Esoterische Betrachtung karmischer Zusammenhänge. Fünfter Band

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER G E S AMT AU S G A B E 

VORTRAGE 



vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange 

aus dem Jahre 1924 



BAND I Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach am 16., 17., 23. und 24. Februar, 
1., 2., 8., 9., 15., 16., 22. und 23.Marz 1924 (Bibliographie-Nr. 235) 

BAND II Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach am 6., 12., 23., 26. und 27. April, 
4., 9., 10., 11., 16., 18., 29. und 30. Mai, 4., 22., 27. und 29-Juni 1924 (Biblio- 
graphie-Nr. 236) 

BAND III Die karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung. 

Elf Vortrage, gehalten in Dornach am 1., 4., 6., 8., 11., 13. und 28. Juli, 
1., 3., 4. und 8. August 1924 (Bibliographie-Nr. 237) 

BAND IV Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthropo- 
sophischen Bewegung. 

Zehn Vortrage, gehalten in Dornach am 5., 7., 10., 12., 14., 16., 18., 19., 21. 
und 23. September, sowie die 4etzte Ansprache* vom 28. September 1924 
(Bibliographie-Nr. 238) 

BAND V Sechzehn Vortrage, gehalten in Prag vom 29. bis 31. Marz und am 5. April, 
in Paris vom 23. bis 25. Mai, und in Breslau vom 7. bis 15. Juni 1924 
(Bibliographie-Nr. 239) 

BAND VI Funfzehn Vortrage, gehalten in Bern am 25.Januar und 16. April, in Zu- 
rich am 28.Januar, in Stuttgart am 6. Februar, 9. April und l.Juni, in Arn- 
heim vom 18. bis 20. Juli, in Torquay am 12., 14. und 21. August, und in 
London am 24. und 27. August 1924 (Bibliographie-Nr. 240) 



Zum Thema «Wiederverk6rperung und Karma» set noch auf folgende Bdnde der Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe hingewiesen: 

«Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwissen- 
schaft notwendige Vorstellungen - Wie Karma wirkt», 1903 (im Band 
«Luzifer-Gnosis», Bibliographie-Nr. 34, und als Einzelausgabe) 

«Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wieder- 
verkorperungsfragen - Ein Aspekt der geistigen Fiihrung der Menschheit», 
1909 (Bibliographie-Nr. 109/111) 

«Die Offenbarungen des Karma>, 1910 (Bibliographie-Nr. 120) 

«Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammen- 
hange von Personlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte*, 1911 
(Bibliographie-Nr. 126) 

«Wiederverk6rperung und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur der 
Gegenwart», 1912 (Bibliographie-Nr. 135) 



RUDOLF STEINER 

Esoterische Betrachtungen 
karmischer Zusammenhange 

Fiinfter Band 

Sechzehn Vortrage, 
gehalten in Prag, Paris und Breslau 
zwischen dem 29. Marz und dem 15.Juni 1924 



1985 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1963 

2. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1975 

3. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1985 



Einzelausgaben 

Prag, 29. Marz-5. April 1924: «Esoterische Betrachtungen karmisch- 
kosmischer Zusammenhange*, Dornach 1939 

Paris, 23.-25- Mai 1924: «Anthroposophie als Erkenntnisgrundlage des 
Geistigen in Welt und Mensch und als Seelenimpuls fur moralisches 
und religioses Leben*, Dornach 1953 

Breslau, 7.-15.Juni 1924: «Karma als Schicksalsgestaltung des 
menschlichen Lebens», Dornach 1944; Freiburg i.Br. 1955 



Bibliographie-Nr. 239 

Einbandgestaltung von Assja Turgenieff 
Zeichnungen im Text nach Skizzen in den Stenogrammen, 
ausgefuhrt von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1963 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG, Schaffhausen 

ISBN 3-7274-2390-0 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent- 
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche 
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der 
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser 
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung 
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur 
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie- 
ren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor- 
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden 
mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchlulS 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermalten auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 

Zur Wiedergabe des in diesen Vortragen Gesagten bemerkt Rudolf 
Steiner im Vortrag vom 22. Juni 1924, dafi diese nicht anders als durch 
Vorlesen des genauen Wortlautes erfolgen diirfe. 



INHALT 



Esoterische Betrachtungen karmisch-kosmischer 
Zusammenhange 

Erster Vortrag, Prag, 29. Marz 1924 

Der Irrtum unserer Zivilisation. Die Urweisheit. Die Erleuchtung in 
den Mysterien und die Urlehrer. Mondenwesenheiten und Sonnenwe- 
senheiten. Gesichtspunkte zum Begreifen des menschlichen Schick- 
sals. Garibaldi. 

Zweiter Vortrag, Prag, 30. Marz 1924 

Die Akasha-Chronik. Der negative Raum der Sonne und die Sonnen- 
wesen. Das Zusammenwirken der Hierarchien und ihr EinflufS auf 
den Menschen nach dem Tode. Das Ergreifen der Geheimnisse der 
Sterne durch den Atherleib im nachtodlichen Dasein. Die Vorberei- 
tung und Herausarbeitung der spateren menschlichen Organe durch 
die moralische und atherische Sternenschrift. Seelische Zusammen- 
hange, die aus einem Erdenleben ins andere fuhren; Wandlung dieser 
Krafte. Durchschauen des Wesens der Krankheit. 

Dritter Vortrag, Prag, 3 1 . Marz 1924 

Das Leben des Menschen im physischen Leib im Reich der Naturord- 
nung und im Geistleib im Reich der hoheren Hierarchien. Die Bilder 
und Taten der geistigen Welt enthullen sich dem Menschen und be- 
wirken in ihm beim Herabstieg den Wunsch zum Ausgleich. - Das 
Mysterium von Golgatha und der Mohammedanismus. Einfluft auf die 
Denkformen Europas durch den Arabismus und die Kreuzziige. Der 
Hof Harun al Raschids und seine Pflege der Wissenschaften und 
Kiinste. Baco von Verulam und Amos Comenius. Hiniiberentwick- 
lung der Seelen von einem Zeitalter ins andere. Realitaten in der ge- 
schichtlichen Betrachtung. 

Vierter Vortrag, Prag, 5. April 1924 

Wir verstehen die menschliche Natur nur, wenn wir den Kosmos ver- 
stehen. Beispiele des Hinubertragens der Taten des einen Lebens in 
das andere Leben. Garibaldis Genossen. Lord Byron. Marx. Muavija - 
Wilson. - Die zweimal Geborenen. Ein verlorengegangenes dramati- 
sches Epos uber das Sonnenmysterium: Umwandlung der Menschen- 
wesenheit unter dem Opfer des Intellekts. Maurice Maeterlinck iiber 
Rudolf Steiner. 



Anthroposophie als Erkenntnisgrundlage 
des Geistigen in Welt und Mensch und als Seelenimpuls 
fiir moralisches und religioses Leben 

FOnfter Vortrag, Paris, 23. Mai 1924 79 

Die Vernichtung des ersten Goetheanum und die Weihnachtstagung 
in Dornach 1923/24 als neuer Impuls fiir die anthroposophische Be- 
wegung. - Das Wesen des Menschen im Leben zwischen Tod und 
neuer Geburt, betrachtet unter den drei Aspekten des «Todes», des 
«Entschwindens des Erdenlebens* und der «Sterne» auf Grund der Er- 
kenntnisstufen von Imagination, Inspiration, Intuition. Die Monden- 
sphare. Die Begegnung mit den Urlehrern der Menschheit. Das Ur- 
bild der Stradergestalt. Das Sich-Herausleben der Seele in den Kos- 
mos, das Zuriickerleben des Erdenlebens als erster Keim fiir die neue 
Inkarnation. Das Erlebnis anderen zugefugter Schmerzen. 



SechsterVortrag, Paris, 24. Mai 1924 90 

Das Heilwesen. Das Geheimnis der Merkursphare. - Die Region des 
Venusdaseins. Das Sonnenleben. Der Ausgleich des Bosen im Men- 
schen in dieser Sphare. 

Siebenter Vortrag, Paris, 25. Mai 1924 103 

Die Hierarchie der Sonnenregion. - Das Eingreifen des Christus in 



der Sonnensphare. - Der Aufstieg der Menschenseele in das Mars-, 
Jupiter- und Saturndasein. - Die Gestaltung des Karma fiir das neue 
Erdenleben im Anschauen der hochsten Hierarchien in diesen Regio- 
nen. Die individuelle Pragung des Karma durch diese drei Spharen, 
dargestellt an drei Beispielen: Voltaire (Mars), Victor Hugo (Saturn), 
Eliphas Levi (Jupiter). 

Karma als Schicksalsgestaltung des menschlichen Lebens 



Achter Vortrag, Breslau, 7juni 1924 123 

Die Mondensphare und die Urlehrer der Menschheit. Der erste Keim 
des Karma. 

Neunter Vortrag, Breslau, 8.Juni 1924 136 

Die Veranlagung des Karma in den Sternenwelten. 

Zehnter Vortrag, Breslau, 9- Juni 1924 153 



Das Hereinwachsen der Menschenseelen in die geistigen Hierarchien 
beim Aufsteigen in die Planetenspharen. Der Mensch als Trager des 



weltgeschichtlichen Werdens. Die Weisheitssphare des Jupiter. Hein- 
rich Heine. Voltaire. Goethe. Eliphas Levi. 

Elfter Vortrag, Breslau, lO.Juni 1924 170 

Wirkungen des Karma in der Weltgeschichte. Die Saturnsphare und 
die kosmisch-universelle Erinnerungsfahigkeit der Saturnwesen. 
Friedrich Schiller. Ernst Haeckel. Victor Hugo. 

Zwolfter Vortrag, Breslau, 11. Juni 1924 184 

Die Bedeutung des Karma im einzelnen Menschenleben. Vergange- 
nes und werdendes Karma. Beispiele aus «Mein Lebensgang» : der 
Geometrielehrer, Lord Byron. Garibaldi. 

Dreizehnter Vortrag, Breslau, 12. Juni 1924 202 

Wachendes Gedankenleben, traumendes Gefuhlsleben und schlafen- 
des Willensleben. Erinnerung und Sprache. Die Lebensepochen in ih- 
rem Verhaltnis zum vorirdischen Leben und zum fruheren Erden- 
leben. Geschichtliche Betrachtungen in Verbindung mit den Beobach- 
tungen des eigenen Karma. Harun al Raschid und Baco von Verulam. 
Amos Comenius. Woodrow Wilson. 

Vierzehnter Vortrag, Breslau, 13. Juni 1924 220 

Methodik der Karmaforschung. 

FOnfzehnter Vortrag, Breslau, 14Juni 1924 236 

Der Moment des Aufwachens und des Einschlafens im Verhaltnis zur 
karmischen Vergangenheit und zum werdenden Karma. Karma- 
bildung im Schlafe. Therapeutische Erkenntnisse. 

Sechzehnter Vortrag, Breslau, 15. Juni 1924 254 

Die Wirkungen unseres moralisch-seelischen Verhaltens in ihrer 
Wandlung durch die Verbindung mit den Hierarchien in dem Leben 
zwischen Tod und neuer Geburt. Wirksamkeit des Karma der Vergan- 
genheit in der Gestaltung des Kopfes. Werdendes Karma im Stoff- 
wechsel-Gliedmafiensystem. Pestalozzi. Die kulturgeschichtliche Auf- 
gabe der Anthroposophie. 



Hinweise 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften . 
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



271 
277 
279 



Esoterische Betrachtungen 
karmisch-kosmischer Zusammenhange 



ERSTER VORTRAG 
Prag, 29.Marz 1924 



Ich mochte diese Mitgliedervortrage heute damit beginnen, daB ich 
Ihnen auseinandersetze, wie Anthroposophie einfach dadurch, daB sie 
ihre Einsichten an den Menschen heranbringt, das ganze menschliche 
BewuBtsein heraushebt aus der Erdenschwere. Es ist ja heute kaum 
einem Menschen, der in der allgemeinen Zivilisation darinsteht, mog- 
lich, anders zu denken, als daB er mit seinem Erdenleben zwischen 
Geburt und Tod auch der Erde angehort. Alles \ibrige, die Angehorig- 
keit einer geistigen Welt gegeniiber, ist ja zumeist nur ein Glaube, 
eine Ahnung und dergleichen. Eine Einsicht in die Zusammengehorig- 
keit des Menschen mit etwas anderem, als was auf der Erde ist, ist ja 
dem heutigen Menschen, der seine Erziehung, seine ganze Bildung 
aus der heutigen Zivilisation schopfen muB, eigentlich kaum moglich. 
Und dennoch ist das, gerade dieser Glaube, nur mit Erdenverhalt- 
nissen zu tun zu haben, wenn man vom Menschen spricht, der groBe 
Irrtum unserer Zivilisation, unseres ganzen zeitgenossischen Geistes- 
lebens, ich mochte sagen uber die ganze westliche und mittlere Welt 
hin. Nur der Orient hat sich ein, wenn auch dekadentes, BewuBtsein 
bewahrt von der Zusammengehorigkeit des Menschen mit den die 
Erde umgebenden ubersinnlichen Weltenmachten und Weltenkraften. 
Der Mensch in alter Zeit fuhlte sich in seinem Menschenwesen ab- 
hangig von den Sternen, wie er sich abhangig fuhlte von den Pflanzen, 
von den Tieren, die auf der Erde wachsen und herumwandeln. Man 
wuBte in alter Zeit, daB der Mond nicht nur ein physischer Weltkorper 
sei, der im Erdenraum herumschwebt. Urn viel mehr kiimmert man 
sich heute ja nicht, hochstens untersucht man, ob es Erhebungen dort 
gibt oder nicht, oder Wasser, und stellt dariiber Hypothesen auf. Aber 
um sonst etwas kiimmert man sich schon beim Mond nicht, der uns 
am nachsten steht, geschweige denn bei den andern Himmelskorpern, 
die man ja nur ihren physischen Verhaltnissen nach untersucht. Das 
war in alten Zeiten ganz anders. Da wuBte sich der Mensch durchaus 



abhangig von den Himmelskorpern, wie er sich heute abhangig weiB 
von der Erde. 

Ich will von etwas ausgehen, was eine gewisse wissenschaftliche Be- 
deutung hat, was vielleicht manchen nicht sympathisch ist, allein es 
wird etwas Leichtes sein. Ich habe oft in anthroposophischen Vor- 
tragen betont, daB ja der Mensch, auch wenn er rein naturwissen- 
schaftlich untersucht wird, seinem Erdenleben nach den Beweis liefert, 
daB in seine Bildung etwas eingeht, was auBerirdisch ist. Die Natur- 
wissenschaft glaubt, daB der erste Eikeim der komplizierteste Korper 
ist, der auf der Erde nur sein kann. Man denkt nach uber die kompli- 
zierte Struktur, die der Eikeim haben kann. Man sagt, das Atom ist in 
letzter Zeit ein ganz wunderbares Wesen geworden, und nun erst das 
Molekiil! Und nun so etwas wie eine Zelle, das ist etwas furchtbar 
Kompliziertes ! - Aber das ist eben nicht der Fall beim Eikeim; in 
Wirklichkeit stellt sich der Eikeim gar nicht als komplizierter Korper 
dar, sondern der Eikeim stellt sich als ein Chaos dar. Alle chemisch- 
physikalische Struktur zerfallt, und bevor ein Lebewesen entstehen 
kann, muB der Eikeim in chaotischen Staub zerfallen sein. Gerade das 
ist der Sinn der Befruchtung, daB sie den Keim zum Chaos treibt, so 
daB im mutterlichen Organismus eine vollstandig zerkluftete Materie 
besteht. Das ist der Sinn der Vorgange im miitterlichen Leibe, daB da 
ein vollstandiges Chaos ist. Wenn Sie einen Kristall haben : der Kos- 
mos kann nicht wirken bei dem Kristall mit den festen Kanten; wenn 
Sie eine Pflanze haben: die hat auch eine feste Gestalt, da kann der 
Kosmos auch nicht wirken; beim Tier ist es ebenso. Das ist der Sinn 
der Befruchtung, daB der Eikeim zum Chaos wird. Erst dann wirkt 
der ganze Kosmos von seiner Umgebung auf diesen Keim ein, und 
dann wird der Mensch wirklich aus dem Kosmos heraus gebildet, so 
daB einziehen kann in ihn das wirkliche Geistig-Seelische, das aus ver- 
gangenen Erdenleben kommt. 

Das ist etwas, was gegeniiber den heutigen Anschauungen ein Un- 
sinn ist, aber dieser Unsinn ist die Wahrheit. Das ist in unserer heutigen 
Zeit das Schreckliche, daB man gegeniiber den landlaufigen Ansichten 
Unsinn sagen muB, wenn man die Wahrheit spricht. Nun kann man 
sagen: Das ergibt sich aus dem okkulten Anschauen, was du da be- 



hauptest; aber kann man das auch nachpriifen? - Man kann es auch 
nachpriifen; das konnen schon mehr Leute, als man gewohnlich glaubt. 
Aber es gibt auch einen auBerlichen Beweis fur diese Tatsache. Uns hat 
sich an unserem biologischen Forschungsinstitut in Stuttgart ein merk- 
wurdiger auBerer Beweis ergeben. Es sind da Forschungen gemacht 
worden uber die Funktion der Milz. Sie wissen vielleicht : die Milz ist 
immer als ganz problematischer Organismus betrachtet worden. Da 
erzahlt man ja von einem Rigorosum, bei dem der Professor den Kan- 
didaten fragt: « Konnen Sie mir etwas sagen uber die Milz? » Der Kan- 
didat besinnt sich und stottert ganz jammervoll heraus: «Das habe ich 
vergessen. » Da sagt der Professor: «Das ist schade! Kein Mensch hat 
das jemals gewuBt, Sie waren der einzige, und Sie haben es vergessen. » 

Nun habe ich eine gewisse Methode angegeben aus der Geistes- 
wissenschaft heraus, nach der von Frau Dr. Kolisko die Funktion der 
Milz untersucht worden ist. Sie wird zwar noch angefochten, aber es 
wird sich schon durchsetzen, da sie wirklich exakt ist. Aber nun hat 
sich etwas anderes herausgestellt. Manches muB man so machen, wie 
man es seinem Herzen nach nicht machen wiirde, sondern weil die 
anderen diese Methoden haben. So haben wir uns entschlossen, Ka- 
ninchen die Milz zu exstirpieren. Das ist ja keine Vivisektion, sondern 
eine einfache Operation, und wir haben alles Mogliche getan, damit 
die Tiere nicht gequalt wurden. Aber eines dieser Kaninchen ist ge- 
storben, weil es eine Erkaltung bekam; es wurde namlich nach der 
Operation nicht in den Warmraum gebracht. 

Was muBte man da erwarten? Die Milz hatten wir herausgenommen, 
dadurch war etwas eingetreten an der Milzstelle, was im Kaninchen- 
organismus war und nun dem Kosmos exponiert war. Solange die 
Milz an ihrer Stelle war, konnte der Kosmos nichts machen; nimmt 
man die Milz heraus, so ist bloB die Athermilz da. Dadurch ordnet 
sich die Athermilz an, wie es dem Hereinwirken des Kosmos ent- 
spricht. Was war zu erwarten? DaB an der Stelle der Milzform etwas 
entsteht in kosmischer Form, daB eine Nachahmung des Kosmischen 
entsteht: als solche bildet sich heraus eine Kugelform. Und richtig! 
Als wir das Kaninchen sezierten, fanden wir einen ganz kleinen orga- 
nischen Korper in Kugelform, der sich nachtraglich aus dem Ein- 



wirken des Kosmos gebildet hatte - ganz nach der Anschauung, daB 
sich der Eikeim als ein chaotischer Korper darstellt nachdem man 
die Bedingung, daB bloB die Erde wirkt, weggenommen hatte. So 
fugte es das Karma, daB wir zu einem auBeren Beweis kamen fur das, 
was auf einem ganz abgesonderten Gebiet behauptet werden muB. 

So ist eben wirklich die Sache so, daB heute vielfach der Mensch 
gar nicht anders kann, wenn er aus der Zeitzivilisation heraus seine 
Empfindungen entwickelt, als sich auf etwas zu beschranken, was in 
der Zivilisation der Erde liegt und gar nicht den Blick hinausrichtet 
in die Weiten der Welt. 

Ich muB Sie jetzt, urn die Grundlagen fiir die weiteren Ausfiihrun- 
gen zu haben, daran erinnern, wie in meinem Buche «Geheimwissen- 
schaft » ausgefiihrt ist, daB der heutige Mond sich einmal von der Erde 
abgespalten hat, nachdem er fruher ein Korper mit der Erde war. Das 
ist etwas, was sich dem Schauen ergibt, was aber auch von der heutigen 
Naturwissenschaft schon anerkannt wird. Insbesondere in den letzten 
Jahren zeigte sich eine literarische Bewegung, die mit diesem Ver- 
haltnis des Mondes zur Erde, wenn auch in irrtiimlicher Art, rechnet. 
Wir miissen uns bewuBt werden, daB der Mond, wie er heute am 
Himmel erscheint, einmal eine Einheit mit der Erde gebildet hat, daB 
er von der Erde hinausgeschleudert worden ist, wenn ich so sagen 
darf, und die Erde seit einer gewissen Zeit umkreist. 

Ich muB nun auf eine zweite Tatsache hinweisen. Diese betrifft die 
seelisch-geistige Entwickelung der Menschen im Erdendasein. Schon 
eine rein auBerliche Betrachtung desjenigen, was auf der Erde von 
Menschen geleistet worden ist, zeigt ja, daB schon einmal etwas be- 
standen hat wie eine Art von Urweisheit. GewiB, sie ist nicht in den 
intellektuellen Formen gegeben worden, die heute verlangt werden; 
so abstrakt in Gedanken und so an die Sinne gebunden, wie es heute 
verlangt wird, ist sie nicht gegeben worden. Sie ist in mehr bildhaft- 
poetischer Form gegeben worden. Von der wirklichen Urweisheit, die 
ja zu einer Zeit auf der Erde bestanden hat, als man noch nicht ge- 
schrieben hat, von dieser wirklichen Urweisheit ist ja nichts da. Was 
aber erhalten geblieben ist, das sind Sagen, Mythen, die wunderbare 
Veden-Literatur, die Literatur der Vedanta, die morgenlandischen 



Schriften. Derjenige, der sich in sie vertieft - und zwar nicht etwa wie 
Deussen, der nur das AllerauBerlichste sieht und als beruhmter Uber- 
setzer gilt -, wer sich wirklich vertiefen kann in dasjenige, was da ist, 
bekommt schon eine tiefe Ehrfurcht vor der unendlichen Weisheit, 
die darinnen Hegt, die nur in einer poetischen, bildhaften Form auf- 
tritt. Und er bekommt das Gefiihl, daB hinter dem etwas nicht Aus- 
gesprochenes und Unaufgeschriebenes gelebt hat, was vielleicht groBer 
und bedeutender war: eine Urweisheit. 

Wie hat diese Urweisheit gelebt? So studieren, wie wir heute stu- 
dieren, indem wir uns hinsetzen, uns Biicher einpragen und derglei- 
chen und dadurch uns allmahlich hinaufwinden, etwas zu wissen, so 
geschah es ja nicht in der Sphare der Urweisheit. Jeder, der zu einer 
bestimmten Einsicht gekommen war zu dieser Epoche, hat gewuBt, 
was Inspiration ist, hat zu lesen verstanden in der Welt - nicht in 
Biichern -, wenn er sich in die notige Seelenverfassung versetzte. Er 
wuBte, dann kommt es iiber ihn, dann wird er innerlich erleuchtet. 
Dieses Innerlich-Erleuchtetwerden, das wurde so real genommen, wie 
wir heute das Lesen in Biichern real nehmen. Der Mensch erlangte ein 
Verhaltnis zum Geistigen in der Welt dadurch, daB er in den alten 
Mysterien durch den Einweihungspriester dazu gebracht worden ist, 
die Erleuchtung in sich erleben zu konnen. Der Unterricht in den 
Mysterien bestand ja darin, den Menschen dahin zu bringen, diese 
innerliche Erleuchtung erleben zu lernen. Er war nicht der Ansicht, 
irgend etwas aus Wolkenkuckucksheimen erleuchte ihn. Es ware un- 
gefahr so, wie wenn wir heute irgend wo hinter einer spanischen Wand 
einem Menschen zuhorten und nicht glaubten, daB da ein- Mensch 
spricht, sondern daB etwas Unbestimmtes hinter der spanischen Wand 
uns etwas zuraunt. Ebensowenig wie wir heute glauben wiirden, wenn 
wir das horten, daB da etwas Unbestimmtes spricht, sondern wie wir 
ein Wesen vermuten wiirden hinter unserer Wahrnehmung, so wuBte 
derjenige, der zur Erleuchtung kam: Da sind Wesen auf der Erde, die 
nicht zur physischen Verkorperung kommen, sondern durch die Er- 
leuchtung die groBen Lehrer der Menschheit sind. - Der Mensch war 
sich bewuBt : er ist in Fleisch und Blut, er geht herum unter Menschen- 
wesen, die nicht in Fleisch und Blut sind, die aber einen atherischen 



Leib haben, die atherische Wesen sind, die dazu da sind, urn die Er- 
leuchtung zu geben, die Inhalt der Urweisheit war. So wuBte man: 
Die Erde wird nicht nur bevolkert von Menschen in Fleisch und Blut, 
sondern auch von anderen Wesen, die einen atherischen Leib haben. 

Nun muB man sich naturlich, wenn man eine solche Sache betrachtet, 
freimachen von dem Vorurteil, als ob die Menschheit, so wie sie jetzt 
ist, auf der Erde gelebt hatte seit der Zeit, in welcher Urkunden da 
sind ; davor setzt man das Unbestimmte und dann, nachdem man durch 
dieses Unbestimmte durchgeschritten ist, kommt man an die Men- 
schenaffen oder AfTenmenschen, Das ist ja eigentlich eine hochst 
drollige Anschauung! Was der Historiker sagen kann, das gilt fur ein 
paar Jahrhunderte : da waren die Menschen ahnlich, wie sie heute sind, 
natiirlich nicht so gescheit, aber doch so ahnlich, wie sie heute sind. 
So gescheit wie wir seien die Menschen erst in den letzten Jahrhun- 
derten geworden; aber abgesehen von unserer groBeren Gescheitheit 
seien sie so gewesen, wie wir heute sind. - Die Agypter waren aber- 
glaubisch, haben Mumien gehabt; - aber man stellt sie sich sonst doch 
im Ganzen so vor, wie die heutigen Menschen, abgesehen von der 
Gescheitheit! Davor liegt eine Periode, von der man nichts weiB. Aber 
nachdem die Periode, von der man nichts weiB, lang gedauert hatte, 
da waren die Menschenaffen da. 

Sehen Sie, das ist eine Anschauung, von der man sich freimachen 
muB. Der Mensch hat die Erde friiher bevolkert als die Tiere, nur in 
anderer Gestalt, er ist das altere Wesen. Sie konnen das in meiner 
«Geheimwissenschaft» nachiesen. Und so erlebten dann auch die 
Menschen, die mit den alten Urlehrern zusammengelebt haben, die 
noch nicht Menschenkorper angenommen hatten, die in Geistkorpern 
gelebt haben, daB mit dem Mondenaustritt, den sie ja miterlebt hatten 
- wir selbst haben ihn miterlebt -, diese Wesen, die unter ihnen gelebt 
haben als Urlehrer, in den Kosmos hinausgezogen sind und seither 
eben nicht die Erde, sondern den Mond bewohnen. So daB eigentlich 
nicht nur die physische Substanz des Mondes, sondern auch die Wesen- 
heiten, die den Mond bisher geistig bewohnten, als von der Erde ab- 
getrennt anzusehen sind. Ja, es ist sogar naturwissenschaftlich so, daB 
man von diesen Wesen reden kann, daB sie einmal ausgezogen sind 



- sie unterliegen nicht in derselben Weise Geburt und Tod wie der 
Mensch - und auf dem Monde wohnen, wahrend der Mond langst 
seine Substanzen verloren und umgewandelt hat. 

Da geht etwas ahnliches vor, wie mit dem Menschen. Ja, denken 
Sie einmal, daB der Mensch seine physischen Substanzen in sieben bis 
acht Jahren ganz auswechselt! Wenn jemand glaubt, derselbe Korper 
sitze da, der vor einigen Jahren dagesessen ist, so ist das nicht so. Die 
physische Substanz hat sich ausgewechselt, das Geistig-Seelische ist 
geblieben. In dieser Beziehung weiB man schon die Tatsache in der 
Naturwissenschaft, aber man achtet nicht auf sie. Ich wurde einmal 
gefragt bei einem Vortrag : Es wird gesagt, daft die Bienen als Bienen- 
stock eine gewisse Beziehung zum Bienenvater haben, daB es bei sei- 
nem Tode, wenn er recht anhanglich an seine Bienen war, vorkommt, 
daB der Bienenstock es merkt und vielfach auch stirbt. Wie kann das 
sein? Die einzelnen Bienen haben ja doch keine solchen Fahigkeiten, 
daB sie den Menschen kennen, und der Bienenstock ist ja nur eine 
Summe von einzelnen Bienen ! - Das aber ist nicht wahr, der Bienen- 
stock ist ja gar nicht die Summe der einzelnen Bienen. Ich gebrauchte 
folgenden Vergleich: Zwei Menschen waren da vor zwei Jahrzehnten. 
Der eine ist nach Amerika gegangen, der andere ist dageblieben; der 
erstere kommt nach funfzehn Jahren aus Amerika zuriick und erkennt 
seinen Freund wieder. - Es kommt gar nicht an auf die einzelnen Teile ; 
von der ursprunglichen Substanz ist ja nichts geblieben. So kommt es 
nicht auf die einzelnen Bienen an, sondern auf die Intelligenz des 
Bienenstockes, und die ist nicht einmal vie! anders als beim Menschen. 
Wir als Menschen sind auch etwas anderes als unsere Zellen, als unsere 
einzelnen Organe. Und so wie von denjenigen Freunden, die hier vor 
zehn Jahren meinen Vortragen beigewohnt haben, nichts mehr phy- 
sisch da ist, sondern nur das Seelisch-Geistige, so ist auch beim Mond 
langst nichts mehr von der Substanz da, die einmal von der Erde hin- 
ausgegangen ist, die hat sich langst wiederholt ausgetauscht im Kos- 
mos. Dagegen sind die Wesenheiten da. Wie diese Wesenheiten aber 
trotzdem wirksam geblieben sind fur die Erdenmenschheit, das zeigt 
sich fur eine wirkliche Einweihungsbetrachtung ganz deutlich. Das 
zeigt sich dann, wenn wir etwas genauer eingehen auf dasjenige, was 



wir das Karma nennen. Ich will heute damit beginnen, wir werden 
dann diese Betrachtungen in den nachsten Vortragen fortsetzen. 

Wir beachten, wenn wir einem Menschen begegnen, gewohnlich 
nicht geniigend, wie wir eigentlich unser ganzes Erdenleben hin- 
dirigiert haben zu dieser Begegnung. Und bei diesem Kennenlernen 
eines Menschen begegnen wir einem Zweifachen. Beachten Sie das 
nur, Sie werden finden, daB in irgendeiner mehr oder weniger ab- 
geschwachten Weise das vorhanden ist, was ich jetzt erzahlen will. 
Man lernt einen andern kennen. Es ist oftmals so, daB wir mit diesem 
anderen, ganz gleich ob er schon oder haBlich, gescheit oder dumm 
ist, er kann irgendwie sein, eine innige Verbindung eingehen. Die 
steigt aus unserem Inneren auf. Wir beachten gar nicht, wie er im 
AuBeren ist : wir fuhlen ein Band zu ihm. Das ist die eine Art im Ex- 
trem. Die andere Art ist: Wir lernen einen Menschen kennen, wir 
fuhlen dieses innere Band nicht, sondern wir nehmen Gelegenheit, 
einen intellektuellen oder moralischen Eindruck von ihm zu be- 
kommen. Wir konnen ihn gut beschreiben. Ober den ersten Menschen 
zu sprechen, wenn wir nachher in eine Gesellschaft gehen, die ihn auch 
kennt, ist uns etwas Unangenehmes, wir haben das Gefuhl: es ist un- 
angenehm; es ist etwas Innerliches im Verhaltnis zu ihm. Den anderen 
Menschen konnen wir hubsch beschreiben, wir konnen sagen : Er ist 
gescheit oder ein Tor, wir wissen ihn zu beschreiben bis auf die Ein- 
zelheiten seiner Nase ; aber wir leben ohne innere Teilnahme an ihm. 
Es gibt Bekanntschaften, die wir machen, kaum haben wir diese Be- 
kanntschaft gemacht, so passiert es uns, daB wir von diesem Menschen 
traumen, daB uns die Traume gar nicht mehr verlassen. Wir lernen 
einen anderen noch so gut kennen, sind taglich beisammen : nicht der 
geringste Traum stellt sich ein. Unser Inneres ist nicht so stark er- 
grifTen, daB wir von ihm traumen. Der Fall, daB jemand so lebt, wie 
Garibaldi, der das innere Band auch dann fuhlt, wenn gar keine un- 
mittelbare personliche Beziehung da ist, ist selten, aber auch dieser 
Fall kommt vor. Denn bei Garibaldi ist es sehr interessant, wie er seine 
erste Frau gefunden hat. In der auBeren Welt war er so wenig darin, 
daB er gar kein Interesse hatte an Damen. Auf einer Seereise an der 
brasilianischen Kiiste richtete er das Fernrohr aufs Land und sah ein 



junges Madchen : In diesem Augenblick war er sich klar dariiber, daB 
sie seine Frau werden miisse. Er stiirmte ans Land mit seinem Schiff, 
ein Mann war da, der ihn freundlich empfing und ihn fragte, ob er 
nicht Mittag bei ihm essen wolle. Garibaldi sagt zu. Es war der Vater 
des Madchens, das er auf dem Lande gesehen hatte ! Bevor noch das 
Mittagsmahl aufgetragen war, sagte er ihr - er sprach nur italienisch 
und sie nur portugiesisch sie miisse sein werden fur das Leben. Sie 
verstand es aber doch, und es wurde eines der schonsten Herzens- 
verhaltnisse begriindet. Es ist da im extremen Fall gezeigt, daB etwas 
wie ein karmisches Verhaltnis da war. Es war etwas Heldenhaftes im 
Verhalten der Frau, in der Art, wie sie sich verhielt. Sie begleitete ihn 
bei seinen Kampfen in Sudamerika, und als die Nachricht kam, er sei 
auf dem Schlachtfeld gefallen, suchte sie ihn auf dem Schlachtfelde. 
In dieser Situation gebar sie ihr Kind. Um es zu warmen, muBte sie 
es sich um den Hals schnallen. 

Durch solche Erlebnisse wuchs Garibaldi mehr in das Leben hinein. 
Die Frau starb ihm hinweg, er heiratete eine andere. Der naherte er 
sich auf ganz burgerliche Weise ; aber diese Ehe dauerte nur einen Tag ! 

Das sind Dinge, wo man so mit der Nase auf das Karma gestoBen 
wird, die einem zeigen, wenn man sie ins Auge faBt, daB in dieser 
zweifachen Weise sich der Mensch verhalten kann zu anderen Men- 
schen in bezug auf das Karma. Ganz anders liegen die karmischen Ver- 
haltnisse, wenn der Mensch die innere Zusammengehorigkeit fuhlt, als 
wenn er den anderen Menschen nur auBerlich beschreiben kann. 

Nun, gerade dann, wenn man hinschaut auf solche karmische Er- 
lebnisse, wie dieses Bekanntwerden mit einem anderen Menschen, wo 
Schonheit oder HaBlichkeit nichts ausmacht, sondern wo von innen 
heraus der Impuls der Zusammengehorigkeit entspringt, wird man 
auf den EinfluB hingewiesen derjenigen Wesenheiten, die ich be- 
schrieben habe als Urlehrer, die heute noch immer tatig geblieben sind, 
aber von auBen, vom Kosmos herein. Solche Verhaltnisse interessieren 
vor alien Dingen diese Mondenwesen, und durch solche Verhaltnisse 
hindurch und iiber solche Verhaltnisse hinweg nehmen sie an der Ent- 
wickelung der Erdenmenschheit den innigsten Anteil. 

Und wie es Mondenwesenheiten gibt, ebenso gibt es auch Sonnen- 



wesenheiten, die mit der Sonne zusammenhangen. So ist es auch bei 
denjenigen Verhaltnissen, wo wir den anderen Menschen mehr auBer- 
lich beschreiben konnen. Da interessieren sich die Sonnenwesen fur 
das, was von Menschenseele zu Menschenseele gesponnen wird. 

Da werden wir, wenn wir die rein menschlichen Verhaltnisse be- 
trachten, von der Erde hinweggeleitet zunachst 2u Sonne und Mond. 
Und da kann man sagen: es gibt menschliche Verhaltnisse, in denen 
wir die Mondenwirksamkeit, und solche, in denen wir die Sonnen- 
wirksamkeit sehen. Und so wird man hinausgeleitet von Stufe zu Stufe : 
von der Erde zum Kosmos. 

Wir konnten diese Betrachtung heute nur beginnen, morgen und in 
den nachsten Vortragen wollen wir sie fortsetzen. 



ZWEITER VORTRAG 
Prag, 30,Marz 1924 



Gestern habe ich begonnen, einige Gesichtspunkte anzugeben iiber 
das Begreifen des menschlichen Schicksals, und ich fiihrte ja an, wie 
die Ahnung von dem Walten des Schicksals aufgehen kann in dem 
Menschen, wenn fur sein Leben bedeutsame Erfahrungen eingreifen. 
Und ich sagte, man nehme an, man begegne einem anderen Menschen 
in einem bestimmten Lebensalter; man begegne dem Menschen so, 
daB sich das fernere Schicksal der beiden Menschen, die sich begegnen, 
gemeinsam abspielt, daB sich aber auch das ganze Leben, das sie bis 
dahin gefuhrt haben, in einer tief einschneidenden Weise andert. Wenn 
ein solches Ereignis eintritt, dann ware es sinnlos, wenn alies dasjenige, 
was der Mensch vorher erlebt hat auf Erden, in gar keiner Beziehung 
stunde zu diesem Ereignis. Das ist auch nicht der Fall. Denn fur eine 
unbefangene Beobachtung, die nach riickwarts blickt, zeigt sich ja klar, 
daB eigentlich fast jeder Schritt im Leben, den wir getan haben, ein 
Schritt war in der Richtung nach jenem Erlebnis hin. Wir konnen zu- 
ruckblicken bis in die Kindheit, immer wird es sich uns zeigen, daB 
die der Zeit nach weit von diesem Erlebnis entfernte Tat, die wir getan 
haben, der ganze Lebensweg, den wir genommen haben, so die Rich- 
tung hat nach diesem Ereignis, als wenn wir bewuBt und iiberlegt die- 
sen Weg genommen hatten, Es ist gerade eine solche Betrachtung ge- 
eignet, den Menschen immer wieder und wiederum hinzuweisen auf 
dasjenige, was wir in der Anthroposophie karmische Zusammenhange 
nennen miissen. 

Und dann habe ich auch darauf hingewiesen, wie die Begegnungen 
mit Menschen sich in verschiedener Weise ausnehmen und habe Ihnen 
zwei extreme Falle angefiihrt : Wir begegnen einem Menschen, es ent- 
steht zu ihm ein Lebensverhaltnis, ganz gleich, wie er auBerlich fur 
unsere Sinnesanschauung, fur unsere asthetische Empfindung yns ent- 
gegentritt. Wir kiimmern uns nicht weiter um seine besonderen Eigen- 
schaften. Es ist etwas, was aus unserem Inneren aufsteigt, und was uns 



den Zug zu ihm eingibt. Anderen Menschen begegnen wir, so sagte 
ich, bei denen sich ein solcher innerer Drang nicht geltend macht. Wir 
werden mehr auf die Eigenschaften aufmerksam, die sie uns von auBen 
zeigen, die sie unseren Sinnen, unserem Vorstellungsvermogen, un- 
serem asthetischen Empfinden einfloBen. Bis in die Traume, sagte ich, 
geht das hinein. Wir treffen Menschen der ersteren Art, beschaftigen 
uns sogleich, wenn wir nachts auBer dem physischen und dem Ather- 
leibe im Ich und astralischen Leib sind, mit ihnen. Traume iiber sie 
tauchen auf. Die sind eben ein Zeichen, daB wir innerlich in uns etwas 
aufgeriittelt haben bei der Begegnung. Anderen Menschen begegnen 
wir, wir konnen nicht von ihnen traumen, weil sie uns nicht aufrutteln, 
weil nichts in uns aufsteigt. Wir leben ihnen vielleicht sehr nahe, aber 
wir traumen nicht von ihnen, weil sie in unserem Innern nichts auf- 
rutteln, was uns bis in den Astralleib und in die Ich-Organisation hin- 
ein beschaftigen kann. 

Dasjenige, was da vorliegt, haben wir dann in Beziehung gebracht 
zu den Kraften, mit denen der Mensch zusammenhangt auBerhalb des 
irdischen Wesens, auf welche die heutige Weltanschauung wenig Riick- 
sicht nimmt, mit den Kraften, die von der Umwelt, von dem AuBer- 
irdischen auf die Erde hereinwirken. Und wir haben darauf hingewie- 
sen, daB der Mensch diejenigen Krafte, welche von den geistigen 
Mondenwesenheiten her tatig sind, in Zusammenhang bringen muB 
mit alledem, was fur ihn selbst Vergangenheit ist. Ja, meine lieben 
Freunde, es ist fur uns Vergangenheit, wenn wir an einen Menschen 
herantreten und sogleich in uns etwas aufsteigt, was uns den Zug nach 
ihm hin gibt. 

Wie aber diese Dinge zusammenhangen, das wird erst klar, wenn 
an Stelle der auBeren ahnenden Betrachtung die Eingeweihten-Wissen- 
schaft tritt, jene Eingeweihten-Wissenschaft, welche wirklich die 
inneren Zusammenhange bloBlegen kann. Der Eingeweihte, vor dem 
die geistige Welt offen liegt, hat diese beiden Erlebnisse, von denen 
ich gesprochen habe, eben noch in einem viel intensiveren Sinne, als 
sie das gewohnliche BewuBtsein haben kann. In dem einen Falle, wo 
das gewohnliche BewuBtsein dieses innere Aufsteigen hat, erlebt der 
Eingeweihte, wenn er dem anderen Menschen entgegentritt, daB wirk- 



lich ein Bild oder auch eine Reihe von Bildern, ganz wesenhaften 
Bildern, aus seinem Inneren aufsteigen. Es ist, wie wenn sich da aus 
seinem Inneren diese Bilder hervorarbeiteten, wie wenn man eine 
Schrift vor sich hat und den Sinn, den sie ausdriicken will, lesen kann. 
So wird einem das Erlebnis klar, das man an diesen Bildern hat: Das 
Bild, das in dir aufsteigt, das aus deinem Inneren kommt, das erlebst 
du als ein innerliches Zusammensein mit dem Bilde, wie wenn der 
Maler ein Bild make und nicht vor dem Bilde, vor der Leinwand 
stiinde, sondern in der Leinwand selber darin weben wurde, mit jeder 
Farbe mitgehen und jede Farbe innerlich erleben wiirde. So erlebt man 
und man weiB, das Bild, das da aufsteigt, hat etwas zu tun mit dem 
Menschen, dem man im Leben entgegengetreten ist. Und durch ein 
ahnliches Erlebnis, wie das ist, wenn man einem Menschen nach Jahren 
wieder begegnet - man erlebt das immer wieder erkennt man in dem 
Menschen, der physisch vor einem steht, der einem physisch gegen- 
iibertritt, die Wiederholung desjenigen, was da innerlich in einem auf- 
steigt. Man weiB, indem man das innerlich aufsteigende Bild mit dem 
vergleicht, was auBerlich vor einem steht : Das, was da innerlich auf- 
steigt, ist das Bild desjenigen, was man gemeinsam mit dem Menschen 
selbst in einem friiheren Erdenleben erlebt hat. Und man schreitet 
wirklich zuriick in fnihere Zeiten, in denen man gemeinsame Erleb- 
nisse mit ihm hatte. Und durch das, was man durchgemacht hat, um 
sich fur die Einweihungswissenschaft vorzubereiten, erlebt man nicht 
bloB als dunkles Gefuhl, wie sonst im gewohnlichen BewuBtsein, son- 
dern wie in einem lebendigen Bild das mit dem Menschen, dem man 
nun begegnet, gemeinsam Erlebte eines vorigen Erdenlebens oder 
einer Anzahl voriger Erdenleben. Man kann schon sagen, die Ein- 
weihungswissenschaft macht es durchaus moglich, daB man das, was 
man mit einem Menschen durchlebt hat, mit dem man karmisch ver- 
bunden ist, aus dem eigenen Inneren so intensiv aufsteigen sieht, daB 
es ist, daB es aussieht wie wenn der Mensch, der da vor einem steht, 
aus seinem Selbst hervortritt, in seiner friiheren Gestaltung vor uns 
hintritt und sich selbst in seiner jetzigen Gestalt begegnet. So intensiv 
wirkt das. Aber gerade dadurch, daB man die Sache in einer solchen 
Wirklichkeit erlebt, lernt man sie beziehen auf die Krafte, die ihr zu- 



grunde liegen, und man wird verwiesen auf die Art und Weise, wie 
man zu diesem Bilde gekommen ist. 

Der Mensch, indem er aus seinem geistig-seelischen Dasein, das er 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verbringt, zum Erden- 
leben heruntersteigt, macht ja die verschiedenen Regionen durch. So- 
zusagen die letzte Region, die er durchmacht, ist die Mondenregion; 
vorher geht er durch andere Sternen- und geistige Regionen durch. 
Da trifft er wirklich auf seinem Wege durch die Mondenregion jene 
Wesenheiten, die, wie ich gestern auseinandersetzte, friiher einmal die 
Urlehrer der Menschheit waren. Ihnen begegnet er im Weltall, bevor 
er zum irdischen Dasein heruntersteigt, und sie sind es, die in jene 
feine Substanz, welche die orientalischen Weisen im Gegensatz zu den 
irdischen Substanzen Akasha nennen, alles dasjenige einschreiben, was 
im Menschenleben zwischen Menschen durchgemacht wird. Es ist 
einmal so, alles, was man im Leben durchmacht, alles, was erlebt wird 
von den Menschen, das wird beobachtet von jenen Wesen, welche 
einmal mit den Menschen die Erde bewohnt haben - nicht als ver- 
korperte Wesen, sondern als Geistwesen. Das wird beobachtet und 
wird nicht in jener abstrakten Schrift, wie es die unsere ist, sondern in 
lebendiger Gestalt eingetragen in die Akasha-Substanz. Diese Monden- 
wesen, die einstmals die groBen Lehrer wahrend der Zeit der Urwelt- 
weisheit waren, diese Geistwesen, sie sind die Registratoren fur die 
Erlebnisse der Menschheit. Und wenn dann der Mensch auf seinem 
Wege, der da verlauft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, 
sich wieder der Erde nahert, um sich zu vereinigen mit dem Keim, der 
ihm durch die Eltern gegeben wird, dann geht er durch das Gebiet, 
wo die Mondwesen dasjenige registriert haben, was auf der Erde in 
friiheren Inkarnationen erlebt worden ist. Wahrend diese Monden- 
wesen, als sie auf der Erde lebten, den Menschen Weisheit brachten, 
eine Weisheit, welche sich namentlich auf die Vergangenheit des Welt- 
alls bezog, halten sie in ihrem jetzigen kosmischen Dasein die Ver- 
gangenheit fest. Indem der Mensch hinuntersteigt zum irdischen Da- 
sein, grabt sich gewissermaBen alles das, was sie festgehalten haben, 
in seinen Astralieib ein. Ja, meine lieben Freunde, man redet so leicht 
davon : der Mensch besteht aus einer Ich-Organisation, einem Astral- 



leib, einem Atherleib und so weiter. Die Ich-Organisation ist eben die- 
jenige, die am meisten der Erde zugeneigt ist, ist dasjenige, was wir 
im Erdendasein lernen und erleben; anders aber ist das bei den tiefer 
liegenden Gliedern der menschlichen Wesenheit. Schon beim Astral- 
leib ist es anders, der ist voller Eintragungen, voller Bilder. Dieses ge- 
wohnlich nur «unbewuBt» Genannte, das wird ja etwas auBerordent- 
lich Reiches, wenn es in das Wissen wieder emporkommt. Und die 
Einweihung gibt eben die Moglichkeit, hinunterzutauchen in diesen 
astralischen Leib und alles, was die Mondwesen eingetragen haben 
- und das ist eben von der Art wie die gemeinsamen Erlebnisse mit 
andern Menschen -, an das Schauen heranzubringen. So kommt man 
durch die Einweihungswissenschaft wirklich hinter das Geheimnis, 
wie die ganze Vergangenheit im Menschen ruht, und wie « Schicksal » 
dadurch wird, da6 mit dem Mondendasein Wesen verbunden sind, 
welche die Vergangenheit festhalten, so daB sie in unserem Inneren 
ruht, wenn wir die Erde betreten. 

Ein anderer Fall: Wenn der Eingeweihte an Menschen herantritt, 
bei denen das gewohnliche BewuBtsein so sich verhalt, daB es einen 
asthetischen, einen vorstellungsgemaBen Eindruck hat, er auch davon 
nicht traumen kann, dann steigt bei diesem Begegnen aus dem Innern 
des Eingeweihten zunachst nichts Bildhaftes herauf; aber indem der 
Eingeweihte einer solchen Personlichkeit gegeniibertritt, wird sein 
Blick, wie in dem andern Falle zum Mond, so jetzt zur Sonne geleitet. 
Und ebenso wie der Mond mit den Wesen in Verbindung ist, die ich 
Ihnen in der angegebenen Weise charakterisieren konnte, so ist die 
Sonne nicht etwa bloB der Gasball, von dem die Physiker heute spre- 
chen. Die Physiker wurden hochlichst erstaunt sein, wenn sie einmal 
eine Expedition ausriisten und an den Ort kommen konnten, von dem 
sie meinen, daB er ausgefullt sei durch allerlei gliihende Gase, und der 
nach ihrer Meinung die Sonne bildet. Die Physiker wurden namlich 
finden, daB dort, wo sie gliihende Gase vermutet haben, uberhaupt 
nichts ist, viel weniger ist, als der Raum, weniger ist als nichts : ein 
Loch im Weltenraum. Was heiBt Raum? Was Raum ist, das wissen ja 
die Menschen nicht, am wenigsten die, die viel dariiber nachdenken, 
die Philosophen. Denn sehen Sie, wenn hier ein Stuhl ist, und ich gehe 



hin, ohne ihn zu beachten, so stoBe ich mich an ihm. Er ist client, laBt 
mich nicht durch. Wenn kein Stuhl da ist, gehe ich durch den Raum 
ungehindert. 

Nun gibt es aber noch einen dritten Fall. In diesem dritten Fall 
wiirde ich, wenn ich ginge, nicht aufgehalten, nicht gestoBen, aber ich 
wiirde aufgesogen werden, ich wiirde verschwinden : da fehlt der 
Raum, da ist das Gegenteil von Raum vorhanden. Und dieses Gegen- 
teil von Raum ist eben in der Sonne. Die Sonne ist negativer Raum, 
ist ausgesparter Raum. Und gerade dadurch, daB da negativer, aus- 
gesparter Raum ist, ist sie der Sitz, der gewohnliche Sitz der dem 
Menschen nachststehenden, iiber ihm stehenden Wesenheiten : Ange- 
loi, Archangeloi, Archai. Und der Blick des Eingeweihten wird in dem 
Falle, den ich erzahlt habe, gelenkt nach jenen Wesen, die in der Sonne 
sind, nach den geistigen Wesenheiten der Sonne. Das heiBt mit an- 
deren Worten : eine solche Begegnung mit einem Menschen, die nicht 
karmische Vergangenheit ist, die neu auftritt, sie ist fur den Einge- 
weihten die Vermittlung, mit diesen Wesenheiten in Zusammenhang 
zu kommen, Und es zeigt sich, daB da gewisse Wesen sind, mit denen 
der Mensch eine nahere, mit andern eine entferntere Verbindung hat. 
Und an der Art und Weise, wie diese Wesen an ihn herantreten, wird 
ihm nicht im einzelnen, sondern im groBen und ganzen klar, welches 
Karma sich da anspinnt: kein altes Karma, sondern eines, dem er zum 
ersten Male begegnet. Da wird der Mensch gewahr, daB diese Wesen- 
heiten, die mit der Sonne in Verbindung sind, ebenso mit der Zukunft 
zu tun haben, wie die Wesen, die mit dem Monde in Verbindung sind, 
mit der Vergangenheit zu tun haben. 

Sehen Sie, es ist wirklich eine Vertiefung des ganzen menschlichen 
Gemiitslebens, wenn sich der Mensch das, was so die Einweihungs- 
wissenschaft aus den Tiefen des Geisteswesens hervorholt, klarmacht, 
auch wenn er noch kein Eingeweihter ist. Denn die Dinge konnen 
schon einleuchten. Geradeso wie man ein Bild verstehen kann, ohne 
daB man ein Maler ist - ich habe den Vergleich oft gebraucht -, kann 
man diese Wahrheiten verstehen, ohne daB man ein Eingeweihter ist. 
Aber wenn man diese Wahrheiten auf sich wirken laBt, vertieft sich 
ungeheuer das ganze Verhaltnis, das der Mensch zum Weltall hat. 



Denken Sie doch, wie abstrakt, tr ocken, niichtern eigentlich heute der 
Mensch von der Erde zum Weltgebaude hinaufsieht. Wenn der Mensch 
auf die Erde hinsieht, dann hat er noch einiges Interesse an der Erde. 
Er sieht die Tiere des Waldes mit einigem Interesse an. Wenn er ein 
edler Mensch ist, so gefallen sie ihm, die schlanke Gazelle, das flinke 
Reh. Wenn er weniger edel ist, interessieren sie ihn dennoch als Wild- 
bret, er kann sie essen. Der Kohl auf dem Felde interessiert ihn. Das 
alles hat Beziehung zu demjenigen im Menschen, was er zunachst in 
sich selber wahrnimmt. Aber ebenso, wie der Mensch Beziehungen hat 
zu diesem Irdischen, das seine Gefuhlswelt aufriittelt, kann er seine 
Gefuhlswelt aufriitteln, kann er seine Beziehungen entwickeln zu dem 
auBerirdischen Kosmos. Und alles dasjenige, was schicksalsgemaB von 
der Vergangenheit heriiberkommt, ruft - wenn es auf uns einen Ein- 
druck macht - unser Herz, unsere Seele auf, hinzublicken nach den 
Mondwesenheiten und sich zu sagen: Hier auf der Erde wandeln 
Menschen herum; auf dem Monde leben Wesen, die einstmals mit uns 
auf der Erde waren. Sie haben einen anderen Schauplatz, Wohnplatz 
gesucht, aber wir Menschen sind mit ihnen verbunden geblieben; sie 
registrieren unsere Vergangenheit. Dasjenige, was sie tun, lebt in uns, 
wenn die Vergangenheit heruberwirkt in unser Erdendasein. 

Wir schauen mit einer gewissen ehrfiirchtigen Inbrunst zu diesen 
Wesen auf, und der auBere, silbern leuchtende Mond ist nur ein Zei- 
chen fur jene Wesenheiten, die so innig mit unserer Vergangenheit zu- 
sammenhangen. Und wir lernen gewissermaBen, eine Beziehung zu 
haben mit diesen kosmischen, auBerirdischen Machten, deren Sinn- 
btlder die Sterne sind, eine Beziehung zu haben zu ihnen durch das- 
jenige, was wir als Menschen erleben, wie wir sonst eine Beziehung 
haben durch unser fleischliches Dasein mit alledem, was auf Erden 
lebt. Ebenso, wenn wir als Menschen ahnend, wie in banger Erwar- 
tung, der Zukunft entgegenschauen, wenn wir in diese Zukunft hin- 
einleben mit unseren Hoffhungen und Bestrebungen, dann bleiben wir 
mit unserer Seele nicht allein, sondern wir verbinden uns ahnend mit 
demjenigen, was uns von der Sonne entgegenglanzt. Angeloi, Archan- 
geloi, Archai werden fur uns Sonnenwesen, sie werden fur uns Wesen, 
von denen wir wissen : sie geleiten uns aus unserer Gegenwart in die 



Zukunft himiber. Wenn wir dann hinaufschauen in den Kosmos und 
sehen, wie der Mondenschein abhangig ist vom Sonnenschein, wie 
diese Himmelskorper in gegenseitiger Beziehung stehen, dann sehen 
wir da drauBen im Kosmos ein Bild desjenigen, was in uns selber lebt. 
Denn so wie Sonne und Mond drauBen in der Sternenwelt in Be- 
ziehung zueinander stehen, so steht in uns, was in uns mondenhaft ist, 
unsere Vergangenheit, in Beziehung zu unserem Sonnenhaften, zu 
unserer Zukunft. Und das Schicksal ist ja das, was im Menschen durch 
die Gegenwart aus der Vergangenheit in die Zukunft hiniiberlauft. 
Wir sehen - gewissermaBen eingesponnen in den Kosmos, den Gang 
der Sterne - durch die gegenseitigen Verhaltnisse der Sterne dasjenige 
im GroBen, im Weiten abgebildet, was in unserem eigenen Inneren 
lebt. 

J a, meine lieben Freunde, das aber erweitert den Blick tief hinein 
in die Weltenzusammenhange. Denn wenn der Mensch durch des 
Todes Pforte geht, hat er sich zunachst bloB losgelost von seinem 
physischen Leib. Er lebt in seiner Ich-Organisation, seinem Astralleib, 
seinem Atherleib. Aber der Atherleib lost sich nach einigen Tagen los 
vom Astralleib und von dem Ich. Dasjenige, was der Mensch erlebt, 
das ist etwas, was gewissermaBen aus ihm herauswachst; es ist zu- 
nachst klein, dann wird es immer groBer und groBer : es ist sein Ather- 
leib. Es wachst hinaus in die Weiten, es wachst hinaus bis in die 
Sternenwelt, so erscheint es ihm. Aber in diesem Wachsen wird es so 
diinn, daB es nach wenigen Tagen dem Menschen schon entschwindet. 
Doch es ist noch etwas anderes dabei. Indem wir so unseren Atherleib 
dem Kosmos iibergeben, indem er sich verdunnt, erweitert, ist es, wie 
wenn wir ergreifen wiirden nach dem Tode die Geheimnisse der 
Sterne, wie wenn wir uns hineinleben wiirden in die Geheimnisse 
der Sterne. 

Zunachst ist es ja so - und das ist auch der Fall, wenn wir durch 
die Todespforte gegangen sind -, daB, wenn wir jetzt hinaufgehen, 
wenn wir durch die Mondenregion kommen, aus unserem astralischen 
Leibe die Mondenwesen dasjenige ablesen, was eben von uns erlebt 
worden ist im Erdendasein. Beim Weggange aus dem Erdendasein, da 
empfangen uns diese Mondwesenheiten, da ist ihnen unser astralischer 



Leib, in welchem wir jetzt sind, wie ein Buch, in dem sie lesen. Und 
das notieren sie getreulich, urn es in den neuen astralischen Leib, wenn 
wir wieder heruntergehen zur Erde, einzuschreiben. 

Aus der Mondenr egion kommen wir dann durch andere Regionen, 
durch die Merkur- und Venusregion in die Sonnenregion. In dieser 
Sonnenregion wird nun alles dasjenige in uns lebendig, was wir als 
Menschen in friiheren Leben durchlebt, gewirkt, getan haben. Wir 
treten ein in die Wesenheiten der hoheren Hierarchien, in ihr Wirken, 
in ihre Taten und wir sind jetzt im Kosmos darinnen. Wie wir wahrend 
des Erdendaseins auf der Erde herumwandelten, gewissermaBen ge- 
bannt in die Verhaltnisse der Erde, so sind wir jetzt in den Weiten des 
Kosmos. Wir erleben im Weiten, wahrend wir hier auf der Erde im 
Engen leben. Es kommt uns vor, wenn wir zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt unser Dasein verbringen, wie wenn wir auf der 
Erde eingesperrt gewesen waren, denn alles wird nun weit, wir erleben 
die Geheimnisse des Kosmos. Wir erleben sie nicht wie etwas, was 
unter physischen Naturgesetzen stent; diese physischen Naturgesetze 
erscheinen uns kleinliche Erzeugnisse des Menschengeistes. Wir er- 
leben, was in den Sternen vorgeht, als die Taten der gottlich-geistigen 
Wesenheiten, wir gliedern uns ein in die Taten der gottlich-geistigen 
Wesenheiten. Nach dem, was wir konnen, handeln wir zwischen ihnen 
und mit ihnen, und eben aus dem Kosmos heraus bereiten wir unser 
nachstes Erdendasein vor. 

Das ist es, was eigentlich wirklich in einem tieferen Sinne begriffen 
werden soli, daB dasjenige, was der Mensch in sich tragt, von ihm 
erarbeitet worden ist, wahrend er im Kosmos war zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt. Es ist ja so wenig, was der Mensch auBerlich 
von seiner Organisation wahrnimmt. Das, was in jedem Organ steckt, 
ist nur verstandlich, wenn das betreffende Organ aus dem Kosmos 
heraus verstanden wird. Nehmen wir gleich das edelste Organ, das 
menschliche Herz. Ja, der Naturforscher von heute seziert den Em- 
bryo, sieht daraus, wie das Herz allmahlich zusammenschieBt ; er macht 
sich weiter keine Gedanken daruber. Aber dieses auBere plastische 
Gebilde, das menschliche Herz, es ist ja das Ergebnis, so wie es beim 
einzelnen Menschen individuell ist, desjenigen, was er mit den Gottern 



zusammen erarbeitet hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 
Erst muB der Mensch, indem er das Leben zwischen Tod und neuer 
Geburt durchmacht, in jener Richtung arbeiten, die von der Erde 
nach dem Lowen, dem Sternbild des Lowen im Tierkreis hingeht. Diese 
Richtung, diese Stromung von der Erde nach dem Sternbild des 
Lowen ist ja angefullt von lauter Kraften. In dieser Richtung muB der 
Mensch arbeiten, damit er als Keim das Herz hervortreiben kann; da 
drinnen sind ja kosmische Krafte. Dann muB der Mensch, wenn er 
diese Region durchgemacht hat, welche in den Weiten des Weltalls 
liegt, in sozusagen der Erde nahere Regionen, in die Sonnenregion 
kommen. Da werden wiederum Krafte entwickelt, die das Herz weiter 
vervollkommnen. Und dann kommt der Mensch in jenes Gebiet hin- 
ein, wo er schon beriihrt wird von dem, was man Erdenwarme nennen 
kann; da drauBen im Weltenraum ist ja nicht Erdenwarme, da ist ja 
etwas ganz anderes. Da wird das menschliche Herz in einer dritten 
Etappe vorbereitet. Die Krafte, aus denen das Herz vorbereitet wird, 
sind in der Lowenrichtung zunachst rein moralisch-religiose Krafte; 
in unser Herz sind zunachst rein moralisch-religiose Krafte hinein- 
geheimniBt. Demjenigen, der das durchschaut, erscheint es eigentlich 
ruchlos, wie die heutige Naturwissenschaft die Sterne, ohne das Mo- 
ralische zu sehen, als gleichgiiltige, neutrale physische Massen ins Auge 
faBt. Und wenn der Mensch durch die Sonnenregion geht, werden 
diese moralisch-religiosen Krafte von den Atherkraften ergriffen. Und 
erst wenn der Mensch der Erde schon naher kommt, der Warme, der 
Feuer-Region, da werden gewissermaBen der Vorbereitung die letzten 
Schritte hinzugefiigt. Da beginnen die Krafte tatig zu sein, die dann 
den physischen Keim gestalten fiir den Menschen, der als geistig- 
seelisches Wesen heruntersteigt. 

Und so ist es, daB jedes einzelne Organ herausgearbeitet wird aus 
den Weiten des Weltenalls. Wir tragen in uns einen Sternenhimmel. 
Und wir hangen nicht nur durch den GrieBbrei, den wir eben in den 
Magen hineingetan haben und der eben im BegrifTe ist, sich in unseren 
Organismus zu verarbeiten, zusammen mit der Pflanzenwelt, die uns 
nahrt, sondern wir hangen mit den Kraften des ganzen Kosmos zu- 
sammen. Diese Dinge werden dem Menschen allerdings erst klar, 



wenn er Sinn hat dafiir, das Leben wirklich zu beobachten. Man wird 
schon dazu kommen, wiederum gegeniiber dem Mikroskopischen, 
dem man heute geradezu einen Kultus entgegenbringt, auch das Ma- 
kroskopische ins Auge zu fassen. Heute will der Mensch kennen- 
lernen die Geheimnisse der Organisation des Tierischen, des Mensch- 
lichen, indem er moglichst sich vom Weltenall abschlieBt. Da versenkt 
er den Blick in eine Rohre, nennt das Mikroskopieren, und er schnei- 
det ein winziges Ding aus, gibt es aufs Probierglaschen und bemuht 
sich, moglichst wegzugehen von der Welt, moglichst das Leben zu 
verlassen. Er reiftt ein Stiickchen ab, betrachtet es durch etwas, was 
den Blick abschlieBt von der iibrigen Welt. Es soli gar nichts gesagt 
werden selbstverstandlich gegen diese Art von Forschung, da kommen 
allerlei ganz schone Dinge zutage. Aber den Menschen wirklich 
kennenlernen kann man auf diesem Wege nicht. Und sehen Sie, wenn 
man so vom Irdischen hinausblickt ins AuBerirdische des Kosmos, 
hat man ja auch erst einen Teil von der Welt. Denn schlieBlich ist das 
nur ein Teil, der in das Sichtbare hereinstrebt. Die Sterne sind zwar 
nicht dasjenige, als was sie sich dem Auge darbieten - das ist bloB das 
Sinnbild aber sie sind ja doch noch sichtbar ! Doch die ganze Welt, 
die wir durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ist 
ja unsichtbar, ist ubersinnlich. Und es gibt Regionen, die ja auBerhalb 
des Sinnlichen liegen. Der Mensch gehort aber mit seinem Wesen 
diesen iibersinnlichen Daseinsgebieten ebenso an wie dem Sinn- 
lichen, und das, was der Mensch ist, lernt man eigentlich erst richtig 
kennen, wenn man in Betracht zieht, wie der Mensch durch die Weiten 
des Kosmos durchgegangen ist. Wenn er durch die Pforte des Todes 
in die Weiten des Kosmos getreten und wiederum zuruckgekommen 
ist zur Erde, so lebt ja das auch in uns in den kosmischen Zusammen- 
hangen; es lebt in uns, was von uns durch die Weiten des Kosmos 
durchgegangen ist, was einmal schon auf der Erde gelebt hat, auf- 
gestiegen ist in den Kosmos und wiederum heruntergekommen ist 
zum engen Erdendasein. Und wir lernen allmahlich hinblicken auf das, 
was wir im friiheren Erdendasein waren. Losgerissen wird unser Blick 
vom Physischen, erhoben wird er in das Geistige. Denn wenn wir zu- 
riickblicken in friihere Erdenleben, vergeht uns durch die Kraft 



der Einweihungswissenschaft die Lust, alles nur sinnlich vorzu- 
stellen. 

Zwar hat man auch in dieser Hinsicht manches erlebt. Es war eine 
Zeit, da gab es gewisse Theosophen, die wuBten, daB der Mensch in 
wiederholten Erdenleben lebt. Sie wuBten das aus der orientalischen 
Weisheit, aber sie wollten sich das Ganze so vorstellen, wie man es 
sinnlich vorstellen kann. Sie tauschten sich dariiber, aber sie brauchten 
ein sinnliches Vorstellen. So wurde man damals darauf angeredet, daB 
ja der Mensch als physischer Organismus, wenn er durch die Pforte 
des Todes geht, zerfallt, zerstaubt; aber ein Atom bliebe, dieses eine 
Atom gehe auf wunderbaren Wegen zum nachsten Erdenleben iiber, 
und das nannten dann diese Theosophen das «permanente Atom». Es 
war nur ein Umweg, die Sache materialistisch vorstellen zu konnen. 
Aller solcher Hang zum materialistischen Vorstellen vergeht einem, 
wenn man wirklich durchmacht, was die Seele erleben kann, wenn 
man sieht, dieses menschliche Herz ist aus den Weltenweiten heraus 
gebildet. 

Dagegen wird die Leber erst ganz nahe der Erdenregion gebildet ; 
sie hat wenig Gemeinschaft noch mit dem, was Weite des Kosmos ist. 
Man lernt allmahlich durch die Einweihungswissenschaft den Men- 
schen so kennen, daB man sich sagt : das Herz, das konnte gar nicht im 
Menschen sein, wenn es nicht zubereitet wiirde, innerlich gestaltet 
wiirde aus den ganzen Weiten des Kosmos. Dagegen ein solches Organ 
wie die Leber, wie die Lunge, das wird erst in der Nahe des Erden- 
daseins gebildet. In bezug auf Lunge, Leber sieht der Mensch kos- 
misch der Erdennahe ahnlich, in bezug auf das Herz ist er ein weites 
kosmisches Wesen. Es geht einem am Menschen die ganze Welt auf. 
Man mochte, wenn man mit geistiger Anatomie Leber, Lunge, einige 
andere Organe aufzeichnet, sich die Erde aufzeichnen und das, was in 
ihrer Nahe ist; so ist es eigentlich in bezug auf die Krafte. Geht man 
iiber zum Herzen, so mochte man das ganze Weltenall aufzeichnen. 
Der Mensch ist das ganze Weltenall, zusammengezogen, zusammen- 
gerollt. Er ist ein ungeheures Geheimnis, der Mensch, er ist ein wirk- 
licher Mikrokosmos. Aber dieser Makrokosmos, in den der Mensch 
sich nach dem Tode verwandelt, reiBt das Erkennen ganz los von der 



Sinnlichkeit, von der Materialitat. Und man lernt jetzt erkennen die 
gesetzmaBigen Zusammenhange, welche bestehen zwischen Geistigem 
und Physischem, zwischen Seelischem und Seelischem. 

Wir finden zum Beispiel Menschen in der Welt, die ein angebo- 
renes Verstandnis fur die Dinge ihrer Umwelt haben, fiir die Men- 
schen, die sie umgeben. Betrachten Sie nur nach diesen Verhalt- 
nissen das Leben, meine lieben Freunde! Es gibt Menschen, die 
begegnen vielen anderen Menschen, sie lernen sie aber nie wirklich 
kennen. Was sie einem von ihnen erzahlen, ist hochst uninteressant, 
es sind keine charakteristischen Ziige darin. Solche Menschen konnen 
sich nicht versenken, konnen sich nicht hingeben an die Wesenheit des 
anderen Menschen, sie haben kein Verstandnis fiir den anderen. Es 
gibt Menschen, die haben dieses Verstandnis. Wenn sie einen Men- 
schen kennengelernt haben, und sie erzahlen einem von ihm, dann 
tragt alles das Geprage des Treffsicheren; man weiB gleich, wie der 
andere ist, wenn man ihn auch nie gesehen hat, er steigt vor einem auf. 
Es braucht nicht eine ausfuhrliche Erzahlung zu sein, kurze charakte- 
ristische Satze kann derjenige zum vollstandigen Hinmalen eines Bil- 
des gebrauchen, der sich versenken kann in das Wesen eines Menschen. 
Es muB nicht ein Mensch sein, es kann irgend etwas in der Natur sein. 
Mancher Mensch erzahlt einem, wie ein Berg ausschaut, ein Baum aus- 
schaut; man gerat in Verzweiflung, man bekommt kein Bild davon, 
es bleibt alles leer, man hat das Gefuhl, das Gehirn trocknet einem aus. 
Dagegen gibt es andere, die haben gleich voiles Verstandnis fiir irgend 
etwas; man konnte malen dasjenige, von dem sie einem erzahlen. 
Solche Gaben oder Ungaben, Verstandnis fiir die Umwelt, Verstockt- 
heit gegenuber der Umgebung, die sind nicht aus dem Nichts heraus 
entstanden, sondern sie sind Ergebnisse unseres friiheren Erden- 
daseins. Wenn man nun mit der Einweihungswissenschaft einen Men- 
schen betrachtet, der recht viel Verstandnis fiir seine menschliche und 
auBermenschliche Umgebung hat, und man geht dann zuriick - ich 
werde noch viel iiber dieses Zuriickgehen zu sprechen haben -, mit 
der Einweihungswissenschaft in das vorige Erdenleben, dann findet 
man, welche Eigenschaften der Mensch im vorigen Erdenleben hatte, 
und wie sie sich verwandelt haben in das Verstandnis der Umwelt im 



Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt. Und man kommt dann 
darauf, ein Mensch, der Verstandnis hat fiir die Umwelt, war im vori- 
gen Erdenleben so geartet, daB er viel Freude erleben konnte. Das ist 
sehr interessant. Menschen, die keine Freude erleben konnten im vori- 
gen Erdenleben, konnen auch nicht zu einem Verstandnis fiir die 
Menschen oder fiir die Umwelt kommen. Bei jedem Menschen, der 
dieses Verstandnis hat, findet man: er war ein Mensch, der Freude 
haben konnte an der Umgebung. Aber auch das hat man sich erworben 
in einem friiheren Erdenleben. Und wodurch kommt man dazu, diese 
Freude, diese Begabung, diese Anlage zur Freude an der Umgebung 
zu haben?. Dazu kommt man, wenn man in weiter vorangehenden 
Erdenleben Liebe entwickelt hat. Liebe in einem Erdenleben ver- 
wandelt sich in Freude; die Freude des nachsten Erdenlebens ver- 
wandelt sich in verstandnisvolles Erfassen der Umwelt im dritten 
Erdenleben. 

So schaut man Erdenleben an Erdenleben sich reihen, und so ge- 
winnt man Verstandnis auch fiir dasjenige, was aus der Gegenwart in 
die Zukunft hinuberstrahlt. Menschen, die viel hassen konnen, sie 
tragen als Ergebnis ihres Hassens in das nachste Erdenleben hiniiber 
die Begabung, von allem schmerzlich beriihrt zu sein. Das ist so, wenn 
man einen Menschen studiert, der so als rechter « Zwiderwurzen » 
durch das Leben gehen muB, weil er von allem schmerzlich beriihrt 
wird, immer leidet. Man kann ja Mitleid haben, das ist auch das Rich- 
tige, aber es fiihrt einen immer in ein voriges Erdenleben zuriick, wo 
er es iiber den HaB nicht hinausbrachte. Ich bitte, mich .nicht miB- 
zuverstehen. Wenn da von HaB gesprochen wird, sagt sich der Mensch 
leicht: Ich hasse nicht, ich liebe alle. Er soil sich nur einmal priifen, 
wieviel verborgener HaB auf dem Grunde der Menschenseele ruht. 
Ja, diese Zusammenhange, sie werden einem wirklich erst klar, wenn 
man die Menschen voneinander reden hort. Es wird wirklich - denken 
Sie sich eine solche Statistik - viel mehr Schlechtes iiber einen Men- 
schen gesagt, als Lobendes, Anerkennendes gesagt wird. Und wenn 
man eben wirklich diese Statistik aufnehmen wiirde, so wiirde man 
finden, daB unter den Menschen hundertmal - man kann wirklich diese 
Zahl angeben - mehr gehaBt als geliebt wird. Ja, es ist so, nur merken 



es gewohnlich die Menschen nicht, weil sie ja glauben, immer berech- 
tigt zu sein, zu hassen, und es ungeheuer entschuldbar finden, wenn sie 
hassen. Aber dieser HaB entwickelt sich in Leidensfahigkeit, Schmerz- 
fahigkeit im nachsten Erdenleben, und in Verstandnislosigkeit, in Ver- 
stocktheit im dritten Erdenleben, die an nichts heranwill, sich in nichts 
vertiefen kann. 

Und so haben Sie die Moglichkeit, dadurch drei hintereinander- 
laufende Erdenleben zu beobachten, indem Sie das Gesetz betrachten : 
Liebe wandelt sich in Freude, Freude im dritten Erdenleben in Verstand- 
nis fur die Umgebung. HaB verwandelt sich in Anlage zum Schmerz- 
erleiden; diese Anlage zum Schmerzerleiden, die aus dem HaB kommt, 
verwandelt sich im dritten Erdenleben in Verstocktheit, in Verstand- 
nislosigkeit gegeniiber der Umgebung. Das sind seelische Zusammen- 
hange, die von einem Erdenleben in das andere himiberfuhren. 

Versuchen wir aber, an das Leben in einer andern Form heran- 
zutreten. Es gibt Menschen - vielleicht haben sie es sich gerade auf 
diese Art in ihr Leben hereingebracht -, die interessiert nichts, sie 
wollen sich fur nichts anderes interessieren auBer fur sich selber. Aber 
es hat eine groBe Bedeutung im Menschenleben, ob der Mensch sich 
fur etwas interessiert oder nicht interessiert. Wirklich, auch in dieser 
Beziehung liefert die Statistik die merkwurdigsten Dinge. Ich habe 
Menschen kennengelernt, die am Vormittag mit einer Dame gespro- 
chen haben, und am Nachmittag haben sie nicht gewuBt, was die Dame 
fur einen Hut oder was sie fur eine Brosche gehabt hat, oder was fur 
eine Farbe ihr Kleid gehabt hat. Es gibt solche Menschen, die sehen 
das nicht! Es gibt da die merkwurdigsten Anschauungen. Man halt das 
manchmal sogar fur etwas Verzeihliches ; aber das ist nicht verzeih- 
lich! Es ist Interesselosigkeit, eine Interesselosigkeit, die manchmal 
soweit geht, daB der Mensch wirklich nicht weiB, ob derjenige, dem er 
begegnet ist, einen schwarzen oder einen hellen Rock angehabt hat! 
Es verbindet sich nicht inniglich dasjenige, was der Mensch aus sei- 
nem Leben hinaus schaut, mit dem, was da drauBen steht. Ich erwahne 
etwas radikal diese Dinge ; ich will ja nicht gleich behaupten, man ver- 
falle Ahriman oder Luzifer, wenn man nicht weiB, ob die Dame blonde 
oder schwarze Haare gehabt hat. Ich will nur hinweisen darauf, daB 



die Menschen einen gewissen Grad von Interesse entwickeln fiir ihre 
Umgebung, oder auch Interesselosigkeit; doch das hat ja fiir die Seele 
eine groBe Bedeutung. Interessiert man sich fiir die Umgebung, dann 
wird die Seele innerlich erregt von dieser Umgebung, die Seele erlebt 
innerlich die Umgebung mit. Aber was man hier erlebt, mit Interesse, 
Anteil erlebt, das tragt man ja durch des Todes Pforte hinaus in die 
ganzen Weiten des Kosmos. Und so wie man hier Augen haben muB, 
um Farben zu sehen auf der Erde, muB man hier auf der Erde durch 
Interesse angeregt worden sein, um zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt die Moglichkeit zu haben, geistig zu sehen dasjenige, 
was da durchlebt wird. Und geht man interesselos durch das Leben, 
haftet man an nichts mit seinem Blick, hort man nichts von dem, was 
vorgeht, dann hat man zwischen dem Tod und einer neuen Geburt 
keinen Zusammenhang mit dem Kosmos, man ist gewissermaBen see- 
lisch blind, kann nicht arbeiten mit den Kraften des Kosmos. Dadurch 
aber bereitet man seinen Organismus und seine Organe schlecht vor : 
man kommt in die Lowenrichtung und kann nicht die erste Vor- 
bereitung fiir das Herz durchmachen; man kommt in die Sonnenregion 
und kann das Herz nicht weiter ausbauen ; man kommt in die Feuer- 
region der Erde und kann hier nicht den letzten SchlifF geben; man 
kommt auf die Erde und kommt mit der Anlage zur Herzkrankheit 
auf die Welt. So wirkt ein Seelisches, die Interesselosigkeit, in dieses 
Erdenleben hiniiber. Und eigentlich wird das Wesen des Krankseins 
erst vollig erklarlich, wenn man die Zusammenhange durchschauen 
kann, wenn man sieht, wie der Mensch, der gegenwartig an dem oder 
jenem physisch leidet, dieses physische Leiden dadurch hat, daB er ein 
Seelisches in einem vorigen Erdenleben entwickelt hat, das sich in ein 
Physisches in diesem Erdenleben verwandelt Physische Leiden in 
einem Erdenleben sind so oder anders geartete Erlebnisse eines vorigen 
Erdenlebens. Menschen, die, wie man sagt, pumperlgesund sind, die 
nicht krank werden konnen, die immer die beste Gesundheit haben, 
die fiihren in der Regel den Blick aus diesem Erdendasein zuriick in 
friihere Erdendasein, in denen sie das tiefste Interesse gehabt haben 
fiir alles dasjenige, was ihre Umgebung ist, alles angeschaut, alles er- 
kannt haben. 



Natiirlich diirfen Dinge, die sich auf das geistige Leben beziehen, 
niemals gepreBt werden. Sehen Sie, es kann natiirlich auch eine kar- 
mische Stromung anfangen. Ich kann mit Verstandnislosigkeit in die- 
sem Leben beginnen: dann wird die Zukunft auf diese Verstandnis- 
losigkeit zuriickweisen. Man darf nicht bloB von der Gegenwart in 
die Vergangenheit weisen. Daher kann man auch nur sagen: in der 
Regel, oder wenn eben karmische Veranlagung stattfindet, ist es so, 
daB gewisse Krankheiten zusammenhangen mit einer gewissen Seelen- 
artung. 

Uberhaupt: Seelisches aus einem Erdenleben verwandelt sich in 
Korperliches im anderen Erdenleben ; Korperliches aus einem Erden- 
leben verwandelt sich in Seelisches in einem anderen Erdenleben. In 
dieser Beziehung ist es wirklich so, daB derjenige, der auf karmische 
Zusammenhange sehen will, manchmal den Blick auf Kleinigkeiten 
lenken muB. Es ist ungeheuer wichtig, den Blick nicht auf die Dinge 
zu lenken, welche wir sonst im Leben fur besonders wichtig halten. 
Wenn man erkennen will, wie ein Erdenleben auf ein friiheres Erden- 
leben zuruckfiihrt, muB man den Blick zuweilen auf Kleinigkeiten 
lenken. Ich versuchte zum Beispiel karmische Zusammenhange - iiber 
solche Dinge werde ich noch in den nachsten Tagen zu sprechen 
haben - fur verschiedene Personlichkeiten des geschichtlichen und 
geistigen Lebens zu suchen, in ernster Weise natiirlich, nicht so, wie 
haung gesucht wird, und ich fand eine Personlichkeit, welche ein so 
merkwiirdiges inneres radikales Leben entwickelte, daB sie zuletzt 
dazu kam, besondere Wortbildungen sogar zu machen. Diese Person- 
lichkeit hat viele Biicher geschrieben, darin hat sie die merkwurdigsten 
Wortbildungen geschaffen. Zum Beispiel schimpfte sie viel, kritisierte 
viei die Zustande, die Menschen, ihre Gemeinschaften. So kritisierte 
der BetrefFende auch die Art, wie manche Gelehrte im Neid gegen an- 
dere sich benehmen. Da stellt er Tatsachen nach dieser Richtung zu- 
sammen, in denen er das Schleicherische gewisser Gelehrtennaturen 
gegeniiber den anderen Mitmenschen charakterisieren wollte, und das 
betreffende Kapitel uberschrieb er : « Schlichologisches in der wissen- 
schaftlichen Welt. » Es ist charakteristisch, wenn ein Mensch den Aus- 
druck « Schlichologisches » bildet, man fiihlt etwas bei diesem Schli- 



chologischen. Und sehen Sie, gerade das scharfe seelische Ins-Auge- 
fassen solcher Wortbildungen fiihrt dazu, zu erkennen, wie diese Per- 
sonlichkeit in einem vorigen Erdenleben ein Mensch war, der viel zu 
tun hatte mit allerlei kriegerischen Unternehmungen, wo man vieles 
auf schleichenden Wegen durchzufuhren hatte. Karmisch vet wandelte 
sich das in die Fahigkeit, so Bilder zu machen vom Schleichen, von 
Kampfen, Bekriegen in allerlei Unternehmungen, indem er in solchen 
Wortbildungen fur die Dinge, die er jetzt erschaute, aus dem Kopf 
heraus das bezeichnen konnte, was er friiher mit den FiiBen, mit den 
Handen tat. So konnte ich bei dieser Personlichkeit vieles anfuhren, 
was sich in gewisser Weise aus dem Physischen verwandelte in ein 
S eelis ch-Geistiges . 
Nun werden wir diese Betrachtungen morgen fortsetzen. 



DRITTER VORTRAG 
Prag, 31.Marz 1924 



Ich habe gestern auf einiges hingewiesen, was mit dem fortlaufend 
durch die menschlichen Erdenleben hindurchgehenden Karma, der 
Bildung des menschlichen Schicksals, zusammenhangt. Nun mochte 
ich heute eine Vorstellung erwecken, wie die Schicksalsbildung sich 
eigentlich vollzieht. Wir miissen uns klar dariiber sein, daB der Mensch, 
wenn er durch die Pforte des Todes tritt, in eine geistige Welt kommt, 
in eine geistige Welt, die nicht etwa an Ereignissen, an Wesenheiten 
armer ist als unsere physische, sondern unendlich viel reicher. Und so 
verstandlich es auch sein kann, daB man immer nur das eine oder das 
andere schildern kann aus dem weiten Umkreis dieser geistigen Welt, 
so wird doch andererseits wiederum auch aus den verschiedenen Schil- 
derungen, die gegeben werden, ersichtlich sein, wie unendlich reich, 
mannigfaltig das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt 
von dem Menschen verbracht wird. Hier im Erdengebiet, in dem wir 
das Leben zwischen Geburt und Tod zubringen, sind wir ja umgeben 
von dem, was wir als die verschiedenen Reiche der Natur ansehen: 
von dem mineralischen, dem pflanzlichen, dem Tierreich, dem phy- 
sischen Menschenreich. Diese Reiche, auBer dem Menschenreich, 
sehen wir - und zwar mit Recht - so an, daB sie Wesenheiten in sich 
schlieBen, welche der Rangordnung nach unter dem Menschen stehen, 
so daB sich der Mensch wahrend seines Erdendaseins als gewisser- 
maBen das hochste Wesen innerhalb dieser Wesensreiche fuhlen kann. 
In dem Reich, das der Mensch durch die Pforte des Todes hindurch- 
gehend betritt, ist das genaue Gegenteil der Fall. Der Mensch emp- 
findet sich dort als dasjenige Wesen, das sich als unterstes in der Rang- 
ordnung anschlieBt an Wesenheiten, die ihm, dem Menschen, iiber- 
geordnet sind. Sie wissen ja, ich habe als Bezeichnung fur diese Wesen- 
heiten in der anthroposophischen Literatur die Namen der iiber dem 
Menschen stehenden Hierarchien aufgenommen und habe unter- 
schieden, nach einer Terminologie, die nun schon einmal aus alteren 



Zeiten da ist, zunachst diejenige Hierarchie, welche unmittelbar iiber 
dem Menschen steht, die sich also an den Menschen nach oben so an- 
schlieBt, wie sich nach unten im Erdenbereich die Tierheit an ihn an- 
schlieBt. Das ist die Hierarchie, welcher Angeloi, Archangeloi, Archai 
angehoren. Dann kommt nach dieser Hierarchie, weiter nach oben 
gehend, die Hierarchie, welche die Exusiai, Dynamis, Kyriotetes um- 
schlieBt. Dann die hochste Hierarchie, die oberste, die Throne, Che- 
rubim, Seraphim. Wir haben neun Rangordnungen, dreimal drei Rang- 
ordnungen iiber dem Menschen. Je drei zusammen konnen wir paral- 
lelisieren, wenn wir von unten nach oben gehen, mit dem, was wir 
haben, wenn wir nach unten gehen, als Tiere in drei Stufen, Pftan- 
zen in drei Stufen nach unten, Mineralien in drei Stufen nach unten. 
Damit aber haben wir erst die vollstandige Welt desjenigen gegeben, 
dem der Mensch angehort. 

Man konnte das Menschendasein auch so schildern, daB man sagt : 
Der Mensch tritt mit der physischen Geburt, der physischen Emp- 
fangnis aus einem rein geistigen Dasein in den Bereich der Natur- 
ordnungen des Tierischen, Pflanzlichen, Mineralischen; und der 
Mensch tritt, indem er durch die Pforte des Todes hindurchgeht, in 
das Reich der iiber ihm stehenden Wesenheiten. Das eine Mai lebt der 
Mensch in einem physischen Leib, der ihn verbindet mit den Reichen 
der Natur; das andere Mai, zwischen Tod und einer neuen Geburt, 
lebt der Mensch - wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf - in 
einem Geistleibe, der ihn aber ebenso verbindet mit den Wesenheiten 
der hoheren Hierarchies Hier im Erdenbereich wenden wir uns zu- 
nachst an dasjenige, was im Umkreis um uns ist; wir fiihlen das ge- 
wissermaBen auf gleichem Niveau mit uns stehend und blicken von 
dem Erdenbereich aus zum - wie es nun in den verschiedensten An- 
schauungen genannt wird - Himmelsgebiet, zum Geistgebiet auf. Der 
Erdenmensch blickt aufwarts mit seinen Ahnungen, mit seinem reli- 
giosen Frommsein, mit demjenigen, was fur sein Erdendasein das 
Allererstrebenswerteste ist. Und wenn er sich eine Vorstellung machen 
will von dem, was da oben im geistigen Reich ist, da bildet er sich ja 
wohl Gestaltungen aus, die von dem Irdischen entlehnt sind, er stellt 
in irdischer Weise dasjenige vor, was oben ist. Wenn der Mensch dann 



im Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt lebt, ist es umgekehrt. 
Der Mensch weist nach unten, wenn er dasjenige bezeichnen will, 
worauf sein Blick gerichtet ist. Sie werden vielleicht sag'en, meine 
lieben Freunde : Ja, dann weist aber der Mensch gerade auf das weniger 
Wertvolle. Das ist aber nicht so. Sondern von oben angesehen ist das- 
jenige, was hier im Erdenbereich ist, ja ganz anders, als es hier im 
Erdenbereich ist. Und gerade bei der Karma-Betrachtung kann es uns 
so recht verstandlich werden, wie anders dasjenige, was auf der Erde 
vorgeht, von oben angesehen, ist, als es sich hier im Erdenbereich 
selbst fur den Menschen ausnimmt. 

Wenn wir durch die Pforte des Todes zunachst die geistige Welt 
betreten, kommen wir ja zuerst in den Bereich der untersten Hier- 
archic, der Angeloi, Archangeloi, Archai. Wir fuhlen uns gewisser- 
maBen angeschlossen an dasjenige, was als nachste Hierarchie iiber uns 
steht, und wir merken: Geradeso wie im Erdenbereich dasjenige, was 
um uns ist, fur die Sinne seine Bedeutung hat, so hat das, was im gei- 
stigen Bereich ist, fur das Innerste der Seele seine Bedeutung. Wir 
sprechen von Mineralien, von Pflanzen, von Tieren, insoferne wir sie 
mit Augen sehen, mit Handen greifen konnen, insoferne sie iiberhaupt 
fur uns sinnlich wahrnehmbar sind; und wir sprechen zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt von Angeloi, Archangeloi, Archai, in- 
soferne diese Wesenheiten mit demjenigen, was das innerste Wesen der 
Seele ist, Zusammenhang haben. Und wir lernen allmahlich, indem 
wir weiterschreiten in dem langen Leben, das wir zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt verbringen, uns einfugen in dasjenige, was die 
Wesenheiten der nachsthoheren Hierarchie sind, die mit uns und mit- 
einander zu tun haben. Diese verbinden uns gewissermaBen mit der 
geistigen AuBenwelt. Wir sind auch zunachst im Leben zwischen Tod 
und einer neuen Geburt recht stark mit uns selbst beschaftigt, denn 
mit unserem Inneren hat die dritte, die unterste Hierarchie zu tun. 
Dann aber wird nach einiger Zeit unser Blick erweitert, wir lernen die 
geistige Welt auBer uns, die objektive geistige Welt kennen. Da sind 
unsere Fuhrer die Wesenheiten der Exusiai, Kyriotetes, Dynamis. Sie 
bringen uns zusammen mit demjenigen, was die geistige AuBenwelt 
ist. Und ich mochte sagen, so wie wir hier auf der Erde sprechen von 



dem, was uns umgibt: Berge, Flusse, Walder, Wiesen und so weiter, 
so sprechen wir dort von dem, an das uns die Wesen der zweiten Hier- 
archie heranbringen. Das ist dort unsere Umgebung. Aber diese Um- 
gebung ist nicht in demselben Sinne gegenstandlich wie die Erde, son- 
dern diese Umgebung ist wesenhaft, alles lebt, und lebt auf geistige 
Art. Wir lernen gewissermaBen zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt nicht nut Wesenheiten, Dinge kennen, sondern wir lernen 
Wesenheiten und ihre Taten, die sie untereinander tun, kennen, fuhlen 
uns selber eingesponnen und hingegeben an diese Taten. 

Dann aber kommt eine Zeit, in der wir fuhlen, wie die Wesenheiten 
der dritten Hierarchie, Angeloi, Archangeloi und Archai, und die We- 
senheiten der zweiten Hierarchie, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, mit 
uns zusammen an demjenigen arbeiten, was aus uns im nachsten Erden- 
leben werden soil. Und da eroffnet sich uns in diesem Leben zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt eine erschiitternde, gewaltige Per- 
spektive. Da schauen wir an das Treiben der dritten Hierarchie, An- 
geloi, Archangeloi, Archai, schauen, wie sie sich zueinander verhalten. 
Bilder bekommen wir von demjenigen, was unter den Wesen dieser 
dritten Hierarchie vorhanden ist; aber diese Bilder erscheinen uns alle 
so, daB sie einen Bezug zu uns haben. Und uns geht auf, wenn wir an- 
schauen dasjenige, was da als Bilder der Taten der dritten Hierarchie 
erscheint, daB es das Gegenbild ist von dem, was wir als Gesinnung, 
als innere Gemiitsverfassung in dem letzten Erdenleben gehabt haben. 
Wir sagen uns jetzt nicht mit abstrakten Gewissensvorstellungen : Du 
bist ein Mensch gewesen, der unrecht gehandelt hat an diesen oder 
jenen Menschen, der unrecht gedacht hat, nein, sondern wir sehen an 
dem, was Angeloi, Archangeloi, Archai tun, wie sie in machtigen Bil- 
dern vor unserem Blicke erscheinen, was aus dem wird, das wir in uns 
als Gemutsstimmung, als Seeleninhalt, als Denkweise im letzten Erden- 
leben getragen haben; da sehen wir, wie es Bild wird in dem, was die 
Wesenheiten der dritten Hierarchie tun. Ausgebreitet in der weiten 
Welt ist dasjenige in der geistigen Sphare, was wir an Gesinnungen 
gegeniiber anderen Menschen, gegeniiber anderem Irdischen ent- 
wickelt haben. Und wir werden dasjenige gewahr, was wir denken, 
fuhlen, empfinden. Hier auf der Erde erscheint es in der Maja, als ob 



es eingeschlossen ware in unserer Haut ; im Leben zwischen Tod und 
einer neuen Gebutt ist es anders. In dem Leben zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt erscheint es so, daB wir nun wissen: Das- 
jenige, was wir in unserem Inneren an Gedanken, Empfindungen, Ge- 
sinnungen-entwickeln, das gehort der ganzen Welt an, das wirkt in die 
ganze Welt hinein. 

Dem Orient nachgesprochen reden gar viele Menschen von der 
Maja, von der Illusion der auBeren Welt, die uns umgibt; aber es 
bleibt ein abstrakter Gedanke. Wenn man Betrachtungen anstellt wie 
jene, die durch unsere Seelen baben Ziehen konnen, dann wird man 
gewahr, wie ernst es ist mit dem Worte : Diese Welt, die uns umgibt, 
ist Maja, ist die groBe Illusion, - und wie illusorisch die Anschauung 
ist von dem, was in unserer Seele vorgeht. Wir glauben, damit allein 
sein zu konnen. Die Wahrheit erscheint uns erst, wenn wir das Leben 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchleben. Da sehen wir 
das, was scheinbar in uns ist, den Inhalt einer weit ausgebreiteten, 
machtigen, geistigen Welt bilden. Dann leben wir weiter und merken, 
wie die Wesen der zweiten Hierarchie, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, 
zusammenhangen mit demjenigen, was wir uns hier auf der Erde an- 
geeignet haben durch FleiB, Betriebsamkeit, durch Interesse, das wir 
gehabt haben fur die Dinge und Vorgange der Erde. Denn unseren 
FleiB, unser Interesse im letzten Erdenleben bilden zunachst in mach- 
tigen Bildern diese Wesenheiten: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, sie 
gestalten die Bilder von unseren Begabungen, von unseren Fahig- 
keken in unserem nachsten Erdenleben. Wir schauen, was wir an Be- 
gabungen, Fahigkeiten im nachsten Erdenleben haben werden, an den 
Bildern, welche entrollen die Wesenheiten der zweiten Hierarchie. 

Und dann geht das Leben weiter. Wenn es schon in die Nahe der 
Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt kommt, dann tritt 
etwas Besonderes ein. So wie wir auf der Erde hier stehen - besonders 
in jenen Augenblicken, wo wir aufblicken ins Weltenall, wenn die 
funkelnden Sterne uns entgegenleuchten -, da empfinden wir oben die 
Erhabenheit des himmlischen Weltenbereiches ; etwas viel GroBarti- 
geres empfinden wir nach unten schauend, wenn wir im Geisterreich 
sind. Denn da sehen wir, wie in merkwurdiger Weise die Wesenheiten 



der ersten Hierarchie : Seraphim, Cherubim, Throne in gegenseitiger 
Beziehung Taten verrichten. Machtige Bilder geistigen Geschehens 
zeigen sich uns jetzt, wenn wir den Himmel, der nach unten liegt - 
denn das ist dann unser Himmel - betrachten. Wie wir jetzt im phy- 
sischen Erdenleben die Schrift der Sterne nach oben blickend be- 
trachten, so sehen wir, wenn wir dann nach unten blicken, die Taten 
der Seraphim, Cherubim, Throne. Und dasjenige, was zwischen ihnen 
vorgeht, was sich in erhabenen und groBartigen Bildern enthiillt, von 
dem fuhlen wir in diesem geistigen Dasein, wie es etwas zu tun hat 
mit dem, wie wir selber sind und sein werden. Denn jetzt fuhlen wir: 
Dasjenige, was da geschieht unter den Seraphim, Cherubim, Thronen, 
das zeigt uns, welche Folgen unsere Taten aus dem vorigen Erden- 
leben im nachsten Erdenleben haben werden. Wir schauen, wie wir 
uns zu dem einen Menschen so, zu dem anderen Menschen anders im 
Erdenleben verhalten haben, wie wir Mitgefuhl oder Mitleidslosigkeit 
entwickelt haben, gute oder bose Taten verrichtet haben. Die Ge- 
sinnung hat mit der dritten Hierarchie zu tun, die Taten aber mit der 
ersten Hierarchie, Seraphim, Cherubim, Thronen. Dann tritt erschiit- 
ternd vor unserer Seele wie in einem jetzt kosmisch in uns wirkenden 
Gedachtnis dasjenige auf, was wir im letzten Erdenleben getan haben 
zwischen Geburt und Tod. Dann blicken wir hinunter, die Taten der 
Geistigkeit erblickend. Seraphim, Cherubim, Throne, was tun sie? Sie 
zeigen uns im Bilde dasjenige, was wir mit den Menschen, mit denen 
wir im vorigen Erdenleben zusammengelebt haben, als eine Folge des 
neuen Zusammenseins werden erleben mussen zum Ausgleich dessen, 
was im vorigen Erdenleben zwischen uns erfolgt ist. Und wir be- 
greifen an der Art, wie Seraphim, Cherubim, Throne miteinander zu- 
sammenwirken, daB das groBe Problem da gelost wird. Wenn ich mit 
einem Menschen in einem Erdenleben zu tun habe, so bereite ich mir 
den ganzen Ausgleich selber vor; und nur daB er, der Ausgleich, ein- 
trete, daB er Wirklichkeit werde, das arbeiten Seraphim, Cherubim, 
Throne dann aus. Und sie bringen es in Einklang damit, daB auch der 
andere, mit dem ich wieder etwas zu tun haben werde, in der gleichen 
Weise zu mir gefuhrt wird, wie ich zu ihm. Was in erhabener Weise in 
den Bildern der Taten der hoheren Hierarchien erlebt wird, das ist ja 



dasjenige, was dann verzeichnet wird von den Mondenwesen, und von 
den Mondenwesen dann eingetragen wird beim Herabsteigen in un- 
seren astralischen Leib. Mit uns zusammen, die wir zwischen Tod und 
einer neuen Geburt sind, schauen diese Mondenwesen dasjenige, was 
geschieht, damit der Ausgleich mit dem vorigen Erdenleben stattfinde 
in einem nachsten Erdenleben. 

Sie ahnen aus diesem, meine lieben Freunde, was ich Ihnen in sol- 
dier Weise sagen kann, wie groBartig und gewaltig gegenuber der 
sinnlichen Welt das ist, was sich da enthullt. Aber Sie sehen auch, wie 
wirklich dasjenige, was uns in der sinnlichen Welt entgegentritt, viel, 
viel mehr verhullt, als es offenbart. 

Dann geht eben der Mensch dem weiteren Leben entgegen, wenn 
er durch die Region der Seraphim, Cherubim, Throne durchgegangen 
ist, und geht dann weiteren Regionen entgegen. Immer mehr und 
mehr tritt in ihm die Sehnsucht nach einer neuen Verkorperung auf, 
in der er den Ausgleich finden kann fur dasjenige, was er im vorigen 
Erdenleben durchgemacht hat. 

Anthroposophie, meine lieben Freunde, ist nicht das Rechte, wenn 
sie bloB eine Summe von Ideen und Begriffen ist, wenn man bloB in 
einer abstrakten Weise davon redet, daB es ein Karma gibt, daB so und 
so von einem Erdenleben zum anderen hiniiber gewirkt wird, sondern 
Anthroposophie wird eigentlich im Grunde genommen erst das 
Rechte, wenn sie nicht bloB zu unserem Kopf spricht, sondern in un- 
serem Herzen eine Empfindung, eine Wahrnehmung davon erweckt, 
welche Eindriicke wir in der ubersinnlichen Welt durch die Wesen- 
heiten dieser ubersinnlichen Welt empfangen konnen. Denn es scheint 
mir, daB kein Mensch, der einen offenen, empfanglichen Sinn hat, Mit- 
teilungen empfangen kann iiber die iibersinnliche Welt, wie ich sie 
jetzt geschildert habe, ohne daB die ganze Skala der Empfindungen 
in dieser Seele erregt wird, Und eigentlich sollte es ja so sein, daB wir 
uns sagen : Ja, hier auf der Erde machen wir manches durch, von dem 
tiefsten Schmerz bis zur hochsten Lust, zum freudigsten Gliick, die 
ganze Skala des menschlichen Empfindens; aber dasjenige, was wir 
erfahren konnen von der geistigen Welt, sollte eigentlich auf uns m- 
tensiver wirken als der tiefste Schmerz, die hochste Lust auf uns wir- 



ken kann. Und wir stellen uns nur dann in der richtigen Weise zur 
geistigen Welt, wenn wir sagen: Es bleibt allerdings schattenhaft 
gegeniiber dem groBen Schmerz oder der groBen Freude, die wir auf 
der Erde empfinden, was wir gegeniiber den Tatsachen und Wesen- 
heiten der geistigen Welt empfinden. Nicht bleibt es schattenhaft fur 
den Eingeweihten, aber es bleibt schattenhaft fur den, der nur die 
Kunde von der Einweihungswissenschaft bekommt. Doch man sollte 
sich dann auch sagen: Eine Ahnung bekomme ich dennoch, wie tief 
und intensiv das, was da mitgeteilt wird von der geistigen Welt, eigent- 
lich auf die Seele wirken miiBte, wenn sie nur stark und kraftig genug 
dazu ware. Der Mensch sollte es eigentlich nur seiner irdischen 
Schwache zuschreiben, daB er nicht vom hochsten Enthusiasmus bis 
zum tiefsten Schmerz alle Intervalle des Empfindens durchmachen 
kann, wenn er hort von demjenigen, wie die geistige Welt und ihre 
Wesenheiten sind. Wenn der Mensch die Tatsache, daB er das eben 
nicht in der richtigen Weise empfinden kann, seiner Schwachheit zu- 
schreibt, dann ist auch schon etwas von der rechten Art, sich zur gei- 
stigen Welt zu stellen, von der Seele erreicht. Denn, sehen Sie, was hat 
denn schlieBlich alles geistige Erkennen fur einen Wert, wenn es nicht 
eingehen kann auf die konkreten Tatsachen, wenn es nicht hinweisen 
kann darauf, was denn eigentlich geschieht innerhalb der geistigen 
Welt! Hier auf der Erde verlangen wir ja auch nicht, daB die Menschen 
von einer Wiese so sprechen, wie die Pantheisten oder Monisten oder 
abstrakten Philosophlinge iiber die Gottheit sprechen, sondern man 
verlangt, daB man die Wiese in ihren Einzelheiten beschreibt. So ist es 
ja auch gegeniiber der geistigen Welt. Auch da muB man einen Sinn 
dafiir haben, die konkreten Einzelheiten anzugeben. Das ist dem 
Menschen heute noch ungewohnt. Wenn man im allgemeinen von 
Geistigkeit redet, daB es eine geistige Welt gibt und so weiter, so 
nehmen das viele, die nicht starre Materialisten sind, hin. Aber wenn 
man diese geistige Welt im einzelnen beschreibt, da werden die Men- 
schen oft wiitend, weil sie nicht gelten lassen wollen, daB man konkret 
im einzelnen iiber die Wesenheiten und Geschehnisse der geistigen 
Welt sprechen kann. Es muB aber immer mehr und mehr, wenn nicht 
die menschliche Zivilisation in das Chaos verfallen soli, es muB immer 



mehr real von der geistigen Welt gesprochen werden. Denn auch die 
Erdenereignisse bleiben dunkel, wenn man dasjenige, was sie ver- 
hiillen, nicht kennenlernt. 

Und in dieser Beziehung, meine lieben Freunde, ist ja wirklich schon 
im Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft etwas gelegen, was 
einen manchmal tragisch beriihrt ! Aber wenn das notige Verstandnis 
fiir diese Dinge sich verbreitet, wenigstens innerhalb des Kreises der 
Anthroposophischen Gesellschaft, so kann man ja hofFen, daB aus der 
Tragik sich dasjenige entwickelt, was sein muB, daB von der Anthro- 
posophischen Gesellschaft wirklich ausgeht eine Befruchtung der ja 
deutlich in das Chaos des Materialismus hingehenden auBeren Zivili- 
sation der Menschheit. Aber dann muB etwas verstanden werden, was 
in ihr eben anfangs nicht verstanden worden ist, aber jetzt leichter ver- 
standen werden kann, da ja zwei, mehr als zwei Jahrzehnte anthropo- 
sophischer Arbeit seit der Begrundung der anthroposophischen Rich- 
tung verflossen sind. 

Sie wissen ja, die anthroposophische Bewegung war im Beginne im 
SchoBe der theosophischen Bewegung. Und als wir in Berlin diejenige 
theosophische Sektion begrundeten, aus der dann die Anthroposo- 
phische Gesellschaft heraus sich entwickelt hat, da war unsere erste 
Versammlung so, daB ich in der Tat damals, ich mochte sagen, eine 
Art Ton angeben wollte fiir dasjenige, was eigentlich geschehen sollte. 
Und ich darf jetzt, wo wir durch die Dornacher Weihnachtstagung am 
Goetheanum den Versuch gemacht haben, die Anthroposophische 
Gesellschaft zu reorganisieren, ich darf auf eine Tatsache, die vielleicht 
recht wenig beachtet worden ist, hinweisen. Hier kann sie ja nicht 
beobachtet worden seiri, weil von unseren bohmischen Freunden nie- 
mand anwesend war, soviel mir bekannt ist. Ich habe dazumal einen 
ersten Vortrag von der Art, wie sie spater den Zweigvortragen ent- 
sprachen, gehalten; der trug einen sonderbaren Titel, einen Titel, den 
man damals als ein groBes Wagnis bezeichnen konnte, er trug den 
Titel: «Praktische Karmaiibungen. » Und ich hatte eigentlich vor, 
ganz unbefangen iiber die Wirkungsweise des Karma zu sprechen. 

Nun waren auf der Versammlung zunachst die Koryphaen der vor- 
angegangenen theosophischen Bewegung, die mein Dasein dazumal 



als das eines Eindringlings empfunden haben und die von vorneherein 
iiberzeugt waren, daB ich eigentlich keine Berechtigung habe, iiber 
etwas Inneres, Geistiges zu sprechen. Und so hat es sich gegeben, daB 
in der damaligen Zeit diese Koryphaen der vergangenen theosophi- 
schen Bewegung immer wieder betont haben: Wissenschaft muB sein, 
der Wissenschaft der Gegenwart muB Rechnung getragen werden; 
die Sache ist nun auf gutem Wege, aber nur die ersten Schritte sind 
gemacht. Wenn man von diesen ersten Schritten weitergeht, kommt 
man erst zu dem, was sein soil. - Das ist schon, aber dabei kam nichts 
Besonderes heraus. Und so ist dann dasjenige, was dazumal beabsich- 
tigt war, zu einer ziemlich theoretischen Sache geworden. Die «Prak- 
tischen Karmaiibungen » waren angekiindigt, aber kein Mensch hatte 
dazumal etwas von dem verstanden, am wenigsten die Koryphaen der 
Theosophischen Gesellschaft. Und so blieb dann das eine Aufgabe, 
die gewissermaBen unter der Oberflache der anthroposophischen Stro- 
mung gepflegt werden muBte, die zunachst mit der geistigen Welt ab- 
gemacht werden muBte. Aber heute - und wie oftmals wahrend der 
Entwickelung der anthroposophischen Bewegung - muB ich gedenken 
jenes Titels, den eigentlich der allererste anthroposophische Zweig- 
vortrag haben sollte: «Praktische Karmaiibungen. » Ich kann mich 
auch erinnern, wie erschrocken die Koryphaen damals gewesen sind, 
daB so ein verwegener Titel dazumal erschien. 

Nun, sehen Sie, seither sind mehr als zwei Jahrzehnte hinunter- 
gegangen, die Zeit lauft, es ist manches vorbereitet worden ; aber diese 
Vorbereitung muB auch eine Wirkung haben. Und daher muB es heute 
moglich sein, daB eine solche Wirkung eintritt, daB in gewisser Be- 
ziehung die «Praktischen Karmaiibungen » auftreten konnen, mit de- 
nen man - etwas kiihn zu Werke gehend - dazumal beginnen wollte. 
Und sehen Sie, das wollte ja gerade unsere Weihnachtstagung : das 
wirklich kraftvolle Esoterische in die ganze anthroposophische Be- 
wegung hineinbringen. Und damit muB Ernst gemacht werden. Denn 
mit dem bloB Formalistischen wird unsere anthroposophische Be- 
wegung doch nicht reorganisierend auf unsere Zivilisation wirken. 
Deshalb soli in der Zukunft nicht davor zuruckgeschreckt werden, in 
aller Offenheit iiber die Verhaltnisse der geistigen Welt zu reden. 



Nun mochte ich heute mit einigem beginnen, was als Geistiges zu- 
grunde liegt dem Erdengeschehen, der Erdenmenschheit. Sehen Sie, 
wir haben in der ganzen Erdenentwickelung stehend dasjenige, was 
sich vollzog als das Mysterium von Golgatha. Ich habe ja oftmals dar- 
auf aufmer ksam gemacht, wie durch das Mysterium von Golgatha die 
Erdenentwickelung eigentlich erst ihren Sinn bekommen hat, wie alles 
dasjenige, was dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist, ge- 
rade einer tieferen Betrachtung wie eine Vorbereitung zum Mysterium 
von Golgatha erscheint. Und wenn auch seit dem Mysterium von 
Golgatha durch die Schwache der Menschen und von der geistigen 
Seite her durch die ahrimanischen und luziferischen Machte die Hin- 
dernisse zunachst noch auffalliger sind als der Fortschritt der Mensch- 
heit, so ist seit dem Mysterium von Golgatha dennoch von der phy- 
sischen und geistigen Welt ausgehend alles geschehen, um den Men- 
schen weiterzubringen in der gesamten Weltenentwickelung. Das- 
jenige, was das Christentum der Menschheit gebracht hat, wird, wenn 
die Menschheit sich wiirdig erweist, es in seiner geistigen Vertiefung 
aufzunehmen, sich erst in der Zukunft erweisen. Aber der Impuls - 
auch zu alledem, was Anthroposophie bewirken kann - liegt im Myste- 
rium von Golgatha. 

Nun wissen wir, wie dieses Mysterium von Golgatha seine Wirkung 
zunachst geauBert hat uber den Siiden von Europa himiber nach Mit- 
teleuropa hinein. Doch ist das nicht dasjenige, was ich heute betrachten 
mochte. Ich mochte, daB Sie einen Blick werfen auf die Art, wie das 
Christentum iiber Nordafrika sich hereinverbreitet hat nach der euro- 
paischen Welt. Nun aber wissen Sie, daB ja mehr als ein halbes Jahr- 
tausend nach der Begriindung des Christentums durch das Mysterium 
von Golgatha sich eine andere religiose Stromung von Asien heriiber 
verbreitete : die mohammedanische. Diese mohammedanische Geistes- 
art, die an den Namen des Mohammed ankniipft, sie erweist sich 
gegeniiber dem Christentum als etwas, was mehr in Abstraktionen 
lebt als das Christentum. Das Christentum enthalt, mochte ich sagen, 
viel mehr von unmittelbarer Schilderung der geistigen Welt als der 
Mohammedanismus. Aber der Mohammedanismus, er hat das Schick- 
sal gehabt, vieles von alter Wissenschaft, alter Kultur in sich aufzu- 



nehmen. Und so sehen wir derm, wie gewissermaBen dem Christen- 
tum nachfolgend von Asien heriiber sich spater der Mohammedanis- 
mus ausbreitet. Es ist interessant, diese eigentumliche Ausbreitung zu 
verfolgen. Wir sehen, wie etwas weker nach Norden die Stromung des 
Christentums geht, die dann nach Mitteleuropa kommt, und wie der 
Mohammedanismus gewissermaBen umklammert diese christliche 
Stromung iiber Nordafrika, Spanien bis Frankreich hinein; so um- 
gabelt er dieses Christentum. 

Nun kann man leicht einsehen, daB die europaische Kultur eine 
ganz andere geworden ware, wenn das Christentum allein gewirkt 
hatte. In auBerer politischer Beziehung, da hat allerdings die euro- 
paische Kultur den Mohammedanismus - vielleicht besser gesagt den 
Arabismus - zuruckgeschlagen. Allein wer das geistige Leben Europas 
ansieht, der kann zum Beispiel wissen, daB wir unsere gegenwartige 
Weltanschauung - von der einen Seite den materialistischen Geist, von 
der anderen Seite die Wissenschaft mit dieser Scharfe des Denkens, 
mit einer arabeskenhaft entwickelten Logik, mit alledem, was eben 
diese Wissenschaft ist - nicht hatten, wenn nicht, trotzdem der Arabis- 
mus zuruckgeschlagen worden ist, derselbe weiter gewirkt hatte. Und 
von jenem Spanien aus, ja noch von Frankreich, von dem Siiditalien 
vorgelegenen Sizilien, von Afrika aus sind machtige Einfliisse ge- 
kommen, welche die Denkformen Europas beeinfluBt haben, die alles 
anders gestaltet haben, als es sonst geworden ware, wenn bloB das 
Christentum gewirkt hatte. In unserer Wissenschaft ist mehr Arabis- 
mus als Christentum! 

Nun hat spater noch ein anderer Weg sich eroffnet: derjenige der 
Kreuzziige, wo die Europaer direkt die allerdings schon in Dekadenz 
begriffene morgenlandische Kultur kennengelernt haben. Vieles ge- 
rade von den Geheimnissen der morgenlandischen Kultur hat er ihnen 
gebracht, so daB gerade in der abendlandischen Zivilisation iiber der 
Schicht des Christentums dasjenige liegt, was vom Orientalismus durch 
den Arabismus durchgegangen ist. Aber sehen Sie, das alles wird 
eigentlich nicht verstandlich, wenn man es nur von auBen anschaut. 
Das alles muB von innen angeschaut werden. Von innen angeschaut 
nimmt es sich so aus, daB ja allerdings durch Kriege, durch gewonnene 



Schlachten der Arabismus zuriickgedrangt worden ist, daB die Araber, 
die Trager des Mohammedanismus, die Mauren und so weiter zuriick- 
gedrangt worden sind. Aber die Seelen dieser Leute verkorperten sich 
ja wieder, kamen wieder und wirkten weiter. Und man hat gar nichts 
davon, wenn man in abstrakter Weise schildert, wie der Arabismus 
von Spanien nach Europa gekommen ist ; man hat erst etwas an Ein- 
sicht, wenn man die inneren konkreten Tatsachen kennt. 

Nehmen wir eine solche Tatsache. Da lebte in der Zeit, wo in der 
europaischen Geschichte von Karl dem GroBen die Rede ist, in Asien, 
in Bagdad in einem wunderbaren Glanz, in groBartiger orientalischer 
Bildung Harun al Raschid vom achten ins neunte Jahrhundert heriiber, 
wie ja auch Karl der GroBe. An Harun al Raschids Hofe war alles, was 
dazumal an vorderasiatischer, uberhaupt an asiatischer Bildung vor- 
handen war, zwar getaucht in Mohammedanismus, aber es war alles, 
was an Bildung gegeben war, vorhanden: Mathematik, Philosophic, 
Architektur, Handel, Industrie, Geographie, Medizin, Astronomie, 
alles wurde von den erleuchtetsten Geistern Asiens am Hofe des Harun 
al Raschid betrieben. Heute haben die Menschen wenig BegrirTe davon, 
wie gewaltig und groBartig das war, was am Hofe Harun al Raschids 
getrieben worden ist. Da ist zunachst Harun al Raschid selber: nicht 
ein unverstandiger Herrscher, der nur heranzog die groBartigsten 
Weisen Vorderasiens, um zu glanzen, sondern eine Personlichkeit, zwar 
in religioser Beziehung ganz hingegeben dem Mohammedanismus, 
aber orTen und frei fur alles dasjenige, was orientalische Zivilisation 
brachte und hatte. Wahrend Karl der GroBe notdutftig schreiben und 
lesen gelernt hat, war ein viel groBerer Glanz am Hofe von Bagdad, 
ja es war gar nicht zu vergleichen mit Karl dem GroBen, was eben 
dort von Harun al Raschid geleistet worden ist. 

Es war auch die Zeit, in welcher ein groBer Teil der damaligen 
vorderasiatischen Welt schon dem Mohammedanismus erobert war, 
ein groBer Teil von Afrika, und uberallhin wurde getragen dasjenige, 
was in so glanzvoller Weise am Hofe Harun al Raschids gewirkt hatte. 
Aber unter denjenigen, welche Trager von Geographie, Naturfor- 
schung, Medizin am Hofe von Harun al Raschid waren, befand sich 
so mancher, der in einer noch fruheren Inkarnation Angehoriger einer 



alten Mysterienschule gewesen war. Denn die Menschen werden, auch 
wenn sie friiher Eingeweihte waren, nicht immer wiederum so ge- 
boren, daB gleich bemerkt wird, daB sie in einem friiheren Leben Ein- 
geweihte gewesen sind. Man kann ja in jedem Zeitalter, auch wenn 
man ein Eingeweihter in friiheren Mysterien war, nur diejenige Gei- 
stigkeit annehmen, nur zu derjenigen Seelenverfassung kommen, die 
einem der Leib gestattet, die in einem bestimmten Zeitalter sein kann. 
Wenn man auf das eigentliche Seelische hinschaut, so deckt es sich 
nicht mit den dialektisch-logischen Vorstellungen, die man von dem 
Seelischen im Menschen hat. Das Seelische ist eigentlich viel tiefer 
gelegen, als man es gewohnlich auffaBt. 

Ich will Ihnen ein Beispiel sagen. Denken Sie einmal an eine Per- 
sonlichkeit wie Ernst Haeckel. Bei ihm fallt zunachst auf, daB seine 
Weltanschauung materialistisch gefarbt ist, daB er eine Art von Me- 
chanismus nicht nur der Natur, sondern auch des Seelenlebens ver- 
treten hat, daB er in wuchtigen Hieben auf den Katholizismus loshaut, 
daB er da manchmal entziickend, manchmal fanatisch, aber manchmal 
auch geschmacklos ist. Derjenige, der die Zusammenhange der ver- 
schiedenen Erdenleben beim Menschen ins Auge faBt, wird nach die- 
sen Eigenschaften am allerwenigsten hinschauen, sondern er wird hin- 
schauen auf die tieferen Eigenschaften der Seele. Kein Mensch, der 
sich blenden laBt von dem, was an Haeckel zunachst auffallt, kann, 
wenn er praktische Karmamethoden entwickeln will, auf Haeckels 
vorige Inkarnation kommen. Denn wer auf Haeckels vorige Inkarna- 
tion kommen will, der muB hinschauen auf die Art, wie Haeckel das- 
jenige vertrat, was er als Anschauungen hatte. Es ist aus der Zeit zu 
erklaren, in der Haeckel gelebt hat, daB er gerade diese materialistische 
Bildung hatte. Das aber ist das Unwesentlichste, es kommt auf das 
innere Seelengefuge an. Und kann man dieses innere Seelengefuge 
fassen und hat man das okkulte Schauen, dann fuhrt der Blick zuriick 
- zum Beispiel gerade bei Haeckel - zu Papst Gregor VII. , dem ehe- 
maligen Monch Hildebrand, der gerade einer der kraftigsten, inten- 
sivsten Vertreter des Katholizismus war. Derjenige, der dann die bei- 
den Gestalten vergleicht und weiB, daB es sich um diese beiden Ge- 
stalten handelt, der wird schon das Ahnliche herausfinden, der wird 



auch den Blick dafur bekommen, was in bezug auf die groBen An- 
gelegenheiten der Menschheit das Unbedeutende und was das Be- 
deutende ist. Die theoretischen Ideen sind gar nicht das Wesentliche. 
Die theoretischen Ideen sind nur in unserer theoretischen, materia- 
listischen, abstrakten Zeit das Wesentliche. Hinter den Kulissen der 
Weltgeschichte ist dasjenige, was die Seele in ihrer Art ist, das Wesent- 
liche. Wer das durchschaut, wird schon die Ahnlichkeit zwischen 
Gregor VII. und seiner Wiederverkorperung als Haeckel heraus- 
finden konnen. 

Solche Anschauungen muB man sich erst aneignen, wenn man auf 
das konkrete Karmawesen eingeht, und wenn einem das etwas soil 
sagen konnen, daB zum Beispiel am Hofe Harun al Raschids Menschen 
lebten, welche eben auBerlich, weil ihnen so der physische Kdrper und 
die Erziehung gegeben waren, sich im Sinne des achten bis neunten 
Jahrhunderts ausnahmen, die aber die Wiederverkorperungen von 
alten Eingeweihten in Mysterien waren. Wenn man den geistigen 
Blick hinrichtet auf diesen Hof Harun al Raschids, dann fallt einem 
ganz besonders eine Personlichkeit auf, die ein grundlicher, intensiv 
wirkender Ratgeber Harun al Raschids und fur die damalige Zeit ein 
universeller Geist war, ein Geist, der diese Merkwiirdigkeit hinter sich 
hatte, daB er in einer vorigen Inkarnation an alien Einweihungen in 
derselben Gegend, in der Harun al Raschid herrschte - als aber noch 
ganz andere Volker dort waren - teilgenommen hatte, und der in 
einer spateren Inkarnation als eine andere Personlichkeit mit aller 
inneren Sehnsucht nach einer Initiation gestrebt hat, sie aber nicht er- 
reichen konnte, weil das Schicksal ihn nicht dazu kommen lieB, damals 
eingeweiht zu werden. Eine solche Personlichkeit lebte am Hofe Harun 
al Raschids, die daher dasjenige im tiefsten Inneren verbergen muBte, 
was aus der friiheren Einweihungsinkarnation in ihr war. Das Nicht- 
erreichen-Konnen lag in einer spateren Inkarnation, dann kam die- 
jenige, die am Hofe Harun al Raschids war. Und am Hofe Harun al 
Raschids wurde diese Personlichkeit - weil ja dazumal nicht mehr im 
alten Sinne Initiationen moglich waren - einfach eine Personlichkeit, 
die aus einem machtigen Drange, aus einer machtigen Phantasie, einer 
exakten, logischen Phantasie wirkte, ungeheuer anregend wirkte auf 



alles, was an diesem Hofe gepflegt worden ist, und der Organisator an 
diesem Hofe war. Es lebten da alle moglichen Gelehrten, Kiinstler, 
ein ganzes Heer von Dichtem war ja am Hofe Harun al Raschids, es 
lebten Vertreter aller Wissenschaften da. AuBerdem war Bagdad da- 
zumal eben der Mittelpunkt fur alles weit ausgedehnte wissenschaft- 
lich-kiinstlerische Treiben, das in dem Kalifenreiche vorhanden war. 
Und was da zu organisieren war, ging eigentlich alles mit von dieser 
Personlichkeit aus, einer Personlichkeit von hoher Initiative. Nun, 
solche Individualitaten haben doch eine groBe Bedeutung im weiteren 
Fortgang der Menschheitsentwickelung. 

Sehen wir uns jetzt die Personlichkeit Harun al Raschids selber an. 
Wer mit einem okkulten Blick diese Personlichkeit in ihrer Seelen- 
haftigkeit erfassen und sie dann wieder aufsuchen kann, und sucht, ob 
sie sich wieder verkorpert hat, der findet, daB diese Personlichkeit 
Harun al Raschids ja in der Tat eine solche war, die weiter verbunden 
war mit demjenigen, was sie auf der Erde gestiftet hat, es weiter- 
getragen hat, indem sie durch des Todes Pforte gegangen ist, die wei- 
tergegangen ist auf geistige Art mit der Erdenentwickelung der 
Menschheit, die von der geistigen Welt aus vieles beeinfluBt hat, aber 
auch selber viel wieder aufgenommen hat. Und dann erschien sie 
wiederum eben in der Art, in der sie erscheinen konnte dem Zeitalter 
nach : es erschien diese Personlichkeit als Lord Baco von Verulam, der 
der Begriinder der neueren Wissenschaftlichkeit war. Baco von Veru- 
lam hat ja geradezu dem neueren europaischen Denken von England 
aus einen groBen AnstoB gegeben. Sie konnen sagen: Ja, er unter- 
scheidet sich machtig von der Personlichkeit Harun al Raschids ! Aber 
es ist doch dieselbe Individuality I Denn dasjenige, was eben auBerlich 
als Unterschied auftritt, gehort der AuBerlichkeit an, Und so sehen wir 
gewissermaBen die Seele Harun al Raschids von Asien heriiber sich 
nach dem Tode weiterentwickeln, um vom Westen heriiber in der Art, 
wie es eben geschehen konnte, sogar vieles vom neueren Materiahs- 
mus begriindend, auf die neuere europaische Zivilisation zu wirken. 

Die andere Personlichkeit, die nicht nur die rechte Hand, sondern 
die Seele des Hofes Harun al Raschids war, die jenes merkwiirdige 
Schicksal in geistiger Beziehung hatte, diese Seele machte einen an- 



deren Weg. Dieser Seele lag wenig damn, als sie durch die Pforte des 
Todes gegangen war, noch einen auBeren Glanz auszuleben. Diese 
Seele hatte vielmehr den inneren Drang, sich recht innerlich aus- 
zuleben. Darum konnte sie gar nicht einen Weg machen, der sie in der 
nachsten Inkarnation himiber nach dem Westen gefuhrt hatte. Be- 
achten Sie nur, wie es mit Harun al Raschid war: ungeheurer Glanz, 
innerliche Gediegenheit der Zivilisation am Hofe Harun al Raschids, 
aber zu gleicher Zeit der Drang, alles zu verauBerlichen, was im Mo- 
hammedanismus gegeben war. Das muBte sich in einer nachsten In- 
karnation ausleben. Die weite, umfangreiche Wissenschaftlichkeit 
muBte zum Vorschein kommen. Sie kam zum Vorschein. Es drangte 
sich dasjenige, was auBerer Ghnz am Hofe Harun al Raschids war, bei 
Baco selber ans Tageslicht. 

Die andere Personlichkeit war zwar die Seele am Hofe Harun al 
Raschids, aber eine sehr innerliche Personlichkeit. Sie stand ja sehr 
nahe demjenigen, was in den alten Mysterien gepflegt worden ist. Nun 
konnte man dieses nicht ausleben, wenigstens nicht bis in unsere Zeit, 
wo das Kali Yuga abgelaufen ist und die Michaelszeit beginnt, wo es 
wieder moglich geworden ist, ganz unbefangen vom Geistigen zu 
sprechen. Man konnte aber, was man so aufgenommen hatte, in einer 
umfassenden, energischen Weise so in die Zivilisation hineingieBen, 
daB es von einer intensiven Wirkung werden konnte. So etwas geschah 
mit der anderen Personlichkeit. Die entwickelte sich, nachdem sie 
durch die Pforte des Todes gegangen war, so in der geistigen Welt, 
daB sie zuletzt, als sie wieder auf der Erde erschien, ich mochte sagen 
nicht im Westen landen konnte, wo der Materialismus herkam, son- 
dern in Mitteleuropa landen muBte und dort ausleben konnte das- 
jenige, was aus den alten Mysterien stammte, aber angepaBt werden 
muBte den geanderten Zeitverhaitnissen. Aus dieser Personlichkeit 
wurde die des Amos Comenim. Und so konnte man sagen, daB diese 
zwei Seelen, welche am Hofe Harun al Raschids gelebt haben, in der 
folgenden Zeit so durch die Weltgeschichte gegangen sind, daB sie 
zwei verschiedene Wege gegangen sind. Die eine, mochte ich sagen, 
den Siiden Europas umsaumend, um vom Westen aus Organisator der 
neueren Geschichte, Philosophic, der Wis sens chaf ten zu sein, als Baco 



von Verulam; die andere nahm, ich mochte sagen, den Landweg, 
jenen Weg, den auch die Kreuzziige genommen haben; er nahm den 
Weg nach Mitteleuropa. Auch er wurde ein groBer Organisator, aber 
man sieht seiner Organisation an, wie sie anders wirkte. Und in der 
Tat, ein groBartiges Schauspiel, ein gewaltiges Schauspiel ist es, daB, 
allerdings zu etwas verschiedenen Zeiten - man darf das nicht miB- 
verstehen, aber das war mit dem weltgeschichtlichen Karma ver- 
bunden - Amos Comenius und Lord Baco von Verulam lebten, daB 
sie verschiedene Wege genommen haben. Aber dann war es so, daB 
sie sich doch in der letzten Zeit wiederum, wenn ich mich des trivialen 
Ausdruckes bedienen darf, in Mitteleuropa getroffen haben. Und vieles 
von dem, was die Zivilisation finden muB, muBte ja in dieser Weise 
in der Zivilisation sich vollziehen, daB dasjenige, was in esoterischer 
Beziehung in dem Wirken des Amos Comenius liegt, sich verbindet 
mit der Kraft, die in die Technik eingezogen ist, sich verbindet mit 
allem, was Hegt in demjenigen, was durch Baco von Verulam begriin- 
det worden ist. Aber es ist eines der wunderbarsten Beispiele der Welt- 
geschichte, dieses Ausgehen von zwei Seelen, die im achten bis neun- 
ten Jahrhundert gewirkt haben am Hofe Harun al Raschids. Harun al 
Raschid selber, der gewissermaBen geht iiber Afrika und Siideuropa 
nach England, urn von England zu wirken nach Mitteleuropa herein; 
Amos Comenius, der nach Mitteleuropa heruberkommt, um in dem, 
was er ausbildete, sich mit dem anderen zu begegnen. 

So, meine lieben Freunde, wird geschichtliche Betrachtung eigent- 
lich erst Realitat. Denn was von einer Epoche der Weltgeschichte in 
die andere Epoche geht, das geht ja nicht in abstrakten Begriffen, fliegt 
ja nicht in abstrakten Begriffen himiber, sondern die Menschenseelen 
sind es selber, die hiniibertragen dasjenige, was geschehen ist. Wir 
verstehen erst, wie in der folgenden Zeit dasjenige entsteht, was sich 
aus der friiheren Zeit entwickelt, wenn wir verfolgen, wie die Seelen 
sich hiniiberentwickeln von einem Zeitalter in das andere. Wir miissen 
iiberall Ernst machen mit dem, was man Maja nennt, und der inner- 
lichen Wirklichkeit. Auch Geschichte ist Maja, wenn man sie nur von 
auBen betrachtet; man begreift sie erst, wenn man von der Maja zur 
Wahrheit geht. 



Moge nun - wir wollen ja diese Betrachtungen in der nachsten Mit- 
gliederversammlung fortsetzen -, meine lieben Freunde, es in der 
richtigen Weise aufgefaBt werden, wenn jetzt, inauguriert dutch die 
Weihnachtstagung, an die Verwirklichung dessen gegangen wird, was 
ganz im Anfang - vielleicht mit einiger Naivitat - angekiindigt wurde 
als «Praktische Karmaiibungen ». Nach einer jahrzehntelangen Vor- 
beteitung wird aber wobl innerhalb der Anthroposophischen Gesell- 
schaft eine wirkliche geistige Betrachtung auch iiber den Karma- 
gedanken, iiber praktische Karmaiibungen ertragen werden konnen, 
ohne daB daraus MiBverstandnisse und Verirrungen im Leben er- 
wachsen. 



VIERTER VORTRAG 
Prag, 5. April 1924 



Bevor ich mir erlaube, auf die so lieben Worte des Herrn Professor 
Hauffen bin, die in Ihrem Namen gesprochen worden sind, Ihnen 
meinen AbschiedsgruB zu sagen, lassen Sie mich vorher noch die Be- 
trachtungen des heutigen Abends anstellen. 

Es wird ersichtlich geworden sein aus den vorangehenden Betrach- 
tungen hier in der Prager Anthroposophischen Gesellschaft, wie ein 
Wirken des Geistes - oder vielleicht besser gesagt von geistigen We- 
senheiten - iiber der Menschheitsentwickelung waltet, und wie die 
Menschenseelen selber geisterfiillt von Epoche zu Epoche dasjenige 
hinubertragen, was sie in einer Epoche sich erarbeitet haben, allerdings 
auch dasjenige, was sie als Schuld in der einen Epoche auf ihre Seelen 
gehauft haben. Aber all das laBt uns ja einen tiefen Blick in das*Leben 
des physisch-seelisch-geistigen Kosmos hineintun, und erst dadurch 
begreifen wir unser Menschenwesen, wenn wir einen solchen Blick 
tun. Denn ohne daB wir dabei in irgendeinen Hochmut verfallen, miis- 
sen wir uns gestehen, daB wir dem geistigen Urquell des Kosmos mit 
unserer eigenen Menschennatur verbunden sind und wir unsere eigene 
menschliche Natur nur verstehen, wenn wir den Kosmos geistig durch- 
dringen. Nun soil seit der Weihnachtstagung ja nicht nur die Anthro- 
posophie verwaltet werden innerhalb der Anthroposophischen Ge- 
sellschaft, sondern das Verwalten soil selbst Anthroposophie sein. Und 
das muB ja auch in der Umgestaltung des anthroposophischen Wir kens 
zum Ausdruck kommen. Ich habe mich daher nicht gescheut, in diesen 
Vortragen vom Exoterischen weg mehr ins Esoterische hinein die Be- 
trachtung stromen zu lassen, und einiges von dem mochte ich heute 
noch zu diesem Gesagten hinzufugen. Ich mochte hinzufiigen etwas, 
was anschaulich machen kann, wie die menschliche Seele aus der einen 
Zeitepoche in die andere hinubergetragen wird. Dasjenige, was im 
GroBen und Ganzen geschieht, geschieht ja auch fur den Einzelnen, 
und wenn wir das Karma begreifen von Personlichkeiten, die uns alien 



bekannt sind, so konnen wir auch ein Licht werfen auf unser eigenes 
Karma. Deshalb lassen Sie uns heute die Betrachtung iiber Karma 
noch etwas im Konkreten fortsetzen. 

Ich habe schon im Verlaufe dieser Betrachtungen den Namen eines 
Marines genannt, der in einer merkwiirdigen Weise zeigt, wie in einer 
Willensnatur etwas Visionares zur OfFenbarung kommen kann. Ich 
habe den Namen des italienischen Freiheitshelden Garibaldi genannt, 
habe auch einige charakteristische Ziige von ihm angegeben. Alles 
dasjenige, was sich in diesem Garibaldi auBert, ist Willensregung. 
Welcher ungeheure Wille gehort dazu, daB er als junger Mann oft und 
oft in einer gefahrlichen Zeit, im zweiten, am Beginne des dritten Jahr- 
zehntes des neunzehnten Jahrhunderts, die Adria auf eigene Verant- 
wortung hin durchschiffte, wiederholt gefangen genommen wurde, 
immer wiederum durch seine Kraft und seinen Mut freikam. Welch 
ungeheure Willensentfaltung liegt darin, daB er, als er gesehen hat, wie 
zunachst in Europa fur ihn kein Feld ist, nach Siidamerika hinuber- 
ging und dort einer der kiihnsten Menschen wurde fur die Entfaltung 
des Freiheitslebens. Ich habe auch wohl aufmerksam darauf gemacht, 
wie er in bezug auf seine Verheiratung eigentlich iiber die gewohn- 
lichen irdischen Verhaltnisse hinaus das eigene Leben entfaltete ; und 
als er dann wiederum nach Europa zuriickgekehrt war, war er ja der- 
jenige, dem eigentlich das Italien der Gegenwart alles verdankt. 

Als eines Tages an mich die Frage herantrat : Wie konnte es mit den 
karmischen Zusammenhangen dieser Personlichkeit beschaffen sein?, 
da traten zwei Fragen auf. Denn das Erleben karmischer Zusammen- 
hange ist nicht etwas ganz Einfaches, sondern etwas Kompliziertes. 
Ich habe schon gesagt, daB man manchmal bei scheinbaren Gering- 
fiigigkeiten des Lebens einsetzen muB, um von diesen Geringfugig- 
keiten, die aber anschaulich konkret sind, dann iiberzugehen zu dem- 
jenigen, was die Tatsachen des einen Erdenlebens hinubertragt in die 
Tatsachen des anderen Erdenlebens. 

Und so war es bei Garibaldi besonders der Umstand, daB er seiner 
Gesinnung nach Republikaner war, durch und durch Republikaner 
war, aber in Italien mit aller Kraft seines Willens das Kdnigreich unter 
Viktor Emanuel verwirklichte. Und eigentlich sieht man, wenn man 



nur die auBer e Biographie Garibaldis ins Auge faBt, einen griindlichen 
Widerspruch zwischen dieser seiner innersten Gesinnung und dem- 
jenigen, was er getan hat. Auf der anderen Seite sieht man, wie er sich 
verbunden fiihlte mit Mannern wie Masgini und Cavour, mit denen er 
in Gedanken durchaus nicht iibereinstimmte, die ganz andere Ge- 
dankenrichtungen hatten. Da fallt einem dann auf, wie es merkwiirdig 
ist, daB der im Jahre 1807 geborene Garibaldi seine Geburtszeit und 
seinen Geburtsort eigentlich in unmittelbarer Nahe der Geburtsorte 
dieser drei anderen Personlichkeiten hat : des spateren Konigs Viktor 
Emanuel, Cavours, des Staatsmannes, und des Philosophen Mazzini. 
Sie sind sozusagen in unmittelbarer Nahe voneinander geboren. Da 
wird man gefiihrt darauf, zu suchen, wie das Karma solcher Person- 
lichkeiten zusammenhangt. 

Die andere Frage, auf die so etwas fiihrt, ist diese - wahrhaftig eine 
tiefgehende Frage ! Wir miissen ja immer darauf aufmerksam machen, 
wenn wir geisteswissenschaftliche Betrachtungen anstellen, wie es in 
alten Zeiten Eingeweihte, Initiierte, Besitzer und Eigentumer der 
Weltenschau im weitesten Sinne gegeben hat. Die Frage kann nun 
entstehen : Da ja auch diese Weisen der alten Zeiten sich wiederverkor- 
pern miissen, wo sind sie dann in der neueren Zeit? Und mancher 
konnte fragen: Wo sind denn die groBen Personlichkeiten der alten 
Zeit, die als Initiierte gewirkt haben, in spateren Zeiten wirksam? - 
Sehen Sie, sie sind wiedergekommen, diese groBen Eingeweihten, aber 
Sie miissen bedenken, meine lieben Freunde, wie der Mensch, wenn er 
in irgendeinem Zeitalter erscheint, darauf angewiesen ist, den Korper 
zu benutzen, den ihm irgendein Zeitalter gibt. Die Korper der alten 
Zeiten waren gefiigiger, waren fur den Geist plastischer, biegsamer; 
und innerhalb des Erdenlebens braucht man den Korper, um das- 
jenige, was man in sich aufgenommen hat, bevor man herunter- 
gestiegen ist in das Erdenleben, auch wirklich in ErdenofFenbarung 
und Erdentun umzusetzen. Und so miissen wir gerade bei einer sol- 
chen Ratselfrage bedenken - und damit soli gar keine Kritik geiibt 
werden -, wie ja die ganze Erziehung der ganzen neueren Zeit schon 
seit Jahrhunderten so ist, daB der menschliche Organismus so wird, 
daB in unserem Leben gar nicht zur Erscheinung kommen kann, was 



im Eingeweihten gelebt hat. Es muB vieles ganz in den Untergriinden 
des Daseins bleiben. Und deshalb erscheinen manche Eingeweihte 
alter Zeiten als Personlichkeiten, denen man dann mit den BegrifFen, 
die man heute hat, gar nicht ansieht, daB sie einmal Eingeweihte ge- 
wesen sind, weil sie den Korper ihres Zeitalters benutzen miissen. 

Gerade einen solchen Fall haben wir in Garibaldi vor uns. Wenn wir 
im europaischen Leben weit 2uriickgehen, so flnden wir Mysterien 
und Eingeweihte der tiefsten Art im uralten Irland. Aber die irischen 
Mysterien haben sich bis in die christliche Zeit wirklich erhalten. 
Selbst noch heute ist in Irland viel geistiges Leben - nicht abstraktes, 
begriffliches, sondern wirkliches - geistig wirksam. So chaotisch sich 
das auBere Irland heute ausnimmt, es ist in Irland viel wirkliches gei- 
stiges Leben; aber das ist ja doch nur der letzte Rest desjenigen, was 
einst dagewesen ist. In Hybernia, in Irland waren tief eingreifende 
Mysterien, die noch in den ersten Jahrhunderten unter Aufnahme des 
Christentums bis nach Europa hineingewirkt haben. Und da findet 
sich dann ein Eingeweihter, der den Weg nahm von Irland ungefahr 
bis in die Gegend des heutigen ElsaB im achten bis neunten Jahr- 
hundert nach der Begriindung des Christentums. Dieser Eingeweihte 
hat viel getan dazumal, um unter Sturmen fur das wirkliche Christen- 
tum zu wirken, fur das ja Bonifatius sehr wenig gewirkt hat in Wirk- 
lichkeit. Und zu diesem Eingeweihten sind aus drei Weltgegenden 
drei Schiiler gekommen, drei Schiiler, die sich ihm anvertraut haben. 
Diese drei Schiiler sind - der eine mehr, der andere weniger - weit ge- 
kommen. Aber es war gerade in den irischen Mysterien die strenge 
Regel, daB Schiiler, die sich einem Eingeweihten anvertraut hatten, 
von ihm im kunftigen Erdenleben nicht wieder verlassen werden, 
sondern daB von ihm etwas vollbracht wird im Erdenleben, was diese 
Schiiler mit ihm zusammenhalt, was ein Band begriindet zwischen 
diesen Schiilern und ihm. Der Eingeweihte, den ich meine, ist im 
neunzehnten Jahrhundert wiederum erschienen als Giuseppe Gari- 
baldi, mit diesem visionaren Willen, der eben in alteren Zeiten auf 
ganz andere Weise zur Offenbarung gekommen ist, sich ausleben 
konnte, als in einem Korper des neunzehnten Jahrhunderts, der eine 
ganz andere Erziehung als die des neunzehnten Jahrhunderts, eine 



sehr geringe Erziehung sogar, durchgemacht hat. Und die drei an- 
deren, die ich erwahnt habe, waren die Schiiler, die als Schuler aus drei 
verschiedenen Erdgegenden gekommen sind. Dasjenige aber, was als 
Gewalt gewirkt hat von einer Inkarnation in die andere, das wirkte 
tiefer als auBere Prinzipien. Gegeniiber dem, was Mensch an Mensch 
kettet iiber die Inkarnationen hinweg, ist das eine Geringfugigkeit, 
wenn man sagt: Ich bin Republikaner, du bist Monarchist. - Man 
muB sich in diesen Dingen schon klar sein dariiber, wie weit entfernt 
die irdische Maja, die groBe Illusion, der Schein des Daseins ist von 
der geistigen Wirklichkeit, die hinter den Erscheinungen des Daseins 
geistig impulsierend tatig ist. Und so konnte Garibaldi zum Beispiel 
Viktor Emanuel nicht verlassen, trotzdem er ganz anderer Gesinnung 
war als er. Gesinnungen gehoren, wenn sie sich auf AuBeres beziehen 
und nicht auf Menschen, doch dem Zeitalter an, nicht der Individua- 
list, die von Erdenleben zu Erdenleben geht. 

Ich mochte ein anderes Beispiel wahlen, das mir auf eine merk- 
wiirdige Weise nahegetreten ist. Ich hatte einen Geometrie lehrer, der mir 
auBerordentlich wertvoll war. Vielleicht werden Sie aus meiner Le- 
bensbeschreibung wissen, daB ja Geometrie iiberhaupt zu demjenigen 
gehort, dem ich im Leben am meisten an Anregungen verdanke. So 
wurde mir dieser Geometrielehrer auch besonders wertvoll. Aus dem, 
daB er ein ausgezeichneter Konstrukteur war, konnte zwar folgen, daB 
ich ihn sehr liebte, weil ich das Konstruieren liebte, und weil er, was 
er vorbrachte, mit einer wirklichen Unabhangigkeit und auch mit aller 
Einseitigkeit des geometrischen Denkens vorbrachte. Er war so ein- 
seitig aufs Geometrische hin geschult, daB er zum Beispiel kein Ma- 
thematiker war, sondern nur ein Geometriker. Darin war er genial, 
hatte aber keine Kenntnisse, keine wirklichen Kenntnisse in der 
Mathematik. Und er lebte gerade in einer Zeit, wo gerade alle Darstel- 
lende Geometrie, die sein Fach war, umgestaltet wurde. Er blieb beim 
alten. Das war ein charakteristischer Zug an ihm. Aber noch viel cha- 
rakteristischer fur den okkulten Forscher war ein anderes. Er hatte das, 
was man einen KlumpfuB nennt. Nun ist das Eigentumliche, daB, 
selbstverstandlich nicht die physische Substanz, aber die Kraft, die in 
einer Inkarnation der Mensch in seinen FiiBen tragt, die Art und 



Weise, wie er auftritt, wie er sich durch die Bewegung der FiiBe in 
Schuld oder in das Gute hineinstellt, sich metamorphosiert. Alles das- 
jenige, was mit den FiiBen zusammenhangt, kann in einem nachsten 
Erdenleben in der Organisation des Kopfes sich ausleben, wahrend 
dasjenige, was wir jetzt im Kopfe haben, gerade in der Organisation 
der Beine im nachsten Erdenleben sich ausleben kann. Diese Dinge 
metamorphosieren sich in eigentumlicher Art. Derjenige, der in diesen 
Dingen bewandert ist, kann in der Art und Weise, wie jemand auftritt, 
wie er die Zehen setzt, die Fersen setzt, sehen, wie das Denken in einer 
vorigen Inkarnation war. Und derjenige, der die Eigentumlichkeit der 
Gedanken eines Menschen verfolgt, ob einer schnell, fluchtig denkt 
oder gemessen, bedachtig denkt, wird oft dazu gefuhrt, wirklich zu 
sehen, wie er in einer vorigen Inkarnation ging. 

Ein Mensch, der fluchtig denkt, hatte in der fruheren Inkarnation 
solch einen Gang mit schnellen kleinen Schritten, der nur so hin- 
zappelt iiber den Boden. Ein Mensch, der bedachtig denkt, hatte ein 
festes Auftreten. Und gerade solche scheinbar untergeordnete Klei- 
nigkeiten des Lebens fiihren einen tiefer hinein, wenn man die tieferen 
geistigen, und nicht die auBerlichen, abstrakten Zusammenhange 
sucht. Und so wurde ich denn, als ich mir immer wieder und wieder- v 
um das Bild des gehebten Lehrers vor die Seek stellte, gefuhrt zu sei- 
ner fruheren Inkarnation. Und da gesellte sich zu seinem Bilde ein 
anderes hinzu, auch eines Menschen mit einem KlumpfuB : Lord Byrons. 
Jetzt standen diese beiden Menschen vor mir. Und das Karma meines 
Lehrers hatte mich dazu gefuhrt, wie auch die Eigentumlichkeit, die 
ich Ihnen dargelegt habe, darauf zu kommen, wie im zehnten oder 
elften Jahrhundert diese beiden Seelen in einer fruheren Inkarnation 
gelebt haben weit im Osten Europas, dort eines Tages unter dem Ein- 
fluB einer bedeutsamen Sage standen, einer Legende, einer Prophe- 
zeiung, jener Legende, die da sagt, das Palladium, das mit einem ge- 
wissen Zauber die romische Macht eigentlich gehalten hat, sei aus dem 
alten Troja herubergebracht worden nach Rom und in Rom verborgen 
worden. Und als der Kaiser Konstantin das Romertum verpflanzen 
wollte hinuber nach Konstantinopel, hat er in auBerordentlichem Ge- 
prange das Palladium von Rom hiniiberbringen las sen nach Konstan- 



tinopel und es unter einer Saule verbergen lassen, unter einer Saule, 
die er allerdings so ausgestaltet hat, daB sein ungeheurer Riesen- 
hochmut dadurch zum Ausdruck kam. Er hat oben eine alte Apollo- 
statue aufstellen lassen, die er aber so umandern lieB, daB sie ihn dar- 
stellte. Er hat sich Holzer kommen lassen von dem Kreuz, auf dem der 
Christus gekreuzigt worden ist, und hat eine Art von Kranz von diesen 
Holzern gewoben urn das Haupt der Statue. Er hat geradezu Orgien 
des Hochmutes dabei gefeiert! 

Dann aber bildete sich die prophetische Sage, daB einmal das Palla- 
dium von Konstantinopel weiter nach dem Norden hinubergetragen 
werden sollte, und daB einmal in einem Slawenreiche verkorpert sein 
sollte die Macht, die an dem Palladium hing. Diese beiden Menschen, 
von denen ich sprach, sie haben diese Prophezeiung gehort, und sie 
haben sich das Ziel vorgesetzt, nach Konstantinopel zu wandern und 
das Palladium nach RuBland zu bringen. Es ist ihnen nicht gelungen. 
Es blieb aber der Trieb namentlich bei einem, bei Byron. Das wan- 
delte sich um in den Impuls, einzutreten fur die Freiheit Griechen- 
lands, der dann im neunzehnten Jahrhundert Byron fast an dieselbe 
Stelle fiihrte, wo er das physische Palladium in einem fruheren Erden- 
leben gesucht hat. 

Sehen Sie, es ist notwendig, daB man die Faden findet, welche in 
friihere Zeiten zuriickfuhren. So wurde ich bei einer anderen Gelegen- 
heit gefuhrt auf eine Personlichkeit, die etwa im neunten Jahrhundert 
im Nordosten Frankreichs, des heutigen Frankreich, gelebt hat und 
eine Personlichkeit war, die in der ersten Zeit ihres Lebens einen wei- 
ten Besitz an Landgiitern hatte, die fur die damalige Zeit eine reiche 
Personlichkeit war, eine kriegerische Personlichkeit zugleich, und im 
kleinen viele abenteuerliche Kriegsziige - nichts gerade GroBes - 
durchgemacht hat. Diese Personlichkeit sammelte, als sie ein bestimm- 
tes Lebensalter errelcht hatte, um sich Leute, welche nun einen Aben- 
teurerzug mit ihr unternahmen, der unglucklich ausging, der eine 
groBe, eine riesige Enttauschung fur diese Personlichkeit brachte, und 
ohne etwas zu erteichen, muBte diese Personlichkeit wieder nach 
Hause zuriickkehren. Aber wie es in damaliger Zeit in manchen Ge- 
genden war : Wahrend die Personlichkeit abwesend war von Haus und 



Hof und Land und Leuten, hatte ein anderer sich dessen Haus und 
Hof und Land und Leute bemachtigt. Die Personlichkeit fand einfach 
nicht mehr ihr Eigentum vor - es ist sonderbar, aber es ist geschehen - 
und muBte in Zukunft als eine Art Helot, als Leibeigener dienen auf 
dem eigenen Herrenhofe. Da wurde in der Nacht gewohnlich so 
manche Zusammenkunft mit benachbarten Leuten gehalten, und in 
einer ziemlich wusten Weise wurden Kraftideen entwickelt, bei denen 
nichts weiter herauskommen konnte, als daB sie eben entwickelt wur- 
den. Man mochte sagen, ein realdialektisches Spiel wurde mit diesen 
Kraftideen der Auflehnung gegen die Herren - fast wie im alten 
Romertum - getrieben. Diese Personlichkeit kann einem schon inter- 
essant werden, die von Besitz und Eigentum und Befehlsgewohn- 
heiten vertrieben wurde, die aber ungebeugt an Willen zum Auf- 
riittler wurde in der ganzen Gegend, namentlich gegen den, der sich 
des Eigentums bemachtigt hat. Und wiederum erschien im neun- 
zehnten Jahrhundert diese Personlichkeit und wurde inner lich, ge- 
danklich, seelisch dasjenige, was werden konnte aus dieser fruheren 
Inkarnation, wurde Karl Marx, der Sozialistenhauptling. Und nun 
denken Sie, meine lieben Freunde, wie durchhellt die Weltgeschichte 
wird, wenn man sie in dieser Weise betrachten kann, wenn man tat- 
sachlich die Seelen verfolgen kann von einer Epoche zur anderen ; wie 
hinubergetragen wird das, was auf den Seelen liegt, von einer Epoche 
in die andere Epoche. Konkrete Zusammenhange bekommt dadurch 
das geschichtliche Leben und Werden und Wesen der Menschheit. 

Und jiingst konnte ich ja in Dornach aufmerksam machen auf einen 
anderen Zusammenhang, auf einen Zusammenhang, der mich ver- 
anlaBt hat, wiederholt wahrend des Krieges, namentlich am Ende des 
Krieges, darauf aufmerksam zu machen, daB sich die Menschen nicht 
gar zu sehr blenden lassen sollen von einer gewissen Personlichkeit der 
neueren Zeit. Ich habe schon in meinem Helsingforser Kurs 1913 auf- 
merksam gemacht auf die immerhin recht begrenzte Kapazitat, um die 
es sich da handelt. Das alles geschah, weil mir der Zusammenhang klar 
war zwischen einem Nachfolger Mohammeds, Muawija> aus dem 
siebenten Jahrhundert, und Woodrow Wilson. Alles, was an Fatalismus 
dazumal lebte in dieser Personlichkeit des Muawija, kam in diesem ja 



sonst ganz unerklarlichen Fatalismus, der nur ein Fatalismus des Wil- 
lens sein wollte, zum Vorschein, im Fatalismus des Woodrow Wilson. 
Und man mochte sagen, wer suchen will nach einer Bekraftigung, 
nach einem Ursprung der bekannten vierzehn Punkte, der wird sie 
schon im Koran finden konnen. So sind die Zusammenhange, meine 
lieben Freunde ! Bei diesen Dingen darf nicht das geringste von Sym- 
pathie und Antipathie walten, bei diesen Dingen darf nichts von Kritik 
walten, da muB reinste Objektivitat sein. Aber diese Objektivitat fiihrt 
eben dazu, von einem Punkte der Geschichte, wo eine Seele auftritt, 
zu einem anderen Punkte hinzuleiten. Und man darf schon sagen, 
wenn die Menschheit ein wenig hinaus sein wird iiber dasjenige, was 
heute noch aus der materialistischen Zeit da ist, dann wird man auf 
solche Dinge hinhoren und hinschauen. Und dann wird man ganz 
anders sich fiihlen innerhalb der modernen Zivilisation, weil man sie 
in ihren Zusammenhangen sehen wird ; nicht nur nach solchen Dingen, 
die tot sind, sondern nach solchen Dingen, die lebendig sind. Darauf 
kommt es an. Das ganze geschichtliche Werden wird lebendig werden. 
Und der Mensch braucht, wenn er iiber den toten Punkt der Ent- 
wickelung, auf dem er jetzt stent, in seiner Zivilisation hinauskommen 
will, den lebendigen Geist und nicht den abstrakten, toten Geist der 
bloBen Ideen. 

Die geschichtliche Betrachtung wird sich ja vielleicht nur sehr 
widerwillig dem Geistigen in der Weise nahern, wie ich es in meinem 
orTentlichen Vortrage vor einigen Tagen hier auseinandergesetzt habe, 
aber sie muB das dennoch. Denn die auBerliche geschichtliche Be- 
trachtung, die nur auf Dokumente gehen kann, ist eigentlich voller 
Unverstandlichkeiten. Da tritt irgend etwas auf, was man durchaus 
nicht einsehen kann, woher es kommt. Warum? Weil man die Ur- 
spriinge nicht kennt. Die Urspninge sind verloren gegangen. Gerade 
wenn man solchen Dingen nachforscht, belebt sich im geschichtlichen 
Werden so manches. Aber es driickt sich damit auch so manches aus, 
was eben geschehen ist von Menschen, um die Geschichte in bezug 
auf wichtige Dinge geradezu zu etwas Unrichtigem, etwas Unwahrem 
zu machen. 

Meine lieben Freunde, es wird Ihnen sicher paradox erscheinen, son- 



derbar erscheinen, wenn der Geistesfotscher aus einer verhaltnismaBig 
jungen Vergangenheit konstatieren muB, daB ein wunderbares Kunst- 
werk der Poesie verlorengegangen, rein verlorengegangen ist wegen 
der Feindschaft einer gewissen geistigen Stromung. In den ersten Jahr- 
hunderten der christlichen Entwickelung war ein Kunstwerk in den 
siidlicheren Gegenden der europaischen Zivilisation vorhanden, wel- 
ches darstellte das innerste Wesen der fortschreitenden Zivilisation, 
unmittelbar nachdem das Chris tentum eingegrifFen hat in die Ent- 
wickelung des europaischen Menschen. Dieses Kunstwerk, in seiner 
Art ein episches Drama, dramatisches Epos, stellte dar, wie der 
Mensch, nachdem das Christentum als eine junge Erscheinung ge- 
wirkt hat, nicht herankommen kann an die wirkliche, wahre Wesen- 
heit Christi, sondern eine ganz bestimmte Mysterienvorbereitung 
durchzumachen hat, um an die wahre Wesenheit Christi heranzu- 
kommen. 

Um das einzusehen, worum es sich handelt, muB man sich folgendes 
klarmachen: Der Christus hat seinen intimeren Schiilern sehr klar ge- 
macht, wie in diejenige Wesenheit, die da war der Jesus, der im Orient 
driiben geboren worden ist, ihn erfullend gekommen ist im dreiBig- 
sten Jahre der Christus als ein Sonnenwesen, als ein kosmisches Wesen. 
Hineingeboren war der Jesus von Nazareth in eine Mondreligion ; 
denn was war die Jahve-, die Jehovareligion? Was war Jahve selber? 
Wenn man auf blickte zu Jahve, blickte man hinauf zum menschlichen 
Ich, das unmittelbar abhangig ist von der physischen Menschen- 
gestaltung, von derjenigen Menschengestaltung, die mit uns geboren 
wird. Dasjenige aber, was mit uns geboren wird, was in uns geformt 
wird, was in uns ausgebildet wird, indem wir im mutterlichen Leibe 
zu einem Ich gestaltet werden, ist abhangig von den Mondenkraften. 
Und Jahve ist eigentlich eine Mondengottheit. Und indem aufgeschaut 
wurde zu Jahve, sagte man sich : Jahve ist der Fiihrer der Mondwesen- 
heiten, von denen da stammen die Krafte, die den Menschen ins phy- 
sische Erdendasein hereinstellen. Aber wenn nur Mondenkrafte im 
Menschen wirkten, wiirde er niemals iiber dasjenige, was in ihm im 
Leben der Erde veranlagt ist, hinauskommen konnen. Das kann aber 
der Mensch jetzt nicht; das hat er in alteren Zeiten gekonnt. Wenn 



wir zuriickgehen in vorhistorische irdische Zeiten, da finden wir ein 
sehr Merkwiirdiges, das den heutigen Menschen sonderbar anmutet. 
Da finden wir, wie Menschen - der groBte Teil einer gewissen Men- 
schenklasse - im dreiBigsten Jahre des Lebens eine vollstandige Ver- 
wandlung der menschlichen Seele erlebten. So sonderbar, paradox es 
den heutigen Menschen erscheint, es war dennoch so in einer Zeit, von 
der die Veden nur Nachklange geben. Es gab damals Menschen im 
alten Indien : wenn ihnen ein anderer, den sie vor drei Jahren gesehen 
hatten, begegnete, so konnten sie unter Umstanden von ihm erfahren, 
daB sie ihn gesehen hatten; aber sie erkannten ihn nicht. Sie hatten 
alles vergessen, was bis zum dreiBigsten Jahre war, sie hatten alles ver- 
gessen, sogar die Identitat ihrer Personlichkeit. Und so war die Ein- 
richtung sogar vorhanden - wir wiirden es heute ein Amt nennen, wir 
nennen ja alles Amt und Behorde -, es bestand die Einrichtung, daB 
eine solche Personlichkeit zum Amt gehen und sich sagen lassen 
muBte, wo sie geboren war und wer sie war. Diese Personlichkeiten, 
die bekamen dann in den Mysterien die Mittel, sich erst wieder zu- 
ruckzuerinnern an ihr Leben bis zum dreiBigsten Jahre. Sie waren 
diejenigen, die dann spater die « Zweimal-Geborenen » genannt wur- 
den, die ihr erstes Dasein verdankten den Mondenkraften, ihr zweites 
Erdendasein verdankten den Sonnenkraften. 

Das, was in alten Zeiten im Laufe des Erdenlebens als eine solche 
Metamorphose so besonders radikal auftritt, was man das Zweimal- 
geboren-werden nannte, das schrieb man der Sonne zu; mit Recht, 
denn die Sonnenkrafte hangen mit allem zusammen, was der Mensch 
in Freiheit aus sich machen kann. Aber allmahlich war es in der Ent- 
wickelung der Menschheit so gekommen, daB dies nicht mehr hinein- 
gehorte in die menschliche Entwickelung, daB der Mensch nicht mehr 
mit dem Hinauf blicken in die Weltenweiten das BewuBtsein davon in 
das Physische hineinnahm. Julian Apostata wollte darauf aufmerksam 
machen, daB es das noch gab, aber er muBte es mit dem Tode biiBen. 
Der Christus aber wollte dadurch, daB er seinem Worte die Kraft ver- 
lieh, den Menschen dasjenige, was die Natur nicht gab, durch die 
Moral bringen, durch die religios-moralische Vertiefung. Der Christus 
war es, der die Menschen lehrte : Wenn ihr fuhlt, wie ich fiihle, wenn 



ihr, statt nach der Sonne zu sehen, nach dem seht, was in mir erweckt 
ist, der noch als letzter im dreiBigsten Jahre das Sonnenwort empfing, 
dann werdet ihr wieder den Weg zum Sonnenhaften finden. - Und die 
Mysterienlehrer der ersten christlichen Zeit wuBten ganz genau: Es 
wird sich nun der Verstand entwickeln, die Intellektualitat, die dem 
Menschen zwar die Freiheit bringt, die ihm aber das alte Hellsehen 
nimmt, das ihn in die Geistigkeit des Kosmos fiihrt. 

Deshalb stifteten diese Weisen alter christlicher Mysterien eine Art 
von Lehre, die nun gegeben wurde in jenem epischen Drama, drama- 
tischem Epos, von dem ich sprach. Da wurde dargestellt ein solcher 
Schiiler der christlichen Mysterien, der unter dem Opfer des Intel- 
lektes, das er zu leisten hatte in einem bestimmten jugendlichen Le- 
bensalter, in das wirkliche Christentum hineingefiihrt werden sollte, 
auf daB ihm die Anschauung gebracht wiirde: der Christus ist ein 
Sonnenwesen, das gelebt hat in dem Jesus von Nazareth von dem 
dreiBigsten Jahre seines Lebens an. Und in ergreifender Weise war in 
jenem Drama dargestellt, wie ein nach dem wahren Wesen des Chri- 
stentums Strebender in seinen jungen Jahren das Opfer des Intellekts 
bringt, das heiBt, den hohen Weltenmachten das Gelobnis leistet, nicht 
sich an die Intellektualitat zu halten, sondern sich in das eigene Innere 
zu vertiefen, um das Christentum nicht nur kennen zu lernen als etwas 
Historisch-Traditionelles, sondern es kennen zu lernen als etwas Kos- 
misches, hinzuschauen auf den Christus als auf denjenigen, der die 
Sonnenwesenheit als Geistigkeit in sich tragt. Es war eine dramatische 
Szene groBartiger Art, groBartigen Inhaltes, die diese Umwandlung 
einer Menschenwesenheit darstellte unter dem Opfer des Intellekts. 
Und aus einem Menschen, der das Christentum bloB aufnahm nach 
dem Wortlaut der Evangelien - so wie es spater gekommen ist - wurde 
einer, der da lernte hinschauen auf das Kosmische, der den lebendigen 
Zusammenhang des Christus mit dem Kosmos anschaute. Das Hell- 
sichtigwerden fur das Christentum als Kosmisches, das stellte fur die- 
sen seinen Helden jenes alte epische Drama dar. Die katholische Kirche 
hat dafiir gesorgt, daB auch jede Spur von diesem Drama ausgerottet 
worden ist. Nichts ist zuriickgeblieben, die katholische Kirche hat 
Macht genug dazu gehabt. Es ist ja zum Beispiel nur einem Zufall zu 



verdanken, daB eine Abschrift sich erhalten hat von den Werken einer 
Personlichkeit am Hofe Karls des Kahlen, von def man sonst auch 
nichts wissen wurde: von Scotus Erigena. 

Wer solche Dinge sieht, der wird es auch nicht so paradox finden, 
wenn man genotigt ist dutch die geistige Forscmmg, hinzuweisen auf 
dieses epische Drama, dramatische Epos, welches geradezu die Ver- 
wandlung eines Menschen darstellt unter dem Geldbnis zu dem Opfer 
des Intellekts, wodurch ihm die Himmel erofTnet worden sind. Aber 
in der Tradition hat sich manches Bruchstuck aus jenem alten drama- 
tischen Epos erhalten, umgeandert vielfach, nicht mehr verstanden in 
den groBen Zusarnmenhangen, vor alien Dingen nicht mehr in der 
alten Bildhaftigkeit verstanden; denn das, was der Inhalt dieses Kunst- 
werkes darstellte, ist vielfach zum Gegenstand der Malerei geworden. 
Auch diese Malereien sind ausgerottet worden, nur Traditionen haben 
sich erhalten. Und von diesen Traditionen ist noch etwas in einem 
Kreise getrieben worden, dem der Lehrer Dantes, Brumtto Latini, an- 
gehort hat. Dante hat von diesem Lehrer etwas, allerdings nicht mehr 
genau, aber etwas Traditionelles erfahren, und in Dantes « Gottlicher 
Kom6die» lebt noch etwas fort von jenem dramatischen Epos. Aber 
das Werk hat so wahr einmal bestanden, wie die «G6ttliche Kom6die» 
selber besteht. 

Sie sehen, die Geschichte deckt sich nicht mit der Wirklichkeit, und 
es wird manches heraufgeholt werden mussen durch rein geistige For- 
schung aus all dem, was vom Feinde ausgerottet worden ist. Denn 
man hat eben von einer gewissen Seite her alles Interesse daran, mit 
Stumpf und Stiel auszurotten dasjenige, was darauf aufmerksam 
macht, daB der Christus aus dem Kosmos stammt, Man hat die Geburt 
des Christus im dreiBigsten Jahre verlegt gegen die physische Geburt 
hin. Das alles hatte man nicht tun konnen, was dann eben christliche 
Lehre geworden ist, wenn man nicht ausgerottet hatte jenes Drama, 
von dem ich heute gesprochen habe. Es wird schon die geistige For- 
schung einmal eine Rolle spielen mussen, wenn die Menschheit fort- 
leben will in ihrer Zivilisation. Sie kennen schon das furchtbar Schad- 
liche jener Erkrankungen, die so auftreten wie bei jemandem, mit dem 
ich recht gut bekannt war, der eine recht angesehene Stellung hatte, 



eines Tages sein Haus, seine Familie verlieB, auf die Bahn ging, sich 
ein Billet nach einer entfernten Station nahm, und plotzlich alles ver- 
gessen hatte, was er in seinem bisherigen Leben erlebt hatte. Sein In- 
tellekt war in Ordnung, aber die Erinnerung war vollstandig getriibt, 
und als er in jener Station angekommen war, da nahm er sich ein neues 
Billet, durchquerte auf diese Weise Deutschland, Osterreich, Ungarn, 
Galizien und fand sich zuletzt, als sein Gedachtnis wiedererwachte, in 
einem Obdachlosen-Asyl in Berlin. 

Es ist wahrhaftig der Ruin des ganzen Ich, wenn man dasjenige ver- 
giBt, was man durchgemacht hat. So wiirde es auch den Ruin des Zivi- 
lisations-Ich bedeuten, des Ich der europaischen Menschheit, wenn sie 
vollstandig das vergessen wiirde, was sie geschichtlich durchgemacht 
hat, was ihr ausgerottet worden ist. Geisteswissenschaft allein kann sie 
wieder dahin zuriickbringen. 

Allein selbst Menschen, die verhaltnismaBig ganz wohlwollend 
sind, auch denen, meine lieben Freunde, kommt das, was Geistes- 
wissenschaft zu sagen hat, heute noch ganz sonderbar vor. Man kann 
doch nicht ohne eine gewisse Ironie dasjenige lesen, was ein sonst so 
hoffhungsvoller Geist wie Maurice Maeterlinck iiber mich selbst als 
den Begrunder der Anthroposophie unter dem Titel «Das groBe 
Ratsel» sagt, Maurice Maeterlinck scheint nicht leugnen zu konnen, 
daB immer in den ersten Einleitungen meiner Biicher etwas ganz Ver- 
nunftiges steht. Das fallt ihm auf. Aber dann, dann kommt er in etwas 
hinein, was ihn ungeheuer verwirrt, wo er nicht durch kann. Nun, 
man konnte ja ein Wort Lichtenbergs variieren: Wenn Biicher und ein 
Mensch zusammenstoBen, und es hohl klingt, muB das ja nicht gerade 
vomBuch abhangen. Aber es ist eben so - Maurice Maeterlinck ist gewiB 
eine Hochbliite unserer gegenwartigen Kultur -, denken Sie doch, 
es flndet sich bei ihm fast wortlich der Satz : In den Einfiihrungen sei- 
ner Biicher, in den ersten Kapiteln, da zeigt Steiner immer einen ab- 
wagenden, logischen, weiten Geist ; dann in den weitern Kapiteln ist 
es, als ob er wahnsinnig wiirde. - Ja, nun, meine lieben Freunde, was 
hat denn aber das fur eine Konsequenz? Das hieBe ja: Erstes Kapitel: 
abwagender, logischer, weiter Geist. Letztes Kapitel: wahnsinnig. 
Nun ist das Buch fertig, nun kommt ein neues. Wiederum zuerst : ab- 



wagender, logischer, weiter Geist, 2ulet2t : wahnsinnig. Ich habe eine 
ganze Anzahl von Biichern geschrieben, so daB ich also diese Prozedur 
mit einer gewissen Virtuosi tat durchmachen wiirde: Erstes Kapitel: 
ab wagender, logischer, weiter Geist; dann: verwirrt, verbohrt. Und 
so wird in meinen Buchern, nach Ansicht Maurice Maeterlincks, jon- 
gliert. Aber in der Art, daB man so willkurlich an die Sache herangeht, 
hat man es in Irrenhausern doch noch nicht entdeckt. 

Nun sehen Sie, man kommt noch in eine viel groBere Verwirrung 
hinein, wenn man an die Bucher derjenigen Menschen herantritt, die 
einen fur verbohrt halten. Und so kann man an der Ironie, mit welcher 
man manche dieser Dinge aufnehmen muB, sehen, wie schwer es den 
Menschen der Gegenwart noch wird, sich hineinzufinden in wirkliche 
Geistesforschung. Aber die muB kommen. Und damit es nicht an uns 
liegt, meine lieben Freunde, nicht die notige Kraft angewendet zu 
haben, um herbeizufiihren die geistige Vertiefung, war die Weihnachts- 
tagung eben da, die einen Markstein enthalten soil fur die Weiter- 
entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Art, wie ich 
es schon auseinandergesetzt habe; die vor alien Dingen eine Epoche 
der anthroposophischen Bewegung einleiten soil, in der ohne Scheu 
von den konkreten Tatsachen des geistigen Lebens gesprochen werden 
soli, wie wir es heute und in den vorangehenden Vortragen wieder 
getan haben. Es ist eben eine starkere StoBkraft notig, als fruher an- 
gewendet worden ist, wenn der Geist, dessen die Menschheit bedarf, 
einziehen soli. 

Deshalb, meine lieben Freunde, war es mir wirklich zur tiefsten Be- 
friedigung, daB ich in diesen elf Vortragen, die ich offentlich oder in 
mehr oder weniger engem Kreise halten durfte, hineinfuhren durfte 
ein wenig in die Tiefen des geistigen Lebens. Und aus dieser innigen 
Befriedigung heraus lassen Sie mich meinen herzlichsten Dank aus- 
sprechen fur die warmen, innigen Worte, die Herr Professor Hauffen 
heute im Beginn dieser Stunde hier ausgesprochen hat. Ich danke herz- 
lich fur Ihren Empfang, danke herzlich fur alles, was Ihre Seelen mir 
entgegengebracht haben bei dieser meiner Anwesenheit. Und Sie 
konnen iiberzeugt sein, daB ich die schonen Worte, die Herr Professor 
Hauffen gesprochen hat, in der Seele mittragen werde, daB aus ihnen 



quellen werden die Gedanken, die ich Ihnen immer zusenden werde 
und die, wenn sie ihr Ziel erreichen, unter Ihnen weilen werden, wenn 
Sie hier arbeiten. Wir sind ja als Anthroposophen, auch wenn wir von- 
einander raumlich entfernt sind, im Gemiit doch beisammen, und wir 
sollen ja dessen eingedenk sein und es wissen, daB wir beisammen sind. 
Es war mir ja viele Jahre vergonnt, hier in Prag zu sprechen aus den 
mannigfaltigsten Gestaltungen des geistigen Lebens heraus, und es 
hatte mir zur herzlichen Befriedigung gereicht. Und diesmal ganz be- 
sonders, weil ja an Ihre Herzen und Seelen Anforderungen gestellt 
wurden, die verhaltnismaBig neu sind, weil Sie mit einer noch groBereo 
Vorurteilslosigkeit demjenigen entgegenkommen muBten, was ich 
diesmal - ich mochte sagen in geistigem Auftrage - zu Ihnen zu spre- 
chen hatte. Wenn ich sage, in geistigem Auftrage, so legen wir das 
Wort dahin aus, daB wir uns sagen: Im Geiste bleiben wir beieinander. 
Der Vorstand, der in Dornach gebildet worden ist, ist nur klein; es 
sind nur diejenigen Leute darin, die innig mit mir verbunden sein 
konnen, um aus dieser Initiative heraus dasjenige wirken zu konnen^ 
was gewirkt werden soil. Allein es wird dasjenige, was gewirkt werden 
soil, gewirkt werden, wenn alle lieben Freunde aus vollem Herzen 
zusammenarbeiten, vor allem im geistigen anthroposophischen Zu- 
sammendenken, Zusammenempfinden, Zusammenwollen. 

Dieses nehmen Sie nebst meinem Danke als einen herzlichen Ab- 
schiedsgruB, der aber anders sein will, nicht eine Trennung sein soil, 
sondern die Einleitung eines geistigen Zusammenseins. Dieses Zu- 
sammensein, es soil im Grunde dasjenige bleiben, was aus jedem un- 
serer Worte hervorgeht. Alle Worte, die unter uns gesprochen werden, 
sollen ja dazu dienen, uns immer enger und enger zusammenzufiihren. 
In diesem Sinne lassen Sie mich, meine lieben Freunde, bewegten 
Herzens Ihnen versprechen, daB ich mit Ihnen zusammen sein werde, 
daB meine Gedanken unter Ihnen weilen werden, daB sie suchen wer- 
den unter Ihnen eine der Statten, in denen wirken soil in rechter Art 
anthroposophisches Wollen, anthroposophische Geistesstromung. 
Gehen wir in diesem Sinne leiblich nur auseinander, bleiben wir in 
diesem Sinne herzinniglich geistig zusammen! 



Anthroposophie als Erkenntnisgrundlage 
des Geistigen in Welt und Mensch und als Seelenimpuls 
fur moralisches und religioses Leben 



FtJNFTER VORTRAG 
Paris, 23. Mai 1924 



Das letzte Mai, als ich wenigstens zu einer gewissen Anzahl von Ihnen 
sprechen durfte, war es, als unser Goetheanum in Dornach noch be- 
stand. Es bereitete mir damals eine groBe Befriedigung, vor einer An- 
zahl franzosischer Freunde sprechen zu diirfen. Diese Befriedigung 
wird wiederholt dadurch, daB ich auf Einladung unserer fr anzosischen 
Freunde nun auch hier iiber Gegenstande unserer Anthroposophie 
sprechen darf. Ich danke diesen Freunden fur ihre so liebe Einladung, 
insbesondere Mile Sauerwein, und spreche auch meine Befriedigung 
dariiber aus, daB Dr. Sauerwein, der dazumal in einer so schonen, ent- 
gegenkommenden Weise die Vortrage in Dornach iibersetzt hat, auch 
in Paris sich bereit erklart hat, diese Arbeit zu iibernehmen. Ich bin 
ihm ganz besonders dafiir dankbar. 

In der anthroposophischen Bewegung hat sich ja einiges dadurch 
verandert, daB wir in einer verhaltnismaBig kurzen Zeit, nachdem uns 
das Ungliick des Brandes getroffen hat, unter groBer Teilnahme der 
anthroposophischen Freunde die Weihnachtstagung abhalten durften, 
die der anthroposophischen Bewegung, wie ich glaube, doch einen 
neuen Impuls gegeben hat, insbesondere einen neuen Impuls in bezug 
auf den Inhalt des anthroposophischen Wirkens selbst. Das Neue in 
der anthroposophischen Bewegung besteht ja auch darinnen, daB ich 
selber die Prasidentschaft nun iibernehmen muBte, wahrend sie bisher 
von anderen ausgeubt wurde, und ich mich nur als Lehrer betrachtete. 
Nun, meine lieben Freunde, es war ein ganz bedeutender EntschluB, 
auch gegemiber der geistigen Welt, den ich damals fas sen muBte. 
Denn es war ein Wagnis. Ein Wagnis aus dem Grunde, weil mit der 
Ubernahme der auBeren Fiihrung ebensogut es hatte sein konnen, daB 
die Offenbarungen von Seite geistiger Wesenheiten, auf die wir doch 
durchaus angewiesen sind, wenn es sich um Verbreitung der Anthro- 
posophie handelt, - daB diese OfFenbarungen geistiger Wesenheiten 
hatten weniger werden konnen dadurch, daB ich mich in Anspruch 



nehmen lieB von der auBeren Verwaltung der Gesellschaft. Ich darf 
heute schon auf die auBerordentlich bedeutsame Tatsache hinblicken, 
daB dies nicht der Fall ist, sondern daB im Gegenteil seit der Weih- 
nachtstagung der geistige Impuls, der aus den spirituellen Welten her- 
unterkommen muB, wenn die anthroposophische Bewegung ihren 
richtigen Fortgang nehmen soli, durchaus gewachsen ist, so daB un- 
sere anthroposophische Bewegung seit unserer Weihnachtstagung 
immer esoterischer und esoterischer werden konnte und es weiter 
werden wird. Es ist damit verbunden, daB allerdings auch - ich meine 
von der geistigen Seite her - sehr starke gegnerische Machte, damo- 
nische Machte gegen die anthroposophische Bewegung ansturmen. 
Aber es steht durchaus zu hofTen, daB die Krafte des Biindnisses, das 
wir durch die Weihnachtstagung mit guten geistigen Machten schlie- 
Ben durften, in der Zukunft imstande sein werden, alle diejenigen geg- 
nerischen Machte auf geistigem Gebiete, die sich doch der Menschen 
auf Erden bedienen, um ihre Wirkungen zu erzielen, - alle diese geg- 
nerischen Machte aus dem Felde zu schlagen. 

In diesen drei Vortragen, meine lieben Freunde, mochte ich mir er- 
lauben, zu sprechen davon, wie auf der einen Seite Anthroposophie 
als eine Erkenntnis des Geistigen in der Welt und im Menschen leben 
kann und zwar als eine solche Erkenntnis von Welt und Mensch, daB 
es auf der anderen Seite moglich ist, aus einer solchen Erkenntnis 
wirkliche innere Seelenimpulse zu erhalten fur das moralische und das 
religiose Leben. Dadurch, daB dies uberhaupt moglich sein wird, Er- 
kenntnisse zu erhalten, die zu gleicher Zeit religiose, moralische Im- 
pulse geben, dadurch wird Anthroposophie etwas anderes der Mensch- 
heit geben konnen als die Zivilisation der letzten Jahrhunderte. Diese 
krankte ja ganz besonders daran, daB Erkenntnis se groBartiger Art da 
waren, Naturwissenschaft, okonomische, philosophische Erkennt- 
nisse; aber alle diese Erkenntnisse beschaftigten den Kopf des Men- 
schen. Die moralischen, die religiosen Impulse miissen aus dem Herzen 
kommen, miissen aus dem Gemiite hervorsprieBen. Sie waren da als 
religiose, als moralische Ideale. Aber ob in diesen moralischen Idealen 
auch eine so starke Kraft ist, daB moralisches und religioses Fiihlen 
Welten schaffen kann, die eine Zukunft bedeuten, wenn die physische 



Welt der Gegenwart untergegangen sein wird, dariiber konnte die 
neuere Wissenschaft nichts aussagen. Daraus aber entsprangen die 
groBen Zweifel des verflossenen und des gegenwartigen Zeitalters. 

Von drei Aspekten aus mochte ich zunachst heute das Wesen des 
Menschen betrachten. Dieses Wesen des Menschen, wir verfolgen es, 
wir stehen selber darinnen mit unserem Schicksal zwischen der Geburt 
und dem Tode. Was wir da verfolgen, ist begrenzt auf der einen Seite 
von der Geburt, besser gesagt von der Konzeption, von der anderen 
Seite vom Tode. Geburt und Tod sind nicht das Leben, sie beginnen 
das Leben, sie schlieBen das Leben. Die Frage ist diese : Konnen wir 
mit derselben Betrachtung, mit der wir im Leben, in unserem eigenen 
Leben, im Leben anderer Menschen zwischen Geburt und Tod dar- 
innenstehen, - konnen wir mit derselben Betrachtung Geburt und Tod 
selber anschauen, oder muB auch die Betrachtung eine andere werden, 
wenn wir an den Grenzen, bei Geburt und Tod, ankommen? Dem- 
nach sei der Aspekt des Todes, der in so deutlicher Weise das mensch- 
liche Leben begrenzt, das erste, was wir heute geistig ins Auge fassen 
wollen. 

Der Tod nimmt das Physische, das vor uns steht, vom Menschen 
im Erdenleben hinweg. Wie nimmt er dieses Physische hinweg? Die 
Erde mit ihren Elementen, sei es in ihrem eigenen Elemente, beim 
Begrabnis, sei es durch das Element des Feuers, bei der Kremation, - 
die Erde mit ihren Elementen nimmt den physischen Menschen hin- 
weg. Was kann sie mit dem, was wir mit unseren physischen Sinnen 
vom Menschen betrachten, was kann sie damit machen? Sie kann da- 
mit nur Zers toning iiben. Schauen wir hin auf die Krafte, die um uns 
herum sind. Sie bauen, wenn ihnen der menschliche Leichnam iiber- 
liefert wird, im menschlichen Korper nichts auf, sie zerstoren. Wir 
konnen sagen: Dasjenige, was an Naturkraft um uns ist, ist nicht da 
zum Aufbau; denn wenn der menschliche Leib den Naturkraften iiber- 
lassen wird, zerfallt er. Es muB also etwas anderes sein, was ihn auf- 
baut, etwas anderes als Irdisches, denn durch Irdisches zerfallt er. 

Aber anders sieht diese ganze Sache aus, wenn man mit Erkenntnis- 
kraften, die durch Seelenubungen aus der Seele herausgeholt werden, 
den Tod des Menschen betrachtet. Die gewohnlichen Erkenntnis- 



krafte sehen den Leichnam, sonst nichts. Gelangt man aber durch 
Seeleniibungen zu einer ersten Erkenntnisstufe, die ich in meinen 
Biichern geschildert habe, zur Imagination, dann verwandelt sich der 
Tod vollstandig. Der Mensch entreiBt sich im Tode der Erde. Und 
wir sehen, wenn wir die Erkenntnisstufe der Imagination ausbilden, 
in unmittelbarer Anschauung in lebendigen Bildern den Menschen im 
Tode nicht sterben, sondern auferstehen aus seinem Leichnam. Es ver- 
wandelt sich der physische Tod in Geistgeburt fiir die Erkenntnisstufe 
der Imagination. Vor dem Tode steht der Mensch da als Erden- 
mensch. Er kann sagen: Ich bin da an diesem Orte, drauBen ist die 
Welt. - In dem Augenblick, wo der Tod eintritt, ist der Mensch nur 
da nicht, wo sein Leichnam ist. Er beginnt sein Dasein in den Weiten 
des Weltenraumes, er wird eins mit der Welt, die er friiher nur an- 
geschaut hat. Die Welt auBer seinem Leibe wird nun sein Erlebnis, und 
damit wird das, was bisher Innenwelt war, AuBenwelt; dasjenige, was 
bisher AuBenwelt war, wird Innenwelt. Wir bekommen aus dem per- 
sonlichen Dasein heraus ein Weltendasein. Die Erde - so zeigt es sich 
fiir die imaginative Erkenntnis - gibt uns mit die Moglichkeit, durch 
den Tod zu gehen. Die Erde offenbart sich vor dieser imaginativen 
Erkenntnis als der Trager des Todes im Weltenall. Nirgends finden 
wir auf den Schauplatzen, die der Mensch betritt, im physischen oder 
geistigen Leben anderswo den Tod als auf der Erde. Denn im Augen- 
blick, in dem der Mensch durch den Tod durchgeht und mit der Welt 
eins wird, bietet sich uns der zweite Aspekt dar, - nicht mehr der 
Aspekt des Todes, sondern jener Aspekt, in dem uns die Weiten des 
Raumes erscheinen als iiberall erfiillt von Weltgedanken. Die ganze 
Welt, der ganze Kosmos wird nun fiir die Anschauung und fiir den 
Menschen selbst, der durch den Tod gegangen ist, voll von Welt- 
gedanken, die leben und weben in den Weiten des Raumes. Der 
Raumaspekt wird Offenbarer, so daB wir, wenn wir durch den Tod 
gehen, eintreten in eine Welt der Weltgedanken. Alles wirkt und webt 
in Weltgedanken. Das ist der zweite Aspekt des Todes. 

Wenn wir im Erdenleben Menschen gegeniiberstehen, haben wir 
vor uns zunachst die Personlichkeit des Menschen; er muB sprechen, 
wenn wir seine Gedanken haben wollen. Wir sagen dann: Die Ge- 



danken sind in ihm, sie kommen dutch seine Sprache zu uns. - Aber 
nirgends entdecken wir im Umkreis des Erdenlebens Gedanken fur 
sich. Sie sind nur vorhanden in den Menschen und kommen aus ihnen 
heraus. Treten wir aus der Erdensphare des Todes in die Raumes- 
sphare der Gedanken, dann leben zunachst nicht Wesen da; wir tref- 
fen zunachst in den Weiten des Raumes nicht Wesen - weder Gotter 
noch Menschen aber wir treffen iiberall Weltgedanken. Es ist so, 
wenn wir durch den Tod gegangen sind und die Weltenweiten be- 
treten, wie wenn wir hier in der physischen Welt nicht zuerst den 
Menschen sehen wiirden, sondern, wenn wir dem Menschen entgegen- 
treten, zuerst seine Gedanken wahrnehmen wiirden, ohne daB wir den 
Menschen selbst sehen. Wir wiirden eine Wolke von Gedanken sehen. 
Und wir sehen eine zweite Wolke: Wir begegnen nicht Wesen, wir 
begegnen den Weltgedanken, der allgemeinen Weltintelligenz. 

In dieser Sphare der kosmischen Intelligenz lebt der Mensch einige 
Tage nach seinem Tode. Und in den Weltgedanken, die da weben, er- 
scheint wie eine Einzelheit, ich mochte sagen, wie eine besondere 
Wolke, auf die man hinsieht, das eigene letzte Erdenleben, das man 
erlebt hat. Das ist eingeschrieben in die Weltenintelligenz. Man schaut 
das eigene Leben auf einmal, auf einmal in einem groBen Tableau auf 
wenige Tage, Mit jedem Tage - es sind nur wenige - wird dasjenige, 
was in die Weltenintelligenz sich eingeschrieben hat, schwacher und 
schwacher. Es dehnt sich in den Weltenraum hinaus, es entschwindet 
einem. Wahrend am Ende des Erdenlebens der Aspekt des Todes da- 
steht, steht am Ende des Erlebens nach wenigen Tagen das Ent- 
schwinden in die Weltenweiten. Wir haben so nach dem ersten Aspekt, 
den wir nennen konnen den Aspekt des Todes, den zweiten Aspekt, 
den wir nennen konnen den Aspekt des Entschwindens des Erden- 
lebens. Es ist tatsachlich nach dem Tode fur jeden Menschen da ein 
Moment, wo eine ungeheure Sorge auftritt, Furcht, Angst, daB er sich 
verliere mit seinem ganzen Erdenleben in die Weltenweiten. 

Will man sich nun weiter in den Erlebnissen des Menschen nach 
dem Tode zurechtfinden, so reicht die Erkenntnis der Imagination 
nicht aus. Es muB eintreten die zweite Erkenntnisstufe, die Inspira- 
tion. Die Erkenntnisstufe der Imagination hat Bilder vor sich; sie sind 



im Grunde wie die Traumbilder. Nur konnen wir bei den Traum- 
bildern nie iiberzeugt sein, ob wir eine Wirklichkeit dahinter haben; 
bei den Bildern der Imagination ist es immer so, daB sie ausdriicken 
durch ihre eigene Qualitat eine Realitat. Man lebt mit der Imagination 
in einer Bildwelt, die aber Realitat ist, Diese Bildwelt, sie muB iiber- 
wunden werden, wenn man dazu kommen will, dasjenige zu schauen, 
was der Mensch nach den wenigen Tagen, in denen er sein Leben 
geschaut hat, nach dem Tode erfahrt. 

Diese Inspiration, die nun errungen werden muB nach der Imagina- 
tion oder wahrend der Imagination, die hat nicht Bilder vor sich; das 
ist eine Erkenntnis der Bildlosigkeit, aber des geistigen Horens. Die 
inspirierte Erkenntnis nimmt die Weltintelligenz, die Weltgedanken 
so auf, daB man sie wie geistig hort. Von alien Seiten spricht es, er- 
klingt das Weltenwort mit aller Deutlichkek ; man weiB, daB etwas 
dahinter ist. Man hat zunachst die Verkiindigung. Und dann, wenn 
man sich hingeben kann dieser Inspiration, dann ist es so, daB man 
nun - hinter den Gedanken der Welt - die Wesenheiten der Welt be- 
ginnt wahrzunehmen in der Intuition. Imagination nimmt Bilder des 
Geistigen wahr, die Inspiration hort das Geistige geistig sprechen. 
Intuition nimmt die Wesen selber wahr. Ich sagte : Die Welt ist erfullt 
mit Weltgedanken. - Die deuten noch auf keine Wesen, aber wir kom- 
men dazu, hinter den Gedanken Worte zu vernehmen, die Wesenheiten 
der Welt zu schauen mit der Intuition. 

Der erste Aspekt ist der Aspekt des Todes, der Erdenaspekt; der 
zweite Aspekt, der uns in die Weiten des Raumes hinausfuhrt, in die 
wir sonst verstandnislos als Erdenmenschen hinausblicken, ist der 
Aspekt des Verschwindens des Menschen. Dann liefert uns der dritte 
Aspekt das, was die Raumesweiten auch fur den sichtbaren Blick be- 
grenzt, - der dritte Aspekt ist der Aspekt der Sterne. Aber die Sterne 
erscheinen nicht so wie fur den physischen Anblick. Fur den physi- 
schen Anblick sind die Sterne leuchtende Punkte an den Grenzen des 
Raumes, zu denen wir binblicken. Sind wir bei der intuitiven Erkennt- 
nis angekommen, so sind die Sterne OrTenbarer der Weltwesen, der 
geistigen Weltwesen. Und wir schauen statt der physischen Sterne mit 
der Intuition Kolonien, geistige Kolonien im geistigen Weltall, die an 



den einzelnen Orten sind, an denen wit physische Sterne vermuten. 
Der dritte Aspekt ist der Aspekt der Sterne. Er fuhrt uns ein, nach- 
dem wir den Tod kennengelernt haben, nachdem wir die Weltintelli- 
genz erkannt haben durch die Raumesweiten, er fuhrt uns, der dritte 
Aspekt, ein in die Spharen der Weltwesen, der geistigen Weltwesen, 
er tritt als Menschenaspekt ein in die Spharen der Weltwesen, damit 
aber in die Sphare der Sterne. Und so, wie zwischen Geburt und Tod 
den Menschen aufgenommen hat die Erde, so nimmt, nachdem der 
Mensch iiber den Abgrund der Weltenintelligenz hinweggegangen ist 
wenige Tage nach seinem Tode, die Sternenwelt den Menschen auf. 
Der Mensch war auf der Erde ein Erdenmensch unter Erdenwesen; 
er wird nach dem Tode ein Himmelswesen unter Himmelswesen. 

Die erste Sphare, in die der Mensch eintritt, ist die Mondensphare. 
Er betritt dann spater die anderen Weltenspharen. Ich darf vielleicht 
dasjenige, was ich ausfiihren will, um Ihnen eine kleine Unterstutzung 
zu geben, schematisch an die Tafel zeichnen. Im Moment des Todes 
gehort der Mensch noch der Erdensphare an. In diesem Moment hat 
fur den Menschen keine Bedeutung mehr alles dasjenige, was irdisches 
Wissen umfassen kann. Auf der Erde haben wir verschiedene Stoffe, 
Metalle, andere Stoffe. Im Moment des Todes hort alle diese Differen- 
zierung auf. Alle auBeren festen Stoffe sind irdisch, und der Mensch 
lebt im Moment des Todes in Erde, Wasser, Luft und Warme. Die 
wenigen Tage nach dem Tode seien durch diese ; blaue Sphare, der 
Sphare der Weltenintelligenz, bezeichnet. Der Mensch schaut sein 
eigenes Leben, der Mensch ist zwischen dem Erdengebiete und dem 
Himmelsgebiete. Er betritt wenige Tage nach dem Tode das Himmels- 
gebiet, zuerst die Sphare des Mondes. In dieser Sphare des Mondes be- 
gegnen wir als Mensch nun zuerst wirklichen Weltwesen, aber noch sehr 
menschenahnlichen; denn mit den Wesen, die wir hier wenige Tage 
nach unserem Tode in der Mondensphare begegnen, waren wir friiher 
auf der Erde schon einmal zusammen. Sie werden, meine lieben 
Freunde, in meinen Biichern nachlesen konnen, wie der Mond als 
physischer Weltenkorper sich einmal von der Erde getrennt hat. Er 
war mit ihr verbunden und wurde ein selbstandiger Weltenkorper. 
Aber nicht nur der physische Mond hat sich von der Erde getrennt. 



Es waren einmal auf der Erde unter den Menschen groBe Lehrer der 
Menschheit, die groBen Urlehrer der Menschheit, die die erste Weis- 
heit den Menschen auf die Erde gebracht haben. Diese Urlehrer waren 
nicht in einem physischen Menschenleibe, sie waren nur in einem athe- 
rischen Leibe auf der Erde vorhanden, Wenn der Mensch unterrichtet 
wurde von ihnen, so vernahm er das innerlich. Nachdem eine Weile 
diese groBen Urlehrer auf der Erde verweilt hatten, trennten sie sich 
mit dem Monde von der Erde und bildeten jetzt eine Kolonie auf dem 
Monde, eine Kolonie der Mondenwesen. Diesen Urlehrern der Men- 
schen auf der Erde, die seit langer Zeit von der Erde abgeschieden 
sind, denen begegnen wir als ersten Weltwesen wenige Tage nach dem 
Tode. 

Diese Zeit, die nun der Mensch nach dem Tode mit den Monden- 
wesen zusammenlebt, diese Zeit gibt dem Menschen ein Leben, das 
sich in einem merkwiirdigen Verhaltnis zu dem Erdenleben befindet. 
Wenn man mit der iibersinnlichen Erkenntnis in das Leben eines sol- 
chen Menschen nach dem Tode eintritt, konnte man glauben, daB 
dieses Leben ein fliichtigeres, weniger dichtes sei als das Erdenleben, 
daB der Mensch gewissermaBen gegeniiber dem Erdenleben mehr ein 
luftformiges Dasein fiihrt. Das ist aber nicht der Fall. Nimmt man mit 
der iibersinnlichen Erkenntnis teil an dem Leben, das der Mensch 
nach dem Tode durchlebt, so stellt sich heraus, daB durch eine lange 
Zeit der Mensch ein Leben durchlebt, das viel realer auf ihn wirkt als 
das Erdenleben, demgegeniiber das Erdenleben vielfach ein Traum 
ist. Es dauert ungefahr ein Drittel der Lebenszeit. Es ist bei verschie- 
denen Menschen verschieden, was jetzt durchlebt wird im AnschluB 
an die wenigen Tage nach dem Tode, die ich geschildert habe. Denn 
was erleben wir dann? Der Mensch gibt sich, wenn er zunickschaut 
auf die Erdenleben, einer Illusion hin. Er sieht nur die Tage, er be- 
achtet nicht, was er geistig im Schlafe erlebt hat. Es ist im Leben nun 
einmal so, daB, wenn man nicht ein besonderer Schlafmensch ist, man 
ein Drittel des Lebens verschlaft. Auf das schaut man nun zuriick, 
man durchlebt es bewuBt mit den vereinigten Mondenmachten. Das 
durchlebt man, weil diese groBen Urlehrer der Menschheit ihr Dasein 
uns dann eingieBen, mit uns leben ; man durchlebt diese auf der Erde 



gar nicht bewuBt vollbrachten Nachte in einer viel starketen Realitat 
als das Erdenleben. 

Das, was ich hier gesagt habe, mochte ich mir erlauben, durch ein 
Beispiel zu belegen. Vielleicht kennen einige der lieben Freunde 
das erste oder ein anderes meiner « Mysteriendramen » und wissen, 
daB ich dort gezeichnet habe unter anderen Gestalten die Gestalt eines 
gewissen Strader . Dieser Strader ist kiinstlerisch gezeichnet nach einer 
lebenden Personlichkeit, jetzt verstorbenen, aber damals lebenden Per- 
sonlichkeit. Nicht als ob das Erdenleben abgemalt worden ware, aber 
es lag der Gestaltung des Strader in meinen « Mysterien » das Erden- 
leben eines Menschen zugrunde, der auBerordentlich interessant war 
fur mich, weil er aus verhaltnismaBig einfachen Verhaltnissen hinein- 
gewachsen ist zuerst in ein Priesterdasein, dann den Priesterrock ab- 
geworfen hat und auBerlich Weltgelehrter geworden ist in einem ge- 
wissen rationalistischen Sinne. Die ganzen inneren Kampfe dieses 
Mannes interessierten mich. Ich versuchte, sie geistig zu erfassen. Ich 
habe die vier « Mysterien » geschrieben, indem ich hingeschaut habe 
auf sein Erdenleben. Nachdem er tot war, konnte ich durch das In- 
teresse, das ich an ihm genommen habe, ihm folgennach demTode die 
Zeit hindurch, die er in der Mondensphare durchlebt. Da ist er heute 
noch darinnen. Von diesem Momente ab, wo zu mir durchgebrochen 
ist diese Personlichkeit, diese Individualitat in dem Leben nach dem 
Tode in all der mtetisivcn Realitat, in dem dieses Leben nun wirkt, da 
loschte vollstandig aus dasjenige, was einen fur das Erdenleben in 
einem solchen Falle hat interessieren konnen. Man lebt nun ganz mit 
dieser Individualitat nach dem Tode, und das driickte sich bei mir so 
aus, daB ich diese Individualitat im vierten Mysteriendrama ebenfalls 
sterben lassen muBte, weil dieser Mensch mir auch nicht mehr als 
Erdenmensch gegeniiberstand. Dies sei nur zur Bekraftigung der Be- 
hauptung hingestellt, daB dieses Leben nach dem Tode intensiver, 
substantieller, realer innerlich erlebt wird von den Menschen als das 
Erdenleben, das wie ein Traum ist. 

Wir miissen aufmerksam darauf sein, daB der Mensch nach dem 
Tode sich herauslebt in die groBe Welt, in den Kosmos. Der Kosmos 
wird jetzt er selber. Er fuhlt den Kosmos jetzt als seinen Leib, aber er 



fiihlt auch moralisch dasjenige, was wahrend seines Erdenlebens auBer 
ihm war, jetzt in sich. Dasjenige, was in ihm war, fiihlt er auBer sich. 
Nehmen Sie ein ganz triviales Beispiel. Nehmen Sie an, Sie hatten sich 
wahrend des Erdenlebens durch eine Emotion hinreiBen lassen, je- 
mandem einen Schlag zu geben, wodurch Sie ihm erstens physische 
Schmerzen verursachten und zweitens moralisches Leid zufiigten. 
Nach dem Tode, in der Mondensphare, durch den EinfluB jener Mon- 
denindividualitaten, erleben Sie nun nicht, was Sie erlebt haben wah- 
rend des Erdenlebens, wo Sie aus innerem Arger jemandem einen 
Schlag versetzt haben, vielleicht mit einem innerlichen Wohlgefallen, 
wo Sie nicht fuhlten das Leid des anderen, - jetzt erleben Sie, was der 
andere erlebt hat. Den physischen Schmerz, das Leid, das der andere 
erfahren muBte, das erleben Sie in der Mondensphare. Sie erleben das, 
was Sie selber getan haben oder auch gedacht haben wahrend des 
Erdenlebens, nicht wie Sie es fuhlten, sondern wie es der andere erlebt 
hat. So erlebt der Mensch in einem Drittel seiner Lebenszeit nach dem 
Tode alles dasjenige, was er gedacht, veriibt hat wahrend des Erden- 
lebens in der Art wiederum, wie es ihm die Mondenwesen, von denen 
ich gesprochen habe, in einer intensiven Realitat zeigen, und zwar er- 
lebt er dieses Leben riickwartsgehend. Als ich zum Beispiel Strader 
- ich nenne ihn so in den Mysteriendramen, obwohl er anders geheiBen 
hat - , als ich Straders Leben zuriickerlebte mit ihm - er ist 1912 ge- 
storben -, da war es so, daB er zuerst dasjenige erlebte, was er zuletzt 
auf der Erde erlebt hat, dann das Friihere und so weiter zuriick. Wenn 
er mir jetzt vor die Seele tritt, erlebt er ungefahr in der anderen Sphare, 
in der Mondensphare, was er erlebte im Jahre 1875. Die Zeit zwischen 
1912 und 1875 hat er seither zuriickerlebt und wird weiter zuriick- 
erleben bis zu seinem Geburtsdatum. 

So durchlebt der Mensch in einem Drittel nach dem Tode sein 
Leben riickwarts in den Spharen der Mondenwesen, die einmal Erden- 
wesen waren. Es ist dieses Leben der erste Keim zu demjenigen, was 
sich verwirklicht als das Karma in den folgenden Erdenleben. Man 
wird in diesem Leben, das da in einem Drittel der Erdenlebenszeit 
durchlebt wird, wirklich bekannt innerlich durch eigenes Fiihlen und 
Wahrnehmen, bekannt damit, wie die eigenen Taten auf die anderen 



Menschen gewirkt haben. Und da geht, meine lieben Freunde, ein 
gewaltiger, im Inneren des Geistmenschen daseiender Wunsch auf, 
daB dasjenige, was man jetzt in geistiger Sphare, in der Mondensphare 
durchlebt, weil man es auf der Erde bewirkt hat in anderen Men- 
schen, - daB das auf einen wieder abgeladen werde, damit Ausgleich 
sei. Der EntschluB, sein Schicksal gemaB den Erdentaten und den 
Erdgedanken zu verwirklichen, dieser Wunsch steht am Ende dieser 
Mondenzeit. Und wenn dieser Wunsch aus diesem Erleben, das zu- 
nickgeht bis zur Geburt, furchtlos ist, dann wird der Mensch reif, von 
der nachsten Sphare, von der Merkursphare aufgenommen zu werden. 
Der Mensch tritt dann ein in die Merkursphare. In der Merkursphare 

- das werden wir in dem nachsten Vortrage zu betrachten haben - er- 
fahrt der Mensch durch Wesenheiten, in deren Bereich er jetzt tritt, 
die niemals Erdenwesen waren, die immer iiberirdische Wesen waren, 

- in deren Bereich erfahrt er, wie er weiter sein Schicksal gestalten 
kann. So werden wir ihn zu verfolgen haben durch Merkursphare, 
Venussphare und Sonnensphare, um kennenzulernen dasjenige, was 
der Mensch durchmacht zwischen Tod und einer neuen Geburt, ent- 
sprechend als sein geistiges Dasein demjenigen, was er unter irdischen 
Wesen zwischen Geburt und Tod durchgemacht hat. Denn der Mensch 
lebt sein totales Leben im Erdendasein zwischen Geburt und Tod, im 
Himmelsdasein zwischen Tod und einer neuen Geburt. Daraus setzt 
sich sein gesamtes Leben zusammen: Wie? - davon wollen wir dann 
in den nachsten Vortragen sprechen. 



SECHSTER VORTRAG 
Paris, 24. Mai 1924 



Gestern bemiihte ich mich zu zeigen, wie der Mensch, indem er durch 
die Pforte des Todes geht, aufsteigt in die ersten Erlebnisse der iiber- 
sinnlichen Welt, die er in den nachsten Jahrzehnten nach dem Tode 
durchlebt. Ich zeigte, wie der Mensch eine bestimmte Anzahl von 
Jahren verweilt in dem, was man die Mondenregion nennen kann, wie 
der Mensch in dieser Mondenregion in Zusammenhang kommt mit 
Wesenheiten, die einstmals mit der Erde verbunden waren, die nicht 
in einem physischen Leibe auf der Erde lebten, aber in einem atheri- 
schen Leibe, und als solche Wesenheiten die Lehrer der urspriinglichen 
Menschheit waren, den Menschen inspiriert haben jene tiefe Weisheit, 
die einmal auf der Erde war und die nach und nach auf der Erde er- 
loschen ist. Mit dem Hinweggehen des physischen Mondes von der 
Erde sind auch diese Wesenheiten hinweggegangen; sie haben ihr 
Dasein weiter auf dem Monde, und der Mensch kommt wieder mit 
ihnen zusammen, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist und 
all dasjenige uberschauen soli, was in der gestern charakterisierten 
Weise in einer viel starkeren Realitat iiberschaut wird, als es der Mensch 
eigentlich wahrend seines Erdendaseins durchlebt. 

Ich habe schon angedeutet, daB, nachdem der Mensch geniigend 
lange in der Mondenregion verweilt hat, er den Ubergang findet in die 
Merkurregion, in der er Wesen trifft, die ihn hinausfuhren in eine Re- 
gion der Welt, in der ganz andere Wesen wohnen als auf der Erde, 
eine Region aber, der er als Mensch nun ebenso durch die Zeit zwi- 
schen dem Tode und einer neuen Geburt angehort, wie er mit seinem 
Erdendasein der Erde und ihrer Wirklichkeit angehort hat. 

Gestatten Sie nun, meine lieben Freunde, daB ich die kleine Skizze, 
die ich gestern entworfen habe, heute fortsetze. Wir konnen ausgehen 
davon, daB der Mensch, wenn er den Tod durchlebt - was also eigent- 
lich eine sehr kurze Zeit in Anspruch nimmt -, daB der Mensch dann 
sein Dasein erlebt in den Elementen, in Erde, Wasser, Feuer und Luft. 



Dasjenige, was difFerenzierte StofFe auf der Erde sind, Metalle, alle an- 
deren StofFe, die sind dann im Momente des Todes nicht da. Alle festen 
StofFe sind Erde, alle fliissigen Stoffe sind Wasser, alle luftformigen 
StofFe sind Luft, und alles dasjenige, was Warme zeigt, ist Warme. In 
dieser vierfachen DifFerenzierung des StofFes lebt der Mensch im 
Augenblicke des Todes. Er geht dann iiber in diejenige Region, die ich 
gestern charakterisiert habe als die Region der Weltintelligenz. Weltge- 
danken durchweben und durchleben die Region, in die er dann eintritt 
und in der er wenige Tage verweilt. Dann gelangt er in die Monden- 
region, die ich beschrieben habe, und von da aus in die Merkurregion. 

Diese Skizze, ich mochte sie noch einmal wiederholen: die Region 
der Elemente, die Region der Weltintelligenz. Und nun kommt der 
Mensch in die Sternenregion, zuerst in die Mondregion und dann in 
die Merkurregion. 

Nun wollen wir uns einmal klarmachen, wie das Leben des Men- 
schen zunachst in der Mondregion bestimmend einwirken kann auf 
sein spateres Karma. Auch darauf habe ich gestern schon hingedeutet. 
Die Sache ist so : Indem der Mensch durch den Tod geht, hat er dieses 
oder jenes in seinem Erdenleben verubt, dieses oder jenes an Gutem, 
an Bosem. Und mit all dem tritt er vor jene Wesenheiten durch jenes 
Erleben, das ich gestern beschrieben habe, hin, die eben die Mond- 
wesen genannt werden konnen. Diese Mondwesenheiten uben ein 
strenges Urteil aus, ein Weltenurteil : wieviel Wert eine Handlung hat 
als gute Handlung fur das gesamte Weltall, wieviel Wert eine bose, 
eine unrechte Handlung hat fur das gesamte Weltall. Und dann ist die 
Sache so, daB der Mensch zuriicklassen muB in der Mondenregion all 
dasjenige, wodurch er das Weltall geschadigt hat. Die Ergebnisse sei- 
ner bosen Handlungen, die muB der Mensch in der Mondenregion 
zuriicklassen. Und damit laBt er einen Teil von sich selber zuriick. Wir 
miissen uns nur klarmachen, daB der Mensch mehr, als man meint, eine 
Einheit ist von sich und demjenigen, was er tut, was er vollbringt. Es 
geht sozusagen mit einer guten, mit einer schlechten Handlung das 
ganze Wesen des Menschen eine Verbindung ein. Miissen wir das Bose 
zuriicklassen, das wir verubt haben, so miissen wir einen Teil von uns 
selbst zuriicklassen. - In der Tat, wir kommen iiber diese Monden- 



region nur heraus mit dem, was wir an Gutem fur das Weltall veriibt 
haben. Dadurch sind wir in gewissem Sinne, wenn wir liber die Mon- 
denregion hinauskommen, ein verstiimmelter Mensch, um so mehr 
verstiimmelt, als wir bose Gedanken mit unserem eigenen Wesen ver- 
einigt haben. Soviel mussen wir zuriicklassen, als wir fur die Welt 
Schadliches veriibt haben. 

Wenn wir nun den weiteren Gang des Menschen durch das Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt studieren wollen, dann 
mussen wir auf folgendes sehen : Der Mensch, wie er hier auf der Erde 
stent, besteht ja aus voneinander deutlich unterschiedenen Gliedern. 
Die Kopfregion ist verhaltnismaBig die am meisten ausgebildete, sie 
wird auch im Menschenkeim schon vor der Geburt des Menschen ver- 
anlagt, so daB sie verhaltnismaBig vollkommen ist, wahrend die an- 
dere Korperlichkeit des Menschen im Embryonalleben ja eher unvoll- 
kommen ist. In gewissem Sinne bleibt das durch das ganze Leben hin- 
durch. Die ausgearbeitetste Partie des Menschen ist die Kopfregion; 
die anderen Regionen des Menschen sind weniger ausgearbeitet. Nun 
ist es aber gerade so, daB dasjenige, was vom Haupt des Menschen 
nach dem Tode bleibt als Geistiges, am schnellsten in der geistigen 
Region verlorengeht; das verschwindet sozusagen fastganz mit dem 
Durchgang durch die Mondenregion. Natiirlich mussen Sie mich 
richtig verstehen : Die physische Stoff lichkeit fallt mit dem Leichnam 
ab ; aber im Kopfe haben wir nicht nur die physische Stoff lichkeit, wir 
haben Krafte, die diesen physischen Leib des Menschen formen und 
beleben, ubersinnliche Krafte; die gehen durch die Pforte des Todes, 
die sieht man mit der imaginativen Erkenntnis auch nach dem Tode 
als Geistgestalt des Menschen, nur sieht man an dieser Geistgestalt das 
Haupt, den Kopf des Menschen fortwahrend schwinden, immer mehr 
schwinden. Dasjenige, was eigentlich bleibt, was verstiimmelt werden 
kann, das ist die iibrige Region des Menschen auBer dem Kopf. Mit 
dieser iibrigen Region, die also entweder mehr oder weniger voll- 
kommen eintreten kann in die Merkursphare, wenn der Mensch ein 
guter Mensch war in der Hauptsache, die aber sehr verstiimmelt ein- 
tritt in die Merkurregion, wenn der Mensch ein boser Mensch war, 
mit diesen Kraften, die unsere Seele umgeben, mit diesen Kraften 



treten wir in das weitere Leben zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt ein. Aus diesen Kraften heraus miissen wir das ganze Leben 
bilden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da haben die- 
jenigen geistigen Wesenheiten, die in der Merkursphare sind, die nie- 
mals Menschen waren, die niemals menschliche Gestalt angenommen 
haben, in deren Umgebung wir nunmehr kommen, eine bedeutsame 
Aufgabe. Denn mit all dem, was da sozusagen - verzeihen Sie den Aus- 
druck - als kopf loser Mensch herantritt, mit all dem ist nun verbun- 
den, nachdem die moralischen Makel in der Mondenregion abgelegt 
sind, dasjenige, was der Mensch wahrend seines Erdenlebens als Ge- 
sundheit oder Krankheit durchlebt hat. Es ist wichtig, denn es ist sehr 
bedeutsam, iiberraschend und frappierend, daft der Mensch schon in 
der Mondenregion seine moralischen Makel ablegt, daB aber das- 
jenige, was ihn an Krankheit befallen hat, nicht abfallt in der Mond- 
region, sondern erst in der Merkurregion durch jene Wesenheiten, die 
nicht jemals Menschen gewesen sind, von den Menschen in den gei- 
stigen Wirkungen hinweggenommen werden kann. Gerade die Be- 
achtung dieser Tatsache ist etwas auBerordentlich Bedeutsames: 
Krankheiten werden vom Menschen in der Merkurregion in ihren 
geistigen Ergebnissen hinweggenommen. Und da erleben wir dann 
zuerst, wenn wir dieses beobachten, wie in der Sternenwelt, die die 
eigentliche Welt der Gotter ist, Physisches und Moralisches ineinan- 
derwirken. Das Moralisch-Makelhafte kann nicht hinein in die geistige 
Welt, bleibt sozusagen in der Mondenregion zuriick, die solchen An- 
teil hat an den Menschen, denn sie hat zu ihren Bewohnern Wesen, die 
schon unter den Menschen waren. Auf dem Merkur sind Bewohner, 
die niemals Erdbewohner waren. Diese Wesenheiten nehmen nun die 
Krankheiten von den Menschen weg. Diese Krankheiten schaut man 
wie hinausstromen in die Weltenweiten, in den geistigen Kosmos, und 
die geistigen Ergebnisse der Menschenkrankheiten werden wie auf- 
gesogen vom geistigen Kosmos, stromen hinaus, werden mit einem 
gewissen Wohlgefallen sogar aufgenommen. Der Mensch aber, der 
dieses erlebt im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, 
der hat nun den ersten Eindruck, der eigentlich ein rein geistiger ist 
und dennoch ihm so wirklich entgegentritt, wie ihm die Erde wirklich 



entgegentritt. So, wie wir hier auf der Erde den Wind, den Blitz, das 
FlieBen des Wassers erleben, so erleben wir, wenn wir durch die Pforte 
des Todes gegangen sind und in die Merkurregion eingetreten sind, 
das Fortgehen der geistigen Effekte der Krankheiten, sehen, wie sie 
aufgenommen werden von den geistigen Wesen, diese geistigen Effekte 
der Krankheiten, und der Eindmck ist der : Jetzt seid Ihr versohnt, o 
Gotter! - Ich erwahne das zunachst - wir werden morgen auf diese 
Dinge naher eingehen konnen daB man es erlebt, wie die Gotter 
versohnt werden fur dasjenige, was auf der Erde Boses geschehen ist, 
dadurch, daB die Effekte der Krankheiten ins weite Weltall hinaus- 
stromen. 

Das ist eine sehr wichtige Tatsache im Bereich unseres Lebens zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt. Solche Tatsachen, man hat 
sie einmal gekannt, als gerade jene Wesenheiten vorhanden waren, die 
als die groBen Urlehrer der Menschheit, die dann die Mondbewohner 
geworden sind, die Menschen gelehrt haben. Da wuBte man auch, daB 
man iiber das Wesen der Krankheiten erst erfahren kann, was der 
Wahrheit entspricht, wenn die Wahrheit von den Merkurwesen 
kommt; daher war alles Heilwesen, alles medizinische Wissen, das 
Geheimnis von gewissen Mysterien, den Merkurmysterien. Da war es 
wirklich so in solchen Mysterien, daB nicht ein Mensch dastand, wie 
an den heutigen Universitaten, sondern daB tatsachlich hohere Wesen- 
heiten aus den Sternenregionen durch den Kultus, der an diesen 
Mysterien ublich war, wirkten. Die Gotter waren selbst Lehrer der 
Menschen, und die Medizin ist diejenige Weisheitskunde in alten 
Menschheitszeiten gewesen, die direkt durch die Merkurwesen in den 
Mysterien an die Menschen herangebracht worden ist ; daher war auch 
diese alte Medizin durchaus als eine Gabe des Gottlichen von den 
Menschen angesehen worden. Im Grunde genommen ist alles das- 
jenige, was im Medizinischen fruchtbar ist, heute entweder aus alten 
Zeiten stammend, eine Nachwirkung desjenigen, was man von den 
Gottern des Merkur erfahren hat, oder aber es muB gefunden werden 
wiederum durch diejenigen Methoden, die den Menschen anleiten, 
Umgang mit den Gottern zu haben, von den Gottern lernen zu konnen. 
Die alte Weisheit ist versiegt, verschwunden; eine neue Weisheit, die 



wiederum auf dem Umgang mit den Gottern beruht, muB gefunden 
werden. Das ist die Aufgabe der Anthroposophie auf den verschie- 
densten Gebieten. 

Von der Merkurregion aus kommt der Mensch dann in die Region 
des Venusdaseins. Dasjenige, was der Mensch von sich bis in die Re- 
gion der Venus mitbringen kann, das wird von jenen Wesenheiten, die 
die Venus bewohnen und die noch viel fernerstehen den Erdenwesen 
als die Merkurwesen, so verwandelt, daB es uberhaupt weiterkommen 
kann in der geistigen Region. Das ist aber nur moglich dadurch, daB 
mit dem Betreten der Venusregion der Mensch in ein neues Element 
eintritt. Wenn wir hier auf der Erde leben, kommt viel darauf an, daB 
wir Ideen haben, Begriffe haben, Vorstellungen haben. Denn was ware 
der Mensch auf der Erde, wenn er nicht Vorstellungen und Ideen 
hatte. Gedanken, die tragen ihn, die sind wertvoll, und wir als Menschen 
sind, weil wir Gedanken haben, die etwas taugen, wir sind dadurch 
gescheit. Besonders heute gilt es viel, wenn der Mensch gescheit ist. 
Heute sind ja fast alle Menschen gescheit. Es war nicht immer so, heute 
ist es so. Und es hangt eben doch das ganze Erdenleben davon ab, daB 
die Menschen Gedanken haben. Aus den menschlichen Gedanken ist 
die groBartige Technik entsprungen, es entsteht alles schlieBlich mit 
Hilfe von Gedanken, was der Mensch an Gutem oder Bosem ver- 
wirklicht auf der Erde. Die Gedanken wirken aber noch nach in der 
Mondenregion; denn nach der Art und Weise, wie die guten und 
bosen Taten aus den Gedanken entsprungen sind, urteilen die Wesen 
in der Mondenregion. Aber auch die Wesen in der Merkurregion, die 
beurteilen die Krankheiten, die sie ablosen miissen von den Menschen, 
noch nach den Gedanken. Aber in gewissem Sinne ist hier die Grenze, 
bis zu der Gedanken - uberhaupt dasjenige, was noch an menschliche 
Intelligenz erinnert - eine Bedeutung haben. Denn kommt man heraus 
aus der Merkurregion in die Region der Venus, dann herrscht da das- 
jenige, was wir im Erdenleben im Abglanz kennen als Liebe. Liebe 
lost da sozusagen die Weisheit ab. Wir treten ein in die Region der 
Liebe. Nur dadurch kann der Mensch weitergefiihrt werden hin bis 
zum Sonnendasein, daB Liebe ihn aus der Weisheitssphare in das Son- 
nendasein hineinfuhrt. 



Sehen Sie, meine lieben Freunde, es wird Ihnen etwas die Frage in 
Ihrer Seele bedeuten: Wie erlebt eigentlich derjenige, der so etwas 
iiberhaupt erleben kann in der Anschauung, solche Dinge? - Nun 
haben Sie gewiB gelesen dasjenige, was ich gegeben habe an Seelen- 
iibungen in dem Buche, das ins Franzosische iibersetzt ist unter dem 
Titel « LTnitiation », und Sie werden wissen, daB der Mensch durch 
solche Seeleniibung allmahlich zu einer solchen Anschauung kommt. 
Zuerst erlebt man, wenn man das imaginative BewuBtsein erlangt, 
sein ganzes Leben auf geistige Art bis zur Geburt in einem groBen 
Tableau. Dasjenige, was man nach dem Tode erlebt auf natiirliche 
Weise, erlebt man durch die Initiation in jedem Augenblick des Le- 
bens. Aber dieses Erleben, wenn es dann zur Inspiration kommt, das 
zeigt dann gewissermaBen etwas, was durchscheint durch dieses Ta- 
bleau, durch dieses menschliche Leben. Das ist nun das Bedeutsame. 
Eigentlich kann man iiber den ganzen Zusammenhang der Geheim- 
nisse, die da zugrunde liegen - und es ist immer so gewesen -, erst 
reden, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Man kann in jedem 
Lebensalter initiiert werden ; aber einen vollstandigen Zusammenhang 
iiber die kosmischen Geheimnisse durch eigene Anschauung bekommt 
man iiber diese Dinge in einem bestimmten Lebensalter erst. Das ist so 
aus folgendem Grunde. 

Wenn man zuriickblickt auf dieses Lebenstableau, so gliedert es sich 
in Abschnitte von sieben zu sieben Jahren, und zwar so, daB man einen 
ersten Abschnitt iiberblickt von der Geburt bis zum siebenten Jahre 
ungefahr, einen zweiten Abschnitt vom siebenten zum vierzehnten 
Lebensjahr, einen weiteren vom vierzehnten zum einundzwanzigsten 
Lebensjahr und dann einen einheitlichen Lebensabschnitt vom ein- 
undzwanzigsten bis zweiundvierzigsten Lebensjahr; dann einen Le- 
bensabschnitt vom zweiundvierzigsten bis neunundvierzigsten Lebens- 
jahre, einen Abschnitt vom neunundvierzigsten bis sechsundfiinfzig- 
sten und vom sechsundfunfzigsten bis zum dreiundsechzigsten Jahre. 
Man erlebt hintereinander diese Lebensabschnitte. Man schaut im 
ersten Lebensabschnitt diesen Ruckblick, es steht alles auf einmal da 
bis zum Zahnwechsel hin. Wie durch einen Nebel erscheinen einem 
in jedem dieser Abschnitte die Weltgeheimnisse, die Geheimnisse des 



Kosmos. Im ersten Lebensabschnitte, von der Geburt bis zum sieben- 
ten Jahre, erblickt man bei dieser Riickschau die Geheimnisse des 
Mondes. Wenn das Leben so dasteht im ersten Lebensabschnitt, so 
erscheint es einem, wie wenn dutch einen Nebel die Sonne durch- 
scheint, so erscheinen die Weltgeheimnisse durch den eigenen Ather- 
leib, den man iiberblickt. Was ich Ihnen heute erzahlt habe, meine 
lieben Freunde, iiber das Zurucklassen seiner Makel, seiner bosen 
Dinge, was ich Ihnen erzahlt habe iiber die Mondbewohner, das 
steht in dem Lebensbuche, in diesem Lebensbuche des ersten Ab- 
schnittes. 

Blickt man in seine Kindheit zuriick mit Imagination, Inspiration 
und Intuition, so sagt man sich : Dieses Leben hat eins, zwei, drei bis 
sieben Kapitel. Im ersten Kapitel, umfassend unsere erste Kindheit, 
stehen die Mondengeheimnisse. Im zweiten Lebenskapitel, das um- 
faBt die Lebenszeit zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechts- 
reife, da stehen die Merkurgeheimnisse. In diesem Zeitalter, das die 
Kinder gerade in der Schule verleben, in diesem Zeitalter, wenn man 
auf dasselbe zuriickblickt, zeigen sich die Merkurgeheimnisse. Es ist 
ja den Medizinern bekannt, daB dies dasjenige Alter ist, wo die Kin- 
derkrankheiten sind. Es ist das gesiindeste Zeitalter im Menschen- 
leben, die Sterblichkeit ist verhaltnismaBig am geringsten, wenn man 
die ganze Menschheit anschaut. Diesem Lebensabschnitte zeigen sich 
hinterher die Merkurgeheimnisse, so daB, wenn jemand - es ist das 
nicht gut moglich, aber wenn es doch sein konnte - mit achtzehn 
Jahren schon initiiert sein konnte, er iiberschauen konnen wiirde aus 
seiner Initiation die Mondengeheimnisse, die Merkurgeheimnisse. 
Wenn man aus den spateren Lebensjahren zuriickschaut auf die wei- 
teren Lebensabschnitte vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten 
Jahre, da zeigt sich im Riickblick alles dasjenige, was an Geheimnissen 
der Venusregion im Weltall angehort. In der Zeit, in welcher beim 
Menschen die physische Liebe auftritt, vom vierzehnten bis zum ein- 
undzwanzigsten Lebensjahre, sind auch im Lebensbuche geistig ein- 
geschrieben die Geheimnisse des Venusdaseins im Weltenall. Leben 
wir dann weiter vom einundzwanzigsten bis zum zweiundvierzigsten 
Jahre, so brauchen wir zu diesem Durchleben einen dreimal groBeren 



Zeitraum, denn da, wenn wir zuriickblicken vom spateren Leben, ent- 
hiillen sich uns die ganzen Wesenheiten der Sonnengeheimnisse. Man 
muB iiber die zweiundvierzig Jahre alt geworden sein, damit man zu- 
ruckblicken kann; dann aber sieht man in diesem Lebensabschnitte im 
Riickblicke die Sonnengeheimnisse. 1st man nun gar schon recht alt 
geworden und kann zuruckblicken auf den Lebensabschnitt vom zwei- 
undvierzigsten bis zum neunundvierzigsten Lebens jahre, dann ent- 
hiillen sich die Marsgeheimnisse. Um also in die Marsgeheimnisse ein- 
zudringen, muB man iiber das neunundvierzigste Lebens jahr heraus- 
kommen. Man kann initiiert sein; aber um durch eigene Anschauung 
in die Marsgeheimnisse einzudringen, muB man zuruckblicken konnen 
auf ein Leben, das in einem Abschnitt vom zweiundvierzigsten bis 
zum neunundvierzigsten Lebensjahre verlaufen ist. 1st man iiber neun- 
undvierzig Jahre alt, so kann man auf die Jupitergeheimnisse zuruck- 
blicken. Und - ich darf iiber diese Sache sprechen - ist man iiber das 
dreiundsechzigste Jahr hinaus, so ist es einem erlaubt durch den Rat- 
schluB der Gotter, auch iiber die Saturngeheimnisse zu sprechen. 

Sie sehen, meine lieben Freunde, wir kommen innerhalb dieses Le- 
bens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt immer mehr iiber 
diejenigen Verhaltnisse hinaus, die uns hier auf der Erde umgeben, 
und in andere Verhaltnisse hinein. Dasjenige, was der Mensch, nach- 
dem er die Venusregion durchschritten hat, erlebt, es ist die Tatsachen- 
welt der Sonnenregion. Und nachdem ich Ihnen beschrieben habe, wie 
man auf diese Dinge kommt durch die Initiation, darf ich eben fort- 
fahren in der Betrachtung desjenigen, was der Mensch zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt durchmacht. 

Das Hineinwachsen in die geistige Welt ist aber auch ein solches, das 
immer mehr und mehr sich nahert Wesenheiten, die iiber dem Men- 
schen hinausstehen. In der Mondregion sind wir noch ganz unter 
Wesenheiten, die mit den Menschen auf der Erde gelebt haben, in der 
Hauptsache. Aber wir werden in der Mondregion doch schon an- 
sichtig derjenigen Wesenheiten, die uns auf der Erde fiihren von 
Erdenleben zu Erdenleben. Da sind die Wesenheiten, die ich bezeich- 
net habe in meinen Buchern nach einem alten christlichen Gebrauch 
mit dem Namen der Hierarchie der Angeloi. Indem man zuriickblickt 



in jener Erfahrung, in jener initiierten Erfahrung, von der ich ge- 
sprochen habe, in die erste Kinderzeit, sieht man zugleich dasjenige, 
was durch die Engelwelt am Menschen geschehen ist. Denken Sie ein- 
mal, meine Heben Freunde, wie wunderschon gewisse Anschauungen 
im naiven Gemiit des Menschen leben und sich eigentlich durch die 
hohere initiierte Weisheit behaupten ! Wir reden davon, wie das erste 
Kindesalter des Menschen durchwoben ist von der Wirksamkeit der 
Angeloi. Und wir sehen wirklich, wenn wir zuriickblicken, um die 
Mondenregion zu studieren, unsere Kindheit und damit zugleich das 
Weben der Welt der Angeloi. Da, wo die starkeren Krafte einsetzen 
be
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