Nun weiter, er findet ja die Menschen un-
gesammelt, und nun will er klarmachen, was die Menschen tun sollen,
damit sie iiber diesen schrecklichen Zustand hinauskommen, in den
die Kultur verfallen ist: «An sich schon hat das Besinnen auf den
Sinn des Lebens eine Bedeutung. Kommt solches Nachdenken wieder
unter uns auf, so welken die Eitelkeits- und Leidenschaftsideale, die
jetzt wie boses Unkraut in den Uberzeugungen der Massen wuchern,
rettungslos dahin. Wieviel ware fur die heutigen Zustande schon ge-
wonnen, wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu
den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten . . . » -
da steht nicht in der Anmerkung: Das Genauere ist zu ersehen aus
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?», o nein, son-
dern da steht, man muB irgendwie dahin kommen, daB es Menschen
gibt, die sich drei Minuten Zeit nehmen, um sich gedanklich zu sam-
meln - « . . . sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels
emporblickten und bei der Teilnahme an einem Begrabnis uns dem
Ratsel von Tod und Leben hingeben wiirden, statt in gedankenloser
Unterhaltung hinter dem Sarge einherzugehen ...»
Dann schlieBt das damit, nachdem zuerst aufmerksam gemacht
worden ist : Aber irgend etwas, was nun eine Weltanschauung ist, soil
man eigentlich den Menschen nicht sagen; wir brauchen zwar eine
solche Weltanschauung - ich mochte bloB wissen, wozu wir sie brau-
chen, wenn wir sie den Menschen nicht sagen sollen! «Die groBe
Revision der Uberzeugungen und Ideale, in denen und fur die wir
leben, kann sich nicht so vollziehen, daB man in die Menschen unserer
Zeit andere, bessere Gedanken hineinredet, als die, die sie haben ...»
Das darf ja nicht sein, daB man bessere Gedanken hineinredet in die
Menschen, als sie haben, sondern man muB sie sich selbst iiberlassen !
Besinne dich, mache dir andere Gedanken, wenn du hinter einem
Sarge einhergehst, besinne dich! - J a, dann werden halt die Menschen
das weitermachen, was sie bisher gemacht haben: sie werden nicht
wissen, auf was sie sich besinnen sollen in den drei Minuten und so
weiter.
«Das bisherige Denken gedachte den Sinn des Lebens aus dem
Sinn der Welt zu verstehen. Es kann sein, daB wir uns darein schicken
miissen, den Sinn der Welt dahingestellt sein zu lassen und unserm
Leben aus dem Willen zum Leben, wie er in uns ist, einen Sinn zu
geben...» - es kann sein! - «M6gen auch die Wege, auf denen wir
dem Ziele zuzustreben haben, noch im Dunkel liegen : die Richtung,
in der wir gehen miissen, ist klar. Miteinander haben wir uber den
Sinn des Lebens denkend zu werden, miteinander darum zu ringen,
zu einer welt- und lebenbejahenden Weltanschauung zu gelangen, in
der unser von uns als notwendig und wertvoll erlebter Trieb zu
wirken Rechtfertigung, Orientierung, Klarung, Vertiefung, Versitt-
lichung und Stahlung findet, und daraufhin fahig wird, definitive und
vom Geiste wahrer Humanitat eingegebene Kulturideale aufzustellen
und zu verwirklichen. » - Es werden halt schone Hiihner sein!
Niemand wird sagen konnen, daB ich eine kaustische, gewollt
negative Kritik iiben will. Denn das erste Beispiel von Professor
Rubner habe ich genommen, weil ich eben eine Personlichkeit wahlen
wollte, die in bezug auf ihre wissenschaftlichen Leistungen nicht an-
zuerkennen eine Albernheit ware. Das zweite Beispiel habe ich so
gewahlt, daB ich sagen konnte, daB ich denjenigen, der dieses Buch
geschrieben hat, als einen der scharfsten Denker, als eine solche Per-
sonlichkeit ansehe, die am meisten Berechtigung hat, in einer solchen
Weise zu sprechen. Ich will nicht abfallige Kritik iiben, so etwas liegt
mir fern. Man muB sich bemuhen, auf dasjenige charakterisierend
hinzuweisen, was ist. Aber wenn dann Albert Schweitzer sagt: Die
Philosophic hatte Wachterin sein sollen, aber gerade sie hat geschla-
fen dann konnen wir doch nicht anders, als sagen: Er setzt den
Schlaf fort.
Wollen wir warten, wie der zweite Teil wird, aber der erste ver-
spricht fur den zweiten Teil, daB er nicht viel anders sein wird. Er
setzt den Schlaf fort, traumt nur aus dem Schlaf heraus. Wiinsche
sind es, Realitaten sind es nicht. Das muB unser Streben sein, iiber
bloBe Illusionen, uber Phrasen hinaus zu Realitaten zu kommen. Sie
sehen, wie ausgepreBt die Worte unserer Sprache sind. So muB man
vorgehen, wie wir angefangen haben heute abend, uber die Seele zu
sprechen, dann bekommt man wieder Inhalt in die Worte. Sonst, ja,
wie sagt Schweitzer: Die Philosophic ist an dem Niedergang der
Kultur nicht schuld, aber schuld ist sie daran, daB sie das gar nicht
gemerkt hat. - Nun, Albert Schweitzer ist naturlich auch nicht daran
schuld, daB unsere Worte so ausgepreBt sind, daB keine BegrirTe mehr
darinnen sind, keine Realitaten mehr darinnen sind, Aber daran ist
er schuld, daB er das gar nicht bemerkt. Er bemerkt das gar nicht, daB
er herumredet mit vollig ausgepreBten Worten.
Ich war verpflichtet gegenuber dieser eben erschienenen Kulturtat
Albert Schweitzers - ich meine das nicht hamisch, ich meine das ganz
im Ernste - in solch schneidender Weise auf den Kulturniedergang
aufmerksam zu machen. Ich war verpflichtet, darauf hinzuweisen, wie
eigentlich die Ecke beschaffen sein muB, von der man ein wirkliches
Urteil iiber dasjenige gewinnt, was auf der einen Seite nicht ist, auf der
andern Seite zu geschehen hat. Nachdem wir diese Episode durch-
gemacht haben, wollen wir das nachste Mai iiber konkrete Themata
der Anthroposophie weiter reden.
DIE VIER WESENSGLIEDER DES MENSCHEN
DER SPIEGELCHARAKTER DES INTELLEKTUELLEN
DENKENS UND DIE REALITAT DES SITTLICH-
RELIGIOSEN ERLEBENS
Stuttgart, 11Juli 1923
Wir wollen davon ausgehen, daB der Mensch ein vielgliedriges, ein
mehrgliedriges Wesen ist, also von einer uns ganz bekannten Tat-
sache. Wir wollen davon ausgehen, daB innerhalb der anthroposophi-
schen Bewegung immer die Bemuhung vorhanden ist, zu begreifen,
inwiefern sich die menschliche Wesenheit aus Gliedern zusammen-
setzt, die jedes fur sich ein gewisses Verstandnis erfordern, so daB
das Begreifen der ganzen Menschenwesenheit nur moglich ist, wenn
man in der Lage ist, das Verstandnis, das man den einzelnen Gliedern
entgegengebracht hat, zu einem Ganzen zu vereinigen. Wenn wir
zunachst von allem iibrigen absehen, so wissen wir, daB diese mensch-
liche Wesenheit gegliedert ist in den physischen Leib, in den Atherleib
oder Bildekrafteleib, in den astralischen Leib und in dasjenige, was
wir als das Ich bezeichnen., Nun ist das nicht etwa - oder sollte wenig-
stens nicht sein - eine bloBe Einteilung des Menschen und seiner
Wesenheit, sondern dasjenige, was da aufgezahlt wird als die vier
Glieder der menschlichen Wesenheit, stammt eigentlich aus ganz ver-
schiedenen Welten und kann nur verstanden werden aus den inneren
Bedingungen dieser Welten heraus. Und erst wenn man verstanden
hat, wie physischer Leib, Ather- oder Bildekrafteleib, astralischer Leib
und Ich aus ihren entsprechenden Welten heraus gebildet sind, dann
ist man imstande, aus dem Zusammenklingen des Verstandnisses die-
ser einzelnen menschlichen Glieder sich ein Verstandnis der gesamten
menschlichen Wesenheit zu verschaffen. Den physischen Leib des
Menschen muB man einfach begreifen aus der physischen Welt heraus,
aber den atherischen oder Bildekrafteleib muB man seinerseits wieder-
um verstehen aus der atherischen Welt heraus und so weiter. Wenn
wir nicht auf diesem Gebiete auBerordentlich genau sind, wenn wir
uns nicht darauf einlassen, daB die Dinge eben so sich verhalten, wie
ich sie eben angedeutet habe, dann kdnnen wir nicht zu einem Er-
fassen der Gesamtwesenheit des Menschen kommen.
Sehen wir einmal ab vom physischen Leib des Menschen. Das
konnen wir aus dem Grunde, weil die gesamte auBere Bildung und
Wissenschaftlichkeit heute darauf ausgeht, den physischen Leib des
Menschen zu begreifen. Aber nicht in demselben Sinne ist es heute
ein Bestreben, den atherischen oder Bildekrafteleib des Menschen zu
verstehen. Man macht sich hochstens die Vorstellung, daB dieser
atherische oder Bildekrafteleib vielleicht aus einer feineren Substanz
besteht als der dichte physische Leib und daB diese feinere atherische
Substanz nun einmal dem physischen Leib beigemischt ist. Aber so
sind ja die Dinge nicht, sondern die Sache ist wesentlich anders : Der-
jenige, der alles begriffen hatte, was aus der physischen Wissenschaft
heraus begriffen werden kann, um sich eine Vorstellung iiber die
Wirkungsweise des physischen Leibes zu machen, konnte ganzlich
unwissend sein iiber den atherischen oder Bildekrafteleib, denn gerade
wenn wir auf den Menschen sehen, so ist es unmoglich, die Gesetze
des atherischen oder Bildekrafteleibes in der Nahe der Erde zu finden.
Wir konnen gar nicht in der Nahe der Erde selbst die Gesetze des
atherischen oder Bildekrafteleibes suchen. Denn geradeso wie wir,
wenn wir bei einem in senkrechter Richtung fallenden Stein sagen:
Da ist die Schwerkraft tatig, der Stein bewegt sich in der Richtung
gegen den Mittelpunkt der Erde -, geradeso wie wir in der Nahe der
Erde oder in der Erde die Ursachen fur das Fallen des Steins suchen,
geradeso wie wir da richtig vorgehen, gehen wir falsch vor, wenn wir
nach den Ursachen des Geschehens im atherischen oder Bildekrafte-
leib fragen, falls wir in der Nahe der Erde bleiben. Wir miissen viel-
mehr dasjenige, was in unserem atherischen oder Bildekrafteleib
wirkt, gar nicht auf der Erde suchen, sondern in den Weiten des
Weltenalls, gewissermaBen in einer unbestimmt weit von uns ent-
fernten Kugeloberflache. Da wir ken die Krafte von alien Seiten hinein.
So wie vom Mittelpunkt der Erde die physischen Krafte heraus-
wirken, so wirken von alien Seiten die Krafte herein und bedingen
unseren Atherleib.
Erinnern Sie sich einmal, was ich Ihnen gesagt habe mit Bezug auf
den Obertritt des Menschen aus seinem vorirdischen Dasein in das
irdische Dasein. Er kommt herunter und hat die Gesetze fur seinen
physischen Leib schon auf die Erde geschickt. Dann sammelt er, sagte
ich, aus den Weiten des Weltenathers seinen Atherleib. Da ist er also,
bevor er das, was er vorausgeschickt hat, seinen physischen Leib,
bezieht, Ich, astralischer Leib und Atherleib. Aber den Atherleib hat
er in bezug auf seine GesetzmaBigkeit nicht von der Erde her ge-
bildet, sondern wir sagen reprasentativ: aus den vier Weltgegenden ;
aber damit ist ja nur gemeint, von alien Seiten zusammengezogen.
Also von alien Seiten der Weltperipherie, des Umkreises, werden
die Gesetze wirksam, wenn der menschliche Atherleib gebildet
wird.
Da kommt nun etwas, was von vorneherein, wenn man es darlegt,
fur den Menschen der Gegenwart etwas auBerordentlich Schockie-
rendes, etwas auBerordentlich Frappierendes hat. Sie werden mir recht
geben, wenn ich sage: Ziinden wir hier eine noch so starke Flamme
an, so wird die Lichtstarke um so weniger fur uns bedeuten, je mehr
wir uns entfernen von der Lichtquelle, und es tritt endlich in einer
gewissen Entfernung ein Punkt ein, wo diese Lichtquelle kaum noch
in Betracht kommt, wo sie schon so schwach geworden ist, daB wir
jedenfalls nicht mehr lesen konnen; wo wir, wenn irgendwo in einer
groBen Entfernung ein Licht ist, fur alle praktischen Zwecke sagen
konnen, es sei eben kein Licht da. Das wird jeder zugeben. Ebenso
gibt die heutige Wissenschaft zu, daB die Schwerkraft mit dem Quadrat
der Entfernung abnimmt, immer schwacher wird, je weiter man in den
Umkreis kommt. Was aber die Menschen heute gar nicht bedenken,
das ist das Folgende. Wir sprechen auf der Erde in unseren Worten
die GesetzmaBigkeiten aus, die auf der Erde geltend sind. Auch die
GesetzmaBigkeit, die wir als Erdenmenschen aus sprechen, nimmt ab,
wird immer schwacher und schwacher und ist endlich fur eine gewisse
Weite praktisch gar nicht mehr da. Sie konnen noch so schlau Natur-
gesetze aufstellen fur irdische Verhaltnisse, Sie konnen noch so schlau
geschichtliche Satze aufstellen fur dasjenige, was auf der Erde ge-
schieht : diese Gesetze, die Naturgesetze und geschichtlichen Gesetze
gelten in einem gewissen Umkreise ebensowenig, wie die Starke der
Schwerkraft oder eine Lichtstarke da noch eine Bedeutung hat. Daher
ist es naiv, wenn jemand etwa behaupten wollte, daB fur einen Stern,
der so und so viele Lichtjahre weit entfernt sein soil, dieselben Natur-
gesetze gelten wie bei uns. Denn die Giiltigkeit unserer Naturgesetze
besteht eben nur fur
…[truncated]