Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 



VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN UND 
DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 



RUDOLF STEINER 



Vom Einheitsstaat zum 
;liedrigen sozialen Organismus 



Elf offentliche Vortrage 
gehalten in Basel, Zurich und Dornach 
zwischen dem 5. Januar und 6. Mai 1920 



1983 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Walter Kugler 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1983 



Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 334 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1983 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3340-X 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk vom Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die vonRudolf Steiner (1861-1925) geschriebenenundveroffent- 
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche 
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der 
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, daiS seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage 
nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum 
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zu- 
nehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefer- 
tigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwakung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nurin ganz wenigen Fallen die 
Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es 
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht 
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu 
den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Wege und Ziele der Geisteswissenschaft (Anthroposophie) 

Erster Vortrag, Basel, 5 . Januar 1 920 \\ 

Uber den Ursprung des gegenwartigen Geisteslebens und der von 
Technik durchzogenen Lebenspraxis. Die Bildungsstatten des alten 
Orients. Die Entwicklung des geistig-seelischen Menschen im Orient. 
Das Wesen des gegenwartigen Geisteslebens. Zwei Menschheitsstro- 
mungen: Ubermensch - Untermensch. Uber die Ausbildung des Den- 
kens und den anthroposophischen Schulungsweg. Beispiele aus dem 
gegenwartigen Geistesleben. 



Die geisteswissenschaftlichen Grundlagen der leiblichen und 
seelischen Gesundheit 

Zweiter Vortrag, Basel, 6. Januar 1920 35 

Das Verhaltnis des Geistig- Seelischen des Menschen zum Leiblich-Phy- 
sischen. Padagogik und spirituelle Hygiene. Wille und Intellekt. Uber 
Mediumismus. Geisteswissenschaft und Medizin. Goethes Weltan- 
schauung als Ausgangspunkt zu einer hoheren Ausbildung der mensch- 
lichen Erkenntnisfahigkeit. Intuitive Menschenerkenntnis und intuitive 
Medizin auf der Grundlage der Erkenntnis vom dreigegliederten Men- 
schenwesen. 



Die sittlichen und religiosen Krafte im Sinne der 
Geisteswissenschaft 

Dritter Vortrag, Basel, 7. Januar 1920 57 

Erkenntnisfahigkeit und moralische Antriebe. Wege zur imaginativen 
Erkenntnis. Ubungen zur Entwicklung des Willenslebens. Das Durch- 

dringen der Imaginationen durch sittliche Inspirationen. Geisteswissen- 
schaftliche Erkenntnisse als Erlebnisse. Naturkausalitat und Freiheit in 
ihrem Verhaltnis zur Sittlichkeit. Liebe als wiirdigster Antrieb sittli- 
chen Handelns. Geisteswissenschaft nicht als Prediger, sondern Gran- 
der der Moral. Die Erkenntnis von Geist und Seele und ihre Bedeutung 
fur die gegenwartige Wissenschaft. 



Ungeist und Geist in der Gegenwart und fur die Zukunft 

Erster Vortrag, Zurich, 17. Mdrz 1920 80 

Die Beurteilung der Weltlage durch den Okonomen J. M. Keynes. Die 
Weltanschauungsgrundlage der Gegenwart und ihre Grenzen. Uber 
das Verhaltnis des Menschen zur Sprache. Die Weltherrschaft der 
Phrase im Geistesleben. Die Weltherrschaft der Konvention im Rechts- 
leben. Die Weltherrschaft der Routine im Wirtschaftsleben. Die Uber- 
windung von Phrase, Konvention und Routine durch die gedankentra- 
gende Rede, durch ein durch menschlich-soziales Fuhlen erfulltes 
Rechtsleben, durch eine durchgeistigte, assoziative Wirtschaft. 

Schlufiwort nach einer Diskussion 102 



Die geistigen Krafte in der Erziehungskunst und im Volksleben 

Zweiter Vortrag, Zurich, 18. Mdrz 1920 107 

Vom naturwissenschaftlichen, willensentblofiten Denken zum durch- 
seelten, lebendigen Denken. Die Uberwindung des gedankenentblofi- 
ten Wollens durch geistgetragenes Wollen. Anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft als methodische Grundlage der Erziehungs- 
kunst. Epochen in der Entwicklung des Kindes. Die Bedeutung des 
Kunstlerischen fur die Erziehung. Gedanken zur Lehr- und Stunden- 
plangestaltung. Die Erganzung unseres eigenen Wesens durch Geistes- 
wissenschaft zur Uberwindung des abstrakten Denkens. Notwendig- 
keit und Wirklichkeitssinn eines dreigegliederten sozialen Organismus. 

Schlufiwort nach einer Diskussion 130 



Dreigliederung und gegenwartige Weltlage 

Vortrag, Zurich, 19. Mdrz 1920 136 

vor der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons 
Zurich 

Gedanken uber das Zusammenwirken der Menschen zur Bewaltigung 
der sozialen Aufgaben. Geisteswissenschaftliche Erkenntnismethoden 
und Wahrnehmungen der Tatsachen des Lebens der Volker als Grund- 
lage des Erkennens von Entwicklungsbedingungen. Uber das russische 
Volkswesen. Gedanken zum Verhaltnis von Staat und Wirtschaft in 
Frankreich. Zur Konstituierung des Reichsrates von Osterreich. Vom 
Wesen der Sozialdemokratie. Die Notwendigkeit der Dreigliederung 
zur Losung der sozialen Frage. 

Schlufiwort nach einer Diskussion und Fragenbeantwortung . 1 60 



Ansprache anlafilich des Besuches des Schweizer Staatsbiirger- 
Vereines zur Baubesichtigung in Dornach 

Dornach, 18. April 1920 173 

Die Entstehung des Dreigliederungsgedankens aus der Beobachtung 
gegenwartiger mitteleuropaischer Verhaltnisse. Warum man die Drei- 
gliederung fiir eine Art Utopie halt. Uber die Entwicklung der geisti- 
gen, staatlichen und wirtschaftlichen Verhaltnisse der Gegenwart unter 
Beriicksichtigung ihrer Entwicklung in den letzten drei bis vier Jahr- 
hunderten. Die Erde als einheitliches Wirtschaftsgebiet. Staat und 
Demokratie. Die geistigen Hintergriinde der Klassenkampfsituation. 
Die Befreiung des Geisteslebens, dargestellt am Beispiel der Waldorf- 
schule. Die Forderung nach einer assoziativen Wirtschaftsweise. Die 
grundlegenden Aufgaben der einzelnen Glieder des sozialen Organis- 
mus. Die Bedeutung des Christentums fiir die Gegenwart und Zukunft. 



Die gegenwartige Wirtschaftskrisis und die Gesundung des 
Wirtschaftslebens durch die Dreigliederung des sozialen 
Organismus 

Vortrag, Basel, 26. April 1920 194 

fur Wirtschafter anlafilich der Mustermesse in Basel im groflen Saal zu 
den «Rebleuten» 

Geisteswissenschaftliche Betatigung als Grundlage zum Erfassen der 
Wirklichkeit. Der Krisenbegriff in der Okonomie. Ideologischer Uber- 
bau und Wirklichkeit. Der Ursprung des Materialismus. Zur Entwick- 
lungsgeschichte Rufilands. Das Verhaltnis der Geldwirtschaft zum 
gesamten Wirtschaftsleben. Der Einheitsstaat als Allheilmittel im Be- 
wufitsein der Gegenwart. Die Bedeutung des Erbrechtes im heutigen 
Wirtschafts- und Rechtsleben. Die drei Grundforderungen des Drei- 
gliederungsimpulses : ein freiheitliches Geistesleben, ein demokrati- 
sches Rechtsleben, ein assoziativ gestaltetes Wirtschaftsleben. 

Fragenbeantwortung 219 



Geisteswissenschaft (Anthroposophie) im Verhaltnis zu Geist 
und Ungeist in der Gegenwart 

Erster Vortrag, Basel, 4. Mai 1920 225 

Beispiele gegenwartiger Lebenspraxis. Anthroposophie und prakti- 
sches Leben. Die Erkenntnis vom werdenden Menschen. Die Uberwin- 
dung des gewohnlichen Denkens durch Meditation. Von der Ent- 



wicklung des Willenslebens. Die Entwicklung des Denkens und des 
Willens und ihr Verhaltnis zum vorgeburtlichen und nachtodlichen 
Leben. Geistesschulung und Lebenswirklichkeit. 

Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der 
Geisteswissenschaft (Anthroposophie) 

Zweiter Vortrag, Basel, 5. Mai 1920 251 

Die Bedeutung des sittlichen Lebens im gegenwartigen Weltbild. Zur 
Entwicklung des naturwissenschaftlichen Weltbildes. Entwicklungen 
des Seelenlebens. Zum Unterschied zwischen leibfreiem und gewdhnli- 
chem Denken. Die Schulung eines leibfreien Fiihlens und Wollens. Die 
inneren Beziehungen zwischen dem Mineral-, Pflanzen-, Tierreich und 
der Menschenwelt. Geisteswissenschaftliche Weltanschauung als Ret- 
ter der sittlichen Menschenwerte. Die Notwendigkeit einer Annahe- 
rung an die Geheimnisse des Christentums. 

Die geistigen und sittlichen Krafte der gegenwartigen Volker 
im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie) 

Dritter Vortrag, Basel, 6. Mai 1920 273 

Das Verhaltnis der heute die Erde bewohnenden Volker zueinander 
hinsichtlich ihrer geistig-seelischen und materiellen Entwicklung. Die 
Charakterisierung der drei Menschentypen in der Menschheitsentwick- 
lung in Verbindung mit den drei Wesensgliedern des Menschen. Die 
orientalische Weltauffassung und ihr Zusammenhang mit dem Stoff- 
wechselsystem. Der rhythmische Mensch als Ideal des orientalischen 
Volkstypus. Die Vorherrschaft des rhythmischen Systems im griechi- 
schen Menschentypus. Die Fortsetzung des Griechentums im Goethe- 
anismus. Der Nerven-Sinnesmensch als Ideal des mittellandischen 
Menschentypus. Der westlandische Menschentypus und sein Verhalt- 
nis zum Nerven-Sinnessystem. Naturerkenntnis und materielle Er- 
kenntnis als Ideal des westlichen Menschentypus. Die Abstrahierung 
der sittlichen Idee und die Sinngebung der Freiheit aus dem Natura- 
lismus heraus. Die Notwendigkeit des Herauswachsens der Menschen 
aus ihrem Volkstum. Das Wesen des ethischen Individualismus. 



Hinweise 296 



Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



311 



WEGE UND ZIELE DER GEISTESWISSENSCHAFT 

(ANTHROPOSOPHIE) 

Erster Vortrag, Basel, 5. Januar 1920 

Wer draufien in der Nachbarschaft den Bau betrachtet, der dem 
sogenannten Goetheanum, einer freien Hochschule fiir Geisteswis- 
senschaft, gewidmet ist, die den Geistes-, den Zivilisationsinteres- 
sen der Zukunft dienen will, der kann zunachst absonderlich be- 
riihrt sein von den Formen, von der Stilweise, die ihm da entgegen- 
treten. Man mag nun gegen das, was man da sieht, mancherlei 
einzuwenden haben. Diejenigen, die am Bau beteiligt sind, werden 
solche Einwande, dafi es sich um einen vorlaufigen Versuch handelt, 
durchaus verstehen konnen, wenn sie aus gutem Willen hervorge- 
hen. Aber gegeniiber diesem Bau muE eine gewisse Frage aufge- 
worfen werden, die charakteristisch ist fiir alles das, was jene 
geistige Bewegung will und anstrebt, deren Reprasentant dieser Bau 
sein soil. Hatte man in der gewohnlichen Art die Notwendigkeit 
gehabt, fiir eine gewisse geistige Stromung, fiir eine gewisse Art von 
geistiger Tatigkeit einen selbstandigen Bau irgendwo zu errichten, 
dann hatte man sich wohl an diesen oder jenen Architekten ge- 
wandt, an diesen oder jenen Kunstler, und man hatte vielleicht mit 
ihnen verhandelt dariiber, was in einem solchen Bau getrieben 
werden soil, und dann ware in irgendeinem antiken, einem Renais- 
sancestil oder in irgendeinem anderen Stil ein Bau errichtet worden, 
in dem nun diese geisteswissenschaftliche Tatigkeit ihre Wohnung 
finden sollte. Es wiirde nur ein au£erliches Verhaltnis bestehen zwi- 
schen den Formen innerhalb des Gebaudes und um das Gebaude, das 
dieser geistigen Tatigkeit gewidmet ist, und dieser letzteren selbst. 

So konnte es gerade bei dieser geistigen Bewegung nicht gemacht 
werden. Hier handelt es sich darum, fiir eine gewisse Geistes- 
strtimung eine aufiere Umhiifliing zu scbaffen, welche im ganzen 
und in jeder, auch der geringsten Einzelheit wie herausgeboren ist 
aus dern ganzen Denken, Empfinden und Wollen dieser Geistesbe- 
wegung selbst. Es handelte sich darum, in den aufieren Formen bis 



ins einzelnste hinein etwas zu schaffen, was in gleicher Weise ein 
aufierer Ausdruck ist fiir das innerlich Gewollte wie das Wort oder 
irgend etwas anderes, das ausdriicken soli den Inhalt dieser Geistes- 
bewegung selbst. Da konnte man sich nicht wenden an irgendeinen 
schon bestehenden Stil, an irgendwelche Formensprache, die histo- 
risch iiberliefert ist. Da mufite aus demselben geistigen Untergrunde 
heraus, aus dem der Inhalt der Weltanschauung geschopft ist, auch 
das geschopft werden, was fiir das Auge sichtbar in den Bauformen 
auftritt. Nicht nur im innersten Antriebe der geisteswissenschaft- 
lichen Bewegung, die sich auch die anthroposophische nennt, liegt 
dies, sondern in der ganzen Art, wie diese Bewegung ihre Aufgabe, 
ihre Wege, ihre Ziele im Verhaltnis zu den grofien Anforderungen 
der gegenwartigen zivilisierten Welt auffafit. 

Diese geistige Bewegung will nicht so irgendeine abgezogene 
Theorie, eine nur den Intellekt beschaftigende Wissenschaft, sie will 
nicht etwas sein, was dienen kann allein einer einseitigen Befriedi- 
gung der inneren Seeleninteressen, sie will etwas sein, was allerdings 
Befriedigung, innigste Befriedigung gewahren kann jenen Sehn- 
siichten der menschlichen Seele, die nach Weltanschauung hinge- 
hen. Sie will aber diese Weltanschauung so fest in der Wirklichkeit 
verankern, dafi sie einzugreifen vermag in alles praktische Leben. 
Und so ist, was wir ja zunachst allein leisten konnten, das unmit- 
telbare Schaffen von Bau- und Kunstformen fiir unsere Sache, 
charakteristisch fiir diese ganze Bewegung. Wie sie da allerdings nur 
auf einem engbegrenzten und zunachst auch dem aufieren Leben 
scheinbar fernliegenden Gebiete unmittelbar in das Allerprak- 
tischste eingegriffen hat, so will diese geistige Bewegung Wege 
suchen und Ziele weisen, die in alles Soziale, in alles Sittliche, in alles 
in weitestem Umfange zu denkende menschliche Zusammenleben 
hineingreifen. Nicht weltfremde Idealisten sollen jene Idealisten 
sein, welche auf diese Geisteswissenschaft bauen, sondern sie sollen 
solche Idealisten werden, welche das, was aus ihrer Seele wird, 
unmittelbar einflieften lassen konnen in ihre praktische Lebensbeta- 
tigung. Und alles das, was oftmals so fremd verlauft in demjenigen, 
was der Mensch denkt, das soil zusammengestimmt werden mit 



dem, was in des Menschen innerstem seelischen Streben ist. Die 
aufiere Lebenspraxis, sie soil eins werden mit dem, wodurch der 
Mensch seine sittlichen Impulse sucht, seine sozialen Triebe entwik- 
kelt, seiner religiosen Verehrung nachhangt. Mit einer solchen 
Gesinnung, mit einer solchen Anschauung steht allerdings diese 
geisteswissenschaftliche Stromung heute noch ziemlich fern demje- 
nigen, was in weitesten Kreisen der heute gebildeten Menschen 
angestrebt, gewollt, ja fur das Richtige gehalten wird. 

Dafi das so sein mufi, aber auch dafi es notwendig ist, dafi in 
unsere moderne Zivilisation sich eine solche geistige Bewegung 
hineinstellt, das kann ersichtlich werden, wenn man den Blick 
wendet auf die Art und Weise, wie unser ganzes Leben, in dem wir 
heute drinnenstehen, eigentlich aus den verschiedensten Stromun- 
gen zusammengeflossen ist. Ich mochte heute zunachst von zwei 
hauptsachlichsten Stromungen unseres Zivilisationslebens spre- 
chen. Wir haben heute das, was wir unsere geistige Bildung nennen, 
in dem unsere religiosen Uberzeugungen wurzeln, in dem unsere 
sittlichen Ideale entspringen, aber in dem auch unser ganzes hoheres 
Geistesleben wurzelt. Wir haben dasjenige, wodurch der Mensch 
ausbilden soil iiber das gewohnliche Handarbeitliche hinaus seine 
Fahigkeiten und Krafte fur eine geistige Bildung. Und wir haben 
neben dem die praktische Lebenstatigkeit, die in den letzten Jahr- 
hunderten so intensive Impulse erhalten hat. Wir haben um uns 
herum eine allerdings von unserer Wissenschaft angeregte, aber tief 
in das soziale Leben hineingreifende Technik, die umgestaltet hat 
das moderne Zivilisationsleben in einem Sinne, welcher ganz gewift 
noch einem Menschen vor acht bis neun Jahrhunderten vollig 
unfafilich gewesen ware. 

Wenn wir uns nun fragen, woher das eine, unser geistiges Bil- 
dungsleben, das nicht etwa blofi unsere hoheren Schulen beherrscht, 
das bis in unsere Volksschulen hinunter seine Triebe entfaltet, und 
wo her andererseits unsere von einer so ausgebreiteten Technik 
durchzogene Lebenspraxis komrnt, so erhalt man eine Antwort, 
iiber die sich der Mensch der Gegenwart heute noch wenig Rechen- 
schaft gibt. Aber man braucht ja nur - und wir werden das noch 



ausfiihrlicher im dritten Vortrag auseinandersetzen man braucht 
nur das, was gewissermafien doch die Grundlage fur unsere abend- 
landische Zivilisation, namentlich fur ihren hoheren geistigen Teil 
bildet, ins Auge zu fassen, man braucht im weitesten Sinne auf das 
Christentum zu sehen, so wird man sich auch bei einer oberflach- 
lichen weltgeschichtlichen Betrachtung sagen konnen: Wenn man 
von dem, was in uns als die christlichen Anschauungen, die christ- 
lichen Uberzeugungen lebt, aus denen sich soviel von unseren 
allgemein geistigen Anschauungen und Uberzeugungen herausge- 
bildet hat, viel mehr, als man heute zugeben will, wenn man den 
Ursprung dieser Uberzeugungen und Anschauungen sucht, so wird 
man zuletzt doch auf den Weg kommen, den das Christentum 
genommen hat vom Orient heniber zum Okzident. Und man kann 
ja nach dem Leitfaden, den man in solcher Art gewonnen hat, weiter 
Umschau halten, und man wird finden, dafi jene Wege, die sich 
ergeben, wenn man unsere geistige Bildung zuriickverfolgt - jene 
Wege, die ins Lateinisch-Romische hinein, ins Griechische fuhren, 
von denen unsere geistige Bildung doch innerlich noch die Nachfol- 
gerschaft deutlich zeigt dafi diese Wege zuletzt hmuberfuhren in 
die besondere Geistesverfassung, in die besondere Seelenkonstitu- 
tion, durch welche vor Jahrtausenden, vor vorgeschichtlichen Jahr- 
tausenden, aus dem Orient heriiber gerade unser mehr auf das 
Innere, auf das Seelisch- Geistige gerichtetes Bildungsleben seinen 
Ursprung genommen hat. Nur weil dieses Bildungsleben, diese 
innere Geistesanschauung sich im Laufe der Jahrhunderte und 
Jahrtausende sehr gewandelt hat, bemerken wir heute nicht mehr, 
wie es seine Herkunft ableitet von dem, was, wie gesagt, vor 
vorchristlichen Jahrtausenden aus einer Geistesverfassung heraus, 
die den heutigen zivilisierten Menschen ganz fremd geworden ist, 
seinen Ursprung genommen hat. Man mufi, um diesen weiten Weg 
zu verstehen, nicht allein zuriickgehen auf das, was die aufiere, 
durch Dokumente zu belegende Geschichtsschreibung bietet, man 
mufi iiber das, was diese Geschichtsschreibung sagen kann, hinaus- 
gehen eben in vorgeschichtliche Zeiten. Das wird dem gegenwar- 
tigen Menschen recht schwierig. Denn der denkt in seinem Inner- 



sten, dafi er es im Laufe der letzten Jahrhunderte, vielleicht erst des 
allerletzten Jahrhunderts, in geistigen Dingen «so herrlich weit 
gebracht» habe, daft alles dasjenige, was in Zeiten liegt, auf die eben 
hingedeutet worden ist, in das Gebiet des Kindlichen, des Primiti- 
ven verwiesen werden miisse. 

Wer nun aber ungetriibt durch ein solches Vorurteil den Weg in 
die alte Kultur des Orients zuriickzugehen vermag, der sieht, dafi 
allerdings in den vorchristlichen Zeiten im Orient die Zivilisation, 
die Geistesbildung eine wesentlich andere war, dafi sie aber durch- 
aus intensive geistige Inhalte den menschlichen Seelen bot. Nur 
wurden diese auf ganz andere, ich mochte sagen, auf radikal andere 
Weise erreicht, als heute das erreicht wird, was die Menschen 
beherrschen sollen, die an hoheren Schulen sich eine hohere Geistes- 
bildung aneignen. 

Wer einstmals im alten Orient die hohere Geisteskultur sich 
aneignen sollte, der mufite durchmachen, nachdem er auserwahlt 
war von den Leitern und Lenkern der betreffenden Bildungsstatten, 
eine vollige Umwandlung seines ganzen menschlichen Wesens. Von 
den Bildungsstatten dieses alten Orients spreche ich. Der Geistes- 
wissenschaft, von der hier gesprochen wird, sind sie erkenntnis- 
mafiig zuganglich; aber wenn man vorurteilslos genug ist, wenn 
man einen gewissen Mut des Denkens und Erkennens hat, dann 
kann man auch aus dem, was geschichtlich iiberliefert ist, zuriick- 
schliefien auf das, was da vorgeschichtlich vorhanden war. Von 
diesen Bildungsstatten mufi man so sprechen, dafi sie dasjenige wie 
in einer inneren Einheit batten, was bei uns getrennt auftritt. Diese 
Bildungsstatten, auf die zuriickweist alles, was wir eigentlich heute 
noch in uns tragen, aber in wesentlich verwandelter Gestalt, sie 
waren zugleich das, was wir heute Kirche nennen, aber auch das, 
was wir heute Schule nennen, waren zugleich auch das, was wir 
heute Kunstanstalten nennen. Kunst, Wissenschaft, Religion, sie 
bildeten in alteren menschlichen Zivilisationen eine Einheit. Und 
wer in diesen Bildungsstatten entwickelt werden sollte, der mulke 
s ein en ganzen Menschen zur Entwickelung bringen. Er mulke 
seinen ganzen JVIenschen umwandeln. Er mufite eine andere Form 



des Denkens annehmen als diejenige, die im alltaglichen Leben die 
wirksame ist. Er mufite sich hingeben beschaulichem Denken. Er 
mufite sich daran gewohnen, mit dem Denken so umzugehen, wie 
man sonst nur mit der aufieren Welt umgeht. Er mufite sich aber 
auch daran gewohnen, sein ganzes Gefiihls- und Willensleben 
umzuwandeln. Man macht sich heute schwer eine Vorstellung von 
dem, was in solcher Richtung angestrebt worden ist. Denn wie 
denken wir eigentlich iiber unser Leben? Wir geben zu: das Kind, 
das mufi entwickelt werden. Seine Fahigkeiten und Krafte, mit 
deren Anlagen es in die Welt hereinversetzt ist, sie miissen durch die 
Erziehung entwickelt werden. Nun ja, das Kind kann sich nicht 
selber erziehen; die anderen, die Erwachsenen, haben zunachst die 
Anschauung, daft das Kind mit seinen Fahigkeiten und Kraften 
entwickelt werden mufi. Und wir machen das Kind auch anders in 
bezug auf sein Denken, Fiihlen und Wollen, als es hereingeboren 
wird in die Welt. Wenn wir aber nun dem Menschen zumuten, dafi 
er auch dann noch, wenn er bereits zu seinem eigenen Willen 
gekommen ist, wenn nicht mehr die anderen aus ihren Anschau- 
ungen heraus seine Entwickelung besorgen, diese Entwickelung 
fortsetzen soli, dann findet der gegenwartige Mensch darin eine 
sonderbare Zumutung; denn man soil nur entwickelt werden, 
solange man diese Entwickelung nicht durch eigene Willkur besor- 
gen, nicht selbst in die Hand nehmen kann. Kommt man einmal zu 
einer gewissen Freiheit in bezug auf sein eigenes Entwickeln, dann 
verlafit man die Entwickelung. Das ist der intellektuelle Hochmut, 
in dem wir heute leben. Wir denken in dem Augenblicke, wo wir in 
die Lage kamen, unsere Entwickelung selbst in die Hand zu neh- 
men, wir seien schon fertig, und stellen uns als fertige Menschen in 
die Welt hinein. 

Solch eine Anschauung gab es innerhalb jener Zivilisation, auf die 
ich hier hindeuten mochte, nicht, sondern der Mensch wurde weiter 
und immer weiter entwickelt. Und ebenso wie dasjenige, was das 
Kind imstande ist zu erkennen, zu fiihlen, zu tun, nachdem es durch 
eine gewisse Schulung gegangen ist, wie das in der Seelenverfassung 
eine Art Aufwachen darstellt, so gibt es fur die Weiterentwickelung, 



die der Mensch nun in die Hand nehmen kann, auch ein solches 
Aufwachen. Zu diesem Aufwachen in Seelentatigkeiten, die hohere 
waren gegeniiber den gewohnlichen in demselben Sinne, wie die 
hoheren Fahigkeiten der Erwachsenen hoher sind als die des Kin- 
des, zu solchem Aufwachen wurde der orientalische Mysterien- 
schiiler erzogen. Und man hatte die Anschauung, daft nur derjenige 
urteilsfahig sei iiber die hochsten Angelegenheiten des Lebens, 
welcher also jene spatere Erweckung im besten Sinne des Wortes im 
Leben durchgemacht hat. Und vorbereitet wurde man da nicht etwa 
blofi dazu, nun ein Mensch zu sein, der, wenn er nachdenkt, wenn er 
ein gewisses innerliches Ftihlen und Empfinden entwickelt, durch 
das Wissen von seinem Zusammenhang mit einer geistigen Welt sich 
befriedigt fiihlt, nein, entwickelt wurde da nicht nur die Fahigkeit 
fur eine Weltanschauung, entwickelt wurden da jene Fahigkeiten, 
durch die das soziale und aufierlich technische Leben geleitet, durch 
die das menschliche Zusammenleben dirigiert wurde. Das ganze 
Leben wurde da aus der geistigen Bildung und Entwickelung heraus 
beeinflufit. 

Wir konnen uns so schwer zuriickversetzen in das, was da am 
Ausgangspunkt unserer neueren menschlichen Entwickelung vor 
Jahrtausenden im Orient driiben waltend war, weil unsere ganze 
Seelenverfassung mit der Fortentwickelung der Menschheit etwas 
anderes geworden ist, weil wir zu anderen Empfindungen und 
Anschauungen iiber das Leben gekommen sind. Denjenigen Men- 
schen, die in der hier angedeuteten Geistesbildung drinnenstanden, 
war es instinktiv, zu einer solchen Umbildung des menschlichen 
Wesens hinaufzuriicken. Die Instinkte dieser Menschen waren 
andere. Sie tendierten hin zu einem solchen Erschauen des Geistes- 
lebens nach einer gewissen Umbildung. Die Menschen, die nicht 
selbst solche Ausbildung durchmachten, sahen aus ihren Instinkten, 
die auch bei ihnen vorhanden waren, zu demjenigen empor, was die 
Ausgebildeten ihnen geben konnten. Sie folgten ihnen in bezug auf 
die Ausbildung ihres inneren Seelenlebens. Sie folgten ihnen aber 
auch in bezug auf die Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens, in 
bezug auf das Sich-Hineinstellen in das Gesamtleben. 



Die Instinkte, die zu solchem Leben fiihrten, sie sind ebenso aus 
der heutigen Gesamtkultur der Menschheit heraus, wie beim Er- 
wachsenen die besonderen Seeleninstinkte des Kindes umgewandelt 
sind. Aber durch diese Instinkte, im Zusammenhang mit dem, was 
aus jenen Bildungsstatten, die man eben Mysterien nennen kann, 
erwachsen ist, ergab sich eine menschliche Seelenstimmung, durch 
die man gar nicht anders konnte, als das, was des Menschen 
Wesenskern ist, nicht hier in dem Umkreis des Lebens zu suchen, 
der den menschlichen Leib in sich schliefit, sondern diese ganze 
Lebensanschauung fuhrte dahin, auch gewissermafien instinktiv 
sich zu erheben, im ganz popularen Bewufitsein sich zu erheben zu 
dem hoheren Menschen im Menschen, zu demjenigen im Men- 
schen, was wesentlich geistig-seelischer Art ist, zu demjenigen im 
Menschen, was zwar im sinnlichen Leibe fur die Zeit zwischen 
Geburt und Tod erscheint, was aber in sich selber ewig ist und einer 
geistigen Welt angehort, in die man eben instinktiv hineinschaute. 
Etwas Ubermenschliches, wenn ich diesen Ausdruck, der durch die 
Nietzsche-Anhanger etwas bedenklich geworden ist, gebrauchen 
darf, etwas Ubermenschliches wurde als das Wesen des Menschen 
angesehen. Dasjenige, worauf der Mensch hinsah als auf sein eigenes 
Wesen, war etwas, was iiber diesen gewohnlichen Menschen hinaus- 
ging. Darin war jene Bildung grofi: den Menschen aufzusuchen 
seinem Wesen nach in einem Geistig-Seelischen, das im Leiblichen 
nur seinen Ausdruck findet, das aus geistig-seelischer Welt herein- 
greift in das ganze Menschenwesen, dieses Menschenwesen in 
seinen materiellsten Aufierungen vom Geistig-Seelischen aus diri- 
gierend. 

In vielen Metamorphosen, durch viele Umwandlungen hindurch 
ist das, was da als Inhalt der Geistesbildung zustande kam, dann 
ausgearbeitet worden im Orient, ist in weiten Umwandlungen 
herubergekommen nach Griechenland. Es erscheint da, ich mochte 
sagen, filtriert. Wahrend wir in der altesten Griechenzeit, die Fried- 
rich Nietzsche genannt hat das tragische Zeitalter der Griechen, 
noch etwas sehen von einem solchen Hinauflenken des ganzen 
Menschen zum hoheren Menschen, tritt in der spateren Griechen- 



zeit das ein, was man in einem umfassenderen Sinne das dialektische, 
das rein intellektuelle Wesen des Menschen nennen kann. Es wurde 
gewissermafien der ganze reiche und intensiv allmenschliche Inhalt 
einer Urkultur filtriert und weiter und weiter filtriert, und im 
verdiinntesten Zustande kam er heriiber in unser Zeitalter. Und so 
bildet das die eine Stromung unseres Lebens, was durchaus hinauf- 
ging zum geistig-seelischen Menschen und was dem Menschen ein 
Bewufitsein gab, durch das er sich in jedem Augenblick des Lebens, 
beim Gebet und bei der schmutzigsten Arbeit, als einen aufierlichen 
Ausdruck fuhlte des geistig-seelischen Menschen. 

Wir werden im dritten Vortrage sehen: das Mysterium von 
Golgatha, von dem das Christentum in seiner Entwickelung auf 
dieser Erde ausgegangen ist, stent als eine Tatsache fur sich da, die in 
verschiedenen Zeitaltern in verschiedenster Weise begriffen werden 
kann. Aber das, woraus man gepragt hat das nachste Verstandnis 
dieses Mysteriums von Golgatha, das war das, was man an Bildung 
vom Orient heriibergebracht hatte. Und im Grunde genommen lebt 
in alledem, was wir auch heute noch aufbringen zum Begreifen des 
Christentums, dasjenige, was letztes, allerdings geistesmafiig ver- 
diinntes Erleben des Orients ist. Es gibt eine gewisse Eigentiim- 
lichkeit dieser ganzen Seelenkonfiguration, die nur mehr in ihrer 
letzten Metamorphose in uns lebt. Und diese Eigentumlichkeit mufi 
man in dem Folgenden suchen. 

So grofi und gewaltig diese Weltanschauung ist mit Bezug auf das 
Hinaufgehen zum Ubermenschlichen im Menschen, herunter- 
steigen zu dem, wozu die abendlandische, die westliche Zivilisation 
gestiegen und worin sie grofi geworden ist, hatte diese orientalische 
Zivilisation niemals konnen. Den Ubermenschen, den geistig-seeli- 
schen, konnte sie hervorbringen, etwas anderes konnte sie nicht 
hervorbringen. Es ist etwas, worauf ich in anderen Zusammen- 
hangen hier schon hingedeutet habe. Gerade in der Zeit, als schon 
die letzte Metamorphose des orientahschen Geisteslebens im 
Abendlande begann Platz zu greifen, da fing ein Ansatz zu einem 
neuen Geistesleben an, zu einem Geistesleben, das bis in unsere Zeit 
in der Lebenspraxis allerdings gewaltige Bliiten hervorgebracht hat, 



aber Bliiten ganz anderer Art als das eben geschilderte orientalische 
Geistesleben. Sehen wir auf diese anderen Bliiten. 

Auf folgende Tatsache mochte ich da noch einmal hinweisen. Ich 
habe sie, wie gesagt, von anderen Gesichtspunkten aus auch hier 
schon angefiihrt. Wenn wir heute die gebrauchlichen Handbiicher 
durchschauen danach, wie viele Menschen auf der Erde sind, so 
wird uns gesagt, ungefahr 1500 Millionen Menschen bewohnen die 
Erde. Wenn wir auf das schauen, was innerhalb der menschlichen 
Zivilisation gearbeitet wird, wenn wir auf die Arbeitskrafte schauen, 
die in unserem Menschenwesen und Menschenleben tatig sind, dann 
miissen wir merkwiirdigerweise etwas anderes sagen. Dann miilken 
wir eigentlich sagen: die Erde arbeitet so, wie wenn sie nicht blofi 
von 1500 Millionen Menschen, sondern von 2200 Millionen Men- 
schen bewohnt ware. Seit drei bis vier Jahrhunderten arbeitet unsere 
Welt der Maschinen so, daft dadurch Arbeit geleistet wird, die man 
sich denken konnte auch von Menschen geleistet. Wir ersetzen 
menschliche Arbeitskraft durch Maschinenkraft. Und wenn man 
umrechnet, was unsere Maschinen leisten, in menschliche Arbeits- 
kraft, so bekommt man heraus, wenn man achtstiindige Arbeitszeit 
in Anschlag bringt, dafi in unserer Erdenarbeit drinnenstecken 
sieben- bis achtmal hundert Millionen Menschen, das heifit, nicht 
wirkliche Menschen, sondern menschliche Arbeit, die aber durch 
Maschinen aufgebracht wird. 

Das ist etwas, was hineingeliefert wird in die Menschheitszivili- 
sation durch jene Geisteskrafte, die erwachsen sind dem Menschen 
des Westens, jene Geisteskrafte, die niemals hatten in gerader Linie 
sich entwickeln konnen aus jener inneren Geistes- und Seelenkul- 
tur, die in so grandioser Weise zu dem Ubermenschen hinauf, zu 
dem hoheren Menschen im Menschen, zu dem geistig-seelischen 
Menschen sich aufgeschwungen hatte. Diese Kultur blieb in gewis- 
sen Seelenhohen. Sie durchdrang nicht das, was wir heute prakti- 
sches Leben nennen. Sie hatte niemals totes Metall oder sonstiges 
Material in solchen Zusammenhang bringen konnen, daft mitten 
unter den Menschen arbeitet, jetzt allerdings kein Ubermensch, 
aber ein Untermensch, ein Mensch, der eigentlich gegeniiber den 



Menschen aus Fleisch und Blut ein Homunkulus ist, ein Mecha- 
nismus, der aber in die menschliche Kultur hereinstellt das, was 
sonst Menschen hereinstellen konnten. Das ist das Wesentliche 
unseres westlichen Geisteslebens. Es ist um so mehr charakteristisch 
fur dieses westliche Geistesleben, je weiter wir nach dem Westen 
kommen, wo aus diesem Geistesleben hervorgegangen ist der me- 
chanische Mensch, der Untermensch, wie aus dem orientalischen 
Geistesleben der seelisch-geistige Mensch, der Ubermensch hervor- 
gegangen ist. 

Dafi aber solches geschaffen werden konnte im Westen, das ist 
hier nicht eine isolierte Erscheinung des Zivilisationslebens. Es 
hangt ja zusammen mit der ganzen Ausbildung des Vorstellens, 
Fuhlens und Denkens. Die Menschen, die diesen Homunkulus ins 
Leben hereinstellten, die sind in ihrer ganzen Seelenverfassung 
selbstverstandlich grofi nach der anderen Richtung hin als der 
orientalische Mensch. Man kann heute das Leben nicht durch- 
schauen, wenn man nicht diesen Gegensatz in seiner ganzen Intensi- 
tat durchschauen kann. Denn auf der einen Seite tragt dieser moder- 
ne Mensch in sich noch die letzte Metamorphose desjenigen, was 
ihm vom Orient gekommen ist, und auf der anderen Seite nimmt er 
auf schon seit Jahrhunderten das andere, was das Wesentlichste des 
westlichen Geisteslebens ist. Ein Ausgleich ist heute noch nicht da. 
Wie zwei getrennt voneinander fliefiende Stromungen, so stehen sie 
da, die Stromung vom Ubermenschen, wenn auch sehr verandert, 
die Stromung vom Untermenschen, wenn auch erst in ihrem Anfan- 
ge. Und der moderne Mensch, der Mensch der Gegenwart, wenn er 
zum Bewufitsein erwacht, dafi in seiner Seele unvermittelt diese 
beiden Stromungen leben, er leidet seelisch, geistig und wohl auch 
leiblich an dem Mifiklang, der da herauskommt. Gewifi, das sind 
Dinge, die sich so tief in demjenigen abwickeln, was unbewufk und 
unterbewufit bleibt, daft in das Bewufksein des Menschen herauf, 
nicht allein nur in dieses, sondern sogar in seine Leibeskonstitution 
ganz anderes eintritt als die eigentliche Ursache. Der moderne 
Mensch findet sich nervos, findet sich unzufrieden in den Verhalt- 
nissen. Hunderterlei konnte man anfiihren, wie dieser moderne 



Mensch einen Mifiklang zwischen sich selbst und der Umgebung 
fiihlt, wie dieser Mifiklang auch in seiner leiblichen Gesundheit zum 
Ausdruck kommt. Das, was angefiihrt worden ist, das steckt dahin- 
ter. Es steckt dahinter die grofie Frage: Wie bringen wir fiir die 
Zivilisation der Zukunft das in Einklang, was den Untermenschen 
hervorgebracht hat, mit dem, was in seiner letzten Phase in uns lebt 
als Erbstuck einer Zivilisation, die zum geistig-seelischen Menschen 
gefiihrt hat? 

Dieses, was da liegt in den Kraften unserer Zivilisation, wie ich es 
Ihnen eben angefiihrt habe, das sucht sich anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft besonders vor die Seele zu stellen. Sie 
sieht als ein notwendiges, von den bedeutsamsten Zeitforderungen 
getragenes Ziel vor sich einen Ausgleich zwischen den Seelenkraf- 
ten, die in der einen Richtung, und den Seelenkraften, die in der 
anderen Richtung gefiihrt haben. Und sie ist sich bewufit, wie 
ungeheuer notwendig und bedeutungsvoll es fiir die Menschheit ist, 
die Wege zu finden zu diesem Ziele. Instinktiv habe ich das orientali- 
sche Geistesleben genannt. 

Aus den Instinkten der alten Menschen war dieses Geistesleben 
herausgeboren. Wir haben es als Erbstuck erhalten. Aber wir haben 
es erhalten in einem schon intellektualisierten Zustande; in Begrif- 
fen, in Vorstellungen recht abstrakter Art hat es sich in unsere 
Zivilisation hineingelebt. Denn wir haben nicht mehr die Instinkte, 
die der ehemalige Trager dieses Geisteslebens hatte. Man mag, soviel 
man will, davon phantasieren, dafi der gegenwartige Mensch zur 
Naivitat zuriickkehren, dafi er wiederum instinktiv werden soil. 
Man hat gewifi in einer Beziehung recht mit einer solchen Forde- 
rung. Allein die Naivitat wird sich in anderer Weise ausdnicken als 
fruher. Das Instinktleben wird nach anderen Richtungen gehen. 
Und zu fordern, wir sollten so werden wie Menschen fruherer 
Jahrtausende, das kommt gleich der Forderung: der Erwachsene 
solle spielen wie das Kind. Nein, weder konnen wir zuriickgehen, 
um unsere tiefsten Seelenbedurfnisse zu befriedigen, in die Zivili- 
sation abgelebter Jahrtausende, noch konnen wir, wenn wir nicht in 
Dekadenz verfallen wollen, als abendlandische Menschen «ex orien- 



te lux» rafen; nein, das diirfen wir nicht rufen, aus dem Orient 
komme uns das Licht. Denn das Licht, das heute dort ist, das hat 
ebenfalls viele Metamorphosen durchgemacht, und wir konnen uns 
durchaus nicht der Illusion hingeben, dafi das, was heute noch 
irgendwo im Orient zu finden ist, eine Spiritualitat darstelle, die 
irgendwie fruchtbar in unsere Zivilisation hineingreifen konne. Es 
war eine Dekadenz der schlimmsten Art, als eine theosophische 
Bewegung sich geltend machte aus den religiosen und Kulturbe- 
diirfnissen des Abendlandes heraus, aus dem Maschinenzeitalter 
heraus, das sich auch eine mechanistische Weltanschauung, die den 
Menschen nicht befriedigen kann, gebildet hatte, es war Dekadenz 
der schlimmsten Sorte, dafi man in dasjenige Gebiet ging, das die 
heutige dekadente orientalische Nachfolgerschaft eines geistigen 
Lebens friiherer Zeiten hat. Wenn man indische Kultur heute 
aufgesucht hat, um sie der Theosophie des Abendlandes einzuver- 
leiben, so zeigte das eben, wie unfruchtbar man geworden war, wie 
nicht mehr sich die Schaffenskrafte regen aus dem eigenen Geistes- 
leben heraus, wie man nur grofi sein konnte im Mechanistischen, 
wie man aber keinen eigenen Weg fand in diejenigen Gebiete hinein, 
die die Seele braucht zu ihrer Anschauung von dem wahren geistig- 
seelischen Wesen des Menschen. 

Diese Tendenz liegt iibrigens dem heutigen Leben nur allzu sehr 
zugrunde. Sehen wir denn nicht, wie diejenigen, die mit dem 
gegenwartigen Christentum unzufrieden sind, oftmals nachfor- 
schen: Wie war das Christentum fruher? Wie war das Urchristen- 
tum? Machen wir es wiederum so, wie es die Urchristen gemacht 
haben. Als ob wir nicht fortgeschritten waren seither, als ob wir 
nicht ein neues Verstandnis des Christentums brauchten! Oh, es ist 
iiberall das Charakteristikon der Unfruchtbarkeit da, der Unmog- 
lichkeit des eigenen Schaffens. Nein, das will anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft nicht: Anleihen machen bei irgend- 
einer alten Kultur oder bei der gegenwartigen Nachfolgerschaft 
einer alten Kultur. 

Gerade wenn man das Konkrete desjenigen begreift, worin an- 
throposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurzelt, wird man 



das Gesagte leicht einsehen. Sie konnen horen, wie der heutige 
Orientale noch, ich mochte sagen, wie nachbildend alte Methoden, 
den Weg ins Geistige sucht in einem gewissen Atmungsprozesse, in 
einer Regelung des Atmens diejenige Menschheitskonstitution aus- 
zubilden sucht, durch die man innere Erkenntniskrafte und Fiih- 
lenskrafte und Willenskrafte findet, um in die geistige Welt hinauf- 
zusteigen, wo der geistig-seelische Mensch zu finden ist, wo wahre 
Selbsterkenntnis ist. Der Orientale tut heute das, was der Orientale 
in friiheren Jahrhunderten und Jahrtausenden immer fur solchen 
Weg getan hat, er steigt herunter von dem blofien intellektuellen 
Leben des Kopfes in das Leben des ganzen Menschen. Er weifi, 
welcher innere organische Zusammenhang ist zwischen der Art, wie 
wir ein-, wie wir ausatmen - ich werde in den nachsten Tagen davon 
noch sprechen — und dem Vorgang unseres Vorstellens und Den- 
kens. Aber er weifi auch, daft das Denken und Vorstellen wie 
herauswachst aus dem Atmungsprozefi. Und so mochte er zuriick- 
gehen zu der Wurzel des Denkens, zum Atmungsprozeft. In einer 
Regulierung des Atmungsprozesses sucht er den Weg hinauf in die 
geistige Welt. Diesen Weg konnen wir nicht nachmachen. Wiirden 
wir ihn nachmachen, so wiirden wir siindigen wider unsere ganz 
anders gewordene Menschenkonstitution. Das innere Gefiige unse- 
res Gehirns und Nervensystems ist ein anderes als dasjenige, aus 
dem die instinktive Geisteskultur des Orients hervorgegangen ist. 
Wiirden wir heute als das Richtige ansehen, uns nur einem regu- 
lierten Atmungsprozefi hinzugeben, so wiirden wir verleugnen das 
intellektuelle Leben. Wir wiirden verleugnen das, wofiir wir heute 
konstituiert sind. 

Wir miissen, um die Wege in die geistige Welt hinaufzugehen, 
andere Metamorphosen einschlagen. Wir miissen nicht mehr zu- 
riickgehen vom Denken zu Leibesvorgangen wie dem Atem, wir 
miissen das Denken selber ausbilden. Deshalb mufi heutige, auf der 
Hohe ihrer Zeit lebende Geisteswissenschaft sprechen von einer 
Ausbildung des intellektuellen Lebens, aber nicht desjenigen intel- 
lektuellen Lebens, das man heute fast einzig und allein kennt. 
Gerade dieses intellektuelle Leben hat uns fur den ganzen Umfang 



des Lebens wie ausgedorrt gemacht, trocken und niichtern gemacht. 
So sehr auch von einzelnen Seiten in der Gegenwart gewettert wird 
gegen den einseitigen Intellektualismus, man bringt ja nichts auf, urn 
diesen Intellektualismus wirklich bekampfen zu konnen. Man fuhlt, 
die blofien Begriffe, auch diejenigen, die aus der ernsten und 
gewissenhaften Wissenschaft genommen sind, lassen die Seele kalt, 
so dafi sie die Wege durch das wahre Leben nicht findet. Aber man 
findet andererseits nicht die Moglichkeit, dieses intellektuelle Leben 
nach einer Richtung hin zu lenken, die befriedigend sein kann, weil 
man gerade dasjenige vermeiden will, was die hier gemeinte Gei- 
steswissenschaft als das Richtige fur den Gegenwartsmenschen 
ansehen mu8. Der Gegenwartsmensch kann nicht, wenn er einsieht 
die Trockenheit, die Nuchternheit, das Einseitige des blofien Intel- 
lektualismus, aus irgendeinem, wie man oftmals sagt, vorgedank- 
lichen, primitiven elementarischen Leben heraus Emotionen holen, 
urn sich aufzubessern als intellektueller Mensch. Er kann nicht, ich 
mochte sagen, in einem blindwiitigen Leben, das man nicht versteht, 
dasjenige suchen, was er aufierlich anleimen will an die intellektua- 
listische Zivilisation. 

Deshalb sucht anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft 
durch ubungsmafiige Entwickelung der Seele dasjenige, wonach 
dieser moderne Mensch eigentlich zur wirklichen Befriedigung 
seiner Seele lechzt. Im einzelnen habe ich beschrieben im zweiten 
Teil meiner «Geheimwissenschaft», in meinem Buch «Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und in anderen meiner 
Schriften, wie dieser Weg in einer dem abendlandischen Menschen 
angemessenen Weise gegangen werden soil. Prinzipiell will ich nur 
andeuten, dafi es sich darum handelt, das Seelenleben so in die Hand 
zu nehmen, dafi man allerdings vermeidet, Vorstellungen, Begriffe, 
Ideen ins Hochste hineingehend zu entwickeln, daft man also nicht 
einseitig bloft das Gedankenleben entwickelt, sondern die Seele so 
iibt, da£ mit den Gedanken selber, die da kommen, die sich 
verbinden, die sich trennen, die lebendigsten Gefiihle sich verbin- 
den. Wahrend heute der einseitige Intellektualist niichtern in seinern 
Gedankenleben ist, aber auch dieses Gedankenleben spazieren lafit 



auf dem dem Leben fremden Gebiete der Wissenschaft oder auf 
anderen Gebieten und sonst gedankenlos sich ins Leben hineinlebt, 
sucht dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissen- 
schaft ihr Uben nennt, ins Denken sich zu vertiefen, aber an dieser 
Vertiefung des Denkens Gefiihl zu entwickeln, so daft man sich 
freuen kann, zornig werden kann, dafi man hassen und lieben kann 
das, was man nur denkt, wie man Menschen hafit und liebt, wie man 
zornig wird iiber aufiere Ereignisse, dafi ein ganzes inneres Leben 
aufgeht, in solcher Lebendigkeit aufgeht, wie das aufiere Leben ist. 
Dafi dies systematisch gemacht werden kann, dafur sollen eben die 
genannten Biicher Zeugnis ablegen. 

Dann aber, wenn der Mensch solche Wege aufsucht, wenn er 
wirklich das, was sonst in seinem Inneren schlaft an Erkenntnis-, an 
Fiihlens- und Wollenskraften, zur Entwickelung bringt, wenn er 
also nicht vom Leibe aus, wie die alte orientalische Kultur, in einem 
regulierten Atmungsprozefi, sondern von der Seele und vom Geiste 
aus seine Entwickelung in die Hand nimmt, dann findet er den Weg 
in die geistige Welt hinein. Und was wendet er fur Krafte an? Er 
wendet die Krafte an, durch die seine Zivilisation grofi geworden ist. 
Er wendet die Krafte an, die er auch anwandte, indem er seine 
Maschinen ausbaute, indem er seine mechanistischen Kopernikani- 
schen, Galileischen, Keplerschen, Newtonschen astronomischen 
Anschauungen entwickelte. Was von unserem Geiste und von 
unserer Seele in die Maschinen hinein sich an Scharfsinn des Vorstel- 
lens entwickelt, was lebt in unserer Astronomie, in unserer Chemie, 
was liegt in unserem sozialen Leben, alles das wird ausgebildet. Der 
Orientale hatte das gar nicht. Er hatte sein Seelenleben nicht bis zu 
diesen Seelenkraften fortsetzen konnen. Er mufite zur Atmung des 
Leibes gehen, um den Erkenntnisweg zu beschreiten. Wir miissen 
einsetzen da, worinnen wir im aufieren praktischen Leben einset- 
zen. Wir miissen von denselben Seelen- und Geisteskraften ausge- 
hen, die in unserer mechanistischen Kultur leben, die den Unter- 
menschen in sieben- bis achthundert Millionen Exemplaren hervor- 
gebracht haben. Wir miissen einen neuen Orient, das heifit, ein 
Erschauen des Hoheren, des Ewigen, des unsterblichen Menschen 



aus dem Sinnlichsten, aus dem Maschinellsten, aus demjenigen 
herausbilden, was unserer abendlandischen Zivilisation als der Weg 
zum Untermenschen sich erweist. 

Allerdings, es ist den modernen Menschen nicht in alien Punkten 
sympathisch, was also in die moderne Zivilisation sich hineinstellen 
will. Denn dieser moderne Mensch, er verlangt ja eben, das Kind 
solle sich entwickeln, denn das kann noch nicht selber die Entschei- 
dung iiber seine Entwickelung treffen. In dem Augenblick, wo er 
selber die Entscheidung treffen soli, da lafit er sich nicht mehr ein auf 
die Entwickelung; da ist man fertig; da lalk man sich in die 
Stadtversammlung, ins Parlament wahlen, denn man weifi ja alles. 
Man kennt alles. Man braucht nicht mehr hinunterzusteigen zu der 
Entwickelung der Fahigkeiten, durch die man etwas weifi. Man ist 
Kritiker fur alles, wenn man nur einmal zum Bewufitsein seiner 
Willkiir gekommen ist, wenn nur die anderen allein nicht mehr 
herummurksen diirfen in bezug auf die Entwickelung. Dieser mo- 
derne Mensch, er mufi eben den Weg suchen, hinaufzusteigen 
wiederum zu jenen Hohen, wo man findet den geistig-seelischen 
Menschen. 

Nun ist die Sache ja so, dafi vorlaufig der innere Antrieb, diesen 
geistig-seelischen Menschen zu suchen, den Weg zu diesen Erkennt- 
nissen zu beschreiten, noch ein entsagungsvoller ist, denn dieser 
Weg fordert ein Leben, das allerdings in Schmerzen und Leiden vor 
sich geht, ein Leben, das heute noch nicht jeder gehen mufi, nicht 
jeder gehen kann, auch nicht jeder zu gehen braucht. Aber geradeso, 
wie nicht jeder ein Chemiker werden kann, aber die Ergebnisse der 
Chemie fur alle Menschen nutzlich werden konnen, wie nicht jeder 
ein Astronom werden kann, aber die Ergebnisse der Astronomie in 
alle Seelen hineinspielen konnen, so kann es wenige Geistesforscher 
geben, aber die Ergebnisse dieser Geistesforschung, sie konnen - 
das habe ich hier oftmals gesagt - mit dem gewohnlichen gesunden 
Menschenverstande begriffen werden. Die wenigen Geistesforscher 
konnen ihre geistigen Schauungen mitteilen, und der gesunde Men- 
schenverstand wird sie begreifen. Aber das leugnen ja heute gerade 
die Menschen. Sie kommen und sagen: Was du Geistesforscher uns 



mitteilst, das mogen schone Phantasien sein; aber wir zergliedern es 
logisch, wir lassen es nicht gelten, denn vor unserem Menschenver- 
stand zeigt es sich nicht. Zum hoheren Schauen haben wir uns noch 
nicht hinaufgebildet. 

Man erfahrt ja auf diesem Gebiete ganz sonderbare Dinge. Eben 
ist wieder eine Broschiire erschienen uber das, was ich als anthropo- 
sophisch orientierte Weltanschauung vor der Menschheit heute zu 
vertreten habe. Da sagt ein Mann, der, nun, «Universitatsprofessor» 
ist, der sagt da, wo er mich abkanzelt als Philosoph und, wie er sagt, 
als Theosoph: Ja, da behauptet dieser Steiner, dafi man ja auch ein 
Chemiker werden miisse, um die chemischen Dinge zu verstehen, 
ein Physiker werden miisse, um die physischen Dinge zu verstehen; 
das kann man ihm zugeben. Aber nun ist es sehr merkwurdig, wie 
sich dieser Herr sonderbar verhalt. Er sagt: Jeder kann einverstan- 
den sein damit, dafi die Chemiker dieses oder jenes behaupten, denn 
wenn er selbst Chemiker wird, so wird er ja einsehen, dafi das richtig 
ist; jedermann kann einverstanden sein mit dem, was die Physiker 
behaupten, denn wenn er selbst Physiker wird, so wird er einsehen, 
dafi das richtig ist, was die Physiker sagen. Aber um dasjenige 
einzusehen, was Geisteswissenschaft sagt, miifite man ja besondere 
Fahigkeiten entwickeln. 

Etwas anderes sage ich aber auch nicht. Wie der Mensch, um tiber 
Chemie ein Urteil zu haben, Chemiker werden mufi, wie der 
Mensch, um tiber Physik ein Urteil zu haben, Physiker werden 
mufi, so mufi der Mensch, um uber Geisteswissenschaft zu ent- 
scheiden, Geisteswissenschafter werden. Aber nun sagt, seinen Text 
weitersetzend, jener sonderbare - vielleicht ist er gar nicht sonder- 
bar - Universitatsprofessor: Es handelt sich nicht darum, dafi das, 
was Steiner behauptet, sich nur vor geisteswissenschaftlich geschul- 
ten Leuten rechtfertigen lafit, sondern es mufi sich vor mir recht- 
fertigen lassen! Das heifit, es mufi sich rechtfertigen lassen vor dem, 
der nicht nur keinen Dunst davon hat, sondern sich auch nicht 
verschaffen will. 

Das ist allerdings ein «gesunder Menschenverstand», in Anfiih- 
rungszeichen geschrieben, der nicht taugt, das zu verstehen, was 



Geisteswissenschaft zu verzeichnen hat. Der unbefangene gesunde 
Menschenverstand wird es fassen. Ja, man wird iiber diese Dinge 
vielleicht in der Zukunft noch ganz anders denken, als man heute in 
vielen Kreisen gewohnt ist, zu denken. Die Welt ist da. Die Philoso- 
phen haben sich immer gestritten urn die Welt. Nun, die Philoso- 
phen werden doch gesunden Menschenverstand haben. Und man 
kann sogar sagen, wenn man unbefangen ist: die Philosophie ist 
besser als ihr Ruf. Aber die Philosophen streiten sich. Und ist man 
unbefangen, so kann man sogar demjenigen einen gewissen Scharf- 
sinn auf philosophischem Gebiete zubilligen, der das Gegenteil von 
dem sagt, was eben ein anderer vorbringt, wiederum aus einem 
gewissen Scharfsinn heraus. Ja, man kommt, wenn man hier auf 
diesem Gebiete unbefangen ist, dazu, ein sehr merkwurdiges Urteil 
iiber den gesunden Menschenverstand zu gewinnen. Er ist da. Die 
Leute reden im allgemeinen in diesem gesunden Menschenverstand. 
Aber er ist ja gar nicht geeignet, die Welt zu begreifen, sonst 
brauchten sich die Philosophen nicht zu streiten. Die Welt, die 
aufierlich den Sinnen vorliegt, so ohne weiteres zu begreifen, dazu 
scheint gar nicht zu taugen dieser gewohnliche gesunde Menschen- 
verstand. Man probiere es einmal, ob er dasjenige begreift, was 
Geisteswissenschaft zu sagen hat, und man wird sehen: der Weg 
wird sich eroffnen, dafi man gerade das begreifen wird. Es ist 
Wischiwaschi, nicht einmal blofi ein Vorurteil, wenn man sagt: 
Geisteswissenschafter behaupten auch verschiedenes; der eine das 
oder der andere das. Das sagt man ohne Kenntnis der Tatsachen. 
Lernt man die Tatsachen kennen, so wird man dies nicht mehr 
behaupten. 

So wird allerdings manches Vorurteil und namentlich manches 
Vorempfinden iiberwunden werden miissen, wenn sich die hier 
gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in das 

moderne Leben hineinstellen soil. Aber sie wird sich hineinstellen 
miissen. Denn der Weg wird gefunden werden miissen, urn die 
beiden Ihnen heute gekennzeichneten Geistesstrornungen zu ver- 
binden. Wir konnen keine Reaktionare werden, um zuriickzukeh- 
ren zu fr 11 Keren Geistesbildungen. Wir miissen uns hineinstellen in 



dasjenige, was das naturwissenschaftliche, das mechanistische Zeit- 
alter hervorgebracht hat. Aber wir miissen die Krafte, die einen 
Kopernikus, einen Galilei, einen Giordano Bruno, einen Rontgen, 
einen Becquerel und so weiter bis in unsere Tage hervorgebracht 
haben, wir miissen die Krafte so weit vergeistigen, dafi wir durch 
dieselben Krafte der menschlichen Seele, durch die wir Maschinen 
bauen, auch hinaufsteigen zur Erkenntnis des geistig-seelischen 
Menschen. Dann werden wir nicht mehr blofi vom Geiste reden, 
dann werden wir dem Streben nach dem Geiste einen Inhalt zu 
geben vermogen. 

Das ist es, was dem tieferen Betrachter der Gegen warts zivilisa- 
tion so nahegeht, dafi die Leute heute viel vom Geiste reden, aber 
diesem Reden vom Geiste keinen Inhalt geben. Dadurch entstehen 
Weltanschauungen auf der einen Seite, entsteht die Lebenspraxis 
unorganisch mit diesen Weltanschauungen verbunden auf der ande- 
ren Seite so, wie sich ausnehmen wtirde unsere geisteswissenschaft- 
lich schaffende Weltanschauung in einem Hause, das einen alten 
Baustil tragt. Unsere geisteswissenschaftlich orientierte Weltan- 
schauung will in Bauformen leben, die aus ihr selbst geboren sind. 
Sie soil so schaffen und kann so schaffen, dafi sie das au£ere 
materielle Leben bis in die technischen Einzelheiten, bis in die 
sozialen Verkettungen zu durchdringen vermag. Dann wird diese 
Geisteswissenschaft der Trager einer Zivilisation werden konnen, 
die die rechten Wege findet zu den Zielen, die heute angedeutet 
worden sind. Dann wird diese Geisteswissenschaft es sein, welche 
nicht mehr grofi werden lafit jenes Leben, von dem man sagen kann: 
Nun ja, einzelne streben wieder nach dem Geiste hin; sie verlangen, 
dafi der Mensch, der in der Fabrik hart arbeitet, nicht mehr blofi in 
der Fabrik arbeitet, sondern dafi er Zeit genug iibrig habe, um sich 
auch dem Geiste zu widmen. Oh, nein, das verlangt Geisteswissen- 
schaft nicht allein, dafi man in der Fabrik zu arbeiten hat und, wenn 
man die Tiire hinter sich zuschliefit, dann heraustritt aus der Fabrik, 
um da das Geistesleben zu finden. Nein, das Umgekehrte verlangt 
Geisteswissenschaft, dafi, wenn man sie aufschlieik, die Fabrik, um 
zur Arbeit zu gehen, man den Geist hineintrage, damit jede Maschi- 



ne durchgeistigt ist von dem, was auch die Weltanschauung in die 
hochsten Hdhen des Erkennens, des Unsterblichen hinauftragt. 
Nicht Zeit iibrig lassen fur den Geist mochte die Geisteswissen- 
schaft, sondern alle Zeit durchtranken von dem, was der Mensch als 
den Inhalt seines Geistes finden kann. 

Nun, die Menschen schreien heute vielfach nach Geist. Eben ist 
ein Buch iiber den Sozialismus erschienen - es gibt allerlei gefuhl- 
volle und auch manchmal verstandige Anschauungen - von Robert 
Wilbrandt, dem Tubinger Universitatsprofessor. Es tont aus: Ja, 
aber wir kommen mit dem Sozialismus doch nicht weiter, wenn wir 
nicht den neuen Geist, die neue Seele finden. Auf den letzten Seiten 
des Buches also der Schrei nach dem Geist, nach der Seele! Fiihrt 
man einen solchen Mann, eine solche Personlichkeit jedoch dahin, 
wo dem Geiste Inhalt gegeben werden soli, wo man nicht nur in 
abstracto nach dem Geiste und der Seele deutet, wo man von 
geistigen und Seeleninhalten spricht, wie sonst die Naturwissen- 
schaft von naturlichen Inhalten spricht, da driickt sich die betref- 
fende Personlichkeit hinweg, da hat sie nicht den Mut, zum wirkli- 
chen inhaltsvollen Geiste sich zu bekennen. Und so sehen wir das 
bei vielen. Sie schreien nach dem Geiste. Aber wenn dann der Geist 
einen wirklichen Inhalt sucht, dann finden sie sich nicht ein. Sie 
bleiben beim blofien Hinweisen auf ein abstraktes Zusammen- 
schliefien der Menschenseelen mit dem Geistigen. Das ist dasjenige, 
was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Weg 
sucht: den Weg zum wirklichen geistigen Inhalte, zu einer wirkli- 
chen geistigen Welt, aus unseren eigenen organischen Erkenntnis- 
kraften heraus als Ziel sucht: sich die blofi unorganisch in uns 
zusammengefugten zwei Stromungen, den Orientalismus und den 
Okzidentalismus, zu einem Streben auszubilden, das aus unserem 
eigenen Streben den Weg wie hinunter in den Mechanismus, so 
hinauf in die hochste Spiritualitat findet. 

Den weiteren Ausfiihrungen dieses Themas, die ich morgen und 
iibermorgen geben werde, wo auch manches wird breiter charakteri- 
siert werden konnen, als ich das heute in der Einleitung tun konnte, 
will ich zum Schlusse heute nur das Folgende noch vorausschicken. 



Der Ruf nach einer neuen Geistigkeit, er geht heute durch viele 
Herzen, durch viele Gemiiter, und in einer gewissen Weise ahnt 
man schon, dafi unser Ungliick, das sich so furchtbar, so schrecklich 
geoffenbart hat in den letzten funf Jahren, in der aufieren Welt 
zusammenhangt damit, dafi unser Geist in eine Sackgasse geraten 
ist. Dafi durchbrochen werden miisse eine Wand, um vorwartszu- 
kommen im Geiste. Geahnt wird, dafi wir im Sozialen, im Politi- 
schen, im aufierlich Technischen nicht weiterkommen ohne einen 
neuen Geist. Ein Mann, der vielleicht nicht immer eine ganz vorteil- 
hafte, aber doch vielleicht eine gescheitere Rolle als mancher seiner 
Kollegen unter den «Staatsmannern» - ich sage das in Anfuhrungs- 
zeichen, wenn ich von Staatsmannern heute spreche - in den letzten 
Jahren gespielt hat, der hat nun auch - Staatsmanner und Generale 
schreiben ja heute Kriegserinnerungen -, der hat nun auch seine 
Kriegserinnerungen geschrieben. Sie endigen mit den folgenden 
Worten: 

«Der Krieg geht weiter, wenn auch in veranderter Form. Ich 
glaube, dafi die kommenden Generationen das grofie Drama, wel- 
ches seit funf Jahren die Welt beherrscht, gar nicht den Weltkrieg 
nennen werden, sondern die Weltrevolution...» 

Das sagt Czernin, der osterreichische Staatsmann. Also wenig- 
stens einer sieht schon Dinge ein, wie sie zusammenhangen, wenn 
auch noch in sehr beschranktem Mafie. Und er fahrt fort: 

«... und wissen werden, dafi diese Weltrevolution nur mit dem 
Weltkrieg begonnen hat. Weder Versailles noch Saint Germain 
werden ein dauerndes Werk schaffen. In diesem Frieden liegt der 
zersetzende Keim des Todes. Die Krampfe, die Europa schutteln, 
sind noch nicht im Abnehmen. So wie bei einem gewaltigen Erdbe- 
ben dauert das unterirdische Grollen an. Immer wieder wird sich 
bald hier, bald dort die Erde offnen und Feuer gegen den Himmel 
schleudern, immer wieder werden Ereignisse elementaren Charak- 
ters und elementarer Gewalt verheerend iiber die Lander sturmen. 
Bis alles das hinweggefegt ist, was an den Wahnsinn dieses Krieges 
und die franzosischen Frieden erinnert. 

Langsam, unter unsaglichen Qualen, wird eine neue Welt gebo- 



ren werden. Die kommenden Generationen werden zuriickblicken 
auf unsere Zeit wie auf einen langen bosen Traum, aber der schwar- 
zesten Nacht folgt einmal der Tag. Generationen sind in das Grab 
gesunken, ermordet, verhungert, der Krankheit erlegen. Millionen 
sind gestorben in dem Bestreben, zu vernichten und zu zerstoren, 
Hafi und Mord im Herzen. 

Aber andere Generationen erstehen und mit ihnen ein neuer 
Geist. Sie werden aufbauen, was Krieg und Revolution zerstort 
haben. Jedem Winter folgt der Friihling. Auch das ist ein ewiges 
Gesetz im Kreislauf des Lebens, dafi dem Tod die Auferstehung 
folgt. 

Wohl denen, die berufen sein werden, als Soldaten der Arbeit die 
neue Welt mitaufzubauen.» 

Auch hier aus einem beschrankten staatsmannischen Geist der 
alten Zeit heraus der Ruf nach dem neuen Geiste. Nun ja, dieser Ruf 
nach dem neuen Geiste mufi nur begriffen werden und wahr und 
ernst genug in den Menschenseelen Wurzeln fassen. Denn auch das 
Aufierlichste im Leben hangt mit dem Innerlichsten, die aufierlich- 
sten materiellen Ereignisse mit den innerlichsten geistigen Erleb- 
nissen zusammen. Und wenn wir anschauen, was sich als der Geist, 
der im Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Hohepunkt erreicht hat, 
ausgelebt hat in den Ereignissen der letzten Jahre, dann werden wir 
verstehen, dafi der Ruf eintreten mufi nach einem neuen Geistes- 
leben. Mit diesem neuen Geistesleben mochte ihre Wege und Ziele 
die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zum Aufbau 
der Welt ebenso verbunden haben, wie diejenigen geistigen Bestre- 
bungen, die sie bekampfen, ersichtlich verbunden sind mit den 
furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre. 

Ich habe noch in diesen Tagen einen merkwiirdigen Vortrag 
gelesen, der im Baltenlande gehalten worden ist - merken Sie auf das 
Datum - am 1. Mai 1918. Da klingt der Vortrag eines Physikers, am 
1. Mai 1918, aus in die Worte: Der Weltkrieg hat doch gezeigt, da£ 
noch zu isoliert dastehen die geistigen Bestrebungen der Gegen- 
wart, die wissenschaftlichen Arbeiten der Gegenwart. Der Welt- 
krieg - so ungefahr sagt dieser Physiker - hat uns gelehrt, dafi 



zukiinftig dasjenige, was in den wissenschaftlichen Laboratorien 
gearbeitet wird, in innerem organischem Zusammenhange, in fort- 
wahrendem innerem Ideenaustausch mit dem stehen mufi, was in 
den Generalstaben gearbeitet wird. Es mufi ein innigstes Biindnis 
angestrebt werden - so sagt dieser Physiker - zwischen der Wissen- 
schaft und dem Generalstab. Darin sieht er das Heil der Zukunft! 

Man sieht, die Wissenschaft der Vergangenheit kann Biindnisse, 
die zwischen ihr und den zerstorendsten Kraften der Menschheit 
geschlossen werden, sogar als Ideal ansehen. Anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft mochte das Biindnis zwischen ih- 
rem geistigen Streben und alien wahrhaft aufbauenden Kraften der 
Menschheitszivilisation schliefien. 



DIE GEISTESWISSENSCHAFTLICHEN GRUNDLAGEN 
DER LEIBLICHEN UND SEELISCHEN GESUNDHEIT 

Zweiter Vortrag, Basel, 6. Januar 1920 

Bevor ich anschliefiend an die gestrigen einleitenden Ausfuhrungen 
iiber Wege und Ziele der Geisteswissenschaft morgen zu jenen 
wichtigen, insbesondere das Interesse der Gegenwart unmittelbar 
beriihrenden Konsequenzen dieser Geisteswissenschaft schreiten 
werde, welche den geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt fur die- 
sittlichen, sozialen und religiosen Krafte des Menschenwesens be- 
handeln, mochte ich heute eine Betrachtung einfiigen iiber dasjeni- 
ge, was Geisteswissenschaft zu sagen hat iiber leibliche und seelische 
Gesundheit des Menschen. Gerechtfertigt wird eine solche Betrach- 
tung wie die heutige ja auch deshalb sein, weil schliefilich der 
Mensch sich nur dann menschenwerte und menschenwiirdige sittli- 
che Ziele setzen, soziale Aufgaben stellen und ein entsprechend 
religioses Leben aus den Untergriinden seiner Seele wird hervor- 
bringen konnen, wenn zugrunde liegt diesen seinen Zielsetzungen 
und Hervorbringungen das, was man nennen kann seine auf leib- 
licher, seelischer und geistiger Gesundheit ruhende Tiichtigkeit. 

Sie werden von vornherein voraussetzen, dafi, wenn im geistes- 
wissenschaftlich-anthroposophischen Sinne iiber die Grundlage des 
Gesundseins gesprochen werden soli, dann gerade die geistigen und 
seelischen Faktoren, die dabei in Betracht kommen, besonders 
beriihrt werden. Nun stofit man aber mit einer solchen Betrachtung 
sofort auf eine der altesten und zu gleicher Zeit, man darf sagen, 
strittigsten Fragen menschlicher Weltanschauung: auf die Frage 
nach dem Zusammenhange des Seelisch-Geistigen in der Men- 
schenwesenheit mit dem Leiblich-Physischen uberhaupt. Vieles ist 
nachgedacht, vieles ist nachgeforscht worden mit den Mitteln ver- 
schiedener wisseiiscliaftlicher Gebiete iiber diese Frage: Wie verhalt 
sich eigentlich das Geistig-Seelische des Menschen zum Leiblich- 
Physischen? 

Die hier eemeinte Geisteswissenschaft iv.x\il sich auf den Stand- 

o 



punkt stellen, dafi sie diese Frage so, wie sie gewohnlich gestellt 
wird, nicht von vornherein schon als eine richtig gestellte ansehen 
kann. Man fragt gewohnlich: Wie verhalt sich des Menschen Geist 
oder Seele zu seinem Leib, zu seiner physischen Organisation? Man 
beriicksichtigt dabei nicht, ob das, was wir die unter die Willkiir 
gestellte Seelenverfassung und Seelentiichtigkeit des Menschen nen- 
nen konnen, nicht vielleicht in verschiedener Weise bei verschie- 
denen Menschen ein besonderes Verhaltnis begriindet zwischen 
Geist und Leib, ob nicht eingreifen konnte durch gewisse Verhalt- 
nisse der Mensch gerade durch diese Krafte, die er in seiner Seele 
entwickelt, in seine leibliche Organisation. Und diese Frage kann 
eigentlich nur eine geisteswissenschaftliche Betrachtung behandeln, 
wie diejenige ist, die ich mir erlaubte gestern vor Ihnen anzustellen. 
Denn gerade wenn wir das in Betracht ziehen, was die Wissenschaft 
des Abendlandes in dem Sinne, wie sie gestern charakterisiert 
worden ist, zu ihren Triumphen gefiihrt hat, so miissen wir sagen: es 
ist dies nicht ein Element, das zum Menschen hinfiihrt, sondern es 
ist ein Element, das in einer gewissen Beziehung eigentlich vom 
Menschen entfernt. 

Was strebt der Wissenschafter, welcher die Grundsatze der letz- 
ten drei bis vier Jahrhunderte angenommen hat, fur seine Wissen- 
schaft besonders an? Er strebt besonders an, solche Vorstellungen 
tiber die aufieren Dinge und auch iiber den Menschen zu gewinnen, 
in die sich moglichst wenig, ja womoglich gar nicht einmischen die 
menschlichen Gefuhle und Willensimpulse. Je mehr man alles das, 
was man das Subjektiv-Personliche nennen kann, auseinanderzu- 
halten vermag von wissenschaftlicher Betrachtung, um so mehr 
glaubt man das Ideal dieser wissenschaftlichen Betrachtung erfiillt. 
Der Physiker, der Biologe glaubt heute seiner Aufgabe nicht mehr 
nachkommen zu konnen, wenn er irgend etwas, was nur innerlich in 
der Seele erfafit werden kann, in seine Feststellungen einmischt. 

Wenn ich erinnern darf an dasjenige, was ich als ein allerdings 
einer weiten Vergangenheit angehoriges Ideal orientalischer Weltbe- 
trachtung gestern charakterisierte, so mufi gesagt werden: da dort 
der ganze Mensch herangezogen wurde zu jener Umwandlung, zu 



jener Entwickelung der Menschennatur, die im Orient die Grundla- 
ge zu einer Weltanschauung bildeten, so war diese Methode das 
vollige Gegenbild von dem, was uns heute als wissenschaftliches 
Ideal erscheint. 

Nun mufi man, wenn man sich solchen Dingen hingibt, heute gar 
viele Vorurteile abstreifen, die da gelten, ich mochte sagen, als 
Selbstverstandlichkeit, die aber in kurzer Zeit keine Selbstverstand- 
lichkeiten mehr sein werden, sondern Vorurteile, die durch die 
Menschheitserziehung der letzten drei bis vier Jahrhunderte bedingt 
sind. 

Wenn man wirklich eingeht auf den Grundcharakter desjenigen, 
was all unser durch die Wissenschaft impragniertes Denken kenn- 
zeichnet, so findet man, dafi eigentlich vor diesem Denken heute nur 
ein Teil, ein Glied der ganzen Menschennatur Gnade findet: dasjeni- 
ge, was man nennen kann das intellektualistische Element, das 
Element, das zu den gefuhls- und willensfreien Gedanken aufsteigt, 
das nichts hinzutun will aus der eigenen, subjektiven Menschenna- 
tur zu diesem Vorstellen. Dadurch aber nimmt gerade an der 
wichtigsten wissenschaftlichen Arbeit der ganze Mensch als solcher 
nicht teil, sondern nur dasjenige vom Menschen, was eben der 
Trager des intellektualistischen Seelenlebens ist. 

Was ich gestern charakterisierte als das wahrhaft abendlandische 
Streben nach einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, das 
will wieder, ohne etwa zuriickzukehren zu orientalischen Idealen, 
aus der ganzen Menschennatur heraus die Seelenkrafte entwickeln, 
die eine Weltanschauung produzieren. Daher mufite ich gestern 
etwa in der folgenden Weise die Erkenntniswege charakterisieren, 
die zu einer solchen anthroposophisch orientierten geisteswissen- 
schaftlichen Weltanschauung fuhren. Wahrend der Mensch, der 
blofi wissenschaftlich ist, mit seinen Experimenten oder mit seiner 
Naturbeobachtung zusammen das intellektualistische Vorstellen 
entwickelt, mufi derjenige, der zu einer geisteswissenschaftlichen 
Anschauung aufsteigen will, aus den Tiefen seines Seelenlebens 
heraufholen gelauterte Gefuhle, gelauterte Willensimpulse. Er mufi 
sich allerdings versenken in eine Gedankenweit. Er mufi ebenso 



intellektualistisch arbeiten konnen wie nur der exakteste Wissen- 
schafter. Aber er steht mit seinem Menschen in anderer Weise als 
dieser exakte Wissenschafter zur Intellektualitat. Er versenkt sich in 
Ideenwelten, er versenkt sich in dasjenige, was sonst nur der blasse, 
schattenhafte Gedanke liefert. Aber so, wie man sonst nur an den 
Ereignissen des aufieren Lebens mit seinen Sympathien und Antipa- 
thien, mit seiner ganzen Gefuhlswelt teilnimmt, wie man sonst nur 
an den Forderungen des Lebens mit seinen Willensimpulsen teil- 
nimmt, so begleiten bei demjenigen, der den Weg in die geistige 
Welt hinein suchen will im Sinne dieser Geisteswissenschaft, das 
Fiihlen, das Wollen, die Sympathien und Antipathien den Gedan- 
ken, die Ideen. Mit der Art und Weise, wie die Ideen wirken, wie sie 
sich zueinander stellen, verbindet man ein innerliches Sympathie- 
und Antipathie-Element, ein innerliches Wollen, das man sonst nur 
etwa dem Menschen von Fleisch und Blut oder der Natur in 
geringerem Sinne entgegenbringt oder das man entwickelt, wenn 
man Hunger oder Durst hat, oder wenn andere Aufgaben des 
gewohnlichen Lebens gestellt sind. So innerlich lebendig wie im 
Wollen unter dem Einflusse von Hunger und Durst, wie in den 
Gefuhlen, die man zu geliebten oder gehafiten Menschen entwik- 
kelt, so innerlich lebendig ist man bei den Methoden, die zur 
geisteswissenschaftlichen Einsicht fuhren sollen. Der ganze Mensch 
mit seinem Fiihlen und Wollen nimmt teil an diesen Methoden. 
Das entwickelt eben andere Erkenntnisse, andere Verhaltnisse zur 
Aufienwelt und auch zu den anderen Menschen als blofi das intel- 
lektualistische Treiben. 

Wenn nun diejenigen Erkenntnisse, die auf diese Weise Inhalt der 
Geisteswissenschaft werden - die ja aller dings fur die weitesten 
Kreise der gegenwartigen Menschheit ein Buch mit sieben Siegeln 
sind, nicht etwa, weil die Geisteswissenschafter dieses Buch mit 
sieben Siegeln versiegeln, sondern weil diejenigen, die herangehen 
sollten an diese Geisteswissenschaft, damit sie nicht heranzugehen 
brauchen, erst mit den sieben Siegeln ihrer Vorurteile und ihres 
Hohnes und Spottes es versiegeln wenn dieser Inhalt der Geistes- 
wissenschaft dann von den Menschen aufgenommen wird, wenn 



sich die Seele des Menschen mit ihm vereint, so wirkt er daher auch 
anders als der Inhalt des blofi intellektualistischen Wissens. Er 
ergreift unmittelbar die ganze Seele des Menschen. Er giefk Ener- 
gien, Krafte in diese ganze Seele des Menschen. Und wenn der Inhalt 
der Geisteswissenschaft so gewonnen ist, dafi er entspricht den 
grofien weltgesetzlichen Zusammenhangen, dann gielk er gewisser- 
mafien dieselben Krafte in die menschliche Seele, aus denen der 
menschliche Organismus aufgebaut ist. Denn der menschliche Or- 
ganismus ist aus den Kraften der Welt heraus aufgebaut. Das 
geisteswissenschaftliche Erkennen geht wiederum zuriick zu diesen 
Kraften der Welt. Also mufi es ein innerliches Zusammenstimmen 
zwischen demjenigen geben, was aus der Weltgesetzlichkeit heraus 
erkannt wird durch Geisteswissenschaft, und dem, was bei der 
Organisation des Menschenwesens entsteht als der Mensch selbst, 
indem der Mensch aus den Grundlagen der Weltenordnung heraus 
seine eigene Organisation empfangt. 

Das aber hat zur Folge, dafi ein ganz anderes Verhaltnis besteht 
zwischen dem, was man als Inhalt der Geisteswissenschaft auf- 
nimmt, und der ganzen Entwickelung des Menschen, als zwischen 
dem, was nur den Intellekt beschaftigt, wie die Naturwissenschaft 
oder wie heute die Sozialwissenschaft und ahnliches, und diesem 
Menschen selbst. Aber es gibt etwas, was dieses Verhaltnis verhullt. 
Dadurch ist es schwierig fiir den, der noch nicht in den eigentlichen 
Sinn der Geisteswissenschaft eingedrungen ist, sich iiber solche 
Dinge genaue Vorstellungen zu machen. Durchaus mufi gesagt 
werden: Wie die gesunde Natur des Menschen in gesunder Art aus 
der Welt heraus organisiert ist, so wird in gesunder Art das gewon- 
nen, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist, und kann daher, da es 
den ganzen Menschen begreift, nicht nur auf den Intellekt, sondern 
wiederum auf den ganzen Menschen zuriickwirken. Wenn man das 
sagt, so wird heute derjenige, der der Geisteswissenschaft gegeniiber 
Laie ist, etwa folgenden Schlufi ziehen. Er wird sagen: Gewifi, ich 
will dir zunachst hypothetisch zugeben, du ziehst als Geisteswissen- 
schafter gesunde Gedanken aus deiner Weltbetrachtung. Gedanken, 
die intellektualistisch schattenhaft sind, die wirken nicht auf den 



menschlichen Organismus; die deinigen sind unter der Inanspruch- 
nahme der ganzen Menschennatur gefafit, sie wirken also auf den 
menschlichen Organismus, also wird man sie brauchen konnen, 
nehmen wir hypothetisch an, im Sinne der gesunden Menschenna- 
tur. Sagen wir also: diejenigen Gedanken, die du durch deine 
Geisteswissenschaft als gesunde Gedanken entwickelst, werden wir 
so anwenden, dafi wir uns mit ihnen erfullen, sie auf uns wirken 
lassen, dann werden sie wie eine Arznei eben gegen Abirrungen der 
menschlichen Natur von der Gesundheit wirken konnen. 

So naheliegend diese Hypothese ware, und soviel Glauben sie 
auch bei gewissen aberglaubischen Menschen gefunden hat, so 
wenig entspricht sie so, wie ich sie jetzt eben ausgesprochen habe, 
der Wirklichkeit. Und hier ist es notig, gerade, ich mochte sagen, das 
Fundament zu beriihren, das gelegt werden mufi, damit man in der 
richtigen Art das Zusammenwirken zwischen gesundem Geistig- 
Seelischen und gesunder Leiblichkeit einsehen kann. Wenn der 
Mensch durch die Geburt oder durch die Empfangnis aus geistigen 
Welten in das physische Dasein tritt, indem er sich umkleidet mit 
einem physischen Leib, so sehen wir ja, wie dasjenige, was geistig- 
seelisch sich mit diesem physischen Leib umkleidet, Zeit braucht, 
um sich auszuwirken. Das Kind kommt mit seinen Anlagen in der 
physischen Welt an. Aber es mufi heranwachsen. Wir konnen 
verfolgen, wie von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahr- 
zehnt zu Jahrzehnt in der physischen Organisation erst dasjenige 
herauskommt, was geistig-seelisch im Menschen veranlagt ist. Wer 
sich durch die hier gemeinte Geisteswissenschaft die Moglichkeit 
erwirbt, einzudringen in den wirklichen Zusammenhang zwischen 
Geistig-Seelischem und Leiblich-Physischem, der kommt nun nicht 
durch irgendeine logische Phantasie, sondern durch eine eindring- 
liche, ganz gewissenhafte und durch lange Zeiten fortgesetzte Beob- 
achtung des Lebens zu folgender Erkenntnis: 

So wie die Gesamtnatur des Menschen Zeit braucht, um sich als 
Geistig-Seelisches einzugliedern der physischen Organisation, so 
bedarf alles das, was wir geistig-seelisch auf nehmen, erst der Zeit, 
um sich einzugliedern in die physisch-leibliche Organisation. Wenn 



ich also als achtjahriges Kind oder als zwanzigjahriger oder erst als 
fiinfzigjahriger Mensch irgend etwas aufnehme von geistig-seeli- 
schem Inhalt, wenn irgend etwas meine Seele ergreift von solchem 
Inhalte, dann ist dieser Inhalt im Verhaltnis zu meiner leiblichen 
Organisation da, wo er in meine Seele eintritt, so jung wie die 
Seele eines Kindes in bezug auf die leibliche Organisation, und es 
braucht ein soldier seelischer Inhalt Zeit, urn sich im Leibe aus- 
zuwirken. Man kann daher nicht hoffen, dafi man nach Art ameri- 
kanischer Gedankenheilungskunst Gedanken erfinden kann, die 
dem Menschen wie eine fliissige Medizin eingegeben werden und 
die unmittelbar wirken. Nein, zu jener Umwandlung, die der gei- 
stig-seelische Inhalt erfahrt dadurch, daft er immer mehr und mehr 
das Leiblich-Physische durchdringt, bedarf es Zeit. Der eine gei- 
stig-seelische Inhalt braucht weniger, der andere mehr Zeit, aber 
Zeit mufi verfliefien zwischen dem Augenblick, wo ein geistig- 
seelischer Inhalt abstrakt aufgenommen wird, wo wir ihn er- 
kenntnismaftig durchdringen, und dem Zustande, wo er uns durch- 
organisiert hat. 

Was ich Ihnen hier erzahle, das ist nicht irgendeine Idee, die man 
leichtfertig ankniipft an die Lebenserscheinungen, sondern das ist 
etwas, was in so gewissenhafter Weise gefunden wird wie nur 
irgendein Laboratorium- oder Klinik-Ergebnis, ja viel gewissen- 
hafter. Man geht bei solchen Untersuchungen zunachst aus von den 
Wegen, die das gewohnliche alltagliche geistige Aufnehmen im 
Menschen durchmacht, indem der Mensch erinnerungsmafiig dasje- 
nige spater wieder aus seinen Seelentiefen hervorzaubern kann, was 
er einmal in diese Seele hinein aufgenommen hat. An den Wegen, die 
das Seelenleben mit Bezug auf die Erinnerung macht, gehen ja die 
allermeisten Menschen im Leben einfach vorbei; sie beobachten 
nicht, wie es ganz anders sich erlebt, wenn wir uns an etwas 
erinnern, was wir vor Jahrzehnten erlebt haben, und an etwas, was 
wir vor drei Tagen erlebt haben. Das eine und das andere holen wir 
aus den Seelentiefen herauf, gewift. Das aber, was wir vor drei Tagen 
oder selbst noeh vor drei jahren erlebt haben, das erweist sich vor 
dem, der Beobachtungsverrnogen hat fur seiche Dinge, als etwas, 



was, ich mochte sagen, aus geringen Tiefen des Seelenlebens herauf- 
geholt wird, was noch durchaus seelischer Inhalt ist. Dasjenige, an 
das man sich vielleicht als alterer Mensch als an die Erlebnisse seiner 
Kindheit erinnert, das holt man aus Seelentiefen herauf. Beobachtet 
man den Vorgang, so schaut man, wie das schon innig verflochten ist 
mit der ganzen Leiblichkeit, wie es wie ein seelisches Blut unsere 
Leiblichkeit durchdringt, wie es stark den Charakter angenommen 
hat, den die Krafte haben, die das Gewohnheitsmafiige in uns 
bezeichnen. 

Das ist freilich nur der Anfang jener ausfiihrlichen Methode, 
durch die beobachtet wird, wie im Laufe der Zeit erst dasjenige, was 
wir als geistig-seelischen Inhalt aufnehmen, sich vereint mit dem 
Leiblich-Physischen. Daraus aber werden Sie einsehen, wie Gei- 
steswissenschaft verlangen mufi, dafi ihre Art, leibliche, seelische 
Gesundheit zu pflegen, nicht nur unter die augenblicklich wirken- 
den Kiinste gerechnet werde, sondern wie sie appelliert an dasjenige, 
was erstens Kindererziehung ist, zweitens was Volkserziehung und 
Volksleben ist. Denn mit Voraussicht, ich mochte sagen, mit einem 
prophetischen Gesichte mufi Geisteswissenschaft in bezug auf das 
Gesundsein des Menschen wirken. 

Durchschaut man das, was ich hier beriihre, dann merkt man erst, 
was es bedeutet, wenn in die Erziehungsmethode geisteswissen- 
schaftliche Impulse aufgenommen werden, wenn tatsachlich unsere 
Kinder so erzogen werden, dafi die Erziehungsantriebe in geistes- 
wissenschaftlichem Sinne gehalten werden; und dann werden die 
Dinge, die man den Kindern beibringt, durchdrungen, nicht etwa 
mit geisteswissenschaftlichen Theorien - davor braucht die Welt 
keine Angst zu haben -, aber mit geisteswissenschaftlicher Gesin- 
nung, mit geisteswissenschaftlicher Seelenverfassung, vor alien Din- 
gen mit geisteswissenschaftlichem padagogischem Feuer. Dadurch 
wird schon in das Kindergemiit das gesenkt, was sich dann verbin- 
den soil mit der seelischen und physischen Organisation, was 
heranwachst und was, weil es gesund ist, in gesunder Weise ver- 
wachst mit der menschlichen Organisation und sie gesund und stark 
macht, widerstandsfahig macht gegen aufiere Einfliisse. 



Wenn die Welt einmal die voile Bedeutung dessen, was hier 
Geisteswissenschaft leisten kann, einsehen wird, dann werden all- 
mahlich nicht verschwinden, aber von geringerer Bedeutung wer- 
den alle die schonen - ich sage das nicht ironisch, sondern durchaus 
im ernsten Sinne -, all die schonen Theorien von Infektionskrank- 
heiten und dergleichen, die heute nur in einseitiger Weise betrachtet 
werden. Es wird viel mehr als auf die Art, wie die Bazillen und 
Bakterien einziehen in unseren Organismus, darauf gesehen wer- 
den, wie stark wir von der Seele und vom Geiste geworden sind, um 
diesen Invasionen zu widerstehen. Diese Starke wird in der mensch- 
lichen Natur kein aufieres Heilmittel bedingen, aber das Heilmittel, 
das innerlich den Menschen starkt vom Geiste und von der Seele aus 
durch einen gesunden geisteswissenschaftlichen Inhalt. Damit wird 
allerdings offentliche Gesundheitspflege gerade durch Geisteswis- 
senschaft auf eine wesentlich andere Grundlage gestellt, als die sich 
traumen lassen, die glauben, daft nur im Fortgange der gegenwar- 
tigen Ansichten das Heil der menschlichen Entwickelung liegen 
konne. 

Ich mochte unter vielem nur auf eines aufmerksam machen, auf 
das ich von anderen Gesichtspunkten aus auch hier in dieser Stadt 
schon einige Personlichkeiten aufmerksam gemacht habe. Heute 
legt man zum Beispiel in der Erziehung, im Unterricht einen 
ungeheuren Wert auf die sogenannte Anschauung, mit Recht, denn 
innerhalb gewisser Grenzen ist es gut, wenn man das Kind unmit- 
telbar hinfuhrt vor das aufterlich oder innerlich Anschaubare und 
seine Vorstellungen, seine Begriffe sich ihm einbilden laftt so, daft es 
sie selbst abzieht. Aber nicht alles kann in dieser Weise an das Kind 
herangebracht werden, wessen es bedarf zu seiner Entwickelung fur 
ein menschenwurdiges Dasein. Und so muft in das Kind vieles 
einziehen bloft dadurch, daft es hinaufsieht zu seinem Erzieher, zu 
seinem Unterrichter als zu seiner Autoritat, zu dem, der ein gewis- 
ses Feuer im Erziehen, im Unterrichten entwickelt, der Impondera- 
bilien mit seinem Feuer von sich in das Kind hiniiberleitet. Da wird 
es dann manches geben konnen, was das Kind aufnimmt in dem 
Glauben, die Autoritat glaube an das; es versteht es aber noch nicht. 



Dann konnen die Zeiten eintreten vielleicht nach fiinfzehn, zwanzig 
Jahren, nachdem das Kind die Schule verlassen hat, wo es sich 
erinnert: das hast du dazumal gelernt und nicht verstanden, jetzt bist 
du reif geworden, jetzt hoist du es rein gedachtnismafiig aus deinem 
Seelenquell herauf. Jetzt verstehst du es. Wer das Seelenleben des 
Menschen kennt, der weifi, dafi ein solches durch spateres Reifwer- 
den vermitteltes Verstehen desjenigen, was man schon Jahre, viel- 
leicht Jahrzehnte in der Seele getragen hat, Krafte entwickelt, die 
innerlich den Menschen erstarken; es giefit in den Willen nichts eine 
solche Energie hinein vom Innersten der Seele aus wie das Verstehen- 
lernen von etwas durch seine eigene Reifekraft, von etwas, was man 
vor Jahren auf Autoritat, auf Mitteilung hin aufgenommen hat. 

So kann verbunden werden Padagogik mit ideeller, mit spirituel- 
ler Hygiene. Wenn einmal wirklich unsere offentliche Gesundheits- 
pflege durchzogen werden wird mit solchen weitgehenden An- 
schauungen, dann wird erst das Geistige, das in der Menschheit 
wurzelt, seine fur die Menschheit so heilsamen Energien wirklich 
entfalten konnen. Wahrend all das, was wir nur aufnehmen durch 
den Intellekt und seine Ausbildung, gewissermafien vom Menschen 
losgelost ist und daher auch nicht auf den Menschen zuriickwirken 
kann, wird das, was aus der ganzen Menschennatur herausgeholt ist, 
das Geisteswissenschaftliche, auch zuriickwirken konnen auf diese 
ganze Menschennatur. Und wir haben, wenn wir auch in der 
Medizin nicht blofi auf Augenblickserfolge, sondern auf eine Ge- 
sundheitspflege sehen, die mit den Weltgesetzen, also auch mit den 
Zeitgesetzen rechnet, wir haben die Moglichkeit, ungeheuer Giinsti- 
ges in dieser Richtung zu wirken. Nur ist leider die gegenwartige 
Menschheit so geartet, daft sie gar nicht gern hinschaut auf dasjeni- 
ge, was sich dem Augenblick entzieht und was mit seiner Wirkung, 
ich mochte sagen, ins Grofie geht. Der gegenwartige Mensch moch- 
te sich am liebsten von den Weltgesetzen die Erlaubnis nehmen, 
krank zu werden, wenn es ihm beliebt - Sie verstehen, daft ich das 
nicht in ganz wortlichem Sinne meine, aber es ist so etwas unter den 
Neigungen der Menschennatur - und dann mochte er wiederum im 
Augenblicke geheilt werden konnen. Auf was aber gesehen werden 



mufi, das ist, daft die innerliche starke Energie entwickelt werde in 
einzelnen Volkserziehungen, ja durch das ganze Leben hindurch in 
den Menschen die gesundenden, die Heilkrafte von der Seele, vom 
Geiste aus wirklich zur Entfaltung zu bringen. Von diesem Ge- 
sichtspunkt aus wird man einsehen, daft leibliche und seelische 
Gesundheit gar sehr davon abhangt, daft ein so starkes, ein so 
energisches Seelenleben in den Menschen heranentwickelt werde, 
daft dieses starke, energische Seelenleben wirklich auch in das 
leibliche Wesen eingreifen kann. 

Dazu ist wiederum die Ausdehnung der Betrachtungsweise iiber 
groftere Zeitraume notwendig. Dasjenige, was auf unsern Intellekt 
wirkt, wirkt nicht zu gleicher Zeit auf unsern Willen. Und wir 
konnen uns allerdings, wenn wir niemals auf unsern Willen gewirkt 
haben, in irgendeinem Lebensalter mit noch so gesunden Ideen und 
Gedanken anstrengen, um vom Intellekt aus auf unsere Seele zu 
wirken, wir werden keinen Erfolg haben. Denn vom Intellekt aus 
greift nicht unmittelbar irgendein geistig-seelischer Inhalt in die 
Menschennatur ein. Wir miissen auch auf den Willen einwirken. 
Auf den Willen wirken wir ein durch alles das, was unser Interesse 
an der Welt erregt, was unsern Anteil, unsere liebevolle Teilnahme 
an der Welt erregt. Menschen gehen oftmals durch die Welt, ich 
mochte sagen, mit einem gewissen Schwachsinn. Gewift, es gibt 
auch tiefer liegende Ursachen, aber eine der Ursachen des Schwach- 
sinns ist, daft man nicht verstanden hat bei solchen Menschen, als sie 
noch Kinder waren, weitgehende, tiefeingreifende Interessen fiir 
alles, was in ihrer Umgebung wirkt und lebt, zu entfalten, denn 
dieses Interesse-Entfalten, das wirkt auf den Willen. Und nur, wenn 
der Wille in dieser Weise gestarkt wird, kann spater dasjenige, was 
auf den Intellekt wirkt, auch wiederum auf den ganzen Menschen 
Einfluft gewinnen. Das Schlimmste, was dem Menschen in bezug 
auf seine leibliche und seelische Gesundheit passieren kann, ist, daft 
seine leiblich-physische Organisation sich abtrennt von seinem 
seelisch-geistigen Wesen. Geradezu experimentell wird diese Ab- 
trennung der physischen Organisation des Menschen von seinem 
seelisch-geistigen Wesen beim Mediumismus herbeigefiihrt. Da 



sehen wir, dafi das geistig-seelische Wesen geradezu gelahmt, einge- 
schlafert wird fur eine gewisse Zeit, damit das Leiblich-Physische, 
mit dem aber auch Geistiges immer verbunden ist, wie automatisch 
wirkt. Von einem richtigen Gesichtspunkt aus angesehen ist das 
mediale Wesen nichts anderes als eine wirkliche Krankheit, ein 
wirklicher Mifiklang zwischen dem ganz unenergisch gewordenen 
Geistig-Seelischen und dem daher die Oberhand gewinnenden 
Leiblich-Physischen. Daher ist auch immer Mediumismus, wenn er 
radikal ausgedehnt wird, verbunden mit der Willenslahmung, mit 
der ganzen Seelenlahmung des betreffenden Mediums. Und da das 
Moralische nur aus der seelischen Energie erquellen kann, so ist in 
der Regel auch ein gewisses moralisches Herabkommen mit dem 
Mediumismus verbunden. Gerade aus der Einsicht in den Zusam- 
menhang zwischen geistig-seelischer Gesundheit und physisch-leib- 
licher Gesundheit kann alles, was Schattenseite des Mediumismus 
ist, auch wirklich eingesehen werden. 

Wenn diejenigen, die ohne Kenntnis des eigentlichen Wesens der 
Geisteswissenschaft iiber diese urteilen, nur nicht allzu oft diese 
Geisteswissenschaft zusammenwerfen wiirden mit all den Verir- 
rungen des Zeitgeistes oder iiberhaupt der neueren Zeit, auf die ich 
hier hinweise! Es ist allerdings leichter, zu appellieren an den 
geistlosen Mediumismus, um etwas zu erfahren iiber die geistige 
Welt, als zu appellieren an die Geisteswissenschaft, die Anstren- 
gungen fordert. Wenn man an den Mediumismus appelliert, so lafit 
man sich iiber den Geist berichten von einem Medium, bei dem man 
erst den Geist ausschaltet. Es ist eine bequeme Methode, zum Geiste 
zu kommen. Geisteswissenschaft verlangt allerdings, dafi man nicht 
bei einem anderen den Geist ausschalte, um iiber den Geist etwas zu 
erfahren, sondern dafi man den Geist in sich selber zur hoheren 
Entfaltung und Entwickelung bringe, damit er seine Krafte hineinge- 
leiten kann in die geistige Welt, dafi sie dort die Eigentiimlichkeiten 
der geistigen Welt erfahren. Wollte man vorurteilslos die Geistes- 
wissenschaft betrachten, so wiirde man geradezu sehen, wie sie das 
Universalheilmittel ist gegen solche Verirrungen, wie diejenigen 
sind, auf die ich jetzt mit ein paar Worten hingedeutet habe. 



So kann man sagen: Gesundheitspflege ist eine notwendige Kon- 
sequenz desjenigen, was Geisteswissenschaft hineintragen will in 
die Menschheitsentwickelung. Aber selbstverstandlich ist die Men- 
schennatur mannigfaltigen Einfliissen unterworfen. Niemand darf 
dasjenige, was ich bisher besprochen habe, so deuten, als ob ich 
meinen wollte, daft durch die Pflege der Geisteswissenschaft etwa 
einmal alle Krankheiten aus der Welt geschafft werden sollten. Das 
meine ich durchaus nicht. Krankheiten haben ihre Ursachen. Wich- 
tiger als die Erkenntnis ihrer Ursachen ist der Prozefi ihrer Heilung. 
Und hier handelt es sich darum, dafi allerdings die Geisteswissen- 
schaft auch etwas zu sagen hat nicht nur iiber jene Gesundheits- 
pflege, die geisteswissenschaftliche Grundlagen hat, sondern dafi 
sie, wie iiber alle Lebenspraxis, so auch iiber die Medizin selber 
etwas zu sagen hat. Es ist eine zwar von vielen geleugnete, weil sie 
sich in diesem Punkt den wahren Tatbestand nicht gestehen wollen, 
aber doch eben bestehende Tatsache, daft viele wirklich griindlich 
denkende Menschen, die durch das medizinische Studium heute 
gegangen sind, wenn sie sich dann losgelassen fiihlen auf die leiden- 
de Menschheit, von den herbsten Seelenqualen befallen werden, 
weil ihnen dann vor Augen tritt, welche Anforderungen der mensch- 
liche Organismus, wenn er vom Gesunden abirrt in das Kranke 
hinein, an die menschliche Einsicht stellt, und wie wenig gerade aus 
den Erkenntnismitteln und Erkenntnismethoden der rein naturwis- 
senschaftlichen Betrachtungsweise fur dieses medizinische Wirken 
gewonnen werden kann. Gerade an der Medizin zeigt sich so recht 
die Schattenseite der blofien naturwissenschaftlichen Betrachtung, 
die iibrigens mit Bezug auf die Anschauung iiber die blofie aufiere 
Natur auch eine Lichtseite hat. In der Medizin ist die Schattenseite 
da, Denn man mufi nur das Folgende beachten: Diese Naturwissen- 
schaft, noch einmal sei es gesagt, legt ihren Hauptwert darauf, den 
Menschen ganz auszuschalten, indem sie intellektualistisch die Welt 
betrachtet und inteiiektualistisch mit den Experimenten zusammen 
ihre Naturgesetze sucht. Man lernt das, was man aus der Beobach- 
tung iernen kann von der Wirksamkeit dieser oder jener Heilmittel 
auf den kranken Menschen, von der Wirksamkeit iiberhauot dieses 



oder jenes Naturprodukts auf den Menschen. Aber es fehlt einem 
das innere Anschauen von dem Zusammenhange erstens der ganzen 
Menschennatur, zweitens aber von dem Zusammenhange zwischen 
dem, was drauften in der Natur hervorgebracht wird, sei es als 
Nahrung, sei es als Heilmittel, und der menschlichen Wesenheit 
selber. Und man merkt erst, wenn man in solch unbefangener Weise 
von der bloften Naturwissenschaft zur Medizin fortschreiten moch- 
te, was es heiftt, den Menschen ausschalten von der Betrachtungs- 
weise, und nachher das, was man durch eine solche Betrachtungs- 
weise gewonnen hat, auf die Natur des Menschen anwenden. Das 
racht sich, daft Naturwissenschaft alles, was in der Menschennatur 
aufsprieften kann, ausschaltet, um, wie sie sagt, zur rechten Objekti- 
vitat zu kommen. Da kommt sie zur Objektivitat. Allein in dieser 
Objektivitat ist der Mensch nicht drinnen. Der Mensch schaltet erst 
sich selbst aus. Kein Wunder, daft er in der Wissenschaft, die er nun 
ausbildet, den Menschen nicht drinnen hat. Nun soil man anwenden 
diese Wissenschaft auf den Menschen. Man kann es nicht, weil man 
auf den Menschen keine Riicksicht genommen hat. 

Das voile Gegenteil findet statt bei dem, was anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft anstrebt. Da wird der ganze Mensch 
aufgerufen, um iiber den Menschen und iiber die Welt Urteile zu 
gewinnen. Da allerdings werden die Erkenntnisse auch anders 
fundiert. Um mich in diesem Punkte klarzumachen, mochte ich 
auch heute daran erinnern, wie die Geisteswissenschaft, die hier 
gemeint ist, im Grunde genommen nur eine Ausgestaltung desjeni- 
gen ist, was in dem ersten Elemente wie eine neue Erkenntnis der 
Natur begriindet worden ist durch den vielverkannten Naturfor- 
scher, nicht den Dichter Goethe. Gerade deshalb nennen wir ja 
unseren Bau drauften auf dem Dornacher Hiigel das Goetheanum, 
weil wir Goetheanismus treiben wollen, allerdings nicht Goetheanis- 
mus, wie ihn die Goethe-Forscher treiben, die glauben, der Goethe- 
sche Geist habe 1832 aufgehort, und man miisse studieren, was 
dieser Goethesche Geist hervorgebracht hat, um Goethe- Wissen- 
schaft zu treiben. Nein, wir treiben einen Goetheanismus, der nicht 
zuriickgeht auf 1832, sondern der ein Goetheanismus ist durch den 



fortwirkenden Goethe-Geist heute vom Jahre 1920. Aber was bei 
Goethe noch ganz elementar auftritt, kann heute eben in einer 
hoheren Ausbildung vom Entwickelungsgang der Menschheit er- 
griffen werden. 

Nun will ich etwas scheinbar recht Fernliegendes erwahnen, an 
dem ich aber werde anschaulich machen konnen, wie man vom 
Goetheanismus ausgehend zu den hochsten Hohen der Geisteswis- 
senschaft kommt. Goethe ging nach den Ahnlichkeiten, den Ver- 
wandtschaften namentlich in der Natur der Lebewesen. Ihm ist es 
klar geworden, wie die ganze Pflanze nur ein kompliziertes Blatt ist 
und ein einzelnes Pflanzenblatt eine ganze Pflanze, nur einfach 
gestaltet. So sah Goethe in jedem Gliede eines Organismus die 
Metamorphose, die Umwandlungsform des anderen Gliedes. So hat 
er gesucht, woher die ratselvollen, fur den unbefangenen Beobach- 
ter namlich ratselvollen, Formen der menschlichen Schadelknochen 
herkommen. Als er, er erzahlt es selbst, einmal auf den Juden- 
kirchhof in Venedig ging, da fand er einen besonders gliicklich 
gespaltenen Schafschadel liegen. Die Knochen waren so auseinan- 
dergefallen, da£ ihre Form unmittelbar auf Goethes Seele wirkte. 
Und so, wie er diese Form anschaute, da sagte er sich: Ja, diese 
Schadelknochen sind nichts anderes als umgestaltete, metamorpho- 
sierte Rxickgratsknochen. Wenn sich die einfachen fast ringformi- 
gen Riickenwirbelknochen - so ist Goethes Ansicht - so umwan- 
deln, daft gewisse Fortsetzungen starker anwachsen, gewisse Wulste 
sich abflachen, so entsteht durch ein umgebildetes Wachstum des 
einfachen Riickenwirbels der Schadelknochen. Dadurch konnte 
Goethe zum ersten Mai dasjenige aussprechen, was mit einer gewis- 
sen Modifikation ein Ergebnis auch unserer heutigen menschlichen 
Anatomie ist, dafi die Schadelknochen umgewandelte Riicken- 
markwirbel sind, Ich darf im Zusammenhange damit, weil es ja auch 
die Sache, die ich meine, erlautern wird, eine Art personlichen 
Eriebnisses erzahien. Mir lagen ja diese Goctheschen Anschauun- 
gen seit dem Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts beson- 
ders nahe. Nun, ich ha be bereits dazumal begonnen zu schreiben 
uber die Goethesche naturwissenschaftiiche Weltanschauung. Auch 



diese Anschairang von der Umwandlung der Schadeiknochen, der 
Wirbelknochen in Schadeiknochen bildete ein Bestandstiick desje- 
nigen, was ich fiir die Goethesche Weltanschauung naher ausarbei- 
tete. Aber ich sagte mir, wie konnte es einem so universellen Geiste 
wie Goethe entgangen sein, dafi man ja, wenn man von der Umbil- 
dung der Wirbelknochen in Schadeiknochen spricht, fortschreiten 
miisse zu der Anschauung von der Umbildung des einfachen Ner- 
vengebildes im Riickenmark in den komplizierten Bau des Gehirns, 
so dafi man auch anschauen miisse das Gehirn als eine Umwandlung 
des einfachen Nervengebildes, das eben im Riickenmarkwirbel 
drinnensitzt. Und als ich dann am Ende der achtziger Jahre des 
vorigen Jahrhunderts nach Weimar berufen wurde, um mitzuar- 
beiten am Goethe- und Schiller- Archiv fiir die Neuherausgabe oder 
iiberhaupt erste Herausgabe der noch unveroffentlichten Goethe- 
schen Schriften, da war es mir selbstverstandlich eine liebe Aufgabe, 
nun zu untersuchen, ob vielleicht irgendwo etwas zu finden sei von 
einer Spur, dafi Goethe auch diese Anschauung von der Formum- 
wandlung des Gehirns aus einfachen Nervenganglien schon hatte. 
Und siehe da, als ich ein Notizbuch mit schlecht geschriebenen 
Bleistiftstrichen aus den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts in 
die Hand bekam, da stand von Goethe aufnotiert diese Anschauung 
iiber das menschliche Gehirn ganz so, wie ich es vermutet hatte! 

Ich weise Sie dabei hin auf eine andere Anschauungsweise - bei 
Goethe tritt sie allerdings noch elementar nur zutage -, auf eine 
andere Anschauungsweise, als die die Naturgesetze blofi intellektua- 
listisch beobachtende ist. Ich weise Sie auf eine Betrachtungsweise 
hin, wie sie instinktiv in Goethe sitzt, die den ganzen Menschen zu 
Hilfe nimmt. In der Art von zergliedernder analytischer Experimen- 
tiermethode, die heute in der Naturwissenschaft iiblich ist, kommt 
man nicht darauf, solche Umwandlungen richtig zu sehen, denn 
man mufi da alles beriicksichtigen, nicht blofi dasjenige, was man 
messen und zahlen kann. Man mufi auch dasjenige beriicksichtigen, 
was man nur seiner Intensitat, seiner Qualitat nach beobachten 
kann. In der Geisteswissenschaft mufi man noch weiter vorriicken. 
Da mufi man die Dinge tatsachlich beobachten nach Eigenschaften, 



die ihnen der Geist der Welt, das Seelische der Welt aufpragt, die 
man bei der aufterlichen wissenschaftlichen Methode eben nicht 
findet. 

Dann kommt mail zu solchen Resultaten wie demjenigen, von 
dem man glauben konnte, daft es vielleicht nur ein Apercu sei, das 
aber kein Apergu ist, sondern das Ergebnis einer geisteswissenschaft- 
lichen Arbeit, von der ich sagen darf, dafi ich mehr als dreifiig Jahre 
an ihr gearbeitet habe, jenes Ergebnis, das den Menschen gliedert in 
drei, ich mochte sagen, Unterglieder seiner Natur. Gewohnlich 
nimmt man an, daft das, was im Menschen geistig ist, Seelisches ist, 
an sein Sinnes-Nervensystem gebunden sei. Das ist ja die heutige 
einseitige Anschauung - derjenige, der die Entwickelung der Wis- 
senschaft kennt, der begreift, da£ das hat so kommen miissen -, dafi 
der Mensch heute glaubt, das geistig-seelische Leben hange einzig 
und allein an dem Nervensystem. Sie konnen nachlesen, was ich 
iiber diesen Punkt zu sagen habe aus geisteswissenschaftlichen 
Untersuchungen heraus, in meinem vor zwei Jahren erschienenen 
Buch «Von Seelenratseln». Da versuchte ich zu zeigen, dafi an das 
Sinnes-Nervensystem als sein Werkzeug in der menschlichen Natur 
nur gebunden ist das intellektualistisch-sinnliche Leben, dasjenige, 
was sinnlich die Gegenstande beobachtet und sie intellektuell verar- 
beitet. Dagegen ist das Gefiihlsleben des Menschen gebunden unmit- 
telbar, nicht bloE mittelbar, an das rhythmische Leben im Men- 
schen, jenes rhythmische Leben, welches einschliefk das Atmungs- 
system, das damit zusammenhangende Blutzirkulationssystem, und 
das mit dem Trager des intellektualistischen Systems in einer eigen- 
tiimlichen Art zusammenhangt, und zwar so: Wir haben in uns als 
wichtigsten Bestandteil unseres Gehirns das sogenannte Gehirn- 
wasser. Unser Gehirn ist allerdings zunachst ein Nervenorgan, das 
weiterzuverarbeiten hat dasjenige, was durch die Sinne vermittelt 
wird. Aber dieses Gehirn schwimmt im Gehirnwasser. Und dieses 
Gehirnwasser, das ausfiillt unsere fiaupteshohle, unsere Riicken- 
markshohle, es hat eine besondere Aufgabe. Atmen wir aus, senkt 
sich das Gehirnwasser von oben nach unten. Das Zwerchfell steigt 
in die Hdhe, das Gehirnwasser steigt dadurch nach unten; umge- 



kehrt beim Einatmen. So dalS wir in einem fortwahrenden Rhyth- 
mus des auf- und absteigenden Gehirnwassers drinnen sind. 

Dieser Rhythmus des auf- und absteigenden Gehirnwassers ist 
der aufiere Trager des Gefuhlslebens im Menschen. Und durch die 
Wechselwirkung desjenigen, was die Gehirnnerven erleben, mit 
dem, was als solcher Rhythmus erfolgt durch das Gehirnwasser, 
entsteht das, was Austausch zwischen den Gefuhlen und den Ge- 
danken ist. 

Hier liegt ein Punkt, wo anthroposophisch orientierte Erkenntnis 
der Menschenwesenheit einen weiten Weg wird durchzumachen 
haben, wenn der Mensch richtig in seiner seelisch-geistigen und 
seiner physischen Wesenheit verstanden werden soli. Nur dann, 
wenn man jene Erkenntnismethoden in sich entwickelt, welche 
charakterisiert sind in meinem Buche «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft», in 
anderen meiner Schriften, dann lernt man wirklich erkennen - 
indem man ein innerliches Seelenerleben hat, das solches zu durch- 
schauen vermag wie sich abtrennen lafit Gefiihlsleben von intel- 
lektuellem Leben. Sonst vermischen sie sich. Und der Mensch mit 
der gewohnlichen Wissenschaft lernt gar nicht erkennen, daft das 
Gehirn, dafi der Nerven-Sinnes-Apparat nur Trager des Intellek- 
tuellen ist, wahrend das Rhythmische im Menschen Trager des 
Gefuhlslebens ist. 

Und ebenso ist Trager des Willenslebens der Stoffwechsel, iiber- 
all, wo er vorkommt, der Stoffwechsel; auch der Stoffwechsel im 
Gehirn ist Trager des Willenslebens. Aber mit der Nerven-Sinnesta- 
tigkeit, mit der rhythmischen Tatigkeit, mit der Stoffwechseltatig- 
keit ist das Wesen des Menschen in bezug auf seine Funktionen 
erschopft. Das ist der ganze Mensch. Diesen ganzen Menschen 
sucht aus den Erkenntniskraften wiederum des ganzen Menschen 
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu erfassen. Da- 
her, weil sie zu Hilfe nimmt alles dasjenige, was nicht blofi aus dem 
Intellekt, was aus dem Gefiihlsleben und was aus seinem Trager, aus 
der rhythmischen Tatigkeit des Menschen kommt, weil sie auch aus 
dem, was geistig im Stoffwechsel webt und lebt, ihre Erkenntnisse 



hervorholt, kann sie den ganzen Menschen erfassen. Dadurch lernt 
sie eigentlich erst erkennen, was Lunge, was Leber, was Milz, was 
die anderen Organe im Menschen bedeuten; denn das lafit sich nur 
auf dem Weg erkennen, der zu Hilfe nimmt die geistige Impre- 
gnation der Dinge. 

Dadurch erlangt man eine intuitive Menschenerkenntnis, und 
man schafft den Weg zu einer intuitiven Medizin. Dadurch, dafi 
man den Menschen betrachtet wie einen Mechanismus, lernt man 
ihn nicht erkennen. Man lernt nur das Mechanische an ihm erken- 
nen. Dadurch, dafi man den Menschen so erfalk, dafi man die 
Goethesche Anschauungsweise, die intuitiv ist, noch weiter aus- 
dehnt, noch weiter vergeistigt, dadurch werden einem erst die 
einzelnen Organe des Menschen in ihren Metamorphosen durch- 
schaubar. Dann aber, wenn man kennengelernt hat, was diese 
einzelnen Metamorphosen des menschlichen Organismus bedeu- 
ten, dann kann man den Menschen, den man jetzt erfafit hat, in die 
Natur wiederum hineinstellen. Wenn man die Natur erst so er- 
kennt, dafi man den Menschen ausschaltet, dann kann man den 
Menschen auch nicht wiederum in die Natur hineinstellen. Lernt 
man den Menschen so, wie ich ihn geschildert habe, wirklich 
kennen, so kann man ihn auch wieder in die Natur hineinstellen. 
Man studiert seine Organologie, und man lernt erkennen die tiefe 
Verwandtschaft, die zwischen dem Menschen und dem Kosmos 
besteht. Dann geht einem der Zusammenhang auf zwischen dem 
Nahrungsmittel, das aus der aufieren Natur genommen wird, und 
der menschlichen Organisation. Dann geht einem aber auch der 
Zusammenhang auf zwischen dem Heilmittel, das aus der aufieren 
Natur oder auch aus dem seelischen bei der geistigen Heilung 
genommen wird, und der ganzen Menschennatur. 

Nur skizzieren konnte ich diese Anschauunesweise iiber den 
Menschen. Aber was ich da skizziert habe, das ist der Weg aus der 
anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft lieraus in eine 
intuitive Medizin, in diejenige Medizin, nach der, ich mdchte 
sagen, sich heute so viele sehnen, die vorurteilslos den Gang des 
medizmischen Studiums durcheemacht haben und dann auf die 



leidende Menschheit sich losgelassen fuhlen. Sie vermissen in demje- 
nigen, was auf sie gewirkt hat in Menschenerkenntnis und Men- 
schenheilungskunst, das intuitive, das geistige Element. Gerade in 
der Medizin zeigt sich am intensivsten, wozu es eine Wissenschaft 
bringt, welche den Menschen ausschlielk bei ihren Methoden. 

Oh, ich weifi, dafi ich mit dem, was ich also ausspreche, noch vor 
einer Mauer von Vorurteilen in der Gegenwart stehe. Aber diese 
Mauer von Vorurteilen, sie mufi wieder und wiederum angespro- 
chen werden. Es wird lange dauern, bis man den hier skizzierten 
Weg von einer grofieren Anzahl von Menschen wird versucht 
finden, weil er allerdings weniger bequem ist als derjenige Weg, der 
heute eingeschlagen wird. Denn so, wie die ganze Pflanze schon im 
Goetheschen Sinne ein kompliziertes Blatt ist, so ist der ganze 
Mensch gewissermafien aus drei Menschen zusammengesetzt: aus 
dem denkenden und durch die Sinne aufnehmenden Menschen, aus 
dem rhythmischen Menschen, aus dem Stoffwechselmenschen. Jeder 
stellt in einer gewissen Weise einen Menschen dar, und man mull aus 
den drei Menschen sich die Gesamtnatur des Menschen aufbauen. 
Und jedes Glied des Menschen steht in einer anderen Beziehung zur 
aufieren Natur. Das aber, was jener geheimnisvolle Zusammenhang 
zwischen Heilmittel und Krankheit ist, das kann nur der hier 
gekennzeichneten intuitiven Medizin aufgehen. 

Ich weifi auch, da£ es viele Menschen heute noch als eine Anma- 
fiung der hier gemeinten Geisteswissenschaft empfinden, daft sie 
neben manchem anderen nun auch noch an die Reform der Medizin 
denke. Sie mujR daran denken aus einer heiligen Verpflichtung 
gegeniiber dem Menschheitsfortschritt. Denn sie mufi einsehen, wie 
niemals der Weg, den die Naturwissenschaft zum Segen auf so 
vielen Gebieten in den letzten drei bis vier Jahrhunderten gegangen 
ist, ein heilsamer werden kann fur die Behandlung des kranken 
Menschen. So, wie der Kiinstler selber kein wirklicher Kiinstler sein 
kann, wenn er nur intellektuell die asthetischen Gesetze kennt, so 
kann der Arzt kein Heiler sein, wenn er nur dasjenige kennt, was 
heute Naturgesetze sind. Er muft sich mit seinem ganzen Menschen 
einleben konnen in das Weben und Wesen der Natur selber. Er mufi 



untertauchen konnen in die schaffende und webende Natur. Dann 
wird er mit innigem Anteil verfolgen konnen auch jene Wege, 
welche die Natur einschlagt beim Kranksein. Dann wird ihm 
aufgehen aus der Anschauung des gesunden Menschen die Anschau- 
ung des kranken Menschen. 

Nicht nur dafi Geistes wis sens chaft hinzuweisen hat auf eine 
Hygiene, die sie aus geistigen Kraften heraus gewinnt, Geisteswis- 
senschaft mufi die Perspektive eroffnen auf eine intuitive Medizin. 
Wer sich einlafit auf diese Geisteswissenschaft, der wird vernehmen, 
wie ich heute nur in grofien Strichen und im allgemeinen, im 
Abstrakten einen Weg charakterisiert habe zu einer intuitiven Medi- 
zin, wie aber manches von dem, was ich hier skizziert habe, schon 
ausgebaut ist, wie manches nur wartet auf den Moment, an dem die 
offiziellen Vertreter medizinischen Wissens kommen und sich die 
Einsicht aneignen, dafi es aufgenommen werden musse. So in bezug 
auf physische Krankheiten des Leibes, so in bezug auf Erkran- 
kungen der Seele selber. Man mufi heute schon wie unbescheiden 
erscheinen, wenn man auf das hinweisen will, was aus guten Er- 
kenntnisgrundlagen heraus fur Menschenheil und Menschenwesen 
Geisteswissenschaft glaubt leisten zu konnen. 

Ich mochte den Ubergang zu dem, was ich morgen werde ausein- 
anderzusetzen haben iiber die sittliche, die religiose und soziale 
Natur des Menschen, dadurch gewinnen, dafi ich jetzt zum Schlusse 
hinweise darauf, wie gerade auf einem solchen Gebiet, wie dem 
einer wirklichen intuitiven Medizin, es das Ideal des Geisteswissen- 
schafters ware, einmal sich aussprechen zu konnen vor denjenigen, 
die ganz sachverstandig sind. Wiirden sie sich einfinden und wiirden 
sie ihre Sachverstandigkeit vorurteilslos sprechen lass en, dann wiir- 
den sie sehen, welche Befruchtung gerade diese Sachverstandigkeit 
erfahren konnte von seiten der Geisteswissenschaft. Geisteswissen- 
schaft furchtet die Kritik der Sachverstandigen nicht. Geisteswissen- 
schaft ist kein laienhafter Dilettantisrnus. Geisteswissenschaft ver- 
sucht zu schopfen aus tieferen wissenschaftiichen Grundlagen her- 
aus, ais die gewohnliche heutige au£ere Wissenschaft ist. Geisteswis- 
senschaft wei& y dafi laienhafter Sinn, nicht Sachverstandigkeit dasje- 



nige ist, vor dem sie sich vielleicht fiirchten konnte, wenn sie sich 
nicht das Fiirchten langst abgewohnt hatte aus leicht begreiflichen 
Griinden. Vor Sachverstandigkeit, vor Vorurteilslosigkeit hat Gei- 
steswissenschaft keine Scheu zu tragen, sich nicht zu fiirchten. Sie 
weifi: je sachverstandiger man ihre Ergebnisse betrachten wird, 
desto mehr wird man im positiven Sinne auf sie eingehen. Gerade an 
dem, was einem als Perspektive einer intuitiven Medizin vor- 
schweben kann, mochte man erinnern an ein altes Wort, dessen 
Universalwert ich heute nicht untersuchen mochte, das aber in 
einem gewissen eingeschrankten Sinne ganz gewifi fur diejenige 
Anschauungsweise gelten mufi, die sich willig zeigt, ihre Anwen- 
dung zu finden in der Behandlungskunst des kranken Menschen. 
Alte Weise haben gesagt: Gleiches werde nur von Gleichem er- 
kannt. Um den Menschen zu heilen, mufi man ihn erst erkennen. 
Was vom Menschen heute in der Wissenschaft sich betatigt, ist nicht 
der ganze Mensch, darum nicht der Mensch, darum nicht ein dem 
Menschen Gleiches. Wenn der ganze Mensch aufgerufen wird zur 
Erkenntnis des Menschen, dann wird Gleiches - der Mensch - von 
Gleichem - von dem Menschen - erkannt werden. Und dann wird 
eine Menschenerkenntnis und eine Menschenbehandlungskunst 
entstehen, welche auf der einen Seite des Menschen Gesundheit 
erhalten wird im sozialen Zusammenleben, soviel sie nur erhalten 
werden kann, und welche auf der anderen Seite die Krankheit so 
behandeln wird, wie sie nur aus der Zusammennahme aller wirkli- 
chen Heilfaktoren heraus behandelt werden kann. 



DIE SITTLICHEN UND RELIGIOSEN KRAFTE 
IM SINNE DER GEISTESWISSENSCHAFT 



Dritter Vortrag, Basel, 7. Januar 1920 



Eine Anschauung von der Welt, wie sie ja auch die geisteswissen- 
schaftliche sein will, mufi sich dadurch bewahren, dafi sie dem 
Menschen eine Stiitze gibt fur dasjenige, was er im Leben braucht. 
Stiitze fiir das Leben mufi das sein, was wir nennen konnen morali- 
sche Tiichtigkeit, moralische Kraft. Stiitze fiir das Leben mufi aber 
auch unter anderem dasjenige sein, was wir nennen konnen die 
innere Seelenverfassung, die dem Menschen werden kann dadurch, 
dafi er sich in dem grofien Weltenganzen als ein Glied fiihlt, dafi er 
sich so eingegliedert fiihlt in das Weltenganze, wie es entspricht 
dem, was man nennen kann sein religioses Bediirfnis. Was nun 
zunachst die innere moralische Kraft des Menschen betrifft, so hat 
Schopenhauer ein treffliches Wort gesprochen, wenn auch die weite- 
ren Ausfiihrungen, die er an diese Worte in seiner Art geknupft hat, 
recht anfechtbar erscheinen. Er sagte: Moral predigen ist leicht, 
Moral begriinden ist schwierig. - Dies ist tatsachlich ein wahres 
Lebenswort. Denn einsehen im allgemeinen, was das Gute ist, was 
das moralische Leben von uns fordert, das ist als eine Sache des 
Intellektes verhaltnismafiig leicht. Dagegen heraufholen aus den 
Urkraften der Seele diejenigen Antriebe, die im Menschen notwen- 
dig sind, damit er sich in das Lebensgefiige als ein moralisch 
Kraftvoller hineinstellt, das ist schwierig. Das aber heifit erst Moral 
begriinden. Moral begriinden heifk nicht blofi sagen, was gut, was 
moralisch ist. Moral begriinden heifit an den Menschen solche 
Impulse heranbringen, welche, indem er sie in sein Seelenleben 
aufnimmt, in ihm eine wirkliche Kraft, eine wirkliche Tiichtigkeit 
werden. 

Nun steht der Mensch unserer gegenwartigen Zivilisationsstufe 
mit Bezug auf sein sittliches Bewufksein in einer ganz eigenartigen 
Weise in der Welt drinnen, in einer Weise, die durchaus nicht immer 
voll bewufit beobachtet wird, die aber der Grund ist fiir mancherlei 



Unsicherheit und Haltlosigkeit, die sich im Leben der Menschen 
geltend machen. Wir haben auf der einen Seite unser intellektuali- 
stisch orientiertes Wissen, unsere Erkenntnis, die es uns moglich 
macht, in die Naturerscheinungen einzudringen, die es uns moglich 
macht, das Weltenganze in unser Vorstellen bis zu einem gewissen 
Grade aufzunehmen, die es uns moglich macht, in einem allerdings, 
wie wir in den zwei letzten Betrachtungen hier gesehen haben, sehr 
eingeschrankten Mafie uns auch Vorstellungen iiber das Wesen des 
Menschen zu machen. 

Neben dem, was da in uns aufleuchtet als unsere Erkenntnisfahig- 
keit, als alles dasjenige, was, ich mochte sagen, dirigiert wird von 
unserer Menschenlogik, neben all dem macht sich geltend, mufi sich 
geltend machen im Menschen ein anderes Element seines Wesens, 
dasjenige, aus dem ihm seine sittliche Pflicht, seine sittliche Liebe, 
kurz, die Antriebe zum moralischen Handeln quellen. Und man 
muft sagen: der moderne Mensch lebt auf der einen Seite in seinen 
Erkenntnisfahigkeiten und ihren Ergebnissen, auf der anderen Seite 
lebt er in dem, was seine moralischen Antriebe sind. Beides sind 
Seeleninhalte. Aber es ist fur diesen modernen Menschen im Grun- 
de genommen zunachst wenig Vermittlung zwischen beiden, so 
wenig Vermittlung, daft zum Beispiel Kant den Ausspruch tun 
konnte: Zweierlei sei ihm das Wertvollste in der Welt, der gestirnte 
Himmel iiber ihm, das moralische Gesetz in ihm. - Aber gerade 
diese Kantsche Vorstellungsart, die in dem modernen Menschen 
west, sie kennt keine Briicke zwischen dem, was zur Erkenntnis der 
Welt auf der einen Seite fuhrt, und dem, was moralische Impulse auf 
der anderen Seite sind. Wie unvermittelt betrachtet Kant das Er- 
kenntnisleben in seiner «Kritik der reinen Vernunft», das morali- 
sche Leben in seiner «Kritik der praktischen Vernunft». 

Und wir miissen eigentlich sagen, wenn wir vollig ehrlich sind 
gegeniiber unserem Zeitbewufttsein, daft hier ein Abgrund liegt 
zwischen zweierlei Erlebnissen der Menschennatur. Indem die 
heutige Wissenschaft sich Vorstellungen macht iiber den Gang der 
Weltenentwickelung in den verschiedensten Wissensgebieten, be- 
trachtet sie das Geschehen der Natur von den einfachsten Lebewe- 



sen, ja von der unorganischen Natur an bis herauf zum Menschen. 
Sie macht sich Vorstellungen dariiber, wie etwa dieses uns unmit- 
telbar vorliegende Weltenganze entstanden sei. Sie macht sich auch 
Vorstellungen, in welchen Vorgangen das einstmalige Ende dieses 
uns zunachst vorliegenden Weltenganzen sich abspielen konnte. 
Aber nun quillt aus dem Menschen, der doch eingesponnen ist in 
diese Naturordnung, das hervor, was er seine sittlichen Ideale 
nennt. Und diese sittlichen Ideale empfindet der Mensch so, dafi er 
eigentlich sich selbst nur als wertvoll fiihlen kann, wenn er diesen 
Idealen folgt, wenn eine Ubereinstimmung ist zwischen ihm und 
diesen Idealen. Der Mensch macht seinen Wert abhangig von diesen 
sittlichen Idealen. Aber wenn wir uns vorstellen, dafi einstmals 
durch die Naturkrafte, die dem Menschen zuganglich werden durch 
seine Erkenntnis, das uns zugangliche Weltenganze seinem Ende 
entgegengeht, wo bleibt fur das heutige Zeitbewufitsein dasjenige, 
was der Mensch aus seinen sittlichen Idealen, aus seinen morali- 
schen Antrieben heraus schafft? Wer ehrlich ist, wer nicht in 
Nebuloses einhullt dasjenige, was heutiges Zeitbewufitsein ist, der 
mufi sich sagen: Diese sittlichen Ideale sind vor der gegenwartigen 
naturwissenschaftlichen Anschauung etwas, wonach sich der 
Mensch im Leben zwar richten mufi, wodurch aber nichts entsteht, 
was einstmals triumphieren konnte, wenn die Erde mit dem Men- 
schen selbst ihrem Untergang entgegengeht. 

Es ist fur das heutige Zeitbewulksein, das mufi man sich nur 
gestehen, keine Briicke zwischen den Erkenntnisfahigkeiten, die 
zum Naturwissen fuhren, und den Fahigkeiten, welche uns beherr- 
schen, indem wir sittliche Wesen sind. Dem Menschen wird nicht 
alles bewufk, was in den Tiefen seiner Seele vorgeht. Vieles bleibt 
unbewufk. Aber was da unten unbewufit rumort, das macht sich 
geltend im Leben durch Disharmonien, durch seelische oder sogar 
leibliche Krankheitserscheinungen. Und wer nur unbefangen sehen 
will in dasjenige, was heute vorgeht, der wird sich sagen miissen: da 
wogt unser Leben, und da sind die Menschen in diesem Leben 
driimen mit alien moglichen seelischen und leiblichen Zwiespaken. 
Und das, was da wogt, das wogt auf aus einer Tiefe herauf, in der 



allerdings so etwas tatig ist wie jene schwachen Menschheitskrafte, 
die keine Briicke bauen konnen zwischen dem moralischen Leben 
und dem Naturerkennen. Anthroposophisch orientierte Geisteswis- 
senschaft stellt sich zu diesen Fragen in der folgenden Art. Sie muE 
verlassen alles dasjenige, was auf der einen Seite nur theoretische 
Anschauung der aufieren Wirklichkeit ist. Sie mufi also alles das 
erkennen - das habe ich in den beiden letzten Vortragen hier 
ausgefiihrt -, was den Menschen gewissermafien bei dieser An- 
schauung von der Natur ausschalten mochte, damit nur ja eine 
rechte Objektivitat entstehen konne. 

Was ich als Weg in die geistige Welt charakterisierte, das stellt sich 
ja — ich mochte zusammenfassend das noch einmal sagen - etwa in 
der folgenden Art dar: Zunachst mufi sich derjenige, der diesen Weg 
in die geistige Welt hinein gehen will, einer gewissen inneren 
seelisch-geistigen Arbeit hingeben. In meinen Biichern habe ich 
zusammenfassend dieses innere Uben, dieses innere geistig-seeli- 
sche Arbeiten eine Meditations-, eine Konzentrationsarbeit ge- 
nannt. Diese Arbeit bringt den Menschen in die Lage, sich seinem 
Vorstellungsleben anders gegenuberzustellen, als das im gewohn- 
lichen Leben geschieht, wenn wir die Naturerscheinungen oder 
auch das soziale Leben verfolgen. Es ist ein vollstandiges Zusam- 
mensein mit den Vorstellungen, die sonst nur schattenhaft die 
aufieren Emdriicke begleiten. Wie wir sonst, so sagte ich, mit 
unserem Gefiihl, mit unseren Sympathien und Antipathien Men- 
schen oder der Natur oder sonst etwas im physischen Leben 
gegeniiberstehen, wie wir Tatsachen gegeniiberstehen mit unseren 
Willensemotionen, so stehen wir als einer, der den Weg in die 
geistige Welt sucht, den blofien Vorstellungen gegeniiber. Wie 
Vorstellungen auftreten, das regt uns auf, das fordert unsere Sympa- 
thie und Antipathie heraus, das regt unsere ganze Lebenskraft an. 
Das wird fur uns ein Schicksal. Wir machen, wahrend wir aufierlich 
ganz ruhig sind, innerlich etwas durch, was durchaus nicht schwa- 
cher ist als dasjenige, was wir sonst als Lebensschicksal in der 
aufieren Welt durchmachen. Wir verdoppeln gewissermafien unser 
Leben. Wahrend wir sonst in Aufregung geraten, Sympathie und 



Antipathie entwickeln, Willensimpulse geltend machen nur im 
aufieren Leben, aufieren Ereignissen gegeniiber, tragen wir das, was 
uns sonst nur in dieser aufieren materiellen Welt beschaftigt, hinein 
in unser inneres Gedankenleben. Konnen wir dies - und jeder 
Mensch kann es, wenn er in der Art sich iibt, wie ich es beschrieben 
habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» -, kommt der 
Mensch dazu, dies wirklich auszufiihren, so tritt fur ihn zuletzt ein 
Augenbiick ein, in dem er Bilder der Welt nicht nur hat, wenn er 
seine Sinne offnet, wenn er hort oder sieht, sondern wo er Bilder hat 
rein aus dem Vorstellungsleben heraus, so vollinhaltliche Bilder - 
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf -, so vollsaftige Bilder, wie 
sie sonst nur durch die Sinneswahrnehmung uns kommen. Die 
kommen durch dieses also verstarkte und verscharfte Vorstellungs- 
leben. Ohne das Sinneswahrnehmen zu haben, leben wir in einer 
Welt von Bildern, wie sie uns sonst nur werden durch die Sinnes- 
wahrnehmung. 

Damit ist aber ein anderes bedeutsames Erlebnis verkniipft - diese 
Dinge konnen nur als Erlebnisse verstanden werden, abstrakte 
Logik, sogenannte Beweisfuhrung fuhrt nicht an sie hera*n -, ein 
anderes Erlebnis ist damit verbunden: Wir lernen wissen durch 
solches Uben, was es heifit, eine geistig-seelische Tatigkeit unabhan- 
gig von der leiblichen Tatigkeit zu entwickeln. Es tritt der Augen- 
biick fur den Menschen ein, wo er sich - wenn ich mich so 
ausdriicken darf - mit Recht gestehen darf, ein Materialist zu sein, so 
sonderbar und paradox das klingt. Er darf in diesem Augenbiick 
sagen: jawohl, im gewohnlichen Leben sind wir ganz abhangig von 
dem Werkzeug unseres Leibes. Da denken wir durch das Werkzeug 
unseres Nervensy stems. Aber das ist eben gerade das Charakteri- 
stische dieses aufieren Lebens, daft wir es durchmessen, indem wir 
das Geistig-Seelische nur dann entwickeln konnen, wenn es sich der 
leiblichen Werkzeuge bedient. Aber dieses Geistig-Seelische ist 
nicht angewiesen darauf, sich blo£ der leiblichen Werkzeuge zu 
bedienen. Es kann sich durch die geschilderten Anstrengungen 
loslosen von dem leiblichen Werkzeug, kann leibfrei werden. Man 



kann noch soviel spekulieren und philosophieren mit dem Materia- 
lismus. Wenn man nur das gegen ihn ins Feld fiihrt, was man wissen 
kann aus dem gewohnlichen Leben, wird man ihn nie widerlegen, 
denn fiir das gewohnliche Leben hat der Materialismus Recht. 
Widerlegen kann man den Materialismus nur durch die spirituelle 
Praxis, dadurch, dafi man im unmittelbaren Erleben loslost das 
Seelisch-Geistige von dem Leiblichen. Man stellt in Bildern vor - ich 
nannte es in den genannten Biichern imaginatives Vorstellen oder 
Imagination -, man stellt in Bildern vor, aber aufierhalb des Leibes, 
wobei das «aufierhalb» selbstverstandlich nicht raumlich, sondern 
unabhangig vom Leibe vorzustellen ist. Das ist die eine Seite 
desjenigen, was man kennenlernen mufi innerhalb der anthroposo- 
phisch orientierten Geisteswissenschaft, um die Briicke, die auf die 
Art nicht geschlagen werden kann, wie wir es geschildert haben, 
wirklich zu schlagen. Was man auf diese Art erlangt als Inhalt der 
imaginativen Erkenntnis, das ist nicht im Menschenleibe, das ist 
aufierhalb des Menschenleibes und gibt die praktische Erklarung, 
dafi unser innerstes Wesen, bevor es sich mit diesem Leibe umklei- 
det hat, in der geistig-seelischen Welt war. Denn man ist nicht nur 
aufierhalb des Leibes, man ist aufterhalb der Zeit, in der man mit 
dem Leibe lebt. Man erlebt auf diese Art wirklich das Vorgeburtli- 
che, oder sagen wir, das vor der physischen Empfangnis Liegende 
im Menschen. Wie ein Licht von aufierhalb in das Zimmer herein- 
scheint, so scheint unser vorgeburtliches Leben in dieser Imagina- 
tion in unser gegenwartiges Leben herein. 

Was da hereinscheint, das sind jetzt nicht blofi Gedanken, das hat 
einen lebendigen Inhalt. Dieser lebendige Inhalt enthiillt sich als 
etwas ganz Besonderes. Er enthiillt sich als ein gewisser, ich mochte 
sagen, Intelligenzinhalt. Wahrend wir also auf die Art, wie ich es 
geschildert habe, das Vorstellungsleben pflegen, scharfen, erkraften, 
kommen wir aus uns selber heraus in einen Willensinhalt hinein, der 
aber zu gleicher Zeit etwas Lebendiges hat. Es ist der Willensinhalt, 
der dasjenige in uns schafft, was sich mit dem physischen Leib 
umkleidet, was wir nicht durch Vererbung, was wir uberhaupt nicht 
aus der physischen Welt haben. 



Zur Erkenntnis der Unsterblichkeit gelangt die anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft nicht durch spekulatives Ver- 
arbeiten des gewohnlichen Lebens, sondern durch die Kultivierung 
einer Erkenntnisfahigkeit, die zunachst im gewohnlichen Leben 
nicht da ist. Was heute fur uns besonders wichtig ist, ist aber, dafi 
wir Menschen auf diese Weise aufterhalb unseres physischen Leibes 
gelangen, sogar aufierhalb der Zeit, in der unser physischer Leib 
lebt. Man gelangt da zu Ideen, die fur den grofiten Teil der gegenwar- 
tigen Menschen noch schwer vorstellbar sind, die aber ein wichtiges 
Glied in der Entwickelung der Menschheit nach der Zukunft zu 
werden bilden miissen. 

Und jetzt stellt sich etwas sehr Merkwiirdiges heraus, wenn man 
nicht nur nach der einen Seite hin, nach der des Vorstellungslebens 
Ubungen macht, sondern wenn man auch nach der Seite des Willens- 
lebens Ubungen macht. Wir Menschen leben, ich mochte sagen, so, 
wie Faust das Leben durchmacht, der da sagt: Ich bin nur durch die 
Welt gerannt. - Wir rennen durch die Welt. Gewifi, wir machen 
eine Entwickelung durch zwischen Geburt und Tod, von Monat zu 
Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; aber wir 
machen diese Entwickelung durch, indem wir uns gewissermalSen 
der aufieren Objektivitat iiberlassen: Hand aufs Herz, wie viele 
Menschen tun es denn anders, als sich vom Leben, sei es vom 
Kindesleben, wo die Erwachsenen sie erziehen, sei es von dem 
spateren Leben und seinem Schicksal tragen lassen? Sie werden 
vollkommener, weil die Welt sie vollkommener macht. Aber was 
tun denn die meisten Menschen anderes, als daf$ sie sich eben dem 
Strom des Lebens iiberlassen? Mit diesem Sich-Uberlassen dem 
Strom des Lebens kommt man allerdings nicht auf den hier gemein- 
ten geisteswissenschaftlichen Weg. Da ist notwendig, dafi man in 
Selbsttatigkeit seine Selbstzucht ubernimmt, dafi man tatsachlich an 
sich so arbeitet, da£ man nicht nur durch das Leben, das an einen 
durch das Schicksal herantritt, sich weiterentwickelt, sondern daft 
man sich weiterentwickelt dadurch, daft man sich vornimmt: du 
wilist dir diese oder jene Gesinnungsrichtung einpflanzen. Jetzt 
arbeitet man daran, diese Gesinnungsrichtung sich einzupflanzen. 



Man kann im kleinen, man kann im grofien so etwas unternehmen. 
Aber es ist ein grofier Unterschied, ob man irgend etwas an sich 
selbst, in der Zucht seines eigenen Wesens nur ausfiihrt, indem man 
sich dem Leben iiberlafit, oder ob man diese Zucht des eigenen 
Selbst wiederum durch das eigene Selbst in die Hand nimmt. Man 
lernt durch dieses In-die-Hand-Nehmen den Willen in seiner Wirk- 
samkeit kennen; denn man lernt erkennen, was fur Widerstande 
diesem Willen entgegenstehen, wenn man ihn nun in Selbstzucht 
kultivieren will. Oh, man lernt auf diese Weise allerlei kennen, man 
verstarkt vor alien Dingen die eigenen Krafte des Geistig-Seeli- 
schen, und man wird sehr bald bemerken, wenn man solche Ubun- 
gen in Selbstzucht ausiibt - aber man mufi sie jahrelang ausiiben -, 
dafi einem dann innere Krafte zuwachsen. Diese inneren Krafte, die 
sind von solcher Art, daft wir sie nicht in der aufieren Natur finden. 
Sie sind von solcher Art, daft wir sie auch nicht in dem gewohnlichen 
Seelenleben finden, das wir vor unseren Ubungen in uns getragen 
hab.en. Diese Krafte entdecken wir erst, wenn wir eben eine solche 
innere Ubung mit uns anstellen. Diese Krafte sind zu etwas ganz 
Bestimmtem imstande: Sie sind imstande, die moralischen Antriebe, 
die sonst wie instinktiv, wie unbestimmt und getrennt von den 
Erkenntnisfahigkeiten aufquellen in der Seele, in unser eigenes 
Selbst viel bewufiter aufzunehmen, Aber verstehen Sie mich recht, 
nicht in das Selbst, das wir entwickeln in unserem Leibe, sondern in 
dasjenige Selbst, das wir entwickeln, wenn wir auf die vorhin 
geschilderte Weise aus unserem Leibe heraustreten mit unserer 
Imagination. Nicht konnen wir die wahre Gestalt der moralischen 
Antriebe in unseren sinnlichen Leib, in unser sinnliches Erkennen 
hereinbekommen; aber wir bekommen das, was so isoliert dasteht, 
dafi Kant es ganz isoliert als kategorischen Imperativ hinstellte, wir 
bekommen das herein in unser Selbst, das sich vom Leibe getrennt 
hat. 

Und dann wird das, was ich vorhin geschildert habe als Imagina- 
tion, als' Bildvorstellungen, durchtrankt von dem, was man nennen 
kann die objektive Kraft der sittlichen Impulse; es wird durchtrankt 
von der sittlichen Inspiration. Wir erkennen jetzt, dafi dasjenige, 



was in uns als sittliche Imperative, als sittliche Ideale aufquillt, nicht 
blofi in uns wurzelt, dafi es im Weltenganzen wurzelt. Wir lernen, 
indem wir auflerhalb unseres physischen Menschen sind, erkennen, 
dafi dasjenige, was in seiner wahren Gestalt nicht innerhalb der 
physischen Organisation erscheint, in dieser seiner wahren Gestalt, 
in der wir es erkennen durch imaginatives Anschauen, objektive 
Krafte der Welt sind. 

Solch eine Anschauung kann dem Menschen aufgehen, der richtig 
mit seinem gesunden Menschenverstand das aufnimmt, was der 
Geistesforscher zu sagen vermag aus seiner Anschauung der geisti- 
gen Welt heraus. Wer sich mit solcher Anschauung durchdringt, der 
fiihlt gegeniiber dem, was heute populare offentliche Vortrage sind, 
etwas ganz besonderes. Es klingt vielleicht sonderbar, wenn ich das 
ausspreche, aber ich mochte sagen: Wer dieses Inspirierte in der 
Imagination, das sich deckt mit den sittlichen Kraften, die im 
Menschenleben sind, unbefangen aufnimmt und sich vorstellt, wie 
in der Gegenwart durch Geist-Erkenntnis so etwas durchschaut 
werden kann, der mochte sich am liebsten denken: wenn doch solch 
eine Erkenntnis die Menschen ergreifen konnte, nur so stark wenig- 
stens, wie sie ergriffen werden, wenn sie horen, die Rontgenstrahlen 
oder die drahtlose Telegraphie sind gefunden worden! Man mochte 
angesichts desjenigen, was sich da in die Seele eines Geistesforschers 
senkt, sagen: es ist sehr notwendig fur die Zivilisation der Gegen- 
wart, dafi die Menschen dahin kommen, das auf geistigem Wege an 
Kraften fur Menschenerstarkung zu Findende ebenso zu schatzen 
wie das, was niitzlich und forderlich sein kann im aufieren Leben. 

Damit haben wir, wie ich glaube, an eine wichtige Zivilisations- 
forderung der Gegenwart geriihrt. Die geisteswissenschaftlichen Er- 
kenntnisse sind, ich sage es noch einmal, keine Spekulation, sie sind 
Erlebnisse, Und dafi sie von so wenigen heute noch angenommen 
werden, das beruht darauf, da£ die meisten sich blenden lassen von 
den materiaiistischen naturwissenschaftlichen Anschauungen, sich 
ihre Vorurteile selber in den Weg werfen, ihren gesunden Men- 
schenverstand nicht anwenden, daher nicht in der richtigen Weise 
pni ten. konnen, was der Geisteswissenschafter sagt. Sie sagen im- 



mer: wir konnen das ja nicht selber sehen, was der Geistesforscher 
sagt. Ich mochte wissen, wie viele Leute, die an die Venus-Durch- 
gange glauben, jemals einen Venus-Durchgang gesehen haben! Ich 
mochte wissen, wie viele Leute, die da sagen, das Wasser besteht aus 
Wasserstoff und Sauerstoff, jemals in einem Laboratorium beobach- 
tet haben, wie man feststellt, dafi Wasser aus Wasserstoff und 
Sauerstoff besteht und so weiter. Es gibt doch eine Logik des 
gesunden Menschenyerstands. Durch sie kann man priifen, was der 
Geistesforscher sagt. Ich kann gewifi vor denjenigen, die ihren 
gesunden Mens chen vers tand gebrauchen, keine Illusionen hinma- 
len, keine Phantastereien vor sie hinschwatzen, denn sie konnen 
achtgeben durch ihren gesunden Menschenverstand, ob ich rede wie 
ein Schwarmer oder ob ich in logischen Zusammenhangen rede, ob 
ich rede wie jemand, der Idee auf Idee stellt, wie man das auch in der 
exaktesten Wissenschaft tut. Wer sich eine solche gesunde Men- 
schenerkenntnis und Menschenanschauung erwirbt, der wird unter- 
scheiden konnen, ob er einen Phantasten vor sich hat oder einen 
Menschen, der dadurch, dafi er seine Anschauung in gesunde 
logische Formen zu kleiden weifi und auch sonst nicht den Eindruck 
eines Schwarmers macht, ernst zu nehmen ist. Vieles im Leben 
miissen wir auf diese Art entscheiden; warum sollten wir dasjenige, 
was zum Wichtigsten gehort: die Einsicht in die Weltenordnung, 
nicht so entscheiden? Auf eine andere Art lafit sich zunachst fur den, 
der nicht selbst Geistesforscher werden kann - bis zu einem gewis- 
sen Grade kann aber jeder ein Geistesforscher werden, wie ich es in 
den genannten Biichern dargestellt habe -, auf eine andere Art lafit 
sich das nicht feststellen; denn Geisteswissenschaft ist etwas Erleb- 
tes, etwas, was erfahren werden mufi, nicht etwas, was nur durch 
logische Schlufifolgerungen erreicht wird. 

Lernt man also die Weltanschauungen durch, ich mochte sagen, 
die Kombination zwischen Imagination und inspirierter Sittlichkeit 
kennen, dann lernt man noch etwas anderes kennen, dann lernt man 
erkennen, was es mit dem Widerspruche fur ein Bewenden hat 
zwischen der sogenannten Naturkausalitat, der Naturnotwendig- 
keit, und dem Elemente, in dem der Mensch als in seiner Freiheit 



lebt. Denn nur in dem Elemente der Freiheit konnen wir mit 
unseren sittlichen Impulsen leben. Wir sehen hinaus in die aufiere 
Natur. Uberwaltigend wirkt auf die Naturanschauung, die sich in 
den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, dasjeni- 
ge, was man den notwendigen Zusarnmenhang des Folgenden mit 
dem Vorhergehenden, was man die allgemeine Ursachlichkeit 
nennt. So stellt sich die Natur einschliefilich der Menschenwesen- 
heit dar, als ob alles von einer Naturnotwendigkeit ergriffen ware. 
Dann stiinde es aber schlimm mit unserer Freiheit; dann konnten 
wir nicht anders handeln, als die Naturnotwendigkeit in uns das 
Handeln erzwingt. Freiheit ware eine Unmoglichkeit, wenn die 
Welt so beschaffen ware, wie die in den letzten drei bis vier 
Jahrhunderten beliebt gewordene naturwissenschaftliche Anschau- 
ung will. 

Aber wenn man den Standpunkt errungen hat, den ich eben 
geschildert habe, den Standpunkt der Beobachtung aufterhalb des 
menschlichen Leibes, dann stellt sich einem alles dasjenige, was von 
Notwendigkeit durchdrungen ist, gewissermafien als eine Art Na- 
turleib dar. Und dieser Naturleib treibt an alien moglichen Stellen 
eine Naturseele, einen Naturgeist hervor. Der Naturleib ist gleich- 
sam dasjenige, was ausgeworfen und abgeworfen hat die werdende 
Welt; der Naturgeist, die Naturseele ist dasjenige, was in die 
Zukunft hinuberwachst. 

So wie, wenn ich einen Leichnam vor mir sehe, dieser Leichnam 
keine Moglichkeit mehr hat, etwas anderem zu folgen als den 
Notwendigkeiten, die veranlagt hat das Geistig-Seelische, das in 
ihm gewohnt hat, so hat dasjenige, was leichenhaft ist an der aufieren 
Natur, nichts in sich von Antrieben als Notwendigkeiten. Aber an 
jeder Stelle spriefit hervor, was in die Zukunft hinuberwachst. 
Unsere Naturwissenschaft ist nur gewohnt worden, den Natur- 
leichnam zu beobachten, sieht daher iiberall nur die Notwendigkeit. 
Geisteswissenschaft mu£ dazukommen. Die wild das iiberall sprie- 
Eende, sprossende Leben sehen. 

Dam it aber ist der Mensch auf der einen Seite in die Naturkausa- 
litat hineingestellt, auf der anderen Seite hineingestellt in dasjenige, 



was auch da ist, aber keine Kausalitat enthalt, sondern etwas enthalt, 
was gleich ist mit dem innerlich erlebten Elemente der Freiheit. 
Dieses Element der Freiheit erleben wir so, wie ich es dargestellt 
habe in meiner «Philosophie der Freiheit», wenn wir uns erheben 
zum innerlich durchsichtigen, reinen Denken, das aber eigentlich 
ein Ausflufi unserer Willenstatigkeit ist. Das Genauere finden Sie in 
dieser meiner «Philosophie der Freiheit». 

So tragt uns dasjenige, was wir uns erringen, indem wir uns eine 
Erkenntnismoglichkeit schaffen aufierhalb des menschlichen Lei- 
bes, hinein in eine Welt, wo der Gegensatz erklarlich wird zwischen 
Naturnotwendigkeit und Freiheit. Wir lernen die Freiheit selber in 
der Welt kennen. Wir lernen uns fiihlen in einer Welt, in welcher die 
Freiheit west, 

Wenn ich Ihnen so etwas schildere, dann schildere ich es Ihnen 
nicht, um Ihnen gewissermafien nur den Inhalt desjenigen, was ich 
schildere, zu zeigen, sondern ich mochte Ihnen das, was ich schilde- 
re, aus dem Grunde darstellen, weil ich daran zeigen mochte, wie 
der Mensch in eine gewisse Seelenverfassung kommt, indem er sich 
mit Erkenntnissen, die aus solchen Regionen herausgeholt sind, 
durchdringt, indem er sich belebt mit solchen Erkenntnissen. 

Wie wir, wenn wir meinetwillen ein aufierordentlich freudiges 
Ereignis erleben, von Freude durchdrungen werden, wie manche 
Menschen, wenn sie so und soviel Mosel getrunken haben, von jener 
Stimmung ganz durchdrungen werden, die eben vom Moselwein 
kommt, so kann auch die ganze Seelenverfassung des Menschen 
ergriffen werden von etwas so Real-Spirituellem, das den Menschen 
durchdringt. Wann ist seine Seelenverfassung von etwas ergriffen 
worden, von dem sie zunachst nur im aufieren Leben, dann aber 
schattenhaft ergriffen ist? Wenn gegeniiber den sittlichen Verpflich- 
tungen der kategorische Imperativ oder das Gewissen sich regt. 
Aber der Inhalt dieses Gewissens wird jetzt hell, und er wird auch 
eine andere Gefuhlsnuance annehmen. Denn was ist eigentlich 
geschehen - ob der Mensch nun selber ein Geistesforscher ist, ob er 
das, was der Geistesforscher bringt, durch seinen gesunden Men- 
schenverstand aufnimmt und als Erkenntnisse seiner Seele einver- 



leibt was ist denn mit dem Menschen geschehen? Er ist mit etwas 
zusammengegangen, hat sich mit etwas zusammengeschlossen, mit 
dem man nur zusammenkommt, wenn man aus sich herausgeht, 
wenn man sich seiner selbst entfremdet. Sie finden keine bessere, 
realistischere Definition der Liebe und des Liebesgefuhls als dasjeni- 
ge, was man schildern kann als die Seelenverfassung, die einen 
iiberkommt, wenn man leibfrei hineindringt in die Wesenhaftigkeit 
der aufieren Welt. Wirken die sittlichen Imperative sonst wie ein 
Zwang, so konnen sie in eine solche Form gegossen werden, dafi sie 
durchdrungen erscheinen von derselben Stimmung, von der die 
geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse durchdrungen sein mussen. 
Diese sittlichen Aritriebe, diese moralischen Imperative konnen 
lernen von dem, was man als Seelenstimmung bekommt im Auf- 
nehmen von Geisteswissenschaft; diese Moral kann durchwarmt 
werden von dem, was in Geisteswissenschaft leben mufi im hoch- 
sten Sinne: von Liebe. 

Das versuchte ich wiederum zu zeigen in meiner «Philosophie der 
Freiheit», dafi des Menschen wurdigster Antrieb fur das sittliche 
Handeln die Liebe ist. Innerhalb der modernen Geistesentwicke- 
lung war von diesen Dingen schon einmal, mehr instinktiv die Rede, 
als es heute schon sein kann, wo wir eben in der Geisteswissen- 
schaft, wenn wir wollen, vorgeschritten sein konnen. Kant sprach 
einstmals von der zwingenden Pflicht, von dem, ich mochte sagen, 
den Menschen bandigenden kategorischen Imperativ, der nichts 
gestattet von Einmischung irgendeiner Sympathie. Was man tut aus 
sittlicher Pflicht, tut man, weil man es mufi. Kant sagt deshalb: 
Pflicht, du erhabener, grofier Name, der du nichts bei dir fiihrest, 
was Einschmeichelung oder dergleichen bedeutet, sondern nur 
strengste Unterwerfung. - Schiller fand dieses sklavische Unter- 
werfen unter die Pflicht nicht menschenwiirdig. Und er setzte 
entgegen dieser Kantschen Ausfiihrung das, was er so schon, so 
gro&artig ausgedriickt hat in seinen «Briefen iiber die asthetische 
Erziehung des Menschen». 

Aber wir brauchen nur ein kleines Epigramm zu nehmen, das 
Schiller gepragt hat gegen diesen Kantschen rigoristischen, starren 



Pflichtbegriff, so haben wir einen wichtigen menschlichen Gegen- 
satz in bezug auf das sittliche Leben: «Gerne dien' ich den Freun- 
den» - sagt Schiller - «doch tu ich es leider mit Neigung. Und so 
wurmt es mich oft, dafi ich nicht tugendhaft bin.» Er meint, im 
Kantschen Sinne miiflte man nicht gerne den Freunden dienen, 
sondern sich gehorchend der Pflicht unterwerfen. Das aber, was das 
Menschenleben erst menschenwert machen kann, das ist, wenn 
erfullt wird, was Goethe in ein paar Worten ganz monumental sagt: 
Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. - Aber die 
Stimmung, zu lieben, was man sich selbst befiehlt, sie kann nur 
angefeuert werden aus jener Verfassung der menschlichen Seele, die 
im Erwerben der Geisteswissenschaft zustande kommt. 

So ist, wenn man sich in die Geisteswissenschaft vertieft, nicht 
etwas neben dem Leben herlaufend, wie Moral predigen, sondern es 
ist darinnen eine Kraftentwickelung, welche das sittliche Wollen 
unmittelbar ergreift. Es ist ein Begriinden der Moral da. Es ist 
dasjenige da, was in den Menschen hineingiefit die sittliche Liebe. 
Geisteswissenschaft predigt nicht blofi Moral, Geisteswissenschaft, 
wenn sie in ihrem vollen Ernst, in ihrer vollen Kraft genommen 
wird, begriindet die Moral, doch indem sie nicht Worte der Mo- 
ral gibt, sondern Kraft zur tugendlichen Liebe, zur liebenden 
Tugend gibt. 

Geisteswissenschaft ist eben nicht blofi Theorie, sie ist Leben. 
Und wenn man Geisteswissenschaft sich aneignet, so ist es nicht 
blofi ein Nachdenken, so ist es etwas wie ein Aufnehmen des Lebens 
wie beim Atmen selber. Das ist es, was diese Geisteswissenschaft der 
modernen Zivilisation auf sittlichem Gebiete leisten mochte, was sie 
ihr leisten mufi. Denn in alten Zeiten, ich habe das vorgestern 
angedeutet, hatte man * auch eine Geisteswissenschaft, aber eine 
instinktive. Woher kam die Geisteswissenschaft der alten, vor 
Jahrtausenden sich entwickelnden orientalischen Weisheit? Es war 
ein dumpfes, traumhaftes Sich-Verbildlichen der Welt. Es kam 
herauf aus den menschlichen Instinkten, aus dem menschlichen 
Triebleben. Instinktiv war diese Geisteswissenschaft. Die Men- 
schen sahen hinein durch eine Art Hellsehen in die Natur. Und 



dieses Hellsehen war verbunden mit ihrem Blute, war verbunden 
mit lhrer aufieren Leiblichkeit. Mit diesem Blute, mit dieser aufieren 
Leiblichkeit waren aber auch verbunden die damaligen sittlichen 
Antriebe. Beides kam aus einer Quelle. Die Menschheit - ich habe es 
gerade in diesen Tagen immer wieder gesagt - macht eine Entwik- 
kelung durch und glaubt, wir konnten so sein wie die Menschen vor 
Jahrtausenden; das kommt dem gleich, zu glauben, der erwachsene 
Mann konnte gleich sein dem Kinde. Wir konnen nicht mehr auf 
dem Standpunkt der primitiven hellseherischen Kunste des alten 
Orients oder des alten Agyptens stehen. Wir sind vorgeriickt zum 
Galileismus, zum Kopernikanismus. Wir sind vorgeriickt zu demje- 
nigen Anschauen, das im Intellekt aufgeht. In jenen alten orientali- 
schen Anschauungen war der Intellekt noch nicht entwickelt. Dafur 
miissen wir aber auch aus dem Geiste heraus, nicht aus dem 
Instinkte heraus die Impulse unseres sittlichen Handelns holen. 

Das ist heute das Schlimmste, daft die Menschen, indem sie von 
Idealen oder Lebensimpulsen reden, immer alles verabsolutieren. 
Wenn heute irgendein Parteimensch oder ein schwarmerischer 
Theoretiker, der das tausendjahrige Reich herbeifiihren mochte, 
auftritt, da sagen sie: dies oder jenes will ich fur die Menschheit - 
und sie denken sich dabei, das, was sie da aussprechen, sei gut fur die 
Menschheit in alle folgenden Zeiten hinein und iiber die ganze Erde 
hin. Das sei im absolutesten Sinne gut. Wer wirklich hineinschaut in 
das Leben der sich entwickelnden Menschheit, der weifi, dafi dasje- 
nige, was gut ist, was giiltig ist fur die Weltanschauung, immer nur 
fur ein gewisses Zeitalter entsprechend ist, dafi man die Natur dieses 
Zeitalters kennen mul Ich habe bei friiheren Vortragen hier ofter 
gesagt: Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wie ich 
sie hier ausspreche, bildet sich nicht ein, etwas Absolutes zu sein. Sie 
glaubt aber, dafi sie aus dem Herzen der Gegenwart und der 
nachsten Zukunft heraus so redet, daft sie fur Menschenseelen das 
sagt, was diese Menschenseelen in der Gegenwart und in der 
nachsten Zukunft brauchen. Sie weifi aber sehr gut, diese Geistes- 
wissenschaft: wenn in fiinfhundert Jahren wiederum jemand spre- 
chen wird von den grofien Weltenratseln und von den Menschheits- 



angelegenheiten, so wird er an anderen Tonen, in anderer Art 
sprechen, denn es gibt nichts Absolutes in diesem Sinne, nichts ewig 
Dauerndes. 

Gerade dadurch wirken wir im Leben, dafi wir es in seiner 
Lebendigkeit, in seiner Metamorphose auch da, wo wir drinnen- 
stehen, entsprechend aufzufassen vermogen. Leichter ist es, in 
Abstraktionen absolute Ideale aufzustellen, als erst sein Zeitalter 
kennenzulernen und aus dem Wesen dieses Zeitakers neraus das zu 
sprechen, was ihm angemessen ist. Dann, wenn aus dem Aufneh- 
men der geisfceswissenschaftlichen Impulse der Mensch sich so, wie 
das angeftihrt worden ist, durchdringt mit dem, was ihm vom Geiste 
kommt, dann wird er wissen, dafi er als Mensch Geist ist, Seele ist, 
dann wird er wissen, dafi er lebt durch die Welt als Geist und Seele. 
Und dann wird er jeden anderen Menschen als Geist und Seele 
ansprechen. Ein Ungeheures, mochte man sagen, wird hervorgehen, 
wenn das zur Geisteswissenschaft wird im Menschenleben, zu 
dieses Menschenleben durchtrankender Gesinnung wird so, dafi 
man mit vollem Bewufitsein dem anderen Menschen entgegentritt 
wie einem Ratsel, das man zu losen hat, weil man mit jedem 
Menschen in ein Unendliches,, in geistige Untergriinde und Abgriin- 
de hineinblickt. 

Was sich da bildet aus diesem wirklichen Anschauen des Mitmen- 
schen als Geist und Seele, das wird sozial-sitdiche Kr'afte geben, 
welche die Grundlage werden bilden miissen fiir eine wirkliche 
Behandlung der so brennenden sozialen Prage in unserer Zeit. Ich 
kann mir nicht anders vorstellen, als daf daejenigen geradezu gewis- 
se Seelenqualen leiden, die das ganze Wesen der sozialen Frage 
durchschauen und zu gleicher Zeit die heutige Menschheitsverfas- 
sung auf sich wirken lassen. Wir leben in einer Zeit, wo die soziale 
Frage gelost sein will in einer bestimmten Weise. Wir leben zugleich 
in einer Zeit, in der die Forderer der sozialen Ordnung dureh- 
seelt sind von den antisozialsten Trieben, wo einem die Forderung 
nach sozialer Gestaltung des Lebens wie der Widerpart erscheint 
zu dem, was in den Menschenseelen als antisoziale Triebe lebt. Man 
mag die schonsten Programme aufstellen, man mag sich noch so 



schonen Vorstellungen hingeben iiber das, was werden soil zur Lo- 
sung der sozialen Frage, ein Weg zur Losung kann sich nur fin- 
den, wenn Geist geschaut, gefiihlt, empfuncjen wird unter den 
Menschen, wenn die Menschen so einander gegeniibertreten, dafi 
sie in ihren Mitmenschen achten, schutzen, ehren, lieben Geist 
und Seele, nicht blofi dasjenige, was man heute im Mitmenschen 
neben sich hat. 

Darum habe ich in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen 
Frage» die Absonderung des Geisteslebens von dem ubrigen sozia- 
len Leben gefordert, damit dieses Geistesleben nur auf seine eigenen 
Untergriinde gestellt werden kann, unabhangig vom Staatlichen 
und unabhangig von wirtschaftlichen Impulsen rein der Menschen- 
natur folgen kann. Nur ein solches freies Geistesleben wird wirklich 
auch soziale Triebe, soziale Auffassungen und Gesinnungen unter 
die Menschen verbreiten. Auch die soziale Sittlichkeit hangt daran, 
dafi die Menschen in ihre Seelenverfassung das aufnehmen, was 
ihnen werden kann im Verfolge dessen, was man zu sagen hat aus 
den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus. 

Und das, worin der Mensch als in einem werten und wiirdigen 
Ganzen ruhen mufi, damit er sich nicht als blofier einsamer Welten- 
wanderer fiihle, sondern als ein Glied des Weltenganzen, das religio- 
se Element, es kann in dem Sinne, wie das der moderne Mensch 
braucht, wohl auch nur angefacht und angefeuert werden durch 
dasjenige, was als Stimmung errungen wird im Verfolgen der Gei- 
steswissenschaft. 

Diejenigen Ereignisse der Weltenordnung oder der menschlichen 
Entwickelung, auf die die religiosen Empfindungen hinschauen, sie 
stehen als Tatsache da. Als Tatsache steht da zum Beispiel das 
Mysterium von Golgatha. Als Tatsache steht da, was im Beginn 
unserer Zeitrechnung in Palastina sich abgespielt hat als die 
Menschwerdung des Christus in dem Jesus. Man mu6 unterschei- 
dcn diese Tatsache, diesc objektive Tatsache, von der Art und 
Weise, wie der Mensch sich nahert dem Verstehen, dem Anschauen 
einer solchen Tatsache. In den Zeiten, in denen das Christentum 
sich zuerst ausgebreitet hat, da konnte es stromen innerhalb der 



Menschheitsgesinnungen, die noch heriibergekommen sind aus 
dem alten Orient, man verstand das, was in Palastina als das Ereignis 
von Golgatha geschehen ist, mit den Vorstellungen, die in gewisser 
Weise aus alten Zeiten, aus urtumlichen Menschheitsanschauungen 
stammten. Durch die Jahrhunderte hindurch waren die Menschen, 
die es sein konnten, ehrlich und aufrichtig, indem sie das Ereignis 
von Golgatha verstanden durch solche Vorstellungen. Dann kam 
aber die Zeit, in welcher der Galileismus auftauchte, in welcher 
Giordano Bruno in einer so merkwurdigen Weise fur die mensch- 
liche Anschauung den Raum uberwand, indem er zeigte, dafi, was 
da oben blaues Firmament ist, nur dasjenige ist, was in uns selber 
lebt, die Grenzen, die wir selber setzen, wahrend in einem weit 
ausgedehnten Raumesmeere die Sterne sind in einer Unendlichkeit. 
Es kam alles dasjenige, was Kopernikus brachte, was gebracht 
wurde in die neuere Weltanschauung des Aufierlichen durch die 
Geister, die gelebt haben bis heute. In dieser Zeit haben die Men- 
schen innerlich sich gewohnt an ein anderes Anschauen der Welt, als 
dasjenige war, durch das zuerst das Christentum begriffen worden 
ist. In dieser Zeit mufi auch ein neues Verhaltnis gewonnen werden 
zu den religiosen Grundlagen der Menschheitsentwickelung. Nicht 
handelt es sich darum, etwas zu erschuttern an den Tatsachen, die 
der religiosen Entwickelung der Menschheit zugrunde liegen. Es 
handelt sich aber darum, heute an das moderne Menschengewissen 
so zu appellieren, dafi der Mensch der heutigen Zeit aus seiner 
Seelenverfassung heraus so, wie er es mufi, das Christus-Ereignis 
verstehen konne. 

Die meinen es mit der Religion am ehrlichsten und am ehrerbietig- 
sten, die da sagen: ein neuer Weg muE auch zu den alten Tatsachen 
auf religiosem Boden gesucht werden. Geisteswissenschaft, anthro- 
posophisch orientiert, wird die beste Vorbereitung, in der moder- 
nen Art das Christentum oder andere religiose Inhalte zu verstehen. 
Diejenigen meinen es nicht ehrlich mit dem religiosen Leben, die das 
nicht zugeben, denn sie wollen Wege bewahren zu den Grundlagen 
des religiosen Lebens, denen heute der Mensch, wenn er sonst den 
Anschauungen seiner Zeit huldigt, nicht huldigen kann. 



Wir haben es in der neueren Zeit zum Materialismus gebracht. 
Gewift, verschiedene Arten von Menschen sind die Veranlasser des 
Materialismus geworden; aber unter diesen Menschen sind auch die, 
welche bewahrt haben gewisse alte Lebensgewohnheiten in der 
Menschheitsentwickelung, Lebensgewohnheiten, die dahin gingen, 
daft man den Bekenntnissen ein Monopol gegeben hat auf alles das, 
was iiber Geist und Seele zu sagen ist. Dadurch, daft die Bekennt- 
nisse allein das Recht hatten, zu entscheiden, was man glauben 
miisse iiber Geist und Seele, dadurch kam es, daft die Naturfor- 
schung ohne Geist forschte. Die Naturforschung glaubt heute, sie 
habe ihre Gestalt dadurch angenommen, daft es eben so sein miisse 
beim Naturforschen, daft man ausschalten miisse den Geist. O nein, 
die Naturforschung ist so geworden, weil in friiheren Zeiten es 
verboten war, iiber die Natur mit Geist zu forschen, denn iiber den 
Geist und iiber die Seele hatte die Kirche zu entscheiden. Und heute 
setzt man die Gewohnheiten fort und posaunt sie noch dazu aus als 
vorurteilsloses wissenschaftliches Urteil. 

Man sehe nur einmal nach bei solchen Forschern, die im Sinne 
von materialistischer Forschung aufs hochste gelobt werden miis- 
sen, wie zum Beispiel bei dem Jesuitenpater und Ameisenforscher 
Wasmann, dem ausgezeichneten materialistischen Forscher auf dem 
Gebiete der Naturforschung, ein Forscher, der aber auch nicht ein 
Quentchen Geist hineinflieften laftt von demjenigen, was das Dog- 
ma ist. Da mufi Geist und Seele herausbleiben. Deshalb: auftere 
Wissenschaft materialistisch. Nicht zum geringsten Teile sind die 
Trager der Bekenntnisreligionen die Begriinder des modernen Mate- 
rialismus. So paradox das heute klingt, es ist so: weil die Kirche in 
die Naturbetrachtung den Geist hineinzutragen nicht erlaubte, 
deshalb ist die Naturwissenschaft geistlos geworden. Die anderen 
haben sich das nur als Gewohnheit angeeignet. Anthroposophisch 
orientierte Geisteswissenschaft mufi in die Naturforschung wieder 
den Geist hineintragen. Noch einmal mochte ich sagen: Nicht steht 
diese Geisteswissenschaft auf dem Boden, daft der Geist nur wie 
beim Materialismus zuweilen Logierbesuche oder kurze voriiberge- 
hende Besuche machen soil, damit der Mensch sich iiberzeugen 



kann, dafi es einen Geist gibt - nein, diese Geisteswissenschaft will 
zeigen, dafi im Kleinen und Grofien, in allem Materiellen immer und 
iiberall Geist ist, daft man immer und iiberall den Geist verfolgen 
kann. Dadurch aber, daft anthroposophisch orientierte Geisteswis- 
senschaft immer und iiberall im Materiellsten den Geist erforscht, 
darlegt, dafi es ein Materielles neben dem Geist ebensowenig als 
Selbstandiges gibt, wie es Eis in dem Wasser als Selbstandiges gibt - 
Eis ist verwandeltes Wasser, ist Wasser abgekuhlt, Materie ist Geist, 
verfestigt. Man mufi es im einzelnen nur in der richtigen Weise 
erklaren. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft 
zeigt, wie iiberall, wo Materie ist, wo aufieres Leben ist, Geist waltet 
und den Menschen dazu bringt, sich mit dem waltenden Geiste zu 
verbinden, liefert sie auch heute die Antriebe zu einer wirklichen 
religiosen Vertiefung. 

Aber man erlebt ja auf diesem Felde gar mancherlei. Sehen Sie, ein 
Erlebnis von einem sogar gutwilligen Manne ist das Folgende. Da 
sagt jemand: die Geisteswissenschaft, wie sie der Steiner gibt, ich 
kann sie nicht priifen; sie mag Wahrheiten enthalten, aber man soil 
sie ganz fernhalten von jeglichem religiosen Leben, denn das religio- 
se Leben, das mufi fern von aller Kenntnis ein unmittelbares Ver- 
haltnis, eine unmittelbare Einheit des Menschen mit Gott darstellen. 
Und nun sagt der Betreffende sehr merkwiirdig: wir haben in 
unserer Zeit zu viel von religiosem Interesse, von religiosem Erie- 
ben, die Menschen wollen nur immer etwas Religioses erleben. Sie 
wollen religioses Interesse haben. Das braucht man alles nicht in der 
Religion. In der Religion braucht man nur unmittelbare Einheit des 
Menschen mit Gott. Weg, sagt der betreffende Kirchenmann, mit 
allem religiosen Interesse, mit allem religiosen Erleben. 

Nun, ein vorurteilsloser Mensch mufi heute sagen, wenn die 
Menschen heute auch noch nach einem unklaren religiosen Erleben 
lechzen, wenn sie auch noch ein unklares religioses Interesse in sich 
erwecken, so ist das eben der Anfang zu jener Sehnsucht, wirklich 
einen Weg, wie ich ihn Ihnen jetzt geschildert habe, in das religiose 
Element hinein zu finden. Wer es ehrlich und aufrichtig mit dem 
religiosen Leben meint, der sollte ergreifen jenen Trieb des religio- 



sen Interesses, des religiosen Erlebens. Statt dessen verpont der 
Kirchenmann religioses Erleben, religioses Interesse. Man fragt 
heute, wo wirkliches religioses Verstandnis ist, bei denen, die so 
sprechen, oder bei denjenigen, die versuchen, so zu sprechen, wie 
ich heute zu Ihnen gesprochen habe. Allerdings, man mufi auch da 
an ihren Friichten die Leute erkennen. 

Ein Mann, der auch ein Kirchenmann, aber allerdings daneben 
auch noch Universitatsprofessor ist, versuchte in einem Vortrag vor 
kurzem eine Widerlegung der anthroposophisch orientierten Gei- 
steswissenschaft. Zwei junge Freunde von mir waren in diesem 
Vortrag, und sie konnten nachher in der Diskussion sprechen. Weil 
der Zusammenhang es ergab, so brachten diese beiden jungen Leute, 
die aber gut aufgenommen hatten die Impulse der Geisteswissen- 
schaft, Worte der Bibel vor, um zu beweisen, wie iibereinstimme 
das, was in der Bibel steht, wenn es richtig verstanden wird, mit 
demjenigen, was auf diesem Gebiete anthroposophisch orientierte 
Geisteswissenschaft zu sagen hat. Und da wufke sich der Vorsit- 
zende, der ein richtiger Kirchenmann war, nicht anders zu helfen, 
als dafi er sagte an einer Stelle: Hier irrt Christus! Es konnte ihm 
erwidert werden: Also du glaubst an einen Gott, der irrt! Schone 
religiose Gesinnung. Sie treibt sonderbare Bliiten heute. Religiose 
Gesinnung ist nur echt, wenn sie ins wirklich moralische Leben 
iibertritt. Da macht man allerdings sonderbare Erfahrungen. So 
ziemlich das Allergemeinste, was gesagt werden kann, finde ich jetzt 
durch eine ganze Reihe deutscher Zeitungen iiber dasjenige, was als 
soziale Konsequenz auftritt in dieser anthroposophisch orientierten 
Geisteswissenschaft, vom Anfang bis zum Ende erlogen. Aber die 
Menschen finden es mit einer Moral heute vereinbar, allerdings in 
einer Zeit, in der das Folgeride als Moralkortsequenz religidser 
Praxis, sagen wir, geschehen kann. Vor kurzem hat auch in einer 
Stadt ein Domkapitular, also ein Kirchenmann von der katholischen 
Art s einen Vortrag gehalten iiber diese hier vertretene Geisteswis- 
senschaft, und am Schlusse hat er gesagt: iiberzeugen Sie sich aus 
den gegnerischen Schriften, was der Mann fur eine Weltanschauung 
vertritt, denn seine eigenen Schriften und die seiner Anhanger 



diirfen Sie nicht lesen. Die hat namlich zum Lesen fiir Katholiken 
der Papst verboten. 

Die Empfehlung, etwas kennenzulernen aus dem Ubelgewollten, 
aus den iibelwollendsten gegnerischen Schriften, das ist moralische 
Konsequenz mancher religiosen Praxis der Gegenwart. Kein Wun- 
der, dafi aus solchen Untergriinden des Lebens iiber die Welt hin 
sich das ergossen hat, was wir in den letzten funf Jahren erlebt 
haben. Oder war es nicht ein An-die-Oberflache-Treiben von Luge 
und Menschenhafi und vielem anderen, was aber wurzelte und heute 
noch wurzelt in den Tiefen der Menschenseelen? Sollte die Tatsa- 
che, die man erlebt hat, nicht Veranlassung geben, ganz ernstlich mit 
sich zu Rate zu gehen, ob nicht ein griindliches Umlernen notwen- 
dig sei? Ist nicht an die Oberflache des Welthistorischen in der 
Gegenwart so etwas wie welthistorische Unmoral gekommen? 
Oder ist es religiose Gesinnung, die sich in den letzten funf Jahren in 
der Welt ausgelebt hat? Die Gesinnungen, die nicht Jahrhunderte, 
die Jahrtausende Zeit gehabt hatten, an der Verbesserung der 
Menschheit zu arbeiten, Sie sehen heute ihre Friichte! Die Theologie 
des 19. Jahrhunderts weifi nichts mehr von der Geistigkeit des 
Ereignisses von Golgatha. Diese Geistigkeit, dieser gottliche Chri- 
stus in dem Menschen Jesus, auf dem Wege anthroposophisch 
orientierter Geisteswissenschaft wird er wieder gefunden werden. 
Von da aus wird er wiederum in die Menschenseelen einziehen, um 
sie zu veranlassen, dafi sie nicht blofi predigen von Moral, sondern 
dafi in ihnen begriindet werde das richtige Triebhafte, das richtige 
Impulsive des moralischen Wirkens und Arbeitens in der Welt. Ist 
nicht eine Erneuerung, ein Aufbau augenscheinlich notwendig? 
Stellt sich diese Notwendigkeit nicht heraus, wenn man die Ereignis- 
se der letzten funf bis sechs Jahre betrachtet, sieht man nicht da die 
Friichte desjenigen, was jahrhundertelang unter der Oberflache 
gelebt hat und jetzt herauf gekommen ist? Sollte das nicht Beweis 
sein, dalS griindliche religios-moralische Arbeit notwendig ist? 

An dieser Arbeit, deren Notwendigkeit jeder Unbefangene heute 
zugeben mufi, wenn er nicht mit seiner Seele schlaft innerhalb der 
grofien Ereignisse der Zeit, mochte die anthroposophisch orien- 



tierte Geisteswissenschaft mitarbeiten. Und wer sie kritisieren, wer 
sie verdammen will, der sollte erst die griindliche Frage aufwerfen: 
will sie ehrlich mitarbeiten an dem wirklichen Fortschritt der 
Menschheit? - Und wenn er sich gewissenhaft davon unterrichtet 
hat, so dafi er ein Urteil dariiber hat gewinnen konnen, dann wird 
sich erst zeigen, inwiefern diese anthroposophisch orientierte Gei- 
steswissenschaft ein Recht hat, mitzuarbeiten. Denn sie mochte 
ehrlich und aufrichtig an dem notwendigen Fortschritt, an dem 
notwendigen Umdenken und Umlernen der Menschheit mit- 
arbeiten. 



UNGEIST UND GEIST 
IN DER GEGENWART UND FUR DIE ZUKUNFT 

Erster Vortrag, Zurich, 17. M'drz 1920 

Unter den irgendwie mafigeblichen Urteilen, die in der Gegenwart 
abgegeben worden sind uber die heutige so chaotische Weltlage, ist 
zweifellos eines der allerbedeutsamsten dasjenige des Englanders 
John Maynard Keynes, der in seinem Buch «Die wirtschaftlichen 
Folgen des Versailler Friedensschlusses» eine solche Beurteilung der 
gegenwartigen allgemeinen Weltenlage gebracht hat. Keynes ist 
ganz zweifellos auch durch seine aufieren Verhaltnisse zu einem 
solchen Urteil berufen. Er war wahrend der Kriegszeit zugeteilt 
dem englischen Schatzamt, war in der Lage, selbstverstandlich aus 
den sich ihm da ergebenden Untergriinden heraus, sich eine Grund- 
lage fur ein entsprechendes Urteil zu bilden. Auf der anderen Seite 
war er unter den Abgesandten, unter den Mitarbeitern des Versailler 
Friedensschlusses selbst. Allerdings trat er schon im Juni 1919 von 
dieser Stellung zuriick. Und dieser Riicktritt wie auch die Schliisse, 
zu denen er in seinem Buch uber die wirtschaftlichen Folgen des 
Friedensschlusses kommt, sie sind gerade dasjenige, was ein bedeu- 
tungsvolles Licht wirft auf die Art und Weise, wie sich diese 
Personlichkeit zu der Weltlage der Gegenwart stellt. Auch Keynes 
gehorte ja zu denjenigen, welche zunachst wahrscheinlich wohl 
noch bei ihrem Gang nach Versailles in der von Amerika heriiberge- 
kommenen, mit so grofier Glorie empfangenen Personlichkeit 
Woodrow Wilson etwas wie einen Propheten und Ordner der 
gegenwartigen Weltlage sahen. Er ist griindlich von diesem Urteil 
abgekommen. Und derjenige, der wie ich, auch in den Zeiten, in 
denen Woodrow Wilson von einer ungeheueren Menschenmenge 
geradezu zu einem Weltbefreier erklart worden ist, der - auch von 
dieser Stelle aus habe ich das getan - hier in der Schweiz unumwun- 
den sein Urteil dahin abgegeben hat, dafi die inhaltsleeren und 
abstrakten Auseinandersetzungen Woodrow Wilsons und seine 
Manifeste zu einem wirklichen Neubau der zerstorten Zivilisation 



nichts beitragen konnen, der darf wohl hinweisen heute auf ein 
solches mafigebendes Urteil. Keynes schildert in seinem Buche 
geradezu, was die Persdnlichkeit anbelangt, mit einer intensiven 
Plastik - mochte man sagen. Er schildert, wie Woodrow Wilson in 
Versailles ankommt, wie er an den Versammlungen teilnimmt, wie 
sein Denken ein langsames ist, wie er gewissermafien iiberall hinten- 
nach hinkte. Wahrend die anderen schon weit vorne sind mit ihrer 
Beurteilung der Dinge, ist er noch weit zuriick bei irgend etwas, das 
man vor funf, sechs oder vor zehn Satzen gesprochen hat, geradezu 
ein Mann, der an der Langsamkeit seines Denkens leidet. Vieles 
andere wird plastisch geschildert in bezug auf die Personlichkeit 
dieses angeblichen Weltenbefreiers. 

Aber auch auf die anderen fiihrenden Personlichkeiten, die bei 
diesem Friedensschlusse tatig waren, kommt Keynes zu sprechen, 
eindringlich zu sprechen. Er schildert, wie Clemenceau ein Mann 
ist, der eigentlich die ganze Entwickelung der europaischen 
Menschheit seit den siebziger Jahren verschlafen hat, der eigentlich 
nichts anderes wollte bei diesem Friedensschlusse, als in einem 
gewissen Sinne die Welt wiederum zunickschrauben zu dem, was in 
den siebziger Jahren innerhalb Europas vorhanden war. Und er 
schildert dann nicht minder anschaulich und plastisch, wie Lloyd 
George eigentlich alien iiberlegen ist, wie er einen gewissen Instinkt 
hat, um zu erfuhlen dasjenige, was bei den Personlichkeiten seiner 
Umgebung gedacht und getan und gewollt wird. Und man sieht 
aber aus alledem, wie schwer es heute selbst einem scharfsinnigen 
Beschreiber wie Keynes wird, sich nach und nach durch die Gewalt 
der Tatsachen ein Urteil zu verschaffen. Das ist es ja, was immer 
mehr und mehr beitragt zu dem Chaotischwerden unserer gegen- 
wartigen Weltenlage, daft gerade die fiihrenden Personlichkeiten, 
die * die Angelegenheiten, die das offentliche Leben der letzten 
Jahrzehnte an die Oberflache gebracht hat, dafi die so gar nicht 
gewachsen sind den grofien Anforderungen, welche die heutige Zeit 
stellt. Gerade das geht aus dem angezeigten Buche und seinem 
Urteil hervor. Man sieht daraus, dafi alles dasjenige, was an zersto- 
renden Machten in der Welt wirkt, durchaus nicht in irgendeine 



Urteilsordnung gebracht werden kann von denjenigen, die eben 
durch das offentliche Leben zur Fiihrerschaft berufen worden sind. 
Und da Keynes sah, dafi nichts irgendwie bei dieser Konferenz 
herauskommen konne, was zu einer heilsamen und gedeihlichen 
Weiterentwickelung der europaischen Zivilisation fuhrt, so legte er 
eben sein Amt nieder gleich in den Anfangen der Verhandlungen. 
Und wie er nun sein Urteil aufbaut, das ist aufierordentlich bedeut- 
sam. Und eigentlich hat man in der Gegenwart nur notig, auf 
Urteile, die auf solchen Unterlagen ruhen, etwas Wirkliches zu 
bilden. Das Urteil von Keynes ist, ich mochte sagen, errechnet. Nur 
diejenigen Personlichkeiten konnen eigentlich in der Gegenwart 
mitsprechen, die einen gewissen Sinn und Instinkt haben, aus noch 
vorhandenen Kraften in einer gewissen Weise die Zukunft mit aller 
Nuchternheit zu errechnen. Auf sie zu horen hat man deshalb 
besondere Veranlassung, weil ja weitaus die grofite Zahl der heuti- 
gen Urteile abgegeben wird aus irgendwelchen volkisch-chauvinisti- 
schen oder sonstigen Vorurteilen heraus, wahrend die Zahl derjeni- 
gen gering ist, die in objektiver Weise aus der Sprache der Tatsachen 
selber heraus sich ihr Urteil diktieren lassen. Zu ihnen gehort 
Keynes. Er halt Umschau iiber dasjenige, was vor alien Dingen in 
bezug auf Okonomisches aus dem hervorgehen konne, was die drei 
genannten fiihrenden Personlichkeiten in Versailles gebraut haben, 
was wirklich gerade im wirtschaftlichen Leben der europaischen 
Zivilisation nach und nach erfolgen miisse, wenn nichts anderes 
eintritt, als dafi die Krafte wirken, die dazumal in Versailles zur 
Geltung gebracht worden sind. Und Keynes errechnet - ich sage 
ausdriicklich und ich betone es sehr stark -, Keynes errechnet, dafi 
aus diesem Friedensschlusse nichts anderes folgen konne, als der 
wirtschaftliche Ruin Europas. Selbstverstandlich mufi mit dem 
wirtschaftlichen Ruin Europas verbunden sein der geistige und der 
politische Ruin. 

So ist das Buch iiber die wirtschaftlichen Folgen des Versailler 
Friedensschlusses schon durch diesen seinen Inhalt interessant ge- 
nug. Aber in gewisser Beziehung wird es noch interessanter durch 
seinen Schlufi. In diesem Schlufi gesteht Keynes ganz unverhohlen, 



dafi er eigentlich keine Ahnung habe von demjenigen, was zu tun 
oder zu wollen sei, um aus dem Chaos, in das wir hineintreten, 
herauszukommen. Und er sagt, indem er dieses Gestandnis macht, 
etwas eigentlich aufierordentlich Bedeutungsvolles, in einen einzi- 
gen Satz fafit er dieses bedeutungsvoll zusammen. Er sagt, man 
konne nur erhoffen, dafi irgendein Heil fur die europaische Civili- 
sation erfolge aus dem Zusammennehmen aller in Betracht kom- 
menden Krafte zu einer neuen Seelenverfassung und zu neuen 
Imaginationen. 

Meine sehr verehrten Anwesenden, das sagt ein Mann, der drin- 
nengestanden hat in den Verhaltnissen, der berufen war mitzutun, 
der durch seine Auseinandersetzung zeigt, dafi er ein Mensch ist, der 
im weitesten Umfange michtern rechnen kann. Eine neue Seelenver- 
fassung, ein Zusammennehmen aller Krafte zu einer neuen An- 
schauung der im offentlichen Leben der Menschheit tatigen Gewal- 
ten, wo sind diese zu finden? Wie ist zu diesen zu kommen? 

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, es bedarf wohl nur 
einiger Unbefangenheit, so wird man zugeben miissen, daf$ dazu der 
erste Schritt sein miisse der: in voller Vorurteilslosigkeit das Wesent- 
liche im offentlichen Leben der Gegenwart zu erforschen; sich zu 
fragen: Welches sind denn eigentlich die wirksamen Krafte in 
diesem offentlichen Leben der Gegenwart? In friiheren Vortragen, 
die ich hier zu halten die Ehre hatte, habe ich darauf hingewiesen, 
welcher Art von geschichtlichen Betrachtungen es verdankt werden 
soil, auf wirklich wirksame Krafte im Leben der Menschheit zu 
kommen. Da mufi man vor alien Dingen auf gewisse Symptome 
sehen, durch die anschaulich wird dasjenige, was in den Tiefen der 
Menschheitsentwickelung wirkt. Und deshalb mochte ich, um et- 
was, was vielleicht zum Hervorragendsten gehort unter den Kraf- 
ten, die mit am Zerstorungswerk gearbeitet haben, mochte ich 
hinweisen gerade auf die Weltanschauungsgrundlage der Gegen- 
wart, allerdings so, wie sie sich herausgebildet hat im Laufe der 
letzten drei bis vier Jahrhunderte. Nicht als ob ich die Meinung 
erwecken wollte, als ob eine Weltanschauung, die begriindet wird in 
einsamer Denkerstube, nun etwa hingehen wiirde und wirkte auf 



jede einzelne Seele, und dafi die offentlichen Angelegenheiten gewis- 
sermafien aus einer solchen Weltanschauung heraus zustande ka- 
men. Das ist ja ganz gewifi nicht der Fall. Aber so wie dasjenige, was 
offentliche Angelegenheiten sind, herauswachst aus dem Wollen, 
aus dem Empfinden, aus dem Gemiitsleben, aus den Gedanken der 
Gesamtverfassung des Menschen, so wachst eben auch die Weltan- 
schauung heraus aus dieser Gesamtverfassung des menschlichen 
Lebens, namentlich der menschlichen Seele. Und man kann sehen 
wie an einem Symptom, wie die Menschen eines Zeitalters beschaf- 
fen sind in ihrem ganzen Wirken, in ihrem ganzen Tun, wenn man 
gewissermafien das Symptom der Weltanschauung ins Auge fafit, 
insofern man auf die gerade in der Gegenwart mafigebenden, zur 
Geltung gekommenen Weltanschauungen hinweisen will. Dieses 
Mafigebende charakterisiert sich ja insbesondere dadurch, dafi alles 
dasjenige, was nicht durch Tradition von alten Zeiten in unsere 
Weltanschauung hineingekommen ist, sich herausentwickelt hat aus 
dem Boden der Naturwissenschaft, die auf aufiere materielle Beob- 
achtung allein ihre Erkenntnisse bauen will. Was zeigt denn, tiefer 
betrachtet, diese naturwissenschaftliche Weltanschauung? 

Derjenige kann sie vielleicht allein richtig beurteilen, der sie 
bewundern kann. Und in friiheren Vortragen habe ich diese meine 
Bewunderung fur die naturwissenschaftliche Weltanschauung ge- 
wifi stark genug zum Ausdruck gebracht. Nicht von irgendeiner 
Bekampfung dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die 
auf ihrem Gebiete gewifi aufierordentlich berechtigt ist, sollen diese 
Ausfiihrungen, die ich hier entwickele, getragen werden. Diese 
naturwissenschaftliche Anschauung hat namentlich in ihren techni- 
schen und wirtschaftlichen Konsequenzen zu grofiartigen Zivilisa- 
tionsfriichten fur die Menschheit gefiihrt. Aber nehmen wir an, es 
gabe heute irgendeinen Geist - er ist schon kaum mehr moglich 
erstens bei dem grofien Gebiete naturwissenschaftlicher Erkennt- 
nis, zweitens bei ihrer Spezialisierung -, aber nehmen wir an, es gabe 
heute einen Geist, welcher den ganzen Umschwung der naturwis- 
senschaftlichen Anschauung von der Mathematik und von der 
Mechanik bis herauf in die Biologie und bis herauf in dasjenige, was 



iiber die Biologie fur die menschliche Seelenkunde gewonnen wer- 
den kann, umspannte: ein solcher Geist, er wiirde in gewissen 
Gebieten des Naturschaffens und Naturseins ganz zweifellos be- 
deutsame Einblicke gewinnen konnen. Allein, wenn ein solcher 
Geist mit volliger Klarheit sich die umfassende grofie Menschheits- 
frage stellte: Was ist eigentlich der Mensch in seinem eigenen Wesen 
und in seinem ganzen Verhaltnis zur Welt? - dann rniiike gerade 
derjenige, der auf dem Boden der Naturwissenschaft ganz fest steht, 
der die Tragweite der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gerade 
richtig zu beurteilen vermag, er miifite sagen: fur die Beantwortung 
dieser Fragen nach dem Menschenwesen und nach dem Verhaltnis 
des Menschen zu dem tibrigen Kosmos vermag die naturwissen- 
schaftliche Weltanschauung nichts zu sagen. Diese Frage bleibt 
gerade von der neusten physischen naturwissenschaftlichen Er- 
kenntnis unbeantwortet. Wie der Mensch hervorgegangen ist in 
aufierlicher physischer Entwickelung von niederen, tierahnlichen 
Formen, zu seiner heutigen Menschengestalt, dariiber sind schon 
grofiartige Erkenntnisansatze vorhanden. Was der Mensch ist in 
seinem Verhaltnis zu geistigen Welten, davon haben gerade diese 
Erkenntnisansatze den Menschen weit abgefiihrt. Wer sich das nicht 
unbefangen eingestehen kann, der wird auch kein Urteil dariiber 
gewinnen konnen, aus welchen inneren Impulsen heraus die gegen- 
wartige Menschheit wirkt, indem sie die offentlichen Angelegen- 
heiten organisiert oder auch offentliche Organisationen zerstort. 
Denn mogen wir uns auch nicht immer bewufit sein wie aus dem, 
was wir iiber das Wesen des Menschen und seine Stellung zur Welt 
bewufit denken, mogen wir uns auch nicht immer bewufit sein, 
welche Gedanken wir in dieser Stellung hegen, diese Gedanken, so 
unbewufit, so instinktiv sie sein mogen, sie wirken in unseren 
Empfindungen, in unseren Willensentschlussen. Sie werden daher 
doch die Schopfer des ganzen offentlichen, geistigen, politischen 
und wirtschaftlichen Lebens. Wer nur die Dinge richtig ansehen 
will, der wird gewahr werden, wie auch die wirtschaftlichen Zu- 
sammenhange, da sie doch von Menschen gemacht werden, Men- 
schen aber wiederum aus ihren Seelenimpulsen heraus hand ein. wie 



auch die wirtschaftlichen Zusammenhange der Welt durchaus ein 
Abbild desjenigen darstellen, was der Mensch iiber sich zu empfin- 
den vermag und iiber sein Verhaltnis zur Welt. Nun miissen wir 
sagen: grofi ist geworden die naturwissenschaftliche Weltan- 
schauung iiber alles dasjenige, was aufiermenschlich ist. Uber den 
Menschen selber vermag sie keine Antwort zu geben. Grofi ist sie, 
wenn iiber die Reiche, die untermenschlich sind, Auskunft verlangt 
wird. Wie aber verhalten sich die Auskiinfte, die wir uns erobern als 
Menschen zu dem, was wir aus unseren Ideen, aus unseren inneren 
Seelenimpulsen einfliefien lassen sollen in das soziale Leben, iiber- 
haupt in das Zusammenleben von Mensch zu Mensch und in 
Menschengruppen? Kann man denn irgendwelche Antriebe emp- 
fangen von denjenigen Gebieten, die aufierhalb des Menschen 
liegen, fur das menschliche Wirken, fur das menschliche Zusam- 
menleben? Das zeigt sich am besten, dafi man das nicht kann, wenn 
man das Verhaltnis des Menschen zur Sprache beobachtet. 

In der Sprache lebt im Grunde genommen doch alles dasjenige, 
was Mensch zu Mensch fiihrt. Durch die Sprache beherrschen wir 
auch das wirtschaftliche Leben. Durch die Sprache inaugurieren wir 
die aufieren politischen und geistigen Verhaltnisse. Nun gibt es ein 
hochst Merkwiirdiges, das nur leider nicht oft genug griindlich 
betrachtet wird. Wenn wir versuchen, unsere Sprache anzuwenden 
fur die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, so konnen wir eigent- 
lich niemals etwas anderes tun, als die Worte, die Redewendungen, 
auch alles dasjenige, wodurch wir Naturgesetze ausdriicken, jene 
Naturgesetze, die wir heute so bewundern als den grofien Fort- 
schritt der neueren Menschheit, wir konnen nichts anderes als 
dasjenige, was wir uns gebildet haben in den Worten als Ausdruck 
fur innere Seelenverhaltnisse oder fur Verhaltnisse am Menschen, 
auf die Natur hinaus auszudehnen. So feinsinnige Geister wie 
Goethe , die bemerkten das. Deshalb sagte Goethe: Der Mensch 
begreift gar nicht, wie anthropomorphistisch er ist. - Wenn wir 
sagen: eine elastische Kugel stofit die andere und wir daraus 
die Gesetze des eiastischen' Stofies in der Physik ableiten, so gehen 
wir im Grunde genommen aus von dem, was wir in der Wortbedeu- 



tung fiir den Stofi haben, den wir in unserem eigenen Organis- 
mus ausfiihren. Und derjenige, der nur richtig nachforschen will, 
wird sehen, dafi alles dasjenige, was nur iiberhaupt von der Spra- 
che angewendet werden kann auf die Naturwissenschaft, die das 
Aufiermenschliche behandelt, vom Menschen her genommen wer- 
den mui 

Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? - Sie 
ware zu einem sehr geringen Inhalte gekommen, wenn wir nur das 
Muhen der Kuh und andere tierische Laute nachahmen konnten. 
Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? Wer 
unbefangen den Entwickelungsgang der Menschheit betrachten 
kann, der findet, dafi aller Inhalt der Sprache davon herkommt, daft 
die Menschheit in Zeiten, die allerdings hinter unserer Zivilisation 
zuriickliegen, eine gewisse instinktiv-geistige Erkenntnis hatte, ich 
sage: eine instinktiv-geistige Erkenntnis hatte mit den natiirlichen 
elementaren Nachempfindungen, die in der menschlichen Seele 
aufsteigen. Mit den Willensimpulsen, mit dem bildhaften Vorstel- 
len, die sich im Mythus, in Mythologie auslebten, kamen dem 
Menschen geistige Anschauungen, und aus diesen geistigen An- 
schauungen heraus bildete er sich den Seeleninhalt, der dann zum 
Inhalt seiner Sprache wurde in der neueren Zeit, die grofi ist 
dadurch, daft sie in einer gewissen Weise verachtungsvoll hinsah auf 
dasjenige, was instinktive geistige Fahigkeiten dem Menschen einer 
friiheren Zeit gegeben haben. In dieser neueren Zeit, in der man 
vorzugsweise grofi geworden ist in bezug auf die Naturwissen- 
schaft, in dieser neueren Zeit haben unsere Worte keinen neuen 
Inhalt bekommen. Und eines ist geschichtlich bedeutsam gerade in 
den letzten zwei bis vier Jahrhunderten: Unsere Sprache, alle 
Sprachen unserer zivilisierten Welt haben ihren alten Inhalt verlo- 
ren. Kein neuer Inhalt konnte in sie ereossen werden, weil dasieniee, 
was einen solchen Inhalt nicht geben kann, die blofte Naturer- 
kenntnis, dasjenige ist, was gerade in dieser Zeit grofi geworden ist. 
Und in der Zeit, die wir in anderer Beziehung so bewundern 
miissen, spielte sich das ab, was man nennen kann Entleerung der 
ziviiisierten Sprachen von ihren alten geistigen Inhalten. 



Was wurden die zivilisierten Sprachen dadurch, dafi sie ihren 
alten Instinktinhalt verloren haben und ihnen die Naturwissen- 
schaft keinen neuen geben konnte? - Sie wurden dasjenige, was nun 
in der Gegenwart bis zu einem gewissen Hohepunkt gestiegen ist. 
Sie wurden dasjenige, was sich ausbildete zur Phrase, und wahrhaf- 
tig nichts, was nur in einem eingeschrankten Gebiete einen Sinn 
hatte, sondern man nennt dasjenige, was heute Weltherrschaft 
ausiibt, wenn man heute von Phrase spricht. Und die vier bis fiinf 
Schreckensjahre, die wir hinter uns haben, sie haben die Weltherr- 
schaft der Phrase auf ihrem Hohepunkt gezeigt. Wir leben heute 
geradezu unter der Weltherrschaft der Phrase. Was gibt es gegen 
diese Weltherrschaft der Phrase fiir ein Heilmittel? Einzig und allein 
die Gewinnung eines neuen geistigen Inhaltes, eines bewufiten 
geistigen Inhaltes. Der alte, durch die friihere Menschheit auf 
instinktivem Wege gewonnene geistige Inhalt, der die Sprache zur 
Summe von Worten, nicht von Phrasen gemacht hat, er ist dahin, an 
ihn kann die wirklich an der Gegenwart hangende Menschheit nicht 
mehr glauben. Ein neuer bewufiter geistiger Inhalt mufi erobert 
werden. 

Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es, was die anthropo- 
sophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ihren Reprasentanten 
in dem Dornacher Bau hat, in ganz bewufiter Weise anstrebt: 
bewulke geistige Erkenntnis zu dem naturwissenschaftlichen Er- 
kennen, das iiber alles Aufiermenschliche so grofiartige Aufschliisse 
gibt, hinzuzuerobern mit derselben Gedankenklarheit, logischen 
Strenge, mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit hin- 
zuzuerobern geistige Erkenntnis, die nun Auskunft geben kann 
iiber die grofie Frage nach dem Wesen des Menschen und nach der 
Stellung des Menschen zum ubrigen Kosmos. Allerdings, gestehen 
mufi man sich, bevor man zu einer solchen Erkenntnis vorschreiten 
kann, dafi eben die aufiere naturwissenschaftliche Methode zwar in 
ihrer Gewissenhaftigkeit nachgeahmt werden mufi heute von jeder 
Erkenntnis, dafi sie aber selbst nicht zur Geist-Erkenntnis fiihren 
kann. Um zur Geisteserkenntnis zu kommen ist notwendig, dafi der 
heutige Mensch vor alien Dingen diejenigen inneren Fahigkeiten 



zur Geltung bringt, welche gerade auf dem Boden der hier gemein- 
ten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft erwachsen 
sollen. Ich habe dargestellt, wie der Mensch durch sein eigenes 
Seelenleben zu solchen Erkenntnissen kommen kann, zum Beispiel 
in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft». Al- 
lerdings dann ist eines notwendig - ich habe es ja auch hier schon des 
ofteren hervorgehoben -, eines ist notwendig fur den Menschen, 
dem er sich heute nur hdchst widerwillig ergibt. Es ist dasjenige 
notwendig, was ich nennen mochte intellektuelle Bescheidenheit. 
Auf seine intellektuelle Entwickelung ist ja der heutige Mensch so 
stolz. Intellektuelle Bescheidenheit, sie macht sich erst dann gel- 
tend, wenn man sich zum Beispiel sagt: Angenommen, man gebe 
einem funfjahrigen Kind einen Band von Goethes Lyrik in die 
Hand. Was wird das Kind mit dem Band Goethes lyrischer Gedich- 
te anfangen? Es wird ihn wahrscheinlich zerreifien oder es wird 
spielen damit. Es wird ganz gewifi nicht dasjenige von dem Band 
Goethes lyrischer Gedichte haben, was der Erwachsene haben 
kann, und was eigentlich das ist, wozu der Band Goethescher Lyrik 
bestimmt ist. Es miissen in dem Kinde erst nach und nach die 
Fahigkeiten heranerzogen werden, welche es bestimmen konnen, 
welche ihm moglich machen konnen, den Band Goethescher Lyrik 
in der rechten Weise auf sich wirken zu lassen. Fur diese Entwik- 
kelung der kindlichen Fahigkeiten gibt man einiges zu im Menschen- 
leben heute. Dafi aber der Mensch etwa, wenn er erwachsen ist und 
nur ausgeriistet ist mit den Fahigkeiten, die man eben im normalen 
aufieren sinnlichen Menschenleben heute sich aneignen kann, ciafi er 
dann vor der Welt selber so stehen konnte, wie das funfjahrige Kind 
vor dem Band Goethes lyrischer Gedichte, dafi er durch das eigene 
In-die-Hand-Nehmen seiner Seelenfahigkeiten sich erst entwickeln 
miisse, um aus dem, was ihm in der Welt vorliegt, etwas herauszu- 
ziehen, was sich vergleichen la£t mit dem, was das Kind erst, wenn 
es erwachsen ist, aus dem Band Goethes lyrischer Gedichte heraus- 
zieht s also, was es mit dem Band Goethes lyrischer Gedichte mit 
fiinfundzwanzig Jahren anfangt - ja, das zuzugeben, dazu will sich 



der Mensch der Gegenwart in seinem intellektuellen Hochmut nicht 
bequemen. Das aber mulS vor alien Dingen geltend gemacht werden, 
dafi zur wirklichen Menschenerkenntnis, zum endlichen Erfullen 
des apollinischen Ausspruches «Erkenne dich selbst» notwendig ist 
ein In-die-Hand-Nehmen der menschlichen Seelenfahigkeiten. Wie 
das im einzelnen moglich ist, das wird Gegenstand des morgigen 
Vortrages sein. 

Heute will ich nur im allgemeinen hervorheben, dafi es allerdings 
moglich ist, dafi der Mensch durch eine gewisse Behandlung seines 
Denkens, die ich dann morgen schildern werde, dieses Denken sich 
erkrafte, dafi es nicht mehr passiv an den Erscheinungen dahin geht, 
sondern dafi es innerlich wie durch einen Willen ergriffen wird, 
aktiv wird, dafi es intensiver wird, dafi es auftritt so, dafi der Mensch 
durch innere Erfahrung im unmittelbaren Erleben weifi: jetzt ist das 
Denken ein geistig-seelisches Schauen geworden. Wahrend man mit 
dem gewohnlichen Denken abhangig ist von seinem Denkapparat, 
von seinem Leibe, von dem Nervensystem, und wahrend man 
gerade, wenn man das Denken etwas entwickelt, diese Abhangigkeit 
genau durchschaut, weifi man auch, dafi wenn das Denken auf den 
entsprechenden Wegen, die in den angegebenen Biichern geschil- 
dert sind, sich erkraftet, es frei wird vom Leibe, es eine Tatigkeit 
wird, die nicht mehr durch das Instrument des Leibes gefiihrt wird. 
Gewisse Meditationen, denen man sich hingibt mit derselben Objek- 
tivitat, wie man im chemischen Laboratorium ein Experiment 
macht oder auf der Sternwarte die Sterne beobachtet, erkraften 
dieses Denken und befreien es von dem Werkzeug des Leibes. Es 
muE nur dazu kommen, wenn dann dieses Denken gebraucht 
werden soil fur ein wirkliches Welts chauen, dafi Selbstzucht des 
Willens eintrete. Wenn Selbstzucht des Willens mit innerem Medi- 
tieren sich zu einem willensdurchtrankten Denken entwickelt, das 
unabhangig vom Leibe ist, dann erst tritt Geist-Erkenntnis ein, 
bewufite Geist-Erkenntnis, die nun wiederum dem Menschen das 
geben kann, was ihm einstmals eine instinktive Geist-Erkenntnis 
gegeben hat: Inhalt fur seine Rede, Inhalt fur die Sprache. Damit der 
Mensch in sich den Impuls fuhle, aus sich selbst heraus seiner 



Sprache einen Inhalt zu geben, setzte in einer gewissen Beziehung 
die Menschheitsentwickelung aus, horte auf das alte instinktive 
Geist-Erkennen, trat das auftere Naturerkennen an dessen Stelle, 
was der Sprache keinen Inhalt geben kann. Aber der Mensch mufi 
aus den Zeichen der Gegenwart heraus erkennen, dafi er durch 
bewufites inneres seelisches Arbeiten, durch Entwickelung seines 
Denkens zum seelischen Schauen sich wiederum Selbsterkenntnis, 
Menschheitserkenntnis erwerben miisse und dadurch allein das 
entstehen kann, was unserer Sprache wiederum Inhalt gibt, was 
beseitigen kann die Weltherrschaft der Phrase. 

Aber sqlch eine Erkenntnis gibt zu gleicher Zeit die Einsicht, dafi 
eben die Aufienwelt, indem wir sie mit unseren Sinnen betrachten, 
wir hineinwachsen im Verlaufe unseres Lebens zwischen Geburt 
und Tod, daft diese aufieren Betrachtungen uns nicht das eigentlich 
Geistige geben konnen, dafi dieses, der eigentlich geistige Inhalt, 
von uns in die Welt hineingetragen wird, dafi wir ihn selbst mitbrin- 
gen, indem wir aus geistigen Welten - wie gesagt, iiber diese Dinge 
werden wir morgen genauer sprechen - durch die Geburt herunter- 
steigen in diese physische "Welt, dafi wir hinschauen miissen, wenn 
wir von dem geistigen Inhalt sprechen, auf dasjenige, was die 
Menschen hereintragen, was sie nur durch das Instrument ihres 
Leibes nach und nach von Jahr zu Jahr entwickeln. Nicht dasjenige, 
was als immer reicherer Welteninhalt in der aufieren Erfahrung an 
uns herantritt, das bringt in die Wirklichkeit den Geist, sondern 
dasjenige, was wir als Menschenindividualitat durch unsere Geburt 
in die Welt hereintragen. Die Menschen furchten sich nur heute vor 
demjenigen, was der Mensch selber in die Welt hereintragt. Sie 
furchten sich, weil sie glauben, dafi, wenn er es geltend macht, es in 
die Phantastik fuhren wiirde. Allein es gibt durchaus Methoden, 
diese Phantastik zu vermeiden. Derjenige aber, der durchschaut, 
wie im Grunde genommen doch aller geistige Inhalt aus den mensch- 
lichen Individuaiitaten kommen mufi, der wird ohne weiteres zuge- 
ben, daft eine gedeihliche Entwickelung dieses Geisteslebens nur 
kommen konne, wenn dem Menschen die voile menschliche Ent- 
wickelungsmoglichkeit gegeben ist, wenn er in seiner geistigen 



Entwickelung und in den Darlegungen und Offenbarungen seines 
Geistes von keinen aufieren Machten, die nur hier in der physischen 
Welt dienen, abhangig ist. Denn mit dem Heraufkommen der reinen 
naturwissenschaftlichen Erkenntnis, jener Erkenntnis, die nur 
durch das Auftermenschliche Auskunft gibt, ist eben, wie organisch 
damit verbunden, auch heraufgekommen die Abhangigkeit des 
Geisteslebens jetzt nicht von dem, was der Mensch durch die 
Geburt in die Welt hereintragt, sondern von dem, was das aufiere 
Staatsleben feststellt, von dem, was das Wirtschaftsleben aus dem 
Menschen macht. In derselben Zeit, in der die Naturwissenschaften 
grofi geworden sind, haben wir die Omnipotenz des Staates aufs 
hochste entwickelt gesehen dadurch, dafi der Staat seine Fangarme 
ausstreckt iiber alles dasjenige, was Geistesleben ist; er hat das 
Schulleben angefangen zu organisieren, das Wirtschaftsleben ist auf 
der anderen Seite mafigebend geworden fur das Einleben derjenigen 
Personlichkeiten, die eben in dieses Geistesfeld kommen konnten. 
Das aber ist Hand in Hand gegangen damit, dafi der Mensch 
verloren hat die Moglichkeit, herauszugebaren aus sich selbst einen 
geistigen Inhalt, seinen Worten einen geistigen Inhalt zu geben. 
Daher hat sich entwickelt im Zeitalter der Naturwissenschaft die 
Abhangigkeit des Geisteslebens von den politischen, von den wirt- 
schaftlichen Machten, und es hat sich unter diesem Einflusse ent- 
wickelt die Weltherrschaft der Phrase. 

Das ist das erste Glied in den nach der Zerstorung hin arbeitenden 
gegenwartigen Organisationen: die Weltherrschaft der Phrase, die 
inhaltsleere Rede. Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, geistige 
Substanz, die er unmittelbar aus seiner Verbindung mit der Geistes- 
welt schopft, in die Worte hineinzulegen, miissen die Worte zur 
Phrase werden, miissen die Worte allmahlich in den Menschen sich 
so eingewohnen, dafi der Mensch gewissermafien nur sich forttra- 
gen lafit von den Mechanismen der Sprache. Und das sehen wir nur 
leider allzu deutlich in der neueren Zeit heraufkommen: dasjenige, 
was mit Urgewalt hervorbricht aus dem geistig-seelischen Inneren 
des Menschen, was sich gewissermafien nur entladt in der Sprache, 
das verschwindet. Das Leben in den Mechanismen der Sprache wird 



immer intensiver und intensiver, und es ist an seinem Hohepunkt 
angelangt in den letzten Jahren. Weil die Menschen, indem sie 
miteinander redeten iiber die zivilisierte Welt hin, redeten unmit- 
telbar oder mittelbar durch den Druck eigentlich von nichts y und 
indem die Worte nur in ihrem Mechanismus sich abspielten, entwik- 
kelte sich dasjenige, was an chaotischen Kraften zur Zerstorung 
hintrieb. 

Ich weifi sehr gut, dafi in der Gegenwart wenig Neigung dafiir 
vorhanden ist, auf diese Intimitaten des menschlichen Lebens einzu- 
gehen, wenn von den Ursachen des gegenwartigen Chaos die Rede 
sein soli. Aber niemand wird iiber diese Ursachen klare Begriffe und 
klare Urteile gewinnen, der nicht auf diese Intimitaten des menschli- 
chen Seelenlebens eingehen will. Nicht friiher auch wird in die 
offentlichen Angelegenheiten wiederum Harmonie anstelle des 
Chaos kommen, nicht friiher, als bis durch geistige Vertiefung, 
durch wirkliche Geisteswissenschaft in dem Menschen wiederum 
der Drang entsteht, seinen Worten einen vollen Inhalt zu geben. 
Denn dasjenige, was allerdings zuerst auf wissenschaftlichem Gebie- 
te auftritt, was auf wissenschaftlichem Gebiete geboren wird, es 
drangt sich hinein in die iibrigen Lebensgewohnheiten, es wird im 
offentlichen Leben zu dem Tonangebenden. Und wer einen Sinn hat 
fur Lebensbeobachtung, der sieht, wie im Alltagsleben zuletzt sich 
nur die letzten Konsequenzen von dem abspielen, was zum Schlufi 
doch als das Charakteristische vorhanden ist da, wo man Weltan- 
schauungen macht. Allerdings, die Zusammenhange, die da auftre- 
ten, die Menschen wollen sie schon seit langem nicht ordentlich 
iiberschauen. Hier in der Schweiz hat einmal ein polternder Geist 
gewirkt, ich nenne ihn ausdriicklich einen polternden Geist, damit 
Sie sehen, ich iiberschatze ihn nicht, Johannes Scherr. Er hat durch 
seinen polternden Ton und sein polterndes Urteil manches sich 
verdorben, was allerdings auch an gesunden Gedanken in dem war, 
was er offentlich zu sagen hatte. Er hat in den secliziger, siebziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einer wirklich eindringlichen 
Beobachtung des geschichtlichen, sozialen Lebens her a us ein sehr 
bedeutsames Urteil gefallt. Er hat gesagt: Wenn der materialistische 



Ungeist, der nurmehr sich stiitzt auf dasjenige, was der Mensch in 
der Aufienwelt erschaut und erlebt, wenn der fortherrscht, wird er 
einziehen auch in alles dasjenige, was der Mensch in den aufieren 
offentlichen Angelegenheiten tut; er wird eingehen in das Wirt- 
schafts-, in das finanzielle Leben, und es wird sich eine soziale 
Struktur entwickeln, die endlich dazu fiihren wird, dafi man sagen 
mufi: Unsinn, du hast gesiegt! 

Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf solche Leute hort man 
nicht gern. Auch dieses Urteil des Johannes Scherr hat man iiber- 
hort. Aber jetzt nach fiinfzig Jahren mufi fiir denjenigen, der auf 
alles, was mit der sogenannten Weltkriegskatastrophe zusammen- 
hangt, hinschaut, gesagt werden: Die Worte dieses Weltenbeobach- 
ters Johannes Scherr, die in dem Satze gipfelten: Ihr werdet sagen 
miissen: Unsinn, du hast gesiegt, - die Worte haben sich erfiillt! 
Denn dieser Johannes Scherr hat gut gesehen, wie sich herausge- 
prefit hat allmahlich aus dem menschlichen Leben dasjenige, was 
Geist ist, wie an die Stelle des Geistes der materialistische Ungeist 
getreten ist, und er hat aus dieser Beobachtung eine wahre Prophetie 
machen konnen. Die Welt weifi eben nicht, dafi dasjenige, was 
zuerst nur Weltanschauung, nur Theorie ist, dafi das im Grunde 
genommen nach zwei Generationen moralisches, offentliches Wir- 
ken wird, Tat wird. Oh, man sollte gewisse Zusammenhange in der 
Welt viel, viel besser bemerken! Man sollte sich ein viel griind- 
licheres Urteil, ein reales Urteil iiber gewisse Dinge verschaffen! 

Hier hat auch einmal ein Philosoph gewirkt, Avenarius. Er ist ein 
Geistes verwandter von Mach, der wiederum einen Schuier vor ganz 
kurzer Zeit hier in Zurich wirken hatte. Diese Leute haben auf dem 
Weltanschauungsfelde die Konsequenzen gezogen des gegenwar- 
tigen materialistischen Ungeistes - ich nenne ihn Ungeist, weil eben 
blofie Naturerkenntnis in unsere Sprache keinen substantiellen 
Inhalt hineingiefien kann. Sie haben, die Philosophen, Avenarius 
und so weiter, die Weltanschauungskonsequenzen gezogen aus dem 
materialistischen Ungeist der Zeit. Die Philosophic, die sie gewon- 
nen haben, und die ganze Art und Weise, wie solche Leute wie 
Avenarius sich darlebten, ist gut btirgerlich. Niemand wird selbst- 



verstandlich diesen Leuten ansehen, daft sie etwas anderes sind, als 
brave Staatsbiirger. Aber heute sollte man etwas anderes notifizie- 
ren. Heute sollte man einmal aus den Tatsachen heraus die Frage 
studieren: Welches ist die Staatsphilosophie des Lenin und Trotzki 
geworden? Welches ist die Staatsphilosophie der Bolschewisten? - 
Das ist die Avenariussche, die Machsche! Da ist nicht bloft der 
zeitliche Zusammenhang, daft eine Anzahl dieser Leute hier in 
Ziirich studiert haben, da ist der innere Tatsachenzusammenhang, 
daft dasjenige, was in den menschlichen Seelen als Weltanschauungs- 
gedanke in einer Generation lebt, in der dritten Generation zu Taten 
wird. Und an diesen Taten kann man die Ursachen sehen, wie sie in 
der Welt spielen. Aber die heutige Menschheit will nur abstrakt 
logische Urteile und begreift nicht, daft etwas, was logisch er- 
schlossen ist, noch kein Tatsachenurteil, kein Tatsachenschlufi ist, 
daft man mit wirklichem geistigem Schauen hineinblicken mufi in 
den realen Zusammenhang, in den Wirklichkeitszusammenhang, 
und dann das scheinbar Unahnlichste, die bourgeoise Weltan- 
schauung des Avenarius, die aber aus materialistischem Ungeiste 
hervorgegangen ist, wieder auflebt tief in demjenigen, was alle 
menschliche Gesellschaft von Grund aus zerstort, was zu den 
Totengrabern hinfuhrt der ganzen europaischen Zivilisation. 

Damit ist zu gleicher Zeit angedeutet, daft allerdings diese Welt- 
herrschaft der Phrase nicht etwas ist, was nur auf einem engen 
Gebiete gilt. Es ist etwas, was als eine Grundkraft unser ganzes 
offentliches Leben, vor alien Dingen auf dem Gebiete des Geistes 
durchzieht. Und eher wird kein Heil sein, als bis das Geistesleben 
sich emanzipiert von dem, was sich gerade als die Grundlage zu 
diesem Phrasentum ergeben hat, bis sich das Geistesleben emanzi- 
piert von dem aufieren politischen oder Rechtsleben, von dem 
Wirtschaftsleben, und allein auf dasjenige gebaut wird, was der 
Geist selber aus sich hervorbringt, das heifit, dasjenige, was der 
individuelle Mensch produziert aus dem, was er durch die Geburt 
aus der Geistes welt in die sinnliche Welt hereintragt. Zu geistigem 
Inhalt zu kommen ist allein der Weg, die Weltherrschaft der Phrase 
zu iiberwinden. Und mit der Phrase innig im Bunde ist etwas 



anderes. Weil die Phrase nicht den Zusammenhang des Wortes mit 
den Inhalten verbindet, so wird das Wort sehr leicht in dem Zeitalter 
der Phrase zum Trager der Luge. Und von der Phrase zur Luge fiihrt 
ein gerader Weg. Daher auch die Herrschaft, der Siegeszug der Luge 
in den letzten vier bis fiinf Jahren, der wiederum so viel Anteil hat an 
dem Zerstorungsprozesse, dem wir entgegengehen, wenn nicht 
Geist an die Stelle des Ungeistes gerufen wird! 

Nun, sehr verehrte Anwesende, das auf dem einen Gebiete des 
offentlichen Lebens, auf dem Gebiete des Geisteslebens. Aber es 
gibt noch andere Gebiete. Sie alle aber, Sie sind abhangig in einer 
gewissen Beziehung von dem Geistesleben. Wird das Geistesleben 
beherrscht von der Phrase, von der inhaltslosen Rede, so ist auch 
dasjenige, was aus dieser Rede kommt, was namentlich im Zusam- 
menhange mit der Rede innerhalb der sozialen Gemeinschaft ge- 
lernt werden kann, nicht geeignet, in die Gefuhle, in die Empfin- 
dungen hinein sich auszuleben. Dasjenige aber, was in den Gefuhlen 
und Empfindungen im sozialen Zusammenleben sich entwickelt, 
was sich in dem Wechselverkehr von Mensch zu Mensch entziindet, 
indem der eine Mensch mit dem anderen mitfuhlt, das ist Sitte, das 
ist dasjenige, was aus der sozialen Gemeinschaft heraus zur Ge- 
wohnheitssitte wird. Und nur aus dieser Gewohnheitssitte kann 
sich geschichtlich das Recht entwickeln. Aber dieses Recht kann 
sich nur entwickeln, wenn in die Empfindungen, die im Wechselver- 
kehre zwischen Mensch und Mensch stattfinden, nicht die Phrase 
sich hineinlebt, wenn in diese Empfindungen das substanzerfiillte 
Wort, die gedankengetragene Rede sich hineingliedern. Und im 
Zeitalter der Phrase kann auch die Empfindung zwischen Mensch 
und Mensch sich nicht in entsprechender Weise entziinden, kann 
sich nur ergeben ein aufieres Verhaltnis von Mensch zu Mensch. Die 
Folge ist daher, da!5 in dem Zeitalter, wo sich auf dem Gebiete des 
sozialen Geisteslebens die Phrase entwickelt, sich auf dem Gebiete 
des sozialen Fiihlens statt
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