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RUDOLF STEINER G E S AMT AU S G A B E
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhange
aus dem Jahre 1924
BAND I Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach am 16., 17., 23. und 24. Februar,
1., 2., 8., 9., 15., 16., 22. und 23.Marz 1924 (Bibliographie-Nr. 235)
BAND II Siebzehn Vortrage, gehalten in Dornach am 6., 12., 23., 26. und 27. April,
4., 9., 10., 11., 16., 18., 29. und 30. Mai, 4., 22., 27. und 29-Juni 1924 (Biblio-
graphie-Nr. 236)
BAND III Die karmischen Zusammenhange der anthroposophischen Bewegung.
Elf Vortrage, gehalten in Dornach am 1., 4., 6., 8., 11., 13. und 28. Juli,
1., 3., 4. und 8. August 1924 (Bibliographie-Nr. 237)
BAND IV Das geistige Leben der Gegenwart im Zusammenhang mit der anthropo-
sophischen Bewegung.
Zehn Vortrage, gehalten in Dornach am 5., 7., 10., 12., 14., 16., 18., 19., 21.
und 23. September, sowie die 4etzte Ansprache* vom 28. September 1924
(Bibliographie-Nr. 238)
BAND V Sechzehn Vortrage, gehalten in Prag vom 29. bis 31. Marz und am 5. April,
in Paris vom 23. bis 25. Mai, und in Breslau vom 7. bis 15. Juni 1924
(Bibliographie-Nr. 239)
BAND VI Funfzehn Vortrage, gehalten in Bern am 25.Januar und 16. April, in Zu-
rich am 28.Januar, in Stuttgart am 6. Februar, 9. April und l.Juni, in Arn-
heim vom 18. bis 20. Juli, in Torquay am 12., 14. und 21. August, und in
London am 24. und 27. August 1924 (Bibliographie-Nr. 240)
Zum Thema «Wiederverk6rperung und Karma» set noch auf folgende Bdnde der Rudolf
Steiner Gesamtausgabe hingewiesen:
«Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwissen-
schaft notwendige Vorstellungen - Wie Karma wirkt», 1903 (im Band
«Luzifer-Gnosis», Bibliographie-Nr. 34, und als Einzelausgabe)
«Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wieder-
verkorperungsfragen - Ein Aspekt der geistigen Fiihrung der Menschheit»,
1909 (Bibliographie-Nr. 109/111)
«Die Offenbarungen des Karma>, 1910 (Bibliographie-Nr. 120)
«Okkulte Geschichte. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammen-
hange von Personlichkeiten und Ereignissen der Weltgeschichte*, 1911
(Bibliographie-Nr. 126)
«Wiederverk6rperung und Karma und ihre Bedeutung fur die Kultur der
Gegenwart», 1912 (Bibliographie-Nr. 135)
RUDOLF STEINER
Esoterische Betrachtungen
karmischer Zusammenhange
Fiinfter Band
Sechzehn Vortrage,
gehalten in Prag, Paris und Breslau
zwischen dem 29. Marz und dem 15.Juni 1924
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1963
2. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1975
3. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1985
Einzelausgaben
Prag, 29. Marz-5. April 1924: «Esoterische Betrachtungen karmisch-
kosmischer Zusammenhange*, Dornach 1939
Paris, 23.-25- Mai 1924: «Anthroposophie als Erkenntnisgrundlage des
Geistigen in Welt und Mensch und als Seelenimpuls fur moralisches
und religioses Leben*, Dornach 1953
Breslau, 7.-15.Juni 1924: «Karma als Schicksalsgestaltung des
menschlichen Lebens», Dornach 1944; Freiburg i.Br. 1955
Bibliographie-Nr. 239
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Zeichnungen im Text nach Skizzen in den Stenogrammen,
ausgefuhrt von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1963 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG, Schaffhausen
ISBN 3-7274-2390-0
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchlulS
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermalten auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
Zur Wiedergabe des in diesen Vortragen Gesagten bemerkt Rudolf
Steiner im Vortrag vom 22. Juni 1924, dafi diese nicht anders als durch
Vorlesen des genauen Wortlautes erfolgen diirfe.
INHALT
Esoterische Betrachtungen karmisch-kosmischer
Zusammenhange
Erster Vortrag, Prag, 29. Marz 1924
Der Irrtum unserer Zivilisation. Die Urweisheit. Die Erleuchtung in
den Mysterien und die Urlehrer. Mondenwesenheiten und Sonnenwe-
senheiten. Gesichtspunkte zum Begreifen des menschlichen Schick-
sals. Garibaldi.
Zweiter Vortrag, Prag, 30. Marz 1924
Die Akasha-Chronik. Der negative Raum der Sonne und die Sonnen-
wesen. Das Zusammenwirken der Hierarchien und ihr EinflufS auf
den Menschen nach dem Tode. Das Ergreifen der Geheimnisse der
Sterne durch den Atherleib im nachtodlichen Dasein. Die Vorberei-
tung und Herausarbeitung der spateren menschlichen Organe durch
die moralische und atherische Sternenschrift. Seelische Zusammen-
hange, die aus einem Erdenleben ins andere fuhren; Wandlung dieser
Krafte. Durchschauen des Wesens der Krankheit.
Dritter Vortrag, Prag, 3 1 . Marz 1924
Das Leben des Menschen im physischen Leib im Reich der Naturord-
nung und im Geistleib im Reich der hoheren Hierarchien. Die Bilder
und Taten der geistigen Welt enthullen sich dem Menschen und be-
wirken in ihm beim Herabstieg den Wunsch zum Ausgleich. - Das
Mysterium von Golgatha und der Mohammedanismus. Einfluft auf die
Denkformen Europas durch den Arabismus und die Kreuzziige. Der
Hof Harun al Raschids und seine Pflege der Wissenschaften und
Kiinste. Baco von Verulam und Amos Comenius. Hiniiberentwick-
lung der Seelen von einem Zeitalter ins andere. Realitaten in der ge-
schichtlichen Betrachtung.
Vierter Vortrag, Prag, 5. April 1924
Wir verstehen die menschliche Natur nur, wenn wir den Kosmos ver-
stehen. Beispiele des Hinubertragens der Taten des einen Lebens in
das andere Leben. Garibaldis Genossen. Lord Byron. Marx. Muavija -
Wilson. - Die zweimal Geborenen. Ein verlorengegangenes dramati-
sches Epos uber das Sonnenmysterium: Umwandlung der Menschen-
wesenheit unter dem Opfer des Intellekts. Maurice Maeterlinck iiber
Rudolf Steiner.
Anthroposophie als Erkenntnisgrundlage
des Geistigen in Welt und Mensch und als Seelenimpuls
fiir moralisches und religioses Leben
FOnfter Vortrag, Paris, 23. Mai 1924 79
Die Vernichtung des ersten Goetheanum und die Weihnachtstagung
in Dornach 1923/24 als neuer Impuls fiir die anthroposophische Be-
wegung. - Das Wesen des Menschen im Leben zwischen Tod und
neuer Geburt, betrachtet unter den drei Aspekten des «Todes», des
«Entschwindens des Erdenlebens* und der «Sterne» auf Grund der Er-
kenntnisstufen von Imagination, Inspiration, Intuition. Die Monden-
sphare. Die Begegnung mit den Urlehrern der Menschheit. Das Ur-
bild der Stradergestalt. Das Sich-Herausleben der Seele in den Kos-
mos, das Zuriickerleben des Erdenlebens als erster Keim fiir die neue
Inkarnation. Das Erlebnis anderen zugefugter Schmerzen.
SechsterVortrag, Paris, 24. Mai 1924 90
Das Heilwesen. Das Geheimnis der Merkursphare. - Die Region des
Venusdaseins. Das Sonnenleben. Der Ausgleich des Bosen im Men-
schen in dieser Sphare.
Siebenter Vortrag, Paris, 25. Mai 1924 103
Die Hierarchie der Sonnenregion. - Das Eingreifen des Christus in
der Sonnensphare. - Der Aufstieg der Menschenseele in das Mars-,
Jupiter- und Saturndasein. - Die Gestaltung des Karma fiir das neue
Erdenleben im Anschauen der hochsten Hierarchien in diesen Regio-
nen. Die individuelle Pragung des Karma durch diese drei Spharen,
dargestellt an drei Beispielen: Voltaire (Mars), Victor Hugo (Saturn),
Eliphas Levi (Jupiter).
Karma als Schicksalsgestaltung des menschlichen Lebens
Achter Vortrag, Breslau, 7juni 1924 123
Die Mondensphare und die Urlehrer der Menschheit. Der erste Keim
des Karma.
Neunter Vortrag, Breslau, 8.Juni 1924 136
Die Veranlagung des Karma in den Sternenwelten.
Zehnter Vortrag, Breslau, 9- Juni 1924 153
Das Hereinwachsen der Menschenseelen in die geistigen Hierarchien
beim Aufsteigen in die Planetenspharen. Der Mensch als Trager des
weltgeschichtlichen Werdens. Die Weisheitssphare des Jupiter. Hein-
rich Heine. Voltaire. Goethe. Eliphas Levi.
Elfter Vortrag, Breslau, lO.Juni 1924 170
Wirkungen des Karma in der Weltgeschichte. Die Saturnsphare und
die kosmisch-universelle Erinnerungsfahigkeit der Saturnwesen.
Friedrich Schiller. Ernst Haeckel. Victor Hugo.
Zwolfter Vortrag, Breslau, 11. Juni 1924 184
Die Bedeutung des Karma im einzelnen Menschenleben. Vergange-
nes und werdendes Karma. Beispiele aus «Mein Lebensgang» : der
Geometrielehrer, Lord Byron. Garibaldi.
Dreizehnter Vortrag, Breslau, 12. Juni 1924 202
Wachendes Gedankenleben, traumendes Gefuhlsleben und schlafen-
des Willensleben. Erinnerung und Sprache. Die Lebensepochen in ih-
rem Verhaltnis zum vorirdischen Leben und zum fruheren Erden-
leben. Geschichtliche Betrachtungen in Verbindung mit den Beobach-
tungen des eigenen Karma. Harun al Raschid und Baco von Verulam.
Amos Comenius. Woodrow Wilson.
Vierzehnter Vortrag, Breslau, 13. Juni 1924 220
Methodik der Karmaforschung.
FOnfzehnter Vortrag, Breslau, 14Juni 1924 236
Der Moment des Aufwachens und des Einschlafens im Verhaltnis zur
karmischen Vergangenheit und zum werdenden Karma. Karma-
bildung im Schlafe. Therapeutische Erkenntnisse.
Sechzehnter Vortrag, Breslau, 15. Juni 1924 254
Die Wirkungen unseres moralisch-seelischen Verhaltens in ihrer
Wandlung durch die Verbindung mit den Hierarchien in dem Leben
zwischen Tod und neuer Geburt. Wirksamkeit des Karma der Vergan-
genheit in der Gestaltung des Kopfes. Werdendes Karma im Stoff-
wechsel-Gliedmafiensystem. Pestalozzi. Die kulturgeschichtliche Auf-
gabe der Anthroposophie.
Hinweise
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften .
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
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277
279
Esoterische Betrachtungen
karmisch-kosmischer Zusammenhange
ERSTER VORTRAG
Prag, 29.Marz 1924
Ich mochte diese Mitgliedervortrage heute damit beginnen, daB ich
Ihnen auseinandersetze, wie Anthroposophie einfach dadurch, daB sie
ihre Einsichten an den Menschen heranbringt, das ganze menschliche
BewuBtsein heraushebt aus der Erdenschwere. Es ist ja heute kaum
einem Menschen, der in der allgemeinen Zivilisation darinsteht, mog-
lich, anders zu denken, als daB er mit seinem Erdenleben zwischen
Geburt und Tod auch der Erde angehort. Alles \ibrige, die Angehorig-
keit einer geistigen Welt gegeniiber, ist ja zumeist nur ein Glaube,
eine Ahnung und dergleichen. Eine Einsicht in die Zusammengehorig-
keit des Menschen mit etwas anderem, als was auf der Erde ist, ist ja
dem heutigen Menschen, der seine Erziehung, seine ganze Bildung
aus der heutigen Zivilisation schopfen muB, eigentlich kaum moglich.
Und dennoch ist das, gerade dieser Glaube, nur mit Erdenverhalt-
nissen zu tun zu haben, wenn man vom Menschen spricht, der groBe
Irrtum unserer Zivilisation, unseres ganzen zeitgenossischen Geistes-
lebens, ich mochte sagen uber die ganze westliche und mittlere Welt
hin. Nur der Orient hat sich ein, wenn auch dekadentes, BewuBtsein
bewahrt von der Zusammengehorigkeit des Menschen mit den die
Erde umgebenden ubersinnlichen Weltenmachten und Weltenkraften.
Der Mensch in alter Zeit fuhlte sich in seinem Menschenwesen ab-
hangig von den Sternen, wie er sich abhangig fuhlte von den Pflanzen,
von den Tieren, die auf der Erde wachsen und herumwandeln. Man
wuBte in alter Zeit, daB der Mond nicht nur ein physischer Weltkorper
sei, der im Erdenraum herumschwebt. Urn viel mehr kiimmert man
sich heute ja nicht, hochstens untersucht man, ob es Erhebungen dort
gibt oder nicht, oder Wasser, und stellt dariiber Hypothesen auf. Aber
um sonst etwas kiimmert man sich schon beim Mond nicht, der uns
am nachsten steht, geschweige denn bei den andern Himmelskorpern,
die man ja nur ihren physischen Verhaltnissen nach untersucht. Das
war in alten Zeiten ganz anders. Da wuBte sich der Mensch durchaus
abhangig von den Himmelskorpern, wie er sich heute abhangig weiB
von der Erde.
Ich will von etwas ausgehen, was eine gewisse wissenschaftliche Be-
deutung hat, was vielleicht manchen nicht sympathisch ist, allein es
wird etwas Leichtes sein. Ich habe oft in anthroposophischen Vor-
tragen betont, daB ja der Mensch, auch wenn er rein naturwissen-
schaftlich untersucht wird, seinem Erdenleben nach den Beweis liefert,
daB in seine Bildung etwas eingeht, was auBerirdisch ist. Die Natur-
wissenschaft glaubt, daB der erste Eikeim der komplizierteste Korper
ist, der auf der Erde nur sein kann. Man denkt nach uber die kompli-
zierte Struktur, die der Eikeim haben kann. Man sagt, das Atom ist in
letzter Zeit ein ganz wunderbares Wesen geworden, und nun erst das
Molekiil! Und nun so etwas wie eine Zelle, das ist etwas furchtbar
Kompliziertes ! - Aber das ist eben nicht der Fall beim Eikeim; in
Wirklichkeit stellt sich der Eikeim gar nicht als komplizierter Korper
dar, sondern der Eikeim stellt sich als ein Chaos dar. Alle chemisch-
physikalische Struktur zerfallt, und bevor ein Lebewesen entstehen
kann, muB der Eikeim in chaotischen Staub zerfallen sein. Gerade das
ist der Sinn der Befruchtung, daB sie den Keim zum Chaos treibt, so
daB im mutterlichen Organismus eine vollstandig zerkluftete Materie
besteht. Das ist der Sinn der Vorgange im miitterlichen Leibe, daB da
ein vollstandiges Chaos ist. Wenn Sie einen Kristall haben : der Kos-
mos kann nicht wirken bei dem Kristall mit den festen Kanten; wenn
Sie eine Pflanze haben: die hat auch eine feste Gestalt, da kann der
Kosmos auch nicht wirken; beim Tier ist es ebenso. Das ist der Sinn
der Befruchtung, daB der Eikeim zum Chaos wird. Erst dann wirkt
der ganze Kosmos von seiner Umgebung auf diesen Keim ein, und
dann wird der Mensch wirklich aus dem Kosmos heraus gebildet, so
daB einziehen kann in ihn das wirkliche Geistig-Seelische, das aus ver-
gangenen Erdenleben kommt.
Das ist etwas, was gegeniiber den heutigen Anschauungen ein Un-
sinn ist, aber dieser Unsinn ist die Wahrheit. Das ist in unserer heutigen
Zeit das Schreckliche, daB man gegeniiber den landlaufigen Ansichten
Unsinn sagen muB, wenn man die Wahrheit spricht. Nun kann man
sagen: Das ergibt sich aus dem okkulten Anschauen, was du da be-
hauptest; aber kann man das auch nachpriifen? - Man kann es auch
nachpriifen; das konnen schon mehr Leute, als man gewohnlich glaubt.
Aber es gibt auch einen auBerlichen Beweis fur diese Tatsache. Uns hat
sich an unserem biologischen Forschungsinstitut in Stuttgart ein merk-
wurdiger auBerer Beweis ergeben. Es sind da Forschungen gemacht
worden uber die Funktion der Milz. Sie wissen vielleicht : die Milz ist
immer als ganz problematischer Organismus betrachtet worden. Da
erzahlt man ja von einem Rigorosum, bei dem der Professor den Kan-
didaten fragt: « Konnen Sie mir etwas sagen uber die Milz? » Der Kan-
didat besinnt sich und stottert ganz jammervoll heraus: «Das habe ich
vergessen. » Da sagt der Professor: «Das ist schade! Kein Mensch hat
das jemals gewuBt, Sie waren der einzige, und Sie haben es vergessen. »
Nun habe ich eine gewisse Methode angegeben aus der Geistes-
wissenschaft heraus, nach der von Frau Dr. Kolisko die Funktion der
Milz untersucht worden ist. Sie wird zwar noch angefochten, aber es
wird sich schon durchsetzen, da sie wirklich exakt ist. Aber nun hat
sich etwas anderes herausgestellt. Manches muB man so machen, wie
man es seinem Herzen nach nicht machen wiirde, sondern weil die
anderen diese Methoden haben. So haben wir uns entschlossen, Ka-
ninchen die Milz zu exstirpieren. Das ist ja keine Vivisektion, sondern
eine einfache Operation, und wir haben alles Mogliche getan, damit
die Tiere nicht gequalt wurden. Aber eines dieser Kaninchen ist ge-
storben, weil es eine Erkaltung bekam; es wurde namlich nach der
Operation nicht in den Warmraum gebracht.
Was muBte man da erwarten? Die Milz hatten wir herausgenommen,
dadurch war etwas eingetreten an der Milzstelle, was im Kaninchen-
organismus war und nun dem Kosmos exponiert war. Solange die
Milz an ihrer Stelle war, konnte der Kosmos nichts machen; nimmt
man die Milz heraus, so ist bloB die Athermilz da. Dadurch ordnet
sich die Athermilz an, wie es dem Hereinwirken des Kosmos ent-
spricht. Was war zu erwarten? DaB an der Stelle der Milzform etwas
entsteht in kosmischer Form, daB eine Nachahmung des Kosmischen
entsteht: als solche bildet sich heraus eine Kugelform. Und richtig!
Als wir das Kaninchen sezierten, fanden wir einen ganz kleinen orga-
nischen Korper in Kugelform, der sich nachtraglich aus dem Ein-
wirken des Kosmos gebildet hatte - ganz nach der Anschauung, daB
sich der Eikeim als ein chaotischer Korper darstellt nachdem man
die Bedingung, daB bloB die Erde wirkt, weggenommen hatte. So
fugte es das Karma, daB wir zu einem auBeren Beweis kamen fur das,
was auf einem ganz abgesonderten Gebiet behauptet werden muB.
So ist eben wirklich die Sache so, daB heute vielfach der Mensch
gar nicht anders kann, wenn er aus der Zeitzivilisation heraus seine
Empfindungen entwickelt, als sich auf etwas zu beschranken, was in
der Zivilisation der Erde liegt und gar nicht den Blick hinausrichtet
in die Weiten der Welt.
Ich muB Sie jetzt, urn die Grundlagen fiir die weiteren Ausfiihrun-
gen zu haben, daran erinnern, wie in meinem Buche «Geheimwissen-
schaft » ausgefiihrt ist, daB der heutige Mond sich einmal von der Erde
abgespalten hat, nachdem er fruher ein Korper mit der Erde war. Das
ist etwas, was sich dem Schauen ergibt, was aber auch von der heutigen
Naturwissenschaft schon anerkannt wird. Insbesondere in den letzten
Jahren zeigte sich eine literarische Bewegung, die mit diesem Ver-
haltnis des Mondes zur Erde, wenn auch in irrtiimlicher Art, rechnet.
Wir miissen uns bewuBt werden, daB der Mond, wie er heute am
Himmel erscheint, einmal eine Einheit mit der Erde gebildet hat, daB
er von der Erde hinausgeschleudert worden ist, wenn ich so sagen
darf, und die Erde seit einer gewissen Zeit umkreist.
Ich muB nun auf eine zweite Tatsache hinweisen. Diese betrifft die
seelisch-geistige Entwickelung der Menschen im Erdendasein. Schon
eine rein auBerliche Betrachtung desjenigen, was auf der Erde von
Menschen geleistet worden ist, zeigt ja, daB schon einmal etwas be-
standen hat wie eine Art von Urweisheit. GewiB, sie ist nicht in den
intellektuellen Formen gegeben worden, die heute verlangt werden;
so abstrakt in Gedanken und so an die Sinne gebunden, wie es heute
verlangt wird, ist sie nicht gegeben worden. Sie ist in mehr bildhaft-
poetischer Form gegeben worden. Von der wirklichen Urweisheit, die
ja zu einer Zeit auf der Erde bestanden hat, als man noch nicht ge-
schrieben hat, von dieser wirklichen Urweisheit ist ja nichts da. Was
aber erhalten geblieben ist, das sind Sagen, Mythen, die wunderbare
Veden-Literatur, die Literatur der Vedanta, die morgenlandischen
Schriften. Derjenige, der sich in sie vertieft - und zwar nicht etwa wie
Deussen, der nur das AllerauBerlichste sieht und als beruhmter Uber-
setzer gilt -, wer sich wirklich vertiefen kann in dasjenige, was da ist,
bekommt schon eine tiefe Ehrfurcht vor der unendlichen Weisheit,
die darinnen Hegt, die nur in einer poetischen, bildhaften Form auf-
tritt. Und er bekommt das Gefiihl, daB hinter dem etwas nicht Aus-
gesprochenes und Unaufgeschriebenes gelebt hat, was vielleicht groBer
und bedeutender war: eine Urweisheit.
Wie hat diese Urweisheit gelebt? So studieren, wie wir heute stu-
dieren, indem wir uns hinsetzen, uns Biicher einpragen und derglei-
chen und dadurch uns allmahlich hinaufwinden, etwas zu wissen, so
geschah es ja nicht in der Sphare der Urweisheit. Jeder, der zu einer
bestimmten Einsicht gekommen war zu dieser Epoche, hat gewuBt,
was Inspiration ist, hat zu lesen verstanden in der Welt - nicht in
Biichern -, wenn er sich in die notige Seelenverfassung versetzte. Er
wuBte, dann kommt es iiber ihn, dann wird er innerlich erleuchtet.
Dieses Innerlich-Erleuchtetwerden, das wurde so real genommen, wie
wir heute das Lesen in Biichern real nehmen. Der Mensch erlangte ein
Verhaltnis zum Geistigen in der Welt dadurch, daB er in den alten
Mysterien durch den Einweihungspriester dazu gebracht worden ist,
die Erleuchtung in sich erleben zu konnen. Der Unterricht in den
Mysterien bestand ja darin, den Menschen dahin zu bringen, diese
innerliche Erleuchtung erleben zu lernen. Er war nicht der Ansicht,
irgend etwas aus Wolkenkuckucksheimen erleuchte ihn. Es ware un-
gefahr so, wie wenn wir heute irgend wo hinter einer spanischen Wand
einem Menschen zuhorten und nicht glaubten, daB da ein- Mensch
spricht, sondern daB etwas Unbestimmtes hinter der spanischen Wand
uns etwas zuraunt. Ebensowenig wie wir heute glauben wiirden, wenn
wir das horten, daB da etwas Unbestimmtes spricht, sondern wie wir
ein Wesen vermuten wiirden hinter unserer Wahrnehmung, so wuBte
derjenige, der zur Erleuchtung kam: Da sind Wesen auf der Erde, die
nicht zur physischen Verkorperung kommen, sondern durch die Er-
leuchtung die groBen Lehrer der Menschheit sind. - Der Mensch war
sich bewuBt : er ist in Fleisch und Blut, er geht herum unter Menschen-
wesen, die nicht in Fleisch und Blut sind, die aber einen atherischen
Leib haben, die atherische Wesen sind, die dazu da sind, urn die Er-
leuchtung zu geben, die Inhalt der Urweisheit war. So wuBte man:
Die Erde wird nicht nur bevolkert von Menschen in Fleisch und Blut,
sondern auch von anderen Wesen, die einen atherischen Leib haben.
Nun muB man sich naturlich, wenn man eine solche Sache betrachtet,
freimachen von dem Vorurteil, als ob die Menschheit, so wie sie jetzt
ist, auf der Erde gelebt hatte seit der Zeit, in welcher Urkunden da
sind ; davor setzt man das Unbestimmte und dann, nachdem man durch
dieses Unbestimmte durchgeschritten ist, kommt man an die Men-
schenaffen oder AfTenmenschen, Das ist ja eigentlich eine hochst
drollige Anschauung! Was der Historiker sagen kann, das gilt fur ein
paar Jahrhunderte : da waren die Menschen ahnlich, wie sie heute sind,
natiirlich nicht so gescheit, aber doch so ahnlich, wie sie heute sind.
So gescheit wie wir seien die Menschen erst in den letzten Jahrhun-
derten geworden; aber abgesehen von unserer groBeren Gescheitheit
seien sie so gewesen, wie wir heute sind. - Die Agypter waren aber-
glaubisch, haben Mumien gehabt; - aber man stellt sie sich sonst doch
im Ganzen so vor, wie die heutigen Menschen, abgesehen von der
Gescheitheit! Davor liegt eine Periode, von der man nichts weiB. Aber
nachdem die Periode, von der man nichts weiB, lang gedauert hatte,
da waren die Menschenaffen da.
Sehen Sie, das ist eine Anschauung, von der man sich freimachen
muB. Der Mensch hat die Erde friiher bevolkert als die Tiere, nur in
anderer Gestalt, er ist das altere Wesen. Sie konnen das in meiner
«Geheimwissenschaft» nachiesen. Und so erlebten dann auch die
Menschen, die mit den alten Urlehrern zusammengelebt haben, die
noch nicht Menschenkorper angenommen hatten, die in Geistkorpern
gelebt haben, daB mit dem Mondenaustritt, den sie ja miterlebt hatten
- wir selbst haben ihn miterlebt -, diese Wesen, die unter ihnen gelebt
haben als Urlehrer, in den Kosmos hinausgezogen sind und seither
eben nicht die Erde, sondern den Mond bewohnen. So daB eigentlich
nicht nur die physische Substanz des Mondes, sondern auch die Wesen-
heiten, die den Mond bisher geistig bewohnten, als von der Erde ab-
getrennt anzusehen sind. Ja, es ist sogar naturwissenschaftlich so, daB
man von diesen Wesen reden kann, daB sie einmal ausgezogen sind
- sie unterliegen nicht in derselben Weise Geburt und Tod wie der
Mensch - und auf dem Monde wohnen, wahrend der Mond langst
seine Substanzen verloren und umgewandelt hat.
Da geht etwas ahnliches vor, wie mit dem Menschen. Ja, denken
Sie einmal, daB der Mensch seine physischen Substanzen in sieben bis
acht Jahren ganz auswechselt! Wenn jemand glaubt, derselbe Korper
sitze da, der vor einigen Jahren dagesessen ist, so ist das nicht so. Die
physische Substanz hat sich ausgewechselt, das Geistig-Seelische ist
geblieben. In dieser Beziehung weiB man schon die Tatsache in der
Naturwissenschaft, aber man achtet nicht auf sie. Ich wurde einmal
gefragt bei einem Vortrag : Es wird gesagt, daft die Bienen als Bienen-
stock eine gewisse Beziehung zum Bienenvater haben, daB es bei sei-
nem Tode, wenn er recht anhanglich an seine Bienen war, vorkommt,
daB der Bienenstock es merkt und vielfach auch stirbt. Wie kann das
sein? Die einzelnen Bienen haben ja doch keine solchen Fahigkeiten,
daB sie den Menschen kennen, und der Bienenstock ist ja nur eine
Summe von einzelnen Bienen ! - Das aber ist nicht wahr, der Bienen-
stock ist ja gar nicht die Summe der einzelnen Bienen. Ich gebrauchte
folgenden Vergleich: Zwei Menschen waren da vor zwei Jahrzehnten.
Der eine ist nach Amerika gegangen, der andere ist dageblieben; der
erstere kommt nach funfzehn Jahren aus Amerika zuriick und erkennt
seinen Freund wieder. - Es kommt gar nicht an auf die einzelnen Teile ;
von der ursprunglichen Substanz ist ja nichts geblieben. So kommt es
nicht auf die einzelnen Bienen an, sondern auf die Intelligenz des
Bienenstockes, und die ist nicht einmal vie! anders als beim Menschen.
Wir als Menschen sind auch etwas anderes als unsere Zellen, als unsere
einzelnen Organe. Und so wie von denjenigen Freunden, die hier vor
zehn Jahren meinen Vortragen beigewohnt haben, nichts mehr phy-
sisch da ist, sondern nur das Seelisch-Geistige, so ist auch beim Mond
langst nichts mehr von der Substanz da, die einmal von der Erde hin-
ausgegangen ist, die hat sich langst wiederholt ausgetauscht im Kos-
mos. Dagegen sind die Wesenheiten da. Wie diese Wesenheiten aber
trotzdem wirksam geblieben sind fur die Erdenmenschheit, das zeigt
sich fur eine wirkliche Einweihungsbetrachtung ganz deutlich. Das
zeigt sich dann, wenn wir etwas genauer eingehen auf dasjenige, was
wir das Karma nennen. Ich will heute damit beginnen, wir werden
dann diese Betrachtungen in den nachsten Vortragen fortsetzen.
Wir beachten, wenn wir einem Menschen begegnen, gewohnlich
nicht geniigend, wie wir eigentlich unser ganzes Erdenleben hin-
dirigiert haben zu dieser Begegnung. Und bei diesem Kennenlernen
eines Menschen begegnen wir einem Zweifachen. Beachten Sie das
nur, Sie werden finden, daB in irgendeiner mehr oder weniger ab-
geschwachten Weise das vorhanden ist, was ich jetzt erzahlen will.
Man lernt einen andern kennen. Es ist oftmals so, daB wir mit diesem
anderen, ganz gleich ob er schon oder haBlich, gescheit oder dumm
ist, er kann irgendwie sein, eine innige Verbindung eingehen. Die
steigt aus unserem Inneren auf. Wir beachten gar nicht, wie er im
AuBeren ist : wir fuhlen ein Band zu ihm. Das ist die eine Art im Ex-
trem. Die andere Art ist: Wir lernen einen Menschen kennen, wir
fuhlen dieses innere Band nicht, sondern wir nehmen Gelegenheit,
einen intellektuellen oder moralischen Eindruck von ihm zu be-
kommen. Wir konnen ihn gut beschreiben. Ober den ersten Menschen
zu sprechen, wenn wir nachher in eine Gesellschaft gehen, die ihn auch
kennt, ist uns etwas Unangenehmes, wir haben das Gefuhl: es ist un-
angenehm; es ist etwas Innerliches im Verhaltnis zu ihm. Den anderen
Menschen konnen wir hubsch beschreiben, wir konnen sagen : Er ist
gescheit oder ein Tor, wir wissen ihn zu beschreiben bis auf die Ein-
zelheiten seiner Nase ; aber wir leben ohne innere Teilnahme an ihm.
Es gibt Bekanntschaften, die wir machen, kaum haben wir diese Be-
kanntschaft gemacht, so passiert es uns, daB wir von diesem Menschen
traumen, daB uns die Traume gar nicht mehr verlassen. Wir lernen
einen anderen noch so gut kennen, sind taglich beisammen : nicht der
geringste Traum stellt sich ein. Unser Inneres ist nicht so stark er-
grifTen, daB wir von ihm traumen. Der Fall, daB jemand so lebt, wie
Garibaldi, der das innere Band auch dann fuhlt, wenn gar keine un-
mittelbare personliche Beziehung da ist, ist selten, aber auch dieser
Fall kommt vor. Denn bei Garibaldi ist es sehr interessant, wie er seine
erste Frau gefunden hat. In der auBeren Welt war er so wenig darin,
daB er gar kein Interesse hatte an Damen. Auf einer Seereise an der
brasilianischen Kiiste richtete er das Fernrohr aufs Land und sah ein
junges Madchen : In diesem Augenblick war er sich klar dariiber, daB
sie seine Frau werden miisse. Er stiirmte ans Land mit seinem Schiff,
ein Mann war da, der ihn freundlich empfing und ihn fragte, ob er
nicht Mittag bei ihm essen wolle. Garibaldi sagt zu. Es war der Vater
des Madchens, das er auf dem Lande gesehen hatte ! Bevor noch das
Mittagsmahl aufgetragen war, sagte er ihr - er sprach nur italienisch
und sie nur portugiesisch sie miisse sein werden fur das Leben. Sie
verstand es aber doch, und es wurde eines der schonsten Herzens-
verhaltnisse begriindet. Es ist da im extremen Fall gezeigt, daB etwas
wie ein karmisches Verhaltnis da war. Es war etwas Heldenhaftes im
Verhalten der Frau, in der Art, wie sie sich verhielt. Sie begleitete ihn
bei seinen Kampfen in Sudamerika, und als die Nachricht kam, er sei
auf dem Schlachtfeld gefallen, suchte sie ihn auf dem Schlachtfelde.
In dieser Situation gebar sie ihr Kind. Um es zu warmen, muBte sie
es sich um den Hals schnallen.
Durch solche Erlebnisse wuchs Garibaldi mehr in das Leben hinein.
Die Frau starb ihm hinweg, er heiratete eine andere. Der naherte er
sich auf ganz burgerliche Weise ; aber diese Ehe dauerte nur einen Tag !
Das sind Dinge, wo man so mit der Nase auf das Karma gestoBen
wird, die einem zeigen, wenn man sie ins Auge faBt, daB in dieser
zweifachen Weise sich der Mensch verhalten kann zu anderen Men-
schen in bezug auf das Karma. Ganz anders liegen die karmischen Ver-
haltnisse, wenn der Mensch die innere Zusammengehorigkeit fuhlt, als
wenn er den anderen Menschen nur auBerlich beschreiben kann.
Nun, gerade dann, wenn man hinschaut auf solche karmische Er-
lebnisse, wie dieses Bekanntwerden mit einem anderen Menschen, wo
Schonheit oder HaBlichkeit nichts ausmacht, sondern wo von innen
heraus der Impuls der Zusammengehorigkeit entspringt, wird man
auf den EinfluB hingewiesen derjenigen Wesenheiten, die ich be-
schrieben habe als Urlehrer, die heute noch immer tatig geblieben sind,
aber von auBen, vom Kosmos herein. Solche Verhaltnisse interessieren
vor alien Dingen diese Mondenwesen, und durch solche Verhaltnisse
hindurch und iiber solche Verhaltnisse hinweg nehmen sie an der Ent-
wickelung der Erdenmenschheit den innigsten Anteil.
Und wie es Mondenwesenheiten gibt, ebenso gibt es auch Sonnen-
wesenheiten, die mit der Sonne zusammenhangen. So ist es auch bei
denjenigen Verhaltnissen, wo wir den anderen Menschen mehr auBer-
lich beschreiben konnen. Da interessieren sich die Sonnenwesen fur
das, was von Menschenseele zu Menschenseele gesponnen wird.
Da werden wir, wenn wir die rein menschlichen Verhaltnisse be-
trachten, von der Erde hinweggeleitet zunachst 2u Sonne und Mond.
Und da kann man sagen: es gibt menschliche Verhaltnisse, in denen
wir die Mondenwirksamkeit, und solche, in denen wir die Sonnen-
wirksamkeit sehen. Und so wird man hinausgeleitet von Stufe zu Stufe :
von der Erde zum Kosmos.
Wir konnten diese Betrachtung heute nur beginnen, morgen und in
den nachsten Vortragen wollen wir sie fortsetzen.
ZWEITER VORTRAG
Prag, 30,Marz 1924
Gestern habe ich begonnen, einige Gesichtspunkte anzugeben iiber
das Begreifen des menschlichen Schicksals, und ich fiihrte ja an, wie
die Ahnung von dem Walten des Schicksals aufgehen kann in dem
Menschen, wenn fur sein Leben bedeutsame Erfahrungen eingreifen.
Und ich sagte, man nehme an, man begegne einem anderen Menschen
in einem bestimmten Lebensalter; man begegne dem Menschen so,
daB sich das fernere Schicksal der beiden Menschen, die sich begegnen,
gemeinsam abspielt, daB sich aber auch das ganze Leben, das sie bis
dahin gefuhrt haben, in einer tief einschneidenden Weise andert. Wenn
ein solches Ereignis eintritt, dann ware es sinnlos, wenn alies dasjenige,
was der Mensch vorher erlebt hat auf Erden, in gar keiner Beziehung
stunde zu diesem Ereignis. Das ist auch nicht der Fall. Denn fur eine
unbefangene Beobachtung, die nach riickwarts blickt, zeigt sich ja klar,
daB eigentlich fast jeder Schritt im Leben, den wir getan haben, ein
Schritt war in der Richtung nach jenem Erlebnis hin. Wir konnen zu-
ruckblicken bis in die Kindheit, immer wird es sich uns zeigen, daB
die der Zeit nach weit von diesem Erlebnis entfernte Tat, die wir getan
haben, der ganze Lebensweg, den wir genommen haben, so die Rich-
tung hat nach diesem Ereignis, als wenn wir bewuBt und iiberlegt die-
sen Weg genommen hatten, Es ist gerade eine solche Betrachtung ge-
eignet, den Menschen immer wieder und wiederum hinzuweisen auf
dasjenige, was wir in der Anthroposophie karmische Zusammenhange
nennen miissen.
Und dann habe ich auch darauf hingewiesen, wie die Begegnungen
mit Menschen sich in verschiedener Weise ausnehmen und habe Ihnen
zwei extreme Falle angefiihrt : Wir begegnen einem Menschen, es ent-
steht zu ihm ein Lebensverhaltnis, ganz gleich, wie er auBerlich fur
unsere Sinnesanschauung, fur unsere asthetische Empfindung yns ent-
gegentritt. Wir kiimmern uns nicht weiter um seine besonderen Eigen-
schaften. Es ist etwas, was aus unserem Inneren aufsteigt, und was uns
den Zug zu ihm eingibt. Anderen Menschen begegnen wir, so sagte
ich, bei denen sich ein solcher innerer Drang nicht geltend macht. Wir
werden mehr auf die Eigenschaften aufmerksam, die sie uns von auBen
zeigen, die sie unseren Sinnen, unserem Vorstellungsvermogen, un-
serem asthetischen Empfinden einfloBen. Bis in die Traume, sagte ich,
geht das hinein. Wir treffen Menschen der ersteren Art, beschaftigen
uns sogleich, wenn wir nachts auBer dem physischen und dem Ather-
leibe im Ich und astralischen Leib sind, mit ihnen. Traume iiber sie
tauchen auf. Die sind eben ein Zeichen, daB wir innerlich in uns etwas
aufgeriittelt haben bei der Begegnung. Anderen Menschen begegnen
wir, wir konnen nicht von ihnen traumen, weil sie uns nicht aufrutteln,
weil nichts in uns aufsteigt. Wir leben ihnen vielleicht sehr nahe, aber
wir traumen nicht von ihnen, weil sie in unserem Innern nichts auf-
rutteln, was uns bis in den Astralleib und in die Ich-Organisation hin-
ein beschaftigen kann.
Dasjenige, was da vorliegt, haben wir dann in Beziehung gebracht
zu den Kraften, mit denen der Mensch zusammenhangt auBerhalb des
irdischen Wesens, auf welche die heutige Weltanschauung wenig Riick-
sicht nimmt, mit den Kraften, die von der Umwelt, von dem AuBer-
irdischen auf die Erde hereinwirken. Und wir haben darauf hingewie-
sen, daB der Mensch diejenigen Krafte, welche von den geistigen
Mondenwesenheiten her tatig sind, in Zusammenhang bringen muB
mit alledem, was fur ihn selbst Vergangenheit ist. Ja, meine lieben
Freunde, es ist fur uns Vergangenheit, wenn wir an einen Menschen
herantreten und sogleich in uns etwas aufsteigt, was uns den Zug nach
ihm hin gibt.
Wie aber diese Dinge zusammenhangen, das wird erst klar, wenn
an Stelle der auBeren ahnenden Betrachtung die Eingeweihten-Wissen-
schaft tritt, jene Eingeweihten-Wissenschaft, welche wirklich die
inneren Zusammenhange bloBlegen kann. Der Eingeweihte, vor dem
die geistige Welt offen liegt, hat diese beiden Erlebnisse, von denen
ich gesprochen habe, eben noch in einem viel intensiveren Sinne, als
sie das gewohnliche BewuBtsein haben kann. In dem einen Falle, wo
das gewohnliche BewuBtsein dieses innere Aufsteigen hat, erlebt der
Eingeweihte, wenn er dem anderen Menschen entgegentritt, daB wirk-
lich ein Bild oder auch eine Reihe von Bildern, ganz wesenhaften
Bildern, aus seinem Inneren aufsteigen. Es ist, wie wenn sich da aus
seinem Inneren diese Bilder hervorarbeiteten, wie wenn man eine
Schrift vor sich hat und den Sinn, den sie ausdriicken will, lesen kann.
So wird einem das Erlebnis klar, das man an diesen Bildern hat: Das
Bild, das in dir aufsteigt, das aus deinem Inneren kommt, das erlebst
du als ein innerliches Zusammensein mit dem Bilde, wie wenn der
Maler ein Bild make und nicht vor dem Bilde, vor der Leinwand
stiinde, sondern in der Leinwand selber darin weben wurde, mit jeder
Farbe mitgehen und jede Farbe innerlich erleben wiirde. So erlebt man
und man weiB, das Bild, das da aufsteigt, hat etwas zu tun mit dem
Menschen, dem man im Leben entgegengetreten ist. Und durch ein
ahnliches Erlebnis, wie das ist, wenn man einem Menschen nach Jahren
wieder begegnet - man erlebt das immer wieder erkennt man in dem
Menschen, der physisch vor einem steht, der einem physisch gegen-
iibertritt, die Wiederholung desjenigen, was da innerlich in einem auf-
steigt. Man weiB, indem man das innerlich aufsteigende Bild mit dem
vergleicht, was auBerlich vor einem steht : Das, was da innerlich auf-
steigt, ist das Bild desjenigen, was man gemeinsam mit dem Menschen
selbst in einem friiheren Erdenleben erlebt hat. Und man schreitet
wirklich zuriick in fnihere Zeiten, in denen man gemeinsame Erleb-
nisse mit ihm hatte. Und durch das, was man durchgemacht hat, um
sich fur die Einweihungswissenschaft vorzubereiten, erlebt man nicht
bloB als dunkles Gefuhl, wie sonst im gewohnlichen BewuBtsein, son-
dern wie in einem lebendigen Bild das mit dem Menschen, dem man
nun begegnet, gemeinsam Erlebte eines vorigen Erdenlebens oder
einer Anzahl voriger Erdenleben. Man kann schon sagen, die Ein-
weihungswissenschaft macht es durchaus moglich, daB man das, was
man mit einem Menschen durchlebt hat, mit dem man karmisch ver-
bunden ist, aus dem eigenen Inneren so intensiv aufsteigen sieht, daB
es ist, daB es aussieht wie wenn der Mensch, der da vor einem steht,
aus seinem Selbst hervortritt, in seiner friiheren Gestaltung vor uns
hintritt und sich selbst in seiner jetzigen Gestalt begegnet. So intensiv
wirkt das. Aber gerade dadurch, daB man die Sache in einer solchen
Wirklichkeit erlebt, lernt man sie beziehen auf die Krafte, die ihr zu-
grunde liegen, und man wird verwiesen auf die Art und Weise, wie
man zu diesem Bilde gekommen ist.
Der Mensch, indem er aus seinem geistig-seelischen Dasein, das er
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verbringt, zum Erden-
leben heruntersteigt, macht ja die verschiedenen Regionen durch. So-
zusagen die letzte Region, die er durchmacht, ist die Mondenregion;
vorher geht er durch andere Sternen- und geistige Regionen durch.
Da trifft er wirklich auf seinem Wege durch die Mondenregion jene
Wesenheiten, die, wie ich gestern auseinandersetzte, friiher einmal die
Urlehrer der Menschheit waren. Ihnen begegnet er im Weltall, bevor
er zum irdischen Dasein heruntersteigt, und sie sind es, die in jene
feine Substanz, welche die orientalischen Weisen im Gegensatz zu den
irdischen Substanzen Akasha nennen, alles dasjenige einschreiben, was
im Menschenleben zwischen Menschen durchgemacht wird. Es ist
einmal so, alles, was man im Leben durchmacht, alles, was erlebt wird
von den Menschen, das wird beobachtet von jenen Wesen, welche
einmal mit den Menschen die Erde bewohnt haben - nicht als ver-
korperte Wesen, sondern als Geistwesen. Das wird beobachtet und
wird nicht in jener abstrakten Schrift, wie es die unsere ist, sondern in
lebendiger Gestalt eingetragen in die Akasha-Substanz. Diese Monden-
wesen, die einstmals die groBen Lehrer wahrend der Zeit der Urwelt-
weisheit waren, diese Geistwesen, sie sind die Registratoren fur die
Erlebnisse der Menschheit. Und wenn dann der Mensch auf seinem
Wege, der da verlauft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt,
sich wieder der Erde nahert, um sich zu vereinigen mit dem Keim, der
ihm durch die Eltern gegeben wird, dann geht er durch das Gebiet,
wo die Mondwesen dasjenige registriert haben, was auf der Erde in
friiheren Inkarnationen erlebt worden ist. Wahrend diese Monden-
wesen, als sie auf der Erde lebten, den Menschen Weisheit brachten,
eine Weisheit, welche sich namentlich auf die Vergangenheit des Welt-
alls bezog, halten sie in ihrem jetzigen kosmischen Dasein die Ver-
gangenheit fest. Indem der Mensch hinuntersteigt zum irdischen Da-
sein, grabt sich gewissermaBen alles das, was sie festgehalten haben,
in seinen Astralieib ein. Ja, meine lieben Freunde, man redet so leicht
davon : der Mensch besteht aus einer Ich-Organisation, einem Astral-
leib, einem Atherleib und so weiter. Die Ich-Organisation ist eben die-
jenige, die am meisten der Erde zugeneigt ist, ist dasjenige, was wir
im Erdendasein lernen und erleben; anders aber ist das bei den tiefer
liegenden Gliedern der menschlichen Wesenheit. Schon beim Astral-
leib ist es anders, der ist voller Eintragungen, voller Bilder. Dieses ge-
wohnlich nur «unbewuBt» Genannte, das wird ja etwas auBerordent-
lich Reiches, wenn es in das Wissen wieder emporkommt. Und die
Einweihung gibt eben die Moglichkeit, hinunterzutauchen in diesen
astralischen Leib und alles, was die Mondwesen eingetragen haben
- und das ist eben von der Art wie die gemeinsamen Erlebnisse mit
andern Menschen -, an das Schauen heranzubringen. So kommt man
durch die Einweihungswissenschaft wirklich hinter das Geheimnis,
wie die ganze Vergangenheit im Menschen ruht, und wie « Schicksal »
dadurch wird, da6 mit dem Mondendasein Wesen verbunden sind,
welche die Vergangenheit festhalten, so daB sie in unserem Inneren
ruht, wenn wir die Erde betreten.
Ein anderer Fall: Wenn der Eingeweihte an Menschen herantritt,
bei denen das gewohnliche BewuBtsein so sich verhalt, daB es einen
asthetischen, einen vorstellungsgemaBen Eindruck hat, er auch davon
nicht traumen kann, dann steigt bei diesem Begegnen aus dem Innern
des Eingeweihten zunachst nichts Bildhaftes herauf; aber indem der
Eingeweihte einer solchen Personlichkeit gegeniibertritt, wird sein
Blick, wie in dem andern Falle zum Mond, so jetzt zur Sonne geleitet.
Und ebenso wie der Mond mit den Wesen in Verbindung ist, die ich
Ihnen in der angegebenen Weise charakterisieren konnte, so ist die
Sonne nicht etwa bloB der Gasball, von dem die Physiker heute spre-
chen. Die Physiker wurden hochlichst erstaunt sein, wenn sie einmal
eine Expedition ausriisten und an den Ort kommen konnten, von dem
sie meinen, daB er ausgefullt sei durch allerlei gliihende Gase, und der
nach ihrer Meinung die Sonne bildet. Die Physiker wurden namlich
finden, daB dort, wo sie gliihende Gase vermutet haben, uberhaupt
nichts ist, viel weniger ist, als der Raum, weniger ist als nichts : ein
Loch im Weltenraum. Was heiBt Raum? Was Raum ist, das wissen ja
die Menschen nicht, am wenigsten die, die viel dariiber nachdenken,
die Philosophen. Denn sehen Sie, wenn hier ein Stuhl ist, und ich gehe
hin, ohne ihn zu beachten, so stoBe ich mich an ihm. Er ist client, laBt
mich nicht durch. Wenn kein Stuhl da ist, gehe ich durch den Raum
ungehindert.
Nun gibt es aber noch einen dritten Fall. In diesem dritten Fall
wiirde ich, wenn ich ginge, nicht aufgehalten, nicht gestoBen, aber ich
wiirde aufgesogen werden, ich wiirde verschwinden : da fehlt der
Raum, da ist das Gegenteil von Raum vorhanden. Und dieses Gegen-
teil von Raum ist eben in der Sonne. Die Sonne ist negativer Raum,
ist ausgesparter Raum. Und gerade dadurch, daB da negativer, aus-
gesparter Raum ist, ist sie der Sitz, der gewohnliche Sitz der dem
Menschen nachststehenden, iiber ihm stehenden Wesenheiten : Ange-
loi, Archangeloi, Archai. Und der Blick des Eingeweihten wird in dem
Falle, den ich erzahlt habe, gelenkt nach jenen Wesen, die in der Sonne
sind, nach den geistigen Wesenheiten der Sonne. Das heiBt mit an-
deren Worten : eine solche Begegnung mit einem Menschen, die nicht
karmische Vergangenheit ist, die neu auftritt, sie ist fur den Einge-
weihten die Vermittlung, mit diesen Wesenheiten in Zusammenhang
zu kommen, Und es zeigt sich, daB da gewisse Wesen sind, mit denen
der Mensch eine nahere, mit andern eine entferntere Verbindung hat.
Und an der Art und Weise, wie diese Wesen an ihn herantreten, wird
ihm nicht im einzelnen, sondern im groBen und ganzen klar, welches
Karma sich da anspinnt: kein altes Karma, sondern eines, dem er zum
ersten Male begegnet. Da wird der Mensch gewahr, daB diese Wesen-
heiten, die mit der Sonne in Verbindung sind, ebenso mit der Zukunft
zu tun haben, wie die Wesen, die mit dem Monde in Verbindung sind,
mit der Vergangenheit zu tun haben.
Sehen Sie, es ist wirklich eine Vertiefung des ganzen menschlichen
Gemiitslebens, wenn sich der Mensch das, was so die Einweihungs-
wissenschaft aus den Tiefen des Geisteswesens hervorholt, klarmacht,
auch wenn er noch kein Eingeweihter ist. Denn die Dinge konnen
schon einleuchten. Geradeso wie man ein Bild verstehen kann, ohne
daB man ein Maler ist - ich habe den Vergleich oft gebraucht -, kann
man diese Wahrheiten verstehen, ohne daB man ein Eingeweihter ist.
Aber wenn man diese Wahrheiten auf sich wirken laBt, vertieft sich
ungeheuer das ganze Verhaltnis, das der Mensch zum Weltall hat.
Denken Sie doch, wie abstrakt, tr ocken, niichtern eigentlich heute der
Mensch von der Erde zum Weltgebaude hinaufsieht. Wenn der Mensch
auf die Erde hinsieht, dann hat er noch einiges Interesse an der Erde.
Er sieht die Tiere des Waldes mit einigem Interesse an. Wenn er ein
edler Mensch ist, so gefallen sie ihm, die schlanke Gazelle, das flinke
Reh. Wenn er weniger edel ist, interessieren sie ihn dennoch als Wild-
bret, er kann sie essen. Der Kohl auf dem Felde interessiert ihn. Das
alles hat Beziehung zu demjenigen im Menschen, was er zunachst in
sich selber wahrnimmt. Aber ebenso, wie der Mensch Beziehungen hat
zu diesem Irdischen, das seine Gefuhlswelt aufriittelt, kann er seine
Gefuhlswelt aufriitteln, kann er seine Beziehungen entwickeln zu dem
auBerirdischen Kosmos. Und alles dasjenige, was schicksalsgemaB von
der Vergangenheit heriiberkommt, ruft - wenn es auf uns einen Ein-
druck macht - unser Herz, unsere Seele auf, hinzublicken nach den
Mondwesenheiten und sich zu sagen: Hier auf der Erde wandeln
Menschen herum; auf dem Monde leben Wesen, die einstmals mit uns
auf der Erde waren. Sie haben einen anderen Schauplatz, Wohnplatz
gesucht, aber wir Menschen sind mit ihnen verbunden geblieben; sie
registrieren unsere Vergangenheit. Dasjenige, was sie tun, lebt in uns,
wenn die Vergangenheit heruberwirkt in unser Erdendasein.
Wir schauen mit einer gewissen ehrfiirchtigen Inbrunst zu diesen
Wesen auf, und der auBere, silbern leuchtende Mond ist nur ein Zei-
chen fur jene Wesenheiten, die so innig mit unserer Vergangenheit zu-
sammenhangen. Und wir lernen gewissermaBen, eine Beziehung zu
haben mit diesen kosmischen, auBerirdischen Machten, deren Sinn-
btlder die Sterne sind, eine Beziehung zu haben zu ihnen durch das-
jenige, was wir als Menschen erleben, wie wir sonst eine Beziehung
haben durch unser fleischliches Dasein mit alledem, was auf Erden
lebt. Ebenso, wenn wir als Menschen ahnend, wie in banger Erwar-
tung, der Zukunft entgegenschauen, wenn wir in diese Zukunft hin-
einleben mit unseren Hoffhungen und Bestrebungen, dann bleiben wir
mit unserer Seele nicht allein, sondern wir verbinden uns ahnend mit
demjenigen, was uns von der Sonne entgegenglanzt. Angeloi, Archan-
geloi, Archai werden fur uns Sonnenwesen, sie werden fur uns Wesen,
von denen wir wissen : sie geleiten uns aus unserer Gegenwart in die
Zukunft himiber. Wenn wir dann hinaufschauen in den Kosmos und
sehen, wie der Mondenschein abhangig ist vom Sonnenschein, wie
diese Himmelskorper in gegenseitiger Beziehung stehen, dann sehen
wir da drauBen im Kosmos ein Bild desjenigen, was in uns selber lebt.
Denn so wie Sonne und Mond drauBen in der Sternenwelt in Be-
ziehung zueinander stehen, so steht in uns, was in uns mondenhaft ist,
unsere Vergangenheit, in Beziehung zu unserem Sonnenhaften, zu
unserer Zukunft. Und das Schicksal ist ja das, was im Menschen durch
die Gegenwart aus der Vergangenheit in die Zukunft hiniiberlauft.
Wir sehen - gewissermaBen eingesponnen in den Kosmos, den Gang
der Sterne - durch die gegenseitigen Verhaltnisse der Sterne dasjenige
im GroBen, im Weiten abgebildet, was in unserem eigenen Inneren
lebt.
J a, meine lieben Freunde, das aber erweitert den Blick tief hinein
in die Weltenzusammenhange. Denn wenn der Mensch durch des
Todes Pforte geht, hat er sich zunachst bloB losgelost von seinem
physischen Leib. Er lebt in seiner Ich-Organisation, seinem Astralleib,
seinem Atherleib. Aber der Atherleib lost sich nach einigen Tagen los
vom Astralleib und von dem Ich. Dasjenige, was der Mensch erlebt,
das ist etwas, was gewissermaBen aus ihm herauswachst; es ist zu-
nachst klein, dann wird es immer groBer und groBer : es ist sein Ather-
leib. Es wachst hinaus in die Weiten, es wachst hinaus bis in die
Sternenwelt, so erscheint es ihm. Aber in diesem Wachsen wird es so
diinn, daB es nach wenigen Tagen dem Menschen schon entschwindet.
Doch es ist noch etwas anderes dabei. Indem wir so unseren Atherleib
dem Kosmos iibergeben, indem er sich verdunnt, erweitert, ist es, wie
wenn wir ergreifen wiirden nach dem Tode die Geheimnisse der
Sterne, wie wenn wir uns hineinleben wiirden in die Geheimnisse
der Sterne.
Zunachst ist es ja so - und das ist auch der Fall, wenn wir durch
die Todespforte gegangen sind -, daB, wenn wir jetzt hinaufgehen,
wenn wir durch die Mondenregion kommen, aus unserem astralischen
Leibe die Mondenwesen dasjenige ablesen, was eben von uns erlebt
worden ist im Erdendasein. Beim Weggange aus dem Erdendasein, da
empfangen uns diese Mondwesenheiten, da ist ihnen unser astralischer
Leib, in welchem wir jetzt sind, wie ein Buch, in dem sie lesen. Und
das notieren sie getreulich, urn es in den neuen astralischen Leib, wenn
wir wieder heruntergehen zur Erde, einzuschreiben.
Aus der Mondenr egion kommen wir dann durch andere Regionen,
durch die Merkur- und Venusregion in die Sonnenregion. In dieser
Sonnenregion wird nun alles dasjenige in uns lebendig, was wir als
Menschen in friiheren Leben durchlebt, gewirkt, getan haben. Wir
treten ein in die Wesenheiten der hoheren Hierarchien, in ihr Wirken,
in ihre Taten und wir sind jetzt im Kosmos darinnen. Wie wir wahrend
des Erdendaseins auf der Erde herumwandelten, gewissermaBen ge-
bannt in die Verhaltnisse der Erde, so sind wir jetzt in den Weiten des
Kosmos. Wir erleben im Weiten, wahrend wir hier auf der Erde im
Engen leben. Es kommt uns vor, wenn wir zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt unser Dasein verbringen, wie wenn wir auf der
Erde eingesperrt gewesen waren, denn alles wird nun weit, wir erleben
die Geheimnisse des Kosmos. Wir erleben sie nicht wie etwas, was
unter physischen Naturgesetzen stent; diese physischen Naturgesetze
erscheinen uns kleinliche Erzeugnisse des Menschengeistes. Wir er-
leben, was in den Sternen vorgeht, als die Taten der gottlich-geistigen
Wesenheiten, wir gliedern uns ein in die Taten der gottlich-geistigen
Wesenheiten. Nach dem, was wir konnen, handeln wir zwischen ihnen
und mit ihnen, und eben aus dem Kosmos heraus bereiten wir unser
nachstes Erdendasein vor.
Das ist es, was eigentlich wirklich in einem tieferen Sinne begriffen
werden soli, daB dasjenige, was der Mensch in sich tragt, von ihm
erarbeitet worden ist, wahrend er im Kosmos war zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt. Es ist ja so wenig, was der Mensch auBerlich
von seiner Organisation wahrnimmt. Das, was in jedem Organ steckt,
ist nur verstandlich, wenn das betreffende Organ aus dem Kosmos
heraus verstanden wird. Nehmen wir gleich das edelste Organ, das
menschliche Herz. Ja, der Naturforscher von heute seziert den Em-
bryo, sieht daraus, wie das Herz allmahlich zusammenschieBt ; er macht
sich weiter keine Gedanken daruber. Aber dieses auBere plastische
Gebilde, das menschliche Herz, es ist ja das Ergebnis, so wie es beim
einzelnen Menschen individuell ist, desjenigen, was er mit den Gottern
zusammen erarbeitet hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Erst muB der Mensch, indem er das Leben zwischen Tod und neuer
Geburt durchmacht, in jener Richtung arbeiten, die von der Erde
nach dem Lowen, dem Sternbild des Lowen im Tierkreis hingeht. Diese
Richtung, diese Stromung von der Erde nach dem Sternbild des
Lowen ist ja angefullt von lauter Kraften. In dieser Richtung muB der
Mensch arbeiten, damit er als Keim das Herz hervortreiben kann; da
drinnen sind ja kosmische Krafte. Dann muB der Mensch, wenn er
diese Region durchgemacht hat, welche in den Weiten des Weltalls
liegt, in sozusagen der Erde nahere Regionen, in die Sonnenregion
kommen. Da werden wiederum Krafte entwickelt, die das Herz weiter
vervollkommnen. Und dann kommt der Mensch in jenes Gebiet hin-
ein, wo er schon beriihrt wird von dem, was man Erdenwarme nennen
kann; da drauBen im Weltenraum ist ja nicht Erdenwarme, da ist ja
etwas ganz anderes. Da wird das menschliche Herz in einer dritten
Etappe vorbereitet. Die Krafte, aus denen das Herz vorbereitet wird,
sind in der Lowenrichtung zunachst rein moralisch-religiose Krafte;
in unser Herz sind zunachst rein moralisch-religiose Krafte hinein-
geheimniBt. Demjenigen, der das durchschaut, erscheint es eigentlich
ruchlos, wie die heutige Naturwissenschaft die Sterne, ohne das Mo-
ralische zu sehen, als gleichgiiltige, neutrale physische Massen ins Auge
faBt. Und wenn der Mensch durch die Sonnenregion geht, werden
diese moralisch-religiosen Krafte von den Atherkraften ergriffen. Und
erst wenn der Mensch der Erde schon naher kommt, der Warme, der
Feuer-Region, da werden gewissermaBen der Vorbereitung die letzten
Schritte hinzugefiigt. Da beginnen die Krafte tatig zu sein, die dann
den physischen Keim gestalten fiir den Menschen, der als geistig-
seelisches Wesen heruntersteigt.
Und so ist es, daB jedes einzelne Organ herausgearbeitet wird aus
den Weiten des Weltenalls. Wir tragen in uns einen Sternenhimmel.
Und wir hangen nicht nur durch den GrieBbrei, den wir eben in den
Magen hineingetan haben und der eben im BegrifTe ist, sich in unseren
Organismus zu verarbeiten, zusammen mit der Pflanzenwelt, die uns
nahrt, sondern wir hangen mit den Kraften des ganzen Kosmos zu-
sammen. Diese Dinge werden dem Menschen allerdings erst klar,
wenn er Sinn hat dafiir, das Leben wirklich zu beobachten. Man wird
schon dazu kommen, wiederum gegeniiber dem Mikroskopischen,
dem man heute geradezu einen Kultus entgegenbringt, auch das Ma-
kroskopische ins Auge zu fassen. Heute will der Mensch kennen-
lernen die Geheimnisse der Organisation des Tierischen, des Mensch-
lichen, indem er moglichst sich vom Weltenall abschlieBt. Da versenkt
er den Blick in eine Rohre, nennt das Mikroskopieren, und er schnei-
det ein winziges Ding aus, gibt es aufs Probierglaschen und bemuht
sich, moglichst wegzugehen von der Welt, moglichst das Leben zu
verlassen. Er reiftt ein Stiickchen ab, betrachtet es durch etwas, was
den Blick abschlieBt von der iibrigen Welt. Es soli gar nichts gesagt
werden selbstverstandlich gegen diese Art von Forschung, da kommen
allerlei ganz schone Dinge zutage. Aber den Menschen wirklich
kennenlernen kann man auf diesem Wege nicht. Und sehen Sie, wenn
man so vom Irdischen hinausblickt ins AuBerirdische des Kosmos,
hat man ja auch erst einen Teil von der Welt. Denn schlieBlich ist das
nur ein Teil, der in das Sichtbare hereinstrebt. Die Sterne sind zwar
nicht dasjenige, als was sie sich dem Auge darbieten - das ist bloB das
Sinnbild aber sie sind ja doch noch sichtbar ! Doch die ganze Welt,
die wir durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ist
ja unsichtbar, ist ubersinnlich. Und es gibt Regionen, die ja auBerhalb
des Sinnlichen liegen. Der Mensch gehort aber mit seinem Wesen
diesen iibersinnlichen Daseinsgebieten ebenso an wie dem Sinn-
lichen, und das, was der Mensch ist, lernt man eigentlich erst richtig
kennen, wenn man in Betracht zieht, wie der Mensch durch die Weiten
des Kosmos durchgegangen ist. Wenn er durch die Pforte des Todes
in die Weiten des Kosmos getreten und wiederum zuruckgekommen
ist zur Erde, so lebt ja das auch in uns in den kosmischen Zusammen-
hangen; es lebt in uns, was von uns durch die Weiten des Kosmos
durchgegangen ist, was einmal schon auf der Erde gelebt hat, auf-
gestiegen ist in den Kosmos und wiederum heruntergekommen ist
zum engen Erdendasein. Und wir lernen allmahlich hinblicken auf das,
was wir im friiheren Erdendasein waren. Losgerissen wird unser Blick
vom Physischen, erhoben wird er in das Geistige. Denn wenn wir zu-
riickblicken in friihere Erdenleben, vergeht uns durch die Kraft
der Einweihungswissenschaft die Lust, alles nur sinnlich vorzu-
stellen.
Zwar hat man auch in dieser Hinsicht manches erlebt. Es war eine
Zeit, da gab es gewisse Theosophen, die wuBten, daB der Mensch in
wiederholten Erdenleben lebt. Sie wuBten das aus der orientalischen
Weisheit, aber sie wollten sich das Ganze so vorstellen, wie man es
sinnlich vorstellen kann. Sie tauschten sich dariiber, aber sie brauchten
ein sinnliches Vorstellen. So wurde man damals darauf angeredet, daB
ja der Mensch als physischer Organismus, wenn er durch die Pforte
des Todes geht, zerfallt, zerstaubt; aber ein Atom bliebe, dieses eine
Atom gehe auf wunderbaren Wegen zum nachsten Erdenleben iiber,
und das nannten dann diese Theosophen das «permanente Atom». Es
war nur ein Umweg, die Sache materialistisch vorstellen zu konnen.
Aller solcher Hang zum materialistischen Vorstellen vergeht einem,
wenn man wirklich durchmacht, was die Seele erleben kann, wenn
man sieht, dieses menschliche Herz ist aus den Weltenweiten heraus
gebildet.
Dagegen wird die Leber erst ganz nahe der Erdenregion gebildet ;
sie hat wenig Gemeinschaft noch mit dem, was Weite des Kosmos ist.
Man lernt allmahlich durch die Einweihungswissenschaft den Men-
schen so kennen, daB man sich sagt : das Herz, das konnte gar nicht im
Menschen sein, wenn es nicht zubereitet wiirde, innerlich gestaltet
wiirde aus den ganzen Weiten des Kosmos. Dagegen ein solches Organ
wie die Leber, wie die Lunge, das wird erst in der Nahe des Erden-
daseins gebildet. In bezug auf Lunge, Leber sieht der Mensch kos-
misch der Erdennahe ahnlich, in bezug auf das Herz ist er ein weites
kosmisches Wesen. Es geht einem am Menschen die ganze Welt auf.
Man mochte, wenn man mit geistiger Anatomie Leber, Lunge, einige
andere Organe aufzeichnet, sich die Erde aufzeichnen und das, was in
ihrer Nahe ist; so ist es eigentlich in bezug auf die Krafte. Geht man
iiber zum Herzen, so mochte man das ganze Weltenall aufzeichnen.
Der Mensch ist das ganze Weltenall, zusammengezogen, zusammen-
gerollt. Er ist ein ungeheures Geheimnis, der Mensch, er ist ein wirk-
licher Mikrokosmos. Aber dieser Makrokosmos, in den der Mensch
sich nach dem Tode verwandelt, reiBt das Erkennen ganz los von der
Sinnlichkeit, von der Materialitat. Und man lernt jetzt erkennen die
gesetzmaBigen Zusammenhange, welche bestehen zwischen Geistigem
und Physischem, zwischen Seelischem und Seelischem.
Wir finden zum Beispiel Menschen in der Welt, die ein angebo-
renes Verstandnis fur die Dinge ihrer Umwelt haben, fiir die Men-
schen, die sie umgeben. Betrachten Sie nur nach diesen Verhalt-
nissen das Leben, meine lieben Freunde! Es gibt Menschen, die
begegnen vielen anderen Menschen, sie lernen sie aber nie wirklich
kennen. Was sie einem von ihnen erzahlen, ist hochst uninteressant,
es sind keine charakteristischen Ziige darin. Solche Menschen konnen
sich nicht versenken, konnen sich nicht hingeben an die Wesenheit des
anderen Menschen, sie haben kein Verstandnis fiir den anderen. Es
gibt Menschen, die haben dieses Verstandnis. Wenn sie einen Men-
schen kennengelernt haben, und sie erzahlen einem von ihm, dann
tragt alles das Geprage des Treffsicheren; man weiB gleich, wie der
andere ist, wenn man ihn auch nie gesehen hat, er steigt vor einem auf.
Es braucht nicht eine ausfuhrliche Erzahlung zu sein, kurze charakte-
ristische Satze kann derjenige zum vollstandigen Hinmalen eines Bil-
des gebrauchen, der sich versenken kann in das Wesen eines Menschen.
Es muB nicht ein Mensch sein, es kann irgend etwas in der Natur sein.
Mancher Mensch erzahlt einem, wie ein Berg ausschaut, ein Baum aus-
schaut; man gerat in Verzweiflung, man bekommt kein Bild davon,
es bleibt alles leer, man hat das Gefuhl, das Gehirn trocknet einem aus.
Dagegen gibt es andere, die haben gleich voiles Verstandnis fiir irgend
etwas; man konnte malen dasjenige, von dem sie einem erzahlen.
Solche Gaben oder Ungaben, Verstandnis fiir die Umwelt, Verstockt-
heit gegenuber der Umgebung, die sind nicht aus dem Nichts heraus
entstanden, sondern sie sind Ergebnisse unseres friiheren Erden-
daseins. Wenn man nun mit der Einweihungswissenschaft einen Men-
schen betrachtet, der recht viel Verstandnis fiir seine menschliche und
auBermenschliche Umgebung hat, und man geht dann zuriick - ich
werde noch viel iiber dieses Zuriickgehen zu sprechen haben -, mit
der Einweihungswissenschaft in das vorige Erdenleben, dann findet
man, welche Eigenschaften der Mensch im vorigen Erdenleben hatte,
und wie sie sich verwandelt haben in das Verstandnis der Umwelt im
Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt. Und man kommt dann
darauf, ein Mensch, der Verstandnis hat fiir die Umwelt, war im vori-
gen Erdenleben so geartet, daB er viel Freude erleben konnte. Das ist
sehr interessant. Menschen, die keine Freude erleben konnten im vori-
gen Erdenleben, konnen auch nicht zu einem Verstandnis fiir die
Menschen oder fiir die Umwelt kommen. Bei jedem Menschen, der
dieses Verstandnis hat, findet man: er war ein Mensch, der Freude
haben konnte an der Umgebung. Aber auch das hat man sich erworben
in einem friiheren Erdenleben. Und wodurch kommt man dazu, diese
Freude, diese Begabung, diese Anlage zur Freude an der Umgebung
zu haben?. Dazu kommt man, wenn man in weiter vorangehenden
Erdenleben Liebe entwickelt hat. Liebe in einem Erdenleben ver-
wandelt sich in Freude; die Freude des nachsten Erdenlebens ver-
wandelt sich in verstandnisvolles Erfassen der Umwelt im dritten
Erdenleben.
So schaut man Erdenleben an Erdenleben sich reihen, und so ge-
winnt man Verstandnis auch fiir dasjenige, was aus der Gegenwart in
die Zukunft hinuberstrahlt. Menschen, die viel hassen konnen, sie
tragen als Ergebnis ihres Hassens in das nachste Erdenleben hiniiber
die Begabung, von allem schmerzlich beriihrt zu sein. Das ist so, wenn
man einen Menschen studiert, der so als rechter « Zwiderwurzen »
durch das Leben gehen muB, weil er von allem schmerzlich beriihrt
wird, immer leidet. Man kann ja Mitleid haben, das ist auch das Rich-
tige, aber es fiihrt einen immer in ein voriges Erdenleben zuriick, wo
er es iiber den HaB nicht hinausbrachte. Ich bitte, mich .nicht miB-
zuverstehen. Wenn da von HaB gesprochen wird, sagt sich der Mensch
leicht: Ich hasse nicht, ich liebe alle. Er soil sich nur einmal priifen,
wieviel verborgener HaB auf dem Grunde der Menschenseele ruht.
Ja, diese Zusammenhange, sie werden einem wirklich erst klar, wenn
man die Menschen voneinander reden hort. Es wird wirklich - denken
Sie sich eine solche Statistik - viel mehr Schlechtes iiber einen Men-
schen gesagt, als Lobendes, Anerkennendes gesagt wird. Und wenn
man eben wirklich diese Statistik aufnehmen wiirde, so wiirde man
finden, daB unter den Menschen hundertmal - man kann wirklich diese
Zahl angeben - mehr gehaBt als geliebt wird. Ja, es ist so, nur merken
es gewohnlich die Menschen nicht, weil sie ja glauben, immer berech-
tigt zu sein, zu hassen, und es ungeheuer entschuldbar finden, wenn sie
hassen. Aber dieser HaB entwickelt sich in Leidensfahigkeit, Schmerz-
fahigkeit im nachsten Erdenleben, und in Verstandnislosigkeit, in Ver-
stocktheit im dritten Erdenleben, die an nichts heranwill, sich in nichts
vertiefen kann.
Und so haben Sie die Moglichkeit, dadurch drei hintereinander-
laufende Erdenleben zu beobachten, indem Sie das Gesetz betrachten :
Liebe wandelt sich in Freude, Freude im dritten Erdenleben in Verstand-
nis fur die Umgebung. HaB verwandelt sich in Anlage zum Schmerz-
erleiden; diese Anlage zum Schmerzerleiden, die aus dem HaB kommt,
verwandelt sich im dritten Erdenleben in Verstocktheit, in Verstand-
nislosigkeit gegeniiber der Umgebung. Das sind seelische Zusammen-
hange, die von einem Erdenleben in das andere himiberfuhren.
Versuchen wir aber, an das Leben in einer andern Form heran-
zutreten. Es gibt Menschen - vielleicht haben sie es sich gerade auf
diese Art in ihr Leben hereingebracht -, die interessiert nichts, sie
wollen sich fur nichts anderes interessieren auBer fur sich selber. Aber
es hat eine groBe Bedeutung im Menschenleben, ob der Mensch sich
fur etwas interessiert oder nicht interessiert. Wirklich, auch in dieser
Beziehung liefert die Statistik die merkwurdigsten Dinge. Ich habe
Menschen kennengelernt, die am Vormittag mit einer Dame gespro-
chen haben, und am Nachmittag haben sie nicht gewuBt, was die Dame
fur einen Hut oder was sie fur eine Brosche gehabt hat, oder was fur
eine Farbe ihr Kleid gehabt hat. Es gibt solche Menschen, die sehen
das nicht! Es gibt da die merkwurdigsten Anschauungen. Man halt das
manchmal sogar fur etwas Verzeihliches ; aber das ist nicht verzeih-
lich! Es ist Interesselosigkeit, eine Interesselosigkeit, die manchmal
soweit geht, daB der Mensch wirklich nicht weiB, ob derjenige, dem er
begegnet ist, einen schwarzen oder einen hellen Rock angehabt hat!
Es verbindet sich nicht inniglich dasjenige, was der Mensch aus sei-
nem Leben hinaus schaut, mit dem, was da drauBen steht. Ich erwahne
etwas radikal diese Dinge ; ich will ja nicht gleich behaupten, man ver-
falle Ahriman oder Luzifer, wenn man nicht weiB, ob die Dame blonde
oder schwarze Haare gehabt hat. Ich will nur hinweisen darauf, daB
die Menschen einen gewissen Grad von Interesse entwickeln fiir ihre
Umgebung, oder auch Interesselosigkeit; doch das hat ja fiir die Seele
eine groBe Bedeutung. Interessiert man sich fiir die Umgebung, dann
wird die Seele innerlich erregt von dieser Umgebung, die Seele erlebt
innerlich die Umgebung mit. Aber was man hier erlebt, mit Interesse,
Anteil erlebt, das tragt man ja durch des Todes Pforte hinaus in die
ganzen Weiten des Kosmos. Und so wie man hier Augen haben muB,
um Farben zu sehen auf der Erde, muB man hier auf der Erde durch
Interesse angeregt worden sein, um zwischen dem Tod und einer
neuen Geburt die Moglichkeit zu haben, geistig zu sehen dasjenige,
was da durchlebt wird. Und geht man interesselos durch das Leben,
haftet man an nichts mit seinem Blick, hort man nichts von dem, was
vorgeht, dann hat man zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
keinen Zusammenhang mit dem Kosmos, man ist gewissermaBen see-
lisch blind, kann nicht arbeiten mit den Kraften des Kosmos. Dadurch
aber bereitet man seinen Organismus und seine Organe schlecht vor :
man kommt in die Lowenrichtung und kann nicht die erste Vor-
bereitung fiir das Herz durchmachen; man kommt in die Sonnenregion
und kann das Herz nicht weiter ausbauen ; man kommt in die Feuer-
region der Erde und kann hier nicht den letzten SchlifF geben; man
kommt auf die Erde und kommt mit der Anlage zur Herzkrankheit
auf die Welt. So wirkt ein Seelisches, die Interesselosigkeit, in dieses
Erdenleben hiniiber. Und eigentlich wird das Wesen des Krankseins
erst vollig erklarlich, wenn man die Zusammenhange durchschauen
kann, wenn man sieht, wie der Mensch, der gegenwartig an dem oder
jenem physisch leidet, dieses physische Leiden dadurch hat, daB er ein
Seelisches in einem vorigen Erdenleben entwickelt hat, das sich in ein
Physisches in diesem Erdenleben verwandelt Physische Leiden in
einem Erdenleben sind so oder anders geartete Erlebnisse eines vorigen
Erdenlebens. Menschen, die, wie man sagt, pumperlgesund sind, die
nicht krank werden konnen, die immer die beste Gesundheit haben,
die fiihren in der Regel den Blick aus diesem Erdendasein zuriick in
friihere Erdendasein, in denen sie das tiefste Interesse gehabt haben
fiir alles dasjenige, was ihre Umgebung ist, alles angeschaut, alles er-
kannt haben.
Natiirlich diirfen Dinge, die sich auf das geistige Leben beziehen,
niemals gepreBt werden. Sehen Sie, es kann natiirlich auch eine kar-
mische Stromung anfangen. Ich kann mit Verstandnislosigkeit in die-
sem Leben beginnen: dann wird die Zukunft auf diese Verstandnis-
losigkeit zuriickweisen. Man darf nicht bloB von der Gegenwart in
die Vergangenheit weisen. Daher kann man auch nur sagen: in der
Regel, oder wenn eben karmische Veranlagung stattfindet, ist es so,
daB gewisse Krankheiten zusammenhangen mit einer gewissen Seelen-
artung.
Uberhaupt: Seelisches aus einem Erdenleben verwandelt sich in
Korperliches im anderen Erdenleben ; Korperliches aus einem Erden-
leben verwandelt sich in Seelisches in einem anderen Erdenleben. In
dieser Beziehung ist es wirklich so, daB derjenige, der auf karmische
Zusammenhange sehen will, manchmal den Blick auf Kleinigkeiten
lenken muB. Es ist ungeheuer wichtig, den Blick nicht auf die Dinge
zu lenken, welche wir sonst im Leben fur besonders wichtig halten.
Wenn man erkennen will, wie ein Erdenleben auf ein friiheres Erden-
leben zuruckfiihrt, muB man den Blick zuweilen auf Kleinigkeiten
lenken. Ich versuchte zum Beispiel karmische Zusammenhange - iiber
solche Dinge werde ich noch in den nachsten Tagen zu sprechen
haben - fur verschiedene Personlichkeiten des geschichtlichen und
geistigen Lebens zu suchen, in ernster Weise natiirlich, nicht so, wie
haung gesucht wird, und ich fand eine Personlichkeit, welche ein so
merkwiirdiges inneres radikales Leben entwickelte, daB sie zuletzt
dazu kam, besondere Wortbildungen sogar zu machen. Diese Person-
lichkeit hat viele Biicher geschrieben, darin hat sie die merkwurdigsten
Wortbildungen geschaffen. Zum Beispiel schimpfte sie viel, kritisierte
viei die Zustande, die Menschen, ihre Gemeinschaften. So kritisierte
der BetrefFende auch die Art, wie manche Gelehrte im Neid gegen an-
dere sich benehmen. Da stellt er Tatsachen nach dieser Richtung zu-
sammen, in denen er das Schleicherische gewisser Gelehrtennaturen
gegeniiber den anderen Mitmenschen charakterisieren wollte, und das
betreffende Kapitel uberschrieb er : « Schlichologisches in der wissen-
schaftlichen Welt. » Es ist charakteristisch, wenn ein Mensch den Aus-
druck « Schlichologisches » bildet, man fiihlt etwas bei diesem Schli-
chologischen. Und sehen Sie, gerade das scharfe seelische Ins-Auge-
fassen solcher Wortbildungen fiihrt dazu, zu erkennen, wie diese Per-
sonlichkeit in einem vorigen Erdenleben ein Mensch war, der viel zu
tun hatte mit allerlei kriegerischen Unternehmungen, wo man vieles
auf schleichenden Wegen durchzufuhren hatte. Karmisch vet wandelte
sich das in die Fahigkeit, so Bilder zu machen vom Schleichen, von
Kampfen, Bekriegen in allerlei Unternehmungen, indem er in solchen
Wortbildungen fur die Dinge, die er jetzt erschaute, aus dem Kopf
heraus das bezeichnen konnte, was er friiher mit den FiiBen, mit den
Handen tat. So konnte ich bei dieser Personlichkeit vieles anfuhren,
was sich in gewisser Weise aus dem Physischen verwandelte in ein
S eelis ch-Geistiges .
Nun werden wir diese Betrachtungen morgen fortsetzen.
DRITTER VORTRAG
Prag, 31.Marz 1924
Ich habe gestern auf einiges hingewiesen, was mit dem fortlaufend
durch die menschlichen Erdenleben hindurchgehenden Karma, der
Bildung des menschlichen Schicksals, zusammenhangt. Nun mochte
ich heute eine Vorstellung erwecken, wie die Schicksalsbildung sich
eigentlich vollzieht. Wir miissen uns klar dariiber sein, daB der Mensch,
wenn er durch die Pforte des Todes tritt, in eine geistige Welt kommt,
in eine geistige Welt, die nicht etwa an Ereignissen, an Wesenheiten
armer ist als unsere physische, sondern unendlich viel reicher. Und so
verstandlich es auch sein kann, daB man immer nur das eine oder das
andere schildern kann aus dem weiten Umkreis dieser geistigen Welt,
so wird doch andererseits wiederum auch aus den verschiedenen Schil-
derungen, die gegeben werden, ersichtlich sein, wie unendlich reich,
mannigfaltig das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
von dem Menschen verbracht wird. Hier im Erdengebiet, in dem wir
das Leben zwischen Geburt und Tod zubringen, sind wir ja umgeben
von dem, was wir als die verschiedenen Reiche der Natur ansehen:
von dem mineralischen, dem pflanzlichen, dem Tierreich, dem phy-
sischen Menschenreich. Diese Reiche, auBer dem Menschenreich,
sehen wir - und zwar mit Recht - so an, daB sie Wesenheiten in sich
schlieBen, welche der Rangordnung nach unter dem Menschen stehen,
so daB sich der Mensch wahrend seines Erdendaseins als gewisser-
maBen das hochste Wesen innerhalb dieser Wesensreiche fuhlen kann.
In dem Reich, das der Mensch durch die Pforte des Todes hindurch-
gehend betritt, ist das genaue Gegenteil der Fall. Der Mensch emp-
findet sich dort als dasjenige Wesen, das sich als unterstes in der Rang-
ordnung anschlieBt an Wesenheiten, die ihm, dem Menschen, iiber-
geordnet sind. Sie wissen ja, ich habe als Bezeichnung fur diese Wesen-
heiten in der anthroposophischen Literatur die Namen der iiber dem
Menschen stehenden Hierarchien aufgenommen und habe unter-
schieden, nach einer Terminologie, die nun schon einmal aus alteren
Zeiten da ist, zunachst diejenige Hierarchie, welche unmittelbar iiber
dem Menschen steht, die sich also an den Menschen nach oben so an-
schlieBt, wie sich nach unten im Erdenbereich die Tierheit an ihn an-
schlieBt. Das ist die Hierarchie, welcher Angeloi, Archangeloi, Archai
angehoren. Dann kommt nach dieser Hierarchie, weiter nach oben
gehend, die Hierarchie, welche die Exusiai, Dynamis, Kyriotetes um-
schlieBt. Dann die hochste Hierarchie, die oberste, die Throne, Che-
rubim, Seraphim. Wir haben neun Rangordnungen, dreimal drei Rang-
ordnungen iiber dem Menschen. Je drei zusammen konnen wir paral-
lelisieren, wenn wir von unten nach oben gehen, mit dem, was wir
haben, wenn wir nach unten gehen, als Tiere in drei Stufen, Pftan-
zen in drei Stufen nach unten, Mineralien in drei Stufen nach unten.
Damit aber haben wir erst die vollstandige Welt desjenigen gegeben,
dem der Mensch angehort.
Man konnte das Menschendasein auch so schildern, daB man sagt :
Der Mensch tritt mit der physischen Geburt, der physischen Emp-
fangnis aus einem rein geistigen Dasein in den Bereich der Natur-
ordnungen des Tierischen, Pflanzlichen, Mineralischen; und der
Mensch tritt, indem er durch die Pforte des Todes hindurchgeht, in
das Reich der iiber ihm stehenden Wesenheiten. Das eine Mai lebt der
Mensch in einem physischen Leib, der ihn verbindet mit den Reichen
der Natur; das andere Mai, zwischen Tod und einer neuen Geburt,
lebt der Mensch - wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf - in
einem Geistleibe, der ihn aber ebenso verbindet mit den Wesenheiten
der hoheren Hierarchies Hier im Erdenbereich wenden wir uns zu-
nachst an dasjenige, was im Umkreis um uns ist; wir fiihlen das ge-
wissermaBen auf gleichem Niveau mit uns stehend und blicken von
dem Erdenbereich aus zum - wie es nun in den verschiedensten An-
schauungen genannt wird - Himmelsgebiet, zum Geistgebiet auf. Der
Erdenmensch blickt aufwarts mit seinen Ahnungen, mit seinem reli-
giosen Frommsein, mit demjenigen, was fur sein Erdendasein das
Allererstrebenswerteste ist. Und wenn er sich eine Vorstellung machen
will von dem, was da oben im geistigen Reich ist, da bildet er sich ja
wohl Gestaltungen aus, die von dem Irdischen entlehnt sind, er stellt
in irdischer Weise dasjenige vor, was oben ist. Wenn der Mensch dann
im Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt lebt, ist es umgekehrt.
Der Mensch weist nach unten, wenn er dasjenige bezeichnen will,
worauf sein Blick gerichtet ist. Sie werden vielleicht sag'en, meine
lieben Freunde : Ja, dann weist aber der Mensch gerade auf das weniger
Wertvolle. Das ist aber nicht so. Sondern von oben angesehen ist das-
jenige, was hier im Erdenbereich ist, ja ganz anders, als es hier im
Erdenbereich ist. Und gerade bei der Karma-Betrachtung kann es uns
so recht verstandlich werden, wie anders dasjenige, was auf der Erde
vorgeht, von oben angesehen, ist, als es sich hier im Erdenbereich
selbst fur den Menschen ausnimmt.
Wenn wir durch die Pforte des Todes zunachst die geistige Welt
betreten, kommen wir ja zuerst in den Bereich der untersten Hier-
archic, der Angeloi, Archangeloi, Archai. Wir fuhlen uns gewisser-
maBen angeschlossen an dasjenige, was als nachste Hierarchie iiber uns
steht, und wir merken: Geradeso wie im Erdenbereich dasjenige, was
um uns ist, fur die Sinne seine Bedeutung hat, so hat das, was im gei-
stigen Bereich ist, fur das Innerste der Seele seine Bedeutung. Wir
sprechen von Mineralien, von Pflanzen, von Tieren, insoferne wir sie
mit Augen sehen, mit Handen greifen konnen, insoferne sie iiberhaupt
fur uns sinnlich wahrnehmbar sind; und wir sprechen zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt von Angeloi, Archangeloi, Archai, in-
soferne diese Wesenheiten mit demjenigen, was das innerste Wesen der
Seele ist, Zusammenhang haben. Und wir lernen allmahlich, indem
wir weiterschreiten in dem langen Leben, das wir zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt verbringen, uns einfugen in dasjenige, was die
Wesenheiten der nachsthoheren Hierarchie sind, die mit uns und mit-
einander zu tun haben. Diese verbinden uns gewissermaBen mit der
geistigen AuBenwelt. Wir sind auch zunachst im Leben zwischen Tod
und einer neuen Geburt recht stark mit uns selbst beschaftigt, denn
mit unserem Inneren hat die dritte, die unterste Hierarchie zu tun.
Dann aber wird nach einiger Zeit unser Blick erweitert, wir lernen die
geistige Welt auBer uns, die objektive geistige Welt kennen. Da sind
unsere Fuhrer die Wesenheiten der Exusiai, Kyriotetes, Dynamis. Sie
bringen uns zusammen mit demjenigen, was die geistige AuBenwelt
ist. Und ich mochte sagen, so wie wir hier auf der Erde sprechen von
dem, was uns umgibt: Berge, Flusse, Walder, Wiesen und so weiter,
so sprechen wir dort von dem, an das uns die Wesen der zweiten Hier-
archie heranbringen. Das ist dort unsere Umgebung. Aber diese Um-
gebung ist nicht in demselben Sinne gegenstandlich wie die Erde, son-
dern diese Umgebung ist wesenhaft, alles lebt, und lebt auf geistige
Art. Wir lernen gewissermaBen zwischen dem Tode und einer neuen
Geburt nicht nut Wesenheiten, Dinge kennen, sondern wir lernen
Wesenheiten und ihre Taten, die sie untereinander tun, kennen, fuhlen
uns selber eingesponnen und hingegeben an diese Taten.
Dann aber kommt eine Zeit, in der wir fuhlen, wie die Wesenheiten
der dritten Hierarchie, Angeloi, Archangeloi und Archai, und die We-
senheiten der zweiten Hierarchie, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, mit
uns zusammen an demjenigen arbeiten, was aus uns im nachsten Erden-
leben werden soil. Und da eroffnet sich uns in diesem Leben zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt eine erschiitternde, gewaltige Per-
spektive. Da schauen wir an das Treiben der dritten Hierarchie, An-
geloi, Archangeloi, Archai, schauen, wie sie sich zueinander verhalten.
Bilder bekommen wir von demjenigen, was unter den Wesen dieser
dritten Hierarchie vorhanden ist; aber diese Bilder erscheinen uns alle
so, daB sie einen Bezug zu uns haben. Und uns geht auf, wenn wir an-
schauen dasjenige, was da als Bilder der Taten der dritten Hierarchie
erscheint, daB es das Gegenbild ist von dem, was wir als Gesinnung,
als innere Gemiitsverfassung in dem letzten Erdenleben gehabt haben.
Wir sagen uns jetzt nicht mit abstrakten Gewissensvorstellungen : Du
bist ein Mensch gewesen, der unrecht gehandelt hat an diesen oder
jenen Menschen, der unrecht gedacht hat, nein, sondern wir sehen an
dem, was Angeloi, Archangeloi, Archai tun, wie sie in machtigen Bil-
dern vor unserem Blicke erscheinen, was aus dem wird, das wir in uns
als Gemutsstimmung, als Seeleninhalt, als Denkweise im letzten Erden-
leben getragen haben; da sehen wir, wie es Bild wird in dem, was die
Wesenheiten der dritten Hierarchie tun. Ausgebreitet in der weiten
Welt ist dasjenige in der geistigen Sphare, was wir an Gesinnungen
gegeniiber anderen Menschen, gegeniiber anderem Irdischen ent-
wickelt haben. Und wir werden dasjenige gewahr, was wir denken,
fuhlen, empfinden. Hier auf der Erde erscheint es in der Maja, als ob
es eingeschlossen ware in unserer Haut ; im Leben zwischen Tod und
einer neuen Gebutt ist es anders. In dem Leben zwischen dem Tod
und einer neuen Geburt erscheint es so, daB wir nun wissen: Das-
jenige, was wir in unserem Inneren an Gedanken, Empfindungen, Ge-
sinnungen-entwickeln, das gehort der ganzen Welt an, das wirkt in die
ganze Welt hinein.
Dem Orient nachgesprochen reden gar viele Menschen von der
Maja, von der Illusion der auBeren Welt, die uns umgibt; aber es
bleibt ein abstrakter Gedanke. Wenn man Betrachtungen anstellt wie
jene, die durch unsere Seelen baben Ziehen konnen, dann wird man
gewahr, wie ernst es ist mit dem Worte : Diese Welt, die uns umgibt,
ist Maja, ist die groBe Illusion, - und wie illusorisch die Anschauung
ist von dem, was in unserer Seele vorgeht. Wir glauben, damit allein
sein zu konnen. Die Wahrheit erscheint uns erst, wenn wir das Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchleben. Da sehen wir
das, was scheinbar in uns ist, den Inhalt einer weit ausgebreiteten,
machtigen, geistigen Welt bilden. Dann leben wir weiter und merken,
wie die Wesen der zweiten Hierarchie, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes,
zusammenhangen mit demjenigen, was wir uns hier auf der Erde an-
geeignet haben durch FleiB, Betriebsamkeit, durch Interesse, das wir
gehabt haben fur die Dinge und Vorgange der Erde. Denn unseren
FleiB, unser Interesse im letzten Erdenleben bilden zunachst in mach-
tigen Bildern diese Wesenheiten: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, sie
gestalten die Bilder von unseren Begabungen, von unseren Fahig-
keken in unserem nachsten Erdenleben. Wir schauen, was wir an Be-
gabungen, Fahigkeiten im nachsten Erdenleben haben werden, an den
Bildern, welche entrollen die Wesenheiten der zweiten Hierarchie.
Und dann geht das Leben weiter. Wenn es schon in die Nahe der
Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt kommt, dann tritt
etwas Besonderes ein. So wie wir auf der Erde hier stehen - besonders
in jenen Augenblicken, wo wir aufblicken ins Weltenall, wenn die
funkelnden Sterne uns entgegenleuchten -, da empfinden wir oben die
Erhabenheit des himmlischen Weltenbereiches ; etwas viel GroBarti-
geres empfinden wir nach unten schauend, wenn wir im Geisterreich
sind. Denn da sehen wir, wie in merkwurdiger Weise die Wesenheiten
der ersten Hierarchie : Seraphim, Cherubim, Throne in gegenseitiger
Beziehung Taten verrichten. Machtige Bilder geistigen Geschehens
zeigen sich uns jetzt, wenn wir den Himmel, der nach unten liegt -
denn das ist dann unser Himmel - betrachten. Wie wir jetzt im phy-
sischen Erdenleben die Schrift der Sterne nach oben blickend be-
trachten, so sehen wir, wenn wir dann nach unten blicken, die Taten
der Seraphim, Cherubim, Throne. Und dasjenige, was zwischen ihnen
vorgeht, was sich in erhabenen und groBartigen Bildern enthiillt, von
dem fuhlen wir in diesem geistigen Dasein, wie es etwas zu tun hat
mit dem, wie wir selber sind und sein werden. Denn jetzt fuhlen wir:
Dasjenige, was da geschieht unter den Seraphim, Cherubim, Thronen,
das zeigt uns, welche Folgen unsere Taten aus dem vorigen Erden-
leben im nachsten Erdenleben haben werden. Wir schauen, wie wir
uns zu dem einen Menschen so, zu dem anderen Menschen anders im
Erdenleben verhalten haben, wie wir Mitgefuhl oder Mitleidslosigkeit
entwickelt haben, gute oder bose Taten verrichtet haben. Die Ge-
sinnung hat mit der dritten Hierarchie zu tun, die Taten aber mit der
ersten Hierarchie, Seraphim, Cherubim, Thronen. Dann tritt erschiit-
ternd vor unserer Seele wie in einem jetzt kosmisch in uns wirkenden
Gedachtnis dasjenige auf, was wir im letzten Erdenleben getan haben
zwischen Geburt und Tod. Dann blicken wir hinunter, die Taten der
Geistigkeit erblickend. Seraphim, Cherubim, Throne, was tun sie? Sie
zeigen uns im Bilde dasjenige, was wir mit den Menschen, mit denen
wir im vorigen Erdenleben zusammengelebt haben, als eine Folge des
neuen Zusammenseins werden erleben mussen zum Ausgleich dessen,
was im vorigen Erdenleben zwischen uns erfolgt ist. Und wir be-
greifen an der Art, wie Seraphim, Cherubim, Throne miteinander zu-
sammenwirken, daB das groBe Problem da gelost wird. Wenn ich mit
einem Menschen in einem Erdenleben zu tun habe, so bereite ich mir
den ganzen Ausgleich selber vor; und nur daB er, der Ausgleich, ein-
trete, daB er Wirklichkeit werde, das arbeiten Seraphim, Cherubim,
Throne dann aus. Und sie bringen es in Einklang damit, daB auch der
andere, mit dem ich wieder etwas zu tun haben werde, in der gleichen
Weise zu mir gefuhrt wird, wie ich zu ihm. Was in erhabener Weise in
den Bildern der Taten der hoheren Hierarchien erlebt wird, das ist ja
dasjenige, was dann verzeichnet wird von den Mondenwesen, und von
den Mondenwesen dann eingetragen wird beim Herabsteigen in un-
seren astralischen Leib. Mit uns zusammen, die wir zwischen Tod und
einer neuen Geburt sind, schauen diese Mondenwesen dasjenige, was
geschieht, damit der Ausgleich mit dem vorigen Erdenleben stattfinde
in einem nachsten Erdenleben.
Sie ahnen aus diesem, meine lieben Freunde, was ich Ihnen in sol-
dier Weise sagen kann, wie groBartig und gewaltig gegenuber der
sinnlichen Welt das ist, was sich da enthullt. Aber Sie sehen auch, wie
wirklich dasjenige, was uns in der sinnlichen Welt entgegentritt, viel,
viel mehr verhullt, als es offenbart.
Dann geht eben der Mensch dem weiteren Leben entgegen, wenn
er durch die Region der Seraphim, Cherubim, Throne durchgegangen
ist, und geht dann weiteren Regionen entgegen. Immer mehr und
mehr tritt in ihm die Sehnsucht nach einer neuen Verkorperung auf,
in der er den Ausgleich finden kann fur dasjenige, was er im vorigen
Erdenleben durchgemacht hat.
Anthroposophie, meine lieben Freunde, ist nicht das Rechte, wenn
sie bloB eine Summe von Ideen und Begriffen ist, wenn man bloB in
einer abstrakten Weise davon redet, daB es ein Karma gibt, daB so und
so von einem Erdenleben zum anderen hiniiber gewirkt wird, sondern
Anthroposophie wird eigentlich im Grunde genommen erst das
Rechte, wenn sie nicht bloB zu unserem Kopf spricht, sondern in un-
serem Herzen eine Empfindung, eine Wahrnehmung davon erweckt,
welche Eindriicke wir in der ubersinnlichen Welt durch die Wesen-
heiten dieser ubersinnlichen Welt empfangen konnen. Denn es scheint
mir, daB kein Mensch, der einen offenen, empfanglichen Sinn hat, Mit-
teilungen empfangen kann iiber die iibersinnliche Welt, wie ich sie
jetzt geschildert habe, ohne daB die ganze Skala der Empfindungen
in dieser Seele erregt wird, Und eigentlich sollte es ja so sein, daB wir
uns sagen : Ja, hier auf der Erde machen wir manches durch, von dem
tiefsten Schmerz bis zur hochsten Lust, zum freudigsten Gliick, die
ganze Skala des menschlichen Empfindens; aber dasjenige, was wir
erfahren konnen von der geistigen Welt, sollte eigentlich auf uns m-
tensiver wirken als der tiefste Schmerz, die hochste Lust auf uns wir-
ken kann. Und wir stellen uns nur dann in der richtigen Weise zur
geistigen Welt, wenn wir sagen: Es bleibt allerdings schattenhaft
gegeniiber dem groBen Schmerz oder der groBen Freude, die wir auf
der Erde empfinden, was wir gegeniiber den Tatsachen und Wesen-
heiten der geistigen Welt empfinden. Nicht bleibt es schattenhaft fur
den Eingeweihten, aber es bleibt schattenhaft fur den, der nur die
Kunde von der Einweihungswissenschaft bekommt. Doch man sollte
sich dann auch sagen: Eine Ahnung bekomme ich dennoch, wie tief
und intensiv das, was da mitgeteilt wird von der geistigen Welt, eigent-
lich auf die Seele wirken miiBte, wenn sie nur stark und kraftig genug
dazu ware. Der Mensch sollte es eigentlich nur seiner irdischen
Schwache zuschreiben, daB er nicht vom hochsten Enthusiasmus bis
zum tiefsten Schmerz alle Intervalle des Empfindens durchmachen
kann, wenn er hort von demjenigen, wie die geistige Welt und ihre
Wesenheiten sind. Wenn der Mensch die Tatsache, daB er das eben
nicht in der richtigen Weise empfinden kann, seiner Schwachheit zu-
schreibt, dann ist auch schon etwas von der rechten Art, sich zur gei-
stigen Welt zu stellen, von der Seele erreicht. Denn, sehen Sie, was hat
denn schlieBlich alles geistige Erkennen fur einen Wert, wenn es nicht
eingehen kann auf die konkreten Tatsachen, wenn es nicht hinweisen
kann darauf, was denn eigentlich geschieht innerhalb der geistigen
Welt! Hier auf der Erde verlangen wir ja auch nicht, daB die Menschen
von einer Wiese so sprechen, wie die Pantheisten oder Monisten oder
abstrakten Philosophlinge iiber die Gottheit sprechen, sondern man
verlangt, daB man die Wiese in ihren Einzelheiten beschreibt. So ist es
ja auch gegeniiber der geistigen Welt. Auch da muB man einen Sinn
dafiir haben, die konkreten Einzelheiten anzugeben. Das ist dem
Menschen heute noch ungewohnt. Wenn man im allgemeinen von
Geistigkeit redet, daB es eine geistige Welt gibt und so weiter, so
nehmen das viele, die nicht starre Materialisten sind, hin. Aber wenn
man diese geistige Welt im einzelnen beschreibt, da werden die Men-
schen oft wiitend, weil sie nicht gelten lassen wollen, daB man konkret
im einzelnen iiber die Wesenheiten und Geschehnisse der geistigen
Welt sprechen kann. Es muB aber immer mehr und mehr, wenn nicht
die menschliche Zivilisation in das Chaos verfallen soli, es muB immer
mehr real von der geistigen Welt gesprochen werden. Denn auch die
Erdenereignisse bleiben dunkel, wenn man dasjenige, was sie ver-
hiillen, nicht kennenlernt.
Und in dieser Beziehung, meine lieben Freunde, ist ja wirklich schon
im Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft etwas gelegen, was
einen manchmal tragisch beriihrt ! Aber wenn das notige Verstandnis
fiir diese Dinge sich verbreitet, wenigstens innerhalb des Kreises der
Anthroposophischen Gesellschaft, so kann man ja hofFen, daB aus der
Tragik sich dasjenige entwickelt, was sein muB, daB von der Anthro-
posophischen Gesellschaft wirklich ausgeht eine Befruchtung der ja
deutlich in das Chaos des Materialismus hingehenden auBeren Zivili-
sation der Menschheit. Aber dann muB etwas verstanden werden, was
in ihr eben anfangs nicht verstanden worden ist, aber jetzt leichter ver-
standen werden kann, da ja zwei, mehr als zwei Jahrzehnte anthropo-
sophischer Arbeit seit der Begrundung der anthroposophischen Rich-
tung verflossen sind.
Sie wissen ja, die anthroposophische Bewegung war im Beginne im
SchoBe der theosophischen Bewegung. Und als wir in Berlin diejenige
theosophische Sektion begrundeten, aus der dann die Anthroposo-
phische Gesellschaft heraus sich entwickelt hat, da war unsere erste
Versammlung so, daB ich in der Tat damals, ich mochte sagen, eine
Art Ton angeben wollte fiir dasjenige, was eigentlich geschehen sollte.
Und ich darf jetzt, wo wir durch die Dornacher Weihnachtstagung am
Goetheanum den Versuch gemacht haben, die Anthroposophische
Gesellschaft zu reorganisieren, ich darf auf eine Tatsache, die vielleicht
recht wenig beachtet worden ist, hinweisen. Hier kann sie ja nicht
beobachtet worden seiri, weil von unseren bohmischen Freunden nie-
mand anwesend war, soviel mir bekannt ist. Ich habe dazumal einen
ersten Vortrag von der Art, wie sie spater den Zweigvortragen ent-
sprachen, gehalten; der trug einen sonderbaren Titel, einen Titel, den
man damals als ein groBes Wagnis bezeichnen konnte, er trug den
Titel: «Praktische Karmaiibungen. » Und ich hatte eigentlich vor,
ganz unbefangen iiber die Wirkungsweise des Karma zu sprechen.
Nun waren auf der Versammlung zunachst die Koryphaen der vor-
angegangenen theosophischen Bewegung, die mein Dasein dazumal
als das eines Eindringlings empfunden haben und die von vorneherein
iiberzeugt waren, daB ich eigentlich keine Berechtigung habe, iiber
etwas Inneres, Geistiges zu sprechen. Und so hat es sich gegeben, daB
in der damaligen Zeit diese Koryphaen der vergangenen theosophi-
schen Bewegung immer wieder betont haben: Wissenschaft muB sein,
der Wissenschaft der Gegenwart muB Rechnung getragen werden;
die Sache ist nun auf gutem Wege, aber nur die ersten Schritte sind
gemacht. Wenn man von diesen ersten Schritten weitergeht, kommt
man erst zu dem, was sein soil. - Das ist schon, aber dabei kam nichts
Besonderes heraus. Und so ist dann dasjenige, was dazumal beabsich-
tigt war, zu einer ziemlich theoretischen Sache geworden. Die «Prak-
tischen Karmaiibungen » waren angekiindigt, aber kein Mensch hatte
dazumal etwas von dem verstanden, am wenigsten die Koryphaen der
Theosophischen Gesellschaft. Und so blieb dann das eine Aufgabe,
die gewissermaBen unter der Oberflache der anthroposophischen Stro-
mung gepflegt werden muBte, die zunachst mit der geistigen Welt ab-
gemacht werden muBte. Aber heute - und wie oftmals wahrend der
Entwickelung der anthroposophischen Bewegung - muB ich gedenken
jenes Titels, den eigentlich der allererste anthroposophische Zweig-
vortrag haben sollte: «Praktische Karmaiibungen. » Ich kann mich
auch erinnern, wie erschrocken die Koryphaen damals gewesen sind,
daB so ein verwegener Titel dazumal erschien.
Nun, sehen Sie, seither sind mehr als zwei Jahrzehnte hinunter-
gegangen, die Zeit lauft, es ist manches vorbereitet worden ; aber diese
Vorbereitung muB auch eine Wirkung haben. Und daher muB es heute
moglich sein, daB eine solche Wirkung eintritt, daB in gewisser Be-
ziehung die «Praktischen Karmaiibungen » auftreten konnen, mit de-
nen man - etwas kiihn zu Werke gehend - dazumal beginnen wollte.
Und sehen Sie, das wollte ja gerade unsere Weihnachtstagung : das
wirklich kraftvolle Esoterische in die ganze anthroposophische Be-
wegung hineinbringen. Und damit muB Ernst gemacht werden. Denn
mit dem bloB Formalistischen wird unsere anthroposophische Be-
wegung doch nicht reorganisierend auf unsere Zivilisation wirken.
Deshalb soli in der Zukunft nicht davor zuruckgeschreckt werden, in
aller Offenheit iiber die Verhaltnisse der geistigen Welt zu reden.
Nun mochte ich heute mit einigem beginnen, was als Geistiges zu-
grunde liegt dem Erdengeschehen, der Erdenmenschheit. Sehen Sie,
wir haben in der ganzen Erdenentwickelung stehend dasjenige, was
sich vollzog als das Mysterium von Golgatha. Ich habe ja oftmals dar-
auf aufmer ksam gemacht, wie durch das Mysterium von Golgatha die
Erdenentwickelung eigentlich erst ihren Sinn bekommen hat, wie alles
dasjenige, was dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist, ge-
rade einer tieferen Betrachtung wie eine Vorbereitung zum Mysterium
von Golgatha erscheint. Und wenn auch seit dem Mysterium von
Golgatha durch die Schwache der Menschen und von der geistigen
Seite her durch die ahrimanischen und luziferischen Machte die Hin-
dernisse zunachst noch auffalliger sind als der Fortschritt der Mensch-
heit, so ist seit dem Mysterium von Golgatha dennoch von der phy-
sischen und geistigen Welt ausgehend alles geschehen, um den Men-
schen weiterzubringen in der gesamten Weltenentwickelung. Das-
jenige, was das Christentum der Menschheit gebracht hat, wird, wenn
die Menschheit sich wiirdig erweist, es in seiner geistigen Vertiefung
aufzunehmen, sich erst in der Zukunft erweisen. Aber der Impuls -
auch zu alledem, was Anthroposophie bewirken kann - liegt im Myste-
rium von Golgatha.
Nun wissen wir, wie dieses Mysterium von Golgatha seine Wirkung
zunachst geauBert hat uber den Siiden von Europa himiber nach Mit-
teleuropa hinein. Doch ist das nicht dasjenige, was ich heute betrachten
mochte. Ich mochte, daB Sie einen Blick werfen auf die Art, wie das
Christentum iiber Nordafrika sich hereinverbreitet hat nach der euro-
paischen Welt. Nun aber wissen Sie, daB ja mehr als ein halbes Jahr-
tausend nach der Begriindung des Christentums durch das Mysterium
von Golgatha sich eine andere religiose Stromung von Asien heriiber
verbreitete : die mohammedanische. Diese mohammedanische Geistes-
art, die an den Namen des Mohammed ankniipft, sie erweist sich
gegeniiber dem Christentum als etwas, was mehr in Abstraktionen
lebt als das Christentum. Das Christentum enthalt, mochte ich sagen,
viel mehr von unmittelbarer Schilderung der geistigen Welt als der
Mohammedanismus. Aber der Mohammedanismus, er hat das Schick-
sal gehabt, vieles von alter Wissenschaft, alter Kultur in sich aufzu-
nehmen. Und so sehen wir derm, wie gewissermaBen dem Christen-
tum nachfolgend von Asien heriiber sich spater der Mohammedanis-
mus ausbreitet. Es ist interessant, diese eigentumliche Ausbreitung zu
verfolgen. Wir sehen, wie etwas weker nach Norden die Stromung des
Christentums geht, die dann nach Mitteleuropa kommt, und wie der
Mohammedanismus gewissermaBen umklammert diese christliche
Stromung iiber Nordafrika, Spanien bis Frankreich hinein; so um-
gabelt er dieses Christentum.
Nun kann man leicht einsehen, daB die europaische Kultur eine
ganz andere geworden ware, wenn das Christentum allein gewirkt
hatte. In auBerer politischer Beziehung, da hat allerdings die euro-
paische Kultur den Mohammedanismus - vielleicht besser gesagt den
Arabismus - zuruckgeschlagen. Allein wer das geistige Leben Europas
ansieht, der kann zum Beispiel wissen, daB wir unsere gegenwartige
Weltanschauung - von der einen Seite den materialistischen Geist, von
der anderen Seite die Wissenschaft mit dieser Scharfe des Denkens,
mit einer arabeskenhaft entwickelten Logik, mit alledem, was eben
diese Wissenschaft ist - nicht hatten, wenn nicht, trotzdem der Arabis-
mus zuruckgeschlagen worden ist, derselbe weiter gewirkt hatte. Und
von jenem Spanien aus, ja noch von Frankreich, von dem Siiditalien
vorgelegenen Sizilien, von Afrika aus sind machtige Einfliisse ge-
kommen, welche die Denkformen Europas beeinfluBt haben, die alles
anders gestaltet haben, als es sonst geworden ware, wenn bloB das
Christentum gewirkt hatte. In unserer Wissenschaft ist mehr Arabis-
mus als Christentum!
Nun hat spater noch ein anderer Weg sich eroffnet: derjenige der
Kreuzziige, wo die Europaer direkt die allerdings schon in Dekadenz
begriffene morgenlandische Kultur kennengelernt haben. Vieles ge-
rade von den Geheimnissen der morgenlandischen Kultur hat er ihnen
gebracht, so daB gerade in der abendlandischen Zivilisation iiber der
Schicht des Christentums dasjenige liegt, was vom Orientalismus durch
den Arabismus durchgegangen ist. Aber sehen Sie, das alles wird
eigentlich nicht verstandlich, wenn man es nur von auBen anschaut.
Das alles muB von innen angeschaut werden. Von innen angeschaut
nimmt es sich so aus, daB ja allerdings durch Kriege, durch gewonnene
Schlachten der Arabismus zuriickgedrangt worden ist, daB die Araber,
die Trager des Mohammedanismus, die Mauren und so weiter zuriick-
gedrangt worden sind. Aber die Seelen dieser Leute verkorperten sich
ja wieder, kamen wieder und wirkten weiter. Und man hat gar nichts
davon, wenn man in abstrakter Weise schildert, wie der Arabismus
von Spanien nach Europa gekommen ist ; man hat erst etwas an Ein-
sicht, wenn man die inneren konkreten Tatsachen kennt.
Nehmen wir eine solche Tatsache. Da lebte in der Zeit, wo in der
europaischen Geschichte von Karl dem GroBen die Rede ist, in Asien,
in Bagdad in einem wunderbaren Glanz, in groBartiger orientalischer
Bildung Harun al Raschid vom achten ins neunte Jahrhundert heriiber,
wie ja auch Karl der GroBe. An Harun al Raschids Hofe war alles, was
dazumal an vorderasiatischer, uberhaupt an asiatischer Bildung vor-
handen war, zwar getaucht in Mohammedanismus, aber es war alles,
was an Bildung gegeben war, vorhanden: Mathematik, Philosophic,
Architektur, Handel, Industrie, Geographie, Medizin, Astronomie,
alles wurde von den erleuchtetsten Geistern Asiens am Hofe des Harun
al Raschid betrieben. Heute haben die Menschen wenig BegrirTe davon,
wie gewaltig und groBartig das war, was am Hofe Harun al Raschids
getrieben worden ist. Da ist zunachst Harun al Raschid selber: nicht
ein unverstandiger Herrscher, der nur heranzog die groBartigsten
Weisen Vorderasiens, um zu glanzen, sondern eine Personlichkeit, zwar
in religioser Beziehung ganz hingegeben dem Mohammedanismus,
aber orTen und frei fur alles dasjenige, was orientalische Zivilisation
brachte und hatte. Wahrend Karl der GroBe notdutftig schreiben und
lesen gelernt hat, war ein viel groBerer Glanz am Hofe von Bagdad,
ja es war gar nicht zu vergleichen mit Karl dem GroBen, was eben
dort von Harun al Raschid geleistet worden ist.
Es war auch die Zeit, in welcher ein groBer Teil der damaligen
vorderasiatischen Welt schon dem Mohammedanismus erobert war,
ein groBer Teil von Afrika, und uberallhin wurde getragen dasjenige,
was in so glanzvoller Weise am Hofe Harun al Raschids gewirkt hatte.
Aber unter denjenigen, welche Trager von Geographie, Naturfor-
schung, Medizin am Hofe von Harun al Raschid waren, befand sich
so mancher, der in einer noch fruheren Inkarnation Angehoriger einer
alten Mysterienschule gewesen war. Denn die Menschen werden, auch
wenn sie friiher Eingeweihte waren, nicht immer wiederum so ge-
boren, daB gleich bemerkt wird, daB sie in einem friiheren Leben Ein-
geweihte gewesen sind. Man kann ja in jedem Zeitalter, auch wenn
man ein Eingeweihter in friiheren Mysterien war, nur diejenige Gei-
stigkeit annehmen, nur zu derjenigen Seelenverfassung kommen, die
einem der Leib gestattet, die in einem bestimmten Zeitalter sein kann.
Wenn man auf das eigentliche Seelische hinschaut, so deckt es sich
nicht mit den dialektisch-logischen Vorstellungen, die man von dem
Seelischen im Menschen hat. Das Seelische ist eigentlich viel tiefer
gelegen, als man es gewohnlich auffaBt.
Ich will Ihnen ein Beispiel sagen. Denken Sie einmal an eine Per-
sonlichkeit wie Ernst Haeckel. Bei ihm fallt zunachst auf, daB seine
Weltanschauung materialistisch gefarbt ist, daB er eine Art von Me-
chanismus nicht nur der Natur, sondern auch des Seelenlebens ver-
treten hat, daB er in wuchtigen Hieben auf den Katholizismus loshaut,
daB er da manchmal entziickend, manchmal fanatisch, aber manchmal
auch geschmacklos ist. Derjenige, der die Zusammenhange der ver-
schiedenen Erdenleben beim Menschen ins Auge faBt, wird nach die-
sen Eigenschaften am allerwenigsten hinschauen, sondern er wird hin-
schauen auf die tieferen Eigenschaften der Seele. Kein Mensch, der
sich blenden laBt von dem, was an Haeckel zunachst auffallt, kann,
wenn er praktische Karmamethoden entwickeln will, auf Haeckels
vorige Inkarnation kommen. Denn wer auf Haeckels vorige Inkarna-
tion kommen will, der muB hinschauen auf die Art, wie Haeckel das-
jenige vertrat, was er als Anschauungen hatte. Es ist aus der Zeit zu
erklaren, in der Haeckel gelebt hat, daB er gerade diese materialistische
Bildung hatte. Das aber ist das Unwesentlichste, es kommt auf das
innere Seelengefuge an. Und kann man dieses innere Seelengefuge
fassen und hat man das okkulte Schauen, dann fuhrt der Blick zuriick
- zum Beispiel gerade bei Haeckel - zu Papst Gregor VII. , dem ehe-
maligen Monch Hildebrand, der gerade einer der kraftigsten, inten-
sivsten Vertreter des Katholizismus war. Derjenige, der dann die bei-
den Gestalten vergleicht und weiB, daB es sich um diese beiden Ge-
stalten handelt, der wird schon das Ahnliche herausfinden, der wird
auch den Blick dafur bekommen, was in bezug auf die groBen An-
gelegenheiten der Menschheit das Unbedeutende und was das Be-
deutende ist. Die theoretischen Ideen sind gar nicht das Wesentliche.
Die theoretischen Ideen sind nur in unserer theoretischen, materia-
listischen, abstrakten Zeit das Wesentliche. Hinter den Kulissen der
Weltgeschichte ist dasjenige, was die Seele in ihrer Art ist, das Wesent-
liche. Wer das durchschaut, wird schon die Ahnlichkeit zwischen
Gregor VII. und seiner Wiederverkorperung als Haeckel heraus-
finden konnen.
Solche Anschauungen muB man sich erst aneignen, wenn man auf
das konkrete Karmawesen eingeht, und wenn einem das etwas soil
sagen konnen, daB zum Beispiel am Hofe Harun al Raschids Menschen
lebten, welche eben auBerlich, weil ihnen so der physische Kdrper und
die Erziehung gegeben waren, sich im Sinne des achten bis neunten
Jahrhunderts ausnahmen, die aber die Wiederverkorperungen von
alten Eingeweihten in Mysterien waren. Wenn man den geistigen
Blick hinrichtet auf diesen Hof Harun al Raschids, dann fallt einem
ganz besonders eine Personlichkeit auf, die ein grundlicher, intensiv
wirkender Ratgeber Harun al Raschids und fur die damalige Zeit ein
universeller Geist war, ein Geist, der diese Merkwiirdigkeit hinter sich
hatte, daB er in einer vorigen Inkarnation an alien Einweihungen in
derselben Gegend, in der Harun al Raschid herrschte - als aber noch
ganz andere Volker dort waren - teilgenommen hatte, und der in
einer spateren Inkarnation als eine andere Personlichkeit mit aller
inneren Sehnsucht nach einer Initiation gestrebt hat, sie aber nicht er-
reichen konnte, weil das Schicksal ihn nicht dazu kommen lieB, damals
eingeweiht zu werden. Eine solche Personlichkeit lebte am Hofe Harun
al Raschids, die daher dasjenige im tiefsten Inneren verbergen muBte,
was aus der friiheren Einweihungsinkarnation in ihr war. Das Nicht-
erreichen-Konnen lag in einer spateren Inkarnation, dann kam die-
jenige, die am Hofe Harun al Raschids war. Und am Hofe Harun al
Raschids wurde diese Personlichkeit - weil ja dazumal nicht mehr im
alten Sinne Initiationen moglich waren - einfach eine Personlichkeit,
die aus einem machtigen Drange, aus einer machtigen Phantasie, einer
exakten, logischen Phantasie wirkte, ungeheuer anregend wirkte auf
alles, was an diesem Hofe gepflegt worden ist, und der Organisator an
diesem Hofe war. Es lebten da alle moglichen Gelehrten, Kiinstler,
ein ganzes Heer von Dichtem war ja am Hofe Harun al Raschids, es
lebten Vertreter aller Wissenschaften da. AuBerdem war Bagdad da-
zumal eben der Mittelpunkt fur alles weit ausgedehnte wissenschaft-
lich-kiinstlerische Treiben, das in dem Kalifenreiche vorhanden war.
Und was da zu organisieren war, ging eigentlich alles mit von dieser
Personlichkeit aus, einer Personlichkeit von hoher Initiative. Nun,
solche Individualitaten haben doch eine groBe Bedeutung im weiteren
Fortgang der Menschheitsentwickelung.
Sehen wir uns jetzt die Personlichkeit Harun al Raschids selber an.
Wer mit einem okkulten Blick diese Personlichkeit in ihrer Seelen-
haftigkeit erfassen und sie dann wieder aufsuchen kann, und sucht, ob
sie sich wieder verkorpert hat, der findet, daB diese Personlichkeit
Harun al Raschids ja in der Tat eine solche war, die weiter verbunden
war mit demjenigen, was sie auf der Erde gestiftet hat, es weiter-
getragen hat, indem sie durch des Todes Pforte gegangen ist, die wei-
tergegangen ist auf geistige Art mit der Erdenentwickelung der
Menschheit, die von der geistigen Welt aus vieles beeinfluBt hat, aber
auch selber viel wieder aufgenommen hat. Und dann erschien sie
wiederum eben in der Art, in der sie erscheinen konnte dem Zeitalter
nach : es erschien diese Personlichkeit als Lord Baco von Verulam, der
der Begriinder der neueren Wissenschaftlichkeit war. Baco von Veru-
lam hat ja geradezu dem neueren europaischen Denken von England
aus einen groBen AnstoB gegeben. Sie konnen sagen: Ja, er unter-
scheidet sich machtig von der Personlichkeit Harun al Raschids ! Aber
es ist doch dieselbe Individuality I Denn dasjenige, was eben auBerlich
als Unterschied auftritt, gehort der AuBerlichkeit an, Und so sehen wir
gewissermaBen die Seele Harun al Raschids von Asien heriiber sich
nach dem Tode weiterentwickeln, um vom Westen heriiber in der Art,
wie es eben geschehen konnte, sogar vieles vom neueren Materiahs-
mus begriindend, auf die neuere europaische Zivilisation zu wirken.
Die andere Personlichkeit, die nicht nur die rechte Hand, sondern
die Seele des Hofes Harun al Raschids war, die jenes merkwiirdige
Schicksal in geistiger Beziehung hatte, diese Seele machte einen an-
deren Weg. Dieser Seele lag wenig damn, als sie durch die Pforte des
Todes gegangen war, noch einen auBeren Glanz auszuleben. Diese
Seele hatte vielmehr den inneren Drang, sich recht innerlich aus-
zuleben. Darum konnte sie gar nicht einen Weg machen, der sie in der
nachsten Inkarnation himiber nach dem Westen gefuhrt hatte. Be-
achten Sie nur, wie es mit Harun al Raschid war: ungeheurer Glanz,
innerliche Gediegenheit der Zivilisation am Hofe Harun al Raschids,
aber zu gleicher Zeit der Drang, alles zu verauBerlichen, was im Mo-
hammedanismus gegeben war. Das muBte sich in einer nachsten In-
karnation ausleben. Die weite, umfangreiche Wissenschaftlichkeit
muBte zum Vorschein kommen. Sie kam zum Vorschein. Es drangte
sich dasjenige, was auBerer Ghnz am Hofe Harun al Raschids war, bei
Baco selber ans Tageslicht.
Die andere Personlichkeit war zwar die Seele am Hofe Harun al
Raschids, aber eine sehr innerliche Personlichkeit. Sie stand ja sehr
nahe demjenigen, was in den alten Mysterien gepflegt worden ist. Nun
konnte man dieses nicht ausleben, wenigstens nicht bis in unsere Zeit,
wo das Kali Yuga abgelaufen ist und die Michaelszeit beginnt, wo es
wieder moglich geworden ist, ganz unbefangen vom Geistigen zu
sprechen. Man konnte aber, was man so aufgenommen hatte, in einer
umfassenden, energischen Weise so in die Zivilisation hineingieBen,
daB es von einer intensiven Wirkung werden konnte. So etwas geschah
mit der anderen Personlichkeit. Die entwickelte sich, nachdem sie
durch die Pforte des Todes gegangen war, so in der geistigen Welt,
daB sie zuletzt, als sie wieder auf der Erde erschien, ich mochte sagen
nicht im Westen landen konnte, wo der Materialismus herkam, son-
dern in Mitteleuropa landen muBte und dort ausleben konnte das-
jenige, was aus den alten Mysterien stammte, aber angepaBt werden
muBte den geanderten Zeitverhaitnissen. Aus dieser Personlichkeit
wurde die des Amos Comenim. Und so konnte man sagen, daB diese
zwei Seelen, welche am Hofe Harun al Raschids gelebt haben, in der
folgenden Zeit so durch die Weltgeschichte gegangen sind, daB sie
zwei verschiedene Wege gegangen sind. Die eine, mochte ich sagen,
den Siiden Europas umsaumend, um vom Westen aus Organisator der
neueren Geschichte, Philosophic, der Wis sens chaf ten zu sein, als Baco
von Verulam; die andere nahm, ich mochte sagen, den Landweg,
jenen Weg, den auch die Kreuzziige genommen haben; er nahm den
Weg nach Mitteleuropa. Auch er wurde ein groBer Organisator, aber
man sieht seiner Organisation an, wie sie anders wirkte. Und in der
Tat, ein groBartiges Schauspiel, ein gewaltiges Schauspiel ist es, daB,
allerdings zu etwas verschiedenen Zeiten - man darf das nicht miB-
verstehen, aber das war mit dem weltgeschichtlichen Karma ver-
bunden - Amos Comenius und Lord Baco von Verulam lebten, daB
sie verschiedene Wege genommen haben. Aber dann war es so, daB
sie sich doch in der letzten Zeit wiederum, wenn ich mich des trivialen
Ausdruckes bedienen darf, in Mitteleuropa getroffen haben. Und vieles
von dem, was die Zivilisation finden muB, muBte ja in dieser Weise
in der Zivilisation sich vollziehen, daB dasjenige, was in esoterischer
Beziehung in dem Wirken des Amos Comenius liegt, sich verbindet
mit der Kraft, die in die Technik eingezogen ist, sich verbindet mit
allem, was Hegt in demjenigen, was durch Baco von Verulam begriin-
det worden ist. Aber es ist eines der wunderbarsten Beispiele der Welt-
geschichte, dieses Ausgehen von zwei Seelen, die im achten bis neun-
ten Jahrhundert gewirkt haben am Hofe Harun al Raschids. Harun al
Raschid selber, der gewissermaBen geht iiber Afrika und Siideuropa
nach England, urn von England zu wirken nach Mitteleuropa herein;
Amos Comenius, der nach Mitteleuropa heruberkommt, um in dem,
was er ausbildete, sich mit dem anderen zu begegnen.
So, meine lieben Freunde, wird geschichtliche Betrachtung eigent-
lich erst Realitat. Denn was von einer Epoche der Weltgeschichte in
die andere Epoche geht, das geht ja nicht in abstrakten Begriffen, fliegt
ja nicht in abstrakten Begriffen himiber, sondern die Menschenseelen
sind es selber, die hiniibertragen dasjenige, was geschehen ist. Wir
verstehen erst, wie in der folgenden Zeit dasjenige entsteht, was sich
aus der friiheren Zeit entwickelt, wenn wir verfolgen, wie die Seelen
sich hiniiberentwickeln von einem Zeitalter in das andere. Wir miissen
iiberall Ernst machen mit dem, was man Maja nennt, und der inner-
lichen Wirklichkeit. Auch Geschichte ist Maja, wenn man sie nur von
auBen betrachtet; man begreift sie erst, wenn man von der Maja zur
Wahrheit geht.
Moge nun - wir wollen ja diese Betrachtungen in der nachsten Mit-
gliederversammlung fortsetzen -, meine lieben Freunde, es in der
richtigen Weise aufgefaBt werden, wenn jetzt, inauguriert dutch die
Weihnachtstagung, an die Verwirklichung dessen gegangen wird, was
ganz im Anfang - vielleicht mit einiger Naivitat - angekiindigt wurde
als «Praktische Karmaiibungen ». Nach einer jahrzehntelangen Vor-
beteitung wird aber wobl innerhalb der Anthroposophischen Gesell-
schaft eine wirkliche geistige Betrachtung auch iiber den Karma-
gedanken, iiber praktische Karmaiibungen ertragen werden konnen,
ohne daB daraus MiBverstandnisse und Verirrungen im Leben er-
wachsen.
VIERTER VORTRAG
Prag, 5. April 1924
Bevor ich mir erlaube, auf die so lieben Worte des Herrn Professor
Hauffen bin, die in Ihrem Namen gesprochen worden sind, Ihnen
meinen AbschiedsgruB zu sagen, lassen Sie mich vorher noch die Be-
trachtungen des heutigen Abends anstellen.
Es wird ersichtlich geworden sein aus den vorangehenden Betrach-
tungen hier in der Prager Anthroposophischen Gesellschaft, wie ein
Wirken des Geistes - oder vielleicht besser gesagt von geistigen We-
senheiten - iiber der Menschheitsentwickelung waltet, und wie die
Menschenseelen selber geisterfiillt von Epoche zu Epoche dasjenige
hinubertragen, was sie in einer Epoche sich erarbeitet haben, allerdings
auch dasjenige, was sie als Schuld in der einen Epoche auf ihre Seelen
gehauft haben. Aber all das laBt uns ja einen tiefen Blick in das*Leben
des physisch-seelisch-geistigen Kosmos hineintun, und erst dadurch
begreifen wir unser Menschenwesen, wenn wir einen solchen Blick
tun. Denn ohne daB wir dabei in irgendeinen Hochmut verfallen, miis-
sen wir uns gestehen, daB wir dem geistigen Urquell des Kosmos mit
unserer eigenen Menschennatur verbunden sind und wir unsere eigene
menschliche Natur nur verstehen, wenn wir den Kosmos geistig durch-
dringen. Nun soil seit der Weihnachtstagung ja nicht nur die Anthro-
posophie verwaltet werden innerhalb der Anthroposophischen Ge-
sellschaft, sondern das Verwalten soil selbst Anthroposophie sein. Und
das muB ja auch in der Umgestaltung des anthroposophischen Wir kens
zum Ausdruck kommen. Ich habe mich daher nicht gescheut, in diesen
Vortragen vom Exoterischen weg mehr ins Esoterische hinein die Be-
trachtung stromen zu lassen, und einiges von dem mochte ich heute
noch zu diesem Gesagten hinzufugen. Ich mochte hinzufiigen etwas,
was anschaulich machen kann, wie die menschliche Seele aus der einen
Zeitepoche in die andere hinubergetragen wird. Dasjenige, was im
GroBen und Ganzen geschieht, geschieht ja auch fur den Einzelnen,
und wenn wir das Karma begreifen von Personlichkeiten, die uns alien
bekannt sind, so konnen wir auch ein Licht werfen auf unser eigenes
Karma. Deshalb lassen Sie uns heute die Betrachtung iiber Karma
noch etwas im Konkreten fortsetzen.
Ich habe schon im Verlaufe dieser Betrachtungen den Namen eines
Marines genannt, der in einer merkwiirdigen Weise zeigt, wie in einer
Willensnatur etwas Visionares zur OfFenbarung kommen kann. Ich
habe den Namen des italienischen Freiheitshelden Garibaldi genannt,
habe auch einige charakteristische Ziige von ihm angegeben. Alles
dasjenige, was sich in diesem Garibaldi auBert, ist Willensregung.
Welcher ungeheure Wille gehort dazu, daB er als junger Mann oft und
oft in einer gefahrlichen Zeit, im zweiten, am Beginne des dritten Jahr-
zehntes des neunzehnten Jahrhunderts, die Adria auf eigene Verant-
wortung hin durchschiffte, wiederholt gefangen genommen wurde,
immer wiederum durch seine Kraft und seinen Mut freikam. Welch
ungeheure Willensentfaltung liegt darin, daB er, als er gesehen hat, wie
zunachst in Europa fur ihn kein Feld ist, nach Siidamerika hinuber-
ging und dort einer der kiihnsten Menschen wurde fur die Entfaltung
des Freiheitslebens. Ich habe auch wohl aufmerksam darauf gemacht,
wie er in bezug auf seine Verheiratung eigentlich iiber die gewohn-
lichen irdischen Verhaltnisse hinaus das eigene Leben entfaltete ; und
als er dann wiederum nach Europa zuriickgekehrt war, war er ja der-
jenige, dem eigentlich das Italien der Gegenwart alles verdankt.
Als eines Tages an mich die Frage herantrat : Wie konnte es mit den
karmischen Zusammenhangen dieser Personlichkeit beschaffen sein?,
da traten zwei Fragen auf. Denn das Erleben karmischer Zusammen-
hange ist nicht etwas ganz Einfaches, sondern etwas Kompliziertes.
Ich habe schon gesagt, daB man manchmal bei scheinbaren Gering-
fiigigkeiten des Lebens einsetzen muB, um von diesen Geringfugig-
keiten, die aber anschaulich konkret sind, dann iiberzugehen zu dem-
jenigen, was die Tatsachen des einen Erdenlebens hinubertragt in die
Tatsachen des anderen Erdenlebens.
Und so war es bei Garibaldi besonders der Umstand, daB er seiner
Gesinnung nach Republikaner war, durch und durch Republikaner
war, aber in Italien mit aller Kraft seines Willens das Kdnigreich unter
Viktor Emanuel verwirklichte. Und eigentlich sieht man, wenn man
nur die auBer e Biographie Garibaldis ins Auge faBt, einen griindlichen
Widerspruch zwischen dieser seiner innersten Gesinnung und dem-
jenigen, was er getan hat. Auf der anderen Seite sieht man, wie er sich
verbunden fiihlte mit Mannern wie Masgini und Cavour, mit denen er
in Gedanken durchaus nicht iibereinstimmte, die ganz andere Ge-
dankenrichtungen hatten. Da fallt einem dann auf, wie es merkwiirdig
ist, daB der im Jahre 1807 geborene Garibaldi seine Geburtszeit und
seinen Geburtsort eigentlich in unmittelbarer Nahe der Geburtsorte
dieser drei anderen Personlichkeiten hat : des spateren Konigs Viktor
Emanuel, Cavours, des Staatsmannes, und des Philosophen Mazzini.
Sie sind sozusagen in unmittelbarer Nahe voneinander geboren. Da
wird man gefiihrt darauf, zu suchen, wie das Karma solcher Person-
lichkeiten zusammenhangt.
Die andere Frage, auf die so etwas fiihrt, ist diese - wahrhaftig eine
tiefgehende Frage ! Wir miissen ja immer darauf aufmerksam machen,
wenn wir geisteswissenschaftliche Betrachtungen anstellen, wie es in
alten Zeiten Eingeweihte, Initiierte, Besitzer und Eigentumer der
Weltenschau im weitesten Sinne gegeben hat. Die Frage kann nun
entstehen : Da ja auch diese Weisen der alten Zeiten sich wiederverkor-
pern miissen, wo sind sie dann in der neueren Zeit? Und mancher
konnte fragen: Wo sind denn die groBen Personlichkeiten der alten
Zeit, die als Initiierte gewirkt haben, in spateren Zeiten wirksam? -
Sehen Sie, sie sind wiedergekommen, diese groBen Eingeweihten, aber
Sie miissen bedenken, meine lieben Freunde, wie der Mensch, wenn er
in irgendeinem Zeitalter erscheint, darauf angewiesen ist, den Korper
zu benutzen, den ihm irgendein Zeitalter gibt. Die Korper der alten
Zeiten waren gefiigiger, waren fur den Geist plastischer, biegsamer;
und innerhalb des Erdenlebens braucht man den Korper, um das-
jenige, was man in sich aufgenommen hat, bevor man herunter-
gestiegen ist in das Erdenleben, auch wirklich in ErdenofFenbarung
und Erdentun umzusetzen. Und so miissen wir gerade bei einer sol-
chen Ratselfrage bedenken - und damit soli gar keine Kritik geiibt
werden -, wie ja die ganze Erziehung der ganzen neueren Zeit schon
seit Jahrhunderten so ist, daB der menschliche Organismus so wird,
daB in unserem Leben gar nicht zur Erscheinung kommen kann, was
im Eingeweihten gelebt hat. Es muB vieles ganz in den Untergriinden
des Daseins bleiben. Und deshalb erscheinen manche Eingeweihte
alter Zeiten als Personlichkeiten, denen man dann mit den BegrifFen,
die man heute hat, gar nicht ansieht, daB sie einmal Eingeweihte ge-
wesen sind, weil sie den Korper ihres Zeitalters benutzen miissen.
Gerade einen solchen Fall haben wir in Garibaldi vor uns. Wenn wir
im europaischen Leben weit 2uriickgehen, so flnden wir Mysterien
und Eingeweihte der tiefsten Art im uralten Irland. Aber die irischen
Mysterien haben sich bis in die christliche Zeit wirklich erhalten.
Selbst noch heute ist in Irland viel geistiges Leben - nicht abstraktes,
begriffliches, sondern wirkliches - geistig wirksam. So chaotisch sich
das auBere Irland heute ausnimmt, es ist in Irland viel wirkliches gei-
stiges Leben; aber das ist ja doch nur der letzte Rest desjenigen, was
einst dagewesen ist. In Hybernia, in Irland waren tief eingreifende
Mysterien, die noch in den ersten Jahrhunderten unter Aufnahme des
Christentums bis nach Europa hineingewirkt haben. Und da findet
sich dann ein Eingeweihter, der den Weg nahm von Irland ungefahr
bis in die Gegend des heutigen ElsaB im achten bis neunten Jahr-
hundert nach der Begriindung des Christentums. Dieser Eingeweihte
hat viel getan dazumal, um unter Sturmen fur das wirkliche Christen-
tum zu wirken, fur das ja Bonifatius sehr wenig gewirkt hat in Wirk-
lichkeit. Und zu diesem Eingeweihten sind aus drei Weltgegenden
drei Schiiler gekommen, drei Schiiler, die sich ihm anvertraut haben.
Diese drei Schiiler sind - der eine mehr, der andere weniger - weit ge-
kommen. Aber es war gerade in den irischen Mysterien die strenge
Regel, daB Schiiler, die sich einem Eingeweihten anvertraut hatten,
von ihm im kunftigen Erdenleben nicht wieder verlassen werden,
sondern daB von ihm etwas vollbracht wird im Erdenleben, was diese
Schiiler mit ihm zusammenhalt, was ein Band begriindet zwischen
diesen Schiilern und ihm. Der Eingeweihte, den ich meine, ist im
neunzehnten Jahrhundert wiederum erschienen als Giuseppe Gari-
baldi, mit diesem visionaren Willen, der eben in alteren Zeiten auf
ganz andere Weise zur Offenbarung gekommen ist, sich ausleben
konnte, als in einem Korper des neunzehnten Jahrhunderts, der eine
ganz andere Erziehung als die des neunzehnten Jahrhunderts, eine
sehr geringe Erziehung sogar, durchgemacht hat. Und die drei an-
deren, die ich erwahnt habe, waren die Schiiler, die als Schuler aus drei
verschiedenen Erdgegenden gekommen sind. Dasjenige aber, was als
Gewalt gewirkt hat von einer Inkarnation in die andere, das wirkte
tiefer als auBere Prinzipien. Gegeniiber dem, was Mensch an Mensch
kettet iiber die Inkarnationen hinweg, ist das eine Geringfugigkeit,
wenn man sagt: Ich bin Republikaner, du bist Monarchist. - Man
muB sich in diesen Dingen schon klar sein dariiber, wie weit entfernt
die irdische Maja, die groBe Illusion, der Schein des Daseins ist von
der geistigen Wirklichkeit, die hinter den Erscheinungen des Daseins
geistig impulsierend tatig ist. Und so konnte Garibaldi zum Beispiel
Viktor Emanuel nicht verlassen, trotzdem er ganz anderer Gesinnung
war als er. Gesinnungen gehoren, wenn sie sich auf AuBeres beziehen
und nicht auf Menschen, doch dem Zeitalter an, nicht der Individua-
list, die von Erdenleben zu Erdenleben geht.
Ich mochte ein anderes Beispiel wahlen, das mir auf eine merk-
wiirdige Weise nahegetreten ist. Ich hatte einen Geometrie lehrer, der mir
auBerordentlich wertvoll war. Vielleicht werden Sie aus meiner Le-
bensbeschreibung wissen, daB ja Geometrie iiberhaupt zu demjenigen
gehort, dem ich im Leben am meisten an Anregungen verdanke. So
wurde mir dieser Geometrielehrer auch besonders wertvoll. Aus dem,
daB er ein ausgezeichneter Konstrukteur war, konnte zwar folgen, daB
ich ihn sehr liebte, weil ich das Konstruieren liebte, und weil er, was
er vorbrachte, mit einer wirklichen Unabhangigkeit und auch mit aller
Einseitigkeit des geometrischen Denkens vorbrachte. Er war so ein-
seitig aufs Geometrische hin geschult, daB er zum Beispiel kein Ma-
thematiker war, sondern nur ein Geometriker. Darin war er genial,
hatte aber keine Kenntnisse, keine wirklichen Kenntnisse in der
Mathematik. Und er lebte gerade in einer Zeit, wo gerade alle Darstel-
lende Geometrie, die sein Fach war, umgestaltet wurde. Er blieb beim
alten. Das war ein charakteristischer Zug an ihm. Aber noch viel cha-
rakteristischer fur den okkulten Forscher war ein anderes. Er hatte das,
was man einen KlumpfuB nennt. Nun ist das Eigentumliche, daB,
selbstverstandlich nicht die physische Substanz, aber die Kraft, die in
einer Inkarnation der Mensch in seinen FiiBen tragt, die Art und
Weise, wie er auftritt, wie er sich durch die Bewegung der FiiBe in
Schuld oder in das Gute hineinstellt, sich metamorphosiert. Alles das-
jenige, was mit den FiiBen zusammenhangt, kann in einem nachsten
Erdenleben in der Organisation des Kopfes sich ausleben, wahrend
dasjenige, was wir jetzt im Kopfe haben, gerade in der Organisation
der Beine im nachsten Erdenleben sich ausleben kann. Diese Dinge
metamorphosieren sich in eigentumlicher Art. Derjenige, der in diesen
Dingen bewandert ist, kann in der Art und Weise, wie jemand auftritt,
wie er die Zehen setzt, die Fersen setzt, sehen, wie das Denken in einer
vorigen Inkarnation war. Und derjenige, der die Eigentumlichkeit der
Gedanken eines Menschen verfolgt, ob einer schnell, fluchtig denkt
oder gemessen, bedachtig denkt, wird oft dazu gefuhrt, wirklich zu
sehen, wie er in einer vorigen Inkarnation ging.
Ein Mensch, der fluchtig denkt, hatte in der fruheren Inkarnation
solch einen Gang mit schnellen kleinen Schritten, der nur so hin-
zappelt iiber den Boden. Ein Mensch, der bedachtig denkt, hatte ein
festes Auftreten. Und gerade solche scheinbar untergeordnete Klei-
nigkeiten des Lebens fiihren einen tiefer hinein, wenn man die tieferen
geistigen, und nicht die auBerlichen, abstrakten Zusammenhange
sucht. Und so wurde ich denn, als ich mir immer wieder und wieder- v
um das Bild des gehebten Lehrers vor die Seek stellte, gefuhrt zu sei-
ner fruheren Inkarnation. Und da gesellte sich zu seinem Bilde ein
anderes hinzu, auch eines Menschen mit einem KlumpfuB : Lord Byrons.
Jetzt standen diese beiden Menschen vor mir. Und das Karma meines
Lehrers hatte mich dazu gefuhrt, wie auch die Eigentumlichkeit, die
ich Ihnen dargelegt habe, darauf zu kommen, wie im zehnten oder
elften Jahrhundert diese beiden Seelen in einer fruheren Inkarnation
gelebt haben weit im Osten Europas, dort eines Tages unter dem Ein-
fluB einer bedeutsamen Sage standen, einer Legende, einer Prophe-
zeiung, jener Legende, die da sagt, das Palladium, das mit einem ge-
wissen Zauber die romische Macht eigentlich gehalten hat, sei aus dem
alten Troja herubergebracht worden nach Rom und in Rom verborgen
worden. Und als der Kaiser Konstantin das Romertum verpflanzen
wollte hinuber nach Konstantinopel, hat er in auBerordentlichem Ge-
prange das Palladium von Rom hiniiberbringen las sen nach Konstan-
tinopel und es unter einer Saule verbergen lassen, unter einer Saule,
die er allerdings so ausgestaltet hat, daB sein ungeheurer Riesen-
hochmut dadurch zum Ausdruck kam. Er hat oben eine alte Apollo-
statue aufstellen lassen, die er aber so umandern lieB, daB sie ihn dar-
stellte. Er hat sich Holzer kommen lassen von dem Kreuz, auf dem der
Christus gekreuzigt worden ist, und hat eine Art von Kranz von diesen
Holzern gewoben urn das Haupt der Statue. Er hat geradezu Orgien
des Hochmutes dabei gefeiert!
Dann aber bildete sich die prophetische Sage, daB einmal das Palla-
dium von Konstantinopel weiter nach dem Norden hinubergetragen
werden sollte, und daB einmal in einem Slawenreiche verkorpert sein
sollte die Macht, die an dem Palladium hing. Diese beiden Menschen,
von denen ich sprach, sie haben diese Prophezeiung gehort, und sie
haben sich das Ziel vorgesetzt, nach Konstantinopel zu wandern und
das Palladium nach RuBland zu bringen. Es ist ihnen nicht gelungen.
Es blieb aber der Trieb namentlich bei einem, bei Byron. Das wan-
delte sich um in den Impuls, einzutreten fur die Freiheit Griechen-
lands, der dann im neunzehnten Jahrhundert Byron fast an dieselbe
Stelle fiihrte, wo er das physische Palladium in einem fruheren Erden-
leben gesucht hat.
Sehen Sie, es ist notwendig, daB man die Faden findet, welche in
friihere Zeiten zuriickfuhren. So wurde ich bei einer anderen Gelegen-
heit gefuhrt auf eine Personlichkeit, die etwa im neunten Jahrhundert
im Nordosten Frankreichs, des heutigen Frankreich, gelebt hat und
eine Personlichkeit war, die in der ersten Zeit ihres Lebens einen wei-
ten Besitz an Landgiitern hatte, die fur die damalige Zeit eine reiche
Personlichkeit war, eine kriegerische Personlichkeit zugleich, und im
kleinen viele abenteuerliche Kriegsziige - nichts gerade GroBes -
durchgemacht hat. Diese Personlichkeit sammelte, als sie ein bestimm-
tes Lebensalter errelcht hatte, um sich Leute, welche nun einen Aben-
teurerzug mit ihr unternahmen, der unglucklich ausging, der eine
groBe, eine riesige Enttauschung fur diese Personlichkeit brachte, und
ohne etwas zu erteichen, muBte diese Personlichkeit wieder nach
Hause zuriickkehren. Aber wie es in damaliger Zeit in manchen Ge-
genden war : Wahrend die Personlichkeit abwesend war von Haus und
Hof und Land und Leuten, hatte ein anderer sich dessen Haus und
Hof und Land und Leute bemachtigt. Die Personlichkeit fand einfach
nicht mehr ihr Eigentum vor - es ist sonderbar, aber es ist geschehen -
und muBte in Zukunft als eine Art Helot, als Leibeigener dienen auf
dem eigenen Herrenhofe. Da wurde in der Nacht gewohnlich so
manche Zusammenkunft mit benachbarten Leuten gehalten, und in
einer ziemlich wusten Weise wurden Kraftideen entwickelt, bei denen
nichts weiter herauskommen konnte, als daB sie eben entwickelt wur-
den. Man mochte sagen, ein realdialektisches Spiel wurde mit diesen
Kraftideen der Auflehnung gegen die Herren - fast wie im alten
Romertum - getrieben. Diese Personlichkeit kann einem schon inter-
essant werden, die von Besitz und Eigentum und Befehlsgewohn-
heiten vertrieben wurde, die aber ungebeugt an Willen zum Auf-
riittler wurde in der ganzen Gegend, namentlich gegen den, der sich
des Eigentums bemachtigt hat. Und wiederum erschien im neun-
zehnten Jahrhundert diese Personlichkeit und wurde inner lich, ge-
danklich, seelisch dasjenige, was werden konnte aus dieser fruheren
Inkarnation, wurde Karl Marx, der Sozialistenhauptling. Und nun
denken Sie, meine lieben Freunde, wie durchhellt die Weltgeschichte
wird, wenn man sie in dieser Weise betrachten kann, wenn man tat-
sachlich die Seelen verfolgen kann von einer Epoche zur anderen ; wie
hinubergetragen wird das, was auf den Seelen liegt, von einer Epoche
in die andere Epoche. Konkrete Zusammenhange bekommt dadurch
das geschichtliche Leben und Werden und Wesen der Menschheit.
Und jiingst konnte ich ja in Dornach aufmerksam machen auf einen
anderen Zusammenhang, auf einen Zusammenhang, der mich ver-
anlaBt hat, wiederholt wahrend des Krieges, namentlich am Ende des
Krieges, darauf aufmerksam zu machen, daB sich die Menschen nicht
gar zu sehr blenden lassen sollen von einer gewissen Personlichkeit der
neueren Zeit. Ich habe schon in meinem Helsingforser Kurs 1913 auf-
merksam gemacht auf die immerhin recht begrenzte Kapazitat, um die
es sich da handelt. Das alles geschah, weil mir der Zusammenhang klar
war zwischen einem Nachfolger Mohammeds, Muawija> aus dem
siebenten Jahrhundert, und Woodrow Wilson. Alles, was an Fatalismus
dazumal lebte in dieser Personlichkeit des Muawija, kam in diesem ja
sonst ganz unerklarlichen Fatalismus, der nur ein Fatalismus des Wil-
lens sein wollte, zum Vorschein, im Fatalismus des Woodrow Wilson.
Und man mochte sagen, wer suchen will nach einer Bekraftigung,
nach einem Ursprung der bekannten vierzehn Punkte, der wird sie
schon im Koran finden konnen. So sind die Zusammenhange, meine
lieben Freunde ! Bei diesen Dingen darf nicht das geringste von Sym-
pathie und Antipathie walten, bei diesen Dingen darf nichts von Kritik
walten, da muB reinste Objektivitat sein. Aber diese Objektivitat fiihrt
eben dazu, von einem Punkte der Geschichte, wo eine Seele auftritt,
zu einem anderen Punkte hinzuleiten. Und man darf schon sagen,
wenn die Menschheit ein wenig hinaus sein wird iiber dasjenige, was
heute noch aus der materialistischen Zeit da ist, dann wird man auf
solche Dinge hinhoren und hinschauen. Und dann wird man ganz
anders sich fiihlen innerhalb der modernen Zivilisation, weil man sie
in ihren Zusammenhangen sehen wird ; nicht nur nach solchen Dingen,
die tot sind, sondern nach solchen Dingen, die lebendig sind. Darauf
kommt es an. Das ganze geschichtliche Werden wird lebendig werden.
Und der Mensch braucht, wenn er iiber den toten Punkt der Ent-
wickelung, auf dem er jetzt stent, in seiner Zivilisation hinauskommen
will, den lebendigen Geist und nicht den abstrakten, toten Geist der
bloBen Ideen.
Die geschichtliche Betrachtung wird sich ja vielleicht nur sehr
widerwillig dem Geistigen in der Weise nahern, wie ich es in meinem
orTentlichen Vortrage vor einigen Tagen hier auseinandergesetzt habe,
aber sie muB das dennoch. Denn die auBerliche geschichtliche Be-
trachtung, die nur auf Dokumente gehen kann, ist eigentlich voller
Unverstandlichkeiten. Da tritt irgend etwas auf, was man durchaus
nicht einsehen kann, woher es kommt. Warum? Weil man die Ur-
spriinge nicht kennt. Die Urspninge sind verloren gegangen. Gerade
wenn man solchen Dingen nachforscht, belebt sich im geschichtlichen
Werden so manches. Aber es driickt sich damit auch so manches aus,
was eben geschehen ist von Menschen, um die Geschichte in bezug
auf wichtige Dinge geradezu zu etwas Unrichtigem, etwas Unwahrem
zu machen.
Meine lieben Freunde, es wird Ihnen sicher paradox erscheinen, son-
derbar erscheinen, wenn der Geistesfotscher aus einer verhaltnismaBig
jungen Vergangenheit konstatieren muB, daB ein wunderbares Kunst-
werk der Poesie verlorengegangen, rein verlorengegangen ist wegen
der Feindschaft einer gewissen geistigen Stromung. In den ersten Jahr-
hunderten der christlichen Entwickelung war ein Kunstwerk in den
siidlicheren Gegenden der europaischen Zivilisation vorhanden, wel-
ches darstellte das innerste Wesen der fortschreitenden Zivilisation,
unmittelbar nachdem das Chris tentum eingegrifFen hat in die Ent-
wickelung des europaischen Menschen. Dieses Kunstwerk, in seiner
Art ein episches Drama, dramatisches Epos, stellte dar, wie der
Mensch, nachdem das Christentum als eine junge Erscheinung ge-
wirkt hat, nicht herankommen kann an die wirkliche, wahre Wesen-
heit Christi, sondern eine ganz bestimmte Mysterienvorbereitung
durchzumachen hat, um an die wahre Wesenheit Christi heranzu-
kommen.
Um das einzusehen, worum es sich handelt, muB man sich folgendes
klarmachen: Der Christus hat seinen intimeren Schiilern sehr klar ge-
macht, wie in diejenige Wesenheit, die da war der Jesus, der im Orient
driiben geboren worden ist, ihn erfullend gekommen ist im dreiBig-
sten Jahre der Christus als ein Sonnenwesen, als ein kosmisches Wesen.
Hineingeboren war der Jesus von Nazareth in eine Mondreligion ;
denn was war die Jahve-, die Jehovareligion? Was war Jahve selber?
Wenn man auf blickte zu Jahve, blickte man hinauf zum menschlichen
Ich, das unmittelbar abhangig ist von der physischen Menschen-
gestaltung, von derjenigen Menschengestaltung, die mit uns geboren
wird. Dasjenige aber, was mit uns geboren wird, was in uns geformt
wird, was in uns ausgebildet wird, indem wir im mutterlichen Leibe
zu einem Ich gestaltet werden, ist abhangig von den Mondenkraften.
Und Jahve ist eigentlich eine Mondengottheit. Und indem aufgeschaut
wurde zu Jahve, sagte man sich : Jahve ist der Fiihrer der Mondwesen-
heiten, von denen da stammen die Krafte, die den Menschen ins phy-
sische Erdendasein hereinstellen. Aber wenn nur Mondenkrafte im
Menschen wirkten, wiirde er niemals iiber dasjenige, was in ihm im
Leben der Erde veranlagt ist, hinauskommen konnen. Das kann aber
der Mensch jetzt nicht; das hat er in alteren Zeiten gekonnt. Wenn
wir zuriickgehen in vorhistorische irdische Zeiten, da finden wir ein
sehr Merkwiirdiges, das den heutigen Menschen sonderbar anmutet.
Da finden wir, wie Menschen - der groBte Teil einer gewissen Men-
schenklasse - im dreiBigsten Jahre des Lebens eine vollstandige Ver-
wandlung der menschlichen Seele erlebten. So sonderbar, paradox es
den heutigen Menschen erscheint, es war dennoch so in einer Zeit, von
der die Veden nur Nachklange geben. Es gab damals Menschen im
alten Indien : wenn ihnen ein anderer, den sie vor drei Jahren gesehen
hatten, begegnete, so konnten sie unter Umstanden von ihm erfahren,
daB sie ihn gesehen hatten; aber sie erkannten ihn nicht. Sie hatten
alles vergessen, was bis zum dreiBigsten Jahre war, sie hatten alles ver-
gessen, sogar die Identitat ihrer Personlichkeit. Und so war die Ein-
richtung sogar vorhanden - wir wiirden es heute ein Amt nennen, wir
nennen ja alles Amt und Behorde -, es bestand die Einrichtung, daB
eine solche Personlichkeit zum Amt gehen und sich sagen lassen
muBte, wo sie geboren war und wer sie war. Diese Personlichkeiten,
die bekamen dann in den Mysterien die Mittel, sich erst wieder zu-
ruckzuerinnern an ihr Leben bis zum dreiBigsten Jahre. Sie waren
diejenigen, die dann spater die « Zweimal-Geborenen » genannt wur-
den, die ihr erstes Dasein verdankten den Mondenkraften, ihr zweites
Erdendasein verdankten den Sonnenkraften.
Das, was in alten Zeiten im Laufe des Erdenlebens als eine solche
Metamorphose so besonders radikal auftritt, was man das Zweimal-
geboren-werden nannte, das schrieb man der Sonne zu; mit Recht,
denn die Sonnenkrafte hangen mit allem zusammen, was der Mensch
in Freiheit aus sich machen kann. Aber allmahlich war es in der Ent-
wickelung der Menschheit so gekommen, daB dies nicht mehr hinein-
gehorte in die menschliche Entwickelung, daB der Mensch nicht mehr
mit dem Hinauf blicken in die Weltenweiten das BewuBtsein davon in
das Physische hineinnahm. Julian Apostata wollte darauf aufmerksam
machen, daB es das noch gab, aber er muBte es mit dem Tode biiBen.
Der Christus aber wollte dadurch, daB er seinem Worte die Kraft ver-
lieh, den Menschen dasjenige, was die Natur nicht gab, durch die
Moral bringen, durch die religios-moralische Vertiefung. Der Christus
war es, der die Menschen lehrte : Wenn ihr fuhlt, wie ich fiihle, wenn
ihr, statt nach der Sonne zu sehen, nach dem seht, was in mir erweckt
ist, der noch als letzter im dreiBigsten Jahre das Sonnenwort empfing,
dann werdet ihr wieder den Weg zum Sonnenhaften finden. - Und die
Mysterienlehrer der ersten christlichen Zeit wuBten ganz genau: Es
wird sich nun der Verstand entwickeln, die Intellektualitat, die dem
Menschen zwar die Freiheit bringt, die ihm aber das alte Hellsehen
nimmt, das ihn in die Geistigkeit des Kosmos fiihrt.
Deshalb stifteten diese Weisen alter christlicher Mysterien eine Art
von Lehre, die nun gegeben wurde in jenem epischen Drama, drama-
tischem Epos, von dem ich sprach. Da wurde dargestellt ein solcher
Schiiler der christlichen Mysterien, der unter dem Opfer des Intel-
lektes, das er zu leisten hatte in einem bestimmten jugendlichen Le-
bensalter, in das wirkliche Christentum hineingefiihrt werden sollte,
auf daB ihm die Anschauung gebracht wiirde: der Christus ist ein
Sonnenwesen, das gelebt hat in dem Jesus von Nazareth von dem
dreiBigsten Jahre seines Lebens an. Und in ergreifender Weise war in
jenem Drama dargestellt, wie ein nach dem wahren Wesen des Chri-
stentums Strebender in seinen jungen Jahren das Opfer des Intellekts
bringt, das heiBt, den hohen Weltenmachten das Gelobnis leistet, nicht
sich an die Intellektualitat zu halten, sondern sich in das eigene Innere
zu vertiefen, um das Christentum nicht nur kennen zu lernen als etwas
Historisch-Traditionelles, sondern es kennen zu lernen als etwas Kos-
misches, hinzuschauen auf den Christus als auf denjenigen, der die
Sonnenwesenheit als Geistigkeit in sich tragt. Es war eine dramatische
Szene groBartiger Art, groBartigen Inhaltes, die diese Umwandlung
einer Menschenwesenheit darstellte unter dem Opfer des Intellekts.
Und aus einem Menschen, der das Christentum bloB aufnahm nach
dem Wortlaut der Evangelien - so wie es spater gekommen ist - wurde
einer, der da lernte hinschauen auf das Kosmische, der den lebendigen
Zusammenhang des Christus mit dem Kosmos anschaute. Das Hell-
sichtigwerden fur das Christentum als Kosmisches, das stellte fur die-
sen seinen Helden jenes alte epische Drama dar. Die katholische Kirche
hat dafiir gesorgt, daB auch jede Spur von diesem Drama ausgerottet
worden ist. Nichts ist zuriickgeblieben, die katholische Kirche hat
Macht genug dazu gehabt. Es ist ja zum Beispiel nur einem Zufall zu
verdanken, daB eine Abschrift sich erhalten hat von den Werken einer
Personlichkeit am Hofe Karls des Kahlen, von def man sonst auch
nichts wissen wurde: von Scotus Erigena.
Wer solche Dinge sieht, der wird es auch nicht so paradox finden,
wenn man genotigt ist dutch die geistige Forscmmg, hinzuweisen auf
dieses epische Drama, dramatische Epos, welches geradezu die Ver-
wandlung eines Menschen darstellt unter dem Geldbnis zu dem Opfer
des Intellekts, wodurch ihm die Himmel erofTnet worden sind. Aber
in der Tradition hat sich manches Bruchstuck aus jenem alten drama-
tischen Epos erhalten, umgeandert vielfach, nicht mehr verstanden in
den groBen Zusarnmenhangen, vor alien Dingen nicht mehr in der
alten Bildhaftigkeit verstanden; denn das, was der Inhalt dieses Kunst-
werkes darstellte, ist vielfach zum Gegenstand der Malerei geworden.
Auch diese Malereien sind ausgerottet worden, nur Traditionen haben
sich erhalten. Und von diesen Traditionen ist noch etwas in einem
Kreise getrieben worden, dem der Lehrer Dantes, Brumtto Latini, an-
gehort hat. Dante hat von diesem Lehrer etwas, allerdings nicht mehr
genau, aber etwas Traditionelles erfahren, und in Dantes « Gottlicher
Kom6die» lebt noch etwas fort von jenem dramatischen Epos. Aber
das Werk hat so wahr einmal bestanden, wie die «G6ttliche Kom6die»
selber besteht.
Sie sehen, die Geschichte deckt sich nicht mit der Wirklichkeit, und
es wird manches heraufgeholt werden mussen durch rein geistige For-
schung aus all dem, was vom Feinde ausgerottet worden ist. Denn
man hat eben von einer gewissen Seite her alles Interesse daran, mit
Stumpf und Stiel auszurotten dasjenige, was darauf aufmerksam
macht, daB der Christus aus dem Kosmos stammt, Man hat die Geburt
des Christus im dreiBigsten Jahre verlegt gegen die physische Geburt
hin. Das alles hatte man nicht tun konnen, was dann eben christliche
Lehre geworden ist, wenn man nicht ausgerottet hatte jenes Drama,
von dem ich heute gesprochen habe. Es wird schon die geistige For-
schung einmal eine Rolle spielen mussen, wenn die Menschheit fort-
leben will in ihrer Zivilisation. Sie kennen schon das furchtbar Schad-
liche jener Erkrankungen, die so auftreten wie bei jemandem, mit dem
ich recht gut bekannt war, der eine recht angesehene Stellung hatte,
eines Tages sein Haus, seine Familie verlieB, auf die Bahn ging, sich
ein Billet nach einer entfernten Station nahm, und plotzlich alles ver-
gessen hatte, was er in seinem bisherigen Leben erlebt hatte. Sein In-
tellekt war in Ordnung, aber die Erinnerung war vollstandig getriibt,
und als er in jener Station angekommen war, da nahm er sich ein neues
Billet, durchquerte auf diese Weise Deutschland, Osterreich, Ungarn,
Galizien und fand sich zuletzt, als sein Gedachtnis wiedererwachte, in
einem Obdachlosen-Asyl in Berlin.
Es ist wahrhaftig der Ruin des ganzen Ich, wenn man dasjenige ver-
giBt, was man durchgemacht hat. So wiirde es auch den Ruin des Zivi-
lisations-Ich bedeuten, des Ich der europaischen Menschheit, wenn sie
vollstandig das vergessen wiirde, was sie geschichtlich durchgemacht
hat, was ihr ausgerottet worden ist. Geisteswissenschaft allein kann sie
wieder dahin zuriickbringen.
Allein selbst Menschen, die verhaltnismaBig ganz wohlwollend
sind, auch denen, meine lieben Freunde, kommt das, was Geistes-
wissenschaft zu sagen hat, heute noch ganz sonderbar vor. Man kann
doch nicht ohne eine gewisse Ironie dasjenige lesen, was ein sonst so
hoffhungsvoller Geist wie Maurice Maeterlinck iiber mich selbst als
den Begrunder der Anthroposophie unter dem Titel «Das groBe
Ratsel» sagt, Maurice Maeterlinck scheint nicht leugnen zu konnen,
daB immer in den ersten Einleitungen meiner Biicher etwas ganz Ver-
nunftiges steht. Das fallt ihm auf. Aber dann, dann kommt er in etwas
hinein, was ihn ungeheuer verwirrt, wo er nicht durch kann. Nun,
man konnte ja ein Wort Lichtenbergs variieren: Wenn Biicher und ein
Mensch zusammenstoBen, und es hohl klingt, muB das ja nicht gerade
vomBuch abhangen. Aber es ist eben so - Maurice Maeterlinck ist gewiB
eine Hochbliite unserer gegenwartigen Kultur -, denken Sie doch,
es flndet sich bei ihm fast wortlich der Satz : In den Einfiihrungen sei-
ner Biicher, in den ersten Kapiteln, da zeigt Steiner immer einen ab-
wagenden, logischen, weiten Geist ; dann in den weitern Kapiteln ist
es, als ob er wahnsinnig wiirde. - Ja, nun, meine lieben Freunde, was
hat denn aber das fur eine Konsequenz? Das hieBe ja: Erstes Kapitel:
abwagender, logischer, weiter Geist. Letztes Kapitel: wahnsinnig.
Nun ist das Buch fertig, nun kommt ein neues. Wiederum zuerst : ab-
wagender, logischer, weiter Geist, 2ulet2t : wahnsinnig. Ich habe eine
ganze Anzahl von Biichern geschrieben, so daB ich also diese Prozedur
mit einer gewissen Virtuosi tat durchmachen wiirde: Erstes Kapitel:
ab wagender, logischer, weiter Geist; dann: verwirrt, verbohrt. Und
so wird in meinen Buchern, nach Ansicht Maurice Maeterlincks, jon-
gliert. Aber in der Art, daB man so willkurlich an die Sache herangeht,
hat man es in Irrenhausern doch noch nicht entdeckt.
Nun sehen Sie, man kommt noch in eine viel groBere Verwirrung
hinein, wenn man an die Bucher derjenigen Menschen herantritt, die
einen fur verbohrt halten. Und so kann man an der Ironie, mit welcher
man manche dieser Dinge aufnehmen muB, sehen, wie schwer es den
Menschen der Gegenwart noch wird, sich hineinzufinden in wirkliche
Geistesforschung. Aber die muB kommen. Und damit es nicht an uns
liegt, meine lieben Freunde, nicht die notige Kraft angewendet zu
haben, um herbeizufiihren die geistige Vertiefung, war die Weihnachts-
tagung eben da, die einen Markstein enthalten soil fur die Weiter-
entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Art, wie ich
es schon auseinandergesetzt habe; die vor alien Dingen eine Epoche
der anthroposophischen Bewegung einleiten soil, in der ohne Scheu
von den konkreten Tatsachen des geistigen Lebens gesprochen werden
soli, wie wir es heute und in den vorangehenden Vortragen wieder
getan haben. Es ist eben eine starkere StoBkraft notig, als fruher an-
gewendet worden ist, wenn der Geist, dessen die Menschheit bedarf,
einziehen soli.
Deshalb, meine lieben Freunde, war es mir wirklich zur tiefsten Be-
friedigung, daB ich in diesen elf Vortragen, die ich offentlich oder in
mehr oder weniger engem Kreise halten durfte, hineinfuhren durfte
ein wenig in die Tiefen des geistigen Lebens. Und aus dieser innigen
Befriedigung heraus lassen Sie mich meinen herzlichsten Dank aus-
sprechen fur die warmen, innigen Worte, die Herr Professor Hauffen
heute im Beginn dieser Stunde hier ausgesprochen hat. Ich danke herz-
lich fur Ihren Empfang, danke herzlich fur alles, was Ihre Seelen mir
entgegengebracht haben bei dieser meiner Anwesenheit. Und Sie
konnen iiberzeugt sein, daB ich die schonen Worte, die Herr Professor
Hauffen gesprochen hat, in der Seele mittragen werde, daB aus ihnen
quellen werden die Gedanken, die ich Ihnen immer zusenden werde
und die, wenn sie ihr Ziel erreichen, unter Ihnen weilen werden, wenn
Sie hier arbeiten. Wir sind ja als Anthroposophen, auch wenn wir von-
einander raumlich entfernt sind, im Gemiit doch beisammen, und wir
sollen ja dessen eingedenk sein und es wissen, daB wir beisammen sind.
Es war mir ja viele Jahre vergonnt, hier in Prag zu sprechen aus den
mannigfaltigsten Gestaltungen des geistigen Lebens heraus, und es
hatte mir zur herzlichen Befriedigung gereicht. Und diesmal ganz be-
sonders, weil ja an Ihre Herzen und Seelen Anforderungen gestellt
wurden, die verhaltnismaBig neu sind, weil Sie mit einer noch groBereo
Vorurteilslosigkeit demjenigen entgegenkommen muBten, was ich
diesmal - ich mochte sagen in geistigem Auftrage - zu Ihnen zu spre-
chen hatte. Wenn ich sage, in geistigem Auftrage, so legen wir das
Wort dahin aus, daB wir uns sagen: Im Geiste bleiben wir beieinander.
Der Vorstand, der in Dornach gebildet worden ist, ist nur klein; es
sind nur diejenigen Leute darin, die innig mit mir verbunden sein
konnen, um aus dieser Initiative heraus dasjenige wirken zu konnen^
was gewirkt werden soil. Allein es wird dasjenige, was gewirkt werden
soil, gewirkt werden, wenn alle lieben Freunde aus vollem Herzen
zusammenarbeiten, vor allem im geistigen anthroposophischen Zu-
sammendenken, Zusammenempfinden, Zusammenwollen.
Dieses nehmen Sie nebst meinem Danke als einen herzlichen Ab-
schiedsgruB, der aber anders sein will, nicht eine Trennung sein soil,
sondern die Einleitung eines geistigen Zusammenseins. Dieses Zu-
sammensein, es soil im Grunde dasjenige bleiben, was aus jedem un-
serer Worte hervorgeht. Alle Worte, die unter uns gesprochen werden,
sollen ja dazu dienen, uns immer enger und enger zusammenzufiihren.
In diesem Sinne lassen Sie mich, meine lieben Freunde, bewegten
Herzens Ihnen versprechen, daB ich mit Ihnen zusammen sein werde,
daB meine Gedanken unter Ihnen weilen werden, daB sie suchen wer-
den unter Ihnen eine der Statten, in denen wirken soil in rechter Art
anthroposophisches Wollen, anthroposophische Geistesstromung.
Gehen wir in diesem Sinne leiblich nur auseinander, bleiben wir in
diesem Sinne herzinniglich geistig zusammen!
Anthroposophie als Erkenntnisgrundlage
des Geistigen in Welt und Mensch und als Seelenimpuls
fur moralisches und religioses Leben
FtJNFTER VORTRAG
Paris, 23. Mai 1924
Das letzte Mai, als ich wenigstens zu einer gewissen Anzahl von Ihnen
sprechen durfte, war es, als unser Goetheanum in Dornach noch be-
stand. Es bereitete mir damals eine groBe Befriedigung, vor einer An-
zahl franzosischer Freunde sprechen zu diirfen. Diese Befriedigung
wird wiederholt dadurch, daB ich auf Einladung unserer fr anzosischen
Freunde nun auch hier iiber Gegenstande unserer Anthroposophie
sprechen darf. Ich danke diesen Freunden fur ihre so liebe Einladung,
insbesondere Mile Sauerwein, und spreche auch meine Befriedigung
dariiber aus, daB Dr. Sauerwein, der dazumal in einer so schonen, ent-
gegenkommenden Weise die Vortrage in Dornach iibersetzt hat, auch
in Paris sich bereit erklart hat, diese Arbeit zu iibernehmen. Ich bin
ihm ganz besonders dafiir dankbar.
In der anthroposophischen Bewegung hat sich ja einiges dadurch
verandert, daB wir in einer verhaltnismaBig kurzen Zeit, nachdem uns
das Ungliick des Brandes getroffen hat, unter groBer Teilnahme der
anthroposophischen Freunde die Weihnachtstagung abhalten durften,
die der anthroposophischen Bewegung, wie ich glaube, doch einen
neuen Impuls gegeben hat, insbesondere einen neuen Impuls in bezug
auf den Inhalt des anthroposophischen Wirkens selbst. Das Neue in
der anthroposophischen Bewegung besteht ja auch darinnen, daB ich
selber die Prasidentschaft nun iibernehmen muBte, wahrend sie bisher
von anderen ausgeubt wurde, und ich mich nur als Lehrer betrachtete.
Nun, meine lieben Freunde, es war ein ganz bedeutender EntschluB,
auch gegemiber der geistigen Welt, den ich damals fas sen muBte.
Denn es war ein Wagnis. Ein Wagnis aus dem Grunde, weil mit der
Ubernahme der auBeren Fiihrung ebensogut es hatte sein konnen, daB
die Offenbarungen von Seite geistiger Wesenheiten, auf die wir doch
durchaus angewiesen sind, wenn es sich um Verbreitung der Anthro-
posophie handelt, - daB diese OfFenbarungen geistiger Wesenheiten
hatten weniger werden konnen dadurch, daB ich mich in Anspruch
nehmen lieB von der auBeren Verwaltung der Gesellschaft. Ich darf
heute schon auf die auBerordentlich bedeutsame Tatsache hinblicken,
daB dies nicht der Fall ist, sondern daB im Gegenteil seit der Weih-
nachtstagung der geistige Impuls, der aus den spirituellen Welten her-
unterkommen muB, wenn die anthroposophische Bewegung ihren
richtigen Fortgang nehmen soli, durchaus gewachsen ist, so daB un-
sere anthroposophische Bewegung seit unserer Weihnachtstagung
immer esoterischer und esoterischer werden konnte und es weiter
werden wird. Es ist damit verbunden, daB allerdings auch - ich meine
von der geistigen Seite her - sehr starke gegnerische Machte, damo-
nische Machte gegen die anthroposophische Bewegung ansturmen.
Aber es steht durchaus zu hofTen, daB die Krafte des Biindnisses, das
wir durch die Weihnachtstagung mit guten geistigen Machten schlie-
Ben durften, in der Zukunft imstande sein werden, alle diejenigen geg-
nerischen Machte auf geistigem Gebiete, die sich doch der Menschen
auf Erden bedienen, um ihre Wirkungen zu erzielen, - alle diese geg-
nerischen Machte aus dem Felde zu schlagen.
In diesen drei Vortragen, meine lieben Freunde, mochte ich mir er-
lauben, zu sprechen davon, wie auf der einen Seite Anthroposophie
als eine Erkenntnis des Geistigen in der Welt und im Menschen leben
kann und zwar als eine solche Erkenntnis von Welt und Mensch, daB
es auf der anderen Seite moglich ist, aus einer solchen Erkenntnis
wirkliche innere Seelenimpulse zu erhalten fur das moralische und das
religiose Leben. Dadurch, daB dies uberhaupt moglich sein wird, Er-
kenntnisse zu erhalten, die zu gleicher Zeit religiose, moralische Im-
pulse geben, dadurch wird Anthroposophie etwas anderes der Mensch-
heit geben konnen als die Zivilisation der letzten Jahrhunderte. Diese
krankte ja ganz besonders daran, daB Erkenntnis se groBartiger Art da
waren, Naturwissenschaft, okonomische, philosophische Erkennt-
nisse; aber alle diese Erkenntnisse beschaftigten den Kopf des Men-
schen. Die moralischen, die religiosen Impulse miissen aus dem Herzen
kommen, miissen aus dem Gemiite hervorsprieBen. Sie waren da als
religiose, als moralische Ideale. Aber ob in diesen moralischen Idealen
auch eine so starke Kraft ist, daB moralisches und religioses Fiihlen
Welten schaffen kann, die eine Zukunft bedeuten, wenn die physische
Welt der Gegenwart untergegangen sein wird, dariiber konnte die
neuere Wissenschaft nichts aussagen. Daraus aber entsprangen die
groBen Zweifel des verflossenen und des gegenwartigen Zeitalters.
Von drei Aspekten aus mochte ich zunachst heute das Wesen des
Menschen betrachten. Dieses Wesen des Menschen, wir verfolgen es,
wir stehen selber darinnen mit unserem Schicksal zwischen der Geburt
und dem Tode. Was wir da verfolgen, ist begrenzt auf der einen Seite
von der Geburt, besser gesagt von der Konzeption, von der anderen
Seite vom Tode. Geburt und Tod sind nicht das Leben, sie beginnen
das Leben, sie schlieBen das Leben. Die Frage ist diese : Konnen wir
mit derselben Betrachtung, mit der wir im Leben, in unserem eigenen
Leben, im Leben anderer Menschen zwischen Geburt und Tod dar-
innenstehen, - konnen wir mit derselben Betrachtung Geburt und Tod
selber anschauen, oder muB auch die Betrachtung eine andere werden,
wenn wir an den Grenzen, bei Geburt und Tod, ankommen? Dem-
nach sei der Aspekt des Todes, der in so deutlicher Weise das mensch-
liche Leben begrenzt, das erste, was wir heute geistig ins Auge fassen
wollen.
Der Tod nimmt das Physische, das vor uns steht, vom Menschen
im Erdenleben hinweg. Wie nimmt er dieses Physische hinweg? Die
Erde mit ihren Elementen, sei es in ihrem eigenen Elemente, beim
Begrabnis, sei es durch das Element des Feuers, bei der Kremation, -
die Erde mit ihren Elementen nimmt den physischen Menschen hin-
weg. Was kann sie mit dem, was wir mit unseren physischen Sinnen
vom Menschen betrachten, was kann sie damit machen? Sie kann da-
mit nur Zers toning iiben. Schauen wir hin auf die Krafte, die um uns
herum sind. Sie bauen, wenn ihnen der menschliche Leichnam iiber-
liefert wird, im menschlichen Korper nichts auf, sie zerstoren. Wir
konnen sagen: Dasjenige, was an Naturkraft um uns ist, ist nicht da
zum Aufbau; denn wenn der menschliche Leib den Naturkraften iiber-
lassen wird, zerfallt er. Es muB also etwas anderes sein, was ihn auf-
baut, etwas anderes als Irdisches, denn durch Irdisches zerfallt er.
Aber anders sieht diese ganze Sache aus, wenn man mit Erkenntnis-
kraften, die durch Seelenubungen aus der Seele herausgeholt werden,
den Tod des Menschen betrachtet. Die gewohnlichen Erkenntnis-
krafte sehen den Leichnam, sonst nichts. Gelangt man aber durch
Seeleniibungen zu einer ersten Erkenntnisstufe, die ich in meinen
Biichern geschildert habe, zur Imagination, dann verwandelt sich der
Tod vollstandig. Der Mensch entreiBt sich im Tode der Erde. Und
wir sehen, wenn wir die Erkenntnisstufe der Imagination ausbilden,
in unmittelbarer Anschauung in lebendigen Bildern den Menschen im
Tode nicht sterben, sondern auferstehen aus seinem Leichnam. Es ver-
wandelt sich der physische Tod in Geistgeburt fiir die Erkenntnisstufe
der Imagination. Vor dem Tode steht der Mensch da als Erden-
mensch. Er kann sagen: Ich bin da an diesem Orte, drauBen ist die
Welt. - In dem Augenblick, wo der Tod eintritt, ist der Mensch nur
da nicht, wo sein Leichnam ist. Er beginnt sein Dasein in den Weiten
des Weltenraumes, er wird eins mit der Welt, die er friiher nur an-
geschaut hat. Die Welt auBer seinem Leibe wird nun sein Erlebnis, und
damit wird das, was bisher Innenwelt war, AuBenwelt; dasjenige, was
bisher AuBenwelt war, wird Innenwelt. Wir bekommen aus dem per-
sonlichen Dasein heraus ein Weltendasein. Die Erde - so zeigt es sich
fiir die imaginative Erkenntnis - gibt uns mit die Moglichkeit, durch
den Tod zu gehen. Die Erde offenbart sich vor dieser imaginativen
Erkenntnis als der Trager des Todes im Weltenall. Nirgends finden
wir auf den Schauplatzen, die der Mensch betritt, im physischen oder
geistigen Leben anderswo den Tod als auf der Erde. Denn im Augen-
blick, in dem der Mensch durch den Tod durchgeht und mit der Welt
eins wird, bietet sich uns der zweite Aspekt dar, - nicht mehr der
Aspekt des Todes, sondern jener Aspekt, in dem uns die Weiten des
Raumes erscheinen als iiberall erfiillt von Weltgedanken. Die ganze
Welt, der ganze Kosmos wird nun fiir die Anschauung und fiir den
Menschen selbst, der durch den Tod gegangen ist, voll von Welt-
gedanken, die leben und weben in den Weiten des Raumes. Der
Raumaspekt wird Offenbarer, so daB wir, wenn wir durch den Tod
gehen, eintreten in eine Welt der Weltgedanken. Alles wirkt und webt
in Weltgedanken. Das ist der zweite Aspekt des Todes.
Wenn wir im Erdenleben Menschen gegeniiberstehen, haben wir
vor uns zunachst die Personlichkeit des Menschen; er muB sprechen,
wenn wir seine Gedanken haben wollen. Wir sagen dann: Die Ge-
danken sind in ihm, sie kommen dutch seine Sprache zu uns. - Aber
nirgends entdecken wir im Umkreis des Erdenlebens Gedanken fur
sich. Sie sind nur vorhanden in den Menschen und kommen aus ihnen
heraus. Treten wir aus der Erdensphare des Todes in die Raumes-
sphare der Gedanken, dann leben zunachst nicht Wesen da; wir tref-
fen zunachst in den Weiten des Raumes nicht Wesen - weder Gotter
noch Menschen aber wir treffen iiberall Weltgedanken. Es ist so,
wenn wir durch den Tod gegangen sind und die Weltenweiten be-
treten, wie wenn wir hier in der physischen Welt nicht zuerst den
Menschen sehen wiirden, sondern, wenn wir dem Menschen entgegen-
treten, zuerst seine Gedanken wahrnehmen wiirden, ohne daB wir den
Menschen selbst sehen. Wir wiirden eine Wolke von Gedanken sehen.
Und wir sehen eine zweite Wolke: Wir begegnen nicht Wesen, wir
begegnen den Weltgedanken, der allgemeinen Weltintelligenz.
In dieser Sphare der kosmischen Intelligenz lebt der Mensch einige
Tage nach seinem Tode. Und in den Weltgedanken, die da weben, er-
scheint wie eine Einzelheit, ich mochte sagen, wie eine besondere
Wolke, auf die man hinsieht, das eigene letzte Erdenleben, das man
erlebt hat. Das ist eingeschrieben in die Weltenintelligenz. Man schaut
das eigene Leben auf einmal, auf einmal in einem groBen Tableau auf
wenige Tage, Mit jedem Tage - es sind nur wenige - wird dasjenige,
was in die Weltenintelligenz sich eingeschrieben hat, schwacher und
schwacher. Es dehnt sich in den Weltenraum hinaus, es entschwindet
einem. Wahrend am Ende des Erdenlebens der Aspekt des Todes da-
steht, steht am Ende des Erlebens nach wenigen Tagen das Ent-
schwinden in die Weltenweiten. Wir haben so nach dem ersten Aspekt,
den wir nennen konnen den Aspekt des Todes, den zweiten Aspekt,
den wir nennen konnen den Aspekt des Entschwindens des Erden-
lebens. Es ist tatsachlich nach dem Tode fur jeden Menschen da ein
Moment, wo eine ungeheure Sorge auftritt, Furcht, Angst, daB er sich
verliere mit seinem ganzen Erdenleben in die Weltenweiten.
Will man sich nun weiter in den Erlebnissen des Menschen nach
dem Tode zurechtfinden, so reicht die Erkenntnis der Imagination
nicht aus. Es muB eintreten die zweite Erkenntnisstufe, die Inspira-
tion. Die Erkenntnisstufe der Imagination hat Bilder vor sich; sie sind
im Grunde wie die Traumbilder. Nur konnen wir bei den Traum-
bildern nie iiberzeugt sein, ob wir eine Wirklichkeit dahinter haben;
bei den Bildern der Imagination ist es immer so, daB sie ausdriicken
durch ihre eigene Qualitat eine Realitat. Man lebt mit der Imagination
in einer Bildwelt, die aber Realitat ist, Diese Bildwelt, sie muB iiber-
wunden werden, wenn man dazu kommen will, dasjenige zu schauen,
was der Mensch nach den wenigen Tagen, in denen er sein Leben
geschaut hat, nach dem Tode erfahrt.
Diese Inspiration, die nun errungen werden muB nach der Imagina-
tion oder wahrend der Imagination, die hat nicht Bilder vor sich; das
ist eine Erkenntnis der Bildlosigkeit, aber des geistigen Horens. Die
inspirierte Erkenntnis nimmt die Weltintelligenz, die Weltgedanken
so auf, daB man sie wie geistig hort. Von alien Seiten spricht es, er-
klingt das Weltenwort mit aller Deutlichkek ; man weiB, daB etwas
dahinter ist. Man hat zunachst die Verkiindigung. Und dann, wenn
man sich hingeben kann dieser Inspiration, dann ist es so, daB man
nun - hinter den Gedanken der Welt - die Wesenheiten der Welt be-
ginnt wahrzunehmen in der Intuition. Imagination nimmt Bilder des
Geistigen wahr, die Inspiration hort das Geistige geistig sprechen.
Intuition nimmt die Wesen selber wahr. Ich sagte : Die Welt ist erfullt
mit Weltgedanken. - Die deuten noch auf keine Wesen, aber wir kom-
men dazu, hinter den Gedanken Worte zu vernehmen, die Wesenheiten
der Welt zu schauen mit der Intuition.
Der erste Aspekt ist der Aspekt des Todes, der Erdenaspekt; der
zweite Aspekt, der uns in die Weiten des Raumes hinausfuhrt, in die
wir sonst verstandnislos als Erdenmenschen hinausblicken, ist der
Aspekt des Verschwindens des Menschen. Dann liefert uns der dritte
Aspekt das, was die Raumesweiten auch fur den sichtbaren Blick be-
grenzt, - der dritte Aspekt ist der Aspekt der Sterne. Aber die Sterne
erscheinen nicht so wie fur den physischen Anblick. Fur den physi-
schen Anblick sind die Sterne leuchtende Punkte an den Grenzen des
Raumes, zu denen wir binblicken. Sind wir bei der intuitiven Erkennt-
nis angekommen, so sind die Sterne OrTenbarer der Weltwesen, der
geistigen Weltwesen. Und wir schauen statt der physischen Sterne mit
der Intuition Kolonien, geistige Kolonien im geistigen Weltall, die an
den einzelnen Orten sind, an denen wit physische Sterne vermuten.
Der dritte Aspekt ist der Aspekt der Sterne. Er fuhrt uns ein, nach-
dem wir den Tod kennengelernt haben, nachdem wir die Weltintelli-
genz erkannt haben durch die Raumesweiten, er fuhrt uns, der dritte
Aspekt, ein in die Spharen der Weltwesen, der geistigen Weltwesen,
er tritt als Menschenaspekt ein in die Spharen der Weltwesen, damit
aber in die Sphare der Sterne. Und so, wie zwischen Geburt und Tod
den Menschen aufgenommen hat die Erde, so nimmt, nachdem der
Mensch iiber den Abgrund der Weltenintelligenz hinweggegangen ist
wenige Tage nach seinem Tode, die Sternenwelt den Menschen auf.
Der Mensch war auf der Erde ein Erdenmensch unter Erdenwesen;
er wird nach dem Tode ein Himmelswesen unter Himmelswesen.
Die erste Sphare, in die der Mensch eintritt, ist die Mondensphare.
Er betritt dann spater die anderen Weltenspharen. Ich darf vielleicht
dasjenige, was ich ausfiihren will, um Ihnen eine kleine Unterstutzung
zu geben, schematisch an die Tafel zeichnen. Im Moment des Todes
gehort der Mensch noch der Erdensphare an. In diesem Moment hat
fur den Menschen keine Bedeutung mehr alles dasjenige, was irdisches
Wissen umfassen kann. Auf der Erde haben wir verschiedene Stoffe,
Metalle, andere Stoffe. Im Moment des Todes hort alle diese Differen-
zierung auf. Alle auBeren festen Stoffe sind irdisch, und der Mensch
lebt im Moment des Todes in Erde, Wasser, Luft und Warme. Die
wenigen Tage nach dem Tode seien durch diese ; blaue Sphare, der
Sphare der Weltenintelligenz, bezeichnet. Der Mensch schaut sein
eigenes Leben, der Mensch ist zwischen dem Erdengebiete und dem
Himmelsgebiete. Er betritt wenige Tage nach dem Tode das Himmels-
gebiet, zuerst die Sphare des Mondes. In dieser Sphare des Mondes be-
gegnen wir als Mensch nun zuerst wirklichen Weltwesen, aber noch sehr
menschenahnlichen; denn mit den Wesen, die wir hier wenige Tage
nach unserem Tode in der Mondensphare begegnen, waren wir friiher
auf der Erde schon einmal zusammen. Sie werden, meine lieben
Freunde, in meinen Biichern nachlesen konnen, wie der Mond als
physischer Weltenkorper sich einmal von der Erde getrennt hat. Er
war mit ihr verbunden und wurde ein selbstandiger Weltenkorper.
Aber nicht nur der physische Mond hat sich von der Erde getrennt.
Es waren einmal auf der Erde unter den Menschen groBe Lehrer der
Menschheit, die groBen Urlehrer der Menschheit, die die erste Weis-
heit den Menschen auf die Erde gebracht haben. Diese Urlehrer waren
nicht in einem physischen Menschenleibe, sie waren nur in einem athe-
rischen Leibe auf der Erde vorhanden, Wenn der Mensch unterrichtet
wurde von ihnen, so vernahm er das innerlich. Nachdem eine Weile
diese groBen Urlehrer auf der Erde verweilt hatten, trennten sie sich
mit dem Monde von der Erde und bildeten jetzt eine Kolonie auf dem
Monde, eine Kolonie der Mondenwesen. Diesen Urlehrern der Men-
schen auf der Erde, die seit langer Zeit von der Erde abgeschieden
sind, denen begegnen wir als ersten Weltwesen wenige Tage nach dem
Tode.
Diese Zeit, die nun der Mensch nach dem Tode mit den Monden-
wesen zusammenlebt, diese Zeit gibt dem Menschen ein Leben, das
sich in einem merkwiirdigen Verhaltnis zu dem Erdenleben befindet.
Wenn man mit der iibersinnlichen Erkenntnis in das Leben eines sol-
chen Menschen nach dem Tode eintritt, konnte man glauben, daB
dieses Leben ein fliichtigeres, weniger dichtes sei als das Erdenleben,
daB der Mensch gewissermaBen gegeniiber dem Erdenleben mehr ein
luftformiges Dasein fiihrt. Das ist aber nicht der Fall. Nimmt man mit
der iibersinnlichen Erkenntnis teil an dem Leben, das der Mensch
nach dem Tode durchlebt, so stellt sich heraus, daB durch eine lange
Zeit der Mensch ein Leben durchlebt, das viel realer auf ihn wirkt als
das Erdenleben, demgegeniiber das Erdenleben vielfach ein Traum
ist. Es dauert ungefahr ein Drittel der Lebenszeit. Es ist bei verschie-
denen Menschen verschieden, was jetzt durchlebt wird im AnschluB
an die wenigen Tage nach dem Tode, die ich geschildert habe. Denn
was erleben wir dann? Der Mensch gibt sich, wenn er zunickschaut
auf die Erdenleben, einer Illusion hin. Er sieht nur die Tage, er be-
achtet nicht, was er geistig im Schlafe erlebt hat. Es ist im Leben nun
einmal so, daB, wenn man nicht ein besonderer Schlafmensch ist, man
ein Drittel des Lebens verschlaft. Auf das schaut man nun zuriick,
man durchlebt es bewuBt mit den vereinigten Mondenmachten. Das
durchlebt man, weil diese groBen Urlehrer der Menschheit ihr Dasein
uns dann eingieBen, mit uns leben ; man durchlebt diese auf der Erde
gar nicht bewuBt vollbrachten Nachte in einer viel starketen Realitat
als das Erdenleben.
Das, was ich hier gesagt habe, mochte ich mir erlauben, durch ein
Beispiel zu belegen. Vielleicht kennen einige der lieben Freunde
das erste oder ein anderes meiner « Mysteriendramen » und wissen,
daB ich dort gezeichnet habe unter anderen Gestalten die Gestalt eines
gewissen Strader . Dieser Strader ist kiinstlerisch gezeichnet nach einer
lebenden Personlichkeit, jetzt verstorbenen, aber damals lebenden Per-
sonlichkeit. Nicht als ob das Erdenleben abgemalt worden ware, aber
es lag der Gestaltung des Strader in meinen « Mysterien » das Erden-
leben eines Menschen zugrunde, der auBerordentlich interessant war
fur mich, weil er aus verhaltnismaBig einfachen Verhaltnissen hinein-
gewachsen ist zuerst in ein Priesterdasein, dann den Priesterrock ab-
geworfen hat und auBerlich Weltgelehrter geworden ist in einem ge-
wissen rationalistischen Sinne. Die ganzen inneren Kampfe dieses
Mannes interessierten mich. Ich versuchte, sie geistig zu erfassen. Ich
habe die vier « Mysterien » geschrieben, indem ich hingeschaut habe
auf sein Erdenleben. Nachdem er tot war, konnte ich durch das In-
teresse, das ich an ihm genommen habe, ihm folgennach demTode die
Zeit hindurch, die er in der Mondensphare durchlebt. Da ist er heute
noch darinnen. Von diesem Momente ab, wo zu mir durchgebrochen
ist diese Personlichkeit, diese Individualitat in dem Leben nach dem
Tode in all der mtetisivcn Realitat, in dem dieses Leben nun wirkt, da
loschte vollstandig aus dasjenige, was einen fur das Erdenleben in
einem solchen Falle hat interessieren konnen. Man lebt nun ganz mit
dieser Individualitat nach dem Tode, und das driickte sich bei mir so
aus, daB ich diese Individualitat im vierten Mysteriendrama ebenfalls
sterben lassen muBte, weil dieser Mensch mir auch nicht mehr als
Erdenmensch gegeniiberstand. Dies sei nur zur Bekraftigung der Be-
hauptung hingestellt, daB dieses Leben nach dem Tode intensiver,
substantieller, realer innerlich erlebt wird von den Menschen als das
Erdenleben, das wie ein Traum ist.
Wir miissen aufmerksam darauf sein, daB der Mensch nach dem
Tode sich herauslebt in die groBe Welt, in den Kosmos. Der Kosmos
wird jetzt er selber. Er fuhlt den Kosmos jetzt als seinen Leib, aber er
fiihlt auch moralisch dasjenige, was wahrend seines Erdenlebens auBer
ihm war, jetzt in sich. Dasjenige, was in ihm war, fiihlt er auBer sich.
Nehmen Sie ein ganz triviales Beispiel. Nehmen Sie an, Sie hatten sich
wahrend des Erdenlebens durch eine Emotion hinreiBen lassen, je-
mandem einen Schlag zu geben, wodurch Sie ihm erstens physische
Schmerzen verursachten und zweitens moralisches Leid zufiigten.
Nach dem Tode, in der Mondensphare, durch den EinfluB jener Mon-
denindividualitaten, erleben Sie nun nicht, was Sie erlebt haben wah-
rend des Erdenlebens, wo Sie aus innerem Arger jemandem einen
Schlag versetzt haben, vielleicht mit einem innerlichen Wohlgefallen,
wo Sie nicht fuhlten das Leid des anderen, - jetzt erleben Sie, was der
andere erlebt hat. Den physischen Schmerz, das Leid, das der andere
erfahren muBte, das erleben Sie in der Mondensphare. Sie erleben das,
was Sie selber getan haben oder auch gedacht haben wahrend des
Erdenlebens, nicht wie Sie es fuhlten, sondern wie es der andere erlebt
hat. So erlebt der Mensch in einem Drittel seiner Lebenszeit nach dem
Tode alles dasjenige, was er gedacht, veriibt hat wahrend des Erden-
lebens in der Art wiederum, wie es ihm die Mondenwesen, von denen
ich gesprochen habe, in einer intensiven Realitat zeigen, und zwar er-
lebt er dieses Leben riickwartsgehend. Als ich zum Beispiel Strader
- ich nenne ihn so in den Mysteriendramen, obwohl er anders geheiBen
hat - , als ich Straders Leben zuriickerlebte mit ihm - er ist 1912 ge-
storben -, da war es so, daB er zuerst dasjenige erlebte, was er zuletzt
auf der Erde erlebt hat, dann das Friihere und so weiter zuriick. Wenn
er mir jetzt vor die Seele tritt, erlebt er ungefahr in der anderen Sphare,
in der Mondensphare, was er erlebte im Jahre 1875. Die Zeit zwischen
1912 und 1875 hat er seither zuriickerlebt und wird weiter zuriick-
erleben bis zu seinem Geburtsdatum.
So durchlebt der Mensch in einem Drittel nach dem Tode sein
Leben riickwarts in den Spharen der Mondenwesen, die einmal Erden-
wesen waren. Es ist dieses Leben der erste Keim zu demjenigen, was
sich verwirklicht als das Karma in den folgenden Erdenleben. Man
wird in diesem Leben, das da in einem Drittel der Erdenlebenszeit
durchlebt wird, wirklich bekannt innerlich durch eigenes Fiihlen und
Wahrnehmen, bekannt damit, wie die eigenen Taten auf die anderen
Menschen gewirkt haben. Und da geht, meine lieben Freunde, ein
gewaltiger, im Inneren des Geistmenschen daseiender Wunsch auf,
daB dasjenige, was man jetzt in geistiger Sphare, in der Mondensphare
durchlebt, weil man es auf der Erde bewirkt hat in anderen Men-
schen, - daB das auf einen wieder abgeladen werde, damit Ausgleich
sei. Der EntschluB, sein Schicksal gemaB den Erdentaten und den
Erdgedanken zu verwirklichen, dieser Wunsch steht am Ende dieser
Mondenzeit. Und wenn dieser Wunsch aus diesem Erleben, das zu-
nickgeht bis zur Geburt, furchtlos ist, dann wird der Mensch reif, von
der nachsten Sphare, von der Merkursphare aufgenommen zu werden.
Der Mensch tritt dann ein in die Merkursphare. In der Merkursphare
- das werden wir in dem nachsten Vortrage zu betrachten haben - er-
fahrt der Mensch durch Wesenheiten, in deren Bereich er jetzt tritt,
die niemals Erdenwesen waren, die immer iiberirdische Wesen waren,
- in deren Bereich erfahrt er, wie er weiter sein Schicksal gestalten
kann. So werden wir ihn zu verfolgen haben durch Merkursphare,
Venussphare und Sonnensphare, um kennenzulernen dasjenige, was
der Mensch durchmacht zwischen Tod und einer neuen Geburt, ent-
sprechend als sein geistiges Dasein demjenigen, was er unter irdischen
Wesen zwischen Geburt und Tod durchgemacht hat. Denn der Mensch
lebt sein totales Leben im Erdendasein zwischen Geburt und Tod, im
Himmelsdasein zwischen Tod und einer neuen Geburt. Daraus setzt
sich sein gesamtes Leben zusammen: Wie? - davon wollen wir dann
in den nachsten Vortragen sprechen.
SECHSTER VORTRAG
Paris, 24. Mai 1924
Gestern bemiihte ich mich zu zeigen, wie der Mensch, indem er durch
die Pforte des Todes geht, aufsteigt in die ersten Erlebnisse der iiber-
sinnlichen Welt, die er in den nachsten Jahrzehnten nach dem Tode
durchlebt. Ich zeigte, wie der Mensch eine bestimmte Anzahl von
Jahren verweilt in dem, was man die Mondenregion nennen kann, wie
der Mensch in dieser Mondenregion in Zusammenhang kommt mit
Wesenheiten, die einstmals mit der Erde verbunden waren, die nicht
in einem physischen Leibe auf der Erde lebten, aber in einem atheri-
schen Leibe, und als solche Wesenheiten die Lehrer der urspriinglichen
Menschheit waren, den Menschen inspiriert haben jene tiefe Weisheit,
die einmal auf der Erde war und die nach und nach auf der Erde er-
loschen ist. Mit dem Hinweggehen des physischen Mondes von der
Erde sind auch diese Wesenheiten hinweggegangen; sie haben ihr
Dasein weiter auf dem Monde, und der Mensch kommt wieder mit
ihnen zusammen, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist und
all dasjenige uberschauen soli, was in der gestern charakterisierten
Weise in einer viel starkeren Realitat iiberschaut wird, als es der Mensch
eigentlich wahrend seines Erdendaseins durchlebt.
Ich habe schon angedeutet, daB, nachdem der Mensch geniigend
lange in der Mondenregion verweilt hat, er den Ubergang findet in die
Merkurregion, in der er Wesen trifft, die ihn hinausfuhren in eine Re-
gion der Welt, in der ganz andere Wesen wohnen als auf der Erde,
eine Region aber, der er als Mensch nun ebenso durch die Zeit zwi-
schen dem Tode und einer neuen Geburt angehort, wie er mit seinem
Erdendasein der Erde und ihrer Wirklichkeit angehort hat.
Gestatten Sie nun, meine lieben Freunde, daB ich die kleine Skizze,
die ich gestern entworfen habe, heute fortsetze. Wir konnen ausgehen
davon, daB der Mensch, wenn er den Tod durchlebt - was also eigent-
lich eine sehr kurze Zeit in Anspruch nimmt -, daB der Mensch dann
sein Dasein erlebt in den Elementen, in Erde, Wasser, Feuer und Luft.
Dasjenige, was difFerenzierte StofFe auf der Erde sind, Metalle, alle an-
deren StofFe, die sind dann im Momente des Todes nicht da. Alle festen
StofFe sind Erde, alle fliissigen Stoffe sind Wasser, alle luftformigen
StofFe sind Luft, und alles dasjenige, was Warme zeigt, ist Warme. In
dieser vierfachen DifFerenzierung des StofFes lebt der Mensch im
Augenblicke des Todes. Er geht dann iiber in diejenige Region, die ich
gestern charakterisiert habe als die Region der Weltintelligenz. Weltge-
danken durchweben und durchleben die Region, in die er dann eintritt
und in der er wenige Tage verweilt. Dann gelangt er in die Monden-
region, die ich beschrieben habe, und von da aus in die Merkurregion.
Diese Skizze, ich mochte sie noch einmal wiederholen: die Region
der Elemente, die Region der Weltintelligenz. Und nun kommt der
Mensch in die Sternenregion, zuerst in die Mondregion und dann in
die Merkurregion.
Nun wollen wir uns einmal klarmachen, wie das Leben des Men-
schen zunachst in der Mondregion bestimmend einwirken kann auf
sein spateres Karma. Auch darauf habe ich gestern schon hingedeutet.
Die Sache ist so : Indem der Mensch durch den Tod geht, hat er dieses
oder jenes in seinem Erdenleben verubt, dieses oder jenes an Gutem,
an Bosem. Und mit all dem tritt er vor jene Wesenheiten durch jenes
Erleben, das ich gestern beschrieben habe, hin, die eben die Mond-
wesen genannt werden konnen. Diese Mondwesenheiten uben ein
strenges Urteil aus, ein Weltenurteil : wieviel Wert eine Handlung hat
als gute Handlung fur das gesamte Weltall, wieviel Wert eine bose,
eine unrechte Handlung hat fur das gesamte Weltall. Und dann ist die
Sache so, daB der Mensch zuriicklassen muB in der Mondenregion all
dasjenige, wodurch er das Weltall geschadigt hat. Die Ergebnisse sei-
ner bosen Handlungen, die muB der Mensch in der Mondenregion
zuriicklassen. Und damit laBt er einen Teil von sich selber zuriick. Wir
miissen uns nur klarmachen, daB der Mensch mehr, als man meint, eine
Einheit ist von sich und demjenigen, was er tut, was er vollbringt. Es
geht sozusagen mit einer guten, mit einer schlechten Handlung das
ganze Wesen des Menschen eine Verbindung ein. Miissen wir das Bose
zuriicklassen, das wir verubt haben, so miissen wir einen Teil von uns
selbst zuriicklassen. - In der Tat, wir kommen iiber diese Monden-
region nur heraus mit dem, was wir an Gutem fur das Weltall veriibt
haben. Dadurch sind wir in gewissem Sinne, wenn wir liber die Mon-
denregion hinauskommen, ein verstiimmelter Mensch, um so mehr
verstiimmelt, als wir bose Gedanken mit unserem eigenen Wesen ver-
einigt haben. Soviel mussen wir zuriicklassen, als wir fur die Welt
Schadliches veriibt haben.
Wenn wir nun den weiteren Gang des Menschen durch das Leben
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt studieren wollen, dann
mussen wir auf folgendes sehen : Der Mensch, wie er hier auf der Erde
stent, besteht ja aus voneinander deutlich unterschiedenen Gliedern.
Die Kopfregion ist verhaltnismaBig die am meisten ausgebildete, sie
wird auch im Menschenkeim schon vor der Geburt des Menschen ver-
anlagt, so daB sie verhaltnismaBig vollkommen ist, wahrend die an-
dere Korperlichkeit des Menschen im Embryonalleben ja eher unvoll-
kommen ist. In gewissem Sinne bleibt das durch das ganze Leben hin-
durch. Die ausgearbeitetste Partie des Menschen ist die Kopfregion;
die anderen Regionen des Menschen sind weniger ausgearbeitet. Nun
ist es aber gerade so, daB dasjenige, was vom Haupt des Menschen
nach dem Tode bleibt als Geistiges, am schnellsten in der geistigen
Region verlorengeht; das verschwindet sozusagen fastganz mit dem
Durchgang durch die Mondenregion. Natiirlich mussen Sie mich
richtig verstehen : Die physische Stoff lichkeit fallt mit dem Leichnam
ab ; aber im Kopfe haben wir nicht nur die physische Stoff lichkeit, wir
haben Krafte, die diesen physischen Leib des Menschen formen und
beleben, ubersinnliche Krafte; die gehen durch die Pforte des Todes,
die sieht man mit der imaginativen Erkenntnis auch nach dem Tode
als Geistgestalt des Menschen, nur sieht man an dieser Geistgestalt das
Haupt, den Kopf des Menschen fortwahrend schwinden, immer mehr
schwinden. Dasjenige, was eigentlich bleibt, was verstiimmelt werden
kann, das ist die iibrige Region des Menschen auBer dem Kopf. Mit
dieser iibrigen Region, die also entweder mehr oder weniger voll-
kommen eintreten kann in die Merkursphare, wenn der Mensch ein
guter Mensch war in der Hauptsache, die aber sehr verstiimmelt ein-
tritt in die Merkurregion, wenn der Mensch ein boser Mensch war,
mit diesen Kraften, die unsere Seele umgeben, mit diesen Kraften
treten wir in das weitere Leben zwischen dem Tod und einer neuen
Geburt ein. Aus diesen Kraften heraus miissen wir das ganze Leben
bilden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da haben die-
jenigen geistigen Wesenheiten, die in der Merkursphare sind, die nie-
mals Menschen waren, die niemals menschliche Gestalt angenommen
haben, in deren Umgebung wir nunmehr kommen, eine bedeutsame
Aufgabe. Denn mit all dem, was da sozusagen - verzeihen Sie den Aus-
druck - als kopf loser Mensch herantritt, mit all dem ist nun verbun-
den, nachdem die moralischen Makel in der Mondenregion abgelegt
sind, dasjenige, was der Mensch wahrend seines Erdenlebens als Ge-
sundheit oder Krankheit durchlebt hat. Es ist wichtig, denn es ist sehr
bedeutsam, iiberraschend und frappierend, daft der Mensch schon in
der Mondenregion seine moralischen Makel ablegt, daB aber das-
jenige, was ihn an Krankheit befallen hat, nicht abfallt in der Mond-
region, sondern erst in der Merkurregion durch jene Wesenheiten, die
nicht jemals Menschen gewesen sind, von den Menschen in den gei-
stigen Wirkungen hinweggenommen werden kann. Gerade die Be-
achtung dieser Tatsache ist etwas auBerordentlich Bedeutsames:
Krankheiten werden vom Menschen in der Merkurregion in ihren
geistigen Ergebnissen hinweggenommen. Und da erleben wir dann
zuerst, wenn wir dieses beobachten, wie in der Sternenwelt, die die
eigentliche Welt der Gotter ist, Physisches und Moralisches ineinan-
derwirken. Das Moralisch-Makelhafte kann nicht hinein in die geistige
Welt, bleibt sozusagen in der Mondenregion zuriick, die solchen An-
teil hat an den Menschen, denn sie hat zu ihren Bewohnern Wesen, die
schon unter den Menschen waren. Auf dem Merkur sind Bewohner,
die niemals Erdbewohner waren. Diese Wesenheiten nehmen nun die
Krankheiten von den Menschen weg. Diese Krankheiten schaut man
wie hinausstromen in die Weltenweiten, in den geistigen Kosmos, und
die geistigen Ergebnisse der Menschenkrankheiten werden wie auf-
gesogen vom geistigen Kosmos, stromen hinaus, werden mit einem
gewissen Wohlgefallen sogar aufgenommen. Der Mensch aber, der
dieses erlebt im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt,
der hat nun den ersten Eindruck, der eigentlich ein rein geistiger ist
und dennoch ihm so wirklich entgegentritt, wie ihm die Erde wirklich
entgegentritt. So, wie wir hier auf der Erde den Wind, den Blitz, das
FlieBen des Wassers erleben, so erleben wir, wenn wir durch die Pforte
des Todes gegangen sind und in die Merkurregion eingetreten sind,
das Fortgehen der geistigen Effekte der Krankheiten, sehen, wie sie
aufgenommen werden von den geistigen Wesen, diese geistigen Effekte
der Krankheiten, und der Eindmck ist der : Jetzt seid Ihr versohnt, o
Gotter! - Ich erwahne das zunachst - wir werden morgen auf diese
Dinge naher eingehen konnen daB man es erlebt, wie die Gotter
versohnt werden fur dasjenige, was auf der Erde Boses geschehen ist,
dadurch, daB die Effekte der Krankheiten ins weite Weltall hinaus-
stromen.
Das ist eine sehr wichtige Tatsache im Bereich unseres Lebens zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt. Solche Tatsachen, man hat
sie einmal gekannt, als gerade jene Wesenheiten vorhanden waren, die
als die groBen Urlehrer der Menschheit, die dann die Mondbewohner
geworden sind, die Menschen gelehrt haben. Da wuBte man auch, daB
man iiber das Wesen der Krankheiten erst erfahren kann, was der
Wahrheit entspricht, wenn die Wahrheit von den Merkurwesen
kommt; daher war alles Heilwesen, alles medizinische Wissen, das
Geheimnis von gewissen Mysterien, den Merkurmysterien. Da war es
wirklich so in solchen Mysterien, daB nicht ein Mensch dastand, wie
an den heutigen Universitaten, sondern daB tatsachlich hohere Wesen-
heiten aus den Sternenregionen durch den Kultus, der an diesen
Mysterien ublich war, wirkten. Die Gotter waren selbst Lehrer der
Menschen, und die Medizin ist diejenige Weisheitskunde in alten
Menschheitszeiten gewesen, die direkt durch die Merkurwesen in den
Mysterien an die Menschen herangebracht worden ist ; daher war auch
diese alte Medizin durchaus als eine Gabe des Gottlichen von den
Menschen angesehen worden. Im Grunde genommen ist alles das-
jenige, was im Medizinischen fruchtbar ist, heute entweder aus alten
Zeiten stammend, eine Nachwirkung desjenigen, was man von den
Gottern des Merkur erfahren hat, oder aber es muB gefunden werden
wiederum durch diejenigen Methoden, die den Menschen anleiten,
Umgang mit den Gottern zu haben, von den Gottern lernen zu konnen.
Die alte Weisheit ist versiegt, verschwunden; eine neue Weisheit, die
wiederum auf dem Umgang mit den Gottern beruht, muB gefunden
werden. Das ist die Aufgabe der Anthroposophie auf den verschie-
densten Gebieten.
Von der Merkurregion aus kommt der Mensch dann in die Region
des Venusdaseins. Dasjenige, was der Mensch von sich bis in die Re-
gion der Venus mitbringen kann, das wird von jenen Wesenheiten, die
die Venus bewohnen und die noch viel fernerstehen den Erdenwesen
als die Merkurwesen, so verwandelt, daB es uberhaupt weiterkommen
kann in der geistigen Region. Das ist aber nur moglich dadurch, daB
mit dem Betreten der Venusregion der Mensch in ein neues Element
eintritt. Wenn wir hier auf der Erde leben, kommt viel darauf an, daB
wir Ideen haben, Begriffe haben, Vorstellungen haben. Denn was ware
der Mensch auf der Erde, wenn er nicht Vorstellungen und Ideen
hatte. Gedanken, die tragen ihn, die sind wertvoll, und wir als Menschen
sind, weil wir Gedanken haben, die etwas taugen, wir sind dadurch
gescheit. Besonders heute gilt es viel, wenn der Mensch gescheit ist.
Heute sind ja fast alle Menschen gescheit. Es war nicht immer so, heute
ist es so. Und es hangt eben doch das ganze Erdenleben davon ab, daB
die Menschen Gedanken haben. Aus den menschlichen Gedanken ist
die groBartige Technik entsprungen, es entsteht alles schlieBlich mit
Hilfe von Gedanken, was der Mensch an Gutem oder Bosem ver-
wirklicht auf der Erde. Die Gedanken wirken aber noch nach in der
Mondenregion; denn nach der Art und Weise, wie die guten und
bosen Taten aus den Gedanken entsprungen sind, urteilen die Wesen
in der Mondenregion. Aber auch die Wesen in der Merkurregion, die
beurteilen die Krankheiten, die sie ablosen miissen von den Menschen,
noch nach den Gedanken. Aber in gewissem Sinne ist hier die Grenze,
bis zu der Gedanken - uberhaupt dasjenige, was noch an menschliche
Intelligenz erinnert - eine Bedeutung haben. Denn kommt man heraus
aus der Merkurregion in die Region der Venus, dann herrscht da das-
jenige, was wir im Erdenleben im Abglanz kennen als Liebe. Liebe
lost da sozusagen die Weisheit ab. Wir treten ein in die Region der
Liebe. Nur dadurch kann der Mensch weitergefiihrt werden hin bis
zum Sonnendasein, daB Liebe ihn aus der Weisheitssphare in das Son-
nendasein hineinfuhrt.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, es wird Ihnen etwas die Frage in
Ihrer Seele bedeuten: Wie erlebt eigentlich derjenige, der so etwas
iiberhaupt erleben kann in der Anschauung, solche Dinge? - Nun
haben Sie gewiB gelesen dasjenige, was ich gegeben habe an Seelen-
iibungen in dem Buche, das ins Franzosische iibersetzt ist unter dem
Titel « LTnitiation », und Sie werden wissen, daB der Mensch durch
solche Seeleniibung allmahlich zu einer solchen Anschauung kommt.
Zuerst erlebt man, wenn man das imaginative BewuBtsein erlangt,
sein ganzes Leben auf geistige Art bis zur Geburt in einem groBen
Tableau. Dasjenige, was man nach dem Tode erlebt auf natiirliche
Weise, erlebt man durch die Initiation in jedem Augenblick des Le-
bens. Aber dieses Erleben, wenn es dann zur Inspiration kommt, das
zeigt dann gewissermaBen etwas, was durchscheint durch dieses Ta-
bleau, durch dieses menschliche Leben. Das ist nun das Bedeutsame.
Eigentlich kann man iiber den ganzen Zusammenhang der Geheim-
nisse, die da zugrunde liegen - und es ist immer so gewesen -, erst
reden, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Man kann in jedem
Lebensalter initiiert werden ; aber einen vollstandigen Zusammenhang
iiber die kosmischen Geheimnisse durch eigene Anschauung bekommt
man iiber diese Dinge in einem bestimmten Lebensalter erst. Das ist so
aus folgendem Grunde.
Wenn man zuriickblickt auf dieses Lebenstableau, so gliedert es sich
in Abschnitte von sieben zu sieben Jahren, und zwar so, daB man einen
ersten Abschnitt iiberblickt von der Geburt bis zum siebenten Jahre
ungefahr, einen zweiten Abschnitt vom siebenten zum vierzehnten
Lebensjahr, einen weiteren vom vierzehnten zum einundzwanzigsten
Lebensjahr und dann einen einheitlichen Lebensabschnitt vom ein-
undzwanzigsten bis zweiundvierzigsten Lebensjahr; dann einen Le-
bensabschnitt vom zweiundvierzigsten bis neunundvierzigsten Lebens-
jahre, einen Abschnitt vom neunundvierzigsten bis sechsundfiinfzig-
sten und vom sechsundfunfzigsten bis zum dreiundsechzigsten Jahre.
Man erlebt hintereinander diese Lebensabschnitte. Man schaut im
ersten Lebensabschnitt diesen Ruckblick, es steht alles auf einmal da
bis zum Zahnwechsel hin. Wie durch einen Nebel erscheinen einem
in jedem dieser Abschnitte die Weltgeheimnisse, die Geheimnisse des
Kosmos. Im ersten Lebensabschnitte, von der Geburt bis zum sieben-
ten Jahre, erblickt man bei dieser Riickschau die Geheimnisse des
Mondes. Wenn das Leben so dasteht im ersten Lebensabschnitt, so
erscheint es einem, wie wenn dutch einen Nebel die Sonne durch-
scheint, so erscheinen die Weltgeheimnisse durch den eigenen Ather-
leib, den man iiberblickt. Was ich Ihnen heute erzahlt habe, meine
lieben Freunde, iiber das Zurucklassen seiner Makel, seiner bosen
Dinge, was ich Ihnen erzahlt habe iiber die Mondbewohner, das
steht in dem Lebensbuche, in diesem Lebensbuche des ersten Ab-
schnittes.
Blickt man in seine Kindheit zuriick mit Imagination, Inspiration
und Intuition, so sagt man sich : Dieses Leben hat eins, zwei, drei bis
sieben Kapitel. Im ersten Kapitel, umfassend unsere erste Kindheit,
stehen die Mondengeheimnisse. Im zweiten Lebenskapitel, das um-
faBt die Lebenszeit zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechts-
reife, da stehen die Merkurgeheimnisse. In diesem Zeitalter, das die
Kinder gerade in der Schule verleben, in diesem Zeitalter, wenn man
auf dasselbe zuriickblickt, zeigen sich die Merkurgeheimnisse. Es ist
ja den Medizinern bekannt, daB dies dasjenige Alter ist, wo die Kin-
derkrankheiten sind. Es ist das gesiindeste Zeitalter im Menschen-
leben, die Sterblichkeit ist verhaltnismaBig am geringsten, wenn man
die ganze Menschheit anschaut. Diesem Lebensabschnitte zeigen sich
hinterher die Merkurgeheimnisse, so daB, wenn jemand - es ist das
nicht gut moglich, aber wenn es doch sein konnte - mit achtzehn
Jahren schon initiiert sein konnte, er iiberschauen konnen wiirde aus
seiner Initiation die Mondengeheimnisse, die Merkurgeheimnisse.
Wenn man aus den spateren Lebensjahren zuriickschaut auf die wei-
teren Lebensabschnitte vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten
Jahre, da zeigt sich im Riickblick alles dasjenige, was an Geheimnissen
der Venusregion im Weltall angehort. In der Zeit, in welcher beim
Menschen die physische Liebe auftritt, vom vierzehnten bis zum ein-
undzwanzigsten Lebensjahre, sind auch im Lebensbuche geistig ein-
geschrieben die Geheimnisse des Venusdaseins im Weltenall. Leben
wir dann weiter vom einundzwanzigsten bis zum zweiundvierzigsten
Jahre, so brauchen wir zu diesem Durchleben einen dreimal groBeren
Zeitraum, denn da, wenn wir zuriickblicken vom spateren Leben, ent-
hiillen sich uns die ganzen Wesenheiten der Sonnengeheimnisse. Man
muB iiber die zweiundvierzig Jahre alt geworden sein, damit man zu-
ruckblicken kann; dann aber sieht man in diesem Lebensabschnitte im
Riickblicke die Sonnengeheimnisse. 1st man nun gar schon recht alt
geworden und kann zuruckblicken auf den Lebensabschnitt vom zwei-
undvierzigsten bis zum neunundvierzigsten Lebens jahre, dann ent-
hiillen sich die Marsgeheimnisse. Um also in die Marsgeheimnisse ein-
zudringen, muB man iiber das neunundvierzigste Lebens jahr heraus-
kommen. Man kann initiiert sein; aber um durch eigene Anschauung
in die Marsgeheimnisse einzudringen, muB man zuruckblicken konnen
auf ein Leben, das in einem Abschnitt vom zweiundvierzigsten bis
zum neunundvierzigsten Lebensjahre verlaufen ist. 1st man iiber neun-
undvierzig Jahre alt, so kann man auf die Jupitergeheimnisse zuruck-
blicken. Und - ich darf iiber diese Sache sprechen - ist man iiber das
dreiundsechzigste Jahr hinaus, so ist es einem erlaubt durch den Rat-
schluB der Gotter, auch iiber die Saturngeheimnisse zu sprechen.
Sie sehen, meine lieben Freunde, wir kommen innerhalb dieses Le-
bens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt immer mehr iiber
diejenigen Verhaltnisse hinaus, die uns hier auf der Erde umgeben,
und in andere Verhaltnisse hinein. Dasjenige, was der Mensch, nach-
dem er die Venusregion durchschritten hat, erlebt, es ist die Tatsachen-
welt der Sonnenregion. Und nachdem ich Ihnen beschrieben habe, wie
man auf diese Dinge kommt durch die Initiation, darf ich eben fort-
fahren in der Betrachtung desjenigen, was der Mensch zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt durchmacht.
Das Hineinwachsen in die geistige Welt ist aber auch ein solches, das
immer mehr und mehr sich nahert Wesenheiten, die iiber dem Men-
schen hinausstehen. In der Mondregion sind wir noch ganz unter
Wesenheiten, die mit den Menschen auf der Erde gelebt haben, in der
Hauptsache. Aber wir werden in der Mondregion doch schon an-
sichtig derjenigen Wesenheiten, die uns auf der Erde fiihren von
Erdenleben zu Erdenleben. Da sind die Wesenheiten, die ich bezeich-
net habe in meinen Buchern nach einem alten christlichen Gebrauch
mit dem Namen der Hierarchie der Angeloi. Indem man zuriickblickt
in jener Erfahrung, in jener initiierten Erfahrung, von der ich ge-
sprochen habe, in die erste Kinderzeit, sieht man zugleich dasjenige,
was durch die Engelwelt am Menschen geschehen ist. Denken Sie ein-
mal, meine Heben Freunde, wie wunderschon gewisse Anschauungen
im naiven Gemiit des Menschen leben und sich eigentlich durch die
hohere initiierte Weisheit behaupten ! Wir reden davon, wie das erste
Kindesalter des Menschen durchwoben ist von der Wirksamkeit der
Angeloi. Und wir sehen wirklich, wenn wir zuriickblicken, um die
Mondenregion zu studieren, unsere Kindheit und damit zugleich das
Weben der Welt der Angeloi. Da, wo die starkeren Krafte einsetzen
be
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