Okkultes Lesen und okkultes Hören

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE 



VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Okkultes Lesen 
und okkultes Horen 



Elf Vortrage, 

Dornach 3. bis 7. Oktober, 12. bis 26. Dezember 1914, 
Basel 27. Dezember 1914 



2003 

RUDOLF STEINER VERLAG 



Die Herausgabe der 3. Auflage besorgte 
Walter Kugler 

Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben 
Seite 229 



Zeichnungen im Text nach von Stenographer! angefertigten 
Skizzen der Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Hedwig Frey und Leonore Uhlig 

Einband-Entwurf von Assja Turgenieff 



Band GA 156 
3., unveranderte Auflage 2003 

© 2003 by Rudolf Steiner Verlag, Dornach 
© 1967 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach 
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto- 
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten. 
Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier 
Printed in Germany by Greiser Druck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1561-4 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegenuber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentli- 
chen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mem Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am 
Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher- 
mafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an 
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver- 
trauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



OKKULTES LESEN UND OKKULTES HOREN 

Erster Vortrag, Dornach, 3. Oktober 1914 13 

Okkultes Lesen und Horen als Methode geisteswissenschaftlicher For- 
schung. Uber eine Rezension des Buches «Theosophie». Aneignen neuer 
Formen des Urteilens, Denkens, Empfindens fiir die geistige Welt. Die Be- 
deutung von Denken, Fiihlen, Wollen auf dem physischen Plan als Vorbe- 
reitung fur das Erforschen der geistigen Welt. Verschiedenheit des Wahr- 
nehmens in der physischen und in der geistigen Welt. Unterdriicken der 
Egoitat in der Meditation. Erlebnisse der Seele beim Erlernen des okkulten 
Lesens. Hinabstiirzen in den Abgrund, dreifaches Zersplittertwerden. 
Erlernen des okkulten Horens. 

Zweiter Vortrag, 4. Oktober 1914 31 

Der physische Organismus als Spiegelungsapparat fiir das Erleben an den 
Dingen der aufieren Welt. Erlebnisse des Astralleibes in der geistigen Welt, 
gespiegelt im Atherleib - Bilder geistiger Wirklichkeiten. Beispiel fiir das 
Erleben geistiger Bilderreihen. Unterscheidung von primitivem und ent- 
wickeltem Hellsehen. Kosmischer Vokalismus und Konsonantismus. 

Dritter Vortrag, 5. Oktober 1914 48 

Erleben des kosmischen Vokalismus. Das «Stehen an der Pforte des Todes». 
Menschliche Gedanken und Vorstellungen als Schattenbilder realer Imagi- 
nationen. Die Wesenheiten der Hierarchie der Angeloi. Vom Eriiben liebe- 
vollen Interesses an der Welt und ihren Erscheinungen. Die Tierwelt als 
Physiognomie der Natur, die Pflanzenwelt als Mienenspiel, die Mineral- 
welt als Geste der Natur. Die Fahigkeit der Verwandlung in andere Wesen. 
Das Bose als Mifibrauch hoherer geistiger Krafte. 

Vierter Vortrag, 6. Oktober 1914 66 

Raum- und Zeitverhaltnisse beim Gewinnen geistiger Vorstellungen vom 
Wesen der Angeloi, Archangeloi, Archai. Das Erleben des Weltenwortes. 
Spiegelung der sieben Weltenvokale im Atherleib und der zwolf Welten-' 



konsonanten im physischen Leib. Wahrnehmen in der geistigen Welt im 
Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Uber das richtige Lesen geisteswis- 
senschaftlicher Biicher. Das kiinftige Denkorgan in der Jupiter- und in der 
Venus-Zeit. 



ZEITEN DER ERWARTUNG 



Dornach,7. Oktober 1914 86 

Christian Morgensterns Verbundenheit mit der geisteswissenschaftlichen 
Bewegung. Die Seele Christian Morgensterns nach dem Tode als geistiger 
Fiihrer der Seelen, die auf der Erde die Sehnsucht nach dem Geistigen emp- 
funden hatten. Goethe, Herman Grimm und Morgenstern in ihrem Ver- 
haltnis zu den ubersinnlichen Welten. Herman Grimm als Reprasentant 
der Sehnsucht des 19. Jahrhunderts nach dem Spirituellen, des Zeitalters 
der Erwartung. Geisteswissenschaft als Erfullung dieser Erwartung. Das 
Wesen der Eurythmie. Die padagogische, die hygienische und die kunst- 
lerische Seite der Eurythmie. 



WIE BEKOMMT MAN DAS SEIN 
IN DIE IDEENWELT HINEIN? 



Erster Vortrag, Dornach, 12. Dezember 1914 1 13 

Vom Wesen des menschlichen Gedachtnisses. Der Astralleib als Leser der 
okkulten Schrift. Die Heiligkeit der Schreibkunst in alter Zeit; die Entste- 
hung der Buchdruckerkunst. Goethes Beziehung zu den Farben. Das Zu- 
sammenleben des Menschen mit der Volksseele; die Bedeutung von volks- 
mafiigen Vorurteilen, von Sympathie und Antipathie fur eine bestimmte 
Volksseele. 

Zweiter Vortrag, 13. Dezember 1914 131 

Der Ubergang vom Ich in den Astralleib, von bewufitem zu unterbewuC- 
tem Erleben, am Beispiel der Geschmackserlebnisse. Moglichkeiten einer 
Pflanzentherapie. Gedanken in Maeterlincks Buch «Der Schatz der Ar- 
men» und in Fichtes «Reden an die deutsche Nation* als Beispiele fur das 
Streben nach Neubelebung der menschlichen Geistesentwickelung. Gei- 
steswissenschaftliche Impulse fur kiinstlerisches Gestalten. Die Bildung der 
menschlichen Gestalt unter dem Einflufi des Kosmos. 



Dritter Vortrag, 19. Dezember 1914 150 

Wie kann der Mensch mit seinen Begriffen und Vorstellungen in eine 
Wirklichkeit hineinkommen? Das Wahrnehmen der Welt in Spiegelbil- 
dern. Das Schlufikapitel des Buches «Die Ratsel der Philosophie». Entwick- 
lung bestimmter Fahigkeiten durch das Erarbeiten der Philosophic Die ob- 
jektive Gedankenwelt; die Welt der Hierarchies Das Ersterben des Gedan- 
kens im physischen Leibe. Bilderwelt und Welt der Realitaten. Wie kann 
der Mensch der Welt der Bilder Realitat verleihen? Moralische Impulse des 
Menschen und ihre Bedeutung fur die Hierarchien. 

Veerter Vortrag, 20. Dezember 1914 169 

Die Umschaffung der einseitigen Kopfkultur in eine ganzmenschliche 
Auffassung der Welt als Aufgabe der Geisteswissenschaft. Trennung und 
Wiedervereinigung von Kunst, Wissenschaft und Religion. Kiinstlerisches 
Erleben. Umwandlung des menschlichen Organismus in der kommenden 
Jupiterentwickelung. Bauformen des Goetheanums. 

WEIHNACHTSFEIER 

Erster Vortrag, Dornach, 26. Dezember 1914 187 

Das Weihnachtsfest des erneuten Christus-Verstandnisses. Der Niederstieg 
des Christus aus geistigen Hohen. Die verschiedenen Auffassungen von 
einem gottlichen Mittler im Mithrasdienst, im Manichaertum und in der 
Gnosis. Augustinus und Faustus. Das erneute Christus- Verstandnis. 

Zweiter Vortrag, Basel, 27. Dezember 1914 205 

Der kosmische Christus und die Geburt der Christus-Erkenntnis in uns. 
Das Waken der Christus-Kraft im geschichtlichen Werden. Leopold von 
Ranke. Goethes «Padagogische Provinz». Ein alter gnostischer Spruch und 
ein Gedicht von Christian Morgenstern. 



Hinweise 219 

Personenregister 225 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 227 

Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 229 



Okkultes Lesen 
und okkultes Horen 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 3. Oktober 1914 



Meine lieben Freunde! Erwarten Sie nicht, dafi ich in diesen vier 
Vortragen geradezu einen Ersatz geben kann fur dasjenige, was in 
Miinchen beabsichtigt war. Ich werde versuchen, einiges von dem 
Inhalte, den die Munchner Vortrage hatten haben sollen, hier zu 
skizzieren. Gerade das Wichtigste und Wesentlichste, das in Miin- 
chen hatte gesagt werden sollen, mufi aufgespart werden, bis wir 
wieder weniger sturmbewegte Zeiten haben. Ich kann zwar erstaunt 
sein dariiber, dafi da oder dort geglaubt werden konnte, dafi die ern- 
ste Kj-aft, die anzuwenden ist, urn gerade ein Wichtigstes auf dem 
Gebiete der Geisteswissenschaft zu sagen - was ja in Miinchen hatte 
geschehen sollen auch aufgebracht werden konnte in solchen Zei- 
ten, wie die sind, in denen wir jetzt leben. Nun, man wird schon 
auch einmal in der Menschheit die Zeit erleben, in der man einsehen 
wird, dafi solches eben nicht moglich ist, dafi gewissermaften hoch- 
ste Wahrheiten nicht in den Sturm hinein gesagt werden konnen. 

Uber das, was mein Thema ausmacht, werde ich in kunftigen Zei- 
ten, wenn Karma es zulafit, eben einmal einen Vortragszyklus hal- 
ten, der den Munchner ersetzen soil. Aber da von einigen Seiten der 
Wunsch geaulSert worden ist, doch etwas uber dieses Thema zu 
horen, wollte ich diesem Wunsch, soweit es moglich ist, in diesen 
Tagen entgegenkommen. 

Das, was Geisteswissenschaft als ein wirkliches echtes Gut ent- 
halt, ist im Grunde genommen durch okkultes Lesen und okkultes 
Horen gewonnen worden. Und man hort also etwas uber die Metho- 
den, durch welche der Geistesforscher zu seinen Ergebnissen kommt, 
wenn er uber das Wesen des okkulten Lesens und des okkulten H6- 
rens spricht. Uber die Art und Weise, wie geisteswissenschaftliche 
Resultate gewonnen werden, herrscht wahrhaftig in unserer Zeit 
noch das Absurdeste an Meinungen, das man sich denken kann. Ich 
will einleitungsweise, bevor ich zu meinem wichtigen Gegenstand 
iibergehe, auf eine Kleinigkeit hinweisen, eine Kleinigkeit im Ver- 



haltnis zu dem, was unsere Geistesstromung sein will. Irgendein 
Professor, ein Forscher der Gegenwart hat eine Rezension geschrie- 
ben iiber mein Buch «Theosophie». Diese Rezension ist schon vor 
einigen Jahren erschienen, und der Verfasser dieser Rezension ist of- 
fenbar am meisten geargert gewesen durch das, was in diesem Buche 
steht iiber die Aura des Menschen, iiber Gedankenformen und der- 
gleichen. Unter mancherlei, das ich jetzt nicht erwahnen will, findet 
sich in dieser Rezension auch eines, das ganz verstandlich ist vom 
Gesichtspunkt eines Forschers, eines so echten Denkers der Gegen- 
wart. Da wird gesagt: Wenn man glauben sollte, dafi wirklich an 
diesen Dingen von der Aura und von den Gedankenformen etwas 
daran ist, so miifiten einmal einige von denen, welche Auren und 
Gedankenformen sehen konnen, ein Experiment mit sich anstellen 
lassen. Es miilke das Experiment angestellt werden konnen, daft ei- 
ne Anzahl von denjenigen, die behaupten wollen, so etwas zu sehen, 
gegeniibergestellt werden einer Anzahl von Menschen, die gewisse 
Gedanken, Gefiihle und Empfindungen in ihrem Innern haben; und 
dann solle man die Seher fragen : Was seht ihr an den Menschen, die 
da vor euch stehen oder sitzen? - Und wenn dann - so meint der 
Verfasser der Rezension - diese okkultistischen Seher das aussagen, 
wovon die Menschen, die beobachtet worden sind, spater versi- 
chern, dafi sie das wirklich gedacht und gefiihlt haben, und wenn au- 
fierdem die Seher untereinander in ihren Angaben ubereinstimmen, 
dann kann man ihnen glauben. 

Es gibt nichts Natiirlicheres, nichts Selbstverstandlicheres als die- 
se Einwande. Man mochte sogar sagen, der die Naturwissenschaft 
der Gegenwart gewohnte Denker mufi ja diesen Einwand machen; 
denn es mufi als das Allervernunftigste erscheinen, was er nur sagen 
kann. Aber eines gilt doch. Der betreffende Mann, der das gesagt 
hat, hat wohl doch, bevor er diese Rezension geschrieben hat, das 
Buch gelesen. Man mufi es annehmen, nicht wahr? Da die Rezen- 
sion den Eindruck der Ehrlichkeit macht, kann man es doch anneh- 
men. Aber gelesen haben konnte er es nicht. Denn so selbst verstand- 
lich und natiirlich es ist, dafi der Einwand gemacht wird, solange 
man die in diesem Buch enthaltenen Wahrheiten nicht kennt, so 



selbstverstandlich sollte es sein, dafi man diese Einwande nicht mehr 
macht, wenn man das Buch mit Verstandnis gelesen hat. Ich sage 
mit diesen Worten etwas fur jeden normalen naturwissenschaftli- 
chen Denker von heute Greuliches, selbstverstandlich, weil es ihm 
ganz unverstandlich sein raufi, weil er es gar nicht verstehen kann. 
Unter den mancherlei Dingen, die in diesem Buche stehen, ist auch 
das Folgende: Da stent, dafi vor alien Dingen der Seher, wenn er 
wirklich in die geistige Welt hineinschauen und die Wahrheit sehen 
will, genotigt ist, vorher eine solche Selbsterziehung zu iiben, dafi er 
gewissermafien ganz selbstlos in die Dinge sich zu vertiefen vermag, 
dafi er die eigenen Wunsche, die eigenen Begierden zum Schweigen 
zu bringen vermag und so sich der geistigen Welt gegeniiberstellt. Ja, 
meine lieben Freunde, wenn sich fiinf oder sechs Leute zusammen- 
setzen, um ein so nach naturwissenschaftlicher Methode geformtes 
Experiment zu machen, wie es da in der Rezension gefordert ist, so 
setzen sie sich mit dem Wunsche nieder, zu irgendeinem Resultate 
zu kommen, und zwar nach ganz bestimmten, von der Naturwis- 
senschaft geforderten Methoden. Da wird alles so gemacht wie bei 
Wiinschen und Begierden im gewohnlichen Leben. Aber das ist ja 
gerade das, was man uberwinden soli. Es ist ganz selbstverstandlich, 
dafi jede Wahrnehmung der geistigen Welt in dem Augenblick aus- 
geloscht wurde, in dem man sich zu einem solchen Experiment zu- 
sammensetzt, wenn dieses Experiment ganz nach den gewohnlichen 
Gedanken des physischen Planes gemacht wird. Diese Gedanken des 
physischen Planes mit all ihren Wiinschen und Begierden miissen 
aber gerade uberwunden werden. 

Man kann auf solche Einwande nur in positiver Weise antwor- 
ten: Gewifi, ein solches Experiment konnte arrangiert werden, aber 
es diirfte nicht arrangiert werden nach den Methoden des physi- 
schen Planes, sondern es mufite arrangiert werden nach den Metho- 
den der geistigen Welt. Das heifit, wie mufite es zustande kommen? 
Vor alien Dingen mufiten die Absichten in der geistigen Welt liegen 
und nicht dem Kopfe eines neugierigen Professors entspringen. Aus 
der geistigen Welt heraus mufite die Absicht entspringen, dafi Men- 
schen, die Seher sind auf dem physischen Plan, etwas erfahren von 



den Gedanken und Empfindungen anderer Menschen, und es mufite 
von der geistigen Welt heraus aus dem Karma wirklich ein Hauflein 
von Menschen zusammengefiihrt werden, nicht durch Methoden ei- 
nes Professors, sondern tatsachlich durch Schicksalsfugung. Und auf 
der anderen Seite mtifiten auch die Seher durch karmische Schick- 
salsfiigung zusammengefuhrt werden. Dann ware das Experiment 
von der geistigen Welt arrangiert, und es konnte von den Sehern das 
enthiillt werden, was in den einzelnen Menschen an Gefuhlen und 
so weiter lebt. Dann wiirde es unweigerlich gelingen; es gelingt 
immer, wenn es so arrangiert ist. 

Ich mochte sagen, wenn man wirklich mit Verstandnis das Buch 
«Theosophie» verfolgt, so weifi man das, was ich jetzt gesagt habe, 
und man kennt es als Selbstverstandlichkeit und Wahrheit der geisti- 
gen Welt, dafi [ein solches Experiment] unserer Zeit nicht moglich 
ist. Dem mufi man ja Rechnung tragen. Und so habe ich nun - weil 
ich aus der eben angefiihrten Rezension ersehen habe, dafi man 
nicht in der Lage ist, das Buch wirklich so zu lesen, dafi man einen 
solchen Gedanken selber findet - in der sechsten Auflage, deren 
Korrekturbogen ich vorliegen habe, das, was ich eben gesagt habe, 
noch wortwortlich in einer Anmerkung dazugefiigt. Zu den wesent- 
lichsten Bedingungen eines Buches, das aus der Geisteswissenschaft 
herausgewachsen ist, gehort es, dafi man nicht nur den Inhalt eines 
solchen Buches aufnimmt, das ist das allerwenigste. Es gehort dazu, 
dafi man, wenn man dieses Buch in sich aufgenommen hat, in einer 
gewissen Weise die Art, wie man denkt und fiihlt und empfindet, ge- 
andert hat; dafi man vorwartsgekomrnen ist gegeniiber den Mafista- 
ben und Urteilsarten, die man sonst in der gewohnlichen Welt an- 
wendet. Das ist die Schwierigkeit, die dem Verstandnis geisteswis- 
senschaftlicher Werke heute noch entgegensteht, dafi die Menschen 
sie lesen wie andere Schriften und glauben, den Inhalt aufnehmen zu 
konnen wie bei andern Schriften; wahrend es in der Tat so ist, dafi 
etwas in einem verwandelt sein mufi, wenn man ein okkultes Buch, 
ein echtes okkultes Buch wirklich durchverstanden hat. 

Daher ist es ganz begreiflich, dafi gerade echte okkulte Bucher 
von den meisten Menschen in unserer Zeit abgelehnt werden. Denn, 



was mufi vorgehen in einem Menschen, der solch ein Buch in der 
Gegenwart liest? Nun, er geht an das Buch heran; er ist selbstver- 
standlich sehr gescheit, das sind ja alle Menschen der Gegenwart. Er 
weifi, dafi er den Inhalt des Buches beurteilen kann, dafi es keinen 
besseren Richter iiber das Buch geben kann. Das weifi er von vorne- 
herein. Nun soil er nach dem Lesen des Buches anders urteilen kon- 
nen? Das kann er selbstverstandlich nicht. Er ist ja gescheit und hat 
die beste Art des Urteilens. Er gibt sich damit nicht ab, etwas zu an- 
dern in bezug auf sein Urteilen. Also er wird nichts von den Ten- 
denzen, den Intentionen des Buches erfuhlen, selbstverstandlich. Be- 
stenfalles kommt er dann zu dem Urteil, dafi er iiberhaupt nichts 
aus dem Buche gelernt hat, und dafi alles blofi ein Spiel mit Worten 
und Begriffen ist. Das ist ganz selbstverstandlich; so mufi es sein, 
wenn man nicht den Grundnerv aller Geisteswissenschaft ins Auge 
fafit, der darin besteht, dafi man in irgend etwas, wenn es auch noch 
so gering ist, zu anderer Art des Empfindens und Urteilens gegen- 
iiber der Welt kommt durch das Lesen eines echten geisteswissen- 
schaftlichen Buches. 

Nun gibt es eines, was man beriicksichtigen mufi, wenn man 
iiberhaupt irgendeine Idee verbinden will mit den Worten «Okkul- 
tes Lesen, okkultes H6ren». Man mufi gewissermafien Abschied 
nehmen vorerst von alldem, was die gewohnliche Denkungsart, das 
gewohnliche Urteilen ist in bezug auf den physischen Plan. Das ha- 
be ich ja mehrfach betont : Selbstverstandlich mufi man ein vernunf- 
tiger Mensch bleiben, mufi sich also, trotzdem man fur die geistige 
Welt eine neue Form des Urteilens, Denkens und Empfindens sich 
aneignet, ein gesundes Urteil fur die Ereignisse und Wesenheiten des 
physischen Planes beibehalten. Das ist ganz selbstverstandlich, das 
habe ich schon oft betont. Aber etwas mufi man sich aneignen, was 
fur die hoheren Welten notwendig ist, was fur den physischen Plan 
nicht gilt. Ich will von einer Ihnen wohl noch gelaufigen Sache aus- 
gehen. 

Auf dem physischen Plan sind wir gewohnt, durch unser Den- 
ken, Fiihlen, Wollen in ein Verhaltnis zu treten zu den Dingen und 
Wesenheiten des physischen Planes. Indem wir denken und vorstel- 



len, verschaffen wir uns Begriffe und Vorstellungen von den Dingen 
und Wesenheiten des physischen Planes und den sich hier abspielen- 
den Vorgangen. Gleichsam dasjenige, wovon wir die Meinung ha- 
ben, dafi es im Raume da ist und in der Zeit sich abspielt, das ma- 
chen wir dadurch zu unserem geistigen Eigentum. Wir lernen durch 
unser Denken und Vorstellen von etwas zu wissen. Mit dem Fiihlen 
ist es ebenso. Wir treten irgendemem Dinge gegeniiber, zum Bei- 
spiel einer Rose. Wir werden erfreut durch die Rose. Dadurch ver- 
setzen wir etwas aus der Auftenwelt durch unser Gefiihl in unsere 
eigene Seele. So machen wir etwas, was von aufien, von der Rose 
ausgeht und auf uns wirkt, zu unserem inneren seeKschen Eigen- 
tum. Beim Wollen ist es so, da$ wir etwas, was in unserer Intention 
liegt, der Aufienwelt einverleiben. 

Lauter Verhaltnisse zwischen uns und der Aufienwelt haben wir 
ins Auge zu fassen, wenn wir unser Verhalten auf dem physischen 
Plan betrachten. Alles, was wir da anwenden im Denken, Fiihlen 
und Wollen, was wir da tun, indem wir fur das gewohnliche Phy- 
sisch-Leibliche mit der Aufienwelt in Beziehung treten, all das dient 
uns ganz und gar nicht - in der Form, wie es auf dem physischen 
Plan praktiziert wird um irgendwie etwas von der hoheren Welt 
zu wissen. Sondern alles das, was uns zum Beispiel dient, um von 
der physischen Welt etwas zu wissen, was wir anwenden an Empfin- 
dungsarten, an Vorstellungsarten, um von der physischen Welt zu 
wissen, all das kann fur die geisteswissenschaftliche Forschung nur 
zur Vorberekung dienen. 

Also wohlgemerkt: in der physischen Welt dient uns das, was wir 
tun im Denken, Fiihlen und Wollen dazu, direkt etwas zu wissen 
von der physischen Welt, oder etwas zu tun fur die physische Welt; 
fur die hoheren Welten dient uns alles, was uns so direkt fur die phy- 
sische Welt dient, nur zur Vorbereitung. Was wir in bezug auf die 
physische Welt denken konnen, und wenn wir noch so scharfsinnig 
denken, gibt uns kein Wissen fur die hoheren Welten. Es wird nur 
gleichsam unsere Seele selbst durch das Denken so vorbereitet, so 
erzogen, dafi sie sich allmahlich fahig macht, in der richtigen Weise 
in die geistige Welt einzudringen. Was wir wollen und fiihlen kon- 



nen fiir die physische Welt, ist blofi ahwendbar zur Selbsterziehung 
der Seele, als Vorbereitung fur das Eindringen der Seele in die geisti- 
gen Welten. Also ich mochte sagen, um mich deutlich auszu- 
driicken: Ein gelehrter Forscher erfahrt durch seine wissenschaftli- 
che Methode etwas fiir die aufiere Welt, und er ist gewohnt, wenn er 
es erforscht hat, zu sagen: Ich weifi dieses und jenes von der aufieren 
Welt. - Diese Art des Forschens, des Denkens hilft ihm aber gar 
nichts, um in die geistige Welt hineinzukommen; sondern wie er da 
denkt und forscht, das hat nur eine Bedeutung als Ubung der Seelen- 
krafte. Wie die Seele durch Denken und Forschen mehr befahigt 
wird, in sich zu leben, ihre Kraft in Betatigung zu bringen, nur das 
ist effektiv fur das Eindringen in die hoheren Welten. Nur als Kultur 
der eigenen Seele sind fur den Geistesforscher die Tatigkeiten 
anwendbar, die man sonst in der physischen Welt normalerweise 
ausfiihrt. 

Ich will noch einen Vergleich wahlen, um die Sache deutlicher zu 
machen. Nehmen wir an, jemand sei ein Zimmermann, er habe 
Zimmern gelernt und habe nun die Absicht, als Zimmermann dieses 
oder jenes Gerat zu machen. Durch diese Verrichtungen als Zim- 
mermann macht er nun immerfort diese und jene Gerate, Jahre hin- 
durch; das ist das Wesen der Aufgabe des Zimmermanns. Aber es 
werden nicht nur Gerate gemacht, die fur den physischen Plan niitz- 
lich sind, es tritt noch etwas anderes als Beigabe ein: Er wird ge- 
schickter, seine Handhabung wird gelenkiger, er erwirbt sich etwas 
fiir seinen eigenen Organismus, indem er tiichtiger, gelenkiger wird. 
Das ist gleichsam ein Nebenerfolg. So ist es auch bei geistigen Tatig- 
keiten. Nehmen wir zum Beispiel einen Botaniker. Wenn ich mich 
als Botaniker betatige und wunderbare Anstrengungen auf dem Ge- 
biete der Botanik Jahrzehnte hindurch mache, so ist das fiir den 
physischen Plan schon. Aber es ist noch ein Nebeneffekt dabei: ich 
werde gelenkiger im Denken; das Denken wird gleichsam «dres- 
siert». Auf diese «Dressur» - nehmen Sie den Ausdruck nicht im ge- 
wohnlichen, trivialen Sinne des Wortes - mufi der Geistesforscher 
eingehen. Er mufi das, was man im gewohnlichen Leben im Dienste 
des aufieren Wissens verwendet, dazu verwenden, seine Geisteskraf- 



te gelenkiger, gefugiger zu machen. Denn wenn man diese Krafte, 
anstatt sie zum Nutzen und Vorteil in der physischen Welt zu ver- 
wenden, in den Dienst der Selbsterziehung stellt, wie dies in der Me- 
ditation und in der Konzentration und in den Ubungen, die man be- 
kommt, geschieht, dann bereitet man sich vor, in die geistige Welt 
einzudringen. Und nehmen Sie dieses Wort, das ich sage : man berei- 
tet sich vor - als etwas aufierordentlich Wichtiges. Denn im Grunde 
genommen kann man iiberhaupt nichts anderes tun, als sich vorbe- 
reiten, um in die geistige Welt einzudringen; das iibrige ist Sache der 
geistigen Welt, die mull uns dann entgegenkommen. Sie kommt uns 
aber nicht entgegen, wenn wir nur so sind, wie wir als Menschen auf 
dem physischen Plan gewohnlich sind. Nur wenn wir in der geschil- 
derten Weise unsere Seelenkrafte umgewandelt haben, konnen wir 
hoffen, dafi uns die geistige Welt entgegenkommt. Es kann nicht so 
sein wie bei einer Forschung in der physischen Welt, wo man so 
ohne weiteres an die Dinge herangeht. Man kann sich nur vorberei- 
ten, damit, wenn die Dinge der geistigen Welt an einen herantreten, 
sie uns dann nicht entgehen, sondern dafi sie wirklich auf uns einen 
Eindruck machen. 

Deshalb mull man sagen : Alles, was wir tun konnen fur die Er- 
forschung der geistigen Welt, ist, dafi wir uns in wiirdiger Weise vor- 
bereiten, damit dann, wenn Karma will, dafi die geistige Welt uns 
entgegentrete, wir nicht blind und taub sind fiir diese geistige Welt. 
Denn wir konnen uns vorbereiten. Aber das Entgegentreten der gei- 
stigen Welt ist ein Akt der Gnade der geistigen Welt. So mull man es 
auffassen. Daher kann man auf die Frage: Wie gelingt es einem, in 
die geistige Welt einzudringen? - antworten: Man bereite sich vor 
durch alles, was unser Denken und Fiihlen gefugiger, gelenkiger 
macht, was unser Denken gleichsam dressiert, was unser Fiihlen, un- 
ser Empfinden feiner, hingebungsvoller macht. Und dann warten, 
warten, warten! Das ist das goldene Wort: in Seelenruhe warten 
konnen. Die geistige Welt lafit sich auf eine andere Weise nicht er- 
obern, als indem man sich dafiir wiirdig macht und dann in Seelen- 
ruhe die erwartungsvolle Stimmung entwickeln kann. Darauf kommt 
es an. Erwartungsvolle Stimmung, das ist das Wesentliche. Wir er- 



werben sie uns dadurch, dafi wir uns in der geschilderten Weise - 
und in meinen Buchern ist es vielfach dargestellt, wie das im einzel- 
nen geschieht - bereit machen, die geistige Welt zu empfangen. 
Aber dann mussen wir uns auch aneignen jene absolute Ruhe der 
Seele, die einzig und allein moglich macht, dafi die geistige Welt an 
uns herankommt. 

Ich habe einmal in Vortragen das folgende Bild gebraucht : In der 
physischen Welt ist die Sache so, dafi, wenn man irgendein Ding ins 
Auge fassen will, man zu diesem Ding hingeht. Wer Rom sehen 
will, mufi nach Rom fahren. Das ist in der physischen Welt ganz na- 
tiirlich, denn Rom kommt nicht zu ihm. In der geistigen Welt ist es 
gerade umgekehrt. In der geistigen Welt konnen wir nichts anderes 
machen, als uns vorbereken durch die Methoden, die geschildert 
werden, um die geistige Welt wiirdig zu empfangen: Seelenruhe, 
Verharren auf unserem Standort - dann kommt es zu uns heran. 
Wir mussen es erwarten in Seelenruhe. Das ist das Bedeutsame der 
Sache. Wo ist nun das, was da an uns herankommt, wo ist es? Auch 
dariiber habe ich schon oftmals gesprochen und will es nur einlei- 
tungsweise erwahnen, damit wir fur die nachsten Tage eine gute 
Grundlage haben, auf der wir aufbauen konnen. 

Da Sie ja alle unsere anthropbsophische Literatur kennen, moch- 
te ich die Frage so stellen : Wo sind die Wesenheiten der elementari- 
schen Welt, wo sind die Wesenheiten der geistigen Welt, wo sind die 
Wesenheiten der hoheren Hierarchien? Sie sind da, wo wir sind. Sie 
sind iiberall um uns herum; nirgends anders sind sie, als hier, wo der 
Tisch, die Stiihle sind, wo Sie selbst sind. Sie sind iiberall um uns 
herum, aber sie sind in bezug auf die Verhaltnisse und Vorgange der 
Dinge der Aufienwelt so dunn und so fluchtig, dafi man sagen kann, 
sie entgehen eben der Aufmerksamkeit der Menschen. Die Men- 
schen gehen immerfort durch die geistige Welt hindurch und sehen 
sie nicht, weil sie notwendigerweise durch ihre Organisation, die 
noch unvorbereitet ist fur die geistige Welt, eben unaufmerksam 
sind dafiir. Und wenn sie Gelegenheit hatten, in die geistige Welt 
einzudringen, wie das zur Nacht im Schlafe der Fall ist, dann erweist 
sich das Bewufksein als zu schwach, zu dumpf, um die geistigen We- 



senheiten wahrzunehmen, die um uns herum sind. Der Mensch ist 
vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der geistigen Welt, in dieser 
feinen fluktuierenden Welt, aber er nimmt sie nicht wahr, weil sein 
Bewufitsein zu dumpf ist, um sie wahrzunehmen. 

Was mufi nun geschehen, damit der Mensch diese Welt, in der er 
eigentlich immer darinnen ist, wahrnehrnen lernt? Ja, da miissen 
wir einige wichtige Punkte besprechen, um zu verstehen, was da ge- 
schehen soli. Da miissen wir vor alien Dingen etwas ins Auge fassen, 
das ich jetzt versucht habe, praziser auch fur die Aufienwelt darzu- 
stellen im Schlufikapitel des zweiten Bandes meines Buches «Die 
Ratsel der Philosophies Ich will sehen, ob es Menschen verstehen 
konnen, die nicht in der anthroposophischen Stromung darinnen- 
stehen. 

Wir miissen dabei die Frage ins Auge fassen: Wie kommt eigent- 
lich die aufiere Wahrnehmung zustande ? Nun, nicht wahr, da den- 
ken die Menschen gewohnlich - besonders Menschen, die sich sehr 
gescheit diinken dafi die aufiere Wahrnehmung dadurch zustande 
kommt, dafi die Dinge draufien sind, der Mensch in seiner Haut 
steckt, dafi die aufieren Dinge einen Eindruck auf ihn machen, und 
dafi dadurch sein Gehirn ein Bild der aufieren Objekte und Formen 
in seinem Innern erzeugt. Nun, es ist ganz und gar nicht so, sondern 
es verhalt sich ganz anders. In Wahrheit ist der Mensch gar nicht 
drinnen innerhalb seiner Haut [mit seinem Geistig-Seelischen]; das 
ist er gar nicht. Wenn der Mensch zum Beispiel dieses Rosen-Bukett- 
chen sieht, so ist er mit seinem Ich und Astralleib in der Tat da drin- 
nen in dem Bukettchen, und sein Organismus ist ein Spiegelungs- 
apparat und spiegelt ihm die Dinge zuriick. Sie sind in Wahrheit im- 
mer ausgebreitet iiber den Horizont, den Sie uberschauen. Und im 
Wachbewufksein stecken Sie eben mit einem wesentlichen Teil Ih- 
res Ich und Astralleibes auch im physischen und atherischen Leibe 
drinnen. Der Vorgang ist nun wirklich so - ich habe das oft in Vor- 
tragen erwahnt - : Denken Sie sich, sie gingen in einem Zimmer her- 
um, in dem eine Anzahl von Spiegeln an den Wanden angebracht 
waren. Sie konnen durch den Raum gehen. Wo Sie keinen Spiegel 
haben, sehen Sie sich selber nicht. Sobald Sie aber an einen Spiegel 



kommen, sehen Sie sich. Kommt eine Stelle ohne Spiegel, sehen Sie 
sich nicht, und wenn wieder ein Spiegel da ist, sehen Sie sich wieder. 
So ist es auch mit dem menschlichen Organismus. Er ist nicht der 
Erzeuger der Dinge, die wir in der Seele erleben, er ist nur der Spie- 
gelungsapparat. Die Seele ist beisammen mit den Dingen da drau- 
fien, zum Beispiel hier mit diesem Rosen-Bukettchen. Dafi die Seele 
das Bukettchen bewuflt sieht, hangt davon ab, dafi das Auge in Ver- 
bindung mit dem Gehirnapparat der Seele das zuriickspiegelt, wo- 
mit die Seele zusammenlebt. Und in der Nacht nimmt der Mensch 
nicht wahr, weil er, wenn er schlaft, Ich und Astralleib aus seinem 
physischen und atherischen Leib herauszieht, und diese dadurch auf- 
horen, ein Spiegelungsapparat zu sein. Das Einschlafen ist so, als ob 
Sie einen Spiegel, den Sie vor sich hatten, wegnehmen. Solange Sie 
in den Spiegel hineinsehen konnen, haben Sie Ihr eigenes Antlitz 
vor sich; nehmen Sie den Spiegel weg, flugs ist nichts mehr da von 
Ihrem Antlitz. 

So ist der Mensch in der Tat mit dem seelisch-geistigen Wesen in 
dem Teil der Welt, den er iiberschaut, und er sieht ihn dadurch be- 
wufit, dafi ihn sein Organismus spiegelt. Und in der Nacht wird die- 
ser Spiegelungsapparat weggezogen, da sieht er nichts mehr. Der 
Teil der Welt, den wir sehen, der sind wir selbst. 

Das ist eines der schlimmsten Stiicke der Maja, dafi der Mensch 
glaubt, er stecke mit seinem Geistig-Seelischen in seiner Haut. Das 
tut er nicht. In Wirklichkeit steckt er in den Dingen, die er sieht. 
Wenn ich einem Menschen gegenuberstehe, so stecke ich in ihm 
drinnen mit meinem Ich und Astralleib. Wiirde ich nicht meinen 
Organismus ihm entgegenhalten, so wiirde ich ihn nicht sehen. Dafi 
ich ihn sehe, daran ist mem Organismus schuld, aber mit meinem 
Ich und Astralleib stecke ich in ihm drinnen. Dafi man das nicht so 
ansieht, das gehort eben zu den, ich mochte sagen, verhangnisvoll- 
sten Dingen der Maja. 

So verschaffen wir uns eine Art Begriff, wie das Wahrnehmen 
und das Erleben auf dem physischen Plan ist. Betrachten wir nun die 
geistige Welt, von der ich gesagt habe, dafi sie so fluchtig, so leicht 
fluktuierend und leicht beweglich ist gegeniiber den Vorgangen und 



Dingen der physischen Welt. Da leben wir auch drinnen, aber wir 
erleben sie nicht so wie die groben Dinge der physischen Welt, weil 
sie zu fein sind. Wenn man dieses fluktuierende Feine erleben will, 
so kann das zunachst nur dadurch geschehen, dafi man das, was un- 
ser gewohnliches Ich ist, was der Trager unserer Individuality, unse- 
rer Egoitat ist, herabstimmt, richtig herabstimmt. In einer richtigen 
Meditation tun wir das. Worin besteht diese Meditation? Wir neh- 
men uns irgendeinen Vorstellungsinhalt und uberlassen uns ganz 
diesem Vorstellungsinhalt. Wir vergessen uns selber und leben in 
diesem Vorstellungsinhalt, indem wir die Egoitat des gewohnlichen 
Tagesbewufitseins unterdriicken. Wir schalten alles aus, was mit der 
Egoitat des Tagesbewufitseins zusammenhangt. Und da wir als Er- 
denmenschen nur gewohnt sind, fur den physischen Plan die Ego- 
itat anzuwenden, haben wir zunachst [in der Meditation] iiberhaupt 
die Egoitat unterdruckt. Statt dafi wir [mit der Egoitat] im physi- 
schen und Atherleib leben, gelingt es uns allmahlich, dafi wir durch 
Unterdriicken der Egoitat nur im Astralleib leben. 

Merken Sie wohl : das ist es, worauf es ankommt. Wenn wir me- 
ditieren, uns konzentrieren, haben wir immer zunachst das Ziel, das 
Bestreben, nicht in der Egoitat zu leben - die darf dann nicht physi- 
sche Erfahrungen vermitteln -, sondern wir haben das Bestreben, sie 
herunterzudriicken in den Astralleib. Wenn sie im Astralleib ist, 
spiegelt sie sich zunachst nicht im physischen Leib. Wenn Sie das 
Bukettchen sehen, sind Sie in Wahrheit in dem Bukettchen drinnen. 
Der physische Leib ist ein Spiegelapparat, und Sie sehen das Bukett- 
chen, weil der physische Leib es Ihnen spiegelt. Wenn Sie das Ich 
mit der Egoitat unterdriicken, dann werden Sie im Astralleib drin- 
nen sein. Und der ist jetzt so fein, daft Sie die feinen fluktuierenden 
Dinge da draufien bewufit wahrnehmen konnen, aber dazu miissen 
sie nun auch erst gespiegelt werden, wenn Sie sie wirklich wahrneh- 
men sollen. Hier ist etwas, was Sie recht gut ins Auge fassen miissen. 
Es sind viele unter Ihnen, die sich treulich und wahrhaftig der Medi- 
tation hingeben. Dadurch erreichen Sie, dafi die gewohnliche Ego- 
itat unterdruckt wird, dafi das Erleben im Astralleib eintritt. Aber es 
mufi erst die Spiegelung dazukommen, damit Sie bewufit im Astral- 



leib wahrnehmen. Unter Ihnen ist wahrhaftig eine ganze Schar, die 
durchaus durch die Meditation schon so weit ist, dafi sie im Astral- 
leib erlebt. Nun aber kommt es auf die Spiegelung an. Und geradeso 
wie man im gewohnlichen Leben durch den physischen Leib das, 
was man erlebt, gespiegelt erhalt, so mufi man, wenn man in der 
geistigen Welt bewufit wahrnehmen will, durch den Atherleib die 
Erlebnisse des astralischen Leibes zunachst gespiegelt erhalten. 

Aber was geschieht dann, wenn wirklich bei einem Menschen das 
eintritt, dafi ihm seine Erlebnisse im Astralleib gespiegelt werden 
durch den Atherleib? Da geschieht etwas, von dem man vor alien 
Dingen wissen mufi, dafi es ganz, ganz anders ist als das Sehen in der 
physischen Welt. Ich mochte sagen: so bequem, wie man es in der 
physischen Welt hat, hat man es in der geistigen Welt nicht. Ein 
Bukettchen, das hier vor mir steht, ist ein in sich abgeschlossener 
Gegenstand; ich kann meine Freude daran haben, ich kann es mit 
nach Hause nehmen, es dort in eine Vase stellen und so weiter. So ist 
es aber ganz und gar nicht mit dem, was man als astrale Erlebnisse, 
gespiegelt durch den Atherleib vor sich hat. Da lebt und webt alles. 
Nichts von dem, was da ist, ist auch nur einen Augenblick ruhig. 
Aber so, wie es da unmittelbar gespiegelt auftritt, ist es gar nicht das, 
worauf es ankommt, wirklich nicht. Bei diesem Bukettchen kommt 
es auf das an, was es ist. Ich nehme das Bukettchen und habe es dann. 
Wenn ich etwas gespiegelt habe durch den Atherleib, kann ich es 
nicht so einfach nehmen, wie es da ist und damit zufrieden sein. Ver- 
stehen Sie mich wohl, meine lieben Freunde, es ist gar nicht das, 
wonach es ausschaut. 

Auch fur diese Tatsache habe ich einen Vergleich schon ofter ge- 
braucht: Wenn hier etwas stiinde, einige Striche (es werden die 
Buchstaben B A U an die Tafel geschrieben), so wurde ich sagen, 
wenn ich nicht lesen konnte: Da sehe ich Striche, so und so und so, 
die zu einer eigentiimlichen Figur zusammengefugt sind. - Ich kann 
das, was da so an der Tafel steht, nicht wie das Bukettchen mit nach 
Hause nehmen; da hatte ich nichts. Und selbst wenn ich das, was da 
an der Tafel steht - «B A U» - lesen kann, so habe ich doch noch 
nicht das, worauf es ankommt. Das, worauf es mir ankommt, ist der 



Bau da draufien. Den driicke ich aus durch diese Striche und Zeichen 
«B A U». Auch wenn ich die Zeichen lese, habe ich nicht das, wor- 
auf es ankommt. In diesen Zeichen lese ich es nur, ich habe nicht den 
Bau selber. Beim gewohnlichen Lesen habe ich nicht das vor mir, 
worauf es ankommt, sondern ich habe nur das Zeichen dafur. 

So verstehe ich auch das, was ich zunachst bekomme, wenn ich 
im Astralleib erlebe und das gespiegelt bekomme im Atherleibe, nur 
dann richtig, wenn ich es als ein Zeichen auffasse, und wenn ich ler- 
ne, dafi das Zeichen fur etwas anderes steht. Es geniigt also nicht, 
wenn ich das, was von meinem Astralleib in meinem Atherleib ge- 
spiegelt wird, anschaue, ebensowenig wie es auf die Striche an- 
kommt, wenn hier «BAU» steht. Auf das, was diese Zeichen bedeu- 
ten, kommt es an. Ich mufi erst lernen, sie zu lesen. 

Und ebenso mufi ich zuerst lernen, das zu lesen, was ich wahr- 
nehme in der geistigen Welt. Was in meinem Atherleib gespiegelt 
wird, das sind erst die Zeichen fur die Wahrheit. Das heifit, ich mufi 
lernen, in der geistigen Welt zu lesen. Nur dadurch konnen wir et- 
was aus der geistigen Welt erfahren, dafi wir das, was sie uns darbie- 
tet, zunachst als Buchstaben und Worte zu nehmen verstehen, die 
wir lesen lernen mussen. Das ist es. Und lernen wir das nicht, glau- 
ben wir, dafi wir uns das okkulte Lesenlernen ersparen konnen, 
dann machen wir etwas geradeso Gescheites, wie wenn jemand ein 
Buch nimmt und sagt : Da gibt es Narren, die sagen, dafi in diesem 
Buche etwas ausgedriickt sei; ich blattere in dem Buch von Seite zu 
Seite und sehe nur so hubsche Buchstaben darin. - Wer die Buch- 
staben nicht lesen kann, der nimmt nur das auf, was er sieht und 
kummert sich nicht um das, was darin ausgedriickt ist. 

Wenn man das, was ich eben gesagt habe, nicht beriicksichtigt, so 
kommt man in ein ganz schiefes Verhaltnis zur geistigen Welt. Dar- 
auf kommt es an, dafi man das, was man wahrnimmt, deuten und 
lesen lernt. Wir werden in den nachsten Stunden schon sehen, wie 
dieses Deuten und Lesen gemeint ist. 

Nun konnen wir also sagen, wir haben uns wenigstens einleitungs- 
weise verstandigt uber den Vorbegriff: Was ist okkultes Lesen? - 
Es kommt zustande, wenn der Mensch sich im Astralleib erlebt, wie 



er sonst im Ich erlebt in der physischen Welt, und wenn ihm nun 
nicht die Erlebnisse des Ich im physischen Leibe gespiegelt werden, 
sondern die Erlebnisse des Astralleibes im Atherleibe. 

Nun aber miissen wir da noch etwas anderes bedenken : Wir sind 
ja nicht nur, wie ich auch heute gesagt habe, da draufien in den Din- 
gen, wir stecken nicht nur mit Ich und Astralleib in den Dingen dar- 
in, sondern wir schicken im Wachzustande auch etwas vom Ich in 
den physischen Leib hinein. Wir ziehen es nur in der Nacht, im 
Schlaf, aus dem physischen Leib wieder heraus. Das heifit, wir miis- 
sen fur das Wahrnehmen der physischen Welt imstande sein, mit 
dem Ich unterzutauchen in unseren physischen Leib. Fur das Wahr- 
nehmen der geistigen Welt, fur das Lesen der geistigen Welt, da er- 
fahren wir zunachst, daft wir in unserem Astralleib erleben konnen, 
und dal$ wir gespiegelt erhalten konnen die Dinge, die wir im Astral- 
leibe erleben, im atherischen Leib. 

Nun miissen wir aber auch dazu aufsteigen, in den Atherleib so 
untertauchen zu konnen, wie wir beim Aufwachen in den physi- 
schen Leib untertauchen. Merken Sie sich das Folgende wohl: Es ist 
notwendig, mit dem Astralleib unterzutauchen in den Atherleib, 
wenn wir lesen lernen in der geistigen Welt. Wie wir beim Aufwa- 
chen in den physischen Leib untertauchen, so miissen wir, ohne in 
den physischen Leib unterzutauchen, in den Atherleib untertau- 
chen. Die Okkultisten nennen dieses Untertauchen in den Atherleib 
mit Recht ein Hinabstiirzen in den Abgrund. Notwendig ist, dafi 
man sich bei diesem Absturz in den Abgrund nicht betaubt, dafi 
man mit dem Bewufksein hinabdringt, und dafi man sich wiederfin- 
det im Absturz. Denn dieses Untertauchen in den Atherleib geht 
nicht so bequem vor sich, wie das Untertauchen in den physischen 
Leib beim Aufwachen. Es ist in der Tat etwas wie ein gewaltiger 
Sturz in den Abgrund. Denn man wird jetzt in drei Teile gespalten, 
wie ich es beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Er- 
kenntnisse der hoheren Welten?» Man wird zersplittert, gespalten, 
aufgelost in ein Dreifaches. Man kann nicht bewufit in seinen Ather- 
leib hinuntersteigen, ohne sich zu vervielfachen in der angegebenen 
Weise. 



Wenn der Mensch schlaft, so ist er mit Ich und Astralleib aufier- 
halb des physischen und atherischen Leibes, und sein Bewufksein ist 
zu dumpf, um die geistige Welt wahrzunehmen. Wenn er nun unter- 
taucht in den physischen Leib, spiegelt ihm dieser die physische 
Welt, so dafi er sie wahrnimmt. Das ist auch eine Art Hinabstiirzen 
in den Abgrund, nur ist es uns so bequem gemacht, dafi wir es nicht 
als Erschiitterung empfinden. Wenn wir aufsteigen durch unsere 
Ubungen in den Zustand, in dem wir etwas wahrnehmen konnen in 
der geistigen Welt, lernen wir «lesen». Das ist zu vergleichen mit 
einem bewufit gewordenen Schlaf zustand. Wir lernen aber auch 
kennen das Hinabstiirzen in den Abgrund, das Zersplittertwerden 
in drei Teile, wenn wir untergetaucht sind in unseren Atherleib. 
Wenn wir da mit unserem Bewufitsein hinuntertauchen, sind wir 
imstande, bewufit auch in die Dinge und Vorgange der geistigen 
Welt unterzutauchen, die aufier uns sind. 

So lange wir im Astralleib leben und die Dinge im Atherleib ge- 
spiegelt erhalten, lernen wir lesen, wie wenn wir in einem Buche le- 
sen. Sobald wir untergetaucht sind in den Atherleib, zersplittern wir 
uns in drei Teile. Und die drei Teile konnen wir hinaussenden; sie 
wandeln dann bewufit in der geistigen Welt herum. Und die drei, 
die da herumwandeln, erfahren in diesem Herumwandeln dasjenige, 
was wir «okkultes H6ren» nennen. Es beginnt das okkulte Horen, 
sobald wir bewufit hineingesturzt sind in unseren eigenen Atherleib. 
Jetzt tauchen wir wirklich unter in die Dinge. Jetzt merken wir, dafi 
dasjenige, was wir vorher gelernt haben zu lesen, von uns erlebt 
werden kann. 

Also wiederholen wir es : Der Mensch wird durch seine okkulten 
Ubungen in die Lage versetzt, seine Egoitat so weit zu unterdriicken, 
dafi er bewufit in seinem Astralleib leben lernt. Dann werden ihm 
nach und nach die Vorgange und Wesenheiten der geistigen Welt 
vom Atherleib gespiegelt. Wenn er diese gespiegelte Welt in der 
richtigen Weise, wie wir in den nachsten Stunden horen werden, zu 
deuten vermag, so hat er die Kunst des okkulten Lesens gelernt. 
Wenn er weiterkommt und nicht nur von «aufierhalb» im Atherlei- 
be zu lesen vermag, sondern untertauchend gleichsam aufzuwachen 



im Atherleib, dann schickt er die Drei, die aus ihm geworden sind, 
hinaus in die Welt und hort die Vorgange in ihrem inneren Weben 
und Wesen. Dann hort er sie. 

Dadurch gelangt man aber allmahlich dahin, das okkulte Lesen 
und das okkulte Horen so zu haben, dafi man damk etwas ganz Be- 
stimmtes verbindet. Man gelangt dadurch aber auch wirklich in die 
Realitat der Dinge hinein. Denn das, was auf dem physischen Plan 
vor sich geht, ist nicht die Realitat, wirklich nicht. Eine einfache 
Uberlegung kann uns an alien Ecken und Enden der Welt zeigen, 
wie dasjenige, was wir in unserem Umkreis erleben, nicht die Reali- 
tat ist; wie wir alles im Grunde genommen falsch deuten. 

Einmal sagte mir jemand an den Ufern des Rheines : Das ist der 
alte Rhein. - Das ist gewifi ein sehr schoner, tief empfundener Aus- 
spruch. Aber was ist denn eigentlich alt an dem Rhein? Das Wasser, 
das man fliefien sieht ? Gewifi nicht; es fliefit fortwahrend und ist im 
nachsten Augenblick schon nicht mehr da. Das Alte konnte hoch- 
stens das Loch sein, das durch das Wasser in der Erde ausgewiihlt ist. 
Das meint man aber auch nicht, wenn man sagt «der alte Rhein». 
Was also ist es eigentlich, was man mit dem Wort «alter Rhein» be- 
zeichnet? Man sagt ja auch nicht vom Meer, es sei ein «altes Meer», 
und im Meer sind auch Locher, die vom Wasser ausgewiihlt sind, 
und im Meer sind auch Stromungen. Wenn im Meer der Golfstrom 
dahinfliefit, so ist da jeden Augenblick nicht nur das Wasser ein 
anderes, sondern auch die Locher sind anders. 

Was ist denn uberhaupt bleibend im Physischen? Nichts, gar 
nichts. So ist es mit der ganzen physischen Welt. Ihr eigener Orga- 
nismus ist fortwahrend im Flufi; was Sie heute in sich haben als 
Fleisch und Blut, das hatten Sie vor acht Jahren noch nicht. Nichts 
Reales ist bleibend im Physischen, alles ist fliefiend, und das, wofiir 
wir das Wort gebrauchen, haben wir gar nicht richtig im Auge. 

Es hat nur einen Sinn, vom «alten Rhein» zu sprechen, wenn wir 
das Bleibende, das sind die Elementarwesen, die wirklich in dem 
Rhein leben, wenn wir den alten Flufigott «Rhein», das heifit ein 
geistiges Wesen, meinen. Nur dann haben wir uberhaupt etwas 
Sinn voiles gemeint. Wir miissen mit dem Wort vom «alten Rhein» 



etwas Geistiges meinen, oder wir reden gedankenlos. So sehr, meine 
lieben Freunde, ist es wahr, da# wir nur in die wirklichen Realitaten 
hineinkommen, wenn wir uns an die geistigen Welten halten. Nur 
dann kommen wir in die wirklichen Realitaten hinein. Dafi und wie 
wir da hineinkommen, werden wir sehen, wenn wir das okkulte Le- 
sen und Horen dann morgen und iibermorgen in den Einzelheiten, 
soweit es geht, besprechen werden. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 4. Oktober 1914 

Was ich gestern sagte in bezug auf die eigentliche Lage der menschli- 
chen Wesenheit im Verhaltnis zur Welt, das wollen wir uns noch 
einmal deutlich vor Augen stellen. Ich sagte, eigentlich sei es eine 
Maja, eine Tauschung, wenn wir annehmen, wir seien als seelisch- 
geistige Menschenwesen in unserer Haut darin, und die Dinge waren 
so um uns herum, und wir nahmen von den Dingen gleichsam die 
Abbilder in uns herein. In Wahrheit leben wir als seelisch-geistige 
Menschenwesen in den Dingen drin, und wir wiirden dieses In-den- 
Dingen-Drinnenleben nicht wahrnehmen konnen, wenn wir nicht 
unsere Erlebnisse mit den Dingen aus unserem Organismus heraus 
gespiegelt erhalten wiirden. Und zwar so, wie wir in der gewohn- 
lichen physischen Welt drinnenleben, so werden uns die Dinge von 
unserem physischen Organismus gespiegelt, von seinem ganzen 
Sinnensystem, von seinem Denksystem, von seinem Gefuhls- und 
Willenssystem. 

Also das ist eigentlich die Wahrheit, dafl unser Organismus ein 
Spiegelungsapparat ist, dafi dasjenige, was wir erleben, in uns nicht 
erzeugt wird etwa durch unseren physischen Organismus - was eine 
irrtumliche Vorstellung des Materialismus ist -, sondern dafi es ge- 
spiegelt wird. Geradesowenig wie ein Spiegel das hervorbringt, was 
man im Spiegel sieht, ebensowenig bringt unser Organismus das 
hervor, was wir uber die Dinge und an den Dingen seelisch erleben. 
Der Materialist, der behauptet, dafi das Gehirn oder ein anderes Or- 
gan unsere seelischen Erlebnisse hervorbringe, der behauptet in be- 
zug auf diese hoheren Dinge etwas ganz Gleiches, wie wenn jemand 
behaupten wollte, das Gesicht, das er von sich selber im Spiegel er- 
blickt, gehore nicht ihm, sondern sei vom Spiegel hervorgebracht. 

Was also die Wahrheit der Sache ist, das mufi man gewissermafien 
erleben in dem Augenblick, wo man in der gestern beschriebenen 
Weise zum okkulten Lesen aufsteigt. Vergegenwartigen wir uns 
noch einmal, wie es ist, wenn wir zum okkulten Lesen kommen. 



Wir erleben, nachdem wir uns in der gestern beschriebenen Weise 
vorbereitet haben, die fluchtigeren - nur in bezug auf das physische 
Wesen natiirlich fluchtigeren -, fluktuierenden Wesenheiten und 
Ereignisse der geistigen Welt. Aber wir sehen sie, indem wir sie erle- 
ben in unserem Astralleib, von unserem Atherleib aus gespiegelt, 
und diese Spiegelungen erleben wir als Bilder. Ich sagte gestern, im 
allgemeinen konnen wir diese Bilder, die wir so erleben, nur als Zei- 
chen der geistigen Wirklichkeit ansehen. Und ich habe durch einen 
Vergleich klarzumachen versucht, welchem Irrtum derjenige sich 
hingeben wiirde, der das, was er so unmittelbar erlebt wie Traumbil- 
der - nur ungeheuer viel lebendiger als gewohnliche Traumbilder -, 
fur Wirklichkeit ansehen wiirde. Bei dem stiinde es geradeso wie bei 
jemandem, der das Wort «BAU», das an die Tafel geschrieben wur- 
de, nicht fur das Zeichen des Baues nimmt, sondern es als die Wirk- 
lichkeit betrachten wiirde, auf die es ankommt. Wir miissen uns 
vorstellen, dafi in dem Augenblick, wo wir in die Lage gekommen 
sind, von draufien herein durch unseren Atherleib gespiegelt zu er- 
halten die in bezug auf das Physische fluktuierenden, leicht fluchti- 
gen Bilder der geistigen Welt, wir gleichsam vor einem aufgeschlage- 
nen Buch stehen, ein Buch, das fur uns aufgeschlagen ist, das wir 
aber erst lesen lernen miissen, richtig lesen lernen. 

Das ist im allgemeinen richtig. Aber viel mehr, als dies fur die Er- 
lebnisse des physischen Planes gilt, gilt es fiir die Erlebnisse der ho- 
heren Welten, dafi alles Richtige Ausnahmen erfahrt. Und nament- 
lich das, was ich eben gesagt habe, erfahrt Ausnahmen. Das mufi 
man wissen, sonst kann man sich nicht zurechtfinden in der geisti- 
gen Welt : es gilt im allgemeinen, aber es erfahrt Ausnahmen. Inwie- 
fern es Ausnahmen erfahrt, das mochte ich lieber etwas anschau- 
licher erortern. 

Ich will ausgehen von einem ganz bestimmten Fall. Nehmen wir 
an, jemand, der hellseherische Krafte in unserem Sinne bis zu einem 
gewissen Grade in sich ausgebildet hat, der bestrebe sich - nun, sagen 
wir, weil ja das fiir viele Menschen naheliegt -, einen Toten aufzu- 
suchen in der geistigen Welt, also einen Menschen, der vor kurzerer 
oder langerer Zeit durch die Pforte des Todes gegangen ist, und der 



in der geistigen Welt lebt, in jenem Leben, das wir beschrieben ha- 
ben als das Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Nun ist ein sol- 
ches Aufsuchen davon abhangig - das konnen Sie schon aus dem ge- 
strigen Vortrag ersehen -, dafi man gewissermafien von der geistigen 
Welt heraus begnadet wird, den Betreffenden auch wirklich sehen, 
schauen zu konnen. In der Regel wird bei solchem Bestreben die 
blofie Neugier durchaus nicht befriedigt. Wer also von vorneherein 
blofi mit der Absicht, seine Neugierde zu befriedigen, an die Sache 
herangehen wollte, einen Toten in der geistigen Welt aufzusuchen, 
der wiirde entweder gar nichts sehen, oder den mannigfaltigsten Irr- 
tiimern ausgesetzt sein miissen. Aber nehmen wir an, das ware nicht 
der Fall, sondern es lage auch ein von den Wesen der geistigen Welt 
als berechtigt anerkannter Grund vor, dafi man diesem Toten begeg- 
net. Nehmen wir an, es sei alles in Ordnung - um das triviale Wort 
auszusprechen man diirfte gewissermafien dem Toten begegnen. 
Nun wird - ganz allgemein, sage ich wiederum - dies nicht einfach 
so eintreten konnen, dafi sich der betreffende Hellseher durch ir- 
gendwelche Meditation in die geistige Welt versetzt und dann etwa 
seine Begierden, seine Wunsche oder seine Gedanken nach dem To- 
ten richtet, um gewissermafien mit seiner Anschauung begnadet zu 
werden. Wenn das unternommen, oder wenn vorausgesetzt wiirde, 
dafi ein solches Resultat eintreten konnte, so wiirde man sich irren. 
In der Regel wird vielmehr etwas ganz anderes eintreten. 

Sie miissen sich klar sein, meine lieben Freunde, dafi man immer 
nur besondere Falle schildern kann, dafi man nicht allgemeine, ab- 
strakte Theorien gebrauchen kann, wenn man ein solches Thema 
der okkulten Welt bespricht, wie es in diesem Augenblick von mir 
geschieht. Ich kann nur ein Exempel, ein Beispiel geben. 

Nehmen wir also an, ein Seher hatte einen berechtigten Grund, 
mit irgendeinem Toten zusammenzukommen, und er trafe durch 
Meditation, durch Konzentration seiner Gedanken Anstalten, gera- 
de mit diesem Toten zusammenzukommen. Welcher Art diese An- 
stalten sind, das zu beschreiben, wiirde heute zu weit fiihren, aber 
nehmen wir an, diese Anstalten seien richtig. Dann wird, wenn 
durch die Meditation, die Konzentration, der Zustand der Seele 



wirklich eingetreten ist, durch den der betreffende Tote von dem 
Seher wahrgenommen werden kann, der Seher vielleicht zunachst 
etwas sehen, was er - wenn er nicht schon Erfahrungen hat auf die- 
sem Gebiet - sehr leicht geneigt sein konnte, gar nicht fur die Er- 
scheinung des Toten oder fur etwas, was mit dem Toten zusammen- 
hangt, zu halten. Er sieht vielleicht eine sich vor ihm ausbreitende 
Bilderwelt, eine lebendige Bilderwelt, die viel lebendiger ist als die 
Bilder der gewohnlichen Traume. 

Ich mufi das immer wieder betonen, weil das gewohnlich in der 
Welt irrtiimlich dargestellt wird. Die gewohnlichen Traumbilder 
sind Schimaren, wahrend diese Bilder Zeichen der hoheren, der gei- 
stigen Welt sind. Man mufi erst lernen, die Zeichenwelt zu verste- 
hen. Man erlebt in sich bewegliche Bilder, allerlei Ereignisse, die im 
Zusammenhang stehen mit dieser oder jener Personlichkeit. Das er- 
lebt man; nur kann man zunachst kaum eine Ahnlichkeit herausfin- 
den zwischen dem, was man angestrebt hat, und den Bildern, die 
man da erlebt. Aber eines zeigt sich dann, wenn das wirklich der 
Fall ist, wenn es nicht ein blofier Irrweg ist, den man eingeschlagen 
hat: Innerhalb dieser beweglichen Bilderwelt wird man etwas erle- 
ben, was wie, ich mochte sagen, der wichtigste Punkt darin er- 
scheint. Bei den andern Bildern wird man sich sagen: Sie enthalten 
etwas, diese Bilder, das dir vertraut ist, das dich erinnert an allerlei 
Dinge, die unter Umstanden auch aus deiner Erinnerung auftauchen 
konnten; und obwohl du unter deinen Erinnerungen niemals gerade 
diese Begebenheiten hast haben konnen, so konnten sie doch unter 
Umstanden, weil sie sich anlehnen an das, was du erlebt hast, die mit 
Phantasiegebilden durchwachsenen Erinnerungen an solche Erleb- 
nisse sein. 

Gerade da mufi der wirkliche Hellseher aufmerksam sein. Er mufi 
im Auge behalten, dall er es mit einer Bilderwelt zu tun hat, die sich 
aus seiner Erinnerung zusammensetzen konnte. Aber irgendein 
Punkt zeigt sich darin, der keine solche Erinnerung birgt. Man mu!5 
genau unterscheiden, was aus unserer Phantasie zusammengesetzt 
sein konnte, und was darin Eines ist, um das sich gleichsam alles 
ubrige gruppiert. Von dem mufi man sagen: Das ware niemals aus 



deiner Erinnerung gekommen, das konnte auch niemals aus der 
Traumwelt in dein Gesichtsfeld hereinkommen. - Natiirlich mufi 
man auch eine gewisse Praxis haben, um Traumbilder von der Wirk- 
lichkeit zu unterscheiden und diesen Unterschied genau zu sehen. 
Aber man kommt dann dazu, zu sagen : Irgend etwas ist dadrinnen, 
um das sich alles andere gruppiert. In der Regel - ich versuche genau 
zu sprechen - ist es so, dafi dieses eine, das dadrinnen ist, in gewis- 
sem Sinne sogar paradox, absurd erscheinen kann. Es ist so, dafi et- 
was Merkwiirdiges in einer solchen Bilderreihe - die sonst vielleicht 
so schon, so grofiartig, so gewaltig ist -, dafi etwas sehr Sonderbares 
darin erscheint. Nun wird es sehr haufig dem Seher passieren, dafi so 
etwas wiederum abflutet, wiederum hinweggeht, dafi er eigentlich 
mehr oder weniger nichts anfangen kann damit. Dann mufi er na- 
tiirlich den Versuch immer wiederum von neuem unternehmen, 
und es wird ihm in der Regel, wenn er eine gewisse Praxis des Seher- 
tums hat, von neuem gelingen. Er wird immer wiederum eine solche 
Bilderreihe sehen, vielleicht eine neue Bilderreihe ganz anderer Art. 
Aber wieder wird sich etwas in der Mitte zeigen, das das gleiche ist, 
was man schon friiher als Mittelpunkt einer Bilderreihe gesehen hat. 
Nur mufi man schon bis zu einem gewissen Punkte des Sehertums 
gekommen sein, wenn es einem gleich das erste oder das folgende 
Mai gelingen soil, mit diesen Bilderreihen das Richtige zu erreichen. 
Man mufi dazu gekommen sein, wahrend man die Bilderreihe noch 
hat, vollstandig besonnen und selbstbewufit zu werden, da drinnen 
wirklich mit seinem Selbstbewufitsein zu leben, so dafi das Bild 
einem nicht entwischt wie ein Traumbild. Man mufi sich so ihm ge- 
genuberstellen, wie man sich einem Ding der Aufienwelt gegeniiber- 
stellt : dafi man sich in der Hand hat, dafi man weifi, ich bin es, der 
das wahrnimmt, und dort ist das Bild. - Man mufi sich unterschei- 
den konnen von dem Bild, man mufi nicht von dem Bilde hin- 
genommen sein. 

Um das zu erreichen, wird man gut tun, zunachst zu versuchen - 
wenn das Bild so dasteht willkiirlich in dem Bild drinnen etwas zu 
verandern. Nehmen wir zum Beispiel an, das Bild steht da, man hat 
es erlangt, dafi man sich unterscheidet von dem Bilde, dafi man da 



ist, und es kommt in der Bilderwelt irgendeine Personlichkeit vor, 
die einen mifimutig, unfreundlich ansieht. So fasse man jetzt einmal 
das Gefiihl : Wie ware es, wenn ich recht gut ware zu dieser Person- 
lichkeit, damit sie mich freundlicher ansieht, nachdem sie mich bis 
jetzt mifimutig angesehen hat? - Wenn das gelingt, etwas bewufit 
zu andern in der Bilderwelt, dann hat man es leichter, seine Position 
gegenuber der Bilderwelt festzuhalten. 

Das nachste aber mufi nun sein, dafi man - ja, nun ist es schwie- 
rig, einen Ausdruck zu finden, denn die Dinge der geistigen Welt 
sind nun einmal verschieden von der physischen Welt -, dafi man 
tatsachlich jetzt mit dem Bilde, mit all den Bildern, die man da hat, 
sich identifizieren mufi. Man mufi in sie untertauchen, mufi eins mit 
ihnen werden. Denn damit, dafi man eins wird mit ihnen, vollzieht 
man, wie wir gleich sehen werden, eine wichtige Wahrheit. Ich 
mochte sagen, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf: 
Man mufi geistig diese ganze Bilderreihe essen, sie verschlucken, in 
sich selber aufnehmen, sich identifizieren damit, in die Bilderreihe 
untertauchen. Das heifit, man mufi jetzt wissen: Ich habe mich 
nun unterschieden von dieser Bilderreihe, ich habe meine Position 
aufierhalb ihrer gehabt, und jetzt tauche ich willkurlich unter in 
diese Bilderreihe, so wie wenn ich ins Wasser springe, um darin zu 
schwimmen. 

Und nun kommt das Wichtigste, denn jetzt erleben Sie in der ei- 
genen Seele alles das, was in dieser Bilderreihe ausgedruckt ist. Wenn 
zum Beispiel eine Person die andere bekampft oder verletzt, so erle- 
ben Sie jetzt sich selber sowohl als Verletzer, wie auch als die Seele, 
welche verletzt oder bekampft wird. Ich bin alles in diesen Bildern, 
ich bin ganz darinnen. Wenn Sie ein Bild vor sich hatten, wo dar- 
gestellt wird, dafi jemand enthauptet wird, so erleben Sie sich zu 
gleicher Zeit als denjenigen, der enthauptet wird und als jenen, der 
enthauptet. So erleben Sie sich real in dieser ganzen fluktuierenden 
Bilderwelt darinnen. Sie selbst sind jedes Bild und jede Bewegung, 
die darin ist. 

Dann wird das Bild als solches, als Imagination, unsichtbar; aber 
die inneren Erlebnisse werden um so bedeutungsvoller. Man hort 



jetzt auf, das Bild zu sehen, zu schauen, aber man ist in einem rei- 
chen Erleben darin. Wenn es einem wirklich gelingt, in den Bildern 
drinnen zu sein, dann tritt, ich mochte sagen, der zweite Akt der 
ganzen Sache ein. Das mufi aber gar nicht gleich darauf folgen. 

Da kann es sein, dafi von diesem Punkte aus recht viel Entmuti- 
gendes das Sehertum ergreifen kann. Es kann durchaus sein, dafi 
man bis zu diesem Moment kommt, da der Entschlufi gefafit ist, un- 
terzutauchen in das Bild, darin zu schwimmen, und - nun ist es fort 
wie ein Traum, oder wie etwas, was man vergessen hat. Das kann 
durchaus passieren. Nur in den seltensten Fallen wird es so gesche- 
hen, dafi man gleich hinterher das Erlebnis hat, von dem ich jetzt 
sprechen will. Meistens ist es so, dafi das Bild wie ein entschwunde- 
ner Traum ganz untergegangen zu sein scheint. 

Nun mufi man als wirklicher Hellseher sich klar sein, dafi es gar 
nicht wahr zu sein braucht, dafi das Bild untergegangen ist. Es kann 
dasjenige, was in den seltensten Fallen gleich nach dem Untergehen 
des Bildes eintreten kann, viel spater einmal kommen, es kann mit- 
ten aus den Tag- oder Nachterlebnissen heraus kommen. Denn sehr 
haufig ist es der Fall, dafi das, was man - verzeihen Sie, wenn ich 
noch einmal den Ausdruck gebrauche - sozusagen gegessen hat, 
womit man sich vereinigt hat, dafi das erst seelisch verdaut werden 
mufi. Es kann eine Zeitlang dauern. Aber wenn man geniigend ver- 
einigt ist, wenn es geniigend «verdaut» ist, dann kommt es so, dafi 
man weifi : Jetzt stehst du mit der Personlichkeit, mit der Individua- 
list des Toten in Beziehung, und sie schickt Gedanken in dich hin- 
ein, die sie selber hat. Jetzt denkst du das, was der Tote in seiner See- 
le erlebt. Du stehst in Verbindung mit ihm. Er spricht jetzt mit dir, 
und du horst ihn. 

Es ist in Wahrheit das Bild, mit dem man sich vereinigt, oder die 
Bilderreihe, die man aufgenommen hat, die man in sich tragt, die 
jetzt mit einem eins geworden ist, welche eigentlich die Wahrheit 
hort und die Wahrheit aufnimmt. Und in der Regel ist es so, dafi die- 
ses Horen als geistiges Horen dann nicht mehr mit Bildern verbun- 
den ist, sondern getragen ist von dem Bewufitsein, dafi die Seele des 
Sehers verbunden ist mit dem betreffenden Toten und sich das sagen 



lafit von ihm, was nicht mehr mit dem Ohr gehort, nicht mehr mit 
dem physischen Blick aufgenommen wird, sondern was unmittelbar 
mit dem Gedanken aufgenommen wird. Man weifi: Das ist nicht 
dein Gedanke; das ist das, was der Tote zu dir spricht. 

Es bedarf also, wie Sie sehen, einer gewissen Vorbereitung, um in 
die Nahe einer toten Individuality zu kommen, einer Vorbereitung, 
die man, wie ich es eben getan habe, beschreiben kann. Wenn man 
einmal dahin gelangt ist, nach der Identifizierung mit dem Bilde den 
Toten zu horen, dann ist jede Tauschung ausgeschlossen. Denn eine 
Tauschung konnte nur in derselben Weise eintreten wie eine Tau- 
schung auf dem physischen Plan, wenn ich einem Menschen begeg- 
ne und ihn fur einen andern halte. Das werde ich in der Regel nicht 
tun. Man erkennt den Menschen auf dem physischen Plan durch 
sich selber. Ich brauche mir nicht aus theoretischen Prinzipien her- 
aus zu beweisen, wenn. ich in der physischen Welt zum Beispiel 
Herrn Low begegne, dafi das Herr Low ist. Das enthullt das Wesen 
selber, dem man entgegentritt. So weifi man auch in der geistigen 
Welt, dafi man einem Wesen gegeniiber ist, wenn es auch selbstver- 
standlich in der geistigen Welt auf geistige Weise zu einem spricht, 
sich in geistiger Weise mitteilt. 

Was ich Ihnen eben beschrieben habe, das ist der Ubergang von 
einem sehr vieldeutigen Zeichen, das man liest - nicht dadurch, dafi 
man es mit dem Verstande deutet, sondern dadurch, dafi man es in 
sich aufnimmt, eins damit wird, es gleichsam verzehrt -, zum geisti- 
gen Horen. Durch den lebendigen Prozefi, den man durch die Verei- 
nigung mit dem Bilde in der eigenen Seele bewirkt, bereitet man sich 
darauf vor, das objektive Wesen geistig wirklich zu horen. 

Das Lesen ist ein lebendiger Prozefi, ist ein wirklich lebendiger 
Prozefi. Man mufi wirklich seine Seele in die Sache hineinwerfen. Es 
wird etwas ganz anderes von einem verlangt, als was auf dem physi- 
schen Plane verlangt wird. Das lafit sich hochstens damit verglei- 
chen, wenn auf dem physischen Plan jemand uns ein Buch gibt und 
verlangen wiirde, dafi wir es verspeisen sollen, es essen sollen, um es 
zu lesen und zu verstehen. Wenn wir dazu organisiert waren, ein A 
in anderer Weise zu verdauen als ein I, dadurch daft wir verschieden- 



artige innere Prozesse beim Verdauen der Buchstaben A und I hat- 
ten, ware dies mit den beschriebenen geistigen Vorgangen zu ver- 
gleichen. Wir kommen nicht heran an einen geistigen Vorgang oder 
an eine geistige Wesenheit, ehe wir unsere ganze Seele hineingegeben 
haben zum Verstandnis des betreffenden Wesens oder Vorganges. 
Wir miissen selber eins geworden sein mit den Zeichen oder Buch- 
staben der geistigen Welt. Wir miissen sie lesen, und dann, indem 
wir sie lesen, sie geistig horen. 

Ich sagte, im allgemeinen gilt das. Man mufi eben, wenn man auf 
dem Felde der Geisteswissenschaft steht, ganz genau sprechen. Im 
allgemeinen; denn es gibt auch Ausnahmen. Es kann zum Beispiel 
durchaus auch eintreten, dafi irgendein Seher, wenn er im Zustand 
des geistigen Schauens ist, nicht nur eine Bilderreihe erlebt, wie ich 
es eben geschildert habe, sondern wirklich etwas erlebt als Bild, als 
Imagination, was dem betreffenden Toten, so wie er war im Leben 
als aufiere Gestalt, ahnlich ist. Dann kann der Betreffende naturlich 
wissen, er steht diesem Toten gegeniiber. Aber er kann es eigentlich 
niemals ganz sicher wissen. Es kann richtig sein, braucht aber nicht 
ganz richtig zu sein. Um das zu erklaren, mochte ich zu einem Ver- 
gleich greifen. Sehen Sie, unsere gewohnliche Schrift, Druckschrift 
oder Schreibschrift, besteht aus Zeichen. Und wahrhaftig, wenn ich 
das Wort «Bau» aufschreibe, so hat dieses Wort nichts ahnliches mit 
unserem Bau da draufien. So war es aber nicht immer im Laufe der 
Entwickelung der Schrift. Wenn wir in altere Zeiten zuriickgehen, 
finden wir eine Bilderschrift. Da machten die Menschen Bilder, die 
dem, was die Bilder darstellen sollten, noch ahnlich waren; und aus 
der Bilderschrift entwickelte sich erst die Zeichen- oder Buchstaben- 
schrift. 

So ist es auch mit dem Verhaltnis des Hellsehens, das wir durch 
unsere rosenkreuzerische Methode anstreben, zu dem atavistischen, 
mehr oder weniger primitiven Hellsehen, das bei manchen Men- 
schen durch irgendwelche Vorbedingungen auftreten kann. Gerade- 
so wie unsere Zeichen- und Buchstabenschrift etwas Entwickeltes 
ist, und die Bilderschrift etwas mehr Primitives ist, so ist auch das 
Hellsehen in unserem Sinne etwas Entwickeltes, und das Schauen, 



das unmittelbar in Traumbildern das zum Ausdruck bringt, was ge- 
schaut wird, etwas mehr Primitives. Gerade das entwickelte Hell- 
sehen wird oftmals nicht imstande sein, unmittelbar im Bilde das zu 
schauen, was zu schauen ist. Es wird bei ihm in der Regel so sein, 
wie ich es beschrieben habe. Aber die Ausnahme kommt durchaus 
auch vor, daft ein Mensch ohne besondere Entwickelung, rein aus 
den Anlagen seines Organismus heraus, hellsehend wird. Dann kann 
es sein, daft dieser naturliche Hellseher viel mehr Bilder wahrnimmt, 
die Ahnlichkeit haben mit geistigen Vorgangen, als der entwickelte 
Hellseher, der erst notwendig hat, all die Prozeduren durchzuma- 
chen, die ich beschrieben habe. Aber er kann niemals durch das 
primitive Hellsehen dazu kommen, irgend etwas mit Sicherheit zu 
erfahren; und selbst das, was mit Sicherheit in dieser Art erfahren 
werden kann, sind nur solche Ereignisse, die sich anlehnen an das 
irdische Leben. 

Sagen wir zum Beispiel, es sei irgend jemand gestorben und habe 
vor seinem Tode noch ein Testament hinterlegt, ohne daft er je- 
mand darauf aufmerksam machen konnte, daft das Testament da 
oder dort liege. Er stirbt. Irgendeine primitiv hellsehende Person- 
lichkeit, bei der die Vorbedingungen vorhanden sind, kommt hinzu, 
und es konnte sogar der Fall eintreten, daft eine solche ungeschult 
hellsehende Personlichkeit in einer Art Trance-Imaginationszustand 
in Zusammenhang gebracht wird mit dem betreffenden Toten. Und 
sie kann dann die Gedanken des Toten wahrnehmen, die auf den 
Ort gerichtet sind, wo der Tote das Testament hingelegt hat. Es 
kann der Betreffende das Bild des Ones, den Schrank zum Beispiel 
wahrnehmen, wo das Testament liegt. Das kann eintreten. Aber es 
hangen diese Falle stets mit dem aufteren physischen Plan zusam- 
men. Es handelt sich um etwas, was auf dem physischen Plan vorge- 
gangen ist. Es konnen auch kompliziertere Dinge sein; aber sie sind 
doch immer mit dem physischen Plan, mit dem Irdischen irgendwie 
zusammenhangend, Viel weiter wird man auf diesem Gebiet des pri- 
mitiven Hellsehens nicht kommen. Um weiter zu kommen und 
wirklich klar und sicher mit der geistigen Welt zu verkehren, sind 
eben die Vorbereitungen notig, von denen ich gesprochen habe. 



Nun mufi ich Ihnen noch Genaueres dariiber sagen, damit wir 
dann in den nachsten Vortragen auf Einzelheiten des geistigen Le- 
sens und Horens eintreten konnen. Ich sagte, daft das, was hinter der 
Maja der aufieren Erfahrung liegt, was in den Dingen darin ist, eine 
Wahrheit wird in dem Augenblick, wo wir die geistige Welt betre- 
ten. Es wird eine Wahrheit, wie ich sie in dem einzelnen konkreten 
Falle Ihnen beschrieben habe. Es geniigt nicht, dafi wir irgendein 
Bild durch Hellsehen wahrnehmen und nun das Bild so vor uns ha- 
ben, wie wir Wesen der physischen Welt sehen konnen. Das geniigt 
nicht. Wir miissen dazu kommen, in die Bilder unterzutauchen, uns 
wirklich in sie hineinzusturzen. Wir miissen bewufit das machen, 
was wir im gewohnlichen Leben auch tun, nur dafi wir es da nicht 
bewufit machen. Wir miissen wirklich hineingehen in das Bild. 
Wenn ich also zunachst diese Bilderreihe wahrnehme, in deren Mit- 
telpunkt das ist, was ich beschrieben habe, so mufi ich aus mir 
herausgehen, ich mufi in diese Bilderreihe hinein, ich mufi sie 
verzehren, verschlingen, mufi darinnen sein. 

Nun kann das, was ich beschrieben habe, als eine geistige Erfah- 
rung eintreten, aber man versteht diese geistige Erfahrung eigentlich 
noch nicht. Um sie zu verstehen, ist noch das Folgende notwendig. 
Man mufi etwas wie geistige Selbstbeobachtung iiben konnen wah- 
rend des Vorganges des Untertauchens. Indem man untertaucht in 
eine solche Bilderreihe, geht einiges in einem vor, das man in sich 
gleichsam spurt. Bedenken Sie einmal, wie es ist, wenn man zuerst 
sich erfafit hat in seiner Position gegeniiber den imaginativen Bil- 
dern, und dann dazu kommt, in diese Bilderreihe unterzutauchen. 
Das Gefiihl ist ein ganz anderes, wenn man bewufit davor steht, als 
wenn man in die Bilder untergetaucht ist. 

Ich will versuchen, Ihnen zu beschreiben, wie diese beiden Ge- 
fuhle sich unterscheiden. Es ist so, dafi in dem Augenblick, wo man 
untergetaucht ist, man weifi : Jetzt hast du diese Bilderreihe dadurch 
zum Verschwinden gebracht, dafi du dich damit identifiziert hast. In 
diesem Augenblick erfafit einen ein Gefiihl der Ungeniigendheit 
gegeniiber sich selbst. Man wird gewahr - die Dinge sind schwer zu 
beschreiben -: Du bist ja eigentlich jetzt nur ein Stuck von dem, was 



du warst, als du auf deinem friiheren Standpunkt gestanden hast. Du 
bist nur ein Stiick davon. 

Man mufi natiirlich diese Beobachtung oftmals machen, damit 
man ganz hineinkommt in die Dinge und die Fahigkeit erlangt, sie 
richtig zu deuten. Es kommt einem so vor - man charakterisiert sol- 
che Dinge am besten durch Vergleiche -, wie wenn ein Zwolf-Kilo- 
gewicht, ohne dafi mit ihm weiter etwas geschehen ist, ganz plotz- 
lich nur ein Ein-Kilogewicht geworden ware. So fiihlt man sich, als 
ob man nur ein Zwolftel von sich selber ware, und die anderen elf 
Zwolftel, die sind draufien in der Welt. - Das kann man symbolisch 
zeichnen, was da mit einem vorgegangen ist. Man fiihlt sich irgend- 
wo draufien in der Welt, aber nicht mit seinem ganzen Wesen fiihlt 
man sich da, sondern man fiihlt: Da draufien in der Welt sind elf 
Zwolftel deines Wesens, du bist aufgeteilt. - Symbolisch kann man 
das so ausdriicken, dafi man sagt : Man ist an einem Punkte des Um- 
kreises, und die anderen elf Zwolftel sind iiber den iibrigen Kreis 
verteilt. Da (siehe Zeichnung, a 1) ist man selber, und da (siehe 
Zeichnung 2, 3, 4 und so weiter) sind die anderen elf Zwolftel. 




Jetzt ist es erst recht wahr, dafi man da draufien in der Welt ist : 
man ist zu einem Zwolftel von sich selber geworden, und man hat in 
einem Kreise gleichsam liegengelassen die andern elf Zwolftel. 



Man kann das mit einem okkultistischen Ausdruck nennen : Man 
hat sich selbst verwandelt in den Tierkreis, man ist selbst zum Tier- 
kreis geworden. - Und nunmehr kommt dasjenige, was man hort, 
einem zu von innerhalb dieses Tierkreises. Also - ich behalte das 
friihere Beispiel bei - wenn der Tote zu einem spricht, so spricht er 
von innerhalb des Tierkreises. 

Bedenken Sie den Unterschied, der hier liegt gegeniiber dem 
Wahrnehmen in der physischen Welt. In der physischen Welt sind 
wir in unsere Haut eingeschlossen, und draufien sind die Dinge; sie 
gehen scheinbar in uns hinein, indem wir sie anschauen. Beim geisti- 
gen Wahrnehmen stehen wir draufien, an einem Punkte, einem 
Zwolftel des Horizontes und schauen von dort nach innen. Jetzt ha- 
ben wir die Welt, die wir schauen, innerhalb des Tierkreises. Wir 
schauen von draufien hinein. Im gewohnlichen Leben schauen wir 
von innen hinaus. Und dasjenige, was uns jetzt da drinnen als geisti- 
ge Stimme entgegenkommt, mit der der Tote zu uns spricht, das 
nehmen wir dadurch wahr, dafi wir uns angewohnen, in verschiede- 
ner Weise hinzuhoren, in verschiedener Weise achtzugeben. 

Wir werden schon noch Genaueres hieruber sprechen. Zunachst 
will ich es durch das Symbolum andeuten. Wir konnen zum Beispiel 
das Gefuhl haben, was der Tote spricht, konnten wir am besten 
wahrnehmen, wenn wir innerhalb des Kreises das geistige Ohr in 
dieser Richtung, nach der geistigen Fiinf hin richten (siehe Zeich- 
nung: Linie zwischen Punkt 1 und Punkt 5). 




Jetzt hort er da auf zu sprechen, aber man hort ihn weiter, wenn 
man auf einen anderen Punkt (Punkt 1 1) hin das geistige Ohr rich- 
tet. Man lernt allmahlich erkennen, dafi man innerhalb des Umkrei- 
ses sieben Stimmen zu unterscheiden hat, die so variieren, daft man 
sie in der verschiedensten Weise vernimmt, je nachdem sie von dem 
einen oder dem anderen Punkte herkommend gehort werden. Alles 
was man wahrnimmt, spricht wie aus sieben Stimmen innerhalb 
dieses Kreises heraus. 

Man kann es auch so ausdriicken: Man ist in den Umkreis der 
Welt gegangen. Dasjenige, was man wahrnehmen soil, ist innerhalb 
dieses Umkreises. Man mufi lernen, sich zu fuhlen als einen Teil des 
Umkreises und mufi, ich mochte sagen, in kosmischer Bescheiden- 
heit, keinen Anspruch darauf machen, etwas anderes zu sein als ein 
Zwolftel des Umkreises. Aber man mufi die anderen elf Zwolftel zu 
Hilfe nehmen, man mufi sie aufier sich voraussetzen. Man mufi ver- 
suchen, sich ein Unterscheidungsvermogen anzueignen fur das, was 
da zu einem spricht. Man mufi unterscheiden, wie in der verschie- 
densten Weise alles variiert, was ein kosmisches Wesen zu einem 
sprechen kann. 

Nun kann man wiederum durch einen Vergleich sich klarmachen, 
um was es sich handelt : Das, was da zu einem spricht innerhalb die- 
ses Kreises, kann man wirklich nennen geistige Vokale. Und alles, 
was man selber ist im Umkreis, und was im Umkreis liegt, sind gei- 
stige Konsonanten. Konsonanten und Vokale wirken zusammen; 
Konsonanten, indem sie stillstehen, indem wir unser eigenes Wesen 
hinausergossen haben in das Weltenall; und Vokale dadurch, dafi sie 
sich drinnen bewegen und dadurch zum Aussprechen bringen, was 
gesagt werden soli. 

Nun will ich noch einmal zuriickkommen zu unserem Beispiel. 
Ich suche einen Toten auf, suche mit ihm zusammenzukommen. 
Ich bringe es dahin, dafi mir irgendeine Bilderreihe erscheint und 
mitten in dieser Bilderreihe etwas, was mir paradox, etwas, was mir 
absurd erscheint. Ich bin mir klar: Es ist etwas, was ich nicht selber 
hatte aus den Quellen meines inneren Seelenwesens heraus bekom- 
men konnen. Ich bringe es dahin unterzutauchen, eins zu werden 



mit der Bilderreihe. In diesem Augenblick, indem ich in sie unter- 
tauche, stehe ich in diesem bestimmten einzelnen Punkte (siehe 
Zeichnung Punkt a), und ringsherum, da haben sich elf Zwolftel 
von meinem Wesen losgeldst. 




Deshalb sagte ich - Sie miissen sich ja erinnern, dafi man genau 
sprechen mufi, wenn man von okkulten Dingen spricht - : Die Bil- 
derreihe hort einem zu. Man hat nichts anderes in sich als die «ge- 
nossene» Bilderreihe; die steht da in dem einen Zwolftel (siehe 
Zeichnung). Das andere, was nicht eins werden kann mit dieser Bil- 
derreihe, das verteilt sich draufien im Umkreis. Und da kann es ei- 
nem gelingen, iiber kurz oder lang, wirklich die geistige Stimme, die 
Mitteilung des Toten zu empfangen. Da hort man eben den Toten 
sprechen aus dem Umkreis, den man sich selbst um dasjenige herum 
gebildet hat, zu dem man in Beziehung treten will. 

Was hat man also eigentlich getan? Man ist aus sich herausgegan- 
gen, ist eins geworden mit der Welt, aber nur mit einem Teil der 
Welt. Man hat dasjenige mit seinem ganzen Wesen erfafit, was man 
wahrnehmen.will. Man hat gleichsam eine geistige Aura um den To- 
ten gebildet. Man kann sie aber nicht vollstandig bilden, man kann 
nur an einem Punkt stehen, und mufi aus dem, was man nicht ist, 
die Aura bilden. 



Man kann sagen : Ich nehme eine Bilderreihe wahr. Erst stehe ich 
aufierhalb dieser Bilderreihe, dann aber tauche ich in die Bilderreihe 
unter. Dadurch bilde ich um das, was ich wahrnehmen will, mit 
dem, was ich hingegeben, hingeopfert habe, eine Weltensphare. Die- 
se Weltensphare enthalt in sich - wie sieben Planeten - den Vokalis- 
mus, durch den das entsprechende Wesen mit uns sprechen kann, 
wenn wir selbst durch die Zwolftheit unseres Wesens den Konso- 
nantismus bilden. 

Man kann mit einem Wesen der geistigen Welt eben nur dadurch 
in Beziehung kommen, dafi man es umschliefit, so umschliefit, dafi 
die Umschhefiung bildet die kosmischen Konsonanten, und dafi das 
Wesen selber in dem kosmischen Vokalismus sich uns ankiindigen 
kann. Und wenn der kosmische Vokalismus zusammenwirken kann 
mit dem kosmischen Konsonantismus, den wir aus uns selbst gebil- 
det haben, dann wirken Lesen und Horen zusammen, dann dringen 
wir in ein bestimmtes Gebiet der geistigen Welt ein. 

Ich bitte Sie nun, sich nicht durch das, was ich eben gesagt habe, 
etwa zu dem Irrtum fuhren zu lassen, dafi das, was ich beschrieben 
habe, mit dem physischen Tierkreis oder mit den sieben physischen 
Planeten etwas zu tun habe. Das ist nicht der Fall, das ist nicht so ge- 
meint. Sondern es ist so, dafi man jedesmal gleichsam eine Welten- 
sphare in der Zwolfheit bildet um das betreffende Wesen herum, das 
man wahrnehmen will. Man bildet uberall eine Welt fiir sich. 

Es ist schon so: Will man auf dem physischen Plan etwas ganz 
kennenlernen, so mufi man es von den verschiedensten Seiten, von 
den verschiedensten Standpunkten aus ansehen, man mufi um es her- 
umgehen. In der geistigen Welt mufi uns das eine Realitat werden, 
dafi man nicht herumgehen mufi mit dem ganzen Wesen, sondern 
man mufi sein ganzes Wesen so zerteilen, dafi man einen Umkreis 
schafft um das, was man wahrnehmen will. Jedesmal, wenn eine 
wirkliche geistige Wahrnehmung stattfindet, so hat man einen sol- 
chen geistigen Umkreis geschaffen. Und nur, weil die gottlichen 
Wesenheiten, die wir in den hoheren Hierarchien kennengelernt 
haben, das im Grofien gemacht haben, ist das eingetreten, dessen 
Resultat wir im Tierkreis vor uns haben. 



Denken Sie sich einmal, es wiirde das eintreten, was ich beschrie- 
ben habe, es wiirde der Verkehr mit einem Toten zustandekommen, 
und stellen Sie sich vor, ein solcher Verkehr konnte in einem be- 
stimmten Moment - nun, sagen wir - richtig festgehalten und ver- 
hartet werden, so wiirde diese Verhartung darstellen ein Menschen- 
wesen, natiirlich ein geistiges Menschenwesen, in zwolf Teile geglie- 
dert, zwolf feststehende Sterne. Wenn dasjenige, was wahrgenom- 
men worden ist, erstarrt festgehalten wiirde, so wiirde es ein planeta- 
risches System darstellen. Indem die Gotter das in einem besonderen 
groften Plan gemacht haben, ist unser Weltensystem entstanden. 
Wahrend wir bei dem einzelnen Akt des Hellsehens etwas Voriiber- 
gehendes schaffen, das natiirlich dann wieder vorbei ist, wenn der 
Akt des Hellsehens vorbei ist, ist unser ganzes Weltenall festgehalte- 
nes Hellsehen der Gotter, der hoheren Hierarchien. 

Daher auch konnen wir diese Welt nur erkennen, wenn wir sie in 
ihren geistigen Grundlagen erkennen. Das Physische ist etwas, was 
gar nicht real ist, ebensowenig real, wie es gestern in dem Vergleiche 
vom fliefienden Wasser des Rheines gesagt worden ist. Nur das Gei- 
stige ist real. So ist auch bei dem ganzen Sonnensystem nur das Gei- 
stige real. Man mull auch das Sonnensystem in Wirklichkeit ken- 
nenlernen, indem man in geistigem Lesen und Horen entziffert, was 
hinter ihm liegt. In vieler Beziehung haben wir das schon getan. Was 
noch mehr dariiber zu sagen ist, davon werden wir morgen und 
ubermorgen sprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 5. Oktober 1914 

Aus den Auseinandersetzungen, die wir gestern und vorgestern ge- 
pflogen haben, werden Sie ersehen haben, dafi okkultes Lesen und 
okkultes Horen in Erlebnissen der menschlichen Seele bestehen. Ich 
habe verschiedene Vergleiche gebraucht, urn darzulegen, wie man 
eins werden mufi erstlich schon mit den Zeichen, die sich in der 
Imagination dem Seher darbieten, und dann selbstverstandlich des 
weiteren mit dem, was diese Zeichen von geistigen, von spirituellen 
Realitaten bedeuten. 

Ich mochte Ihnen nun zunachst eine genauere Vorstellung geben - 
soweit das bei der Kiirze, die durch die wenigen Vortrage, die gehal- 
ten werden konnen, moglich ist, und wenn das auch wegen der Kiir- 
ze der Zeit nur eine annahernde Vorstellung sein kann - von all 
dem, was notwendig ist, um vom ungeordneten Hellsehen aufzustei- 
gen zu geregeltem wirklichem Hellsehen, das man eben okkultes Le- 
sen, okkultes Horen nennen kann. Das erste, was ich auseinander- 
setzen mochte, konnte man nennen den Vokalismus der geistigen 
Welt. Die Art, wie man gewissermafien - es ist natiirlich doch im 
Grunde vergleichsweise ausgedriickt - die Vokale der geistigen Welt 
horen und lesen lernt, das ist natiirlich ein viel innerlicherer Prozefi, 
als alle Prozesse des gewohnlichen Lebens sind, und wir werden 
durch mancherlei Umschreibungen uns nur nahern konnen dem- 
jenigen, was man Erleben der Vokale, der Selbstlaute des Kosmos 
nennen konnte. Aus dem, was ich gestern angedeutet habe, werden 
Sie auch ersehen haben, dafi man von sieben solchen Vokalen spre- 
chen kann; denn wir konnen sie symbolisch parallelisieren mit dem 
planetarischen System. 

Nun gehen wir noch einmal zuriick auf das, was ich gestern bei- 
spielsweise erwahnt habe: das Aufsuchen eines Toten. Davon bin 
ich ja ausgegangen. Ich versuchte bei dieser Gelegenheit namentlich 
die Art der Erlebnisse zu erortern, durch die man allmahlich hinein- 
wachst in das Erfahren der geistigen Welt. Wir haben gehort, dafi 



man zunachst durch die verschiedenen Vorbereitungen, die der Se- 
her durchzumachen hat, dazu kommt, eine Bilderreihe zu schauen. 
Dieser Bilderreihe steht man im Grunde genommen eigentlich so ge- 
geniiber wie den Dingen der Aufienwelt. Man steht auch einem 
Traumbild so gegeniiber wie den Dingen der Aufienwelt. Erst nach 
und nach gelangt man dazu, wie wir gesehen haben, sich zu identifi- 
zieren mit den Bildern, sie gleichsam aufzuzehren, eins zu werden 
mit diesen Bildern, ganz darin zu leben in diesen Bildern. 

Nun aber mufi man genau ins Auge fassen, wenn man wirklich 
den geistigen Realitaten gegemibersteht - das heifit, wenn diese Bil- 
der zuletzt dazu fuhren, sagen wir, den Toten zu finden oder irgend- 
ein anderes Geschehnis oder Wesen der geistigen Welt, wie das ge- 
stern erortert worden ist -, dafi das Zeichen sind von spirituellen 
Realitaten. Dann sind sie als Bilder eben selber Realitaten, die selber 
eine spirituelle Wirklichkeit ausdriicken. Und die Bilder sind eine 
Wirklichkeit, denn sie sind da, diese Bilder. 

Die Frage mufi nun entstehen: Sind denn diese Bilder nur dann 
da, wenn der Seher sich entsprechend vorbereitet und es dazu bringt, 
diese Bilder zu schauen? Sie sind nicht nur dann da, diese Bilder, und 
das ist sehr wichtig, dafi man das ins Auge fafit. Nehmen Sie an, Sie 
stunden oder safien irgendwo, Sie waren geniigend vorbereitet, ir- 
gend etwas zu schauen, und eine Bilderreihe trate so fluktuierend, 
ablaufend vor Ihre Seele. Wenn nun, statt dafi ein Seher sich in dieser 
Lage befindet, ein anderer Mensch dazu kommt, diese Bilderreihe 
zu schauen, der gar nichts von Sehergabe hat und nur die gewohn- 
lichen Bilder von der physischen Welt in seiner Umgebung sieht - 
sind dann diese Bilder nicht da? Sie sind immer da, sie sind richtig 
immer da. 

Anders gesprochen, wie ich es vorgestern auseinandergesetzt habe : 
Wir sind in Wirklichkeit in diesem Bukettchen drinnen; daft wir es 
wahrnehmen, beruht auf der Spiegelung durch unseren eigenen Or- 
ganismus. In dem Augenblick, wo der Seher, ausgehend von seiner 
Vorbereitung, dazu kommt, ein entsprechendes Geistiges imaginativ 
vor seiner Seele zu haben, da ist er auch darinnen. Durch die spatere 
Prozedur, sich damit zu identifizieren, vollfuhrt er nur einen Be- 



wufitseinsprozefi; in Wahrheit ist er drinnen. Aber nicht nur der Se- 
her ist darinnen, sondern auch jeder andere Mensch. Wenn man mit 
den gewohnlichen physischen Augen und dem physischen Vorstellen 
einem Gegenstand gegenubersteht, ist man nicht nur in dem physi- 
schen Gegenstand darin - der ja, wie wir gesehen haben, uberhaupt 
nur eine Tauschung ist sondern man ist auch in dem geistigen 
Wesen drin. Man ist immer auch in den geistigen Wesen, die nicht 
physisch verkorpert sind, drinnen. Also in den Bildern, von denen 
der Seher ein Stuck schaut, steckt der Mensch immer darin. Sie sind 
immerzu in der Umgebung da, der Mensch steckt immer darin. Sie 
bleiben unwahrnehmbar, unsichtbar aus dem Grunde - konnte 
man abstrakt sagen -, weil das menschliche Wahrnehmungsvermo- 
gen zu dumpf und zu grob ist, um diese fe'men y webenden Wesenhei- 
ten und Gebilde mit seinen gewohnlichen groben Sinnen wahrzu- 
nehmen. 

Das ist abstrakt gesprochen. Wir konnten aber noch ein anderes 
Warum aufwerfen : Warum ist es uberhaupt so in der Welt, dafi wir 
das, was geistig in der Welt herumflutet, in dem wir doch darinnen 
sind, nicht wahrnehmen? Warum ist es eigentlich so? Warum das so 
ist, das erfahrt man erst, wenn man anfangt, sich zu identifizieren 
mit den Imaginationen, wenn man den Prozefi wirklich ausfiihrt, 
den ich gestern besprochen habe. Dann erfahrt man, warum der 
Mensch nicht bewufk darin se'm kann in der geistigen Welt, die 
doch rings um ihn herum ist. Wie erfahrt man es? 

Noch einmal sei es gesagt: Eine Bilderreihe steht vor der Seele. 
Man versucht, sich zu identifizieren mit ihr, man verdaut sie gleich- 
sam, man vereinigt sich mit der Bilderreihe, man ist in ihr nunmehr. 
Das weifi man jetzt. Nun kann man sich aber auch in diesem Augen- 
blick die Frage beantworten, warum man denn nun eigentlich aus 
seinem Leibe draufien bleiben mufi, warum man sozusagen hinaus- 
gehen mufi aus seinem Leibe, draufien sich identifizieren mufi mit 
der Bilderreihe, wenn man sie wahrnehmen will, und sie nur, wie 
wir gesehen haben, zuriickgespiegelt erhalten kann vom eigenen 
Atherleib. Man erfahrt, warum das notwendig ist, warum das so ein- 
gerichtet ist in der Welt, wenn man es erlebt. 



Durch das, was man nun mit diesen Bildern erlebt, wenn man 
sich mit ihnen identifiziert hat, weifi man unmittelbar dieses : Wiirde 
man jetzt identisch, identifiziert mit der Bilderreihe, zuriickgehen in 
den physischen Leib, wiirde man nicht draufien bleiben und warten, 
bis der Atherleib das Wesen der Bilder spiegelt, wiirde man alles das, 
womit man eins geworden ist, in seinen physischen Leib hineintra- 
gen, also in den Raum, der von der Haut umschlossen ist, so wiirde 
man sofort den physischen Leib bis zur Todesreife zerstoren. Es wiir- 
de sofort der Keim des Todes im physischen Leibe sein. Es ist nicht 
moglich, dasjenige, womit man sich da identifiziert hat, hineinzutra- 
gen in den physischen Leib. Der Mensch kann sich nur damit identifi- 
zieren, wenn der Tod wirklich eintritt. Wenn der Tod im Erdendasein 
wirklich eintritt, dann ist die Seele so weit, dafi sie sich identifizieren 
kann mit dem, was draufien als Imagination lebt im natiirlichen 
Verlauf des Lebens. Dann tritt aber eben auch der Tod ein. 

Also Sie sehen, man kann in tiefstem Ernst dasjenige nehmen, 
was wie ein Motto gewaltiger Art durch alle okkulten Betrachtun- 
gen hindurchgeht. Das ist der Ausspruch, den alle Okkultisten getan 
haben, die wirklich im echten, wahren Sinne des Wortes Okkulti- 
sten geworden sind: Man gelangt in dem Augenblick, wo man zum 
wirklichen Hellsehen kommt, zu einem Erlebnis, durch das man 
dem Tod gegeniibersteht. Man gelangt an die Pforte des Todes. - Ich 
habe das oftmals von andern Seiten her betont : man lernt erkennen, 
wie es mit dem Menschen steht, wenn er durch die Pforte des Todes 
schreket. Man kann nicht zum Hellsehen kommen, ohne diesen 
ernsten, gewaltigen Augenblick durchzumachen, der von den Ok- 
kultisten als das Stehen an der Pforte des Todes bezeichnet wird. 

Aber man lernt noch etwas anderes. Ich habe in einem Miinchner 
Vortragszyklus schon einmal darauf hingedeutet, aber von einer an- 
dern Seite. Man lernt namlich nunmehr in tiefstem Ernst eine Frage 
aufwerfen, die eine Lebensfrage der Geisteswissenschaft ist. Man 
lernt die Frage aufwerfen : Ja, wie steht es denn eigentlich mit uns 
Menschen, da wir doch im Grunde immerfort leben im fluktuieren- 
den Gewebe geistiger Wesenheiten, das wir nicht in unseren physi- 
schen Leib hineintragen konnen, ohne den Todeskeim hineinzutra- 



gen? Draufien sind wir immer umgeben von Imaginationen, wir 
sind gleichsam in einer Sphare von Imaginationen drinnen; die diir- 
fen aber nicht in uns herein. Was kommt denn von diesen Imagina- 
tionen in uns herein? Schattenbilder, Reflexionen, Spiegelbilder, als 
unsere Gedanken, als unsere Vorstellungen. Da draufien sind die 
vollsaftigen realen Imaginationen. Sie spiegeln sich in uns, wir erle- 
ben sie in der abgeschwachten, schattenhaften Form unserer Gedan- 
ken und Vorstellungen. Wiirden wir sie in ihrer Vollsaftigkeit her- 
eintragen in uns, wiirden wir sie nicht blofi zur Spiegelung bringen, 
so wiirden wir in jedem Augenblick vor der Gefahr des Todes 
stehen. 

Was liegt denn da eigentlich vor? Es liegt nichts Geringeres vor, 
als dafi wir durch die Welteneinrichtung davor bewahrt werden, die 
geistigen Wesenheiten und Vorgange, die uns umgeben, in ihrer 
Vollsaftigkeit zu erleben. Wir sind geschiitzt dadurch, dafi uns im 
gewohnlichen Alltagsbewufitsein nur Schattenbilder dieser vollsafti- 
gen geistigen Wesenheiten beriihren. Und doch, eine ganze Summe 
von diesen Imaginationen gehort zu uns, gehort zu den Kraften, die 
schopferisch an uns tatig sind. In dieser Welt der Imaginationen le- 
ben die Schopferkrafte in uns selber. Wir diirfen sie nicht in der ur- 
spriinglichen Form erleben, nur in der abgeschatteten Form, in der 
sie als Gedanken in uns sind. Das kann nur dadurch sein, dafi uns je- 
mand im gewohnlichen Erleben abnimmt dieses Erleben der Imagi- 
nationen, die zu unseren Gedanken gehoren. Erlebt miissen sie doch 
werden. Wir konnen sie nicht erleben, erlebt miissen sie von starke- 
ren Wesen werden, als wir sind, von solchen Wesen, die sie ertragen 
konnen in ihrer Geist-Seelenorganisation, ohne dafi sie in die Gefahr 
des Todes kommen. Wahrend wir denken, wahrend wir mit unserer 
Seele leben, mufi fortwahrend ein Wesen iiber uns waken, welches 
uns das Erleben der unseren Gedanken und Vorstellungen zugrunde 
liegenden Imaginationen abnimmt. Haben Sie irgendeinen Gedan- 
ken, irgend etwas, was Sie in Ihrer Seele erleben, so entspricht die- 
sem Erlebnis eine Welt von Imaginationen draufien. Und ein Wesen 
mufi iiber Ihnen waken, das Sie gleichsam beschiitzt, behiitet und 
bewacht, das Ihnen abnimmt, was Sie nicht selber ausfiihren konnen. 



Jetzt sind wir an einer Stelle, wo wir in noch realerem Sinne, als 
es bisher geschehen ist, von den Wesenheiten der nachsthoheren 
Hierarchie, von den Angeloi sprechen konnen. Da sind sie gleich- 
sam zum Greifen nahe, diese Wesen. Da sehen wir, wie sie wachen 
und behiiten mussen dasjenige, was wir nicht selber ausfiihren kon- 
nen. Aber es kann eintreten, und mufi eintreten fiir den Seher, dafi 
er das, was ich eben gesagt habe, noch viel, viel deutlicher wahr- 
nimmt. Das ist dann der Fall, wenn er eine Stufe weitergeht in 
seinem Sehertum. 

Wir haben gestern ja dasjenige erwahnt, was dazu fuhrt, sich zu 
identifizieren mit der Imagination, der Bilderreihe, die vor uns auf- 
tritt. Dieses Identifizieren wird so erlebt, dafi man gleichsam die 
Imagination verdaut, sie in sich aufsaugt. Dadurch verschwindet sie 
als Imagination, die aufier uns steht, aber wir erleben uns in ihr, wir 
sind eins mit ihr. Aber es kann die Sache noch weiter gehen. Ich will 
zunachst von der Schilderung des subjektiven Erlebens ausgehen. 
Ich habe gestern gesagt, man kommt zu dem, was ich wiederholt be- 
schrieben habe, wenn man sich in Meditation, in Konzentration ver- 
senkt. Da kommt man dazu, eine solche Bilderreihe zu erleben, mit 
der man sich identifizieren kann. Ich habe schon gestern erwahnt, 
dafi wenn man durch Meditation und Konzentration hervorgerufen 
hat eine solche Bilderreihe, den Versuch gemacht hat, in diese Bil- 
derreihe gleichsam hineinzukriechen, dafi dann gar nicht gleich das 
okkulte Lesen und Horen auftreten mufi, das wirkliche Wahrneh- 
men der geistigen Wesenheit des Toten, den man sucht. Es kann ab- 
brechen, wie ein Vorgang im Traume abbricht, und spater kann das 
eintreten, was als Folge eintreten soli. 

Aber wenn man immer weiter und weiter schreitet, wenn man 
die notige Geduld und Ausdauer hat, um durch Meditation und 
Konzentration immer weiterzukommen in seiner okkulten Entwik- 
kelung, dann erfahrt man den Vorgang noch in einer anderen Art. 
Man kann ihn in folgender Weise erleben : Man stellt sich die Aufga- 
be, ein Wesen, einen Vorgang in der geistigen Welt zu beobachten. 
Man versetzt sich in die Meditation, in die Konzentration. Man 
zieht sich dadurch heraus aus dem physischen Leib, kommt dann in 



jenen Zustand, wo der Inhalt der Seele, den man durch die Medita- 
tion selber hervorgerufen hat, abflutet, wo man den Ubergang ver- 
spiirt und bemerkt: jetzt wird es gleichsam finster. Was Sie in Ihrer 
Seele hervorgerufen haben, das flutet ab, und aus dem Unbestimm- 
ten taucht eine Bilderreihe auf, lebendiger, viel lebendiger, als die 
Traume sind. 

Jetzt stent man bewuftt der Bilderreihe gegeniiber. Und wenn 
man weifi, man steht dieser Bilderreihe gegeniiber, dann taucht man 
bewufit unter. Indem man untertaucht, kann wiederum der Mo- 
ment eintreten, wo man weifi: Ja, du hast dich jetzt identifiziert mit 
der Bilderreihe, du bist eins geworden mit ihr, du bist darinnen. 
Aber man fiihlt schon eigentlich sich selbst nicht mehr, man fiihlt 
sich wie untergehend im Weltenall, im Kosmos, man fiihlt sich wie 
im allgemeinen Nichts darin. Man hat sich identifiziert, hat ganz 
ausgeloscht die Bilderreihe, hat nichts an deren Stelle bekommen. 
Aber durch die Praxis des Meditierens mufi man die Kraft erhalten, 
dafi man nicht verzagt, nicht verzweifelt, nicht dazu kommt zu glau- 
ben, man lose sich jetzt auf in die Nichtigkeit. Man hat die Zuver- 
sicht, dafi man nicht zu dem Gefiihl volligen Verlassenseins kommt, 
zu dem man leicht kommen konnte. Kurz, man taucht, wie in das 
Nichts hineinschwimmend, in den allgemeinen Kosmos unter. Und 
dann ist es, wie wenn man aufwachte, aber nicht aus dem Schlaf, 
sondern aus etwas voll Bewufitem. In dem Moment, wo man auf- 
wacht, weifi man: Das war nicht ein Schlaf, in dem du jetzt warst. 
Das hast du nicht so durchlebt, wie du die Bewufkseinsleerheit des 
Schlafes durchlebst. Das war etwas anderes. Da ist etwas geschehen 
in der Zwischenzeit, etwas, bei dem du dabei warst. Und jetzt bist 
du wieder aufgewacht. Jetzt kommen in dein Bewufitsein herein die- 
se Geschehnisse, die du nicht voll bewufit erleben konntest, bei de- 
nen du aber nachher ganz genau weifk : Du hast sie erlebt. - Es ist 
wie eine Erinnerung. Man erinnert sich an etwas, das man nicht mit 
dem gewohnlichen Selbst durchgemacht hat, das man aber so erlebt 
hat, daft man aus dem gewohnlichen Selbst herausgehoben war. 
Und nun, wo es ins Bewufitsein hereinkommt, da erlebt man das, 
worauf man ausgegangen ist, worauf man losgesteuert ist, was man 



zu schauen als Aufgabe sich gestellt hat. Jetzt weifi man, du hast et- 
was durchlebt, man mochte sagen denkend durchlebt, - «denkend» 
hat nur hier eine viel hohere Bedeutung als im Physischen -, du hast 
etwas denkend durchlebt. Aber wenn du auch noch so entwickelt 
bist als Mensch, was du als Mensch sein kannst, das kann nicht das 
erleben, was du da durchgemacht hast, wahrend du gleichsam unter- 
getaucht warst in das relative Nichts. Das kann ein Mensch nicht 
durchdenken, kann er nicht denkend durchleben. Deshalb mufite in 
der Zeit zwischen dem Untertauchen und dem Wiederauftauchen 
ein anderes Wesen die Funktion des Denkens fur dich iibernehmen, 
in dir drinnen denken. Du kannst nicht selber denken. Du kannst 
dich nur nachher erinnern, was dieses Wesen, das Angeloswesen, in 
dir gedacht hat. Man weifi, man war in der Zwischenzeit verwoben 
gewesen mit seinem Angeloswesen, das hat fur einen gedacht, wah- 
rend das Bewufksein herabgedruckt war. Jetzt wacht man auf, und 
man erinnert sich mit dem gewohnlichen Gedankenerleben an das, 
was der Angelos in einem erlebt und gedacht hat. 

Das ist der Vorgang. So erringt man sich in der Regel Erlebnisse 
geistiger Art, wie die sind, von denen wir ofter gesprochen haben. 
Man erringt sie so, dafi man weifi, man mufi erst in einen Zustand 
kommen, wo ein Wesen der nachsthoheren Hierarchie in einen ein- 
tritt, sich selber mit einem identifiziert, so dafi man, was man in sei- 
ner eigenen Schwache nicht konnte, durch das in einem ruhende 
Wesen der nachsthoheren Hierarchie vermag, aber bei herabge- 
driicktem Bewufksein. Es darf zunachst nicht erlebt werden in der 
Realitat, sondern erst hinterher in der Erinnerung im vollen Ich- 
Bewufksein. 

Das macht es, dafi eigentlich jene geistigen Erlebnisse, die uns ge- 
wahrt werden, zu einer gewissen Zeit erlebt, und zu einer anderen 
Zeit uns bewufk werden. Wenn ich zum Beispiel so etwas erlebt ha- 
be, wie ich es erzahlt habe iiber unseren lieben Freund Christian 
Morgenstern, so haben Sie ein solches reales Erlebnis. Selbstverstand- 
lich wird es aber bewufit erst nach dem Erleben, weil wahrend des 
Erlebens eine Wesenheit der nachsthoheren Hierarchie die Funktion 
des Wissens ubernehmen mulke. 



Wiederum konnen Sie bedenken, warum das so sein mufi. Wiirden 
wir erst das hereintragen in unseren eigenen Organismus, was in uns 
ein Wesen der hoheren Hierarchie erlebt, dann wiirden wir nicht nur 
unseren eigenen Organismus toten, sondern wir wiirden ihn in seiner 
Organisation zersprengen in seine Atome. Wir sorgten nicht nur fiir 
seinen Tod, sondern im Moment zugleich fur seine Verbrennung. 

Jetzt sehen Sie wiederum, dafi uns das Sehertum in Zusammen- 
hang bringt mit dem, was wir die Pforte des Todes nennen. Man 
kann sagen, dafi man eigentlich das, was Tod ist, was Tod bedeutet, 
nur dadurch anschauen kann, dafi man sich aufschwingt zu den See- 
lenstimmungen, die herauskommen durch die geschilderten Erfah- 
rungen. Denn dadurch ergreift man die menschliche Individuality 
aufierhalb des physischen Leibes, und man weifi dann, wie sie aufier- 
halb des physischen Leibes sogleich aufgenommen werden mufi in 
den Schofi der Wesenheiten der hoheren Hierarchien, damit sie 
nicht zerstdrend, nicht todbringend wird dem eigenen Wesen auf 
dem physischen Plan. Und real, unendlich real wird das Gefiihl des 
Ruhens der menschlichen Seele im Schofie eines Wesens der hohe- 
ren Hierarchien- Nun lernt man erst wissen, wie es jenseits des 
Todes aussieht. Man weifi : Hier auf der Erde sind wir umgeben vom 
Mineralreich, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich. Jenseits des Todes 
treten wir ein in den Schofi der hoheren Hierarchien, deren Umge- 
bung wir ebenso angehoren wie hier der Umgebung der uns umge- 
benden physischen Wesenheiten. Ein gewisses Gefiihl der Zusam- 
mengehdrigkeit mit den Wesen der hoheren Hierarchien greift in 
unserer Seele Platz. Mit diesem Gefiihl konnen wir uns durchdrin- 
gen. Und wir lernen so recht kennen, dafi ein wahrhaftiges Eindrin- 
gen in die geistigen Welten gar nicht moglich ist, ohne gewisse Ge- 
fiihle mit sich zu bringen, die man religios-fromme Gefiihle nennen 
kann, Gefiihle des Hingegebenseins an die hohere geistige Welt. 

Diese Gefiihle, die ich eben geschildert habe, sind so nuanciert, 
dafi sie eine bestimmte Seelenstimmung hervorrufen. Diese Seelen- 
stimmung, die ich nicht anders bezeichnen kann als eine Stimmung 
des Ruhens im Schofie geistiger Wesenheiten, die braucht man fiir 
das wirkliche Erleben der geistigen Welten so, wie man in der physi- 



schen Menschenwelt, damit man sich mit den andern Menschen ver- 
standigen kann, in die Notwendigkeit versetzt ist, durch seinen 
Kehlkopf und die anderen Sprechwerkzeuge ein I hervorzubringen. 
Was in der gewohnlichen Menschensprache moglich macht, ein I 
hervorzubringen, das macht in den hoheren Welten die Seelenemp- 
findung, die aus der Hingegebenheit fliefit. Das Erleben dieser Art 
von Hingegebensein ist einer der Vokale der hoheren Welten. Und 
man kann nichts wahrnehmen, nichts lesen und horen in den hohe- 
ren Welten, wenn man nicht gleichsam diese Seelenstimmung hin- 
halten kann - und dann abwartet, was einem die Wesenheiten der 
hoheren Welten mitzuteilen haben, weil man ihnen diese Seelen- 
stimmung entgegenbringt. Aus solchen Stimmungen der Seele, aus 
solcher Art den hoheren Welten gegeniiberzustehen, setzt sich der 
Vokalismus des Kosmos zusammen. 

Also, wenn man das Gefiihl hat: Dich umgibt eine Welt, aber du 
kannst mit deinen schwachen Menschenkraften nicht leben in dieser 
Welt, es darf dasjenige, was dich da umgibt, indem du in deinem 
physischen Leibe lebst, nur im Schattenbilde deiner Gedanken und 
Vorstellungen wahrgenommen werden, oder, besser gesagt, aus dir 
sich spiegeln, du darfst nicht unmittelbar diese Imaginationen erle- 
ben, das mufi dir im gewohnlichen Leben abnehmen das dich schiit- 
zende Engelwesen - wenn man das innerlich empfindet mit dem no- 
tigen Timbre des innerlichen Frommseins, dann hat man die Fahig- 
keit, einen der Vokale der geistigen Welt wahrzunehmen. 

Eine nachste Stufe hangt davon ab, dafi man etwas entwickelt, 
worauf schon hingedeutet ist in meinem Buche «Die Schwelle der 
geistigen Welt». Man lebt sich so, wie ich es da beschrieben habe, ein 
in die geistige Welt. Der Vorgang zeigt ja, dafi man gleichsam aus 
sich selber herauskommt, sich mit anderem identifiziert. Das geniigt 
aber noch nicht, geniigt keineswegs. Notwendig ist, dafi man sich 
nicht nur identifizieren kann, sondern daft man sich auch zu ver- 
wandeln vermag in andere Wesenheiten, dafi man wirklich nicht 
nur das bleibt, was man war, als man aus sich herausgegangen ist, 
sondern dafi man sich in andere Wesenheiten zu verwandeln vermag, 
dafi man wirklich das werden kann, in das man hineingeht. 



Eine gute Vorbereitung, urn das zu konnen, ist das immer und 
immer wieder Uben des liebevollen Interesses fur alles, was uns in 
der Welt umgibt. Man kann gar nicht sagen, wie unendlich bedeu- 
tungsvoll es fur den werdenden Okkultisten ist, immer mehr und 
mehr zu sehen, dafi das Jiebevolle Interesse fur alles, was uns in der 
Welt umgibt, erwacht. Es ist dies ein Wort, das man leider gewohn- 
lich nicht tief genug nimmt, daher kommen die geringen Erfolge, 
die oftmals im Okkultismus gemacht werden. Es ist ja im Grunde 
nur zu naturlich, dafi der Mensch in der Regel sich doch mit der no- 
tigen Kraft des Interesses nur fur sich selbst interessiert. Wirklich, 
auch wenn man es nicht recht glauben will und dem Ding einen an- 
deren Namen gibt, am allermeisten interessiert man sich doch fur 
sich selbst, und im allergeringsten Mafie fur etwas anderes. 

Nun mufi man allerdings auch sagen, dafi durch die Einrichtung 
des Weltenalls dafur gesorgt ist, dafi man immerfort fur sich selber 
Interesse haben mufi. Man mufi sich wirklich schon anstrengen, um 
sich nicht fortwahrend fur sich selber zu interessieren. Denn, nicht 
wahr, das Leben auf dem physischen Plane bringt es ja mit sich, dafi 
man sich fur sich selber interessiert. Ich will absehen davon, daft 
selbstverstandlich, wenn einen eine Krankheit befallt und einem 
dies oder jenes weh tut oder nicht in Ordnung ist, man sich natur- 
lich fur sich interessiert. Da ist das in der Ordnung, da kann man 
nicht anders, als sich fur sich selber interessieren. Es konnte selbst in 
einem solchen Falle durch Anstrengung errungen werden die Mog- 
lichkeit, sich nicht fur sich selbst zu interessieren; das ist aber aufier- 
ordentlich schwierig. Es konnte sein, dafi man von einer Krankheit 
befallen wird und sich eigentlich nicht besonders dafur interessiert, 
dafi man diese Krankheit hat, daft es einem vielmehr im hochsten 
Grade gleichgiiltig ist, dafi man diese Krankheit hat, aber dafi man 
sich dafur interessiert, wie aus dem ganzen Kosmos heraus so etwas 
entstehen konnte, wie es dieser Prozefi ist. Das kann einen interes- 
sieren, daft da an einem Punkte des Kosmos etwas auftritt, das inner- 
halb der eignen Haut liegt, also daft man sich so interessierte auch 
fur eine schwere Krankheit, wie man sich interessiert fur etwas, was 
aufterhalb von einem selber ist. 



Sie werden zugeben, dafi das, was ich geschildert habe, recht 
schwierig ist. Und so ist es auch mit den allermeisten Dingen, die 
man auf dem physischen Plan erlebt. Es wird schon sehr schwierig, 
das Allergewohnlichste, das unsere Sinne erfahren und das unser 
Denken erfahrt, so zu nehmen, wie wenn man aufierhalb seiner 
Haut steht, und es zu betrachten als ein Objekt. Aber gerade das ist 
es, was man versuchen mufi; nur weil es so ungeheuer schwierig ist, 
so wird es in der Regel gar nicht angestrebt. Wer gewissenhaft und 
mit Eifer die Ubungen macht, die in dem Buche «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben sind, der kommt 
nach und nach dazu, bis zu einem gewissen Grade einen solchen 
Standpunkt zu erreichen, wie er eben geschildert worden ist. Man 
wird ihn nur auf Umwegen erreichen, weil es unendlich schwierig 
ist. Aber man wird ihn bis zu einem gewissen Grade erreichen, nam- 
lich in demselben Mafie, in dem das Interesse fur einen selber ab- 
nimmt, so dafi man sich nicht mehr ein interessantes Subjekt ist, 
sondern nur ein interessantes Objekt. Das kann man sein, das scha- 
det nichts, das ist sogar sehr niitzlich, sich fur sich selbst zu interes- 
sieren, wenn man Objekt geworden ist. Aber man verwechsle nur 
nicht das Objekt- Werden des eigenen Subjektes mit dem Subjekt 
selbst. 

In demselben Mafie, in dem man so anfangt, sich Objekt zu wer- 
den, beginnt man sich zu interessieren fiir alles, was aufier einem ist, 
was um einen herum ist. Dann gewinnt man wirklich die liebevolle, 
interessevolle Hingabe an die Welt und ihre Erscheinungen. Und 
wenn man dieses liebevolle Sich-Hingeben an die Welt und ihre Er- 
scheinungen immer mehr und mehr ausbildet, dann kann in der See- 
le diese Stimmung jenen Grad erreichen, der notwendig ist, dafi man 
aus sich herausgehen und sich in andere Wesenheiten verwandeln, 
metamorphosieren kann. Man gelangt allmahlich dazu, solches zu 
konnen. Aber man mufi, damit dieses liebevolle Sich-Hingeben 
moglich ist - der menschlichen Seele sind solche Dinge wirklich 
schwierig -, man mufi versuchen, allerlei Unterstiitzungen zu finden. 

Ich will heute eine solche angeben, die einem helfen kann. Man 
kann namlich damit beginnen, die physische Welt, die einem ja zu- 



nachst gegeben ist, zum Anlafi einer Art von okkultem Lesen zu be- 
niitzen. Ich habe oftmals ein Bild gebraucht, und es ist gut, von die- 
sem Bild auszugehen. Wenn wir einem Menschen gegemiberstehen 
und sein Antlitz anschauen, dann sind wir uns klar, daft das, was das 
Auge sieht, diese Grenzen, diese Linien der Haut, nicht das ist, wor- 
auf es ankommt. Worauf es ankommt, das ist die Seele, die hinter 
diesem physiognomischen Ausdruck lebt. Und wenn man die phy- 
siognomischen Linien in Papiermache nachbilden wiirde, so wiirden 
die Linien nicht das sein, worauf es ankommt; auf die Seele kommt 
es an, die den Linien die Form gibt. So kann man auch das, was in 
der aufieren Natur uns umgibt, so ansehen, wie wenn es eine aufiere 
Physiognomie ware. Die materialistischen Forscher und der ge- 
wohnliche Mensch treten den Dingen in der aufieren Natur so ge- 
geniiber, wie wenn man von einem Menschen nur die aufiere Form 
studieren wiirde. Es ist so, wie wenn man von einem Menschen sa- 
gen wiirde: Was da Seelisches darinnen ist, das ist Wischi-Waschi, 
das ist so ein vertrackter Aberglaube von Phantasten. Mich geht nur 
das an, was die Formen sind, die man genau messen und untersu- 
chen kann. So untersuchen die gewohnlichen Menschen die aufiere 
Natur. Aber man kann sich sagen : Wie es naheliegt, das menschliche 
Antlitz als Ausdruck, als Physiognomie seiner Seele zu sehen, so 
kann man auch die ganze aufiere Natur nicht nur so ansehen, wie 
sie sich gewohnlich zeigt, sondern man kann sie als Physiognomie 
ansehen fur das, was dahinter als geistige Wesenheiten steht. Und 
da ist es gut, als Physiognomie der Natur anzuschauen die ganze 
Tierwelt. 

Nun bedarf es allerdings eines weiteren Gemutsstudiums, um in 
den Tieren nicht dasjenige zu sehen, was man gewohnlich sieht, son- 
dern etwas zu sehen, was man so schildern kann: Da fliegt der Adler 
in der Luft und erhebt sich zur Sonne hin; das ist die Richtung nach 
aufwarts, in die Hohe, in die geistigen Welten. Ich will den Adler be- 
trachten als das Symbolum des Sich-Erhebens in die geistigen Wel- 
ten. Ich sehe hinter der menschlichen Hirnschale die Gedanken, die 
ahnungsvoll, adlerartig emporstreben in die geistigen Welten. Ich 
sehe, wie sich dieses Emporstreben im aufwartssteigenden Adler aus- 



driickt, so wie sich die menschliche Seele ausdriickt in der Physio- 
gnomic Der Adler gehort zur Physiognomie der aufieren Natur. 
Ich empfinde im aufwarts fliegenden Adler etwas, was so anmutet 
wie die Stirn in der menschlichen Physiognomie. 

Ich schaue mir den Stier an, der wiederkauend daliegt, an die phy- 
sische Natur, an die irdische Materie gebunden, wie er sozusagen in 
seinem Element nur dann in Wirklichkeit lebt, wenn er ganz auf- 
geht im Verdauen, wie er verbunden bleibt in seinen ganzen Lebens- 
prozessen mit dem, was er der Erde entnimmt. Erdenschwer er- 
scheint er mir. Ich blicke auf den Menschen und fiihle im Geiste : da 
ist auch etwas Erdenschweres, aber es wird durch das Adlerhafte im 
Gleichgewicht gehalten. Das Stierhafte kommt nicht auf. Ich emp- 
finde, wie das Stierhafte dem Menschen innewohnt; aber es kommt 
nicht so auf, wie mir draufien das Stierhafte entgegentritt. Physio- 
gnomisch wird fur den Menschen das Stierhafte, Erdenschwere der 
aufteren Natur. 

Ebenso ist es mit dem Lowenhaften. Physiognomisch ist das Herz 
des Menschen dasjenige, was der Lowe in der aufieren Natur ist. 
Und so kann es fur die ganze hohere und niedere Tierwelt werden. 
Ein Abbild, ein Symbolum haben diejenigen uns gegeben, die auf 
das menschliche Seelenwesen bezogen haben Adler, Stier und Lowe. 
Sie haben versucht, das zu lesen, was fur uns aufgeschrieben ist in 
der aufieren Tierwelt, und aus ihr zu vernehmen, in einzelne Let- 
tern, einzelne Buchstaben getrennt, dasjenige, was im Menschen zu- 
sammen erlebt wird. Kurz, man konnte sagen: Die Physiognomie 
der Natur ist die Tierwelt. 

Aber uns interessiert am Menschen nicht nur die Physiognomie. 
Uns interessiert, wenn wir noch intimer auf die Seelen einzugehen 
versuchen, das, was wir die Miene, das Mienenspiel nennen, also das- 
jenige, was entsteht, wenn die Physiognomie in Bewegung kommt. 
Da stehen wir gleichsam der Seele, die wir durch das Mienenspiel 
wahrnehmen, noch naher als der Seele, die wir nur durch die Physio- 
gnomie wahrnehmen. Und wiederum konnen wir auch in der aufie- 
ren Natur dasjenige aufsuchen, was Mienenspiel ist der dahinterste- 
henden geistigen Welt, wenn wir in ahnlicher Weise, wie wir das fur 



die Tierwelt gesehen haben, die Pflanzenwelt betrachten, Wenn wir 
die Pflanzenwelt betrachten in ihrem Aufblixhen im Frtihling, in all 
dem, was sie den Sommer hindurch tut, wie auf der einen Seite die 
Erde sie herausschickt, wie auf der anderen Seite die Krafte der Spha- 
ren in sie eindringen und herauslocken das lebendige Leben, das er- 
scheint in den unendlichen Nuancierungen der Pflanzenbliihungen, 
-wachsungen und -griinungen mit ihrem Wimmeln und Weben, 
wenn wir sie so betrachten und sie beziehen auf ein dahinterstehen- 
des geistiges Wesen des Kosmos, so wie wir das Mienenspiel des 
Menschen auf seine Seele beziehen, dann haben wir wiederum etwas 
getan, das wir iiben sollen. So dafi wir sagen konnen : Die Miene der 
Natur ist die Pflanzenwelt. 

Was wir weiter an der Seele beobachten, was iiber das Mienen- 
spiel hinausgeht, das sind die Gesten, die aus der Seele herausfliefien- 
den Bewegungen. Ebenso, wie wir die Tierwelt als die Physiogno- 
mic der Natur bezeichnen konnen und die Pflanzenwelt als die Mie- 
ne der Natur, so konnen wir als die Geste der Natur, als die Gebarde 
der Natur die Formen der Mineralwelt ansehen. Und es gehort fur 
denjenigen, der in Einzelheiten okkultes Lesen und okkultes Horen 
iiben will, zum Schonsten, was er erleben kann, die mineralische 
Welt so zu erleben, dafi er in der Form der Begrenzungsflachen und 
ihres eigentiimlichen Verhaltnisses zum aufieren Kosmos, in dem 
Durchscheinenden, in der Durchsichtigkeit, in der Kristallhelligkeit 
des Bergkristalles, des Quarzes, des Kalkspates, des Smaragds, Chry- 
sopras, iiberall die unendlich verschiedenen Gesten der geistigen 
Wesen der Natur sich allmahlich aneignet. 

Wenn man solche Ubungen macht, wenn man dahin kommt, dafi 
man wirklich miterleben kann in dem sonst toten Steinreich das, 
was durch dieses tote Steinreich zum Ausdruck kommt, und was so 
ist, wie wenn eine Seele in lebendiger Gebarde dasjenige zum Aus- 
druck bringt, was in ihr lebt, wenn man in solcher Weise iibt, dann 
kommt man sich zu Hilfe in dem Gewinnen von liebevollem Inter- 
esse fur alle Wesen, die aufier einem sind. Dann steigt man allmah- 
lich wirklich zu einer solchen Phase, einem solchen Zustande seiner 
Entwickelung auf, in dem es moglich wird - wenn man sich das 



Sehertum hinzu erwirbt -, sich auch zu verwandeln in die Wesen- 
heiten draufien. Man merkt, man hat in sich die Kraft, sich in die 
Wesenheiten draufien zu verwandeln. Man kann sich in alle andern 
Menschen verwandeln. Der Mensch ist unendlicher Metamorpho- 
sen fahig in dieser Beziehung, aber es mufi in der geschilderten Weise 
geiibt werden. 

Wiederum konnen wir jetzt eine Frage aufwerfen. Aber bevor ich 
diese Frage aufwerfe, mochte ich das Gefuhlselement dessen, was ich 
auseinandergesetzt habe, betonen. Bringt uns das erste, was ich er- 
wahnt habe, zu einer Stimmung gegeniiber den Hierarchien, zu dem 
Bewufitsein «du bist beschiitzt», zu einem Gefuhl, das von From- 
migkeit durchschauert ist, so bringt uns das Gefuhl, daft man sich 
verwandeln kann in die verschiedensten Wesenheiten, dazu, die 
Menschlichkeit der Menschenwesen hochzuachten, sie erst wahrhaf- 
tig zu schatzen in ihrer vollen WUrde, aber die Menschlichkeit, die 
man nicht in der physischen Welt in sich hat, sondern die man erst 
findet, wenn man ein anderer wird. Erlangt man das Gefuhl der Ver- 
wandlungsfahigkeit wirklich, so kann es einen nicht zum Hochmut 
bringen; denn jede einzelne Verwandlung sagt einem, dafi man nicht 
so viel wert ist wie das Wesen, in das man sich erst verwandeln mull. 
Daft man das Gefuhl der Verwandlungsfahigkeit hat, bringt einen 
dazu, demiitig zu werden. Ein Gefuhl tiefster religioser Demut ist 
verbunden mit dem Gefuhl der Verwandlungsfahigkeit. 

Aber eine andere Frage konnen wir aufwerfen: Wir rufen aus 
unserem Inneren diese Krafte der Verwandlungsfahigkeit heraus; 
sind sie also nicht fortwahrend in uns? J a, die Krafte sind immer 
in uns. Geradeso, wie die Krafte der Imagination immer in uns sind, 
wir sie aber hervorrufen mussen, um geistige Wesen wahrzuneh- 
men, so sind auch die Krafte des Sich-Verwandelns immerfort in 
uns. Nur, um sie bewufit zu haben, mussen wir sie auf die geschil- 
derte Weise entwickeln. Wir sind in jedem Augenblick nicht nur 
wir selber, sondern auch jedes andere Wesen, nur entwickeln wir 
uns nicht dazu, weil wir unser Bewufitsein nicht zu dem andern 
Wesen erweitern. Warum ist das so? Das wird uns am besten klar, 
wenn wir einen der Falle im Leben betrachten, wo der Mensch 



auf dem gewohnlichen physischen Plan sich in ein anderes Wesen 
verwandelt. 

Es kommt allerdings vor auf dem physischen Plan, dafi man die 
Krafte gebraucht, die sonst die Verwandlungskrafte sind. Man ge- 
braucht sie, ohne dafl man davon etwas weift. Man gebraucht sie je- 
desmal, wenn man seinen Mitmenschen dadurch Unrecht zufiigt, 
dafi man seinen eigenen Willen in ungerechtfertigter Weise zum 
Herrn liber andere macht. Es fangt schon damit an, wenn man den 
anderen anliigt. Durch die Luge fiigt man ihm ein Stuck Unrichtiges 
ein. Man gewinnt eine gewisse Macht iiber ihn, weil die Liige in dem 
anderen weiterwirkt. 

So ist es auch, wenn man etwas Boses tut. Die Krafte, mit denen 
man etwas Boses tut in der Welt, das sind diese Verwandlungskrafte, 
nur am unrechten Orte angewendet. Alles Bose in der Welt ist die 
unrechtmafiige Anwendung dieser Verwandlungskrafte. Es gestattet 
wahrhaftig, tiefe Blicke hineinzutun in das Geheimnis des Daseins, 
wenn man weifi, woher das Unrecht, das Bose, das Verbrechen und 
das Unheil kommt, das in der Welt geschieht. Dadurch geschieht es, 
dafi der Mensch die besten, heiligsten Krafte, die vorhanden sind, 
namlich die Verwandlungskrafte, in verkehrter Weise anwendet. Es 
gabe kein Boses in der Welt, wenn es nicht die heiligsten Verwand- 
lungskrafte gabe. Ich habe sogar einmal in einem offentlichen Vor- 
trag auf diese Eigentumlichkeit hingedeutet, dafi das Bose eine ver- 
kehrte Anwendung von Kraften ist, die, an ihrem Ort angewendet, 
zu einem hochsten Guten fiihren wiirden. Diese Stimmung in der 
menschlichen Seele : Ich weifi, hier in der Seele ist etwas darin, was 
sich einerseits in alle anderen Menschen und Wesen verwandeln 
kann, was sich andererseits verwandeln kann in Egoismus -, diese 
Stimmung mufi man entgegenhalten konnen dem Kosmos, wenn 
man geistig horen will. Das ist ein zweiter Vokal. 

Die Stimmung, die man haben kann gegeniiber dem Geheimnis 
des Bosen, wie ich es jetzt dargelegt habe, das ist der dritte Vokal, 
also das, was man erlebt, wenn man weifi, wodurch der Mensch bo- 
se werden kann. Wenn man dieses Geheimnis kennt, dafi es hochste 
Krafte sind, die im Bosen in verkehrter Weise angewendet werden, 



dann hat man die Stimmung eines dritten kosmischen Vokals. Man 
mufi solche Seelenstimmungen erleben; das ist es, worauf es an- 
kommt. 

So haben wir heute von drei kosmischen Vokalen gesprochen. 
Von anderen Vokalen werden wir morgen sprechen. Ich mufite heute 
erst das Prinzip erortern, auf das es ankommt, damit wir im inneren 
Erleben jene innere Verwandtschaft zum Kosmos herstellen, wo- 
durch wir in Hingabe unserer eigenen Seelenkrafte zu Horern und 
Lesern dessen werden, was draufien in der geistigen Welt vorgeht. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 6. Oktober 1914 



Gestern versuchte ich von einigen inneren Erlebnissen zu sprechen, 
die man nennen konnte «Vokalismus der geistigen Welt». Wir haben 
ja gerade dabei sehen konnen, wie dasjenige, was man okkultes Le- 
sen und okkultes Horen nennen kann, etwas Lebendiges ist, wie es 
verlauft in inneren Erlebnissen, bei denen man seine ganze Person- 
lichkeit, seine ganze seelische Wesenheit eben einsetzen mufi. Ich 
habe drei solcher Erlebnisse, die man sorgfaltig vorbereiten mufi, er- 
wahnt : zunachst dasjenige, das entsteht, wenn man allmahlich lernt, 
in die ubersinnliche Welt, in der man ja unbewufk immer darinnen 
ist, sich bewufit zu versetzen, und dadurch an die Pforte des Todes 
gelangt. Ich habe ferner das Erlebnis angefuhrt, zu dem man kommt, 
wenn man sich die sogenannte Verwandlungsfahigkeit in andere 
Wesen aneignet. Und ich habe dann versucht zu zeigen, wie einem 
das Bose in der Welt so vor Augen stehen kann, dafi man seinen 
Ursprung erkennt, herriihrend von einem Mifibrauch von hoheren 
geistigen Kraften, die an ihrem Orte in ihrer Weise ganz berechtigt 
sind. 

Ein anderes solches Erlebnis stellt sich ein, wenn man etwas, wo- 
von schon ofters gesprochen worden ist, ganz im Ernste nimmt, et- 
was, das sich im Grunde genommen anschliefit an das zuletzt Be- 
sprochene : Man mufi sich in ein anderes verwandeln, aber es ist not- 
wendig bei diesem Verwandeln, dafi man den Faden der inneren see- 
lischen Erlebnisse festhalten kann. Konnte man diesen Faden nicht 
festhalten, so erginge es einem geradeso wie auf dem physischen 
Plan einem Menschen, der sich nicht an das erinnert, was gestern, 
vorgestern oder vor Jahren im physischen Leben erfahren worden 
ist. Wie diese Kontinuitat des Bewufkseins festgehalten werden mufi 
im normalen physischen Leben, so mufi der Mensch den Faden der 
Erinnerung durch die Verwandlungen in der geistigen Welt festhal- 
ten. Das heifit, er darf in dem Augenblick, wo er sich in ein be- 
stimmtes Wesen oder in einen bestimmten Vorgang verwandelt hat, 



sich nicht aus der Seek heraus verlieren. Er mufi gleichsam etwas 
wie eine hohere, rein geistige Erinnerung behalten an andere Gestal- 
tungen, Vorgange und Wesenheiten der geistigen Welt. Mit andern 
Worten, der Mensch mufi ein Vielfaches sein, mufi sich in der geisti- 
gen Welt zersplittern, zerteilen konnen, mufi in die Zahl aufgehen 
konnen. Dieses ruft, ganz innerlich erlebt, ein eigenartiges Gefuhl 
hervor, das Gefuhl: Du bist da, du bist dieses Wesen, du bist aber 
auch ein anderes Wesen; du bist in getrennten Wesenheiten im 
Grunde genommen darin. 

Ohne dieses entwickelte Gefuhl von der Vielfaltigkeit wiirde man 
gar nicht in der Lage sein, eine wirkliche geistige Vorstellung zum 
Beispiel von den Wesen der hoheren Hierarchien zu erringen. Man 
kann noch auf dem Wege, den wir gestern eingeschlagen haben, 
oder auf den Wegen, die wir in anderen Fallen gegangen sind, von 
den Wesen der ersten iiber uns stehenden Hierarchie, den Wesen- 
heiten der Angeloi, eine Vorstellung gewinnen. Aber schon wenn 
man aufsteigen will zu einer genauer zutreffenden, ich mochte sagen, 
geistgemafien Vorstellung der Wesenheiten der Archangeloi, mufi 
man etwas durch innerliches Fiihlen verstehen von der Vervielfalti- 
gung. Denn wie es sich eigentlich mit diesen Wesenheiten der hohe- 
ren Hierarchien verhalt, das lernt man nur ganz allmahlich erken- 
nen. Man lernt es des wegen nur allmahlich erkennen, weil von der 
physischen Welt her alles menschliche Vorstellen, alles menschliche 
Denken an die gewohnlichen Verhaltnisse des Raumes und der Zeit 
gebunden ist. Aber es sind ganz andere Raum- und Zeitverhaltnisse 
vorhanden, wenn man zum Beispiel zu den Wesenheiten der Hier- 
archie der Archangeloi hinaufsteigt. 

Wenn wir vom gewohnlichen physischen Bewufitsein ausgehen, 
dann haben wir immer ein gewisses Grundgefiihl, ein Gefuhl, das 
ganz natiirlich ist fur dieses physische Bewufitsein. Ich will es durch 
das Folgende charakterisieren. Wenn ich zum Beispiel durch das 
Sehertum zu einem Menschen kommen will, der zwischen Tod und 
neuer Geburt lebt, so habe ich - ich meine mit «ich» nicht mich 
selbst, sondern im allgemeinen einen Menschen, der durch Seher- 
kraft einen Toten aufsucht - zunachst das Gefuhl: Nun ja, der Tote 



ist da, zugleich mit dir selber eben da, und in bezug auf die Zeit 
kannst du ihn aufsuchen, wie du auf dem physischen Plan einen an- 
dern Menschen aufsuchen kannst, von dem du dir auch klar bist, er 
lebt mit dir in derselben Zeit, und du brauchst nur die Wege zu ihm 
zu finden. - Man hat, wenn man einen Toten aufsucht, mit dieser 
Vorstellung auch vollkommen recht. Man hat sogar in gewissem 
Sinne noch recht, wenn man eine Wesenheit aus der Hierarchie der 
Angeloi finden will. Aber man hat nicht mehr eine richtige Vorstel- 
lung von dem, um was es sich handelt, wenn man in derselben Wei- 
se eine Wesenheit aus der Hierarchie der Archangeloi aufsuchen 
will, weil eine Wesenheit aus der Hierarchie der Archangeloi ihr Be- 
wufitsein in einer ganz bestimmten Zeit, die nicht die jetzige ist, 
konzentriert hat. 

Nehmen wir einmal an, diese Linie stellt den Lauf der Zeit vor, 
und der Seher lebte hier in einem Zeitpunkte, 1914, so setzt er vor- 



X 

X 
X 



aus, dafi er einen Toten oder eine Wesenheit aus der Reihenfolge der 
Angeloi irgendwo in der geistigen Welt in derselben Zeit findet (sie- 
he Zeichnung, X X X). Das geht aber nicht, wenn man zum Beispiel 
eine bestimmte Wesenheit aus der Hierarchie der Erzengel, der 
Archangeloi aufsuchen will. Da mufi man aus der Zeit hinausgehen, 
da mufi man die Gleichzeitigkeit uberwinden. Beispielsweise mufi 
man, sagen wir, um einen bestimmten Erzengel zu finden, zuriick- 
gehen, sagen wir, ins 15. Jahrhundert. 

Also man kann nicht sagen: Ich bleibe in meiner eigenen Zeit -, 
(siehe Zeichnung: 1914), sondern man mufi zuriickgehen, meinet- 



willen in das Jahr 1465 oder so etwa, und mufi dann hier die betref- 
fende Wesenheit des Erzengels suchen (siehe Zeichnung). 1st diese 
Wesenheit auch nicht in der Gegenwart zu finden, so strahlt doch 
ihre Wirkung bis in unsere Zeit aus. Aber man findet in unserer Zeit 
eben nur ihre Wirkung, man findet nicht sie selbst in ihrer eigenen 
Selbstigkeit. 

Andere Erzengel mufi man wiederum in einem anderen Zeitpunkt 
suchen (siehe Zeichnung: Kreise). Man mufi aus der Zeit hinaus- 




gehen. Das ist zwar eine sehr schwierige Vorstellung, meine lieben 
Freunde, aber man mufi zu dieser Vorstellung kommen. Man mufi 
sich klar sein, dafi Erzengel immer in gewissem Sinne ihren Namen 
mit Recht tragen. Man weifi eigentlich erst, warum sie diesen Na- 
men tragen, wenn man in dem eben charakterisierten Sinn auf ihre 
Wesenheit kommt. Sie heifien «Engel des Anfangs», das heifit, sie 
sind immer an den Anfangen von Zeitraumen, sagen wir, wo Volker 
entstehen, wo Volker zum ersten Mai in die Weltgeschichte eintre- 
ten, da sind sie mit ihrem vollen Bewufitsein, mit ihrem eigenen 
Selbst vorhanden. Das bleibt in der iibrigen Zeit vorhanden in den 
Wirkungen. Die Wirkungen fliefien in die Zeit hinein. Und will 
man sie finden, so darf man nicht blofi in der Gleichzeitigkeit blei- 
ben, sondern man mufi aus der Zeit herausgehen, die Zeitanfange 
aufsuchen. Niemand also, der als Seele nur leben will, sagen wir, im 
Oktober 1914, ist imstande, etwa alle Erzengel zu finden - vielleicht 
nicht einmal einen -, wohl aber derjenige, der imstande ist, sich mit 
seiner Seelenwesenheit zuriickzuversetzen in andere Zeitraume so, 



daft diese andern Zeitraume fiir ihn unmittelbar erlebbar werden, so 
daft er selber lebt in diesen anderen Zeitraumen. Dabei mufi man 
dann aber, wenn man sich hineinversetzt in andere Zeitraume, not- 
wendig haben, nicht zu vergessen, wie man da hineingekommen ist, 
so wenig man das gestern Getane heute vergessen darf in der physi- 
schen Welt. Das ist so etwas wie ein Gesetz der Vervielfaltigung, des 
Ausgiefiens in die Zahl. 

Und die Urbeginne, die Geister der Personlichkeit, die Archai, 
man findet sie uberhaupt nur, wenn man sich zuriickversetzt in die 
Mitte der lemurischen Zeit, wo die Erde am Anfange des physischen 
Werdens ist. Wo die Erde die Anfange ihres physischen Daseins 
durchgemacht hat, da findet man die Archai in ihrer eigenen Selb- 
stigkeit. Wenn man in der Gleichzekigkeit bleibt, kann man sie 
nicht finden. 

Sie sehen also, wie das ganze Verhaltnis der Seele zu der Zeit ein 
anderes werden mufi, wenn man in die geistige Welt wirklich erken- 
nend eindringen will. Dasjenige, was man so erlebt - oder auch nur 
dadurch, daft man sich eine Vorstellung von diesen Dingen macht 
und immer weiter geht in dem inneren Erleben der Vorstellung -, 
das gibt wiederum in der Seele eine Stimmung innerlicher Hingege- 
benheit, etwas wie ein Hineingegossensein in die reale geistige Wirk- 
lichkeit. Das ist wiederum ein solcher Vokal der geistigen Welt. 

Sie konnen einsehen, daft so der Mensch in diesem beschriebenen 
weiteren Erleben immer unabhangiger und unabhangiger wird vom 
Raumesstandpunkt und vom Zeitstandpunkt, auf dem er in der phy- 
sischen Welt ist. Sie sehen, daft er nicht nur aus sich herausgeht, 
sondern bei diesem Herausgehen gleichzeitig auch in das lebendige 
Weben und Wesen des Kosmos hineingeht, nicht nur einseitig, in- 
dem man sich gleichsam in den raumlichen Spharen ausdehnt, son- 
dern vielseitig, indem man sich auch erlebt in der Zeit als ein Lebe- 
wesen, das in sich selbst die Bewufitseinspunkte - mochte ich sagen - 
der Wesenheiten der hoheren Hierarchien hat. Wenn man also nicht 
mehr bei sich lebt, auch nicht mehr lebt in dem Raum und der Zeit, 
die einem angewiesen sind als physisches Wesen, wenn man gleich- 
sam den Raum zu seinem Leib, die Zeit zu seiner Seele angenommen 



hat - merken Sie wohl das Wort, man lernt es erst allmahlich in sei- 
ner vollen Bedeutung verstehen, wenn man viel dariiber meditiert 
hat -, wenn man gleichsam den Raum zu seinem Leib, die Zeit zu 
seiner Seele angenommen hat, dann hat man sich vereinigt mit dem, 
was nicht ein abstraktes Fiihlen im Allgemeinen ist, sondern ein le- 
bendiges Weben und Wesen in sinnvollem Weltensein. Uberall, wo- 
hin man sich versetzt, ist Sinn. Und uberall, wohin man sich ver- 
setzt, spriefit in die eigene Seele Sinn herein. Und aus Einzelsinn 
setzt sich ein Allgemeinsinn zusammen und webt und west in der 
Welt. Aus vielen ihrer Punkte sprieftt vielfach wie fruchtend der 
Sinn der Dinge hervor. Und das Geistige, was in den einzelnen Sin- 
nen aufspriefit, aus den Einzelwesen, das webt sich zusammen zu ei- 
nem all-sinnvollen Weltenwort, und man webt und lebt im Welten- 
wort darinnen. Und dieses Drinnen weben, Drinnenleben im Wel- 
tenworte, das ist wiederum ein anderer Vokal der geistigen Welt. 
Das ist, ich mochte sagen, der Ur-Urvokal der geistigen Welt selber. 
Mit diesem Erleben des Weltenwortes, das man sich in einer Viel- 
lebendigkeit, nicht bloft in einem geistigen Horen vorzustellen hat, 
ist alles das gegeben, was man im hoheren Sinne Inspiration nennen 
kann. Mit ihm ist all das gegeben, wovon man so sprechen kann, 
daft man sagt: Was ich in diesem Weltenworte weift, das weifi die 
Welt in mir; ich bin im Grunde genommen ganz unschuldig an all 
dem, was ich so weift, denn es weifi die Welt es in mir. Ich kann 
schuldig werden an dem Wissen des Weltenwortes nur dadurch, daft 
ich ein unvollkommenes Instrument bin, das nur in gebrochenen 
Strahlen dieses Weltenwort in mich hereintonen laftt. Aber es ist das 
Weltenwort, das in mir selber ertont. - Und je bescheidener man ge- 
worden ist, je weiter man es dahin gebracht hat, selbstlos hingegeben 
zu sein, ohne noch irgendwelche Pratentionen zu haben in bezug 
auf eigenes Schaffen, Denken, Fiihlen und Wollen, je mehr man es 
dazu gebracht hat, das Weltenwort waken zu lassen im Weben des 
eigenen Wesens, desto besser, desto objektiver gibt man wieder, was 
durch das Weltenwort als Geheimnis die Welt durchflutet. 

So haben wir wiederum von einem solchen Vokale gesprochen, 
dem funften Weltenvokale. Ich wollte, da ich in diesen vier Vortra- 



gen nur das Prinzipielle und Wesentliche geben kann, Ihnen nur 
einen Begriff, wenn auch nur einen ganz primitiven, erwecken von 
dem, was der Vokalismus des Weltenwesens ist. 

Nun, wenn man es dazu gebracht hat, innerlich geiibt zu sein in 
solchen Gefuhlen, wie ich sie in diesen funf Weltenvokalen geschil- 
dert habe, wenn man das, was gleichsam wie ein Niederschlag aus 
der geistigen Welt ist, in der Seele erleben kann, dann kann die Seele 
hinhoren auf das, was in der geistigen Welt vorgeht; dann kann die 
geistige Welt zu ihr sprechen. 

Und wie ist es denn nun, wenn wirklich Umgang gepflogen wird 
mit der geistigen Welt auf dem Wege, der sich durch das Geschilder- 
te eroffnet ? So ist es, dafi wir mit unserem Ich und Astralleib - aber 
das Ich ist auf eine hohere Stufe dadurch gebracht, dafi es in der vor- 
her geschilderten Weise selbstlos herabgedampft und im Astralleib 
untergegangen ist - aufierhalb unseres physischen und Atherleibes 
sind. Man ist ja mit seinem Ich und Astralleib aufierhalb seines phy- 
sischen und Atherleibes, wenn man hier im Leben zwischen Geburt 
und Tod steht und geistig wahrnimmt; aber man blickt da doch auf 
den Atherleib zuriick, und der Atherleib spiegelt einem gerade den 
Vokalismus. Er hat die Moglichkeit, siebenfaltig zu spiegeln. Funf 
von den Spiegelungen, funf Vokale habe ich angefuhrt. Es kommen 
noch zwei andere Vokale dazu, iiber die bei anderer Gelegenheit 
ausfuhrlicher gesprochen werden soil. Aber das eigentumliche Wal- 
len und Wogen des atherischen Leibes, das, was er in seinen Lebens- 
prozessen spiegelt, wenn man aufierhalb seiner selbst steht, das kiin- 
det sich als solche Vokale an. Das heifit, im atherischen Leib ge- 
schieht etwas, wenn man solche Gefuhle entwickelt wie das, was 
man erleben kann durch die Vorbereitung, dafi man an der Pforte 
des Todes steht, oder durch das andere, dafi man dem Bosen ver- 
standnisvoll gegeniibersteht, oder dafi man im lebendigen Welten- 
wort lebend und webend darinnensteht. Je nachdem man das eine 
oder das andere der geistigen Welt entgegenhalt, spiegelt sich etwas 
anderes im Atherleib, auf das man dann gleichsam zuriickschaut. 
Man kann das schwer schildern. Ich mochte sagen, siebenfaltig spie- 
geln sich die Weltenwesen im Atherleib. 



Ich mochte das schematisch so darstellen (siehe Zeichnung): 
Wenn dieses des Menschen Atherleib darstellt - ganz schematisch -, 
dann wiirde, wenn ihm zum Beispiel das Gefuhl des An-der-Pforte- 
des-Todes-Stehens entgegengehaltenwird, das entsteht durch die Vor- 
bereitung, dann wiirde der Atherleib wie zusammengezogen hier in 
der obersten Gegend (siehe Zeichnung, a), er bekommt ein gewisses 
Leuchten und Tonen. Und aus diesem Leuchten und Tonen geht et- 
was hervor, was man einen Vokal der geistigen Welt nennen kann. 

Wenn man nun ein anderes Gefuhl entwickelt, zieht sich gleich- 
sam der Atherleib nach einer andern Gegend, sagen wir nach der 
Herzgegend, b, zusammen. Dann sieht man ein anderes Leuchten 
und vernimmt ein anderes Tonen, wie aus einer Wesenheit heraus, 
in die man sich versetzt hat mit dem Ich und dem Astralleib. 




Was ich nun bisher gesagt habe, bezieht sich auf die Vokale der 
geistigen Welt. So wie es sieben Vokale gibt, so gibt es nun aber auch 
Konsonanten der geistigen Welt, zwolf an der Zahl. Diese zwolf 
Konsonanten, auf die kommt man am leichtesten dadurch, dafi man 
so, wie man den Atherleib in seiner, ich mochte sagen, vokalischen 
Wesenheit also begriffen hat, wie wir es getan haben, nun ebenso 
den physischen Leib begreift. Der physische Leib zeigt sich dann in 
einer Zwolfgliedrigkeit. 

Es reicht die Zeit naturlich hier nicht aus, um auch nur einiger- 
mafien anzudeuten, wie man in derselben Weise zu der Zwolfglied- 



rigkeit des physischen Leibes kommt, wie zu der Siebengliedrigkeit 
des Atherleibes. Aber das mufi ich sagen : Fur den aufierhalb seines 
physischen und Atherleibes Stehenden wird eben dieser Atherleib 
und dieser physische Leib gleichsam etwas ganz anderes, als sie sind, 
wenn wir in ihnen leben. Wenn wir in ihnen leben, ist der Atherleib 
das, was unsere Lebensprozesse unterhalt, was uns zu lebenden We- 
sen macht, und der physische Leib ist das, was vorzugsweise unseren 
Sinnesorganismus aufbaut. Da stecken wir darinnen. Wir brauchen 
unseren Ather- und physischen Leib dazu, dafi wir solche Menschen 
auf dem physischen Plan sind, wie wir eben sind. Sobald wir aber in 
dem jetzt in dieser Stunde angedeuteten Sinn aufierhalb des physi- 
schen und des Atherleibes sind, verhalten wir uns zu ihnen wie zu 
Zeichen. Wirklich, der Atherleib ist dann zwar ein lebendiges We- 
sen, aber die Aufgabe, die Funktion, die er hat, als Lebensprinzip 
unserem physischen Organismus zugrunde zu liegen, die zeigt er 
dann gar nicht. Er zeigt sich uns als Zeichen der sieben Vokale. Er 
wird etwas Objektives, das wir anschauen, und das in seiner Variabi- 
litat, in seiner Veranderlichkeit eine Widerspiegelung des Vokalis- 
mus des Weltenganzen ist. Wir werden gleichsam so fremd diesem 
Atherleib, wie wir es den Vokalen der aufieren physischen derben 
Schrift gegeniiber sind. Und wir werden unserem physischen Leib 
so fremd - er wird zu einer Summe von zwolf Zeichen, die in ihm 
zusammengefugt sind -, wie wir den Konsonanten der gewohnli- 
chen derben Schrift gegeniiber fremd sind. Und so, wie sich Konso- 
nanten und Vokale in den Worten der gewohnlichen Schrift durch- 
dringen, so dafi wir das eine oder andere Wort lesen konnen, je 
nachdem wie Vokale und Konsonanten miteinander verknupft sind, 
so lesen oder horen wir in der geistigen Welt verschiedenes, je nach- 
dem der Atherleib, der siebenfach sich offenbaren kann, mit dem 
einen oder dem anderen Konsonanten des physischen Leibes zu- 
sammentont oder verbunden ist. Wie wir, wenn wir einem Men- 
schen auf dem physischen Plane entgegentreten, uns mit ihm ver- 
standigen dadurch, dafi er zu uns spricht, wir aber Augen haben 
miissen, um zu beobachten, Ohren haben miissen, um das Wort 
zu horen, seine Sprache in die Seele eindringen zu lassen, wie also 



alles das, was ein Verhaltnis zu anderen Menschen bildet, durch 
unsere Sinne vermittelt wird, so geschieht ein Ahnliches in der 
geistigen Welt. 

Man macht sich bereit, sagen wir, eine Menschenseele zu finden, 
die lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Man weift 
durch inneres Erleben, dafi man jetzt mit dieser Seele vereint ist; 
man weifi, man erlebt mit ihr zu gleicher Zeit, an derselben Stelle 
der geistigen Welt. Wie man aber in der physischen Welt Sinnesor- 
gane braucht, um sich mit anderen Menschen zu verstandigen, so 
braucht man in der geistigen Welt das Zuriickschauen auf den Ather- 
leib und den physischen Leib. Sie spiegeln zuriick das Wechselspiel, 
wie sich die vokalischen Vorgange des Atherleibes zusammenfiigen 
mit den konsonantischen Vorgangen des physischen Leibes. Und 
wie diese ineinanderspielen, das driickt einem aus, was man mit dem 
Toten spricht, mit dem man vereint ist, was also zur Verstandigung 
mit dem Toten notwendig ist. 

Also stellen Sie sich vor, Sie sind in der geistigen Welt mit einem 
Toten vereint, mit einer Seele, die da lebt zwischen Tod und neuer 
Geburt. Sie betrachten die menschliche physische Gestalt, in der Sie 
selber auf dem physischen Plan leben, und Sie betrachten die 
menschliche atherische Gestalt. Auf diese schauen Sie zuriick, und 
durch diese spiegelt sich zuriick alles das, was der Tote mit Ihnen zu 
sprechen hat, was er Ihnen mitzuteilen hat, was er denkt, fiihlt und 
will. Zu einem Gesamtsinnesorgan zugleich sind der menschliche 
physische Leib und der menschliche Atherleib geworden. Und wir 
konnen sagen : Wir haben innerhalb unseres physischen Lebens den 
physischen und den Atherleib bekommen, damit wir fur die geistige 
Welt Sinnesorgane haben. Wir werden nun wiederum in einer neu- 
en Weise aufmerksam gemacht darauf, dafi das Leben in der physi- 
schen Welt nicht blofi das Leben in einem Jammertal ist, aus dem 
man sich hinauszusehnen hat, wie es eine falsche Asketik will, son- 
dern wir werden darauf aufmerksam gemacht, dafi das Leben in der 
physischen Welt eine grofie, erhabene, eine gottliche Mission hat. 
Innerhalb des physischen Lebens eignen wir uns an das, was zu 
Sinnesorganen fur die geistige Welt wird. 



Noch genauer werden Sie das verstehen, wenn ich Sie aufmerk- 
sam mache auf die Art, wie die Wahrnehmung der geistigen Wesen- 
heiten und Vorgange dann statthndet, wenn wir selber in der Zeit 
zwischen Tod und neuer Geburt sind, wenn wir also nicht vom 
physischen Plan aus die geistige Welt hellseherisch wahrnehmen, 
sondern in der geistigen Welt vereint sind mit geistigen Wesenheiten. 
Solange wir eben einen physischen und einen Atherleib als unser 
Kleid tragen, so lange haben wir etwas zum Spiegeln, so lange die- 
nen uns diese als Sinnesorgane. Wenn wir sie mit dem Tod ablegen, 
so haben wir natiirlich als aufiere Realitat diese Sinnesorgane nicht 
mehr. Sie konnten nun leicht fragen : Konnen wir dann in der geisti- 
gen Welt zwischen Tod und neuer Geburt nicht wahrnehmen, was 
wir im Zusammenhang mit den andern Wesenheiten und Vorgan- 
gen der geistigen Welt erleben ? - Ja, dann ist es eben anders, dann 
nehmen wir es anders wahr. Auch der Seher mufi hier in der physi- 
schen Welt in seinem physischen und Atherleib dasjenige gespiegelt 
erhalten, was er in der geistigen Welt erlebt. Das ist recht, solange 
sie vorhanden sind in der physischen Welt, solange nicht der physi- 
sche Leib durch Verwesung, der Atherleib durch Auflosung, durch 
Ergiefien in die geistige Welt verloren ist. Wenn wir nun in der gei- 
stigen Welt sind und keinen physischen und Atherleib mehr haben, 
dann sind wir imstande, aus dem, was die Substanz der geistigen 
Welt ist, uns die Zeichenwelt, aus welcher der physische Leib und 
der Atherleib zusammengesetzt waren, entsprechend hinzuzeich- 
nen. Alles wird von uns eingezeichnet der geistigen Welt. Nehmen 
Sie an, Sie leben als Seele zwischen Tod und neuer Geburt mit einer 
anderen Menschenseele zusammen. Dasjenige, was sie Ihnen sagt, 
oder was Sie ihr sagen, alles das, was sich sonst gespiegelt hatte in 
Ihrem physischen und Atherleib, das driickt sich nun in der gei- 
stigen Welt in die Akasha-Chronik hinein. Das, was sich sonst im 
Spiegelbild des physischen oder Atherleibes ausdriickte, vokalisch 
oder konsonantisch, das schreiben Sie wirklich jetzt aus eigener 
Macht in die geistige Welt, in die Akasha-Chronik hinein, um es 
dann, wenn es nicht mehr notig ist, selbst wieder auszuloschen, 
bildlich gesprochen. (Siehe Hinweis) 



Die erste Andeutung davon habe ich in meinem Buche «Theoso- 
phie» gegeben, im Beginn jenes Kapitels iiber das sogenannte Gei- 
sterland, wo davon gesprochen wird, dafi der Mensch in einer be- 
stimmten Entwickelungsstufe im Devachan, im Geisterland, seine 
vorhergehende Inkarnation daliegen sieht, im «Kontinentalgebiet» 
des Geisterlandes, wie ich es dort genannt habe. Das ist so eine Ein- 
zeichnung einer geistigen Schrift. 

Ja, das Idealste ware, wenn das Studium eines solchen Buches, wie 
die «Theosophie» es ist, so eifrig betrieben wiirde, dafi gar mancher 
Leser selber aus solchen Andeutungen, wie sie dort gegeben sind, auf 
so etwas kommen wiirde, wie es jetzt auseinandergesetzt worden ist. 
Es liegt vieles in diesen Biichern drin, und man konnte schon durch- 
aus nur durch eigenes Lesen darauf kommen, wenn man mit dem 
Herzen, mit dem ganzen inneren seelischen Erleben liest. Aber Bii- 
cher, die auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft geschrieben sind, 
die werden in der Regel ja nicht mit der fiir sie notigen Aufmerk- 
samkeit gelesen. Das werden sie wirklich nicht, denn sonst hatten, 
nachdem «Theosophie» und «Wie erlangt man Erkenntnisse der ho- 
heren Welten?» und vielleicht auch noch die «Geheimwissenschaft 
im Umrifi» geschrieben worden sind, alle Zyklen von irgend jemand 
anderem geschrieben oder gehalten werden konnen als von mir sel- 
ber. Es steht im Grunde genommen alles in diesen Biichern drin, 
man glaubt es nur gewohnlich nicht. Und wie vieles konnte erst ge- 
schrieben werden, wenn alles herausgeholt wiirde, was in den vier 
Mysteriendramen enthalten ist! Ich sage das nicht, um zu renom- 
mieren - ich habe schon genugsam iiber die Demut des Okkultisten, 
des Geistesforschers gesprochen -, ich sage es, um anzueifern zum 
wirklichen Lesen dieser Schriften, die gerade in unserer Zeit gegeben 
werden mufiten, und an denen man personlich eigentlich so wenig 
wie nur moglich Verdienst hat. 

Sie sehen also, dafi der Mensch, so wie er auf dem physischen Plan 
lebt, mit Bezug auf die geistigen Welten etwas entwickelt, was Keim 
ist fur die Erlebnisse der hoheren Welten. So, wie der Mensch seinen 
atherischen Leib hier in der physischen Welt hat, ist dieser nicht nur 
Lebensprinzip des Menschen, sondern er ist zugleich Vorbereitungs- 



mittel, um den Sinn far den Vokalismus der geistigen Welt zu erle- 
ben. Und der physische Leib ist Vorbereitungsmittel, um den Kon- 
sonantismus der geistigen Welt zu erleben. 

Man kann viel tun, wenn man in ernstem Sinn versucht, allmah- 
lich loszukommen von der rein materialistischen Auffassung des 
menschlichen physischen Leibes. Man kann dadurch viel tun, um 
sich vorzubereiten, damit die Gefiihle - die man nennen kann Ge- 
fuhle fur den Vokalismus und den Konsonantismus des Kosmos -, 
diese inneren Erlebnisse und Impulse in der Seele erwachen. Nur 
mufi man zu dieser Vorbereitung eine Empfindung in sich hervorru- 
fen, die wirklich in bezug auf die Entwickelung in die hoheren Wel- 
ten hinein etwas Ahnliches ist, wie das, was in der physischen Welt 
das Kind tun mufi, damit es die Worte unserer aufieren physischen 
Menschensprache lesen und verstehen lernt. 

Fassen wir nur einmal ins Auge, wie man im gewohnlichen 
Dasein in der materialistischen Auffassung den physischen Men- 
schenleib hinnimmt. Man nimmt ihn so, wie er sich eben physisch 
darbietet. Man nimmt ihn wirklich so, wie man es tun wiirde, wenn 
jemand diese Zeichen aufschreiben wiirde «TINTE», und ein ande- 
rer wiirde kommen und sagen: Ich will das jetzt untersuchen -, 
und ginge dabei folgendermafien zu Werke. Er wiirde sagen : Da ist 
ein Schnorkel, da ist ein Strich, dieser geht rauf, dieser geht runter, 
hier biegt ein Strich so herum und so weiter; kurz, er wiirde die 
Formen der Buchstaben beschreiben. Geradeso geht man heute an 
den physischen Leib heran. Man beschreibt anatomisch, physiolo- 
gisch Herz, Lunge, Leber und so weiter, so wie sie sich aufierlich 
darbieten. Das ist so, wie wenn man bei einem Wort beschreiben 
wiirde, aus welchen Strichen es besteht; aber nur derjenige hat doch 
erst etwas davon, der gelernt hat, aus den Strichen das Wort «Tinte» 
zu lesen. 

So mufi man schon auf dem physischen Plan aufriicken zum Le- 
sen in den geistigen Welten, wie es heute besprochen worden ist. 
Was man okkultes Lesen und okkultes Horen nennt, ist wirklich 
eine individuelle Erfahrung. Man bereitet sich dazu vor, wenn man 
schon in der physischen Welt versucht, den menschlichen physi- 



schen Leib in einer gewissen Beziehung in seiner Zeichenartigkeit zu 
erfassen. Was meint man damit? Ich will Ihnen ein Beispiel geben 
von dieser Erfassung der Zeichenartigkeit. Ich kann allerdings nur 
ein kurzes Beispiel geben, und mufi es Ihrem eigenen Meditieren 
und ernsten Nachsinnen iiberlassen, was eigentlich damit gemeint 
ist. Denn die Sprache reicht wirklich in manchen Fallen nicht aus, 
urn sich uber diese Dinge zu verstandigen. Sie wird erst ausreichen, 
wenn die Geisteswissenschaft eine Weile in der Welt gewirkt und 
die Sprache so verandert hat, dafi die Worte so gepragt sind, dafi sie 
sich anschmiegen an das geistig Wirkliche und Wesentliche. Die 
Sprache mufi dazu noch viel biegsamer werden. Das ist aber erst 
moglich, wenn durch einige Jahrhunderte hindurch die Geisteswis- 
senschaft wirksam gewesen ist, wenn man aus dem Umgang mit ihr 
gewohnt sein wird, die Worte anders zu nehmen als heute, wo sie 
nur angewendet werden fur Dinge und Vorgange des physischen 
Planes. 

Wir finden dasjenige, was im menschlichen Haupte verlauft, ein- 
geschlossen in der Knochenbildung des physischen Schadels; da 
steckt es gleichsam darinnen. Da ist es, mit geringen Ausnahmen, 
nach alien Seiten hin physisch umschlossen. Schematisch konnen 
wir das so aufzeichnen, indem wir das den Kopf und seine Umhiil- 
lung sein lassen: 




Dieser Kopf, wenn man anfangt ihn zu deuten - nicht einfach ihn 
so zu beschreiben, wie er sich sinnlich darbietet so ist er etwas un- 
geheuer Bedeutungsvolles, dafi in seinem Inneren sich komplizierte 
Vorgange abspielen, die von einer Knochenschale fast allseitig um- 
schlossen sind. Dadurch gliedert sich von der gesamten physischen 
menschlichen Wesenheit ein Teil ab, der durch die harteste mensch- 
liche Substanz, namlich die Knochensubstanz, allseitig umschlossen 



ist. Das ist aber ein Teil der menschlichen Wesenheit, des menschli- 
chen Organismus. Der Mensch ist wirklich kein so einfaches Wesen, 
dafi man von ihm eben nur als von dem Menschen sprechen kann. 
Welche primitiven Vorstellungen man iiber die Sache, die hier ge- 
meint ist, in der Gegenwart hat, das zeigte sich besonders, als mei- 
nen Biichern gegeniiber getadelt worden ist, dafi da jemand von der 
menschlichen Seele als von einer Empfindungs-, Verstandes- oder 
Gemutsseele und Bewufitseinsseele spricht, wahrend man es doch so 
herrlich weit gebracht hat, die Seele als ein einheitliches Organ zu 
erfassen. Man kann aus unserer materialistischen Kultur heraus diese 
Bevorzugung des allgemeinen Mischmasches und Wischi-Waschis 
iiber das Seelische, dessen Beschreibung man heute Psychologie 
nennt, verstehen, gegeniiber dem, wie man in der Geisteswissen- 
schaft die wirklichen realen Wesensglieder geschildert findet. Nicht 
weil man in abstrakter Weise sich das zusammendenkt, teilt man die 
Seele in Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemutsseele und Be- 
wufitseinsseele ein, sondern weil sie in bezug auf ihre Entstehung 
verschiedenen Zeiten angehoren, und mit verschiedenen Zustanden 
zusammenhangen. Man kann begreifen, dafi die gegenwartige Gei- 
steskultur so etwas toricht finden kann, aber es charakterisiert sich 
diese Gegenwarts-Geisteskultur damit nur selber, nicht das, was sie 
tadelt. 

So ist des Menschen physischer Organismus schon ein recht kom- 
pliziertes Wesen, und man kann, indem man eingeht auf diese physi- 
sche Organisation, zum Beispiel folgende Gedanken daraus entwik- 
keln, die natiirlich fur den, der sich heute Wissenschafter nennt, 
dumm erscheinen konnen. Gewifi! Aber der heilige Paulus sagt 
schon: Gar manches ist Weisheit vor Gott, was Torheit vor den 
Menschen ist. - So konnte es doch vielleicht «Weisheit vor Gott» 
sein, wo die Wissenschaft nur Torheit sieht. 

Man konnte zu der Vorstellung kommen: Mit unseren Handen, 
was ist es denn da? Unsere Hande sind ganz entschieden mit unse- 
rem Seelen wesen in irgendeinem Zusammenhang. Und wenn je- 
mand ein lebendiges Gefuhl hat fur das, was in den Handen vorgeht, 
und er steht dem oder jenem Menschen gegeniiber und spricht, so ist 



es nicht gleichgiiltig, wie er das, was er sagt, zum Ausdruck bringt in 
der Geste seiner Hande. Das hat etwas fur sich. Nun will ich viele 
Zwischenglieder auslassen und es Ihrem eigenen Ermessen iiberlas- 
sen, dies zu erganzen. Denken Sie sich einmal, es wiirde, nicht durch 
einen Vorgang von seiten des Menschen aus, sondern durch einen 
Vorgang, der im Weltenwesen begriindet ist, so sein, dafi unsere 
Hande nicht so gebildet waren, dafi wir sie vollig frei bewegen und 
sie ohne weiteres unserem Willen folgen lassen konnen, sondern sie 
waren so mit uns verbunden, dafi wir sie ganz stillhalten miifiten, sie 
waren angewachsen von Natur aus. Was ware denn dann, wenn wir 
Hande hatten, aber sie nicht bewegen konnten? Selbst wenn wir 
Hande hatten, die wir nicht bewegen konnten, weil sie uns ange- 
wachsen waren, so wiirden wir doch den Willen entwickeln, sie zu 
bewegen. Wenn wir sie auch physisch nicht bewegen konnten, wiir- 
den wir doch in jedem Augenblick, wo wir sie bewegen wollen, die 
Atherhande heraufreifien und diese bewegen. Die physischen Hande 
wiirden still liegen, die Atherhande wiirden sich bewegen. So ma- 
chen wir es mit unserem Gehirn in Wirklichkeit. Gewisse Lappen 
unseres Gehirnes, die heute innerhalb unserer Schadeldecke einge- 
schlossen liegen, waren wahrend der Mondenentwickelung noch 
frei beweglich. Heute sind sie festgebunden, konnen sich nicht phy- 
sisch bewegen. Aber atherisch bewegen sie sich, wenn wir denken. 
Das atherische Gehirn bewegen wir, wenn wir denken. Wenn wir 
nicht diese feste Hirnschale bekommen hatten, die diese Gehirnlap- 
pen zusammenhalt, dann wiirden wir mit unseren Gehirnlappen 
greifen und wiirden Gesten machen wie jetzt mit unseren Handen. 
Damit wir aber denken lernen konnten, dazu mufiten erst unsere 
Gehirnlappen physisch festgehalten werden, und der atherische Teil 
des Gehirns mufite die Moglichkeit bekommen, herausgerissen zu 
werden. 

Das, was wir sagen, ist kein Spiel der Phantasie. Es wird einmal 
eine Zeit kommen, wo unsere Hande festgewachsen sein werden, 
wo noch manches andere fest sein wird an unserem mittleren Kor- 
per, in der Nahe des Herzens, das jetzt frei an uns erscheint; das 
wird dann umschlossen sein von einer Hiille, so wie jetzt das Gehirn 



umschlossen ist von einer Hirnschale. Das wird in der Jupiterzeit 
sein. Das, wovon unsere Hande der sichtbare Ausdruck sind, ist et- 
was, was in Vorbereitung ist, einmal ein Denkorgan zu werden. 
Und wir haben davon vorlaufig nur rudimentare Organe, die gegen- 
wartig nicht ganz ausgewachsen sind, die klein bleiben. Wie wenn 
wir hier vorne an der Stirne nur Stiicke hatten von der Hirnschale, 
so haben wir hinten unsere Schulterblatter liegen in der Flache, die 
spater einmal unser Zukunftsgehirn umschliefien wird. Und Sie deu- 
ten die Schulterblatter im menschlichen Leibe richtig, wenn Sie sie 
ansehen als kleine Knochenstucke, die eigentlich zu einem Schadel 
gehoren, der sich dariiber schliefit, nur ist das andere noch nicht 
ausgebildet. 

So haben Sie gleichsam einen zweiten Menschen in den ersten ein- 
geschlossen. Und jetzt werde ich etwas scheinbar ganz Paradoxes 
sagen: Es gibt noch andere Organe im menschlichen Organismus, 
die auch solche Stiicke sind von einer weiteren Hirnschale, die erst 
in noch spaterer Zeit ausgebildet werden wird, Organe, die jetzt 
ganz winzig sind gegeniiber dem iibrigen Organismus, das sind die 
Kniescheiben. Die Kniescheiben haben es nur zu diesen kleinen Fla- 
chen gebracht. Sie sind bis jetzt nur Andeutungen von etwas, das in 
anderer Richtung spater den Menschen zu einem Geistesorgan ma- 
chen wird. Wir lernen den menschlichen Organismus deuten, wenn 
wir zum Beispiel - es ist nur ein herausgerissenes Beispiel - uns sagen 
lernen: Du hast eigentlich drei Schadeldecken; die eine ist leidlich 
ausgebildet, sie ist nach alien Seiten abgeschlossen; die zweite ist bis 
jetzt nur in zwei Stiicken vorhanden, den Schulterblattern; die dritte 
Schadeldecke besteht gar nur in den Kniescheiben. - Die beiden letz- 
teren, Schulterblatter und Kniescheiben, lassen sich denkend ergan- 
zen, kugelig abrunden zu dem, was sie erst zum Teil sind. Dann be- 
kommt man drei Gehirne. Wenig ausgebildet in unserem aufieren 
Menschen ist das, was einmal unser zweites Gehirn sein wird. Jetzt 
zeigt es sich aufterlich, nachher wird es innerliches Gehirn sein. 
Wenn Sie heute Gesten machen mit Ihren Handen, bereiten sie spa- 
tere Gedanken vor, Gedanken, die dann ganz so real auffassen wer- 
den die Vorgange der elementarischen Welt, wie Sie jetzt mit den 



Gedanken Hires Hauptes auffassen die Vorgange der physischen 
Welt. So kurios und paradox es klingt: was aufierhalb der Knieschei- 
ben liegt, also die Unterschenkel, die Fiifie, sie sind ganz unvollkom- 
mene Organe, die zusammenhangen mit der Schwerkraft der Erde. 
Die Kniescheiben bereiten sich vor, im Zusammenhang mit dem, 
was sie heute geistig aus der Erde aufnehmen, einstmals, wenn sie 
nicht mehr als physische Organe vorhanden sind, geistige Organe 
zu werden und in die geistigen Welten hineinzuftihren, wenn die Er- 
de verwandelt sein wird in den spateren Venuszustand. Dazu mufi 
die heutige physische Gestalt erst abfallen und etwas anderes an 
deren Stelle treten. 

Sie sehen, es steckt viel darin in der okkultistischen Betrachtung 
der Welt. Denn das Wichtigste, was man sich aneignet, ist nicht, dafi 
man weifi, das und das Buch gibt es, und das und das wird iiber die 
hoheren Welten gesagt. - Das ist nicht das Wichtigste. Das mufi 
man sich naturlich auch aneignen, weil man nur dadurch auf das 
Richtige kommt. Das Wichtigste aber ist eine gewisse Stimmungsart, 
eine gewisse Seelenverfassung, wodurch man lernt, sich in neuer 
Weise der Welt gegeniiberzustellen und die Dinge in anderer Weise 
zu nehmen, als man sie vorher genommen hat. Das ist das Wichtige, 
dafi man sich vorbereiten lafit durch das, was man da liest in innerli- 
cher Beweglichkeit des Gedankenwebens, des Gedanken-in-sich- 
Erlebens, um dadurch alles, auch das, was physisch in der Welt gege- 
ben ist, anders anzuschauen. Denn die Dinge sind in ihrer aufieren 
Form gar nicht so, wie sie wirklich sind, so paradox das klingt. Un- 
ser Schulterblatt ist nicht blofi Schulterblatt, wie Sie es aufierlich se- 
hen; das ist eine Maja, das ist falsch. Das Schulterblatt erganzt sich 
einem erst, wenn man darangeht, es wirklich zu erfassen als ein aus- 
fuhrlicheres Organ. 

Wenn man einen knieenden Menschen sieht, so kann man all- 
mahlich die Impression bekommen: Es ist ganz falsch, diese Knie- 
scheiben wie sie da liegen, nur als kleine Teile zu betrachten; das ist 
ganz falsch. Der Mensch, der knieend betet, bereitet sich vor, in der 
Sphare zu leben, die ihn einmal umschliefien wird, wenn seine Knie- 
scheiben sich dehnen werden, sich erweitern werden zu einer mach- 



tigen Rundung wie eine Kugeloberflache, wovon sie nur erst kleine 
Teile sind. Der betende Mensch zeigt einem schon in seiner Form 
das, was einst die Menschen werden sollen, wenn die Erde sich im 
Venus-Zustande befinden wird. 

So lernt man schon allmahlich, in der physischen Welt zu lesen. 
Man sieht nicht blofi hin auf den knieenden Menschen oder auf eine 
andere Geste des Menschen. Man lernt erkennen, wie das, was man 
an einem Menschen sieht, was sich einem unmittelbar darbietet, 
trotzdem es Realitat ist, falsch und unwahr sein kann. Man lernt in 
den Buchstaben, was der Kosmos nicht in seinem gegenwartigen 
Sein, sondern was er in seinem Werden ausdriicken will. So lernt 
man allmahlich entziffern, erdeuten, wesenhaft lesen und ergreifen 
dasjenige, was die Welt wirklich ist, und von dem die physische 
Welt nicht mehr ist als ein beschriebenes Blatt, das vor uns liegt und 
das wir nicht nur angaffen, sondern lesen miissen, sonst wissen wir 
nicht, was darauf steht. Ebensowenig wissen wir von der Welt, wenn 
wir sie nur anschauen mit dem, was die physische Wahrnehmung 
gibt und nicht gewahr werden, dal$ wir sie entziffern und in sie ein- 
dringen miissen, geradeso wie wir ja ein beschriebenes Blatt nicht 
nur anstarren, sondern es lesen miissen, um den Sinn zu verstehen. 

Wenn wir immer mehr und mehr so das Bewufitsein davon auf- 
nehmen, dafi die Welt ein Buch ist, welches die Hierarchien fur uns 
geschrieben haben, damit wir darin lesen, dann werden wir im voll- 
sten Sinn des Wortes erst ganz Mensch werden. Und im Grunde ge- 
nommen soli unser Bau, den wir hier aufgerichtet haben, in seiner 
Form und Konfiguration nichts anderes sein als eines von den Din- 
gen, die, indem sie uns umschliefien, solche Gefiihle, solche intime 
Seelenstimmungen und Seelenverfassungen von unserem Inneren 
herausfordern konnen, welche uns fahig machen, die Welt zu lesen, 
die Geheimnisse der Welt zu horen. Deshalb mulke der Bau so sein, 
wie er ist, damit er das, was in unserem Inneren liegt, her ausf order e, 
wenigstens ein gewisses Stiickchen. 

Es ist gut, meine lieben Freunde, wenn man manchmal so medi- 
tierend sich eine Vorstellung davon macht, was fur eine Aufgabe 
Geisteswissenschaft in der Welt haben kann gegeniiber dem, was 



jetzt schon in der Welt darinnen ist, was sich aus ihr entwickeln 
mufi, wie sie sich einleben soli in das, was geschichtlich sich weiter- 
entwickeln soli. Konnte sich nur unter unseren Freunden in der 
Anthroposophischen Gesellschaft eben derjenige Kreis finden, der 
von dem lebendigen Bewufitsein getragen wird, dafi so etwas der 
Entwickelung der Menschheit eingewirkt und eingewebt werden 
mufi. 

Nicht um Wahrheiten blofi mitzuteilen, sondern um solch ein 
Gefiihl in den Seelen anzuregen, dazu mochte ich solche Vortrage 
gehalten haben, wie diese es waren. 



2EITEN DER ER WARTUNG 



Dornach, 7. Oktober 1914 

Meine lieben Freunde! Wir werden den heutigen Abend mit der 
Vorlesung einiger nachgelassener, also noch nicht gedruckter Ge- 
dichte unseres lieben Freundes Christian Morgenstern beginnen, 
und daran sollen sich noch einige Gedichte aus dem zuletzt erschie- 
nenen Bande anschliefien. Dann wird eine musikalische Darbietung 
folgen, und danach werden wir vor unseren Augen Bilder unseres 
Baues voriiberrollen lassen; darauf folgt wiederum eine musikalische 
Nummer. Und fur diejenigen Freunde, die dann noch dableiben 
wollen, werde ich zum Schlusse einige Betrachtungen anstellen, in 
die ich einen kurzen Hinweis auf das Wesen unserer Eurythmie ein- 
fiigen werde, aus dem Grunde, weil einige Freunde, insbesondere 
aus der Schweiz, den Wunsch ausgesprochen haben, etwas iiber das 
Wesen der Eurythmie zu horen. 

Meine lieben Freunde ! Immer wieder und wiederum die Gelegen- 
heit zu ergreifen, Christian Morgenstems Dichtungen - insbesondere 
diejenigen, die ihm selber so am Herzen lagen in der letzten Zeit sei- 
nes physischen Lebens, in der er so innig mit uns verbunden war - 
vor unsere Seelen zu fiihren, erscheint uns einerseits als heilige 
Pflicht, andererseits zugleich als etwas, was wirklich innig verbun- 
den ist mit dem ganzen Wesen und der ganzen Art unserer geistes- 
wissenschaftlichen Stromung in der Gegenwart. Darf man doch oh- 
ne weiteres sagen, dafi Christian Morgensterns Art und Weise, sich 
einzuleben in das, was Geisteswissenschaft der Welt verkiinden will, 
wirklich auch in spirituellem Sinne segensreich geworden ist fur un- 
sere Bewegung, die ja doch erst am Anfange ihres Werdens steht. 

Die meisten der hier versammelten Freunde wissen ja aus verschie- 
denen Zyklen und einzelnen Vortragen, die in den allerletzten Mona- 
ten da und dort von mir gehalten worden sind, dafi zu meinen bedeut- 
samsten okkulten Erlebnissen der letzten Zeit das Zusammensein 
mit Christian Morgenstern nach seinem Tode gehort. Und ich habe 
ja nicht zuriickgehalten gerade mit demjenigen Erlebnis, welches in 



Zusammenhang mit Christian Morgenstern so bedeutungsvoll ist fur 
den Segen, der unserer Bewegung aus den geistigen Welten erfliefit: 
daft sich zu unserer Bewegung ein Dichter finden konnte, der mit 
dieser Bewegung seine Seele so innig verband, dafi gewissermafien zu 
den Elementen seines jetzigen Wesens in den geistigen Welten jenes 
kosmische Tableau gehort, welches - mit den Mitteln der geistigen 
Welt eben, und zugleich wie einen Bestandteil Christian Morgen- 
sterns - offenbart die Wahrheit desjenigen, was wir zu erkennen 
und zu lehren haben. Ja, meine lieben Freunde, das ist etwas aufier- 
ordentlich Bedeutsames, das ist etwas, was in ungeheurer Weise 
Vertrauen einflofien kann zu der inneren Wahrheit, aber auch zu 
der inneren Triebkraft unserer Bewegung. Wir wissen, dafi mit 
Christian Morgensterns eigener Wesenheit jetzt verbunden ist etwas 
wie das Zusammenstromen des spirituellen kosmischen Alls. So wie 
man in einem grofien Tableau eines Malers, eines wirklichen Malers 
auf dem physischen Plane, vieles von den Geheimnissen der physi- 
schen Welt zusammengestromt erschaut, so ist in der geistigen Welt - 
weil da der Mensch nicht nur seine Fahigkeiten hinzugeben hat an 
das, was sie darbietet, sondern sein ganzes Wesen -, so ist das ganze 
Wesen Christian Morgenstern verbunden mit diesem, ich mochte 
sagen, kosmischen Gemalde, in dem er jetzt lebt. Und es gehort zu 
den erschutterndsten Erlebnissen, die man haben kann, wenn man 
sieht, dafi er in der geistigen Welt jetzt erst mit seinem echten wah- 
ren Wesen lebt. Es gehort zu den erschutterndsten Erlebnissen, 
wenn man sieht, wie diese Menschenwesenheit in der physischen 
Welt hier in die mannigfaltigsten Hemmnisse eingeschlossen lebte, 
und wie sie nun - erahnbar, erlebbar fur die, die diesen Menschen 
lieben - sich frei entfalten kann in der geistigen Welt. Es ist erschut- 
ternd, wie wir eine solche Wesenheit erst dann voll kennen lernen 
konnen, wenn wir sie erfassen in ihrer Bedeutung nach dem Tode. 

So erscheint mir heme nach seinem Tode Christian Morgenstern 
als geistiger Fiihrer von vielen Menschen, die in kurz verflossenen 
Zeiten der geistigen Entwickelung der Menschheit hinaufgegangen 
sind in die geistigen Welten, die dadurch eine ungeheure Forderung 
erfahren, dafi sie in der physischen Welt in gewissem Sinne ausge- 



stattet waren mit inneren Sehnsuchten nach den geistigen Welten 
und sie doch nicht finden konnten. Sie brachten diese Sehnsucht 
hinauf. Wir haben ja von diesen Sehnsuchten gesprochen am Tage 
der Grundsteinlegung in Anlehnung an eine bestimmte Personlich- 
keit: an Herman Grimm. Ich habe gezeigt, wie nahe er der Erfas- 
sung der geistigen Welt gewesen war, und diese doch nicht hatte fin- 
den konnen. Fiir ihn und manche andere bedeutet es eine ungeheure 
Forderung, dafi - in Menschenworten ausgedriickt - sie jetzt iiber- 
zeugt sein konnen von dem, was sie suchten und nicht finden konn- 
ten: dadurch uberzeugt sein konnen, dafi sie es vor sich haben in der 
Seele Christian Morgensterns. Nicht als ob sie es sonst nicht finden 
konnten in der geistigen Welt; aber es ist etwas anderes, es so vor 
sich zu haben. Das ist der ungeheuere Segen davon, dafi Christian 
Morgenstern sich mit dem Geist unserer Bewegung verbunden hat 
und so die Moglichkeit hatte, ihn hinaufzutragen, so dafi diejenigen 
Wesenheiten Anthroposophie in der geistigen Welt sehen konnen, 
die Sehnsucht hatten, so etwas kennenzulernen. 

Ich mufite gerade im Verkehr mit Christian Morgenstern nach 
seinem Tode oft zweier Tatsachen gedenken. Die eine schliefit sich 
an an einen der grofiten Reprasentanten des modernen Geistesle- 
bens, an Goethe. Nun, wir kennen ja alle Goethe als den Dichter des 
«Faust», als einen der wahrsten Dichter aller Zeiten, weil er das, was 
er im «Faust» dargestellt hat, in der eigenen Seele durchkampft und 
durchlitten hat. Sie wissen ja alle, dafi der zweite Teil des «Faust» 
schliefit mit dem Hinaufgehen des Faust in die geistigen Welten. Das 
hatte Goethe darzustellen, aber zu Goethes Zeiten war nicht die 
Moglichkeit vorhanden, die Bilder zu finden, die der Wahrheit, wie 
sie heute gesehen werden mufi, entsprechen. Und es macht in gewis- 
ser Beziehung einen tragischen Eindruck, wenn wir ein Gesprach 
Goethes mit Eckermann lesen, in dem er von den Schwierigkeiten 
spricht, die er hatte, als er daran ging, den zweiten Teil des «Faust» 
zu vollenden, und dieses Hinaufgehen des Faust in die hoheren Wel- 
ten anschaulich zu machen. Da sagt er: 

«Ubrigens werden Sie zugeben, dafi der Schlufi, wo es mit der geret- 
teten Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war, und dafi ich 



bei so ubersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen, mich sehr leicht 
im Vagen hatte verlieren konnen, wenn ich nicht meinen poetischen 
Intentionen durch die scharf umrissenen christlich-kirchlichen Figu- 
ren und Vorstellungen eine wohltatig beschrankende Form und 
Festigkeit gegeben hatte. » 

Wir wissen, dafi Goethe zu diesen iiberkommenen christlich- 
kirchlichen Forrnen greifen mufite, dafi er den Ubergang der Seele 
in die iibersinnliche Welt in diese Formen einkleiden mufite. Wir 
wissen aber auch, dafi in ihm die Sehnsucht lebte nach dem, was wir 
heute versuchen in neuen Formen zu bringen, in Formen, die unse- 
rer Zeit angemessen sind. 

Da ist es von unendlicher Bedeutung, dafi unsere Bewegung gleich 
am Anfange einen Dichter gefunden hat wie Christian Morgenstern, 
der in der Lage war, alles, was diese Bewegung ihm geben konnte, 
unmittelbar zu iibertragen in personliche Empfindungen, die uns 
insbesondere so warm, so herrlkh liebevoll entgegentonen aus sei- 
nen nachgelassenen Dichtungen. Dafi es ihm moglich war, gleich am 
Anfange unserer Bewegung das, was sie geben konnte, in das Per- 
sonliche so unmittelbar, so elementar aufzunehmen, das ist von un- 
geheurer Bedeutung, weil Christian Morgenstern alles Personliche 
in eine uberpersonliche Sphare hinaufgehoben hat, die mit den Aus- 
gangspunkten unserer Bewegung zusammenhangt. Dafi so etwas 
moglich ist, das hangt wahrhaftig zusammen mit dem Vertrauen, 
das man in unsere Bewegung haben kann. 

Die andere Tatsache, deren ich immer gedenken mufi in diesen 
Tagen, ist die folgende : Ich habe einmal in einem Berliner Vortrag 
darauf aufmerksam gemacht, dafi ich ein Gesprach hatte mit Her- 
man Grimm, der so nahe war all den Sehnsuchten, die zu einem 
Verstandnis der ubersinnlichen Welten nach unserer Art fuhren. In 
dem Gesprach versuchte ich diese Dinge zu beriihren. Er hatte dafiir 
nur eine abwehrende Bewegung; er wollte das nicht an sich heran- 
kommen lassen. Es hatte etwas tief Erschiitterndes, dieses eigentiim- 
liche Verhalten gerade Herman Grimms zu der fur unsere Zeit urei- 
genen Form des Geisteslebens zu sehen, Herman Grimms, den ich 
nennen mochte: den akkreditierten Statthalter Goethes fur die 



zweite Halfte des 19. Jahrhunderts. Alle Bestrebungen unserer Be- 
wegung gehen dahin, gerade solche Geister, die jetzt in der geistigen 
Welt sind, hinzuweisen auf das, was Christian Morgenstern ihnen 
sagen kann. 

Sie sehen also, wie wir das, was wir als unsere Verbindung, als 
unser Verhaltnis, unsere Liebe zu Christian Morgenstern empfinden, 
in iiberpersonliche Spharen zu heben suchen. Ich habe versucht, 
Ihnen das in einigen Worten anzudeuten. 

Wenn Sie mit Ihrem Gefiihl verfolgen, was Ihnen jetzt vorgetra- 
gen werden soil, so werden Sie durch die Worte Christian Morgen- 
sterns auf eine andere Art noch empfinden, was er unserer ganzen 
Bewegung ist und noch werden wird. An einer Stelle besonders wird 
man sich mit Riicksicht auf die Ereignisse dieser Tage tief im Herzen 
beriihrt fuhlen. Wenn auch Christian Morgenstern selbstverstand- 
lich, als er das Gedichtchen schrieb, einen ganz anderen Krieg meinte, 
als derjenige ist, den wir heute erleben miissen, so geht es doch ange- 
sichts der Ereignisse der heutigen Tage tief zu Herzen, was gerade 
dies eine kleine Gedichtchen enthalt. 

So werden wir jetzt zunachst daran gehen, bevor ich diese Be- 
trachtungen fortsetze, etwas aus den nachgelassenen Gedichten 
unseres lieben Freundes Christian Morgenstern zu horen. 

Rezitation durch Marie Steiner-von Sivers «Aus den nachgelassenen Gedichten 
von Christian Morgenstern». Es ist nicht festgehalten, welche Gedichte vorgetragen 
wurden, aber sicherlich waren darunter die beiden folgenden: 

ANTHROPOSOPHIE 

Oh Welt, - du armer Mensch, 
der du nicht weifit, 
was hier inmitten deiner 
sich begibt. 

Die wahre Grofie dieser wirren Zeit 
wird hier lebendig menschhaft dargelebt, 
ein Stuck erhabenster Geschichte rollt 
hier vor uns ab - und wir sind mit in ihm! 



O grofie Welt, du armer Muttermensch - 
die (wieder einmal - o du Traumerin!) 
nicht weifi, nicht ahnt, 
was sich in ihr gebiert. 

(1911) 

ICH 

Ich schaue zu, wie sich die alte Welt 
in mir erhebt und immer wieder streitet, 
und wie die neue sanft dariibergleitet, 
so wechselweis verdiistert und erhellt. 

Ich schaue zu. Wie endigt wohl der Krieg? 
Wird sich der triibe Rauch zu Boden schlagen 
und morgendliche Klarheit driiber tagen? 
ICH schaut mir zu. Vielleicht ruft dies dem Sieg. 

(1909) 

Musik. Vorfiihrung von Bildern des Goetheanum-Baues. Musik 

Meine lieben Freunde! Vielleicht haben Sie schon aus mancherlei, 
das hier und auch an anderen Orten auf dem Gebiete der Geisteswis- 
senschaft gesprochen worden ist - auch aus den einleitenden Worten 
iiber unseren lieben Freund Christian Morgenstern -, entnommen, 
dafi mir etwas darauf ankommt, alle unsere Bestrebungen, also auch 
das, was an unsere Bestrebungen sich angliedert, als ein Ganzes, als 
etwas Einheitliches zu nehmen, und dafi es mir namentlich darauf 
ankommt, dafi dieses ganze, das der Menschheitsevolution wie ein 
Impuls zu einer neuen Geisteskultur einverleibt werden soil, sich 
wirklich anschliefit an die Sehnsuchten, an die Hoffnungen, an die 
Erwartungen der Geisteskultur der unmittelbar verflossenen Zeit. 



Ich habe das ja insbesondere hier bei der Feier zum Gedenken der 
Grundsteinlegung unseres Baues zu betonen versucht. Man sollte 
also unsere Geisteswissenschaft und ihre Bestrebungen, neben ande- 
rem auch das, was als Bilder unseres Baues eben vor Ihren Augen ab- 
gerollt ist, und endlich das, was als Eurythmie sich einleben soli in 
unseren Kulturzusammenhang, betrachten als ein einheitliches Gan- 
zes, aber auch als etwas, was nicht nur fur sich ein Ganzes ist, son- 
dern sich anschliefit an etwas, das man erwartet hat. Und wenn ich 
vorhin versuchte, mit ein paar Worten eine Linie zu ziehen von 
Goethe bis zu Christian Morgenstern iiber Herman Grimm, so soll- 
te dies nur ein zweifaches Beispiel dafur sein, wie auf der einen Seite 
in der Menschheitsentwickelung wirklich Veranlassung dazu gege- 
ben ist, dafi man in einem tieferen Optimismus an einen Fortgang 
der Menschheitsentwickelung glauben darf, auf der anderen Seite 
aber auch dafur, dafi geistige Faktoren, geistige Impulse fortwahrend 
in die Menschheitsentwickelung eingreifen. Ich habe versucht, vor 
ihre Seelen zu fuhren, wie Goethe am Schlusse seines «Faust» den 
Aufstieg Fausts in die geistigen Welten darstellen mufite mit alten 
christlich-katholischen Formen, und ich habe darauf aufmerksam 
gemacht, wie in dem Dichter Christian Morgenstern jemand zu uns 
gefunden hat, der den Anfang damit gemacht hat, das geistige Leben, 
die iibersinnlichen Welten, in neue Formen zu pragen, wie es fiir 
den Menschen der Gegenwart notwendig ist. Aus manchem der 
nachgelassenen Gedichte, aus manchen dieser Worte werden Sie 
wiederum vernommen haben, wie Dichtung sich vereinigen kann, 
innigst sich vereinigen kann mit dem, was das von uns gemeinte gei- 
stige Leben will : dafi ein neues Verhaltnis gefunden werde zwischen 
dem Leben des Menschen auf dem physischen Plane und seinem An- 
gekniipftsein an die geistigen Welten, und wie geistige Faktoren in 
die Fortentwickelung der Menschheit eingreifen, Ich versuchte es 
klar zu machen, indem ich auszusprechen wagte, was unter wahren 
Anthroposophen ausgesprochen werden darf : dafi Herman Grimm, 
der genannt werden darf der akkreditierte Statthalter Goethes in 
der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts, gewissermafien das, was er 
auf Erden im physischen Leibe nicht finden konnte, nun finden darf 



im Anblick dessen, was Christian Morgenstern schon jetzt in die 
geistigen Welten hinaufzutragen in der Lage war. Da sehen wir das 
Zusammenwirken des Geistigen mit dem physischen Menschheits- 
fortgang. 

Und suchen wir denn nicht, meine lieben Freunde, mit alle dem, 
was in unserem Bau sich ausspricht, nach einer neuen Form der alten 
Schonheit? Denn Schonheit bedeutet noch viel mehr, als was man 
gewohnlich mit dieser Idee, mit diesem Begriff verbindet. Man mufi 
nur sich klarmachen, wie mannigfaltig geartet der Menschheitsfort- 
schritt ist, wenn man gewahr werden will, was es zu bedeuten hat, 
dafi in irgendeinem Zeitalter, wie das unsrige eines ist, neue Formen 
der Schonheit, neue Formen der ganzen menschlichen Seelenstim- 
mung hervortreten sollen. Es mufi dazu kommen, dafi aus den Im- 
pulsen der Geisteswissenschaft, wie wir sie meinen, etwas sich her- 
aus entwickelt, was einen Fortschritt gegeniiber dem Friiheren be- 
deutet, was noch hinausgeht iiber das, was selbst Goethe im «Faust» 
wollen konnte. Wir mussen so etwas erhoffen. Konnte doch Goethe, 
als er die Sehnsucht empfand, sich in Schonheit zu vertiefen, nichts 
anderes machen, als nach Rom zu gehen, um die griechische Schon- 
heit in der Seele nachzuerleben. Konnte doch im Grunde genommen 
das ganze 19. Jahrhundert nichts anderes tun, als nach Rom zu gehen, 
um die griechische Schonheit nachzuerleben. Aber das Zeitalter ist 
gekommen, wo man nicht blofi nach Rom gehen, nicht blofi in klas- 
sische griechische Schonheitsformen sich vertiefen, sondern wo man 
in geistige Welten hineingehen mufi, um aus den geistigen Welten 
heraus neue Schonheitsformen zu finden. Und Wert mufi darauf ge- 
legt werden, dafi das verflossene Zeitalter gewissermafien diirstete 
nach solchem Herannahen einer Epoche geistigen Erlebens. Mehr 
als die Gegenwart es ahnt, driickt sich das gerade in einem solchen 
Geiste aus, wie es Herman Grimm war, dieser Statthalter des Goe- 
theanismus in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts. Nicht um 
iiber Herman Grimm etwas zu sagen, sondern um an seinem Bei- 
spiel zu zeigen, was von dem Geistesleben unserer Gegenwart er- 
wartet wird, mochte ich dieses Glied, Herman Grimm, einfugen in 
die Entwickelung der Menschheit, wie sie sich vollzogen hat von 



Goethe bis zu uns heriiber, die wir uns betrachten diirfen als wirk- 
lich in dem drinnen lebend und strebend, was im Grunde genom- 
men auch Goethe im Innersten seines Herzens, im Innersten seiner 
Seele wollte, Mannigfaltig und nur tieferer Betrachtung zuganglich 
ist die Art, wie das Geistesleben in der Evolution der Menschhek 
fortschreitet. 

Sie wissen, ich erwahne Personliches nur, wenn eine sachliche 
Veranlassung dazu da ist. Ich mufi jetzt manchesmal, wenn ich die 
Gedanken auf die Evolution der Menschheit lenke, eines schwachen 
Versuches gedenken, den ich als ganz junger Mensch machte. Es war 
diese Schrift das zweite, was von mir iiberhaupt gedruckt worden 
ist. Ich versuchte dazumal - kindlich selbstverstandlich, denn ich 
war ja erst 23 oder 24 Jahre alt - jenen Fortschritt mir klarzumachen 
von dem, was Shakespearesche Gestalten sind, zu dem, was der Goe- 
thesche Faust ist. Durch Shakespeare ist etwas geschaffen worden, 
was gerade in seinem Zeitalter geschaffen werden mufite, in dem 
Menschen nur dargestellt werden konnten als Menschentypen, in 
einer solchen Art und Weise, dafi die Art, wie sie dargestellt sind, 
unmittelbar eine Entfaltung ihrer inneren Seelenkrafte zeigt. Der 
Fortschritt im Goetheschen «Faust» liegt darin, dafi Goethe nicht 
die einzelnen Gestalten als einzelne Typen hingestellt hat - wie 
Hamlet, Lear, Macbeth und so weiter bei Shakespeare -, sondern 
den Faust als den Menschen unseres Zeitalters. Faust kann man nur 
einmal in eine Dichtung hineinstellen; das, was Shakespeare zu ge- 
ben hatte, konnte in vielen Menschentypen vor die Menschen hin- 
gestellt werden. Man mufi so die Vielfaltigkeit des menschlichen 
Geisteslebens in der Evolution ins Auge fassen, dafi in jedem Zeit- 
alter gerade das geschehen mufi, was als das Charakteristische dieses 
Zeitalters sich ausspricht. 

Und wenn wir heute suchen, so recht eine Seelenstimmung, so 
recht ein tiefes Gefiihl zu finden vom Angegliedertsein der Men- 
schenseele an die hoheren Hierarchien, so ist das wirklich - so wie es 
uns in der Geisteswissenschaft entgegentritt - in einem gewissen Sin- 
ne die Erfiillung von Erwartungen, von Erwartungen, die so da wa- 
ren in der Menschheitsentwickelung, dafi man sagen kann: Gerade 



solche representative Geister wie Herman Grimm driickten in ihrer 
Art tiefste Sehnsucht aus nach etwas, worauf sie warteten, und was 
so gegeben werden mufi, wie wir heute schildern die hoheren Hie- 
rarchien und ihr Verhaltnis zum Menschen. Sehen Sie, am tiefsten, 
so recht am seelenhaftesten, man mochte sagen am seelenkernkraf- 
tigsten konnte das ein Geist wie Herman Grimm ausdriicken. Und 
gerade an ihm zeigt sich immer wiederum, wo wir seine Bucher 
auch aufschlagen, wie mit seiner Personlichkeit die Erwartung der 
Geisteswissenschaft verbunden ist, die von ihm aber, als sie ihm 
fliichtig entgegentrat, nicht verstanden werden konnte. Es mufite 
eben erst so etwas eintreten, wie es nach Christian Morgensterns 
Tod da war. 

Ich traf einmal mit Herman Grimm anlafilich seines Besuches im 
Goethe-S chiller- Archiv in Weimar zusammen. Da sprach er davon, 
wie er sich die Evolution der Menschheit vorstellte, dafi ihm Ge- 
schichte nicht eine Aufzahlung dessen sei, was gewohnlich als Ge- 
schichte aufgezeichnet ist; ihm sei Geschichte eine Evolution geisti- 
ger Krafte. Aber er konnte sich nur dazu erheben, sie eine Geschich- 
te der Phantasiearbeit der Menschen zu nennen. Dafi es Imaginatio- 
nen in der Menschheitsentwickelung gibt, die unbewufit in die 
Menschheit einfliefien und sich umsetzen in menschliche Tatigkeit, 
dafi es Inspirationen und Intuitionen in der Geschichte gibt, das 
konnte ihm nicht aufgehen. «Phantasiearbeit der V6lker» war ihm 
das. Er konnte nicht dazu kommen, das rein Aufierliche, Tatsachli- 
che der Maja, das er «Phantasiearbeit der V6lker» nannte, abzulosen 
durch dasjenige, was sich im menschlichen Geiste darbieten mufi, 
wenn er den Aufstieg aus der physischen Welt in die geistige finden 
will. Man wird wirklich erst spater verstehen, was es fur das 19. 
Jahrhundert bedeutete, wenn Herman Grimm sagte: Was kann uns 
das, wie die Geschichte Julius Cdsar wiedergegeben hat, besonders 
interessieren? Julius Casar - meint Herman Grimm - interessiert 
mich viel mehr, wie er von Shakespeare dargestellt ist. Das ist wah- 
rer, historischer als alles, was in der Geschichtsschreibung darge- 
stellt ist. - Immer wieder verwies er darauf, wie gern er Tacitus liest, 
aus dem Grunde, weil dieser ein Mensch war, der aus der Seele her- 



aus lebendig zu machen und ins Geistige zu verwandeln wufite, was 
er zu schildern hatte. Aus solchen Vorstellungen heraus entstand 
dann ein so wunderbarer Gedanke wie der, den Herman Grimm in 
den neunziger Jahren niedergeschrieben hat, und der in seinem 
Homer-Buche steht, ein Gedanke, der wirklich so recht wie eine Er- 
wartung dessen dasteht, was als Kunde von den Hierarchien kom- 
men soli: «Die Menschen als Totalitat anerkennen sich als einem 
wie in den Wolken thronenden unsichtbaren Gerichtshofe unter- 
worfen, vor dem nicht bestehen zu diirfen, sie als ein Ungluck er- 
achten, und dessen gerichtlichem Verfahren sie ihre inneren Zwistig- 
keiten anzupassen suchen.» 

Ein wunderbares Bild von dem in den Wolken thronenden Ge- 
richtshofe, unter dem sich die Volker wissen ! Lebt darin nicht alle 
Sehnsucht nach den Hierarchien, nach Erkenntnis dessen, was die 
Hierarchien fur die Menschheit sind? 

So waren in der neueren Geistesentwickelung Geister heraufge- 
kommen, welche in ihrer geschichtlichen Auffassung so etwas hat- 
ten wie eine Art Verwandlungsfahigkeit, so dafi auch hier solche 
Geister wie vor der Pforte desjenigen stehen, was Geisteswissen- 
schaft will. Eine richtige Vorstellung davon, dafi wirklich etwas zur 
Weltentwickelung hinzugekommen ist dadurch, dafi Herman 
Grimm, so wie er es tat, gesprochen hat iiber Michelangelo, iiber 
Raffael, iiber Tacitus, Shakespeare, Voltaire und iiber Homer, wird die 
Menschheit erst durch die Geisteswissenschaft lernen, und diesen 
Gedanken an die wesenhafte Entwickelung in der Welt auch im Her- 
zen empfinden. Und wenn Sie sich erinnern, was Herman Grimm 
iiber den Christus gesagt hat, so haben Sie da wieder etwas wie eine 
Erwartung dessen, was Geisteswissenschaft iiber den Christus sagt. 
So haben Sie wieder eine Probe davon, worauf es mir wirklich sehr 
ankommt, wenn wir das Hereintreten der Geisteswissenschaft ins 
heutige Leben ins Auge fassen: darzustellen, wie Geisteswissen- 
schaft kommt als Erfullung von vielem, was erwartet worden ist. 
1895 erschien das Buch, worin von dem «in den Wolken thronenden 
Gerichtshofe» gesprochen wird. Da fiihlt man sich wirklich in inni- 
gem Anschlufi an das, was da war, wenn man dann von einer Stufen- 



folge der Hierarchien sprechen darf; da ist das Bild ins Geistige iiber- 
setzt, das die innere Wahrheit der Sache wiedergibt. 

Und selbst von dieser inneren Verwandlungsfahigkeit zeigten 
sich schon die Ansatze. Denn so wie Herman Grimm zum Beispiel 
gesprochen hat iiber Michelangelo, Raffael, iiber Homer, Tacitus, 
Shakespeare, iiber Voltaire gerade in der Zeit des deutsch-franzosi- 
sischen Krieges im Jahre 1870, die Art und Weise, wie er in den fiinf- 
ziger Jahren des letzten Jahrhunderts lebendig zu machen gewufit hat 
die Schriften Emersons, zeigt uns etwas von der Verwandlungsfahig- 
keit, zu der der ernste Teil der Menschheit hinstrebt, und die nun 
ihre Erfullung in der Geisteswissenschaft finden kann. Und Geistes- 
wissenschaft mufi eben gerade das geben, was fiir jeden Menschen das 
Allerpersonlichste werden kann, so dafi das menschliche Fuhlen das 
weiteste wird, das allerweiteste, aber dafur auch das allerintensivste. 

Man mochte wirklich sagen: Gerade an einem solchen reprasen- 
tativen Geiste wie Herman Grimm - mit dem ich immer mehr und 
mehr unseres Freundes Christian Morgensterns Wirken fur die gei- 
stige Welt in Zusammenhang bringen zu konnen glaube - zeigt sich 
das Hinstreben nach dem Spirituellen, und es ist wichtig, an diesen 
Tatsachen nicht voriiberzugehen. Ein vierjahriges Kind war Herman 
Grimm, als Goethe starb, dreiundsiebzigjahrig ist er am 16. Juni 
1901 in Berlin gestorben. Die zweite Halfte des 19. Jahrhunderts hat 
er so mitgelebt, dafi er gleichsam in seiner Personlichkeit vereint 
sich zeigen mufite mit alle dem, was an Impulsen der Schonheit von 
Goethe in die Menschheit ausgeflossen ist. 

In wunderbarer Weise sieht man gerade in Herman Grimm diese 
Tendenz der Menschheit nach dem Geistigen hin, dieses Herausbil- 
den eines Organs fiir das Verstandnis des Geistigen. Und ich mufi 
immer wieder und wiederum, gerade wenn ich den Kulturwert un- 
serer Eurythmie bedenke - ja, vielleicht darf ich so sagen -, an den 
aufieren Gestus im Leben Herman Grimms denken. Ich mufi immer 
wieder schauen, wie bei Herman Grimm im aufieren Gestus alles 
eins war, und nicht jene Disharmonie vorhanden war, die ja insbe- 
sondere innerhalb des materialistischen Lebens auftritt, wo man so 
gar nicht sieht, wo das Geistige in das Korperliche iibergeht. Es ist 



um aus der Haut zu fahren, wenn man all die modernen Sportge- 
schichten wie zum Beispiel Fufiball und so weiter sieht, wie sie den 
Menschen mechanisieren und ihm nichts von dem einfugen, was in 
ihm geistig ist, so sehr man sich das auch einbildet. Alles, was man 
da anstrebt, ist ja ein Hohn auf das Geistige, so gut es auch gemeint 
ist. Demgegeniiber erscheint eine Gestalt wie Herman Grimm, bei 
dem alles Aufiere im Einklang ist mit dem Seelischen, als etwas Ein- 
heitliches : die Art, wie er gegangen ist, selbst, dafi er immer einen 
Zylinder trug, gehort zum Ganzen seiner Personlichkeit, die Art, 
wie er die Hande bewegt hat, die Art, wie er gesprochen hat, die 
Art, wie er sich in Bozen aufgehalten hat, wenn er an seinem Homer- 
Buche schrieb, wie er an dem Homer-Buche nur schreiben konnte, 
wenn er in Bozen den Fruhling erwartete. Es stimmt alles so schon 
zusammen; wie er am Homer-Buche schreibt, wie er bei abnehmen- 
dem Tage hinausgeht und in Bozen in den Anlagen die wunderbare 
Statue Walthers von der Vogelweide anschaut, wie er sie bis in den 
Gestus hinein zu schildern weifi, wie er zu schildern weifi den wun- 
derbaren Marmor, der aus den Steinbriichen in der Nahe von Bozen 
kommt, und wie er anzugliedern weifi alles, was er schafft, alles, was 
er tut, an das Geistesleben, in dem er drinnensteht. 

Manches getraue ich mich selbst zu beurteilen, da ich selbst eine 
Zeitlang nahe war einer Arbeitsstatte deutschen Geisteslebens. Ich 
war von 1889 bis 1897 in Weimar an der Goetheschen Arbeitsstatte, 
mit der auch Herman Grimm verbunden war. Gerade da konnte 
man empfinden, wie Goethe der Konig des Geisteslebens war und 
Herman Grimm sein von den geistigen Machten akkreditierter Statt- 
halter. Man konnte empfinden bei Herman Grimm, wie er alles, 
was da ankniipfte an Goethe, in eine geistige Harmonie von Gesten 
einzufassen versuchte. Es war sein Bestreben, Goethe geistig zu neh- 
men. Es war gewissermafien sein Bestreben, den verstorbenen, aber 
in seinen Impulsen fortlebenden Goethe anzuerkennen als webend 
und lebend in dem Geistesleben, in dem man sich selber drinnen 
fiihlte. Es war der Anfang dessen, wie wir heute fuhlen, dafi die Ver- 
storbenen mit uns innig verbunden sind, und dafi sie gleichsam nur 
in anderer Form mit uns leben, als bevor sie durch die Pforte des To- 



des geschritten sind. Es bestand das Bestreben, alle einzelnen Phasen, 
alle einzelnen Momente des Lebens zu einem Gestus zusammen- 
zufassen, mit einem geistigen Gestus. 

Ich glaube ganz sicher, meine lieben Freunde, dafi vielleicht man- 
ches mich schon damals gefiihrt hatte auf dasjenige, was in der Gei- 
steswissenschaft zu leisten ist, aber nicht auf das, was unsere Euryth- 
mie darbietet, wenn ich nicht damals gerade diesem Geistesleben so 
nahegestanden hatte, wenn ich nicht mit angesehen hatte, da£ - in 
der Art, wie es damals sein konnte - das Bestreben bestand, etwas 
herbeizurufen, was geistig ist und sich in der Aufienwelt zugleich 
wirklich auslebt, in der Aufienwelt wirklich da ist. Naturlich ist alles 
das ein grofier karmischer Zusammenhang, kein Zufall. Es ist etwas 
wie eine innere Eurythmie in der Art, wie Herman Grimm das Leben 
hat nehmen wollen: so wie er die wunderbare Verwandlungsfahig- 
keit hatte, um als ganz junger Mensch Emerson so in die deutsche 
Kultur hereinzunehmen, wie er in kein anderes Land hereingenom- 
men worden ist, wie er darauf aufmerksam machte, dafi Emerson 
mehr gelesen werden sollte, weil er die beste Seite des Amerikanis- 
mus darstellte, wie er Voltaire, wie er Michelangelo, wie er Raffael 
auferstehen liefi, und auch Goethe, uber den er seine wunderbaren 
Vorlesungen hielt im Beginne der siebziger Jahre an der Berliner 
Universitat. Den Gelehrten war manches nicht recht an diesen Vor- 
lesungen. Aber in jedem Gedanken, in jedem Wort, in jedem Satz 
dieser Vorlesungen lebt Goethe; da ist er wieder darinnen, ist mit 
seinem eigenen Geiste darinnen. Und dem Leben rings umher woll- 
te wirklich Herman Grimm mit seinem Buche «Goethe» etwas ge- 
ben. Es war ein einzigartiges Ereignis, dafi Goethe, der physisch seit 
1832 tot war, der fast vergessen war, gerade durch Herman Grimm 
in den siebziger Jahren wieder auflebte. 

Aber nun, weil ich von dem einheitlichen Gestus sprach, mochte 
ich doch darauf hinweisen, wie Herman Grimm immer bestrebt 
war, alle Dinge in einem grofien Zusammenhang zu sehen, wie er in 
dieser Beziehung wirklich einmal Lehrmeister zu werden vermag 
fiir alle diejenigen, die den Ubergang suchen vom Geistesleben des 
19. Jahrhunderts zum Geistesleben der Anthroposophie. Goethe ist 



etwas fur die Menschheit Universelles; Herman Grimm macht auf- 
merksam in den «Beitragen zur Culturgeschichte», wie Goethe 
gleich irdisch universell wurde, nachdem er durch die Pforte des To- 
des in die geistige Welt eingetreten war. Eine schone Stelle aus einer 
Vorlesung Carlyles aus dem Jahre 1838 zitiert Herman Grimm: 
«Wenn ein Mann wie Goethe in einer Epoche auftritt, welche Epo- 
che es auch sei : seine Erscheinung ist das Grofite, was in ihrem Ver- 
lauf sich ereignen kann. Er ist die Mitte. Von ihm geht aller geistige 
Einflufi aus. Bei ihm mufi es heiften wie bei Shakespeare : Keiner war 
da wie er, bevor er kam. Er war nicht wie Shakespeare, aber dieselbe 
Klarheit, derselbe Geist der Duldung, dieselbe Tiefe menschlichen 
Wesens walteten in Beiden.» 

Es wird mit einem solchen Wort zugleich auf das Universelle hin- 
gewiesen, auf das, was einschneidet in alle menschlichen Verhaltnis- 
se, was uns den Dichter, was uns den Geisteshelden nicht so erschei- 
nen lafit, dafi er nur in den Wolken thront, sondern so, dafi er wirk- 
lich eingreift in die geistigen Verhaltnisse. So war im ganzen Bewufk- 
sein Herman Grimms iiber Goethe etwas gegeben, was wirklich ge- 
eignet war, Goethes Geist so universell zu nehmen, dafi Goethe ihm 
erscheinen konnte wie der geistige Kaiser, der Kaiser des Geistes- 
lebens. Und in anderer Weise, meine lieben Freunde, als man das 
sonst in der Welt gewohnt ist, spricht sich aus bei so jemandem wie 
Herman Grimm die freie Personlichkeit, das ganze freie Waken der 
Personlichkeit, die Selbstsicherheit. Man darf wirklich sagen: In 
Herman Grimm lebt etwas, was ihn die aufteren Verhaltnisse neh- 
men liefi, wie sie zu nehmen sind, auf der anderen Seite ihn aber im- 
mer fufien liefi auf dem, was er als sein Geistesleben in sich hatte; 
und alle weltlichen Verhaltnisse beurteilte er nach der Sicherheit 
dieses Geisteslebens. 

So tritt der Moment auf, wo, man mochte sagen, in seiner vor- 
nehm stillen Art Herman Grimm dazu kommen konnte, einen hoch- 
sten Moment darin zu erblicken, wenn ein Monarch der aufieren 
Welt huldigt dem geistigen Kaiser. Das ist auch ein Gestus dieser 
Welt, von unsagbarer Bedeutung. Ich weifi, dafi viele sich daran ge- 
stofien haben, aber man mufi die Dinge in ihrem tieferen Zusam- 



menhang nehmen. Viele haben sich daran gestofien, dafi Herman 
Grimm ein Faktum erwahnt, das ihm passiert ist am Christabend 
1876. Aber dieses Faktum ist deshalb bezeichnend, weil es an einen 
Punkt fuhrt, wo in der neueren Zeit ein Mensch dasteht, der es als 
naturlich empfindet, wenn ein Monarch der aufieren Welt huldigt 
dem geistigen Kaiser. So erscheint es mir als ungeheuer charakteri- 
stisch fiir das neuere Geistesleben, wenn Herman Grimm in seinen 
«Beitragen zur Deutschen Culturgeschichte» erzahlt, wie am Christ- 
abend 1876 bei ihm folgender Brief des deutschen Kaisers Wilhelm I, 
abgegeben wurde: 

«Die Durchsicht Ihres Buches < Goethe >, von welchem Sie Mir 
unter dem 20. vorigen Monats ein Exemplar vorgelegt haben, hat 
Mir sehr angenehme Eindriicke gewahrt. Es ist Ihnen gelungen, dem 
lichtvollen Bilde des grofien Dichters noch manchen lebenswarmen 
Zug feinfuhlig einzufugen und fur das Verstandnis der Beziehungen 
zwischen den aufieren Vorgangen seines Lebens und seinen Werken 
neue Gesichtspunkte zu gewinnen. Indem Ich Mich iiberzeugt halte, 
dafi die unmittelbar vor dem Weihnachtsfeste den Verehrern des 
Dichters gespendete sinnige Gabe als eine wertvolle Bereicherung 
der Goethe-Literatur anerkannt werden wird, danke Ich Ihnen 
freundlichst fur den Genufi, welchen Ich personlich aus dem Buche 
geschopft habe. 

Berlin, den 24. Dezember 1876. Wilhelm.» 

Schone Worte sagt Herman Grimm im Anschlufi an den Empfang 
dieses Briefes; denn es freute sich ein Geist wie Herman Grimm iiber 
die Beziehung zwischen dem geistigen und dem weltlichen Leben. 
Und in diesem Lichte sah er auch Goethe und seine Zeit, suchte er 
sich hinaufzuranken zu dem, was vielen Menschen entgeht. Und so 
konnte es denn kommen, dafi Herman Grimm, anschliefiend an die- 
sen Brief, eine schone, eine merkwurdige Schilderung gab des Zu- 
sammenfliefiens des geistigen Lebens mit dem Leben der aufieren 
Welt des 19. Jahrhunderts. Er sagt : «Von Weimar aus» - denn Wei- 
mar war fiir Herman Grimm die erste Hauptstadt des deutschen 
Geisteslebens; ich weifi es und freute mich oft dariiber - «Von Wei- 
mar aus waren die Grundlinien der geistigen Fortentwickelung 



Deutschlands so fest gezogen worden, daiS Goethes Anschauungen 
der natiirliche Mafistab blieben. Und als im Drange der nationalen 
politischen Bediirfnisse Shakespeare neben ihm neu emporstieg, war 
dieser wie eine nur angehangte Provinz des Goetheschen Reiches. 
Denn Schlegel hatte Shakespeare in Goethes Deutsch in Goethes 
Auftrage gleichsam ubertragen, und Goethe und Shakespeare ver- 
einigten sich wie zu einer gemeinsam wirkenden Macht» etc. etc. 

Und nun folgen die schonen Worte: «Und so fafke der Kaiser 
Goethe auf. Goethe war seiner Epoche nicht nur der grofie Dichter, 
der grofie Denker, sondern es verband sich der Glanz historischer 
furstlicher Hohe mit seiner Person. Ich erinnere an den Schlufi des 
obigen Schreibens, wo der Kaiser des personlichen Genusses ge- 
denkt, den er aus dem Buche gezogen. Worin bestand dieser? Kaum 
in etwas, das dessen literarischem Werte zugute kame. Ich wiifite 
nicht, daft der Kaiser im Gesprache Goethe jemals erwahnt hatte, er 
hatte sich aber, wie mir erzahlt wurde, aus dem Buche vorlesen las- 
sen. Ich erblicke darin die Betatigung eines Gefuhles bei ihm, das 
nicht blofi mit Interesse an Goethe bezeichnet werden diirfte. Goe- 
the war eine hingegangene Macht, die Anspruch auf die Teilnahme 
des deutschen Kaisers besafi. So etwas wie die Inhaber des hochsten 
italienischen Ordens <Cousins du Roi> sind.» 

Wie versteht Herman Grimm zu zeigen, wie das geistige Leben 
alles ergreift, und er selber ist ein solcher reprasentativer Geist. 
Er sagt weiter: «Nicht seiner Siege, seiner politischen Erfolge erin- 
nerte man sich zuerst, sondern dessen, was Friedliches im Kaiser lag. 
Seiner Milde. Seiner gleichabwagenden Gerechtigkeit. Es ist wunder- 
bar, wie im Urteil der Volker selbst bei kriegerischen Fiirsten und 
Gewalthabern zuletzt das immer das meiste Licht empfangt, was sie 
fiir die friedliche Entwickelung taten. Wie bei Friedrich dem Gro- 
fien und Napoleon die bewundernde Betrachtung ihrer organisatori- 
schen Tatigkeit die ihrer kriegerischen Taten bereits uberwiegt.» 

So sehen wir das Geistesleben der neueren Zeit sich in einen ein- 
heitlichen Gestus stellen mit demjenigen, was 
…[truncated]