Menschenfragen und Weltenantworten

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Menschenfragen und 
Weltenantworten 



Dreizehn Vortrage, 
gehalten in Dornach zwischen dem 
24. Juni und 22. Juli 1922 



1987 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten W. Dettwyler und R. Friedenthal 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1969 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987 



Veroff entlichungen : 

Dornach, 25., 30. Juni, 1., 2. Juli 1922: «Menschenfragen und 
Weltenantworten. Die menschliche Wesenheit in Beziehung 
zum planetarischen Leben.» Freiburg i. Br. 1955 

Dornach, 2. Juli 1922 (irrtumlich bezeichnet als 2. Juni): 
2.Vortrag in «Was hat die Geologie iiber die Weltentstehung 
zu sagen? Das Gesicht der Erde.» Stuttgart 1949 



Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe Seite 245 



Bibliographie-Nr. 213 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von A. Turgenieff und H. Frey 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1969 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-2130-4 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Sterner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestirnmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mull gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende "Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
maften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 24. Juni 1922 

Beziehungen zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Raumlich- 
Physischen. Dreidimensionale Welt des Willens, zweidimensionale 
des Fiihlens, eindimensionale des Denkens. Das Ich dimensionslos. 
Nur innerlich-lebendiges Denken kann das Geistig-Seelische er- 
fassen. 



Zweiter Vortrag, 25. Juni 1922 

Beziehungen zwischen dem Seelischen des Menschen und dem 
Sonnen- und Mondenlicht. Sonnen- und Mondenfinsternisse. 
Menschenfragen und Weltenantworten in den alten Mysterien und 
in der modernen Initiation. 



Dritter Vortrag, 30. Juni 1922 

Mensch und Kosmos. Wille (Sonne) und Gedanken (Mond). 
Wirkung der Planetenkrafte auf den Menschen. Heilwirkungen der 
Metalle. Menschenerkenntnis und Welterkenntnis. 



Vierter Vortrag, 1. Juii 1922 

Die Planeten und das Seelenleben des Menschen. Mensch und Welt 
im Leben auf der Erde und im Leben zwischen Tod und neuer 
Geburt. Auf der Erde viele Menschen und eine Welt, zwischen 
Tod und neuer Geburt viele Welten, aber nur eine menschliche 
Natur. 



Funfter Vortrag, 2. Juli 1922 

Die irdischen Stoffe in der Natur und ihre Heilwirkungen. Schiefer, 
Kalk, Sauerstoff, Stickstoff, KohlenstofF. 



Sechster Vortrag, 7. Juli 1922 

Franz Brentano, die scholastische Philosophic und die moderne 
Naturwissenschaft. Brentanos Leben, sein Verhaltnis zur OfFen- 
barungslehre und zum Infallibilitatsdogma. Seine «Psychologie» 
und seine «Lehre Jesu». 



SlEBENTER VORTRAG, 8. Juli 1922 117 

Franz Brentano. Die alten Mysterien und die moderne Trennung 
von Wissenschaft, Kunst und Religion. Wissen und Glaube. 
Letzter Versuch einer Vereinigung im deutschen Idealismus. 
Fichte, Schelling, Hegel. Brentano, Faust des 19. Jahrhunderts. 



Achter Vortrag, 9.Juli 1922 ^ 136 

Offenbarungsglaube, naturwissenschaftliche Theorie und das Erbe 
der Philosophic, dargestellt an Franz Brentano, Adolf Fick und 
Richard Wahle. Notwendigkeit des tJbergehens der Philosophic in 
Anthroposophie. Belebung der Begriffe und Ideen durch Medita- 
tion und Konzentration. 



Neunter Vortrag, 14. Juli 1922 157 

Franz Brentano und Friedrich Nietzsche. Die naturwissenschaft- 
liche Gesinnung des 19. Jahrhunderts. Zum Verstehen der mensch- 
lichen Wesenheit ist es notwendig, die Dreigliederung des mensch- 
lichen Organismus einzusehen. Die Bedeutung des Zweifels und 
der Oberzeugung in der auBeren Natur und im Kosmos. Die Auf- 
gabe der Geisteswissenschaft. 



Zehnter Vortrag, 15. Juli 1922 175 

Franz Brentano, Friedrich Nietzsche und die naturwissenschaft- 
liche Geistesstromung. Deren Zusammenhang mit alten Welt- 
anschauungen. Offenbarungs- und Vernunfterkenntnis in der 
Scholastik. Aus diesen haben sich entwickelt: Dogmenglaube und 
Mystik (luziferisch) sowie die moderne Naturwissenschaft (ahri- 
manisch). 



Elfter Vortrag, 16. Juli 1922 191 

Ursprung des christlichen Offenbarungsinhaltes in der Initiations- 
erkenntnis des Urchristentums. Der Untergang der letzteren im 
4. Jahrhundert. Plato, Aristoteles, Plotin, Ammonius Sakkas, Jam- 
blichos, Julian Apostata. Roms Kampf gegen das alte Initiations-, 
prinzip. 



Zwolfter Vortrag, 21. Juli 1922 207 

Symptomatologisches zum ZeitbewuBtsein der let2ten funfzig 
Jahre. Paul Heyses « Kinder der Welt». Du Bois-Reymonds «Gren- 
zen des Naturerkennens». Herman Grimms <<Unuberwindliche 
Machte». Franz Werfels Drama «Der Spiegelmensch». 

Dreizehnter Vortrag, 22. Juli 1922 224 

Das Geistig-Seelische des Menschen in Beziehung zur geistig- 
seelischen Umgebung. Kosmisches Anschauen der Welt durch 
Imagination, Inspiration, Intuition. Pflanzen, Tiere, Menschen in 
bezug auf Kosmos und Erde. Gregor Mendel als charakteristisch 
fur das 19. Jahrhundert (zu seinem hundertsten Geburtstag). 

Hinweise 245 

Namenregister 251 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften . 253 

tfbersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 255 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 24. Juni 1922 

Ich werde heute einiges auseinanderzusetzen haben, das scheinbar 
etwas abliegt von den konkreteren Betrachtungen unser er Anthropo- 
sophie, das aber dennoch die Grundlage von vielen Anschauungen 
bilden muB, und auf das dann in intimeren Betrachtungen manches 
gebaut werden kann. 

Wenn wir sprechen von dem Physisch-Leiblichen des Menschen auf 
der einen Seite und dem Geistig-Seelischen auf der anderen Seite, 
dann liegt ja fur die Erkenntnis, fur das Auffassungsvermogen des 
Menschen eine Schwierigkeit vor. Der Mensch kann verhaltnismaBig 
leicht Vorstellungen gewinnen uber das Physisch-Leibliche. Dieses 
Physisch-Leibliche ist ihm ja durch die Sinne gegeben. Es gehort 
sozusagen zu demjenigen, was von alien Seiten seiner Umgebung ihm 
entgegentritt, ohne daB er dazu selbst Wesentliches tut, wenigstens 
insofern sein BewuBtsein in Betracht kommt. Anders liegt die Sache, 
wenn von dem Geistig-Seelischen gesprochen wird. Das Geistig-See- 
lische ist ja von der Art, daB der Mensch, wenn er unbefangen 
genug ist, ein deutHches BewuBtsein davon hat, daB es vorhanden 
ist. Die Menschheit hat ja auch immer in ihre Sprachen Bezeich- 
nungen, Worte, Satzwendungen aufgenommen fur das Geistig-Seeli- 
sche, und schon die Tatsache, daB solche Worte, Wendungen, Be- 
zeichnungen innerhalb der Sprache sich befinden, zeigt, daB fur das 
unbefangene BewuBtsein irrimerhin doch etwas da ist, was den Men- 
schen hinweist auf das Geistig-Seelische. 

Die Schwierigkeit entsteht aber sofort, wenn der Mensch die Welt 
des Physisch-Leiblichen und die Welt des Geistig-Seelischen in eine 
Beziehung bringen will. Und dieses Aufsuchen einer Beziehung bie- 
tet gerade fur diejenigen, die sich, sagen wir, in philosophischer 
Weise mit solchen Fragen beschaftigen, die denkbar groBten Schwie- 
rigkeiten. Sie wis sen, daB das Leiblich-Physische im Raume ausge- 
dehnt ist. Sie konnen sogar dieses Leiblich-Physische im Raume dar- 
stellen. Und der Mensch bekommt verhaltnismaBig leicht Vorstellun- 



gen davon, weil er eben dasjenige, was ihm der Raum darbietet mit 
seinen drei Dimensionen, verwenden kann zu den Vorstellungen iiber 
das Leiblich-Physische. Aber der Mensch findet schlieBlich nirgends 
im Raume das Geistige als solches. 

Menschen, die da glauben, nicht materialistisch gesinnt zu sein, die 
es aber erst recht sind, die mochten sich allerdings auch das Gei- 
stig-Seelische im Raume vorstellen und kommen dadurch zu den be- 
kannten spiritistischen Verirrungen. Die spiritistischen Verirrungen 
sind ja materialistische Verirrungen; sie sind ein Bestreben, das Gei- 
stig-Seelische in den Raum hereinzubringen. Aber ganz abgesehen da- 
von ist es ja so, daB der Mensch sich seines eigenen Geistig-Seelischen 
bewuBt ist. Er weiB, wie das Geistig-Seelische wirkt, denn er sagt 
sich, daB sein Gedanke, den er hegt, wenn er zum Beispiel sich 
vornimmt, im Raume eine Bewegung zu machen, sich umsetzt in die 
Bewegung vermittelst des Willens. Die Bewegung ist im Raume; 
aber von dem Gedanken kann der unbefangene Mensch nicht sagen, 
daB er im Raume ist. Und so haben sich gerade fur das philoso- 
phische Denken die groBten Schwierigkeiten ergeben. Man fragt: 
Wie kann das Seelisch-Geistige im Menschen, zu dem auch das Ich 
gehort, auf das Physisch-Leibliche, das im Raume ist, wirken? Wie 
kann ein Unraumliches auf ein Raumliches wirken? 

Es sind die verschiedensten Theorien entstanden, welche mehr oder 
weniger alle an der Schwierigkeit leiden, das unraumliche Geistig- 
Seelische in eine Beziehung zu bringen zu dem raumlichen Leib- 
lich-Physischen. Man sagt, im Willen wirke das Geistig-Seelische auf 
das Leibliche. Aber zunachst kann mit dem gewohnlichen BewuBt- 
sein niemand sagen, wie der Gedanke in den Willen hineinnieBt, 
und wie der Wille, der selber eine Art Geistiges ist, nun dazu 
kommt, in auBeren Bewegungsformen, in auBerer Betatigung zum 
Vorschein zu kommen. 

Auf der anderen Seite wiederum sind die Vorgange, die zum Bei- 
spiel durch die physische Welt in den Sinnen, also im Leiblichen 
hervorgerufen werden, im Raume ausgedehnt. Sie verwandeln sich, 
indem sie ein Geistig-Seelisches werden, in ein Unraumliches. Der 
Mensch kann aus seinem gewohnlichen BewuBtsein heraus nicht sa- 



gen, wie das Raumlich-Physische, das geschieht in der Sinneswahr- 
nehmung, eine Wirkung ausiibt auf das Nichtraumliche, auf das 
Geistig-Seelische. 

Man ist ja in der neuesten Zeit zu dem Auskunftsmittel ge- 
kommen, das ich schon ofter erwahnt habe: man redet von «psycho- 
physischem Parallelismus». Das ist eigentlich das Eingestandnis, daB 
man nichts zu sagen weiB iiber die Beziehung des Leiblich-Physi- 
schen und des Geistig-Seelischen. Man sagt zum Beispiel: Der Mensch 
geht, seine Beine bewegen sich, er verandert den Ort im auBeren 
Raume. Das alles stellt ein Raumliches, ein Physisch-Leibliches dar. 

Gleichzeitig damit, wenn in seinem Leibe etwas vorgeht, wickelt 
sich ein Geistig-Seelisches ab, ein Gedanklich-GefiihlsmaBig-Willens- 
maBiges. Man weiB nur, so sagt man, daB wenn sich das Leiblich- 
Physische raurnlich abspielt und zeitlich, daB sich dann das Geistig- 
Seelische auch abspielt. Aber wie das eine auf das andere wirkt, da- 
von kann man sich keine Vorstellung machen. Psychophysischer Par- 
allelismus heiBt: es lauft ein psychischer, ein seelischer ProzeB ab, 
wahrend ein leiblicher ablauft. Aber iiber dieses, mochte man sagen, 
also ausgesprochene Geheimnis, daB die beiden Vorgange parallel ab- 
laufen, kommt man nicht hinaus. Man kommt rdcht zu einer Vor- 
stellung, wie die beiden aufeinander wirken. So ist es dann, wenn 
die Menschen sich eine Vorstellung machen wollen iiber das Vorhan- 
densein, das Dasein des Geistig-Seelischen uberhaupt. 

Im 19. Jahrhundert, in dem die Menschen in ihren Anschauungen 
so sehr durchsetzt worden sind vom Materialismus, entstand ja bei 
Materialisten auch die Frage : Wo im Weltenraume halten sich denn die 
Seelen eigentlich auf, wenn sie den Leib verlassen haben? Und es hat 
sogar Leute gegeben, die den Spiritualismus dadurch widerlegen woll- 
ten, daB sie versuchten, die Unmoglichkeit ins Auge zu fassen, die 
darin gegeben ist, daB, da so viele Menschen sterben und so viele 
Menschen schon gestorben sind, in der ganzen Raumeswelt eigentlich 
kein Platz sei, um all den Seelen, die von gestorbenen Menschen 
herriihren, einen Aufenthaltsort zu geben. Diese absurde Anschau- 
ungsweise ist ja tatsachlich gerade im 19. Jahrhundert oftmals aufge- 
treten. Man hat gesagt: Der Mensch kann nicht unsterblich sein, denn 



es miiBten schon alle Raume der Welt mit den unsterblichen Seelen 
erfiillt sein. Alle diese Dinge weisen darauf hin, welche Schwierigkei- 
ten auftauchen, wenn in Frage kommt die Beziehung zwischen dem 
deutlich im Raume ausgedehnten Leiblich-Physischenund demjenigen, 
was man zunachst nicht in den Raum versetzen kann, dem Geistig- 
Seelischen. 

Nun aber ist es allmahlich dahkt gekommen, daB das rein intellek- 
tualistische menschliche Denken schroff nebeneinandergestellt hat 
Leiblich-Physisches auf der einen Seite und Geistig-Seelisches auf der 
anderen Seite. Die beiden stehen fiir das heutige BewuBtsein ohne alle 
Vermittelung nebeneinander. Ja, so wie die Menschen allmahlich dazu 
gekommen sind, zu denken iiber das Leiblich-Physische auf der einen 
und das Geistig-SeeKsche auf der anderen Seite, so gibt es iiberhaupt 
keine MogKchkeit, eine Beziehung aufzufinden. Der Mensch denkt 
sich eben heute einfach das Raumlich-Physische so, daB das Seelische 
darinnen nirgends unterzubringen ist, und wiederum das Seelische so 
schroff geschieden von dem Physisch-Raumlichen, daB das ganz un- 
raumliche Geistig-Seelische nirgends dazu kommen kann, das Physi- 
sche zu stoBen oder dergleichen. Man hat aber erst nach und nach 
diesen schroffen Gegensatz herausgebildet. Man muB eine ganz andere 
Betrachtungsweise zugrunde legen, eine Betrachtungsweise, die erst 
wiederum herauf kommen kann dadurch, daB angekniipft wird an das- 
jenige, was anthroposophische Geisteswissenschaft zu sagen hat. 
Anthroposophische Geisteswissenschaft muB zunachst den Willen be- 
trachten. Zunachst liefert eine unbefangene Anschauung zweifellos 
den Beweis, daB der Wille des Menschen seinen Bewegungen uberall- 
hin folgt, und daB die Bewegungen des Menschen, die er auBerlich 
im Raume vollfuhrt, indem er sich selber bewegt, aber auch die Be- 
wegungen, die in ihm vorgehen, indem seine alltaglichen Funktio- 
nen sich vollziehen, daB iiberhaupt alle Betatigung des Menschen 
hier in der physischen Welt raumlich dreidimensional ist. Dariiber 
kann ja der unbefangene Mensch in keinem Zweifel sein. Alle diese 
Bewegungen werden begleitet vom Willen, der Wille muB also iiber- 
all hinkommen, wo die drei Dimensionen ausgedehnt sind. Dariiber 
kann auch kein Zweifel sein. 



Wenn also vom Willen als von einem Geistig-Seelischen gesprochen 
wird, kann gar keine Frage sein dariiber , daB dieser Wille, trotzdem er 
ein Geistig-Seelisches ist, ein Dreidimensionales ist, dreidimensionale 
Gestaltung hat. Wir miissen einfach so denken : Wenn wir durch unseren 
Willen, sagen wir eine Bewegung ausfiihren mit der Hand, so schmiegt 
sich der Wille in alle die Lagen hinein, welche im Raume von Arm 
und Hand ausgefuhrt werden. Der Wille geht iiberall mit, wo irgend- 
eine Bewegung eines Gliedes sich vollzieht. So daB wir vom Willen 
selber als von demjenigen Seelischen sprechen miissen, das eine drei- 
dimensionale Gestaltung annehmen kann. 

Eine weitere Frage ist aber diese, ob alles Seelische eine drei- 
dimensionale Gestaltung annimmt. Und gehen wir da uber vom Wil- 
len auf die Welt des Fiihlens, auf die Welt des Gefuhles, so wird der 
Mensch zunachst, wenn er einfach mit seinem gewohnlichen BewuBt- 
sein iiber diese Dinge nachdenkt, sich ja allerdings sagen: Wenn ich, 
sagen wir, hier auf der rechten Seite des Gesichtes, des Kopfes, von 
einer Nadel gestochen werde, so fiihle ich das; wenn ich auf der lin- 
ken Seite gestochen werde, fiihle ich es auch. Er kann also mit 
dem gewohnlichen BewuBtsein die Meinung haben, sein Gefiihl ist in 
seinem ganzen Leibe ausgedehnt. Und dann wird er auch vom Fiihlen 
im selben Sinne als dreidimensional gestaltet sprechen, wie er vom 
Willen als dreidimensional gestaltet spricht. 

Aber da gibt er sich doch einer Tauschung hin. Es ist nicht so. 
Es ist vielmehr so, daB da beriicksichtigt werden muB, wie der 
Mensch zunachst gewisse Erfahrungen an sich selber machen kann, 
und von diesen Erfahrungen wollen wir ausgehen. Die heutige Be- 
trachtung wird etwas subtil sein, aber ohne solche subtilen Be- 
trachtungen kann ganz griindlich doch das Geisteswissenschaftliche 
nicht verstanden werden. 

Fassen Sie nur einmal ins Auge, ich meine ins Seelenauge, wie 
das ist, wenn Sie Ihre linke Hand mit der rechten Hand selber be- 
riihren. Dadurch haben Sie die Wahrnehmung von sich selbst. Wie 
Sie einen auBeren Gegenstand sonst empfinden, so empfinden Sie sich 
selbst, wenn Sie die rechte Hand mit der linken beriihren, sagen wir 
durch Vermittelung der einzelnen Finger. 



Noch viel deutlicher haben Sie aber das Faktum, das da vorliegt, 
wenn Sie daran denken, daB Sie zwei Augen haben, und daB, 
wenn Sie einen Gegenstand fixieren mit beiden Augen, Sie ja den 
Willen zunachst anstrengen miissen. Man denkt oftmals an diese Wil- 
lensanstrengung nicht. Sie miissen, um zum Beispiel einen sehr nahen 
Gegenstand zu fixieren, wobei es eben starker hervortritt als sonst, 
das linke Auge nach rechts wenden, das rechte Auge nach links, und 
Sie fixieren den Gegenstand dadurch, daB Sie die Sehlinien in einer 
ahnlichen Weise miteinander in Beriihrung bringen, wie Sie die rechte 
Hand mit der linken in Beriihrung bringen, wenn Sie sich sozusagen 
selber angreifen. 

Sie konnen auf diese Weise sehen, wie es einfach eine gewisse Be- 
deutung fiir den Menschen hat in bezug auf seine Weltorientierung, 
das Linke auf das Rechte zu beziehen, das Linke mit dem Rechten 
in eine gewisse Beziehung zu bringen. 

Nun, viel weiter, als sich das hier zugrunde liegende ganz bedeu- 
tungsvolle Faktum durch die Beriihrung der Hande, durch die Kreu- 
zung der Sehvisierlinie zum BewuBtsein zu bringen, kommt das ge- 
wohnliche BewuBtsein meistens nicht; aber man kann diese Betrach- 
tung weiter fortsetzen. 

Nehmen wir an, daB wir auf unserer rechten Korperhalfte mit 
einer Nadel gestochen werden: Wir empfinden, wir fiihlen den Stich. 
Aber wir diirfen nicht ohne weiteres sagen, wo wir den Stich fiihlen, 
indem wir etwa bei diesem Wo hinweisen auf unsere Korperober- 
flache. Denn ohne daB alle einzelnenjjlieder unseres Organismus mit- 
einander in einem Verhaltnisse, und zwar in einem lebendigen Wech- 
selverhaltnisse stehen, so daB sie aufeinander wirken, ohne das wiirde 
unser leiblich-seelisch-menschliches Wesen iiberhaupt nicht dasjenige 
sein, was es ist. Und es ist immer, auch wenn wir nicht die linke Hand 
durch die rechte angreifen, um so die linke Hand durch die rechte 
Hand zu fiihlen, und auch wenn unser Organismus, sagen wir, auf 
seiner rechten Seite gestochen wird, eine Leitung vorhanden von der 
rechten Seite nach der Symmetrieebene in der Mitte, und die linke 
Korperhalfte muB in eine Beziehung treten zu der rechten Korper- 
halfte, damit die Empfindung, das Gefiihl zustande kommen kann. 



Es ist verrialtnismaBig leicht, sich zu sagen: Wenn ich hier, von 
vorne nach riickwarts angesehen, die Symmetrieebene habe, dann be- 
nihrt die rechte Hand die linke Hand, und das Gefiihl der beiden 
Hande, jeder Hand durch die andere, kommt in der Symmetrieebene 
zustande. Das wird offenbar so gesehen, und es ist verhaltnismaBig 




leicht, von der Kreuzung der Visierlinie des Auges zu sprechen. 
Aber es ist immer, wenn wir zum Beispiel rechts gestochen werden, 
eine Leitung vorhanden (rot), und die linke Korperhalfte kreuzt sich in 
diesen Leitungen mit der rechten Korperhalfte, sonst wiirde die Emp- 
findung nicht zustande kommen. Bei alien Empflndungs- und Ge- 
fiihlswegen spielt die Tatsache, daB wir eine rechte und eine linke 
Korperhalfte haben, daB wir symmetrisch gebaut sind, eine unge- 
heuer bedeutsame Rolle. Wir beziehen dadurch immer dasjenige, was 
uns rechts geschieht, auf das Linke, indem immer, gewissermaBen 
unsichtbar vom Linken etwas heriibergreift, um sich mit dem, was 
vom Rechten heruberstromt, zu kreuzen. 

Dadurch allein kommt das Fuhlen zustande. Das Fuhlen kommt 
niemals im dreidimensionalen Raume zustande, das Fuhlen kommt 



immer in der Ebene zustande. Die Gefuhlswelt ist in Wirklichkeit 
gar nicht dreidimensional ausgebreitet, die Gefuhlswelt ist in Wahr- 
heit nur zweidimensional ausgebreitet. Die Gefuhlswelt erlebt der 
Mensch nur in derjenigen Ebene, die, wenn man sie als eine Schnitt- 
ebene vollziehen wurde, den Menschen in zwei symmetrische Halften 
spalten wiirde. 

Das Gefuhlsleben ist namlich eigentlich so wie ein Gemalde, das 
auf einer Leinwand gemalt ist, wobei man aber nicht bloB von der 
einen Seite malt, sondern von beiden Seiten malt. Denken Sie sich, 
ich spanne mir eine Leinwand auf, bemale sie von rechts nach links 
und von links nach rechts, und ich lasse in der Anschauung durch- 
einanderwirken dasjenige, was ich von vorne und von riickwarts, das 
heiBt, von rechts nach links und von links nach rechts bemalt habe. 
Und das Gemalde, das da ist, das ist durchaus nur zweidimensional. 
Alles, was dreidimensional ist, ist, wenn ich so sagen darf, auf die zwei 
Dimensionen projiziert. 

Sie konnten sich die Vorstellung auch noch anders bilden. Denken 
Sie sich, Sie waren imstande, auf einer Flache Gegenstande, welche 
rechts sind, und Gegenstande, welche links sind, in Schattenbilder 
zu werfen. Dann wiirden Sie Schatten von rechten Gegenstanden, 
von linken Gegenstanden auf der aufgespannten Wand haben. So ist 
es mit unserer Gefuhlswelt. Sie ist nicht dreidimensional, sie ist 
zweidimensional. Der Mensch ist im Grunde genommen ein von zwei 
Seiten her arbeitender Maler, indem er sich nicht einfach in den 
Raum fuhlend hineinlebt, sondern indem er durch seinen dreidimen- 
sionalen Willen alles dasjenige, was ihm im Raume als Gefiihlswirkung 
begegnet, indem er durch den Willen, der allerdings dreidimensional 
ist - der ist der Maler, der Wille -, alles auf eine von vorne nach 
riickwarts durchgehende Ebene in Schattenbildungen, in Gemalden 
entwirft. Der Mensch lebt fuhlend in einem Gemalde, das durch seinen 
Leib zweidimensional gezogen ist, das nur eben von beiden Seiten 
bemalt wird. So daB wir, wenn wir fur uns selbst, fur die Menschen, 
im Seelischen den Ubergang suchen wollen vom Willen zum Gefuhl, 
aus dem Dreidimensionalen in das Zweidimensionale iibergehen 
mussen. 



Damit aber haben Sie ein anderes Verhaltnis zunachst desjenigen 
Seelischen, das sich im Fuhlen ausspricht, zu dem Raumlichen, als 
wenn Sie einfach vom Seelischen sagen, es sei unraumlich. Die Ebeiie 
hat zwei Dimensionen, aber sie ist nicht raumlich. Sie konnen die 
Tafel eine Ebene nennen, aber sie ist in Wirklichkeit ein Korper, 
denn sie hat eine Dicke. Eine Ebene ist zwar im Raume drinnen, aber 
sie ist nicht selber raumlich; der Raum muB immer drei Dimensionen 
haben. Und in diesen dreidimensionalen Raum geht nur der Wille 
hinein. Aber das Gefiihl, das geht nicht in die drei Dimensionen des 
Raumes hinein. Es ist zweidimensional. Aber es hat dennoch Bezie- 
hungen zum Raume, geradeso wie das Schattenbild Beziehungen zum 
Raume hat. 

Ich weise Sie damit aber auch hin auf eine auBerordentlich bedeu- 
tungsvolle Tatsache, die gar nicht so leicht durchschaut werden kann, 
aus dem Grunde, weil der Mensch mit seinem gewohnlichen Be- 
wuBtsein in der Regel gar nicht geneigt ist, das Eigentumliche seiner 
Gefuhlswelt aufzufassen. Diese Gefiihlswelt ist ja immer von der 
Willenswelt durchsetzt. Denken Sie doch nur einmal, wenn Sie wirk- 
lich den Stich, von dem ich gesprochen habe, auf Ihre rechte Korper- 
seite bekommen, da trennen Sie ja nicht gleich das Gefiihl vom Wil- 
len. Sie werden ganz zweifellos diesen Stich nicht sehr geduldig emp- 
fangen, sondern abgesehen davon, daB Sie vielleicht auBerlich dahin 
greifen werden, also mit Ihrem Willen sehr in den dreidimensionalen 
Raum hineinfahren werden, wenn Sie gestochen werden, abgesehen 
davon haben Sie eine nach auBen nicht hervortretende Abwehr- 
bewegung, die sich nur in allerlei kleinen, intimen Stromungen des 
Blutes und des Atems zeigt. Dasjenige, was man als Abwehrbewegung 
macht, wenn man von einer Mucke gestochen wird und man greift 
hin, das ist ja eben auch nur das Grobklotzigste. Das Feinere, die 
Abwehrbewegung, die man eigentlich nur mit der Blutbewegung, 
mit der Atembewegung, mit allerlei anderem im Inneren macht, die 
beachtet man gewohnlich nicht. Und so trennt man nicht dasjenige, 
was da der Wille tut, von demjenigen, was eigentlich Gefuhlsinhalt ist. 
Dasjenige, was Gefuhlsinhalt ist, ist auch zu scheu. Dazu kann man es 
nur bringen in sehr, sehr sorgfaltiger Meditation. Wenn Sie aber ein- 



mal alles, was zum Willen gehort, ausschlieBen konnen von dem Fiih- 
len, dann schrumpfen Sie allerdings zusammen von rechts und links, 
und Sie werden in der Mitte die Ebene. Und dann, wenn Sie in der 
Mitte die Ebene sind und gewissermaBen nun bewuBt als Maler Ihre 
Erlebnisse auf dieser Ebene abmalen, dann fangen Sie an zu begrei- 
fen, warum sich die Gefuhlswelt so auBerordentlich unterscheidet von 
dem gewohnlichen Erleben. 

Man kann schon dieses Flachenhafte, dieses Ebenenhafte des Fuh- 
lens erleben; aber man muB es meditativ erleben. Man muB das 
ganze Schattendasein der Gefiihle gegeniiber den robusten Erlebnis- 
sen im dreidimensionalen Raum haben. Man muB sich erst vorberei- 
ten dazu, es zu haben. Dann aber kann man es auch haben. Und dann 
wird man allmahlich sich dieser Wahrheit nahern, daB das Fuhlen 
zweidimensional verlauft. Und das Denken, das laBt sich ja einfach 
dadurch charakterisieren, daB man mit unbefangenem Gemiite sich ge- 
steht, wie wenig man doch sagen kann, daB ein Gedanke im Raume 
drinnen ist. Er ist doch nirgends eigentlich im Raume drinnen, der 
Gedanke. Aber eine Beziehung zum Raume muB er doch haben. Denn 
zweifellos ist ja das Gehirn, wenn auch nicht das Werkzeug, so doch 
die Unterlage des Denkens. Ohne Gehirn kann man nicht denken. 
Wenn aber das Denken, das also im Zusammenhange mit der Gehirn- 
tatigkeit verlauft, gar nichts mit dem Raum zu tun hatte, dann wiirde 
sich die kuriose Tatsache ergeben, daB, wenn man mit zwolf Jahren 
gut denken kann und man dann mit seinem Kopfe herausgewachsen 
ist iiber die Lage, in der man war mit zwolf Jahren, man dann aus 
seinem Denken herausgewachsen ware. Das ist nicht der Fall. Indem 
man wachst, verlaBt man das Denken nicht. Und schon das weist dar- 
auf hin, daB man mit dem Wachsen doch auch mit dem Denken im 
Raume drinnen ist. 

Nun, geradeso wie man die Welt des Fiihlens, die Welt des Erle- 
bens der Gefiihle fur sich selbst fuhlen kann, indem man auf seine 
Symmetrieebene allmahlich kommt, laBt sich wiederum meditativ das 
Denken erleben als dasjenige, das eigentlich nur die Ausdehnung oben 
und unten hat. Das Denken ist durchaus eindimensional, verlauft im 
Menschen in der Linie. Man muB also sagen: Der Wille gestaltet sich 



dreidimensional, das Gefuhl zweidimensional und das Denken ein- 
dimensional. 

Sie sehen, wenn wir im Raume differenzieren, dann kommen wir 
nicht zu einem so schrofFen Obergang, wie es der bloBe Intellekt tut. 
Wir kommen zu einem allmahlichen Ubergang. Der bloBe Intellekt 
sagt: Das Physische ist dreidimensional raumlich ausgedehnt; das 
Geistig-Seelische ist gar nicht ausgedehnt, also kann man keine Be- 
ziehung finden, denn man kann zwischen dem Ausdehnungslosen und 
dem Ausgedehnten selbstverstandlich keine Beziehungen finden. - 
Wird man aber aufmerksam, daB der Wille dreidimensional gestaltet 
ist, so findet man, daB der Wille uberall sich hinergieBt in die drei- 
dimensionale Welt. WeiB man, daB das Gefuhl zweidimensional ge- 
staltet ist, dann muB man, indem man von den drei Dimensionen auf 
die zwei ubergeht, zu etwas kommen, was zwar noch Beziehungen 
darstellt, was aber nur nicht mehr raumlich ist, denn die bloBe Ebene, 
die bloBen zwei Dimensionen sind eben nicht raumlich. Aber sie sind 
im Raume drinnen, sie sind nicht vollig aus dem Raume drauBen. 

Und wiederum, wenn wir vom Fiihlen zum Denken ubergehen, so 
gehen wir von den zwei Dimensionen zu der einen Dimension iiber, 
also noch immer nicht ganz aus dem Raume heraus. Wir gehen all- 
mahlich von dem Raumlichen in das Unraumliche hinein. Ich habe es 
ja ofter ausgesprochen, daB das Tragische des Materialismus darinnen 
besteht, daB er gerade das Materielle, das StofFliche in seiner drei- 
dimensionalen Ausdehnung nicht versteht. Er glaubt es zu verstehen, 
aber er versteht gerade das StofFliche nicht. Und im 19. Jahrhundert 
sind historisch mancherlei bedeutsame Erscheinungen hervorgetreten, 
die mit dem gewohnlichen BewuBtsein heute doch nicht in ordent- 
licher Weise entratselt werden konnen. Denken Sie doch nur an das 
groBe Aufsehen, das bei vielen denkenden Menschen das Schopen- 
hauersche philosophische System gemacht hat: «Die Welt als Wille 
und Vorstellung.» Danach hat nur die Vorstellung etwas Unwirk- 
liches, der Wille allein ist das Wirkliche. Ja, warum ist denn Schopen- 
hauer zu der Vorstellung gekommen, daB die Welt nur Wille ist? 
Weil er doch auch vom Materialismus angefressen war ! Denn in die 
Welt, in der die Materie sich dreidimensional ausdehnt, da ist eben 



nur der Wille ergossen. Wer auch die Gefuhle in diese Welt hinein- 
stellen will, der muB die Beziehung aufsuchen, die besteht zwischen 
einem dreidimensionalen Ding und einem zweidimensionalen Schat- 
tenbilde. Was wir erleben in den Gefuhlen, sind Schattenbilder des- 
jenigen, worinnen auch unser Wille als dreidimensionale Gestaltung 
lebt. Und was wir erleben im Denken, das sind Gestaltungen in einer 
einzigen Dimension. Und erst wenn wir ganz aus den Dimensionen 
herausgehen, wenn wir ubergehen zu dem dimensionslosen Punkte, 
dann sind wir bei unserem Ich angekommen. Das hat nun wirklich 
gar keine Ausdehnung, das ist ganz punktuell. So daB wir sagen 
konnen: Wir gehen iiber von dem Dreidimensionalen (weiB) zu dem 
Zweidimensionalen (rot), zu dem Eindimensionalen (gelb) und zu 
dem Punktuellen (blau). 




Aber indem wir beim Dreidimensionalen noch bleiben, haben wir 
in den drei Dimensionen unseren Willen drinnen. Es steckt auch das 
Fiihlen, es steckt auch das Denken drinnen, aber nicht dreidimensional 
ausgedehnt. Indem wir die dritte Dimension weglassen und nur zu 
zwei Dimensionen kommen, haben wir den Schatten des auBeren Da- 
seins, in dem sich aber dasjenige Geistig-Seelische ausdehnt, das im 
Fiihlen lebt. Wir kommen schon mehr aus dem Raume heraus. Gehen 
wir zum Denken, dann kommen wir noch mehr aus dem Raume her- 
aus, und indem wir zum Ich ubergehen, kommen wir noch mehr aus 



dem Raume heraus. Da werden wir gewissermaBen Stiick fiir Stiick 
aus dem Raume her ausgefiihrt. Und wir sehen, daB es einfach keinen 
Sinn hat, bloB zu sprechen von dem Gegensatz des Geistig-Seeli- 
schen und des Physisch-Leiblichen. Es hat keinen Sinn, denn man 
muB fragen, wenn man die Beziehung entdecken will zwischen dem 
Geistig-Seelischen und dem Physisch-Leiblichen: Wie verhalten sich 
Dinge, die im dreidimensionalen Raum ausgedehnt sind, zum Beispiel 
unser eigener Korper, zu dem Seelischen als Willenswesen? Wie ver- 
halt sich das Korperlich-Leibliche beim Menschen zu der Seele als 
einem Gefiihlswesen? Zu der Seele als Willenswesen verhalt sich das 
Leiblich-Physische als ein Korperliches so, daB eben einfach das Leib- 
lich-Physische, wie ein Schwamm vom Wasser, vom Willen nach alien 
Seiten, nach alien Dimensionen durchtrankt wird. 

Zum Gefiihl verhalt sich aber das Leiblich-Physische so, wie Gegen- 
stande sich verhalten, die ihre Schatten werfen auf eine Wand. Und 
wiederum, wenn wir von dem GefuhlsmaBigen zu dem Gedanken- 
haften iibergehen wollen, dann miissen wir gar ein eigentiimlicher 
Maler werden. Da miissen wir auf einer Linie dasjenige wiederum 
extra aufmalen, was sonst in den zwei Dimensionen des Gemaldes ist. 

Legen Sie sich einmal die folgende Frage vor. Das ist naturlich 
etwas, was einige Anspruche stellt an das innere Anschauen, aber 
stellen Sie sich vor, Sie stiinden, sagen wir, vor dem «Abendmahl» 
des Leonardo da Vinci. Sie haben es zunachst in der Flache vor sich. 
Dasjenige, was in Betracht kommt, ist zweidimensional. Wir konnen 
ja naturlich von der Dicke der Farbflecken absehen, nicht wahr; aber 
das, was Sie vor sich haben als Gemalde, ist zweidimensional. Nun 
aber denke ich mir eine Linie gezogen in der Mitte von oben nach 
unten, und diese Linie stelle dar ein eindimensionales Wesen. Dieses 
eindimensionale Wesen hatte die Eigentiimlichkeit, daB, sagen wir, 
der Judas hier (S.22) ihm nicht gleichgultig ware; sondern daB der 
Judas da ist, das empfindet dieses Wesen in einer gewissen Beziehung. 
Das empfindet dieses Wesen so: Da, wo der Judas den Kopf hin- 
uberneigt, da empfindet es mehr, wo der Judas sich abneigt, da 
empfindet es weniger; und von alien iibrigen Gestalten empfindet die- 
ses eindimensionale Wesen, je nachdem diese Gestalt in einer blauen, 



in einer gelben Farbe ist, anders. Alles dasjenige, was da links und 
rechts ist, das empfindet dieses eindimensionale Wesen. Dann ist alles 
das, was auf diesem Gemalde ist, lebendig von diesem eindimensio- 
nalen Wesen gefiihlt. 



So ist aber wirklich unser Denken in uns. Unser Denken ist ein 
solches eindimensionales Wesen und lebt das iibrige unseres mensch- 
lichen Wesens nur dadurch mit, daB es erstens in Beziehung steht zu 
dem Gemalde, das uns entzweischneidet als einen rechten und als 
einen linken Menschen, und daB es auf dem Umwege durch dieses 
Gemalde dann in Beziehung steht zu der dreifach gestalteten Wil- 
lenswelt. 

Wenn wit von unserem geistig-seelischen Wesen, nur insoferne es 
wollend, fuhlend, denkend ist, zunachst sogar ohne das Ich eine Vor- 
stellung bekommen wollen, miissen wir es eigentlich nicht vorstellen 
als eine Nebelwolke, sondern indem wir innerlich-seelisch etwas voll- 
ziehen. Wir wollen uns also das Geistig-Seelische schematisch vor- 
stellen. Wir miissen gewissermaBen hinschauen : Da stellt es sich uns 
zunachst als eine Wolke dar. Aber das ist zunachst nur ein Willens- 
wesen. Das hat immerfort die Tendenz, sich zusammenzuquetschen; 
da wird es Gefuhlswesen. Wir sehen als erstes eine Lichtwolke, dann 
aber eine solche Lichtwolke, die in der Mitte sich selber als eine 




Ebene erzeugt und sich dadurch fuhlt. Und diese Ebene wiederum hat 
das Bestreben, zur Linie zu werden. Wir miissen also fortwahrend 
uns vorstellen: Wolke, Ebene, Linie, als ein in sich lebendes Ge- 
bilde: etwas, was fortwahtend Wolke sein will, von der Wolke aber 
zur Ebene sich zusammenquetschen will, zur Linie sich verlangern 
will. Wenn Sie sich eine Linie vorstellen, die Ebene wird, die Ebene 
wird wiederum dreidimensionale Wolke, wenn Sie sich also vorstellen: 
Wolke, Ebene, Linie - Linie, Ebene, Wolke und so weiter, dann 
haben Sie dasjenige, was Ihnen nun schematisch veranschaulichen 
kann, was Ihre Seele in ihrem innerlichen Wesen, in ihrer innerlichen 
Wesenhaftigkeit eigentlich ist. Sie kommen nicht aus mit einer Vor- 
stellung, die nur in sich ruhig bleibt. Keine Vorstellung, die in sich 
ruhig bleibt, gibt dasjenige, was das Seelische ist, wieder. Sie miissen 
eine solche Vorstellung haben, die selber eine innerliche Tatigkeit 
ausfuhrt, und zwar eine solche innerliche Tatigkeit, daB die Seele, 
indem sie sich vorstellt, spielt mit den Dimensionen des Raumes : Sie 
laBt verschwinden die dritte Dimension, verliert dadurch den Willen, 
laCt verschwinden die zweite Dimension, verliert dadurch das Gefiihl; 
und das Denken verliert man erst, wenn man auch die erste Dimen- 
sion verschwinden laBt. Dann kommt man bei dem Punktuellen an. 
Dann geht es erst zu dem Ich iiber. 




Deshalb kommt ja diese Schwierigkeit zustande. Die Menschen 
mochten das Seelische erkennen, sie sind aber gewohnt, nur raumliche 
Vorstellungen sich zu machen. Nun machen sie sich audi, wenn auch 
noch so verdiinnte, raumliche Vorstellungen vom Seelischen. Aber 
da hat man ja nur das Willenshafte. Man miiBte sich das Seelische 
stets so vorstellen, daB man, indem man sich etwa eine Wolke vor- 
stellt, diese Wolke gleichzeitig fortwahrend zusammengepreBt und 
wiederum auch eindimensional vorstellen wiirde. Ohne daB man das 
Denken innerlich beweglich macht, bekommt man iiberhaupt keine 
Vorstellung von dem Geistig-Seelischen. Einer, der ein Geistig-See- 
lisches sich vorstellen will und in zwei aufeinanderfolgenden Augen- 
blicken sich das Gleiche vorstellt, der hat sich nur ein Willenshaftes 
vorgestellt. Man darf sich einfach das Geistig-Seelische in zwei auf- 
einanderfolgenden Augenbllcken nicht gleichgestaltet vorstellen. Man 
muB innerlich beweglich werden, und zwar nicht nur so, daB man 
von einem Raumpunkte zum anderen iibergeht, sondern daB man von 
einer Dimension in die andere iibergeht. Das ist dasjenige, was ge- 
wohnlich dem heutigen BewuBtsein schwer wird. Das hat ja sogar 
dazu gefiihrt, daB nun die gutmxitigsten Menschen - gutmutig in 
bezug auf die Vorstellung des Geistigen - aus dem Raume schon her- 
aus mochten, die drei Dimensionen uberwinden mochten. Dann kom- 
men sie zu einer vierten Dimension. Das ist ja ganz nett, vom Drei- 
dimensionalen zu einem Vierdimensipnalen iiberzugehen. Solange 
man im Mathematischen bleibt, sind auch alle die Gedanken, die 
man sich dariiber macht, ganz zutreffend, es stimmt alles. Nur wenn 
man iibergeht zur Realitat, stimmt es nicht mehr, derm das Eigen- 
tiimliche ist, daB wenn man real die vierte Dimension denkt, dann 
hebt sie einem die dritte auf. Durch die vierte Dimension ver- 
schwindet die dritte Dimension, und durch die fiinfte Dimension 
verschwindet die zweite, und durch die sechste verschwindet die 
erste; dann ist man beim Punkt angekommen. 

In Wirklichkeit kommt man namlich beim t)bergang von der drit- 
ten in die vierte Dimension in das Geistige hinein, und man kommt, 
indem man Dimensionen weglaBt, nicht indem man sie hinzufiigt, 
immer mehr und mehr in das Geistige hinein. Man bekommt aber 



durch solche Vorstellungen auch Einblicke in die menschliche Ge- 
stalt. 

1st es denn nicht fur ein kunstlerisches Empfinden so, daB man eigent- 
lich, ich mochte sagen, brutal den Menschen anschaut, wenn man ihn 
anschaut, wie er sich mit seinen drei Dimensionen nach alien Seiten hin 
in die Welt hineinstellt? GewiB, so tut man es; aber das ist doch nicht 
das einzige. Man hat doch im allgemeinen ein Gefuhl dafiir, daB die 
linke und die rechte Korperhalfte im wesentlichen symmetrisch sind. 
Und das fiihrt einen uber die drei Dimensionen hinaus, indem man 
den Menschen zusammenfaBt in seiner Mittelebene. Man geht da schon 
iiber zu dieser Mittelebene; und von der einen Dimension, in der der 
Mensch wachst, da hat man erst dann eine recht deutliche Vorstel- 
lung. Kiinstlerisch verwendet man schon diesen "Dbergang von drei 
zu zwei zu einer Dimension. Und wiirde man mehr pnegen dieses 
kiinstlerische Anschauen des Menschen, dann wiirde man auch leich- 
ter den Obergang finden zu dem Seelischen. Sie wiirden niemals ein 
Wesen als ein einheitlich fiihlendes Wesen empfinden konnen, das 
nicht symmetrisch gestaltet ist. 

Wenn Sie einen Seestern anschauen, der nicht symmetrisch gestal- 
tet, sondern funfstrahlig ist, so konnen Sie ja selbstverstandlich ge- 
fuhllos an ihm vorubergehen, aber Sie konnen niemals, wenn Sie sich 
gefuhlsmaBig fragen, sich sagen, der hat ein einheitliches Gefiihl. Der 
Seestern kann unmoglich ein Rechtes auf ein Linkes beziehen, ein 
Rechtes mit einem Linken umgreifen, sondern er muB fortwahrend 
den einen Strahl mit einem oder mit zweien oder mit dreien oder 
mit alien vier anderen in eine Beziehung bringen. Dadurch lebt das- 
jenige, was wir als Fiihlen kennen, iiberhaupt nicht im Seestern. 

Wie ist es mit demjenigen - ich bitte Sie, bei diesem intimen Ge- 
dankengang mir zu folgen was wir als Gefiihl kennen? Was wir als 
Gefiihl kennen, kommt von rechts, kommt von links und halt in der 
Mitte die Ruhe. Wir gehen durch die Welt, indem wir uns mit un- 
serem Gefiihl ruhend in die Welt hineinstellen. Der Seestern kann das 
nicht. Er kann dasjenige, was er von hier aus auf sich als Wirkung 
der Welt hat (roter Pfeil), nicht symmetrisch auf etwas anderes bezie- 
hen. Er kann es beziehen auf (rot) eins oder zwei oder auf den 



dritten oder vierten anderen Strahl, er wird aber immer hier ein 
Machtigeres haben (gelb). Daher hat der Seestern nicht innerlich das 
ruhende Fuhlen, sondern wenn er gewissermaBen die Aufmerksam- 
keit nach der einen Seite hinwendet, dann wird durch seine Anord- 
nung in ihm das Erlebnis entstehen: Du strahlst dahin, du schickst 
dahin einen Strahl (gelber Pfeil). Wenn er von dort empfindet, so 
fiihlt er, als ob es schieBen wiirde aus ihm. Er hat kein ruhendes 
Gefuhl. Er hat das Gefuhl, aus sich herauszuschieBen. Er fiihlt sich 
als hinstrahlend in der Welt. 

Wenn Sie Ihre Gefiihle fein entwickeln, dann werden Sie audi beim 
Anschauen des Seesternes das erleben konnen. Gucken Sie an irgend- 
einen Endpunkt eines Strahles und beziehen Sie das dann auf den 
ganzen Seestern, dann beginnt in Ihrer Vorstellung der Seestern nach 
diesem einen Strahl hin sich in Bewegung zu seteen, wie wenn er 
dahinwanderndes, stromendes Licht ware. Und so ist es bei anderen 
Tieren, die nicht symmetrisch gebaut sind, die nicht eine wirkliche 
Symmetrieachse haben. 



Der Mensch konnte, wenn er auf dieses feinere Fiihlen nur einmal 
einginge, wenn er nur nicht im Laufe der Zeit dadurch, daB er ein 
intellektuelles Wesen geworden ist, sich bloB dem Intellektuellen iiber- 
geben wurde, er konnte viel feiner sich hineinfuhlen in die Welt. 

So ist es audi in einem gewissen Sinne der Pflanzenwelt gegen- 
uber. So ist es all dem gegenuber, was uns umgibt. Und wirkliche 
Selbsterkenntnis tragt uns audi immer weiter und weiter in das Innere 
der Dinge hinein. 

Auf das, was ich heute in einer abgelegeneren Weise, mochte ich 
sagen, entwickelt habe, mochte ich dann morgen und in der kom- 
menden Zeit einiges auf bauen. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 25. Juni 1922 



Gestern habe ich mich bermiht, in einer etwas abgelegeneren Betrach- 
tung zu zeigen, wie man aus dem Raumlich-Physischen auch der 
menschlichen Leiblichkeit den Ubergang finden kann zu demjenigen, 
was dann schon dadurch geistig gedacht werden kann, daB eben die 
drei Raumdimensionen gewissermaBen reduziert werden auf zwei und 
eine Dimension und auch auf das Punktuelle. Nun mochte ich heute 
gewissermaBen gegeniiberstellen der gestrigen Betrachtung eine Art 
kosmischer Betrachtung, die Ihnen zeigen soil, wie auf der anderen 
Seite wiederum die Welt, die unsere Umgebung bildet, in Zusammen- 
hang gedacht werden kann mit dem Geistigen und Seelischen. Es ist 
ja dem modernen BewuBtsein recht unmoglich, die rein storTlich- 
physische Welt, die den Menschen umgibt, so anzusehen, daB zu ihr 
das Seelisch-Geistige im Menschen irgendeine unmittelbare Beziehung 
hat. Das muB ja durchaus in bezug auf die Erkenntnis gerechtfertigt 
werden, wenn der moderne Mensch nicht sagen soil, er konne sich 
nichts darunter vorstellen, wenn Anthroposophie behauptet, das See- 
Hsch-Geistige, das Ich und der astralische Leib also, verlassen den 
physischen Leib und den Atherleib und seien dann auBerhalb dessel- 
ben. Wo sind sie? - fragt nun der Mensch, der aus dem heutigen mate- 
rialistischen BewuBtsein heraus seine Erkenntnisse holt. DaB sich 
irgendwo im Raume ein Seelisches auf halt, das kann sich natiirlich der 
moderne Mensch nicht denken. Er kann sich hochstens noch denken, 
daB sich die Luft irgendwo auf halt, daB der Raum lichtdurchsetzt 
ist; aber daB im Raume irgendein Geistig-Seelisches vorhanden ist, das 
kann er sich nicht denken. Und von dieser Unmoglichkeit ist dann nur 
eine kurze Strecke Weges zu der anderen Unmoglichkeit, daB sich 
eben dieser moderne, aus dem materialistischen BewuBtsein heraus- 
gewachsene Mensch keine Vorstellung davon machen kann, wohin 
das Geistig-Seelische kommt, wenn es mit dem Tode den mensch- 
lichen Leib verlaBt. 

GewiB, der moderne Mensch behauptet, an diese Dinge glauben zu 



konnen. In dem Augenblick aber, wo er sein eigentliches Denkver- 
mogen zu Hilfe nimmt, kommt er sogleich in Konflikte hinein. Diese 
Konflikte horen auf, wenn man versucht, zum Geisteswissenschaft- 
lichen aufzusteigen. Aber da die Ideen, die man dabei aufnehmen 
muB, etwas Ungewohntes sind fur den Menschen der heutigen Zeit, 
so kann man sich ihnen eigentlich nur langsam und allmahlich nahern. 
Und da wird es gut sein, an Tatsachen anzukniipfen des geistig-ge- 
schichtHchen Lebens, an Tatsachen, die ja heute der auBeren Welt 
weniger bekannt sind. 

Wir wissen alle, daB dasjenige, was heute die Menschen an alten, 
ehrwiirdigen traditionellen Vorstellungen haben, die dann in die 
Religionen iibergegangen sind, an die geglaubt wird, daB diese Vor- 
stellungen zuruckfuhren auf uralte Erkenntnisse; wir wissen, daB es 
in alten Zeiten Mysterienstatten gegeben hat, welche Kirchen, Schulen 
und Kunstanstalten in einem zugleich waren, und aus denen auch alles 
dasjenige hervorgegangen ist, was dann sich verbreitet hat in den 
Menschenmassen als Erkenntnisse, aber auch als die Impulse, welche 
das Handeln der Menschen bestimmten. 

In diesen Mysterienstatten waren die sogenannten Eingeweihten, 
welche durch die besonderen Vorgange, denen sie sich unterworfen 
hatten, eben zu hoheren Erkenntnissen gekommen waren. Durch diese 
Priifungen, durch die sie hindurchgegangen waren, hatten sie aber 
auch ein gewisses Verhaltnis zur Welt gewonnen, zum Beispiel ein 
solches Verhaltnis zur Welt, durch das sie ablauschen konnten den 
Weltenvorgangen, dem Weltenverlaufe dasjenige, was sie iiber die 
Welt wissen wollten. 

In der auBeren Geschichte sind ja eigentlich nur die, ich mochte 
sagen, schon verderbten Arten von solchen Ablauschungen gegeniiber 
den Weltenvorgangen vorhanden. Sie alle haben gelesen, wie in grie- 
chischen Tempelstatten, Orakelstatten man herangezogen hat gewisse 
Personlichkeiten wie zu einer Art von Medien, die dann etwa iiber 
aufsteigenden Erdendiinsten in dasjenige gekommen sind, was man 
in der neueren Zeit bei jenen Menschen, die doch immer dilettantisch 
nur bleiben in bezug auf das Geistige, Trance nennt, durch die man 
ja etwas Wahres, etwas Wirkliches nicht gewinnen kann, sondern die 



eigentlich ein unberechtigter Hokuspokus ist. Aber in den Zeiten, in 
denen die alter e Art, zu der Welt sich in Beziehung zu setzen, schon in 
die Verderbnis gekommen war, hat man zu solchen Orakelstatten seine 
Zuflucht genommen. Und was dann da hereingeholt worden war in 
einer Art von tranceartigem Zustand, hat man als Oflenbarung ge- 
nommen, um etwas zu wissen, sozusagen was die wirklich geistigen 
Machte als Absichten hegen, die gottlich-geistigen Machte, die hinter 
dem Verlaufe der Weltenerscheinungen stehen. Nach solchen Orakel- 
spriichen hat man sich dann gerichtet. 

Aber diese Orakelspriiche waren ja gar nicht das Ursprungliche. 
Das bestand in etwas ganz anderem. Als man zu solchen Orakel- 
spriichen seine Zuflucht nahm, da war es durchaus schon so, daB man 
die alten Fahigkeiten, welche die Eingeweihten in den Mysterien ge- 
pflegt haben, verloren hatte, und man zu auBerlichen MaBnahmen 
seine Zuflucht nahm. Ich mochte Ihnen einen der Vorgange schil- 
dern, durch den in sehr alten Zeiten die Eingeweihten, die Initiierten 
der Mysterien, der Welt ihre Geheimnisse abgelauscht haben, diejeni- 
gen Geheimnisse, welche in den Absichten der hinter den Natur- 
erscheinungen stehenden gottlich-geistigen Wesenheiten vorhanden 
waren. 

Solche Eingeweihte, nachdem sie ihren ganzen Menschen in langer 
Zeit dafur zubereitet hatten, auf die feineren Vorgange des Lebens 
sorgfaltig zu achten, konnten dann dahin kommen, daB sie nament- 
lich der aufgehenden Sonne gegeniiber sich in einen besonderen 
Gemutszustand brachten. Das war eine t)bung, welche der alte Ein- 
geweihte in den Mysterien immer wieder vornahm: der aufgehenden 
Sonne, der herauf kommenden Morgenrote gegeniiber zu einer recht 
empfanglichen, geistemptanglichen Stimmung zu kommen. Gerade die 
Morgenrote und die auf ihr erscheinende Sonne war etwas, was eine 
ehrfurchtige, aber zugleich von allerlei hingebungsvollen inneren 
Stimmungen durchsetzte Seelenverfassung hervorrufen sollte bei die- 
sen alten Eingeweihten. Von der zum Teil aus Andacht, zum Teil 
aber auch aus WiBbegierde zusammengewobenen Stimmung, in die 
alte Eingeweihte gegeniiber dem Sonnenaufgang gekommen sind, 
wenn sie dazu in der richtigen Weise vorbereitet waren, von dieser 



Stimmung macht man sich heute gar keinen BegrifT mehr. Ich glaube, 
daB die letzte Empfindung aus der auBeren Welt von solchen Stim- 
mungen eigentlich nur noch etwas zur Vorstellung kommen kann, 
wenn man die wunderschonen Schilderungen Hest - die aber jetzt 
auch schon wiederum mehr als ein Jahrhundert hinter uns liegen -, 
die noch Johann Gottfried Herder, der ausgezeichnete deutsche Dichter 
und Schriftsteller, gerade vom Sonnenaufgang gegeben hat, aber nicht 
etwa so, wie es triviale neuere Dichter ja auch machen konnen, son- 
dern vom Sonnenaufgang, insofern dieser eine Art Symbolum ist fur 
alles Erwachende, Erwachende nicht nur in der Natur, sondern im 
Menschengemiit, in der Menschenseele. GewissermaBen dasjenige, 
was hervorruft in der Menschenseele selber eine Art Morgenrote, in 
die dann die Sonne wie innerlich hmein aufgeht, das hat ja Herder in 
einer wunderbaren Weise geschildert, als er darzustellen suchte, wie 
die poetische Stimmung einmal in der Menschheitsentwickelung Platz 
gegriffen hat, und wie diese poetische Stimmung ihren Ausgangs- 
punkt nehmen konnte von alledem, was der Mensch erleben kann bei 
Morgenrote und Sonnenaufgang. 

In einer noch intensiveren Weise haben die Geheimnisse der Mor- 
genrote und des Sonnenaufgangs Menschen wie etwa Jakob Bohme 
empfunden, dessen erstes Werk, wie Ihnen ja bekannt ist, «Aurora 
oder die Morgenrote im Aufgang» heiBt. Und nicht ohne Bezug auf 
diese Geheimnisse des Morgenrotes sind ja Worte wie die aus Goethes 
« Faust » : «Auf, bade Schiiler, unverdrossen, die ird'sche Brust im 
Morgenrot !» Je weiter wir zuriickgehen in der Geschichte der Mensch- 
heitsentwickelung, desto wunderbarer finden wir die Stimmungen der 
Menschenseele bei dem ersten Hereindringen der Sonnenstrahlen des 
Morgens, wo sie gewissermaBen noch auf ihren Wellen hereintragen 
das tatige, aktive Weltenlicht. Und alte Initiierte in den Mysterien- 
statten, die hatten sich dazu vorbereitet, daB sie ihre ernstesten, ihre 
heiligsten Fragen an die Weltengeister wahrend des Morgenrotes ge- 
wissermaBen aus ihren Herzen hinaussandten in die Weiten der Welt. 
Sie sagten sich : Wenn die Sonne ihren ersten Stf ahl hereinsendet auf 
die Erde, dann ist den Menschenfragen der beste Weg gegeben, um 
hinauszudringen in die Weiten des Kosmos. Und so strahlten gewis- 



sermaBen die alten Eingeweihten ihre Fragen, ihre Herzens- und 
Menschenratsel in die Weiten der Welt hinaus. Und dann gingen sie 
nicht so trivial, banal etwa an die Antwort, wie wir das heute in 
unserer physischen Wissenschaft gewohnt sind, sondern sie kamen in 
die Stimmung hinein, in der sie sich sagten: Wir haben jetzt unsere 
Ratselfragen der Weite der Welt iibergeben; im WeltenschoBe ruhen 
sie, die Gotter empfangen unsere Ratselfragen. 

Ich schildere nur. Man mag denken wie man will iiber diese Dinge, 
sie waren einmal da, man ubte sie so. Und dann haben solche Initiierte 
gewartet und in nachtlicher Stunde ihre Herzen bereitgemacht, etwas 
entgegenzunehmen. Das war jetzt auch wiederum eine hingebungs- 
volle, aber nicht eine, ich mochte sagen, die Frage aufwerfende Stim- 
mung, sondern sie gaben ihre Herzen hin einer ganz empfanglichen, 
einer auch andachtigen, aber empfanglichen Stimmung. Und so haben 
sie entgegengestellt ihre Andacht dem hereinbrechenden Schein des 
Vollmondes. Und da haben sie gefuhlt: Jetzt bekommen sie zuriick 
die Antwort aus dem Weltenall. 

Das war in alteren Mysterien ein sehr gewohnlicher Vorgang. Man 
hat zu einer gewissen Zeit seine Ratselfragen mit der Welt abgemacht, 
indem man sie hinausgesendet hat in die Weltenweiten, und hat sich 
die Antworten geholt, die vom Vollmonde aus, im Scheine des Voll- 
mondes die Gotter der Erde wiederum zugesendet haben. 

So korrespondierte der Mensch einmal mit der Welt. Er war nicht so 
hochmutig, daB er etwa wie ein heutiger Philosoph in seinem Kopf 
die Fragen aufgeworfen hatte, dann auch wiederum flugs die Antwor- 
ten dazu gesucht hatte, er war nicht so hochmutig, zu glauben, daB 
man sich iiber ein Stuck weiBes Papier setzen, und daB der Menschen- 
kopf nun mit sich allein die groBen Ratselfragen des Daseins ab- 
machen konne. Er war vielmehr des Glaubens, dieser alte Initiierte, 
daB mit demjenigen, was als gottlich-geistige Machte die Welt durch- 
wellt und durchwallt, daB man mit dem zusammen besprechen miisse 
dasjenige, was man abmachen will iiber Fragen und Antworten beziig- 
lich der Weltenratsel. Er tat das aus dem Grunde, weil er wuBte: Da 
drauBen in der Welt, da sind nicht nur die physisch-sinnlichen Wahr- 
nehmungsinhalte, da waltet und webt iiberall Geistiges. Und indem 



der Sonnenstrahl zu mir dringt, kann ich ihm entgegensenden das- 
jenige, was der Inhalt meines Willens ist. 

Dieses Geheimnis ist dem Menschenforschen ganz verlorengegan- 
gen. Aber es war einmal ein wirkliches Wissen, eine wirkliche Er- 
kenntnis der Menschlieit. Und einer der letzten in Europa, die eine 
allerdings nicht deutliche, aber doch lebendige Tradition gehabt haben 
von diesen Dingen, und die auch dafiir kampfen wollten, war Julian 
Apostafa. Er war so unvorsichtig, diese Dinge noch ernst zu neh- 
men, und ist ja dadurch gerade ein Opfer seiner Gegner geworden. 

Der heutige Mensch zeichnet - es ist nur eine schematische Zeich- 
nung, aber sie soli ja auch nur versinnlichen, um was es sich han- 
delt - die Erde und die Sonne - natiirlich muBte ich es viel weiter 
hinauszeichnen - so, daB die Sonne ihre Strahlen zur Erde her- 
untersendet. Der alte Eingeweihte wiirde gesagt haben: Das ist ja 
nur physisch; das Geistige davon ist das, daB auf der Erde die Men- 
schen wohnen, und die Menschen entwickeln auf der Erde ihren 
Willen (rot), und wahrend die Sonnenstrahlen von der Sonne auf die 
Erde herunterkommen, kann der Mensch seinen Willen in der Rich- 



tung der Sonne in den Weltenraum hinaussenden (Pfeile). Gewisser- 
maBen auf den Wogen des Willens, der von der Erde zur Sonne hin- 
strahlt, sandten die alten Eingeweihten ihre Fragen in das Weltenall 
hinaus. Und wenn der moderne Mensch sagt: Auf der anderen Seite 
ist irgendwie der Mond, der seinen Schein auf die Erde hereinstrahlen 
laBt (gelb), so sagte der alte Eingeweihte : Das ist aber nur das Physische ; 
in Wahrheit kommen die Gedanken auf den Wellen dieses Scheins zur 
Erde herein (orange). Und so iibergab der alte Eingeweihte den Willens- 
strahlen, die von der Erde zur Sonne gehen, seine Fragen, und empfing 
von den Gedankenstrahlen, die vom Mond zur Erde kommen, die 
Antworten. Die heutige Wissenschaft kennt nur die eine Seite der 
Sache. Die sieht auf das Physische der Sonne und des Mondes. Der 
alte Eingeweihte aber sagte : Wahrend die Sonne fortwahrend ihr Licht 
zur Erde sendet, sendet die Erde in den Weltenraum die Willensstrah- 
lungen, den Willen von all den Menschen, die auf der Erde leben, 
fortwahrend in die Welt hinaus. Und wenn der Mensch im Scheine 
des Mondes sich auf halt, dann werden ihm die Gedankenstrahlen aus 
dem Kosmos geschickt. 

Die menschliche Organisation hat sich geandert. So konnte der 
heute nach iibersinnlicher Erkenntnis Suchende nicht verfahren. Die 
menschliche Auffassung ist grober geworden, als sie in alten Zeiten 
war. GewiB, auch heute gehen unsere Willensstrahlen ins Weltenall 
hinaus. Aber der Mensch empfindet seine Fragen nicht so brennend, 
wie man sie einmal empfunden hat, als daB seine Willensstrahlen nun 
wirklich diese Fragen mit hinausnehmen wiirden. Wir sind als Men- 
schen heute zu intellektualistisch geworden, und der Intellekt, der 
kiihlt alles Fragen ab. Von der RiesenwiBbegierde, welche einmal die 
Menschen in bezug auf die heiligsten Fragen des Daseins entwickelt 
haben, haben wir heute nicht viel Empfindung. Wir sind nicht mehr 
so wiBbegierig; wir sind eigentlich nur noch neugierig und mochten 
schnell alles wissen, ohne daB wir uns mit der Welt auseinandersetzen. 
Und im Mondenschein traumen hochstens noch die Liebenden; die 
Gelehrten wiirden es als einen furchtbaren Aberglauben betrachten, 
wenn sie nun auch von dem Scheine des Mondes die Antworten auf 
die brennenden Ratselfragen des Daseins empfangen sollten. 



Man sieht eben durchaus die Welt entgeistigt. Man weiB nichts 
mehr von dem Geist, der die Welt iiberall durchsetzt, oder wenn 
man davon spricht, so spricht man in verschwommen-pantheistischer 
Weise, nicht in der konkreten Weise, daB man weiB, wie sich des 
Menschen Willensstrahlen zu den Sonnenstrahlen verhalten, wie sich 
des Menschen Gedankenformen zu dem Schein des Mondes verhalten. 

Aber wir konnen auch in der modernen Initiation wiederum zu 
einem Verkehr mit dem Kosmos und mit dem Geist der Welt kom- 
men. Nur macht es die heutige Initiation anders. Die vorbereitenden 
Ubungen zur Initiation, Sie finden sie ja geschildert in meinen Bii- 
chern, namentlich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?». Aber das alles, das tendiert ja darauf hin, das zielt 
ja darauf hin, daB der Mensch wirklich dazu komme, durch solche 
Ubungen auch heute noch Antwort zu bekommen, allerdings nicht so, 
wie man es im heutigen Hochmut tut, die Fragen im Kopfe zu wal- 
zen und mit dem Kopfe die Antworten zu geben. Da bekommt man 
doch nichts anderes heraus als die Dinge, die ja sehr gescheit sind; 
aber Gescheitheit ist nicht etwas, was zu einer wirklichen Antwort 
iiber die Ratselfragen des Lebens fiihrt. Durch dieses Walzen im Kopfe 
schlieBt man sich ab von der Welt. Man muB durchaus, wenn man 
Antwort haben will von der Welt, aus sich herausgehen. Man muB 
mit der Welt in Beziehung treten. Und so ist es denn, daB der mo- 
derne Initiierte auch seine Fragen stellen muB und auch Geduld haben 
muB, wenn er nicht gleich eine Antwort erhalt. Der moderne Initiierte 
kommt namlich immer mehr und mehr dazu, die AuBenwelt nicht 
bloB so anzuschauen, daB er nun seine Neugierde befriedigen laBt 
durch dasjenige, was als Eindruck auf seine Augen, auf seine Ohren, 
auf seine sonstigen Sinne gemacht wird. GewiB, er empfangt auch 
diese Sinneswahrnehmungen von auBen, aber indem er ebenso genau, 
ebenso intim sich die Blumen, die Sonne, den Mond, die Sterne, an- 
dere Menschen, Prlanzen, Tiere und so weiter anschaut, indem er 
uberallhin seine Sinne richtet und dasjenige gewissermaBen durch sich 
hindurchgehen laBt, was er als Eindrucke von den auBeren Sinnen 
empfangt, schickt er dem eine Stromung aus sich selbst entgegen. Und 
das ist die Stromung, welche in ihm die Ratselfrage des Daseins be- 



deutet. Man sieht eine schdne Blume. Man sieht sie an, aber nicht 
bloB passiv, sondern man lenkt zum Beispiel den Blick auf das Gelb. 
Man laBt das Gelb auf sich einen Eindruck machen. Aber zu gleicher 
Zeit sendet man dem Gelb seine Ratselfrage entgegen, und man laBt 
untertauchen in das Gelb der Blume oder meinetwillen auch in das 
Morgenrot untertauchen dasjenige, was man als Ratselfragen des Da- 
seins zu stellen hat. 

Man iibergibt nun nicht einem bestimmten Eindrucke, wie der auf- 
gehenden Sonne, sozusagen alle Fragen seines Herzens, sondern man 
gieBt sie aus in alle Sinneswahrnehmungen. Wiirde man nun wiederum 
erwarten, daB einem die Sinneswahrnehmungen selbst die Antworten 
geben, so ware das, wie wenn der alte Eingeweihte dem Morgenrot 
der aufgehenden Sonne seine Ratselfragen entgegengesendet hatte, um 
dann von diesem auch die Antwort zu empfangen, und nicht von dem 
Vollmonde, auf den er dann gewartet hat. 

Mindestens muBte so ein alter Eingeweihter vierzehn Tage warten; 
denn er hat wahrend des Neumondes der aufgehenden Sonne seine 
Fragen gestellt, und wahrend des Vollmondes dann die Antworten 
empfangen. So lange wartet kein moderner Philosoph, denn - we- 
nigstens in der Zeit, in der man noch leichter gedruckt hat - dann 
muBte ja das Buch schon beim Buchdrucker sein! 

Nun muB man aber Geduld haben. Wenn man seine Fragen uber- 
gibt den Sinneseindriicken, wenn man sie untertauchen laBt in alle 
Dinge, so darf man nicht erwarten, daB einem die Sinneseindriicke 
nun auch irgend etwas enthiillen, und man muB - und es gelingt einem 
dieses auch, wenn man lange genug die Vorbereitungen dazu ge- 
macht hat - nunmehr warten, bis einem dasjenige - man muB den 
Augenblick manchmal lange abwarten -, was man nach auBen der 
Welt tibergeben hat, von innen herauf kommt als Antwort. 

Sie konnen ganz sicher sein: Wenn Sie die Fragen aufwerfen ins 
Blaue hinaus, werden Sie Zufallsantworten bekommen, die schlieBlich 
fur den einzelnen eine egoistische Befriedigung gewahren konnen, 
die aber doch nicht wirkliche Antworten sind. Sie mussen unter- 
tauchen in Blume und Meer, in das Firmament, in die Sterne, in alles 
dasjenige, was von auBen auf Sie als Eindruck kommt, in das mussen 



Sie untertauchen Ihre Ratselfragen, und dann miissen Sie abwarten, bis 
einmal aus Ihr em Inneren die Antworten auftauchen. Sie konnen nicht 
vierzehn Tage warten, Sie konnen nicht einmal die Zeit bestimmen, 
die die alten Eingeweihten bestimmen konnten. Sie miissen warten, 
bis der richtige Moment gekommen ist, daB das AuBere ein Inneres 
geworden ist, und aus Ihrem Inneren heraus die Antwort kommt. 

Darin besteht gerade die Kunst der geistigen Weltenforschung, daB 
man warten kann, daB man nicht glaubt, flugs die Antworten zu be- 
kommen. Aber man bekommt natiirlich auch nicht Antworten, ohne 
daB man die Fragen gestellt hat. Wenn Sie sich bei solchen Menschen 
erkundigen, die wirklich zu Erkenntnissen im Sinne der modernen 
Initiation gekommen sind, so werden sie Ihnen alle erzahlen: Ich war 
vielleicht fiinfunddreiBig Jahre alt, da habe ich diese oder jene groBe 
Ratselfrage an das Dasein ganz besonders tief empfunden; ich habe 
dazumal diese Ratselfrage irgendwelchen besonderen auBeren Ein- 
driicken iibergeben, und als ich fiinfzig Jahre alt geworden bin, da 
ging mir aus meinem Inneren die Antwort hervor. 

Man muB heute in den Strom der Zeit versenken dasjenige, was 
man als das groBe Gesprach mit dem Kosmos entfalten will, wie in 
den SchoB des Raumes die alten Eingeweihten ihre Fragen gelegt 
haben, damit sie ihnen wiedergeboren werden konnten aus dem Raume 
heraus : das Sonnenhafte aus dem Mondenhaften. Und das Kosmische 
muB wiedererscheinen, wiedergeboren werden aus der Menschenseele 
heraus nach einer Zeit, die die kosmischen Machte selbst bestimmen, 
und man muB nur dazu kommen, in der richtigen Weise zu empfin- 
den, wann eine wirkliche Gotterantwort im Inneren da ist, nicht bloB 
eine Menschenantwort, auf Fragen, die man gestellt hat. 

So ist in einer gewissen Weise dasjenige wieder da in einer anderen 
Form, was den Inhalt der alten Einweihung gebildet hat. Aber Sie 
sehen, auf was es in diesem Falle ankommt. Sie sehen, daB es darauf 
ankommt, daB der Mensch, wenn er an die groBen Ratselfragen des 
Daseins herandringen will, sich in eine geistig-seelische Beziehung zu 
den geistig-seelischen Machten des Kosmos zu setzen in der Lage ist, 
daB der Mensch nicht ein Eremit des Daseins bleibt, der alles mit sich 
selbst in egoistischer Weise abmachen mochte, sondern daB er warten 



kann, bis ihm der Kosmos dasjenige beantwortet, was er erst selbst 
hineingestrahlt hat in diesen Kosmos als Ratselfragen. 

Nun, sehen Sie, die Sache ist ja so, daB wenn man auf der einen 
Seite einmal gelernt hat, das Seelische gewissermaBen hinauszustrahlen 
in den Kosmos und es wiederum zu empfangen, daB man dann auch in 
einer besseren Weise vorbereitet wird, Geburt und Tod zu verstehen. 
Wer einmal anfangt zu verstehen, wie das Seelische im Willenselement 
zur Sonne strdmt, den Sonnenstrahlen entgegenstromt, wie es in all das- 
jenige hineinstromt, was als auBere Eindriicke uns von der AuBenwelt 
gegeben wird, der beginnt auch zu verstehen, wie das Geistig-Seelische 
auf den Wogen des Geistigen des Kosmos hinausstromt in die Welt, 
wenn der physische Mensch dem Tode verfallt. Und er lernt auch 
verstehen, wie das Geistige wiederum zuruckkommt vom Monden- 
haften, vom Scheinhaften der Welt, wenn er gelernt hat, wie er seine 
besten Gedanken eben auch wiederum aus dem Kosmos zuruckbe- 
kommt, wenn das auch beim modernen Menschen so ist, daB diese Ge- 
danken im Inneren aufsteigen; es ist das Mondenhafte in dem eigenen 
menschlichen Organismus, aus dem dann die Gedankenherauf kommen. 

Man lernt dann aber auch solche Obergangserscheinungen in der 
richtigen Weise bewerten, die, ich mdchte sagen, zwischen dem rein 
Physisch-Kosmischen und dem Kosmisch-Geistigen mitten drinnen 
stehen. Der moderne Mensch, der seine Schulung bloB im materia- 
listischen BewuBtsein erlangt hat, der schildert ja alles auch bloB 
physisch. Er sagt: Es gibt Sonnenfinsternisse; eine Sonnenfinsternis 
kommt dadurch zustande, daB der Mond zwischen der Erde und der 
Sonne steht und sich vor die Sonnenstrahlen hinstellt, so daB er die 
Sonne verfinstert. - Eine physische Erklarung, vom nachsten Physi- 
schen genommen. Wenn da ein Licht steht, und da ein Auge ist, und 
ich halte die Hand vor, so ist das licht verfinstert - eine rein raum- 
liche Erklarung. Bei dem bleibt aber das moderne BewuBtsein ste- 
hen. Wir miissen uns wiederum hindurchringen zu einer Erkenntnis 
solcher nicht jeden Tag, sondern seltener vorkommenden Dinge, die 
aber durchaus ihre geistige Seite haben. 

Wenn eine Sonnenfinsternis da ist, dann geht unter den verander- 
ten Verhaltnissen desjenigen Teiles der Erde, auf den die Sonnen- 



finsternis eine Wirkung hat, doch etwas ganz anderes vor sich, als wenn 
die Sonnenfinsternis nicht da ist. Wenn wir wissen, daB die Sonnen- 
strahlen zu uns dringen und die Willensstrahlen der Sonne entgegen- 
dringen, so werden wir uns auch vorstellen konnen, wie eine Sonnen- 
finsternis auf die Willensstrahlen, die nun geistig sind, einen gewissen 
EinfluB haben kann. Die Lichtstrahlen halt der Mond auf, das ist ein 
rein physischer Vor gang. Die Willensstrahlen konnen durch die physi- 
sche Materie des Mondes nicht aufgehalten werden. Sie strahlen hin- 
ein in das Dunkel, und es ist einmal eine Zeit, wenn auch eine kurze, 
da, in welcher dasjenige, was auf der Erde willenhaft ist, anders in 
den Weltenraum hinausstromt, als es hinausstromt, wenn nun keine 
Sonnenfinsternis ist. Das Physische des Sonnenlichtes verbindet sich 
sonst immer mit den ausgesandten Willensstrahlen. In diesem Fall 
gehen die ausgesandten Willensstrahlen in einem Strahlenkegel unge- 
hindert in den Weltenraum hinaus. Die alten Eingeweihten haben 
gewuBt : In einem solchen Falle bewegt sich in den Weltenraum hin- 
aus alles dasjenige, was der Mensch an ungeziigeltem Willen, an unge- 
ziigelten Instinkten und Trieben in sich hegt. Und die alten Ein- 
geweihten haben ihren Schiilern erklart : Unter gewohnlichen Verhalt- 
nissen wird dasjenige, was der schlechte Wille der Menschen hinaus- 
strahlt in den Weltenraum, von den Sonnenstrahlen in einer gewissen 
Weise verbrannt, so daB es nur dem Menschen selber schadet, aber 
nicht im Kosmos Schaden anrichtet. Wenn aber eine Sonnenfinsternis 
ist, dann ist die Gelegenheit dazu vorhanden, daB die Schlechtigkeit 
der Erde in alien Weltenhimmeln sich verbreitet. Da haben wir ein 
physisches Ereignis, das durchaus einen geistigen Inhalt hat. 

Und wiederum, wenn Mondenfinsternis ist - nun ja, das moderne 
BewuBtsein sagt : Da steht die Erde zwischen Sonne und Mond, des- 
halb sieht man den Schatten der Erde auf dem Monde. - Das ist eine 
physische Erklarung. Aber wiederum wuBte der alte Initiierte, daB 
da ein Geistiges zugrunde Hegt, daB, indem der Mond verfinstert ist, 
die Gedanken durch die Dunkelheit hinunterstromen, daB sie also eine 
innigere Beziehung zu dem UnterbewuBten des Menschen haben als 
zu dem BewuBten. Und die alten Eingeweihten sagten oftmals im 
Gleichnisse zu ihren Schiilern - ich iibersetze es in die moderne 



Sprache: Die schwarmerischen Menschen gehen bei Vollmond- 
schein spazieren; diejenigen Menschen aber, welche die Teufels- 
gedanken aufnehmen wollen aus dem Weltenall, nicht die guten 
Gedanken, die gehen bei Mondenfinsternis spazieren. 

Da haben wir wiederum das Herankommen an ein Geistiges bei 
einem physischen Ereignis. Wir konnen nicht in der alten Form diese 
Dinge aufnehmen, das wiirde zum Aberglauben fiihren. Aber wir 
rmissen wiederum dahin kommen, in einzelnen wichtigen Weltenereig- 
nissen auch das Geistige sehen zu konnen. Denn in der Tat ist es so, 
daB wenn in jedem Jahre sich Sonnen- und Mondenfinsternisse wieder- 
holen, diese gewissermaBen, ich mochte sagen, «entgegengesetzte 
Ventile» sind. Ventile werden ja angebracht, damit kein Schaden ent- 
steht, damit sie sich offhen zur rechten Zeit, zum Beispiel den Dampf 
auslassen. Diese Ventile, die in den Welterscheinungen als Sonnen- und 
Mondenfinsternisse auftreten, sind gerade dazu da, damit dasjenige, 
was, wenn es sich um eine Sonnenfinsternis handelt, als Schlechtigkeit 
auf der Erde sich verbreitet, in luziferischer Weise in den Weltenraum 
hinausgetragen werden kann und dort weiteres Unheil anrichtet, 
wahrend die Mondenfinsternisse dazu eingerichtet sind, daB zu den- 
jenigen Menschen, die ganz besonders von bosen Gedanken besessen 
werden wollen, die bosen Gedanken des Weltenalls kommen konnen. 
Mit vollem Wissen wird ja so etwas nicht mitgemacht, aber die Sachen 
sind real, wirklich ebenso real, wie die Anziehung eines Magneten 
auf gewisse Eisenteilchen ist. Das sind Krafte, die im Weltenall wir- 
ken, geradeso wie diejenigen, die wir heute studieren in der Klinik 
oder im chemischen oder physikalischen Laboratormm. 

Und nicht eher wird die Menschheit aus ihren Niedergangskraften 
herauskommen, als bis sie wiederum ein Herz und einen Sinn fassen 
kann fur ein solches geistiges Wirken. Dann werden der Menschheit 
auch wiederum erbluhen reale Vorstellungen uber Geburt und Tod. 
Und diese realen Vorstellungen uber Geburt und Tod, die braucht 
die heutige, stark in die Verjfinsterung eingetauchte Menschheit. Man 
wird wiederum lernen miissen, was eigentlich die Sonne bedeutet, 
indem sie ihr Licht uns entgegensendet; denn wenn die Sonne ihr 
Licht uns entgegensendet, macht sie gewissermaBen den Raum um uns 



herum frei fur die Wege der Seelen, die von den Gestorbenen in den 
weiten Weltenraum hinausdringen miissen. 

Wenn die Sonne auf die Erde ihr Licht sendet, sendet die Erde ihre 
Seelen in die Weltenweiten hinaus. Sie strahlen hinaus, indem die 
Menschen sterben, strahlen in die Weiten. Und in den Weiten machen 
sie Veranderungen durch. Und sie kommen wiederum zuriick zu den 
Menschen, vom Mond her, geistig gestaltet, ergreifen wiederum einen 
physischen Leib, der ihnen in der physischen Vererbungsstromung 
zukommt. Und nicht eher werden wir wiederum in ein richtiges Ver- 
haltnis zum Weltenall kommen, als bis wir solche Dinge ganz real 
empfinden konnen. 

Wir lernen heute Astronomie, Spektralanalyse und so weiter. Wir 
lernen, wie die Sonnenstrahlen hereindringen auf die Erde und glau- 
ben, damit fertig zu sein. Wir lernen, wie die Sonnenstrahlen auf den 
Mond fallen, wiederum zur Erde zuriickgestrahlt werden, und sehen 
uns in dieser Weise physisch den Schein des Mondes an. Das be- 
schaftigt unseren Verstand. Aber Verstandeswissen bedeutet nicht 
viel. Verstandeswissen sondert den Menschen heraus aus dem Welten- 
all, macht ihn nicht lebendig, innerlich-seelisch nicht lebendig. See- 
lisch-innerlich lebendig kann er erst wiederum werden, wenn er ein 
wirkliches, auch geistseelisches Verhaltnis zum Weltenall gewinnt. Das 
kann er nur gewinnen, wenn er sich zum Beispiel wieder sagen kann: 
Ein Mensch ist gestorben, seine Seele strahlt entgegen der Sonne, und 
entgegen dem Wege der Sonnenstrahlen stromt sie hinaus in das Wel- 
tenall, bis sie ankommt dort, wo der Raum zu Ende ist, wo die drei 
Dimensionen aufhoren, drei Dimensionen zu sein, wo sie ubergehen 
in die Ebene. Da geschehen auBer dem Raume und auBer der Zeit 
Vorgange. Dann kommt nach einiger Zeit von der entgegengesetzten 
Seite, von derjenigen Richtung, in der das Mondenlicht zu uns dringt, 
die Seele wiederum zuriick, vereinigt sich mit einem physischen Men- 
schenleibe und kommt wiederum auf die Erde. 

Wenn der Mensch wiederum lernt, zu sagen: O Sonne, deinem 
Strahl entgegen gehen die Seelen der Toten; o Mondenschein, mit 
deinem Wogen Ziehen die jungen Seelen ins Erdenleben herein -, wenn 
die Menschen wiederum lernen, die Naturerscheinungen in dieser 



Weise konkret durchsetzt mit Geistigem zu empfinden, dann wird 
wiederum ein Wissen da sein auf der Erde, das zu gleicher Zeit Reli- 
gion ist, dann wird wieder eine Erkenntnis da sein, die zu gleicher 
Zeit Frommigkeit ist. Denn dasjenige Wissen, das sich nur iiber das 
Stofflich-Materielle ergeht, das kann riimmermehr zur Religion wer- 
den. Und diejenige Religion, die nur aus einem Glauben, aus keiner 
Erkenntnis quillt, kann niemals harmonisch sich mit demjenigen ver- 
einigen, was der Mensch aus dem Weltenall heraus erschaut. Die 
Menschen sprechen heute die alten Gebete nach, und wenn man sagt, in 
den alten Gebeten ist ein tiefes Geistiges, wie ich es geschildert habe 
zum Beispiel in dem kleinen Buchelchen iiber das Vaterunser, dann 
kommen die heutigen sehr gescheiten Menschen und sagen: Das alles 
ist hineingetraumt, das alles ist Phantasie. - Es ist nicht Phantasie ! Es 
ist aus der Erkenntnis heraus gesagt, daB eben diejenigen Gebete, die 
von alters her in der Tradition an die Menschen herangebracht wor- 
den sind, aus tiefen Erkenntnissen der Weltenzusammenhange heraus 
gefaJBt sind. Aber wir miissen wiederum aus unserer eigenen Erkennt- 
nis heraus zu demjenigen kommen, was uns in ein religionsartiges 
Verhaltnis zu alien einzelnen Erscheinungen des Weltenalls kommen 
laBt. Wir miissen wiederum sagen konnen: O Sonne, du scheinst mir 
das Licht entgegen; auf den Wegen aber, die das Licht sich bahnt 
von dir, o Sonne, zu mir auf der Erde, auf diesen Wegen, nur in 
entgegengesetzter Richtung, stromen die menschlichen Seelen, wenn 
die Menschen gestorben sind, in die Weltenweiten hinaus! O Mon- 
denlicht, du strahlst milde vom Himmel herunter zur Erde; aber auf 
den Wellen deines milden Lichtes kommen die Seelen herein aus den 
Weltenweiten, indem sie zum irdischen Dasein schreiten. 

Auf diese Weise finden wir wiederum den Zusammenhang desjeni- 
gen, was in der Welt drauBen scheint und strahlt, mit demjenigen, was 
in der Menschheit selber lebt und wirkt. Und wir werden nicht mehr 
bloB gedankenlos sagen: Da drauBen ist das physische Weltenall mit 
seinen StofFen, und man weiB nicht, was die Menschenseele machen 
soil, wenn sie sich vom Leibe trennt in diesem bloB stofflichen Wel- 
tenall; sondern man wird wissen, daB, indem der Sonnenstrahl ge- 
wissermaBen durch den Raum sich bohrt, er entgegenarbeitet der 



menschlichen Willensstrahlung, die dort ihre Wege flndet, wo das 
Licht sie ihr zubereitet hat. Und wiederum wird man erkennen, daB 
das milde Mondenlicht nicht umsonst seine wellenartigen ErgieBun- 
gen iiber die Welt sendet, sondern daB in diesen Mondenwellen des 
scheinenden milden Lichtes Geistiges durch den Raum hindurch wallt 
und stromt. Wenn das einmal so angesehen werden wird, dann wird 
einem aber auch nicht gleichgultig sein, was man erfahren kann, 
wenn man etwa auf die Pflanze und ihr Verhalten hinschaut des Mor- 
gens, wenn noch das junge Morgensonnenlicht diese Pflanze bestrahlt. 
Da verhalt sich die Pflanze in einer ganz bestimmten Weise, da drin- 
gen ihre Safte, die durch die feinen GefaBe von unten nach oben 
stromen, in das Bliitenhafte oder in das Blatterhafte hinauf . Da machen 
die Strahlen der Sonne, die zur Pflanze herunterkommen, den Willens- 
kraften der Erde Platz. Und nicht nur stromen da die Safte, wie unsere 
heutigen Physiker es schildern, durch die Pflanzen, sondern es stromen 
die Willenskrafte, die in den Tiefen der Erde sitzen, durch die Pflanze 
hindurch von der Wurzel nach der Bliite hin. Und des Abends, wenn 
sich die Blatter einrollen und schlieBen, wenn die Sonnenstrahlen keine 
Wege mehr den Willensstrdmungen, die von der Erde herauf kommen, 
bereiten, dann wird die Pflanze innerlich untatig, dann wird ihr Leben 
stillgelegt. Aber sie ist auch ausgesetzt dem milden Mondenlichte. 
Dieses milde Mondenlicht hat nicht nur EinfluB auf die Liebenden, 
sondern auch auf die stillgelegte Pflanze; denn in der stillgelegten 
Pflanze wirkt dasjenige, was da mit dem Mondenlichte als Welt- 
gedanke hinunterstromt auf die Pflanze. 

Und so lernt man die Pflanze anschauen als ein Ineinander-Verwo- 
bensein von Erdenwillen und Weltengedanken. Man schaut jede ein- 
zelne Pflanzenform an, inwiefern sie zusammengewoben ist aus Wel- 
tengedanken und Erdenwillen. Und lernt man erkennen, wie aus dem 
Geiste heraus die Heilkrafte quillen in Weltengedanken und Erden- 
willen, dann gehen einem die heilenden Krafte der Pflanze auf, und 
man lernt die Pflanze als Heilkraut erkennen. Aber man lernt die 
Pflanze als Heilkraut eben nur aus einer intimen Erkenntnis des Kos- 
mos heraus erkennen. 

Das ist etwas, was wir uns wiederum erringen miissen. Und wir 



miissen uns noch mehr erringen : Wenn wir den menschlichen Kopf 
ansehen - er ist der Erde selber nachgebildet. Er bildet sich auch zuerst 
im menschlichen Embryo. Er ist der Erde nachgebildet, das andere 
wird gewissermaBen angesetzt. Wenn der menschliche Kopf durch- 
strahlt wird von dem Lichte - und er wird ja durchstrahlt von dem Son- 
nenlichte-, dann wird dasjenige, was im menschlichenKopf dem Erden- 
willen ahnlich ist, besonders lebendig hinausgestrahlt in das Weltenall. 

Betrachten wir nun etwa eine Pflanzenwurzel, die besonders intensiv 
den Erdenwillen enthalt, dann konnen wir wissen, daB diese Wurzel 
ja fortwahrend dem Sonnenstrahl entzogen ist, da6 diese Wurzel 
der Pflanze besonders lebendig dem Mondenlichte ausgesetzt ist, das 
tatsachlich, so schwach es nur herabstrahlt auf die Erde, dennoch die 
Erde durchdringt und bis zu den Wurzeln der Pflanze geht. Bringen 
wir dann das Lichthafte an die Pflanze heran, indem wir die Wurzeln 
verbrennen, die Wurzelasche suchen und aus der Wurzelasche ein 
Pulver bereiten, dann konnen wir durch die kosmischen Vorgange 
erkennen, wie das Pulver aus dieser oder jener Pflanzenwurzel auf das 
menschliche Haupt, das in seinen Willenskraften ahnlich ist den Wil- 
lenskraften der Erde, wirken kann. Es handelt sich darum, daB man 
iiberall, handle es sich um das kleinste Stoflteilchen oder die groBte 
Stoflmasse, den Zusammenhang dieses StofFes mit dem Geistigen er- 
griinden kann. Dann wird man konnen, was man heute nur in der 
Mathematik kann: Man wird dasjenige, was man zuerst rein geistig 
erfaBt, auf die ganze Natur anwenden konnen. 

Heute ist man ja nicht weiter, als daB man weiB: ein Wiirfel 
besteht aus sechs Quadraten. Das kann man sich ausdenken, das ist 
ein Gedankengebilde. Geht man zum Salz, zum gewohnlichen Koch- 
salz, so zeigt einem das in der Natur diesen Wiirfel. Da fallt dasjenige, 
was man denkt, das Geistige, zusammen mit demjenigen, was mate- 
riell drauBen ist. Aber ich frage Sie: Was wissen heute die Menschen 
davon, wieviel in einer Pflanzenwurzel von geistigen Willenskraften, 
von Weltengedankenkraften, von Erdengedankenkraften, von Wil- 
lenskraften ist? Und dennoch, es ist derselbe Vorgang, den wir heute 
nur in allerauBerster Abstraktheit vollziehen, wenn wir ausdenken den 
Wiirfel und ihn wiederfinden beim Chlornatrium, beim Kochsalz. 



Dasjenige, was wir heute nur mit der Mathematik machen, das 
mussen wir mit alledem machen, wozu die Menschenseele kommen 
kann. Mit der Mathematik laBt sich nicht fur viele Menschen eine 
fromme Stimmung erzeugen. Fur so sinnige Menschen wie fur Nova- 
lis war selbst aus der Mathematik, die er als ein groBes, wunder- 
schones Gedicht empfand, fromme Stimmung herauszuholen. Das ist 
aber nicht fiir viele Menschen so. Im allgemeinen lernt man wenig 
Menschen kennen, die fromm werden, indem sie mathematisieren. 
Aber wenn man weitergeht, wenn man sich das andere Geistige her- 
ausholt aus dem Menschen und es hinaustragt in die Welt - wo es 
aber schon ist, man erkennt es nur wieder -, dann wird schon Wis- 
senschaft in religiose Stimmung iibergefuhrt, dann wird wirklich die 
Harmonisierung von Religion und Wissenschaft erzeugt. Das, meine 
Heben Freunde, wollte ich heute zu. Ihren Herzen sprechen. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 30. Juni 1922 



Mit ein paar Worten darf ich noch einmal hinweisen auf die Ausfiih- 
rungen, die ich am letzten Sonntag hier gemacht habe. Sie beriihrten 
das Verhaltnis des Menschen zur Welt insofern, als darauf aufmerk- 
sam gemacht wurde, wie dasjenige, was menschliche Willensentfaltung 
ist, seinen Weg hinausfindet in die Weiten der Welt, entgegen der 
Lichtrichtung, die von der Sonne aus zur Erde stromt. So daB man 
sagen kann, daB dem Lichte entgegen von der Erdenmenschheit etwas 
in den Weltenraum hinausstromt, das Willensentfaltung ist. Dagegen 
kommt gewissermaBen mit den Wellen des Mondenlichtes herein auf 
die Erde dasjenige, was Gedankenhaftes ist. Wir konnten dann des 
weiteren dazu ubergehen, zu zeigen, wie dasjenige, was vom Men- 
schen mit der Auf Idsung des physischen Leibes sich verbreitert, einen 
willensartigen Charakter tragt, und eben dem Lichte entgegen hinaus 
in das Weltenall stromt, und wie dann der Mensch wiederum zuriick- 
kommt zum irdischen Dasein auf den Stromen des Gedankenelemen- 
tes mit den Lichtlinien und iiberhaupt mit alledem, was vom Monde 
ausgeht. 

Nun muB naturlich sowohl fur diese Anschauung beziiglich des 
Willenselementes und des Lichtelementes, des Gedankenelementes 
und des Mondenscheinelementes, wie auch fur die Ausfiihrungen, die 
ich heute weiter in diesem Stile machen mochte, ins Auge gefaBt 
werden, daB wenn man iiber diese Dinge spricht und sich gewisser- 
maBen des Weltengebaudes als einer Veranschaulichung bedient, da- 
mit eben nur eine Veranschaulichung gemeint ist. Denn man sollte 
nicht denken, daB in alledem, was da ausgefiihrt wird, unmittelbar 
die physische Sonne und der physische Mond etwas anderes zu tun 
haben, als daB sie gewissermaBen Zeichen fiir das sind, was geistig 
geschieht. Das wirkliche Verhaltnis kann etwa in der folgenden Weise 
dargestellt werden. 

Ich mochte diese Darstellung geschichtlich formulieren. Man 
konnte sie auch anders formulieren. Ich mochte Ihnen verstandlich 



machen, was eigentlich mit solchen Ausfuhrungen, wie ich sie jetzt 
mache, im genaueren gemeint ist. Sie wissen ja, daB das sich mehr 
an das . Materielle haltende Denken den Ursprung unseres Welten- 
systems in einer Art Urnebel sieht, das heiBt, man kommt mit dem 
rein an das Materielle gebundenen Denken dazu, sich vorzustellen, 
daB unser Kosmos, so wie wir ihn iiberschauen, daB unser Sonnen- 
system hervorgegangen ist aus einer Art Urnebel (weiB), der sich 
dann geballt und zusammengezogen hat zu demjenigen, was eben das 
Sonnensystem darstellt. 




Nun ist es Ihnen ja wohl von vorneherein klar, nach allem, was Sie 
auf dem Boden der Anthroposophie gehort haben, daB dies nicht eine 
restlose Darstellung des Vorganges sein kann. Wie sehr man diese 
materielle Ausdeutung des Weltgeschehens auch modifiziert, sie mit 
Kraften durchsetzt und dergleichen: dasjenige, was wirklich ist, kann 
damit nicht erschopft sein, aus dem Grunde nicht, weil ja aus allem, 
was so ein Kant-Laplacescher oder ein anderer Urnebel enthalt, und 
was er nach den Gesetzen der Gas- oder Luftmechanik aus sich her- 
aus entwickeln kann, niemals dasjenige sich bilden konnte, was auf 



der Erde als Tier- und Menschenseelen, ja nicht einmal was als Pflan- 
zen-Wachstumskrafte lebt. Wit haben es, wenn wir eine solche Aus- 
deutung vollziehen, eben zu tun mit einer Abstraktion, wenn diese 
Abstraktion auch eine materialistische Abstraktion ist. Es mu6 klar sein, 
daB dem, was da von dem materialistischen Denken als Urnebelmasse 
gedachtist, schon innewohnt einGeistiges (s. Zeichnung S. 49 links, rot), 
und daB diese Urnebelmasse nur der auBere materielle Ausdruck eines 
Geistigen ist. Also es muB, wenn die Vorstellung eine vollstandige ist, 
darinnen das Weben und Wesen von Geistigem gedacht werden. So 
daB wir, wenn wir auf diesen Kant-Laplaceschen Urnebel hinschauen, 
ihn erganzen miissen dadurch, daB wk ihn als den Leib ansehen eines 
Geistig-Seelischen, eines Geistig-Seelischen allerdings, das nicht jene 
Einheitsnatur ist, wie der Mensch sie hat, sondern das mannigfaltig, 
vielgestaltig ist, aber das eben doch ein Geistig-Seelisches ist. 

Die bloB materialistische Denkbetrachtung, die bloB materialistische 
Hypothesenbildung kommt ja nicht weiter zuriick als zu diesem Ur- 
nebel. Nun stellen wir uns einmal vor, nicht wir, sondern andere We- 
sen, Wesen der Zukunft wiirden sich einmal aus einem solchen mate- 
rialistischen Denken heraus Vorstellungen machen iiber die Entste- 
hung des Weltensystems, in welchem sie sind oder sein werden. Es 
hangt gar nichts davon ab, ob das, was ich jetzt darstelle, eine Wirk- 
lichkeit darstellt, es soil nur zur Verdeutlichung eines Gedankens 
dienen. Wir nehmen also an, es wiirde Wesen in einer fernen Zukunft 
geben, die einen solchen Kant-Laplaceschen Urnebel an dem Aus- 
gangspunkt der Weltenentstehung sehen. Wohin wiirde er in dem 
Zeitenlaufe fallen? Es muBte doch, wenn solche Zukunfts wesen zu- 
ruckschauen, angenommen werden, damit der Gedanke richtig ver- 
deutlicht werden kann, unsere Erde, das heiBt unser Sonnensystem, 
ware langst zugrunde gegangen, der Raum ware gewissermaBen frei 
geworden, und in diesem frei gewordenen Raume wiirde dann ange- 
nommen werden miissen das Kant-Laplacesche Urnebelsystem einer 
zukiinftigen Welt. Denn solange unser Sonnensystem da ist, konnte ja 
in ihrem Raum dieser Kant-Laplacesche Urnebel selbstverstandlich 
nicht angenommen werden. Ich will das Beispiel so gestalten, daB die 
Wesen, die dann eine solche materialistische Zukunftstheorie ausbil- 



den, ihren Kant-Laplaceschen Urnebel an die Stelle unseres Welten- 
systems hinsetzen. Nach dem, was wir eben gesagt haben, miiBte aber 
audi in diesem Kant-Laplaceschen Zukunftsnebel Geistig-Seelisches 
enthalten sein. Er miiBte nur die korperliche Ausgestaltung eines 
kosmischen Geistig-Seelischen sein. Woher wiirde dieses Geistig-See- 
lische kommen? Was wiirde es mit diesem Geistig-Seelischen fur eine 
Bewandtnis haben? Ich will schematisch zeichnen. 

Das hier (siehe Zeichnung links) ware das Geistig-Seelisch-Physi- 
sche unseres Kant-Laplaceschen Urnebels; und da ware in einem 
Zukunftsmomente der Kant-Laplacesche Urnebel jener Zukunfts- 
wesen, von denen ich eben gesprochen habe (rechts). In diesem Kant- 
Laplaceschen Urnebel miiBte nun auch wiederum ein Geistig-Seeli- 
sches enthalten sein (rot). Woher wiirde denn das kommen? Nun, 
wenn dieser Kant-Laplacesche Urnebel (rechts) gewissermaBen an der 
Stelle ware, wo unser Sonnensystem gestanden hat, dann wiirde er 
sich gebildet haben; er wiirde ein kosmisches Geistig-Seelisches 
umkleidet haben. Aber dieses kosmische Geistig-Seelische ware das- 
jenige, was iibriggeblieben ist von dem Sonnensystem, in dem wir 
gelebt haben. Wir wiirden also unser Sonnensystem, wie wir es jetzt 
haben, zu Ende leben. Das wiirde zerstauben im Weltenraum. Obrlg- 
bleiben wiirde das Geistig-Seelische, und das wiirde sich verkorpern 




in einem neuen Kant-Laplaceschen Urnebel. Mit anderen Worten : Was 
ich hier geschildert habe (Zeichnung S. 49 rechts), wiirde die Jupiter- 
entwickelung darstellen. Aber innerhalb dieser Jupiterentwickelung 
wiirde sich als Geistig-Seelisch.es dasjenige finden, was bereitet wor- 
den ist wahrend des Erdendaseins der Menschheit. Und ebenso muB 
man eigentlich von dem Kant-Laplaceschen Urnebel der Erde wie- 
derum weiter zuriickgehen zu dem Geistig-Seelischen, das er enthalt. 
Und das ist von den Wesenheiten des Mondendaseins bereitet worden. 

Wenn Sie also hinausschauen, das gegenwartige Sonnensystem an- 
schauen, so ist das gewissermaBen die auBere Korperlichkeit des- 
jenigen, was vom Mondendasein verschwunden ist oder sich vom 
Mondendasein verwandelt hat zu dem Erdendasein. Und wiederum, 
was wir heute hinaussenden in unseren Weltenraum, das bereitet das 
Jupiterdasein vor. Wir haben also, indem wir das auBere Sonnen- 
system anschauen, eigentlich immer etwas, was das Werk einer fruhe- 
ren Daseinsstufe ist. 

Rede ich also von dem Licht, das zu uns stromt von der physi- 
schen Sonne, so rede ich von etwas, was aus der Vergangenheit her- 
uberkommt. Und rede ich von den Willensstromungen, die diesem 
Lichte entgegenstromen, dann rede ich von etwas, was Zukunft be- 
reitet. So daB also gewissermaBen das Uhrwerk, das kosmische - ich 
nenne es so, um eine Art Ausdrucksform zu haben fiir das, was gei- 
stig geschieht -, vom Monde bereitet worden ist, und dasjenige, was 
ich als Geistiges schildere, das ist schon die Grundlage fiir das, was 
sich zum Jupiterdasein hiniiberlebt. Sie diirfen also nicht sagen, daB 
die heutige Sonne, so wie wir sie mit den Augen drauBen im Welten- 
raum sehen, den menschlichen Willen anzieht. Diese physische Sonne 
ist eben nur das Symbolum fur jenes Sonnenhafte, dem der mensch- 
liche Wille zustromt. Und ebenso ist der physische Mond nur das 
physische Zeichen fur das Mondenhafte, das in Gedankenstromungen 
sich fortwahrend in das Erdendasein hereinergieBt. 

Diese Gedanken miissen Sie schon haben, wenn Sie in der richtigen 
Weise verstehen wollen, was es bedeutet, wenn ich nun auch in den 
folgenden Ausfiihrungen von kosmischen Zusammenhangen sprechen 
werde, die als Bilder wiedergeben, was als Geistiges sich abspielt durch 



die Erdenmenschheit. Und da muB zu dem schon das letzte Mai Aus- 
gefuhrten noch das Folgende hinzugefugt werden. Wenn wir unser ge- 
samtes Sonnensystem nehmen, so haben wir, von der Erde aus be- 
trachtet, die Sonne, wir haben als auBere Planeten Mars, Jupiter, 
Saturn und so weiter - die anderen sind von geringer Bedeutung -, und 
wir haben naher zur Erde als zur Sonne Mond, Venus, Merkur (siehe 
Zeichnung). Nun halten wir uns einmal an das, was ich gesagt habe, 
daB von der Menschheit der Erde nach dem Weltenraum hinaus das 
willenhafte Element der Sonne zustromt, und daB auch die Seele nach 
der Auflosung des Leibes (rot) durch dieses Willenselement sich in 
den Kosmos hinausbewegt. Da trifft gewissermaBen unser willenhaf- 
tes Element zuerst auf das Sonnendasein, auf die Sonnensphare. 




Sie wissen nun, dasjenige, was auf diese Weise als eine Tatsache 
hingestellt werden muB, es ist ja gefunden worden, wie ich Ihnen 
das letzte Mai ausgefuhrt habe, durch die Erfahrungen der alten 
Eingeweihten. Die haben ihre Ratselfragen den Willensstromungen 



iibergeben, der Sonne entgegengeschickt, und haben dann die Antwor- 
ten vom Monde wiederum in Gedankenformzuruckbekommen(blau), 
so daB einfach das, was ich hier darstelle, in dieser Form, wie ich es 
Ihnen eben jet2t gesagt habe, als Tatsache vorhanden ist. Und wir 
miissen wiederum, wenn wir das Weitere einsehen wollen, auf die 
Erfahrungen der alten Mysterien zuriickgehen. 

Nehmen Sie noch einmal diese Tatsache: Der Initiierte der alten 
Mysterien sendet seine Ratselfragen hinaus. Er iibergibt sie jener Stro- 
mung, die den Sonnenstrahlen entgegengeht, wartet, und bekommt 
nach einiger Zeit vom Monde her seine Antworten. Er redet in dieser 
Beziehung mit dem Kosmos. 

Nun hat aber der alte Initiierte durch diesen Vorgang nur ganz 
bestimmte Antworten erhalten, und das waren die Antworten, die sich 
bezogen auf den Bau des Weltenalls als solchen. Also, was in der 
alten primitiveren Wissenschaft, die aber eine hohe Weisheit, wenn 
auch eine traumerische, war, enthalten war, das wurde auf eine solche 
Weise zustande gebracht, daB man den Sonnenstrahlen in entgegen- 
gesetzter Richtung die Fragen iibergab und dann die Antworten emp- 
fing. Da empflng man die Antworten auf jene Fragen, die den Bau 
des Weltenalls, die die Krafte betrafen, die im Weltenall wirken und 
so weiter. Kurz, man bekam alles das, was sich auf physikalische An- 
schauung, auf astronomische Anschauung, auf die Spharenmusik und 
so weiter bezog, und was innerhalb dieser Gebiete verzeichnet wurde 
in den alten Wissenschaften. 

Nun aber sandten diese alten Initiierten auch andere Fragen in das 
Weltenall hinaus. Sie kannten zum Beispiel auch die Kunst, hinaus- 
zusenden Fragen bis zum Mars, bis zur Marssphare (siehe Zeichnung 
Seite 51). Sie iibergaben in der Zeit, wo der Mars am Himmel stand, 
den Strahlungen in entgegengesetzter Richtung ihre Fragen. Nun 
erwarteten sie die Antworten nicht vom Monde, sondern wenn 
sie zum Mars ihre Fragen schickten, dann erwarteten sie die Ant- 
worten, wenn die Venus in der Weise stand, daB sie gewisser- 
maBen den Mars anschaute; aber das Wichtige ist: Sie erwarteten 
die Antworten auf die Fragen, die sie zum Mars hinaufschickten, von 
der Venus. Und weiter, die Fragen, die sie hinaufschickten zum Jupi- 



ter, die erwarteten sie vom Merkur beantwortet. Die Fragen, die sie 
zum Saturn schickten, die schickten sie gewissermaBen ganz in die 
Weiten des Weltenalls hinaus, und fiir diese erwarteten sie die Ant- 
worten nur vom Fixsternhimmel oder von dem, was ihnen in jenen 
alten Zeiten der Reprasentant des Fixsternhimmels war, vom Tier- 
kreis selber. 

Aber was war denn in jenen Fragen enthalten, welche die alten 
InitHerten in dieser Weise in das Weltenall hinaussandten und wofiir 
sie dann die Antworten erwarteten? Das waren jetzt nicht die ab- 
strakt-wissenschaftlichen Wahrheiten, welche vom Bau des Weltenalls 
handelten, wie ich Ihnen das eben angedeutet habe, sondern es waren 
diejenigen Fragen, welche diese alten Initiierten direkt an gottlich- 
geistige Wesenheiten richten wollten. 

So richteten sie an den Mars die Fragen, die sie an die Engelwesen 
zu stellen hatten, und erwarteten die Antworten von der Venus aus. So 
richteten sie an den Jupiter die Fragen an die Erzengelwesen und 
erwarteten die Antworten vom Merkur aus ; und so richteten sie an den 
Saturn die Fragen, die gewonnen werden sollten von den Urkraften, 
von den Archai, und erwarteten von dem Tierkreise die Antworten. 

Also wahrend gewissermaBen mit dem Kosmos unmittelbar in einer 
mehr abstrakten Form, ich mochte sagen in einer unpersonlichen 
Form gesprochen wurde, wurde diejenige Sprache, die ich eben jetzt 
charakterisiere, in der Weise gefuhrt, daB man dabei das BewuBtsein 
haben konnte: Man redet mit wirklichen geistig-gottlichen Wesen- 
heiten und man bekommt deren individuelle Aussagen. Also von dem 
Chor der Engel, von dem Chor der Erzengel, von dem Chor der 
Archai bekam man gewissermaBen die WillensentschlieBungen auf 
diese Weise. Dasjenige, was man abwickelte als einen Diskurs zwi- 
schen Sonne, Mond und dem Initiierten, das war auf das AuBere des 
Kosmos gerichtet. Was man mit den anderen Planeten abmachte und 
mit dem Tierkreis, das war auf die geistigen Bewohner des Kosmos 
gerichtet. 

Man weiB also, daB es Tatsache ist, daB eine Wechselwirkung des 
Menschen mit dem Kosmos, und zwar nicht nur mit seinem auBeren 
Bau, sondern auch mit den Bewohnern des Kosmos fortwahrend vor- 



handen ist. Die alten Eingeweihten wuBten, daB wenn sie zum Bei- 
spiel zum Mars hinaus ihre Krafte richteten, es dann nicht etwa ge- 
niigte, daB sie bloBe Ratselgedanken-Fragen hegten und sie binaus- 
sandten in das Weltenall. Solche Ratselgedanken-Fragen gingen nur 
bis zur Sonne, und fur solche Ratselgedanken-Fragen kamen auch nur 
von dem Monde Antworten zuriick. Wollten die alten Eingeweihten 
nach dem Mars Fragen richten, so konnten sie das nicht mit dem 
bloBen Denken machen, sondern das muBten sie so machen, daB sie 
in einer bestimmten Weise Formeln bildeten, Rezitative, Mantren bil- 
deten, die auch wirklich ausgesprochen werden konnten. Die wurden 
dann hinausgesandt, und die bildeten dasjenige, was die Marskrafte so 
in Bewegung setzte, daB die Antworten wiederum fur eine Art inneren 
Horens von der Venus aus zuruckkamen. Wollte man den Jupiter 
fragen, so geniigte auch das nicht mehr, sondern da muBten gewisse 
kultische Opferhandlungen vollzogen werden von einer ganz be- 
stimmten Form. Und was da als die, sagen wir, Weltgedanken-Form 
von diesen kultischen Opferhandlungen hinausstromte in das Welten- 
all, das kam dann wiederum in gewissen Zeichen, welche die alten 
Eingeweihten zu deuten verstanden, von der Venus zuriick. LieBen 
sie sich von der Venus inspirieren, so konnten sie, wenn zum Jupiter 
hinausgesandt wurde, diese Zeichen deuten; lieBen sie sich vom Mer- 
kur inspirieren, so konnten sie auch da die entsprechenden Zeichen 
deuten. Es waren dies Zeichen von der verschiedensten Art. Man sah 
in ihnen iiberhaupt nichts, wenn man nicht eben gerade merkur- 
inspiriert war. War man merkur-inspiriert, so wuBte man : Wenn das 
oder jenes Ereignis einem begegnet, so ist es diese oder jene Antwort 
auf eine durch eine kultische Handlung gestellte Frage. 

So bekamen Naturereignisse und auch Geschichtsereignisse, die 
sonst fur den Menschen nichts anderes sind als eben Naturvorgange 
und Geschichtsvorgange, einen gewissen Inhalt; sie konnten gewis- 
sermaBen gelesen werden. Was an den Saturn als Frage gestellt wurde, 
das war ganz besonders schwierig, denn das konnte nur durch lang- 
wierige menschliche Handlungen selber als Frage gestellt werden. Das 
wurde in der Regel in den alten Mysterien so gemacht, daB die Myste- 
rienlehrer eine gewisse Mission ihren Schulern gaben, eine Mission, die 



in der Verwendung des Lebens dieser Schiiler zu diesem oder je- 
nem Tatinhalt bestand. Und in dem, was dann oftmals durch viele 
Jahre hindurch solche Schiiler zu verrichten hatten, bestanden die 
Anfragen an das Saturndasein. Und die Antworten kamen dann vom 
Tierkreise zuriick. 

Es war wirklich ein Hineingewobensein in den ganzen Kosmos, 
was sich da abspielte in jenen Gebets-, Meditations-, kultischen Dien- 
sten und anderen Verrichtungen, die durch die alten Mysterien von 
den Eingeweihten und ihren Schulerri gepflegt wurden. Da war auch 
nichts, was nur in kurzer Zeit etwa sich abspielte; sondern da war 
alles dasjenige, was sich im Laufe der Jahre in solchen Mysterien 
abspielte, fortlaufende Erkenntnishandlung oder auch Handlung zur 
Herbeifuhrung der fur das menschliche Handeln richtigen Impulse. 

Durch das Hineinschauen in diese Verhaltnisse bekommt man auch 
eine Anschauung, wie die Krafte, die man in solchem Sinne als 
Sonnen-, Mars-, Jupiter-, Saturn-, Monden-, Venus- und Merkurkrafte 
bezeichnen kann, auf den Menschen wirken, was sie fur den Men- 
schen fur eine Bedeutung haben. Die Sonnenkrafte haben ja fur den 
Menschen die Bedeutung - Sie konnen das entnehmen aus dem, was 
ich bisher ausgefiihrt habe -, daB sie gewissermaBen sein Willens- 
artiges an die Sonne heranziehen, daB sie ihn selbst, wenn er gestor- 
ben ist, in den Weltenraum hinaus und durch den Weltenraum in die 
geistige Welt fuhren. Die Mondenkrafte haben die Eigentiimlichkeit, 
daB sie die Organisation in den Menschen hineinbringen, die das 
Denken, das Sinnen moglich macht; aber sie sind auch diejenigen 
Krafte, die den Menschen wiederum hereintragen, wenn er, aus der 
geistigen Welt ankommend, durch die Athersphare hindurch seinen 
Weg finden muB zur irdischen Verkorperung. 

In einer ahnlichen Weise konnen wir von den anderen Kraften, 
denen wir ihre Namen geben nach den Weltenkorpern, die sie repra- 
sentieren, in bezug auf ihre Wirkung auf den Menschen sprechen. 
Nehmen wir zum Beispiel die Merkurkrafte. Diese Merkurkrafte sind 
ja nicht etwa bloB konzentriert in dem Weltenkorper Merkur. Sie er- 
fullen den ganzen uns zuganglichen Raum, und der physische Mer- 
kurkorper ist bloB die im Mineralischen konzentrierte Ausgestaltung 



desseii, was da als Merkurkrafte vorhanden 1st. Stellen Sie sich vor, 
wir hatten unser ganzes Sonnensystem mit den Merkurkraften ange- 
fullt (gelb). Die gehen durch alle Korper des Sonnensystems dutch, 
natiirlich auch durch uns Menschen, nur da, wo am Himmel der 
Merkur ist, da sind sie physisch-mineralisch konzentriert, so da8 man 
sie da sieht (gelber Punkt). Aber sie sind iiberall. 




Nehmen Sie die Venuskrafte, so sind diese Venuskrafte wiederum 
uberall (rot). Sie sind nur an einer bestimmten Stelle, wo man die 
Venus sieht, minerahsch-physisch konzentriert (roter Punkt). Und so 



ist es mit alien diesen Kraften. Sie sind, wenn man die Wirklichkeit 
nimmt, so, daB man sagen muB : Venus, Merkur, Mats und so weiter 
stecken ineinander, nur ihre mineralischen Konzentrationen sind auf 
verschiedene Orte verteilt. 

Wenn man allmahlich sich eine Anschauung erwirbt davon, wie 
der Merkur antwortet auf den Jupiter, dadurch, da6 man ihn also er- 
kennen lernt, dann gewinnt man auch eine Erkenntnis davon, was 
nun fur den Menschen auch im UnbewuBten diese Merkurkrafte fur 
eine Bedeutung haben. Wk miissen ja, um ein einfaches Beispiel zu 
nehmen, wenn wir gehen wollen, gewisse Krafte haben, durch die 
wir unsere Knochen und Muskeln durchdringen vom Geiste aus. Wir 
miissen da hinein in das Physische; wir miissen in das Feste unseres 
Korpers, in all das, was feste Bestandteile unseres Korpers sind, 
mit unserem Geistig-Seelischen hinein. DaB wir das konnen, das be- 
wirken die Merkurkrafte. 

Wir konnen also sagen : 

Erstens : Die Merkurkrafte haben die Wirkung, daB der Mensch Be- 
sitz ergreifen kann vom Festen seines Korpers. Wir wiirden fort- 
wahrend auBerhalb des Festen unseres Korpers sein, wenn es in der 
Welt keine Merkurkrafte gabe. 

Zweitens: Die Venuskrafte bewirken, daB der Mensch Besitz er- 
greifen kann von dem Fliissigen seines Korpers. Sie wissen ja, daB 
Sie zu neunzig Prozent eine Wassersaule sind. Sie wiirden also fort- 
wahrend auBerhalb dieser Wassersaule herumgehen miissen als Geist, 
Sie konnten nicht Besitz ergreifen von dieser Wassersaule, wenn nicht 
die Venuskrafte in der Welt waren. 

Drittens : Die Mondenkrafte lassen den Menschen Besitz ergreifen 
von seinem luftformigen Inhalt. 

Diese Dinge, die kann man wissen, wenn man Kosmologie studiert. 
Nun kann aber das Studium weitergehen, und solche Studien haben 
die alten Initiierten angestellt, trotzdem sie nur ein primitives Wissen, 
eine Art traumerischen Hellsehens gehabt haben. Sagen wir zum Bei- 
spiel, sie haben aus ihren kosmologischen Studien gefunden: Die 
Venuskrafte bewirken, daB der Mensch Besitz ergreifen kann von alle- 
dem, was in ihm fliissig ist. Nun haben sie probiert; sie haben ge- 



wartet, bis bei irgendeinem Menschen der Fall eingetreten ist, daB 
er schlecht Besitz ergteifen konnte von seinem Flussigen. Dann treten 
bestimmte Krankheiten auf. Eine ganz bestimmte Krankheitsform 
tritt 2um Beispiel dann auf, wenn der Mensch nur fur ein Organ nicht 
richtig Besitz ergreifen kann von seinem Fliissigkeitsmenschen. Nun 
haben diese alten Eingeweihten probiert: Was muB man da fur ein 
Heilmittel verwenden? Wenn der Mensch nicht richtig eingeschaltet 
war in die Venuskrafte, wenn also die Besitzergreifung von dem 
Flussigen im Menschen nicht richtig funktioniert hat, dann sahen sie, 
daB sie Kupfer verwenden muBten als Heilmittel. Indem sie fanden, 
daB das Kupfer so wirkt, daB es das Seelisch-Geistige wieder Besitz 
ergreifen laBt vom Korper, daB es also ganz ahnlich wirkt wie sonst 
die Venuskrafte, fanden sie, daB im metallischen Kupfer dieselben 
Krafte stecken wie in der Venussphare. Dadurch haben sie das Metall 
Kupfer in Zusammenhang gebracht mit der Venus. 

Oder wenn es sich darum gehandelt hat, daB eine Krankheit auf- 
getreten ist, weil der Mensch nicht richtig Besitz ergreifen konnte 
von seinen festen Bestandteilen, dann fanden sie, daB sie Merkur oder 
Quecksilber anwenden muBten. Und so haben sie die Parallelisierung 
der Metalle mit den Planeten gefunden. Heute werden in den gang- 
baren Darstellungen gewohnlich diese Dinge parallelisiert, aber kein 
Mensch fragt sich: Warum entspricht der Venus das Kupfer? - und 
so weiter. Das fuhrt auf vollberechtigte Forschung zuriick. 

Wenn also aus wirklicher Erkenntnis heraus der Mensch von dem 
Kupfer als einem Heilmittel spricht, so hat er diese Erkenntnis aus 
dem Zusammenhange des Menschen mit dem Weltenall. Wenn man 
zum Beispiel davon sprechen soli, ob irgendein Metall, das in einer 
PfLanze vorkommt, nach dieser oder jener Richtung ein Heilmittel ist, 
dann hat man die ganze Beziehung auch dieser Pflanze zum Kosmos 
ins Auge zu fassen. Und aus der Beziehung der Pflanze zum Kosmos 
und wiederum aus der Beziehung des Kosmos zum Menschen ge- 
winnt man dann die Anschauung, wie das Heilmittel wirken kann. 

Man kann ganz gut begreifen, daB heute eine gewisse Abneigung 
vorhanden ist, diese Dinge zuzugeben. Denn heute ist das Bestreben 
vorhanden, auf eine allerdings etwas anfechtbare Art in vier, funf 



Jahren alles zu lernen, was man als Heiler braucht. Weil man aber 
das nicht kann, sondern weil man immer weiterlernen muB und man 
eigentlich nach diesen vier, fiinf Jahren fertig sein will und nicht zu- 
geben will, daB man noch viel mehr lernen muB, deshalb bilden sich 
eben diese Abneigungen gegen etwas, bei dem man kein Ende sieht. 
Aber die Welt hat eben kein Ende, nicht nur extensiv, sondern auch 
intensiv nicht, wie man sich das gewohnlich vorstellt. 

Bei den Marskraften handelt es sich darum, daB sie uns nicht etwa 
Besitz ergreifen lassen, sondern daB sie uns behiiten vor demjenigen, 
was die Ather-Warmekrafte, das Warmeelement in der Welt ist. 

Also viertens die Marskrafte: Sie bewahren uns vor dem Ver- 
flieBen in dem Warmeelemente. Wiirden die Marskrafte nicht in der 
richtigen Weise da sein, so wiirde der Mensch in der Warme aus- 
flieBen. Er wiirde immerfort das Bestreben haben, zu zerflieBen in 
dem Warmeelement. Die Marskrafte halten ihn gegeniiber dem 
Warmeelemente zusammen. Es ist das sogar das Wichtigste im Men- 
schen, denn weil er in sich mehr Warme hat, als in seiner Umgebung 
vorhanden ist, ist er fortwahrend in der Gefahr, im Warmeelemente 
auszuflieBen. Das ist das Allerwichtigste. Daher miissen die Marskrafte 
geradezu im Menschen konzentriert sein. Und das geschieht durch das 
Eisen, das der Mensch im Blute hat. Das Eisen enthalt Krafte, die mit 
den Marskraften gleich sind und die den Menschen zusammenhalten 
gegeniiber dem ZerflieBen in der Warme. 

Die anderen, die Jupiter- und Saturnkrafte, hat er nicht in dieser 
materiellen Weise in sich. Sie sind auch in ihm vorhanden, nur in 
einer anderen Form, nicht unmittelbar nachweisbar. Allein man sollte 
glauben - davon will ich dann morgen reden -, daB gewisse neuere 
Forschungen die Menschen schon gerade mit Bezug auf diese Dinge 
auch aus der auBeren Naturwissenschaft heraus bedenklich machen 
konnten. 

Fiinftens die Jupiterkrafte: Sie bewahren den Menschen vor dem 
VerflieBen in dem Lichtelemente, also in dem Lichtather. Der Mensch 
wiirde eine Lichtwolke werden, die sich immerfort verbreitet, wenn 
nicht die Jupiterkrafte in der entsprechenden Weise da waren. 

Sechstens die Saturnkrafte : Sie bewahren den Menschen davor, in 



dem chemischen Ather zu zerflieBen. Diese Saturnkrafte, die in den 
Menschen hineinwirken, sind wirklich Krafte, die eigentlich in gewis- 
sem Sinne mit dem Innersten der Menschennatur zusammenhangen. 
Man spricht ja eher in iibertragenem Sinne, wenn man zum Beispiel 
von einem sauerlichen oder von einem siiBlichen Menschen spricht. 
Aber die Dinge sind nicht bloB im iibertragenen Sinne so, sondern ob 
irgendein Mensch sauerlich wirkt moralisch-physisch, das hangt schon 
ein biBchen mit seiner chemischen Zusammensetzung zusammen. Und 
an dieser chemischen Zusammensetzung haben die Saturnkrafte ihren 
Anteil. Wie der Saturn in einem Menschen wirkt, davon hangt es ab, 
wie er aus dem Organismus heraus sich auslebt. So da£ in der Tat der 
Melancholiker dadurch Melancholiker ist, daB er ganz besonders sich 
hineinsetzt in seine chemische Zusammensetzung, in all dasjenige, was 
da gekocht wird in der Leber, in der Galle und schon im Magen; 
das Melancholische beruht also auf diesem Sich-Hineinsetzen in die 
chemische Zusammensetzung. Und das wiederum beruht darauf, daB 
die Saturnkrafte bei einem solchen Menschen eben ganz besonders 
stark entwickelt sind. 

Und so konnen wir sagen, daB der Mensch allerdings innerhalb 
seiner Haut konzentriert erscheint, daB aber das eigentlich nur ein 
Schein ist, daB in Wahrheit der Mensch dem ganzen Kosmos ange- 
hort und daB man auch auf die Einzelheiten hinweisen kann, wie der 
Kosmos an der menschlichen Gestaltung seinen Anteil hat. 

Sie sehen, die sonnennahen Planeten haben es mehr zu tun mit 
demjenigen, was im Menschen physische Elemente sind : das Feste, das 
Fliissige, das Luftformige. Die sonnenfernen Planeten, die haben es 
mehr zu tun mit dem, was im Menschen Atherelemente sind. Die 
Sonne selbst trennt beides voneinander. Merkur-, Venus-, Monden- 
krafte bringen den Menschen heran an das Feste, Fhissige und Luft- 
formige. Mars-, Jupiter-, Saturnkrafte bewahren ihn davor, daB er in 
das Warme, in das Lichtvolle, in das Chemisch-Wirksame ausflieBt. Sie 
sehen, es sind polarische Wirkungen. Und zwischenhinein, damit die 
beiden nicht durcheinander wirken, stellt sich das sonnenhafte Ele- 
ment. Wiirden die Marskrafte ohne weiteres wirken konnen - die 
Marskrafte wiirden ja zum Beispiel ohne weiteres auf die Mondenkrafte 



wirken konnen wiirden sich nicht die Sonnenkrafte mitten hinein- 
stellen, so daB da glekhsam eine Scheidewand ist, die sie nicht ein- 
fach zusammenkommen laBt, so wiirden die Marskrafte, die den Men- 
schen im Warmeelement verselbstandigen, ihn wohl bewahren vor 
dem VerflieBen im Warmeelement; aber was sich da verselbstandigte, 
miiBte sogleich von der Luft Besitz ergreifen, und der Mensch wiirde 
ein Luftgespenst werden. DaB das beides getrennt vor sich gehen 
kann, daB der Mensch sowohl von seinem luftformig-organisch Ge- 
stalteten Besitz ergreifen kann, aber auf der anderen Seite auch wie- 
derum im Warmeelement selbstandig leben kann, dazu miissen die 
beiden voneinander getrennt sein. Und da ist das Sonnenhafte da- 
zwischen. 

Auch das war schon den alten Initiierten gut bekannt. Wenn zum 
Beispiel ein Mensch dadurch eine bestimmte Krankheitserscheinung 
hat, daB die Marskrafte zu stark wirken, so daB sie gewissermaBen 
das Sonnenelement durchbrechen und der Mensch dann zu stark in 
seinem luftformigen Elemente lebt, weil er alsdann von dem besser 
Besitz ergreifen kann, dann muB man die beiden trennen. Und dazu 
muB man Aurum verwenden. Damit nicht die Marskrafte und die 
Mondenkrafte ineinander schwimmen, muB man die Sonnenkrafte ver- 
starken. So kam man zu der medizinischen Wirkung des Aurum, was 
den Organismus wiederum harmonisiert, so daB dasjenige, was nicht 
zusammenflieBen darf, auch wirklich nicht zusammenflieBt. 

Aus alledem wird Ihnen durchaus ersichtlich sein, daB Welt- 
erkenntnis nicht ohne Menschenerkenntnis und Menschenerkenntnis 
nicht ohne Welterkenntnis moglich ist, insbesondere auf demjenigen 
Gebiete nicht, wo es sich zum Beispiel um das Anwenden der Wis- 
senschaft in der Heilkunst handelt. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 1. Juli 1922 



Was ich gestern dargestellt habe, gibt gewissermaBen die AuBenseite 
desjenigen, was ich nun heute auseinandersetzen will. 

Ich versuchte gestern zu zeigen, wie der Mensch mit dem Weltenall 
ein Ganzes bildet und wie im einzelnen das, was im Menschen vor- 
handen ist, in der verschiedensten Weise mit Vorgangen, mit Wesen- 
haftigkeiten des Kosmos zusammenhangt. Sie miissen nun, wenn Ihnen 
die heutigen Auseinandersetzungen nicht vollstandig ohne Grund 
und Boden erscheinen sollen, sie mit demjenigen zusammenhalten, 
was am vorigen Sonntag und gestern hier vorgebracht worden ist. 

Man kann den Menschen so betrachten, daB man ihn gewisser- 
maBen von auBen ansieht, entweder dem gewohnlichen Augenschein 
nach, oder, sagen wir, durch Anatomie, Physiologie, was ja auch ein 
Anschauen von auBen ist. Man kann den Menschen aber auch von 
innen anschauen; dann zeigt er sich uns in seinen seelischen Eigen- 
schaften, in seinen geistigen Kraften. Wenn wir jenes Ganze, das der 
Mensch mit der kosmischen Welt zusammen ausmacht, betrachten, so 
konnen wir es ebenfalls von zwei Aspekten aus betrachten, nur wer- 
den sich diese Aspekte umgekehrt verhalten wie die Aspekte beim 
einzelnen Menschen. Beim einzelnen Menschen reden wir von AuBen 
und Innen. Sprechen wir von dem Weltenall und von dem Menschen 
nur als einem Teil im Weltenall, dann muB es ja schon das gewohn- 
liche Gefuhl geben, daB wir den Wortgebrauch umkehren miissen. 
Wir stehen, indem wir zunachst das rein raumliche Weltendasein ins 
Auge fassen, innerhalb dieses Weltendaseins, wir sehen gewissermaBen 
von unserem Gesichtspunkte aus nach auBen. Also wenn wir zunachst 
vom menschlichen Standpunkte aus uber das Weltenall sprechen, 
sprechen wir vom Inneren des Weltenalls. Wir stehen eben an irgend- 
einem Punkte im Inneren. Von diesem Punkte aus bietet uns das 
Weltenall seinen sinnlichen Aspekt. 

Der Mensch bietet uns seinen sinnlichen Aspekt, wenn wir ihn von 
auBen betrachten, er bietet uns seinen geistig-seelischen Aspekt, wenn 



wir ihn von innen betrachten. Das Weltenall bietet uns semen see- 
lisch-geistigen Aspekt, wenn wir es von auBen betrachten. Die Be- 
grifFe, die wir da anwenden miissen, werden schwierig, denn sie sind 
fast vollig ungebrauchlich in der gegenwartigen Sprache. Mit der 
gegenwartigen Sprache ist eben in das geistige Gebiet nicht unmit- 
telbar einzudringen. Die Worte miissen iiberall erst in der entsprechen- 
den Weise gepragt werden. Geistig-Seelisches studieren wollen, indem 
man einfach die Worte mit ihrem gewohnlichen Sinn anwendet, ist 
eine Absurditat. 

Wenn wir uns das, was ich eben zu charakterisieren versuchte, ich 
mochte sagen, schematisch vor die Seele stellen wollen, dann miissen 
wir etwa so sagen: Wenn wir den Menschen haben, sprechen wir von 
seinem AuBeren als von dem, was sich dem Sinnenschein darstellt. 
Wenn wir ihn von innen betrachten, sprechen wir von seinem See- 
lisch-Geistigen. Beim Weltenall, beim Kosmos, miissen wir uns das 
Umgekehrte denken : Wir sind an irgendeinem Punkte im Inneren und 
da bietet sich uns der Sinnenschein dar. Wenn wir die Welt nun 
von auBen ansehen konnen, dann zeigt sich uns das Seelisch-Geistige. 
Es fragt sich natiirlich nur: Kann man die Welt von auBen ansehen? 




Nun, der Mensch wechselt ja, wie wir wissen, zwischen den Zu- 
standen, in denen er innerhalb von Geburt und Tod lebt, und denen, 
die er erlebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und es ist 
tatsachlich der Anblick der Welt, des Weltenalls, des Kosmos von 
auBen gegeben in den Zustanden zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt. Wenn Sie nachlesen in meiner «Theosophie», was ich 
geschildert habe iiber die Verhaltnisse, die der Mensch zwischen dem 
Tode und einer neuen Geburt durchlebt, so werden Sie dort Schilde- 
rungen finden, in denen schon geniigend angedeutet ist, wie der 
Wortgebrauch ein anderer werden muB. 

Nun ist die Welt, in der wir uns zwischen Geburt und Tod be- 
finden, schon mannigfaltig genug. Sie wird aber viel mannigfaltiger, 
viel reicher, wenn wir sie in dem Leben zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt betrachten. Naturlich konnen immer nur, wenn eine 
solche Schilderung gegeben wird, einzelne herausgegriffene Dinge 
dargestellt werden, und ich habe mich ja stets bemuht, zu den Din- 
gen, die anfanglich elementar dargestellt wurden, immer Weiteres und 
Weiteres hinzuzufugen. Heute mochte ich sprechen von dem Geistig- 
Seelischen desjenigen, was ich gestern als das Sinnlich-Physische dar- 
gestellt habe, und was also der Anblick des Kosmos von innen ist. 
Heute mochte ich ihn von auBen darstellen, so wie er sich zeigt, 
wenn man ihn betrachtet von einem seelisch-geistigen Blickpunkte aus, 
der da liegt auf der Erlebnisstrecke zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt. 

DaB eine solche Beobachtung notig ist, das wissen Sie ja aus den 
verschiedenen Auseinandersetzungen, die hier gepflogen worden sind, 
und daB eine gewohnliche logische Auseinandersetzung daruber sich 
ganz und gar nicht mit der Wirklichkeit decken konnte, das wissen 
Sie auch. Es muB also einfach die Anschauung gegeben werden, die 
sich darbietet, wenn diejenigen Mittel angewendet werden, von denen 
in der anthroposophischen Literatur die Rede ist. 

Nun erobert sich ja der Mensch erst nach und nach einen deut- 
lichen Gesichtspunkt auBerhalb des sinnlich-physischen Kosmos. Hat 
er sich diesen Gesichtspunkt erobert, was erst eine Zeitlang nach dem 
Tode der Fall sein kann, dann erst ldsen sich fur ihn diejenigen Fra- 



gen, welche sich innerhalb der Intellektualitat, die wir im Leibe be- 
tatigen, nicht losen lassen. Innerhalb philosophischer Diskussionen 
haben ja immer solche Fragen wie diese eine Rolle gespielt: 1st die 
raumliche Welt, der raumliche Kosmos begrenzt oder unbegrenzt? 
Man kann noch soviel diskutieren - in dieser Beziehung hat Kants 
Vernunftkritik recht -, man wird uber solche Fragen wie das raum- 
liche oder das zeitliche Weltenende niemals mit einer Diskussion zu 
Ende kommen, die bloB innerhalb des physischen Leibes gefiihrt wird. 
Da kann man ebensogut die Begrenztheit wie die Unbegrenztheit der 
Welt beweisen. Die Fragen entscheiden sich erst, wenn tatsachlich der 
Gesichtspunkt verlegt werden kann, wenn man sich gewissermaBen 
die Welt von der anderen Seite zu beschauen vermag, also nicht von 
einem Punkt im Inneren, sondern von auBen herein. In der Tat ist 
man wenigstens in den mittleren Stadien zwischen dem Tode und der 
neuen Geburt jenseits der Grenze des sinnlich-physischen Kosmos. 
Man kann nur sagen: Die Grenze des sinnlich-physischen Kosmos 
liegt eben in der Mitte desjenigen, was man hier vom irdischen Stand- 
punkte aus sieht, und dessen, was man sieht in dem Leben zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt. 

Es ist schon so, daB es auch zur Weisheit gehort, zu wis sen, welche 
Fragen zwar innerhalb des irdischen Daseins aufgeworfen, aber nicht 
innerhalb dieses irdischen Daseins beantwortet werden konnen, weil 
da nur mit den physischen Grundlagen des Leiblichen gedacht wer- 
den kann. Solche Fragen konnen nur beantwortet werden, wenn der 
Mensch auBerhalb dieses physischen Daseins, entweder durch die In- 
itiation oder durch den Tod, den Gesichtspunkt andern kann. 

Nun, wenn man tatsachlich diese Gesichtspunkte verandert, dann 
treten Erfahrungen auf, die man eigentlich zunachst nicht erwartet. 
Steht man hier auf irgendeinem Punkte des Erdendaseins und er- 
blickt man den Kosmos, so ist er ein einziger Kosmos. Er tritt einem 
als einziger Kosmos entgegen. Wir sprechen von unserem Sonnen- 
system als einer einheitlichen kosmischen Welt. Ich will jetzt die Be- 
trachtungen auf unser Sonnensystem beschranken. Wenn man den 
Standpunkt verandert, so kommt von auBen gar nicht irgendein Punkt 
in Betracht; das punktuelle Dasein hort da, nicht fur das innerliche 



Seelenleben, wohl aber fur das auBerliche Raumliche, vollstandig auf, 
der Punkt wird immer mehr zum Kreise. Wenn man da drauBen ist, 
so hort es auf, einen Sinn zu haben, von einer Welt, also zum Bei- 
spiel von einem einzigen Sonnensystem zu sprechen. In dem Augen- 
blicke, wo wir diese Umkehrung des Lebens vollziehen, durch die wir 
imstande sind, im leibfreien Zustande zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt auf die Welt, in der wir hier sind, zuruckzuschauen, 
also ihr Geistig-Seelisches von auBen zu betrachten, in dem Augen- 
blicke hort es auf, einen Sinn zu haben, von einem Sonnensystem zu 
sprechen. Es sind eben unzahlige Sonnensysteme, und zwar so viele 
Sonnensysteme, als Menschenseelen dieErde bevolkern. - Ich schildere 
nur die auBere Erfahrung, ich schildere nur das, was sich der Erfah- 
rung darbietet. Also auch dieses kehrt sich vollig um : Hier haben wir 
das deutliche Gefiihl, wir stehen in einer physisch-sinnlichen Welt. 
In dem Augenblicke, wo wir diese physisch-sinnliche Welt geistig- 
seelisch betrachten, hat es keinen Sinn mehr, von einer Einheit zu 
sprechen, sondern da sind so viele solcher Welten, also auch Sonnen 
da, als Menschenseelen im Zusammenhange mit der Erde stehen. Aber 
auch noch etwas anderes ist da als eine uberraschende Erfahrung. 
Wenn wir zuriickschauen auf die Erde von auBen, dann erscheint uns 
auch die Menschennatur, die Menschenwesenheit. Ich habe ja selbst in 
offentlichen Vortragen schon gewagt, anzudeuten, daB, wenn wir als 
Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt stehen, wir 
dann, wahrend wir hier auf Erden hinausblicken in den Kosmos, 
eigentlich von auBen hineinblicken; aber das, was wir da erblicken, 
ist das Innere des Menschen. Also, wenn wir uns wiederum nahern 
dem irdischen Leben, dann ist unsere AuBenwelt eigentlich das orga- 
nische Innere, jetzt nicht das Seelische, aber das organische Innere 
des Menschen. Das sehen wir fortwahrend, wenn wir von auBen zu- 
riickschauen auf den Kosmos, in dem wir zwischen Geburt und Tod 
sind. Wir sehen auf die menschliche Natur zuriick. Wir verlieren 
eigentlich niemals die menschliche Natur. Wenn wir sterben, bleibt 
uns der Anblick der menschlichen Natur, nur erleben wir sie jetzt 
nicht von innen; wir stecken nicht so wie zwischen Geburt und Tod 
in ihr drinnen, sondern wir erleben sie von auBen, wir schauen 



von auBen auf sie hin. Aber das Eigentumliche ist doch, daB die 
Mannigfaltigkeit der Menschen verschwindet, wenn wir da hinaus- 
kommen. Und wahrend wir viele kosmische Gestaltungen, Kosmos- 
gestaltungen erblicken, so viele, als Menschenseelen mit der Erde in 
Verbindung stehen, sehen wir, indem wir zuriickblicken auf die Erde, 
zeitlich und raumlich, den Menschen nur einmal. Zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt gibt es viele Welten und nur einen Menschen. 

Sehen Sie, ohne dieses, das man ja eigentlich in Menschenworten 
nur andeuten kann, gnindlich meditativ nach alien Seiten zu erwagen 
- denn es ist von ungeheurer Tragweite -, kommt man eigentlich 
doch nicht zu einer volligen Anschauung dieses radikalen Unterschie- 
des, der im Weltenbilde besteht zwischen dem Erleben innerhalb von 
Geburt und Tod und dem Erleben zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt, Innerhalb von Geburt und Tod erleben wir eine Welt 
und viele Menschen; innerhalb des Lebens zwischen dem Tod und 
einer neuen Geburt erleben wir viele Welten, die unsere jetzige Ein- 
heitswelt darstellen, und nur eine menschliche Natur. Wenn wir zu- 
riickschauen von unserem Leben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt auf das Erdenleben, dann sind die Menschen nicht mannig- 
faltig da, sondern alle Menschen stecken in einer einzigen mensch- 
lichen Natur. Also es ist wirklich alles vollig umgekehrt, und auf 
diese radikale Umkehrung muB eben auch einmal aufmerksam ge- 
macht werden. Denn es ist durchaus notwendig, daB man sich ein- 
mal ganz klar vor die Seele stellt, wie unmoglich es ist, adaquate 
Vorstellungen zu bekommen von der geistigen Welt, ohne zu vollig 
umgeformten BegrifTen liberzugehen. Es ist eben nicht moglich, inner- 
halb der becjuemen Methoden, durch die man gewohnlich Vorstellun- 
gen iiber die geistige Welt bekommen will, wirkliche Vorstellungen 
zu bekommen. Man muB sich bequemen, seine Vorstellungen durch- 
aus zu metamorphosieren, ja bis zur volligen Umkehrung auszubil- 
den. Das wollen eben viele Menschen nicht, und daher der Kampf 
gegen eine wirkliche Wissenschaft vom Geiste. 

Nun habe ich Ihnen gestern gezeigt, wie sich das Verhaltnis des 
Menschen im genaueren ausnimmt einerseits zum Sonnenhaften, auf 
der anderen Seite zum Mondenhaften, aber auch zu den einzelnen 



planetarischen Wesen. Das alles war gesagt vom Gesichtspunkte der 
Erdenentwickelung aus. Ich habe Ihnen gesagt, wie der Mensch im 
Verhaltnis stent zu dem Venuswesen, zu dem Merkurwesen und so 
weiter, ich habe Ihnen gesagt, daB wir durch neuere Geisteswissen- 
schaft in ganz selbstandiger Weise wiederum auf Dinge kommen, die 
in einer alten traumhaften, inspirierten Weisheit in den alten Myste- 
rien gepflegt worden sind. Das alles, was ich Ihnen gestem dargestellt 
habe, ist eben die Darstellung der Sache von der einen Seite aus. So- 
lange wir versuchen, nur auf die Weise Kenntnisse zu erlangen, wie 
es innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod der Initiierte der 
fruheren Mysterien gemacht hat, oder wie man es heute macht, so 
lange bekommen wir zum Beispiel uber unsere planetarische Welt sol- 
che Vorstellungen, wie ich sie gestern dargestellt habe. Aber in dem 
Augenblicke, wo wir nun hinauskommen, wo wir gewissermaBen 
auBerhalb dieses Kosmos stehen, in dem wit zwischen Geburt und 
Tod leben, und von auBen das Geistig-Seelische schauen, in dem 
Augenblicke zeigen uns alle die einzelnen Dinge, die wir gestern dar- 
gestellt haben, auch ihre anderen Aspekte, ihre Umkehrung. 

Wir haben gestern gesagt: Wenn wir das Merkurhafte in der Welt 
betrachten - sei es stoflflich, sei es planetarisch -, so haben wir das- 
jenige, was als Kraft das Weltenall durchflutet, so, daB es dem Men- 
schen dazu verhilft, mit seinem Geistig-Seelischen Besitz zu ergreifen 
von den festen Bestandteilen seines Organismus. Das Venushafte ist 
so, daB es ihn Besitz ergreifen laBt von dem Flussigen seines Organis- 
mus und so weiter. In dem Augenblick, wo wir jetzt die ganze 
Anschauung umkehren, stellen sich uns auch alle diese Eigenschaf- 
ten anders dar. Da bekommen wir zunachst, wenn wir, absehend 
von Neptun und Uranus, bei dem AuBersten unseres planetari- 
schen Systems, bei dem Saturn, gewissermaBen von der ande- 
ren Seite des Daseins, die Saturnwesen betrachten, die Mog- 
lichkeit, jetzt nicht das zu sehen, wovon wir gestern gesprochen 
haben : daB der Saturn dem Menschen verriilft, sein Geistig-Seelisches 
aufrechtzuerhalten gegeniiber dem Chemismus - das stellt eben den 
Aspekt von hier, von der Erde aus gesehen dar -, sondern wenn wir 
es von der anderen Seite anschauen, dann lernen wir mit all den 



Fahigkeiten, die wir haben zwischen dem Tode und einer neuen 
Geburt, das wirkliche Instinktleben des Menschen kennen. Das In- 
stinktleben im Menschen, das aus den unterbewuBten Tiefen herauf- 
quillt, kann eigentlich seiner wirklichen Wesenheit nach nicht mit 
den Fahigkeiten durchschaut werden, die nur hier auf der Erde 
erreicht werden, sondern das muB durchschaut werden entweder 
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt oder in hoherer iiber- 
sinnlicher Erkenntnis, eben in Initiationswissenschaft. 

Man kann also sagen: Schaut man mit geistigem Auge hier von der 
Erde die Saturnwesenheit an, dann bekommt man eine Vorstellung 
von den Kraften, die dem Menschen dazu verhelfen, daB er sich gegen 
den in seinem Organismus wirkenden Chemismus als selbstandige 
geistig-seelische Wesenheit fuhlen kann. Sehen wir uns dieses Saturn- 
dasein von auBen an in seinem geistig-seelischen Aspekt, dann stellt 
es uns die Krafite im Kosmos dar, die die Instinkte in die Menschen- 
natur hinein verlegen. 

Und das Jupiterdasein (siehe Schema Seite 70) stellt uns alles das- 
jenige dar, was im Menschen schon auf eine mehr seelische Art ge- 
funden wird, als die Instinkte sich darstellen, dasjenige, was als Nei- 
gungen, als Sympathien im Menschen vorhanden ist; denn wahrend 
die Instinkte noch durchaus animalisch sind, sind die Neigungen 
doch schon animalisch-psychisch. 

Das Marsdasein stellt alles das dar, was 2war nicht moralische Ge- 
bote sind, die man sich innerlich auferlegt, was aber doch, ich mochte 
sagen, aus der ganzen charakterologischen BeschafFenheit des Men- 
schen hervorgehende Impulse sind. Ob ein Mensch mutartig ist in 
bezug auf sein sittliches Handeln, ob er lassig ist, das liegt in den 
Kraften, die man kennenlernt, wenn man die Marsordnung von der 
anderen Seite anschaut; also nicht die vollbewuBten, moralischen Im- 
pulse, die ich in meiner « Philosophic der Freiheit» als im reinen 
Denken wurzelnd geschildert habe, sondern die noch immer mit einem 
starken Grad der UnbewuBtheit behafteten Impulse. 

So daB man, wenn man den Zusammenhang des Menschen mit 
diesen auBeren Planeten betrachtet, dasjenige hat, was sich mehr auf 
die Tugenden im Menschen bezieht, die in gewissem Sinne doch an 




Saturn ^ : Jnsti nkf ieben 
f*]a*s : raovalische Mpulse 





2 : Liebe 



den menschlichen Organismus gebunden sind. Was dann mit einem 
geboren wird, das stammt aus dem Kosmos, das stammt aus dem 
Weltenall; was sich mehr instinktartig darstellt, gewissermaJBen in- 
stinktartig heraufsprudelt aus dem ganzen Organismus, ist saturnartig. 
Was heraufsprudelt als die Neigungen, als die AfFekte, ist jupiterartig. 
Dasjenige, was an direkt aktiven initiativen Kraften heraufsprudelt, 
was aber an den Organismus gebunden ist, das ist marsartig. 

Nun kommen wir zu den schon mehr verinnerlichten Eigenschaf- 
ten des Menschen. Die bieten sich uns auch dar, insoferne sie von 
Kraften herkommen, die eben im Kosmos sind. Da haben wir zum 
Beispiel dann, wenn wir zunachst das Sonnenhafte weglassen, den 
Merkur. Man wird gewohnlich nicht glauben, daB die Klugheit des 
Menschen auch etwas ist, was im ganzen Weltenall bodenstandet. 
Sie tut es aber. Und wenn Sie nur einmal mit volliger Unbefangen- 
heit hinschauen auf die Welterscheinungen, so werden Sie sich sagen : 
Was Ihr Verstand zuletzt in sich findet auf aktive Art, das ist 
ja verwirklicht in den Welterscheinungen. Der Verstand ist ja 



drinnen in den Welterscheinungen. Nun, die Krafte, die dieses 
Verstandige im Weltenall darstellen, das dann mit uns als unsere 
Ver standesanlagen, als unsere Klugheit geboren ist, das ist das Mer- 
kurhafte im Weltenall. 

Das Venushafte, das haben ja die Traditionen gemigend ausgebil- 
det, und das stellt sich eben dar in allem, was die Liebe ist. Das 
Mondenhafte stellt sich dar in alledem, was phantasieartige Betatigun- 
gen sind, auch Gedachtnis, aber nicht so gefaBt, daB es die organi- 
sche Tatigkeit darstellt, die der Erinnerung 2ugrunde liegt, sondern 
das Bilden der Vorstellungen. Auch die Gedachtnisvorstellungen sind 
ja eigentlich identisch mit den Phantasiebildern, nur sind sie eben in 
volliger Treue an den wirklichen Erlebnissen gebildet. Man kann also 
sagen: Phantasie und Gedachtnis, also die mehr innerlichen Tugen- 
den und Fahigkeiten, hangen zusammen mit denjenigen Kraften, als 
die sich die Monden-, Venus-, Jupiterwesenheit und so weiter dar- 
stellt. So daB man also sagen konnte: Sieht man zum Beispiel auf das 
Sinnlich-Physische des Jupiter, sieht man also den Jupiter vom Inneren 
des Weltenalls aus an, so stellt er in dem Sinne, wie ich das gestern 
dargestellt habe, die Konzentration derjenigen Krafte dar, die es dem 
Menschen ermoglichen, daB er nicht im Lichte verrinnt, daB er sich 
als geistig-seelische Wesenheit im Lichte erhalt. Stellt man sich die 
geistig-seelische Wesenheit der Jupiterkrafte, also den Jupiter von 
auBen vor - beim Menschen miiBte man fur die geistig-seelischen 
Krafte sagen: von innen -, dann stellt er diejenigen Krafte dar, die der 
Mensch an sich tragt als Neigungen, als AfTekte und so weiter. Man 
konnte also sagen : die Verselbstandigung des Seelenlebens gegenuber 
dem Lichte ist das AuBere des Jupiter. Das Entstehenlassen, das 
Ausbilden, das Erzeugen von Neigungen, AfTekten, ist das Innere, 
ist das Seelisch-Geistige des Jupiter. Wenn der Mensch diese Stadien 
durchmacht nach dem Tode oder auch in der Initiation, wie ich sie 
geschildert habe in meinem Buche «Theosophie», dann tritt fur ihn 
ein bestimmter Zeitpunkt ein, in dem er zum Beispiel aufhort, die 
Sterne so zu sehen - seien es planetarische oder Fixsterne wie man 
sie von der Erde aus mit den Sinneswerkzeugen sieht. Das ist ja auch 
begreiflich, daB er aufhort, sie zu sehen; aber er hort nicht auf, von 



den Sternen zu wissen; er weiB von den Sternen. Zuerst weiB er das, 
was ich gestern dargestellt habe. Und von einem bestimmten Zeit- 
punkte an lernt er eben erkennen, was die moralische Seite des Ster- 
nenwesens ist, Er schaut also zuriick auf den Kosmos. Aber er sieht 
eigentlich den Kosmos als eine moralische Wesenheit, nicht mehr als 
eine physische Wesenheit, und nachdem der Zwischenzustand da war, 
wo er dasjenige gesehen hat, was ich gestern dargestellt habe, sieht er 
dann von auBen, insbesondere in der Mitte zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt, nicht das, was man Saturn in unserem Sinne 
nennen konnte, sondern das wallende Instinktleben im Kosmos, das 
er sich dann aneignet als Mensch, wenn er wiederum durch einen 
Korper in das physische Erdendasein einzieht. Er sieht das webende 
Leben der Neigungen und so weiter. Das alles kann eine materialisti- 
sche Denkweise selbstverstandlich ableugnen, allein das ist ebenso ge- 
scheit, als wenn man gegeniiber dem bloBen physischen Leibe das 
Geistige und Seelische eines Menschen ableugnet. 

Das Anschauen dessen, was nun, ich mochte sagen, der morali- 
sche Kosmos ist, das Anschauen der moralischen Planetenwelt, das 
ist etwas, was den Menschen in der Zeit zwischen dem Tode und 
einer neuen Geburt erfullt. Er ist aber in einem gewissen Sinne in 
diesen Anschauungen abhangig von der Art und Weise, wie er durch 
die Pforte des Todes tritt. Er schaut das Instinktleben, das Nei- 
gungsleben, das Leben der moralischen Impulse und so weiter so an, 
daB er es in GemaBheit des unbewuBten Verstandnisses erschaut, das 
er sich wahrend der Erdenlebenszeit erworben hat. 

Ein Mensch zum Beispiel, der viele Menschen im Leben kennenge- 
lernt hat, die in einer gewissen Weise von dem, was man die Lebens- 
norm nennt, abweichen, der also die anderen Menschen nicht als Phili- 
ster betrachtet, sondern in einer gewissen liebevollen, verstandnisvol- 
len Art auf sie eingeht, der die Menschen mehr gelten laBt, als daB er 
sie kritisch abkanzelt, ein solcher Mensch erwirbt sich auBer dem Ver- 
standnis, das er sich schon fur seinBewuBtsein erwirbt, noch eine ganze 
Fulle von unbewuBten Impulsen; denn man hat sehr viel davon, daB 
man die Menschen gelten laBt, sie zu verstehen sucht, sie nicht abkriti- 
siert. Mit diesen Impulsen ausgeriistet, kann man dann sehr gut beob- 



achten die Geheimnisse des Saturndaseins von der anderen Seite des 
Lebens, von derjenigen Seite des Lebens, die sich zwischen dem Tod 
und einer neuen Geburt darstellt. Und auf diese Art stellen sich in 
verschiedenster Weise dar diese Geheimnisse des planetarischen Da- 
seins. Je nachdem man sie aufzufassen in der Lage ist, verbindet man 
sie miteinander zu einem Ganzen und gliedert sie in sein eigenes 
Menschenwesen ein, wenn manwiederum zumlrdischenheruntersteigt. 

Und nun fiihlen Sie schon: Mit dieser Anschauung, die man hat, 
bildet man sich eine gewisse Erfahrung, so wie man sich ja auch hier 
auf Erden eine Erfahrung nach den Anschauungen bildet, die man 
gehabt hat. Man lernt auf Erden einen Menschen nach dem anderen 
kennen. Man erwirbt sich dadurch Menschenkenntnis. Nach dem, 
was man da von der anderen Seite des Lebens aus erschaut, erwirbt 
man sich auch Erfahrungen. Nur daB diese Erfahrungen, die man 
sich da erwirbt, dann in der zweiten Halfte des Lebens zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt schopferisch werden, und man sie hin- 
eintragt in die Organisation, die man vererbt erhalt. Sie werden 
fiihlen, daB das mit der Gestaltung des Karma zusammenhangt, daB 
hier etwas sich vollzieht, was man die Technik der Karmabildung 
nennen kann. Die Erfahrungen, die der Mensch machen muB, damit 
er sich zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sein Karma ein- 
bildet, gewinnt er dadurch, daB er solche Anschauungen, wie ich sie 
charakterisiert habe, von der anderen Seite des Lebens hat. 

Ich muBte heute gewissermaBen subtiler schildern, weil es sich ja 
hier um subtile Dinge handelt, und weil schon einmal darauf auf- 
merksam gemacht werden muB, daB die Begriffe stark umgeformt 
werden rmissen, wenn man sich das ganze Weltenall zum Verstandnis 
bringen will. Denn in allem, was wir hier auf der Erde sehen, zu- 
nachst sinnlich-physisch, dann aber auch durch geistige Vertiefung, 
in alldem ist nur die eine Seite des Daseins gegeben. Ja, auch vom 
Kosmos, wenn wir hinausblicken, ist nur die eine Seite des Daseins 
gegeben. Die andere Seite des Daseins stellt sich eben nur dann dar, 
wenn wir auBerhalb des Leibes in einem rein geistig-seelischen Da- 
sein den Kosmos betrachten konnen. Dann aber stellt der Kosmos 
sich als eine geistig-seelische, als eine moralische Wesenheit dar. 



In sehr alten Zeiten haben die Menschen noch viel rnitgebracht 
an, ich mochte sagen, «kosmischer Erinnerung», wenn sie hereinge- 
treten sind in ihr physisches Erdendasein. Diese Menschen der Ur- 
zeiten haben ja ganz gewiB gegeniiber den jetzigen Menschen mehr 
tierisch ausgesehen der AuBenseite nach, wenn auch die ganz grobe 
Theorie von der Tierabstammung des Menschen nicht stimmt; aber 
sie haben dennoch auch im Erdendasein noch etwas von der anderen 
Seite des Lebens gewuBt. Sie haben es hereingetragen in ihren noch 
unvollkommener ausgebildeten Leib. Und darin besteht die Entwicke- 
lung der Menschheit auf der Erde, daB der Mensch immer mehr und 
mehr die Erinnerung an die andere Seite des Daseins verliert, in der 
er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt, und indem er 
fur das Erdenleben diese Erinnerungen verliert, ist er nur auf das 
angewiesen, was sich ihm an Erfahrung innerhalb des Erdendaseins 
darbietet. Dadurch allein kann der Mensch nun sich als Kraft einver- 
leiben, was er sich nirgends anders im Weltenall einverleiben kann. 
Das Handeln aus Freiheit, das muB hier wahrend des Erdendaseins 
erworben werden, es wird erworben und bleibt dann fur alle irdische 
und kosmische Zukunft des Menschen. 

Heute muB man ja noch in popularen Vortragen, weil die Men- 
schen natiirlich zunachst schockiert werden durch diese Dinge, in 
abstrakten Begriffen davon sprechen, daB, wenn der Mensch im gei- 
stig-seelischen Dasein verharrt, die Welt geradezu in Umkehrung, in 
Umwendung sich zeigt. Aber Sie sehen, man kann auch bis in die 
einzelnen konkreten Tatsachen unseres planetarischen Daseins - 
und man konnte auch weiter hinausgehen in die Sternenwelt - dar- 
stellen, wie der Zusammenhang des Menschen mit dem ganzen Kos- 
mos ist. Erst von diesen Erkenntnissen aus gibt es eine Moglichkeit, 
davon zu sprechen, daB der Kosmos, so wie er sich von der Erde 
aus darstellt, zunachst der physische Kosmos ist, die Erde mitge- 
rechnet, und dann der atherische Kosmos. Sie wissen, was mit beiden 
gemeint ist. In unserem gewohnlichen physischen Raume sind eigent- 
lich nur der physische Kosmos und der atherische Kosmos. In dem 
Augenblicke, wo der Mensch durch die Pforte des Todes oder der 
Initiation hindurchgehend dazu kommt, sich auf rein geistig-seeHsche 



Art zu erleben, also das Weltenall von der anderen Seite anzusehen, 
horen fur ihn die Vorstellungen des Raumes auf, eine Bedeutung zu 
haben. 

Solange wir noch mit Menschenworten sprechen mussen, konnen 
wir sagen: Wir schauen von auBen unser raumliches Weltenall an; da 
kommt es uns noch so vor, als ob das audi noch raumlich ware, 
wie wir es da anschauen. Es ist aber nicht mehr raumlich, denn ich 
muB schon sagen : Wenn wir hier von einem Punkte aus schauen, so 
mussen wir uns den Punkt zerstreut denken. Der Punkt ist nicht 
mehr ein Punkt, er ist zerstreut. Wir fassen gewissermaBen den 
Raum in uns selber und sehen das Nichtraumliche; wie wir hier vom 
Punkte aus den Raum sehen, so sehen wir, wenn wir auBerhalb unse- 
res Leibes sind, vom Raume aus den Punkt, zuriick auf den Punkt. 
Und damit hangt ja nun real dasjenige zusammen, was sich eben der 
Erfahrung nach darbietet: daB wir so viele Welten sehen, als Men- 
schenseelen mit der Erde im Zusammenhang stehen, und eben nur 
eine Menschennatur, einen Menschen. Wir sind alle ein einziger 
Mensch, wenn wir uns von auBen ansehen. Deshalb redet man in der 
Wissenschaft der Initiation von dem Geheimnis der Zahl, weil eigent- 
lich auch die Zahl selbst nur eine Bedeutung hat von diesem oder 
jenem Gesichtspunkte aus. Was hier auf der Erde eine Einheit ist, 
der Kosmos, ist von auBen angesehen eine Vielheit. Was hier auf der 
Erde eine Vielheit ist, die Menschen, ist von auBen angesehen eine 
Einheit. Auch das ist Illusion, Maja, irgend etwas als Vieles oder 
als Einheit zu sehen. Eine Einheit kann sich von einem ganz anderen 
Gesichtspunkte aus als Vielheit, und eine Vielheit von einem ande- 
ren Gesichtspunkte aus als Einheit darstellen. Das ist etwas, was 
eigentlich sich auch innerhalb der mathematischen Wissenschaft in 
ihrer Entwickelung auf Erden abgespielt hat. Ich habe darauf schon 
hingedeutet. Wir zahlen heute so, daB wir Einheit zu Einheit fugen. 
Wir sagen eins, dann zwei, wir fugen eine weitere Einheit dazu, haben 
dann drei und so weiter. In sehr alten Zeiten der Menschheit hat man 
nicht so gezahlt, sondern da hat man so gezahlt: die Einheit eins, in 
der Einheit zwei, dann in der Einheit drei. Man hat nicht eins zum 
anderen hinzugefugt, sondern die Einheit war dasjenige, was immer 



alle Zahlen umfaBt hat. In der Einheit steckten alle Zahlen. Bei uns 
steckt die Einheit immer in alien Zahlen drinnen ; in der uralten Mathe- 
matik steckten immer alle Zahlen in der Einheit drinnen. Das riihrte 
von den anderen Denkgewohnheiten her, die eben auch mit jenen 
Erinnerungen einer auBerkosmischen Wissenschaft verbunden waren, 
die noch in Urzeiten der Menschheit vorhanden war. 



FUNFTER VORTRAG 



Dornach, 2. Juli 1922 



In diesen Tagen habe ich Ihnen die Beziehungen des Menschen zur 
Umwelt geschildert, wie sie sich ergeben, wenn wir mehr den BHck 
von der Erde ab nach der Sternenwelt hinauswenden, namentlich 
nach der Planetenwelt. Ich mochte wenigstens aphoristisch heute 
einige derjenigen Beobachtungen und Erfahrungen hinzufugen, die 
sich der geistigen Anschauung iiber das Verhaltnis des Menschen zu 
seiner unmittelbaren irdischen Umgebung ergeben. Man betrachtet ja 
gewohnlich das, was uns umgibt, in einer, ich mochte sagen, durchaus 
gleichartigen Weise und kommt dadurch zu ganz unwirklichen Seins- 
begriffen. Ich erinnere an das, was ich in dieser Beziehung schon 
ofter zur Verdeutlichung angefiihrt habe, daB wenn wir zum Beispiel 
einen Bergkristall betrachten, wir in einer gewissen Weise von unse- 
rem Erdenstandpunkte aus sagen konnen: Das ist ein in sich be- 
griindetes Ding. - Wir konnen in der Abgeschlossenheit, in der uns 
der Bergkristall entgegentritt, auch immer, in einer gewissen Bezie- 
hung natiirlich nur, etwas Abgeschlossenes sehen. 

Nicht so ist es, wenn wir zum Beispiel eine Rose pflucken und sie 
in unser Zimmer hereinbringen. Sie ist innerhalb des irdischen Da- 
seins, so wie sie ist als Rose mit dem Stiel, uberhaupt nicht denk- 
bar; sie ist nur denkbar, wenn sie an dem Rosenast wachst, der 
Stengel und Wurzel hat. Wir diirfen also nicht, wenn wir wirklich- 
keitsgemaB reden, eine Rose in demselben Sinne einen Gegenstand 
nennen wie etwa einen Bergkristall. Denn wirklichkeitsgemaBes Spre- 
chen erfordert, daB man nur dasjenige erfafk, was auch in sich we- 
nigstens relativ bestehen kann. GewiB kann auch der Bergkristall von 
einem anderen Gesichtspunkte aus nicht als etwas fur sich Bestehen- 
des betrachtet werden, aber das ist eben dann ein anderer Gesichts- 
punkt. Der Gesichtspunkt der einfachen Betrachtung des irdischen 
Seins liefert uns fur den Bergkristall etwas ganz anderes als Seins- 
begriff als fur die Rose. Solche Dinge werden leider viel zu wenig 
ins Auge gefaBt. Daher ist das Denken der Menschen ein so unwirk- 



liches, und die Menschen kommen so schwer dazu, das, was aus der 
geistigen Beobachtung heraus gesagt werden muB, mit klaren Be- 
grifFen zu verbinden. Man wiirde eben durchaus zu klaren Begrif- 
fen kommen, wenn man in den einfachen Dingen so beobachten 
wiirde, wie ich es eben jetzt wiederum wiederholentlich ausgefiihrt 
habe. 

Nun, wenn wir unsere Erde ins Auge fas sen, also die nachste 
Umgebung der Menschheit, dann finden wir zunachst an der Ober- 
flache die verschiedenen Erdarten. Sie finden, wenn Sie hier in der 
nachsten Umgebung Umschau halten, eine kalkige Erdart. Gehen Sie 
dann mehr nach dem Siiden, so finden Sie schieferige Erdarten. Ich 
will zunachst nur diese zwei hauptsachlichsten Erdarten anfuhren, 
das Kalkige, die Kalkformation, die Sie ja insbesondere als Jurakalk 
in der unmittelbaren Umgebung hier betrachten konnen, und die 
Schieferformationen, wo das Gestein, das Mineral, nicht in solcher 
kompakten Art in sich angeordnet ist wie bei der Kalkformation, 
sondern wo es schieferig ist. Denken Sie nur an den Tonschiefer, 
selbst an Gneis, an Glimmerschiefer und so weiter, wie sie Ihnen ja in 
den Zentralalpen entgegentreten. Das ist in der Tat ein sehr wichtiger 
Gegensatz im irdischen Dasein, die schieferige Formation und die 
kalkige Formation. Wenn man solche Gesteinsablagerungen, wie man 
sie ja auch nennt, betrachtet, so sieht man sie nach den heutigen 
Auffassungen so an, daB man sie eigentlich nur aus mineralisch- 
physischer GesetzmaBigkeit heraus erklaren will. Dabei wird keine 
Riicksicht darauf genommen, daB ja die Erde ein Ganzes ist. Sehen 
wir uns einmal an, was heute als Geologie eine Wissenschaft bildet. 

Man betrachtet da die Erdarten. Man betrachtet die in den Erd- 
arten eingelagerten Erze, Metalle, Mineralien iiberhaupt. Aber man be- 
trachtet, indem man geologisch betrachtet, die Erde so, als wenn sie 
iiberhaupt die gegenwartig lebende Pflanzenwelt und den Menschen 
gar nicht beherbergte. Eine solche Betrachtung der Erde, wie sie die 
Geologie anstellt, ist eigentlich so, wie wenn man ein menschliches 
Skelett fur sich betrachten wiirde. Wenn Sie ein menschliches Skelett 
fur sich betrachten, so miiBten Sie eigentlich sagen: Das ist in Wahr- 
heit kein in sich abgeschlossenes Sein. Es kann nirgends in der Welt 



so etwas wie ein menschliches Skelett fur sich entstehen. Es kann das 
Uberbleibsel sein von einem vollstandigen Menschen, aber niemals 
konnte es entstehen, ohne daB Muskeln, Nerven, Blut und so weiter 
in seinem Gefolge sind. Wir durfen also das menschliche Skelett nicht 
als ein abgeschlossenes Sein betrachten und es etwa nur aus sich er- 
klaren wollen. 

Ebensowenig kann fur denjenigen, der nicht abstrakt, sondern 
wirklichkeitsgemaB denkt, die Erde mit ihren Gesteinsarten erfaBt 
werden, ohne Riicksicht darauf zu nehmen, daB die Erde eine Totali- 
tat ist, daB zur Erde das Pflanzenreich, das Tierreich, das Menschen- 
reich ebenso gehort wie zum menschlichen Skelett die Muskeln, das 
Blut und so weiter. Man muB sich also klar sein dariiber, daB «geo- 
logisch» die Erde betrachten heiBt: von vornherein verzichten dar- 
auf, daB man auf das Wirkliche geht. Man bekommt nichts Wirkliches. 
Man bekommt etwas, was innerhalb eines planetarischen Wesens nur 
dann vorhanden sein kann, wenn in diesem planetarischen Wesen sich 
die Pflanzenwelt, die Tierwelt und die Menschenwelt findet. 

Wenn man nun zunachst betrachtet, was, ich mochte sagen, wie zum 
Erdenskelett gehdrig, als S chief erf ormation die Erde durchzieht, so 
unterscheidet es sich dem auBeren Anscheine nach ganz betrachtlich 
von der in sich kompakten Kalkformation. Und wenn man nun die- 
jenigen Methoden anwendet, die in bezug auf die groBen Umrisse 
der Erdenentwickelung angewendet worden sind in meiner «Geheim- 
wissenschaft im UmriB», dann muB man in der Tat den Unterschied 
der Schieferformation und der Kalkformation zumckfuhren auf das 
Verhaltnis, das die eine und die andere Formation nun zum Men- 
schen, zum tierischen, zum pflanzlichen Dasein hat. Man muB sehen, 
wie das, was als Seelisch-Geistiges zur Erde gehort, sich verhalt zu 
diesen Gesteinsarten. 

Man versteht ein menschliches Skelett nicht, wenn man es nicht 
zuletzt doch aus der Willensnatur des Menschen erfaBt, und man 
versteht die Schieferformation, die Kalkformation nicht, wenn man 
sie nicht zuletzt aus den Aufgaben heraus versteht, die sie haben, 
diese Formationen, zu demjenigen, was innerhalb des Erdendaseins 
auch geistig-seelisch vorhanden ist. Und da bekommt man einen 



innigen Zusammenhang zwischen allem, was Schieferformation ist, 
und dem pflanzlichen Dasein, zwischen alledem, was Kalkformation 
ist, und dem tierischen Dasein. 

GewiB, so wie wir heute die Erde vor uns haben, so ist das Ge- 
stein, das sich im Schiefrigen findet, naturlich auch in den Pflanzen 
zu finden. Es ist das Gestein oder das Mineralische, das sich in dem 
Animalischen findet, in den verschiedensten Formationen seinem 
Ursprunge nach zu suchen. Aber darauf kommt es jetzt weniger an, 
sondern es kommt darauf an, daJB fur die geistige Beobachtung, fur 
die geistige Erfahrung die besondere Art und Weise, wie das Pflanzen- 
wesen, das gesamte Pflanzenwesen zur Erde gehort, sich so darstellt, 
daft es eine gewisse Beziehung zu der Schieferformation hat. 

Wenn ich schematisch das aufzeichnen sollte, so miiBte kh etwa so 
zeichnen: Ich zeichne hier die Erde (weiB), dann irgendwie die 
Schieferformation aufgelagert (violett), ganz schematisch, und dann 
die aus der Erde nach dem Weltenall herauswachsenden Pflanzen 
(rot). Raumlich brauchen die Pflanzen durchaus nicht zusarnmenzu-- 
fallen mit der Schieferformation, so wie auch zum Beispiel der Ge- 
danke, der seine Grundlage im Gehirnwerkzeug hat, nicht zusammen- 
zufallen braucht mit der groBen Zehe, wenn sie bewegt wird. Um 
dieses raumliche Zusammenfallen handelt es sich nicht, sondern 
darum, daB man nun, wenn man nicht nur durch chemische und 
physikalische Untersuchungen versucht, in die Schieferformation ein- 
zudringen, sondern wenn man auch mit den Mitteln der Geistesfor- 
schung, wie ich sie dargestellt habe zum Beispiel in «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?» oder «Geheimwissenschaft», ein- 
dringt in die schieferige Formation, man die Anschauung bekommt: 
Wenn die Krafte, die im Schieferigen enthalten sind, allein wirken 
wiirden auf der Erde, so wiirden sie im Zusammenhang mit einem 
Lebendigen stehen mxissen, das sich geradeso entwickelt, wie sich die 
Pflanzenwelt entwickelt. Die Pflanzenwelt entwickelt sich so, daB sie 
nur physische Korperlichkeit, atherische Korperlichkeit darstellt; das 
ist in den Pflanzen selber. Wenn wir aber zum Astralischen der Pflan- 
zenwelt gehen, dann miissen wir uns dieses Astralische der Pflanzen- 
welt als eine Astralatmosphare denken, die die Erde umgibt (orange). 



Die Pflanzen haben keine Astralleiber in sich. Aber die Erde ist um- 
geben mit einer Astralatmosphare. Und bei dem Vorgange der Bliiten- 
und Fruchtentfaltung zum Beispiel wirkt diese Astralitat durchaus mit. 
Die ganze Pflanzenwelt der Erde hat also eigentlich einen einheit- 
lichen astralischen Leib, der sich nirgends hineinsenkt in die Pflanze 
selber - hochstens ein wenig, wenn die Bliite in die Fruktifikation 
iibergeht der im wesentlichen wolkenartig iiber der Vegetation 
schwebt und sie zur Bluten- und zur Fruchtbildung anregt. 




Was sich da entfaltet, das wiirde in sich verfaUen miissen, wenn 
nicht die ausstrahlenden Krafte da waren, die von den Gesteinen der 
Schieferformationen kommen. Man hat also in der Schieferformation 
alles das, was das Bestreben hat, die ganze Erde zu einem Organis- 
mus zu machen. Wir miissen ja in der Tat die Pflanzen in bezug 
auf die Erde ahnlich betrachten wie unsere Haare in bezug auf uns 
Menschen, als ein Einheitliches. Und was diese Gesarntorganisation 
der Erde zusammenhalt, das sind die Strahlungskrafte, die von den 
Gesteinen der Schieferformation ausgehen. 

Diese Dinge werden ja auch einmal ganz naturwissenschaftlich er- 
hartet werden. Man wird sich zum Beispiel sagen : der Mensch hat ja 
auch seinen physischen Leib und seinen Atherleib. Seiner Gesamtorga- 



nisation liegt zugrunde ein Pflanzendasein. Wir konnen ja in der Tat 
den Menschen als ein Pflanzenwesen betrachten, dem das, was anima- 
lisch und was menschlich ist, aufgesetzt ist. Wenn man nun den Men- 
schen im gesunden oder kranken Zustande behandeln wird mit dem 
Mineralischen, das der Schieferformation entstammt, dann wird man 
auch auBerlich am Menschen - was ich Ihnen jetzt gesagt habe, wird 
durch die geistige Anschauung erfahren - konstatieren konnen, wie 
die Mineralien der Schieferformationen wirken. Und insbesondere 
wird es bedeutungsvoll sein, zu erkennen, welche Krankheitserschei- 
nungen in der menschlichen Wesenheit etwa auf einer Uberwuche- 
rung des Pflanzlichen beruhen. Eine Uberwucherung des Pflanzlichen 
ist immer dadurch zu bekampfen, daB man den Menschen mit Mine- 
ralischem aus der Schieferformation behandelt. Denn alles, was zur 
Schieferformation gehort, halt das Pflanzliche im Menschen ebenso 
im Normalzustande - wenn ich so sagen darf wie es auf der Erde 
fortwahrend das Pflanzendasein normalisiert. Das Pflanzendasein 
wiirde uberwuchernd in den Weltenraum hinausstreben, wenn es 
nicht durch die entsprechenden mineralischen Kraftestrahlungen der 
Schieferformation zusammengehalten wiirde. Man wird einmal von 
diesem Gesichtspunkte aus eine lebendige Geographic und Geologie 
der Erde zu studieren haben, wenn man einsehen wird, daB man das, 
was gewissermaBen das Skelett der Erde ist, nicht bloB fur das Geo- 
logische zu studieren hat, sondern im Zusammenhange mit dem gan- 
zen Erdenwesen, auch mit dem Organischen und mit dem Seelisch- 
Geistigen der Erde. 

Nun steht ja alles Pflanzendasein in einem innigen Zusammenhang 
mit dem Sonnenhaften, mit dem Wirken der Sonne. Die Wirkungen 
der Sonne sind ja nicht bloB die atherisch-physischen der Sonnen- 
strahlen in Warme und Licht, sondern eingegliedert in Warme und 
Licht ist ja durchaus ein Geistig-Seelisches. Dieses Geistig-Seelische 
steht nun in Korrespondenz mit dem, was eingegliedert ist der 
Schieferformation. DaB in einer gewissen Weise alles Schieferige auf 
Erden verteilt ist, das hangt ja eben damit zusammen, daB das Pflan- 
zenwesen auf der Erde mannigfaltig gestaltet ist. Das Ortliche, wie 
gesagt, hat nicht die unmittelbare Bedeutung. Man darf sich zum 



Beispiel nicht vorstellen, daB nun etwa die Schieferformation da sein 
miisse, damit das Pflanzliche aus ihr herauswachst. Die Strahlungen 
der Schieferformation stromen aus, sie werden iiber die Efde getra- 
gen durch alle moglichen, namentlich magnetischen Strome, und von 
diesen auf der Erde herumgetragenen Aus strahlungen der Schiefer- 
formation lebt dann das Pflanzliche. Im Gegenteil, wo die Schiefer- 
formation an sich selbst in starkstem MaBe entwickelt ist, da kann das 
Pflanzliche heute nicht gedeihen, weil ja die eigentliche Kraft des 
Pflanzlichen zu stark ins Erdige selber hineingezogen wird und des- 
halb sich nicht entfalten kann. Da ist eben das, was das Pflanz- 
liche an das Irdische fesselt, so uberwiegend, daB es zum Ausge- 
stalten des Pflanzlichen, zu dem ja auch die kosmischen Krafte ge- 
horen, eben gar nicht kommt. Und so wird man auch nur einen Auf- 
schluB erhalten konnen iiber das, was innerhalb der Erde schieferig 
ist, wenn man zuriickgehen kann in dem Sinne, wie es meine «Ge- 
heimwissenschaft» darstellt, in diejenige Zeit, wo die Erde selber ein 
Sonnendasein hatte. Da wurde innerhalb der Erde das Schieferige 
zubereitet, nicht etwa schon gebildet in seiner heutigen Gestalt, son- 
dern zubereitet. Damals, als die Erde ein Sonnendasein hatte, war das 
Physische der Erde iiberhaupt nur bis zu einem wuchernden Pflan- 
zenleben gekommen. Und man sollte eigentlich so sagen : Wenn man 
zuriickschaut von der jetzigen Erdengestaltung zu der friiheren Mon- 
den- und Sonnengestaltung der Erde - denn das sind ja ihre friiheren 
planetarischen Stufen -, so ist das Sonnendasein nicht so, daB sich da 
ein gewisses pflanzliches oder auch tierisches Wesen entwickelt. 
Heutige Pflanzen hat es ja wahrend des Sonnendaseins nicht gegeben, 
aber die Erde selber hatte eine Art Pflanzendasein, und aus diesem 
Pflanzendasein heraus entstand auf der einen Seite die Pflanzenwelt, 
auf der anderen Seite verhartete sich dasjenige, was in der Pflanzen- 
welt aber auch Bildungskraft ist, zu der Schieferformation. Es ist also 
die Schieferformation das aus dem Pflanzenhaften der Erde heraus- 
geholte ErdenintellektmaBige. 

Wenn wir dagegen die Kalkformation anschauen, so zeigt sie dem 
iiber sinnlichen Schauen, daB sie in innigem Zusammenhange steht mit 
allem, was auf der Erde das tierische Dasein - wenn ich mich so aus- 



dmcken darf - mit Selbstandigkeit durchdringt. Die Pflanze ist an den 
Boden gefesselt, sie hangt mit dem Boden zusammen wie unsere 
Haare mit ihrem Hautgrunde. Das Tier bewegt sich. Aber weniger 
mit dieser Bewegung als solcher, die eine ortliche Bewegung ist, als 
vielmehr mit der selbstandigen Gestaltung des Tieres hangen die 
Ausstrahlungen der Kalkformation zusammen. 

Wenn Sie eine Pflanze anschauen, so konnen Sie ja sehen: Sie 
wachst mit der Wurzel nach der Erde hin, sie senkt sich in die Erde 
hinein, strebt gewissermaBen dem Mittelpunkt der Erde zu und ent- 
faltet sich dann nach auBen. In der Gestalt der Pflanze kann man 
erkennen, was sich aus dem ganzen Hineingeordnetsein der Pflanze 
in das Erdendasein ergibt. Bei komplizierterer Gestaltung muB man 
naturlich auch in der Beschreibung komplizierter werden, aber es ist 
doch im wesentlichen dasselbe. Die Pflanze ist nicht selbstandig. Da, 
wo sie in die Erde hineingesteckt ist, zieht sie sich zusammen, ver- 
bindet sich mit dem Erdendasein; da wo sie herausragt, breitet sie sich 
aus und strahlt in Ausbreitung dem nach alien Seiten strahlenden 
Lichte entgegen. Diese Pflanzengestalt begreift man am besten, wenn 
man sie im innigen Zusammenhange mit der Stellung der Pflanze zur 
Erde betrachtet. 




Man wird zwar an einem gewissen, ich mochte sagen «GrundriB» 
der tierischen Gestalt, zum Beispiel an dem horizontal gestellten 
Ruckgrat, an den nach abwarts strebenden GliedmaBen, auch etwas 
finden, was sich dem irdischen Dasein anpaJBt; aber dabei hebt sich 
das Tier in seiner Gestaltung durchaus selbstandig vom Irdischen ab. 
Man kann an jeder Tiergestalt sehen, daB sie nicht nur in Anpassung 
an das Irdische ist wie die Pflanze, sondern daB sie etwas durchaus 
Selbstandiges, in sich Gestaltetes hat. Das Tier ist eben von der Erde 
losgerissen, auch seiner Form nach. 

Es stellt sich nun fur die ubersmnliche Betrachtung dar : Alles das, 
was in dem Sinne, wie ich es in diesen Tagen dargestellt habe, von 
dem Mondenschein ausstrahlt, was von dem zuriickwirkenden Son- 
nenlichte vom Monde her durch das Gestaltete auf die Erde herunter- 
stromt, was dann auch in unser Gedankenleben hineinstromt und in 
diesem als das Gestaltende wirkt, das tragt auch die tierischen Ge- 
staltungen heran. Im wesentlichen ist alles, was unbestimmter, ge- 
staltloser Wille im Tier ist, innerhalb des direkten Sonnenlichtes 2u 
finden. Alles das aber, was dem Tier seine selbstandige Gestalt gibt, 
die nicht dem Irdischen angepaBt ist, das ist - ja, es ist schon im 
ganz eigentlichen Sinne so auszudriicken - heranschwebend aus dem 
Scheme des Mondenlichtes. 

Vom Monde kommen uberhaupt alle Gestaltungen zur Erde herab. 
DaB die verschiedenen Tiere verschieden gestaltet sind, hangt davon 
ab, daB der Mond den Tierkreis durchlauft. Je nachdem er im Widder 
oder Stier oder den Zwillingen stent, ubt er in verschiedener Weise 
eine gestaltbildende Kraft auf das Tierische aus. Dadurch ergibt sich 
auch ein interessanter Zusammenhang zwischen dem Tierkreis und der 
tierischen Gestaltung selber, der in der alten traumhaften Weisheit 
geahnt worden ist. Dasjenige nun, was gewissermaBen auf die Erde 
herunter anzieht diese Gestaltungen, die sonst sich im Umkreise der 
Erde wie ein Nebel verlieren wiirden, das sind die aus der Kalkfor- 
mation ausstromenden Krafte. Das Mineralische auf Erden strahlt 
nicht nur Radium aus, das Mineralische auf der Erde strahlt eben 
vieles aus. Und so mussen wir auf der einen Seite in der Schiefer- 
formation dasjenige suchen, was das Pflanzliche an die Erde heran- 



halt, und in der Kalkformation das, was aus dem Mondenhaften alles 
das heranzieht, was nun in den speziellen tierischen Gestaltungen 
lebt. Und so kommen wk durch eine geistige Betrachtung dahin, 
einzusehen, wie die Schieferformation auf der Erde mit der Gestal- 
tung der Pflanzenwelt, wie die Kalkformation mit der Gestaltung der 
tierischen Welt zusammenhangt. 

Wir miissen uns dariiber klar sein, daB dasjenige, was wir in sol- 
cher Art zum Beispiel in der Kalkformation auffinden, in jeder Ein- 
zelheit des organischen Lebens wiederzufinden ist. Man kann ganz 
genau beobachten, wenn man sich die Mittel zu solchen Beobach- 
tungen verschafft, daB es zum Beispiel Menschen gibt, die gewisser- 
maBen stark zur Skelettbildung hinneigen. Damit meine ich nicht, 
daB sie ein starkes Skelett haben, sondern daB sie auch im iibrigen 
Organismus viele Kalkablagerungen haben. Es gibt, wenn ich so sa- 
gen darf, kalkreichere Menschen und kalkarmere Menschen. Natiir- 
Uch diirfen Sie sich nicht vorstellen, daB das so furchtbar grob ist; 
es ist natiirlich in sehr homoopathischer Dosis zu denken, aber es hat 
das seine groBe Bedeutung. Die mehr kalkhaltigen Menschen sind 
in der Regel die Kliigeren, diejenigen, die feine Begriffe zusammen- 
halten konnen und wieder auseinanderschalen konnen. Glauben Sie 
nicht, daB ich mit so etwas die menschliche Wesenheit materialistisch 
erklaren will; das fallt mir natiirlich nicht ein. Denn daB ein Mensch 
mehr Kalk ablagert als ein anderer, hangt mit seinem Karma zu- 
sammen. Also nach ruckwarts und nach vorn hangen die Dinge 
schon mit dem Geistigen zusammen. Aber darin besteht gerade die 
wirkliche, durchdringende Erkenntnis der Welt, daB man nicht ver- 
schwommen redet vom Geistigen und vom Materiellen, sondern daB 
man weiB, wie das Geistige schopferisch wirkt, indem es das Mate- 
rielle aus sich heraus gestaltet. Ein Mensch, der also durch seine 
friiheren Erdenleben dazu veranlagt ist, in einer Inkarnation ein be- 
sonders kluger Mensch zu werden, zum Beispiel ein besonders guter 
Mathematiker, entwickelt eben zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt geistig-seelisch solche Krafte, die dann in ihm das Kalkige 
ablagern. Wir sind angewiesen auf Kalkablagerungen in uns, wenn 
wir gescheit werden wollen. Wir sind dagegen mehr angewiesen auf 



die Ablagerungen des Tonigen, dessen, was zum Beispiel in der For- 
mation Schiefer, Ton lebt, wenn wir mehr den Willen entwickeln 
wollen. 

Das Materielle begreift man iiberhaupt nur, wenn man es in steti- 
gem Zusammenhang mit dem Geistigen erfassen kann. So kann man 
sagen, da6 die Kalkformation diejenigen Strahlungen und Stromun- 
gen in sich enthalt, welche geeignet sind, nicht nut das Animalische 
in seinen Gestalten auf der Erde herauszubilden, sondern auch das, 
was nun in uns als die materielle Grundlage wirkt, damit wir im 
Inneren die Gedanken gestalten konnen. DrauBen im Raum sind 
die vielen Tiergestalten. Innen in unserem Intellekt sind die Gedan- 
kengestalten. Sie sind ja nichts anderes als die ins Geistige umge- 
setzten Tiergestalten. Das gesamte Tierreich ist zu gleicher Zeit 
der Verstand; dieses gesamte Tierreich, nach dem Inneren des Men- 
schen projiziert, so daB es da in den beweglichen Gedankengestal- 
tungen erscheint, das ist der Verstand. Aber wie das Tierreich drau- 
Ben zu seiner Gestaltung die Kalkformation braucht, so brauchen wir 
gewissermaBen eine innere feine Kalkablagerung, also auch eine Kalk- 
formation, um gescheit zu werden. Es darf das naturlich nicht im 
iibertriebenen MaBe geschehen. Wenn der Mensch im iibertriebenen 
MaBe Kalk absonderte, so wiirde er gerade wiederum seine Klugheit 
von sich trennen, sie wiirde nicht bei ihm bleiben. Er wiirde ge- 
wissermaBen den AnlaB geben, daB sich objektiv Klugheit entwickelt, 
aber daB sie nicht bei seiner Personlichkeit bleibt. Alles ist an ein 
gewisses MaB gebunden. Und wenn wir diese Dinge weiterverfolgen, 
dann kommen wir zu den interessanten Aufschliissen dariiber, wie 
das Mineralische eine gewisse Bedeutung hat im Leben des Menschen, 
des Tieres und der Pflanze. Wenn wir auf alles das sehen, was in 
uns wirkt als Krafte des Kalkartigen, nun, wir haben es ja gerade 
gesagt, da kommen wir auf das, was nach Gestaltung ringt, was uns 
dazu bringt, daB wir innerlich gefestigte Menschen werden. Was aber 
in uns mit den Kraften namentlich des Tonigen, des Tonschiefrigen 
zusammenhangt, das bringt uns dazu, Menschen zu werden, die gegen 
dieses Feste ankampfen, die dieses Feste nicht in sich dulden, sondern 
es auflosen, verfliissigen, pflanzenhaft machen. Und der Mensch ist 



eigentlich immer eine Art Zusammenwirken des Kaikhaften und 
des Schiefrigen, das heiBt natiirlich der inneren Krafte, die in dem 
Kalkartigen und Schiefrigen sind. 

Wir konnen nun das Schiefrige naher betrachten. Wir finden in vie- 
lem Schiefrigen das Kieselige, das SiHciumhafte, das, was wir insbe- 
sondere beim Bergkristall, beim Quarz finden. Die Krafte, die im 
Bergkristall, im Quarz sind, sind durchaus auch in ihren Strahlungen 
und Stromungen im Menschen selber. Und wiirde der Mensch nur 
diese Krafte haben, die er also schon mit dem harteren Schiefrigen 
in sich aufnimmt, wiirde der Mensch gewissermaBen nur die quarz- 
artigen Krafte in sich haben, dann wiirde er fortwahrend der Gefahr 
ausgesetzt sein, mit seinem Geistig-Seelischen zuriickzustreben zu 
dem, was er zwischen Tod und neuer Geburt war, bevor er die Erde 
betreten hat. Das Quarzige will den Menschen immerfort aus sich 
herausbringen, zuriickbringen zu seiner noch unverkorperlichten We- 
senheit. Es muB dieser Kraft, die den Menschen zuriickbringen will 
in seine unverkorperlichte Wesenheit, eine andere entgegenwirken, 
und das ist die Kraft des KohlenstofFes. Der Mensch hat den Kohlen- 
stoff vielfach in sich. Der Kohlenstoff wird ja natiirlich von der 
heutigen Naturwissenschaft nur auBerlich betrachtet, nur durch physi- 
sche, durch chemische Methoden. In Wahrheit ist aber der Kohlen- 
stoff das, was uns immer bei uns bleiben laBt. Er ist eigentlich unser 
Haus. Er ist das, worin wir wohnen, wahrend uns das Silicium fort- 
wahrend aus unserem Haus herausfiihren will und uns zuriickbringen 
will in die Zeit, in der wir waren, bevor wir in unser Kohlenstoff- 
haus eingezogen sind. 

Und so hat das, was in uns Kohlenstoff und Kiesel ist, einen fort- 
wahrenden Kampf zu fiihren. Aber in diesem Kampfe liegt unser Le- 
ben. Wiirden wir nur aus Kohlenstoff bestehen - zum Beispiel die 
physische Pflanzenwelt ist im Kohlenstoff begrundet -, dann wiirden 
wir nur an die Erde gebunden sein. Wir wiirden keine Ahnung be- 
kommen konnen von unserem auBerirdischen Dasein. DaB wir davon 
wissen, das verdanken wir dem kieseligen Element in uns. Man sieht 
aber, wenn man das durchschaut, wiederum, welche Heilkrafte das 
Silicium, der Quarz oder das Kieselige in sich enthalt. Wenn ein 



Mensch dadurch krank ist, daB er eine zu groBe Neigung zum Koh- 
lenstofF hat, was der Fall ist bei alien Erkrankungen, die mit ge- 
wissen StofFwechselprodukt-Ablagerungen verkniipft sind, dann muB 
er als Heilmittel das Kieselige bekommen. Insbesondere wenn die 
StofFablagerungen peripherisch oder im Kopfe sind, dann ist das 
Kieselige ein starkes Heilmittel dagegen. 

Sie sehen also, daB wenn man diese Dinge durchschaut, sich einem 
aus einer Gesamterkenntnis heraus, die Naturerkenntnis und Geist- 
erkenntnis zugleich ist, die in allem bloB StofFlichen das Geistige 
sucht und in allem Geistigen das Stoffliche wiederum findet, indem 
das Geistige als Schopferisches gedacht ist, erst sich das ergibt, was 
einem zunachst das menschliche Dasein erklart, dann aber auch erklart, 
wie man sich zu verhalten hat, wenn dieses menschliche Dasein in 
seinen Funktionen gestort wird. 




Von ganz besonderer Wichtigkeit ist dann, zu beachten, was als 
Stickstoffartiges in dem Menschen lebt, der StickstofT selber und seine 
Verbindungen. DaB der Mensch Stickstolf in sich hat, das macht ihn 
dazu fahig, daB er immer gewissermaBen dem Weltenall ofFenbleiben 
kann. Ich kann das eigentlich auch nur wiederum schematisch zeich- 
nen. Nehmen wir an, das ware der menschliche Organismus (weiB). 



Dadurch, daB der Mensch Stickstoff in sich hat, oder Korper, 
die den Stickstoff enthalten, spart sich gewissermaBen die Gesetz- 
maBigkeit der Organisation iiberall aus : langs der Stickstofflinien im 
Korper hort der Korper auf, seine eigene GesetzmaBigkeit geltend 
2u machen. Und dadurch kann die kosmische GesetzmaBigkeit iiber- 
all herein (rot). Langs der Stickstofflinie im menschlichen Korper 
macht sich das Kosmische im Korper geltend. Sie konnen sagen: So 
viel in mir der Stickstoff tatig ist, so viel arbeitet der Kosmos bis zu 
dem ferristen Stern in mir. Was in mir an Stickstoffkraften enthalten 
ist, das fiihrt die Krafte des ganzen Kosmos in mich herein. Ware ich 
nicht ein stickstoffhaltiger Organismus, so wiirde ich mich gegen alles 
verschlieBen, was aus dem Kosmos hereinkommt. - Und wenn sich 
die kosmischen Krafte besonders entfalten miissen, wie es zum Bei- 
spiel der Fall ist, wenn die menschliche Befruchtung eintritt, wenn 
also der Menschenembryo im Leibe der Mutter sich entfaltet, der ja 
dem Kosmos nachgebildet ist, so ist das nur dadurch moglich, daB 
insbesondere die stickstoflhaltigen Substanzen den Menschen frei- 
machen fur die Einwirkung der groBen Welt, fur die Einwirkung 
des Kosmos. Aber alles ist so eingerichtet im Weltenall und im 
Menschendasein, daB es nicht bis zum Extrem kommen darf. Es 
wiirde alles, wenn es allein wirken konnte, zum Extrem kommen. 
Wiirde der Stickstoff seine ganze Kraft im Menschen entfalten kon- 
nen, so wiirde der Mensch nicht bloB durch das Kieselige, wo er, ich 
mochte sagen, aus sich herausfallen will nach der Vergangenheit ins 
Geistige hinein, sondern auch durch den Stickstoff, wo er fortwah- 
rend sich auch raumlich ausbreiten will - geistig -, der Mensch 
wiirde durch den Stickstoff fortwahrend ohnmachtig werden. Er 
wiirde nicht in sich gehalten werden konnen. Er muB in sich gehal- 
ten werden. 

Nun ist es immer interessant, daB, wenn man etwas beobachtet in 
der Natur oder im Menschen, wichtige Dinge eine Doppelrolle spie- 
len. Was auf der einen Seite dem Menschen das physische Geprage 
fur die Klugheit gibt, das Kalkartige, das wirkt auf der anderen 
Seite dieser Wirkung des Stickstoffes wiederum entgegen. So daB wir 
sagen konnen : Auf der einen Seite bilden im Menschen einen polari- 



schen Gegensatz Kiesel und KohlenstofF, auf der anderen Seite bilden 
einen polarischen Gegensatz StickstofF und Kalk. 

Das Kalkige im Menschen bereitet ihn so zu, daB er immer wie- 
derum seine eigene Organisation an die Stelle desjenigen setzt, was 
durch den StickstofF an Kosmischem in ihn hereinwirken will. Durch 
den StickstofF wirkt ein Kosmisches herein (rot); durch die Kalk- 
wirkung wird in Oszillation damit dasjenige wiederum, was vom 
Menschenorganismus ausgeht, dem entgegengesetzt (blau). So daB 
im Korper an den verschiedensten Stellen ein Hereinwirken des 
Kosmos, ein Herauswerfen der kosmischen Wirkungen ist. Und 
das ist immer ein Hin- und Herpendeln: StickstofFwirkung, kalkige 
Wirkung, StickstofFwirkung, kalkige Wirkung. Sie sehen also, wir 
konnen nicht nur den Menschen in Beziehung stellen zu der Sternen- 
welt, sondern ihn auch in seine unmittelbare irdische Umgebung 
hineinstellen. 




Ich habe in der letzten Nummer des «Goetheanum» in einem 
Aphorismus ausdriicklich hervorgehoben, daB der Materialismus als 
Weltanschauung eigentlich nicht davon herriihrt, daB man die Materie 
zu gut kennt; man kennt sie zu schlecht. Was kennt man denn viel 
vom KohlenstofF? DaB er sich in der Natur als Kohle, als Graphit 



und als Diamant findet. Man beschreibt dann diese Korper nach 
ihrenphysischenEigenschaften. Aber man weiB nicht, daB der Kohlen- 
stofT dasjenige ist, was uns in uns festhalt, so daB wir ein ge- 
schlossener menschlicher Organismus sind, und daB ihm fortwah- 
rend das Kieselige entgegenwirkt, was uns uns selber nehmen will. 

Man lernt erst die Materie kennen, wenn man sie auch in ihrem 
Geistigen kennenlernt. Denn iiberall, wo Materie ist, durchdringt sie 
der Geist. Aber man kommt natiirlich zu gar nichts, wenn man beim 
bloBen nebulosen verschwommenen Pantheismus stehenbleibt und 
iiberall sagt: Wo Materie ist, ist Geist. - Man muB - wie man ja im 
Leben iiberhaupt nur weiterkommt, wenn man die Dinge von alien 
Seiten betrachten kann - nicht nur wissen: Kalk, Kieselstoff, Kohlen- 
stofF, StickstofF enthalten Geist; das ist selbstverstandlich, aber das 
geniigt nicht. Man muB auch wissen, wie die einzelnen StofFe gewis- 
sermaBen Verkorperungen, VerstofFlichungen von geistigen Wirkun- 
gen sind. Man muB sehen konnen, wie das Kalkige den Menschen in 
sich organisiert, das Stickstoffige ihn fortwahrend durchsetzen will 
mit dem Kosmischen. 

Die Pflanzen, welche immer zu dem Kosmischen in Beziehung 
stehen miissen, denn sie wachsen aus der Erde nach dem Kosmos 
hinaus, brauchen StickstofTverbindungen zu ihrem Wachsen; und man 
wird das Pflanzen wachs turn auch richtig studieren konnen, wenn man 
diesen Zusammenhang, den ich jetzt erortert habe, richtig ins Auge 
faBt. 

Diese Dinge haben erstens ihre Erkenntnisseite; wir lernen die Welt 
erst kennen, wenn wir diese Dinge durchschauen. Sie haben aber 
auch ihre praktische Seite. Und man bleibt eigentlich immer beim 
Allerprimitivsten stehen, wenn man nicht die Dinge in ihrem groBen 
Zusammenhange betrachten kann. Man wird dann ins einzelne zu 
gehen haben und wird zu sehen haben, wie die notigen StickstofT- 
verbindungen eben in das Pflanzenwachstum hineinkommen. Nun, Sie 
wissen ja, daB das ohnedies ein sehr bedeutsames Studium ist; aber 
vollstandig kann dieses Studium auch in der Agrikultur erst werden, 
wenn die Dinge geisteswissenschaftlich betrachtet werden. Geistes- 
wissenschaft ist eben erst die wahre Wirklichkeitswissenschaft. 



Sehen Sie, all das, was ich Ihnen darstelle, das muB mit den heuti- 
gen und sich immer weiter in die Zukunft entwickelnden Methoden 
der Geisteswissenschaft wieder gefunden werden. Denn eine altere 
Wissenschaft hatte diese Dinge nur durch eine Art traumhaften Hell- 
sehens. Wir miissen ein vollbewuBtes Hellsehen erringen. Das habe 
ich ja ofter dargestellt. Wir konnen heute nicht wiederum diese Dinge, 
die einmal die Menschheit aus ganz anderer menschlicher Organisa- 
tion heraus gewuBt hat, etwa einfach aufnehmen. Es ist natiirlich ein 
Unfug, wenn die Menschen nur immer alte Wissenschaft studieren 
wollen, denn dadurch verstehen sie doch die Dinge nicht. Im Gegen- 
teil, man versteht audi die alten Dinge erst wiederum dann, wenn 
man sie in der richtigen Weise geistig beleuchten kann. Aber dennoch 
ist es wunderbar, wie im Grunde genommen, ich mochte sagen durch 
eine Art Instinkt, heute uberall das Wissenschaftliche schon hin- 
tendiert zu dem, was einmal durch das traumhafte Hellsehen ge- 
funden worden ist. 

Nehmen Sie einen bestimmten Fall. Nehmen Sie den Fall, daB die 
alten Initiierten uberall im irdischen atherischen Dasein vorausgesetzt 
haben Blei. Denn der Strahlung des Bleies haben sie zugeschrieben, 
was in der Menschengestalt von dem auBersten Ende, von oben nach 
unten wirkt. Sie haben in dem auf der Erde vielfach verbreiteten Blei 
etwas gesehen, was mit der inneren Formbildung des Menschen zu- 
sammenhangt, namentlich auch mit dem menschlichen SelbstbewuBt- 
sein. Nun wird natiirlich der heutige materialistische Denker sagen: 
Aber das Blei spielt ja im Menschenorganismus keine Rolle. - Da 
wiirde ihm der alte Initiierte gesagt haben: An so grob vorhandenes 
Blei, wie du denkst, haben wir allerdings nicht gedacht, sondern 
an ganz feines, nur in Kraftwirkung vorhandenes Blei. Und solches 
Blei ist sehr verbreitet. - So wiirde der alte Initiierte gesagt haben. 

Was sagt der moderne Naturforscher? Er sagt: Es gibt Mineralien, 
welche Ausstrahlungen haben. Zu diesen Ausstrahlungen rechnet man 
ja die sogenannten radioaktiven Ausstrahlungen. Nicht wahr, man 
kennt die Ausstrahlungen des Urans, man weiB, wenn gewisse Strah- 
len - Alphastrahlen nennt man sie - ausstrahlen, dann ist zunachst 
eben das Ausgestrahlte da; dasjenige, was dann weiter noch ausstrah- 



len kann, verandert sich in einer gewissen Weise, bekommt sogar, 
wie man in der Chemie sagt, ein anderes Atomgewicht, kurz, es ent- 
stehen auch innerhalb desjenigen, was da als strahlende Materie vor- 
handen ist, Verwandlungen. Es sprechen ja sogar heute manche schon 
von einer Art Wiederauf leben der alchimistischen StofrVerwandlung. 
Nun aber sagen diejenigen, die solche Dinge untersucht haben: Dabei 
entsteht innerhalb dieses Strahlens etwas, was dann als ein Produkt 
auftritt, das nicht mehr radioaktiv ist, das sogenannte Radium G, und 
das hat die Eigenschaften des Bleies. Sie konnen also rein aus dem 
modernen Naturwissenschaftlichen heraus finden: Da sind radioaktive 
Substanzen; innerhalb dieser ganzen radioaktiven Strahlungen ist 
etwas, was seiner Kraft nach in Bildung begrifFen ist. Da ist iiberall 
Blei auf dem Untergrunde enthalten. 

Sie sehen, die moderne Naturforschung nahert sich in ganz bedenk- 
licher Weise der alten Initiationswissenschaft. Und ebenso, wie sie 
heute schon - ich mochte sagen mit der Nase, wenigstens mit der 
Nase der physikalischen Instrumente - auf das Blei gestoBen wird, 
wird sie auch auf die anderen Metalle gestoBen. Und dann wird sie 
nach und nach schon darauf kommen, was damit gemeint war, wenn 
man sagte, daB man in dem Saturnhaften iiberall das Blei findet. Sie 
sehen, nur mit geisteswissenschaftlichem Blick laBt sich in seiner Be- 
deutung auch das durchschauen, was heute selbst naturwissenschaft- 
lich auftritt und mit dem man ja in dem breiteren Wesen des Er- 
kennens nicht viel anzufangen weiB. 

Nun aber, ein Wichtiges auf diesem Gebiete ist noch das Folgende : 
Sie wissen, die Luft, die auch zu unserer unmittelbaren Erdenumge- 
bung gehdrt, besteht aus SauerstofF und StickstofF. Den StickstofF 
konnen wir zunachst fur unser physisches Leben nicht gut brauchen. 
Den SauerstofF atmen wir ein. Er verwandelt sich in uns, beziehungs- 
weise es bildet sich in uns Kohlensaure, die wir dann ausatmen. So 
konnte zunachst die Frage entstehen: Was ist denn eigentlich die 
Hauptbedeutung des StickstofFes, der gar nicht chemisch gebunden an 
den SauerstofF ist, sondern nur in einer Art innigeren Gemisches mit 
dem SauerstofF zusammen da drauBen lebt? In dem StickstofF konnen 
wir nicht leben. Zu unserem Leben brauchen wir SauerstofF. Aber 



ohne den StickstofF hatten unser Ich und unser astralischer Leib, 
wenn sie im Schlafe auBer dem physischen Leibe sind, keine Moglich- 
keit zu existieren. Wir wiirden vom Einschlafen bis zum Aufwachen zu- 
grunde gehen, wenn wir nicht in den StickstofF untertauchen konnten. 
Unser physischer Leib und unser Atherleib brauchen den SauerstofF 
von der Luft; unser Ich und unser astralischer Leib brauchen den 
StickstofF. 

Der StickstofF ist iiberhaupt dasjenige, was uns in innige Beziehung 
zur geistigen Welt bringt. Er ist die Briicke zur geistigen Welt in 
dem Zustande, in dem unsere Seele wahrend des Schlafens ist. Neh- 
men Sie das, was ich vorhin gesagt habe, zusammen mit dem, was 
ich hier vom StickstofF gesagt habe. Der StickstofF zieht aus der Um- 
gebung das Kosmische herein. Er macht uns fur das Kosmische be- 
reit, wenn er in uns ist. Wenn er auBer uns ist, laBt er das, was 
nicht fur diese Erde ist, eigentlich in sich geistig-seelisch leben. Wir 
mussen also sagen: Der Luft ist wahrlich nicht umsonst der StickstofF 
zum groBen Teil beigemischt, er ist beigemischt, weil er das physisch 
Abtotende und das geistig Belebende innerhalb des Erdendaseins ist. 
Und wenn wir aus demjenigen, was das physisch Abtotende ist, vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen herausnuchten zu einem anderen 
Dasein in bezug auf unser Seelisches, dann tauchen wir in das Stick- 
stofFelement unter, das die Briicke bildet zwischen unserem Geistig- 
Seelischen und dem Geistig-Seelischen des Kosmos. Wir wurzeln mit 
unserem irdisch-personlichen Dasein in dem Kohlenstoff, mit unse- 
rem geistig-seelischen Dasein in dem StickstofF. Kohlenstoff und Stick- 
stofF im Erdendasein haben dieses Verhaltrtis zueinander und zum 
Menschen, das ich eben charakterisiert habe. 

Sehen Sie sich den KohlenstofF an. Er ist in der gewohnlichen 
Kohle, er ist im Graphit und im Diamanten enthalten. Das sind die drei 
verschiedenen Formen, in denen der KohlenstofF vorkommen kann. 
Das, was Sie an KohlenstofF in der schwarzen, ruBigen Kohle und in 
dem Diamanten und in dem Graphit sehen, das tragen wir in einer 
anderen Form auch in uns. Wir sind zwar nicht viel, aber eben doch 
etwas Diamant. Das halt uns in unserem Erdenhause fest. Da wohnt 
unser Geistig-Seelisches, wenn es im Leibe wohnt. 



Der Stickstoff, der in den verschiedenen StickstofrVerbindungen, 
Salpetersaure und so weiter, in dem Salpeterartigen vorhanden ist, 
der ist dasjenige, was uns immerfort aus uns herausgehen laBt, was 
die Briicke bildet, wie ich sagte, zu dem Geistig-Seelischen des Kos- 
mos. Auch das muB durch neuere Geisteswissenschaft wiederum ge- 
funden werden. Es war schon einmal innerhalb der irdischen Er- 
kenntnis vorhanden, aber nur in einer traumhaften Weise. Im alten 
Hellsehen ist es durch die alten Initiierten durchschaut worden. 

Wir bekommen, wie ich schon ofter sagte, vor einem alten Initiier- 
ten erst den richtigen Respekt, wenn wir die Dinge wiederentdecken, 
die nicht aus den Uberlieferungen erkannt werden konnen. Erst dann, 
wenn wir sie selber finden konnen, konnen wir sie auch in den Uber- 
lieferungen wiederum wiirdigen. So kommen wir auch, wenn wir 
diese Dinge wiederfinden, zu einer religiosen Verehrung desjenigen, 
was Urweisheit der Menschheit war. 

Nun werde ich bei einer nachsten Gelegenheit davon sprechen, wie 
all dieses Wiederfinden zusammenhangt mit dem Mysterium von 
Golgatha. Ich brauchte dazu, ich mochte sagen, geisteswissenschaft- 
lich-naturwissenschaftliche Voraussetzungen, und es wkd Ihnen doch 
manches im Welten- und Menschheitsdasein gerade durch diese Be- 
trachtungen durchsichtig geworden sein. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 7. Juli 1922 



Ich mochte einiges, das ich in den nachsten Tagen hier vorbringen 
werde, heute einleiten, indem ich ankniipfe an Leben und Lehr e einer 
Personlichkeit, iiber die ich schon hie und da in den Vortragen ge- 
sprochen habe, und die ich auch ausfiihrlicher behandelt habe im drit- 
ten Kapitel meiner Schrift «Von Seelenratseln». Ich werde iiber diese 
Personlichkeit, Fran^ Brentano, als einem der reprasentativen Geister 
aus der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts, manches zu sagen 
haben, aus Griinden, die sich ergeben werden, wenn wir in unseren 
Betrachtungen weiterschreiten werden. Einige Andeutungen finden 
sich auch in der Zeitschrift «Das Goetheanum». Ich kniipfe aus dem 
Grunde heute ganz besonders an die Lehre und an das Leben Bren- 
tanos an, weil dazu ein auBerer AnlaC ist, namlich das Erscheinen des 
ersten Bandes aus dem NachlaB Franz Brentanos, der eines der wich- 
tigsten Kapitel der Weltanschauung umfaBt, namlich die Lehre Jesu in 
der Beleuchtung eben von Franz Brentano. 

Franz Brentano ist im Jahre 1917 in Zurich als neunundsiebzig- 
jahriger Philosoph gestorben. Es war damit ein philosophisches Leben 
abgeschlossen, das zweifellos zu den allerinteressantesten der Ge- 
schichte und vor alien Dingen der zweiten Halfte des 19. Jahr- 
hunderts gehort. Nicht nur lebte in Franz Brentano ein philo- 
sophischer Lehrer, sondern es lebte in ihm eine philosophische 
Personlichkeit, eine Personlichkeit, bei der philosophisches Streben 
aus dem ganzen Umfang und der ganzen Tiefe der Personlichkeit 
hervorging. 

Der Philosoph Brentano stammt aus der Familie, zu der Clemens 
Brentano j der deutsche Romantiker, gehort, der der Oheim des Philo- 
sophen Franz Brentano war. Und Clemens Brentano gehort jener 
Familie an, die durch Sophie La Roche und durch Maximiliane Bren- 
tano mit Goethe befreundet war, und die zwei, im Beginne des 
19. Jahrhunderts ja vielfach miteinander zusammenhangende Geistes- 
stromungen auch ganz unmittelbar, ich mochte sagen, als Familie 



vereinte : Das war der Katholizismus auf der einen Seite - wir haben 
es in der Familie Brentano mit einer gut katholischen Familie zu 
tun - und der romantische Sinn auf der anderen Seite. Clemens Bren- 
tano hat ja wirklich schonste der deutschen romantischen Dichtungen 
geschaffen, und er war, aus der romantischen Atmosphare des deut- 
schen Geisteslebens heraus, ein auBerot dentlich bedeutender Marchen- 
erzahler. Man mochte sagen, bei den deutschen Romantikern wandel- 
ten sich, indem sie erzahlten, die deutschen Marchen so, daB wirklich 
ein Licht aus der geistigen Welt auf diejenigen strahlte, denen gerade 
von solcher Seite Marchen erzahlt warden. Und unser Philosoph 
Franz Brentano horte noch als ganz kleines Kind Marchen erzahlen 
von Clemens Brentano, seinem Oheim. 

Fiir uns kommen hier zwei Momente in Betracht. Das eine ist, 
daB aus dieser Atmosphare heraus im geistigen Sinn Franz Brentano 
erwachst. 1838 ist er geboren. 1842 ist Clemens Brentano gestorben. 
Und auf der anderen Seite kommt fur uns in Betracht, daB dieser aus 
katholischem Romantizismus herausgewachsene Franz Brentano hin- 
einwachst in die strengste naturwissenschaftliche Auffassung, welche 
in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts in dem Geistesleben der 
neueren Zivilisation geherrscht hat. Franz Brentano wachst so heran, 
daB wirklich schon als Kind frommer Sinn in seine Seele einzieht. 
Das religiose Element ist ihm wie etwas selbstverstandlich aus der 
Seele Herauskommendes. Und nicht als etwas AuBerliches zieht der 
Katholizismus in seine Seele ein, sondern als etwas, was Wesen und 
Weben dieser Seele ausmacht. Mit voller Innerlichkeit ergreift der 
Knabe Franz Brentano die katholische Frommigkeit und wachst in sie 
hinein. Er hat in sich erweckt, heranerzogen durch den Romantizis- 
mus, einen machtigen Hochsinn fiir das Geistige. Wahrend in den 
Romantikern vom Schlage Clemens Brentanos das Geistige in der 
Phantasieform lebte, wahrend sich solch ein Genius wie Clemens 
Brentano wenig an die Regeln der Logik hielt und im Fluge, aber im 
Fluge der Phantasie, die geistige Welt zu erringen und in ihr zu leben 
strebte, verwandelte sich dieser durchaus auch bei Franz Brentano 
entwickelte Hochsinn fiir das geistige Leben in eine besondere Be- 
gabung fiir die Ausgestaltung von strengen Begriffen. 



Dazu hatte mitgewirkt, daB es aus dem Katholizismus heraus fiir 
Franz Brentano gewissermaBen selbstverstandlich war, daB er philoso- 
phisch-theologische Studien zu den seinigen machte. Und seine feine 
Geistigkeit hatte ihn friihzeitig eindringen lassen in das Gedanken- 
gewebe des Aristoteles und dann auch in die strenge BegrifFsschu- 
lung der mittelalterlichen Scholastik. In dieser mittelalterlichen Scho- 
lastik lebte ja auch, wie ich schon einmal hier ausfuhrlicher dar- 
gestellt habe, der Aristotelismus weiter. Und man mochte sagen: 
Wahrend Franz Brentano die Veranlagung zum Hochflug ins Geistige 
blieb, konnte er nicht unbekiimmert um die logischen Krafte der 
menschlichen Seele, etwa nach der Art des Clemens Brentano, sich 
entwickeln, sondern er bildete gerade die strengste Logik aus, und 
gelangte nur auf dem Wege strengster Logik zu seiner Begriffs- 
gestaltung. Aber so bedeutend sich die Fahigkeiten Franz Brentanos in 
bezug auf logische Schulung, in bezug auf Theologisch-Philosophi- 
sches entwickelten, so war eigentlich in seiner friihen Jugend seine im 
echt katholischen Sinn gehaltene Frommigkeit noch groBer. 

Es ist ja etwas Eigentumliches um die moderne scholastische Schu- 
lung, wie sie gerade eben Franz Brentano aus seinem Katholizismus 
heraus recht durchmachen konnte. Man muB immer wieder sagen: 
Die wirklich strenge Logik, nicht jene obenhin huschende Logik, 
die heute in der Alltagsbildung enthalten ist und auch die Wissen- 
schaft beherrscht, sondern was wirklich strenge Logik ist, die mit 
dem ganzen Menschen, nicht bloB mit dem menschlichen Kopf zu- 
sammenhangt, die geht schon aus der Scholastik hervor. Die Scho- 
lastik ist im hochsten Grade die Kunst der logischen Begriffsbildung. 
Nur wurde diese Scholastik eben im Mittelalter und auch im Katholi- 
zismus bis heute lediglich dazu verwendet, die katholische Offenba- 
rungslehre zu stutzen, in dem Sinne, wie ich das einmal dargestellt 
habe, indem ich den Thomismus auseinandersetzte. 

Bei einem solchen Geist, wie Franz Brentano es war, entwickelte 
sich gerade aus katholischer Frommigkeit und aus der strengen 
Schulung der Scholastik heraus eine ganz spezifische Geistigkeit. Die 
Moglichkeit entwickelte sich bei ihm, das Sein einer geistigen Welt 
einfach selbstverstandlich zu finden. Indem er sich in den Katholizis- 



mus und in die scholastische Theologie einlebte, lebte er ja in der 
Geistigkeit, und er konnte gar nicht anders, als in der Geistigkeit 
leben. Und diese Geistigkeit erfaBte er eben, indem er sie sich in 
strenger Logik ausgestaltete. Er war wirklich ein wahrer Katholik. 
In so strengem Sinne war er Katholik, daB er, trotzdem er in sich die 
strengste Logik ausbildete, nie sich gestattet haben wiirde, bis zu 
einem bestimmten Punkte in seinem Leben, an der katholischen Offen- 
barungslehre auch nur Kritik zu iiben. 

Ich bitte, stellen Sie sich nur einmal einen Menschen in seiner 
ganzen menschlichen Tiefe vor, in dem die strengste Logik lebt, die 
bei so vielen neuzeitlichen Geistern die abfalligste Kritik an der katho- 
lischen OfFenbarungslehre geiibt hat. Das setzte in ihm starke Zwei- 
fel fest, die er aber alle ins UnterbewuBte hinunterdrangte, die er nir- 
gends in das BewuBtsein herauf kommen lieB ; denn in dem Augen- 
blick, wo sie im BewuBtsein auftraten, drangte er sie hinunter. Er 
sagte sich: Die katholische OfFenbarungslehre ist ein geschlossenes 
System und zeigt sehr klar, daB sie aus den geistigen Welten selber, 
wenn auch auf den mannigfaltigsten Umwegen, wohl auch durch 
Menschen, auf die Erde gekommen ist. Sie zeigt ihre eigene Wahr- 
heit, und man muB immer voraussetzen, wenn sich Zweifel geltend 
machen, daB man als einzelner Mensch doch jedenfalls irren kann 
gegeniiber dem, was als allumfassendes System von einer solchen alt- 
ehrwurdigen GroBe auftritt, wie es der Katholizismus ist. - Da zu 
den Lehren des Katholizismus dieses gehort, daB iiber die Wahrheit 
der Dogmen immer nur die Konzilien haben sprechen konnen, so 
durfte Franz Brentano in seiner Seelenverfassung sich niemals ge- 
statten, wenn irgendwie ein Zweifel aus dem UnbewuBten auftau- 
chen wollte, diesen Zweifel wirklich gegeniiber der Offenbarungs- 
lehre geltend zu machen. Er drangte alles zuriick, er sagte sich ein- 
fach : Es ist unmoglich, solch einen Zweifel wirklich anzunehmen. - 
Aber die Zweifel wiihlten eben im Gefuhl, in der Empflndung, im 
UnbewuBten ganz furchtbar in seiner Seele. Er machte es nicht etwa 
wie die Aufklarer des 18. und 19. Jahrhunderts, indem er sich diesem 
Zweifel hingab, sondern er drangte solchen Zweifel immer wiederum 
als etwas Verbotenes hinunter. 



Da kam ein Ereignis, das einen machtigen Umschwung in seiner 
Seele bewirkte. Brentano ist 1838 geboren. Er ist in den sechziger 
Jahren zum katholischen Priester geweiht worden, ist dann auch als 
katholischer Priester, aber in der Seelenverfassung, die ich Ihnen eben 
geschildert habe, Professor der Philosophic an der Universitat in 
Wiirzburg geworden. Und so traf ihn die Bewegung fur das Infalli- 
bilitatsdogma, fur das Unfehlbarkeitsdogma, die gegen Ende der sech- 
ziger Jahre entfaltet wurde. 1870 sollte ja dieses Dogma erklart wer- 
den. Als ein ausgezeichneter Theologe und frommer Katholik bekam 
Franz Brentano damals - er war ja noch ein verhaltnismaBig junger 
Mann - von dem beruhmten Bischof Ketteler den Auftrag, iiber das 
Unfehlbarkeitsdogma zu sagen, was vom Standpunkte der katholi- 
schen Theologie aus zu sagen ist. 

Ich will zunachst die Folge der auBeren Ereignisse schildern. Kette- 
ler gehorte zu denjenigen deutschen Bischofen, die sich ganz machtig 
auflehnten gegen die Festsetzung des Infallibilitatsdogmas. Er lieB 
sich eine Denkschrift von Franz Brentano ausarbeiten, die eben von 
Ketteler dann auf der Bischofsversammlung in Fulda vorgebracht 
werden sollte, um von seiten der deutschen Bischofe zu beschlieBen, 
daB man sich nicht der Festsetzung des Infallibilitatsdogmas an- 
schlieBe. Ketteler hat auch die Brentanosche Denkschrift, die gegen 
das Dogma von der Infallibilitat gerichtet war, vollinhaltlich auf der 
Bischofsversammlung in Fulda vorgetragen. Das ist das AuBere, zu 
dem nur noch hinzuzufiigen ware, daB ja die deutschen Bischofe dann 
umgefallen sind, daB sie, als sie in Rom versammelt waren und das 
Infallibilitatsdogma nun erklart werden sollte, zuletzt sich eben doch 
unterworfen und dem Unfehlbarkeitsdogma zugestimmt haben. So hat 
also Franz Brentano dieses Dogma im negativen Sinne als nichtkatho- 
lische Lehre fur den Bischof Ketteler kritisiert. Und dann ist das 
Infallibilitatsdogma erklart worden. 

In welcher Lage war Franz Brentano als ausgezeichneter Theologe 
und als frommer Katholik? Er hatte sich nie gestattet, ein Dogma, 
in das er schon hineingewachsen war, zu kritisieren. Aber als ihn der 
Bischof Ketteler aufforderte, das Infallibilitatsdogma zu kritisieren, 
war es noch nicht Dogma, sollte erst eines werden. Da gestattete er 



sich, dieses werdende Dogma mit seinem Intellekt anzugreifen. Es 
war ja audi durchaus im Sinne des Bischofs Ketteler, der ja zunachst 
auch gegen das Infallibilitatsdogma war. Also niemals wiirde Franz 
Brentano aus seiner damaligen Stimmung heraus, Ende der sechziger 
Jahre, ein bestehendes Dogma angefochten haben. Aber die Infallibili- 
ty war noch kein Dogma, und so kritisierte er sie mit einem unge- 
heuren Scharfsinn. Denn, was dazumal auf der Bischofsversamm- 
lung in Fulda von Ketteler vorgebracht worden ist, das war eben die 
Brentanosche Denkschrift. 

Nun wurde aber die Infallibilitat rechtmaBiges katholisches Dogma. 
Sie sehen, nicht eine Verstandesiiberlegung allein, sondern das Zu- 
sammengewachsensein mit einem der wichtigsten Ereignisse des 
neueren Katholizismus war ein entscheidender Wendepunkt fiir Franz 
Brentano. Was vielleicht durch einen bloBen Intellektschritt gar nicht 
eingetreten ware: Der Abfall von der Kirche, das hat sich im Zu- 
sammenhang mit den Ereignissen fiir ihn vollzogen. Er war der be- 
deutendste Kritiker des Unfehlbarkeitsdogmas und muBte sich dazu- 
mal fragen : War der rechtglaubige Christ Franz Brentano, der durch- 
aus aus den Tiefen des katholischen BewuBtseins heraus vor dem 
Jahre 1870 das Unfehlbarkeitsdogma kritisiert hatte, noch Katholik, 
als nach 1870 das Infallibilitatsdogma nun ein rechtmaBiges Dogma 
geworden war? Sie sehen, Tatsachen sind hier, die starker in das 
Leben der Menschen hineinspielen, als ein in den meisten Fallen ja 
wertloser intellektueller EntschluB es vermag. Und so konnte ein in 
seinem Gewissen so gerader, so lebendiger Mensch wie Franz Bren- 
tano nicht anders, als aus der Kirche austreten. Man muB nur den 
ganzen Zusammenhang nehmen, dann wird man sehen, wie tief eigent- 
lich Franz Brentano mit einer gewissen Seite des Geisteslebens der 
zweken Halfte des 19. Jahrhunderts zusammengewachsen war. 

So stand Franz Brentano da als Philosoph, gewissermaBen heraus- 
geworfen aus seiner katholischen Laufbahn. Er hatte eine ganz an- 
dere Schulung als die anderen Philosophen des 19. Jahrhunderts; denn 
diejenige Schulung, die er hatte, macht sich sonst, bei den auBerkirch- 
lichen Philosophen, nicht geltend. Aber jetzt war er in die Reihe der 
auBerkirchlichen Philosophen eingereiht. Dabei hatte nun die natur- 



wissenschaftliche Denkungsart des 19. Jahrhunderts auf ihn den denk- 
bar starksten Eindruck gemacht. Diese naturwissenschaftliche Den- 
kungsart war ja seit der Mitte des 19. Jahrhunderts tonangebend ge- 
worden fiir das ganze Wissenschaftsleben. Und als sich Franz Bren- 
tano in Wiirzburg habilitierte, da tat er das mit der These: «In der 
Philosophie konnen keine anderen methodischen Grundsatze herr- 
schen, als in der wahren Naturwissenschaft.» Die Naturwissenschaft 
hat einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht in ihrer Methode, daB 
er nicht anders konnte, als sagen: Die Philosophie muB sich der- 
selben Methoden bedienen wie die Naturwissenschaft, wenn sie eine 
wirkliche Wissenschaft sein will. 

Es ist wirklich nicht leicht, den seelischen Knauel aufzulosen, in 
den Franz Brentano in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ver- 
strickt war. Betrachten wir nur einmal ganz objektiv, was da eigent- 
lich vorlag. Ein Mensch, der vielleicht einer der besten Kenner des 
Thomismus und des Aristotelismus in seiner Zeit war, ein ungeheuer 
scharfer Denker und Begriffsgestalter auf der einen Seite, aber das 
alles aus der katholischen Lehre heraus; auf der anderen Seite ein 
Mann, dem die naturwissenschaftliche Methode ungeheuer imponiert. 
Wie ist das moglich? Ja, es ist durchaus moglich, und zwar aus dem 
folgenden Grunde. Nehmen Sie einmal den Sinn der mittelalterlichen 
Scholastik. Die mittelalterliche Scholastik ist eine fur das Geistige nach 
scholastischen Begriffen arbeitende Wissenschaft,
…[truncated]