Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN UND
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
RUDOLF STEINER
Vom Einheitsstaat zum
;liedrigen sozialen Organismus
Elf offentliche Vortrage
gehalten in Basel, Zurich und Dornach
zwischen dem 5. Januar und 6. Mai 1920
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Walter Kugler
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1983
Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 334
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1983 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3340-X
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk vom Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die vonRudolf Steiner (1861-1925) geschriebenenundveroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daiS seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage
nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zu-
nehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefer-
tigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwakung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nurin ganz wenigen Fallen die
Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu
den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Wege und Ziele der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Erster Vortrag, Basel, 5 . Januar 1 920 \\
Uber den Ursprung des gegenwartigen Geisteslebens und der von
Technik durchzogenen Lebenspraxis. Die Bildungsstatten des alten
Orients. Die Entwicklung des geistig-seelischen Menschen im Orient.
Das Wesen des gegenwartigen Geisteslebens. Zwei Menschheitsstro-
mungen: Ubermensch - Untermensch. Uber die Ausbildung des Den-
kens und den anthroposophischen Schulungsweg. Beispiele aus dem
gegenwartigen Geistesleben.
Die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der leiblichen und
seelischen Gesundheit
Zweiter Vortrag, Basel, 6. Januar 1920 35
Das Verhaltnis des Geistig- Seelischen des Menschen zum Leiblich-Phy-
sischen. Padagogik und spirituelle Hygiene. Wille und Intellekt. Uber
Mediumismus. Geisteswissenschaft und Medizin. Goethes Weltan-
schauung als Ausgangspunkt zu einer hoheren Ausbildung der mensch-
lichen Erkenntnisfahigkeit. Intuitive Menschenerkenntnis und intuitive
Medizin auf der Grundlage der Erkenntnis vom dreigegliederten Men-
schenwesen.
Die sittlichen und religiosen Krafte im Sinne der
Geisteswissenschaft
Dritter Vortrag, Basel, 7. Januar 1920 57
Erkenntnisfahigkeit und moralische Antriebe. Wege zur imaginativen
Erkenntnis. Ubungen zur Entwicklung des Willenslebens. Das Durch-
dringen der Imaginationen durch sittliche Inspirationen. Geisteswissen-
schaftliche Erkenntnisse als Erlebnisse. Naturkausalitat und Freiheit in
ihrem Verhaltnis zur Sittlichkeit. Liebe als wiirdigster Antrieb sittli-
chen Handelns. Geisteswissenschaft nicht als Prediger, sondern Gran-
der der Moral. Die Erkenntnis von Geist und Seele und ihre Bedeutung
fur die gegenwartige Wissenschaft.
Ungeist und Geist in der Gegenwart und fur die Zukunft
Erster Vortrag, Zurich, 17. Mdrz 1920 80
Die Beurteilung der Weltlage durch den Okonomen J. M. Keynes. Die
Weltanschauungsgrundlage der Gegenwart und ihre Grenzen. Uber
das Verhaltnis des Menschen zur Sprache. Die Weltherrschaft der
Phrase im Geistesleben. Die Weltherrschaft der Konvention im Rechts-
leben. Die Weltherrschaft der Routine im Wirtschaftsleben. Die Uber-
windung von Phrase, Konvention und Routine durch die gedankentra-
gende Rede, durch ein durch menschlich-soziales Fuhlen erfulltes
Rechtsleben, durch eine durchgeistigte, assoziative Wirtschaft.
Schlufiwort nach einer Diskussion 102
Die geistigen Krafte in der Erziehungskunst und im Volksleben
Zweiter Vortrag, Zurich, 18. Mdrz 1920 107
Vom naturwissenschaftlichen, willensentblofiten Denken zum durch-
seelten, lebendigen Denken. Die Uberwindung des gedankenentblofi-
ten Wollens durch geistgetragenes Wollen. Anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft als methodische Grundlage der Erziehungs-
kunst. Epochen in der Entwicklung des Kindes. Die Bedeutung des
Kunstlerischen fur die Erziehung. Gedanken zur Lehr- und Stunden-
plangestaltung. Die Erganzung unseres eigenen Wesens durch Geistes-
wissenschaft zur Uberwindung des abstrakten Denkens. Notwendig-
keit und Wirklichkeitssinn eines dreigegliederten sozialen Organismus.
Schlufiwort nach einer Diskussion 130
Dreigliederung und gegenwartige Weltlage
Vortrag, Zurich, 19. Mdrz 1920 136
vor der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons
Zurich
Gedanken uber das Zusammenwirken der Menschen zur Bewaltigung
der sozialen Aufgaben. Geisteswissenschaftliche Erkenntnismethoden
und Wahrnehmungen der Tatsachen des Lebens der Volker als Grund-
lage des Erkennens von Entwicklungsbedingungen. Uber das russische
Volkswesen. Gedanken zum Verhaltnis von Staat und Wirtschaft in
Frankreich. Zur Konstituierung des Reichsrates von Osterreich. Vom
Wesen der Sozialdemokratie. Die Notwendigkeit der Dreigliederung
zur Losung der sozialen Frage.
Schlufiwort nach einer Diskussion und Fragenbeantwortung . 1 60
Ansprache anlafilich des Besuches des Schweizer Staatsbiirger-
Vereines zur Baubesichtigung in Dornach
Dornach, 18. April 1920 173
Die Entstehung des Dreigliederungsgedankens aus der Beobachtung
gegenwartiger mitteleuropaischer Verhaltnisse. Warum man die Drei-
gliederung fiir eine Art Utopie halt. Uber die Entwicklung der geisti-
gen, staatlichen und wirtschaftlichen Verhaltnisse der Gegenwart unter
Beriicksichtigung ihrer Entwicklung in den letzten drei bis vier Jahr-
hunderten. Die Erde als einheitliches Wirtschaftsgebiet. Staat und
Demokratie. Die geistigen Hintergriinde der Klassenkampfsituation.
Die Befreiung des Geisteslebens, dargestellt am Beispiel der Waldorf-
schule. Die Forderung nach einer assoziativen Wirtschaftsweise. Die
grundlegenden Aufgaben der einzelnen Glieder des sozialen Organis-
mus. Die Bedeutung des Christentums fiir die Gegenwart und Zukunft.
Die gegenwartige Wirtschaftskrisis und die Gesundung des
Wirtschaftslebens durch die Dreigliederung des sozialen
Organismus
Vortrag, Basel, 26. April 1920 194
fur Wirtschafter anlafilich der Mustermesse in Basel im groflen Saal zu
den «Rebleuten»
Geisteswissenschaftliche Betatigung als Grundlage zum Erfassen der
Wirklichkeit. Der Krisenbegriff in der Okonomie. Ideologischer Uber-
bau und Wirklichkeit. Der Ursprung des Materialismus. Zur Entwick-
lungsgeschichte Rufilands. Das Verhaltnis der Geldwirtschaft zum
gesamten Wirtschaftsleben. Der Einheitsstaat als Allheilmittel im Be-
wufitsein der Gegenwart. Die Bedeutung des Erbrechtes im heutigen
Wirtschafts- und Rechtsleben. Die drei Grundforderungen des Drei-
gliederungsimpulses : ein freiheitliches Geistesleben, ein demokrati-
sches Rechtsleben, ein assoziativ gestaltetes Wirtschaftsleben.
Fragenbeantwortung 219
Geisteswissenschaft (Anthroposophie) im Verhaltnis zu Geist
und Ungeist in der Gegenwart
Erster Vortrag, Basel, 4. Mai 1920 225
Beispiele gegenwartiger Lebenspraxis. Anthroposophie und prakti-
sches Leben. Die Erkenntnis vom werdenden Menschen. Die Uberwin-
dung des gewohnlichen Denkens durch Meditation. Von der Ent-
wicklung des Willenslebens. Die Entwicklung des Denkens und des
Willens und ihr Verhaltnis zum vorgeburtlichen und nachtodlichen
Leben. Geistesschulung und Lebenswirklichkeit.
Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der
Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Zweiter Vortrag, Basel, 5. Mai 1920 251
Die Bedeutung des sittlichen Lebens im gegenwartigen Weltbild. Zur
Entwicklung des naturwissenschaftlichen Weltbildes. Entwicklungen
des Seelenlebens. Zum Unterschied zwischen leibfreiem und gewdhnli-
chem Denken. Die Schulung eines leibfreien Fiihlens und Wollens. Die
inneren Beziehungen zwischen dem Mineral-, Pflanzen-, Tierreich und
der Menschenwelt. Geisteswissenschaftliche Weltanschauung als Ret-
ter der sittlichen Menschenwerte. Die Notwendigkeit einer Annahe-
rung an die Geheimnisse des Christentums.
Die geistigen und sittlichen Krafte der gegenwartigen Volker
im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Dritter Vortrag, Basel, 6. Mai 1920 273
Das Verhaltnis der heute die Erde bewohnenden Volker zueinander
hinsichtlich ihrer geistig-seelischen und materiellen Entwicklung. Die
Charakterisierung der drei Menschentypen in der Menschheitsentwick-
lung in Verbindung mit den drei Wesensgliedern des Menschen. Die
orientalische Weltauffassung und ihr Zusammenhang mit dem Stoff-
wechselsystem. Der rhythmische Mensch als Ideal des orientalischen
Volkstypus. Die Vorherrschaft des rhythmischen Systems im griechi-
schen Menschentypus. Die Fortsetzung des Griechentums im Goethe-
anismus. Der Nerven-Sinnesmensch als Ideal des mittellandischen
Menschentypus. Der westlandische Menschentypus und sein Verhalt-
nis zum Nerven-Sinnessystem. Naturerkenntnis und materielle Er-
kenntnis als Ideal des westlichen Menschentypus. Die Abstrahierung
der sittlichen Idee und die Sinngebung der Freiheit aus dem Natura-
lismus heraus. Die Notwendigkeit des Herauswachsens der Menschen
aus ihrem Volkstum. Das Wesen des ethischen Individualismus.
Hinweise 296
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
311
WEGE UND ZIELE DER GEISTESWISSENSCHAFT
(ANTHROPOSOPHIE)
Erster Vortrag, Basel, 5. Januar 1920
Wer draufien in der Nachbarschaft den Bau betrachtet, der dem
sogenannten Goetheanum, einer freien Hochschule fiir Geisteswis-
senschaft, gewidmet ist, die den Geistes-, den Zivilisationsinteres-
sen der Zukunft dienen will, der kann zunachst absonderlich be-
riihrt sein von den Formen, von der Stilweise, die ihm da entgegen-
treten. Man mag nun gegen das, was man da sieht, mancherlei
einzuwenden haben. Diejenigen, die am Bau beteiligt sind, werden
solche Einwande, dafi es sich um einen vorlaufigen Versuch handelt,
durchaus verstehen konnen, wenn sie aus gutem Willen hervorge-
hen. Aber gegeniiber diesem Bau muE eine gewisse Frage aufge-
worfen werden, die charakteristisch ist fiir alles das, was jene
geistige Bewegung will und anstrebt, deren Reprasentant dieser Bau
sein soil. Hatte man in der gewohnlichen Art die Notwendigkeit
gehabt, fiir eine gewisse geistige Stromung, fiir eine gewisse Art von
geistiger Tatigkeit einen selbstandigen Bau irgendwo zu errichten,
dann hatte man sich wohl an diesen oder jenen Architekten ge-
wandt, an diesen oder jenen Kunstler, und man hatte vielleicht mit
ihnen verhandelt dariiber, was in einem solchen Bau getrieben
werden soil, und dann ware in irgendeinem antiken, einem Renais-
sancestil oder in irgendeinem anderen Stil ein Bau errichtet worden,
in dem nun diese geisteswissenschaftliche Tatigkeit ihre Wohnung
finden sollte. Es wiirde nur ein au£erliches Verhaltnis bestehen zwi-
schen den Formen innerhalb des Gebaudes und um das Gebaude, das
dieser geistigen Tatigkeit gewidmet ist, und dieser letzteren selbst.
So konnte es gerade bei dieser geistigen Bewegung nicht gemacht
werden. Hier handelt es sich darum, fiir eine gewisse Geistes-
strtimung eine aufiere Umhiifliing zu scbaffen, welche im ganzen
und in jeder, auch der geringsten Einzelheit wie herausgeboren ist
aus dern ganzen Denken, Empfinden und Wollen dieser Geistesbe-
wegung selbst. Es handelte sich darum, in den aufieren Formen bis
ins einzelnste hinein etwas zu schaffen, was in gleicher Weise ein
aufierer Ausdruck ist fiir das innerlich Gewollte wie das Wort oder
irgend etwas anderes, das ausdriicken soli den Inhalt dieser Geistes-
bewegung selbst. Da konnte man sich nicht wenden an irgendeinen
schon bestehenden Stil, an irgendwelche Formensprache, die histo-
risch iiberliefert ist. Da mufite aus demselben geistigen Untergrunde
heraus, aus dem der Inhalt der Weltanschauung geschopft ist, auch
das geschopft werden, was fiir das Auge sichtbar in den Bauformen
auftritt. Nicht nur im innersten Antriebe der geisteswissenschaft-
lichen Bewegung, die sich auch die anthroposophische nennt, liegt
dies, sondern in der ganzen Art, wie diese Bewegung ihre Aufgabe,
ihre Wege, ihre Ziele im Verhaltnis zu den grofien Anforderungen
der gegenwartigen zivilisierten Welt auffafit.
Diese geistige Bewegung will nicht so irgendeine abgezogene
Theorie, eine nur den Intellekt beschaftigende Wissenschaft, sie will
nicht etwas sein, was dienen kann allein einer einseitigen Befriedi-
gung der inneren Seeleninteressen, sie will etwas sein, was allerdings
Befriedigung, innigste Befriedigung gewahren kann jenen Sehn-
siichten der menschlichen Seele, die nach Weltanschauung hinge-
hen. Sie will aber diese Weltanschauung so fest in der Wirklichkeit
verankern, dafi sie einzugreifen vermag in alles praktische Leben.
Und so ist, was wir ja zunachst allein leisten konnten, das unmit-
telbare Schaffen von Bau- und Kunstformen fiir unsere Sache,
charakteristisch fiir diese ganze Bewegung. Wie sie da allerdings nur
auf einem engbegrenzten und zunachst auch dem aufieren Leben
scheinbar fernliegenden Gebiete unmittelbar in das Allerprak-
tischste eingegriffen hat, so will diese geistige Bewegung Wege
suchen und Ziele weisen, die in alles Soziale, in alles Sittliche, in alles
in weitestem Umfange zu denkende menschliche Zusammenleben
hineingreifen. Nicht weltfremde Idealisten sollen jene Idealisten
sein, welche auf diese Geisteswissenschaft bauen, sondern sie sollen
solche Idealisten werden, welche das, was aus ihrer Seele wird,
unmittelbar einflieften lassen konnen in ihre praktische Lebensbeta-
tigung. Und alles das, was oftmals so fremd verlauft in demjenigen,
was der Mensch denkt, das soil zusammengestimmt werden mit
dem, was in des Menschen innerstem seelischen Streben ist. Die
aufiere Lebenspraxis, sie soil eins werden mit dem, wodurch der
Mensch seine sittlichen Impulse sucht, seine sozialen Triebe entwik-
kelt, seiner religiosen Verehrung nachhangt. Mit einer solchen
Gesinnung, mit einer solchen Anschauung steht allerdings diese
geisteswissenschaftliche Stromung heute noch ziemlich fern demje-
nigen, was in weitesten Kreisen der heute gebildeten Menschen
angestrebt, gewollt, ja fur das Richtige gehalten wird.
Dafi das so sein mufi, aber auch dafi es notwendig ist, dafi in
unsere moderne Zivilisation sich eine solche geistige Bewegung
hineinstellt, das kann ersichtlich werden, wenn man den Blick
wendet auf die Art und Weise, wie unser ganzes Leben, in dem wir
heute drinnenstehen, eigentlich aus den verschiedensten Stromun-
gen zusammengeflossen ist. Ich mochte heute zunachst von zwei
hauptsachlichsten Stromungen unseres Zivilisationslebens spre-
chen. Wir haben heute das, was wir unsere geistige Bildung nennen,
in dem unsere religiosen Uberzeugungen wurzeln, in dem unsere
sittlichen Ideale entspringen, aber in dem auch unser ganzes hoheres
Geistesleben wurzelt. Wir haben dasjenige, wodurch der Mensch
ausbilden soil iiber das gewohnliche Handarbeitliche hinaus seine
Fahigkeiten und Krafte fur eine geistige Bildung. Und wir haben
neben dem die praktische Lebenstatigkeit, die in den letzten Jahr-
hunderten so intensive Impulse erhalten hat. Wir haben um uns
herum eine allerdings von unserer Wissenschaft angeregte, aber tief
in das soziale Leben hineingreifende Technik, die umgestaltet hat
das moderne Zivilisationsleben in einem Sinne, welcher ganz gewift
noch einem Menschen vor acht bis neun Jahrhunderten vollig
unfafilich gewesen ware.
Wenn wir uns nun fragen, woher das eine, unser geistiges Bil-
dungsleben, das nicht etwa blofi unsere hoheren Schulen beherrscht,
das bis in unsere Volksschulen hinunter seine Triebe entfaltet, und
wo her andererseits unsere von einer so ausgebreiteten Technik
durchzogene Lebenspraxis komrnt, so erhalt man eine Antwort,
iiber die sich der Mensch der Gegenwart heute noch wenig Rechen-
schaft gibt. Aber man braucht ja nur - und wir werden das noch
ausfiihrlicher im dritten Vortrag auseinandersetzen man braucht
nur das, was gewissermafien doch die Grundlage fur unsere abend-
landische Zivilisation, namentlich fur ihren hoheren geistigen Teil
bildet, ins Auge zu fassen, man braucht im weitesten Sinne auf das
Christentum zu sehen, so wird man sich auch bei einer oberflach-
lichen weltgeschichtlichen Betrachtung sagen konnen: Wenn man
von dem, was in uns als die christlichen Anschauungen, die christ-
lichen Uberzeugungen lebt, aus denen sich soviel von unseren
allgemein geistigen Anschauungen und Uberzeugungen herausge-
bildet hat, viel mehr, als man heute zugeben will, wenn man den
Ursprung dieser Uberzeugungen und Anschauungen sucht, so wird
man zuletzt doch auf den Weg kommen, den das Christentum
genommen hat vom Orient heniber zum Okzident. Und man kann
ja nach dem Leitfaden, den man in solcher Art gewonnen hat, weiter
Umschau halten, und man wird finden, dafi jene Wege, die sich
ergeben, wenn man unsere geistige Bildung zuriickverfolgt - jene
Wege, die ins Lateinisch-Romische hinein, ins Griechische fuhren,
von denen unsere geistige Bildung doch innerlich noch die Nachfol-
gerschaft deutlich zeigt dafi diese Wege zuletzt hmuberfuhren in
die besondere Geistesverfassung, in die besondere Seelenkonstitu-
tion, durch welche vor Jahrtausenden, vor vorgeschichtlichen Jahr-
tausenden, aus dem Orient heriiber gerade unser mehr auf das
Innere, auf das Seelisch- Geistige gerichtetes Bildungsleben seinen
Ursprung genommen hat. Nur weil dieses Bildungsleben, diese
innere Geistesanschauung sich im Laufe der Jahrhunderte und
Jahrtausende sehr gewandelt hat, bemerken wir heute nicht mehr,
wie es seine Herkunft ableitet von dem, was, wie gesagt, vor
vorchristlichen Jahrtausenden aus einer Geistesverfassung heraus,
die den heutigen zivilisierten Menschen ganz fremd geworden ist,
seinen Ursprung genommen hat. Man mufi, um diesen weiten Weg
zu verstehen, nicht allein zuriickgehen auf das, was die aufiere,
durch Dokumente zu belegende Geschichtsschreibung bietet, man
mufi iiber das, was diese Geschichtsschreibung sagen kann, hinaus-
gehen eben in vorgeschichtliche Zeiten. Das wird dem gegenwar-
tigen Menschen recht schwierig. Denn der denkt in seinem Inner-
sten, dafi er es im Laufe der letzten Jahrhunderte, vielleicht erst des
allerletzten Jahrhunderts, in geistigen Dingen «so herrlich weit
gebracht» habe, daft alles dasjenige, was in Zeiten liegt, auf die eben
hingedeutet worden ist, in das Gebiet des Kindlichen, des Primiti-
ven verwiesen werden miisse.
Wer nun aber ungetriibt durch ein solches Vorurteil den Weg in
die alte Kultur des Orients zuriickzugehen vermag, der sieht, dafi
allerdings in den vorchristlichen Zeiten im Orient die Zivilisation,
die Geistesbildung eine wesentlich andere war, dafi sie aber durch-
aus intensive geistige Inhalte den menschlichen Seelen bot. Nur
wurden diese auf ganz andere, ich mochte sagen, auf radikal andere
Weise erreicht, als heute das erreicht wird, was die Menschen
beherrschen sollen, die an hoheren Schulen sich eine hohere Geistes-
bildung aneignen.
Wer einstmals im alten Orient die hohere Geisteskultur sich
aneignen sollte, der mufite durchmachen, nachdem er auserwahlt
war von den Leitern und Lenkern der betreffenden Bildungsstatten,
eine vollige Umwandlung seines ganzen menschlichen Wesens. Von
den Bildungsstatten dieses alten Orients spreche ich. Der Geistes-
wissenschaft, von der hier gesprochen wird, sind sie erkenntnis-
mafiig zuganglich; aber wenn man vorurteilslos genug ist, wenn
man einen gewissen Mut des Denkens und Erkennens hat, dann
kann man auch aus dem, was geschichtlich iiberliefert ist, zuriick-
schliefien auf das, was da vorgeschichtlich vorhanden war. Von
diesen Bildungsstatten mufi man so sprechen, dafi sie dasjenige wie
in einer inneren Einheit batten, was bei uns getrennt auftritt. Diese
Bildungsstatten, auf die zuriickweist alles, was wir eigentlich heute
noch in uns tragen, aber in wesentlich verwandelter Gestalt, sie
waren zugleich das, was wir heute Kirche nennen, aber auch das,
was wir heute Schule nennen, waren zugleich auch das, was wir
heute Kunstanstalten nennen. Kunst, Wissenschaft, Religion, sie
bildeten in alteren menschlichen Zivilisationen eine Einheit. Und
wer in diesen Bildungsstatten entwickelt werden sollte, der mulke
s ein en ganzen Menschen zur Entwickelung bringen. Er mulke
seinen ganzen JVIenschen umwandeln. Er mufite eine andere Form
des Denkens annehmen als diejenige, die im alltaglichen Leben die
wirksame ist. Er mufite sich hingeben beschaulichem Denken. Er
mufite sich daran gewohnen, mit dem Denken so umzugehen, wie
man sonst nur mit der aufieren Welt umgeht. Er mufite sich aber
auch daran gewohnen, sein ganzes Gefiihls- und Willensleben
umzuwandeln. Man macht sich heute schwer eine Vorstellung von
dem, was in solcher Richtung angestrebt worden ist. Denn wie
denken wir eigentlich iiber unser Leben? Wir geben zu: das Kind,
das mufi entwickelt werden. Seine Fahigkeiten und Krafte, mit
deren Anlagen es in die Welt hereinversetzt ist, sie miissen durch die
Erziehung entwickelt werden. Nun ja, das Kind kann sich nicht
selber erziehen; die anderen, die Erwachsenen, haben zunachst die
Anschauung, daft das Kind mit seinen Fahigkeiten und Kraften
entwickelt werden mufi. Und wir machen das Kind auch anders in
bezug auf sein Denken, Fiihlen und Wollen, als es hereingeboren
wird in die Welt. Wenn wir aber nun dem Menschen zumuten, dafi
er auch dann noch, wenn er bereits zu seinem eigenen Willen
gekommen ist, wenn nicht mehr die anderen aus ihren Anschau-
ungen heraus seine Entwickelung besorgen, diese Entwickelung
fortsetzen soli, dann findet der gegenwartige Mensch darin eine
sonderbare Zumutung; denn man soil nur entwickelt werden,
solange man diese Entwickelung nicht durch eigene Willkur besor-
gen, nicht selbst in die Hand nehmen kann. Kommt man einmal zu
einer gewissen Freiheit in bezug auf sein eigenes Entwickeln, dann
verlafit man die Entwickelung. Das ist der intellektuelle Hochmut,
in dem wir heute leben. Wir denken in dem Augenblicke, wo wir in
die Lage kamen, unsere Entwickelung selbst in die Hand zu neh-
men, wir seien schon fertig, und stellen uns als fertige Menschen in
die Welt hinein.
Solch eine Anschauung gab es innerhalb jener Zivilisation, auf die
ich hier hindeuten mochte, nicht, sondern der Mensch wurde weiter
und immer weiter entwickelt. Und ebenso wie dasjenige, was das
Kind imstande ist zu erkennen, zu fiihlen, zu tun, nachdem es durch
eine gewisse Schulung gegangen ist, wie das in der Seelenverfassung
eine Art Aufwachen darstellt, so gibt es fur die Weiterentwickelung,
die der Mensch nun in die Hand nehmen kann, auch ein solches
Aufwachen. Zu diesem Aufwachen in Seelentatigkeiten, die hohere
waren gegeniiber den gewohnlichen in demselben Sinne, wie die
hoheren Fahigkeiten der Erwachsenen hoher sind als die des Kin-
des, zu solchem Aufwachen wurde der orientalische Mysterien-
schiiler erzogen. Und man hatte die Anschauung, daft nur derjenige
urteilsfahig sei iiber die hochsten Angelegenheiten des Lebens,
welcher also jene spatere Erweckung im besten Sinne des Wortes im
Leben durchgemacht hat. Und vorbereitet wurde man da nicht etwa
blofi dazu, nun ein Mensch zu sein, der, wenn er nachdenkt, wenn er
ein gewisses innerliches Ftihlen und Empfinden entwickelt, durch
das Wissen von seinem Zusammenhang mit einer geistigen Welt sich
befriedigt fiihlt, nein, entwickelt wurde da nicht nur die Fahigkeit
fur eine Weltanschauung, entwickelt wurden da jene Fahigkeiten,
durch die das soziale und aufierlich technische Leben geleitet, durch
die das menschliche Zusammenleben dirigiert wurde. Das ganze
Leben wurde da aus der geistigen Bildung und Entwickelung heraus
beeinflufit.
Wir konnen uns so schwer zuriickversetzen in das, was da am
Ausgangspunkt unserer neueren menschlichen Entwickelung vor
Jahrtausenden im Orient driiben waltend war, weil unsere ganze
Seelenverfassung mit der Fortentwickelung der Menschheit etwas
anderes geworden ist, weil wir zu anderen Empfindungen und
Anschauungen iiber das Leben gekommen sind. Denjenigen Men-
schen, die in der hier angedeuteten Geistesbildung drinnenstanden,
war es instinktiv, zu einer solchen Umbildung des menschlichen
Wesens hinaufzuriicken. Die Instinkte dieser Menschen waren
andere. Sie tendierten hin zu einem solchen Erschauen des Geistes-
lebens nach einer gewissen Umbildung. Die Menschen, die nicht
selbst solche Ausbildung durchmachten, sahen aus ihren Instinkten,
die auch bei ihnen vorhanden waren, zu demjenigen empor, was die
Ausgebildeten ihnen geben konnten. Sie folgten ihnen in bezug auf
die Ausbildung ihres inneren Seelenlebens. Sie folgten ihnen aber
auch in bezug auf die Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens, in
bezug auf das Sich-Hineinstellen in das Gesamtleben.
Die Instinkte, die zu solchem Leben fiihrten, sie sind ebenso aus
der heutigen Gesamtkultur der Menschheit heraus, wie beim Er-
wachsenen die besonderen Seeleninstinkte des Kindes umgewandelt
sind. Aber durch diese Instinkte, im Zusammenhang mit dem, was
aus jenen Bildungsstatten, die man eben Mysterien nennen kann,
erwachsen ist, ergab sich eine menschliche Seelenstimmung, durch
die man gar nicht anders konnte, als das, was des Menschen
Wesenskern ist, nicht hier in dem Umkreis des Lebens zu suchen,
der den menschlichen Leib in sich schliefit, sondern diese ganze
Lebensanschauung fuhrte dahin, auch gewissermafien instinktiv
sich zu erheben, im ganz popularen Bewufitsein sich zu erheben zu
dem hoheren Menschen im Menschen, zu demjenigen im Men-
schen, was wesentlich geistig-seelischer Art ist, zu demjenigen im
Menschen, was zwar im sinnlichen Leibe fur die Zeit zwischen
Geburt und Tod erscheint, was aber in sich selber ewig ist und einer
geistigen Welt angehort, in die man eben instinktiv hineinschaute.
Etwas Ubermenschliches, wenn ich diesen Ausdruck, der durch die
Nietzsche-Anhanger etwas bedenklich geworden ist, gebrauchen
darf, etwas Ubermenschliches wurde als das Wesen des Menschen
angesehen. Dasjenige, worauf der Mensch hinsah als auf sein eigenes
Wesen, war etwas, was iiber diesen gewohnlichen Menschen hinaus-
ging. Darin war jene Bildung grofi: den Menschen aufzusuchen
seinem Wesen nach in einem Geistig-Seelischen, das im Leiblichen
nur seinen Ausdruck findet, das aus geistig-seelischer Welt herein-
greift in das ganze Menschenwesen, dieses Menschenwesen in
seinen materiellsten Aufierungen vom Geistig-Seelischen aus diri-
gierend.
In vielen Metamorphosen, durch viele Umwandlungen hindurch
ist das, was da als Inhalt der Geistesbildung zustande kam, dann
ausgearbeitet worden im Orient, ist in weiten Umwandlungen
herubergekommen nach Griechenland. Es erscheint da, ich mochte
sagen, filtriert. Wahrend wir in der altesten Griechenzeit, die Fried-
rich Nietzsche genannt hat das tragische Zeitalter der Griechen,
noch etwas sehen von einem solchen Hinauflenken des ganzen
Menschen zum hoheren Menschen, tritt in der spateren Griechen-
zeit das ein, was man in einem umfassenderen Sinne das dialektische,
das rein intellektuelle Wesen des Menschen nennen kann. Es wurde
gewissermafien der ganze reiche und intensiv allmenschliche Inhalt
einer Urkultur filtriert und weiter und weiter filtriert, und im
verdiinntesten Zustande kam er heriiber in unser Zeitalter. Und so
bildet das die eine Stromung unseres Lebens, was durchaus hinauf-
ging zum geistig-seelischen Menschen und was dem Menschen ein
Bewufitsein gab, durch das er sich in jedem Augenblick des Lebens,
beim Gebet und bei der schmutzigsten Arbeit, als einen aufierlichen
Ausdruck fuhlte des geistig-seelischen Menschen.
Wir werden im dritten Vortrage sehen: das Mysterium von
Golgatha, von dem das Christentum in seiner Entwickelung auf
dieser Erde ausgegangen ist, stent als eine Tatsache fur sich da, die in
verschiedenen Zeitaltern in verschiedenster Weise begriffen werden
kann. Aber das, woraus man gepragt hat das nachste Verstandnis
dieses Mysteriums von Golgatha, das war das, was man an Bildung
vom Orient heriibergebracht hatte. Und im Grunde genommen lebt
in alledem, was wir auch heute noch aufbringen zum Begreifen des
Christentums, dasjenige, was letztes, allerdings geistesmafiig ver-
diinntes Erleben des Orients ist. Es gibt eine gewisse Eigentiim-
lichkeit dieser ganzen Seelenkonfiguration, die nur mehr in ihrer
letzten Metamorphose in uns lebt. Und diese Eigentumlichkeit mufi
man in dem Folgenden suchen.
So grofi und gewaltig diese Weltanschauung ist mit Bezug auf das
Hinaufgehen zum Ubermenschlichen im Menschen, herunter-
steigen zu dem, wozu die abendlandische, die westliche Zivilisation
gestiegen und worin sie grofi geworden ist, hatte diese orientalische
Zivilisation niemals konnen. Den Ubermenschen, den geistig-seeli-
schen, konnte sie hervorbringen, etwas anderes konnte sie nicht
hervorbringen. Es ist etwas, worauf ich in anderen Zusammen-
hangen hier schon hingedeutet habe. Gerade in der Zeit, als schon
die letzte Metamorphose des orientahschen Geisteslebens im
Abendlande begann Platz zu greifen, da fing ein Ansatz zu einem
neuen Geistesleben an, zu einem Geistesleben, das bis in unsere Zeit
in der Lebenspraxis allerdings gewaltige Bliiten hervorgebracht hat,
aber Bliiten ganz anderer Art als das eben geschilderte orientalische
Geistesleben. Sehen wir auf diese anderen Bliiten.
Auf folgende Tatsache mochte ich da noch einmal hinweisen. Ich
habe sie, wie gesagt, von anderen Gesichtspunkten aus auch hier
schon angefiihrt. Wenn wir heute die gebrauchlichen Handbiicher
durchschauen danach, wie viele Menschen auf der Erde sind, so
wird uns gesagt, ungefahr 1500 Millionen Menschen bewohnen die
Erde. Wenn wir auf das schauen, was innerhalb der menschlichen
Zivilisation gearbeitet wird, wenn wir auf die Arbeitskrafte schauen,
die in unserem Menschenwesen und Menschenleben tatig sind, dann
miissen wir merkwiirdigerweise etwas anderes sagen. Dann miilken
wir eigentlich sagen: die Erde arbeitet so, wie wenn sie nicht blofi
von 1500 Millionen Menschen, sondern von 2200 Millionen Men-
schen bewohnt ware. Seit drei bis vier Jahrhunderten arbeitet unsere
Welt der Maschinen so, daft dadurch Arbeit geleistet wird, die man
sich denken konnte auch von Menschen geleistet. Wir ersetzen
menschliche Arbeitskraft durch Maschinenkraft. Und wenn man
umrechnet, was unsere Maschinen leisten, in menschliche Arbeits-
kraft, so bekommt man heraus, wenn man achtstiindige Arbeitszeit
in Anschlag bringt, dafi in unserer Erdenarbeit drinnenstecken
sieben- bis achtmal hundert Millionen Menschen, das heifit, nicht
wirkliche Menschen, sondern menschliche Arbeit, die aber durch
Maschinen aufgebracht wird.
Das ist etwas, was hineingeliefert wird in die Menschheitszivili-
sation durch jene Geisteskrafte, die erwachsen sind dem Menschen
des Westens, jene Geisteskrafte, die niemals hatten in gerader Linie
sich entwickeln konnen aus jener inneren Geistes- und Seelenkul-
tur, die in so grandioser Weise zu dem Ubermenschen hinauf, zu
dem hoheren Menschen im Menschen, zu dem geistig-seelischen
Menschen sich aufgeschwungen hatte. Diese Kultur blieb in gewis-
sen Seelenhohen. Sie durchdrang nicht das, was wir heute prakti-
sches Leben nennen. Sie hatte niemals totes Metall oder sonstiges
Material in solchen Zusammenhang bringen konnen, daft mitten
unter den Menschen arbeitet, jetzt allerdings kein Ubermensch,
aber ein Untermensch, ein Mensch, der eigentlich gegeniiber den
Menschen aus Fleisch und Blut ein Homunkulus ist, ein Mecha-
nismus, der aber in die menschliche Kultur hereinstellt das, was
sonst Menschen hereinstellen konnten. Das ist das Wesentliche
unseres westlichen Geisteslebens. Es ist um so mehr charakteristisch
fur dieses westliche Geistesleben, je weiter wir nach dem Westen
kommen, wo aus diesem Geistesleben hervorgegangen ist der me-
chanische Mensch, der Untermensch, wie aus dem orientalischen
Geistesleben der seelisch-geistige Mensch, der Ubermensch hervor-
gegangen ist.
Dafi aber solches geschaffen werden konnte im Westen, das ist
hier nicht eine isolierte Erscheinung des Zivilisationslebens. Es
hangt ja zusammen mit der ganzen Ausbildung des Vorstellens,
Fuhlens und Denkens. Die Menschen, die diesen Homunkulus ins
Leben hereinstellten, die sind in ihrer ganzen Seelenverfassung
selbstverstandlich grofi nach der anderen Richtung hin als der
orientalische Mensch. Man kann heute das Leben nicht durch-
schauen, wenn man nicht diesen Gegensatz in seiner ganzen Intensi-
tat durchschauen kann. Denn auf der einen Seite tragt dieser moder-
ne Mensch in sich noch die letzte Metamorphose desjenigen, was
ihm vom Orient gekommen ist, und auf der anderen Seite nimmt er
auf schon seit Jahrhunderten das andere, was das Wesentlichste des
westlichen Geisteslebens ist. Ein Ausgleich ist heute noch nicht da.
Wie zwei getrennt voneinander fliefiende Stromungen, so stehen sie
da, die Stromung vom Ubermenschen, wenn auch sehr verandert,
die Stromung vom Untermenschen, wenn auch erst in ihrem Anfan-
ge. Und der moderne Mensch, der Mensch der Gegenwart, wenn er
zum Bewufitsein erwacht, dafi in seiner Seele unvermittelt diese
beiden Stromungen leben, er leidet seelisch, geistig und wohl auch
leiblich an dem Mifiklang, der da herauskommt. Gewifi, das sind
Dinge, die sich so tief in demjenigen abwickeln, was unbewufk und
unterbewufit bleibt, daft in das Bewufksein des Menschen herauf,
nicht allein nur in dieses, sondern sogar in seine Leibeskonstitution
ganz anderes eintritt als die eigentliche Ursache. Der moderne
Mensch findet sich nervos, findet sich unzufrieden in den Verhalt-
nissen. Hunderterlei konnte man anfiihren, wie dieser moderne
Mensch einen Mifiklang zwischen sich selbst und der Umgebung
fiihlt, wie dieser Mifiklang auch in seiner leiblichen Gesundheit zum
Ausdruck kommt. Das, was angefiihrt worden ist, das steckt dahin-
ter. Es steckt dahinter die grofie Frage: Wie bringen wir fiir die
Zivilisation der Zukunft das in Einklang, was den Untermenschen
hervorgebracht hat, mit dem, was in seiner letzten Phase in uns lebt
als Erbstuck einer Zivilisation, die zum geistig-seelischen Menschen
gefiihrt hat?
Dieses, was da liegt in den Kraften unserer Zivilisation, wie ich es
Ihnen eben angefiihrt habe, das sucht sich anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft besonders vor die Seele zu stellen. Sie
sieht als ein notwendiges, von den bedeutsamsten Zeitforderungen
getragenes Ziel vor sich einen Ausgleich zwischen den Seelenkraf-
ten, die in der einen Richtung, und den Seelenkraften, die in der
anderen Richtung gefiihrt haben. Und sie ist sich bewufit, wie
ungeheuer notwendig und bedeutungsvoll es fiir die Menschheit ist,
die Wege zu finden zu diesem Ziele. Instinktiv habe ich das orientali-
sche Geistesleben genannt.
Aus den Instinkten der alten Menschen war dieses Geistesleben
herausgeboren. Wir haben es als Erbstuck erhalten. Aber wir haben
es erhalten in einem schon intellektualisierten Zustande; in Begrif-
fen, in Vorstellungen recht abstrakter Art hat es sich in unsere
Zivilisation hineingelebt. Denn wir haben nicht mehr die Instinkte,
die der ehemalige Trager dieses Geisteslebens hatte. Man mag, soviel
man will, davon phantasieren, dafi der gegenwartige Mensch zur
Naivitat zuriickkehren, dafi er wiederum instinktiv werden soil.
Man hat gewifi in einer Beziehung recht mit einer solchen Forde-
rung. Allein die Naivitat wird sich in anderer Weise ausdnicken als
fruher. Das Instinktleben wird nach anderen Richtungen gehen.
Und zu fordern, wir sollten so werden wie Menschen fruherer
Jahrtausende, das kommt gleich der Forderung: der Erwachsene
solle spielen wie das Kind. Nein, weder konnen wir zuriickgehen,
um unsere tiefsten Seelenbedurfnisse zu befriedigen, in die Zivili-
sation abgelebter Jahrtausende, noch konnen wir, wenn wir nicht in
Dekadenz verfallen wollen, als abendlandische Menschen «ex orien-
te lux» rafen; nein, das diirfen wir nicht rufen, aus dem Orient
komme uns das Licht. Denn das Licht, das heute dort ist, das hat
ebenfalls viele Metamorphosen durchgemacht, und wir konnen uns
durchaus nicht der Illusion hingeben, dafi das, was heute noch
irgendwo im Orient zu finden ist, eine Spiritualitat darstelle, die
irgendwie fruchtbar in unsere Zivilisation hineingreifen konne. Es
war eine Dekadenz der schlimmsten Art, als eine theosophische
Bewegung sich geltend machte aus den religiosen und Kulturbe-
diirfnissen des Abendlandes heraus, aus dem Maschinenzeitalter
heraus, das sich auch eine mechanistische Weltanschauung, die den
Menschen nicht befriedigen kann, gebildet hatte, es war Dekadenz
der schlimmsten Sorte, dafi man in dasjenige Gebiet ging, das die
heutige dekadente orientalische Nachfolgerschaft eines geistigen
Lebens friiherer Zeiten hat. Wenn man indische Kultur heute
aufgesucht hat, um sie der Theosophie des Abendlandes einzuver-
leiben, so zeigte das eben, wie unfruchtbar man geworden war, wie
nicht mehr sich die Schaffenskrafte regen aus dem eigenen Geistes-
leben heraus, wie man nur grofi sein konnte im Mechanistischen,
wie man aber keinen eigenen Weg fand in diejenigen Gebiete hinein,
die die Seele braucht zu ihrer Anschauung von dem wahren geistig-
seelischen Wesen des Menschen.
Diese Tendenz liegt iibrigens dem heutigen Leben nur allzu sehr
zugrunde. Sehen wir denn nicht, wie diejenigen, die mit dem
gegenwartigen Christentum unzufrieden sind, oftmals nachfor-
schen: Wie war das Christentum fruher? Wie war das Urchristen-
tum? Machen wir es wiederum so, wie es die Urchristen gemacht
haben. Als ob wir nicht fortgeschritten waren seither, als ob wir
nicht ein neues Verstandnis des Christentums brauchten! Oh, es ist
iiberall das Charakteristikon der Unfruchtbarkeit da, der Unmog-
lichkeit des eigenen Schaffens. Nein, das will anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft nicht: Anleihen machen bei irgend-
einer alten Kultur oder bei der gegenwartigen Nachfolgerschaft
einer alten Kultur.
Gerade wenn man das Konkrete desjenigen begreift, worin an-
throposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurzelt, wird man
das Gesagte leicht einsehen. Sie konnen horen, wie der heutige
Orientale noch, ich mochte sagen, wie nachbildend alte Methoden,
den Weg ins Geistige sucht in einem gewissen Atmungsprozesse, in
einer Regelung des Atmens diejenige Menschheitskonstitution aus-
zubilden sucht, durch die man innere Erkenntniskrafte und Fiih-
lenskrafte und Willenskrafte findet, um in die geistige Welt hinauf-
zusteigen, wo der geistig-seelische Mensch zu finden ist, wo wahre
Selbsterkenntnis ist. Der Orientale tut heute das, was der Orientale
in friiheren Jahrhunderten und Jahrtausenden immer fur solchen
Weg getan hat, er steigt herunter von dem blofien intellektuellen
Leben des Kopfes in das Leben des ganzen Menschen. Er weifi,
welcher innere organische Zusammenhang ist zwischen der Art, wie
wir ein-, wie wir ausatmen - ich werde in den nachsten Tagen davon
noch sprechen — und dem Vorgang unseres Vorstellens und Den-
kens. Aber er weifi auch, daft das Denken und Vorstellen wie
herauswachst aus dem Atmungsprozefi. Und so mochte er zuriick-
gehen zu der Wurzel des Denkens, zum Atmungsprozeft. In einer
Regulierung des Atmungsprozesses sucht er den Weg hinauf in die
geistige Welt. Diesen Weg konnen wir nicht nachmachen. Wiirden
wir ihn nachmachen, so wiirden wir siindigen wider unsere ganz
anders gewordene Menschenkonstitution. Das innere Gefiige unse-
res Gehirns und Nervensystems ist ein anderes als dasjenige, aus
dem die instinktive Geisteskultur des Orients hervorgegangen ist.
Wiirden wir heute als das Richtige ansehen, uns nur einem regu-
lierten Atmungsprozefi hinzugeben, so wiirden wir verleugnen das
intellektuelle Leben. Wir wiirden verleugnen das, wofiir wir heute
konstituiert sind.
Wir miissen, um die Wege in die geistige Welt hinaufzugehen,
andere Metamorphosen einschlagen. Wir miissen nicht mehr zu-
riickgehen vom Denken zu Leibesvorgangen wie dem Atem, wir
miissen das Denken selber ausbilden. Deshalb mufi heutige, auf der
Hohe ihrer Zeit lebende Geisteswissenschaft sprechen von einer
Ausbildung des intellektuellen Lebens, aber nicht desjenigen intel-
lektuellen Lebens, das man heute fast einzig und allein kennt.
Gerade dieses intellektuelle Leben hat uns fur den ganzen Umfang
des Lebens wie ausgedorrt gemacht, trocken und niichtern gemacht.
So sehr auch von einzelnen Seiten in der Gegenwart gewettert wird
gegen den einseitigen Intellektualismus, man bringt ja nichts auf, urn
diesen Intellektualismus wirklich bekampfen zu konnen. Man fuhlt,
die blofien Begriffe, auch diejenigen, die aus der ernsten und
gewissenhaften Wissenschaft genommen sind, lassen die Seele kalt,
so dafi sie die Wege durch das wahre Leben nicht findet. Aber man
findet andererseits nicht die Moglichkeit, dieses intellektuelle Leben
nach einer Richtung hin zu lenken, die befriedigend sein kann, weil
man gerade dasjenige vermeiden will, was die hier gemeinte Gei-
steswissenschaft als das Richtige fur den Gegenwartsmenschen
ansehen mu8. Der Gegenwartsmensch kann nicht, wenn er einsieht
die Trockenheit, die Nuchternheit, das Einseitige des blofien Intel-
lektualismus, aus irgendeinem, wie man oftmals sagt, vorgedank-
lichen, primitiven elementarischen Leben heraus Emotionen holen,
urn sich aufzubessern als intellektueller Mensch. Er kann nicht, ich
mochte sagen, in einem blindwiitigen Leben, das man nicht versteht,
dasjenige suchen, was er aufierlich anleimen will an die intellektua-
listische Zivilisation.
Deshalb sucht anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
durch ubungsmafiige Entwickelung der Seele dasjenige, wonach
dieser moderne Mensch eigentlich zur wirklichen Befriedigung
seiner Seele lechzt. Im einzelnen habe ich beschrieben im zweiten
Teil meiner «Geheimwissenschaft», in meinem Buch «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in anderen meiner
Schriften, wie dieser Weg in einer dem abendlandischen Menschen
angemessenen Weise gegangen werden soil. Prinzipiell will ich nur
andeuten, dafi es sich darum handelt, das Seelenleben so in die Hand
zu nehmen, dafi man allerdings vermeidet, Vorstellungen, Begriffe,
Ideen ins Hochste hineingehend zu entwickeln, daft man also nicht
einseitig bloft das Gedankenleben entwickelt, sondern die Seele so
iibt, da£ mit den Gedanken selber, die da kommen, die sich
verbinden, die sich trennen, die lebendigsten Gefiihle sich verbin-
den. Wahrend heute der einseitige Intellektualist niichtern in seinern
Gedankenleben ist, aber auch dieses Gedankenleben spazieren lafit
auf dem dem Leben fremden Gebiete der Wissenschaft oder auf
anderen Gebieten und sonst gedankenlos sich ins Leben hineinlebt,
sucht dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissen-
schaft ihr Uben nennt, ins Denken sich zu vertiefen, aber an dieser
Vertiefung des Denkens Gefiihl zu entwickeln, so daft man sich
freuen kann, zornig werden kann, dafi man hassen und lieben kann
das, was man nur denkt, wie man Menschen hafit und liebt, wie man
zornig wird iiber aufiere Ereignisse, dafi ein ganzes inneres Leben
aufgeht, in solcher Lebendigkeit aufgeht, wie das aufiere Leben ist.
Dafi dies systematisch gemacht werden kann, dafur sollen eben die
genannten Biicher Zeugnis ablegen.
Dann aber, wenn der Mensch solche Wege aufsucht, wenn er
wirklich das, was sonst in seinem Inneren schlaft an Erkenntnis-, an
Fiihlens- und Wollenskraften, zur Entwickelung bringt, wenn er
also nicht vom Leibe aus, wie die alte orientalische Kultur, in einem
regulierten Atmungsprozefi, sondern von der Seele und vom Geiste
aus seine Entwickelung in die Hand nimmt, dann findet er den Weg
in die geistige Welt hinein. Und was wendet er fur Krafte an? Er
wendet die Krafte an, durch die seine Zivilisation grofi geworden ist.
Er wendet die Krafte an, die er auch anwandte, indem er seine
Maschinen ausbaute, indem er seine mechanistischen Kopernikani-
schen, Galileischen, Keplerschen, Newtonschen astronomischen
Anschauungen entwickelte. Was von unserem Geiste und von
unserer Seele in die Maschinen hinein sich an Scharfsinn des Vorstel-
lens entwickelt, was lebt in unserer Astronomie, in unserer Chemie,
was liegt in unserem sozialen Leben, alles das wird ausgebildet. Der
Orientale hatte das gar nicht. Er hatte sein Seelenleben nicht bis zu
diesen Seelenkraften fortsetzen konnen. Er mufite zur Atmung des
Leibes gehen, um den Erkenntnisweg zu beschreiten. Wir miissen
einsetzen da, worinnen wir im aufieren praktischen Leben einset-
zen. Wir miissen von denselben Seelen- und Geisteskraften ausge-
hen, die in unserer mechanistischen Kultur leben, die den Unter-
menschen in sieben- bis achthundert Millionen Exemplaren hervor-
gebracht haben. Wir miissen einen neuen Orient, das heifit, ein
Erschauen des Hoheren, des Ewigen, des unsterblichen Menschen
aus dem Sinnlichsten, aus dem Maschinellsten, aus demjenigen
herausbilden, was unserer abendlandischen Zivilisation als der Weg
zum Untermenschen sich erweist.
Allerdings, es ist den modernen Menschen nicht in alien Punkten
sympathisch, was also in die moderne Zivilisation sich hineinstellen
will. Denn dieser moderne Mensch, er verlangt ja eben, das Kind
solle sich entwickeln, denn das kann noch nicht selber die Entschei-
dung iiber seine Entwickelung treffen. In dem Augenblick, wo er
selber die Entscheidung treffen soli, da lafit er sich nicht mehr ein auf
die Entwickelung; da ist man fertig; da lalk man sich in die
Stadtversammlung, ins Parlament wahlen, denn man weifi ja alles.
Man kennt alles. Man braucht nicht mehr hinunterzusteigen zu der
Entwickelung der Fahigkeiten, durch die man etwas weifi. Man ist
Kritiker fur alles, wenn man nur einmal zum Bewufitsein seiner
Willkiir gekommen ist, wenn nur die anderen allein nicht mehr
herummurksen diirfen in bezug auf die Entwickelung. Dieser mo-
derne Mensch, er mufi eben den Weg suchen, hinaufzusteigen
wiederum zu jenen Hohen, wo man findet den geistig-seelischen
Menschen.
Nun ist die Sache ja so, dafi vorlaufig der innere Antrieb, diesen
geistig-seelischen Menschen zu suchen, den Weg zu diesen Erkennt-
nissen zu beschreiten, noch ein entsagungsvoller ist, denn dieser
Weg fordert ein Leben, das allerdings in Schmerzen und Leiden vor
sich geht, ein Leben, das heute noch nicht jeder gehen mufi, nicht
jeder gehen kann, auch nicht jeder zu gehen braucht. Aber geradeso,
wie nicht jeder ein Chemiker werden kann, aber die Ergebnisse der
Chemie fur alle Menschen nutzlich werden konnen, wie nicht jeder
ein Astronom werden kann, aber die Ergebnisse der Astronomie in
alle Seelen hineinspielen konnen, so kann es wenige Geistesforscher
geben, aber die Ergebnisse dieser Geistesforschung, sie konnen -
das habe ich hier oftmals gesagt - mit dem gewohnlichen gesunden
Menschenverstande begriffen werden. Die wenigen Geistesforscher
konnen ihre geistigen Schauungen mitteilen, und der gesunde Men-
schenverstand wird sie begreifen. Aber das leugnen ja heute gerade
die Menschen. Sie kommen und sagen: Was du Geistesforscher uns
mitteilst, das mogen schone Phantasien sein; aber wir zergliedern es
logisch, wir lassen es nicht gelten, denn vor unserem Menschenver-
stand zeigt es sich nicht. Zum hoheren Schauen haben wir uns noch
nicht hinaufgebildet.
Man erfahrt ja auf diesem Gebiete ganz sonderbare Dinge. Eben
ist wieder eine Broschiire erschienen uber das, was ich als anthropo-
sophisch orientierte Weltanschauung vor der Menschheit heute zu
vertreten habe. Da sagt ein Mann, der, nun, «Universitatsprofessor»
ist, der sagt da, wo er mich abkanzelt als Philosoph und, wie er sagt,
als Theosoph: Ja, da behauptet dieser Steiner, dafi man ja auch ein
Chemiker werden miisse, um die chemischen Dinge zu verstehen,
ein Physiker werden miisse, um die physischen Dinge zu verstehen;
das kann man ihm zugeben. Aber nun ist es sehr merkwurdig, wie
sich dieser Herr sonderbar verhalt. Er sagt: Jeder kann einverstan-
den sein damit, dafi die Chemiker dieses oder jenes behaupten, denn
wenn er selbst Chemiker wird, so wird er ja einsehen, dafi das richtig
ist; jedermann kann einverstanden sein mit dem, was die Physiker
behaupten, denn wenn er selbst Physiker wird, so wird er einsehen,
dafi das richtig ist, was die Physiker sagen. Aber um dasjenige
einzusehen, was Geisteswissenschaft sagt, miifite man ja besondere
Fahigkeiten entwickeln.
Etwas anderes sage ich aber auch nicht. Wie der Mensch, um tiber
Chemie ein Urteil zu haben, Chemiker werden mufi, wie der
Mensch, um tiber Physik ein Urteil zu haben, Physiker werden
mufi, so mufi der Mensch, um uber Geisteswissenschaft zu ent-
scheiden, Geisteswissenschafter werden. Aber nun sagt, seinen Text
weitersetzend, jener sonderbare - vielleicht ist er gar nicht sonder-
bar - Universitatsprofessor: Es handelt sich nicht darum, dafi das,
was Steiner behauptet, sich nur vor geisteswissenschaftlich geschul-
ten Leuten rechtfertigen lafit, sondern es mufi sich vor mir recht-
fertigen lassen! Das heifit, es mufi sich rechtfertigen lassen vor dem,
der nicht nur keinen Dunst davon hat, sondern sich auch nicht
verschaffen will.
Das ist allerdings ein «gesunder Menschenverstand», in Anfiih-
rungszeichen geschrieben, der nicht taugt, das zu verstehen, was
Geisteswissenschaft zu verzeichnen hat. Der unbefangene gesunde
Menschenverstand wird es fassen. Ja, man wird iiber diese Dinge
vielleicht in der Zukunft noch ganz anders denken, als man heute in
vielen Kreisen gewohnt ist, zu denken. Die Welt ist da. Die Philoso-
phen haben sich immer gestritten urn die Welt. Nun, die Philoso-
phen werden doch gesunden Menschenverstand haben. Und man
kann sogar sagen, wenn man unbefangen ist: die Philosophie ist
besser als ihr Ruf. Aber die Philosophen streiten sich. Und ist man
unbefangen, so kann man sogar demjenigen einen gewissen Scharf-
sinn auf philosophischem Gebiete zubilligen, der das Gegenteil von
dem sagt, was eben ein anderer vorbringt, wiederum aus einem
gewissen Scharfsinn heraus. Ja, man kommt, wenn man hier auf
diesem Gebiete unbefangen ist, dazu, ein sehr merkwurdiges Urteil
iiber den gesunden Menschenverstand zu gewinnen. Er ist da. Die
Leute reden im allgemeinen in diesem gesunden Menschenverstand.
Aber er ist ja gar nicht geeignet, die Welt zu begreifen, sonst
brauchten sich die Philosophen nicht zu streiten. Die Welt, die
aufierlich den Sinnen vorliegt, so ohne weiteres zu begreifen, dazu
scheint gar nicht zu taugen dieser gewohnliche gesunde Menschen-
verstand. Man probiere es einmal, ob er dasjenige begreift, was
Geisteswissenschaft zu sagen hat, und man wird sehen: der Weg
wird sich eroffnen, dafi man gerade das begreifen wird. Es ist
Wischiwaschi, nicht einmal blofi ein Vorurteil, wenn man sagt:
Geisteswissenschafter behaupten auch verschiedenes; der eine das
oder der andere das. Das sagt man ohne Kenntnis der Tatsachen.
Lernt man die Tatsachen kennen, so wird man dies nicht mehr
behaupten.
So wird allerdings manches Vorurteil und namentlich manches
Vorempfinden iiberwunden werden miissen, wenn sich die hier
gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in das
moderne Leben hineinstellen soil. Aber sie wird sich hineinstellen
miissen. Denn der Weg wird gefunden werden miissen, urn die
beiden Ihnen heute gekennzeichneten Geistesstrornungen zu ver-
binden. Wir konnen keine Reaktionare werden, um zuriickzukeh-
ren zu fr 11 Keren Geistesbildungen. Wir miissen uns hineinstellen in
dasjenige, was das naturwissenschaftliche, das mechanistische Zeit-
alter hervorgebracht hat. Aber wir miissen die Krafte, die einen
Kopernikus, einen Galilei, einen Giordano Bruno, einen Rontgen,
einen Becquerel und so weiter bis in unsere Tage hervorgebracht
haben, wir miissen die Krafte so weit vergeistigen, dafi wir durch
dieselben Krafte der menschlichen Seele, durch die wir Maschinen
bauen, auch hinaufsteigen zur Erkenntnis des geistig-seelischen
Menschen. Dann werden wir nicht mehr blofi vom Geiste reden,
dann werden wir dem Streben nach dem Geiste einen Inhalt zu
geben vermogen.
Das ist es, was dem tieferen Betrachter der Gegen warts zivilisa-
tion so nahegeht, dafi die Leute heute viel vom Geiste reden, aber
diesem Reden vom Geiste keinen Inhalt geben. Dadurch entstehen
Weltanschauungen auf der einen Seite, entsteht die Lebenspraxis
unorganisch mit diesen Weltanschauungen verbunden auf der ande-
ren Seite so, wie sich ausnehmen wtirde unsere geisteswissenschaft-
lich schaffende Weltanschauung in einem Hause, das einen alten
Baustil tragt. Unsere geisteswissenschaftlich orientierte Weltan-
schauung will in Bauformen leben, die aus ihr selbst geboren sind.
Sie soil so schaffen und kann so schaffen, dafi sie das au£ere
materielle Leben bis in die technischen Einzelheiten, bis in die
sozialen Verkettungen zu durchdringen vermag. Dann wird diese
Geisteswissenschaft der Trager einer Zivilisation werden konnen,
die die rechten Wege findet zu den Zielen, die heute angedeutet
worden sind. Dann wird diese Geisteswissenschaft es sein, welche
nicht mehr grofi werden lafit jenes Leben, von dem man sagen kann:
Nun ja, einzelne streben wieder nach dem Geiste hin; sie verlangen,
dafi der Mensch, der in der Fabrik hart arbeitet, nicht mehr blofi in
der Fabrik arbeitet, sondern dafi er Zeit genug iibrig habe, um sich
auch dem Geiste zu widmen. Oh, nein, das verlangt Geisteswissen-
schaft nicht allein, dafi man in der Fabrik zu arbeiten hat und, wenn
man die Tiire hinter sich zuschliefit, dann heraustritt aus der Fabrik,
um da das Geistesleben zu finden. Nein, das Umgekehrte verlangt
Geisteswissenschaft, dafi, wenn man sie aufschlieik, die Fabrik, um
zur Arbeit zu gehen, man den Geist hineintrage, damit jede Maschi-
ne durchgeistigt ist von dem, was auch die Weltanschauung in die
hochsten Hdhen des Erkennens, des Unsterblichen hinauftragt.
Nicht Zeit iibrig lassen fur den Geist mochte die Geisteswissen-
schaft, sondern alle Zeit durchtranken von dem, was der Mensch als
den Inhalt seines Geistes finden kann.
Nun, die Menschen schreien heute vielfach nach Geist. Eben ist
ein Buch iiber den Sozialismus erschienen - es gibt allerlei gefuhl-
volle und auch manchmal verstandige Anschauungen - von Robert
Wilbrandt, dem Tubinger Universitatsprofessor. Es tont aus: Ja,
aber wir kommen mit dem Sozialismus doch nicht weiter, wenn wir
nicht den neuen Geist, die neue Seele finden. Auf den letzten Seiten
des Buches also der Schrei nach dem Geist, nach der Seele! Fiihrt
man einen solchen Mann, eine solche Personlichkeit jedoch dahin,
wo dem Geiste Inhalt gegeben werden soli, wo man nicht nur in
abstracto nach dem Geiste und der Seele deutet, wo man von
geistigen und Seeleninhalten spricht, wie sonst die Naturwissen-
schaft von naturlichen Inhalten spricht, da driickt sich die betref-
fende Personlichkeit hinweg, da hat sie nicht den Mut, zum wirkli-
chen inhaltsvollen Geiste sich zu bekennen. Und so sehen wir das
bei vielen. Sie schreien nach dem Geiste. Aber wenn dann der Geist
einen wirklichen Inhalt sucht, dann finden sie sich nicht ein. Sie
bleiben beim blofien Hinweisen auf ein abstraktes Zusammen-
schliefien der Menschenseelen mit dem Geistigen. Das ist dasjenige,
was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Weg
sucht: den Weg zum wirklichen geistigen Inhalte, zu einer wirkli-
chen geistigen Welt, aus unseren eigenen organischen Erkenntnis-
kraften heraus als Ziel sucht: sich die blofi unorganisch in uns
zusammengefugten zwei Stromungen, den Orientalismus und den
Okzidentalismus, zu einem Streben auszubilden, das aus unserem
eigenen Streben den Weg wie hinunter in den Mechanismus, so
hinauf in die hochste Spiritualitat findet.
Den weiteren Ausfiihrungen dieses Themas, die ich morgen und
iibermorgen geben werde, wo auch manches wird breiter charakteri-
siert werden konnen, als ich das heute in der Einleitung tun konnte,
will ich zum Schlusse heute nur das Folgende noch vorausschicken.
Der Ruf nach einer neuen Geistigkeit, er geht heute durch viele
Herzen, durch viele Gemiiter, und in einer gewissen Weise ahnt
man schon, dafi unser Ungliick, das sich so furchtbar, so schrecklich
geoffenbart hat in den letzten funf Jahren, in der aufieren Welt
zusammenhangt damit, dafi unser Geist in eine Sackgasse geraten
ist. Dafi durchbrochen werden miisse eine Wand, um vorwartszu-
kommen im Geiste. Geahnt wird, dafi wir im Sozialen, im Politi-
schen, im aufierlich Technischen nicht weiterkommen ohne einen
neuen Geist. Ein Mann, der vielleicht nicht immer eine ganz vorteil-
hafte, aber doch vielleicht eine gescheitere Rolle als mancher seiner
Kollegen unter den «Staatsmannern» - ich sage das in Anfuhrungs-
zeichen, wenn ich von Staatsmannern heute spreche - in den letzten
Jahren gespielt hat, der hat nun auch - Staatsmanner und Generale
schreiben ja heute Kriegserinnerungen -, der hat nun auch seine
Kriegserinnerungen geschrieben. Sie endigen mit den folgenden
Worten:
«Der Krieg geht weiter, wenn auch in veranderter Form. Ich
glaube, dafi die kommenden Generationen das grofie Drama, wel-
ches seit funf Jahren die Welt beherrscht, gar nicht den Weltkrieg
nennen werden, sondern die Weltrevolution...»
Das sagt Czernin, der osterreichische Staatsmann. Also wenig-
stens einer sieht schon Dinge ein, wie sie zusammenhangen, wenn
auch noch in sehr beschranktem Mafie. Und er fahrt fort:
«... und wissen werden, dafi diese Weltrevolution nur mit dem
Weltkrieg begonnen hat. Weder Versailles noch Saint Germain
werden ein dauerndes Werk schaffen. In diesem Frieden liegt der
zersetzende Keim des Todes. Die Krampfe, die Europa schutteln,
sind noch nicht im Abnehmen. So wie bei einem gewaltigen Erdbe-
ben dauert das unterirdische Grollen an. Immer wieder wird sich
bald hier, bald dort die Erde offnen und Feuer gegen den Himmel
schleudern, immer wieder werden Ereignisse elementaren Charak-
ters und elementarer Gewalt verheerend iiber die Lander sturmen.
Bis alles das hinweggefegt ist, was an den Wahnsinn dieses Krieges
und die franzosischen Frieden erinnert.
Langsam, unter unsaglichen Qualen, wird eine neue Welt gebo-
ren werden. Die kommenden Generationen werden zuriickblicken
auf unsere Zeit wie auf einen langen bosen Traum, aber der schwar-
zesten Nacht folgt einmal der Tag. Generationen sind in das Grab
gesunken, ermordet, verhungert, der Krankheit erlegen. Millionen
sind gestorben in dem Bestreben, zu vernichten und zu zerstoren,
Hafi und Mord im Herzen.
Aber andere Generationen erstehen und mit ihnen ein neuer
Geist. Sie werden aufbauen, was Krieg und Revolution zerstort
haben. Jedem Winter folgt der Friihling. Auch das ist ein ewiges
Gesetz im Kreislauf des Lebens, dafi dem Tod die Auferstehung
folgt.
Wohl denen, die berufen sein werden, als Soldaten der Arbeit die
neue Welt mitaufzubauen.»
Auch hier aus einem beschrankten staatsmannischen Geist der
alten Zeit heraus der Ruf nach dem neuen Geiste. Nun ja, dieser Ruf
nach dem neuen Geiste mufi nur begriffen werden und wahr und
ernst genug in den Menschenseelen Wurzeln fassen. Denn auch das
Aufierlichste im Leben hangt mit dem Innerlichsten, die aufierlich-
sten materiellen Ereignisse mit den innerlichsten geistigen Erleb-
nissen zusammen. Und wenn wir anschauen, was sich als der Geist,
der im Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Hohepunkt erreicht hat,
ausgelebt hat in den Ereignissen der letzten Jahre, dann werden wir
verstehen, dafi der Ruf eintreten mufi nach einem neuen Geistes-
leben. Mit diesem neuen Geistesleben mochte ihre Wege und Ziele
die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zum Aufbau
der Welt ebenso verbunden haben, wie diejenigen geistigen Bestre-
bungen, die sie bekampfen, ersichtlich verbunden sind mit den
furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre.
Ich habe noch in diesen Tagen einen merkwiirdigen Vortrag
gelesen, der im Baltenlande gehalten worden ist - merken Sie auf das
Datum - am 1. Mai 1918. Da klingt der Vortrag eines Physikers, am
1. Mai 1918, aus in die Worte: Der Weltkrieg hat doch gezeigt, da£
noch zu isoliert dastehen die geistigen Bestrebungen der Gegen-
wart, die wissenschaftlichen Arbeiten der Gegenwart. Der Welt-
krieg - so ungefahr sagt dieser Physiker - hat uns gelehrt, dafi
zukiinftig dasjenige, was in den wissenschaftlichen Laboratorien
gearbeitet wird, in innerem organischem Zusammenhange, in fort-
wahrendem innerem Ideenaustausch mit dem stehen mufi, was in
den Generalstaben gearbeitet wird. Es mufi ein innigstes Biindnis
angestrebt werden - so sagt dieser Physiker - zwischen der Wissen-
schaft und dem Generalstab. Darin sieht er das Heil der Zukunft!
Man sieht, die Wissenschaft der Vergangenheit kann Biindnisse,
die zwischen ihr und den zerstorendsten Kraften der Menschheit
geschlossen werden, sogar als Ideal ansehen. Anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft mochte das Biindnis zwischen ih-
rem geistigen Streben und alien wahrhaft aufbauenden Kraften der
Menschheitszivilisation schliefien.
DIE GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN GRUNDLAGEN
DER LEIBLICHEN UND SEELISCHEN GESUNDHEIT
Zweiter Vortrag, Basel, 6. Januar 1920
Bevor ich anschliefiend an die gestrigen einleitenden Ausfuhrungen
iiber Wege und Ziele der Geisteswissenschaft morgen zu jenen
wichtigen, insbesondere das Interesse der Gegenwart unmittelbar
beriihrenden Konsequenzen dieser Geisteswissenschaft schreiten
werde, welche den geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt fur die-
sittlichen, sozialen und religiosen Krafte des Menschenwesens be-
handeln, mochte ich heute eine Betrachtung einfiigen iiber dasjeni-
ge, was Geisteswissenschaft zu sagen hat iiber leibliche und seelische
Gesundheit des Menschen. Gerechtfertigt wird eine solche Betrach-
tung wie die heutige ja auch deshalb sein, weil schliefilich der
Mensch sich nur dann menschenwerte und menschenwiirdige sittli-
che Ziele setzen, soziale Aufgaben stellen und ein entsprechend
religioses Leben aus den Untergriinden seiner Seele wird hervor-
bringen konnen, wenn zugrunde liegt diesen seinen Zielsetzungen
und Hervorbringungen das, was man nennen kann seine auf leib-
licher, seelischer und geistiger Gesundheit ruhende Tiichtigkeit.
Sie werden von vornherein voraussetzen, dafi, wenn im geistes-
wissenschaftlich-anthroposophischen Sinne iiber die Grundlage des
Gesundseins gesprochen werden soli, dann gerade die geistigen und
seelischen Faktoren, die dabei in Betracht kommen, besonders
beriihrt werden. Nun stofit man aber mit einer solchen Betrachtung
sofort auf eine der altesten und zu gleicher Zeit, man darf sagen,
strittigsten Fragen menschlicher Weltanschauung: auf die Frage
nach dem Zusammenhange des Seelisch-Geistigen in der Men-
schenwesenheit mit dem Leiblich-Physischen uberhaupt. Vieles ist
nachgedacht, vieles ist nachgeforscht worden mit den Mitteln ver-
schiedener wisseiiscliaftlicher Gebiete iiber diese Frage: Wie verhalt
sich eigentlich das Geistig-Seelische des Menschen zum Leiblich-
Physischen?
Die hier eemeinte Geisteswissenschaft iv.x\il sich auf den Stand-
o
punkt stellen, dafi sie diese Frage so, wie sie gewohnlich gestellt
wird, nicht von vornherein schon als eine richtig gestellte ansehen
kann. Man fragt gewohnlich: Wie verhalt sich des Menschen Geist
oder Seele zu seinem Leib, zu seiner physischen Organisation? Man
beriicksichtigt dabei nicht, ob das, was wir die unter die Willkiir
gestellte Seelenverfassung und Seelentiichtigkeit des Menschen nen-
nen konnen, nicht vielleicht in verschiedener Weise bei verschie-
denen Menschen ein besonderes Verhaltnis begriindet zwischen
Geist und Leib, ob nicht eingreifen konnte durch gewisse Verhalt-
nisse der Mensch gerade durch diese Krafte, die er in seiner Seele
entwickelt, in seine leibliche Organisation. Und diese Frage kann
eigentlich nur eine geisteswissenschaftliche Betrachtung behandeln,
wie diejenige ist, die ich mir erlaubte gestern vor Ihnen anzustellen.
Denn gerade wenn wir das in Betracht ziehen, was die Wissenschaft
des Abendlandes in dem Sinne, wie sie gestern charakterisiert
worden ist, zu ihren Triumphen gefiihrt hat, so miissen wir sagen: es
ist dies nicht ein Element, das zum Menschen hinfiihrt, sondern es
ist ein Element, das in einer gewissen Beziehung eigentlich vom
Menschen entfernt.
Was strebt der Wissenschafter, welcher die Grundsatze der letz-
ten drei bis vier Jahrhunderte angenommen hat, fur seine Wissen-
schaft besonders an? Er strebt besonders an, solche Vorstellungen
tiber die aufieren Dinge und auch iiber den Menschen zu gewinnen,
in die sich moglichst wenig, ja womoglich gar nicht einmischen die
menschlichen Gefuhle und Willensimpulse. Je mehr man alles das,
was man das Subjektiv-Personliche nennen kann, auseinanderzu-
halten vermag von wissenschaftlicher Betrachtung, um so mehr
glaubt man das Ideal dieser wissenschaftlichen Betrachtung erfiillt.
Der Physiker, der Biologe glaubt heute seiner Aufgabe nicht mehr
nachkommen zu konnen, wenn er irgend etwas, was nur innerlich in
der Seele erfafit werden kann, in seine Feststellungen einmischt.
Wenn ich erinnern darf an dasjenige, was ich als ein allerdings
einer weiten Vergangenheit angehoriges Ideal orientalischer Weltbe-
trachtung gestern charakterisierte, so mufi gesagt werden: da dort
der ganze Mensch herangezogen wurde zu jener Umwandlung, zu
jener Entwickelung der Menschennatur, die im Orient die Grundla-
ge zu einer Weltanschauung bildeten, so war diese Methode das
vollige Gegenbild von dem, was uns heute als wissenschaftliches
Ideal erscheint.
Nun mufi man, wenn man sich solchen Dingen hingibt, heute gar
viele Vorurteile abstreifen, die da gelten, ich mochte sagen, als
Selbstverstandlichkeit, die aber in kurzer Zeit keine Selbstverstand-
lichkeiten mehr sein werden, sondern Vorurteile, die durch die
Menschheitserziehung der letzten drei bis vier Jahrhunderte bedingt
sind.
Wenn man wirklich eingeht auf den Grundcharakter desjenigen,
was all unser durch die Wissenschaft impragniertes Denken kenn-
zeichnet, so findet man, dafi eigentlich vor diesem Denken heute nur
ein Teil, ein Glied der ganzen Menschennatur Gnade findet: dasjeni-
ge, was man nennen kann das intellektualistische Element, das
Element, das zu den gefuhls- und willensfreien Gedanken aufsteigt,
das nichts hinzutun will aus der eigenen, subjektiven Menschenna-
tur zu diesem Vorstellen. Dadurch aber nimmt gerade an der
wichtigsten wissenschaftlichen Arbeit der ganze Mensch als solcher
nicht teil, sondern nur dasjenige vom Menschen, was eben der
Trager des intellektualistischen Seelenlebens ist.
Was ich gestern charakterisierte als das wahrhaft abendlandische
Streben nach einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, das
will wieder, ohne etwa zuriickzukehren zu orientalischen Idealen,
aus der ganzen Menschennatur heraus die Seelenkrafte entwickeln,
die eine Weltanschauung produzieren. Daher mufite ich gestern
etwa in der folgenden Weise die Erkenntniswege charakterisieren,
die zu einer solchen anthroposophisch orientierten geisteswissen-
schaftlichen Weltanschauung fuhren. Wahrend der Mensch, der
blofi wissenschaftlich ist, mit seinen Experimenten oder mit seiner
Naturbeobachtung zusammen das intellektualistische Vorstellen
entwickelt, mufi derjenige, der zu einer geisteswissenschaftlichen
Anschauung aufsteigen will, aus den Tiefen seines Seelenlebens
heraufholen gelauterte Gefuhle, gelauterte Willensimpulse. Er mufi
sich allerdings versenken in eine Gedankenweit. Er mufi ebenso
intellektualistisch arbeiten konnen wie nur der exakteste Wissen-
schafter. Aber er steht mit seinem Menschen in anderer Weise als
dieser exakte Wissenschafter zur Intellektualitat. Er versenkt sich in
Ideenwelten, er versenkt sich in dasjenige, was sonst nur der blasse,
schattenhafte Gedanke liefert. Aber so, wie man sonst nur an den
Ereignissen des aufieren Lebens mit seinen Sympathien und Antipa-
thien, mit seiner ganzen Gefuhlswelt teilnimmt, wie man sonst nur
an den Forderungen des Lebens mit seinen Willensimpulsen teil-
nimmt, so begleiten bei demjenigen, der den Weg in die geistige
Welt hinein suchen will im Sinne dieser Geisteswissenschaft, das
Fiihlen, das Wollen, die Sympathien und Antipathien den Gedan-
ken, die Ideen. Mit der Art und Weise, wie die Ideen wirken, wie sie
sich zueinander stellen, verbindet man ein innerliches Sympathie-
und Antipathie-Element, ein innerliches Wollen, das man sonst nur
etwa dem Menschen von Fleisch und Blut oder der Natur in
geringerem Sinne entgegenbringt oder das man entwickelt, wenn
man Hunger oder Durst hat, oder wenn andere Aufgaben des
gewohnlichen Lebens gestellt sind. So innerlich lebendig wie im
Wollen unter dem Einflusse von Hunger und Durst, wie in den
Gefuhlen, die man zu geliebten oder gehafiten Menschen entwik-
kelt, so innerlich lebendig ist man bei den Methoden, die zur
geisteswissenschaftlichen Einsicht fuhren sollen. Der ganze Mensch
mit seinem Fiihlen und Wollen nimmt teil an diesen Methoden.
Das entwickelt eben andere Erkenntnisse, andere Verhaltnisse zur
Aufienwelt und auch zu den anderen Menschen als blofi das intel-
lektualistische Treiben.
Wenn nun diejenigen Erkenntnisse, die auf diese Weise Inhalt der
Geisteswissenschaft werden - die ja aller dings fur die weitesten
Kreise der gegenwartigen Menschheit ein Buch mit sieben Siegeln
sind, nicht etwa, weil die Geisteswissenschafter dieses Buch mit
sieben Siegeln versiegeln, sondern weil diejenigen, die herangehen
sollten an diese Geisteswissenschaft, damit sie nicht heranzugehen
brauchen, erst mit den sieben Siegeln ihrer Vorurteile und ihres
Hohnes und Spottes es versiegeln wenn dieser Inhalt der Geistes-
wissenschaft dann von den Menschen aufgenommen wird, wenn
sich die Seele des Menschen mit ihm vereint, so wirkt er daher auch
anders als der Inhalt des blofi intellektualistischen Wissens. Er
ergreift unmittelbar die ganze Seele des Menschen. Er giefk Ener-
gien, Krafte in diese ganze Seele des Menschen. Und wenn der Inhalt
der Geisteswissenschaft so gewonnen ist, dafi er entspricht den
grofien weltgesetzlichen Zusammenhangen, dann gielk er gewisser-
mafien dieselben Krafte in die menschliche Seele, aus denen der
menschliche Organismus aufgebaut ist. Denn der menschliche Or-
ganismus ist aus den Kraften der Welt heraus aufgebaut. Das
geisteswissenschaftliche Erkennen geht wiederum zuriick zu diesen
Kraften der Welt. Also mufi es ein innerliches Zusammenstimmen
zwischen demjenigen geben, was aus der Weltgesetzlichkeit heraus
erkannt wird durch Geisteswissenschaft, und dem, was bei der
Organisation des Menschenwesens entsteht als der Mensch selbst,
indem der Mensch aus den Grundlagen der Weltenordnung heraus
seine eigene Organisation empfangt.
Das aber hat zur Folge, dafi ein ganz anderes Verhaltnis besteht
zwischen dem, was man als Inhalt der Geisteswissenschaft auf-
nimmt, und der ganzen Entwickelung des Menschen, als zwischen
dem, was nur den Intellekt beschaftigt, wie die Naturwissenschaft
oder wie heute die Sozialwissenschaft und ahnliches, und diesem
Menschen selbst. Aber es gibt etwas, was dieses Verhaltnis verhullt.
Dadurch ist es schwierig fiir den, der noch nicht in den eigentlichen
Sinn der Geisteswissenschaft eingedrungen ist, sich iiber solche
Dinge genaue Vorstellungen zu machen. Durchaus mufi gesagt
werden: Wie die gesunde Natur des Menschen in gesunder Art aus
der Welt heraus organisiert ist, so wird in gesunder Art das gewon-
nen, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist, und kann daher, da es
den ganzen Menschen begreift, nicht nur auf den Intellekt, sondern
wiederum auf den ganzen Menschen zuriickwirken. Wenn man das
sagt, so wird heute derjenige, der der Geisteswissenschaft gegeniiber
Laie ist, etwa folgenden Schlufi ziehen. Er wird sagen: Gewifi, ich
will dir zunachst hypothetisch zugeben, du ziehst als Geisteswissen-
schafter gesunde Gedanken aus deiner Weltbetrachtung. Gedanken,
die intellektualistisch schattenhaft sind, die wirken nicht auf den
menschlichen Organismus; die deinigen sind unter der Inanspruch-
nahme der ganzen Menschennatur gefafit, sie wirken also auf den
menschlichen Organismus, also wird man sie brauchen konnen,
nehmen wir hypothetisch an, im Sinne der gesunden Menschenna-
tur. Sagen wir also: diejenigen Gedanken, die du durch deine
Geisteswissenschaft als gesunde Gedanken entwickelst, werden wir
so anwenden, dafi wir uns mit ihnen erfullen, sie auf uns wirken
lassen, dann werden sie wie eine Arznei eben gegen Abirrungen der
menschlichen Natur von der Gesundheit wirken konnen.
So naheliegend diese Hypothese ware, und soviel Glauben sie
auch bei gewissen aberglaubischen Menschen gefunden hat, so
wenig entspricht sie so, wie ich sie jetzt eben ausgesprochen habe,
der Wirklichkeit. Und hier ist es notig, gerade, ich mochte sagen, das
Fundament zu beriihren, das gelegt werden mufi, damit man in der
richtigen Art das Zusammenwirken zwischen gesundem Geistig-
Seelischen und gesunder Leiblichkeit einsehen kann. Wenn der
Mensch durch die Geburt oder durch die Empfangnis aus geistigen
Welten in das physische Dasein tritt, indem er sich umkleidet mit
einem physischen Leib, so sehen wir ja, wie dasjenige, was geistig-
seelisch sich mit diesem physischen Leib umkleidet, Zeit braucht,
um sich auszuwirken. Das Kind kommt mit seinen Anlagen in der
physischen Welt an. Aber es mufi heranwachsen. Wir konnen
verfolgen, wie von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahr-
zehnt zu Jahrzehnt in der physischen Organisation erst dasjenige
herauskommt, was geistig-seelisch im Menschen veranlagt ist. Wer
sich durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft die Moglichkeit
erwirbt, einzudringen in den wirklichen Zusammenhang zwischen
Geistig-Seelischem und Leiblich-Physischem, der kommt nun nicht
durch irgendeine logische Phantasie, sondern durch eine eindring-
liche, ganz gewissenhafte und durch lange Zeiten fortgesetzte Beob-
achtung des Lebens zu folgender Erkenntnis:
So wie die Gesamtnatur des Menschen Zeit braucht, um sich als
Geistig-Seelisches einzugliedern der physischen Organisation, so
bedarf alles das, was wir geistig-seelisch auf nehmen, erst der Zeit,
um sich einzugliedern in die physisch-leibliche Organisation. Wenn
ich also als achtjahriges Kind oder als zwanzigjahriger oder erst als
fiinfzigjahriger Mensch irgend etwas aufnehme von geistig-seeli-
schem Inhalt, wenn irgend etwas meine Seele ergreift von solchem
Inhalte, dann ist dieser Inhalt im Verhaltnis zu meiner leiblichen
Organisation da, wo er in meine Seele eintritt, so jung wie die
Seele eines Kindes in bezug auf die leibliche Organisation, und es
braucht ein soldier seelischer Inhalt Zeit, urn sich im Leibe aus-
zuwirken. Man kann daher nicht hoffen, dafi man nach Art ameri-
kanischer Gedankenheilungskunst Gedanken erfinden kann, die
dem Menschen wie eine fliissige Medizin eingegeben werden und
die unmittelbar wirken. Nein, zu jener Umwandlung, die der gei-
stig-seelische Inhalt erfahrt dadurch, daft er immer mehr und mehr
das Leiblich-Physische durchdringt, bedarf es Zeit. Der eine gei-
stig-seelische Inhalt braucht weniger, der andere mehr Zeit, aber
Zeit mufi verfliefien zwischen dem Augenblick, wo ein geistig-
seelischer Inhalt abstrakt aufgenommen wird, wo wir ihn er-
kenntnismaftig durchdringen, und dem Zustande, wo er uns durch-
organisiert hat.
Was ich Ihnen hier erzahle, das ist nicht irgendeine Idee, die man
leichtfertig ankniipft an die Lebenserscheinungen, sondern das ist
etwas, was in so gewissenhafter Weise gefunden wird wie nur
irgendein Laboratorium- oder Klinik-Ergebnis, ja viel gewissen-
hafter. Man geht bei solchen Untersuchungen zunachst aus von den
Wegen, die das gewohnliche alltagliche geistige Aufnehmen im
Menschen durchmacht, indem der Mensch erinnerungsmafiig dasje-
nige spater wieder aus seinen Seelentiefen hervorzaubern kann, was
er einmal in diese Seele hinein aufgenommen hat. An den Wegen, die
das Seelenleben mit Bezug auf die Erinnerung macht, gehen ja die
allermeisten Menschen im Leben einfach vorbei; sie beobachten
nicht, wie es ganz anders sich erlebt, wenn wir uns an etwas
erinnern, was wir vor Jahrzehnten erlebt haben, und an etwas, was
wir vor drei Tagen erlebt haben. Das eine und das andere holen wir
aus den Seelentiefen herauf, gewift. Das aber, was wir vor drei Tagen
oder selbst noeh vor drei jahren erlebt haben, das erweist sich vor
dem, der Beobachtungsverrnogen hat fur seiche Dinge, als etwas,
was, ich mochte sagen, aus geringen Tiefen des Seelenlebens herauf-
geholt wird, was noch durchaus seelischer Inhalt ist. Dasjenige, an
das man sich vielleicht als alterer Mensch als an die Erlebnisse seiner
Kindheit erinnert, das holt man aus Seelentiefen herauf. Beobachtet
man den Vorgang, so schaut man, wie das schon innig verflochten ist
mit der ganzen Leiblichkeit, wie es wie ein seelisches Blut unsere
Leiblichkeit durchdringt, wie es stark den Charakter angenommen
hat, den die Krafte haben, die das Gewohnheitsmafiige in uns
bezeichnen.
Das ist freilich nur der Anfang jener ausfiihrlichen Methode,
durch die beobachtet wird, wie im Laufe der Zeit erst dasjenige, was
wir als geistig-seelischen Inhalt aufnehmen, sich vereint mit dem
Leiblich-Physischen. Daraus aber werden Sie einsehen, wie Gei-
steswissenschaft verlangen mufi, dafi ihre Art, leibliche, seelische
Gesundheit zu pflegen, nicht nur unter die augenblicklich wirken-
den Kiinste gerechnet werde, sondern wie sie appelliert an dasjenige,
was erstens Kindererziehung ist, zweitens was Volkserziehung und
Volksleben ist. Denn mit Voraussicht, ich mochte sagen, mit einem
prophetischen Gesichte mufi Geisteswissenschaft in bezug auf das
Gesundsein des Menschen wirken.
Durchschaut man das, was ich hier beriihre, dann merkt man erst,
was es bedeutet, wenn in die Erziehungsmethode geisteswissen-
schaftliche Impulse aufgenommen werden, wenn tatsachlich unsere
Kinder so erzogen werden, dafi die Erziehungsantriebe in geistes-
wissenschaftlichem Sinne gehalten werden; und dann werden die
Dinge, die man den Kindern beibringt, durchdrungen, nicht etwa
mit geisteswissenschaftlichen Theorien - davor braucht die Welt
keine Angst zu haben -, aber mit geisteswissenschaftlicher Gesin-
nung, mit geisteswissenschaftlicher Seelenverfassung, vor alien Din-
gen mit geisteswissenschaftlichem padagogischem Feuer. Dadurch
wird schon in das Kindergemiit das gesenkt, was sich dann verbin-
den soil mit der seelischen und physischen Organisation, was
heranwachst und was, weil es gesund ist, in gesunder Weise ver-
wachst mit der menschlichen Organisation und sie gesund und stark
macht, widerstandsfahig macht gegen aufiere Einfliisse.
Wenn die Welt einmal die voile Bedeutung dessen, was hier
Geisteswissenschaft leisten kann, einsehen wird, dann werden all-
mahlich nicht verschwinden, aber von geringerer Bedeutung wer-
den alle die schonen - ich sage das nicht ironisch, sondern durchaus
im ernsten Sinne -, all die schonen Theorien von Infektionskrank-
heiten und dergleichen, die heute nur in einseitiger Weise betrachtet
werden. Es wird viel mehr als auf die Art, wie die Bazillen und
Bakterien einziehen in unseren Organismus, darauf gesehen wer-
den, wie stark wir von der Seele und vom Geiste geworden sind, um
diesen Invasionen zu widerstehen. Diese Starke wird in der mensch-
lichen Natur kein aufieres Heilmittel bedingen, aber das Heilmittel,
das innerlich den Menschen starkt vom Geiste und von der Seele aus
durch einen gesunden geisteswissenschaftlichen Inhalt. Damit wird
allerdings offentliche Gesundheitspflege gerade durch Geisteswis-
senschaft auf eine wesentlich andere Grundlage gestellt, als die sich
traumen lassen, die glauben, daft nur im Fortgange der gegenwar-
tigen Ansichten das Heil der menschlichen Entwickelung liegen
konne.
Ich mochte unter vielem nur auf eines aufmerksam machen, auf
das ich von anderen Gesichtspunkten aus auch hier in dieser Stadt
schon einige Personlichkeiten aufmerksam gemacht habe. Heute
legt man zum Beispiel in der Erziehung, im Unterricht einen
ungeheuren Wert auf die sogenannte Anschauung, mit Recht, denn
innerhalb gewisser Grenzen ist es gut, wenn man das Kind unmit-
telbar hinfuhrt vor das aufterlich oder innerlich Anschaubare und
seine Vorstellungen, seine Begriffe sich ihm einbilden laftt so, daft es
sie selbst abzieht. Aber nicht alles kann in dieser Weise an das Kind
herangebracht werden, wessen es bedarf zu seiner Entwickelung fur
ein menschenwurdiges Dasein. Und so muft in das Kind vieles
einziehen bloft dadurch, daft es hinaufsieht zu seinem Erzieher, zu
seinem Unterrichter als zu seiner Autoritat, zu dem, der ein gewis-
ses Feuer im Erziehen, im Unterrichten entwickelt, der Impondera-
bilien mit seinem Feuer von sich in das Kind hiniiberleitet. Da wird
es dann manches geben konnen, was das Kind aufnimmt in dem
Glauben, die Autoritat glaube an das; es versteht es aber noch nicht.
Dann konnen die Zeiten eintreten vielleicht nach fiinfzehn, zwanzig
Jahren, nachdem das Kind die Schule verlassen hat, wo es sich
erinnert: das hast du dazumal gelernt und nicht verstanden, jetzt bist
du reif geworden, jetzt hoist du es rein gedachtnismafiig aus deinem
Seelenquell herauf. Jetzt verstehst du es. Wer das Seelenleben des
Menschen kennt, der weifi, dafi ein solches durch spateres Reifwer-
den vermitteltes Verstehen desjenigen, was man schon Jahre, viel-
leicht Jahrzehnte in der Seele getragen hat, Krafte entwickelt, die
innerlich den Menschen erstarken; es giefit in den Willen nichts eine
solche Energie hinein vom Innersten der Seele aus wie das Verstehen-
lernen von etwas durch seine eigene Reifekraft, von etwas, was man
vor Jahren auf Autoritat, auf Mitteilung hin aufgenommen hat.
So kann verbunden werden Padagogik mit ideeller, mit spirituel-
ler Hygiene. Wenn einmal wirklich unsere offentliche Gesundheits-
pflege durchzogen werden wird mit solchen weitgehenden An-
schauungen, dann wird erst das Geistige, das in der Menschheit
wurzelt, seine fur die Menschheit so heilsamen Energien wirklich
entfalten konnen. Wahrend all das, was wir nur aufnehmen durch
den Intellekt und seine Ausbildung, gewissermafien vom Menschen
losgelost ist und daher auch nicht auf den Menschen zuriickwirken
kann, wird das, was aus der ganzen Menschennatur herausgeholt ist,
das Geisteswissenschaftliche, auch zuriickwirken konnen auf diese
ganze Menschennatur. Und wir haben, wenn wir auch in der
Medizin nicht blofi auf Augenblickserfolge, sondern auf eine Ge-
sundheitspflege sehen, die mit den Weltgesetzen, also auch mit den
Zeitgesetzen rechnet, wir haben die Moglichkeit, ungeheuer Giinsti-
ges in dieser Richtung zu wirken. Nur ist leider die gegenwartige
Menschheit so geartet, daft sie gar nicht gern hinschaut auf dasjeni-
ge, was sich dem Augenblick entzieht und was mit seiner Wirkung,
ich mochte sagen, ins Grofie geht. Der gegenwartige Mensch moch-
te sich am liebsten von den Weltgesetzen die Erlaubnis nehmen,
krank zu werden, wenn es ihm beliebt - Sie verstehen, daft ich das
nicht in ganz wortlichem Sinne meine, aber es ist so etwas unter den
Neigungen der Menschennatur - und dann mochte er wiederum im
Augenblicke geheilt werden konnen. Auf was aber gesehen werden
mufi, das ist, daft die innerliche starke Energie entwickelt werde in
einzelnen Volkserziehungen, ja durch das ganze Leben hindurch in
den Menschen die gesundenden, die Heilkrafte von der Seele, vom
Geiste aus wirklich zur Entfaltung zu bringen. Von diesem Ge-
sichtspunkt aus wird man einsehen, daft leibliche und seelische
Gesundheit gar sehr davon abhangt, daft ein so starkes, ein so
energisches Seelenleben in den Menschen heranentwickelt werde,
daft dieses starke, energische Seelenleben wirklich auch in das
leibliche Wesen eingreifen kann.
Dazu ist wiederum die Ausdehnung der Betrachtungsweise iiber
groftere Zeitraume notwendig. Dasjenige, was auf unsern Intellekt
wirkt, wirkt nicht zu gleicher Zeit auf unsern Willen. Und wir
konnen uns allerdings, wenn wir niemals auf unsern Willen gewirkt
haben, in irgendeinem Lebensalter mit noch so gesunden Ideen und
Gedanken anstrengen, um vom Intellekt aus auf unsere Seele zu
wirken, wir werden keinen Erfolg haben. Denn vom Intellekt aus
greift nicht unmittelbar irgendein geistig-seelischer Inhalt in die
Menschennatur ein. Wir miissen auch auf den Willen einwirken.
Auf den Willen wirken wir ein durch alles das, was unser Interesse
an der Welt erregt, was unsern Anteil, unsere liebevolle Teilnahme
an der Welt erregt. Menschen gehen oftmals durch die Welt, ich
mochte sagen, mit einem gewissen Schwachsinn. Gewift, es gibt
auch tiefer liegende Ursachen, aber eine der Ursachen des Schwach-
sinns ist, daft man nicht verstanden hat bei solchen Menschen, als sie
noch Kinder waren, weitgehende, tiefeingreifende Interessen fiir
alles, was in ihrer Umgebung wirkt und lebt, zu entfalten, denn
dieses Interesse-Entfalten, das wirkt auf den Willen. Und nur, wenn
der Wille in dieser Weise gestarkt wird, kann spater dasjenige, was
auf den Intellekt wirkt, auch wiederum auf den ganzen Menschen
Einfluft gewinnen. Das Schlimmste, was dem Menschen in bezug
auf seine leibliche und seelische Gesundheit passieren kann, ist, daft
seine leiblich-physische Organisation sich abtrennt von seinem
seelisch-geistigen Wesen. Geradezu experimentell wird diese Ab-
trennung der physischen Organisation des Menschen von seinem
seelisch-geistigen Wesen beim Mediumismus herbeigefiihrt. Da
sehen wir, dafi das geistig-seelische Wesen geradezu gelahmt, einge-
schlafert wird fur eine gewisse Zeit, damit das Leiblich-Physische,
mit dem aber auch Geistiges immer verbunden ist, wie automatisch
wirkt. Von einem richtigen Gesichtspunkt aus angesehen ist das
mediale Wesen nichts anderes als eine wirkliche Krankheit, ein
wirklicher Mifiklang zwischen dem ganz unenergisch gewordenen
Geistig-Seelischen und dem daher die Oberhand gewinnenden
Leiblich-Physischen. Daher ist auch immer Mediumismus, wenn er
radikal ausgedehnt wird, verbunden mit der Willenslahmung, mit
der ganzen Seelenlahmung des betreffenden Mediums. Und da das
Moralische nur aus der seelischen Energie erquellen kann, so ist in
der Regel auch ein gewisses moralisches Herabkommen mit dem
Mediumismus verbunden. Gerade aus der Einsicht in den Zusam-
menhang zwischen geistig-seelischer Gesundheit und physisch-leib-
licher Gesundheit kann alles, was Schattenseite des Mediumismus
ist, auch wirklich eingesehen werden.
Wenn diejenigen, die ohne Kenntnis des eigentlichen Wesens der
Geisteswissenschaft iiber diese urteilen, nur nicht allzu oft diese
Geisteswissenschaft zusammenwerfen wiirden mit all den Verir-
rungen des Zeitgeistes oder iiberhaupt der neueren Zeit, auf die ich
hier hinweise! Es ist allerdings leichter, zu appellieren an den
geistlosen Mediumismus, um etwas zu erfahren iiber die geistige
Welt, als zu appellieren an die Geisteswissenschaft, die Anstren-
gungen fordert. Wenn man an den Mediumismus appelliert, so lafit
man sich iiber den Geist berichten von einem Medium, bei dem man
erst den Geist ausschaltet. Es ist eine bequeme Methode, zum Geiste
zu kommen. Geisteswissenschaft verlangt allerdings, dafi man nicht
bei einem anderen den Geist ausschalte, um iiber den Geist etwas zu
erfahren, sondern dafi man den Geist in sich selber zur hoheren
Entfaltung und Entwickelung bringe, damit er seine Krafte hineinge-
leiten kann in die geistige Welt, dafi sie dort die Eigentiimlichkeiten
der geistigen Welt erfahren. Wollte man vorurteilslos die Geistes-
wissenschaft betrachten, so wiirde man geradezu sehen, wie sie das
Universalheilmittel ist gegen solche Verirrungen, wie diejenigen
sind, auf die ich jetzt mit ein paar Worten hingedeutet habe.
So kann man sagen: Gesundheitspflege ist eine notwendige Kon-
sequenz desjenigen, was Geisteswissenschaft hineintragen will in
die Menschheitsentwickelung. Aber selbstverstandlich ist die Men-
schennatur mannigfaltigen Einfliissen unterworfen. Niemand darf
dasjenige, was ich bisher besprochen habe, so deuten, als ob ich
meinen wollte, daft durch die Pflege der Geisteswissenschaft etwa
einmal alle Krankheiten aus der Welt geschafft werden sollten. Das
meine ich durchaus nicht. Krankheiten haben ihre Ursachen. Wich-
tiger als die Erkenntnis ihrer Ursachen ist der Prozefi ihrer Heilung.
Und hier handelt es sich darum, dafi allerdings die Geisteswissen-
schaft auch etwas zu sagen hat nicht nur iiber jene Gesundheits-
pflege, die geisteswissenschaftliche Grundlagen hat, sondern dafi
sie, wie iiber alle Lebenspraxis, so auch iiber die Medizin selber
etwas zu sagen hat. Es ist eine zwar von vielen geleugnete, weil sie
sich in diesem Punkt den wahren Tatbestand nicht gestehen wollen,
aber doch eben bestehende Tatsache, daft viele wirklich griindlich
denkende Menschen, die durch das medizinische Studium heute
gegangen sind, wenn sie sich dann losgelassen fiihlen auf die leiden-
de Menschheit, von den herbsten Seelenqualen befallen werden,
weil ihnen dann vor Augen tritt, welche Anforderungen der mensch-
liche Organismus, wenn er vom Gesunden abirrt in das Kranke
hinein, an die menschliche Einsicht stellt, und wie wenig gerade aus
den Erkenntnismitteln und Erkenntnismethoden der rein naturwis-
senschaftlichen Betrachtungsweise fur dieses medizinische Wirken
gewonnen werden kann. Gerade an der Medizin zeigt sich so recht
die Schattenseite der blofien naturwissenschaftlichen Betrachtung,
die iibrigens mit Bezug auf die Anschauung iiber die blofie aufiere
Natur auch eine Lichtseite hat. In der Medizin ist die Schattenseite
da, Denn man mufi nur das Folgende beachten: Diese Naturwissen-
schaft, noch einmal sei es gesagt, legt ihren Hauptwert darauf, den
Menschen ganz auszuschalten, indem sie intellektualistisch die Welt
betrachtet und inteiiektualistisch mit den Experimenten zusammen
ihre Naturgesetze sucht. Man lernt das, was man aus der Beobach-
tung iernen kann von der Wirksamkeit dieser oder jener Heilmittel
auf den kranken Menschen, von der Wirksamkeit iiberhauot dieses
oder jenes Naturprodukts auf den Menschen. Aber es fehlt einem
das innere Anschauen von dem Zusammenhange erstens der ganzen
Menschennatur, zweitens aber von dem Zusammenhange zwischen
dem, was drauften in der Natur hervorgebracht wird, sei es als
Nahrung, sei es als Heilmittel, und der menschlichen Wesenheit
selber. Und man merkt erst, wenn man in solch unbefangener Weise
von der bloften Naturwissenschaft zur Medizin fortschreiten moch-
te, was es heiftt, den Menschen ausschalten von der Betrachtungs-
weise, und nachher das, was man durch eine solche Betrachtungs-
weise gewonnen hat, auf die Natur des Menschen anwenden. Das
racht sich, daft Naturwissenschaft alles, was in der Menschennatur
aufsprieften kann, ausschaltet, um, wie sie sagt, zur rechten Objekti-
vitat zu kommen. Da kommt sie zur Objektivitat. Allein in dieser
Objektivitat ist der Mensch nicht drinnen. Der Mensch schaltet erst
sich selbst aus. Kein Wunder, daft er in der Wissenschaft, die er nun
ausbildet, den Menschen nicht drinnen hat. Nun soil man anwenden
diese Wissenschaft auf den Menschen. Man kann es nicht, weil man
auf den Menschen keine Riicksicht genommen hat.
Das voile Gegenteil findet statt bei dem, was anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft anstrebt. Da wird der ganze Mensch
aufgerufen, um iiber den Menschen und iiber die Welt Urteile zu
gewinnen. Da allerdings werden die Erkenntnisse auch anders
fundiert. Um mich in diesem Punkte klarzumachen, mochte ich
auch heute daran erinnern, wie die Geisteswissenschaft, die hier
gemeint ist, im Grunde genommen nur eine Ausgestaltung desjeni-
gen ist, was in dem ersten Elemente wie eine neue Erkenntnis der
Natur begriindet worden ist durch den vielverkannten Naturfor-
scher, nicht den Dichter Goethe. Gerade deshalb nennen wir ja
unseren Bau drauften auf dem Dornacher Hiigel das Goetheanum,
weil wir Goetheanismus treiben wollen, allerdings nicht Goetheanis-
mus, wie ihn die Goethe-Forscher treiben, die glauben, der Goethe-
sche Geist habe 1832 aufgehort, und man miisse studieren, was
dieser Goethesche Geist hervorgebracht hat, um Goethe- Wissen-
schaft zu treiben. Nein, wir treiben einen Goetheanismus, der nicht
zuriickgeht auf 1832, sondern der ein Goetheanismus ist durch den
fortwirkenden Goethe-Geist heute vom Jahre 1920. Aber was bei
Goethe noch ganz elementar auftritt, kann heute eben in einer
hoheren Ausbildung vom Entwickelungsgang der Menschheit er-
griffen werden.
Nun will ich etwas scheinbar recht Fernliegendes erwahnen, an
dem ich aber werde anschaulich machen konnen, wie man vom
Goetheanismus ausgehend zu den hochsten Hohen der Geisteswis-
senschaft kommt. Goethe ging nach den Ahnlichkeiten, den Ver-
wandtschaften namentlich in der Natur der Lebewesen. Ihm ist es
klar geworden, wie die ganze Pflanze nur ein kompliziertes Blatt ist
und ein einzelnes Pflanzenblatt eine ganze Pflanze, nur einfach
gestaltet. So sah Goethe in jedem Gliede eines Organismus die
Metamorphose, die Umwandlungsform des anderen Gliedes. So hat
er gesucht, woher die ratselvollen, fur den unbefangenen Beobach-
ter namlich ratselvollen, Formen der menschlichen Schadelknochen
herkommen. Als er, er erzahlt es selbst, einmal auf den Juden-
kirchhof in Venedig ging, da fand er einen besonders gliicklich
gespaltenen Schafschadel liegen. Die Knochen waren so auseinan-
dergefallen, da£ ihre Form unmittelbar auf Goethes Seele wirkte.
Und so, wie er diese Form anschaute, da sagte er sich: Ja, diese
Schadelknochen sind nichts anderes als umgestaltete, metamorpho-
sierte Rxickgratsknochen. Wenn sich die einfachen fast ringformi-
gen Riickenwirbelknochen - so ist Goethes Ansicht - so umwan-
deln, daft gewisse Fortsetzungen starker anwachsen, gewisse Wulste
sich abflachen, so entsteht durch ein umgebildetes Wachstum des
einfachen Riickenwirbels der Schadelknochen. Dadurch konnte
Goethe zum ersten Mai dasjenige aussprechen, was mit einer gewis-
sen Modifikation ein Ergebnis auch unserer heutigen menschlichen
Anatomie ist, dafi die Schadelknochen umgewandelte Riicken-
markwirbel sind, Ich darf im Zusammenhange damit, weil es ja auch
die Sache, die ich meine, erlautern wird, eine Art personlichen
Eriebnisses erzahien. Mir lagen ja diese Goctheschen Anschauun-
gen seit dem Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts beson-
ders nahe. Nun, ich ha be bereits dazumal begonnen zu schreiben
uber die Goethesche naturwissenschaftiiche Weltanschauung. Auch
diese Anschairang von der Umwandlung der Schadeiknochen, der
Wirbelknochen in Schadeiknochen bildete ein Bestandstiick desje-
nigen, was ich fiir die Goethesche Weltanschauung naher ausarbei-
tete. Aber ich sagte mir, wie konnte es einem so universellen Geiste
wie Goethe entgangen sein, dafi man ja, wenn man von der Umbil-
dung der Wirbelknochen in Schadeiknochen spricht, fortschreiten
miisse zu der Anschauung von der Umbildung des einfachen Ner-
vengebildes im Riickenmark in den komplizierten Bau des Gehirns,
so dafi man auch anschauen miisse das Gehirn als eine Umwandlung
des einfachen Nervengebildes, das eben im Riickenmarkwirbel
drinnensitzt. Und als ich dann am Ende der achtziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts nach Weimar berufen wurde, um mitzuar-
beiten am Goethe- und Schiller- Archiv fiir die Neuherausgabe oder
iiberhaupt erste Herausgabe der noch unveroffentlichten Goethe-
schen Schriften, da war es mir selbstverstandlich eine liebe Aufgabe,
nun zu untersuchen, ob vielleicht irgendwo etwas zu finden sei von
einer Spur, dafi Goethe auch diese Anschauung von der Formum-
wandlung des Gehirns aus einfachen Nervenganglien schon hatte.
Und siehe da, als ich ein Notizbuch mit schlecht geschriebenen
Bleistiftstrichen aus den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts in
die Hand bekam, da stand von Goethe aufnotiert diese Anschauung
iiber das menschliche Gehirn ganz so, wie ich es vermutet hatte!
Ich weise Sie dabei hin auf eine andere Anschauungsweise - bei
Goethe tritt sie allerdings noch elementar nur zutage -, auf eine
andere Anschauungsweise, als die die Naturgesetze blofi intellektua-
listisch beobachtende ist. Ich weise Sie auf eine Betrachtungsweise
hin, wie sie instinktiv in Goethe sitzt, die den ganzen Menschen zu
Hilfe nimmt. In der Art von zergliedernder analytischer Experimen-
tiermethode, die heute in der Naturwissenschaft iiblich ist, kommt
man nicht darauf, solche Umwandlungen richtig zu sehen, denn
man mufi da alles beriicksichtigen, nicht blofi dasjenige, was man
messen und zahlen kann. Man mufi auch dasjenige beriicksichtigen,
was man nur seiner Intensitat, seiner Qualitat nach beobachten
kann. In der Geisteswissenschaft mufi man noch weiter vorriicken.
Da mufi man die Dinge tatsachlich beobachten nach Eigenschaften,
die ihnen der Geist der Welt, das Seelische der Welt aufpragt, die
man bei der aufterlichen wissenschaftlichen Methode eben nicht
findet.
Dann kommt mail zu solchen Resultaten wie demjenigen, von
dem man glauben konnte, daft es vielleicht nur ein Apercu sei, das
aber kein Apergu ist, sondern das Ergebnis einer geisteswissenschaft-
lichen Arbeit, von der ich sagen darf, dafi ich mehr als dreifiig Jahre
an ihr gearbeitet habe, jenes Ergebnis, das den Menschen gliedert in
drei, ich mochte sagen, Unterglieder seiner Natur. Gewohnlich
nimmt man an, daft das, was im Menschen geistig ist, Seelisches ist,
an sein Sinnes-Nervensystem gebunden sei. Das ist ja die heutige
einseitige Anschauung - derjenige, der die Entwickelung der Wis-
senschaft kennt, der begreift, da£ das hat so kommen miissen -, dafi
der Mensch heute glaubt, das geistig-seelische Leben hange einzig
und allein an dem Nervensystem. Sie konnen nachlesen, was ich
iiber diesen Punkt zu sagen habe aus geisteswissenschaftlichen
Untersuchungen heraus, in meinem vor zwei Jahren erschienenen
Buch «Von Seelenratseln». Da versuchte ich zu zeigen, dafi an das
Sinnes-Nervensystem als sein Werkzeug in der menschlichen Natur
nur gebunden ist das intellektualistisch-sinnliche Leben, dasjenige,
was sinnlich die Gegenstande beobachtet und sie intellektuell verar-
beitet. Dagegen ist das Gefiihlsleben des Menschen gebunden unmit-
telbar, nicht bloE mittelbar, an das rhythmische Leben im Men-
schen, jenes rhythmische Leben, welches einschliefk das Atmungs-
system, das damit zusammenhangende Blutzirkulationssystem, und
das mit dem Trager des intellektualistischen Systems in einer eigen-
tiimlichen Art zusammenhangt, und zwar so: Wir haben in uns als
wichtigsten Bestandteil unseres Gehirns das sogenannte Gehirn-
wasser. Unser Gehirn ist allerdings zunachst ein Nervenorgan, das
weiterzuverarbeiten hat dasjenige, was durch die Sinne vermittelt
wird. Aber dieses Gehirn schwimmt im Gehirnwasser. Und dieses
Gehirnwasser, das ausfiillt unsere fiaupteshohle, unsere Riicken-
markshohle, es hat eine besondere Aufgabe. Atmen wir aus, senkt
sich das Gehirnwasser von oben nach unten. Das Zwerchfell steigt
in die Hdhe, das Gehirnwasser steigt dadurch nach unten; umge-
kehrt beim Einatmen. So dalS wir in einem fortwahrenden Rhyth-
mus des auf- und absteigenden Gehirnwassers drinnen sind.
Dieser Rhythmus des auf- und absteigenden Gehirnwassers ist
der aufiere Trager des Gefuhlslebens im Menschen. Und durch die
Wechselwirkung desjenigen, was die Gehirnnerven erleben, mit
dem, was als solcher Rhythmus erfolgt durch das Gehirnwasser,
entsteht das, was Austausch zwischen den Gefuhlen und den Ge-
danken ist.
Hier liegt ein Punkt, wo anthroposophisch orientierte Erkenntnis
der Menschenwesenheit einen weiten Weg wird durchzumachen
haben, wenn der Mensch richtig in seiner seelisch-geistigen und
seiner physischen Wesenheit verstanden werden soli. Nur dann,
wenn man jene Erkenntnismethoden in sich entwickelt, welche
charakterisiert sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft», in
anderen meiner Schriften, dann lernt man wirklich erkennen -
indem man ein innerliches Seelenerleben hat, das solches zu durch-
schauen vermag wie sich abtrennen lafit Gefiihlsleben von intel-
lektuellem Leben. Sonst vermischen sie sich. Und der Mensch mit
der gewohnlichen Wissenschaft lernt gar nicht erkennen, daft das
Gehirn, dafi der Nerven-Sinnes-Apparat nur Trager des Intellek-
tuellen ist, wahrend das Rhythmische im Menschen Trager des
Gefuhlslebens ist.
Und ebenso ist Trager des Willenslebens der Stoffwechsel, iiber-
all, wo er vorkommt, der Stoffwechsel; auch der Stoffwechsel im
Gehirn ist Trager des Willenslebens. Aber mit der Nerven-Sinnesta-
tigkeit, mit der rhythmischen Tatigkeit, mit der Stoffwechseltatig-
keit ist das Wesen des Menschen in bezug auf seine Funktionen
erschopft. Das ist der ganze Mensch. Diesen ganzen Menschen
sucht aus den Erkenntniskraften wiederum des ganzen Menschen
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu erfassen. Da-
her, weil sie zu Hilfe nimmt alles dasjenige, was nicht blofi aus dem
Intellekt, was aus dem Gefiihlsleben und was aus seinem Trager, aus
der rhythmischen Tatigkeit des Menschen kommt, weil sie auch aus
dem, was geistig im Stoffwechsel webt und lebt, ihre Erkenntnisse
hervorholt, kann sie den ganzen Menschen erfassen. Dadurch lernt
sie eigentlich erst erkennen, was Lunge, was Leber, was Milz, was
die anderen Organe im Menschen bedeuten; denn das lafit sich nur
auf dem Weg erkennen, der zu Hilfe nimmt die geistige Impre-
gnation der Dinge.
Dadurch erlangt man eine intuitive Menschenerkenntnis, und
man schafft den Weg zu einer intuitiven Medizin. Dadurch, dafi
man den Menschen betrachtet wie einen Mechanismus, lernt man
ihn nicht erkennen. Man lernt nur das Mechanische an ihm erken-
nen. Dadurch, dafi man den Menschen so erfalk, dafi man die
Goethesche Anschauungsweise, die intuitiv ist, noch weiter aus-
dehnt, noch weiter vergeistigt, dadurch werden einem erst die
einzelnen Organe des Menschen in ihren Metamorphosen durch-
schaubar. Dann aber, wenn man kennengelernt hat, was diese
einzelnen Metamorphosen des menschlichen Organismus bedeu-
ten, dann kann man den Menschen, den man jetzt erfafit hat, in die
Natur wiederum hineinstellen. Wenn man die Natur erst so er-
kennt, dafi man den Menschen ausschaltet, dann kann man den
Menschen auch nicht wiederum in die Natur hineinstellen. Lernt
man den Menschen so, wie ich ihn geschildert habe, wirklich
kennen, so kann man ihn auch wieder in die Natur hineinstellen.
Man studiert seine Organologie, und man lernt erkennen die tiefe
Verwandtschaft, die zwischen dem Menschen und dem Kosmos
besteht. Dann geht einem der Zusammenhang auf zwischen dem
Nahrungsmittel, das aus der aufieren Natur genommen wird, und
der menschlichen Organisation. Dann geht einem aber auch der
Zusammenhang auf zwischen dem Heilmittel, das aus der aufieren
Natur oder auch aus dem seelischen bei der geistigen Heilung
genommen wird, und der ganzen Menschennatur.
Nur skizzieren konnte ich diese Anschauunesweise iiber den
Menschen. Aber was ich da skizziert habe, das ist der Weg aus der
anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft lieraus in eine
intuitive Medizin, in diejenige Medizin, nach der, ich mdchte
sagen, sich heute so viele sehnen, die vorurteilslos den Gang des
medizmischen Studiums durcheemacht haben und dann auf die
leidende Menschheit sich losgelassen fuhlen. Sie vermissen in demje-
nigen, was auf sie gewirkt hat in Menschenerkenntnis und Men-
schenheilungskunst, das intuitive, das geistige Element. Gerade in
der Medizin zeigt sich am intensivsten, wozu es eine Wissenschaft
bringt, welche den Menschen ausschlielk bei ihren Methoden.
Oh, ich weifi, dafi ich mit dem, was ich also ausspreche, noch vor
einer Mauer von Vorurteilen in der Gegenwart stehe. Aber diese
Mauer von Vorurteilen, sie mufi wieder und wiederum angespro-
chen werden. Es wird lange dauern, bis man den hier skizzierten
Weg von einer grofieren Anzahl von Menschen wird versucht
finden, weil er allerdings weniger bequem ist als derjenige Weg, der
heute eingeschlagen wird. Denn so, wie die ganze Pflanze schon im
Goetheschen Sinne ein kompliziertes Blatt ist, so ist der ganze
Mensch gewissermafien aus drei Menschen zusammengesetzt: aus
dem denkenden und durch die Sinne aufnehmenden Menschen, aus
dem rhythmischen Menschen, aus dem Stoffwechselmenschen. Jeder
stellt in einer gewissen Weise einen Menschen dar, und man mull aus
den drei Menschen sich die Gesamtnatur des Menschen aufbauen.
Und jedes Glied des Menschen steht in einer anderen Beziehung zur
aufieren Natur. Das aber, was jener geheimnisvolle Zusammenhang
zwischen Heilmittel und Krankheit ist, das kann nur der hier
gekennzeichneten intuitiven Medizin aufgehen.
Ich weifi auch, da£ es viele Menschen heute noch als eine Anma-
fiung der hier gemeinten Geisteswissenschaft empfinden, daft sie
neben manchem anderen nun auch noch an die Reform der Medizin
denke. Sie mujR daran denken aus einer heiligen Verpflichtung
gegeniiber dem Menschheitsfortschritt. Denn sie mufi einsehen, wie
niemals der Weg, den die Naturwissenschaft zum Segen auf so
vielen Gebieten in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gegangen
ist, ein heilsamer werden kann fur die Behandlung des kranken
Menschen. So, wie der Kiinstler selber kein wirklicher Kiinstler sein
kann, wenn er nur intellektuell die asthetischen Gesetze kennt, so
kann der Arzt kein Heiler sein, wenn er nur dasjenige kennt, was
heute Naturgesetze sind. Er muft sich mit seinem ganzen Menschen
einleben konnen in das Weben und Wesen der Natur selber. Er mufi
untertauchen konnen in die schaffende und webende Natur. Dann
wird er mit innigem Anteil verfolgen konnen auch jene Wege,
welche die Natur einschlagt beim Kranksein. Dann wird ihm
aufgehen aus der Anschauung des gesunden Menschen die Anschau-
ung des kranken Menschen.
Nicht nur dafi Geistes wis sens chaft hinzuweisen hat auf eine
Hygiene, die sie aus geistigen Kraften heraus gewinnt, Geisteswis-
senschaft mufi die Perspektive eroffnen auf eine intuitive Medizin.
Wer sich einlafit auf diese Geisteswissenschaft, der wird vernehmen,
wie ich heute nur in grofien Strichen und im allgemeinen, im
Abstrakten einen Weg charakterisiert habe zu einer intuitiven Medi-
zin, wie aber manches von dem, was ich hier skizziert habe, schon
ausgebaut ist, wie manches nur wartet auf den Moment, an dem die
offiziellen Vertreter medizinischen Wissens kommen und sich die
Einsicht aneignen, dafi es aufgenommen werden musse. So in bezug
auf physische Krankheiten des Leibes, so in bezug auf Erkran-
kungen der Seele selber. Man mufi heute schon wie unbescheiden
erscheinen, wenn man auf das hinweisen will, was aus guten Er-
kenntnisgrundlagen heraus fur Menschenheil und Menschenwesen
Geisteswissenschaft glaubt leisten zu konnen.
Ich mochte den Ubergang zu dem, was ich morgen werde ausein-
anderzusetzen haben iiber die sittliche, die religiose und soziale
Natur des Menschen, dadurch gewinnen, dafi ich jetzt zum Schlusse
hinweise darauf, wie gerade auf einem solchen Gebiet, wie dem
einer wirklichen intuitiven Medizin, es das Ideal des Geisteswissen-
schafters ware, einmal sich aussprechen zu konnen vor denjenigen,
die ganz sachverstandig sind. Wiirden sie sich einfinden und wiirden
sie ihre Sachverstandigkeit vorurteilslos sprechen lass en, dann wiir-
den sie sehen, welche Befruchtung gerade diese Sachverstandigkeit
erfahren konnte von seiten der Geisteswissenschaft. Geisteswissen-
schaft furchtet die Kritik der Sachverstandigen nicht. Geisteswissen-
schaft ist kein laienhafter Dilettantisrnus. Geisteswissenschaft ver-
sucht zu schopfen aus tieferen wissenschaftiichen Grundlagen her-
aus, ais die gewohnliche heutige au£ere Wissenschaft ist. Geisteswis-
senschaft wei& y dafi laienhafter Sinn, nicht Sachverstandigkeit dasje-
nige ist, vor dem sie sich vielleicht fiirchten konnte, wenn sie sich
nicht das Fiirchten langst abgewohnt hatte aus leicht begreiflichen
Griinden. Vor Sachverstandigkeit, vor Vorurteilslosigkeit hat Gei-
steswissenschaft keine Scheu zu tragen, sich nicht zu fiirchten. Sie
weifi: je sachverstandiger man ihre Ergebnisse betrachten wird,
desto mehr wird man im positiven Sinne auf sie eingehen. Gerade an
dem, was einem als Perspektive einer intuitiven Medizin vor-
schweben kann, mochte man erinnern an ein altes Wort, dessen
Universalwert ich heute nicht untersuchen mochte, das aber in
einem gewissen eingeschrankten Sinne ganz gewifi fur diejenige
Anschauungsweise gelten mufi, die sich willig zeigt, ihre Anwen-
dung zu finden in der Behandlungskunst des kranken Menschen.
Alte Weise haben gesagt: Gleiches werde nur von Gleichem er-
kannt. Um den Menschen zu heilen, mufi man ihn erst erkennen.
Was vom Menschen heute in der Wissenschaft sich betatigt, ist nicht
der ganze Mensch, darum nicht der Mensch, darum nicht ein dem
Menschen Gleiches. Wenn der ganze Mensch aufgerufen wird zur
Erkenntnis des Menschen, dann wird Gleiches - der Mensch - von
Gleichem - von dem Menschen - erkannt werden. Und dann wird
eine Menschenerkenntnis und eine Menschenbehandlungskunst
entstehen, welche auf der einen Seite des Menschen Gesundheit
erhalten wird im sozialen Zusammenleben, soviel sie nur erhalten
werden kann, und welche auf der anderen Seite die Krankheit so
behandeln wird, wie sie nur aus der Zusammennahme aller wirkli-
chen Heilfaktoren heraus behandelt werden kann.
DIE SITTLICHEN UND RELIGIOSEN KRAFTE
IM SINNE DER GEISTESWISSENSCHAFT
Dritter Vortrag, Basel, 7. Januar 1920
Eine Anschauung von der Welt, wie sie ja auch die geisteswissen-
schaftliche sein will, mufi sich dadurch bewahren, dafi sie dem
Menschen eine Stiitze gibt fur dasjenige, was er im Leben braucht.
Stiitze fiir das Leben mufi das sein, was wir nennen konnen morali-
sche Tiichtigkeit, moralische Kraft. Stiitze fiir das Leben mufi aber
auch unter anderem dasjenige sein, was wir nennen konnen die
innere Seelenverfassung, die dem Menschen werden kann dadurch,
dafi er sich in dem grofien Weltenganzen als ein Glied fiihlt, dafi er
sich so eingegliedert fiihlt in das Weltenganze, wie es entspricht
dem, was man nennen kann sein religioses Bediirfnis. Was nun
zunachst die innere moralische Kraft des Menschen betrifft, so hat
Schopenhauer ein treffliches Wort gesprochen, wenn auch die weite-
ren Ausfiihrungen, die er an diese Worte in seiner Art geknupft hat,
recht anfechtbar erscheinen. Er sagte: Moral predigen ist leicht,
Moral begriinden ist schwierig. - Dies ist tatsachlich ein wahres
Lebenswort. Denn einsehen im allgemeinen, was das Gute ist, was
das moralische Leben von uns fordert, das ist als eine Sache des
Intellektes verhaltnismafiig leicht. Dagegen heraufholen aus den
Urkraften der Seele diejenigen Antriebe, die im Menschen notwen-
dig sind, damit er sich in das Lebensgefiige als ein moralisch
Kraftvoller hineinstellt, das ist schwierig. Das aber heifit erst Moral
begriinden. Moral begriinden heifk nicht blofi sagen, was gut, was
moralisch ist. Moral begriinden heifit an den Menschen solche
Impulse heranbringen, welche, indem er sie in sein Seelenleben
aufnimmt, in ihm eine wirkliche Kraft, eine wirkliche Tiichtigkeit
werden.
Nun steht der Mensch unserer gegenwartigen Zivilisationsstufe
mit Bezug auf sein sittliches Bewufksein in einer ganz eigenartigen
Weise in der Welt drinnen, in einer Weise, die durchaus nicht immer
voll bewufit beobachtet wird, die aber der Grund ist fiir mancherlei
Unsicherheit und Haltlosigkeit, die sich im Leben der Menschen
geltend machen. Wir haben auf der einen Seite unser intellektuali-
stisch orientiertes Wissen, unsere Erkenntnis, die es uns moglich
macht, in die Naturerscheinungen einzudringen, die es uns moglich
macht, das Weltenganze in unser Vorstellen bis zu einem gewissen
Grade aufzunehmen, die es uns moglich macht, in einem allerdings,
wie wir in den zwei letzten Betrachtungen hier gesehen haben, sehr
eingeschrankten Mafie uns auch Vorstellungen iiber das Wesen des
Menschen zu machen.
Neben dem, was da in uns aufleuchtet als unsere Erkenntnisfahig-
keit, als alles dasjenige, was, ich mochte sagen, dirigiert wird von
unserer Menschenlogik, neben all dem macht sich geltend, mufi sich
geltend machen im Menschen ein anderes Element seines Wesens,
dasjenige, aus dem ihm seine sittliche Pflicht, seine sittliche Liebe,
kurz, die Antriebe zum moralischen Handeln quellen. Und man
muft sagen: der moderne Mensch lebt auf der einen Seite in seinen
Erkenntnisfahigkeiten und ihren Ergebnissen, auf der anderen Seite
lebt er in dem, was seine moralischen Antriebe sind. Beides sind
Seeleninhalte. Aber es ist fur diesen modernen Menschen im Grun-
de genommen zunachst wenig Vermittlung zwischen beiden, so
wenig Vermittlung, daft zum Beispiel Kant den Ausspruch tun
konnte: Zweierlei sei ihm das Wertvollste in der Welt, der gestirnte
Himmel iiber ihm, das moralische Gesetz in ihm. - Aber gerade
diese Kantsche Vorstellungsart, die in dem modernen Menschen
west, sie kennt keine Briicke zwischen dem, was zur Erkenntnis der
Welt auf der einen Seite fuhrt, und dem, was moralische Impulse auf
der anderen Seite sind. Wie unvermittelt betrachtet Kant das Er-
kenntnisleben in seiner «Kritik der reinen Vernunft», das morali-
sche Leben in seiner «Kritik der praktischen Vernunft».
Und wir miissen eigentlich sagen, wenn wir vollig ehrlich sind
gegeniiber unserem Zeitbewufttsein, daft hier ein Abgrund liegt
zwischen zweierlei Erlebnissen der Menschennatur. Indem die
heutige Wissenschaft sich Vorstellungen macht iiber den Gang der
Weltenentwickelung in den verschiedensten Wissensgebieten, be-
trachtet sie das Geschehen der Natur von den einfachsten Lebewe-
sen, ja von der unorganischen Natur an bis herauf zum Menschen.
Sie macht sich Vorstellungen dariiber, wie etwa dieses uns unmit-
telbar vorliegende Weltenganze entstanden sei. Sie macht sich auch
Vorstellungen, in welchen Vorgangen das einstmalige Ende dieses
uns zunachst vorliegenden Weltenganzen sich abspielen konnte.
Aber nun quillt aus dem Menschen, der doch eingesponnen ist in
diese Naturordnung, das hervor, was er seine sittlichen Ideale
nennt. Und diese sittlichen Ideale empfindet der Mensch so, dafi er
eigentlich sich selbst nur als wertvoll fiihlen kann, wenn er diesen
Idealen folgt, wenn eine Ubereinstimmung ist zwischen ihm und
diesen Idealen. Der Mensch macht seinen Wert abhangig von diesen
sittlichen Idealen. Aber wenn wir uns vorstellen, dafi einstmals
durch die Naturkrafte, die dem Menschen zuganglich werden durch
seine Erkenntnis, das uns zugangliche Weltenganze seinem Ende
entgegengeht, wo bleibt fur das heutige Zeitbewufitsein dasjenige,
was der Mensch aus seinen sittlichen Idealen, aus seinen morali-
schen Antrieben heraus schafft? Wer ehrlich ist, wer nicht in
Nebuloses einhullt dasjenige, was heutiges Zeitbewufitsein ist, der
mufi sich sagen: Diese sittlichen Ideale sind vor der gegenwartigen
naturwissenschaftlichen Anschauung etwas, wonach sich der
Mensch im Leben zwar richten mufi, wodurch aber nichts entsteht,
was einstmals triumphieren konnte, wenn die Erde mit dem Men-
schen selbst ihrem Untergang entgegengeht.
Es ist fur das heutige Zeitbewulksein, das mufi man sich nur
gestehen, keine Briicke zwischen den Erkenntnisfahigkeiten, die
zum Naturwissen fuhren, und den Fahigkeiten, welche uns beherr-
schen, indem wir sittliche Wesen sind. Dem Menschen wird nicht
alles bewufk, was in den Tiefen seiner Seele vorgeht. Vieles bleibt
unbewufk. Aber was da unten unbewufit rumort, das macht sich
geltend im Leben durch Disharmonien, durch seelische oder sogar
leibliche Krankheitserscheinungen. Und wer nur unbefangen sehen
will in dasjenige, was heute vorgeht, der wird sich sagen miissen: da
wogt unser Leben, und da sind die Menschen in diesem Leben
driimen mit alien moglichen seelischen und leiblichen Zwiespaken.
Und das, was da wogt, das wogt auf aus einer Tiefe herauf, in der
allerdings so etwas tatig ist wie jene schwachen Menschheitskrafte,
die keine Briicke bauen konnen zwischen dem moralischen Leben
und dem Naturerkennen. Anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft stellt sich zu diesen Fragen in der folgenden Art. Sie muE
verlassen alles dasjenige, was auf der einen Seite nur theoretische
Anschauung der aufieren Wirklichkeit ist. Sie mufi also alles das
erkennen - das habe ich in den beiden letzten Vortragen hier
ausgefiihrt -, was den Menschen gewissermafien bei dieser An-
schauung von der Natur ausschalten mochte, damit nur ja eine
rechte Objektivitat entstehen konne.
Was ich als Weg in die geistige Welt charakterisierte, das stellt sich
ja — ich mochte zusammenfassend das noch einmal sagen - etwa in
der folgenden Art dar: Zunachst mufi sich derjenige, der diesen Weg
in die geistige Welt hinein gehen will, einer gewissen inneren
seelisch-geistigen Arbeit hingeben. In meinen Biichern habe ich
zusammenfassend dieses innere Uben, dieses innere geistig-seeli-
sche Arbeiten eine Meditations-, eine Konzentrationsarbeit ge-
nannt. Diese Arbeit bringt den Menschen in die Lage, sich seinem
Vorstellungsleben anders gegenuberzustellen, als das im gewohn-
lichen Leben geschieht, wenn wir die Naturerscheinungen oder
auch das soziale Leben verfolgen. Es ist ein vollstandiges Zusam-
mensein mit den Vorstellungen, die sonst nur schattenhaft die
aufieren Emdriicke begleiten. Wie wir sonst, so sagte ich, mit
unserem Gefiihl, mit unseren Sympathien und Antipathien Men-
schen oder der Natur oder sonst etwas im physischen Leben
gegeniiberstehen, wie wir Tatsachen gegeniiberstehen mit unseren
Willensemotionen, so stehen wir als einer, der den Weg in die
geistige Welt sucht, den blofien Vorstellungen gegeniiber. Wie
Vorstellungen auftreten, das regt uns auf, das fordert unsere Sympa-
thie und Antipathie heraus, das regt unsere ganze Lebenskraft an.
Das wird fur uns ein Schicksal. Wir machen, wahrend wir aufierlich
ganz ruhig sind, innerlich etwas durch, was durchaus nicht schwa-
cher ist als dasjenige, was wir sonst als Lebensschicksal in der
aufieren Welt durchmachen. Wir verdoppeln gewissermafien unser
Leben. Wahrend wir sonst in Aufregung geraten, Sympathie und
Antipathie entwickeln, Willensimpulse geltend machen nur im
aufieren Leben, aufieren Ereignissen gegeniiber, tragen wir das, was
uns sonst nur in dieser aufieren materiellen Welt beschaftigt, hinein
in unser inneres Gedankenleben. Konnen wir dies - und jeder
Mensch kann es, wenn er in der Art sich iibt, wie ich es beschrieben
habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» -, kommt der
Mensch dazu, dies wirklich auszufiihren, so tritt fur ihn zuletzt ein
Augenbiick ein, in dem er Bilder der Welt nicht nur hat, wenn er
seine Sinne offnet, wenn er hort oder sieht, sondern wo er Bilder hat
rein aus dem Vorstellungsleben heraus, so vollinhaltliche Bilder -
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf -, so vollsaftige Bilder, wie
sie sonst nur durch die Sinneswahrnehmung uns kommen. Die
kommen durch dieses also verstarkte und verscharfte Vorstellungs-
leben. Ohne das Sinneswahrnehmen zu haben, leben wir in einer
Welt von Bildern, wie sie uns sonst nur werden durch die Sinnes-
wahrnehmung.
Damit ist aber ein anderes bedeutsames Erlebnis verkniipft - diese
Dinge konnen nur als Erlebnisse verstanden werden, abstrakte
Logik, sogenannte Beweisfuhrung fuhrt nicht an sie hera*n -, ein
anderes Erlebnis ist damit verbunden: Wir lernen wissen durch
solches Uben, was es heifit, eine geistig-seelische Tatigkeit unabhan-
gig von der leiblichen Tatigkeit zu entwickeln. Es tritt der Augen-
biick fur den Menschen ein, wo er sich - wenn ich mich so
ausdriicken darf - mit Recht gestehen darf, ein Materialist zu sein, so
sonderbar und paradox das klingt. Er darf in diesem Augenbiick
sagen: jawohl, im gewohnlichen Leben sind wir ganz abhangig von
dem Werkzeug unseres Leibes. Da denken wir durch das Werkzeug
unseres Nervensy stems. Aber das ist eben gerade das Charakteri-
stische dieses aufieren Lebens, daft wir es durchmessen, indem wir
das Geistig-Seelische nur dann entwickeln konnen, wenn es sich der
leiblichen Werkzeuge bedient. Aber dieses Geistig-Seelische ist
nicht angewiesen darauf, sich blo£ der leiblichen Werkzeuge zu
bedienen. Es kann sich durch die geschilderten Anstrengungen
loslosen von dem leiblichen Werkzeug, kann leibfrei werden. Man
kann noch soviel spekulieren und philosophieren mit dem Materia-
lismus. Wenn man nur das gegen ihn ins Feld fiihrt, was man wissen
kann aus dem gewohnlichen Leben, wird man ihn nie widerlegen,
denn fiir das gewohnliche Leben hat der Materialismus Recht.
Widerlegen kann man den Materialismus nur durch die spirituelle
Praxis, dadurch, dafi man im unmittelbaren Erleben loslost das
Seelisch-Geistige von dem Leiblichen. Man stellt in Bildern vor - ich
nannte es in den genannten Biichern imaginatives Vorstellen oder
Imagination -, man stellt in Bildern vor, aber aufierhalb des Leibes,
wobei das «aufierhalb» selbstverstandlich nicht raumlich, sondern
unabhangig vom Leibe vorzustellen ist. Das ist die eine Seite
desjenigen, was man kennenlernen mufi innerhalb der anthroposo-
phisch orientierten Geisteswissenschaft, um die Briicke, die auf die
Art nicht geschlagen werden kann, wie wir es geschildert haben,
wirklich zu schlagen. Was man auf diese Art erlangt als Inhalt der
imaginativen Erkenntnis, das ist nicht im Menschenleibe, das ist
aufierhalb des Menschenleibes und gibt die praktische Erklarung,
dafi unser innerstes Wesen, bevor es sich mit diesem Leibe umklei-
det hat, in der geistig-seelischen Welt war. Denn man ist nicht nur
aufierhalb des Leibes, man ist aufterhalb der Zeit, in der man mit
dem Leibe lebt. Man erlebt auf diese Art wirklich das Vorgeburtli-
che, oder sagen wir, das vor der physischen Empfangnis Liegende
im Menschen. Wie ein Licht von aufierhalb in das Zimmer herein-
scheint, so scheint unser vorgeburtliches Leben in dieser Imagina-
tion in unser gegenwartiges Leben herein.
Was da hereinscheint, das sind jetzt nicht blofi Gedanken, das hat
einen lebendigen Inhalt. Dieser lebendige Inhalt enthiillt sich als
etwas ganz Besonderes. Er enthiillt sich als ein gewisser, ich mochte
sagen, Intelligenzinhalt. Wahrend wir also auf die Art, wie ich es
geschildert habe, das Vorstellungsleben pflegen, scharfen, erkraften,
kommen wir aus uns selber heraus in einen Willensinhalt hinein, der
aber zu gleicher Zeit etwas Lebendiges hat. Es ist der Willensinhalt,
der dasjenige in uns schafft, was sich mit dem physischen Leib
umkleidet, was wir nicht durch Vererbung, was wir uberhaupt nicht
aus der physischen Welt haben.
Zur Erkenntnis der Unsterblichkeit gelangt die anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft nicht durch spekulatives Ver-
arbeiten des gewohnlichen Lebens, sondern durch die Kultivierung
einer Erkenntnisfahigkeit, die zunachst im gewohnlichen Leben
nicht da ist. Was heute fur uns besonders wichtig ist, ist aber, dafi
wir Menschen auf diese Weise aufterhalb unseres physischen Leibes
gelangen, sogar aufierhalb der Zeit, in der unser physischer Leib
lebt. Man gelangt da zu Ideen, die fur den grofiten Teil der gegenwar-
tigen Menschen noch schwer vorstellbar sind, die aber ein wichtiges
Glied in der Entwickelung der Menschheit nach der Zukunft zu
werden bilden miissen.
Und jetzt stellt sich etwas sehr Merkwiirdiges heraus, wenn man
nicht nur nach der einen Seite hin, nach der des Vorstellungslebens
Ubungen macht, sondern wenn man auch nach der Seite des Willens-
lebens Ubungen macht. Wir Menschen leben, ich mochte sagen, so,
wie Faust das Leben durchmacht, der da sagt: Ich bin nur durch die
Welt gerannt. - Wir rennen durch die Welt. Gewifi, wir machen
eine Entwickelung durch zwischen Geburt und Tod, von Monat zu
Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; aber wir
machen diese Entwickelung durch, indem wir uns gewissermalSen
der aufieren Objektivitat iiberlassen: Hand aufs Herz, wie viele
Menschen tun es denn anders, als sich vom Leben, sei es vom
Kindesleben, wo die Erwachsenen sie erziehen, sei es von dem
spateren Leben und seinem Schicksal tragen lassen? Sie werden
vollkommener, weil die Welt sie vollkommener macht. Aber was
tun denn die meisten Menschen anderes, als daf$ sie sich eben dem
Strom des Lebens iiberlassen? Mit diesem Sich-Uberlassen dem
Strom des Lebens kommt man allerdings nicht auf den hier gemein-
ten geisteswissenschaftlichen Weg. Da ist notwendig, dafi man in
Selbsttatigkeit seine Selbstzucht ubernimmt, dafi man tatsachlich an
sich so arbeitet, da£ man nicht nur durch das Leben, das an einen
durch das Schicksal herantritt, sich weiterentwickelt, sondern daft
man sich weiterentwickelt dadurch, daft man sich vornimmt: du
wilist dir diese oder jene Gesinnungsrichtung einpflanzen. Jetzt
arbeitet man daran, diese Gesinnungsrichtung sich einzupflanzen.
Man kann im kleinen, man kann im grofien so etwas unternehmen.
Aber es ist ein grofier Unterschied, ob man irgend etwas an sich
selbst, in der Zucht seines eigenen Wesens nur ausfiihrt, indem man
sich dem Leben iiberlafit, oder ob man diese Zucht des eigenen
Selbst wiederum durch das eigene Selbst in die Hand nimmt. Man
lernt durch dieses In-die-Hand-Nehmen den Willen in seiner Wirk-
samkeit kennen; denn man lernt erkennen, was fur Widerstande
diesem Willen entgegenstehen, wenn man ihn nun in Selbstzucht
kultivieren will. Oh, man lernt auf diese Weise allerlei kennen, man
verstarkt vor alien Dingen die eigenen Krafte des Geistig-Seeli-
schen, und man wird sehr bald bemerken, wenn man solche Ubun-
gen in Selbstzucht ausiibt - aber man mufi sie jahrelang ausiiben -,
dafi einem dann innere Krafte zuwachsen. Diese inneren Krafte, die
sind von solcher Art, daft wir sie nicht in der aufieren Natur finden.
Sie sind von solcher Art, daft wir sie auch nicht in dem gewohnlichen
Seelenleben finden, das wir vor unseren Ubungen in uns getragen
hab.en. Diese Krafte entdecken wir erst, wenn wir eben eine solche
innere Ubung mit uns anstellen. Diese Krafte sind zu etwas ganz
Bestimmtem imstande: Sie sind imstande, die moralischen Antriebe,
die sonst wie instinktiv, wie unbestimmt und getrennt von den
Erkenntnisfahigkeiten aufquellen in der Seele, in unser eigenes
Selbst viel bewufiter aufzunehmen, Aber verstehen Sie mich recht,
nicht in das Selbst, das wir entwickeln in unserem Leibe, sondern in
dasjenige Selbst, das wir entwickeln, wenn wir auf die vorhin
geschilderte Weise aus unserem Leibe heraustreten mit unserer
Imagination. Nicht konnen wir die wahre Gestalt der moralischen
Antriebe in unseren sinnlichen Leib, in unser sinnliches Erkennen
hereinbekommen; aber wir bekommen das, was so isoliert dasteht,
dafi Kant es ganz isoliert als kategorischen Imperativ hinstellte, wir
bekommen das herein in unser Selbst, das sich vom Leibe getrennt
hat.
Und dann wird das, was ich vorhin geschildert habe als Imagina-
tion, als' Bildvorstellungen, durchtrankt von dem, was man nennen
kann die objektive Kraft der sittlichen Impulse; es wird durchtrankt
von der sittlichen Inspiration. Wir erkennen jetzt, dafi dasjenige,
was in uns als sittliche Imperative, als sittliche Ideale aufquillt, nicht
blofi in uns wurzelt, dafi es im Weltenganzen wurzelt. Wir lernen,
indem wir auflerhalb unseres physischen Menschen sind, erkennen,
dafi dasjenige, was in seiner wahren Gestalt nicht innerhalb der
physischen Organisation erscheint, in dieser seiner wahren Gestalt,
in der wir es erkennen durch imaginatives Anschauen, objektive
Krafte der Welt sind.
Solch eine Anschauung kann dem Menschen aufgehen, der richtig
mit seinem gesunden Menschenverstand das aufnimmt, was der
Geistesforscher zu sagen vermag aus seiner Anschauung der geisti-
gen Welt heraus. Wer sich mit solcher Anschauung durchdringt, der
fiihlt gegeniiber dem, was heute populare offentliche Vortrage sind,
etwas ganz besonderes. Es klingt vielleicht sonderbar, wenn ich das
ausspreche, aber ich mochte sagen: Wer dieses Inspirierte in der
Imagination, das sich deckt mit den sittlichen Kraften, die im
Menschenleben sind, unbefangen aufnimmt und sich vorstellt, wie
in der Gegenwart durch Geist-Erkenntnis so etwas durchschaut
werden kann, der mochte sich am liebsten denken: wenn doch solch
eine Erkenntnis die Menschen ergreifen konnte, nur so stark wenig-
stens, wie sie ergriffen werden, wenn sie horen, die Rontgenstrahlen
oder die drahtlose Telegraphie sind gefunden worden! Man mochte
angesichts desjenigen, was sich da in die Seele eines Geistesforschers
senkt, sagen: es ist sehr notwendig fur die Zivilisation der Gegen-
wart, dafi die Menschen dahin kommen, das auf geistigem Wege an
Kraften fur Menschenerstarkung zu Findende ebenso zu schatzen
wie das, was niitzlich und forderlich sein kann im aufieren Leben.
Damit haben wir, wie ich glaube, an eine wichtige Zivilisations-
forderung der Gegenwart geriihrt. Die geisteswissenschaftlichen Er-
kenntnisse sind, ich sage es noch einmal, keine Spekulation, sie sind
Erlebnisse, Und dafi sie von so wenigen heute noch angenommen
werden, das beruht darauf, da£ die meisten sich blenden lassen von
den materiaiistischen naturwissenschaftlichen Anschauungen, sich
ihre Vorurteile selber in den Weg werfen, ihren gesunden Men-
schenverstand nicht anwenden, daher nicht in der richtigen Weise
pni ten. konnen, was der Geisteswissenschafter sagt. Sie sagen im-
mer: wir konnen das ja nicht selber sehen, was der Geistesforscher
sagt. Ich mochte wissen, wie viele Leute, die an die Venus-Durch-
gange glauben, jemals einen Venus-Durchgang gesehen haben! Ich
mochte wissen, wie viele Leute, die da sagen, das Wasser besteht aus
Wasserstoff und Sauerstoff, jemals in einem Laboratorium beobach-
tet haben, wie man feststellt, dafi Wasser aus Wasserstoff und
Sauerstoff besteht und so weiter. Es gibt doch eine Logik des
gesunden Menschenyerstands. Durch sie kann man priifen, was der
Geistesforscher sagt. Ich kann gewifi vor denjenigen, die ihren
gesunden Mens chen vers tand gebrauchen, keine Illusionen hinma-
len, keine Phantastereien vor sie hinschwatzen, denn sie konnen
achtgeben durch ihren gesunden Menschenverstand, ob ich rede wie
ein Schwarmer oder ob ich in logischen Zusammenhangen rede, ob
ich rede wie jemand, der Idee auf Idee stellt, wie man das auch in der
exaktesten Wissenschaft tut. Wer sich eine solche gesunde Men-
schenerkenntnis und Menschenanschauung erwirbt, der wird unter-
scheiden konnen, ob er einen Phantasten vor sich hat oder einen
Menschen, der dadurch, dafi er seine Anschauung in gesunde
logische Formen zu kleiden weifi und auch sonst nicht den Eindruck
eines Schwarmers macht, ernst zu nehmen ist. Vieles im Leben
miissen wir auf diese Art entscheiden; warum sollten wir dasjenige,
was zum Wichtigsten gehort: die Einsicht in die Weltenordnung,
nicht so entscheiden? Auf eine andere Art lafit sich zunachst fur den,
der nicht selbst Geistesforscher werden kann - bis zu einem gewis-
sen Grade kann aber jeder ein Geistesforscher werden, wie ich es in
den genannten Biichern dargestellt habe -, auf eine andere Art lafit
sich das nicht feststellen; denn Geisteswissenschaft ist etwas Erleb-
tes, etwas, was erfahren werden mufi, nicht etwas, was nur durch
logische Schlufifolgerungen erreicht wird.
Lernt man also die Weltanschauungen durch, ich mochte sagen,
die Kombination zwischen Imagination und inspirierter Sittlichkeit
kennen, dann lernt man noch etwas anderes kennen, dann lernt man
erkennen, was es mit dem Widerspruche fur ein Bewenden hat
zwischen der sogenannten Naturkausalitat, der Naturnotwendig-
keit, und dem Elemente, in dem der Mensch als in seiner Freiheit
lebt. Denn nur in dem Elemente der Freiheit konnen wir mit
unseren sittlichen Impulsen leben. Wir sehen hinaus in die aufiere
Natur. Uberwaltigend wirkt auf die Naturanschauung, die sich in
den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, dasjeni-
ge, was man den notwendigen Zusarnmenhang des Folgenden mit
dem Vorhergehenden, was man die allgemeine Ursachlichkeit
nennt. So stellt sich die Natur einschliefilich der Menschenwesen-
heit dar, als ob alles von einer Naturnotwendigkeit ergriffen ware.
Dann stiinde es aber schlimm mit unserer Freiheit; dann konnten
wir nicht anders handeln, als die Naturnotwendigkeit in uns das
Handeln erzwingt. Freiheit ware eine Unmoglichkeit, wenn die
Welt so beschaffen ware, wie die in den letzten drei bis vier
Jahrhunderten beliebt gewordene naturwissenschaftliche Anschau-
ung will.
Aber wenn man den Standpunkt errungen hat, den ich eben
geschildert habe, den Standpunkt der Beobachtung aufterhalb des
menschlichen Leibes, dann stellt sich einem alles dasjenige, was von
Notwendigkeit durchdrungen ist, gewissermafien als eine Art Na-
turleib dar. Und dieser Naturleib treibt an alien moglichen Stellen
eine Naturseele, einen Naturgeist hervor. Der Naturleib ist gleich-
sam dasjenige, was ausgeworfen und abgeworfen hat die werdende
Welt; der Naturgeist, die Naturseele ist dasjenige, was in die
Zukunft hinuberwachst.
So wie, wenn ich einen Leichnam vor mir sehe, dieser Leichnam
keine Moglichkeit mehr hat, etwas anderem zu folgen als den
Notwendigkeiten, die veranlagt hat das Geistig-Seelische, das in
ihm gewohnt hat, so hat dasjenige, was leichenhaft ist an der aufieren
Natur, nichts in sich von Antrieben als Notwendigkeiten. Aber an
jeder Stelle spriefit hervor, was in die Zukunft hinuberwachst.
Unsere Naturwissenschaft ist nur gewohnt worden, den Natur-
leichnam zu beobachten, sieht daher iiberall nur die Notwendigkeit.
Geisteswissenschaft mu£ dazukommen. Die wild das iiberall sprie-
Eende, sprossende Leben sehen.
Dam it aber ist der Mensch auf der einen Seite in die Naturkausa-
litat hineingestellt, auf der anderen Seite hineingestellt in dasjenige,
was auch da ist, aber keine Kausalitat enthalt, sondern etwas enthalt,
was gleich ist mit dem innerlich erlebten Elemente der Freiheit.
Dieses Element der Freiheit erleben wir so, wie ich es dargestellt
habe in meiner «Philosophie der Freiheit», wenn wir uns erheben
zum innerlich durchsichtigen, reinen Denken, das aber eigentlich
ein Ausflufi unserer Willenstatigkeit ist. Das Genauere finden Sie in
dieser meiner «Philosophie der Freiheit».
So tragt uns dasjenige, was wir uns erringen, indem wir uns eine
Erkenntnismoglichkeit schaffen aufierhalb des menschlichen Lei-
bes, hinein in eine Welt, wo der Gegensatz erklarlich wird zwischen
Naturnotwendigkeit und Freiheit. Wir lernen die Freiheit selber in
der Welt kennen. Wir lernen uns fiihlen in einer Welt, in welcher die
Freiheit west,
Wenn ich Ihnen so etwas schildere, dann schildere ich es Ihnen
nicht, um Ihnen gewissermafien nur den Inhalt desjenigen, was ich
schildere, zu zeigen, sondern ich mochte Ihnen das, was ich schilde-
re, aus dem Grunde darstellen, weil ich daran zeigen mochte, wie
der Mensch in eine gewisse Seelenverfassung kommt, indem er sich
mit Erkenntnissen, die aus solchen Regionen herausgeholt sind,
durchdringt, indem er sich belebt mit solchen Erkenntnissen.
Wie wir, wenn wir meinetwillen ein aufierordentlich freudiges
Ereignis erleben, von Freude durchdrungen werden, wie manche
Menschen, wenn sie so und soviel Mosel getrunken haben, von jener
Stimmung ganz durchdrungen werden, die eben vom Moselwein
kommt, so kann auch die ganze Seelenverfassung des Menschen
ergriffen werden von etwas so Real-Spirituellem, das den Menschen
durchdringt. Wann ist seine Seelenverfassung von etwas ergriffen
worden, von dem sie zunachst nur im aufieren Leben, dann aber
schattenhaft ergriffen ist? Wenn gegeniiber den sittlichen Verpflich-
tungen der kategorische Imperativ oder das Gewissen sich regt.
Aber der Inhalt dieses Gewissens wird jetzt hell, und er wird auch
eine andere Gefuhlsnuance annehmen. Denn was ist eigentlich
geschehen - ob der Mensch nun selber ein Geistesforscher ist, ob er
das, was der Geistesforscher bringt, durch seinen gesunden Men-
schenverstand aufnimmt und als Erkenntnisse seiner Seele einver-
leibt was ist denn mit dem Menschen geschehen? Er ist mit etwas
zusammengegangen, hat sich mit etwas zusammengeschlossen, mit
dem man nur zusammenkommt, wenn man aus sich herausgeht,
wenn man sich seiner selbst entfremdet. Sie finden keine bessere,
realistischere Definition der Liebe und des Liebesgefuhls als dasjeni-
ge, was man schildern kann als die Seelenverfassung, die einen
iiberkommt, wenn man leibfrei hineindringt in die Wesenhaftigkeit
der aufieren Welt. Wirken die sittlichen Imperative sonst wie ein
Zwang, so konnen sie in eine solche Form gegossen werden, dafi sie
durchdrungen erscheinen von derselben Stimmung, von der die
geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse durchdrungen sein mussen.
Diese sittlichen Aritriebe, diese moralischen Imperative konnen
lernen von dem, was man als Seelenstimmung bekommt im Auf-
nehmen von Geisteswissenschaft; diese Moral kann durchwarmt
werden von dem, was in Geisteswissenschaft leben mufi im hoch-
sten Sinne: von Liebe.
Das versuchte ich wiederum zu zeigen in meiner «Philosophie der
Freiheit», dafi des Menschen wurdigster Antrieb fur das sittliche
Handeln die Liebe ist. Innerhalb der modernen Geistesentwicke-
lung war von diesen Dingen schon einmal, mehr instinktiv die Rede,
als es heute schon sein kann, wo wir eben in der Geisteswissen-
schaft, wenn wir wollen, vorgeschritten sein konnen. Kant sprach
einstmals von der zwingenden Pflicht, von dem, ich mochte sagen,
den Menschen bandigenden kategorischen Imperativ, der nichts
gestattet von Einmischung irgendeiner Sympathie. Was man tut aus
sittlicher Pflicht, tut man, weil man es mufi. Kant sagt deshalb:
Pflicht, du erhabener, grofier Name, der du nichts bei dir fiihrest,
was Einschmeichelung oder dergleichen bedeutet, sondern nur
strengste Unterwerfung. - Schiller fand dieses sklavische Unter-
werfen unter die Pflicht nicht menschenwiirdig. Und er setzte
entgegen dieser Kantschen Ausfiihrung das, was er so schon, so
gro&artig ausgedriickt hat in seinen «Briefen iiber die asthetische
Erziehung des Menschen».
Aber wir brauchen nur ein kleines Epigramm zu nehmen, das
Schiller gepragt hat gegen diesen Kantschen rigoristischen, starren
Pflichtbegriff, so haben wir einen wichtigen menschlichen Gegen-
satz in bezug auf das sittliche Leben: «Gerne dien' ich den Freun-
den» - sagt Schiller - «doch tu ich es leider mit Neigung. Und so
wurmt es mich oft, dafi ich nicht tugendhaft bin.» Er meint, im
Kantschen Sinne miiflte man nicht gerne den Freunden dienen,
sondern sich gehorchend der Pflicht unterwerfen. Das aber, was das
Menschenleben erst menschenwert machen kann, das ist, wenn
erfullt wird, was Goethe in ein paar Worten ganz monumental sagt:
Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. - Aber die
Stimmung, zu lieben, was man sich selbst befiehlt, sie kann nur
angefeuert werden aus jener Verfassung der menschlichen Seele, die
im Erwerben der Geisteswissenschaft zustande kommt.
So ist, wenn man sich in die Geisteswissenschaft vertieft, nicht
etwas neben dem Leben herlaufend, wie Moral predigen, sondern es
ist darinnen eine Kraftentwickelung, welche das sittliche Wollen
unmittelbar ergreift. Es ist ein Begriinden der Moral da. Es ist
dasjenige da, was in den Menschen hineingiefit die sittliche Liebe.
Geisteswissenschaft predigt nicht blofi Moral, Geisteswissenschaft,
wenn sie in ihrem vollen Ernst, in ihrer vollen Kraft genommen
wird, begriindet die Moral, doch indem sie nicht Worte der Mo-
ral gibt, sondern Kraft zur tugendlichen Liebe, zur liebenden
Tugend gibt.
Geisteswissenschaft ist eben nicht blofi Theorie, sie ist Leben.
Und wenn man Geisteswissenschaft sich aneignet, so ist es nicht
blofi ein Nachdenken, so ist es etwas wie ein Aufnehmen des Lebens
wie beim Atmen selber. Das ist es, was diese Geisteswissenschaft der
modernen Zivilisation auf sittlichem Gebiete leisten mochte, was sie
ihr leisten mufi. Denn in alten Zeiten, ich habe das vorgestern
angedeutet, hatte man * auch eine Geisteswissenschaft, aber eine
instinktive. Woher kam die Geisteswissenschaft der alten, vor
Jahrtausenden sich entwickelnden orientalischen Weisheit? Es war
ein dumpfes, traumhaftes Sich-Verbildlichen der Welt. Es kam
herauf aus den menschlichen Instinkten, aus dem menschlichen
Triebleben. Instinktiv war diese Geisteswissenschaft. Die Men-
schen sahen hinein durch eine Art Hellsehen in die Natur. Und
dieses Hellsehen war verbunden mit ihrem Blute, war verbunden
mit lhrer aufieren Leiblichkeit. Mit diesem Blute, mit dieser aufieren
Leiblichkeit waren aber auch verbunden die damaligen sittlichen
Antriebe. Beides kam aus einer Quelle. Die Menschheit - ich habe es
gerade in diesen Tagen immer wieder gesagt - macht eine Entwik-
kelung durch und glaubt, wir konnten so sein wie die Menschen vor
Jahrtausenden; das kommt dem gleich, zu glauben, der erwachsene
Mann konnte gleich sein dem Kinde. Wir konnen nicht mehr auf
dem Standpunkt der primitiven hellseherischen Kunste des alten
Orients oder des alten Agyptens stehen. Wir sind vorgeriickt zum
Galileismus, zum Kopernikanismus. Wir sind vorgeriickt zu demje-
nigen Anschauen, das im Intellekt aufgeht. In jenen alten orientali-
schen Anschauungen war der Intellekt noch nicht entwickelt. Dafur
miissen wir aber auch aus dem Geiste heraus, nicht aus dem
Instinkte heraus die Impulse unseres sittlichen Handelns holen.
Das ist heute das Schlimmste, daft die Menschen, indem sie von
Idealen oder Lebensimpulsen reden, immer alles verabsolutieren.
Wenn heute irgendein Parteimensch oder ein schwarmerischer
Theoretiker, der das tausendjahrige Reich herbeifiihren mochte,
auftritt, da sagen sie: dies oder jenes will ich fur die Menschheit -
und sie denken sich dabei, das, was sie da aussprechen, sei gut fur die
Menschheit in alle folgenden Zeiten hinein und iiber die ganze Erde
hin. Das sei im absolutesten Sinne gut. Wer wirklich hineinschaut in
das Leben der sich entwickelnden Menschheit, der weifi, dafi dasje-
nige, was gut ist, was giiltig ist fur die Weltanschauung, immer nur
fur ein gewisses Zeitalter entsprechend ist, dafi man die Natur dieses
Zeitalters kennen mul Ich habe bei friiheren Vortragen hier ofter
gesagt: Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wie ich
sie hier ausspreche, bildet sich nicht ein, etwas Absolutes zu sein. Sie
glaubt aber, dafi sie aus dem Herzen der Gegenwart und der
nachsten Zukunft heraus so redet, daft sie fur Menschenseelen das
sagt, was diese Menschenseelen in der Gegenwart und in der
nachsten Zukunft brauchen. Sie weifi aber sehr gut, diese Geistes-
wissenschaft: wenn in fiinfhundert Jahren wiederum jemand spre-
chen wird von den grofien Weltenratseln und von den Menschheits-
angelegenheiten, so wird er an anderen Tonen, in anderer Art
sprechen, denn es gibt nichts Absolutes in diesem Sinne, nichts ewig
Dauerndes.
Gerade dadurch wirken wir im Leben, dafi wir es in seiner
Lebendigkeit, in seiner Metamorphose auch da, wo wir drinnen-
stehen, entsprechend aufzufassen vermogen. Leichter ist es, in
Abstraktionen absolute Ideale aufzustellen, als erst sein Zeitalter
kennenzulernen und aus dem Wesen dieses Zeitakers neraus das zu
sprechen, was ihm angemessen ist. Dann, wenn aus dem Aufneh-
men der geisfceswissenschaftlichen Impulse der Mensch sich so, wie
das angeftihrt worden ist, durchdringt mit dem, was ihm vom Geiste
kommt, dann wird er wissen, dafi er als Mensch Geist ist, Seele ist,
dann wird er wissen, dafi er lebt durch die Welt als Geist und Seele.
Und dann wird er jeden anderen Menschen als Geist und Seele
ansprechen. Ein Ungeheures, mochte man sagen, wird hervorgehen,
wenn das zur Geisteswissenschaft wird im Menschenleben, zu
dieses Menschenleben durchtrankender Gesinnung wird so, dafi
man mit vollem Bewufitsein dem anderen Menschen entgegentritt
wie einem Ratsel, das man zu losen hat, weil man mit jedem
Menschen in ein Unendliches,, in geistige Untergriinde und Abgriin-
de hineinblickt.
Was sich da bildet aus diesem wirklichen Anschauen des Mitmen-
schen als Geist und Seele, das wird sozial-sitdiche Kr'afte geben,
welche die Grundlage werden bilden miissen fiir eine wirkliche
Behandlung der so brennenden sozialen Prage in unserer Zeit. Ich
kann mir nicht anders vorstellen, als daf daejenigen geradezu gewis-
se Seelenqualen leiden, die das ganze Wesen der sozialen Frage
durchschauen und zu gleicher Zeit die heutige Menschheitsverfas-
sung auf sich wirken lassen. Wir leben in einer Zeit, wo die soziale
Frage gelost sein will in einer bestimmten Weise. Wir leben zugleich
in einer Zeit, in der die Forderer der sozialen Ordnung dureh-
seelt sind von den antisozialsten Trieben, wo einem die Forderung
nach sozialer Gestaltung des Lebens wie der Widerpart erscheint
zu dem, was in den Menschenseelen als antisoziale Triebe lebt. Man
mag die schonsten Programme aufstellen, man mag sich noch so
schonen Vorstellungen hingeben iiber das, was werden soil zur Lo-
sung der sozialen Frage, ein Weg zur Losung kann sich nur fin-
den, wenn Geist geschaut, gefiihlt, empfuncjen wird unter den
Menschen, wenn die Menschen so einander gegeniibertreten, dafi
sie in ihren Mitmenschen achten, schutzen, ehren, lieben Geist
und Seele, nicht blofi dasjenige, was man heute im Mitmenschen
neben sich hat.
Darum habe ich in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen
Frage» die Absonderung des Geisteslebens von dem ubrigen sozia-
len Leben gefordert, damit dieses Geistesleben nur auf seine eigenen
Untergriinde gestellt werden kann, unabhangig vom Staatlichen
und unabhangig von wirtschaftlichen Impulsen rein der Menschen-
natur folgen kann. Nur ein solches freies Geistesleben wird wirklich
auch soziale Triebe, soziale Auffassungen und Gesinnungen unter
die Menschen verbreiten. Auch die soziale Sittlichkeit hangt daran,
dafi die Menschen in ihre Seelenverfassung das aufnehmen, was
ihnen werden kann im Verfolge dessen, was man zu sagen hat aus
den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus.
Und das, worin der Mensch als in einem werten und wiirdigen
Ganzen ruhen mufi, damit er sich nicht als blofier einsamer Welten-
wanderer fiihle, sondern als ein Glied des Weltenganzen, das religio-
se Element, es kann in dem Sinne, wie das der moderne Mensch
braucht, wohl auch nur angefacht und angefeuert werden durch
dasjenige, was als Stimmung errungen wird im Verfolgen der Gei-
steswissenschaft.
Diejenigen Ereignisse der Weltenordnung oder der menschlichen
Entwickelung, auf die die religiosen Empfindungen hinschauen, sie
stehen als Tatsache da. Als Tatsache steht da zum Beispiel das
Mysterium von Golgatha. Als Tatsache steht da, was im Beginn
unserer Zeitrechnung in Palastina sich abgespielt hat als die
Menschwerdung des Christus in dem Jesus. Man mu6 unterschei-
dcn diese Tatsache, diesc objektive Tatsache, von der Art und
Weise, wie der Mensch sich nahert dem Verstehen, dem Anschauen
einer solchen Tatsache. In den Zeiten, in denen das Christentum
sich zuerst ausgebreitet hat, da konnte es stromen innerhalb der
Menschheitsgesinnungen, die noch heriibergekommen sind aus
dem alten Orient, man verstand das, was in Palastina als das Ereignis
von Golgatha geschehen ist, mit den Vorstellungen, die in gewisser
Weise aus alten Zeiten, aus urtumlichen Menschheitsanschauungen
stammten. Durch die Jahrhunderte hindurch waren die Menschen,
die es sein konnten, ehrlich und aufrichtig, indem sie das Ereignis
von Golgatha verstanden durch solche Vorstellungen. Dann kam
aber die Zeit, in welcher der Galileismus auftauchte, in welcher
Giordano Bruno in einer so merkwurdigen Weise fur die mensch-
liche Anschauung den Raum uberwand, indem er zeigte, dafi, was
da oben blaues Firmament ist, nur dasjenige ist, was in uns selber
lebt, die Grenzen, die wir selber setzen, wahrend in einem weit
ausgedehnten Raumesmeere die Sterne sind in einer Unendlichkeit.
Es kam alles dasjenige, was Kopernikus brachte, was gebracht
wurde in die neuere Weltanschauung des Aufierlichen durch die
Geister, die gelebt haben bis heute. In dieser Zeit haben die Men-
schen innerlich sich gewohnt an ein anderes Anschauen der Welt, als
dasjenige war, durch das zuerst das Christentum begriffen worden
ist. In dieser Zeit mufi auch ein neues Verhaltnis gewonnen werden
zu den religiosen Grundlagen der Menschheitsentwickelung. Nicht
handelt es sich darum, etwas zu erschuttern an den Tatsachen, die
der religiosen Entwickelung der Menschheit zugrunde liegen. Es
handelt sich aber darum, heute an das moderne Menschengewissen
so zu appellieren, dafi der Mensch der heutigen Zeit aus seiner
Seelenverfassung heraus so, wie er es mufi, das Christus-Ereignis
verstehen konne.
Die meinen es mit der Religion am ehrlichsten und am ehrerbietig-
sten, die da sagen: ein neuer Weg muE auch zu den alten Tatsachen
auf religiosem Boden gesucht werden. Geisteswissenschaft, anthro-
posophisch orientiert, wird die beste Vorbereitung, in der moder-
nen Art das Christentum oder andere religiose Inhalte zu verstehen.
Diejenigen meinen es nicht ehrlich mit dem religiosen Leben, die das
nicht zugeben, denn sie wollen Wege bewahren zu den Grundlagen
des religiosen Lebens, denen heute der Mensch, wenn er sonst den
Anschauungen seiner Zeit huldigt, nicht huldigen kann.
Wir haben es in der neueren Zeit zum Materialismus gebracht.
Gewift, verschiedene Arten von Menschen sind die Veranlasser des
Materialismus geworden; aber unter diesen Menschen sind auch die,
welche bewahrt haben gewisse alte Lebensgewohnheiten in der
Menschheitsentwickelung, Lebensgewohnheiten, die dahin gingen,
daft man den Bekenntnissen ein Monopol gegeben hat auf alles das,
was iiber Geist und Seele zu sagen ist. Dadurch, daft die Bekennt-
nisse allein das Recht hatten, zu entscheiden, was man glauben
miisse iiber Geist und Seele, dadurch kam es, daft die Naturfor-
schung ohne Geist forschte. Die Naturforschung glaubt heute, sie
habe ihre Gestalt dadurch angenommen, daft es eben so sein miisse
beim Naturforschen, daft man ausschalten miisse den Geist. O nein,
die Naturforschung ist so geworden, weil in friiheren Zeiten es
verboten war, iiber die Natur mit Geist zu forschen, denn iiber den
Geist und iiber die Seele hatte die Kirche zu entscheiden. Und heute
setzt man die Gewohnheiten fort und posaunt sie noch dazu aus als
vorurteilsloses wissenschaftliches Urteil.
Man sehe nur einmal nach bei solchen Forschern, die im Sinne
von materialistischer Forschung aufs hochste gelobt werden miis-
sen, wie zum Beispiel bei dem Jesuitenpater und Ameisenforscher
Wasmann, dem ausgezeichneten materialistischen Forscher auf dem
Gebiete der Naturforschung, ein Forscher, der aber auch nicht ein
Quentchen Geist hineinflieften laftt von demjenigen, was das Dog-
ma ist. Da mufi Geist und Seele herausbleiben. Deshalb: auftere
Wissenschaft materialistisch. Nicht zum geringsten Teile sind die
Trager der Bekenntnisreligionen die Begriinder des modernen Mate-
rialismus. So paradox das heute klingt, es ist so: weil die Kirche in
die Naturbetrachtung den Geist hineinzutragen nicht erlaubte,
deshalb ist die Naturwissenschaft geistlos geworden. Die anderen
haben sich das nur als Gewohnheit angeeignet. Anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft mufi in die Naturforschung wieder
den Geist hineintragen. Noch einmal mochte ich sagen: Nicht steht
diese Geisteswissenschaft auf dem Boden, daft der Geist nur wie
beim Materialismus zuweilen Logierbesuche oder kurze voriiberge-
hende Besuche machen soil, damit der Mensch sich iiberzeugen
kann, dafi es einen Geist gibt - nein, diese Geisteswissenschaft will
zeigen, dafi im Kleinen und Grofien, in allem Materiellen immer und
iiberall Geist ist, daft man immer und iiberall den Geist verfolgen
kann. Dadurch aber, daft anthroposophisch orientierte Geisteswis-
senschaft immer und iiberall im Materiellsten den Geist erforscht,
darlegt, dafi es ein Materielles neben dem Geist ebensowenig als
Selbstandiges gibt, wie es Eis in dem Wasser als Selbstandiges gibt -
Eis ist verwandeltes Wasser, ist Wasser abgekuhlt, Materie ist Geist,
verfestigt. Man mufi es im einzelnen nur in der richtigen Weise
erklaren. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
zeigt, wie iiberall, wo Materie ist, wo aufieres Leben ist, Geist waltet
und den Menschen dazu bringt, sich mit dem waltenden Geiste zu
verbinden, liefert sie auch heute die Antriebe zu einer wirklichen
religiosen Vertiefung.
Aber man erlebt ja auf diesem Felde gar mancherlei. Sehen Sie, ein
Erlebnis von einem sogar gutwilligen Manne ist das Folgende. Da
sagt jemand: die Geisteswissenschaft, wie sie der Steiner gibt, ich
kann sie nicht priifen; sie mag Wahrheiten enthalten, aber man soil
sie ganz fernhalten von jeglichem religiosen Leben, denn das religio-
se Leben, das mufi fern von aller Kenntnis ein unmittelbares Ver-
haltnis, eine unmittelbare Einheit des Menschen mit Gott darstellen.
Und nun sagt der Betreffende sehr merkwiirdig: wir haben in
unserer Zeit zu viel von religiosem Interesse, von religiosem Erie-
ben, die Menschen wollen nur immer etwas Religioses erleben. Sie
wollen religioses Interesse haben. Das braucht man alles nicht in der
Religion. In der Religion braucht man nur unmittelbare Einheit des
Menschen mit Gott. Weg, sagt der betreffende Kirchenmann, mit
allem religiosen Interesse, mit allem religiosen Erleben.
Nun, ein vorurteilsloser Mensch mufi heute sagen, wenn die
Menschen heute auch noch nach einem unklaren religiosen Erleben
lechzen, wenn sie auch noch ein unklares religioses Interesse in sich
erwecken, so ist das eben der Anfang zu jener Sehnsucht, wirklich
einen Weg, wie ich ihn Ihnen jetzt geschildert habe, in das religiose
Element hinein zu finden. Wer es ehrlich und aufrichtig mit dem
religiosen Leben meint, der sollte ergreifen jenen Trieb des religio-
sen Interesses, des religiosen Erlebens. Statt dessen verpont der
Kirchenmann religioses Erleben, religioses Interesse. Man fragt
heute, wo wirkliches religioses Verstandnis ist, bei denen, die so
sprechen, oder bei denjenigen, die versuchen, so zu sprechen, wie
ich heute zu Ihnen gesprochen habe. Allerdings, man mufi auch da
an ihren Friichten die Leute erkennen.
Ein Mann, der auch ein Kirchenmann, aber allerdings daneben
auch noch Universitatsprofessor ist, versuchte in einem Vortrag vor
kurzem eine Widerlegung der anthroposophisch orientierten Gei-
steswissenschaft. Zwei junge Freunde von mir waren in diesem
Vortrag, und sie konnten nachher in der Diskussion sprechen. Weil
der Zusammenhang es ergab, so brachten diese beiden jungen Leute,
die aber gut aufgenommen hatten die Impulse der Geisteswissen-
schaft, Worte der Bibel vor, um zu beweisen, wie iibereinstimme
das, was in der Bibel steht, wenn es richtig verstanden wird, mit
demjenigen, was auf diesem Gebiete anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft zu sagen hat. Und da wufke sich der Vorsit-
zende, der ein richtiger Kirchenmann war, nicht anders zu helfen,
als dafi er sagte an einer Stelle: Hier irrt Christus! Es konnte ihm
erwidert werden: Also du glaubst an einen Gott, der irrt! Schone
religiose Gesinnung. Sie treibt sonderbare Bliiten heute. Religiose
Gesinnung ist nur echt, wenn sie ins wirklich moralische Leben
iibertritt. Da macht man allerdings sonderbare Erfahrungen. So
ziemlich das Allergemeinste, was gesagt werden kann, finde ich jetzt
durch eine ganze Reihe deutscher Zeitungen iiber dasjenige, was als
soziale Konsequenz auftritt in dieser anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft, vom Anfang bis zum Ende erlogen. Aber die
Menschen finden es mit einer Moral heute vereinbar, allerdings in
einer Zeit, in der das Folgeride als Moralkortsequenz religidser
Praxis, sagen wir, geschehen kann. Vor kurzem hat auch in einer
Stadt ein Domkapitular, also ein Kirchenmann von der katholischen
Art s einen Vortrag gehalten iiber diese hier vertretene Geisteswis-
senschaft, und am Schlusse hat er gesagt: iiberzeugen Sie sich aus
den gegnerischen Schriften, was der Mann fur eine Weltanschauung
vertritt, denn seine eigenen Schriften und die seiner Anhanger
diirfen Sie nicht lesen. Die hat namlich zum Lesen fiir Katholiken
der Papst verboten.
Die Empfehlung, etwas kennenzulernen aus dem Ubelgewollten,
aus den iibelwollendsten gegnerischen Schriften, das ist moralische
Konsequenz mancher religiosen Praxis der Gegenwart. Kein Wun-
der, dafi aus solchen Untergriinden des Lebens iiber die Welt hin
sich das ergossen hat, was wir in den letzten funf Jahren erlebt
haben. Oder war es nicht ein An-die-Oberflache-Treiben von Luge
und Menschenhafi und vielem anderen, was aber wurzelte und heute
noch wurzelt in den Tiefen der Menschenseelen? Sollte die Tatsa-
che, die man erlebt hat, nicht Veranlassung geben, ganz ernstlich mit
sich zu Rate zu gehen, ob nicht ein griindliches Umlernen notwen-
dig sei? Ist nicht an die Oberflache des Welthistorischen in der
Gegenwart so etwas wie welthistorische Unmoral gekommen?
Oder ist es religiose Gesinnung, die sich in den letzten funf Jahren in
der Welt ausgelebt hat? Die Gesinnungen, die nicht Jahrhunderte,
die Jahrtausende Zeit gehabt hatten, an der Verbesserung der
Menschheit zu arbeiten, Sie sehen heute ihre Friichte! Die Theologie
des 19. Jahrhunderts weifi nichts mehr von der Geistigkeit des
Ereignisses von Golgatha. Diese Geistigkeit, dieser gottliche Chri-
stus in dem Menschen Jesus, auf dem Wege anthroposophisch
orientierter Geisteswissenschaft wird er wieder gefunden werden.
Von da aus wird er wiederum in die Menschenseelen einziehen, um
sie zu veranlassen, dafi sie nicht blofi predigen von Moral, sondern
dafi in ihnen begriindet werde das richtige Triebhafte, das richtige
Impulsive des moralischen Wirkens und Arbeitens in der Welt. Ist
nicht eine Erneuerung, ein Aufbau augenscheinlich notwendig?
Stellt sich diese Notwendigkeit nicht heraus, wenn man die Ereignis-
se der letzten funf bis sechs Jahre betrachtet, sieht man nicht da die
Friichte desjenigen, was jahrhundertelang unter der Oberflache
gelebt hat und jetzt herauf gekommen ist? Sollte das nicht Beweis
sein, dalS griindliche religios-moralische Arbeit notwendig ist?
An dieser Arbeit, deren Notwendigkeit jeder Unbefangene heute
zugeben mufi, wenn er nicht mit seiner Seele schlaft innerhalb der
grofien Ereignisse der Zeit, mochte die anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft mitarbeiten. Und wer sie kritisieren, wer
sie verdammen will, der sollte erst die griindliche Frage aufwerfen:
will sie ehrlich mitarbeiten an dem wirklichen Fortschritt der
Menschheit? - Und wenn er sich gewissenhaft davon unterrichtet
hat, so dafi er ein Urteil dariiber hat gewinnen konnen, dann wird
sich erst zeigen, inwiefern diese anthroposophisch orientierte Gei-
steswissenschaft ein Recht hat, mitzuarbeiten. Denn sie mochte
ehrlich und aufrichtig an dem notwendigen Fortschritt, an dem
notwendigen Umdenken und Umlernen der Menschheit mit-
arbeiten.
UNGEIST UND GEIST
IN DER GEGENWART UND FUR DIE ZUKUNFT
Erster Vortrag, Zurich, 17. M'drz 1920
Unter den irgendwie mafigeblichen Urteilen, die in der Gegenwart
abgegeben worden sind uber die heutige so chaotische Weltlage, ist
zweifellos eines der allerbedeutsamsten dasjenige des Englanders
John Maynard Keynes, der in seinem Buch «Die wirtschaftlichen
Folgen des Versailler Friedensschlusses» eine solche Beurteilung der
gegenwartigen allgemeinen Weltenlage gebracht hat. Keynes ist
ganz zweifellos auch durch seine aufieren Verhaltnisse zu einem
solchen Urteil berufen. Er war wahrend der Kriegszeit zugeteilt
dem englischen Schatzamt, war in der Lage, selbstverstandlich aus
den sich ihm da ergebenden Untergriinden heraus, sich eine Grund-
lage fur ein entsprechendes Urteil zu bilden. Auf der anderen Seite
war er unter den Abgesandten, unter den Mitarbeitern des Versailler
Friedensschlusses selbst. Allerdings trat er schon im Juni 1919 von
dieser Stellung zuriick. Und dieser Riicktritt wie auch die Schliisse,
zu denen er in seinem Buch uber die wirtschaftlichen Folgen des
Friedensschlusses kommt, sie sind gerade dasjenige, was ein bedeu-
tungsvolles Licht wirft auf die Art und Weise, wie sich diese
Personlichkeit zu der Weltlage der Gegenwart stellt. Auch Keynes
gehorte ja zu denjenigen, welche zunachst wahrscheinlich wohl
noch bei ihrem Gang nach Versailles in der von Amerika heriiberge-
kommenen, mit so grofier Glorie empfangenen Personlichkeit
Woodrow Wilson etwas wie einen Propheten und Ordner der
gegenwartigen Weltlage sahen. Er ist griindlich von diesem Urteil
abgekommen. Und derjenige, der wie ich, auch in den Zeiten, in
denen Woodrow Wilson von einer ungeheueren Menschenmenge
geradezu zu einem Weltbefreier erklart worden ist, der - auch von
dieser Stelle aus habe ich das getan - hier in der Schweiz unumwun-
den sein Urteil dahin abgegeben hat, dafi die inhaltsleeren und
abstrakten Auseinandersetzungen Woodrow Wilsons und seine
Manifeste zu einem wirklichen Neubau der zerstorten Zivilisation
nichts beitragen konnen, der darf wohl hinweisen heute auf ein
solches mafigebendes Urteil. Keynes schildert in seinem Buche
geradezu, was die Persdnlichkeit anbelangt, mit einer intensiven
Plastik - mochte man sagen. Er schildert, wie Woodrow Wilson in
Versailles ankommt, wie er an den Versammlungen teilnimmt, wie
sein Denken ein langsames ist, wie er gewissermafien iiberall hinten-
nach hinkte. Wahrend die anderen schon weit vorne sind mit ihrer
Beurteilung der Dinge, ist er noch weit zuriick bei irgend etwas, das
man vor funf, sechs oder vor zehn Satzen gesprochen hat, geradezu
ein Mann, der an der Langsamkeit seines Denkens leidet. Vieles
andere wird plastisch geschildert in bezug auf die Personlichkeit
dieses angeblichen Weltenbefreiers.
Aber auch auf die anderen fiihrenden Personlichkeiten, die bei
diesem Friedensschlusse tatig waren, kommt Keynes zu sprechen,
eindringlich zu sprechen. Er schildert, wie Clemenceau ein Mann
ist, der eigentlich die ganze Entwickelung der europaischen
Menschheit seit den siebziger Jahren verschlafen hat, der eigentlich
nichts anderes wollte bei diesem Friedensschlusse, als in einem
gewissen Sinne die Welt wiederum zunickschrauben zu dem, was in
den siebziger Jahren innerhalb Europas vorhanden war. Und er
schildert dann nicht minder anschaulich und plastisch, wie Lloyd
George eigentlich alien iiberlegen ist, wie er einen gewissen Instinkt
hat, um zu erfuhlen dasjenige, was bei den Personlichkeiten seiner
Umgebung gedacht und getan und gewollt wird. Und man sieht
aber aus alledem, wie schwer es heute selbst einem scharfsinnigen
Beschreiber wie Keynes wird, sich nach und nach durch die Gewalt
der Tatsachen ein Urteil zu verschaffen. Das ist es ja, was immer
mehr und mehr beitragt zu dem Chaotischwerden unserer gegen-
wartigen Weltenlage, daft gerade die fiihrenden Personlichkeiten,
die * die Angelegenheiten, die das offentliche Leben der letzten
Jahrzehnte an die Oberflache gebracht hat, dafi die so gar nicht
gewachsen sind den grofien Anforderungen, welche die heutige Zeit
stellt. Gerade das geht aus dem angezeigten Buche und seinem
Urteil hervor. Man sieht daraus, dafi alles dasjenige, was an zersto-
renden Machten in der Welt wirkt, durchaus nicht in irgendeine
Urteilsordnung gebracht werden kann von denjenigen, die eben
durch das offentliche Leben zur Fiihrerschaft berufen worden sind.
Und da Keynes sah, dafi nichts irgendwie bei dieser Konferenz
herauskommen konne, was zu einer heilsamen und gedeihlichen
Weiterentwickelung der europaischen Zivilisation fuhrt, so legte er
eben sein Amt nieder gleich in den Anfangen der Verhandlungen.
Und wie er nun sein Urteil aufbaut, das ist aufierordentlich bedeut-
sam. Und eigentlich hat man in der Gegenwart nur notig, auf
Urteile, die auf solchen Unterlagen ruhen, etwas Wirkliches zu
bilden. Das Urteil von Keynes ist, ich mochte sagen, errechnet. Nur
diejenigen Personlichkeiten konnen eigentlich in der Gegenwart
mitsprechen, die einen gewissen Sinn und Instinkt haben, aus noch
vorhandenen Kraften in einer gewissen Weise die Zukunft mit aller
Nuchternheit zu errechnen. Auf sie zu horen hat man deshalb
besondere Veranlassung, weil ja weitaus die grofite Zahl der heuti-
gen Urteile abgegeben wird aus irgendwelchen volkisch-chauvinisti-
schen oder sonstigen Vorurteilen heraus, wahrend die Zahl derjeni-
gen gering ist, die in objektiver Weise aus der Sprache der Tatsachen
selber heraus sich ihr Urteil diktieren lassen. Zu ihnen gehort
Keynes. Er halt Umschau iiber dasjenige, was vor alien Dingen in
bezug auf Okonomisches aus dem hervorgehen konne, was die drei
genannten fiihrenden Personlichkeiten in Versailles gebraut haben,
was wirklich gerade im wirtschaftlichen Leben der europaischen
Zivilisation nach und nach erfolgen miisse, wenn nichts anderes
eintritt, als dafi die Krafte wirken, die dazumal in Versailles zur
Geltung gebracht worden sind. Und Keynes errechnet - ich sage
ausdriicklich und ich betone es sehr stark -, Keynes errechnet, dafi
aus diesem Friedensschlusse nichts anderes folgen konne, als der
wirtschaftliche Ruin Europas. Selbstverstandlich mufi mit dem
wirtschaftlichen Ruin Europas verbunden sein der geistige und der
politische Ruin.
So ist das Buch iiber die wirtschaftlichen Folgen des Versailler
Friedensschlusses schon durch diesen seinen Inhalt interessant ge-
nug. Aber in gewisser Beziehung wird es noch interessanter durch
seinen Schlufi. In diesem Schlufi gesteht Keynes ganz unverhohlen,
dafi er eigentlich keine Ahnung habe von demjenigen, was zu tun
oder zu wollen sei, um aus dem Chaos, in das wir hineintreten,
herauszukommen. Und er sagt, indem er dieses Gestandnis macht,
etwas eigentlich aufierordentlich Bedeutungsvolles, in einen einzi-
gen Satz fafit er dieses bedeutungsvoll zusammen. Er sagt, man
konne nur erhoffen, dafi irgendein Heil fur die europaische Civili-
sation erfolge aus dem Zusammennehmen aller in Betracht kom-
menden Krafte zu einer neuen Seelenverfassung und zu neuen
Imaginationen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, das sagt ein Mann, der drin-
nengestanden hat in den Verhaltnissen, der berufen war mitzutun,
der durch seine Auseinandersetzung zeigt, dafi er ein Mensch ist, der
im weitesten Umfange michtern rechnen kann. Eine neue Seelenver-
fassung, ein Zusammennehmen aller Krafte zu einer neuen An-
schauung der im offentlichen Leben der Menschheit tatigen Gewal-
ten, wo sind diese zu finden? Wie ist zu diesen zu kommen?
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, es bedarf wohl nur
einiger Unbefangenheit, so wird man zugeben miissen, daf$ dazu der
erste Schritt sein miisse der: in voller Vorurteilslosigkeit das Wesent-
liche im offentlichen Leben der Gegenwart zu erforschen; sich zu
fragen: Welches sind denn eigentlich die wirksamen Krafte in
diesem offentlichen Leben der Gegenwart? In friiheren Vortragen,
die ich hier zu halten die Ehre hatte, habe ich darauf hingewiesen,
welcher Art von geschichtlichen Betrachtungen es verdankt werden
soil, auf wirklich wirksame Krafte im Leben der Menschheit zu
kommen. Da mufi man vor alien Dingen auf gewisse Symptome
sehen, durch die anschaulich wird dasjenige, was in den Tiefen der
Menschheitsentwickelung wirkt. Und deshalb mochte ich, um et-
was, was vielleicht zum Hervorragendsten gehort unter den Kraf-
ten, die mit am Zerstorungswerk gearbeitet haben, mochte ich
hinweisen gerade auf die Weltanschauungsgrundlage der Gegen-
wart, allerdings so, wie sie sich herausgebildet hat im Laufe der
letzten drei bis vier Jahrhunderte. Nicht als ob ich die Meinung
erwecken wollte, als ob eine Weltanschauung, die begriindet wird in
einsamer Denkerstube, nun etwa hingehen wiirde und wirkte auf
jede einzelne Seele, und dafi die offentlichen Angelegenheiten gewis-
sermafien aus einer solchen Weltanschauung heraus zustande ka-
men. Das ist ja ganz gewifi nicht der Fall. Aber so wie dasjenige, was
offentliche Angelegenheiten sind, herauswachst aus dem Wollen,
aus dem Empfinden, aus dem Gemiitsleben, aus den Gedanken der
Gesamtverfassung des Menschen, so wachst eben auch die Weltan-
schauung heraus aus dieser Gesamtverfassung des menschlichen
Lebens, namentlich der menschlichen Seele. Und man kann sehen
wie an einem Symptom, wie die Menschen eines Zeitalters beschaf-
fen sind in ihrem ganzen Wirken, in ihrem ganzen Tun, wenn man
gewissermafien das Symptom der Weltanschauung ins Auge fafit,
insofern man auf die gerade in der Gegenwart mafigebenden, zur
Geltung gekommenen Weltanschauungen hinweisen will. Dieses
Mafigebende charakterisiert sich ja insbesondere dadurch, dafi alles
dasjenige, was nicht durch Tradition von alten Zeiten in unsere
Weltanschauung hineingekommen ist, sich herausentwickelt hat aus
dem Boden der Naturwissenschaft, die auf aufiere materielle Beob-
achtung allein ihre Erkenntnisse bauen will. Was zeigt denn, tiefer
betrachtet, diese naturwissenschaftliche Weltanschauung?
Derjenige kann sie vielleicht allein richtig beurteilen, der sie
bewundern kann. Und in friiheren Vortragen habe ich diese meine
Bewunderung fur die naturwissenschaftliche Weltanschauung ge-
wifi stark genug zum Ausdruck gebracht. Nicht von irgendeiner
Bekampfung dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die
auf ihrem Gebiete gewifi aufierordentlich berechtigt ist, sollen diese
Ausfiihrungen, die ich hier entwickele, getragen werden. Diese
naturwissenschaftliche Anschauung hat namentlich in ihren techni-
schen und wirtschaftlichen Konsequenzen zu grofiartigen Zivilisa-
tionsfriichten fur die Menschheit gefiihrt. Aber nehmen wir an, es
gabe heute irgendeinen Geist - er ist schon kaum mehr moglich
erstens bei dem grofien Gebiete naturwissenschaftlicher Erkennt-
nis, zweitens bei ihrer Spezialisierung -, aber nehmen wir an, es gabe
heute einen Geist, welcher den ganzen Umschwung der naturwis-
senschaftlichen Anschauung von der Mathematik und von der
Mechanik bis herauf in die Biologie und bis herauf in dasjenige, was
iiber die Biologie fur die menschliche Seelenkunde gewonnen wer-
den kann, umspannte: ein solcher Geist, er wiirde in gewissen
Gebieten des Naturschaffens und Naturseins ganz zweifellos be-
deutsame Einblicke gewinnen konnen. Allein, wenn ein solcher
Geist mit volliger Klarheit sich die umfassende grofie Menschheits-
frage stellte: Was ist eigentlich der Mensch in seinem eigenen Wesen
und in seinem ganzen Verhaltnis zur Welt? - dann rniiike gerade
derjenige, der auf dem Boden der Naturwissenschaft ganz fest steht,
der die Tragweite der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gerade
richtig zu beurteilen vermag, er miifite sagen: fur die Beantwortung
dieser Fragen nach dem Menschenwesen und nach dem Verhaltnis
des Menschen zu dem tibrigen Kosmos vermag die naturwissen-
schaftliche Weltanschauung nichts zu sagen. Diese Frage bleibt
gerade von der neusten physischen naturwissenschaftlichen Er-
kenntnis unbeantwortet. Wie der Mensch hervorgegangen ist in
aufierlicher physischer Entwickelung von niederen, tierahnlichen
Formen, zu seiner heutigen Menschengestalt, dariiber sind schon
grofiartige Erkenntnisansatze vorhanden. Was der Mensch ist in
seinem Verhaltnis zu geistigen Welten, davon haben gerade diese
Erkenntnisansatze den Menschen weit abgefiihrt. Wer sich das nicht
unbefangen eingestehen kann, der wird auch kein Urteil dariiber
gewinnen konnen, aus welchen inneren Impulsen heraus die gegen-
wartige Menschheit wirkt, indem sie die offentlichen Angelegen-
heiten organisiert oder auch offentliche Organisationen zerstort.
Denn mogen wir uns auch nicht immer bewufit sein wie aus dem,
was wir iiber das Wesen des Menschen und seine Stellung zur Welt
bewufit denken, mogen wir uns auch nicht immer bewufit sein,
welche Gedanken wir in dieser Stellung hegen, diese Gedanken, so
unbewufit, so instinktiv sie sein mogen, sie wirken in unseren
Empfindungen, in unseren Willensentschlussen. Sie werden daher
doch die Schopfer des ganzen offentlichen, geistigen, politischen
und wirtschaftlichen Lebens. Wer nur die Dinge richtig ansehen
will, der wird gewahr werden, wie auch die wirtschaftlichen Zu-
sammenhange, da sie doch von Menschen gemacht werden, Men-
schen aber wiederum aus ihren Seelenimpulsen heraus hand ein. wie
auch die wirtschaftlichen Zusammenhange der Welt durchaus ein
Abbild desjenigen darstellen, was der Mensch iiber sich zu empfin-
den vermag und iiber sein Verhaltnis zur Welt. Nun miissen wir
sagen: grofi ist geworden die naturwissenschaftliche Weltan-
schauung iiber alles dasjenige, was aufiermenschlich ist. Uber den
Menschen selber vermag sie keine Antwort zu geben. Grofi ist sie,
wenn iiber die Reiche, die untermenschlich sind, Auskunft verlangt
wird. Wie aber verhalten sich die Auskiinfte, die wir uns erobern als
Menschen zu dem, was wir aus unseren Ideen, aus unseren inneren
Seelenimpulsen einfliefien lassen sollen in das soziale Leben, iiber-
haupt in das Zusammenleben von Mensch zu Mensch und in
Menschengruppen? Kann man denn irgendwelche Antriebe emp-
fangen von denjenigen Gebieten, die aufierhalb des Menschen
liegen, fur das menschliche Wirken, fur das menschliche Zusam-
menleben? Das zeigt sich am besten, dafi man das nicht kann, wenn
man das Verhaltnis des Menschen zur Sprache beobachtet.
In der Sprache lebt im Grunde genommen doch alles dasjenige,
was Mensch zu Mensch fiihrt. Durch die Sprache beherrschen wir
auch das wirtschaftliche Leben. Durch die Sprache inaugurieren wir
die aufieren politischen und geistigen Verhaltnisse. Nun gibt es ein
hochst Merkwiirdiges, das nur leider nicht oft genug griindlich
betrachtet wird. Wenn wir versuchen, unsere Sprache anzuwenden
fur die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, so konnen wir eigent-
lich niemals etwas anderes tun, als die Worte, die Redewendungen,
auch alles dasjenige, wodurch wir Naturgesetze ausdriicken, jene
Naturgesetze, die wir heute so bewundern als den grofien Fort-
schritt der neueren Menschheit, wir konnen nichts anderes als
dasjenige, was wir uns gebildet haben in den Worten als Ausdruck
fur innere Seelenverhaltnisse oder fur Verhaltnisse am Menschen,
auf die Natur hinaus auszudehnen. So feinsinnige Geister wie
Goethe , die bemerkten das. Deshalb sagte Goethe: Der Mensch
begreift gar nicht, wie anthropomorphistisch er ist. - Wenn wir
sagen: eine elastische Kugel stofit die andere und wir daraus
die Gesetze des eiastischen' Stofies in der Physik ableiten, so gehen
wir im Grunde genommen aus von dem, was wir in der Wortbedeu-
tung fiir den Stofi haben, den wir in unserem eigenen Organis-
mus ausfiihren. Und derjenige, der nur richtig nachforschen will,
wird sehen, dafi alles dasjenige, was nur iiberhaupt von der Spra-
che angewendet werden kann auf die Naturwissenschaft, die das
Aufiermenschliche behandelt, vom Menschen her genommen wer-
den mui
Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? - Sie
ware zu einem sehr geringen Inhalte gekommen, wenn wir nur das
Muhen der Kuh und andere tierische Laute nachahmen konnten.
Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? Wer
unbefangen den Entwickelungsgang der Menschheit betrachten
kann, der findet, dafi aller Inhalt der Sprache davon herkommt, daft
die Menschheit in Zeiten, die allerdings hinter unserer Zivilisation
zuriickliegen, eine gewisse instinktiv-geistige Erkenntnis hatte, ich
sage: eine instinktiv-geistige Erkenntnis hatte mit den natiirlichen
elementaren Nachempfindungen, die in der menschlichen Seele
aufsteigen. Mit den Willensimpulsen, mit dem bildhaften Vorstel-
len, die sich im Mythus, in Mythologie auslebten, kamen dem
Menschen geistige Anschauungen, und aus diesen geistigen An-
schauungen heraus bildete er sich den Seeleninhalt, der dann zum
Inhalt seiner Sprache wurde in der neueren Zeit, die grofi ist
dadurch, daft sie in einer gewissen Weise verachtungsvoll hinsah auf
dasjenige, was instinktive geistige Fahigkeiten dem Menschen einer
friiheren Zeit gegeben haben. In dieser neueren Zeit, in der man
vorzugsweise grofi geworden ist in bezug auf die Naturwissen-
schaft, in dieser neueren Zeit haben unsere Worte keinen neuen
Inhalt bekommen. Und eines ist geschichtlich bedeutsam gerade in
den letzten zwei bis vier Jahrhunderten: Unsere Sprache, alle
Sprachen unserer zivilisierten Welt haben ihren alten Inhalt verlo-
ren. Kein neuer Inhalt konnte in sie ereossen werden, weil dasieniee,
was einen solchen Inhalt nicht geben kann, die blofte Naturer-
kenntnis, dasjenige ist, was gerade in dieser Zeit grofi geworden ist.
Und in der Zeit, die wir in anderer Beziehung so bewundern
miissen, spielte sich das ab, was man nennen kann Entleerung der
ziviiisierten Sprachen von ihren alten geistigen Inhalten.
Was wurden die zivilisierten Sprachen dadurch, dafi sie ihren
alten Instinktinhalt verloren haben und ihnen die Naturwissen-
schaft keinen neuen geben konnte? - Sie wurden dasjenige, was nun
in der Gegenwart bis zu einem gewissen Hohepunkt gestiegen ist.
Sie wurden dasjenige, was sich ausbildete zur Phrase, und wahrhaf-
tig nichts, was nur in einem eingeschrankten Gebiete einen Sinn
hatte, sondern man nennt dasjenige, was heute Weltherrschaft
ausiibt, wenn man heute von Phrase spricht. Und die vier bis fiinf
Schreckensjahre, die wir hinter uns haben, sie haben die Weltherr-
schaft der Phrase auf ihrem Hohepunkt gezeigt. Wir leben heute
geradezu unter der Weltherrschaft der Phrase. Was gibt es gegen
diese Weltherrschaft der Phrase fiir ein Heilmittel? Einzig und allein
die Gewinnung eines neuen geistigen Inhaltes, eines bewufiten
geistigen Inhaltes. Der alte, durch die friihere Menschheit auf
instinktivem Wege gewonnene geistige Inhalt, der die Sprache zur
Summe von Worten, nicht von Phrasen gemacht hat, er ist dahin, an
ihn kann die wirklich an der Gegenwart hangende Menschheit nicht
mehr glauben. Ein neuer bewufiter geistiger Inhalt mufi erobert
werden.
Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es, was die anthropo-
sophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ihren Reprasentanten
in dem Dornacher Bau hat, in ganz bewufiter Weise anstrebt:
bewulke geistige Erkenntnis zu dem naturwissenschaftlichen Er-
kennen, das iiber alles Aufiermenschliche so grofiartige Aufschliisse
gibt, hinzuzuerobern mit derselben Gedankenklarheit, logischen
Strenge, mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit hin-
zuzuerobern geistige Erkenntnis, die nun Auskunft geben kann
iiber die grofie Frage nach dem Wesen des Menschen und nach der
Stellung des Menschen zum ubrigen Kosmos. Allerdings, gestehen
mufi man sich, bevor man zu einer solchen Erkenntnis vorschreiten
kann, dafi eben die aufiere naturwissenschaftliche Methode zwar in
ihrer Gewissenhaftigkeit nachgeahmt werden mufi heute von jeder
Erkenntnis, dafi sie aber selbst nicht zur Geist-Erkenntnis fiihren
kann. Um zur Geisteserkenntnis zu kommen ist notwendig, dafi der
heutige Mensch vor alien Dingen diejenigen inneren Fahigkeiten
zur Geltung bringt, welche gerade auf dem Boden der hier gemein-
ten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft erwachsen
sollen. Ich habe dargestellt, wie der Mensch durch sein eigenes
Seelenleben zu solchen Erkenntnissen kommen kann, zum Beispiel
in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft». Al-
lerdings dann ist eines notwendig - ich habe es ja auch hier schon des
ofteren hervorgehoben -, eines ist notwendig fur den Menschen,
dem er sich heute nur hdchst widerwillig ergibt. Es ist dasjenige
notwendig, was ich nennen mochte intellektuelle Bescheidenheit.
Auf seine intellektuelle Entwickelung ist ja der heutige Mensch so
stolz. Intellektuelle Bescheidenheit, sie macht sich erst dann gel-
tend, wenn man sich zum Beispiel sagt: Angenommen, man gebe
einem funfjahrigen Kind einen Band von Goethes Lyrik in die
Hand. Was wird das Kind mit dem Band Goethes lyrischer Gedich-
te anfangen? Es wird ihn wahrscheinlich zerreifien oder es wird
spielen damit. Es wird ganz gewifi nicht dasjenige von dem Band
Goethes lyrischer Gedichte haben, was der Erwachsene haben
kann, und was eigentlich das ist, wozu der Band Goethescher Lyrik
bestimmt ist. Es miissen in dem Kinde erst nach und nach die
Fahigkeiten heranerzogen werden, welche es bestimmen konnen,
welche ihm moglich machen konnen, den Band Goethescher Lyrik
in der rechten Weise auf sich wirken zu lassen. Fur diese Entwik-
kelung der kindlichen Fahigkeiten gibt man einiges zu im Menschen-
leben heute. Dafi aber der Mensch etwa, wenn er erwachsen ist und
nur ausgeriistet ist mit den Fahigkeiten, die man eben im normalen
aufieren sinnlichen Menschenleben heute sich aneignen kann, ciafi er
dann vor der Welt selber so stehen konnte, wie das funfjahrige Kind
vor dem Band Goethes lyrischer Gedichte, dafi er durch das eigene
In-die-Hand-Nehmen seiner Seelenfahigkeiten sich erst entwickeln
miisse, um aus dem, was ihm in der Welt vorliegt, etwas herauszu-
ziehen, was sich vergleichen la£t mit dem, was das Kind erst, wenn
es erwachsen ist, aus dem Band Goethes lyrischer Gedichte heraus-
zieht s also, was es mit dem Band Goethes lyrischer Gedichte mit
fiinfundzwanzig Jahren anfangt - ja, das zuzugeben, dazu will sich
der Mensch der Gegenwart in seinem intellektuellen Hochmut nicht
bequemen. Das aber mulS vor alien Dingen geltend gemacht werden,
dafi zur wirklichen Menschenerkenntnis, zum endlichen Erfullen
des apollinischen Ausspruches «Erkenne dich selbst» notwendig ist
ein In-die-Hand-Nehmen der menschlichen Seelenfahigkeiten. Wie
das im einzelnen moglich ist, das wird Gegenstand des morgigen
Vortrages sein.
Heute will ich nur im allgemeinen hervorheben, dafi es allerdings
moglich ist, dafi der Mensch durch eine gewisse Behandlung seines
Denkens, die ich dann morgen schildern werde, dieses Denken sich
erkrafte, dafi es nicht mehr passiv an den Erscheinungen dahin geht,
sondern dafi es innerlich wie durch einen Willen ergriffen wird,
aktiv wird, dafi es intensiver wird, dafi es auftritt so, dafi der Mensch
durch innere Erfahrung im unmittelbaren Erleben weifi: jetzt ist das
Denken ein geistig-seelisches Schauen geworden. Wahrend man mit
dem gewohnlichen Denken abhangig ist von seinem Denkapparat,
von seinem Leibe, von dem Nervensystem, und wahrend man
gerade, wenn man das Denken etwas entwickelt, diese Abhangigkeit
genau durchschaut, weifi man auch, dafi wenn das Denken auf den
entsprechenden Wegen, die in den angegebenen Biichern geschil-
dert sind, sich erkraftet, es frei wird vom Leibe, es eine Tatigkeit
wird, die nicht mehr durch das Instrument des Leibes gefiihrt wird.
Gewisse Meditationen, denen man sich hingibt mit derselben Objek-
tivitat, wie man im chemischen Laboratorium ein Experiment
macht oder auf der Sternwarte die Sterne beobachtet, erkraften
dieses Denken und befreien es von dem Werkzeug des Leibes. Es
muE nur dazu kommen, wenn dann dieses Denken gebraucht
werden soil fur ein wirkliches Welts chauen, dafi Selbstzucht des
Willens eintrete. Wenn Selbstzucht des Willens mit innerem Medi-
tieren sich zu einem willensdurchtrankten Denken entwickelt, das
unabhangig vom Leibe ist, dann erst tritt Geist-Erkenntnis ein,
bewufite Geist-Erkenntnis, die nun wiederum dem Menschen das
geben kann, was ihm einstmals eine instinktive Geist-Erkenntnis
gegeben hat: Inhalt fur seine Rede, Inhalt fur die Sprache. Damit der
Mensch in sich den Impuls fuhle, aus sich selbst heraus seiner
Sprache einen Inhalt zu geben, setzte in einer gewissen Beziehung
die Menschheitsentwickelung aus, horte auf das alte instinktive
Geist-Erkennen, trat das auftere Naturerkennen an dessen Stelle,
was der Sprache keinen Inhalt geben kann. Aber der Mensch mufi
aus den Zeichen der Gegenwart heraus erkennen, dafi er durch
bewufites inneres seelisches Arbeiten, durch Entwickelung seines
Denkens zum seelischen Schauen sich wiederum Selbsterkenntnis,
Menschheitserkenntnis erwerben miisse und dadurch allein das
entstehen kann, was unserer Sprache wiederum Inhalt gibt, was
beseitigen kann die Weltherrschaft der Phrase.
Aber sqlch eine Erkenntnis gibt zu gleicher Zeit die Einsicht, dafi
eben die Aufienwelt, indem wir sie mit unseren Sinnen betrachten,
wir hineinwachsen im Verlaufe unseres Lebens zwischen Geburt
und Tod, daft diese aufieren Betrachtungen uns nicht das eigentlich
Geistige geben konnen, dafi dieses, der eigentlich geistige Inhalt,
von uns in die Welt hineingetragen wird, dafi wir ihn selbst mitbrin-
gen, indem wir aus geistigen Welten - wie gesagt, iiber diese Dinge
werden wir morgen genauer sprechen - durch die Geburt herunter-
steigen in diese physische "Welt, dafi wir hinschauen miissen, wenn
wir von dem geistigen Inhalt sprechen, auf dasjenige, was die
Menschen hereintragen, was sie nur durch das Instrument ihres
Leibes nach und nach von Jahr zu Jahr entwickeln. Nicht dasjenige,
was als immer reicherer Welteninhalt in der aufieren Erfahrung an
uns herantritt, das bringt in die Wirklichkeit den Geist, sondern
dasjenige, was wir als Menschenindividualitat durch unsere Geburt
in die Welt hereintragen. Die Menschen furchten sich nur heute vor
demjenigen, was der Mensch selber in die Welt hereintragt. Sie
furchten sich, weil sie glauben, dafi, wenn er es geltend macht, es in
die Phantastik fuhren wiirde. Allein es gibt durchaus Methoden,
diese Phantastik zu vermeiden. Derjenige aber, der durchschaut,
wie im Grunde genommen doch aller geistige Inhalt aus den mensch-
lichen Individuaiitaten kommen mufi, der wird ohne weiteres zuge-
ben, daft eine gedeihliche Entwickelung dieses Geisteslebens nur
kommen konne, wenn dem Menschen die voile menschliche Ent-
wickelungsmoglichkeit gegeben ist, wenn er in seiner geistigen
Entwickelung und in den Darlegungen und Offenbarungen seines
Geistes von keinen aufieren Machten, die nur hier in der physischen
Welt dienen, abhangig ist. Denn mit dem Heraufkommen der reinen
naturwissenschaftlichen Erkenntnis, jener Erkenntnis, die nur
durch das Auftermenschliche Auskunft gibt, ist eben, wie organisch
damit verbunden, auch heraufgekommen die Abhangigkeit des
Geisteslebens jetzt nicht von dem, was der Mensch durch die
Geburt in die Welt hereintragt, sondern von dem, was das aufiere
Staatsleben feststellt, von dem, was das Wirtschaftsleben aus dem
Menschen macht. In derselben Zeit, in der die Naturwissenschaften
grofi geworden sind, haben wir die Omnipotenz des Staates aufs
hochste entwickelt gesehen dadurch, dafi der Staat seine Fangarme
ausstreckt iiber alles dasjenige, was Geistesleben ist; er hat das
Schulleben angefangen zu organisieren, das Wirtschaftsleben ist auf
der anderen Seite mafigebend geworden fur das Einleben derjenigen
Personlichkeiten, die eben in dieses Geistesfeld kommen konnten.
Das aber ist Hand in Hand gegangen damit, dafi der Mensch
verloren hat die Moglichkeit, herauszugebaren aus sich selbst einen
geistigen Inhalt, seinen Worten einen geistigen Inhalt zu geben.
Daher hat sich entwickelt im Zeitalter der Naturwissenschaft die
Abhangigkeit des Geisteslebens von den politischen, von den wirt-
schaftlichen Machten, und es hat sich unter diesem Einflusse ent-
wickelt die Weltherrschaft der Phrase.
Das ist das erste Glied in den nach der Zerstorung hin arbeitenden
gegenwartigen Organisationen: die Weltherrschaft der Phrase, die
inhaltsleere Rede. Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, geistige
Substanz, die er unmittelbar aus seiner Verbindung mit der Geistes-
welt schopft, in die Worte hineinzulegen, miissen die Worte zur
Phrase werden, miissen die Worte allmahlich in den Menschen sich
so eingewohnen, dafi der Mensch gewissermafien nur sich forttra-
gen lafit von den Mechanismen der Sprache. Und das sehen wir nur
leider allzu deutlich in der neueren Zeit heraufkommen: dasjenige,
was mit Urgewalt hervorbricht aus dem geistig-seelischen Inneren
des Menschen, was sich gewissermafien nur entladt in der Sprache,
das verschwindet. Das Leben in den Mechanismen der Sprache wird
immer intensiver und intensiver, und es ist an seinem Hohepunkt
angelangt in den letzten Jahren. Weil die Menschen, indem sie
miteinander redeten iiber die zivilisierte Welt hin, redeten unmit-
telbar oder mittelbar durch den Druck eigentlich von nichts y und
indem die Worte nur in ihrem Mechanismus sich abspielten, entwik-
kelte sich dasjenige, was an chaotischen Kraften zur Zerstorung
hintrieb.
Ich weifi sehr gut, dafi in der Gegenwart wenig Neigung dafiir
vorhanden ist, auf diese Intimitaten des menschlichen Lebens einzu-
gehen, wenn von den Ursachen des gegenwartigen Chaos die Rede
sein soli. Aber niemand wird iiber diese Ursachen klare Begriffe und
klare Urteile gewinnen, der nicht auf diese Intimitaten des menschli-
chen Seelenlebens eingehen will. Nicht friiher auch wird in die
offentlichen Angelegenheiten wiederum Harmonie anstelle des
Chaos kommen, nicht friiher, als bis durch geistige Vertiefung,
durch wirkliche Geisteswissenschaft in dem Menschen wiederum
der Drang entsteht, seinen Worten einen vollen Inhalt zu geben.
Denn dasjenige, was allerdings zuerst auf wissenschaftlichem Gebie-
te auftritt, was auf wissenschaftlichem Gebiete geboren wird, es
drangt sich hinein in die iibrigen Lebensgewohnheiten, es wird im
offentlichen Leben zu dem Tonangebenden. Und wer einen Sinn hat
fur Lebensbeobachtung, der sieht, wie im Alltagsleben zuletzt sich
nur die letzten Konsequenzen von dem abspielen, was zum Schlufi
doch als das Charakteristische vorhanden ist da, wo man Weltan-
schauungen macht. Allerdings, die Zusammenhange, die da auftre-
ten, die Menschen wollen sie schon seit langem nicht ordentlich
iiberschauen. Hier in der Schweiz hat einmal ein polternder Geist
gewirkt, ich nenne ihn ausdriicklich einen polternden Geist, damit
Sie sehen, ich iiberschatze ihn nicht, Johannes Scherr. Er hat durch
seinen polternden Ton und sein polterndes Urteil manches sich
verdorben, was allerdings auch an gesunden Gedanken in dem war,
was er offentlich zu sagen hatte. Er hat in den secliziger, siebziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einer wirklich eindringlichen
Beobachtung des geschichtlichen, sozialen Lebens her a us ein sehr
bedeutsames Urteil gefallt. Er hat gesagt: Wenn der materialistische
Ungeist, der nurmehr sich stiitzt auf dasjenige, was der Mensch in
der Aufienwelt erschaut und erlebt, wenn der fortherrscht, wird er
einziehen auch in alles dasjenige, was der Mensch in den aufieren
offentlichen Angelegenheiten tut; er wird eingehen in das Wirt-
schafts-, in das finanzielle Leben, und es wird sich eine soziale
Struktur entwickeln, die endlich dazu fiihren wird, dafi man sagen
mufi: Unsinn, du hast gesiegt!
Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf solche Leute hort man
nicht gern. Auch dieses Urteil des Johannes Scherr hat man iiber-
hort. Aber jetzt nach fiinfzig Jahren mufi fiir denjenigen, der auf
alles, was mit der sogenannten Weltkriegskatastrophe zusammen-
hangt, hinschaut, gesagt werden: Die Worte dieses Weltenbeobach-
ters Johannes Scherr, die in dem Satze gipfelten: Ihr werdet sagen
miissen: Unsinn, du hast gesiegt, - die Worte haben sich erfiillt!
Denn dieser Johannes Scherr hat gut gesehen, wie sich herausge-
prefit hat allmahlich aus dem menschlichen Leben dasjenige, was
Geist ist, wie an die Stelle des Geistes der materialistische Ungeist
getreten ist, und er hat aus dieser Beobachtung eine wahre Prophetie
machen konnen. Die Welt weifi eben nicht, dafi dasjenige, was
zuerst nur Weltanschauung, nur Theorie ist, dafi das im Grunde
genommen nach zwei Generationen moralisches, offentliches Wir-
ken wird, Tat wird. Oh, man sollte gewisse Zusammenhange in der
Welt viel, viel besser bemerken! Man sollte sich ein viel griind-
licheres Urteil, ein reales Urteil iiber gewisse Dinge verschaffen!
Hier hat auch einmal ein Philosoph gewirkt, Avenarius. Er ist ein
Geistes verwandter von Mach, der wiederum einen Schuier vor ganz
kurzer Zeit hier in Zurich wirken hatte. Diese Leute haben auf dem
Weltanschauungsfelde die Konsequenzen gezogen des gegenwar-
tigen materialistischen Ungeistes - ich nenne ihn Ungeist, weil eben
blofie Naturerkenntnis in unsere Sprache keinen substantiellen
Inhalt hineingiefien kann. Sie haben, die Philosophen, Avenarius
und so weiter, die Weltanschauungskonsequenzen gezogen aus dem
materialistischen Ungeist der Zeit. Die Philosophic, die sie gewon-
nen haben, und die ganze Art und Weise, wie solche Leute wie
Avenarius sich darlebten, ist gut btirgerlich. Niemand wird selbst-
verstandlich diesen Leuten ansehen, daft sie etwas anderes sind, als
brave Staatsbiirger. Aber heute sollte man etwas anderes notifizie-
ren. Heute sollte man einmal aus den Tatsachen heraus die Frage
studieren: Welches ist die Staatsphilosophie des Lenin und Trotzki
geworden? Welches ist die Staatsphilosophie der Bolschewisten? -
Das ist die Avenariussche, die Machsche! Da ist nicht bloft der
zeitliche Zusammenhang, daft eine Anzahl dieser Leute hier in
Ziirich studiert haben, da ist der innere Tatsachenzusammenhang,
daft dasjenige, was in den menschlichen Seelen als Weltanschauungs-
gedanke in einer Generation lebt, in der dritten Generation zu Taten
wird. Und an diesen Taten kann man die Ursachen sehen, wie sie in
der Welt spielen. Aber die heutige Menschheit will nur abstrakt
logische Urteile und begreift nicht, daft etwas, was logisch er-
schlossen ist, noch kein Tatsachenurteil, kein Tatsachenschlufi ist,
daft man mit wirklichem geistigem Schauen hineinblicken mufi in
den realen Zusammenhang, in den Wirklichkeitszusammenhang,
und dann das scheinbar Unahnlichste, die bourgeoise Weltan-
schauung des Avenarius, die aber aus materialistischem Ungeiste
hervorgegangen ist, wieder auflebt tief in demjenigen, was alle
menschliche Gesellschaft von Grund aus zerstort, was zu den
Totengrabern hinfuhrt der ganzen europaischen Zivilisation.
Damit ist zu gleicher Zeit angedeutet, daft allerdings diese Welt-
herrschaft der Phrase nicht etwas ist, was nur auf einem engen
Gebiete gilt. Es ist etwas, was als eine Grundkraft unser ganzes
offentliches Leben, vor alien Dingen auf dem Gebiete des Geistes
durchzieht. Und eher wird kein Heil sein, als bis das Geistesleben
sich emanzipiert von dem, was sich gerade als die Grundlage zu
diesem Phrasentum ergeben hat, bis sich das Geistesleben emanzi-
piert von dem aufieren politischen oder Rechtsleben, von dem
Wirtschaftsleben, und allein auf dasjenige gebaut wird, was der
Geist selber aus sich hervorbringt, das heifit, dasjenige, was der
individuelle Mensch produziert aus dem, was er durch die Geburt
aus der Geistes welt in die sinnliche Welt hereintragt. Zu geistigem
Inhalt zu kommen ist allein der Weg, die Weltherrschaft der Phrase
zu iiberwinden. Und mit der Phrase innig im Bunde ist etwas
anderes. Weil die Phrase nicht den Zusammenhang des Wortes mit
den Inhalten verbindet, so wird das Wort sehr leicht in dem Zeitalter
der Phrase zum Trager der Luge. Und von der Phrase zur Luge fiihrt
ein gerader Weg. Daher auch die Herrschaft, der Siegeszug der Luge
in den letzten vier bis fiinf Jahren, der wiederum so viel Anteil hat an
dem Zerstorungsprozesse, dem wir entgegengehen, wenn nicht
Geist an die Stelle des Ungeistes gerufen wird!
Nun, sehr verehrte Anwesende, das auf dem einen Gebiete des
offentlichen Lebens, auf dem Gebiete des Geisteslebens. Aber es
gibt noch andere Gebiete. Sie alle aber, Sie sind abhangig in einer
gewissen Beziehung von dem Geistesleben. Wird das Geistesleben
beherrscht von der Phrase, von der inhaltslosen Rede, so ist auch
dasjenige, was aus dieser Rede kommt, was namentlich im Zusam-
menhange mit der Rede innerhalb der sozialen Gemeinschaft ge-
lernt werden kann, nicht geeignet, in die Gefuhle, in die Empfin-
dungen hinein sich auszuleben. Dasjenige aber, was in den Gefuhlen
und Empfindungen im sozialen Zusammenleben sich entwickelt,
was sich in dem Wechselverkehr von Mensch zu Mensch entziindet,
indem der eine Mensch mit dem anderen mitfuhlt, das ist Sitte, das
ist dasjenige, was aus der sozialen Gemeinschaft heraus zur Ge-
wohnheitssitte wird. Und nur aus dieser Gewohnheitssitte kann
sich geschichtlich das Recht entwickeln. Aber dieses Recht kann
sich nur entwickeln, wenn in die Empfindungen, die im Wechselver-
kehre zwischen Mensch und Mensch stattfinden, nicht die Phrase
sich hineinlebt, wenn in diese Empfindungen das substanzerfiillte
Wort, die gedankengetragene Rede sich hineingliedern. Und im
Zeitalter der Phrase kann auch die Empfindung zwischen Mensch
und Mensch sich nicht in entsprechender Weise entziinden, kann
sich nur ergeben ein aufieres Verhaltnis von Mensch zu Mensch. Die
Folge ist daher, da!5 in dem Zeitalter, wo sich auf dem Gebiete des
sozialen Geisteslebens die Phrase entwickelt, sich auf dem Gebiete
des sozialen Fiihlens statt
…[truncated]