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RUDOLF STEINER GESAMTAU SGABE
VORTRAGE
Offentliche VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Aus schicksaltragender Zeit
Vier^ehn offentliche Vortrage
Berlin, 29. Oktober 191 4 bis 2$. April 191 j
Nurnberg, i2.Mar^ 191 j
Miinchen, 28. November 191 j
J 959
VERLAG DER RUDOLF STEINER-NACHLAS SVERWALTUNG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen, nicht wortlichen
und teilweise liickenhaften Nachschriften herausgegeben von
der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Domach
Die Herausgabe besorgten Wolfram Groddeck und Johannes Waeger
1. Buchausgabe Dornach 1959
Vortrag I-IV und XII erschienen in Einzelheften als Schriftenreihe
«Aus schicksaltragender Zeit», Dornach 1929-30
Vortrag VII und VIII erschienen in der Zeitschrift «Anthroposophie»
1933/34, 16. Jg., Buch 3 und Buch 4
Vortrag IX wird hier sum erstenmal veroffentlicht
Vortrag X und XI erschienen in der Zeitschrift «Anthroposophie»
1931/32, 14. Jg., Heft 3, und 1932/33, 15. Jg., Buch 4
Vortrag XIII und XIV erschienen 1945 im Nachrichtenblatt «Was in
der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht», Nr. 1, 2 und 3
Alle Rechte bci der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz
© 1959 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung Dornach / SchweLz
Printed by Buchdruckerei Meier & Cie, Schaffhausen
INHALT
Zur Einfiihrung. Aus einer Vorrede von Marie Steiner, 1940 . 7
I. Goethes Geistesart in unsern schicksalsschweren Tagen
und die deutsche Kultur, geisteswissenschaftlich betrachtet.
Berlin, 29. Oktober 1914 . 13
II. Das Volk Schillers und Fichtes, geisteswissenschaftlich
betrachtet.
Berlin, 5. November 1914 47
III. Die Menschenseele in Leben und Tod, geisteswissenschaft-
lich betrachtet.
Berlin, 26. November 1914 84
IV. Die Seelen der Volker, geisteswissenschaftlich betrachtet.
Berlin, 27. November 1914 114
V. Die germanische Seele und der deutsche Geist vom
Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft.
Berlin, l4.Januar 1915 153
VI. Geist-Erkenntnis in gliicklichen und ernsten Stunden des
Lebens. Eine Zeitbetrachtung.
Berlin, 15.Januar 1915 185
VII. Die tragende Kraft des deutschen Geistes.
Berlin, 25. Febraar 1915 215
VIII. Was ist am Menschenwesen sterblich?
Berlin, 26. Februar 1915 253
IX. Die verjiingenden Krafte der deutschen Volksseele.
Berlin, 4.Miirz 1915 290
X. Was ist am Menschenwesen unsterblich?
Niirnberg, 12.Marz 1915 323
XI. Der Schauplatz der Gedanken als Ergebnis des deutschen
Idealismus im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit.
Miinchen, 28. November 1915 362
XII. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung
im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit,
Berlin, 22. April 1915 398
Anhang
XIII. Schlaf und Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissen-
schaft.
Berlin, 16. April 1915 439
XIV. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis vom Gesichtspunkte
der Geisteswissenschaft.
Berlin, 23. April 1915 452
Hinweise 464
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 494
ZUR EINFOHRUNG
Aus einer Vorrede von Marie Steiner, 1940
Im Jahre 1902 entschloB sich Rudolf Steiner, unserer dem
Chaos zusteuernden materialistischen Zivilisation einen neuen
Einschlag zu geben durch eine erkenntnismaBig begriindete
Darlegung der Geisteswissenschaft. Seine liickenlose Beherr-
schung aller kulturellen Wissensgebiete - der physikalischen
und Naturwissenschaften, der Mathematik, der Philosophic, der
Literaturen, der Geschichte, der Kunst- und Kulturgeschichte —
gab ihm die notige Befugnis, sein Wissen vom t)bersinnlichen
auf einer f esten Grundlage aufzubauen und in die Denkformen
der Gegenwart einzukleiden. Allen Einwanden konnte er be-
gegnen; denn er hatte sie sich selbst vorher gemacht. Er war in
der Lage, die Mangel des gescheiten, aber kurzatmigen Den-
kens der Gegenwart aufzudecken. Dadurch zog er sich den
HaB der Vertreter materialistischer und konfessioneller Denk-
richtungen zu. Denn er hatte sich die Aufgabe gestellt, dem
Dogma des Ignorabimus, der unverriickbaren Erkenntnisgren-
zen entgegenzutreten, den Menschen darzulegen, daB die Seele
die Forschungswege betreten konne, die weit iiber das Sinnen-
f allige hinausgehen, und daB der Erweiterung ihrer Erkenntnis-
moglichkeiten keineswegs physikalisch-sinnliche Grenzen ge-
setzt sind. Er wurde der Verkiinder einer konkreten geistigen
Welt, wurde aber dadurch von den Fanatikern der bloBen
Materie und der Wissensgrenzen in Acht und Bann erklart.
Zunachst gedachte man durch Totschweigen ihn unschadlich
zu machen. Als dieses Mittel nicht die gewiinschte Wirkung
erzielte, wurde zur Verspottung und Verleumdung, dann zur
7
Massenagitation gegriffen. Die Verleumdung tobte in einer
grotesk ungeziigelten, alien Tatsachen Hohn sprechenden Art
und konnte ihn deshalb personlich weder beriihren noch errei-
chen. Sein Bild strahlte um so heller fur alle, die ihn kannten
und die vorurteilslos seine Schriften lasen. Aber sie fuhrten zu
einem von den Gegnern vorgesteckten Ziele: es gelang ihnen
zuletzt, durch fortwahrende Agitation und inszenierte Tumulte
seine offentliche Vortragstatigkeit in Deutschland zu unter-
binden, die zwei Jahrzehnte lang das erlosende Wort vom
Geiste und von denWegen zur Heilung unserer Kulturschaden
vor die europaische Menschheit gebracht hatte.
Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortrags-
tatigkeit gewesen. Was in anderen Stadten in mehr einzelnen
Vortragen behandelt wurde, konnte hier in einer zusammen-
hangenden Vortragsreihe zumAusdruck gebracht werden, deren
Themen ineinander iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Cha-
rakter einer sorgfaltig fundierten methodischen Einfiihrung in
die Geisteswissenschaft und konnten auf ein regelmaBig wie-
derkehrendes Publikum rechnen, dem es darauf ankam, immer
tiefer in die neu sich erschlieBenden Wissensgebiete einzu-
dringen, wahrend den neu Hinzukommenden die Grundlagen
fiir ein Verstandnis des Gebotenen immer wieder gegeben
wurden.
Es ware von ungeheurer Bedeutung fiir die Neugestaltung
des menschlichen Denkens und seiner Erlosung aus den Ban-
den engherziger wissenschaftlicher oder theologischer Dog-
matik, wenn die ganze chronologische Folge dieser wahrend
zwei Jahrzehnten in Berlin gehaltenen Vortrage in einer zu-
sammenhangenden Schriftenreihe erscheinen und von emp-
fanglichen Seelen aufgenommen werden konnte. Eine bedeut-
same Erhohung des moralischen Niveaus miiBte daraus erfol-
gen und eine Einsicht in das, was sozial not tut, um aus dem
menschenmorderischen Chaos der Gegenwart hinauszukom-
men. Mk der Einsicht in die Moglichkeit einer Durchbrechung
der Erkenntnisschranken kame der Mensch zu einer t)berschau,
die den Geist befreit.
Rudolf Steiner versuchte zunachst, das alt-ehrwiirdige Wort
«Theosophie», das durch den Dilettantismus Unberufener stark
kompromittiert war, wieder zu Ehren zu bringen. Ankniipfend
an Jakob Bohme und spatere deutsche Denker, konnte er dies
versuchen. Aber die notwendige Distanzierung von dem, was
um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts diesen Namen
usurpiert hatte, liefi ihn spater fiir seine okzidentalisch-christ-
liche Stromung den Namen «Anthroposophie» wahlen - ein
zutiefst begriindeter Name, da durch Menschenerkenntnis hin-
durch hier zur Geist- und Welterkenntnis geschritten wird.
Meistens jedoch gebrauchte er das schlichte deutsche Wort
Geisteswissenschaft. Die Themen geben eine umfassende tlber-
sicht dessen, was als Kulturerneuerung gewollt und erstrebt
war.
Im Friihjahr 1903 beginnt die offentliche Vortragstatigkeit
fiir Geisteswissenschaft im Berliner Architektenhaus. Im Friih-
jahr 1904 wurden im Architektenhause Themen behandelt, die
den Keim enthalten zu den spateren bahnbrechenden Arbeiten
Rudolf Steiners auf padagogischem und sozialem Gebiet. Sie
sind zusammengefaBt unter dem Titel: Theosophische Seelen-
lehre. Eine andere Vortragsserie fand statt im Vereinshaus,
WilhelmstraBe 118, Berlin. Rudolf Steiner versuchte darin, Auf-
klarung zu geben iiber jene Grenzgebiete zwischen sinnlicher
und iibersinnlicher Welt, welche die Aufmerksamkeit der Wis-
senschaft auf sich richten und fiir Unwissende so viel Gefahren
bergen. Er sprach dort iiber Theosophie und Somnambulismus,
Geschichte des Spiritismus, Geschichte des Hypnotismus und
des Somnambulismus. Beide Themen waren auch Gegenstand
von Vortragen, die vom April an jeden zweiten Montag im
Monat im Architektenhaus gehalten wurden.
Die im Herbst 1904 im Architektenhaus gehaltenen Vor-
trage sind vor allem dazu bestimmt, die wissenschaftliche
Grundlage der Anthroposophie auszubauen. Es folgte im Fruh-
jahr 1905 die Auseinandersetzung mit den Fakultaten. Im Ok-
tober 1905 begann die Vortragsreihe mit einem Vortrag iiber
Haeckel, die Weltratsel und die Theosophie. An Haeckel an-
zukniipf en wurde fiir Rudolf Steiner Notwendigkeit, war doch
Haeckel fiir die Weltanschauung der Gegenwart eine bestim-
mende geistige Macht. Rudolf Steiner wiirdigte im vollen
MaBe seine iiberragende Arbeitsleistung auf naturwissenschaft-
lichem Gebiet, lehnte aber andererseits vollkommen den An-
spruch ab, den herzhaft und unbekummert Haeckel erhob, nun
auch iibergreifen zu diirfen auf das Gebiet der Philosophic
und in Fragen der Weltanschauung autoritativ zu wirken. Hier
muBte ihm scharf entgegengetreten werden. Das tat Rudolf
Steiner mit auBerster Energie und Konsequenz; es hinderte ihn
jedoch nicht, in Worten der warmsten Anerkennung iiber das
Positive in Haeckels Leistung zu sprechen.
Die Themen der weiteren Jahrgange bilden ein umfassendes
Gefiige konsequenten Weiterdringens auf dem Gebiete einer be-
wuBtseinsmaBig erkampften, geistgetragenen Weltanschauung.
Im Herbst 1919 konnte Rudolf Steiner wieder in Berlin
sprechen. Er hielt am 15. September in der Philharmonie
seinen Aufsehen erregenden Vortrag iiber «Die Kernpunkte
der sozialen Frage und die Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus».
Inzwischen war die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise
auf ihn gerichtet. Uberall wurde von ihm gesprochen. Wenn
er redete, waren die groBten Sale iiberfullt. Stuttgart war unter-
dessen das hauptsachlichste Feld seiner offentlichen Wirksam-
keit geworden.
Nach Berlin kam er erst wieder zum 15. September 1921,
um im groBen Saal der Philharmonie einen Vortrag zu halten
iiber «Die Bedeutung der Anthroposophie in Wissenschaft
und Leben der Gegenwart». Diesem folgte im selben Saal am
19. November 1921 ein Vortrag iiber «Anthroposophie und die
Ratsel der Wissenschaft» und am 26. Jamiar 1922 im Marmor-
saal ein anderer iiber «Anthroposophie und die Ratsel der
Seele».
Dieses Hinstellen der Anthroposophie als Antwort auf die
Ratselfragen des Daseins erregte iiberall das grofite Interesse,
es kam dem starksten Bediirfnis der Seelen entgegen. Im Marz
fanden Hochschulkurse statt. Die Anthroposophie brach sich
Bahn. Sie war im Begriff, ein Kulturfaktor zu werden. Dies
zeigte sich besonders am letzten Vortrag, den Rudolf Steiner
in Berlin am 12. Mai 1922 im groBen Saal der Philharmonie
hielt. Das Thema lautete: « Anthroposophie und Geistes-
erkenntnis.»
Der Andrang war ungeheuer, die Kothener StraBe muBte
gesperrt werden, urn den weiteren Zustrom zu verhindern. Der
Ausklang war machtig. Es wagte sich kein Widerspruch her-
vor. Um so heftiger setzte im geheimen eine unterminierende
Gegenaktion ein, und die bekannte Konzertagentur Sachs und
Wolff, die nachgesucht hatte, fernerhin die Vortrage in
Deutschland zu organisieren, muBte nach eingehender Priifung
der Lage erklaren, nicht einstehen zu konnen fur einen gefahr-
losen Ausgang der Veranstaltungen. An mehreren Orten hatten
Radaubriider Tumulte inszeniert.
So wurde in dem Augenblick, als sie sich siegreich durch-
gesetzt hatte, ein gewaltsames Ende dieser einundzwanzigjah-
rigen Vortragstatigkeit bereitet, die als Ziel hatte, die Mensch-
heit vor den Ubeln zu bewahren, die iiber sie hereingebrochen
sind. Im Rausch der selbstherrlichen Geschaftigkeit der Vor-
kriegszeit, im Brausen der zusammenschlagenden sozialen Wo-
gen wahrend der Kriegs- und Nachkriegszeit wurde die Stimme
des warnenden Weisen iiberhort und dann erstickt. Die Stimme
des Lebenden wurde zum Schweigen gebracht. Des Toten Wort
wird leben. Es hat die Kraft, Verfall und Tod zu iiberwinden.
Die Nachschriften der Vortrage konnten von Rudolf Steiner
selbst nicht durchgesehen werden. Dazu fehlte ihm die Zeit.
Zunachst hatte er sich gegen das Nachschreiben und Verviel-
faltigen seiner Vortrage verwahrt. Das gesprochene Wort ware
anders als das geschriebene, pflegte er zu sagen. Es eigne sich
nicht zum Nachdruck, es richtet sich stark nach dem, was der
Zuhorer dem Sprecher entgegenbringt, gibt Wiederholungen,
Verstarkungen oder VerdeutHchungen des schon Gesagten, je
nach dem Verstandnis, das es findet, — bringt Einfalle des Mo-
mentes, deren kiinstlerischer Ausdruck im Tonfall und in der
Wortgebarde liegeri. Ganz subtile Gedanken, besonders wenn
sie okkulte Wahrheiten betreffen, werden in der Nachschrift
leicht durch Weglassung eines Wortes, einer Nuance verscho-
ben und von ihrer inneren Wahrheit abgebogen. Wie oft kann
der Stenograph der feurigen Sprache nicht nachkommen! Ru-
dolf Steiner litt unsaglich, wenn er sein gesprochenes Wort in
den Nachschriften vor sich sah. Er schob sie weg und hat nur
in ganz vereinzelten Fallen Korrekturen vorgenommen. Dies
geschah fur den in Kopenhagen 1911 gehaltenen Zyklus «Die
geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit», dann
wahrend der Kriegszeit fiir «Die Mission einzelner Volksseeien»,
nachher teilweise fiir den in der Monatsschrift «Die Drei»
erschienenen Zyklus: «Der Orient im Lichte des Okzidents. Die
Kinder des Luzifer und die Briider Christi», und einige andere
Vortrage.
GOETHES GEISTESART
IN UNSERN SCHICKSALSSCHWEREN TAGEN
UND DIE DEUTSCHE KULTUR
Berlin, 29-Oktober 1914
Jahr urn Jahr durfte ich in den letzten Zeiten hier, von die-
sem Orte aus, iiber Fragen der Geisteswissenschaft sprechen.
Die Vortrage, die um diese Zeit immer begonnen haben, auch
in diesem Winter fortzusetzen, scheint mir richtig zu sein.
Denn wie sollte nicht gerade in unserer schicksalsschweren
Zeit Bedurfnis dazu vorhanden sein, iiber Angelegenheiten
des geistigen Lebens sich zu vertiefen! Vor alien Dingen aber
schien es mir notwendig, in den beiden einleitenden Vortra-
gen, die heute und iiber acht Tage gehalten werden sollen, den
unmittelbaren Ausgangspunkt zu nehmen von dem, was uns
jetzt alien so am Herzen liegt. Denn es scheint mir unmoglich,
in unserer Zeit iiber irgend etwas zu sprechen, ohne im Auge
zu haben, daB das Wort, das gesprochen wird, heute muB be-
stehen konnen vor denen, welche drauBen im Westen und im
Osten mit ihrem Herzblut eintreten fur das, was die Zeit for-
dert. Wer konnte anders sagen, als daB Worte, die heute wert
sein sollen, gesprochen zu werden, im Geiste an diejenigen
gerichtet werden durfen, die sich fur unsere Angelegenheiten
verbluten. Und wie sollte nicht von den unmittelbaren Zeit-
eindriicken ausgegangen werden, da wir das GroBe, das Ge-
waltige erlebt haben, daB gewissermaBen die Welt der Seelen,
die Welt der Herzen in wenigen Tagen ein neues Antlitz zei-
gen kann! Eine unendliche Summe von Selbstlosigkeit, von
Hingabe, von Opferwilligkeit - wir haben sie aufbltihen sehen
in den ersten Augusttagen, und wir stehen alle unter dem Ein-
druck der GroBe der Zeit.
Wenn ich aber insbesondere von dem Genius ausgehen
mochte, der so innig verwachsen ist mit alledem, was er seinem
Volke und der Menschheit gegeben hat, der so innig verwach-
sen ist mit der ganzen Entwickelung Mitteleuropas; wenn ich
ausgehen will von Goethe, so geschieht es vor alien Dingen aus
dem Grunde, weil ich glaube, daB ich im Laufe der Jahre, so
sonderbar das klingen mag, kein Wort von diesem Orte aus
gesprochen habe, das nicht bestehen konnte vor dem Urteile
Goethes — wenn auch das, was die Geisteswissenschaf t zu sagen
hat, nicht immer wortlich mit dem belegt werden kann, was
wir von Goethe kennen. Sein Geist waltet iiber uns. Und was
vor dem Geiste Goethes sich rechtfertigen laBt, das ist es, was
ich als Geisteswissenschaft in unserer Gegenwart meine.
Nahe geht es uns ja, wie heute nicht bloB das spricht, was
aus unseren Lungen, was aus unserm Herzen kommt; nahe geht
es uns, zu vernehmen, wie die Tatsachen eine gewaltige Sprache
sprechen. Hinopfern miissen viele heute ihr Leben. Verwundet
kommen sie zuriick, die uns teuer sind, vom Westen und vom
Osten. In diesen Tagen sprechen die Tatsachen von der geisti-
gen Welt. Und ich weiB, sie sprechen in den Herzen derjeni-
gen, die drauBen auf den Schlachtfeldern das physische Leben
zu verlassen haben. Da wird das, was uns mit dem Bleibenden,
mit dem Ewigen verbindet, auf dieser Erde hier verbindet, es
wird zur unmittelbaren geistigen Realitat, mit der sich vor
alien Dingen derjenige verbunden weiB, der physisch diese
Realitat verlassen muB. Volkstum, Volksseele, sie werden recht
reale Begriffe; man kann es heute von jenen horen, die zuriick-
kommen, oder die von den Schicksalsfeldern Berichte nach
Hause schicken. — Diejenigen der verehrten Zuhorer, welche
die Vortrage der letzten Jahre hier gehort haben, werden wis-
sen, daB ich nur in den seltensten Fallen Personliches beriihre.
Heute aber wird der Ausgangspunkt von Personlichem gestattet
sein, da wir doch im Grunde genommen alle in innerster Seele
und im innersten Herzen personlich verbunden sind mit dem,
was geschieht, und mit dem, was uns als Friichte in unsern
Hoffnungen vorleuchtet aus dem, was sich vollzieht.
Erlebt gewissermaBen habe ich das, was heute Ereignis ge-
worden ist, vor Jahren in Osterreich. Und wenn heute die Er-
eignisse besprochen werden — es richten sich ja die Blicke nach
Osterreich hiniiber, von dem gleichsam ausgegangen ist, was
uns in diesen schicksalsschweren Tagen GroBes und Schmerz-
volles erscheint — so darf ich, da hier Personliches mit dem all-
gemein Menschlichen dieser Tage verbunden ist, von diesem
- ich mochte sagen — osterreichischen Erlebnis ausgehen.
In den siebziger, achtziger Jahren des verflossenen Jahr-
hunderts stand ich in Osterreich innerhalb derjenigen Gruppe
von Menschen, welche als ein Ideal vor sich leuchten sahen,
was sich gewissermaBen in diesen Tagen in Mitteleuropa er-
fiillt hat. Haben auch alle diejenigen, zu denen auch ich damals
in Osterreich gehorte, vielleicht eine ganz andere Vorstellung
gehabt von der Zusammenkettung der Volker Osterreichs mit
dem deutschen Volke, so lebte doch in zahlreichen Herzen
damals als ein Ideal das Zusammengehen der osterreichischen
Volker mit dem deutschen Volke. Und als ich, der ich noch
als Kind mit den Klangen der deutschen Sprachen alles das auf-
genommen hatte, was in den sechziger Jahren in den osterrei-
chischen Deutschen vorhanden war an MiBstimmung gegen
PreuBen, besonders iiber das Jahr 1866, und alles, was damit
zusammenhing — , als ich in den siebziger, achtziger Jahren die
Wiener Hochschule besuchte, da drangen zunachst Worte eines
osterreichischen deutschen Professors an mein Ohr, Worte, die
mir damals in dem Mittelpunkte des geistigen Strebens Oster-
reichs standen, und die mir und anderen gleichsam die Losung
gaben fur die Zusammengehorigkeit des geistigen Lebens Mit-
teleuropas. Und ich darf Ihnen die Worte vorlesen, welche
damals von einem Deutschen Osterreichs zu seinen Studenten
gesprochen worden sind:
«Das Jahr 1870 hat die Entwickelung des deutschen Volkes
zu einem AbschluB gebracht.
Die Hoffnung, daB die noch ubrigen dreifiig Jahre unseres
Jahrhunderts die Keime geistigen Lebens in Deutschland zu
rascher Entwickelung treiben werden, wenn auch zunachst die
Dichtung zuriicktreten wird, muB uns auffordern, iiber die
jiingste Vergangenheit ins reine zu kommen, um gewisser-
maBen ohne Aktennickstand der unmittelbaren Gegenwart
gegeniiberzustehen.
Wir in Osterreich sehen uns gerade bei diesem bedeuten-
den Wendepunkte in einer eigentumlichen Lage.
Hat die freie Bewegung unseres staatlichen Lebens die
Scheidewand hinweggeraumt, die uns bis vor kurzem von
Deutschland trennte, sind uns nun durch das Volksschul-
gesetz und die neuen Einrichtungen des Unterrichts uberhaupt
die Mittel in die Hand gegeben, uns emporzuarbeiten zu
einem gemeinsamen Kulturleben mit den iibrigen Deutschen,
so ist gerade jetzt der Fall eingetreten,»
- bitte zu beriicksichtigen: es ist dies unmittelbar unter den
Nachwirkungen des Jahres 1870 geschrieben! -
«daB wir an einer groBen Handlung unseres Volkes uns
nicht mit beteiligen sollten. Der Norden hat die Fuhrerschaft
in Deutschland iibernommen und einen Staat gebildet, aus
dem wir ausgeschlossen sind. Im deutschen Geistesleben
konnte dadurch eine Scheidewand nicht entstehen. Die Wur-
zeln desselben sind nicht politischer, sondern kulturgeschicht-
Ucher Natur. Diese unzerreiBbare Einheit deutschen Geistes-
lebens, an dem nicht nur Westosterreich, an dem selbst die
Deutschen Ungarns und Siebenbiirgens entschieden Anteil neh-
men, wollen wir im Auge behalten. Moge auf diesem geistigen
Gebiete hiiben und driiben gegenseitige Liebe waken. Wir in
Osterreich wollen mit dem Geistesleben im Deutschen Reiche
Hand in Hand gehen und unbefangen anerkennen und nach-
streben, wo man uns dort voran ist; im Deutschen Reiche
wolle man aber unsere schwere Kulturaufgabe wiirdigen und
ehren und iibers Vergangene uns nicht anrechnen, was unser
Schicksal, nicht unsere Schuld ist.»
Der Mann, von dem diese Worte stammen, Karl Julius
Schrder - er gehort langst nicht mehr zu den Lebenden der
diese Worte oft und oft zu seinen osterreichischen Studenten
gesprochen hat, wovon war er in seinem Innersten beseelt? Er
selber war ein Deutscher, in Ungarn geboren. Was hielt ihn
zusammen mit dem gesamten deutschen Geistesleben? In einem
Worte ist es ausgesprochen, was ihn damit zusammenhielt - in
dem Worte: Goethe. Denn ganz erfullt war dieser Mann von
Goethes Geistesart. Und Goethes Geistesart, sie wirkte wie das
lebendig' Band, wirkte aber auch wie das Feuer, das hiniiber-
ging von den Deutschen Deutschlands zu den Deutschen Oster-
reichs, den Deutschen Ungarns, zu alien Deutschen Europas.
Nun kann man, wenn man von Goethe spricht, leicht ein-
wenden: Zu wie vielen Seelen, zu wie vielen Herzen spricht
denn Goethe heute innerhalb des deutschen Volkes schon eine
ganz lebendige Sprache? Wird es nicht viele geben, die drauBen
fur deutsches Wesen verbluten und die nicht viel von Goethe
wissen?
Darauf kommt es nicht an, wenn man von den leitenden
Genien eines Volkes und der Menschheit spricht. Denn mehr
als auf irgendeinem anderen Gebiete scheint mir hier das
Wort wahr zu sein: « An ihren Friichten sollt ihr sie erkennen! »
Mitteleuropaisches Kulturleben, die deutsche Kultur, an ihren
Friichten muB man sie erkennen — und an ihrer reif sten Frucht,
an Goethe. Und hiniibergewirkt hat Goethe so, daB deutsches
Wesen bei vielen Osterreichern eben empfunden wurde wie
eigenes Wesen. Der deutscheste Dichter Osterreichs, Robert
Hamerling, sprach ein Wort, welches man gewissermaBen fur
die, von denen ich eben gesprochen habe, wie eine Art « De-
vise* gebrauchen kann, wie eine bedeutungsvolle Devise; denn
es ist vielen, vielen in der Zeit, von der ich gesprochen habe,
aus der Seele geredet gewesen. «Osterreich ist mein Vaterland»,
sagt Robert Hamerling, «aber Deutschland ist mein Mutter-
land! » Und alle solchen Worte, aber vor alien Dingen solche
Gesinnungen, sie waren gesprochen unter dem, was in des
Deutschtums Volkssubstanz Goethe wirkte. So darf ich denn
audi hier Personliches als Ausgangspunkt zu allgemein Mensch-
lichem nehmen.
Goethe wurde fiir mich selber zu einer Art Leitgenius. Im-
mer mehr und mehr erschien er mir als derjenige Genius Mit-
teleuropas, der nicht nur das darstellt, was man in Goethes
Werken kennenlernen kann, was man in den iiberreichen Mit-
teilungen kennenlernen kann, die wir gerade von Goethes
Leben haben; ja, nicht einmal erschien mir Goethe erschopfend
in dem, was er selber vor uns hingestellt hat wie eine lebendige
Wesenheit, jene seines « Faust ». Sondern so erschien mir stets
Goethe, als ob in allem, was wir von ihm aus seinen Mitteilun-
gen, aus seinen Werken, aus dem wissen konnen, was jetzt
schon lebendig in der Kultur Mitteleuropas fortwirkt, ja in der
ganzen Kultur der Menschheit, als ob in alledem noch etwas
darinnenstecke, was etwas viel Umfassenderes, etwas viel Uni-
verselleres ist, etwas, was uns in intimen Augenblicken des
Lebens, wenn wir uns mit Goethe so recht beschaftigen, wie
aus einem Zauberberg entgegentritt. Wie der alte Barbarossa
selber in erneuerter Gestalt mit dem Genius Mitteleuropas -
so tritt uns in Goethe ein Wesen entgegen, innig verbunden
mit dem, was aus deutschem Geist ausgehend der Menschheits-
kultur einverleibt werden soil. Und tiefer, als wir sie heute
noch verstehen konnen, scheinen die Worte zu sein, die am
Schlusse des « Faust » stehen:
Alles Vergangliche
1st nur ein Gleichnis;
Das Unzulangliche,
Hier wird's Erreichnis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist es getan.
Faust, nach einem Leben, in welchem sich das immerwahrende
Streben Mitteleuropas so recht zum Ausdruck bringt, er endet
damit, daB seine Seele aufgeht in die geistige Welt. Wie ein
Hinweis darauf, daft aus faustischem Streben, mit dem sich der
Mensch verbindet, hervorgehen miisse der Zusammenhang des
Menschen mit der geistigen Welt — so erschien mir Goethes
Geistesart. Und erscheinen kann sie einem noch in folgender
Weise. Man kann sich Goethe hingeben, all dem Herrlichen,
dem GroBen, was er gesagt hat; man kann mit hingebungs-
vollem Herzen die ungeheure Weltweisheit des Faust auf-
nehmen. Aber man kann auch intimer sich in die Art ver-
tiefen, wie Goethe strebte, in die Art, wie die Menschheits-
und Weltengeheimnisse in seiner Seele wirkten und lebten
und wiihlten. Man kann sich entschliefien, mit ihm zu streben.
Dann wird die Seele — wie ich glaube — entriickt, hingewiesen
in diejenigen Welten, welche die hier gemeinte Geisteswissen-
schaft vertritt. — In meinem letzten Buche «Die Ratsel der
Philosophies, der zweiten Auflage meiner «Welt- und Lebens-
anschauungen im neunzehnten Jahrhundert», versuchte ich
nachzuweisen, wie aus Goethes Geist heraus die Kronung der
abendlandischen Philosophie gewonnen werden kann. Ich kann
heute nur kurz andeuten, woriiber ich so oft hier von dieser
Stelle aus gesprochen habe.
Vertiefen wir uns in Goethes Geist. Wir finden ihn - und
wenn wir uns geniigend in seine Geistesart vertiefen, steht es
nicht einseitig da — , wir finden ihn vor allem bemiiht, tief
hinunterzusteigen in diejenigen Spharen der Natur, wo die
Quellen ftieBen, wo Natur und Menschenwesen eins sind.
Goethes Geist ist so geartet, daB ihm Naturwissenschaft un-
mittelbar zu religiosem Leben, zu religiosem Wesen wird.
Goethe vertiefte sich nicht mit Verstand und Vernunft allein
in die Natur; sondern sein ganzes Herz, seine ganze Seek
tauchte tief hinunter in die Naturgeheimnisse, so daB ihm das,
was ihm Naturgeheimnis war, zugleich Erdenfreundschaft war.
Was im Abendlande von jeher erstrebt worden ist: den Zu-
sammenhang zwischen Menschenseele und Natur wiederzu-
finden, wie er in Griechenland vorhanden war und wie er
der modernen Menschheit verlorengegangen ist - durch
Goethes Geistesart ist es zu gewinnen. Alle Krafte Goethes
streben nach diesem einen hin. Seine umfassende Einbildungs-
kraft bringt den Verstand, die Vernunft in jene Bahnen, durch
welche die Menschenseele zu den Quellen des Daseins dringt,
in denen nicht nur auBerliches mechanisches Naturwissen ge-
funden werden kann, sondern auch solche Weltgesetzlichkeiten,
die als die Gedanken der Gottheit selber uns entgegentreten!
Mit seiner ganzen Seele taucht Goethe unter in die Tiefen des
Seins, wo Wissenschaft zugleich Religion wird, in jene Tiefen,
von denen Schiller sagt:
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
So kommt es, daB Goethe nicht nur einseitig Dichter, nicht
einseitig Kiinstler war, daB er Forscher wurde, Naturwissen-
schafter wurde, weil er das, was die Menschenseele erstrebt,
als Ganzes erstreben wollte. Und so erscheint uns die um-
fassendste, die reifste Natur, die jemals von einem Menschen
hingestellt worden ist: die Faust-Natur, aus Goethes Seele her-
vorzugehen, jene Faust-Natur, die vor der auBeren Wirklich-
keit dasteht mit Worten, die heute fast schon trivial geworden
sind, denen gegeniiber man sich aber auf den Standpunkt stel-
len muB, von dem aus Goethe sie erlebt hat. So konnte Goethe
jene Gestalt schaffen im Faust, welche dasteht vor der auBeren
Wirklichkeit mit den Worten:
Habe nun, ach! Philosophic,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heiBem Bemiihn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Aber was erleben wir an diesem Faust? — Wir erleben, daB
die Seele, die in Zweifel verfallen ist iiber alle auBere Welt,
aus ihrem Inneren heraus sich die Elemente auferbaut, die sie
hineinfuhren in das universelle Dasein — wissenschaftlich,
kiinstlerisch, universell. Und dann erkennen wir, daB in dieser
Faust-Natur der Geist Mitteleuropas, vor allem der Geist des
deutschen Volkes lebt, und wir erkennen besonders diesen
Geist des deutschen Volkes, wenn wir Faust die Worte spre-
chen horen:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich,
Kraft, sie zu fiihlen, zu genieBen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
und dann die gewaltigen, tief in die Seele dringenden Worte:
Vergonnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du fiihrst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und iehrst mich meine Bruder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste
Und Nachbarstamme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Htigel donnert,
Dann fiihrst du mich zur sichern Hohle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder offnen sich.
Man kann diese Worte nicht empfinden, nicht durchdringen,
ohne — ich mochte sagen — eins zu werden mit dem, was deut-
sche Volksseele ist, diese Volksseeie, die mit ihren Gedanken
und Empfindungen, mit ihrer Phantasie und Einbildungskraft
sich selber hinopfern will auf dem Altare des geistigen Lebens,
um auf diesem Altar aufsteigen zu sehen das Feuer, das hinauf-
fiihrt in die geistigen Welten. Und wenn wir den SchluB des
Faust verfolgen, so konnen wir nicht umhin, uns zu erinnern,
daJ3 uns Goethe durch ihn sagen wollte: Bis zu diesem Auf-
stieg in die geistigen Welten, wo ihm wirklich klar werden
kann: «Alles Vergangliche ist nur ein Gleichnis», fiihrt nur
der Weg fur denjenigen, der sich verjungt hat. Denn Faust
wird uns vorgefiihrt mit einem Doppel-Leben. Wir sehen ihn
zuerst, wie er alt ist, und dann, wie er den Verjiingungstrank
genoB und hinaufdringt in die geistigen Welten. - In solchen
Zeiten wie den heutigen ist man versucht, die Worte in einer
ganz besonderen Tiefe zu sehen. Man hat das deutsche Volk
oft mit Hamlet verglichen. Man hat oft das Wort Hamlets
«Sein oder Nichtsein» gebraucht, urn das Wesen des deutschen
Volkes zu charakterisieren. Oh, man hort es aus den Worten
und aus den groBen Zuversichten, die wir heute aus allem ver-
nehmen, dieses «Sein oder Nichtsein*. Aber wie? Nicht im
Hamlet-Sinne hort man es, sondern im Faust-Sinne! Im
Sinne der GewiBheit, daB das, was so gegrundet ist wie die
Volksseele, aus welcher Faust herausgewachsen ist, zu dem ge-
hdrt, fiir das «alles Vergangliche nur ein Gleichnis» ist, das fur
die Ewigkeit gewahrt ist. Und so erscheint uns Faust wahr-
haftig nicht wie ein Skeptiker, sondern wie ein Symbolum. Wir
verfolgen das deutsche Volk von den altesten Zeken, von
denen uns Tacitus in so grandioser Weise erzahlt, und finden
es in faustischer Weise sich immer verjiingend - immer aber
das eine wissend: Konnen wir jetzt schon « Deutsche* sein?
Das konnen wir jetzt noch nicht sein; das werden wir in ewi-
gem Streben! Und wieder horen wir von Faust die Worte:
Wer immer strebend sich bemuht,
Den konnen wir erlosen;
wie auch die anderen:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der taglich sie erobern mufi.
Und nicht kann der Deutsche so ohne weiteres von sich spre-
chen «ich bin ein Deutscher*, wie der Englander von sich
sagt «ich bin ein Englander», wie der Franzose «ich bin ein
Franzose», wie der Italiener «ich bin ein Italiener». Denn die
Angehorigen dieser Volker wissen, was sie sind, wenn sie das
sagen. Der Deutsche weiB, daB das, was ihm als «Deutscher»
vorschwebt, ein Ideal ist, welches mit den tiefsten Quellen des
Geistigen zusammenhangt, daB man ein Deutscher wkd und
immer wird — und niemals ist. Und so geht das deutsche Stre-
ben selber stets hinauf in geistige Welten - wie Fausts Streben
sich zuletzt in seiner Seele erhebt von Stufe zu Stufe in Wel-
ten, welche Goethe so wunderbar dargestellt hat. Wenn auch
von Goethes Darstellung in vielen deutschen Herzen jetzt
noch wenig mit BewuBtsein vorhanden ist: die Kraft, welche
in Goethe lebte, sie lebt heute in Mitteleuropa. Und es ist ge-
wiJ3 nicht ubertrieben, wenn wir sagen: Goethes Genius kampft
mit in den Seelen, in den Herzen, in den Adern derjenigen, die
im Westen, die im Osten stehen. Fur den Geisteswissenschafter
wird das alte griechische Marchen Wirklichkeit, daB die wert-
vollsten Genien eines Volkes dann, wenn das Schicksal dieses
Volkes sich entscheidet, geistig unter den Mitkampfern sind.
Fur den, der wirklich Goethe kennt, ist es ohne weiteres klar,
daB alles, was die abendlandische Kultur hervorgebracht hat,
was wir abendlandische Kultur nennen konnen, in Goethe
Person geworden ist, universelle Personlichkeit geworden ist,
in Goethe neugeboren worden ist, so daB fortan der, welcher
mit der Kultur geht, beriihrt sein muB von Goethes Genius.
Das gibt uns den Glauben, daB insbesondere in unserer Zeit
Goethes Genius iiber uns waltet.
So war es bei osterreichischen Deutschen, die das Wort
«Goethe» horten mitten in der Zeit jener Kampfe, da die
osterreichischen Volker noch nicht an der Seite des deutschen
Brudervolkes kampfen durften. Das war es, was zugleich den
Zug enthielt, den ich selber nach Deutschland empfand. Und
nur andeuten mochte ich als ein Personliches die tiefste Be-
friedigung, die ich fuhlen durfte, als ich sechseinhalb Jahre
hindurch mitarbeiten durfte an der groBen Weimarischen Aus-
gabe, welche Goethes gesamtes Geistesgut der Menschheit brin-
gen sollte. Und seit jener Zeit war es unabanderlich mein
Drang, weiterzukommen in der Erfassung des Goetheschen
Genius. Und da darf ich hinweisen auf eine Personlichkeit, von
der ich hier von diesem Orte aus auch schon gesprochen habe,
eine Personlichkeit, welche gewissermaBen im letzten Drittel
oder in der zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts
Goethes Geistesart im deutschen Geistesleben voll vertrat:
auf Herman Grimm. Ein Ereignis im deutschen Geistes-
leben waren Herman Grimms Vorlesungen, die er in den
siebziger Jahren an der Berliner Universitat iiber Goethe ge-
halten hat. Ich will nicht sagen, daB ich jedes Wort in diesen
Vorlesungen Herman Grimms vertreten kann; aber bedeut-
samer als seine Worte war das BewuBtsein, welches in Herman
Grimm lebte.
Gleich in seiner ersten Vorlesung sprach er iiber das Ver-
haltnis Goethes zum geistigen Leben Deutschlands in folgen-
der Weise:
« Goethe hat im geistigen Leben Deutschlands gewirkt, wie
eine gewaltige Naturerscheinung im physischen gewirkt hatte.
Unsere Steinkohlenlager erzahlen von Zeiten tropischer Warme,
wo Palmen bei uns wuchsen. Unsere sich aufschlieBenden
Hohlen berichten von Eiszeiten, wo Rentiere bei uns heimisch
waren. In ungeheueren Zeitraumen vollzogen sich auf dem
deutschen Boden, der in seinem heutigen Zustande so sehr
den Anschein des ewig Unveranderlichen tragt, kapitale Urn-
walzungen. Der Vergleich also laBt sich ziehen, daB Goethe
auf die geistige Atmosphare Deutschlands gewirkt habe etwa
wie ein tellurisches Ereignis, das unsere klimatische Warme
um so und soviele Grade im Durchschnitt erhohte. Geschahe
dergleichen, so wiirde eine andere Vegetation, ein anderer
Betrieb der Landwirtschaft und damit eine neue Grundlage
unserer gesamten Existenz eintreten.»
So war es flir Herman Grimm selbstverstandlich, daB er in
Goethes Geistesart dachte. Man mochte sagen, jedes Wort von
Herman Grimm kann uns zeigen, wie man in Herman Grimm
gleichsam den geistigen Statthalter Goethes in der zweiten
Halfte des neunzehnten Jahrhunderts sehen kann. Goethes
Genius selber wirkte durch Herman Grimm hindurch. Und
Herman Grimm war iiberzeugt — und darin zeigte sich wieder
so recht Goethes Geistesart in ihm, daB Hunderte von Jahren
noch notwendig waren, um Goethe voll zu verstehen und voll
zu wiirdigen, was er in seiner Geistesart ist. Daher wuBte Her-
man Grimm selber, daB das, was er iiber Goethe zu sagen hatte,
uberholt werden muBte, wenn diese Geistesart Goethes einmal
richtig verstanden wiirde. So erscheint uns auch Herman
Grimms Schilderung Goethes wie eine Schilderung von auBen.
Es ist etwas Eigenartiges, sich in Herman Grimms Schilderun-
gen iiber Goethes Geistesart und Goethes Schopfungen zu
vertiefen. Ausgebreitet ist vor Herman Grimm das soziale, poli-
tische und geistige Leben Deutschlands, und er schaut inner-
halb desselben Goethe, wie er machtig dahinschreitet und
durch seinen Genius tief in die Verhaltnisse Deutschlands auf
wissenschaftlichem, politischem und kunstlerischem Gebiete
eingreift. Aber wir schauen ihn so «von aui3en» an. Herman
Grimm war sich dessen selbst bewuBt, und es kommt ihm die
Empfindung, daB Zeiten kommen miissen, in denen man sich
erst innerlich mit Goethes Art verbinden miisse, und daB noch
Unendiiches von Goethe kommen werde.
In unseren schkksalsschweren Tagen diirfen wir uns der
Gedanken Herman Grimms erinnern, wenn wir von Goethes
Geistesart sprechen. Ich habe gleich in der Einleitung zu mei-
nem Vortrage auf Karl Julius Schroer hingewiesen. UnvergeB-
lich wird mir ein Wort aus dem Munde dieses Mannes sein,
das damals, als Schroer in Wien iiber Goethe sprach, wie ein
ziindender Funke in meine Seele fiel. Er begann einen Vortrag,
in dem er auseinandersetzte, was die Eigenheit des deutschen
Geistes ist, wie deutsche Kunst, deutsche Phantasie - Goethe-
sche Kunst, Goethesche Phantasie — gegriindet ist auf der tief-
sten "Wahrheit des Seins; und man mochte sagen: ein weites
Feld blitzartig beleuchtend, sagte der Goetheaner Karl Julius
Schroer: Der Deutsche hat asthetisches Gewissen! Viele Fra-
gen werden dem Deutschen aus seiner faustischen Natur her-
aus Gewissensfragen. Und so werden ihm auch die groBten
Ereignisse, denen er gegeniibersteht, - jene Ereignisse, von
denen Goethe sagt, daJ3 sie im Zusammenhange stehen mit dem
«groBen gigantischen Schicksal, welches den Menschen erhebt,
wenn es den Menschen zermalmt» — , vor allem zu Fragen vor
seinem Gewissen. Dieses Gewissen in seine Seele aufzuneh-
men, war Herman Grimm bestrebt. Daher hat er vieles gesagt,
was man gern wiedersagen mochte in diesen Tagen, in denen
wir gegeniiber den Stimmen aus der ganzen Welt, gegeniiber
alledem, was uns jetzt von iiberallher zugerufen wird, vor
alien Dingen nichts anderes fragen wollen als eben das Ge-
wissen: ob wir vor dem bestehen konnen?
Was sagt sich, aus Goethes Denkungsart heraus, das deutsche
Gewissen in Herman Grimm?
Ich glaube, es sind bedeutungsvolle Worte, die er sagt,
Worte, welche besonders in unseren Tagen bedeutungsvoll
werden konnen:
«Die Solidaritat der sittlichen Oberzeugungen aller Men-
schen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen
leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke
dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der
Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen
existiert hier nicht mehr. Wir fiihlen, dafi der ethischen Welt-
anschauung gegeniiber kein nationaler Unterschied walte.»
Das durfte aus Goethes Geistesart heraus gesagt werden im
Jahre 1895, aus Goethes Geist heraus, der wie kein anderer
die Eigenschaft hatte, liebevoll unterzutauchen in alles Mensch-
liche, auch in alles Nationale.
«Wir alle wiirden fur unser Vaterland uns opfern,» und
hier sind bedeutungsvolle Worte:
«den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizufiihren,
wo dies durch Krieg geschehen konne, sind wir weit entfernt.
Die Versicherung, daB Friede zu halten wiser heiligster Wunsch
sei, ist keine Liige. <Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallem durchdringt uns.»
Wer das Wesen Mitteleuropas kennt, er weiB, daB dies
wahre Worte sind, Worte, welche vor dem, was soeben das
«deutsche Gewissen» genannt wurde, bestehen konnen! Und
hinleitend auf das, was uns Goethe, der lebendige Goethe, noch
werden kann, sind die folgenden Worte Herman Grimms:
«... Die Menschen als Totalitat anerkennen sich als einem
wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe
unterworfen, vor dem nicht bestehen zu diirfen sie als ein Un-
gliick erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre
inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit angstlichem
Bestreben suchen sie hier ihr Recht.»
Wie universell, wie liebevoll eingehend auf das, was all-
gemein menschlich ist, spricht aus Goethes Geist heraus Her-
man Grimm im Jahre 1895:
«Wie sind die heutigen Franzosen bemiiht, den Krieg gegen
Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung
hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Voikern,
ja von den Deutschen selber fordern.»
Horen wir aus diesen Worten nicht die Versicherung,
welche in Mitteleuropa lebte, daB dieses niemals hatte aus
sich heraus, um seinetwillen, den Krieg herbeifiihren konnen?
Horen wir aber nicht auch das BewuBtsein heraus, der ehernen
Notwendigkeit gegeniiberzustehen? «Wir alle wiirden fiir
unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizu-
sehnen oder herbeizufuhren, wo dies durch Krieg geschehen
konnte, sind wir weit entfernt.» Das wissen wir, daB dies wahr
ist! Und deshalb wissen wir, daB bei dem Volke, in welchem
diese Gesinnungen lebten, die Ursache und die «Schuld» fiir
die heutigen Ereignisse nicht gefunden werden kann. Aber mit
Blindheit waren die Goetheaner nicht geschlagen. DaB der
Krieg doch kommen werde, wuBten sie. «Wie sind die heu-
tigen Franzosen bemuht, den Krieg gegen Deutschland, den
sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren
Anerkennung sie von den anderen Volkern, ja von den Deut-
schen selber fordern!»
Schon zu Goethes Zeiten wurde von Goethes gegenstand-
lichem Sinn gesprochen, von seiner liebevollen Art, in die
Menschen, aber auch in die Dinge unterzutauchen, mit der
eigenen Seele sich mit allem zu verbinden. Ein bedeutender
Psychologe seiner Zeit, Heinroth, hat das Wort von der gegen-
standlichen Denk- und Anschauungsweise Goethes gebraucht.
Diese Gegenstandlichkeit fiihrt eben zu derjenigen Welt-
anschauung, welche man als «Goethesche Weltanschauung*
bezeichnen kann, und an der niemand wird vorbeigehen kon-
nen, der die Kultur der neueren Zeit in sich aufnehmen will.
Im Grande genommen: man war eigentlich nicht weit davon
entfernt, derlei Dinge anzuerkennen. Goethes Geistesart — ist
sie denn so unbekannt geblieben? Ich mochte auf Worte hin-
weisen, die gesprochen worden sind und die uns zeigen kon-
nen, wie Goethes Geistesart nicht eigentlich so unbekannt
geblieben ist - auf Worte, wie etwa die folgenden:
«Woods (des Englanders) Aufsatz war der Vorlaufer der
noch epochemachenderen homerischen Forschungen Wolfs;
und die griechischen Ideale von Kunst und Leben wurden fur
Goethe und Schiller in Weimar, wie im Falle Herders die
Ideale urzeitlichen Gesanges, die Instrumente, auf welchen der
deutsche Geist zu einer Musik sich emporspielte, die neu und
doch zugleich im tiefsten Grunde sein eigen war.»
Merkwiirdige Worte noch, mit Bezug auf die Franzosen
und Englander:
«Der hochbegiinstigten Auslese unter Descartes und New-
tons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos be-
kannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde
dem modernen Europa, falls iiberhaupt, vor allem durch Tau-
sende von deutscheti Forschern gelehrt . . .»
«... Die Einbildungskraft, das Gefiihl, der Wille machten
ihr Recht, neben der Vernunft oder iiber sie hinaus gehort zu
werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde
das Weltall defer, weiter und wundervoller. Das Irrationale
wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit
wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philo-
sophic und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in Eng-
land schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine
edle Dichtung, lieB jedoch die Wissenschaften und die Philo-
sophic fast unberuhrt.
Einer der Schliissel zum Verstandnis der ganzen Periode ist
die Tatsache, daB, wahrend in England und Frankreich die
poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegun-
gen groBtenteils in getrennt liegenden Kanalen dahinflossen,
sie in Deutschland einander beriihrten und vollig ineinander
aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel
aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und
der Gedanke, welcher entdeckt und erklart, und die Einbil-
dungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in frucht-
barer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.»
«In Faust am SchluB seines vielbewegten Lebens sehen wir
das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlosen
kiihnen Wollens und Handelns, und wir konnen um so besser
verstehen, weshalb der groBe Weltbiirger, in dessen Augen
Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schadliche
Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der
hochste Dichter des deutschen Reiches neben Bismarck, sei-
nem Schopfer, behauptet.»
Das sind Worte, denen man ansieht, daB man etwas ver-
spiirt von Goethes Geistesart. Im Jahre 1912 sind diese Worte
gesprochen, und wo? Sind sie renommistisch irgendwo in
Deutschland gesprochen? Nein! Sie sind gesprochen in Man-
chester, von Herford, dem Englander, der damit hinweist auf
deutsches Geistesleben. Und sie sirid gesprochen worden, so
sagt uns die Vorrede des Buches, in dem sie erschienen sind
— ein lesenswertes Buch in unseren schicksalsschweren Ta-
gen! — , um den Zeitungsleuten etwas beizubringen von dem,
was zum besseren Verstandnisse dessen hinfuhren kann, was
deutscher Genius ist. Ich iiberlasse es jedem, angesichts der
neueren Ereignisse zu beurteilen, wieviel diese Zeitungsleute
davon gelernt haben. Aber noch etwas steht in diesen Vor-
tragen. Es steht dort, wo iiber Goethe gesprochen worden ist
und unmittelbar fortgefahren wird, ein bedeutungsvoller Satz:
«Keine deutschen Worter sind tiefer mit dem Saft nationa-
ler Ethik durchtrankt als die, welche diese Dinge bezeichnen:
wahr, griindlich, treu.»
So im Jahre 1912 in Manchester gesprochen. Wir diirfen
uns darauf berufen, daB wir etwas verstehen von dem, was
«wahr, treu» ist; und wir diirfen sagen — besonders angesichts
des Ortes, wo diese Worte stehen — , daB wir etwas von Goethe
gelernt haben! - Eine Vorrede ist dem Buche vorangedruckt,
aus der ich Ihnen auch einige Worte mitteiien mochte. Lord
Haldane — vielleicht kennen Sie aus den Diskussionen der letz-
ten Tage diesen Namen — sagt dort:
«Die Quelle des Stromes seines (Deutschlands) geistigen
wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des
achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber
begann eine in der Weltgeschichte einzige Stromung in einer
Weise zu flieBen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie
charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Grie-
chenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Ver-
schmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers
gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist im hohen
MaBe konkret und praktisch.»
Warum schreibt Lord Haldane diese Worte? Auch dariiber
spricht er sich aus, denn er sagt:
«Der EinfluB wahrer Kenntnis kann allein des MiBtrauens
Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns
gegen Angriffe zu riisten, die in Wirklichkeit keiner von uns
im Sinne hat.»
Nun also! Ich brauche nichts hinzuzufiigen zu dem Licht,
das auf unsere schicksalsschweren Tage von dieser Seite her
geworfen wird. Aber sie geben uns gewissermaBen aus der
Internationalitat des deutschen Wesens heraus das Recht, uns
an Goethe zu halten, in Goethe Trost und Hoffnung, bei
Goethe auch Beistand zu finden in diesen schicksalsschweren
Tagen. Da finden wir vor alien Dingen - und ich konnte
heute auf vieles, vieles hinweisen - bei Goethe ein Wort.
Oh, ich muBte oft in den letzten Tagen und Wochen an dieses
Goethe-Wort denken! DaB geschossen worden ist auf die
Kathedrale von Reims - so wurde in der Welt verbreitet. Ich
glaube nicht, daB ich irgend jemandem gegeniiber in der Ver-
ehrung der einzigartigen, wunderbaren Kathedrale von Reims
nachstehe. Ich habe sie gesehen im Jahre 1906; ich habe sie
bewundert. Aber ich habe auch gesehen, wie diese Kathedrale
briichig geworden ist, und es schnitt mir ins Herz, als ich mir
sagen muBte: Keine dreiBig Jahre mehr, und sie wird nicht
mehr so dastehen konnen, wie sie jetzt dasteht. Aber wir hor-
ten, daB auf diese Kathedrale geschossen worden sein soli
- ich will die Tatsache gar nicht untersuchen — und viel
wurde dariiber geredet. Da muBte ich denn einer Goethe-Idee,
eines Goethe-Gefiihles mich erinnern. Aus Goethes Geistesart
heraus ist das Wort gesprochen, das so tiefen Eindruck machen
kann: Was waren die unzahligen Sterne, was waren alle Him-
mel, wenn sie nicht zuletzt in ein menschliches Auge hinein-
leuchten, wenn sie nicht in einer Menschenseele sich spiegeln
und von einem Menschenherzen aufgefaBt wurden? Wer
Goethes Geistesart versteht, der weiB, daJ3 es ein hoheres Kunst-
werk gibt ais alle Kathedralen, daB es ein hoheres Kunstwerk
gibt als alle Kunstwerke von Menschen, wenn er sie auch noch so
sehr bewundert; er weiB, daB es das Gotterkunstwerk des Men-
schen gibt! Und dann darf, wenn es auch paradox klingen
mag, einer verbildeten Menschheit doch das Folgende gesagt
werden: Wenn der Krieg eine Notwendigkeit ist und da sein
muB, und es wird geschossen auf das groBte Kunstwerk, das
groBer ist als alle Kathedralen, dann empfindet man es — im
Goetheschen Sinne — als eine Heuchelei, wenn dariiber gejam-
mert wird, daB Kugeln auch auf Kathedralen fallen konnen!
Noch einmal, weil es mit den Zeitereignissen zusammen-
hangt, lassen Sie mich auf das Land Riicksicht nehmen, von
dem heute so viel geredet wird: auf Osterreich. Vorerst aber
mochte man eine Frage aufwerfen; denn von den richtigen
Fragesteliungen hangt es in vieler Beziehung ab, ob man rich-
tige, treffende Antworten bekommt.
Viel wird von der «Schuld» an dem jetzigen Kriege gespro-
chen; viel wird davon gesprochen: da oder dort sei der jetzige
Krieg. angeziindet worden. Aber eine Frage, meine ich, kann
entscheidend sein, und sie muB wichtig werden — die Frage:
Wer hatte diesen Krieg verhindern konnen? DaB er einmal
kommen muBte, ist eine andere Frage. Ich spreche jetzt nur
von seinem unmittelbaren Anfang in unserer Zeit, und da gibt
es auf diese Frage keine andere Antwort als die: Verhindern
hatte ihn konnen einzig und allein die russische Regierung!
Das steht fest. Aus allem, was sehr leicht zu wissen ist, kann
sich der Mensch heute diese Antwort geben.
Nun aber noch einmal zu dem «6rtlichen» Ausgangspunkte.
Jener Gruppe von Leuten, von denen ich vorhin gesagt habe,
daB ihnen wie ein Ideal das Zusammengehen der Deutschen
Osterreichs mit denen des Deutschen Reiches voranleuchtete,
tonte immer wieder in den Jahren, als sich das vorbereitete,
was jetzt Ereignis geworden ist, ein Wort entgegen, welches
Bismarck gesprochen hat, ein Wort, das mit uberlegenem
Humor gesprochen ist, aber - ich mochte sagen - ein Schick-
sal einschlieBt. « Herbstzeitlose » wurden von Bismarck eine
Anzahl von Menschen genannt, die damals nicht mitgehen
wollten mit der Sendung, welche von dem Berliner KongreB
im Jahre 1878 dem osterreichischen Staate in Bosnien und in
der Herzegowina aufgetragen wurde. Herbstzeitlose - warum?
Wir hatten damals in* Osterreich ein Parlament, dessen Fiihrer
ein groBer, ein bedeutender Mann war. Herbst hieB er. Er sah
mit vielen das hochste Ideal politischer Wirksamkeit in dem
parlamentarischen System Englands. Aus diesem parlamenta-
rischen System konnte man sehr vieles ableiten. Unter anderem
leiteten die Herbstianer etwas ab, was sie mit einer groBen
Virtuositat vertraten: daB man Bosnien und die Herzegowina
nicht fur sich in Anspruch nehmen diirfte. Bismarck nannte
diese Menschen « Herbstzeitlose » mit Anspielung auf ihren
Fiihrer, weil er die Aufgabe der Zeit verbunden sah mit dem,
was damals Osterreich in Bosnien und Herzegowina auszufuh-
ren hatte.
Wie war denn das zustandegekommen?
RuBland hatte damals mit dem Streben fortgefahren, seine
Machtsphare iiber die Balkanlander auszudehnen. Frankreich
und England waren ja die Hauptgegner dieser Bestrebung.
Heute muB man sich daran erinnern, weil nur der Zusammen-
hang der Tatsachen ein richtiges Gefiihl in unser Herz senken
kann, wer es denn war, der damals gegen RuBland auf dem
Berliner KongreB Osterreich die Sendung in bezug auf Bos-
nien und Herzegowina aufgetragen hatte? England und sein
Vertreter auf dem Berliner KongreB, Lord Salisbury! England
betrachtete es damals als eine Notwendigkeit der neueren Zeit,
daB Osterreich seine Machtsphare iiber Bosnien und Herzego-
wina ausdehne. Und die, welche keine Herbstzeitlosen waren,
sondern damals behaupteten, in der Sprache Englands die
Sprache der neueren Zeit — der Zeit-Menschen, nicht der
Herbstzeitlosen - zu vernehmen, konnten nicht mitgehen mit
den Herbst-Leuten in Osterreich, sondern sie muBten sich der
modernen Forderung fiigen: Osterreichs Machtsphare nach
Bosnien und Herzegowina auszudehnen. Da ist das, was spater
geschehen ist, eine Folge von dem, was sich damals abgespielt
hat, und eingelebt hat es sich in diejenigen Menschen, welche
damals, man mochte sagen, den osterreichischen Geist mit dem
modernen Geist verbinden wollten.
Nun, ein schones Goethe-Wort ist auch jenes, das er sprach,
als er einmal iiber eines der altesten Gesteine der Erde, iiber
den Granit, sich auBerte. Da sagte er, daB ihn immer wieder
und wieder die Natur mit all ihrer Konsequenz anzoge, weil
sie ihn iiber die Inkonsequenz der Menschen und ihrer Hand-
lungen hinwegfiihre. — Das beherrscht Goethes ganze Geistes-
art: innere Konsequenz. Und diese inner e Konsequenz in
Goethes Stil beachtet, gibt Sicherheit der Seele, gibt echte,
wahre Ziele der Seele. Man muB sich erst nach und nach zu
dieser Konsequenz hinaufranken, wenn sie die Konsequenz im
Handeln der Menschen werden soli.
Wenn man nun Goethes Denkweise auf diejenigen angewen-
det denkt, die sich ihr deutsches Ideal in Osterreich bildeten:
was sollen diese iiber die Konsequenz, beziehungsweise In-
konsequenz der Menschen denken, wenn sie erfahren miissen,
daB Osterreich bei seiner Lebensfrage — Fortsetzung dessen,
was von englischer Politik auf dem Berliner KongreB 1878
gewollt worden ist - auf den Widerstand der siidslawischen
Elemente stoBt, dadurch RuBland herausfordert — und Eng-
land an der Seite RuBlands findet? Was hatte denn eigentlich
geschehen sollen, um es der englischen Politik rechtzumachen?
Was sie im Jahre 1878 wollte — oder etwas anderes? In der
Geschichte stehen die Tatsachen in innigem Zusammenhang;
sie setzen sich konsequent fort. Und recht muB doch wohl der
haben, der in der Lage ist, seine Handlungen nach dieser Kon-
sequenz einzurichten! Diirfte nun vielleicht der dsterreichische
Deutsche zu den Urhebern seiner Mission betreffs der Siid-
slawen sich hinwenden, und Bismarcks Wort aufnehmend, den
Ausdruck «Herbstzeitlose» etwas erweitern? Auch dies scheint
Goethes Geistesart in unseren Tagen zu sein: die Konsequenz
der Ereignisse, an die wir in unseren eigenen Tagen gebun-
den sind.
Wenn wir uns wieder zu Goethe wenden und zu dem, was
er im Innern seiner Seele war, so finden wir, daB er diesen
inneren Zusammenhang zwischen der Menschenseele und den
Quellen alien Seins aus dem Grunde unablassig gesucht hat
und ihn deshalb so anschaulich, so hinreiBend in seinem
« Faust » dargestellt hat, weil er wuBte, daB ein Himmlisches,
ein Geistig-Gottliches in die Menschenseele hereinleuchtet,
und daB dieses Himmlische, dieses Geistig-Gottliche groBer ist
als das, was Menschen mit ihrem Verstande, mit ihrer schwa-
chen Vernunft umfassen konnen. Das ist gerade das Faust-
Problem: Gott in der Seele zu empfinden, den schaffenden, den
wirkenden, den in der Geschichte redenden Gott. — Es braucht
nicht immer mit Goethes Namen verbunden zu sein, was
Goethes Geistesart ist; aber «an ihren Friichten sollt ihr sie
erkennen». Ich sagte, es ist anwendbar auf die Kultur des deut-
schen Volkes, und die reifste, die herrlichste, die unvergang-
lichste Frucht dieser Kultur ist Goethes Geistesart. Das aber,
was in der Wurzel dieser Kultur zu schauen ist, was an der
Wurzel dieser Kultur zu empfinden ist, das sehen wir uberall
dort, wo uns Deutschtum, Deutschheit in ihrer Unmittelbar-
keit entgegentritt.
Wiederum fragen wir diese Deutschheit, die zugleich
Goethesche Art ist, gegeniiber etwas anderem, was immer
wieder und wieder auftaucht. «Die Neutralitat Belgiens wurde
von Deutschland verletzt», horen wir immer wieder und wie-
der sagen. Es ist hier nicht meine Aufgabe, militarische Not-
wendigkeiten zu erortern; denn wer die Verhaltnisse kennt,
der weiB, um welche militarischen Notwendigkeiten es sich in
diesem Augenblicke handelt. Aber etwas anderes kommt in
Betracht. Da tont es heriiber von jenseits des Kanals: Ja, weil
ihr diese Neutralitat Belgiens verletzt habt, waren wir aus
moralischen Griinden gezwungen, den Krieg mit euch zu
beginnen!
Erstens: ich mochte durchaus nicht zu denjenigen gehoren,
bei denen man mit Recht betroffen ist von dem Wort, das so
oft gesprochen wird — : daB, wenn diese oder jene Tatsacheri
da oder dort eintreten, solche Leute dann gewohnlich hinter-
her die Klugen sind und sagen, das hatte man seit langem
gewuBt. Aber man darf sagen, daB diejenigen, welche sich in
diesem Falle mit den offentlichen Angelegenheiten beschaf-
tigten, wohl wuBten, daB dieser Krieg einmal kommen werde,
und daB England dann unter Deutschlands Feinden zu finden
sein werde. Wie die Dinge auch hatten kommen konnen: sie
lagen so, daB sie so kommen muBten. Aus diesem Grunde
kann man nicht viel geben auf die jetzige moralische Ent-
riistung Englands - obwohl ich nicht iiber die Neutralitats-
verletzung Belgiens sprechen will. Aber iiber die moralische
Entriistung will ich aus Goethes Geistesart heraus sprechen.
Goethe hat darauf hingewiesen, daB, wenn die Menschen-
seele sich an den Quellen des Ewigen findet, sie dann auch die
ewigen Notwendigkeiten in sich hereinleuchten sieht. Und
Schiller hat, wie so oft, aus Goethescher Gesinnung heraus
ein Wort gepragt: «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.»
Nehmen wir an, es sei mit der Neutralitatsverletzung Belgiens
ein Unrecht geschehen. Wer ware Richter? Der, welcher in
Goethes, in Schillers Denkart denkt, antwortet: «Nun die Welt-
geschichte! » Ihrem Urteile wird sich die deutsche Geschichte
unterwerfen miissen. Aber nie hatte Schiller aus Goethes Geist
heraus gesagt: «Die englische Politik ist das Weltgericht! » -
Herman Grimm hat davon gesprochen, wie nahe Bismarck
Goethe stand. Daher darf im Zusammenhange mit dem eben
Ausgefuhrten an ein Bismarck- Wort erinnert werden; denn
man darf sagen, es steht im Zusammenhange mit dem iiber
«Weltgeschichte» und «Weltgericht».
Es war im Jahre 1866, als von hoher Stelle Bismarck nahe-
gelegt wurde, Osterreich zu strafen, weil es der einzig Schul-
dige in dem Rivalitatskampf mit Deutschland war. Und Bis-
marck soli die Worte gesprochen haben: «Wir haben nicht
eines Richteramtes zu waiten, sondern deutsche Politik zu trei-
ben; Osterreichs Rivalitatskampf gegen uns ist nicht strafbarer
als der unsrige gegen Osterreich. »
Ich wollte diese Worte vorausschicken, weil ich glaube, daJ3
sie als Unterlage dienen konnen, wenn der Ruf von der mora-
lischen Entriistung Englands iiber die Neutralitatsverletzung
Belgiens durch Deutschland ertont. Wir wiirden aus Goethes
Geistesart heraus solchen Stimmen gegeniiber sagen: Ihr habt
nicht eines Richteramtes zu waiten, sondern ihr treibt eure
Politik! Und wie es auch sei: aus Politik und aus den politi-
schen Notwendigkeiten heraus ist von seiten Deutschlands in
Belgien dasjenige geschehen, was geschehen mufite. Wenn ihr
aber die Neutralitat Belgiens verteidigen wollt, so tut ihr es
nicht aus Moral, sondern aus politischen Griinden. Und wie
Deutschland aus politischen Griinden mit der Neutralitat Bel-
giens nach seinem Ermessen verfahren muBte, so muBtet ihr
aus politischen Griinden in eurer Weise mit dieser Neutralitat
verfahren!
Wenn so gesprochen wird, dann empfindet man das, was
mit einem englischen Urteile iibereinstimmt, das ich schon
mitgeteilt habe: «Keine deutschen Worter sind defer mit dem
Saft nationaler Ethik durchtrankt als die, welche diese Dinge
bezeichnen: wahr, griindlich, treu.» - Wahr ist es, daB die
Staaten im Kriege ihre Politik vertreten und nicht die Moral.
Griindlich ist es, im Jahre 1914 die Konsequenzen von dem-
jenigen zu Ziehen, was im Jahre 1878 eingeleitet worden ist.
Ob es treu ist, gegen jemanden aufzutreten, wenn er das, was
ihm 1878 iibertragen worden ist, im Jahre 1914 fortsetzt, das
mogen diejenigen verantworten, die von der «Moralitat» ihrer
Politik sprechen.
Ich wollte weder auf das eingehen, was sich gewissermaBen
mit der Tagespolitik beriihrt; denn getreu miissen wir gerade
in unseren schicksalsschweren Tagen daran festhalten, was Bis-
marck gesagt hat: daB die, welche zu Hause bleiben miissen,
in gewisser Beziehung hiibsch schweigen sollen, wenn die Er-
eignisse drauBen auf dem Felde sprechen. Ich wollte auch
nicht iiber dieses oder jenes bei Goethe sprechen. Das aber
wollte ich sagen, was von Goethe ausgehend in unsere Herzen
und Seelen hereintonen kann, wenn wir gegeniiber so schick-
salsschweren Ereignissen der physischen Welt, wie es die heu-
tigen sind, die Notwendigkeit empfinden, als wahr zu halten:
daB alles Vergangliche doch nur ein Gleichnis ist, daB das Un-
zulangliche - im Geistigen allein Erreichnis wird, daB dort
allein das Unbeschreibliche getan wird. Ich weiB es, wie ge-
rade in diesen Tagen fur jene, die drauBen im Felde stehen,
der Hinblick auf die geistigen Welten dasjenige war, was sie
brauchten, wonach sie diirsteten. Und ich habe sie gehort, die
Versicherungen, welche von denjenigen ausgingen, auf die es
doch heme ankommt, - die Versicherungen, daB der Krieg
eine deutliche Sprache spricht, aber eine Sprache iiber das gei-
stige Leben, iiber die Realitat des geistigen Lebens. Man kann
in diesen Tagen die Gefiihle studieren, jene Gefiihle: «Wo
ich auch mein Blut flieBen lasse, wo ich auch den letzten
Atemzug tue, ich weiB es: meine Seele ist geborgen in dem
geistigen Leben, und Realitat ist das, was zuriickbleibt! » Und
nicht nur fiir die, welche drauBen stehen im Osten und im
Westen, sondern auch fiir jene, welchen das Schicksal etwas
anderes bestimmt hat, ist «geistige Erfassung der Welt» ein
groBes Wort. MuBte man sich eigentlich nicht schamen, nicht
drauBen im Felde zu stehen, wenn man den Unterschied in
sich spiirt: «Du bist sicher, daB dein Blut nicht flieBen werde;
die anderen allein sind ausgesetzt dem sehweren, harten Schick-
sal? » MiiBte man sich nicht schamen, zu den ersteren zu geho-
ren, wenn man nicht wissen diirfte, daB der Geist und die gei-
stigen Bande an alien gemeinsame sind, daB mit uns sind die-
jenigen, welche verbluten? Wenn auch nicht ausdrucklich von
jedem, der drauBen im Felde stent, ausgesprochen werden
kann, wie in ihm das lebt, was in der Deutschheit seine reif-
sten Friichte getragen hat — es lebt in ihm zum mindesten in
seinem UnterbewuBtsein. Und wahr ist es — noch einmal sei es
gesagt: Mitkampfer sind nicht nur die, welche drauBen auf
den Schlachtfeldern stehen, sondern auch die Genien, die aus
der Volkheit als reife Friichte hervorgegangen sind. Und
Goethe ist eine solche reife Frucht, an welcher die Kultur der
neueren Zeit nicht vorbeigehen darf; aber schwer haben es
noch gewisse Leute, an dieser Kultur nicht vorbeizugehen. Und
zum Schlusse gestatten Sie mir noch, auf diese Schwierigkeiten,
die da sind, hinzuweisen und auch auf das, was mit diesen
Schwierigkeiten zusammenhangt in unseren schicksalsschweren
Tagen.
Wir wenden den Blick nach Osten - und diirfen auch dort
sagen: An ihren Friichten sollt ihr sie erkennen. Einer der
bedeutendsten russischen Intellektuellen sei herausgehoben,
der besonders mit dem Geistesleben des neunzehnten Jahrhun-
derts gerungen hat: Alexander Herzen. Wie ist er verkniipft
mit dem geistigen Ringen der Zeit? Betrachten wir die Seele
Herzens, des russischen Intellektuellen. Wir werfen eine Frage
auf: War er beriihrt von Goethes Geistesart? Wer von ihr
beriihrt ist, glaubt an die ewigen Dinge, an Menschenzukunft
und Menschenwert, an das Gegriindetsein des Menschlichen im
Gottlichen; und wenn er siege, glaubt er noch mit Goethes
Faust an die Verjiingung des menschlichen Wesens - und aus
allem Zweifel und aus aller Bedrangtheit iiber die Misere des
Daseins flieBt ihm noch Hoffnung, faustische Hoffnung. -
Herzen machte sich bekannt mit dem intellektuellen Leben
"Westeuropas. Ihm schien einer der aufgeklartesten Geister der
westiichen Kultur John Stuart Mill zu sein. Horen wir, was er
iiber Mill sagt:
«Er iibertrieb durchaus nicht, wenn er von der Einengung
des Verstandes, der Energie sprach, von der Abgeschliffenheit
der Personlichkeiten, von der bestandigen Verflachung des
Lebens, vora bestandigen AusschlieBen allgemein-menschlicher
Interessen aus dem Leben, von der Reduzierung desselben auf
die Interessen des kaufmannischen Comptoirs und des burger-
lichen Wohlstandes. Mill spricht unumwunden davon, daB auf
diesem Wege England zu China werden wird - und wir setzen
hinzu: und nicht allein England. »
Und weiter sagt Herzen:
«Vielleicht allerdings rettet uns eine Krisis vor dieser
chinesischen Auszehrung. Aber woher dieselbe kommen soil,
und wie — das weiB ich nicht, und weiB auch Mill nicht. »
Und nun ruft Herzen aus:
«Wo ist jener machtige Gedanke, jener leidenschaftliche
Giaube, jenes heiBe Hoffen, das den Korper hartet und die
Seele in jene krampfartige Verziickung treibt, die weder
Schmerzen noch Entbehrungen fiihlt und festen Schrittes zum
Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht? Sehet um Euch!
Was vermag die Vdlker zu erheben?»
Solche Fragen richtet der russische Intellektuelle an die Kul-
tur Europas. Welcher SchluB darf gezogen werden? Nun, die
Antwort, welche die heutige Zeit gibt, sie haben sich diejeni-
gen, welche an Goethe glaubten, in ihrer Seele gegeben. Daher
sind sie mit dieser Seele, mit der Seele Herzens, so verbunden
mit den groBen Ereignissen der Zeit. Und wenn auch die,
welche da Goetheaner sind, niemals die Frage hatten aufwer-
fen konnen: «Wo ist jener machtige Gedanke, jener leiden-
schaftliche Glaube, jenes heiBe Hoffen, das den Korper hartet
und die Seele in jene krampfartige Verziickung treibt, die
weder Schmerzen noch Entbehrungen fiihlt und festen Schrit-
tes zum Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht?» Wenn
sie auch nicht in dieser Weise hatten fragen konnen — das
fuhlten sie: was aus den Quellen kommt, aus denen Goethe
geschopft hat, das geht im gewissen Sinne fur die Kultur der
neueren Zeit in den Tod! Und die Antwort erklingt uns aus
unseren schicksalsschweren Ereignissen heriiber: «Sehet um
Euch! Was vermag die Volker zu erheben?»
Meres chkow ski, ein anderer Intellektueller Russlands unserer
Zeit, sagt in dem Buche, in welchem er auch iiber Herzen sich
ausspricht, folgendes:
«Die letzte Todesvision Herzens 1st — RuBland als <Land
des freien Lebens> und die russische bauerliche Gemeinde als
Retterin der Welt. Seine alte Liebe nahm er fur neuen Glau-
ben, aber begriff, so scheint es, in letzter Stunde, daB auch die-
ser letzte Glaube — Tauschung war. Wenn indessen auch der
Glaube ihn trog, so trog ihn doch die Liebe nicht; in seiner
Liebe zu RuBland lag ein gewisser richtiger Ausblick: nicht
die bauerliche Gemeinde, sondern die christliche Gemeinschaft
wird vielleicht in Wahrheit zu dem Glauben, den die jungen
Barbaren dem alten Rom bringen sollen.
Einstweilen indessen stirbt er - ohne jeden Glauben! »
So sagt er von Herzen
«Fahr wohl, verderbtes Rom! . . . Fahr wohl, du Heimatland.»
Warum diese Heimatlosigkeit, wenn wir nach Osten blicken,
bei den besten Intellektuellen? Man mochte sagen: an einer
BloBe, die sich Mereschkowski in seinem letzten Buche, «Der
Anmarsch des P6bels», gibt, kann man es erkennen, was noch
im Osten mangelt. Auf Seite 25 dieses Buches sagt er:
«Wenn Goethe von der Franzosischen Revolution spricht,
so beugt er sich plotzlich zur Erde, wie wohl durch einen bosen
Zauber ein Riese erdriickt werden und zum Zwerge zusam-
menschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird
er zum deutschen Burger und - der Schatten des Olympiers
sei mir gnadig — zum deutschen Philister, zum <Herrn von
Goethe>, zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und
anstandigen Sohne des anstandigen Frankfurter Kramers. »
Wir sehen die BloBe; wir sehen den Intellektuellen, der
an Goethe nicht herankam, der sich fragt: «Wie sprach Goethe
gegenuber der Franzosischen Revolution? » und sich zur Ant-
wort gibt: «Aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deut-
schen Burger und - der Schatten des Olympiers sei mir gna-
dig — zum deutschen Philister, zum <Herrn von Goethe>, zum
Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anstandigen
Sohne des anstandigen Frankfurter Kramers. » Es wurde dieser
Goethe aber zu demjenigen, der die groBte Revolution, welche
die Menschheit erlebt hat, die Revolution der menschlichen
Seele auf ihrem Wege zum Gottlichen hin, in seinem « Faust »
hingezaubert hat. Und die richtige Wiirdigung dieses Hin-
gezauberten ist das, was die moderne Kultur verstehen muB,
wenn sie nicht im Menschen die Glaubenslosigkeit, das «Fahr
wohl, du Heimatland», sondern wenn sie Zuversichtlichkeit
und den Glauben an das gottliche Leben im Menschen ent-
ziinden will. Was sehen die Intellektuellen des Ostens in der
Kultur des Westens? Nun, an dem, wodurch der Westen seine
Bliite etlangt hat, gehen sie in der geschilderten Weise vorbei!
Aber so wahr in unseren Adern das alte Griechentum, das alte
Romertum lebt, so wahr in unsere Adern das Christentum der
ersten Jahrhunderte eingedrungen ist, so wahr wird der Mensch
des Ostens einst jenes Kulturgebiet in seinen Adern tragen,
welches durch Goethes Geist die Sonne erlangt hat. Der
Mensch aber wehrt sich am meisten gegen das, dem er zum
SchluB doch verfallen muB; denn er haBt, was notwendiger-
weise iiber ihn kommen muB. Nicht das ist in der Zukunft der
Menschheit der russischen Seele beschieden, was sie bis jetzt
aus dem Byzantinismus erlangt hat cxler was sie an auBerer Kul-
tur aus dem Westen bekommen hat, sondern was an Griechen-
tum, an Romertum und an erstem Christentum in den hoch-
sten Volkern Mitteleuropas Lebensblut geworden ist. Aber
tibersprungen kann nichts werden! In Goethe ist neu erstan-
den, was an Griechentum, an Romertum und an erstem Chri-
stentum in der Kultur Mitteleuropas lebt. Und in dem, was
von dem Osten heruberkommt, erblicken wir noch das kind-
liche Sichwehren, das Unverstandnis gegeniiber dem, was von
den Seelen aufgenommen werden muB. Und wir beginnen zu
verstehen — das ist auch Goethes Geistesart — und dann mit
wissender Zuversicht und mit wissendem Vertrauen in die
Zukunft zu sehen, wenn gefragt wird: Warum bekriegt man
uns vom Osten? — Auch dariiber gibt Mereschkowski uns Ant-
wort, indem er iiber Tschechow spricht:
«Keine Zeitalter, keine Volker — als gabe es inmitten der
Ewigkeit nur das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und in
der Welt nur RuBland. Unendlich scharf augig und hellhorig in
bezug auf alles Russische und Zeitgenossische, ist er fast blind
und taub fur das Fremde und Vergangene. Er sah RuBland
klarer als sonst jemand, aber iibersah Europa, iibersah die
Welt* -
und wir fiigen hinzu: Der russische Intellektuelle Meresch-
kowski, er iibersah Goetheanismus, Goethes Geistesart!
Aber welch ein Verjiingungsquell, welch eine Hoffnung
auch in schweren Tagen Goethe ist, das wird einem ganz klar,
wenn man weiB: notwendigerweise muBte das Abendland
durchgehen durch eine Epoche von Materialismus. Wer nur
den Materialismus zu sehen in der Lage ist, kann verzweifeln;
aber inmitten des Materialismus erhebt sich eine solche Gei-
stigkeit, die sich in Goethes Geistesart zusammenfassen lassen
kann! Wahrhaftig, der Deutsche hat es bewiesen: er nimmt
mit Liebe, mit Hingebung das auf, was russische Geistesart ist.
Aber er muB auch Verstandnis demjenigen entgegenbringen,
was russische Geistesart noch nicht ist, Merkwurdige Worte —
von denen Gorki sagt, sie seien grausam, aber wahr — sind es,
welche uns zeigen, daB sie von einem russischen Intellektuel-
len ausgesprochen sind, der nicht beruhrt ist von Goethes
Geistesart. Gorki sagt:
«Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er
nimmt dich am Kragen, zerdriickt dich unter dem Nagel wie
einen Floh! Dann mag dir ja leid urn ihn sein! Jawohl! Dann
magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird
dich fur dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen, deine Ein-
geweide wird er sich iiber die Hand wickeln und dir alle
Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde. Ach du . . .
Erbarmen! Bete zu Gott, daB man dich ohne alles Erbarmen
einfach durchpriigeln moge, und SchluB! . . . Erbarmen! . . .
Pfui! »
Grausam, aber wahr - sagt Gorki. - So spricht derjenige,
der erst noch zu warten hat auf das, was ihm Goethes Geistes-
art zu sagen hat.
Diese Geistesart Goethes enthalt selber etwas, was dem Ver-
ganglichen, dem Gleichnis des Lebens gegeniiber, ein Ewiges,
ein in jeder Zeit Unbeschreibliches ist, weil es ein immer
Wachsendes, ein immer neue Hoffnungen aus sich Erzeugen-
des ist. Und spricht man in diesen Tagen von dem, was als
guter Genius iiber Mitteleuropa waltet, was das Vertrauen be-
griindet, das so fest in den Seelen der mitteleuropaischen
Menschheit wurzelt, so darf man davon in Mitteleuropa so
sprechen, daB es in Goethe zum uaiversellen Menschheitsblut
geworden ist. Und indem man hinblickt auf das, was in den
kampfenden Mitteleuropaern lebt, was mit ihnen lebt seelisch-
geistig, was dort auch in ihrem Blute lebt, dann darf man
sagen: Es ist Geist von Goethes Geist, und es wird bestehen,
solange Goethes Geist besteht! Dann fuhit man auch wie eine
Hoffnung, wie einen Trost in diesen schicksalsschweren Tagen
jenes Wort, das Schleiermacher, auch aus Goethes Geistesart
heraus, gepragt hat. Denn es ist eine Wahrheit: Schleiermacher
hat es aus Goetheschem Geist heraus gepragt, weil er wuBte,
daB mit Goethes Geistesart Erkenntnis und Anschauung der
geistigen Welt verbunden ist, und daB das, was im deutschen
Volke lebt, selber ein Ewig-Geistiges ist. So kann man trost-
voll, hoffnungssicher im Sinne Schleiermachers sagen: «Es weht
wie ein Hauch des mitteleuropaischen Geistes, des Goethe-
Geistes, auf die Reihen derjenigen, auf die heute die Geister
hinschauen, weil der Menschheit Schicksal in ihnen begriindet
wird.» So raunt es in unseren schicksalsschweren Tagen, daB
wir es mit erhohter Kraft und mit erhohter Zuversicht aus-
sprechen diirfen, weil wir wissen: Es lebt auch in zahlreichen
Herzen, die drauBen bluten, das schicksalsschwere Wort, das
Schleiermacher- Wort, das auch ein Goethe- Wort ist, weil es in
seinem Sinne gepragt ist:
«Deutschland ist noch da, und seine unsichtbare Kraft ist
ungeschwacht» — und wir fugen hinzu: unverwiistlich!
DAS VOLK SCHILLERS UND FICHTES
Berlin, 5. November 1914
Wie wir in unserer schicksalsschweren Zeit auf diejenigen
hinblicken, welche drauBen stehen im Osten und Westen und
mit ihrem Blut, mit ihrer Seele eintreten fiir das, was unsere
Zeit fordert, wir haben es heute vor acht Tagen im Vortrage
gesehen. Auch in diesem Vortrage gedenke ich nicht das Wort
zu verletzen, das Bismarck in bezug auf diejenigen ausgespro-
chen hat, die zu Hause geblieben sind. In einer Zeit, in wel-
cher auf anderen Feldern und in anderer Weise als durch das
Wort noch iiber der Menschheit groBe Schicksale entschieden
wird, darf das Wort sich nicht in ungehoriger Weise hinein-
mischen in die Entscheidungen, die in anderer Weise herbei-
gefiihrt werden miissen. Allein das, was drauBen spricht und
was zu unseren Herzen spricht, es lost iiberall, wo wir hin-
blicken, Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht aus; es lost aus
in einer so wunderbaren Weise Hingebung, Selbstlosigkeit.
Nun, man spricht in unserer Zeit da, wo der Grundton des
Sprechens in mehr materialistischer Weise gefarbt ist, als es
hier sein kann, viel von Vererbung, von vererbten Eigenschaf-
ten. Heute, angesichts des GroBen, was drauBen geschieht,
kann man leichter ins Geistige, ins Spirituelle iibersetzen, was
auf einem mehr materialistischen Gebiete heute von Ver-
erbung gesprochen wird. Was lebt drauBen in den Taten der-
jenigen, die fiir ihr Volk blut en? und was soli in den Herzen
derjenigen leben, die in echter Weise verbunden sein wollen
mit der groBen schicksalsschweren, schicksalstragenden Zeit?
Man wird heute vielleicht nicht auf MiBverstandnis stoBen,
wenn man das Wort «Vererbung» in einem hoheren Sinne
noch gebraucht: wenn man auf die realen Machte hinweist,
welche von den groBen Vorfahren ausgehen, und die weiter-
wirken, die wie ein Zauberhauch die Reihen durchwehen;
wenn man darauf hinweist, daB in den Taten der Krieger das-
selbe lebt, was da lebte in den groBen Genien des mitteleuro-
paischen Volkes. Und man wird vielleicht auch nicht auf MiB-
verstandnis stoBen, wenn man es auszusprechen wagt, daB mit
diesem Leben etwas Reales gemeint ist, daB es sich wirklich
nicht nur so verhalt, wie es im griechischen Marchen aus-
gedriickt ist: daB die Kraft der groBen Vorfahren in der un-
mittelbaren Gegenwart wie segnend iiber den Gegenwartigen
lebt, sondern daB dieses Reale durchzieht und durchpulst Blut
und Seelen. Und da wir als Menschen mit voller Besinnung
und Erkenntnis doch eigentlich in dem leben sollten, was auch
geistig um uns herum ist, so diirfen vielleicht heute aus der
Reihe der groBen Mitteleuropaer zwei Personiichkeiten heraus-
gegriffen werden, die gewissermaBen der Gegenwart noch
nahe liegen, zwei Genien, deren einer ganz gewiB iibergegan-
gen ist in Herz und Seele der mitteleuropaischen Bevolkerung,
wahrend der andere gleichsam vor uns dastehen kann, in sei-
nem Geisteswesen ausdriickend das GroBte, das Hochste dieser
mitteleuropaischen Bevolkerung. Wenn auch heute wieder
gesagt werden darf, daB es vielleicht viele gibt, die heldenhaft
mitwirken in dieser Zeit und doch wenig wissen von Schiller,
noch weniger von Fichte, so kann uns doch beseelen, daB die-
selbe Kraft, die im Heldenblute drauBen fl'ieBt, es ist, welche in
Schiller, in Schillers Schopfungen und in Fichtes groBer An-
eiferung seines Volkes geflossen ist. Wahrhaftig, nicht um
sentimentale Empfindungen in Ihren Herzen heraufzubeschwo-
ren, sondern weil ich glaube, daB in der Tat etwas Charakteri-
stisches darin liegt, daB das deutsche Volk so gern intim mit
den wichtigsten Augenblicken seiner GroBen verbunden sein
will, mochte ich hinweisen auf die letzten Momente des irdi-
schen Lebens der beiden groBen Genien, von denen heme
gesprochen werden soli.
Schiller - so ging er durch die Todespforte, daB der letzthin
erwahnte groBe Deutsche Herman Grimm von Schillers Tode
sprechen konnte: « Goethe verschied, Goethe entschlief; Schiller
starb.» Der jiingere VoB fiihrt uns formlich hinein in Schillers
Sterbezimmer. Wir sehen, wie Schiller lebte mit der hochsten
Aufwendung der Krafte des Geistes und der Seele; wir wissen,
daB er sich bis zu dem Lebensalter, das er ja leider nur erreicht
hat, aufrecht erhalten konnte, indem der Geist und die Seele
einen ungeheuren Sieg iiber den Leib erfochten haben. So
sehen wir, daB in den letzten Tagen, als der Leib schon in
gewisser Beziehung dem Tode iibergeben war, diese Seele noch
heldenhaft verbunden ist mit all dem GroBen, was sie gedacht,
gesonnen und geschaffen hat zeit seines Lebens, und wir fol-
gen an der Hand des jungeren VoB hinein in das Sterbezim-
mer Schillers; wir sehen die letzten Augenblicke des groBen
Genius. Wir sehen, wie sein Geist im matten Leibe noch hin-
neigt zu seinen groBen Idealen; wir sehen, wie er sich dann in
das Sterbezimmer hinein sein jiingstes Kind reichen laBt, wie
er aus den Augen, aus denen so viel GroBes die Welt an-
geblickt hat, dieses Kind anblickt, ihm tief in die Augen schaut,
es dann wiederum seinen Pflegern ubergibt und dann offen-
bat — das ahnen wir - einen Blick ins tiefste Innere seiner
Seele tut, von dem wir ja sagen konnen: GewiB, der jiingere
VoB hat recht, wenn er sagt, Schiller mochte gedacht haben,
daB er diesem seinem jiingsten Kinde noch viel im Leben hatte
sein konnen. Aber symbolisch darf uns diese Handlung an-
muten, dahingehend, daB wir empfinden: Wenn Schiller in
unser aller Augen geschaut hatte und sich dann abgewendet
hatte in sein eigenes Inneres, denkend, daB er vieles, vieles
auch uns zu sagen hatte, daiin fiihlen wir uns als seine Erben
in einem ganz anderen Sinne als nur die Erben seiner Werke
und dessen, was er selber gesagt hat; dann fiihlen wir uns mit
seinen innersten Lebensregungen verbunden, so verbunden,
dass wir wissen: wir miissen, wenn wir seines Wesens sein
wollen, wenn wir seiner wiirdig sein wollen, uns selber aus
denselben tiefsten Lebensregungen heraus zum Leben und zur
Welt stellen wollen, Geist sein wollen von seinem Geist!
Und Fichte — in schwerer Zeit versucht er das, was er aus
den tiefsten Griinden seiner philosophischen Natur gewonnen
hatte, zu pragen und zu kleiden in Worte, die er in der Zeit
deutscher Erniedrigung, deutschen Elendes zu seinen Deutschen
gesprochen hat, urn sie aufzurichten und ihnen GroBe einzu-
hauchen fur das weitere Leben des Volkes. Und ganz verbun-
den war er mit alledem, was dann wieder zu den Befreiungs-
kampfen seines Volkes gefiihrt hat. Und es ist etwas Wunder-
bares, nun hinzublicken auf die letzten Augenblicke Fichtes. Er
hatte ja oftmals dariiber gesonnen, ob er nicht etwa selber
hinausziehen sollte in die Schlachtfelder; er hatte dann aber
gefunden, daB er ein anderes Schwert besser fiihren konne zum
Heile seines Volkes: das Schwert des Wortes - und er hat es
in tapferer Weise getan. Aber seine Frau - sie war eine treue
Pflegerin derer, die in den Schlachten gekampft haben -
brachte xhm das Lazarettfieber nach Hause, und er wurde davon
ergriffen. Wahrend seiner letzten Augenblicke war es, da
brachte ihm sein Sohn die Nachricht von dem Rheiniibergang
der Deutschen und von dem damaligen Stadium des Befrei-
ungskampfes. Und nun sehen wir, wie einer der groBten Philo-
sophen, der die gewaltigsten, aber auch die kristallklarsten Ge-
danken gepragt hat, sich auslebt in seinen Fieberphantasien -
aber charakteristisch sind diese Fieberphantasien. Er sah sich
in den letzten Augenblicken seines Lebens im Geiste mitten
unter den Kampfenden. Und was er aus der tiefsten Wurzel
der Lebensregungen heraus der Welt und dem deutschen Volke
glaubte geben zu konnen, was er zu Deutschlands Erlosung
hatte tun konnen, das tonte aus der Seele des grofien deut-
schen Philosophen in den Fieberphantasien; ein Augenblick,
der uns tief ergreifen kann. Die Arznei wurde ihm gereicht. Er
wies sie von sich mit den Worten: «LaB das, ich bedarf keiner
Arznei; ich fiihle, daB ich genesen bin!»
Wie Kampfer selber stehen sie da, die beiden groBen Genien,
Kampfer fiir ein Bestes, das die Welt hervorgebracht hat, und
verbunden zugleich sehen wir die beiden, Schiller und Fichte,
mit allem, was die Zeit, die unmittelbare Gegenwart fordert.
Und nun wenden wir uns hin zu den beiden GroBen; ver-
suchen wir an ihnen zu erkennen, was - urn diesen Fkhteschen
Ausspruch zu gebrauchen — in des Deutschen tiefster Lebens-
wurzel sprieBt. Wenden wir uns hin zu Fichte, um uns gewis-
sermaBen einmal vor Augen zu fiihren, was wir fiir uns selbst
zu sagen haben - wenn auch zunachst nicht fiir andere in die-
ser viel getriibten Zeit — , wenn uns von so vielen Seiten Urteile
uber die europaische Kultur entgegentonen, die aus Quellen
stammen, die ganz gewiB nicht deutsches Wesen und deut-
schen Geist hervorkehren. An Fichte kann man es kennen-
lernen, das Volk, das jetzt so vielfach ein Barbarenvolk ge-
schimpft werden soli.
Drei Fragen stellte Fichte, als er vor seinem Volke sprechen
wollte von dem, was dieses Volk aufrichten konne; und wir
miissen uns klar sein, daB, als Fichte damals seine so begeistern-
den «Reden an die deutsche Nation » hielt, dies in einer an-
deren Zek als der heutigen geschah, in einer Zeit mit einem
anderen Charakter. Drei Fragen stellte Fichte, die heute -
hochstens mit einem einzigen Zwischensatze — nicht mehr in
derselben Weise gestellt werden konnen. Aber gerade an diesen
drei Fragen Fichtes ist ungeheuer viel auch fiir die Gegenwart
zu lernen. Die erste Frage ist:
«ob es wahr sei oder nicht wahr, daB es eine deutsche Na-
tion gebe und daJ3 deren Fortdauer in ihrem eigentiimlichen
und selbstandigen Wesen dermalen in Gefahr sei?»
Wenn wir von dem zweiten Teile dieser Frage absehen, so
miissen wir sagen: es ist unmoglich, diese Frage heute so zu
steilen; denn Fichtes Nachkommenschaft hat bewiesen, daB es
eine deutsche Nation gibt. Ebenso kann seine zweite Frage
heute nicht mehr gestellt werden:
«ob es der Miihe wert sei oder nicht wert sei, dieselbe zu
erhalten?»
Und die dritte Frage lautet:
«ob es irgendein sicheres und durchgreifendes Mittel fur
diese Erhaltung gebe, und welches dieses Mittel ist?»
Nun, hier habe ich Jahr urn Jahr von den Angelegenheiten
des geistigen Lebens der Menschen gesprochen. Und wahr-
haftig: gerade in bezug auf das, was iiber dieses geistige Leben
des Menschen gesprochen wurde, war kh davon iiberzeugt,
daB es die Fortentwickelung ist von dem, was schon vor Fichtes,
vor Schillers und anderer Seelen stand. Fichte versuchte damals
das Mittel zu finden, um die Deutschen herauszufiihren aus
der Unterdriickung und dem Elend, das Mittel fur einen Deut-
schen, seiner selbst gewahr zu werden, um aus der tiefsten
Wurzel der Lebensregung heraus zu wirken. Eine vollstandige
Umanderung der Erziehung wollte Fichte haben; und aus der
Art, wie das deutsche Volk sich ausdriickt in der «Sprache»,
wollte er erkennen, in welcher Weise es zu den anderen Kul-
turwelten stehe. Es ist heute nicht die Moglichkeit vorhanden,
sich auf die Art einzulassen, wie Fichte diese Fragen ausgefiihrt
hat; darauf kommt es an, daB die Kraft, die uns heute in
Mitteleuropa beseelen und beleben kann, dieselbe ist wie in
ihm. Wir werden heute weder in der Art des deutschen Volkes
Wesen aufsuchen, daB wir es, wie Fichte, in der Sprache aus-
gedriickt suchen, obwohl wir die ganze Bedeutung der Sprache
gewiB wiirdigen wollen; ebensowenig wollen wir heute von
jenem Erziehungssystem Fichtes sprechen, das ja damals nicht
ausgefiihrt werden konnte. Aber wir dtirfen darauf aufmerksam
machen, daB aus den Lebensregungen heraus, aus denen Fichte
damals fur die Selbstwahrung seines Volkes seine «Reden an
die deutsche Nation* gesprochen hat, der Geist tont, der -
fortentwickelt — echte, wahre Geisteswissenschaft gibt. Das
konnen wir schon entnehmen aus so mancherlei, was vielleicht
nicht immer geniigend beachtet wird, wenn man sich heute
diesen so wunderbaren Reden Fichtes an die deutsche Nation
hingibt. Reden wir doch heute davon — und es ist oftmals von
diesem Orte aus dariiber gesprochen worden -, daB es nicht
nur die materialistische Wissenschaft, die materialistische Er-
kenntnis gibt, welche den Menschen so betrachtet, wie er sich
zwischen Geburt und Tod entwickelt; daB es nicht nur jene
Erkenntnis gibt, welche passiv sich den auBeren Erscheinungen
hingibt und sich ihr Urteil bildet nach dem, was im Sinne die-
ser Erkenntnis aus der AuBenwelt gewonnen wird. Sondern
sprechen wir doch davon, daB es eine tapfere, eine aktive Er-
kenntnis gibt, die es wagt, die «innersten Wurzeln der mensch-
lichen Lebensregungen*, wie das Wort Fichtes lautet, zu fas-
sen, um den Menschen dort zu ergreifen, wo er mit seinem
Wesen hinausragt iiber Geburt und Tod, wo er nach Lessings
groBer Idee das ergreift, was von Leben zu Leben in der phy-
sischen Wirklichkeit geht. Eine Erkenntnis gibt es, die durch
tapfere, mutige Ergreifung der inneren Krafte der Seele sich
aufschwingt zu dem, was noch nach dem Tode herabschaut auf
des Menschen physische Wirksamkeit und auf seinen Leich-
nam selbst; eine Wissenschaft gibt es, welche die Seele wirk-
lich ergreift, jene Wissenschaft, welche ebenso zum Gottlichen
fiihrt wie die auBere Wissenschaft zum Natiirlichen. Denn
erfaBt man mit der auBeren Wissenschaft, mit der Natur-
wissenschaft, den auBeren materiellen Menschen, dann findet
man, wie der Mensch aus alien Kraften der Natur hervorgeht,
gleichsam als Bliite der Natur; erfaBt man den Menschen mit
der Geisteswissenschaft, so wird man gewahr, wie die Seele
mit ihren tiefsten Wurzeln zusammenhangt mit dem Gott-
lichen, mit dem im Geistigen Webenden und Lebenden. Wenn
wir auch nicht mehr auf Fichtes Standpunkt in bezug auf seine
einzelnen AuBerungen stehen kdnnen: darauf konnen wir ste-
hen, was als Gesinnung, als Artung in seinem Denken lebt. So
finden wir es selber, wie die Grundnuance, der Grundton
geisteswissenschaftlicher Erkenntnis in den Reden liegt, durch
die er in seinem Volke Begeisterung wachrufen wollte; wenn
er die Worte ausspricht:
«Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie (die
Philosophie, die er meint) in ihrer Entstehung aus dem Er-
scheinen und Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlecht-
hin unsichtbar ist, und nur in dieser seiner Unsichtbarkek er-
faBt, richtig erfaBt wird.»
«Alles als nicht geistiges Leben erscheinende beharrliche
Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach
durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im Gegensatz
mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach ver-
mitteltes Nichts das Sehen selbst sich erheben soli zum Er-
kennen seines eigenen Nichts und zur Anerkennung des Un-
sichtbaren als des einzig Wahren.»
Es ist hier ofter darauf aufmerksam gemacht worden, wie
die Seele sich in jenem innersten Wesen erfassen kann, in dem
sie gewahr wird, was iiber den Tod hinausgeht. Dann darf sie
- nicht von einer passiven, sondern von einer aktiven Wissen-
schaft aus - davon sprechen, wie der Mensch nach dem Tode
von diesem seinem ewigen Wesenskern aus in einem hoheren
BewuBtsein herabschaut auf seine Leiblichkeit. Merkwiirdig
ist etwas in Fichte, das wie eine Ahnung in ihm lebt. Wir
konnen uns von jemandem, in dessen tiefsten Seelen wurzeln
nicht schon die Ahnung einer solchen geistigen Erkenntnis
lebt, die gerade aus seinen Ahnungen hervorgehen kann, wir
konnen uns von ihm kaum denken, daB er ein Gleichnis ge-
braucht, wie Fichte es gebraucht. Von einer neuen Erziehung
seines Volkes spricht er; davon, wie die Menschen lernen sol-
len, sich in etwas hineinzufinden, was die Menschen bisher
nicht erlebt haben, und worin sie sich nur schwer hineinfinden
konnen, weil es schwierig ist gegeniiber dem Gewohnten, das
man ablegen muB. Und Fichte schildert nun, wie es in diesem
Volke ist, wenn es sich verjiingen soil und zuriickblicken wird
auf sein altes Sein, aus dem es — nach seinem Ideal — gleichsam
herausschliipfen soli; und er spricht so, daB das Gleichnis, das
er gebraucht, wie aus der modernen Geisteswissenschaft der
unmittelbaren Gegenwart herausgenommen ist. Indem er das
Volk anregen will, sagt er:
«Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der iiber
seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten
ihn heraustrieben, steht und jammert, und seinen Blick nicht
ioszureiBen vermag von der ehedem so geliebten Hiille, und
verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen
in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die beleben-
den Liifte der anderen Welt, in die die Abgeschiedene einge-
treten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit war-
mem Lebenshauch, zwar begriiBen sie schon freundliche Stim-
men der Schwestern und heiBen sie willkommen, zwar regt
es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach alien Rich-
tungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachen
soli, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefiihl fur diese
Liifte oder Gehdr fur diese Stimmen, oder wenn sie es hatte,
so ist sie aufgegangen in Schmerz iiber ihren Verlust, mit wel-
chem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.»
Wahrhaftig, man meint, daB dieser Vergleich hergenommen
ist aus dem, was die moderne Geisteswissenschaft zu sagen hat
iiber das Erleben der Seele! Und dann stehen wir, man mochte
sagen, noch viel «glaubiger» vor Fichte, als er vor sich selbst
stehen konnte, so daB wir sagen: Ja, in dieser Personlichkeit
regt sich etwas von dem, woran wir festhalten wollen als einer
geistigen Erkenntnis von dem wahren Wesen des Menschen.
Und wie suchte derjenige, der in seinem geistigen Leben,
wenigstens gewisse Zeit hindurch, mit Fichte in inniger Ver-
bindung lebte, wie suchte Schiller ebenso wie Fichte, nur in
seiner Art, nach dem innersten Quell der seelischen Lebens-
regungen zu kommen!
Oh, es ist heute, trotzdem Schiller unserem Volke so ans
Herz gewachsen ist, noch gar nicht vollstandig erkannt, welche
Friichte die Krafte getragen haben, die in Schillers und Fichtes
Volk sind. Und man mochte sagen: wir haben mit unserer
Erkenntnis nachzukommen dem, was sich jetzt schon in so
herrlicher Weise auf den Schlachtfeldern in West und Ost
erweist; denn das sind dieselben Krafte, die spirituell in Schil-
ler zur Erhohung gekommen sind. Unablassig suchte Schiller
- um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen — in der mensch-
lichen Natur gegeniiber dem, was der Alltagsmensch, was der
Mensch ist, der mit den Dingen der auBeren Welt lebt, der
diese Dinge der auBeren Welt in sich aufnimmt und verarbei-
tet — , unablassig suchte er gegeniiber diesem Menschen den,
wie er ihn nennt, «hoheren Menschen», der in jedem lebt. Und
es gehort zu den groBten Kulturgiitern, was Schiller gerade in
bezug auf das Suchen dieses hoheren Menschen zum Ausdruck
gebracht hat in seinen « Brief en iiber die asthetische Erzie-
hung». - Ich habe mir im letzten Vortrage erlaubt, darauf auf-
merksam zu machen, daB man sich in anderer Weise zum
Deutschtum bekennt und rechnet, als die Angehorigen der
andern Nationen sich zu ihrem Volkstum verhalten: man ist
Russe, man ist Franzose, man ist Englander, aber man wird
immerfort Deutscher; das heiBt, man sucht nach einem Ideal,
das noch erhohbar ist; man sucht etwas Hoheres, als was in
den gewohnlichen Menschen lebt. Und so sucht Schiller in sei-
nen Asthetischen Briefen auszudriicken, wie auf der einen Seite
der Mensch bis zum vollsten Erfassen seiner innersten Lebens-
regungen - was sein hoherer Mensch ist - nicht kommt, wenn
er nur der auBeren Welt, nur dem auBerlich Realen lebt. Wie
ein Sklave, der unter den Antrieben der auBeren sinnlichen
Notdurft lebt, sagt Schiller, ist ein solcher, der nur den auBeren
Anregungen gemaB lebt. Aber auch derjenige ist fur Schiller
kein Vollmensch, der nur hinneigt zum abstrakten Denken, der
sich nur der Vernunftnotwendigkeit unterwirft. Auf der einen
Seite sieht Schiller die Vernunftnotwendigkeit, auf der anderen
Seite die sinnliche Notwendigkeit. Den Menschen aber sucht
er im Alltagsmenschen, der sich so ausleben kann, daB er 2x1
der veredelten Natur so hinzublicken vermag, daB ihm das
sinnliche Leben entgegenkommt mit dem Ausdrucke der scho-
nen Geistigkeit, an den aber auch die Vernunft herandringt.
Der nur ist ihm ein Vollmensch, der mit derselben Lebendig-
keit, mit dem Sinn fur das Schone sich dem Geistigen gegen-
uberzustellen vermag wie der andere der Sinnlichkeit. Und aus
der mittleren Stimmung, die sich daraus ergibt, glaubt Schiller
die Art herleiten zu konnen, die einen hoheren Menschen aus
dem alltaglichen Menschen hervorzaubern kann. DaB aber der
Mensch dies miisse, das findet Schiller als das hochste Ideal des
Menschen, und damit ist er wieder einer der groBen Anreger
wahrer geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, welche mit alien
ihren Kraften suchen will, was als hoherer Mensch im Men-
schen lebt, und die nicht anders kann, wenn sie im wirklich
modernen Geiste dies suchen will, als anzukniipfen an die Im-
pulse, wie sie zum Beispiel aus Schillers Asthetischen Briefen
flieBen konnen. Gerade das, was ich mir in dem Vortrage heute
vor acht Tagen zu sagen erlaubte: wie man als Deutscher stets
wird, wie man als Deutscher gar nicht einseitig den «Deut-
schen» sucht, sondern den Menschen, der iiber alle Nationalitat
hinausgeht, der alle Nationalitat als etwas betrachtet, was 211m
auBeren Menschen gehort, — das tritt uns so schon in dem ent-
gegen, wonach Schiller gestrebt hat, was er auszudriicken suchte
in seinen Briefen iiber die asthetische Erziehung des Men-
schen und was im Grunde genommen zum Ausdruck kommt
in all den Kunstwerken, die Schiller vor sein Volk hingestellt
hat, und die dern Volke so ans Herz und in die Seele gewach-
sen sind.
Und Fichte - pragt er einen einseitigen Begriff, eine ein-
seitige Idee des Deutschtums? Nein! konnen wir sagen; er
pragt einen universellen Begriff des Deutschtums, einen Be-
griff, von dem wahrhaftig gesagt werden kann: Der Deutsche
will immer werden; und er glaubt, daB man nur dann im voll-
sten Sinne des Wortes ein Deutscher sein kann, wenn man im
vollsten Sinne des Wortes Mensch ist. Daher das schone
Wort in Fichtes «Reden an die deutsche Nation*, dieses wun-
derbare, beherzigenswerte Wort:
«Der Grundsatz, nachdem sie» — was immer die Fichtesche
Philosophic ist - «diesen zu schlieBen hat, ist ihr vorgelegt; was
an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt und die
ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das,
wo es auch geboren sei und in welcher Sprache es rede, ist
unseres Geschlechts, es gehort uns an, und es wird sich zu uns
tun.»
Wer so denkt, gehort uns an und wird sich zu uns tun. Das
ist Schillers, das ist Fichtes Art: Deutscher zu werden dadurch,
daB man im umfassendsten und universellsten Sinne des Wor-
tes den hoheren Menschen im Menschen sucht, der den Weg
sucht zu dem, was dem auBeren Menschen fremd, der dadurch
Mensch und groB ist, daB er alles GroBe und zu Liebende auch
bei andern Menschen anderer Nationalitaten zu lieben vermag.
Und das sucht Schiller als ein ganzer Deutscher, indem er die
Worte, die erst lange nach seinem Tode herausgekommen sind,
sprechen durfte nicht nur im Angesichte des deutschen Volkes,
sondern der ganzen Kulturmenschheit:
«Dem, der den Geist bildet, beherrscht, muB zuletzt die
Herrschaft werden; denn endlich an dem Ziel der Zeit, wenn
anders die Welt einen Plan, wenn des Menschen Leben nur
irgend Bedeutung hat, endlich muB die Skte und die Vernunft
siegen, die rohe Gewalt der Form erliegen - und das lang-
samste Volk wird alle die schnellen, fliichtigen einholen.
Ihm» - dem Deutschen - «ist das Hochste bestimmt, und so
wie er in der Mitte von Europens Volkern sich befindet, so ist
er der Kern der Menschheit, jene sind die Bliite und das Blatt.
Er ist erwahlt von dem Weltgeist, wahrend des Zeitkampfes
an dem ewigen Bau der Menschenbildung zu arbeiten, zu be-
wahren, was die Zeit bringt.
Daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet und es in sich
bewahrt.
Alles, was Schatzbares bei andern Zeiten und Volkern auf-
kam, mit der Zeit entstand und schwand, hat er aufbewahrt,
es ist ihm unverloren, die Schatze von Jahrhunderten.
Nicht im Augenblick zu glanzen und seine Rolle zu spielen,
sondern den groBen ProzeB der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk
hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deutschen
ist die Ernte der ganzen Zeit.»
So haben sie gesprochen. Und in ihrem Sinne - in dem
Sinne, daB man ais Deutscher stets wird und weiterstrebt und
niemals bei dem schon Errungenen bleibt, konnen wir Schii-
ler, Nachfolger dieser GroBen werden. Wortlich auf diese un-
sere Vorfahren zu schworen, kann nicht unsere Art sein. Das
aber kann unsere Art sein: aus denselben innersten Lebens-
regungen heraus, aus denen sie geschaffen haben, zu ver-
suchen, unsere Zeit zu verstehen, weiter zu wirken und zu
arbeiten. Und indem wir so den Blick auf diese groBen Vor-
fahren hingelenkt haben, fragen wir uns nun — wenn auch viel-
leicht im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis in un-
sere Zeit herein manches anders geworden ist, als es diese gro-
Ben Genien sich unmktelbar in ihrem BewuBtsein vorgestellt
haben: Ist aus diesen Impulsen, welche sie gegeben haben,
etwas geflossen, was diesen Impulsen entspricht? Gibt es etwas
in Mitteleuropa, an dem man erkennen kann Geist von Schil-
lers Geist, Seele von Fichtes Seele?
Nun, es wird zweifellos nicht gerade leicht, in der unmittel-
baren Gegenwart von dem zu sprechen, was das eigene Volk
verwirklicht hat, was in ihm lebt. Und Sie werden es verstehen,
daB man in gewisser Weise davor zuriickschrecken mag, gerade
in unseren schicksalsschweren Zeiten nur im entferntesten zu
dem zu kommen, was wie eine Selbstcharakteristik — wenn
auch nur wie eine Selbstcharakteristik des Volkes erscheint.
Daher will ich einen andern Weg wahlen, damit nicht gesagt
werden kann, daB dieses «Barbarenvolk» geschimpfte Volk
Selbstlob und Eigenliebe treibe. Ich mochte einen Weg wah-
len, durch den wir wie in einem Echo vernehmen konnen, was
aus dem Volke Schiilers und Fichtes geworden ist. Wahlen
wir einmal Worte, die gesprochen worden sind - in englischer
Sprache — von dem groBen Amerikaner Emerson, Worte, die
also nicht unsere Worte sind. Emerson, der groBe Amerikaner,
sprach iiber das Wesen des deutschen Volkes in der nach-
Schillerschen, nach-Fkhteschen Zeit die folgenden Worte - wie
gesagt: nicht einmal in deutscher Sprache — indem er das-
jenige sagte, was er iiber Goethe zu sagen hatte:
«Eine Erscheinung vornehmlich, die Goethe mit seiner gan-
zen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des franzo-
sischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten
Erscheinung, »
- also wie gesagt: eine Eigenschaft, welche Goethe mit der
ganzen Nation gemeinsam hat! —
«daB sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert.
In England und Amerika respektiert man das Talent, allein
man ist zufriedengestellt, wenn es fur oder gegen eine Partei
seiner tJberzeugung nach tatig ist. In Frankreich ist man schon
entziickt, wenn man brillante Gedanken sieht, eineriei, wohin
sie wollen. In all diesen Landern aber schreiben begabte Man-
ner, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie hervorbringen,
den verstandigen Leser an und enthalt es nichts, was gegen den
guten Ton anstoBt, so wird es genugend angesehen. Soviel
Spalten, soviel angenehme und niitzlich verbrachte Stunden.
Der deutsche Geist besitzt weder die franzosische Lebhaftig-
keit noch das fur das Praktische zugespitzte Verstandnis der
Englander noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit;
allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probitat, die niemals
beim auBerlichen Schein der Dinge stehenbleibt, sondern
immer wieder auf die Hauptfrage zuriickkommt: Wo will das
hin? Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftstel-
ler, daB er iiber den Dingen stehe und sich einfach dariiber
ausspreche.
Geistige Regsamkeit ist vorhanden: wohlan: wofiir tritt sie
auf? Was ist des Mannes Meinung? - Woher? — woher hat
er alle diese Gedanken? »
Dies, sagt Emerson, verlange das deutsche Publikum von
dem, der zu ihm sprechen will, der fiir es etwas sein will. Ein
anderes Wort Emersons — wir diirfen es wie ein Echo dessen,
was aus den Impulsen Schillers und Fichtes hervorgegangen
ist, anhoren:
«Die Englander sehen nur das Einzelne und wissen die
Menschheit nicht nach hoheren Gesetzen als ein Ganzes auf-
zufassen . . . Die Deutschen denken fiir Europa.»
- Der englisch Sprechende in Amerika sagt dies! —
«... Die Englander ermessen dieTiefe des deutschen Genius
nicht. »
Und was ist aus diesen Griinden, die hier Emerson fur sich
selber anfuhrt, geworden? Auch darauf gibt er die Antwort.
Wieder sind es seine Worte, die ich vorlesen will:
«Aus diesem Grunde sind die in der hdheren Konversation
gebrauchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ur-
sprunges. Wahrend die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehr-
samkeit wegen mit Auszeichnung genannten Englander und
Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewis-
sen Oberflachlichkeit ansehen und ihr personlicher Charakter
mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich
dariiber ausdriicken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange
steht, spricht Goethe, »
- Emerson spricht hier in Anknupfung an die deutsche Na-
tion, wenn er auch iiber Goethe spricht —
«das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er
Talent hat; sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen
in seiner Seele und leuchtet aus ihr heraus. Er ist weise im
hochsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein
Talent verschleiert werden. Wie vortreffiich das ist, was er
sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist . . . Er hat
jene furchterweckende Unabhangigkeit, welche aus dem Ver-
kehr mit der Wahrheit entspringt.»
So der englisch redende Amerikaner iiber das, was aus den
Impulsen derer geworden ist, die der mitteleuropaische Mensch
als seine groBen Genien ansieht.
Nun, ein Satz aus Emersons Auseinandersetzungen darf sich
in unserer jetzigen Zeit ganz besonders tief in unser BewuBt-
sein eingraben, der Satz, wo Emerson sagt: «Die Englander
ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht. » Es ist selbst-
verstandlich, daB man, wo von geistiger Erkenntnis gesprochen
wird, sich dariiber klar ist, daB niemals, wenn man vom «Men-
schen» spricht, die Rede davon sein konne, daB dieser Mensch
mit seiner Nationalist identifiziert werden darf. Was geistige
Angelegenheiten sind, das sind Angelegenheiten der ganzen
Menschheit; da gibt es keine Unterschiede von Nationen und
Rassen. Also nicht von Individuen ist die Rede; sondern wenn
wir, wie wir es jetzt tun wollen, den Blick auf das hinlenken,
was die deutsche Nation von Schiller und Fichte hat, so ist
das etwas, was iiber dem Nationalen ist, was anational, was
gottlich-ewig ist. Und war man denn - so diirf en wir vielleicht
die Frage gerade in unserer Zeit stellen, in der uns so viel Ab-
tragliches zu Ohren kommt, gerade von jenseits des Kanals
heriiber war man denn immer dieser Meinung? Wir diirf en
fragen: Erscheint uns gegeniiber dem, was heute gesagt wird,
das in kiihleren Tagen Gesagte als weniger bezeichnend?
Nun, eine Merkwiirdigkeit liegt vor. Und wenn Sie auch
nicht auf das ausfiihrliche Buch — oder die Biicher — von Miss
Wylie eingehen wollen, das, von Lord Haldane mit einer Vor-
rede versehen, auch in deutscher Sprache erschienen ist, so
konnen Sie sich doch in die Ausfuhrungen Miss Wylies ver-
tiefen, wenn Sie die beiden Sonderhefte der «Suddeutschen
Monatshefte» zur Hand nehmen, jene braunen Hefte, die auf
jedem Bahnhof zu haben sind. Ich will nur eines aus dem
herausgreifen, was eine Englanderin ganz kurze Zeit vor dem
Ausbruch des gegenwartigen Krieges iiber das Volk Schillers
und Fichtes gesagt hat; und ihre Worte diirfen zitiert werden,
weil sie acht Jahre in Deutschland gelebt hat und das Volk
kennengelernt hat, von dem Emerson sagt, daB man es eben
in den englisch sprechenden Landern nicht kennt. Kennen-
gelernt hat Mil3 Wylie nicht nur, was deutsches Geistesleben
unmittelbar ist, sondern sie hat auch kennengelernt, wie sich
deutsches Geistesleben ausnimmt in Krankenhaus, Schule, Uni-
versitat und Industrie. Sie sagt:
«Wir lesen viel vom neuen Deutschland und seinem neuen
Geist. Aber es gibt kein neues Deutschland und keinen neuen
Geist. Das bestehende ist das gereifte Werk von Generationen,
das, was von jeher war. Geblendet durch den plotzlichen Glanz
von Deutschlands Wohlstand, sind wir geneigt, zu vergessen,
daB es selten, auBer eben an Wohlstand, einen andern als einen
der allervordersten Platze unter den Nationen eingenommen
hat. In Religion und Philosophic hat Deutschland geleuchtet
zu einer Zeit, wo ringsum alles dunkel war; in der Literatur
hat es einen epochemachenden Impuls gegeben; in der Musik
hat es von jeher dominiert.»
- Das ist Echo! Wir sagen es nicht von uns selbst. —
«Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philo-
sophic sind uns Bucher mit sieben Siegeln. Was wir wissen,
ist, wieviel Dreadnoughts Deutschland besitzt und um wieviel
sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht
der Dreadnought, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und
Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist
nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigen-
schaften, die es veranlaBten.
Vor vierzig Jahren kampfte Deutschland um seine Existenz.
Und es kampft noch heute darum. Es ist vollig falsch, zu glau-
ben, Deutschland stande schon auf seinem Hohepunkt. Es
kampft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mach-
tige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Genera-
tionen gewonnen wurde . . . An jeder Grenze und iiber dem
Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch, und war-
ten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig
nachlaffc, um dariiber herzufallen und es unterzukriegen.
Deutschland weiB das ganz genau>
So sagt die Englanderin. Ja — sie weiJ3 es! Aber auch andere
haben es gewuBt. Ich habe das letztemal von einem Buche
gesprochen, «Deutschland im neunzehnten Jahrhundert», von
Herford, das hervorgegangen ist aus Vorlesungen, welche an
der Universitat in Manchester gehalten worden sind und
durch welche diejenigen belehrt werden sollten, die nichts
wissen - namentlich, wie es in dem Buche selber ausgespro-
chen ist: die «Presseleute» - iiber das, was deutsches Wesen
ist. Ich darf auch heute, wenn auch nur weniges, gerade aus
diesem Buche anfuhren, was gieichsam als Ermahnungen iiber
deutsches Wesen in Manchester im Jahre 1912 - also auch
vor kurzer Zek — gesagt worden ist, weil es sich auf die rea-
len Verhaltnisse der allerunmittelbarsten Gegenwart bezieht.
So sprach man davon in Manchester:
«Im groBen und ganzen ist es auBer Frage, daB die Errich-
tung des Deutschen Rekhes dem Frieden der Welt forderlich
gewesen ist. Diese Erklarung wird denen seltsam erscheinen, die
von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart
und fur welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig
sich verandernder blendender Kinematograph. Die Geschichte
sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der
Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu
lassen, und in jenem hoheren Lichte werden Dinge, welche
verletzend erscheinen, ein natiirliches Ansehen gewinnen.
Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir,»
- in Manchester ist es gesprochen, in englischer Sprache! -
«daB unsere Vorfahren Frankreich mit weit groBerer Furcht
betrachteten, als die wildesten Larmschlager heute Deutsch-
land furchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren
guten Grund. . . .
Es laBt sich also, um alles zusamrnenzufassen, zeigen, daB
die Griindung des Deutschen Reiches ein Gewinn fur Europa
gewesen ist»
- in Manchester ist das gesprochen! -
«und deshalb auch fur GroBbritannien. Denn die Ereignisse
der Jahre 1866 bis 1871 machten ein fiir aliemal der Moglich-
keit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschutzte Mitte von
Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine
Lockung zum Kriege, welche in friiheren Jahrhunderten Frank-
reich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte; sie setzten das
deutsche Volk instand, seine bis dahin verkiimmerten politi-
schen Fahigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf
sicherer Grundlage ein neues europaisches System zu errichten,
welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat.»
- So im Jahre 1912 in Manchester in englischer Sprache ge-
sprochen! —
«Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, daB die deutsche
Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was GroBbritannien
trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nicht hatte be-
wirken konnen, namlich das Gleichgewicht der Krafte in so
entschiedener Weise zu sichern, daB ein groBer Krieg zum
gefahrlichsten aller Wagnisse wurde.»
Also man hat einigermaBen erkannt, daB doch etwas Wah-
res an dem ist, was ich mir in dem Vortrage vor acht Tagen
anzufiihren erlaubte mit den Worten Herman Grimms: daB
der Deutsche sich zwar jederzeit fur sein Vaterland opfern
wird, wenn die Zeit es ihm gebietet, daB er aber den Augen-
blick nicht herbeisehnen oder herbeifuhren wiirde, wo dies
durch Krieg geschehen kann. Und angesichts dessen, daB wir
dies auch wie ein Echo von aufien horen, diirfen wir auch den
Blick auf das wenden, was unsere unmittelbare Gegenwart ist.
Daher bitte ich Sie nun, — ich mochte sagen: um unsere Emp-
findungen auf die Art zu lenken, wie wir das anzusehen haben,
worin wir in diesen schicksalsschweren Zeiten hineingestellt
sind — , sich an das zu erinnern, was sich zugetragen hat in den
Tagen Ende Juli und in den ersten Augusttagen, was hinlang-
lich bekannt ist. Ich mochte in einer eigenartigen Weise zu
charakterisieren versuchen, wie sich die Ereignisse darstellen
konnen; mit Worten, in welchen zum Ausdruck gebracht wer-
den konnte, was ein unbefangener Betrachter Mitteleuropas
- oder mogen die andern auch sagen: ein «befangener» Be-
trachter — iiber die Art hatte empfinden konnen, wie dieses
Mitteleuropa zu dem groBen Kriege steht. Dies wollen wir uns
einmal vor die Seele fiihren. Ich will es mit folgenden Worten
versuchen.
Wir erinnern uns daran, was an Zeitungsstimmen schon im
Fruhling dieses Jahres von RuBland zu uns heriibergekommen
ist. Man konnte daran sehen, wie allmahlich eine Art von
PreBkampagne in Petersburg anfing, durch welche die deutsche
Politik angegriffen wurde. Diese Angriffe steigerten sich wah-
rend der darauf folgenden Zeit bis zu starken Forderungen
eines Druckes, den wir auf Osterreich iiben sollten in Sachen,
wo wir das osterreichische Recht nicht ohne weiteres angrei-
fen konnten. Man konnte in Deutschland dazu die Hand nicht
bieten; denn wenn wir uns Osterreich entfremdeten, so gerie-
ten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa,
notwendig in Abhangigkeit von RuBland. Ware eine solche
Abhangigkeit ertraglich gewesen? Man hatte fruher glauben
konnen, sie konnte es sein, weil man sich sagte: wir haben gar
keine streitigen Interessen; es ist gar kein Grund, warum RuB-
land je die Freundschaft uns kiindigen sollte. Wenn man mit
russischen Freunden spricht von dergleichen Auseinander-
setzungen, so kann man ihnen nicht gerade widersprechen. Die
Vorgange zeigten aber, daB selbst ein vollstandiges In-Dienst-
Stellen unserer Politik — fur gewisse Zeit — in die russische uns
nicht davor schiitzte, gegen unseren Willen und gegen unser
Bestreben mit RuBland in Streit zu geraten.
Ich glaube, diese Worte konnten zeigen, was ein Mensch
der Gegenwart zur Charakteristik des Friihlings und des Som-
mers sagen konnte. Aber diese Worte habe ich gar nicht zu-
sammengestellt; ich habe sie gar nicht verfaBt. Ich habe sie nur
etwas verandert. Diese Worte hat namlich Bismarck am 6.Fe-
bruar 1888 im Deutschen Reichstage ausgesprochen, als er
eine Wehrvorlage zu vertreten hatte und ausfiihren wollte, daB
diese Wehrvorlage nicht im Interesse eines Angriffskrieges,
sondern im Interesse des Friedens sei. Und jetzt will ich Ihnen
seine Worte vorlesen:
«... wie allmahlich eine Art von PreBkampagne in Peters-
burg anfing, ich personlich in meinen Absichten verdachtigt
wurde. Diese Angriffe steigerten sich wahrend des darauffol-
genden Jahres bis 1879 zu starken Forderungen eines Druckes,
den wir auf Osterreich iiben sollten in Sachen, wo wir das
dsterreichische Recht nicht ohne weiteres angreifen konnten.
Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten; denn wenn wir uns
Osterreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz
isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhangigkeit
von RuBland. Ware eine solche Abhangigkeit ertraglich ge-
wesen? Ich hatte friiher geglaubt, sie konnte es sein, indem
ich mir sagte: wir haben gar keine streitigen Interessen; es ist
gar kein Grund, warum RuBland je die Freundschaft uns kiin-
digen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen,
die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu wider-
sprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttauschte
mich, der sagte mir, daB selbst ein vollstandiges In-Dienst-
Stellen unserer Politik (fiir gewisse Zeit) in die russische uns
nicht davor schiitzte, gegen unseren Willen und gegen unser
Bestreben mit RuBland in Streit zu geraten.»
Das charakterisiert die Krafte, die nicht in einem Jahre,
sondern die seit jener Zeit vorhanden waren und die der-
jenige, der wuBte, was glimmt und gluht in Europa, wohl
kannte. Wer so den geschichtlichen Zusammenhang betrach-
tet, der wird aus der Obereinstimmung allein dessen, was man
heute empfinden kann, mit dem, was Bismarck damals aus-
gesprochen hat, einsehen konnen, daB es unmoglich gewesen
ware, selbst bei einem «vollstandigen In-Dienst-Stellen der
deutschen Politik der russischen Interessen », den Streit mit
RuBland zu vermeiden. Ich denke, solche Art Geschichts-
betrachtung spricht vieles, vieles. Und aus welcher Stimmung
heraus waren schon damals diese Worte geflossen? War es
etwa Herman Grimm allein, der davon sprach, daB Deutsch-
land, daB der Deutsche als solcher den Frieden will, daB er
audi seine Riistung in den Dienst des Friedens stellen will?
Bismarck sagte damals in derselben Rede schon, was man auch
bedenken soilte: er habe auf dem Berliner KongreB im Jahre
1878 fur RuBland so viel getan, daB er dafur den hochsten rus-
sischen Orden mit Brillanten bekommen miiBte - wenn er ihn
nicht schon gehabt hatte. Dennoch muBte er diese Worte spre-
chen, die er damals gesprochen hat. Und iiber die Stimmung,
aus der heraus sie geflossen waren, horen wir ihn auch sprechen:
«Mit der gewaltigen Maschine, zu der wir das deutsche
Heerwesen ausbilden, unternimmt man keinen Angriff. Wenn
ich heute vor Sie treten wollte und Ihnen sagen — wenn die
Verhaltnisse eben anders lagen, als sie meiner "Oberzeugung
nach liegen — : <wir sind erheblich bedroht von Frankreich
und RuBland; es ist vorauszusehen, daB wir angegriffen wer-
den; meiner tlberzeugung nach glaube ich es als Diplomat
nach militarischen Nachrichten hieriiber, es ist niitzlicher fiir
uns, daB wir als Defensive den VorstoB des Angriffes benut-
zen, daB wir jetzt gleich schlagen; der Angriffskrieg ist fiir
uns vorteilhafter zu fiihren, und ich bitte also den Reichstag
um einen Kredit von einer Milliarde oder einer halben Mil-
liarde, um den Krieg gegen unsere beiden Nachbarn heute zu
unternehmen,> — ja, meine Herren, ich weiB nicht, ob Sie das
Vertrauen zu mir haben wiirden, mir das zu bewilligen. Ich
hoffe nicht. »
Das alles ist geeignet, wirklich die Oberzeugung zu bekraf-
tigen, wie im Grunde genommen Deutschland einen Krieg
nur dann wollte, wenn er aus den europaischen Notwendig-
keiten hervorgeht, und daB es weit, weit davon entfernt war,
den Krieg um des Krieges willen irgendwie zu wollen. Dann
aber moge man entscheiden, ob diese Stimmen — also auch
diese Stimme iiber die unmittelbaren auBerlichen Ereignisse -
dem entsprechen, was deutsches Geistesleben ist. — Ich kann
nicht umhin, auch noch von einem andern Eindruck, den deut-
sches Geistesleben an einem gewissen Punkt machte, ein paar
Worte zu sagen.
Wir haben es in diesem Sommer gehort, wie ein Mann
wahrhaftig nicht harte Worte genug — ich sage harte Worte —
finden konnte, um nun auch das deutsche «Barbarentum» ab-
zukanzeln. Derselbe Mann hat friiher einmal drei Geister an-
gefuhrt, die ihn zu seiner Weltanschauung am meisten, oder
wenigstens viel, gebracht haben: den Mystiker Ruysbroek, den
Amerikaner Emerson und den deutschen mystischen Dichter
Novalis. Eine merkwiirdige Frage legt sich dieser Mann vor,
der unter denen, die ihn zu seiner geistigen Anschauung
hinaufgefuhrt haben, ganz besonders auch von dem deutschen
mystischen Dichter Novalis spricht — die Frage: Was ist
schlieBlich selbst alles, was in Shakespeares Dramen stent, was
da verhandelt wird zwischen den einzelnen Personen und was
von Person zu Person spielt, was ist das gegeniiber dem, was
in vielen anderen Dichtungen lebt? Denn nehmen wir an — so
meint er — es kame von einem anderen Planeten ein Geist zu
uns, der unter ganz anderen Verhaltnissen lebte als die Erden-
seelen: wiirde er sich im geringsten fur das interessieren, was
die Personen in Shakespeares Dramen erlebten? MiiBten wir
ihm nicht etwas ganz anderes bieten, was in der Regel im All-
tage gar nicht zum Ausdruck kommt, etwas, was aus der Men-
schenseele heraus wirkt, wenn er nur uns beachten sollte? Und
dann besinnt er sich, wie ihm ein deutscher mystischer Dich-
ter — Novalis — etwas gebracht hat, was von dem spricht, wor-
uber er am liebsten schweigen mochte, wovon er aber glaubt,
daB die Seele eines andern, der aus einer anderen Welt her-
unterkommt, darin etwas Mitteilenswertes erbiicken miiBte.
Und also spricht der Betreffende von Novalis, dem deutschen
mystischen Dichter, der so etwas in seiner Seele hat, was, als
aus dem Innersten des Menschenwesens kommend, selbst
einem erdenfremden Geist gewiesen werden konnte, wenn die-
ser danach fragte:
«Wenn es aber anderer Beweise bediirfte, so wiirde sie» — das
heiBt: die Seele wahrscheinlich — «ihn unter die fiihren, deren
Werke fast ans Schweigen riihren. Sie wiirde die Pforte des
Reiches offnen, wo einige sie urn ihrer selbst willen liebten,
ohne sich urn die kleinen Gebarden ihres Korpers zu kiim-
mern. Sie wiirden zusammen au£ die einsamen Hochflachen
steigen, wo das BewuBtsein sich um einen Grad steigert und
wo alle, welche die Unruhe iiber sich selbst plagt, aufmerksam
den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt
mit unseren hoheren Welten verkniipft. Sie wiirden mit ihm
zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte,
wo der Mensch zu enden scheint, fangt er wahrscheinlich an,
und seine wesentlichsten und unerschopflichsten Teile befin-
den sich im Unsichtbaren, wo er unaufhorlich auf seiner Hut
sein muB. Auf diesen Hohen allein gibt es Gedanken, welche
die Seele billigen kann, und Vorstellungen, welche ihr ahneln
und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Mensch-
heit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuch-
teten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die
Erde dem Geisterreiche ankiindigen. Ihr Widerschein hat fiir-
wahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, daB die Leiden-
schaften des Geistes und des Korpers in den Augen einer
hoheren Vernunft den Klangen von Glocken gleichen wiirden;
aber in ihren Werken sind die genannten Menschen aus dem
kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben
Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht von
der irdischen Gemeinde sind.»
So sagt ein Mann, nachdem er einen Eindruck empfunden
hat von Novalis und sich iiber Novalis aussprechen will. Das
ist derselbe Mann, der jetzt in einer eigentiimlichen Weise
- Sie werden es ja meistens kennen — iiber Deutschtum und
deutsches Wesen sich ausgelassen hat: Maurice Maeterlinck.
Wenn wir horen, daB so etwas von Maeterlinck gesprochen
worden ist, konnen wir dann nicht sagen, daB er eigentlich
sein Wesen recht «wesentlich» ausgewechselt hat? Konnte
man nicht sogar sagen, seine jetzigen Worte klingen so, daB
man von ihnen sagen konnte: In Wahrheit ist es schwer, seine
Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten
der unniitzen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben? Man
mochte ihn wahrhaftig selber zu diesen unniitzen Schreiern
zahlen, gegen welche schwache Kinderstimmen nicht aufkom-
men konnen. Aber ich habe auch diese Worte von Maurice
Maeterlinck genommen; denn es sind seine eigenen Worte,
die er auch bei der angefiihrten Gelegenheit spricht: «In
Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre
schwache Kinderstimme inmitten der unniitzen Schreier zu
vernehmen, die sie umgeben. »
Wir haben versucht, dasjenige ein wenig zu ergriinden, was
Schiller und Fichte von ihrem Volke wollten. Und wir haben
versucht — wenn auch nur im Echo — zu erkennen, inwiefern
diese Impulse sich verwirklicht haben. Man spricht heute viel
von allerlei Gefuhlen, die nun in diesen Deutschen sein sollen
gegen die anderen Volker, mit denen sie im Kriege sind; man
spricht zum Beispiel von HaBgefiihlen, welche die Deutschen
haben sollen gegen die Russen, gegen die Englander, auch
gegen die Franzosen. Wahrhaftig, nach den Worten, die ich
heute und das letztemal gesprochen habe, wird mir das, was
ich jetzt zu sagen habe, nicht als eine undeutsche Gesinnung
ausgelegt werden, sondern als eine solche, die aus den wahren
Griinden der Geisteswissenschaft flieBen muB. Denn ich
glaube: wenn wir auf die innersten Wurzeln der Lebensregung
beim Deutschen hinblicken, dann sind diese HaBgefuhle, diese
Verachtungsgefiihle gegeniiber den anderen Volkern alle nicht
wahr! Mag auch in den jetzigen Tagen gar manches Wort
gesprochen werden, was wir vielleicht selbst innerhalb des
Deutschen «undeutsch» finden — wahr ist doch das, was in
bezug auf Schiller und Fichte gesagt werden durfte: Derjenige,
der den « Menschen* , den hoheren Menschen im Menschen
sucht, so sagt Fichte selber, er gehort zu uns! Und unablassig
sucht der Deutsche iiber die engen Fesseln seiner Nationalist
hinauszukommen. Daher glaube ich nicht, daB es mehr als
iiber den Alltag hinausgehen kann, wenn von andern Gefuhlen
als von Gefuhlen der Hingebung auch zu dem Wertvollsten
bei andern Volkern heute gesprochen wird. Und diirfen wir
nicht auch dafiir Belege anfuhren?
Oh, wir diirfen glauben, daB das, was als hochste Frucht des
deutschen Geisteslebens zum Vorschein gekommen ist, auch
wirklich in der primitivsten deutschen Natur lebt. Hafit der
Deutsche die Englander in Wirklichkeit? Ich mochte sagen:
nein. Ich mochte sogar das par adoxe Wort pragen: Der Deutsche
hat bewiesen, daB er sogar die Englander mehr liebt als sie
sich selber. Nehmen wir einmal ernsthaft das Wort: an ihren
Friichten sollt ihr sie erkennen. Wie hat der Deutsche Shake-
speare gepflegt? Man vergleiche, was Shakespeare innerhalb
des deutschen Geisteslebens fur eine Bedeutung gewonnen hat
- gegeniiber dem, was er in England geworden ist. Man kann
dann sagen: Wir sehen die Neuauferweckung Shakespeares im
deutschen Geistesleben. Der Deutsche hat Shakespeare mehr
gepflegt als der Englander — wenn dies auch auf der Spitze
des Gesagten ist. Aber wie gesagt wurde, daB in dem Tornister
eines jeden Soldaten der Marschallstab stecke, so steckt diese
Gesinnung in der Seele des einfachsten Deutschen, wenn sie
auch dadurch, daB jetzt der Deutsche von alien Seiten bedroht
ist, ein wenig gesucht werden muB. — Aber wir konnen auch
in die neuere Zeit gehen. Wir haben von Goethe gesprochen.
Goethe gehort audi zu denen, die mit liebevollster Gesinnung
sich in das, was allgemein Menschliches ist, bei alien Nationali-
taten und zu alien Zeiten hineinversenkt hat. Wir sehen ihn
untertauchen in das, was ihm so teuer war, in das alte Grie-
chentum, wir sehen dieses Untertauchen sinnbildlich dar-
gestellt im zweiten Teil des « Faust », in der Vereinigung des
Faust mit der Helena, als Sinnbild fur die Vereinigung der
zwei nationalen Elemente. Und Goethe laBt aus dieser Vereini-
gung etwas hervorgehen: den Euphorion, der uns nach alle-
dem, was wir schon tiber den Faust sagen konnten, als etwas
erscheinen kann, was mit Goethes Menschheitsideal zusam-
menhangt. Eine merkwiirdige Gestalt ist dieser Euphorion.
Gedenken wir an Worte des Euphorion, die uns tief, tief ge-
rade heute in unseren Tagen in die Seele hereinklingen kon-
nen. Euphorion sagt:
Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen:
In Waffen kommt der Jiingling an!
Gesellt zu Starken, Freien, Kiihnen,
Hat er im Geiste schon getan.
Nun fort!
Nun dort
Eroffnet sich zum Ruhm die Bahn.
Dann weiter:
Und hort ihr donnern auf dem Meere?
Dort wiederdonnern Tal urn Tal,
In Staub und Wellen Heer dem Heere,
In Drang um Drang zu Schmerz und Qual!
Und der Tod
Ist Gebot;
Das versteht sich nun einmal.
Und dann:
Sollt ich aus der Feme schauen?
Nein! Ich teile Sorg und Not!
Wer schwebte Goethe vor, als er diesen Extrakt des Mensch-
heitlichen vor seine Seele hinmalen wollte? Byron, der groBe
englische Dichter, war ihm Vorbild zu dem, was er in seinem
«Euphorion» hingestellt hat!
Zuweilen konnte es ja scheinen, als ob sich der Deutsche
auch dazu hinreiBen lieBe, seine Eigenart gegeniiber Fremden
hervorzukehren. Dann muB man nur wissen, wie er in diesem
Hervorkehren immer etwas liegen hat, was sich gegen irgend
etwas wehren will. Es sind Worte, die Friedrich Schlegel
einmal gesprochen hat, als Paris einen groBen Eindruck auf
ihn machte: «Paris ware eigentlich eine wunderbare Stadt, nur
sind zu viele Franzosen darm.» GewiB, auch solche Worte sind
gesprochen worden. Aber auch anderes liegt vor. Da liegt
besonders etwas vor, was symptomatisch andeutet, wie der
Deutsche wenigstens drinnen stehen will im ganzen Kultur-
leben. Das liegt vor, als Schiller hinblickte auf eine groBe Ge-
stalt der Weltgeschichte. Auch andere haben auf diese Gestalt
der Weltgeschichte hingeblickt: Shakespeare, Voltaire — ein
Englander, ein Franzose. Ich meine die «Jungfrau von Orleans*.
Wir konnen, wenn wir die Sache uns nur wirklich vor die
Seele riicken, nicht anders als sagen: in engherzig nationaler
Art hat sich Shakespeare zu der Jungfrau von Orleans gestellt;
mit kuhler, abweisender Skepsis hat Voltaire sie behandelt. Da-
gegen muB daran erinnert werden, dafi sich Schiller ihr gegen-
iiber nur so ausdriicken konnte, daB er sagte: «Es liebt die
Welt das Strahlende zu schwarzen und das Erhabne in den
Staub zu ziehn.» Und so suchte er sie hinzustellen, diese fur
ihn zur Himmelsbotin, zur Botin der geistigen Welt gewordene
Personlichkeit. Man hat es vielfach getadelt, daB Schiller die
Gestalt der Jungfrau von Orleans geschaffen hat. Heute sollte
man sich gegeniiber der Art, wie der Deutsche sich in das Kul-
turleben hineinstellt, daran erinnern, wie Schiller versucht hat,
sich in alles hineinzuleben, was ihm aus dem Franzosischen
wie em Geschenk des Himmels gekommen ist, urn es zu ver-
korpern, was aber in der Beurteilung des deutschen Geistes
verbunden ist mit Kampf und Streit und Sieg. Man glaubt es
nicht, wenn man nicht deutsch denkt, daB sich in der Seele ver-
einigen konnen Mut und Kampfsinn und Hineingestelltsein in
den Streit — und daB dennoch im Herzen die Menschlichkeit
bewahrt werden kann. Das wollte Schiller gerade zum Aus-
druck bringen. Wovon nicht deutsch Denkende sagen: es ware
gar nicht moglich, von dem miissen wir sagen: Im Grunde ge-
nommen ist es moglich bei jedem Deutschen, wenn wir die
deutsche Natur bei den Wurzeln ihrer Lebensregung betrach-
ten. Anders namlich als viele andere stellt sich der Deutsche
zu Kampf und Krieg, und es Hegt in ihm - manchmal dunkler
oder klarer — daB er denjenigen, mit dem er zu kampf en hat,
nur wie einen Feind im Duell zu behandeln hat. Nicht haBt er
ihn; er stellt sich ihm gegeniiber und ist am frohesten, wenn er
ihn in hochster Menschlichkeit anriihren kann. Ich mochte
sagen: eine so recht deutsche Eigenschaft suchte Schiller in die
Jungfrau von Orleans hineinzugeheimnissen. Der, welcher
weiB, was die Jungfrau von Orleans gewesen ist, wird es natiir-
Iich finden, daB Schiller also von ihr ergriffen werden konnte,
selbst zu einer Zeit, in welcher der Deutsche gar keine Ver-
anlassung gehabt hat, franzosischen Geist zu verherrlichen.
Aber Schiller hat auch — und darum ist er wieder der groBte
Impulsgeber fur das deutsche Geistesleben geworden — in sein
Drama das Weben der Krafte des Unsichtbaren hereingenom-
men. Und so weben sie herein wie in dem unsichtbaren Wesen,
in Talbot, der als schwarzer Ritter erscheint. Man hat es viel-
fach getadelt; aber Schiller konnte nicht anders, als daB die
ewigen Geistesmachte auch in sein Drama hereinspielen. Daher
reprasentiert er so recht diejenige Eigenschaft, die urdeutsch
ist: keinen Unterschied zu machen von Nation zu Nation da,
wo es auf das GroBte, auf das Hochste im Menschenleben an-
kommt. Darum sagte ich: ich glaube es nicht, wenn man heute
von HaB- und Antipathiegefuhlen der Deutschen gegen die an-
deren Volker spricht, daB diese Gefuhle bis in die innersten
Wurzeln der deutschen Lebensregungen gehen. Man braucht
deshalb nicht blind und stumpf zu sein gegeniiber dem, was alles
zutage trkt; aber man weiB zu unterscheiden zwischen dem,
was sich von auBen an den Menschen herandrangt — und was
der Mensch mit seinem hoheren Menschen zu iiberwinden sucht.
Und auch Schiller steht dem auBeren, dem praktischen Leben
nicht so fern, daB wir sagen miiBten, er ware blind gewesen
gegeniiber dem, was die AuBenseite der verschiedenen Nationen
ware. Er hat em Gedicht «Der Antritt des neuen Jahrhunderts»
geschrieben; darin lesen wir die bedeutungsvollen Zeilen, die
uns auch heute wieder in unserm gegenwartigen Leben recht
nahe liegen:
Zwo gewalt'ge Nationen ringen
Um der Welt alleinigen Besitz;
Aller Lander Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz:
Gold muB ihnen jede Landschaft wagen
Und, wie Brennus in der rohen Zeit,
Legt der Franke seinen eh 'men Degen
In die Waage der Gerechtigkeit.
Seine Handelsflotte streckt der Brite
Gierig wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er schlieBen, wie sein eignes Haus.
Das sind auch Schiller- Worte, die erklangen, trotzdem Schil-
ler zu denjenigen gehorte, die in echt deutscher Weise den
Grundsatz pflegen wollten: das Menschliche nicht im Nationa-
len zu suchen, oder vielmehr — man kann es auch so aus-
driicken: das Menschliche in jedem Nationalen zu suchen.
Darum darf man sagen, daB es wahr sein kann, daB etwas, was
Schiller und Fichte fur ihr Volk ersehnt haben, gerade auch
aus unseren schicksalsschweren Tagen als die schonste Frucht
hervorgeht: Der Deutsche hat es oft gesagt, daB er mit anderen
Nationalitaten zusammenzuleben versteht Und wenn wir heute
auf ein Land blicken, das unmittelbar an Deutschland angrenzt,
und das nicht nur in auBerlicher Beziehung, sondern bis in das
Innerste des menschheitlichen Verhaltens hinein es verstanden
hat, neutral zu bleiben, wenn wir auf die Schweiz schauen, auf
jene Schweiz, in welcher Fichte in Pestalozzi die Wurzeln zu
seiner deutschen Nationalerziehung genommen hat, so diirfen
wir sagen: Wir sehen an diesem Musterlande der Nationali-
taten, daB es moglich ist, daB der Deutsche mit anderen Natio-
nen durchaus zusammenzuleben versteht. Wer Schweizer Leben
zu verfolgen vermag, der weiB, daB es den Bewohnern dieses
Landes, wo in mustergiiltiger Weise drei Nationen zusammen-
leben, von der allergroBten Wichtigkeit ist, daB sie dem Geiste
nach das, was fiir ihr Staatsgebiet das wahrhaft innerste Inter-
esse ist, den Geist der Neutralitat, aufrechterhalten kdnnen.
Man sollte aber den Geist der Neutralitat achten und daran
denken, daB die Schweizer durchaus aus ihrer eigenen gesunden
Urteilskraft heraus wissen, welches die historische Mission des
deutschen Geistes ist. Und begreifen sollte man, daB es dort
die Empfindlichkeit in berechtigter Art verletzen kann, wenn
man ein Gebiet, dem es gerade fiir die unmittelbare Gegenwart
bedeutungsvoll ist, daB es auf dem Standpunkte ehrlichster
Neutralitat steht, zu' sehr mit dem iiberschwemmt, was man
heute die «Aufklarungsliteratur» nennt. Derjenige, glaube ich,
der iiber des Deutschen Sendung so spricht, wie ich es getan
habe, darf auch auf solches aufmerksam machen.
So diirfen wir nun sagen: Wie ein Echo konnen wir es
horen, was die Impulse Schillers und Fichtes gewirkt haben.
Stellen wir noch einmal kurz zum SchluB vor unser Seelenauge
die Worte, welche Emerson von Goethe gesprochen hat: «Er
ist weise im hochsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals
durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist,
was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist . . .
Er hat jene furchterweckende Unabhangigkeit, welche aus dem
Verkehr mit der Wahrheit entspringt.» Aber aus diesem «Ver-
kehr mit der Wahrheit » entspringt auch dieses Vertrauen, diese
Zuversicht und Hoffnung, auch die Selbstlosigkeit und der
Opfersinn, die wir iiberall urn uns herum sehen und die in
den Dienst unserer groBen Zeit gestellt werden, um dasjenige
wahr zu machen, von dem wiederum Emerson spricht:
«Die Welt ist jung, groBe Manner der Vergangenheit rufen
2u uns mit freundlicher Stimme. Wir miissen heilige Schriften
.schreiben, um den Himmel und die irdische Welt aufs neue zu
vereinen. Das Geheimnis des Genius ist, nicht zu dulden, daB
eine Liige fiir uns bestehen bleibt, alles, dessen wir bewuBt
sind, zu einer Wahrheit zu machen, im Raff inement des moder-
nen Lebens, in Kunst und Wissenschaft, in den Buchern und
in den Menschen Glauben, Bestimmtheit und Vertrauen zu er-
wecken und zu Anfang wie am SchluB, mitten auf dem Wege,
wie fiir endlose Zeiten, jede Wahrheit dadurch zu ehren, daB
wir sie nicht allein erkennen, sondern sie zu einer Richtschnur
unseres Handelns machen. »
In der Betrachtung des deutschen Lebens, das aus solcher
Gesinnung, wie diejenige Fichtes und Schillers ist, zum wahren
geistigen Erkennen hinstrebt, entringen sich Personlichkeiten,
wie Emerson eine ist, solche Worte. Und dann verstehen wir,
wie - gewissermafien wie aus dem Elementaren heraus — auch
in Bismarcks Rede vom Jahre 1888 dasjenige sich ausdriickt,
was innig verbunden ist mit diesem Suchen des hoheren Men-
schen im Alltagsmenschen. Was ist da innig verbunden? Ich
habe schon im Beginne des Vortrages gesagt, als ich darauf hin-
wies, wie zum SchluB die besten deutschen Genien den Weg
zur Geisteswissenschaft weisen: Wie der auBere Mensch in der
auBeren Natur ruht, so ruht das, was als hoherer Mensch im
Menschen gefunden werden kann, was von Leben zu Leben
geht, was selbst im Laufe der Erdenleben von einer Nationali-
ty zur andern geht — das ruht im gottlichen Allsein. Und ver-
bunden fuhlt sich der Mensch, wenn er die Wurzeln seines
innersten Menschen erfaBt, mit dem Gotte, dessen Wesen die
Welt durchwebt und durchpulst. Und Schiller und Fichte, sie
sprechen von jenem Gotte, von dem dann auch Bismarck
spricht, indem er in seiner elementaren Weise in der schon er-
wahnten Rede den Deutschen die Worte zurief:
«Wir konnen durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen
werden — vielleicht zu leicht — , aber durch Drohungen ganz
gewiB nichtl Wir Deutsche fiirchten Gott, aber sonst nichts in.
der Welt; und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frie-
den lieben und pflegen laBt. Wer ihn aber trotzdem bricht, der
wird sich iiberzeugen, daB die kampfesfreudige Vaterlandsliebe,
welche 1813 die gesamte Bevolkerung des damals schwachen,
kleinen und ausgesogenen PreuBen unter die Fahnen rief, heut-
zutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist und
daB derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift,
sie einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann
mit dem festen Glauben im Herzen: Gott wird mit uns sein! »
Der Deutsche hat von jeher versucht, diesen seinen Gott im
Geistigen zu suchen. Der Deutsche hat versucht - ich habe es
schon letztesmal angedeutet — in Goethe, jene Faust-Gestalt
zu schaffen, von der man nicht sagen kann, sie sei «deutsch»
oder «franzosisch», «englisch», «russisch» oder «amerikanisch»;
von der man aber sagen kann, daB sie menschlich ist, und die
doch nur aus deutschem Geist entspringen kann. Ich habe auch
darauf hingewiesen, wie man als Deutscher immer wird. Gleich
neben seinen «Faust» stellt Goethe aber die Gestalt des Mephi-
stopheles hin, die Einkorperung des Bosen, vor allem der Un-
wahrheit. So darf der Deutsche in se'mem BewuBtsein hin-
schauen auf die Gegeniiberstellung von Faust und Mepistophe-
les - und, erkennend seine Mission in der Welt, wie sie Emer-
son ausspricht, darf er betonen: Es ruht in jedem Deutschen,
wohin wir auch deutsches Wesen zu tragen versuchen, das
BewuBtsein, das in den Faust- Worten zum Ausdruck kommt:
« Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn! » Das sind Worte,
die gesprochen sind aus dem Geist heraus, der in Wirklichkeit
jede Nationalkat in ihrem wahren Werte achtet und einsehen
will und keine haBt. So kann der Deutsche auch ruhig hinsehen
zu einem der letzten groBen Vorfahren, zu Bismarck selber und
zu dem Wort: «Wir Deutsche furchten Gott, aber sonst nichts
in der Welt.» Und er kann, auf diesen groBen Staatsgenius
horend, wie aus dem geistigen Gebiete heraus gewisse Worte
vernehmen, die dennoch — man muB Bismarck nur kennen —
echt bismarckisch sind: «Es ist ja unzweifelhaft, daB die Dro-
hungen und die Beschimpfungen, die Herausforderungen, die
an uns gerichtet worden sind, auch bei uns eine ganz erheb-
liche und berechtigte Erbitterung erregt haben, und das ist beim
Deutschen recht schwer f denn er ist dem NationalhaB an sich
unzuganglicher als irgendeine andere Nation; aber wir sind
bemiiht, sie zu besanftigen, und wir wollen nach wie vor den
Frieden mit unseren Nachbarn.» Wer daher den Deutschen
kennt, der sucht tiefer, wenn er bei ihm das finden will, was
er verachten, was er hassen konnte. Goethe hat gesucht; aber
er hat nicht einen Menschen hingestellt, sondern neben dem
Faust hat er den Mephistopheles hingestellt! Wo immer Men-
schen leben ~ ihr Menschliches werden wir suchen, gleich-
giiltig welcher Nationalist sie sind. Aber blind werden wir
nicht sein diirfen gegeniiber dem, was in den Menschen lebt
von dem Geist der Unwahrheit. Gerade in unserer Zeit, wo
so Herbes und Unwahres an unsere Ohren klingt, diirfen wir
noch sagen: es ist, wie wenn wir Bismarcks Worte vernehmen
wurden. Er war ja immer bestrebt, die Gegner nicht zu ver-
achten, sondern ihnen gerecht zu werden, zum Beispiel als er,
im Kriege mit den Franzosen lebend, auf das altfranzosische,
auf das fein-franzosische Wesen, mit dem er so gern ver-
handelte, hinwies. So war es auch bei Gelegenheit der schon
erwahnten Rede, wo er sagte: «Die Tapferkeit ist ja bei alien
zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose schlagen
sich so tapfer wie der Deutsche. » Wahrhaftig, der Deutsche
sucht nicht bei den andern, was er etwa hassen, ablehnen musse
oder wogegen er Antipathie haben miisse. Er ist geistig ver-
anlagt; er sucht nach dem Geistigen, - wie Goethe in seinem
Faust nach dem Geistigen der Luge in Mephistopheles suchte.
Und so konnen wir zum SchluB wohl aussprechen, wie wenn
wir Bismarck selber vernehmen wiirden und er uns aus den
Reichen des Geistes zuraunte: Wenn wir horen, da6 Unwahres
gesprochen wird im Westen, Nordwesten und Osten, so sollen
wir uns nicht dazu verleiten lassen, Persdnlichkeiten, Nationali-
taten zu hassen und zu verachten; denn wie es wahr ist, daB
der Deutsche, wenn er sich in seinem hoheren Menschen er-
greift, das allgemein Menschliche findet, das iiberall iiber die
Erde hin zu finden ist, wo Menschenantlitz erscheint, so ist es
auch wahr, daJ3 der Deutsche den Gegenstand seines Hasses
erst durch die geistige Betrachtung finden muB. Wahr ist es:
wie der Deutsche mit seinem Gotte sich vereinigt fuhlt in sei-
nem innersten, in seinem heiligsten Menschen, so kann er auch
nur da, wo er haBt, wo er zu hassen sich erlaubt, in die tieferen
Wurzeln bis zum Geistigen gehen. So ist es wahr, in gewisser
Beziehung tief wahr: Der Deutsche fiirchtet den Gott, aber
sonst nichts in der Welt. Aber gegeniiber alledem, was uns ent-
gegentont, ich mochte sagen, von alien Windrichtungen her,
darf auch das Wort gepragt werden, das sich schon wahr er-
weisen wird, wenn man einmal die Wurzeln des deutschen
Wesens klarer als heute ins Auge fassen wird:
Der Deutsche hafit im Grunde genommen keine Nationali-
ty, keinen Menschen, insofern diese auf dem physischen Plan
leben. Der Deutsche haBt allein - wenn davon gesprochen wer-
den soil — den Geist der Luge und der Unwahrhaftigkeit; denn
er liebt und will lieben den Geist der Wahrhaftigkeit alliiberall,
wo er gefunden werden kann!
DIE MENSCHENSEELE IN LEBEN UND TOD
Berlin, 26. November 1914
In den beiden ersten Vortragen, mit denen ich diesen Winter-
vortragszyklus begonnen habe, versuchte ich aus den Impulsen
heraus, welche uns die groBen Zeitereignisse geben konnen,
innerhalb deren wir leben, Betrachtungen anzukniipfen an das
Wesen der deutschen Geisteskultur, wie sie sich in ihren groBen
Personlichkeiten darlebt. Was ich durch diese Betrachtungen
versuchte durchleuchten zu lassen, war, daB es im Wesen dieser
Geisteskultur liegt, sich immer mehr und mehr zu durchdrin-
gen mit dem BewuBtsein der Wirklichkeit des geistigen, des
ewigen Daseins. GewissermaBen ein Spezialkapitel aus dem,
wozu es geisteswissenschaftliche Betrachtung bis in unsere Zeit
herein gebracht hat, werde ich heute zu geben versuchen, urn
damit eine Grundlage zu gewinnen fur das, was den Inhalt des
morgigen Vomages bilden soil: eine Betrachtung iiber das
Wesen der europaischen Volksseelen. Dadurch mochte ich
dann andeuten, wenigstens mit einigen Ziigen, welche der
Geisteswissenschaft entnommen sind, was diese letztere von
ihren Gesichtspunkten aus zum Verstandnisse dessen zu sagen
hat, was jetzt urn uns herum vorgeht.
Die Betrachtung, die heute iiber die Menschenseele in Leben
und Tod angesteUt sein soil, sie liegt ja zu jeder Zeit als eines
der groBten Lebensratsel dem Menschen nahe - in unsererZeit
wohl ganz besonders - wo wir die Frage nach Leben und Tod
in so gewaltiger Weise an uns herantreten sehen, wo so Un-
zahlige von dieser Frage durch die Realitat des Daseins inten-
siv beriihrt werden, wo wir sehen, daB — gleichsam durch die
Tatsachen - die edelsten Sonne des Volkes diese Frage in jeder
Stunde ihres Daseins gestellt erhalten. Ich habe in den Vor-
tragen, die ich im Verlaufe der Jahre hier halten durfte, ofter
darauf aufmerksam gemacht, wie wir in der Zeit stehen, in
welcher soiche Fragen wie die nach dem Wesen der mensch-
lichen Seele, nach dem Schicksal der menschlichen Seele und
des Menschen iiberhaupt und ahnliche Fragen einriicken in
eine wissenschaftliche Betrachtungsweise, in eine Betrachtungs-
weise, welche durch die Entwickelung jenes anderen wissen-
schaftlichen Gebietes gefordert wird, das in den letzten zwei
bis vier Jahrhunderten eine so groBe Vollendung erhalten hat:
des naturwissenschaftlichen Gebietes. Das, was gewufit werden
kann liber das Seelisch-Geistige, in richtig wissenschaftlicher
Weise neben dasjenige hinzustellen, was naturwissenschaftlich
fur die Menschheit erobert worden ist, das ist ofter hier als die
Aufgabe der Geisteswissenschaft bezeichnet worden; und es ist
auch gesagt worden, daB es nicht wundernehmen darf, wenn
diese geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise heute noch
von der groBten Mehrzahl der Menschen abgelehnt wird. Die-
ses Schicksal teilt ja diese geisteswissenschaftliche Betrachtung
mit alldem, was neu in die menschliche Geistes- und Kultur-
entwickelung eintreten will, und sie teilt es auch mit der Na-
turwissenschaft selber, die in der ganz gleichen Weise zu ihrer
Zeit aufgetreten ist, die Gegnerschaft iiber Gegnerschaft ge-
funden hat, und die erst beweisen muBte - aber nur durch
Jahrhunderte es erst beweisen konnte -, was sie fur die Mensch-
heitentwickelung zu leisten berufen ist. Allerdings in ganz
anderer Weise muB sich geistige Betrachtung zu dem stellen,
was wir Wissen und Wissenschaft nennen, als die Naturwis-
senschaft. Gerade damit geistige Betrachtung im echten, besten
Sinne wissenschaftlich zu nennen ist, muB sie anders vorgehen,
muB sie in anderer Weise an den Menschen herankommen als
das, was das Wesen naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise
ausmacht. In der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise
wenden wir zuerst den Blick hinaus auf die Tatsachen der Na-
tur und des Lebens, und aus der Fiille des Mannigfaltigen, das
da auf uns eindringt, erkennen wir die Geset2e des Lebens.
Was durch die Sinne auf uns eindringt, das wird in uns inne-
res seelisches Erlebnis, das wird in uns Gedanke, Begriff, Idee.
Aber wer fuhlte nicht, daB mit diesem Aufsteigen von der
vollinhaltlichen Betrachtung der auBeren Mannigfaltigkeit zu
der Klarheit — aber auch zu der Abstraktheit — der Ideen und
Naturgesetze die Menschenseele mit ihren inneren Erlebnissen
sich eigentlich von dem, was man Realitat, was man Wirklich-
keit nennen konnte, entfernt? Wir haben die voile Fiille der
Natur vor uns; wir bemachtigen uns ihrer in der Wissenschaft,
aber wir fiihlen, wie im Grunde genommen diinn, man konnte
sagen wirklichkeitsleer gegeniiber der auBeren Wirklichkeit,
die Begriffe und Ideen sich darstellen, die fiir uns die Natur-
gesetze enthalten. Und so steigen wir auf von der Fiille der
auBeren Wirklichkeit, die uns vor den Sinnen ausgebreitet
liegt, zu dem — ich mochte sagen — atherisch diinnen Seelen-
erlebnis, das wir haben, wenn wir uns der Naturgesetze in
unserer Ideenwelt bemachtigt haben. Da entfernen wir uns
gewissermafien von der Natur und ihrer Fiille; aber wir stre-
ben nach dieser Entfernung, denn wir wissen, daB wir die
Natur und ihre Gesetze nur erkennen konnen, wenn wir uns
von ihr entfernen. Das ist das Hochste, das wir anstreben in
der Wissenschaft: das innere Seelenerlebnis in den Ideen und
Gedanken.
Genau den umgekehrten Weg muB die Geistesforschung
einschlagen, wenn sie Wissenschaft sein soil. Dasjenige, was
letzte Konsequenz des inneren Erlebens der Wissenschaft in
bezug auf die auBere Natur ist, das ist Vorbereitung — ledig-
lich Vorbereitung — zu der Erkenntnis des Geistigen, des See-
lischen; und es ware ein volliger Irrtum, wenn man glauben
wollte, daB Geisteswissenschaft auf dieselbe Weise vorgehen
konnte wie die Naturwissenschaft. Was die Naturwissenschaft
als Let2tes erstrebt, das ist fiir die Geisteswissenschaft Vor-
bereitung: leben im innern Seelenerlebnis, aufgehen in dem,
was die Seele innerlich stark macht und was sie merit aus der
auBeren Natur haben kann. Kurz, Wissen und Wissenschaft
kann nur Vorbereitung sein zu dem, wozu man zuletzt kommt:
zum Anschauen, zum Wahrnehmen der geistigen. Welt. Man
konnte sagen: In der Naturwissenschaft strebt man Wissen
und Wissenschaft an; in der Geisteswissenschaft bereitet man
sich durch Wissen und Wissenschaft vor zu dem, was an die
Seele herankommen soli, und alles, was man an Wissen und
Wissenschaft haben kann, bleibt im Grunde genommen in der
Geisteswissenschaft eine innere Angelegenheit fiir die Seele.
Aber was die Seele, der Geist durchlebt, das fuhrt nicht zu
einem bloB Subjektiven, was nur die Einzelseele des Menschen
angeht, sondern es fuhrt zu dem, was real, was wirklich ist, so
wie die auBere Natur nur wirklich ist.
Ich habe ja ofter auf die Art und Weise aufmerksam ge-
macht, wie diese Vorbereitung zum Anschauen, zum wirk-
Iichen inneren Erleben der geistigen Wirklichkeit beschaffen
ist. Ich will es von einem gewissen Gesichtspunkte aus auch
heute wieder tun.
Nur durch diese Vorbereitung hindurch kann man die Seele
immer weiter und weiter bringen, so weit bringen, daB sich
fiir sie zuletzt das, was geistige Wirklichkeit ist, um sie herum
ausbreitet. Die Natur verlassen wir; die ist da. Wir gehen zum
Geiste vorwarts. Die geistige Wirklichkeit miissen wir suchen.
Wir konnen nicht von ihr ausgehen, sie ist zunachst nicht da;
wir konnen uns nur fiir ihre Anschauung vorbereken. Wenn
wir uns aber, innerlich erlebend, fiir ihr Anschauen vorberei-
ten, dann tritt sie uns wie eine Gnade, aus der geistigen Dam-
merung heraus sich breitend, entgegen. Wir miissen uns ihr
Anschauen erwerben.
Das Erste, was notwendig ist, urn gewissermaBen die mensch-
liche Seele in ihrer Wirklichkeit zu erleben, ist ein innerliches
- nicht Aufpassen, nicht Denken bloB, sondern ein innerliches
Erleben desjenigen, was wir sonst nur wie einen Widerschein
der auBeren Wirklichkeit haben: der Gedankenwelt, der Ge-
fiihlswelt — dessen, was wir sonst in uns verspiiren, wenn wir
uns der auBeren Natur gegeniiberstellen, und was wir wie ein
Abbild der Natur betrachten, wie eine Vorstellung, in die die
Natur hineinbegeben ist. Das miissen wir, indem wir den Blick
von der auBeren Wirklichkeit vollig abwenden, indem wir uns
blind und taub machen gegeniiber der auBeren Sinneswirklich-
keit, stark und intensiv erleben; so erleben, daB wir es als ein-
zige innere Wirklichkeit intensiv anwesend sein lassen in der
Seele. Der Naturforscher will ein Naturgesetz als Gedanken
aus der auBeren Sinneswirklichkeit herausziehen. Der Geistes-
forscher gibt sich einem Gedanken, oder auch einem gefiihl-
durchdrungenen Gedanken, im inneren Erleben hin; er laBt
gleichsam, indem er weder das Auge noch das Ohr in die
auBere Wirklichkeit hinaussendet, das innere Durchwebt- und
Durchwirktsein der Seele aufsteigen und wendet die inten-
sivste Aufmerksamkeit diesem inneren Erleben zu; er YergiBt
sich und die Welt und lebt nur in dem, was er gleichsam in sei-
nem leeren, aber wachen BewuBtsein aus den Tiefen des See-
leniebens heraufsteigen laBt. Und da tritt das Eigentumliche
ein: Der Gedanke, dem wir uns in unendlich gesteigerter Auf-
merksamkeit durch lange Zeit hindurch hingeben, dieser Ge-
danke, je starker er durch unsere innere Kraft wird, um so
schwacher wird er gerade in bezug auf das, was er enthalt; er
wird immer durchsichtiger und durchsichtiger, wird immer
atherischer und atherischer. Man konnte sagen: Je starker sich
der Geistesforscher anstrengt, um in dem Gedanken anwesend
sein zu lassen, was man innere Gedankenkonzentration nennt,
desto mehr schwindet der Inhalt des Gedankens dahin. Je mehr
wir uns bemiihen, den Gedanken fest, gleichsam sichtbar war-
den zu lassen, wenn wir uns ihm hingeben, desto mehr fiihrt
dieses Hingeben dazu, daB er immer mehr und mehr in sich
erloscht, daB er wie in einem Nebel sich auflost und dann
vollig aus dem BewuBtsein entschwindet. Man konnte auch
sagen, einen Grundsatz dieses inneren Erlebens damit aus-
driickend: je mehr der Gedanke in seiner Scharfe in der Seele
erlebt wird, je mehr er durch unser eigenes Zutun an Energie
gewinnt, desto mehr erstirbt er in der Seele, Gleichsam epi-
grammatisch ausgedriickt konnen wir sagen: Damit der Ge-
danke das Ziel der Geistesforschung erreicht, muB er in der
Seele sterben; und indem er stirbt, macht er ein inneres Schick-
sal durch, macht er das Schicksal durch, das auch der Keim
hat, der in die Erde gesenkt wird, urn zu verfaulen: aber aus
seinem Verfaulen geht die Kraft zu einer neuen Pflanze her-
vor. Indem der Gedanke in uns erstirbt in der Gedankenkon-
zentration, erwacht er zu einem ganz andersartigen Leben; und
nicht eher entdeckt man dieses andersartige Leben, als bis der
Gedanke in innerer scharfer Konzentration erstorben ist. Man
muB aufhoren zu denken, um die Seelenpflanze, das, was aus
dem Gedanken hervorgeht, in sich aufkeimen zu lassen.
Und was geht dann aus dem Gedanken hervor?
Es ist in der menschlichen Sprache schwierig auszudriicken,
was so aus dem Gedanken hervorgeht, weil ja die menschliche
Sprache fur die auBeren Sinneserlebnisse geschaffen ist, und
nicht schon fiir die innerlichen Seelenerlebnisse. Man kann da-
her in gewisser Beziehung nur andeutend die inneren Erleb-
nisse ausdrixcken, die in Betracht kommen. — Indem der Ge-
danke, energisch gemacht, hinstirbt, erfiihlt die Seele innerlich
eine aufkeimende Kraft, eine Kraft, derer sie sich bewuBt wird
und von der sie in dem Augenblick, da sie sich ihrer bewuBt
wird, weiB: Das ist geistig-seelische Kraft; das ist etwas, was
nicht an deinen Leib gebunden ist; etwas, was du in dir tragst,
ohne daB du dazu der Vermittelung deines Nervensystemes
und deines Gehirnes bedarfst. Aber iadem man also nicht den
Gedanken, sondern die Kraft des Gedankens erfaBt, entsteht
- wie durch eine innerliche Notwendigkeit - die Frage, die
man sich wie mit einem Blitzschlag vorlegt: «Wohin ist der
Gedanke gekommen? Er war ja im Grunde genommen du
selbst, indem du dich in scharfer Gedankenkonzentration an
ihn hingegeben hast. Du lebtest in dem Gedanken, und indem
er sich aufgelost hat und gestorben ist, hat er dich mit sich
hinweggetragen. Wo ist er hingekommen? und wo bist du
nun angekommen?» — Man muB hier einen Vergleich wahlen.
So wie wir die Gedanken in uns tragen, die wir uns von der
auBeren Natur machen, so wie wir wissen, wir haben die Ge-
danken, so nehmen wir unmittelbar einen Zustand in uns
wahr, durch den wir uns sagen: Der Gedanke, so wie du ihn
gehabt hast, ist in deiner Gedankenkonzentration erstorben;
aber er ist dadurch zu einem anderen Leben erwacht — und
hat dich mitgenommen. Du wirst jetzt von ihm gedacht in der
geistigen Welt!
Das ist ein erschutterndes, grofies, ungeheuer bedeutsames
Erlebnis im Leben des Geistesforschers. Denn nur so kann
man in die geistige Welt aufsteigen, daB man sich von ihr
erfaBt fiihlt — wie der Gedanke, wenn er lebendig ware, sich
von uns erfaBt fiihlen wiirde. Und nicht anders kann man im
Grunde genommen Unsterblichkeit erleben, als daB man durch
seine innere Seelenentwickelung zu appellieren vermag an die
unsichtbaren geistigen Wesenheiten, die immer iiber uns wal-
ten - so wie die Naturwesen sichtbar um uns waken - und
indem wir an unsere Beziehungen zu diesen geistigen Wesen
appellieren, die in dem Augenblick, da der Gedanke hin-
schwindet, anfangen ihn fur sich zu nehmen und uns zu den-
ken. Jetzt beginnt man zu wissen: innerhalb der geistigen
Welt sind Wesenheiten, deren Dasein hinausgeht iiber die
bloBe Natur; wie wir Menschen mit unsern Gedanken denken,
so denken unser geistiges Wesen, so denken den Inhalt unserer
Seele diese hoheren Genien. Die halten uns, die tragen uns;
und dadurch, daB wir in ihnen sind, ist unser iiber unser leib-
liches Dasein hinausgehendes unsterbliches Wesen bedingt.
Wir sagen uns durch die Geisteswissenschaft: Konnen wir uns
nicht selber halten im Tode, entfallt uns dasjenige, was wir
uns im Dasein zwischen Geburt und Tod als inneres Erleben
durch die auBere Natur haben schaffen konnen, so gehen wir
durch die Pforte des Todes durch und sehen dann aus den
Ergebnissen der Geisteswissenschaft, daB dasjenige, was an uns
unabhangig ist vom Leibe, im Grunde genommen Gedanke
von hoheren Wesenheiten ist.
Nicht so ist es, daB das, was wir geistige Welt nennen, sich
in einer ahnlichen Weise wie die auBere Natur um uns herum
ausbreitet — was viele erwarten. Die auBere Natur steht vor
uns; wir stehen vor ihr, und wir schauen sie an. Indem wir in
die geistige Welt aufsteigen, ist das anders. Da dringt die gei-
stige Welt in unser eigenes Erleben, das wir erst umgewandelt
haben, hinein; da denken wir nicht iiber die geistige Welt, da
miissen wir innerlich erleben, wie wir gedacht werden. Wir
sind gegeniiber der geistigen Welt in der gleichen Lage wie
unsere Gedanken iiber die auBere Wirklichkeit gegeniiber unse-
rer Seele. Das ist im Grunde genommen das tiberraschendste
gegeniiber der auBeren Wirklichkeit. Es ist die Erfahrung der
geistigen Wirklichkeit, die umgekehrt ist gegeniiber der der
sinnlichen Wirklichkeit, daB wir uns sagen: Gegeniiber der
geistigen Wirklichkeit, wenn wir sie wirklich erfahren, fiihlen
wir uns so, wie sich die Natur uns gegeniiber in der sinnlichen
Wirklichkeit fiihlen miiBte; wir denken nicht iiber die gei-
stigen Wesenheiten; wir erleben, daB wir, wenn wir uns zu
ihnen erhoben haben, von ihnen gedacht und gehalten wer-
den. Wir werden, wenn man das pedantisch wissenschaftlich
ausdriicken will, Objekt der geistigen Welt. Wie wir Subjekt
sind gegeniiber der auBeren Namrwirklichkeit, so werden wir
Objekt gegeniiber der geistigen Welt. Und wie die aufiere
Naturwirklichkeit uns als Objekt gegeniibersteht, so erheben
wir uns zu einem Erleben der geistigen Wirklichkeit, in wel-
chem wir selber Objekt sind; denn die geistige Wirklichkeit
tritt uns als Subjekt — oder als eine Vielheit von Subjekten -
entgegen.
Dieses innere Erleben wird sehr haufig, aber stets nur von
denen, die es nicht kennen und die keinen Willen haben, auf
dasselbe einzugehen, als etwas Subjektives hingestellt, als eine
rein personliche Angelegenheit. In gewisser Beziehung ist der
Einwand, der damit gemacht wird, ganz richtig. Denn was
man auf der ersten Stufe der Geistesforschung kennenlernen
kann, hat einen subjektiven Charakter; das tragt eine person-
liche Nuance in all den Kampfen, den inneren Uberwindun-
gen, die man dabei durchzumachen hat. Und man kann gegen-
iiber diesen ersten Schritten allerdings berechtigterweise den
Einwand machen: Der Forscher hat die Aufgabe, die Grenzen
der menschlichen Erkenntnis abzustecken, und er sollte sich
bewuBt sein, daB dasjenige, was iiber die allgemeinen Grenzen
hinausgeht, die uns durch die auBere Natur gezogen sind, im
Grunde genommen nur subjektive Erkenntnis sein kann. Der
Einwand ist berechtigt, und keiner wird ihn so sehr anerken-
nen wie der Geistesforscher; aber er gilt nur bis zu einer
gewissen Etappe, und zwar aus dem Grunde, weil in Wirklich-
keit alles, was man bis dahin subjektiv, personlich durch-
machen kann, nur Vorbereitung ist. In dem Augenblick, wo
die Vorbereitung geniigend ist, tritt uns die objektive geistige
Wirklichkeit wie durch eine Gnade, die als Kraft iiber uns
kommt, selbst entgegen. Das, was als Vorbereitung durch-
gemacht wird, kann im Grunde genommen fiir die verschie-
densten Menschen ganz verschieden sein; wo sie aber zuletzt
ankommen, das ist fiir alle dasselbe. Auch der Einwand wird
oft gemacht, daB die Geistesforscher das, was sie mitteilen,
gewohnlich subjektiv gefarbt mitteilen; der eine sagt so, der
andere so iiber die Tatsachen der geistigen Welt aus. Das ist
ganz richtig, aber nur deshalb richtig, weil viele nicht das-
jenige mitzuteilen wissen, was sich durch die erwahnte Gnade
darbietet, sondern weil es noch ihr Personliches, ihr Subjek-
tives ist, was sie mitteilen, weil sie es nicht dahin gebracht
haben, den Punkt zu erreichen, wo der Geistesforscher vor
einer geistigen Welt ankommt, welche so objektiv vor ihm
steht, wie die Naturbilder objektiv vor der Menschenseele auf-
treten. Was gegeniiber der geisteswissenschaftlichen Forschung
eingewendet wird — ich habe das oft hier gesagt — , dessen Be-
rechtigung sieht der Geistesforscher selber am allerbesten ein.
Wenn die geistige Welt nach geniigender Vorbereitung von
dem Geistesforscher erreicht ist, dann weiB sich dieser Geistes-
forscher erlebend in einer unsichtbaren, ubersinnlichen Welt.
Sein Wissen hat aufgehort, fiir ihn Bedeutung zu haben. Es
ist dieses Wissen durchaus in Erleben, in unmittelbarstes
Darinnenstehen vollinhaltlich iibergegangen. Und nun tritt fiir
den Geistesforscher das ein, was unmittelbare Wahrheit fiir
ihn wird. Er weiB: Jetzt lebst du in der Welt, in welcher du
im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden immer drinnen bist;
du lebst jetzt in der Geistigkeit, in dem seelischen Dasein, in
dem du dich sonst stets - aber unbewuBt — im Schlafe befin-
dest. Man lernt durch die Geistesforschung den Zustand des
Schlafes kennen, lernt erkennen, daB in diesem die Menschen-
seele wirklich auBerhalb ihres Leibes ist, daB sie gleichsam
den Leib vor sich hat, wie man sonst nur die Gegenstande der
auBeren Natur vor sich hat. Wodurch lernt man das erken-
nen? Dadurch, daB man jetzt wirklich in einem Zustande sich
befindet, in dem man sonst wahrend des Schlafes ist, nur in
ganz entgegengesetzter Weise. Im Schlafe ist es so, dai3 das
BewuBtsein herabgedriickt ist, daB sich Dunkelheit urn uns
herum ausbreitet. Jetzt aber kann man als Geistesforscher die-
sen Zustand anschauen, weil man ihn erlebt - aber nicht un-
bewuBt, wie im Schlafe, sondern bewuBt. Man weiB: Man ist,
indem man aus dem Leibe herausgekommen ist — denn man
kommt aus dem Leibe bewuBt heraus - innerlich vereint mit
der geistigen Welt; man ist Eins geworden mit der geistigen
Welt. — Und jetzt beantwortet sich die Frage: Warum ist denn
gewohnlich die Seele im Schlafe so, daB sie sich ihrer nicht
bewuBt ist? Warum ist sie auBerhalb ihres Leibes in dem
dumpfen, finsteren Zustande? Diese Frage beantwortet sich
fur den Geistesforscher dadurch, daB er jetzt erkennen kann,
was durch seine Vorbereitung weggeschafft ist in seinem inne-
ren Seelensein, und was da ist fur die Seele, wenn sie im
Schlafe ist. Denn der Geistesforscher kommt durch seine Vor-
bereitung auf einem Kampffelde, auf einem inneren Kampf-
felde an, und man kann nur schwer Worte finden, um aus-
zudriicken, was mit einer ungeheuren Intensitat, mit einer
inneren Tragik an den Menschen herankommt, wenn er es
dahin bringen will, daB er den Gedanken zum Ausloschen und
zum Wiederaufbliihen in einer anderen Sphare bringen kann.
Was sich da in der Menschenseele geltend macht, und was
wie bis zu einem ZerreiBen der menschlichen Seele fuhren
kann, ist, daB dann, wenn man sich nicht gehorig iiberblickt,
eine innere Opposition, eine innere Rebellion gegen das auf-
tritt, was man innerlich tut. Denn in dem Augenblick, wo der
Gedanke sich innerlich ausloscht, empfindet man: je mehr
man sich herauslebt aus seinem eigenen BewuBtsein heraus in
das BewuBtsein der unsichtbaren geistigen Wesenheiten, die
im Unsichtbaren walten, desto mehr werden auch innere
Krafte wach, die die heftigste Opposition fuhren gegen dieses
Aufsteigen aus einem BewuBtsein heraus in ein anderes. Man
fiihlt etwas kommen, was nicht will, daB man es tut. Und
jenes innerliche Uneinswerden, jenes Skhaufbaumen gegen die
eigene Tat wird der ttagische innere Kampf, den jede eigent-
liche Geistesforschung intensiv auszufechten hat. Alle Worte
sind zu schwach, um das, was so durchlebt werden muB, wirk-
lich zum Ausdmck zu bringen. Denn wenn man so, sich inner-
lich fiihlend, gleichsam sich selbst weggenommen fiihlt, wenn
man sich hinaufgehoben fiihlt in eine andere Sphare, dann
macht sich jene Opposition geltend, welche sagt: «Du willst
dich nicht verlieren, aber du tust alles, um dich zu verlieren.
Es ist ja der Tod, den du dir bereitest; du lebst ja nicht mit
deinem Wesen in dir, du wirst der Gedanke eines andern. Du
stirbst in dir!» Und alles, was man mit einem ungeheuren
Willen an innerem Tatprotest aufbringen kann, das macht
sich geltend wie eine Opposition gegen dieses Aufgehen.
Das nachste ist nun: Herr zu werden iiber jene innere Oppo-
sition, liber das, was da aus den Tiefen der Seele hervorgeht.
Man muB es erst finden, was die Moglichkeit bietet, um aus
diesem Zustande herauszukommen. Wenn man es gefunden
hat, dann ist es das Zweite, was zu der Gedankenkonzentration
hinzutreten muB, was gleichsam unter dem zweiten groBten
geistigen Gesetz der Entwickelung der menschlichen Seele steht.
Man fragt sich: Was rebelliert denn eigentlich in dir? Was
ist es, was wie ein furchtbarer Rebell sich aufbaumt? Und
gerade so, wie man an den Gedanken ankniipft, indem man
ihn hat und ihn zum Verschwinden und zum Wiederaufleben
in einer anderen Sphare bringt, so muB man auch jetzt an das
ankniipfen, was man schon hat. Und das, was man hat, woran
man ankniipfen muB, das ist das, was man das menschliche
Schicksal nennen kann. Dieses menschliche Schicksal, es ttkt
so an uns heran, daB wir seine inneren Schlage — ob im Guten
oder Schlimmen — wie von auBen an uns herankommend er-
leben. Wie weit sind wir beim menschlichen Erleben davon
entfernt, dasjenige, was das Schicksal ist, als etwas anderes zu
nehmen, als was uns «zufallt», was im besten Sinne der «Zu-
fall» ist? Aber man kann beginnen, es anders zu nehmen. Und
indem man so beginnt, das Schicksal anders zu nehmen, wird
man zum Geistesforscher. Man kann damit anfangen, sich zu
fragen: Was bist du denn eigentlich in bezug auf dein Schick-
sal? Man kann in seine Vergangenheit, die man in der Jugend
oder in den Jahren, die man bisher durchlebt hat, zuriickblik-
ken und das Schicksal iiberblicken; man kann auf die ein-
zelnen Ereignisse dieses Schicksals, soweit man ihrer habhaft
werden kann, im riickblickenden Nachforschen schauen, und
man kann sich die Frage stellen: Was warest du denn eigent-
lich, wenn dich dieses Schicksal mit all seinen «Zufallen»
nicht getroffen hatte? Und wenn man dieser Frage, die jetzt
allerdings eine personliche sein muB, intensiv zu Leibe geht,
so merkt man: Wie auch die Schicksalsschlage liegen mogen,
ob sie gut oder schlimm sich angelassen haben - was wir jetzt
sind, das sind wir durch alie die guten und bosen Schicksals-
schlage; wir sind im Grunde genommen nichts anderes als das
Ergebnis dieses unseres Schicksals. Man fragt sich: Was bist
du denn anderes, als das Ergebnis dieses Schicksals? Hatte
dieses oder jenes dich nicht betroffen, so hatte es deine Seele
nicht durchschuttelt und durchriittelt, und so warest du nicht,
was du jetzt bist. Und wenn man dann sein gesamtes Schicksal
in dieser Weise iiberblickt, dann findet man, daB man mit
seinem jetzigen Ich und seinem ganzen Erleben im Grunde
genommen mit dem Schicksal so zusammenhangt wie die
Summe in einer Addition mit den einzelnen Summanden und
Addenten. Wie die Summe in einer Addition nichts anderes
ist als das, was durch die einzelnen Addenten zusammenflieBt,
so sind wir im Grunde genommen nichts anderes als die
Summe aller guten und bosen Schicksalsschlage, die wir durch-
gemacht haben, und wir wachsen, indem wir eine solche Be-
trachtung anstellen, mit unserem Schicksal zusammen. Das
erste Gefiihl, dem wir uns dann hingeben konnen, ist: Du bist
Eins mit deinem Schicksal. Und wahrend man sich friiher
abgesondert hat von seinem Schicksal, wahrend man sich frii-
her getrennt hingestellt hat als ein besonderes Ich, flieBt jetzt
das besondere Ich in den Strom dieser Schicksalsereignisse hin-
ein. Aber es flieBt so hinein, daB es nicht nur in dem Strom
der Gegenwart wie ein Ergebnis dasteht; sondern indem man
nach und nach dieses ZusammenflieBen erlebt, nimmt das
Schicksal unser Ich - das, was wir sind - gleichsam mit. Wir
sehen zuriick auf den Ablauf der Schicksalsschlage, und wir
finden, indem wir auf unser Schicksal sehen, darin unsere
eigene Tatigkeit; wir wachsen in das Werden unseres Schick-
sals hinein. Wir fiihlen uns nicht nur Eins mit unserm Schick-
sal, sondern wir wachsen nach und nach so in unser Schicksal
hinein, daB wir uns mit dem Schicksal und seiner Tat ver-
einigen. Und nun gehort es wieder zu den bedeutsamen,
inneren groBen Erlebnissen, daB wir uns, auf einen Schick-
salsschlag zurtickblickend, nicht sagen: er hat uns getroffen,
er ist uns durch einen Zufall zugestoBen, sondern daB wir uns
sagen: In diesem Schicksal haben wir schon gesteckt; dadurch
haben wir uns zu dem erst gemacht, was wir heute sind.
Eine solche Betrachtung kann nicht nur in Gedanken, in
Ideen und Vorstellungen angestellt werden. Jeder Schritt sol-
dier Betrachtung erfiillt sich mit innerer gefuhlsmaBiger,
Iebensvoller Seelenwirklichkeit. Das Zusammenwachsen mit
dem Schicksal wird erlebt; das Ich dehnt sich aus iiber das
Schicksal. Und was sich ausdehnt — man lernt es erkennen als
etwas ganz anderes derm Gedanke. Als das andere Seelen-
element lernt man es erkennen, das in uns vorhanden ist, als
den Willen, der vom Gefiihl getragen ist. Den Gedanken fiih-
len wir, indem er sich konzentriert, ersterben und als eine
Kraft aufgehen in einer fremden Geisteswelt, von der wir
gleichsam gedacht werden; unser Wille, unser gefiihlgetra-
gener Wille wachst in die Zeitenweiten zuriick, wachst sich
aus, so daB er mit unserem Schicksal zusammenfallt, wird im-
mer starker. Indem wir uns mit unserem Schicksale Eins fiih-
len, erleben wir nicht das Sterben in den Gedanken, sondern
ein immer Lebendiger- und Lebendigerwerden des Willens.
Wahrend der Wille zunachst in dem einzigen Punkte unserer
Gegenwart konzentriert ist, und wir ihn in unsere Taten und
Worte ausflieBen lassen, dehnt er sich, wie von einem kleinen
Keimpunkte, in dem Zeitenstrom zu dem aus, was nach ruck-
warts leuchtet, was uns selber gewissermafien geschaffen hat.
Unser Wille - das ist das zweite Gesetz, das hier in Betracht
kommt, - indem er sich also hingibt an das Schicksal, sich
verliert an das Schicksal, wird innerlich immer starker und
starker, immer kraftiger und kraftiger. Er geht aus dem Zu-
stande, in dem wir ihn sonst immer haben, in einen ganz
anderen Zustand iiber.
Der Gedanke erstirbt, um in einem neuen Dasein wieder
aufzuleben. Mit dem Willen stehen wir so da, daB er in einem
bestimmten Augenblick tot ist gegeniiber unserem Schicksal;
er ist tot gegeniiber den Zufallen des Schicksals. Leiten wir
den Willen in innerer Meditation iiber unser Schicksal hin,
so wird er - indem er sich hinopfert und gleichsam immer
ergebener wird gegeniiber unserem Schicksal, indem er er-
kennt, daB wir in unserem Schicksal selber leben - immer
starker und starker. Der Gedanke geht iiber von seiner Starke
zu seinem Ersterben und zum Wiederaufbliihen in einer
anderen Sphare; der Wille geht iiber von seiner Augenblicks-
wirkung zu einer ungeheueren Breite, indem er der Trager
unseres gesamten Schicksals wird. Und hier ist es, wo das
Erleben sich wirklich ausdehnt in ein Gebiet, das dem auBeren
Erleben nicht zuganglich ist. Dem auBeren Erleben ist nur
zuganglich das Gebiet bis zu den Erlebnissen, wo das BewuBt-
sein erwacht ist, wo das auBere Er inner n beginnt: im dritten,
vierten Jahre des Menschen. Wenn wir uns aber wirklich mit
unserem Willen durchleben, so daB wir unser Schicksal nicht
mehr wie ein Fremdes, wie etwas was «drauBen» steht, be-
trachten, dann bleiben wir audi nicht mehr - und mit der
Zeit entwickelt sich dieses innere Erlebnis — mit dem BewuBt-
sein der Seele in unserem gegenwartigen Leben stehen. Dann
blicken wir zuriick in weite, weite Fernen, blicken zuriick in
Zustande unserer Seele, welche unserer Geburt — oder Emp-
fangnis - vorangegangen sind, blicken hin auf Zeiten, in
welchen unsere Seele selbst in der geistigen Welt gelebt hat,
bevor sie in das physisch-irdische Dasein hineingetreten ist,
schauen zuriick auf einen Zustand der Seele, wo sie sich Krafte
vorbereitet hat, um unseren Leib zu ergreifen. Indem wir den
Willen also zubereiten, daB wir das Entgegengesetzte von dem
durchmachen, was in der Gedankenkonzentration erlebt wird,
ergreifen wir unser eigenes, ■ iiber Geburt und Tod hinaus-
liegendes Leben. Wenn wir den Gedanken ergreifen wollen,
miissen wir uns losmachen von der auBeren Wirklichkeit,
miissen wir fur die auBere Sinneswirklichkeit blind und taub
werden, miissen uns ganz in uns zuriickziehen; dann wird der
Gedanke so verwandelt, daB wir selbst gedacht werden von
hoheren BewuBtseinen. Mit dem Willen miissen wir das Ent-
gegengesetzte vornehmen: miissen uns in das verbreiten, was
sonst nur auBer uns stehend ist. Mit dem Gedanken gehen wir
in uns hinein; mit dem Willen gehen wir aus uns heraus,
gehen in unser Schicksal hinein und finden durch den Durch-
gang durch unser Schicksal den Weg in die geistigen Welten,
wo wir der Wirklichkeit unserer Seele nach in der umfassend-
sten Wirklichkeit drinnenstehen, in jener Wirklichkeit, die
uns auch schon ergriffen hat, bevor wir zum leiblichen Dasein
heruntergestiegen sind.
Was ich so - scheinbar theoretisch - ausfiihre, ist nur die
Schilderung der inneren Erlebnisse, welche der Geistesforscher
durchzumachen hat, urn zu der Erkenntnis der geistigen Welt
aufzusteigen, um zum Anblick der geistigen Welt zu kom-
men. In bezug auf die auBere Natur geht die Natur voraus,
und das Wissen folgt nach; in bezug auf die geistige Natur
geht das Wissen — das heiBt was so verlauft wie ein Wissen -
als Vorbereitung voran; der Anblick folgt nach. Und nun er-
kennen wir uns in dem, was im Grunde genommen immer
in uns lebt, was aber die Menschheit auch wird wissenschaft-
lich betrachten miissen, wenn die Kulturentwickelung geistig
weitergehen soli; damit aber dies durch die fortschreitenden
Krafte der Entwickelung in das BewuBtsein hereintreten kann,
muB das wissenschaftliche Ergreifen dieser Vorgange voran-
gehen. Selbstverstandlich — man sollte das gar nicht zu erwah-
nen brauchen ~ «machen» wir nicht das seelische Erleben,
indem wir es so geisteswissenschaftlich erfassen; sondern wir
nehmen dasjenige in uns wahr, was immer in uns ist. Aber
wie in der Naturerkenntnis das Erleben und die Erkenntnis
sich aus dem Anschauen herausentwickelt, so muB sich in der
Geisteswissenschaft aus dem Wissen iiber die geistigen Vor-
gange die Anschauung der geistigen Welt herausentwickeln,
wenn die Menschheitentwickelung vorwarts gehen soil. Und
was man erkennt, ist dasjenige, was unabhangig ist von dem
auBeren physischen Leib, was diesen gleichsam anzieht, indem
es aus der geistigen Welt in die physische herabsteigt.
Aber auch im gewohnlichen Alltagsleben leben wir uns aus
dem Leibe heraus, indem wir — aus Griinden, die hier schon ofter
erortert worden sind - abwechselungsweise immer im Lauf e von
vierundzwanzig Stunden in den Schlafzustand ubergehen. Und
wenn wir den Schlafzustand betrachten, konnen wir die Frage
aufwerfen: Warum dampft sich das, was in das geistige Be-
wuBtsein sonst hereingeht, wahrend des Schlafes ab? Warum
ist dann Finsternis um uns herum? Und wir erkennen dann
durch Geisteswissenschaft eben in dem Augenblick, wo die
Seele sich durch wirkliche Vorbereitung in Gedankenkonzen-
tration und Meditation selber kraftvoll ergreift, wie diese Kraft
in den Leib hineingeht, und wir erkennen auch, weil wir dann
die innere, unsterbliche Kraft erfassen, was sie im gewohn-
lichen Schlaf verdunkelt, was es unmoglich macht, daB man
die geistige Wirklichkeit im Schlaf anschaut, wenn man aus
dem Leibe heraus ist. Wenn man dies priift, wenn man die
geistige Wirklichkeit anschaut, die sonst verfinstert ist, so
merkt man: Da ist in der Seele ein t)bermafi von Wunsch vor-
handen, ein Uberwuchern von Begierden, ein gefiihlsmaBiges
Durchdrungensein intensivsten Wunschlebens, ein viel star-
keres Wunschleben, als dann vorhanden ist, wenn die Seele
wieder in den Leib untertaucht und aufwacht. Und was
wimscht die Seele im Schlafe? Das ist durch die geisteswissen-
schaftliche Forschung anzuschauen: Im Schlafe begehrt die
Seele in intensiver Weise wieder unterzutauchen in den phy-
sischen Leib, in das, was sie verlassen hat. Und indem der
Wunsch, in den Leib wieder unterzutauchen, in der Seele
iiberwaltigend stark ist, loscht dieser Wunsch, wie ein Nebel-
gebilde die Klarheit iiberzieht, fur die Seele das aus, was sie
sonst, als der geistigen Welt angehdrig, wahrnehmen wiirde:
das BewuBtsein hoherer Wesen und ihr Erleben, ihr — der
Seele — Enthaltensein in hoheren Wesen — und ihr Enthalten-
sein in diesen vor Geburt und Tod. Weil aber die Seele die
Krafte braucht, welche ihr aus der geistigen Welt allein kom-
men konnen, wie der Leib die Krafte braucht, die aus der
Atomenwelt kommen konnen, so muB sie immer wieder in die
geistige Welt untertauchen; weil sie aber immer wiinscht, in
den Leib unterzutauchen, so bleibt ihr BewuBtsein fur die
geistigen Vorgange ausgeloscht, auch dann, wenn sie leibfrei
im Schlafe ist. Was der Mensch in seinem Leibe erlebt, das
wird er niemals ohne diesen Leib zunachst unmittelbar erleben
konnen. Was er in diesem Leibe erlebt, das ist, daB die geringe
Kraft, die er in seiner Seele hat, um das Geistige unmittelbar
anzuschauen, iiberwuchert wird im gewohnlichen Leben durch
die Begierde nach dem Leibe, und daB diese Kraft im Leibe,
wo die Seele diese Kraft hat, immer starker und starker wird.
Die Seele lernt im Leibe BewuBtsein, SelbstbewuBtsein zu
entwickeln. Das ist das Wesentlkhe dieses Leibeslebens. Die
Seele macht dieses Leben im Leibe durch, nicht wie in einem
Kerker, nicht wie eine Gefangenschaft, sondern wie etwas, was
ihr zum Gesamterleben notwendig ist. Denn die Seele kann
das, was sie sein soil, nur werden, und dieses Erleben geht
iiber von einem dumpfen zu einem hellbewuBten. Die bewuB-
ten Krafte aber werden zuerst im Leibe angeregt. Wenn die
Seele gleichsam ihre Befriedigung hat, widmet sie sich dem
Lfberschattetwerden von der BewuBtheit. Die BewuBtheit geht
als eine Kraft in sie iiber. Und dann - das wird ja insbeson-
dere durch die Geisteswissenschaft klar — , wenn die Seele im
Leibe das «BewuBtwerden» erlebt, dann behalt sie das Nach-
erlebnis dieses BewuBtseins. Da tritt etwas in Kraft, was hoher
ist als die gewohnliche Erinnerung, aber doch ahnlich ist der
gewohnlichen Erinnerung. Wir erinnern uns im Leben durch
unser gewohnliches Gedachtnis an das, was wir an Erlebnis-
sen durchgemacht haben; das konnen wir wieder in die Seele
heraufrufen. Was die Seele im Leibe erlebt: diese Aufhellung
des BewuBtseins, dieses Durchkraften mit dem BewuBtsein,
diese Erinnerung des SelbstbewuBtseins, das tritt beim Geistes-
forscher — wenn er das durchmacht, wovon ich gesprochen
habe — , so auf, daB er in seiner Seele das Erlebte im Leibe an-
wesend hat wie in einer Erinnerung. Das miissen wir festhalten.
Der Geistesforscher lebt hinauf in eine geistige, hohere
Welt; er wird gleichsam Gedanke hoherer Wesenheiten. Aber
indem er sich durchdringt mit dem, was die Geistesforschung
geben kann, wird das, was sonst Rebellion wird, zu einem
solchen inneren Erlebnis, daB er jetzt, indem er sich in die
geistige Welt hinauflebt, wie mit einer Erinnerung an sein
Leibesleben behaftet bleibt. Jetzt weiB er: dieses Leibesleben
gehort doch zu dir. Und jetzt streift sich durch die Erinne-
rung, die man sich durch die Ausbreitung liber das Schicksal
errungen hat, diese Rebellion ab. Man weiB: jetzt ist man
nicht dem geistigen Tode in der geistigen Welt ausgesetzt.
Denn wie man auch in die BewuBtseine hoherer Wesenheiten
aufgehen mag: man lebt sich so hinauf, daB die Gedanken
zwar erfaBt werden von den hoheren Wesenheiten, aber wir
in der Kraft des inneren Erlebens bleiben; wir erhalten uns,
wir behalten uns, wenn wir uns in die hoheren BewuBtseine
hinaufleben, wie sich die Gedanken in dem BewuBtsein der
hoheren Wesenheiten erhalten. Was wir als Erinnerung im
Gedachtnis behalten, ist nicht Wirklichkeit, bevor wir es nicht
aus dem Gedachtnis heraufholen. Wie es da unten im dump-
fen UnterbewuBtsein ist, interessiert es zunachst den Men-
schen nicht; da hat es keine Realitat. Deshalb nannte ich das,
als was sie der Geistesforscher dann hat, etwas wie eine hohere
Erinnerung, die doch der Erinnerung ahnlich ist. Es ist, wenn
wir uns in die BewuBtseine hoherer Wesenheiten hinaufleben,
wie wenn alle unsere Gedanken selbstandige Wirklichkeit be-
hielten, und der Strom unserer Erlebnisse nicht bloB fiir unser
Gedachtnis wie ein Strom ist, der da ist, daB wir ihn in die
Erinnerung hinaufziehen, sondern wie wenn die Erlebnisse in
ihrer eigenen geistigen Wirklichkeit in ihm schwammen. So
leben wir uns durch das Erlebnis, das angedeutet worden ist,
durch die Erinnerungen in eine hohere Welt hinauf, aber diese
Erinnerungen sind wir selber, in unserm eigenen Erinnern uns
erfassend. Es ist kaum etwas anderes wie ein Gleichnis, aber
es driickt den Tatbestand aus, wenn man sagt: Indem die Seele
durch Meditation, durch Gedankenkonzentration und durch
WillensausgieBung iiber das Schicksal sich weiterentwickelt,
wird die Menschenseele etwas fur diejenigen Wesenheiten, die
sie aufnehmen in ihr BewuBtsein, und die sie halten in den
Regionen, in denen sie lebt nach dem Tode und vor der Ge-
burt. Aber wie die Gedanken nur ein Dasein haben, das von
uns geborgt ist, so leben wir uns hinauf in die «Gedanken-
schaft» der hdheren BewuBtseine, und indem diese auf uns
zuriickblicken, blicken sie zuriick als auf selbstandig geblie-
bene Wesenheiten. Indem wir uns in unserm Schicksal er-
griffen haben, erhalten wir uns in dem BewuBtsein hoherer
Wesenheiten.
Alles, was ich so ausdriicke, ist nur das Wissen iiber den
Tatbestand, der fiir die Seele immer da ist. Denn was der
Geistesforscher so erlebt, ist nichts anderes als das Wissen
iiber das, was die Seele erlebt, wenn sie durch die Pforte des
Todes iiber die auBere Realitat hinausgeht. Aber wie die
auBeren Naturgeschehnisse vor sich gehen, ohne daB wir zu-
nachst von ihnen wissen, so geht auch der Tod an uns vor-
iiber und macht die Seele zu dem, wozu er sie machen muB.
Aber im Verlaufe der Menschheitsentwickelung muB der
Mensch wissen lernen, was der Tod aus der Seele macht; durch
die Geisteswissenschaft muB er sich Wissen aneignen iiber
das, was man nennt: den Zugang zu dem Ratsel des Todes.
Deshalb hat man das, wozu der Geistesforscher in seiner
inneren Seelenentwickelung kommt, mit einem gewissen Recht
«ein Hinkommen bis an die Pforte des Todes» genannt. Schon
aus der Betrachtung, die iiber den Schlaf angestellt wurde,
zeigt es sich, daB die Menschenseele in dem rein geistigen
Dasein «durchdumpft» ist von der Begierde nach dem Leibe.
Wenn sie durch die Pforte des Todes geht und sich loslost
von dem Leibe, bleibt sie nicht durchdumpft von dieser Be-
gierde. Sondern indem sie sich dem Leibe entzieht, wird sie
geheilt von der Begierde nach dem Leibe, es drangt sich die
Begierde aus der Seele heraus, und das Zusammensein mit der
geistigen Welt lebt sich in der Seele aus. Die Seele lernt sich
erleben in der geistigen Welt. Aber sie ware unselbstandig,
wenn sie nicht durch den Tod hindurchgegangen ware. Durch
den Tod muB die Seele hindurchgehen, weil er die groBte
Tatsache, das groBte Erlebnis fiir sie ist. Wie wir durch die
Geburt untertauchen miissen in den Leib, so miissen wir aus
dem Leib herausgehen, durch den Tod durchgehen, miissen
sterben, um durch das Erlebnis des Todes, des Sterbens, uns als
ein Selbst in der geistigen Welt zu erfassen. Wir werden zu
einer Erinnerung hoherer BewuBtseine, indem wir das Gegen-
wartsbewuBtsein abstreifen, das wir im Leibe haben; und nach
dem Tode steht uns das, was uns unser Selbst gibt, in einer
anderen Weise gegenuber, als es uns gegeniibersteht in der
Form unseres Selbstes zwischen Geburt und Tod. Zwischen
Geburt und Tod stehen wir so im Leben darinnen, daB wir
unser Selbst verlieren, wenn das BewuBtsein herabgedampft
wird, daB wir das verdunkeln, was wir im Schlafe erleben.
Gleichzeitigkeit ist vorhanden zwischen uns und unserm Leib,
aber auch zwischen uns und unserm SelbstbewuBtsein. Nach
dem Tode wird das anders. Was im gewohnlichen Leben zwi-
schen Geburt und Tod gleichsam das gewohnliche raumliche
Verhaltnis ist zu unserem Raumesleib, das wird nach dem
Tode zu einem Verhaltnis zu unserm Zeitensein. Nach dem
Tode blicken wir zuriick auf das, was wir im Leibessein durch-
gemacht haben, und in diesem Zuriickblicken, in dieser Riick-
schau, in diesem Verbundensein mit dem Leibessein fuhlen
wir unser SelbstbewuBtsein, fuhlen wir uns als Selbst. ZeitHch
wird da das Verhaltnis zu unserm Selbst. Indem wir hinblicken
auf unsere geistige Umgebung, gehen wir auf in die hoheren
Wesen, in die wir uns einleben. Wir behalten unsere Selbstan-
digkeit, unser voiles SelbstbewuBtsein nach dem Tode, indem
wir mit unseren Erinnerungen untertauchen in das verflossene
Leibesleben — so wie wir jeden Tag untertauchen in das
Raumes-Sein, um zu unserem SelbstbewuBtsein zu kommen.
So geht die Menschenseele durch das voile Erleben durch,
welches den Tod mitumfaBt, zu welchem der Tod gehort wie
etwas, was notwendig ist; denn zum SelbstbewuBtsein in der
geistigen Welt gehort das Erleben des Todes in der Sinnes-
welt. Damit konnen wir zu gleicher Zeit darauf hindeuten
- aber eben nur hindeuten; in den folgenden Vortragen dieses
Winters wird das genauer ausgefuhrt werden — , wie sich dieses
Erlebnis des Todes darstellt. GewiB: unmittelbar, indem der
Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, wird er sich
dessen unbewuBt bleiben, was er erlebt. Aber indem er sich
weiter in die geistige Welt einlebt, starkt er sich mit den
Kraften, die ihm aus der geistigen Welt erflieBen konnen, und
remigt sich von den Kraften, welche ihm zwischen Geburt
und Tod als Begierde nach dem Leibe das geistige BewuBtsein
durchdumpfen; und in diesem innerlichen Sichklaren von der
Dumpfheit erwachst ihm der Riickblick in das eigene Selbst,
und damit erwachst ihm dann auch die Einsicht in die geistige
Welt. Es tritt gleichsam das Erlebnis nach dem Tode so auf,
daB die Erinnerung an das Todeserlebnis nach und nach erst
in der Menschenseele sich ergibt, indem der Mensch nach
dem Tode in die geistige Welt eindringt. Dann aber, beim
jedesmaligen Ruckblicken auf das Erdenleben, ist es fur den
Menschen so, daB sein SelbstbewuBtsein ebenso aufbliiht, wie
beim gewohnlichen Erwachen das SelbstbewuBtsein innerhalb
der Sinneswelt aufbliiht.
Dieses, was hier ausgefuhrt worden ist, man kann es selbst-
verstandlich nicht auBerlich beweisen. Deshalb ist es fur die-
jenigen, die sich auf den wahren Beweis von der geistigen
Welt nicht einlassen wollen, sehr leicht, Einwendungen zu
machen. Wer da fordert, daB die geistige Welt ebenso bewie-
sen werden solle wie die Tatsachen der auBeren Naturwissen-
schaft und ihre Gesetze, und wer dann, wenn das nicht mog-
lich ist, der Meinung ist, daB alles Reden iiber eine geistige
Welt nur ein subjektives Reden sei, dem muB erwidert wer-
den: So kann die geistige Welt nicht zur Allgemeinheit spre-
chen, daB man das Experiment, die Beobachtung macht, die
jeder anstellen kann. Deshalb bleibt aber Geisteswissenschaft
doch nicht ein bloBes subjektives Gerede, sondern etwas, was
fur die Allgemeinheit Wert und Bedeutung hat; denn es
bestehen die Methoden, die Verrichtungen der Seele, die jeden
Menschen dazu fiihren, wenn er sie durchmacht, in die geistige
Welt einzudringen. Wenn daher jemand sagt: «deine geistige
Welt ist mir nicht klar; beweise sie mir nach den Methoden
der auBeren Naturwissenschaft», so muB ihm erwidert wer-
den: Den Beweis muBt du dir selber holen, indem du das, was
auf jede Menschenseele anwendbar ist als die von der Geistes-
wissenschaft angegebenen Methoden, auf deine Seele anwendest!
Was ich heute nur in allgemeinen prinzipiellen Ziigen aus-
einandersetzen konnte iiber den Gedanken, sein Ersterben und
sein Wiederaufleben in einer anderen Sphare, iiber die Ver-
breitung des Willens iiber das Schicksal, wie er da im einzel-
nen wirken muB, das habe ich ausfuhrlicher dargestellt in mei-
nem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?», das jetzt, vielfach umgearbeitet, in neuer Auflage erschie-
nen ist; und ich habe auch versucht, es in anderer Weise dar-
zustellen in dem Buche «Die Ratsel der Philosophies das jetzt
als eine zweite Auflage meiner «Welt- und Lebensanschau-
ungen im neunzehnten Jahrhundert» erschienen ist mit einem
«skizzenhaft dargestellten Ausblick auf eine Anthroposophie»
als ein Ergebnis der gesamten geistig-philosophischen Ent-
wickelung des Abendlandes.
Noch einmal sei es betont: Geisteswissenschaft gibt nicht
etwas, was nicht auch ohne sie da ware - wie Naturwissen-
schaft auch nicht etwas gibt, was nicht ohne sie da ware. Aber
dadurch, daB der Mensch etwas weiB, ist vorausgesetzt, daB
die Tatsachen des Wissens erst da sind. Wenn aber die Tat-
sachen ins BewuBtsein aufgenommen werden, wird die Geistes-
wissenschaft der Menschenseele das geben, was die Seele mit
Starke und Kraft ausriistet, wie sie es in der Zukunft brauchen
wird. Ein BewuBtsein ihres Zusammenhanges mit der gei-
stigen Welt hat die Seele gewiB auch in der Vergangenheit
gehabt. Aber die Menschheit entwickelt sich weiter und wei-
ter. Und zu dem, was die Seele zu ihrer inneren Kraft brau-
chen wird, was sie zum BewuBtsein ihrer selbst bringen wird,
werden immer mehr die Ergebnisse der geisteswissenschaft-
lichen Forschungen gehoren, wird gehoren eine wirklkhe Er-
kenntnis der geistigen Welt, der Welt der Seele, die nur durch
Forschung vermittelt werden kann, wie die Erkenntnis der
Natur auch nur durch Forschung vermittelt werden kann.
Durch diese geisteswissenschaftliche Forschung wird der Men-
schenseele das vermittelt, was die Erinnerung ausdehnt uber
den Horizont hinaus, uber den sie sonst allein schweifen kann.
Das kann heute nur angedeutet werden. Indem der Wille sich
ausdehnt uber das Schicksal und der Mensch eins wird mit
dem Schicksal, und indem der Wille im Menschen zu solcher
Starke heranwachst, daB er ergreift, was Schicksalsschlage im
guten und bosen sind, und weiB: das alles habe ich selbst
gebildet — , wachst die Erinnerung zuriick uber friihere Erleb-
nisse, wachst auch in jene Zeiten hinein, welche friihere
menschliche Erdenleben darstellen. Nur angedeutet kann das
werden, was in spateren Vortragen ausgefiihrt werden soil:
Innig zusammenhangend mit der Ausdehnung des Willens
uber das Schicksal ist die Erkenntnis, daB der Mensch nicht
nur ein Erdenleben vollbringt, sondern daB dieses eine Leben
das Ergebnis fruiterer Erdenleben ist, daB diese Zubereitung
des Willens des Schicksales in friiheren Erdenleben geschehen
ist. Und so stellt sich in unserem BewuBtsein dar, daB das-
jenige, was wir jetzt mit dem Willen ergreifen, Ursache ist
fur spatere Erdenleben, in spatere Erdenleben hiniiberwirkt.
Gerade in der geistigen Kultur Mitteleuropas sind immer
die Etappen hervorgetreten, durch welche hervorragende Fuhrer-
geister in ihren Seelen diesen Zusammenhang des mensch-
lichen Seelenerlebens mit der geistigen Welt erfaBt haben.
Und wenn heute gesagt worden ist: Die Menschenseele kann
durch Konzentration des Gedankens diesen Gedanken zum
Ersterben und zum Wiederaufleben in einer hoheren Welt
bringen, dann kann hingewiesen werden auf einen Geist, auf
den ich bereits in den fruheren Vortragen aufmerksam machte:
auf Johann Gottlieb Fichte. Geisteswissenschaft hatte er noch
nicht. Aber er stand so im deutschen, mitteleuropaischen Gei-
stesleben darinnen, da6 er aus der Art und Weise, wie er sich
in das Geistesleben hineingestellt fand, wie aus einem elemen-
taren, impulsiven BewuBtsein heraus die Sicherheit des Drin-
nenstehens der menschlichen Seele in der Ewigkeit erschaute.
An vielen Steilen seiner Werke hat Fichte ausgesprochen, was
ihm herausklang, was er gefiihlt hat vom Drinnenstehen der
Menschenseele in der Welt eines hoheren BewuBtseins; aber
man kann vielleicht keine SteUe finden, wo er diesen Zusam-
menhang der Menschenseele mit der Ewigkeit intensiver aus-
spricht als in seiner Appellation an das Publikum, in welcher
er sich gegen die f alsche Anschuldigung desAtheismus wehrte.
Dort sagt er — indem er wie im Hinblick auf das, was aufiere
Natur ist, was im Raumesleben entsteht und vergeht, diese
auBere Natur als «Du» anspricht, und das Ich, das zum Erfas-
sen seiner selbst kommt, als das «Ich» anspricht — dort sagt
er die folgenden Worte:
«Du bist wandelbar, nicht ich; alle deine Verwandlungen
sind nur mein Schauspiel, und ich werde stets unversehrt iiber
den Triimmern deiner Gestalten schweben. DaB die Krafte
schon jetzt in Wirksamkeit sind, welche die innere Sphare
meiner Tatigkeit, die ich meinen Leib nenne, zerstoren sollen,
befremdet mich nicht; dieser Leib gehort zu dir, und ist ver-
ganglich, wie alles, was zu dir gehort. Aber dieser Leib ist
nicht Ich. Ich selbst werde iiber seinen Triimmern schweben,
und seine Auflosung wird mein Schauspiel sein. DaB die Krafte
schon in Wirksamkeit sind, welche meine auBere Sphare, die
erst jetzt angefangen hat, es in den nachsten Punkten zu wer-
den — , welche euch, ihr leuchtenden Sonnen alle, und die tau-
send mal tausend Weltkorper, die euch umrollen, zerstoren
werden, kann mich nicht befremden; ihr seid durch eure Ge-
burt dem Tode geweiht. Aber wenn unter den Millionen Son-
nen, die iiber meinem Haupte leuchten, die jiingstgeborene
ihren letzten Lichtfunken langst wird ausgestromt haben,
dann werde ich noch unversehrt und unverwandelt derselbe
sein, der ich jetzt bin; und wenn aus euren Trummern so viele
Male neue Sonnensysteme werden zusammengestromt sein, als
eurer alle sind, ihr iiber meinem Haupte leuchtende Sonnen,
und die jiingste unter alien ihren letzten Lichtfunken langst
wird ausgestromt haben, dann werde ich noch sein, unversehrt
und unverwandelt, derselbe, der ich heute bin.»
Diese Uberzeugungen werden nicht bloB theoretisch er-
kannt; diese Uberzeugungen werden erlebt. Und das wollte ich
zur Empfindung und zum Gefuhl im letzten meiner Vortrage
hier bringen, daB gerade das mitteleuropaische, das deutsche
Geistesleben dasjenige ist, welches die besten, die schonsten,
die energischsten Keime zu diesem Erleben enthalt. Daher ist
es auch, daB aus diesem Geistesleben selber das BewuBtsein
erflieBen mag von seiner Bedeutung in der Welt, und daB
jetzt, wo in dem auBeren Erleben Mitteleuropas auch dieses
Geistesleben vor die Frage nach Sein oder Nichtsein hin-
gestellt wird, dieses Geistesleben aus der unmittelbaren Er-
kenntnis seiner selbst es wissen kann, wozu es berufen ist, und
wie es leben muB, und wie es nicht untergehen darf, weil es
notwendig ist, um das Band zu bilden zwischen der Menschen-
seele und den Ewigkeiten. Da
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