Der Goetheanismus, ein Umwandlungsimpuls und Auferstehungsgedanke

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GE SELLS C HAFT 



RUDOLF STEINER 



Der Goetheanismus 

ein Umwandlungsimpuls und 
Auferstehungsgedanke 

Menschenwissenschaft und Sozialwissenschaft 



Zwolf Vortrage, 
gehalten in Dornach zwischen dem 
3. Januar und 2. Februar 1919 



1982 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Ste'mer-Nachla&verwaltung 

Die Herausgabe besorgten Johann Waegerf und Robert Friedenthal 



1. Auflage, Vortrage Dornach, 3. bis 12. Januar 1919: 
«Der Goetheanismus, ein Menschen-Umwandlungsimpuls 
und Auferstehungsgedanke», Dornach 1942 

2. Auflage, 

erweitert um die Vortrage vom 24. Januar bis 2. Februar 1919 
Gesamtausgabe Dornach 1967 

3., neu durchgesehene Auflage 
(photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1982 



Bibliographie-Nr. 188 

Einbandzeichen nach einer Zeichnung von Rudolf Steiner 
Schrift von Benedikt Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-1880-X 



Z« den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf- 
tes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 3 . Januar 1919 9 

Die Antwort der Geisteswissenschaft auf die wichtigsten Fragen der Zeit 

Zweiter Vortrag, 4. Januar 1919 33 

Die Stellung des Menschen im Zeitalter der Bewufitseinsseele - Johannes 
vom Kreuz iiber die Beschauung und der moderne Weg zur Geist-Erkennt- 
nis 



Dritter Vortrag, 5. Januar 1919 51 

Das Entscheidende der gegenwartigen Epoche 

Vierter Vortrag, 10. Januar 1919 82 

Das Verhaltnis des Seelisch-Geistigen zum Physisch-Leiblichen 

Funfter Vortrag, 11. Januar 1919 103 

Die Durchgeistigung der neueren Geschichte - Heidentum, Judentum 
und Christentum - Goethes «Marchen» 



Sechster Vortrag, 12. Januar 1919 123 

Goetheanismus als Erwartungsstimmung 

Siebenter Vortrag, 24. Januar 1919 144 

Das 19. Jahrhundert, ein Wendepunkt in der Entwickelung der Mensch- 
heit - Schillers «Asthetische Briefe» und Goethes «Marchen» 



Achter Vortrag, 25. Januar 1919 168 

Das Verhaltnis der Menschenwissenschaft zur Sozialwissenschaft - Die 
drei Kabiren - Der dreigeteilte Mensch und der dreigeteilte soziale Orga- 
nismus 



Neunter Vortrag, 26. Januar 1919 179 

Die Volkerwanderung von einst und von jetzt - Der soziale Homunkulus 

Zehnter Vortrag, 31. Januar 1919 202 

Welche Gestalt konnen die sozialen Forderungen in der Gegenwart 
haben? 



ElfterVortrag, l.Februar 1919 220 

Die Loslosung des Wirtschaftsprozesses von dem Personlichen - Die 
Abtrennung des moralisch-geistigen Lebens von den aufieren Wirklichkei- 
ten des Daseins 

Zwolfter Vortrag, 2. Februar 1919 235 

Die drei Vorbedingungen in der Stellung des Menschen zur Welt, zu ande- 
ren Menschen und zur Geistigkeit 

Hinweise 245 

Ausfiihrliche Inhaltsangaben 253 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 259 

Ubersicht tiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 261 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 3. Januar 1919 



Wie oft muBten wif eigentlich hier betonen, da8 die geisteswissen- 
schaftlichen Wahrheiten, wenn sie ausgesprochen werden, nach der 
einen oder andern Richtung hin leicht miBzuverstehen sind. Und ich 
habe Ihnen ja auch von den verschiedensten Griinden gesprochen, 
aus denen es sicher leicht ist, diese geisteswissenschaftlichen Anschau- 
ungen und Erkenntnisse zu miBkennen, miBzuverstehen. Es ist immer 
wieder und wiederum zu sagen, daB es natiirlich ungemein leicht ist, 
wenn man wenig Gelegenheit gehabt hat, sich in Spirituelles zu ver- 
tiefen, da oder dort zu finden, daB die Dinge, die geisteswissenschaft- 
lich zutage treten, nicht voll begriindet sind oder dergleichen. Es ist 
auch ungemein leicht zu sagen: Woher weiB denn der oder jener, wel- 
cher geisteswissenschaftlich etwas mitteilt, woher weiB er das? - wenn 
man nicht darauf eingehen will, das zu durchschauen, was er selbst 
oftmals dariiber vorgebracht hat, von woher er diese Dinge weiB, und 
man lediglich das Urteil sich bildet nach dem, was man selber weiB. 
Das ist ja nicht schwer zu sagen: Woher kann der das wissen? Ich 
weiB es doch nicht! - und dann souveran zu erklaren: Dasjenige, was 
ich nicht weiB, das weiB auch kein anderer, da kann ein anderer hbch- 
stens doch nur noch glauben! - Aber ein solches Urteil kommt nur 
dadurch zustande, daB man sich eben gar nicht darauf einlaBt, auf die 
Quellen einzugehen, aus denen insbesondere in der heutigen Zeit 
geisteswissenschaftliche Erkenntnisse geschopft werden miissen. 

Zu den auf diese Art zustande gekommenen MiBverstandnissen 
kann nun auch gehoren, daB man glaubt, die Geisteswissenschaft wolle 
in Bausch und Bogen ein Verdammungs-, ein Vernichtungsurteil aus- 
sprechen uber das ganze Streben der Zeit, insofern dieses Streben von 
PersonKchkeiten ausgeht, die auBerhalb der Geisteswissenschaft ste- 
hen. Aber auch da liegt nur ein MiBverstandnis vor. Gerade der Gei- 
steswissenschafter, der ernst und wiirdig den heutigen Weltzustand 
ins Auge faBt, wird wohl eingehen auf die Gemiitslage, auf die Seelen- 
stimmung der Zeitgenossen und wird sich die Frage vorlegen: Was 



geht in den Seelen der ernsten Zeitgenossen der Gegenwart vor, in 
der Richtung, in der eine Bessemng manches Verbesserungs wiirdigen 
oder Verbesserungsnotwendigen eben gesucht werden muB? - Was 
aber hier vor alien Dingen als eine besonders in der Gegenwart auBer- 
ordentlich markante Tatsache ins Auge gefaBt werden muB, das ist, 
daB gerade abgelehnt wird, manchmal von den strebendsten Zeit- 
genossen abgelehnt wird das konkrete Eingehen auf das Wissen von 
der geistigen Welt, auf die Erkenntnis von der geistigen Welt, die als 
eine Wirklichkeit vor den Menschen treten kann und nicht bloB als 
etwas, was man durch eine Summe von Begriffen erschlieBt. Die mei- 
sten Menschen mochten eben heute mit ihren Erfahrungen nur in der 
Sinneswelt stehenbleiben und eine geistige Welt hochstens zugeben 
als durch Begriffe, durch Ideen erschlieBbar. Sie mochten sich nicht 
anschlieBen an eine Forschung, welche von Mitteln spricht, in die 
geistige Welt erlebnisgemaB wirklich einzudringen. Dieses Ablehnen 
der wirklichen Geistigkeit, das ist allerdings ein charakteristischer Zug 
unserer Zeit; das ist ein Zug unserer Zeit, den insbesondere wir, die 
wir versuchen, uns auf den Boden der Geisteswissenschaft zu stellen, 
berucksichtigen miissen. Sonst bleiben wir doch auBerhalb dieser 
Geisteswissenschaft stehen, uns nur auf sie einlassend als wie auf et- 
was, was neben andern Dingen, die in der Gegenwart zutage treten, 
doch auch beriicksichtigt werden sollte. 

Ich habe vor kurzem hier, dadurch, daB ich Ihnen die Gedanken 
Walther Rathenaus vorfiihrte, gezeigt, daB der Geisteswissenschafter 
schon in der Lage ist, innerhalb der Grenzen, in welcher gegenwartige 
Gedankenrichtungen zu wiirdigen sind, diese Gedankenrichtungen 
auch wirklich zu wiirdigen. Aber auffallig ist eben doch diese Zu- 
riickweisung des wirklichen geistigen Einschlages, der in unserer Zeit 
kommen soil. Dieses Ablehnen kann man ja auf Schritt und Tritt er- 
fahren, wenn man aufmerksam ist auf das, was die Leute heute den- 
ken. GewiB, es ist vor viele Menschen in der Gegenwart das Erschiit- 
ternde der gegenwartigen Weltenlage getreten; es gibt Menschen, die 
den ganzen Ernst der gegenwartigen Zeit zu wiirdigen verstehen und 
auch schon seit einiger Zeit zu wiirdigen verstanden haben. Auch da 
bitte ich Sie, sich durchaus nicht der Hochnasigkeit mancher Anthro- 



posophen zu befleiBigen und zu meinen, daB Anthroposophie als sol- 
che schon eine Anweisung gibt, besser den Ernst der Zeit zu wiirdigen, 
als ihn Leute wurdigen, die auBerhalb der anthroposophischen Be- 
wegung stehen. Denn man mochte auch, daB innerhalb dieser anthro- 
posophischen Bewegung gar mancher mehr in semem Gemiite beriihrt 
wurde von dem Entscheidenden in unserer gegenwartigen Welten- 
lage. Man findet nur allzuhaufig gerade innerhalb unserer Reihen 
Menschen, die heute, trotz des Ernstes der Zeit, nicht auf diesen Ernst 
hinblicken mogen und lieber sich mit ihrer eigenen werten Person- 
lichkeit beschaftigen, statt einiges Interesse fur die groBen Fragen in 
sich zu erregen, die durch die Menschheit pulsieren. 

Ich will bei der heutigen Betrachtung von einem Beispiel ausgehen, 
das mir, man kann sagen zufallig - wenn man das Wort nicht miBver- 
steht, und wir brauchen es nicht miBzuverstehen - in die Hande ge- 
kommen ist ; ein Aufsatz, der allerdings insofern heute veraltet 1st, als 
er geschrieben wurde, wahrend der sogenannte Krieg noch in vollem 
Gange war. Also der Aufsatz ist heute veraltet. Er ist auch sonst nicht 
gerade eindringlich, da er die meisten Dinge, die er bespricht, sehr 
einseitig behandelt. Allein er riihrt doch her von einem Menschen - 
das sieht man nach der ganzen Haltung, nach der ganzen Schreib- 
weise -, der sich die ernstesten Gedanken dariiber macht, was nun 
eigentlich geschehen soil, was die Welt von den Ereignissen zu erwar- 
ten hat. Er stellt dar, dieser Aufsatz, wie sich die Westmachte, die 
Mittelmachte, die Ostmachte allmahlich verhalten haben innerhalb der 
Katastrophe der letzten Jahre. Er stellt die groBen Gefahren, wenn 
auch einseitig, aber doch immerhin dar, die aus dieser Katastrophe 
heraus heute lauern und in die Zukunft hineinlauern werden. Der 
Verfasser hat einen gewissen Weltblick. Er betrachtet die Welt nicht 
nur vom Gesichtspunkt der Landesgrenzen; auch das soli ja unter den 
heutigen Menschen noch vorkommen, daB sie die Welt nur vom Ge- 
sichtspunkt ihrer Landesgrenzen betrachten, und wenn sie sich dann 
beruhigen konnen, daB innerhalb ihres Landes das oder jenes noch 
nicht stattfindet, dann sind sie unbesorgt. Der Verfasser dieses Auf- 
satzes sieht immerhin nicht nur den Umkreis des Kirchturmes, son- 
dern er sieht doch etwas von der Weltperspektive. Und seine Gedan- 



ken zusammenfassend, kommt er zu einem sehr merkwiirdigen Satze. 
Et sagt: «DaB ein furchtbares Schicksal der weiBen Menschheit winkt, 
dies scheint mir unter alien Umstanden gewiB, es sei denn, daB eine 
Periode supremer Weisheitsherrschaft sehr bald die der Leidenschaft 
und Wahnvorstellungen ablost. Wir leben in der Tat seit lange schon 
in der Periode, die mit der Volkerwanderungszeit viel Ahnlichkeit 
hat. Das Tempo wird durch den Weltkrieg ungeheuer beschleunigt. 
Was den damals von auBen in altes Kulturland einwandernden Ger- 
manenstammen entspricht, sind die betrachtlichen, aufsteigenden un- 
teren Volksschichten, die sowohl dem Blut wie dem Kulturerbe nach 
von den bisher her rschenden sehr verschieden sind. DaB diese Volker- 
wanderung» - es istin der Tat viel besser, von einer Volkerwanderung 
als von einem Kriege zu sprechen - «uberhaupt stattfindet, ist gut in- 
sofern, als sie Verbreitung bedingt, eine Verbreitung der Kulturbasis 
und eine Hebung vom Gesamtniveau. Sehr gefahrlich aber ist es, 
wenn sie zu schnell verlauft. Und diese Gefahr wird vergroBert, je 
langer der Weltkrieg dauert.» 

Der Aufsatz ist heute veraltet. Die Gefahr ist nicht weniger groB 
geworden, aber da er alle Argumente aus dem noch vorhandenen 
Kriegswuten ableitet, so sind seine Argumente veraltet. Uns aber muB 
hier insbesondere der erste Satz interessieren, den ich vorgelesen habe : 
«DaB ein furchtbares Schicksal der weiBen Menschheit winkt, scheint 
mir unter alien Umstanden gewiB, es sei denn, daB eine Periode supre- 
mer Weisheitsherrschaft sehr bald die der Leidenschaft und Wahn- 
vorstellungen ablost. » - Denn das ist in der Tat als abstrakte Wahrheit 
unbedingt richtig. Und wenn jemand es einmal ausspricht, daB die 
einzige Rettung der Menschheit in dem Sich-Hinwenden zu einer 
supremen Weisheitsherrschaft liegt, und nicht zu irgendwelchen an- 
dern politischen oder sozialen Quacksalbereien, dann miissen wir eine 
solche Tatsache, eine solche Gedankenrichtung anerkennen. Aber wir 
diirfen dabei eben durchaus nicht vergessen, daB gerade solche Men- 
schen, von denen wir zugeben miissen, daB sie in alien Tiefen ihres 
Wesens ergriffen sind von dem Ernst der Zeitlage, daB gerade solche 
Menschen, wenn es sich nun darum handelt, zu sagen, worin denn die 
Weisheitsvorstellungen bestehen, die die alten Wahnvorstellungen ab- 



losen sollen, daB sie dann doch gleich wieder zuriickfallen auf irgend- 
welche, zu schonen Worten gewordene alte Wahnvorstellungen. 
Denn das ist gerade die Tragik, das ist das furchtbare Schicksal unse- 
rer Zeit, daB die Menschen zwar aufmerksam darauf werden: Es ist 
notwendig, zum Geiste sich hinzuwenden -, daB sie aber immer 
Furcht und Angst iiberkommt, wenn sie sich zum Geiste hinwenden 
sollen; daB sie dann gleich wieder bereit sind, nach den alten Wahn- 
vorstellungen zu greifen, die die Menschheit hineingetrieben haben 
in das gegenwartige furchtbare Schicksal. Wir brauchen ja nur das 
Beispiel einer sehr verbreiteten Vorstellungsrichtung zu nehmen. 

Glauben Sie, wenn Sie einen richtiggehenden, sagen wir trivial, 
Vertreter des romisch-kathoHschen Kirchenbekenntnisses fragen, ob 
er geneigt sein wiirde zu glauben, daB die alten Vorstellungen in die 
katastrophale Zeit hineingefuhrt haben, daB sie von neuen abgelost 
werden miissen, glauben Sie, daB er wirklich geneigt sein wiirde, an 
die Notwendigkeit einer Erneuerung derjenigen Vorstellungen zu 
glauben, welche die Menschheit nicht retten haben konnen vor dieser 
furchtbaren Katastrophe? Nein, er wiirde sagen: Wenn die Menschen 
nur wiederum richtig romisch-katholisch werden, dann werden sie 
schon gliicklich werden. - Und er wird gar nicht auf den Einfall kom- 
men, sich zu sagen, daB sie doch tausendneunhundert Jahre hindurch 
Zeit gehabt haben, romisch-katholisch zu sein und dennoch in die 
Katastrophe hineingekommen sind; daB also zum mindesten die 
Katastrophe lehren muB, daB man neue Impulse braucht. Das ist nur 
ein Beispiel fur viele. Es ist iiberhaupt notwendig, gerade mit Bezug 
auf diesen Punkt riickhaltlos die Zusammenhange, die da bestehen, 
vor Augen zu fiihren. 

Es ist heute leicht, selbst fur einen als echt geltenden Anhanger die- 
ser oder jener Kirche, zu sagen: Der Haeckelismus oder der Materia- 
lismus, das ist eine Teufelssache, das muB mit Stumpf und Stiel aus- 
gerottet werden. - Das ist das Gegenteil von dem, was die Menschen 
in eine heilsame Seelenverfassung hineinfuhren kann. Ja, man kann 
wohl so sprechen, aber wenn man bei dieser Aussage bleibt und nicht 
die Zusammenhange untersucht, die dabei in Betracht kommen, dann 
wird man unmoglich zu etwas kommen konnen, was der Gegenwart 



und noch weniger der nachsten Zukunft heilsam sein kann. Denn 
wenn Sie irgendeine materialistisch gefarbte Weltanschauungsemp- 
findung aufnehmen und sich fragen: Woher kommt sie historisch? - 
dann werden Sie, wenn Sie wirklich Einsicht gewinnen wollen, gar 
nicht umhin konnen, sich zuletzt doch zu sagen: sie kommt ja im 
Grunde gerade aus der Art, das Christentum zu vertreten, wie dieses 
Christentum tausendneunhundert Jahre lang von den verschiedenen 
Konfessionen vertreten worden ist. Der Tiefersehende weiB, daB 
Haeckelismus ohne das vorangehende Christentum der Kirche gar 
nicht moglich gewesen ware. Es gibt Leute, die sind auf dem Stand- 
punkt der Kirche zuriickgeblieben, sagen wir, wie sie im Mittelalter 
war; die vertreten heute noch immer die Gedanken, die die Kirche 
im Mittelalter gehabt hat. Andere haben diese Gedanken weitergebil- 
det. Und diejenigen, die sie weitergebildet haben, unter denen ist 
zum Beispiel Ernst Haeckel. Er ist ein gerader Abkommling der durch 
die verschiedenen Kirchen jahrhundertelang gepflogenen Vorstellun- 
gen. Das ist nicht auBerhalb der Kirche entstanden, das ist im tieferen 
Sinne durchaus innerhalb der Kirchenlehren entstandene Wahrheit. 
Allerdings, richtig die Zusammenhange erkennen wird man erst dann, 
wenn man sich ein wenig befruchtet mit geisteswissenschaftlichen Ein- 
sichten, um diese Dinge ins Auge zu fassen. 

Ich will Ihnen daher heute - obwohl vielleicht einzelne von Ihnen 
sagen werden, die Sache ist zu schwer, aber es darf uns nichts zu 
schwer sein, man soli Einsicht gewinnen -, ich mochte Ihnen heute 
zunachst einmal einen Punkt besonders auseinandersetzen. 

Wenn Sie heute philosophisch angehauchte Schriften gut geschul- 
ter, zum Beispiel katholischer Gelehrter lesen, da werden Sie iiberall 
mit Bezug auf einen gewissen Punkt eine ganz bestimmte Anschauung 
ausgebildet finden. Und man kann sagen: Sie finden diese Anschau- 
ung ausgebildet bei den allerbesten dieser katholisch geschulten Ge- 
lehrten. - Ich mochte dabei gleich bemerken, daB ich durchaus nicht 
geneigt bin, die formale Schulung des katholischen Klerus zum Bei- 
spiel zu unterschatzen. Ich kenne sehr gut - ich habe das auch aus- 
gesprochen in meinem Buch «Vom Menschenratsel» - die bessere 
Schulung, die gerade manche katholischen Theologen haben, wenn 



sie philosophisch schreiben, gegenuber den Schreibereien der nicht 
durch die katholische Theologie gegangenen philosophischen Gelehr- 
ten zum BeispieL In dieser Beziehung, muB man sagen, ist die gelehrte 
Literatur, die theologische Literatur der protestantischen, der refor- 
mierten Geistlichen weit zuriick hinter der guten philosophischen 
Schulung der katholischen Theologen. Diese Leute haben durch ihre 
strenge Schulung eine gewisse Fahigkeit, ihre Begriffe wirklich pla- 
stisch auszubilden; sie haben - was zumBeispiel Menschen, die heute 
beriihmt sind in der nichtkatholischen philosophischen Literatur, nicht 
einmal als Ahnung haben - eine gewisse Fahigkeit, einzusehen, was 
ein BegrifF ist, was eine Idee ist und dergleichen, kurz, diese Leute 
haben eine gewisse Schulung. Man braucht nicht einmal ein Buch von 
Haeckel zu nehmen, man kann ein Buch von Eucken nehmen, um 
diese Begriffspurzelei festzustellen, diese schreckliche, bloB feuilleto- 
nistische Herumrederei iiber die wichtigsten Begriffe, oder man kann 
zum Beispiel ein Buch von Bergson nehmen, wo man immer das Ge- 
fiihl hat : der fangt die Begriffe ab, ohne mit ihnen hantieren zu kon- 
nen, wie der bekannte Chinese, der sich umdrehen will und immer 
seinen Zopf abfangt. Dieses absolute Taumeln in der Begriffswelt, das 
bei diesen ungeschulten Leuten der Fall ist, das werden Sie nicht fin- 
den, wenn Sie sich einlassen auf die vom katholischen Klerus aus- 
gehende philosophische Literatur, so daB in dieser Beziehung zum 
Beispiel ein Buch wie die dreibandige «Geschichte des Idealismus» 
von Otto Willmann, einem waschechten Katholiken, der auf jeder 
Seite seinen Katholizismus zur Schau tragt, weit hoher steht als das 
meiste, was von nichtkatholischer Seite gerade heute auf philosophi- 
schem Gebiete geschrieben wird. Das alles kann man durchaus wis- 
sen und dennoch den Standpunkt einnehmen, den man eben als Gei- 
steswissenschafter einnehmen muB. Inferioritat des Geistes mag auf 
diesem Gebiete anders entscheiden, mag zum Beispiel der Meinung 
sein : weil da gute Schulung ist, so ist sie iiberhaupt mehr wert. Nun, 
das mag sein; aber man kann durchaus sich auch der Objektivitat be- 
fleiBen, wenn man g&notigt ist, einen bestimmten Gesichtspunkt im 
Leben einzunehmen. 

Ein Punkt wird Ihnen in dieser gut geschulten katholischen philo- 



sophischen Literatur immer entgegentreten, ein Punkt, der auch un- 
gemein viel Blendendes fur den heutigen Denker hat; das ist der, der 
immer in Betracht kommt, wenn die Leute zu sprechen kommen auf 
den Unterschied des Menschen vom Tiere. Nicht wahr, die gewohn- 
lichen Haeckel-Leser und Haeckel-Bekenner, die werden ja immer 
darauf ausgehen, den Unterschied des Menschen vom Tier moglichst 
zu verwischen, moglichst den Glauben zu erwecken, daB der Mensch 
im ganzen nur ein gewissermaBen hoher ausgebildetes Tier ist. Das 
tun die katholischen Gelehrten nicht, sondern sie heben immer etwas 
hervor, was ihnen als radikaler Unterschied erscheint zwischen dem 
Menschen und dem Tiere. Sie heben hervor, daB das Tier bei der 
gewohnlichen Anschauung bleibt, die es gewinnt von dem Gegen- 
stand, den es jetzt beriecht, von dem nachsten Gegenstand, den es 
dann beriecht oder beschaut und so weiter; daB das Tier gewisser- 
maBen immer nur in einzelnen individuellen Vorstellungen bleibt, 
wahrend der Mensch die Fahigkeit hat, abgezogene, abstrakte Be- 
griffe sich zu bilden, die Dinge zusammenzufassen. Das ist in der Tat 
ein radikaler Unterschied, weil der Mensch, wenn man die Sache so 
auffaBt, dadurch sich wirklich radikal vom Tier unterscheidet. Das 
Tier, das nur die Einzelheiten ins Auge faBt, kann nicht in sich die 
Geistigkeit ausbilden, weil ja die abstrakten Begriffe in der Geistigkeit 
leben miissen. Und dadurch muB man dazu kommen, anzuerkennen, 
daB im Menschen diese besondere Seele lebt, die eben die abstrakten 
Begriffe biidet, wahrend das Tier mit seiner besonderen Art des Innen- 
lebens diese abstrakten Begriffe nicht bilden kann. 

Wer auf diesen Punkt hin die entsprechenden katholischen Ausein- 
andersetzungen ins Auge faBt, der sagt sich : Das ist etwas ungeheuer 
Bedeutsames, daB durch gute philosophische Schulung auf diesen ent- 
scheidenden, radikal entscheidenden Punkt in dem Unterschied zwi- 
schen Mensch und Tier richtig hingewiesen werden kann. Die Men- 
schen wurdigen in der Gegenwart gar nicht die Tragweite einer sol- 
chen Sache. Als zum Beispiel der Rummel dazumal losgegangen war, 
den Drews veranstaltet hat, diese Auseinandersetzung, ob Jesus gelebt 
hat oder nicht, als damals in Berlin eine groBe Versammlung abgehal- 
ten worden ist, wo alle moglichen und unmoglichen Leute geredet 



haben iiber das Problem: Hat Jesus gelebt? - da hat auch der katho- 
lische Theologe Wasmann dariiber gesprochen, und er konnte natur- 
lich nur Dinge sagen, die die andern als sehr riickstandig betrachtet 
haben. Aber trotzdem dazumal eigentlich die Koryphaen, namentlich 
der Berliner protestantischen Theologie, geredet haben, so sind mir 
im Grunde genommen in den damaligen Reden doch als wirklich auf 
einem etwas besseren Niveau - rricht auf dem Gegenwartsniveau, aber 
einem etwas besseren Niveau - zwei Ausspruche beziehungsweise die 
Unterlagen dieser Ausspruche erschienen. Das eine war eine Ausfiih- 
rung, die ein - ich will damit gar nichts Schlimmes sagen, sondern 
eigentlich den Mann loben - gelehrter Bummler allerersten Ranges 
dazumal losgelassen hat. Ich glaube ihn nicht besser loben zu konnen, 
als indem ich ihn einen gelehrten Bummler allerersten Ranges nenne. 
Der Mann hatte namlich durch seinen Scharfsinn und durch seine 
eigenartigen Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten, durch ein 
groBes Wissen viel leisten konnen. Schon damals, als ich mit ihm ver- 
kehrte - das ist achtzehn, neunzehn Jahre her -, hatte er schon seit 
fiinfzehn Jahren, glaube ich, an einer Revision der Logik geschrieben, 
und ich glaube, er muB auch seither noch daran schreiben, denn diese 
Revision der Logik ist mir mittlerweile nicht zu Gesicht gekommen. 
Er hat dazumal schon gesagt, was ganz richtig ist: die Menschen 
seien eigentlich ganz fiirchterlich in der Gegenwart, sie seien namlich 
dann ganz fiirchterlich, wenn sie zu denken anfangen, denn man 
brauche nur zwei, drei Satze, sei es in einem wissenschaftlichen 
oder in einem unwissenschaftlichen Gesprach heute zu horen, um zu 
beobachten, wie gleich die furchtbarste Unlogik einsetzt. Das, meinte 
er, was die Menschen beobachten imiBten, damit sie nicht in die graus- 
lichsten Wahnvorstellungen kommen, die heute gang und gabe sind, 
das lieBe sich auf eine Quartseite aufschreiben, man brauche nur diese 
Quartseite wirklich zu berucksichtigen. Ich weiB ja nicht, ob er diese 
Quartseite als Revision der Logik zustande bringen will; wie gesagt, 
dazumal waren es schon fiinfzehn Jahre, seither sind noch achtzehn, 
neunzehn Jahre verflossen, ich weiB nicht, wie weit er jetzt ist mit die- 
ser Revision der Logik. Aber ich will ihn also loben, indem ich ihn 
einen geistreichen, geistvollen Bummelanten nenne, weil ich damit 



andeuten will, daB er, wenn er nicht ein geistreicher Bummelant ware, 
furchtbar viel leisten konnte. Der hat dazumal etwas sehr Schemes 
gesagt, er hat namlich gesagt: ja, die katholische Kirche muBte eines 
Tages horen, daB die Kometen, die ja aus Kern und Schwanz beste- 
hen, Himmelskorper wie die andern sind und nach Gesetzen sich be- 
wegen, wie die andern Himmelskorper auch. Als nun gar nicht mehr 
geleugnet werden konnte, nach den Dingen, die da einmal vorlagen, 
daB die Kometen auch solche Himmelskorper seien wie die andern, 
da entschloB sich die katholische Kirche zuzugeben, daB man auf die 
Kometen auch die ubrigen Himmelsbahngesetze anwende; aber sie 
gab es zunachst nur mit Bezug auf den Kern, noch nicht mit Bezug 
auf den Schwanz zu. - Nun, er wollte damit symbolisch nur ausdriik- 
ken, daB die katholische Kirche in der Regel nur geneigt ist, das Not- 
wendigste zuzugeben, wie sie ja 1827 erst die kopernikanische Welt- 
anschauung fur ihre Bekenner erlaubt hat; daB sie aber selbst dann, 
wenn sie das Notwendigste zugeben muB, wenigstens noch den 
Schwanz von der Sache zuriickbehalt! Das ist eine Bemerkung, von 
der ich fand, daB sie eigentlich ganz gut die Situation charakterisierte. 

Die andere Bemerkung aber, die war getan eben gerade von dem 
katholischen Ameisenforscher Wasmann - er ist ein ausgezeichneter 
Ameisenforscher, aber er ist auch ein gut geschulter Philosoph -, der da 
sagte : Eigentlich, meine Herren, konnen Sie mich ja gar nicht verstehen, 
denn in Wirklichkeit wissen Sie alle nicht, wie man philosophisch 
denkt; derjenige, der philosophisch denkt, der redet eben nicht so 
wie Sie! - Und in der Tat, er hatte damit recht, es ist ganz zweifellos, 
daB er damit den Nagel auf den Kopf traf. Nun gibt es gerade eine 
kleine, nette Schrift von Wasmann iiber den Unterschied zwischen 
Mensch und Tier, welche scharf hervorhebt, was ich jetzt eben an- 
gedeutet habe: diese Fahigkeit der Menschen, wirklich in abstrakten 
BegrifFen zu denken, die das Tier eben nicht haben soil. Das ist etwas, 
was auBerordentlich blendend ist, weil es ja nach einer gewissen Rich- 
tung hin iiberzeugend ist fur den, der sich nur in seinem Denken so 
weit geschult hat, daB er die ganzeTragkraft einer solchenBehauptung 
ins Auge fassen kann. 

Aber nun sehen wir die Sache einmal geisteswissenschaftlich an, da 



wird Ihnen erst die ganze Geschichte in ihrer Bedeutung vor Augen 
treten. Wenn wir geisteswissenschaftlich ausgehen von den Anschau- 
ungen, von den Erfahrungen, die man dariiber gewinnen kann in der 
spirituellen Welt, dann begreift man auf der einen Seite, daB ohne die 
geisteswissenschaftlichen Betrachtungen diese blendende Behauptung 
zustande kommen kann, von der ich eben gesprochen habe, daB sie 
auch eigentlich fur jeden, der nicht Geisteswissenschafter werden will, 
gelten muB, gerade wenn er gut philosophisch geschult ist; das sieht 
man auf der einen Seite ein. Auf der andern Seite sieht man aber fol- 
gendes, man sieht es einfach, indem man die Dinge in der Welt be- 
trachtet: Wenn man mit geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen 
den Menschen mit dem Tiere vergleicht, dann zeigt sich, daB der 
Mensch zwar den Dingen der Welt gegeniibertritt in einzelnen Be- 
obachtungen und sich dann abstrakte Begriffe bildet durch allerlei 
Denkoperationen, in denen er zusammenfaBt, was er vereinzelt sieht. 
Man kann auch zugeben, daB das Tier diese Abstraktion nicht hat, 
daB das Tier diese Tatigkeit der Abstraktion nicht ausiibt. Aber das 
Kuriose ist, daB die abstrakten Begriffe dem Tiere nicht fehlen, daB 
das Tier mit seiner Seele gerade in den allerabstraktesten Begriffen 
lebt, die wir Menschen uns muhevoll bilden, und daB das Tier die 
einzelne Anschauung nicht so hat wie wir. Was wir voraushaben, ist 
gerade, daB wir einen viel freieren Gebrauch der Sinne, eine ganz 
bestimmte Art von Zusammenwirken von Sinnen und inneren Emo- 
tionen und Willensimpulsen haben. Das haben wir vor dem Tier vor- 
aus. Aber die Sicherheit des Instinktes, welche die Tiere haben, die 
beruht gerade darauf, daB das Tier von vornherein mit solchen ab- 
strakten Begriffen lebt, die wir uns erst bilden mussen. Worin wir uns 
von dem Tier unterscheiden, das ist, daB sich unsere Sinne emanzipie- 
ren und freier werden im Gebrauch nach der AuBenwelt zu, und daB 
wir auch in unsere Sinne den Willen hineingieBen konnen, den das 
Tier nicht hineingieBen kann. Aber das, was wir Menschen nicht 
haben, sondern uns erst erwerben mussen, die abstrakten Begriffe, die 
hat gerade das Tier, so sonderbar es einem erscheinen mag. GewiB, 
es hat jedes Tier nur ein bestimmtes Gebiet, aber auf diesem Gebiete 
hat das Tier solche abstrakten Begriffe, so sonderbar es einem er- 



scheinen mag. Der Mensch ist darauf angewiesen, einen, zwei, drei 
Hunde zu sehen; er bildet sich daraus den abstrakten Begriff «Hund». 
Das Tier hat auf diesem Gebiete, und zwar gan2 genau, denselben 
abstrakten Begriff «Hund», den wir haben, es braucht sich ihn nicht 
zu bilden. Wir miissen uns ihn erst bilden, das Tier braucht das nicht. 
Aber das Tier hat nicht die Fahigkeit, den einen Hund von dem 
andem genau zu unterscheiden, genau zu individualisieren durch die 
Sinneswahrnehmungen. 

Wenn wir uns nicht die Fahigkeit erwerben, durch Geisteswissen- 
schaft auf den wahren Tatbestand der Wirklichkeit einzugehen, so 
tauschen wir uns in einer gewissen Beziehung iiber das AUerwesent- 
lichste. Wir glauben, weil wir Menschen die Fahigkeit entwickeln 
miissen, abstrakte Begriffe zu bilden, so unterscheiden wir uns durch 
die abstrakten Begriffe vom Tiere, das diese Fahigkeit nicht besitzt. 
Aber das Tier braucht diese Fahigkeit gar nicht, weil es die abstrakten 
Begriffe von vornherein hat. Das Tier hat eine ganz andere Art von 
Sinnesanschauung als wir Menschen. Gerade die auBere Sinries- 
anschauung ist ganz verschieden. 

In dieser Beziehung ist sogar eine sehr tief eingreifende Umwand- 
lung in den menschlichen Vorstellungen notwendig. Denn iiber aller- 
lei naturwissenschaftliche Begriffe, die heute schon popular geworden 
sind, haben sich ja die Menschen unterrichtet. Entweder haben sie sie 
in einer gewissen Schule, durch direkten Unterricht lernen konnen, 
oder sie haben sich unterrichtet durch jenes Abwaschwasser - ich 
wollte sagen durch jene Zeitungslektiire -, womit heute die natur- 
wissenschaftlichen Vorstellungen in alle Welt hinausstromen. Aber 
die Menschen sind beherrscht von diesen naturwissenschaftlichen 
Vorstellungen. Mit Bezug auf das, was ich Ihnen eben angedeutet 
habe, da sind die Menschen ganz tief beherrscht von einem, fast 
konnte man sagen, instinktiven Hang zu glauben, daB das Tier wirk- 
lich in der Umgebung dasselbe sieht wie der Mensch. Wenn er mit 
seinem Hunde spazieren geht, so hat er den instinktiven Glauben, daB 
der Hund die Welt so sieht, wie er sie sieht, daB er ebenso das Gras 
farbig, den Weizen gefarbt, die Steine gefarbt sieht, wie er selber. Und 
dann hat er, wenn er einigermaBen denken kann, auch noch den 



Glauben : er selber kann abstrahieren und hat daher abstrakte Begriffe, 
sein Hund aber abstrahiert nicht und so weiter. Und dennoch ist es 
nicht so. Dieser Hund, der neben uns geht, lebt geradeso in den ab- 
strakten BegrifTen wie wir. Ja, er lebt sogar intensiver darinnen als 
wir. Er braucht sie auch gar nicht zu erwerben, sondern er lebt vom 
Anfange an intensiv darinnen. Aber die auBere Anschauung hat er 
nicht so, die gibt ihm ein ganz anderes Bild'. Sie brauchen nur auf- 
merksam zu sein auf gewisse Beobachtungen, die man im Leben 
machen kann. Allerdings, man nimmt die Dinge nicht immer ernst 
genug. Ich konnte Ihnen eine ganze Anzahl von Beispielen anfuhren, 
aus denen Ihnen hervorgehen wiirde, wie der Mensch rein instinktiv 
in dieser Richtung verkehrt denkt. Zum Beispiel ging ich einmal, es 
war in Zurich, glaube ich, von einem Vortrag, der an einem Zweig- 
abend gehalten worden war, auf die StraBe. Da wartete ein Kutscher, 
und das Pferd wollte nicht recht gehen, machte Miene, ein biBchen 
zu scheuen. Da sagte der Kutscher: Das furchtet sich vor seinem 
Schatten. - Er sah natiirlich den Schatten des Pferdes, den die Laterne 
auf die Wand warf, und deshalb setzte er voraus, daB das Pferd ganz 
genau ebenso diesen Schatten sehe wie er. Er hatte natiirlich keine 
Ahnung davonj was, wenn ich sagen darf, in der Seele des Pferdes und 
was in seiner Seele vorgeht. Er sieht den Schatten des Pferdes, aber 
das Pferd hat ein lebendiges Gefiihl vom Sein in jenem Raumteil des 
Atherleibes, wo sich der Schatten bildet. Das ist ein ganz anderer 
Vorgang, in bezug auf die innere Anschauung ein ganz anderer Vor- 
gang. 

Da haben Sie das Aufeinanderprallen der bisherigen Denkweise bis 
in die elementarsten, instinktivsten Anschauungen naiver Menschen 
hinein mit dem, was geisteswissenschaftlich neu in die Menschen hin- 
einkommen muB. Sie werden allerdings erst mit allem Ernste wiirdi- 
gen miissen, was hier eigentlich zugrunde liegt. Denn mit Bezug auf 
solche Dinge unterscheidet sich der argste Materialismus eines Vogt 
oder Molescbott oder Clifford oder Spencer und so weiter viel weniger 
von dem hergebrachten Bekenntnisbegriffe der einzelnen Konfessio- 
nen, als sich dasjenige unterscheidet, was als eine neue Denkweise 
der Geisteswissenschaft zugrunde liegend von diesen Bekenntnissen 



sich unterscheiden muB. Denn eigentlich denken gewisse Materiali- 
sten doch heute : Der Mensch unterscheidet sich nicht sehr vom Tiere. - 
Sie haben auch einmal etwas davon lauten gehort, wenn auch nicht 
die Glocken zusammenschlagen vernommen, daB der Mensch sich 
abstrakte Begriffe machen kann, die doch etwas andefes sind als die 
gewohnlichen bloB sinnlichen Vorstellungen; aber sie sagen sich: 
Abstrakte Begriffe, das ist vielleicht doch nicht so etwas Wichtiges, 
so etwas Wesentliches, also im Grunde genommen unterscheidet sich 
der Mensch nicht von dem Tiere. - Der gesamte Materialismus der 
Gegenwart ist eigentlich eine Schopfung der Kirchenbekenntnisse. 
Das muB man nur wirklich ganz ernsthaftig ins Auge fassen, dann 
wird man sehen, daB eine Erneuerung der Vorstellungsart der Men- 
sehenseelen hier in Betracht kommt, wenn man nicht dabei stehen- 
bleiben will: Nun wiederum zuriick zu den alten Vorstellungen, dann 
wird es schon gut gehen! 

Man kann aber nicht etwa sagen, daB die Menschen es einfach 
unterlassen konnten, sich nun zu wirklichem Geistesleben hinzuwen- 
den, und es auch so weitergehen konnte! Nein, diejenigen haben 
schon recht, die da sagen, «... daB ein furchtbares Schicksal der wei- 
Ben Menschheit winkt, scheint mir unter alien Umstanden gewiB, es 
sei denn, daB eine Periode supremer Weisheitsherrschaft sehr bald die 
der Leidenschaft und Wahnvorstellungen ablost». Nur sollten solche 
Leute auch einsehen, daB zu den Wahnvorstellungen der groBte Teil 
der wissenschaftlichen Vorstellungen iiber die Welt heute gehort. Das 
sollte eben durchaus eingesehen werden. Die Menschheit ist in ihrer 
Entwickelungsstromung an dem Punkt angekommen, den wir oft- 
mals dadurch charakterisieren, daB wir sagen: Seit dem 15. Jahrhun- 
dert ist die Menschheit im Zeitalter der BewuBtseinsseele. Und diese 
Entwickelung der BewuBtseinsseele findet so statt, wie ich es eben 
ofter charakterisiert habe. Sehen wir einmal auf ein sehr wichtiges 
Charakteristikon mit Bezug auf die Entwickelung der BewuBtseins- 
seele hin. 

Ich habe Ihnen schon das letzte Mai angedeutet: Alles was der 
Geistesforscher erkennt, das heiBt ins BewuBtsein herauf hebt gerade 
von solchen Dingen, die in der Entwickelung der Menschheit liegen, 



das geht, auch wenn es nicht erkannt wird, bei den Menschen im 
UnterbewuBtsein vor sich. Die Menschheit geht einmal, indem sie 
nach der Zukunft hin sich entwickelt, durch gewisse Erfahrungen 
hindurch. Sie geht unbewuBt durch diese Erfahrungen hindurch, 
wenn sie es nicht vorzieht, sie ins BewuBtsein heraufzubringen, was 
eben im Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwickelung geschehen 
sollte. Aber gerade in diesem Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwik- 
kelung wird heute noch manches, was an den Menschen im Unter- 
bewuBtsein herantritt, zuriickgestoBen. 

Unter ahderem tritt mehr und mehr ein gewisser Teil desjenigen 
Erlebnisses an den Menschen heran, das man nennen kann die Be- 
gegnung mit dem « Hiiter der Schwelle ». GewiB, will man wirklich in 
die geistige Welt vollbewuBt eintreten, Imaginationen, Inspirationen, 
Intuitionen entwickeln, so muB man in viel hoherem MaBe mit reich- 
licheren Erfahrungen, mit ganz andern Erfahrungen noch eintreten in 
das Gebiet der iibersinnlichen Welt. Man muB griindlicher - wenn ich 
mich des Ausdrucks bedienen darf - beim Hiiter der Schwelle vorbei- 
schreiten, als die ganze Menschheit im Laufe des Zeitalters der Be- 
wuBtseinsseele dies tun muB. Aber in einem gewissen Grade muB der 
Mensch einfach bis zum Ende der BewuBtseinsseelenentwickelung an 
dem Hiiter der Schwelle vorbeigeschritten sein. Er kann nun die Be- 
quemlichkeit haben, dieses Vorbeischreiten ganz im UnterbewuBtsein 
zu lassen. DaB dies aber nicht geschehe, dazu ist gerade Geisteswis- 
senschaft da. Sie soil darauf aufmerksam machen, daB das eben jetzt 
zu den Geschehnissen gehort, die sich in der Menschheitsentwicke- 
lung vollziehen. Und derjenige, der heute die Leute abhalt von Gei- 
steswissenschaft, will eigentlich nichts Geringeres, als die Menschen 
zwingen, nicht bewuBt, sondern unbewuBt am Hiiter der Schwelle 
vorbeizukommen, der eben einfach in diesem Zeitalter in den Hori- 
zont der Menschen hereintritt. 

Mit andern Worten : die Menschheit muB in den 2160 Jahren, welche 
das Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwickelung dauert, von 1413 an 
ungefahr, in irgendeiner Inkarnation an dem Hiiter der Schwelle vor- 
beikommen und teilweise die Erlebnisse, die man bei dem Hiiter der 
Schwelle haben kann, erleben. Der Mensch kann sich von materiali- 



stisch gesinnten Menschen zwingen lassen, unbewuBt vorbeizugehen; 
oder er kann in Freiheit ergreifen den EntschluB, auf Geisteswissen- 
schaft aufmerksam zu sein und, sei es durch Selbstschau, sei es durch 
den gesunden Menschenverstand, etwas iiber dieses Vorbeigehen an 
dem Hiiter der Schwelle zu vernehmen. Und bei diesem Vorbeigehen 
an dem Hiiter der Schwelle wird eben das vernommen, was den Men- 
schen befahigt, sich richtige, zutrefFende Vorstellungen zu bilden \iber 
die konkrete ubersinnliche Welt, Vorstellungen zunachst, welche in 
der Lage sind, vor alien Dingen das Vorstellen selbst, das Denken, in 
eine gewisse freie, unbefangene, wirklichkeitsfreundliche Richtung zu 
bringen. 

Das habe ich ja oftmals als die groBte Errungenschaft der Geistes- 
wissenschaft bezeichnet, daB das Denken wirklichkeitsfreundlicher 
wird, daB es wirklich eingehen kann auf die Impulse, die in dem Ge- 
schehen liegen, und nicht bloB in abstrahierter Weise wie die Natur- 
wissenschaft auBerlich etwas iiber die Vorgange weiB. Gewisse Dinge 
der geistigen Welt zu wissen, das ist es, was den Menschen notwendig 
wird. Dadurch muB der Mensch in die Lage versetzt werden, seine 
Stellung in der Welt vom Gesichtspunkte eines geistigen Horizontes 
aus beurteilen zu lernen, wahrend er heute seine Stellung in der Welt 
nur vom Standpunkte des sinnlichen Horizontes aus zu beurteilen ver- 
mag. Sie beurteilen schon etwas neu und richtig, wenn Sie zum Bei- 
spiel einen solchen Gedanken fruchtbar in sich machen, daB die Tiere 
nicht etwa keine abstrakten Vorstellungen haben, sondern daB sie 
gerade in den abstraktesten Vorstellungen leben, und daB der Mensch 
sich vom Tier unterscheidet durch eine gewisse Ausbildung seiner 
Sinne, die sich emanzipieren von dem engen Zusammenhang mit dem 
Korperleben. Dadurch kommen Sie eigentlich erst zu zutrefifenden 
Vorstellungen iiber den Unterschied des Menschen von dem Tier. 
AuBerlich driickt sich das so aus, daB die Organisation der Sinne bei 
den Tieren in einem sehr ausgesprochenen Lebenszusammenhang 
steht mit der gesamten Organisation des Leibes. Die Organisation des 
Leibes erstreckt sich beim Tier sehr bedeutsam noch in den Sinn hin- 
ein. 

Nehmen Sie das Auge. Es ist den Naturwissenschaftern durchaus 



bekannt, daB Augen niederer Tiere Organe in sich haben, zum Bei- 
spiel den Facher oder den Schwertfortsatz, welche bluterfiillt sind, 
welche lebendig einen Zusammenhang zwischen dem Augeninneren 
und der ganzen Organisation herstellen, wahrend das menschliche 
Auge diese Organisation nicht hat, sondern viel selbstandiger ist. Die- 
ses Selbstandigerwerden der Sinne, dieses Emanzipieren der Sinne 
von der Gesamtorgarrisation, das ist etwas, was erst beim Menschen 
eintritt. Dadurch aber ist beim Menschen die ganze Welt der Sinne 
viel mehr im Zusammenhang mit dem Willen als beim Tier. Ich habe 
das einmal morphologisch anders ausgedriickt. Ich habe Sie von einem 
andern Gesichtspunkte aus auf dieselbe Sache aufmerksam gemacht, 
indem ich sagte: Wenn Sie den dreigliedrigen Organismus nehmen, 
Extremitatenorgane, Brust, Kopf, so ist das, wenn ich schematisch 
zeichne, beim Tier so : dies der Kopforganismus (Zeichnung links, S . 3 2), 
dies der Brustorganismus, dies der Extremitatenorganismus. Der 
Kopf steht unmittelbar iiber der Erde. Die Erde ist unter dem Kopf- 
organismus - natiirlich approximativ, aber dem Wesen nach - bei alien 
Tieren. Das Riickgrat steht senkrecht auf der Erdachse oder dem Erd- 
radius. Beim Menschen ist es so, daB sein Kopf auf seinem eigenen 
Brustorganismus und Extremitatenorganismus steht. Beim Menschen 
ist der Brustorganismus so unter dem Hauptesorganismus, wie beim 
Tier die Erde unter dem Hauptesorganismus ist. Der Mensch steht 
mit dem Kopf auf seiner eigenen Erde. Dadurch ist beim Tiere eine 
Auseinanderhaltung vorhanden zwischen dem Willensorganismus, 
namentlich dem Extremitatenorganismus, den riickwartigen Extremi- 
taten, und dem Haupte. Beim Menschen ist unmittelbar derWille, der 
Willensorganismus in den Kopforganismus eingeschaltet und das 
Ganze im Erdradius. Dadurch werden die Sinne gewissermaBen durch- 
flossen von dem Willen, und das ist das Charakteristische beim Men- 
schen. Dadurch unterscheidet er sich in Wirklichkeit von dem Tiere, 
daB die Sinne von dem Willen durchflossen werden. Beim Tiere wer- 
den die Sinne nicht vom Willen, sondern von einem tieferen Elemente 
durchflossen; daher auch der innigere Zusammenhang der Organisa- 
tion der Sinne mit dem Gesamtorganismus. Der Mensch lebt viel 
mehr in der AuBenwelt, das Tier lebt viel mehr in seiner eigenen inne- 



ren Welt. Indem der Mensch sich seiner sinnlichen Werkzeuge be- 
dient, lebt er viel mehr in der AuBenwelt. 

Nun bedenken Sie, jetzt leben wir im Zeitalter der BewuBtseins- 
seele. Was bedeutet das ? Das bedeutet, wie ich Ihnen jetzt einige Male 
ausgefuhrt habe, daB wir gerade vorriicken dazu, daB im BewuBtsein 
nur die Spiegelung, nur Spiegelbilder vorhanden sind, da das Zeit- 
alter der BewuBtseinsseele auch das Zeitalter des Intellektualismus ist. 
Das Abstraktionsvermogen so rein als eine Kunst auszubilden, das tut 
man eigentlich erst im Zeitalter des Intellektualismus. In diesem Zeit- 
alter des Intellektualismus und Materialismus, da bildete man die ab- 
straktesten Begriffe aus. 

Nun konnen wir uns zwei Leute denken; der eine ist ein gut ge- 
schulter Philosoph, so gut geschult, wie es katholische Theologen 
sind. Dieser eine miiBte eigentlich von seinem Gesichtspunkte aus 
etwas sagen, was er aber nicht sagen wird, weil er die Bescherung 
sieht, daB aus der jahrhundertealten Entwickelung des Christentums 
sich der Materialismus herausentwickelt hat, und das ist ihm unan- 
genehm; aber er miiBte eigentlich sagen: Dieser Mensch im Zeitalter 
der BewuBtseinsseele kann am besten abstrakte Begriffe bilden, er hat 
sich also am meisten iiber das Tier erhoben. 

Es kann aber auch der Geisteswissenschafter kommen und sagen: 
In diesem Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwickelung ist das Cha- 
rakteristische fur den Menschen gerade das, daB er die Fahigkeit, ab- 
strakte Begriffe auszubilden, ganz besonders stark entwickeln kann. - 
Wohin kommt er dadurch ? Er kommt gerade dadurch in die Tierheit 
zuriick ! Und das erklart ungeheuer vieles. Das erklart Ihnen, warum 
auch der Hang des Menschen, sich moglichst dem Tiere zu nahern, 
gerade dadurch entsteht, daB man in die Abstraktionen der Begriffe 
hineinkommt. Das erklart Ihnen aber auch etwas, was vielfach in der 
Lebenspraxis und Lebensfuhrung heute auftritt. Die Wissenschaften 
werden immer abstrakter und abstrakter, und im sozialen Leben 
kommt der Mensch immer mehr dazu, so leben zu wollen, wie eigent- 
lich das Hebe Vieh lebt, namlich nur fur die alleralltaglichsten Hunger- 
und sonstigen Bedurfnisse zu sorgen. Den inneren Zusammenhang 
zwischen Abstraktionsvermogen und Tierheit, den zeigt die Geistes- 



wissenschaft auf. Diesen inneren Zusammenhan$, den macht der 
Mensch unter alien Umstanden als Erlebnis im Zeitalter der BewuBt- 
seinsseelenentwickelung durch. Wird er gehindert in der vorher cha- 
rakterisierten Weise, so macht er ihn unbewuBt durch. Es machen 
zahlreiche Menschen das durch, was in den Tiefen ihrer Seelen ihnen 
sagt: Du wirst ja dem Tiere immer ahnlicher; gerade indem du vor- 
wartskommst, wirst du immer mehr dem Tiere ahnlich. - Das ist der 
Schreck, den die Menschen bekommen vor dem Vorschreiten auf der 
Bahn. Das ist es auch, was die Menschen veranlaBt, so gerne bei alten 
BegrifFen konservativ zu verweilen. 

Darf das sein? Darf dieses unbewuBte Sichtbarwerden der Tierheit 
am Hiiter der Schwelle die Menschen abhalten vom Vorwartsschrei- 
ten? Nein, das darf nicht geschehen; aber ein anderes muB eintreten. 
Indem man zuriickschreitet im scheinbaren Vorwartsschreiten, muB 
das Zuriickschreiten so geschehen, daB es nicht, wie es unbedingt 
sein wiirde, wenn man nur das Abstraktionsvermogen ausbilden 
wiirde, einfach stattfindet so hin und her : da wiirde man bei friiheren 
Stufen der Menschheitsentwickelung ankommen, ja, man kame iiber- 
haupt bei der Vertierung an. Nein, zuruckgeschritten muB werden, 
aber so, hin und her (Zeichnung rechts, S. 3 2), daB eine Erhohung statt- 
findet, und diese Erhohung muB in das Geistige hineinfuhren. 

Dasjenige, was wir verlieren, indem wir in die Abstraktion hinein- 
schreiten, das miissen wir dadurch paralysieren, daB wir unsere ab- 
strakten Spiegelbilder mit Geistigem ausfullen, daB wir das Geistige 
aufnehmen in die Abstraktion hinein. Dadurch kommen wir vor- 
warts. Der Mensch ist vor dem Hiiter der Schwelle, sei es bewuBt oder 
unbewuBt, vor die furchtbare Entscheidung gestellt : entweder durch 
die abstrakten Begriffe nur «tierischer als das Tier» zu werden und 
«in jeden Quark seine Nase zu begraben», um mit Goethes « Faust » 
zu sprechen, oder aber in dem Augenblicke, wo er in die Abstraktion 
eintritt, in diese abstrakten Begriffe dasjenige hineinzugieBen, was aus 
geistigen Welten herausstromt, so wie wir das in diesen Tagen cha- 
rakterisiert haben. Dann beginnt der Mensch seine Stelhmg innerhalb 
der Welt erst richtig zu wiirdigen, denn dann faBt er sich auf als in der 
Entwickelung begriffen, dann weiB er, warum ihm in einem bestimm- 



ten Punkte dieser Entwickelung die Gefahr droht, herunterzusinken 
in die Tierheit gerade durch die Abstraktionen. Als der Mensch auf 
der Tierstufe stand in primitiven Kulturperioden, da unterschied er 
sich durch seine Sinne von den Tieren, nicht durch seine abstrakten 
Begriffe. Die abstrakten Begriffe hatten die Tiere besser. Er kann diese 
abstrakten Begriffe erst heute zur Not entwickeln. Die Tiere haben sie 
viel besser. Ich habe es einmal ausgefuhrt durch ein anderes Beispiel, 
indem ich Ihnen sagte: Wie lang ist es denn her, daB in der geschicht- 
lichen Entwickelung der Mensch versucht hat, Papier zu machen? 
Die Wespe macht ihr Nest aus Papier, die kann es seit Jahrmillionen ! 
Und sehen Sie sich an, was aber in wirkendem, waltendem Verstand 
an Klugheit, an Intellektualitat, an Abstraktionsvermogen durch die 
Tiere zutage tritt, wenn auch durch die verschiedenen Tiere in ein- 
seitiger Weise. Man nennt es torichterweise Instinkt. Aber wenn man 
die Sache durchschaut, so weiB man : Die weitaus wenigsten Menschen 
sind heute mit dem, was sie an Abstraktionsvermogen haben, so weit, 
daB sie etwa iiber die Einseitigkeiten der heutigen Tierklassen mit 
dem, was sie aus ihrem Abstraktionsvermogen bereiten, hinaus waren. 

Vor diese wichtige Entscheidung also ist der Mensch gestellt: ent- 
weder zur Tierheit zuruckzukehren in sehr starkem MaBe, tierischer 
als jedes Tier zu sein, um den mephistophelischen Ausdruck im 
« Faust » zu gebrauchen - Ahriman-Mephistopheles mochte ja das im 
Menschen, mit dem Menschen erreichen -, oder aber das Spirituelle 
aufzunehmen. 

Es ist schon eine gewisse Intensitat des Vorstellens notwendig, 
wenn man heute wissen will, was eigentlich im Werdegang der Zeit, 
in den zeitlichen Notwendigkeiten den Menschen vorgezeichnet ist. 
Da muB man schon sehr, sehr tief hineinschiirfen in das Weltenwer- 
den, da muB man es auch nicht scheuen, sich durch geisteswissen- 
schaftliche Begriffe vorzubereiten fur die schwierigeren und die Wirk- 
lichkeit tragenden Begriffe. Denn naturlich, wenn einer so etwas, wie 
ich es heute gesagt habe, das erste Mai hort, wird er sagen : Das ist ja 
die reine Verriicktheit ! - Das ist begreiflich. Aber man konnte sich 
auch vorstellen, daB jemand sehr vieles von dem, was die «Geschei- 
ten» seit Jahren gemacht haben, als eine groBe Verriicktheit ansieht, 



und er konnte sehr groBe Mehrheiten fur verriickt halten; dann aber 
konnte er auch begreiflich finden, warum diese sehr groBen Mehr- 
heiten ihn, als einen Abweichenden, fur verriickt halten. Denn in 
einer Gesellschaft von Verruckten wird gewohnlich nicht der Ver- 
riickte, sondern der Gescheite fiir verriickt gehalten. 

Der Mensch lernt dadurch aber iiberhaupt befruchten sein ganzes 
Anschauen der Welt. Und er lernt gerade das befruchten, was ihn in 
Wirklichkeit vom Tiere schon immer unterschieden hat. Es ist ja der 
Mensch im Grunde genommen recht unaufmerksam auf seine eigenen 
Fahigkeiten, und er wird immer unaufmerksamer werden, wenn er 
im Zeitalter der BewuBtseinsseele nur die Intellektualitat ausbildet. 
Wenn man zuriickgeht in friihere Zeiten, findet man bei sinnreichen 
Menschen noch sehr haufig, daB sie auch einen gewissen Sinn hatten 
fur die Umgebung. Wenn man die Vorstellungen nimmt, die sich 
friihere Menschen iiber gewisse Tiere 2um Beispiel bildeten, so sind 
diese oft sinnreich. Die Vorstellungen der heutigen Zoologiebucher 
sind manchmal vom Standpunkte der Abstraktionsbildung aus ja ganz 
brav und recht anerkennenswert, aber sinnreich sind sie nicht. Vor 
alien Dingen mochte ich Sie einmal fragen, ob unter den Vorstellun- 
gen, die Sie heute in der Schule aufnehmen, wirklich solche sind, die 
Sie sinnvoll hereinfiihren konnen, sagen wir in das Leben der Tiere? 
Sehen denn heute die Menschen noch, hinschauend iiber eine groBe 
Anzahl von Tieren, den angstlichen Blick, mit dem ganze Scharen, 
ganze Gruppen von Tieren in die Welt schauen, den furchtsamen, 
angstlichen Blick? Oh, wir werden ihn wieder sehen lernen, wenn wir 
durch das Abstraktionsvermogen nur so weit gekommen sind, daB es 
uns zum Hiiter der Schwelle getrieben hat, daB wir wiederum Mit- 
gefiihl entwickeln konnen mit dem Tiere! Nicht jenes Mitgefiihl, das 
heute oftmals kiinstlich anerzogen wird, sondern das einem elemen- 
taren inneren Erleben entspricht. Man kann sagen: Uber die gesamten 
hoheren Tiere, die gesamten warmbliitigen Tiere, breitet sich aus ein 
eigentiimliches Angstlichsein, ein angstliches Hineinschauen in die 
Welt. Ich ging einmal mit einem Manne, der akademisch gebildet war, 
und wir sahen von einem gewissen Punkte des Weges aus Rehe, 
Hirsche, die vor allem moglichen davonliefen. Da sagte dieser Mann 



zu mir: Da muB doch dem irgendwie zugrunde liegen, daB in alten 
Zeiten die Menschen die Tiere gequa.lt haben, geschossen haben oder 
dergleichen, und dadurch haben sich die Tierseelen gewohnt, sich vor 
dem Menschen zu furchten. - Aber die Tiere furchten sich ja auch vor 
anderem, nicht blo6 vor dem Menschen. 

Also man versucht zu erforschen, warum sich gewisse Tiere furch- 
ten. Das braucht man nicht zu erforschen. Das Furchten ist namlich 
eine ganz generelle, allgemeine Eigenschaft der Tiere. Wenn sich 
manche Tiere nicht furchten, so beruht das gerade auf Abrichten und 
Gewohnen in irgendeiner Weise. Das Furchten ist dem Tiere ganz 
eigen aus dem Grunde, weil das Tier in hohem MaBe die Fahigkeit 
der Abstraktion hat, die abstrakten Begriffe. In denen lebt das Tier. 
Die Welt, die Sie sich erwerben, wenn Sie lange studieren, wenn Sie 
lange abstrahiert haben, das ist die Welt, in der das Tier lebt; und die 
Welt, in welcher der Mensch hier auf der Erde durch seine Sinne lebt, 
die ist dem Tier, trotzdem das Tier Sinne hat, viel unbekannter als 
dem Menschen, und vor dem Unbekannten fiirchtet man sich. Das ist 
durchaus einer tiefen Wahrheit entsprechend. Das Tier sieht angstlich 
in die Welt. Das hat eine gewisse Tragweite. Ich habe es neulich aus- 
gesprochen in einem Aufsatz, den ich iiber das Ahrimanische und 
Luziferische im Menschenleben im letzten Hefte der Zeitschrift «Das 
Reich » geschrieben habe: Die Menschen furchten sich vor dem geisti- 
gen Leben. - Wie kommt es denn, daB sie so in Furcht hineinkom- 
men? Es kommt davon her, daB sie jetzt an den Hiiter der Schwelle 
heran miissen im UnterbewuBtsein. Da stehen sie vor dieser Ent- 
scheidung, von der ich gesprochen habe. Da kommen sie dem Tiere 
naher. Das Tier hat Furcht. Durch die Furchtregion gehen die Tiere 
durch. So sind die Zusammenhange. Und der Furchtzustand wird 
immer groBer und groBer werden, wenn die Menschen sich nicht 
ernstlich bemiihen werden, diejenige Welt, die an sie herantreten muB, 
die spirituelle Welt, wirklich kennenzulernen, wirklich in sich aufzu- 
nehmen. 

Es gibt nur noch einige ganz wenige Menschen in der neueren Zeit, 
bei denen sich durch die allgemeinen Wahnvorstellungen etwas von 
friiheren, atavistischen Weltwirklichkeitsvorstellungen durchgestoBen 



hat. Wenn man das Tier im gan2en Zusammenhang mit der Natur- 
entwickelung betrachtet, wenn man sich seine Organisation dann an- 
sieht im ganzen Zusammenhang mit der Naturordnung, was ist denn 
eigentlich mit dem Tiere? Als die alte Mondenentwickelung vorhan- 
den war, da war in bezug auf die auBere Organisation noch keine 
DirTerenzierung eingetreten zwischen den hoheren Tieren und dem 
heutigen Menschen. Die ist erst ein Ergebnis der Erdenentwickelung. 
Der Mensch hat die normale Erdenentwickelung mitgemacht, das Tier 
nicht. Das Tier ist gleichsam in der Mondenentwickelung vertrocknet. 
Es stimmt nicht zusammen seine Organisation mit der Erdenentwicke- 
lung. Wer das durchschaut - es haben es in der neueren Zeit eben 
wenige instinktiv durchschaut, Hegel unter anderem -, der beantwor- 
tet sich die Frage: Was ist denn eigentlich das Tier in bezug auf seine 
Organisationsform? - damit, daB er sagt: Die Natur wird krank, und 
die Krankheit der Natur ist das Tier, namentlich das hohere Tier. - 
In der tierischen Organisation waltet die Krankheit der Natur, die 
Krankheit der ganzen Erde. Das Krankwerden der Erde, das kranke 
Zuriicksinken in die alte Mondenentwickelung ist die hohere Tier- 
heit; nicht so sehr die niederen Tiere, aber die hohere Tierheit. Das 
aber ist auch etwas, was dem Menschen in dem entscheidenden Augen- 
blicke unbewuBt entgegentritt, wenn er an dem Hiiter der Schwelle 
vorbeikommt, falls er es nicht bewuBt will. 

Und wenn Sie das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, zusammenhalten 
damit, wie ich Ihnen die Verteilung der Begegnungen mit dem Hiiter 
der Schwelle in ihrer Differenzierung iiber den amerikanischen Westen, 
uber die europaische Mitte, iiber den Osten vor einiger Zeit vor- 
getragen habe, wenn Sie das zusammenhalten, dann werden Sie sehen, 
wie man sich orientieren kann iiber das, was auf der Erde in der 
Menschheit geschieht, wenn man sich nur auf diese Dinge einlaBt. 
Und laBt man sich auf diese Dinge ein, dann begreift man, daB der 
Mensch wirklich dazu kommen wiirde, endlich einmal anders zu den- 
ken iiber sich und auch iiber das Verhaltnis zu seinen Mitmenschen. 
Die Frage sollten alle ernsteren Leute in der Gegenwart doch auf- 
werfen, die Frage, die sich an emen solchen Satz anschlieBen kann 
wie der erwahnte: «DaB ein furchtbares Schicksal der weiBen Mensch- 



heit winkt, dies scheint mir unter alien Umstanden gewiB, es sei denn, 
daB eine Periode supremer Weisheitsherrschaft sehr bald die der 
Leidenschaft und Wahnvorstellungen ablost.» Wo diese Weisheits- 
vorstellungen zu finden sind, wie sie zu bekommen sind, darauf 
mochte namlich die Geisteswissenschaft Antwort geben. Damit 
mochte sie aber auf die allerwichtigsten Fragen der Gegenwart Ant- 
wort geben. Und wenn jemand kommt, der so griindlich das, was der 
Gegenwart notwendig ist, empfindet, wie solch ein Mann, so kann 
man ihm sagen : Wenn du nicht weiter furchten willst, daB der weiBen 
Menschheit ein furchtbares Schicksal winkt, dann lasse dich ein auf 
eine geisteswissenschaftliche Betrachtung der Welt und ihrer Er- 
scheinungen! 
Davon wollen wir dann morgen weiter reden. 




ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 4. Januar 1919 



Es ist vielleicht bedeutungsvoll, gerade anlaBlich solcher Betrachtun- 
gen, wie wir sie nun pflegen, zuriickzuschauen auf manches, was in 
friiheren Zeiten mit dieser oder jener geistigen Stromung zusammen- 
hing. Denn Sie haben ja gesehen: es handelt sich darum, daB die gei- 
stigen Ereignisse, die der physischen Welt zugrunde liegen, in der 
Gegenwart es selbst notwendig machen, daB der Mensch gewisser- 
maBen zu einer Neueinstellung komme mit Bezug auf die ganze Auf- 
fassung seines Verhaltnisses zur Welt und zu der iibrigen Menschheit. 
Wir haben ja schon gestern in dieser Beziehung auf manches hinge- 
wiesen, haben darauf hingewiesen, wie manches neu verstanden wer- 
den muB, was, scheinbar gut begriindet, von da oder dort in das 
Geistesleben der Menschheit hereinleuchtet. Sie miissen sich ja klar 
dariiber sein, daB, wenn mit Impulsen, die in solcher Art begriindet 
sind, ernst gemacht wird, sich dann - so wie heute nun einmal der 
Verlauf des Lebens ist - gegen diesen Ernst und gegen diese Impulse 
iiberhaupt der Widerstand erhebt, der Widerstand des Hasses, der 
Widerstand des Neides, der Widerstand der Furcht, der aus der Klein- 
lichkeit der Menschen kommt, und so weiter. Nur das griindliche 
Verstandnis der Dinge kann iiber die vielen Hindernisse hinweg- 
helfen, denen der Bekenner eines solchen geistigen Umschwunges 
ausgesetzt ist. Denn dieses griindliche Verstandnis ist ja geeignet, 
der Seele auch Starke zu geben, so daB diese Seele manchem ge- 
wachsen ist, was gerade gegen die ernstesten Bestrebungen im 
Weltengetriebe immer sich geltend gemacht hat. Und so wollen 
wir denn heute das gestern Gesagte durch manches andere noch 
erganzen. 

Ich habe gestern darauf hingewiesen, wie man durchaus - gerade 
wenn man auf geisteswissenschaftlichem Boden steht - objektiv sein 
kann gegen alle andern Geistesstromungen, wie man durchaus andere 
Geistesstromungen nicht zu verkennen braucht. Von diesem Ge- 
sichtspunkte aus habe ich gesagt, daB mit Bezug auf gewisse Punkte 



die Vertreter des katholischen Klerus bei manchen gegenwartigen 
auBerkirchlichen philosophischen, theologischen Auseinandersetzun- 
gen durch ihre Schulung den Nichtkatholiken iiberlegen sind. Gerade 
jetzt leben wir in einer Zeit, in der jeder, der mit Weltanschauungs- 
fragen ernst machen will, sich mit solchen Dingen auseinandersetzen 
sollte. Sowohl die Weltanschauungsstromungen wie auch die sozialen 
Stromungen der Gegenwart fordern dieses. Die Versuchungen, die 
gerade von gut geschulter Seite ausgehen, konnten narnlich zuweilen 
groB werden, und es kdnnte das, was da vorgebracht wird, dann nicht 
durchschaut werden, nicht erkannt werden in seiner eigentlichen Be- 
deutungslosigkeit gegenuber den groBeren Forderungen der Gegen- 
wart, wenn man sich nicht auf eine ganz griindliche Betrachtung ein- 
laBt. Die Versuchungen, den Einwendungen gut geschulter Gegner 
geisteswissenschaftlicher Bestrebungen zu verfallen, sie sind in der 
Tat nicht gering in der Gegenwart. Allerdings, wenn die Menschen 
genugend Unterscheidungsvermogen hatten, wenn sie sich bestreben 
wiirden, einzugehen auf die Tatsache der Begriindetheit, der breiten 
Begriindetheit dieser Geisteswissenschaft, so wiirden sie solchen Ver- 
suchungen wenig ausgesetzt sein. Aber solches Unterscheidungsver- 
mogen ist ja nur selten. Was als Geisteswissenschaft sich in die Welten- 
stromung einfiigen will, so wie wir das auffassen, das erklart ja man- 
cherlei Angriffe, und erklart auch AngrifFe gerade von dem Gesichts- 
punkt des katholischen Bekenntnisses zum Beispiel. Aber notwendig 
ist es schon, sich mit solchen Dingen zu befassen aus dem Grunde, 
weil in dem Chaos, das hereinbrechen wird, und das leider die Men- 
schen viel zu wenig wiirdigen, viel zu wenig beachten, weil in diesem 
Chaos auch mancherlei, was von katholischen Bekenntnisinhalten aus- 
geht, verwirrend stehen wird. 

Nun mochte ich Sie heute bekanntmachen mit der Richtung des 
Urteiles, das so ein richtiger katholischer Bekenner gegen das eine 
oder andere in der Geisteswissenschaft schon vorbringen kann, wenn 
er voraussetzen kann, daB er unverstandige Leser oder Zuhorer findet. 
Einer der gebrauchlichsten Einwande gegen die hier gemeinte Geistes- 
wissenschaft ist ja der, daB sie Pantheismus sei. Einer der Hauptein- 
wande, die zum Beispiel gemacht wurden in den Aufsatzen des 



Jesuiten Zimmermann in den «Stimmen der Zeit», ist der, daB diese 
Geisteswissenschaft Pantheismus sei. 

Sie wissen, ich habe iiber diesen Punkt ofter gesprochen; Sie wis- 
sen, wie ich charakterisiert habe, daB gerade der banale Pantheismus, 
der so viele Kreise in der Gegenwart beherrscht, im Ernste nur iiber- 
wunden werden kann durch das Eintreten in die konkrete geistige 
Welt, von der die Geisteswissenschaft spricht. Natiirlich ist es auf sol- 
dier Seite, von der die genannten Einwande kommen, nicht beab- 
sichtigt, der wirklichen Wahrheit auf den Grund zu gehen, vielmehr 
ist es ihr Bestreben, mit Berechnung alles dessen, was als Vorurteile 
innerhalb einer gewissen Bekenntnisanhangerschaft lebt, solche Dinge 
vorzubringen, die eine gewisse Suggestions- und hypnotisierende 
Wirkung haben. Pantheismus ware ja die Anschauung, daB in alledem, 
was sich als Natur ausbreitet, was sich iiberhaupt als Erscheinungswelt 
ausbreitet, das Gottliche lebe, daB gewissermaBen die Natur selber als 
eine unmittelbare OfFenbarung des Gottlichen anzusehen sei. Gerade 
gegen diesen verwaschenen Pantheismus, der nur immer davon 
spricht, es breite sich die Erscheinungswelt aus und hinter ihr sei 
Geist, Geist, Geist, habe ich mich immer gewandt. Ich habe immer 
darauf aufmerksam gemacht, wie dies das gleiche ist, wie wenn je- 
mand auf dem physischen Plan nicht eingehen wollte darauf, daB da 
Tulpen und Rosen und Lilien sind, sondern nur Pflanzen, Pflanzen, 
Pflanzen! - Geisteswissenschaft geht eben auf die einzeinen konkreten 
geistigen Wesenheiten ein, spricht nicht in pantheistischer Weise im 
allgemeinen vom Geiste. Ein anderes Charakteristikon des Pantheis- 
mus ist dieses, daB man sagt: Der Pantheismus will die auBere Natur- 
welt nicht trennen von dem Gottlich-Geistigen, er will beide mitein- 
ander vermischen. - Nun, man muB schon Jesuit sein, um sich den An- 
schein zu geben, daB man den Glauben hat, da, wo so gesprochen 
wird von der konkreten Stellung der in sich selber individualisierten, 
in sich selber personlich und iiberpersonlich bestehenden Wesenheiten 
der hoheren Hierarchien, konne von einer Vermischung dieser gan- 
zen Welt der Hierarchien mit der auBeren Natur die Rede sein. Wer 
wirklich denken kann, wird mit dem Vorwurf des Pantheismus gegen- 
uber einer solchen Charakteristik der Hierarchienwelt und ihrer ein- 



zelnen Wesenheiten gegenuber der Natur iiberhaupt nichts anfangen 
konnen. 

Bleibt noch das einzige, was nun in jenen Aufsatzen in den «Stim- 
men der Zeit» besonders hervorgehoben wird, daB davon gesprochen 
wird - was in der katholischen Kirche als haretisch gelten soli - inner- 
halb meiner Geisteswissenschaft, daB in der Seele des Menschen das 
Gottliche lebt, daB die Seele des Menschen selber ein Tropfen in dem 
Meere des Gottlichen ist. Solche und ahnliche Ausspruche werden da 
zusammengestellt, und die werden hingestellt als Ketzereien inner- 
halb des katholischen Bekenntnisses. 

Also es wird darauf hingewiesen, wie die Lehre, daB in der Seele 
unmittelbar ein Gottliches leben soli, ketzerisch und zu verdammen 
sei. Ein vernunftiger Mensch konnte gewiB sagen: Es ist nicht not- 
wendig, daB du mich erst aufmerksam machst auf solche Torheiten. - 
Aber darauf kommt es nicht an; darum handelt es sich nicht. Sondern 
es muB sich darum handeln, daB diese Dinge eine reale Rolle spielen 
in der Welt, daB diese Dinge da, wo man tauschen will, eine ganz gewal- 
tige Rolle spielen werden, und daB man schon aufmerksam sein muB auf 
diese Dinge. Sie hangen aber mit noch anderem zusammen. Und nun 
wollen wir einmal absehen von dem oder jenem wirklich gemachten 
Angriffe und uns einmal jemanden vor die Seele fiihren, der entweder 
im Jesuitismus lebend, stumpf gemacht ist in bezug auf das eigene 
Nachdenken, oder der bewuBt darinnen lebt, das heiBt, der also 
weiB, daB er fur sich selber ja iiber die Dinge nicht nachzudenken 
braucht, sondern daB er nur im Sinne des offiziell anerkannten 
Bekenntnisses die Glaubigen zu beurteilen hat, sei es so oder so; 
und fiihren wir uns einmal vor Augen, wie die Auseinandersetzun- 
gen eines solchen Menschen gegenuber dem geisteswissenschaft- 
lichen Wege selbst beschaffen sein konnen. Ich sage Ihnen da also 
nichts anderes als - die Durchschnittsmeinung mochte ich nicht 
sagen, weil Meinung da nicht richtig am Platze ist - die Durchschnitts- 
aussage eines offiziellen Vertreters der romisch-katholischen Kirche 
gegenuber dem Wege der Geisteswissenschaft, wie er von einem Be- 
kenner von heute gegangen wird. 

Der wiirde etwa sagen : Ja, auf solchem Wege, wie er von der Gei- 



steswissenschaft zur Erringung der iibersinnlichen Einsichten an- 
empfohlen wird, auf solchem Wege darf der katholische Christ nicht 
gehen. Denn alle Kirchenvater und Kirchenlehrer - so wird der jetzige 
Kleriker etwa sagen - verdammen einen solchen Weg. Ein solcher 
Weg fiihrt ja dazu, daB der Mensch in sich besondere Fahigkeiten 
hervorrufen soli, um in die iibersinnliche Welt hinaufzukommen. Das 
aber ist ketzerisch, das darf iiberhaupt nicht angestrebt werden. Alles, 
was angestrebt werden darf von einem rechtglaubigen Katholiken, ist 
das, was die Kirchenlehrer als die «rechtmafiige Beschauung» gelten 
lassen. Diese rechtmaBige Beschauung, die laBt ja der gegenwartige 
romisch abgestempelte Kleriker gelten. Was versteht er darunter? 

Sie werden sich einen Begriff machen konnen von dem, was er dar- 
unter versteht, wenn Sie unterscheiden zwischen zweierlei Gaben, die 
im Sinne der rechtglaubigen katholischen Kirche der Mensch, der 
glaubige Katholik haben kann. Die eine von den Gaben sind die so- 
genannten Gratiae gratis datae, die ubernaturlichen Gnadengaben, 
konnte man sagen, die Charismen. Die andern Gaben sind diejenigen, 
welche man nennen kann die allgemein-menschlichen Gaben. Die 
auBerordentlichen Gaben, die Charismen, sind als eine besondere 
Gnadengabe auBerordentlichen Menschen verliehen, durfen aber auch 
nicht angestrebt werden, so befiehlt die Kirche. Als Beispiel wiirde 
etwa angefuhrt werden die Jungfrau von Orleans. Dagegen darf an- 
gestrebt werden eine gewisse Erhohung des allgemeinen Seelen- 
lebens, die aber den Menschen nicht zu auBerordentlichen Fahigkei- 
ten bringt, sondern nuv. zu einer Steigerung der allgemeinen mensch- 
lichen Fahigkeiten. Eine solche Steigerung der allgemeinen mensch- 
lichen Fahigkeiten bewirkt jedoch, daB jeder Mensch - so sagt die 
heutige romisch-katholische Kirche - in die Lage kommen kann, von 
dem Heiligen Geiste durchdrungen zu werden. 

Also sagen wir so: Der gewohnliche Sterbliche denkt etwas, oder 
fuhlt etwas, oder tut etwas. Er ist nach dem Gebote der Kirche, nach 
dem Gebote des Staates verpflichtet, diese Dinge so und so zu tun; 
er kann sich bemiihen, mit seinem gewohnlichen sterblichen Nach- 
denken seine Handlung kirchengemaB, staatsgemaB - das heiBt ja 
dann im Sinne der Kirche gottesgemaB - auszuuben. Aber er kann 



auch bemerken, wenn er sonst ordentlich ist als katholischer Christ, 
daB der Heilige Geist ofter eingreift in sein Handeln, Denken, Fiihlen, 
und daB er dann gewisse Tugenden, die ihm sonst Schwierigkeiten 
machen, leichter ausfuhrt, weil der Heilige Geist in ihm wirkt. Das 
darf aber nicht etwa so angestrebt werden, als wollte der Mensch uber 
den gewohnlichen Status des menschlichen Strebens hinausgehen und 
besondere Fahigkeiten entwickeln, um in die ubersinnliche Welt ein- 
zudringen. Alles solches Streben ist verwerf lich. 

Nun, damit habe ich Ihnen charakterisiert, was ein richtig abge- 
stempelter romisch-katholischer Kleriker einwenden wiirde gegen das- 
jenige, was zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe- 
ren Welten?» steht. Er wiirde sagen: Da sind besondere Fahigkeiten 
angestrebt, die ihn in den Stand setzen sollen, sich mit der geistigen 
Welt in einer gewissen Weise zu vereinigen. Das darf er aber nicht. Er 
darf nur rein passiv sich verhalten, bis er bemerkt, daB in sein Gemiit 
herein die Impulse des Heiligen Geistes kommen und nicht eine qua- 
litative Anderung seines Verhaltens bewirken, sondern nur eine Stei- 
gerung, gewissermaBen eine Erleichterung im Tugendhaftsein, eine 
Erleichterung in den andern Fahigkeiten, die der Mensch auf dem 
aufieren physischen Plane ausiibt. 

Das konnen Sie heute nicht nur gegen unsere Geisteswissenschaft, 
sondern Sie konnen das lesen gegen alle Bestrebungen, die darauf hin- 
auslaufen, daB der Mensch anstreben will, aus sich heraus einen sol- 
chen Menschen zu erzeugen, der eine geistige Welt um sich herum 
ebenso erblickt, wie der physische Mensch mit seinen physischen Sin- 
nen eine physische Welt um sich herum erblickt. Das ist auch alien 
denjenigen gelaufig, die da glauben, auf dem ganz festen Boden des 
von Rom aus diktierten christlichen Glaubens zu stehen. Und im 
weitesten Umkreise wird derjenige heute als ein Ketzer angesehen, 
der anders iiber diese Dinge denkt, als ich es Ihnen eben charakteri- 
siert habe. Man muB sich, wenn man so etwas bespricht, immer klar- 
machen, daB diese Dinge eine reale Rolle spielen in der Welt, daB 
diese Dinge auf Millionen von Menschen heute noeh immet einen 
ungeheuren EinfluB haben. Man muB nicht so egoistisch sein, zu mei- 
nen, weil man selbst mit diesen Dingen glaubt fertig zu sein - aber 



auch nur glaubt fertig zu sein -, brauche man sich nicht darum zu 
kiimmern. Das gerade ist der groBe Schaden der Gegenwart, nament- 
lich auch mit Bezug auf die soziale Bewegung, daB die Menschen so 
egoistisch sind, daB sie nur immer auf die Bediirfnisse der eigenen 
Seele sehen und nicht hkiblicken wollen auf das, was Mensch mit 
Mensch verbindet, auf das, was durch Millionen und Millionen von 
Menschen als treibender Impuls geht, und was dann, wenn es zur 
rechten Zeit hervorbricht, dies oder jenes iiberfluten kann, was in 
dieser oder jener Form so auftritt, wie jetzt eben die Dinge auftreten 
in der Welt. Es ist heute notwendig, auch iiber die Quellen dieser 
Dinge und iiber die notwendige Stellung zu diesen Dingen sich auf- 
zuklaren. 

Nun berufen sich in der Regel die in Rom abgestempelten Kleriker 
auf die Kirchenlehrer. Sie gehen zuriick auf die Kirchenlehrer friihe- 
rer Jahrhunderte und leiten aus deren Aussagen das ab, wovon sie 
glauben, daB es ubereinstimme mit dem, was ich Ihnen eben charakte- 
risiert habe. Nun kann ich Ihnen ja natiirlich nicht stundenlange Vor- 
lesungen halten iiber die Lehre der Kirchenlehrer, aber ich mochte 
Sie doch auf einiges in dieser Richtung aufmerksam machen, nament- 
lich darauf, welche Stellung der Mensch des BewuBtseinszeitalters, 
das mit dem 15. Jahrhundert begonnen hat, zu diesen Dingen ein- 
nehmen kann. 

Erstens also miissen wir ins Auge fassen, daB der Weg in die gei- 
stige Welt, wie ihn die Geisteswissenschaft meint, fiir ketzerisch ge- 
halten wird. Das sagen die heute rechtmaBig romisch abgestempelten 
Kleriker. Zweitens miissen wir beachten, daB der Vorwurf erhoben 
wird, Geisteswissenschaft spreche davon, daB der Mensch des Gott- 
lichen teilhaftig werden konne in seiner eigenen Seele, und das sei 
ketzerisch, wie wiederum die in Rom abgestempelten Kleriker des 
Katholizismus heute sagen. 

Wollen wir einmal genauer ansehen, was ein auBerlich - aber nicht 
innerlich, wie wir gleich nachher sehen werden - sehr anerkannter 
Kirchenlehrer, auBerlich sehr auch von Rom anerkannter Kirchen- 
lehrer, iiber so etwas sagt, wie die Beschauung, von der ich Ihnen ja 
einiges Charakteristische vorhin angefiihrt habe. Johannes vom Kreu% 



spricht zum Beispiel iiber dasjenige, was Beschauung werden soli fur 
den rechtmaBigen, christfich-katholischen Glaubigen, der durch diese 
Beschauung iiber den bloBen, allgemeinen Kirchenglauben hinaus- 
kommen soil zu einer Art hoherer Anschauung von detn Gottlichen, 
das die Welt durchpulst. Das erlaubt auch heute die katholische Kir- 
che, daB durch Beschauung der Mensch hinausgelangt iiber das, was 
nur allgemeiner Glaube ist. Aber sie verbietet, daB der Mensch hin- 
ausgelange zu iibersinnlichen Fahigkeiten, Fahigkeiten, die in die 
iibersinnliche Welt so hineinfiihren, wie die auBeren Sinne in die Sin- 
nenwelt hineinfiihren. Nun sagt der heilige Johannes vom Kreuz : Die 
Zeit ist gekommen - er meint die Zeit der Beschauung -, wo das 
Nachdenken und die Betrachtung, welche die Seele vorher mit ihren 
eigenen Kraften vornahm, nachgerade auf horen und sich die Seele 
der vormaligen Geniisse und fiihlbaren Freuden beraubt sieht. 

Also diesen Zustand gibt der heilige Johannes vom Kreuz zu, daB 
man schweigen laBt das gewdhnliche Nachdenken, wodurch man sich 
auseinandersetzt mit den Dingen des physischen Planes, die man 
durch die Sinne wahrnimmt und durch den Verstand begreift; daB 
man sich enthalt also der gewohnlichen Betrachtung, welche die Seele 
mit ihren eigenen Kraften vornimmt, daB auch die Geniisse, welche 
die Seele in solchen Betrachtungen und in solchem Verhaltnis zur 
auBeren Natur hat, auf horen. Das gibt er zu. 

Zu einem Zustand der Diirre und Trockenheit verurteilt - sagt er 
dann weiter -, kann die Seele nicht mehr Erwagungen mit ihrem Ver- 
stande anstellen. - Also indem man die Sinne verschKeBt, indem man 
den Verstand stillstehen laBt - das fordert er als Herbeifiihrung zur 
Beschauung kommt man mit der Seele in eine Art Diirre und Trok- 
kenheit. Dadurch kommt man eben zu jener Teilhaftigkeit mit dem 
gottlichen Wesen, die der heilige Johannes vom Kreuz fur erlaubt 
halt. Also wenn die Seele nicht mehr Erwagungen mit ihrem Ver- 
stande anstellt, noch auch eine sinnliche Stiitze findet, da bereichern 
sich nicht mehr die Sinne; den Nutzen hat der Geist, ohne daB er 
etwas von den Sinnen empfangt. Daraus ergibt sich, daB in diesem 
Zustande Gott der Haupthandelnde ist. 

Also fassen Sie die Sache genau auf. Der heilige Johannes vom 



Kreuz sagt: Der Mensch kann das Nachdenken einstellen, die Auf- 
nahme von auBeren Wahrnehmungen durch die Sinne auch einstellen, 
die Seele kann passiv werden, die Seele tut von sich selbst aus nichts 
mehr. Dadurch wird Gott in der Seele der Haupthandelnde. Er selber 
unterweist die Seele und gibt ihr eine eingegossene Erkenntnis mit. 
Er schenkt ihr in der Beschauung ganz geistige Giiter, die Erkenntnis 
und Liebe Gottes zumal, ohne daB die Seele sich im Nachdenken iibt 
oder andere t)bungen vornimmt, die sie nicht mehr wie vordem ver- 
richten kann. 

Nehmen Sie diese Worte eines auch heute in Rom als rechtmaBig 
anerkannten Kirchenvaters, des sogar heilig gesprochenen Johannes 
vom Kreuz, nehmen Sie diese Worte und stellen Sie sie gegeniiber 
dem Vorwurf des Pantheismus, der gerade neulich gegen Geistes- 
wissenschaft erhoben worden ist, weil Geisteswissenschaft davon 
spreche, daB zum Beispiel das Seelenleben sich wie ein Tropfen ver- 
halte im Meere der Gottlichkeit, also selbst gottlichen Wesens sei, was 
nach den heute predigenden und glaubigen Klerikern ketzerisch ist. 
Aber der heilige Johannes vom Kreuz beschreibt die Moglichkeit, zu 
einem passiven Zustand der Seele zu kommen, wo das Nachdenken 
und das Sinnenwahrnehmen ausgeschlossen ist, und wo Gott in der 
Seele der Haupthandelnde ist, wo Gott, nach den Worten des Johan- 
nes vom Kreuz, der Seele in der Beschauung ganz geistige Giiter 
schenkt, wo er selber die Seele unterweist und ihr eine eingegossene 
Erkenntnis mitteilt. 

Nun frage ich Sie: Was sollen diese Worte fur einen Sinn haben, 
wenn man jetzt behauptet, daB die menschliche Seele niemals in einen 
realen Zusammenhang mit dem gottlichen Wesen gebracht werden 
soli? Was soli es fur einen Sinn haben, wenn Johannes vom Kreuz 
sagt: Gott ist in der Seele der Haupthandelnde - und es doch ketze- 
risch sein soli, davon zu sprechen, daB des Menschen Seele mit 
Gott in einen unmittelbaren wissentlichen Zusammenhang gebracht 
werden soli? - Wenn man sagt, die Seele verhalte sich zu dem Gesamt- 
Gottlich-Geistigen wie der Tropfen im Meere, der gleicher Wesenheit 
ist mit dem gesamten Meereswasser, eben ein Tropfen aus dem Meere 
ist - diirfte das als unerlaubter Pantheismus aufgefaBt werden, wenn 



Wahrheit waltete, wenn doch gleichzeitig anerkannt wird, daB ein 
rechtmaBiger Kirchenvater, der heilige Johannes vom Kreuz, die 
Moglichkeit zugibt, daB Gott der Haupthandelnde in der mensch- 
lichen Seele wird ! Dieses Faktum miissen Sie sich vor die Seele riik- 
ken, um zu erkennen, wie weit heute Wahrheit in den offlziellen Stro- 
mungen waltet: daB man sich gleichzeitig beruft auf solche Lehrer wie 
den heiligen Johannes vom Kreuz, der ja wahrhaftig mit noch viel 
deutlicheren Worten, namlich um popular zu den Menschen zu spre- 
chen, einen «Pantheismus» lehrt - wenn man das Pantheismus nen- 
nen will - als die Geisteswissenschaft. Aber diese halt man fiir ketze- 
risch, und was tut man? Man laBt den heiligen Johannes vom Kreuz 
als maBgebenden Kirchenvater gelten, und betnigt die Leute, indem 
man ihnen sagt : Der Pantheismus ist nicht erlaubt. - Das heiBt aber 
doch: Niemand darf behaupten, es sei ketzerisch, wenn man sagt, 
Gott sei in der Seele unmittelbar anwesend, so daB die menschliche 
Seele das wissen kann. 

Nein, heute sollen die Leute nicht gedankenlos sein; sie diirfen 
nicht gedankenlos sein, wenn nicht noch groBeres Ungluck iiber die 
Menschheit hereinbrechen soli. Heute sollen sich die Menschen bewuBt 
vorhalten konnen, daB eine solche Entstellung der Wahrheit offiziell 
durch die Welt geleitet werden kann. 

Und ein anderer Ausspruch des heiligen Johannes vom Kreuz ist: 
Die inneren Giiter, die diese schweigende Beschauung der Seele ein- 
driickt, ihr selbst unbewuBt, sind unschatzbar. Kurz, sie sind nichts 
anderes als die iiberaus geheimnisvollen und ungemein zarten Salbun- 
gen des Heiligen Geistes, der, da er Gott ist, als Gott handelt: Der 
Heilige Geist handelt als Gott in der Seele unmittelbar - sagt der 
heiUge Johannes vom Kreuz; das ist katholisch gewesen zur Zeit des 
Johannes vom Kreuz, das heiBt, vor dem Beginn des BewuBtseins- 
zeitalters - und wirkt und iiberflutet insgeheim die Seele mit Reich- 
tumern und Gaben und Gnaden in einem MaB, daB es nicht zu be- 
schreiben ist. - In der Beschauung - das ist ein anderer Ausspruch des 
heiligen Johannes vom Kreuz - ist man empfangend. - Und ein ande- 
rer Satz des heiligen Johannes ist der folgende : In der Beschauung ist 
es Gott, der da wirkt - in der Seele drinnen namlich. 



Und nun frage ich Sie: Was soli es nun heiBen, wenn irgerideiner 
von denjenigen, die heute uber die Ketzerei schreiben, sagt, es sei 
ketzerisch, zu behaupten, Gott sei wesenseins mit der menschlichen 
Seele ! 

So liegen eben die Dinge. Aber so schlafrig sind die Menschen, daB 
sie heute gar nicht darauf achten, wie gewirtschaftet wird mit der 
Wahrheit. DaB eine so furchtbare Katastrophe in die Welt herein- 
gekommen ist, beruht aber letzten Endes doch darauf, daB man sich 
so wenig um dasjenige kiimmert, was als Wahrheit durch die Welt ge- 
leitet wird. Darauf beruht es auch, daB die Wahrheit so gehaBt werden 
kann, wie sie heute noch immer von gewissen Leuten gehaBt wird. 

Insbesondere bemiiht sich heute der in Rom abgestempelte Kleriker 
immer wieder und wiederum zu betonen, daB kein Unterschied herr- 
schen sollte zwischen den gewohnlichen Fahigkeiten, wie sie der Glau- 
bige im Glauben entwickelt, und jener Steigerung des Glaubens, die 
in der Beschauung zum Ausdrucke kommt. Es soli kein Unterschied 
bestehen oder hochstens ein Gradunterschied, denn wenn ein wirk- 
licher Unterschied angestrebt werde, so sei das ketzerisch. Der heilige 
Johannes vom Kreuz sagt aber: Der Unterschied besteht darin, daB 
man beim Glauben nur dunkel sieht, in der seelischen Anschauung 
inn - er meint Gott - aber unverhiillt schaut. - Das war dazumal 
katholisch, als der heilige Johannes vom Kreuz vor der Entstehung 
des Zeitalters der BewuBtseinsseele die Dinge niedergeschrieben hat. 
Aber was heute von diesen Dingen als Katholizismus herrscht, das ist 
der Schatten von dem, das ist nicht mehr das Licht. Eigentlich sehr 
schon fur die damalige Zeit beschreibt Johannes vom Kreuz den 
mystischen Erkenntnisweg, den Weg ins Ubersinnliche hinein, indem 
er sagt: Die enge Pforte, das ist die Nacht der Sinne. Um durch sie 
hindurchzugehen, muB die Seele sich von sich selbst frei machen und 
losschalen. - Fur die damalige Zeit ist das so gesprochen, wie man 
heute nicht von Rom aus, aber in der Geisteswissenschaft spricht. Die 
Geisteswissenschaft ist die wirkliche Fortsetzung solcher edler Be- 
strebungen in die geistige Welt hinaus, wie sie bei Johannes vom 
Kreuz auftreten. Nur ist sie die Fortsetzung eben fur die heutige Zeit. 
Sie rechnet mit dem Fortschritt der Menschheit. 



Die enge Pforte ist die Nacht der Sinne. Um durch sie hindurch- 
zugehen, muB die Seele sich von sich selbst frei machen und los- 
schalen. Und indem sie alsdarm den Glauben, der mit den Sinnen 
nichts zu schaffen hat, sich zum Fiihrer nimmt, wandelt sie auf dem 
engen Weg der zweiten Nacht zu der Nacht der Geister. Und sehr 
schon beschreibt der heilige Johannes vom Kreuz diese Vereinigung 
mit dem Gottlich-Geistigen: Die Vereinigung vollzieht sich, wenn die 
zwei Willen, jener der Seele namlich und der gottliche Wille, gleich- 
formig werden. 

Man kann nicht deutlicher ausdriicken, daB ein gottlicher Wille da 
ist, der durch die Welt waltet, und ein Eigenwille der Seele, und beide 
ineinander aufgehen in der Beschauung. Das soli aber heute ketzerisch 
sein. Die Wahrheit wiirde man ehrlich vertreten, wenn man sagen 
wiirde: Der heilige Johannes vom Kreuz ist heute kein Heiliger mehr, 
sondern er ist ein Ketzer. - Das wiirde, wenn er seine Behauptungen 
aufrechterhalten wollte, der romische Kleriker verpflichtet sein zu 
sagen. 

Also der heilige Johannes vom Kreuz sagt: Die Vereinigung voll- 
zieht sich, wenn die zwei Willen, jener der Seele namlich und der gott- 
liche Wille, gleichformig werden -, das heiBt, wenn in dem einen 
nichts ist, was dem andern widerstrebt. Nun aber, auf dem Gebiete 
der rechtmaBigen romisch-katholischen Klerikerschaft ist man sehr 
darauf aus, den bloBen sogenannten Glaubigen und auch den niede- 
ren Klerikern den Weg zur eigenen Erkenntnis zu versperren. Daher 
weist man heute, obwohl man eigentlich solche Leute wie den Johan- 
nes vom Kreuz verleugnet, doch immer wieder und wiederum auf 
solche Menschen hin wie Johannes vom Kreuz. Man weist darauf 
bin, daB Johannes vom Kreuz ja nur dann erlaubt hatte, daB man sich 
der Beschauung zuwendet, wenn den Menschen drei Zeichen dazu 
auffordern. 

Das erste Zeichen, durch das die Seele sich aufgefordert fuhlen 
konnte, sich der Beschauung, also der mystischen Beschauung zuzu- 
wenden, das ware die Unfahigkeit, zu betrachten und sich der Ein- 
bildungskraft zu bedienen, der Widerwille gegen die auBere Betrach- 
tung. Also wenn die Seele Widerwillen empfindet gegen die Aufnahme 



der Sinneswahrnehmung und gegen das Nachdenken, so ist der Zeit- 
punkt gekommen, wo sie sich passiv hingeben darf dem Willen Gottes . 

Das zweite Zeichen ware die Wahrnehmung, daB man keine Lust 
mehr hat, die Einbildungskraft der Sinne mit besonderen auBeren 
und inneren Eindriicken zu beschaftigen. Also das erste, daB man 
miide geworden ist, das zweite, daB man keine Lust mehr hat. Das 
dritte innere Zeichen ware die Empfindung der innersten Freude, die 
die Seele hat mit dem Alleinsein - also nicht mit dem Sinneswahrneh- 
men und Nachdenken - und mit der bloBen Aufmerksamkeit auf das 
Gottliche. 

Nun, Sie werden nicht mit Verstandnis lesen konnen, was in dem 
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» steht, 
wenn Sie nicht, allerdings abgestimmt auf unsere Zeit, sich sagen 
werden: Mit jenen drei Zeichen kann ich erst recht vollstandig ein- 
verstanden sein. - Es ist gar nichts einzuwenden gegen diese drei Zei- 
chen. Man muB ihnen nur Verstandnis im Sinne der unmittelbaren 
Gegenwart entgegenbringen. Betrachten wir einmal diese drei Zei- 
chen, die also der heilige Johannes vom Kreuz als diejenigen Zeichen 
betrachtet, auf die hin die Seele sich der mystischen Beschauung zu- 
wenden darf, also sich hinwenden darf zum Wege in die geistige, 
ubersinnliche Welt hinein. 

Das erste Zeichen ware Unfahigkeit, zu betrachten und sich der 
Einbildungskraft zu bedienen, ein Widerwille gegen die Betrachtung. 
Wir miissen bedenken, diese Worte sind geschrieben in der Zeit, als 
das BewuBtseinszeitalter noch nicht angebrochen war. Nun bricht das 
BewuBtseinszeitalter iiber die Menschheit herein, nun kommen die 
Betrachtungen des Menschen iiber die Natur, so wie sie die neuere 
Naturwissenschaft darbietet. Man muB doch wirklich rechnen mit der 
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Man muB damit rech- 
nen, daB der heilige Johannes vom Kreuz nicht Menschen um sich 
hatte, die durchzogen und durchtrankt waren von denjenigen Vor- 
stellungen, die heute aus der Naturwissenschaft iiberall hintraufeln, 
Der heilige Johannes vom Kreuz hatte nur Menschen um sich, die 
glaubig in die katholische Kirche gingen, die ihre Weltanschauung 
von dem Glauben empfingen, der gepredigt wurde von den Kanzeln 



der katholischen Kirche. Zu denen muBte man anders sprechen als zu 
Menschen des 20. Jahrhunderts, welche durchtrankt sind von natur- 
wissenschaftlichen Anschauungen. Was heiBt denn das eigentlich: 
durchtrankt von naturwissenschaftlichen Anschauungen? Alle Men- 
schen sind es heute, ob sie es zugeben oder nicht, bis zum letzten 
Bauern in die letzte Hutte hinein, wenn er nicht gerade ein Analpha- 
bet ist; und selbst Analphabeten sind heute schon in ihren Denk- 
formen von naturwissenschaftlichen Vorstellungen durchdrungen. 
Wer aber heute die Welt anschaut, wie man sie nach dem Sinn der 
heutigen Welt anschauen mu6, der muB — weil die naturwissenschaft- 
lichen Vorstellungen ihm nur iiber das Tote berichten - zu der Ein- 
sicht kommen, wenn er ein lebendiges Erkenntnisbediirfnis hat, daB 
diese naturwissenschaftlichen Betrachtungen ihn unfahig machen, bei 
ihnen stehenzubleiben. Es tritt genau das ein, was der heilige Johan- 
nes vom Kreuz im ersten Zeichen beschreibt. Durch die naturwissen- 
schaftliche Vorstellungsart selbst ist dieses Zeichen erfullt. Dazumal, 
als er schrieb, war es bei einigen erfullt, heute ist es bei alien erfullt, 
die iiberhaupt anfangen zu denken. Diesen Unterschied muB man in 
Betracht ziehen. Wvirde der heilige Johannes vom Kreuz heute schrei- 
ben, dann wiirde er sagen: GewiB, dazumal muBte denjenigen Men- 
schen, die sich unfahig fiihlten, auBerlich die Dinge zu betrachten und 
die Einbildungskraft in Bewegung zu setzen, die mystische Beschau- 
ung empfohlen werden. Heute sind alle, die nur den unfruchtbaren 
naturwissenschaftlichen Vorstellungen hingegeben sind, in einem be- 
stimmten Zeitpunkt unfahig, nur diesen unfruchtbaren naturwissen- 
schaftlichen Vorstellungen sich hinzugeben, namentlich dann, wenn 
sie Sehnsucht haben in ihrer Seele, iiberhaupt einen Weg zum Gotdich- 
Geistigen zu finden. Der heilige Johannes vom Kreuz sprach zu eini- 
gen wenigen Kandidaten; heute sind die Kandidaten alle denkenden 
Menschen. Das bedeutet gerade den Fortschritt der Menschheit. Also 
es wird gerade heute das erfullt, was der heilige Johannes vom Kreuz 
von dem Zeichen dann als erfullt annimmt, wenn der im naturwissen- 
schaftlichen Zeitalter lebende Mensch nun gerade jenen Drang fuhlt. 

Das zweite ist die Wahrnehmung, daB man keine Lust mehr hat, 
die Einbildungskraft der Sinne mit besonderen auBeren oder inneren 



Einbildungen zu beschaftigen. In dem Augenblicke, wo die Natur- 
wissenschaft nicht anders kann, als dem Menschen nur eine Betrach- 
tung geben, eine Anschauung dariiber, wie er sich aus der Tierheit 
herauf entwickelt hat, da entsteht doch wahrhaftig in der Seele die 
Wahrnehmung, daB man keine Lust mehr hat, bloB das zu betrach- 
ten, was in der auBeren Welt die Sinne offenbaren! Die offenbaren 
eben, daB der Mensch von der Tierheit abstammt; da hat man keine 
Lust mehr. Da wendet man sich dann, weil die Zeit eingetreten ist - 
dazumal nur fur einige, jetzt fur alle denkenden Menschen -, gerade 
im Sinne des Johannes vom Kreuz zu dem, was Entwickelungs- 
anschauung ist, namlich zu dem Weg in die geistige Welt hinein. 

Das dritte ist das Erleben der Freude in der Empflndung, im Inner- 
sten der Seele, im Alleinsein in der Aufmerksamkeit auf Gott. Nun, 
diese innigste Freude wird ganz gewiB jeder empfinden, der in diesem 
naturwissenschaftlichen Zeitalter nur diejenigen Begrifte aufgenom- 
men hat, welche die Naturwissenschaft ihm bietet, sobald er den Weg 
finden kann in die ubersinnliche Welt hinein. 

Wiederum stehen wir vor der Tatsache, vor der bedeutsamen Tat- 
sache, daB gerade neuere Geisteswissenschaft so recht das erfullt, was 
fur seine Zeit in seinem Sinne solch ein Mensch wie Johannes vom 
Kreuz forderte. Nur schreitet der Strom der Entwickelung weiter, 
und heute nimmt sich die Erfullung anders aus, als sie sich dazumal 
ausgenommen hat. Es kommt etwas anderes noch dazu. Wer heute 
hineinschaut mit ehrlichem Wahrheitssinn in die Menschheitsentwik- 
kelung, der sagt sich: Weil wir eingetreten sind in das naturwissen- 
schaftliche Zeitalter, muB der Sinn fur ubersinnliche Erkenntnis in 
den Menschen wachgehalten werden. Es werden einfach solche For- 
derungen wie die des Johannes vom Kreuz erfullt, wenn der Mensch 
heute den Weg betritt, der vorgezeichnet wird zum Beispiel in «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Betritt er aber heute 
diesen Weg, dann offenbart sich ihm nicht das, was sich in jener Zeit 
geoffenbart hat, als der heilige Johannes vom Kreuz geschrieben hat, 
sondern es offenbart sich dem Menschen das, was heute im Wege der 
Menschenentwickelung liegt. Und da kann man dann nicht mehr so 
sprechen, wie bloB im Sinne des positivistischen Christentums der 



heilige Johannes vom Kreuz gesprochen hat. Denn es liegt die ernste 
Tatsache vor, auf die wit gestern und schon ofter hingewiesen haben: 
daB heute der Mensch entweder unbewuBt oder bewuBt in einer ge- 
wissen Beziehung an dem Hiiter der Schwelle vorbeikommt. Da lernt 
er erkennen, wie er nicht nur von einem Einheitsgotte, sondern wie 
er von den gottlichen Hierarchien sprechen muB. Da lernt er erken- 
nen, wie er das Ahrimanische und Luziferische kontrastieren muB mit 
den gottlichen Hierarchien. Aber wie die katholische Kirche bis zum 
Jahre 1822 die Menschen abhalten wollte, an den Kopernikanismus 
zu glauben, so will sie heute die Menschen abhalten, in die wirklich 
von der Zeit notwendig geforderten ubersinnlichen Erkenntnisse ein- 
zutreten. Warum? Weil sie nicht will, daB die Menschen aufmerksam 
werden auf das, was aus geistigen Hohen in die Menschheitsentwicke- 
lung hineinstromen will. 

GewiB, es mag auch einige geben und es gibt einige, die in gewis- 
sem Sinne ehrlich das Folgende sagen: Der Mensch ist ja heute wirk- 
lich nicht vorbereitet, mit seiner Seele unmittelbar dem entgegenzu- 
treten, was aus der geistigen Welt hereinkommt; das gereicht ihm nur 
zum Unheil. Er kann dann, wenn er vor den Hiiter der Schwelle hin- 
tritt, Tauschung nicht von Wirklichkeit unterscheiden. Also machen 
wir ihm moglichst graulich davor, selber sich auf den Weg des Geisti- 
gen zu begeben, damit er nicht gefahrdet werde. - Es mag solche 
Leute geben, sie rechnen nicht mit den Notwendigkeiten der Zeit, 
sie rechnen mit einer eingeschrankten, bornierten Vorstellung, aber 
sie konnen vielleicht ehrlich sein. Aber die Mehrzahl derer, die solche 
Dinge sagen, wie : daB man sich heute nicht auf den Weg der uber- 
sinnlichen Erkentnisse begeben diirfe -, die meinen die Dinge nicht so. 
Von den verschiedensten Seiten wird aus einem gewissen Angstgefuhl 
gegen die Wahrheit das Hereinfluten dieser Wahrheit zuruckgehalten. 
Dieses Angstgefuhl, das haben weithin ausgedehnte Kirchenbekennt- 
nisse in ihren offiziellen Vertretern; das haben aber auch gewisse 
maurerische und ahnliche Gesellschaften. Ich habe von ejnem andern 
Gesichtspunkte schon darauf aufmerksam gemacht. Auch da gibt es 
innerhalb dieser Gesellschaften einige Leute, die ja von ihrem Ge- 
sichtspunkte aus ehrlich sind; aber die Kraft, mit der sie den Fort- 



schritt der Menschheit auf halten, die ist furchtbar stark. Da liegt nam- 
lich das Folgende vor. Da sind Leute, besonders in den Hochgrad- 
orden, die sagen: Der Mensch ist in der Regel nicht recht reif dafiir, 
daB ihm die geistige Welt unmittelbar vorgefiihrt wird, daher halte 
man ihn von dem unmittelbaren Eintritt in die geistige Welt zuriick, 
man lasse ihn nicht eintreten, man lasse ihn nur herankommen an die 
Ausiibung der in gewissen alten Ritualien vorgeschriebenen Zeremo- 
nien. Man verweise ihn an allerlei Symbole, die ihn nicht unmittelbar 
in die geistige Welt einfiihren, nur symbolisch die Sache vorfiihren, 
aber auch da womoglich an Symbole, die ein recht groBes Alter 
haben. - Ich habe Ihnen ja gesagt, daB in dieser Beziehung gewisse 
maurerische Orden, nun sagen wir, es im Gegensatze mit dem Lieb- 
lingsimpuls der meisten Damen halten. Die meisten Damen sind nam- 
lich gerne jung, die meisten maurerischen Gesellschaften sind gerne 
so alt wie moglich ! Da weist man moglichst auf ein uraltes Ritual hin 
oder auf uralte Traditionen. Nicht immer, obwohl sehr haufig, ist das 
unwahrhaft gemeint; aber es ist manchmal schon ehrlich gemeint, 
wenn man sagt: Die Ritualien, die uralt sind, konnen, wenn sie heute 
vor den Menschen vollzogen werden, sie nicht mehr gefahrden, denn 
sie sind abgebraucht, sie sind erstarrt, sie sind nur noch die Schatten 
dessen, was sie gewesen sind. Und auBerdem haben ja die Menschen- 
seelen so lange mit diesen Ritualien gelebt beziehungsweise mit den 
Symbolen und mit dem, was sie darstellen; sie haben sich daran ge- 
wohnt: sie werden nicht mehr schockiert von dem Eindruck einer 
unmittelbar erlebten Wahrheit. Mache man die Leute mit recht Altem 
bekannt, was nur noch seinem Schatten nach vorhanden ist, dann 
werden sie weniger gefahrdet. 

Alle diese Dinge mogen ja vertreten werden, aber sie miissen ab- 
fallen vor der Notwendigkeit, die heute durch die Zeitenwende geht. 
Das Unheil, das kommen wiirde, wenn der Mensch die hereinbre- 
chende geistige Flutwelle zuriickstoBen wiirde, das wiirde groBer sein 
als alles iibrige Unheil. Die wirkliche Pflicht gegeniiber alien Geistern 
der Welt, die mit der Menschheitsentwickelung zusammenhangen, ist 
die, den Menschen bekanntzumachen mit dem, was doch heute sich 
unbedingt im UnterbewuBten, einfach durch die heutigen Weltgesetze, 



in der Seele eines jeden Menschen vollzieht. Im Zeitalter der BewuBt- 
seinsseele das heraufzurufen ins BewuBtsein, das ist eine Notwendig- 
keit. Und auch mit Bezug auf das, was heute so gewaltig als soziale 
Forderungen auftritt, ist es notwendig, daB man heute kennenlernt, 
was eigentlich in den Menschenseelen vorhanden ist. Denn auBerlich 
wird das Dasein immer maskenhafter, immer bloB phanomenaler. Es 
ist durchaus die Moglichkeit vorhanden, daB man heute in seiner 
Seele so erlebt, daB man vorbeigeht an dem Hiiter der Schwelle, aber 
durch den Materialismus der Zeit das BewuBtsein davon zuriick- 
drangt. Aber was man zuriickdrangt, was nicht bewuBt wird, das ist 
doch deshalb nicht etwa nicht da; es ist trotzdem da. Irgendein 
Mensch geht hindurch durch den Hiiter der Schwelle - aber durch die 
Zeitbildung drangt er das zuriick. Das, als was es sich dann darstellt, 
das kann etwas ganz anderes sein. Es konnen die Taten Lenins sein, 
es konnen die Taten irgendeines Spartakusmenschen sein. Darauf muB 
man aufmerksam sein in der Gegenwart, daB wir in dem Zeitalter 
angekommen sind, wo durch die Tauschungsimpulse des Materialis- 
mus in einer die Menschheit in schlimmster Weise gefahrdenden Art 
Durchgange durch gewisse geistige Impulse sich auBerlich maskieren 
konnen. 

Ernst ist die Zeit. Aber allem Ernst wird wirklich Rechnung ge- 
tragen, wenn man bloB den ehrlichen Willen hat, mit seinem gesunden 
Menschenverstand auf die Interpretation dessen einzugehen, was 
durch eine wirkliche Geisteswissenschaft herausgeholt werden kann 
aus der geistigen Welt. Davon wollen wir dann morgen weiter 
sprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 5. Januar 1919 

Sie werden aus den gestrigen Betrachtungen ersehen haben, wie leicht 
der ganze Entwickelungsgang der Menschheit miBzuverstehen ist, 
und wie er insbesondere von vielen Seiten in der Gegenwart miBver- 
standen wird zum Schaden sowohl der gegenwartigen Erkenntnis wie 
auch zum Schaden des gegenwartigen sozialen Strebens der Mensch- 
heit. Wir wollen heute einmal einige Ergebnisse der Geisteswissen- 
schaft vor unsere Seele fiihren, die solcher Art sind, daB sie, ich mochte 
sagen, von der andern Seite hineinleuchten konnen in Dinge, die 
ratselhaft sind, wenn man sich auf die Vorstellungen beschrankt, die 
sich die Gegenwart von ihnen macht. Ich habe Ihnen gesagt, daB der 
Mensch mit der Gegenwart mir dann zurechtkommen wird, wenn er 
sich entschlieBt, durch ein Hingehen zum Geisteswege sich wirklich 
neu zu orientieren, sowohl in bezug auf sein Verhaltnis zur auBeren 
Natur, da die alten Orientierungsmittel nicht mehr ausreichen, wie 
auch mit Bezug auf das Verhaltnis von Mensch zu Mensch, da auch 
da die alten Orientierungsmittel nicht mehr ausreichen, um einzu- 
sehen, welche Impulse fur die gegenwartige soziale Struktur der 
Menschheit notig sind. Man muB sich ja, will man in diesen Dingen 
zurechtkommen, ganz ernstlich vor die Seele riicken, daB so, wie der 
Mensch heute im Erdendasein zwischen Geburt und Tod hinein- 
gestellt ist in die Welt, er nur die auBere OfFenbarung der eigentlichen 
Wesenhek sieht, wie er auch eigentlich nur zu der auBeren OfFen- 
barung seines Mitmenschen in ein Verhaltnis tritt. 

Das Leben gestaltet sich fur die verschiedenen Epochen der 
Menschheitsentwickelung verschieden, und wir bemuhen uns, diese 
Dinge gerade mit Bezug auf den gegenwartigen Menschen wirklich 
zu studieren. Denn in der gegenwartigen Zeitepoche entscheidet sich 
fur den Erdenmenschen sehr viel. Bis ins 15. Jahrhundert, und, man 
konnte sagen, weil die Dinge nicht gleich auf einen Schlag voriiber- 
gehen, bis in die Gegenwart herein stand der Mensch eigentlich noch 
immer mehr oder weniger unter der Erbschaft alter Begriffe, alter 



Impulse. Dieser funfte nachatlantische Zeittaum ist ja in einer gewis- 
sen Beziehung mit Bezug auf die menschliche Entwickelung etwas 
AuBerordentliches. Denn nicht wahr, Sie wissen: Wenn man die ge- 
samte Erdenentwickelung nimmt, so gliedert sie sich in sieben auf- 
einanderfolgende groBe Epochen, von denen die vierte die atlantische 
war, die jetzige funfte die nachatiantische ist; dann wiirde die sechste, 
dann die siebente kommen. In der atlantischen Periode liegt gewisser- 
maBen eine Art Entscheidung. Denn bis dahin war ja das gesamte 
Erdendasein ^ine Wiederholung vom friiheren Saturn-, Sonnen-, 
Mondendasein. In der atlantischen Periode liegt eine Art Entschei- 
dung, aber eben nur ein Anfang einer Entscheidung. Nur vorbereitet 
haben sich da die Dinge, die sich eigentlich erst ausbilden sollen in der 
folgenden Erdenentwickelung. So daB der Mensch bis zur atlantischen 
Zeit eigentlich nur dasjenige war, was er als Saturn-, Sonnen- und 
Mondenmensch in andern Formen schon war. In der atlantischen Zeit 
aber war er nur in Andeutung dasjenige, was er als eigentlicher Erden- 
mensch werden soli. Dann geht es weiter, und jetzt sind wir in der 
funften nachatlantischen Periode. In der nachatlantischen Periode, 
durch die urindische, urpersische Entwickelung und so weiter traten 
schon immer bestimmtere und bestimmtere Verhaltnisse auf. Aber die 
griechisch-lateinische Zeit, die vierte nachatlantische Periode, liefert 
wiederum doch nur eine Art Wiederholung, wenn auch in anderer 
Form, dessen, was in der Atlantis auf einem andern Daseinsniveau 
schon vorhanden war. Erst jetzt in der funften nachadantischen 
Periode, in einer Zeit, die seit dem 15. Jahrhundert begonnen hat, 
steht der Mensch gewissermaBen so in seiner Gesamtentwickelung 
drinnen, daB so recht merkbare, in seinem Wesen merkbare neue Im- 
pulse auftreten. Sie waren friiher nicht so merkbar; jetzt treten sie in 
seinem Wesen merkbar auf, und noch immer haben sie sich nur an- 
gedeutet. Die furchtbaren katastrophalen Ereignisse in unserer Zeit, 
von denen man schon sagen kann, daB sie die Menschheit ganz kolos- 
sal erschuttern werden, sie sind der Ausdruck dafur, daB sich neue 
Verhaltnisse in die Menschheitsentwickelung hereinbegeben. Und ich 
habe Ihnen ja angedeutet, wie diese neuen Verhaltnisse von einer ge- 
wissen Seite her dadurch zu charakterisieren sind, daB man darauf 



hinweist, wie man deutlich wahrnimmt ein Hereinfluten einer geisti- 
gen Welle, herruhrend gewissermaBen von einem Aufsteigen in der 
Entwickelung der Geister der Personlichkeit. 

Nun bemerkt man, wenn man geisteswissenschaftlich gerade diese 
eigentiimliche Seelenverfassung ins Auge faBt, in welcher der Mensch 
der Gegenwart hier auf der Erde ist, man bemerkt gegenwartig also 
in geisteswissenschaftlicher Anschauung recht stark, wie der Mensch 
sich eigentlich der Offenbarungen des Naturseins sowohl wie des 
Seins seiner Mitmenschen nur dann bewuBt ist, wenn er wahrnimmt, 
oder wenn er auBerlich wollend tatig ist und nichts weiB von den 
wirklichen Wesenheiten, in die er eben doch in einer gewissen Weise 
hineinwachsen muB im Laufe seiner Entwickelung, und in die er hin- 
eingewachsen sein wird, wenn die Entwickelung weitergegangen sein 
wird. Der Mensch ist ja, wie Sie wissen, in der Welt so drinnenste- 
hend, daB er, wenn man grob charakterisiert, die umliegende Welt 
wahrnimmt im Mineralreich, im Pflanzenreich, im Tierreich und in 
seinem eigenen Reich, im Menschenreich. Das ist dasjenige, was sicht- 
bar um den Menschen herum ist. Und im sichtbaren Menschenreich 
spielt sich ja auch ab dasjenige, was aus dem Wollen hervorgeht und 
was in der sozialen Struktur eine gewisse Ordnung finden soil. 

Nun, es haben die Menschen vielfach nachgedacht - aber mit einem 
ungeniigenden Denken nachgedacht -, wie der Mensch zu seiner Um- 
gebung steht. Man hat die Ergebnisse dieses Nachdenkens in ver- 
schiedenen Erkenntnistheorien verarbeitet. Aber es kann bei diesen 
Erkenntnistheorien nicht sehr viel herauskommen. Und dasjenige, 
was heute schulmaBig in diesen Erkenntnistheorien den jungen Leu- 
ten, die dann philosophisch zu der Welt sprechen sollen, gelehrt wird, 
das ist wirklich recht ungemigendes Zeug. Denn eine wahre Einsicht 
in das, was sich da eigentlich in der Menschenumgebung offenbart, 
gewinnt man ja doch nur, wenn man die Sache geisteswissenschaft- 
lich betrachtet. Auf der einen Seite kann der Mensch hinblicken auf 
das mineralische und auf das Pflanzenreich, auf der andern Seite auf 
das Tierreich und das menschliche Reich selbst. Beides, sowohl Mine- 
ralreich und Pflanzenreich wie Menschenreich und Tierreich, enthullt 
sich ihm so, daB er, wenn er jetzt im theoretischen Sinne ehrlich ist, 



in der Enthiillung, in der Offenbarung "Widerspruche bemerkt. Er 
kann nicht zurechtkommen mit der Art, wie sich ihm auf der einen 
Seite das Mineralreich, das Pflanzenreich, auf der andern Seite das 
Tierreich und Menschenreich offenbart. Und wenn die Menschen 
glauben zurechtzukommen, so riihrt das nur von einer gewissen 
Stumpf heit her. Sie wollen nicht auf alle die Zweifel, welche heraus- 
spriihen aus der Beobachtung der Naturreiche, eingehen, weil sie zu 
bequem sind dazu. Nun aber, wenn man etwas vordringt in der Er- 
kenntnis, wenn man sich etwas schult in der Richtung, die angegeben 
ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», dann ver- 
wandelt sich in einer gewissen Beziehung sowohl der Anblick des 
Mineral- und Pflanzenreiches wie auch der Einblick in das Verhaltnis 
zu Tier- und Menschenreich. Die Menschen haben unbewuBt heute 
schon in hohem Grade eine eben nicht zum BewuBtsein kommende 
Empfindung von dieser Verwandlung. Aber es bleibt eben unbewuBt, 
so wie ich gesagt habe, daB unbewuBt heute der Mensch in der ganz 
naturlichen Entwickelung vor den Hiiter der Schwelle hintritt. Es ist 
eigentlich immer eine gewisse Furcht vor der Wahrheit, welche die 
Menschen unbewuBt abhalt, nun wirklich so vorzudringen, daB sie zu 
dieser Verwandlung kommen. Ich rede in Imaginationen, in Imagina- 
tionen, die in Worte umgesetzt sind. Man kann die Dinge nicht anders 
wirklich trefTend charakterisieren. Denn wenn man in sich lebendig 
macht dasjenige, was man lebendig machen kann, indem man auf sich 
das anwendet, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren 
Welten?» beschrieben ist, so wird man, mit dieser verwandelten Er- 
kenntniskraft hinblickend auf das Mineral- und Pflanzenreich, immer 
etwas empfinden wie Furcht. Nicht wahr, Sie mussen nicht erschau- 
ern, nicht eine Gansehaut bekommen bei der Charakteristik dieser 
Verhaltnisse. Die Menschen gehen ihnen aus dem Wege, weil sie 
Furcht haben: daraus mussen Sie schon verstehen, daB natiirlich, 
wenn man solche Verhaltnisse schildert, es auch so ist, daB man eine 
gewisse Gansehaut bekommen kann; deshalb haben ja eben die Leute 
gerade Furcht. Es ist immer etwas bei der vorgeriickten Erkenntnis, 
wenn man das Mineralreich und Pflanzenreich dann ins Auge faBt, 
wie Leichengeruch, den man empfindet, ein Leichengeruch, der einem 



wie in einem lebendigen Gefiihl das charakterisiert, was im Mineral- 
und Pfianzenreich lebt. Dagegen, wenn man das Tier- und das Men- 
schenreich in der verwandelten Erkenntnis anschaut, dann hat man 
immer eine Empfindung, die man so charakterisieren kann, daB man 
sagen mochte: Eigentlich - nicht wahr, Sie verzeihen mir, daB ich 
diese Imagination in Worte umsetze - bleiben doch die Menschen, 
auch die vorgeriicktesten, solange sie in diesem physischen Leibe wei- 
len, gegeniiber dem, was in ihnen in Wirklichkeit steckt, immer Kin- 
der, richtige Kinder. Es ist einfach wahr, daB im Menschen viel mehr 
steckt, als er herausentwickem kann, herausoffenbaren kann aus sei- 
nem Wesen zwischen Geburt und Tod. 

Sie sehen daraus, weil man ja in dieser ubersinnlichen Erkenntnis 
vom Schein allmahlich immer mehr zu der wahren Wirklichkeit auf- 
steigt, daB - indem man diese Welt auBen, so wie sie ist, ansieht, be- 
trachtet man es eigentlich nur mit einem Schein zu tun hat. Denn 
der Leichengeruch, von dem ich Ihnen gesprochen habe, und die 
Kinderei der Menschen - verzeihen Sie - verhullen sich. Der Leichen- 
geruch findet, wenn ich so sagen darf, an unserem physischen Men- 
schen eine zu stumpfe Nase, die atherische Nase ist nicht geniigend 
ausgebildet. Und die Kinderei der Menschen, die laBt uns nicht recht 
zum Gestandnis kommen, daB sie da ist, weil wir als Menschen schon 
einmal zu eingebildet sind dazu. Aber so ist doch die Sache. Und in- 
dem man dies, was ich eben jetzt charakterisiert habe, auseinander- 
halt, weist man ja zu gleicher Zeit darauf hin, daB im Menschen viel 
mehr steckt, als betatigt werden kann. Man kann sich dann die Frage 
aufwerfen: Ja, in Mineralien, in Pflanzen nimmt der Mensch keine 
Wirklichkeiten wahr; in Tieren, und nicht einmal in seinem eigenen 
Menschenwesen, nimmt er auch nicht Wirklichkeiten wahr. Worauf 
ist denn eigentlich dann der Mensch eingestellt hier auf der Erde? - 
Er ist namlich merkwiirdigerweise eingestellt auf Wesen, die weder 
dem mineralischen und Pfianzenreich, noch dem Tier- und Menschen- 
reich angehoren, sondern die zwischendrinnen liegen. Auf eine Art 
Pflanzentiere oder Tierpflanzen ist er eingestellt. Wenn es Wesen 
geben wiirde hier auf der Erde, die weder Pflanzen noch Tiere sind, 
sondern die bloBe Pflanzennatur haben in bezug auf ihre innere Orga- 



nisation, aber die gehen konnten, Wesen, welche nicht Muskel und 
Blut hatten, sondern welche in ihrer Anatomie so waren wie die Pflan- 
zen, die nur solche Zellen hatten und solche Gewebe wie die Pflanzen, 
die sich aber willkurlich bewegen konnten wie die Tiere, oder wenn 
auf unserer Erde Tiere herumwandeln wiirden, die eben, wenn sie 
sterben, so etwas hinterlassen wie eine Pflanzenleiche: dann wiirde 
fur solche Wesen der Mensch in seiner ganzen Seelenverfassung wirk- 
lich eingestellt sein. Die wiirde er, solche Wesen wiirde der Mensch 
eigentlich hier in seinem Erdendasein fassen konnen. Aber das Merk- 
wurdige ist wiederum : Diese Wesen konnen ihrerseits nicht im Erden- 
dasein sein, diese Wesen sind nur in andern Welten zu finden. Sie 
sind ihrerseits so, daB sie im Erdendasein nicht gedeihen konnten. 
Also man kann sagen: Dem Menschen fehlt eigentlich dasjenige Er- 
kenntnisvermogen - und das ist in der Gegenwart besonders sicht- 
bar -, welches ihn befahigt, unmittelbar einzudringen in das Wesen 
von Mineralien und Pflanzen und auch von Tieren und Menschen. 
Und die Wesen, die er wohl unmittelbar wahrnehmen wiirde ihrer 
ganzen Konstitution nach, die konnen wieder sich nicht auf der Erde 
aufhalten. So merkwiirdig steht der Mensch mit Bezug auf sein Ver- 
haltnis zu der umgebenden Natur. 

Aber auch zu sich selbst steht der Mensch hier auf der Erde in 
einem merkwurdigen Verhaltnisse. Der Mensch ist auf der einen Seite 
ein vorstellendes Wesen. Wenn er aber das Vorstellungsvermogen 
betatigt, dann verliert er im Vorstellen seine eigene Wesenheit. Und 
diese eigene Wesenheit, die im Vorstellen nicht zutage treten kann, 
die hat er eigentlich nur dadurch, daB etwas, der Wille, aus dem Un- 
bewuBten heraufwirkt. Wiirde der Wille nicht heraufwirken, wiirden 
wir nicht den Willen in uns verspiiren, die ganze Welt kame uns ge- 
spenstig vor, wenn wir sie nur vorstellen konnten. Wir wiirden eine 
gespenstige Welt vor uns haben, so wie ungefahr die Welt der natur- 
wissenschaftlichen Begriffe ist; die ware dann wirklich unsere Welt, 
Denken Sie sich, wenn die Welt so ausschauen wiirde, wie die Natur- 
wissenschafter oder Zoologen es beschreiben, denken Sie, wenn nichts 
anderes da ware, als was in Buchern iiber Botanik und Mineralogie 
steht - die wirklichen Pflanzen und Gesteine enthalten ja viel mehr, 



als was in den Biichern steht, aber denken Sie sich, Sie wiirden gefuhrt 
in eine Welt, wie sie in den Biichern beschrieben ist, wo nicht mehr 
da ware, als was in den Biichern beschrieben ist: es ware nur eine 
Gespensterwelt, eine richtige Gespensterwelt. Nur dadurch ist diese 
Welt keine Gespensterwelt, daB immer der Wille mitspricht. Wenn Sie 
fliegen konnten, nicht mlt einem Apparat, sondern selbst fliegen, das 
heiBt, wenn Sie keinen Boden unter den FiiBen brauchten, konnten 
Sie sich also frei bewegen ohne Boden, dann wiirden Sie nahe daran 
kommen, die Welt so gespenstig wahrzunehmen. Sie wiirde Ihnen, 
wenn Sie nur im wachen Zustande mit den Augen die Welt verfolgen 
wiirden, sehr gespenstig schon erscheinen; nicht so stark, wie der 
Naturforscher sie beschreibt, aber sie wiirde Ihnen da schon sehr ge- 
spenstig erscheinen. Sie haben ein solides Gefuhl von dem Welten- 
dasein nur dadurch, daB Sie mit den FiiBen auf dem Boden stehen. 
Und dieses Driicken mit Ihren FiiBen auf den Boden, das gibt Ihnen 
das Gefuhl, das mit dem Willen verwandt, das nur eine Abschwa- 
chung des Willens ist, daB Sie nicht bloB in einer Gespensterwelt sind, 
sondern in einer soliden Welt. Wenn Sie dieses Gefuhl nicht hatten, 
sondern nur sehen wiirden, dann wiirde Ihnen die Welt sehr gespen- 
stig vorkommen. Was im UnterbewuBten sich abspielt, das sagen Sie 
sich namlich nicht. Im UnterbewuBten spielt sich stets das ab, daB 
eigentlich der Mensch sich sagt, im UnterbewuBten sagt er es sich: 
Ja, eigentlich schaut die Welt wie ein Gespenst aus ! Aber wenn die 
Welt so ware, wie sie mir meine Augen zeigen, da konnte ich nicht fest 
stehen, da miiBte ich untersinken. Und ich sinke doch nicht unter, also 
ist die Welt nicht so, wie sie mir meine Augen zeigen. - Dieser SchluB 
wird im UnbewuBten fortwahrend gemacht. So kompliziert ist das 
ganz gewohnliche, alltaglichste Verhaltnis zur Welt. Es ist immer ein 
unbewuBter SchluB, der in gewisser Beziehung aus dem Willen stammt. 
Also beim bloBen Vorstellen fehlt uns eigentlich - wenn ich mich 
jetzt gelehrt, das heiBt, pedantisch ausdriicken will - das Subjekt, das 
fallt heraus. DaB wir ein Subjekt haben, uns mit der Welt zusammen- 
fiihlen, kommt aus dem Willen. 

Und wiederum, wenn wir wollen, wenn wir den Willen entwickeln, 
da fehlt uns eigentlich das Objekt. Das Objekt, das kommt uns gar 



nicht ordentlich solid zum BewuBtsein. Wenn ich einfach dieses 
Buchelchen hier von der linken Seite zur rechten Seite heruberheben 
will und es auch wirklich tue - ja, das eigentliche Objekt des Wol- 
lens, das kommt nicht zum BewuBtsein. Sie sehen den Weg, den das 
Buchelchen macht, die Vorstellung, die gespenstet so hinein in das 
Wollen, aber das eigentliche Objekt des Wollens kommt nicht zum 
BewuBtsein. So daB der Mensch sowohl, indem er vorstellend ist, wie 
auch, indem er wollend ist - das ist wiederum grotesk ausgesprochen, 
weil man eine Imagination in Worte kleiden muB -, daB der Mensch 
eigentlich sowohl als Vorstellender wie als Wollender, verzeihen Sie, 
ein Knippel ist. Er stellt gespenstig vor und will eigentlich unvoll- 
standig. Was der Mensch wirklich ist, das ist eigentlich weder in der 
Vorstellung noch im Willen ganz drinnen, das ist wiederum in der 
Mitte drinnen zwischen dem Vorstellen und dem Willen. Aber da ist 
die Sache so, daB uns das nicht zum BewuBtsein kommen kann im 
gewohnlichen Leben. Geradeso wie in die auBere Natur das Pflanzen- 
tier nicht eintreten kann, so kann dem Menschen nicht zum BewuBt- 
sein kommen, was er eigentlich ist. Deshalb habe ich Ihnen von einem 
andern Gesichtspunkte diese Tatsache ofter ausgesprochen, indem ich 
Ihnen sagte: Das eigentliche Ich nimmt der Mensch wahr wie em 
Loch in den Ereignissen des Lebens. Nicht wahr, man muB sich dar- 
iiber nur klar sein, daB man Locher auch wahrnehmen kann. Vom 
Schlafen weiB der Mensch nichts, er wacht, schlaft, wacht, schlaft, 
wacht, schlaft; aber indem er sein Leben iiberblickt, da stellt sich ihm 
das ausgesparte BewuBtsein, das BewuBtseinsloch in den Lebenslauf 
hinein, und er sieht gerade so, wie wenn er eine Flache hat, die weiB 
ist und die schwarze Locher hat, wo er eigentlich nichts sieht, so 
sieht er die BewuBtseinslocher des Schlafes. Aber so ist es mit 
unserem Ich auch in unserem Wachleben. Unser Ich wird nicht in 
Wahrheit ins BewuBtsein hereingehoben, sondern im BewuBtsein 
ist von diesem Ich nur ein Loch, und die Wahrnehmung dieses 
Loches macht uns darauf aufmerksam, daB wir eben das wirkliche 
Ich haben. 

Diese Dinge, die dem heutigen groben Menschen noch wie eine 
Spintisiererei erscheinen, sie miissen allmahlich ein elementares Be- 



wuBtsein der Menschen werden. Denn man kann nicht in der Zukunft 
auf solche Glaubensvorstellungen das Leben griinden, wie man es in 
vergangenen Zeiten hat griinden konnen, weil noch die Reste und die 
Nachwirkungen atavistischen Hellsehens vorhanden waren. In der 
Zukunft wird man auf deutlich durchschaubare Grundlagen das Leben 
stellen miissen. Zu den alltaglichen Vorstellungen wird das gehoren 
miissen, daB man auf das Mineral- und Pflanzenreich so hinschaut, wie 
Goethe hingeschaut hat, der nur das Phanomen angesehen hat, der 
nicht geglaubt hat, daB in dem Phanomen etwas anderes als hochstens 
die Grundphanomene, die Urphanomene sich ofFenbaren, aber daB die 
Phanomene nicht in Gedanken ausdriickbare Naturgesetze ofFenbaren. 
Nach Naturgesetzen hat Goethe nie geforscht, das ware ihm sehr 
phantastisch erschienen. Die Phanomene hat er verfolgen wollen, 
denn es zeigt uns die auBere Welt im mineralischen und Pflanzen- 
reiche nichts als die Wahrnehmungen, die Erscheinungen. So muB 
der Mensch hinschauen auf die auBere Welt, daB er sich bewuBt ist: 
Ich sehe im Mineral- und Pflanzenreich eigentlich nur die AuBenseite; 
und wenn ich dem Tier- und Menschenreiche gegenuberstehe, sehe 
ich eigentlich auch nur etwas, was wie ein Embryo des ganzen Wesens 
ist. - Das muB auch so sein. Sehen Sie, im Mineral- und Pflanzen- 
reiche sind ja in Wirklichkeit vorhanden Wesen, die sich nur nach 
einer gewissen Seite hin enthullen, wenn der Mensch sie anschaut, weil 
sie, ich mochte sagen, sich nicht anders enthullen konnen. Denn im 
Mineral- und Pflanzenreiche lebt etwas, was man vollstandig nur er- 
kennt, wenn man - nun verstehen Sie mich recht - zuriickblickt auf 
diejenige Welt, aus der man herausgekommen ist, als man durch die 
Geburt dieses physische Dasein angetreten hat. Konnten Sie mit 
jenem BewuBtsein, das iiber die Geburt nach riickwarts hinausgeht, 
gedachtnismaBig behaftet bleiben nach der Geburt, konnten Sie also 
das Geborenwerden als ein solches Ereignis in Ihrem Leben betrach- 
ten, wie etwa, sagen wir, den Obergang vom fiinfzehnten zu dem 
sechzehnten Jahre, wiirde nicht nach riickwarts der Faden des Be- 
wuBtseins abreiBen, weil das BewuBtsein ganz andersartig war vor 
der Geburt beziehungsweise vor der Empfangnis, so wiirden Sie 
ohne weiteres eine ganz andere Ansicht iiber das Mineral- und Pflan- 



zenreich bekommen, als Sie nur dadurch bekommen, daB Sie sie an- 
schauen vom Standpunkte des Lebens zwischen Geburt und Tod. 
Derm Sie wiirden sich dann folgendes sagen: Ich bin herausgetreten 
aus dem geistigen Reich durch die Geburt. Ich bin hier in dieses phy- 
sische Reich eingetreten. Warum habe ich denn das getan? Warum 
bin ich denn da nicht drinnen geblieben in dem geistigen Reiche? 
Warum hat es mich denn iiberhaupt auf die Erde heruntergelockt? - 
Denn man kann von einem solchen Locken sprechen. Da konnten Sie 
dann sagen, wenn Sie sich erinnern konnten: Es hat mich auf die Erde 
heruntergelockt aus dem Grunde, weil plotzlich im Laufe meiner Ent- 
wickelung zwischen Tod und neuer Geburt ich in eine Sphare hinein- 
kam, wo es so aussah, als ob gewisse Wesen herausgeflohen waren, 
als ob sie eigentlich drinnen sein sollten, fehlten und nicht drinnen 
sind. - Wenn ich mich grob ausdriicken darf : In der letzten Zeit vor 
der Geburt erlebt man in der geistigen Welt auf Schritt und Tritt, daB 
einem da Wesen fehlen, die eigentlich hergehoren und die nicht da 
sind. Es zeigt alles : diese Wesen fehlen. Und tritt man jetzt durch die 
Geburt, so sind in den Mineralien und in den Pflanzen diese Wesen 
da, aber wie Verbannte, wie wenn diese Wesen verbannt waren aus 
der Welt, in der man drinnen war, und wie wenn sie nicht vollstandig 
gedeihen konnten, halb sterben wiirden und daher den Leichengeruch 
bilden, halb sterben wiirden in der Welt, in die man eingetreten ist. 
Man sehnt sich vor der Geburt nach der Bekanntschaft mit gewissen 
Verbannten. Man weiB nur: Da sind verbannte Wesen, aber wo sind 
die? Da geht man in die physische Welt heraus und nimmt sie wahr, 
aber, ich mochte sagen, einbalsamiert, mumifiziert. Denn in der Welt, 
in die man eingetreten ist, konnen sie nicht anders sein als einbalsa- 
miert, als mumifiziert, vertrocknet. Das ist die vollstandig richtige 
Empfindung, wenn man der Mineral- und pflanzlichen Welt so gegen- 
ubertritt, daB man in ihr die Wesen sieht, die verbannt sind aus der 
geistigen Welt, aus der Sphare, in der man gerade war, bevor man in 
das physische Leben eintreten muBte. 

Und wenn man auf Tiere und Menschen hinschaut und ihre Kin- 
derei sieht, dann kommt man darauf, wenn man einen Blick auf die 
tiefere Wesenheit entwickeln kann, daB diese Tiere und Menschen, so 



wie sie einmal in der Welt hier sind, in der wir zwischen Geburt und 
Tod leben, nie fertig werden, nie eigentlich ihr ganzes, durch ihr 
Innenwesen bedingtes Leben zum AbschluB bringen. Wer Tiere rich- 
tig anschaut, wer sie anschauen kann mit vollstandiger innerer leben- 
diger Erkenntniskraft, der weiB zwar, daB die Tiere nicht unsterb- 
lich sind, aber er weiB auch, daB die Tiere die ganze Tragik dieser 
Nichtunsterblichkeit in ihren Gruppenseelen durchmachen. Die Grup- 
penseelen sind ja hinausdauernd iiber das individuelle Leben des Tie- 
res ; aber dasjenige, was hier auf der Erde ist von den Tieren, das ist, 
wie ich schon neulich sagte, eigentlich krank, das ist so, daB es ver- 
dirbt, weil es in eine andere Welt gehort und in diese Welt hinein ver- 
bannt ist. Und der Mensch seiner auBeren physischen Gestalt nach ist 
auch in diese Welt hinein verbannt ; daher bleibt er verkriippelt, bleibt 
ein Kind. Der Mensch bleibt ein Kind. Das Tier ist uberhaupt in sei- 
nem Wesen seiner physischen Gestalt nach vertrocknet, denn das, was 
zu Tier und Mensch gehort, das findet man, wenn man durch den Tod 
geht und in die geistige Welt unmittelbar eintritt, die man nun nach 
dem Tode betrachtet. Denn eigentlich beschreibt man einen Kreis in 
dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Das, was einem ver- 
borgen bleibt hier vom Tier- und Pflanzenreich, weswegen man wahr- 
nimmt, daB Tiere und Menschen Verbannte sind aus der geistigen 
Welt - der Mensch der auBeren physischen Gestalt nach -, das nimmt 
man zunachst wahr, indem man durch die Pforte des Todes eintritt in 
die geistige Welt. Da macht man eine Entwickelung durch, und man 
kommt dazu, daB einem immer mehr und mehr nach dieser Welten- 
mitternacht, die ich in dem Mysteriendrama beschrieben habe, klar 
wird : Da fehlt etwas, und was da fehlt, das ist gewissermaBen davon- 
gelaufen aus der geistigen Welt. Dem lauft man nach durch die Ge- 
burt und findet es dann im mineralischen und Pflanzenreich auf der 
physischen Erde. Uber das Mineral- und pflanzliche Reich ist man 
eigentlich nicht erstaunt, wenn man durch die Geburt ins Dasein tritt, 
denn man hat es erwartet. DaB man auch hier auf der physischen Erde 
Tiere findet und den Menschen mit einer auBeren Gestalt, die nur 
vollkommener ist, aber an das Tier erinnert, das ist etwas, was einen 
einigermaBen erstaunt, nachdem man geboren worden ist mit der Be- 



wuBtseinsveranlagung. Man fangt aber an, es zu begreifen, wenn man 
weiG : Mit dieser auBeren Gestalt der Tiere und Menschen ist ja ein 
Anfang gegeben, der erst weiterwachst in der Welt, in die man ein- 
tritt durch die Todespforte. 

Man konnte sagen: Fiir die abstrakten und vollstandig ausgedorrten 
Glaubensvorstellungen, die noch geblieben sind-fniher waren jadiese 
Vorstellungen viel lebendiger und gaben dem Menschen wirklich 
etwas - in unser BewuJBtseinszeitalter herein, fiir die steht zu unvermit- 
telt [nebeneinander] dasjenige, was die Menschen hier in der physi- 
schen Welt wahrnehmen, und dasjenige, was sie sich vorstellen sollen, 
daB es der Welt zugrunde liegt, welche der Mensch durchlebt zwischen 
dem Tod und einer neuen Geburt. Das, was der Mensch durchlebt zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt, bleibt deshalb heute den 
Menschen so zweifelhaft und kann so leicht von dem grob materiali- 
stischen Geiste geleugnet werden, weil ja der Mensch, indem er in das 
Zeitalter der BewuBtseinsseele, das heiGt, ins inteliektuelle Zeitalter 
eingetreten ist, dadurch nur in Spiegelbildern im BewuBtsein lebt, 
wie ich ausgefuhrt habe. Er kann also auch nur in Spiegelbildern le- 
ben, wenn er iiber die Wahrnehmungen hinausgeht, in die ihm, wie ich 
Ihnen angedeutet habe, im Aufstehen der FiiBe der Wille hineinspielt. 
Aber wenn kein Wille hineinspielt - und ins unsterbHche Leben nach 
dem Tode spielt ja kein Wille hinein - und der Mensch nur darauf an- 
gewiesen ist, in den Spiegelbildern des Vorstellens das vor seine Seele 
zu riicken, was die Welt ist zwischen dem Tod und einer neuen Ge- 
burt, dann wird ihm diese Welt zweifelhaft, nicht nur gespenstig, son- 
dern zweifelhaft. Ja, man kann sogar folgendes sagen: Wenn sich die 
Menschen darauf versteifen wiirden, nur Naturwissenschaften gelten 
zu lassen, nur die gespenstige Welt sich vor Augen zu riicken, welche 
die Naturwissenschaft gibt, so haben sie eigentlich recht, das Leben zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt, uberhaupt das Leben nach 
dem Durchgang durch die Todespforte zu leugnen. . Denn was die 
Naturwissenschaft gibt, sind ja nur Bilder, ist ja gespenstig. Und das 
hort auch auf, indem der Mensch durch die Todespforte tritt. Die 
Naturwissenschaft kann nichts enthalten von dem, was der Mensch 
erlebt in dem Reiche nach dem Tode und vor der Geburt. Denn sehen 



Sie: In den Mineralogiebiichern und in den Botanikbiichern und in 
aliem, was damit zusammenhangt, Physiologie, Geologie und so wei- 
ter, in all den Vorstellungen, die Sie iiberhaupt aufnehmen konnen 
iiber Pflanzen und Mineralien, da konnen Sie ja nur etwas aufnehmen 
iiber Wesen, die hier hinein verbannt sind in die physische Welt. Und 
wiederum in den Tieren und in den Menschenkorpern konnen Sie 
auch nur etwas wahrnehmen, was hier hinein verbannt ist - auch in 
den Zoologiebiichern und Anthropologiebiichern -, und damit setzt 
sich ja im Grunde, wenn man das im weitesten Sinne denkt, alles Wis- 
sen zusammen: Sie konnen nur dasjenige wahrnehmen, was hier in 
der Verbannung lebt. Aber wenn Sie bedenken, daB vor der Geburt 
Ihnen die Wesen gerade fehlen - also da sind sie ja nicht -, die Sie 
hier erleben nach der Geburt, daB in Tieren und Menschen dasjenige 
erlebt wird, was hier nicht vorhanden ist, so werden Sie begreifen, daB 
in das gewohnliche naturwissenschaftliche Vorstellungsleben gar 
nichts von dem unsterblichen Leben hereingehen kann, daB die Natur- 
wissenschaft von sich aus ganz recht hat, wenn sie sich um das un- 
sterbliche Leben gewissermaBen nicht kiimmert, weil sie in Bildern 
lebt. Und daher ist es so, daB in dem Zeitalter seit dem 15. Jahrhun- 
dert, in dem die naturwissenschaftlichen Vorstellungen alle Kreise 
beherrschen, der Mensch auf der einen Seite gewissermaBen die 
robuste, rohe Natur hat, die ihm eigentlich allein als Wirklichkeit gilt, 
und auf der andern Seite ein Reich, das er nur mit den abgeschwachten 
Spiegelbildern des Zeitalters der BewuBtseinsseele erreichen will, wo 
es ihm eigentlich so vorkommt, wie wenn er sich sagt: Nun, indem 
ich darauf komme, daB das nur Spiegelbilder sind, die ich da denke - 
und im UnterbewuBtsein kommt er darauf, denn dann wird er 
ein Zweifler an der Unsterblichkeit -, dann ware ich, wenn ich 
glaubte, daB diese Spiegelbilder und auch mein eigenes Spiegelbild 
nach meinem Tode noch da seien, ebenso dumm, wie wenn ich 
glaubte, daB mir aus dem Spiegel an der Wand die Menschen ent- 
gegenkommen, daB sie nicht bloB sich spiegelten, sondern mir 
entgegenkamen. 

Es liegt einfach im Charakter dieses Zeitalters der Entwickelung 
der BewuBtseinsseele, daB dem Menschen, wenn er nicht aufriicken 



will zu einer geistigen Erfassung der Welt, immer mehr und mehr 
der Zusammenhang schwindet mit der Welt, in die er eintritt, wenn 
er durch die Todespforte ttitt. Und es schwindet ihm aus der Vor- 
stellung, es schwindet ihm aus dem bewuBten Leben, aber es schwin- 
det ihm nicht aus der Sehnsucht. Und selbst die schlimmsten Unsterb- 
lichkeitsleugner haben in ihren Untergriinden in der Willenssphare, 
aus der ja die Sehnsucht stammt, sie haben Sehnsucht, von der Welt 
etwas zu erfahren, in die der Mensch durch die Todespforte eintritt, 
aus der er herausgetreten ist, indem er durch die Geburtspforte ge- 
gangen ist. Sehnsucht haben sie. An dieser Sehnsucht ist sogar die 
Gegenwart krank. Und die mancherlei Krankheiten der Gegenwart 
driicken sich aus, weil diese Sehnsucht in den Menschen waltet und 
der Mensch keine bewuBten Vorstellungen fur diese Sehnsucht finden 
kann. Wenn etwas in unserer Willenssphare lebt, was der Mensch mit 
der Vorstellung nicht bewaltigen kann - man muB da wiederum sehr 
radikale Begriffe entwickeln, wenn man iiber diese Dinge redet -, 
dann fangt er an zu toben. Das ist das Wesen des Tobens, der Tob- 
sucht, daB etwas in der Willenssphare lebt, was der Mensch nicht mit 
seinem Vorstellungsvermogen umfassen kann. Und wenn die Men- 
schen sich nicht dazu bequemen werden, einzugehen auf die Erfas- 
sung der geistigen Welt, um durch das Erfassen der geistigen Welten 
dasjenige zu umfassen, was in der Willenssphare sich schon heraus- 
gestaltet, dann wird die Toberei in der Welt immer groBer und groBer 
werden, die Toberei, die sich heute als das nachste Stadium nach dem 
nicht eintretenden, aber von den Menschen immer erhofften Friedens- 
schluB eben fur die Menschen einstellt. Das ist nicht etwas, woniber 
man reden kann wie in einem Kegelklub, wo man nach den gewohn- 
lichen philistrosen Vorstellungen meint, da oder dort iiber das oder 
jenes Abhilfe schaffen zu konnen, indem man sich verstandigt, nein, 
das ist etwas, was mit dem tiefsten Wesen der menschlichen Entwicke- 
lung zusammenhangt. Der Mensch kann sich nicht dagegen strauben, 
daB dasjenige in ihm sich entwickelt, was in seine Willenssphare ein- 
tritt. Daniber hat er keine Macht. Er kann nur sich dazu entschlieBen, 
bewuBt in die Geistessphare so einzudringen, daB er das verstehen 
lernt, was in seine Willenssphare eindringt. Dadurch wird an Stelle 



der Toberei geordnetes Menschen2usammenleben sich entwickeln 
konnen in der Zukunft. 

Sie sehen, es ist keine Angelegenheit, die den Menschen nur sub- 
jektiv angeht, daB der Mensch sich hinwende zur geistigen Welt, die 
sich offenbaren will durch eine besondere Welle des Geschehens in 
unserer Zeit, sondern es ist eine objektive Notwendigkeit, daB der 
Mensch sich der geistigen Welt zuwendet im Zeitalter der BewuBt- 
seinsseele. Denn Veranderungen sind eben eingetreten in der Mensch- 
heitsentwickelung. 

Bis zu dem Zeitpunkt, in dem sich abgespielt hat im Erdenleben 
das Mysterium von Golgatha, kam alles das, was der Mensch brauchte, 
urn in der Welt hier einigermaBen sicher zu stehen, eben aus dem 
Schlafe. Man hat anders geschlafen, wenn das auch die heutigen Phy- 
siologen nicht zugeben, vor dem Mysterium von Golgatha, als man 
jetzt schlaft. Solche prophetischen Naturen, denen sich in Traumen so 
GroBattiges geoffenbart hat wie den hebraischen Propheten, die gibt 
es daher auch in dieser Form nicht mehr; denn den Seinen gibt es der 
Herr heute nicht mehr im Schlafe. Er hat es ihnen gegeben. Das ist 
eben der groBe Ubergang in der Entwickelung. Und nicht nur den 
prophetischen Naturen wurden die Bilder der Zukunft gegeben, son- 
dern die Gedanken wurden den Menschen noch bis in die griechische 
Zeit hinein aus dem Schlaf heraus gegeben. Wenn man aufwachte, 
brachte man sich die Gedanken mit. Es war der menschliche Organis- 
mus noch so konstruiert, daB man sich die Gedanken mitbrachte. Das 
hat noch eine Weile nachgewirkt, obschon die Sache so war, daB die 
Menschen eigentlich schon im 15. Jahrhundert kopflos geworden 
sind - verzeihen Sie! -, das heiBt: Der Kopf war nicht mehr recht zu 
brauchen, der Kopf konnte nicht mehr aus dem Schlaf heraus die 
Gedanken mitbringen. 

Es ist schon ein Resultat der Geisteswissenschaft, zu erkennen, daB 
unser Kopf seit dem 15. Jahrhundert ein recht viel weniger brauch- 
bares Werkzeug geworden ist, viel vertrockneter ist, als er vorher 
war. Aber so recht bemerklich macht sich das erst in der Gegenwart, 
und es wird sich immer mehr bemerklich machen, wenn nicht ein Er- 
satz geschaffen wird, so daB das Ausgedunstete des Kopfes wiederum 



von der geistigen Welt her ersetzt wird. Denn bis in unsere Zeit, bis 
in das 19. Jahrhundert herein, da war noch immer die andere Natur, 
die Brustnatur des Menschen gewohnt an das, was der Kopf aus dem 
Schlafe heraus noch wahrend der griechisch-lateinischen Zeit bekam. 
Die Brustnatur war daran gewohnt, und da haben die Menschen noch 
die nachwirkenden Impulse in ihre Kopflosigkeit herein gehabt. Sie 
war noch daran gewohnt; ich mochte sagen, die Geste des Gedankens, 
den Schatten des Gedankens hatten die Menschen noch. Aber auch 
dieser Schatten wird vergehen, die Menschen werden gar keine Ge- 
danken haben, wenn sie sich nur ihrem Kopfe iiberlassen wollen. Und 
so ist es ja auch, und es zeigt sich darin, dafi die Menschen nicht den- 
ken wollen. Immer weniger wollen sie denken. Sie mochten auf der 
einen Seite sich von der Natur die Gedanken diktieren lassen, am 
liebsten bloB experimentieren und sich vom Experiment sagen lassen, 
was sie denken sollen. Selber denken mochten die Menschen nicht. 
Dazu haben sie auch gar kein rechtes Vertrauen, denn was sie aus- 
denken, das, meinen sie, ist ja doch keine Wirklichkeit. Es ist ja auch, 
wenn man die bloBen Gedanken nimmt, keine Wirklichkeit. Aber 
man kann gewaht werden: Das Denken, nicht die Gedanken, das muB 
aktiv werden. Dieses Aktivwerden des Denkens, das kommt von dem 
Hereinspielen der geistigen Welt. Und Sie konnen heute, wenn Sie 
wirklich anfangen, aktiv zu denken, gar nicht anders, als die geistige 
Welt in sich hereinspielen zu lassen. Sonst denken Sie nicht, sonst 
denken Sie so wenig, wie die Naturforscher heute denken, die sich am 
liebsten vom Experiment oder der Naturforschung alles diktieren las- 
sen mochten, oder so wenig, wie heute die sozialen Forscher denken, 
die eigentlich, weil sie nicht aktiv sein wollen, weil sie nicht wirklich 
soziale Impulse erfassen, welche nur in der Aktivitat erfaBt werden 
konnen, mit dem arbeiten, was historisch erforscht werden kann, was 
Vererbung ist. Denken Sie doch nur einmal, wie die Menschen darauf 
verfallen sind, weil sie nicht mehr selbst die Impulse haben, durch 
welche die soziale Struktur geschaffen werden kann, zuriickzuschauen 
in die Zeit, wo noch Gedanken sich gebildet haben. Die Menschen 
sehen nur von einem falschen Gesichtswinkel aus die Sache an. 
Rousseau war es, der den Menschen den Naturzustand vorgemacht 



hatte, weil er es spiirte: aus der Gegenwart kann man nichts gewin- 
nen, wenn man nicht aktiv wird im Sinn der Erkenntnis hoherer Wel- 
ten. Und der moderne Sozialismus, der ergeht sich am Hebsten dar- 
innen, Urzustande der Menschheit zu studieren - das ist ja dasjenige, 
worein sich besonders die Sozialisten vertiefen primitive Zustande 
zu studieren, zu studieren an allerwildesten Urvolkern und primitiv- 
sten Volkern, um zu verstehen, wie die Menschen in der sozialen 
Zusammenfassung sein sollen. Wer mit diesen Sachen bekannt 
ist, der weiB das. Oberall eine gewisse Furcht vor dem, was so 
notwendig hereindringt als die erste Morgenrote des Zusammen- 
hangs mit der geistigen Welt, eine gewisse Furcht vor dem aktiven 
Denken. 

Daher versteht man so schwer dasjenige, was auf aktives Denken 
Anspruch macht, wie zum Beispiel meine « Philosophic der Freiheit». 
Da sind die Gedanken anders, als die heut iiblichen Gedanken sind. 
Und beim Lesen dieses Buches horen die Menschen manchmal sehr 
bald auf zu lesen, aus dem einfachen Grunde : sie mochten es lesen wie 
ein anderes Buch. Aber, nicht wahr, die andern Bucher, die man heute 
besonders gern hat, nun, die liest man, setzt sich hm auf die Chaise- 
longue, legt etwas den Riicken zuriick, dann wird man moglichst 
passiv und lafit so die Gedankenbilder vorbeigehen. Manche Men- 
schen betreiben ja das Lesen schlieBlich iiberhaupt nur noch so. Be- 
triigen Sie sich nicht, indem Sie glauben, daB sie die Zeitungen oft- 
mals anders lesen, diese Menschen - nicht wahr, die Anwesenden sind. 
immer ausgenommen, selbstverstandlich -, es mischen sich nur manch- 
mal Emotionen hinein, Sorgen hinein; aber auch die Zeitungen, die 
so sensationell aufgenommen werden, die werden auch so gelesen, 
daB die Bilder so vorbeihuschen. Ja, so laBt sich so etwas, wie es ver- 
sucht worden ist darzustellen in der « Philosophic der Freiheit», nicht 
lesen. Da muB man sich immerfort einen Ruck geben, damit diese 
Gedanken einen nicht einschlafern. Denn darauf ist nicht gerechnet, 
daB man auf der Chaiselongue bloB sitzt. Man kann ja sitzen, selbst- 
verstandlich, kann sogar den Riicken zurucklehnen, aber man muB 
dann versuchen, aus dem ganzen Menschen, gerade dadurch, daB man 
die auBere Leiblichkeit in Ruhe gebracht hat, das innere geistig- 



seelische Wesen in Bewegung zu setzen, so daB das ganze Denken in 
Bewegung kommt. Anders geht es nicht vorwarts, sonst schlaft man 
ein. Es schlafen auch viele dabei ein, und das sind nicht einmal die 
unehrlichsten. Die unehrlichsten sind diejenigen, welche die «Philo- 
sophie der Freiheit» lesen wie ein anderes Buch und dann glauben, 
dafi sie wirklich die Gedanken verfolgt haben. Sie haben sie nicht ver- 
folgt, sondern sie haben sie nur so iibersetzt wie Worthulsen; sie lesen 
nur so die Worte und nehmen nicht heraus, was eigentlich aus den 
Worten erst folgt, wie wenn man am Feuerstein den Stahl schlagt. 
Das ist schon dasjenige, was beansprucht werden muB von dem, was 
in der Gegenwart und in der nachsten Zukunft in die Menschheits- 
entwickelung eingreifen muB, denn dadurch wird die Menschheit all- 
mahlich in gesunder Art sich in die geistige Welt hinauf erheben. An 
dem aktiven Denken wird sich entzunden die innere Verwandtschaft 
des Menschen mit der geistigen Welt, und dann wird der Mensch 
immer weiter hinauf kommen. Er kann ja heute schon sehr weit kom- 
men, wenn er solche Dinge beobachtet, wie sie in «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben sind. Aber auch da 
ist hinlanglich darauf hingedeutet, daB es doch notwendig ist, daB das 
koharente, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, das zusam- 
menhangende Denken, wo niemals der Gedankenfaden abreiBt, son- 
dern alles am Gedankenfaden verfolgt wird, vorzugsweise entwickelt 
werde. 

Aus alten Zeiten mischt sich in diese heute noch mehr oder weniger 
unklar und unbewuBt gebliebene Sehnsucht, mit dem bewuBten Den- 
ken aufzuriicken in die Sphare, wo die Geister sind - was man kann -, 
es mischt sich erst recht hinein ein miides Verharrenwollen beim in- 
koharenten Denken. Ich habe schon neulich darauf aufmerksam ge- 
macht: Es ist den Menschen unbequem, immer fortschreiten zu sol- 
len mit dem bewuBten Denken von Schritt zu Schritt. Sie mochten 
Heber durch ein mehr unbewuBtes, nicht mit den Gedanken zu ver- 
folgendes Gebiet gehen, und dann erst wiederum den nachsten Schritt 
machen, nicht wahr? Es ist nicht so, daB man Geisteswissenschaft, 
wie sie hier gemeint ist und die, wie Sie wissen, in gesunder Weise 
rechnet mit dem steten Verfolgen der Gedanken, nicht verstehen 



kann, wenn man die Gedanken wirklich rege macht; sondern es wiin- 
schen die Menschen nur, sie anders zu verstehen, als man sie verstehen 
muB. Statt eines steten Verfolgens des Gedankens wiinschen die Men- 
schen, daB der Gedankenfaden immer abreiBt. Wenn Sie sich ver- 
tiefen in das, was Ihnen die Geisteswissenschaft gibt, dann konnen 
Sie, wenn Sie sich nur wirklich energisch vertiefen - haben Sie Geduld, 
das kann im heutigen Zeitalter nur in Andeutungen noch vorhanden 
sein -, schon heute, indem Sie die Kraft der Gedanken entwickeln, 
um mit den Gedanken Saturn, Sonne und Mond zu verfolgen, wie sie 
in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» beschrieben sind, diese 
Entwickelung bis da herein verfolgen, wo der Mensch dasteht in der 
Welt, und bis in Ihr eigenes Leben dringen, und mit dem also inten- 
siver gemachten Gedanken Ihr eigenes Leben durchdringen. Dann 
kommen Sie zu gewissen, wenn auch anders aussehenden, als man es 
haben wollte, aber durchaus in dem Zusammenhange, in der Koharenz 
des Denkens liegenden Vorstellungen, die Sie aufklaren iiber Ihr 
Wesen, iiber die Art, wie Sie sind, iiber Ihren Charakter. Sie konnen 
namlich, indem Sie wirklich lebendig machen, was iiber Saturn, Sonne 
und Mond und dann iiber die Erdenentwickelung gesagt ist, und das 
anwenden auf sich als einzelnen Menschen, fortschreiten bis zu Ihrem 
eigenen Wesen, nur miissen Sie mit dem Gedanken fortgehen zu Ihrer 
Selbstanschauung, nicht den Gedanken abreiBen lassen, sondern ko- 
harent den Gedanken lassen, ihn zusammenhangen lassen. Das, was 
der Mensch heute auf diese Weise rechtmaBig beginnt, klart ihn bis 
zu dem Grade, bis zu dem er aufgeklart sein soil, iiber sein eigenes, 
personliches Wesen auf. In diese Sehnsucht, die aber beim Menschen 
mehr oder weniger unbewuBt noch vorhanden ist, mischt sich etwas 
anderes hinein mit dem AbreiBen des Gedankenfadens, so etwas Er- 
rechnetes. Der Mensch mochte iiber sein Wesen Auf klarung gewin- 
nen. Was tut er? Er nimmt eine alte, antiquierte Wissenschaft, die 
durchaus in bezug auf ihre Ehrwiirdigkeit nicht herabgesetzt werden 
soil, selbstverstandlich, aber die einer Erklarung bedarf, wenn sie in 
das neue Zeitalter hereingestellt werden soil, und rechnet, wobei er 
alle Augenblicke den Gedankenfaden abreiBen laBt, Sternkonstella- 
tionen aus; nachher kann der Gedankenfaden abreiBen, und rein 



auBerlich, ohne Denken soli sich entwickeln dieses Wesen des Men- 
schen, so wie er dasteht auf der Erde. 

Sehen Sie: Die romisch-katholische Kirche, wie ich gestern dar- 
gestellt habe, verleugnet dasjenige, was heute das Allernotwendigste 
ist; aber gerade wenn man so etwas nimmt wie die Beschreibung der 
inneren Beschauung des Johannes vom Kreuz, so kann dieses erfullt 
werden, wenn man heute im Sinne der Entwickelung lebt, entspre- 
chend «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Was in 
diesem Buche enthalten ist, das ist - gerade fur die heutige Zeit - die 
Befolgung desjenigen, was ein Mensch wie der heilige Johannes vom 
Kreuz will, wahrend die katholische Kirche das ableugnet und heute 
noch immer die alte Art des Johannes vom Kreuz auch auf den heu- 
tigen Menschen angewendet wissen will, wie es auch manche Men- 
schen tun. Sie wollen nicht, weil sie zu bequem sind, jenes aktive 
Leben im Geiste, das schon auf einer sehr stark wirkenden Stufe vor- 
handen ist, wenn man solche Vorstellungen aufnimmt, wie sie in der 
Geisteswissenschaft gegeben werden. Sie wollen das in gebrauchliche- 
ren Gedanken bis in die unmittelbare Gegenwart herein fortsetzen, 
wollen lieber beim alten bleiben, damit ihnen herausspringe aus den 
Ungedanken dasjenige, was sie aufklaren soil iiber ihren gegenwar- 
tigen Menschen. Selbstverstandlich ist iiber das also Ehrwurdige kein 
absprechendes Urteil gefallt; aber hingewiesen werden muB von alien 
Seiten darauf, daB man dasjenige nicht verleugnen darf, was in den 
geistigen Notwendigkeiten der gegenwartigen Menschheitsentwicke- 
lung, die in das Zeitalter der BewuBtseinsseele eintritt, eben gelegen 
ist. Darum handelt es sich, daB man wirklich versteht, was heute von 
dem Menschen gewollt wird in der Weltenentwickelung. Ich glaube, 
wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf - es ist ja nur eine «facon 
de parler» daB aus dem rechten Empfinden gerade desjenigen, was 
die Menschen heute unbequem finden und nicht wollen, immer mehr 
und mehr sich die bessere Stellung zur Geisteswissenschaft ergeben 
wird, und erst, wenn sich diese bessere Stellung zur Geisteswissen- 
schaft ergibt, dann wird diese auch das soziale Leben befruchten. 
Dann wird der Mensch iiber das Menschenleben sich aufklaren kon- 
nen, weil er dann nur die starken Gedanken hat, um sich iiber das 



Menschenleben aufzuklaren. Denn bei dieser Aufklarung iiber das 
Menschenleben, da leidet der gegenwartige Mensch an einem sehr 
miBlichen Umstande. Ob Sie Leninist oder Trotzkist oder ob Sie 
Marxist sind, oder ob Sie sonst irgendwie denken, die soziale Struktur 
des Menschen in der richtigen Weise auszuformen: in alldem lebt ein 
miBlicher Umstand, der nicht durchschaut wird, auch praktisch nicht 
durchschaut wird, wenn man nicht von Geisteswissenschaft sich be- 
fruchten laBt. Nicht wahr, der Mensch ist ja nun einmal ins Zeitalter 
der BewuBtseinsseele eingetreten. Er muB bewuBt entwickeln das- 
jenige, was als soziale Struktur sich erhebt. Anders geht es gar nicht. 
Er muB bewuBt drinnenstehen in der Welt; es ist einmal notwendig, 
daB der Mensch bewuBt drinnensteht. Nur soli er auch das Verhaltnis 
von Mensch zu Mensch, das Leben in der Sozietat, das soziale Leben 
bewuBt auffassen. Daran hindert ihn namlich ein miBlicher Umstand. 
Das Fatale ist, daB der Mensch immer nur einen Menschen vorstellen 
kann. Genau ebenso, wie nicht zwei Menschen - physische Menschen, 
meine ich -, wie nicht zwei Dinge - physische Dinge meine ich jetzt 
wiederum - gleichzeitig an einem Ort sein konnen, was das Gesetz 
der Undurchdringlichkeit ausmacht, so konnen im menschlichen Be- 
wuBtsein nicht gleichzeitig zwei Menschen sein, gleichzeitig zwei 
Menschen wirklich real vorgestellt werden. Das ist sehr wichtig, daB 
man das beriicksichtigt. Aber man kann nicht mit dem andern Men- 
schen leben, ohne daB man ihn vorstellt, und man kann auch kein 
Wissen iiber das soziale Zusammenleben ausbilden, ohne daB man 
den andern Menschen vorstellt. Aber heute ist es so, daB der Mensch, 
weil er immer nur einen Menschen vorstellen kann, es gewohnlich 
vorzieht, nur sich vorzustellen, seinen Menschen vorzustellen. Und 
das soziale Denken begniigt sich auch damit, ein Zusammenleben zu 
fordern, wo immer nur der Mensch selbst von sich vorgestellt wird. 
Der Mensch kommt nicht los von der Vorstellung seines Selbstes ; er 
redet sich oft ein, davon loszukommen, aber er kommt in Wirklich- 
keit heute noch nicht leicht davon los. Nur wenn er sich bemiiht, die 
Zumutungen zu erfullen, die durch die Geisteswissenschaft gestellt 
sind, dann gewinnt er allmahlich die Moglichkeit, von sich etwas los- 
zukommen. Denn Geisteswissenschaft setzt solche Gedanken in die 



Welt, die sehr weite Perspektiven erreichen. Dadurch kommt der 
Mensch in die Gewohnheit hinein, von sich loszukommen. Wie der 
Mensch heute, wenn er Spiritist wird, noch egoistischer wird, als er 
friiher schon war, so wird er selbstloser, wenn er auf dem andern 
Wege, auf dem Wege der Geisteswissenschaft in die geistige Welt ein- 
dringen will. Daher ist Geisteswissenschaft nicht bloB die Uberliefe- 
rung einer Wissenschaft, sondern ist tatsachlich dasjenige, was fur die 
Erziehung der gegenwartigen Menschheit zum sozialen Leben un- 
bedingt notwendig ist. Daher wird auch kein Heil entstehen, wenn 
man nicht in diesem Punkt anfangt, wenn man nicht wirklich daran 
denkt: bei dem Vorstellen muB angefangen werden. Man kann nicht 
sozial reformieren, wenn man nicht beim Schulwesen anfangt, beim 
Unterricht der Menschen anfangt. Und versaumt man dieses, so ver- 
saumt man die Moglichkeit, daB die Menschen Begriffe aufnehmen, 
welche ihre Sehnsuchten umfassen. Und sie werden immer tobsiich- 
tiger werden, die Menschen, Wenn ich mich radikal ausdriicken 
will. 

Also so ist der innere Zusammenhang. Man mochte nur, daB gerade 
dieser innere Zusammenhang uberschaut wiirde. Man mochte, daB 
vor alien Dingen dieser innere Zusammenhang gefiihlt werde von 
jedem, welcher an die Geisteswissenschaft herantritt und in ihr bis zu 
dem einen oder bis zu dem andern Punkt leben mochte. Das ist etwas, 
was iiberlegt sein will von jedem, der es mit der Geisteswissenschaft 
und mit der geisteswissenschaftlichen Bewegung ernst nehmen will. 
Es laBt sich nicht gut iibersehen, es laBt sich nicht gut auBer acht las- 
sen, daB, wenn man zur Geisteswissenschaft in eine Beziehung tritt, 
von der Geisteswissenschaft in gewissem Sinne die Anforderung an 
das Menschengemut ja gestellt wird, die Interessen iiber die engen 
personlichen Interessen hinaus zu erweitern. Es ist wirklich so, daB, 
indem von Geisteswissenschaft gesprochen wird, man einfach von 
Dingen spricht, welche notwendig machen, wenn man sich in ein 
richtiges Verhaltnis zu ihnen setzen will, daB der Mensch sich von 
seinen engsten Interessen loslost. Er soil nur keine Angst bekommen, 
daB er deshalb ein unpraktischer Mensch wird; er wird ein viel prak- 
tischerer. Dasjenige, in das sich die Menschen nach und nach hinein- 



gebracht haben dadurch, daB sie so ungeistig geworden sind, das ist 
ja nur der Glaube, daB sie praktisch sind. In Wirklichkeit sind ja die 
Praktiker heute furchtbar unpraktische Leute. Und die Praktiker 
haben ja eigentlich diese Katastrophe der Menschheit herbeigefuhrt. 
Und darinnen liegt schon etwas ungeheuer Wichtiges, da6 man eigent- 
lich immer voraussetzen muB, wenn man recht verstehen will das 
Geisteswissenschaftliche: Loslosen muB man sich von seinen engsten 
Interessen. Man muB etwas loskommen von seiner unmittelbaren 
Personlichkeit, denn es tut nicht gut, wenn man in die geisteswissen- 
schaftliche Bewegung die engen personlichen Interessen hereintragt. 
Das bewirkt gerade immer irgendeinen Unfug in dem Verhaltnis, 
durch das man zur Geisteswissenschaft in Beziehung tritt. Darinnen 
liegt ja natiirlich auch dasjenige, was heute die geisteswissenschaft- 
liche Bewegung noch schwierig macht. Manchmal haben die Men- 
schen theoretisch und abstrakt den guten Willen, in die Geisteswissen- 
schaft hineinzugehen mit ihrem eigenen Denken und Fuhlen und 
ihrem Wollen, aber sie bringen doch nicht ganz die Kraft auf, nun 
wkklich in die Losgelostheit einzutreten, die doch schon einmal ge- 
fordert werden muB, um richtig zu verstehen, was vom Standpunkt 
der Geisteswissenschaft aus gesprochen wird. Also eine Art von Gei- 
steszustand, der nicht ohne weiteres in der heutigen Welt vorhanden 
ist, sondern wovon vielfach das Gegenteil in der heutigen Welt vor- 
handen ist, der wird gefordert, wenn geisteswissenschaftliche Be- 
wegung heilsam sein soil. Denn dadurch unterscheidet sich das ehr- 
liche Vorbringen geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse von allem 
andern, was in der Gegenwart auftritt, daB dieses ehrliche Vorbringen 
geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse ja auch keine personliche An- 
gelegenheit ist, nicht das Vorbringen einer personlichen Meinung. 
Wiirde ich die Ansicht haben mussen, daB ich nur personliche Mei- 
nungen vortrage, daB ich nicht dasjenige vortrage, was sich eben 
heute offenbart, was gerade der Menschheit notwendig ist, so wiirde 
ich lieber schweigen. Denn personliche Meinungen und personliche 
Aspirationen geltend zu machen in einer geisteswissenschaftlichen Be- 
wegung, das ist eigentlich etwas Unerlaubtes. E>as sollte nicht statt- 
flnden. Gerechtfertigt ist eine solche Bewegung, wie sie hier angestrebt 



wird, nur dann, wenn vorKegt der Wille, nur das vorzubringen, was 
sich aus der geistigen Welt heraus beobachten laBt. 

Nicht wahr, wenn Sie erzahlen, wie irgendeine Stadt ausschaut, so 
konnen Sie ja unter Umstanden interessant oder langweilig erzahlen, 
aber wie die Stadt ausschaut, hangt doch nicht von Ihnen ab. Sie er- 
zahlen Objektives. So wenig muB, was Sie selbst wollen, was Sie 
selbst meinen, in der Geisteswissenschaft zum Ausdruck kommen. Es 
muB das geistig Beobachtete in der Geisteswissenschaft nach den heu- 
tigen Anforderungen wirken. Wer selbst nur Personliches eigentlich 
wollen kann, der kann das, was in einer geisteswissenschaftlichen Be- 
wegung walten soli, eigentlich deshalb doch nur mangelhaft verste- 
hen. Er verwechselt immer dasjenige, was in einer geisteswissenschaft- 
lichen Bewegung, wie sie hier gemeint ist, walten soil, mit etwas 
anderem, was so recht erst wiederum aus der Personlichkeit genom- 
men ist. Wie viele kommen an die Geisteswissenschaft heran und 
mochten gerade dasjenige, was ihnen paBt als ihre Meinung, durch 
die Geisteswissenschaft gerechtfertigt haben. Mit jenem offenen Sinn, 
der notwendig ist fur das Empfangen der Geisteswissenschaft, ist man 
nicht immer ausgeriistet. Man ist vielmehr oftmals an die Geistes- 
wissenschaft herankommend mit etwas ganz anderem als diesem offe- 
nen Sinn. Man hatte gern, wenn dies oder jenes wahr ware und man 
dann auf irgendeine Weise - indem man zugibt, der geisteswissen- 
schaftliche Forscher kann liber die Wahrheit etwas wissen - sich ein- 
redet: Das, was man selber meine, das sage er. Dann ist einem das 
angenehm. Aber man muB diesen feinen Unterschied bemerken; es ist 
ein feiner Unterschied, aber es ist ein ungeheuer weithin strahlender 
Unterschied, ein weithin bedeutsamer Unterschied, ob man nun wirk-. 
lich die Mitteilungen aus der geistigen Welt aufnehmen will, oder ob 
man eigentlich nur bestatigt haben will, was einem selbst als Meinung 
gefallt. Und man wird nur in sorgfaltigster Selbsterforschung, in ge- 
wissenhafter Selbsterforschung den Unterschied finden. Den Unter- 
schied bemerkt mancher nicht, der zur Geisteswissenschaft heran- 
kommt; aber dieser Unterschied muB bemerkt werden. Und bemerkt 
man diesen Unterschied, dann wird man schon gewahr werden, daB 
durch eine geisteswissenschaftliche Bewegung etwas von einem neuen 



Lebensstrom, der vorher nicht da war, gehen muB. Es kann wirklich 
nicht so sein, daB eine geisteswissenschaftliche Bewegung nur ein 
sanfter Windzug ist, der dem entgegenkommt, der die Philisterhaftig- 
keit seines bisherigen Daseins dieser Geisteswissenschaft entgegen- 
bringt und nun glaubt, dasjenige, was er so gern fur wahr erkennen 
wiirde aus dieser Phiiisterhaftigkeit heraus, bekraftigt zu sehen durch 
diese Geisteswissenschaft. 

Geht man in diesem Punkte ernst und gewissenhaft vor, will man 
nicht bloB das bestatigt haben, was man eigentlich selber meint, dann 
wird man sich auch auseinandersetzen mit mancherlei Dingen, die 
gerade in einer geisteswissenschaftlichen Bewegung als, ich mochte 
sagen, neue Dinge auftreten miissen, und die zum Schaden werden 
miissen, wenn man sie nicht beachtet. In einer solchen im Anfange 
begriffenen Bewegung, wie es die geisteswissenschaftliche Bewegung 
ist, kann manches zum Schaden gereichen, was in alten, vertrockneten 
Bewegungen, die nichts mehr niitzen, oder wenig niitzen, nicht so 
sehr zum Schaden gereichen kann. In solche Feinheiten miiBte man 
sich eigentlich einlassen. Mit dem Bestreben, seine eigenen Meinun- 
gen, seine eigenen Aspirationen nur bekraftigt zu sehen von der gei- 
steswissenschaftlichen OfTenbarung her, hangt es dann zusammen, daB 
man eigentlich ein merkwiirdiges Retuschieren entfaltet mit Bezug auf 
dasjenige, was auftritt, ganz naturgemaB auftritt innerhalb einer gei- 
steswissenschaftlichen Bewegung. Man muB in der geisteswissen- 
schaftlichen Bewegung darauf aufmerksam sein, daB Erscheinungen 
mit Menschen nicht so genommen werden konnen wie in einem 
Kegelklub oder sonst irgendwo, wo sich die Menschen in ihrer gan- 
zen Breite, die sie durch die AuBenwelt bekommen haben, wo sie 
nichts Neues zu bekommen brauchen, enthiillen konnen. Man muB 
schon ernst machen damit, daB man nicht durch seine eigenen Vor- 
stellungen die Intentionen der Geistesforschung bezeugen soil, son- 
dern man muB da wirklich sich bereit machen, die Dinge aufzuneh- 
men. Man soli sich doch vorstellen, daB da etwas hereinflieBen will in 
die Welt, das immer weiter und weiter sich ausbreiten soil, so daB 
man alles, was man aufnimmt, eigentlich mit dem BewuBtsein auf- 
nehmen sollte: Man wird manche Zusammenhange, die man jetzt 



noch nicht iiberschaut, erst spater iiberschauen. - Diesen guten Wil- 
len, gewissermaBen immer alles als Vorbereitung aufzunehmen, wird 
ja derjenige ganz gewiB nicht haben, der personliche Aspirationen in 
den geisteswissenschaftlichen Betrieb hineintragt, denn der will so 
schnell wie moglich mit den Dingen fer tig werden und biegt die Dinge 
nach seinen gewohnlichen Meinungen um. Er biegt nicht seine Mei- 
nungen nach der Geisteswissenschaft um, sondern er biegt die geistes- 
wissenschaftlichen Erkenntnisse nach seinen Meinungen um. Und so 
stellt sich oftmals besonders so etwas heraus, wie das ist, was ich in 
der folgenden Art charakterisieren mdchte. 

Nicht wahr, der Geisteswissenschafter muB ja die Welt in einer 
gewissen Weise beurteilen, die Welt der Natur und auch die Welt der 
Menschen. Darinnen besteht ja die geisteswissenschaftliche Erzie- 
hung, daB man sich und seine Umwelt und sein Verhaltnis zur Umwelt 
neu beurteilen lernt, daB man etwas tiefer hineinschauen lernt in die 
Welt. Nun kommt es sehr haufig vor, wenn es sich darum handelt, 
daB, sagen wir, das Verhaltnis von drei Menschen wirkt, gesagt wird: 
Ja, der Geisteswissenschafter B beurteilt den Menschen A in einer 
bestimmten Weise. - Und sehen Sie, sobald man nur ein wenig die 
Sphare iiberschreitet, die die gewohnliche Philistersphare ist, die ja 
heute haufig ist, dann konnen sich immer zwei Standpunkte geltend 
machen mit Bezug auf eine solche Urteilsbildung von Mensch zu 
Mensch. Der eine Standpunkt ist der Standpunkt der Vernunftigkeit, 
der zweite Standpunkt ist der Standpunkt des Mitgefuhles. So daB 
der B den A beurteilen kann, und je nachdem eine innere Notwendig- 
keit vorliegt, kann der B dem A gegeniiber bald einmal irgend etwas 
tun aus reinem Mitgefuhl. PaBt es dann dem C, die Sache abzulehnen, 
weil er nicht weiter daruber nachdenkt, weil er nicht voraussetzt: da 
konnte eine Notwendigkeit vorliegen des reinen Mitgefuhles, dann 
urteilt der aus reiner Vernunftigkeit und sagt: Wie kann man so etwas 
machen! - Oder aber es spricht diese innere Notwendigkeit so, daB 
man nun einmal nicht das Mitgefuhl, sondern aus gewissen Griinden, 
die vorliegen, die Vernunftigkeit walten MBt Ja, wenn es dem andern 
besser paBt, so laBt er jetzt das Mitgefuhl sprechen, und nun verurteilt 
er und sagt : Was ist der B fur ein nichtmitfuhlender Mensch ! Was ist das 



fur ein liebloser Mensch, was ist das fur ein trockener Vernunft- 
mensch ! Der beurteilt das nur von dem Standpunkt der Vernunftig- 
keit aus! - Und so konnen die starksten Verkennungen entstehen 
gerade bei demjenigen, der sich bemiiht, den inneren Nerv des Da- 
seins zu ergreifen, wo er manchmal etwas aus dem Vernunftigen, 
manchmal gerade etwas aus Mitgefuhl tun muB. Wenn es dem andern 
dann paBt, so beurteilt er das, was aus Vernunft geschehen ist, nach 
dem Gesichtswinkel des Mitgefuhls, das, was aus Mitgefuhl gesche- 
hen ist, nach dem Gesichtswinkel der Vernunft, und er kann immer 
verurteilen oder loben, je nachdem er will. Zum Richtigen kommt 
man nicht auf diesem Wege, zum Richtigen kommt man nur, wenn 
man sich erst fragt: Ich muB den Fall mir anschauen, ich muB an- 
schauen, aus welchem Grunde hier Mitgefuhl oder Vernunftiges ge- 
waltet hat. - Dadurch entstehen die kleinen MiBverstandnisse des 
Lebens, die sich oftmals zu den furchtbarsten Verheerungen inner- 
halb des menschlichen Zusammenlebens auswachsen, und liber die 
uns gerade hinwegtragen soli dasjenige, was die geisteswissenschaft- 
liche Erziehung in uns macht. Denn das Leben ist so, daB es sich 
dualistisch auBert, und weil es sich dualistisch auBert, kann man 
immer, je nachdem es einem paBt, irgendeinen Fall beurteilen. Das 
wird aber ganz wenig in Betracht gezogen, und das wird vor alien 
Dingen nicht in Betracht gezogen gegeniiber der geisteswissenschaft- 
lichen Lehre selber. Die muB auch aus gewissen Intentionen in die 
Welt gesetzt werden. Je nachdem es einem paBt, kann man den einen 
oder den andern Standpunkt im einzelnen Fall wahlen, wenn man 
nicht eingeht auf dasjenige, was aus tieferen Griinden heraus der Gei- 
stesforscher tun muB. Er kann oftmals miBverstanden werden. Und 
wenn man nicht eingeht auf dasjenige, was er tun muB aus innerer 
Verpflichtung gegenuber den Tatsachen, dann kann man alles miB- 
verstehen, denn die Welt auBert sich einmal dualistisch. 

Man kann zum Beispiel in folgenden Fehler verfallen: Man kann 
gerade, wenn man so recht darauf aus ist, das zu wollen, das bestatigt 
zu haben, was einem paBt, in den schlimmsten Autoritatsglauben ver- 
fallen. Gerade auf dem Gebiete, auf dem auch Geisteswissenschaft 
tatig sein will, die nur den Menschen zum ganz freien, auf sich selbst 



stehenden Wesen machen will, kann naturlich der Autoritatsglaube 
sich geltend machen, tut es auch im weitesten Umfange sehr haufig. 
Aber der andere Pol des Autoritatsglaubens ist der AutoritatshaB. 
Und im Grunde genommen ist ein Mensch, der nicht durch Eingehen 
auf die Tatsachen, die geofFenbart werden aus der geistigen Welt, sich 
zur Geisteswissenschaft hingedrangt fuhlt, sondern der von der Auto- 
ritat getragen diese Wahrheiten haben will und der an Autoritat glau- 
ben will, weil das bequemer ist, als auf die Dinge einzugehen, er ist 
so, daB er furchtbar leicht uberspringen kann vom Autoritatsglauben, 
der immer eine bestimmte Art von Autoritatsliebe hat, zum Autori- 
tatshaB. Und solche Erscheinungen, wie sie gerade in unserer Bewe- 
gung aufgetreten sind, dieses Uberspringen von blinder Autoritats- 
anbetung, die manchmal mit einer gewissen Schamlosigkeit sogar ein- 
gestanden wird in dem Momente, wo man dann zum HaB iibergegan- 
gen ist, dieses Ubergehen von blinder Autoritatsanbetung zum HaB, 
das ist schon etwas, was innerlich als eine Gefahr vorliegt. Das ist sehr 
wichtig, daB man diese Zusammenhange ins Auge faBt, denn diese 
Zusammenhange sind es, welche ungeheuer schwierig machen, eine 
geisteswissenschaftliche Bewegung heute in einer gedeihlichen Weise 
zu gestalten. Sie muB in gedeihlicher Weise um des Heiles der Mensch- 
heit willen gestaltet werden. 

Ich habe in meinem Leben eine ganze Anzahl von Menschen ge- 
funden, die geistige Menschen waren, die ehrlich gesucht haben nach 
einem Weg in die Geisteswissenschaft hinein, in, nun eben, so oder 
so geartete Geisteswissenschaft hinein, die auch in einer gewissen 
Weise vorgeriickt waren in ihrer Entwickelung. Ein gewisser Typus 
daraus waren Enttauschte, solche, die in irgendeiner von den jetzigen 
spirituellen Bewegungen enttauscht worden waren, und die einem 
dann da oder dort begegnet sind. Wie viele sind von der Blavatsky- 
Bewegung, der Besant-Bewegung, andern Bewegungen heute ent- 
tauscht! Die charakteristische Erscheinung ist nicht die, daB so 
kuriose Umschlage stattfinden, wie sie gerade bei uns in der anthropo- 
sophischen Bewegung stattfinden, sondern daB man da Leute finder, 
die in einer gewissen Weise geistig fortgeschritten sind; nachlangeren 
Zeiten findet man sie wiederum, aber sie sagen: Sie haben total un- 



recht! - Das ist nicht selten, daB man solche Menschen trifft. Die 
Geistigkeit ist heute iiberhaupt nicht sehr haufig, aber solche Men- 
schen gibt es schon, die einem nach einiger Zeit sagen: Sie haben 
eigentlich unrecht, denn sehen Sie, daB man die Dinge, die Sie da in 
der Geisteswissenschaft verkiinden, offentlich verkiindigt vor den 
Menschen, das hat doch gar keinen Sinn! Die Menschen sind doch 
nicht geneigt, sie anzunehmen, sie sind doch gar nicht reif dazu. Es 
hat nur einen Sinn, in sich selber das auszubilden und einsam damit 
zu bleiben. - Solche Menschen habe ich viel gefunden, die das sagen! 
Und es ist geradezu ein Charakteristikon des geistig wirklich fort- 
geschrittenen Menschen, daB es ihm gar nicht mehr einfallt, zu seinen 
Mitmenschen dariiber zu sprechen, sondern er behalt die Sache bei 
sich. Dieser Menschen gibt es gar nicht so wenige in der Welt. Ich 
habe mit diesen Menschen nie einverstanden sein konnen nach dem, 
was ich von der geistigen Welt erkenne, aus einem gewissen inneren 
Grund. Diese Menschen wirken ja niitzlich im geistigen Zusammen- 
hang, aber es werden diese Menschen zu Einsiedlern, wenn sie auch 
manchmal ganz in gesellschaftlichem Zusammenhange bleiben. Man 
kann ja Einsiedler werden, nicht wahr, trotzdem man Lackstiefel tragt 
und ein Hotelleben fuhrt. Man sieht dann also dieses zweifache Men- 
schenleben, das eine Anzahl von Menschen fiihren; sie sind sogar 
moderne Hotelmenschen, haben Lackstiefel und meinetwillen sogar 
Zylinderhut, aber fiihren dieses auBere Leben, um sich zu maskieren, 
um sich innerlich zu verbergen, haben ihr innerliches Geistesleben, 
das sie ihren Mitmenschen nicht mitteilen wollen. Das erscheint einem 
als ein Tun, das nicht richtig ist, das ein Versiindigen gegen die 
Menschheit ist. Denn es ist ja richtig: Solche Menschen wirken schon 
im geistigen Leben, es geht in die geistige Stromung hinein, was sie 
erleben; der Mensch ist ja nicht bloB ein abgeschlossenes Wesen, also 
was er erlebt, hat in der geistigen Welt einen Wert und seine Bedeu- 
tung - aber es spielt da immer die Zeitfrage eine Rolle. Solche Men- 
schen, die gegenwartig so leben wie manche, die ich kennengelernt 
habe, auf solche Weise, die wirken schon etwas in der geistigen Welt, 
aber das kommt erst zur Reife nach langer Zeit, in spateren Zeit- 
epochen der Menschheit. Dann kann aber und wiirde ganz gewiB, 



wenn es nur solche immer gabe, die ja als Eremiten ihr geistiges Sein 
entwickeln und nicht lehten wollen dasjenige, was sie wissen aus der 
geistigen Welt, was sie in sich entwickelt haben, dann wiirde die 
auBere Menschheit in der Zeit, wo die Friichte dieser Leute reif wer- 
den, schon so verfallen sein, daB sie es nicht mehr aufnehmen konnte. 
Die Erdenentwickelung wiirde gefahrdet sein, es wiirde der AnschluB 
versaumt werden. Wir leben eben in der heutigen Zeit so, daB diese 
gewissen geistigen Wahrheiten, von denen wir sprechen, unbedingt 
der Menschheit mitgeteilt werden miissen. Es geht nicht mit der Ge- 
sinnung, die zum Beispiel ein Bekannter von mir auBerte, der in ge- 
wissem Sinne ein geistig fortgeschrittener Mensch war. Er kam nach 
Berlin. Ich sagte zu ihm, ob er nicht von mir einen Vortrag horen 
wolle, nur um zu sehen, wie da die Bewegung getrieben wird - es ist 
jetzt schon lange her -, da sagte er: Nein, einen Vortrag halten und 
zu den Leuten zu sprechen, das hat doch keinen Zweck ! Uns auf ein 
Stiindchen zusammenzusetzen und so ein biBchen zu reden, das ist mir 
sehr angenehm, aber geistige Dinge moglichst aus dem Spiele lassen; 
die muB jeder mit sich selber abmachen! - So einen Hoflichkeits- 
besuch sich gegenseitig machen, von Alltaglichkeiten reden, das ist 
das beste gerade bei dieser Art geistig strebsamer Menschen. Und 
diese Gesinnung findet sich sehr haufig. Es ware behaglicher, solch 
einer Gesinnung gemaB nachzuleben. Und behaglich ist es gerade 
nicht in der Gegenwart, vor die Menschheit hinzutreten und das- 
jenige, was man mitzuteilen als eine Verpflichtung empfindet, mit- 
zuteilen. Aber das sollte bei einer geisteswissenschaftKchen Bewegung 
durchaus beriicksichtigt werden, daB aus einer inneren Notwendigkeit 
heraus gewirkt wird, daB es nicht eine Wahl ist, sondern die Emhal- 
tung einer Verpflichtung, was so geschieht. 

Ich habe diese Worte am SchluB der heutigen Betrachtungen an- 
gebracht, weil ich immer wieder die Gelegenheit ergreifen mochte, 
auf das aufmerksam zu machen, was notwendig ist, wenn man ernst 
machen will, so wie ernst gemacht werden sollte mit einer geistes- 
wissenschaftlichen Bewegung in der Gegenwart. Denn dasjenige, was 
sonst aus einer solchen geisteswissenschaftKchen Bewegung gemacht 
werden kann, wenn personliche Aspirationen, personlicher Ehrgeiz 



hereingetragen werden, das kann zu schweren Schaden fuhren, muB 
zu schweren Schaden fuhren. Es hat ja auBerdem noch die Schatten- 
seite, daB derjenige, der selbst nur meint, Personliches durch die Gei- 
steswissenschaft bestatigt zvl finden, gar nicht unterscheiden kann, ob 
der andere die Sache nun auch bloB aus personlichen Ambitionen 
treibt. Dadurch kommen dann die allerschlimmsten Verhangnisse. 

Nun, ich wollte auf solche Dinge hinweisen. Wir sprechen dann am 
nachsten Freitag wiederum weiter. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 10. Januar 1919 



Als gespf ochen worden ist von dem, was die Menschen der Gegen- 
wart abhalt, sich zur Anerkennung der geistigen Welt zu finden, wie 
sie durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gemeint 
sein muB, so ist hingewiesen worden auf zwei Dinge in der mensch- 
lichen Seelenverfassung, die diese Abhaltung in der menschlichen 
Seele bewirken. Das ist auf die Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit gegen- 
iiber der Anerkennung des Geistes, und auf die Interesselosigkeit 
gegeniiber der wirklichen Gestalt des geistigen Lebens. Nun mochte 
ich gerade heute auf diese Dinge von einem Gesichtspunkte aus ein- 
gehen, von dem aus ich bisher noch weniger auf sie hingewiesen habe. 
Wenn solche Dinge besprochen werden, so muB immer beriicksich- 
tigt werden, daB der gewohnliche, gesunde Menschenverstand - ich 
habe es oft gesagt - ausreicht, um alle Dinge der Geisteswissenschaft 
zu verstehen, um alle Dinge der Geisteswissenschaft vorurteilslos in 
sich aufzunehmen. Man hat, wenn ich so sagen darf, in unserer Gegen- 
wart durch diese Tatsache, daB der richtig angewandte gesunde Men- 
schenverstand ausreicht, um die Dinge der geistigen Welt zu ver- 
stehen, in einem gewissen Sinne durch dieses bloBe Verstehen, durch 
das vorurteilslose Aufnehmen alles dasjenige, was der untersuchende 
Geisteswissenschafter selbst von der geistigen Welt hat. Und man hat, 
wenn man nur den Mut und das Interesse hat, diese Dinge durch den 
gesunden Menschenverstand aufzunehmen, dann selbst die Moglich- 
keit, langsam und allmahlich, je nachdem es das eigene Karma ge- 
stattet, in diese geistige Welt aufzusteigen. Das ist schon heute not- 
wendig und wird immer mehr alien Menschen notwendig sein, die 
geistige Welt einfach im gesunden Menschenverstande so verstehen 
zu lernen, wie von der geistigen Welt in der Geisteswissenschaft ge- 
sprochen wird. Wie weit der Mensch sich reif machen kann, selbst in 
die geistige Welt hineinzuschauen, das ist eine ganz andere Frage, das 
ist eine Frage, welche auch nur abgemacht werden kann in jedem ein- 
zelnen intimsten Seeleninneren, und die auch jeder in diesem Seelen- 



inneren richtig abmachen wird, wenn er einfach durch den gesunden, 
nicht durch naturwissenschaftliche oder andere Dinge beeintrachtig- 
ten Menschenverstand die Dinge der geistigen Welt zu verstehen 
sucht. 

Nun handelt es sich vor alien Dingen darum: Warum vermeiden es 
so viele Menschen, diesen gesunden Menschenverstand heute so wal- 
ten zu lassen, daB er dasjenige verstehen kann, oder bereit ist, es auf- 
zunehmen, was aus der Geisteswissenschaft kommt? Nun, xiber diese 
Frage kann man sich etwas unterrichten, wenn man hort, wie es eigent- 
lich mit den Dingen und Wesen der geistigen Welt aussieht, wenn der 
Geistesforscher in diese Welt eintritt. Altere Zeiten haben ihre Ein- 
geweihten iiber vieles anders sprechen lassen in bezug auf die geistige 
Welt, als heute gesprochen werden muB. Aber es gibt selbstverstand- 
lich auch vieles, was in alteren Zeiten ahnlich gesagt werden konnte, 
wie es heute noch gesagt werden kann. So namentlich ist immer in 
einer Weise, die heute noch richtig ist, ausgesprochen worden, was 
eigentlich geschieht, wenn ein Mensch in einem seelisch unreifen Zu- 
stande in die geistige Welt eintreten will. Heute kann ja das so ge- 
schehen, daB der Mensch sich sagt: Ach was, gesunder Menschen- 
verstand! - Den muB man aber mindestens anstrengen, wenn man die 
geistige Welt erfassen will! Diese Anstrengung lieben die Menschen 
nicht; sie lieben es mehr, auf Autoritatsglauben hin das oder jenes an- 
zuerkennen. Gesunden Menschenverstand lieben heute die Menschen 
wirklich viel weniger, als sie glauben, und da mochten sie gewisser- 
maBen diesen Gebrauch des gesunden Menschenverstandes umgehen 
und mochten, was ihnen leichter diinkt, wenn auch vielleicht das Ur- 
teil unbewuBt gefallt wird, durch allerlei Briiten, das sie dann Medi- 
tation nennen und dergleichen, in die geistige Welt direkt eindringen. 
Gerade das ist sehr verbreitet, daB man eigentlich in die geistige Welt 
eindringen mochte mit Umgehung des gesunden Menschenverstan- 
des. Da haben aber schon altere in diese Dinge Eingeweihte das Rich- 
tige gesagt und wiederholen es heute immer wiederum. Wenn jemand 
unreif in seiner ganzen Seelenverfassung eindringen will in die geistige 
Welt, dann kommt es nur allzuleicht vor, daB er nach einiger Zeit 
seinen ganzen Versuch scheitern laBt; so ungefahr schekern laBt, daB 



ihm ein Gefiihl zuriickbleibt, welches ahnlich ist dem, wenn man eine 
heiBgluhende Kohle anfaBt und in dem Zwischenzustand ist, sich zu 
verbrennen oder abzuiassen. Diese Empfindung ist eine solche, die 
sehr haufig auftritt bei Meditanten. Sie versuchen nicht, in demselben 
MaGe ihren gesunden Menschenverstand waken zu lassen wie den 
Eifer bei den sogenannten Ubungen, die ja an sich selbstverstandlich 
sehr berechtigt sind. Aber es ist immer betont worden: Der gesunde 
Menschenverstand darf nicht ausgeschlossen werden, und er muB 
aktiv, emsig angewendet werden. Wenn man versucht, eine Zeitlang 
so zu iiben, daB man den gesunden Menschenverstand ausschlieBt, 
namentlich auch eine gewisse moralische Selbstzucht ausschlieBt, die 
man sich eben noch nicht erworben hat, dann tritt eben dieses Eigen- 
tumliche ein, daB man das Ganze so empfindet, wie wenn man mit 
den Fingern gluhende Kohlen beriihrt, oder vielmehr nicht ganz be- 
riihrt, sondern zuriickzuckt. So zucken die Menschen vor der geisti- 
gen Welt zuriick. Wie gesagt, es ist das immer betont worden. Es ist 
betont worden, weil es eine Erfahrung ist, die unzahlige Lehrer der 
Geisteswissenschaft in fruheren Zeiten, als sie atavistisch betrieben 
worden ist, gemacht haben, eine Erfahrung, die auch in der Gegen- 
wart sehr vielfach gemacht werden kann. Es wird das betont, aber 
wir miissen heute einmal darauf sehen, was der Grund ist, warum 
diese Empfindung des Anriihrens und Zuriickzuckens wie vor glii- 
hender Kohle eigentlich eintritt. 

Nun konnen wir, wenn wir Verstandnis suchen fur diese Tatsache, 
uns an eine Grundwahrheit unserer Geisteswissenschaft erinnern, die 
uns vollig gelaufig ist, namlich daran, wie wir uns als Menschen ver- 
halten, wenn wir unser voiles Leben, das zwischen Wachen und Schla- 
fen wechselt, ins Auge fassen. Wenn wir die alten Ausdrucke bei- 
behalten, so konnen wir sagen, daB wir, wahrend wir schlafen, den 
physischen Leib und den atherischen Leib im Bette liegen lassen und 
mit dem Ich und dem astralischen Leib in der Welt, die uns sonst um- 
gibt, ausgeflossen sind, wenn ich mich so ausdriicken darf. Wir sind 
dann nicht in dem Gehause unseres Leibes, wenn wir schlafen, wir 
sind in der Welt ringsumher ausgegossen. Unser BewuBtsein als das 
eines Menschen ist dann, wenn wir schlafen, so gering. Wenn der 



Schlafzustand nicht durch Traume unterbrochen wird, was eine ge- 
wisse Erhohung der Intensitat des BewuBtseins bedeutet, sondern 
wenn wir den traumlosen Schlaf ins Auge fassen, dann ist unser Be- 
wuBtsein so gering, daB wir nicht die unendlich bedeutsame Summe 
von Erlebnissen gewahr werden, die wir durchmachen, wenn wir in 
dem Zustande zwischen Einschlafen und Aufwachen sind. Nun ist 
gerade das, was wir wirklich ins Auge fassen sollen, nicht das abstrakte 
Wort: Im Schlafe sind wir im Ich und im astralischen Leib auBer dem 
physischen Leibe -, sondern das sollen wir ins Auge fassen, daB unser 
Leben ein ungeheuer reiches ist zwischen dem Einschlafen und dem 
Aufwachen. Wir wissen es nur nicht, weil unser BewuBtsein dann 
geschwacht ist, weil unser Schlaf bewuBtsein noch nicht so stark ist 
wie dasjenige BewuBtsein, das wir mit dem Werkzeuge des physischen 
Leibes verbinden konnen. In der Tat, ein ungeheuer intensives Er- 
leben findet statt vom Ich und vom astralischen Leib innerhalb der 
Welt, in der wir sonst auch drinnen sind, ein intensives Erleben. Nur 
wird der Mensch durch seinen gewohnlichen Erdenzustand behiitet 
davor, dieses Leben unmittelbar wahrzunehmen, dieses Leben, das 
man entfaltet, indem man sich, wenn ich mich so ausdriicken darf, als 
Ich und astralischer Leib hindurchzwangt durch dieselben Dinge zu- 
nachst, in denen wir auch dann sind, wenn wir im Wachzustande uns 
unseres physischen Leibes und seiner Werkzeuge bedienen. Das Leben 
im Schlafzustand ist ein ungeheuer reiches. Aber dieses Leben hort 
nicht auf, wenn wir aufwachen und in unseren physischen Leib und 
Atherleib untertauchen. Wir sind auch dann durch unser Ich und 
durch unseren astralischen Leib mit unserer Umwelt verbunden in 
einer Weise, von der das gewohnliche BewuBtsein keine Ahnung hat. 
Nur wird es eben nicht bemerkt. Man kann nun dieses Verhaltnis 
gerade genauer ins Auge fassen. Man kann sich fragen : Wie ist denn 
das nun eigentlich, was da als Verhaltnis unseres Seelisch-Geistigen 
zu unserem Physisch-Leiblichen sich ergibt? 

Es ware fur unseren gegenwartigen Erlebniszustand eine sehr 
schlimme Sache, wenn wir immerfort - was wir gar nicht tun, aber 
wenn wir es taten, muBten wir es immerfort tun, wir konnten gar 
nicht anders - wahrnehmen muBten, was wir schlafend mit den Din- 



gen drauBen im Raum und in der Zeit erleben. Unser Leib namlich 
hat eine gewisse Eigentumlichkeit gegeniiber diesen Erlebnissen. Er 
schwacht, so kann man sagen, diese Erlebnisse ab. Alles das, was wir 
eigentlich in Wahrheit erleben mit unserer Umweit, das schwacht 
unser Leib ab, und wir nehmen nur die Abschwachung unseres Lei- 
bes wahr, nicht unsere wirklichen Erlebnisse. Unsere wirklichen Er- 
lebnisse verhalten sich zu dem, was wir durch unseren Leib von unse- 
rer Umgebung wahrnehmen - und das ist ein sehr, sehr treffendes 
Bild, weil es eigentlich nicht bloB ein Bild ist, sondern einer okkulten 
Wirklichkeit entspricht -, unser Leib oder die Erlebnisse unseres Lei- 
bes verhalten sich zu unseren wirklichen Erlebnissen, wie sich das 
Sonnenlicht, das auf den Stein scheint und vom Stein so zuriick- 
kommt, so daB wir den Stein sehen konnen, zu dem wirklichen Son- 
nenlichte verhalt, das uns oben von der Sonne entgegenschaut. Sehen 
Sie auf den Stein, auf den das Sonnenlicht fallt: Sie konnen den Stein 
anschauen, das reflektierte, das zuriickgeworfene Licht konnen Sie 
mit Ihren Augen vertragen. Wenden Sie sich vom Stein zur Sonne 
und schauen starr in die Sonne, werden Sie geblendet. So ist es un- 
gefahr mit dem Verhaltnis unserer wirklichen Erlebnisse gegeniiber 
unserer Umweit zu dem, was wir durch die Werkzeuge unseres Leibes 
erleben. Das, was wir wirklich mit der Umgebung erleben, hat die 
Starke des Sonnenlichtes, und dasjenige, was wir durch die Werk- 
zeuge des Leibes erleben, hat von dieser Starke bloB jene Abschwa- 
chung, welche das abgeschwachte Licht, das uns irgendein Gegen- 
stand zuriickwirft, von der Starke des Sonnenlichtes hat. Wir sind 
Sonnenwesen in unserem innersten Menschen; aber wir konnen es 
jetzt noch nicht ertragen, Sonnenwesen zu sein. Daher miissen wir, 
so wie wir mit unseren auBeren physischen Augen sehen miissen auf 
das abgeschwachte Sonnenlicht, weil uns das direkte Sonnenlicht blen- 
det, unsere Umgebung wahrnehmen durch das abgeschwachte Erleb- 
nis unseres Leibes und seiner Werkzeuge, weil wir nicht unmittelbar 
uns entgegenstellen konnen dem, was wir wirklich von unserer Um- 
gebung erleben. Wir sind tatsachlich so als Menschen, wie wenn wir 
geblendet waren vom Sonnenstrahl, und das, was wir von uns und 
von der Welt wissen, ist nicht unseres Wesens, ist nicht, als wenn es 



unmittelbar erlebt wiirde im stromenden Sonnenstrahl, sondern ist so 
wie das Licht, das uns zuriickgeworfen wird von den Gegenstanden 
und das unsere Augen nicht mehr blendet. Daraus konnen Sie aber 
entnehmen, daB wenn Sie nun aufwachen in der Welt, die das ge- 
wohnliche BewuBtsein nicht ertragen kann, Sie das Gefiihl haben, 
wie wenn Sie im Sonnenstrahl drinnen wiiren, wie wenn Sie wirklich 
mit dem Sonnenstrahl leben wiirden. Und in der wirklichen Erfahrung, 
im wirklichen Erlebnis ist es sogar der sehr konzentrierte Sonnenstrahl. 

Da haben Sie die Tatsache fur dasjenige, was oftmals gesagt wird, 
daB die Leute wie heiBgliihende Kohlen das geisteswissenschaftliche 
Erlebnis wegwerfen. Sie kommen in eine Region des Erlebens hinein, 
in der so erlebt wird, wie das seelische Erlebnis ist, wenn Sie sich 
physisch den Finger verbrennen: da zucken Sie zunachst zuriick, wol- 
len ihn nicht verbrennen. Sie diirfen nur das, was ich sage, naturlich 
nicht umkehren: Niemand kann dadurch, daB er sich physisch den 
Finger verbrennt, zum geistigen Erlebnisse kommen. Deshalb sagte 
ich - in der Geisteswissenschaft muB immer genau gesprochen wer- 
den wie das seelische Erlebnis, wenn man sich den Finger verbrennt. 

Tatsachlich ist es so, daB der Eintritt in die geistige Welt zunachst 
durchaus nicht dasjenige ist, was im Menschen eitel Seligkeit bewirkt, 
sondern dieser Eintritt in die geistige Welt ist ein solcher, daB er - es 
gibt naturlich viele andere solche Erlebnisse - erkauft werden muB 
mit jener inneren, man konnte schon sagen Unseligkeit, welche man 
erlebt, wenn man sich zum Beispiel durch Feuer verbrennt. Geistig 
erlebt man zunachst genau dasselbe mit den Dingen und Wesenheiten 
und Vorgangen der geistigen Welt, wie wenn man sich zum Beispiel 
verbrennt. Die wirklichen Erfahrungen der geistigen Welt miissen 
durch solche leidvollen Erlebnisse erworben werden. Dasjenige, was 
von diesen Erfahrungen der geistigen Welt Seligkeit bereitet, was 
Befriedigung dem Leben gibt, das ist der Gedankennachglanz. Das 
kann derjenige, der durch Mitteilung diese Erlebnisse bekommt und 
durch den gesunden Menschenverstand sie auffaBt, ebenso haben wie 
derjenige, der eintritt in die geistige Welt. Nur miissen naturlich ein- 
zelne Menschen in die geistige Welt eintreten, sonst wiirde niemals 
irgend etwas erfahren werden konnen von der geistigen Welt. 



Diese Tatsache, die ich angefuhrt habe, die muB beriicksichtigt 
werden. Es ist im Grunde genommen nicht so schwierig, schon aus 
auBeren Tatsachen das zu entnehmen, was ich jetzt auseinandergesetzt 
habe. Sie werden uberall finden, da wo im Ernste, nicht scharlatan- 
haft, von der geistigen Welt gesprochen wird, da6 immer gesprochen 
wird von dem Durchgang nicht durch freudige, sondern durch leid- 
volle Erlebnisse. Und Sie wissen, wie oft ich es besprochen habe, daB 
derjenige, der sich ein wenig wirkliche Erkenntnisse der geistigen 
Welt im Leben erworben hat, auf die Schmerzen seines Lebens, auf 
das Leid seines Lebens nicht unwirsch zuriickblickt. Denn ein solcher 
sagt sich: Die Freuden, die erhebenden Momente des Lebens nehme 
ich gewiB als eine gottliche Gabe dankbar hin und juble iiber mein 
Schicksal, daB mir solche freudvolle, erhebende Momente zuteil ge- 
worden sind; aber meine Erkenntnisse habe ich von meinen Schmer- 
zen, meine Erkenntnisse habe ich von meinen Leiden. - Das wird 
jeder sagen, der wirkliche Erkenntnisse der geistigen Welt erworben 
hat. Hier auf der physischen Erde lassen sich Erkenntnisse der geisti- 
gen Welt nicht anders als auf diese Weise erwerben. 

Und nun konnen Sie es verstehen, warum die Leute zuriickzucken 
vor dem Verstandnisse der geistigen Welt, trotzdem dieses Verstand- 
rds mit dem gesunden Menschenverstand zu erwerben ist. Man zuckt 
ja gewohnlich nur vor dem nicht zuriick im Verstehen, vor dem man 
auch nicht zuriickzuckt im auBeren Leben. Nun waren Sie naturlich 
hochst unvernunftig und narrisch, wenn Sie sich willkurlich die Fin- 
ger verbrennen wollten, um einmal auch zu wissen, wie das ist. Und 
wiederum, wenn Sie sich die Finger verbrennen, so geben Sie so 
wenig auf das seelische Erlebnis dabei acht, daB Sie auch da nicht 
eine eigentliche Erfahrung erwerben, wie es ist, wenn man sich die 
Finger verbrennt. Ja es gibt sogar eine psychologische Tatsache, 
welche richtig nur aufgefaBt wird, wenn man sie in dem Lichte sieht, 
das aus diesen Erkenntnissen flieBt. Sie werden vielleicht schon be- 
merkt haben - ich spreche das nicht zu einem einzelnen von Ihnen, 
denn jedem einzelnen mute ich das naturlich nicht zu, sondern ich 
glaube selbstverstandlich nur, daB er von diesen Dingen gehort hat -, 
aber Sie werden es von andern gehort und an andern gemerkt haben, 



daB sie, wenn sie sich die Finger verbrennen, schreien. Nun, warum 
schreien manche Menschen, wenn sie sich die Finger verbrennen? 
Aus dem einfachen Grunde, weil man durch dieses Schreien das 
seelische Erlebnis dabei iibertont. Die Menschen schreien und jam- 
mern iiberhaupt bei Schmerzen, um sie sich zu erleichtern. Und so 
konnen sie auch nicht den vollen Inhalt des Schmerzes im vollen Be- 
wuBtsein dann erleben, wenn sie schreien; das ist wirklich ein t)ber- 
tonen des Leides, die AuBerung des Leides. Kurz, der Mensch hat im 
gewohnlichen Leben nicht viel Erfahrung iiber diejenigen Dinge, die 
in der geistigen Welt erfahren werden. Dennoch liegt das vor, daB 
man durch den gesunden Menschenverstand die Dinge begreifen 
kann, weil sie uberall Analogien haben in der auBeren physischen 
Welt, in der wir unsere Erfahrungen machen. Unverstandlich sind die 
Dinge des geistigen Lebens eben durchaus nicht, aber man muB sich 
dazu entschlieBen, gewisse Seeleneigenschaften zu steigern, zum Bei- 
spiel den Mut. Man muB einfach den Mut haben, den man gewohnlich 
nicht hat, wenn man etwas tut, wovor man zuriickzuckt, weil es weh 
tut. Diesen Mut muB man haben, denn in die geistige Welt einzudrin- 
gen, tut immer weh. Also man muB gewisse Seelenkrafte steigern. 
Das ist notwendig, das wollen aber sehr viele Menschen in der Gegen- 
wart nicht, Seeleneigenschaften steigern in der systematischen Weise, 
wie es angegeben ist zum Beispiel in meinem Buch «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?». Wiirden sie sie steigern, dann 
wiirde auch in ihrem BegrifFsvermogen, in ihrem gesunden Menschen- 
verstand leicht walten dasjenige, was notwendig ist, um durch diesen 
gesunden Menschenverstand die Erlebnisse des Fingers in der geisti- 
gen Welt, das in diesem Sinrie nun, wie ich es geschildert habe, ein 
leidvolles ist, zu verstehen. Wir leben einmal in einer Epoche, in der 
eine solche Steigerung der menschlichen Seelenverfassung notwendig 
ist, weil sonst die Menschheit ihr Erdenziel nicht erreichen kann, weil 
sonst Katastrophe iiber Katastrophe eintreten muBte und endlich das 
Chaos kommen wiirde. 

Nun habe ich aber, indem ich diese Dinge erortert habe, gerade in 
dieser Zeit, in der es ganz besonders notwendig ist, ein anderes stark 
betont. Das ist, daB man mit jener Abschwachung der Seelenverfas- 



sung, die nun schon einmal vorhanden ist beim gegenwartigen Men- 
schen, vorziiglicher Naturforscher im gegenwartigen Sinne des Wor- 
tes sein kann, und man kann auch mit diesem Verstande, der nicht 
der gesunde Menschenver stand ist, sondern der durch naturwissen- 
schaftliche Autoritat hochgetragene Menschenverstand ist, dasjenige, 
was die AuBenseite unserer physischen Umgebung ist, gerade gut 
verstehen; man kann es nicht innerlich geistig verstehen, aber man 
kann die AuBenseite gerade gut verstehen. Was man aber nicht kann 
mit den Begriffen, welche die Natiirwissenschaft gibt, nicht kann mit 
dem, was gerade an Aufwendung des Denkens die heutige Mensch- 
heit gewohnt ist, das ist: Ordnung bringen in die nach und nach 
chaotisch werdende soziale Struktur des menschlichen Zusammen- 
lebens. Mit andern Worten: Die sozialen Forderungen der Gegenwart 
und der nachsten Zukunft, sie werden niemals losbar sein durch das- 
jenige, was das Denken iiber die Natur und Naturerscheinungen ge- 
nannt werden kann. Gerade in diesem Punkte mussen unsere Zeit- 
genossen noch ungeheuer viel lernen. Gerade in diesem Punkte gehen 
einmal unsere Zeitgenossen nicht mit dem, was Geisteswissenschaft 
aus dem innersten Verstandnis des Wesens unserer Welt heraus sagen 
muJB. Geisteswissenschaft muB ja trotz aller Einwande, die immer 
mehr und mehr heute gemacht werden, gerade in diesem Punkte 
sagen: Wie auch herumgepfuscht und herumgedoktert wird auf dem 
Gebiete der sozialen Fragen, all dieses Herumpfuschen und Herum- 
doktern wird zu nichts fiihren, ja im Gegenteil, es wird zu noch gro- 
Berer sozialer Verwirrung fuhren, als es in einzelnen Gebieten des 
Erdendaseins schon da ist, wenn nicht anerkannt wird, daB die Ein- 
sichten in die sozialen Fragen nur aus der geistigen Erfassung des 
Weltendaseins kommen konnen. Die sozialen Fragen mussen geistes- 
wissenschaftlich gelost werden. Alles iibrige ist auf diesen Gebieten 
Dilettantismus. 

Da mussen wir, um von einem gewissen Gesichtspunkte aus iiber 
die Dinge zu sprechen, uns an das andere wenden. Was die Menschen 
gegenwartig so sehr abhalt, an das Geisteswissenschaftliche heran- 
zudringen, das ist die Interesselosigkeit gegeniiber dem geistigen 
Leben. Diese Interesselosigkeit gegeniiber dem geistigen Leben haben 



ja fast alle Naturforscher der Gegenwart. Sie sind gleichgultig gegen- 
uber dem geistigen Leben. Sie negieren es oder bringen in Gesetze, 
was sie mit den physischen Sinnen beobachten, was sich durch das 
Mikroskop oder Teleskop beobachten laBt; aber sie haben kein Inter- 
esse an dem, was jeder Blick, jeder wirkliche BHck in die Natur ver- 
rat: daB hinter den Naturerscheinungen und Naturtatsachen Geistiges 
waltet. Aber insbesondere ist diese Interesselosigkeit gegeniiber dem 
Geiste heute vorhanden bei denen, die in den sozialen Fragen herum- 
pfuschen und herumdoktern wollen. Und da liegt noch ein besonde- 
rer Grund vor. 

Aus mancheriei Dingen, die ich in der letzten Zeit besprochen habe, 
werden Sie entnehmen konnen, daB wir in einem ganz besonderen 
inneren Seelenleben sind, wenn wir als Mensch dem Menschen gegen- 
iiberstehen. Ich habe es radikal ausgedriickt, in welcher Seelenverfas- 
sung wir da sind, wenn wir als Mensch dem Menschen gegeniiber- 
stehen. Ich habe Ihnen gesagt: Eigentlich hat das einander Gegeniiber- 
stehen von Mensch zu Mensch auf uns immer etwas Einschlaferndes. 
Wir schlafen mit Bezug auf die innersten Eigentiimlichkeiten unseres 
Menschenwesens eigentlich ein durch die Gegenwart des andern 
Menschen. DaB wir durch unser auBeres Verhalten iiber dieses Ein- 
schlafen getauscht werden, das ist nicht zu verwundern. Denn gewiB, 
wir sehen mit Augen den andern Menschen, wir reichen ihm so- 
gar die Hand und betasten ihn, aber das hindert doch nicht, daB unser 
tieferes menschliches Wesen durch den andern Menschen eingeschla- 
fert wird. So wie wir abends mit Bezug auf die auBere Natur ein- 
schlafen, so schlaft etwas in uns ein durch die Gegenwart des andern 
Menschen. Aber wenn es einschlaft, hort es deshalb nicht auf, wirk- 
sam zu sein. Und so finden immerfort Wirkungen von Mensch zu 
Mensch statt im sozialen Leben, iiber die die Menschen gerade da- 
durch, daB sie mit Menschen zusammen sind, kein klares BewuBtsein 
haben konnen. Gerade das Wichtigste im sozialen Leben entgeht den 
Menschen in bezug auf das gewohnliche BewuBtsein, weil fur dieses 
Wichtigste im sozialen Leben eigentlich gerade das Vorstellungsver- 
mogen eingeschlafert wird und der Mensch instinktiv handelt. Kein 
Wunder, daB im sozialen Leben heute, wo im Bildvorstellen der In- 



tellekt am leichtesten einzuschlafern ist, die wustesten Instinkte wal- 
ten und sogar als wiisteste Instinkte fur ganz berechtigt erklart wer- 
den, weil das klare Denken iiber diese Dinge einfach durch das Zu- 
sammensein von Mensch und Mensch eingeschlafert wird. Aber in 
dem Augenblicke, wo der Mensch in die geistige Welt eintritt, da 
wacht das auf, was eingeschlafert wird, da wird klar, was zwischen 
Mensch und Menschen waltet. Da konnen daher auch gefunden wer- 
den die Losungen der sogenannten sozialen Fragen und sozialen For- 
derungen. Die konnen also nur gefunden werden, wie ich schon ein- 
mal hier sagte, jenseits der Schwelle des sinnlichen BewuBtseins. Und 
was die Menschheit wird haben wollen in der Zukunft von sogenann- 
ten Losungen der sozialen Fragen, das wird, wenn es wahre Losun- 
gen der sozialen Fragen sein sollen, nur gewonnen werden konnen 
auf dem Wege der Geisteswissenschaft, das heiBt, der Wissenschaft 
vom Ubersinnlichen, weil alles Zusammenleben der Menschen in sei- 
nen intimeren Unterlagen ubersinnlicher Natur ist. 

Wenn man aber diejenigen Dinge geistig erleben will, die sich auf 
Mensch und Menschheit beziehen, die sich auf die menschliche soziale 
Struktur beziehen, da mu6 man in sein ganzes Vorstellungsvermogen, 
in alles das, was man erlebt, etwas hineinbringen, wovon Sie gleich 
sehen werden, daB es heute im gewohnlichen BewuBtsein kaum vor- 
handen ist. Es gibt nur eines hier in der physischen Welt an Empfin- 
dungen, an Gefuhlen, welche gleich sind mit den Empfindungen und 
Gefuhlen, die jemand haben muB, wenn er nicht wesenlos, sondern 
wesentlich die sozialen Gesetze, die sozialen Impulse erforschen will. 
Das gibt es nur eingeschrankt hier in der physischen Welt, und zwar 
dann, wenn ein vollstandig gesundes, ein vollstandig richtiges Ver- 
haltnis vorhanden ist zwischen Vater, Mutter und Kind, im Heran- 
ziehen von Vater, Mutter und Kind. In allem, was sonst erlebt werden 
kann im Umkreis der Welt zwischen Mensch und Mensch, gibt es 
das nicht zunachst fur das gewohnliche BewuBtsein. 

Nun versuchen Sie, diese Mutterliebe sich klarzumachen, jene 
Liebe, welche die Mutter entfaltet, wenn sie ein Kind unmittelbar 
geboren hat, diese ganz selbstverstandlich aus der Natur quellende 
Mutterliebe zum Kinde - Sie konnen es schon in diesem Radikalismus 



tun und fragen Sie jetzt, ob in all den wissenschaftlichen Unter- 
suchungen, welche Gelehrte gewohnlich pflegen - auch solche Ge- 
lehrte, welche sozialwissenschaftliche Untersuchungen machen -, diese 
Mutterliebe waltet? Diese Mutterliebe muB man haben zu den Ge- 
danken, die man iiber die soziale Struktur entfaltet, wenn diese 
Gedanken wesentlich sein sollen und nicht wesenlos. Es gibt im 
menschlichen Leben nichts anderes, was sozial richtig gedacht sein 
konnte, als dasjenige, welches mit Mutterliebe sozial gedacht ist. 

Und nun nehmen Sie die verschiedenen sozialen Reformatoren und 
sozialen Denker. Versuchen Sie zum Beispiel so etwas auf sich wirken 
zu lassen, wie die Schriften von Karl Marx, Schmolkr oder Roscher, 
oder wen Sie wollen, und fragen Sie sich, ob diese, indem sie ihre 
sogenannten sozialpolitischen Gesetze ausdenken, in diesem Ausden- 
ken der sozialpolitischen Gesetze dasselbe walten lassen, was sonst in 
der Mutterliebe zu dem Kinde lebt, wenn sich diese Mutterliebe ge- 
sund entfaltet? Aber auf das muB man hinweisen: Eine gesunde 
Losung der sogenannten sozialen Frage ist nicht anders moglich, als 
wenn diese Losung kommt von Denkern, welche - Sie werden ver- 
stehen, was ich meine, wenn ich mich jetzt so ausdriicke - Mutterliebe 
entfalten konnen beim Losen ihrer Probleme. Es ist eine sehr mensch- 
liche Sache, von der die Losung der sozialen Forderungen in der 
Gegenwart abhangt. Es ist nicht eine Sache des Scharfsinns oder der 
gewohnlichen Klugheit oder des Gelehrtenglaubens, sondern es ist 
eine Sache der Erhohung der Liebefahigkeit bis zu dem Grade, wie 
sich Mutterliebe entfaltet, oder wir konnen auch sagen, die unmittel- 
bare, intime Liebe in dem Zusammenleben von Vater, Mutter und 
Kind. 

Nun werden Sie mit Recht einen Einwand machen. Sie werden 
sagen: Nun, auf der Erde ist die Sache schon einmal so eingerichtet, 
daB die soziale Struktur gewissermaBen zu ihrer engsten Kleinheit die 
Familie hat, und auf der Erde ist diese Familie als solche selbstver- 
standlich voll berechtigt, und es kann doch nicht die ganze Mensch- 
heit eine Familie werden ! - Das ist ein Einwand, der natiirlich sofort 
kommen wird. Aber wenn man ausdenken soil soziale Gesetze mit 
Mutterliebe, so muBte eigentlich daraus folgen, daB die ganze Mensch- 



heit eine Familie wird. Das kann naturlich nicht sein. Nur derjenige, 
der sich Rechenschaft davon gibt, was ein wahrer Gedanke und kein 
scharlatanhaft abstrakter Gedanke ist, der wird sich gestehen miissen, 
daB natiirlich so unmittelbar der Mensch sich nicht zu jedem Kinde so 
verhalten kann wie zu seinem Kinde, daB nicht jedes Kind sich zu 
jeder andern Frau, zu jedem andern Mann so verhalten kann, wie es 
sich zum Vater, zur Mutter verhalt und so weiter. Also kann nicht 
die ganze Menschheit eine Familie werden. Das ist ganz richtig, aber 
eben weil das richtig ist, liegt eine andere Notwendigkeit vor. Wir 
konnen so, wie wir als physische Menschen hier auf der physischen 
Erde leben, ganz und gar nicht aus der ganzen Menschheit eine 
Familie griinden, und wer das wollte, der wiirde naturlich einen Un- 
sinn wollen. Aber wir konnen es in anderem Sinne doch. Und in ande- 
rem Sinne muB es sogar geschehen. Zum physischen Menschen kon- 
nen wir nicht so stehen, wie Vater, Mutter und Kind stehen. Aber 
wenn in der Menschheit Platz greifen wird die Erkenntnis, daB in 
jedem Menschen ein Geistig-Seelisches lebt, daB in jedem Menschen 
durch die A
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