Aus schicksaltragender Zeit

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAU SGABE 

VORTRAGE 

Offentliche VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 



Aus schicksaltragender Zeit 

Vier^ehn offentliche Vortrage 
Berlin, 29. Oktober 191 4 bis 2$. April 191 j 
Nurnberg, i2.Mar^ 191 j 
Miinchen, 28. November 191 j 



J 959 

VERLAG DER RUDOLF STEINER-NACHLAS SVERWALTUNG 

DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen, nicht wortlichen 
und teilweise liickenhaften Nachschriften herausgegeben von 
der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Domach 

Die Herausgabe besorgten Wolfram Groddeck und Johannes Waeger 



1. Buchausgabe Dornach 1959 

Vortrag I-IV und XII erschienen in Einzelheften als Schriftenreihe 
«Aus schicksaltragender Zeit», Dornach 1929-30 

Vortrag VII und VIII erschienen in der Zeitschrift «Anthroposophie» 
1933/34, 16. Jg., Buch 3 und Buch 4 

Vortrag IX wird hier sum erstenmal veroffentlicht 

Vortrag X und XI erschienen in der Zeitschrift «Anthroposophie» 
1931/32, 14. Jg., Heft 3, und 1932/33, 15. Jg., Buch 4 

Vortrag XIII und XIV erschienen 1945 im Nachrichtenblatt «Was in 
der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht», Nr. 1, 2 und 3 



Alle Rechte bci der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz 
© 1959 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung Dornach / SchweLz 
Printed by Buchdruckerei Meier & Cie, Schaffhausen 



INHALT 



Zur Einfiihrung. Aus einer Vorrede von Marie Steiner, 1940 . 7 

I. Goethes Geistesart in unsern schicksalsschweren Tagen 
und die deutsche Kultur, geisteswissenschaftlich betrachtet. 
Berlin, 29. Oktober 1914 . 13 

II. Das Volk Schillers und Fichtes, geisteswissenschaftlich 
betrachtet. 

Berlin, 5. November 1914 47 

III. Die Menschenseele in Leben und Tod, geisteswissenschaft- 
lich betrachtet. 

Berlin, 26. November 1914 84 

IV. Die Seelen der Volker, geisteswissenschaftlich betrachtet. 
Berlin, 27. November 1914 114 

V. Die germanische Seele und der deutsche Geist vom 
Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. 

Berlin, l4.Januar 1915 153 

VI. Geist-Erkenntnis in gliicklichen und ernsten Stunden des 
Lebens. Eine Zeitbetrachtung. 

Berlin, 15.Januar 1915 185 

VII. Die tragende Kraft des deutschen Geistes. 

Berlin, 25. Febraar 1915 215 

VIII. Was ist am Menschenwesen sterblich? 

Berlin, 26. Februar 1915 253 

IX. Die verjiingenden Krafte der deutschen Volksseele. 

Berlin, 4.Miirz 1915 290 

X. Was ist am Menschenwesen unsterblich? 

Niirnberg, 12.Marz 1915 323 

XI. Der Schauplatz der Gedanken als Ergebnis des deutschen 
Idealismus im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit. 
Miinchen, 28. November 1915 362 



XII. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung 
im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit, 
Berlin, 22. April 1915 398 

Anhang 

XIII. Schlaf und Tod vom Gesichtspunkte der Geisteswissen- 
schaft. 

Berlin, 16. April 1915 439 

XIV. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis vom Gesichtspunkte 
der Geisteswissenschaft. 

Berlin, 23. April 1915 452 

Hinweise 464 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 494 



ZUR EINFOHRUNG 
Aus einer Vorrede von Marie Steiner, 1940 



Im Jahre 1902 entschloB sich Rudolf Steiner, unserer dem 
Chaos zusteuernden materialistischen Zivilisation einen neuen 
Einschlag zu geben durch eine erkenntnismaBig begriindete 
Darlegung der Geisteswissenschaft. Seine liickenlose Beherr- 
schung aller kulturellen Wissensgebiete - der physikalischen 
und Naturwissenschaften, der Mathematik, der Philosophic, der 
Literaturen, der Geschichte, der Kunst- und Kulturgeschichte — 
gab ihm die notige Befugnis, sein Wissen vom t)bersinnlichen 
auf einer f esten Grundlage aufzubauen und in die Denkformen 
der Gegenwart einzukleiden. Allen Einwanden konnte er be- 
gegnen; denn er hatte sie sich selbst vorher gemacht. Er war in 
der Lage, die Mangel des gescheiten, aber kurzatmigen Den- 
kens der Gegenwart aufzudecken. Dadurch zog er sich den 
HaB der Vertreter materialistischer und konfessioneller Denk- 
richtungen zu. Denn er hatte sich die Aufgabe gestellt, dem 
Dogma des Ignorabimus, der unverriickbaren Erkenntnisgren- 
zen entgegenzutreten, den Menschen darzulegen, daB die Seele 
die Forschungswege betreten konne, die weit iiber das Sinnen- 
f allige hinausgehen, und daB der Erweiterung ihrer Erkenntnis- 
moglichkeiten keineswegs physikalisch-sinnliche Grenzen ge- 
setzt sind. Er wurde der Verkiinder einer konkreten geistigen 
Welt, wurde aber dadurch von den Fanatikern der bloBen 
Materie und der Wissensgrenzen in Acht und Bann erklart. 
Zunachst gedachte man durch Totschweigen ihn unschadlich 
zu machen. Als dieses Mittel nicht die gewiinschte Wirkung 
erzielte, wurde zur Verspottung und Verleumdung, dann zur 



7 



Massenagitation gegriffen. Die Verleumdung tobte in einer 
grotesk ungeziigelten, alien Tatsachen Hohn sprechenden Art 
und konnte ihn deshalb personlich weder beriihren noch errei- 
chen. Sein Bild strahlte um so heller fur alle, die ihn kannten 
und die vorurteilslos seine Schriften lasen. Aber sie fuhrten zu 
einem von den Gegnern vorgesteckten Ziele: es gelang ihnen 
zuletzt, durch fortwahrende Agitation und inszenierte Tumulte 
seine offentliche Vortragstatigkeit in Deutschland zu unter- 
binden, die zwei Jahrzehnte lang das erlosende Wort vom 
Geiste und von denWegen zur Heilung unserer Kulturschaden 
vor die europaische Menschheit gebracht hatte. 

Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortrags- 
tatigkeit gewesen. Was in anderen Stadten in mehr einzelnen 
Vortragen behandelt wurde, konnte hier in einer zusammen- 
hangenden Vortragsreihe zumAusdruck gebracht werden, deren 
Themen ineinander iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Cha- 
rakter einer sorgfaltig fundierten methodischen Einfiihrung in 
die Geisteswissenschaft und konnten auf ein regelmaBig wie- 
derkehrendes Publikum rechnen, dem es darauf ankam, immer 
tiefer in die neu sich erschlieBenden Wissensgebiete einzu- 
dringen, wahrend den neu Hinzukommenden die Grundlagen 
fiir ein Verstandnis des Gebotenen immer wieder gegeben 
wurden. 

Es ware von ungeheurer Bedeutung fiir die Neugestaltung 
des menschlichen Denkens und seiner Erlosung aus den Ban- 
den engherziger wissenschaftlicher oder theologischer Dog- 
matik, wenn die ganze chronologische Folge dieser wahrend 
zwei Jahrzehnten in Berlin gehaltenen Vortrage in einer zu- 
sammenhangenden Schriftenreihe erscheinen und von emp- 
fanglichen Seelen aufgenommen werden konnte. Eine bedeut- 
same Erhohung des moralischen Niveaus miiBte daraus erfol- 
gen und eine Einsicht in das, was sozial not tut, um aus dem 
menschenmorderischen Chaos der Gegenwart hinauszukom- 



men. Mk der Einsicht in die Moglichkeit einer Durchbrechung 
der Erkenntnisschranken kame der Mensch zu einer t)berschau, 
die den Geist befreit. 

Rudolf Steiner versuchte zunachst, das alt-ehrwiirdige Wort 
«Theosophie», das durch den Dilettantismus Unberufener stark 
kompromittiert war, wieder zu Ehren zu bringen. Ankniipfend 
an Jakob Bohme und spatere deutsche Denker, konnte er dies 
versuchen. Aber die notwendige Distanzierung von dem, was 
um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts diesen Namen 
usurpiert hatte, liefi ihn spater fiir seine okzidentalisch-christ- 
liche Stromung den Namen «Anthroposophie» wahlen - ein 
zutiefst begriindeter Name, da durch Menschenerkenntnis hin- 
durch hier zur Geist- und Welterkenntnis geschritten wird. 
Meistens jedoch gebrauchte er das schlichte deutsche Wort 
Geisteswissenschaft. Die Themen geben eine umfassende tlber- 
sicht dessen, was als Kulturerneuerung gewollt und erstrebt 
war. 

Im Friihjahr 1903 beginnt die offentliche Vortragstatigkeit 
fiir Geisteswissenschaft im Berliner Architektenhaus. Im Friih- 
jahr 1904 wurden im Architektenhause Themen behandelt, die 
den Keim enthalten zu den spateren bahnbrechenden Arbeiten 
Rudolf Steiners auf padagogischem und sozialem Gebiet. Sie 
sind zusammengefaBt unter dem Titel: Theosophische Seelen- 
lehre. Eine andere Vortragsserie fand statt im Vereinshaus, 
WilhelmstraBe 118, Berlin. Rudolf Steiner versuchte darin, Auf- 
klarung zu geben iiber jene Grenzgebiete zwischen sinnlicher 
und iibersinnlicher Welt, welche die Aufmerksamkeit der Wis- 
senschaft auf sich richten und fiir Unwissende so viel Gefahren 
bergen. Er sprach dort iiber Theosophie und Somnambulismus, 
Geschichte des Spiritismus, Geschichte des Hypnotismus und 
des Somnambulismus. Beide Themen waren auch Gegenstand 
von Vortragen, die vom April an jeden zweiten Montag im 
Monat im Architektenhaus gehalten wurden. 



Die im Herbst 1904 im Architektenhaus gehaltenen Vor- 
trage sind vor allem dazu bestimmt, die wissenschaftliche 
Grundlage der Anthroposophie auszubauen. Es folgte im Fruh- 
jahr 1905 die Auseinandersetzung mit den Fakultaten. Im Ok- 
tober 1905 begann die Vortragsreihe mit einem Vortrag iiber 
Haeckel, die Weltratsel und die Theosophie. An Haeckel an- 
zukniipf en wurde fiir Rudolf Steiner Notwendigkeit, war doch 
Haeckel fiir die Weltanschauung der Gegenwart eine bestim- 
mende geistige Macht. Rudolf Steiner wiirdigte im vollen 
MaBe seine iiberragende Arbeitsleistung auf naturwissenschaft- 
lichem Gebiet, lehnte aber andererseits vollkommen den An- 
spruch ab, den herzhaft und unbekummert Haeckel erhob, nun 
auch iibergreifen zu diirfen auf das Gebiet der Philosophic 
und in Fragen der Weltanschauung autoritativ zu wirken. Hier 
muBte ihm scharf entgegengetreten werden. Das tat Rudolf 
Steiner mit auBerster Energie und Konsequenz; es hinderte ihn 
jedoch nicht, in Worten der warmsten Anerkennung iiber das 
Positive in Haeckels Leistung zu sprechen. 

Die Themen der weiteren Jahrgange bilden ein umfassendes 
Gefiige konsequenten Weiterdringens auf dem Gebiete einer be- 
wuBtseinsmaBig erkampften, geistgetragenen Weltanschauung. 

Im Herbst 1919 konnte Rudolf Steiner wieder in Berlin 
sprechen. Er hielt am 15. September in der Philharmonie 
seinen Aufsehen erregenden Vortrag iiber «Die Kernpunkte 
der sozialen Frage und die Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus». 

Inzwischen war die Aufmerksamkeit der weitesten Kreise 
auf ihn gerichtet. Uberall wurde von ihm gesprochen. Wenn 
er redete, waren die groBten Sale iiberfullt. Stuttgart war unter- 
dessen das hauptsachlichste Feld seiner offentlichen Wirksam- 
keit geworden. 

Nach Berlin kam er erst wieder zum 15. September 1921, 
um im groBen Saal der Philharmonie einen Vortrag zu halten 



iiber «Die Bedeutung der Anthroposophie in Wissenschaft 
und Leben der Gegenwart». Diesem folgte im selben Saal am 
19. November 1921 ein Vortrag iiber «Anthroposophie und die 
Ratsel der Wissenschaft» und am 26. Jamiar 1922 im Marmor- 
saal ein anderer iiber «Anthroposophie und die Ratsel der 
Seele». 

Dieses Hinstellen der Anthroposophie als Antwort auf die 
Ratselfragen des Daseins erregte iiberall das grofite Interesse, 
es kam dem starksten Bediirfnis der Seelen entgegen. Im Marz 
fanden Hochschulkurse statt. Die Anthroposophie brach sich 
Bahn. Sie war im Begriff, ein Kulturfaktor zu werden. Dies 
zeigte sich besonders am letzten Vortrag, den Rudolf Steiner 
in Berlin am 12. Mai 1922 im groBen Saal der Philharmonie 
hielt. Das Thema lautete: « Anthroposophie und Geistes- 
erkenntnis.» 

Der Andrang war ungeheuer, die Kothener StraBe muBte 
gesperrt werden, urn den weiteren Zustrom zu verhindern. Der 
Ausklang war machtig. Es wagte sich kein Widerspruch her- 
vor. Um so heftiger setzte im geheimen eine unterminierende 
Gegenaktion ein, und die bekannte Konzertagentur Sachs und 
Wolff, die nachgesucht hatte, fernerhin die Vortrage in 
Deutschland zu organisieren, muBte nach eingehender Priifung 
der Lage erklaren, nicht einstehen zu konnen fur einen gefahr- 
losen Ausgang der Veranstaltungen. An mehreren Orten hatten 
Radaubriider Tumulte inszeniert. 

So wurde in dem Augenblick, als sie sich siegreich durch- 
gesetzt hatte, ein gewaltsames Ende dieser einundzwanzigjah- 
rigen Vortragstatigkeit bereitet, die als Ziel hatte, die Mensch- 
heit vor den Ubeln zu bewahren, die iiber sie hereingebrochen 
sind. Im Rausch der selbstherrlichen Geschaftigkeit der Vor- 
kriegszeit, im Brausen der zusammenschlagenden sozialen Wo- 
gen wahrend der Kriegs- und Nachkriegszeit wurde die Stimme 
des warnenden Weisen iiberhort und dann erstickt. Die Stimme 



des Lebenden wurde zum Schweigen gebracht. Des Toten Wort 
wird leben. Es hat die Kraft, Verfall und Tod zu iiberwinden. 

Die Nachschriften der Vortrage konnten von Rudolf Steiner 
selbst nicht durchgesehen werden. Dazu fehlte ihm die Zeit. 
Zunachst hatte er sich gegen das Nachschreiben und Verviel- 
faltigen seiner Vortrage verwahrt. Das gesprochene Wort ware 
anders als das geschriebene, pflegte er zu sagen. Es eigne sich 
nicht zum Nachdruck, es richtet sich stark nach dem, was der 
Zuhorer dem Sprecher entgegenbringt, gibt Wiederholungen, 
Verstarkungen oder VerdeutHchungen des schon Gesagten, je 
nach dem Verstandnis, das es findet, — bringt Einfalle des Mo- 
mentes, deren kiinstlerischer Ausdruck im Tonfall und in der 
Wortgebarde liegeri. Ganz subtile Gedanken, besonders wenn 
sie okkulte Wahrheiten betreffen, werden in der Nachschrift 
leicht durch Weglassung eines Wortes, einer Nuance verscho- 
ben und von ihrer inneren Wahrheit abgebogen. Wie oft kann 
der Stenograph der feurigen Sprache nicht nachkommen! Ru- 
dolf Steiner litt unsaglich, wenn er sein gesprochenes Wort in 
den Nachschriften vor sich sah. Er schob sie weg und hat nur 
in ganz vereinzelten Fallen Korrekturen vorgenommen. Dies 
geschah fur den in Kopenhagen 1911 gehaltenen Zyklus «Die 
geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit», dann 
wahrend der Kriegszeit fiir «Die Mission einzelner Volksseeien», 
nachher teilweise fiir den in der Monatsschrift «Die Drei» 
erschienenen Zyklus: «Der Orient im Lichte des Okzidents. Die 
Kinder des Luzifer und die Briider Christi», und einige andere 
Vortrage. 



GOETHES GEISTESART 
IN UNSERN SCHICKSALSSCHWEREN TAGEN 
UND DIE DEUTSCHE KULTUR 



Berlin, 29-Oktober 1914 



Jahr urn Jahr durfte ich in den letzten Zeiten hier, von die- 
sem Orte aus, iiber Fragen der Geisteswissenschaft sprechen. 
Die Vortrage, die um diese Zeit immer begonnen haben, auch 
in diesem Winter fortzusetzen, scheint mir richtig zu sein. 
Denn wie sollte nicht gerade in unserer schicksalsschweren 
Zeit Bedurfnis dazu vorhanden sein, iiber Angelegenheiten 
des geistigen Lebens sich zu vertiefen! Vor alien Dingen aber 
schien es mir notwendig, in den beiden einleitenden Vortra- 
gen, die heute und iiber acht Tage gehalten werden sollen, den 
unmittelbaren Ausgangspunkt zu nehmen von dem, was uns 
jetzt alien so am Herzen liegt. Denn es scheint mir unmoglich, 
in unserer Zeit iiber irgend etwas zu sprechen, ohne im Auge 
zu haben, daB das Wort, das gesprochen wird, heute muB be- 
stehen konnen vor denen, welche drauBen im Westen und im 
Osten mit ihrem Herzblut eintreten fur das, was die Zeit for- 
dert. Wer konnte anders sagen, als daB Worte, die heute wert 
sein sollen, gesprochen zu werden, im Geiste an diejenigen 
gerichtet werden durfen, die sich fur unsere Angelegenheiten 
verbluten. Und wie sollte nicht von den unmittelbaren Zeit- 
eindriicken ausgegangen werden, da wir das GroBe, das Ge- 
waltige erlebt haben, daB gewissermaBen die Welt der Seelen, 
die Welt der Herzen in wenigen Tagen ein neues Antlitz zei- 
gen kann! Eine unendliche Summe von Selbstlosigkeit, von 



Hingabe, von Opferwilligkeit - wir haben sie aufbltihen sehen 
in den ersten Augusttagen, und wir stehen alle unter dem Ein- 
druck der GroBe der Zeit. 

Wenn ich aber insbesondere von dem Genius ausgehen 
mochte, der so innig verwachsen ist mit alledem, was er seinem 
Volke und der Menschheit gegeben hat, der so innig verwach- 
sen ist mit der ganzen Entwickelung Mitteleuropas; wenn ich 
ausgehen will von Goethe, so geschieht es vor alien Dingen aus 
dem Grunde, weil ich glaube, daB ich im Laufe der Jahre, so 
sonderbar das klingen mag, kein Wort von diesem Orte aus 
gesprochen habe, das nicht bestehen konnte vor dem Urteile 
Goethes — wenn auch das, was die Geisteswissenschaf t zu sagen 
hat, nicht immer wortlich mit dem belegt werden kann, was 
wir von Goethe kennen. Sein Geist waltet iiber uns. Und was 
vor dem Geiste Goethes sich rechtfertigen laBt, das ist es, was 
ich als Geisteswissenschaft in unserer Gegenwart meine. 

Nahe geht es uns ja, wie heute nicht bloB das spricht, was 
aus unseren Lungen, was aus unserm Herzen kommt; nahe geht 
es uns, zu vernehmen, wie die Tatsachen eine gewaltige Sprache 
sprechen. Hinopfern miissen viele heute ihr Leben. Verwundet 
kommen sie zuriick, die uns teuer sind, vom Westen und vom 
Osten. In diesen Tagen sprechen die Tatsachen von der geisti- 
gen Welt. Und ich weiB, sie sprechen in den Herzen derjeni- 
gen, die drauBen auf den Schlachtfeldern das physische Leben 
zu verlassen haben. Da wird das, was uns mit dem Bleibenden, 
mit dem Ewigen verbindet, auf dieser Erde hier verbindet, es 
wird zur unmittelbaren geistigen Realitat, mit der sich vor 
alien Dingen derjenige verbunden weiB, der physisch diese 
Realitat verlassen muB. Volkstum, Volksseele, sie werden recht 
reale Begriffe; man kann es heute von jenen horen, die zuriick- 
kommen, oder die von den Schicksalsfeldern Berichte nach 
Hause schicken. — Diejenigen der verehrten Zuhorer, welche 
die Vortrage der letzten Jahre hier gehort haben, werden wis- 



sen, daB ich nur in den seltensten Fallen Personliches beriihre. 
Heute aber wird der Ausgangspunkt von Personlichem gestattet 
sein, da wir doch im Grunde genommen alle in innerster Seele 
und im innersten Herzen personlich verbunden sind mit dem, 
was geschieht, und mit dem, was uns als Friichte in unsern 
Hoffnungen vorleuchtet aus dem, was sich vollzieht. 

Erlebt gewissermaBen habe ich das, was heute Ereignis ge- 
worden ist, vor Jahren in Osterreich. Und wenn heute die Er- 
eignisse besprochen werden — es richten sich ja die Blicke nach 
Osterreich hiniiber, von dem gleichsam ausgegangen ist, was 
uns in diesen schicksalsschweren Tagen GroBes und Schmerz- 
volles erscheint — so darf ich, da hier Personliches mit dem all- 
gemein Menschlichen dieser Tage verbunden ist, von diesem 
- ich mochte sagen — osterreichischen Erlebnis ausgehen. 

In den siebziger, achtziger Jahren des verflossenen Jahr- 
hunderts stand ich in Osterreich innerhalb derjenigen Gruppe 
von Menschen, welche als ein Ideal vor sich leuchten sahen, 
was sich gewissermaBen in diesen Tagen in Mitteleuropa er- 
fiillt hat. Haben auch alle diejenigen, zu denen auch ich damals 
in Osterreich gehorte, vielleicht eine ganz andere Vorstellung 
gehabt von der Zusammenkettung der Volker Osterreichs mit 
dem deutschen Volke, so lebte doch in zahlreichen Herzen 
damals als ein Ideal das Zusammengehen der osterreichischen 
Volker mit dem deutschen Volke. Und als ich, der ich noch 
als Kind mit den Klangen der deutschen Sprachen alles das auf- 
genommen hatte, was in den sechziger Jahren in den osterrei- 
chischen Deutschen vorhanden war an MiBstimmung gegen 
PreuBen, besonders iiber das Jahr 1866, und alles, was damit 
zusammenhing — , als ich in den siebziger, achtziger Jahren die 
Wiener Hochschule besuchte, da drangen zunachst Worte eines 
osterreichischen deutschen Professors an mein Ohr, Worte, die 
mir damals in dem Mittelpunkte des geistigen Strebens Oster- 
reichs standen, und die mir und anderen gleichsam die Losung 



gaben fur die Zusammengehorigkeit des geistigen Lebens Mit- 
teleuropas. Und ich darf Ihnen die Worte vorlesen, welche 
damals von einem Deutschen Osterreichs zu seinen Studenten 
gesprochen worden sind: 

«Das Jahr 1870 hat die Entwickelung des deutschen Volkes 
zu einem AbschluB gebracht. 

Die Hoffnung, daB die noch ubrigen dreifiig Jahre unseres 
Jahrhunderts die Keime geistigen Lebens in Deutschland zu 
rascher Entwickelung treiben werden, wenn auch zunachst die 
Dichtung zuriicktreten wird, muB uns auffordern, iiber die 
jiingste Vergangenheit ins reine zu kommen, um gewisser- 
maBen ohne Aktennickstand der unmittelbaren Gegenwart 
gegeniiberzustehen. 

Wir in Osterreich sehen uns gerade bei diesem bedeuten- 
den Wendepunkte in einer eigentumlichen Lage. 

Hat die freie Bewegung unseres staatlichen Lebens die 
Scheidewand hinweggeraumt, die uns bis vor kurzem von 
Deutschland trennte, sind uns nun durch das Volksschul- 
gesetz und die neuen Einrichtungen des Unterrichts uberhaupt 
die Mittel in die Hand gegeben, uns emporzuarbeiten zu 
einem gemeinsamen Kulturleben mit den iibrigen Deutschen, 
so ist gerade jetzt der Fall eingetreten,» 

- bitte zu beriicksichtigen: es ist dies unmittelbar unter den 
Nachwirkungen des Jahres 1870 geschrieben! - 

«daB wir an einer groBen Handlung unseres Volkes uns 
nicht mit beteiligen sollten. Der Norden hat die Fuhrerschaft 
in Deutschland iibernommen und einen Staat gebildet, aus 
dem wir ausgeschlossen sind. Im deutschen Geistesleben 
konnte dadurch eine Scheidewand nicht entstehen. Die Wur- 
zeln desselben sind nicht politischer, sondern kulturgeschicht- 
Ucher Natur. Diese unzerreiBbare Einheit deutschen Geistes- 
lebens, an dem nicht nur Westosterreich, an dem selbst die 
Deutschen Ungarns und Siebenbiirgens entschieden Anteil neh- 



men, wollen wir im Auge behalten. Moge auf diesem geistigen 
Gebiete hiiben und driiben gegenseitige Liebe waken. Wir in 
Osterreich wollen mit dem Geistesleben im Deutschen Reiche 
Hand in Hand gehen und unbefangen anerkennen und nach- 
streben, wo man uns dort voran ist; im Deutschen Reiche 
wolle man aber unsere schwere Kulturaufgabe wiirdigen und 
ehren und iibers Vergangene uns nicht anrechnen, was unser 
Schicksal, nicht unsere Schuld ist.» 

Der Mann, von dem diese Worte stammen, Karl Julius 
Schrder - er gehort langst nicht mehr zu den Lebenden der 
diese Worte oft und oft zu seinen osterreichischen Studenten 
gesprochen hat, wovon war er in seinem Innersten beseelt? Er 
selber war ein Deutscher, in Ungarn geboren. Was hielt ihn 
zusammen mit dem gesamten deutschen Geistesleben? In einem 
Worte ist es ausgesprochen, was ihn damit zusammenhielt - in 
dem Worte: Goethe. Denn ganz erfullt war dieser Mann von 
Goethes Geistesart. Und Goethes Geistesart, sie wirkte wie das 
lebendig' Band, wirkte aber auch wie das Feuer, das hiniiber- 
ging von den Deutschen Deutschlands zu den Deutschen Oster- 
reichs, den Deutschen Ungarns, zu alien Deutschen Europas. 

Nun kann man, wenn man von Goethe spricht, leicht ein- 
wenden: Zu wie vielen Seelen, zu wie vielen Herzen spricht 
denn Goethe heute innerhalb des deutschen Volkes schon eine 
ganz lebendige Sprache? Wird es nicht viele geben, die drauBen 
fur deutsches Wesen verbluten und die nicht viel von Goethe 
wissen? 

Darauf kommt es nicht an, wenn man von den leitenden 
Genien eines Volkes und der Menschheit spricht. Denn mehr 
als auf irgendeinem anderen Gebiete scheint mir hier das 
Wort wahr zu sein: « An ihren Friichten sollt ihr sie erkennen! » 
Mitteleuropaisches Kulturleben, die deutsche Kultur, an ihren 
Friichten muB man sie erkennen — und an ihrer reif sten Frucht, 
an Goethe. Und hiniibergewirkt hat Goethe so, daB deutsches 



Wesen bei vielen Osterreichern eben empfunden wurde wie 
eigenes Wesen. Der deutscheste Dichter Osterreichs, Robert 
Hamerling, sprach ein Wort, welches man gewissermaBen fur 
die, von denen ich eben gesprochen habe, wie eine Art « De- 
vise* gebrauchen kann, wie eine bedeutungsvolle Devise; denn 
es ist vielen, vielen in der Zeit, von der ich gesprochen habe, 
aus der Seele geredet gewesen. «Osterreich ist mein Vaterland», 
sagt Robert Hamerling, «aber Deutschland ist mein Mutter- 
land! » Und alle solchen Worte, aber vor alien Dingen solche 
Gesinnungen, sie waren gesprochen unter dem, was in des 
Deutschtums Volkssubstanz Goethe wirkte. So darf ich denn 
audi hier Personliches als Ausgangspunkt zu allgemein Mensch- 
lichem nehmen. 

Goethe wurde fiir mich selber zu einer Art Leitgenius. Im- 
mer mehr und mehr erschien er mir als derjenige Genius Mit- 
teleuropas, der nicht nur das darstellt, was man in Goethes 
Werken kennenlernen kann, was man in den iiberreichen Mit- 
teilungen kennenlernen kann, die wir gerade von Goethes 
Leben haben; ja, nicht einmal erschien mir Goethe erschopfend 
in dem, was er selber vor uns hingestellt hat wie eine lebendige 
Wesenheit, jene seines « Faust ». Sondern so erschien mir stets 
Goethe, als ob in allem, was wir von ihm aus seinen Mitteilun- 
gen, aus seinen Werken, aus dem wissen konnen, was jetzt 
schon lebendig in der Kultur Mitteleuropas fortwirkt, ja in der 
ganzen Kultur der Menschheit, als ob in alledem noch etwas 
darinnenstecke, was etwas viel Umfassenderes, etwas viel Uni- 
verselleres ist, etwas, was uns in intimen Augenblicken des 
Lebens, wenn wir uns mit Goethe so recht beschaftigen, wie 
aus einem Zauberberg entgegentritt. Wie der alte Barbarossa 
selber in erneuerter Gestalt mit dem Genius Mitteleuropas - 
so tritt uns in Goethe ein Wesen entgegen, innig verbunden 
mit dem, was aus deutschem Geist ausgehend der Menschheits- 
kultur einverleibt werden soil. Und tiefer, als wir sie heute 



noch verstehen konnen, scheinen die Worte zu sein, die am 
Schlusse des « Faust » stehen: 

Alles Vergangliche 
1st nur ein Gleichnis; 
Das Unzulangliche, 
Hier wird's Erreichnis; 
Das Unbeschreibliche, 
Hier ist es getan. 

Faust, nach einem Leben, in welchem sich das immerwahrende 
Streben Mitteleuropas so recht zum Ausdruck bringt, er endet 
damit, daB seine Seele aufgeht in die geistige Welt. Wie ein 
Hinweis darauf, daft aus faustischem Streben, mit dem sich der 
Mensch verbindet, hervorgehen miisse der Zusammenhang des 
Menschen mit der geistigen Welt — so erschien mir Goethes 
Geistesart. Und erscheinen kann sie einem noch in folgender 
Weise. Man kann sich Goethe hingeben, all dem Herrlichen, 
dem GroBen, was er gesagt hat; man kann mit hingebungs- 
vollem Herzen die ungeheure Weltweisheit des Faust auf- 
nehmen. Aber man kann auch intimer sich in die Art ver- 
tiefen, wie Goethe strebte, in die Art, wie die Menschheits- 
und Weltengeheimnisse in seiner Seele wirkten und lebten 
und wiihlten. Man kann sich entschliefien, mit ihm zu streben. 
Dann wird die Seele — wie ich glaube — entriickt, hingewiesen 
in diejenigen Welten, welche die hier gemeinte Geisteswissen- 
schaft vertritt. — In meinem letzten Buche «Die Ratsel der 
Philosophies, der zweiten Auflage meiner «Welt- und Lebens- 
anschauungen im neunzehnten Jahrhundert», versuchte ich 
nachzuweisen, wie aus Goethes Geist heraus die Kronung der 
abendlandischen Philosophie gewonnen werden kann. Ich kann 
heute nur kurz andeuten, woriiber ich so oft hier von dieser 
Stelle aus gesprochen habe. 



Vertiefen wir uns in Goethes Geist. Wir finden ihn - und 
wenn wir uns geniigend in seine Geistesart vertiefen, steht es 
nicht einseitig da — , wir finden ihn vor allem bemiiht, tief 
hinunterzusteigen in diejenigen Spharen der Natur, wo die 
Quellen ftieBen, wo Natur und Menschenwesen eins sind. 
Goethes Geist ist so geartet, daB ihm Naturwissenschaft un- 
mittelbar zu religiosem Leben, zu religiosem Wesen wird. 
Goethe vertiefte sich nicht mit Verstand und Vernunft allein 
in die Natur; sondern sein ganzes Herz, seine ganze Seek 
tauchte tief hinunter in die Naturgeheimnisse, so daB ihm das, 
was ihm Naturgeheimnis war, zugleich Erdenfreundschaft war. 
Was im Abendlande von jeher erstrebt worden ist: den Zu- 
sammenhang zwischen Menschenseele und Natur wiederzu- 
finden, wie er in Griechenland vorhanden war und wie er 
der modernen Menschheit verlorengegangen ist - durch 
Goethes Geistesart ist es zu gewinnen. Alle Krafte Goethes 
streben nach diesem einen hin. Seine umfassende Einbildungs- 
kraft bringt den Verstand, die Vernunft in jene Bahnen, durch 
welche die Menschenseele zu den Quellen des Daseins dringt, 
in denen nicht nur auBerliches mechanisches Naturwissen ge- 
funden werden kann, sondern auch solche Weltgesetzlichkeiten, 
die als die Gedanken der Gottheit selber uns entgegentreten! 
Mit seiner ganzen Seele taucht Goethe unter in die Tiefen des 
Seins, wo Wissenschaft zugleich Religion wird, in jene Tiefen, 
von denen Schiller sagt: 



Nehmt die Gottheit auf in euren Willen, 
Und sie steigt von ihrem Weltenthron. 



So kommt es, daB Goethe nicht nur einseitig Dichter, nicht 
einseitig Kiinstler war, daB er Forscher wurde, Naturwissen- 
schafter wurde, weil er das, was die Menschenseele erstrebt, 
als Ganzes erstreben wollte. Und so erscheint uns die um- 



fassendste, die reifste Natur, die jemals von einem Menschen 
hingestellt worden ist: die Faust-Natur, aus Goethes Seele her- 
vorzugehen, jene Faust-Natur, die vor der auBeren Wirklich- 
keit dasteht mit Worten, die heute fast schon trivial geworden 
sind, denen gegeniiber man sich aber auf den Standpunkt stel- 
len muB, von dem aus Goethe sie erlebt hat. So konnte Goethe 
jene Gestalt schaffen im Faust, welche dasteht vor der auBeren 
Wirklichkeit mit den Worten: 

Habe nun, ach! Philosophic, 
Juristerei und Medizin, 
Und leider auch Theologie 
Durchaus studiert, mit heiBem Bemiihn. 
Da steh ich nun, ich armer Tor, 
Und bin so klug als wie zuvor! 

Aber was erleben wir an diesem Faust? — Wir erleben, daB 
die Seele, die in Zweifel verfallen ist iiber alle auBere Welt, 
aus ihrem Inneren heraus sich die Elemente auferbaut, die sie 
hineinfuhren in das universelle Dasein — wissenschaftlich, 
kiinstlerisch, universell. Und dann erkennen wir, daB in dieser 
Faust-Natur der Geist Mitteleuropas, vor allem der Geist des 
deutschen Volkes lebt, und wir erkennen besonders diesen 
Geist des deutschen Volkes, wenn wir Faust die Worte spre- 
chen horen: 

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, 
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst 
Dein Angesicht im Feuer zugewendet. 
Gabst mir die herrliche Natur zum Konigreich, 
Kraft, sie zu fiihlen, zu genieBen. Nicht 
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, 



und dann die gewaltigen, tief in die Seele dringenden Worte: 

Vergonnest mir in ihre tiefe Brust 

Wie in den Busen eines Freunds zu schauen. 

Du fiihrst die Reihe der Lebendigen 

Vor mir vorbei, und iehrst mich meine Bruder 

Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. 

Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt, 

Die Riesenfichte stiirzend Nachbaraste 

Und Nachbarstamme quetschend niederstreift, 

Und ihrem Fall dumpf hohl der Htigel donnert, 

Dann fiihrst du mich zur sichern Hohle, zeigst 

Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust 

Geheime tiefe Wunder offnen sich. 

Man kann diese Worte nicht empfinden, nicht durchdringen, 
ohne — ich mochte sagen — eins zu werden mit dem, was deut- 
sche Volksseele ist, diese Volksseeie, die mit ihren Gedanken 
und Empfindungen, mit ihrer Phantasie und Einbildungskraft 
sich selber hinopfern will auf dem Altare des geistigen Lebens, 
um auf diesem Altar aufsteigen zu sehen das Feuer, das hinauf- 
fiihrt in die geistigen Welten. Und wenn wir den SchluB des 
Faust verfolgen, so konnen wir nicht umhin, uns zu erinnern, 
daJ3 uns Goethe durch ihn sagen wollte: Bis zu diesem Auf- 
stieg in die geistigen Welten, wo ihm wirklich klar werden 
kann: «Alles Vergangliche ist nur ein Gleichnis», fiihrt nur 
der Weg fur denjenigen, der sich verjungt hat. Denn Faust 
wird uns vorgefiihrt mit einem Doppel-Leben. Wir sehen ihn 
zuerst, wie er alt ist, und dann, wie er den Verjiingungstrank 
genoB und hinaufdringt in die geistigen Welten. - In solchen 
Zeiten wie den heutigen ist man versucht, die Worte in einer 
ganz besonderen Tiefe zu sehen. Man hat das deutsche Volk 
oft mit Hamlet verglichen. Man hat oft das Wort Hamlets 



«Sein oder Nichtsein» gebraucht, urn das Wesen des deutschen 
Volkes zu charakterisieren. Oh, man hort es aus den Worten 
und aus den groBen Zuversichten, die wir heute aus allem ver- 
nehmen, dieses «Sein oder Nichtsein*. Aber wie? Nicht im 
Hamlet-Sinne hort man es, sondern im Faust-Sinne! Im 
Sinne der GewiBheit, daB das, was so gegrundet ist wie die 
Volksseele, aus welcher Faust herausgewachsen ist, zu dem ge- 
hdrt, fiir das «alles Vergangliche nur ein Gleichnis» ist, das fur 
die Ewigkeit gewahrt ist. Und so erscheint uns Faust wahr- 
haftig nicht wie ein Skeptiker, sondern wie ein Symbolum. Wir 
verfolgen das deutsche Volk von den altesten Zeken, von 
denen uns Tacitus in so grandioser Weise erzahlt, und finden 
es in faustischer Weise sich immer verjiingend - immer aber 
das eine wissend: Konnen wir jetzt schon « Deutsche* sein? 
Das konnen wir jetzt noch nicht sein; das werden wir in ewi- 
gem Streben! Und wieder horen wir von Faust die Worte: 

Wer immer strebend sich bemuht, 
Den konnen wir erlosen; 

wie auch die anderen: 

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, 
der taglich sie erobern mufi. 

Und nicht kann der Deutsche so ohne weiteres von sich spre- 
chen «ich bin ein Deutscher*, wie der Englander von sich 
sagt «ich bin ein Englander», wie der Franzose «ich bin ein 
Franzose», wie der Italiener «ich bin ein Italiener». Denn die 
Angehorigen dieser Volker wissen, was sie sind, wenn sie das 
sagen. Der Deutsche weiB, daB das, was ihm als «Deutscher» 
vorschwebt, ein Ideal ist, welches mit den tiefsten Quellen des 
Geistigen zusammenhangt, daB man ein Deutscher wkd und 
immer wird — und niemals ist. Und so geht das deutsche Stre- 
ben selber stets hinauf in geistige Welten - wie Fausts Streben 



sich zuletzt in seiner Seele erhebt von Stufe zu Stufe in Wel- 
ten, welche Goethe so wunderbar dargestellt hat. Wenn auch 
von Goethes Darstellung in vielen deutschen Herzen jetzt 
noch wenig mit BewuBtsein vorhanden ist: die Kraft, welche 
in Goethe lebte, sie lebt heute in Mitteleuropa. Und es ist ge- 
wiJ3 nicht ubertrieben, wenn wir sagen: Goethes Genius kampft 
mit in den Seelen, in den Herzen, in den Adern derjenigen, die 
im Westen, die im Osten stehen. Fur den Geisteswissenschafter 
wird das alte griechische Marchen Wirklichkeit, daB die wert- 
vollsten Genien eines Volkes dann, wenn das Schicksal dieses 
Volkes sich entscheidet, geistig unter den Mitkampfern sind. 
Fur den, der wirklich Goethe kennt, ist es ohne weiteres klar, 
daB alles, was die abendlandische Kultur hervorgebracht hat, 
was wir abendlandische Kultur nennen konnen, in Goethe 
Person geworden ist, universelle Personlichkeit geworden ist, 
in Goethe neugeboren worden ist, so daB fortan der, welcher 
mit der Kultur geht, beriihrt sein muB von Goethes Genius. 
Das gibt uns den Glauben, daB insbesondere in unserer Zeit 
Goethes Genius iiber uns waltet. 

So war es bei osterreichischen Deutschen, die das Wort 
«Goethe» horten mitten in der Zeit jener Kampfe, da die 
osterreichischen Volker noch nicht an der Seite des deutschen 
Brudervolkes kampfen durften. Das war es, was zugleich den 
Zug enthielt, den ich selber nach Deutschland empfand. Und 
nur andeuten mochte ich als ein Personliches die tiefste Be- 
friedigung, die ich fuhlen durfte, als ich sechseinhalb Jahre 
hindurch mitarbeiten durfte an der groBen Weimarischen Aus- 
gabe, welche Goethes gesamtes Geistesgut der Menschheit brin- 
gen sollte. Und seit jener Zeit war es unabanderlich mein 
Drang, weiterzukommen in der Erfassung des Goetheschen 
Genius. Und da darf ich hinweisen auf eine Personlichkeit, von 
der ich hier von diesem Orte aus auch schon gesprochen habe, 
eine Personlichkeit, welche gewissermaBen im letzten Drittel 



oder in der zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts 
Goethes Geistesart im deutschen Geistesleben voll vertrat: 
auf Herman Grimm. Ein Ereignis im deutschen Geistes- 
leben waren Herman Grimms Vorlesungen, die er in den 
siebziger Jahren an der Berliner Universitat iiber Goethe ge- 
halten hat. Ich will nicht sagen, daB ich jedes Wort in diesen 
Vorlesungen Herman Grimms vertreten kann; aber bedeut- 
samer als seine Worte war das BewuBtsein, welches in Herman 
Grimm lebte. 

Gleich in seiner ersten Vorlesung sprach er iiber das Ver- 
haltnis Goethes zum geistigen Leben Deutschlands in folgen- 
der Weise: 

« Goethe hat im geistigen Leben Deutschlands gewirkt, wie 
eine gewaltige Naturerscheinung im physischen gewirkt hatte. 
Unsere Steinkohlenlager erzahlen von Zeiten tropischer Warme, 
wo Palmen bei uns wuchsen. Unsere sich aufschlieBenden 
Hohlen berichten von Eiszeiten, wo Rentiere bei uns heimisch 
waren. In ungeheueren Zeitraumen vollzogen sich auf dem 
deutschen Boden, der in seinem heutigen Zustande so sehr 
den Anschein des ewig Unveranderlichen tragt, kapitale Urn- 
walzungen. Der Vergleich also laBt sich ziehen, daB Goethe 
auf die geistige Atmosphare Deutschlands gewirkt habe etwa 
wie ein tellurisches Ereignis, das unsere klimatische Warme 
um so und soviele Grade im Durchschnitt erhohte. Geschahe 
dergleichen, so wiirde eine andere Vegetation, ein anderer 
Betrieb der Landwirtschaft und damit eine neue Grundlage 
unserer gesamten Existenz eintreten.» 

So war es flir Herman Grimm selbstverstandlich, daB er in 
Goethes Geistesart dachte. Man mochte sagen, jedes Wort von 
Herman Grimm kann uns zeigen, wie man in Herman Grimm 
gleichsam den geistigen Statthalter Goethes in der zweiten 
Halfte des neunzehnten Jahrhunderts sehen kann. Goethes 
Genius selber wirkte durch Herman Grimm hindurch. Und 



Herman Grimm war iiberzeugt — und darin zeigte sich wieder 
so recht Goethes Geistesart in ihm, daB Hunderte von Jahren 
noch notwendig waren, um Goethe voll zu verstehen und voll 
zu wiirdigen, was er in seiner Geistesart ist. Daher wuBte Her- 
man Grimm selber, daB das, was er iiber Goethe zu sagen hatte, 
uberholt werden muBte, wenn diese Geistesart Goethes einmal 
richtig verstanden wiirde. So erscheint uns auch Herman 
Grimms Schilderung Goethes wie eine Schilderung von auBen. 
Es ist etwas Eigenartiges, sich in Herman Grimms Schilderun- 
gen iiber Goethes Geistesart und Goethes Schopfungen zu 
vertiefen. Ausgebreitet ist vor Herman Grimm das soziale, poli- 
tische und geistige Leben Deutschlands, und er schaut inner- 
halb desselben Goethe, wie er machtig dahinschreitet und 
durch seinen Genius tief in die Verhaltnisse Deutschlands auf 
wissenschaftlichem, politischem und kunstlerischem Gebiete 
eingreift. Aber wir schauen ihn so «von aui3en» an. Herman 
Grimm war sich dessen selbst bewuBt, und es kommt ihm die 
Empfindung, daB Zeiten kommen miissen, in denen man sich 
erst innerlich mit Goethes Art verbinden miisse, und daB noch 
Unendiiches von Goethe kommen werde. 

In unseren schkksalsschweren Tagen diirfen wir uns der 
Gedanken Herman Grimms erinnern, wenn wir von Goethes 
Geistesart sprechen. Ich habe gleich in der Einleitung zu mei- 
nem Vortrage auf Karl Julius Schroer hingewiesen. UnvergeB- 
lich wird mir ein Wort aus dem Munde dieses Mannes sein, 
das damals, als Schroer in Wien iiber Goethe sprach, wie ein 
ziindender Funke in meine Seele fiel. Er begann einen Vortrag, 
in dem er auseinandersetzte, was die Eigenheit des deutschen 
Geistes ist, wie deutsche Kunst, deutsche Phantasie - Goethe- 
sche Kunst, Goethesche Phantasie — gegriindet ist auf der tief- 
sten "Wahrheit des Seins; und man mochte sagen: ein weites 
Feld blitzartig beleuchtend, sagte der Goetheaner Karl Julius 
Schroer: Der Deutsche hat asthetisches Gewissen! Viele Fra- 



gen werden dem Deutschen aus seiner faustischen Natur her- 
aus Gewissensfragen. Und so werden ihm auch die groBten 
Ereignisse, denen er gegeniibersteht, - jene Ereignisse, von 
denen Goethe sagt, daJ3 sie im Zusammenhange stehen mit dem 
«groBen gigantischen Schicksal, welches den Menschen erhebt, 
wenn es den Menschen zermalmt» — , vor allem zu Fragen vor 
seinem Gewissen. Dieses Gewissen in seine Seele aufzuneh- 
men, war Herman Grimm bestrebt. Daher hat er vieles gesagt, 
was man gern wiedersagen mochte in diesen Tagen, in denen 
wir gegeniiber den Stimmen aus der ganzen Welt, gegeniiber 
alledem, was uns jetzt von iiberallher zugerufen wird, vor 
alien Dingen nichts anderes fragen wollen als eben das Ge- 
wissen: ob wir vor dem bestehen konnen? 

Was sagt sich, aus Goethes Denkungsart heraus, das deutsche 
Gewissen in Herman Grimm? 

Ich glaube, es sind bedeutungsvolle Worte, die er sagt, 
Worte, welche besonders in unseren Tagen bedeutungsvoll 
werden konnen: 

«Die Solidaritat der sittlichen Oberzeugungen aller Men- 
schen ist heute die uns alle verbindende Kirche. Wir suchen 
leidenschaftlicher als jemals nach einem sichtbaren Ausdrucke 
dieser Gemeinschaft. Alle wirklich ernsten Bestrebungen der 
Massen kennen nur dies eine Ziel. Die Trennung der Nationen 
existiert hier nicht mehr. Wir fiihlen, dafi der ethischen Welt- 
anschauung gegeniiber kein nationaler Unterschied walte.» 

Das durfte aus Goethes Geistesart heraus gesagt werden im 
Jahre 1895, aus Goethes Geist heraus, der wie kein anderer 
die Eigenschaft hatte, liebevoll unterzutauchen in alles Mensch- 
liche, auch in alles Nationale. 

«Wir alle wiirden fur unser Vaterland uns opfern,» und 
hier sind bedeutungsvolle Worte: 

«den Augenblick aber herbeizusehnen oder herbeizufiihren, 
wo dies durch Krieg geschehen konne, sind wir weit entfernt. 



Die Versicherung, daB Friede zu halten wiser heiligster Wunsch 
sei, ist keine Liige. <Friede auf Erden und den Menschen ein 
Wohlgefallem durchdringt uns.» 

Wer das Wesen Mitteleuropas kennt, er weiB, daB dies 
wahre Worte sind, Worte, welche vor dem, was soeben das 
«deutsche Gewissen» genannt wurde, bestehen konnen! Und 
hinleitend auf das, was uns Goethe, der lebendige Goethe, noch 
werden kann, sind die folgenden Worte Herman Grimms: 

«... Die Menschen als Totalitat anerkennen sich als einem 
wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe 
unterworfen, vor dem nicht bestehen zu diirfen sie als ein Un- 
gliick erachten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre 
inneren Zwistigkeiten anzupassen suchen. Mit angstlichem 
Bestreben suchen sie hier ihr Recht.» 

Wie universell, wie liebevoll eingehend auf das, was all- 
gemein menschlich ist, spricht aus Goethes Geist heraus Her- 
man Grimm im Jahre 1895: 

«Wie sind die heutigen Franzosen bemiiht, den Krieg gegen 
Deutschland, den sie vorhaben, als eine sittliche Forderung 
hinzustellen, deren Anerkennung sie von den anderen Voikern, 
ja von den Deutschen selber fordern.» 

Horen wir aus diesen Worten nicht die Versicherung, 
welche in Mitteleuropa lebte, daB dieses niemals hatte aus 
sich heraus, um seinetwillen, den Krieg herbeifiihren konnen? 
Horen wir aber nicht auch das BewuBtsein heraus, der ehernen 
Notwendigkeit gegeniiberzustehen? «Wir alle wiirden fiir 
unser Vaterland uns opfern; den Augenblick aber herbeizu- 
sehnen oder herbeizufuhren, wo dies durch Krieg geschehen 
konnte, sind wir weit entfernt.» Das wissen wir, daB dies wahr 
ist! Und deshalb wissen wir, daB bei dem Volke, in welchem 
diese Gesinnungen lebten, die Ursache und die «Schuld» fiir 
die heutigen Ereignisse nicht gefunden werden kann. Aber mit 
Blindheit waren die Goetheaner nicht geschlagen. DaB der 



Krieg doch kommen werde, wuBten sie. «Wie sind die heu- 
tigen Franzosen bemuht, den Krieg gegen Deutschland, den 
sie vorhaben, als eine sittliche Forderung hinzustellen, deren 
Anerkennung sie von den anderen Volkern, ja von den Deut- 
schen selber fordern!» 

Schon zu Goethes Zeiten wurde von Goethes gegenstand- 
lichem Sinn gesprochen, von seiner liebevollen Art, in die 
Menschen, aber auch in die Dinge unterzutauchen, mit der 
eigenen Seele sich mit allem zu verbinden. Ein bedeutender 
Psychologe seiner Zeit, Heinroth, hat das Wort von der gegen- 
standlichen Denk- und Anschauungsweise Goethes gebraucht. 
Diese Gegenstandlichkeit fiihrt eben zu derjenigen Welt- 
anschauung, welche man als «Goethesche Weltanschauung* 
bezeichnen kann, und an der niemand wird vorbeigehen kon- 
nen, der die Kultur der neueren Zeit in sich aufnehmen will. 
Im Grande genommen: man war eigentlich nicht weit davon 
entfernt, derlei Dinge anzuerkennen. Goethes Geistesart — ist 
sie denn so unbekannt geblieben? Ich mochte auf Worte hin- 
weisen, die gesprochen worden sind und die uns zeigen kon- 
nen, wie Goethes Geistesart nicht eigentlich so unbekannt 
geblieben ist - auf Worte, wie etwa die folgenden: 

«Woods (des Englanders) Aufsatz war der Vorlaufer der 
noch epochemachenderen homerischen Forschungen Wolfs; 
und die griechischen Ideale von Kunst und Leben wurden fur 
Goethe und Schiller in Weimar, wie im Falle Herders die 
Ideale urzeitlichen Gesanges, die Instrumente, auf welchen der 
deutsche Geist zu einer Musik sich emporspielte, die neu und 
doch zugleich im tiefsten Grunde sein eigen war.» 

Merkwiirdige Worte noch, mit Bezug auf die Franzosen 
und Englander: 

«Der hochbegiinstigten Auslese unter Descartes und New- 
tons Landsleuten war der Geist der Wissenschaft fraglos be- 
kannt; aber der leidenschaftliche Drang nach Wissen wurde 



dem modernen Europa, falls iiberhaupt, vor allem durch Tau- 
sende von deutscheti Forschern gelehrt . . .» 

«... Die Einbildungskraft, das Gefiihl, der Wille machten 
ihr Recht, neben der Vernunft oder iiber sie hinaus gehort zu 
werden, geltend, und unter ihrem umgestaltenden Druck wurde 
das Weltall defer, weiter und wundervoller. Das Irrationale 
wurde als eine Quelle der Erleuchtung anerkannt; Weisheit 
wurde vom Kinde und der Blume geholt; Wissenschaft, Philo- 
sophic und Dichtung kamen einander nahe. Bei uns in Eng- 
land schuf diese Wiederbelebung der Einbildungskraft eine 
edle Dichtung, lieB jedoch die Wissenschaften und die Philo- 
sophic fast unberuhrt. 

Einer der Schliissel zum Verstandnis der ganzen Periode ist 
die Tatsache, daB, wahrend in England und Frankreich die 
poetischen, philosophischen und wissenschaftlichen Bewegun- 
gen groBtenteils in getrennt liegenden Kanalen dahinflossen, 
sie in Deutschland einander beriihrten und vollig ineinander 
aufgingen. Wordsworth sang und Bentham rechnete; Hegel 
aber fing den Genius der Dichtung im Netz seiner Logik; und 
der Gedanke, welcher entdeckt und erklart, und die Einbil- 
dungskraft, welche Neues hervorbringt, sie wirkten in frucht- 
barer Harmonie zusammen in dem Genius Goethes.» 

«In Faust am SchluB seines vielbewegten Lebens sehen wir 
das heutige Deutschland vorgebildet, das Deutschland rastlosen 
kiihnen Wollens und Handelns, und wir konnen um so besser 
verstehen, weshalb der groBe Weltbiirger, in dessen Augen 
Staat und Volkstum untergeordnete und manchmal schadliche 
Ideale waren, dennoch seine unangreifbare Stelle als der 
hochste Dichter des deutschen Reiches neben Bismarck, sei- 
nem Schopfer, behauptet.» 

Das sind Worte, denen man ansieht, daB man etwas ver- 
spiirt von Goethes Geistesart. Im Jahre 1912 sind diese Worte 
gesprochen, und wo? Sind sie renommistisch irgendwo in 



Deutschland gesprochen? Nein! Sie sind gesprochen in Man- 
chester, von Herford, dem Englander, der damit hinweist auf 
deutsches Geistesleben. Und sie sirid gesprochen worden, so 
sagt uns die Vorrede des Buches, in dem sie erschienen sind 
— ein lesenswertes Buch in unseren schicksalsschweren Ta- 
gen! — , um den Zeitungsleuten etwas beizubringen von dem, 
was zum besseren Verstandnisse dessen hinfuhren kann, was 
deutscher Genius ist. Ich iiberlasse es jedem, angesichts der 
neueren Ereignisse zu beurteilen, wieviel diese Zeitungsleute 
davon gelernt haben. Aber noch etwas steht in diesen Vor- 
tragen. Es steht dort, wo iiber Goethe gesprochen worden ist 
und unmittelbar fortgefahren wird, ein bedeutungsvoller Satz: 

«Keine deutschen Worter sind tiefer mit dem Saft nationa- 
ler Ethik durchtrankt als die, welche diese Dinge bezeichnen: 
wahr, griindlich, treu.» 

So im Jahre 1912 in Manchester gesprochen. Wir diirfen 
uns darauf berufen, daB wir etwas verstehen von dem, was 
«wahr, treu» ist; und wir diirfen sagen — besonders angesichts 
des Ortes, wo diese Worte stehen — , daB wir etwas von Goethe 
gelernt haben! - Eine Vorrede ist dem Buche vorangedruckt, 
aus der ich Ihnen auch einige Worte mitteiien mochte. Lord 
Haldane — vielleicht kennen Sie aus den Diskussionen der letz- 
ten Tage diesen Namen — sagt dort: 

«Die Quelle des Stromes seines (Deutschlands) geistigen 
wie politischen Lebens liegt in der Reformation. Am Ende des 
achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts aber 
begann eine in der Weltgeschichte einzige Stromung in einer 
Weise zu flieBen, die seit jener Zeit so ununterbrochen wie 
charakteristisch gewesen ist. Seit den Tagen des alten Grie- 
chenlands hat die Welt kein solches Schauspiel engster Ver- 
schmelzung des Lebens des Staatsmannes mit dem des Denkers 
gesehen. Der Geist des heutigen Deutschlands ist im hohen 
MaBe konkret und praktisch.» 



Warum schreibt Lord Haldane diese Worte? Auch dariiber 
spricht er sich aus, denn er sagt: 

«Der EinfluB wahrer Kenntnis kann allein des MiBtrauens 
Wolken verscheuchen und uns von der Last befreien, uns 
gegen Angriffe zu riisten, die in Wirklichkeit keiner von uns 
im Sinne hat.» 

Nun also! Ich brauche nichts hinzuzufiigen zu dem Licht, 
das auf unsere schicksalsschweren Tage von dieser Seite her 
geworfen wird. Aber sie geben uns gewissermaBen aus der 
Internationalitat des deutschen Wesens heraus das Recht, uns 
an Goethe zu halten, in Goethe Trost und Hoffnung, bei 
Goethe auch Beistand zu finden in diesen schicksalsschweren 
Tagen. Da finden wir vor alien Dingen - und ich konnte 
heute auf vieles, vieles hinweisen - bei Goethe ein Wort. 
Oh, ich muBte oft in den letzten Tagen und Wochen an dieses 
Goethe-Wort denken! DaB geschossen worden ist auf die 
Kathedrale von Reims - so wurde in der Welt verbreitet. Ich 
glaube nicht, daB ich irgend jemandem gegeniiber in der Ver- 
ehrung der einzigartigen, wunderbaren Kathedrale von Reims 
nachstehe. Ich habe sie gesehen im Jahre 1906; ich habe sie 
bewundert. Aber ich habe auch gesehen, wie diese Kathedrale 
briichig geworden ist, und es schnitt mir ins Herz, als ich mir 
sagen muBte: Keine dreiBig Jahre mehr, und sie wird nicht 
mehr so dastehen konnen, wie sie jetzt dasteht. Aber wir hor- 
ten, daB auf diese Kathedrale geschossen worden sein soli 
- ich will die Tatsache gar nicht untersuchen — und viel 
wurde dariiber geredet. Da muBte ich denn einer Goethe-Idee, 
eines Goethe-Gefiihles mich erinnern. Aus Goethes Geistesart 
heraus ist das Wort gesprochen, das so tiefen Eindruck machen 
kann: Was waren die unzahligen Sterne, was waren alle Him- 
mel, wenn sie nicht zuletzt in ein menschliches Auge hinein- 
leuchten, wenn sie nicht in einer Menschenseele sich spiegeln 
und von einem Menschenherzen aufgefaBt wurden? Wer 



Goethes Geistesart versteht, der weiB, daJ3 es ein hoheres Kunst- 
werk gibt ais alle Kathedralen, daB es ein hoheres Kunstwerk 
gibt als alle Kunstwerke von Menschen, wenn er sie auch noch so 
sehr bewundert; er weiB, daB es das Gotterkunstwerk des Men- 
schen gibt! Und dann darf, wenn es auch paradox klingen 
mag, einer verbildeten Menschheit doch das Folgende gesagt 
werden: Wenn der Krieg eine Notwendigkeit ist und da sein 
muB, und es wird geschossen auf das groBte Kunstwerk, das 
groBer ist als alle Kathedralen, dann empfindet man es — im 
Goetheschen Sinne — als eine Heuchelei, wenn dariiber gejam- 
mert wird, daB Kugeln auch auf Kathedralen fallen konnen! 

Noch einmal, weil es mit den Zeitereignissen zusammen- 
hangt, lassen Sie mich auf das Land Riicksicht nehmen, von 
dem heute so viel geredet wird: auf Osterreich. Vorerst aber 
mochte man eine Frage aufwerfen; denn von den richtigen 
Fragesteliungen hangt es in vieler Beziehung ab, ob man rich- 
tige, treffende Antworten bekommt. 

Viel wird von der «Schuld» an dem jetzigen Kriege gespro- 
chen; viel wird davon gesprochen: da oder dort sei der jetzige 
Krieg. angeziindet worden. Aber eine Frage, meine ich, kann 
entscheidend sein, und sie muB wichtig werden — die Frage: 
Wer hatte diesen Krieg verhindern konnen? DaB er einmal 
kommen muBte, ist eine andere Frage. Ich spreche jetzt nur 
von seinem unmittelbaren Anfang in unserer Zeit, und da gibt 
es auf diese Frage keine andere Antwort als die: Verhindern 
hatte ihn konnen einzig und allein die russische Regierung! 
Das steht fest. Aus allem, was sehr leicht zu wissen ist, kann 
sich der Mensch heute diese Antwort geben. 

Nun aber noch einmal zu dem «6rtlichen» Ausgangspunkte. 
Jener Gruppe von Leuten, von denen ich vorhin gesagt habe, 
daB ihnen wie ein Ideal das Zusammengehen der Deutschen 
Osterreichs mit denen des Deutschen Reiches voranleuchtete, 
tonte immer wieder in den Jahren, als sich das vorbereitete, 



was jetzt Ereignis geworden ist, ein Wort entgegen, welches 
Bismarck gesprochen hat, ein Wort, das mit uberlegenem 
Humor gesprochen ist, aber - ich mochte sagen - ein Schick- 
sal einschlieBt. « Herbstzeitlose » wurden von Bismarck eine 
Anzahl von Menschen genannt, die damals nicht mitgehen 
wollten mit der Sendung, welche von dem Berliner KongreB 
im Jahre 1878 dem osterreichischen Staate in Bosnien und in 
der Herzegowina aufgetragen wurde. Herbstzeitlose - warum? 
Wir hatten damals in* Osterreich ein Parlament, dessen Fiihrer 
ein groBer, ein bedeutender Mann war. Herbst hieB er. Er sah 
mit vielen das hochste Ideal politischer Wirksamkeit in dem 
parlamentarischen System Englands. Aus diesem parlamenta- 
rischen System konnte man sehr vieles ableiten. Unter anderem 
leiteten die Herbstianer etwas ab, was sie mit einer groBen 
Virtuositat vertraten: daB man Bosnien und die Herzegowina 
nicht fur sich in Anspruch nehmen diirfte. Bismarck nannte 
diese Menschen « Herbstzeitlose » mit Anspielung auf ihren 
Fiihrer, weil er die Aufgabe der Zeit verbunden sah mit dem, 
was damals Osterreich in Bosnien und Herzegowina auszufuh- 
ren hatte. 

Wie war denn das zustandegekommen? 

RuBland hatte damals mit dem Streben fortgefahren, seine 
Machtsphare iiber die Balkanlander auszudehnen. Frankreich 
und England waren ja die Hauptgegner dieser Bestrebung. 
Heute muB man sich daran erinnern, weil nur der Zusammen- 
hang der Tatsachen ein richtiges Gefiihl in unser Herz senken 
kann, wer es denn war, der damals gegen RuBland auf dem 
Berliner KongreB Osterreich die Sendung in bezug auf Bos- 
nien und Herzegowina aufgetragen hatte? England und sein 
Vertreter auf dem Berliner KongreB, Lord Salisbury! England 
betrachtete es damals als eine Notwendigkeit der neueren Zeit, 
daB Osterreich seine Machtsphare iiber Bosnien und Herzego- 
wina ausdehne. Und die, welche keine Herbstzeitlosen waren, 



sondern damals behaupteten, in der Sprache Englands die 
Sprache der neueren Zeit — der Zeit-Menschen, nicht der 
Herbstzeitlosen - zu vernehmen, konnten nicht mitgehen mit 
den Herbst-Leuten in Osterreich, sondern sie muBten sich der 
modernen Forderung fiigen: Osterreichs Machtsphare nach 
Bosnien und Herzegowina auszudehnen. Da ist das, was spater 
geschehen ist, eine Folge von dem, was sich damals abgespielt 
hat, und eingelebt hat es sich in diejenigen Menschen, welche 
damals, man mochte sagen, den osterreichischen Geist mit dem 
modernen Geist verbinden wollten. 

Nun, ein schones Goethe-Wort ist auch jenes, das er sprach, 
als er einmal iiber eines der altesten Gesteine der Erde, iiber 
den Granit, sich auBerte. Da sagte er, daB ihn immer wieder 
und wieder die Natur mit all ihrer Konsequenz anzoge, weil 
sie ihn iiber die Inkonsequenz der Menschen und ihrer Hand- 
lungen hinwegfiihre. — Das beherrscht Goethes ganze Geistes- 
art: innere Konsequenz. Und diese inner e Konsequenz in 
Goethes Stil beachtet, gibt Sicherheit der Seele, gibt echte, 
wahre Ziele der Seele. Man muB sich erst nach und nach zu 
dieser Konsequenz hinaufranken, wenn sie die Konsequenz im 
Handeln der Menschen werden soli. 

Wenn man nun Goethes Denkweise auf diejenigen angewen- 
det denkt, die sich ihr deutsches Ideal in Osterreich bildeten: 
was sollen diese iiber die Konsequenz, beziehungsweise In- 
konsequenz der Menschen denken, wenn sie erfahren miissen, 
daB Osterreich bei seiner Lebensfrage — Fortsetzung dessen, 
was von englischer Politik auf dem Berliner KongreB 1878 
gewollt worden ist - auf den Widerstand der siidslawischen 
Elemente stoBt, dadurch RuBland herausfordert — und Eng- 
land an der Seite RuBlands findet? Was hatte denn eigentlich 
geschehen sollen, um es der englischen Politik rechtzumachen? 
Was sie im Jahre 1878 wollte — oder etwas anderes? In der 
Geschichte stehen die Tatsachen in innigem Zusammenhang; 



sie setzen sich konsequent fort. Und recht muB doch wohl der 
haben, der in der Lage ist, seine Handlungen nach dieser Kon- 
sequenz einzurichten! Diirfte nun vielleicht der dsterreichische 
Deutsche zu den Urhebern seiner Mission betreffs der Siid- 
slawen sich hinwenden, und Bismarcks Wort aufnehmend, den 
Ausdruck «Herbstzeitlose» etwas erweitern? Auch dies scheint 
Goethes Geistesart in unseren Tagen zu sein: die Konsequenz 
der Ereignisse, an die wir in unseren eigenen Tagen gebun- 
den sind. 

Wenn wir uns wieder zu Goethe wenden und zu dem, was 
er im Innern seiner Seele war, so finden wir, daB er diesen 
inneren Zusammenhang zwischen der Menschenseele und den 
Quellen alien Seins aus dem Grunde unablassig gesucht hat 
und ihn deshalb so anschaulich, so hinreiBend in seinem 
« Faust » dargestellt hat, weil er wuBte, daB ein Himmlisches, 
ein Geistig-Gottliches in die Menschenseele hereinleuchtet, 
und daB dieses Himmlische, dieses Geistig-Gottliche groBer ist 
als das, was Menschen mit ihrem Verstande, mit ihrer schwa- 
chen Vernunft umfassen konnen. Das ist gerade das Faust- 
Problem: Gott in der Seele zu empfinden, den schaffenden, den 
wirkenden, den in der Geschichte redenden Gott. — Es braucht 
nicht immer mit Goethes Namen verbunden zu sein, was 
Goethes Geistesart ist; aber «an ihren Friichten sollt ihr sie 
erkennen». Ich sagte, es ist anwendbar auf die Kultur des deut- 
schen Volkes, und die reifste, die herrlichste, die unvergang- 
lichste Frucht dieser Kultur ist Goethes Geistesart. Das aber, 
was in der Wurzel dieser Kultur zu schauen ist, was an der 
Wurzel dieser Kultur zu empfinden ist, das sehen wir uberall 
dort, wo uns Deutschtum, Deutschheit in ihrer Unmittelbar- 
keit entgegentritt. 

Wiederum fragen wir diese Deutschheit, die zugleich 
Goethesche Art ist, gegeniiber etwas anderem, was immer 
wieder und wieder auftaucht. «Die Neutralitat Belgiens wurde 



von Deutschland verletzt», horen wir immer wieder und wie- 
der sagen. Es ist hier nicht meine Aufgabe, militarische Not- 
wendigkeiten zu erortern; denn wer die Verhaltnisse kennt, 
der weiB, um welche militarischen Notwendigkeiten es sich in 
diesem Augenblicke handelt. Aber etwas anderes kommt in 
Betracht. Da tont es heriiber von jenseits des Kanals: Ja, weil 
ihr diese Neutralitat Belgiens verletzt habt, waren wir aus 
moralischen Griinden gezwungen, den Krieg mit euch zu 
beginnen! 

Erstens: ich mochte durchaus nicht zu denjenigen gehoren, 
bei denen man mit Recht betroffen ist von dem Wort, das so 
oft gesprochen wird — : daB, wenn diese oder jene Tatsacheri 
da oder dort eintreten, solche Leute dann gewohnlich hinter- 
her die Klugen sind und sagen, das hatte man seit langem 
gewuBt. Aber man darf sagen, daB diejenigen, welche sich in 
diesem Falle mit den offentlichen Angelegenheiten beschaf- 
tigten, wohl wuBten, daB dieser Krieg einmal kommen werde, 
und daB England dann unter Deutschlands Feinden zu finden 
sein werde. Wie die Dinge auch hatten kommen konnen: sie 
lagen so, daB sie so kommen muBten. Aus diesem Grunde 
kann man nicht viel geben auf die jetzige moralische Ent- 
riistung Englands - obwohl ich nicht iiber die Neutralitats- 
verletzung Belgiens sprechen will. Aber iiber die moralische 
Entriistung will ich aus Goethes Geistesart heraus sprechen. 

Goethe hat darauf hingewiesen, daB, wenn die Menschen- 
seele sich an den Quellen des Ewigen findet, sie dann auch die 
ewigen Notwendigkeiten in sich hereinleuchten sieht. Und 
Schiller hat, wie so oft, aus Goethescher Gesinnung heraus 
ein Wort gepragt: «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.» 
Nehmen wir an, es sei mit der Neutralitatsverletzung Belgiens 
ein Unrecht geschehen. Wer ware Richter? Der, welcher in 
Goethes, in Schillers Denkart denkt, antwortet: «Nun die Welt- 
geschichte! » Ihrem Urteile wird sich die deutsche Geschichte 



unterwerfen miissen. Aber nie hatte Schiller aus Goethes Geist 
heraus gesagt: «Die englische Politik ist das Weltgericht! » - 
Herman Grimm hat davon gesprochen, wie nahe Bismarck 
Goethe stand. Daher darf im Zusammenhange mit dem eben 
Ausgefuhrten an ein Bismarck- Wort erinnert werden; denn 
man darf sagen, es steht im Zusammenhange mit dem iiber 
«Weltgeschichte» und «Weltgericht». 

Es war im Jahre 1866, als von hoher Stelle Bismarck nahe- 
gelegt wurde, Osterreich zu strafen, weil es der einzig Schul- 
dige in dem Rivalitatskampf mit Deutschland war. Und Bis- 
marck soli die Worte gesprochen haben: «Wir haben nicht 
eines Richteramtes zu waiten, sondern deutsche Politik zu trei- 
ben; Osterreichs Rivalitatskampf gegen uns ist nicht strafbarer 
als der unsrige gegen Osterreich. » 

Ich wollte diese Worte vorausschicken, weil ich glaube, daJ3 
sie als Unterlage dienen konnen, wenn der Ruf von der mora- 
lischen Entriistung Englands iiber die Neutralitatsverletzung 
Belgiens durch Deutschland ertont. Wir wiirden aus Goethes 
Geistesart heraus solchen Stimmen gegeniiber sagen: Ihr habt 
nicht eines Richteramtes zu waiten, sondern ihr treibt eure 
Politik! Und wie es auch sei: aus Politik und aus den politi- 
schen Notwendigkeiten heraus ist von seiten Deutschlands in 
Belgien dasjenige geschehen, was geschehen mufite. Wenn ihr 
aber die Neutralitat Belgiens verteidigen wollt, so tut ihr es 
nicht aus Moral, sondern aus politischen Griinden. Und wie 
Deutschland aus politischen Griinden mit der Neutralitat Bel- 
giens nach seinem Ermessen verfahren muBte, so muBtet ihr 
aus politischen Griinden in eurer Weise mit dieser Neutralitat 
verfahren! 

Wenn so gesprochen wird, dann empfindet man das, was 
mit einem englischen Urteile iibereinstimmt, das ich schon 
mitgeteilt habe: «Keine deutschen Worter sind defer mit dem 
Saft nationaler Ethik durchtrankt als die, welche diese Dinge 



bezeichnen: wahr, griindlich, treu.» - Wahr ist es, daB die 
Staaten im Kriege ihre Politik vertreten und nicht die Moral. 
Griindlich ist es, im Jahre 1914 die Konsequenzen von dem- 
jenigen zu Ziehen, was im Jahre 1878 eingeleitet worden ist. 
Ob es treu ist, gegen jemanden aufzutreten, wenn er das, was 
ihm 1878 iibertragen worden ist, im Jahre 1914 fortsetzt, das 
mogen diejenigen verantworten, die von der «Moralitat» ihrer 
Politik sprechen. 

Ich wollte weder auf das eingehen, was sich gewissermaBen 
mit der Tagespolitik beriihrt; denn getreu miissen wir gerade 
in unseren schicksalsschweren Tagen daran festhalten, was Bis- 
marck gesagt hat: daB die, welche zu Hause bleiben miissen, 
in gewisser Beziehung hiibsch schweigen sollen, wenn die Er- 
eignisse drauBen auf dem Felde sprechen. Ich wollte auch 
nicht iiber dieses oder jenes bei Goethe sprechen. Das aber 
wollte ich sagen, was von Goethe ausgehend in unsere Herzen 
und Seelen hereintonen kann, wenn wir gegeniiber so schick- 
salsschweren Ereignissen der physischen Welt, wie es die heu- 
tigen sind, die Notwendigkeit empfinden, als wahr zu halten: 
daB alles Vergangliche doch nur ein Gleichnis ist, daB das Un- 
zulangliche - im Geistigen allein Erreichnis wird, daB dort 
allein das Unbeschreibliche getan wird. Ich weiB es, wie ge- 
rade in diesen Tagen fur jene, die drauBen im Felde stehen, 
der Hinblick auf die geistigen Welten dasjenige war, was sie 
brauchten, wonach sie diirsteten. Und ich habe sie gehort, die 
Versicherungen, welche von denjenigen ausgingen, auf die es 
doch heme ankommt, - die Versicherungen, daB der Krieg 
eine deutliche Sprache spricht, aber eine Sprache iiber das gei- 
stige Leben, iiber die Realitat des geistigen Lebens. Man kann 
in diesen Tagen die Gefiihle studieren, jene Gefiihle: «Wo 
ich auch mein Blut flieBen lasse, wo ich auch den letzten 
Atemzug tue, ich weiB es: meine Seele ist geborgen in dem 
geistigen Leben, und Realitat ist das, was zuriickbleibt! » Und 



nicht nur fiir die, welche drauBen stehen im Osten und im 
Westen, sondern auch fiir jene, welchen das Schicksal etwas 
anderes bestimmt hat, ist «geistige Erfassung der Welt» ein 
groBes Wort. MuBte man sich eigentlich nicht schamen, nicht 
drauBen im Felde zu stehen, wenn man den Unterschied in 
sich spiirt: «Du bist sicher, daB dein Blut nicht flieBen werde; 
die anderen allein sind ausgesetzt dem sehweren, harten Schick- 
sal? » MiiBte man sich nicht schamen, zu den ersteren zu geho- 
ren, wenn man nicht wissen diirfte, daB der Geist und die gei- 
stigen Bande an alien gemeinsame sind, daB mit uns sind die- 
jenigen, welche verbluten? Wenn auch nicht ausdrucklich von 
jedem, der drauBen im Felde stent, ausgesprochen werden 
kann, wie in ihm das lebt, was in der Deutschheit seine reif- 
sten Friichte getragen hat — es lebt in ihm zum mindesten in 
seinem UnterbewuBtsein. Und wahr ist es — noch einmal sei es 
gesagt: Mitkampfer sind nicht nur die, welche drauBen auf 
den Schlachtfeldern stehen, sondern auch die Genien, die aus 
der Volkheit als reife Friichte hervorgegangen sind. Und 
Goethe ist eine solche reife Frucht, an welcher die Kultur der 
neueren Zeit nicht vorbeigehen darf; aber schwer haben es 
noch gewisse Leute, an dieser Kultur nicht vorbeizugehen. Und 
zum Schlusse gestatten Sie mir noch, auf diese Schwierigkeiten, 
die da sind, hinzuweisen und auch auf das, was mit diesen 
Schwierigkeiten zusammenhangt in unseren schicksalsschweren 
Tagen. 

Wir wenden den Blick nach Osten - und diirfen auch dort 
sagen: An ihren Friichten sollt ihr sie erkennen. Einer der 
bedeutendsten russischen Intellektuellen sei herausgehoben, 
der besonders mit dem Geistesleben des neunzehnten Jahrhun- 
derts gerungen hat: Alexander Herzen. Wie ist er verkniipft 
mit dem geistigen Ringen der Zeit? Betrachten wir die Seele 
Herzens, des russischen Intellektuellen. Wir werfen eine Frage 
auf: War er beriihrt von Goethes Geistesart? Wer von ihr 



beriihrt ist, glaubt an die ewigen Dinge, an Menschenzukunft 
und Menschenwert, an das Gegriindetsein des Menschlichen im 
Gottlichen; und wenn er siege, glaubt er noch mit Goethes 
Faust an die Verjiingung des menschlichen Wesens - und aus 
allem Zweifel und aus aller Bedrangtheit iiber die Misere des 
Daseins flieBt ihm noch Hoffnung, faustische Hoffnung. - 
Herzen machte sich bekannt mit dem intellektuellen Leben 
"Westeuropas. Ihm schien einer der aufgeklartesten Geister der 
westiichen Kultur John Stuart Mill zu sein. Horen wir, was er 
iiber Mill sagt: 

«Er iibertrieb durchaus nicht, wenn er von der Einengung 
des Verstandes, der Energie sprach, von der Abgeschliffenheit 
der Personlichkeiten, von der bestandigen Verflachung des 
Lebens, vora bestandigen AusschlieBen allgemein-menschlicher 
Interessen aus dem Leben, von der Reduzierung desselben auf 
die Interessen des kaufmannischen Comptoirs und des burger- 
lichen Wohlstandes. Mill spricht unumwunden davon, daB auf 
diesem Wege England zu China werden wird - und wir setzen 
hinzu: und nicht allein England. » 

Und weiter sagt Herzen: 

«Vielleicht allerdings rettet uns eine Krisis vor dieser 
chinesischen Auszehrung. Aber woher dieselbe kommen soil, 
und wie — das weiB ich nicht, und weiB auch Mill nicht. » 

Und nun ruft Herzen aus: 

«Wo ist jener machtige Gedanke, jener leidenschaftliche 
Giaube, jenes heiBe Hoffen, das den Korper hartet und die 
Seele in jene krampfartige Verziickung treibt, die weder 
Schmerzen noch Entbehrungen fiihlt und festen Schrittes zum 
Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht? Sehet um Euch! 
Was vermag die Vdlker zu erheben?» 

Solche Fragen richtet der russische Intellektuelle an die Kul- 
tur Europas. Welcher SchluB darf gezogen werden? Nun, die 
Antwort, welche die heutige Zeit gibt, sie haben sich diejeni- 



gen, welche an Goethe glaubten, in ihrer Seele gegeben. Daher 
sind sie mit dieser Seele, mit der Seele Herzens, so verbunden 
mit den groBen Ereignissen der Zeit. Und wenn auch die, 
welche da Goetheaner sind, niemals die Frage hatten aufwer- 
fen konnen: «Wo ist jener machtige Gedanke, jener leiden- 
schaftliche Glaube, jenes heiBe Hoffen, das den Korper hartet 
und die Seele in jene krampfartige Verziickung treibt, die 
weder Schmerzen noch Entbehrungen fiihlt und festen Schrit- 
tes zum Richtpflock und zum Scheiterhaufen geht?» Wenn 
sie auch nicht in dieser Weise hatten fragen konnen — das 
fuhlten sie: was aus den Quellen kommt, aus denen Goethe 
geschopft hat, das geht im gewissen Sinne fur die Kultur der 
neueren Zeit in den Tod! Und die Antwort erklingt uns aus 
unseren schicksalsschweren Ereignissen heriiber: «Sehet um 
Euch! Was vermag die Volker zu erheben?» 

Meres chkow ski, ein anderer Intellektueller Russlands unserer 
Zeit, sagt in dem Buche, in welchem er auch iiber Herzen sich 
ausspricht, folgendes: 

«Die letzte Todesvision Herzens 1st — RuBland als <Land 
des freien Lebens> und die russische bauerliche Gemeinde als 
Retterin der Welt. Seine alte Liebe nahm er fur neuen Glau- 
ben, aber begriff, so scheint es, in letzter Stunde, daB auch die- 
ser letzte Glaube — Tauschung war. Wenn indessen auch der 
Glaube ihn trog, so trog ihn doch die Liebe nicht; in seiner 
Liebe zu RuBland lag ein gewisser richtiger Ausblick: nicht 
die bauerliche Gemeinde, sondern die christliche Gemeinschaft 
wird vielleicht in Wahrheit zu dem Glauben, den die jungen 
Barbaren dem alten Rom bringen sollen. 

Einstweilen indessen stirbt er - ohne jeden Glauben! » 
So sagt er von Herzen 

«Fahr wohl, verderbtes Rom! . . . Fahr wohl, du Heimatland.» 
Warum diese Heimatlosigkeit, wenn wir nach Osten blicken, 
bei den besten Intellektuellen? Man mochte sagen: an einer 



BloBe, die sich Mereschkowski in seinem letzten Buche, «Der 
Anmarsch des P6bels», gibt, kann man es erkennen, was noch 
im Osten mangelt. Auf Seite 25 dieses Buches sagt er: 

«Wenn Goethe von der Franzosischen Revolution spricht, 
so beugt er sich plotzlich zur Erde, wie wohl durch einen bosen 
Zauber ein Riese erdriickt werden und zum Zwerge zusam- 
menschrumpfen mag; aus einem hellenischen Halbgott wird 
er zum deutschen Burger und - der Schatten des Olympiers 
sei mir gnadig — zum deutschen Philister, zum <Herrn von 
Goethe>, zum Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und 
anstandigen Sohne des anstandigen Frankfurter Kramers. » 

Wir sehen die BloBe; wir sehen den Intellektuellen, der 
an Goethe nicht herankam, der sich fragt: «Wie sprach Goethe 
gegenuber der Franzosischen Revolution? » und sich zur Ant- 
wort gibt: «Aus einem hellenischen Halbgott wird er zum deut- 
schen Burger und - der Schatten des Olympiers sei mir gna- 
dig — zum deutschen Philister, zum <Herrn von Goethe>, zum 
Geheimen Rat des Herzogs von Weimar und anstandigen 
Sohne des anstandigen Frankfurter Kramers. » Es wurde dieser 
Goethe aber zu demjenigen, der die groBte Revolution, welche 
die Menschheit erlebt hat, die Revolution der menschlichen 
Seele auf ihrem Wege zum Gottlichen hin, in seinem « Faust » 
hingezaubert hat. Und die richtige Wiirdigung dieses Hin- 
gezauberten ist das, was die moderne Kultur verstehen muB, 
wenn sie nicht im Menschen die Glaubenslosigkeit, das «Fahr 
wohl, du Heimatland», sondern wenn sie Zuversichtlichkeit 
und den Glauben an das gottliche Leben im Menschen ent- 
ziinden will. Was sehen die Intellektuellen des Ostens in der 
Kultur des Westens? Nun, an dem, wodurch der Westen seine 
Bliite etlangt hat, gehen sie in der geschilderten Weise vorbei! 
Aber so wahr in unseren Adern das alte Griechentum, das alte 
Romertum lebt, so wahr in unsere Adern das Christentum der 
ersten Jahrhunderte eingedrungen ist, so wahr wird der Mensch 



des Ostens einst jenes Kulturgebiet in seinen Adern tragen, 
welches durch Goethes Geist die Sonne erlangt hat. Der 
Mensch aber wehrt sich am meisten gegen das, dem er zum 
SchluB doch verfallen muB; denn er haBt, was notwendiger- 
weise iiber ihn kommen muB. Nicht das ist in der Zukunft der 
Menschheit der russischen Seele beschieden, was sie bis jetzt 
aus dem Byzantinismus erlangt hat cxler was sie an auBerer Kul- 
tur aus dem Westen bekommen hat, sondern was an Griechen- 
tum, an Romertum und an erstem Christentum in den hoch- 
sten Volkern Mitteleuropas Lebensblut geworden ist. Aber 
tibersprungen kann nichts werden! In Goethe ist neu erstan- 
den, was an Griechentum, an Romertum und an erstem Chri- 
stentum in der Kultur Mitteleuropas lebt. Und in dem, was 
von dem Osten heruberkommt, erblicken wir noch das kind- 
liche Sichwehren, das Unverstandnis gegeniiber dem, was von 
den Seelen aufgenommen werden muB. Und wir beginnen zu 
verstehen — das ist auch Goethes Geistesart — und dann mit 
wissender Zuversicht und mit wissendem Vertrauen in die 
Zukunft zu sehen, wenn gefragt wird: Warum bekriegt man 
uns vom Osten? — Auch dariiber gibt Mereschkowski uns Ant- 
wort, indem er iiber Tschechow spricht: 

«Keine Zeitalter, keine Volker — als gabe es inmitten der 
Ewigkeit nur das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und in 
der Welt nur RuBland. Unendlich scharf augig und hellhorig in 
bezug auf alles Russische und Zeitgenossische, ist er fast blind 
und taub fur das Fremde und Vergangene. Er sah RuBland 
klarer als sonst jemand, aber iibersah Europa, iibersah die 
Welt* - 

und wir fiigen hinzu: Der russische Intellektuelle Meresch- 
kowski, er iibersah Goetheanismus, Goethes Geistesart! 

Aber welch ein Verjiingungsquell, welch eine Hoffnung 
auch in schweren Tagen Goethe ist, das wird einem ganz klar, 
wenn man weiB: notwendigerweise muBte das Abendland 



durchgehen durch eine Epoche von Materialismus. Wer nur 
den Materialismus zu sehen in der Lage ist, kann verzweifeln; 
aber inmitten des Materialismus erhebt sich eine solche Gei- 
stigkeit, die sich in Goethes Geistesart zusammenfassen lassen 
kann! Wahrhaftig, der Deutsche hat es bewiesen: er nimmt 
mit Liebe, mit Hingebung das auf, was russische Geistesart ist. 
Aber er muB auch Verstandnis demjenigen entgegenbringen, 
was russische Geistesart noch nicht ist, Merkwurdige Worte — 
von denen Gorki sagt, sie seien grausam, aber wahr — sind es, 
welche uns zeigen, daB sie von einem russischen Intellektuel- 
len ausgesprochen sind, der nicht beruhrt ist von Goethes 
Geistesart. Gorki sagt: 

«Ja, was ist er dir denn, dieser Mensch? Verstehst du? Er 
nimmt dich am Kragen, zerdriickt dich unter dem Nagel wie 
einen Floh! Dann mag dir ja leid urn ihn sein! Jawohl! Dann 
magst du ihm ja deine ganze Dummheit offenbaren. Er wird 
dich fur dein Erbarmen auf sieben Foltern spannen, deine Ein- 
geweide wird er sich iiber die Hand wickeln und dir alle 
Adern aus dem Leibe zerren, einen Zoll pro Stunde. Ach du . . . 
Erbarmen! Bete zu Gott, daB man dich ohne alles Erbarmen 
einfach durchpriigeln moge, und SchluB! . . . Erbarmen! . . . 
Pfui! » 

Grausam, aber wahr - sagt Gorki. - So spricht derjenige, 
der erst noch zu warten hat auf das, was ihm Goethes Geistes- 
art zu sagen hat. 

Diese Geistesart Goethes enthalt selber etwas, was dem Ver- 
ganglichen, dem Gleichnis des Lebens gegeniiber, ein Ewiges, 
ein in jeder Zeit Unbeschreibliches ist, weil es ein immer 
Wachsendes, ein immer neue Hoffnungen aus sich Erzeugen- 
des ist. Und spricht man in diesen Tagen von dem, was als 
guter Genius iiber Mitteleuropa waltet, was das Vertrauen be- 
griindet, das so fest in den Seelen der mitteleuropaischen 
Menschheit wurzelt, so darf man davon in Mitteleuropa so 



sprechen, daB es in Goethe zum uaiversellen Menschheitsblut 
geworden ist. Und indem man hinblickt auf das, was in den 
kampfenden Mitteleuropaern lebt, was mit ihnen lebt seelisch- 
geistig, was dort auch in ihrem Blute lebt, dann darf man 
sagen: Es ist Geist von Goethes Geist, und es wird bestehen, 
solange Goethes Geist besteht! Dann fuhit man auch wie eine 
Hoffnung, wie einen Trost in diesen schicksalsschweren Tagen 
jenes Wort, das Schleiermacher, auch aus Goethes Geistesart 
heraus, gepragt hat. Denn es ist eine Wahrheit: Schleiermacher 
hat es aus Goetheschem Geist heraus gepragt, weil er wuBte, 
daB mit Goethes Geistesart Erkenntnis und Anschauung der 
geistigen Welt verbunden ist, und daB das, was im deutschen 
Volke lebt, selber ein Ewig-Geistiges ist. So kann man trost- 
voll, hoffnungssicher im Sinne Schleiermachers sagen: «Es weht 
wie ein Hauch des mitteleuropaischen Geistes, des Goethe- 
Geistes, auf die Reihen derjenigen, auf die heute die Geister 
hinschauen, weil der Menschheit Schicksal in ihnen begriindet 
wird.» So raunt es in unseren schicksalsschweren Tagen, daB 
wir es mit erhohter Kraft und mit erhohter Zuversicht aus- 
sprechen diirfen, weil wir wissen: Es lebt auch in zahlreichen 
Herzen, die drauBen bluten, das schicksalsschwere Wort, das 
Schleiermacher- Wort, das auch ein Goethe- Wort ist, weil es in 
seinem Sinne gepragt ist: 

«Deutschland ist noch da, und seine unsichtbare Kraft ist 
ungeschwacht» — und wir fugen hinzu: unverwiistlich! 



DAS VOLK SCHILLERS UND FICHTES 
Berlin, 5. November 1914 



Wie wir in unserer schicksalsschweren Zeit auf diejenigen 
hinblicken, welche drauBen stehen im Osten und Westen und 
mit ihrem Blut, mit ihrer Seele eintreten fiir das, was unsere 
Zeit fordert, wir haben es heute vor acht Tagen im Vortrage 
gesehen. Auch in diesem Vortrage gedenke ich nicht das Wort 
zu verletzen, das Bismarck in bezug auf diejenigen ausgespro- 
chen hat, die zu Hause geblieben sind. In einer Zeit, in wel- 
cher auf anderen Feldern und in anderer Weise als durch das 
Wort noch iiber der Menschheit groBe Schicksale entschieden 
wird, darf das Wort sich nicht in ungehoriger Weise hinein- 
mischen in die Entscheidungen, die in anderer Weise herbei- 
gefiihrt werden miissen. Allein das, was drauBen spricht und 
was zu unseren Herzen spricht, es lost iiberall, wo wir hin- 
blicken, Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht aus; es lost aus 
in einer so wunderbaren Weise Hingebung, Selbstlosigkeit. 

Nun, man spricht in unserer Zeit da, wo der Grundton des 
Sprechens in mehr materialistischer Weise gefarbt ist, als es 
hier sein kann, viel von Vererbung, von vererbten Eigenschaf- 
ten. Heute, angesichts des GroBen, was drauBen geschieht, 
kann man leichter ins Geistige, ins Spirituelle iibersetzen, was 
auf einem mehr materialistischen Gebiete heute von Ver- 
erbung gesprochen wird. Was lebt drauBen in den Taten der- 
jenigen, die fiir ihr Volk blut en? und was soli in den Herzen 
derjenigen leben, die in echter Weise verbunden sein wollen 
mit der groBen schicksalsschweren, schicksalstragenden Zeit? 



Man wird heute vielleicht nicht auf MiBverstandnis stoBen, 
wenn man das Wort «Vererbung» in einem hoheren Sinne 
noch gebraucht: wenn man auf die realen Machte hinweist, 
welche von den groBen Vorfahren ausgehen, und die weiter- 
wirken, die wie ein Zauberhauch die Reihen durchwehen; 
wenn man darauf hinweist, daB in den Taten der Krieger das- 
selbe lebt, was da lebte in den groBen Genien des mitteleuro- 
paischen Volkes. Und man wird vielleicht auch nicht auf MiB- 
verstandnis stoBen, wenn man es auszusprechen wagt, daB mit 
diesem Leben etwas Reales gemeint ist, daB es sich wirklich 
nicht nur so verhalt, wie es im griechischen Marchen aus- 
gedriickt ist: daB die Kraft der groBen Vorfahren in der un- 
mittelbaren Gegenwart wie segnend iiber den Gegenwartigen 
lebt, sondern daB dieses Reale durchzieht und durchpulst Blut 
und Seelen. Und da wir als Menschen mit voller Besinnung 
und Erkenntnis doch eigentlich in dem leben sollten, was auch 
geistig um uns herum ist, so diirfen vielleicht heute aus der 
Reihe der groBen Mitteleuropaer zwei Personiichkeiten heraus- 
gegriffen werden, die gewissermaBen der Gegenwart noch 
nahe liegen, zwei Genien, deren einer ganz gewiB iibergegan- 
gen ist in Herz und Seele der mitteleuropaischen Bevolkerung, 
wahrend der andere gleichsam vor uns dastehen kann, in sei- 
nem Geisteswesen ausdriickend das GroBte, das Hochste dieser 
mitteleuropaischen Bevolkerung. Wenn auch heute wieder 
gesagt werden darf, daB es vielleicht viele gibt, die heldenhaft 
mitwirken in dieser Zeit und doch wenig wissen von Schiller, 
noch weniger von Fichte, so kann uns doch beseelen, daB die- 
selbe Kraft, die im Heldenblute drauBen fl'ieBt, es ist, welche in 
Schiller, in Schillers Schopfungen und in Fichtes groBer An- 
eiferung seines Volkes geflossen ist. Wahrhaftig, nicht um 
sentimentale Empfindungen in Ihren Herzen heraufzubeschwo- 
ren, sondern weil ich glaube, daB in der Tat etwas Charakteri- 
stisches darin liegt, daB das deutsche Volk so gern intim mit 



den wichtigsten Augenblicken seiner GroBen verbunden sein 
will, mochte ich hinweisen auf die letzten Momente des irdi- 
schen Lebens der beiden groBen Genien, von denen heme 
gesprochen werden soli. 

Schiller - so ging er durch die Todespforte, daB der letzthin 
erwahnte groBe Deutsche Herman Grimm von Schillers Tode 
sprechen konnte: « Goethe verschied, Goethe entschlief; Schiller 
starb.» Der jiingere VoB fiihrt uns formlich hinein in Schillers 
Sterbezimmer. Wir sehen, wie Schiller lebte mit der hochsten 
Aufwendung der Krafte des Geistes und der Seele; wir wissen, 
daB er sich bis zu dem Lebensalter, das er ja leider nur erreicht 
hat, aufrecht erhalten konnte, indem der Geist und die Seele 
einen ungeheuren Sieg iiber den Leib erfochten haben. So 
sehen wir, daB in den letzten Tagen, als der Leib schon in 
gewisser Beziehung dem Tode iibergeben war, diese Seele noch 
heldenhaft verbunden ist mit all dem GroBen, was sie gedacht, 
gesonnen und geschaffen hat zeit seines Lebens, und wir fol- 
gen an der Hand des jungeren VoB hinein in das Sterbezim- 
mer Schillers; wir sehen die letzten Augenblicke des groBen 
Genius. Wir sehen, wie sein Geist im matten Leibe noch hin- 
neigt zu seinen groBen Idealen; wir sehen, wie er sich dann in 
das Sterbezimmer hinein sein jiingstes Kind reichen laBt, wie 
er aus den Augen, aus denen so viel GroBes die Welt an- 
geblickt hat, dieses Kind anblickt, ihm tief in die Augen schaut, 
es dann wiederum seinen Pflegern ubergibt und dann offen- 
bat — das ahnen wir - einen Blick ins tiefste Innere seiner 
Seele tut, von dem wir ja sagen konnen: GewiB, der jiingere 
VoB hat recht, wenn er sagt, Schiller mochte gedacht haben, 
daB er diesem seinem jiingsten Kinde noch viel im Leben hatte 
sein konnen. Aber symbolisch darf uns diese Handlung an- 
muten, dahingehend, daB wir empfinden: Wenn Schiller in 
unser aller Augen geschaut hatte und sich dann abgewendet 
hatte in sein eigenes Inneres, denkend, daB er vieles, vieles 



auch uns zu sagen hatte, daiin fiihlen wir uns als seine Erben 
in einem ganz anderen Sinne als nur die Erben seiner Werke 
und dessen, was er selber gesagt hat; dann fiihlen wir uns mit 
seinen innersten Lebensregungen verbunden, so verbunden, 
dass wir wissen: wir miissen, wenn wir seines Wesens sein 
wollen, wenn wir seiner wiirdig sein wollen, uns selber aus 
denselben tiefsten Lebensregungen heraus zum Leben und zur 
Welt stellen wollen, Geist sein wollen von seinem Geist! 

Und Fichte — in schwerer Zeit versucht er das, was er aus 
den tiefsten Griinden seiner philosophischen Natur gewonnen 
hatte, zu pragen und zu kleiden in Worte, die er in der Zeit 
deutscher Erniedrigung, deutschen Elendes zu seinen Deutschen 
gesprochen hat, urn sie aufzurichten und ihnen GroBe einzu- 
hauchen fur das weitere Leben des Volkes. Und ganz verbun- 
den war er mit alledem, was dann wieder zu den Befreiungs- 
kampfen seines Volkes gefiihrt hat. Und es ist etwas Wunder- 
bares, nun hinzublicken auf die letzten Augenblicke Fichtes. Er 
hatte ja oftmals dariiber gesonnen, ob er nicht etwa selber 
hinausziehen sollte in die Schlachtfelder; er hatte dann aber 
gefunden, daB er ein anderes Schwert besser fiihren konne zum 
Heile seines Volkes: das Schwert des Wortes - und er hat es 
in tapferer Weise getan. Aber seine Frau - sie war eine treue 
Pflegerin derer, die in den Schlachten gekampft haben - 
brachte xhm das Lazarettfieber nach Hause, und er wurde davon 
ergriffen. Wahrend seiner letzten Augenblicke war es, da 
brachte ihm sein Sohn die Nachricht von dem Rheiniibergang 
der Deutschen und von dem damaligen Stadium des Befrei- 
ungskampfes. Und nun sehen wir, wie einer der groBten Philo- 
sophen, der die gewaltigsten, aber auch die kristallklarsten Ge- 
danken gepragt hat, sich auslebt in seinen Fieberphantasien - 
aber charakteristisch sind diese Fieberphantasien. Er sah sich 
in den letzten Augenblicken seines Lebens im Geiste mitten 
unter den Kampfenden. Und was er aus der tiefsten Wurzel 



der Lebensregungen heraus der Welt und dem deutschen Volke 
glaubte geben zu konnen, was er zu Deutschlands Erlosung 
hatte tun konnen, das tonte aus der Seele des grofien deut- 
schen Philosophen in den Fieberphantasien; ein Augenblick, 
der uns tief ergreifen kann. Die Arznei wurde ihm gereicht. Er 
wies sie von sich mit den Worten: «LaB das, ich bedarf keiner 
Arznei; ich fiihle, daB ich genesen bin!» 

Wie Kampfer selber stehen sie da, die beiden groBen Genien, 
Kampfer fiir ein Bestes, das die Welt hervorgebracht hat, und 
verbunden zugleich sehen wir die beiden, Schiller und Fichte, 
mit allem, was die Zeit, die unmittelbare Gegenwart fordert. 

Und nun wenden wir uns hin zu den beiden GroBen; ver- 
suchen wir an ihnen zu erkennen, was - urn diesen Fkhteschen 
Ausspruch zu gebrauchen — in des Deutschen tiefster Lebens- 
wurzel sprieBt. Wenden wir uns hin zu Fichte, um uns gewis- 
sermaBen einmal vor Augen zu fiihren, was wir fiir uns selbst 
zu sagen haben - wenn auch zunachst nicht fiir andere in die- 
ser viel getriibten Zeit — , wenn uns von so vielen Seiten Urteile 
uber die europaische Kultur entgegentonen, die aus Quellen 
stammen, die ganz gewiB nicht deutsches Wesen und deut- 
schen Geist hervorkehren. An Fichte kann man es kennen- 
lernen, das Volk, das jetzt so vielfach ein Barbarenvolk ge- 
schimpft werden soli. 

Drei Fragen stellte Fichte, als er vor seinem Volke sprechen 
wollte von dem, was dieses Volk aufrichten konne; und wir 
miissen uns klar sein, daB, als Fichte damals seine so begeistern- 
den «Reden an die deutsche Nation » hielt, dies in einer an- 
deren Zek als der heutigen geschah, in einer Zeit mit einem 
anderen Charakter. Drei Fragen stellte Fichte, die heute - 
hochstens mit einem einzigen Zwischensatze — nicht mehr in 
derselben Weise gestellt werden konnen. Aber gerade an diesen 
drei Fragen Fichtes ist ungeheuer viel auch fiir die Gegenwart 
zu lernen. Die erste Frage ist: 



«ob es wahr sei oder nicht wahr, daB es eine deutsche Na- 
tion gebe und daJ3 deren Fortdauer in ihrem eigentiimlichen 
und selbstandigen Wesen dermalen in Gefahr sei?» 

Wenn wir von dem zweiten Teile dieser Frage absehen, so 
miissen wir sagen: es ist unmoglich, diese Frage heute so zu 
steilen; denn Fichtes Nachkommenschaft hat bewiesen, daB es 
eine deutsche Nation gibt. Ebenso kann seine zweite Frage 
heute nicht mehr gestellt werden: 

«ob es der Miihe wert sei oder nicht wert sei, dieselbe zu 
erhalten?» 

Und die dritte Frage lautet: 

«ob es irgendein sicheres und durchgreifendes Mittel fur 
diese Erhaltung gebe, und welches dieses Mittel ist?» 

Nun, hier habe ich Jahr urn Jahr von den Angelegenheiten 
des geistigen Lebens der Menschen gesprochen. Und wahr- 
haftig: gerade in bezug auf das, was iiber dieses geistige Leben 
des Menschen gesprochen wurde, war kh davon iiberzeugt, 
daB es die Fortentwickelung ist von dem, was schon vor Fichtes, 
vor Schillers und anderer Seelen stand. Fichte versuchte damals 
das Mittel zu finden, um die Deutschen herauszufiihren aus 
der Unterdriickung und dem Elend, das Mittel fur einen Deut- 
schen, seiner selbst gewahr zu werden, um aus der tiefsten 
Wurzel der Lebensregung heraus zu wirken. Eine vollstandige 
Umanderung der Erziehung wollte Fichte haben; und aus der 
Art, wie das deutsche Volk sich ausdriickt in der «Sprache», 
wollte er erkennen, in welcher Weise es zu den anderen Kul- 
turwelten stehe. Es ist heute nicht die Moglichkeit vorhanden, 
sich auf die Art einzulassen, wie Fichte diese Fragen ausgefiihrt 
hat; darauf kommt es an, daB die Kraft, die uns heute in 
Mitteleuropa beseelen und beleben kann, dieselbe ist wie in 
ihm. Wir werden heute weder in der Art des deutschen Volkes 
Wesen aufsuchen, daB wir es, wie Fichte, in der Sprache aus- 
gedriickt suchen, obwohl wir die ganze Bedeutung der Sprache 



gewiB wiirdigen wollen; ebensowenig wollen wir heute von 
jenem Erziehungssystem Fichtes sprechen, das ja damals nicht 
ausgefiihrt werden konnte. Aber wir dtirfen darauf aufmerksam 
machen, daB aus den Lebensregungen heraus, aus denen Fichte 
damals fur die Selbstwahrung seines Volkes seine «Reden an 
die deutsche Nation* gesprochen hat, der Geist tont, der - 
fortentwickelt — echte, wahre Geisteswissenschaft gibt. Das 
konnen wir schon entnehmen aus so mancherlei, was vielleicht 
nicht immer geniigend beachtet wird, wenn man sich heute 
diesen so wunderbaren Reden Fichtes an die deutsche Nation 
hingibt. Reden wir doch heute davon — und es ist oftmals von 
diesem Orte aus dariiber gesprochen worden -, daB es nicht 
nur die materialistische Wissenschaft, die materialistische Er- 
kenntnis gibt, welche den Menschen so betrachtet, wie er sich 
zwischen Geburt und Tod entwickelt; daB es nicht nur jene 
Erkenntnis gibt, welche passiv sich den auBeren Erscheinungen 
hingibt und sich ihr Urteil bildet nach dem, was im Sinne die- 
ser Erkenntnis aus der AuBenwelt gewonnen wird. Sondern 
sprechen wir doch davon, daB es eine tapfere, eine aktive Er- 
kenntnis gibt, die es wagt, die «innersten Wurzeln der mensch- 
lichen Lebensregungen*, wie das Wort Fichtes lautet, zu fas- 
sen, um den Menschen dort zu ergreifen, wo er mit seinem 
Wesen hinausragt iiber Geburt und Tod, wo er nach Lessings 
groBer Idee das ergreift, was von Leben zu Leben in der phy- 
sischen Wirklichkeit geht. Eine Erkenntnis gibt es, die durch 
tapfere, mutige Ergreifung der inneren Krafte der Seele sich 
aufschwingt zu dem, was noch nach dem Tode herabschaut auf 
des Menschen physische Wirksamkeit und auf seinen Leich- 
nam selbst; eine Wissenschaft gibt es, welche die Seele wirk- 
lich ergreift, jene Wissenschaft, welche ebenso zum Gottlichen 
fiihrt wie die auBere Wissenschaft zum Natiirlichen. Denn 
erfaBt man mit der auBeren Wissenschaft, mit der Natur- 
wissenschaft, den auBeren materiellen Menschen, dann findet 



man, wie der Mensch aus alien Kraften der Natur hervorgeht, 
gleichsam als Bliite der Natur; erfaBt man den Menschen mit 
der Geisteswissenschaft, so wird man gewahr, wie die Seele 
mit ihren tiefsten Wurzeln zusammenhangt mit dem Gott- 
lichen, mit dem im Geistigen Webenden und Lebenden. Wenn 
wir auch nicht mehr auf Fichtes Standpunkt in bezug auf seine 
einzelnen AuBerungen stehen kdnnen: darauf konnen wir ste- 
hen, was als Gesinnung, als Artung in seinem Denken lebt. So 
finden wir es selber, wie die Grundnuance, der Grundton 
geisteswissenschaftlicher Erkenntnis in den Reden liegt, durch 
die er in seinem Volke Begeisterung wachrufen wollte; wenn 
er die Worte ausspricht: 

«Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie (die 
Philosophie, die er meint) in ihrer Entstehung aus dem Er- 
scheinen und Sichtbarwerden jenes Einen, das an sich schlecht- 
hin unsichtbar ist, und nur in dieser seiner Unsichtbarkek er- 
faBt, richtig erfaBt wird.» 

«Alles als nicht geistiges Leben erscheinende beharrliche 
Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach 
durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im Gegensatz 
mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach ver- 
mitteltes Nichts das Sehen selbst sich erheben soli zum Er- 
kennen seines eigenen Nichts und zur Anerkennung des Un- 
sichtbaren als des einzig Wahren.» 

Es ist hier ofter darauf aufmerksam gemacht worden, wie 
die Seele sich in jenem innersten Wesen erfassen kann, in dem 
sie gewahr wird, was iiber den Tod hinausgeht. Dann darf sie 
- nicht von einer passiven, sondern von einer aktiven Wissen- 
schaft aus - davon sprechen, wie der Mensch nach dem Tode 
von diesem seinem ewigen Wesenskern aus in einem hoheren 
BewuBtsein herabschaut auf seine Leiblichkeit. Merkwiirdig 
ist etwas in Fichte, das wie eine Ahnung in ihm lebt. Wir 
konnen uns von jemandem, in dessen tiefsten Seelen wurzeln 



nicht schon die Ahnung einer solchen geistigen Erkenntnis 
lebt, die gerade aus seinen Ahnungen hervorgehen kann, wir 
konnen uns von ihm kaum denken, daB er ein Gleichnis ge- 
braucht, wie Fichte es gebraucht. Von einer neuen Erziehung 
seines Volkes spricht er; davon, wie die Menschen lernen sol- 
len, sich in etwas hineinzufinden, was die Menschen bisher 
nicht erlebt haben, und worin sie sich nur schwer hineinfinden 
konnen, weil es schwierig ist gegeniiber dem Gewohnten, das 
man ablegen muB. Und Fichte schildert nun, wie es in diesem 
Volke ist, wenn es sich verjiingen soil und zuriickblicken wird 
auf sein altes Sein, aus dem es — nach seinem Ideal — gleichsam 
herausschliipfen soli; und er spricht so, daB das Gleichnis, das 
er gebraucht, wie aus der modernen Geisteswissenschaft der 
unmittelbaren Gegenwart herausgenommen ist. Indem er das 
Volk anregen will, sagt er: 

«Die Zeit erscheint mir wie ein leerer Schatten, der iiber 
seinem Leichname, aus dem soeben ein Heer von Krankheiten 
ihn heraustrieben, steht und jammert, und seinen Blick nicht 
ioszureiBen vermag von der ehedem so geliebten Hiille, und 
verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hineinzukommen 
in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon die beleben- 
den Liifte der anderen Welt, in die die Abgeschiedene einge- 
treten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit war- 
mem Lebenshauch, zwar begriiBen sie schon freundliche Stim- 
men der Schwestern und heiBen sie willkommen, zwar regt 
es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach alien Rich- 
tungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachen 
soli, zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefiihl fur diese 
Liifte oder Gehdr fur diese Stimmen, oder wenn sie es hatte, 
so ist sie aufgegangen in Schmerz iiber ihren Verlust, mit wel- 
chem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt.» 

Wahrhaftig, man meint, daB dieser Vergleich hergenommen 
ist aus dem, was die moderne Geisteswissenschaft zu sagen hat 



iiber das Erleben der Seele! Und dann stehen wir, man mochte 
sagen, noch viel «glaubiger» vor Fichte, als er vor sich selbst 
stehen konnte, so daB wir sagen: Ja, in dieser Personlichkeit 
regt sich etwas von dem, woran wir festhalten wollen als einer 
geistigen Erkenntnis von dem wahren Wesen des Menschen. 

Und wie suchte derjenige, der in seinem geistigen Leben, 
wenigstens gewisse Zeit hindurch, mit Fichte in inniger Ver- 
bindung lebte, wie suchte Schiller ebenso wie Fichte, nur in 
seiner Art, nach dem innersten Quell der seelischen Lebens- 
regungen zu kommen! 

Oh, es ist heute, trotzdem Schiller unserem Volke so ans 
Herz gewachsen ist, noch gar nicht vollstandig erkannt, welche 
Friichte die Krafte getragen haben, die in Schillers und Fichtes 
Volk sind. Und man mochte sagen: wir haben mit unserer 
Erkenntnis nachzukommen dem, was sich jetzt schon in so 
herrlicher Weise auf den Schlachtfeldern in West und Ost 
erweist; denn das sind dieselben Krafte, die spirituell in Schil- 
ler zur Erhohung gekommen sind. Unablassig suchte Schiller 
- um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen — in der mensch- 
lichen Natur gegeniiber dem, was der Alltagsmensch, was der 
Mensch ist, der mit den Dingen der auBeren Welt lebt, der 
diese Dinge der auBeren Welt in sich aufnimmt und verarbei- 
tet — , unablassig suchte er gegeniiber diesem Menschen den, 
wie er ihn nennt, «hoheren Menschen», der in jedem lebt. Und 
es gehort zu den groBten Kulturgiitern, was Schiller gerade in 
bezug auf das Suchen dieses hoheren Menschen zum Ausdruck 
gebracht hat in seinen « Brief en iiber die asthetische Erzie- 
hung». - Ich habe mir im letzten Vortrage erlaubt, darauf auf- 
merksam zu machen, daB man sich in anderer Weise zum 
Deutschtum bekennt und rechnet, als die Angehorigen der 
andern Nationen sich zu ihrem Volkstum verhalten: man ist 
Russe, man ist Franzose, man ist Englander, aber man wird 
immerfort Deutscher; das heiBt, man sucht nach einem Ideal, 



das noch erhohbar ist; man sucht etwas Hoheres, als was in 
den gewohnlichen Menschen lebt. Und so sucht Schiller in sei- 
nen Asthetischen Briefen auszudriicken, wie auf der einen Seite 
der Mensch bis zum vollsten Erfassen seiner innersten Lebens- 
regungen - was sein hoherer Mensch ist - nicht kommt, wenn 
er nur der auBeren Welt, nur dem auBerlich Realen lebt. Wie 
ein Sklave, der unter den Antrieben der auBeren sinnlichen 
Notdurft lebt, sagt Schiller, ist ein solcher, der nur den auBeren 
Anregungen gemaB lebt. Aber auch derjenige ist fur Schiller 
kein Vollmensch, der nur hinneigt zum abstrakten Denken, der 
sich nur der Vernunftnotwendigkeit unterwirft. Auf der einen 
Seite sieht Schiller die Vernunftnotwendigkeit, auf der anderen 
Seite die sinnliche Notwendigkeit. Den Menschen aber sucht 
er im Alltagsmenschen, der sich so ausleben kann, daB er 2x1 
der veredelten Natur so hinzublicken vermag, daB ihm das 
sinnliche Leben entgegenkommt mit dem Ausdrucke der scho- 
nen Geistigkeit, an den aber auch die Vernunft herandringt. 
Der nur ist ihm ein Vollmensch, der mit derselben Lebendig- 
keit, mit dem Sinn fur das Schone sich dem Geistigen gegen- 
uberzustellen vermag wie der andere der Sinnlichkeit. Und aus 
der mittleren Stimmung, die sich daraus ergibt, glaubt Schiller 
die Art herleiten zu konnen, die einen hoheren Menschen aus 
dem alltaglichen Menschen hervorzaubern kann. DaB aber der 
Mensch dies miisse, das findet Schiller als das hochste Ideal des 
Menschen, und damit ist er wieder einer der groBen Anreger 
wahrer geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, welche mit alien 
ihren Kraften suchen will, was als hoherer Mensch im Men- 
schen lebt, und die nicht anders kann, wenn sie im wirklich 
modernen Geiste dies suchen will, als anzukniipfen an die Im- 
pulse, wie sie zum Beispiel aus Schillers Asthetischen Briefen 
flieBen konnen. Gerade das, was ich mir in dem Vortrage heute 
vor acht Tagen zu sagen erlaubte: wie man als Deutscher stets 
wird, wie man als Deutscher gar nicht einseitig den «Deut- 



schen» sucht, sondern den Menschen, der iiber alle Nationalitat 
hinausgeht, der alle Nationalitat als etwas betrachtet, was 211m 
auBeren Menschen gehort, — das tritt uns so schon in dem ent- 
gegen, wonach Schiller gestrebt hat, was er auszudriicken suchte 
in seinen Briefen iiber die asthetische Erziehung des Men- 
schen und was im Grunde genommen zum Ausdruck kommt 
in all den Kunstwerken, die Schiller vor sein Volk hingestellt 
hat, und die dern Volke so ans Herz und in die Seele gewach- 
sen sind. 

Und Fichte - pragt er einen einseitigen Begriff, eine ein- 
seitige Idee des Deutschtums? Nein! konnen wir sagen; er 
pragt einen universellen Begriff des Deutschtums, einen Be- 
griff, von dem wahrhaftig gesagt werden kann: Der Deutsche 
will immer werden; und er glaubt, daB man nur dann im voll- 
sten Sinne des Wortes ein Deutscher sein kann, wenn man im 
vollsten Sinne des Wortes Mensch ist. Daher das schone 
Wort in Fichtes «Reden an die deutsche Nation*, dieses wun- 
derbare, beherzigenswerte Wort: 

«Der Grundsatz, nachdem sie» — was immer die Fichtesche 
Philosophic ist - «diesen zu schlieBen hat, ist ihr vorgelegt; was 
an Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt und die 
ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, 
wo es auch geboren sei und in welcher Sprache es rede, ist 
unseres Geschlechts, es gehort uns an, und es wird sich zu uns 
tun.» 

Wer so denkt, gehort uns an und wird sich zu uns tun. Das 
ist Schillers, das ist Fichtes Art: Deutscher zu werden dadurch, 
daB man im umfassendsten und universellsten Sinne des Wor- 
tes den hoheren Menschen im Menschen sucht, der den Weg 
sucht zu dem, was dem auBeren Menschen fremd, der dadurch 
Mensch und groB ist, daB er alles GroBe und zu Liebende auch 
bei andern Menschen anderer Nationalitaten zu lieben vermag. 
Und das sucht Schiller als ein ganzer Deutscher, indem er die 



Worte, die erst lange nach seinem Tode herausgekommen sind, 
sprechen durfte nicht nur im Angesichte des deutschen Volkes, 
sondern der ganzen Kulturmenschheit: 

«Dem, der den Geist bildet, beherrscht, muB zuletzt die 
Herrschaft werden; denn endlich an dem Ziel der Zeit, wenn 
anders die Welt einen Plan, wenn des Menschen Leben nur 
irgend Bedeutung hat, endlich muB die Skte und die Vernunft 
siegen, die rohe Gewalt der Form erliegen - und das lang- 
samste Volk wird alle die schnellen, fliichtigen einholen. 

Ihm» - dem Deutschen - «ist das Hochste bestimmt, und so 
wie er in der Mitte von Europens Volkern sich befindet, so ist 
er der Kern der Menschheit, jene sind die Bliite und das Blatt. 

Er ist erwahlt von dem Weltgeist, wahrend des Zeitkampfes 
an dem ewigen Bau der Menschenbildung zu arbeiten, zu be- 
wahren, was die Zeit bringt. 

Daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet und es in sich 
bewahrt. 

Alles, was Schatzbares bei andern Zeiten und Volkern auf- 
kam, mit der Zeit entstand und schwand, hat er aufbewahrt, 
es ist ihm unverloren, die Schatze von Jahrhunderten. 

Nicht im Augenblick zu glanzen und seine Rolle zu spielen, 
sondern den groBen ProzeB der Zeit zu gewinnen. Jedes Volk 
hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deutschen 
ist die Ernte der ganzen Zeit.» 

So haben sie gesprochen. Und in ihrem Sinne - in dem 
Sinne, daB man ais Deutscher stets wird und weiterstrebt und 
niemals bei dem schon Errungenen bleibt, konnen wir Schii- 
ler, Nachfolger dieser GroBen werden. Wortlich auf diese un- 
sere Vorfahren zu schworen, kann nicht unsere Art sein. Das 
aber kann unsere Art sein: aus denselben innersten Lebens- 
regungen heraus, aus denen sie geschaffen haben, zu ver- 
suchen, unsere Zeit zu verstehen, weiter zu wirken und zu 
arbeiten. Und indem wir so den Blick auf diese groBen Vor- 



fahren hingelenkt haben, fragen wir uns nun — wenn auch viel- 
leicht im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts und bis in un- 
sere Zeit herein manches anders geworden ist, als es diese gro- 
Ben Genien sich unmktelbar in ihrem BewuBtsein vorgestellt 
haben: Ist aus diesen Impulsen, welche sie gegeben haben, 
etwas geflossen, was diesen Impulsen entspricht? Gibt es etwas 
in Mitteleuropa, an dem man erkennen kann Geist von Schil- 
lers Geist, Seele von Fichtes Seele? 

Nun, es wird zweifellos nicht gerade leicht, in der unmittel- 
baren Gegenwart von dem zu sprechen, was das eigene Volk 
verwirklicht hat, was in ihm lebt. Und Sie werden es verstehen, 
daB man in gewisser Weise davor zuriickschrecken mag, gerade 
in unseren schicksalsschweren Zeiten nur im entferntesten zu 
dem zu kommen, was wie eine Selbstcharakteristik — wenn 
auch nur wie eine Selbstcharakteristik des Volkes erscheint. 
Daher will ich einen andern Weg wahlen, damit nicht gesagt 
werden kann, daB dieses «Barbarenvolk» geschimpfte Volk 
Selbstlob und Eigenliebe treibe. Ich mochte einen Weg wah- 
len, durch den wir wie in einem Echo vernehmen konnen, was 
aus dem Volke Schiilers und Fichtes geworden ist. Wahlen 
wir einmal Worte, die gesprochen worden sind - in englischer 
Sprache — von dem groBen Amerikaner Emerson, Worte, die 
also nicht unsere Worte sind. Emerson, der groBe Amerikaner, 
sprach iiber das Wesen des deutschen Volkes in der nach- 
Schillerschen, nach-Fkhteschen Zeit die folgenden Worte - wie 
gesagt: nicht einmal in deutscher Sprache — indem er das- 
jenige sagte, was er iiber Goethe zu sagen hatte: 

«Eine Erscheinung vornehmlich, die Goethe mit seiner gan- 
zen Nation gemein hat, macht ihn in den Augen des franzo- 
sischen wie des englischen Publikums zu einer ausgezeichneten 
Erscheinung, » 

- also wie gesagt: eine Eigenschaft, welche Goethe mit der 
ganzen Nation gemeinsam hat! — 



«daB sich alles bei ihm nur auf die innere Wahrheit basiert. 
In England und Amerika respektiert man das Talent, allein 
man ist zufriedengestellt, wenn es fur oder gegen eine Partei 
seiner tJberzeugung nach tatig ist. In Frankreich ist man schon 
entziickt, wenn man brillante Gedanken sieht, eineriei, wohin 
sie wollen. In all diesen Landern aber schreiben begabte Man- 
ner, soweit ihre Gaben reichen. Regt, was sie hervorbringen, 
den verstandigen Leser an und enthalt es nichts, was gegen den 
guten Ton anstoBt, so wird es genugend angesehen. Soviel 
Spalten, soviel angenehme und niitzlich verbrachte Stunden. 
Der deutsche Geist besitzt weder die franzosische Lebhaftig- 
keit noch das fur das Praktische zugespitzte Verstandnis der 
Englander noch endlich die amerikanische Abenteuerlichkeit; 
allein, was er besitzt, ist eine gewisse Probitat, die niemals 
beim auBerlichen Schein der Dinge stehenbleibt, sondern 
immer wieder auf die Hauptfrage zuriickkommt: Wo will das 
hin? Das deutsche Publikum verlangt von einem Schriftstel- 
ler, daB er iiber den Dingen stehe und sich einfach dariiber 
ausspreche. 

Geistige Regsamkeit ist vorhanden: wohlan: wofiir tritt sie 
auf? Was ist des Mannes Meinung? - Woher? — woher hat 
er alle diese Gedanken? » 

Dies, sagt Emerson, verlange das deutsche Publikum von 
dem, der zu ihm sprechen will, der fiir es etwas sein will. Ein 
anderes Wort Emersons — wir diirfen es wie ein Echo dessen, 
was aus den Impulsen Schillers und Fichtes hervorgegangen 
ist, anhoren: 

«Die Englander sehen nur das Einzelne und wissen die 
Menschheit nicht nach hoheren Gesetzen als ein Ganzes auf- 
zufassen . . . Die Deutschen denken fiir Europa.» 
- Der englisch Sprechende in Amerika sagt dies! — 

«... Die Englander ermessen dieTiefe des deutschen Genius 
nicht. » 



Und was ist aus diesen Griinden, die hier Emerson fur sich 
selber anfuhrt, geworden? Auch darauf gibt er die Antwort. 
Wieder sind es seine Worte, die ich vorlesen will: 

«Aus diesem Grunde sind die in der hdheren Konversation 
gebrauchlichen Unterscheidungsbegriffe alle deutschen Ur- 
sprunges. Wahrend die ihres Scharfsinns und ihrer Gelehr- 
samkeit wegen mit Auszeichnung genannten Englander und 
Franzosen ihr Studium und ihren Standpunkt mit einer gewis- 
sen Oberflachlichkeit ansehen und ihr personlicher Charakter 
mit dem, was sie ergriffen haben, und mit der Art, wie sie sich 
dariiber ausdriicken, in nicht allzu tiefem Zusammenhange 
steht, spricht Goethe, » 

- Emerson spricht hier in Anknupfung an die deutsche Na- 
tion, wenn er auch iiber Goethe spricht — 
«das Haupt und der Inhalt der deutschen Nation, nicht weil er 
Talent hat; sondern die Wahrheit konzentriert ihre Strahlen 
in seiner Seele und leuchtet aus ihr heraus. Er ist weise im 
hochsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals durch sein 
Talent verschleiert werden. Wie vortreffiich das ist, was er 
sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist . . . Er hat 
jene furchterweckende Unabhangigkeit, welche aus dem Ver- 
kehr mit der Wahrheit entspringt.» 

So der englisch redende Amerikaner iiber das, was aus den 
Impulsen derer geworden ist, die der mitteleuropaische Mensch 
als seine groBen Genien ansieht. 

Nun, ein Satz aus Emersons Auseinandersetzungen darf sich 
in unserer jetzigen Zeit ganz besonders tief in unser BewuBt- 
sein eingraben, der Satz, wo Emerson sagt: «Die Englander 
ermessen die Tiefe des deutschen Genius nicht. » Es ist selbst- 
verstandlich, daB man, wo von geistiger Erkenntnis gesprochen 
wird, sich dariiber klar ist, daB niemals, wenn man vom «Men- 
schen» spricht, die Rede davon sein konne, daB dieser Mensch 
mit seiner Nationalist identifiziert werden darf. Was geistige 



Angelegenheiten sind, das sind Angelegenheiten der ganzen 
Menschheit; da gibt es keine Unterschiede von Nationen und 
Rassen. Also nicht von Individuen ist die Rede; sondern wenn 
wir, wie wir es jetzt tun wollen, den Blick auf das hinlenken, 
was die deutsche Nation von Schiller und Fichte hat, so ist 
das etwas, was iiber dem Nationalen ist, was anational, was 
gottlich-ewig ist. Und war man denn - so diirf en wir vielleicht 
die Frage gerade in unserer Zeit stellen, in der uns so viel Ab- 
tragliches zu Ohren kommt, gerade von jenseits des Kanals 
heriiber war man denn immer dieser Meinung? Wir diirf en 
fragen: Erscheint uns gegeniiber dem, was heute gesagt wird, 
das in kiihleren Tagen Gesagte als weniger bezeichnend? 

Nun, eine Merkwiirdigkeit liegt vor. Und wenn Sie auch 
nicht auf das ausfiihrliche Buch — oder die Biicher — von Miss 
Wylie eingehen wollen, das, von Lord Haldane mit einer Vor- 
rede versehen, auch in deutscher Sprache erschienen ist, so 
konnen Sie sich doch in die Ausfuhrungen Miss Wylies ver- 
tiefen, wenn Sie die beiden Sonderhefte der «Suddeutschen 
Monatshefte» zur Hand nehmen, jene braunen Hefte, die auf 
jedem Bahnhof zu haben sind. Ich will nur eines aus dem 
herausgreifen, was eine Englanderin ganz kurze Zeit vor dem 
Ausbruch des gegenwartigen Krieges iiber das Volk Schillers 
und Fichtes gesagt hat; und ihre Worte diirfen zitiert werden, 
weil sie acht Jahre in Deutschland gelebt hat und das Volk 
kennengelernt hat, von dem Emerson sagt, daB man es eben 
in den englisch sprechenden Landern nicht kennt. Kennen- 
gelernt hat Mil3 Wylie nicht nur, was deutsches Geistesleben 
unmittelbar ist, sondern sie hat auch kennengelernt, wie sich 
deutsches Geistesleben ausnimmt in Krankenhaus, Schule, Uni- 
versitat und Industrie. Sie sagt: 

«Wir lesen viel vom neuen Deutschland und seinem neuen 
Geist. Aber es gibt kein neues Deutschland und keinen neuen 
Geist. Das bestehende ist das gereifte Werk von Generationen, 



das, was von jeher war. Geblendet durch den plotzlichen Glanz 
von Deutschlands Wohlstand, sind wir geneigt, zu vergessen, 
daB es selten, auBer eben an Wohlstand, einen andern als einen 
der allervordersten Platze unter den Nationen eingenommen 
hat. In Religion und Philosophic hat Deutschland geleuchtet 
zu einer Zeit, wo ringsum alles dunkel war; in der Literatur 
hat es einen epochemachenden Impuls gegeben; in der Musik 
hat es von jeher dominiert.» 

- Das ist Echo! Wir sagen es nicht von uns selbst. — 

«Deutsche Literatur, deutsche Religion, deutsche Philo- 
sophic sind uns Bucher mit sieben Siegeln. Was wir wissen, 
ist, wieviel Dreadnoughts Deutschland besitzt und um wieviel 
sein Handel gestiegen ist. Was wirklich wichtig ist, ist nicht 
der Dreadnought, sondern das Hirn seines Erbauers, Mut und 
Begabung seines Kommandeurs. Was wirklich wichtig ist, ist 
nicht das Mehr an Umsatz, sondern die menschlichen Eigen- 
schaften, die es veranlaBten. 

Vor vierzig Jahren kampfte Deutschland um seine Existenz. 
Und es kampft noch heute darum. Es ist vollig falsch, zu glau- 
ben, Deutschland stande schon auf seinem Hohepunkt. Es 
kampft einen stillen, aber entschlossenen Kampf gegen mach- 
tige Rivalen, deren Macht und Erfahrung schon vor Genera- 
tionen gewonnen wurde . . . An jeder Grenze und iiber dem 
Wasser sitzen die Gegner, kommerziell und politisch, und war- 
ten gespannt auf den Moment, wo Deutschland nur ein wenig 
nachlaffc, um dariiber herzufallen und es unterzukriegen. 
Deutschland weiB das ganz genau> 

So sagt die Englanderin. Ja — sie weiJ3 es! Aber auch andere 
haben es gewuBt. Ich habe das letztemal von einem Buche 
gesprochen, «Deutschland im neunzehnten Jahrhundert», von 
Herford, das hervorgegangen ist aus Vorlesungen, welche an 
der Universitat in Manchester gehalten worden sind und 
durch welche diejenigen belehrt werden sollten, die nichts 



wissen - namentlich, wie es in dem Buche selber ausgespro- 
chen ist: die «Presseleute» - iiber das, was deutsches Wesen 
ist. Ich darf auch heute, wenn auch nur weniges, gerade aus 
diesem Buche anfuhren, was gieichsam als Ermahnungen iiber 
deutsches Wesen in Manchester im Jahre 1912 - also auch 
vor kurzer Zek — gesagt worden ist, weil es sich auf die rea- 
len Verhaltnisse der allerunmittelbarsten Gegenwart bezieht. 
So sprach man davon in Manchester: 

«Im groBen und ganzen ist es auBer Frage, daB die Errich- 
tung des Deutschen Rekhes dem Frieden der Welt forderlich 
gewesen ist. Diese Erklarung wird denen seltsam erscheinen, die 
von nichts etwas wissen als von den Ereignissen der Gegenwart 
und fur welche die Geschichte nichts anderes ist als ein ewig 
sich verandernder blendender Kinematograph. Die Geschichte 
sollte aber doch etwas mehr sein. Ihr ziemt es, das Licht der 
Vergangenheit auf der Gegenwart wirres Getriebe scheinen zu 
lassen, und in jenem hoheren Lichte werden Dinge, welche 
verletzend erscheinen, ein natiirliches Ansehen gewinnen. 
Denn wenn wir in die Vergangenheit blicken, so finden wir,» 

- in Manchester ist es gesprochen, in englischer Sprache! - 
«daB unsere Vorfahren Frankreich mit weit groBerer Furcht 
betrachteten, als die wildesten Larmschlager heute Deutsch- 
land furchten. Und die Furcht unserer Voreltern hatte ihren 
guten Grund. . . . 

Es laBt sich also, um alles zusamrnenzufassen, zeigen, daB 
die Griindung des Deutschen Reiches ein Gewinn fur Europa 
gewesen ist» 

- in Manchester ist das gesprochen! - 

«und deshalb auch fur GroBbritannien. Denn die Ereignisse 
der Jahre 1866 bis 1871 machten ein fiir aliemal der Moglich- 
keit, Raubkriege gegen die bis dahin unbeschutzte Mitte von 
Europa zu unternehmen, ein Ende und beseitigten damit eine 
Lockung zum Kriege, welche in friiheren Jahrhunderten Frank- 



reich so oft auf falsche Bahnen gelockt hatte; sie setzten das 
deutsche Volk instand, seine bis dahin verkiimmerten politi- 
schen Fahigkeiten zu entwickeln, und sie halfen dazu, auf 
sicherer Grundlage ein neues europaisches System zu errichten, 
welches vierzig Jahre lang den Frieden erhalten hat.» 

- So im Jahre 1912 in Manchester in englischer Sprache ge- 
sprochen! — 

«Dieser Segen ergab sich aus der Tatsache, daB die deutsche 
Einheit auf einen Schlag zustande brachte, was GroBbritannien 
trotz all seines Aufwandes von Blut und Geld nicht hatte be- 
wirken konnen, namlich das Gleichgewicht der Krafte in so 
entschiedener Weise zu sichern, daB ein groBer Krieg zum 
gefahrlichsten aller Wagnisse wurde.» 

Also man hat einigermaBen erkannt, daB doch etwas Wah- 
res an dem ist, was ich mir in dem Vortrage vor acht Tagen 
anzufiihren erlaubte mit den Worten Herman Grimms: daB 
der Deutsche sich zwar jederzeit fur sein Vaterland opfern 
wird, wenn die Zeit es ihm gebietet, daB er aber den Augen- 
blick nicht herbeisehnen oder herbeifuhren wiirde, wo dies 
durch Krieg geschehen kann. Und angesichts dessen, daB wir 
dies auch wie ein Echo von aufien horen, diirfen wir auch den 
Blick auf das wenden, was unsere unmittelbare Gegenwart ist. 
Daher bitte ich Sie nun, — ich mochte sagen: um unsere Emp- 
findungen auf die Art zu lenken, wie wir das anzusehen haben, 
worin wir in diesen schicksalsschweren Zeiten hineingestellt 
sind — , sich an das zu erinnern, was sich zugetragen hat in den 
Tagen Ende Juli und in den ersten Augusttagen, was hinlang- 
lich bekannt ist. Ich mochte in einer eigenartigen Weise zu 
charakterisieren versuchen, wie sich die Ereignisse darstellen 
konnen; mit Worten, in welchen zum Ausdruck gebracht wer- 
den konnte, was ein unbefangener Betrachter Mitteleuropas 

- oder mogen die andern auch sagen: ein «befangener» Be- 
trachter — iiber die Art hatte empfinden konnen, wie dieses 



Mitteleuropa zu dem groBen Kriege steht. Dies wollen wir uns 
einmal vor die Seele fiihren. Ich will es mit folgenden Worten 
versuchen. 

Wir erinnern uns daran, was an Zeitungsstimmen schon im 
Fruhling dieses Jahres von RuBland zu uns heriibergekommen 
ist. Man konnte daran sehen, wie allmahlich eine Art von 
PreBkampagne in Petersburg anfing, durch welche die deutsche 
Politik angegriffen wurde. Diese Angriffe steigerten sich wah- 
rend der darauf folgenden Zeit bis zu starken Forderungen 
eines Druckes, den wir auf Osterreich iiben sollten in Sachen, 
wo wir das osterreichische Recht nicht ohne weiteres angrei- 
fen konnten. Man konnte in Deutschland dazu die Hand nicht 
bieten; denn wenn wir uns Osterreich entfremdeten, so gerie- 
ten wir, wenn wir nicht ganz isoliert sein wollten in Europa, 
notwendig in Abhangigkeit von RuBland. Ware eine solche 
Abhangigkeit ertraglich gewesen? Man hatte fruher glauben 
konnen, sie konnte es sein, weil man sich sagte: wir haben gar 
keine streitigen Interessen; es ist gar kein Grund, warum RuB- 
land je die Freundschaft uns kiindigen sollte. Wenn man mit 
russischen Freunden spricht von dergleichen Auseinander- 
setzungen, so kann man ihnen nicht gerade widersprechen. Die 
Vorgange zeigten aber, daB selbst ein vollstandiges In-Dienst- 
Stellen unserer Politik — fur gewisse Zeit — in die russische uns 
nicht davor schiitzte, gegen unseren Willen und gegen unser 
Bestreben mit RuBland in Streit zu geraten. 

Ich glaube, diese Worte konnten zeigen, was ein Mensch 
der Gegenwart zur Charakteristik des Friihlings und des Som- 
mers sagen konnte. Aber diese Worte habe ich gar nicht zu- 
sammengestellt; ich habe sie gar nicht verfaBt. Ich habe sie nur 
etwas verandert. Diese Worte hat namlich Bismarck am 6.Fe- 
bruar 1888 im Deutschen Reichstage ausgesprochen, als er 
eine Wehrvorlage zu vertreten hatte und ausfiihren wollte, daB 
diese Wehrvorlage nicht im Interesse eines Angriffskrieges, 



sondern im Interesse des Friedens sei. Und jetzt will ich Ihnen 
seine Worte vorlesen: 

«... wie allmahlich eine Art von PreBkampagne in Peters- 
burg anfing, ich personlich in meinen Absichten verdachtigt 
wurde. Diese Angriffe steigerten sich wahrend des darauffol- 
genden Jahres bis 1879 zu starken Forderungen eines Druckes, 
den wir auf Osterreich iiben sollten in Sachen, wo wir das 
dsterreichische Recht nicht ohne weiteres angreifen konnten. 
Ich konnte dazu meine Hand nicht bieten; denn wenn wir uns 
Osterreich entfremdeten, so gerieten wir, wenn wir nicht ganz 
isoliert sein wollten in Europa, notwendig in Abhangigkeit 
von RuBland. Ware eine solche Abhangigkeit ertraglich ge- 
wesen? Ich hatte friiher geglaubt, sie konnte es sein, indem 
ich mir sagte: wir haben gar keine streitigen Interessen; es ist 
gar kein Grund, warum RuBland je die Freundschaft uns kiin- 
digen sollte. Ich hatte wenigstens meinen russischen Kollegen, 
die mir dergleichen auseinandersetzten, nicht geradezu wider- 
sprochen. Der Vorgang betreffs des Kongresses enttauschte 
mich, der sagte mir, daB selbst ein vollstandiges In-Dienst- 
Stellen unserer Politik (fiir gewisse Zeit) in die russische uns 
nicht davor schiitzte, gegen unseren Willen und gegen unser 
Bestreben mit RuBland in Streit zu geraten.» 

Das charakterisiert die Krafte, die nicht in einem Jahre, 
sondern die seit jener Zeit vorhanden waren und die der- 
jenige, der wuBte, was glimmt und gluht in Europa, wohl 
kannte. Wer so den geschichtlichen Zusammenhang betrach- 
tet, der wird aus der Obereinstimmung allein dessen, was man 
heute empfinden kann, mit dem, was Bismarck damals aus- 
gesprochen hat, einsehen konnen, daB es unmoglich gewesen 
ware, selbst bei einem «vollstandigen In-Dienst-Stellen der 
deutschen Politik der russischen Interessen », den Streit mit 
RuBland zu vermeiden. Ich denke, solche Art Geschichts- 
betrachtung spricht vieles, vieles. Und aus welcher Stimmung 



heraus waren schon damals diese Worte geflossen? War es 
etwa Herman Grimm allein, der davon sprach, daB Deutsch- 
land, daB der Deutsche als solcher den Frieden will, daB er 
audi seine Riistung in den Dienst des Friedens stellen will? 
Bismarck sagte damals in derselben Rede schon, was man auch 
bedenken soilte: er habe auf dem Berliner KongreB im Jahre 
1878 fur RuBland so viel getan, daB er dafur den hochsten rus- 
sischen Orden mit Brillanten bekommen miiBte - wenn er ihn 
nicht schon gehabt hatte. Dennoch muBte er diese Worte spre- 
chen, die er damals gesprochen hat. Und iiber die Stimmung, 
aus der heraus sie geflossen waren, horen wir ihn auch sprechen: 
«Mit der gewaltigen Maschine, zu der wir das deutsche 
Heerwesen ausbilden, unternimmt man keinen Angriff. Wenn 
ich heute vor Sie treten wollte und Ihnen sagen — wenn die 
Verhaltnisse eben anders lagen, als sie meiner "Oberzeugung 
nach liegen — : <wir sind erheblich bedroht von Frankreich 
und RuBland; es ist vorauszusehen, daB wir angegriffen wer- 
den; meiner tlberzeugung nach glaube ich es als Diplomat 
nach militarischen Nachrichten hieriiber, es ist niitzlicher fiir 
uns, daB wir als Defensive den VorstoB des Angriffes benut- 
zen, daB wir jetzt gleich schlagen; der Angriffskrieg ist fiir 
uns vorteilhafter zu fiihren, und ich bitte also den Reichstag 
um einen Kredit von einer Milliarde oder einer halben Mil- 
liarde, um den Krieg gegen unsere beiden Nachbarn heute zu 
unternehmen,> — ja, meine Herren, ich weiB nicht, ob Sie das 
Vertrauen zu mir haben wiirden, mir das zu bewilligen. Ich 
hoffe nicht. » 

Das alles ist geeignet, wirklich die Oberzeugung zu bekraf- 
tigen, wie im Grunde genommen Deutschland einen Krieg 
nur dann wollte, wenn er aus den europaischen Notwendig- 
keiten hervorgeht, und daB es weit, weit davon entfernt war, 
den Krieg um des Krieges willen irgendwie zu wollen. Dann 
aber moge man entscheiden, ob diese Stimmen — also auch 



diese Stimme iiber die unmittelbaren auBerlichen Ereignisse - 
dem entsprechen, was deutsches Geistesleben ist. — Ich kann 
nicht umhin, auch noch von einem andern Eindruck, den deut- 
sches Geistesleben an einem gewissen Punkt machte, ein paar 
Worte zu sagen. 

Wir haben es in diesem Sommer gehort, wie ein Mann 
wahrhaftig nicht harte Worte genug — ich sage harte Worte — 
finden konnte, um nun auch das deutsche «Barbarentum» ab- 
zukanzeln. Derselbe Mann hat friiher einmal drei Geister an- 
gefuhrt, die ihn zu seiner Weltanschauung am meisten, oder 
wenigstens viel, gebracht haben: den Mystiker Ruysbroek, den 
Amerikaner Emerson und den deutschen mystischen Dichter 
Novalis. Eine merkwiirdige Frage legt sich dieser Mann vor, 
der unter denen, die ihn zu seiner geistigen Anschauung 
hinaufgefuhrt haben, ganz besonders auch von dem deutschen 
mystischen Dichter Novalis spricht — die Frage: Was ist 
schlieBlich selbst alles, was in Shakespeares Dramen stent, was 
da verhandelt wird zwischen den einzelnen Personen und was 
von Person zu Person spielt, was ist das gegeniiber dem, was 
in vielen anderen Dichtungen lebt? Denn nehmen wir an — so 
meint er — es kame von einem anderen Planeten ein Geist zu 
uns, der unter ganz anderen Verhaltnissen lebte als die Erden- 
seelen: wiirde er sich im geringsten fur das interessieren, was 
die Personen in Shakespeares Dramen erlebten? MiiBten wir 
ihm nicht etwas ganz anderes bieten, was in der Regel im All- 
tage gar nicht zum Ausdruck kommt, etwas, was aus der Men- 
schenseele heraus wirkt, wenn er nur uns beachten sollte? Und 
dann besinnt er sich, wie ihm ein deutscher mystischer Dich- 
ter — Novalis — etwas gebracht hat, was von dem spricht, wor- 
uber er am liebsten schweigen mochte, wovon er aber glaubt, 
daB die Seele eines andern, der aus einer anderen Welt her- 
unterkommt, darin etwas Mitteilenswertes erbiicken miiBte. 
Und also spricht der Betreffende von Novalis, dem deutschen 



mystischen Dichter, der so etwas in seiner Seele hat, was, als 
aus dem Innersten des Menschenwesens kommend, selbst 
einem erdenfremden Geist gewiesen werden konnte, wenn die- 
ser danach fragte: 

«Wenn es aber anderer Beweise bediirfte, so wiirde sie» — das 
heiBt: die Seele wahrscheinlich — «ihn unter die fiihren, deren 
Werke fast ans Schweigen riihren. Sie wiirde die Pforte des 
Reiches offnen, wo einige sie urn ihrer selbst willen liebten, 
ohne sich urn die kleinen Gebarden ihres Korpers zu kiim- 
mern. Sie wiirden zusammen au£ die einsamen Hochflachen 
steigen, wo das BewuBtsein sich um einen Grad steigert und 
wo alle, welche die Unruhe iiber sich selbst plagt, aufmerksam 
den ungeheuren Ring umschweifen, der die Erscheinungswelt 
mit unseren hoheren Welten verkniipft. Sie wiirden mit ihm 
zu den Grenzen der Menschheit gehen; denn an dem Punkte, 
wo der Mensch zu enden scheint, fangt er wahrscheinlich an, 
und seine wesentlichsten und unerschopflichsten Teile befin- 
den sich im Unsichtbaren, wo er unaufhorlich auf seiner Hut 
sein muB. Auf diesen Hohen allein gibt es Gedanken, welche 
die Seele billigen kann, und Vorstellungen, welche ihr ahneln 
und die so gebieterisch sind wie sie selbst. Dort hat die Mensch- 
heit einen Augenblick geherrscht, und diese schwach erleuch- 
teten Spitzen sind vielleicht die einzigen Lichter, welche die 
Erde dem Geisterreiche ankiindigen. Ihr Widerschein hat fiir- 
wahr die Farbe unserer Seele. Wir empfinden, daB die Leiden- 
schaften des Geistes und des Korpers in den Augen einer 
hoheren Vernunft den Klangen von Glocken gleichen wiirden; 
aber in ihren Werken sind die genannten Menschen aus dem 
kleinen Dorfe der Leidenschaften herausgekommen und haben 
Dinge gesagt, die auch denen von Wert sind, die nicht von 
der irdischen Gemeinde sind.» 

So sagt ein Mann, nachdem er einen Eindruck empfunden 
hat von Novalis und sich iiber Novalis aussprechen will. Das 



ist derselbe Mann, der jetzt in einer eigentiimlichen Weise 
- Sie werden es ja meistens kennen — iiber Deutschtum und 
deutsches Wesen sich ausgelassen hat: Maurice Maeterlinck. 
Wenn wir horen, daB so etwas von Maeterlinck gesprochen 
worden ist, konnen wir dann nicht sagen, daB er eigentlich 
sein Wesen recht «wesentlich» ausgewechselt hat? Konnte 
man nicht sogar sagen, seine jetzigen Worte klingen so, daB 
man von ihnen sagen konnte: In Wahrheit ist es schwer, seine 
Seele zu befragen und ihre schwache Kinderstimme inmitten 
der unniitzen Schreier zu vernehmen, die sie umgeben? Man 
mochte ihn wahrhaftig selber zu diesen unniitzen Schreiern 
zahlen, gegen welche schwache Kinderstimmen nicht aufkom- 
men konnen. Aber ich habe auch diese Worte von Maurice 
Maeterlinck genommen; denn es sind seine eigenen Worte, 
die er auch bei der angefiihrten Gelegenheit spricht: «In 
Wahrheit ist es schwer, seine Seele zu befragen und ihre 
schwache Kinderstimme inmitten der unniitzen Schreier zu 
vernehmen, die sie umgeben. » 

Wir haben versucht, dasjenige ein wenig zu ergriinden, was 
Schiller und Fichte von ihrem Volke wollten. Und wir haben 
versucht — wenn auch nur im Echo — zu erkennen, inwiefern 
diese Impulse sich verwirklicht haben. Man spricht heute viel 
von allerlei Gefuhlen, die nun in diesen Deutschen sein sollen 
gegen die anderen Volker, mit denen sie im Kriege sind; man 
spricht zum Beispiel von HaBgefiihlen, welche die Deutschen 
haben sollen gegen die Russen, gegen die Englander, auch 
gegen die Franzosen. Wahrhaftig, nach den Worten, die ich 
heute und das letztemal gesprochen habe, wird mir das, was 
ich jetzt zu sagen habe, nicht als eine undeutsche Gesinnung 
ausgelegt werden, sondern als eine solche, die aus den wahren 
Griinden der Geisteswissenschaft flieBen muB. Denn ich 
glaube: wenn wir auf die innersten Wurzeln der Lebensregung 
beim Deutschen hinblicken, dann sind diese HaBgefuhle, diese 



Verachtungsgefiihle gegeniiber den anderen Volkern alle nicht 
wahr! Mag auch in den jetzigen Tagen gar manches Wort 
gesprochen werden, was wir vielleicht selbst innerhalb des 
Deutschen «undeutsch» finden — wahr ist doch das, was in 
bezug auf Schiller und Fichte gesagt werden durfte: Derjenige, 
der den « Menschen* , den hoheren Menschen im Menschen 
sucht, so sagt Fichte selber, er gehort zu uns! Und unablassig 
sucht der Deutsche iiber die engen Fesseln seiner Nationalist 
hinauszukommen. Daher glaube ich nicht, daB es mehr als 
iiber den Alltag hinausgehen kann, wenn von andern Gefuhlen 
als von Gefuhlen der Hingebung auch zu dem Wertvollsten 
bei andern Volkern heute gesprochen wird. Und diirfen wir 
nicht auch dafiir Belege anfuhren? 

Oh, wir diirfen glauben, daB das, was als hochste Frucht des 
deutschen Geisteslebens zum Vorschein gekommen ist, auch 
wirklich in der primitivsten deutschen Natur lebt. Hafit der 
Deutsche die Englander in Wirklichkeit? Ich mochte sagen: 
nein. Ich mochte sogar das par adoxe Wort pragen: Der Deutsche 
hat bewiesen, daB er sogar die Englander mehr liebt als sie 
sich selber. Nehmen wir einmal ernsthaft das Wort: an ihren 
Friichten sollt ihr sie erkennen. Wie hat der Deutsche Shake- 
speare gepflegt? Man vergleiche, was Shakespeare innerhalb 
des deutschen Geisteslebens fur eine Bedeutung gewonnen hat 
- gegeniiber dem, was er in England geworden ist. Man kann 
dann sagen: Wir sehen die Neuauferweckung Shakespeares im 
deutschen Geistesleben. Der Deutsche hat Shakespeare mehr 
gepflegt als der Englander — wenn dies auch auf der Spitze 
des Gesagten ist. Aber wie gesagt wurde, daB in dem Tornister 
eines jeden Soldaten der Marschallstab stecke, so steckt diese 
Gesinnung in der Seele des einfachsten Deutschen, wenn sie 
auch dadurch, daB jetzt der Deutsche von alien Seiten bedroht 
ist, ein wenig gesucht werden muB. — Aber wir konnen auch 
in die neuere Zeit gehen. Wir haben von Goethe gesprochen. 



Goethe gehort audi zu denen, die mit liebevollster Gesinnung 
sich in das, was allgemein Menschliches ist, bei alien Nationali- 
taten und zu alien Zeiten hineinversenkt hat. Wir sehen ihn 
untertauchen in das, was ihm so teuer war, in das alte Grie- 
chentum, wir sehen dieses Untertauchen sinnbildlich dar- 
gestellt im zweiten Teil des « Faust », in der Vereinigung des 
Faust mit der Helena, als Sinnbild fur die Vereinigung der 
zwei nationalen Elemente. Und Goethe laBt aus dieser Vereini- 
gung etwas hervorgehen: den Euphorion, der uns nach alle- 
dem, was wir schon tiber den Faust sagen konnten, als etwas 
erscheinen kann, was mit Goethes Menschheitsideal zusam- 
menhangt. Eine merkwiirdige Gestalt ist dieser Euphorion. 
Gedenken wir an Worte des Euphorion, die uns tief, tief ge- 
rade heute in unseren Tagen in die Seele hereinklingen kon- 
nen. Euphorion sagt: 

Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen: 
In Waffen kommt der Jiingling an! 
Gesellt zu Starken, Freien, Kiihnen, 
Hat er im Geiste schon getan. 
Nun fort! 
Nun dort 

Eroffnet sich zum Ruhm die Bahn. 

Dann weiter: 

Und hort ihr donnern auf dem Meere? 

Dort wiederdonnern Tal urn Tal, 

In Staub und Wellen Heer dem Heere, 

In Drang um Drang zu Schmerz und Qual! 

Und der Tod 

Ist Gebot; 

Das versteht sich nun einmal. 

Und dann: 

Sollt ich aus der Feme schauen? 
Nein! Ich teile Sorg und Not! 



Wer schwebte Goethe vor, als er diesen Extrakt des Mensch- 
heitlichen vor seine Seele hinmalen wollte? Byron, der groBe 
englische Dichter, war ihm Vorbild zu dem, was er in seinem 
«Euphorion» hingestellt hat! 

Zuweilen konnte es ja scheinen, als ob sich der Deutsche 
auch dazu hinreiBen lieBe, seine Eigenart gegeniiber Fremden 
hervorzukehren. Dann muB man nur wissen, wie er in diesem 
Hervorkehren immer etwas liegen hat, was sich gegen irgend 
etwas wehren will. Es sind Worte, die Friedrich Schlegel 
einmal gesprochen hat, als Paris einen groBen Eindruck auf 
ihn machte: «Paris ware eigentlich eine wunderbare Stadt, nur 
sind zu viele Franzosen darm.» GewiB, auch solche Worte sind 
gesprochen worden. Aber auch anderes liegt vor. Da liegt 
besonders etwas vor, was symptomatisch andeutet, wie der 
Deutsche wenigstens drinnen stehen will im ganzen Kultur- 
leben. Das liegt vor, als Schiller hinblickte auf eine groBe Ge- 
stalt der Weltgeschichte. Auch andere haben auf diese Gestalt 
der Weltgeschichte hingeblickt: Shakespeare, Voltaire — ein 
Englander, ein Franzose. Ich meine die «Jungfrau von Orleans*. 
Wir konnen, wenn wir die Sache uns nur wirklich vor die 
Seele riicken, nicht anders als sagen: in engherzig nationaler 
Art hat sich Shakespeare zu der Jungfrau von Orleans gestellt; 
mit kuhler, abweisender Skepsis hat Voltaire sie behandelt. Da- 
gegen muB daran erinnert werden, dafi sich Schiller ihr gegen- 
iiber nur so ausdriicken konnte, daB er sagte: «Es liebt die 
Welt das Strahlende zu schwarzen und das Erhabne in den 
Staub zu ziehn.» Und so suchte er sie hinzustellen, diese fur 
ihn zur Himmelsbotin, zur Botin der geistigen Welt gewordene 
Personlichkeit. Man hat es vielfach getadelt, daB Schiller die 
Gestalt der Jungfrau von Orleans geschaffen hat. Heute sollte 
man sich gegeniiber der Art, wie der Deutsche sich in das Kul- 
turleben hineinstellt, daran erinnern, wie Schiller versucht hat, 
sich in alles hineinzuleben, was ihm aus dem Franzosischen 



wie em Geschenk des Himmels gekommen ist, urn es zu ver- 
korpern, was aber in der Beurteilung des deutschen Geistes 
verbunden ist mit Kampf und Streit und Sieg. Man glaubt es 
nicht, wenn man nicht deutsch denkt, daB sich in der Seele ver- 
einigen konnen Mut und Kampfsinn und Hineingestelltsein in 
den Streit — und daB dennoch im Herzen die Menschlichkeit 
bewahrt werden kann. Das wollte Schiller gerade zum Aus- 
druck bringen. Wovon nicht deutsch Denkende sagen: es ware 
gar nicht moglich, von dem miissen wir sagen: Im Grunde ge- 
nommen ist es moglich bei jedem Deutschen, wenn wir die 
deutsche Natur bei den Wurzeln ihrer Lebensregung betrach- 
ten. Anders namlich als viele andere stellt sich der Deutsche 
zu Kampf und Krieg, und es Hegt in ihm - manchmal dunkler 
oder klarer — daB er denjenigen, mit dem er zu kampf en hat, 
nur wie einen Feind im Duell zu behandeln hat. Nicht haBt er 
ihn; er stellt sich ihm gegeniiber und ist am frohesten, wenn er 
ihn in hochster Menschlichkeit anriihren kann. Ich mochte 
sagen: eine so recht deutsche Eigenschaft suchte Schiller in die 
Jungfrau von Orleans hineinzugeheimnissen. Der, welcher 
weiB, was die Jungfrau von Orleans gewesen ist, wird es natiir- 
Iich finden, daB Schiller also von ihr ergriffen werden konnte, 
selbst zu einer Zeit, in welcher der Deutsche gar keine Ver- 
anlassung gehabt hat, franzosischen Geist zu verherrlichen. 
Aber Schiller hat auch — und darum ist er wieder der groBte 
Impulsgeber fur das deutsche Geistesleben geworden — in sein 
Drama das Weben der Krafte des Unsichtbaren hereingenom- 
men. Und so weben sie herein wie in dem unsichtbaren Wesen, 
in Talbot, der als schwarzer Ritter erscheint. Man hat es viel- 
fach getadelt; aber Schiller konnte nicht anders, als daB die 
ewigen Geistesmachte auch in sein Drama hereinspielen. Daher 
reprasentiert er so recht diejenige Eigenschaft, die urdeutsch 
ist: keinen Unterschied zu machen von Nation zu Nation da, 
wo es auf das GroBte, auf das Hochste im Menschenleben an- 



kommt. Darum sagte ich: ich glaube es nicht, wenn man heute 
von HaB- und Antipathiegefuhlen der Deutschen gegen die an- 
deren Volker spricht, daB diese Gefuhle bis in die innersten 
Wurzeln der deutschen Lebensregungen gehen. Man braucht 
deshalb nicht blind und stumpf zu sein gegeniiber dem, was alles 
zutage trkt; aber man weiB zu unterscheiden zwischen dem, 
was sich von auBen an den Menschen herandrangt — und was 
der Mensch mit seinem hoheren Menschen zu iiberwinden sucht. 
Und auch Schiller steht dem auBeren, dem praktischen Leben 
nicht so fern, daB wir sagen miiBten, er ware blind gewesen 
gegeniiber dem, was die AuBenseite der verschiedenen Nationen 
ware. Er hat em Gedicht «Der Antritt des neuen Jahrhunderts» 
geschrieben; darin lesen wir die bedeutungsvollen Zeilen, die 
uns auch heute wieder in unserm gegenwartigen Leben recht 
nahe liegen: 

Zwo gewalt'ge Nationen ringen 
Um der Welt alleinigen Besitz; 
Aller Lander Freiheit zu verschlingen, 
Schwingen sie den Dreizack und den Blitz: 

Gold muB ihnen jede Landschaft wagen 
Und, wie Brennus in der rohen Zeit, 
Legt der Franke seinen eh 'men Degen 
In die Waage der Gerechtigkeit. 

Seine Handelsflotte streckt der Brite 
Gierig wie Polypenarme aus, 
Und das Reich der freien Amphitrite 
Will er schlieBen, wie sein eignes Haus. 

Das sind auch Schiller- Worte, die erklangen, trotzdem Schil- 
ler zu denjenigen gehorte, die in echt deutscher Weise den 



Grundsatz pflegen wollten: das Menschliche nicht im Nationa- 
len zu suchen, oder vielmehr — man kann es auch so aus- 
driicken: das Menschliche in jedem Nationalen zu suchen. 
Darum darf man sagen, daB es wahr sein kann, daB etwas, was 
Schiller und Fichte fur ihr Volk ersehnt haben, gerade auch 
aus unseren schicksalsschweren Tagen als die schonste Frucht 
hervorgeht: Der Deutsche hat es oft gesagt, daB er mit anderen 
Nationalitaten zusammenzuleben versteht Und wenn wir heute 
auf ein Land blicken, das unmittelbar an Deutschland angrenzt, 
und das nicht nur in auBerlicher Beziehung, sondern bis in das 
Innerste des menschheitlichen Verhaltens hinein es verstanden 
hat, neutral zu bleiben, wenn wir auf die Schweiz schauen, auf 
jene Schweiz, in welcher Fichte in Pestalozzi die Wurzeln zu 
seiner deutschen Nationalerziehung genommen hat, so diirfen 
wir sagen: Wir sehen an diesem Musterlande der Nationali- 
taten, daB es moglich ist, daB der Deutsche mit anderen Natio- 
nen durchaus zusammenzuleben versteht. Wer Schweizer Leben 
zu verfolgen vermag, der weiB, daB es den Bewohnern dieses 
Landes, wo in mustergiiltiger Weise drei Nationen zusammen- 
leben, von der allergroBten Wichtigkeit ist, daB sie dem Geiste 
nach das, was fiir ihr Staatsgebiet das wahrhaft innerste Inter- 
esse ist, den Geist der Neutralitat, aufrechterhalten kdnnen. 
Man sollte aber den Geist der Neutralitat achten und daran 
denken, daB die Schweizer durchaus aus ihrer eigenen gesunden 
Urteilskraft heraus wissen, welches die historische Mission des 
deutschen Geistes ist. Und begreifen sollte man, daB es dort 
die Empfindlichkeit in berechtigter Art verletzen kann, wenn 
man ein Gebiet, dem es gerade fiir die unmittelbare Gegenwart 
bedeutungsvoll ist, daB es auf dem Standpunkte ehrlichster 
Neutralitat steht, zu' sehr mit dem iiberschwemmt, was man 
heute die «Aufklarungsliteratur» nennt. Derjenige, glaube ich, 
der iiber des Deutschen Sendung so spricht, wie ich es getan 
habe, darf auch auf solches aufmerksam machen. 



So diirfen wir nun sagen: Wie ein Echo konnen wir es 
horen, was die Impulse Schillers und Fichtes gewirkt haben. 
Stellen wir noch einmal kurz zum SchluB vor unser Seelenauge 
die Worte, welche Emerson von Goethe gesprochen hat: «Er 
ist weise im hochsten Grade, mag auch seine Weisheit oftmals 
durch sein Talent verschleiert werden. Wie vortrefflich das ist, 
was er sagt, er hat etwas im Auge dabei, das noch besser ist . . . 
Er hat jene furchterweckende Unabhangigkeit, welche aus dem 
Verkehr mit der Wahrheit entspringt.» Aber aus diesem «Ver- 
kehr mit der Wahrheit » entspringt auch dieses Vertrauen, diese 
Zuversicht und Hoffnung, auch die Selbstlosigkeit und der 
Opfersinn, die wir iiberall urn uns herum sehen und die in 
den Dienst unserer groBen Zeit gestellt werden, um dasjenige 
wahr zu machen, von dem wiederum Emerson spricht: 

«Die Welt ist jung, groBe Manner der Vergangenheit rufen 
2u uns mit freundlicher Stimme. Wir miissen heilige Schriften 
.schreiben, um den Himmel und die irdische Welt aufs neue zu 
vereinen. Das Geheimnis des Genius ist, nicht zu dulden, daB 
eine Liige fiir uns bestehen bleibt, alles, dessen wir bewuBt 
sind, zu einer Wahrheit zu machen, im Raff inement des moder- 
nen Lebens, in Kunst und Wissenschaft, in den Buchern und 
in den Menschen Glauben, Bestimmtheit und Vertrauen zu er- 
wecken und zu Anfang wie am SchluB, mitten auf dem Wege, 
wie fiir endlose Zeiten, jede Wahrheit dadurch zu ehren, daB 
wir sie nicht allein erkennen, sondern sie zu einer Richtschnur 
unseres Handelns machen. » 

In der Betrachtung des deutschen Lebens, das aus solcher 
Gesinnung, wie diejenige Fichtes und Schillers ist, zum wahren 
geistigen Erkennen hinstrebt, entringen sich Personlichkeiten, 
wie Emerson eine ist, solche Worte. Und dann verstehen wir, 
wie - gewissermafien wie aus dem Elementaren heraus — auch 
in Bismarcks Rede vom Jahre 1888 dasjenige sich ausdriickt, 
was innig verbunden ist mit diesem Suchen des hoheren Men- 



schen im Alltagsmenschen. Was ist da innig verbunden? Ich 
habe schon im Beginne des Vortrages gesagt, als ich darauf hin- 
wies, wie zum SchluB die besten deutschen Genien den Weg 
zur Geisteswissenschaft weisen: Wie der auBere Mensch in der 
auBeren Natur ruht, so ruht das, was als hoherer Mensch im 
Menschen gefunden werden kann, was von Leben zu Leben 
geht, was selbst im Laufe der Erdenleben von einer Nationali- 
ty zur andern geht — das ruht im gottlichen Allsein. Und ver- 
bunden fuhlt sich der Mensch, wenn er die Wurzeln seines 
innersten Menschen erfaBt, mit dem Gotte, dessen Wesen die 
Welt durchwebt und durchpulst. Und Schiller und Fichte, sie 
sprechen von jenem Gotte, von dem dann auch Bismarck 
spricht, indem er in seiner elementaren Weise in der schon er- 
wahnten Rede den Deutschen die Worte zurief: 

«Wir konnen durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen 
werden — vielleicht zu leicht — , aber durch Drohungen ganz 
gewiB nichtl Wir Deutsche fiirchten Gott, aber sonst nichts in. 
der Welt; und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frie- 
den lieben und pflegen laBt. Wer ihn aber trotzdem bricht, der 
wird sich iiberzeugen, daB die kampfesfreudige Vaterlandsliebe, 
welche 1813 die gesamte Bevolkerung des damals schwachen, 
kleinen und ausgesogenen PreuBen unter die Fahnen rief, heut- 
zutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist und 
daB derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, 
sie einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann 
mit dem festen Glauben im Herzen: Gott wird mit uns sein! » 

Der Deutsche hat von jeher versucht, diesen seinen Gott im 
Geistigen zu suchen. Der Deutsche hat versucht - ich habe es 
schon letztesmal angedeutet — in Goethe, jene Faust-Gestalt 
zu schaffen, von der man nicht sagen kann, sie sei «deutsch» 
oder «franzosisch», «englisch», «russisch» oder «amerikanisch»; 
von der man aber sagen kann, daB sie menschlich ist, und die 
doch nur aus deutschem Geist entspringen kann. Ich habe auch 



darauf hingewiesen, wie man als Deutscher immer wird. Gleich 
neben seinen «Faust» stellt Goethe aber die Gestalt des Mephi- 
stopheles hin, die Einkorperung des Bosen, vor allem der Un- 
wahrheit. So darf der Deutsche in se'mem BewuBtsein hin- 
schauen auf die Gegeniiberstellung von Faust und Mepistophe- 
les - und, erkennend seine Mission in der Welt, wie sie Emer- 
son ausspricht, darf er betonen: Es ruht in jedem Deutschen, 
wohin wir auch deutsches Wesen zu tragen versuchen, das 
BewuBtsein, das in den Faust- Worten zum Ausdruck kommt: 
« Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn! » Das sind Worte, 
die gesprochen sind aus dem Geist heraus, der in Wirklichkeit 
jede Nationalkat in ihrem wahren Werte achtet und einsehen 
will und keine haBt. So kann der Deutsche auch ruhig hinsehen 
zu einem der letzten groBen Vorfahren, zu Bismarck selber und 
zu dem Wort: «Wir Deutsche furchten Gott, aber sonst nichts 
in der Welt.» Und er kann, auf diesen groBen Staatsgenius 
horend, wie aus dem geistigen Gebiete heraus gewisse Worte 
vernehmen, die dennoch — man muB Bismarck nur kennen — 
echt bismarckisch sind: «Es ist ja unzweifelhaft, daB die Dro- 
hungen und die Beschimpfungen, die Herausforderungen, die 
an uns gerichtet worden sind, auch bei uns eine ganz erheb- 
liche und berechtigte Erbitterung erregt haben, und das ist beim 
Deutschen recht schwer f denn er ist dem NationalhaB an sich 
unzuganglicher als irgendeine andere Nation; aber wir sind 
bemiiht, sie zu besanftigen, und wir wollen nach wie vor den 
Frieden mit unseren Nachbarn.» Wer daher den Deutschen 
kennt, der sucht tiefer, wenn er bei ihm das finden will, was 
er verachten, was er hassen konnte. Goethe hat gesucht; aber 
er hat nicht einen Menschen hingestellt, sondern neben dem 
Faust hat er den Mephistopheles hingestellt! Wo immer Men- 
schen leben ~ ihr Menschliches werden wir suchen, gleich- 
giiltig welcher Nationalist sie sind. Aber blind werden wir 
nicht sein diirfen gegeniiber dem, was in den Menschen lebt 



von dem Geist der Unwahrheit. Gerade in unserer Zeit, wo 
so Herbes und Unwahres an unsere Ohren klingt, diirfen wir 
noch sagen: es ist, wie wenn wir Bismarcks Worte vernehmen 
wurden. Er war ja immer bestrebt, die Gegner nicht zu ver- 
achten, sondern ihnen gerecht zu werden, zum Beispiel als er, 
im Kriege mit den Franzosen lebend, auf das altfranzosische, 
auf das fein-franzosische Wesen, mit dem er so gern ver- 
handelte, hinwies. So war es auch bei Gelegenheit der schon 
erwahnten Rede, wo er sagte: «Die Tapferkeit ist ja bei alien 
zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose schlagen 
sich so tapfer wie der Deutsche. » Wahrhaftig, der Deutsche 
sucht nicht bei den andern, was er etwa hassen, ablehnen musse 
oder wogegen er Antipathie haben miisse. Er ist geistig ver- 
anlagt; er sucht nach dem Geistigen, - wie Goethe in seinem 
Faust nach dem Geistigen der Luge in Mephistopheles suchte. 
Und so konnen wir zum SchluB wohl aussprechen, wie wenn 
wir Bismarck selber vernehmen wiirden und er uns aus den 
Reichen des Geistes zuraunte: Wenn wir horen, da6 Unwahres 
gesprochen wird im Westen, Nordwesten und Osten, so sollen 
wir uns nicht dazu verleiten lassen, Persdnlichkeiten, Nationali- 
taten zu hassen und zu verachten; denn wie es wahr ist, daB 
der Deutsche, wenn er sich in seinem hoheren Menschen er- 
greift, das allgemein Menschliche findet, das iiberall iiber die 
Erde hin zu finden ist, wo Menschenantlitz erscheint, so ist es 
auch wahr, daJ3 der Deutsche den Gegenstand seines Hasses 
erst durch die geistige Betrachtung finden muB. Wahr ist es: 
wie der Deutsche mit seinem Gotte sich vereinigt fuhlt in sei- 
nem innersten, in seinem heiligsten Menschen, so kann er auch 
nur da, wo er haBt, wo er zu hassen sich erlaubt, in die tieferen 
Wurzeln bis zum Geistigen gehen. So ist es wahr, in gewisser 
Beziehung tief wahr: Der Deutsche fiirchtet den Gott, aber 
sonst nichts in der Welt. Aber gegeniiber alledem, was uns ent- 
gegentont, ich mochte sagen, von alien Windrichtungen her, 



darf auch das Wort gepragt werden, das sich schon wahr er- 
weisen wird, wenn man einmal die Wurzeln des deutschen 
Wesens klarer als heute ins Auge fassen wird: 

Der Deutsche hafit im Grunde genommen keine Nationali- 
ty, keinen Menschen, insofern diese auf dem physischen Plan 
leben. Der Deutsche haBt allein - wenn davon gesprochen wer- 
den soil — den Geist der Luge und der Unwahrhaftigkeit; denn 
er liebt und will lieben den Geist der Wahrhaftigkeit alliiberall, 
wo er gefunden werden kann! 



DIE MENSCHENSEELE IN LEBEN UND TOD 
Berlin, 26. November 1914 



In den beiden ersten Vortragen, mit denen ich diesen Winter- 
vortragszyklus begonnen habe, versuchte ich aus den Impulsen 
heraus, welche uns die groBen Zeitereignisse geben konnen, 
innerhalb deren wir leben, Betrachtungen anzukniipfen an das 
Wesen der deutschen Geisteskultur, wie sie sich in ihren groBen 
Personlichkeiten darlebt. Was ich durch diese Betrachtungen 
versuchte durchleuchten zu lassen, war, daB es im Wesen dieser 
Geisteskultur liegt, sich immer mehr und mehr zu durchdrin- 
gen mit dem BewuBtsein der Wirklichkeit des geistigen, des 
ewigen Daseins. GewissermaBen ein Spezialkapitel aus dem, 
wozu es geisteswissenschaftliche Betrachtung bis in unsere Zeit 
herein gebracht hat, werde ich heute zu geben versuchen, urn 
damit eine Grundlage zu gewinnen fur das, was den Inhalt des 
morgigen Vomages bilden soil: eine Betrachtung iiber das 
Wesen der europaischen Volksseelen. Dadurch mochte ich 
dann andeuten, wenigstens mit einigen Ziigen, welche der 
Geisteswissenschaft entnommen sind, was diese letztere von 
ihren Gesichtspunkten aus zum Verstandnisse dessen zu sagen 
hat, was jetzt urn uns herum vorgeht. 

Die Betrachtung, die heute iiber die Menschenseele in Leben 
und Tod angesteUt sein soil, sie liegt ja zu jeder Zeit als eines 
der groBten Lebensratsel dem Menschen nahe - in unsererZeit 
wohl ganz besonders - wo wir die Frage nach Leben und Tod 
in so gewaltiger Weise an uns herantreten sehen, wo so Un- 
zahlige von dieser Frage durch die Realitat des Daseins inten- 



siv beriihrt werden, wo wir sehen, daB — gleichsam durch die 
Tatsachen - die edelsten Sonne des Volkes diese Frage in jeder 
Stunde ihres Daseins gestellt erhalten. Ich habe in den Vor- 
tragen, die ich im Verlaufe der Jahre hier halten durfte, ofter 
darauf aufmerksam gemacht, wie wir in der Zeit stehen, in 
welcher soiche Fragen wie die nach dem Wesen der mensch- 
lichen Seele, nach dem Schicksal der menschlichen Seele und 
des Menschen iiberhaupt und ahnliche Fragen einriicken in 
eine wissenschaftliche Betrachtungsweise, in eine Betrachtungs- 
weise, welche durch die Entwickelung jenes anderen wissen- 
schaftlichen Gebietes gefordert wird, das in den letzten zwei 
bis vier Jahrhunderten eine so groBe Vollendung erhalten hat: 
des naturwissenschaftlichen Gebietes. Das, was gewufit werden 
kann liber das Seelisch-Geistige, in richtig wissenschaftlicher 
Weise neben dasjenige hinzustellen, was naturwissenschaftlich 
fur die Menschheit erobert worden ist, das ist ofter hier als die 
Aufgabe der Geisteswissenschaft bezeichnet worden; und es ist 
auch gesagt worden, daB es nicht wundernehmen darf, wenn 
diese geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise heute noch 
von der groBten Mehrzahl der Menschen abgelehnt wird. Die- 
ses Schicksal teilt ja diese geisteswissenschaftliche Betrachtung 
mit alldem, was neu in die menschliche Geistes- und Kultur- 
entwickelung eintreten will, und sie teilt es auch mit der Na- 
turwissenschaft selber, die in der ganz gleichen Weise zu ihrer 
Zeit aufgetreten ist, die Gegnerschaft iiber Gegnerschaft ge- 
funden hat, und die erst beweisen muBte - aber nur durch 
Jahrhunderte es erst beweisen konnte -, was sie fur die Mensch- 
heitentwickelung zu leisten berufen ist. Allerdings in ganz 
anderer Weise muB sich geistige Betrachtung zu dem stellen, 
was wir Wissen und Wissenschaft nennen, als die Naturwis- 
senschaft. Gerade damit geistige Betrachtung im echten, besten 
Sinne wissenschaftlich zu nennen ist, muB sie anders vorgehen, 
muB sie in anderer Weise an den Menschen herankommen als 



das, was das Wesen naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise 
ausmacht. In der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise 
wenden wir zuerst den Blick hinaus auf die Tatsachen der Na- 
tur und des Lebens, und aus der Fiille des Mannigfaltigen, das 
da auf uns eindringt, erkennen wir die Geset2e des Lebens. 
Was durch die Sinne auf uns eindringt, das wird in uns inne- 
res seelisches Erlebnis, das wird in uns Gedanke, Begriff, Idee. 
Aber wer fuhlte nicht, daB mit diesem Aufsteigen von der 
vollinhaltlichen Betrachtung der auBeren Mannigfaltigkeit zu 
der Klarheit — aber auch zu der Abstraktheit — der Ideen und 
Naturgesetze die Menschenseele mit ihren inneren Erlebnissen 
sich eigentlich von dem, was man Realitat, was man Wirklich- 
keit nennen konnte, entfernt? Wir haben die voile Fiille der 
Natur vor uns; wir bemachtigen uns ihrer in der Wissenschaft, 
aber wir fiihlen, wie im Grunde genommen diinn, man konnte 
sagen wirklichkeitsleer gegeniiber der auBeren Wirklichkeit, 
die Begriffe und Ideen sich darstellen, die fiir uns die Natur- 
gesetze enthalten. Und so steigen wir auf von der Fiille der 
auBeren Wirklichkeit, die uns vor den Sinnen ausgebreitet 
liegt, zu dem — ich mochte sagen — atherisch diinnen Seelen- 
erlebnis, das wir haben, wenn wir uns der Naturgesetze in 
unserer Ideenwelt bemachtigt haben. Da entfernen wir uns 
gewissermafien von der Natur und ihrer Fiille; aber wir stre- 
ben nach dieser Entfernung, denn wir wissen, daB wir die 
Natur und ihre Gesetze nur erkennen konnen, wenn wir uns 
von ihr entfernen. Das ist das Hochste, das wir anstreben in 
der Wissenschaft: das innere Seelenerlebnis in den Ideen und 
Gedanken. 

Genau den umgekehrten Weg muB die Geistesforschung 
einschlagen, wenn sie Wissenschaft sein soil. Dasjenige, was 
letzte Konsequenz des inneren Erlebens der Wissenschaft in 
bezug auf die auBere Natur ist, das ist Vorbereitung — ledig- 
lich Vorbereitung — zu der Erkenntnis des Geistigen, des See- 



lischen; und es ware ein volliger Irrtum, wenn man glauben 
wollte, daB Geisteswissenschaft auf dieselbe Weise vorgehen 
konnte wie die Naturwissenschaft. Was die Naturwissenschaft 
als Let2tes erstrebt, das ist fiir die Geisteswissenschaft Vor- 
bereitung: leben im innern Seelenerlebnis, aufgehen in dem, 
was die Seele innerlich stark macht und was sie merit aus der 
auBeren Natur haben kann. Kurz, Wissen und Wissenschaft 
kann nur Vorbereitung sein zu dem, wozu man zuletzt kommt: 
zum Anschauen, zum Wahrnehmen der geistigen. Welt. Man 
konnte sagen: In der Naturwissenschaft strebt man Wissen 
und Wissenschaft an; in der Geisteswissenschaft bereitet man 
sich durch Wissen und Wissenschaft vor zu dem, was an die 
Seele herankommen soli, und alles, was man an Wissen und 
Wissenschaft haben kann, bleibt im Grunde genommen in der 
Geisteswissenschaft eine innere Angelegenheit fiir die Seele. 
Aber was die Seele, der Geist durchlebt, das fuhrt nicht zu 
einem bloB Subjektiven, was nur die Einzelseele des Menschen 
angeht, sondern es fuhrt zu dem, was real, was wirklich ist, so 
wie die auBere Natur nur wirklich ist. 

Ich habe ja ofter auf die Art und Weise aufmerksam ge- 
macht, wie diese Vorbereitung zum Anschauen, zum wirk- 
Iichen inneren Erleben der geistigen Wirklichkeit beschaffen 
ist. Ich will es von einem gewissen Gesichtspunkte aus auch 
heute wieder tun. 

Nur durch diese Vorbereitung hindurch kann man die Seele 
immer weiter und weiter bringen, so weit bringen, daB sich 
fiir sie zuletzt das, was geistige Wirklichkeit ist, um sie herum 
ausbreitet. Die Natur verlassen wir; die ist da. Wir gehen zum 
Geiste vorwarts. Die geistige Wirklichkeit miissen wir suchen. 
Wir konnen nicht von ihr ausgehen, sie ist zunachst nicht da; 
wir konnen uns nur fiir ihre Anschauung vorbereken. Wenn 
wir uns aber, innerlich erlebend, fiir ihr Anschauen vorberei- 
ten, dann tritt sie uns wie eine Gnade, aus der geistigen Dam- 



merung heraus sich breitend, entgegen. Wir miissen uns ihr 
Anschauen erwerben. 

Das Erste, was notwendig ist, urn gewissermaBen die mensch- 
liche Seele in ihrer Wirklichkeit zu erleben, ist ein innerliches 
- nicht Aufpassen, nicht Denken bloB, sondern ein innerliches 
Erleben desjenigen, was wir sonst nur wie einen Widerschein 
der auBeren Wirklichkeit haben: der Gedankenwelt, der Ge- 
fiihlswelt — dessen, was wir sonst in uns verspiiren, wenn wir 
uns der auBeren Natur gegeniiberstellen, und was wir wie ein 
Abbild der Natur betrachten, wie eine Vorstellung, in die die 
Natur hineinbegeben ist. Das miissen wir, indem wir den Blick 
von der auBeren Wirklichkeit vollig abwenden, indem wir uns 
blind und taub machen gegeniiber der auBeren Sinneswirklich- 
keit, stark und intensiv erleben; so erleben, daB wir es als ein- 
zige innere Wirklichkeit intensiv anwesend sein lassen in der 
Seele. Der Naturforscher will ein Naturgesetz als Gedanken 
aus der auBeren Sinneswirklichkeit herausziehen. Der Geistes- 
forscher gibt sich einem Gedanken, oder auch einem gefiihl- 
durchdrungenen Gedanken, im inneren Erleben hin; er laBt 
gleichsam, indem er weder das Auge noch das Ohr in die 
auBere Wirklichkeit hinaussendet, das innere Durchwebt- und 
Durchwirktsein der Seele aufsteigen und wendet die inten- 
sivste Aufmerksamkeit diesem inneren Erleben zu; er YergiBt 
sich und die Welt und lebt nur in dem, was er gleichsam in sei- 
nem leeren, aber wachen BewuBtsein aus den Tiefen des See- 
leniebens heraufsteigen laBt. Und da tritt das Eigentumliche 
ein: Der Gedanke, dem wir uns in unendlich gesteigerter Auf- 
merksamkeit durch lange Zeit hindurch hingeben, dieser Ge- 
danke, je starker er durch unsere innere Kraft wird, um so 
schwacher wird er gerade in bezug auf das, was er enthalt; er 
wird immer durchsichtiger und durchsichtiger, wird immer 
atherischer und atherischer. Man konnte sagen: Je starker sich 
der Geistesforscher anstrengt, um in dem Gedanken anwesend 



sein zu lassen, was man innere Gedankenkonzentration nennt, 
desto mehr schwindet der Inhalt des Gedankens dahin. Je mehr 
wir uns bemiihen, den Gedanken fest, gleichsam sichtbar war- 
den zu lassen, wenn wir uns ihm hingeben, desto mehr fiihrt 
dieses Hingeben dazu, daB er immer mehr und mehr in sich 
erloscht, daB er wie in einem Nebel sich auflost und dann 
vollig aus dem BewuBtsein entschwindet. Man konnte auch 
sagen, einen Grundsatz dieses inneren Erlebens damit aus- 
driickend: je mehr der Gedanke in seiner Scharfe in der Seele 
erlebt wird, je mehr er durch unser eigenes Zutun an Energie 
gewinnt, desto mehr erstirbt er in der Seele, Gleichsam epi- 
grammatisch ausgedriickt konnen wir sagen: Damit der Ge- 
danke das Ziel der Geistesforschung erreicht, muB er in der 
Seele sterben; und indem er stirbt, macht er ein inneres Schick- 
sal durch, macht er das Schicksal durch, das auch der Keim 
hat, der in die Erde gesenkt wird, urn zu verfaulen: aber aus 
seinem Verfaulen geht die Kraft zu einer neuen Pflanze her- 
vor. Indem der Gedanke in uns erstirbt in der Gedankenkon- 
zentration, erwacht er zu einem ganz andersartigen Leben; und 
nicht eher entdeckt man dieses andersartige Leben, als bis der 
Gedanke in innerer scharfer Konzentration erstorben ist. Man 
muB aufhoren zu denken, um die Seelenpflanze, das, was aus 
dem Gedanken hervorgeht, in sich aufkeimen zu lassen. 

Und was geht dann aus dem Gedanken hervor? 

Es ist in der menschlichen Sprache schwierig auszudriicken, 
was so aus dem Gedanken hervorgeht, weil ja die menschliche 
Sprache fur die auBeren Sinneserlebnisse geschaffen ist, und 
nicht schon fiir die innerlichen Seelenerlebnisse. Man kann da- 
her in gewisser Beziehung nur andeutend die inneren Erleb- 
nisse ausdrixcken, die in Betracht kommen. — Indem der Ge- 
danke, energisch gemacht, hinstirbt, erfiihlt die Seele innerlich 
eine aufkeimende Kraft, eine Kraft, derer sie sich bewuBt wird 
und von der sie in dem Augenblick, da sie sich ihrer bewuBt 



wird, weiB: Das ist geistig-seelische Kraft; das ist etwas, was 
nicht an deinen Leib gebunden ist; etwas, was du in dir tragst, 
ohne daB du dazu der Vermittelung deines Nervensystemes 
und deines Gehirnes bedarfst. Aber iadem man also nicht den 
Gedanken, sondern die Kraft des Gedankens erfaBt, entsteht 
- wie durch eine innerliche Notwendigkeit - die Frage, die 
man sich wie mit einem Blitzschlag vorlegt: «Wohin ist der 
Gedanke gekommen? Er war ja im Grunde genommen du 
selbst, indem du dich in scharfer Gedankenkonzentration an 
ihn hingegeben hast. Du lebtest in dem Gedanken, und indem 
er sich aufgelost hat und gestorben ist, hat er dich mit sich 
hinweggetragen. Wo ist er hingekommen? und wo bist du 
nun angekommen?» — Man muB hier einen Vergleich wahlen. 
So wie wir die Gedanken in uns tragen, die wir uns von der 
auBeren Natur machen, so wie wir wissen, wir haben die Ge- 
danken, so nehmen wir unmittelbar einen Zustand in uns 
wahr, durch den wir uns sagen: Der Gedanke, so wie du ihn 
gehabt hast, ist in deiner Gedankenkonzentration erstorben; 
aber er ist dadurch zu einem anderen Leben erwacht — und 
hat dich mitgenommen. Du wirst jetzt von ihm gedacht in der 
geistigen Welt! 

Das ist ein erschutterndes, grofies, ungeheuer bedeutsames 
Erlebnis im Leben des Geistesforschers. Denn nur so kann 
man in die geistige Welt aufsteigen, daB man sich von ihr 
erfaBt fiihlt — wie der Gedanke, wenn er lebendig ware, sich 
von uns erfaBt fiihlen wiirde. Und nicht anders kann man im 
Grunde genommen Unsterblichkeit erleben, als daB man durch 
seine innere Seelenentwickelung zu appellieren vermag an die 
unsichtbaren geistigen Wesenheiten, die immer iiber uns wal- 
ten - so wie die Naturwesen sichtbar um uns waken - und 
indem wir an unsere Beziehungen zu diesen geistigen Wesen 
appellieren, die in dem Augenblick, da der Gedanke hin- 
schwindet, anfangen ihn fur sich zu nehmen und uns zu den- 



ken. Jetzt beginnt man zu wissen: innerhalb der geistigen 
Welt sind Wesenheiten, deren Dasein hinausgeht iiber die 
bloBe Natur; wie wir Menschen mit unsern Gedanken denken, 
so denken unser geistiges Wesen, so denken den Inhalt unserer 
Seele diese hoheren Genien. Die halten uns, die tragen uns; 
und dadurch, daB wir in ihnen sind, ist unser iiber unser leib- 
liches Dasein hinausgehendes unsterbliches Wesen bedingt. 
Wir sagen uns durch die Geisteswissenschaft: Konnen wir uns 
nicht selber halten im Tode, entfallt uns dasjenige, was wir 
uns im Dasein zwischen Geburt und Tod als inneres Erleben 
durch die auBere Natur haben schaffen konnen, so gehen wir 
durch die Pforte des Todes durch und sehen dann aus den 
Ergebnissen der Geisteswissenschaft, daB dasjenige, was an uns 
unabhangig ist vom Leibe, im Grunde genommen Gedanke 
von hoheren Wesenheiten ist. 

Nicht so ist es, daB das, was wir geistige Welt nennen, sich 
in einer ahnlichen Weise wie die auBere Natur um uns herum 
ausbreitet — was viele erwarten. Die auBere Natur steht vor 
uns; wir stehen vor ihr, und wir schauen sie an. Indem wir in 
die geistige Welt aufsteigen, ist das anders. Da dringt die gei- 
stige Welt in unser eigenes Erleben, das wir erst umgewandelt 
haben, hinein; da denken wir nicht iiber die geistige Welt, da 
miissen wir innerlich erleben, wie wir gedacht werden. Wir 
sind gegeniiber der geistigen Welt in der gleichen Lage wie 
unsere Gedanken iiber die auBere Wirklichkeit gegeniiber unse- 
rer Seele. Das ist im Grunde genommen das tiberraschendste 
gegeniiber der auBeren Wirklichkeit. Es ist die Erfahrung der 
geistigen Wirklichkeit, die umgekehrt ist gegeniiber der der 
sinnlichen Wirklichkeit, daB wir uns sagen: Gegeniiber der 
geistigen Wirklichkeit, wenn wir sie wirklich erfahren, fiihlen 
wir uns so, wie sich die Natur uns gegeniiber in der sinnlichen 
Wirklichkeit fiihlen miiBte; wir denken nicht iiber die gei- 
stigen Wesenheiten; wir erleben, daB wir, wenn wir uns zu 



ihnen erhoben haben, von ihnen gedacht und gehalten wer- 
den. Wir werden, wenn man das pedantisch wissenschaftlich 
ausdriicken will, Objekt der geistigen Welt. Wie wir Subjekt 
sind gegeniiber der auBeren Namrwirklichkeit, so werden wir 
Objekt gegeniiber der geistigen Welt. Und wie die aufiere 
Naturwirklichkeit uns als Objekt gegeniibersteht, so erheben 
wir uns zu einem Erleben der geistigen Wirklichkeit, in wel- 
chem wir selber Objekt sind; denn die geistige Wirklichkeit 
tritt uns als Subjekt — oder als eine Vielheit von Subjekten - 
entgegen. 

Dieses innere Erleben wird sehr haufig, aber stets nur von 
denen, die es nicht kennen und die keinen Willen haben, auf 
dasselbe einzugehen, als etwas Subjektives hingestellt, als eine 
rein personliche Angelegenheit. In gewisser Beziehung ist der 
Einwand, der damit gemacht wird, ganz richtig. Denn was 
man auf der ersten Stufe der Geistesforschung kennenlernen 
kann, hat einen subjektiven Charakter; das tragt eine person- 
liche Nuance in all den Kampfen, den inneren Uberwindun- 
gen, die man dabei durchzumachen hat. Und man kann gegen- 
iiber diesen ersten Schritten allerdings berechtigterweise den 
Einwand machen: Der Forscher hat die Aufgabe, die Grenzen 
der menschlichen Erkenntnis abzustecken, und er sollte sich 
bewuBt sein, daB dasjenige, was iiber die allgemeinen Grenzen 
hinausgeht, die uns durch die auBere Natur gezogen sind, im 
Grunde genommen nur subjektive Erkenntnis sein kann. Der 
Einwand ist berechtigt, und keiner wird ihn so sehr anerken- 
nen wie der Geistesforscher; aber er gilt nur bis zu einer 
gewissen Etappe, und zwar aus dem Grunde, weil in Wirklich- 
keit alles, was man bis dahin subjektiv, personlich durch- 
machen kann, nur Vorbereitung ist. In dem Augenblick, wo 
die Vorbereitung geniigend ist, tritt uns die objektive geistige 
Wirklichkeit wie durch eine Gnade, die als Kraft iiber uns 
kommt, selbst entgegen. Das, was als Vorbereitung durch- 



gemacht wird, kann im Grunde genommen fiir die verschie- 
densten Menschen ganz verschieden sein; wo sie aber zuletzt 
ankommen, das ist fiir alle dasselbe. Auch der Einwand wird 
oft gemacht, daB die Geistesforscher das, was sie mitteilen, 
gewohnlich subjektiv gefarbt mitteilen; der eine sagt so, der 
andere so iiber die Tatsachen der geistigen Welt aus. Das ist 
ganz richtig, aber nur deshalb richtig, weil viele nicht das- 
jenige mitzuteilen wissen, was sich durch die erwahnte Gnade 
darbietet, sondern weil es noch ihr Personliches, ihr Subjek- 
tives ist, was sie mitteilen, weil sie es nicht dahin gebracht 
haben, den Punkt zu erreichen, wo der Geistesforscher vor 
einer geistigen Welt ankommt, welche so objektiv vor ihm 
steht, wie die Naturbilder objektiv vor der Menschenseele auf- 
treten. Was gegeniiber der geisteswissenschaftlichen Forschung 
eingewendet wird — ich habe das oft hier gesagt — , dessen Be- 
rechtigung sieht der Geistesforscher selber am allerbesten ein. 

Wenn die geistige Welt nach geniigender Vorbereitung von 
dem Geistesforscher erreicht ist, dann weiB sich dieser Geistes- 
forscher erlebend in einer unsichtbaren, ubersinnlichen Welt. 
Sein Wissen hat aufgehort, fiir ihn Bedeutung zu haben. Es 
ist dieses Wissen durchaus in Erleben, in unmittelbarstes 
Darinnenstehen vollinhaltlich iibergegangen. Und nun tritt fiir 
den Geistesforscher das ein, was unmittelbare Wahrheit fiir 
ihn wird. Er weiB: Jetzt lebst du in der Welt, in welcher du 
im Verlaufe von vierundzwanzig Stunden immer drinnen bist; 
du lebst jetzt in der Geistigkeit, in dem seelischen Dasein, in 
dem du dich sonst stets - aber unbewuBt — im Schlafe befin- 
dest. Man lernt durch die Geistesforschung den Zustand des 
Schlafes kennen, lernt erkennen, daB in diesem die Menschen- 
seele wirklich auBerhalb ihres Leibes ist, daB sie gleichsam 
den Leib vor sich hat, wie man sonst nur die Gegenstande der 
auBeren Natur vor sich hat. Wodurch lernt man das erken- 
nen? Dadurch, daB man jetzt wirklich in einem Zustande sich 



befindet, in dem man sonst wahrend des Schlafes ist, nur in 
ganz entgegengesetzter Weise. Im Schlafe ist es so, dai3 das 
BewuBtsein herabgedriickt ist, daB sich Dunkelheit urn uns 
herum ausbreitet. Jetzt aber kann man als Geistesforscher die- 
sen Zustand anschauen, weil man ihn erlebt - aber nicht un- 
bewuBt, wie im Schlafe, sondern bewuBt. Man weiB: Man ist, 
indem man aus dem Leibe herausgekommen ist — denn man 
kommt aus dem Leibe bewuBt heraus - innerlich vereint mit 
der geistigen Welt; man ist Eins geworden mit der geistigen 
Welt. — Und jetzt beantwortet sich die Frage: Warum ist denn 
gewohnlich die Seele im Schlafe so, daB sie sich ihrer nicht 
bewuBt ist? Warum ist sie auBerhalb ihres Leibes in dem 
dumpfen, finsteren Zustande? Diese Frage beantwortet sich 
fur den Geistesforscher dadurch, daB er jetzt erkennen kann, 
was durch seine Vorbereitung weggeschafft ist in seinem inne- 
ren Seelensein, und was da ist fur die Seele, wenn sie im 
Schlafe ist. Denn der Geistesforscher kommt durch seine Vor- 
bereitung auf einem Kampffelde, auf einem inneren Kampf- 
felde an, und man kann nur schwer Worte finden, um aus- 
zudriicken, was mit einer ungeheuren Intensitat, mit einer 
inneren Tragik an den Menschen herankommt, wenn er es 
dahin bringen will, daB er den Gedanken zum Ausloschen und 
zum Wiederaufbliihen in einer anderen Sphare bringen kann. 
Was sich da in der Menschenseele geltend macht, und was 
wie bis zu einem ZerreiBen der menschlichen Seele fuhren 
kann, ist, daB dann, wenn man sich nicht gehorig iiberblickt, 
eine innere Opposition, eine innere Rebellion gegen das auf- 
tritt, was man innerlich tut. Denn in dem Augenblick, wo der 
Gedanke sich innerlich ausloscht, empfindet man: je mehr 
man sich herauslebt aus seinem eigenen BewuBtsein heraus in 
das BewuBtsein der unsichtbaren geistigen Wesenheiten, die 
im Unsichtbaren walten, desto mehr werden auch innere 
Krafte wach, die die heftigste Opposition fuhren gegen dieses 



Aufsteigen aus einem BewuBtsein heraus in ein anderes. Man 
fiihlt etwas kommen, was nicht will, daB man es tut. Und 
jenes innerliche Uneinswerden, jenes Skhaufbaumen gegen die 
eigene Tat wird der ttagische innere Kampf, den jede eigent- 
liche Geistesforschung intensiv auszufechten hat. Alle Worte 
sind zu schwach, um das, was so durchlebt werden muB, wirk- 
lich zum Ausdmck zu bringen. Denn wenn man so, sich inner- 
lich fiihlend, gleichsam sich selbst weggenommen fiihlt, wenn 
man sich hinaufgehoben fiihlt in eine andere Sphare, dann 
macht sich jene Opposition geltend, welche sagt: «Du willst 
dich nicht verlieren, aber du tust alles, um dich zu verlieren. 
Es ist ja der Tod, den du dir bereitest; du lebst ja nicht mit 
deinem Wesen in dir, du wirst der Gedanke eines andern. Du 
stirbst in dir!» Und alles, was man mit einem ungeheuren 
Willen an innerem Tatprotest aufbringen kann, das macht 
sich geltend wie eine Opposition gegen dieses Aufgehen. 

Das nachste ist nun: Herr zu werden iiber jene innere Oppo- 
sition, liber das, was da aus den Tiefen der Seele hervorgeht. 
Man muB es erst finden, was die Moglichkeit bietet, um aus 
diesem Zustande herauszukommen. Wenn man es gefunden 
hat, dann ist es das Zweite, was zu der Gedankenkonzentration 
hinzutreten muB, was gleichsam unter dem zweiten groBten 
geistigen Gesetz der Entwickelung der menschlichen Seele steht. 

Man fragt sich: Was rebelliert denn eigentlich in dir? Was 
ist es, was wie ein furchtbarer Rebell sich aufbaumt? Und 
gerade so, wie man an den Gedanken ankniipft, indem man 
ihn hat und ihn zum Verschwinden und zum Wiederaufleben 
in einer anderen Sphare bringt, so muB man auch jetzt an das 
ankniipfen, was man schon hat. Und das, was man hat, woran 
man ankniipfen muB, das ist das, was man das menschliche 
Schicksal nennen kann. Dieses menschliche Schicksal, es ttkt 
so an uns heran, daB wir seine inneren Schlage — ob im Guten 
oder Schlimmen — wie von auBen an uns herankommend er- 



leben. Wie weit sind wir beim menschlichen Erleben davon 
entfernt, dasjenige, was das Schicksal ist, als etwas anderes zu 
nehmen, als was uns «zufallt», was im besten Sinne der «Zu- 
fall» ist? Aber man kann beginnen, es anders zu nehmen. Und 
indem man so beginnt, das Schicksal anders zu nehmen, wird 
man zum Geistesforscher. Man kann damit anfangen, sich zu 
fragen: Was bist du denn eigentlich in bezug auf dein Schick- 
sal? Man kann in seine Vergangenheit, die man in der Jugend 
oder in den Jahren, die man bisher durchlebt hat, zuriickblik- 
ken und das Schicksal iiberblicken; man kann auf die ein- 
zelnen Ereignisse dieses Schicksals, soweit man ihrer habhaft 
werden kann, im riickblickenden Nachforschen schauen, und 
man kann sich die Frage stellen: Was warest du denn eigent- 
lich, wenn dich dieses Schicksal mit all seinen «Zufallen» 
nicht getroffen hatte? Und wenn man dieser Frage, die jetzt 
allerdings eine personliche sein muB, intensiv zu Leibe geht, 
so merkt man: Wie auch die Schicksalsschlage liegen mogen, 
ob sie gut oder schlimm sich angelassen haben - was wir jetzt 
sind, das sind wir durch alie die guten und bosen Schicksals- 
schlage; wir sind im Grunde genommen nichts anderes als das 
Ergebnis dieses unseres Schicksals. Man fragt sich: Was bist 
du denn anderes, als das Ergebnis dieses Schicksals? Hatte 
dieses oder jenes dich nicht betroffen, so hatte es deine Seele 
nicht durchschuttelt und durchriittelt, und so warest du nicht, 
was du jetzt bist. Und wenn man dann sein gesamtes Schicksal 
in dieser Weise iiberblickt, dann findet man, daB man mit 
seinem jetzigen Ich und seinem ganzen Erleben im Grunde 
genommen mit dem Schicksal so zusammenhangt wie die 
Summe in einer Addition mit den einzelnen Summanden und 
Addenten. Wie die Summe in einer Addition nichts anderes 
ist als das, was durch die einzelnen Addenten zusammenflieBt, 
so sind wir im Grunde genommen nichts anderes als die 
Summe aller guten und bosen Schicksalsschlage, die wir durch- 



gemacht haben, und wir wachsen, indem wir eine solche Be- 
trachtung anstellen, mit unserem Schicksal zusammen. Das 
erste Gefiihl, dem wir uns dann hingeben konnen, ist: Du bist 
Eins mit deinem Schicksal. Und wahrend man sich friiher 
abgesondert hat von seinem Schicksal, wahrend man sich frii- 
her getrennt hingestellt hat als ein besonderes Ich, flieBt jetzt 
das besondere Ich in den Strom dieser Schicksalsereignisse hin- 
ein. Aber es flieBt so hinein, daB es nicht nur in dem Strom 
der Gegenwart wie ein Ergebnis dasteht; sondern indem man 
nach und nach dieses ZusammenflieBen erlebt, nimmt das 
Schicksal unser Ich - das, was wir sind - gleichsam mit. Wir 
sehen zuriick auf den Ablauf der Schicksalsschlage, und wir 
finden, indem wir auf unser Schicksal sehen, darin unsere 
eigene Tatigkeit; wir wachsen in das Werden unseres Schick- 
sals hinein. Wir fiihlen uns nicht nur Eins mit unserm Schick- 
sal, sondern wir wachsen nach und nach so in unser Schicksal 
hinein, daB wir uns mit dem Schicksal und seiner Tat ver- 
einigen. Und nun gehort es wieder zu den bedeutsamen, 
inneren groBen Erlebnissen, daB wir uns, auf einen Schick- 
salsschlag zurtickblickend, nicht sagen: er hat uns getroffen, 
er ist uns durch einen Zufall zugestoBen, sondern daB wir uns 
sagen: In diesem Schicksal haben wir schon gesteckt; dadurch 
haben wir uns zu dem erst gemacht, was wir heute sind. 

Eine solche Betrachtung kann nicht nur in Gedanken, in 
Ideen und Vorstellungen angestellt werden. Jeder Schritt sol- 
dier Betrachtung erfiillt sich mit innerer gefuhlsmaBiger, 
Iebensvoller Seelenwirklichkeit. Das Zusammenwachsen mit 
dem Schicksal wird erlebt; das Ich dehnt sich aus iiber das 
Schicksal. Und was sich ausdehnt — man lernt es erkennen als 
etwas ganz anderes derm Gedanke. Als das andere Seelen- 
element lernt man es erkennen, das in uns vorhanden ist, als 
den Willen, der vom Gefiihl getragen ist. Den Gedanken fiih- 
len wir, indem er sich konzentriert, ersterben und als eine 



Kraft aufgehen in einer fremden Geisteswelt, von der wir 
gleichsam gedacht werden; unser Wille, unser gefiihlgetra- 
gener Wille wachst in die Zeitenweiten zuriick, wachst sich 
aus, so daB er mit unserem Schicksal zusammenfallt, wird im- 
mer starker. Indem wir uns mit unserem Schicksale Eins fiih- 
len, erleben wir nicht das Sterben in den Gedanken, sondern 
ein immer Lebendiger- und Lebendigerwerden des Willens. 
Wahrend der Wille zunachst in dem einzigen Punkte unserer 
Gegenwart konzentriert ist, und wir ihn in unsere Taten und 
Worte ausflieBen lassen, dehnt er sich, wie von einem kleinen 
Keimpunkte, in dem Zeitenstrom zu dem aus, was nach ruck- 
warts leuchtet, was uns selber gewissermafien geschaffen hat. 
Unser Wille - das ist das zweite Gesetz, das hier in Betracht 
kommt, - indem er sich also hingibt an das Schicksal, sich 
verliert an das Schicksal, wird innerlich immer starker und 
starker, immer kraftiger und kraftiger. Er geht aus dem Zu- 
stande, in dem wir ihn sonst immer haben, in einen ganz 
anderen Zustand iiber. 

Der Gedanke erstirbt, um in einem neuen Dasein wieder 
aufzuleben. Mit dem Willen stehen wir so da, daB er in einem 
bestimmten Augenblick tot ist gegeniiber unserem Schicksal; 
er ist tot gegeniiber den Zufallen des Schicksals. Leiten wir 
den Willen in innerer Meditation iiber unser Schicksal hin, 
so wird er - indem er sich hinopfert und gleichsam immer 
ergebener wird gegeniiber unserem Schicksal, indem er er- 
kennt, daB wir in unserem Schicksal selber leben - immer 
starker und starker. Der Gedanke geht iiber von seiner Starke 
zu seinem Ersterben und zum Wiederaufbliihen in einer 
anderen Sphare; der Wille geht iiber von seiner Augenblicks- 
wirkung zu einer ungeheueren Breite, indem er der Trager 
unseres gesamten Schicksals wird. Und hier ist es, wo das 
Erleben sich wirklich ausdehnt in ein Gebiet, das dem auBeren 
Erleben nicht zuganglich ist. Dem auBeren Erleben ist nur 



zuganglich das Gebiet bis zu den Erlebnissen, wo das BewuBt- 
sein erwacht ist, wo das auBere Er inner n beginnt: im dritten, 
vierten Jahre des Menschen. Wenn wir uns aber wirklich mit 
unserem Willen durchleben, so daB wir unser Schicksal nicht 
mehr wie ein Fremdes, wie etwas was «drauBen» steht, be- 
trachten, dann bleiben wir audi nicht mehr - und mit der 
Zeit entwickelt sich dieses innere Erlebnis — mit dem BewuBt- 
sein der Seele in unserem gegenwartigen Leben stehen. Dann 
blicken wir zuriick in weite, weite Fernen, blicken zuriick in 
Zustande unserer Seele, welche unserer Geburt — oder Emp- 
fangnis - vorangegangen sind, blicken hin auf Zeiten, in 
welchen unsere Seele selbst in der geistigen Welt gelebt hat, 
bevor sie in das physisch-irdische Dasein hineingetreten ist, 
schauen zuriick auf einen Zustand der Seele, wo sie sich Krafte 
vorbereitet hat, um unseren Leib zu ergreifen. Indem wir den 
Willen also zubereiten, daB wir das Entgegengesetzte von dem 
durchmachen, was in der Gedankenkonzentration erlebt wird, 
ergreifen wir unser eigenes, ■ iiber Geburt und Tod hinaus- 
liegendes Leben. Wenn wir den Gedanken ergreifen wollen, 
miissen wir uns losmachen von der auBeren Wirklichkeit, 
miissen wir fur die auBere Sinneswirklichkeit blind und taub 
werden, miissen uns ganz in uns zuriickziehen; dann wird der 
Gedanke so verwandelt, daB wir selbst gedacht werden von 
hoheren BewuBtseinen. Mit dem Willen miissen wir das Ent- 
gegengesetzte vornehmen: miissen uns in das verbreiten, was 
sonst nur auBer uns stehend ist. Mit dem Gedanken gehen wir 
in uns hinein; mit dem Willen gehen wir aus uns heraus, 
gehen in unser Schicksal hinein und finden durch den Durch- 
gang durch unser Schicksal den Weg in die geistigen Welten, 
wo wir der Wirklichkeit unserer Seele nach in der umfassend- 
sten Wirklichkeit drinnenstehen, in jener Wirklichkeit, die 
uns auch schon ergriffen hat, bevor wir zum leiblichen Dasein 
heruntergestiegen sind. 



Was ich so - scheinbar theoretisch - ausfiihre, ist nur die 
Schilderung der inneren Erlebnisse, welche der Geistesforscher 
durchzumachen hat, urn zu der Erkenntnis der geistigen Welt 
aufzusteigen, um zum Anblick der geistigen Welt zu kom- 
men. In bezug auf die auBere Natur geht die Natur voraus, 
und das Wissen folgt nach; in bezug auf die geistige Natur 
geht das Wissen — das heiBt was so verlauft wie ein Wissen - 
als Vorbereitung voran; der Anblick folgt nach. Und nun er- 
kennen wir uns in dem, was im Grunde genommen immer 
in uns lebt, was aber die Menschheit auch wird wissenschaft- 
lich betrachten miissen, wenn die Kulturentwickelung geistig 
weitergehen soli; damit aber dies durch die fortschreitenden 
Krafte der Entwickelung in das BewuBtsein hereintreten kann, 
muB das wissenschaftliche Ergreifen dieser Vorgange voran- 
gehen. Selbstverstandlich — man sollte das gar nicht zu erwah- 
nen brauchen ~ «machen» wir nicht das seelische Erleben, 
indem wir es so geisteswissenschaftlich erfassen; sondern wir 
nehmen dasjenige in uns wahr, was immer in uns ist. Aber 
wie in der Naturerkenntnis das Erleben und die Erkenntnis 
sich aus dem Anschauen herausentwickelt, so muB sich in der 
Geisteswissenschaft aus dem Wissen iiber die geistigen Vor- 
gange die Anschauung der geistigen Welt herausentwickeln, 
wenn die Menschheitentwickelung vorwarts gehen soil. Und 
was man erkennt, ist dasjenige, was unabhangig ist von dem 
auBeren physischen Leib, was diesen gleichsam anzieht, indem 
es aus der geistigen Welt in die physische herabsteigt. 

Aber auch im gewohnlichen Alltagsleben leben wir uns aus 
dem Leibe heraus, indem wir — aus Griinden, die hier schon ofter 
erortert worden sind - abwechselungsweise immer im Lauf e von 
vierundzwanzig Stunden in den Schlafzustand ubergehen. Und 
wenn wir den Schlafzustand betrachten, konnen wir die Frage 
aufwerfen: Warum dampft sich das, was in das geistige Be- 
wuBtsein sonst hereingeht, wahrend des Schlafes ab? Warum 



ist dann Finsternis um uns herum? Und wir erkennen dann 
durch Geisteswissenschaft eben in dem Augenblick, wo die 
Seele sich durch wirkliche Vorbereitung in Gedankenkonzen- 
tration und Meditation selber kraftvoll ergreift, wie diese Kraft 
in den Leib hineingeht, und wir erkennen auch, weil wir dann 
die innere, unsterbliche Kraft erfassen, was sie im gewohn- 
lichen Schlaf verdunkelt, was es unmoglich macht, daB man 
die geistige Wirklichkeit im Schlaf anschaut, wenn man aus 
dem Leibe heraus ist. Wenn man dies priift, wenn man die 
geistige Wirklichkeit anschaut, die sonst verfinstert ist, so 
merkt man: Da ist in der Seele ein t)bermafi von Wunsch vor- 
handen, ein Uberwuchern von Begierden, ein gefiihlsmaBiges 
Durchdrungensein intensivsten Wunschlebens, ein viel star- 
keres Wunschleben, als dann vorhanden ist, wenn die Seele 
wieder in den Leib untertaucht und aufwacht. Und was 
wimscht die Seele im Schlafe? Das ist durch die geisteswissen- 
schaftliche Forschung anzuschauen: Im Schlafe begehrt die 
Seele in intensiver Weise wieder unterzutauchen in den phy- 
sischen Leib, in das, was sie verlassen hat. Und indem der 
Wunsch, in den Leib wieder unterzutauchen, in der Seele 
iiberwaltigend stark ist, loscht dieser Wunsch, wie ein Nebel- 
gebilde die Klarheit iiberzieht, fur die Seele das aus, was sie 
sonst, als der geistigen Welt angehdrig, wahrnehmen wiirde: 
das BewuBtsein hoherer Wesen und ihr Erleben, ihr — der 
Seele — Enthaltensein in hoheren Wesen — und ihr Enthalten- 
sein in diesen vor Geburt und Tod. Weil aber die Seele die 
Krafte braucht, welche ihr aus der geistigen Welt allein kom- 
men konnen, wie der Leib die Krafte braucht, die aus der 
Atomenwelt kommen konnen, so muB sie immer wieder in die 
geistige Welt untertauchen; weil sie aber immer wiinscht, in 
den Leib unterzutauchen, so bleibt ihr BewuBtsein fur die 
geistigen Vorgange ausgeloscht, auch dann, wenn sie leibfrei 
im Schlafe ist. Was der Mensch in seinem Leibe erlebt, das 



wird er niemals ohne diesen Leib zunachst unmittelbar erleben 
konnen. Was er in diesem Leibe erlebt, das ist, daB die geringe 
Kraft, die er in seiner Seele hat, um das Geistige unmittelbar 
anzuschauen, iiberwuchert wird im gewohnlichen Leben durch 
die Begierde nach dem Leibe, und daB diese Kraft im Leibe, 
wo die Seele diese Kraft hat, immer starker und starker wird. 
Die Seele lernt im Leibe BewuBtsein, SelbstbewuBtsein zu 
entwickeln. Das ist das Wesentlkhe dieses Leibeslebens. Die 
Seele macht dieses Leben im Leibe durch, nicht wie in einem 
Kerker, nicht wie eine Gefangenschaft, sondern wie etwas, was 
ihr zum Gesamterleben notwendig ist. Denn die Seele kann 
das, was sie sein soil, nur werden, und dieses Erleben geht 
iiber von einem dumpfen zu einem hellbewuBten. Die bewuB- 
ten Krafte aber werden zuerst im Leibe angeregt. Wenn die 
Seele gleichsam ihre Befriedigung hat, widmet sie sich dem 
Lfberschattetwerden von der BewuBtheit. Die BewuBtheit geht 
als eine Kraft in sie iiber. Und dann - das wird ja insbeson- 
dere durch die Geisteswissenschaft klar — , wenn die Seele im 
Leibe das «BewuBtwerden» erlebt, dann behalt sie das Nach- 
erlebnis dieses BewuBtseins. Da tritt etwas in Kraft, was hoher 
ist als die gewohnliche Erinnerung, aber doch ahnlich ist der 
gewohnlichen Erinnerung. Wir erinnern uns im Leben durch 
unser gewohnliches Gedachtnis an das, was wir an Erlebnis- 
sen durchgemacht haben; das konnen wir wieder in die Seele 
heraufrufen. Was die Seele im Leibe erlebt: diese Aufhellung 
des BewuBtseins, dieses Durchkraften mit dem BewuBtsein, 
diese Erinnerung des SelbstbewuBtseins, das tritt beim Geistes- 
forscher — wenn er das durchmacht, wovon ich gesprochen 
habe — , so auf, daB er in seiner Seele das Erlebte im Leibe an- 
wesend hat wie in einer Erinnerung. Das miissen wir festhalten. 

Der Geistesforscher lebt hinauf in eine geistige, hohere 
Welt; er wird gleichsam Gedanke hoherer Wesenheiten. Aber 
indem er sich durchdringt mit dem, was die Geistesforschung 



geben kann, wird das, was sonst Rebellion wird, zu einem 
solchen inneren Erlebnis, daB er jetzt, indem er sich in die 
geistige Welt hinauflebt, wie mit einer Erinnerung an sein 
Leibesleben behaftet bleibt. Jetzt weiB er: dieses Leibesleben 
gehort doch zu dir. Und jetzt streift sich durch die Erinne- 
rung, die man sich durch die Ausbreitung liber das Schicksal 
errungen hat, diese Rebellion ab. Man weiB: jetzt ist man 
nicht dem geistigen Tode in der geistigen Welt ausgesetzt. 
Denn wie man auch in die BewuBtseine hoherer Wesenheiten 
aufgehen mag: man lebt sich so hinauf, daB die Gedanken 
zwar erfaBt werden von den hoheren Wesenheiten, aber wir 
in der Kraft des inneren Erlebens bleiben; wir erhalten uns, 
wir behalten uns, wenn wir uns in die hoheren BewuBtseine 
hinaufleben, wie sich die Gedanken in dem BewuBtsein der 
hoheren Wesenheiten erhalten. Was wir als Erinnerung im 
Gedachtnis behalten, ist nicht Wirklichkeit, bevor wir es nicht 
aus dem Gedachtnis heraufholen. Wie es da unten im dump- 
fen UnterbewuBtsein ist, interessiert es zunachst den Men- 
schen nicht; da hat es keine Realitat. Deshalb nannte ich das, 
als was sie der Geistesforscher dann hat, etwas wie eine hohere 
Erinnerung, die doch der Erinnerung ahnlich ist. Es ist, wenn 
wir uns in die BewuBtseine hoherer Wesenheiten hinaufleben, 
wie wenn alle unsere Gedanken selbstandige Wirklichkeit be- 
hielten, und der Strom unserer Erlebnisse nicht bloB fiir unser 
Gedachtnis wie ein Strom ist, der da ist, daB wir ihn in die 
Erinnerung hinaufziehen, sondern wie wenn die Erlebnisse in 
ihrer eigenen geistigen Wirklichkeit in ihm schwammen. So 
leben wir uns durch das Erlebnis, das angedeutet worden ist, 
durch die Erinnerungen in eine hohere Welt hinauf, aber diese 
Erinnerungen sind wir selber, in unserm eigenen Erinnern uns 
erfassend. Es ist kaum etwas anderes wie ein Gleichnis, aber 
es driickt den Tatbestand aus, wenn man sagt: Indem die Seele 
durch Meditation, durch Gedankenkonzentration und durch 



WillensausgieBung iiber das Schicksal sich weiterentwickelt, 
wird die Menschenseele etwas fur diejenigen Wesenheiten, die 
sie aufnehmen in ihr BewuBtsein, und die sie halten in den 
Regionen, in denen sie lebt nach dem Tode und vor der Ge- 
burt. Aber wie die Gedanken nur ein Dasein haben, das von 
uns geborgt ist, so leben wir uns hinauf in die «Gedanken- 
schaft» der hdheren BewuBtseine, und indem diese auf uns 
zuriickblicken, blicken sie zuriick als auf selbstandig geblie- 
bene Wesenheiten. Indem wir uns in unserm Schicksal er- 
griffen haben, erhalten wir uns in dem BewuBtsein hoherer 
Wesenheiten. 

Alles, was ich so ausdriicke, ist nur das Wissen iiber den 
Tatbestand, der fiir die Seele immer da ist. Denn was der 
Geistesforscher so erlebt, ist nichts anderes als das Wissen 
iiber das, was die Seele erlebt, wenn sie durch die Pforte des 
Todes iiber die auBere Realitat hinausgeht. Aber wie die 
auBeren Naturgeschehnisse vor sich gehen, ohne daB wir zu- 
nachst von ihnen wissen, so geht auch der Tod an uns vor- 
iiber und macht die Seele zu dem, wozu er sie machen muB. 
Aber im Verlaufe der Menschheitsentwickelung muB der 
Mensch wissen lernen, was der Tod aus der Seele macht; durch 
die Geisteswissenschaft muB er sich Wissen aneignen iiber 
das, was man nennt: den Zugang zu dem Ratsel des Todes. 
Deshalb hat man das, wozu der Geistesforscher in seiner 
inneren Seelenentwickelung kommt, mit einem gewissen Recht 
«ein Hinkommen bis an die Pforte des Todes» genannt. Schon 
aus der Betrachtung, die iiber den Schlaf angestellt wurde, 
zeigt es sich, daB die Menschenseele in dem rein geistigen 
Dasein «durchdumpft» ist von der Begierde nach dem Leibe. 
Wenn sie durch die Pforte des Todes geht und sich loslost 
von dem Leibe, bleibt sie nicht durchdumpft von dieser Be- 
gierde. Sondern indem sie sich dem Leibe entzieht, wird sie 
geheilt von der Begierde nach dem Leibe, es drangt sich die 



Begierde aus der Seele heraus, und das Zusammensein mit der 
geistigen Welt lebt sich in der Seele aus. Die Seele lernt sich 
erleben in der geistigen Welt. Aber sie ware unselbstandig, 
wenn sie nicht durch den Tod hindurchgegangen ware. Durch 
den Tod muB die Seele hindurchgehen, weil er die groBte 
Tatsache, das groBte Erlebnis fiir sie ist. Wie wir durch die 
Geburt untertauchen miissen in den Leib, so miissen wir aus 
dem Leib herausgehen, durch den Tod durchgehen, miissen 
sterben, um durch das Erlebnis des Todes, des Sterbens, uns als 
ein Selbst in der geistigen Welt zu erfassen. Wir werden zu 
einer Erinnerung hoherer BewuBtseine, indem wir das Gegen- 
wartsbewuBtsein abstreifen, das wir im Leibe haben; und nach 
dem Tode steht uns das, was uns unser Selbst gibt, in einer 
anderen Weise gegenuber, als es uns gegeniibersteht in der 
Form unseres Selbstes zwischen Geburt und Tod. Zwischen 
Geburt und Tod stehen wir so im Leben darinnen, daB wir 
unser Selbst verlieren, wenn das BewuBtsein herabgedampft 
wird, daB wir das verdunkeln, was wir im Schlafe erleben. 
Gleichzeitigkeit ist vorhanden zwischen uns und unserm Leib, 
aber auch zwischen uns und unserm SelbstbewuBtsein. Nach 
dem Tode wird das anders. Was im gewohnlichen Leben zwi- 
schen Geburt und Tod gleichsam das gewohnliche raumliche 
Verhaltnis ist zu unserem Raumesleib, das wird nach dem 
Tode zu einem Verhaltnis zu unserm Zeitensein. Nach dem 
Tode blicken wir zuriick auf das, was wir im Leibessein durch- 
gemacht haben, und in diesem Zuriickblicken, in dieser Riick- 
schau, in diesem Verbundensein mit dem Leibessein fuhlen 
wir unser SelbstbewuBtsein, fuhlen wir uns als Selbst. ZeitHch 
wird da das Verhaltnis zu unserm Selbst. Indem wir hinblicken 
auf unsere geistige Umgebung, gehen wir auf in die hoheren 
Wesen, in die wir uns einleben. Wir behalten unsere Selbstan- 
digkeit, unser voiles SelbstbewuBtsein nach dem Tode, indem 
wir mit unseren Erinnerungen untertauchen in das verflossene 



Leibesleben — so wie wir jeden Tag untertauchen in das 
Raumes-Sein, um zu unserem SelbstbewuBtsein zu kommen. 

So geht die Menschenseele durch das voile Erleben durch, 
welches den Tod mitumfaBt, zu welchem der Tod gehort wie 
etwas, was notwendig ist; denn zum SelbstbewuBtsein in der 
geistigen Welt gehort das Erleben des Todes in der Sinnes- 
welt. Damit konnen wir zu gleicher Zeit darauf hindeuten 
- aber eben nur hindeuten; in den folgenden Vortragen dieses 
Winters wird das genauer ausgefuhrt werden — , wie sich dieses 
Erlebnis des Todes darstellt. GewiB: unmittelbar, indem der 
Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, wird er sich 
dessen unbewuBt bleiben, was er erlebt. Aber indem er sich 
weiter in die geistige Welt einlebt, starkt er sich mit den 
Kraften, die ihm aus der geistigen Welt erflieBen konnen, und 
remigt sich von den Kraften, welche ihm zwischen Geburt 
und Tod als Begierde nach dem Leibe das geistige BewuBtsein 
durchdumpfen; und in diesem innerlichen Sichklaren von der 
Dumpfheit erwachst ihm der Riickblick in das eigene Selbst, 
und damit erwachst ihm dann auch die Einsicht in die geistige 
Welt. Es tritt gleichsam das Erlebnis nach dem Tode so auf, 
daB die Erinnerung an das Todeserlebnis nach und nach erst 
in der Menschenseele sich ergibt, indem der Mensch nach 
dem Tode in die geistige Welt eindringt. Dann aber, beim 
jedesmaligen Ruckblicken auf das Erdenleben, ist es fur den 
Menschen so, daB sein SelbstbewuBtsein ebenso aufbliiht, wie 
beim gewohnlichen Erwachen das SelbstbewuBtsein innerhalb 
der Sinneswelt aufbliiht. 

Dieses, was hier ausgefuhrt worden ist, man kann es selbst- 
verstandlich nicht auBerlich beweisen. Deshalb ist es fur die- 
jenigen, die sich auf den wahren Beweis von der geistigen 
Welt nicht einlassen wollen, sehr leicht, Einwendungen zu 
machen. Wer da fordert, daB die geistige Welt ebenso bewie- 
sen werden solle wie die Tatsachen der auBeren Naturwissen- 



schaft und ihre Gesetze, und wer dann, wenn das nicht mog- 
lich ist, der Meinung ist, daB alles Reden iiber eine geistige 
Welt nur ein subjektives Reden sei, dem muB erwidert wer- 
den: So kann die geistige Welt nicht zur Allgemeinheit spre- 
chen, daB man das Experiment, die Beobachtung macht, die 
jeder anstellen kann. Deshalb bleibt aber Geisteswissenschaft 
doch nicht ein bloBes subjektives Gerede, sondern etwas, was 
fur die Allgemeinheit Wert und Bedeutung hat; denn es 
bestehen die Methoden, die Verrichtungen der Seele, die jeden 
Menschen dazu fiihren, wenn er sie durchmacht, in die geistige 
Welt einzudringen. Wenn daher jemand sagt: «deine geistige 
Welt ist mir nicht klar; beweise sie mir nach den Methoden 
der auBeren Naturwissenschaft», so muB ihm erwidert wer- 
den: Den Beweis muBt du dir selber holen, indem du das, was 
auf jede Menschenseele anwendbar ist als die von der Geistes- 
wissenschaft angegebenen Methoden, auf deine Seele anwendest! 

Was ich heute nur in allgemeinen prinzipiellen Ziigen aus- 
einandersetzen konnte iiber den Gedanken, sein Ersterben und 
sein Wiederaufleben in einer anderen Sphare, iiber die Ver- 
breitung des Willens iiber das Schicksal, wie er da im einzel- 
nen wirken muB, das habe ich ausfuhrlicher dargestellt in mei- 
nem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel- 
ten?», das jetzt, vielfach umgearbeitet, in neuer Auflage erschie- 
nen ist; und ich habe auch versucht, es in anderer Weise dar- 
zustellen in dem Buche «Die Ratsel der Philosophies das jetzt 
als eine zweite Auflage meiner «Welt- und Lebensanschau- 
ungen im neunzehnten Jahrhundert» erschienen ist mit einem 
«skizzenhaft dargestellten Ausblick auf eine Anthroposophie» 
als ein Ergebnis der gesamten geistig-philosophischen Ent- 
wickelung des Abendlandes. 

Noch einmal sei es betont: Geisteswissenschaft gibt nicht 
etwas, was nicht auch ohne sie da ware - wie Naturwissen- 
schaft auch nicht etwas gibt, was nicht ohne sie da ware. Aber 



dadurch, daB der Mensch etwas weiB, ist vorausgesetzt, daB 
die Tatsachen des Wissens erst da sind. Wenn aber die Tat- 
sachen ins BewuBtsein aufgenommen werden, wird die Geistes- 
wissenschaft der Menschenseele das geben, was die Seele mit 
Starke und Kraft ausriistet, wie sie es in der Zukunft brauchen 
wird. Ein BewuBtsein ihres Zusammenhanges mit der gei- 
stigen Welt hat die Seele gewiB auch in der Vergangenheit 
gehabt. Aber die Menschheit entwickelt sich weiter und wei- 
ter. Und zu dem, was die Seele zu ihrer inneren Kraft brau- 
chen wird, was sie zum BewuBtsein ihrer selbst bringen wird, 
werden immer mehr die Ergebnisse der geisteswissenschaft- 
lichen Forschungen gehoren, wird gehoren eine wirklkhe Er- 
kenntnis der geistigen Welt, der Welt der Seele, die nur durch 
Forschung vermittelt werden kann, wie die Erkenntnis der 
Natur auch nur durch Forschung vermittelt werden kann. 
Durch diese geisteswissenschaftliche Forschung wird der Men- 
schenseele das vermittelt, was die Erinnerung ausdehnt uber 
den Horizont hinaus, uber den sie sonst allein schweifen kann. 
Das kann heute nur angedeutet werden. Indem der Wille sich 
ausdehnt uber das Schicksal und der Mensch eins wird mit 
dem Schicksal, und indem der Wille im Menschen zu solcher 
Starke heranwachst, daB er ergreift, was Schicksalsschlage im 
guten und bosen sind, und weiB: das alles habe ich selbst 
gebildet — , wachst die Erinnerung zuriick uber friihere Erleb- 
nisse, wachst auch in jene Zeiten hinein, welche friihere 
menschliche Erdenleben darstellen. Nur angedeutet kann das 
werden, was in spateren Vortragen ausgefiihrt werden soil: 
Innig zusammenhangend mit der Ausdehnung des Willens 
uber das Schicksal ist die Erkenntnis, daB der Mensch nicht 
nur ein Erdenleben vollbringt, sondern daB dieses eine Leben 
das Ergebnis fruiterer Erdenleben ist, daB diese Zubereitung 
des Willens des Schicksales in friiheren Erdenleben geschehen 
ist. Und so stellt sich in unserem BewuBtsein dar, daB das- 



jenige, was wir jetzt mit dem Willen ergreifen, Ursache ist 
fur spatere Erdenleben, in spatere Erdenleben hiniiberwirkt. 

Gerade in der geistigen Kultur Mitteleuropas sind immer 
die Etappen hervorgetreten, durch welche hervorragende Fuhrer- 
geister in ihren Seelen diesen Zusammenhang des mensch- 
lichen Seelenerlebens mit der geistigen Welt erfaBt haben. 
Und wenn heute gesagt worden ist: Die Menschenseele kann 
durch Konzentration des Gedankens diesen Gedanken zum 
Ersterben und zum Wiederaufleben in einer hoheren Welt 
bringen, dann kann hingewiesen werden auf einen Geist, auf 
den ich bereits in den fruheren Vortragen aufmerksam machte: 
auf Johann Gottlieb Fichte. Geisteswissenschaft hatte er noch 
nicht. Aber er stand so im deutschen, mitteleuropaischen Gei- 
stesleben darinnen, da6 er aus der Art und Weise, wie er sich 
in das Geistesleben hineingestellt fand, wie aus einem elemen- 
taren, impulsiven BewuBtsein heraus die Sicherheit des Drin- 
nenstehens der menschlichen Seele in der Ewigkeit erschaute. 
An vielen Steilen seiner Werke hat Fichte ausgesprochen, was 
ihm herausklang, was er gefiihlt hat vom Drinnenstehen der 
Menschenseele in der Welt eines hoheren BewuBtseins; aber 
man kann vielleicht keine SteUe finden, wo er diesen Zusam- 
menhang der Menschenseele mit der Ewigkeit intensiver aus- 
spricht als in seiner Appellation an das Publikum, in welcher 
er sich gegen die f alsche Anschuldigung desAtheismus wehrte. 
Dort sagt er — indem er wie im Hinblick auf das, was aufiere 
Natur ist, was im Raumesleben entsteht und vergeht, diese 
auBere Natur als «Du» anspricht, und das Ich, das zum Erfas- 
sen seiner selbst kommt, als das «Ich» anspricht — dort sagt 
er die folgenden Worte: 

«Du bist wandelbar, nicht ich; alle deine Verwandlungen 
sind nur mein Schauspiel, und ich werde stets unversehrt iiber 
den Triimmern deiner Gestalten schweben. DaB die Krafte 
schon jetzt in Wirksamkeit sind, welche die innere Sphare 



meiner Tatigkeit, die ich meinen Leib nenne, zerstoren sollen, 
befremdet mich nicht; dieser Leib gehort zu dir, und ist ver- 
ganglich, wie alles, was zu dir gehort. Aber dieser Leib ist 
nicht Ich. Ich selbst werde iiber seinen Triimmern schweben, 
und seine Auflosung wird mein Schauspiel sein. DaB die Krafte 
schon in Wirksamkeit sind, welche meine auBere Sphare, die 
erst jetzt angefangen hat, es in den nachsten Punkten zu wer- 
den — , welche euch, ihr leuchtenden Sonnen alle, und die tau- 
send mal tausend Weltkorper, die euch umrollen, zerstoren 
werden, kann mich nicht befremden; ihr seid durch eure Ge- 
burt dem Tode geweiht. Aber wenn unter den Millionen Son- 
nen, die iiber meinem Haupte leuchten, die jiingstgeborene 
ihren letzten Lichtfunken langst wird ausgestromt haben, 
dann werde ich noch unversehrt und unverwandelt derselbe 
sein, der ich jetzt bin; und wenn aus euren Trummern so viele 
Male neue Sonnensysteme werden zusammengestromt sein, als 
eurer alle sind, ihr iiber meinem Haupte leuchtende Sonnen, 
und die jiingste unter alien ihren letzten Lichtfunken langst 
wird ausgestromt haben, dann werde ich noch sein, unversehrt 
und unverwandelt, derselbe, der ich heute bin.» 

Diese Uberzeugungen werden nicht bloB theoretisch er- 
kannt; diese Uberzeugungen werden erlebt. Und das wollte ich 
zur Empfindung und zum Gefuhl im letzten meiner Vortrage 
hier bringen, daB gerade das mitteleuropaische, das deutsche 
Geistesleben dasjenige ist, welches die besten, die schonsten, 
die energischsten Keime zu diesem Erleben enthalt. Daher ist 
es auch, daB aus diesem Geistesleben selber das BewuBtsein 
erflieBen mag von seiner Bedeutung in der Welt, und daB 
jetzt, wo in dem auBeren Erleben Mitteleuropas auch dieses 
Geistesleben vor die Frage nach Sein oder Nichtsein hin- 
gestellt wird, dieses Geistesleben aus der unmittelbaren Er- 
kenntnis seiner selbst es wissen kann, wozu es berufen ist, und 
wie es leben muB, und wie es nicht untergehen darf, weil es 



notwendig ist, um das Band zu bilden zwischen der Menschen- 
seele und den Ewigkeiten. Da
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