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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge Ober das soziale leben
und die dreigliederung des sozialen organismus
AUFGABEN
EINER NEUEN WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT
I
Nationalokonomischer Kurs
II
Nationalokonomisches Seminar
RUDOLF STEINER
Nationalokonomischer Kurs
Vierzehn Vortrage, gehalten in Dornach
vom 24. Juli bis 6. August 1922
fur Studenten der Nationalokonomie
2002
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Walter Birkigt und Emil Leinhas
Fur die 5. Auflage neu durchgesehen von Walter Kugler
1. Auflage Dornach o. J. (1922)
2. Auflage Dornach 1931
3. Auflage Dornach 1933
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1965
5., neu durchgesehene und erganzte Auflage,
Gesamtausgabe Dornach 1979
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 2002
Bibliographie-Nr. 340
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefuhrt von Leonore Uhlig
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1979 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3400-7
Zu dm Veroffentlicbungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei groBen Abteilungen: Schriften — Vortrage — Kunst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, daB seine frei gehal-
tenen Vortrage — sowohl die offentlichen als auch die fiir die Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
— schriftlich festgehalten wurden, da sie von ihm als «miindliche,
nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach-
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernach-
schriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlaBt,
das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenografierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe not-
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur in ganz we-
nigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat, muB gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den
von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes flndet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Nahere Angaben zu den Textunterlagen fin-
den sich am Beginn der Hinweise.
INHALT
Inhaltsangaben zu Band I und Band II 232/237
Erster Vortrag, Dornach, 24. Juli 1922 9
Zweiter Vortrag, 25. Juli 1922 23
Dritter Vortrag, 26. Juli 1922 38
Vierter Vortrag, 27. Juli 1922 51
Funfter Vortrag, 28. Juli 1922 67
Sechster Vortrag, 29. Juli 1922 82
Siebenter Vortrag, 30. Juli 1922 96
Achter Vortrag, 31. Juli 1922 110
Neunter Vortrag, 1. August 1922 125
Zehnter Vortrag, 2. August 1922 140
Elfter Vortrag, 3. August 1922 155
Zwolfter Vortrag, 4. August 1922 170
Dreizehnter Vortrag, 5. August 1922 185
Vierzehnter Vortrag, 6. August 1922 199
AN HANG
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 216
Hinweise zum Text 217
Sachwortverzeichnis zu Band I (Kurs) und Band II (Seminar) 221
Personenregister zu Band I (Kurs) und Band II (Seminar) . 231
Inhaltsangaben zu Band I (Kurs) 232
Inhaltsangaben zu Band II (Seminar) 237
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 239
Die Wiedergaben der Original-Wandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise)
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe:
«Rudolf Steiner — Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band XXIV
ERSTER VORTRAG
Dornach, 24.Juli 1922
Zunachst mochte ich heute mit einer Art Einleitung beginnen und
dann morgen iibergehen zu demjenigen, was in gewisser Beziehung
ein Ganzes ergeben soli iiber nationalokonomische, uber sozialokono-
mische Fragen, die sich in der Gegenwart der Mensch stellen muB.
Die Nationalokonomie, wie man nun einmal in der Gegenwart von
ihr spricht, sie ist eigentlich erst eine neuere Schopfung. Sie ist ent-
standen im Grunde genommen erst in der Zeit, als das wirtschaftliche
Leben der neueren Volker auBerordentlich kompliziert geworden ist
gegeniiber fruheren wirtschaftlichen Verhaltnissen. Und da wir hier
diesen Kursus so gestalten wollen, wie er hauptsachlich fur den Stu-
denten der Nationalokonomie eben gestaltet werden soli, so muB ja
einleitend gerade auch auf diese besondere Eigentumlichkeit des
nationalokonomischen Denkens von heute hingewiesen werden.
Wir brauchen uns ja schlieBlich gar nicht einmal sehr weit in der
Geschichte zuriickzubegeben, so werden wir schon sehen, wie das
wirtschaftliche Leben auch, sagen wir, nur wahrend des 19.Jahr-
hunderts selbst sich verandert hat gegeniiber fruheren Verhaltnissen.
Beachten Sie nur einmal die eine Tatsache, daB in gewissem Sinn zum
Beispiel England im wesentlichen wirtschaftlich neuzeitlich gestaltet
war schon in der ersten Halfte des 19.Jahrhunderts, so daB eigentlich
verhaltnismaBig wenig in der wirtschaftlichen Struktur in England
sich radikal verandert hat im Laufe des 19.Jahrhunderts. Die groBen
Fragen, die sich in der neueren Zeit in sozialer Hinsicht an die wirt-
schaftlichen Fragen anschlieBen, waren in England schon da in der
ersten Halfte des 19.Jahrhunderts, und schon damals konnten die-
jenigen Menschen, welche darauf ausgingen, im modernen Sinn das
Sozialokonomische zu denken, ihre Studien in England machen, wah-
rend solche Studien dazumal noch, sagen wir, in Deutschland hatten
unfruchtbar bleiben miissen. In England hatten sich vor alien Dingen
die groBen Handelsverhaltnisse bereits herausgebildet bis in das erste
Drittel des 19.Jahrhunderts, und es war innerhalb der englischen
Volkswirtschaft durch diese Herausbildung der Struktur des Handels-
wesens geschaffen eine Grundlage in dem Handelskapital. Man hatte
in England nicht notwendig, fur die neuere Wirtschaft an einen ande-
ren Ausgangspunkt anzukniipfen als an das, was sich als Handels-
kapital ergeben hatte aus den konsolidierten Handels verhaltnis sen, die
eben schon bestanden, sogar schon im ersten Drittel des ^.Jahr-
hunderts. An diese Zeit ankniipfend, hat sich dann fur England alles
mit einer gewissen Folgerichtigkeit ergeben. Nur diirfen wir nicht
vergessen, daB die ganze englische Wirtschaft nur moglich war auf der
Grundlage, die sich aus dem Verhaltnis Englands zu den Kolonien
ergeben hatte, namentlich zu Indien. Die ganze englische Volkswirt-
schaft ist nicht denkbar ohne das Verhaltnis Englands zu Indien. Das
heiBt aber mit anderen Worten: Diese englische Volkswirtschaft mit
ihrer Moglichkeit, groBe Kapitalien herauszubilden, ist aufgebaut dar-
auf, daB ein gewissermaBen wirtschaftlich jungfrauliches Land im
Hintergrund liegt. Das diirfen wir nicht iibersehen, namentlich nicht,
wenn wir jetzt herubersehen von der englischen Volkswirtschaft in die
deutsche herein.
Verfolgen Sie diese, so werden Sie sehen, daB sie zum Beispiel im
ersten Drittel des 19.Jahrhunderts noch wesentlich so ist, daB sie ent-
spricht den wirtschaftlichen Gewohnheiten, die sich noch aus dem
Mittelalter heraus ergeben haben. Die wirtschaftlichen Gewohnheiten
und wirtschaftlichen Zusammenhange sind innerhalb Deutschlands im
ersten Drittel des 19. Jahrhunderts durchaus alte. Damit war das ganze
Tempo des wirtschaftlichen Lebens inDeutschland ein anderes als zum
Beispiel in England im ersten Drittel, ja in der ersten Halfte des
19. Jahrhunderts. In England spielte sich dasjenige schon ab in dieser
ersten Jahrhunderthalfte, was man nennen kann das Rechnen mit
rasch wechselnden Lebensgewohnheiten. Es bleibt der allgemeine Zug
des wirtschaftlichen Lebens im wesentlichen derselbe, aber er ist schon
berechnet auf rasch wechselnde Gewohnheiten. In Deutschland sind
diese selber noch konservativ. Das wirtschaftliche Leben kann noch
einen Schneckengang gehen, kann noch angepaBt sein demUmstand, daB
die Verhaltnisse in technischerBeziehung durch lange Zeit hindurch un-
gefahr gleich bleiben, daB auch die Bediirfnisse sich nicht rasch andern.
Darin ist aber ein Umschwung eingetreten im zweiten Drittel des
19.Jahrhunderts. Da entwickelte sich rasch heraus eine Anahnlichung
an die englischen Verhaltnisse unter der Ausbildung des industriellen
Wesens. Deutschland war in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts im
wesentlichen ein Agrarland, es wurde aber rasch umgewandelt in ein
Industrieland, viel rascher umgewandelt als irgendein anderes Gebiet
der Erde.
Aber das war mit etwas anderem noch verkniipft. Man mochte
sagen: In England hat sich der Ubergang zu einer industriellen Auf-
fassung der Volkswirtschaft instinktiv herausgebildet ; man wuBte
eigentlich gar nicht wie. Er ist gekommen wie ein Naturereignis. In
Deutschland war zwar das Mittelaiterliche im ersten Drittel des
19. Jahrhunderts vorhanden - Deutschland war ein Agrarstaat; aber
wahrend die auBeren wirtschaftlichen Verhaltnisse in der Weise ver-
liefen, daB man sie fast noch mittelalterlich nennen konnte, hat sich
das menschliche Denken grundlich geandert. Ins BewuBtsein der
Menschen ist eingezogen, daB da etwas anderes kommen muB, daB das
eigentlich nicht mehr zeitgemaB ist, was vorhanden ist; und so hat
sich das, was sich als Umbildung der wirtschaftlichen Verhaltnisse im
zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts in Deutschland ergeben hat, viel
bewuBter vollzogen als in England. Die Leute haben viel mehr ge-
wuBt in Deutschland - in England wuBte man es gar nicht -, wie man
hineingekommen ist in den modernen Kapitalismus. Wurden Sie
heute das, was man dazumal, ich mochte sagen, auseinandergesetzt hat,
gesprochen hat iiber das Hineingehen in den Industrialismus, wurden
Sie das lesen, so wurden Sie die Vorstellung bekommen: Ja, es ist
merkwiirdig, wie da die Leute in Deutschland gedacht haben. - Die
Leute haben es geradezu als eine voile Menschenbefreiung angesehen -
man hat das Liberalismus genannt, Demokratie genannt -, die Leute
haben das geradezu angesehen wie das Heil der Menschheit, nun
herauszukommen aus alten Bindungen, aus dem alten Korporations-
wesen, und zu der vollig freien Stellung - wie man es nannte - des
Menschen im wirtschaftlichen Leben iiberzugehen. Wir erblicken des-
halb in England niemals eine Theorie iiber die Volkswirtschaft, wie sie
etwa ausgebildet haben Leute, die ihre Bildung aus der Hochbliite
dieser Zeit gezogen haben, die ich charakterisiert habe. Schmoller,
Roscher und andere haben ihre Ansichten gezogen aus der Hochbliite
dieser liberalistischen Volkswirtschaft. Mit vollem BewuBtsein haben
sie aufgebaut, was durchaus in diesem Sinne aufgebaut war. Solch
eine Volkswirtschaftslehre wiirde der Englander fade gefunden haben.
Man denkt doch uber solche Dinge nicht nach, wiirde er gesagt haben.
Daher betrachten Sie nur den radikalen Unterschied, wenn man in
England - ich will bloB nehmen selbst solche Leute, die schon theore-
tisch genug waren, wie Beaconsfield -, wenn sie gesprochen haben iiber
solche Fragen, oder wenn in Deutschland gesprochen haben Richter,
Lasker oder selbst Brentano. In Deutschland also ist man mit BewuBt-
sein in diese zweite Periode eingezogen.
Dann kam die dritte Periode, die eigentliche staatliche Periode.
Nicht wahr, als das letzte Drittel des 19.Jahrhunderts heranriickte, da
konsolidierte sich der deutsche Staat im Grunde genommen durch
reine Machtmittel. Es konsolidierte sich nicht dasjenige, was die
Idealisten von den achtundvierziger oder auch schon von den dreiBiger
Jahren an wollten, sondern da konsolidierte sich der Staat durch reine
Machtmittel. Dieser Staat nahm auch nach und nach mit vollem Be-
wuBtsein das wirtschaftliche Leben fur sich in Anspruch, so daB das
wirtschaftliche Leben in seiner Struktur ganz durchsetzt wurde im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von dementgegengesetztenPrinzip
als friiher. Im zweiten Drittel hatte es sich entwickelt unter den libera-
listischen Anschauungen, jetzt entwickelte es sich ganz unter den
Anschauungen des Staatsprinzips. Das gab dem Wirtschaftsleben in
Deutschland seine Gesamtsignatur; und zwar waren BewuBtseins-
elemente in dieser ganzen Entwickelung drinnen. Und das Ganze war
doch wiederum unbewuBt.
Das Wichtigste war nun, daB ja dadurch, nicht etwa bloB im Den-
ken, sondern im ganzen Wirtschaften selber, ein radikaler Gegensatz
geschaffen war zwischen dem, was englische Wirtschaft war, und dem,
was nun mitteleuropaische Wirtschaft war. Ja, aber auf diesem Gegen-
satz beruhte es, wie man miteinander wirtschaftete. Die ganze Wirt-
schaft des 19. Jahrhunderts, wie sie sich entwickelte ins 20.Jahr-
hundert, ware nicht denkbar gewesen ohne diesen Gegensatz des
Westens und der europaischen Mitte: daB man so, wie man verkaufte,
verkaufte, so, wie man Waren anbrachte, sie anbrachte, wie man sie
fabrizierte, sie fabrizierte.
Und so hat sich allmahlich herausgebildet die Moglichkeit der eng-
lischen Wirtschaft auf Grundlage des Besitzes von Indien, und jetzt
die Moglichkeit der Erweiterung des Wirtschaftens auf Grundlage des
Gegensatzes zwischen westlicher und mitteleuropaischer Wirtschaft.
Das Wirtschaftsleben beruht ja nicht auf demjenigen, was man so
sieht in seiner allernachsten Umgebung, sondern auf den groBen
gegenseitigen Verhaltnissen in der Welt drauBen.
Mit diesem Gegensatz nun trat eben die Welt iiberhaupt in die Welt-
wirtschaft dann ein und - konnte in die Welt wirtschaft nicht hinein.
Denn sie beruhte eigentlich auf den instinktiven Elementen, die sich
heraufentwickelt hatten und die ich eben angedeutet habe mit dem
Gegensatz zwischen England und Mitteleuropa. Im 20.Jahrhundert
stand man eigentlich - ohne daB die Welt es wuBte, sie bemerkte
nichts davon - davor, daB dieser Gegensatz immer aktueller und
aktueller, immer defer und tiefer wurde. Der Gegensatz wurde immer
aktueller und aktueller, immer tiefer und tiefer, und man stand vor der
groBen Frage Die wirtschaftlichenVerhaltnisse sind aus diesenGegen-
satzen heraus entwickelt, sie tragen diese Gegensatze immer mehr und
mehr in die Zukunft hinein; aber zu gleicher Zeit, wenn die Gegen-
satze immer groBer und groBer wurden, konnte man nicht miteinander
wirtschaften. Das war die groBe Frage des 20.Jahrhunderts - der
Gegensatz hatte die Wirtschaft geschaffen, die Wirtschaft hatte den
Gegensatz vergroBert, der Gegensatz bedurfte einer Losung -, die
Frage war dann: Wie lost man die Gegensatze? - Nun, die geschicht-
liche Entwickelung hat gezeigt, daB die Menschen nicht imstande
waren, die Frage zu losen.
So wie ich jetzt gesprochen habe, hatte man sprechen konnen 1914
im Frieden. Dann ist statt einer Losung gekommen das Ergebnis der
Unfahigkeit, eine welthistorische Losung zu finden. Das ist die Krank-
heit, die da eintrat, wenn man die Sache von der wirtschaftlichen Seite
anschaut.
Nun, auf Gegensatzen beruht im Grunde genommen die Moglich-
keit aller Entwickelung. Ich will nur einen solchen Gegensatz nennen:
Dadurch, daB die englische Wirtschaft in viel friiherer Zeit konsoli-
diert worden war als die mitteleuropaische, waren die Englander nicht
fahig, fiir gewisse Waren so billige Preise zu machen, wie das in
Deutschland der Fall war, so daB der grofie Gegensatz der Konkurrenz
entstand ; denn das « Made in Germany » war eine Frage der Konkur-
renz. Und als dann der Krieg vorbei war, da konnte die Frage ent-
stehen : Ja, wie kann man jetzt, nachdem sich die Menschen zunachst
die Kopfe eingeschlagen hatten, statt nach einer Losung der Gegen-
satze zu suchen, wie kann man jetzt mit den Dingen fertig werden?
Da muBte ich glauben, daB die Menschen zunachst gefunden werden
miiBten, die nun das verstehen sollten, was auf einem anderen Gebiet
als Gegensatze geschaffen werden muB; denn das Leben beruht auf
Gegensatzen und kann nur existieren, wenn Gegensatze da sind, die
miteinander spielen. Und so konnte man 1919 darauf kommen, zu
sagen : Also weise man auf die Gegensatze hin, nach denen eigentlich
die welthistorische Entwickelung tendiert, auf die Gegensatze des
WirtschaftHchen, Rechtlich-Polkischen und Geistig-Kulturellen, auf
die Gegensatze der Dreigliederung.
Was war im Grunde genommen das Richtige an der Sache, daB man
damals dachte, man miisse die Dreigliederung in moglichst viele
Kopfe hineinbringen? Ich will heute nur auBerlich charakterisieren :
das Wichtigste war, daB man zunachst die Dreigliederung in mog-
lichst viele Kopfe hineingebracht hatte, bevor die wirtschaftlichen
Folgen aufgetreten sind, die seither eingetreten sind. Sie miissen be-
denken : als die Dreigliederung zuerst genannt worden ist, standen wir
noch nicht vor den Valutaschwierigkeken von heute; im Gegenteil,
ware damals die Dreigliederung verstanden worden, so hatten sie nie
kommen konnen. Aber wiederum stand man vor der Unmoglichkeit,
daB die Menschen so etwas in wirklich praktischem Sinn verstanden.
Man versuchte damals, die Dreigliederung verstandlich zu machen,
und dann fragten einen die Leute : Ja, das ware alles schon, wir sehen
es auch ein; aber das erste ist ja doch, daB wir dem Niedergang der
Valuta entgegenarbeiten. - Ja man konnte den Leuten nur sagen : Das
steckt ja in der Dreigliederung ! Bequemt euch zu der Dreigliederung,
sie ist das einzige Mittel, um gegen den Valutaniedergang zu arbeiten ! -
Die Leute fragten gerade, wie man das macht, was doch gerade die
Dreigliederung hatte treffen sollen. Sie verstanden also die Dreigliede-
rung nicht, wenn sie das auch immer behaupteten.
Und so liegt heute die Sache so, daB man sagen muB : Spricht man
heute wiederum zu Personlichkeiten, wie Sie es sind, so kann man
nicht mehr in denselben Formen sprechen wie dazumal, sondern heute
ist eine andere Sprache notwendig. Und das ist das, was ich Ihnen
jetzt in diesen Vortragen hier geben mochte. Ich mochte Ihnen zeigen,
wie man heute nun wiederum iiber die Fragen zu denken hat, nament-
lich, wenn man jung ist und man noch mitwirken kann an dem, was
sich einmal in den nachsten Zeiten gestalten muB.
So kann man auf der einen Seite eine Zeit charakterisieren, das
19.Jahrhundert, in weltgeschichtlichen, wirtschaftlichen Gegensatzen.
Man konnte aber auch weiter zuriickgehen und man umfaBt dann die
Zeit, in der die Menschen angefangen haben iiber Nationalokonomie
zu denken. Sie konnen, wenn Sie die Geschichte der National-
okonomie nehmen, sehen: fruher ging alles instinktiv. Eigentlich
kommt erst in der neueren Zeit jene Kompliziertheit des Wirtschafts-
lebens herauf, in der man es fur notwendig fuhlt, iiber die Dinge zu
denken.
Nun spreche ich eben eigentlich fur Studenten, spreche eigentlich
so, wie Studenten sich hineinfinden sollen in die Nationalokonomie.
Deshalb mochte ich jetzt das Wesentlichste, worauf es heute an-
kommt, sagen. Die Zeit, in der man iiber Nationalokonomie nach-
denken sollte, war schon die Zeit, wo man nicht mehr die Gedanken
hatte, um solch ein Gebiet zu umfassen, wie das volkswirtschaftliche
Gebiet es ist. Man hatte einfach nicht mehr die Ideen dazu. Ich will
Ihnen durch Heranziehen eines Beispieles aus der Naturwissenschaft
zeigen, daB das so ist.
Die Sache ist so : Wir haben als Menschen unseren physischen Leib,
der schwer ist, wie andere physische Korper schwer sind. Er wird
schwerer nach einem Mittagsmahl sein, als er vor einem Mittagsmahl
ist. Man konnte ihn sogar abwiegen. Das heiBt, wir nehmen an der
allgemeinen Schwere teil. Aber mit dieser Schwere, die die Eigen-
schaft alles ponderablen Stofflkhen ist, konnten wir im menschlichen
Leibe nicht viel anfangen; wir konnten hochstens als Automaten in
der Welt herumgehen, nicht aber als bewuBte Wesen. Ich habe es
schon ofter gesagt, was man braucht, urn sich Begriffe zu bilden, die
einen Wert haben, habe ofter gesagt, was notwendig ist fur den Men-
schen zum Denken. Das menschliche Gehirn ist ungefahr 1400 Gramm
schwer, wenn man es fur sich wiegt. Wenn Sie diese 1400 Gramm auf
die Adern driicken lassen, die da an der Schadeldecke unten sind,
dann quetscht es diese tot. Sie konnten keinen Augenblick leben,
wenn das menschliche Gehirn so ware, daB es mit seinen ganzen
Tafei i* 1400 Gramm daraufdriickte. Es ist schon ein Gliick fur den Menschen,
daB das archimedische Prinzip besteht, daB jeder Korper im Wasser
so viel an Gewicht verliert, als das Gewicht der Fliissigkeit betragt,
die er verdrangt. Wenn Sie also im Wasser einen schweren Korper
haben, so verliert dieser ebensoviel von seinem Gewicht, als ein gleich
groBer Wasserkorper schwer ist. Das Gehirn schwimmt im Gehirn-
wasser und verliert dabei 1380 Gramm; denn so viel ist das Gewicht
des Wasserkorpers, der gleich groB ist wie das menschliche Gehirn.
Das Gehirn driickt nur mit 20 Gramm auf die Grundlage, und das
kann diese Grundlage ertragen. Aber wenn wir uns jetzt fragen : Wozu
ist denn das? - dann miissen wir sagen: Mit einem Gehirn, das bloB
ponderable Masse ist, konnten wir nicht denken. Wir denken nicht
mit dem, was schwerer Stoff ist, sondern wir denken mit dem Auftrieb.
Der Stoff muB erst seine Schwere verlieren, dann konnen wir denken.
Wir denken mit dem, was wegfliegt von der Erde.
Wir sind uns aber im ganzen Korper bewuBt. Wodurch werden wir
uns denn in unserem ganzen Korper bewuBt? In unserem ganzen
Korper sind fiinfundzwanzig Billionen roter Blutkorperchen. Diese
fiinfundzwanzig Billionen roter Blutkorperchen sind sehr klein; sie
sind aber doch schwer, sind dadurch schwer, daB sie Eisen enthalten.
Jedes dieser fiinfundzwanzig Billionen roter Blutkorperchen schwimmt,
schwimmt im Blutserum und verliert so viel an Gewicht, als es ver-
drangt an Fliissigkeit. So daB wiederum in jedem einzelnen Blut-
korperchen ein Auftrieb erzeugt wird, fiinfundzwanzig Billionen Mai
also erzeugt wird. In unserem ganzen Korper sind wir bewuBt durch
16
* Zu den Tafeln siehe S. 216.
das, was heraufstoBt. So daB wir sagen konnen: Wenn wir Nahrungs-
mittel zu uns nehmen, so miissen diese zuerst zum groBen Teil ent-
schwert werden, umgewandelt werden, damit sie uns dienen konnen.
Das ist die Anforderung des Organismus.
So zu denken und das als etwas MaBgebendes anzusehen, hat man
verlernt in der Zeit, wo es notwendig geworden ist, nationalokono-
misch zu denken. Von da ab rechnete man nur mit den ponderablen
Stoffen, dachte man nicht daran, welche Umwandlung zum Beispiel in
einem Organismus ein Stoffhinsichtlich seiner Schwere erfahrt, indem
er einen Auftrieb hat.
Aber noch etwas anderes. Wenn Sie sich an Ihre physikalischen
Studien heute noch erinnern, so werden Sie ja wissen, man redet in der
Physik vom Spektrum. Man erzeugt durch das Prisma dieses Farben-
band : Rot, Orange, Gelb, Griin, Blau, Indigo, Violett. So weit, vom
Roten bis zum Violetten, erscheint das Spektrum beleuchtet. Sie
wissen aber, daB angenommen werden vor dem Gebiet, das Licht-
wirkungen hat, die sogenannten ultraroten Strahlen und jenseits des Tafel 1
Violetten die ultravioletten Strahlen. Wenn also einer bloB vom Licht
redet, so umfaBt er nicht das Ganze dieser Erscheinung; er muB davon
reden, wie das Licht nach zwei Seiten hin polarisch umgeandert wird ;
er muB davon reden, daB auBerhalb des Rot das Licht in die Warme
hinein versinkt und auBerhalb des Violett in die chemischenWirkungen
und eigentlich verschwindet als Licht. Wenn also einer eine bloBe
Lichtlehre gibt, so gibt er einen bloBen Ausschnitt; wir geben aber
noch dazu eine falsche Lichtlehre. In derselben Zeit, in der man hatte
anfangen sollen, iiber Nationalokonomie zu denken, war die Physik,
das physikalische Denken in einem solchen Zustand, daB eine falsche
Lichtlehre herausgekommen ist.
Dieses habe ich Ihnen angefiihrt aus dem Grunde, weil hier eine
giiltige Analogie besteht. Bitte, betrachten Sie die - nun nicht Volks-
wirtschaft, sondern die Spatzenwirtschaft oder Schwalbenwirtschaft!
Das ist ja auch eine Art von Wirtschaft; aber diese Wirtschaft im Tier-
reich, die reicht nicht weit in das Menschenreich herauf. Beim Hamster
konnen wir ja sogar von einem Tierkapitalismus reden. Das Wesent-
liche der Tierwirtschaft besteht darin, daB die Natur die Produkte dar-
bietet und sich das Tier als Einzelwesen diese nimmt. Der Mensch
ragt schon noch hinein in diese tierische Wirtschaft, aber er muB
heraus aus ihr.
Diejenige Wirtschaft, von der man zunachst eigentlich als einer
menschlichen Wirtschaft reden kann, ist zu vergleichen mit dem, was
im Spektrum als Licht sichtbar ist, wahrend wir das, was noch in die
Natur hineinragt, vergleichen miissen mit dem, was ins Ultrarote
hineinragt. Da ragen wir hinein zum Beispiel in das Gebiet der Land-
wirtschaft, ragen hinein in das Gebiet der wirtschaftlichen Geographie
und so weiter. Die Wirtschaftslehre konnen wir nach dieser Richtung
nicht fest begrenzen. Die Wirtschaftslehre ragt hinein in ein Gebiet,
das auf ganz andere Weise erfaBt werden muB. Das auf der einen
Seite.
Auf der andern Seite aber ist man gerade unter unseren kompli-
zierteren Wirtschaftsverhaltnissen allmahlich dazu gekommen, daB
eigentlich wiederum das wirtschaftliche Denken dem Menschen ent-
fallt. Geradeso wie das Licht aufhort, gegen das Ultraviolette hinein
als Licht zu erscheinen, so hort das menschliche Wirken im Wirt-
schaften auf, rein wirtschaftlich zu sein, Ich habe das ofters charakte-
risiert, wie sich das zugetragen hat, Diese Erscheinung beginnt eigent-
lich erst im 19.Jahrhundert. Bis dorthin ist das Wirtschaftsleben noch
ziemlich abhangig von der einzelnen menschlichen Tuchtigkeit. Eine
Bank gedieh, wenn ein einzelner an der Bank tuchtig war. Die einzelnen
bedeuteten noch etwas. Ich habe ofters das niedliche Beispiel erzahlt,
wie einmal zu Rothschild gekommen ist ein abgesandter Minister des
Konigs von Frankreich. Er wollte dort einen Pump anlegen. Roth-
schild verhandelte gerade mit einem Lederhandler und sagte, als ihm
gemeldet wurde der Abgesandte des Konigs von Frankreich : Nun, er
solle ein biBchen warten. - Nun war der Mann furchtbar bedriickt. Er
solle warten, drinnen ist ein Lederhandler! Als der Diener herauskam
und das sagte, glaubte er es ihm gar nicht. Ja, sagen Sie drinnen dem
Herrn Rothschild, daB ich als Abgesandter des Konigs von Frankreich
komme ! - Der Diener brachte die Antwort : Ja, Sie sollen warten. -
Da springt er hinein und sagt : Ich bin der Abgesandte des Konigs von
Frankreich. - Rothschild antwortet : Bitte, setzen Sie sich, nehmen Sie
sich einen Stuhl ! - Ja, ich bin der Abgesandte des Konigs von Frank-
reich ! - Bitte, nehmen Sie sich zwei Stuhle !
Ja, es war das, was damals geschah im Wirtschaftsleben, bewuBt in
die menschliche Personlichkeit gestellt. Aber es ist anders geworden.
Es ist so geworden, daft heute von der einzelnen Personlichkeit im
GroBen des Wirtschaftslebens ungemein wenig abhangt. Das mensch-
liche wirtschaftliche Wirken ist schon sehr stark hineingegangen in
dieses, was ich vergleichen mochte mit dem Ultraviolett. Und das ist
dasjenige, was als Kapital als solches arbeitet. Die Kapitalmassen
arbeiten als solche. Es liegt iiber dem wirtschaftlichen ein ultrawirt-
schaftliches Leben, was im wesentlichen bedingt ist von der Eigen-
kraft der Kapitalmassen, so daB wir sagen miissen: Wollen wir heute
wirklich das wirtschaftliche Leben begreifen, so miissen wir es so an-
sehen, daB es in der Mitte liegt zwischen zwei Gebieten, wovon das
eine in die Natur hinunter und das andere in das Kapital hinauf fuhrt.
Und dazwischen liegt das, was wir als das eigentliche wirtschaftliche
Leben zu erfassen haben.
Aber daraus geht ja hervor, daB man nicht einmal den Begriff hatte,
urn die Wirtschaftslehre selbst richtig einzugrenzen, fichtig hinein-
zustellen in das gesamte Wissen. Denn wir werden es sehen : kurioser-
weise ist nur dieses Gebiet, was noch nicht in das Wirtschaften eigent-
lich hineingeht, was sich mit dem Ultraroten vergleichen laBt, nur
dieses ist mit dem menschlichen Verstand zu fassen. Man kann nach-
denken wie iiber andere Prozesse: Wie man Hafer baut, wie man
Gerste baut und so weiter, wie man die Rohprodukte am besten zutage
fordert im Bergbau. Man kann im Grunde genommen nur iiber dieses
mit dem Verstand richtig denken, den man gewohnt worden ist in der
Wissenschaft der neueren Zeit anzuwenden.
Das ist von einer immensen Bedeutung ! Denn denken Sie nur doch
zuriick an das, was ich gegeben habe als den Begriff, den man braucht
in der Wissenschaft. Wir genieBen als Nahrungsmittel schwere Stoffe.
DaB sie uns dienen konnen, beruht darauf, daB sie fortwahrend ihr
Gewicht verlieren in uns, daB sie sich also total umandern. Das geht
aber so weit, daB sie sich in jedem Organ anders umandern. In der
Leber ist eine andere Umanderung als im Gehirn oder in der Lunge.
Der Organismus ist differenziert und die Verhaltnisse werden fur
jeden StofF in jedem Organ anders. Wir haben eine fortwahrende
Anderung der Qualitat in der Anderung der Organe.
So ist es ungefahr, wenn wir reden innerhalb eines volkswirtschaft-
lichen Ganzen, sagen wir von dem Wert einer Ware. Geradeso wie es
Unsinn ist, irgendeinen Stoff, sagen wir als Kohlenstoff zu definieren
und dann zu fragen: Wie benimmt er sich im menschlichen Korper? -
der Kohlenstoff wird bis auf seine Ponderabilitat etwas ganz anderes,
als er da oder dort in der AuBenwelt ist - ebensowenig kann man nach
dem Wert einer Ware fragen. Dieser. ist ein anderer, ob die Ware in
einem Laden liegt oder ob sie da- oder dorthin transportiert ist.
Die Ideen der Volkswirtschaft miissen ganz beweglkh sein. Wir
miissen uns abgewohnen, solche BegrifTe zu konstruieren, die man
definieren kann. Es muB uns klar sein, daB wir es mk einem lebendigen
ProzeB zu tun haben und daB wir die Begriffe im lebendigen ProzeB
umformen miissen. Nun versuchte man aber gerade, Wert, Preis, Pro-
duktion, Konsumtion und so weiter mit den Ideen zu erfassen, die
man hatte. Aber die taugten nichts. Daher haben wir im Grunde eine
Volkswirtschaftslehre nicht erringen konnen. Wir konnen nicht mit
den Begriffen, die wir gewohnt worden sind, zum Beispiel die Frage :
Was ist Wert, was ist Preis? - beantworten; denn wir miissen das, was
Wert hat, fortwahrend in Zirkulation betrachten, wir miissen den
Preis, der einem Wert entspricht, in fortwahrender Zirkulation be-
trachten. Und sehen Sie, wenn Sie fragen nach der einfachen physika-
lischen Eigenschaft des KohlenstorTes, so werden Sie gar nichts wissen
von dem, was zum Beispiel in der Lunge vorgeht, obwohl er auch in
der Lunge ist, weil die ganze Konfiguration eben etwas ganz anderes
wird in der Lunge. So ist das Eisen, wenn Sie es im Bergwerk finden,
etwas ganz anderes als im volkswirtschaftlichen ProzeB. Die Volks-
wirtschaft geht auf etwas ganz anderes, als daB es Eisen «ist». Aber
mit solch labilen Faktoren muB gerechnet werden.
Ich kam einmal in eine Familie vor etwa fiinfundvierzig Jahren. Da
zeigte man mir ein Bild. Das Bild, das lag, ich glaube, dreiBig Jahre
auf dem Boden. Solange es da gelegen hat und kein Mensch da war,
der etwas anderes von dem Bild gewuBt hat, als daB es so etwas ist,
das in eine Ecke geschmissen worden ist, war es im volkswirtschaft-
lichen ProzeB nichts wert; als man aber erkannt hat, daB es wertvoll
ist, war es dreiBigtausend Gulden wert - und dreiBigtausend Gulden
waren damals viel. Wovon hing der Wert dazumal ab? Lediglich von
dem, was fur eine Ansicht man von dem Bilde gewann. Das Bild war
nicht von seinem Orte weggebracht worden ; nur die Menschen haben
andere Gedanken dariiber gekriegt. So kommt es bei nichts darauf an,
was es «ist» unmittelbar. Und gerade die volkswirtschaftlichen Be-
griffe konnen Sie nie in Anlehnung an die auBere Realitat entwickeln,
sondern Sie miissen sie immer in Anlehnung an den volkswirtschaft-
lichen ProzeB entwickeln. Und innerhalb eines Prozesses andert sich
ein Ding fortwahrend. Man muB also sprechen von der volkswirt-
schaftlichen Zirkulation, bevor man auf solche Dinge kommt, wie
Wert, Preis und so weiter. Nun sehen Sie in Volkswirtschaftslehren
von heute, daB man mit Definitionen von Wert und Preis beginnt. Das
erste ist aber die Darstellung des volkswirtschaftlichen Prozesses;
dann erst ergeben sich die Dinge, mit denen man heute die Sache
anfangt.
Und nun, im Jahre 1919 konnte man denken, weil alles im Grunde
genommen zerstort war, daB die Leute gesehen haben wiirden, daB
man mit etwas Frischem anfangen muB. Nun, es war nicht der Fall.
Die geringe Anzahl von Menschen, die dazumal daran glaubten, daB
man neu anfangen muB, sind auch sehr bald in die Bequemlichkeit
verfallen: Man kann ja doch nichts machen. - Mittlerweile trat die
groBe Kalamitat ein, die Valutaentwertung in den ostlichen und
mittleren Gegenden, und damit eine vollstandige Umwalzung der
Menschenschichtung; denn mit jeder weiterenEntwertung muB selbst-
verstandlich derjenige, der von dem lebt, was mit Ultraviolett ver-
glichen worden ist, verarmen. Und das geschieht auch, vielleicht mehr,
als man es heute schon bemerkt. Das wird vollstandig geschehen.
Daher wird man vor alien Dingen hier gewiesen an den BegrifT des
sozialen Organismus, aus dem Grunde, weil sich ja zeigt, daB die
Valutaentwertung durch die alte Staatsbegrenzung bestimmt wird.
Die alte Staatsbegrenzung greift also ein in den volkswirtschaftlichen
ProzeB. Diesen muB man begreifen, aber man muB erst den sozialen
Tafel 1
Organismus verstehen. Aber all die Nationalokonomien, von Adam
Smith angefangen bis herauf zu den neuesten, rechnen eigentlich mit
kleinen Gebieten als sozialen Organismen. Sie beachten da nicht ein-
mal, daB, wenn man schon eine bloBe Analogie wahlt, diese stimmen
muB. Die Menschen beachten gar nicht, daB sie stimmen muB. Haben
Sie schon einen wirklichen ausgewachsenen Organis-
mus gesehen, der so ist: Hier ist zum Beispiel ein
Mensch, hier ist der zweite Mensch, hier ist der dritte
Mensch und so weiter. Es waren niedlicheMenschen-
organismen, die in solcher Weise aneinanderkleben
wiirden; das gibt es doch bei ausgewachsenen Orga-
nismen nicht. Das ist aber doch bei den Staaten der
Fall. Organismen brauchen die Leere um sich herum
bis zu dem anderen Organismus. Das, womit Sie die
einzelnen Staaten vergleichen konnen, sind hochstens
die Zellen des Organismus, und Sie konnen nur
die ganze Erde als Wirtschaftskorper mit einem Organismus ver-
gleichen. Das muBte beachtet werden. Das ist mit Handen zu greifen,
seit wir Weltwirtschaft haben, daB wir die einzelnen Staaten nur mit
Zellen vergleichen konnen. Die ganze Erde, als Wirtschaftsorganis-
mus gedacht, ist der soziale Organismus.
Das wird nirgends ins Auge gefaBt. Denn die gesamte Volkswirt-
schaftslehre ist gerade dadurch hineingewachsen in etwas, was nicht
der Wirklichkeit entspricht, weil man Prinzipien aufstellen will, die
fur eine einzelne Zelle gelten sollen. Daher finden Sie, wenn Sie die
franzosische Volkswirtschaftslehre studieren, eine andere Konstitu-
tion, als wenn Sie die englische, die deutsche oder andere Volkswirt-
schaftslehren studieren. Aber als Volkswirtschafter brauchen wir
schon ein Verstandnis fur den gesamten sozialen Organismus.
Und das wollte ich Ihnen heute als Einleitung sagen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:340 Seite:22
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 25.Juli 1922
Es werden die ersten BegrifFe, Anschauungen, die wir zu entwickeln
haben gerade auf volkswirtschaftlichem Gebiete, etwas kompliziert
sein miissen, und das aus einem ganz sachlichen Grunde. Sie miissen
sich vorstellen, daB die Volkswirtschaft, auch wenn wir sie als Welt-
wirtschaft auffassen, in einer fortwahrenden Bewegung ist, daB, ich
mochte sagen, wie das Blut durch den Menschen, so die Giiter als
Waren auf alien moglichen Wegen durch den ganzen volkswirtschaft-
lichen Korper hindurchflieBen. Dabei haben wir dann als die wichtig-
sten Dinge innerhalb dieses volkswirtschaftlichen Prozesses aufzufas-
sen dasjenige, was sich abspielt zwischen Kauf und Verkauf. Wenig-
stens muB das fur die heutige Volkswirtschaft gelten. Was auch immer
sonst vorliegen mag - und wir werden ja die verschiedensten Impulse,
die im volkswirtschaftlichen Korper enthalten sind, zu besprechen
haben -, was aber auch immer vorliegen mag : die Volkswirtschaft als
solche kommt an den Menschen heran, wenn er irgend etwas zu ver-
kaufen oder zu kaufen hat. Was sich zwischen Kaufer und Verkaufer
abspielt, ist das, wonach schlieBHch alles instinktive Denken iiber die
Volkswirtschaft jedes naiven Menschen abzielt, gipfelt, und worauf
im Grunde genommen alles ankommt.
Nun, nehmen Sie nur einmal dasjenige, was da sich geltend macht,
wenn innerhalb der volkswirtschaftlichen Zirkulation Kauf und Ver-
kauf in Betracht kommen. Das, worauf es dem Menschen ankommt,
das ist der Preis irgendeiner Ware, irgendeines Gutes. Die Preisfrage
ist iiberhaupt zuletzt diejenige Frage, auf die die wichtigsten volks-
wirtschaftlichen Auseinandersetzungen hinauslaufen miissen; denn im
Preis gipfelt alles, was in der Volkswirtschaft eigentlich an Impulsen,
an Kraften tatig ist. Wir werden also gewissermaBen zuerst das Preis-
problem ins Auge zu fassen haben; aber das Preisproblem ist kein
auBerordentlich einfaches. Sie brauchen ja nur an den einfachsten Fall
zu denken : Wir haben an einem Orte, A, irgendeine Ware, die hat an
diesem Orte A einen bestimmten Preis ; sie wird dort nicht gekauft, sie
wird weitergefahren. Es muB angestrebt werden, daB dann zu dem
Preis hinzukommt dasjenige, was notwendig war, an Frachtgut zu
bezahlen bis zum zweiten Orte, B. Der Preis andert sich wahrend der
Zirkulation. Das ist der einfachste, ich mochte sagen der platteste Fall.
Aber es gibt ja natiirlich viel kompliziertere Falle.
Nehmen Sie an, sagen wir, ein Haus in einer groBeren Stadt kostet
zu irgendeiner Zeit so und so viel. Nach fiinfzehn Jahren kostet das-
selbe Haus vielleicht sechs- oder achtmal so viel. Und dabei brauchen
wir gar nicht, indem wir von dieser Preiserhohung sprechen, daran zu
denken, daB etwa die Hauptsache in der Geldentwertung liege. Das
wollen wir gar nicht annehmen. Die Preiserhohung kann einfach darin
liegen, daB mittlerweile viele andere Hauser ringsherum gebaut wor-
den sind, in der Nahe andere Gebaude liegen, die den Wert des Hauses
besonders erhohen. Es kann durchaus in zehn, fiinfzehn anderen Um-
standen liegen, daB dieses Haus im Preis erhoht worden ist. Wir sind
niemals eigentlich in der Lage, im einzelnen Falle etwas Generelles zu
sagen, etwa zu sagen: Bei Hausern oder bei Eisenwaren oder bei
Getreide liegt vor die Moglichkeit, fur irgendeinen Ort eindeutig aus
irgendwelchen Bedingungen heraus den Preis zu bestimmen. - Wir
konnen zunachst eigentlich nicht einmal viel mehr sagen als: Wir
miissen beobachten, wie der Preis schwankt mit dem Ort, mit der
Zeit. - Und wir konnen einzelne von den Bedingungen vielleicht ver-
folgen, durch die an einem konkreten Orte der Preis sich gerade
herausstellt in der Weise, wie er ist. Aber eine allgemeine Definition,
wie der Preis sich irgendwie zusammensetzt, die kann es nicht geben,
die ist eigentlich unmoglich. Daher muB es immer wieder und wieder-
um iiberraschen, daB wir in gebrauchlichen nationalokonomischen
Werken so iiber den Preis gesprochen finden, als ob man den Preis
definieren konne. Man kann ihn nicht definieren; denn der Preis ist
iiberall ein konkreter, und mit jeder Definition hat man gerade bei
volkswirtschaftlichen Dingen eigentlich etwas gegeben, das nicht ein-
mal annahernd irgendwie an die Sache herankommt.
Ich habe zum Beispiel einmal den Fall erlebt: In einer Gegend sind
die Grundstiicke recht billig. Eine Gesellschaft hat in ihrer Mitte
einen ziemlich beriihmten Mann. Diese Gesellschaft kauft sich nun
samtlich die billigen Grundstiicke und veranlaBt dann den beriihmten
Mann, in dieser Gegend sich ein Haus zu bauen. Dann werden die
Grundstiicke ausgeboten. Sie sind um wesentlich teureres Geld aus-
zubieten, als sie gekauft worden sind, bloB dadurch, daB man den
beriihmten Mann veranlaBt hat, sich dort ein Haus hinzubauen.
Das sind Dinge, die Ihnen zeigen, von welchen unbestimmten Be-
dingungen der Preis einer Sache im volkswirtschaftlichen ProzeB ab-
hangt. Sie konnen nun natiirlich sagen: Ja, aber solchen Dingen muB
man steuern. - Bodenreformer und ahnliche Leute stemmen sich
gegen solche Dinge, wollen in einer gewissen Weise eine Art gerechten
Preises fur die Dinge feststellen durch allerlei MaBregeln. Das kann
man; aber volkswirtschaftlich gedacht, wird dadurch der Preis nicht
geandert. Man kann zum Beispiel, sagen wir, wenn so etwas geschieht
und dann die Grundstiicke teurer verkauft werden, man kann den
Leuten das Geld wiederum in Form einer hohen Grundsteuer ab-
nehmen. Dann steckt der Staat dasjenige, was abfallt, ein. Die Wirk-
lichkeit hat man aber damit doch nicht ergriffen. In Wirklichkeit ist die
Sache dennoch teurer geworden. Sie konnen also GegenmaBregeln
ergreifen, die kaschieren aber nur die Sache. Der Preis ist doch der-
jenige, der er geworden ware ohne diese MaBregeln, Man macht nur
eine Umlagerung; und volkswirtschaftlich gedacht ist das nicht, wenn
man dann sagt, die Grundstiicke sind nach zehn Jahren nicht teurer
geworden, wenn man durch MaBregeln die Sache kaschiert hat. Es
handelt sich darum, daB Volkswirtschaft mit beiden Beinen eben in
der Wirklichkeit stehen muB, und man in der Volkswirtschaft immer
nur sprechen kann von den Verhaltnissen, die gerade in einem Zeit-
alter und gerade dort sind, wo man spricht. DaB die Dinge anders
sein konnen, das wird sich natiirlich dann fur den ergeben, der den
Fortschritt der Menschheit will; aber zunachst miissen die Dinge in
ihrer augenblicklichen Wirklichkeit betrachtet werden. Daraus er-
sehen Sie, wie unmoglich es eigentlich ist, heranzugehen an so etwas,
wie an den allerwichtigsten Begriff in der Volkswirtschaft : den Preis,
und diesen Preis mit einem scharf konturierten Begriff erfassen zu
wollen. So kann man nicht in der Volkswirtschaftslehre zu etwas
kommen. Es miissen eben durchaus andere Wege eingeschlagen
werden. Der volkswirtschaftHche ProzeB selbst muB betrachtet
werden.
Trotzdem ist das Preisproblem das allerwichtigste, und wir miissen
auf dieses Preisproblem hinsteuern, miissen also den volkswirtschaft-
lichen ProzeB ins Auge fassen und versuchen, gewissermaBen zu er-
haschen den Punkt, wo irgendwo oder irgendwann der Preis sich aus
den volkswirtschaftlichen Untergriinden heraus fur irgendeine Sache
ergibt.
Wenn Sie nun die gebrauchlichen Volkswirtschaftslehren verfolgen,
so finden Sie gewohnlich dort drei Faktoren verzeichnet, durch deren
Ineinanderwirken die gesamte Volkswirtschaft sich abspielen soli. Sie
finden verzeichnet : die Natur, die menschliche Arbeit und das Kapital.
GewiB, man kann zunachst sagen : Wenn man den Volkswirtschafts-
prozeB verfolgt, so findet man im Verlaufe desselben dasjenige, was
von der Natur stammt, dasjenige, was durch menschliche Arbeit er-
reicht, und dasjenige, was unternommen wird oder geordnet wird
durch das Kapital. Aber wenn man so, ich mochte sagen, einfach
nebeneinander betrachtet Natur, Arbeit und Kapital, so wird man
nicht lebendig den volkswirtschaftlichen ProzeB erfassen. Man wird
gerade durch eine solche Betrachtung zu den mannigfaltigsten Ein-
seitigkeiten gefuhrt werden. Und das zeigt ja die Geschichte der Volks-
wirtschaftslehre. Wahrend die einen meinen, aller Wert liege in der
Natur und eigentlich kame kein besonderer Wert zu dem Stoffe der
Naturobjekte hinzu durch die menschliche Arbeit, sind andere der
Ansicht, daB eigentlich aller volkswirtschaftHche Wert aufgedriickt
wird irgendeinem Gut, einer Ware, durch die, wie man wohl auch
sagt, hineinkristallisierte Arbeit. Wiederum, in dem Augenblick, wo
Sie Kapital und Arbeit nebeneinanderstellen, werden Sie auf der einen
Seite finden, daB die Leute sagen, eigentlich ist es das Kapital, welches
die Arbeit einzig und allein moglich macht, und der Arbeitslohn
werde gezahlt aus der Kapitalmasse. Auf der anderen Seite wird ge-
sagt: Nein, alles dasjenige, was Werte produziert, das ist die Arbeit,
und das, was das Kapital erringt, ist nur der aus dem Arbeitsergebnis
abgezogene Mehrwert.
Die Sache ist so : Betrachtet man von dem einen Gesichtspunkt die
Dinge, so hat der eine recht; betrachtet man sie von dem anderen
Gesichtspunkt, so hat der andere recht. Es kommt einem eine solche
Betrachtung der Realitat gegeniiber eigentlich wirklich vor wie
manche Buchhaltung : Setzt man denPosten da hin, kommt das heraus ;
setzt man ihn dort hin, kommt das heraus und so weiter. Man kann
ganz gut mit sehr starken Scheingninden von Mehrwert sprechen, der
eigentlich dem Arbeitslohn abgezogen ist und den sich der Kapitalist
aneignet. Man kann mit ebenso guten Griinden davon sprechen, daB
eigentlich im volkswirtschaftlichen Zusammenhange dem Kapitalisten
alles gebiihrt und er nur aus dem, was er zum Arbeitslohn verwenden
kann, eben seine Arbeiter bezahlt. Fur beides gibt es sehr gute und
auch sehr schlechte Griinde. Alle diese Betrachtungen konnen namlich
eigentlich durchaus nicht an die volkswirtschaftliche Wirklichkeit
herankommen. Diese Betrachtungen sind gut als Grundlagen fur
Agitationen, aber sie sind durchaus nicht etwas irgendwie in der
ernsten Volkswirtschaftslehre in Betracht Kommendes. Andere Grund-
lagen miissen zuerst da sein, wenn man uberhaupt mit einem gewissen
Recht von einer Fortentwickelung des volkswirtschaftlichen Orga-
nismus sprechen will. Nun, naturlich, bis zu einem gewissen Grade
sind alle solche Aufstellungen schon berechtigt; und wenn Adam
Smith zum Beispiel in der Arbeit, die verwendet ist auf die Dinge, den
eigentlich wertbildenden Urfaktor sieht, so kann man eben auch dafiir
auBerordentlich gute Griinde vorbringen. Solch ein Mann wie Adam
Smith hat schon nicht unsinnig gedacht; aber dasjenige, was auch da
zugrunde liegt, ist, daB man immer meint, man konne irgend etwas,
was stillsteht, erfassen und dann eine Definition geben, wahrend im
volkswirtschaftlichen ProzeB alles fortwahrend in Bewegung ist. Es
ist verhaltnismaBig einfach, tiber Naturerscheinungen BegrifFe auf-
zustellen, selbst iiber die kompliziertesten, gegeniiber denjenigen An-
schauungen, die man braucht fiir eine Volkswirtschaftslehre. Un-
endlich viel komplizierter, labiler, variabler sind die Erscheinungen in
der Volkswirtschaft als die in der Natur, viel fluktuierender, viel
weniger zu erfassen mit irgendwelchen bestimmten Begriffen.
Man muB eben eine ganz andere Methode einschlagen. Diese Me-
thode wird Ihnen nur schwierig sein in den allerersten Stunden; Sie
werden aber sehen, daB sich daraus ergeben wird, was man einer wirk-
lichen Volkswirtschaftslehre zugrunde legen kann. Man kann sagen:
In diesen'volkswirtschaftlichen ProzeB, den man ins Auge zu fassen
hat, laufen ein Natur, menschliche Arbeit und - also zunachst, wenn
man auf das rein AuBere der Volkswirtschaft hinsieht - Kapital.
Zunachst !
Nun aber, wenn wir gleich auf das Mittlere schauen, auf die mensch-
liche Arbeit, versuchen wir uns eine Anschauung zu bilden dadurch,
daB wir einmal heruntergehen - ich habe schon gestern solche An-
deutungen gemacht - ins Feld des Tierischen und uns statt der Volks-
wirtschaft die Spatzenwirtschaft, die Schwalbenwirtschaft ansehen. Ja,
da ist die Natur die Grundlage fur die Wirtschaft. Der Spatz muB auch
eine Art von Arbeit verrichten. Er muB mindestens herumhiipfen und
dorthin hiipfen, wo er sein Kornlein findet, und er hat manchmal gar
sehr viel zu hiipfen im Tag, bis er sein Kornlein findet. Die Schwalbe,
die ihr Nest baut, muB auch eine Art Arbeit verrichten. Sie hat auch
damit sehr viel zu tun. Dennoch, im volkswirtschaftlichen Sinn kon-
nen wir das nicht Arbeit nennen. Wir kommen nicht weiter mit volks-
wirtschaftlichen Anschauungen, wenn wir das Arbeit nennen; denn,
sehen wir genauer zu, so miissen wir sagen: Der Spatz, die Schwalbe
sind eigentlich genau so organisiert, daB sie die Dinge, die sie ge-
wissermaBen, um ihr Futter zu finden, ausfiihren miissen, daB sie
gerade diese ausfiihren. Sie wiirden gar nicht gesund sein konnen,
wenn sie sich nicht in dieser Weise bewegen konnten. Es ist eine Fort-
setzung ihrer Organisation, die zu ihnen gehort, wie sie Beine haben
oder Fliigel haben. So daB wir in diesem Fall eigentlich durchaus von
dem, was man hier eine Scheinarbeit nennen konnte, absehen konnen,
wenn wir volkswirtschaftliche Begriffe aufbauen wollen. Wo die
Natur unmittelbar genommen wird und das einzelne Wesen, bloB um
sich oder die Allernachsten zu befriedigen, die entsprechenden Schein-
arbeiten ausfiihrt, da miissen wir diese Scheinarbeiten eigentlich dann
abziehen, wenn wir bestimmen wollen dasjenige, was im volkswirt-
schaftlichen Sinne Wert ist, ein Wert ist. Und darum handelt es sich
zunachst, daB wir uns nahern einer Anschauung iiber den volkswirt-
schaftlichen Wert.
Wenn wir also in der Tierwirtschaft Umschau halten, so konnen wir
nur sagen: Diese ist so, daB wertbildend fur sie lediglich die Natur
selber ist. Wertbildend ist fur die Tierwirtschaft lediglich die Natur
selber. Nun aber, in dem Augenblick, wo wir zum Menschen, das
heiBt zur Volkswirtschaft heraufkommen, haben wir allerdings von
der Naturseite her den Ausgangspunkt des Naturwertes ; aber in dem
Augenblick, wo Menschen nicht bloB fur sich oder ihre Allernachsten
sorgen, sondern fiireinander sorgen, kommt nun allerdings sofort das-
jenige in Betracht, was menschliche Arbeit ist. Auch dasjenige, was
der Mensch nun tun muB in dem Augenblick, wo er nicht bloB die
Naturprodukte fur sich verwendet, sondern wo er mit andern Men-
schen in irgendwelcher Beziehung steht und austauscht mit ihnen
Giiter, wird dasjenige, was er tut, der Natur gegeniiber zur Arbeit.
Und wir haben hier die eine Seite des Wertes in der Volkswirtschaft.
Diese eine Seite entsteht dadurch, daB auf Naturprodukte menschliche
Arbeit verwendet wird, und wir in der volkswirtschaftlichen Zirkula-
tion Naturprodukte umgeandert durch menschliche Arbeit vor uns
haben. Da entsteht eigentlich erst ein wirklicher volkswirtschaftlicher
Wert. Solange das Naturprodukt an seiner Fundstelle ist, unberiihrt,
solange hat es keinen anderen Wert als denjenigen, den es auch zum
Beispiel fur das Tier hat. In dem Augenblick, wo Sie den ersten Schritt
machen, das Naturprodukt hineinzufiigen in den volkswirtschaftlichen
ZirkulationsprozeB, beginnt durch das umgeanderte Naturprodukt
der volkswirtschaftliche Wert. In diesem Falle konnen wir diesen
volkswirtschaftlichen Wert dadurch charakterisieren, daB wir den Satz
aussprechen: Volkswirtschaftlicher Wert von dieser einen Seite ist
Naturprodukt, umgewandelt durch menschliche Arbeit. - Ob diese
menschliche Arbeit darinnen besteht, daB wir graben, daB wir hacken
oder daB wir das Naturprodukt von einem Ort zum anderen bringen,
das tut nichts zur Sache. Wenn wir zunachst die Wertbestimmung im
allgemeinen haben wollen, so miissen wir sagen: Wertbildend ist die
menschliche Arbeit, die ein Naturprodukt so verandert, daB es in den
volkswirtschaftlichen ZirkulationsprozeB iibergehen kann.
Wenn Sie das ins Auge fassen, dann werden Sie gleich haben das
ganz Fluktuierende des Wertes eines in der Volkswirtschaft zirkulie-
renden Gutes. Deno. die Arbeit ist ja etwas fortwahrend Vorhandenes,
die verwendet wird auf das volkswirtschaftlicheGut. So daBSie eigent-
lich gar nicht sagen konnen, was Wert ist, sondern nur sagen konnen :
Der Wert erscheint an einer bestimmten Stelle in einer bestimmten
Zeit, indem menschliche Arbeit ein Naturprodukt umwandelt. - Da
erscheint der Wert. Wir konnen und wollen den Wert zunachst gar
nicht definieren, sondern wollen nur hindeuten auf die Stelle, wo der
Wert erscheint. Das mochte ich Ihnen schematisch darstellen, mochte
es Ihnen so schematisch darstellen, daB ich Ihnen sage: Wir haben
gewissermaBen im Hintergrunde die Natur (siehe Zeichnung 2, links);
und wir haben an die Natur herankommend die menschliche Arbeit;
Tafel 2
Wert'1 Wert
Zeichnung 2
und dasjenige, was gleichsam durch das Ineinanderwirken von Natur
und menschlicher Arbeit erscheint, was da sichtbar wird, das ist von
der einen Seite her der Wert. Es ist durchaus kein falsches Bild, wenn
Sie sich zum Beispiel sagen: Sie schauen sich eine schwarze Flache,
irgend etwas Schwarzes an durch irgend etwas Helles - Sie sehen es
blau. Aber je nachdem das Helle dick oder diinn ist, ist es verschieden
blau, Je nachdem Sie es verschieben, ist es verschieden dicht. Es
ist fluktuierend. So ist der Wert in der Volkswirtschaft, der eigentlich
nichts anderes 1st als die Erscheinung der Natur durch die menschliche
Arbeit hindurch, iiberall fluktuierend.
Wir gewinnen mit diesen Dingen zunachst nicht viel anderes als
einige abstrakte Hinweise; aber diese werden uns in den nachsten
Tagen orientierend sein, um die konkreten Dinge aufzusuchen. Nun,
Sie sind es ja gewohnt, man fangt doch in alien Wissenschaften an mit
demjenigen, was zunachst das allereinfachste ist. Sehen Sie, Arbeit an
sich hat eben gar keine Bestimmung im volkswirtschaftlichen Zu-
sammenhang. Denn, ob ein Mensch Holz hackt oder sich auf ein Rad
stellt, es gibt solche, weil er dick ist und immer von der einen Stufe zu
der anderen steigt - sie geht hinunter - und er sich dadurch dunner
macht: er kann dasselbe Quantum Arbeit leisten wie der, der Holz
hackt. Arbeit so betrachtet, wie sie zum Beispiel Marx betrachtet, daB
er sagt, man solle als Aquivalent suchen dasjenige, was aufgebraucht
wird durch die Arbeit am menschlichen Organismus, das ist ein
kolossaler Unsinn; denn aufgebraucht wird dasselbe, wenn der
Mensch da auf dem Rad hinauftanzt, wie wenn er Holz hackt. Es
kommt nicht darauf an im volkswirtschaftlichen Sinn, was am Men-
schen geschieht. Wir haben ja gesehen, daB die Volkswirtschaft an
Unvolkswirtschaftliches angrenzt. Rein volkswirtschaftlich betrachtet,
hat es keine Berechtigung, irgendwie darauf hinzuweisen, daB die
Arbeit - wenigstens zunachst, um den Begriff der Arbeit volkswirt-
schaftlich hinzustellen - den Menschen abniitzt. Es hat in einem
mittelbaren Sinn Bedeutung, weil man wiederum fur die Bediirfnisse
des Menschen sorgen muB. Wie Marx die Betrachtungen angestellt
hat, hat man es zu tun mit einem kolossalen Unsinn.
Nun, was ist da notwendig, um die Arbeit im volkswirtschaftlichen
ProzeB zu erfassen? Da ist notwendig, daB man ganz vom Menschen
zunachst absieht und hinsieht, wie sich in den volkswirtschaftlichen
ProzeB die Arbeit hineinstellt. Die Arbeit an einem solchen Rad stellt
sich gar nicht herein, die bleibt ganz am Menschen haften; das Holz-
hacken stellt sich hinein in den volkswirtschaftlichen ProzeB. Ganz
allein darauf kommt es an wie sich die Arbeit in den volkswirtschaft-
lichen ProzeB hineinstellt. Und hier handelt es sich eigentlich fur alles,
was in Betracht kommt, darum, daB die Natur iiberall verandert wird
durch die menschliche Arbeit. Und nur insofern, als die Natur ver-
andert wird durch die menschliche Arbeit, erzeugen wir volkswirt-
schaftliche Werte nach dieser einen Seite. Wenn wir 2um Beispiel,
sagen wir, es zu unserer leiblichen Gesundheit richtig finden, an der
Natur zu arbeiten und dazwischen drinnen immer einmal ein biBchen
herumzutanzen oder Eurythmie zu treiben, so kann das von einem
anderen Standpunkte aus beurteilt werden; aber dasjenige, was wir
dazwischen tun, darf nicht als volkswirtschaftliche Arbeit bezeichnet
werden und nicht fur irgendwie volkswirtschaftlich wertbildend an-
gesehen werden. Von anderer Seite aus kann es wertbildend sein; aber
wir miissen uns erst die reinlichen Begriffe bilden von den volkswirt-
schaftlichen Werten als solchen.
Nun gibt es aber noch eine ganz andere Moglichkeit, daB ein volks-
wirtschaftlicher Wert entsteht. Das ist diese, daB wir auf die Arbeit als
solche hinsehen und nun die Arbeit zunachst als etwas Gegebenes
nehmen. Dann ist ja, wie Sie eben jetzt gesehen haben, diese Arbeit
zunachst etwas volkswirtschaftlich ganz Neutrales, Irrelevantes. Sie
wird aber in jedem Fall volkswirtschaftlich werterzeugend, wenn wir
diese Arbeit durch den Geist, die Intelligenz des Menschen dirigieren-
ich muB da etwas anders sprechen als vorhin. Sie konnten selbst in den
extremsten Fallen denken, daB etwas, was sonst gar nicht Arbeit ist,
durch den Geist des Menschen in Arbeit umgewandelt wird. Wenn es
einem einfallt, wenn einer jenes Rad beniitzt, es in sein Zimmer stellt
und magerer werden will, so ist da kein volkswirtschaftlicher Wert
vorhanden. Wenn aber einer ein Seil herumzieht um das Rad und
dieses Seil irgendwie eingreift, um eine Maschine zu treiben, so haben
Sie durch den Geist dasjenige, was gar keine Arbeit ist, verwertet. Der
NebenefFekt ist der, daB der schon magerer wird; aber das, was hier
eigentlich das MaBgebende ist, ist, daB die Arbeit durch den Geist,
durch die Intelligenz, durch die Oberlegung, vielleicht auch durch die
Spekulation in eine gewisse Richtung gebracht wird, daB die Arbeiten
in gewisse Wechselwirkungen gebracht werden und so weiter. So daB
wir sagen konnen : Hier haben wir die zweite Seite des Wertbildenden
in der Volkswirtschaft. Da, wo die Arbeit im Hintergrunde steht und
der Geist vorne die Arbeit dirigiert, da scheint uns die Arbeit
durch den Geist durch und erzeugt wiederum volkswirtschaftlichen
Wert.
Wir werden schon sehen, daB diese beiden Seiten durchaus iiberall
vorhanden sind. Wenn ich das Schema hier so gezeichnet habe (siehe
Zeichnung 2, links), daB gerade der volkswirtschaftliche Wert er- Tafd 2
scheint, wenn wir durch die Arbeit hindurch die Natur erscheinend
haben, so miiBte ich das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, so
zeichnen, daB wir da hinten die Arbeit haben und da vorne zunachst
dasjenige, was geistig ist, was der Arbeit eine gewisse Modification
gibt (siehe Zeichnung 2, rechts).
Das sind im wesentlichen die zwei Pole des volkswirtschaftlichen
Prozesses. Sie finden keine anderen Arten, wie volkswirtschaftliche
Werte erzeugt werden: entweder wird die Natur durch die Arbeit
modifiziert oder es wird die Arbeit durch den Geist modiflziert, wobei
der Geist im AuBeren vielfach in den Kapitalformationen sich darlebt,
so daB in bezug auf die Volkswirtschaft der Geist in der Konfiguration
der Kapitalien gesucht werden muB. Wenigstens sein auBerer Aus-
druck ist da. Doch das wird sich uns ergeben, wenn wir das Kapital als
solches und dann das Kapital als Geldmittel betrachten.
So sehen Sie ja, daB wir nicht sprechen konnen davon, daB eine
Definition des volkswirtschaftlichen Wertes sich ergeben kann. Denn
wiederum bedenken Sie nur, wovon das alles abhangt, von wieviel
dummen und gescheiten Leuten es abhangt, daB irgendwo vom Geiste
die Arbeit modifiziert wird. Da sind lauter fluktuierende Bedingungen
vorhanden. Aber dafiir gilt das, was anschauungsgemaB ist, immer:
daB auf diesen zwei polarischen Gegensatzen die wertbildenden Mo-
mente im volkswirtschaftlichen ProzeB zu suchen sind.
Nun, wenn das der Fall ist, dann liegt das vor: Wenn wir irgendwo
drinnenstehen im volkswirtschaftlichen ProzeB, und der volkswirt-
schaftliche ProzeB, ich mochte sagen, irgendwo beim Kauf und Ver-
kauf sich abspielt, so haben wir im Kauf und Verkauf im wesentlichen
Wertaustausch, Austausch von Werten. Sie finden keinen anderen
Austausch als den von Werten. Eigentlich ist es falsch, wenn man von
Giiteraustausch spricht. Im volkswirtschaftlichen ProzeB ist das Gut,
ob es nun modifiziertes Naturprodukt ist oder modifizierte Arbeit, ein
Wert. Was getauscht wird, sind Werte. Darauf kommt es an. So daB
Sie sich also sagen miissen: Wenn irgendwo sich Kauf und Verkauf
abspielen, so werden Werte ausgetauscht. - Und dasjenige, was nun
herauskommt im volkswirtschaftlichen ProzeB, wenn Wert und Wert
gewissermaBen aufeinanderprallen, um sich auszutauschen, das ist der
Preis. Sie finden den Preis erscheinen niemals anders, als daB Wert an
Wert stoBt im volkswirtschaftlichen ProzeB. Daher kann man auch
uber den Preis gar nicht nachdenken, wenn man etwa an den Aus-
tausch von bloBen Giitern denkt. Wenn Sie einen Apfel um, ja, ich
weiB nicht, sagen wir funf Pfennige kaufen, dann konnen Sie ja sagen,
Sie tauschen ein Gut aus gegen ein anderes Gut, den Apfel gegen
funf Pfennige. Auf diese Weise kommen Sie aber nie zu einer volks-
wirtschaftlichen Betrachtung. Denn der Apfel ist irgendwo gepfliickt,
ist dann befordert worden, es ist vielleicht um ihn herum noch
manches andere geschehen. Das ist die Arbeit, die ihn modifiziert hat.
Sie haben es nicht zu tun mit dem Apfel, sondern mit dem von
Menschenarbeit veranderten Naturprodukt, das einen Wert darstellt.
Und man muB immer ausgehen vom Wert in der Volkswirtschaft.
Ebenso haben Sie es bei den funf Pfennigen mit einem Wert und nicht
mit einem Gut zu tun ; denn diese funf Pfennige sind doch wohl nur
das Zeichen dafur, daB vorhanden ist in dem Menschen, der sich den
Apfel kaufen muB, ein anderer Wert, den er eintauscht dafur.
Also, worauf es mir ankommt, ist das: daB wir heute zu der Ein-
sicht kommen, daB es falsch ist, in der Volkswirtschaft von Giitern zu
sprechen, daB wir sprechen miissen, als von dem Elementaren, von
Werten, und daB es falsch ist, den Preis anders erfassen zu wollen, auf
eine andere Art, als daB man das Spiel der Werte ins Auge faBt. Wert
gegen Wert gibt den Preis. Wenn schon der Wert etwas Fluktuierendes
ist, das man nicht definieren kann, dann ist ja, wenn Sie Wert gegen
Wert austauschen, gewissermaBen dasjenige, was im Austausch ent-
steht als Preis, das ist etwas Fluktuierendes im Quadrat.
Aus all diesen Dingen kann Ihnen aber folgen, daB es also ganz ver-
geblich ist, irgendwie erfassen zu wollen Werte und Preise, um in der
Volkswirtschaft auf festem Boden zu stehen und etwa gar in einen
volkswirtschaftlichen ProzeB eingreifen zu wollen. Dasjenige, was da
in Betracht kommt, muB etwas ganz anderes sein. Das muB dahinter-
liegen und es liegt ja auch dahinter. Das zeigt eine sehr einfache Be-
trachtung.
Denken Sie sich nur einmal : Die Natur erscheint uns durch mensch-
liche Arbeit. Wenn wir, sagen wir, Eisen an einem Ort gewinnen unter
auBerordentlich schwierigen Verhaltnissen, so ist das, was als Wert
herauskommt, durch menschliche Arbeit modifiziertes Naturobjekt.
Wenn an einer anderen Stelle Eisen unter leichteren Verhaltnissen
produziert werden soil, so ist die Sache diese, daB eventuell ein ganz
anderer Wert sich ergibt. Sie sehen also, daB man nicht am Wert die
Sache erfassen soli, sondern hinter dem Wert sie erfassen muB. Man
muB zu dem zuriickgehen, was den Wert bildet, und muB da allmahlich
vielleicht auf die konstanteren Verhaltnisse kommen, auf die man
dann einen unmittelbaren EinfluB haben kann. Denn in dem Augen-
blick, wo Sie den Wert in die volkswirtschaftliche Zirkulation ge-
bracht haben, da miissen Sie ihn im Sinne des volkswirtschaftlichen
Organismus fluktuieren lassen. Geradesowenig wie Sie, wenn Sie auf
die feinere Zusammensetzung des Blutkorperchens sehen, das anders
ist im Kopf und anders im Herz und anders in der Leber, wie Sie da
in der Hand haben zu sagen: Es ist darum zu tun, fur das Blut eine
Definition zu finden - darum kann es einem nicht zu tun sein, es kann
einem nur darum zu tun sein, welches die giinstigeren Nahrungsmittel
sind in diesem oder jenem Falle; ebenso kann es sich niemals darum
handeln, iiber den Wert und Preis herumzureden, sondern nur darum,
daB man zu den ersten Faktoren geht, zu demjenigen, was dann, wenn
es richtig formiert wird, eben den entsprechenden Preis herausbringt,
der dann schon von selber so wird.
Es ist ganz unmoglich, mit der volkswirtschaftlichen Betrachtung
stehenzubleiben im Gebiet von Wert- oder Preisdefinitionen, sondern
man muB uberall zuriickgehen zu demjenigen, was die Ausgangs-
punkte sind, also gewissermaBen zu demjenigen, woraus der volks-
wirtschaftliche ProzeB seine Nahrung auf der einen Seite zieht und
wodurch er auf der anderen Seite reguliert wird : also zu der Natur auf
der einen Seite, zu dem Geist auf der anderen.
Das ist die Schwierigkeit gewesen bei alien volkswirtschaftlichen
Theorien der neueren Zeit, daB man zunachst immer das fassen wollte,
was fluktuierend ist. Dadurch ergaben sich fur denjenigen, der die
Sache durchschaut, im Grunde genommen fast gar keine falschen
Definitionen, sondern lauter richtige. Man muB schon wirklich sehr
danebenhauen, wenn man sagt: Die Arbeit entspricht dem, was
wiederum ersetzt werden muB im menschlichen Organismus, sie ist
aufgebrauchter StorT. - Da muB man schon sehr danebenhauen und
die gewohnlichsten Dinge nicht sehen. Aber es handelt sich darum,
daB auch wirklich recht kluge Leute durchaus gestrauchelt sind beim
Ausbilden ihrer volkswirtschaftlichen Theorie daran, daB sie die
Dinge, die im FluB sind, in Ruhe haben beobachten wollen. Das kann
man den Naturdingen gegeniiber tun, muB es oftmals tun; aber da
geniigt es, in ganz anderer Weise das Ruhende zu beobachten. Wenn
wir die Bewegung betrachten, so sind wir nur dazu gekommen in der
Naturbetrachtung, sie aus kleinen Ruhen zusammengesetzt zu be-
trachten, die dann fortspringen. Indem wir integrieren, betrachten wir
auch die Bewegung als etwas, was sich aus Ruhen zusammensetzt.
Nach dem Muster solcher Erkenntnis kann man nicht den volks-
wirtschaftlichen ProzeB betrachten. So daB man sagen muB: Das-
jenige, worauf es ankommt, ist, zunachst anzufassen die Volkswirt-
schaftslehre bei der Art und Weise, wie auf der einen Seite erscheint
der Wert, indem die Natur durch die Arbeit verwandelt wird, die
Natur durch die Arbeit gesehen wird, auf der anderen Seite, wie der
Wert erscheint, indem die Arbeit durch den Geist gesehen wird. Und
diese beiden Entstehungen der Werte sind durchaus polarisch ver-
schieden, so wie im Spektrum der eine Pol, der helle Pol, der gelbe
Pol, von dem blauen, violetten Pol verschieden ist. So daB Sie schon
das Bild festhalten konnen: so wie auf der einen Seite die warmen
Farben erscheinen im Spektrum, so erscheint auf der einen Seite der
Naturwert, der sich mehr in der Rentenbildung zeigen wird, wenn wir
Natur durch Arbeit verwandelt wahrnehmen; auf der anderen Seite
erscheint uns mehr der Wert, der sich in Kapital umsetzt, wenn wir die
Arbeit durch den Geist verandert erblicken. Dann kann allerdings der
Preis entstehen, indem Werte des einen Poles mit Werten des anderen
Poles zusammenstoBen, oder indem Werte innerhalb eines Poles mit-
einander in Wechselwirkung treten. Aber jedesmal, wenn Preisbildung
iiberhaupt in Betracht kommt, dann ist es so, daB Wert mit Wert in
Wechselwirkung tritt. Das heiBt, wir miissen ganz absehen von alle-
dem, was sonst da ist, von dem StofFe selber, von alledem miissen wir
absehen und miissen zunachst sehen, wie Werte gebildet werden auf
der einen Seite und wie Werte gebildet werden auf der anderen Seite.
Dann werden wir zu dem Problem des Preises vordringen konnen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 26.Juli 1922
Wenn Sie ins Auge fassen, was gestern von mir gesagt worden ist, daB
es sich eigentlich in der Volkswirtschaft darum handelt, aufzufassen
das Fluktuierende, das in der Zirkulation der Werte liegt und in dem
Aufeinanderwirken der fluktuierenden Werte in der Preisbildung, so
werden Sie sich sagen: Es handelt sich zunachst darum, heraus-
zufinden, was die Volkswirtschaftslehre, die Volkswirtschaftswissen-
schaft eigentlich fur eine Form haben muB; denn das Fluktuierende
laBt sich ja nicht unmittelbar ergreifen. Es hat auch eigentlich keinen
rechten Sinn, unmittelbar das Fluktuierende betrachtend ergreifen zu
wollen; es hat nur einen Sinn, wenn man das Fluktuierende im Zu-
sammenhang betrachtet mit dem, was eigentlich darunter liegt.
Versinnlichen wir uns das einmal an einem Vergleich: Wir be-
niitzen fur gewisse Zwecke des Lebens, sagen wir, das Thermometer,
wir benutzen es, indem wir darauf ablesen die Temperaturgrade. Diese
Temperaturgrade, wir haben uns ja gewohnt, sie in einem gewissen
Sinn zu vergleichen. Wir schatzen ein, sagen wir, die zwanzig Grad
Warme an den fiinf Grad Warme und so weiter. Aber wir konnen ja
auch gewissermaBen Temperaturkurveri anlegen. Wir konnen zum
Beispiel die Temperaturen wahrend des Winters aufzeichnen, konnen
die steigenden Temperaturen wahrend des Sommers aufzeichnen, und
wir haben dann den fluktuierenden Stand des Thermometers. Aber
was da zugrunde liegt, das wird man ja doch erst gewahr werden,
wenn man auf die verschiedenen Bedingungen eingeht, die wahrend
des Winters einen tieferen Warmestand bedingen, wahrend des Som-
mers einen hoheren Warmestand bedingen, die in der einen Gegend
einen anderen Warmestand bedingen als in der anderen Gegend und
so weiter. Wir werden erst dann etwas Reales gewissermaBen in der
Hand haben, wenn wir die fluktuierenden Thermometerstande zuriick-
fiihren auf das Zugrundeliegende. Es ist eigentlich nur, man mochte
sagen, ein statistisches Vorgehen, wenn man die Thermometerstande
bloB notifiziert. Ebenso ist es eigentlich nicht viel mehr, wenn man
die Preise studiert fur sich, wenn man die Werte studiert und so
weiter. Einen Sinn wird das Ganze erst haben, wenn man dazu
kommt, Preise und Werte gewissermaBen so anzusehen wie Thermo-
meterstande, die auf etwas anderes hinweisen. Dadurch wird man erst
auf die Realien der Volkswirtschaft iiberhaupt kommen. Nun geht
aber daraus hervor, welche Form eigentlich die Volkswirtschaftslehre
wird haben miissen.
Sie wissen ja vielleicht, daB man einem alten Gebrauch gemaB die
Wis sens chaften einteilt in theoretische und praktische Wissenschaften.
Die Ethik zum Beispiel nennt man eine praktische Wissenschaft, die
Naturwissenschaft nennt man eine theoretische Wissenschaft. Die
Naturwissenschaft handelt davon, was ist; die Ethik davon, was sein
soli. Und diese Einteilung hat man ja seit altesten Zeiten gemacht : die
Wissenschaften des Seins und die Wissenschaften des Sollens. Wir
brauchen uns jetzt nur zur Begriffsbestimmung darauf einzulassen.
Aber wir konnen fragen: Ist die Volkswirtschaftswissenschaft eine
Seinswissenschaft, etwa so wie es Lu/o Brentano meint, oder ist die
Volkswirtschaftswissenschaft eine Sollwissenschaft, eine praktische
Wissenschaft? - Das wird die Frage sein.
Es ist ja zweifellos notwendig, daB man in der Volkswirtschaft
beobachtet, wenn man zu einem Wissen kommen will. Man wird so
beobachten miissen namlich, wie man Barometer- und Thermometer-
stande fur den Luft- und Warmezustand beobachtet. Danach ist die
Volkswirtschaftswissenschaft eine theoretische Wissenschaft. Aber mit
diesem ist nichts getan; sondern erst dann ist etwas getan, wenn man
unter dem EinfluB dieser theoretischen Erkenntnis nun handeln kann.
Ich will einen speziellen Fall anfiihren, der Ihnen zeigen wird, um
was es sich da handelt. Nehmen wir an, wir bemerken durch irgend-
welche Beobachtungen, die immer theoretischer Natur sind - alle
Beobachtungen sind theoretischer Natur, wenn sie nicht zum Handeln
fuhren -, wir beobachten irgendwo auf einem bestimmten Felde, daB
fur eine Warengattung der Preis bedenklich sinkt, so bedenklich sinkt,
daB das eine deutlich ausdriickbare Misere darstellt. Nun handelt es
sich darum, daB wir zunachst dieses wirkliche Sinken der Preise theore-
tisch beobachten. Da sind wir gewissermaBen erst bei der Notifizie-
rung des Thermometerstandes. Dann handelt es sich darum: Was tun,
wenn die Preise bedenklich sinken fur irgendeine Warengattung oder
ein Produkt? - Nun, wir werden diese Dinge noch genauer sehen;
zunachst mochte ich nur sagen, was da zu geschehen hat und von
wem, wenn die Preise irgendeiner Warengattung bedenklich sinken.
Da wird es sich darum handeln, daB wir eine MaBregel treffen, die
geeignet ist, diesem Sinken der Preise entgegenzuwirken. Es wird
vielleicht verschiedene solche MaBregeln geben. Aber eine von ihnen
wird die sein, daB wir etwas tun zum Beschleunigen des Umlaufs, des
Verkehrs, des Handels mit den betreffenden Waren. Eine von den
MaBregeln wird das sein - sie wird ja noch nicht geniigen; aber wir
wollen uns nicht darum kiimmern, ob das eine ausreichende oder
sogar ob es eine richtige MaBregel ist, aber darum wird es sich han-
deln, daB wir, wenn so die Preise sinken, so etwas tun, was den
Umsatz vermehren kann.
Wir miissen tatsachlich etwas vollbringen, was ahnlich ist der Be-
einflussung des Thermometerstandes : Wenn uns im Zimmer friert, so
werden wir nicht so an den Thermometerstand herangehen, daB wir
auf irgendeine geheimnisvolle Weise wollen die Thermometersaule in
die Lange Ziehen; wir werden uns gar nicht um das Thermometer-
sinken kiimmern, werden aber einheizen. In einer ganz anderen Ecke
greifen wir die Sache an. So handelt es sich auch in der Volkswirt-
schaft darum, daB wir mit dem Handeln an einer ganz anderen Ecke
angreifen. Da wird die Sache praktisch und wir miissen sagen: Volks-
wirtschaftswissenschaft ist beides, eine theoretische Wissenschaft und
eine praktische Wissenschaft. - Nur wird es sich darum handeln, wie
wir das Praktische mit dem Theoretischen zusammenbringen.
Nun, das ist zunachst die eine Seite der Form der Volkswirtschafts-
wissenschaft. Die andere Seite ist die, auf die ich schon vor vielen
Jahren aufmerksam gemacht habe, ohne daB eigentlich die Sache ver-
standen worden ist, namlich in einem Aufsatz, den ich schon im An-
fang des Jahrhunderts geschrieben habe, der damals den Titel trug:
«Theosophie und soziale Frage», der eigentlich nur eine Bedeutung
gehabt hatte, wenn er aufgegriffen worden ware von Praktikern, und
wenn man sich danach gerichtet hatte. Da er iiberhaupt ganz un-
beriicksichtigt geblieben ist, habe ich ihn nicht einmal zu Ende gefuhrt
und nicht weiter erscheinen lassen. Man muB ja hofTen, daB diese
Dinge immer mehr verstanden werden. Hoffentlich tragen diese Vor-
trage bei zu ihrem tieferen Verstandnis. Da miissen wir aber, wenn wir
verstehen wollen, eine kurze historische Betrachtung anstellen.
Wenn Sie im geschichtlichen Leben der Menschheit etwas zuriick-
gehen, dann werden Sie finden, daB eigentlich - ich habe schon im
ersten Vortrag darauf hingewiesen - in alteren Zeiten, bis sogar ins
15., 16. Jahrhundert herein, solche volkswirtschaftlichen Fragen, wie
wir sie heute haben, gar nicht vorhanden waren. Das volkswirtschaft-
liche Leben hat sich, sagen wir zum Beispiel im alten Orient, zum
groBten Teil instinktiv abgespielt, so abgespielt, daB gewisse soziale
Verhaltnisse unter den Menschen waren, die kastenbildend, klassen-
bildend waren und sich unter dem EinfluB desjenigen, was sich aus
diesen Verhaltnissen heraus an Beziehungen ergeben hat zwischen
Mensch und Mensch, auch, ich mochte sagen, instinktbildend er-
wiesen haben fur die Art und Weise, wie der einzelne Mensch in das
volkswirtschaftliche Leben einzugreifen hat. Da lagen ja zum groBen
Teil die Impulse des religiosen Lebens zugrunde, die in alteren Zeiten
durchaus auch noch so waren, daB sie zu gleicher Zeit auf die Rege-
lung, auf die Ordnung der Okonomie abzielten. Wenn Sie im orienta-
lischen Leben geschichtlich nachpriifen, so werden Sie sehen, daB
eigentlich nirgends eine strenge Grenze ist zwischen demjenigen, was
religios geboten wird, und demjenigen, was dann volkswirtschaftlich
ausgefuhrt werden soli. Die religiosen Gebote erstrecken sich vielfach
hinein in das wirtschaftliche Leben, so daB auch fur diese alteren
Zeiten die Arbeitsfrage, die Frage des sozialen Zirkulierens der
Arbeitswerte, gar nicht in Betracht kam. Die Arbeit wurde in ge-
wissem Sinne instinktiv verrichtet; und ob der eine mehr oder
weniger tat, das bildete eigentlich in der Zeit, die dem romischen
Leben voranging, keine erhebliche Frage, wenigstens keine erhebliche
offentliche Frage. Die Ausnahmen, die dabei vorhanden sind, kommen
gegeniiber dem allgemeinen Gang der Menschheitsentwickelung gar
nicht in Betracht. Wir finden noch bei Plato durchaus eine solche
soziale Ansicht, daB im Grunde genommen die Arbeit als etwas Selbst-
verstandliches hingenommen wird und eigentlich nur iiber das Soziale
nachgesonnen wird, was auBerhalb der Arbeit an ethischen, weisheits-
vollen Impulsen von Plato erschaut wurde.
Das wurde immer mehr und mehr anders, je weniger die unmittelbar
religiosen und ethischen Impulse auch volkswirtschaftliche Instinkte
ziichteten, je mehr gewissermaBen die religiosen und ethischen Im-
pulse bloB sich auf das moralische Leben beschrankten, bloBe Vor-
schriften wurden fur die Art und Weise, wie die Menschen fiireinander
fuhlen sollen, wie sie sich zu auBermenschlichen Machten verhalten
sollen und so weiter. Immer mehr und mehr entstand die An-
schauung, die Empfindung unter den Menschen, daB - wenn ich mich
bildlich ausdriicken darf - von der Kanzel herab nichts zu sagen ist
iiber die Art und Weise, wie man arbeken soil. Und damit wurde die
Arbeit, die Eingliederung der Arbeit in das soziale Leben eigentlich
erst eine Frage.
Nun ist diese Eingliederung der Arbeit in das soziale Leben histo-
risch nkht moglich ohne das Heraufkommen desjenigen, was das
Recht ist. So daB wir historisch gleichzeitig entstehen sehen die Be-
wertung der Arbeit fur den einzelnen Menschen und das Recht. Fur
sehr alte Zeiten der Menschheit konnen Sie eigentlich gar nicht in dem
Sinn, wie wir heute das Recht auffassen, vom Recht sprechen, sondern
Sie konnen erst dann vom Recht sprechen, wenn sich das Recht
sondert von dem Gebot. In altesten Zeiten ist das Gebot ein einheit-
liches. Es enthalt zu gleicher Zeit alles das, was rechtens ist. Dann
wird das Gebot immer mehr und mehr zuriickgezogen auf das bloB
seelische Leben, und das Recht macht sich geltend mit Bezug auf das
auBere Leben. Das verlauft wiederum innerhalb eines gewissen ge-
schichtlichen Zeitraums. Innerhalb dieses geschichtlichen Zeitraums
haben sich ganz bestimmte soziale Verhaltnisse herausgebildet. Es
wurde hier zu weit fiihren, das genauer zu beschreiben; aber es ist ein
interessantes Studium, gerade fur die ersten Jahrhunderte des Mittel-
alters zu studieren, wie sich auf der einen Seite die Rechtsverhaltnisse,
auf der anderen Seite die Arbeitsverhaltnisse heraussondern aus den reli-
giosen Organisationen, in denen sie friiher mehr oder weniger durchaus
drinnen waren - religiose Organisationen natiirlich im weiteren Sinne.
Nun hat das eine ganz bestimmte Folge. Solange die religiosen
Impulse fur das gesamte soziale Leben der Menschheit maBgebend
sind, solange schadet der Egoismus nichts. Das ist eine auBerordent-
lich wicbtige Sache fur das Verstandnis auch der sozialen, volkswirt-
schaftlichen Prozesse. Der Mensch mag noch so egoistisch sein: wenn
die religiose Organisation, wie sie zum Beispiel in bestimmten Ge-
bieten des alten Orients ganz strenge war, wenn die religiose Organi-
sation so ist, daB der Mensch trotz seines Egoismus sich eben in
fruchtbarer Weise hineingliedert in das soziale Leben, dann schadet
der Egoismus nichts ; aber er fangt an, im Volkerleben eine Rolle zu
spielen in dem Augenblick, wo das Recht und die Arbeit sich heraus-
sondern aus den anderen sozialen Impulsen, sozialen Stromungen.
Daher strebt, ich mochte sagen, unbewuBt der Menschheitsgeist in der
Zeit - wahrend Arbeit und Recht sich eben emanzipieren - danach,
fertigzuwerden mit dem menschlichen Egoismus, der sich nun regt
und der in einer gewissen Weise hineingegliedert werden muB in das
soziale Leben. Dieses Streben gipfelt dann einfach in der modernen
Demokratie, in dem Sinn fur Gleichheit der Menschen, dafiir, daB
jeder seinen EinfluB hat darauf, das Recht festzustellen und auch seine
Arbeit festzustellen.
Aber gleichzeitig mit diesem Gipfeln des emanzipierten Rechtes und
der emanzipierten Arbeit kommt noch etwas anderes herauf, was zwar
friiher wahrend der alteren Perioden der Menschheitsentwickelung
auch vorhanden war, was aber wegen der religios-sozialen Impulse
eine ganz andere Bedeutung hatte, was gerade fur unsere europaische
Zivilisation wahrend des Mittelalters nur in eingeschranktem MaBe
vorhanden war, was sich zur hochsten Kulmination entwickelte von
der Zeit an, in der eben Recht und Arbeit am meisten emanzipiert
waren - und das ist die Arbeitsteilung.
In den alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung hatte die
Arbeitsteilung deshalb keine besondere Bedeutung, weil ja eben auch
sie in die religiosen Impulse hineingestellt war und gewissermaBen
jeder an seinen Platz gestellt wurde, so daB sie also keine solche Be-
deutung hatte. Da aber, wo sich der Hang nach Demokratie verband
mit dem Streben nach Arbeitsteilung, da ring an - das ist erst herauf-
gekommen in den letzten Jahrhunderten und aufs hochste gestiegen
im 19. Jahrhundert -, da fing an die Arbeitsteilung eine ganz besondere
Bedeutung zu gewinnen; denn die Arbeitsteilung hat eine volkswirt-
schaftliche Konsequenz.
Diese Arbeitsteilung, deren Ursachen und Gang wir ja noch kennen-
lernen werden, fiihrt zuletzt dazu, wenn wir sie zunachst einfach
abstrakt zu Ende denken, so miissen wir sagen, sie fiihrt zuletzt dazu,
daB niemand dasjenige, was er erzeugt, fur sich selbst verwendet.
Volkswirtschaftlich gesprochen aber! Also, daB niemand dasjenige,
was er erzeugt - volkswirtschaftlich gesprochen -, fur sich selbst ver-
wendet! Was heiBt das? Nun, ich will es durch ein Beispiel erlautern.
Nehmen Sie an, ein Schneider verfertigt Kleider. Er muB selbst-
verstandlich bei der Arbeitsteilung fur andere Leute Kleider erzeugen.
Er konnte aber auch so sagen: Ich erzeuge fur die anderen Leute
Kleider, und meine eigenen Kleider erzeuge ich mir selber. Da wiirde
er also einen gewissen Teil seiner Arbeit darauf verwenden, seine
eigenen Kleider zu erzeugen, und die andere, weitaus groBere Arbeit,
die dann iibrigbleibt, die wiirde er dazu verwenden, fur die anderen
Menschen Kleider zu erzeugen. Nun, einfach, ich mochte sagen, banal
angesehen, konnte man sagen: Ja, es ist ja das Allernatiirlichste auch in
der Arbeitsteilung, daB der Schneider sich seine Kleider selber erzeugt
und fur die anderen Menschen dann eben als Schneider arbeitet. Wie
ist die Sache aber volkswirtschaftlich gesprochen? Volkswirtschaftlich
angeschaut, ist die Sache so: Dadurch, daB die Arbeitsteilung ge-
kommen ist, daB also nicht ein jeder Mensch fur alle seine einzelnen
Sachen Selbsterzeuger ist, dadurch, daB Arbeitsteilung gekommen ist,
daB immer einer fur den anderen arbeitet, dadurch stellt sich ja fur die
Produkte ein gewisser Wert ein und infolge des Wertes auch ein Preis.
Und jetzt entsteht die Frage: Wenn zum Beispiel durch die Arbeits-
teilung, die sich ja fortsetzt in der Zirkulation, im Umlauf der Pro-
dukte, wenn also durch diese in den Umlauf der Produkte hinein-
gelaufene Arbeitsteilung die Schneiderprodukte einen gewissen Wert
haben, haben dann die Produkte, die er erzeugt fur sich selbst, einen
gleichen volkswirtschaftlichen Wert, oder sind sie vielleicht billiger
oder teurer? Das ist die bedeutsamste Frage. Wenn er selbst sich seine
Kleider erzeugt, dann bleibt ja das weg, daB sie in die Zirkulation der
Produkte hineingehen. Dasjenige, was er fur sich selbst erzeugt,
nimmt nicht Anteil an der Verbilligung, die durch die Arbeitsteilung
hervorgerufen wird, ist also teurer. Wenn er auch nichts dafiir bezahlt,
ist es teurer. Es ist einfach aus dem Grunde teurer, well er in die Un-
moglichkeit versetzt ist, bei dem, was er fur sich selbst braucht, nur
so viel Arbeit aufzuwenden, wie er fur das braucht, was dann in die
Zirkulation iibergeht, dem Wert gegeniiber.
Nun, vielleicht ist notwendig, sich das etwas genauer zu iiberlegen;
aber die Sache ist schon so. Es ist so, daB alles dasjenige, was der
Selbsterzeugung dient, weil es nicht in die Zirkulation, der die Arbeits-
teilung zugrunde Hegt, eingeht, teurer ist als dasjenige, was in die
Arbeitsteilung hineingeht. So daft also, wenn die Arbeitsteilung in
ihrem Extrem gedacht wird, man sagen miiBte : MiiBte der Schneider
nur fur andere Menschen arbeiten, dann wiirde er die Preise erzielen
fur die Produkte seiner Arbeit, die eigentlich erzielt werden sollen.
Und er miiBte sich seinerseits seine Kleider kaufen bei einem anderen
Schneider, beziehungsweise er miiBte sie sich verschaffen in der Art,
wie man sie sich sonst verschafft, er miiBte sie sich dort kaufen, wo
Kleider verkauft werden,
Aber sehen Sie auf alles das hin, so werden Sie sich sagen miissen :
Die Arbeitsteilung tendiert dazu, daB iiberhaupt niemand mehr fur
sich selbst arbeitet; sondern das, was er erarbeitet, muB alles an die
anderen iibergehen. Das, was er braucht, muB ihm wiederum zuriick-
kommen von der Gesellschaft. Sie konnten ja eventuell einwenden:
Ja, es miiBte ja eigentlich ein Anzug fur den Schneider, wenn er ihn
bei dem anderen Schneider kauft, gerade so viel kosten, als wenn er
ihn selber fabriziert, weil ihn der andere nicht teurer und nicht billiger
machen wird. Wenn das der Fall ware, ware keine Arbeitsteilung da,
wenigstens keine vollstandige Arbeitsteilung, aus dem einfachen
Grunde, weil fur dieses Produkt des Kleidererzeugens nicht durch die
Teilung der Arbeit die groBte Konzentration der Arbeitsweise wiirde
aufgebracht werden konnen. Es ist ja nicht moglich, daB, wenn
Arbeitsteilung eintritt, eben nicht die Arbeitsteilung in die Zirkulation
iiberflieBt, so daB es also nicht moglich ist, daB der eine Schneider
beim andern kauft, sondern er muB beim Handler kaufen. Das aber
bringt einen ganz anderen Wert hervor. Er wird, wenn er seinen
eigenen Rock macht, den Rock bei sich kaufen; wenn er ihn kauft, so
wird er ihn beim Handler kaufen. Das macht den Unterschied. Und
wenn Arbeitsteilung im Zusammenhange mit Zirkulation verbilligt,
so kommt ihn sein Rock beim Handler billiger, als er ihn bei sich
selber machen kann.
Wollen wir das zunachst als etwas, was uns fuhrt zu der Form der
Volkswirtschaftslehre, ansehen; die Tatsachen miissen wir ja alle noch
einmal betrachten.
Das ist nun aber durchaus so, daft wir unmittelbar einsehen: Je
weiter die Arbeitsteilung vorriickt, desto mehr muB das kommen, daB
immer einer fur die anderen arbeitet, fur die unbestimmte Sozietat
arbeitet, niemals fur sich. Das heiBt aber mit anderen Worten: Indem
die moderne Arbeitsteilung heraufgekommen ist, ist die Volkswirt-
schaft in bezug auf das Wirtschaften darauf angewiesen, den Egoismus
mit Stumpf und Stiel auszurotten. Bitte, verstehen Sie das nicht
ethisch, sondern rein wirtschaftlich ! Wirtschaftlich ist der Egoismus
unmoglich. Man kann nichts fiir sich mehr tun, je mehr die Arbeits-
teilung vorschreitet, sondern man muB alles fiir die anderen tun.
Im Grunde genommen ist durch die auBeren Verhaltnisse der
Altruismus als Forderung schneller auf wirtschaftlichem Gebiet auf-
getreten, als er auf religios-ethischem Gebiet begrifFen worden ist.
Dafiir gibt es eine leicht erhaschbare historische Tatsache.
Das Wort Egoismus, das werden Sie als ein ziemlich altes finden,
wenn auch vielleicht nicht in der heutigen schroffen Bedeutung, aber
Sie werden es als ein ziemlich altes finden. Das Gegenteil davon, das
Wort Altruismus, das Denken an den anderen, ist eigentlich kaum
hundert Jahre alt, ist erst sehr spat als Wort erfunden worden, und
wir konnen daher sagen - wir wollen uns nicht auf diese AuBerlichkeit
zu stark stiitzen, aber eine historische Betrachtung wiirde das zeigen - :
Die ethische Betrachtung war noch lange nicht zu einer vollen Wurdi-
gung des Altruismus gekommen, da war schon die volkswirtschaft-
liche Wiirdigung des Altruismus durch die Arbeitsteilung da. - Und
betrachten wir jetzt diese Forderung des Altruismus als volkswirt-
schaftliche, dann haben wir das, ich mochte sagen, was weiter daraus
folgt, unmittelbar : Wir mussen den Weg finden in das moderne Volks-
wirtschaften, wie kein Mensch fur sich selber zu sorgen hat, sondern
nur fur die anderen, und wie auf diese Weise auch am besten fur
jeden einzelnen gesorgt ist. Das konnte als ein Idealismus genommen
werden; aber ich mache Sie noch einmal darauf aufmerksam: ich
spreche in diesem Vortrag weder idealistisch noch ethisch, sondern
volkswirtschaftlich. Und das, was ich jetzt gesagt habe, ist einfach
volkswirtschaftlich gemeint. Nicht ein Gott, nicht ein sittliches Ge-
setz, nicht ein Instinkt fordert im modernen wirtschaftlichen Leben
den Altruismus im Arbeiten, im Erzeugen der Giiter, sondern einfach
die moderne Arbeitsteilung. Also eine ganz volkswirtschaftliche Kate-
gorie fordert das.
Das ist ungefahr, was ich dazumal in jenem Aufsatz habe darstellen
wollen : daB unsere Volkswirtschaft mehr fordert von uns, als wir in
der neuesten Zeit ethisch-religios leisten konnen. Darauf beruhen viele
Kampfe. Studieren Sie einmal die Soziologie der Gegenwart. Sie
werden finden, daB die sozialen Kampfe zum groBen Teil darauf
zuruckzufiihren sind, daB beim Erweitern der Wirtschaft in die Welt-
wirtschaft die Notwendigkeit immer mehr und mehr aufgetreten ist,
altruistisch zu sein, altruistisch die verschiedenen sozialen Bestande
einzurichten, wahrend die Menschen in ihrem Denken eigentlich noch
gar nicht verstanden hatten, iiber den Egoismus hinauszukommen, und
daher immer hineinpfuschten in egoistischer Weise in dasjenige, was
eigentlich als eine Forderung da war.
Wir kommen nun erst zu der ganzen Bedeutung desjenigen, was ich
jetzt gesagt habe, wenn wir nicht bloB studieren die, ich mochte sagen,
platt daliegende Tatsache, sondern die kaschierte, die maskierte Tat-
sache. Diese kaschierte, maskierte Tatsache ist diese, daB wegen der
Diskrepanz der Menschheitsgesinnung der modernen Zeit zwischen
def Forderung der Volkswirtschaft und dem religios-ethischen Kon-
nen in einem groBen Teil der Volkswirtschaft praktisch darinnen ist
dieses, daB die Menschen sich selber versorgen, daB also unsere Volks-
wirtschaft selber widerspricht demjenigen, was eigentlich ihre eigene
Forderung ist durch die Arbeitsteilung. Auf die paar Selbstversorger
nach dem Muster dieses Schneiders, den ich angefiihrt habe, kommt es
nicht an. Einen Schneider, der sich selber seine Anziige fabriziert, den
werden wir erkennen als einen, der hineinmischt in die Arbeitsteilung,
was nicht hineingehort. Aber dieses ist offenbar. Und maskiert ist
innerhalb der modernen Volkswirtschaft also das, wo der Mensch
zwar durchaus nicht fur sich seine Produkte erzeugt, aber im Grunde
genommen mit dem Wert oder Preis dieser Produkte nichtsBesonderes
zu tun hat, sondern, abgesehen von dem volkswirtschaftlichen ProzeB,
in dem die Produkte drinnenstehen, bloB dasjenige, was er durch seine
Handarbeit leisten kann, als Wert in die Volkswirtschaft hinein-
zubringen hat. Im Grunde genommen ist jeder Lohnempfanger im
gewohnlichen Sinn heute noch ein Selbstversorger. Er ist derjenige,
der so viel hingibt, als er erwerben will, der gar nicht kann so viel an
den sozialen Organismus hingeben, als er hinzugeben in der Lage ist,
weil er nur so viel hingeben will, als er erwerben will. Denn Selbst-
versorgen heiBt, fur den Erwerb arbeiten; fur die anderen arbeiten
heiBt, aus der sozialen Notwendigkeit heraus arbeiten.
Insoweit die Arbeitsteilung ihre Forderung schon erfiillt bekommen
hat in der neueren Zeit, ist in der Tat Altruismus vorhanden : Arbeiten
fur die anderen ; insofern aber diese Forderung nicht erfiillt ist, ist der
alte Egoismus vorhanden, der eben einfach darauf beruht, daB der
Mensch sich selbst versorgen muB. Volkswirtschaftlicher Egoismus!
Man merkt das bei dem gewohnlichen Lohnempfanger aus dem
Grunde gewohnlich nicht, weil man gar nicht nachdenkt dariiber,
wofiir hier eigentlich Werte ausgetauscht werden. Dasjenige, was der
gewohnliche Lohnempfanger fabriziert, das hat ja gar nichts zu tun
mit der Bezahlung seiner Arbeit, hat gar nichts damit zu tun. Die Be-
zahlung, die Bewertung der Arbeit geht aus ganz anderen Faktoren
hervor, so daB er fur den Erwerb, fur die Selbstversorgung arbeitet.
Das ist kaschiert, maskiert, aber es ist der Fall.
So entsteht uns eine der ersten, wichtigsten volkswirtschaftlichen
Fragen : Wie bringen wir aus dem volkswirtschaftlichen ProzeB heraus
die Arbeit auf Erwerb? Wie stellen wir diejenigen, die heute noch bloB
Erwerbende sind, so in den volkswirtschaftlichen ProzeB hinein, daB
sie nicht Erwerbende, sondern aus der sozialen Notwendigkeit heraus
Arbeitende sind? Miissen wir das? Sicherlich! Denn wenn wir das
nicht tun, bekommen wir niemals wahre Preise heraus, sondern falsche
Preise. Wir miissen Preise und Werte herausbekommen, die nicht ab-
hangig sind von den Menschen, sondern von dem volkswirtschaft-
lichen ProzeB, die sich ergeben im Fluktuieren der Werte. Die Kar-
dinalfrage ist die Preisfrage.
Nun miissen wir den Preis so beobachten wie die Thermometer-
grade, dann konnen wir auf die anderen, zugrunde liegenden Be-
dingungen kommen. Nun, Thermometer beobachten kann man nur,
wenn man eine Art Nullgrad hat. Da geht man herauf und herunter.
Fur die Preise ergibt sich namlich auf ganz naturgemaBe Weise eine
Art Nullpunkt, es ergibt sich auf folgende Weise eine Art Nullpunkt.
Wir haben auf der einen Seite die Natur (siehe Zeichnung 2); sie
wird durch menschliche Arbeit verandert; dann kommen die ver-
anderten Naturprodukte zustande. Das ist das eine, wo Wert erzeugt
wird, Wert 1. Auf der anderen Seite haben wir die Arbeit. Sie wird Tafel 3*
durch den Geist verandert, und es entsteht der andere Wert, Wert 2.
Und ich habe Ihnen dann gesagt: In Wechselwirkung von Wert 1 und
Wert 2 entstehen die Preise. Wir werden immer weiterkommen im
Erfassen dieser volkswirtschaftlichen Anschauungen. Nun aber ver-
halten sich diese Werte hier - Wert 1 und Wert 2 - in der Tat polarisch.
Man kann schon sagen: Derjenige, der zum Beispiel innerhaib dieses
(siehe Zeichnung 2, rechts) Gebietes verdient, hauptsachlich innerhaib
dieses Gebietes verdient - ganz kann man es nicht, aber hauptsach-
lich -, wer hauptsachlich dadurch verdient, daB er Arbeiter ist in einer
Art, die vom Geist organisiert ist, der hat Interesse daran, daB die
Naturprodukte entwertet werden. Derjenige aber, der an der Natur
arbeitet, der hat Interesse daran, daB die anderen Produkte entwertet
werden. Und wenn dieses Interesse realer ProzeB wird, wie es in der
Tat ist - wenn das nicht so ware, so hatten die Landwirte ganz andere
Preise, und umgekehrt, wir haben auf beiden Seiten durchaus
kaschierte Preise -, so konnen wir in der Mitte drinnen, wo zwei sind,
zum Wirtschaften gehoren immer zwei, wo zwei sind, welche mog-
lichst wenig Interesse haben sowohl an der Natur wie an der Geistig-
keit oder dem Kapital, eine Art mittleren Preis moglicherweise be-
Die Zeichnung dec Tafel 3, die detjenigen der Tafel 2 entspcicht,
wurde nicht wiedereeceben.
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obachten. Wo ist das praktisch der Fall? Das ist praktisch der Fall,
wenn man beobachtet, wie ein reiner Zwischenhandler von einem
reinen Zwischenhandler kauft, wie beide gegenseitig voneinander
kaufen. Hier haben die Preise die Tendenz, ihren mittleren Wert an-
zunehmen. Wenn ein Zwischenhandler mit Schuhen kauft unter Ver-
haltnissen, die eben sich herausbilden, herausbilden eben auch in der
normalen - wir werden dieses Wort zu erklaren haben - Weise, wenn
ein Zwischenhandler mit Schuhen von einem Zwischenhandler mit
Kleidern kauft und umgekehrt, dann hat das, was sich da als Preis
herausstellt, die Tendenz, eine mittlere Preislage anzunehmen. Die
mittlere Preislage miissen wir nicht suchen bei den Interessen der
Produzenten, die auf der Naturseite stehen, und nicht bei den Inter-
essen derjenigen, die auf der geistigen Seite stehen, sondern wir
miissen dasjenige, was die mittleren Preise herausstellt, suchen beim
Zwischenhandler. Das hat nichts zu tun damit, ob man einen
Zwischenhandler mehr hat oder nicht. Der mittlere Preis hat die Ten-
denz, zu entstehen da, wo Zwischenhandler mit Zwischenhandler
kaufend und verkaufend verkehrt.
Das widerspricht dem andern nicht, denn im Grunde genommen,
sehen Sie sich die modernen Kapitalisten an: sie sind ja Handler. Der
Unternehmer ist eigentlich Handler. Er ist nebenbei seine Waren Er-
zeugender; aber volkswirtschaftlich ist er Handler. Der Handel hat
sich ausgebildet nach der Seite der Produktion. In der Hauptsache,
Tafel 3 wesentlich, ist der Unternehmer Handler. Das ist das Wichtige, so daB
in der Tat gerade die modernen Verhaltnisse darauf hinauslaufen, daB
das, was hier (siehe Zeichnung 2) in der Mitte sich als eine bestimmte
Tendenz ausbildet, daB das ausstrahlt nach der einen und nach der
anderen Seite. Nach der einen Seite werden Sie es leicht einsehen,
wenn Sie das Unternehmertum studieren; wie es sich nach der anderen
Seite ausnimmt, werden wir in den nachsten Tagen sehen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 40 Seite: 5 0
VIERTER VORTRAG
Dornach, 27. Juli 1922
Ich habe gestern ein etwas krasses, mochte ich sagen, Beispiel gewahlt
aus dem volkswktschaftlichen Leben, um daran etwas zu veranschau-
lichen. Und es scheint ja, als ob dieses etwas drastische Beispiel dem
einen oder dem anderen etwas Kopfzerbrechen gemacht hatte. Das ist
das Beispiel von dem Schneider, der weniger billig fur sich arbeitet,
wenn er seinen eigenen Anzug verfertigt - wenn er den Anzug fur
sich selbst verfertigt -, als wenn er sich, wahrend er sonst Anziige fur
die anderen fabriziert, seinen eigenen Anzug eben auch bei einem
Handler kauft. Nun, es ist ja furchtbar einfach, selbstverstandlich, mit
diesem krassen Beispiel nicht zurechtzukommen ; denn es ist ganz
natiirlich, daB man, wenn man so rechnet, sagt: Ja, der Handler kauft,
da er doch etwas profltieren muB, den Anzug billiger beim Schneider
ein, als er ihn verkauft; folglich muB dann selbstverstandlich der
Schneider fur seinen Anzug, wenn er ihn kauft, um den Profit des
Handlers mehr bezahlen, als er bei ihm selbst zu stehen kommt. Es
liegt so auf der flachen Hand, diesen Einwand zu machen, daB er ja
kommen muB; dennoch habe ich gerade dieses krasse Beispiel ge-
wahlt, um zu veranschaulichen, wie man notig hat, gegeniiber der
heutigen Volkswirtschaft eben nicht hauswirtschaftlich zu denken,
sondern eben volkswirtschaftlich - wie man notig hat, darauf zu
rechnen, was entsteht durch die Arbeitsteilung.
Es kommt ja nicht darauf an, daB der Schneider, sagen wir, un-
mittelbar nachdem er mit seinem Anzug fertig geworden ist, nun
gegeniiber der Tatsache, wenn er diesen Anzug nun verkaufte an
einen Handler und dann einen anderen Anzug wieder zuriickkaufte,
daB er da etwas verloren hat; sondern es kommt darauf an, ob, wenn
der Schneider nun nach einiger Zeit, nach irgendeiner Zeit, sagen
wir x, seine Rechnung macht, ob er nun, wenn er sich den eigenen
Anzug gemacht hat, wenn er sich den Anzug fur sich selbst gemacht
hat, ob er nun besser daran ist, oder ob er besser daran ist, wenn er es
unterlassen hat, diesen Anzug fur sich selbst zu machen.
Wenn namlich Arbeitsteilung wirkt, dann verbilligt sie die Pro-
dukte in der richtigen Weise; sie werden billiger durch die Arbeits-
teilung, billiger eben im ganzen volkswirtschaftlichen Zusammen-
hang. Und wenn man dann gegen die Arbeitsteilung arbeitet, so be-
wirkt man Preisdruck bei den entsprechenden Produkten. Der Preis-
druck wirkt aber im volkswirtschaftlichen ProzeB zuriick. Mit anderen
Worten: der Schneider wird zwar bei dem einzelnen Anzug billiger
zurechtkommen ; aber er wird um einen ganz kleinenPosten zunachst-
aber wenn es viele Schneider tun, so multipliziert sich das -, er wird
in einem gewissen Sinn auf die Preise der Kleider driicken. Die werden
billiger. Dann muB er die anderen auch billiger geben. Und es handelt
sich dann nur um die Zeit, nach der er nachschauen kann in der
Bilanz, wieviel er fur die anderen Kleider weniger eingenommen hat,
als er eingenommen hatte, wenn er nicht den Preis gedriickt hatte.
Es kommt nicht darauf an, ein wenig das hauswirtschaftliche Den-
ken einzumischen in die Sache. Ich habe auch nicht gemeint, daB der
Schneider nicht das Recht hatte oder den Geschmack haben konnte,
sich seinen Anzug selbst zu fabrizieren; aber er soil nur nicht meinen,
daB er dadurch billiger zurechtkomme, sondern er wird ihm teurer
zu stehen kommen. Er kommt ihm teurer zu stehen in seiner Gesamt-
bilanz nach einiger Zeit. Es macht allerdings insofern weniger aus fur
einen solchen krassen Fall, weil die Differenz, um die der Preis ge-
driickt wird, erst nach einer sehr langen Zeit hervortritt. Er muB sehr
viele andere Anziige machen, um die kleine Billigkeitsquote wirksam
zu machen. Aber drinnen wird sie einmal sein in seiner Gesamtbilanz.
Das ist dasjenige, was Ihnen zeigen soil, daB man durchaus nicht so,
ich mochte sagen, furchtbar nahe denken darf, wenn man einem volks-
wirtschaftlichen ProzeB gegenubersteht, der nun in einer unermeBlich
groBen Anzahl von ineinandergreifenden Faktoren besteht, so daB die
einzelne Erscheinung von einer unermeBlich groBen Anzahl von in-
einandergreifenden Faktoren bewirkt wird.
Sie kommen naturlich sofort in eine Kalamitat des volkswirtschaft-
lichen Denkens hinein, wenn Sie Ihre Gedanken nur an das an-
kniipfen, was, mochte ich sagen, in der Nachbarschaft der Wirt-
schaftenden liegt. Dadurch kommen Sie absolut nicht mit dem Be-
greifen des volkswirtschaftlichen Prozesses zurecht. Sie miissen die
Gesamtheit des sozialen Organismus ins Auge fassen lernen, und die
Gesamtheit angesehen, fiihrt zuletzt dazu, daB man genotigt ist,
solche krasse Beispiele, die eigentlich im Tag nicht, aber vielleicht im
Jahrzehnt sehr stark bemerkbar werden, anzufiihren.
Es handelt sich durchaus darum, daB man von solchen, ich mochte
sagen, halb absurden Beispielen ausgeht, um allmahlich sein Denken
von dem Denken, das man gewohnt ist, uberzufuhren zu einem Den-
ken, das Weites umfaBt, und dadurch, daB es Weites umfaBt, mehr die
scharfen Konturen verliert und dadurch in die Lage kommt, das
Fluktuierende zu fassen. Dasjenige, was in unmittelbarer Nahe Hegt,
kann man in scharfe Konturen fassen; aber dasjenige, um was es sich
handelt, ist, die Anschauung zu erringen; und die Anschauung, die
liefert durchaus bewegliche einzelne Ideen. Die decken sich nicht mit
demjenigen, was die in der Nachbarschaft gewonnenen Ideen sind.
Das mochte ich insbesondere Ihnen heute erwahnen, damit Sie,
wenn wir jetzt von verhaltnismaBig einfacheren Dingen ausgehen,
doch sehen, wie der volkswirtschaftliche ProzeB sich allmahlich aus
den mannigfaltigsten Faktoren zusammensetzt. Wir wollen namlich
heute einmal, um immer mehr und mehr dahinzukommen, das Preis-
problem erfassen zu konnen, wir wollen den volkswirtschaftlichen
ProzeB als solchen von einem gewissen Gesichtspunkt aus vor Augen
fiihren.
Wir wollen ihn heute beginnen mit der Natur. Zunachst muB die
menschliche Arbeit ja bei der Natur einsetzen, die Naturprodukte ver-
wandeln, so daB dann dieses verwandelte Naturprodukt, dieses durch
die menschliche Arbeit verwandelte Naturprodukt, im Aufdriicken
der menschlichen Arbeit auf das Naturprodukt einen volkswirtschaft-
lichen Wert erhalt. Und in der Volkswirtschaft hat man es nun ein-
mal nicht mit der Substanz zu tun. Diese als solche hat keinen volks-
wirtschaftlichen Wert. Die Kohle, die noch im Bergwerk unter der
Erde Hegt als Kohlensubstanz, hat keinen volkswirtschaftlichen Wert,
bekommt auch keinen volkswirtschaftlichen Wert, wenn sie nun wan-
dert vom Bergwerk in die Wohnung, in das Zimmer desjenigen, der
einheizt. Dasjenige, was die Substanz der Kohle zum Wert macht, das
ist die aufgepragte Arbeit, also dasjenige, was getan werden muBte,
urn die Kohle outage zu fordern, auch schon urn das Bergwerk
zurechtzumachen, um die Kohle zu verfrachten und so weiter. Alles
dasjenige, was der Substanz der Kohle aufgepragte menschliche Arbeit
ist, gibt ihr erst den volkswirtschaftlichen Wert. Und nur mit diesem
hat man es in der Volkswirtschaft zu tun.
Sie konnen keine volkswirtschaftliche Erscheinung fassen, wenn
Sie nicht von splchen Ideen ausgehen. Nun aber, indem so die mensch-
liche Arbeit auf die Natur angewendet wird, kommen wir ja beim
Weiterriicken der volkswirtschaftlichen Entwickelung eben in die
Arbeitsteilung hinein, in die Arbeitsteilung, die dadurch entsteht, daB
Menschen zusammenwirken, bei irgendeiner fur die Volkswirtschaft
bedeutsamen Tatsache zusammenwirken.
Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel. Nehmen wir einmal an,
in einer Gegend hatte eine Anzahl von Menschen eine bestimmte
Tatigkeit verrichtet, indem diese Anzahl von Menschen einen Gang
verrichtet hatten von ihren Hausern, also, sagen wir, von verschiede-
nen Ortschaften zu einer gemeinsamen Arbeitsstatte, zu einer Forde-
rungsstatte von irgendwelchen Naturprodukten. Nehmen wir an, wir
waren noch in einer sehr primitiven Zeit, es gabe noch kein anderes
Mittel, als daB die Arbeiter, um zu der Statte zu kommen, wo sie die
Natur bearbeiten, zu FuB gehen. Nun kommt einer darauf, einen
Wagen zu bauen und Pferde zu beniitzen, um den Wagen zu Ziehen.
Da wird dasjenige, was zuerst allein verrichtet werden muBte von
jedem, das wird nun von jedem verrichtet im Zusammenhang mit
demjenigen, der den Wagen nun stellt. Es wird eine Arbeit geteilt.
Dasjenige, was verrichtet wird, was im volkswirtschaftlichen Sinne
Arbeit ist, wird geteilt. Es spielt sich ja dann die Sache so ab, daB ein
jeglicher, der den Wagen benutzt, nun an den Wagenunternehmer eine
bestimmte Quote zu bezahlen hat.
Damit aber ist derjenige, der den Wagen erfunden hat, in die Kate-
gorie des Kapitalisten eingetaucht. Der Wagen ist fur den betreffenden
Menschen jetzt richtiges Kapital. Sie werden, wo Sie suchen wollen,
sehen, daB gewissermaBen der Entstehungspunkt des Kapitals immer
in der Arbeitsteilung, Arbeitsgliederung liegt. Aber wodurch ist der
Wagen erfunden worden? Er ist eben durch den Geist erfunden wor-
den. Und jeglicher solcher Vorgang besteht darin, daft der Geist auf
die Arbeit angewendet wird, daB die Arbeit durch den Geist in irgend-
einer Beziehung durchdrungen wird. Also durchgeistigte Arbeit, das
ist dasjenige, was im Verlauf der Arbeitsteilung auftritt. Wir haben es
zunachst mit nichts anderem zu tun als mit durchgeistigter Arbeit,
wenn wir im Verlaufe der Arbeitsteilung Kapital entstehen sehen. Die
erste Phase des Kapitals besteht eigentlich immer darinnen, daB vom
Geist heraus, wahrend fruher nur von der Natur heraus, jetzt vom
Geist heraus die Arbeit organisiert, gegliedert und so weiter wird.
Es ist schon notwendig, daB das Kapital, die Kapitalbildung, von
diesem Gesichtspunkt aus klar angesehen wird ; denn nur von diesem
Gesichtspunkt kann man verstehen die Funktion des Kapitals im
volkswirtschaftlichen ProzeB. Kapitalentstehung ist immer die Be-
gleiterscheinung der Arbeitsteilung, Arbeitsgliederung.
Damit aber lost sich etwas los von dem unmittelbaren Verkehr, in
dem der Mensch ist mit der Natur, wenn er die Natur bearbeitet.
Solange man es nur zu tun hat mit der Bearbekung der Natur, solange
konnen wir nur sprechen von Naturprodukten, die durch die mensch-
liche Arbeit verandert worden sind und dadurch einen Wert be-
kommen haben; in dem Augenblick aber, wo wir davon sprechen,
daB der Geist die Arbeit organisiert, die Arbeit als solche - denn
diesem Menschen, nicht wahr, der da Kapital schafft in seinem Wagen,
dem ist es ja im Grunde genommen gleichgultig, zu welchem Zweck,
zu welchem Ziel er seine Leute von einem Ort zum andern fiihrt -,
findet eine Emanzipation statt von der Natur. Hier iiberall ist, ich
mochte sagen, noch durchscheinend durch die menschliche Arbeit die
Natur. Wenn auch die Kohle als Substanz nicht den Wert bildet, son-
dern dasjenige, was als menschliche Arbeit der Kohle aufgepragt ist,
so scheint doch eben das Naturprodukt durch, durch die menschliche
Arbeit. Das ist die eine Seite der Entstehung wirtschaftlicher Werte.
Die andere Seite ist diese, daB sich nun dasjenige, was vom Geist
aus an der Arbeit organisiert wird, daB sich das von der Natur voll-
standig emanzipiert, daB es sich vollstandig abhebt von der Natur.
Wir kommen endlich dazu, daB wir den Kapitalisten haben, dem ganz
gleichgiiltig sein .kann, wie die Arbeit, die er gliedert, zu der Natur
steht. Es kann ja sehr einfach stattfinden. Es kann diesem Mann ein-
fallen: wahrend er bisher Leute gefuhrt hat von den verschiedensten
Orten, sagen wir zu irgendeiner Ackerarbeit, laBt er nun, wenn ihm
das besser gefallt, indem er seinen Wagen da wegnimmt, Leute an
einen anderen Ort, zu einer ganz anderen Arbeit fahren. Sie werden
finden, daB sich in der Anwendung des Geistigen durchaus emanzi-
piert dasjenige, was menschliche Arbeitsgliederung ist, von der Natur-
grundlage. Damit haben Sie aber auch die Emanzipation des Kapitals
gegeben von der Naturgrundiage.
Man hat ja von verschiedenen volkswirtschaftlichen Standpunkten
aus die Ansicht aufgestellt, daB Kapital aufgespeicherte Arbeitskraft
ware; aber es ist dieses eigentlich nur eine Definition, die, weil die
Sache fluktuierend ist, eigentlich nur fur ein gewisses Stadium paBt.
Solange man im engsten Sinn mit der geistigen Organisation an
irgendeine Arbeitsart gebunden ist, wird noch die Natur durch-
schimmern. In dem Augenblick, wo man sich emanzipiert, wo man
nurmehr an das denkt, wie man dasjenige, was man gewinnt, durch die
Anwendung des Geistes fruchtbar macht, in dem Augenblick merkt
man auch, wie in der Kapitalmasse, die man dann hat, die Arbeit all-
mahlich undeutlich wird, in ihrer besonderen Eigenart verschwindet.
Nehmen Sie an, Sie haben eine Zeitlang kapitalisiert und haben sich
dadurch Kapital erworben, das nun wirklich volkswirtschaftlich
arbeitet. Einer, der erst einen Wagen hat, kann volkswirtschaftlich
weiterarbeiten, indem er zwei Wagen erwirbt und so weiter. Sein
Kapital arbeitet volkswirtschaftlich. Aber im Grunde ist von der
Natur der Arbeit da nichts mehr darinnen. Wenn Sie einen Berg-
arbeiter ansehen, da ist von ihr sehr viel darinnen ; aber in dem Kapital
sehen Sie immer weniger von der Arbeit darinnen; und wenn Sie gar
annehmen, der Mann tiberlaBt nun einem anderen die ganze Sache,
dann wird es durch den Ubergang unter Umstanden dem zweiten
eben nur darauf ankommen, daB sich dasjenige, was da durch den
Geist geschehen ist, fruktifiziert ; aber hochst gleichgiiltig wird ihm
die Natur der Arbeit sein, die da organisiert wird. Es soil iiberhaupt
nur organisiert werden.
Mit anderen Worten: Wir haben da einen realen Abstraktions-
prozeB. Es ist ganz dasselbe, was man sonst im logischen Denken in
der Abstraktion innerlich vollzieht. Das vollzieht man da auBerlich.
Die Besonderheit verschwindet, die Besonderheit der Natursubstanz
und die Besonderheit der Arbeitsarten, in den Kapitalmassen nach und
nach. Wenn wir den volkswirtschaftlichen ProzeB dann weiter ver-
folgen, dann werden Sie sehen, daB schon gar nichts mehr da ist von
dem, was urspninglich da an Arbeit organisiert worden ist. Denn
nehmen Sie den Fortschritt des volkswirtschaftlichen Prozesses, dann
wird er sich etwa so darstellen : Der Mann, der den Wagen gebaut hat,
der hat noch seinen Geist wenigstens dieser ganzen Erfindung auf-
gepragt; aber nun verdient er, er verdient mehr an Wert, als er nur
irgendwie selbst bewaltigen kann. Ja, sollen das jetzt fur die Volks-
wirtschaft unbeniitzte Werte bleiben? Das sollen sie nicht bleiben. Es
muB ein anderer kommen, der diese Werte mit einer anderen Art von
Geistigkeit bewaltigen kann, der diese Werte in einer ganz anderen
Weise nun verwertet.
So konnen Sie sich vorstellen: Dasjenige, was da an Werten ge-
schaffen worden ist durch den Wagenerfinder, das ginge iiber nach
einiger Zeit - also dasjenige, was als Fruktifizierung herausgekommen
ist -, ginge iiber an einen Kunstschmied. Der Kunstschmied hat den
Geist, eine Kunstschmiede aufzufiihren; aber mit dem Geist kann er
zunachst nichts anfangen. Aber der andere hat schon wirtschaftliche
Werte geschaffen. Die muB er ubertragen auf diesen. Da haben
Sie schon den vollstandigsten AbstraktionsprozeB in der Realitat
drauBen.
Daher ist es auch notwendig, damit die Sache iiberhaupt weiter-
gehen kann - sie konnte sonst nicht weitergehen, denn wie soil der
Wagenbauer dem Kunstschmied seine Werte ubertragen? -, daB etwas
da ist, was sich zu dem Besonderen, das da in der Volkswirtschaft lebt,
wie ein Abstraktes verhalt. Und das ist zunachst das Geld. Das Geld
ist nichts anderes als der auBerlich ausgedriickte Wert, der durch
Arbeitsteilung erwirtschaftet ist und der von einem auf den anderen
ubertragen wird.
Wir sehen also im Verfolg der Arbeitsteilung den Kapitalismus
auftreten, wir sehen im Verfolg des Kapitalismus, und zwar ziemlich
bald, auftreten die Geldwirtschaft. Das Geld ist gegenuber den be-
sonderen wirtschaftlichen Geschehnissen ein vollstandiges Abstrak-
tum. Wenn Sie fiinf Franken in der Tasche haben, konnen Sie sich
dafiir ebensowohl ein Mittagsmahl kaufen und ein Abendbrot, wie Sie
sich einen Anzugsteil kaufen konnen. Fiir das Geld ist es irrelevant,
was dafiir erworben wird, gegen was es sich im volkswirtschaftlichen
ProzeB austauscht. Das Geld ist das fiir die einzelnen Volkswirt-
schaftsfaktoren, insofern sie noch von der Natur beeinfluBt sind,
absolut Gleichgiiltige. Deshalb wird das Geld aber der Ausdruck, die
Handhabe, das Mittel fur den Geist, um einzugreifen in den volks-
wirtschaftlichen Organismus, der in der Arbeitsteilung steht.
Ohne daft das Geld geschaffen wird, ist es uberhaupt nicht moglich,
daB der Geist eingreift in den volkswirtschaftlichen Organismus,
wenn wir von der Arbeitsteilung sprechen. So konnen wir sagen : Da
wird dasjenige, was urspriinglich zusammen ist im volkswirtschaft-
lichen Zustand, was jeder einzelne in seinem Egoismus erarbeitet, das
wird verteilt auf die Gesamtheit. - So ist es ja in der Arbeitsteilung.
Im Kapital werden Einzelheiten wiederum zusammengefaBt zu einem
GesamtprozeB. Die Kapitalbildung ist eine Synthese, durchaus eine
Synthese. So wird derjenige, der in dieser Art als Kapitalbildner auf-
getreten ist, der durch die Notwendigkeit des Auftretens des Geldes
eben sein Kapital in Geldkapital verwandeln kann, der wird zum
Leiher fur einen, der nichts anderes hat als Geist. Der empfangt das
Geld. Das ist der richtige Reprasentant von durch den Geist auf-
gebrachten wirtschaftlichen Werten.
Wir miissen die Sache durchaus volkswirtschaftlich betrachten. Es
mag religios und ethisch das Geld eine noch so schlimme Sache sein ;
im volkswirtschaftlichen Sinn ist das Geld der in dem volkswirtschaft-
lichen Organismus drinnen wirksame Geist. Es ist nicht anders. Also,
es muB im volkswirtschaftlichen ProzeB das Geld geschaffen werden,
damit uberhaupt der Geist seinen Fortschritt findet von dem Aus-
gangspunkt aus, wo er sich nur an die Natur wendet. Er wurde in
primitiven Zustanden bleiben, wenn er sich nur auf die Natur an-
wenden wurde. Er muB, um nun auch die Errungenschaft des Geisti-
gen in den volkswirtschaftlichen ProzeB wiederum hineinzugieBen,
als Geld sich realisieren. Geld ist realisierter Geist. Es kommt aber
gleich wieder das Konkrete herein. Zunachst ist das Geld ein Abstrak-
tum, von dem man sagen kann: Es ist gleich, ob ich mir um funf
Franken einen Teil des Anzugs kaufe oder die Haare schneiden lasse -
es braucht ja nicht ein einziger Haarschnitt zu sein -, ich meine, fur
das Geld ist es gleichgiiltig. Aber indem das Geld an die Person des
Menschen und damit an den Geist des Menschen zuruckkommt,
in dem Moment wird das Geld dasjenige, was nun wiederum in
seiner konkreten besonderen Tatsache volkswirtschaftlich tatig ist.
Das heiBt: der Geist ist in dem Geld drinnen volkswirtschaftlich
tatig.
Da entsteht nun aber ein ganz besonderes Verhaltnis. Derjenige, der
das Geld zunachst erworben hat, der wird zum Leiher, zum Glaubiger.
Der andere, der das Geld bekommt, der nur den Geist hat, wird zum
Schuldner. Da haben Sie jetzt das Verhaltnis zwischen zwei Menschen.
Dasselbe Verhaltnis kann ja auch dadurch herbeigefiihrt werden, daB
nun die Beleiher eine Anzahl von Menschen sind, die dem einen eben
ihre Uberschiisse geben, so daB er nun noch eine hohere Synthese
bewirkt durch seinen Geist; aber er bleibt der Schuldner. Dieser
arbeitet durchaus auf dem Boden, der sich nun also durch und durch
emanzipiert hat von der Naturgrundlage, denn selbst dasjenige, was
er noch bekommt von den ersten Kapitalisten selbst, ist ja bei ihm
iiberhaupt ein Nichts ; das muB er ja wieder zuriickgeben nach einiger
Zeit, es gehort ihm ja nicht. - Er arbeitet eigentlich nur auf der einen
Seite volkswirtschaftlich als Schuldner, und auf der anderen Seite
haftet er volkswirtschaftlich als geistiger Schopfer. Es ist durchaus
sogar vielleicht eines der gesiindesten Verhaltnisse, wir miissen das
besonders beriicksichtigen in der sozialen Frage, wenn ein geistiger
Arbeiter fur die Allgemeinheit dadurch arbeitet, daB ihm die All-
gemeinheit auch - denn fur ihn ist es die Allgemeinheit - das Geld
dazu gibt. Wie da hinein Besitz und Eigentum und so weiter spielen,
das werden wir noch sehen. Hier handelt es sich nur darum, den volks-
wirtschaftlichen ProzeB zu verfolgen. Es ist ganz gleichgiiltig, ob Sie
den Leihenden als Besitzer auffassen oder nicht und den Schuldner so
auffassen, wie ihn die Jurisprudenz auffaBt oder nkht. Es kommt
darauf an, fur uns jetzt, wie der volkswirtschaftliche ProzeB ver-
lauft.
Wir sehen also zuletzt einen Teil des volkswirtschaftlichen Pro-
zesses, wo herausgearbeitet wird bloB noch aus dem, was geistig
errungen ist, was sich schon emanzipiert hat. Aber diese geistige
Errungenschaft ist vorher aus der Organisation der Arbeit entstanden.
Aber wir sind jetzt auf der zweiten Etappe. Wenn Sie auf dieser
zweiten Etappe, wo ein geistiger Arbeiter als Schuldner arbeitet, noch
sagen wollten, dasjenige, was er bekommt als Schuldkapital, das sei
etwa kristallisierte Arbeit, so wiirden Sie volkswirtschaftlich einen
ungeheuren Unsinn sagen, denn es hat keine Bedeutung fur den volks-
wirtschaftlichen ProzeB, wie das Kapital entstanden ist, das er schuldet,
sondern das hat Bedeutung, wie dessen Geist beschaffen ist, der das
Geld jetzt hat, wie er es iiberfiihren kann in fruchtbare volkswirt-
schaftliche Prozesse. Die erste Arbeit, durch die das Kapital ent-
standen ist, hat jetzt keinen volkswirtschaftlichen Wert mehr; volks-
wirtschaftlichen Wert hat lediglich das, was er als Geist aufbringt, um
das Geld zu verwerten. Denken Sie sich, es ist noch so viel Arbeit
aufgespeichert im Kapital: Es kommt ein Dummkopf dariiber, der
alles verpulvert; dann haben Sie einen anderen ProzeB, als wenn ein
gescheiter Mensch dazu kommt, der einen fruchtbaren ProzeB ein-
leitet.
Also auf dieser zweiten Etappe, wo wir es zu tun haben mit Leiher
und Schuldner, miissen wir sagen: Wir haben es zu tun mit dem
Kapital, aus dem die Arbeit bereits verschwunden ist.
Worin besteht jetzt die volkswirtschaftliche Bedeutung dieses Kapi-
tals, woraus die Arbeit verschwunden ist, worin besteht sie? Die volks-
wirtschaftliche Bedeutung besteht lediglich darin, daB erstens eine
Moglichkeit herbeigefiihrt worden ist, daB man solches Schuld-
kapital aufbringen kann, daB man es zusammensammeln kann; und
zweitens, daB es geistig verwertet werden kann. Darin besteht die
volkswirtschaftliche Bedeutung dieses Kapitals.
Das Reale, das daraus entsteht, ist das Verhaltnis zwischen dem
Schuldner und seinen Geldgebern. Und in dem volkswirtschaftlichen
ProzeB, der von dem Schuldner eingeleitet wird, steht der Schuldner
in der Mitte drinnen. Wir haben es auf der einen Seite zu tun mit dem,
was zum Schuldner hintendiert, und auf der andern Seite mit dem, was
von dem geistig Produzierenden, dem Schuldner, ausgeht. Und wir
konnen sagen: In diesem Fall wird dasjenige, was auf der einen Seite
Leihkapital ist, dadurch einfach, daB es Schuldkapital wird, um-
gewandelt in die zweite Etappe des volkswirtschaftlichen Pro-
zesses.
Sie haben gar nichts darinnen als eine Zirkulation des Kapitals ; aber
diese Zirkulation des Kapitals ist in einer sozialorganischen Betati-
gung darinnen, so wie Sie das Blut in einer menschlichen oder tieri-
schen organischen Betatigung haben, wenn es durch den Kopf flieBt
und verwertet wird zu dem, was der Kopf erzeugt.
Und ich mochte sagen : Was wird denn hervorgerufen dadurch, daB
wir es zu tun haben mit Leihenden und Schuldnern, die auftreten? Es
ist das etwas ganz Ahnliches wie das, was Ihnen im Physikalischen
als eine Art NiveaudifFerenz entgegentritt. Wenn Sie hier oben Wasser
haben, so langt es da unten an durch die NiveaudifFerenz. Ebenso ist
einfach eine soziale NiveaudifFerenz vorhanden zwischen der ersten
Statte des Kapitals und der zweiten, zwischen der Statte des Leihers,
der nichts anzufangen weiB damit, und der Statte des Schuldners, der
es verwerten kann. Das ruft die NiveaudifFerenz hervor.
Aber wir miissen bedenken, was das Tatige in dieser Niveau-
difFerenz ist. Das Tatige ist nicht einmal dasjenige, was als Geist sich
ausdriickt in dem Geschehen; sondern bei dieser NiveaudifFerenz sind
das Bedingende die verschiedenen Anlagen der Menschen. Wenn einer
Kapital hat, der dumm ist, so wird in einem gesunden volkswirtschaft-
lichen ProzeB der Dumme oben sein und der Kluge unten. Dadurch
entsteht eine NiveaudifFerenz. Das Kapital schwimmt zu dem Klugen
hin ab. Und durch die NiveaudifFerenz zwischen den menschlichen
Anlagen kommt eigentlich das Kapital in FluB. Es ist eigentlich nicht
einmal die menschliche Betatigung, sondern die menschlkhe Qualitat
der Menschen, die im sozialen Organismus miteinander verbunden
sind, was die NiveaudifFerenz hervorruft und dann erst den volkswirt-
schaftlichen ProzeB weiter fortsetzt.
Nun schauen Sie sich einmal konkret diesen volkswirtschaftlichen
ProzeB an, so werden Sie sich sagen: Wir sind ausgegangen von der
Natur, die noch nichts wert ist. DaB sie nichts wert ist, geht daraus
hervor, daB, wenn der Spatz seine Bediirfnisse an der Natur be-
friedigt, so zahlt er nichts dafur. Also die Natur als solche hat noch
keinen volkswirtschaftlichen Wert. Das zeigt die Spatzenwirtschaft im
Gegensatz zur Volkswirtschaft. Es beginnt also der volkswirtschaft-
liche Wert damit, daB die menschliche Arbeit sich mit der Natur ver-
bindet. Es geschieht die Fortsetzung des wirtschaftlichen Prozesses
dadurch, daB die Arbeit sich gliedert, sich teilt. Nennen wir zunachst
in hochst unbestimmter Art dasjenige, was wir da haben: Arbeit auf
die Natur angewendet. Ich will, damit allmahlich ein volliger volks-
wirtschaftlicher Sinn in die Sache kommt, das, was da auftritt, be-
zeichnen mit Na — Natur, erfaBt von menschlicher Arbeit. Was ist das
im volkswirtschaftlichen Sinn: Natur, erfaBt von der menschlichen
Arbeit? Das ist, wie wir gesehen haben, Wert; in der Volkswirtschaft
ist es Wert. Ich will also sagen: Natur, erfaBt von der menschlichen
Arbeit, zum Wert geworden : Naw. Das ist das eine.
Jetzt kommt die Arbeitsteilung. Was heiBt aber in diesem Sinne
Arbeitsteilung? In diesem Sinne Arbeitsteilung heiBt ja: Auseinander-
teilen derjenigen Prozesse, die man zuerst als an der Natur vollfuhrte
Arbeitsprozesse verrichtet hat, und die dann weiterleben. Nicht wahr,
wenn ich zuerst einen ganzen Ofen mache, so habe ich die ver-
schiedensten Arbeitsprozesse verrichtet; wenn ich teile, so habe ich
diese Arbeitsprozesse auseinandergeschalt. Ich teile. Wenn das hier,
Nawy dasjenige ist, was durch Arbeit verandertes Naturprodukt ist,
das zum Werte geworden ist, dann muB dasjenige, was durch die
Arbeitsteilung entsteht, indem dieses, Naw, auseinandergeschalt wird-
ich konnte es ja auch anders schreiben -, sein: = Nawl, Naw2 und
so weiter.
Wenn das nun wirklich einen realen ProzeB durchmacht, wodurch
muB er dann, wenn die Arbeitsteilung eintritt, ausgedriickt werden?
Nun, durch eine Division, durch einen Bruch. Es muB dasjenige, was
in der Realitat vorhanden ist, indem der Wert, den ich hier auf-
geschrieben habe, in die Arbeitsteilung iibertritt, es mufi das in irgend-
einer Weise dividiert werden. Es fragt sich jetzt nur, durch was wird
es denn dividiert? Was ist denn das Teilende? Was teilt denn diesen
ProzeB auf? Nun, da miissen wir eben auf die andere Seite sehen.
Nicht wahr, bei der reinen Mathematik braucht man nur zu nehmen,
was als Zahlen gegeben ist; wenn man aber Rechnungsprozesse in der
Wirklichkeit selber aufzusuchen hat, muB man dasjenige, was wirklich
teilt, das muB man aufsuchen. Nun haben wir auf der anderen Seite
gefunden die vom Geist erfaBte Arbeit. Wir konnen also dem, Naw,
gegemiberstellen die vom Geist erfaBte Arbeit, die nun nach der
anderen Seite zum Wert wird : Agw, unter dem Bruchstrich geschrie-
ben. Aber nun haben wir es ja schon dazu gebracht, etwas zu ver-
stehen von dieser durch den Geist erfaBten Arbeit : Wenn sie weiter-
wirken soli im volkswirtschaftlichen ProzeB, wenn dieses, Naw, divi-
diert ist, und sie soil weiterwirken - wir haben ja gesehen, was da fiir
dies Agw, Arbeit, durch den Geist organisiert, zum Wert geworden,
eigentlich eintritt :
J\Jaw Tafel 4
4r
Das Geld tritt ein. Das Geld tritt aber jetzt nicht ein in seiner ganzen
Abstraktheit - abstrakt ist es zunachst -, ich mochte sagen, als die
Substanz, an die der Geist sich anwendet; aber es wird sehr individua-
lisiert, sehr besondert, wenn der Geist es erfaBt und auf das oder jenes
anwendet. Und indem der Geist dieses tut, bestimmt der Geist als
solcher den Wert des Geldes. Hier beginnt das Geld einen bestimmten
konkreten Wert zu bekommen. Denn, ob einer ein Dummkopf ist
und das Geld auf etwas, was sich nicht fruktifiziert, hinausschmeiBt,
oder es in einer bestimmten Weise anwendet, das zeigt sich jetzt als
ganz realer Wert im volkswirtschaftlichen ProzeB. So daB Sie also als
diesen Nenner bekommen werden, was mit dem Gelde etwas zu tun
hat. Als Zahler kann ich natiirlich nichts anderes bekommen als das,
was damit zu tun hat, daB ich etwas vor mir habe, wohinein sich die
Substanz der Natur verwandelt hat. Wenn aber eine Natursubstanz
sich durch Arbeit verwandelt und dann da ist im volkswirtschaftlichen
ProzeB, dann ist es Ware, in die Formel eingesetzt : iiber dem Bruch-
strich = Ware. Und das, was hier die organisierte Arbeit ist, das ist
Geld, in die Formel eingesetzt unter dem Bruchstrich = Geld. Das
Tafel4 ^ Ware
Agw Geld
heiBt, es sind uns jetzt neue Werte aufgetreten : Der Warenwert und
der Geldwert. Und wir haben in einem volkswirtschaftlichen ProzeB,
der auf Arbeitsteilung beruht, zu erkennen, daft der Quotient von
der in dem volkswirtschaftlichen Organismus vorhandenen Ware und
dem in dem volkswirtschaftlichen Organismus vorhandenen Geld -
wenn wir es ansehen nicht als dasjenige, was wir in den Kassen ab-
zahlen, sondern als dasjenige, was vom Geist der Menschen ergrifFen
wird - ein Zusammenwirken darstellt, in dem das Geld den Divisor
ausmacht. Und in diesem Zusammenwirken - aber in einem solchen,
das nicht etwa durch Subtraktion dargestellt werden kann, sondern
eben durch Division -, in diesem Zusammenwirken besteht eigentlich
die Gesundheit des volkswirtschaftlichen Prozesses. Und wir werden
verstehen mussen, um nach und nach die Gesundheit des volkswirt-
schaftlichen Prozesses zu verstehen, was da eigentlich im Zahler und
was da im Nenner wirkt : Wir werden immer mehr und mehr verstehen
Gesundheit = =
Agw Geld
mussen, worin das eigentliche Wesen der Ware auf der einen Seite
Hegt, und worin das eigentliche Wesen des Umlaufmittels, des Geldes,
auf der anderen Seite liegt. Die bedeutsamsten volkswirtschaftlichen
Fragen konnen gar nicht gelost werden, wenn man nicht in einer
solchen Weise genau auf die Sachen eingeht, aber sich auch klar
dariiber ist, daB, was auch auftritt in der Volkswirtschaft, daB das
immer etwas Fluktuierendes sein muB. In dem Augenblick, wo die
Ware nur von einem Ort zum andern gebracht wird, wird der Zahler
etwas anderes und so weiter. Und ich kann eigentlich immer nur
beweisen, wie fluktuierend im volkswirtschaftlichen ProzeB alles ist.
Es ist ein sehr betrachtlicher Unterschied zwischen der Borse, die
ich in der Tasche habe und wo fiinf Franken drin sind, und der Borse,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 40 Seite: 6 4
die ein anderer hat und wo auch fiinf Franken drin sind. Es ist nicht
gleichgiiltig, ob die fiinf Franken in der einen Tasche oder in der
anderen sind; denn das alles muB im realen wirtschaftlichen ProzeB
absolut erfaBt werden. Sonst bekommen Sie nur einige hingepfahlte
abstrakte BegrifTe heraus von Preis und Wert und Ware und Produk-
tion und Konsumtion und so weiter, und Sie bekommen nicht das
heraus, was eigentlich wirklich zum Verstandnis des volkswirtschaft-
lichen Prozesses fiihrt.
Das ist das so unendlich Traurige in unserer Gegenwart, daft wir in
einer Lage sind, wo wir eben einfach deshalb, weil durch Jahr-
hunderte die Menschheit sich an scharf konturierte BegrifTe gewohnt
hat, die nicht anwendbar sind im ProzeB, das nicht konnen, was sich
heute so notwendig als eine Forderung vor uns hinstellt: daB wir mit
unseren BegrifFen in Bewegung kommen, um die volkswirtschaft-
lichen Prozesse zu durchdringen. Das ist, was errungen werden muB :
die Beweglichkeit des Denkens, um einen ProzeB als solchen innerlich
durchdenken zu konnen. GewiB, in der Naturwissenschaft werden
auch Prozesse durchgedacht, aber so, wie sie von auBen angeschaut
werden. Das hilft aber nichts. Sie miiBten sich in einem Luftballon
weit hinauf begeben und den volks wirtschaftlichen ProzeB anschauen,
wie der Chemiker seine Prozesse von auBen anschaut. Was die volks-
wirtschaftlichen Prozesse auszeichnet, ist, daB wir in ihnen drinnen-
stehen. Wir miissen sie also von innen anschauen. Wir miissen uns in
den volkswirtschaftlichen Prozessen so erfiihlen, wie etwa ein Wesen,
das, sagen wir, in einer Retorte ware. Hier wird etwas gebraut unter
Warmeentwickelung. Dieses Wesen, das da in der Retorte ware, das
kann nicht der Chemiker sein, dieses Wesen, das ich vergleichen will
mit uns, sondern das muBte ein Wesen sein, das die Warme mitmacht,
selber mitsiedet. Der Chemiker kann das nicht, dem Chemiker ist das
ein AuBerliches. In der Naturwissenschaft stehen wir auBer den Pro-
zessen. Der Chemiker konnte das nicht mitmachen, wenn hier eine
Temperatur von hundertfiinfzig Grad entwickelt wird. Den volks-
wirtschaftlichen ProzeB machen wir iiberall innerlich mit, miissen ihn
auch innerlich verstehen. Deshalb ist es so, daB vielleicht ein Mathe-
matiker sagt: Ja, du hast uns jetzt irgend etwas wie eine Formel auf-
geschrieben. So sind wir nicht gewohnt, daB mathematische Formeln
aufgebaut werden. - GewiB, weil wir nur gewohnt sind, daB mathe-
matische Formeln aufgebaut werden, wenn wir die Prozesse von auBen
anschauen! Wir miissen Anschauung entwickeln, damit wir einen
Zahler und einen Nenner kriegen und um zu begreifen, daB etwas eine
Division sein muB und nicht eine Subtraktion sein kann. Wir miissen
versuchen, uns hineinzudenken in den volkswirtschaftlichen ProzeB.
Deshalb habe ich natiirlich auch dieses krasse Beispiel gestern gewahlt,
daB ich Ihnen nicht vorgefuhrt habe den einen Schneider und den
Handler von auBen betrachtet, wie es der Naturwissenschafter be-
trachtet; denn da kann man nicht darauf kommen auf das, um was es
sich handelt. Will man herein, dann kommt es einem unheimlich vor
mit dem Denken, das nur von auBen anschaut wie beim Forscher, der
die Retorte nur von auBen anschaut. Wir miissen die ganze Summe
von Vorgangen, die sich abspielen zwischen dem Schneider und alien
Effekten, die sich volkswirtschaftlich zutragen, uns innerlich vor-
stellen.
Ich wiirde nicht wahr werden in dem Erfullen dessen, was Sie ver-
langt haben, wenn ich die Sache anders darstellen wiirde, als wie ich
sie darstelle. Dadurch ist die Sache von Anfang an etwas schwierig.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 28.Juli 1922
Wenn wir die Tatsachenfolgen innerhalb des volkswirtschaftlichen
Prozesses, die wir gestern ins Auge gefaBt haben, uns noch etwas
weiter anschauen, so wird sich uns das Folgende ergeben. Wir haben
gesehen, wie der volkswirtschaftliche ProzeB in Gang kommt dadurch,
daB zunachst die Natur bearbeitet wird, daB also aus dem bloBen,
innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses noch wertlosen, un-
bearbeiteten Naturprodukte das bearbeitete Naturprodukt entsteht.
Dann haben wir gesehen, wie der ProzeB weitergeht dadurch, daB die
Arbeit gewissermaBen eingefangen wird von dem Kapital, daB das
Kapital die Arbeit gliedert, organisiert, und daB dann die Arbeit in
dem Kapital drinnen wiederum verschwindet, so daB fur den weiteren
Fortschritt des volkswirtschaftlichen Prozesses das Kapital arbeiten
muB. Aber dieses Arbeiten ist nicht mehr in demselben Sinn wie
fruher ein Arbeiten, sondern es ist ein Aufnehmen des Kapitals von
dem bloBen Geistigen. Und indem dann das Geistige, wie ich es
gestern beschrieben habe, das Kapital weiter verwertet innerhalb des
volkswirtschaftlichen Prozesses, geht eben dieser vorwarts.
Ich mochte Ihnen das, was ich Ihnen hier auseinandergesetzt habe,
damit wir zu einem Begreifen der gestern angedeuteten Formel all-
mahlich aufsteigen konnen, schematisch, gewissermaBen sinnbildlich
darstellen. Wir konnen sagen: Die Natur geht unter in der Arbeit
(siehe Zeichnung 3). So daB wir etwa diese Stromung haben von der Tafel 4a
Natur in die Arbeit hinein. Die Natur geht unter in der Arbeit. Die
Arbeit entwickelt sich weiter. Die entwickelten Werte stromen ge-
wissermaBen weiter. Die Arbeit verschwindet im Kapital. Und wir
haben den ProzeB bis hierher verfolgt (siehe Zeichnung 3). Sie werden
ihn sich jetzt leicht fortsetzen konnen. Es ist notwendig, daB der
Kreislauf sich schlieBt. Das Kapital kann nicht in einfaches Stocken
hineinkommen. Sonst hatte man es nicht mit einem organischen
ProzeB zu tun, sondern mit einem ProzeB, der im Kapital ersterben
wiirde. Es muB das Kapital wiederum in der Natur verschwinden. Das,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 40 Seite:6 7
daB das Kapital wiederum in der Natur verschwinden muB, das kon-
nen Sie eigentlich anschaulich verfolgen, aber Sie miissen vorerst noch
einen anderen Begriff zu Hilfe nehmen, wenn Sie dieses Verschwinden
des Kapitals in der Natur richtig verstehen wollen.
Bedenken Sie doch, was ich eigentlich bis jetzt vor Ihnen hier im
volkswirtschaftlichen ProzeB nur entwickelt habe. Ich habe ent-
wickelt die Bearbeitung der Natur, die Organisierung der Arbeit
durch den Geist, und damit die Entstehung des Kapitals, die eine
Begleiterscheinung ist der Organisierung der Arbeit durch den Geist.
Dann das Vorhandensein des Kapitals, das gewissermaBen die Uber-
nahme des Kapitals aus dem die Arbeit organisierenden Geist ist, diese
Verselbstandigung des Kapitals, wo die Arbeit verschwindet und wo
nun der Geist im Kapital als erfinderischer Geist, aber im sozialen
Zusammenhang, arbeitet. Das eigentlich Technische der Erfindungen
geht uns hier nichts an, das eigentlich Technische der Erfindungen
wird erst in Betracht kommen, wenn wir unsere Auseinandersetzungen
weiter verfolgen.
Nun, alles, was ich Ihnen da geschildert habe - iiberschauen Sie es
nur -, das ist von einem einseitigen Standpunkt aus geschildert. Ich
Tafel
4a
Zeichnung 3
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 40 Seite:6 8
muBte es auch von einem einsekigen Standpunkt aus schildern. Denn
das ist alles geschildert vom Standpunkt des Produzierens aus. Ich
habe im Grunde genommen hochstens andeutungsweise bisher von
etwas anderem gesprochen als von der Produktion. Ich habe gewisser-
maBen nur hereingenommen zuweilen BegrifTe, die von der Konsum-
tion herriihren, wenn es sich darum gehandelt hat, uns der Preisfrage
etwas zu nahern; aber von der Konsumtion werden Sie eigentlich
noch gar nichts bemerkt haben. Also, ich habe bisher von der Pro-
duktion gesprochen. Aber der volkswirtschaftliche ProzeB besteht ja
nicht bloB in der Produktion, sondern besteht auch auBer in der
Produktion in der Konsumtion.
Wenn Sie eine einfache Oberlegung anstellen, so werden Sie sehen,
daB die Konsumtion genau der entgegengesetzte Pol ist von der Pro-
duktion. Wir haben uns bemiiht, innerhalb der Produktion zu finden
Werte, die im volkswirtschaftlichen ProzeB entstehen; aber die Kon-
sumtion besteht in einem fortwahrenden Wegschaffen dieser Werte,
in einem fortwahrenden Aufbrauchen dieser Werte, also in einer fort-
wahrenden Entwertung dieser Werte. Und das ist in der Tat das-
jenige, was im volkswirtschaftlichen ProzeB die andere Rolle spielt:
ein fortwahrendes Entwerten der Werte. Dadurch gerade hat man ein
gewisses Recht, davon zu sprechen, daB der volkswirtschaftliche Pro-
zeB ein organischer ist, ein ProzeB, in den das Geistige dann eingreift ;
denn ein Organismus besteht eben darinnen, daB er etwas bildet und
dann wieder entbildet. Es muB fortwahrend im Organismus produ-
ziert und verbraucht werden. Das muB auch im volkswirtschaftlichen
Organismus da sein. Es muB fortwahrend produziert und verbraucht
werden.
Damit kommen wir dazu, dasjenige, was eigentlich sich bis jetzt an
werterzeugenden Kraften gezeigt hat, noch in einem anderen Licht,
von einem anderen Gesichtspunkt aus zu sehen. Bis jetzt haben wir
eigentlich nur gezeigt, wie innerhalb oder im Verlauf des Produktions-
prozesses Werte entstehen. Nun aber, jedesmal wenn ein Wert vor
seiner Entwertung steht, dann verandert sich ja die ganze Bewegung,
die wir bisher gesehen haben. Es war eine fortlaufende Bewegung, die
wir beobachtet haben: Werte entstehen durch die Anwendung der
Arbeit auf die Natur; Werte entstehen durch die Anwendung des
Geistes auf die Arbeit; Werte entstehen durch die Anwendung des
Geistes auf das Kapital. Und das alles ist eine fortschreitende Be-
wegung.
Wir konnen also sagen: Wir haben die wertebildende Bewegung
betrachtet innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses. - Es gibt
aber dadurch, daB iiberall in diesen volkswirtschaftlichen ProzeB nun
auch das Entwertende, die Konsumtion eintritt, noch etwas anderes.
Es gibt jene Wertentfaltung, welche sich nun ergibt zwischen der
Produktion selbst und der Konsumtion. Indem der Wert in die Kon-
sumtion hineingeht, bewegt er sich nicht weiter. Er wird nicht hoher-
wertig. Er bewegt sich nicht weiter. Es steht ihm etwas gegeniiber. Es
steht ihm eben die Konsumtion mit ihrer Bedurfnisentwickelung
gegeniiber. Da ist der Wert hineingestellt in etwas ganz anderes, als
er bis jetzt in unserer Betrachtung hineingestellt erschien. Bis jetzt
haben wir den Wert betrachtet in einer fortlaufenden Bewegung. Nun-
mehr miissen wir beginnen, den Wert bis zu einem gewissen Punkt
zu betrachten, dann aber ihn aufgehalten anzusehen. Jedesmal, wenn
der Wert aufgehalten wird, entsteht nicht eine wertbildende Bewegung
weiter, sondern eine wertbildende Spannung.
Und das ist das zweite Element im volkswirtschaftlichen ProzeB.
Tafel 4a Wir haben im volkswirtschaftlichen ProzeB nicht nur wertbildende
Bewegungen, sondern haben auch wertbildende Spannungen. Und
solche wertbildende Spannungen, wir konnen sie am anschaulichsten
eben beobachten, wenn einfach der Konsument dem Produzenten
oder Handler gegenubersteht, und wenn im nachsten Augenblick,
konnten wir sagen, die Wertbildung aufhort, indem sie in die Ent-
wertung ubergeht. Da bildet sich eine Spannung, und diese Spannung,
die wird im Gleichgewicht gehalten durch das Bediirfnis von der
anderen Seite. Da (siehe Zeichnung) wird der wertbildende ProzeB
aufgehalten: das Bediirfnis, der Verbrauch tritt ihm entgegen, und es
entsteht die Spannung zwischen Produktion und Konsumtion, die nun
durchaus auch ein wertbildender Faktor ist, aber ein solcher wert-
bildender Faktor, der einem Kraftentwickeln, das aufgehalten wird,
das im Gleichgewicht gehalten wird, nicht einem Fortwirken der
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:340 Seite: 70
Krafte zu vergleichen ist. Sie haben da durchaus ein Analogon zu dem
Physikalischen der lebendigen Krafte und der Spannkrafte, der leben-
digen Energien und der Energien der Lage, wo Gleichgewicht erzeugt
wird. Wenn man namlich diese Spannungsenergien im volkswirtschaft-
lichen ProzeB nicht ins Auge faBt, so kommt man zu den kuriosesten
Anschauungen. Wir werden sehen, wenn man solche Anschauungen
entwickelt, wie man da zu Auffassungen eines jeden volkswirtschaft-
lichen Verhaltnisses kommt, wie man aber sonst in die konfusesten
Anschauungen hineinkommt. Sie werden, wenn Sie zum Beispiel nur
einseitig volkswirtschaftliche Bewegungen der Energien festhalten,
nicht begreifen konnen, warum der Diamant in der Krone von Eng-
land einen so ungeheuer groBen Wert hat; denn da sind Sie zugleich
genotigt, zu dem BegrifF des volkswirtschaftlichen Spannungswertes
Ihre Zuflucht zu nehmen. Ebenso finden Sie heute noch bei vielen
Volkswirtschaftern die Seltenheit irgendeines Naturproduktes beriick-
sichtigt. Die Seltenheit wird niemals gefunden werden als werte-
bildender Faktor, wenn man nur die Bewegung innerhalb des volks-
wirtschaftlichen Prozesses als wertebildend ansieht, wenn man nicht
verstehen lernt allmahlich, wie eintritt da oder dort, am hervor-
ragendsten durch die Konsumtion, aber auch durch andere Verhalt-
nisse, was die Wertebildung durch Spannungen ist, durch Situationen,
durch Gleichgewichtslagen.
Nun sehen Sie also, daB im volkswirtschaftlichen ProzeB, den wir
damit durchaus als einen organischen ansehen konnen, in den fort-
wahrend der Geist eingreift, auch Entwertung eintreten kann. Ent-
wertung muB fortwahrend da sein oder ist fortwahrend da. So daB
wir also sagen werden : Bei diesem Weg, den die Werte durchmachen,
von der Natur, der Arbeit zum Kapital, wird eine fortwahrende Ent-
wertung gleichzeitig eintreten. Wenn namlich diese Entwertung nicht
in der entsprechenden Weise eintreten konnte, ja, was wiirde denn
dann geschehen? Was dann geschehen wiirde, kann Ihnen gerade hier
an dieser Stelle (siehe Zeichnung 3) anschaulich werden. Tafel 4a
Nehmen Sie einmal, um sich das wirklich klarzumachen, die Kredit-
frage, das Kreditproblem. Wenn wir in dem Sinne, wie ich das gestern
auseinandergesetzt habe, das Kapital in den Dienst des Geistes stellen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 40 Seite:71
wollen, so wird ja der geistige Produzent zum Schuldner. Er wird
zum Schuldner oder kann zum Schuldner werden nur dadurch, daB
Tafel 4a er Kredit hat. Hier tritt der Kredit ein (siehe Zeichnung), und zwar
dasjenige, was man nennen kann den personlichen Kredit. Er hat
Kredit. Der Kredit ist zahlenmaBig auszudriicken. Was ihm viele
andere oder mehrere andere eben an Kapital vorschieBen, das ist ge-
wissermaBen sein Personalkredit. Nun, dieser Personalkredit hat ja,
wie Sie wis sen, eine bestimmte Folge, wenigstens wenn wir ihn inner-
halb unserer jetzigen nationalokonomischen Verhaltnisse betrachten.
Er hat etwas zu tun in seiner volkswirtschaftlichen Wirksamkeit mit
dem ZinsfuB.
Nehmen Sie an, der ZinsfuB ist niedrig. Ich habe wenig zu bezahlen
an die Menschen, die mir das Kapital vorschieBen, wenn ich als
geistiger Schopfer im volkswirtschaftlichen ProzeB zum Schuldner
werde, also zu demjenigen, der Kredit in Anspruch nimmt. Ich kann
dadurch, daB ich weniger an Zins zu bezahlen habe, meine Waren
billiger herstellen; dadurch werde ich in den volkswirtschaftlichen
ProzeB verbilligend einwirken konnen. Wir konnen also sagen: der
Personalkredit verbilligt die Produktion, wenn der ZinsfuB abnimmt.
Wenn wir dieses Verhaltnis so lange betrachten, solange das Kapital
noch vom Geiste einfach verwertet wird im okonomischen ProzeB, ist
das immer so. Bei sinkendem ZinsfuB kann sich derjenige, der Kredit
braucht, leichter riihren, er kann in einer intensiveren Weise ein-
greifen in den volkswirtschaftlichen ProzeB, in intensiverer Weise
namlich fur die anderen. Wenn er zunachst Waren verbilligt, so greift
er in fruchtbarer Weise zunachst fur die Konsumenten ein.
Nun aber stellen wir uns das andere vor. Es wird Kredit gegeben,
sogenannter Realkredit, auf Grund und Boden. Wenn Realkredit auf
Grund und Boden gegeben wird, so steht die Sache wesentlich anders.
Nehmen Sie an, der ZinsfuB ist fiinf Prozent. Und derjenige, der
Kapital auf den Grund und Boden aufnimmt, muB fiinf Prozent be-
zahlen. Kapitalisieren Sie das, so bekommen Sie das Kapital, das
diesem Grund und Boden entspricht, das heiBt dasjenige, um das der
Grund und Boden gekauft werden muB. Nehmen Sie an jetzt, der
ZinsfuB fallt auf vier Prozent, dann kann mehr Kapital in diesen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 40 Seite:7 2
Grund und Boden hineinkreditiert werden, wird wenigstens mehr
hineinkreditiert. Und wir sehen iiberall, daB infolge des sinkenden
ZinsfuBes Grund und Boden nicht billiger, sondern teurer werden.
Grund und Boden werden infolge sinkenden ZinsfuBes nicht billiger,
sondern teurer. Realkredit verteuert, wahrend Personalkredit ver-
billigt. Realkredit verteuert den Grund und Boden, wahrend Personal-
kredit die Waren verbilligt. Das heiBt aber eigentlich sehr viel im
volkswirtschaftlichen ProzeB; das heiBt, daB, wenn das Kapital nun
wiederum zuriickkommt zur Natur und sich einfach mit der Natur in
Form des Realkredites verbindet, so daB man dann eine Verbindung
von Kapital mit Grund und Boden, das heiBt mit der Natur hat, man
den volkswirtschaftlichen ProzeB immer mehr und mehr in die Ver-
teuerung hineinfuhrt.
Verniinftig kann es also nur sein innerhalb des volkswirtschaftlichen
Prozesses, wenn sich das Kapital hier (siehe Zeichnung 3) nicht erhalt Tafel 4a
in der Natur, sondern wenn es in die Natur hinein verschwindet. Auf
welche Weise kann es verschwinden in die Natur hinein? Ja, solange
Sie iiberhaupt das Kapital verbinden konnen mit der Natur, also fort-
wahrend durch die Kapitalbildung die Natur verteuern konnen in
ihrem noch unbearbeiteten Zustande, so lange kann das Kapital in die
Natur hinein nicht verschwinden; im Gegenteil, es erhalt sich in die
Natur hinein. Und in alien Landern, in denen die Hypothekgesetz-
gebung dahin geht, daB sich das Kapital mit der Natur verbinden kann,
bekommen wir ein Stauen des Kapitals in der Natur im Grund und
Boden. Statt daB das Kapital hier (siehe Zeichnung 3) verbraucht
werde, das heiBt hier verschwinde, statt daB hier eine wertbildende
Spannung entsteht, entsteht eine weitere wertbildende Bewegung, die
dem volkswirtschaftlichen ProzeB schadlich ist. Was davon abhalten
kann, ist nur, daB wir demjenigen, der Grund und Boden zu bearbeiten
hat, iiberhaupt nicht einen Realkredit auf den Grund und Boden zu-
sprechen konnen, wenn der volkswirtschaftliche ProzeB gesund ist,
sondern auch nur einen Personalkredit, das heiBt einen Kredit fur die
Verwertung des Kapitals durch Grund und Boden. Wenn wir lediglich
Grund und Boden verbinden mit dem Kapital, dann staut sich das
Kapital, indem es bei der Natur hier ankommt. Wenn es sich aber ver-
bindet mit der geistigen Leistungsfahigkeit desjenigen, der auf Grund
und Boden eben die Verwaltung iibt, der durch Grund und Boden
den volkswirtschaftlichen ProzeB zu fordern hat, dann verschwindet
das Kapital, indem es bei der Natur hier ankommt, dann staut es sich
nicht, dann wird es nicht erhalten, sondern dann geht es durch die
Natur durch, eben wieder in die Arbeit hinein, und es macht den
Kreislauf wiederum. Eine der schlimmsten Stauungen im volkswirt-
schaftlichen ProzeB ist diejenige, wo Kapital sich einfach mit der
Natur verbindet, wo also, nehmen wir den volkswirtschaftlichen Pro-
zeB an seinem Anfange - das ist ja nur eine Hypothese wo, riachdem
sich an die Natur anschlieBend, Arbeit und Kapital entwickelt haben,
dann das Kapital in die Lage kommt, sich der Natur zu bemachtigen,
statt sich in die Natur hineinzuverlieren.
Ja, nun werden Sie natiirlich einen sehr gewichtigen Einwand haben
konnen, der dahin geht, daB Sie sagen: Ja, nun aber, innerhalb dieser
Bewegung ist eben das Kapital entstanden. Wenn es nun da ankommt
vor der Natur, und es ist so viel, daB man nicht die Moglichkek hat,
es in die Arbeit zu leiten? Wenn man nicht die Moglichkeit hat, sagen
wir, neue Methoden zu finden, um die Rohproduktion zu fordern? -
Da ist iiberall nicht die Natur mit dem Kapital verbunden, sondern
die Arbeit: wenn wir also hier ankommen mit dem Kapital, und wir
machen die Rohproduktion rationeller oder erschlieBen neue Roh-
produktequellen und so weiter, dann konnen wir hier das Kapital
unmittelbar in die Arbeit iiberleiten. Aber wenn nun zuviel Kapital
da ist, empfinden das natiirlich die einzelnen Kapitalbesitzer, die nun
nichts anfangen konnen mit ihrem Kapital. Ja, wenn Sie geschichtlich
die Sache verfolgen, so ist das auch so, daB in der Tat zuviel Kapital
eben entstanden ist, und dadurch das Kapital nur den Ausweg ge-
funden hat, sich in der Natur zu konservieren. Dadurch haben wir
eben gerade den sogenannten Wert, die sogenannte Werterhohung
von Grund und Boden innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses
sich herausbilden sehen.
Betrachten Sie aber jetzt in diesem groBeren Zusammenhang das-
jenige, was durchaus immer ungeniigend von den Bodenreformern
dargestellt wird, wo die Sache nie verstanden werden kann, so werden
Sie sich sagen : Ja, wenn ich das Kapital mit der Natur verbinde, dann
wird der Wert der Natur selbstverstandlich erhoht. Je mehr Hypo-
theken auf etwas lasten, desto teurer muB es dann bezahlt werden. Es
wird fortwahrend erhoht der Wert. Ja, ist denn das aber - die Hoher-
wertung von Grund und Boden ist das eine Wirkiichkeit? Es ist ja
gar keine Wirkiichkeit. NaturgemaB kann der Grund und Boden nicht
mehr Wert bekommen, er kann mehr Wert hochstens bekommen,
wenn eine rationellere Arbeit darauf verwendet wird. Dann ist die
Arbeit das Werterhohende; aber der Grund und Boden als solcher
selbst - wenn Sie ihn verbessern, so muB die Arbeit vorangehen -,
der Grund und Boden als solcher, werterhoht gedacht, ist ein Unding,
ein volliges Unding. Der Grund und Boden, insofern er bloB Natur
ist, kann ja noch iiberhaupt keinen Wert haben. Sie geben ihm ja einen
Wert, indem Sie das Kapital mit ihm vereinigen, so daB man sagen
kann: Dasjenige, was im heutigen volkswirtschaftlichen Zusammen-
hange Wert von Grund und Boden genannt wird, ist in Wahrheit
nichts anderes als auf den Grund und Boden fixiertes Kapital; das aber
auf dem Grund und Boden fixierte Kapital ist nicht ein wirklicher
Wert, sondern ein Scheinwert. Und darauf kommt es an, daB man
auch innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses endlich begreifen
lernt, was wirkliche Werte sind und was Scheinwerte sind.
Wenn Sie in Ihrem Gedankensystem einen Irrtum haben, dann be-
merken Sie ja zunachst nicht die Wirksamkeit dieses Irrtums, weil sich
der Zusammenhang zwischen dem Irrtum und alien diesen verschiede-
nen storenden Prozessen im Organismus, die damit zusammenhangen
und die man nur durch Geisteswissenschaft erkennt, weil sich dieser
Zusammenhang der heutigen groben Wissenschaft entzieht. Man weiB
nicht, wie zum Beispiel in den peripherischen Organen durch Irrtiimer
Verdauungsstorungen entstehen und so weiter. Aber im volkswirt-
schaftlichen ProzeB, da wirken eben die Irrtiimer, die Scheingebilde,
da werden sie real, da haben sie eine Folge. Und es ist eigentlich volks-
wirtschaftlich kein wesentlicherUnterschied, ob ich, sagen wir, irgend-
wo Geld ausgebe, das zunachst nicht in irgendeiner Realitat begriindet
ist, sondern das einfach Notenvermehrung ist, oder ob ich dem
Grund und Boden Kapital wert verleihe. Ich schaffe in beiden Fallen
Scheinwerte. Durch solche Notenvermehrung erhohe ich der Zahl
nach die Preise, aber in Wirklichkeit tue ich gar nichts im volkswirt-
schaftlichen ProzeB. Ich schichte nur um. Den einzelnen aber kann
ich ungeheuer schadigen. So schadigt diejenigen Menschen, die im
Zusammenhang im volkswirtschaftlichen ProzeB drinnenstehen, dieses
Kapitalisieren von Grund und Boden.
Sie konnen ja da ganz interessante Studien anstellen, wenn Sie zum
Beispiel vergleichen die Hypothekargesetzgebung, wie sie vor dem
Kriege war in mitteleuropaischen Landern, wo man den Grund und
Boden in beliebiger Weise hinaufschrauben konnte, durch die Gesetz-
gebung selbst bedingt - und wenn Sie in England nehmen die Gesetz-
gebung, wo der Grund und Boden nicht wesentlich steigen kann in
gewisser Weise, wenn Sie sich da die Wirkungen auf den volkswirt-
schaftlichen ProzeB anschauen. Doch diese Dinge konnen ganz inter-
essante Dissertationsthemen abgeben, Einmal die Wirkung der eng-
lischen Hypothekargesetzgebung mit der deutschen Hypothekar-
gesetzgebung zahlenmaBig zu vergleichen, wiirde ein ganz gutes
Thema abgeben.
Damit also konnte ich Ihnen anschaulich machen, um was es sich
hier eigentlich handelt: daB tatsachlich die Natur hier (siehe Zeich-
Tafel 4a nung 3) nicht zu einer Konservierung des Kapitals fiihren darf, son-
dern daB hier das Kapital ungehindert weiterwirken muB wiederum
in die Arbeit hinein. Aber wenn es da ist - ich will das noch einmal
sagen -, wenn es nicht verwertet werden kann, ja das einzige, wo-
durch es nicht da ist in einem MaBe, in dem es nicht da sein soli, das
einzige ist, daB es auf diesem (siehe Zeichnung 3) Wege aufgebraucht
wird und daB zuletzt nur so viel da ist, als hier wiederum in die Be-
arbeitung des Grund und Bodens hineingehen kann, als diese Arbeit
braucht. Das Selbstverstandlichste ist, daB auf dem Wege hier das
Kapital verbraucht wird, daB es konsumiert wird. Es ware ja auch -
denken Sie sich das hypothetisch ! - etwas Furchtbares, wenn auf dem
ganzen Wege hier nichts konsumiert wiirde. Da wiirde man die Pro-
dukte mitschleppen miissen. Nur dadurch wird die Sache organisch,
daB die Dinge aufgebraucht werden. Ebenso aber, wie aufgebraucht
wird dasjenige, was erarbeitete Natur ist, wie aufgebraucht wird die
durch das Kapital organisierte Arbeit, so muB auf seinem weiteren
Wege das Kapital einfach verbraucht werden, richtig verbraucht wer-
den. Ja, dieser Verbrauch des Kapitals, der ist ja etwas, was eben ein-
fach herbeigefiihrt werden muB.
Das kann nur herbeigefiihrt werden dadurch, daB der ganze volks-
wirtschaftliche ProzeB vom Anfang bis zum Ende, das heiBt bis zu
seiner Riickkehr zur Natur, in richtiger Weise geordnet wird, so daB
etwas da ist, wie der Selbstregulator im menschlichen Organismus.
Der menschliche Organismus bringt es zustande, daB, wenigstens
wenn er normal funktioniert, nicht unverbrauchte Nahrungsstoffe da
oder dort abgelagert werden. Und wenn unverbrauchte Nahrungs-
stoffe da oder dort abgelagert werden, so ist man eben krank, ebenso
wie wenn unverbrauchte Teile des Organismus abgelagert werden.
Denken Sie sich zum Beispiel, bei der Kopfverdauung werden die
Stoffe abgelagert, das heiBt es tritt im Kopfe eine unregelmaBige Ver-
dauung ein. Die Sachen werden nicht fortgeschafft, die abgelagert
werden. Also der Verbrauch ist nicht ordentlich geregelt. Dann kom-
men die Migranezustande. So konnten Sie iiberall sehen im mensch-
lichen Organismus, wie im nicht richtigen Aufnehmen und Weg-
schaffen des zu Verdauenden, wie da die Ursache von Krankheits-
erscheinungen liegt. Ebenso ist es im sozialen Organismus in dem
Anhaufen von demjenigen, was eigentlich an einer bestimmten Stelle
verbraucht werden soil. Es ist einfach notwendig, daB hier (siehe
Zeichnung 3) der Verbrauch des Kapitals eintritt, damit mit der Natur Tafel 4a
nicht das Kapital eben sich zum Unlebendigen verbinden kann, gleich-
sam zu einem versteinerten Einsatz im volkswirtschaftlichen ProzeB.
Denn der kapitalisierte Grund und Boden ist eben ein unmoglicher
Einsatz im volkswirtschaftlichen ProzeB.
Ich mochte ausdriicklich bemerken, daB es sich hier nicht handelt
um agitatorische Dinge. Ich will die Dinge entwickeln, wie sie sich
aus dem natiirlichen ProzeB heraus gestalten. Nur das Wissenschaft-
liche soil hier in Betracht kommen; aber man kann eine Wissenschaft,
die mit dem Handeln der Menschen sich beschaftigt, nicht treiben,
ohne daB man hinweist darauf, was fur Krankhekserscheinungen ent-
stehen konnen, so wie man auch den menschlichen Organismus nicht
betrachten kann, ohne daB man hinweist darauf, was fur Krankheits-
erscheinungen entstehen konnen. Nun, der entsprechende Verbrauch
des Kapitals muB da sein, nur nicht der ganze Verbrauch, sondern was
notwendig ist, das ist : daB eben noch etwas iibergeht, damit dann die
Natur weiter bearbeitet werden kann.
Das aber, was da iibergehen muB, das kann ich Ihnen wiederum
durch ein Bild klarmachen. Nehmen Sie einen Landmann, der muB
volkswirtschaftlich danach trachten, daB er das, was das Ertragnis
seiner Acker ist, daB er das tatsachlich wegschafft und fiir das nachste
Jahr das Saatgut behalt. Das Saatgut muB fortbehalten werden, muB
konserviert werden. Das ist durchaus ein Bild, das sich anwenden laBt
Tafel 4a auf diesen ProzeB hier (siehe Zeichnung 3). Das Kapital muB soweit
verbraucht werden, daB lediglich noch das bleibt, was als eine Art von
Saat fiir die weitere Anfachung des volkswirtschaftlichen Prozesses,
wiederum von der Natur aus, aufgefaBt werden kann. Also nur das
darf bleiben, was etwa rationeller die Forderung von gewissen Roh-
produktequellen besorgt, was unter Umstanden auch den Boden ver-
bessert, sagen wir, durch Schaffung von besseren Diingesubstanzen.
Aber da miissen Sie Arbeit aufwenden. Also es muB das dem Ver-
brauch entzogen werden, was als Arbeit fortwirken kann; dagegen das
muB verbraucht werden vorher, was, wenn es noch hier ware (siehe
Zeichnung 3), sich mit der Natur in unorganischer Weise verbinden
wiirde.
Nun konnen Sie sagen : Also, sag uns jetzt, wie das geschieht, daB
nun gerade richtig hier nur so viel Kapital ankommt, daB dieses
Kapital gewissermaBen nur das Saatgut fur das folgende ist! Sag
uns das!
Nun, wir stehen mit der Volkswirtschaftswissenschaft nicht auf
einem logischen Boden, sondern wir stehen mit der Volkswirtschafts-
wissenschaft auf einem realen Boden. Da kann man nicht Antworten
geben, wie man sie unter Umstanden, sagen wir, in der bloB theore-
tischen Ethik bekommt. Nicht wahr, man kann in der theoretischen
Ethik einen Verbrecher sehr schon ermahnen und alles Mogliche tun.
Da wird man ethisch genug getan haben. Aber das Volkswirtschaft-
liche, das muB geschehen, das muB sich abspielen. Man muB von
Realitaten reden. Wenn man vom ProduktionsprozeB redet und zeigt,
inwiefern er Werte schafft, redet man von Realitaten. DaB man beim
Konsum von Realitaten spricht, weiB ja jeder. Also, man muB in der
Volkswirtschaft von lauter Realitaten sprechen. Ideen, die bewirken
nichts in der realen Welt. Dasjenige, was den volkswirtschaftlichen
ProzeB in der richtigen Weise regelt, das spricht sich aus in dem, was
ich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» die wirklichen Asso-
ziationen genannt habe.
Wenn Sie namlich das wirtschaftliche Leben auf sich selber stellen
und diejenigen Menschen, die am wirtschaftlichen Leben beteiligt
sind, sei es als Produzenten, sei es als Handler, sei es als Konsumenten,
wenn Sie diese Menschen zusammenfassen entsprechend in Assozia-
tionen, dann werden diese Menschen durch den ganzen volkswirt-
schaftlichen ProzeB hindurch die Moglichkeit haben, eine zu starke
Kapitalbildung aufzuhalten, eine zu schwache Kapitalbildung an-
zufachen.
Dazu gehort natiirlich die richtige Beobachtung des volkswirt-
schaftlichen Prozesses. Sie gehort dazu. Wenn also irgendwo eine
Warengattung, sagen wir, zu billig wird oder zu teuer wird, so muB
man das in der entsprechenden Weise beobachten konnen. Billiger
werden und teurer werden hat ja natiirlich noch keine Bedeutung;
erst dann, wenn man in der Lage ist, aus den Erfahrungen heraus, die
nur im Zusammenberaten der Assoziationen entstehen konnen, zu
sagen: Fiinf Geldeinheiten sind fur eine Menge Salz zu wenig oder zu
viel - erst dann, wenn man wirklich sagen kann, der Preis ist zu hoch
oder zu niedrig, dann wird man die notigen MaBregeln ergreifen
konnen.
Wird der Preis irgendeiner Ware, irgendeines Gutes zu billig, so daB
diejenigen Menschen, welche das Gut herstellen, nicht mehr in der
entsprechenden Weise fur ihre zu billigen Leistungen, fur ihre zu
billigen Ergebnisse Entlohnung finden konnen, dann muB man fur
dieses Gut weniger Arbeiter einstellen, das heiBt die Arbeiter nach
einer anderen Beschaftigung ableiten. Wird ein Gut zu teuer, dann
muB man die Arbeiter heriiberleiten. Man hat es zu tun bei den Asso-
ziationen mit einem entsprechenden Beschaftigen von Menschen inner-
halb der einzelnen Zweige der Volkswirtschaft. Man muB sich klar
dariiber sein, daB ein wirkliches Steigen des Preises fur einen volks-
wirtschaftlichen Artikel einZunehmen derMenschen, die diesen volks-
wirtschaftlichen Artikel bearbeiten, bedeuten muB, und daB ein Sinken
des Preises, ein zu starkes Sinken des Preises, die MaBregel notwendig
macht, die Arbeiter ab- und auf ein anderes Arbeitsfeld heniber-
zulenken. Wir konnen von den Preisen nur sprechen im Zusammen-
hang mit der Verteilung der Menschen innerhalb gewisser Arbeits-
zweige des betreffenden sozialen Organismus.
Was fur Ansichten herrschen zuweilen heute, wo man iiberall die
Tendenz hat, lieber mit Begriffen zu arbeiten als mit Realitaten, das
zeigen Ihnen manche Freigeldleute. Die linden es ganz einfach : Wenn
Preise, sagen wir, zu hoch sind irgendwo, also man zuviel Geld aus-
geben muB fur irgendeinen Artikel, so sorge man dafiir, daB das Geld
geringer wird, dann werden die Waren billiger, und umgekehrt. Wenn
Sie aber grundlich nachdenken, so werden Sie finden, daB das ja gar
nichts anderes in Wirklichkeit bedeutet fur den volkswirtschaftlichen
ProzeB, als wenn Sie beim Thermometer so durch eine hinterlistige
Vorrichtung, wenn es zu kalt wird, die Thermometersaule zum Stei-
gen bringen. Sie kurieren da nur an den Symptomen herum. Dadurch,
daB Sie dem Gelde einen anderen Wert geben, dadurch schaffen Sie
nichts Reales.
Reales schaffen Sie aber, wenn Sie die Arbeit, das heiBt die Menge
der arbeitenden Leute, regulieren; denn es hangt eben der Preis von
der Menge der Arbeiter ab, die auf einem bestimmten Felde arbeiten.
So etwas durch den Staat ordnen wollen, das wiirde die schlimmste
Tyrannei bedeuten. So etwas durch die freien Assoziationen, die
innerhalb der sozialen Gebiete entstehen, zu ordnen, wo jeder den Ein-
blick hat - er sitzt ja in der Assoziation, oder sein Vertreter sitzt darin,
oder es wird ihm mkgeteilt, was darin geschieht, oder er sieht es
selber ein, was zu geschehen hat -, das ist dasjenige, was zu er-
streben ist.
Natiirlich ist das andere damit verbunden, daB man nun sorgen
muB, daB der Arbeiter nun nicht bloB sein ganzes Leben lang nur
irgendeinen Handgriff kann, daB er sich auch anders betatigen kann.
Denken Sie, das wird notwendig werden, namentlich notwendig aus
dem Grunde, weil sonst zuviel Kapital hier (siehe Zeichnung 3) an-
kommt. Da konnen Sie das Kapital, das hier zuviel ware, dazu ver-
wenden, um den Arbeitern etwas beizubringen, um sie in andere
Berufszweige iiberzufiihren. Also, Sie sehen, in dem Augenblick, wo
man rationell denkt, da korrigiert sich der nationalokonomische Pro-
zeB - das ist das Wichtige, das Wesentliche -, er korrigiert sich. Aber
er wird sich nie korrigieren, wenn man bloB sagen wiirde, durch das
und jenes, durch Inflation oder durch Ausgabe von den oder jenen
Verfugungen wird es besser werden. Dadurch wird es nicht besser,
sondern lediglich dadurch, daB Sie den ProzeB an jeder Stelle beobach-
ten lassen, und die beobachtenden Leute unmittelbar die Konsequenz
Ziehen konnen.
Bis hierher wollte ich heute kommen, damit Sie sehen, daB es sich
bei dem, was als Dreigliederung gemeint war, nicht gehandelt hat
darum, Agitation zu treiben, sondern der Welt etwas zu sagen, was
folgt aus einer realen Betrachtung des volkswirtschaftlichen Prozesses.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 29.Juli 1922
Sie wissen vielleicht, daB ich in meinen «Kernpunkten der sozialen
Frage» formelhaft zu bestimmen versuchte, wie man zu einer Vor-
stellung des, sagen wir zunachst richtigen Preises innerhalb des volks-
wirtschaftlichen Prozesses kommen kann. Naturlich ist mit einer sol-
chen Formel ja nichts weiter gegeben als zunachst eine Abstraktion.
Und in diese Abstraktion, ich mochte sagen, die ganze Volkswirtschaft
wenigstens skizzenweise hineinzuarbeiten, ist ja eben unsere Aufgabe
in diesen Vortragen, die sich, ich denke doch, zu einem Ganzen
schlieBen werden, wenn auch die Zeit eine kurze ist.
Ich habe also in den «Kernpunkten der sozialen Frage» als Formel
das Folgende angegeben : Ein richtiger Preis ist dann vorhanden, wenn
jemand fur ein Erzeugnis, das er verfertigt hat, so viel als Gegenwert
bekommt, daB er seine Bedurfnisse, die Summe seiner Bediirfnisse,
worin natiirlich eingeschlossen sind die Bedurfnisse derjenigen, die zu
ihm gehoren, befriedigen kann so lange, bis er wiederum ein gleiches
Produkt verfertigt haben wird, Diese Formel ist, so abstrakt sie ist,
dennoch erschopfend. Es handelt sich ja beim Aufstellen von Formeln
eben darum, daB sie wirklich alle konkreten Einzelheiten enthalten. Und
ich meine, fur das Volkswirtschaftliche ist diese Formel wirklich so
erschopfend wie, sagen wir, derPythagoraischeLehrsatz erschopfend ist
fur alle rechtwinkeligen Dreiecke. Nur handelt es sich darum: ebenso
wie man in diesen hineinbringen muB die Verschiedenheit der Seiten, so
muB man unendlich viel mehr in diese Formel hineinbringen. Aber das
Verstandnis, wie man in diese Formel den ganzen volkswirtschaftlichen
ProzeB hineinbringt, das ist eben Volkswirtschaftswissenschaft.
Nun mochte ich heute gerade ausgehen von einem ganz Wesent-
lichen in dieser Formel. Das ist das, daB ich nicht hinweise in dieser
Formel auf dasjenige, was vergangen ist, sondern auf dasjenige, was
eigentlich erst kommt. Ich sage ausdriicklich: Der Gegenwert muB
die Bedurfnisse in der Zukunft befriedigen, bis der Erzeuger wieder-
um ein gleiches Produkt verfertigt haben wird. Das ist etwas ganz
Wesentliches in dieser Formel. Wurde man einenGegenwert verlangen
fur das Produkt, das er schon fertig hat, und dieser Gegenwert sollte
entsprechen irgendwie den wirklichen volkswirtschaftlichen Vor-
gangen, so konnte es durchaus passieren, daB der BetrefFende einen
Gegenwert bekommt, der seine Bedurfnisse, sagen wir, nur zu funf
Sechsteln der Zeit befriedigt, bis er ein neues Produkt hergestellt hat ;
denn die volkswirtschaftlichen Vorgange andern sich eben von der
Vergangenheit in die Zukunft hinein. Und derjenige, der da glaubt,
von der Vergangenheit her allein irgendwelche Aufstellungen machen
zu konnen, der muB immer im Volkswirtschaftlichen das Unrichtige
treffen; denn Wirtschaften besteht eigentlich darinnen, daB man die
kiinftigen Prozesse mit dem, was vorangegangen ist, ins Werk setzt.
Wenn man aber die vergangenen Prozesse beniitzt, um die kiinftigen
ins Werk zu setzen, dann miissen sich unter Umstanden die Werte ganz
bedeutend verschieben; denn fortwahrend verschieben sie sich. Daher
handelt es sich bei dieser Formel ganz wesentlich darum, daB ich sage :
Wenn jemand ein Paar Stiefel verkauft, so ist die Zeit, in der er sie ver-
fertigt hat, volkswirtschaftlich durchaus nicht maBgebend, sondern
maBgebend ist die Zeit, in der er das nachste Paar Stiefel verfertigen
wird. Das ist, worauf es in dieser Formel ankommt, und das miissen
wir nun in breiterem Sinn innerhalb des volkswirtschaftlichen Pro-
zesses verstehen.
Wir haben ja gestern uns den Kreislauf vor die Seele gefuhrt (siehe
Zeichnung 3) : Natur - Arbeit - Kapital, das also vom Geiste verwertet Tafel 4a
wird. Ich konnte hier statt Kapital ebensogut herschreiben Geist. Und
wir haben zunachst den volkswirtschaftlichen ProzeB in dieser Rich-
tung - gegen den Uhrzeiger - verfolgt und gefunden, daB hier, bei der
Natur, keine Stauung stattfinden darf, sondern daB eigentlich da nur
durchkommen darf, was als eine Art Samen die Moglichkeit hat, den
volkswirtschaftlichen ProzeB fortzusetzen, so daB also nicht durch
eine Fixierung des Kapitals in der Bodenrente eine volkswirtschaft-
liche Stauung entsteht. Nun sagte ich Ihnen ja, daB im Grunde ge-
nommen der Ertrag von Grund und Boden beim Verkauf, also die
Bewertung von Grund und Boden, widerspricht im volkswirtschaft-
lichen ProzeB den Interessen, die man hat bei der Herstellung von
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 40 Seite:8 3
wertvollen Giitern. Derjenige, der mit Hilfe von Kapital wertvolle
Giiter herstellen will, hat ein Interesse daran, daB der ZinsfuB niedrig
ist; denn er braucht dann weniger'Zins zuriickzuzahlen und kann sich
dadurch leichter bewegen mit dem, was er als Leihkapital bekommt.
Derjenige aber, der Besitzer etwa ist - ich darf diese Dinge, weil sie
innerhalb unserer Volkswirtschaft Bedeutung haben, durchaus be-
sprechen -, derjenige, der ein Interesse daran hat, den Grund und
Boden teurer zu machen, der macht ihn gerade dadurch teurer, daB der
ZinsfuB ein niedriger ist. Hat er niedrigen Zins zu bezahlen, so wachst
der Wert seines Grundes und Bodens, der wird immer teurer; wahrend
derjenige, der einen niedrigen ZinsfuB zu bezahlen hat, bei der Her-
stellung von wertvollen Waren die Waren billiger herstellen kann.
Also Waren, bei denen es ankommt auf den ProzeB der Herstellung,
werden bei niedrigem ZinsfuB billig: Grund und Boden, der einen
Ertrag liefert, ohne daB man ihn erst herstellt, der wird teurer bei
niedrigerem ZinsfuB. Sie konnen sich das einfach ausrechnen. Es ist
das eine volkswirtschaftliche Tatsache.
Nun handelt es sich darum, daB also dann eigentlich die Notwendig-
keit vorliegen wiirde, den ZinsfuB in zweifachem Sinn zu gestalten:
man miiBte also einen moglichst niedrigen ZinsfuB fur das Installieren
der Arbeit, des Erzeugens der wertvollen Warengiiter haben, und man
miiBte einen moglichst hohen ZinsfuB haben fur dasjenige, was Grund
und Boden ist. Das folgt ja unmittelbar daraus. Man miiBte einen mog-
lichst hohen ZinsfuB haben fur das, was Grund und Boden ist. Das ist
etwas, was so ohne weiteres praktisch nicht leicht durchfiihrbar ist.
Ein etwas hoherer ZinsfuB, der auch schon praktisch durchfiihrbar
ware fur Leihkapital, das auf Grund und Boden gegeben wird, wiirde
nicht auBerordentlich viel helfen, und ein wesentlich hoherer ZinsfuB
- ich will zum Beispiel sagen, der ZinsfuB, der einfach als ZinsfuB
Grund und Boden immer auf einem gleichen Wert hielte, der ZinsfuB
von hundert Prozent der wiirde auch praktisch auBerordentlich
schwierig so ohne weiteres durchfiihrbar sein. Hundert Prozent fur
Beleihung von Grund und Boden wiirde ja sofort die Sache verbes-
sern ; aber es ist eben, wie gesagt, praktisch nicht durchfiihrbar. Aber
bei solchen Dingen handelt es sich darum, daB man klar und deutlich
hineinschaut in den volkswirtschaftlichen ProzeB ; und da merkt man
dann, daB schon das Assoziationswesen dasjenige ist, was allein den
volkswirtschaftlichen ProzeB gesund machen kann, weil namlich der
volkswirtschaftliche ProzeB, in der richtigen Weise angeschaut, dennoch
dahin fuhrt, daB man ihn auch in der richtigen Weise dirigieren kann.
Wir miissen ja reden im volkswirtschaftlichen ProzeB von Produk-
tion und Konsum, wie ich schon gestern angedeutet habe. Wir miissen
also sehen das Produzieren und das Konsumieren. Nun, das ist ja ein
Gegensatz, der insbesondere in den neueren, vielfach gefiihrten Dis-
kussionen auf volkswirtschaftlichem Gebiet, die dann auch in die
Agitation hineingegangen sind, eine groBe Rolle gespielt hat. Man hat
namentlich iiber die Frage viel disputiert, ob die geistige Arbeit - ein-
fach die geistige Arbeit als solche -, ob diese iiberhaupt auf wirtschaft-
lichem Gebiet werterzeugend sei.
Der geistige Arbeiter ist ja sicher ein Konsument. Ob er auch in
dem Sinne, wie man es schon auf volkswirtschaftlichem Gebiet an-
sehen muB, ein Produzent ist, dariiber ist ja viel diskutiert worden;
und die extremsten Marxisten zum Beispiel haben ja immer und immer
wiederum den ungliickseligen indischen Buchhalter angefiihrt, der fur
seine Gemeinde die Biicher zu fiihren hat, der also nicht die Acker
besorgt oder eine andere produktive Arbeit verrichtet, sondern diese
produktive Arbeit nur registriert, und sie sprechen diesem nun die
Fahigkeit ab, irgend etwas zu produzieren. So daB sie konstatieren,
daB er lediglich unterhalten wird aus dem Mehrwert, den die Produ-
zenten erarbeiten. So daB wir diesen Prachtbuchhalter haben, wie er
immer angefiihrt wird, wie wir ja auch denCajus haben in der formalen
Logik in den Gymnasien, der die Sterblichkeit der Menschen immer
beweisen soil. Sie wissen ja: Alle Menschen sind sterblich, Cajus ist
ein Mensch, also ist Cajus sterblich! - Dieser Cajus ist dadurch, daB er
immerfort die Sterblichkeit des Menschen beweisen muBte, eine un-
sterbliche logische Personlichkeit geworden. So ist es mit dem indi-
schen Buchhalter, der nur vom Mehrwert der Produzenten erhalten
wird; so ist es mit ihm in der marxistischen Literatur, wo man ihn
sozusagen in Reinkultur findet.
Nun, diese Frage, die ist auBerordentlich, ich mochte sagen, voll
von allerlei solchen Schlingen, in denen man sich verfangt, wenn man
sie volkswirtschaftlich durchfiihren will, diese Frage: Inwiefern ist
- oder ist iiberhaupt - das geistige Arbeiten, die geistige Arbeit wirt-
schaftlich produktiv? - Sehen Sie, da kommt es eben sehr stark darauf
an, daB man unterscheidet zwischen der Vergangenheit und der Zu-
kunft. Wenn Sie namlich bloB die Vergangenheit ins Auge fassen und
bloB auf die Vergangenheit statistisch reflektieren, dann werden Sie
beweisen konnen, daB die geistige Arbeit mitBezug auf die Vergangen-
heit und alles dasjenige, was nur eine unmittelbare Fortsetzung der
Vergangenheit ist, daB die geistige Arbeit dafur eigentlich unproduk-
tiv ist. Von der Vergangenheit in die Zukunft ist an Materiellem nur
die rein materielle Arbeit auch im volkswirtschaftlichen ProzeB pro-
duktiv zu denken mit ihrer Fortsetzung. Ganz anders ist es, wenn Sie
die Zukunft ins Auge fassen - und Wirtschaften heiBt eben, aus der
Vergangenheit in die Zukunft hineinarbeiten. Da brauchen Sie ja nur
an das einfache Beispiel zu denken : Sagen wir, irgendein Handwerker
verfertigt irgend etwas in einem Dorf und er wird krank. Er wird,
sagen wir, unter gewissen Verhaltnissen, wenn er an einen ungeschick-
ten Arzt kommt, drei Wochen im Bett liegen miissen und seine Dinge
nicht verfertigen konnen. Da wir
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