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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
I
RUDOLF STEINER
Die befruchtende Wirkung
der Anthroposophie
auf die Fachwissenschaften
Vortrage und Ansprachen
im zweiten anthroposophischen Hochschulkurs
vom 3. bis 10. April 1921 in Dornacb
1977
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nadi vom Vortragenden nidit durchgesehenen Nachsdiriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ernst Weidmann f und Paul G. Bellmann
i. Auflage unter dem Titel
«Anthroposophie in Kunst, Wissenscliaft und Praxis*,
Bern 1948
2., neu durchgesehene und veranderte Auflage,
Gesamtausgabe Dornadi 1977
Bibliograpnie-Nr. 76
Alle Redite bei der Rudolf Steiner-Nadilafiverwaltung, Dornach/Sdiweiz
© 1977 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Sdrweiz
Printed in Germany. Gesamtherstellung Greiserdruck Rastatt
ISBN 3-7274-0760-3
INHALT
Eroffnungsrede, Dornach, 3. April 1921
Am Ufer einer erfiillten Vergangenheit riditete der Griedie
das Wahrwort auf: Mensch, erkenne dich selbst! - Am Ufer
einer unbestimmten Zukunft miissen wir das Wahrwort auf-
richten: Mensdi, erkenne didi selbst und werde ein freies
Wesen! Dazwischen liegt eine Episode menschheitlicher Ent-
wickelung, der dreifache Schritt zur Freiheit: Freiheit im
inneren Erleben des Menschlichsten, Freiheit im Schaffen,
audi im kunstlerischen Schaffen, Freiheit im religiosen Erle-
ben. Dazu soli fiihren die Befruchtung der einzelnen Wissen-
sdhaften und des ganzen sozialen Lebens durch eine im Geiste
erlebte Weltanschauung.
Erster Vortrag, 4. April 1921
Philosophic
Das bedeutsame philosophische Werk von Ludwig Haller.
Seine Kritik des Kantianismus. Eduard von Hartmanns
Auseinandersetzung mit Ludwig Haller. Kants Weg von
Wolff zu David Hume. Kants Antipode Goethe. Die Ent-
wickelung der Begriffswelt seit dem Altertum. Das Erreichen
des reinen Denkens im Sinne der «Philosophie der Freiheit*.
Wirkliche Freiheit ist nicht moglich ohne dieses reine Denken.
Das Problem der neueren philosophischen Entwickelung: das
Erfassen des irrealen bildhaften Denkens.
Schlufiwort zur Disputation
Zweiter Vortrag, 5. April 1921
Mathematik und anorganische Naturwissensdiaften
Kants Ausspruch iiber die Mathematik in den Wissenschaften.
Anderer Sinn einer mathematischen Methode bei Descartes
und Spinoza. Durchschaubarkeit der mathematischen Be-
wufitseinsinhalte als das Wesentliche des mathematischen
Denkens. Hinweis auf die nichteuklidische Geometric Goe-
thes Einstellung zur Anwendung des Mathematischen auf die
Naturerkenntnis. Der Weg von der irrealen mathematischen
Denkungsart zu der realen naturwissenschaftlichen Den-
kungsart, erlautert an einem Beispiel aus der synthetischen
Geometric Der Weg von der analytischen Geometrie in die
synthetische Geometrie als inneres Erlebnis, entsprechend dem
Aufsteigen von der gewohnlichen Logik zu dem Imagina-
tiven. Der entgegengesetzte Weg der Geisteswissenschaft
zur Realisierung der irrealen Erkenntnis.
Scblufiwort zur Disputation 84
Dritter Vortrag, 6. April 1921 96
Organische Naturwissenschaften und Medizin
Goethes Einstellung zum Gebrauch der Verstandes- oder Ver-
nunftkraft. Die Idee des Vitalismus und seine «Aufwar-
mung» durch den Neovitalismus. Verdrangung der Philo-
sophic durch naturwissenschaftliche Methoden, Brentano und
Madi. Das Obertragen der Methoden anorganischer Natur-
wissenschaften auf organische Naturwissenschaften ist nicht
angangig. Wissenschaftliche Betrachtung des Organischen er-
fordert neue Bewufitseinsformen: imaginatives, inspiriertes
und intuitives Bewufitsein. Erst im imaginativen Erkennen
enthullt sich das Geheimnis des Lebens. Goethe konnte seine
Betrachtungsweise des Pflanzenreichs nicht auf das Tierreich
ausdehnen. Haeckels Evolutionslehre. Ihr Gegensatz zu
einer wirklich sinngemafien Evolutionslehre. Beispiel der Be-
trachtung des menschlichen Hauptes erweist den Zusam-
menhang zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Phy-
sisch-Leiblichen. Der Ubergang iiber die Pathologie zu einer
rationalen Therapie.
Vibrter Vortrag, 7. April 1921 118
Sprachwissensdiaft
Wilhelm Scherers Zug zur Physiologic Der Ubergang vom
bildhaften Erleben zur Abstraktion, eingeleitet durch Aristo-
teles. Die Wauwau- und die Bimbam-Theorien. Imagination
und Inspiration fiihren zum Erfassen der inneren Struktur
des Seelenlebens im Konkreten. Einfliisse von Zahnwechsel
und Geschlechtsreife auf das Verhaltnis des Menschen zur
Aufienwelt. Was in den Dingen verstummt, wird durch die
Entmaterialisierung innerlich im Menschen horbar und
kommt zum Sprechen. In der Sprache driickt sich aus eine
Wechselwirkung zwischen astralischem und Xtherleib. Wie
sich Physiologie und Philologie finden konnen.
Antworten am dritten Disputationsabend
141
Funfter Vortrag, 8. April 1921
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Sozialwissenschaft und soziale Praxis
Das aristotelische Dogma von dem Nichtvorhandensem der
Praexistenz ist zu einer nichtchristlichen Lehre der abendlan-
dischen Christen geworden. Das Erringen gesunder Urteile
iiber das Obersinnliche fiihrt audi zu gesunden Urteilen iiber
das soziale Leben. In Sozialwissenschaft und sozialer Praxis
leben Willensimpulse. Sie konnen daher nidit nur erkenntnis-
maiSig betrachtet werden. Lebensfremdheit der abstrahieren-
den Wissenschaftlichkeit. Kant. Herbart. Das Budi «Kern-
punkte der sozialen Frage* ist im eminentesten Sinne prak-
tisch gedacht; es sollte nicht nur die Intellekte, sondern den
Willen ergreifen. Woodrow Wilsons Vierzehn Punkte. Har-
ding und Lloyd George. Gegnerschaft gegen den Impuls
der sozialen Dreigliederung: Arbeiterfuhrer und Vertreter
des alten Bourgeoistums. Karl Giskras Ausspruch iiber die
soziale Frage in Usterreich. Enthusiasmus und Wille gegen-
uber der Wahrheit miissen unseren Willen durchdringen,
sonst entsteht nicht einmal der Anfang zu einer fruchtbaren
Behandlung der sozialen Frage und Praxis.
Schlufiwort zum vierten Disputationsabend .... 195
Schlufiwort zu einer Studentenversammlung
Geisteswissenschaft uberschreitet die Grenzen herkommlicher
Fachwissenschaft nach aufien (Naturerkenntnis) und nach
innen (Erfassung der menschlichen Wesenheit im ganzen).
Irrige Meinung, es fehle an der Popularisierung des bisher
wissenschaftlich Geleisteten. Wichtiger als dieses Hinaustra-
gen aus unseren Bildungsanstalten ist, in diese hineinzutra-
gen dasjenige, was die geistige Forschung iiber die aufiere
sinnliche und verstandesmafiige Forschung hinaus beitragen
kann. Die Schrift Cosacks iiber die «Universitatsreform».
Schumpeter, Rickert und Windelband und die wertungsfreie
Wissenschaft. Das Zusammenwirken von Wissenschaft, Kunst
und Religion mufi wieder gefunden werden.
Hinweise 241
Personenregister 260
Dbersidit iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 263
9. April 1921 . . . .
Schlus SREDE, 10. April 1921
218
202
ERDFFNUNGSREDE
Dornadi, 3. April 1921
Meine sehr verehrten Anwesenden! Unsere Zeit ist eine
Zeit der Zweifel und Ratsel, die der Menschheit aufgege-
ben sind. Und man kann sagen, wohl dem, der sich in sei-
nem Inneren ehrlich und mit Kraft gegeniiber den Ge-
sdiehnissen der Gegenwart sagen kann: Ja, fiir mich ist
diese Zeit eine Zeit der Zweifel, der Ratsel und der Fra-
gen, die gelost werden miissen. - Denn konnte er sich dies
nicht sagen und wurde er doch mit wacher Seele hinblicken
auf die Geschehnisse der Zeit, so gabe es fiir ihn eigentlidi
nur den anderen Pol: die Verzweiflung an dem Fortgange
der menschlichen Zivilisation im Abendlande. Und wenn
in unserer Zeit Zweifel, Fragen, Ratsel verborgen sind,
die gelost werden miissen, dann bedarf es dazu der starken
Kraft der Menschen, die sich zurechtfinden konnen in dem
gegenwartigen Zivilisationschaos, und die aus der Flut der
Fragen und Ratsel das aufspriefien lassen konnen, was zu
einem neuen Fortgang, zu einem Aufbau unserer abend-
landischen Zivilisation fiihren kann. Etwas dazu beitragen,
dafi die Krafte, welche die Zeit also braucht, damit die
Zweifel und Ratsel aus den menschlichen Seelen heraus ge-
lost werden konnen, das mochte alles, was von diesem
Goetheanum aus unternommen wird.
In einer solchen Zeit der Fragen und Ratsel wird sich audi
fiir manches, was Inhalt alter Uberlieferung ist, die Not-
wendigkeit zeigen, in einem neuen Lichte zu erscheinen.
Nun leuchtet uns herauf - gewissermafien wie ein uralt
heiliges Vermachtnis der Griechenkultur - das oft und oft
9
wiederholte apollinisdie Wort: Mensdi, erkenne dich
selbst! - Und vieles in der abendlandischen Zivilisation
seit der alten Griechenzeit hat gestanden im Zeichen dieses
Wortes. Mir scheint aber, dafi selbst ein solches, wie es
schien, felsenfest in der Menschheitsentwickelung drinnen-
stehendes Zauberwort heute, in unseren Zeiten der grofien
Verwandlungen, nur mehr Bestand haben kann, wenn es,
aufnehmend die Krafte unserer Zeit, selbst eine Art Ver-
wandlung durchmacht. Und so scheint mir, dafi das uralte
Delphi wort heute also zu den Menschen klingen musse:
Mensch, erkenne dich selbst und werde ein freies Wesen! -
Wir miissen das Weltgeschehen, insofern es sich auf den
Menschen bezieht, hin- und herschwingend schauen konnen
zwischen den beiden Polen der Selbsterkenntnis und der
wahren menschlichen Freiheit.
Warum schrieb griechische Weisheit auf den Tempel zu
Delphi das bedeutungsvolle Wort: Erkenne dich selbst? -
Zu diesem Griechentum leuchtete herauf, aus uralten, hi-
storisch ihrem Anfange nach unbestimmbaren Zeiten, eine
uralte geheiligte Weisheit und Wissenschaft. Die Ur-
spriinge dieser Wissenschaft gehen in das Dunkel der vor-
geschichtlichen Zeiten zuriick. In Agypten hatte man noch
ein unmittelbares Drinnenstehen in dieser Urweisheit. In
Griechenland hatte man nur noch ein, allerdings in die edle
griechische Menschlichkeit getauchtes Gefiihl davon, und
man fiihlte: aus der Welt, aus der weisheksvollen Welt
selbst heraus war den Menschen diese Weisheit gekommen.
Der Mensch hatte sich innerhalb der Welt der Weisheit
gefiihlt wie ein mehr oder weniger nur instinktiv lebendes,
mehr oder weniger unbewufkes Glied des Weltenganzen.
Da dammerte herauf im griechischen Fiihlen die Empfin-
dung der Selbstandigkeit der Menschenseele. Zu dem alten
Welterkennen hinzu sollte erstrebt werden die Selbst-
erkenntnis des Menschen. Im Grunde genommen war der
uralten Weisheit Devise: Erkenne die Welt und in der
Welt den Menschen! - Diese Devise uralter Weisheit
strahlte in das Griechentum herein. Aber geitend machte
sich jetzt der Drang, zu dieser Welterkenntnis mit dem
Menschen darinnen, die selbstandige menschliche Selbst-
erkenntnis zu erstreben. Zu dem: Erkenne die Welt! - trat
hinzu das: Erkenne dich selbst! - Der Grieche stand wie
am Ufer der Vergangenheit, hereinnehmend mit ihrem
vollen Inhalt der Vergangenheit Weisheitsschatze.
Wir - und ich glaube, jeder Unbef angene kann das f uhlen —
stehen an einem anderen Ufer. Wir stehen an dem Ufer
einer unbestimmten Zukunft, aber einer Zukunft, welche
die Menschheit in geistiger Beziehung selbst schaffen muiS.
Und wir fiihlen, wir brauchen ein neues Wahrwort, um
uns mit voller menschlicher Kraft zu besinnen auf das, was
aus unserem Inneren als Schaffendes hiniiberwirken kann
in die unbestimmte Zukunft. Am Ufer der Vergangenheit
richtete der Grieche das Wahrwort auf: Erkenne dich
selbst! - Am Ufer einer unbestimmten Zukunft miissen
wir das Wahrwort aufrichten: Werde ein freies Wesen!
Das, was in dem Hinundherschwingen zwischen den bei-
den Polen der menschlichen Gegenwartsaufgaben liegt,
davon mochte dieser Bau und alles, was in ihm gewirkt
wird, sprechen. Davon mochte auch wiederum die kurze
Reihe von Erkenntnis- und kiinstlerischen Darbietungen,
die in den nachsten Tagen stattfinden sollen, sprechen.
Wir stehen am Ausgangspunkt des grofien naturwissen-
schaftlichen Ratsels. Die Menschheit hat noch nicht den
vollen Mut in sich erlebt, dieses grofie, gewaltige natur-
wissenschaftliche Ratsel ins Auge zu fassen. Naturwissen-
schaft hat Gewaltiges und Grofies geleistet. Sie hat eine
Anschauungsweise angenommen, durch die in der Kette
der Ursachen und Wirkungen sich immer eines der Ereig-
nisse, die unsere Seelen sdiauen, an das andere der Ereig-
nisse mit Notwendigkeit schlielk. Und es ist der Natur-
wissenschaft natiirlichstes Bestreben, den Menschen einzu-
beziehen in diese Kette natiirlicher Notwendigkeit. Es ist
das grofie Ideal naturwissenschaftlicher Erkenntnis, die
Naturerscheinungen mit diesem Ursachengesetz zu studie-
ren, sie - als ihrer Wesenheit entsprechend - gemafi diesem
Ursachengesetze zu empfinden und so audi vom Menschen
zu verstehen, was nach diesem Ursachengesetze von ihm
zu verstehen ist. Man durchdringt nur nicht heute schon
mit vollem lebendigem Gefiihl, was in diesem Bestreben,
in diesem Ideal fur das menschliche Leben eigentlich
liegt.
Leben wir uns ganz in das ein, was wir in reenter Natur-
erkenntnis als die Weltnotwendigkeit aufnehmen, dann
stehen wir selbst mit unserem Bewufitsein in dieser Welt-
notwendigkeit darinnen, dann miissen wir uns sagen:
Alles, was in uns selber erlebt wird, ist nur ein GHed
in der Kette der Notwendigkeiten. Wenn wir aber aus
einer rechten Vertiefung in die naturwissenschaftliche
Lebensauffassung uns ein solches Bewufitsein angeeignet
haben, dann revoltiert unser Innerstes gegen diese Emp-
findung, dann spricht ein unsere Seele durchleuchtendes
Erlebnis gegen diese Empfindung, dann sagen wir uns: Als
Mensch bin ich frei und meine Freiheit mufi ich begreifen,
mit meiner Erkenntnis mufi ich eindringen ebenso wie in
das Gewebe der Naturerscheinungen so in das Leben
meiner Freiheit.
Fafit man im vollen Sinne des Wortes dieses innere Frei-
heitsratsel auf, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Das
bedeutsame Wissen, dessen Entwickelung sich durch die
letzten drei bis vier Jahrhunderte zieht und das in die
Natur so bedeutsam hineingeleuchtet hat, das braudit eine
Erweiterung, um hineinzuleuchten audi in das Erlebnis der
menschlichen Freiheit. - Denn immerzu gerechtf ertigt wtir-
den diejenigen ersdieinen, die aus dem naturwissenschaft-
lidien Bewufitsein der Gegenwart heraus gesagt haben und
immer wieder sagen: Wir konnen nur die Natur begreifen;
wir konnen nicht anders, als haltmachen vor dem Begrei-
fen der menschlichen Freiheit. Wir miissen das alte Kan-
tische Wort wiederholen: Um fur den Glauben Platz zu
bekommen, miissen wir das Wissen vernichten. - Jawohl,
solange wir im blofien Naturwissen drinnenstehen, so
lange gilt dieses Wort. Dann aber kommtdagegen dieAuf-
baumung, die Revoke des menschlichen Bewufkseins. Und
gerade im richtigen Wurdigen der groftten naturwissen-
schaftlichen Errungenschaften der neueren Zeit mufi der
Drang entstehen nach dem Wissen, nach dem Erkennen des
Erlebnisses der menschlichen Freiheit. Und ein Erlebnis mufi
zugleich diese Erkenntnis sein. Denn von ihr ausgehend
miissen wir die Kraft, die wir aus ihr gewinnen, hinaus-
tragen in das soziale Leben, das uns heute nicht weniger
Ratsel und Fragen aufgibt als das Erkenntnis- und Glau-
bensleben. Wie sich die Ratsel und Fragen des Erkennens
und des Glaubenslebens in der einsamen Stube in inner-
lichen Seelenkampfen ausleben, so wirken die anderen, die
sozialen Ratsel und Fragen tumultuarisch durch die Welt:
weil nicht Menschenkrafte in ihnen wirken, die aus klarem
Freiheitsbewufksein, aus erkenntnismafiig erlebtem Frei-
heitsbewufitsein sich einzusetzen wissen gegen das, was uns
als soziales Chaos heute umgibt.
Wer das Freiheitsratsel mit lebendigem Wissen durch-
dringt, der allein ist imstande, in das soziale Leben die
Kraft harmonischen menschlichen Zusammenlebens hinaus-
zutragen. Weil uns in den letzten Jahrhunderten gerade
dadurch, dafi wir in die Tiefe des aufieren Geschehens
eingedrungen sind, diese Kraft genommen worden ist,
leben wir heute in dem sozialen Chaos. Licht wird es in
diesem Chaos erst werden, wenn wir hineintreten mit der
inneren Kraft, die uns das wissende Durchschauen des
Freiheitsratsels gibt. So wie einstmals der alte Grieche
fragend gestanden hat vor alledem, was ihm eine alte
Weisheit iiberlieferte, fragend gestanden hat vor dem:
Erkenne die Welt! - und iibergegangen ist zu dem: Er-
kenne dich selbst! — , so miissen wir fragend stehen heute
vor dem: Mensch, werde ein freies Wesen!
Zwischen diesen beiden Polen menschlichen Geschehens,
zwischen dem Pol, wo der griechische Weise hineinwarf in
die Menge der Denkenden und Unbefangenen das Wort:
Erkenne dich selbst! — , und dem anderen Pole, der sich
ausspricht in den Worten: Mensch, werde ein freies We-
sen! - liegt im Grunde genommen eine Episode mensch-
heitlicher Entwickelung.
Es ist mit Handen zu greif en, wie zwischen diesen beiden
Polen eine Episode menschheitlicher Entwickelung liegt.
Nehmen wir den modernsten Menschen, von dem diese
Freie Hochschule fur Geisteswissenschaft ihren Namen
leihend tragt, Goethe. Er fand sich hinein in das damals
schon dammernde und drangende neuzeitliche Leben, es
vorempfindend in einer Zeit, in der die meisten noch voll
in den Traditionen des Alten lebten. Wie wirkte es in
Goethes Seele auf der einen Seite nach wahrer Erkenntnis,
auf der anderen Seite nach wahrer Kunst hin, und in der
Kunst bei ihm auch nach religioser Vertiefung, nach reli-
gioser Innerlichkeit. Es durchwogten seine Seele alle die Im-
pulse — welche eigentlich damals von ihm allein bemerkt
wurden, hochstens noch von einigen seiner Freunde, welche
aber mittlerweile in das allgemeine Menschenleben her auf-
gestiegen sind alle die Impulse, die hinneigen, hinzielen
nach dem in Freiheit ergriffenen sozialen Leben. Und als
er stark genug gefuhlt hat, was wie die Morgendammerung
einer neuen Zeit in ihm lebte, da wandte er der nordischen
Welt den Rucken und ging hin nach dem Siiden, um aus
dem, was iibriggeblieben war von der alten Griechenkultur
herauszuempfinden, was dieser Griechenkultur tiefstes
Wesen war. Dieser moderneMensch, Goethe, hatte in seiner
eigenen Seele die weitgespannte Briicke schlagen wollen
iiber die Episode hin zwischen den Zukunftsaufgaben der
modernen Menschheit und dem weltumfassenden Resiimee
der Vergangenheit, wie es im Griechentum gezogen wor-
den ist.
Und lebt denn nicht das, was Goethe so an seiner eigenen
Personlichkeit dargestellt hat, im Grunde genommen heute
in jedem Menschen, der hinaufstreben will nach jener
Sphare, wo ihm entgegentreten konnen in ihren wahren
Gestalten die grofien Weltenfragen? Schopfen denn die-
jenigen, die sich unserer Bildung widmen, nicht noch immer
das, was dieser Bildung den formalen Untergrund geben
soli, aus dem Griechentum? Wird nicht das Herz und der
Verstand derer, die fur diese Bildung heranerzogen wer-
den, in unserer Gymnasialbildung noch immer vom Grie-
chentum durchdrungen? — Wir miissen diese Episode emp-
finden, wie sie erst tragisch und dann erlosend Goethe der
Menschheit vorempfunden hat. Dann aber werden wir
auch verstehen, wie wir uns in einer neuen Weise zuwen-
den miissen auch dem anderen Pole, dem Pole menschlicher
Selbsterkenntnis, wie wir uns in dem Augenblicke welt-
geschichtlicher Entwickelung, in dem aus unserem tiefsten
Inneren das Wort herauftont: Mensch, werde ein freies
Wesen! - auch dem: Erkenne dich selbst! — anders nahern
miissen, als der Grieche sich ihm genahert hat.
Sehen wir uns um gerade unter denjenigen, die sich mit
ihrer ganzen Seelenverfassung hineingelebt haben in die
moderne naturwissensdiaftliche Weltanschauung, die auf
ihrem Boden so grofl geworden ist. Wir sehen, wie sich da
der Mensch in der Beobachtung sowohl wie im Experiment,
durch die ja so viele Ratsel fiir den modernen Menschen
gelost worden sind, vertieft in das materielle Dasein. Und
man sollte genauer, als man das gewohnt ist, hinhorchen
auf ein solches Wort, wie es aus diesem neuzeitlichen Be-
wufitsein heraus etwa ein Du Bois-Reymond gesprochen
hat: Da, wo Materie spukt, kann die menschliche Erkennt-
nis nichts anfangen! - Das materielle Dasein zu durchdrin-
gen, daran hat sich die moderne Erkenntnis gewohnt. Sie
hat Grofiartiges auf diesem Gebiete geleistet. Uberall ver-
folgt sie, wie die materielle Welt sich in den materiellen
Erscheinungen gHedert. Aber indem sie das Gewebe der
materiellen Erscheinungen entziffern will, mufi sie das-
jenige voraussetzen, in das sie niemals hineindringen kann,
wenn sie auf ihrem eigenen Boden bleibt: die Welt der
Materie selber.
Es ist eine lange Geschichte, was sich da abgespielt hat
zwischen dem Streben menschlicher Erkenntnis und dem
Materieratsel. Was sich auf theoretischem Gebiete da abge-
spielt hat, kann uns in diesem Augenblicke weniger inter-
essieren. Auf das aber, was als Ruckstand geblieben ist im
menschlichen Gemute, im ganzen menschlichen Leben,
darauf mufi aufmerksam gemacht werden. So sehr man
glaubte, auf blofien Erkenntniswegen zu wandeln bei der
Beschaftigung mit den materiellen Erscheinungen, so sehr
begriindete man, indem man die Materie als solche voraus-
setzte, in der Seelentiefe eine Empfindungsgrundlage, die
das ganze menschliche Leben durchsetzt. Und eine solche
Empfindungsgrundlage haben wir. Bei den besten unserer
Zeitgenossen konnen wir sie bemerken. Sie miihen sich ab
an dem Materieratsel; sie ringen mit diesem Materieratsel.
Und eine ganze Anzahl von ihnen konnte nidit anders, als
aus diesem Ringen sich herausheben und zugeben, dafl das
Menschenratsel dodi auf diesem "Wege nicbt gefunden, nicht
gelost werden konne, audi nicht im relativen Sinne. Und
doch ist diese Losung fur die Sicherheit der menschlichen
Seele notwendig. Man mochte nun «im Inneren des Men-
schen» dem wahren Wesen des Menschen beikommen, aber
man hat seinen Geist an der Aufienwelt, «die nidit zu
durchschauen ist», an den «Voraussetzungen des materiel-
len Daseins» zu denken, zu empfinden gewohnt. Was man
sich da angewohnt hat, es verzichtet auf das Durchschauen.
Und wendet man diesen Geist, der auf das Durchschauen
verzichtet, nach innen, so wird man im modernen schlech-
ten Sinne Mystiker.
Das bemerken heute leider nur allzuwenige: dafi die
Besten, die von unserer Naturerkenntnis sich abwenden
und zu einem Streben nach Erkenntnis des menschlichen
Inneren kommen, sich ihre Denk- und Empfindungsge-
wohnheiten an dem Betrachten der Materie, «die undurch-
schaubar ist», angeeignet haben, und nun in das mensch-
liche Innere das, was sie sich als Denk- und Empfindungs-
gewohnheiten am Betrachten der Aufienwelt angeeignet
haben, hineintragen. Wenn man aber den Blick, den man
zuerst an der dunklen, finsteren «Materie» geschult hat,
nach innen wendet, dann wird nebulose Mystik daraus,
und die nebulose Mystik verriegelt das Tor zu dem: Er-
kenne dich selbst!
Das ist es, worauf mit starker Betonung alles hinweisen
mochte, was innerhalb dieser Freien Hochschule fiir Gei-
steswissenschaft gewirkt wird. Vermieden mufi werden
der Weg nebuloser Mystik ebenso wie der Weg, der einzig
und allein in auftere naturwissenschaftliche Notwendigkeit
und damit in Vernichtung der Freiheitserkenntnis hinein-
fuhrt. Vermeiden konnen wir diese Wege nur, wenn wir
wirkliche Geisteswissenschaft sudien, nicht jene Geistes-
wissenschaft, die nicht haltmachen darf vor dem mensch-
lichen Inneren, welche dann, nachdem sie haltgemacht hat,
den Weg dodi weiter fortsetzt, indem sie mystische Nebel
in dieses menschliche Innere hineinstrahlt. Nicht darf dieses
die hier gemeinte Geisteswissenschaft tun! Mit jener Schu-
lung, die gewonnen worden ist in heller, klarer, lichtvoller
Erkenntnis an den aufieren Tatsachen, muE mystikfrei,
aber geisteswissenschaftlich hineingeleuchtet werden kon-
nen in das menschliche Innere. Das: Erkenne dich selbst! —
darf nicht in mystischem Leben, dunkel, es mufi in heller,
lichter Klarheit erf afk werden. Dann wird sich' zusammen-
schliefien das, was dem Menschen erspriefit aus der Innen-
erkenntnis, aus der Erfiillung des Wortes: Erkenne dich
selbst! — und was ihm ersprie£t aus dem sich zur aufie-
ren Natur Erkennendverhalten unter dem Wahrworte:
Mensch, werde ein freies Wesen!
Wie zwei Saulen, die ideell im Geiste dastehen, wenn
man diesen Bau betritt, mochten angesehen werden diese
zwei Wahrworte: die Saule wahrhaf tiger, lichtvoller
menschlicher Selbsterkenntnis und die Saule der mensch-
lichen Freiheit. Die erste ist geeignet, an dasjenige den
Menschen zu mahnen, was ihm Sicherheit und Halt, kiinst-
lerische Betatigung und religiose Befriedigung gewahren
kann. Die andere ist geeignet, ihn mit Kraft auszustatten,
mitzuwirken bei den drangenden sozialen Fragen der Ge-
genwart und der nachsten Zukunf t. Von alledem, was hier
in der Befruchtung der einzelnen Fachwissenschaften ange-
strebt wird, wie sich insbesondere in den nachsten Tagen
zeigen soli, mochte der weltgeschichtliche Moment erfafit
sein, so gut er eben in aller Bescheidenheit erfafk wer-
den kann, der uns ebenso an das Ufer einer unbestimmten
Zukunft stellt, wie der Grieche an das Ufer einer er-
fiillten, tiberwaltigend wirkenden Vergangenheit gestellt
war.
Dazu aber miissen wir kommen, dafi wir das lichtvolle
Erfassen des menschlichen Inneren in dem Wissen selber
fiihlen, da£ wir das Wissen nicht mehr blofi hinschleppen
am aufieren Beobachten und am aufieren Experimente,
sondern dafi wir es frei erheben und, indem wir es durch-
kraften mit dem inneren Wesen des Menschen, uns mit
diesem Wissen hineinversetzen in das Leben der Freiheit,
in das uns die blofie naturwissenschaftliche Betrachtung
niemals hineinversetzen kann. Naturwissenschaftlich ist es
ehrlich, die Freiheit zu leugnen, menschlich ist es, gegen
diese Leugnung zu protestieren und in diesem Protest den
Ausgangspunkt einer freien, aus dem menschlichen Inneren
- ihren Organen nach - geborenen Geisteswissenschaft zu
sehen.
Dieser Geisteswissenschaft gegemiber braucht man, weil
sie eindringt nicht in das Tote, sondern in das Leben, nicht
zu furchten, daft sie wie die tote Verstandeswissenschaft
ertotend wirken werde auf die Kunst. Sie wird aus dem,
was sie aus dem Geiste herausholt, die Kunst befruchten
konnen. Es wird dieses Erkennen selbst nach aufien kunst-
lerisch wirken konnen, weil es in lichtvoller Klarheit hin-
untertaucht in menschliche Tiefen. Es wird einlaufen aus
dem wahren Erkennen in das Verehren desjenigen, was
sich im menschlichen Inneren offenbaren kann. Und es
wird eine solche, nur mehr die Form der Mystik festhal-
tende Erkenntnis, die aber zum Lichte strebt, zu gleicher
Zeit auslaufen lassen das menschliche Wissen in religiose
Verehrung des Hochsten, was durch die Welt hindurch lebt
und webt. Neue kiinstlerische Krafte, neue religiose Ver-
tiefungen werden aus einem solchen, das Innere des Men-
sclien erfassenden Wissen kommen konnen. Und das Leben,
in das ein solches Wissen untertauchen darf , wird ein Leben
in Freiheit sein. Es wird dem Menschen zunachst das Be-
wufitsein der Freiheit sicherstellen. Der Mensch wird sich
nicht zu verlieren brauchen an die aufiere Naturnotwen-
digkeit, an die er sich mit dem blofien naturwissenschaft-
lichen Bewulksein verliert, weil diesem nur Notwendigkeit
und nicht Freiheit vorliegt.
Und frei wird der Kiinstler werden von dem bloften
Modell in der Nachahmung der aufieren Natur, die er
doch niemals erreichen kann. Aus geistigen Hohen herun-
ter wird er holen, was er der Materie einpragen will. Ein
schwacher Anfang zu solchem Herunterholen von Formen,
die dem freien Geiste sich offenbaren, die sich nicht kniip-
fen an Nachahmung im Modell, soil sein, was aus den For-
men und dem Bildnerischen und dem sonstigen Kiinstle-
rischen dieses Baues spricht.
Und frei von allem blofi Traditionellen, das an den
Menschen als ein Aufieres, als ein Unfreies herantritt, soli
das religiose Erleben werden: frei ergreifend, was sich als
das Gottliche im Inneren des Menschen selber enthiillt,
frei im Inneren sich verbindend mit derjenigen Kraft, die
sich ihrer wahren Wesenheit nach doch nur in Freiheit mit
diesem menschlichen Inneren wahrhaftig verbinden will:
der Christus-Kraft.
Wissen nach den verschiedensten Gebieten hin - nach
dem auCeren Naturlichen, nach dem Inneren des Men-
schen, nach dem beides umfassenden Einheitlichen -, das
ist das neue Streben nach Erfullung des Wortes: Erkenne
dich selbst! - Dreifacher Schritt der Freiheit: Freiheit im
inneren Erleben des Menschlichsten, Freiheit im Schaffen,
audi im kiinstlerisdien Schaffen, Freiheit im religiosen
Erleben, das ist das andere.
Dazu soil fiihren die Befruclitung der einzelnen Wissen-
schaften und menschlichen Lebenszweige und des ganzen
sozialen Lebens, wovon in den nachsten Tagen hier ge-
sprochen werden soli. Gezeigt werden soil, dafi aus den
einzelnen Wissenschaften heraus nicht nur - wie es eine
moderne, in den Tod gehende Philosophic tun will - ge-
wisse Satze gewonnen werden konnen, aus denen man
dann eine abstrakte Weltanschauung zusammenzimmert,
sondern dafi durch Geistbeobachtung eine Weltanschauung
iiber allem Sinnlichen gewonnen werden kann, und dafi in
die einzelnen Fachwissenschaften diese allgemeine, licht-
voll erfalke Weltanschauung hineinleuchten kann.
Man hat auch verlangt, dafi die Weltanschauung sich
nahre aus dem, was ihr die einzelnen Wissenschaften und
ihre Ergebnisse abgeben. Die Zeit ist gekommen, wo aus
einer im Geiste erlebten Weltanschauung die Ergebnisse
herunterstrahlen in die einzelnen Wissenschaften. Mag das
die Welt heute noch wenig erkennen, das, was hier an die-
sem Orte geschieht, das soli niemals aus einem anderen
Ton als aus dem heraus kommen, der selber impulsiert ist
auf der einen Seite von dem wahrhaftigen: Erkenne dich
selbst! - auf der anderen Seite von dem: Mensch, werde
ein freies Wesen! - Das ruft uns aber nicht nur die einsame
Wissenschaftsbetrachtung im menschlichen Inneren zu. Das
ruft uns zu unsere ganze katastrophale Zeit von heute.
Und wenn wir zusammenfassen, was im Tiefsten ruht in
den Zeitenratseln und Zeitenfragen, so ist es das, was ich
versuchte heute anzutonen.
Von dem, was uns so auf gegeben ist von den Zeichen der
Zeit wie von dem fiihlenden Menschenwesen, das inner-
halb dieser Zeit stent, darf man so sprechen zum Alter.
Diese alteren Menschen haben es erfahren, was es heifit,
in einer katastrophalen Zeit zu leben. Sie fiihlen, wie ab-
getaut sind die Ideale ihrer Jugend. Sie fiihlen, wie ausge-
flossen ist in ein Zivilisationschaos, was sie glaubten in
ihrer Jugend hinauszutragen in die moderne abendlan-
dische Zivilisation. Zu ihnen, die solches erfahren haben,
darf so gesprochen werden, wie heute gesprochen worden
ist. Denn es mufi solches Wort die Seite im menschlichen
Seelenleben finden, die da sagt: Wir rmissen noch beniitzen
des Lebens Rest, um die Menschheit hinzuweisen auf Star-
keres, als dasjenige war, was durch uns gewirkt hat.
Und auch zur Jugend darf mit solchen Worten gespro-
chen werden. Denn sie schaut noch in voller Kraft, was im
Zusammensturz ist, was in der Katastrophe lebt. Sie
kann fiihlen, innehabend ihre voile Menschenkraft und
voile Menschenbegeisterung, daE etwas Neues, etwas
Kraftvolles geschehen mu£. Und der rechte Alte von heute
wird suchen das Wort, das ziinden kann in der Jugend, auf
da£ andere Zeiten sehen die Seelen, die aus den Augen der
heutigen Jugend in die Welt blicken, als sehen miissen die
Seelen, die durch heute alte Augen in die Welt blicken.
Und so darf man wohl zu jedem Lebensalter sprechen.
So darf man sprechen zu denen, die man in einer gewissen
Sprache die «alten Hauser» aller Sorten nennt, so darf
man sprechen zu den jungen Kommilitonen. Denn so darf
man sprechen nicht nur aus den Zeitenaufgaben heraus,
sondern aus den grolken Aufgaben des menschlichen We-
sens selbst. Und wir leben in einer Zeit, wo des Menschen
grofite Lebensfragen Zeitaufgaben geworden sind. Wir
leben in einer Zeit, in der wir hineinschauen konnen in der
Menschen tiefstes Innere. Und wir werden da geschrieben
sehen die Aufforderung zu handeln, zu handeln in einer
Richtung, die wir zugleich angegeben finden, wenn wir
hinschauen auf die aufieren Zeichen der Zeit mit ihrer
deutlichen Sprache.
Von dem, was in dieser zweifachen Blickrichtung liegt,
mochte in den nachsten Tagen gesprochen werden. Mochte
das Gesprochene Aufmerksamkeit finden. Denn in der
heutigen Zeit den Menschen verstehen, heilk, ein Wichtig-
stes im Menschenleben selber empfinden und fiihlen. Der
allein stellt sich heute recht und gerecht in das menscliliche
Wirken der Zeit hinein, der sich zu sagen versteht: in den
Zeichen der Zeit liegt die Aufforderung ausgesprochen, ins
tief ste menschliche Innere erkennend, geist-erkennend hin-
einzuschauen. Und was der Mensch nur in seinem Inneren
heute ergriinden kann, ist zu gleicher Zeit das, was zu
erkennen, zu fiihlen, zu wollen, zu vollbringen uns auf-
fordern die deutlich sprechenden Zeichen der Zeit.
Auf die Eroffnungsrede Rudolf Steiners folgte ein Vortrag Albert
Stefjens iiber «Das Werden des Kunstwerks».
Darauf sprach Frau Marie Steiner die von Rudolf Steiner schon fiir
die Eroffnungsfeier des Ersten Hochschulkurses umgestalteten Worte
des Hilarius aus: «Der Hiiter der Sdrwelle*:
In jenes Geistes Namen, der den Seelen
In unsrem Strebensorte sich verkiindet,
Erscheine ich in diesem Augenblicke
Vor Menschen, die von jetzt an horen wollen
Das Wort, das hier den Seelen ernst erklingt.
Nicht friihern Zeiten konnten jene Machte,
Die unsres Erdenwerdens Ziele lenken,
In vollbewufiter Art sich offenbaren.
Denn wie im Kinderleibe erst allmahlich
Die Krafte reifen miissen und erstarken,
Die zu des Wissens Tragern sind bestimmt,
So mufite sich als Ganzes audi entfalten
Das Menschentum in seinem Erdenlauf .
In Dumpf heit lebten erst die Seelentriebe,
Die spater wiirdig sich erweisen sollten,
Aus hohen "Welten Geisteslicht zu schauen.
Doch wurden als der Menschen weise Fiihrer
Im Erdbeginn dem Geist ergebne Seelen
Von hohren Daseinsmachten auserwahlt.
Sie pf legten in des Wissens Strebeorten
Die Geisteskrafte, die Erkenntnisstrahlen
In Seelen sandten, die nur dumpf bewufit
Von ihrem Schauen sich durchdringen konnten.
Erst spater konnten aus der Menschen Reihen
Die Geistesforscher sich die Schuler holen,
Die durch das willensstarke Priifungsleben
Sich reif erwiesen, in Bewulkheits Helle
Zum Geisteswissen zielvoll hinzustreben.
Und als der ersten Fiihrer Schuler spater
Das edle Gut in Wiirde pflegen konnten,
Verschwand die unbewufite Fiihrerschaft,
Dafi freie Seelen wissend streben durften.
Und freie Seelen wahken sich dann Menschen,
Die ihnen folgen durften in der Pflege
Des Geistesschatzes; und so ging es weiter
Von einem Menschenalter hin zum andern.
Es sind bis jetzt ja alle Wissensstatten,
Die dies in Wahrheit sind, gerecht entsprungen
Der hochsten, die in Geistesspharen steht.
In ernstem Suchen streben wir allhier
Nach wahrem Geistes-Menschenerbe hin.
Wir werden niemals von Erkenntnis sprechen,
Die nicht des Geistes eignes Siegel tragt,
Allein vom Lichte aus den Geisteswelten,
Das schauend Menschen sich erschliefien kann,
2A
Die sich ihm strebend anvertrauen wollen,
Um ihrer Seele Tiefen zu ergriinden.
Zu diesem Lidite wiirdig hinzustreben,
Das weiset uns der Zeitenwende Ernst
Und ihre Not; die Zeichen sind fiirwahr
Bedeutungssclrwer, die sidi im Weltenplane
Jetzt Geistesaugen deutlich offenbaren.
PHILOSOPH1E
Erster Vortrag, Dornach, 4. April 192 1
Die Vortrage dieser Woche sollen so eingeriditet sein, dafi
jeder Tag einem anderen Fache gewidmet ist, so dafi er-
scheinen kann, was als Befruchtung der einzelnen Fach-
wissensdiaften und Zweige des praktisdien Lebens von
der Geisteswissenschaft bewirkt werden soil. Heute soli
mit dem wissenschaft lichen Fach begonnen werden, das in
einer gewissen Beziehung der Geisteswissenschaft, wie sie
hier gemeint ist, selber am nachsten stent: mit dem Fache
der Philosophic Was ich hier selbst werde zu sagen haben,
soli eine Art Einleitung sein zu den Fragen, die im Laufe
des heutigen Tages behandelt werden sollen.
Ich mochte dabei von einem der interessantesten und
sogar bedeutsamsten Phanomene der neueren philosophi-
schen Entwickelung ausgehen. Es ist ja durchaus so, dafi
nicht immer diejenigen Erscheinungen die bedeutsamsten
und interessantesten sind, die bald darauf in den gebrauch-
lichen Geschichtswerken verzeichnet werden. Und so moch-
te ich denn von einer Erscheinung ausgehen, die noch sehr
wenig geschichtlich zum Ausdrucke gekommen ist, von der
ganzen Bedeutung eines 1888 erschienenen philosophischen
Werkes, das herriihrt von Ludwig Haller, einem Regie-
rungsrat und Staatsanwalt, und das den Titel tragt «Alles
in Allen: Metalogik, Metaphysik, Metapsychik». Ich darf
von diesem Phanomen im philosophischen Leben um so
mehr ausgehen, als derjenige, der meine eigene schrift-
stellerische Laufbahn verfolgt, sehen kann, dafi ich selbst
von diesem Phanomen ganz unbeeinflufit geblieben bin,
weil dasjenige, was meine Stellung zur Philosophic aus-
macht, durchaus schon enthalten ist in meinen Schriften,
die vor dieser «Metalogik, Metaphysik, Metapsydiik» er-
schienen sind, und das, was ich spater gesagt habe, nur eine
sachgemafie und konsequente Ausgestaltung des in meinen
ersten Schriften Enthaltenen ist.
Vor alien Dingen tritt uns in dem Staatsanwalt und
Regierungsrat Ludwig Haller, der sonst nichts geschrieben
hat als das genannte Werk, ein Mensch entgegen, bei dem
das, was man Philosophic nennt, nicht nur Fachwissen-
schaf t ist - obwohl er in einer gewissen Beziehung durchaus
befahigt ist, sich mit dieser Fachwissenschaft auseinander-
zusetzen sondern bei dem das, was er vorbringt, aus
unmittelbar personlichem philosophischem Erleben heraus
kommt. Wir haben es mit einer Personlichkeit zu tun, wel-
cher das philosophische Streben innerlichstes personliches
Erleben geworden ist. Und wenn wir gleich eingehen auf
das Bedeutsamste bei Ludwig Haller, dann miissen wir
verzeichnen, dafi er eigentlich mit der ganzen Art des
philosophischen Denkens der neueren Zeit auf dem Kriegs-
fufie steht. Er hat sich offenbar viel umgetan in allerlei
Philosophie und auch in denjenigen Literaturwerken, in
denen «Lebensphilosophie» sprudelt. Er hat sich einge-
wohnt in das philosophische Denken seiner Zeit und er hat
gefunden - es ist das, wie gesagt, seine Meinung -, dalS
man sich mit diesem philosophischen Denken eigentlich in
einer Art von unwirklichem Kreise dreht, da£ man mit
diesem philosophischen Denken niemals in die Lage
kommt, in die Wirklichkeit selber unterzutauchen.
Ludwig Haller mochte mit seinem Philosophieren in die
geistige Wirklichkeit eindringen, die er, indem er offenbar
seiner Erziehung nach herausgewachsen ist aus mehr reli-
giosen Vorstellungen, «das G6ttliche» oder auch wohl
«Gott» nennt. In diesem «G6ttlidien» oder in «Gott» sudit
er den Quell alles dessen, was als die eigentliche Wesenheit
auch in der menschlichen Seele leben und dessen sich die
Menschenseele audi bewuftt werden miisse. Aber er kommt
eben darauf, daft diese Seele, indem sie die zu seiner Zeit
gebrauchlichen Begriffsgewebe verarbeitet, in dieses Zen-
trum ihres Wesens, wo sie eins ist mit dem Gottlich-Geisti-
gen der Welt, nicht eindringen konne.
Da dieses Gedankenweben der Philosophen Ende der
achtziger Jahre, in denen das genannte Werk erschien, ja
noch vielfach ganz und gar beeinfluftt war von Kant und
also Kantische Gedanken in diesem Gedankenweben leb-
ten, so fuhlte sich Ludwig Haller vor alien Dingen auch
veranlaftt, sich mit dem Kantianismus und alledem, was
von dem Kantianismus herruhrt, zu beschaftigen. Aber
gerade in all den Gedanken, in die nur irgendwie Kanti-
sches hineinflieftt, sah er das Unwirkliche, dasjenige, was
niemals in die Wirklichkeit der Welt untertauchen kann.
Und er war eigentlich unglucklich dariiber, daft er, weil er
eben philosophisch in seiner Zeit sprechen wollte, sich mit
diesem vom Kantianismus durch und durch infizierten
Denken beschaftigen miisse, daft er immer wieder und
wiederum darauf zuruckkommen miisse, sich mit dem
Kantianismus auseinanderzusetzen. Er fand recht scharfe
Worte, um erstens den Kantianismus selbst zu charakteri-
sieren, und dann auch fur das ihm so unsympathische Sich-
auseinandersetzen-Miissen mit dem Kantianismus. Ich
mochte Ihnen zwei Proben aus diesem Beurteilen des
Kantianismus hier mitteilen, damit Sie sehen, womit ein
Mensch, fur den Philosophic eine innerlichst personliche
Angelegenheit ist, in unseren Zeiten ringt.
Einmal spricht da Ludwig Haller vom Kantianismus so,
daft er iiber ihn sagt: der «pseudodialektische, halbwahre,
im Tiefsten unredliche Charakter dieser Misosophie,
welche dem Arsenal des Lichtes die Waffen zu stehlen
versucht, urn sie im Dienste der Finsternis zu verwenden».
Ein andermal wird er, icli mochte sagen, schriftstellerisch
wiitend dariiber, dafi er immer wieder und wiederum sich
genotigt findet, weil er doch mit seinen Zeitgenossen sich
auseinandersetzen mufi, auf das Kantische Denken einzu-
gehen, und er sagt: «Ich, der ich von Gott und seiner Herr-
lichkeit reden konnte und mochte, sehe mich immer von
Neuem dazu verdammt, von Kant und seiner Erbarmlich-
keit zu reden - ich eines Gecken Geck.»
Ich wollte auf dieses Phanomen hinweisen, weil es ein
Abdruck ist von den Kampfen, die eine wirklich philoso-
phisch angelegte Natur am Ende des 19. Jahrhunderts zu
bestehen hatte. Man nimmt heute, was philosophisches
Reden und Schreiben ist, durchaus audi so, dafi man dar-
aus mogiichst eine Angelegenheit macht, die sozusagen ein
Stuck iiber den menschlichen Kopfen dariiber schwebt,
bei der man personlich gar nicht dabei ist. Daher werden
die inneren tragischen Phanomene des philosophischen
Lebens in unserer Zeit viel zu wenig gewiirdigt. Und ich
glaube, daE dieses Phanomen, das zu dem Tragischesten
in den inneren philosophischen Erlebnissen unseres Zeit-
alters gehort, eigentlich in weiteren Kreisen recht wenig
bekanntgeworden ist.
Wer das Geistesleben dieser Zeit wirklich kennt, der
weift, wieviel von solchen Stimmungen in Menschen unse-
res Zeitalters gelebt hat. Und eigentlich mu£ man auch,
wenn man das Wesen philosophischen Denkens in unserer
Zeit darlegen will, gerade von diesen Erscheinungen reden,
die ja von den philosophischen Fachmannern nicht beachtet
werden, die aber fur das eigentliche menschliche Erleben
um so wichtiger sind.
Nun mochte ich, ankniipfend an dieses Phanomen, ein
anderes, das im Grande genommen audi nur ein sozusagen
subjektiv personliches philosophisches Erlebnis ist, charak-
terisieren. Der bekannter als Ludwig Haller gewordene
Philosoph Eduard von Hartmann hat sich mit Ludwig
Haller auseinandergesetzt. In dieser Auseinandersetzung
ist ein Punkt von ganz besonderer Bedeutung. Ludwig
Haller, der sich viel zu tun macht, Sie sahen, er nennt
sich wegen dieses Sich-viel-zu-tun-Machens «eines Gecken
Geck», mit dem Sich-Hineinfinden in das kantisch infi-
zierte Gedankenweben seiner Zeit, unseres Zeitalters — er
verspiirt namlich, indem er so mit dem Denken von Be-
griff zu Begriff geht, indem er sich dem philosophischen
Denken iiberlafk, das sieht man ganz deutlich iiberall
durchleuchten aus seinem Buche — er verspiirt, dafi die
Begriff e, denen er nun folgt mit dem Denken, ein merk-
wiirdiges Innenleben gewinnen. Es ist ihm so, als ob die
Begriff e in seinem Gemiite anfingen ein selbstandiges
Leben zu fuhren. Das hebt er an den verschiedensten
Stellen seiner «Metalogik, Metaphysik, Metapsychik» her-
vor.
Wenn wir psychologisch auf dieses interessante Phano-
men eingehen wollen, so konnen wir nicht anders als das
Folgende sagen: Ludwig Haller versetzt sich mit aller Ge-
walt in die besondere Natur des gegenwartigen philoso-
phischen Denkens. Aber sein inneres menschliches Erleben
will eigentiich etwas anderes; zu diesem anderen kann er
nicht kommen, weil in den achtziger Jahren ja auch nicht
die Spuren einer wirklich modernen Geisteswissenschaft
vorhanden waren. Es fehlt in seinem Inneren das, was
dieses menschliche Innere mit wirklicher Geisteswissen-
schaft erfiillen konnte. Aber es lebt, mochte ich sagen, auf
eine merkwurdig instinktiv unbewufite Art darin. Er weifi
nichts davon, aber er merkt es an diesem sonderbaren Pha-
nomen, dafi die Begriffswelt bei ihm lebendig wird, ein
selbstandiges Leben fiihrt.
Wer im Sinne der hier vertretenen Geisteswissenschaft
forschen kann, der kennt dieses selbstandige Leben der
Begriffe sehr gut. Aber er kann es audi beherrschen. Er
kann es in dem Sinne beherrschen, wie man den Obergang
von einem mathematischen Begrif f zu dem anderen mathe-
matischen Begriff im gewohnlichen Mathematisieren be-
herrschen kann. Aber dieses Beherrschen, das mufi durch
innerliche Ubung errungen werden. Es ist ganz selbstver-
standlich, daft man in ein dem gewohnlichen Bewufttsein
ganz femes Leben hineinkommt, wenn man so plotzlich
merkt - was sonst nur die Speisen in unserem Organismus
tun, daft sie ohne unser Zutun ihr eigenes Leben in der
Verdauung fuhren -, daft die aufgenommenen Begriffe
anfangen, innerlich ein eigenes Leben zu fuhren. Es ist
nicht unbegreif lich, sondern sehr, sehr begreiflich, daft nun
ein Philosoph wie Eduard von Hartmann, der ja geistvoll
war, der auf manchen Gebieten auch durchaus Eindring-
liches geleistet hat, der aber durchaus herausgewachsen ist
aus dem philosophischen Denken seines Zeitalters, mit
diesem Erlebnis Ludwig Hallers nichts Besonderes anfan-
gen konnte. Und indem Eduard von Hartmann seine
Kritik iiber Ludwig Haller schreibt, merkt man, daft ihm
auf der einen Seite ganz schwul wird. Was soli denn das
werden - so sagt sich der richtig zeitgemafte Philosoph -,
wenn da die Begriffe, denen ich mich hingebe, plotzlich
anfangen in meinem Inneren wie Kobolde zu tanzen, sich
gegenseitig zu umhalsen oder dergleichen? Das ist ja etwas
Furchterliches, dem kann man sich nicht aussetzen! - Und
er gibt demgemaft auch, als richtiger zeitgemafter Philo-
soph, diese Kritik in einer recht bedeutsamen Weise ab,
indem er sagt, er habe niemals etwas bemerkt von diesem
neckischen, koboldartigen Treiben der selbstandig lebendig
gewordenen Begriffe.
Man kann Eduard von Hartmann durchaus glauben,
da£ er diese Schwiile im Inneren beim Lesen der «Metalo-
gik, Metaphysik, Metapsycliik» Ludwig Hallers empfand.
Er hat, wie seine Kritik zeigt, deshalb doch nicht aufge-
hort, das ganze Buch durchzulesen, bat es sogar in einem
gewissen Sinne sehr bedeutend gefunden. Ich glaube, viele
andere, die sich in dem Zeitalter, das auf 1888 gefolgt ist,
fachmannisch mit Philosophic beschaftigt haben, sind wohl
kaum iiber die ersten Seiten dieses Buches hinausgekom-
men, wenn sie iiberhaupt audi nur das Titelblatt kennen-
gelernt haben!
Worauf ich Sie da hinweise, ist eine durchaus bedeut-
same Erscheinung. Und wir verstehen sie nur, wenn wir
die philosophische Entwickelung des Abendlandes so ver-
folgen, wie ich sie zu verfolgen versuchte in meinem Buche
«Die Ratsel der PhiIosophie». Wenn man auf das eingeht,
was ich dort genauer und in alien Einzelheiten an der
Hand der Philosophiegeschichte ausgefuhrt habe und was
ich hier nur andeuten kann, so sieht man, dafi im Zeitalter
des griechischen Philosophierens die ganze menschliche
Seelenverfassung eine andere war, als sie spater geworden
1st und als sie namentlich in unserer Zeit ist. Wir sehen,
wie im griechischen Philosophieren durchaus das, was wir
Denken nennen, was wir Vorstellen nennen, in einer ahn-
lichen Weise mit den Bedingungen der Aufienwelt, insof ern
sie sich dem Menschen darstellt, verkniipft ist, wie fur uns
nurmehr die sinnlichen Wahrnehmungsqualitaten. Indem
wir wahrnehmen, schreiben wir, wenigstens im naiven Be-
wufttsein, dem, was wir wahrnehmen, die sinnlichen Qua-
litaten zu. GewiE, die erkenntnistheoretischen Erorterun-
gen seit Locke und anderen denken anders, aber sie brau-
chen uns in diesem Augenblicke weniger zu interessieren;
ich will fur die herangezogene Tatsadie nur auf das naive
Bewufitsein verweisen. Man schreibt in diesem naiven
Bewufitsein den Dingen die Sinnesqualitaten rot, blau,
weifi, warm, kalt, lau, siift, bitter und so weiter zu, und
man ist sich heute klar dariiber, dafi dasjenige, was man an
den Sinnesobjekten denkt und vorstellt, im Bewufkwerden
abgesondert ist von dem Objektiven, dafi es subjektiv
erlebt wird. Der Grieche schrieb aber sein Denken, seine
Vorstellungen dem Objekte noch so zu, wie wir rot, blau,
sufi, bitter und so weiter dem Objekte zuschreiben; er
hatte, was er im Erkennen erlebte, zu einem noch grofteren
Teile sozusagen in der Wahrnehmung drinnen, als wir das
haben. Er hatte durchaus das Bewufksein, dafi er mit dem
Rot, Griin und so weiter zugleich den begrifflichen Inhalt
wahrnahm.
Und was, ich mochte sagen, in der am meisten logischen
Weise im griechischen Denken zutage trat, das war bis in
das 13., 14., 15. Jahrhundert herauf, bis in die Galilei-
Kopernikus-Zeit, im Grunde genommen eine Eigentum-
lichkeit des allgemeinen forschenden Bewufitseins. Wer sich
vertieft in dasjenige, was zutage getreten ist in wissen-
schaftlichen Leistungen, die ja fur diese Zeit durchaus noch
eins waren mit dem philosophischen Forschen, wer sich
vertieft in die entsprechende Literatur, soweit sie vorhan-
den ist, wird sagen, daft diese alteren Forscher und Denker
durchaus, indem sie von den Dingen reden, an den Dingen
dasjenige noch als objektiv schildern, was der heutige For-
scher durchaus von den Dingen abgesondert denkt und
dem Subjekte zuschreibt.
Man kann verfolgen, und dieses Verfolgen ist aufier-
ordentlich interessant, wie im Zeitalter der Scholastik das
philosophisdie Leben die Richtung nimmt, sidi klarzuwer-
den, wie eigentlich das, was wir das Denken in Begriffen
nennen, noch verbunden gedacht werden darf mit dem
Objektiven. Vor dem scholastischen Zeitalter war die Ver-
bindung desjenigen, was als Vorstellung und Begriff an
den Dingen erlebt wird, mit diesen Dingen selbstverstand-
lich. Eine Frage, ein Ratsel wurde diese Verbindung erst,
als sich fur das menschliche Erleben das Begriffliche, das
Vorstellungsmafiige von dem loste, was man die objektive
Wahrnehmung nennt. Und aus diesem philosophischen Er-
leben heraus ist dann der Scholastik jenes Problem entstan-
den, das man heute viel griindlicher studieren sollte, als man
es studiert, das Problem des «Realismus» und des «Nomi-
nalismus». Heute verbindet man sogar ganz andere Vor-
stellungen mit diesen Worten «Realismus» und «Nomina-
lismus», als es im Zeitalter der Scholastik der Fall war. Im
Zeitalter der Scholastik war ein Realist, wie zum Beispiel
Thomas von Aquino y derjenige, der den Begriffen, den
Vorstellungen eine objektive Realitat beilegte, so daft er
sagte: Die Begriff e, die Vorstellungen haben etwas, was in
seinem Inhalte objektiv ist, was nicht bloft dem Subjekte
angehort, was nicht bloft gedacht ist. Ein Nominalist war
derjenige, der die Realitat nur in dem suchte, was aufter-
halb des Begrifflichen liegt, der in den Begriffen nur etwas
sah, wodurch der Mensch zusammenfafit, was ihm als
Wahrnehmung gegeben ist, so dafi die Begriff e fur den
Nominalisten eben blofie Namen waren.
Soldi ein Problem taucht immer dann auf in der Mensch-
heitsentwickelung, wenn innerlich etwas durchgemacht
wird. Der Mensch hatte eben dieses innerlich durchzu-
machen im Mittelalter, daft er sich immer verwandter und
verwandter machte in seinem eigenen Inneren mit dem
begrifflichen Leben, dafi er das, was Aufienwelt genannt
wird, nur in dem Wahrnehmbaren sah. Daher wurde es
fiir ihn eine Frage: Wie ist man berechtigt, dasjenige, was
man im Grunde genommen innerlich nur als Name hat,
was man nur so erf afit, dafi man die aufterlichen Wahrneh-
mungen damit zusammenordnet, auf diese aufierlichen
Wahrnehmungen irgendwie zu beziehen? Ein bedeutsamer
Skeptizismus geht aus dem Nominalismus hervor.
Und im Grunde genommen ist das, was dann in der
Kantischen Philosophic aufgetreten ist, nichts anderes als,
ich mochte sagen, die letzte Konsequenz dieses Scholasti-
kerproblems. Nur kam Kant auf eine eigentiimliche Weise
gerade zu seiner Formulierung des Scholastikerproblems:
In dem Zeitalter, in dem Kant als Jungling seine philoso-
phischen Studien gemacht hat, war der etwas verdiinnte
Leibnizianismus innerhalb der Kreise herrschend, in denen
eben Kant seine Studien machte. Der Leibnizianismus, der
in seiner Art etwas Grofies ist, wenn audi etwas aufier-
ordentlich Abstraktes, der noch durchaus einen Zusammen-
hang mit Wirklichkeitsgeist hat, war im Wolffianismus,
der fiir Kant das Jugendstadium bildete, philosophised
sublimiert, verdunnt. Man hatte in dieser Zeit schon durch-
aus zu tun mit den Anspruchen der mathematisierenden
Wissenschaft, mit den Anspruchen der Wissenschaft, die
sich eben zusammensetzt aus den Ergebnissen der Aufien-
beobachtung der Welt. Aber aus der alten Gewohnheit
heraus, daft der Mensch doch etwas mitzusprechen habe,
wenn iiber die Welt etwas ausgemacht wird, hatte man
neben dieser empirischen Wissenschaft, neben dieser Er-
fahrungswissenschaft, die breite Vernunftlehre statuiert.
Man hatte statuiert: iiber alles Vergangliche konnen durch
Erfahrung, durch Empirie, ungewisse Urteile gewonnen
werden; aber diese Urteile sind eben durchaus nur auf das
Vergangliche gerichtet und sind ungewifi. Man kann nicht
wissen, ob sidi das, was man iiber irgendeine Tatsache
der verganglichen Welt durch Beobachtung und Verstan-
deserkenntnis erkennt, audi wirklich, wie notwendig fur
alle Zeiten, so verhalten rau6. Man kann nicht einmal
wissen, daft die Sonne jeden Morgen aufgehen muiS, denn
man bat nur den einen Erfahrungsbeweis, dafi sie bis jetzt
an jedem Morgen aufgegangen ist. Daraus kann man
schliefien, da£ sie audi zukiinftig aufgehen wird; aber es
ist eben nur ein Erfahrungsschlufi. Ober diese Erfahrungs-
wissensdiaft hinaus suchte nun der Wolffianismus, suchte
audi Kant in seiner Jugend, ganz im Einklang mit dem
Wolffianismus, eine Vernunftwissenschaft. Es ist charak-
teristisch, daft ein Bucb von Wolff so heiftt: «Verniinftige
Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen,
auch alien Dingen iiberhaupt.»
Also es handelte sich darum, auf der einen Seite ein
Erfahrungs wissen zu gewinnen iiber den Umkreis der
Welt, soweit er der Erfahrung zuganglich ist, und auf der
anderen Seite ein iiber alles sick erstreckendes Vernunft-
wissen, das gewissermafien aus der Vernunft allein heraus
gewonnen werden soil. Und man begriindete neben der,
sagen wir, geoffenbarten Theologie eine verniinftige, eine
rationelle Theologie, neben der Erfahrungs-Seelenkunde
eine rationelle Psychologie, neben der Weltkunde, die man
durch Erfahrung gewinnt, eine rationelle Geologie und
so weiter. Gewohnheitsmafiig lag diesem Suchen nach einer
besonderen Vernunftwissenschaft zugrunde, daft man sich
sagte: In einer aufteren Welt gibt es keine Gewiftheit fiir
das wissenschaftliche Forschen. Will man aber eine solche
Gewiftheit haben, kann man sie nur dadurch gewinnen,
dafi man sie aus der Vernunft selber heraus gewinnt.
Allerdings liegt dem ganzen Forschen des Wolffianismus
noch das zugrunde, dafi zuerst auf irgendeine transzendete
Weise in diese Vernunft, aus der heraus der Mensch dann
seine «Vernunftwahrheiten» gewinnt, eine Wirklichkeit
hineingelegt worden ist.
Zweierlei trat bei Kant auf, und wer ganz unbefangen
Kant studiert, wird scharf hingewiesen auf das, was bei
ihm nach zwei Seiten hin auftaucht: Auf der einen Seite
hatte er sich eingewohnt in das Suchen nach «gewissen
Urteilen». Er hatte sich zum Beispiel gesagt: In der Mathe-
matik haben wir solche Urteile, die ganz notwendig immer
gelten, die also nicht aus der Erfahrung stammen konnen,
weil die Erfahrung keine solchen Urteile gibt. Wir haben
auch in einigen Partien des naturwissenschaftlichen Den-
kens solche Urteile, die fur immer gelten, die also wirklich
nur aus dem Menschen selbst heraus gewonnen werden
konnen. Gewifiheit muE es geben in der Philosophie. —
Das war die eine Seite dessen, was Kant wollte. Und wer
nicht ins Auge fafit, wie Kant fest auf dem Boden stand:
Gewifiheit mufi es geben - auch im Sinne der Wolffischen
Philosophie — , der versteht eben Kant nicht, weil er sich
nicht einlassen kann auf die Erkenntnis dieses Pochens
Kants auf die Gewifiheit gewisser Urteile.
Aber an dem Wolffianismus, seinem Inhalte nach, war
Kant irre geworden durch das Studium von Hume, dem
englischen Philosophen, der ein blofier Erfahrungsphilo-
soph sein wollte. Und er sagte sich, eben unter dem Ein-
flufi Humes: So etwas, wie eine Wirklichkeit herausspin-
nen aus der Vernunft, das gibt es ja nicht; es gibt eigent-
lich nur eine Erfahrung. - Das war die zweite Seite.
Gewifiheit mufi es geben auf der einen Seite; aber alles,
was in der Erfahrung auftritt, was die einzige Grundlage
fiir wirkliches Erkennen ist, das liefert keine Gewifiheit.
Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus? Und das
ganz zwangsmafiige Suchen, aus diesem Dilemma heraus-
zukommen, das ist im Grande genommen der Haupt-
impuls des Kantisdien Denkens. Ich habe das ausfuhrlich
dargestellt in meiner Schrift «Wahrheit und Wissenschaft»
und habe es noch durchleuchten lassen in meiner «Philo-
sophie der Freiheit», wie eigentlich Kants Suchen nidit
darauf hinauslief, irgend etwas wesentlich zu erkennen,
sondern zu fragen: Wie kommt man zu einer absoluten
Gewifiheit?
Das Kantsche Problem ist kein Wahrheitsproblem, ist
kein Erkenntnisproblem, sondern ein GewiEheitsproblem.
Und wenn man es nicht als ein Gewiftheitsproblem fafit,
kann man es eigentlich nicht verstehen. Die Losung wird
von Kant dadurch gesucht, daft er sagt: Zum Herausspin-
nen von Wirklichkeitsurteilen aus der Vernunft ist die
Menschenseele allerdings nicht geeignet, aber diese Urteile
kommen doch zustande; sie werden, wie man zum Beispiel
in der Mathematik sieht, angewendet auf die auftere Er-
fahrung. Wir schauen solche Figuren (es wird gezeichnet)
nicht blofi an, sondern wir schauen sie mathematisch an
und sagen: Es sind zwei Dreiecke oder, anders gezeichnet,
es ist ein Sechseck. - Wir vermischen das, was wir innerlich
aus der Vernunft herausspinnen, mit dem, was uns durch
die aufiere Er fanning kommt. Wir stiilpen das innerlich
a priori Erkannte iiber das a posteriori, von aufien Er-
fahrene himiber.
So kam Kant dazu, zu sagen: Wahrheitserkenntnis kann
allerdings aus der Vernunft nicht gewonnen werden. Aber
die menschliche Vernunft wird auf die Erfahrung ange-
wendet. Sie stulpt ihr Urteil iiber die aufiere Erfahrung
hiniiber. Sie macht selbst ihr Urteil iiber die aufiere Er-
fahrung. Weil Kant sagte: Gewifiheit muE es geben in der
Philosophic, Gewifiheit mufi man finden konnen, aber
man findet sie nicht, wenn man sie in Wolffischer Weise
sucht, wenn man glaubt, man konne erne Wirklichkeit in
der Vernunf t gewinnen und daneben die Erf ahrung neben-
herlaufen lassen weil Kant das nicht zusammenbringen
konnte, so sagte er: Der Mensch spinnt eben aus seiner
Vernunft das heraus, was die Erfahrung dann in sich auf-
nimmt; der Mensch macht selber die Erkenntnis; die Dinge
der Erfahrung sind deshalb gewifl und insofern gewifi, als
wir sie aus unserem Geiste heraus gewifi machen.
Sie sehen, eigentlich ist damit das Wesen der Erkenntnis
entthront. Eigentlich ist damit die Erkenntnis beseitigt.
Und sie ist auf scharfsinnige Weise beseitigt, so scharfsin-
nig, dafi die Kantianer sich bis heute an diese Scharfsinnig-
keit halten und nicht merken, was eigentlich darinnensteckt.
Kommt dann ein Mensch wie Ludwig Haller, der da fiihlt,
wie eigentlich das Kantische Denken ganz abkam von der
Wirklichkeit, wie es im Unwirklichen nach der Gewifiheit
schnappt, dann findet er eben Worte, wie ich sie Ihnen
mitgeteilt habe. Er findet, dafi da menschlicher Scharfsinn
angewendet wird auf ein unmogliches Problem, auf ein
Problem, das dem Menschen die Erkenntnis nicht aufhellt,
sondern mit Nebel umhiillt. Deshalb sagt Ludwig Haller,
wie er es empfindet: Diese Misosophie versucht zu stehlen
ihre Waff en aus dem Arsenal des Lichtes und verwendet
sie im Dienste der Finsternis.
Aber auf der anderen Seite mufi man audi einsehen, wie
diese ganze Entwickelung der neueren Zeit im Grunde
genommen notwendig war. Was sich heraufentwickelt hat
an menschlichem Denken und menschlichem Forschen seit
der Griechenzeit, war nicht eine Entwickelungslinie, die
man nur so verfolgen kann, wie ich es jetzt eben getan
habe, sondern die man auch nach einer anderen Seite ver-
folgen kann. Auch darauf habe ich in meinen «Ratseln
der Philosophie» hingedeutet. Wir stehen heute vor einer
Naturerkenntnis, welche das Naturphanomen rein aufzu-
fassen versucht.
Man kann allerdings sagen: Gerade derjenigen Natur-
erkenntnis, die heute immerdar besonders damit prunkt,
daft sie das Naturphanomen rein auf faftt, gelingt es kaum,
das Naturphanomen rein aufzufassen, das heiftt, es nicht
mehr, gar nicht mehr zu durchdringen mit dem Gedanken-
gewebe desjenigen, was nur im Begriffe, inner lich subjek-
tiv, gemacht ist. - Es werden ja noch immer iiber den
aufteren Phanomenverlauf allerlei Hypothesen aufgestellt,
nicht nur berechtigte, sondern unberechtigte.
Aber ein Mensch hat doch in der neueren Zeit scharf
betont, und zwar verhaltnismaftig friih, daft diese neuere
Zeit in bezug auf das Betrachten der aufteren natiir lichen
Vorgange nach dem reinen Phanomen, nach der reinen
Phanomenologie hinstreben mufi. Und das war Kants
Antipode Goethe. Er hat verlangt, daft die Phanomene, die
Erscheinungen rein sich selbst aussprechen. Er hat scharf
betont, daft dasjenige, was sich in der Verstandesentwicke-
lung abspielt, durchaus feme bleiben muft demjenigen, was
man als Beschreibung der Phanomene und des phanomena-
len Verlaufs selber hinstellt. Und in allerscharfster, in
bewunderungswiirdiger Weise fordert Goethe wiederholt
diesen reinen Phanomenalismus.
Aber je mehr man diesem reinen Phanomenalismus
zustrebt, desto mehr muft man nach einer besonderen Eigen-
tiimlichkeit der Begriffswelt streben. Und diese Eigentiim-
lichkeit der Begriffswelt ist auch in hohem Grade erreicht.
Diese Eigentiimlichkeit ist eine durchaus berechtigte fur
ein gewisses Zeitaher der menschlichen Entwickelung. Wer
sich nicht allein darauf beschrankt, die Philosophic zu stu-
dieren seit dem Zeitalter des Cartesius^ sondern wer ein
Organ dafiir hat, auch einzugehen auf die guten Seiten
scholastischer Philosophic, mittelalterlicher Philosophic,
und wer Aristoteles und Plato nicht durdi die Brille der
modernen Philosophie-Geschichtsschreiber sieht, sondern
sie in ihrer urspriinglichen Gestalt vor seine Seele stellen
kann, der weifi, daft die Art und Weise, wie die Begriffs-,
die Vorstellungswelt in der menschlichen Seele lebt, heute
eine ganz andere ist als im griechischen Altertum und selbst
nodi im scholastischen Mittelalter. Im scholastischen Mit-
telalter fiihlte noeh die Seele, daft, indem sie den Begriff
erlebte, in diesem Begriff etwas von Substantiality lag, so
wie in dem Rot, in dem Blau, das man als Wahrnehmung
hat, noch etwas von Substantiality liegt. In der neuesten
Zeit erst ist der Begriff zum vollstandigen Abbild gewor-
den. In der neuesten Zeit erst ist der Begriff seines Inhaltes
vollig entleert. In der neuesten Zeit erst ist in der Mensch-
heitsentwickelung und in der Philosophic moglich gewor-
den, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» das reine
Denken genannt habe.
Wenn man das Freiheitsproblem zu belauschen sucht,
so wie ich es versuchte in meiner «Philosophie der Frei-
heit», lernt man zu gleicher Zeit diesen neuzeitlichen Cha-
rakter des Denkens kennen. Man lernt dasjenige Denken
kennen, welches im Grunde genommen alles aufteren Er-
fahrungsinhaltes entleert ist, heranerzogen ist zwar an
diesem aufteren Erfahrungsinhalt, aber doch nur als sub-
jektive Tatsache lebt.
Von diesem reinen Denken kann man ebensogut sagen,
und ich habe das in der Neuauflage meiner «Philosophie
der Freiheit» deutlich durchmerken lassen, daft es im Be-
reiche des Wollens vor sich geht. Aber es ist das Wollen
zum Denken ummetamorphosiert, wie man sagen kann.
Es ist das Ergebnis desjenigen Denkens, das alle aufiere
Erfahrung abgestreift hat. Dieses reine Denken ist nur
mehr Bild, und ist ganz Bild. Und man mufi, wenn man
iiberhaupt zu einem philosophischen Verstandnis in unse-
rem Zeitalter kommen will, den Boden erreichen, auf dem
man dieses reine Denken hat.
Goethe hat gefiihlt, was in diesem reinen Denken liegt.
Die anderen konnen es ihm nur nachfiihlen. Daher zitieren
sie einen Goetheschen Aussprudi immer falsch, der etwa
sagt, der giitige Gott habe ihn davor bewahrt, «iiber das
Denken zu denken». So wie Goethe das meint, so ist es
schon richtig. Goethe hat niemals «iiber das Denken ge-
dacht», weil man aller dings mit dem Denken, in das man
sich eingewohnt hat, dieses reine Denken nicht erreichen
kann. Man mufi es als Bild anschauen. So dafi man sagen
kann: Das Denken selber, das man erkennen will, das reine
Denken, wird zu einem Anschauen dieses reinen Denkens.
Nicht dialektisch, aber anschaulich ist das reine Denken zu
erreichen. Man kommt zu diesem Punkt philosophischer
Entwickelung an dem Freiheitsproblem, weshalb die Frei-
heit, wirkliche Freiheit, gar nicht moglich ist ohne dieErrei-
chung dieses reinen Denkens, das bloftes Bild ist.
Solange eine Realitat in uns unser Handeln motivieren
wiirde, so lange kann unser Handeln nicht frei sein. Da-
her ist kein instinktives, kein traditionelles Handeln, kein
Handeln unter einem Gewohnten wirklich frei, sondern
allein ein Handeln, welches den Bildern, die im reinen
Denken weben, folgen kann. Sobald man einer Realitat
folgt, wird man gestofien. Wenn man frei sein will, mufi
man in seinen Willen das Irreale aufnehmen. Wenn Sie
sich irgendwie anstofien, so fiihlen Sie, dafi der Gegenstand
auf Sie eine Wirkung hat. Wenn Sie unter einem Instinkt,
unter einem Triebe eine Handlung vollbringen, so miis-
sen Sie fiihlen, dafi da etwas stolk, daJS da keine Freiheit
vorliegt. Wenn Sie aber vor einen Spiegel treten, das Bild
im Spiegel sehen, so werden Sie sich klar sein dariiber,
dafl das Spiegelbild Ihnen niemals eine Ohrfeige geben
kann, dafl das Spiegelbild Ihnen niemals einen Stofi geben
kann. Das Bild kann nichts machen von sich aus. Der mufi
machen, der mufi handeln, der diesem Bilde gegeniiber-
tritt. Da aber das Bild nichts macht, so wird die Hand-
lung dann zu einer freien Handlung. So kann nur ein
Denken, das nicht im Realen wurzelt, sondern das reines
Bild ist, ein freies Handeln motivieren. Deshalb erlauscht
man an dem Problem der Freiheit das Problem des moder-
nen Denkens, des reinen Denkens. Aber man stent in die-
sem Denken in einer Bilderwelt darinnen.
Die moderne Philosophic, alles, was in dieser modernen
Philosophic durch Kant und die Kantianer lebt, das kommt
instinktiv, obwohl es zumeist dieses reine Denken nicht
begreift, an dieses reine Denken heran. Man mufi eben,
wenn man in der modernen Zeit anfangt zu denken und
sein Denken schult an der Naturwissenschaft, die fur sich
alle Autoritat in Anspruch nimmt und die nicht wirkliche
Naturwissenschaft, wirkliche Realitatswissenschaft ware,
wenn sie etwas anderes in uns hereinstopfte als nur Bilder,
man muiS, wenn man sein Denken in dieser Richtung
bewegt, sich zunachst einem Irrealen nahern. Wir haben
in dem Denken, durch dessen Eigentumlichkeiten wir
durchgehen mit unserer modernen philosophischen und
wissenschaftlichen Entwickelung, keine Realitat, wir haben
blofies Bild einer Realitat. Und indem wir auf dieses Den-
ken hinblicken, kommen wir auf der einen Seite zu dem
Problem, das die neueren Erkenntnistheoretiker bewegt.
Sie mochten die Briicke schlagen von dem, was inner-
lich erlebt wird, zu dem, was aufierlich im Sein besteht.
Sie merken nicht, dafi sie gar nicht von einer Realitat
zur anderen zunachst die Briicke schlagen, sondern von
etwas, was in Bildern lebt, zu etwas, was Realitat sein
soli.
Und auf der anderen Seite kommen wir dazu, dafi die
gewissenhaften Naturdenker sich gestehen: mit diesem
irrealen Denken, mit diesem Denken, das im Bildcharakter
aufgeht, konnen wir docli nicht untertauchen in die Reali-
tat. Der Punkt, «wo Materie spukt», ist damit nicht zu er-
reichen. Denn man webt in Bildern. Die moderne Philoso-
phic webt in Bildern, weifi es nicht und sucht die Realitat in
diesen Bildern. Daher die Empfindung einer «Misosophie»
bei Ludwig Haller, daher das Gefuhl, man komme nicht in
die Wirklichkeit hinein, wenn man sich in diesem Denken
bewegt.
Das ist das Problem der neueren philosophischen Ent-
wickelung: dafi notwendigerweise die Menschheitsgeschichte
zu einem reinen Erfassen des irrealen bildhaften Denkens
treiben mufke. Um der Entwickelung der Freiheit willen
mufke die moderne Menschheit sich zu diesem irrealen
bildhaften Denken erheben. Aber man kann in ihm nicht
bleiben, wenn man ein Vollmensch ist, wenn man die
Realitat in allem menschlichen Wesen fuhlt. Denn man
mufi den Widerspruch fuhlen zwischen dem, was da
drangt und lebt und webt in dem menschlichen Wesen,
und dem, was vor dem Bewufksein steht als ein blofier
Umkreis von irrealen Bildern. Wir haben es nicht blofi
mit einem logisch formalen Problem zu tun, wir haben
es mit einem realen Problem zu tun, mit einem realen
Problem, das sich dadurch ergeben hat, dafi der Mensch
allmahlich sein Denken, sein Vorstellen herausgezogen hat
aus der aufteren Wirklichkeit.
Es ist ihm die dunkle, finstere Materie, die er nicht be-
greifen kann, in der Auftenwelt iibriggeblieben. Aber sein
Denken ist nicht eine Realitat geworden, es ist Bild ge-
worden. Und er mufi weitergehen in diesem Bilde. Das
Denken, das heute blofies Bild ist, war fur den Griechen
nodi Wahrnehmungsinhalt. Dieses Denken hat sidi bewegt
in der Richtung von aufien nach innen. Es schreitet so vor,
dafi der Mensdi erst denkend untertaucht in die aufiere
Welt. Jetzt ist er mit seinem Philosophieren auf dem
Punkte, wo er in dem aus der aufieren Welt herausgeschal-
ten Denken webt. Er mufi in dieser Richtung weitergehen.
Er mufi die Realitat wieder suchen. Die Materie hat dem
Menschen in alten Zeiten und bis in unser Zeitalter die
Stiitze fur das Denken gegeben, indem sie ihm das Denken
real gemacht hat. Das Denken aber ist, weil es die Grund-
lage werden mufite fur die Entwickelung der menschlichen
Freiheit, in den Bildcharakter iibergegangen. So schwebt
es zwischen der Aufienerfahrung und dem Innenerlebnis.
Es mufi untertauchen in dieses Innenerlebnis. Es mufi wie-
derum Realitat bekommen. Der Mensch mufi mit vollem
Bewufitsein eintauchen in die Regionen, bei denen es
Eduard von Hartmann und mit ihm alien modernen Phi-
losophen so schwul wird, weil die Gedanken ihnen schei-
nen anzufangen, wie Kobolde zu tanzen.
Wenn der Mensch mit seinem Denken aus dem Bild-
charakter herausgeht - wo es ihm allerdings, wenn er drin-
nen webt und lebt, weil es blofi Bilder sind, nicht so schwul
zu werden braucht wenn er heraustritt und hineintritt
in die eigene Realitat, dann mufi er allerdings durch die
Dbungen der Geisteswissenschaft die Moglichkeit in seine
inneren Fahigkeiten aufnehmen, sich in diesem Selbstleben
der Begriffswelt umzutun, wie sonst im mathematischen
Denken. Er mufi die Fahigkeit erwerben, die Wirklichkeit
in diesem Selbstleben selbstandig zu erfassen. Wie es einem
ja audi nicht schwul wird, wenn die Dinge da draufien im
Raume nicht stillstehen - damit unsere Erkenntnis nicht
beunruhigt werde — , sondern wenn sie, sich bewegend, lau-
fen, so mufi der Menscli im Aufsteigen zur Geist-Erkla-
rung, zur Geistoffenbarung fahig werden, seinem Bild-
begriff wiederum emen Inhalt zu geben.
Erfafit man an diesem Punkt das eigentliche, das dran-
gende philosophische Leben der Gegenwart, dann kommt
man von all den Redereien ab, dafi der Philosoph nicht
einsehen konne, was der Geistesforscher sagt. Er kann es
einsehen, sobald er den Bildcharakter seines Denkens ein-
gesehen hat, sobald er aber audi eingesehen hat, dafi das
Denken zu diesem Bildcharakter gekommen ist, weil es
sich weltgeschichtlich in der Richtung von auften nach in-
nen bewegt, von der Richtung des Geistes in der Materie
zu der Anschauung der reinen geistigen Welt.
In dieser Weise mufi Philosophic fortgefiihrt werden,
indem sie in Empfang genommen wird von der Geistes-
wissenschaft, von der Geisteserforschung, indem das Den-
ken eingetaucht wird in dasjenige, was die Geisteswissen-
schaft, die Geistesforschung zu sagen hat. Das ist es, was
ich Ihnen, wenn auch nur skizzenhaft mit einigen Linien
darstellen wollte: in welcher Art befruchtet werden soil
Philosophie von der Geisteswissenschaft. In den nachsten
Tagen soli dann davon gesprochen werden, wie andere
Zweige des menschlichen Denkens und Tuns von dieser
Geisteswissenschaft befruchtet werden sollen.
Schlufiwort zur Disputation iiber Philosophic
Dornadi, 4. April 1921
Es sind im Laufe der Disputation Fragen aufgetaucht, die
fachgemafi natiirlich eine breite Aussprache erforderten.
Idi mochte nur, weil wir ja an einem Abend nicht alles
erortern konnen, einige Andeutungen methodologisdier
Art geben, die mir beziiglich der Fragen, die auftauchten,
und die, wie es mir wenigstens schien, nicht ganz klar for-
muliert waren, notig scheinen, um in die Richtung zu wei-
sen, in der gewisse Losungen soldier Fragen gesucht wer-
den mussen.
In Anbetracht soldier Fragen wie etwa der nach der
«Subjektivitat der Wahrnehmung», liegt in der jiingsten
philosophischen Entwickelung ein vielfaches Konfundie-
ren der Vorstellungen vor, ein Anhaufen von Begriffen,
die eher die Probleme verdunkeln und verknaueln, als
dafi sie sie erhellen und zu einer gewissen Losung fiihren
wiirden.
Es handelt sich namlich in dem Augenblick, wo man
Fragen aufwerfen will, die das Verhaltnis von Objekt und
Subjekt im Wahrnehmen vorstellend und erkenntnisgemafi
betreffen, immer darum, durch eine sorgfaltigste Analyse
desjenigen, was der Tatbestand ist, darauf zu kommen,
wie die Fragen eigentlich gestellt werden mussen. Denn oft
werden schon die Fragen aus irrtumlich gerichteten Vor-
stellungen falsch formuliert. Und so ist es vielfach mit den
Fragen nach der «Subjektivitat der Wahrnehmung».
Da wurde auf die Schwierigkeit mit dem partiell Far-
benblinden hingedeutet, von dem vorausgesetzt ist, dafi er
eine, sagen wir, griine Landsdiaft anders sehe als der so-
genannte normal Sehende. In dieser Vorstellung des par-
tiell Farbenblinden liegt die Schwierigkeit vor: inwieweit
mufi man dem, was nun auch der sogenannte normal Se-
hende, ich sage ganz ausdriicklich: der sogenannte normal
Sehende, sieht, Subjektivitat beimessen?
Nun, da handelt es sich darum, daS man sich zunachst
das ganze Problem so vor Augen fuhren kann, dafi es rich-
tig erscheint. «Richtig» bedeutet, dafi die Art, wie man die
Elemente, die zur Problemstellung zusammengefiihrt wer-
den miissen, dafi man dieses Wie des Zusammenfiihrens in
der rechten Weise bewirkt. Nehmen Sie nur einmal an,
wenn irgend jemand sagt: Ja, die Auftenwelt, die mir also,
sagen wir, in einer griinen Landschaft mit einer griinen
Tingierung erscheint, gibt mir Veranlassung dazu, nachzu-
denken, ob nun die Qualitat «griin» objektiv ist, ob ich
sie der Welt der Objektivitat zuschreiben diirfe, oder ob
sie als subjektiv angesprochen werden musse. — Dann muft
man sich, um iiberhaupt zur Problemstellung zu kommen,
solche Dinge uberlegen, wie zum Beispiel dieses: Ja, wie
verhalt sich nun die Sache, wenn ich irgend etwas, was
meinetwillen weifi oder gelb ist, durch eine griine Brille
ansehe? Da sehen wir es griin tingiert. Ist das nun der
Sphare der Objektivitat zuzuschreiben, oder hat man da
von Subjektivitat zu sprechen? Man wird sehr bald be-
merken, dafi man ganz gewi£ nicht dem, was da draufien
ist, dieses Griin, das ich durch eine griine Brille sehe, wird
zuschreiben diirfen. Man wird nicht von Objektivitat in
bezug auf die aufiere Umwelt sprechen konnen. Aber man
wird doch auch ganz gewifi nicht davon sprechen konnen,
dafi diese griine Tingierung, die ich da herausbekommen
habe durch eine griine Brille, auf irgend etwas Subjektivem
beruht. Sie ist durchaus gesetzmafiig objektiv bedingt,
ohne dafi dasjenige, was ich hier als griin bezeichne, wirk-
lich griin ist.
Sie sehen, ich stelle damit, dafi ich mir eine Vorstellung
bilde, idi mochte sagen, das Problem in ein besonderes
Lidit hin, wo ich dasjenige, was ganz gewi£ nicht der
Aufienwelt angehort, doch objektiv, als auf objektive Art
entstanden nehmen mufi; denn die Brille gehort nicht zu
mir, kann also ganz gewifi nicht in die Sphare der Subjek-
tivitat einbezogen werden. Solche Dinge konnten sogar
sophistisch erscheinen. Und dennoch sind solche Sophismen
sogar sehr haufig das, was einen darauf bringt, die Ele-
mente, die einen darauf fiihren sollen, die Fragen in ent-
sprechender Weise zu stellen, auch zusammenzubringen.
Man wird namlich, wenn man solche scheinbaren Sophis-
men in der richtigen Weise durchschaut, die ganze Faden-
scheinigkeit der Alltagsbegriffe «Subjekt» und «Objekt»,
die allmahlich in die moderne philosophische Betrachtung
hineingebracht worden sind, durchschauen. Und man wird,
wenn man in eine richtige Fragestellung hineinkommt,
wohl immer mehr und mehr zu dem Weg, wie ich glaube,
gefiihrt werden, den ich in meinen Schriften «Wahrheit
und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit» ein-
geschlagen habe, wo man uberhaupt zunachst nicht den
Ausgangspunkt nimmt von den Begriffen «Subjekt» und
«Objekt», sondern wo man unabhangig von diesen Be-
griffen etwas sucht, was iiber die Sphare der Subjektivitat
und Objektivitat hinaus gelegen sein mufi: das ist die
Funktion des Denkens.
Die Funktion des Denkens! Wenn man die Sache un-
abhangig durchschaut, erscheint einem das Denken eigent-
lich xiber das Subjektive und Objektive durchaus hinaus-
liegend. Und damit hat man einen Ausgangspunkt gewon-
nen, von dem aus man dann auch in entsprechender Weise
da gefiihrt werden kann, wo es sich um das solche Schwie-
rigkeiten bietende Problem der «Subjektivitat» und «Ob-
jektivitat» handelt. Denn man wird dann dazu gefiihrt
— und Sie werden diesen Weg in diesen meinen beiden
Biichern durchaus eingehalten finden — nicht zu fragen:
Wie wirkt eine aufiere «objektive» Welt auf irgendeine
«subjektive» Welt, fiir die etwa der Vermittler, sagen wir,
das Auge ist? - sondern man wird zu etwas ganz anderem
gefiihrt. Man wird namlich dazu gefiihrt, sich zu fragen:
Wie ist denn die Tatsache der Sinne selber? Welche Wesen-
haftigkeit zeigt einem der Sinn? Also zum Beispiel die
Konstitution des Auges?
Man wird dann finden, dafi in dem Problem, das man
sich so stellt, etwas zutage tritt, das ich jetzt, weil ich
kurz sein mu£ - es konnte natiirlich in einer stundenlangen
Erlauterung audi mit dem adaquaten Begriff umfafk wer-
den — , durch einen Vergleich klarmachen will: Ich kann
auch durch eine Brille schauen und dennoch die Umwelt so
sehen, wie das naive Bewufitsein sie als wirklich empfin-
det, mit ihren Farbentingierungen, mit alien ihren Sinnes-
qualitaten. Ich muE nur durch eine farblos-durchsichtige
Brille schauen; ich darf nicht durch eine Brille schauen, die
mir die Aufienwelt selber verandert. Und ich mufi mich
jetzt hineinfinden in den Unterschied zwischen einer die
aufiere Tingierung verandernden Brille und einer farblos
durchsichtigen Brille, die jede aufiere Tingierung vermei-
det. Von diesem Vergleich aus - wie gesagt, es konnten
langatmige Uberlegungen anstelle des Vergleichs gesetzt
werden - werde ich finden: wenn ich die Einrichtung des
sogenannten normalen Auges nehme, habe ich in ihm eine
Einrichtung gegeben, die sich gerade als durchsichtig er-
weist, die sich vergleichen lafk mit dem durchsichtig-farb-
losen Glase. Ich finde nichts im normalen Auge, was dar-
auf hinweist, dafi die Aufienwelt qualitativ in irgendeiner
Weise verandert wird. Aber ich mufi diese Untersuchung
anstellen nicht mit den gewohnlichen Begriffen, die ich im
alltaglichen Bewufksein habe, sondern mit dem imagina-
tiven Bewulksein, das wirklich in die Einrichtungen des
Auges eindringen kann.
Fiir das imaginative Bewulksein ist ein sogenanntes nor-
males Auge ein durchsichtiges Organ. Ein Auge, das par-
tiell farbenblind ist, das erweist sich fiir das imaginative
Bewufitsein als in einer gewissen Weise vergleichbar mit
einer farbigen Brille, als etwas, das allerdings eine Ver-
anderung vornimmt in dem «Subjekt».
So kommt man — indem man die Subjektivitat aber in
einer hoheren Auffassung auffafit - gerade darauf, die
Sinnesapparate im weitesten Umfange als dasjenige an-
zusehen, was sich vergleichen lafk mit dem Durchsichtigen,
was gerade so eingerichtet ist, dafi es die eigene Produk-
tion der Sinnesqualitaten in sich aufhebt. Man lernt als
eine reine Phantasterei die Vorstellung erkennen, als ob
in diesem ideell Durchsichtigen - das gerade so eingerichtet
ist, dafi es irgendeine Produktion der Sinnesqualitaten in
sich aufhebt -, in diesem ideell durchsichtigen Sinnesappa-
rat irgend etwas auftreten konnte, was Sinnesqualitaten
erst hervorriefe, was zu etwas anderem da ware als den
Sinnesqualitaten den Durchgang zu lassen.
Wie gesagt, ich will nur auf die Richtung deuten. Und
ich will zu gleicher Zeit darauf hinweisen, dafi sich das
gewohnliche Philosophieren auf den Punkt stellen sollte,
zu sagen: Die Tatsachen der Welt erweisen sich, wenn ich
sie vorurteilslos untersuche, so, dafi sie mir Ergebnisse lie-
fern, die einfach unauflosbar sind fiir das gewohnliche
Verstandesbewufksein; die Tatsachen selber zeigen mir,
dafi ich hinausgehen mufi iiber dieses gewohnliche Ver-
standesbewulksein. - Ehrlich ist es nicht, aus, sagen wir,
der Tatsache des partiell Farbenblinden auf die Subjekti-
vitat der Farbenqualitaten zu schliefien. Denn jedes solche
Schliefien hat irgendeinen logischen Fehler in sich, der im-
mer irgendwie nachweisbar ist. Ehrlidi ware es, zu sagen:
Man kommt einfach mit dem gewohnlichen Philosophieren
zu keinem Resultat, wenn man die Schwierigkeit, die
sich aus dem Vergleich der partiellen Farbenblindheit mit
dem Sehen des sogenannten normalen Auges ergibt, losen
will. - Das gewohnliche Bewufitsein hat eben in diesem
Punkte die Aufgabe, die Schwierigkeiten hinzustellen und
zu sagen: Da sind sie. — Und wiirde man sich wirklich der
Tragweite der Logik bewufit werden, des real-logischen
Denkens innerhalb des Bewufkseins, so wiirde man iiber-
all, ich mochte sagen, hinlegen die Probleme und wiirde
sagen: Da ist wiederum eins, unauflosbar fur das gewohn-
liche Bewufksein, das zweite, das dritte - und wiirde
sehen, dafi die gewohnliche Philosophic in vieler Bezie-
hung nichts weiter ist als ein Hinweis auf Probleme und
eine Hervorbringung einer Stimmung des Wartens, dafi
diese Probleme von einer hoheren Stufe des Bewufitseins
aus gelost werden. Es ist nur der Drang, mit dem gewohn-
lichen Bewufitsein zurechtzukommen, der einen Nebel iiber
die Probleme breitet und der nicht zugeben mochte, dafi
man mit ihm die Probleme nur aufwerfen kann und hin-
weisen mufi darauf, dafi nun die menschliche Seele eine
Entwickelung und Ubungen durchmachen mufi, diese Pro-
bleme zu losen. Das Gesetz der spezifischen Sinnesenergien
ist eben durchaus nicht etwas, das innerhalb des gewohn-
lichen Bewufkseins behandelt werden kann.
Wie gesagt, ich wollte nur auf den Hauptpunkt der Er-
orterungen hinweisen, iiber das Thema der Farben, wollte
darauf hinweisen, dafi vor alien Dingen der Philosophic
und audi philosophischen Physiologie, Philologie und so
weiter, in der Gegenwart notwendig ware em ganz gewis-
senhaf tes Umgrenzen desjenigen, was sie durch ihr Denken
eigentlich vor das gewohnliche Bewufttsein hintragt.
Das ist das eine, auf das ich aufmerksam machen mochte,
wie gesagt, ganz unzulanglich. Denn es sollte nur auf eine
bestimrnte Riditung weisen; aber mehr kann audi nicht in
einer so kurzen Erorterung getan werden.
Das zweite, worauf ich hinweisen modite, ist - wie-
derum in bloft methodologisclier Beziehung - das hier auf-
geworfene Problem der Kategorien. Man konnte natiirlich
iiber das Kategorienhafte des menschlichen Denkens viele
Stunden reden, allein ich modite da zunachst nur auf das
eine hinweisen: Innerhalb der eigentlichen Kategorien taf el
kommen die «Subjektivitat» und die «Objektivitat» gar
nicht vor. Und daft innerhalb der eigentlichen Kategorien-
tafel, der eigentlichen, der Urkategorientafel, «Subjekt»
und «Objekt» gar nicht vorkommen, das bildet an sich
eine Art von Beweis iiber das Wesen des kategorialen Den-
kens: Wenn man die Kategorien in der Weise nirnmt, wie
sie nun nicht aus irgendeinem Beweis hervorgehen, sondern
einfach, ich modite sagen, aus der Logik herausgelost wer-
den, so miissen sie, indem man sie aufstellt, anwendbar
sein auf dasjenige, was iiber «subjektiv» und «objektiv»
erhaben ist. Es mufi das, worauf die Kategorien zunachst
anwendbar sind, ein Dbersubjektives und -objektives sein.
Damit aber nun, dafi die Kategorien durch den Menschen
selbst angewendet werden, ist ein klarer Beweis gegeben,
daft im kategorialen Denken nicht ein Subjektives gegeben
ist, sondern ein Subjektiv-Objektives.
Es ist dies das Problem, iiber das audi Goethe so sehr
viel gedacht hat. Und die Art und Weise seines Denkens,
die ihn dazu fiihrte, immer den Punkt aufzusuchen, wo
Subjektivitat und Objektivitat fiir den Menschen im
menschlichen Erleben verschwinden, sich aufheben, dieses
Bestreben machte ihn eigentlich zu dem Antipoden Kants.
Es ist selbstverstandlich durchaus richtig, dafi man, wie
gesagt wurde, auch im positiven Sinne aus Kant heraus
arbeiten konnte; aber man kann aus allem in der Welt in
positiver Weise heraus arbeiten, audi aus dem grofiten
Irrtum! Denn es gibt nichts in der Welt, woraus man nicht
audi ein Positives herausschalen kann. Wir haben unter
den Grundiibungen - ich brauche nur daran zu erinnern:
im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umri£»
finden Sie die Sadie besproclien - fiir den, der etwas zur
hoheren Erkenntnis kommen will, gerade diese Positivitat
angefuhrt, dieses Aufsuchen des Positiven. Das darf einen
natiirlidi niclit blind machen fiir die Anerkennung von
Abirrungen. Und schliefilich, wenn wir das Historische ins
Auge fassen, so konnen wir sagen: Positiv ist aus Kant
sehr viel herausgearbeitet worden. Es gibt ja nicht nur die
kritischen Kant-Philologen, nicht nur die Neukantianer
vom Schlage Liebmanns, Volkelts und so weiter, sondern
es gibt gerade die in dieser Beziehung sehr tatige Marbur-
ger Schule - Cohen, Cassirer, Dilthey und so weiter -, die
versuchte, in gewisser Beziehung aus Kant positiv heraus-
zuarbeiten.
Nun, ich habe gezeigt, wie wenig zu einer wirklichkeits-
gemafien Anschauung dieses « positive Herausarbeiten aus
dem Kantianismus» fiihren kann: in meinen «Ratseln der
Philosophies wo ich kurz auch diese Bestrebungen der
Marburger Schule besprochen habe. Also auch beim Kate-
gorienproblem handelt es sich darum, es richtig in seiner
ganzen inneren Wesenheit vor die Seele hinzustellen, um
zu sehen, wie gerade durch das Kategorienproblem die
Frage nach dem «Subjektiven» im Gegensatze zum «Ob-
jektiven» nicht so gestellt werden kann, wie es unter dem
Einflufi des Kantianismus die neuere Philosophic getan
hat. Dieses geradezu erkenntnistheoretische Einspannen in
die Subjektivitat ist etwas, was zahllose ungerechtfertigte
Vorstellungen in unsere moderne Philosophic hinein-
gebracht und uns Vorstellungen hat verlieren lassen, die
schon da waren, und die in entsprechender gerader Fort-
entwickelung zu etwas recht Fruchtbarem hatten fiihren
konnen.
Ich mufi da immer wieder und wiederum darauf auf-
merksam machen — was ich ja schon ofter getan habe — ,
wie ein aufierordentlich begabter Philosoph des 19. Jahr-
hunderts, Franz Brentano, 1874 den ersten Band seiner
«Psychologie» hat erscheinen lassen. Es ist im Grunde ein
geistvolles Buch. Dieser Band «Psychologie» von Brentano
erschien im Fruhling 1874. Fiir den Herbst desselben Jah-
res versprach er den zweiten Band. In kurzer Zeit sollten
dann die drei folgenden Bande erscheinen. Auf fiinf Bande
hatte Brentano zunachst diese «Psychologie vom empi-
rischen Standpunkte» berechnet. Der erste Band war nur
eine Vorbereitung. In ihm findet sich aber doch eine hochst
merkwiirdige Stelle, in der darauf hingedeutet wird, wie
Franz Brentano in der Tat auf die bedeutsamsten psycho-
logischen Probleme hinzielte. Er sagt da: Wenn wahrhaftig
alles moderne Denken nur dazu fiihren sollte, zu unter-
suchen, wie Vorstellungen auf- und niedersteigen, sich mit-
einander vergesellschaften, wie sich das Gedachtnis bildet
und dergleichen, und wenn man dariiber nur zur Unge-
wifiheit kommen konnte iiber die eigentlichen psychologi-
schen Fragen eines Plato und Aristoteles, zum Beispiel, ob
die Seele erhalten bleibe, wenn ihr auBerer physischer Leib
zerfallt, dann hatte man durch die moderne Wissenschaft-
lichkeit wahrhaftig fiir die Bediirfnisse des Menschen nicht
viel gewonnen! - Nun, man kann aus allem anderen, was
Brentano da andeutet im ersten Bande seiner «Psychologie
vom empirisdien Standpunkte», schon ersehen, wie er
durch seine fiinf Bande hindurda das Problem bis zu diesen
Grundfragen des Plato und Aristoteles bringen wollte.
Das Merkwiirdige ist, dafi im Herbst der zweite Band
nicht erscbien. Er erschien audi im nachsten Jahr nidit.
Und in den neunziger Jahren versprach Brentano neuer-
dings, daft er nun daran gehen werde, wenigstens eine Art
Surrogat in einer Art deskriptiver Psychologie zu schaffen.
Also es sollte schon 1874 der zweite Band der «Psycho~
logie» erscheinen. Nichts erschien bis in die neunziger
Jahre; da erschien ein zweites Versprechen, wurde aber
nicht erfullt! Franz Brentano ist vor einigen Jahren in
Zurich gestorben. Das Versprechen ist bis heute nicht er-
fullt. Es ist beim ersten Bande der «Psychologie vom em-
pirisdien Standpunkte» geblieben. Warum? Weil Brentano
in seiner Privatdozentenschrift den Satz aufgestellt hat:
«Die Philosophic hat zu folgen denselben Methoden, die
in der Naturwissenschaft angewendet werden», weil Bren-
tano treu bleiben wollte diesem methodologischen Satz, den
er damals aufgestellt hat, und mit dem sich eben nicht
weiterkommen liefi. Brentano war eine viel zu ehrliche
Natur, als daft er durch irgendwelche anderen Mittel als
durch die Mittel der aufieren wissenschaftlichen Methode
hatte weiterkommen wollen. Daher schwieg er einfach
iiber das, was iiber den ersten Band hinauskam.
Ich habe das in meinem Buche «Von Seelenratseln» aus-
gesprochen. Der Brentano-Schiiler Kraus hat allerdings
gesagt, es lagen allerlei andere Griinde vor dafiir, dafi
Brentano die spateren Bande nicht veroffentlicht hat; al-
lein man mufi sagen, wenn die Griinde blofi vorgelegen
hatten, auf die Kraus da hinschaute, dann hatte Brentano
ein richtiger Philister sein mussen. Und das war er gewifi
nicht. Er war schon eine Personlichkeit, die durchaus den
Impulsen des Inneren folgte und ihnen allein! Aber es war
doch etwas vorhanden in Brentano, weldies ihm wenig-
stens die Hoffnung erweckte, dafl man in die Dinge der
Welt eindringen konne. Und im Grunde genommen hat
jeder solche Philosoph — es sind ja ihrer wenige, die in be-
griindeter Weise in der neueren Zeit diese Hoffnung ge-
habt haben - sich gegen Kant gewendet, selbstverstandlich
audi Franz Brentano.
Es war etwas in ihm, was diese Hoffnung begriindete.
Und das finde ich in einem Begriff, der, idi mochte sagen,
vereinzelt immer wiederum aus dem Brentanoschen Philo-
sophieren herauftaucht, und den er im Sinne einer alteren
Philosophie — von der Art, als man nodi aus der Wirklich-
keit geschopft hat, wie ich es heute morgen angedeutet
habe — entlehnt hat: es ist der Begriff des intentionalen
Inneseins, den er auf die Erkenntnis- und Wahrnehmungs-
vorstellungen anwendet.
Dieser Begriff, der mufi formuliert werden. Dann wird
man von da aus eine Annaherung an dasjenige erhalten,
was ich eben vorhin angedeutet habe: zu untersuchen, in-
wiefern das menschliche Sinnesorgan ein Sich-selbst-Aus-
ldschendes ist, dem man also gar nicht zuschreiben darf,
dafi es der Produzent der Sinnesqualitaten sein konne.
Und dieser Begriff - nun nicht des realen Inneseins irgend-
eines Prozesses, sondern des intentionalen Inneseins - ent-
halt in sich das Leben des Hinweisens, das dann fur das
imaginative Vorstellen beobachtbar wird. Und dieses Le-
ben des Hinweisens, das gegeben ist mit dem Begriff des
intentionalen Inneseins, bringt dann die Moglichkeit, das
zu erfassen, was man seit Johannes Mtiller, dem Physiolo-
gen aus der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts, in so un-
zulanglicher Weise mit der Lehre von den «spezifischen
Sinnesenergien» erfassen wollte. So dafi man sagen mochte,
der Vergleicli mit dem durchsichtigen, farblosen Glase ist
nicht ganz zutreffend aus dem Grunde, weil man sich nicht
em unlebendiges Farbloses, sich selbst also Aufhebendes
vorzustellen hat, sondern ein lebendiges und gerade durch
seine Lebendigkeit sich Aufhebendes und dadurch in einem
entsprechenden Prozefi Drinnenstehendes, der ein Objek-
tives erleben laik, indem er das Objektive nicht herein-
nimmt, sondern aus sich den Prozefi des Hinweisens durch
und in dem Hinweisen auf dieses Objektive erfafit.
Ich habe das, was durch eine im Sinne moderner Welt-
auffassung gehaltene Erneuerung dieses Begriffs des in-
tentionalen Inneseins liegt, nur bei einigen neueren ameri-
kanischen Philosophen gefunden, welche — wahrscheinlich
sogar ohne diesen Begriff, den ich eben angefuhrt habe, zu
kennen - versuchen, die Kontinuitat des menschlichen Be-
wufitseins zu erfassen. Sagen wir zum Beispiel: im neun-
undzwanzigsten Lebensjahre schaut der Mensch erinne-
rungsgema£ zuriick auf dasjenige, was er durchgemacht
hat, sagen wir im achtzehnten Lebensjahr. Dann ist das,
was den Menschen im neunundzwanzigsten Lebensjahr
zuruckweist, wenn man es innerlich erfalk, etwas dem-
jenigen Ahnliches, was man als ein intentionales Innesein
bezeichnen konnte. Und in bezug auf diesen ProzefS tritt
bei einigen neueren amerikanischen Erkenntnistheoretikern
dieser Begriff wieder auf.
Man sieht gerade an solchen Erscheinungen, wie ein be-
griff liches Arbeiten in dem philosophischen Streben der
Gegenwart lebendig ist. Aber dieses Arbeiten muS durch-
aus in einer solchen Weise ehrlich werden, wie ich es vorhin
bezeichnet habe, indem man dazu kommt, klar zu zeigen:
Es liegen Probleme vor; das gewohnliche Bewufksein aber,
die gewohnliche Verstandestatigkeit, das kann die Pro-
bleme nur aufwerfen; und nun mufi weiter fortgeschritten
werden zu der Losung der Probleme. Wurde man in dieser
Weise wissenschaftliche Ehrlichkeit entwickeln, dann
wiirde diese die Grundlage sein fur das Aufsteigen zum
Imaginativen und den anderen Erkenntnisstufen.
Das sollen nur ganz unzulangliche, methodologisdie
Hinweise sein.
MATHEMATIK
UND ANORGANISCHE NATURWISSENSCHAFTEN
Zweiter Vortrag, Dornach, 5. April 1921
Wenn ich heute versuche, den Obergang zu machen vom
eigentlichen philosophischen Gebiete in das Gebiet der
speziellen Fachwissenschaften, so ist dieser Obergang in
unserer gegenwartigen Zeitepoche ganz naturgemajS iiber
eine Anschauung des mathematischen und des physikali-
schen, chemischen, das heifit des anorganischen Naturgebie-
tes zu bewerkstelligen: weil weitaus die meisten der gegen-
wartigen philosophischen Vorstellungen so aufgebaut sind,
dafi die Philosophen ihnen das zugrunde legen, was sie an
Begriffen und Ideen aus jenem Wissenschaftsgebiet gewon-
nen haben, das heute als das sicherste gilt, aus dem mathe-
matischen und dem der anorganischen Naturwissenschaft.
Wenn man die heute so beliebte mathematische Behand-
lung des Gebietes der anorganischen Naturwissenschaften
besprechen will, mufi immer wiederum an etwas erinnert
werden, das schon in der Eroffnungsrede erwahnt worden
ist: an die Ankniipfung, welche das gegenwartige Denken
glaubt an Kant machen zu konnen gerade mit der Einfiih-
rung der Mathematik in die anorganischen Naturwissen-
schaften, ja, in die Wissenschaft iiberhaupt.
Worauf in diesem und audi in einem spateren Zusam-
menhange von der negativen Seite her, ich sage ausdriick-
lich von der negativen Seite her, wird aufmerksam gemacht
werden mussen, das wurde auch schon bemerkt von ein-
zelnen Denkern, die sehr weit abstehen von dem Gebrauche
iibersinnlicher Erkenntnisse. So wird man das Nega-
tive, das heifit das Zuriickweisen des rein mathematischen
Behandelns der Naturwissenschaft, zum Beispiel selbst bei
einem Denker wie Fritz Mauthner, ganz trefflidi finden,
wie er aus einem gewissen Scharfsinn heraus in negativer
Beziehung, das heifk im Zuriickweisen desjenigen, was als
falsche Anspriiche einer falsdien Wissenschaftlichkeit auf-
tritt, durchaus nicht unglticklich ist. Und in bezug auf die
Frage: Was kann die gegenwartige Wissenschaft nicht? -
kann man gerade von einem Denker wie Fritz Mauthner
viel lernen, lernen durch das Negative, das er vorbringt,
und lernen durch die Tatsache, daft er bei diesem Nega-
tiven stehenbleiben, durchaus nicht vorwartsdringen moch-
te zu einer positiven Erkenntnis.
Warum sollten Sie nicht audi von einem solchen nega-
tiven Denker lernen? Wenn ich gestern den Ausspruch
Ludwig Hollers anfuhren konnte, dafi nach seiner Mei-
nung Kant dem Arsenal des Lichtes die Waffen entnom-
men habe, um sie im Dienste der Finsternis zu verwenden,
warum sollten Sie nicht auch dem Arsenal der Finsternis,
sogar der gewollten Finsternis des Erkennens, wie sie sich
bei Fritz Mauthner findet, die Waffen entlehnen, um sie
im Dienste des Lichtes zu verwenden?
Aufmerksam ist, wie gesagt, auf jenen Ausspruch Kants
zu machen, der lautet, es finde sich in jeder einzelnen Dis-
ziplin nur soviel eigentliche Wissenschaft, als Mathematik
darin anzutreffen ist.
Wenn man die Geschichte der Verwendung dieses Kan-
tischen Ausspruches bis in unsere Tage herein studiert,
dann bekommt man ein interessantes Beispiel zur Beant-
wortung der Frage, wie man uberhaupt in der neueren
Zeit Kantianer ist. Denn die Leute, die sich auf diesen
Ausspruch berufen, meinen, dafi in jede einzelne Wissen-
schaft so viel wirkliche Wissenschaftlichkeit hineingetragen
werde, als Mathematik darinnen ist. Kant meint aber
etwas ganz anderes. Kant meint: so viel er Mathematik
in die Wissenschaft hineintragt, so viel ist eben Mathema-
tik, das hei£t wirkliche Wissenschaft drinnen, und das
andere ist eben in den einzelnen Wissenschaften iiberhaupt
gar keine Wissenschaft.
Sie sehen, man wird Kantianer, wenn man einen Kan-
tischen Ausspruch griindlich mi£versteht. Denn die Kant-
schaft auf diesem Gebiete hat etwa die folgende Logik:
Wenn ich sage, in einer Versammlung, in der tausend
Menschen sind, ist so viel Genialitat darinnen, als drei
geniale Menschen hineingetragen haben, so meine ich ganz
gewi£ nicht, dafi die tausend Menschen nun die Genialitat
der drei Menschen iibertragen bekommen haben. Eben-
sowenig meint Kant, da£ das ubrige in der Wissenschaft
die Wissenschaftlichkeit der Mathematik bekommen habe;
sondern er meint eben, dafi nur der kleine Teil, der auch
in den Wissenschaften Mathematik geblieben ist, wirkliche
Wissenschaft, das andere aber iiberhaupt keine Wissen-
schaft ist.
Man mufi solche Dinge im Ernste - und in einem em-
pirischen Zeitalter sollte man das empirisch, nicht a priori
tun — studieren, damit sich solche Fragen nicht so beant-
worten, wie es heute vielfach geschieht, sondern damit
man der Wahrheit auf die Spuren kommt.
Nun kann man aber noch auf etwas anderes hinweisen:
Die hervorragendsten mathematischen Denker der neueren
Zeit definieren die Mathematik etwa so: sie ware die
« Wissenschaft von den Groften». Nun ja, heute ist sie die
Wissenschaft von den Grofien. Aber man gehe nur ein
paar Jahrhunderte zuriick in die Zeit, in welcher Cartesius
und Spinoza eine grofte Befriedigung daran gefunden
haben, ihre Philosophie «nach mathematischer Methode»
darzustellen, wie sie sagen, und man wird finden, dafi es
etwas ganz anderes ist, was Cartesius und Spinoza als
mathematische Methode in ihre Philosophic hineinbringen
wollten als dasjenige, was in der neueren Zeit als Mathe-
matik in die Naturwissenschaf t hineingetragen werden soil.
Gehen wir bis zu Cartesius und Spinoza zuriick, dann
finden wir, dafi diese beiden Philosophen ihr philosophi-
sches System so aufstellen wollen, daft eine ebenso grofie
Sicherheit im Obergang von einem Satz zum anderen
herrscht, wie sie in der Mathematik herrscht. Das heiftt,
sie wollen ihre Philosophie aufbauen nach dem Muster
dieser mathematischen Methoden; aber nicht, sie wollen
in ihre Philosophie das hineintragen, was man heute unter
Mathematik versteht. Da haben wir also bereits, indem
wir so zu Cartesius und Spinoza zuriickgehen, mit dem
Worte Mathematik einen ganz anderen Sinn verkniipft.
Wir haben — mit Absehen von dem, was sich blofi auf
Groften bezieht - den Sinn verkniipft des inneren sicheren
Ubergehens von Urteil zu Urteil, von Schluft zu Schluft.
Wir haben die Art des mathematischen Denkens ins Auge
gefafk, nicht das, was wir eine Grofienwissenschaft nen-
nen kb'nnen.
Und gehen wir noch weiter zuriick. Dann bekommt in
alteren Zeiten das Wort «Mathematik» iiberhaupt einen
ganz anderen Sinn. Dann ist es identisch mit dem Worte
Wissenschaft. Das heifit, man hat, wenn man «Wissen-
schaft» gemeint hat, von «Mathesis» oder «Mathematik»
gesprochen, weil man im Mathematisieren die Sicherheit
des inneren Durchschauens eines im Bewufitsein vorhan-
denen Tatbestandes fand. Man verband mit diesem Worte
den Sinn «Wissen» und «Wissenschaft». Und so ist ein
viel allgemeinerer Begriff auf das enge Gebiet der Gro-
ftenlehre iibertragen worden.
Heute haben wir alle Veranlassung, uns an soldie Dinge
zu erinnern, weil wir in die Notwendigkeit versetzt sind,
wiederum auf das hinzuschauen, was im mathematisdien
Denken eigentlich vorliegt. Was ist das Wesentliche des
mathematisdien Denkens? Das Wesentliche des mathe-
matisdien Denkens ist eben die Durchschaubarkeit der
mathematisdien Bewufkseinsinhalte. Wenn ich ein Dreieck
aufzeichne, seine drei Winkel ins Auge fasse, Alpha, Beta,
Gamma, und den Beweis liefern will, dafi die Summe
dieser drei Winkel 180 Grad ist, dann mache ich das
Folgende (siehe Abbildung i): Ich ziehe zur Grundlinie
Abb. 1
eine Parallele durch den obersten Punkt des Dreiecks,
betrachte mir das Verhaltnis der Winkel Alpha und
Gamma zu den an der Parallele entstehenden Wechsel-
winkeln und habe dann, indem ich iiberschaue, wie sich
die drei Winkel, welche an der Parallele entstehen -
Gamma', Alpha', und Beta -, aneinander lagern, und wie
sie einen Winkel von 180 Grad bilden, den Beweis, dafi
audi die drei Winkel des Dreiecks 180 Grad sind. Das
heifit, was bis in die Beweisgange hinein im Mathemati-
sdien als Bewufitseinstatbestand vorhanden ist, das ist
uberschaubar, das wird vom Anfang bis zum Ende von
innerlichem Erleben begleitet. Und darauf beruht die
Sicherheit, die man im Mathematisieren fiihlt: dafi alles,
was als Bewufitseinsbestand vorliegt, von innerlichem Er-
leben begleitet wird bis zum Urteil und bis zum Beweis
hin.
Und wenn man dann die aufSere Natur betrachtet, in
deren materielle Grundlagen man mit einer solchen Ober-
schaubarkeit nidit hineindringen kann, dann fiihlt man
sich im Betrachten der aufteren Natur dennoch befriedigt,
wenn man wenigstens ihre Ersdieinungen in dem Erleben
verfolgen kann, das einem zuerst in der Oberschaulichkeit
entgegengetreten ist.
Die Sicherheit, die man in dieser Oberschaubarkeit des
Bewufitseinsbestandes beim Mathematischen fiihlt, tritt
besonders dann zutage, wenn man auf das eingeht, was
von alien Seiten als ein grower Fortschritt im Mathema-
tischen innerhalb des 19. Jahrhunderts angesehen wird:
was als «nichteuklidische Geometrie», als «Metageometrie»
bei Lobatschewskij, Bolyai, Legendre und so weker her-
vorgetreten ist.
Da sehen wir, wie man - im Grunde genommen doch
bauend auf die innere Sicherheit des Anschauens - zuerst
die euklidischen Axiome abandert und durch Abanderung
der euklidischen Axiome mogliche andere Geometrien als
die euklidische aufbaut, und wie man dann versucht, mit
dem, was man da als eine Erweiterung der Anschaulich-
keit aufgebaut hat, gegenuber einer undurchschaubaren
Wirklichkeit zurechtzukommen. Alle Vorstellungen, die
durch diese «Metageometrie» in das moderne Denken ein-
gezogen sind, sind im Grunde genommen ein Tatsachen-
beweis fur die Sicherheit, die man in dem "Oberschau-
baren des Mathematisierens fiihlt.
Und niemand wird mit Bezug auf den euklidischen
Raum - denn die Raume der anderen Geometrien sind
eben andere Raume der ja dadurch charakterisiert ist,
daft drei aufeinander senkrecht stehende Koordinaten-
adisen bis in die Unendlichkeit hinein in ihren Richtungen
aufeinander senkrecht gestellt gedacht werden miissen,
daran zweifeln, dalS fiir diesen euklidischen Raum gilt,
was hier als Beweis fiir die 180-Gradigkeit der drei Win-
kel eines Dreiecks hingestellt worden ist. Und jeder wird
sich klar sein dariiber, dalS, wenn er die euklidischen
Axiome abandert, dies vielleicht Beziehung habe auf un-
seren Raum, in dem wir sind — der ist eben dann nicht der
euklidische Raum, der ist vielleicht ein innerlich ge-
krummter Raum -, aber dafi fiir den euklidisch iiberschau-
baren Raum die euklidischen Resultate wegen ihrer
Durchschaubarkeit als sicher angenommen werden miissen.
Daran wird niemand zweifeln.
Und gerade wenn man diese Tatbestande durchschaut,
dann wird man finden: die Anwendung der Mathematik
auf das Gebiet der Naturwissenschaft beruht darauf, dafi
man in der Aufienwelt das erst innerlich Gefundene wieder
findet, dafi gewissermafien die Tatsachen der Aufienwelt
sich so verhalten, wie es den mathematischen Ergebnissen
entspricht, die wir erst unabhangig von dieser Aufienwelt
in innerer Anschauung gefunden haben.
Aber eines ist durchaus zu konstatieren: Die, ich mochte
sagen, Vorausbedingung fiir diese innerliche Anschauung
des Mathematischen ist, dafi dieses Mathematische uns
zuerst als Bild entgegentritt. Jene innere freie Tatigkeit
des Konstruierens, die wir im Mathematisieren erleben, ist
eine solche innere freie Tatigkeit nur dadurch, dafi in ihr
nichts waltet von dem, was sonst innerhalb unserer mensch-
lichen Wesenheit waltet, wenn wir zum Beispiel, einem
Instinkt folgend, wollen oder dergleichen. Aus diesem ist
gewissermafien bis zur Bildhaftigkeit herausgehoben, was
als Bewufitseinsbestand im Mathematisieren auftritt. Das
Mathematische ist in bezug auf das, was «aufierliche Na-
turwirklichkeit» ist, Unwirklichkeit. Und wir fiihlen die
Befriedigung in der Anwendung des Mathematisdien auf
die Naturerkenntnis gerade dadurdi, dafi wir das frei in
Bildlidikeit Erfafite im Reiche des Seins wieder erkennen
konnen.
Aber gerade daraus wird man zugeben miissen, dafi es
auf der einen Seite berechtigt ist, wenn solche Geister, die
nidit blofi auf das gehen wollen, was die Naturwirklich-
keit als solche in der menschlichen Anschauung als wirklich
zeigt, sondern die auf das Voile, Totale der Wirklichkeit
gehen wollen, wie Goethe, wenn solche Geister — das hat
Goethe besonders bei der Behandlung der «Farbenlehre»
klar gezeigt - nicht eine totale Anwendung des Mathema-
tisdien auf die ganze aufiere Wirklichkeit wollen. Goethes
Ablehnen der Mathematik ging gerade aus der Erkenntnis
hervor, daft man zwar dasjenige, was der bildhaften An-
schaulichkeit des Mathematisdien entspricht, in der aufie-
ren Natur durch Mathematik finden kann, dafi man aber
damit zu gleicher Zeit Abstand nimmt von allem Qualita-
tiven. Goethe wollte bei der Behandlung der aufieren
Natur nicht blofi das Quantitative, er wollte audi das
Qualitative einbezogen haben.
Auf der anderen Seite aber mufi man sagen, dafi die
ganze innerliche Grofie der Mathematik auf ihrer Bildlidi-
keit beruht, und dafi gerade in dieser Bildlichkeit das-
jenige zu suchen ist, was ihr den Charakter einer apriori-
schen Wissenschaft gibt, einer Wissenschaft, die rein durch
innere Anschauung zu finden ist.
Aber damit ist man zu gleicher Zeit, indem man mathe-
matisiert, gerade aus dem Natursein, demgegeniiber die
Mathematik einen ganz besonders interessiert, eigentlich
draufien. Man ergreift nirgends ein In-sich-Wirksames,
sondern nur die durch die mathematisdien Formeln aus-
driickbaren Beziehungen dieses Wirksamen. Wenn Sie in
mathematischen Formeln eine zukiinftige Mondenfinster-
nis oder, mit Einsetzung entsprechender Grofien in nega-
tiver Form, eine in friiherer Zeit voriibergegangene Mon-
denfinsternis errechnen, so miissen Sie sich bewulk sein,
dafi Sie niemals in das innere Wesen desjenigen eindringen,
was da geschieht, sondern nur von einem gewissen Ge-
sichtspunkte aus die Quanten von Verhaltnissen mit
mathematischen Formeln umfassen. Das heifit, man raufi
sich klar sein, dafi man niemals in das innerlich wesenhaft
Differenzierte durch das Mathematische hineindringen
kann, wenn man dieses Mathematische in dem engen Sinne
falk, in dem es noch heute vielfach gefafk wird.
Aber schon sehen wir audi innerhalb des Mathemati-
schen eine Art Weg, der aus dem Mathematischen selber
herausfuhrt. Aus dem, was ich eben gesagt habe, konnen
Sie entnehmen, dafi dieser Weg, der aus dem Mathemati-
schen herausfuhrt, ahnlich sein miifite dem Weg, den wir
durchlaufen, wenn wir mit dem ganz bildhaft Mathemati-
schen, mit dem undurchkrafteten, unwirksam bildhaften
Mathematischen nun untertauchen in die durchkraftete
und durchkraf tende Natur. Da tauchen wir in etwas unter,
was uns gewissermafien mit unserer freien mathematisie-
renden Tatigkeit abfangt und die mathematischen Formeln
in ein Geschehen einzwangt, das in sich wirksam ist, das in
sich etwas ist, von dem wir uns sagen miissen: wir kommen
nicht vollstandig heran mit dem Mathematischen; das Ding
behauptet gegeniiber der innerlichen Durchschaubarkeit
des Mathematischen seine wesenhafte Selbstandigkeit und
sein wesenhaftes Innensein.
Dieser Weg, der da gegangen wird, wenn man einfach
den Cbergang sucht von der irrealen mathematischen Den-
kungsart zu der realen naturwissenschaftlichen Denkungs-
art, kann in einer gewissen Weise heute sdion innerhalb
des Mathematischen selber in einer gewissen Beziehung
gefunden werden. Und wir sehen, wie er gefunden werden
kann, wenn wir nicht auflerlich, sondern innerlich die Ver-
suche betrachten, welche das Denken gemadit hat beim
Ubergang von der blofi analytischen Geometrie zu der
projektivischen oder synthetisdien Geometrie, wie sie die
neuere Wissenschaft vorstellt. Ich mochte an einem ganz
elementaren, an einem allerelementarsten und bekannte-
sten Beispiel der synthetisdien Geometrie erlautern, was
idi mit dem eben ausgesprochenen Satze meine.
Wenn man synthetisdie, neuere projektivische Geome-
trie treibt, so unterscheidet man sich von dem analytischen
Geometer dadurch, dafi der analytische Geometer mit
mathematischen Formeln rechnet, dafi er also rechnet, dafi
er zahlt und so weiter. Als synthetischer Geometer bentitzt
man - ich meine das jetzt naturlich ideell - nur das Lineal,
den Zirkel und das, was durch Lineal und Zirkel im
Bewufksein als Tatbestand auftreten kann, was aus der
Anschauung zunachst hervorgeht. Fragen wir uns aber, ob
es auch rein innerhalb der Anschauung verbleibt.
Denken wir uns eine Linie - was man in der gewohn-
lichen Geometrie eine Linie nennt - und auf dieser Linie
drei Punkte. Dann haben wir das folgende mathematische
Gebilde (siehe Abbildung 2): eine Linie, auf der sich die
drei P4inkte I, II, III befinden.
Es gibt nun - ich kann, was ich hier anzufuhren habe,
naturlich nur in den Hauptlinien andeuten, gewissermafien
appellierend an das, was Sie iiber die Sadie schon wissen —
ein anderes Gebilde, welches in einer gewissen Weise in
seiner ganzen Konf iguration entsprechend ist diesem eben
aufgezeichneten mathematischen Gebilde. Und dieses
andere Gebilde entsteht dadurch, dafi ich drei Linien in
einer ahnlichen Weise behandle, wie ich diese drei Punkte
hier behandelt habe, und dafi ich einen Punkt in einer ahn-
lidien Weise behandle, wie ich hier die Linie behandelt
habe. Denken Sie sich also, ich zeichne statt der drei
Punkte I, II, III, drei Linien an die Tafel, und statt der
Linie, welche durch die drei Punkte geht, zeichne ich einen
Punkt (siehe Abbildung 3); und damit eine Entsprechung
entstehe, nehme ich den Punkt, in dem sich die drei Linien
schneiden:
Abb. 2 Abb. 3
Ich habe hier ein anderes Gebilde gezeichnet (Abb. 3).
Der Punkt, den ich oben mit einem kleinen Ringelchen ge-
zeichnet habe, entspricht der Linie links, die drei, wie man
sie nennt, Strahlen, die sich in einem Punkt schneiden, und
die ich mit I, II, III bezeichne, die entsprechen den drei
Punkten I, II, III, die auf der Linie links liegen (Abb. 2).
Sie miissen, wenn Sie das ganze Gewicht dieses eben aus-
gesprochenen Urteiles empfinden wollen, genau den Wort-
laut nehmen, wie ich ihn eben ausgesprochen habe. Sie
miissen sagen: der Punkt rechts (Abbildung 3), den ich
oben mit einem kleinen Ringelchen bezeichnet habe, ent-
spricht der Linie links (Abbildung 2), auf der die drei
Punkte liegen; und die Strahlen I, II, III rechts entspre-
chen den Punkten I, II, III links. Und indem sich die drei
Strahlen I, II, III rechts in dem einen Punkt oben schnei-
den, entspricht dieses ihr Schneiden dem Liegen der drei
Punkte links I, II, III auf der links gezeichneten geraden
Linie.
So ausgesprochen, liegt ein ganz bestimmter Bewufitseins-
tatbestandvor und ein entsprediendes Gebilde links gegen-
iiber dem Gebilde rechts.
Man kann nun — indem man zunachst rein innerhalb
desjenigen bleibt, was anschaulich ist, was sich also kon-
struieren lafit mit Zirkel und Lineal, wozu kein Rechnen
notig ist - zu dem folgenden Bewufkseinstatbestande uber-
gehen: Ich zeichne links noch einmal eine Linie, und noch
einmal auf dieser Linie drei Punkte (die untere Linie in
Abbildung 4).
Ich habe nun — ich bitte, jetzt ganz genau die Ausdrucks-
weise, die ich befolgen werde, als mafigeblich zu betrachten
fur den Tatbestand -, ich habe nun links die Linie gezeich-
X 31 HI
— o — ■ O- o
Abb. 4
net, auf welcher sich die drei Punkte 1, 2, 3 liegend befin-
den. Ich werde weitergehen und nehme an - bitte wohl zu
beachten das Wort, das ich ausspreche: «und nehme an» — ,
ich werde weiter das Folgende tun und nehme dann etwas
an. Ich werde in einer gewissen Weise die Punkte links
von der einen Linie mit den Punkten von der anderen
Linie verbinden und werde dadurch Verbindungslinien be-
kommen, die sidti schneiden werden (siehe Abbildung 5).
Ich werde verbinden links in meinem Gebilde den Punkt I
mit dem Punkt 3, den Punkt III mit dem Punkt 1, den
Punkt I mit dem Punkt 2, den Punkt II mit dem Punkt 1,
den Punkt III mit dem Punkt 2, den Punkt II mit dem
Punkt 3, und werde durch diese Linien Schnittpunkte be-
kommen, die ich dann wiederum - ich nehme es jetzt an —
1 n m
Abb. 5
durch eine gerade Linie verbinden kann. Also meine Kon-
struktion sei in anschaulicher Durchsichtigkeit so ausge-
fiihrt, dafi ich das wirklich vollziehen konne, was ich jetzt
angegeben habe. Man kann namlich diese Konstruktion so
ausfuhren (punktierte Linie in Abbildung 5): Sie sehen,
ich habe die drei Schnittpunkte, die ich auf die vorhin be-
schriebene Weise bekommen habe, so bekommen, dafi ich
durch sie die hier strichpunktierte Gerade ziehen kann.
Ich nehme nun an, dafi ich, indem ich zu dem rechten
Strahlenbuschel (Abbildung 3), so nennt man es, ein
anderes hinzufuge, dafi ich in dem Verhaltnis der Aus-
strahlung dasselbe Verhaltnis drinnen habe wie in der
Entfernung der auf der linken Geraden liegenden Punkte.
Ich werde also ein zweites Strahlenbuschel rechts hinein-
zeichnen (Abbildung 6), das in bezug auf seine Ausstrah-
lungsverhaltnisse den Lagenverhaltnissen der Punkte auf
den Linien links entspricht. Ich habe also hier (Abbil-
dung 6) ein anderes Strahlenbuschel hineingezeichnet und
nenne es i, 2, 3, indem ich annehme, dafi 1, 2, 3 in bezug
auf die Strahlen rechts entspricht 1, 2, 3 in bezug auf die
Punkte links.
Abb. 6
Und ich werde jetzt die entsprechende Prozedur bei
meinen zwei Strahlengebilden rechts ausfiihren, die ich
links (Abbildung 5) bei meinen Linien- und Punktgebilden
ausgefuhrt habe, nur mufi ich berucksichtigen, dafi einer
Linie links ein Punkt rechts entspri c ht: w ahrend i ch links
eine Linie gesucht habe, die zwei Punkte verbindet, mufi
ich rechts einen Punkt suchen, der entsteht, indem zwei
Strahlen sich schneiden. Das Schneiden rechts soil entspre-
chen dem Verbinden links (die Schnittpunkte in Abbil-
dung 6 werden durch kleine Kreise markiert, siehe Abbil-
dung 7). Sie sehen, was ich gemacht habe: wenn ich links
III mit 1 und 3 mit I als Punkte verbunden habe, habe ich
hier rechts I mit 3 und 1 mit III als Linien zum Sdinitt
gebradit.
Und wenn ich links zwei Linien gezogenhabe von Punk-
ten aus und sie zum Sdinitt gebradit habe in einem Punkt,
so werde idi jetzt entsprechend rechts durdi die beiden
Punkte, die idi bekommen habe, eine Linie ziehen (strich-
liert in Abbildung 7), und ich werde dieselbe Prozedur mit
Bezug auf die anderen Strahlen jetzt ausfuhren. Das heifit
[der Vortragende verdeutlicht nochmals die Entsprechung
I I EL
Abb. 7
der geringelten Schnittpunkte von Abbildung 7 mit den
Verbindungslinien von Abbildung 5], ich werde II mit 1
zum Sdinitt bringen, I mit 2, III mit 2, II mit 3 ; ich werde
also rechts die Schnittpunkte suchen, wie ich links die Ver-
bindungslinien gesucht habe; und, wie Sie sehen, habe ich
rechts durch das Zum-Schnitt-Bringen der Strahlen diese
Schnittpunkte gesucht, urn Linien durch diese Schnitt-
punkte zu ziehen (strichliert in Abbildung 7), wie ich links
durch das Verbinden der Punkte Linien gesucht habe, um
die Schnittpunkte dieser sich schneidenden Linien zu ge-
winnen (geringelt in Abbildung 5).
Die Verbindungslinien aber der Schnittpunkte, die ich
rechts gewonnen habe, sdineiden sich ebenso in einem hier
durch ein Ringelchen bezeidineten Punkt oben (P in Ab-
bildung 7), wie die drei Punkte, die ich links bekommen
habe, in einer geraden Linie liegen (strichHert in Abbil-
dung 5). Das heifit, im Gebilde rechts, wo statt der Punkte
Linien, statt der Verbindungslinien Schnittpunkte sind, be-
komme ich, wie ich links eine Linie bekommen habe, die
durch die drei Punkte geht, einen Punkt, in dem sich die
drei Geraden schneiden. Ich bekomme rechts wiederum
einen Punkt fiir die Linie links.
Hier bleibe ich, indem ich rein vom Gebiete des An-
schaulichen ausgehe, zwar innerhalb desjenigen, was von
der Anschauung ausgeht, was aber doch zu etwas anderem
fuhrt. Und ich bitte Sie, das Folgende zu beriicksichtigen.
Nehmen Sie an, Sie schauen in der Linie, in der Richtung,
die angegeben wird durch die (gestrichelte) Linie links, die
durch die drei Schnittpunkte - Alpha, Beta, Gamma —
geht, dann werden Sie auf einen Schnittpunkt auf schauen,
der die anderen verdeckt, gegeniiber dem die anderen
hinter ihm sind (Abbildung 8). Sie haben hier, in der Linie
auseinandergelegt, nicht nur «drei Punkte». Sondern so-
bald man zu einem Wirklichkeitsverhaltnis ubergeht, tritt
gegeniiber diesen drei Punkten etwas auf, was ganz an-
schaulich ist: der Punkt Gamma ist der Vordere, und
hinter ihm sind die Punkte Beta und Alpha. Das haben Sie
in der linken Figur klar auseinandergelegt in der An-
schauung.
Gehen wir jetzt durch eine ganz gesetzmafiige Prozedur,
die ich beschrieben habe, iiber zu dem rechts entsprechen-
den Gebilde, so haben wir statt der Linie einen Punkt ins
Abb. 8 Abb. 9
Auge zu fassen (P in Abbildung 9). Wenn wir ihn ins
Auge fassen, so miissen wir sagen, geradeso wie links durch
die Verbindung von III mit 2 und die Verbindung von 3
mit II ein Schnittpunkt entsteht, Gamma, der die anderen
Schnittpunkte zudeckt, so dafi das Verhaltnis entsteht:
Gamma ist vorn. Alpha ist hinten, so entsteht redits die
Notwendigkeit, das Folgende vorzustellen und damit,
durch das Verbindungsgesetz, aus dem Ansdiaulidben ins
Unanschauliche iiberzutreten: Redits (Abbildung 9) ent-
steht die Notwendigkeit, den geringelten Punkt (P) so
vorzustellen, dafi der Strahl (Gamma), der durch die Ver-
bindung der Schnittpunkte der Linien III und 2, II und 3,
entsteht, sich zunachst in dem geringelten Punkt mit dem-
jenigen Strahl (Beta) schneidet, der durch das voran-
liegende Verhaltnis (III mit 1, I mit 3) entsteht; und wir
miissen uns vorstellen, dafi innerhalb dieses geringelten
Punktes die Schnitte, die durch die drei strichlierten Strah-
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len entstehen, ebenso als drei innerlich differenzierte Enti-
taten liegen wie links auf der strichpunktierten Linie die
drei Punkte Gamma, Beta, Alpha. Das heifit, ich mufi die
Schnitte rechts im emzelnen Punkt so angeordnet finden,
dafi sie sich iibereinander decken.
Das heifit mit anderen Worten nichts Geringeres als:
Geradeso wie idi fiir ein hinschauendes Auge die strich-
punktierte Linie links so zu denken habe, dafi fiir die
Punkte Gamma, Beta, Alpha ein Vorne und Hinten ent-
steht, so habe ich innerhalb des Punktes, das heifit einer
Raumausdehnung von Null, nach alien drei Dimensionen
eine Differenzierung zu denken. Ich habe in diesem
Punkte - angeschaut aus der Art heraus, wie er aus diesem
Gebilde entstanden ist — nicht etwas Undifferenziertes,
sondern ein Vorne und Hinten zu denken. Ich bekomme
hier die Notwendigkeit, einen Punkt nicht neutral nach
alien Seiten zu denken, sondern den Punkt zu denken nut
einem Vorne und Hinten.
Ich mache hier einen Weg, durch den ich aus dem freien
Bilden des Mathematischen hineingezwungen werde in
etwas, wo das Objektive zu einer Eigenbestimmung, zu
einem Innensein iibergeht. Sie sehen, dieser Weg ist ahn-
lich demjenigen, durch den ich iibergehe von dem mathe-
matisch freien Bilden zu dem In-Empfang-Nehmen dieses
Bildens vom innerlichen Bestimmtsein innerhalb der
Naturordnung. Und ich bekomme, indem ich von der
analytischen zu der synthetischen Geometrie iibergehe, den
Anfang des Weges, der mir gezeigt wird von der Mathe-
matik zur anorganischen Naturwissenschaft.
Es ist dann im Grunde genommen nur noch ein kleiner
Weg zu etwas anderem. Man kann, indem man diese Er-
wagungen, auf die ich jetzt hingedeutet habe, fortsetzt,
zum innerlichen Begreif en audi des f olgenden Bewufitseins-
tatbestandes kommen: Wenn man rein mit Hilfe der pro-
jektiven, der synthetischen Geometrie verfolgt, wie sich
ein Hyperbel zu einer Asymptote verhalt, so bekommt
man rein anschaulich heraus, dafi nach der einen Seite, sa-
gen wir rechts oben, die Asymptote sich dem Hyperbelast
nahert, aber ihn niemals errelcht, dafi man aber dennodi
die Vorstellung bekommt, die Hyperbel komme wiederum
von links unten zuriick mit dem anderen Ast, und die
Asymptote komme ebenfalls von links unten zuriick mit
ihrer anderen Seite. Mit anderen Worten: ich bekomme
durch dieses Verhaltnis von Asymptote zur Hyperbel
etwas, was ich etwa in der folgenden Art Ihnen auf die
Tafel zeichnen konnte (Abbildung 10):
Redits oben geht die Asymptote, die gerade Linie, im-
mer naher an die Hyperbel heran. Ich habe dort eine
Schraffierung hinzugefiigt, um auszudriicken, was fiir ein
Verhaltnis die Asymptote eigentlich zum Hyperbelast hat.
Sie kommt ihm immer naher, sie will an ihn heran, sie
kommt immer naher und naher in das Sein ihres Verhalt-
nisses zu ihm hinein. Wenn man nun dieses Verhaltnis ver-
folgt nach rechts oben, so kommt man zuletzt durch rein
projektives Denken — ich kann das hier nur andeuten -
dazu, die Richtung der Linie, die man nach rechts oben
hat, sei es die Hyperbel, sei es die Asymptote, von links
unten wieder herkommend, zu finden, den Hyperbelast
und die Asymptote, und diese so, dafi sie mit ihrem Sein in
der schraf f ierten Andeutung den Hyperbelast immer mehr
und mehr verlafit.
So dafi wir sagen konnen: diese Asymptote hat eine
merkwiirdige Eigenschaft. Indem sie nach rechts oben
hinansteigt, wendet sie sich mit ihrem Verhaltnis zur
Hyperbel der Hyperbel zu, indem sie von links unten
wieder heraufkommt, wendet sie sich mit ihrem Verhalt-
nis zur Hyperbel von der Hyperbel ab. Diese Linie, die
Asymptote, hat, wenn ich sie in ihrer Vollstandigkeit,
Totalitat betrachte, wiederum ein Vorne und Hinten. Des-
halb konnte ich audi die Schraffierung das eine Mai auf
der einen Seite, das andere Mai auf der anderen Seite
zeichnen. Ich komme wiederum in eine innere Differen-
zierung des Linearen hinein, wie ich in eine innere Diffe-
renzierung hineinkomme, wenn ich das rein mathematisch
Bildhafte in das Gebiet des Naturgeschehens hineindrange.
Das heiEt, ich nahere mich dem, was als Dif f erenzierung im
Naturgeschehen auftritt, wenn ich in richtiger Weise mit
Hilfe der projektiven Geometrie die mathematischen Ge-
bilde selbst erfassen will.
Was da durch die projektive Geometrie geschieht, das
kann niemals in derselben Weise durch die blofie analy-
tische Geometrie gemacht werden. Denn die blofie analy-
tische Geometrie bleibt, indem sie also in Koordinaten
konstruiert und dann in ihrer Rechnungsform die End-
punkte der Abszissen und Ordinaten aufsucht, mit dem,
was sie konstruiert, in ihrer Form ganz aufierhalb der
Kurve oder aufierhalb des Gebildes selber stehen. Die pro-
jective Geometrie bleibt nidit au£erhalb der Kurve und
des Gebildes stehen, sondern sie dringt in die innere Diffe-
renzierung des Gebildes: bis zum Punkte, bei dem man
unterscheiden mu£ ein Vorne und Hinten — bis zur Gera-
den, bei der man ebenfalls unterscheiden mufi ein Vorne
und Hinten. Ich habe nur diese Eigenschaften wegen der
Kiirze der Zeit angegeben, ich konnte noch andere Eigen-
schaften angeben, zum Beispiel ein gewisses Kriimmungs-
verhaltnis, das der nach den drei Raumdimensionen aus-
gedehnte Punkt in sich hat und so weker.
Wenn man wirklich mit innerem Seelenanteil den "Weg
verfolgt, der da von der analytischen Geometrie in die
synthetische Geometrie hineinfiihrt, wenn man sieht, wie
man da, ich mochte sagen, aufgefangen wird von etwas,
was schon der Realitat sich nahert, wie diese Realitat im
aufteren Naturdasein vorhanden ist, dann hat man das-
selbe innere Erlebnis, genau dasselbe innere Erlebnis, das
man hat, wenn man aufsteigt von dem gewohnlichen Ver-
standesbegriff, von der gewohnlichen Logik, zu dem Ima-
ginativen. Man mufi im imaginativen Erkennen nur wei-
tergehen. Aber den Anfang hat man gegeben, wenn man
anfangt, von der analytischen Geometrie zu der syntheti-
schen uberzugehen. Man merkt da das Abgefangenwerden
von dem, was sich aus der Bestimmtheit durch die auftere
Realitat ergibt, nach der man das Resultat gefafit hat, und
man merkt das ebenso im imaginativen Erkennen.
Und nun, welches ist der entgegengesetzte Weg inner-
halb der Geisteswissenschaft gegeniiber demjenigen, der
vom gewohnlichen gegenstandlichen Erkennen ins imagi-
native Erkennen hineinfiihrt? Es ware derjenige, der von
der Intuition oben zur inspirierten Erkenntnis hinunter-
fiihrte. Da finden wir aber bereits, dafi wir drinnenstehen
im Realen. Denn mit der Intuition stehen wir im Realen
drinnen. Und wir gehen weg vom Realen. Indem wir von
der Intuition heruntersteigen zu der Inspiration, entfernen
wir uns wiederum von dem Realen. Und wenn wir bis zur
Imagination herunterkommen, haben wir nur nodi das
Bild des innerlich Realen.
Dieser Weg, der ist zu gleicher Zeit derjenige, den das
Reale durchmacht, um unser Erkenntnisobjekt zu werden.
Natiirlich, in der Intuition stehen wir in der Realitat
drinnen. Wir gehen von der Realitat ab, zu der Inspira-
tion, zu der Imagination, und kommen zu unseren gegen-
standlichen Erkenntnissen. Die haben wir dann in unserem
heutigen Erkennen. Wir machen den Weg von der Realitat
zu unserem Erkennen herein. Wir stehen gewissermafien
zuerst innerhalb der Realitat und kommen von dieser
Realitat ab zu dem irrealen Erkennen. Auf dem Weg, den
wir zuriicklegen von der analytischen Geometrie in die
projektive oder synthetische Geometrie hinein, versuchen
wir uns wiederum nach der entgegengesetzten Richtung zu
bewegen, von der rein verstandesmalSigen analytischen
Geometrie in dasjenige, wo wir anfangen konnen real zu
denken, wenn wir iiberhaupt zu etwas kommen wollen.
Wir gehen der Entrealisierung der Natur, die sie durch-
madit, indem sie Erkenntnis werden will, entgegen, indem
wir realisieren die irreale Erkenntnis.
Sie sehen, man hat nicht etwa notig, anzunehmen, dafi
unsere moderne Geisteswissenschaft, wie sie hier auftritt,
anders mathematisieren wollte, als es die Mathematiker
tun, wenn sie nur recht in ihrem Sinne mathematisieren.
Man hat nicht einmal notig - aufier dem Aufsuchen von
besonderen Versuchsanordnungen, die aus dem Quantita-
tiven ins Qualitative hineinfuhren - viel anderes zu tun
auf den Gebieten, die ja eine quantitative Naturwissen-
schaft heute schon betreten hat. Und wenn diese aufiere
quantitative Naturwissenschaft heute der modernen An-
throposophie ihre «gesunden Ergebnisse» entgegenhalt,
dann ist es ungefahr so, wie wenn jemand ein Gedidit
vorgelesen hat, das in ganz andere Regionen geht, und
einer kommt: Ja, da kann idi ja nicht entscheiden durch
meine Seelenverfassung, ob man in einem Gedichte leben
kann, ich aber weifi etwas ganz gewifi: dafi zwei mal zwei
vier ist! - Niemand bezweifelt, dafi zwei mal zwei vier
ist; ebensowenig bezweifelt dasjenige, was die moderne
anorganisdie Naturwissensdiaft gibt, wer zur Geisteswis-
senschaft aufriicken will. Aber es ist gegen den Inhalt eines
Gedidites zum Beispiel just kein besonderer Einwand,
wenn man ihm entgegenhalt: zwei mal zwei ist vier.
Es handelt sich aber darum, dafi dasjenige, wohin die
einzelnen Wissenschaften schon besonders tendieren, wohin
sie wollen, dafi das ernst und mutig als Weg zu einer
wahren Wirklichkeitserkenntnis von Anthroposophie in
Angriff genommen wird. Und wahrend manche Leute
heute in f ruchtlosem Skeptizismus eine Finsternis errichten
wollen iiber dem, was sie, oftmals mit Recht, als Grenzen
des Naturerkennens empfinden, mochte Anthroposophie
da, wo Naturwissenschaft finster wird, beginnen, das
Licht des geistigen Erkennens zu entziinden.
Und so wird sie vielleicht mit Bezug auf diejenigen
Wissenschaften, die heute erwahnt worden sind, nicht ge-
rade grofi andere Methoden einschlagen; aber sie wird die
Bedeutung, den inneren Seinswert der Wissenschaften, von
denen heute gesprochen worden ist, vor die Menschheit hin-
stellen und wird dadurch bewirken, dafi man wei£, warum
man mit Mathematik ins Sein eindringt, nicht blofi, warum
man mit Mathematik zu einer gewissen Sicherheit kommt.
Denn zum Schlufi kommt es ja nidit darauf an, blofie
Gewifiheitsprodukte zu entwickeln. Dakonnten wir unsim
engsten Kreis abschliejSen und immer und immer wieder
im engsten Kreise drehen, wenn wir blofi «das Gewisseste»
festhalten wollten. Sondern es handelt sich urn Erweite-
rung des Erkennens. Die aber kann nicht gefunden wer-
den, wenn man den Weg sclieut aus dem inneren Erleben
in das auftere, in sich. selber differenzierte Sein. Dieser
Weg wird vielfach sogar in der Mathematik und mathe-
matisdien Naturwissenschaft der Gegenwart angedeutet.
Man mufi ihn nur erkennen und dann im Sinne dieser Er-
kentnis wissenschaftlich handeln.
Schlufiwort zur Disputation
Dornach, 5. April 192 1
Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich will, zum Teil
wegen der vorgeriickten Zeit und zum Teil aus anderen
Griinden, nidit mehr als ein paar Bemerkungen machen,
die mit am heutigen Abend Vorgebrachtem, Vorgekom-
menem, zusammenhangen.
Da mochte ich zunachst auf die Frage betreffend Pro-
fessor Rein ganz kurz zuriickkommen aus dem Grunde,
weil ein Umstand gerade in dieser Angelegenheit doch
scharf hervorgehoben werden sollte.
Dafi von seiten eines Herbartianers, namentlidht eines
Herbartianers, der durch die historische Schule gegangen
ist, iiber meine « Philosophic der Freiheit» nicht sonderlich
viel Zustimmendes gesagt werden kann, das weifi ich sehr
gut. Das hat sich ja auch gleich nach dem Erscheinen der
«Philosophie der Freiheit» 1894 gezeigt. Denn eine der
ersten Besprechungen, die erschienen sind iiber die « Philo-
sophic der Freiheit», war die des Herbartianers Robert
Zimmermann. Aber ich muli sagen, trotzdem diese Bespre-
chung aufierordentlich gegensatzlich war, hat sie mich ge-
freut aus dem Grunde, weil damals im Gegensatz einige
wirklich grofie Gesichtspunkte angeschlagen worden sind.
Wie also notwendig das Verhaltnis sein mufi zwischen
einer Herbartianer-Beurteilung und dem, was meine
«Philosophie der Freiheit» enthalt, dariiber gebe ich mich
nicht dem geringsten Zweifel hin. Allein, es ist schade,
dafi ich jetzt die Besprechung der «Philosophie der Frei-
heit» durch Professor Rein nicht hier habe und das Zitat
so belegen konnte, wie ich es gern tun wiirde. - Es ist
mir nun soeben gebracht worden, und ich kann daher
an der Hand der Besprechung manches noch genauer sagen,
als es sonst moglich ware. Da beginnt also diese Bespre-
diung zunachst mit den Worten: «In Zeiten eines morali-
schen Tiefstandes, wie ihn das deutsche Volk wohl noch
nicht erlebt hat, ist es doppelt not, die grofien Landmar-
ken der Moral, wie sie von Kant und Her bar t aufgerichtet
worden sind, zu verteidigen und sie nicht zugunsten relati-
vistischer Neigungen verriicken zu lassen. Das Wort des
Freiherrn v. Stein, dafi ein Volk nur stark bleiben kann
durch die Tugenden, durch welche es grofi geworden ist,
lebendig zu halten, mufi heute zu den ersten Aufgaben
inmitten der Auflosung aller moralischen Begriffe gerech-
net werden.
Dafi an dieser Auflosung eine Schrift des Fiihrers der
Anthroposophen in Deutschland, des Dr. R. Steiner, be-
teiligt ist, mufi besonders beklagt werden, da man den
idealistischen Grundzug dieser Bewegung, die auf eine
starke Verinnerlichung des Einzelmenschen hinzielt, nicht
leugnen und in seinem Plan der Dreigliederung des sozia-
len Korpers gesunde, das Volkswohl fordernde Gedanken
finden kann. Aber in der Schrift <Die Philosophic der Frei-
heit> (Berlin 191 8) uberspannt er seine individualistische
Einstellung in einer Weise, die zur Auflosung der sozialen
Gemeinschaft fiihren und deshalb bekampft werden muJS.»
Sie sehen hier deutlich gesagt, dafi die «Philosophie der
Freiheit» herausentstanden sei aus der Auflosung aller mo-
ralischen Vorstellungen und so weiter — und das kann man
ja audi glauben, dafi es die Meinung eines Mannes sein
kann.
Nun, ein grofier Teil der hier Anwesenden kennt meine
Ansichten in bezug auf wissenschaftliche Genauigkeit, auf
wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit, und vor alien Din-
gen dariiber, daft man sich iiber das, woriiber man schreibt,
zunachst ordentlich unterrichten soil. Die «Philosophie der
Freiheit», die 1894 erschienen ist, audi nur stilistisch in
Zusammenhang zu bringen mit dem, worauf hier gedeutet
ist in den ersten Satzen, ist eine Leichtfertigkeit. Und eine
solche Leichtfertigkeit darf nicht damit entschuldigt wer-
den, daft derjenige, der als ein Professor der Padagogik an
einer Hochschule wirkt, durchaus — wie ich glaube, daft es
gesagt wurde — «nicht iiber die Grenze einer wirklich
objektiven Beurteilung hinausgegangen» sei. Es handelt
sich darum, daft wir eine Gesundung gerade derjenigen
Verhaltnisse, die heute abend hier in einer recht herzhaf-
ten Weise besprochen worden sind, nur dann herbeif uhren
konnen, wenn wir uns derselben Leichtfertigkeit nicht
schuldig machen, sondern wenn wir wissenschaftliche Ge-
wissenhaftigkeit streng ausuben gerade denen gegeniiber,
die von Amts wegen den Beruf haben, erzieherisch auf die
Jugend zu wirken. Da darf man dem, der diesen Beruf
hat, nicht erlauben, zu iibersehen, aus welchen Verhaltnis-
sen heraus und in welchen Zeiten eine Schrift, die man
beurteilen will, entstanden ist. Das ist das erste, was ich
zu sagen habe.
Dann die Art und V/eise des Zitierens. Sie finden in
diesem Artikel eine unglaubliche Art, Satze aus dem Zu-
sammenhange herauszureifien und an herausgerissene Satze
dann nicht das anzukniipfen, was in meiner «Philosophie
der Freiheit» steht, sondern das, was der Artikelschreiber
meint, nach seiner eigenen Meinung ankniipfen zu sollen,
was aus der Deutung der Satze, die er herausgerissen,
nach seiner Meinung gefolgert werden kann.
Wer sich die Miihe nimmt, die «Philosophie der Freiheit»
wirklich durchzunehmen, der wird sehen, dafi iiberall in
dieser «Philosophie der Freiheit» in vollstandig klarer
Weise auseinandergesetzt ist, wie das vermieden werden
kann, was durch Professor Rein aus Mifiverstandnis an
in beliebiger Weise aus dem Zusammenhang herausgeris-
senen Satzen moniert wird.
Dem, was er iiber das Herausholen der «Philosophie der
Freiheit» aus den Zeitverhaltmssen schreibt, entspricht das
Hineinstellen in unmogliche Zusammenhange: «H6ren wir
so Herrn Dr. Steiner reden, so konnte man versucht sein,
ihn als Apostel des ethischen Libertinismus anzusprechen.
Er hat dies audi gefiihlt und ist dem Einwand begegnet,
der dahin geht: Wenn jeder Mensch nur danadi strebt, sich
auszuleben und zu tun, was ihm beliebt, dann gibt es
keinen Unterschied zwischen guter Handlung und Ver-
brechen. Jede Gaunerei, die in mir liegt, hat gleichen An-
spruch, sich auszuleben, wie die Intention, dem allgemei-
nen Besten zu dienen. Diesen Einwand sucht Dr. Steiner
durch den Hinweis zu entkraften, dafi der Mensch erst
dann auf die geforderte Freiheit Anspruch erheben darf,
wenn er die Fahigkeit erworben hat, sich zum intuitiven
Ideengehalt der Welt zu erheben. Diese Fahigkeit sich an-
zueignen, ist Aufgabe des Anthroposophen, der sich auf
den Standpunkt des ethischen Individualismus erheben
soll.»
Nun, bitte, legen Sie sich die Frage vor, ob jemand als
Beurteilung der «Philosophie der Freiheit» solche Satze
hinschreiben darf. Die «Philosophie der Freiheit» ist 1894
veroffentlicht, wo es noch keine «Anthroposophen» gege-
ben hat. Also Professor Rein stellt die «Philosophie der
Freiheit» auch in ein Milieu hinein, das iiberhaupt fur die
«Philosophie der Freiheit» zur Zeit ihres Erscheinens ein
unmogliches war, abgesehen von den Trivialitaten, die
dann kommen, wo er davon spricht, dafi das eine Ethik
fur Anthroposophen und Engel und dergleichen ware und
so fort.
Es handelt sich wirklich hier nicht darum, in irgend-
einer Weise auf, ich mochte sagen, einen «gegenteiligen
Standpunkt» irgendwie ein schiefes Licht werfen zu wol-
len, sondern darum, daft diese Art, geistige Dinge zu be-
urteilen, durchaus in die ganze Welt desjenigen hineinge-
hort, was aus unserer Kultur heraus mufi, wenn die Zu-
stande, die heute hier besprochen werden sollten, besser
werden sollen. Ich darf wohl sagen, dafi ich mir gut iiber-
legt habe, ob ich schliefilich diese Worte hier aussprechen
solle oder nicht. Aber mir scheint die Sache denn doch wich-
tig genug zu sein, und ich glaube, dafi ich die Grenze der
Objektivitat nicht uberschritten habe, da£ ich mich eigent-
lich im wesentlichen darauf beschrankt habe, die Art und
Weise des Urteilens und nicht den «Standpunkt» vor
Ihnen hier zu charakterisieren. Ich weifi, dafi man immer
gewissermafien auf diinnes Eis tritt, wenn allerlei Ver-
wandtschaftliches vorgefiihrt wird. Allein, ich kann mich
darnach nicht richten, obzwar ich ja auch sonst nicht ge-
bunden bin, denn ich habe innerhalb der Professorenschaft
keinen Schwiegervater!
Nun mochte ich noch einige andere Bemerkungen ma-
chen und dazu an einen Satz ankmipfen, der heute auch
hier besprochen worden ist. Wirklich nur, um symptoma-
tisch zu sprechen, mochte ich da ein kleines Erlebnis vor-
bringen, das aber nur illustrieren soil.
Es ist gesagt worden, es sei richtig, dafi nicht alle Stu-
denten, die an eine Universitat oder Hochschule kommen,
auch reif seien fur diese Hochschule; allein dafiir konnten
ja die Professoren an den Hochschulen nichts, sondern
diese Studenten wiirden ihnen eben zugeschickt von den
hoheren Schulen. Ja, aber da konnte ich wirklich nicht an-
ders, als mir ein Gesprach einf alien lassen, das einmal mit
einem der beriihmtesten Literaturhistoriker an deutschen
Universitaten in meiner Gegenwart gefiihrt worden war.
Dieser Literaturhistoriker war audi in der Priifungskom-
mission fur das Gymnasiallehramt. — Ich tue es eigentHch
ungern; aber heute sind die Zeiten so ernst, dafi man
schon audi solche Dinge vorbringen mufi. — Er sagte: Ja,
mit diesen Gymnasiallehrern, wir kennen sie ja, wir miissen
sie ja priifen, aber wir haben manchmal ganz sonderbare
Gedanken, wenn wir diese Kamele als Gymnasiallehrer
auf die Gymnasien hinauslassen miissen!
Nun, es ist nur, wie gesagt, eine Illustration, die ich
durch dieses Erlebnis geben mochte. Ich weifi nicht, ob
es sehr stark fur die Universitatslehrer spricht, wenn ein
Prtifungskommissar und beriihmter Universitatslehrer sich
dazu herbeilafit, diejenigen Lehrer der Jugend, die an die
Gymnasien hinausgeschickt werden, «Kamele» zu nennen.
Ich sage es nicht, aber der betreffende Mann hat es gesagt.
Ich zitiere nur. - Nun, es mufi schon jeder Gedanke zu En-
de gedacht werden. Und da glaube ich, wenn der Gedanke
zu Ende gedacht wird, daft sich die Universitatslehrer
nicht beklagen diirfen, wenn unfahige Gymnasial-Abitu-
rienten die Pforte der Universitat betreten; denn die Uni-
versitatslehrer haben ja erst die Gymnasiallehrer hinaus-
geschickt, die ihnen diese Absolventen zugerichtet haben.
Also schliefilich ist es doch notwendig, wie gesagt, den
Gedanken zu Ende zu denken. Und der zeigt uns, dafi
wir, wenn audi mit einiger Nachsicht, in einer gewissen
Beziehung schon den Schuldbegriff anwenden diirfen.
Aber es sind heute so sonderbare Worte gefallen, sehen
Sie. Und da mufi ich sagen, eines der sonderbarsten
Worte, schon fast eine von den kleinen Pikanterien, war
doch dies, dafi gesagt worden ist, ein Universitatslehrer
hatte gesagt: Wir erwarten die Erlosung von der Studen-
tenschaft! — Ich wundere micli nur, dafi er dann nicht audi
nodi gesagt hat: Von dem Augenblicke, wo wir uns auf
die Schulbanke setzen und die Studenten auf das Katheder
hinauf befordern. - Sehen Sie, es ist sdion notwendig, dafi
man den liberal! schleifiig werdenden Urteilen, die so die
Gegenwart durchschwirren und die dennoch iiberall die
Veranlassung sind zu unseren heutigen Zustanden, dafi
man der Schleifiigkeit dieser Urteile etwas nadigeht.
Selbstverstandlich verkennt man dann, wenn man das
tut, doch nidit, dafi iiberall Ausnahmezustande und Aus-
nahmen vorhanden sind, und man kann zum Beispiel
vieles, sehr vieles von dem untersdireiben, was in bezug
auf den Kunstunterridit an den Akademien gesagt worden
ist. Aber im ganzen und grofien mufi man schon sagen:
Es ist doch nicht so aufierordentlidi viel Grund dazu vor-
handen, gute Hoffnungen in die Zukunft zu senden, wenn
man nicht bereit ist, nicht blofi im Aufieren, durch irgend-
welche Verbande oder dergleichen, sich zusammenscharen
zu wollen, um irgendeinem Unbestimmten entgegenzu-
gehen, sondern wenn man bereit ist — nur, wenn man
bereit ist — , wirklich einzugehen auf eine grundliche Er-
neuerung und Wiederbelebung unseres Geisteslebens selbst.
Es greift schon das, was die eigentlichen Schaden sind, in
unser Geistesleben selbst hinein. Und wer das ganze Gef uge
des anthroposophischen Lebens kennt, wie es zum Beispiel
gefiihrt hat zu dieser Freien Hochschule fur Geisteswis-
senschaft: uns braucht man ganz gewifi nicht zu sagen, dafi
«jedem es frei stehen miisse, seine Weltanschauung zu
vertreten und aus seiner freien Uberzeugung heraus zu
reden!» Die vielen boswilligen Naturen, die heute da sind,
um alles mogliche Unzutreffende iiber die anthroposophi-
sche Bewegung und was damit zusammenhangt, zu sagen,
die werden daraus gleich wieder Kapital schlagen und
sagen: Diese Anthroposophen wollen, dafi ihre Weltan-
schauung iiberall vertreten ist.
Nun, die Waldorf schule ist aus unserer Mitte heraus
begriindet worden, ohne daJS damit in irgendeiner Weise
eine Weltanschauungsschule gegriindet worden ist. Gerade
das Gegenteil einer Weltanschaungsschule sollte begriindet
werden. Das ist immer wieder und wieder betont worden.
Und wer da glaubt, die Waldorfschule sei «eine anthropo-
sophisdie Schule», der kennt sie eben ganz und gar nicht.
Und ebensowenig kann irgendwie hier am Goetheanum
gesagt werden, dafi in alledem, was geschieht, irgend
jemand beeintrachtigt werde in dem freien Bekenntnis
seiner ureigensten Oberzeugung.
Aber dasjenige, wofiir ich wenigstens immer kampfen
werde, das ist, bei aller Freiheit, bei aller Individuality
und Intellektualitat: wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit,
Griindlichkeit, Unterrrichtetsein von dem, iiber das man
eben schreibt - nicht ein blofies Hinstellen der eigenen
Meinung, weil man glaubt, es konnten unter Umstanden
audi irgendwelche Schaden entstehen aus demjenigen, das
man sich in Wirklichkeit nidit bemiiht zu verstehen, und
aus dem man einige Satze herausreifk, um einen Artikel
zu schreiben.
Ich sage das ganz ohne Leidenschaft. Sie wissen, ich be-
niitze gewohnlich die Dinge, die als «Besprechungen» sich
iiber Anthroposophie hermachen, eigentlich nur als einen
hier naheliegenden Anlafi, um allgemeine Zustande zu
charakterisieren. Die personlichen Angriffe interessieren
mich im Grunde genommen gar nicht, nur insofern, als sie
hinweisen auf das, was aus unseren Zustanden hinaus
mufi. Und da glaube ich doch, dafi der Kommilitone aus
Bonn in seiner herzhaften Weise einen richtigen Ton ge-
troffen hat, einen richtigen Ton insofern, als die Studen-
ten, die er gemeint hat, tatsachlich heute an den Universi-
taten oder an den Hochschulen das nicht finden konnen,
was sie suchen.
Aber nicht «wegen des Lehrplanes», nicht «weil man
nicht in der richtigen Weise auswahlt», sondern weil die
heutige Jugend ganz instinktiv - sie ist sich dessen nicht
voll bewuflt - aus dem tiefsten Inneren heraus doch nach
etwas verlangt, was innerhalb der allgemeinen Wissen-
schaftlichkeit noch nicht da ist, was aber geschaffen wer-
den muf£ innerhalb der allgemeinen Wissenschaftlichkeit.
Das erwartet die Jugend. Diese Jugend wird ganz gewifi
nicht ermangeln, mit vollen Handen zuzugreifen, wenn
ihr wirklich geboten wird - was sie eigentlich will - ein
wirklich neuer Geist. Denn einen solchen neuen Geist
braucht die Gegenwart.
Das ist im Grunde genommen audi der Grund der Ab-
neigung gegen das, was von anthroposophischer Geistes-
wissenschaft ausgeht, auch wenn man die Phrase im
Munde fiihrt, «man wolle jedem Neuen entgegenkom-
men». Wenn es sich gel tend macht, dann tut man es doch
nicht. Weil man es im Grunde genommen auch gar nicht
kann. Es wiirde nichts nutzen, diese Dinge in irgendeiner
Weise zu kaschieren, sondern es mufi scharf, klipp und
klar auf diese Dinge hingewiesen werden.
Dann ist hier die Frage des Weltschulvereins gestellt
worden. Was ich iiber diesen Weltschulverein zu sagen
habe in bezug auf seine Absichten, habe ich, wie ich glaube,
mit voller Deutlichkeit ausgesprochen am Ende unserer
letzten Hochschulkurse im Herbst hier. Ich habe dann
wiederum ungefahr in derselben Weise die Notwendigkeit
der Begriindung eines solchen allgemeinen Weltschulver-
eins im Haag, in Amsterdam, in Utrecht, in Rotterdam
und in Hilversum ausgesprochen: dafi die Moglichkeit, in
einem Weltschulverein zu wirken, davon abhange, dafi
sich die Oberzeugung, dafi ein neuer Geist in das allge-
meine Schulwesen einziehen musse, in einer moglichst gro-
fien Anzahl von Menschen verbreitet. Ich habe darauf
hingewiesen, da£ es heute gar nicht darauf ankommen
konne, da oder dort Schulen zu begrunden, die vereinzelt
dastehen wiirden, und in denen man eine in dieser oder
jener Hinsicht verbreitete Methode anwendet, sondern
dafi aus dem Gedanken des sich selbsttragenden, in sich
befreiten Geistesleben heraus das Schulwesen der neueren
Zivilisation in die Hand genommen werden miisse, das
Schulwesen aller Kategorien, aller Stoffe.
Soviel mir bekanntgeworden ist, sind die Worte und
Aufforderungen, die ich bis jetzt gesprochen habe, das
einzige, woriiber ich im Grunde genommen zu berichten
habe. Diese Worte waren darauf berechnet, in der zivili-
sierten Bevolkerung der Gegenwart ein Echo zu finden.
Ich habe von keinem solchen Echo zu berichten. Und ich
glaube, ein richtiges Wort hat der Kommilitone aus Bonn
gesprochen, indem er darauf hingewiesen hat, dafi schliefi-
lich doch diejenige Studentenschaft, aus deren Herzen her-
aus er hier geredet hat, in der Minderzahl ist. Ich glaube,
sie ist sehr, sehr in der Minderzahl, insbesondere in
Deutschland. Aber auch sonst - ich will niemandem Un-
freundlichkeiten sagen sonst, von wo wir gar nicht weit
weg sind. Das zeigt der Besuch dieses Hochschulkurses. Er
sagte: Der grofite Teil der Studentenschaft schlaft! Ja, er
tobt zuweilen auch. Aber man kann auch tobend schlafen
in bezug auf die Dinge, um die es sich da handelt.
Und in bezug auf die Angelegenheiten, in bezug auf
welche diese Forderung nach dem Weltschulverein erhoben
worden ist, schlaft alles auch in weitesten Kreisen einen
sanften Sdilaf. Und es mufi schon einmal gesagt werden:
Man hat sich noch nicht recht daran gewohnt, wie sehr es
notwendig ist, anthroposophisches Wirken in die moderne
Zivilisation hineinzutragen. - Man sollte sich daran ge-
wohnen, und ich sehne den Tag herbei, an dem ich Reich-
licheres berichten kann auf die Frage hin nach dem "Welt-
schulverein. Heute konnte ich nodi immer nicht viel mehr
sagen, als was ich am Ende der Hochschulkurse hier im
vorigen Herbst gesagt habe, obwohl das, was ich gesagt
habe, darauf berechnet war, daft heute etwas ganz anderes
dariiber berichtet werden konnte.
Aber so geht es auch mit anderen Dingen, und es ist
sehr schwierig, gerade die Punkte, auf die es eigentlich
ankommt in der heutigen Zeit, der heutigen Welt zum Be-
wufitsein zu bringen.
Ich habe in einem Berliner Vortrage, nachdem Lloyd
George nach einem Streik in England, der schon ausge-
brochen war, ein Zusammenleimen gemacht hat, darauf
hingewiesen, daft man mit solchen Dingen nichts erreicht,
dafi das nur eine Vertagung ist. Die Leute haben es, wie
es scheint, dazumal fur eine Phrase genommen. Nun, bitte,
iiberzeugen Sie sich heute, Sie konnten das schon seit eini-
gen Tagen tun, ob das, was ich dazumal gesprochen habe,
eine blofte Phrase war, oder ob es nicht vielleicht doch
aus einer tieferen Erkenntnis der sozialen Zusammenhange
und der Notwendigkeit der sozialen Zusammenhange her-
vorgegangen ist.
Das ist das Schwierige, dafi man heute so wenige Men-
schen mit jener Begeisterung findet, die ein wirkliches
inneres Dabeisein bewirkt mit dem, was sie ja immerhin
auch gern horen. Und deshalb freue ich mich immer, wenn
sich Jugend findet, die etwas dariiber zu sagen hat, wie
sie das oder jenes, was sie sucht, da oder dort noch findet.
Denn idi glaube, aus solchen Impulsen wird doch das her-
vorgehen, was wir zu aller Einsidit, zu allem Verstehen
brauchen: innerlidies Dabeisein, innerlidies Dabeisein, das
weifi, wie stark die Metamorphose sein mufi, die uns von
den Niedergangskraften einer alten Zivilisation zu den
Impulsen der neuen Zivilisation fuhrt. Jawohl, wir brau-
dien gewissenhaftes Verstandnis, wir brauchen eine ein-
dringliche Einsicht. Wir brauchen aber audi vor alien Din-
gen das, was die Jugend aus ihren Naturanlagen heraus
bringen konnte. Wir brauchen aber nicht nur in der Jugend,
wir brauchen in den weitesten Kreisen der gegenwartigen
zivilisierten Menschheit nicht nur Einsicht, nicht nur ein-
dringliches Verstandnis der Wahrheit, wir brauchen Begei-
sterung fur die Wahrheit!
ORGANISCHE NATURWISSENSCHAFTEN
UND MEDI2IN
Dritter Vortrag, Dornach, 6. April 1921
Das Gebiet, auf das ich heute zu sprechen kommen werde,
ist ein so ausgedehntes - selbst wenn es nur von einem
einzigen Gesiditspunkte aus beleuchtet werden soli -, dafi
dasjenige, was ich in der Lage sein werde heute zu geben,
nur sparliche Andeutungen werden sein konnen, und ich
bitte Sie, dies in Beriicksichtigung zu Ziehen. Es handelt
sich ja darum, dafi im Fortschreiten von den anorganischen
Naturwissenschaften zu den organischen Naturwissen-
schaften - und dann weiterhin zu psychologischer und
geistiger Betrachtung - auf der einen Seite sich immer
mehr und mehr die Notwendigkeit geisteswissenschaftlich-
anthroposophischer Betrachtung ergibt, dafi sich aber auch
andererseits bei diesem Fortschreiten immer mehr und
mehr zeigt, wie das, was hier Geisteswissenschaft genannt
wird, befruchtend wirken kann auf die einzelnen Fach-
wissenschaften.
Bei dem, was gesagt werden konnte iiber das Wesen des
Mathematischen, iiber das Wesen der anorganischen Na-
turwissenschaften, da handelte es sich weniger darum, dafi
durch geisteswissenschaftliche Betrachtung irgendwie in
einer ganz durchgreifenden Art eine andere Behandlungs-
weise und namentlich ein anderer Inhalt herbeigefiihrt
werde, als er in unserer gegenwartigen Wissenschaftsgesin-
nung schon vorhanden ist. Sie haben daher aus den bis-
herigen Vortragen iiber Mathematisches und iiber anorga-
nische Naturwissenschaften einen gewissen Grundton ver-
nehmen konnen, der dahin ging, anzudeuten, wie iiberall,
im Mathematischen sowohl wie im Anorganisdien, die,
wenn audi von den meisten unbemerkten, Anfange zu
derjenigen Behandlungsweise dieser Wissenschaften vorlie-
gen, die von der hier gemeinten Geisteswissenschaft als die
riclitige anerkannt werden mufi. Sie haben gesehen, wie
man hindeuten mufi auf den Ubergang von der analyti-
sdien Behandlung der Geometrie zu der synthetischen Be-
handlung, und wie man da findet, wie ein Weiterbeschrei-
ten dieses Weges in imaginatives Betraditen hinfiihrt,
wenn man nur nicht beim Formalen stehenbleibt, sondern
zu einem lebendigen Erfassen desjenigen, was da eigentlich
vorliegt, iibergeht. Und Sie haben dann gesehen, als eine
mehr rein mathematische Betrachtung dargeboten wurde,
wie aus einer gewissen lebendigeren Behandlung der Pro-
bleme dasjenige hervorgehen soil, was man sich. im Mathe-
matisdien und in den anorganisdien Naturwissenschaften
als das im anthroposophischen Sinne Richtige zu denken
hat. Gewissermafien sind wir untergetaucht in diese Wissen-
schaften und haben in ihnen selber die Kraftpunkte ge-
sucht, in deren Riehtungen weitergegangen werden soil. Es
handelt sich nur darum, dafi man bei diesen Wissenschaf-
ten streng innerhalb der gegenstandlichen Betrachtungs-
weise bleibt, welche die Eigentumlichkeit des gegenwarti-
gen Menschheitsbewufitseins ist, und dafi man nicht notig
hat, zu etwas anderem zu kommen als zu einem gewissen
Wie in der Behandlungsweise dieser Betrachtung.
In derselben Lage ist man nicht bei den organischen
Naturwissenschaften, obwohl etwas wiederum in anderer
Beziehung Ahnliches audi hier vorliegt. Wenn man heute
von Mathematik, von anorganisdien Naturwissenschaften,
von Phoronomie, Mechanik und so weiter spricht, dann
hat man auf die Denkweise hinzuweisen, an der man
etwas zu reformieren hat, wie das gestern geschehen ist.
Bei den organischen Naturwissensdiaften beginnt aber,
dafi man hinzuweisen hat nicht auf das Abzuweisende,
sondern auf das Aufzunehmende. Das beginnt schon in-
nerhalb der Tatsachenwelt selber. Da kann durch eine
blofie Reform der Denkweise eigentlicli nichts Ausgiebiges
erreicht werden.
Ich mochte zunachst eine kurze historische Betrachtung
erlauternd voranschicken, durdi die klargemacht werden
soil, in welcher Weise auf diesem Gebiete vorzuschreiten
ist, um zu einer fruchtbaren Anschauung zu kommen. Wir
haben an anderen Stellen in unserer Betrachtung darauf
hingewiesen, dafi im fortlaufenden Entwickelungsgange
der Menschheit eigentlich erst seit dem 15. Jahrhundert der
nachchristlichen Zeit heraufgetaucht ist, was wir die beson-
dere Art unseres heudgen Bewufitseins nennen. Alle frii-
here Betrachtungsweise war im Grunde genommen eine
ganz andere. Es ergriff die Menschheit erst von dem ge-
nannten Zeitpunkte an jene Bewufkseinsform recht, die
auf der einen Seite zum Gebrauche der Freiheit fiihrt,
aber auf der anderen Seite den Menschen, dadurch da£
sie ihn auf sich selbst zuriickweist, in eine Abstraktion hin-
einwirft, durch die er gegeniiber der Seinswelt in einer
gewissen Weise wirklichkeitsfremd wird. Es ist die Be-
trachtungsweise, die sich nur an aufiere Beobachtungen und
deren Beschreibung halt, an Anordnung von Versuchen,
von Experimenten und Beobachtung ihrer Ergebnisse, das
heifk der Antworten, die die Natur erteilt, wenn ihr nicht
bloft theoretisch, sondern praktisch, im Experiment, Fra-
gen gestellt werden.
Was von Seelenkraften angewendet wird, indem auf
diese Art die Wissenschaft zustande kommt, das ist die
kombinierende Verstandeskraft. Diese kombinierende Ver-
standeskraft ist zunachst, ich mochte sagen, das grofie
praktisch-wissenschaftliche Problem. Sie wird dieses, wenn
man die Frage aufwirft nach ihrer richtigen Anwendbar-
keit. Und diese Frage nach der richtigen Anwendbarkeit
der Verstandes- oder audi der gewohnlichen Vernunft-
kraft — im Beobachten, im Zusammenf assen der Beobach-
tungen, im Experimentieren — , diese Frage ist besonders
fur Goethe aufgetaucht. Und wer sich - Sie konnen das
nachlesen in meinen jetzt schon fast vierzig Jahre alten
«Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schrif-
ten» - in das vertieft, was da eigentlich bei Goethe zum
Problem geworden ist, der wird finden, dafi Goethe die
Verstandes- oder Vernunftkraft nicht so angewendet wis-
sen wollte, dafi sie der Wissenschaft einen eigentlichen In-
halt gibt, dafi man gewissermaften aus der Verstandes-
oder Vernunftkraft heraus etwas iiber das Sein als solches
aussagt, sondern so, dafi diese Verstandes- oder Vernunft-
kraft nur dazu verwendet wird, die Phanomene so ange-
ordnet zu denken, dafi das eine Phanomen das andere
erklart. Dann hat man also, indem man sich seines Ver-
standes oder seiner Vernunft bedient, nichts hinzugetragen
zu dem, was die Phanomene selber aussprechen.
Es handelt sich darum, wenn man rein den Verstand
anwenden will, dafi man dann audi ruckhaltlos vorschrei-
tet zu einer reinen Phanomenologie, das heifit, den Ver-
stand nur dazu beniitzt, ein Phanomen reinlich anzu-
schauen, nichts anderes zu tun, als es eben zu reinlichem
Anschauen zu bringen, und dann das andere dazugehorige
Phanomen danebenzustellen; so dafi durch diese Anord-
nung der Phanomene - was dann im Experiment auch zur
praktischen Ausfiihrung kommt - die Phanomene selbst
veranlafit werden, dafi sie sich gegenseitig erklaren. Der
Verstand hat also blofi eine ordnende, eine gewissermafien
real methodologische Bedeutung, keine qualitative Bedeu-
tung. Aus ihm darf im Goethesdien Sinne nidits hervor-
gehen, was irgendwie iiber das Sein selbst etwas aussagt.
Das ist, wie ich glaube, sdiarf prazisiert, was Goethe
als den Gebrauch der Verstandeskraft ansah, und das ist
audi dasjenige, dem das allgemeine Bewufksein derMensch-
heit seit dem ersten Drittel des 1 5 . Jahrhunderts zustrebt.
Man kann sagen, es haben noch nicht alle gelernt, dann,
wenn es sidi urn den Verstand handelt, in einer gewissen
Weise zu resignieren, wie das Goethe in seinen eigenen
Forschungen tun wollte, wenn es auch bei ihm nicht tiber-
all voll zur Ausfiihrung gekommen ist. Aber unbewufit
lebt in dem Wissenschaftsstreben, aus dem gerade Geistes-
wissenschaft heraus will - aber auf andere Art als durch
den Verstand diese Art des Verstandeslebens doch wie
ein unbewufites Ideal.
Und es ist das, was ich jetzt sage, mit Handen zu grei-
fen, wenn man jene Fortgange sieht, die im naturwissen-
schaftlichen Denken vorliegen, sagen wir, von dem An-
fang des 19. Jahrhunderts — und ich meine jetzt nicht bei
den Naturphilosophen, sondern bei den empirischen Na-
turforschern etwa von der Art des Johannes Muller bis
etwa zu Mach oder gar zu Poincare und den anderen,
oder zu Fritz Mauthner, der allerdings kein Naturfor-
scher ist.
Wer so recht eine Anschauung gewinnen will, was da
vorliegt, der mulS sich bekanntmachen mit etwas, was in
der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts noch eine gewisse
Rolle gespielt hat, was aber dann gegen die Mitte des 19.
Jahrhunderts vollstandig fallengelassen worden ist, und
was jetzt in einer merkwiirdigen Gestalt da oder dort
wiederum in der wissenschaftlichen Betrachtung auftaucht.
Das ist die Idee der Lebenskraft, das, was man im wissen-
schaftlichen Leben den Vitalismus nennt.
Wenn wir zu der Vorstellung von Vitalkraft zuriick-
gehen, die man in alteren Zeiten hatte, so sieht man, dafi
die Anhanger des Vorhandenseins dieser Vitalkraft sich
sagten: Wenn wir ein Ding der anorganisdien Natur be-
trachten, so finden wir in diesem Ding der anorganisdien
Natur allerlei Krafte, Warmekraft, Lichtkraft, elektrisdie
Kraft und so weiter; wenn wir aber ein Wesen der organi-
schen Welt betrachten, so finden wir aufierhalb diesen
Kraften, welche die anorganische Natur konstituieren,
audi noch die Vitalkraft, die Lebenskraft. Diese Lebens-
kraft ist in jedem Lebewesen vorhanden wie im Magneten
die Magnetkraft. Sie bemachtigt sich gewissermaflen der
anorganisdien Krafte, urn diese zusammenzufassen und
aus ihnen Wirkungen hervorzubringen, die sie, auf sich
selbst gestellt, nicht leisten konnen.
Dieser Vitalkraft wurde der letzte Stofi zum Abdanken
gegeben durch die Darstellung eines organischen Stoffes in
synthetischer Weise von Wohler und Liebig, und sie
wurde als solche in der zweiten Halfte des 19. Jahrhun-
derts fallengelassen. Aber im sogenannten Neovitalismus
taucht sie wiederum in der neuesten Zeit aus der Verbor-
genheit auf, weil gewisse Denker dazugekommen sind,
sich zu sagen: Wenn wir die Methoden, die wir ausgebil-
det haben, um mit Hilfe der anorganisdien Krafte das
Anorganische zu erklaren, auf das Organische anwenden,
dann kommen wir eben nicht aus; wir miissen im Organi-
schen etwas anderes suchen. - Und, ich mochte sagen, mit
einem deutlichen Anklang an die alte Lebenskraft taucht
im Neovitalismus wiederum so etwas herauf fur die Er-
klarung in den organischen Wissenschaften.
Wer sich aber wirklich ordentlich kritisch einlafit auf
dasjenige, was als Lebenskraft selbst noch in der Betrach-
tung von Johannes Miiller vorkommt, der wird finden,
daft in dieser Lebenskraft etwas vorliegt, was sich als Be-
griff in Wirklichkeit nicht vollziehen lafk. Und icli mochte
sagen, an der Unmoglichkeit, die Lebenskraft als Begriff
zu fassen, ist sie im Laufe des 19. Jahrhunderts in der wis-
senschaftlichen Betrachtung abgestorben. Man konnte sie
nicht fassen. Und warum konnte man sie nicht fassen?
Zunachst wird man, wenn man ganz vorsichtig vorgeht in
der Betrachtung der organisch-naturwissenschaftlichen Me-
thodik des 19. Jahrhunderts, sehen, wie diejenigen, die da
mit der Idee dieser Lebenskraft ringen, finden, sie konnen
damit nichts anfangen. Was sie anfangen wollen, ent-
schwindet ihnen sogleich, wenn sie mit ihrer Idee an die
Erscheinung herangehen. Sie kommen doch nicht auf den
eigentlichen Nerv der Sache. Sie kommen nicht darauf aus
dem Grunde, well sie die eigentliche Funktion der Ver-
standestatigkeit nicht scharf fassen.
Die Verstandestatigkeit tendiert in unserem Zeitalter
dahin, nur das Phanomen zu betrachten und es hinzustel-
len neben ein anderes, damit Phanomen das Phanomen
erklart. Aber das lafk sich bei der Lebenskraft nicht aus-
fiihren. Bei der Lebenskraft mufi man immer, wenn man
iiberhaupt etwas tun will, von der Verstandestatigkeit aus
etwas hineinschieben in das Phanomen. Man mufi gewis-
sermafien dem Phanomen etwas unterschieben. Und dar-
innen liegt das, was allmahlich im Gebrauche der Idee von
der Lebenskraft bedenklich geworden ist. Das war dann
die Ursache, dafi man sie ganz hat fallen lassen und da£
als ein gewisses Ideal in weitesten Kreisen entstanden ist,
die Lebewesen nun iiberhaupt als einen Zusammenflufi,
eine Kombination derjenigen Krafte anzuschauen, die
audi in der anorganischen Natur walten.
Mit anderen Worten: die Idee der Lebenskraft ist
eigenthch eine Art Wechselbalg geworden. Man ist dazu
gekommen, das Konstitutive in den Wissenschaften nur im
Phanomen zu suchen. Die Lebenskraft ergab sich als
Phanomen nicht. Man mufite - was aber eigentlich nicbt
statthaft war in diesem Zeitalter der Menschheitsentwicke-
lung — vom Verstande aus die Vitalkraft konstruieren.
Das war der negative Teil der Entwickelung, in der wir
heute drinnenstehen. Denn in dem Neovitalismus tritt
nichts Anschauliches auf. Was der Neovitalismus an die
Stelle einer blo£ das Anorganische kombinierenden Erkla-
rung der Lebenserscheinungen setzt, das ist nichts anderes
als eine Art Aufwarmung des alten Vitalismus. Und man
konnte sagen, dafi deutlich im aufieren Betriebe des wis-
senschaftlichen Lebens eine Art Abbild dessen vorhanden
ist, was da eigentlich vorgeht im inneren Geistesleben. Ich
kann heute nur in einzelnen Erscheinungen hinweisen auf
dieses Abbild. Aber wer die beieinanderliegenden Phano-
mene gerade so betrachten kann, dafi sie sich gegenseitig
aufhellen, der wird schon die Bewahrheitung desjenigen,
das ich jetzt meine, auch einsehen. Was sich aus einer
alteren Betrachtungsweise erhalten, was die Begriffe und
Ideen daraus zuriickgehalten hat, das figurierte bis vor
kurzer Zeit, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, noch
recht unansehnlich als Philosophic Und ich habe das-
jenige, was mit dieser Philosophic vorging, in meinem
ersten Vortrage dieser Reihe, wenigstens andeutungsweise
auseinanderzusetzen versucht. Allein in der zweiten Half-
te des 19. Jahrhunderts, da gingen schon einzelne merk-
wiirdige Erscheinungen auf dem Gebiete des philosophi-
schen Lebens vor.
Wir konnen sehen, wie ein recht gewissenhafter Denker,
der nur nicht in der Lage war, die Probleme, die er auf-
warf, zu Ende zu denken - ich habe ihn an dieser Stelle
in diesen Tagen erwahnt wie Franz Brentano fur die
Philosophic die namrwissenschaftliche Methode fordert.
Ihm war nichts anderes gegeben als naturwissensdiaft-
liche Methode als dasjenige, was eben in der Gegenwart
als solche iiblich ist. Gewissermafien war damit das Leit-
motiv fur alle diejenigen gegeben, die nicht mehr auf eine
besondere geistige Methode reflektieren wollten, sondern
die sich der allgemeinen Autoritat des landlaufigen natur-
wissenschaftlichen Denkens fugten. Dann aber kamen
noch andere Erscheinungen. An einzelnen Fakultaten, wo,
sagen wir, alte Herbartianer wirkten, kam es dazu, dafi
diese ihre Lehrkanzeln verliefien, und es gab dann Fakul-
taten, welche an diese unbesetzten Lehrkanzeln fur Philo-
sophic nunmehr nicht Philosophen im alten Sinne berief en,
sondern naturwissenschaftlich Denkende. So zum Beispiel
war es in Wien, wo Mach, der Naturforscher, die Lehr-
kanzel fur Philosophic, die leer geworden war, zu bezie-
hen hatte. Man empfand das noch etwas unbehaglich, und
man nannte deshalb das Fach, das er zu vertreten hatte,
«induktive Philosophie», hatte ihm also die Lehrkanzel
fur Induktive Philosophic iibertragen, danebengesetzt
allerdings einen Mann - ich schatze diesen Mann sehr,
aber ich charakterisiere jetzt ja objektiv Kulturerscheinun-
gen, und damit spielt die personliche Schatzung keine
Rolle -, der vorher Professor fur christliche Philosophic
an der theologischen Fakultat der neuen Universitat war.
Damit dokumentierte man, dafi man dasjenige, was in
der Philosophic sein sollte, nicht aus irgendeiner neuen
Forschungswcise herausnahm, sondern aus der alten Tra-
dition. Und was sich da, ich mochte sagen, in einer ge-
wissen auffalligen Weise vollzog, das vollzieht sich ja im-
mer wieder. Abgesehen davon, dafS ganz naturwissen-
schaftlich Denkende an die psychologischen Lehrkanzeln
herangebracht werden und in ein friiher als philosophisch
angesehenes Gebiet ganz naturwissenschaftliche Denk-
weise hineintragen, sehen wir audi sonst, wie naturwissen-
schaftlich Denkende heute ganz offiziell als Trager der
Philosophic funktionieren. In solchen Erscheinungen
spridit sich dasjenige audi aufierlich aus, was ich hier an-
zudeuten habe: mit dem, was da in der neueren Zeit her-
aufgekommen ist als der kombinierende Verstand, der in
seiner Reinheit nur so angewendet werden kann, wie ihn
Goethe angewendet wissen wollte, mit dem la£t sich iiber
die Lebenserscheinungen nichts ausmachen.
Hier liegt wiederum der Punkt, wo Ehrlichkeit und
Unbefangenheit des wissenschaftlichen Denkens streng ge-
fordert werden mufi. Und die Methoden, die mit Hilfe
aufterer Beobachtung, aufieren Experimentes, mit Hilfe
dieses kombinierenden Verstandes forschen, die konnen,
wenn sie mit sich selber richtig kritisch zu Werke gehen,
wenn sie sich aus ihren Betrachtungen heraus, wenn ich so
sagen darf, ein voiles Bewufttsein iiber ihre eigene Trag-
weite verschaffen, nicht anders, als sagen: Wir sind als
Methoden nur anwendbar auf das Gebiet der anorgani-
schen Naturwissenschaften, da gehoren wir hinein, da kon-
nen wir die Betrachtungsweise grofi machen; aber wir diir-
fen nicht, ohne den ganzen Sinn der Betrachtungsweise,
audi den Inhalt der Betrachtungsweise zu andern, in das
Gebiet der organischen Naturwissenschaften heraufsteigen.
Das mufi von dieser Methode unberiihrt bleiben.
Geisteswissenschaft hat nun von der anderen Seite aus
zu sprechen. Geisteswissenschaft hat zu sagen: Es gibt
auch die Moglichkeit einer Bewufitseinsentwickelung, ent-
sprechend dem Lauf, der von jenen Bewufitseinsformen
aus genommen worden ist, die vor dem 14. Jahrhundert
noch ihre letzten Bliiten getrieben haben. Wie von diesen
Bewufitseinsformen aus zum rein gegenstandlichen Be-
wufitsein, das nicht in der Phanomenalitat steckenbleiben
soil, fortgeschritten worden ist, so mufi heute, behufs
wissenschaftlicher Betrachtungsweise des Organisdien,
durcb die innerliche Entwickelung der Seele heraufge-
schritten werden zu den anderen Bewulkseinsformen:
zum imaginativen Bewufitsein, inspirierten Bewufltsein,
intuitiven Bewufitsein.
Denn soli der Verstand zurechtkommen mit den Le-
benserscheinungen, dann mufi fur den Verstand das, was
sich innerhalb des Gebietes der Lebenserscheinungen ab-
spielt, Beobachtung werden, Phanomen werden. Das
kann es nicht innerhalb der sinnlidien Beobachtung. Der
Verstand kann nicht konstitutiv werden fur einen Inhalt
der organischen Naturwissenschaften. Der Verstand mu6
sich auch da kombinierend verhalten. Aber die An-
schauung mufi ihm geliefert werden. Diese Anschauung
wird ihm geliefert im imaginativen Erkennen. In der
Ausbildung des imaginativen Erkennens, wie ich sie dar-
gestellt habe in meinem Buche «Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Welten?», wird namlich, abgesehen
von allem ubrigen, was liber dasselbe gesagt werden
kann, die Moglichkeit errungen, mit dem alten Vitalismus,
der einen Wechselbalg von Begrifflichkeit geliefert hat,
zu brechen und die imaginative Anschauung des Lebens
an dessen Stelle zu setzen.
Selbstverstandlich kommt jetzt der ungeheuer billige
Einwand, der nun gemacht werden kann. Es kann gesagt
werden: Nun ja, aber wir normalen Menschen haben eben
nur diesen kombinierenden Verstand. Es mag solche
Kauze geben, welche zur Imagination, Inspiration und so
weiter fortschreiten. Wir wollen das nicht weiter bezwei-
feln, aber wir haben sie eben nicht. Deshalb gilt fiir uns
eine Philosophic, welche diese Inhalte der Imagination
und so weiter ablehnt, welche sidi nidit damit zu schaf fen
macht, diese Inhalte der Imagination, Inspiration und so
weiter in sich selber als Philosophie hereinzunehmen.
Dieser billige Einwand ist in der folgenden Weise zu
entwerten. Ich will mich mit einem Beispiel verdeutlichen,
das ich ofter schon erwahnt habe. Wenn die Geistesfor-
schung einfach die Tatsachen nimmt, die heute schon der
empirischen organischen Wissenschaft vorliegen, dann
kommt man zum Beispiel in der Lehre vom menschlichen
Herzen zu ganz anderen Anschauungen als denen, die
durch einen falschen, aus alten Zeiten traditionell fortbe-
wahrten alten Verstandesgebrauch noch immer in der land-
laufigen Wissenschaft zustande kommen. Da wird das
Herz angesehen wie so eine bessere Pumpe, welche das
Blut durch den Organismus treibt. Diese Anschauung folgt
nur dann als eine «richtige» fur den Menschen, wenn er
auf den menschlichen Organismus als ein Lebewesen den
Verstand anwendet, der darauf nicht anwendbar ist. So-
bald man zur imaginativen Betrachtung aufsteigt, kommt
man dazu, sich zu sagen: Nicht das Herz treibt das Blut
durch die Adern des Organismus, sondern die Herzbewe-
gung ist das Ergebnis des inneren Blutlebens. Das Blut
selbst ist es, welches aus dem intensiven eigenen Leben,
welches zentralisiert ist im Herzen, diese Bewegung verur-
sacht, so dafi die Herzbewegung die Folge der Blutbewe-
gung, und nicht das Umgekehrte der Fall ist. Das ergibt
sich unmittelbar aus der imaginativen Betrachtung des
menschlichen und dann auch des tierischen Organismus.
Nun, wer ohne diese imaginative Betrachtung eine
Herzlehre, eine Herzbewegungslehre aufstellt, der mu£,
wenn er ehrlich ist, dazu kommen, in dieser Betrachtungs-
weise Unzulangliches zu finden, an dem stehenzubleiben
ist. Und wenn er dann ausschaltet, was er selbst in seiner
Erklarung als unzulanglich erkannt hat, aber beibehalt
die empirische Erkenntnis der Tatsachen, der gesamten
Tatsachenwelt des menschlichen und tierisdien Organis-
mus, insofern sich diese Tatsachenwelt auf Blutbewegung
und Herzbewegung bezieht, wenn er alles zusammen-
faik — Geisteswissenschaft sdireckt nie vor einer wirk-
lidhi griindlichen und gewissenhaften Priifung durch andere
zuriick -, was aus dem Umfang der gegenwartigen Ana-
tomie, Physiologie, Biologie und so weiter zu gewinnen
ist, namentlich audi, was, erlauternd dieses Problem, aus
der Embryologie zu gewinnen ist, dann wird er sich sagen :
Nun, derjenige, der auf dem Boden imaginativer Erkennt-
nis stent, gibt diese Erklarung. Ich kenne die Tatsachen;
setze ich das Ergebnis der imaginativen Erkenntnis ehr-
lich voraus, priife ich daran meine Tatsachen, die ich gut
kenne, dann stimmt das vollig, und es ist damit aller nur
wiinschenswerte Grund vorhanden, um dasjenige, was
durch imaginative Erkenntnis gewonnen wird, anzuneh-
men.
Es kann, sobald gewissenhaft und ehrlich auf diesem
Gebiete in der Richtung der wissenschaftlichen Bewufit-
seinsentwickelung fortgeschritten wird, nicht mehr die
Ausrede gelten, wer nicht selber imaginative Erkenntnis
habe, der brauche diese imaginative Erkenntnis nicht an-
zuerkennen. Sondern es mufi an dessen Stelle das andere
treten, dafi man sagt: Ich kenne gut die Tatsachen, die
sich der sinnlichen Beobachtung darbieten, eine Erklarung
aber kommt mir nur von seiten des imaginativen An-
schauens. Mit dieser Erklarung finde ich mich zurecht. Die
Tatsachen sind verstandlich aus ihr heraus; also sind alle
Voraussetzungen fiir die Annahme gegeben. - Und im
Grunde genommen zeigt derjenige, der aus dem eben
charakterisierten Grunde die ubersinnliche Erkenntnis auf
diesem Gebiete ablehnt, nicht, dafi er die iibersinnliche
Erkenntnis nicht beherrscht. Die ist ja heute nodi nicht so
weit, daft man sie leicht beherrschen konnte. Sondern er
beweist, da£ er die ihm vorliegenden Tatsachen nicht rich-
tig werten kann. Er beweist den Mangel seiner Einsicht in
die sinnlich-empirisch gewonnene Tatsachenwelt selber.
Und das ist am haufigsten der Fall in der heutigen Be-
traditungsweise der organischen Naturwissenschaften. Die
Betrachtungsweise, die fur die organischen Naturwissen-
schaften notig ist, ist diejenige, welche sich von dem blo-
fien gegenstandlichen Erkennen zu dem imaginativen Er-
kennen erhebt. Denn im imaginativen Erkennen enthiillt
sich erst das Geheimnis des Lebens.
Goethe hat von der reinen Phanomenologie aus, die er
angewendet wissen wollte zum Beispiel in der Farben-
lehre und in der Tonlehre, hingestrebt zu dem, was er
seine Morphologie nannte, zu der Erfassung des Sich-
Gestaltenden. Er ist nur bis zu einem gewissen Grade der
Erkenntnis gekommen. Was er inauguriert hat, das mufi
fortgesetzt werden. Man sieht, wie er nur bis zu einem
gewissen Grade gekommen ist: nachdem seine Betrach-
tungsweise bis zu einem hohen Grade, wenn auch nicht
ganz, fiir das unbewuSte Pflanzenreich ausgereicht hatte,
mufite er, als er von dem Pflanzenreich zu der Betrach-
tung der Metamorphose des tierischen Reiches gehen
wollte, stehenbleiben. Sehen Sie sich die Abhandlungen
an, die er in bezug auf die Metamorphose des tierischen
Reiches geschrieben hat. Sie werden iiberall sehen, wie er als
eingewissenhafterMensch abbricht, weil es eben nicht mehr
weitergeht, weil man von einem gewissen Momente von
dieser Morphologie Goethes, wenn man weiter kommen
will, zu etwas noch Geistigerem hinkommen mufi, als die
blofie Gestalt ist: zu dem, was innerlich die Bewufitheit
mit der Empfindungs- und Willenswelt - nun im in-
spirierten Erkennen — erfassen kann.
Wenn man die Sache so ansieht, dann wird man haupt-
sachlich in der Betrachtungsweise, in dem Wie des An-
schauens, in dem Wie der Ausbildung der Methodik ein
Wesentliches sehen. Und — wie gesagt, idi kann heute nur
andeuten - wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus
einen Blick werfen auf das, was im Verlaufe des 19. Jahr-
hunderts und im Beginne des 20. Jahrhunderts Evolutions-
lehre geworden ist, dann werden wir das Folgende finden:
Zunachst wird aufterlich empirisch die Reihe der Lebe-
wesen verfolgt, von der unvollkommenen, sogenannten
unvollkommenen Monere bis herauf zum Menschen, und
es wird in der Betrachtungsweise so verfahren, dafi man
sich immer das Vollkommenere aus dem Unvollkomme-
neren hervorgehend denkt. Wenn man in einer etwas an-
deren Weise vorgeht, wie das bis zu einem gewissen Grade
Haeckel getan hat, so konstruiert man wenigstens in der
Vorfahrenreihe der jetzigen Wesen solche, welche wie-
derum ziemlich genaue Abklatsche der jetzigen Lebewesen
sind. Die konstruierten Wesen der Vorzeit in dem alten
Haeckelschen Stammbaum haben durchaus den Charakter
desjenigen, was audi heute lebt.
Dasjenige aber, was sich der Imagination darbietet,
fiihrt zu einer ganz anderen Betrachtungsweise. Und ich
will - weil es die Kiirze der Zeit fordert, nur schema-
tisch - diese Betrachtungsweise andeuten: Wenn man vom
Standpunkte der imaginativen Anschauungsart ausgeht,
kann zum Beispiel das menschliche Haupt in Vergleichung
mit der Ruckenwirbelsaule sachgemafi nur so betrachtet
werden, dafi man sagt: Diese menschliche Hauptgestal-
tung, so unahnlich sie auch in der aufieren Form, in ihrer
heutigen Metamorphose der Ruckenwirbelsaule ist, kann
nur metamorphosisch vorgestellt werden als eine Umbil-
dung der Riickenwirbelsaule. Man hat sicli zu denken, dafi
die Nervenorganisation des Riickenmarks sich umgestaltet,
metamorphosiert zu dem, was uns als das Gehirn er-
scheint, und dafi sich audi die umschliefienden Knochen,
die Wirbelknochen der Riickenmarkswirbelsaule, umge-
stalten zu dem, was die Schadeldecke wird.
Aber nun ist es wichtig, das
Folgende ins Auge zu fassen.
Man mufi sich vorstellen, dafi in
einer gewissen Beziehung dasje-
nige, was ich hier im Gegensatz
zu der Linie a-b wie einen Kreis
hingezeichnet habe, gewisserma-
ften eine aufgeplusterte Riicken-
wirbelsaule ist und hinweist auf
dasjenige, was es einmal in einer
friiheren Metamorphose war:
selbst etwas wie eine Riicken-
wirbelsaule, aber unter anderen
aufieren Bedingungen. Was ich
als einen Kreis gezeichnet habe,
hat sich also in gewisser Weise
aus a-b herausgebildet. Was aber
heute als Riickenwirbelsaule am
menschlichen Organismus ist, das
hat sich dem also Ausgebildeten
erst spater angegliedert. Das ist
beimMenschendiespatere Bildung. Nachdem sich derScha-
del umgebildet hatte aus einer Krafteanordmmg, die heute
in etwas anderer Weise in der Riickenwirbelsaule erscheint,
gliederte sich an ihn diese heutige Riickenwirbelsaule an.
Was das «Unvollkommenere» am Menschen ist, ist also
das Spatere, und was das «Vollkommenere» ist, ist das
Friihere. Und wir werden zuriickgefiihrt, wenn wir sinn-
gemaJft vorgehen, in em Zeitalter, in dem in anderer Meta-
morphose die Krafte, welche das menschliche Haupt bil-
den, sdion vorhanden waren, nicht aber die Krafte, welche
die heutige menschliche Riickenmarksaule bilden.
Wenn wir aber diese letzteren Krafte ins Auge fassen,
dann sind es dieselben Krafte, die uns zum Beispiel im
Tierreiche entgegentreten, wo die Schadelbildung eine Ge-
staltung ist, die nur eine geringere Umwandlung gegen-
iiber der Ruckenwirbelsaule aufweist als beim Menschen.
So dafi wir sagen miissen: Was im menschlichen Haupte
vorliegt, weist uns als friiheste Bildung in altere Zeiten
zuriick als das, was dann als Mensch schon mit der Riik-
kenwirbelsaule aufgetreten ist, und audi als das, was im
Tierreiche vorliegt. Wir haben in der Evolution nicht den
Menschen abzuleiten aus dem Tierreiche, sondern wir ha-
ben uns zu sagen, eine sinngemafie Ausdeutung der Tat-
sachen selber zeigt uns, dafi der Mensch ein alteres Wesen
ist als die Tiere, dafi die Tiere spater entstanden sind und
es in ihrer Evolution nur zu dem gebracht haben, was
beim Menschen heute auch in seiner spateren Gestaltung
als Ruckenwirbelsaule zutage tritt, es aber, weil ihnen
eine kiirzere Zeit zur Verfugung stand, nicht dahin ge-
bracht haben, die Schadelmetamorphose in dem mensch-
lichen Sinne auszubilden.
Wenn Sie diesen Gedanken, den ich hier nur skizzen-
haft vorbringen kann, ausdenken, dann kommen Sie zu
einer wirklich sinngemafien Auffassung der Evolutions-
lehre. Die grofiartigen Tatsachen, die vorliegen, die man
nur in ihrem ganzen Umfange kennen mufi, werden er-
klarlich, wenn man diese aus imaginativem Erkennen ge-
schopfte Anschauungsweise zugrunde legt. Und aus die-
sen Voraussetzungen heraus kommt man dann zu ganz
gewissen Bezugen, Verhaltnissen desjenigen, was in der
aufteren Wissenschaft unseren Erdenverhaltnissen vorliegt.
Denken Sie, dafi man durch Weiterverfolgen dieses Ge-
dankens dazu kommt, sich zu sagen, wie der Mensch zu
dem Tiere steht. Man kann auf diese Weise aber audi
weiterschreiten und erkennen lernen, wie der Mensdi steht
zu dem Pflanzenreich und zuletzt zu dem mineralischen
Reich, das man durch Beobachtung, Experiment und den
kombinierenden Verstand in seinem Phanomenzusammen-
hang erfafit.
Mit einer solchen Vorstellungsweise kommt man dazu,
des Menschen Verhaltnis zu seiner Umwelt wirklich zu
durchschauen, wie man in einer gewissen Weise die Bezie-
hungen der Gebiete, die uns in der mathematischen Wis-
senschaft zu mathematischen Urteilen fiihren, durchschaut.
Man kommt dazu, immer mehr und mehr auszubilden,
was Goethe wie ein Ideal vorschwebte, indem er sagte,
seine Urpflanze miisse in der Idee etwas werden, mit dem
man erkennend jede einzelne Pflanze in ihrem entspre-
chenden Charakter vor die Seele hinstellen kann. Ge-
radeso wie man, wenn man den allgemeinen Begriff des
Dreieckes hat, auch weifi, was bei irgendeinem besonderen
Dreieck auftritt. Diese Metamorphosierung der mensch-
lichen Erkenntnis fiir das organische Erkennen, das ist es,
was Goethe als ein Ideal vorschwebte.
Aber nun mochte ich mich wiederum durch ein Beispiel
veranschaulichen. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte
ausgehen, kommen wir dazu, wirklich genauer ins Auge zu
fassen, was sich zum Beispiel im menschlichen Haupte als
Funktionen abspielt. Wir lernen erkennen, wie die Funk-
tionen des menschlichen Hauptes, indem sie in der Art,
wie ich es hier dargestellt habe, der Evolution unterliegen,
heute bereits wiederum in Riickbildung begriffen sind,
wie sie von anderen Zustanden ausgegangen sind, zum
menschlichen Haupte geworden sind, wie aber heute
durch die auiSeren Einfliisse ein Mineralisierungsprozefi
stattfindet im menschlichen Haupte. Und dieser Minerali-
sierungsprozefi ist die Parallelerscheinung zu unserem ver-
standesmafiigen Erkennen, das audi nur das mineralisch
Physische aufzufassen wei£, weil es gebunden ist an einen
Mineralisierungsprozefi im menschlichen Nerven-Sinnes-
apparat. Man lernt gerade kennen, wie dem, was man
im verstandesmaftigen Erkennen vollbringt, als sein phy-
sischer Trager ein ins Organische des Menschlichen hinein
sich bauender Mineralisierungsprozefi parallel geht, ein
Absetzen von rein Mineralischem innerhalb des Organi-
schen. Indem man dieses Mineralische im Organischen ab-
setzt, kommt man dazu, fur das Seelische dasjenige aus-
zufiihren, was verstandesmafiige Tatigkeit dieses mensch-
lichen Wesens ist. Man kommt dazu, innerlich den Zusam-
menhang zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Phy-
sisch-Leiblichen wirklich aufzufassen, nicht blofi abstrakt
davon herumzureden, wie es die «psychophysischen Par-
allelitiker» und ahnliche Phraseure auf dem Gebiete der
Psychologie tun.
Das ist die Art, wie aus dem gegenwartigen Bestande
der organischen Naturwissenschaft auf den Weg hinge-
wiesen werden kann, den sie nehmen mui Da kann man
nicht dabei stehenbleiben, eine bestimmte Denkweise zu
fordern; da kann man nur das, was in den empirischen
Tatsachen selber weitertreibt, suchen, da mufi man an die
Stelle der bestehenden Denkweise eine andere, namlich die
des imaginativen Erkennens wirklich treten lassen.
Dann kommt man aber audi zu einer wirklich fruchtba-
ren Anwendung dieser Erkenntnis. Sucht man in der Au-
fienwelt irgend etwas, das nun, versetzt in die Aufienwelt,
dem entspricht, was im menschlichen Haupte als Minerali-
sierungsprozefi parallel dem Verstandeserkennen vor sich
geht, dann f indet man drauften in der Natur das, was sich
abspielt zwischen den Kraften in der Erde und dem, was
in der Wurzel der Pflanze vor sich geht, und man fmdet
den inner lichen Bezug zwischen dem, was konstituierend
ist in der Wurzelbildung der Pflanze, mit dem, was kon-
stituierend ist fur das, was im menschlichen Haupte vor
sich geht.
In einer ahnlichen Weise wird man dann Beziehungen
finden zwischen dem, was zum Beispiel im Krautartigen,
Blattartigen der Pflanze vor sich geht, und dem, was im
rhythmischen System des Menschen, drinnen in seinem
Organischen, vor sich geht. Und man findet die Beziehun-
gen zwischen den Funktionen im Blutenhaften und im
Fruchtenden mit dem, was im menschlichen Stoffwechsel-
system, im Sexualsystem und so weiter vor sich geht. Man
kann von diesem Gesichtspunkte aus eine Oberschau ge-
winnen iiber das Pflanzenleben.
Wenn man wei£, wie im menschlichen Organismus das,
was ich den Mineralisierungsprozefi genannt habe, so
wirkt, dafi sich dieser Mineralisierungsprozefi innerlich
vollzieht, im Gegensatz zu dem aufierlichen Mineralisie-
rungsprozefi, der sich audi in dem oberen Bestande der
Pflanze vollzieht, dann merkt man den Zusammenhang
zwischen dem, was innerlich in der Hauptesorganisation
vor sich geht, und dem, was im Wurzelbildungsprozefi
vor sich geht, namentlich in dem, was als Mineralisieren-
des im Wurzelbildungsprozeft auftritt. Man merkt dann
audi, dafi in einer gewissen Weise ein Gegensatz vor-
liegt — trotz der Ahnlichkek ein Gegensatz — , wie er sich
etwa ausdriickt, wenn ich drei und drei habe, das eine
positiv, das andere negativ. Dann habe ich. zweimal drei,
aber babe docb einen Gegensatz darinnen. So ist vorban-
den etwas, was in einer gewissen Beziehung gleich und
docb gegensatzlich ist: in dem inner lidien Mineralisie-
rungsprozefi des menschlichen Hauptes und in dem aufie-
ren der Pflanzenwurzelbildung, und audi in dem aufteren
MineralisierungsprozeJR des Erdenplaneten selber. Von
bier aus findet man dann auf rationale Weise den thera-
peutiscben Bezug zwiscben dem, was aufierlicb ist und
dem, was im Menscben innerlicb ist. Und der Obergang
kann gefunden werden iiber die Pathologie zur rationalen
Tberapie.
Auf dieses letztere kann icb hier nur binweisen. Denen,
die es angebt, werden ja nocb weitere Aufscblusse gerade
iiber dieses Kapitel gegeben werden, wie es aucb scbon in
einem Friihlingskurs des vorigen Jahres fur Arzte und
Medizinstudierende geschehen ist. Das wird aber das Be-
deutsame sein, dafi wirklicbe Wissenschaftlicbkeit - die zu
gleicber Zeit nicht blofi Theorie, sondern Hinweis auf
fruchtbares Handeln, auf die Tat ist — aus der Geistes-
wissenschaft heraus wird geboren werden konnen.
Die Menscbheit stebt heute, insbesondere auf wissen-
scbaftlicbem Gebiete, vor der Notwendigkeit, nicbt einen
kleinen, sondern einen grofien Entscblufi zu fassen: den
Entscblufi, in das organiscbe Leben hineinzukommen da-
durcb, dafi man nicbt bloft den Inhalt der alten Denk-
weise etwas modifiziert, sondern dafi man in diese alte
Denkweise selber ein neues Element hineinbringt, das Ele-
ment ubersinnlicber Erkenntnis. Was beute diesem Ent-
scblufi bei dem grofieren Teil derer, die ibn fassen sollten,
noch entgegensteht, das ist nicbt irgendein Mangel der
menschlicben Erkenntnisfahigkeit, das ist ein Mangel, ein
begreiflicber Mangel, an Mut fiir diesen starken radikalen
Umschwung. Man modite viel lieber leiden, als zu etwas
Neuem vorschreiten. Man modite beim alten bleiben und
das Alte in kritischer oder in anderer Weise nur etwas
umformen.
Aber nidit eher wird Licht in das hineinkommen, was
hier fiir unsere gegenwartige Zivilisation auf dem Er-
kenntnisgebiete vorliegt, als bis man den Mut fafit zum
Vorschreiten von der Denkweise, die iiblich ist, zu einer
anderen Denkweise. So lange wird nidits Erspriefiliches
herauskommen, als man bei der Ausrede sich beruhigt,
«man konne ja dodi die imaginative Denkweise nicht er-
reichen», was audi nicht wahr ist. Sondern erst dann wird
ein Umschwung eintreten, wenn man einsehen wird: man
darf nicht trage bleiben innerlich, wenn die Wissenschaft
in ihrer Betrachtungsweise in fruchtbarer Art ihren Fort-
gang nehmen soil. Man mufi innerlich regsam und fleifiig
werden. Ein Willensentschlufi, nicht blofi eine theoretische
Erwagung ist hier notwendig. Und da zu Willensent-
schlussen - das weifi jeder Psychologe - die Menschheit
schwerer zu bringen ist als zu theoretischen Erwagungen,
bei denen man hubsch ruhig in seinem Inneren bleiben
kann, so hat die moderne Menschheit gerade Gelegenheit,
zu zeigen, wie sie aus der Not heraus zur Grofie sich er-
heben kann, indem sie sich entschliefit, zunachst auf dem
soeben genannten Gebiete, auf dem Erkenntnisgebiete, auf
dem Geistgebiete den Mut zu einem grofien Umschwung,
nicht zu kleinen Erwagungen aufzubringen.
SPRACHWISSENSCHAFT
Vierter Vortrag, Dornach, 7. April 192 1
Es ergibt sich mir heute wie etwas Selbstverstandlidies,
dafi sidi dasjemge, wovon hier, von dieser Stelle aus, in
diesen Tagen gesprochen worden ist, das Zusammenklin-
gen des Subjektiven und Objektiven, dafi sich das jetzt
— gewissermafien audi ausgehend von einer Empf indung -
als Einleitung zu meinem Vortrage einstellt. Gestern vor-
mittag schlossen bier die Betrachtungen mit der Rede des
Professor Romer, die mir grofie Befriedigung gemacht hat
- das ist das Subjektive - aus dem Grunde, weil aus ihr
gesehen werden konnte, wie bei einem Fachmanne, der
griindlich und voll in seinem Gebiete drinnenstebt, das
Bediirfnis entstehen kann, mit dem, was Geisteswissen-
schaft vermag, hineinzuleuditen in soldi ein einzelnes
Fadi. Es wird Ihnen audi aus dem, was Professor Romer
heute schon aus seinem Fachgebiet anfuhren konnte, her-
vorgegangen sein, dafi vor alien Dingen fur dieses In-
einanderarbeiten starke, kraftige Arbeit auf seiten der
einsdilagigen Geisteswissenschaft selber entwickelt werden
mufi. Denn was bis jetzt gegeben werden konnte - es soil
das durchaus voll anerkannt werden das sind zunachst
einzelne Riditlinien, die der Verifizierung mit Bezug auf
die aufiere Wissenschaft bediirfen.
In alledem, was durdi diesen Vortrag zu einer gewissen
subjektiven Befriedigung an mich herangetreten ist, war
enthalten eine Betrachtung iiber die Zahne. Mit den Zah-
nen also ist gestern geschlossen worden - jetzt komme idi
ins Objektive. Und gestatten Sie, dafi ich heute wiederum
mit den Zahnen beginne, allerdings zunachst nicht mit
etwas, was ich Ihnen von mir aus iiber die Zahne erzahlen
will, sondern mit einem Ausspruch, der aus der Gelehr-
samkeit des 1 1 . Jahrhunderts, wie sie damals in Mittel-
europa war, hervorgegangen ist. Dieser Ausspruch heifit:
Swenne diu zunge den wint fahet
unt in in den munt ziuhet,
an den zanen si scephet
daz wort daz si sprichet.
Das heiftt also: So wie die Zunge den Wind aus ihrer
Umgebung abfangt und ihn in den Mund zieht, so schopft
sie aus den Zahnen das Wort heraus, das sie spricht.
Nun, das ist ein Produkt der Gelehrsamkeit Mittel-
europas im n. Jahrhundert. Die meint also, dafi die
Zunge aus den Zahnen das Wort hervorzieht wie aus der
Aufienwelt die Luft, die sie in den Mund hineinzieht.
Jetzt eine Probe aus der Gelehrsamkeit des 19. Jahr-
hunderts, letztes Drittel, ein Wort, welches der als mo-
derner Abgott von einer zahlreichen Schiilerschar verehrte
Philologe Wilhelm Scherer ausgesprochen hat, und das Sie
verzeichnet finden in seiner «Deutschen Sprachgeschichte»,
wo er audi dieses Wort, das ich Ihnen eben vorgelesen
habe, heranzieht. Das Wort, das er diesem entgegensetzt,
das ist dieses: «Uber ein solches Wort lachen wir in der
Gegenwart».
Das ist das wissenschaftliche Bekenntnis aus dem
1 p. Jahrhundert iiber dieses Wort aus dem 11. Jahrhun-
dert; es driickt die Wissenschaftsgesinnung aus, die im
weitesten Umkreise audi heute noch waltet und von den
Vertretern des entsprechenden Faches in weiteren Hinwei-
sen wohl audi heute noch ausgesprochen wird.
Wenn man diesen ganzen Gegensatz zunachst ins Auge
fafk von dem Gesiditspunkte aus, der hier ofter einge-
nommen worden ist, daft ein volliger Umschwung statt-
gefunden hat in bezug auf die Seelenverfassung der Men-
schen seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, dann
haben wir in der Zeit, die zwischen dem erstzitierten Aus-
spruch und dem Ausspruch Wilhelm Scherers liegt, unge-
fahr gerade das enthalten, was an Zeit verflossen ist seit
dem Hinunterdammern jener Seelenverfassung, die bis
zum Beginn des 15. Jahrhunderts vorhanden war, und der
Richtung, die seither heraufgekommen ist und bisher eine
gewisse Ausbildung erfahren hat.
Wilhelm Scherer setzt nun die Satze, die er damit be-
gonnen hat, dafi er uber ein solches Wort aus dem
11. Jahrhundert lachen miisse, mit einer Betrachtung fort,
die etwa folgendes enthalt. Er sagt, alles Bestreben in der
Gegenwart miisse mit Bezug auf die Sprachwissenschaft
darauf gerichtet sein, dasjenige, was aus der physiologi-
schen Organisation des Menschen heraus die Physiologen
liber das Sprechen, uber das Wortebilden zu sagen haben,
mit dem zusammenzubringen, was die Philologen uber die
Entwickelung der Spradie seit alteren Zeiten bis in unsere
Gegenwart zu sagen haben. Mit anderen Worten: Physio-
logie und Philologie mufiten sidi auf diesem Gebiete der
Wissenschaft die Hande reidien. Und Wilhelm Scherer
fiigt hinzu, er miisse leider gestehen, dafi die Philologen
sehr, sehr weit zuriickgeblieben seien, und daft von ihrer
Seite noch nicht so bald zu hoffen sei, dafi sie den Physio-
logen in bezug auf das, was sie aus der physischen Or-
ganisation heraus fur die Gestaltung des Sprechens zu
sagen haben, entgegenkommen werden. So dafi also Phy-
siologie und Philologie zwei Wissenschaftszweige sind,
deren Sich-Nichtverstehen ein von seiner Zeitgenossen-
schaft als berufen angesehener Mann in scharfer Weise
zugesteht.
Damit ist hingedeutet auf ein Phanomen, das iiberhaupt
in unserer Zeit ein tonangebendes ist: dafi sich die einzel-
nen Wissenschaften mit ihren Methoden durchaus nicht
verstehen, dafi sie nebeneinander reden, ohne dafi der-
jenige, der nun hineingestellt wird in diesen Wissenschafts-
betrieb und das hort, was ihm auf der einen Seite die
Physiologen und auf der anderen Seite die Philologen zu
sagen haben, damit - verzeihen Sie den vielleicht etwas
gewagten Vergleich - etwas anderes anzufangen weifi, als
dafi er von zwei Seiten in bezug auf seine Seele durdi die
Begriff sbildungen aufgespiefit wird.
In einem gewissen Sinne, obwohl ich audi damit nicht
viel mehr sagen will als etwas Analogisches, liegt schon in
der Wortbezeichnung, die, ich mochte sagen, unbewufit
ernst genommen wird von den neueren Wissenschafts-
stromungen, ein gewisser Gegensatz ausgedriickt. In der
Wortbezeichnung «Physiologie» liegt ausgedriickt, dafi sie
sein will ein Logos iiber das Physische des Menschen, also
gewissermafien dasjenige, was logisch, intellektualistisch
erfafit das Physische; in dem Wort «Philologie» liegt:
Liebe zur Weisheit, Liebe zum Logos, Liebe zum Worte;
es ist also die Wortbezeichnung hergenommen von einem
Gefiihlserlebnis. Das eine Mai ist die Wortbezeichnung
hergenommen von einem Verstandeserlebnis, das andere
Mai von einem Gefiihlserlebnis. Und was der Physiologe
als eine Art intellektuellen Logos iiber die menschliche
Physis erzeugen will, das — namlich den Logos — will
eigentlich der Philologe lieben. Wie gesagt, ich will damit
zunachst nur analogisch auf etwas hinweisen, was aber
dennoch, wenn es weiter verfolgt wird, wenn es nament-
lich geschichtlich verfolgt wird, eine gewisse Bedeutung
hat; und ich rate dazu, die Sadie geschichtlich genauer zu
verfolgen.
Aber wir konnen da noch auf etwas anderes
…[truncated]