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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Das Ereignis
der Christus-Erscheinung
in der atherischen Welt
Sechzehn Vortrage, gehalten
2wischen dem 25. Januar und 15. Mai 1910
in verschiedenen Stadten
1984
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften und Notizen
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgten Gunther Schubert und Hella Wiesberger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1965
2. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1977
3. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1984
Weitere Veroffentlichungen siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 118
Einbandzeichnung von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1965 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier & Cie, Schaffhausen
ISBN 3-7274-1180-5
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
iichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und ver-
breitet wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Be-
stimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden mussen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entspechende Wortlaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenzten,
mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis
richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, fmden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Das Ereignis der Christus-Er schemung in der atherischen Welt
Karlsruhe, 25.Januar 1910, mit einer Fragenbeantwortung . . .
Die Bedeutung der Wiederverkorperung fur die Entwickelung der
Menschenseele. Wandlung des menschlichen BewuBtseins durch
die verschiedenen Zeitalter: Das Goldene, Silberne, Eherne und
Finstere Zeitalter. Die Entwickelung des neuen Atherhellsehens
durch den Ablauf des Finsteren Zeitalters im Jahre 1899. Das
Wahrnehmen Christi in atherischer Gestalt. Die Zukunftsmission
der Propheten (Moses, Abraham),
Geisteswissenschaft als Vorbereitung auf das neue Athersehen
Heidelberg, 27.Januar 1910
Sinn und Bedeutung der wiederholten Erdenleben. Verlust des
alten Hellsehens und die Entwickelung des Ich-BewuBtseins. Das
Goldene, Silberne, Eherne und Finstere Zeitalter. Das Erscheinen
des Christus im Finsteren Zeitalter. Die Entwickelung des neuen
Hellsehens im 20. Jahrhundert. Das Wiedererscheinen Christi im
Atherischen. Die Christus-Schau des Paulus vor Damaskus.
Innere Evolution und auBere Entwickelungsmoglichkeiten
Pforzheim, 30.Januar 1910
Die zwei Stromungen von innerer und auBerer Entwickelung:
Die Entfaltung des Individuellen, das durch die Verkorperungen
getragen wird und die Ausgestaltung der Hullen des Menschen in
Siebenjahresperioden. GeistgemaBe Erziehung als Voraussetzung
fur die richtige Ausbildung vom physischen, Ather- und Astralleib.
Jugendirresein als Folge schlecht erarbeiteter Hullen. Zusammen-
hang von Umbildung der Erdenverhaltnisse und Umbildung von
Seelenfahigkeiten durch die Wiederverkorperung. Verschuldete
und unverschuldete Versaumnisse in den einzelnen Inkarnationen.
Das neue spirituelle Zeitalter und die Wiederkunft Christi
Diisseldorf, 20. Februar 1910
Altes traumhaftes Hellsehen und Wahrnehmen der Hierarchien.
TagesbewuBtsein und Wahrnehmen der physischen Welt. Gesund-
heit und Krankheit in friihen Zeiten und jetzt. Heilung durch Ein-
wirkung der geistigen Welt. Der Christus-Impuls und die Ich-
Entwickelung. Die Seligpreisungen der Bergpredigt. Das neue
Athersehen.
Buddhismus und das paulinische Christentum
Kbln, 27. Februar 1910
Buddhas Lehre von der Welt als Maja. Paulus' Lehre von der Lau-
terung der Seelenkrafte, um das Geistige hinter der Maja wahr-
nehmen zu konnen. Das neue Athersehen und das Schauen Christi
im Atherischen. Der zukiinftige Maitreya-Buddha.
Die Geheimnisse des Weltenalls. Kometarisches und Lunarisches
Stuttgart, 5. Mar% 1910
Die Entsprechung des makrokosmischen Gegensatzes von Sonne
und Erde und des Gegensatzes von Kopf und GliedmaBen im
menschlichen Organismus. Der Gegensatz von Komet und Mond
und seine Beziehung zum Mannlichen und Weiblichen. Wirkung
des Kometarischen und Lunarischen auf das Erdenleben des Men-
schen. Der Halleysche Komet und das menschliche Geistesleben.
Das Wiedererscheinen des Christus im Atherischen
Stuttgart, 6. Mar% 1910
Die verschiedenen Formen der geistigen Wahrnehmungen im
abrahamitischen, mosaischen und salomonischen Zeitalter und
deren Spiegelung in nachchristlicher Zeit. Das Hellsehen der Zu-
kunft, Wahrnehmen der zukunftigen karmischen Ausgleichswir-
kungen. Die Christus-Schau des Paulus vor Damaskus. Das Auf-
treten falscher Messiasse. Das Land Schamballa.
Vom Anbruch eines spirituellen Zeitalters. Kometen und ihre
Bedeutung fur das Erdensein
Miinchen, 13. Mdr% 1910
Die Wirkung kosmischer Krafte auf den schlafenden Menschen.
Der Gegensatz Sonne und Erde im Kosmos und seine Entspre-
chung zu dem Gegensatz Kopf und GliedmaBen im Menschen.
Mannliches und Weibliches in Beziehung zu Lunarischem und
Kometarischem. Die Entwickelung des Materialismus und der Hal-
leysche Komet. Das zukiinftige Hellsehen.
Die Bergpredigt. Das Land Schamballa
Munchen, 15. Mar% 1910
Der Herabstieg des menschlichen Ich und das Christus-Ereignis.
Johannes der Taufer, seine Lehre und Taufe. Die Seligpreisungen
der Bergpredigt und die menschlichen Wesensglieder. Die Ent-
wickelung des atherischen Hellsehens als naturliche Fahigkeit. Die
Bedeutung des Wiedererscheinens Christi im Atherischen fur die
Lebenden und Toten.
Die Wiederkunft Christi
Palermo, 18. April 1910 154
Das Verschwinden des natiirlichen traumhaften Hellsehens im Be-
ginn des Finsteren Zeitalters. Die Entwickelung eines neuen selbst-
bewuBten Hellsehens seit dem Ablauf des Finsteren Zeitalters im
Jahre 1899. Die Lehre vom Wiedererscheinen Christi im Atheri-
schen als funftes Evangelium der Rosenkreuzer.
Das kommende Athersehen
Hannover, 10. Mai 1910 161
Das Wahrnehmen des Atherleibes der Menschen und der Gegen-
bilder der Handlungen (Karma) durch die Entwickelung des neuen
Hellsehens. Die Wechselwirkung 2wischen Makrokosmos und
Mikrokosmos : Der aufrechte Gang des Menschen und die Sonnen-
und Erdenkrafte; das Mannliche und Weibliche als mikrokosmi-
scher Ausdruck des makrokosmischen Gegensatzes von Komet
und Mond; das mannliche und weibliche Gehirn; die Bedeutung
der Kometen fur das Erdendasein. Der Halleysche Komet und die
Entwickelung des Materialismus. Das Wiedererscheinen Christi im
Atherischen.
Pfingsten, das Fest der freien Individualist
Hamburg, 15. Mai 1910 168
Die Bedeutung des Pfingstfestes fur das Abendland. Volksprinzip
(weibliches Prinzip), individualisierendes (mannliches) Prinzip und
allgemeines menschlich.es Prinzip (Christus). Der HeiHge Geist
und die Zukunftsentwickelung zum freien Menschen. Unbeweg-
liche und bewegliche Feste. Der Christus-Impuls als Impuls der
Freiheit. Die Reinkarnationsidee im Buddhismus und in der nach-
christlichen Zeit; die Reinkarnationslehre muB auch in das exoteri-
sche Christentum einflieBen. Der Pfingstgedanke und die Zukunft
des Christentums. Der Wahrspruch Rudolf Steiners: «Wesen reiht
sich an Wesen in Raumesweiten ...»
ANHANG
Die Wiederkunft Christi im Atherischen
Notion aus dem Vortrag, Kassel, 6. Februar 1910 188
AuBere und innere Entwickelungsstromung im Lebenslauf des
Einzelnen und in der Menschheit (Beispiel: Der ungarische Dichter
Petofi und der Maler Asmus Carstens). Der Obergang vom alten
Hellsehen zum Ich-BewuBtsein im Zusammenhang mit dem Kali
Yuga und dem Ereignis von Golgatha. Das neue Atherhellsehen
und das Wiedererscheinen Christi im Atherischen.
Das Wesen des Menschen
Notion aus dem Vortrag, Rom, 11 '. April 1910 196
Die Stellung der Geisteswissenschaft zu dem Religionsbekenntnis
und zur Wissenschaft. Zwei Wege der alten Entwickelung : Der
Weg der Ekstase (bewuBtes Einschlafen) und der Weg der christ-
lichen Mystik und der agyptischen Mysterien (bewuBtes Auf-
wachen). Die moderne Rosenkreuzereinweihung faBt beide Wege
zusammen.
Hohere Welten und ihr Zusammenhang mit der unsrigen
Notion aus dem Vortrag, Rom, 12. April 1910 206
Die Wechselzustande des Wachens und Schlafens, des Lebens und
des Todes. Die Umwandlung von Erlebnissen in Fahigkeken und
Krafte wahrend des Schlafens. Die Steigerung des Lebens von
Inkarnation zu Inkarnation. Die Rosenkreuzereinweihung.
Der Christus-Impuls und seine groBen Verkiindiger
Notion aus dem Vortrag, Rom, 13. April 1910 217
Die Vorbereitung des Christus-Verstandnisses durch die Bodhi-
sattvas. Buddha und Christus. Der Maitreya-Buddha. Zarathustra
und Paulus. Das neue Atherhellsehen und die Vorschau der karmi-
schen Ausgleichsbilder. Das Wiedererscheinen Christi im Atheri-
schen. Die Zukunftsmission der Bodhisattvas : Die voile Entfaltung
der Christus-Kraft.
Hinweise 229
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 233
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 235
DAS EREIGNIS DER CHRISTUS-ERSCHEINUNG
IN DER ATHERISCHEN WELT
Karlsruhe, 25.Januar 1910
Wenn der Mensch sich eine Zeitlang beschaftigt hat mit der geistes-
wissenschaftlichen Weltanschauung und die verschiedenen Ideen,
Gedanken und Erkenntnisse, die er durch diese Weltanschauung ge-
winnt, dann auf sich wir ken laBt, stellen ihm ja diese Erkenntnisse die
mannigfaltigsten Fragen. Und man wird eigentlich immer mehr und
mehr Geisteswissenschafter dadurch, daB man solche Fragen, die
eigentlich Empfindungs-, Gemiits-, Charakterfragen, kurz die Lebens-
fragen genannt werden konnen, an die geisteswissenschaftlichen Ideen
kniipft. Diese Ideen sind ja solche, die nicht bloB unsere theoretische,
unsere wissenschaftliche Neugierde befriedigen, sondern die uns auf-
klaren iiber die Ratsel des Lebens, iiber die Geheimnisse des Daseins.
Und diese Gedanken und Ideen werden fur uns erst recht fruchtbar,
wenn wir ihren Inhalt, ihren Wert und ihre Bedeutung nicht bloB
denken, fuhlen und empfinden, sondern wenn wir sozusagen lernen,
unter ihrem EinfluB die Welt, die um uns herum ist, anders anzu-
schauen. Diese Ideen sollen uns durchdringen mit Warme, sollen zu
Impulsen, zu Gemiitskraften in uns werden. Das werden sie immer
mehr und mehr, wenn uns die Antworten, die wir auf bestimmte Fra-
gen bekommen, sozusagen neue Fragen vorlegen, und wenn wir so
gefiihrt werden von Frage zu Antwort und die Antwort uns eigent-
lich wiederum zu einer Frage wird, und dann uns wiederum eine neue
Antwort kommt und so weiter. Dadurch schreitet man vorwarts in
der geistigen Erkenntnis und auch im geistigen Leben.
In den offentlichen Vortragen wird es noch ziemlich lange dauern,
bis es moglich sein wird, der gegenwartigen Menschheit die intimeren
Seiten des geistigen Lebens zu enthiillen, aber in unseren Zweigen
diirfte doch schon immer mehr und mehr die Zeit heranriicken, wo
auch iiber intimere Fragen gesprochen werden kann. Dabei wird sich
immer heraus stellen, daB sozusagen neu hinzugekommene Mitglieder
durch dieses oder jenes iiberrascht, schockiert werden konnen. Aber
wir wiirden in unserer Arbeit nicht vorwartskommen, wenn wir nicht
auch aufriicken konnten zu der Besprechung von intimeren Lebens-
fragen aus der geisteswissenschaftlichen Forschung und Erkenntnis
heraus. Deshalb sollen heute - selbst vielleicht, wenn bei denjenigen
von Ihnen, die noch weniger lange sich in das spirituelle Leben hinein-
versenkt haben, dadurch MiBverstandnisse entstehen konnten - einige
intimere Tatsachen der geistigen Erkenntnis wiederum einmal vor
unsere Seele treten.
Eine wichtige Frage ergibt sich ohne Zweifel fur unsere Seele,
wenn wir die Idee, den Gedanken der Wiederverkorperung, der wie-
derholten Erdenleben, nicht bloB abstrakt denken, sondern wenn wir
nachdenklich werden, wenn wir uns sinnvoll vertiefen in diese Tat-
sache des geistigen Lebens. Da kniipfen sich sozusagen an diese Ant-
wort, die uns in der Wiederverkorperung gegeben wird, an diese
wichtige Lebensfrucht neue Fragen an. Wir konnen zum Beispiel die
Frage aufwerfen: Wenn der Mensch wiederholt auf der Erde lebt,
wenn er in immer neuen und neuen Verkorperungen wiederkehrt,
was hat denn das fur einen tieferen Sinn, daB wir so das Leben wieder-
holt durchmachen? - Im allgemeinen sagt man ja wohl auch: Nun
gewiB, wir steigen dadurch immer hoher und hoher, wir erleben die
Ergebnisse, die Friichte vorhergegangener Erdenleben in den spate-
ren Erdenleben, und dadurch gerade vervollkommnen wir uns. - Das
ist aber immer noch ziemlich allgemein, abstrakt gehalten. Erst durch
genauere Erkenntnis iiber den ganzen Sinn des Erdenlebens dringen
wir auch ein in die Bedeutung der wiederholten Erdenleben. Wenn
namlich unsere Erde selber sich nicht verandern wiirde, wenn sozu-
sagen der Mensch immer wiederkehren wiirde auf eine Erde, die im
wesentlichen sich gleichbliebe, dann wiirde eigentlich nicht viel zu
lernen sein durch die aufeinanderfolgenden Inkarnationen oder Ver-
korperungen. Nur dadurch, weil wir eigentlich in jeder Inkarnation
oder Verkorperung auf unserer Erde Neues lernen, Neues erleben
konnen, haben diese Inkarnationen oder Verkorperungen einen Sinn.
In kurzen Zeitraumen macht sich das ja nicht so stark geltend, aber
wenn wir lange Zeitraume uberblicken, wie wir das durch die Geistes-
wissenschaft konnen, dann zeigt sich uns schon, daB sich die Epochen
unserer Erde verschieden gestalten und wir immer Neues und Neues
erleben. Da miissen wir aber auch etwas anderes einsehen. Wir miis-
sen einsehen, daB wir auch zu beriicksichtigen haben diese Verande-
rungen im Erdenleben selber. Denn wenn wir sozusagen es ver-
saumen, in einer bestimmten Epoche unseres Erdendaseins dasjenige
zu erleben, zu erlernen, was in dieser Epoche der Erdenentwickelung
zu lernen ist, dann kommen wir zwar wieder in einer neuen Verkor-
perung, aber wir haben eben etwas versaumt, wir haben nicht das in
uns einstromen lassen, was wir im vorhergegangenen Zeitraum ein-
stromen lassen sollten. Und wir konnen dann den nachsten Zeitraum
hindurch unsere Krafte und Fahigkeiten nicht in der richtigen Weise
anwenden.
Noch ganz im allgemeinen gesprochen, kann man sagen: Jetzt in
unserem Zeitraum ist auf der Erde, fast iiber den ganzen Erdball hin,
etwas moglich, was zum Beispiel den Menschen, die jetzt leben, in
ihrer vorhergehenden Inkarnation nicht moglich war. Es sieht sonder-
bar aus, aber es ist doch so, daB das eine gewisse, und zwar eine groBe
Bedeutung hat. In der gegenwartigen Inkarnation ist es einer gewissen
Anzahl von Menschen moglich, zur Geisteswissenschaft zu kommen,
das heiBt, diejenigen Ergebnisse geistiger Forschung in sich aufzu-
nehmen, welche auf dem Felde der Geisteswissenschaft eben heute
aufgenommen werden konnen. GewiB, das wird als etwas hochst Un-
bedeutendes angesehen werden konnen, daB sich da einige Menschen
zusammenfinden, welche in sich einstromen lassen die Erkenntnisse
der geistigen Forschung. Aber diejenigen, die das unbedeutend finden,
verstehen eben gerade nicht die Bedeutung der Wiederverkorperung,
und daB man nur wahrend einer Verkorperung etwas aufnehmen kann.
Nimmt man es nicht auf, so hat man etwas versaumt, was einem dann
fur die nachsten Verkorperungen fehlt.
Das ist dasjenige, was wir uns vor alien Dingen so recht zu Gemute
fiihren miissen: Das, was wir in der Geisteswissenschaft heute lernen,
das vereinigt sich mit unserer Seele, das bringen wir wieder mit, wenn
wir in der nachsten Verkorperung wieder heruntersteigen.
Und wir wollen uns heute einmal ein Verstandnis dafur verschaffen,
was das fur eine Bedeutung hat fur unsere Seele. Da werden wir mit
manchem, was Sie schon aus andern Vortragen und aus Ihrer Lektiire
kennen, verkniipfen miissen mancherlei Tatsachen des geistigen
Lebens, die Ihnen mehr oder weniger neu oder noch ganz unbekannt
sind. Zuerst miissen wir in friihere Zeitraume in der Entwickelung
der Menschheit zuriickgehen. Wir haben schon ofters in friihere Zeit-
raume unserer Erdenentwickelung zuriickgeblickt. Wir haben gesagt :
Wir leben jetzt in dem funften Zeitraum nach unserer groBen atlan-
tischen Katastrophe. Diesem funften ging derjenige Zeitraum voran,
in dem die griechischen und lateinischen Volker die Hauptideen und
Hauptempflndungen angegeben haben fiir den Erdenwillen: es ging
der vierte Zeitraum, der griechisch-lateinische Zeitraum voran. Die-
sem ging der dritte, der chaldaisch-babylonisch-assyrisch-agyptische
Zeitraum voran, diesem der urpersische und diesem schlieBlich der
uraltindische Zeitraum. Und wenn wir dann noch weiter vorriicken
in eine noch fernere Urzeit, dann treffen wir auf die groBe atlantische
Katastrophe, welche einen alten Kontinent, ein altes Festland, die
alte Atlantis vernichtet hat, die sich ausgedehnt hat an der Statte, wo
heute der Atlantische Ozean sich ausbreitet, jene atlantische Kata-
strophe, welche dieses Festland nach und nach hinweggefegt hat und
andererseits unserem heutigen festen Erdenrund, auf dem wir heute
leben, sein Antlitz gegeben hat. Dann, weiter zunickgehend, wiirden
wir in noch friihere Zeitraume zuriickkommen, die vor der atlantischen
Katastrophe liegen. Wir wiirden zu jenen Kulturen und Lebens ver-
haltnissen kommen, die sich auf jenem atlantischen Kontinent ent-
wickelt haben und die wir die atlantischen nennen, die Kulturen der
atlantischen Rassen. Und diesen gehen noch friihere Zustande voran.
Wenn man nun dasjenige iiberblickt, was uns die Geschichte er-
zahlt - sie reicht ja nicht sehr weit zuriick dann kann man allerdings
leicht in den Glauben verfallen, obwohl das auch fiir kiirzere Zeit-
raume schon ein ganz unbegriindeter Glaube ist, daB es auf unserer
Erde immer so ausgesehen hatte wie jetzt. Das ist aber nicht der Fall.
Ganz griindlich haben sich vielmehr die Verhaltnisse auf unserer Erde
geandert, und am starksten haben sich die Seelenverhaltnisse der Men-
schen geandert. Die Seelen derjenigen Menschen, die heute hier sitzen,
waren ja in alien diesen Zeitaltern der Erde in den entsprechenden
Leibern verkorpert und haben damals in sich eingesogen, was man
eben in diesen Zeitraumen der Erdenentwickelung einsaugen konnte.
Jedesmal hat dann die Seele von Inkarnation zu Inkarnation andere
Fahigkeiten entwickelt. Unsere Seelen waren ganz anders als heute,
wenn auch noch nicht vielleicht in dem MaBe anders wahrend des
griechisch-lateinischen Zeitraumes. Aber sehr stark unterschieden sie
sich von heute im urpersischen und noch mehr im urindischen Zeit-
raum. Mit ganz andern Fahigkeiten waren unsere Seelen damals aus-
gestattet, und unter ganz andern Bedingungen lebten sie in jenen alten
Zeiten.
Da wollen wir uns nun einmal heute, damit wir uns in bezug auf
das Folgende recht gut verstehen, so deutlich als moglich vor das
geistige Auge riicken, wie diese unsere Seelen waren - nun, sagen wir
einmal, um gleich etwas Bedeutungsvolles zu haben - nach der atlan-
tischen Katastrophe, als sie verkorpert waren in denjenigen Leibern,
die auf der Erde nur moglich waren zur Zeit der ersten indischen
Kultur. Wir miissen diese erste indische Kultur nicht so auffassen, daB
sie sich nur im alten Indien geltend gemacht hat. Dieses indische Volk
war damals nur das tonangebendste, das wichtigste, aber die Kultur
der ganzen Erde war eine andere und hatte Eigentiimlichkeiten, die
gepragt waren sozusagen von dem, was die Fiihrer fur die alten Inder
angaben. Wenn wir nun unsere Seelen betrachten, wie sie dazumal
waren, so miissen wir uns zuallererst sagen: Eine solche Erkenntnis,
wie die Menschen sie heute haben, die war dazumal noch ganz un-
moglich. Ein so deutliches SelbstbewuBtsein, ein so deutliches Ich-
BewuBtsein wie heute, das gab es dazumal nicht. - Die Menschen
haben sozusagen kaum daran gedacht, daB sie ein Ich sind. Dieses Ich
war zwar schon als eine Kraft in den Menschen, aber die Erkenntnis
des Ich ist noch etwas anderes als die Kraft des Ich, die Wirksamkeit
des Ich. Also die Menschen waren noch nicht mit einer solchen Inner-
lichkeit behaftet, wie sie es heute sind. Dafur aber hatten sie ganz
andere Fahigkeiten, dafiir hatten sie das, was wir oft genannt haben
ein altes dammerhaftes Hellsehen.
Wenn wir die Menschenseele wahrend des Tageslebens in der da-
maligen Zeit betrachten, so finden wir, daB sie sich noch nicht so
recht als ein Ich fiihlt. Der Mensch fiihlt sich als ein Angehoriger seines
Stammes, seines Volkes. Als ein Glied desselben, wie die Hand als ein
Glied des Leibes, so stand das einzelne Ich ein fur die ganze Gemein-
schaft des Stammes und Volkes. Der Mensch empfand sich noch nicht
als ein individuelles Ich, als das er heute sich fiihlt. Das VolksTch, das
Stammes-Ich war das, worauf man hinschaute. So lebte man wahrend
des Tages. Man wuBte sozusagen noch nicht so recht, daB man ein
Mensch ist. Wenn aber dann der Abend kam und man hinuberschlief,
so verdunkelte sich das BewuBtsein auch nicht vollstandig, wie das
heute der Fall ist, sondern wahrend des Schlafes war die Seele fahig,
wahrzunehmen geistige Tatsachen; so zum Beispiel in ihrer Um-
gebung Tatsachen, von denen der heutige Traum nur ein Schatten ist,
geistige Begebenheiten, geistige Tatsachen, von denen der heutige
Traum in der Regel nicht mehr eine voile Wirklichkeit darstellt. Sol-
che Wahrnehmungen hatten die Menschen, so daB die Menschen da-
zumal wuBten: Es gibt eine geistige Welt. Den Menschen war die
geistige Welt eine Wirklichkeit, aber nicht durch irgendeine Logik,
durch etwas, was zu beweisen notwendig war, sondern weil sie ja jede
Nacht, wenn auch mit einem dumpfen traumhaften BewuBtsein, in
der geistigen Welt darinnen waren. Das war aber noch nicht die
Hauptsache. Es gab auBer dem Schlafen und dem Wachzustand auch
noch Zwischenzustande, wahrend denen der Mensch weder ganz
schlief noch ganz wach war, wo dann zwar das Ich- BewuBtsein noch
mehr auf horte, als es bei Tage war, dafiir aber auch jenes Wahrnehmen
von geistigen Begebenheiten, jenes traumhafte Hellsehen noch wesent-
lich starker war als sonst wahrend der Nacht. So gab es Zwischen-
zustande, in denen die Menschen zwar ohne SelbstbewuBtsein, aber
doch mit Hellsichtigkeit begabt waren. Der Mensch war in solchen
Zustanden damals wie entriickt, so daB er sozusagen von sich nichts
wuBte. Er wuBte da nicht: Ich bin ein Mensch - wohl aber wuBte er:
Ich bin ein Glied einer geistigen Welt, darinnen kann ich wahrnehmen,
ich weiB, daB es eine geistige Welt gibt. - Dieses waren die Erlebnisse
der Menschenseele in der damaligen Zeit. Und noch viel heller, viel,
viel heller war dieses BewuBtsein und dieses Leben in der geistigen
Welt in der atlantischen Zeit. So daB wir also, wenn wir das iiber-
blicken, zuriickschauen auf ein Zeitalter traumhaften, dammerhaften
Hellsehens unserer Seelen, das nach und nach abgenommen hat in der
Menschheitsentwickelung.
Waren nun unsere Seelen bei diesem alten traumhaften Hellsehen
stehengeblieben, dann hatten wir uns nicht jenes individuelle Selbst-
bewuBtsein aneignen konnen, das wir heute haben. Dann hatten wir
nie wissen konnen, daB wir Menschen sind. Wir muBten schon sozu-
sagen jenes BewuBtsein von der geistigen Welt verlieren, um das Ich-
BewuBtsein dafiir eintauschen zu konnen. In der Zukunft werden wir
beides zusammen haben. In der Zukunft werden wir alle wiederum
dasjenige erlangen, was trotz der Aufrechterhaltung des Ich-BewuBt-
seins die voile Hellsichtigkeit ergibt, was heute nur bei dem vorhanden
sein kann, der den Weg der Initiation beschritten hat. Es wird in der
Zukunft bei alien Menschen moglich sein, wiederum in die geistige
Welt hineinzuschauen und doch sich als ein Mensch, ein Ich zu fiihlen.
Vergegenwartigen Sie sich nun noch einmal, was da geschehen ist.
Von Verkorperung zu Verkorperung gegangen ist die Seele. Fruher
war sie hellsichtig; dann spater kommt immer deutlicher und deut-
licher das BewuBtsein auf, ein Ich zu werden, damit aber auch deut-
licher die Moglichkeit, selbst zu urteilen. Denn solange man noch
hellsichtig in die geistige Welt schaut und sich nicht als Ich fiihlt, so
lange kann man auch nicht urteilen, kombinieren. Das letztere trat als
Fahigkeit immer mehr und mehr auf, aber in jeder folgenden Inkar-
nation wurde dafiir die alte Hellsichtigkeit geringer. Immer weniger
und weniger lebte der Mensch in solchen Zustanden, in denen er hin-
einschauen konnte in die geistige Welt. Und immer mehr lebte er sich
in den physischen Plan ein, bildete das logische Denken aus und fiihlte
sich als Ich. Dabei nimmt die Hellsichtigkeit immer mehr ab. Der
Mensch nimmt nun die auBere Welt wahr und wird immer mehr in sie
verstrickt, aber der Zusammenhang mit der geistigen Welt wird im-
mer geringer. Man kann also sagen: In den uralten Zeiten war der
Mensch eine Art geistigen, spirituellen Wesens, denn er lebte als eine
spirituelle Wesenheit im unmittelbaren sozialen Zusammenhang als
Genosse von andern geistigen Wesenheiten, er fiihlte sich zu andern
geistigen Wesen gehorig, zu denen er heute mit normalen Sinnen
nicht mehr hinaufschauen kann. Es sind heute auch, wie wir ja wissen,
auBer der Welt, die uns unmittelbar umgibt, noch andere geistige
Welten um uns herum, in denen andere geistige Wesenheiten leben.
Aber mit normalem BewuBtsein sieht der Mensch heute in diese Wel-
ten nicht hinein. Friiher aber war er ihr Genosse, sowohl im nacht-
schlafenden BewuBtsein wie in jenem Zwischenzustand, von dem wir
sprachen. Da lebte er darinnen und verkehrte mit diesen andern We-
senheiten. Jetzt kann er das normalerweise nicht mehr. Er wurde so-
zusagen aus seiner Heimat, der geistigen Welt, herausgesetzt und mit
jeder neuen Verkorperung immer mehr und mehr in diese Erdenwelt
hinunterversetzt .
In den Pflegestatten des geistigen Lebens und in denjenigen Er-
kenntnissen und Wissenschaften, in denen man solches noch gewuBt
hat, hat man immer darauf Riicksicht genommen, daB unsere Inkar-
nationen durch solche verschiedenen Erdenzeitalter hindurchgegan-
gen sind. Man blickte zuriick auf ein sehr altes Zeitalter, das sogar
noch vor der atlantischen Katastrophe liegt, in dem die Menschen
eigentlich mit den Gottern oder Geistern unmittelbar zusammen-
lebten und sich selber naturlich dann auch ganz anders fuhlten und
empfanden. Denn Sie konnen sich ja denken, daB die Menschenseele
ganz anders empfinden muBte in einem Zeitalter, wo sie ganz gewiB
wuBte, daB sie zu den hoheren Wesenheiten auf blicken kann, und wo
sie sich selbst als Glied jener hoheren Welt wuBte. So lernte sie auch
ganz anders empfinden und fuhlen. Sie mussen sich, wenn Sie auf
diese Tatsachen hinblicken, vorstellen, daB wir auch heute nur spre-
chen und denken lernen konnen, wenn wir unter Menschen aufwach-
sen, denn das sind Fahigkeiten, die Sie nur unter Menschen erlangen
konnen. Wenn irgendein Kind heute auf eine einsame Insel versetzt
wiirde und dort aufwachsen wiirde ohne Umgang mit Menschen, so
wiirde es durchaus nicht die Fahigkeiten des Denkens und Sprechens
erlangen. Es hangt also fur die Entwickelung eines Wesens etwas da-
von ab, ob es unter dieser oder jener andern Gattung von Wesen auf-
wachst und mit diesen oder jenen Wesen zusammenlebt. Davon hangt
etwas fur die Entwickelung ab. An Tieren schon konnen Sie das be-
obachten. Es ist bekannt, daB Hunde, die aus Verhaltnissen, in denen
sie mit Menschen zusammen sind, herausversetzt werden, dahin, wo
sie niemals mit einem Menschen zusammenkommen, das Bellen ver-
lernen. Die Nachkommen solcher Hunde konnen dann gewohnlich
nicht mehr bellen. Es hangt etwas davon ab, ob ein Wesen unter sol-
chen oder andern Wesen aufwachst und lebt. Sie konnen sich also ein
Bild machen davon, daft es etwas anderes ist, ob Sie nur unter heuti-
gen Menschen auf dem physischen Plane leben, oder ob Sie fruher
lebten - dieselben Seelen sozusagen - unter geistigen Wesenheiten in
einer geistigen Welt, in die heute der normale Blick nicht hineinreicht.
Da entwickelte sich auch die Seele anders; der Mensch hatte in sich
andere Impulse, als er unter Gottern lebte. Andere Impulse hat der
Mensch entwickelt unter Menschen, und andere, als er unter Gottern
lebte. Das hat eine hohere Erkenntnis immer gewuBt. Es blickte eine
solche Erkenntnis zuriick in jene alten Zeitalter, in denen die Men-
schen sozusagen im unmittelbaren Verkehr mit gottlich-geistigen
Wesenheiten waren. Und unmittelbarer Verkehr mit den gottlich-
geistigen Wesen, der wirkte so, daB die Seele sich zugehorig fuhlte zur
gottlich-geistigen Welt. Das erzeugte aber auch Impulse, Krafte in der
Seele, die in ganz anderem Sinne noch gottlich-geistig waren, als die
heutigen Krafte es sind. Da wo die Seele so wirkte, daB sie sich als zu-
gehorig zu der hoheren Welt fuhlte, da, aus dieser Seele sprach auch
ein Wille, der aus der gottlich-geistigen Welt stammte, von dem man
sagen konnte, er sei eingefloBt, dieser Wille, weil die Seele unter Got-
tern lebte.
Von diesem Zeitalter, wo der Mensch noch eins war mit den gott-
lich-geistigen Wesenheiten, von diesem Zeitalter sprechen solche Er-
kenntnisse als von dem goldenen Zeitalter oder Krita Yuga. Das ist
also ein altes Zeitalter, dessen wesentlichen Verlauf wir sogar noch
vor der atlantischen Katastrophe suchen miissen. Dann kommt ein
nachstes Zeitalter, wo die Menschen nicht mehr so stark wie in dem
Krita Yuga ihren Zusammenhang fiihlten mit der gottlich-geistigen
Welt, wo sie nicht mehr so sehr ihre Impulse bestimmt fiihlten durch
das Zusammenleben mit den Gottern, wo auch ihr Blick sich schon
mehr verdunkelte gegeniiber dem Geist und der Seele. Aber noch hat-
ten sie eine Erinnerung an das Zusammenleben mit den Geistern und
Gottern. Dieses war insbesondere deutlich in der alten indischen Welt.
Da konnte man sehr leicht iiber geistige Dinge reden. Man konnte die
Menschen hinweisen auf die auBere Welt der physischen Wahr-
nehmung und doch, sagen wir, eine Maja oder Illusion in ihr sehen,
weil die Menschen noch gar nicht so lange diese physischen Wahr-
nehmungen hatten. Das war im alten Indien der Fall. Die Seelen im
alten Indien sahen zwar nicht mehr die Gotter selber, aber noch geistige
Tatsachen und niedrigere geistige Wesenheiten. Die hohen geistigen
Wesenheiten wurden nur noch von einer kleineren Anzahl von Men-
schen gesehen, aber es war auch fur diese schon jenes ganz lebendige
Zusammenleben mit den Gottern verdunkelt. Die Willensimpulse aus
der gottlich-geistigen Welt waren schon hingeschwunden. Dafiir aber
gab es noch die Moglichkeit, wenigstens in besonderen BewuBtseins-
zustanden einen Einblick in die geistigen Tatsachen zu gewinnen : im
Schlafen und in den erwahnten Zwischenzustanden. Aber die wich-
tigsten Tatsachen dieser geistigen Welt, die vorher noch wie ein Mit-
erleben da waren, die waren jetzt nurmehr da wie eine Art Erkenntnis
der Wahrheit, wie etwas, was die Seele zwar noch genau wu!3te, was
aber nur noch wie eine Erkenntnis, wie eine Wahrheit wirkte. GewiB
waren die Menschen noch in der geistigen Welt, aber schon nicht
mehr so stark wie friiher war die GewiBheit davon in diesem spateren
Zeitalter. Man nennt es das silberne Zeitalter oder Treta Yuga.
Dann aber kamen die Zeitalter derjenigen Inkarnationen oder Ver-
korpemngen, wo sich der Blick des Menschen gegeniiber der geisti-
gen Welt immer mehr abschloB, wo er immer mehr und mehr hin-
geordnet wurde auf die unmittelbar auBere Sinneswelt, dafiir aber
auch befestigt wurde in dieser Sinneswelt, wo das innerliche Ich-Be-
wuBtsein, das MenschheitsbewuBtsein immer mehr und mehr hervor-
trat. Dieses Zeitalter, man nennt es das eherne Zeitalter oder Dvapara
Yuga. Die Menschen hatten nun zwar nicht mehr eine solch hohe un-
mittelbare Erkenntnis von der geistigen Welt wie friiher, aber es war
wenigstens in der allgemeinen Menschheit noch etwas geblieben von
der geistigen Welt. Man konnte es etwa so bezeichnen, wie wenn in
den gegenwartigen Menschen, wenn sie alter geworden sind, etwas
von der Freude der Jugend geblieben ist. Sie ist zwar vorbei, aber er-
lebt hat man sie. Man weiB, man kennt sie, man kann davon reden wie
von etwas, was einem vertraut ist. So war damals den Seelen noch
etwas vertraut von dem, was zu den geistigen Welten hinfiihrt. Das
ist das Wesentliche des Dvapara Yuga.
Dann kam aber ein anderes Zeitalter, ein Zeitalter, in dem auch die-
ses Vertrautsein mit der geistigen Welt auf hort, wo sozusagen sich die
Tore zuschlieBen gegeniiber der geistigen Welt, Der Blick der Men-
schen wurde da immer mehr und mehr beschrankt auf die auBere sinn-
liche Welt und den Verstand, der die Eindriicke der Sinne verarbeitet,
so daB die Menschen iiber die geistige Welt nur noch nachdenken
konnten. Das ist die niedrigste Art, etwas iiber die geistige Welt zu
wissen. Das, was die Menschen jetzt noch wirklich wuBten aus ihrem
eigenen Erleben heraus, das ist die sinnlich-physische Welt. Wollten
die Menschen etwas wissen iiber die geistige Welt, so muBten sie dies
durch ihr Nachdenken erreichen. Es ist das diejenige Zeit, wo der
Mensch am ungeistigsten wurde und deshalb auch sich am meisten in
der Sinnenwelt festlegte und festsetzte. Das war aber notwendig, um
sein SelbstbewuBtsein nach und nach bis zur hochsten Hohe entfalten
zu konnen. Denn nur durch den groben Widerstand der auBeren Welt
konnte der Mensch lernen, sich von der Welt zu unterscheiden und als
Eigenwesenheit sich selber zu empfinden. Dieses letztere Zeitalter
nennt man auch Kali Yuga oder das finstere Zeitalter.
Ich bemerke ausdriicklich, daB man diese Ausdriicke auch fur
groBere Epochen gebrauchen kann, so zum Beispiel die Bezeichnung
Krita Yuga schon anwenden kann fur einen noch groBeren Zeitraum.
Denn bevor jenes goldene Zeitalter da war, das geschildert worden ist,
war der Mensch mit seinem Erleben an noch hoheren Welten beteiligt,
daher konnte man alle diese noch alteren Zeiten mit diesem Namen
umfassen. Aber wenn man sozusagen in den Anspriichen sich maBigt,
wenn man noch zufrieden ist mit jenem MaB von geistigem Erleben,
das geschildert worden ist, dann kann man in dieser Weise einteilen,
wie es nun geschehen ist. Fur alle solche Zeitalter kann man ganz
bestimmte Zeitraume angeben. Nun geht zwar die Entwickelung lang-
sam und allmahlich vonstatten, aber es gibt Grenzen, von denen man
sagen kann: Vorher war hauptsachlich dieses und nachher war jenes
Lebensverhaltnis und BewuBtsein vorherrschend. So mussen wir
rechnen, daB in dem Sinne, wie wir zuerst davon gesprochen haben,
Kali Yuga etwa im Jahre 3101 vor unserer Zeitrechnung beginnt. Da
sehen wir, daB unsere Seelen in immer neuen Verkorperungen auf der
Erde erschienen sind, in denen sich der Blick der Menschen vor der
geistigen Welt immer mehr verschlossen hat und so auch immer mehr
eingeengt wurde auf die auBere Sinneswelt. Da sehen wir, daB tat-
sachlich unsere Seelen mit jeder neuen Verkorperung in immer neue
Verhaltnisse hineinkommen, in denen immer Neues gelernt werden
kann. Was wir im Kali Yuga gewinnen konnen, das ist, uns in unse-
rem Ich- BewuBtsein zu festigen. Vorher war das nicht moglich, denn
da muBte man eben erst das Ich in sich aufnehmen.
Wenn nun Seelen versaumt haben, in einer Inkarnation dasjenige
aufzunehmen, was gerade dieses Zeitalter gibt, dann ist es sehr
schwer, in andern Zeiten das nachzuholen. Sie mussen dann lange
Zeit warten, bis es moglich wird, doch in einer gewissen Beziehung
das Versaumte nachzuholen, aber wir diirfen uns darauf durchaus
nicht verlassen. Das also wollen wir vor unsere Seele riicken, daB
wahrend der Kali Yuga-Epoche etwas sehr Wesentliches geschehen
ist, indem sozusagen die Tore zugemacht worden sind gegeniiber der
geistigen Welt. Das war auch jenes Zeitalter, in dem der Taufer Johan-
nes wirkte und in dem wirkte der Christus. Fur diese Zeit, die ja
schon 3100 Jahre hatte hingehen sehen von dem finsteren Zeitalter,
war wesentlich, daB die Menschen alle schon mehrere Male, wenig-
stens ein- bis zweimal dagewesen waren in diesem finsteren Zeitalter.
Das Ich-BewuBtsein hatte sich gefestigt, die Erinnerung an die gei-
stige Welt hatte sich verniichtigt, und die Menschen muBten lernen,
wenn sie nicht den Zusammenhang mit der geistigen Welt vollstandig
verlieren wollten, dieses Geistige in ihrem Ich zu erleben. Sie muBten
ihr Ich so entwickeln, daB dieses Ich in seinem Inneren wenigstens ge-
wiB sein konnte, daB es eine geistige Welt gibt und daB der Mensch
dieser geistigen Welt angehort, und daB es hohere geistige Wesen-
heiten gibt. Das Ich muBte sich fahig machen, eine innere Empfin-
dungsmoglichkeit, Glaubensmoglichkeit an die geistige Welt zu
haben.
Wenn jemand in der Zeit des Christus Jesus ausgesprochen hatte,
was eigentlich die Wahrheit in der damaligen Zeit gewesen ist, so
hatte er sagen konnen : Das Himmelreich konnten die Menschen frii-
her auBerhalb ihres Ich, in jenen geistigen Fernen erleben, die sie er-
reichten, wenn sie aus sich herausgingen. Fern vom Ich muBte der
Mensch die Reiche der Himmel, die Reiche der geistigen Welt er-
leben. Jetzt kann er diese Reiche der Himmel nicht so erleben, jetzt ist
der Mensch so viel anders geworden, daB das Ich in sich diese Reiche
erleben muB. Diese Reiche der Himmel sind so weit an den Menschen
herangekommen, daB sie in das Ich hereinwirken. - Und das hat
Johannes der Taufer den Menschen gesagt: «Die Reiche der Himmel
sind nahe herbeigekommen», das heiBt, nahe an das Ich herangekom-
men. Friiher waren sie auBerhalb des Menschen, jetzt muBte er in sei-
nem allernachsten Wesen, in dem Ich, das nahe herbeigekommene
Reich der Himmel begreifen. Und weil der Mensch nicht mehr hinaus-
gehen konnte in diesem finsteren Zeitalter, dem Kali Yuga, aus der
Sinneswelt in die geistige Welt, deshalb muBte das gottliche Wesen,
der Christus, bis in die physisch-sinnliche Welt heruntersteigen. Das
ist der Grund, warum der Christus bis in einen fleischlichen Menschen,
in den Jesus von Nazareth heruntersteigen muBte, damit durch die
Anschauung des Lebens und der Taten des Christus auf der physischen
Erde die Menschen im physischen Leibe den Zusammenhang ge-
winnen konnten mit den Reichen der Himmel, der geistigen Welt. So
daB wir also in der Zeit, als der Christus auf der Erde gewandelt ist,
ein Zeitalter haben mitten drinnen im Kali Yuga, im finsteren Zeit-
alter, wo die Menschen, die nicht finster und dumpf dahinlebten, son-
dern ihre Zeit begriffen haben, sich sagen konnten: Es ist eine Not-
wendigkeit, daB der Gott heruntersteigt zu den Menschen, damit
wiederum ein Zusammenhang gewonnen wird mit der geistigen Welt,
der verloren war.
Wiirden dazumal keine Menschen dagewesen sein, die das ver-
standen hatten, die einen lebendigen Gemiitszusammenhang gefunden
hatten mit dem Christus, dann hatten die Menschen eben ihren Zu-
sammenhang mit den geistigen Welten allmahlich verloren, sie hatten
in ihr Ich nicht aufgenommen den Zusammenhang mit den Reichen
der Himmel. Es konnte durchaus sein, daB, wenn alle Menschen in
einem solch wichtigen Zeitpunkt in Finsternis verharren wiirden, ein
solches wichtiges Ereignis an ihnen dann vorbeigegangen ware. Es
waren dann die Menschenseelen verdorrt, verodet, verkommen. Ver-
korpert hatten sie sich wohl auch ohne den Christus noch einige Zeit,
aber in ihr Ich hatten sie nicht einpflanzen konnen das, womit sie den
Zusammenhang gefunden hatten mit den Reichen der Himmel. Es
konnte sein, daB das Ereignis des Erscheinens des Christus auf der
Erde iiberall unbemerkt hatte vorbeigehen konnen, so wie zum Bei-
spiel die Menschen in Rom es nicht bemerkten. Wurde doch dort ge-
sagt, es gebe irgendwo eine abgelegene, schmutzige StraBe, da lebe
eine besondere Sekte, greuliche Menschen waren das, und unter ihnen
lebe ein greulicher Geist, der nenne sich Jesus von Nazareth und pre-
dige den Leuten allerlei, das sie zu alien moglichen schlimmen Taten
anstifte. - Nur so viel wuBte man in Rom zu gewissen Zeiten von
Christus! Und Sie wissen vielleicht auch, daB es der so bedeutende
romische Geschichtsschreiber Tacitus war, der so ahnlich es beschrie-
ben hat etwa hundert Jahre nach den Ereignissen von Palastina.
Also es haben wirklich nicht alle Menschen bemerkt, daB da etwas
Wichtigstes sich vollzogen hat, was die Menschen hiniiberretten
konnte iiber das Kali Yuga, was hereingeleuchtet hat als das gottliche
Licht in die irdische Finsternis. Die Moglichkeit der Weiterentwicke-
lung der Menschheit war dadurch gegeben, daB gewisse Seelen sich
fanden, die den damaligen Zeitpunkt erfaBten, die wuBten, was es
bedeutet, daB der Christus auf Erden gewandelt hat.
Versetzen Sie sich einmal in jene Zeit, dann werden Sie sich leicht
sagen konnen : Ja, man konnte in der damaligen Zeit leben und man
brauchte nichts zu wissen von dem Erscheinen des Christus Jesus auf
dem physischen Plan! Man konnte auf der Erde leben, ohne dieses
allerwichtigste Ereignis in sein BewuBtsein aufzunehmen.
Sollte es nicht auch heute moglich sein, daB unendlich Wichtiges
vorgeht und die Menschen es nur nicht in ihr BewuBtsein aufnehmen ?
Konnte es nicht sein, daB unsere Zeitgenossen von dem Allerwich-
tigsten, was vorgeht in der Welt, jetzt vorgeht, keine Ahnung haben?
So ist es ! Denn Wichtigstes geht vor, doch geht es nur fur den geisti-
gen Blick wahrnehmbar vor. Es wird so viel von Ubergangszeiten ge-
sprochen; wir leben in einer solchen, und zwar in einer sehr wich-
tigen. Und das Wichtige ist, daB wir gerade in der Zeit leben, wo das
finstere Zeitalter abgelaufen ist, und daB jetzt gerade ein Zeitalter be-
ginnt, wo die Menschen neue Fahigkeiten langsam und allmahlich
entwickein, wo die Seelen der Menschen allmahlich anders werden.
Aber daB die meisten Menschen nichts davon bemerken, das braucht
Sie nicht zu wundern, denn die meisten haben es auch nicht bemerkt,
als im Beginne unserer Zeitrechnung das Christus-Ereignis vor sich
ging. Im Jahre 1899 ist das Kali Yuga abgelaufen, jetzt haben wir uns
in ein neues Zeitalter hineinzuleben. Und was da beginnt, das bereitet
langsam die Menschen zu neuen Seelenfahigkeiten vor.
Die ersten Anzeichen von diesen neuen Seelenfahigkeiten, die wer-
den sich in vereinzelten Seelen schon verhaltnismaBig bald bemerkbar
machen. Und sie werden sich deutlicher zeigen in der Mitte der dreiBi-
ger Jahre unseres Jahrhunderts, ungefahr in der Zeit zwischen 1930
und 1940. Die Jahre 1933, 1935 und 1937 werden besonders wichtig
sein. Da werden sich am Menschen ganz besondere Fahigkeiten als
natiirliche Anlagen zeigen. In dieser Zeit werden groBe Veranderun-
gen vor sich gehen und Prophezeiungen der biblischen Urkunden sich
erfullen. Da wird sich alles fur die Seelen verandern, die auf der Erde
weilen und auch fur diejenigen, die nicht mehr im physischen Leibe
sind. Gleichgultig, wo sie sind, diese Seelen, sie leben eben ganz neuen
Fahigkeiten entgegen. Alles andert sich. Das wichtigste Ereignis unse-
rer Zeit aber ist eine tief einschneidende Anderung in den Seelen-
fahigkeiten der Menschen.
Das Kali Yuga ist abgelaufen, und es beginnen die Menschenseelen
jetzt neue Fahigkeiten zu entwickein, jene Fahigkeiten, welche, well
eben das Zeitalter dafur da ist, wie von selber heraustreiben werden
aus den Seelen gewisse hellseherische Krafte, jene hells eherischen
Krafte, die wahrend des Kali Yuga eben hinuntertauchen muBten ins
UnbewuBte. Da wird es eine Anzahl von Seelen geben, die das merk-
wiirdige Ereignis erleben werden, daB sie das Ich-BewuBtsein haben
werden, aber neben diesem wird es fur sie so sein, wie wenn sie in
einer Welt lebten, die eigentlich eine ganz andere Welt ist als diejenige
ihres gewohnlichen BewuBtseins: es wird sein wie schattenhaft, wie
eine Ahnung, wie wenn ein Blindgeborner operiert wird. Durch das-
jenige, was wir esoterische Schulung nennen, werden diese hellsehe-
rischen Fahigkeiten noch viel besser erlangt werden. Das wird aber,
weil die Menschen fortschreiten, in den allerersten Anfangen, in den
elementarsten Stufen durch die selbsttatige natiirliche Entwickelung
in der Menschheit auftreten.
Nun konnte es aber sehr leicht sein - und viel leichter konnte es
jetzt sein als jemals friiher -, daB die Menschen in unserem Zeitalter
iiberhaupt nicht in der Lage waren, so etwas, dieses fur die Mensch-
heit wichtigste Ereignis 2u begreifen. Es konnte sein, daB die Men-
schen iiberhaupt nicht imstande waren 2u begreifen, daB das ein wirk-
liches Hineinschauen in eine geistige Welt ist, wenn auch schattenhaft
und matt nur noch. Es konnte zum Beispiel so sein, daB die Bosheit,
der Materialismus so groB waren auf der Erde, daB die Mehrheit der
Menschen nicht das geringste Verstandnis zeigte, und jene Menschen,
die dieses Hellsehen haben werden, als Narren betrachten und in die
Irrenhauser stecken wiirde unter die andern hinein, die in verworrener
Weise ihre Seelen entwickeln. Also es konnte dieses Zeitalter sozu-
sagen an den Menschen spurlos vorubergehen, obwohl wir auch heute
ertonen lassen den Ruf, wie ihn damals Johannes der Taufer als der
Vorlaufer des Christus und der Christus selbst haben ertonen lassen:
Ein neues Zeitalter ist herbeigekommen, wo die Menschenseelen einen
Schritt hinaufmachen mussen in die Reiche der Himmel !
Es konnte sehr leicht sein, daB ohne Verstandnis der Menschen das
GroBe voruberginge. Wenn dann in den Jahren 1930 bis 1940 die
Materialisten triumphieren wiirden und sagen: Nun ja, es hat sich
zwar eine Anzahl von Narren ergeben, aber nichts von dem erwarte-
ten groBen Geschehen -, so ware das gar kein Beweis gegen das Ge-
sagte. Wiirden sie triumphieren und wiirde die Menschheit an diesen
Ereignissen vorubergehen, so ware das ein Ungliick fur die Mensch-
heit. Wenn sie auch nicht bemerken konnte das GroBe, was eintreten
kann, geschehen wird es deshalb doch.
Was eintreten kann, das wird das sein, daB die Menschen die neue
Fahigkeit eines Wahtnehmens im Atherischen werden erlangen kon-
nen - eine gewisse Anzahl von Menschen wenigstens zunachst -, und
die andern werden immer mehr und mehr nachriicken, denn 2500
Jahre wird die Menschheit Zeit haben, um diese Fahigkeiten immer
mehr und mehr zu entwickeln. In dieser Zeit diirfen die Menschen die
Gelegenheit nicht versaumen. Ein Versaumnis aber ware ein groBes
Ungliick, und die Menschheit miiBte dann warten auf spater, um das
Versaumte nachzuholen, um die neue Fahigkeit noch nachtraglich zu
entwickeln. Es wird die Fahigkeit sein, daB die Menschen in ihrer
Umgebung etwas sehen werden von dem Atherischen, das sie nor-
malerweise bisher nicht wahrnehmen konnten. Jetzt sieht der Mensch
nur den physischen Leib des Menschen, dann aber wird er imstande
sein, den Atherleib wenigstens wie ein schattenhaftes Bild zu sehen
und auch aller tieferen Ereignisse Zusammenhang im Atherischen zu
erleben. Sie werden Bilder und Ahnungen haben von Ereignissen in
der geistigen Welt und erleben, daB sich solche Ereignisse in drei bis
vier Tagen dann auf dem physischen Plan erfullen. Sie werden ge-
wisse Dinge in atherischen Bildern sehen und dann wissen: morgen
oder in einigen Tagen geschieht dieses oder jenes.
Solche Umanderungen der menschlichen Seelenfahigkeiten werden
kommen. Etwas, was man als ein Athersehen bezeichnen kann, wird
kommen. Und was ist damit verkniipft? Nun, diejenige Wesenheit,
die wir den Christus nennen, die war einmal im Fleische auf der Erde
im Beginne unserer Zeitrechnung. In einem solchen physischen Leibe
wird sie nicht mehr kommen, denn das war ein einmaliges Ereignis.
Aber in der atherischen Gestalt wird der Christus wiederkommen in
den genannten Zeiten. Da werden die Menschen wahrnehmen lernen
den Christus, indem sie durch dieses Athersehen hinaufwachsen wer-
den zu ihm, der nun nicht mehr heruntersteigt bis zum physischen
Leib, sondern bloB bis zum Atherleib. Die Menschen werden also
hinaufwachsen miissen zu einem Wahrnehmen des Christus. Denn
wahr ist der Ausspruch, den der Christus getan hat: «Ich bin bei euch
alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten. » Er ist da, er ist in unserer
geistigen Welt, und besonders Begnadete, die konnen ihn immer
wahrnehmen in dieser geistig-atherischen Welt.
Derjenige, der durch solche Wahrnehmung besonders iiberzeugt
worden ist, war Paulus, im Ereignis von Damaskus. Als natiirliche
Fahigkeit aber wird dieses Athersehen ausgebildet werden bei ein-
zelnen Menschen. Ein Ereignis von Damaskus, ein Paulus-Ereignis
zu erleben, wird mehr und mehr moglich werden den Menschen der
kommenden Zeit.
So erfassen wir jetzt Geisteswissenschaft in einem ganz andern Sinn.
Wir lernen, daB sie etwas ist, was uns eine ungeheure Verantwortung
auferlegt, denn sie ist eine Vorbereitung auf das ganz konkrete Ge-
schehen des Wiedererscheinens des Christus. Der Christus wird wie-
dererscheinen deshalb, weil die Menschen sich zu ihm hinaufheben
werden im Athersehen. Wenn wir das erfassen, dann erscheint uns
Geisteswissenschaft als die Vorbereitung der Menschen auf die Wie-
derkunft des Christus, damit das Ungliick nicht eintritt, daB sie dieses
groBe Ereignis iibersehen, sondern reif werden, den groBen Moment
zu erfassen, den man als das Wiederkommen des Christus bezeichnen
kann. Der Mensch wird fahig werden, Atherleiber zu sehen, und er
wird fahig sein, unter diesen Atherleibern auch den Atherleib des
Christus zu sehen, das heiBt, in eine Welt hineinzuwachsen, in der ihm
fur seine neuerwachten Fahigkeiten der Christus erscheinen wird.
Es wird dann nicht mehr notig sein, das Dasein des Christus aus
allerlei Urkunden zu beweisen, sondern es wird dann Augenzeugen
fur die Gegenwart des lebendigen Christus geben, solche, die ihn in
seinem Atherleib erleben werden. Und sie werden an diesem Erlebnis
lernen, daB diese Wesenheit dieselbe ist, die im Beginn unserer Zeit-
rechnung das Mysterium von Golgatha vollbracht hat, daB es der
Christus ist. Gleich wie der Paulus dazumal bei Damaskus uberzeugt
ward: Das ist der Christus - so wird es Menschen geben, die sich
durch ihr Erleben im Atherischen iiberzeugen werden, daB der Chri-
stus wirklich lebt.
Das ist das groBte Geheimnis unseres Zeitalters : das Geheimnis von
dem Wiederkommen des Christus, und so nimmt es sich in seiner
wahren Gestalt aus. Aber der materialistische Sinn, der wird sich in
einer gewissen Weise dieses Ereignisses bemachtigen. Es wird zwar
das, was jetzt gesagt worden ist, daB alle wirklichen geistigen Erkennt-
nisse auf dieses Zeitalter hinweisen, in den nachsten Jahren noch oft
verkiindigt werden ; aber der materialistische Sinn verdirbt heute alles,
und so wird es kommen, daB dieser materialistische Sinn sich nicht
wird vorstellen konnen, daB die Seelen der Menschen werden hinauf-
wachsen miissen zum Atherschauen und damit zum Christus im
Atherleibe.
Der materialistische Sinn wird so dieses Ereignis sich vorstellen,
daB er denkt, der Christus steige im Fleische herunter, werde sich
inkarnieren im Fleische. Eine Anzahl von Menschen wird es geben,
die in ihrem maBlosen Hochmut das benutzen und sich ausgeben wer-
den unter den Menschen als der wiederverkorperte Christus. Falsche
Christusse wird uns daher das nachste Zeitalter bringen konnen.
Anthroposophen aber sollten Menschen sein, welche fur das geistige
Leben so reif sein werden, daB sie nicht verwechseln das Wieder-
kommen des Christus in einem geistigen Leibe, wahrnehmbar nur fur
ein hoheres Schauen, mit einem solchen im physischen Fleische. Das
wird eine der furchtbarsten Versuchungen sein, die an die Menschheit
herantreten werden. Die Menschheit iiber diese Versuchung hinaus-
zufiihren, das wird die Aufgabe sein derjenigen, die durch Geistes-
wissenschaft lernen, sich wirklich zu erheben zu der Erfassung des
Geistes, die den Geist nicht herunterholen wollen in die Materie, son-
dern selbst hinaufsteigen in die geistige Welt. So diirfen wir also
sprechen von dem Wiederkommen des Christus und davon, daB wir
uns hinauferheben zu dem Christus in die geistige Welt durch die An-
eignung des atherischen Schauens.
Der Christus ist immer da, aber er ist in der geistigen Welt. Und
wir konnen ihn erreichen, wenn wir uns in sie erheben. Und alle
anthroposophische Lehre sollte sich in uns in den starken Wunsch
umwandeln, dieses Ereignis an der Menschheit nicht spurlos voriiber-
gehen zu lassen, sondern in der Zeit, die uns zur Verfiigung stent, all-
mahlich eine Menschheit heranzubilden, die reif sein moge, diese
neuen Fahigkeiten in sich auszubilden und sich damit erneut mit dem
Christus zu verbinden. Denn sonst miiBte die Menschheit dann lange,
lange warten, bis ihr wieder solch eine Gelegenheit gegeben werden
konnte. Lange Zeit miiBte sie warten : bis zu einer Wiederverkorpe-
rung der Erde. Ginge die Menschheit voriiber an diesem Ereignis der
Wiederkunft des Christus, dann wiirde das Anschauen des Christus
im Atherleibe auf diejenigen beschrankt werden, welche sich durch
eine esoterische Schulung willig erweisen, sich zu einem solchen Er-
leben zu erheben. Das GroBe aber, daB fur die allgemeine Menschheit,
fiir alle Menschen diese Fahigkeiten errungen wiirden, daB dieses
groBe Ereignis verstanden wiirde durch die natiirlich entwickelten
Fahigkeiten aller Menschen, das wiirde fiir lange, lange unmoglich.
So sehen wir, daB es schon etwas gibt in unserem Zeitalter, was das
Dasein und Wirken der Geisteswissenschaft in der Welt rechtfertigt.
Es ist nicht nur die Befriedigung theoretischer Bediirfnisse, wissen-
schaftlicherNeugierde, worum es ihr geht. DaB Geisteswissenschaft die
Menschen vorbereitet auf dieses Ereignis, sie vorbereitet, in der rich-
tigen Art sich hineinzustellen in die Zeit und mit heller Verstandes-
und Erkenntnisklarheit zu sehen, was wirklich da ist, aber vorbei-
gehen konnte an den Menschen, ohne daB sie es zur Frucht machen
konnten : darum geht es !
Es wird auBerst wichtig sein, dieses Ereignis der Christus-Erschei-
nung zu erfassen. Denn diesem werden andere Ereignisse nachfolgen,
wie dem palastinensischen Christus-Ereignis andere Geschehnisse vor-
ausgegangen sind. So werden diejenigen, die jenes prophetisch vor-
herverkiindigt haben, auch nach dem charakterisierten Zeitalter, nach-
dem er selber wieder der Menschheit sichtbar geworden sein wird im
Atherleibe, ihm nun Nachfolger werden: jene, die ihn friiher vorher-
verkiindigt haben. Alle diejenigen, die ihn vorbereitet haben, sie wer-
den in einer neuen Gestalt erkennbar werden denen, die durch das
neue Christus-Ereignis hindurchgegangen sein werden. Wiederum er-
kennbar werden wird fiir die Menschen dasjenige, was gelebt hat auf
der Erde als Moses, Abraham und die Propheten. Und wissen wird
man, daB, ebenso wie Abraham vorangegangen ist dem Christus, ihn
vorbereitend, er auch die Mission iibernimmt, nachher zu helfen an
der Christus-Arbeit. So wachst der Mensch, wenn er nicht verschlaft
das wichtigste Ereignis der nachsten Zukunft, nach und nach hinein
in eine Gemeinschaft mit alien denen, die als Patriarchen dem Christus-
Ereignis vorangegangen sind. Er verbindet sich mit ihnen. Und wie-
der erscheint der ganze Chor derer, zu denen wir uns werden erheben
konnen. Der die Menschheit heruntergefiihrt hat in den physischen
Plan, der erscheint dann nach dem Christus wieder und fiihrt den
Menschen auch wieder hinauf und verbindet den Menschen wiederum
mit den geistigen Welten.
Wenn wir in der Menschheitsentwickelung weit zuriickschauen,
dann blicken wir zu jenem Zeitpunkt zuriick, von dem wir sagen:
Von ihm aus steigt die Menschheit immer mehr und mehr herunter
von der Gemeinschaft mit der geistigen Welt in die materielle Welt
hinein. - Wenn das Bild auch seine materielle Seite hat, so kann man
es doch hier gebrauchen: Der Mensch war friiher ein Genosse von
geistigen Wesenheiten, sein Geist war in der geistigen Welt darin, er
war dadurch, daB er in der geistigen Welt lebte, ein Gottersohn. Das-
jenige aber, was diese sich immer mehr und mehr verkorpernde Seele
war, das nahm immer mehr teil an der auBeren Welt. Da war der
Gottersohn im Menschen, der fand Gefallen an den Tochtern der
Erde, das heiBt an jenen Seelen, die fur die physische Welt Sympathie
hatten. Das wiederum heiBt: Der friiher mit gottlicher Geistigkeit
durchtrankte Menschengeist, der senkte sich herunter in die physische
Sinnlichkeit, er wurde der Ehegenosse des Verstandes, der an das
Gehirn gebunden 1st und ihn in die Sinneswelt verstrickte. Und nun
soil er den Weg finden und wieder hinaufsteigen, den er herunter-
gestiegen ist, und wieder zum Gottersohn werden. Der Menschen-
sohn, der er geworden ist, der wiirde verderben da unten in dieser
physischen Welt, wenn er als Menschensohn nicht wieder hinauf-
steigen wiirde zu den gottlichen Wesenheiten, zu dem Lichte der gei-
stigen Welt, wenn er nicht Gefallen finden wiirde in der Zukunft an
den Tochtern der Gotter. Notwendig war es fur die Entwickelung der
Menschheit, daB die Gottersohne sich verbanden mit den Tochtern
der Menschen, mit den Seelen, die an die physische Welt gekettet sind,
damit als Menschensohn der Mensch den physischen Plan beherrschen
lernte. Notwendig ist es aber fur den Menschen der Zukunft, daB er
als Menschensohn Gefallen flnde an den Tochtern der Gotter, an dem
gottlich-geistigen Lichte der Weisheit, das er mit sich verbinden soil,
um dann wieder hinaufzuwachsen in die Welt der Gotter.
An der gottlichen Weisheit wird sich der Wille entziinden, und der
machtigste Impuls dafiir wird sein, wenn fiir denjenigen, der sich vor-
bereitet hat dazu, die hehre Athergestalt des Christus Jesus wahrnehm-
bar wird. Wie ein Wiedererscheinen des Christus Jesus wird es sein
fiir den natiirlich zum Hellsehen entwickelten Menschen, in derselben
Art, wie auch dem Paulus dieser atherische Christus erschien als gei-
stige Wesenheit. Er wird den Menschen wiedererscheinen, wenn sie
verstehen werden, daB sie diese Fahigkeiten, die mit der Entwickelung
der Menschenseele kommen werden, dazu nutzen sollen.
Beniitzen wir Geisteswissenschaft daher nicht bloB als eine Befrie-
digung unserer Neugierde, sondern so, daB sie fiir uns wird eine Vor-
bereitung fiir die groBen Aufgaben, fiir die groBen Missionen des
Menschengeschiechts, in die wir immer mehr und mehr hineinwach-
sen sollen.
FRAGENBEANTWORTUNG
im A.nschlufi an den Vortrag in Karlsruhe, 25,Januar 1910
Wenn so etwas gesagt wird wie heute, wenn wir so in intimere Ge-
heimnisse hineinleuchten, so wollen wir das nicht so gedankenlos be-
trachten, wie man heute oft sich gewisse Dinge anhort, sondern uns
klar sein dariiber, daB Anthroposophie wirklich uns werden soli etwas
ganz anderes als eine Theorie. Die Lehre muB ja da sein; wie sollte
man sich denn iiberhaupt zu solchen Gedanken hinauferheben kon-
nen, wie sie heute ausgesprochen worden sind, wenn man sie nicht in
Form der Lehre in sich aufnehmen konnte? Das Wesentliche dabei
aber ist, daB sie nicht Lehre bleibt, sondern sich umschmilzt in unse-
rer Seele zu Gemiits- und Charaktereigenschaften, zu einer ganz andern
Gesinnung, und einen ganz andern Menschen aus uns macht. Sie soli
uns Anleitung geben, unsere Verkorperungen in der ganz entspre-
chenden richtigen Weise anzuwenden, so daB wir im Laufe unserer
Verkorperungen zu etwas ganz anderem werden konnen.
Ich versuchte es, nicht ein Wort zu viel und nicht eins zu wenig zu
sagen, ich versuchte daher auch, nuf vombergehend wichtige Sachen
anzudeuten. Wichtig ist das Gesagte aber nicht nur fur die Seelen, die
dann in der Zeit von 1930 bis 1940 auf dem physischen Plan ver-
korpert sein werden, sondern auch fur diejenigen, die dann zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt sein werden.
Denn es kommt darauf an, daB die Seelen aus der geistigen Welt in die
Welt der Lebenden auch dann herunterwirken, wenn diese nichts da-
von wissen. Durch das neue Christus-Ereignis wird auch dieses Zu-
sammenleben zwischen denen, die hier auf dem physischen Plan ver-
korpert sind, und den Seelen, die in der geistigen Welt schon sind, ein
immer bewuBteres werden. Ein Zusammenwirken zwischen physisch-
verkdrperten Menschen und geistigen Wesenheiten wird dann mog-
lich sein. Das sollte schon gezeigt werden dadurch, daB angefuhrt
wurde das Bild, daB die Propheten wieder fur die Menschen auf der
Erde erscheinen werden. So daB Sie sich vorzustellen haben, daB dann,
wenn in der Menschheitszukunft diese groBen Zeiten kommen wer-
den, die Menschen auch bewuBter in der physischen und in der geisti-
gen Welt gegenseitig zusammen wirken werden. Heute ist das nicht
moglich, weil es an einer gemeinsamen Sprache fehlt. Die Menschen
hier in der physischen Welt reden ja nur Worte in ihren Sprachen, mit
denen physische Dinge und physische Verhaltnisse bezeichnet wer-
den. Die Menschen zwischen Tod und neuer Geburt leben in einer
Welt, die ganz anders aussieht als die Welt, die zunachst uns umgibt,
und sie reden eine andere Sprache. Von alldem, was in unserer Welt
gesprochen wird, konnen die Toten nur aufnehmen, was in der Gei-
steswissenschaft gesprochen wird. So daB wir in der Anthroposophie
hier etwas pflegen, was den Toten immer mehr und mehr verstand-
lich wird, und daB wir auf diesem Felde auch sprechen fur diejenigen,
die zwischen Tod und neuer Geburt sind. Es wachst so die Mensch-
heit in eine Zeit hinein, wo die Einfliisse von der geistigen Welt im-
mer groBer werden. Die groBen Geschehnisse der kommenden Zeit
werden sich in alien Welten bemerkbar machen. Auch die Menschen
zwischen Tod und neuer Geburt werden in der andern Welt neue Er-
lebnisse haben infolge des neuen Christus-Ereignisses in der atheri-
schen Welt. Sie wiirden sie aber dann ebensowenig verstehen konnen,
wenn sie nicht auf der Erde sich vorbereitet hatten dafiir, gerade wie
die Menschen, die hier auf der Erde verkorpert sind, sich werden vor-
bereitet haben miissen, um die Geschehnisse in diesem wichtigen Zeit-
punkt richtig aufzunehmen. Wichtig ist es fur alle Seeien, die heute
verkorpert sind - gleichgiiltig, ob sie noch physisch verkorpert sein
werden, oder ob sie es nicht mehr sind -, daB sie durch Aufnahme der
anthroposophischen Wahrheiten sich werden vorbereitet haben fur
diese wichtigen kommenden Ereignisse. Wiirden sie das nicht tun,
dann miiBten sie warten. Wenn sie nicht mit dem irdischen BewuBt-
sein das aufgenommen haben, was Anthroposophie oder Geistes-
wissenschaft zu geben hat, dann miiBten sie warten, bis sie wieder ver-
korpert werden, um dann die Moglichkeit zu haben, hier auf der Erde
die entsprechenden Lehren aufzunehmen. Denn es gibt nun einmal
Dinge, die nur hier auf der Erde erlebt und gelernt werden konnen.
Daher sagt man : Es gibt zum Beispiel in der geistigen Weit gar keine
Moglichkeit, den Tod kennenzulernen, und ein Gott muBte in die
physische Welt heruntersteigen, um sterben zu konnen. Und das, was
gerade das Mysterium von Golgatha ist, das kann in keiner andern
Welt so kennengelernt werden, wie hier in der physischen Welt. Wir
sind heruntergefuhrt worden in die physische Welt, damit wir uns
hier etwas erwerben, was nur hier erworben werden kann. Und der
Christus ist heruntergestiegen zu den Menschen, weil er den Menschen
nur hier in der physischen Welt zeigen konnte, im Mysterium von
Golgatha sie etwas erleben lassen konnte, was dann in der geistigen
Welt die Friichte reifen laBt und weiter tragt. Aber die Samenkorner,
sie miissen hier in der physischen Welt gelegt und ausgesat werden.
Zusammenfassung der Zeitalter .
Goldenes Zeitalter
Silbernes Zeitalter
Ehernes Zeitalter
Finsteres Zeitalter
Unser Zeitalter umfaBt
= Krita Yuga
= Treta Yuga
= Dvapara Yuga
= Kali Yuga
etwa 20000 Jahre
etwa 15000 Jahre
etwa 10000 Jahre
— etwa 5000 Jahre
kiinftige 2500 Jahre
GEISTE SWISS EN SCHAFT ALS VORBEREITUNG
AUF DAS NEUE ATHERSEHEN
Heidelberg, 27Januar 1910
In unseren Zweigvortragen wiirden wir wenig vorwartskommen,
wenn wir nicht zuweilen auch sprechen wiirden iiber intimere Vor-
gange des geistigen Lebens der Menschheit. Was wir uns in unseren
Zweigen aneignen sollen, ist ja eine Vorbereitung fur das Erfassen
hoher geistiger Wahrheiten, und dabei diirfen wir bei dieser Vor-
bereitung nicht denken etwa an ein bloBes Lernen von Theorien, von
Ideen, sondern was wir in unserem Sinne Vorbereitung fur die hohe-
ren Wahrheiten nennen, das soli eigentlich mehr bestehen in einer Art
von Gefuhls- und Empfindungsverfassung unserer Seele. Durch das
Leben im Zweige, dadurch daB wir uns sozusagen von Woche zu
Woche in unseren Zweigen versammeln, soli unsere Seele sich all-
mahlich heranreifen dazu, eine Empfanglichkeit zu bekommen auch
fur diejenigen Teile der Geisteswissenschaft, welche heruntersteigen,
oder wenn wir wollen, konnen wir auch sagen, hinaufsteigen von den
allgemeinen Wahrheiten, die wir auch heute schon einem groBeren
Publikum drauBen in den exoterischen Vortragen verkiindigen kon-
nen, zu den konkreten Tatsachen des Lebens.
Daher sei insbesondere unser heutiger Abend ein solcher, der ein
wenig auf eine solche Vorbereitung unserer Seele, auf eine Gefiihls-
vorbereitung unserer Seele rechnet. Es sollen gewisse Dinge heute vor
unsere Seele treten, welche wir allerdings erst langsam und allmahlich
verstehen lernen, welche wir aber empfinden und ahnen konnen,
wenn wir die durch das Zweigleben zu erreichende Reife uns an-
eignen. Es wird dabei vorausgesetzt, daB solche Wahrheiten auf-
genommen werden mit der entsprechenden Zartheit, aufgenommen
werden so, daB wir sie als teures Gut unserer Seele betrachten, nicht
als etwas, wovon wir glauben konnen, daB wir es hinaustragen kon-
nen so ohne weiteres vor ein unvorbereitetes Publikum. Von Be-
kanntem werden wir allmahlich aufsteigen zu Unbekanntem.
Eine Frage ist es ja, welche sich dem aufdrangt, der auch nur mit
den Anfangsgriinden der anthroposophischen Weltanschauung be-
kannt wird. Das ist die Ft age : Hat es denn einen Sinn, einen Zweck,
daB die Menschenseele in immer wieder aufeinanderfolgenden In-
karnationen oder Verkorperungen hier auf der Erde erscheint? Man
kann die abstrakte Wahrheit der Wiederverkorperung einsehen, aber
von solchen abstrakten Wahrheiten hat man im Grunde genommen
im Leben wenig. Fur das Leben gewinnen Wahrheiten erst dann ihre
Bedeutung, wenn sie geeignet sind, in unserer Seele umgeschmolzen
zu werden in die Warme des Gefuhls, in das Licht, das uns im Innern
so leuchtet, daB es uns die Lebenspfade vorwarts fiihrt. Deshalb wird
die abstrakte Wahrheit von der Wiederverkorperung fur uns erst
dann bedeutungsvoll, wenn wir sozusagen erst etwas Genaueres, In-
timeres wissen iiber den Sinn und die Bedeutung der aufeinander-
folgenden Inkarnationen des Menschen. Das soil die eine Frage sein,
die uns heute beschaftigen wird.
Die andere Frage ist diese : Was hat es denn fur eine Bedeutung, daB
wir in der gegenwartigen Inkarnation gerade in der Lage sind, Anthro-
posophie in unsere Seele einzufuhren, anthroposophische Wahrheiten
zu verbinden mit unserem innersten Leben? - Wir werden sehen, daB
diese zwei Dinge sich fur uns harmonisch heute zusammenschlieBen
werden.
Sie haben ja schon ofter gehort, daB zwei aufeinanderfolgende In-
karnationen eines Menschen nicht in beliebiger Weise sich folgen,
sondern daB der Mensch, wenn er durch den Tod aus einem Erden-
leben hinausgeschritten ist, erst dann wiederkehrt zu einem neuen
Erdenleben, wenn er in diesem neuen Erdenleben Gelegenheit hat,
Neues auf unserer Erde kennenlernen zu konnen, mit seiner Seele ver-
binden zu konnen. Das kann allerdings nur derjenige verstehen, der
die Entwickelung unserer Erde nicht nur insoweit betrachtet, als sie
sich sozusagen fur ein paar Jahrhunderte oder Jahrtausende abspielt;
nur derjenige kann das erst in der richtigen Weise einsehen, der den
Blick iiber die Gesamtentwickelung der Erde hinwendet. Schon in
bezug auf die auBeren physischen Verhaltnisse werden wir, wenn wir
uns auch auf auBere Quellen beschranken, einsehen lernen, wie das
Antlitz der Erde sich in verhaltnismaBig kurzen Zeitraumen verandert.
Lesen Sie einmal nach, wie die Gegenden, in denen wir hier sind, aus-
gesehen haben etwa zur Zeit, als der Christus iiber die Erde gewandelt
ist, und Sie werden finden, wie sich das ganze Antlitz dieser Gegend
in verhaltnismaBig wenig Jahrhunderten geandert hat. Und fragen Sie
sich dann, wie sich verandert haben mogen im Laufe dieser wenigen
Jahrhunderte die moralischen und die andern Kulturverhaltnisse.
Versuchen Sie sich einmal vor die Seele zu stellen, was zum Beispiel
ein Kind gelernt hat etwa in der Zeit, in der unsere Zeitrechnung be-
gonnen hat, und was es heute lernt. Machen Sie sich das alles klar und
erinnern Sie sich dann aus den anthroposophischen Lehren selber, daB
wir zuriickblicken konnen in ururferne Vergangenheiten, in denen das
Antlitz der Erde noch ganz anders ausgesehen hat, in denen zum
groBen Teil jene Kontinente noch nicht da waren, die es heute gibt,
dafur aber ein machtig ausgedehnter Kontinent an der Stelle war, die
heute der Atlantische Ozean einnimmt. Und denken Sie daran, was
alles vorgegangen sein muB im Laufe von langen, langen Zeit-
raumen, um das Antlitz der Erde in dieser Weise zu ordnen, wie es
heute geordnet ist. Wenn Sie das alles vor Ihre Seele treten lassen, so
mussen Sie sich sagen : Es gibt die Moglichkeit, daB die Seelen immer
Neues erleben, immer neue Fruchte des Daseins unserer Erde in sich
aufnehmen und diese Fruchte dann mit ihrem eigenen Leben ver-
einigen, um dann durch ein geistiges Leben zwischen Tod und neuer
Geburt hindurchzugehen. Und wenn wiederum die Verhaltnisse sich
so geandert haben, daB Neues gelernt werden kann und neuerdings
wieder herunterzukommen auf unsere Erde sich verlohnt, dann kom-
men die Seelen auch wirklich wieder zur Verkorperung.
Es ist nicht bloB ein Spiel der hinter den Erscheinungen wirkenden
Wesenheiten und Krafte, das den Menschen immer wiederum her-
untertragt zu neuen Inkarnationen, sondern es ist so, daB jede Ver-
korperung eine neue Kraft und Fahigkeit als ein neues Glied in den
Gotterplan, welchen das Gesamtleben des Menschen darstellt, ein-
reiht. Nur wenn wir das Leben so iiberschauen, dann gewinnt das
Gesetz von den wiederholten Erdenleben einen wirklichen Sinn.
Dann aber mussen wir uns auch sagen : Konnen wir dann nicht eigent-
lich etwas versaumen, hangt denn nicht etwas davon ab, daB wir eine
Inkarnation, eine Verkorperung in der richtigen Weise anwenden?
Wenn wir so ohne weiteres einfach eine Wiederholung hatten des
gegenwartigen Lebens in einer nachstfolgenden Inkarnation, dann
konnte ja mancher sagen, ich habe ja Zeit, ich werde noch oftmals
leben.
Wenn man aber auf die wichtigsten Tatsachen des Lebens sieht und
weiB, daft das, was die Erde in einem bestimmten Zeitraum uns geben
kann, nicht in einer andern Zeit erlebt werden kann, dann schon wird
man sich sagen, daB man auch etwas versaumen kann, daB man eine
innere Verpflichtung und Verantwortung sich aneignen kann, jede
Inkarnation, jede Verkorperung in der entsprechend richtigen Weise
anzuwenden. Und wir sehen noch genauer ein, wie wir diese Verkor-
perungen anwenden konnen, wenn wir jetzt aus der geistigen For-
schung heraus selber einen kleinen Ruckblick halten. Zum Teil werde
ich nun sprechen iiber etwas uns schon Bekanntes, dann aber werde
ich es zu erweitern haben iiber etwas, was den meisten der Hiersitzen-
den noch unbekannt sein wird. Das was Ihnen bekannt ist, das ist, daB
unsere eigenen Seelen in fruheren Verkorperungen ganz andere Fahig-
keiten gehabt haben. Diejenigen Fahigkeiten, durch welche die heu-
tige Menschheit lebt und wirkt, waren nicht immer da. Wenn wir uns
fragen, wodurch die Seele des Menschen heute ganz besonders wirkt,
so miissen wir uns sagen, sie wirkt dadurch, daB sie in einer genauen
Weise die auBeren Tatsachen der Welt durch die Sinne aufnimmt, daB
der Mensch einen selbstbewuBten Verstand, eine selbstbewuBte Ur-
teilskraft hat, die er auf die Sinneswahrnehmungen verwenden und
durch die er die Sinneswahrnehmungen kombinieren kann, um auf
diese Weise ein Bild der Welt durch seine Erkenntnis zu gewinnen.
Wir wissen dann, daB der Mensch, wenn er seine Seele immer weiter
und weiter entwickelt durch die Methoden, die Sie in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben
finden, noch eine andere, eine geistige Umgebung um sich herum
haben kann. Wir wissen, daB es ein geoffnetes geistiges Auge gibt,
eine Erweckung iibersinnlicher hoherer Fahigkeiten, die beim All-
tagsmenschen heute schlafen, wir wissen, daB es eine Zeit gegeben hat,
wo die geistige Welt fur alle Menschen wahrnehmbar war, aber auch,
daB es eine Zeit geben wird, wo die geistige Welt wieder hereinfluten
kann in unsere Seele wie fur den operierten Blindgeborenen Licht und
Farbe, die auch vorher in seiner Umgebung waren, aber nicht herein-
fluten konnten, weii er nicht die geofTneten Organe hatte, sie aufzu-
nehmen.
So haben wir heute eine Menschheit, welche nur durch abnorme
Entwickelung, durch ganz besondere Methoden in die geistige Welt
hineinschauen kann. Der normale Zustand des heutigen Menschen
besteht ja darin, daB er durch die auBeren Sinne die Dinge der Welt
wahrnimmt und seine Wahrnehmungen kombiniert mit seinem Ver-
stand, der an das physische Gehirn gebunden ist.
So wie diese Menschheit heute ist, so war sie aber nicht immer. Wir
konnen in alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zuriickblicken
und finden da, wenn wir das hellseherische Auge gegeniiber den Ur-
kunden, die wir die Akasha-Chronik nennen, ofFnen, daB ganz andere
Seelenfahigkeiten sozusagen die normalen menschlichen waren. Alle
Menschen hatten in alten Zeiten eine Art von Hellsichtigkeit. Nicht
eine solche, wie man sie heute durch die genannten Methoden erwirbt,
sondern eine Hellsichtigkeit, die anderer Art war, eine solche, von der
wir sagen miissen, sie war eine dammerhafte, dumpfe, wie traumhafte
Hellsichtigkeit. Aber sie war da, sie war da insbesondere in gewissen
abnormen Verhaltnissen. Nur kam sie dann ganz von selbst, brauchte
nicht besonders anerzogen zu werden. Zwar miiBten wir weit zuriick-
gehen, wenn wir eine Menschheit finden wollten mit konstantem Hell-
sehen, aber in der Tat war in gewissen Zwischenzustanden zwischen
Schlafen und Wachen ein gewisses Hellsehen der Menschheit immer
eigen. Dieses Hellsehen finden wir immer mehr und mehr, je weiter
wir zunickgehen. Sie erinnern sich, daB wir, indem wir durch ver-
schiedene Kulturzeitraume zuriickgehen, durch verschiedene Bil-
dungsepochen der Menschheit kommen. Wir leben jetzt in einem
Kulturzeitraum, dem ein anderer vorangegangen ist. Diesen anderen
Kulturzeitraum bezeichnen wir als den griechisch-lateinischen. Die-
sem ist wieder ein anderer vorhergegangen, den wir bezeichnen nach
den fuhrenden Volkern als die agyptisch-chaldaisch-babylonisch-
assyrische Epoche. Dem ist wieder ein anderer vorangegangen, den
wir als den urper sischen bezeichnen, und noch friiher kommen wir zu
dem, den wir als den urindischen bezeichnen. Das war eine Kultur, zu
der nur zuriickschauen kann das hellseherische Auge, denn jene Kul-
tur, die die Veden hervorgebracht hat, ist in viel spateren Zeiten ent-
standen als schwacher Nachklang jener hohen Weisheit, welche die
sieben heiligen Rishis in der urspriinglichen uraltindischen Kultur
selbst der Welt geschenkt haben. Und wenn wir hinter jenen Zeitraum
zuriickgehen, dann finden wir die groBe atlantische Katastrophe,
welche durch machtige Wasser- und Luftwirkungen das Antlitz unse-
rer Erde so verandert hat, daB nach und nach der atlantische Konti-
nent verschwunden ist und an seine Stelle getreten ist das, was heute
einerseits Afrika und Europa und auf der andern Seite Amerika ist.
Und wir wiirden noch weiter zuriickgehen konnen und die Urkun-
den der Akasha-Chronik wiirden uns zeigen, wie bei den Menschen
des alten atlantischen Kontinents noch ganz andere Seelenfahigkeiten
vorhanden waren, Seelenfahigkeiten, die dem heutigen Menschen
kaum glaublich erscheinen werden, weil sie alldem, was der heutige
Mensch kennt, viel zu feme liegen.
In all diesen Zeitraumen waren unsere Seelen schon vorhanden, in
andern Korpern vorhanden, hatten aber immer andere Fahigkeiten.
Und wenn wir zuriickgehen konnten, wiirden wir finden, daB unsere
Seelen dazumal mit einem hohen Grad hellseherischer Empfanglich-
keit begabt waren, insbesondere in gewissen Zwischenzustanden zwi-
schen Schlafen und Wachen Zeugen waren einer geistigen Welt, hin-
einschauen konnten in die geistige Welt. Wenn Sie zuriickgehen konn-
ten, wiirden Sie finden, wie Sie die Tatsachen und die Wesenheiten der
geistigen Welten selber sahen. Damals gab es fur die Menschenseelen
keine Versuchung, keine Moglichkeit sogar, die geistige Welt zu leug-
nen, denn sie haben sie gesehen, denn sie waren nur in einigen Tages-
stunden herausgewandt in die physische Welt. Die Gegenstande der
auBeren physischen Welt waren noch nicht sichtbar wie in spateren
Zeiten eingeordnet. Daher, wenn die Menschen in diesen Zwischen-
zustand zwischen Schlafen und Wachen kamen, dann hatten sie um
sich herum die Welt, die sie als die geistige empfinden muBten, die
ihnen die Oberzeugung geben muBte : Aus dieser Welt entstammt der
Mensch. Er ist heruntergestiegen aus ihr, urn sich in der physischen
Welt etwas zu erwerben, was er in der geistigen Welt allein nicht hatte
erwerben konnen. Was hat er sich denn erwerben konnen in dieser
auBeren Welt, das er nicht auch schon in der geistigen Welt hatte
haben konnen? Was sie nicht hatte, die geistige Welt, das war die
Moglichkeit, SelbstbewuBtsein zu entfalten, die Moglichkeit, zu sich
Ich zu sagen. Das hatte die Menschheit nicht. Es war sozusagen der
Mensch auBerhalb seiner selber gerade in den wichtigsten Momenten
seines Lebens, wie in einem Zustande von Entrucktheit, wo er gar
nicht einmal wuBte, daB er eine selbstandige innerliche Individuality
war. Hingegeben war er an die geistige Welt. Sich als Ich zu empfin-
den, das konnte der Mensch nur hier lernen in dieser physischen Welt,
ein richtiges SelbstbewuBtsein konnte er nur hier empfangen. Und
mit diesem SelbstbewuBtsein ist unzertrennlich verbunden dasjenige,
was wir Urteilskraft, unser heutiges Denken und unsere Wahrneh-
mungsfahigkeit nennen. So muBte der Mensch seine fruhere Ver-
bundenheit mit der geistigen Welt, sein altes dammerhaftes Hellsehen
hingeben, um sich die Moglichkeit aneignen zu konnen, sich als Ich
zu unterscheiden von der Umwelt und dadurch iiberhaupt zum Ich,
zum SelbstbewuBtsein zu kommen.
In der Zukunft wird der Mensch sich diese Gabe, hellseherisch hin-
einzuschauen in die Geisteswelt, wiederum hinzuerobern zu seinem
SelbstbewuBtsein. Das Tor zur geistigen Welt ist ihm gleichsam zu-
geschlossen worden, damit der Mensch eine selbstbewuBte, innerliche
geistige Wesenheit zu werden vermochte, damit er hinaufsteigen
konnte zum SelbstbewuBtsein, um dann als eine selbstandige Wesen-
heit wieder eintreten zu konnen in die geistige Welt.
Es gab also uralte Zeiten, in denen der Mensch sozusagen auf eine
Umgebung blickte, die ganz anders war als heute. Wenn wir heute
hinausblicken in unsere physische Umgebung, was sehen wir da? Wir
sehen die Welt der Mineralien, Pflanzen, Tiere und unserer physisch-
sinnlichen Mitmenschen. Das ist dasjenige, was uns umgibt und wozu
wir zunachst gehoren als zu der Welt, die uns eroffnet ist zwischen
Geburt und Tod.
Zu jener Welt, aus der diese stammt, und die hinter dieser liegt,
konnen wir nur dutch hellseherische Gaben eindringen, die, wie ge-
sagt, heute nicht die normalen Fahigkeiten des Gegenwartsmenschen
sind, aber in jenen alten Zeiten in gewissen Zustanden alien Menschen
zur Verfiigung standen. Da lebte er sich hinein in die geistige Welt,
da nahm er darin wahr jene geistigen Wesenheiten und geistigen Tat-
sachen, von denen wir in der Geisteswissenschaft horen, die vorhan-
den sind, die nicht deshalb als nicht vorhanden bezeichnet werden
konnen, weil das normale heutige Wahrnehmen sie nicht sehen kann,
die vorhanden sind, ebenso wie Licht und Farbe um den Blinden her-
um sind, wenn er sie auch nicht wahrnehmen kann. Diese geistigen
Wesenheiten, das waren damals die Genossen der Menschen, und der
Mensch konnte sich sagen: Ich gehore einer geistigen Welt an, als
geistig-seelisches Wesen gehore ich einer Welt an, in der, wie mein
eigenes Geistig-Seelisches, solche Wesenheiten sind, wie ich sie in
solchen Zustanden um mich herum habe. - Genosse geistig-seelischer
Wesenheiten war der Mensch in jenen Zeiten urferner Vergangenheit.
Diejenigen Welteinsichten und Erkenntnisse, die in diese Verhaltnisse
hineingeschaut haben, haben immer genau unterscheiden konnen und
konnen auch heute unterscheiden die verschiedenen Stufen, die der
Mensch in den verschiedenen Zeiten durchlaufen hat. Zunachst jene
Stufe, da er noch vollstandig darinnen war in dieser geistigen Welt,
wo er eigentlich kaum herunterstieg mit BewuBtsein in die sinnlich-
physische Welt, sondern sich ganz fiihlte als der geistigen Welt an-
gehorig, so daB er alle seine Krafte aus dieser geistigen Welt zog. Diese
Stufe unterschied eine geistige Erkenntnis von den folgenden, in denen
diese Kraft immer mehr schwand, in denen immer mehr dann herauf-
kam das Wahrnehmen scharf umrissener Gegenstande der AuBen-
welt, das Verarbeiten dieser Eindriicke durch logisches Denken und
Urteilen zugleich mit der Auspragung des Ich, des SelbstbewuBtseins.
In der orientalischen Philosophic, die in diese Verhaltnisse noch
hat hineinschauen konnen, weil ihr noch geblieben sind Riickstande
der alten heiligen Lehre der Rishis, da hatte man noch Bezeichnungen
fur diese verschiedenen Zeitraume der Menschheitsentwickelung. Fur
die altesten Zeiten, fur die Zeitraume hellseherischer Menschenent-
wickelung, in denen dieses Hellsehen sozusagen bis in die hochsten
Regionen der geistigen Welt, bis zu denjenigen Wesenheiten hinauf-
ging, die wir uns als die hdchsten vorzustellen haben, die mit unserer
Welt zusammenhangen, hatte man die Bezeichnung Krita Yuga, was
dann spater das goldene Zeitalter genannt wurde. Dann kam eine
andere Zeit, in der die Menschen schon viel weniger gesehen haben
von der geistigen Welt, in der nicht mehr so ganz lebendig waren die
Wirkungen der geistigen Welt in den Menschen. Diese Zeit wurde
genannt das Treta Yuga, spater das silberne Zeitalter. In andererWeise
gewannen hier die Menschen, welche zwischen Geburt und Tod leb-
ten, eine GewiSheit von der geistigen Welt. Sie hatten zwar unmittel-
bar nur noch ganz undeutliche Erlebnisse aus der geistigen Welt, aber sie
erinnerten sich dafur an diejenigen Zeiten, die vor ihrer Geburt lagen,
wo sie ebenfalls mit den geistigen Wesenheiten lebten. Es war dadurch
diese Zeit eine solche, in der der Mensch immer noch die geistige Welt
so gewiB wuBte, wie er heute, wenn er alt geworden ist, nicht ableug-
nen kann, daB er eine Jugend gehabt hat. Dieses Zeitalter bezeichnete
man in denjenigen Erkenntnissen, wo man solche Dinge weiB, als
Treta Yuga, wofur man dann spater, etwas undeutlich, den Ausdruck
silbernes Zeitalter gebraucht hat. Alle diese alten Ausdriicke haben
aber ihre tiefe Bedeutung, und es ist von der heutigen Wissenschaft
geradezu kindlich, wie sie diese Ausdriicke nimmt, weil sie keine
Ahnung von den Realitaten hat, aus denen diese Bezeichnungen ge-
flossen sind.
Auf dieses silberne Zeitalter kommt dann allerdings ein Zeitalter,
in dem vorhanden war zwar noch ein deutliches Wissen, eine Art
wirklicher Erkenntnis der geistigen Welt, aber so, daft dabei der
Mensch doch schon so weit heruntergestiegen war in die physisch-
sinnliche Welt, daB er sozusagen zwischen den beiden Welten wahlen
konnte in bezug auf seine Uberzeugung. Das alte Hellsehen wurde in
diesem dritten, ehernen Zeitalter, Dvapara Yuga, dunkler und dunk-
ler, aber es war immerhin noch in einer dammerhaften Art bis zu
einem ge wis sen Grade da, und der Mensch konnte aus seiner eigenen
inneren Uberzeugung heraus sich mehr oder weniger anschlieBen an
die geistige Welt. Es war fur ihn diese geistige Welt einstens ein Er-
lebnis, das wuBte er noch in diesem Zeitalter.
Dann kam nach und nach jenes Zeitalter heran, welches wir mit
einem orientalischen Ausdruck als Kali Yuga bezeichnen, als das
finstere Zeitalter. Das ist dasjenige Zeitalter, in dem langsam und all-
mahlich fur die menschlichen Seelenfahigkeiten das Tor sich voll-
standig zuschloB gegeniiber der geistigen Welt. Und indem die Men-
schen immer mehr und mehr angewiesen waren darauf, nur in der
physisch-sinnlichen Welt wahrnehmen zu konnen, da konnten sie in
dieser Welt auch immer mehr ihr Selbstgefiihl, ihr Ich-Gefuhl, ihr
Ich-BewuBtsein ausbilden. Dieses Zeitalter begann in einer verhaltnis-
maBig spaten Zeit, etwa um das Jahr 3100 vor unserer Zeitrechnung,
und ging bis in unsere Zeit herauf.
Wir betrachten das heute in dem Sinne, wie wir diese Zeitalter
unterscheiden lernen miissen, damit wir die wichtigsten Aufgaben
unserer eigenen gegenwartigen Inkarnationen verstehen konnen.
Wir wiirden noch in die atlantische Zeit zuriickkommen, wenn wir
das Krita Yuga bis zu seinem Anfange zuriickverfolgen. Demgegen-
iiber fallt das Treta Yuga noch in die Zeit der heiligen Rishis, das
heiBt in die indische, zum Teil aber auch in die urpersische Kultur.
Dvapara Yuga dagegen fallt mit den spateren Kulturepochen zusam-
men, den chaldaisch-babylonisch-assyrisch-agyptischen Zeiten. Da
war noch immer ein gewisser Grad alten dammerhaften Hellsehens
vorhanden. Und der Zeitpunkt, in dem langsam und allmahlich der
vollstandige VerschluB des Tores gegeniiber der geistigen Welt nach
und nach immer griindlicher und griindlicher beginnt, die Mensch-
heit auf den physischen Plan sozusagen zu beschranken, der Anfang
dieses Zei takers fallt in das Jahr 3101 vor unserer Zeitrechnung, das
heiBt bevor der Christus Jesus iiber die Erde gewandelt ist. So daB
wir also etwas iiber 3000 Jahre vor dem Christus-Ereignis ein Zeitalter
eintreten sehen, welches allmahlich aus uns gemacht hat das, was wir
heute sind. Wenn wir wissen, daB in dieses Zeitalter hinein die wich-
tigste Tat der ganzen Erdenevolution fallt, die Tat des Christus, kon-
nen wir die ganze Bedeutung dieser Tat wiirdigen. Wie waren denn
die Menschen in jenem Zeitalter, dem Kali Yuga, als der Christus auf
die Erde herniederstieg ? Sie waren bereits mehr als 3000 Jahre in einer
Entwickelung, die sie beschrankte auf die physische Welt, die sie be-
schrankte, zwischen Geburt und Tod nur dasjenige in sich aufzuneh-
men, was ihnen in dieser physischen Welt dargeboten wurde, was sich
ihnen in dieser physischen Welt darstellte. Ware diese Entwickelung so
fortgegangen, so ware zwar das Ich-BewuBtsein der Menschen immer
starker und starker geworden, aber lediglich in das Egoistische hinein.
Lediglich ein GenuBling, ein Begierdewesen ware der Mensch ge-
worden, der frostig alles in sein Ich eingeschlossen hatte. Das BewuBt-
sein, daB es eine geistige Welt gibt, hatte er vollstandig verloren, wenn
nichts anderes eingetreten ware. Was ist da eingetreten? Die ganze
Bedeutung dessen, was da eingetreten ist, tritt uns vor die Seele, wenn
wir einmal verstehen, daB es fur die Erdenentwickelung wirklich
Ubergangszeiten gibt. Manche Leute, die bloB spekulieren, die bloB
eine abstrakte Philosophic treiben oder sonst irgendeine andere Ideo-
logic pflegen, die nennen oft jedes Zeitalter eine Ubergangszeit, und
man kann fast jede Zeit, so weit man zuruckgehen kann in der Zeit
seit der Erfindung der Buchdruckerkunst, seit so viel gedruckt wor-
den ist, ein Obergangszeitalter genannt finden. Derjenige, der auf dem
Boden der Geisteswissenschaft steht, wird nicht so freigebig sein mit
diesem Wort, denn Ubergangszeiten sind nur jene Zeiten, in denen
wirklich Wesentlicheres, Entscheidenderes geschieht als in den ubri-
gen Zeitaltern.
Es ist ein Ausspruch in der Wissenschaft iiblich, der als eine Selbst-
verstandlichkeit gilt - Anthroposophen sollten lernen, daB er ein Un-
sinn ist: Die Natur macht keine Spriinge. - Er klingt sehr sachlich
und doch ist er ein Unsinn, denn die Natur macht lauter Spriinge.
Verfolgen Sie, wie eine Pflanze sich entwickelt, wie jedesmal ein
Sprung vor sich geht, wenn ein Neues in den Gang der Entwickelung
sich hereinarbeitet, wie ein Sprung geschieht von der regelmaBigen
Blattbildung zur Bliite, vom Kelch zum Blumenblatt, von den Blu-
menblattern zu den StaubgefaBen und so weiter. Lauter Spriinge
macht, nachdem sie eine Zeitlang allmahlich gegangen ist, die Na-
tur, und alles Dasein macht Spriinge. Darin besteht gerade das We-
sentliche der Entwickelung, daB Krisen und Spriinge eintreten,
und es gehort sozusagen zu den Allgemeinplatzen der furchtbar-
sten Bequemlichkeiten des menschlichen Denkens der Ausspruch:
Die Natur macht keine Spriinge - denn sie macht wirklich viele
Spriinge.
So aber lauft insbesondere das geistige Leben in Spriingen ab. Es
geschehen im Laufe der geistigen Entwickelung groBe, bedeutende
Spriinge. Dann geht das Leben wiederum einen allmahlichen Gang
fort, dann geschehen wiederum bedeutende geistige Spriinge. Ein
solcher gewaltiger Sprung fur das Leben der Menschheit - nicht nur fur
diejenigen, welche um den Christus waren - ist eben geschehen in der
Zeit, als der Christus auf der Erde wandelte. Und in diesem Sinn diir-
fen wir das Zeitalter, in dem der Christus in Palastina lebte und lehrte,
ein Ubergangszeitalter nennen. Sagen Sie nicht, daB alie Menschen
leicht solch einen Sprung, solch einen Ubergang bemerken miissen.
Oh, es kann sich das Wesentlichste, was in einer Zeit geschieht, fur
die Augen der Zeitgenossen vollig verbergen, es kann an ihnen vor-
iibergehen, ohne daB sie etwas davon bemerken. Wissen wir doch,
daB einst ein solches Ereignis an Millionen und aber Millionen spurlos
voriibergegangen ist. Wissen wir doch, daB Tacitus, dieser bedeutende
romische Schriftsteller, an einer Stelle seines Werkes von den Christen
wie von einer verborgenen Sekte schreibt, daB zum Beispiel fast hun-
dert Jahre, nachdem das Christentum sich schon iiber die siidlichen
Gegenden Europas ausgebreitet hatte, in Rom ganz Merkwiirdiges
erzahlt wurde von dem Christentum. Es gab also in Rom um diese
Zeit Gesellschaftskreise, die wuBten nichts anderes von dem Christen-
tum, als eine sie storende Sekte sei da, es gebe eine Sekte in einer
abgelegenen Winkelgasse, geleitet von einem gewissen Jesus, und der
stifte sie zu allerhand Untaten an. Das ist eine Erzahlung, die - bereits
ein Jahrhundert nachdem das Christentum schon vorhanden war - in
Rom umging. So spurlos voriibergegangen ist an einer groBen An-
zahl von Menschen das bedeutendste Ereignis nicht nur jener Zeit,
sondern der ganzen Menschheitsentwickelung. Wir miissen uns vor-
stellen konnen, daB in der Tat, wahrend die Menschen nichts, gar
nichts merken,Wichtigstes, Bedeutungsvollstes geschehen kann. Wenn
daher die Menschen sagen, wir leben in einer Zeit, in der nichts We-
sentliches, Wichtiges geschieht, so ist das kein Beweis dafiir, daB diese
Menschen wirklich recht haben.
In der Tat leben wir heute wiederum in einem Obergangszeitalter,
in dem sich wichtigste geistige Tatsachen vollziehen, von denen aber
viele unserer Zeitgenossen nichts wissen, die aber da sind. Das ist das-
jenige, was wir uns auf der einen Seite klarmachen sollen, daB wir
wirkiich sprechen konnen von Ubergangszeiten, daB wir aber nicht
freigebig sein sollen mit diesem Worte. Was war denn das Wesentliche
der Ubergangszeit, in der der Christus Jesus erschien? Das Wesent-
liche dieser Ubergangszeit fur die Gesamtmenschheit, das driickt
sich aus in einem bedeutungsvollen Worte, das man nur richtig
verstehen muB. Es driickt sich aus in der Vorherverkiindigung des
Taufers Johannes, die dann der Christus wieder aufgenommen hat
und die da heiBt : «Andert eure Seelenverfassung, die Reiche der Him-
mel sind nahe zu euch herbeigekommen.» Eine ganze Welt liegt in
diesem Ausspruch, gerade jene Welt, die intim zusammenhangt mit
jenem Wichtigsten, was sich fur die Gesamtmenschheitsentwickelung
dazumal vollzog.
Durch die natiifliche Entwickelung im Kali Yuga waren die Men-
schen allmahlich so weit gekommen, daB sie Urteilskraft und Ich-
BewuBtsein erlangt hatten, daB sie aber unfahig geworden waren, aus
diesem Ich- BewuBtsein durch eigene Kraft den Zusammenhang mit
der geistigen Welt wieder zu gewinnen. Der Taufer sagte: Es ist jetzt
die Zeit gekommen, wo euer Ich sich so erziehen muB, daB dieses Ich
in sich selbst seelisch so vertieft werden kann, daB es in sich findet das
Band zu den Himmelsreichen hin, denn auBer sich, in hellseherischen
Zustanden kann normalerweise der Mensch jetzt nicht mehr hinauf-
steigen in eine geistige Welt. Bis in die physische Welt herunter muB-
ten die Reiche der Himmel kommen. Sie miissen sich offenbaren so,
daB das Ich sie durch das gewohnliche SelbstbewuBtsein erkennen
kann, durch den Wahrheitssinn des gewohnlichen SelbstbewuBtseins
erkennen kann. Andert den Sinn, andert die alte Seelenverfassung, so
daB ihr glauben konnt, euer Seelenleben kann in sich selber, in dem
Ich so erwarmen, daB ihr durch die Beobachtung alles dessen, was um
euch vorgeht, begreifen konnt : Es gibt eine geistige Welt ! Ihr miiBt
in eurem Ich, durch euer Ich, die geistigen Welten begreifen lernen.
Nahe herab sind sie gekommen. Nicht in einer Welt der Entriickungen
miissen sie jetzt gesucht werden ! - Deshalb muBte der Christus her-
untersteigen und in einem menschlichen, fleischlichen Leibe erschei-
nen, denn die menschliche Seelenverfassung war gestimmt auf eine
Auffassung des physischen Planes. Der Gott muBte zu den Menschen
auf den physischen Plan kommen, well die Menschen durch die Aus-
bildung ihres Ich und durch das ZuschlieBen der Tore gegeniiber der
geistigen Welt nicht mehr fahig waren, in der alten Weise zu den Got-
tern zu gehen. Das ist das GroBe, das in der damaligen Zeit geschah,
daB auf der einen Seite durch die natiirliche Entwickelung der mensch-
lichen Fahigkeiten die alte Verbindung mit den geistigen Welten ver-
loren und ein Ich-BewuBtsein erlangt worden war, aber auf der andern
Seite damit innerhalb der physischen Welt das BewuBtsein von diesen
geistigen Welten erlangt werden konnte. So war der Christus der
Mittler fur die geistigen Welten denjenigen Menschen, die es zu einer
solchen Entwickelungsstufe gebracht haben, daB sie in einem auf dem
physischen Plan lebenden Ich nun den Zusammenhang gewinnen kon-
nen mit der geistigen Welt. Andert eure Seelenverfassung, glaubt
nicht mehr, daB durch Entriickung der Mensch normalerweise in die
geistige Welt hinaufsteigen kann, sondern glaubt daran, daB durch die
Entfaltung der in eurem Ich liegenden Moglichkeiten selbst, mit der
Hilfe des Christus, der Weg in die geistigen Welten gefunden werden
kann. Denn nur so wird die Menschheit zunachst den Geist finden
konnen.
In einem Zeitalter ahnlicher Art leben wir heute wieder, denn ab-
gelaufen war im Jahre 1899 das Kali Yuga, das finstere Zeitalter, und
langsam bereiten sich jetzt auf ahnliche Weise neue Seelenverfassun-
gen, neue Seelenfahigkeiten vor. Es ist durchaus moglich, daB die
Zeitgenossen, die Menschen unserer Zeit sie verschlafen. Nach und
nach werden wir das kennenlernen, was fur alle Menschen geschehen
wird in unserem Zeitalter, das nun nach dem Ablauf des Kali Yuga
begonnen hat. Wir haben heute die Aufgabe, gerade dafiir zu sorgen, daB
dieses Ereignis, dieses Ubergangsereignis nicht unbemerkt und ohne
Wirkung fur den Fortschritt der Menschheit an uns voriibergehe.
Das Kali Yuga ist abgelaufen, wenige Jahre ist es her. 1899 ist der
Durchschnittszeitpunkt, in dem es abgelaufen ist. Jetzt leben wir einer
Zeit entgegen, wo sich auf natiirliche Weise wieder entwickeln wer-
den, zu dem entwickelten SelbstbewuBtsein hinzu, gewisse hellsehe-
rische Fahigkeiten. Die Menschen werden das Eigentiimliche und
Merkwiirdige erleben, daB sie eigentlich nicht wissen werden, wie es
ihnen ist ! Die Menschen werden anfangen Ahnungen zu bekommen,
die sich verwirklichen werden, Ereignisse vorauszusehen, die sie
treffen werden. Die Menschen werden iiberhaupt anfangen, nach und
nach das wirklich zu sehen, wenn auch schattenhaft und in den ersten
Elementen, was wir den Atherleib des Menschen nennen. Heute sieht
der Mensch nur den physischen Leib. Das Sehen des Atherleibes wird
nach und nach hinzutreten als etwas, von dem die Menschen entweder
gelernt haben werden, daft es eine Realitat hat, oder von dem sie den-
ken werden, daB es Sinnestauschung sei, daB es das gar nicht gibt. So
weit wird das gehen, daB manche sich bei solchen Erlebnissen fragen
werden: Bin ich denn verriickt?
Wenn es auch zunachst eine kleine Anzahl von Menschen sein wird,
die in den nachsten Jahrzehnten diese Fahigkeiten sich heranent-
wickeln werden, so ist Geisteswissenschaft etwas, was man verbreitet,
weil man die Verantwortung fuhlt, welche wir haben gegemiber dem,
was in der Realitat geschieht, geschehen muB nach dem natiirlichen
Gang der Ereignisse. Warum lehren wir Geisteswissenschaft? Weil
Erscheinungen auftreten werden, die nur durch Geisteswissenschaft
zu begreifen sein werden, und die unverstanden bleiben werden, wenn
man nicht Geisteswissenschaft haben wird... [Liicke].
Diese Fahigkeiten werden sich verhaltnismaBig rasch entwickeln
bei einer geringen Anzahl von Menschen. Es ist ja allerdings wahr:
Durch eine esoterische Schulung kann der Mensch schon heute weit
iiber das hinaufsteigen, was sich da in kleinen Anfangen fur alle Men-
schen vorbereitet. Aber das, wozu der Mensch heute kunstlich durch
entsprechende Schulung aufsteigen kann, das bereitet sich wenigstens
in kleinen Anfangen fur die ganze Menschheit vor wie etwas, wovon
man wird reden miissen, ob man es nun verstehen wird oder nicht, in
den Jahren 1930 bis 1940. Nur noch wenige Jahrzehnte trennen uns
von dem Zeitpunkt, an dem solche Erscheinungen schon anfangen
werden, haufiger zu sein.
Dann aber wird noch etwas anderes fiir jene Menschen eintreten,
die diese Fahigkeiten werden ermngen haben. Diesen Menschen wird
sich ein Beweis ergeben fiir einen der groBten Satze des neuen Testa-
mentes, der erschiitternd fiir diese Seelen wirkt. Denn in diesen Seelen
ersteht der Satz: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt»,
das heiBt, wenn wir es richtig iibersetzen: «bis ans Ende der Erden-
aonen». Dieser Ausspruch sagt uns, daB das Christentum nicht bloB
dasjenige ist, was einmal in Buchern geschrieben war, was in gewissen
Zeiten gelernt worden ist; er sagt uns, daB Christentum nicht bloB das
ist, was man heute zusammenfaBt unter diesen oder jenen Dogmen,
sondern etwas Lebendiges, das Sehen und Erleben von Offenbarungen
in sich hat, das immer starker und starker sich entfalten wird. Wir
stehen heute erst am Anfange der Wirkung des Christentums, und wer
wirklich mit dem Chris tus sich verbunden hat, der weiB, daB aus die-
sem Christentum immer neue und neue Offenbarungen kommen wer-
den. Er weiB : das Christentum ist nicht im Weichen, das Christentum
ist im Wachsen, im Werden, das Christentum ist etwas Lebendiges,
nicht etwas Totes.
Derjenige, der heute eine geistige Entwickelung durchmacht, der
kann schon heute anfangen, die Wahrheit des Ausspruches zu erleben :
«Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten». So ist er
bei uns, umschwebend die Erde in Geistesform. Vor dem Ereignis
von Golgatha konnten die Hellseher den Christus nicht in der Erden-
atmosphare finden. Erst nach dem Ereignis von Golgatha wird der
Christus in der Erdenatmosphare sichtbar, weil er seit dieser Zeit da
ist. Einer, der gelehrt war in der Hellsichtigkeit der vorchristlichen
Zeit, wuBte, daB einmal ein Zeitpunkt kommen werde, in dem folgen-
des eintreten wird. Er wuBte : Jetzt findet man im Bereiche des Astra-
lischen unserer Erde noch nicht das, was man den Christus nennt, aber
es wird eine Zeit kommen, wo dann das hellseherische Auge offen
sein wird und sehen wird im Bereiche der Erde den Christus! Er
wuBte, daB einmal in bezug auf das irdische Hellsehen eine groBe Ver-
anderung eintreten wird. Er war nicht so weit, iiberzeugt werden zu
konnen durch die Ereignisse von Palastina, daB diese Ereignisse schon
eingetreten seien. Keine physischen Ereignisse konnten ihn liber-
zeugen, daB der Christus schon zur Erde niedergestiegen sei. Eines
erst konnte ihn uberzeugen: als er hellseherisch in der Erdenatmo-
sphare den Christus sah. Da war er iiberzeugt davon, daB der von den
Mysterien erwartete Herabstieg des Christus zur Erde sich wirklich
vollzogen hatte. Das was Paulus erlebt hatte, die Anwesenheit des
Christus in der Erdenatmosphare, das ist dasjenige, was ein durch
esoterische Schulung hellseherischer Mensch heute kiinstlich erleben
kann, das ist auch das, was eben durch natiirlich gewordenes Hellsehen
einzelne Menschen werden erleben konnen, wie es charakterisiert wor-
den ist, von den Jahren 1930 bis 1940 anfangend, dann durch langere
Zeitraume hindurch als etwas ganz natiirlich Gewordenes. Das Er-
eignis von Damaskus wird sich dann fur viele wiederholen, und wir
konnen dieses Ereignis eine Wiederkunft des Christus nennen, eine
Wiederkunft im Geiste. Der Christus wird fur die Menschen, die hinauf-
steigen konnen bis zum Sehen des Atherleibes, da sein. Denn bis zum
Fleische ist der Christus nur einmal heruntergestiegen : damals in
Palastina. Aber im Atherleibe ist er immer vorhanden in der Ather-
atmosphare der Erde. Und weil die Menschen sich zum Athersehen
entwickeln werden, deshalb werden sie ihn schauen. So ergibt sich die
Wiederkunft des Christus dadurch, daB die Menschen hinaufsteigen zu
der Fahigkeit, den Christus zu schauen im Atherischen. Dieses haben
wir in unserer Ubergangszeit zu erwarten. Und dasjenige, was die
Geisteswissenschaft zu leisten hat, das ist nun auch, vorzubereiten die
Seelen, damit sie empfangen konnen den Christus, der zu ihnen her-
niedersteigt.
Jetzt haben wir sozusagen nun auch schon die zweite der von uns
gestellten Fragen ins Auge gefaBt. Wir haben auf der einen Seite ge-
sehen, wie es einen guten Sinn hat, seine Inkarnationen gut anzuwen-
den, wir haben aber auch gesehen, wie wir am besten unsere eigene
gegenwartige Verkorperung anwenden konnen dadurch, daB wir uns
vorbereiten fur jenen Einblick, der uns wird fur die Zukunft des
Christus. Und im richtigen Sinn sollen wir sie verstehen, diese Wieder-
kunft, dann werden wir auch verstehen, was an groBen Gefahren da-
mit verbunden ist. Das ist, was ich Ihnen jetzt noch sagen muB.
GroBtes ist es, was der Menschheit in den kommenden Zeiten in
dem charakterisierten Wiederkommen des Christus im Geiste bevor-
steht. Aber der Materialismus unserer Zeit wird so stark sein, daB
selbst eine solche Wahrheit materialistisch gedeutet werden wird. Und
diese materialistischen Deutungen werden sich in Realitat umsetzen.
Als ein Wiederkommen im Fleische wird man umdeuten diese Wahr-
heit. Falsche Christusse werden in gar nicht zu ferner Zeit uber die
Erde wandeln, falsche Messiasse, Leute, die sich ausgeben werden fiir
den wieder heruntergestiegenen Christus. Anthroposophen aber soil-
ten diejenigen sein, die nicht bis in den Materialismus hinein verfallen
konnen, zu glauben, daB der Christus wiederum im Fleische herunter-
steigt auf die Erde, denn sie wissen, daB das finstere Zeitalter zu Ende
ist, in dem die Menschen zur Entwickelung ihres Ich-BewuBtseins das
Leben im Physisch-Stofflichen ohne Einblick in die geistigen Welten
brauchten. Der Mensch muB sich jetzt wieder hinaufentwickeln bis in
die geistigen Spharen, wo er den Christus als einen Lebendigen und
Gegenwartigen im Atherischen wird schauen konnen.
Der Menschheit wird eine Zeit von etwa 2500 Jahren gelassen wer-
den, um sich diese Fahigkeiten anzueignen. 2500 Jahre werden ihr
zur Verfiigung stehen, das Athersehen als natiirliche, allgemeine
Menschheitsgabe zu erwerben, bis die Menschen dann zu einer andern
Fahigkeit wiederum in einer Ubergangszeit hinaufzusteigen haben
werden. In diesen 2500 Jahren werden immer mehr Seelen der Men-
schen sich zu diesen Fahigkeiten hinaufentwickeln konnen. Und es
wird keinen Unterschied machen, ob die Menschen in der genannten
Zeit leben werden hier zwischen Geburt und Tod, oder nach dem
Tode in der geistigen Welt sich aufhalten werden. Auch die Zeit des
Menschenlebens zwischen Tod und neuer Geburt wird anders ver-
bracht werden, wenn die Seelen erlebt haben werden die Wiederkunft
des Christus. Auch das wird durch dieses Erlebnis anders werden. Da-
her wird es fiir die Seelen, die jetzt verkorpert sind, so sehr von Be-
deutung sein, wohlvorbereitet zu sein fiir das Christus-Ereignis, das in
diesem Jahrhundert kommt, sowohl wenn sie noch hier im physischen
Leibe verkorpert sind, wie es auch wichtig sein wird fiir diejenigen,
die dann schon durch die Todespforte geschritten sind und zwischen
Tod und neuer Geburt sich befinden, wenn dieses neue Christus-
Ereignis vor sich gehen wird. Fur alle gegenwartigen Seelen ist es
wichtig, vorbereitet zu sein auf dieses Geschehen und dadurch ge-
wappnet zu sein auch vor den Gefahren,
Wenn wir so sprechen, dann fiihlen wir, was uns Anthroposophie
sein soli und sein kann, wie sie uns vorbereiten soil, damit wir das er-
fullen konnen, was machen wird, daB ein groBtes Ereignis nicht spur-
los an der Menschheit voriibergeht. Denn wiirde es spurlos an der
Menschheit voriibergehen, so wiirde die Menschheit eine wichtige
Entwickelungsmoglichkeit verlieren, und sie wiirde in Finsternis, in
das Verdorren versinken. Licht kann es nur bringen, wenn die Men-
schen aufwachen fur das neue Wahrnehmen und so auch dem neuen
Christus-Ereignis sich ofTnen. Das wird immer und immer wieder ge-
sagt werden in der Zukunft. Aber immer wieder und wiederum gesagt
wird auch werden, daB die falschen Propheten das Gute, das GroBe
wiirden verhindern konnen, wenn es ihnen gelange, die Meinung zu
verbreiten, daB der Christus im Fleische erscheinen wiirde. Wenn das
Anthroposophen nicht begreifen sollten, dann wiirden sie dem Irrtum
verfallen konnen, der es ermoglichen wiirde, daB falsche Messiasse
auftreten. Sie werden auftreten, weil sie auf die schwachen, auf die
durch den Materialismus schwach gemachten Seelen rechnen, die sich
nur vorstellen konnen, daB, wenn der Christus wiederkommt, er im
materiellen Fleische erscheinen muB. Diese MiBdeutung der Verkiin-
digung ist eine schlimme; sie wird eintreten als eine schlimme Ver-
suchung fur die Menschheit. Anthroposophie hat die Aufgabe, die
Menschen vor dieser Versuchung zu bewahren. Das kann nicht stark
genug betont werden fur alle, die es horen wollen. Damit sehen Sie
aber auch, daB Anthroposophie Wichtiges zu sagen hat, daB wir
Anthroposophie nicht bloB treiben, weil wir neugierig sind auf allerlei
Wahrheiten, sondern weil wir wissen, daB diese Wahrheken ge-
braucht werden zum Heile der Menschheit, zur stetigen Vervoll-
kommnung der Menschheit.
Der Christus wird noch in vielen Formen an die Menschheit heran-
treten. Diejenige Form, die er gewahlt hat bei den Ereignissen von
Palastina, die wahlte er, weil die Menschen dazumal auf die Fahigkeit
angewiesen waren, ihr BewuBtsein auf dem physischen Plan zu ent-
falten und diesen zu erobern. Die Menschheit ist aber dazu berufen,
immer hohere und hohere Fahigkeiten zu entwickeln, damit dann
immer wiederum die Entwickelung einen neuen Sprung machen kann.
Der Christus wird da sein, um auch fur diese hoheren Erkenntnis-
stufen erlebt werden zu konnen. Das Christentum steht auch in dieser
Beziehung nicht am Ende, sondern am Anfang seiner Wirksamkeit,
und von Stufe zu Stufe wird die Menschheit hinaufsteigen, und von
Stufe zu Stufe wird das Christentum da sein, um in aller Erdenzukunft
die tiefsten Bediirfnisse der Menschenseele zu befriedigen.
INNERE EVOLUTION UND AUSSERE
ENTWICKELUNGSMOGLICHKEITEN
Pforzheim, 3Q.Januar 1910
In der Entwickelung sowohl des einzelnen Menschen wie der ganzen
Menschheit miissen wir stets nicht etwas zu Einfaches, nicht etwas zu
Geradliniges suchen, denn wir konnen sonst die komplizierten Vor-
gange des Lebens, wie sie tagtaglich vor unsere Augen treten, nicht
eigentlich verstehen. Schon beim einzelnen Menschen miissen wir uns
klar sein, daB sozusagen zwei Entwickelungsstromungen ineinander-
laufen. Sie erinnern sich, daB wir - es ist das zum Beispiel ausgefiihrt
in dem kleinen Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichts-
punkte der Geisteswissenschaft» - in dem einzelnen Menschenleben
einzelne Perioden unterscheiden, so die Periode von der physischen
Geburt bis ungefahr in das 7.Jahr, in die Zeit des Zahnwechsels
hinein, dann vom 7. bis ungefahr in das 14.Jahr, dann wieder un-
gefahr vom 14. bis zum 21 . Lebens jahr, Perioden also, welche von
sieben zu sieben Jahren ungefahr verlaufen. Das geht ziemlich regel-
maBig, diese Einteilung des Menschenlebens in solche einzelne Zeit-
raume, in der ersten Halfte eines normalen Lebens. UnregelmaBig
wird diese Einteilung, diese Gliederung in siebenjahrige Perioden in
der zweiten, in der absteigenden Lebenshalfte. Aus dem Grunde wird
das so, weil wir in bezug auf die erste Halfte unseres Lebens eigentlich
diejenigen Gesetze und Tatsachen heute ausleben, die eine Art Wieder-
holung des regelmaBigen Entwickelungsganges der Menschheit seit
Urzeiten her sind, wahrend wir in der zweiten Halfte unseres Lebens
noch nicht etwas ausleben, was in der auBeren Welt schon geschehen
ist, sondern was erst in der Zukunft geschehen wird. Es wird daher
die zweite Halfte des Lebens in der Zukunft beim Menschen viel
regelmaBiger werden, als sie heute schon ist, immer regelmaBiger und
regelmaBiger. Doch das sei nur gesagt, um iiberhaupt darauf hinzu-
weisen, daB eine solche regelmaBige Entwickelung im menschlichen
Leben stattfindet. Wir wissen, daB es sich so ausdriickt, daB wir sagen
konnen: Bis zum 7. Lebens jahre ist der Mensch noch in einer atheri-
schen, in einer Atherhiille, Er wird sozusagen in bezug auf seinen
Atherleib erst mit dem 7. Jahre geboren. In bezug auf seinen astra-
lischen Leib wird er ungefahr mit dem 14. Jahre geboren und so weiter.
Das, was wir damit angeben, ist eigentlich eine Stromung der Ent-
wickelung des Menschen, es ist die mehr auBerliche Entwickelungs-
stromung. Es gibt neben dieser Entwickelungsstromung noch eine
innere, die in einem gewissen MaBe selbstandig verlauft gegeniiber der
auBeren Stromung. Zu der inneren Stromung gehort alles dasjenige,
was wir an eigentlich tieferen Vorgangen, Ursachen und Wirkungen in
unserem Karma haben, was von Inkarnation zu Inkarnation weitergeht.
Wenn wir sagen, bis zum 7. Jahre oder bis zum 14. oder 21. Jahre
entwickelt sich der Mensch in einer ganz bestimmten Weise, dann
miissen wir uns klar sein, daB das mehr oder weniger allerdings durch-
schnittsgemaB fiir alle Menschen gilt. Fiir alle Menschen konnen wir
diese Regeln als richtig betrachten, die zum Beispiel in der genannten
kleinen Schrift angegeben sind. Diese Regeln sind richtig fiir die Er-
ziehung eines Menschen in unserer Zeit, der wenig Talente, wenig
Fahigkeiten hat, sie sind aber auch richtig fiir die Genies, fiir alle Men-
schen, weil das ein Gesetz ist, nach dem sich die Hiillen des Menschen
entwickeln. Das was in dieser Entwickelungslinie Hegt, gilt also mehr
oder weniger fiir alle Menschen, aber es ist doch nicht gleichgultig,
was diese Menschen durchgemacht haben etwa in ihren friiheren Ver-
korperungen. Der eine hat viel Gescheites, viel Schones, viel Gutes
erlebt. Darnach gestalten sich seine Fahigkeiten, darnach gestaltet sich
sein Schicksal; der eigentliche innere Kern des Menschen gestaltet
sich darnach, und das ist nun bei jedem Menschen individuell. Was
da wie eine innere Entwickelungsstromung neben der auBeren einher-
lauft, das ist gewissermaBen wiederum das, was bei jedem Menschen
die besondere Schattierung seines Wesens ausmacht. Dadurch kann es
geschehen, daB - trotzdem die allgemeine Gliederung nach sieben-
jahrigen Zeitperioden fiir alle Menschen gilt - doch die Geheimnisse
der Entwickelung bei den verschiedenen Menschen wiederum ver-
schieden sind. Es kann jemand mit groBen, mit ausgebreiteten Fahig-
keiten in die Welt treten, dann wird er zwar auch warten miissen bis
zu seinem 7. Jahre mit der vollstandigen Ausbildung der Form seines
physischen Leibes, er wird auch warten miissen bis zum 14. Jahre mit
der vollstandigen Ausentwickelung seines atherischen Leibes, abef
das, was da im Innern arbeitet, das ist doch ganz anders als bei einem
Menschen, der weniger Fahigkeiten mitbringt.
Also zwei Entwickelungslinien laufen nebeneinander, und daraus
konnen wir jet2t auch sehen, wie sozusagen gewisse zwiespaltige
Seelenverfassungen im Menschen auftreten konnen. Man kann ja in
bezug auf die auBere Entwickelung nicht anders denken, als - das ist
durchaus im Sinne der Geisteswissenschaft - daB der Mensch bis zu
seinem 14. Jahre, sagen wir, die Fahigkeiten seines Atherleibes heraus-
entwickelt. Mit seinem 14., 15. Jahre wird sein Astralleib eigentlich
frei und geboren. Da nun kann es sein, daB wir es zu tun haben mit
einer Individuality, das heiBt mit dem, was aus den vorhergehenden
Verkorperungen kommt, welche starke, groBe innere Seelenfahig-
keiten hat. Wir setzen also voraus den Fall eines Menschen, der durch
sein Karma, durch seine fruhere Entwickelung in friiheren Leben,
starke innere Fahigkeiten hat. Um diese Fahigkeiten in der Welt aus-
zuleben, braucht man die Krafte, die Organe einer jeden menschlichen
Hiille. Nehmen wir nun an, wir vernachlassigen in der Erziehung bei
dem Menschen, der solche Fahigkeiten mitbringt, daB er sie ins-
besondere ausleben kann durch den Astralleib, wir vernachlassigen die
Entwickelung seines Astralleibes in der richtigen Zeit. Was wird da
eintreten? Um einzusehen, was eintritt, wollen wir uns etwas Konkre-
tes vor Augen stellen.
Wir nehmen an, wir hatten ein solches Kind. Es wachst heran. Wir
geben zwar acht, daB es sich bis zum 7.Jahr regelmaBig entwickelt,
sehen darauf, daB es recht gut iBt und trinkt, daB es pausbackig wird.
Auf dies wird recht gut gesehen. Das Kind sieht wohlgenahrt aus.
Wir sorgen auch vom 7. Jahre weiterhin, daB das Kind gut genahrt
wird, aber jetzt beginnen wir die Regeln auBer acht zu lassen, durch
die in vernunftiger Weise die Erziehung des Kindes vom 7. Jahre an
geregelt sein muB. Wir beginnen jetzt auBer acht zu lassen diese
Regeln, und wir begehen zum Beispiel den Fehler, daB wir bei einem
solchen Menschen den materialistischen Vorurteilen erliegen und
sagen, wir wollen hauptsachlich darauf sehen, daB das Kind moglichst
friih zu einem verstandesmaBigen Urteilen kommt, daB es moglichst
friih lernt, ein eigenes Urteil zu haben. Das ist ja heute so Gebrauch
aus unserer materialistischen Denkungsweise heraus. Ich habe das
Beispiel schon ofters angefiihrt.
Wahrend zwischen dem 7. und 14. Jahre namentlich darauf gesehen
werden sollte, daB das Gedachtnis ausgebildet werde, stellt man
Rechenmaschinen auf. Wahrend man friiher das Kind lernen lieB
2x2 = 4 und dergleichen, bevor es die Dinge verstanden hat, sagt
man heute, man muB dem Kinde nichts beibringen, was es nur ge-
dachtnismaBig lernt, das Kind soil nur das wissen, woriiber es ein
Urteil haben kann. Da wird mit roten und weiBen Kugeln gearbeitet.
Anstatt das Kind zu gewohnen an Autoritat, die fur das Kind zwischen
dem 7. und 14. Jahr die Quelle der Wahrheit sein soli, bringt man es
dazu, das Kind fruhreif zu machen im Urteilen. Wahrend das Kind
dieses Lebensalters fiihlen soil: Ich muB das glauben, was die ver-
ehrte Autoritat sagt vernachlassigt man, daB das Kind ndtig hat,
Eltern und Lehrer zu haben, zu denen es aufschaut mit inniger Ver-
ehrung und von denen es Wahrheit annimmt aus dem Gefiihl selbst-
verstandlicher Autoritat.
Nehmen wir an, wir lassen dieses auBer acht, daB das Wort Autoritat
ein heiliges sein muB fur die Zeit zwischen dem 7. und 14. Jahre. Wenn
wir so zwischen dem 7. und 14. Jahr solche wichtigen Gesetze auBer
acht lassen, dann kann auch nicht vom 14., 15. Jahr an aus einem un-
richtig entwickelten Atherleib heraus ein richtig sich entwickelnder
Astralleib entstehen. Und nehmen wir nun an, wir haben es mit einem
Menschen zu tun, der sich aus friiheren Leben besondere Krafte, gute
starke Fahigkeiten mitgebracht hat, Anlagen aber, zu denen er einen
Astralleib braucht, der sich entflammen kann fiir hohe Ideale. Es hangt
zum Beispiel am Astralleib, daB man, wenn man eine Ungerechtigkeit
sieht in seiner Umgebung, aufnammen kann in gerechtem Zorn, lange
bevor man sie beurteilen kann im selbstandigen klaren Denken. Solche
Eigenschaften eines gesunden Astralleibes miiBten nach der Natur des
betreffenden Menschen gerade da sein, denn die brauchte er, damit das
herauskommen kann, was nach seinen friiheren Inkarnationen in ihm
lebt. Nehmen wir nun an, wir haben die Grundsatze vernachlassigt,
die beachtet werden miissen, damit der Astralleib hingebungsfahig,
begeisterungsfahig geboren wird mit dem 14., 15,Jahre, dann fehlt,
trotzdem bedeutende Anlagen, groBe Fahigkeiten, mitgebracht wer-
den von friiher, dennoch die Moglichkeit, diese Anlagen zu entwickeln,
weil der Astralleib diese Anlagen nicht herauskommen laBt. Er hat
jene Krafte, jene Stromungen nicht, welcher sich jenes Ich, das von
Verkorperung zu Verkorperung geht, bedienen muB, um seine An-
lagen zu entfalten. Jetzt haben wir ein Ich, das hohe Fahigkeiten ent-
wickeln konnte ; die Organe des Astralleibes aber, durch die dieses Ich
seine Fahigkeiten auBern konnte, sind verkriippelt. Diejenige Ent-
wickelungsstromung, welche den Fortgang der Hiillen regelt, ist nicht
zu ihrer Geltung gekommen.
Wer das Leben betrachtet, wird insbesondere heute in unserer so
furchtbar materialistischen Zeit finden, daB der Fall, den ich soeben
geschildert habe, unzahlige Male im Leben wirklich da ist. Unzahlige
Male im Leben tritt es ein, daB der, welcher das Leben durchschauen
kann - geschult durch okkulte Entwickelung es durchschauen kann -,
mit blutendem Herzen sieht: Da steckt etwas in der Individualist,
aber es kann nicht heraus, weil die andere Entwickelungsstromung bis
zum entsprechenden Zeitpunkt nicht richtig besorgt worden ist. Da
treten dann gerade in jenem Zeitpunkte, wo die nicht vorhandenen
Organe gebraucht werden wiirden, die charakteristischen Erscheinun-
gen auf, welche man als das «Jugend-Irresein» - Dementia praecox -
bezeichnet. Allerlei bose, schlimme Leidenschaften treten auf, Ver-
irrungen furchtbarster Art. Woher kommen sie, diese Verirrungen?
Sie kommen nicht etwa bloB davon her, daB der Betreffende auch An-
lagen hat, die zum Schlimmen neigen, sondern daher, daB er in der
gegenwartigen Inkarnation nicht die Organe hat, um gerade seine
guten Anlagen zur Entwickelung zu bringen. Da ist es fur ihn eine
Wohltat vielleicht, daB diese Anlagen des Ich zerstoren, zerreiBen die
Hiille, um sich in einer folgenden Verkorperung eine bessere Mog-
lichkeit zu scharTen fur seine Entwickelung. So sonderbar dies er-
scheint, so muB es doch beriicksichtigt werden, weil oftmals die Ent-
wickelung viel zu geradlinig betrachtet wird auch von den Menschen,
die zur Geisteswissenschaft hinkommen.
Es miissen zusammenstimmen innere Evolution und auBere Ent-
wickelungsmoglichkeit. Das ist so beim einzelnen Menschen der Fall,
wie es auch fur die Entwickelung einer ganzen Zeit richtig ist. Ich
habe Ihnen nur ein radikales Beispiel hingestellt, um Ihnen daran
leichter begreif lich zu machen, was vielfach vorhanden ist. Es wird ja
nicht immer in dieser radikalen Weise auftreten, aber es tritt in unse-
rer Zeit noch ofter auf in dem, was heute so haung ist : in unzufriede-
nen Seelenstimmungen, in der Hoffnungslosigkeit, in dem Nicht-
wissen, was man mit sich anfangen soil, insbesondere in den Zeiten
vom 14., 15. bis zum 21. Jahre. Dann bleibt es und ist fur das Leben
nicht mehr gutzumachen. Dann bleibt es eine innere Stimmung von
Hoffnungslosigkeit, Ziellosigkeit, Pessimismus und Unbefriedigtheit.
Und in dieser gelinderen Form wiirde es immer mehr und mehr, hau-
figer und haufiger auftreten, wenn nicht durch eine spirituelle, geistes-
wissenschaftliche Weltanschauung die Menschheit auf andere Bahnen
kommen wiirde, als sie bis heute gekommen ist dadurch, daB immer
mehr und mehr bis in die tiefsten Gedanken und Empfindungen der
Menschen hinein sich das materialistische Denken aufgepragt hat.
Wenn man das so hort, was jetzt eben gesagt worden ist, dann muB
man sich als Geistesforscher sagen: Geisteswissenschaft, wenn man
nur ein wenig von ihr begriffen hat, muB einem erscheinen als etwas,
was man nicht betreibt zu seiner Liebhaberei, weil es einem gefallt,
weil man durch sie eine subjektive Befriedigung, Beseligung findet,
sondern man muB, wenn man ein wenig herangetreten ist an ihre
tieferen Seiten, Geisteswissenschaft treiben als Pflicht, als Pflicht gegen
die ganze Menschheit. - Denn diejenigen Weltanschauungen, die heute
die herrschenden sind, sie fiihren dazu, das Leben immer weniger und
weniger zu verstehen. Man wird das Nichtleben immer besser ver-
stehen. Und um das Nichtleben immer besser zu verstehen, ist ja der
Materialismus eine Zeitlang notwendig gewesen. Aus dem bloBen
Verstandnisse des Lebens heraus wiirde man niemals DampfschifFe,
Eisenbahnen, Tunnels haben bauen konnen. Auch unsere auBere, auf
das Physische gerichtete Wissenschaft so weit zu fiihren, als sie heute
ist, und weitere Fortschritte auf diesem Gebiete zu machen, wiirde
man nicht haben hoffen konnen.
Die Menschen muBten so gefuhrt werden, daB sie sozusagen in ihre
Seelen solche Weltanschauungen aufnahmen, die alle Arten von Kul-
turen als besondere Richtungen der Auffassung des Daseins richtig
zum Ausdruck bringen konnten.
Niemand darf sagen: War es denn nicht ungerecht, daB durch die
verflossenen Jahrhunderte die Menschen materialistische Auffassungen
in sich aufnehmen muBten? Nein, so kann man nicht sprechen. Es
sind ja dieselben Seelen, welche, nachdem sie den EinfluB des Mate-
rialismus iiber sich haben ergehen lassen miissen, kiinftig in andem
Inkarnationen zu geistigem Leben wiederum gefiihrt werden.
Aber ein jegliches Ding muB zu seiner Zeit geschehen, zur richtigen
Zeit geschehen. Sie brauchen sich ja nur zu iiberlegen, daB gewisse
Dinge sehr gut, ganz ausgezeichnet sein konnen, wenn sie bei Tage
gemacht werden. Wenn dieselben Sachen bei Nacht gemacht werden
sollen, dann sind sie eben schlecht. Ein jedes Ding hat seine Zeit, und
so ist es eben auch im groBen Entwickelungsgange der Menschheit,
in der Menschheitsentwickelung. Was gut war in eben verflossenen
Jahrhunderten, wiirde eine schlimme Siinde wider die Menschheit
sein, wenn es aufrechterhalten wiirde fur die nachsten Jahrhunderte.
Wir sind heute an dem Zeitpunkt angekommen, wo an Stelle des
materialistischen Denkens das Denken und das Schauen treten miissen,
die in das Leben im Geiste selber hineinfuhren. Folgen muB auf das,
was in den verflossenen Zeiten nach dem Materialismus getrieben hat,
eine geistige Weltanschauung, und Menschen miissen sich finden, die
etwas tun, um dieser geistigen Weltanschauung Eingang in das Men-
schengeschlecht und seine Geschichte zu verschafFen. Sie sollten wis-
sen : Wiirde nicht heute in diesem Zeitpunkt dasjenige eintreten, was
man nennen kann, zu der materialistischen Weltanschauung tritt eine
spirituelle hinzu, so wiirde der richtige Zeitpunkt fur die Menschheit
versaumt werden. Aber noch in mancher andern Beziehung konnen
wir in unserer Zeit Wichtigstes versaumen. Und wir verstehen, in-
wiefern wir Wichtigstes versaumen konnen in unserer Zeit, wenn wir
diese zwei vorhin fur den einzelnen Menschen angedeuteten Ent-
wickelungsstromungen nun im ganzen Menschheitszusammenhang
betrachten.
Der Mensch geht von Inkarnation zu Inkarnation, von Verkorpe-
rung zu Verkorperung. Er geht aber nicht umsonst von einer Ver-
korperung zur andern. Warum steigt der Mensch aus geistigen Hohen
immer wiederum und wiederum auf die Erde herunter? Warum ist
nicht eine Inkarnation auf der Erde geniigend ? Deshalb nicht, weil die
Erde selber im Laufe langer Zeitraume sich verandert, verandert in
bezug auf alles, was auf ihr physisch, in bezug auf alles, was auf ihr
auch geistig und seelisch ist. Vergleichen Sie nun das auBere Antlitz
der Erde, das, was hier gewachsen ist, und das, was hier war schon vor
2000 bis 3000 Jahren. Vergleichen Sie den Boden, wie er damals um
Pforzheim herum ausgeschaut, mit dem, wie er heute ausschaut. Es
kann schon die gewohnliche Naturwissenschaft AufschluB geben, wie
der Boden ausgeschaut hat hier vor 2000 Jahren. Vergleichen Sie aber
auch, was dazumal ein Mensch gelernt hat in seiner Kindheit, in seiner
Jugend, mit dem, was er heute lernt, dann werden Sie sich sagen
miissen : Das physische und das geistige Leben verandern sich auf der
Erde. Die Erde war ganz anders vor 2000 bis 3000 Jahren und ist
immer anders und anders geworden und wird immer anders werden.
Die Erde andert sich fortwahrend. Und jedesmal, wenn wir herunter-
steigen auf die Erde, treffen wir neue Verhaltnisse, konnen wir Neues
lernen, Neues erfahren und Neues erleben, vereinigen es mit unserem
Wesen und tragen neue Erfahrungen hinauf in die geistige Welt. Des-
halb, weil wir so nach und nach in aufeinanderfolgenden Perioden die
Erdenerlebnisse in uns aufnehmen sollen, werden wir in aufeinander-
folgenden Erdenleben geboren. Wir stimmen zusammen das, was das
auBere Erdenleben uns geben kann im Verlauf der aufeinanderfolgen-
den Zeiten und was wir innerhalb dieses Erdenlebens lernen sollen.
Das muB zusammenstimmen.
Nehmen wir einmal irgendwelche Seele an, die heute leben wiirde.
Sie hat ja auch schon gelebt in der Zeit des alten Agyptertums, in der
Zeit des alten Indertums. Alle die Seelen, die heute hier sitzen, haben
unzahlige Male auf der Erde gelebt, haben hier gelebt in andern
Lebensverhaltnissen und leben heute wieder, weil das, was sie dazu-
mal haben lernen, erfahren konnen auf der Erde, heute nicht mehr da
ist, und heute Neues erlebt und erfahren werden kann. Setzen wir
einen Menschen voraus, der zum Beispiel im alten Agypterland seine
Inkarnationen nicht richtig angewendet hat, nicht herausgesaugt hat,
was dazumal auf der Erde sich heraussaugen lieB. Nehmen wir an,
Menschen, wie sie nach dem Karma der Erde und dem Einzelkarma
im alten Agypten noch vereinzelt waren, hatten es versaumt, mit ihrer
Seele dasjenige zu vereinigen, was eben im alten Agypten erlebt wer-
den konnte. Das wiirde nicht verhindert haben, daB sie zur ent-
sprechenden Zeit im alten Agypten gestorben sind. Aber es hatte ver-
hindert, daB sie dann, wenn sie das nachste Mai geboren worden sind,
sich das mitgebracht hatten, was sie dann brauchten, urn vollwertige
Menschen zu sein. Das konnen sie sich in folgenden Inkarnationen
nicht so ohne weiteres erwerben. Man braucht aber in einer spateren
Verkorperung, urn nicht verkiimmerte Seelen zu haben, das, was man
sich an Fahigkeiten und Kraften in der vorhergehenden Inkarnation
aus den damaligen Erdenverhaltnissen heraus hat aneignen konnen.
Es gibt Dinge, die man, wenn man sie versaumt hat, nicht mehr nach-
holen kann. Vielleicht werden Sie sagen: Nun macht er uns eine
schone Perspektive vor! Wir konnen ja nicht wissen, ob wir nicht un-
glaublich Wichtiges in friiheren Verkorperungen versaumt haben. Das
ware ja wirklich eine trostlose Perspektive, denn vielleicht haben wir
in friiheren Inkarnationen Furchtbares versaumt, und was hilft uns
auch jetzt alles andere! Was hilft es uns zum Beispiel, wenn wir uns
jetzt noch so sehr zur Geisteswissenschaft hinschlagen und noch so
gut unsere jetzige Inkarnation verwenden wollen? Wir konnen es
vielleicht nicht einmal, eben gerade weil wir in den friiheren Inkarna-
tionen etwas ganz besonders Wichtiges versaumt haben !
Es scheint also, als ob diese Wahrheit, die ich eben ausgesprochen
habe, eine furchtbare Perspektive in Ihre Seele gieBen konnte, trostlos
fur Sie werden konnte. Denn wenn man nicht mehr nachholen kann,
was man einmal versaumt hat, dann muB ich sagen, wenn ich auch
noch so sehr anfange, an meiner Seele zu arbeiten, so hilft das nichts
mehr, denn ich kann ja dann gar nicht mehr nachholen, was ich ver-
saumt habe, was ich in diese Seele nur hatte hereingieBen konnen
vielleicht in der altindischen oder in der agyptischen Zeit.
Diese trostlose Perspektive ware nur da, wenn dasjenige, was jetzt
als Konsequenz gezogen worden ist, die richtige Konsequenz ware.
Aber es ist keine richtige Konsequenz, denn die Sache Hegt anders.
Es ist durchaus richtig zwar: was unsere Seele sich nicht angeeignet
hatte in der alten agyptischen, indischen, persischen, griechischen Zeit,
das konnte sie heute nicht mehr nachholen, das ware unmoglich. Die
Sache ist mir diese, daft gegenwartig, in unserer Zeit, die ersten In-
karnationen des Menschen iiberhaupt da sind, in denen man bewuBt,
durch eigene Schuld etwas nach dieser Richtung versaumen kann.
Und das wird noch eine Zeitlang dauern. Und da kann es nun auch
eine Erklarung dafiir geben, warum jetzt die Geisteswissenschaft an-
fangt, in die Welt zu kommen : weil jetzt erst die Moglichkeit fur die
Menschen anfangt, etwas zu versaumen. Jetzt miissen diese Wahr-
heiten zu den Menschen zu dringen beginnen, denn jetzt beginnen fur
den Menschen Inkarnationen, bei denen, wenn man diese nicht ordent-
lich anwenden wiirde, es schwerer werden wiirde, aus spateren Erden-
verhaltnissen heraus das nachzuholen, was da versaumt worden ware.
Und jetzt ist es ja auch so, daB die Menschen, wenn sie nur wollen,
herankommen konnen an die geisteswissenschaftliche Erklarung von
Reinkarnation und Karma und von andern Wahrheiten in der Geistes-
wissenschaft, daB sie also diese Selbstschuld nicht auf sich zu laden
brauchen. Geisteswissenschaft wird schon alles tun in den nachsten
Jahrhunderten und Jahrtausenden, damit die Menschen die Gelegen-
heit haben werden, diese Inkarnationen in der richtigen Weise anzu-
wenden und diese Schuld nicht auf sich zu laden brauchen. Auf eine
einzelne Inkarnation kommt es weniger an, aber wenn man in unserem
Zeitalter, das eben begonnen hat und 2000 bis 3000 Jahre dauert, zwei
bis drei Inkarnationen wird so angewendet haben, daB man nicht das
Richtige aus dem, was man auf der Erde gewmnen kann, heraus-
gezogen haben wird, dann wird man in den folgenden Zeiten etwas
Wichtiges versaumt haben. Deshalb tritt Geisteswissenschaft jetzt auf
und sagt den Menschen, wie wichtig es ist, daB sie ihre Inkarnationen
in der richtigen Weise anwenden.
Nun fragen wir uns : Warum aber konnten in den fruheren Zeiten
die Menschen diese Fehler nicht machen? Aus dem Grunde, weil der
Mensch sich ja so entwickelt hat von Inkarnation zu Inkarnation, daB
er in urferner Vergangenheit selber ein Genosse war der geistigen
Welten. Das, was heute unsere Fahigkeiten sind, vor allem die Be-
schrankung unserer Sinne auf die physische Welt, das war nicht
immer da. Der Mensch hatte in friiheren Zeiten ein dammerhaftes
Hellsehen, er konnte hineinschauen in die geistigen Welten. Und
dieses Hellsehen war immer starker, je weiter wir zuriickgehen. Der
Mensch wuBte in jenen Zeiten: Ich stamme aus der geistigen Welt.
Und er hatte nicht nur dieses abstrakte Wissen, sondern er wuBte auch,
wie es aussieht in dieser Welt, er kannte die Gesetze der geistigen
Welt. Diese Gesetze erfullte er wie aus einem Instinkt; instinktiv. Weil
sie noch mit der geistigen Welt in einem Zusammenhang standen, ver-
wandten unsere Seelen ihre Inkarnationen im wesentlichen ordentlich.
Weil die Menschen noch mit den gottlich-geistigen Welten zusammen-
hingen, deshalb wirkte das Wissen in ihnen nach und sie taten
instinktiv unter dem Eindruck des alten Wissens das Richtige. Erst in
unserer Zeit leben wir in einem Zeitalter, wo sozusagen die Tore zu-
geschlossen sind vor der geistigen Welt, wo der Mensch zwischen der
Geburt und dem Tode vollig darauf angewiesen ist, in dieser sinnlich-
physischen Welt allein wahrzunehmen.
Dieses Zeitalter, in dem das alte Hellsehen verschwunden ist, durch
das die Menschen wie vom Himmel herunter die Erkenntnisse be-
kamen, dieses Zeitalter hat begonnen - wir konnen ziemlich genau den
Zeitpunkt angeben -, 3101 Jahre bevor der Christus auf Erden wan-
delte. Fruher waren solche Zeitalter, in denen die Menschen wirklich,
wenn sie auch nicht das heutige starke SelbstbewuBtsein, nicht ein
klares Bewufitsein von ihrem Ich hatten, noch dumpf, dammerhaft
hineinschauen konnten, und noch weiter zuriick sogar klar hinein-
schauten in die geistigen Welten. Da kommen wir zu einem Zeitalter
vor dem Jahre 3101, in dem die Menschen zwar ein recht getriibtes,
aber doch ein Wissen von der geistigen Welt hatten. Dvapara Yuga
nennt man dieses Zeitalter. Dieses Dvapara Yuga oder eherne Zeitalter
erstreckt sich iiber die altere agyptisch-babylonisch-chaldaische und
iiber die persische Zeit. Dann noch weiter zuriick, in noch alteren
Zeiten finden wir ein noch tieferes Hineinsehen in die geistige Welt bei
den Menschen in dem Treta Yuga oder silbernen Zeitalter. Und dann
kommen wir schon hinter die atlantische Katastrophe hinauf, wo die-
jenigen Menschen, die da inkarniert waren, noch hineingeschaut haben
in die geistigen Welten so, daB sie sich als Genossen jener Wesenheiten
gefiih.lt haben, die Sie heute nur erkennen konnen in dem Zustand
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das ist dann das Krita
Yuga, das da beginnt.
Im Jahre 3101 vor unserer Zeitrechnung beginnt dasjenige Zeit-
alter, in dem nach und nach alle Moglichkeit fur die Menschen, durch
auBere natiirliche, durch normale Krafte hineinzuschauen in die
geistige Welt, zunachst aufhort. In diesem Zeitalter - von 3101 vor
unserer Zeitrechnung bis in unsere Zeit herein - gab es nur noch alte
vererbte Reste von dumpfem, dammerhaftem Hellsehen bei einigen
Menschen. In diesem Zeitalter konnte man nur durch wirkliche esote-
rische Schulung regular hinauf kommen in die geistigen Welten. Aber
die normalen Fahigkeiten des Menschen entwickelten sich so, daB sie
sich nur auf die auBere physische Welt erstreckten. Dieses Zeitalter
nennt man mit einem orientalischen Ausdruck das Kali Yuga, das
finstere Zeitalter, weil der Mensch jetzt nicht mehr hineinsieht in die
geistige Welt durch seine naturlichen Fahigkeiten. Das Kali Yuga ist
also dieses Zeitalter, das etwa 3101 vor unserer Zeitrechnung be-
gonnen hat, und das die Menschen immer mehr und mehr auf den
physischen Plan herausgefuhrt hat.
Die wichtigsten Ereignisse, die sich auf dem geistigen Plan voll-
ziehen, die sehen ja die Menschen gewohnlich nicht, weil sie nicht
geniigend darauf aufmerksam sind. In unserem Zeitalter gehen wich-
tige Dinge vor. Das Wichtigste ist, daB das Kali Yuga abgelaufen ist
im Jahre 1899. Das heiBt, dasjenige Zeitalter der Menschheitsent-
wickelung ist abgelaufen, das dazu bestimmt war, die menschlichen
Fahigkeiten herauszufuhren auf die Beobachtung und Wahrnehmung
des physischen Planes. Und jetzt, seit dem jahre 1899 beginnt ein
Zeitalter, in dem durch etwa 2500 Jahre hindurch in den Menschen-
seelen andere Fahigkeiten wiederum als normale Fahigkeiten langsam
entwickelt werden. Wir leben also schon in einem Zeitalter, wo andere
Fahigkeiten bereits entwickelt werden. Kali Yuga hat seinen Ab-
schluB gefunden, und die Menschen leben einem Zeitalter entgegen,
wo - ohne daB sie etwas dafur oder dawider machen konnen - gewisse
neue Fahigkeiten in der Seele sich als naturhche entwickeln werden,
anders geartete als die, welche sich wahrend des Kali Yuga entwickelt
haben.
Was sind das fur Fahigkeiten? Unter dem EinfluB des Kali Yuga
wurden immer starker diejenigen Krafte des Menschen, welche den
Menschen zu einem Erfinder, zu einem Entdecker, zu einem Be-
arbeiter der physischen Krafte des physischen Planes machen. Das
geht selbstverstandlich fort, denn die Fahigkeiten, die einmal er-
rungen worden sind, die werden natiirlich nicht wieder verloren. Man
darf also nicht sagen, jetzt hore die Fahigkeit auf, mit Naturkraften zu
arbeiten. Aber andere Fahigkeiten kommen hinzu. Es kommt hinzu
zu dem, was der Mensch sich wahrend des Kali Yuga erworben hat,
als besondere Fahigkeit ein naturlich-atherisches Hellsehen, das heiBt
es beginnt jetzt das Zeitalter, wo in den Menschenseelen, zuerst in
wenigen, dann in immer mehr und mehr Menschenseelen, gewisse
hellseherische Fahigkeiten als normale Fahigkeiten erwachen werden.
Wir miissen diese also unterscheiden von dem, was sich - allerdings
als viel hohere Fahigkeit - derjenige erwirbt, der die Methoden der
geistigen Schulung auf sich anwendet. Der wird in jedem Zeitalter
mit seinen Fahigkeiten hinausgehen iiber das, was der Menschheit als
das Normale zugedacht ist. Jetzt aber beginnt ein Zeitalter, in wel-
chem als eine normale die Fahigkeit erweckt wird, nicht nur das
Physische, sondern auch dasjenige, was als das Atherische dem Physi-
schen zugrunde liegt, zu sehen. Das heiBt, es werden Seelen kommen
mit solchen Fahigkeiten, und zwar in einer Zeit, die schon da ist, die
schon angefangen hat, nur werden sie immer haufiger kommen. Jetzt
sind sie einstweilen noch recht diinn gesat auf der Erde. Aber diese
Fahigkeiten werden beginnen, sich immer weiter unter den Menschen
auszubreiten. In einem deutlichen MaBe werden sie vorhanden sein in
den Jahren 1930 bis 1940. Das wird eine wichtige Zeitepoche sein,
denn da wird man hervortreten sehen die neuen Fahigkeiten der Men-
schen. Wahrend heute der Mensch nur den physischen Leib sieht,
wird er dann auch die Fahigkeit erlangen, einiges Wesentliche zu-
nachst, dann aber immer mehr und mehr vom Atherleib zu sehen. Das
wird eintreten. So entwickelt sich die Menschheit in der nachsten
Zukunft, daB Menschen da sein werden, und immer mehr und mehr,
zuletzt eine groBe Anzahl von Menschen - eigentlich ist es ja der
ganzen Menschheit zugedacht -, die nicht nur den physischen Leib des
Menschen, sondern diesen physischen Leib wie in einem Atherischen
eingeschlossen sehen werden, wie mit Atherstrahlen und einer Ather-
aura. Das ist das eine, was sie sehen werden. Das andere ist, daB es
ihnen ganz sonderbar sein wird: Da werden Bilder vor ihnen stehen,
und allerlei wird sich zeigen in diesen Bildern. Zuerst werden die
Menschen nicht merken, worauf es ankommt, dann werden sie es fur
krankhaft halten, dann aber werden immer mehr und mehr Menschen
merken, daB solch ein Bild ein Ereignis ist, das sich in zwei bis vier
Tagen vollzieht und das sich vorher atherisch abspiegelt. Diese Fahig-
keiten werden sich schon in der ersten Halfte unseres Jahrhunderts
entwickeln.
Zweierlei Moglichkeiten gibt es. Die eine ist, daB mit ihremDenken,
Fiihlen und Empfinden die Menschen heute stehenbleiben bei dem,
was sie nun aus dem Kali Yuga erworben haben. Diejenigen, die mit
ihrer Weltanschauung, ihrer Philosophic, ihrem Denken und Emp-
finden bei dem stehenbleiben, was sie eben bis heute lernten, die wer-
den sehr bald fertig sein mit ihren Urteilen uber Mitmenschen, die
solches schauen. Die werden sagen, das sind Narren, die anfangen
wahnsinnig zu werden, die sehen allerlei tauschende Dinge, die es gar
nicht gibt. - Andere Menschen wird es aber geben, die werden aus
der Geisteswissenschaft gehort haben, daB das Realitaten sind. Und
das wird immer und immer wicder betont werden in den nachsten
Jahrzehnten und Jahrhunderten. Die werden gehort haben, daB es so
etwas als Realitat gibt, und die werden das rechte Verhaltnis finden zu
diesen neu auftretenden Fahigkeiten.
Was tun wir, indem wir Geisteswissenschaft treiben? Wir tun also
nicht etwas, was unsere Neugierde befriedigt und deshalb unsere Lieb-
lingsbeschaftigung ist, sondern wir tun etwas, was die Menschen vor-
bereitet auf das, was da kommen muB und was da kommen wird. Und
dieses, was da kommen wird, das wiirde man einfach nicht verstehen
konnen, wenn nicht Geisteswissenschaft vorhanden ware. Die
Menschheit wiirde das verlieren, was gewonnen werden soil. Und das
konnte durchaus sein, wenn eintreten sollte, daB Geisteswissenschaft
ganz verboten wiirde auf der Erde, wenn eintreten konnte, daB man
alle jene, die fur die Geisteswissenschaft wirken, vielleicht verhungern
lieBe, vielleicht aus ihren Stellungen herausdrangen wiirde und ver-
hungern lieBe. Dann wiirde die Menschheit ganz die Moglichkeit ver-
lieren, das, was als naturgemaBe Entwickelung kommen wird, zu ver-
stehen. Dann, wenn das geschehen sollte, wiirde die Menschheits-
entwickelung veroden und verdorren. Sie miiBte ohne diesen Ein-
schlag weitergehen und wiirde verdorren, veroden. Das ist dasjenige,
was Geisteswissenschaft zu einer verantwortungsvollen Pflicht macht.
Wenn wir die Sache so ansehen, dann konnen wir auch noch fragen :
Worinnen wird sich denn zum Beispiel das als Wirkung zeigen, was
eben geschildert worden ist? Nun, die Seelen, die jetzt hier sitzen, die
werden ja wieder verkorpert werden in einem Zeitalter, in dem schon
langst bei den Menschenseelen jene Seelenfahigkeiten vorhanden sein
werden, die eben geschildert worden sind. Was wird das bewirken?
Mit jenen Fahigkeiten wird noch etwas anderes kommen. Es wird
kommen, daB der Mensch in die gegenwartige Inkarnation wird
zuriickschauen konnen. Als eine natiirliche Fahigkeit wird auftreten
mit jenen Fahigkeiten, die eben geschildert worden sind - zugehorig
zu ihnen -, eine Erinnerung nicht nur an das Leben zwischen Tod
und Geburt, sondern an das vorhergehende Leben, wie eine natiir-
liche Eigenschaft. Aber jetzt wird es sich darum handeln, daB wir in
der gegenwartigen oder folgenden Inkarnation etwas ausbilden, woran
man sich erinnern kann. Was wir treiben fur den Tag, fur das was
langst untergegangen sein wird, wenn wir wieder geboren werden,
das wird zunachst nicht das sein, woran man sich wird erinnern kon-
nen. Woran man sich erinnern kann, das wird nur das sein, was in der
Zentralgewalt unseres Innern, in unserem Ich vor sich gegangen ist.
Erinnern kann man sich dann nicht an das, was als Alltagliches ge-
schehen ist. Das was bleibt von der gegenwartigen bis zur folgenden
Inkarnation, das muB jetzt schon im Ich erfaBt werden, gefiihlt wer-
den. Es ist aber wahr, daB die meisten Menschen noch nicht die Nei-
gung haben, so tief in ihr Inneres hineinzudringen, daB sie sich als ein
Ich empfinden. Halten sich doch noch immer, nach Fichtes Ausspruch,
die meisten Menschen eher fiir ein Stuck Schlacke im Monde als fur
ein Ich! Wenn man aber dieses Ich nicht pflegt, es nicht erkennen
lernt durch die Geisteswissenschaft, es nicht fiihlen lernt, dann ist es ja
gar nicht da als inneres Seelengut. Erst miissen wir einmal schafFen
dasjenige, an das wir uns dann sollen erinnern konnen in der nachsten
Inkarnation.
So schafft die Geisteswissenschaft, indem sie den Menschen er-
kennen lernt, die Weltelemente, die in seinem Ich den besten Aus-
druck finden, schafft als Tatsachen dasjenige, woran er sich erinnern
soil in der nachsten Inkarnation. Wendet der Mensch das, was ihm so
geboten wird, nicht in der richtigen Weise an, dann hat er in der nach-
sten Inkarnation die Fahigkeit des Ruckerinnerns wohl, aber es kann
ihm nichts einfallen als Gegenstand desselben, weil er nichts ge-
schaffen hat, an das er sich erinnern kann.
Es gehort zu den groBten Qualen, die der Mensch iiberhaupt haben
kann, eine Fahigkeit zu haben und nichts zu besitzen, an dem sie sich
betatigen kann. Zuriickschauen wird man wollen in friihere Inkarna-
tionen, da man die Fahigkeit haben wird, es zu tun, aber keinen
Gegenstand in sich finden, den man in diese Erinnerungskraft wird
hereinnehmen konnen. Es wird ein furchtbarer Durst sein des Zu-
riickschauens in friihere Inkarnationen. Der wird aber wie eine innere
Qual sein, ein inneres Wollen des Zuriickschauens, und man wird
nichts sehen, weil man nichts geschafFen hat, was man sehen konnte.
Wir arbeiten also dasjenige in der gegenwartigen Inkarnation aus, was
als Tatsache, als Gegenstand fiir die Erinnerung zu schaffen ist, denn
die Fahigkeit der Riickerinnerung erlangen wir schon durch den
natiirlichen Entwickelungsgang der Menschheit.
Da haben wir wieder zwei Stromungen. Eine auBere : die Menschen
erlangen Fahigkeiten; und eine innere: die Menschen miissen das tun,
wozu sie diese Fahigkeiten anwenden konnen. Uberall finden wir
diese zwei Stromungen. Dasjenige aber, wa,s wie das Wichtigste bei
allem als Kraft, als Impuls wirkt, ist, daB die Menschen, indem sie sich
herauf leben in diese Zeit, indem sie die neue Fahigkeit bekommen,
Atherisches zu sehen, im Zusammenhang damit im Laufe der ersten
Halfte des 20. Jahr hunder ts ein groBes, ein groBtes Erlebnis haben
werden.
Damals, als das Kali Yuga etwa 3100 Jahre gedauert hatte, da waren
die Menschen angekommen bei einem Zustand, daB sie sich sagen
muBten : Wir konnen nicht mehr hinaufschauen in die geistigen Reiche
der Himmel. Die Tore sind zugeschlossen gegeniiber der geistigen
Welt. - Da aber kam zuerst der Taufer Johannes, dann kam der
Christus, und sie zeigten den Menschen, daB auf dem physischen Plan
durch eine entsprechende innere Entwickelung dasjenige, was Zentral-
gewalt der Seele, was Ich ist, erweckt werden kann und daB dadurch
verstanden werden kann das Geistige. Der Gott stieg als der Christus
bis auf den physischen Plan herab, weil die menschlichen Fahigkeiten
so geworden waren, daB sie nur auf dem physischen Plane die Dinge
verstehen konnten. Der Christus hat dies Opfer gebracht, auf den
physischen Plan herunterzusteigen, weil die Gotter, die nicht bis dahin
heruntergestiegen waren, nicht mehr verstandlich waren fur die Men-
schen, die jetzt die Fahigkeit in sich entwickelt hatten, nur auf dem
physischen Plan zu stehen.
Jetzt aber entwickeln sich wieder Fahigkeiten, Ubersinnliches zu
schauen, Atherisches zu schauen. Das hat dann zur Folge, daB un-
gefahr in jenem Zeitraum von 1930 bis 1940 eine Anzahl von Men-
schen, die die ersten Pioniere sein werden dieses atherischen Hell-
sehens, dasjenige sehen werden, was der Christus in dieser unserer
Zeit ist. In einem physischen Leibe hat der Christus nur einmal gelebt
auf unserer Erde. Seit jener Zeit aber hat sich unsere Erde verandert.
Wenn jemand in der Zeit vor Christi Geburt hellsehend geworden ist
und er hineingeschaut hat in die Welt der geistigen Wesenheiten und
Erscheinungen, die unsere Erde unmittelbar umgeben, da hat er etwas
nicht gefunden, was er dann fand, als das Ereignis von Golgatha sich
vollzogen hatte, da der Christus auf die Erde heruntergestiegen war.
Eine Personlichkeit hat das genau gewuBt. Es gab eine Personlichkeit,
die wuBte aus ihrer Lehre heraus: Wenn die Menschen hellsehend
werden, dann sehen sie etwas noch nicht auf der Erde, was aber in der
Zukunft in der geistigen Atmosphare der Erde sein wird, wenn ein-
mal der Christus von der Sonne heruntergestiegen sein wird. - Diese
Personlichkeit sagte sich: Wir werden auf der Erde erleben den
groBen Zeitpunkt, wo dem hellsehend werdenden Menschen geistig
erscheint der Christus, denn dieser wird dann heruntergestiegen sein
auf die Erde und wird auch geistig in ihrer Atmosphare sichtbar
sein. - Das wuBte diese Personlichkeit, aber sie war noch nicht so
weit, daft sie aus den Ereignissen von Palastina den Glauben ge-
winnen konnte, daB in dem Jesus von Nazareth dieses erwartete
Wesen, der Christus, eben schon dagewesen sei. Er konnte den Chri-
stus Jesus nicht anerkennen, er anerkannte ihn nicht. Dann kam die
Zeit, als das Ereignis von Golgatha schon langst vorbei war, in der
diese Personlichkeit hellsichtig wurde: Da sah sie den Christus im
Atherleib. Jetzt konnte sie etwas sehen in der Erdenumgebung ! Jetzt
wuBte diese Personlichkeit, daB der Christus da war. Die physische
Wirklichkeit, das physische Schauen hat ihn nicht iiberzeugt, diesen
Menschen, aber das Hellsehen, das hellseherische Wahrnehmen des
Christus im Atherleib, das hat ihn iiberzeugt. Diese Personlichkeit war
Paulus. Er hat in dem Ereignis von Damaskus zuerst hellseherisch den
Christus gesehen in seinem Atherleib, wie er seit dem Ereignis von
Golgatha immer gesehen wird von denen, die sich zum Hellsehen
erheben.
Das ist sogar das wichtigste Ereignis, das heute dem hellseherisch
Geschulten zuteil wird: daB er den Christus in der geistigen Atmo-
sphare der Erde sieht. Weil nun diese Fahigkeit in jenem Zeitraum bei
einer groBeren Anzahl von Menschen auftreten wird, wird dann diese
Anzahl von Menschen die unmittelbar durch naturgemaBes Schauen
vermittelte Anschauung des Christus haben, des Christus in seinem
atherischen Leibe, mit dem dann die Menschen umgehen werden wie
mit einer physischen Personlichkeit. Nicht bis zu einem physischen
Leibe wird der Christus heruntersteigen ein zweites Mai, aber die
Menschen werden durch ihre Fahigkeiten hinaufsteigen ins Atherische,
in dem er sich jetzt offenbart. Der Christus wird ihnen wiedergekom-
men sein in dem Bereich ihres erweiterten Erlebens.
Das ist die Wlederkunft des Christus, angefangen ungefahr von den
Jahren 1930 bis 1940 unseres Zeitalters. Es konnte dieses Ereignis
unvermerkt an den Menschen vorbeigehen, wenn sie sich nicht vor-
bereiten wiirden, dieses groBe Ereignis zu verstehen. Vorzubereiten
hat die Geisteswissenschaft die Menschheit auf dieses kiinftige Ge-
schehen. Nicht unbemerkt soli es vorbeigehen an der Menschheit.
Wenn es unbemerkt vorbeigehen wiirde, so wiirde die Menschheit
veroden und verdorren.
Was ich jetzt ausgesprochen habe, wird in den nachsten zwei Jahr-
zehnten von dieser und jener Statte verkiindet werden, in dieser oder
jener Form ausgesprochen werden, denn es ist eine wichtigste Wahr-
heit, eine Wahrheit, welche die Menschen vorbereiten soli auf wich-
tigste Ereignisse unserer Zeit. Wieder sind die Zeiten erfiillt, daB Be-
deutsamstes geschehen soil. Aber in unserer Zeit lebt ein Materialis-
mus furchtbarster Art, und geschehen kann es, daB selbst diejenigen,
welche horen und aufnehmen diese Lehren, versucht werden von der
materialistischen Gesinnung und verfuhrt werden von der materiali-
stischen Gesinnung zu dem Glauben, der Christus erscheine nur wie-
der, wenn er in einem fleischlichen Leibe erscheine. Das ware ein
materialistischer Glaube, das konnen nur diejenigen glauben, die in
Wahrheit sich nicht zu der Anschauung aufgeschwungen haben, daB
der Geist ein Realeres ist als das Physische. Nun, der Materialismus
konnte die Menschen in diese Versuchung fiihren, zu verwechseln das
Wiederkommen des Christus in dem realen Atherleib, sichtbar fur die
hoher entwickelten Fahigkeiten der Menschen, mit einem fleischlichen
physischen Wiederkommen. Dann aber, wenn das geschehen wiirde,
ware das ein weiteres groBes Ungliick fur die Menschheit. Aber es
gibt in unserer Zeit genug Individuen, genug Personlichkeiten, die
das beniitzen werden und die, dieses benutzend, entweder indem sie
einer Illusion zum Opfer fallen, einer Selbsttauschung, oder aber,
ihren eigenen schlechten Instinkten zum Opfer fallend, sich als falsche
Christusse, als Christus im Fleische ausgeben werden.
Falsche Christusse, sie werden erscheinen in diesem Zeitalter, in
dem die Menschheit den wahren Christus im Atherleib sehen soli.
Anthroposophen aber sind dazu berufen, unterscheiden zu konnen
zwischen dem Geistigen und dem Materiellen und fest gewappnet zu
sein gegen alle Behauptungen, woher sie auch immer kommen wer-
den, daB ein Christus kommen wiirde im Fleische. Die Anthropo-
sophen sind berufen einzusehen, daB dies Materialismus ware, der
schlimmste Versucher, der auftreten konnte bei einem der wichtigsten
Ereignisse der Menschheitsentwickelung, bei dem Ereignis, das wir
die Wiederkunft des Christus nennen, und bei dem sich wird be-
wahren miissen, ob die Menschen schon so weit gekommen sind,
nicht bloB vom Geiste zu sprechen, sondern lebendig das Wesen des
Geistes als etwas Hoheres anerkennen zu konnen als das Wesen der
Materie.
Zeigen wird es sich miissen, ob die Menschen so weit sein werden,
den Christus in seiner ganzen Bedeutung wieder zu erkennen, gerade
weil er sich ihnen als Geistiges zeigt. Das wird die groBte Priifung und
Probe fur die Menschen sein, daB sich ihnen der groBte Impuls
unserer Erde zeigt und ihnen sagen wird : Erkennen konnt ihr mich
nur, wenn ihr nicht bloB redet vom Geistigen, sondern wiBt, daB das
Geistige realer, wirklicher, wertvoller ist als das bloB fleischlich Ma-
terielle. - Das gehort zu dem, was wir in unsere Gefuhle aufnehmen
sollen, um den nachsten Jahrzehnten, denen wir entgegengehen, in
der entsprechenden Weise begegnen zu konnen. Wichtig wird dieses
Ereignis aber nicht nur fur die sein, welche noch im physischen Leibe
sein werden, sondern auch fur diejenigen Seelen wird dieses Ereignis
wichtig sein, welche dann schon zwischen Tod und neuer Geburt sein
werden. Denn das wird ebenso wichtig sein fur die sogenannten
Toten, wie wichtig war der Tod auf Golgatha nicht nur fur die zeit-
genossischen Menschen im physischen Leibe, sondern auch fur die
Seelen, die im Kamaloka oder Devachan waren. Symbolisch aus-
gedriickt wurde das so gesagt, daB der Christus auch herunter-
gestiegen ist zu denen, die in der andern Welt waren: «niedergestiegen
zur H6lle». Wichtig wird die groBe Priifung der Spiritualitat in unse-
rem Jahrhundert sein fur die auf dem physischen Plan, wie auch fur
die auf dem geistigen Plan Lebenden, die sogenannten Toten.
DAS NEUE SPIRITUELLE ZEITALTER UND DIE
WIEDERKUNFT CHRISTI
Dusseldorf, 20.Februar 1910
Wenn der Mensch als Anthroposoph zuweilen von dem alltaglichen
Leben absehend, hinausblickend iiber dasjenige, was er im alltag-
lichen Leben zu tun hat, sich fragen wiirde : Gibt es auBer dem, was
das alltagliche Leben ist, auBer dem, was des Tages Miihen und
Lasten dem Menschen bringen, noch etwas, was mit Menschengliick,
mit Menschenbestreben zusammenhangt ? - dann wiirde er als Anthro-
posoph sich eine reiche Antwort geben konnen. Er weiB zum Bei-
spiel, daB er alles, was er durch die Anthroposophie aufnimmt, nicht
aufnimmt, um der Seele gleichsam eine Beschaftigung zu geben, weil
sie sich unbefriedigt fuhlt im alltaglichen Leben, sondern daB das,
was er durch die Empfindung aus der Anthroposophie aufnimmt,
Kraft werden kann in seiner Seele. Er ist jederzeit imstande, sich zu
sagen : Als Mensch bin ich noch etwas anderes als das, was ich bin in
der auBeren Welt.
Bei solchen Gedanken sollen wir uns ganz tief in unser Inneres
schreiben, daB wir als Menschen immer in zwei Stromungen darinnen-
stehen : In einer Stromung, die uns in das Alltagsleben hineinstellt, und
in einer andern Stromung, durch die die Seele hinaufblickt in ein
Reich der Zukunft, wodurch sie erst das bedeuten kann, was sie im
ganzen Zusammenhang bedeuten soil. Diese Idee soil uns niemals
dazu fiihren, irgendeine vielleicht wenig ansprechende auBere Be-
schaftigung fur weniger bedeutsam zu halten fur das ganze Welten-
leben als irgendeinen andern Beruf. Wir rmissen uns klar dariiber sein,
daB von einem gewissen Gesichtspunkt aus das Kleinste und GroBte,
was wir verrichten konnen, gleich wichtig ist fur das Ganze. Das
Leben stellt sich dar als ein Mosaikbild, das aus einzelnen Steinchen
zusammengefiigt ist. Der ein einzelnes Steinchen hineinfiigt, ist nicht
weniger wichtig als der, der den Plan zu dem Mosaikbild aus-
gedacht hat. In bezug auf das, was man gottlich-geistige Welten-
ordnung nennen kann, ist das Kleinste ebenso bedeutsam wie das
GroBte. Wenn wir das einsehen, so wird uns das vor mancher Un-
zufriedenheit bewahren konnen, welche sonst leicht im Leben kom-
men konnte.
Nur eine solche Stimmung gegeniiber dem, was wir im Leben zu
tun haben, kann uns das richtige Verstandnis geben fur unsere innere
Arbeit in der Seele. Erst dann konnen wir uns zu dem hochsten geisti-
gen Streben in der richtigen Art verhalten. Solch eine Sache sollte fur
Anthroposophen niemals ein bloBer Gedanke, niemals nur Theorie
sein. Der Anthroposoph tut vielmehr gut, wenn er sich ofters selber
in innerer Versenkung klarmacht, wie wenig angemessen es in der
groBen Weltenordnung ware, wenn aus irgendeiner Stellung im
Leben ihm Unzufriedenheit flieBen mochte. Das ganze Wesen der
Weltentwickelung konnte nicht seinen Gang nehmen, wenn wir nicht
das scheinbar Unbedeutendste im Leben richtig ausfiihren wiirden.
Dann werden wir auch die richtigen Empfindungen erhalten gegen-
iiber den groBen Erscheinungen des Daseins. Dann wird uns erst das
GroBe und Bedeutsame auf leuchten, das in dem Satze liegt : Ein jeder
von uns soil auBer dem, was er darstellt auf dem physischen Plan, im
Sinne der Weisheit der Welt so viel als moglich aus sich selber
machen. Wir sollen die anthroposophische Entwickelung selber als
etwas Notwendiges ansehen. Mancher sagt: Was niitzt die anthropo-
sophische Entwickelung, wenn ich mich nicht dadurch im Leben
nutzlich machen kann? - Bedenken wir aber: Was wir im Leben zu
tun bekommen sollen, wird uns das Lebenskarma zeigen, wenn wir
erst die Winke des Lebenskarmas verstehen lernen. Wir haben nicht
nur die Aufgabe, dies oder jenes zu tun, sondern wir haben wirklich
die Aufgabe, aus uns selber so viel als moglich zu machen. Wir miissen
uns aufschwingen zu dem Gedanken: In uns sind unendliche Krafte
und Fahigkeiten; wir diirfen sie nicht verkommen lassen in unserer
Seele. Was die gottlich-geistige Weltenordnung mit dem, was wir aus
unserer Seele gemacht haben, anfangen wird, miissen wir der gottlich-
geistigen Weltenordnung iiberlassen. Wenn wir an unserer Seele
arbeiten und auf die Winke des Karma achten, werden wir sehen, was
wir da und dort zu tun haben.
Wir sollen nicht Theorien ausspinnen. Man konnte leicht denken,
daB derjenige der beste Anthroposoph ist, der eine Zeitlang an sich
arbeitet und dann eine auBere, segenbringende Tatigkeit entfaltet.
Aber es kann sein, daB wir in unserer auBeren Lebensstellung nicht
imstande sind, das in der Welt anzuwenden, was wir in der Seele er-
arbeiten. Dieser Gedanke, daB nur der ein guter Anthroposoph ist,
der das Erlernte auch in der Welt verwertet, konnte der falscheste
sein, den es nur geben konnte. Es konnte zum Beispiel sein, daB wir
Jahrzehnte nicht in der Lage waren, irgend etwas von dem, was
anthroposophischer Impuls in uns ist, anzuwenden. Vielleicht kom-
men wir dann auf einem Bahnhof mit jemand zusammen und konnen
dem gerade ein wichtiges Wort sagen, was wir sonst nicht hatten
sagen konnen. Diese einzige Handlung konnte fur den Zusammen-
hang des Lebens vielleicht wichtiger sein als eine umfangreiche Hand-
lung. Wir miissen uns klarmachen, was wir tun konnen, und daB uns
die Verwertung davon in der rechten Stunde von einem Wink des
Karma gebracht werden wird.
Wenn man das fuhlt und empfindet, dann wird die Anthroposophie
etwas, nach dessen Zweck man zunachst gar nicht fragt, weil es
absolut wertvoll ist. Dann bekommt man erst die rechte Stellung zu
dem, was uns verbindet mit den groBen, einschlagenden Ereignissen
des Lebens. Manchmal wird angenommen, daB alle Entwickelung nur
Schritt fur Schritt vor sich gehe. Aber das Leben der Gesamtheit ver-
lauft nicht etwa so, daB man sagen kann, die Natur macht keine
Spriinge. So ist das nicht richtig. Die Natur macht fortwahrend
Spriinge. Betrachten wir eine Pflanze. Sie macht in ihrer Entwickelung
fortwahrend Spriinge : bei dem Obergang von der Wurzel zum Blatt,
vom Blatt zum Kelch, vom Kelch zur Bliite und von der Blute zur
Frucht. So wie hier sind rasche Ubergange vorhanden im Einzelleben
und auch im Gesamtleben der Menschheit. Uberall finden wir, daB die
Menschheit eine Weile sukzessive fortlebt und sich entwickelt, wie
Blatt fur Blatt an der Pflanze. Dann kommt die Zeit, wo die Mensch-
heit einen gewaltigen Sprung vorwarts macht, wie die Pflanze vom
Blatt zum Kelch, vom Kelch zum Blumenblatt, vom Blumenblatt zur
Frucht. So geschehen uberall rasche Ubergange, Spriinge im Ent-
wickelung sgang der Menschheit. Der gewaltigste Sprung in der
Erdenmenschheit ist der Sprung, der geschehen ist durch die Ereig-
nisse in Palastina. Da geschah ein ganz gewaltiger Sprung nach
vorwarts.
Wir werden uns erinnern miissen, daB die Seele des Menschen, wie
sie heute ist, sich erst langsam und allmahlich entwickelt hat. Heute
lebt der Mensch so, daB er durch die Sinne eine Anregung aus der
auBeren Welt erhalt. Selbst solch ein Mensch wie Helen Keller konnte
eine Entwickelung nur dadurch durchmachen, daB sie eine auBere
Anregung empfing. Der Mensch lebt heute durchaus so, daB er mit
der ganzen Entwickelung seiner Seele auf auBere Anregung durch die
Sinne angewiesen ist. Fur sein Urteil und die Ideenentwickelung ist er
auf das Instrument des Gehirns angewiesen. So war der Mensch nicht
immer. Es gab einmal ein Leben der Seele, wo der Mensch nicht auf
solche auBere Eindriicke angewiesen war, wo er ein altes, dunkles,
traumhaftes Hellsehen hatte. Damals stiegen hellseherisch Bilder in
seinem Innern auf, die eine auBere Wirklichkeit wiedergaben und aus-
driickten, aber nicht eine solche auBere Wirklichkeit, wie wir sie
heute um uns herum haben. Alles, was wir da um uns herum haben an
Pflanzen und Tieren, an Luft und Wasser, an Wolken und Bergen,
war fur die damalige Menschheit noch nicht mit Grenzen vorhanden ;
hochstens sahen die Menschen damals die Dinge wie durch einen
Nebel hindurch. Damals blickte der Mensch wahrend des traumhaft
dammerhaften BewuBtseins zu dem nachsten Reich, dem Reich der
Engel auf. In einem noch hoheren BewuBtsein blickte man auf zu dem
Reich der Erzengel und zu dem Reich der Geister der Personlichkeit.
Wie wir heute auf das Steinreich hinblicken, so blickte der Mensch
damals zu den Hierarchien auf, die er in seinem traumhaft dammer-
haften BewuBtsein wahrnahm. So wie der Mensch heute weiB, daB er
zusammengesetzt ist aus den mineralischen Substanzen, so wuBte er
damals : meine Seele ist heruntergestiegen aus dem Reich der Geister
der Personlichkeit und zusammengesetzt aus den Substanzen des
Reiches der Erzengel und Engel. Er blickte auf zu dem, was iiber ihm
stand, als zu seiner geistigen Heimat. Von da ist er heruntergestiegen
zu dem Werden in der physischen Welt und zum Wahrnehmen der
physischen AuBenwelt. Zuerst verlor sich sein Blick fur die Geister
der Personlichkeit, und er wurde ansichtig des Tierreiches. Dann ver-
lor er den Blick fiir die Erzengel, und er wurde ansichtig des Pflanzen-
reichs ; dann verlor er den Blick fiir das Engelreich, und er wurde an-
sichtig des Mineralreichs. Lange noch konnten Menschen zu gewissen
Zeiten hinaufschauen und sie wuBten, daft es solche hohere Wesen-
heiten gibt. Langsam und allmahlich erst wurde der Blick auf die
bloBe auBere Welt gelenkt. Das Tor wurde zugeschlossen gegeniiber
der geistigen Welt. Das war aber nicht das einzige.
Fiir die Menschen, die noch selber in die geistigen Welten hinein-
sahen, bedeutete Krankheit und Gesundheit etwas ganz anderes als
heute fiir uns. Wenn in jenen Zeiten irgendeine Krankheit den Men-
schen befiel, dann war es dem Menschen moglich, jenen Zustand -
einen Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen - hervor-
zurufen, durch den er hellsichtig wurde fiir die geistige Welt. In sol-
chen hellfiihlenden und hellsichtigen Zustanden war er durchdrungen
von dem Geistigen. Dies Durchdrungensein von dem Geistigen
wirkte als Heilmittel, als gesundend. Der Kranke muBte sich ganz
durchsetzen mit der Kraft des Geistigen; das wirkte durchaus ge-
sundend auf seine Krankheit. Heute ist der Mensch heruntergestiegen
in die physische Welt. Dadurch hat der physische Leib die groBte
Kraft bekommen, aber die Seele dagegen ist ohnmachtig geworden
gegeniiber dem physischen Leib. Man vergleiche einmal weiches
Wachs und derb gewordenes Wachs. Letzteres kann man schwer ein-
driicken. Das andere ist plastisch. Der physische Menschenleib war in
alten Zeiten ein plastisches Material, das die Seele formen konnte.
Wenn die Seele sich in Verbindung setzte mit dem Geistigen, konnte
sie das Physische formen. Eine starke Hingabe an das Geistige kann
bewirken, daB das Geistige gesundend wirkt. In alten Zeiten war es
so, daB der Mensch nicht nur zum Behufe der Erkenntnis, sondem
zum Behufe der Heilung sich durchdringen konnte mit dem Geistigen.
In alten Zeiten waren die Menschen in Gemeinschaft hoher geistiger
Wesenheiten. Als die Menschen herunterstiegen, aber doch noch Zu-
sammenhang hatten mit den geistigen Welten, konnten sich die Men-
schen nicht schiitzen vor schadlichen geistigen Wesenheiten. Sie
konnten da auch durchsetzt werden mit den schlimmen geistigen
Machten, zum Beispiel mit denen, die als Elementarwesen auf dem
Astralplane wohnen. Der Mensch konnte damals sich den guten
geistigen Einfliissen hingeben, aber er war auch schlimmen geistigen
Wesenheiten ausgesetzt. Heute hat man es weniger mit solchen
schlimmen, damonischen Wesenheiten zu tun. In alten Zeiten wirkten
die damonischen Wesenheiten so in dem plastischen Material, daB sie
die Menschen besessen machten. Das war alles deshalb, weil ja der
Mensch heruntersteigen muBte auf den physischen Plan, um zum
SelbstbewuBtsein zu kommen. Zum wirklichen SelbstbewuBtsein
hatte der Mensch nicht kommen konnen, wenn er immer hingegeben
gewesen ware an die geistige Welt. Er war dann auBer sich. Schon seit
alten Zeiten arbeitete das Ich an der Menschennatur. VollbewuBt
sollte sich der Mensch erst wissen, wissen, was das Ich bedeutet, durch
den Christus-Impuls. Der Christus-Impuls zeigte sich zuerst in dem
Blitzesfeuer, in dem Jehova dem Moses erschien. Er zeigte sich ge-
spiegelt im Blitzesfeuer, wie das Mondlicht abspiegelt das Sonnen-
licht. Jehova ist nichts anderes als der widergespiegelte Christus, der
sich zuerst wie eine Spiegelung zeigt.
Das Johannes-Evangelium konnen wir nur dann verstehen, wenn
wir einsehen, daB eigentlich der Christus-Impuls die bedeutendste
Arbeit innerhalb der menschlichen Evolution an dem Ich-BewuBt-
sein ist.
Der Mensch sollte entzogen werden den Einfliissen, die in ihn
hereinflieBen ohne sein SelbstbewuBtsein. Dadurch konnte er sein
Ich-BewuBtsein erwerben und sich vorbereiten zu einer Wieder-
erlangung des Hellsehens alter Zeit. Aber er sollte frei werden von
den damonischen Einfliissen. Je mehr er Gewalt hat in seinem Ich,
desto mehr kann er sich freihalten von damonischen Einfliissen. So
kann man erst die Damonenheilungen verstehen. Eine Anzahl Kran-
ker wurde in die Nahe des Christus gebracht gerade in der Zeit, als
der geistige Christus am starksten wirken konnte. Nicht das physische
Sonnenlicht - das Kleid des geistigen Lichtes - sollte wirken, sondern
das geistige Licht. Als die Sonne untergegangen war, brachte man
jene Kranken zu Christus. Nun miissen wir uns den realen Vorgang
der Heilung so vorstellen: Die Menschen, die da kamen, hatten den
festen Glauben, die feste Uberzeugung, durch den Christus wirke
jener Impuls, der die Damonen zuriicktreiben kann. Ware dies durch
ein auBeres Mittel geschehen, dann hatte der Christus nicht durch das
Ich gewirkt. Erst dann erkennt man den Christus, wenn er alle Gewalt
entfaltet in dem eigenen Innern. Erst da kann er wirken, wo diese
Kraft im menschlichen Ich zum Ausdruck kommt. Aus alldem sehen
wir, daB damals in jener wichtigen Zeit die Menschheit vor einem
gewaltigen Wendepunkte stand. Es war der letzte Ausklang einer
alten Zeit und gleichsam das Hereindringen eines gewaltigen Im-
pulses, der die Menschen in eine neue Zeit hineinfuhrte. Da konnte
der Mensch zuriickschauen und sehen: Friiher war der Mensch mit
der geistigen Welt noch mehr verbunden. Er konnte durch die Ekstase
den Weg zur geistigen Welt finden. Jetzt aber miissen wir in dem Ich
den Ankniipfungspunkt finden, urn in die geistige Welt hinein-
zukommen. Dieser Impuls wurde gegeben durch den gewaltigen Ruf
des Taufers und durch den Christus selber: «Andert euere Seelen-
verfassung, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen. »
In euch selber muB gesucht werden das Band, das euch verbindet
mit dem Reiche der Himmel.
Denjenigen, denen man ganz tief das sagen konnte, konnte man
sagen : Friiher gab es eine Zeit, da waren die Menschenseelen so, daB,
wenn sie aus ihrem Ich herausstiegen, sie in ein geistiges Reich hinein-
kamen. Da wurde ihnen das Geistige geschenkt fur ihre Heilung. Sie
waren Reiche, das heiBt, Besitzende des Geistes geworden. Da kam
ein Wendepunkt. Jetzt sind gerade solche berufen, in das Reich des
Himmels hineinzukommen, die Bettler um Geist geworden sind. Gott-
innig, selig konnen jetzt die werden, die da Bettler sind um Geist.
Geistig Arme werden in sich aufnehmen das Reich der Himmel.
Selig oder gottinnig werden auch die werden, welche leidend sind,
wenn sie den Christus-Impuls aufnehmen. Dadurch, daB sie in ihrem
Ich das Band zu der geistigen Welt suchen, werden sie geheilt werden.
Die friiher aus ihren Leidenschaften heraus tobten, konnten friiher
besanftigt werden, wenn sie in der Ekstase sich vergeistigten. Da-
durch, daB sie jetzt in sich, im Ich, das Band mit dem Christus finden,
sollen sie die tobenden Leidenschaften, die wilden Triebe besanftigen.
Das Los der Erdenmission ist, daft sie denen zufallt, die durch das Ich
ihre Leidenschaften dampfen. Die Leidtragenden werden das Leid
verlieren dadurch, daB sie in dem Ich den Christus aufnehmen ; gleich-
miitig konnen die werden, die den Christus im Ich aufnehmen, und
sie werden die Erde beherrschen.
Der erste Satz der Bergpredigt bezieht sich auf den physischen Leib,
der zweite Satz auf den Atherleib, der dritte auf den Astralleib, der
vierte, der Satz, daB der Mensch nicht ein solches Gewissen entwickeln
soil, das nur auf das Physische geht, auf die Empfindungsseele. Die
in der Empfindungsseele diirsten und hungern nach der Gerechtig-
keit, die konnen jetzt gottinnig oder selig werden.
Was der Mensch flnden kann in der Verstandes- oder Gemiitsseele,
das ist ausgedriickt in dem Satz: Gottinnig konnen die werden, die
barmherzig sind. Was mu6 eintreten, wenn wir von der Empfindungs-
seele zur Verstandes- oder Gemiitsseele heraufsteigen? Da steigt zu-
erst das Ich auf. Das muB der Mensch entwickeln, dadurch daB er sich
selber als Ich empfindet und jeden andern als ein Ich empfindet, da-
durch daB das, was in der Seele lebt, von Ich zu Ich geleitet wird.
Das, was vom Menschen zum Menschen geht, das Subjekt und Pra-
dikat miissen gleich sein. In den ersten Satzen der Seligpreisungen ist
das Subjekt von dem Pradikat verschieden, Jetzt finden wir in dem
Satz, der sich auf die Verstandes- oder Gemiitsseele bezieht, daB Sub-
jekt und Pradikat gleich sind. « Selig sind, die barmherzig sind, denn
sie werden Barmherzigkeit oder Liebe empfangen.»
Wir sehen hier ein Dokument, das so groBartig ist, daB es kaum ein
anderes Dokument gibt, das so tief ist. Es ist gepragt im Sinne jenes
gewaltigen Ubergangs, der durch den Christus eintrat. Da hatte schon
3000 Jahre das Kali Yuga, das finstere Zeitalter gedauert. Das Kali
Yuga im engsten Sinn hat 3101 vor Christi Geburt eingesetzt. Das ist
jenes Jahr, wo das ZuschlieBen der geistigen Welt beginnt. Vor dem
Jahre 3101 finden wir noch ein unmittelbares BewuBtsein fur die
geistigen Welten. Dann hat sich die geistige Welt immer mehr ver-
finstert. Nachdem das Kali Yuga 3101 Jahre gewaltet hat, da ge-
schieht jener Impuls, wodurch der Mensch wieder hineingefiihrt wird
in die geistige Welt. Aber wodufch konnte jener Impuls geschehen?
Nur dadurch, daB ein Gott herabstieg in die physische Welt. Da wird
der Anlauf genommen zu dem Zuriickkehren in die geistige Welt. Ein
gewaltiger Sprung in der Entwickelung der Menschheit wurde ge-
macht dadurch, daB die Menschheit die Moglichkeit gewann, vom
Ich aus wieder aufzusteigen in die geistige Welt. Die Menschheit
brauchte sozusagen den Christus, weil sie bis zu ihrem Ich aufgestiegen
war. Das Herabsteigen des Christus war notwendig, damit das
menschliche Ich nicht verodete, nicht herausfiel aus der Entwickelung.
Wir sehen es, daB eine Anzahl von Menschen lange nichts gewuBt
hat davon, daB druben in dem kleinen Landchen Palastina der Christus
gelebt hat. Zum Beispiel Tacitus weiB nur wenig davon. Ungefahr
hundert Jahre nachher erzahlte man, daB in Rom eine Sekte lebe in
einem GaBchen, die uber Jesus lehre. An vielen Menschen ging damals
dieser machtigste Impuls, der Christus-Impuls, vorbei. Er hatte an
alien Menschen vorbeigehen konnen. Das ist aber nicht geschehen.
Die Menschheit hat damals den Christus-Impuls aufgenommen. Wenn
wieder ein ahnlicher Impuls in der Menschheit stattfindet, dann muB
die Menschheit imstande sein, einen solchen Sprung in der Mensch-
heitsentwickelung nicht unbeachtet voriibergehen zu lassen.
1899 war das finstere Zeitalter, das Kali Yuga, abgelaufen. Die
Menschheit bewegt sich in einer aufsteigenden Linie. 5000 Jahre
dauerte das finstere Zeitalter. Heute leben wir am Anfang eines Zeit-
alters, in dem ganz neue Krafte und Fahigkeiten in der Menschheit
sich entwickeln. Bevor die erste Halfte des 20. Jahrhunderts ab-
gelaufen sein wird, wird sich zeigen, daB eine Anzahl Menschen durch
die naturliche Entwickelung besondere Fahigkeiten haben. Mit dem
Ablauf des Kali Yuga, von 1 899 an, entwickelt sich in der Menschheit
ein gewisses Athersehen. Zwischen dem Jahre 1930 und 1940 wird fur
eine Anzahl Menschen dieses Athersehen ausgebildet sein. Zweierlei
kann dann moglich sein. Die Menschheit kann weiterleben im mate-
rialistischen Sumpf. Der Materialismus kann alles iiberfluten. Die
Menschheit kann dieses Ereignis so versaumen, wie sie hatte ver-
saumen konnen das Christus-Ereignis. Wenn Menschen dieses Ather-
sehen nicht erleben, so wird es dahin kommen, daB die Menschen im
materialistischen Sumpf versinken werden. Oder es wird eine ge-
niigend gr oBe Anzahl von Menschen durch 2500 Jahre hindurch sich
so entwickeln, daB sie athersehend werden. Das ist der Anfang des
Hellsehens, das sich die Menschen wieder hinzuerobern werden zu
dem Ich-BewuBtsein.
Hierzu kommt noch etwas. Wenn eine Anzahl Menschen dutch
geisteswissenschaftliches Verstandnis ein Gefuhl dafiir entwickelt
haben, dann wird das eintreten, daB sich diese Menschen werden
ebensogut iiberzeugen konnen von der Wahrheit des Christus-
Ereignisses, wie sich Paulus beim Ereignis von Damaskus davon hat
iiberzeugen konnen. Zwischen 1930 und 1940 wird es eine kleine
Anzahl von Menschen geben, die diese Fahigkeit entwickeln, und
dann wahrend 2500 Jahren werden immer mehr Menschen den
Christus sehen im Atherleibe. Die Menschen werden, wenn sie sich
heraufentwickeln zum Athersehen, den Christus im Atherleibe sehen,
wozu sie aber nur gelangen konnen durch geisteswissenschaftliches
Verstandnis und Gefuhl. Das ist das neue Herabsteigen des Christus
zu den Erdenmenschen. In Wahrheit ist es vielmehr ein Herauf-
steigen, denn es wird nicht mehr sein, daB der Christus sich im Fleische
verkorpern wird. Aber die Menschen, welche sich zu ihm hinauf-
entwickeln, werden imstande sein, ihn im Atherleibe wahrzunehmen.
Sie werden aus der unmittelbaren Erfahrung heraus wissen, daB
Christus lebt. Fur die, die den Christus erkennen wollen, wird er
wieder erscheinen in seinem atherischen Leibe. Sie werden durch
Schauen wissen von dem Christus.
Gerade durch die Seelenentwickelung werden wir ein Verstandnis
gewinnen fur das, was das wichtigste Ereignis fur die Menschheit
unserer Zeit ist. Wiirde die Geisteswissenschaft nicht die Menschheit
dazu fiihren, so wurde dieses Ereignis unbeachtet an der Menschheit
voriibergehen. Geisteswissenschaft soli uns vorbereiten, dieses groBte
Ereignis nach Ablauf des Kali Yuga fruchtbar zu machen. Diejenigen
Menschen werden wichtig sein, gleichviel in welchem Beruf sie tatig
sind, die sich vorbereitet haben, das Ereignis wahrzunehmen. Wichtig
aber wird das Ereignis auch fur diejenigen, die sich befinden in jener
Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Denn dieses Er-
eignis wirkt auch hinein in die geistigen Welten, aber nur dadurch,
daB man hier auf Erden sich vorber eitet hat. Hier auf der Erde miissen
wir uns gerade auf jenes Ereignis vorbereiten und die Organe dazu
schaffen. Das neue Christus-Ereignis des 20. Jahrhunderts, das ver-
kiinden wir jetzt. Nachher wird es erklart werden als ein Ereignis, das
fortwirkt fiir die ganze Menschheit. Das wird in nachster Zeit ver-
kiindet werden. Es wird dies ein Priifstein sein fiir die Theosophie. Es
konnte sein, daB Materialismus in die theosophische Auffassung des
Christus-Ereignisses selber hineingetragen wird. Nur materialistisches
BewuBtsein konnte glauben, der Christus konne in einer fleischlichen
Gestalt wiederkommen. Es wird sich zeigen, ob man die Theosophie
verstanden hat, wenn das Ereignis kommt. Wir werden in der ersten
Halfte des 20. Jahrhunderts sehen, wie falsche Messiasse sich da und
dort geltend machen. In unserem Zeitalter wiirde es schlimm sein,
wenn die Menschen nicht so weit sich zu einer spirituellen An-
schauung aufschwingen konnten, daB der Christus in seiner athe-
rischen Gestalt wieder erscheinen wird. Es ware keine Entwickelung
der Menschheit vorhanden, wenn der Christus wieder im Fleisch er-
scheinen wiirde.
Die Menschheit entwickelt sich, um mit hoheren Fahigkeiten den
Messias wahrzunehmen. Das wird der Priifstein sein, ob Theosophie
wirklich den Menschen dazu gefiihrt hat, dies Ereignis richtig zu ver-
stehen, so daB der Mensch sich soviel zum Spirituellen empor-
geschwungen hat, um die Wiederkunft des Christus in der wahren
Gestalt zu verstehen. Fiir eine Anzahl Menschen, die Vorlaufer sein
werden, wird er in diesem Jahrhundert wiederkommen, wie er einst
gekommen ist im Ereignis von Damaskus fiir den Paulus.
Immer verbreiteter und verbreiteter wird der Unglaube durch die
Kritik der historischen Urkunden. Je mehr die historischen Zeug-
nisse an Gewalt fiir die Menschen verlieren werden, desto mehr wird
in den Menschen die Fahigkeit heranwachsen, durch die der Christus
gesehen werden kann. Der Christus in Wirklichkeit wird den Men-
schen gegeben werden, die sich durch die Geisteswissenschaft hinauf-
schwingen konnen zum Verstandnis, zum Schauen der wahren
Wiederkunft des Christus.
BUDDHISMUS UND DAS PAULINISCHE CHRISTENTUM
Koln, 27.Februar 1910
Heute soli uns etwas beschaftigen, das uns zeigt, wie bedeutsam es ist,
aus den Mitteilungen, die liber die hoheren Welten gemacht werden
konnen, zu erfahren, was der Menschheit in der Zukunft bevorsteht.
Die Mission der geisteswissenschaftlichen Bewegung hangt zusammen
mit den wichtigen Ereignissen der Ubergangsperiode, in der wir
leben. Daraus konnen wir die Uberzeugung gewinnen, daB wir in der
Zukunft noch viel mehr erfahren werden, und darum suchen wir in
der Geisteswissenschaft gerade etwas, um unser Handeln danach ein-
zurichten. Daher rmissen wir wissen, was im Fiihlen, Denken und
Wollen fur unsere Zeit von besonderer Bedeutung ist.
Es besteht ein groBer Unterschied zwischen der Geistesstromung,
die von dem Buddha kam und derjenigen, die von dem Christus-
Impuls kam. Damit ist nicht ein Gegeniiberstellen gemeint, sondern es
ist eher notwendig einzusehen, in welcher Beziehung jede dieser
Stromungen fruchtbar sein kann. Die beiden Stromungen miissen in
der Zukunft zusammengehen und das Christentum muB von der
Geisteswissenschaft befruchtet werden. Das Christentum muBte zu-
nachst die Wiederverkorperungslehre fallen lassen, Es enthielt zwar
diese Lehre im Esoterischen, aber um gewisser weltpadagogischer
Griinde willen konnte sie nicht in das exoterische Christentum auf-
genommen werden. Dagegen war diese Lehre ein besonderes Grund-
prinzip des Buddhismus, dort allerdings verbunden mit der Lehre
vom Leiden, die wiederum zu iiberwinden gerade das Christentum
zur Aufgabe hatte.
Wenn wir einmal die Aufgabe und Mission beider Stromungen er-
kennen, konnen wir uns auch die Unterschiede klar vor Augen halten.
Den Hauptunterschied bemerkt man am starksten, wenn man die
beiden Individualitaten des Buddha und des Paulus betrachtet.
Gautama Buddha kam durch seine Erleuchtung unter dem Bodhi-
baum zur Erkenntnis und lehrte: Diese Welt ist Maja. Sie kann nicht
als wirklich betrachtet werden, denn darin besteht eben die Maja, die
groBe Illusion, daB man sie fur wirklich halt. Der Mensch muB
streben nach einem Befreitwerden aus dem Reich der Elemente, dann
kommt man in ein Reich, das weder Namen noch Dinge mehr haben
kann; Nirwana. Dann erst ist man von der Illusion befreit. Das Reich
der Maja ist Leiden. Geburt, Tod, Krankheit, Alter sind Leiden. Es
ist der Durst nach Dasein, der die Menschen in dieses Reich bringt.
Darum soil sich der Mensch von diesem Durst befreien, dann braucht
er sich nicht mehr zu verkorpern.
Man kann sich fragen: Wie kam der groBe Buddha dazu, diese
Lehre zu verkiinden? Die Antwort kann nur aus einer Betrachtung
des Entwickelungsganges der Menschheit erfolgen.
Der Mensch war nicht immer so, wie er jetzt ist. In fruheren Zeiten
hatte der Mensch, um zu Erkenntnis zu gelangen, nicht nur seinen
physischen Leib zur Verfugung, sondern es war damals eine Art hell-
sehende Erkenntnis iiber die ganze Menschheit verbreitet. Die Men-
schen wuBten, daB es geistige Hierarchien gibt, so wie wir wissen,
daB es Pfianzen und so weiter gibt. Urteilskraft war nicht vorhanden,
dafur sah man die schopferischen Wesen selbst. Diese Weisheit
schwand allmahlich dahin; aber eine Erinnerung daran blieb. In
Indien, Persien, auch noch in Agypten gab es eine Erinnerung an
friihere Erdenleben. Die Seele des Menschen war damals so gestimmt,
daB man wuBte: Ich stamme von gottlichen Wesen ab, aber meine
Verkorperungen sind allmahlich so stark ins Physische gedrungen,
daB mein Blick fur das Geistige verdunkelt worden ist.
Man fiihlte daher den Fortgang in der Zeit wie eine Verschlechte-
rung, wie einen Riickschritt. Vor allem diejenigen, die noch in be-
sonderen Augenblicken den physischen Leib verlassen konnten, wie
es in noch verhaltnismaBig spater Zeit der Fall war, fiihlten so. Da-
durch kam ihnen die gewohnliche Welt als eine Welt der Illusion vor,
als Maja, die groBe Tauschung. Der Buddha sprach nur aus, was in
den Seelen der Menschen lebte. Gerade das, was in der physisch-
sinnlichen Welt liegt, empfand man als dasjenige, was die Menschheit
herabgezogen hatte. Aus dem wollte man wieder aufsteigen. Auf die
Welt der Sinne fiel alle Schuld an dem Herabstieg der Menschheit.
Vergleichen wir mit dieser Auffassung den Christus-Impuls und
die Lehre, die Paulus gegeben hat. Paulus nannte die sinnliche Welt
nicht Illusion, wenn er auch ebensogut wie Buddha wuBte, daB der
Mensch aus geistigen Welten herabgestiegen ist und daB es der Drang
nach Dasein ist, der den Menschen in diese Welt gebracht hat. Im
christlichen Sinne aber ist gesprochen, wenn man fragt: Ist dieser
Drang nach Dasein auch immer ein schlechter? Ist die sinnlich-
physische Welt nur Tauschung? - Nach Paulus' Auffassung ist es
nicht der Drang nach Dasein an sich, der das Bose ware. Dieser
Drang war urspriinglich gut, aber durch den Siindenfall des Men-
schen, unter dem EinfluB luziferischer Wesenheiten ist er uns zum
Unheil geworden. Nicht immer war er so, aber er ist so geworden,
und hat Leiden, Luge, Krankheit und so weiter gebracht. So wird aus
einem kosmischen Geschehen, wie es bei Buddha vorkommt, ein
menschliches Geschehen bei Paulus.
Ware nicht der luziferische EinfluB dazwischengetreten, so hatte
der Mensch Wahrheit und nicht Illusion in der physischen Welt ge-
sehen. Nicht die sinnliche Welt ist unrichtig, sondern die menschliche
Erkenntnis, die durch den luziferischen EinfluB getriibt worden ist.
Diese Verschiedenheit in der Auffassung bringt auch verschiedene
Folgen mit sich. Buddha will die Erlosung suchen in einer Welt, der
nichts Sinnliches mehr anhaftet. Paulus sagt, der Mensch soil die
Krafte, den Durst nach Dasein reinigen, weil er selber sie verdorben
hat. Der Mensch soil durch Lauterung seiner Krafte die Schleier zer-
reiBen, die ihm die Wahrheit zudecken, damit er hindurchschauen
konne auf dasjenige, was er sich selber zugedeckt hat. An Stelle des
Schleiers, der zum Beispiel die Pflanzenwelt bedeckt, wird man dann
die gottlich-geistigen Krafte sehen, die hinter und an den Pflanzen
arbeiten. Wenn der Vorhang reiBt, wird die sinnliche Welt erst durch-
sichtig und schlieBlich sehen wir ein Reich des Geistes vor uns. Wir
glaubten ein Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich vor uns zu haben :
das war unsere Schuld. In Wirklichkeit sehen wir die Hierarchien auf
uns zustromen.
Darum sagt Paulus: Ertote nicht die Lust am Dasein, sondern
lautere sie, denn urspriinglich war sie ein Gutes. Und das kann ge-
schehen dadurch, daB man die Kraft des Christus in sich aufnimmt.
Diese ist es, die, wenn sie die Seele durchdringt, die Seelenverfinste-
rung wegnimmt. Die Gotter haben die Menschen nicht umsonst auf
die Erde gestellt. Es ist dabei des Menschen Pflicht, von sich zu
werfen, was ihn daran hindert, diese Welt geistig zu schauen. Die
Konsequenz, zu der Buddha kommen muBte: Meidet die Inkarna-
tionen! - weist zuriick auf eine Urweisheit der Menschen. Paulus
dagegen sagt: Geht durch die Inkarnationen hindurch, aber durch-
dringt euch mit dem Christus, und in einer ferneren Zukunft wird all
dasjenige, was der Mensch an Illusionen aufgeworfen hat, ver-
schwunden sein.
Diese Lehre, die die Schuld nicht der physisch-sinnlichen Welt,
sondern dem Menschen selber auflud, muBte notwendigerweise eine
historische Lehre werden. Gerade aus dem Grunde aber kann sie im
Anfang nicht so gegeben werden, daB man die vollstandige Lehre hat ;
nur Anfangsimpulse konnen gegeben werden, mit denen man sich
durchdringen muB. Allmahlich dringen dann diese Impulse in alle
Gebiete des Lebens ein. Trotz der fast zwei Jahrtausende, die seit
dem Mysterium von Golgatha verflossen sind, ist man heute erst am
Anfang vom Aufnehmen des Chris tus-Impulses. Ganze Gebiete des
Lebens sind noch nicht von ihm durchdrungen, zum Beispiel die
Wissenschaft und die Philosophic Der Buddha konnte viel eher seine
Lehre sogleich geben, weil er sich auf eine uralte Weisheit berief, die
damals noch empfunden wurde. Der Christus-Impuls muB erst all-
mahlich durchdringen. Eine Erkenntnistheorie, die sich auf diese Tat-
sachen griindet, unterscheidet sich scharf von derjenigen Kants, der
gar nicht weiB, daB es gerade unsere Erkenntnis ist, die gelautert
werden soil.
Paulus muBte den Menschen beibringen, daB das Arbeiten in der
einzelnen Inkarnation in der Tat von groBem Gewichte ist. Er muBte
diese Lehre gleichsam iibertreiben, im Gegensatz zu der verhaltnis-
maBig kurz vorher verkundeten Lehre des Buddha, daB die einzelne
Inkarnation wertlos sei. Man sollte lernen auszusprechen : « Nicht ich,
der Christus in mir!» Das ist das gelauterte Ich. Das geistige Leben
wurde durch Paulus fur alle Zukunft von dieser einen Inkarnation
abhangig gemacht. Nachdem eine solche Erziehung der Seelen sich
vollzogen hat, daB eine geniigende Anzahl Menschen in den ab-
gelaufenen zwei Jahrtausenden durch sie hindurchgegangen sind, ist
die Zeit wieder angebrochen, urn Karma und Reinkarnation zu lehren.
Wir miissen versuchen, unser Ich wieder herzustellen in den Zustand,
in dem es war, bevor die Inkarnationen angefangen haben.
Es wurde immer gesagt, daB der Christus stets in unserer Um-
gebung ist. «Ich bin mit euch alle Tage bis an das Ende der Welt.»
Jetzt aber soli der Mensch lernen, den Christus zu schauen und zu
giauben, daB dasjenige, was wir sehen, dennoch das Wahre ist. Das
wird schon in der nachsten Zukunft eintreten, schon in diesem Jahr-
hundert und dann in den folgenden zwei Jahrtausenden bei immer
mehr Menschen. Wie wird das im einzelnen sein? Fragen wir: Wie
sehen wir jetzt zum Beispiel unseren Planeten? Die Erde wird von der
Wissenschaft mechanisch, physisch, chemisch beschrieben, nach der
Kant-Laplaceschen Theorie und dergleichen. Doch jetzt stehen wir
vor einer Umkehrung auf diesem Gebiete. Eine Anschauung wird
heraufkommen, die die Erde nicht mehr aus lauter mineralischen
Kraften, sondern aus Pflanzen-, das heiBt atherischen Kraften ab-
leiten wird. Die Pflanze hat ihre Wurzeln nach dem Mittelpunkt der
Erde gerichtet, ihr oberer Teil steht in einem Verhaltnis zur Sonne.
Das sind die Krafte, die die Erde machen zu dem, was sie ist. Die
Schwerkraft ist nur sekundar. Die Pflanzen sind vor den Mineralien
da, ebenso wie die Steinkohle fruher Pflanze war. Das wird man in
kurzem entdecken. Die Pflanzen geben dem Erdplaneten die Gestalt
und geben dann noch die Substanz ab, aus der der mineralische
Boden entsteht. Ein Anfang dieser Lehre wurde durch Goethe ge-
geben in seiner Pfianzenmorphologie. Aber er ist nicht verstanden
worden. Dann wird man allmahlich anfangen, das Atherische zu
schauen, weil es dasjenige ist, was charakteristisch fur die Pflanzen ist.
Die Wachstumskraft des Pflanzenreichs wird der Mensch in sich auf-
nehmen, dann befreit er sich von den Kraften, die ihn jetzt daran
hindern, den Christus zu schauen. Geisteswissenschaft soli dazu mit-
arbeiten. Das ist aber unmoglich, solange die Menschen meinen, daB
das Aufsteigen des Physischen zum Atherischen nichts mit dem
Innern des Menschen zu tun hat. Im Laboratorium ist es gleichgiiltig,
ob man ein moralisch hochstehender oder tiefstehender Mensch ist.
Nicht aber ist das der Fall, wenn man es mit Atherkraften zu tun hat.
Die moralische Veranlagung geht dann in das Produkt iiber. Daher
ware es fur den heutigen Menschen noch nicht moglich, diese Fahig-
keit zu entwickeln, wenn er so bleibt, wie er ist. Der Laboratoriums-
tisch muB erst zum Altar werden, so wie es fur Goethe war, der als
Kind seinen kleinen Altar aus Naturprodukten an den Strahlen der
aufgehenden Sonne entziindete.
Das wird schon bald kommen. Diejenigen, die werden sagen kon-
nen: « Nicht ich, sondern der Christus in mir», werden die Pflanzen-
krafte kombinieren konnen, so wie man es jetzt mit den mineralischen
Kraften versteht. Was der Mensch innerlich ist, steht in Wechsel-
wirkung mit dem, was drauBen ist, und das AuBere verwandelt sich
fur uns, je nachdem wir klar oder triibe sehen. Noch in diesem Jahr-
hundert - und immer mehr Menschen in den nachsten zweieinhalb
Jahrtausenden - werden Menschen dazu kommen, den Christus zu
schauen in seiner Athergestalt. Sie werden die atherische Erde
schauen, aus der die Pflanzenwelt entsprossen ist. Aber dadurch wer-
den sie auch erkennen, daB ein gutes Inneres des Menschen andere
Einfliisse auf die Umgebung ausiiben wird als ein boses. Derjenige,
der diese Wissenschaft im hochsten MaBe besitzen wird, wird der
Maitreya- Buddha sein, der in ungefahr 3000 Jahren kommen wird.
«Maitreya»- Buddha bedeutet « Buddha von der guten Gesinnung».
Maitreya-Buddha ist derjenige, der den Menschen die Bedeutung
einer guten Gesinnung klarmachen wird. Das alles wird dazu fiihren,
daB die Menschen wis sen werden, in welche Richtung sie gehen
miissen. Anstelle der abstrakten Ideale werden konkrete Ideale treten,
die der fortschreitenden Entwickelung entsprechen. Gelingt das nicht,
dann wiirde die Erde in Materialismus versinken und die Menschheit
miiBte von neuem anfangen, entweder - nach einer groBen Kata-
strophe - auf der Erde selber oder auf einem nachsten Planeten. Die
Erde braucht Anthroposophie ! Wer das einsieht, ist Anthroposoph.
DIE GEHEIMNISSE DES WELTENALLS
KOMETARISCHES UND LUNARISCHES
Stuttgart, S.Marz 1910
In sternklarer Nacht, wenn wir den Blick in den Himmelsraum hinaus-
richten, dann ist es zunachst das Gefiihl des Erhabenen, das durch
unsere Seele flieBt, indem wir die unzahlbaren Sternwunder auf uns
wirken las sen. Dieses Gefiihl von einem Erhabenen, das da durch
unsere Seele flieBt, das wird sich bei dem einen Menschen mehr, bei
dem andern weniger geltend machen, je nach seiner besonderen, indi-
viduellen Veranlagung. Der Mensch wird aber - und das darf ins-
besondere der Erscheinung des Sternenhimmels gegeniiber gesagt
werden der Mensch wird aber sehr bald seine Sehnsucht erweckt
finden, etwas zu verstehen von diesen Wundern des Weltenraumes,
die ihn da anblicken. Und wir diirfen wohl sagen, daB gerade dem
Sternenhimmel gegeniiber der Mensch am allerwenigsten vom Ver-
stehen sich abhalten wird dadurch etwa, daB er sich sagte, es konnte
ihm das ungeteilte, unmittelbare Gefiihl des Erhabenen verloren-
gehen, wenn er mit seinem Begreifen durchdringen wollte das Ge-
heimnis der Sternenwelt. Es ist das Gefiihl berechtigt, daB das Be-
greifen, das Verstehen, insbesondere auf diesem Gebiete, unser un-
mittelbares Gefiihl nicht beeintrachtigen kann. So wie es sich auch fur
andere Gebiete des Daseins in groBerem oder geringerem MaBe bald
herausstellt, daB insbesondere geisteswissenschaftliches Erkennen
unsere Gefiihle und Empfindungen, wenn wir nur gesunden Sinn
haben, erhoht, verstarkt, so kann sich der Mensch iiberzeugen, und
wird sich immer mehr und mehr iiberzeugen, daB insbesondere gegen-
iiber den groBen, den erhabenen Weltentatsachen sein Gefiihl auch
nicht um ein weniges zusammenschrumpfen wird, wenn er erkennen,
begreifen lernt, was da eigentlich durch den Raum geht oder scheinbar
stillesteht.
Nun konnen wir allerdings die Welt in irgendeiner Darstellung
sozusagen immer nur wie in einer Ecke erfassen und miissen es der
Zeit iiberlassen, daB wir Schritt fur Schritt die Tatsachen der Welt
begreifen lernen. Heute soli uns ein Teil, ein kleiner, geringer Teil
gerade der Raumeswelt im Zusammenhang mit dem Menschenleben
beschaftigen. Ahnt es ja wohl der Mensch zunachst schon, so lernt er
es doch durch Geisteswissenschaft immer mehr und mehr, immer
genauer und genauer kennen, daB er aus dem Ganzen des Weltenalls
herausgeboren ist, und daB die Geheimnisse des Weltenalls mit seinen
eigenen Geheimnissen zusammenhangen. Das aber zeigt sich ins-
besondere, wenn wir genauer auf gewisse Geheimnisse des Daseins
eingehen.
Ein Gegensatz gibt sich kund im Menschenleben, so wie sich dieses
Menschenleben zunachst auf unserer Erde entwickelt. Dieser Gegen-
satz, er tritt uns uberall und immerzu entgegen. Es ist der Gegensatz
des Mannlichen und des Weiblichen. Wir wissen, daB wir diesen
Gegensatz des Mannlichen und des Weiblichen auf der Erde zu
suchen haben in bezug auf das Menschengeschlecht seit der alten
lemurischen Zeit, und wir wissen auch, daB er eine Weile in unserem
Erdendasein dauern wird und sich wiederum in eine hohere Einheit
auflosen wird.
Wenn wir das, was eben gesagt worden ist, daB alles menschliche
Leben aus dem Weltenleben herausgeboren ist, festhalten, diirfen wir
uns fragen: Ja, wenn es schon so ist, daB dasjenige, was wir im
Menschenleben seit der alten lemurischen Zeit als Mann und Frau
bezeichnen, auf der Erde iiber eine gewisse Strecke ihrer Entwicke-
lung mitgeht, konnen wir - da alles Leben aus dem Universum heraus-
geboren ist - irgend etwas im gesamten Universum finden, welches
sozusagen in einem hoheren Sinn Ahnliches darstellt wie diesen
Gegensatz des Mannlichen und des Weiblichen ? Konnen wir in einer
gewissen Beziehung dasjenige finden, aus dem, wie aus einem Kosmi-
schen heraus, das Mannliche und das Weibliche auf der Erde geboren
ist? - Diese Frage kann aufgeworfen werden.
Nun diirfen wir allerdings, wenn wir auf dem Boden der Geistes-
wissenschaft stehen, nicht etwa vorgehen nach dem Rezept, nach dem
der heutige Materialist vorgeht. Dieser heutige Materialist kann sich
ja nichts anderes vorstellen, als was in seiner unmittelbaren nachsten
Umgebung lebt, und daher ist er so leicht geneigt, das, was fur das
Menschenleben nur in bezug auf unsere Erde, und fur das Tierleben
eigentlich auch nur hochstens fur Mond und Erde eine Bedeutung
hat - diesen Gegensatz - in allem Weltenall zu suchen und geradezu
als Mannliches und Weibliches zu bezeichnen. Das ist ein Unfug
unserer Zeit. Wir miissen scharf festhalten, daB die Bezeichnung
«mannlich» und «weiblich» fur das Menschliche in jenem eng urn-
grenzten Sinn nur seit der lemurischen Zeit und bis zu einem ge-
wissen Zeitpunkt der Erdenentwickelung gilt, fur das Tierische und
Pflanzliche hochstens noch wahrend der Mondenentwickelung und
der Erdenentwickelung. Aber es fragt sich eben: Ist das irdische
Mannliche und Weibliche aus einem hoheren kosmischen Gegensatz
herausgeboren? Wenn wir diesen Gegensatz finden konnen, dann
wiirde sich uns auch ein wunderbarer, zunachst geheim
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