Nationalökonomischer Kurs

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge  Ober  das  soziale  leben 
und  die  dreigliederung  des  sozialen  organismus 


AUFGABEN 

EINER  NEUEN  WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFT 

I 

Nationalokonomischer  Kurs 


II 

Nationalokonomisches  Seminar 


RUDOLF  STEINER 


Nationalokonomischer  Kurs 


Vierzehn  Vortrage,  gehalten  in  Dornach 
vom  24.  Juli  bis  6.  August  1922 
fur  Studenten  der  Nationalokonomie 


2002 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  Walter  Birkigt  und  Emil  Leinhas 
Fur  die  5.  Auflage  neu  durchgesehen  von  Walter  Kugler 


1.  Auflage  Dornach  o.  J.  (1922) 

2.  Auflage  Dornach  1931 

3.  Auflage  Dornach  1933 

4.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1965 

5.,  neu  durchgesehene  und  erganzte  Auflage, 
Gesamtausgabe  Dornach  1979 

6.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  2002 


Bibliographie-Nr.  340 

Zeichen  auf  dem  Einband  nach  einem  Entwurf  Rudolf  Steiners 
Zeichnungen  im  Text  nach  Tafelzeichnungen  Rudolf  Steiners, 
ausgefuhrt  von  Leonore  Uhlig 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1979  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-3400-7 


Zu  dm  Veroffentlicbungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861-1925)  gliedert 
sich  in  die  drei  groBen  Abteilungen:  Schriften  —  Vortrage  —  Kunst- 
lerisches  Werk  (siehe  die  Ubersicht  am  SchluB  des  Bandes). 

Urspriinglich  wollte  Rudolf  Steiner  nicht,  daB  seine  frei  gehal- 
tenen  Vortrage  —  sowohl  die  offentlichen  als  auch  die  fiir  die  Mit- 
glieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft 
—  schriftlich  festgehalten  wurden,  da  sie  von  ihm  als  «miindliche, 
nicht  zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nach- 
dem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte  Horernach- 
schriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich  veranlaBt, 
das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  betraute  er  Marie 
Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung  der  Stenografierenden, 
die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fiir  die  Herausgabe  not- 
wendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  nur  in  ganz  we- 
nigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigiert  hat,  muB  gegeniiber 
alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  wer- 
den:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen,  daB  in  den 
von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  flndet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867—1948)  wurde  gemaB 
ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamt- 
ausgabe begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil 
dieser  Gesamtausgabe.  Nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen  fin- 
den  sich  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Inhaltsangaben  zu  Band  I  und  Band  II   232/237 

Erster  Vortrag,  Dornach,  24.  Juli  1922    9 

Zweiter  Vortrag,  25.  Juli  1922    23 

Dritter  Vortrag,  26.  Juli  1922    38 

Vierter  Vortrag,  27.  Juli  1922    51 

Funfter  Vortrag,  28.  Juli  1922    67 

Sechster  Vortrag,  29.  Juli  1922    82 

Siebenter  Vortrag,  30.  Juli  1922    96 

Achter  Vortrag,  31.  Juli  1922    110 

Neunter  Vortrag,  1.  August  1922    125 

Zehnter  Vortrag,  2.  August  1922    140 

Elfter  Vortrag,  3.  August  1922    155 

Zwolfter  Vortrag,  4.  August  1922   170 

Dreizehnter  Vortrag,  5.  August  1922    185 

Vierzehnter  Vortrag,  6.  August  1922    199 

AN  HANG 

Hinweise 

Zu  dieser  Ausgabe   216 

Hinweise  zum  Text   217 

Sachwortverzeichnis  zu  Band  I  (Kurs)  und  Band  II  (Seminar)  221 

Personenregister  zu  Band  I  (Kurs)  und  Band  II  (Seminar)      .  231 

Inhaltsangaben  zu  Band  I  (Kurs)   232 

Inhaltsangaben  zu  Band  II  (Seminar)   237 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   .    .    .    .  239 


Die  Wiedergaben  der  Original-Wandtafelzeichnungen 
Rudolf  Steiners  zu  den  Vortragen  in  diesem  Band 
(vgl.  die  Randvermerke  und  den  Text  am  Beginn  der  Hinweise) 
sind  innerhalb  der  Gesamtausgabe  erschienen  in  der  Reihe: 
«Rudolf  Steiner  —  Wandtafelzeichnungen  zum  Vortragswerk» 

Band  XXIV 


ERSTER  VORTRAG 
Dornach,  24.Juli  1922 


Zunachst  mochte  ich  heute  mit  einer  Art  Einleitung  beginnen  und 
dann  morgen  iibergehen  zu  demjenigen,  was  in  gewisser  Beziehung 
ein  Ganzes  ergeben  soli  iiber  nationalokonomische,  uber  sozialokono- 
mische  Fragen,  die  sich  in  der  Gegenwart  der  Mensch  stellen  muB. 

Die  Nationalokonomie,  wie  man  nun  einmal  in  der  Gegenwart  von 
ihr  spricht,  sie  ist  eigentlich  erst  eine  neuere  Schopfung.  Sie  ist  ent- 
standen  im  Grunde  genommen  erst  in  der  Zeit,  als  das  wirtschaftliche 
Leben  der  neueren  Volker  auBerordentlich  kompliziert  geworden  ist 
gegeniiber  fruheren  wirtschaftlichen  Verhaltnissen.  Und  da  wir  hier 
diesen  Kursus  so  gestalten  wollen,  wie  er  hauptsachlich  fur  den  Stu- 
denten  der  Nationalokonomie  eben  gestaltet  werden  soli,  so  muB  ja 
einleitend  gerade  auch  auf  diese  besondere  Eigentumlichkeit  des 
nationalokonomischen  Denkens  von  heute  hingewiesen  werden. 

Wir  brauchen  uns  ja  schlieBlich  gar  nicht  einmal  sehr  weit  in  der 
Geschichte  zuriickzubegeben,  so  werden  wir  schon  sehen,  wie  das 
wirtschaftliche  Leben  auch,  sagen  wir,  nur  wahrend  des  19.Jahr- 
hunderts  selbst  sich  verandert  hat  gegeniiber  fruheren  Verhaltnissen. 
Beachten  Sie  nur  einmal  die  eine  Tatsache,  daB  in  gewissem  Sinn  zum 
Beispiel  England  im  wesentlichen  wirtschaftlich  neuzeitlich  gestaltet 
war  schon  in  der  ersten  Halfte  des  19.Jahrhunderts,  so  daB  eigentlich 
verhaltnismaBig  wenig  in  der  wirtschaftlichen  Struktur  in  England 
sich  radikal  verandert  hat  im  Laufe  des  19.Jahrhunderts.  Die  groBen 
Fragen,  die  sich  in  der  neueren  Zeit  in  sozialer  Hinsicht  an  die  wirt- 
schaftlichen Fragen  anschlieBen,  waren  in  England  schon  da  in  der 
ersten  Halfte  des  19.Jahrhunderts,  und  schon  damals  konnten  die- 
jenigen  Menschen,  welche  darauf  ausgingen,  im  modernen  Sinn  das 
Sozialokonomische  zu  denken,  ihre  Studien  in  England  machen,  wah- 
rend solche  Studien  dazumal  noch,  sagen  wir,  in  Deutschland  hatten 
unfruchtbar  bleiben  miissen.  In  England  hatten  sich  vor  alien  Dingen 
die  groBen  Handelsverhaltnisse  bereits  herausgebildet  bis  in  das  erste 
Drittel  des  19.Jahrhunderts,  und  es  war  innerhalb  der  englischen 


Volkswirtschaft  durch  diese  Herausbildung  der  Struktur  des  Handels- 
wesens  geschaffen  eine  Grundlage  in  dem  Handelskapital.  Man  hatte 
in  England  nicht  notwendig,  fur  die  neuere  Wirtschaft  an  einen  ande- 
ren  Ausgangspunkt  anzukniipfen  als  an  das,  was  sich  als  Handels- 
kapital ergeben  hatte  aus  den  konsolidierten  Handels  verhaltnis  sen,  die 
eben  schon  bestanden,  sogar  schon  im  ersten  Drittel  des  ^.Jahr- 
hunderts. An  diese  Zeit  ankniipfend,  hat  sich  dann  fur  England  alles 
mit  einer  gewissen  Folgerichtigkeit  ergeben.  Nur  diirfen  wir  nicht 
vergessen,  daB  die  ganze  englische  Wirtschaft  nur  moglich  war  auf  der 
Grundlage,  die  sich  aus  dem  Verhaltnis  Englands  zu  den  Kolonien 
ergeben  hatte,  namentlich  zu  Indien.  Die  ganze  englische  Volkswirt- 
schaft ist  nicht  denkbar  ohne  das  Verhaltnis  Englands  zu  Indien.  Das 
heiBt  aber  mit  anderen  Worten:  Diese  englische  Volkswirtschaft  mit 
ihrer  Moglichkeit,  groBe  Kapitalien  herauszubilden,  ist  aufgebaut  dar- 
auf,  daB  ein  gewissermaBen  wirtschaftlich  jungfrauliches  Land  im 
Hintergrund  liegt.  Das  diirfen  wir  nicht  iibersehen,  namentlich  nicht, 
wenn  wir  jetzt  herubersehen  von  der  englischen  Volkswirtschaft  in  die 
deutsche  herein. 

Verfolgen  Sie  diese,  so  werden  Sie  sehen,  daB  sie  zum  Beispiel  im 
ersten  Drittel  des  19.Jahrhunderts  noch  wesentlich  so  ist,  daB  sie  ent- 
spricht  den  wirtschaftlichen  Gewohnheiten,  die  sich  noch  aus  dem 
Mittelalter  heraus  ergeben  haben.  Die  wirtschaftlichen  Gewohnheiten 
und  wirtschaftlichen  Zusammenhange  sind  innerhalb  Deutschlands  im 
ersten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  durchaus  alte.  Damit  war  das  ganze 
Tempo  des  wirtschaftlichen  Lebens  inDeutschland  ein  anderes  als  zum 
Beispiel  in  England  im  ersten  Drittel,  ja  in  der  ersten  Halfte  des 
19.  Jahrhunderts.  In  England  spielte  sich  dasjenige  schon  ab  in  dieser 
ersten  Jahrhunderthalfte,  was  man  nennen  kann  das  Rechnen  mit 
rasch  wechselnden  Lebensgewohnheiten.  Es  bleibt  der  allgemeine  Zug 
des  wirtschaftlichen  Lebens  im  wesentlichen  derselbe,  aber  er  ist  schon 
berechnet  auf  rasch  wechselnde  Gewohnheiten.  In  Deutschland  sind 
diese  selber  noch  konservativ.  Das  wirtschaftliche  Leben  kann  noch 
einen  Schneckengang  gehen,  kann  noch  angepaBt  sein  demUmstand,  daB 
die  Verhaltnisse  in  technischerBeziehung  durch  lange  Zeit  hindurch  un- 
gefahr  gleich  bleiben,  daB  auch  die  Bediirfnisse  sich  nicht  rasch  andern. 


Darin  ist  aber  ein  Umschwung  eingetreten  im  zweiten  Drittel  des 
19.Jahrhunderts.  Da  entwickelte  sich  rasch  heraus  eine  Anahnlichung 
an  die  englischen  Verhaltnisse  unter  der  Ausbildung  des  industriellen 
Wesens.  Deutschland  war  in  der  ersten  Halfte  des  19.  Jahrhunderts  im 
wesentlichen  ein  Agrarland,  es  wurde  aber  rasch  umgewandelt  in  ein 
Industrieland,  viel  rascher  umgewandelt  als  irgendein  anderes  Gebiet 
der  Erde. 

Aber  das  war  mit  etwas  anderem  noch  verkniipft.  Man  mochte 
sagen:  In  England  hat  sich  der  Ubergang  zu  einer  industriellen  Auf- 
fassung  der  Volkswirtschaft  instinktiv  herausgebildet ;  man  wuBte 
eigentlich  gar  nicht  wie.  Er  ist  gekommen  wie  ein  Naturereignis.  In 
Deutschland  war  zwar  das  Mittelaiterliche  im  ersten  Drittel  des 
19.  Jahrhunderts  vorhanden  -  Deutschland  war  ein  Agrarstaat;  aber 
wahrend  die  auBeren  wirtschaftlichen  Verhaltnisse  in  der  Weise  ver- 
liefen,  daB  man  sie  fast  noch  mittelalterlich  nennen  konnte,  hat  sich 
das  menschliche  Denken  grundlich  geandert.  Ins  BewuBtsein  der 
Menschen  ist  eingezogen,  daB  da  etwas  anderes  kommen  muB,  daB  das 
eigentlich  nicht  mehr  zeitgemaB  ist,  was  vorhanden  ist;  und  so  hat 
sich  das,  was  sich  als  Umbildung  der  wirtschaftlichen  Verhaltnisse  im 
zweiten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  in  Deutschland  ergeben  hat,  viel 
bewuBter  vollzogen  als  in  England.  Die  Leute  haben  viel  mehr  ge- 
wuBt  in  Deutschland  -  in  England  wuBte  man  es  gar  nicht  -,  wie  man 
hineingekommen  ist  in  den  modernen  Kapitalismus.  Wurden  Sie 
heute  das,  was  man  dazumal,  ich  mochte  sagen,  auseinandergesetzt  hat, 
gesprochen  hat  iiber  das  Hineingehen  in  den  Industrialismus,  wurden 
Sie  das  lesen,  so  wurden  Sie  die  Vorstellung  bekommen:  Ja,  es  ist 
merkwiirdig,  wie  da  die  Leute  in  Deutschland  gedacht  haben.  -  Die 
Leute  haben  es  geradezu  als  eine  voile  Menschenbefreiung  angesehen  - 
man  hat  das  Liberalismus  genannt,  Demokratie  genannt  -,  die  Leute 
haben  das  geradezu  angesehen  wie  das  Heil  der  Menschheit,  nun 
herauszukommen  aus  alten  Bindungen,  aus  dem  alten  Korporations- 
wesen,  und  zu  der  vollig  freien  Stellung  -  wie  man  es  nannte  -  des 
Menschen  im  wirtschaftlichen  Leben  iiberzugehen.  Wir  erblicken  des- 
halb  in  England  niemals  eine  Theorie  iiber  die  Volkswirtschaft,  wie  sie 
etwa  ausgebildet  haben  Leute,  die  ihre  Bildung  aus  der  Hochbliite 


dieser  Zeit  gezogen  haben,  die  ich  charakterisiert  habe.  Schmoller, 
Roscher  und  andere  haben  ihre  Ansichten  gezogen  aus  der  Hochbliite 
dieser  liberalistischen  Volkswirtschaft.  Mit  vollem  BewuBtsein  haben 
sie  aufgebaut,  was  durchaus  in  diesem  Sinne  aufgebaut  war.  Solch 
eine  Volkswirtschaftslehre  wiirde  der  Englander  fade  gefunden  haben. 
Man  denkt  doch  uber  solche  Dinge  nicht  nach,  wiirde  er  gesagt  haben. 
Daher  betrachten  Sie  nur  den  radikalen  Unterschied,  wenn  man  in 
England  -  ich  will  bloB  nehmen  selbst  solche  Leute,  die  schon  theore- 
tisch  genug  waren,  wie  Beaconsfield -,  wenn  sie  gesprochen  haben  iiber 
solche  Fragen,  oder  wenn  in  Deutschland  gesprochen  haben  Richter, 
Lasker  oder  selbst  Brentano.  In  Deutschland  also  ist  man  mit  BewuBt- 
sein in  diese  zweite  Periode  eingezogen. 

Dann  kam  die  dritte  Periode,  die  eigentliche  staatliche  Periode. 
Nicht  wahr,  als  das  letzte  Drittel  des  19.Jahrhunderts  heranriickte,  da 
konsolidierte  sich  der  deutsche  Staat  im  Grunde  genommen  durch 
reine  Machtmittel.  Es  konsolidierte  sich  nicht  dasjenige,  was  die 
Idealisten  von  den  achtundvierziger  oder  auch  schon  von  den  dreiBiger 
Jahren  an  wollten,  sondern  da  konsolidierte  sich  der  Staat  durch  reine 
Machtmittel.  Dieser  Staat  nahm  auch  nach  und  nach  mit  vollem  Be- 
wuBtsein das  wirtschaftliche  Leben  fur  sich  in  Anspruch,  so  daB  das 
wirtschaftliche  Leben  in  seiner  Struktur  ganz  durchsetzt  wurde  im 
letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  von  dementgegengesetztenPrinzip 
als  friiher.  Im  zweiten  Drittel  hatte  es  sich  entwickelt  unter  den  libera- 
listischen Anschauungen,  jetzt  entwickelte  es  sich  ganz  unter  den 
Anschauungen  des  Staatsprinzips.  Das  gab  dem  Wirtschaftsleben  in 
Deutschland  seine  Gesamtsignatur;  und  zwar  waren  BewuBtseins- 
elemente  in  dieser  ganzen  Entwickelung  drinnen.  Und  das  Ganze  war 
doch  wiederum  unbewuBt. 

Das  Wichtigste  war  nun,  daB  ja  dadurch,  nicht  etwa  bloB  im  Den- 
ken,  sondern  im  ganzen  Wirtschaften  selber,  ein  radikaler  Gegensatz 
geschaffen  war  zwischen  dem,  was  englische  Wirtschaft  war,  und  dem, 
was  nun  mitteleuropaische  Wirtschaft  war.  Ja,  aber  auf  diesem  Gegen- 
satz beruhte  es,  wie  man  miteinander  wirtschaftete.  Die  ganze  Wirt- 
schaft des  19. Jahrhunderts,  wie  sie  sich  entwickelte  ins  20.Jahr- 
hundert,  ware  nicht  denkbar  gewesen  ohne  diesen  Gegensatz  des 


Westens  und  der  europaischen  Mitte:  daB  man  so,  wie  man  verkaufte, 
verkaufte,  so,  wie  man  Waren  anbrachte,  sie  anbrachte,  wie  man  sie 
fabrizierte,  sie  fabrizierte. 

Und  so  hat  sich  allmahlich  herausgebildet  die  Moglichkeit  der  eng- 
lischen  Wirtschaft  auf  Grundlage  des  Besitzes  von  Indien,  und  jetzt 
die  Moglichkeit  der  Erweiterung  des  Wirtschaftens  auf  Grundlage  des 
Gegensatzes  zwischen  westlicher  und  mitteleuropaischer  Wirtschaft. 
Das  Wirtschaftsleben  beruht  ja  nicht  auf  demjenigen,  was  man  so 
sieht  in  seiner  allernachsten  Umgebung,  sondern  auf  den  groBen 
gegenseitigen  Verhaltnissen  in  der  Welt  drauBen. 

Mit  diesem  Gegensatz  nun  trat  eben  die  Welt  iiberhaupt  in  die  Welt- 
wirtschaft  dann  ein  und  -  konnte  in  die  Welt  wirtschaft  nicht  hinein. 
Denn  sie  beruhte  eigentlich  auf  den  instinktiven  Elementen,  die  sich 
heraufentwickelt  hatten  und  die  ich  eben  angedeutet  habe  mit  dem 
Gegensatz  zwischen  England  und  Mitteleuropa.  Im  20.Jahrhundert 
stand  man  eigentlich  -  ohne  daB  die  Welt  es  wuBte,  sie  bemerkte 
nichts  davon  -  davor,  daB  dieser  Gegensatz  immer  aktueller  und 
aktueller,  immer  defer  und  tiefer  wurde.  Der  Gegensatz  wurde  immer 
aktueller  und  aktueller,  immer  tiefer  und  tiefer,  und  man  stand  vor  der 
groBen  Frage Die  wirtschaftlichenVerhaltnisse  sind  aus  diesenGegen- 
satzen  heraus  entwickelt,  sie  tragen  diese  Gegensatze  immer  mehr  und 
mehr  in  die  Zukunft  hinein;  aber  zu  gleicher  Zeit,  wenn  die  Gegen- 
satze immer  groBer  und  groBer  wurden,  konnte  man  nicht  miteinander 
wirtschaften.  Das  war  die  groBe  Frage  des  20.Jahrhunderts  -  der 
Gegensatz  hatte  die  Wirtschaft  geschaffen,  die  Wirtschaft  hatte  den 
Gegensatz  vergroBert,  der  Gegensatz  bedurfte  einer  Losung  -,  die 
Frage  war  dann:  Wie  lost  man  die  Gegensatze?  -  Nun,  die  geschicht- 
liche  Entwickelung  hat  gezeigt,  daB  die  Menschen  nicht  imstande 
waren,  die  Frage  zu  losen. 

So  wie  ich  jetzt  gesprochen  habe,  hatte  man  sprechen  konnen  1914 
im  Frieden.  Dann  ist  statt  einer  Losung  gekommen  das  Ergebnis  der 
Unfahigkeit,  eine  welthistorische  Losung  zu  finden.  Das  ist  die  Krank- 
heit,  die  da  eintrat,  wenn  man  die  Sache  von  der  wirtschaftlichen  Seite 
anschaut. 

Nun,  auf  Gegensatzen  beruht  im  Grunde  genommen  die  Moglich- 


keit  aller  Entwickelung.  Ich  will  nur  einen  solchen  Gegensatz  nennen: 
Dadurch,  daB  die  englische  Wirtschaft  in  viel  friiherer  Zeit  konsoli- 
diert  worden  war  als  die  mitteleuropaische,  waren  die  Englander  nicht 
fahig,  fiir  gewisse  Waren  so  billige  Preise  zu  machen,  wie  das  in 
Deutschland  der  Fall  war,  so  daB  der  grofie  Gegensatz  der  Konkurrenz 
entstand ;  denn  das  «  Made  in  Germany  »  war  eine  Frage  der  Konkur- 
renz. Und  als  dann  der  Krieg  vorbei  war,  da  konnte  die  Frage  ent- 
stehen :  Ja,  wie  kann  man  jetzt,  nachdem  sich  die  Menschen  zunachst 
die  Kopfe  eingeschlagen  hatten,  statt  nach  einer  Losung  der  Gegen- 
satze zu  suchen,  wie  kann  man  jetzt  mit  den  Dingen  fertig  werden? 
Da  muBte  ich  glauben,  daB  die  Menschen  zunachst  gefunden  werden 
miiBten,  die  nun  das  verstehen  sollten,  was  auf  einem  anderen  Gebiet 
als  Gegensatze  geschaffen  werden  muB;  denn  das  Leben  beruht  auf 
Gegensatzen  und  kann  nur  existieren,  wenn  Gegensatze  da  sind,  die 
miteinander  spielen.  Und  so  konnte  man  1919  darauf  kommen,  zu 
sagen :  Also  weise  man  auf  die  Gegensatze  hin,  nach  denen  eigentlich 
die  welthistorische  Entwickelung  tendiert,  auf  die  Gegensatze  des 
WirtschaftHchen,  Rechtlich-Polkischen  und  Geistig-Kulturellen,  auf 
die  Gegensatze  der  Dreigliederung. 

Was  war  im  Grunde  genommen  das  Richtige  an  der  Sache,  daB  man 
damals  dachte,  man  miisse  die  Dreigliederung  in  moglichst  viele 
Kopfe  hineinbringen?  Ich  will  heute  nur  auBerlich  charakterisieren : 
das  Wichtigste  war,  daB  man  zunachst  die  Dreigliederung  in  mog- 
lichst viele  Kopfe  hineingebracht  hatte,  bevor  die  wirtschaftlichen 
Folgen  aufgetreten  sind,  die  seither  eingetreten  sind.  Sie  miissen  be- 
denken :  als  die  Dreigliederung  zuerst  genannt  worden  ist,  standen  wir 
noch  nicht  vor  den  Valutaschwierigkeken  von  heute;  im  Gegenteil, 
ware  damals  die  Dreigliederung  verstanden  worden,  so  hatten  sie  nie 
kommen  konnen.  Aber  wiederum  stand  man  vor  der  Unmoglichkeit, 
daB  die  Menschen  so  etwas  in  wirklich  praktischem  Sinn  verstanden. 
Man  versuchte  damals,  die  Dreigliederung  verstandlich  zu  machen, 
und  dann  fragten  einen  die  Leute :  Ja,  das  ware  alles  schon,  wir  sehen 
es  auch  ein;  aber  das  erste  ist  ja  doch,  daB  wir  dem  Niedergang  der 
Valuta  entgegenarbeiten.  -  Ja  man  konnte  den  Leuten  nur  sagen :  Das 
steckt  ja  in  der  Dreigliederung !  Bequemt  euch  zu  der  Dreigliederung, 


sie  ist  das  einzige  Mittel,  um  gegen  den  Valutaniedergang  zu  arbeiten !  - 
Die  Leute  fragten  gerade,  wie  man  das  macht,  was  doch  gerade  die 
Dreigliederung  hatte  treffen  sollen.  Sie  verstanden  also  die  Dreigliede- 
rung  nicht,  wenn  sie  das  auch  immer  behaupteten. 

Und  so  liegt  heute  die  Sache  so,  daB  man  sagen  muB :  Spricht  man 
heute  wiederum  zu  Personlichkeiten,  wie  Sie  es  sind,  so  kann  man 
nicht  mehr  in  denselben  Formen  sprechen  wie  dazumal,  sondern  heute 
ist  eine  andere  Sprache  notwendig.  Und  das  ist  das,  was  ich  Ihnen 
jetzt  in  diesen  Vortragen  hier  geben  mochte.  Ich  mochte  Ihnen  zeigen, 
wie  man  heute  nun  wiederum  iiber  die  Fragen  zu  denken  hat,  nament- 
lich,  wenn  man  jung  ist  und  man  noch  mitwirken  kann  an  dem,  was 
sich  einmal  in  den  nachsten  Zeiten  gestalten  muB. 

So  kann  man  auf  der  einen  Seite  eine  Zeit  charakterisieren,  das 
19.Jahrhundert,  in  weltgeschichtlichen,  wirtschaftlichen  Gegensatzen. 
Man  konnte  aber  auch  weiter  zuriickgehen  und  man  umfaBt  dann  die 
Zeit,  in  der  die  Menschen  angefangen  haben  iiber  Nationalokonomie 
zu  denken.  Sie  konnen,  wenn  Sie  die  Geschichte  der  National- 
okonomie nehmen,  sehen:  fruher  ging  alles  instinktiv.  Eigentlich 
kommt  erst  in  der  neueren  Zeit  jene  Kompliziertheit  des  Wirtschafts- 
lebens  herauf,  in  der  man  es  fur  notwendig  fuhlt,  iiber  die  Dinge  zu 
denken. 

Nun  spreche  ich  eben  eigentlich  fur  Studenten,  spreche  eigentlich 
so,  wie  Studenten  sich  hineinfinden  sollen  in  die  Nationalokonomie. 
Deshalb  mochte  ich  jetzt  das  Wesentlichste,  worauf  es  heute  an- 
kommt,  sagen.  Die  Zeit,  in  der  man  iiber  Nationalokonomie  nach- 
denken  sollte,  war  schon  die  Zeit,  wo  man  nicht  mehr  die  Gedanken 
hatte,  um  solch  ein  Gebiet  zu  umfassen,  wie  das  volkswirtschaftliche 
Gebiet  es  ist.  Man  hatte  einfach  nicht  mehr  die  Ideen  dazu.  Ich  will 
Ihnen  durch  Heranziehen  eines  Beispieles  aus  der  Naturwissenschaft 
zeigen,  daB  das  so  ist. 

Die  Sache  ist  so :  Wir  haben  als  Menschen  unseren  physischen  Leib, 
der  schwer  ist,  wie  andere  physische  Korper  schwer  sind.  Er  wird 
schwerer  nach  einem  Mittagsmahl  sein,  als  er  vor  einem  Mittagsmahl 
ist.  Man  konnte  ihn  sogar  abwiegen.  Das  heiBt,  wir  nehmen  an  der 
allgemeinen  Schwere  teil.  Aber  mit  dieser  Schwere,  die  die  Eigen- 


schaft  alles  ponderablen  Stofflkhen  ist,  konnten  wir  im  menschlichen 
Leibe  nicht  viel  anfangen;  wir  konnten  hochstens  als  Automaten  in 
der  Welt  herumgehen,  nicht  aber  als  bewuBte  Wesen.  Ich  habe  es 
schon  ofter  gesagt,  was  man  braucht,  urn  sich  Begriffe  zu  bilden,  die 
einen  Wert  haben,  habe  ofter  gesagt,  was  notwendig  ist  fur  den  Men- 
schen  zum  Denken.  Das  menschliche  Gehirn  ist  ungefahr  1400  Gramm 
schwer,  wenn  man  es  fur  sich  wiegt.  Wenn  Sie  diese  1400  Gramm  auf 
die  Adern  driicken  lassen,  die  da  an  der  Schadeldecke  unten  sind, 
dann  quetscht  es  diese  tot.  Sie  konnten  keinen  Augenblick  leben, 
wenn  das  menschliche  Gehirn  so  ware,  daB  es  mit  seinen  ganzen 
Tafei  i*  1400  Gramm  daraufdriickte.  Es  ist  schon  ein  Gliick  fur  den  Menschen, 
daB  das  archimedische  Prinzip  besteht,  daB  jeder  Korper  im  Wasser 
so  viel  an  Gewicht  verliert,  als  das  Gewicht  der  Fliissigkeit  betragt, 
die  er  verdrangt.  Wenn  Sie  also  im  Wasser  einen  schweren  Korper 
haben,  so  verliert  dieser  ebensoviel  von  seinem  Gewicht,  als  ein  gleich 
groBer  Wasserkorper  schwer  ist.  Das  Gehirn  schwimmt  im  Gehirn- 
wasser  und  verliert  dabei  1380  Gramm;  denn  so  viel  ist  das  Gewicht 
des  Wasserkorpers,  der  gleich  groB  ist  wie  das  menschliche  Gehirn. 
Das  Gehirn  driickt  nur  mit  20  Gramm  auf  die  Grundlage,  und  das 
kann  diese  Grundlage  ertragen.  Aber  wenn  wir  uns  jetzt  fragen :  Wozu 
ist  denn  das?  -  dann  miissen  wir  sagen:  Mit  einem  Gehirn,  das  bloB 
ponderable  Masse  ist,  konnten  wir  nicht  denken.  Wir  denken  nicht 
mit  dem,  was  schwerer  Stoff  ist,  sondern  wir  denken  mit  dem  Auftrieb. 
Der  Stoff  muB  erst  seine  Schwere  verlieren,  dann  konnen  wir  denken. 
Wir  denken  mit  dem,  was  wegfliegt  von  der  Erde. 

Wir  sind  uns  aber  im  ganzen  Korper  bewuBt.  Wodurch  werden  wir 
uns  denn  in  unserem  ganzen  Korper  bewuBt?  In  unserem  ganzen 
Korper  sind  fiinfundzwanzig  Billionen  roter  Blutkorperchen.  Diese 
fiinfundzwanzig  Billionen  roter  Blutkorperchen  sind  sehr  klein;  sie 
sind  aber  doch  schwer,  sind  dadurch  schwer,  daB  sie  Eisen  enthalten. 
Jedes  dieser  fiinfundzwanzig  Billionen  roter  Blutkorperchen  schwimmt, 
schwimmt  im  Blutserum  und  verliert  so  viel  an  Gewicht,  als  es  ver- 
drangt an  Fliissigkeit.  So  daB  wiederum  in  jedem  einzelnen  Blut- 
korperchen ein  Auftrieb  erzeugt  wird,  fiinfundzwanzig  Billionen  Mai 
also  erzeugt  wird.  In  unserem  ganzen  Korper  sind  wir  bewuBt  durch 


16 


*    Zu  den  Tafeln  siehe  S.  216. 


das,  was  heraufstoBt.  So  daB  wir  sagen  konnen:  Wenn  wir  Nahrungs- 
mittel  zu  uns  nehmen,  so  miissen  diese  zuerst  zum  groBen  Teil  ent- 
schwert  werden,  umgewandelt  werden,  damit  sie  uns  dienen  konnen. 
Das  ist  die  Anforderung  des  Organismus. 

So  zu  denken  und  das  als  etwas  MaBgebendes  anzusehen,  hat  man 
verlernt  in  der  Zeit,  wo  es  notwendig  geworden  ist,  nationalokono- 
misch  zu  denken.  Von  da  ab  rechnete  man  nur  mit  den  ponderablen 
Stoffen,  dachte  man  nicht  daran,  welche  Umwandlung  zum  Beispiel  in 
einem  Organismus  ein  Stoffhinsichtlich  seiner  Schwere  erfahrt,  indem 
er  einen  Auftrieb  hat. 

Aber  noch  etwas  anderes.  Wenn  Sie  sich  an  Ihre  physikalischen 
Studien  heute  noch  erinnern,  so  werden  Sie  ja  wissen,  man  redet  in  der 
Physik  vom  Spektrum.  Man  erzeugt  durch  das  Prisma  dieses  Farben- 
band :  Rot,  Orange,  Gelb,  Griin,  Blau,  Indigo,  Violett.  So  weit,  vom 
Roten  bis  zum  Violetten,  erscheint  das  Spektrum  beleuchtet.  Sie 
wissen  aber,  daB  angenommen  werden  vor  dem  Gebiet,  das  Licht- 
wirkungen  hat,  die  sogenannten  ultraroten  Strahlen  und  jenseits  des  Tafel  1 
Violetten  die  ultravioletten  Strahlen.  Wenn  also  einer  bloB  vom  Licht 
redet,  so  umfaBt  er  nicht  das  Ganze  dieser  Erscheinung;  er  muB  davon 
reden,  wie  das  Licht  nach  zwei  Seiten  hin  polarisch  umgeandert  wird ; 
er  muB  davon  reden,  daB  auBerhalb  des  Rot  das  Licht  in  die  Warme 
hinein  versinkt  und  auBerhalb  des  Violett  in  die  chemischenWirkungen 
und  eigentlich  verschwindet  als  Licht.  Wenn  also  einer  eine  bloBe 
Lichtlehre  gibt,  so  gibt  er  einen  bloBen  Ausschnitt;  wir  geben  aber 
noch  dazu  eine  falsche  Lichtlehre.  In  derselben  Zeit,  in  der  man  hatte 
anfangen  sollen,  iiber  Nationalokonomie  zu  denken,  war  die  Physik, 
das  physikalische  Denken  in  einem  solchen  Zustand,  daB  eine  falsche 
Lichtlehre  herausgekommen  ist. 

Dieses  habe  ich  Ihnen  angefiihrt  aus  dem  Grunde,  weil  hier  eine 
giiltige  Analogie  besteht.  Bitte,  betrachten  Sie  die  -  nun  nicht  Volks- 
wirtschaft,  sondern  die  Spatzenwirtschaft  oder  Schwalbenwirtschaft! 
Das  ist  ja  auch  eine  Art  von  Wirtschaft;  aber  diese  Wirtschaft  im  Tier- 
reich,  die  reicht  nicht  weit  in  das  Menschenreich  herauf.  Beim  Hamster 
konnen  wir  ja  sogar  von  einem  Tierkapitalismus  reden.  Das  Wesent- 
liche  der  Tierwirtschaft  besteht  darin,  daB  die  Natur  die  Produkte  dar- 


bietet  und  sich  das  Tier  als  Einzelwesen  diese  nimmt.  Der  Mensch 
ragt  schon  noch  hinein  in  diese  tierische  Wirtschaft,  aber  er  muB 
heraus  aus  ihr. 

Diejenige  Wirtschaft,  von  der  man  zunachst  eigentlich  als  einer 
menschlichen  Wirtschaft  reden  kann,  ist  zu  vergleichen  mit  dem,  was 
im  Spektrum  als  Licht  sichtbar  ist,  wahrend  wir  das,  was  noch  in  die 
Natur  hineinragt,  vergleichen  miissen  mit  dem,  was  ins  Ultrarote 
hineinragt.  Da  ragen  wir  hinein  zum  Beispiel  in  das  Gebiet  der  Land- 
wirtschaft,  ragen  hinein  in  das  Gebiet  der  wirtschaftlichen  Geographie 
und  so  weiter.  Die  Wirtschaftslehre  konnen  wir  nach  dieser  Richtung 
nicht  fest  begrenzen.  Die  Wirtschaftslehre  ragt  hinein  in  ein  Gebiet, 
das  auf  ganz  andere  Weise  erfaBt  werden  muB.  Das  auf  der  einen 
Seite. 

Auf  der  andern  Seite  aber  ist  man  gerade  unter  unseren  kompli- 
zierteren  Wirtschaftsverhaltnissen  allmahlich  dazu  gekommen,  daB 
eigentlich  wiederum  das  wirtschaftliche  Denken  dem  Menschen  ent- 
fallt.  Geradeso  wie  das  Licht  aufhort,  gegen  das  Ultraviolette  hinein 
als  Licht  zu  erscheinen,  so  hort  das  menschliche  Wirken  im  Wirt- 
schaften  auf,  rein  wirtschaftlich  zu  sein,  Ich  habe  das  ofters  charakte- 
risiert,  wie  sich  das  zugetragen  hat,  Diese  Erscheinung  beginnt  eigent- 
lich erst  im  19.Jahrhundert.  Bis  dorthin  ist  das  Wirtschaftsleben  noch 
ziemlich  abhangig  von  der  einzelnen  menschlichen  Tuchtigkeit.  Eine 
Bank  gedieh,  wenn  ein  einzelner  an  der  Bank  tuchtig  war.  Die  einzelnen 
bedeuteten  noch  etwas.  Ich  habe  ofters  das  niedliche  Beispiel  erzahlt, 
wie  einmal  zu  Rothschild  gekommen  ist  ein  abgesandter  Minister  des 
Konigs  von  Frankreich.  Er  wollte  dort  einen  Pump  anlegen.  Roth- 
schild verhandelte  gerade  mit  einem  Lederhandler  und  sagte,  als  ihm 
gemeldet  wurde  der  Abgesandte  des  Konigs  von  Frankreich :  Nun,  er 
solle  ein  biBchen  warten.  -  Nun  war  der  Mann  furchtbar  bedriickt.  Er 
solle  warten,  drinnen  ist  ein  Lederhandler!  Als  der  Diener  herauskam 
und  das  sagte,  glaubte  er  es  ihm  gar  nicht.  Ja,  sagen  Sie  drinnen  dem 
Herrn  Rothschild,  daB  ich  als  Abgesandter  des  Konigs  von  Frankreich 
komme !  -  Der  Diener  brachte  die  Antwort :  Ja,  Sie  sollen  warten.  - 
Da  springt  er  hinein  und  sagt :  Ich  bin  der  Abgesandte  des  Konigs  von 
Frankreich.  -  Rothschild  antwortet :  Bitte,  setzen  Sie  sich,  nehmen  Sie 


sich  einen  Stuhl !  -  Ja,  ich  bin  der  Abgesandte  des  Konigs  von  Frank- 
reich !  -  Bitte,  nehmen  Sie  sich  zwei  Stuhle ! 

Ja,  es  war  das,  was  damals  geschah  im  Wirtschaftsleben,  bewuBt  in 
die  menschliche  Personlichkeit  gestellt.  Aber  es  ist  anders  geworden. 
Es  ist  so  geworden,  daft  heute  von  der  einzelnen  Personlichkeit  im 
GroBen  des  Wirtschaftslebens  ungemein  wenig  abhangt.  Das  mensch- 
liche wirtschaftliche  Wirken  ist  schon  sehr  stark  hineingegangen  in 
dieses,  was  ich  vergleichen  mochte  mit  dem  Ultraviolett.  Und  das  ist 
dasjenige,  was  als  Kapital  als  solches  arbeitet.  Die  Kapitalmassen 
arbeiten  als  solche.  Es  liegt  iiber  dem  wirtschaftlichen  ein  ultrawirt- 
schaftliches  Leben,  was  im  wesentlichen  bedingt  ist  von  der  Eigen- 
kraft  der  Kapitalmassen,  so  daB  wir  sagen  miissen:  Wollen  wir  heute 
wirklich  das  wirtschaftliche  Leben  begreifen,  so  miissen  wir  es  so  an- 
sehen,  daB  es  in  der  Mitte  liegt  zwischen  zwei  Gebieten,  wovon  das 
eine  in  die  Natur  hinunter  und  das  andere  in  das  Kapital  hinauf  fuhrt. 
Und  dazwischen  liegt  das,  was  wir  als  das  eigentliche  wirtschaftliche 
Leben  zu  erfassen  haben. 

Aber  daraus  geht  ja  hervor,  daB  man  nicht  einmal  den  Begriff  hatte, 
urn  die  Wirtschaftslehre  selbst  richtig  einzugrenzen,  fichtig  hinein- 
zustellen  in  das  gesamte  Wissen.  Denn  wir  werden  es  sehen :  kurioser- 
weise  ist  nur  dieses  Gebiet,  was  noch  nicht  in  das  Wirtschaften  eigent- 
lich  hineingeht,  was  sich  mit  dem  Ultraroten  vergleichen  laBt,  nur 
dieses  ist  mit  dem  menschlichen  Verstand  zu  fassen.  Man  kann  nach- 
denken  wie  iiber  andere  Prozesse:  Wie  man  Hafer  baut,  wie  man 
Gerste  baut  und  so  weiter,  wie  man  die  Rohprodukte  am  besten  zutage 
fordert  im  Bergbau.  Man  kann  im  Grunde  genommen  nur  iiber  dieses 
mit  dem  Verstand  richtig  denken,  den  man  gewohnt  worden  ist  in  der 
Wissenschaft  der  neueren  Zeit  anzuwenden. 

Das  ist  von  einer  immensen  Bedeutung !  Denn  denken  Sie  nur  doch 
zuriick  an  das,  was  ich  gegeben  habe  als  den  Begriff,  den  man  braucht 
in  der  Wissenschaft.  Wir  genieBen  als  Nahrungsmittel  schwere  Stoffe. 
DaB  sie  uns  dienen  konnen,  beruht  darauf,  daB  sie  fortwahrend  ihr 
Gewicht  verlieren  in  uns,  daB  sie  sich  also  total  umandern.  Das  geht 
aber  so  weit,  daB  sie  sich  in  jedem  Organ  anders  umandern.  In  der 
Leber  ist  eine  andere  Umanderung  als  im  Gehirn  oder  in  der  Lunge. 


Der  Organismus  ist  differenziert  und  die  Verhaltnisse  werden  fur 
jeden  StofF  in  jedem  Organ  anders.  Wir  haben  eine  fortwahrende 
Anderung  der  Qualitat  in  der  Anderung  der  Organe. 

So  ist  es  ungefahr,  wenn  wir  reden  innerhalb  eines  volkswirtschaft- 
lichen  Ganzen,  sagen  wir  von  dem  Wert  einer  Ware.  Geradeso  wie  es 
Unsinn  ist,  irgendeinen  Stoff,  sagen  wir  als  Kohlenstoff  zu  definieren 
und  dann  zu  fragen:  Wie  benimmt  er  sich  im  menschlichen  Korper?  - 
der  Kohlenstoff  wird  bis  auf  seine  Ponderabilitat  etwas  ganz  anderes, 
als  er  da  oder  dort  in  der  AuBenwelt  ist  -  ebensowenig  kann  man  nach 
dem  Wert  einer  Ware  fragen.  Dieser.  ist  ein  anderer,  ob  die  Ware  in 
einem  Laden  liegt  oder  ob  sie  da-  oder  dorthin  transportiert  ist. 

Die  Ideen  der  Volkswirtschaft  miissen  ganz  beweglkh  sein.  Wir 
miissen  uns  abgewohnen,  solche  BegrifTe  zu  konstruieren,  die  man 
definieren  kann.  Es  muB  uns  klar  sein,  daB  wir  es  mk  einem  lebendigen 
ProzeB  zu  tun  haben  und  daB  wir  die  Begriffe  im  lebendigen  ProzeB 
umformen  miissen.  Nun  versuchte  man  aber  gerade,  Wert,  Preis,  Pro- 
duktion,  Konsumtion  und  so  weiter  mit  den  Ideen  zu  erfassen,  die 
man  hatte.  Aber  die  taugten  nichts.  Daher  haben  wir  im  Grunde  eine 
Volkswirtschaftslehre  nicht  erringen  konnen.  Wir  konnen  nicht  mit 
den  Begriffen,  die  wir  gewohnt  worden  sind,  zum  Beispiel  die  Frage : 
Was  ist  Wert,  was  ist  Preis?  -  beantworten;  denn  wir  miissen  das,  was 
Wert  hat,  fortwahrend  in  Zirkulation  betrachten,  wir  miissen  den 
Preis,  der  einem  Wert  entspricht,  in  fortwahrender  Zirkulation  be- 
trachten. Und  sehen  Sie,  wenn  Sie  fragen  nach  der  einfachen  physika- 
lischen  Eigenschaft  des  KohlenstorTes,  so  werden  Sie  gar  nichts  wissen 
von  dem,  was  zum  Beispiel  in  der  Lunge  vorgeht,  obwohl  er  auch  in 
der  Lunge  ist,  weil  die  ganze  Konfiguration  eben  etwas  ganz  anderes 
wird  in  der  Lunge.  So  ist  das  Eisen,  wenn  Sie  es  im  Bergwerk  finden, 
etwas  ganz  anderes  als  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB.  Die  Volks- 
wirtschaft geht  auf  etwas  ganz  anderes,  als  daB  es  Eisen  «ist».  Aber 
mit  solch  labilen  Faktoren  muB  gerechnet  werden. 

Ich  kam  einmal  in  eine  Familie  vor  etwa  fiinfundvierzig  Jahren.  Da 
zeigte  man  mir  ein  Bild.  Das  Bild,  das  lag,  ich  glaube,  dreiBig  Jahre 
auf  dem  Boden.  Solange  es  da  gelegen  hat  und  kein  Mensch  da  war, 
der  etwas  anderes  von  dem  Bild  gewuBt  hat,  als  daB  es  so  etwas  ist, 


das  in  eine  Ecke  geschmissen  worden  ist,  war  es  im  volkswirtschaft- 
lichen  ProzeB  nichts  wert;  als  man  aber  erkannt  hat,  daB  es  wertvoll 
ist,  war  es  dreiBigtausend  Gulden  wert  -  und  dreiBigtausend  Gulden 
waren  damals  viel.  Wovon  hing  der  Wert  dazumal  ab?  Lediglich  von 
dem,  was  fur  eine  Ansicht  man  von  dem  Bilde  gewann.  Das  Bild  war 
nicht  von  seinem  Orte  weggebracht  worden ;  nur  die  Menschen  haben 
andere  Gedanken  dariiber  gekriegt.  So  kommt  es  bei  nichts  darauf  an, 
was  es  «ist»  unmittelbar.  Und  gerade  die  volkswirtschaftlichen  Be- 
griffe  konnen  Sie  nie  in  Anlehnung  an  die  auBere  Realitat  entwickeln, 
sondern  Sie  miissen  sie  immer  in  Anlehnung  an  den  volkswirtschaft- 
lichen ProzeB  entwickeln.  Und  innerhalb  eines  Prozesses  andert  sich 
ein  Ding  fortwahrend.  Man  muB  also  sprechen  von  der  volkswirt- 
schaftlichen Zirkulation,  bevor  man  auf  solche  Dinge  kommt,  wie 
Wert,  Preis  und  so  weiter.  Nun  sehen  Sie  in  Volkswirtschaftslehren 
von  heute,  daB  man  mit  Definitionen  von  Wert  und  Preis  beginnt.  Das 
erste  ist  aber  die  Darstellung  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses; 
dann  erst  ergeben  sich  die  Dinge,  mit  denen  man  heute  die  Sache 
anfangt. 

Und  nun,  im  Jahre  1919  konnte  man  denken,  weil  alles  im  Grunde 
genommen  zerstort  war,  daB  die  Leute  gesehen  haben  wiirden,  daB 
man  mit  etwas  Frischem  anfangen  muB.  Nun,  es  war  nicht  der  Fall. 
Die  geringe  Anzahl  von  Menschen,  die  dazumal  daran  glaubten,  daB 
man  neu  anfangen  muB,  sind  auch  sehr  bald  in  die  Bequemlichkeit 
verfallen:  Man  kann  ja  doch  nichts  machen.  -  Mittlerweile  trat  die 
groBe  Kalamitat  ein,  die  Valutaentwertung  in  den  ostlichen  und 
mittleren  Gegenden,  und  damit  eine  vollstandige  Umwalzung  der 
Menschenschichtung;  denn  mit  jeder  weiterenEntwertung  muB  selbst- 
verstandlich  derjenige,  der  von  dem  lebt,  was  mit  Ultraviolett  ver- 
glichen  worden  ist,  verarmen.  Und  das  geschieht  auch,  vielleicht  mehr, 
als  man  es  heute  schon  bemerkt.  Das  wird  vollstandig  geschehen. 
Daher  wird  man  vor  alien  Dingen  hier  gewiesen  an  den  BegrifT  des 
sozialen  Organismus,  aus  dem  Grunde,  weil  sich  ja  zeigt,  daB  die 
Valutaentwertung  durch  die  alte  Staatsbegrenzung  bestimmt  wird. 
Die  alte  Staatsbegrenzung  greift  also  ein  in  den  volkswirtschaftlichen 
ProzeB.  Diesen  muB  man  begreifen,  aber  man  muB  erst  den  sozialen 


Tafel  1 


Organismus  verstehen.  Aber  all  die  Nationalokonomien,  von  Adam 
Smith  angefangen  bis  herauf  zu  den  neuesten,  rechnen  eigentlich  mit 
kleinen  Gebieten  als  sozialen  Organismen.  Sie  beachten  da  nicht  ein- 
mal,  daB,  wenn  man  schon  eine  bloBe  Analogie  wahlt,  diese  stimmen 
muB.  Die  Menschen  beachten  gar  nicht,  daB  sie  stimmen  muB.  Haben 

Sie  schon  einen  wirklichen  ausgewachsenen  Organis- 
mus gesehen,  der  so  ist:  Hier  ist  zum  Beispiel  ein 
Mensch,  hier  ist  der  zweite  Mensch,  hier  ist  der  dritte 
Mensch  und  so  weiter.  Es  waren  niedlicheMenschen- 
organismen,  die  in  solcher  Weise  aneinanderkleben 
wiirden;  das  gibt  es  doch  bei  ausgewachsenen  Orga- 
nismen nicht.  Das  ist  aber  doch  bei  den  Staaten  der 
Fall.  Organismen  brauchen  die  Leere  um  sich  herum 
bis  zu  dem  anderen  Organismus.  Das,  womit  Sie  die 
einzelnen  Staaten  vergleichen  konnen,  sind  hochstens 
die  Zellen  des  Organismus,  und  Sie  konnen  nur 
die  ganze  Erde  als  Wirtschaftskorper  mit  einem  Organismus  ver- 
gleichen. Das  muBte  beachtet  werden.  Das  ist  mit  Handen  zu  greifen, 
seit  wir  Weltwirtschaft  haben,  daB  wir  die  einzelnen  Staaten  nur  mit 
Zellen  vergleichen  konnen.  Die  ganze  Erde,  als  Wirtschaftsorganis- 
mus  gedacht,  ist  der  soziale  Organismus. 

Das  wird  nirgends  ins  Auge  gefaBt.  Denn  die  gesamte  Volkswirt- 
schaftslehre  ist  gerade  dadurch  hineingewachsen  in  etwas,  was  nicht 
der  Wirklichkeit  entspricht,  weil  man  Prinzipien  aufstellen  will,  die 
fur  eine  einzelne  Zelle  gelten  sollen.  Daher  finden  Sie,  wenn  Sie  die 
franzosische  Volkswirtschaftslehre  studieren,  eine  andere  Konstitu- 
tion,  als  wenn  Sie  die  englische,  die  deutsche  oder  andere  Volkswirt- 
schaftslehren  studieren.  Aber  als  Volkswirtschafter  brauchen  wir 
schon  ein  Verstandnis  fur  den  gesamten  sozialen  Organismus. 
Und  das  wollte  ich  Ihnen  heute  als  Einleitung  sagen. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:340  Seite:22 


ZWEITER  VORTRAG 
Dornach,  25.Juli  1922 


Es  werden  die  ersten  BegrifFe,  Anschauungen,  die  wir  zu  entwickeln 
haben  gerade  auf  volkswirtschaftlichem  Gebiete,  etwas  kompliziert 
sein  miissen,  und  das  aus  einem  ganz  sachlichen  Grunde.  Sie  miissen 
sich  vorstellen,  daB  die  Volkswirtschaft,  auch  wenn  wir  sie  als  Welt- 
wirtschaft  auffassen,  in  einer  fortwahrenden  Bewegung  ist,  daB,  ich 
mochte  sagen,  wie  das  Blut  durch  den  Menschen,  so  die  Giiter  als 
Waren  auf  alien  moglichen  Wegen  durch  den  ganzen  volkswirtschaft- 
lichen  Korper  hindurchflieBen.  Dabei  haben  wir  dann  als  die  wichtig- 
sten  Dinge  innerhalb  dieses  volkswirtschaftlichen  Prozesses  aufzufas- 
sen  dasjenige,  was  sich  abspielt  zwischen  Kauf  und  Verkauf.  Wenig- 
stens  muB  das  fur  die  heutige  Volkswirtschaft  gelten.  Was  auch  immer 
sonst  vorliegen  mag  -  und  wir  werden  ja  die  verschiedensten  Impulse, 
die  im  volkswirtschaftlichen  Korper  enthalten  sind,  zu  besprechen 
haben  -,  was  aber  auch  immer  vorliegen  mag :  die  Volkswirtschaft  als 
solche  kommt  an  den  Menschen  heran,  wenn  er  irgend  etwas  zu  ver- 
kaufen  oder  zu  kaufen  hat.  Was  sich  zwischen  Kaufer  und  Verkaufer 
abspielt,  ist  das,  wonach  schlieBHch  alles  instinktive  Denken  iiber  die 
Volkswirtschaft  jedes  naiven  Menschen  abzielt,  gipfelt,  und  worauf 
im  Grunde  genommen  alles  ankommt. 

Nun,  nehmen  Sie  nur  einmal  dasjenige,  was  da  sich  geltend  macht, 
wenn  innerhalb  der  volkswirtschaftlichen  Zirkulation  Kauf  und  Ver- 
kauf in  Betracht  kommen.  Das,  worauf  es  dem  Menschen  ankommt, 
das  ist  der  Preis  irgendeiner  Ware,  irgendeines  Gutes.  Die  Preisfrage 
ist  iiberhaupt  zuletzt  diejenige  Frage,  auf  die  die  wichtigsten  volks- 
wirtschaftlichen Auseinandersetzungen  hinauslaufen  miissen;  denn  im 
Preis  gipfelt  alles,  was  in  der  Volkswirtschaft  eigentlich  an  Impulsen, 
an  Kraften  tatig  ist.  Wir  werden  also  gewissermaBen  zuerst  das  Preis- 
problem  ins  Auge  zu  fassen  haben;  aber  das  Preisproblem  ist  kein 
auBerordentlich  einfaches.  Sie  brauchen  ja  nur  an  den  einfachsten  Fall 
zu  denken :  Wir  haben  an  einem  Orte,  A,  irgendeine  Ware,  die  hat  an 
diesem  Orte  A  einen  bestimmten  Preis ;  sie  wird  dort  nicht  gekauft,  sie 


wird  weitergefahren.  Es  muB  angestrebt  werden,  daB  dann  zu  dem 
Preis  hinzukommt  dasjenige,  was  notwendig  war,  an  Frachtgut  zu 
bezahlen  bis  zum  zweiten  Orte,  B.  Der  Preis  andert  sich  wahrend  der 
Zirkulation.  Das  ist  der  einfachste,  ich  mochte  sagen  der  platteste  Fall. 
Aber  es  gibt  ja  natiirlich  viel  kompliziertere  Falle. 

Nehmen  Sie  an,  sagen  wir,  ein  Haus  in  einer  groBeren  Stadt  kostet 
zu  irgendeiner  Zeit  so  und  so  viel.  Nach  fiinfzehn  Jahren  kostet  das- 
selbe  Haus  vielleicht  sechs-  oder  achtmal  so  viel.  Und  dabei  brauchen 
wir  gar  nicht,  indem  wir  von  dieser  Preiserhohung  sprechen,  daran  zu 
denken,  daB  etwa  die  Hauptsache  in  der  Geldentwertung  liege.  Das 
wollen  wir  gar  nicht  annehmen.  Die  Preiserhohung  kann  einfach  darin 
liegen,  daB  mittlerweile  viele  andere  Hauser  ringsherum  gebaut  wor- 
den  sind,  in  der  Nahe  andere  Gebaude  liegen,  die  den  Wert  des  Hauses 
besonders  erhohen.  Es  kann  durchaus  in  zehn,  fiinfzehn  anderen  Um- 
standen  liegen,  daB  dieses  Haus  im  Preis  erhoht  worden  ist.  Wir  sind 
niemals  eigentlich  in  der  Lage,  im  einzelnen  Falle  etwas  Generelles  zu 
sagen,  etwa  zu  sagen:  Bei  Hausern  oder  bei  Eisenwaren  oder  bei 
Getreide  liegt  vor  die  Moglichkeit,  fur  irgendeinen  Ort  eindeutig  aus 
irgendwelchen  Bedingungen  heraus  den  Preis  zu  bestimmen.  -  Wir 
konnen  zunachst  eigentlich  nicht  einmal  viel  mehr  sagen  als:  Wir 
miissen  beobachten,  wie  der  Preis  schwankt  mit  dem  Ort,  mit  der 
Zeit.  -  Und  wir  konnen  einzelne  von  den  Bedingungen  vielleicht  ver- 
folgen,  durch  die  an  einem  konkreten  Orte  der  Preis  sich  gerade 
herausstellt  in  der  Weise,  wie  er  ist.  Aber  eine  allgemeine  Definition, 
wie  der  Preis  sich  irgendwie  zusammensetzt,  die  kann  es  nicht  geben, 
die  ist  eigentlich  unmoglich.  Daher  muB  es  immer  wieder  und  wieder- 
um  iiberraschen,  daB  wir  in  gebrauchlichen  nationalokonomischen 
Werken  so  iiber  den  Preis  gesprochen  finden,  als  ob  man  den  Preis 
definieren  konne.  Man  kann  ihn  nicht  definieren;  denn  der  Preis  ist 
iiberall  ein  konkreter,  und  mit  jeder  Definition  hat  man  gerade  bei 
volkswirtschaftlichen  Dingen  eigentlich  etwas  gegeben,  das  nicht  ein- 
mal annahernd  irgendwie  an  die  Sache  herankommt. 

Ich  habe  zum  Beispiel  einmal  den  Fall  erlebt:  In  einer  Gegend  sind 
die  Grundstiicke  recht  billig.  Eine  Gesellschaft  hat  in  ihrer  Mitte 
einen  ziemlich  beriihmten  Mann.  Diese  Gesellschaft  kauft  sich  nun 


samtlich  die  billigen  Grundstiicke  und  veranlaBt  dann  den  beriihmten 
Mann,  in  dieser  Gegend  sich  ein  Haus  zu  bauen.  Dann  werden  die 
Grundstiicke  ausgeboten.  Sie  sind  um  wesentlich  teureres  Geld  aus- 
zubieten,  als  sie  gekauft  worden  sind,  bloB  dadurch,  daB  man  den 
beriihmten  Mann  veranlaBt  hat,  sich  dort  ein  Haus  hinzubauen. 

Das  sind  Dinge,  die  Ihnen  zeigen,  von  welchen  unbestimmten  Be- 
dingungen  der  Preis  einer  Sache  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  ab- 
hangt.  Sie  konnen  nun  natiirlich  sagen:  Ja,  aber  solchen  Dingen  muB 
man  steuern.  -  Bodenreformer  und  ahnliche  Leute  stemmen  sich 
gegen  solche  Dinge,  wollen  in  einer  gewissen  Weise  eine  Art  gerechten 
Preises  fur  die  Dinge  feststellen  durch  allerlei  MaBregeln.  Das  kann 
man;  aber  volkswirtschaftlich  gedacht,  wird  dadurch  der  Preis  nicht 
geandert.  Man  kann  zum  Beispiel,  sagen  wir,  wenn  so  etwas  geschieht 
und  dann  die  Grundstiicke  teurer  verkauft  werden,  man  kann  den 
Leuten  das  Geld  wiederum  in  Form  einer  hohen  Grundsteuer  ab- 
nehmen.  Dann  steckt  der  Staat  dasjenige,  was  abfallt,  ein.  Die  Wirk- 
lichkeit  hat  man  aber  damit  doch  nicht  ergriffen.  In  Wirklichkeit  ist  die 
Sache  dennoch  teurer  geworden.  Sie  konnen  also  GegenmaBregeln 
ergreifen,  die  kaschieren  aber  nur  die  Sache.  Der  Preis  ist  doch  der- 
jenige,  der  er  geworden  ware  ohne  diese  MaBregeln,  Man  macht  nur 
eine  Umlagerung;  und  volkswirtschaftlich  gedacht  ist  das  nicht,  wenn 
man  dann  sagt,  die  Grundstiicke  sind  nach  zehn  Jahren  nicht  teurer 
geworden,  wenn  man  durch  MaBregeln  die  Sache  kaschiert  hat.  Es 
handelt  sich  darum,  daB  Volkswirtschaft  mit  beiden  Beinen  eben  in 
der  Wirklichkeit  stehen  muB,  und  man  in  der  Volkswirtschaft  immer 
nur  sprechen  kann  von  den  Verhaltnissen,  die  gerade  in  einem  Zeit- 
alter  und  gerade  dort  sind,  wo  man  spricht.  DaB  die  Dinge  anders 
sein  konnen,  das  wird  sich  natiirlich  dann  fur  den  ergeben,  der  den 
Fortschritt  der  Menschheit  will;  aber  zunachst  miissen  die  Dinge  in 
ihrer  augenblicklichen  Wirklichkeit  betrachtet  werden.  Daraus  er- 
sehen  Sie,  wie  unmoglich  es  eigentlich  ist,  heranzugehen  an  so  etwas, 
wie  an  den  allerwichtigsten  Begriff  in  der  Volkswirtschaft :  den  Preis, 
und  diesen  Preis  mit  einem  scharf  konturierten  Begriff  erfassen  zu 
wollen.  So  kann  man  nicht  in  der  Volkswirtschaftslehre  zu  etwas 
kommen.  Es  miissen  eben  durchaus  andere  Wege  eingeschlagen 


werden.  Der  volkswirtschaftHche  ProzeB  selbst  muB  betrachtet 
werden. 

Trotzdem  ist  das  Preisproblem  das  allerwichtigste,  und  wir  miissen 
auf  dieses  Preisproblem  hinsteuern,  miissen  also  den  volkswirtschaft- 
lichen  ProzeB  ins  Auge  fassen  und  versuchen,  gewissermaBen  zu  er- 
haschen  den  Punkt,  wo  irgendwo  oder  irgendwann  der  Preis  sich  aus 
den  volkswirtschaftlichen  Untergriinden  heraus  fur  irgendeine  Sache 
ergibt. 

Wenn  Sie  nun  die  gebrauchlichen  Volkswirtschaftslehren  verfolgen, 
so  finden  Sie  gewohnlich  dort  drei  Faktoren  verzeichnet,  durch  deren 
Ineinanderwirken  die  gesamte  Volkswirtschaft  sich  abspielen  soli.  Sie 
finden  verzeichnet :  die  Natur,  die  menschliche  Arbeit  und  das  Kapital. 
GewiB,  man  kann  zunachst  sagen :  Wenn  man  den  Volkswirtschafts- 
prozeB  verfolgt,  so  findet  man  im  Verlaufe  desselben  dasjenige,  was 
von  der  Natur  stammt,  dasjenige,  was  durch  menschliche  Arbeit  er- 
reicht,  und  dasjenige,  was  unternommen  wird  oder  geordnet  wird 
durch  das  Kapital.  Aber  wenn  man  so,  ich  mochte  sagen,  einfach 
nebeneinander  betrachtet  Natur,  Arbeit  und  Kapital,  so  wird  man 
nicht  lebendig  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB  erfassen.  Man  wird 
gerade  durch  eine  solche  Betrachtung  zu  den  mannigfaltigsten  Ein- 
seitigkeiten  gefuhrt  werden.  Und  das  zeigt  ja  die  Geschichte  der  Volks- 
wirtschaftslehre.  Wahrend  die  einen  meinen,  aller  Wert  liege  in  der 
Natur  und  eigentlich  kame  kein  besonderer  Wert  zu  dem  Stoffe  der 
Naturobjekte  hinzu  durch  die  menschliche  Arbeit,  sind  andere  der 
Ansicht,  daB  eigentlich  aller  volkswirtschaftHche  Wert  aufgedriickt 
wird  irgendeinem  Gut,  einer  Ware,  durch  die,  wie  man  wohl  auch 
sagt,  hineinkristallisierte  Arbeit.  Wiederum,  in  dem  Augenblick,  wo 
Sie  Kapital  und  Arbeit  nebeneinanderstellen,  werden  Sie  auf  der  einen 
Seite  finden,  daB  die  Leute  sagen,  eigentlich  ist  es  das  Kapital,  welches 
die  Arbeit  einzig  und  allein  moglich  macht,  und  der  Arbeitslohn 
werde  gezahlt  aus  der  Kapitalmasse.  Auf  der  anderen  Seite  wird  ge- 
sagt:  Nein,  alles  dasjenige,  was  Werte  produziert,  das  ist  die  Arbeit, 
und  das,  was  das  Kapital  erringt,  ist  nur  der  aus  dem  Arbeitsergebnis 
abgezogene  Mehrwert. 

Die  Sache  ist  so :  Betrachtet  man  von  dem  einen  Gesichtspunkt  die 


Dinge,  so  hat  der  eine  recht;  betrachtet  man  sie  von  dem  anderen 
Gesichtspunkt,  so  hat  der  andere  recht.  Es  kommt  einem  eine  solche 
Betrachtung  der  Realitat  gegeniiber  eigentlich  wirklich  vor  wie 
manche  Buchhaltung :  Setzt  man  denPosten  da  hin,  kommt  das  heraus ; 
setzt  man  ihn  dort  hin,  kommt  das  heraus  und  so  weiter.  Man  kann 
ganz  gut  mit  sehr  starken  Scheingninden  von  Mehrwert  sprechen,  der 
eigentlich  dem  Arbeitslohn  abgezogen  ist  und  den  sich  der  Kapitalist 
aneignet.  Man  kann  mit  ebenso  guten  Griinden  davon  sprechen,  daB 
eigentlich  im  volkswirtschaftlichen  Zusammenhange  dem  Kapitalisten 
alles  gebiihrt  und  er  nur  aus  dem,  was  er  zum  Arbeitslohn  verwenden 
kann,  eben  seine  Arbeiter  bezahlt.  Fur  beides  gibt  es  sehr  gute  und 
auch  sehr  schlechte  Griinde.  Alle  diese  Betrachtungen  konnen  namlich 
eigentlich  durchaus  nicht  an  die  volkswirtschaftliche  Wirklichkeit 
herankommen.  Diese  Betrachtungen  sind  gut  als  Grundlagen  fur 
Agitationen,  aber  sie  sind  durchaus  nicht  etwas  irgendwie  in  der 
ernsten  Volkswirtschaftslehre  in  Betracht  Kommendes.  Andere  Grund- 
lagen miissen  zuerst  da  sein,  wenn  man  uberhaupt  mit  einem  gewissen 
Recht  von  einer  Fortentwickelung  des  volkswirtschaftlichen  Orga- 
nismus  sprechen  will.  Nun,  naturlich,  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
sind  alle  solche  Aufstellungen  schon  berechtigt;  und  wenn  Adam 
Smith  zum  Beispiel  in  der  Arbeit,  die  verwendet  ist  auf  die  Dinge,  den 
eigentlich  wertbildenden  Urfaktor  sieht,  so  kann  man  eben  auch  dafiir 
auBerordentlich  gute  Griinde  vorbringen.  Solch  ein  Mann  wie  Adam 
Smith  hat  schon  nicht  unsinnig  gedacht;  aber  dasjenige,  was  auch  da 
zugrunde  liegt,  ist,  daB  man  immer  meint,  man  konne  irgend  etwas, 
was  stillsteht,  erfassen  und  dann  eine  Definition  geben,  wahrend  im 
volkswirtschaftlichen  ProzeB  alles  fortwahrend  in  Bewegung  ist.  Es 
ist  verhaltnismaBig  einfach,  tiber  Naturerscheinungen  BegrifFe  auf- 
zustellen,  selbst  iiber  die  kompliziertesten,  gegeniiber  denjenigen  An- 
schauungen,  die  man  braucht  fiir  eine  Volkswirtschaftslehre.  Un- 
endlich  viel  komplizierter,  labiler,  variabler  sind  die  Erscheinungen  in 
der  Volkswirtschaft  als  die  in  der  Natur,  viel  fluktuierender,  viel 
weniger  zu  erfassen  mit  irgendwelchen  bestimmten  Begriffen. 

Man  muB  eben  eine  ganz  andere  Methode  einschlagen.  Diese  Me- 
thode  wird  Ihnen  nur  schwierig  sein  in  den  allerersten  Stunden;  Sie 


werden  aber  sehen,  daB  sich  daraus  ergeben  wird,  was  man  einer  wirk- 
lichen  Volkswirtschaftslehre  zugrunde  legen  kann.  Man  kann  sagen: 
In  diesen'volkswirtschaftlichen  ProzeB,  den  man  ins  Auge  zu  fassen 
hat,  laufen  ein  Natur,  menschliche  Arbeit  und  -  also  zunachst,  wenn 
man  auf  das  rein  AuBere  der  Volkswirtschaft  hinsieht  -  Kapital. 
Zunachst ! 

Nun  aber,  wenn  wir  gleich  auf  das  Mittlere  schauen,  auf  die  mensch- 
liche Arbeit,  versuchen  wir  uns  eine  Anschauung  zu  bilden  dadurch, 
daB  wir  einmal  heruntergehen  -  ich  habe  schon  gestern  solche  An- 
deutungen  gemacht  -  ins  Feld  des  Tierischen  und  uns  statt  der  Volks- 
wirtschaft die  Spatzenwirtschaft,  die  Schwalbenwirtschaft  ansehen.  Ja, 
da  ist  die  Natur  die  Grundlage  fur  die  Wirtschaft.  Der  Spatz  muB  auch 
eine  Art  von  Arbeit  verrichten.  Er  muB  mindestens  herumhiipfen  und 
dorthin  hiipfen,  wo  er  sein  Kornlein  findet,  und  er  hat  manchmal  gar 
sehr  viel  zu  hiipfen  im  Tag,  bis  er  sein  Kornlein  findet.  Die  Schwalbe, 
die  ihr  Nest  baut,  muB  auch  eine  Art  Arbeit  verrichten.  Sie  hat  auch 
damit  sehr  viel  zu  tun.  Dennoch,  im  volkswirtschaftlichen  Sinn  kon- 
nen  wir  das  nicht  Arbeit  nennen.  Wir  kommen  nicht  weiter  mit  volks- 
wirtschaftlichen Anschauungen,  wenn  wir  das  Arbeit  nennen;  denn, 
sehen  wir  genauer  zu,  so  miissen  wir  sagen:  Der  Spatz,  die  Schwalbe 
sind  eigentlich  genau  so  organisiert,  daB  sie  die  Dinge,  die  sie  ge- 
wissermaBen,  um  ihr  Futter  zu  finden,  ausfiihren  miissen,  daB  sie 
gerade  diese  ausfiihren.  Sie  wiirden  gar  nicht  gesund  sein  konnen, 
wenn  sie  sich  nicht  in  dieser  Weise  bewegen  konnten.  Es  ist  eine  Fort- 
setzung  ihrer  Organisation,  die  zu  ihnen  gehort,  wie  sie  Beine  haben 
oder  Fliigel  haben.  So  daB  wir  in  diesem  Fall  eigentlich  durchaus  von 
dem,  was  man  hier  eine  Scheinarbeit  nennen  konnte,  absehen  konnen, 
wenn  wir  volkswirtschaftliche  Begriffe  aufbauen  wollen.  Wo  die 
Natur  unmittelbar  genommen  wird  und  das  einzelne  Wesen,  bloB  um 
sich  oder  die  Allernachsten  zu  befriedigen,  die  entsprechenden  Schein- 
arbeiten  ausfiihrt,  da  miissen  wir  diese  Scheinarbeiten  eigentlich  dann 
abziehen,  wenn  wir  bestimmen  wollen  dasjenige,  was  im  volkswirt- 
schaftlichen Sinne  Wert  ist,  ein  Wert  ist.  Und  darum  handelt  es  sich 
zunachst,  daB  wir  uns  nahern  einer  Anschauung  iiber  den  volkswirt- 
schaftlichen Wert. 


Wenn  wir  also  in  der  Tierwirtschaft  Umschau  halten,  so  konnen  wir 
nur  sagen:  Diese  ist  so,  daB  wertbildend  fur  sie  lediglich  die  Natur 
selber  ist.  Wertbildend  ist  fur  die  Tierwirtschaft  lediglich  die  Natur 
selber.  Nun  aber,  in  dem  Augenblick,  wo  wir  zum  Menschen,  das 
heiBt  zur  Volkswirtschaft  heraufkommen,  haben  wir  allerdings  von 
der  Naturseite  her  den  Ausgangspunkt  des  Naturwertes ;  aber  in  dem 
Augenblick,  wo  Menschen  nicht  bloB  fur  sich  oder  ihre  Allernachsten 
sorgen,  sondern  fiireinander  sorgen,  kommt  nun  allerdings  sofort  das- 
jenige  in  Betracht,  was  menschliche  Arbeit  ist.  Auch  dasjenige,  was 
der  Mensch  nun  tun  muB  in  dem  Augenblick,  wo  er  nicht  bloB  die 
Naturprodukte  fur  sich  verwendet,  sondern  wo  er  mit  andern  Men- 
schen in  irgendwelcher  Beziehung  steht  und  austauscht  mit  ihnen 
Giiter,  wird  dasjenige,  was  er  tut,  der  Natur  gegeniiber  zur  Arbeit. 
Und  wir  haben  hier  die  eine  Seite  des  Wertes  in  der  Volkswirtschaft. 
Diese  eine  Seite  entsteht  dadurch,  daB  auf  Naturprodukte  menschliche 
Arbeit  verwendet  wird,  und  wir  in  der  volkswirtschaftlichen  Zirkula- 
tion  Naturprodukte  umgeandert  durch  menschliche  Arbeit  vor  uns 
haben.  Da  entsteht  eigentlich  erst  ein  wirklicher  volkswirtschaftlicher 
Wert.  Solange  das  Naturprodukt  an  seiner  Fundstelle  ist,  unberiihrt, 
solange  hat  es  keinen  anderen  Wert  als  denjenigen,  den  es  auch  zum 
Beispiel  fur  das  Tier  hat.  In  dem  Augenblick,  wo  Sie  den  ersten  Schritt 
machen,  das  Naturprodukt  hineinzufiigen  in  den  volkswirtschaftlichen 
ZirkulationsprozeB,  beginnt  durch  das  umgeanderte  Naturprodukt 
der  volkswirtschaftliche  Wert.  In  diesem  Falle  konnen  wir  diesen 
volkswirtschaftlichen  Wert  dadurch  charakterisieren,  daB  wir  den  Satz 
aussprechen:  Volkswirtschaftlicher  Wert  von  dieser  einen  Seite  ist 
Naturprodukt,  umgewandelt  durch  menschliche  Arbeit.  -  Ob  diese 
menschliche  Arbeit  darinnen  besteht,  daB  wir  graben,  daB  wir  hacken 
oder  daB  wir  das  Naturprodukt  von  einem  Ort  zum  anderen  bringen, 
das  tut  nichts  zur  Sache.  Wenn  wir  zunachst  die  Wertbestimmung  im 
allgemeinen  haben  wollen,  so  miissen  wir  sagen:  Wertbildend  ist  die 
menschliche  Arbeit,  die  ein  Naturprodukt  so  verandert,  daB  es  in  den 
volkswirtschaftlichen  ZirkulationsprozeB  iibergehen  kann. 

Wenn  Sie  das  ins  Auge  fassen,  dann  werden  Sie  gleich  haben  das 
ganz  Fluktuierende  des  Wertes  eines  in  der  Volkswirtschaft  zirkulie- 


renden  Gutes.  Deno.  die  Arbeit  ist  ja  etwas  fortwahrend  Vorhandenes, 
die  verwendet  wird  auf  das  volkswirtschaftlicheGut.  So  daBSie  eigent- 
lich  gar  nicht  sagen  konnen,  was  Wert  ist,  sondern  nur  sagen  konnen : 
Der  Wert  erscheint  an  einer  bestimmten  Stelle  in  einer  bestimmten 
Zeit,  indem  menschliche  Arbeit  ein  Naturprodukt  umwandelt.  -  Da 
erscheint  der  Wert.  Wir  konnen  und  wollen  den  Wert  zunachst  gar 
nicht  definieren,  sondern  wollen  nur  hindeuten  auf  die  Stelle,  wo  der 
Wert  erscheint.  Das  mochte  ich  Ihnen  schematisch  darstellen,  mochte 
es  Ihnen  so  schematisch  darstellen,  daB  ich  Ihnen  sage:  Wir  haben 
gewissermaBen  im  Hintergrunde  die  Natur  (siehe  Zeichnung  2,  links); 
und  wir  haben  an  die  Natur  herankommend  die  menschliche  Arbeit; 


Tafel  2 


Wert'1  Wert 


Zeichnung  2 

und  dasjenige,  was  gleichsam  durch  das  Ineinanderwirken  von  Natur 
und  menschlicher  Arbeit  erscheint,  was  da  sichtbar  wird,  das  ist  von 
der  einen  Seite  her  der  Wert.  Es  ist  durchaus  kein  falsches  Bild,  wenn 
Sie  sich  zum  Beispiel  sagen:  Sie  schauen  sich  eine  schwarze  Flache, 
irgend  etwas  Schwarzes  an  durch  irgend  etwas  Helles  -  Sie  sehen  es 
blau.  Aber  je  nachdem  das  Helle  dick  oder  diinn  ist,  ist  es  verschieden 
blau,  Je  nachdem  Sie  es  verschieben,  ist  es  verschieden  dicht.  Es 
ist  fluktuierend.  So  ist  der  Wert  in  der  Volkswirtschaft,  der  eigentlich 


nichts  anderes  1st  als  die  Erscheinung  der  Natur  durch  die  menschliche 
Arbeit  hindurch,  iiberall  fluktuierend. 

Wir  gewinnen  mit  diesen  Dingen  zunachst  nicht  viel  anderes  als 
einige  abstrakte  Hinweise;  aber  diese  werden  uns  in  den  nachsten 
Tagen  orientierend  sein,  um  die  konkreten  Dinge  aufzusuchen.  Nun, 
Sie  sind  es  ja  gewohnt,  man  fangt  doch  in  alien  Wissenschaften  an  mit 
demjenigen,  was  zunachst  das  allereinfachste  ist.  Sehen  Sie,  Arbeit  an 
sich  hat  eben  gar  keine  Bestimmung  im  volkswirtschaftlichen  Zu- 
sammenhang.  Denn,  ob  ein  Mensch  Holz  hackt  oder  sich  auf  ein  Rad 
stellt,  es  gibt  solche,  weil  er  dick  ist  und  immer  von  der  einen  Stufe  zu 
der  anderen  steigt  -  sie  geht  hinunter  -  und  er  sich  dadurch  dunner 
macht:  er  kann  dasselbe  Quantum  Arbeit  leisten  wie  der,  der  Holz 
hackt.  Arbeit  so  betrachtet,  wie  sie  zum  Beispiel  Marx  betrachtet,  daB 
er  sagt,  man  solle  als  Aquivalent  suchen  dasjenige,  was  aufgebraucht 
wird  durch  die  Arbeit  am  menschlichen  Organismus,  das  ist  ein 
kolossaler  Unsinn;  denn  aufgebraucht  wird  dasselbe,  wenn  der 
Mensch  da  auf  dem  Rad  hinauftanzt,  wie  wenn  er  Holz  hackt.  Es 
kommt  nicht  darauf  an  im  volkswirtschaftlichen  Sinn,  was  am  Men- 
schen  geschieht.  Wir  haben  ja  gesehen,  daB  die  Volkswirtschaft  an 
Unvolkswirtschaftliches  angrenzt.  Rein  volkswirtschaftlich  betrachtet, 
hat  es  keine  Berechtigung,  irgendwie  darauf  hinzuweisen,  daB  die 
Arbeit  -  wenigstens  zunachst,  um  den  Begriff  der  Arbeit  volkswirt- 
schaftlich hinzustellen  -  den  Menschen  abniitzt.  Es  hat  in  einem 
mittelbaren  Sinn  Bedeutung,  weil  man  wiederum  fur  die  Bediirfnisse 
des  Menschen  sorgen  muB.  Wie  Marx  die  Betrachtungen  angestellt 
hat,  hat  man  es  zu  tun  mit  einem  kolossalen  Unsinn. 

Nun,  was  ist  da  notwendig,  um  die  Arbeit  im  volkswirtschaftlichen 
ProzeB  zu  erfassen?  Da  ist  notwendig,  daB  man  ganz  vom  Menschen 
zunachst  absieht  und  hinsieht,  wie  sich  in  den  volkswirtschaftlichen 
ProzeB  die  Arbeit  hineinstellt.  Die  Arbeit  an  einem  solchen  Rad  stellt 
sich  gar  nicht  herein,  die  bleibt  ganz  am  Menschen  haften;  das  Holz- 
hacken  stellt  sich  hinein  in  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB.  Ganz 
allein  darauf  kommt  es  an  wie  sich  die  Arbeit  in  den  volkswirtschaft- 
lichen ProzeB  hineinstellt.  Und  hier  handelt  es  sich  eigentlich  fur  alles, 
was  in  Betracht  kommt,  darum,  daB  die  Natur  iiberall  verandert  wird 


durch  die  menschliche  Arbeit.  Und  nur  insofern,  als  die  Natur  ver- 
andert  wird  durch  die  menschliche  Arbeit,  erzeugen  wir  volkswirt- 
schaftliche  Werte  nach  dieser  einen  Seite.  Wenn  wir  2um  Beispiel, 
sagen  wir,  es  zu  unserer  leiblichen  Gesundheit  richtig  finden,  an  der 
Natur  zu  arbeiten  und  dazwischen  drinnen  immer  einmal  ein  biBchen 
herumzutanzen  oder  Eurythmie  zu  treiben,  so  kann  das  von  einem 
anderen  Standpunkte  aus  beurteilt  werden;  aber  dasjenige,  was  wir 
dazwischen  tun,  darf  nicht  als  volkswirtschaftliche  Arbeit  bezeichnet 
werden  und  nicht  fur  irgendwie  volkswirtschaftlich  wertbildend  an- 
gesehen  werden.  Von  anderer  Seite  aus  kann  es  wertbildend  sein;  aber 
wir  miissen  uns  erst  die  reinlichen  Begriffe  bilden  von  den  volkswirt- 
schaftlichen  Werten  als  solchen. 

Nun  gibt  es  aber  noch  eine  ganz  andere  Moglichkeit,  daB  ein  volks- 
wirtschaftlicher  Wert  entsteht.  Das  ist  diese,  daB  wir  auf  die  Arbeit  als 
solche  hinsehen  und  nun  die  Arbeit  zunachst  als  etwas  Gegebenes 
nehmen.  Dann  ist  ja,  wie  Sie  eben  jetzt  gesehen  haben,  diese  Arbeit 
zunachst  etwas  volkswirtschaftlich  ganz  Neutrales,  Irrelevantes.  Sie 
wird  aber  in  jedem  Fall  volkswirtschaftlich  werterzeugend,  wenn  wir 
diese  Arbeit  durch  den  Geist,  die  Intelligenz  des  Menschen  dirigieren- 
ich  muB  da  etwas  anders  sprechen  als  vorhin.  Sie  konnten  selbst  in  den 
extremsten  Fallen  denken,  daB  etwas,  was  sonst  gar  nicht  Arbeit  ist, 
durch  den  Geist  des  Menschen  in  Arbeit  umgewandelt  wird.  Wenn  es 
einem  einfallt,  wenn  einer  jenes  Rad  beniitzt,  es  in  sein  Zimmer  stellt 
und  magerer  werden  will,  so  ist  da  kein  volkswirtschaftlicher  Wert 
vorhanden.  Wenn  aber  einer  ein  Seil  herumzieht  um  das  Rad  und 
dieses  Seil  irgendwie  eingreift,  um  eine  Maschine  zu  treiben,  so  haben 
Sie  durch  den  Geist  dasjenige,  was  gar  keine  Arbeit  ist,  verwertet.  Der 
NebenefFekt  ist  der,  daB  der  schon  magerer  wird;  aber  das,  was  hier 
eigentlich  das  MaBgebende  ist,  ist,  daB  die  Arbeit  durch  den  Geist, 
durch  die  Intelligenz,  durch  die  Oberlegung,  vielleicht  auch  durch  die 
Spekulation  in  eine  gewisse  Richtung  gebracht  wird,  daB  die  Arbeiten 
in  gewisse  Wechselwirkungen  gebracht  werden  und  so  weiter.  So  daB 
wir  sagen  konnen :  Hier  haben  wir  die  zweite  Seite  des  Wertbildenden 
in  der  Volkswirtschaft.  Da,  wo  die  Arbeit  im  Hintergrunde  steht  und 
der  Geist  vorne  die  Arbeit  dirigiert,  da  scheint  uns  die  Arbeit 


durch  den  Geist  durch  und  erzeugt  wiederum  volkswirtschaftlichen 
Wert. 

Wir  werden  schon  sehen,  daB  diese  beiden  Seiten  durchaus  iiberall 
vorhanden  sind.  Wenn  ich  das  Schema  hier  so  gezeichnet  habe  (siehe 
Zeichnung  2,  links),  daB  gerade  der  volkswirtschaftliche  Wert  er-  Tafd  2 
scheint,  wenn  wir  durch  die  Arbeit  hindurch  die  Natur  erscheinend 
haben,  so  miiBte  ich  das,  was  ich  jetzt  auseinandergesetzt  habe,  so 
zeichnen,  daB  wir  da  hinten  die  Arbeit  haben  und  da  vorne  zunachst 
dasjenige,  was  geistig  ist,  was  der  Arbeit  eine  gewisse  Modification 
gibt  (siehe  Zeichnung  2,  rechts). 

Das  sind  im  wesentlichen  die  zwei  Pole  des  volkswirtschaftlichen 
Prozesses.  Sie  finden  keine  anderen  Arten,  wie  volkswirtschaftliche 
Werte  erzeugt  werden:  entweder  wird  die  Natur  durch  die  Arbeit 
modifiziert  oder  es  wird  die  Arbeit  durch  den  Geist  modiflziert,  wobei 
der  Geist  im  AuBeren  vielfach  in  den  Kapitalformationen  sich  darlebt, 
so  daB  in  bezug  auf  die  Volkswirtschaft  der  Geist  in  der  Konfiguration 
der  Kapitalien  gesucht  werden  muB.  Wenigstens  sein  auBerer  Aus- 
druck  ist  da.  Doch  das  wird  sich  uns  ergeben,  wenn  wir  das  Kapital  als 
solches  und  dann  das  Kapital  als  Geldmittel  betrachten. 

So  sehen  Sie  ja,  daB  wir  nicht  sprechen  konnen  davon,  daB  eine 
Definition  des  volkswirtschaftlichen  Wertes  sich  ergeben  kann.  Denn 
wiederum  bedenken  Sie  nur,  wovon  das  alles  abhangt,  von  wieviel 
dummen  und  gescheiten  Leuten  es  abhangt,  daB  irgendwo  vom  Geiste 
die  Arbeit  modifiziert  wird.  Da  sind  lauter  fluktuierende  Bedingungen 
vorhanden.  Aber  dafiir  gilt  das,  was  anschauungsgemaB  ist,  immer: 
daB  auf  diesen  zwei  polarischen  Gegensatzen  die  wertbildenden  Mo- 
mente  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  zu  suchen  sind. 

Nun,  wenn  das  der  Fall  ist,  dann  liegt  das  vor:  Wenn  wir  irgendwo 
drinnenstehen  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB,  und  der  volkswirt- 
schaftliche ProzeB,  ich  mochte  sagen,  irgendwo  beim  Kauf  und  Ver- 
kauf  sich  abspielt,  so  haben  wir  im  Kauf  und  Verkauf  im  wesentlichen 
Wertaustausch,  Austausch  von  Werten.  Sie  finden  keinen  anderen 
Austausch  als  den  von  Werten.  Eigentlich  ist  es  falsch,  wenn  man  von 
Giiteraustausch  spricht.  Im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  ist  das  Gut, 
ob  es  nun  modifiziertes  Naturprodukt  ist  oder  modifizierte  Arbeit,  ein 


Wert.  Was  getauscht  wird,  sind  Werte.  Darauf  kommt  es  an.  So  daB 
Sie  sich  also  sagen  miissen:  Wenn  irgendwo  sich  Kauf  und  Verkauf 
abspielen,  so  werden  Werte  ausgetauscht.  -  Und  dasjenige,  was  nun 
herauskommt  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB,  wenn  Wert  und  Wert 
gewissermaBen  aufeinanderprallen,  um  sich  auszutauschen,  das  ist  der 
Preis.  Sie  finden  den  Preis  erscheinen  niemals  anders,  als  daB  Wert  an 
Wert  stoBt  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB.  Daher  kann  man  auch 
uber  den  Preis  gar  nicht  nachdenken,  wenn  man  etwa  an  den  Aus- 
tausch  von  bloBen  Giitern  denkt.  Wenn  Sie  einen  Apfel  um,  ja,  ich 
weiB  nicht,  sagen  wir  funf  Pfennige  kaufen,  dann  konnen  Sie  ja  sagen, 
Sie  tauschen  ein  Gut  aus  gegen  ein  anderes  Gut,  den  Apfel  gegen 
funf  Pfennige.  Auf  diese  Weise  kommen  Sie  aber  nie  zu  einer  volks- 
wirtschaftlichen Betrachtung.  Denn  der  Apfel  ist  irgendwo  gepfliickt, 
ist  dann  befordert  worden,  es  ist  vielleicht  um  ihn  herum  noch 
manches  andere  geschehen.  Das  ist  die  Arbeit,  die  ihn  modifiziert  hat. 
Sie  haben  es  nicht  zu  tun  mit  dem  Apfel,  sondern  mit  dem  von 
Menschenarbeit  veranderten  Naturprodukt,  das  einen  Wert  darstellt. 
Und  man  muB  immer  ausgehen  vom  Wert  in  der  Volkswirtschaft. 
Ebenso  haben  Sie  es  bei  den  funf  Pfennigen  mit  einem  Wert  und  nicht 
mit  einem  Gut  zu  tun ;  denn  diese  funf  Pfennige  sind  doch  wohl  nur 
das  Zeichen  dafur,  daB  vorhanden  ist  in  dem  Menschen,  der  sich  den 
Apfel  kaufen  muB,  ein  anderer  Wert,  den  er  eintauscht  dafur. 

Also,  worauf  es  mir  ankommt,  ist  das:  daB  wir  heute  zu  der  Ein- 
sicht  kommen,  daB  es  falsch  ist,  in  der  Volkswirtschaft  von  Giitern  zu 
sprechen,  daB  wir  sprechen  miissen,  als  von  dem  Elementaren,  von 
Werten,  und  daB  es  falsch  ist,  den  Preis  anders  erfassen  zu  wollen,  auf 
eine  andere  Art,  als  daB  man  das  Spiel  der  Werte  ins  Auge  faBt.  Wert 
gegen  Wert  gibt  den  Preis.  Wenn  schon  der  Wert  etwas  Fluktuierendes 
ist,  das  man  nicht  definieren  kann,  dann  ist  ja,  wenn  Sie  Wert  gegen 
Wert  austauschen,  gewissermaBen  dasjenige,  was  im  Austausch  ent- 
steht  als  Preis,  das  ist  etwas  Fluktuierendes  im  Quadrat. 

Aus  all  diesen  Dingen  kann  Ihnen  aber  folgen,  daB  es  also  ganz  ver- 
geblich  ist,  irgendwie  erfassen  zu  wollen  Werte  und  Preise,  um  in  der 
Volkswirtschaft  auf  festem  Boden  zu  stehen  und  etwa  gar  in  einen 
volkswirtschaftlichen  ProzeB  eingreifen  zu  wollen.  Dasjenige,  was  da 


in  Betracht  kommt,  muB  etwas  ganz  anderes  sein.  Das  muB  dahinter- 
liegen  und  es  liegt  ja  auch  dahinter.  Das  zeigt  eine  sehr  einfache  Be- 
trachtung. 

Denken  Sie  sich  nur  einmal :  Die  Natur  erscheint  uns  durch  mensch- 
liche  Arbeit.  Wenn  wir,  sagen  wir,  Eisen  an  einem  Ort  gewinnen  unter 
auBerordentlich  schwierigen  Verhaltnissen,  so  ist  das,  was  als  Wert 
herauskommt,  durch  menschliche  Arbeit  modifiziertes  Naturobjekt. 
Wenn  an  einer  anderen  Stelle  Eisen  unter  leichteren  Verhaltnissen 
produziert  werden  soil,  so  ist  die  Sache  diese,  daB  eventuell  ein  ganz 
anderer  Wert  sich  ergibt.  Sie  sehen  also,  daB  man  nicht  am  Wert  die 
Sache  erfassen  soli,  sondern  hinter  dem  Wert  sie  erfassen  muB.  Man 
muB  zu  dem  zuriickgehen,  was  den  Wert  bildet,  und  muB  da  allmahlich 
vielleicht  auf  die  konstanteren  Verhaltnisse  kommen,  auf  die  man 
dann  einen  unmittelbaren  EinfluB  haben  kann.  Denn  in  dem  Augen- 
blick,  wo  Sie  den  Wert  in  die  volkswirtschaftliche  Zirkulation  ge- 
bracht  haben,  da  miissen  Sie  ihn  im  Sinne  des  volkswirtschaftlichen 
Organismus  fluktuieren  lassen.  Geradesowenig  wie  Sie,  wenn  Sie  auf 
die  feinere  Zusammensetzung  des  Blutkorperchens  sehen,  das  anders 
ist  im  Kopf  und  anders  im  Herz  und  anders  in  der  Leber,  wie  Sie  da 
in  der  Hand  haben  zu  sagen:  Es  ist  darum  zu  tun,  fur  das  Blut  eine 
Definition  zu  finden  -  darum  kann  es  einem  nicht  zu  tun  sein,  es  kann 
einem  nur  darum  zu  tun  sein,  welches  die  giinstigeren  Nahrungsmittel 
sind  in  diesem  oder  jenem  Falle;  ebenso  kann  es  sich  niemals  darum 
handeln,  iiber  den  Wert  und  Preis  herumzureden,  sondern  nur  darum, 
daB  man  zu  den  ersten  Faktoren  geht,  zu  demjenigen,  was  dann,  wenn 
es  richtig  formiert  wird,  eben  den  entsprechenden  Preis  herausbringt, 
der  dann  schon  von  selber  so  wird. 

Es  ist  ganz  unmoglich,  mit  der  volkswirtschaftlichen  Betrachtung 
stehenzubleiben  im  Gebiet  von  Wert-  oder  Preisdefinitionen,  sondern 
man  muB  uberall  zuriickgehen  zu  demjenigen,  was  die  Ausgangs- 
punkte  sind,  also  gewissermaBen  zu  demjenigen,  woraus  der  volks- 
wirtschaftliche ProzeB  seine  Nahrung  auf  der  einen  Seite  zieht  und 
wodurch  er  auf  der  anderen  Seite  reguliert  wird :  also  zu  der  Natur  auf 
der  einen  Seite,  zu  dem  Geist  auf  der  anderen. 

Das  ist  die  Schwierigkeit  gewesen  bei  alien  volkswirtschaftlichen 


Theorien  der  neueren  Zeit,  daB  man  zunachst  immer  das  fassen  wollte, 
was  fluktuierend  ist.  Dadurch  ergaben  sich  fur  denjenigen,  der  die 
Sache  durchschaut,  im  Grunde  genommen  fast  gar  keine  falschen 
Definitionen,  sondern  lauter  richtige.  Man  muB  schon  wirklich  sehr 
danebenhauen,  wenn  man  sagt:  Die  Arbeit  entspricht  dem,  was 
wiederum  ersetzt  werden  muB  im  menschlichen  Organismus,  sie  ist 
aufgebrauchter  StorT.  -  Da  muB  man  schon  sehr  danebenhauen  und 
die  gewohnlichsten  Dinge  nicht  sehen.  Aber  es  handelt  sich  darum, 
daB  auch  wirklich  recht  kluge  Leute  durchaus  gestrauchelt  sind  beim 
Ausbilden  ihrer  volkswirtschaftlichen  Theorie  daran,  daB  sie  die 
Dinge,  die  im  FluB  sind,  in  Ruhe  haben  beobachten  wollen.  Das  kann 
man  den  Naturdingen  gegeniiber  tun,  muB  es  oftmals  tun;  aber  da 
geniigt  es,  in  ganz  anderer  Weise  das  Ruhende  zu  beobachten.  Wenn 
wir  die  Bewegung  betrachten,  so  sind  wir  nur  dazu  gekommen  in  der 
Naturbetrachtung,  sie  aus  kleinen  Ruhen  zusammengesetzt  zu  be- 
trachten, die  dann  fortspringen.  Indem  wir  integrieren,  betrachten  wir 
auch  die  Bewegung  als  etwas,  was  sich  aus  Ruhen  zusammensetzt. 

Nach  dem  Muster  solcher  Erkenntnis  kann  man  nicht  den  volks- 
wirtschaftlichen ProzeB  betrachten.  So  daB  man  sagen  muB:  Das- 
jenige,  worauf  es  ankommt,  ist,  zunachst  anzufassen  die  Volkswirt- 
schaftslehre  bei  der  Art  und  Weise,  wie  auf  der  einen  Seite  erscheint 
der  Wert,  indem  die  Natur  durch  die  Arbeit  verwandelt  wird,  die 
Natur  durch  die  Arbeit  gesehen  wird,  auf  der  anderen  Seite,  wie  der 
Wert  erscheint,  indem  die  Arbeit  durch  den  Geist  gesehen  wird.  Und 
diese  beiden  Entstehungen  der  Werte  sind  durchaus  polarisch  ver- 
schieden,  so  wie  im  Spektrum  der  eine  Pol,  der  helle  Pol,  der  gelbe 
Pol,  von  dem  blauen,  violetten  Pol  verschieden  ist.  So  daB  Sie  schon 
das  Bild  festhalten  konnen:  so  wie  auf  der  einen  Seite  die  warmen 
Farben  erscheinen  im  Spektrum,  so  erscheint  auf  der  einen  Seite  der 
Naturwert,  der  sich  mehr  in  der  Rentenbildung  zeigen  wird,  wenn  wir 
Natur  durch  Arbeit  verwandelt  wahrnehmen;  auf  der  anderen  Seite 
erscheint  uns  mehr  der  Wert,  der  sich  in  Kapital  umsetzt,  wenn  wir  die 
Arbeit  durch  den  Geist  verandert  erblicken.  Dann  kann  allerdings  der 
Preis  entstehen,  indem  Werte  des  einen  Poles  mit  Werten  des  anderen 
Poles  zusammenstoBen,  oder  indem  Werte  innerhalb  eines  Poles  mit- 


einander  in  Wechselwirkung  treten.  Aber  jedesmal,  wenn  Preisbildung 
iiberhaupt  in  Betracht  kommt,  dann  ist  es  so,  daB  Wert  mit  Wert  in 
Wechselwirkung  tritt.  Das  heiBt,  wir  miissen  ganz  absehen  von  alle- 
dem,  was  sonst  da  ist,  von  dem  StofFe  selber,  von  alledem  miissen  wir 
absehen  und  miissen  zunachst  sehen,  wie  Werte  gebildet  werden  auf 
der  einen  Seite  und  wie  Werte  gebildet  werden  auf  der  anderen  Seite. 
Dann  werden  wir  zu  dem  Problem  des  Preises  vordringen  konnen. 


DRITTER  VORTRAG 
Dornach,  26.Juli  1922 


Wenn  Sie  ins  Auge  fassen,  was  gestern  von  mir  gesagt  worden  ist,  daB 
es  sich  eigentlich  in  der  Volkswirtschaft  darum  handelt,  aufzufassen 
das  Fluktuierende,  das  in  der  Zirkulation  der  Werte  liegt  und  in  dem 
Aufeinanderwirken  der  fluktuierenden  Werte  in  der  Preisbildung,  so 
werden  Sie  sich  sagen:  Es  handelt  sich  zunachst  darum,  heraus- 
zufinden,  was  die  Volkswirtschaftslehre,  die  Volkswirtschaftswissen- 
schaft  eigentlich  fur  eine  Form  haben  muB;  denn  das  Fluktuierende 
laBt  sich  ja  nicht  unmittelbar  ergreifen.  Es  hat  auch  eigentlich  keinen 
rechten  Sinn,  unmittelbar  das  Fluktuierende  betrachtend  ergreifen  zu 
wollen;  es  hat  nur  einen  Sinn,  wenn  man  das  Fluktuierende  im  Zu- 
sammenhang  betrachtet  mit  dem,  was  eigentlich  darunter  liegt. 

Versinnlichen  wir  uns  das  einmal  an  einem  Vergleich:  Wir  be- 
niitzen  fur  gewisse  Zwecke  des  Lebens,  sagen  wir,  das  Thermometer, 
wir  benutzen  es,  indem  wir  darauf  ablesen  die  Temperaturgrade.  Diese 
Temperaturgrade,  wir  haben  uns  ja  gewohnt,  sie  in  einem  gewissen 
Sinn  zu  vergleichen.  Wir  schatzen  ein,  sagen  wir,  die  zwanzig  Grad 
Warme  an  den  fiinf  Grad  Warme  und  so  weiter.  Aber  wir  konnen  ja 
auch  gewissermaBen  Temperaturkurveri  anlegen.  Wir  konnen  zum 
Beispiel  die  Temperaturen  wahrend  des  Winters  aufzeichnen,  konnen 
die  steigenden  Temperaturen  wahrend  des  Sommers  aufzeichnen,  und 
wir  haben  dann  den  fluktuierenden  Stand  des  Thermometers.  Aber 
was  da  zugrunde  liegt,  das  wird  man  ja  doch  erst  gewahr  werden, 
wenn  man  auf  die  verschiedenen  Bedingungen  eingeht,  die  wahrend 
des  Winters  einen  tieferen  Warmestand  bedingen,  wahrend  des  Som- 
mers einen  hoheren  Warmestand  bedingen,  die  in  der  einen  Gegend 
einen  anderen  Warmestand  bedingen  als  in  der  anderen  Gegend  und 
so  weiter.  Wir  werden  erst  dann  etwas  Reales  gewissermaBen  in  der 
Hand  haben,  wenn  wir  die  fluktuierenden  Thermometerstande  zuriick- 
fiihren  auf  das  Zugrundeliegende.  Es  ist  eigentlich  nur,  man  mochte 
sagen,  ein  statistisches  Vorgehen,  wenn  man  die  Thermometerstande 
bloB  notifiziert.  Ebenso  ist  es  eigentlich  nicht  viel  mehr,  wenn  man 


die  Preise  studiert  fur  sich,  wenn  man  die  Werte  studiert  und  so 
weiter.  Einen  Sinn  wird  das  Ganze  erst  haben,  wenn  man  dazu 
kommt,  Preise  und  Werte  gewissermaBen  so  anzusehen  wie  Thermo- 
meterstande,  die  auf  etwas  anderes  hinweisen.  Dadurch  wird  man  erst 
auf  die  Realien  der  Volkswirtschaft  iiberhaupt  kommen.  Nun  geht 
aber  daraus  hervor,  welche  Form  eigentlich  die  Volkswirtschaftslehre 
wird  haben  miissen. 

Sie  wissen  ja  vielleicht,  daB  man  einem  alten  Gebrauch  gemaB  die 
Wis  sens  chaften  einteilt  in  theoretische  und  praktische  Wissenschaften. 
Die  Ethik  zum  Beispiel  nennt  man  eine  praktische  Wissenschaft,  die 
Naturwissenschaft  nennt  man  eine  theoretische  Wissenschaft.  Die 
Naturwissenschaft  handelt  davon,  was  ist;  die  Ethik  davon,  was  sein 
soli.  Und  diese  Einteilung  hat  man  ja  seit  altesten  Zeiten  gemacht :  die 
Wissenschaften  des  Seins  und  die  Wissenschaften  des  Sollens.  Wir 
brauchen  uns  jetzt  nur  zur  Begriffsbestimmung  darauf  einzulassen. 
Aber  wir  konnen  fragen:  Ist  die  Volkswirtschaftswissenschaft  eine 
Seinswissenschaft,  etwa  so  wie  es  Lu/o  Brentano  meint,  oder  ist  die 
Volkswirtschaftswissenschaft  eine  Sollwissenschaft,  eine  praktische 
Wissenschaft?  -  Das  wird  die  Frage  sein. 

Es  ist  ja  zweifellos  notwendig,  daB  man  in  der  Volkswirtschaft 
beobachtet,  wenn  man  zu  einem  Wissen  kommen  will.  Man  wird  so 
beobachten  miissen  namlich,  wie  man  Barometer-  und  Thermometer- 
stande  fur  den  Luft-  und  Warmezustand  beobachtet.  Danach  ist  die 
Volkswirtschaftswissenschaft  eine  theoretische  Wissenschaft.  Aber  mit 
diesem  ist  nichts  getan;  sondern  erst  dann  ist  etwas  getan,  wenn  man 
unter  dem  EinfluB  dieser  theoretischen  Erkenntnis  nun  handeln  kann. 

Ich  will  einen  speziellen  Fall  anfiihren,  der  Ihnen  zeigen  wird,  um 
was  es  sich  da  handelt.  Nehmen  wir  an,  wir  bemerken  durch  irgend- 
welche  Beobachtungen,  die  immer  theoretischer  Natur  sind  -  alle 
Beobachtungen  sind  theoretischer  Natur,  wenn  sie  nicht  zum  Handeln 
fuhren  -,  wir  beobachten  irgendwo  auf  einem  bestimmten  Felde,  daB 
fur  eine  Warengattung  der  Preis  bedenklich  sinkt,  so  bedenklich  sinkt, 
daB  das  eine  deutlich  ausdriickbare  Misere  darstellt.  Nun  handelt  es 
sich  darum,  daB  wir  zunachst  dieses  wirkliche  Sinken  der  Preise  theore- 
tisch  beobachten.  Da  sind  wir  gewissermaBen  erst  bei  der  Notifizie- 


rung  des  Thermometerstandes.  Dann  handelt  es  sich  darum:  Was  tun, 
wenn  die  Preise  bedenklich  sinken  fur  irgendeine  Warengattung  oder 
ein  Produkt?  -  Nun,  wir  werden  diese  Dinge  noch  genauer  sehen; 
zunachst  mochte  ich  nur  sagen,  was  da  zu  geschehen  hat  und  von 
wem,  wenn  die  Preise  irgendeiner  Warengattung  bedenklich  sinken. 
Da  wird  es  sich  darum  handeln,  daB  wir  eine  MaBregel  treffen,  die 
geeignet  ist,  diesem  Sinken  der  Preise  entgegenzuwirken.  Es  wird 
vielleicht  verschiedene  solche  MaBregeln  geben.  Aber  eine  von  ihnen 
wird  die  sein,  daB  wir  etwas  tun  zum  Beschleunigen  des  Umlaufs,  des 
Verkehrs,  des  Handels  mit  den  betreffenden  Waren.  Eine  von  den 
MaBregeln  wird  das  sein  -  sie  wird  ja  noch  nicht  geniigen;  aber  wir 
wollen  uns  nicht  darum  kiimmern,  ob  das  eine  ausreichende  oder 
sogar  ob  es  eine  richtige  MaBregel  ist,  aber  darum  wird  es  sich  han- 
deln, daB  wir,  wenn  so  die  Preise  sinken,  so  etwas  tun,  was  den 
Umsatz  vermehren  kann. 

Wir  miissen  tatsachlich  etwas  vollbringen,  was  ahnlich  ist  der  Be- 
einflussung  des  Thermometerstandes :  Wenn  uns  im  Zimmer  friert,  so 
werden  wir  nicht  so  an  den  Thermometerstand  herangehen,  daB  wir 
auf  irgendeine  geheimnisvolle  Weise  wollen  die  Thermometersaule  in 
die  Lange  Ziehen;  wir  werden  uns  gar  nicht  um  das  Thermometer- 
sinken  kiimmern,  werden  aber  einheizen.  In  einer  ganz  anderen  Ecke 
greifen  wir  die  Sache  an.  So  handelt  es  sich  auch  in  der  Volkswirt- 
schaft  darum,  daB  wir  mit  dem  Handeln  an  einer  ganz  anderen  Ecke 
angreifen.  Da  wird  die  Sache  praktisch  und  wir  miissen  sagen:  Volks- 
wirtschaftswissenschaft  ist  beides,  eine  theoretische  Wissenschaft  und 
eine  praktische  Wissenschaft.  -  Nur  wird  es  sich  darum  handeln,  wie 
wir  das  Praktische  mit  dem  Theoretischen  zusammenbringen. 

Nun,  das  ist  zunachst  die  eine  Seite  der  Form  der  Volkswirtschafts- 
wissenschaft.  Die  andere  Seite  ist  die,  auf  die  ich  schon  vor  vielen 
Jahren  aufmerksam  gemacht  habe,  ohne  daB  eigentlich  die  Sache  ver- 
standen  worden  ist,  namlich  in  einem  Aufsatz,  den  ich  schon  im  An- 
fang  des  Jahrhunderts  geschrieben  habe,  der  damals  den  Titel  trug: 
«Theosophie  und  soziale  Frage»,  der  eigentlich  nur  eine  Bedeutung 
gehabt  hatte,  wenn  er  aufgegriffen  worden  ware  von  Praktikern,  und 
wenn  man  sich  danach  gerichtet  hatte.  Da  er  iiberhaupt  ganz  un- 


beriicksichtigt  geblieben  ist,  habe  ich  ihn  nicht  einmal  zu  Ende  gefuhrt 
und  nicht  weiter  erscheinen  lassen.  Man  muB  ja  hofTen,  daB  diese 
Dinge  immer  mehr  verstanden  werden.  Hoffentlich  tragen  diese  Vor- 
trage  bei  zu  ihrem  tieferen  Verstandnis.  Da  miissen  wir  aber,  wenn  wir 
verstehen  wollen,  eine  kurze  historische  Betrachtung  anstellen. 

Wenn  Sie  im  geschichtlichen  Leben  der  Menschheit  etwas  zuriick- 
gehen,  dann  werden  Sie  finden,  daB  eigentlich  -  ich  habe  schon  im 
ersten  Vortrag  darauf  hingewiesen  -  in  alteren  Zeiten,  bis  sogar  ins 
15.,  16.  Jahrhundert  herein,  solche  volkswirtschaftlichen  Fragen,  wie 
wir  sie  heute  haben,  gar  nicht  vorhanden  waren.  Das  volkswirtschaft- 
liche  Leben  hat  sich,  sagen  wir  zum  Beispiel  im  alten  Orient,  zum 
groBten  Teil  instinktiv  abgespielt,  so  abgespielt,  daB  gewisse  soziale 
Verhaltnisse  unter  den  Menschen  waren,  die  kastenbildend,  klassen- 
bildend  waren  und  sich  unter  dem  EinfluB  desjenigen,  was  sich  aus 
diesen  Verhaltnissen  heraus  an  Beziehungen  ergeben  hat  zwischen 
Mensch  und  Mensch,  auch,  ich  mochte  sagen,  instinktbildend  er- 
wiesen  haben  fur  die  Art  und  Weise,  wie  der  einzelne  Mensch  in  das 
volkswirtschaftliche  Leben  einzugreifen  hat.  Da  lagen  ja  zum  groBen 
Teil  die  Impulse  des  religiosen  Lebens  zugrunde,  die  in  alteren  Zeiten 
durchaus  auch  noch  so  waren,  daB  sie  zu  gleicher  Zeit  auf  die  Rege- 
lung,  auf  die  Ordnung  der  Okonomie  abzielten.  Wenn  Sie  im  orienta- 
lischen  Leben  geschichtlich  nachpriifen,  so  werden  Sie  sehen,  daB 
eigentlich  nirgends  eine  strenge  Grenze  ist  zwischen  demjenigen,  was 
religios  geboten  wird,  und  demjenigen,  was  dann  volkswirtschaftlich 
ausgefuhrt  werden  soli.  Die  religiosen  Gebote  erstrecken  sich  vielfach 
hinein  in  das  wirtschaftliche  Leben,  so  daB  auch  fur  diese  alteren 
Zeiten  die  Arbeitsfrage,  die  Frage  des  sozialen  Zirkulierens  der 
Arbeitswerte,  gar  nicht  in  Betracht  kam.  Die  Arbeit  wurde  in  ge- 
wissem  Sinne  instinktiv  verrichtet;  und  ob  der  eine  mehr  oder 
weniger  tat,  das  bildete  eigentlich  in  der  Zeit,  die  dem  romischen 
Leben  voranging,  keine  erhebliche  Frage,  wenigstens  keine  erhebliche 
offentliche  Frage.  Die  Ausnahmen,  die  dabei  vorhanden  sind,  kommen 
gegeniiber  dem  allgemeinen  Gang  der  Menschheitsentwickelung  gar 
nicht  in  Betracht.  Wir  finden  noch  bei  Plato  durchaus  eine  solche 
soziale  Ansicht,  daB  im  Grunde  genommen  die  Arbeit  als  etwas  Selbst- 


verstandliches  hingenommen  wird  und  eigentlich  nur  iiber  das  Soziale 
nachgesonnen  wird,  was  auBerhalb  der  Arbeit  an  ethischen,  weisheits- 
vollen  Impulsen  von  Plato  erschaut  wurde. 

Das  wurde  immer  mehr  und  mehr  anders,  je  weniger  die  unmittelbar 
religiosen  und  ethischen  Impulse  auch  volkswirtschaftliche  Instinkte 
ziichteten,  je  mehr  gewissermaBen  die  religiosen  und  ethischen  Im- 
pulse bloB  sich  auf  das  moralische  Leben  beschrankten,  bloBe  Vor- 
schriften  wurden  fur  die  Art  und  Weise,  wie  die  Menschen  fiireinander 
fuhlen  sollen,  wie  sie  sich  zu  auBermenschlichen  Machten  verhalten 
sollen  und  so  weiter.  Immer  mehr  und  mehr  entstand  die  An- 
schauung,  die  Empfindung  unter  den  Menschen,  daB  -  wenn  ich  mich 
bildlich  ausdriicken  darf  -  von  der  Kanzel  herab  nichts  zu  sagen  ist 
iiber  die  Art  und  Weise,  wie  man  arbeken  soil.  Und  damit  wurde  die 
Arbeit,  die  Eingliederung  der  Arbeit  in  das  soziale  Leben  eigentlich 
erst  eine  Frage. 

Nun  ist  diese  Eingliederung  der  Arbeit  in  das  soziale  Leben  histo- 
risch  nkht  moglich  ohne  das  Heraufkommen  desjenigen,  was  das 
Recht  ist.  So  daB  wir  historisch  gleichzeitig  entstehen  sehen  die  Be- 
wertung  der  Arbeit  fur  den  einzelnen  Menschen  und  das  Recht.  Fur 
sehr  alte  Zeiten  der  Menschheit  konnen  Sie  eigentlich  gar  nicht  in  dem 
Sinn,  wie  wir  heute  das  Recht  auffassen,  vom  Recht  sprechen,  sondern 
Sie  konnen  erst  dann  vom  Recht  sprechen,  wenn  sich  das  Recht 
sondert  von  dem  Gebot.  In  altesten  Zeiten  ist  das  Gebot  ein  einheit- 
liches.  Es  enthalt  zu  gleicher  Zeit  alles  das,  was  rechtens  ist.  Dann 
wird  das  Gebot  immer  mehr  und  mehr  zuriickgezogen  auf  das  bloB 
seelische  Leben,  und  das  Recht  macht  sich  geltend  mit  Bezug  auf  das 
auBere  Leben.  Das  verlauft  wiederum  innerhalb  eines  gewissen  ge- 
schichtlichen  Zeitraums.  Innerhalb  dieses  geschichtlichen  Zeitraums 
haben  sich  ganz  bestimmte  soziale  Verhaltnisse  herausgebildet.  Es 
wurde  hier  zu  weit  fiihren,  das  genauer  zu  beschreiben;  aber  es  ist  ein 
interessantes  Studium,  gerade  fur  die  ersten  Jahrhunderte  des  Mittel- 
alters  zu  studieren,  wie  sich  auf  der  einen  Seite  die  Rechtsverhaltnisse, 
auf  der  anderen  Seite  die  Arbeitsverhaltnisse  heraussondern  aus  den  reli- 
giosen Organisationen,  in  denen  sie  friiher  mehr  oder  weniger  durchaus 
drinnen  waren  -  religiose  Organisationen  natiirlich  im  weiteren  Sinne. 


Nun  hat  das  eine  ganz  bestimmte  Folge.  Solange  die  religiosen 
Impulse  fur  das  gesamte  soziale  Leben  der  Menschheit  maBgebend 
sind,  solange  schadet  der  Egoismus  nichts.  Das  ist  eine  auBerordent- 
lich  wicbtige  Sache  fur  das  Verstandnis  auch  der  sozialen,  volkswirt- 
schaftlichen  Prozesse.  Der  Mensch  mag  noch  so  egoistisch  sein:  wenn 
die  religiose  Organisation,  wie  sie  zum  Beispiel  in  bestimmten  Ge- 
bieten  des  alten  Orients  ganz  strenge  war,  wenn  die  religiose  Organi- 
sation so  ist,  daB  der  Mensch  trotz  seines  Egoismus  sich  eben  in 
fruchtbarer  Weise  hineingliedert  in  das  soziale  Leben,  dann  schadet 
der  Egoismus  nichts ;  aber  er  fangt  an,  im  Volkerleben  eine  Rolle  zu 
spielen  in  dem  Augenblick,  wo  das  Recht  und  die  Arbeit  sich  heraus- 
sondern  aus  den  anderen  sozialen  Impulsen,  sozialen  Stromungen. 
Daher  strebt,  ich  mochte  sagen,  unbewuBt  der  Menschheitsgeist  in  der 
Zeit  -  wahrend  Arbeit  und  Recht  sich  eben  emanzipieren  -  danach, 
fertigzuwerden  mit  dem  menschlichen  Egoismus,  der  sich  nun  regt 
und  der  in  einer  gewissen  Weise  hineingegliedert  werden  muB  in  das 
soziale  Leben.  Dieses  Streben  gipfelt  dann  einfach  in  der  modernen 
Demokratie,  in  dem  Sinn  fur  Gleichheit  der  Menschen,  dafiir,  daB 
jeder  seinen  EinfluB  hat  darauf,  das  Recht  festzustellen  und  auch  seine 
Arbeit  festzustellen. 

Aber  gleichzeitig  mit  diesem  Gipfeln  des  emanzipierten  Rechtes  und 
der  emanzipierten  Arbeit  kommt  noch  etwas  anderes  herauf,  was  zwar 
friiher  wahrend  der  alteren  Perioden  der  Menschheitsentwickelung 
auch  vorhanden  war,  was  aber  wegen  der  religios-sozialen  Impulse 
eine  ganz  andere  Bedeutung  hatte,  was  gerade  fur  unsere  europaische 
Zivilisation  wahrend  des  Mittelalters  nur  in  eingeschranktem  MaBe 
vorhanden  war,  was  sich  zur  hochsten  Kulmination  entwickelte  von 
der  Zeit  an,  in  der  eben  Recht  und  Arbeit  am  meisten  emanzipiert 
waren  -  und  das  ist  die  Arbeitsteilung. 

In  den  alteren  Zeiten  der  Menschheitsentwickelung  hatte  die 
Arbeitsteilung  deshalb  keine  besondere  Bedeutung,  weil  ja  eben  auch 
sie  in  die  religiosen  Impulse  hineingestellt  war  und  gewissermaBen 
jeder  an  seinen  Platz  gestellt  wurde,  so  daB  sie  also  keine  solche  Be- 
deutung hatte.  Da  aber,  wo  sich  der  Hang  nach  Demokratie  verband 
mit  dem  Streben  nach  Arbeitsteilung,  da  ring  an  -  das  ist  erst  herauf- 


gekommen  in  den  letzten  Jahrhunderten  und  aufs  hochste  gestiegen 
im  19.  Jahrhundert  -,  da  fing  an  die  Arbeitsteilung  eine  ganz  besondere 
Bedeutung  zu  gewinnen;  denn  die  Arbeitsteilung  hat  eine  volkswirt- 
schaftliche  Konsequenz. 

Diese  Arbeitsteilung,  deren  Ursachen  und  Gang  wir  ja  noch  kennen- 
lernen  werden,  fiihrt  zuletzt  dazu,  wenn  wir  sie  zunachst  einfach 
abstrakt  zu  Ende  denken,  so  miissen  wir  sagen,  sie  fiihrt  zuletzt  dazu, 
daB  niemand  dasjenige,  was  er  erzeugt,  fur  sich  selbst  verwendet. 
Volkswirtschaftlich  gesprochen  aber!  Also,  daB  niemand  dasjenige, 
was  er  erzeugt  -  volkswirtschaftlich  gesprochen  -,  fur  sich  selbst  ver- 
wendet! Was  heiBt  das?  Nun,  ich  will  es  durch  ein  Beispiel  erlautern. 

Nehmen  Sie  an,  ein  Schneider  verfertigt  Kleider.  Er  muB  selbst- 
verstandlich  bei  der  Arbeitsteilung  fur  andere  Leute  Kleider  erzeugen. 
Er  konnte  aber  auch  so  sagen:  Ich  erzeuge  fur  die  anderen  Leute 
Kleider,  und  meine  eigenen  Kleider  erzeuge  ich  mir  selber.  Da  wiirde 
er  also  einen  gewissen  Teil  seiner  Arbeit  darauf  verwenden,  seine 
eigenen  Kleider  zu  erzeugen,  und  die  andere,  weitaus  groBere  Arbeit, 
die  dann  iibrigbleibt,  die  wiirde  er  dazu  verwenden,  fur  die  anderen 
Menschen  Kleider  zu  erzeugen.  Nun,  einfach,  ich  mochte  sagen,  banal 
angesehen,  konnte  man  sagen:  Ja,  es  ist  ja  das  Allernatiirlichste  auch  in 
der  Arbeitsteilung,  daB  der  Schneider  sich  seine  Kleider  selber  erzeugt 
und  fur  die  anderen  Menschen  dann  eben  als  Schneider  arbeitet.  Wie 
ist  die  Sache  aber  volkswirtschaftlich  gesprochen?  Volkswirtschaftlich 
angeschaut,  ist  die  Sache  so:  Dadurch,  daB  die  Arbeitsteilung  ge- 
kommen ist,  daB  also  nicht  ein  jeder  Mensch  fur  alle  seine  einzelnen 
Sachen  Selbsterzeuger  ist,  dadurch,  daB  Arbeitsteilung  gekommen  ist, 
daB  immer  einer  fur  den  anderen  arbeitet,  dadurch  stellt  sich  ja  fur  die 
Produkte  ein  gewisser  Wert  ein  und  infolge  des  Wertes  auch  ein  Preis. 
Und  jetzt  entsteht  die  Frage:  Wenn  zum  Beispiel  durch  die  Arbeits- 
teilung, die  sich  ja  fortsetzt  in  der  Zirkulation,  im  Umlauf  der  Pro- 
dukte, wenn  also  durch  diese  in  den  Umlauf  der  Produkte  hinein- 
gelaufene  Arbeitsteilung  die  Schneiderprodukte  einen  gewissen  Wert 
haben,  haben  dann  die  Produkte,  die  er  erzeugt  fur  sich  selbst,  einen 
gleichen  volkswirtschaftlichen  Wert,  oder  sind  sie  vielleicht  billiger 
oder  teurer?  Das  ist  die  bedeutsamste  Frage.  Wenn  er  selbst  sich  seine 


Kleider  erzeugt,  dann  bleibt  ja  das  weg,  daB  sie  in  die  Zirkulation  der 
Produkte  hineingehen.  Dasjenige,  was  er  fur  sich  selbst  erzeugt, 
nimmt  nicht  Anteil  an  der  Verbilligung,  die  durch  die  Arbeitsteilung 
hervorgerufen  wird,  ist  also  teurer.  Wenn  er  auch  nichts  dafiir  bezahlt, 
ist  es  teurer.  Es  ist  einfach  aus  dem  Grunde  teurer,  well  er  in  die  Un- 
moglichkeit  versetzt  ist,  bei  dem,  was  er  fur  sich  selbst  braucht,  nur 
so  viel  Arbeit  aufzuwenden,  wie  er  fur  das  braucht,  was  dann  in  die 
Zirkulation  iibergeht,  dem  Wert  gegeniiber. 

Nun,  vielleicht  ist  notwendig,  sich  das  etwas  genauer  zu  iiberlegen; 
aber  die  Sache  ist  schon  so.  Es  ist  so,  daB  alles  dasjenige,  was  der 
Selbsterzeugung  dient,  weil  es  nicht  in  die  Zirkulation,  der  die  Arbeits- 
teilung zugrunde  Hegt,  eingeht,  teurer  ist  als  dasjenige,  was  in  die 
Arbeitsteilung  hineingeht.  So  daft  also,  wenn  die  Arbeitsteilung  in 
ihrem  Extrem  gedacht  wird,  man  sagen  miiBte :  MiiBte  der  Schneider 
nur  fur  andere  Menschen  arbeiten,  dann  wiirde  er  die  Preise  erzielen 
fur  die  Produkte  seiner  Arbeit,  die  eigentlich  erzielt  werden  sollen. 
Und  er  miiBte  sich  seinerseits  seine  Kleider  kaufen  bei  einem  anderen 
Schneider,  beziehungsweise  er  miiBte  sie  sich  verschaffen  in  der  Art, 
wie  man  sie  sich  sonst  verschafft,  er  miiBte  sie  sich  dort  kaufen,  wo 
Kleider  verkauft  werden, 

Aber  sehen  Sie  auf  alles  das  hin,  so  werden  Sie  sich  sagen  miissen : 
Die  Arbeitsteilung  tendiert  dazu,  daB  iiberhaupt  niemand  mehr  fur 
sich  selbst  arbeitet;  sondern  das,  was  er  erarbeitet,  muB  alles  an  die 
anderen  iibergehen.  Das,  was  er  braucht,  muB  ihm  wiederum  zuriick- 
kommen  von  der  Gesellschaft.  Sie  konnten  ja  eventuell  einwenden: 
Ja,  es  miiBte  ja  eigentlich  ein  Anzug  fur  den  Schneider,  wenn  er  ihn 
bei  dem  anderen  Schneider  kauft,  gerade  so  viel  kosten,  als  wenn  er 
ihn  selber  fabriziert,  weil  ihn  der  andere  nicht  teurer  und  nicht  billiger 
machen  wird.  Wenn  das  der  Fall  ware,  ware  keine  Arbeitsteilung  da, 
wenigstens  keine  vollstandige  Arbeitsteilung,  aus  dem  einfachen 
Grunde,  weil  fur  dieses  Produkt  des  Kleidererzeugens  nicht  durch  die 
Teilung  der  Arbeit  die  groBte  Konzentration  der  Arbeitsweise  wiirde 
aufgebracht  werden  konnen.  Es  ist  ja  nicht  moglich,  daB,  wenn 
Arbeitsteilung  eintritt,  eben  nicht  die  Arbeitsteilung  in  die  Zirkulation 
iiberflieBt,  so  daB  es  also  nicht  moglich  ist,  daB  der  eine  Schneider 


beim  andern  kauft,  sondern  er  muB  beim  Handler  kaufen.  Das  aber 
bringt  einen  ganz  anderen  Wert  hervor.  Er  wird,  wenn  er  seinen 
eigenen  Rock  macht,  den  Rock  bei  sich  kaufen;  wenn  er  ihn  kauft,  so 
wird  er  ihn  beim  Handler  kaufen.  Das  macht  den  Unterschied.  Und 
wenn  Arbeitsteilung  im  Zusammenhange  mit  Zirkulation  verbilligt, 
so  kommt  ihn  sein  Rock  beim  Handler  billiger,  als  er  ihn  bei  sich 
selber  machen  kann. 

Wollen  wir  das  zunachst  als  etwas,  was  uns  fuhrt  zu  der  Form  der 
Volkswirtschaftslehre,  ansehen;  die  Tatsachen  miissen  wir  ja  alle  noch 
einmal  betrachten. 

Das  ist  nun  aber  durchaus  so,  daft  wir  unmittelbar  einsehen:  Je 
weiter  die  Arbeitsteilung  vorriickt,  desto  mehr  muB  das  kommen,  daB 
immer  einer  fur  die  anderen  arbeitet,  fur  die  unbestimmte  Sozietat 
arbeitet,  niemals  fur  sich.  Das  heiBt  aber  mit  anderen  Worten:  Indem 
die  moderne  Arbeitsteilung  heraufgekommen  ist,  ist  die  Volkswirt- 
schaft  in  bezug  auf  das  Wirtschaften  darauf  angewiesen,  den  Egoismus 
mit  Stumpf  und  Stiel  auszurotten.  Bitte,  verstehen  Sie  das  nicht 
ethisch,  sondern  rein  wirtschaftlich !  Wirtschaftlich  ist  der  Egoismus 
unmoglich.  Man  kann  nichts  fiir  sich  mehr  tun,  je  mehr  die  Arbeits- 
teilung vorschreitet,  sondern  man  muB  alles  fiir  die  anderen  tun. 

Im  Grunde  genommen  ist  durch  die  auBeren  Verhaltnisse  der 
Altruismus  als  Forderung  schneller  auf  wirtschaftlichem  Gebiet  auf- 
getreten,  als  er  auf  religios-ethischem  Gebiet  begrifFen  worden  ist. 
Dafiir  gibt  es  eine  leicht  erhaschbare  historische  Tatsache. 

Das  Wort  Egoismus,  das  werden  Sie  als  ein  ziemlich  altes  finden, 
wenn  auch  vielleicht  nicht  in  der  heutigen  schroffen  Bedeutung,  aber 
Sie  werden  es  als  ein  ziemlich  altes  finden.  Das  Gegenteil  davon,  das 
Wort  Altruismus,  das  Denken  an  den  anderen,  ist  eigentlich  kaum 
hundert  Jahre  alt,  ist  erst  sehr  spat  als  Wort  erfunden  worden,  und 
wir  konnen  daher  sagen  -  wir  wollen  uns  nicht  auf  diese  AuBerlichkeit 
zu  stark  stiitzen,  aber  eine  historische  Betrachtung  wiirde  das  zeigen  - : 
Die  ethische  Betrachtung  war  noch  lange  nicht  zu  einer  vollen  Wurdi- 
gung  des  Altruismus  gekommen,  da  war  schon  die  volkswirtschaft- 
liche  Wiirdigung  des  Altruismus  durch  die  Arbeitsteilung  da.  -  Und 
betrachten  wir  jetzt  diese  Forderung  des  Altruismus  als  volkswirt- 


schaftliche,  dann  haben  wir  das,  ich  mochte  sagen,  was  weiter  daraus 
folgt,  unmittelbar :  Wir  mussen  den  Weg  finden  in  das  moderne  Volks- 
wirtschaften,  wie  kein  Mensch  fur  sich  selber  zu  sorgen  hat,  sondern 
nur  fur  die  anderen,  und  wie  auf  diese  Weise  auch  am  besten  fur 
jeden  einzelnen  gesorgt  ist.  Das  konnte  als  ein  Idealismus  genommen 
werden;  aber  ich  mache  Sie  noch  einmal  darauf  aufmerksam:  ich 
spreche  in  diesem  Vortrag  weder  idealistisch  noch  ethisch,  sondern 
volkswirtschaftlich.  Und  das,  was  ich  jetzt  gesagt  habe,  ist  einfach 
volkswirtschaftlich  gemeint.  Nicht  ein  Gott,  nicht  ein  sittliches  Ge- 
setz,  nicht  ein  Instinkt  fordert  im  modernen  wirtschaftlichen  Leben 
den  Altruismus  im  Arbeiten,  im  Erzeugen  der  Giiter,  sondern  einfach 
die  moderne  Arbeitsteilung.  Also  eine  ganz  volkswirtschaftliche  Kate- 
gorie  fordert  das. 

Das  ist  ungefahr,  was  ich  dazumal  in  jenem  Aufsatz  habe  darstellen 
wollen :  daB  unsere  Volkswirtschaft  mehr  fordert  von  uns,  als  wir  in 
der  neuesten  Zeit  ethisch-religios  leisten  konnen.  Darauf  beruhen  viele 
Kampfe.  Studieren  Sie  einmal  die  Soziologie  der  Gegenwart.  Sie 
werden  finden,  daB  die  sozialen  Kampfe  zum  groBen  Teil  darauf 
zuruckzufiihren  sind,  daB  beim  Erweitern  der  Wirtschaft  in  die  Welt- 
wirtschaft  die  Notwendigkeit  immer  mehr  und  mehr  aufgetreten  ist, 
altruistisch  zu  sein,  altruistisch  die  verschiedenen  sozialen  Bestande 
einzurichten,  wahrend  die  Menschen  in  ihrem  Denken  eigentlich  noch 
gar  nicht  verstanden  hatten,  iiber  den  Egoismus  hinauszukommen,  und 
daher  immer  hineinpfuschten  in  egoistischer  Weise  in  dasjenige,  was 
eigentlich  als  eine  Forderung  da  war. 

Wir  kommen  nun  erst  zu  der  ganzen  Bedeutung  desjenigen,  was  ich 
jetzt  gesagt  habe,  wenn  wir  nicht  bloB  studieren  die,  ich  mochte  sagen, 
platt  daliegende  Tatsache,  sondern  die  kaschierte,  die  maskierte  Tat- 
sache.  Diese  kaschierte,  maskierte  Tatsache  ist  diese,  daB  wegen  der 
Diskrepanz  der  Menschheitsgesinnung  der  modernen  Zeit  zwischen 
def  Forderung  der  Volkswirtschaft  und  dem  religios-ethischen  Kon- 
nen in  einem  groBen  Teil  der  Volkswirtschaft  praktisch  darinnen  ist 
dieses,  daB  die  Menschen  sich  selber  versorgen,  daB  also  unsere  Volks- 
wirtschaft selber  widerspricht  demjenigen,  was  eigentlich  ihre  eigene 
Forderung  ist  durch  die  Arbeitsteilung.  Auf  die  paar  Selbstversorger 


nach  dem  Muster  dieses  Schneiders,  den  ich  angefiihrt  habe,  kommt  es 
nicht  an.  Einen  Schneider,  der  sich  selber  seine  Anziige  fabriziert,  den 
werden  wir  erkennen  als  einen,  der  hineinmischt  in  die  Arbeitsteilung, 
was  nicht  hineingehort.  Aber  dieses  ist  offenbar.  Und  maskiert  ist 
innerhalb  der  modernen  Volkswirtschaft  also  das,  wo  der  Mensch 
zwar  durchaus  nicht  fur  sich  seine  Produkte  erzeugt,  aber  im  Grunde 
genommen  mit  dem  Wert  oder  Preis  dieser Produkte  nichtsBesonderes 
zu  tun  hat,  sondern,  abgesehen  von  dem  volkswirtschaftlichen  ProzeB, 
in  dem  die  Produkte  drinnenstehen,  bloB  dasjenige,  was  er  durch  seine 
Handarbeit  leisten  kann,  als  Wert  in  die  Volkswirtschaft  hinein- 
zubringen  hat.  Im  Grunde  genommen  ist  jeder  Lohnempfanger  im 
gewohnlichen  Sinn  heute  noch  ein  Selbstversorger.  Er  ist  derjenige, 
der  so  viel  hingibt,  als  er  erwerben  will,  der  gar  nicht  kann  so  viel  an 
den  sozialen  Organismus  hingeben,  als  er  hinzugeben  in  der  Lage  ist, 
weil  er  nur  so  viel  hingeben  will,  als  er  erwerben  will.  Denn  Selbst- 
versorgen  heiBt,  fur  den  Erwerb  arbeiten;  fur  die  anderen  arbeiten 
heiBt,  aus  der  sozialen  Notwendigkeit  heraus  arbeiten. 

Insoweit  die  Arbeitsteilung  ihre  Forderung  schon  erfiillt  bekommen 
hat  in  der  neueren  Zeit,  ist  in  der  Tat  Altruismus  vorhanden :  Arbeiten 
fur  die  anderen ;  insofern  aber  diese  Forderung  nicht  erfiillt  ist,  ist  der 
alte  Egoismus  vorhanden,  der  eben  einfach  darauf  beruht,  daB  der 
Mensch  sich  selbst  versorgen  muB.  Volkswirtschaftlicher  Egoismus! 
Man  merkt  das  bei  dem  gewohnlichen  Lohnempfanger  aus  dem 
Grunde  gewohnlich  nicht,  weil  man  gar  nicht  nachdenkt  dariiber, 
wofiir  hier  eigentlich  Werte  ausgetauscht  werden.  Dasjenige,  was  der 
gewohnliche  Lohnempfanger  fabriziert,  das  hat  ja  gar  nichts  zu  tun 
mit  der  Bezahlung  seiner  Arbeit,  hat  gar  nichts  damit  zu  tun.  Die  Be- 
zahlung,  die  Bewertung  der  Arbeit  geht  aus  ganz  anderen  Faktoren 
hervor,  so  daB  er  fur  den  Erwerb,  fur  die  Selbstversorgung  arbeitet. 
Das  ist  kaschiert,  maskiert,  aber  es  ist  der  Fall. 

So  entsteht  uns  eine  der  ersten,  wichtigsten  volkswirtschaftlichen 
Fragen :  Wie  bringen  wir  aus  dem  volkswirtschaftlichen  ProzeB  heraus 
die  Arbeit  auf  Erwerb?  Wie  stellen  wir  diejenigen,  die  heute  noch  bloB 
Erwerbende  sind,  so  in  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB  hinein,  daB 
sie  nicht  Erwerbende,  sondern  aus  der  sozialen  Notwendigkeit  heraus 


Arbeitende  sind?  Miissen  wir  das?  Sicherlich!  Denn  wenn  wir  das 
nicht  tun,  bekommen  wir  niemals  wahre  Preise  heraus,  sondern  falsche 
Preise.  Wir  miissen  Preise  und  Werte  herausbekommen,  die  nicht  ab- 
hangig  sind  von  den  Menschen,  sondern  von  dem  volkswirtschaft- 
lichen  ProzeB,  die  sich  ergeben  im  Fluktuieren  der  Werte.  Die  Kar- 
dinalfrage  ist  die  Preisfrage. 

Nun  miissen  wir  den  Preis  so  beobachten  wie  die  Thermometer- 
grade,  dann  konnen  wir  auf  die  anderen,  zugrunde  liegenden  Be- 
dingungen  kommen.  Nun,  Thermometer  beobachten  kann  man  nur, 
wenn  man  eine  Art  Nullgrad  hat.  Da  geht  man  herauf  und  herunter. 
Fur  die  Preise  ergibt  sich  namlich  auf  ganz  naturgemaBe  Weise  eine 
Art  Nullpunkt,  es  ergibt  sich  auf  folgende  Weise  eine  Art  Nullpunkt. 

Wir  haben  auf  der  einen  Seite  die  Natur  (siehe  Zeichnung  2);  sie 
wird  durch  menschliche  Arbeit  verandert;  dann  kommen  die  ver- 
anderten  Naturprodukte  zustande.  Das  ist  das  eine,  wo  Wert  erzeugt 
wird,  Wert  1.  Auf  der  anderen  Seite  haben  wir  die  Arbeit.  Sie  wird  Tafel  3* 
durch  den  Geist  verandert,  und  es  entsteht  der  andere  Wert,  Wert  2. 
Und  ich  habe  Ihnen  dann  gesagt:  In  Wechselwirkung  von  Wert  1  und 
Wert  2  entstehen  die  Preise.  Wir  werden  immer  weiterkommen  im 
Erfassen  dieser  volkswirtschaftlichen  Anschauungen.  Nun  aber  ver- 
halten  sich  diese  Werte  hier  -  Wert  1  und  Wert  2  -  in  der  Tat  polarisch. 
Man  kann  schon  sagen:  Derjenige,  der  zum  Beispiel  innerhaib  dieses 
(siehe  Zeichnung  2,  rechts)  Gebietes  verdient,  hauptsachlich  innerhaib 
dieses  Gebietes  verdient  -  ganz  kann  man  es  nicht,  aber  hauptsach- 
lich -,  wer  hauptsachlich  dadurch  verdient,  daB  er  Arbeiter  ist  in  einer 
Art,  die  vom  Geist  organisiert  ist,  der  hat  Interesse  daran,  daB  die 
Naturprodukte  entwertet  werden.  Derjenige  aber,  der  an  der  Natur 
arbeitet,  der  hat  Interesse  daran,  daB  die  anderen  Produkte  entwertet 
werden.  Und  wenn  dieses  Interesse  realer  ProzeB  wird,  wie  es  in  der 
Tat  ist  -  wenn  das  nicht  so  ware,  so  hatten  die  Landwirte  ganz  andere 
Preise,  und  umgekehrt,  wir  haben  auf  beiden  Seiten  durchaus 
kaschierte  Preise  -,  so  konnen  wir  in  der  Mitte  drinnen,  wo  zwei  sind, 
zum  Wirtschaften  gehoren  immer  zwei,  wo  zwei  sind,  welche  mog- 
lichst  wenig  Interesse  haben  sowohl  an  der  Natur  wie  an  der  Geistig- 
keit  oder  dem  Kapital,  eine  Art  mittleren  Preis  moglicherweise  be- 


Die  Zeichnung  dec  Tafel  3,  die  detjenigen  der  Tafel  2  entspcicht, 
wurde  nicht  wiedereeceben. 


49 


obachten.  Wo  ist  das  praktisch  der  Fall?  Das  ist  praktisch  der  Fall, 
wenn  man  beobachtet,  wie  ein  reiner  Zwischenhandler  von  einem 
reinen  Zwischenhandler  kauft,  wie  beide  gegenseitig  voneinander 
kaufen.  Hier  haben  die  Preise  die  Tendenz,  ihren  mittleren  Wert  an- 
zunehmen.  Wenn  ein  Zwischenhandler  mit  Schuhen  kauft  unter  Ver- 
haltnissen,  die  eben  sich  herausbilden,  herausbilden  eben  auch  in  der 
normalen  -  wir  werden  dieses  Wort  zu  erklaren  haben  -  Weise,  wenn 
ein  Zwischenhandler  mit  Schuhen  von  einem  Zwischenhandler  mit 
Kleidern  kauft  und  umgekehrt,  dann  hat  das,  was  sich  da  als  Preis 
herausstellt,  die  Tendenz,  eine  mittlere  Preislage  anzunehmen.  Die 
mittlere  Preislage  miissen  wir  nicht  suchen  bei  den  Interessen  der 
Produzenten,  die  auf  der  Naturseite  stehen,  und  nicht  bei  den  Inter- 
essen derjenigen,  die  auf  der  geistigen  Seite  stehen,  sondern  wir 
miissen  dasjenige,  was  die  mittleren  Preise  herausstellt,  suchen  beim 
Zwischenhandler.  Das  hat  nichts  zu  tun  damit,  ob  man  einen 
Zwischenhandler  mehr  hat  oder  nicht.  Der  mittlere  Preis  hat  die  Ten- 
denz, zu  entstehen  da,  wo  Zwischenhandler  mit  Zwischenhandler 
kaufend  und  verkaufend  verkehrt. 

Das  widerspricht  dem  andern  nicht,  denn  im  Grunde  genommen, 
sehen  Sie  sich  die  modernen  Kapitalisten  an:  sie  sind  ja  Handler.  Der 
Unternehmer  ist  eigentlich  Handler.  Er  ist  nebenbei  seine  Waren  Er- 
zeugender;  aber  volkswirtschaftlich  ist  er  Handler.  Der  Handel  hat 
sich  ausgebildet  nach  der  Seite  der  Produktion.  In  der  Hauptsache, 
Tafel  3  wesentlich,  ist  der  Unternehmer  Handler.  Das  ist  das  Wichtige,  so  daB 
in  der  Tat  gerade  die  modernen  Verhaltnisse  darauf  hinauslaufen,  daB 
das,  was  hier  (siehe  Zeichnung  2)  in  der  Mitte  sich  als  eine  bestimmte 
Tendenz  ausbildet,  daB  das  ausstrahlt  nach  der  einen  und  nach  der 
anderen  Seite.  Nach  der  einen  Seite  werden  Sie  es  leicht  einsehen, 
wenn  Sie  das  Unternehmertum  studieren;  wie  es  sich  nach  der  anderen 
Seite  ausnimmt,  werden  wir  in  den  nachsten  Tagen  sehen. 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:3  40      Seite:  5  0 


VIERTER  VORTRAG 
Dornach,  27.  Juli  1922 


Ich  habe  gestern  ein  etwas  krasses,  mochte  ich  sagen,  Beispiel  gewahlt 
aus  dem  volkswktschaftlichen  Leben,  um  daran  etwas  zu  veranschau- 
lichen.  Und  es  scheint  ja,  als  ob  dieses  etwas  drastische  Beispiel  dem 
einen  oder  dem  anderen  etwas  Kopfzerbrechen  gemacht  hatte.  Das  ist 
das  Beispiel  von  dem  Schneider,  der  weniger  billig  fur  sich  arbeitet, 
wenn  er  seinen  eigenen  Anzug  verfertigt  -  wenn  er  den  Anzug  fur 
sich  selbst  verfertigt  -,  als  wenn  er  sich,  wahrend  er  sonst  Anziige  fur 
die  anderen  fabriziert,  seinen  eigenen  Anzug  eben  auch  bei  einem 
Handler  kauft.  Nun,  es  ist  ja  furchtbar  einfach,  selbstverstandlich,  mit 
diesem  krassen  Beispiel  nicht  zurechtzukommen ;  denn  es  ist  ganz 
natiirlich,  daB  man,  wenn  man  so  rechnet,  sagt:  Ja,  der  Handler  kauft, 
da  er  doch  etwas  profltieren  muB,  den  Anzug  billiger  beim  Schneider 
ein,  als  er  ihn  verkauft;  folglich  muB  dann  selbstverstandlich  der 
Schneider  fur  seinen  Anzug,  wenn  er  ihn  kauft,  um  den  Profit  des 
Handlers  mehr  bezahlen,  als  er  bei  ihm  selbst  zu  stehen  kommt.  Es 
liegt  so  auf  der  flachen  Hand,  diesen  Einwand  zu  machen,  daB  er  ja 
kommen  muB;  dennoch  habe  ich  gerade  dieses  krasse  Beispiel  ge- 
wahlt, um  zu  veranschaulichen,  wie  man  notig  hat,  gegeniiber  der 
heutigen  Volkswirtschaft  eben  nicht  hauswirtschaftlich  zu  denken, 
sondern  eben  volkswirtschaftlich  -  wie  man  notig  hat,  darauf  zu 
rechnen,  was  entsteht  durch  die  Arbeitsteilung. 

Es  kommt  ja  nicht  darauf  an,  daB  der  Schneider,  sagen  wir,  un- 
mittelbar  nachdem  er  mit  seinem  Anzug  fertig  geworden  ist,  nun 
gegeniiber  der  Tatsache,  wenn  er  diesen  Anzug  nun  verkaufte  an 
einen  Handler  und  dann  einen  anderen  Anzug  wieder  zuriickkaufte, 
daB  er  da  etwas  verloren  hat;  sondern  es  kommt  darauf  an,  ob,  wenn 
der  Schneider  nun  nach  einiger  Zeit,  nach  irgendeiner  Zeit,  sagen 
wir  x,  seine  Rechnung  macht,  ob  er  nun,  wenn  er  sich  den  eigenen 
Anzug  gemacht  hat,  wenn  er  sich  den  Anzug  fur  sich  selbst  gemacht 
hat,  ob  er  nun  besser  daran  ist,  oder  ob  er  besser  daran  ist,  wenn  er  es 
unterlassen  hat,  diesen  Anzug  fur  sich  selbst  zu  machen. 


Wenn  namlich  Arbeitsteilung  wirkt,  dann  verbilligt  sie  die  Pro- 
dukte  in  der  richtigen  Weise;  sie  werden  billiger  durch  die  Arbeits- 
teilung, billiger  eben  im  ganzen  volkswirtschaftlichen  Zusammen- 
hang.  Und  wenn  man  dann  gegen  die  Arbeitsteilung  arbeitet,  so  be- 
wirkt  man  Preisdruck  bei  den  entsprechenden  Produkten.  Der  Preis- 
druck  wirkt  aber  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  zuriick.  Mit  anderen 
Worten:  der  Schneider  wird  zwar  bei  dem  einzelnen  Anzug  billiger 
zurechtkommen ;  aber  er  wird  um  einen  ganz  kleinenPosten  zunachst- 
aber  wenn  es  viele  Schneider  tun,  so  multipliziert  sich  das  -,  er  wird 
in  einem  gewissen  Sinn  auf  die  Preise  der  Kleider  driicken.  Die  werden 
billiger.  Dann  muB  er  die  anderen  auch  billiger  geben.  Und  es  handelt 
sich  dann  nur  um  die  Zeit,  nach  der  er  nachschauen  kann  in  der 
Bilanz,  wieviel  er  fur  die  anderen  Kleider  weniger  eingenommen  hat, 
als  er  eingenommen  hatte,  wenn  er  nicht  den  Preis  gedriickt  hatte. 

Es  kommt  nicht  darauf  an,  ein  wenig  das  hauswirtschaftliche  Den- 
ken  einzumischen  in  die  Sache.  Ich  habe  auch  nicht  gemeint,  daB  der 
Schneider  nicht  das  Recht  hatte  oder  den  Geschmack  haben  konnte, 
sich  seinen  Anzug  selbst  zu  fabrizieren;  aber  er  soil  nur  nicht  meinen, 
daB  er  dadurch  billiger  zurechtkomme,  sondern  er  wird  ihm  teurer 
zu  stehen  kommen.  Er  kommt  ihm  teurer  zu  stehen  in  seiner  Gesamt- 
bilanz  nach  einiger  Zeit.  Es  macht  allerdings  insofern  weniger  aus  fur 
einen  solchen  krassen  Fall,  weil  die  Differenz,  um  die  der  Preis  ge- 
driickt wird,  erst  nach  einer  sehr  langen  Zeit  hervortritt.  Er  muB  sehr 
viele  andere  Anziige  machen,  um  die  kleine  Billigkeitsquote  wirksam 
zu  machen.  Aber  drinnen  wird  sie  einmal  sein  in  seiner  Gesamtbilanz. 
Das  ist  dasjenige,  was  Ihnen  zeigen  soil,  daB  man  durchaus  nicht  so, 
ich  mochte  sagen,  furchtbar  nahe  denken  darf,  wenn  man  einem  volks- 
wirtschaftlichen ProzeB  gegenubersteht,  der  nun  in  einer  unermeBlich 
groBen  Anzahl  von  ineinandergreifenden  Faktoren  besteht,  so  daB  die 
einzelne  Erscheinung  von  einer  unermeBlich  groBen  Anzahl  von  in- 
einandergreifenden Faktoren  bewirkt  wird. 

Sie  kommen  naturlich  sofort  in  eine  Kalamitat  des  volkswirtschaft- 
lichen Denkens  hinein,  wenn  Sie  Ihre  Gedanken  nur  an  das  an- 
kniipfen,  was,  mochte  ich  sagen,  in  der  Nachbarschaft  der  Wirt- 
schaftenden  liegt.  Dadurch  kommen  Sie  absolut  nicht  mit  dem  Be- 


greifen  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses  zurecht.  Sie  miissen  die 
Gesamtheit  des  sozialen  Organismus  ins  Auge  fassen  lernen,  und  die 
Gesamtheit  angesehen,  fiihrt  zuletzt  dazu,  daB  man  genotigt  ist, 
solche  krasse  Beispiele,  die  eigentlich  im  Tag  nicht,  aber  vielleicht  im 
Jahrzehnt  sehr  stark  bemerkbar  werden,  anzufiihren. 

Es  handelt  sich  durchaus  darum,  daB  man  von  solchen,  ich  mochte 
sagen,  halb  absurden  Beispielen  ausgeht,  um  allmahlich  sein  Denken 
von  dem  Denken,  das  man  gewohnt  ist,  uberzufuhren  zu  einem  Den- 
ken, das  Weites  umfaBt,  und  dadurch,  daB  es  Weites  umfaBt,  mehr  die 
scharfen  Konturen  verliert  und  dadurch  in  die  Lage  kommt,  das 
Fluktuierende  zu  fassen.  Dasjenige,  was  in  unmittelbarer  Nahe  Hegt, 
kann  man  in  scharfe  Konturen  fassen;  aber  dasjenige,  um  was  es  sich 
handelt,  ist,  die  Anschauung  zu  erringen;  und  die  Anschauung,  die 
liefert  durchaus  bewegliche  einzelne  Ideen.  Die  decken  sich  nicht  mit 
demjenigen,  was  die  in  der  Nachbarschaft  gewonnenen  Ideen  sind. 

Das  mochte  ich  insbesondere  Ihnen  heute  erwahnen,  damit  Sie, 
wenn  wir  jetzt  von  verhaltnismaBig  einfacheren  Dingen  ausgehen, 
doch  sehen,  wie  der  volkswirtschaftliche  ProzeB  sich  allmahlich  aus 
den  mannigfaltigsten  Faktoren  zusammensetzt.  Wir  wollen  namlich 
heute  einmal,  um  immer  mehr  und  mehr  dahinzukommen,  das  Preis- 
problem  erfassen  zu  konnen,  wir  wollen  den  volkswirtschaftlichen 
ProzeB  als  solchen  von  einem  gewissen  Gesichtspunkt  aus  vor  Augen 
fiihren. 

Wir  wollen  ihn  heute  beginnen  mit  der  Natur.  Zunachst  muB  die 
menschliche  Arbeit  ja  bei  der  Natur  einsetzen,  die  Naturprodukte  ver- 
wandeln,  so  daB  dann  dieses  verwandelte  Naturprodukt,  dieses  durch 
die  menschliche  Arbeit  verwandelte  Naturprodukt,  im  Aufdriicken 
der  menschlichen  Arbeit  auf  das  Naturprodukt  einen  volkswirtschaft- 
lichen Wert  erhalt.  Und  in  der  Volkswirtschaft  hat  man  es  nun  ein- 
mal nicht  mit  der  Substanz  zu  tun.  Diese  als  solche  hat  keinen  volks- 
wirtschaftlichen Wert.  Die  Kohle,  die  noch  im  Bergwerk  unter  der 
Erde  Hegt  als  Kohlensubstanz,  hat  keinen  volkswirtschaftlichen  Wert, 
bekommt  auch  keinen  volkswirtschaftlichen  Wert,  wenn  sie  nun  wan- 
dert  vom  Bergwerk  in  die  Wohnung,  in  das  Zimmer  desjenigen,  der 
einheizt.  Dasjenige,  was  die  Substanz  der  Kohle  zum  Wert  macht,  das 


ist  die  aufgepragte  Arbeit,  also  dasjenige,  was  getan  werden  muBte, 
urn  die  Kohle  outage  zu  fordern,  auch  schon  urn  das  Bergwerk 
zurechtzumachen,  um  die  Kohle  zu  verfrachten  und  so  weiter.  Alles 
dasjenige,  was  der  Substanz  der  Kohle  aufgepragte  menschliche  Arbeit 
ist,  gibt  ihr  erst  den  volkswirtschaftlichen  Wert.  Und  nur  mit  diesem 
hat  man  es  in  der  Volkswirtschaft  zu  tun. 

Sie  konnen  keine  volkswirtschaftliche  Erscheinung  fassen,  wenn 
Sie  nicht  von  splchen  Ideen  ausgehen.  Nun  aber,  indem  so  die  mensch- 
liche Arbeit  auf  die  Natur  angewendet  wird,  kommen  wir  ja  beim 
Weiterriicken  der  volkswirtschaftlichen  Entwickelung  eben  in  die 
Arbeitsteilung  hinein,  in  die  Arbeitsteilung,  die  dadurch  entsteht,  daB 
Menschen  zusammenwirken,  bei  irgendeiner  fur  die  Volkswirtschaft 
bedeutsamen  Tatsache  zusammenwirken. 

Nehmen  wir  ein  ganz  einfaches  Beispiel.  Nehmen  wir  einmal  an, 
in  einer  Gegend  hatte  eine  Anzahl  von  Menschen  eine  bestimmte 
Tatigkeit  verrichtet,  indem  diese  Anzahl  von  Menschen  einen  Gang 
verrichtet  hatten  von  ihren  Hausern,  also,  sagen  wir,  von  verschiede- 
nen  Ortschaften  zu  einer  gemeinsamen  Arbeitsstatte,  zu  einer  Forde- 
rungsstatte  von  irgendwelchen  Naturprodukten.  Nehmen  wir  an,  wir 
waren  noch  in  einer  sehr  primitiven  Zeit,  es  gabe  noch  kein  anderes 
Mittel,  als  daB  die  Arbeiter,  um  zu  der  Statte  zu  kommen,  wo  sie  die 
Natur  bearbeiten,  zu  FuB  gehen.  Nun  kommt  einer  darauf,  einen 
Wagen  zu  bauen  und  Pferde  zu  beniitzen,  um  den  Wagen  zu  Ziehen. 
Da  wird  dasjenige,  was  zuerst  allein  verrichtet  werden  muBte  von 
jedem,  das  wird  nun  von  jedem  verrichtet  im  Zusammenhang  mit 
demjenigen,  der  den  Wagen  nun  stellt.  Es  wird  eine  Arbeit  geteilt. 
Dasjenige,  was  verrichtet  wird,  was  im  volkswirtschaftlichen  Sinne 
Arbeit  ist,  wird  geteilt.  Es  spielt  sich  ja  dann  die  Sache  so  ab,  daB  ein 
jeglicher,  der  den  Wagen  benutzt,  nun  an  den  Wagenunternehmer  eine 
bestimmte  Quote  zu  bezahlen  hat. 

Damit  aber  ist  derjenige,  der  den  Wagen  erfunden  hat,  in  die  Kate- 
gorie  des  Kapitalisten  eingetaucht.  Der  Wagen  ist  fur  den  betreffenden 
Menschen  jetzt  richtiges  Kapital.  Sie  werden,  wo  Sie  suchen  wollen, 
sehen,  daB  gewissermaBen  der  Entstehungspunkt  des  Kapitals  immer 
in  der  Arbeitsteilung,  Arbeitsgliederung  liegt.  Aber  wodurch  ist  der 


Wagen  erfunden  worden?  Er  ist  eben  durch  den  Geist  erfunden  wor- 
den.  Und  jeglicher  solcher  Vorgang  besteht  darin,  daft  der  Geist  auf 
die  Arbeit  angewendet  wird,  daB  die  Arbeit  durch  den  Geist  in  irgend- 
einer  Beziehung  durchdrungen  wird.  Also  durchgeistigte  Arbeit,  das 
ist  dasjenige,  was  im  Verlauf  der  Arbeitsteilung  auftritt.  Wir  haben  es 
zunachst  mit  nichts  anderem  zu  tun  als  mit  durchgeistigter  Arbeit, 
wenn  wir  im  Verlaufe  der  Arbeitsteilung  Kapital  entstehen  sehen.  Die 
erste  Phase  des  Kapitals  besteht  eigentlich  immer  darinnen,  daB  vom 
Geist  heraus,  wahrend  fruher  nur  von  der  Natur  heraus,  jetzt  vom 
Geist  heraus  die  Arbeit  organisiert,  gegliedert  und  so  weiter  wird. 

Es  ist  schon  notwendig,  daB  das  Kapital,  die  Kapitalbildung,  von 
diesem  Gesichtspunkt  aus  klar  angesehen  wird ;  denn  nur  von  diesem 
Gesichtspunkt  kann  man  verstehen  die  Funktion  des  Kapitals  im 
volkswirtschaftlichen  ProzeB.  Kapitalentstehung  ist  immer  die  Be- 
gleiterscheinung  der  Arbeitsteilung,  Arbeitsgliederung. 

Damit  aber  lost  sich  etwas  los  von  dem  unmittelbaren  Verkehr,  in 
dem  der  Mensch  ist  mit  der  Natur,  wenn  er  die  Natur  bearbeitet. 
Solange  man  es  nur  zu  tun  hat  mit  der  Bearbekung  der  Natur,  solange 
konnen  wir  nur  sprechen  von  Naturprodukten,  die  durch  die  mensch- 
liche  Arbeit  verandert  worden  sind  und  dadurch  einen  Wert  be- 
kommen  haben;  in  dem  Augenblick  aber,  wo  wir  davon  sprechen, 
daB  der  Geist  die  Arbeit  organisiert,  die  Arbeit  als  solche  -  denn 
diesem  Menschen,  nicht  wahr,  der  da  Kapital  schafft  in  seinem  Wagen, 
dem  ist  es  ja  im  Grunde  genommen  gleichgultig,  zu  welchem  Zweck, 
zu  welchem  Ziel  er  seine  Leute  von  einem  Ort  zum  andern  fiihrt  -, 
findet  eine  Emanzipation  statt  von  der  Natur.  Hier  iiberall  ist,  ich 
mochte  sagen,  noch  durchscheinend  durch  die  menschliche  Arbeit  die 
Natur.  Wenn  auch  die  Kohle  als  Substanz  nicht  den  Wert  bildet,  son- 
dern  dasjenige,  was  als  menschliche  Arbeit  der  Kohle  aufgepragt  ist, 
so  scheint  doch  eben  das  Naturprodukt  durch,  durch  die  menschliche 
Arbeit.  Das  ist  die  eine  Seite  der  Entstehung  wirtschaftlicher  Werte. 

Die  andere  Seite  ist  diese,  daB  sich  nun  dasjenige,  was  vom  Geist 
aus  an  der  Arbeit  organisiert  wird,  daB  sich  das  von  der  Natur  voll- 
standig  emanzipiert,  daB  es  sich  vollstandig  abhebt  von  der  Natur. 
Wir  kommen  endlich  dazu,  daB  wir  den  Kapitalisten  haben,  dem  ganz 


gleichgiiltig  sein  .kann,  wie  die  Arbeit,  die  er  gliedert,  zu  der  Natur 
steht.  Es  kann  ja  sehr  einfach  stattfinden.  Es  kann  diesem  Mann  ein- 
fallen:  wahrend  er  bisher  Leute  gefuhrt  hat  von  den  verschiedensten 
Orten,  sagen  wir  zu  irgendeiner  Ackerarbeit,  laBt  er  nun,  wenn  ihm 
das  besser  gefallt,  indem  er  seinen  Wagen  da  wegnimmt,  Leute  an 
einen  anderen  Ort,  zu  einer  ganz  anderen  Arbeit  fahren.  Sie  werden 
finden,  daB  sich  in  der  Anwendung  des  Geistigen  durchaus  emanzi- 
piert  dasjenige,  was  menschliche  Arbeitsgliederung  ist,  von  der  Natur- 
grundlage.  Damit  haben  Sie  aber  auch  die  Emanzipation  des  Kapitals 
gegeben  von  der  Naturgrundiage. 

Man  hat  ja  von  verschiedenen  volkswirtschaftlichen  Standpunkten 
aus  die  Ansicht  aufgestellt,  daB  Kapital  aufgespeicherte  Arbeitskraft 
ware;  aber  es  ist  dieses  eigentlich  nur  eine  Definition,  die,  weil  die 
Sache  fluktuierend  ist,  eigentlich  nur  fur  ein  gewisses  Stadium  paBt. 
Solange  man  im  engsten  Sinn  mit  der  geistigen  Organisation  an 
irgendeine  Arbeitsart  gebunden  ist,  wird  noch  die  Natur  durch- 
schimmern.  In  dem  Augenblick,  wo  man  sich  emanzipiert,  wo  man 
nurmehr  an  das  denkt,  wie  man  dasjenige,  was  man  gewinnt,  durch  die 
Anwendung  des  Geistes  fruchtbar  macht,  in  dem  Augenblick  merkt 
man  auch,  wie  in  der  Kapitalmasse,  die  man  dann  hat,  die  Arbeit  all- 
mahlich  undeutlich  wird,  in  ihrer  besonderen  Eigenart  verschwindet. 

Nehmen  Sie  an,  Sie  haben  eine  Zeitlang  kapitalisiert  und  haben  sich 
dadurch  Kapital  erworben,  das  nun  wirklich  volkswirtschaftlich 
arbeitet.  Einer,  der  erst  einen  Wagen  hat,  kann  volkswirtschaftlich 
weiterarbeiten,  indem  er  zwei  Wagen  erwirbt  und  so  weiter.  Sein 
Kapital  arbeitet  volkswirtschaftlich.  Aber  im  Grunde  ist  von  der 
Natur  der  Arbeit  da  nichts  mehr  darinnen.  Wenn  Sie  einen  Berg- 
arbeiter  ansehen,  da  ist  von  ihr  sehr  viel  darinnen ;  aber  in  dem  Kapital 
sehen  Sie  immer  weniger  von  der  Arbeit  darinnen;  und  wenn  Sie  gar 
annehmen,  der  Mann  tiberlaBt  nun  einem  anderen  die  ganze  Sache, 
dann  wird  es  durch  den  Ubergang  unter  Umstanden  dem  zweiten 
eben  nur  darauf  ankommen,  daB  sich  dasjenige,  was  da  durch  den 
Geist  geschehen  ist,  fruktifiziert ;  aber  hochst  gleichgiiltig  wird  ihm 
die  Natur  der  Arbeit  sein,  die  da  organisiert  wird.  Es  soil  iiberhaupt 
nur  organisiert  werden. 


Mit  anderen  Worten:  Wir  haben  da  einen  realen  Abstraktions- 
prozeB.  Es  ist  ganz  dasselbe,  was  man  sonst  im  logischen  Denken  in 
der  Abstraktion  innerlich  vollzieht.  Das  vollzieht  man  da  auBerlich. 
Die  Besonderheit  verschwindet,  die  Besonderheit  der  Natursubstanz 
und  die  Besonderheit  der  Arbeitsarten,  in  den  Kapitalmassen  nach  und 
nach.  Wenn  wir  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB  dann  weiter  ver- 
folgen,  dann  werden  Sie  sehen,  daB  schon  gar  nichts  mehr  da  ist  von 
dem,  was  urspninglich  da  an  Arbeit  organisiert  worden  ist.  Denn 
nehmen  Sie  den  Fortschritt  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses,  dann 
wird  er  sich  etwa  so  darstellen :  Der  Mann,  der  den  Wagen  gebaut  hat, 
der  hat  noch  seinen  Geist  wenigstens  dieser  ganzen  Erfindung  auf- 
gepragt;  aber  nun  verdient  er,  er  verdient  mehr  an  Wert,  als  er  nur 
irgendwie  selbst  bewaltigen  kann.  Ja,  sollen  das  jetzt  fur  die  Volks- 
wirtschaft  unbeniitzte  Werte  bleiben?  Das  sollen  sie  nicht  bleiben.  Es 
muB  ein  anderer  kommen,  der  diese  Werte  mit  einer  anderen  Art  von 
Geistigkeit  bewaltigen  kann,  der  diese  Werte  in  einer  ganz  anderen 
Weise  nun  verwertet. 

So  konnen  Sie  sich  vorstellen:  Dasjenige,  was  da  an  Werten  ge- 
schaffen  worden  ist  durch  den  Wagenerfinder,  das  ginge  iiber  nach 
einiger  Zeit  -  also  dasjenige,  was  als  Fruktifizierung  herausgekommen 
ist  -,  ginge  iiber  an  einen  Kunstschmied.  Der  Kunstschmied  hat  den 
Geist,  eine  Kunstschmiede  aufzufiihren;  aber  mit  dem  Geist  kann  er 
zunachst  nichts  anfangen.  Aber  der  andere  hat  schon  wirtschaftliche 
Werte  geschaffen.  Die  muB  er  ubertragen  auf  diesen.  Da  haben 
Sie  schon  den  vollstandigsten  AbstraktionsprozeB  in  der  Realitat 
drauBen. 

Daher  ist  es  auch  notwendig,  damit  die  Sache  iiberhaupt  weiter- 
gehen  kann  -  sie  konnte  sonst  nicht  weitergehen,  denn  wie  soil  der 
Wagenbauer  dem  Kunstschmied  seine  Werte  ubertragen?  -,  daB  etwas 
da  ist,  was  sich  zu  dem  Besonderen,  das  da  in  der  Volkswirtschaft  lebt, 
wie  ein  Abstraktes  verhalt.  Und  das  ist  zunachst  das  Geld.  Das  Geld 
ist  nichts  anderes  als  der  auBerlich  ausgedriickte  Wert,  der  durch 
Arbeitsteilung  erwirtschaftet  ist  und  der  von  einem  auf  den  anderen 
ubertragen  wird. 

Wir  sehen  also  im  Verfolg  der  Arbeitsteilung  den  Kapitalismus 


auftreten,  wir  sehen  im  Verfolg  des  Kapitalismus,  und  zwar  ziemlich 
bald,  auftreten  die  Geldwirtschaft.  Das  Geld  ist  gegenuber  den  be- 
sonderen  wirtschaftlichen  Geschehnissen  ein  vollstandiges  Abstrak- 
tum.  Wenn  Sie  fiinf  Franken  in  der  Tasche  haben,  konnen  Sie  sich 
dafiir  ebensowohl  ein  Mittagsmahl  kaufen  und  ein  Abendbrot,  wie  Sie 
sich  einen  Anzugsteil  kaufen  konnen.  Fiir  das  Geld  ist  es  irrelevant, 
was  dafiir  erworben  wird,  gegen  was  es  sich  im  volkswirtschaftlichen 
ProzeB  austauscht.  Das  Geld  ist  das  fiir  die  einzelnen  Volkswirt- 
schaftsfaktoren,  insofern  sie  noch  von  der  Natur  beeinfluBt  sind, 
absolut  Gleichgiiltige.  Deshalb  wird  das  Geld  aber  der  Ausdruck,  die 
Handhabe,  das  Mittel  fur  den  Geist,  um  einzugreifen  in  den  volks- 
wirtschaftlichen Organismus,  der  in  der  Arbeitsteilung  steht. 

Ohne  daft  das  Geld  geschaffen  wird,  ist  es  uberhaupt  nicht  moglich, 
daB  der  Geist  eingreift  in  den  volkswirtschaftlichen  Organismus, 
wenn  wir  von  der  Arbeitsteilung  sprechen.  So  konnen  wir  sagen :  Da 
wird  dasjenige,  was  urspriinglich  zusammen  ist  im  volkswirtschaft- 
lichen Zustand,  was  jeder  einzelne  in  seinem  Egoismus  erarbeitet,  das 
wird  verteilt  auf  die  Gesamtheit.  -  So  ist  es  ja  in  der  Arbeitsteilung. 
Im  Kapital  werden  Einzelheiten  wiederum  zusammengefaBt  zu  einem 
GesamtprozeB.  Die  Kapitalbildung  ist  eine  Synthese,  durchaus  eine 
Synthese.  So  wird  derjenige,  der  in  dieser  Art  als  Kapitalbildner  auf- 
getreten  ist,  der  durch  die  Notwendigkeit  des  Auftretens  des  Geldes 
eben  sein  Kapital  in  Geldkapital  verwandeln  kann,  der  wird  zum 
Leiher  fur  einen,  der  nichts  anderes  hat  als  Geist.  Der  empfangt  das 
Geld.  Das  ist  der  richtige  Reprasentant  von  durch  den  Geist  auf- 
gebrachten  wirtschaftlichen  Werten. 

Wir  miissen  die  Sache  durchaus  volkswirtschaftlich  betrachten.  Es 
mag  religios  und  ethisch  das  Geld  eine  noch  so  schlimme  Sache  sein ; 
im  volkswirtschaftlichen  Sinn  ist  das  Geld  der  in  dem  volkswirtschaft- 
lichen Organismus  drinnen  wirksame  Geist.  Es  ist  nicht  anders.  Also, 
es  muB  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  das  Geld  geschaffen  werden, 
damit  uberhaupt  der  Geist  seinen  Fortschritt  findet  von  dem  Aus- 
gangspunkt  aus,  wo  er  sich  nur  an  die  Natur  wendet.  Er  wurde  in 
primitiven  Zustanden  bleiben,  wenn  er  sich  nur  auf  die  Natur  an- 
wenden  wurde.  Er  muB,  um  nun  auch  die  Errungenschaft  des  Geisti- 


gen  in  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB  wiederum  hineinzugieBen, 
als  Geld  sich  realisieren.  Geld  ist  realisierter  Geist.  Es  kommt  aber 
gleich  wieder  das  Konkrete  herein.  Zunachst  ist  das  Geld  ein  Abstrak- 
tum,  von  dem  man  sagen  kann:  Es  ist  gleich,  ob  ich  mir  um  funf 
Franken  einen  Teil  des  Anzugs  kaufe  oder  die  Haare  schneiden  lasse  - 
es  braucht  ja  nicht  ein  einziger  Haarschnitt  zu  sein  -,  ich  meine,  fur 
das  Geld  ist  es  gleichgiiltig.  Aber  indem  das  Geld  an  die  Person  des 
Menschen  und  damit  an  den  Geist  des  Menschen  zuruckkommt, 
in  dem  Moment  wird  das  Geld  dasjenige,  was  nun  wiederum  in 
seiner  konkreten  besonderen  Tatsache  volkswirtschaftlich  tatig  ist. 
Das  heiBt:  der  Geist  ist  in  dem  Geld  drinnen  volkswirtschaftlich 
tatig. 

Da  entsteht  nun  aber  ein  ganz  besonderes  Verhaltnis.  Derjenige,  der 
das  Geld  zunachst  erworben  hat,  der  wird  zum  Leiher,  zum  Glaubiger. 
Der  andere,  der  das  Geld  bekommt,  der  nur  den  Geist  hat,  wird  zum 
Schuldner.  Da  haben  Sie  jetzt  das  Verhaltnis  zwischen  zwei  Menschen. 
Dasselbe  Verhaltnis  kann  ja  auch  dadurch  herbeigefiihrt  werden,  daB 
nun  die  Beleiher  eine  Anzahl  von  Menschen  sind,  die  dem  einen  eben 
ihre  Uberschiisse  geben,  so  daB  er  nun  noch  eine  hohere  Synthese 
bewirkt  durch  seinen  Geist;  aber  er  bleibt  der  Schuldner.  Dieser 
arbeitet  durchaus  auf  dem  Boden,  der  sich  nun  also  durch  und  durch 
emanzipiert  hat  von  der  Naturgrundlage,  denn  selbst  dasjenige,  was 
er  noch  bekommt  von  den  ersten  Kapitalisten  selbst,  ist  ja  bei  ihm 
iiberhaupt  ein  Nichts ;  das  muB  er  ja  wieder  zuriickgeben  nach  einiger 
Zeit,  es  gehort  ihm  ja  nicht.  -  Er  arbeitet  eigentlich  nur  auf  der  einen 
Seite  volkswirtschaftlich  als  Schuldner,  und  auf  der  anderen  Seite 
haftet  er  volkswirtschaftlich  als  geistiger  Schopfer.  Es  ist  durchaus 
sogar  vielleicht  eines  der  gesiindesten  Verhaltnisse,  wir  miissen  das 
besonders  beriicksichtigen  in  der  sozialen  Frage,  wenn  ein  geistiger 
Arbeiter  fur  die  Allgemeinheit  dadurch  arbeitet,  daB  ihm  die  All- 
gemeinheit  auch  -  denn  fur  ihn  ist  es  die  Allgemeinheit  -  das  Geld 
dazu  gibt.  Wie  da  hinein  Besitz  und  Eigentum  und  so  weiter  spielen, 
das  werden  wir  noch  sehen.  Hier  handelt  es  sich  nur  darum,  den  volks- 
wirtschaftlichen ProzeB  zu  verfolgen.  Es  ist  ganz  gleichgiiltig,  ob  Sie 
den  Leihenden  als  Besitzer  auffassen  oder  nicht  und  den  Schuldner  so 


auffassen,  wie  ihn  die  Jurisprudenz  auffaBt  oder  nkht.  Es  kommt 
darauf  an,  fur  uns  jetzt,  wie  der  volkswirtschaftliche  ProzeB  ver- 
lauft. 

Wir  sehen  also  zuletzt  einen  Teil  des  volkswirtschaftlichen  Pro- 
zesses,  wo  herausgearbeitet  wird  bloB  noch  aus  dem,  was  geistig 
errungen  ist,  was  sich  schon  emanzipiert  hat.  Aber  diese  geistige 
Errungenschaft  ist  vorher  aus  der  Organisation  der  Arbeit  entstanden. 
Aber  wir  sind  jetzt  auf  der  zweiten  Etappe.  Wenn  Sie  auf  dieser 
zweiten  Etappe,  wo  ein  geistiger  Arbeiter  als  Schuldner  arbeitet,  noch 
sagen  wollten,  dasjenige,  was  er  bekommt  als  Schuldkapital,  das  sei 
etwa  kristallisierte  Arbeit,  so  wiirden  Sie  volkswirtschaftlich  einen 
ungeheuren  Unsinn  sagen,  denn  es  hat  keine  Bedeutung  fur  den  volks- 
wirtschaftlichen ProzeB,  wie  das  Kapital  entstanden  ist,  das  er  schuldet, 
sondern  das  hat  Bedeutung,  wie  dessen  Geist  beschaffen  ist,  der  das 
Geld  jetzt  hat,  wie  er  es  iiberfiihren  kann  in  fruchtbare  volkswirt- 
schaftliche Prozesse.  Die  erste  Arbeit,  durch  die  das  Kapital  ent- 
standen ist,  hat  jetzt  keinen  volkswirtschaftlichen  Wert  mehr;  volks- 
wirtschaftlichen Wert  hat  lediglich  das,  was  er  als  Geist  aufbringt,  um 
das  Geld  zu  verwerten.  Denken  Sie  sich,  es  ist  noch  so  viel  Arbeit 
aufgespeichert  im  Kapital:  Es  kommt  ein  Dummkopf  dariiber,  der 
alles  verpulvert;  dann  haben  Sie  einen  anderen  ProzeB,  als  wenn  ein 
gescheiter  Mensch  dazu  kommt,  der  einen  fruchtbaren  ProzeB  ein- 
leitet. 

Also  auf  dieser  zweiten  Etappe,  wo  wir  es  zu  tun  haben  mit  Leiher 
und  Schuldner,  miissen  wir  sagen:  Wir  haben  es  zu  tun  mit  dem 
Kapital,  aus  dem  die  Arbeit  bereits  verschwunden  ist. 

Worin  besteht  jetzt  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  dieses  Kapi- 
tals,  woraus  die  Arbeit  verschwunden  ist,  worin  besteht  sie?  Die  volks- 
wirtschaftliche Bedeutung  besteht  lediglich  darin,  daB  erstens  eine 
Moglichkeit  herbeigefiihrt  worden  ist,  daB  man  solches  Schuld- 
kapital aufbringen  kann,  daB  man  es  zusammensammeln  kann;  und 
zweitens,  daB  es  geistig  verwertet  werden  kann.  Darin  besteht  die 
volkswirtschaftliche  Bedeutung  dieses  Kapitals. 

Das  Reale,  das  daraus  entsteht,  ist  das  Verhaltnis  zwischen  dem 
Schuldner  und  seinen  Geldgebern.  Und  in  dem  volkswirtschaftlichen 


ProzeB,  der  von  dem  Schuldner  eingeleitet  wird,  steht  der  Schuldner 
in  der  Mitte  drinnen.  Wir  haben  es  auf  der  einen  Seite  zu  tun  mit  dem, 
was  zum  Schuldner  hintendiert,  und  auf  der  andern  Seite  mit  dem,  was 
von  dem  geistig  Produzierenden,  dem  Schuldner,  ausgeht.  Und  wir 
konnen  sagen:  In  diesem  Fall  wird  dasjenige,  was  auf  der  einen  Seite 
Leihkapital  ist,  dadurch  einfach,  daB  es  Schuldkapital  wird,  um- 
gewandelt  in  die  zweite  Etappe  des  volkswirtschaftlichen  Pro- 
zesses. 

Sie  haben  gar  nichts  darinnen  als  eine  Zirkulation  des  Kapitals ;  aber 
diese  Zirkulation  des  Kapitals  ist  in  einer  sozialorganischen  Betati- 
gung  darinnen,  so  wie  Sie  das  Blut  in  einer  menschlichen  oder  tieri- 
schen  organischen  Betatigung  haben,  wenn  es  durch  den  Kopf  flieBt 
und  verwertet  wird  zu  dem,  was  der  Kopf  erzeugt. 

Und  ich  mochte  sagen :  Was  wird  denn  hervorgerufen  dadurch,  daB 
wir  es  zu  tun  haben  mit  Leihenden  und  Schuldnern,  die  auftreten?  Es 
ist  das  etwas  ganz  Ahnliches  wie  das,  was  Ihnen  im  Physikalischen 
als  eine  Art  NiveaudifFerenz  entgegentritt.  Wenn  Sie  hier  oben  Wasser 
haben,  so  langt  es  da  unten  an  durch  die  NiveaudifFerenz.  Ebenso  ist 
einfach  eine  soziale  NiveaudifFerenz  vorhanden  zwischen  der  ersten 
Statte  des  Kapitals  und  der  zweiten,  zwischen  der  Statte  des  Leihers, 
der  nichts  anzufangen  weiB  damit,  und  der  Statte  des  Schuldners,  der 
es  verwerten  kann.  Das  ruft  die  NiveaudifFerenz  hervor. 

Aber  wir  miissen  bedenken,  was  das  Tatige  in  dieser  Niveau- 
difFerenz ist.  Das  Tatige  ist  nicht  einmal  dasjenige,  was  als  Geist  sich 
ausdriickt  in  dem  Geschehen;  sondern  bei  dieser  NiveaudifFerenz  sind 
das  Bedingende  die  verschiedenen  Anlagen  der  Menschen.  Wenn  einer 
Kapital  hat,  der  dumm  ist,  so  wird  in  einem  gesunden  volkswirtschaft- 
lichen ProzeB  der  Dumme  oben  sein  und  der  Kluge  unten.  Dadurch 
entsteht  eine  NiveaudifFerenz.  Das  Kapital  schwimmt  zu  dem  Klugen 
hin  ab.  Und  durch  die  NiveaudifFerenz  zwischen  den  menschlichen 
Anlagen  kommt  eigentlich  das  Kapital  in  FluB.  Es  ist  eigentlich  nicht 
einmal  die  menschliche  Betatigung,  sondern  die  menschlkhe  Qualitat 
der  Menschen,  die  im  sozialen  Organismus  miteinander  verbunden 
sind,  was  die  NiveaudifFerenz  hervorruft  und  dann  erst  den  volkswirt- 
schaftlichen ProzeB  weiter  fortsetzt. 


Nun  schauen  Sie  sich  einmal  konkret  diesen  volkswirtschaftlichen 
ProzeB  an,  so  werden  Sie  sich  sagen:  Wir  sind  ausgegangen  von  der 
Natur,  die  noch  nichts  wert  ist.  DaB  sie  nichts  wert  ist,  geht  daraus 
hervor,  daB,  wenn  der  Spatz  seine  Bediirfnisse  an  der  Natur  be- 
friedigt,  so  zahlt  er  nichts  dafur.  Also  die  Natur  als  solche  hat  noch 
keinen  volkswirtschaftlichen  Wert.  Das  zeigt  die  Spatzenwirtschaft  im 
Gegensatz  zur  Volkswirtschaft.  Es  beginnt  also  der  volkswirtschaft- 
liche  Wert  damit,  daB  die  menschliche  Arbeit  sich  mit  der  Natur  ver- 
bindet.  Es  geschieht  die  Fortsetzung  des  wirtschaftlichen  Prozesses 
dadurch,  daB  die  Arbeit  sich  gliedert,  sich  teilt.  Nennen  wir  zunachst 
in  hochst  unbestimmter  Art  dasjenige,  was  wir  da  haben:  Arbeit  auf 
die  Natur  angewendet.  Ich  will,  damit  allmahlich  ein  volliger  volks- 
wirtschaftlicher  Sinn  in  die  Sache  kommt,  das,  was  da  auftritt,  be- 
zeichnen  mit  Na  —  Natur,  erfaBt  von  menschlicher  Arbeit.  Was  ist  das 
im  volkswirtschaftlichen  Sinn:  Natur,  erfaBt  von  der  menschlichen 
Arbeit?  Das  ist,  wie  wir  gesehen  haben,  Wert;  in  der  Volkswirtschaft 
ist  es  Wert.  Ich  will  also  sagen:  Natur,  erfaBt  von  der  menschlichen 
Arbeit,  zum  Wert  geworden :  Naw.  Das  ist  das  eine. 

Jetzt  kommt  die  Arbeitsteilung.  Was  heiBt  aber  in  diesem  Sinne 
Arbeitsteilung?  In  diesem  Sinne  Arbeitsteilung  heiBt  ja:  Auseinander- 
teilen  derjenigen  Prozesse,  die  man  zuerst  als  an  der  Natur  vollfuhrte 
Arbeitsprozesse  verrichtet  hat,  und  die  dann  weiterleben.  Nicht  wahr, 
wenn  ich  zuerst  einen  ganzen  Ofen  mache,  so  habe  ich  die  ver- 
schiedensten  Arbeitsprozesse  verrichtet;  wenn  ich  teile,  so  habe  ich 
diese  Arbeitsprozesse  auseinandergeschalt.  Ich  teile.  Wenn  das  hier, 
Nawy  dasjenige  ist,  was  durch  Arbeit  verandertes  Naturprodukt  ist, 
das  zum  Werte  geworden  ist,  dann  muB  dasjenige,  was  durch  die 
Arbeitsteilung  entsteht,  indem  dieses,  Naw,  auseinandergeschalt  wird- 
ich  konnte  es  ja  auch  anders  schreiben  -,  sein:  =  Nawl,  Naw2  und 
so  weiter. 

Wenn  das  nun  wirklich  einen  realen  ProzeB  durchmacht,  wodurch 
muB  er  dann,  wenn  die  Arbeitsteilung  eintritt,  ausgedriickt  werden? 
Nun,  durch  eine  Division,  durch  einen  Bruch.  Es  muB  dasjenige,  was 
in  der  Realitat  vorhanden  ist,  indem  der  Wert,  den  ich  hier  auf- 
geschrieben  habe,  in  die  Arbeitsteilung  iibertritt,  es  mufi  das  in  irgend- 


einer  Weise  dividiert  werden.  Es  fragt  sich  jetzt  nur,  durch  was  wird 
es  denn  dividiert?  Was  ist  denn  das  Teilende?  Was  teilt  denn  diesen 
ProzeB  auf?  Nun,  da  miissen  wir  eben  auf  die  andere  Seite  sehen. 
Nicht  wahr,  bei  der  reinen  Mathematik  braucht  man  nur  zu  nehmen, 
was  als  Zahlen  gegeben  ist;  wenn  man  aber  Rechnungsprozesse  in  der 
Wirklichkeit  selber  aufzusuchen  hat,  muB  man  dasjenige,  was  wirklich 
teilt,  das  muB  man  aufsuchen.  Nun  haben  wir  auf  der  anderen  Seite 
gefunden  die  vom  Geist  erfaBte  Arbeit.  Wir  konnen  also  dem,  Naw, 
gegemiberstellen  die  vom  Geist  erfaBte  Arbeit,  die  nun  nach  der 
anderen  Seite  zum  Wert  wird :  Agw,  unter  dem  Bruchstrich  geschrie- 
ben.  Aber  nun  haben  wir  es  ja  schon  dazu  gebracht,  etwas  zu  ver- 
stehen  von  dieser  durch  den  Geist  erfaBten  Arbeit :  Wenn  sie  weiter- 
wirken  soli  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB,  wenn  dieses,  Naw,  divi- 
diert ist,  und  sie  soil  weiterwirken  -  wir  haben  ja  gesehen,  was  da  fiir 
dies  Agw,  Arbeit,  durch  den  Geist  organisiert,  zum  Wert  geworden, 
eigentlich  eintritt : 

J\Jaw  Tafel  4 

4r 

Das  Geld  tritt  ein.  Das  Geld  tritt  aber  jetzt  nicht  ein  in  seiner  ganzen 
Abstraktheit  -  abstrakt  ist  es  zunachst  -,  ich  mochte  sagen,  als  die 
Substanz,  an  die  der  Geist  sich  anwendet;  aber  es  wird  sehr  individua- 
lisiert,  sehr  besondert,  wenn  der  Geist  es  erfaBt  und  auf  das  oder  jenes 
anwendet.  Und  indem  der  Geist  dieses  tut,  bestimmt  der  Geist  als 
solcher  den  Wert  des  Geldes.  Hier  beginnt  das  Geld  einen  bestimmten 
konkreten  Wert  zu  bekommen.  Denn,  ob  einer  ein  Dummkopf  ist 
und  das  Geld  auf  etwas,  was  sich  nicht  fruktifiziert,  hinausschmeiBt, 
oder  es  in  einer  bestimmten  Weise  anwendet,  das  zeigt  sich  jetzt  als 
ganz  realer  Wert  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB.  So  daB  Sie  also  als 
diesen  Nenner  bekommen  werden,  was  mit  dem  Gelde  etwas  zu  tun 
hat.  Als  Zahler  kann  ich  natiirlich  nichts  anderes  bekommen  als  das, 
was  damit  zu  tun  hat,  daB  ich  etwas  vor  mir  habe,  wohinein  sich  die 
Substanz  der  Natur  verwandelt  hat.  Wenn  aber  eine  Natursubstanz 
sich  durch  Arbeit  verwandelt  und  dann  da  ist  im  volkswirtschaftlichen 
ProzeB,  dann  ist  es  Ware,  in  die  Formel  eingesetzt :  iiber  dem  Bruch- 


strich  =  Ware.  Und  das,  was  hier  die  organisierte  Arbeit  ist,  das  ist 
Geld,  in  die  Formel  eingesetzt  unter  dem  Bruchstrich  =  Geld.  Das 

Tafel4  ^  Ware 

Agw  Geld 

heiBt,  es  sind  uns  jetzt  neue  Werte  aufgetreten :  Der  Warenwert  und 
der  Geldwert.  Und  wir  haben  in  einem  volkswirtschaftlichen  ProzeB, 
der  auf  Arbeitsteilung  beruht,  zu  erkennen,  daft  der  Quotient  von 
der  in  dem  volkswirtschaftlichen  Organismus  vorhandenen  Ware  und 
dem  in  dem  volkswirtschaftlichen  Organismus  vorhandenen  Geld  - 
wenn  wir  es  ansehen  nicht  als  dasjenige,  was  wir  in  den  Kassen  ab- 
zahlen,  sondern  als  dasjenige,  was  vom  Geist  der  Menschen  ergrifFen 
wird  -  ein  Zusammenwirken  darstellt,  in  dem  das  Geld  den  Divisor 
ausmacht.  Und  in  diesem  Zusammenwirken  -  aber  in  einem  solchen, 
das  nicht  etwa  durch  Subtraktion  dargestellt  werden  kann,  sondern 
eben  durch  Division  -,  in  diesem  Zusammenwirken  besteht  eigentlich 
die  Gesundheit  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses.  Und  wir  werden 
verstehen  mussen,  um  nach  und  nach  die  Gesundheit  des  volkswirt- 
schaftlichen Prozesses  zu  verstehen,  was  da  eigentlich  im  Zahler  und 
was  da  im  Nenner  wirkt :  Wir  werden  immer  mehr  und  mehr  verstehen 

Gesundheit  =  = 

Agw  Geld 

mussen,  worin  das  eigentliche  Wesen  der  Ware  auf  der  einen  Seite 
Hegt,  und  worin  das  eigentliche  Wesen  des  Umlaufmittels,  des  Geldes, 
auf  der  anderen  Seite  liegt.  Die  bedeutsamsten  volkswirtschaftlichen 
Fragen  konnen  gar  nicht  gelost  werden,  wenn  man  nicht  in  einer 
solchen  Weise  genau  auf  die  Sachen  eingeht,  aber  sich  auch  klar 
dariiber  ist,  daB,  was  auch  auftritt  in  der  Volkswirtschaft,  daB  das 
immer  etwas  Fluktuierendes  sein  muB.  In  dem  Augenblick,  wo  die 
Ware  nur  von  einem  Ort  zum  andern  gebracht  wird,  wird  der  Zahler 
etwas  anderes  und  so  weiter.  Und  ich  kann  eigentlich  immer  nur 
beweisen,  wie  fluktuierend  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  alles  ist. 

Es  ist  ein  sehr  betrachtlicher  Unterschied  zwischen  der  Borse,  die 
ich  in  der  Tasche  habe  und  wo  fiinf  Franken  drin  sind,  und  der  Borse, 

Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:3  40      Seite:  6 4 


die  ein  anderer  hat  und  wo  auch  fiinf  Franken  drin  sind.  Es  ist  nicht 
gleichgiiltig,  ob  die  fiinf  Franken  in  der  einen  Tasche  oder  in  der 
anderen  sind;  denn  das  alles  muB  im  realen  wirtschaftlichen  ProzeB 
absolut  erfaBt  werden.  Sonst  bekommen  Sie  nur  einige  hingepfahlte 
abstrakte  BegrifTe  heraus  von  Preis  und  Wert  und  Ware  und  Produk- 
tion  und  Konsumtion  und  so  weiter,  und  Sie  bekommen  nicht  das 
heraus,  was  eigentlich  wirklich  zum  Verstandnis  des  volkswirtschaft- 
lichen  Prozesses  fiihrt. 

Das  ist  das  so  unendlich  Traurige  in  unserer  Gegenwart,  daft  wir  in 
einer  Lage  sind,  wo  wir  eben  einfach  deshalb,  weil  durch  Jahr- 
hunderte  die  Menschheit  sich  an  scharf  konturierte  BegrifTe  gewohnt 
hat,  die  nicht  anwendbar  sind  im  ProzeB,  das  nicht  konnen,  was  sich 
heute  so  notwendig  als  eine  Forderung  vor  uns  hinstellt:  daB  wir  mit 
unseren  BegrifFen  in  Bewegung  kommen,  um  die  volkswirtschaft- 
lichen  Prozesse  zu  durchdringen.  Das  ist,  was  errungen  werden  muB : 
die  Beweglichkeit  des  Denkens,  um  einen  ProzeB  als  solchen  innerlich 
durchdenken  zu  konnen.  GewiB,  in  der  Naturwissenschaft  werden 
auch  Prozesse  durchgedacht,  aber  so,  wie  sie  von  auBen  angeschaut 
werden.  Das  hilft  aber  nichts.  Sie  miiBten  sich  in  einem  Luftballon 
weit  hinauf  begeben  und  den  volks wirtschaftlichen  ProzeB  anschauen, 
wie  der  Chemiker  seine  Prozesse  von  auBen  anschaut.  Was  die  volks- 
wirtschaftlichen  Prozesse  auszeichnet,  ist,  daB  wir  in  ihnen  drinnen- 
stehen.  Wir  miissen  sie  also  von  innen  anschauen.  Wir  miissen  uns  in 
den  volkswirtschaftlichen  Prozessen  so  erfiihlen,  wie  etwa  ein  Wesen, 
das,  sagen  wir,  in  einer  Retorte  ware.  Hier  wird  etwas  gebraut  unter 
Warmeentwickelung.  Dieses  Wesen,  das  da  in  der  Retorte  ware,  das 
kann  nicht  der  Chemiker  sein,  dieses  Wesen,  das  ich  vergleichen  will 
mit  uns,  sondern  das  muBte  ein  Wesen  sein,  das  die  Warme  mitmacht, 
selber  mitsiedet.  Der  Chemiker  kann  das  nicht,  dem  Chemiker  ist  das 
ein  AuBerliches.  In  der  Naturwissenschaft  stehen  wir  auBer  den  Pro- 
zessen. Der  Chemiker  konnte  das  nicht  mitmachen,  wenn  hier  eine 
Temperatur  von  hundertfiinfzig  Grad  entwickelt  wird.  Den  volks- 
wirtschaftlichen ProzeB  machen  wir  iiberall  innerlich  mit,  miissen  ihn 
auch  innerlich  verstehen.  Deshalb  ist  es  so,  daB  vielleicht  ein  Mathe- 
matiker  sagt:  Ja,  du  hast  uns  jetzt  irgend  etwas  wie  eine  Formel  auf- 


geschrieben.  So  sind  wir  nicht  gewohnt,  daB  mathematische  Formeln 
aufgebaut  werden.  -  GewiB,  weil  wir  nur  gewohnt  sind,  daB  mathe- 
matische Formeln  aufgebaut  werden,  wenn  wir  die  Prozesse  von  auBen 
anschauen!  Wir  miissen  Anschauung  entwickeln,  damit  wir  einen 
Zahler  und  einen  Nenner  kriegen  und  um  zu  begreifen,  daB  etwas  eine 
Division  sein  muB  und  nicht  eine  Subtraktion  sein  kann.  Wir  miissen 
versuchen,  uns  hineinzudenken  in  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB. 
Deshalb  habe  ich  natiirlich  auch  dieses  krasse  Beispiel  gestern  gewahlt, 
daB  ich  Ihnen  nicht  vorgefuhrt  habe  den  einen  Schneider  und  den 
Handler  von  auBen  betrachtet,  wie  es  der  Naturwissenschafter  be- 
trachtet;  denn  da  kann  man  nicht  darauf  kommen  auf  das,  um  was  es 
sich  handelt.  Will  man  herein,  dann  kommt  es  einem  unheimlich  vor 
mit  dem  Denken,  das  nur  von  auBen  anschaut  wie  beim  Forscher,  der 
die  Retorte  nur  von  auBen  anschaut.  Wir  miissen  die  ganze  Summe 
von  Vorgangen,  die  sich  abspielen  zwischen  dem  Schneider  und  alien 
Effekten,  die  sich  volkswirtschaftlich  zutragen,  uns  innerlich  vor- 
stellen. 

Ich  wiirde  nicht  wahr  werden  in  dem  Erfullen  dessen,  was  Sie  ver- 
langt  haben,  wenn  ich  die  Sache  anders  darstellen  wiirde,  als  wie  ich 
sie  darstelle.  Dadurch  ist  die  Sache  von  Anfang  an  etwas  schwierig. 


FUNFTER  VORTRAG 
Dornach,  28.Juli  1922 


Wenn  wir  die  Tatsachenfolgen  innerhalb  des  volkswirtschaftlichen 
Prozesses,  die  wir  gestern  ins  Auge  gefaBt  haben,  uns  noch  etwas 
weiter  anschauen,  so  wird  sich  uns  das  Folgende  ergeben.  Wir  haben 
gesehen,  wie  der  volkswirtschaftliche  ProzeB  in  Gang  kommt  dadurch, 
daB  zunachst  die  Natur  bearbeitet  wird,  daB  also  aus  dem  bloBen, 
innerhalb  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses  noch  wertlosen,  un- 
bearbeiteten  Naturprodukte  das  bearbeitete  Naturprodukt  entsteht. 
Dann  haben  wir  gesehen,  wie  der  ProzeB  weitergeht  dadurch,  daB  die 
Arbeit  gewissermaBen  eingefangen  wird  von  dem  Kapital,  daB  das 
Kapital  die  Arbeit  gliedert,  organisiert,  und  daB  dann  die  Arbeit  in 
dem  Kapital  drinnen  wiederum  verschwindet,  so  daB  fur  den  weiteren 
Fortschritt  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses  das  Kapital  arbeiten 
muB.  Aber  dieses  Arbeiten  ist  nicht  mehr  in  demselben  Sinn  wie 
fruher  ein  Arbeiten,  sondern  es  ist  ein  Aufnehmen  des  Kapitals  von 
dem  bloBen  Geistigen.  Und  indem  dann  das  Geistige,  wie  ich  es 
gestern  beschrieben  habe,  das  Kapital  weiter  verwertet  innerhalb  des 
volkswirtschaftlichen  Prozesses,  geht  eben  dieser  vorwarts. 

Ich  mochte  Ihnen  das,  was  ich  Ihnen  hier  auseinandergesetzt  habe, 
damit  wir  zu  einem  Begreifen  der  gestern  angedeuteten  Formel  all- 
mahlich  aufsteigen  konnen,  schematisch,  gewissermaBen  sinnbildlich 
darstellen.  Wir  konnen  sagen:  Die  Natur  geht  unter  in  der  Arbeit 
(siehe  Zeichnung  3).  So  daB  wir  etwa  diese  Stromung  haben  von  der  Tafel  4a 
Natur  in  die  Arbeit  hinein.  Die  Natur  geht  unter  in  der  Arbeit.  Die 
Arbeit  entwickelt  sich  weiter.  Die  entwickelten  Werte  stromen  ge- 
wissermaBen weiter.  Die  Arbeit  verschwindet  im  Kapital.  Und  wir 
haben  den  ProzeB  bis  hierher  verfolgt  (siehe  Zeichnung  3).  Sie  werden 
ihn  sich  jetzt  leicht  fortsetzen  konnen.  Es  ist  notwendig,  daB  der 
Kreislauf  sich  schlieBt.  Das  Kapital  kann  nicht  in  einfaches  Stocken 
hineinkommen.  Sonst  hatte  man  es  nicht  mit  einem  organischen 
ProzeB  zu  tun,  sondern  mit  einem  ProzeB,  der  im  Kapital  ersterben 
wiirde.  Es  muB  das  Kapital  wiederum  in  der  Natur  verschwinden.  Das, 


Copyright  Rudolf  Steiner  Nachlass-Verwaltung    Buch:3  40      Seite:6  7 


daB  das  Kapital  wiederum  in  der  Natur  verschwinden  muB,  das  kon- 
nen  Sie  eigentlich  anschaulich  verfolgen,  aber  Sie  miissen  vorerst  noch 
einen  anderen  Begriff  zu  Hilfe  nehmen,  wenn  Sie  dieses  Verschwinden 
des  Kapitals  in  der  Natur  richtig  verstehen  wollen. 


Bedenken  Sie  doch,  was  ich  eigentlich  bis  jetzt  vor  Ihnen  hier  im 
volkswirtschaftlichen  ProzeB  nur  entwickelt  habe.  Ich  habe  ent- 
wickelt  die  Bearbeitung  der  Natur,  die  Organisierung  der  Arbeit 
durch  den  Geist,  und  damit  die  Entstehung  des  Kapitals,  die  eine 
Begleiterscheinung  ist  der  Organisierung  der  Arbeit  durch  den  Geist. 
Dann  das  Vorhandensein  des  Kapitals,  das  gewissermaBen  die  Uber- 
nahme  des  Kapitals  aus  dem  die  Arbeit  organisierenden  Geist  ist,  diese 
Verselbstandigung  des  Kapitals,  wo  die  Arbeit  verschwindet  und  wo 
nun  der  Geist  im  Kapital  als  erfinderischer  Geist,  aber  im  sozialen 
Zusammenhang,  arbeitet.  Das  eigentlich  Technische  der  Erfindungen 
geht  uns  hier  nichts  an,  das  eigentlich  Technische  der  Erfindungen 
wird  erst  in  Betracht  kommen,  wenn  wir  unsere  Auseinandersetzungen 
weiter  verfolgen. 

Nun,  alles,  was  ich  Ihnen  da  geschildert  habe  -  iiberschauen  Sie  es 
nur  -,  das  ist  von  einem  einseitigen  Standpunkt  aus  geschildert.  Ich 


Tafel 


4a 


Zeichnung  3 


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muBte  es  auch  von  einem  einsekigen  Standpunkt  aus  schildern.  Denn 
das  ist  alles  geschildert  vom  Standpunkt  des  Produzierens  aus.  Ich 
habe  im  Grunde  genommen  hochstens  andeutungsweise  bisher  von 
etwas  anderem  gesprochen  als  von  der  Produktion.  Ich  habe  gewisser- 
maBen  nur  hereingenommen  zuweilen  BegrifTe,  die  von  der  Konsum- 
tion  herriihren,  wenn  es  sich  darum  gehandelt  hat,  uns  der  Preisfrage 
etwas  zu  nahern;  aber  von  der  Konsumtion  werden  Sie  eigentlich 
noch  gar  nichts  bemerkt  haben.  Also,  ich  habe  bisher  von  der  Pro- 
duktion gesprochen.  Aber  der  volkswirtschaftliche  ProzeB  besteht  ja 
nicht  bloB  in  der  Produktion,  sondern  besteht  auch  auBer  in  der 
Produktion  in  der  Konsumtion. 

Wenn  Sie  eine  einfache  Oberlegung  anstellen,  so  werden  Sie  sehen, 
daB  die  Konsumtion  genau  der  entgegengesetzte  Pol  ist  von  der  Pro- 
duktion. Wir  haben  uns  bemiiht,  innerhalb  der  Produktion  zu  finden 
Werte,  die  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  entstehen;  aber  die  Kon- 
sumtion besteht  in  einem  fortwahrenden  Wegschaffen  dieser  Werte, 
in  einem  fortwahrenden  Aufbrauchen  dieser  Werte,  also  in  einer  fort- 
wahrenden Entwertung  dieser  Werte.  Und  das  ist  in  der  Tat  das- 
jenige,  was  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  die  andere  Rolle  spielt: 
ein  fortwahrendes  Entwerten  der  Werte.  Dadurch  gerade  hat  man  ein 
gewisses  Recht,  davon  zu  sprechen,  daB  der  volkswirtschaftliche  Pro- 
zeB ein  organischer  ist,  ein  ProzeB,  in  den  das  Geistige  dann  eingreift ; 
denn  ein  Organismus  besteht  eben  darinnen,  daB  er  etwas  bildet  und 
dann  wieder  entbildet.  Es  muB  fortwahrend  im  Organismus  produ- 
ziert  und  verbraucht  werden.  Das  muB  auch  im  volkswirtschaftlichen 
Organismus  da  sein.  Es  muB  fortwahrend  produziert  und  verbraucht 
werden. 

Damit  kommen  wir  dazu,  dasjenige,  was  eigentlich  sich  bis  jetzt  an 
werterzeugenden  Kraften  gezeigt  hat,  noch  in  einem  anderen  Licht, 
von  einem  anderen  Gesichtspunkt  aus  zu  sehen.  Bis  jetzt  haben  wir 
eigentlich  nur  gezeigt,  wie  innerhalb  oder  im  Verlauf  des  Produktions- 
prozesses  Werte  entstehen.  Nun  aber,  jedesmal  wenn  ein  Wert  vor 
seiner  Entwertung  steht,  dann  verandert  sich  ja  die  ganze  Bewegung, 
die  wir  bisher  gesehen  haben.  Es  war  eine  fortlaufende  Bewegung,  die 
wir  beobachtet  haben:  Werte  entstehen  durch  die  Anwendung  der 


Arbeit  auf  die  Natur;  Werte  entstehen  durch  die  Anwendung  des 
Geistes  auf  die  Arbeit;  Werte  entstehen  durch  die  Anwendung  des 
Geistes  auf  das  Kapital.  Und  das  alles  ist  eine  fortschreitende  Be- 
wegung. 

Wir  konnen  also  sagen:  Wir  haben  die  wertebildende  Bewegung 
betrachtet  innerhalb  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses.  -  Es  gibt 
aber  dadurch,  daB  iiberall  in  diesen  volkswirtschaftlichen  ProzeB  nun 
auch  das  Entwertende,  die  Konsumtion  eintritt,  noch  etwas  anderes. 
Es  gibt  jene  Wertentfaltung,  welche  sich  nun  ergibt  zwischen  der 
Produktion  selbst  und  der  Konsumtion.  Indem  der  Wert  in  die  Kon- 
sumtion hineingeht,  bewegt  er  sich  nicht  weiter.  Er  wird  nicht  hoher- 
wertig.  Er  bewegt  sich  nicht  weiter.  Es  steht  ihm  etwas  gegeniiber.  Es 
steht  ihm  eben  die  Konsumtion  mit  ihrer  Bedurfnisentwickelung 
gegeniiber.  Da  ist  der  Wert  hineingestellt  in  etwas  ganz  anderes,  als 
er  bis  jetzt  in  unserer  Betrachtung  hineingestellt  erschien.  Bis  jetzt 
haben  wir  den  Wert  betrachtet  in  einer  fortlaufenden  Bewegung.  Nun- 
mehr  miissen  wir  beginnen,  den  Wert  bis  zu  einem  gewissen  Punkt 
zu  betrachten,  dann  aber  ihn  aufgehalten  anzusehen.  Jedesmal,  wenn 
der  Wert  aufgehalten  wird,  entsteht  nicht  eine  wertbildende  Bewegung 
weiter,  sondern  eine  wertbildende  Spannung. 

Und  das  ist  das  zweite  Element  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB. 
Tafel  4a  Wir  haben  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  nicht  nur  wertbildende 
Bewegungen,  sondern  haben  auch  wertbildende  Spannungen.  Und 
solche  wertbildende  Spannungen,  wir  konnen  sie  am  anschaulichsten 
eben  beobachten,  wenn  einfach  der  Konsument  dem  Produzenten 
oder  Handler  gegenubersteht,  und  wenn  im  nachsten  Augenblick, 
konnten  wir  sagen,  die  Wertbildung  aufhort,  indem  sie  in  die  Ent- 
wertung  ubergeht.  Da  bildet  sich  eine  Spannung,  und  diese  Spannung, 
die  wird  im  Gleichgewicht  gehalten  durch  das  Bediirfnis  von  der 
anderen  Seite.  Da  (siehe  Zeichnung)  wird  der  wertbildende  ProzeB 
aufgehalten:  das  Bediirfnis,  der  Verbrauch  tritt  ihm  entgegen,  und  es 
entsteht  die  Spannung  zwischen  Produktion  und  Konsumtion,  die  nun 
durchaus  auch  ein  wertbildender  Faktor  ist,  aber  ein  solcher  wert- 
bildender  Faktor,  der  einem  Kraftentwickeln,  das  aufgehalten  wird, 
das  im  Gleichgewicht  gehalten  wird,  nicht  einem  Fortwirken  der 


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Krafte  zu  vergleichen  ist.  Sie  haben  da  durchaus  ein  Analogon  zu  dem 
Physikalischen  der  lebendigen  Krafte  und  der  Spannkrafte,  der  leben- 
digen  Energien  und  der  Energien  der  Lage,  wo  Gleichgewicht  erzeugt 
wird.  Wenn  man  namlich  diese  Spannungsenergien  im  volkswirtschaft- 
lichen  ProzeB  nicht  ins  Auge  faBt,  so  kommt  man  zu  den  kuriosesten 
Anschauungen.  Wir  werden  sehen,  wenn  man  solche  Anschauungen 
entwickelt,  wie  man  da  zu  Auffassungen  eines  jeden  volkswirtschaft- 
lichen  Verhaltnisses  kommt,  wie  man  aber  sonst  in  die  konfusesten 
Anschauungen  hineinkommt.  Sie  werden,  wenn  Sie  zum  Beispiel  nur 
einseitig  volkswirtschaftliche  Bewegungen  der  Energien  festhalten, 
nicht  begreifen  konnen,  warum  der  Diamant  in  der  Krone  von  Eng- 
land einen  so  ungeheuer  groBen  Wert  hat;  denn  da  sind  Sie  zugleich 
genotigt,  zu  dem  BegrifF  des  volkswirtschaftlichen  Spannungswertes 
Ihre  Zuflucht  zu  nehmen.  Ebenso  finden  Sie  heute  noch  bei  vielen 
Volkswirtschaftern  die  Seltenheit  irgendeines  Naturproduktes  beriick- 
sichtigt.  Die  Seltenheit  wird  niemals  gefunden  werden  als  werte- 
bildender  Faktor,  wenn  man  nur  die  Bewegung  innerhalb  des  volks- 
wirtschaftlichen Prozesses  als  wertebildend  ansieht,  wenn  man  nicht 
verstehen  lernt  allmahlich,  wie  eintritt  da  oder  dort,  am  hervor- 
ragendsten  durch  die  Konsumtion,  aber  auch  durch  andere  Verhalt- 
nisse,  was  die  Wertebildung  durch  Spannungen  ist,  durch  Situationen, 
durch  Gleichgewichtslagen. 

Nun  sehen  Sie  also,  daB  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB,  den  wir 
damit  durchaus  als  einen  organischen  ansehen  konnen,  in  den  fort- 
wahrend der  Geist  eingreift,  auch  Entwertung  eintreten  kann.  Ent- 
wertung  muB  fortwahrend  da  sein  oder  ist  fortwahrend  da.  So  daB 
wir  also  sagen  werden :  Bei  diesem  Weg,  den  die  Werte  durchmachen, 
von  der  Natur,  der  Arbeit  zum  Kapital,  wird  eine  fortwahrende  Ent- 
wertung gleichzeitig  eintreten.  Wenn  namlich  diese  Entwertung  nicht 
in  der  entsprechenden  Weise  eintreten  konnte,  ja,  was  wiirde  denn 
dann  geschehen?  Was  dann  geschehen  wiirde,  kann  Ihnen  gerade  hier 
an  dieser  Stelle  (siehe  Zeichnung  3)  anschaulich  werden.  Tafel  4a 

Nehmen  Sie  einmal,  um  sich  das  wirklich  klarzumachen,  die  Kredit- 
frage,  das  Kreditproblem.  Wenn  wir  in  dem  Sinne,  wie  ich  das  gestern 
auseinandergesetzt  habe,  das  Kapital  in  den  Dienst  des  Geistes  stellen 


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wollen,  so  wird  ja  der  geistige  Produzent  zum  Schuldner.  Er  wird 
zum  Schuldner  oder  kann  zum  Schuldner  werden  nur  dadurch,  daB 
Tafel  4a  er  Kredit  hat.  Hier  tritt  der  Kredit  ein  (siehe  Zeichnung),  und  zwar 
dasjenige,  was  man  nennen  kann  den  personlichen  Kredit.  Er  hat 
Kredit.  Der  Kredit  ist  zahlenmaBig  auszudriicken.  Was  ihm  viele 
andere  oder  mehrere  andere  eben  an  Kapital  vorschieBen,  das  ist  ge- 
wissermaBen  sein  Personalkredit.  Nun,  dieser  Personalkredit  hat  ja, 
wie  Sie  wis  sen,  eine  bestimmte  Folge,  wenigstens  wenn  wir  ihn  inner- 
halb  unserer  jetzigen  nationalokonomischen  Verhaltnisse  betrachten. 
Er  hat  etwas  zu  tun  in  seiner  volkswirtschaftlichen  Wirksamkeit  mit 
dem  ZinsfuB. 

Nehmen  Sie  an,  der  ZinsfuB  ist  niedrig.  Ich  habe  wenig  zu  bezahlen 
an  die  Menschen,  die  mir  das  Kapital  vorschieBen,  wenn  ich  als 
geistiger  Schopfer  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  zum  Schuldner 
werde,  also  zu  demjenigen,  der  Kredit  in  Anspruch  nimmt.  Ich  kann 
dadurch,  daB  ich  weniger  an  Zins  zu  bezahlen  habe,  meine  Waren 
billiger  herstellen;  dadurch  werde  ich  in  den  volkswirtschaftlichen 
ProzeB  verbilligend  einwirken  konnen.  Wir  konnen  also  sagen:  der 
Personalkredit  verbilligt  die  Produktion,  wenn  der  ZinsfuB  abnimmt. 
Wenn  wir  dieses  Verhaltnis  so  lange  betrachten,  solange  das  Kapital 
noch  vom  Geiste  einfach  verwertet  wird  im  okonomischen  ProzeB,  ist 
das  immer  so.  Bei  sinkendem  ZinsfuB  kann  sich  derjenige,  der  Kredit 
braucht,  leichter  riihren,  er  kann  in  einer  intensiveren  Weise  ein- 
greifen  in  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB,  in  intensiverer  Weise 
namlich  fur  die  anderen.  Wenn  er  zunachst  Waren  verbilligt,  so  greift 
er  in  fruchtbarer  Weise  zunachst  fur  die  Konsumenten  ein. 

Nun  aber  stellen  wir  uns  das  andere  vor.  Es  wird  Kredit  gegeben, 
sogenannter  Realkredit,  auf  Grund  und  Boden.  Wenn  Realkredit  auf 
Grund  und  Boden  gegeben  wird,  so  steht  die  Sache  wesentlich  anders. 
Nehmen  Sie  an,  der  ZinsfuB  ist  fiinf  Prozent.  Und  derjenige,  der 
Kapital  auf  den  Grund  und  Boden  aufnimmt,  muB  fiinf  Prozent  be- 
zahlen. Kapitalisieren  Sie  das,  so  bekommen  Sie  das  Kapital,  das 
diesem  Grund  und  Boden  entspricht,  das  heiBt  dasjenige,  um  das  der 
Grund  und  Boden  gekauft  werden  muB.  Nehmen  Sie  an  jetzt,  der 
ZinsfuB  fallt  auf  vier  Prozent,  dann  kann  mehr  Kapital  in  diesen 


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Grund  und  Boden  hineinkreditiert  werden,  wird  wenigstens  mehr 
hineinkreditiert.  Und  wir  sehen  iiberall,  daB  infolge  des  sinkenden 
ZinsfuBes  Grund  und  Boden  nicht  billiger,  sondern  teurer  werden. 
Grund  und  Boden  werden  infolge  sinkenden  ZinsfuBes  nicht  billiger, 
sondern  teurer.  Realkredit  verteuert,  wahrend  Personalkredit  ver- 
billigt.  Realkredit  verteuert  den  Grund  und  Boden,  wahrend  Personal- 
kredit die  Waren  verbilligt.  Das  heiBt  aber  eigentlich  sehr  viel  im 
volkswirtschaftlichen  ProzeB;  das  heiBt,  daB,  wenn  das  Kapital  nun 
wiederum  zuriickkommt  zur  Natur  und  sich  einfach  mit  der  Natur  in 
Form  des  Realkredites  verbindet,  so  daB  man  dann  eine  Verbindung 
von  Kapital  mit  Grund  und  Boden,  das  heiBt  mit  der  Natur  hat,  man 
den  volkswirtschaftlichen  ProzeB  immer  mehr  und  mehr  in  die  Ver- 
teuerung  hineinfuhrt. 

Verniinftig  kann  es  also  nur  sein  innerhalb  des  volkswirtschaftlichen 
Prozesses,  wenn  sich  das  Kapital  hier  (siehe  Zeichnung  3)  nicht  erhalt  Tafel  4a 
in  der  Natur,  sondern  wenn  es  in  die  Natur  hinein  verschwindet.  Auf 
welche  Weise  kann  es  verschwinden  in  die  Natur  hinein?  Ja,  solange 
Sie  iiberhaupt  das  Kapital  verbinden  konnen  mit  der  Natur,  also  fort- 
wahrend  durch  die  Kapitalbildung  die  Natur  verteuern  konnen  in 
ihrem  noch  unbearbeiteten  Zustande,  so  lange  kann  das  Kapital  in  die 
Natur  hinein  nicht  verschwinden;  im  Gegenteil,  es  erhalt  sich  in  die 
Natur  hinein.  Und  in  alien  Landern,  in  denen  die  Hypothekgesetz- 
gebung  dahin  geht,  daB  sich  das  Kapital  mit  der  Natur  verbinden  kann, 
bekommen  wir  ein  Stauen  des  Kapitals  in  der  Natur  im  Grund  und 
Boden.  Statt  daB  das  Kapital  hier  (siehe  Zeichnung  3)  verbraucht 
werde,  das  heiBt  hier  verschwinde,  statt  daB  hier  eine  wertbildende 
Spannung  entsteht,  entsteht  eine  weitere  wertbildende  Bewegung,  die 
dem  volkswirtschaftlichen  ProzeB  schadlich  ist.  Was  davon  abhalten 
kann,  ist  nur,  daB  wir  demjenigen,  der  Grund  und  Boden  zu  bearbeiten 
hat,  iiberhaupt  nicht  einen  Realkredit  auf  den  Grund  und  Boden  zu- 
sprechen  konnen,  wenn  der  volkswirtschaftliche  ProzeB  gesund  ist, 
sondern  auch  nur  einen  Personalkredit,  das  heiBt  einen  Kredit  fur  die 
Verwertung  des  Kapitals  durch  Grund  und  Boden.  Wenn  wir  lediglich 
Grund  und  Boden  verbinden  mit  dem  Kapital,  dann  staut  sich  das 
Kapital,  indem  es  bei  der  Natur  hier  ankommt.  Wenn  es  sich  aber  ver- 


bindet  mit  der  geistigen  Leistungsfahigkeit  desjenigen,  der  auf  Grund 
und  Boden  eben  die  Verwaltung  iibt,  der  durch  Grund  und  Boden 
den  volkswirtschaftlichen  ProzeB  zu  fordern  hat,  dann  verschwindet 
das  Kapital,  indem  es  bei  der  Natur  hier  ankommt,  dann  staut  es  sich 
nicht,  dann  wird  es  nicht  erhalten,  sondern  dann  geht  es  durch  die 
Natur  durch,  eben  wieder  in  die  Arbeit  hinein,  und  es  macht  den 
Kreislauf  wiederum.  Eine  der  schlimmsten  Stauungen  im  volkswirt- 
schaftlichen ProzeB  ist  diejenige,  wo  Kapital  sich  einfach  mit  der 
Natur  verbindet,  wo  also,  nehmen  wir  den  volkswirtschaftlichen  Pro- 
zeB an  seinem  Anfange  -  das  ist  ja  nur  eine  Hypothese  wo,  riachdem 
sich  an  die  Natur  anschlieBend,  Arbeit  und  Kapital  entwickelt  haben, 
dann  das  Kapital  in  die  Lage  kommt,  sich  der  Natur  zu  bemachtigen, 
statt  sich  in  die  Natur  hineinzuverlieren. 

Ja,  nun  werden  Sie  natiirlich  einen  sehr  gewichtigen  Einwand  haben 
konnen,  der  dahin  geht,  daB  Sie  sagen:  Ja,  nun  aber,  innerhalb  dieser 
Bewegung  ist  eben  das  Kapital  entstanden.  Wenn  es  nun  da  ankommt 
vor  der  Natur,  und  es  ist  so  viel,  daB  man  nicht  die  Moglichkek  hat, 
es  in  die  Arbeit  zu  leiten?  Wenn  man  nicht  die  Moglichkeit  hat,  sagen 
wir,  neue  Methoden  zu  finden,  um  die  Rohproduktion  zu  fordern?  - 
Da  ist  iiberall  nicht  die  Natur  mit  dem  Kapital  verbunden,  sondern 
die  Arbeit:  wenn  wir  also  hier  ankommen  mit  dem  Kapital,  und  wir 
machen  die  Rohproduktion  rationeller  oder  erschlieBen  neue  Roh- 
produktequellen  und  so  weiter,  dann  konnen  wir  hier  das  Kapital 
unmittelbar  in  die  Arbeit  iiberleiten.  Aber  wenn  nun  zuviel  Kapital 
da  ist,  empfinden  das  natiirlich  die  einzelnen  Kapitalbesitzer,  die  nun 
nichts  anfangen  konnen  mit  ihrem  Kapital.  Ja,  wenn  Sie  geschichtlich 
die  Sache  verfolgen,  so  ist  das  auch  so,  daB  in  der  Tat  zuviel  Kapital 
eben  entstanden  ist,  und  dadurch  das  Kapital  nur  den  Ausweg  ge- 
funden  hat,  sich  in  der  Natur  zu  konservieren.  Dadurch  haben  wir 
eben  gerade  den  sogenannten  Wert,  die  sogenannte  Werterhohung 
von  Grund  und  Boden  innerhalb  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses 
sich  herausbilden  sehen. 

Betrachten  Sie  aber  jetzt  in  diesem  groBeren  Zusammenhang  das- 
jenige,  was  durchaus  immer  ungeniigend  von  den  Bodenreformern 
dargestellt  wird,  wo  die  Sache  nie  verstanden  werden  kann,  so  werden 


Sie  sich  sagen :  Ja,  wenn  ich  das  Kapital  mit  der  Natur  verbinde,  dann 
wird  der  Wert  der  Natur  selbstverstandlich  erhoht.  Je  mehr  Hypo- 
theken  auf  etwas  lasten,  desto  teurer  muB  es  dann  bezahlt  werden.  Es 
wird  fortwahrend  erhoht  der  Wert.  Ja,  ist  denn  das  aber  -  die  Hoher- 
wertung  von  Grund  und  Boden  ist  das  eine  Wirkiichkeit?  Es  ist  ja 
gar  keine  Wirkiichkeit.  NaturgemaB  kann  der  Grund  und  Boden  nicht 
mehr  Wert  bekommen,  er  kann  mehr  Wert  hochstens  bekommen, 
wenn  eine  rationellere  Arbeit  darauf  verwendet  wird.  Dann  ist  die 
Arbeit  das  Werterhohende;  aber  der  Grund  und  Boden  als  solcher 
selbst  -  wenn  Sie  ihn  verbessern,  so  muB  die  Arbeit  vorangehen  -, 
der  Grund  und  Boden  als  solcher,  werterhoht  gedacht,  ist  ein  Unding, 
ein  volliges  Unding.  Der  Grund  und  Boden,  insofern  er  bloB  Natur 
ist,  kann  ja  noch  iiberhaupt  keinen  Wert  haben.  Sie  geben  ihm  ja  einen 
Wert,  indem  Sie  das  Kapital  mit  ihm  vereinigen,  so  daB  man  sagen 
kann:  Dasjenige,  was  im  heutigen  volkswirtschaftlichen  Zusammen- 
hange  Wert  von  Grund  und  Boden  genannt  wird,  ist  in  Wahrheit 
nichts  anderes  als  auf  den  Grund  und  Boden  fixiertes  Kapital;  das  aber 
auf  dem  Grund  und  Boden  fixierte  Kapital  ist  nicht  ein  wirklicher 
Wert,  sondern  ein  Scheinwert.  Und  darauf  kommt  es  an,  daB  man 
auch  innerhalb  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses  endlich  begreifen 
lernt,  was  wirkliche  Werte  sind  und  was  Scheinwerte  sind. 

Wenn  Sie  in  Ihrem  Gedankensystem  einen  Irrtum  haben,  dann  be- 
merken  Sie  ja  zunachst  nicht  die  Wirksamkeit  dieses  Irrtums,  weil  sich 
der  Zusammenhang  zwischen  dem  Irrtum  und  alien  diesen  verschiede- 
nen  storenden  Prozessen  im  Organismus,  die  damit  zusammenhangen 
und  die  man  nur  durch  Geisteswissenschaft  erkennt,  weil  sich  dieser 
Zusammenhang  der  heutigen  groben  Wissenschaft  entzieht.  Man  weiB 
nicht,  wie  zum  Beispiel  in  den  peripherischen  Organen  durch  Irrtiimer 
Verdauungsstorungen  entstehen  und  so  weiter.  Aber  im  volkswirt- 
schaftlichen ProzeB,  da  wirken  eben  die  Irrtiimer,  die  Scheingebilde, 
da  werden  sie  real,  da  haben  sie  eine  Folge.  Und  es  ist  eigentlich  volks- 
wirtschaftlich  kein  wesentlicherUnterschied,  ob  ich,  sagen  wir,  irgend- 
wo  Geld  ausgebe,  das  zunachst  nicht  in  irgendeiner  Realitat  begriindet 
ist,  sondern  das  einfach  Notenvermehrung  ist,  oder  ob  ich  dem 
Grund  und  Boden  Kapital wert  verleihe.  Ich  schaffe  in  beiden  Fallen 


Scheinwerte.  Durch  solche  Notenvermehrung  erhohe  ich  der  Zahl 
nach  die  Preise,  aber  in  Wirklichkeit  tue  ich  gar  nichts  im  volkswirt- 
schaftlichen  ProzeB.  Ich  schichte  nur  um.  Den  einzelnen  aber  kann 
ich  ungeheuer  schadigen.  So  schadigt  diejenigen  Menschen,  die  im 
Zusammenhang  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  drinnenstehen,  dieses 
Kapitalisieren  von  Grund  und  Boden. 

Sie  konnen  ja  da  ganz  interessante  Studien  anstellen,  wenn  Sie  zum 
Beispiel  vergleichen  die  Hypothekargesetzgebung,  wie  sie  vor  dem 
Kriege  war  in  mitteleuropaischen  Landern,  wo  man  den  Grund  und 
Boden  in  beliebiger  Weise  hinaufschrauben  konnte,  durch  die  Gesetz- 
gebung  selbst  bedingt  -  und  wenn  Sie  in  England  nehmen  die  Gesetz- 
gebung,  wo  der  Grund  und  Boden  nicht  wesentlich  steigen  kann  in 
gewisser  Weise,  wenn  Sie  sich  da  die  Wirkungen  auf  den  volkswirt- 
schaftlichen ProzeB  anschauen.  Doch  diese  Dinge  konnen  ganz  inter- 
essante Dissertationsthemen  abgeben,  Einmal  die  Wirkung  der  eng- 
lischen  Hypothekargesetzgebung  mit  der  deutschen  Hypothekar- 
gesetzgebung zahlenmaBig  zu  vergleichen,  wiirde  ein  ganz  gutes 
Thema  abgeben. 

Damit  also  konnte  ich  Ihnen  anschaulich  machen,  um  was  es  sich 
hier  eigentlich  handelt:  daB  tatsachlich  die  Natur  hier  (siehe  Zeich- 
Tafel  4a  nung  3)  nicht  zu  einer  Konservierung  des  Kapitals  fiihren  darf,  son- 
dern  daB  hier  das  Kapital  ungehindert  weiterwirken  muB  wiederum 
in  die  Arbeit  hinein.  Aber  wenn  es  da  ist  -  ich  will  das  noch  einmal 
sagen  -,  wenn  es  nicht  verwertet  werden  kann,  ja  das  einzige,  wo- 
durch  es  nicht  da  ist  in  einem  MaBe,  in  dem  es  nicht  da  sein  soli,  das 
einzige  ist,  daB  es  auf  diesem  (siehe  Zeichnung  3)  Wege  aufgebraucht 
wird  und  daB  zuletzt  nur  so  viel  da  ist,  als  hier  wiederum  in  die  Be- 
arbeitung  des  Grund  und  Bodens  hineingehen  kann,  als  diese  Arbeit 
braucht.  Das  Selbstverstandlichste  ist,  daB  auf  dem  Wege  hier  das 
Kapital  verbraucht  wird,  daB  es  konsumiert  wird.  Es  ware  ja  auch  - 
denken  Sie  sich  das  hypothetisch !  -  etwas  Furchtbares,  wenn  auf  dem 
ganzen  Wege  hier  nichts  konsumiert  wiirde.  Da  wiirde  man  die  Pro- 
dukte  mitschleppen  miissen.  Nur  dadurch  wird  die  Sache  organisch, 
daB  die  Dinge  aufgebraucht  werden.  Ebenso  aber,  wie  aufgebraucht 
wird  dasjenige,  was  erarbeitete  Natur  ist,  wie  aufgebraucht  wird  die 


durch  das  Kapital  organisierte  Arbeit,  so  muB  auf  seinem  weiteren 
Wege  das  Kapital  einfach  verbraucht  werden,  richtig  verbraucht  wer- 
den.  Ja,  dieser  Verbrauch  des  Kapitals,  der  ist  ja  etwas,  was  eben  ein- 
fach herbeigefiihrt  werden  muB. 

Das  kann  nur  herbeigefiihrt  werden  dadurch,  daB  der  ganze  volks- 
wirtschaftliche  ProzeB  vom  Anfang  bis  zum  Ende,  das  heiBt  bis  zu 
seiner  Riickkehr  zur  Natur,  in  richtiger  Weise  geordnet  wird,  so  daB 
etwas  da  ist,  wie  der  Selbstregulator  im  menschlichen  Organismus. 
Der  menschliche  Organismus  bringt  es  zustande,  daB,  wenigstens 
wenn  er  normal  funktioniert,  nicht  unverbrauchte  Nahrungsstoffe  da 
oder  dort  abgelagert  werden.  Und  wenn  unverbrauchte  Nahrungs- 
stoffe da  oder  dort  abgelagert  werden,  so  ist  man  eben  krank,  ebenso 
wie  wenn  unverbrauchte  Teile  des  Organismus  abgelagert  werden. 
Denken  Sie  sich  zum  Beispiel,  bei  der  Kopfverdauung  werden  die 
Stoffe  abgelagert,  das  heiBt  es  tritt  im  Kopfe  eine  unregelmaBige  Ver- 
dauung  ein.  Die  Sachen  werden  nicht  fortgeschafft,  die  abgelagert 
werden.  Also  der  Verbrauch  ist  nicht  ordentlich  geregelt.  Dann  kom- 
men  die  Migranezustande.  So  konnten  Sie  iiberall  sehen  im  mensch- 
lichen Organismus,  wie  im  nicht  richtigen  Aufnehmen  und  Weg- 
schaffen  des  zu  Verdauenden,  wie  da  die  Ursache  von  Krankheits- 
erscheinungen  liegt.  Ebenso  ist  es  im  sozialen  Organismus  in  dem 
Anhaufen  von  demjenigen,  was  eigentlich  an  einer  bestimmten  Stelle 
verbraucht  werden  soil.  Es  ist  einfach  notwendig,  daB  hier  (siehe 
Zeichnung  3)  der  Verbrauch  des  Kapitals  eintritt,  damit  mit  der  Natur  Tafel  4a 
nicht  das  Kapital  eben  sich  zum  Unlebendigen  verbinden  kann,  gleich- 
sam  zu  einem  versteinerten  Einsatz  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB. 
Denn  der  kapitalisierte  Grund  und  Boden  ist  eben  ein  unmoglicher 
Einsatz  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB. 

Ich  mochte  ausdriicklich  bemerken,  daB  es  sich  hier  nicht  handelt 
um  agitatorische  Dinge.  Ich  will  die  Dinge  entwickeln,  wie  sie  sich 
aus  dem  natiirlichen  ProzeB  heraus  gestalten.  Nur  das  Wissenschaft- 
liche  soil  hier  in  Betracht  kommen;  aber  man  kann  eine  Wissenschaft, 
die  mit  dem  Handeln  der  Menschen  sich  beschaftigt,  nicht  treiben, 
ohne  daB  man  hinweist  darauf,  was  fur  Krankhekserscheinungen  ent- 
stehen  konnen,  so  wie  man  auch  den  menschlichen  Organismus  nicht 


betrachten  kann,  ohne  daB  man  hinweist  darauf,  was  fur  Krankheits- 
erscheinungen  entstehen  konnen.  Nun,  der  entsprechende  Verbrauch 
des  Kapitals  muB  da  sein,  nur  nicht  der  ganze  Verbrauch,  sondern  was 
notwendig  ist,  das  ist :  daB  eben  noch  etwas  iibergeht,  damit  dann  die 
Natur  weiter  bearbeitet  werden  kann. 

Das  aber,  was  da  iibergehen  muB,  das  kann  ich  Ihnen  wiederum 
durch  ein  Bild  klarmachen.  Nehmen  Sie  einen  Landmann,  der  muB 
volkswirtschaftlich  danach  trachten,  daB  er  das,  was  das  Ertragnis 
seiner  Acker  ist,  daB  er  das  tatsachlich  wegschafft  und  fiir  das  nachste 
Jahr  das  Saatgut  behalt.  Das  Saatgut  muB  fortbehalten  werden,  muB 
konserviert  werden.  Das  ist  durchaus  ein  Bild,  das  sich  anwenden  laBt 
Tafel  4a  auf  diesen  ProzeB  hier  (siehe  Zeichnung  3).  Das  Kapital  muB  soweit 
verbraucht  werden,  daB  lediglich  noch  das  bleibt,  was  als  eine  Art  von 
Saat  fiir  die  weitere  Anfachung  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses, 
wiederum  von  der  Natur  aus,  aufgefaBt  werden  kann.  Also  nur  das 
darf  bleiben,  was  etwa  rationeller  die  Forderung  von  gewissen  Roh- 
produktequellen  besorgt,  was  unter  Umstanden  auch  den  Boden  ver- 
bessert,  sagen  wir,  durch  Schaffung  von  besseren  Diingesubstanzen. 
Aber  da  miissen  Sie  Arbeit  aufwenden.  Also  es  muB  das  dem  Ver- 
brauch entzogen  werden,  was  als  Arbeit  fortwirken  kann;  dagegen  das 
muB  verbraucht  werden  vorher,  was,  wenn  es  noch  hier  ware  (siehe 
Zeichnung  3),  sich  mit  der  Natur  in  unorganischer  Weise  verbinden 
wiirde. 

Nun  konnen  Sie  sagen :  Also,  sag  uns  jetzt,  wie  das  geschieht,  daB 
nun  gerade  richtig  hier  nur  so  viel  Kapital  ankommt,  daB  dieses 
Kapital  gewissermaBen  nur  das  Saatgut  fur  das  folgende  ist!  Sag 
uns  das! 

Nun,  wir  stehen  mit  der  Volkswirtschaftswissenschaft  nicht  auf 
einem  logischen  Boden,  sondern  wir  stehen  mit  der  Volkswirtschafts- 
wissenschaft auf  einem  realen  Boden.  Da  kann  man  nicht  Antworten 
geben,  wie  man  sie  unter  Umstanden,  sagen  wir,  in  der  bloB  theore- 
tischen  Ethik  bekommt.  Nicht  wahr,  man  kann  in  der  theoretischen 
Ethik  einen  Verbrecher  sehr  schon  ermahnen  und  alles  Mogliche  tun. 
Da  wird  man  ethisch  genug  getan  haben.  Aber  das  Volkswirtschaft- 
liche,  das  muB  geschehen,  das  muB  sich  abspielen.  Man  muB  von 


Realitaten  reden.  Wenn  man  vom  ProduktionsprozeB  redet  und  zeigt, 
inwiefern  er  Werte  schafft,  redet  man  von  Realitaten.  DaB  man  beim 
Konsum  von  Realitaten  spricht,  weiB  ja  jeder.  Also,  man  muB  in  der 
Volkswirtschaft  von  lauter  Realitaten  sprechen.  Ideen,  die  bewirken 
nichts  in  der  realen  Welt.  Dasjenige,  was  den  volkswirtschaftlichen 
ProzeB  in  der  richtigen  Weise  regelt,  das  spricht  sich  aus  in  dem,  was 
ich  in  meinen  «Kernpunkten  der  sozialen  Frage»  die  wirklichen  Asso- 
ziationen  genannt  habe. 

Wenn  Sie  namlich  das  wirtschaftliche  Leben  auf  sich  selber  stellen 
und  diejenigen  Menschen,  die  am  wirtschaftlichen  Leben  beteiligt 
sind,  sei  es  als  Produzenten,  sei  es  als  Handler,  sei  es  als  Konsumenten, 
wenn  Sie  diese  Menschen  zusammenfassen  entsprechend  in  Assozia- 
tionen,  dann  werden  diese  Menschen  durch  den  ganzen  volkswirt- 
schaftlichen ProzeB  hindurch  die  Moglichkeit  haben,  eine  zu  starke 
Kapitalbildung  aufzuhalten,  eine  zu  schwache  Kapitalbildung  an- 
zufachen. 

Dazu  gehort  natiirlich  die  richtige  Beobachtung  des  volkswirt- 
schaftlichen Prozesses.  Sie  gehort  dazu.  Wenn  also  irgendwo  eine 
Warengattung,  sagen  wir,  zu  billig  wird  oder  zu  teuer  wird,  so  muB 
man  das  in  der  entsprechenden  Weise  beobachten  konnen.  Billiger 
werden  und  teurer  werden  hat  ja  natiirlich  noch  keine  Bedeutung; 
erst  dann,  wenn  man  in  der  Lage  ist,  aus  den  Erfahrungen  heraus,  die 
nur  im  Zusammenberaten  der  Assoziationen  entstehen  konnen,  zu 
sagen:  Fiinf  Geldeinheiten  sind  fur  eine  Menge  Salz  zu  wenig  oder  zu 
viel  -  erst  dann,  wenn  man  wirklich  sagen  kann,  der  Preis  ist  zu  hoch 
oder  zu  niedrig,  dann  wird  man  die  notigen  MaBregeln  ergreifen 
konnen. 

Wird  der  Preis  irgendeiner  Ware,  irgendeines  Gutes  zu  billig,  so  daB 
diejenigen  Menschen,  welche  das  Gut  herstellen,  nicht  mehr  in  der 
entsprechenden  Weise  fur  ihre  zu  billigen  Leistungen,  fur  ihre  zu 
billigen  Ergebnisse  Entlohnung  finden  konnen,  dann  muB  man  fur 
dieses  Gut  weniger  Arbeiter  einstellen,  das  heiBt  die  Arbeiter  nach 
einer  anderen  Beschaftigung  ableiten.  Wird  ein  Gut  zu  teuer,  dann 
muB  man  die  Arbeiter  heriiberleiten.  Man  hat  es  zu  tun  bei  den  Asso- 
ziationen mit  einem  entsprechenden  Beschaftigen  von  Menschen  inner- 


halb  der  einzelnen  Zweige  der  Volkswirtschaft.  Man  muB  sich  klar 
dariiber  sein,  daB  ein  wirkliches  Steigen  des  Preises  fur  einen  volks- 
wirtschaftlichen  Artikel  einZunehmen  derMenschen,  die  diesen  volks- 
wirtschaftlichen  Artikel  bearbeiten,  bedeuten  muB,  und  daB  ein  Sinken 
des  Preises,  ein  zu  starkes  Sinken  des  Preises,  die  MaBregel  notwendig 
macht,  die  Arbeiter  ab-  und  auf  ein  anderes  Arbeitsfeld  heniber- 
zulenken.  Wir  konnen  von  den  Preisen  nur  sprechen  im  Zusammen- 
hang  mit  der  Verteilung  der  Menschen  innerhalb  gewisser  Arbeits- 
zweige  des  betreffenden  sozialen  Organismus. 

Was  fur  Ansichten  herrschen  zuweilen  heute,  wo  man  iiberall  die 
Tendenz  hat,  lieber  mit  Begriffen  zu  arbeiten  als  mit  Realitaten,  das 
zeigen  Ihnen  manche  Freigeldleute.  Die  linden  es  ganz  einfach :  Wenn 
Preise,  sagen  wir,  zu  hoch  sind  irgendwo,  also  man  zuviel  Geld  aus- 
geben  muB  fur  irgendeinen  Artikel,  so  sorge  man  dafiir,  daB  das  Geld 
geringer  wird,  dann  werden  die  Waren  billiger,  und  umgekehrt.  Wenn 
Sie  aber  grundlich  nachdenken,  so  werden  Sie  finden,  daB  das  ja  gar 
nichts  anderes  in  Wirklichkeit  bedeutet  fur  den  volkswirtschaftlichen 
ProzeB,  als  wenn  Sie  beim  Thermometer  so  durch  eine  hinterlistige 
Vorrichtung,  wenn  es  zu  kalt  wird,  die  Thermometersaule  zum  Stei- 
gen bringen.  Sie  kurieren  da  nur  an  den  Symptomen  herum.  Dadurch, 
daB  Sie  dem  Gelde  einen  anderen  Wert  geben,  dadurch  schaffen  Sie 
nichts  Reales. 

Reales  schaffen  Sie  aber,  wenn  Sie  die  Arbeit,  das  heiBt  die  Menge 
der  arbeitenden  Leute,  regulieren;  denn  es  hangt  eben  der  Preis  von 
der  Menge  der  Arbeiter  ab,  die  auf  einem  bestimmten  Felde  arbeiten. 
So  etwas  durch  den  Staat  ordnen  wollen,  das  wiirde  die  schlimmste 
Tyrannei  bedeuten.  So  etwas  durch  die  freien  Assoziationen,  die 
innerhalb  der  sozialen  Gebiete  entstehen,  zu  ordnen,  wo  jeder  den  Ein- 
blick  hat  -  er  sitzt  ja  in  der  Assoziation,  oder  sein  Vertreter  sitzt  darin, 
oder  es  wird  ihm  mkgeteilt,  was  darin  geschieht,  oder  er  sieht  es 
selber  ein,  was  zu  geschehen  hat  -,  das  ist  dasjenige,  was  zu  er- 
streben  ist. 

Natiirlich  ist  das  andere  damit  verbunden,  daB  man  nun  sorgen 
muB,  daB  der  Arbeiter  nun  nicht  bloB  sein  ganzes  Leben  lang  nur 
irgendeinen  Handgriff  kann,  daB  er  sich  auch  anders  betatigen  kann. 


Denken  Sie,  das  wird  notwendig  werden,  namentlich  notwendig  aus 
dem  Grunde,  weil  sonst  zuviel  Kapital  hier  (siehe  Zeichnung  3)  an- 
kommt.  Da  konnen  Sie  das  Kapital,  das  hier  zuviel  ware,  dazu  ver- 
wenden,  um  den  Arbeitern  etwas  beizubringen,  um  sie  in  andere 
Berufszweige  iiberzufiihren.  Also,  Sie  sehen,  in  dem  Augenblick,  wo 
man  rationell  denkt,  da  korrigiert  sich  der  nationalokonomische  Pro- 
zeB  -  das  ist  das  Wichtige,  das  Wesentliche  -,  er  korrigiert  sich.  Aber 
er  wird  sich  nie  korrigieren,  wenn  man  bloB  sagen  wiirde,  durch  das 
und  jenes,  durch  Inflation  oder  durch  Ausgabe  von  den  oder  jenen 
Verfugungen  wird  es  besser  werden.  Dadurch  wird  es  nicht  besser, 
sondern  lediglich  dadurch,  daB  Sie  den  ProzeB  an  jeder  Stelle  beobach- 
ten  lassen,  und  die  beobachtenden  Leute  unmittelbar  die  Konsequenz 
Ziehen  konnen. 

Bis  hierher  wollte  ich  heute  kommen,  damit  Sie  sehen,  daB  es  sich 
bei  dem,  was  als  Dreigliederung  gemeint  war,  nicht  gehandelt  hat 
darum,  Agitation  zu  treiben,  sondern  der  Welt  etwas  zu  sagen,  was 
folgt  aus  einer  realen  Betrachtung  des  volkswirtschaftlichen  Prozesses. 


SECHSTER  VORTRAG 
Dornach,  29.Juli  1922 


Sie  wissen  vielleicht,  daB  ich  in  meinen  «Kernpunkten  der  sozialen 
Frage»  formelhaft  zu  bestimmen  versuchte,  wie  man  zu  einer  Vor- 
stellung  des,  sagen  wir  zunachst  richtigen  Preises  innerhalb  des  volks- 
wirtschaftlichen  Prozesses  kommen  kann.  Naturlich  ist  mit  einer  sol- 
chen  Formel  ja  nichts  weiter  gegeben  als  zunachst  eine  Abstraktion. 
Und  in  diese  Abstraktion,  ich  mochte  sagen,  die  ganze  Volkswirtschaft 
wenigstens  skizzenweise  hineinzuarbeiten,  ist  ja  eben  unsere  Aufgabe 
in  diesen  Vortragen,  die  sich,  ich  denke  doch,  zu  einem  Ganzen 
schlieBen  werden,  wenn  auch  die  Zeit  eine  kurze  ist. 

Ich  habe  also  in  den  «Kernpunkten  der  sozialen  Frage»  als  Formel 
das  Folgende  angegeben :  Ein  richtiger  Preis  ist  dann  vorhanden,  wenn 
jemand  fur  ein  Erzeugnis,  das  er  verfertigt  hat,  so  viel  als  Gegenwert 
bekommt,  daB  er  seine  Bedurfnisse,  die  Summe  seiner  Bediirfnisse, 
worin  natiirlich  eingeschlossen  sind  die  Bedurfnisse  derjenigen,  die  zu 
ihm  gehoren,  befriedigen  kann  so  lange,  bis  er  wiederum  ein  gleiches 
Produkt  verfertigt  haben  wird,  Diese  Formel  ist,  so  abstrakt  sie  ist, 
dennoch  erschopfend.  Es  handelt  sich  ja  beim  Aufstellen  von  Formeln 
eben  darum,  daB  sie  wirklich  alle  konkreten  Einzelheiten  enthalten.  Und 
ich  meine,  fur  das  Volkswirtschaftliche  ist  diese  Formel  wirklich  so 
erschopfend  wie,  sagen  wir,  derPythagoraischeLehrsatz  erschopfend  ist 
fur  alle  rechtwinkeligen  Dreiecke.  Nur  handelt  es  sich  darum:  ebenso 
wie  man  in  diesen  hineinbringen  muB  die  Verschiedenheit  der  Seiten,  so 
muB  man  unendlich  viel  mehr  in  diese  Formel  hineinbringen.  Aber  das 
Verstandnis,  wie  man  in  diese  Formel  den  ganzen  volkswirtschaftlichen 
ProzeB  hineinbringt,  das  ist  eben  Volkswirtschaftswissenschaft. 

Nun  mochte  ich  heute  gerade  ausgehen  von  einem  ganz  Wesent- 
lichen  in  dieser  Formel.  Das  ist  das,  daB  ich  nicht  hinweise  in  dieser 
Formel  auf  dasjenige,  was  vergangen  ist,  sondern  auf  dasjenige,  was 
eigentlich  erst  kommt.  Ich  sage  ausdriicklich:  Der  Gegenwert  muB 
die  Bedurfnisse  in  der  Zukunft  befriedigen,  bis  der  Erzeuger  wieder- 
um ein  gleiches  Produkt  verfertigt  haben  wird.  Das  ist  etwas  ganz 


Wesentliches  in  dieser  Formel.  Wurde  man  einenGegenwert  verlangen 
fur  das  Produkt,  das  er  schon  fertig  hat,  und  dieser  Gegenwert  sollte 
entsprechen  irgendwie  den  wirklichen  volkswirtschaftlichen  Vor- 
gangen,  so  konnte  es  durchaus  passieren,  daB  der  BetrefFende  einen 
Gegenwert  bekommt,  der  seine  Bedurfnisse,  sagen  wir,  nur  zu  funf 
Sechsteln  der  Zeit  befriedigt,  bis  er  ein  neues  Produkt  hergestellt  hat ; 
denn  die  volkswirtschaftlichen  Vorgange  andern  sich  eben  von  der 
Vergangenheit  in  die  Zukunft  hinein.  Und  derjenige,  der  da  glaubt, 
von  der  Vergangenheit  her  allein  irgendwelche  Aufstellungen  machen 
zu  konnen,  der  muB  immer  im  Volkswirtschaftlichen  das  Unrichtige 
treffen;  denn  Wirtschaften  besteht  eigentlich  darinnen,  daB  man  die 
kiinftigen  Prozesse  mit  dem,  was  vorangegangen  ist,  ins  Werk  setzt. 
Wenn  man  aber  die  vergangenen  Prozesse  beniitzt,  um  die  kiinftigen 
ins  Werk  zu  setzen,  dann  miissen  sich  unter  Umstanden  die  Werte  ganz 
bedeutend  verschieben;  denn  fortwahrend  verschieben  sie  sich.  Daher 
handelt  es  sich  bei  dieser  Formel  ganz  wesentlich  darum,  daB  ich  sage : 
Wenn  jemand  ein  Paar  Stiefel  verkauft,  so  ist  die  Zeit,  in  der  er  sie  ver- 
fertigt  hat,  volkswirtschaftlich  durchaus  nicht  maBgebend,  sondern 
maBgebend  ist  die  Zeit,  in  der  er  das  nachste  Paar  Stiefel  verfertigen 
wird.  Das  ist,  worauf  es  in  dieser  Formel  ankommt,  und  das  miissen 
wir  nun  in  breiterem  Sinn  innerhalb  des  volkswirtschaftlichen  Pro- 
zesses  verstehen. 

Wir  haben  ja  gestern  uns  den  Kreislauf  vor  die  Seele  gefuhrt  (siehe 
Zeichnung  3) :  Natur  -  Arbeit  -  Kapital,  das  also  vom  Geiste  verwertet  Tafel  4a 
wird.  Ich  konnte  hier  statt  Kapital  ebensogut  herschreiben  Geist.  Und 
wir  haben  zunachst  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB  in  dieser  Rich- 
tung  -  gegen  den  Uhrzeiger  -  verfolgt  und  gefunden,  daB  hier,  bei  der 
Natur,  keine  Stauung  stattfinden  darf,  sondern  daB  eigentlich  da  nur 
durchkommen  darf,  was  als  eine  Art  Samen  die  Moglichkeit  hat,  den 
volkswirtschaftlichen  ProzeB  fortzusetzen,  so  daB  also  nicht  durch 
eine  Fixierung  des  Kapitals  in  der  Bodenrente  eine  volkswirtschaft- 
liche  Stauung  entsteht.  Nun  sagte  ich  Ihnen  ja,  daB  im  Grunde  ge- 
nommen  der  Ertrag  von  Grund  und  Boden  beim  Verkauf,  also  die 
Bewertung  von  Grund  und  Boden,  widerspricht  im  volkswirtschaft- 
lichen ProzeB  den  Interessen,  die  man  hat  bei  der  Herstellung  von 


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wertvollen  Giitern.  Derjenige,  der  mit  Hilfe  von  Kapital  wertvolle 
Giiter  herstellen  will,  hat  ein  Interesse  daran,  daB  der  ZinsfuB  niedrig 
ist;  denn  er  braucht  dann  weniger'Zins  zuriickzuzahlen  und  kann  sich 
dadurch  leichter  bewegen  mit  dem,  was  er  als  Leihkapital  bekommt. 
Derjenige  aber,  der  Besitzer  etwa  ist  -  ich  darf  diese  Dinge,  weil  sie 
innerhalb  unserer  Volkswirtschaft  Bedeutung  haben,  durchaus  be- 
sprechen  -,  derjenige,  der  ein  Interesse  daran  hat,  den  Grund  und 
Boden  teurer  zu  machen,  der  macht  ihn  gerade  dadurch  teurer,  daB  der 
ZinsfuB  ein  niedriger  ist.  Hat  er  niedrigen  Zins  zu  bezahlen,  so  wachst 
der  Wert  seines  Grundes  und  Bodens,  der  wird  immer  teurer;  wahrend 
derjenige,  der  einen  niedrigen  ZinsfuB  zu  bezahlen  hat,  bei  der  Her- 
stellung  von  wertvollen  Waren  die  Waren  billiger  herstellen  kann. 
Also  Waren,  bei  denen  es  ankommt  auf  den  ProzeB  der  Herstellung, 
werden  bei  niedrigem  ZinsfuB  billig:  Grund  und  Boden,  der  einen 
Ertrag  liefert,  ohne  daB  man  ihn  erst  herstellt,  der  wird  teurer  bei 
niedrigerem  ZinsfuB.  Sie  konnen  sich  das  einfach  ausrechnen.  Es  ist 
das  eine  volkswirtschaftliche  Tatsache. 

Nun  handelt  es  sich  darum,  daB  also  dann  eigentlich  die  Notwendig- 
keit  vorliegen  wiirde,  den  ZinsfuB  in  zweifachem  Sinn  zu  gestalten: 
man  miiBte  also  einen  moglichst  niedrigen  ZinsfuB  fur  das  Installieren 
der  Arbeit,  des  Erzeugens  der  wertvollen  Warengiiter  haben,  und  man 
miiBte  einen  moglichst  hohen  ZinsfuB  haben  fur  dasjenige,  was  Grund 
und  Boden  ist.  Das  folgt  ja  unmittelbar  daraus.  Man  miiBte  einen  mog- 
lichst hohen  ZinsfuB  haben  fur  das,  was  Grund  und  Boden  ist.  Das  ist 
etwas,  was  so  ohne  weiteres  praktisch  nicht  leicht  durchfiihrbar  ist. 
Ein  etwas  hoherer  ZinsfuB,  der  auch  schon  praktisch  durchfiihrbar 
ware  fur  Leihkapital,  das  auf  Grund  und  Boden  gegeben  wird,  wiirde 
nicht  auBerordentlich  viel  helfen,  und  ein  wesentlich  hoherer  ZinsfuB 
-  ich  will  zum  Beispiel  sagen,  der  ZinsfuB,  der  einfach  als  ZinsfuB 
Grund  und  Boden  immer  auf  einem  gleichen  Wert  hielte,  der  ZinsfuB 
von  hundert  Prozent  der  wiirde  auch  praktisch  auBerordentlich 
schwierig  so  ohne  weiteres  durchfiihrbar  sein.  Hundert  Prozent  fur 
Beleihung  von  Grund  und  Boden  wiirde  ja  sofort  die  Sache  verbes- 
sern ;  aber  es  ist  eben,  wie  gesagt,  praktisch  nicht  durchfiihrbar.  Aber 
bei  solchen  Dingen  handelt  es  sich  darum,  daB  man  klar  und  deutlich 


hineinschaut  in  den  volkswirtschaftlichen  ProzeB ;  und  da  merkt  man 
dann,  daB  schon  das  Assoziationswesen  dasjenige  ist,  was  allein  den 
volkswirtschaftlichen  ProzeB  gesund  machen  kann,  weil  namlich  der 
volkswirtschaftliche  ProzeB,  in  der  richtigen Weise  angeschaut,  dennoch 
dahin  fuhrt,  daB  man  ihn  auch  in  der  richtigen  Weise  dirigieren  kann. 

Wir  miissen  ja  reden  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  von  Produk- 
tion  und  Konsum,  wie  ich  schon  gestern  angedeutet  habe.  Wir  miissen 
also  sehen  das  Produzieren  und  das  Konsumieren.  Nun,  das  ist  ja  ein 
Gegensatz,  der  insbesondere  in  den  neueren,  vielfach  gefiihrten  Dis- 
kussionen  auf  volkswirtschaftlichem  Gebiet,  die  dann  auch  in  die 
Agitation  hineingegangen  sind,  eine  groBe  Rolle  gespielt  hat.  Man  hat 
namentlich  iiber  die  Frage  viel  disputiert,  ob  die  geistige  Arbeit  -  ein- 
fach  die  geistige  Arbeit  als  solche  -,  ob  diese  iiberhaupt  auf  wirtschaft- 
lichem  Gebiet  werterzeugend  sei. 

Der  geistige  Arbeiter  ist  ja  sicher  ein  Konsument.  Ob  er  auch  in 
dem  Sinne,  wie  man  es  schon  auf  volkswirtschaftlichem  Gebiet  an- 
sehen  muB,  ein  Produzent  ist,  dariiber  ist  ja  viel  diskutiert  worden; 
und  die  extremsten  Marxisten  zum  Beispiel  haben  ja  immer  und  immer 
wiederum  den  ungliickseligen  indischen  Buchhalter  angefiihrt,  der  fur 
seine  Gemeinde  die  Biicher  zu  fiihren  hat,  der  also  nicht  die  Acker 
besorgt  oder  eine  andere  produktive  Arbeit  verrichtet,  sondern  diese 
produktive  Arbeit  nur  registriert,  und  sie  sprechen  diesem  nun  die 
Fahigkeit  ab,  irgend  etwas  zu  produzieren.  So  daB  sie  konstatieren, 
daB  er  lediglich  unterhalten  wird  aus  dem  Mehrwert,  den  die  Produ- 
zenten  erarbeiten.  So  daB  wir  diesen  Prachtbuchhalter  haben,  wie  er 
immer  angefiihrt  wird,  wie  wir  ja  auch  denCajus  haben  in  der  formalen 
Logik  in  den  Gymnasien,  der  die  Sterblichkeit  der  Menschen  immer 
beweisen  soil.  Sie  wissen  ja:  Alle  Menschen  sind  sterblich,  Cajus  ist 
ein  Mensch,  also  ist  Cajus  sterblich!  -  Dieser  Cajus  ist  dadurch,  daB  er 
immerfort  die  Sterblichkeit  des  Menschen  beweisen  muBte,  eine  un- 
sterbliche  logische  Personlichkeit  geworden.  So  ist  es  mit  dem  indi- 
schen Buchhalter,  der  nur  vom  Mehrwert  der  Produzenten  erhalten 
wird;  so  ist  es  mit  ihm  in  der  marxistischen  Literatur,  wo  man  ihn 
sozusagen  in  Reinkultur  findet. 

Nun,  diese  Frage,  die  ist  auBerordentlich,  ich  mochte  sagen,  voll 


von  allerlei  solchen  Schlingen,  in  denen  man  sich  verfangt,  wenn  man 
sie  volkswirtschaftlich  durchfiihren  will,  diese  Frage:  Inwiefern  ist 
-  oder  ist  iiberhaupt  -  das  geistige  Arbeiten,  die  geistige  Arbeit  wirt- 
schaftlich  produktiv?  -  Sehen  Sie,  da  kommt  es  eben  sehr  stark  darauf 
an,  daB  man  unterscheidet  zwischen  der  Vergangenheit  und  der  Zu- 
kunft.  Wenn  Sie  namlich  bloB  die  Vergangenheit  ins  Auge  fassen  und 
bloB  auf  die  Vergangenheit  statistisch  reflektieren,  dann  werden  Sie 
beweisen  konnen,  daB  die  geistige  Arbeit  mitBezug  auf  die  Vergangen- 
heit und  alles  dasjenige,  was  nur  eine  unmittelbare  Fortsetzung  der 
Vergangenheit  ist,  daB  die  geistige  Arbeit  dafur  eigentlich  unproduk- 
tiv  ist.  Von  der  Vergangenheit  in  die  Zukunft  ist  an  Materiellem  nur 
die  rein  materielle  Arbeit  auch  im  volkswirtschaftlichen  ProzeB  pro- 
duktiv zu  denken  mit  ihrer  Fortsetzung.  Ganz  anders  ist  es,  wenn  Sie 
die  Zukunft  ins  Auge  fassen  -  und  Wirtschaften  heiBt  eben,  aus  der 
Vergangenheit  in  die  Zukunft  hineinarbeiten.  Da  brauchen  Sie  ja  nur 
an  das  einfache  Beispiel  zu  denken :  Sagen  wir,  irgendein  Handwerker 
verfertigt  irgend  etwas  in  einem  Dorf  und  er  wird  krank.  Er  wird, 
sagen  wir,  unter  gewissen  Verhaltnissen,  wenn  er  an  einen  ungeschick- 
ten  Arzt  kommt,  drei  Wochen  im  Bett  liegen  miissen  und  seine  Dinge 
nicht  verfertigen  konnen.  Da  wir
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