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RUDOLF STEINER GESAMTAUSG ABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GE SELLS C HAFT
RUDOLF STEINER
Der Goetheanismus
ein Umwandlungsimpuls und
Auferstehungsgedanke
Menschenwissenschaft und Sozialwissenschaft
Zwolf Vortrage,
gehalten in Dornach zwischen dem
3. Januar und 2. Februar 1919
1982
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Ste'mer-Nachla&verwaltung
Die Herausgabe besorgten Johann Waegerf und Robert Friedenthal
1. Auflage, Vortrage Dornach, 3. bis 12. Januar 1919:
«Der Goetheanismus, ein Menschen-Umwandlungsimpuls
und Auferstehungsgedanke», Dornach 1942
2. Auflage,
erweitert um die Vortrage vom 24. Januar bis 2. Februar 1919
Gesamtausgabe Dornach 1967
3., neu durchgesehene Auflage
(photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1982
Bibliographie-Nr. 188
Einbandzeichen nach einer Zeichnung von Rudolf Steiner
Schrift von Benedikt Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1880-X
Z« den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo-
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf-
tes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 3 . Januar 1919 9
Die Antwort der Geisteswissenschaft auf die wichtigsten Fragen der Zeit
Zweiter Vortrag, 4. Januar 1919 33
Die Stellung des Menschen im Zeitalter der Bewufitseinsseele - Johannes
vom Kreuz iiber die Beschauung und der moderne Weg zur Geist-Erkennt-
nis
Dritter Vortrag, 5. Januar 1919 51
Das Entscheidende der gegenwartigen Epoche
Vierter Vortrag, 10. Januar 1919 82
Das Verhaltnis des Seelisch-Geistigen zum Physisch-Leiblichen
Funfter Vortrag, 11. Januar 1919 103
Die Durchgeistigung der neueren Geschichte - Heidentum, Judentum
und Christentum - Goethes «Marchen»
Sechster Vortrag, 12. Januar 1919 123
Goetheanismus als Erwartungsstimmung
Siebenter Vortrag, 24. Januar 1919 144
Das 19. Jahrhundert, ein Wendepunkt in der Entwickelung der Mensch-
heit - Schillers «Asthetische Briefe» und Goethes «Marchen»
Achter Vortrag, 25. Januar 1919 168
Das Verhaltnis der Menschenwissenschaft zur Sozialwissenschaft - Die
drei Kabiren - Der dreigeteilte Mensch und der dreigeteilte soziale Orga-
nismus
Neunter Vortrag, 26. Januar 1919 179
Die Volkerwanderung von einst und von jetzt - Der soziale Homunkulus
Zehnter Vortrag, 31. Januar 1919 202
Welche Gestalt konnen die sozialen Forderungen in der Gegenwart
haben?
ElfterVortrag, l.Februar 1919 220
Die Loslosung des Wirtschaftsprozesses von dem Personlichen - Die
Abtrennung des moralisch-geistigen Lebens von den aufieren Wirklichkei-
ten des Daseins
Zwolfter Vortrag, 2. Februar 1919 235
Die drei Vorbedingungen in der Stellung des Menschen zur Welt, zu ande-
ren Menschen und zur Geistigkeit
Hinweise 245
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 253
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 259
Ubersicht tiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 261
ERSTER VORTRAG
Dornach, 3. Januar 1919
Wie oft muBten wif eigentlich hier betonen, da8 die geisteswissen-
schaftlichen Wahrheiten, wenn sie ausgesprochen werden, nach der
einen oder andern Richtung hin leicht miBzuverstehen sind. Und ich
habe Ihnen ja auch von den verschiedensten Griinden gesprochen,
aus denen es sicher leicht ist, diese geisteswissenschaftlichen Anschau-
ungen und Erkenntnisse zu miBkennen, miBzuverstehen. Es ist immer
wieder und wiederum zu sagen, daB es natiirlich ungemein leicht ist,
wenn man wenig Gelegenheit gehabt hat, sich in Spirituelles zu ver-
tiefen, da oder dort zu finden, daB die Dinge, die geisteswissenschaft-
lich zutage treten, nicht voll begriindet sind oder dergleichen. Es ist
auch ungemein leicht zu sagen: Woher weiB denn der oder jener, wel-
cher geisteswissenschaftlich etwas mitteilt, woher weiB er das? - wenn
man nicht darauf eingehen will, das zu durchschauen, was er selbst
oftmals dariiber vorgebracht hat, von woher er diese Dinge weiB, und
man lediglich das Urteil sich bildet nach dem, was man selber weiB.
Das ist ja nicht schwer zu sagen: Woher kann der das wissen? Ich
weiB es doch nicht! - und dann souveran zu erklaren: Dasjenige, was
ich nicht weiB, das weiB auch kein anderer, da kann ein anderer hbch-
stens doch nur noch glauben! - Aber ein solches Urteil kommt nur
dadurch zustande, daB man sich eben gar nicht darauf einlaBt, auf die
Quellen einzugehen, aus denen insbesondere in der heutigen Zeit
geisteswissenschaftliche Erkenntnisse geschopft werden miissen.
Zu den auf diese Art zustande gekommenen MiBverstandnissen
kann nun auch gehoren, daB man glaubt, die Geisteswissenschaft wolle
in Bausch und Bogen ein Verdammungs-, ein Vernichtungsurteil aus-
sprechen uber das ganze Streben der Zeit, insofern dieses Streben von
PersonKchkeiten ausgeht, die auBerhalb der Geisteswissenschaft ste-
hen. Aber auch da liegt nur ein MiBverstandnis vor. Gerade der Gei-
steswissenschafter, der ernst und wiirdig den heutigen Weltzustand
ins Auge faBt, wird wohl eingehen auf die Gemiitslage, auf die Seelen-
stimmung der Zeitgenossen und wird sich die Frage vorlegen: Was
geht in den Seelen der ernsten Zeitgenossen der Gegenwart vor, in
der Richtung, in der eine Bessemng manches Verbesserungs wiirdigen
oder Verbesserungsnotwendigen eben gesucht werden muB? - Was
aber hier vor alien Dingen als eine besonders in der Gegenwart auBer-
ordentlich markante Tatsache ins Auge gefaBt werden muB, das ist,
daB gerade abgelehnt wird, manchmal von den strebendsten Zeit-
genossen abgelehnt wird das konkrete Eingehen auf das Wissen von
der geistigen Welt, auf die Erkenntnis von der geistigen Welt, die als
eine Wirklichkeit vor den Menschen treten kann und nicht bloB als
etwas, was man durch eine Summe von Begriffen erschlieBt. Die mei-
sten Menschen mochten eben heute mit ihren Erfahrungen nur in der
Sinneswelt stehenbleiben und eine geistige Welt hochstens zugeben
als durch Begriffe, durch Ideen erschlieBbar. Sie mochten sich nicht
anschlieBen an eine Forschung, welche von Mitteln spricht, in die
geistige Welt erlebnisgemaB wirklich einzudringen. Dieses Ablehnen
der wirklichen Geistigkeit, das ist allerdings ein charakteristischer Zug
unserer Zeit; das ist ein Zug unserer Zeit, den insbesondere wir, die
wir versuchen, uns auf den Boden der Geisteswissenschaft zu stellen,
berucksichtigen miissen. Sonst bleiben wir doch auBerhalb dieser
Geisteswissenschaft stehen, uns nur auf sie einlassend als wie auf et-
was, was neben andern Dingen, die in der Gegenwart zutage treten,
doch auch beriicksichtigt werden sollte.
Ich habe vor kurzem hier, dadurch, daB ich Ihnen die Gedanken
Walther Rathenaus vorfiihrte, gezeigt, daB der Geisteswissenschafter
schon in der Lage ist, innerhalb der Grenzen, in welcher gegenwartige
Gedankenrichtungen zu wiirdigen sind, diese Gedankenrichtungen
auch wirklich zu wiirdigen. Aber auffallig ist eben doch diese Zu-
riickweisung des wirklichen geistigen Einschlages, der in unserer Zeit
kommen soil. Dieses Ablehnen kann man ja auf Schritt und Tritt er-
fahren, wenn man aufmerksam ist auf das, was die Leute heute den-
ken. GewiB, es ist vor viele Menschen in der Gegenwart das Erschiit-
ternde der gegenwartigen Weltenlage getreten; es gibt Menschen, die
den ganzen Ernst der gegenwartigen Zeit zu wiirdigen verstehen und
auch schon seit einiger Zeit zu wiirdigen verstanden haben. Auch da
bitte ich Sie, sich durchaus nicht der Hochnasigkeit mancher Anthro-
posophen zu befleiBigen und zu meinen, daB Anthroposophie als sol-
che schon eine Anweisung gibt, besser den Ernst der Zeit zu wiirdigen,
als ihn Leute wurdigen, die auBerhalb der anthroposophischen Be-
wegung stehen. Denn man mochte auch, daB innerhalb dieser anthro-
posophischen Bewegung gar mancher mehr in semem Gemiite beriihrt
wurde von dem Entscheidenden in unserer gegenwartigen Welten-
lage. Man findet nur allzuhaufig gerade innerhalb unserer Reihen
Menschen, die heute, trotz des Ernstes der Zeit, nicht auf diesen Ernst
hinblicken mogen und lieber sich mit ihrer eigenen werten Person-
lichkeit beschaftigen, statt einiges Interesse fur die groBen Fragen in
sich zu erregen, die durch die Menschheit pulsieren.
Ich will bei der heutigen Betrachtung von einem Beispiel ausgehen,
das mir, man kann sagen zufallig - wenn man das Wort nicht miBver-
steht, und wir brauchen es nicht miBzuverstehen - in die Hande ge-
kommen ist ; ein Aufsatz, der allerdings insofern heute veraltet 1st, als
er geschrieben wurde, wahrend der sogenannte Krieg noch in vollem
Gange war. Also der Aufsatz ist heute veraltet. Er ist auch sonst nicht
gerade eindringlich, da er die meisten Dinge, die er bespricht, sehr
einseitig behandelt. Allein er riihrt doch her von einem Menschen -
das sieht man nach der ganzen Haltung, nach der ganzen Schreib-
weise -, der sich die ernstesten Gedanken dariiber macht, was nun
eigentlich geschehen soil, was die Welt von den Ereignissen zu erwar-
ten hat. Er stellt dar, dieser Aufsatz, wie sich die Westmachte, die
Mittelmachte, die Ostmachte allmahlich verhalten haben innerhalb der
Katastrophe der letzten Jahre. Er stellt die groBen Gefahren, wenn
auch einseitig, aber doch immerhin dar, die aus dieser Katastrophe
heraus heute lauern und in die Zukunft hineinlauern werden. Der
Verfasser hat einen gewissen Weltblick. Er betrachtet die Welt nicht
nur vom Gesichtspunkt der Landesgrenzen; auch das soli ja unter den
heutigen Menschen noch vorkommen, daB sie die Welt nur vom Ge-
sichtspunkt ihrer Landesgrenzen betrachten, und wenn sie sich dann
beruhigen konnen, daB innerhalb ihres Landes das oder jenes noch
nicht stattfindet, dann sind sie unbesorgt. Der Verfasser dieses Auf-
satzes sieht immerhin nicht nur den Umkreis des Kirchturmes, son-
dern er sieht doch etwas von der Weltperspektive. Und seine Gedan-
ken zusammenfassend, kommt er zu einem sehr merkwiirdigen Satze.
Et sagt: «DaB ein furchtbares Schicksal der weiBen Menschheit winkt,
dies scheint mir unter alien Umstanden gewiB, es sei denn, daB eine
Periode supremer Weisheitsherrschaft sehr bald die der Leidenschaft
und Wahnvorstellungen ablost. Wir leben in der Tat seit lange schon
in der Periode, die mit der Volkerwanderungszeit viel Ahnlichkeit
hat. Das Tempo wird durch den Weltkrieg ungeheuer beschleunigt.
Was den damals von auBen in altes Kulturland einwandernden Ger-
manenstammen entspricht, sind die betrachtlichen, aufsteigenden un-
teren Volksschichten, die sowohl dem Blut wie dem Kulturerbe nach
von den bisher her rschenden sehr verschieden sind. DaB diese Volker-
wanderung» - es istin der Tat viel besser, von einer Volkerwanderung
als von einem Kriege zu sprechen - «uberhaupt stattfindet, ist gut in-
sofern, als sie Verbreitung bedingt, eine Verbreitung der Kulturbasis
und eine Hebung vom Gesamtniveau. Sehr gefahrlich aber ist es,
wenn sie zu schnell verlauft. Und diese Gefahr wird vergroBert, je
langer der Weltkrieg dauert.»
Der Aufsatz ist heute veraltet. Die Gefahr ist nicht weniger groB
geworden, aber da er alle Argumente aus dem noch vorhandenen
Kriegswuten ableitet, so sind seine Argumente veraltet. Uns aber muB
hier insbesondere der erste Satz interessieren, den ich vorgelesen habe :
«DaB ein furchtbares Schicksal der weiBen Menschheit winkt, scheint
mir unter alien Umstanden gewiB, es sei denn, daB eine Periode supre-
mer Weisheitsherrschaft sehr bald die der Leidenschaft und Wahn-
vorstellungen ablost. » - Denn das ist in der Tat als abstrakte Wahrheit
unbedingt richtig. Und wenn jemand es einmal ausspricht, daB die
einzige Rettung der Menschheit in dem Sich-Hinwenden zu einer
supremen Weisheitsherrschaft liegt, und nicht zu irgendwelchen an-
dern politischen oder sozialen Quacksalbereien, dann miissen wir eine
solche Tatsache, eine solche Gedankenrichtung anerkennen. Aber wir
diirfen dabei eben durchaus nicht vergessen, daB gerade solche Men-
schen, von denen wir zugeben miissen, daB sie in alien Tiefen ihres
Wesens ergriffen sind von dem Ernst der Zeitlage, daB gerade solche
Menschen, wenn es sich nun darum handelt, zu sagen, worin denn die
Weisheitsvorstellungen bestehen, die die alten Wahnvorstellungen ab-
losen sollen, daB sie dann doch gleich wieder zuriickfallen auf irgend-
welche, zu schonen Worten gewordene alte Wahnvorstellungen.
Denn das ist gerade die Tragik, das ist das furchtbare Schicksal unse-
rer Zeit, daB die Menschen zwar aufmerksam darauf werden: Es ist
notwendig, zum Geiste sich hinzuwenden -, daB sie aber immer
Furcht und Angst iiberkommt, wenn sie sich zum Geiste hinwenden
sollen; daB sie dann gleich wieder bereit sind, nach den alten Wahn-
vorstellungen zu greifen, die die Menschheit hineingetrieben haben
in das gegenwartige furchtbare Schicksal. Wir brauchen ja nur das
Beispiel einer sehr verbreiteten Vorstellungsrichtung zu nehmen.
Glauben Sie, wenn Sie einen richtiggehenden, sagen wir trivial,
Vertreter des romisch-kathoHschen Kirchenbekenntnisses fragen, ob
er geneigt sein wiirde zu glauben, daB die alten Vorstellungen in die
katastrophale Zeit hineingefuhrt haben, daB sie von neuen abgelost
werden miissen, glauben Sie, daB er wirklich geneigt sein wiirde, an
die Notwendigkeit einer Erneuerung derjenigen Vorstellungen zu
glauben, welche die Menschheit nicht retten haben konnen vor dieser
furchtbaren Katastrophe? Nein, er wiirde sagen: Wenn die Menschen
nur wiederum richtig romisch-katholisch werden, dann werden sie
schon gliicklich werden. - Und er wird gar nicht auf den Einfall kom-
men, sich zu sagen, daB sie doch tausendneunhundert Jahre hindurch
Zeit gehabt haben, romisch-katholisch zu sein und dennoch in die
Katastrophe hineingekommen sind; daB also zum mindesten die
Katastrophe lehren muB, daB man neue Impulse braucht. Das ist nur
ein Beispiel fur viele. Es ist iiberhaupt notwendig, gerade mit Bezug
auf diesen Punkt riickhaltlos die Zusammenhange, die da bestehen,
vor Augen zu fiihren.
Es ist heute leicht, selbst fur einen als echt geltenden Anhanger die-
ser oder jener Kirche, zu sagen: Der Haeckelismus oder der Materia-
lismus, das ist eine Teufelssache, das muB mit Stumpf und Stiel aus-
gerottet werden. - Das ist das Gegenteil von dem, was die Menschen
in eine heilsame Seelenverfassung hineinfuhren kann. Ja, man kann
wohl so sprechen, aber wenn man bei dieser Aussage bleibt und nicht
die Zusammenhange untersucht, die dabei in Betracht kommen, dann
wird man unmoglich zu etwas kommen konnen, was der Gegenwart
und noch weniger der nachsten Zukunft heilsam sein kann. Denn
wenn Sie irgendeine materialistisch gefarbte Weltanschauungsemp-
findung aufnehmen und sich fragen: Woher kommt sie historisch? -
dann werden Sie, wenn Sie wirklich Einsicht gewinnen wollen, gar
nicht umhin konnen, sich zuletzt doch zu sagen: sie kommt ja im
Grunde gerade aus der Art, das Christentum zu vertreten, wie dieses
Christentum tausendneunhundert Jahre lang von den verschiedenen
Konfessionen vertreten worden ist. Der Tiefersehende weiB, daB
Haeckelismus ohne das vorangehende Christentum der Kirche gar
nicht moglich gewesen ware. Es gibt Leute, die sind auf dem Stand-
punkt der Kirche zuriickgeblieben, sagen wir, wie sie im Mittelalter
war; die vertreten heute noch immer die Gedanken, die die Kirche
im Mittelalter gehabt hat. Andere haben diese Gedanken weitergebil-
det. Und diejenigen, die sie weitergebildet haben, unter denen ist
zum Beispiel Ernst Haeckel. Er ist ein gerader Abkommling der durch
die verschiedenen Kirchen jahrhundertelang gepflogenen Vorstellun-
gen. Das ist nicht auBerhalb der Kirche entstanden, das ist im tieferen
Sinne durchaus innerhalb der Kirchenlehren entstandene Wahrheit.
Allerdings, richtig die Zusammenhange erkennen wird man erst dann,
wenn man sich ein wenig befruchtet mit geisteswissenschaftlichen Ein-
sichten, um diese Dinge ins Auge zu fassen.
Ich will Ihnen daher heute - obwohl vielleicht einzelne von Ihnen
sagen werden, die Sache ist zu schwer, aber es darf uns nichts zu
schwer sein, man soli Einsicht gewinnen -, ich mochte Ihnen heute
zunachst einmal einen Punkt besonders auseinandersetzen.
Wenn Sie heute philosophisch angehauchte Schriften gut geschul-
ter, zum Beispiel katholischer Gelehrter lesen, da werden Sie iiberall
mit Bezug auf einen gewissen Punkt eine ganz bestimmte Anschauung
ausgebildet finden. Und man kann sagen: Sie finden diese Anschau-
ung ausgebildet bei den allerbesten dieser katholisch geschulten Ge-
lehrten. - Ich mochte dabei gleich bemerken, daB ich durchaus nicht
geneigt bin, die formale Schulung des katholischen Klerus zum Bei-
spiel zu unterschatzen. Ich kenne sehr gut - ich habe das auch aus-
gesprochen in meinem Buch «Vom Menschenratsel» - die bessere
Schulung, die gerade manche katholischen Theologen haben, wenn
sie philosophisch schreiben, gegenuber den Schreibereien der nicht
durch die katholische Theologie gegangenen philosophischen Gelehr-
ten zum BeispieL In dieser Beziehung, muB man sagen, ist die gelehrte
Literatur, die theologische Literatur der protestantischen, der refor-
mierten Geistlichen weit zuriick hinter der guten philosophischen
Schulung der katholischen Theologen. Diese Leute haben durch ihre
strenge Schulung eine gewisse Fahigkeit, ihre Begriffe wirklich pla-
stisch auszubilden; sie haben - was zumBeispiel Menschen, die heute
beriihmt sind in der nichtkatholischen philosophischen Literatur, nicht
einmal als Ahnung haben - eine gewisse Fahigkeit, einzusehen, was
ein BegrifF ist, was eine Idee ist und dergleichen, kurz, diese Leute
haben eine gewisse Schulung. Man braucht nicht einmal ein Buch von
Haeckel zu nehmen, man kann ein Buch von Eucken nehmen, um
diese Begriffspurzelei festzustellen, diese schreckliche, bloB feuilleto-
nistische Herumrederei iiber die wichtigsten Begriffe, oder man kann
zum Beispiel ein Buch von Bergson nehmen, wo man immer das Ge-
fiihl hat : der fangt die Begriffe ab, ohne mit ihnen hantieren zu kon-
nen, wie der bekannte Chinese, der sich umdrehen will und immer
seinen Zopf abfangt. Dieses absolute Taumeln in der Begriffswelt, das
bei diesen ungeschulten Leuten der Fall ist, das werden Sie nicht fin-
den, wenn Sie sich einlassen auf die vom katholischen Klerus aus-
gehende philosophische Literatur, so daB in dieser Beziehung zum
Beispiel ein Buch wie die dreibandige «Geschichte des Idealismus»
von Otto Willmann, einem waschechten Katholiken, der auf jeder
Seite seinen Katholizismus zur Schau tragt, weit hoher steht als das
meiste, was von nichtkatholischer Seite gerade heute auf philosophi-
schem Gebiete geschrieben wird. Das alles kann man durchaus wis-
sen und dennoch den Standpunkt einnehmen, den man eben als Gei-
steswissenschafter einnehmen muB. Inferioritat des Geistes mag auf
diesem Gebiete anders entscheiden, mag zum Beispiel der Meinung
sein : weil da gute Schulung ist, so ist sie iiberhaupt mehr wert. Nun,
das mag sein; aber man kann durchaus sich auch der Objektivitat be-
fleiBen, wenn man g¬igt ist, einen bestimmten Gesichtspunkt im
Leben einzunehmen.
Ein Punkt wird Ihnen in dieser gut geschulten katholischen philo-
sophischen Literatur immer entgegentreten, ein Punkt, der auch un-
gemein viel Blendendes fur den heutigen Denker hat; das ist der, der
immer in Betracht kommt, wenn die Leute zu sprechen kommen auf
den Unterschied des Menschen vom Tiere. Nicht wahr, die gewohn-
lichen Haeckel-Leser und Haeckel-Bekenner, die werden ja immer
darauf ausgehen, den Unterschied des Menschen vom Tier moglichst
zu verwischen, moglichst den Glauben zu erwecken, daB der Mensch
im ganzen nur ein gewissermaBen hoher ausgebildetes Tier ist. Das
tun die katholischen Gelehrten nicht, sondern sie heben immer etwas
hervor, was ihnen als radikaler Unterschied erscheint zwischen dem
Menschen und dem Tiere. Sie heben hervor, daB das Tier bei der
gewohnlichen Anschauung bleibt, die es gewinnt von dem Gegen-
stand, den es jetzt beriecht, von dem nachsten Gegenstand, den es
dann beriecht oder beschaut und so weiter; daB das Tier gewisser-
maBen immer nur in einzelnen individuellen Vorstellungen bleibt,
wahrend der Mensch die Fahigkeit hat, abgezogene, abstrakte Be-
griffe sich zu bilden, die Dinge zusammenzufassen. Das ist in der Tat
ein radikaler Unterschied, weil der Mensch, wenn man die Sache so
auffaBt, dadurch sich wirklich radikal vom Tier unterscheidet. Das
Tier, das nur die Einzelheiten ins Auge faBt, kann nicht in sich die
Geistigkeit ausbilden, weil ja die abstrakten Begriffe in der Geistigkeit
leben miissen. Und dadurch muB man dazu kommen, anzuerkennen,
daB im Menschen diese besondere Seele lebt, die eben die abstrakten
Begriffe biidet, wahrend das Tier mit seiner besonderen Art des Innen-
lebens diese abstrakten Begriffe nicht bilden kann.
Wer auf diesen Punkt hin die entsprechenden katholischen Ausein-
andersetzungen ins Auge faBt, der sagt sich : Das ist etwas ungeheuer
Bedeutsames, daB durch gute philosophische Schulung auf diesen ent-
scheidenden, radikal entscheidenden Punkt in dem Unterschied zwi-
schen Mensch und Tier richtig hingewiesen werden kann. Die Men-
schen wurdigen in der Gegenwart gar nicht die Tragweite einer sol-
chen Sache. Als zum Beispiel der Rummel dazumal losgegangen war,
den Drews veranstaltet hat, diese Auseinandersetzung, ob Jesus gelebt
hat oder nicht, als damals in Berlin eine groBe Versammlung abgehal-
ten worden ist, wo alle moglichen und unmoglichen Leute geredet
haben iiber das Problem: Hat Jesus gelebt? - da hat auch der katho-
lische Theologe Wasmann dariiber gesprochen, und er konnte natur-
lich nur Dinge sagen, die die andern als sehr riickstandig betrachtet
haben. Aber trotzdem dazumal eigentlich die Koryphaen, namentlich
der Berliner protestantischen Theologie, geredet haben, so sind mir
im Grunde genommen in den damaligen Reden doch als wirklich auf
einem etwas besseren Niveau - rricht auf dem Gegenwartsniveau, aber
einem etwas besseren Niveau - zwei Ausspruche beziehungsweise die
Unterlagen dieser Ausspruche erschienen. Das eine war eine Ausfiih-
rung, die ein - ich will damit gar nichts Schlimmes sagen, sondern
eigentlich den Mann loben - gelehrter Bummler allerersten Ranges
dazumal losgelassen hat. Ich glaube ihn nicht besser loben zu konnen,
als indem ich ihn einen gelehrten Bummler allerersten Ranges nenne.
Der Mann hatte namlich durch seinen Scharfsinn und durch seine
eigenartigen Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten, durch ein
groBes Wissen viel leisten konnen. Schon damals, als ich mit ihm ver-
kehrte - das ist achtzehn, neunzehn Jahre her -, hatte er schon seit
fiinfzehn Jahren, glaube ich, an einer Revision der Logik geschrieben,
und ich glaube, er muB auch seither noch daran schreiben, denn diese
Revision der Logik ist mir mittlerweile nicht zu Gesicht gekommen.
Er hat dazumal schon gesagt, was ganz richtig ist: die Menschen
seien eigentlich ganz fiirchterlich in der Gegenwart, sie seien namlich
dann ganz fiirchterlich, wenn sie zu denken anfangen, denn man
brauche nur zwei, drei Satze, sei es in einem wissenschaftlichen
oder in einem unwissenschaftlichen Gesprach heute zu horen, um zu
beobachten, wie gleich die furchtbarste Unlogik einsetzt. Das, meinte
er, was die Menschen beobachten imiBten, damit sie nicht in die graus-
lichsten Wahnvorstellungen kommen, die heute gang und gabe sind,
das lieBe sich auf eine Quartseite aufschreiben, man brauche nur diese
Quartseite wirklich zu berucksichtigen. Ich weiB ja nicht, ob er diese
Quartseite als Revision der Logik zustande bringen will; wie gesagt,
dazumal waren es schon fiinfzehn Jahre, seither sind noch achtzehn,
neunzehn Jahre verflossen, ich weiB nicht, wie weit er jetzt ist mit die-
ser Revision der Logik. Aber ich will ihn also loben, indem ich ihn
einen geistreichen, geistvollen Bummelanten nenne, weil ich damit
andeuten will, daB er, wenn er nicht ein geistreicher Bummelant ware,
furchtbar viel leisten konnte. Der hat dazumal etwas sehr Schemes
gesagt, er hat namlich gesagt: ja, die katholische Kirche muBte eines
Tages horen, daB die Kometen, die ja aus Kern und Schwanz beste-
hen, Himmelskorper wie die andern sind und nach Gesetzen sich be-
wegen, wie die andern Himmelskorper auch. Als nun gar nicht mehr
geleugnet werden konnte, nach den Dingen, die da einmal vorlagen,
daB die Kometen auch solche Himmelskorper seien wie die andern,
da entschloB sich die katholische Kirche zuzugeben, daB man auf die
Kometen auch die ubrigen Himmelsbahngesetze anwende; aber sie
gab es zunachst nur mit Bezug auf den Kern, noch nicht mit Bezug
auf den Schwanz zu. - Nun, er wollte damit symbolisch nur ausdriik-
ken, daB die katholische Kirche in der Regel nur geneigt ist, das Not-
wendigste zuzugeben, wie sie ja 1827 erst die kopernikanische Welt-
anschauung fur ihre Bekenner erlaubt hat; daB sie aber selbst dann,
wenn sie das Notwendigste zugeben muB, wenigstens noch den
Schwanz von der Sache zuriickbehalt! Das ist eine Bemerkung, von
der ich fand, daB sie eigentlich ganz gut die Situation charakterisierte.
Die andere Bemerkung aber, die war getan eben gerade von dem
katholischen Ameisenforscher Wasmann - er ist ein ausgezeichneter
Ameisenforscher, aber er ist auch ein gut geschulter Philosoph -, der da
sagte : Eigentlich, meine Herren, konnen Sie mich ja gar nicht verstehen,
denn in Wirklichkeit wissen Sie alle nicht, wie man philosophisch
denkt; derjenige, der philosophisch denkt, der redet eben nicht so
wie Sie! - Und in der Tat, er hatte damit recht, es ist ganz zweifellos,
daB er damit den Nagel auf den Kopf traf. Nun gibt es gerade eine
kleine, nette Schrift von Wasmann iiber den Unterschied zwischen
Mensch und Tier, welche scharf hervorhebt, was ich jetzt eben an-
gedeutet habe: diese Fahigkeit der Menschen, wirklich in abstrakten
BegrifFen zu denken, die das Tier eben nicht haben soil. Das ist etwas,
was auBerordentlich blendend ist, weil es ja nach einer gewissen Rich-
tung hin iiberzeugend ist fur den, der sich nur in seinem Denken so
weit geschult hat, daB er die ganzeTragkraft einer solchenBehauptung
ins Auge fassen kann.
Aber nun sehen wir die Sache einmal geisteswissenschaftlich an, da
wird Ihnen erst die ganze Geschichte in ihrer Bedeutung vor Augen
treten. Wenn wir geisteswissenschaftlich ausgehen von den Anschau-
ungen, von den Erfahrungen, die man dariiber gewinnen kann in der
spirituellen Welt, dann begreift man auf der einen Seite, daB ohne die
geisteswissenschaftlichen Betrachtungen diese blendende Behauptung
zustande kommen kann, von der ich eben gesprochen habe, daB sie
auch eigentlich fur jeden, der nicht Geisteswissenschafter werden will,
gelten muB, gerade wenn er gut philosophisch geschult ist; das sieht
man auf der einen Seite ein. Auf der andern Seite sieht man aber fol-
gendes, man sieht es einfach, indem man die Dinge in der Welt be-
trachtet: Wenn man mit geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen
den Menschen mit dem Tiere vergleicht, dann zeigt sich, daB der
Mensch zwar den Dingen der Welt gegeniibertritt in einzelnen Be-
obachtungen und sich dann abstrakte Begriffe bildet durch allerlei
Denkoperationen, in denen er zusammenfaBt, was er vereinzelt sieht.
Man kann auch zugeben, daB das Tier diese Abstraktion nicht hat,
daB das Tier diese Tatigkeit der Abstraktion nicht ausiibt. Aber das
Kuriose ist, daB die abstrakten Begriffe dem Tiere nicht fehlen, daB
das Tier mit seiner Seele gerade in den allerabstraktesten Begriffen
lebt, die wir Menschen uns muhevoll bilden, und daB das Tier die
einzelne Anschauung nicht so hat wie wir. Was wir voraushaben, ist
gerade, daB wir einen viel freieren Gebrauch der Sinne, eine ganz
bestimmte Art von Zusammenwirken von Sinnen und inneren Emo-
tionen und Willensimpulsen haben. Das haben wir vor dem Tier vor-
aus. Aber die Sicherheit des Instinktes, welche die Tiere haben, die
beruht gerade darauf, daB das Tier von vornherein mit solchen ab-
strakten Begriffen lebt, die wir uns erst bilden mussen. Worin wir uns
von dem Tier unterscheiden, das ist, daB sich unsere Sinne emanzipie-
ren und freier werden im Gebrauch nach der AuBenwelt zu, und daB
wir auch in unsere Sinne den Willen hineingieBen konnen, den das
Tier nicht hineingieBen kann. Aber das, was wir Menschen nicht
haben, sondern uns erst erwerben mussen, die abstrakten Begriffe, die
hat gerade das Tier, so sonderbar es einem erscheinen mag. GewiB,
es hat jedes Tier nur ein bestimmtes Gebiet, aber auf diesem Gebiete
hat das Tier solche abstrakten Begriffe, so sonderbar es einem er-
scheinen mag. Der Mensch ist darauf angewiesen, einen, zwei, drei
Hunde zu sehen; er bildet sich daraus den abstrakten Begriff «Hund».
Das Tier hat auf diesem Gebiete, und zwar gan2 genau, denselben
abstrakten Begriff «Hund», den wir haben, es braucht sich ihn nicht
zu bilden. Wir miissen uns ihn erst bilden, das Tier braucht das nicht.
Aber das Tier hat nicht die Fahigkeit, den einen Hund von dem
andem genau zu unterscheiden, genau zu individualisieren durch die
Sinneswahrnehmungen.
Wenn wir uns nicht die Fahigkeit erwerben, durch Geisteswissen-
schaft auf den wahren Tatbestand der Wirklichkeit einzugehen, so
tauschen wir uns in einer gewissen Beziehung iiber das AUerwesent-
lichste. Wir glauben, weil wir Menschen die Fahigkeit entwickeln
miissen, abstrakte Begriffe zu bilden, so unterscheiden wir uns durch
die abstrakten Begriffe vom Tiere, das diese Fahigkeit nicht besitzt.
Aber das Tier braucht diese Fahigkeit gar nicht, weil es die abstrakten
Begriffe von vornherein hat. Das Tier hat eine ganz andere Art von
Sinnesanschauung als wir Menschen. Gerade die auBere Sinries-
anschauung ist ganz verschieden.
In dieser Beziehung ist sogar eine sehr tief eingreifende Umwand-
lung in den menschlichen Vorstellungen notwendig. Denn iiber aller-
lei naturwissenschaftliche Begriffe, die heute schon popular geworden
sind, haben sich ja die Menschen unterrichtet. Entweder haben sie sie
in einer gewissen Schule, durch direkten Unterricht lernen konnen,
oder sie haben sich unterrichtet durch jenes Abwaschwasser - ich
wollte sagen durch jene Zeitungslektiire -, womit heute die natur-
wissenschaftlichen Vorstellungen in alle Welt hinausstromen. Aber
die Menschen sind beherrscht von diesen naturwissenschaftlichen
Vorstellungen. Mit Bezug auf das, was ich Ihnen eben angedeutet
habe, da sind die Menschen ganz tief beherrscht von einem, fast
konnte man sagen, instinktiven Hang zu glauben, daB das Tier wirk-
lich in der Umgebung dasselbe sieht wie der Mensch. Wenn er mit
seinem Hunde spazieren geht, so hat er den instinktiven Glauben, daB
der Hund die Welt so sieht, wie er sie sieht, daB er ebenso das Gras
farbig, den Weizen gefarbt, die Steine gefarbt sieht, wie er selber. Und
dann hat er, wenn er einigermaBen denken kann, auch noch den
Glauben : er selber kann abstrahieren und hat daher abstrakte Begriffe,
sein Hund aber abstrahiert nicht und so weiter. Und dennoch ist es
nicht so. Dieser Hund, der neben uns geht, lebt geradeso in den ab-
strakten BegrifTen wie wir. Ja, er lebt sogar intensiver darinnen als
wir. Er braucht sie auch gar nicht zu erwerben, sondern er lebt vom
Anfange an intensiv darinnen. Aber die auBere Anschauung hat er
nicht so, die gibt ihm ein ganz anderes Bild'. Sie brauchen nur auf-
merksam zu sein auf gewisse Beobachtungen, die man im Leben
machen kann. Allerdings, man nimmt die Dinge nicht immer ernst
genug. Ich konnte Ihnen eine ganze Anzahl von Beispielen anfuhren,
aus denen Ihnen hervorgehen wiirde, wie der Mensch rein instinktiv
in dieser Richtung verkehrt denkt. Zum Beispiel ging ich einmal, es
war in Zurich, glaube ich, von einem Vortrag, der an einem Zweig-
abend gehalten worden war, auf die StraBe. Da wartete ein Kutscher,
und das Pferd wollte nicht recht gehen, machte Miene, ein biBchen
zu scheuen. Da sagte der Kutscher: Das furchtet sich vor seinem
Schatten. - Er sah natiirlich den Schatten des Pferdes, den die Laterne
auf die Wand warf, und deshalb setzte er voraus, daB das Pferd ganz
genau ebenso diesen Schatten sehe wie er. Er hatte natiirlich keine
Ahnung davonj was, wenn ich sagen darf, in der Seele des Pferdes und
was in seiner Seele vorgeht. Er sieht den Schatten des Pferdes, aber
das Pferd hat ein lebendiges Gefiihl vom Sein in jenem Raumteil des
Atherleibes, wo sich der Schatten bildet. Das ist ein ganz anderer
Vorgang, in bezug auf die innere Anschauung ein ganz anderer Vor-
gang.
Da haben Sie das Aufeinanderprallen der bisherigen Denkweise bis
in die elementarsten, instinktivsten Anschauungen naiver Menschen
hinein mit dem, was geisteswissenschaftlich neu in die Menschen hin-
einkommen muB. Sie werden allerdings erst mit allem Ernste wiirdi-
gen miissen, was hier eigentlich zugrunde liegt. Denn mit Bezug auf
solche Dinge unterscheidet sich der argste Materialismus eines Vogt
oder Molescbott oder Clifford oder Spencer und so weiter viel weniger
von dem hergebrachten Bekenntnisbegriffe der einzelnen Konfessio-
nen, als sich dasjenige unterscheidet, was als eine neue Denkweise
der Geisteswissenschaft zugrunde liegend von diesen Bekenntnissen
sich unterscheiden muB. Denn eigentlich denken gewisse Materiali-
sten doch heute : Der Mensch unterscheidet sich nicht sehr vom Tiere. -
Sie haben auch einmal etwas davon lauten gehort, wenn auch nicht
die Glocken zusammenschlagen vernommen, daB der Mensch sich
abstrakte Begriffe machen kann, die doch etwas andefes sind als die
gewohnlichen bloB sinnlichen Vorstellungen; aber sie sagen sich:
Abstrakte Begriffe, das ist vielleicht doch nicht so etwas Wichtiges,
so etwas Wesentliches, also im Grunde genommen unterscheidet sich
der Mensch nicht von dem Tiere. - Der gesamte Materialismus der
Gegenwart ist eigentlich eine Schopfung der Kirchenbekenntnisse.
Das muB man nur wirklich ganz ernsthaftig ins Auge fassen, dann
wird man sehen, daB eine Erneuerung der Vorstellungsart der Men-
sehenseelen hier in Betracht kommt, wenn man nicht dabei stehen-
bleiben will: Nun wiederum zuriick zu den alten Vorstellungen, dann
wird es schon gut gehen!
Man kann aber nicht etwa sagen, daB die Menschen es einfach
unterlassen konnten, sich nun zu wirklichem Geistesleben hinzuwen-
den, und es auch so weitergehen konnte! Nein, diejenigen haben
schon recht, die da sagen, «... daB ein furchtbares Schicksal der wei-
Ben Menschheit winkt, scheint mir unter alien Umstanden gewiB, es
sei denn, daB eine Periode supremer Weisheitsherrschaft sehr bald die
der Leidenschaft und Wahnvorstellungen ablost». Nur sollten solche
Leute auch einsehen, daB zu den Wahnvorstellungen der groBte Teil
der wissenschaftlichen Vorstellungen iiber die Welt heute gehort. Das
sollte eben durchaus eingesehen werden. Die Menschheit ist in ihrer
Entwickelungsstromung an dem Punkt angekommen, den wir oft-
mals dadurch charakterisieren, daB wir sagen: Seit dem 15. Jahrhun-
dert ist die Menschheit im Zeitalter der BewuBtseinsseele. Und diese
Entwickelung der BewuBtseinsseele findet so statt, wie ich es eben
ofter charakterisiert habe. Sehen wir einmal auf ein sehr wichtiges
Charakteristikon mit Bezug auf die Entwickelung der BewuBtseins-
seele hin.
Ich habe Ihnen schon das letzte Mai angedeutet: Alles was der
Geistesforscher erkennt, das heiBt ins BewuBtsein herauf hebt gerade
von solchen Dingen, die in der Entwickelung der Menschheit liegen,
das geht, auch wenn es nicht erkannt wird, bei den Menschen im
UnterbewuBtsein vor sich. Die Menschheit geht einmal, indem sie
nach der Zukunft hin sich entwickelt, durch gewisse Erfahrungen
hindurch. Sie geht unbewuBt durch diese Erfahrungen hindurch,
wenn sie es nicht vorzieht, sie ins BewuBtsein heraufzubringen, was
eben im Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwickelung geschehen
sollte. Aber gerade in diesem Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwik-
kelung wird heute noch manches, was an den Menschen im Unter-
bewuBtsein herantritt, zuriickgestoBen.
Unter ahderem tritt mehr und mehr ein gewisser Teil desjenigen
Erlebnisses an den Menschen heran, das man nennen kann die Be-
gegnung mit dem « Hiiter der Schwelle ». GewiB, will man wirklich in
die geistige Welt vollbewuBt eintreten, Imaginationen, Inspirationen,
Intuitionen entwickeln, so muB man in viel hoherem MaBe mit reich-
licheren Erfahrungen, mit ganz andern Erfahrungen noch eintreten in
das Gebiet der iibersinnlichen Welt. Man muB griindlicher - wenn ich
mich des Ausdrucks bedienen darf - beim Hiiter der Schwelle vorbei-
schreiten, als die ganze Menschheit im Laufe des Zeitalters der Be-
wuBtseinsseele dies tun muB. Aber in einem gewissen Grade muB der
Mensch einfach bis zum Ende der BewuBtseinsseelenentwickelung an
dem Hiiter der Schwelle vorbeigeschritten sein. Er kann nun die Be-
quemlichkeit haben, dieses Vorbeischreiten ganz im UnterbewuBtsein
zu lassen. DaB dies aber nicht geschehe, dazu ist gerade Geisteswis-
senschaft da. Sie soil darauf aufmerksam machen, daB das eben jetzt
zu den Geschehnissen gehort, die sich in der Menschheitsentwicke-
lung vollziehen. Und derjenige, der heute die Leute abhalt von Gei-
steswissenschaft, will eigentlich nichts Geringeres, als die Menschen
zwingen, nicht bewuBt, sondern unbewuBt am Hiiter der Schwelle
vorbeizukommen, der eben einfach in diesem Zeitalter in den Hori-
zont der Menschen hereintritt.
Mit andern Worten : die Menschheit muB in den 2160 Jahren, welche
das Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwickelung dauert, von 1413 an
ungefahr, in irgendeiner Inkarnation an dem Hiiter der Schwelle vor-
beikommen und teilweise die Erlebnisse, die man bei dem Hiiter der
Schwelle haben kann, erleben. Der Mensch kann sich von materiali-
stisch gesinnten Menschen zwingen lassen, unbewuBt vorbeizugehen;
oder er kann in Freiheit ergreifen den EntschluB, auf Geisteswissen-
schaft aufmerksam zu sein und, sei es durch Selbstschau, sei es durch
den gesunden Menschenverstand, etwas iiber dieses Vorbeigehen an
dem Hiiter der Schwelle zu vernehmen. Und bei diesem Vorbeigehen
an dem Hiiter der Schwelle wird eben das vernommen, was den Men-
schen befahigt, sich richtige, zutrefFende Vorstellungen zu bilden \iber
die konkrete ubersinnliche Welt, Vorstellungen zunachst, welche in
der Lage sind, vor alien Dingen das Vorstellen selbst, das Denken, in
eine gewisse freie, unbefangene, wirklichkeitsfreundliche Richtung zu
bringen.
Das habe ich ja oftmals als die groBte Errungenschaft der Geistes-
wissenschaft bezeichnet, daB das Denken wirklichkeitsfreundlicher
wird, daB es wirklich eingehen kann auf die Impulse, die in dem Ge-
schehen liegen, und nicht bloB in abstrahierter Weise wie die Natur-
wissenschaft auBerlich etwas iiber die Vorgange weiB. Gewisse Dinge
der geistigen Welt zu wissen, das ist es, was den Menschen notwendig
wird. Dadurch muB der Mensch in die Lage versetzt werden, seine
Stellung in der Welt vom Gesichtspunkte eines geistigen Horizontes
aus beurteilen zu lernen, wahrend er heute seine Stellung in der Welt
nur vom Standpunkte des sinnlichen Horizontes aus zu beurteilen ver-
mag. Sie beurteilen schon etwas neu und richtig, wenn Sie zum Bei-
spiel einen solchen Gedanken fruchtbar in sich machen, daB die Tiere
nicht etwa keine abstrakten Vorstellungen haben, sondern daB sie
gerade in den abstraktesten Vorstellungen leben, und daB der Mensch
sich vom Tier unterscheidet durch eine gewisse Ausbildung seiner
Sinne, die sich emanzipieren von dem engen Zusammenhang mit dem
Korperleben. Dadurch kommen Sie eigentlich erst zu zutrefifenden
Vorstellungen iiber den Unterschied des Menschen von dem Tier.
AuBerlich driickt sich das so aus, daB die Organisation der Sinne bei
den Tieren in einem sehr ausgesprochenen Lebenszusammenhang
steht mit der gesamten Organisation des Leibes. Die Organisation des
Leibes erstreckt sich beim Tier sehr bedeutsam noch in den Sinn hin-
ein.
Nehmen Sie das Auge. Es ist den Naturwissenschaftern durchaus
bekannt, daB Augen niederer Tiere Organe in sich haben, zum Bei-
spiel den Facher oder den Schwertfortsatz, welche bluterfiillt sind,
welche lebendig einen Zusammenhang zwischen dem Augeninneren
und der ganzen Organisation herstellen, wahrend das menschliche
Auge diese Organisation nicht hat, sondern viel selbstandiger ist. Die-
ses Selbstandigerwerden der Sinne, dieses Emanzipieren der Sinne
von der Gesamtorgarrisation, das ist etwas, was erst beim Menschen
eintritt. Dadurch aber ist beim Menschen die ganze Welt der Sinne
viel mehr im Zusammenhang mit dem Willen als beim Tier. Ich habe
das einmal morphologisch anders ausgedriickt. Ich habe Sie von einem
andern Gesichtspunkte aus auf dieselbe Sache aufmerksam gemacht,
indem ich sagte: Wenn Sie den dreigliedrigen Organismus nehmen,
Extremitatenorgane, Brust, Kopf, so ist das, wenn ich schematisch
zeichne, beim Tier so : dies der Kopforganismus (Zeichnung links, S . 3 2),
dies der Brustorganismus, dies der Extremitatenorganismus. Der
Kopf steht unmittelbar iiber der Erde. Die Erde ist unter dem Kopf-
organismus - natiirlich approximativ, aber dem Wesen nach - bei alien
Tieren. Das Riickgrat steht senkrecht auf der Erdachse oder dem Erd-
radius. Beim Menschen ist es so, daB sein Kopf auf seinem eigenen
Brustorganismus und Extremitatenorganismus steht. Beim Menschen
ist der Brustorganismus so unter dem Hauptesorganismus, wie beim
Tier die Erde unter dem Hauptesorganismus ist. Der Mensch steht
mit dem Kopf auf seiner eigenen Erde. Dadurch ist beim Tiere eine
Auseinanderhaltung vorhanden zwischen dem Willensorganismus,
namentlich dem Extremitatenorganismus, den riickwartigen Extremi-
taten, und dem Haupte. Beim Menschen ist unmittelbar derWille, der
Willensorganismus in den Kopforganismus eingeschaltet und das
Ganze im Erdradius. Dadurch werden die Sinne gewissermaBen durch-
flossen von dem Willen, und das ist das Charakteristische beim Men-
schen. Dadurch unterscheidet er sich in Wirklichkeit von dem Tiere,
daB die Sinne von dem Willen durchflossen werden. Beim Tiere wer-
den die Sinne nicht vom Willen, sondern von einem tieferen Elemente
durchflossen; daher auch der innigere Zusammenhang der Organisa-
tion der Sinne mit dem Gesamtorganismus. Der Mensch lebt viel
mehr in der AuBenwelt, das Tier lebt viel mehr in seiner eigenen inne-
ren Welt. Indem der Mensch sich seiner sinnlichen Werkzeuge be-
dient, lebt er viel mehr in der AuBenwelt.
Nun bedenken Sie, jetzt leben wir im Zeitalter der BewuBtseins-
seele. Was bedeutet das ? Das bedeutet, wie ich Ihnen jetzt einige Male
ausgefuhrt habe, daB wir gerade vorriicken dazu, daB im BewuBtsein
nur die Spiegelung, nur Spiegelbilder vorhanden sind, da das Zeit-
alter der BewuBtseinsseele auch das Zeitalter des Intellektualismus ist.
Das Abstraktionsvermogen so rein als eine Kunst auszubilden, das tut
man eigentlich erst im Zeitalter des Intellektualismus. In diesem Zeit-
alter des Intellektualismus und Materialismus, da bildete man die ab-
straktesten Begriffe aus.
Nun konnen wir uns zwei Leute denken; der eine ist ein gut ge-
schulter Philosoph, so gut geschult, wie es katholische Theologen
sind. Dieser eine miiBte eigentlich von seinem Gesichtspunkte aus
etwas sagen, was er aber nicht sagen wird, weil er die Bescherung
sieht, daB aus der jahrhundertealten Entwickelung des Christentums
sich der Materialismus herausentwickelt hat, und das ist ihm unan-
genehm; aber er miiBte eigentlich sagen: Dieser Mensch im Zeitalter
der BewuBtseinsseele kann am besten abstrakte Begriffe bilden, er hat
sich also am meisten iiber das Tier erhoben.
Es kann aber auch der Geisteswissenschafter kommen und sagen:
In diesem Zeitalter der BewuBtseinsseelenentwickelung ist das Cha-
rakteristische fur den Menschen gerade das, daB er die Fahigkeit, ab-
strakte Begriffe auszubilden, ganz besonders stark entwickeln kann. -
Wohin kommt er dadurch ? Er kommt gerade dadurch in die Tierheit
zuriick ! Und das erklart ungeheuer vieles. Das erklart Ihnen, warum
auch der Hang des Menschen, sich moglichst dem Tiere zu nahern,
gerade dadurch entsteht, daB man in die Abstraktionen der Begriffe
hineinkommt. Das erklart Ihnen aber auch etwas, was vielfach in der
Lebenspraxis und Lebensfuhrung heute auftritt. Die Wissenschaften
werden immer abstrakter und abstrakter, und im sozialen Leben
kommt der Mensch immer mehr dazu, so leben zu wollen, wie eigent-
lich das Hebe Vieh lebt, namlich nur fur die alleralltaglichsten Hunger-
und sonstigen Bedurfnisse zu sorgen. Den inneren Zusammenhang
zwischen Abstraktionsvermogen und Tierheit, den zeigt die Geistes-
wissenschaft auf. Diesen inneren Zusammenhan$, den macht der
Mensch unter alien Umstanden als Erlebnis im Zeitalter der BewuBt-
seinsseelenentwickelung durch. Wird er gehindert in der vorher cha-
rakterisierten Weise, so macht er ihn unbewuBt durch. Es machen
zahlreiche Menschen das durch, was in den Tiefen ihrer Seelen ihnen
sagt: Du wirst ja dem Tiere immer ahnlicher; gerade indem du vor-
wartskommst, wirst du immer mehr dem Tiere ahnlich. - Das ist der
Schreck, den die Menschen bekommen vor dem Vorschreiten auf der
Bahn. Das ist es auch, was die Menschen veranlaBt, so gerne bei alten
BegrifFen konservativ zu verweilen.
Darf das sein? Darf dieses unbewuBte Sichtbarwerden der Tierheit
am Hiiter der Schwelle die Menschen abhalten vom Vorwartsschrei-
ten? Nein, das darf nicht geschehen; aber ein anderes muB eintreten.
Indem man zuriickschreitet im scheinbaren Vorwartsschreiten, muB
das Zuriickschreiten so geschehen, daB es nicht, wie es unbedingt
sein wiirde, wenn man nur das Abstraktionsvermogen ausbilden
wiirde, einfach stattfindet so hin und her : da wiirde man bei friiheren
Stufen der Menschheitsentwickelung ankommen, ja, man kame iiber-
haupt bei der Vertierung an. Nein, zuruckgeschritten muB werden,
aber so, hin und her (Zeichnung rechts, S. 3 2), daB eine Erhohung statt-
findet, und diese Erhohung muB in das Geistige hineinfuhren.
Dasjenige, was wir verlieren, indem wir in die Abstraktion hinein-
schreiten, das miissen wir dadurch paralysieren, daB wir unsere ab-
strakten Spiegelbilder mit Geistigem ausfullen, daB wir das Geistige
aufnehmen in die Abstraktion hinein. Dadurch kommen wir vor-
warts. Der Mensch ist vor dem Hiiter der Schwelle, sei es bewuBt oder
unbewuBt, vor die furchtbare Entscheidung gestellt : entweder durch
die abstrakten Begriffe nur «tierischer als das Tier» zu werden und
«in jeden Quark seine Nase zu begraben», um mit Goethes « Faust »
zu sprechen, oder aber in dem Augenblicke, wo er in die Abstraktion
eintritt, in diese abstrakten Begriffe dasjenige hineinzugieBen, was aus
geistigen Welten herausstromt, so wie wir das in diesen Tagen cha-
rakterisiert haben. Dann beginnt der Mensch seine Stelhmg innerhalb
der Welt erst richtig zu wiirdigen, denn dann faBt er sich auf als in der
Entwickelung begriffen, dann weiB er, warum ihm in einem bestimm-
ten Punkte dieser Entwickelung die Gefahr droht, herunterzusinken
in die Tierheit gerade durch die Abstraktionen. Als der Mensch auf
der Tierstufe stand in primitiven Kulturperioden, da unterschied er
sich durch seine Sinne von den Tieren, nicht durch seine abstrakten
Begriffe. Die abstrakten Begriffe hatten die Tiere besser. Er kann diese
abstrakten Begriffe erst heute zur Not entwickeln. Die Tiere haben sie
viel besser. Ich habe es einmal ausgefuhrt durch ein anderes Beispiel,
indem ich Ihnen sagte: Wie lang ist es denn her, daB in der geschicht-
lichen Entwickelung der Mensch versucht hat, Papier zu machen?
Die Wespe macht ihr Nest aus Papier, die kann es seit Jahrmillionen !
Und sehen Sie sich an, was aber in wirkendem, waltendem Verstand
an Klugheit, an Intellektualitat, an Abstraktionsvermogen durch die
Tiere zutage tritt, wenn auch durch die verschiedenen Tiere in ein-
seitiger Weise. Man nennt es torichterweise Instinkt. Aber wenn man
die Sache durchschaut, so weiB man : Die weitaus wenigsten Menschen
sind heute mit dem, was sie an Abstraktionsvermogen haben, so weit,
daB sie etwa iiber die Einseitigkeiten der heutigen Tierklassen mit
dem, was sie aus ihrem Abstraktionsvermogen bereiten, hinaus waren.
Vor diese wichtige Entscheidung also ist der Mensch gestellt: ent-
weder zur Tierheit zuruckzukehren in sehr starkem MaBe, tierischer
als jedes Tier zu sein, um den mephistophelischen Ausdruck im
« Faust » zu gebrauchen - Ahriman-Mephistopheles mochte ja das im
Menschen, mit dem Menschen erreichen -, oder aber das Spirituelle
aufzunehmen.
Es ist schon eine gewisse Intensitat des Vorstellens notwendig,
wenn man heute wissen will, was eigentlich im Werdegang der Zeit,
in den zeitlichen Notwendigkeiten den Menschen vorgezeichnet ist.
Da muB man schon sehr, sehr tief hineinschiirfen in das Weltenwer-
den, da muB man es auch nicht scheuen, sich durch geisteswissen-
schaftliche Begriffe vorzubereiten fur die schwierigeren und die Wirk-
lichkeit tragenden Begriffe. Denn naturlich, wenn einer so etwas, wie
ich es heute gesagt habe, das erste Mai hort, wird er sagen : Das ist ja
die reine Verriicktheit ! - Das ist begreiflich. Aber man konnte sich
auch vorstellen, daB jemand sehr vieles von dem, was die «Geschei-
ten» seit Jahren gemacht haben, als eine groBe Verriicktheit ansieht,
und er konnte sehr groBe Mehrheiten fur verriickt halten; dann aber
konnte er auch begreiflich finden, warum diese sehr groBen Mehr-
heiten ihn, als einen Abweichenden, fur verriickt halten. Denn in
einer Gesellschaft von Verruckten wird gewohnlich nicht der Ver-
riickte, sondern der Gescheite fiir verriickt gehalten.
Der Mensch lernt dadurch aber iiberhaupt befruchten sein ganzes
Anschauen der Welt. Und er lernt gerade das befruchten, was ihn in
Wirklichkeit vom Tiere schon immer unterschieden hat. Es ist ja der
Mensch im Grunde genommen recht unaufmerksam auf seine eigenen
Fahigkeiten, und er wird immer unaufmerksamer werden, wenn er
im Zeitalter der BewuBtseinsseele nur die Intellektualitat ausbildet.
Wenn man zuriickgeht in friihere Zeiten, findet man bei sinnreichen
Menschen noch sehr haufig, daB sie auch einen gewissen Sinn hatten
fur die Umgebung. Wenn man die Vorstellungen nimmt, die sich
friihere Menschen iiber gewisse Tiere 2um Beispiel bildeten, so sind
diese oft sinnreich. Die Vorstellungen der heutigen Zoologiebucher
sind manchmal vom Standpunkte der Abstraktionsbildung aus ja ganz
brav und recht anerkennenswert, aber sinnreich sind sie nicht. Vor
alien Dingen mochte ich Sie einmal fragen, ob unter den Vorstellun-
gen, die Sie heute in der Schule aufnehmen, wirklich solche sind, die
Sie sinnvoll hereinfiihren konnen, sagen wir in das Leben der Tiere?
Sehen denn heute die Menschen noch, hinschauend iiber eine groBe
Anzahl von Tieren, den angstlichen Blick, mit dem ganze Scharen,
ganze Gruppen von Tieren in die Welt schauen, den furchtsamen,
angstlichen Blick? Oh, wir werden ihn wieder sehen lernen, wenn wir
durch das Abstraktionsvermogen nur so weit gekommen sind, daB es
uns zum Hiiter der Schwelle getrieben hat, daB wir wiederum Mit-
gefiihl entwickeln konnen mit dem Tiere! Nicht jenes Mitgefiihl, das
heute oftmals kiinstlich anerzogen wird, sondern das einem elemen-
taren inneren Erleben entspricht. Man kann sagen: Uber die gesamten
hoheren Tiere, die gesamten warmbliitigen Tiere, breitet sich aus ein
eigentiimliches Angstlichsein, ein angstliches Hineinschauen in die
Welt. Ich ging einmal mit einem Manne, der akademisch gebildet war,
und wir sahen von einem gewissen Punkte des Weges aus Rehe,
Hirsche, die vor allem moglichen davonliefen. Da sagte dieser Mann
zu mir: Da muB doch dem irgendwie zugrunde liegen, daB in alten
Zeiten die Menschen die Tiere gequa.lt haben, geschossen haben oder
dergleichen, und dadurch haben sich die Tierseelen gewohnt, sich vor
dem Menschen zu furchten. - Aber die Tiere furchten sich ja auch vor
anderem, nicht blo6 vor dem Menschen.
Also man versucht zu erforschen, warum sich gewisse Tiere furch-
ten. Das braucht man nicht zu erforschen. Das Furchten ist namlich
eine ganz generelle, allgemeine Eigenschaft der Tiere. Wenn sich
manche Tiere nicht furchten, so beruht das gerade auf Abrichten und
Gewohnen in irgendeiner Weise. Das Furchten ist dem Tiere ganz
eigen aus dem Grunde, weil das Tier in hohem MaBe die Fahigkeit
der Abstraktion hat, die abstrakten Begriffe. In denen lebt das Tier.
Die Welt, die Sie sich erwerben, wenn Sie lange studieren, wenn Sie
lange abstrahiert haben, das ist die Welt, in der das Tier lebt; und die
Welt, in welcher der Mensch hier auf der Erde durch seine Sinne lebt,
die ist dem Tier, trotzdem das Tier Sinne hat, viel unbekannter als
dem Menschen, und vor dem Unbekannten fiirchtet man sich. Das ist
durchaus einer tiefen Wahrheit entsprechend. Das Tier sieht angstlich
in die Welt. Das hat eine gewisse Tragweite. Ich habe es neulich aus-
gesprochen in einem Aufsatz, den ich iiber das Ahrimanische und
Luziferische im Menschenleben im letzten Hefte der Zeitschrift «Das
Reich » geschrieben habe: Die Menschen furchten sich vor dem geisti-
gen Leben. - Wie kommt es denn, daB sie so in Furcht hineinkom-
men? Es kommt davon her, daB sie jetzt an den Hiiter der Schwelle
heran miissen im UnterbewuBtsein. Da stehen sie vor dieser Ent-
scheidung, von der ich gesprochen habe. Da kommen sie dem Tiere
naher. Das Tier hat Furcht. Durch die Furchtregion gehen die Tiere
durch. So sind die Zusammenhange. Und der Furchtzustand wird
immer groBer und groBer werden, wenn die Menschen sich nicht
ernstlich bemiihen werden, diejenige Welt, die an sie herantreten muB,
die spirituelle Welt, wirklich kennenzulernen, wirklich in sich aufzu-
nehmen.
Es gibt nur noch einige ganz wenige Menschen in der neueren Zeit,
bei denen sich durch die allgemeinen Wahnvorstellungen etwas von
friiheren, atavistischen Weltwirklichkeitsvorstellungen durchgestoBen
hat. Wenn man das Tier im gan2en Zusammenhang mit der Natur-
entwickelung betrachtet, wenn man sich seine Organisation dann an-
sieht im ganzen Zusammenhang mit der Naturordnung, was ist denn
eigentlich mit dem Tiere? Als die alte Mondenentwickelung vorhan-
den war, da war in bezug auf die auBere Organisation noch keine
DirTerenzierung eingetreten zwischen den hoheren Tieren und dem
heutigen Menschen. Die ist erst ein Ergebnis der Erdenentwickelung.
Der Mensch hat die normale Erdenentwickelung mitgemacht, das Tier
nicht. Das Tier ist gleichsam in der Mondenentwickelung vertrocknet.
Es stimmt nicht zusammen seine Organisation mit der Erdenentwicke-
lung. Wer das durchschaut - es haben es in der neueren Zeit eben
wenige instinktiv durchschaut, Hegel unter anderem -, der beantwor-
tet sich die Frage: Was ist denn eigentlich das Tier in bezug auf seine
Organisationsform? - damit, daB er sagt: Die Natur wird krank, und
die Krankheit der Natur ist das Tier, namentlich das hohere Tier. -
In der tierischen Organisation waltet die Krankheit der Natur, die
Krankheit der ganzen Erde. Das Krankwerden der Erde, das kranke
Zuriicksinken in die alte Mondenentwickelung ist die hohere Tier-
heit; nicht so sehr die niederen Tiere, aber die hohere Tierheit. Das
aber ist auch etwas, was dem Menschen in dem entscheidenden Augen-
blicke unbewuBt entgegentritt, wenn er an dem Hiiter der Schwelle
vorbeikommt, falls er es nicht bewuBt will.
Und wenn Sie das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, zusammenhalten
damit, wie ich Ihnen die Verteilung der Begegnungen mit dem Hiiter
der Schwelle in ihrer Differenzierung iiber den amerikanischen Westen,
uber die europaische Mitte, iiber den Osten vor einiger Zeit vor-
getragen habe, wenn Sie das zusammenhalten, dann werden Sie sehen,
wie man sich orientieren kann iiber das, was auf der Erde in der
Menschheit geschieht, wenn man sich nur auf diese Dinge einlaBt.
Und laBt man sich auf diese Dinge ein, dann begreift man, daB der
Mensch wirklich dazu kommen wiirde, endlich einmal anders zu den-
ken iiber sich und auch iiber das Verhaltnis zu seinen Mitmenschen.
Die Frage sollten alle ernsteren Leute in der Gegenwart doch auf-
werfen, die Frage, die sich an emen solchen Satz anschlieBen kann
wie der erwahnte: «DaB ein furchtbares Schicksal der weiBen Mensch-
heit winkt, dies scheint mir unter alien Umstanden gewiB, es sei denn,
daB eine Periode supremer Weisheitsherrschaft sehr bald die der
Leidenschaft und Wahnvorstellungen ablost.» Wo diese Weisheits-
vorstellungen zu finden sind, wie sie zu bekommen sind, darauf
mochte namlich die Geisteswissenschaft Antwort geben. Damit
mochte sie aber auf die allerwichtigsten Fragen der Gegenwart Ant-
wort geben. Und wenn jemand kommt, der so griindlich das, was der
Gegenwart notwendig ist, empfindet, wie solch ein Mann, so kann
man ihm sagen : Wenn du nicht weiter furchten willst, daB der weiBen
Menschheit ein furchtbares Schicksal winkt, dann lasse dich ein auf
eine geisteswissenschaftliche Betrachtung der Welt und ihrer Er-
scheinungen!
Davon wollen wir dann morgen weiter reden.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 4. Januar 1919
Es ist vielleicht bedeutungsvoll, gerade anlaBlich solcher Betrachtun-
gen, wie wir sie nun pflegen, zuriickzuschauen auf manches, was in
friiheren Zeiten mit dieser oder jener geistigen Stromung zusammen-
hing. Denn Sie haben ja gesehen: es handelt sich darum, daB die gei-
stigen Ereignisse, die der physischen Welt zugrunde liegen, in der
Gegenwart es selbst notwendig machen, daB der Mensch gewisser-
maBen zu einer Neueinstellung komme mit Bezug auf die ganze Auf-
fassung seines Verhaltnisses zur Welt und zu der iibrigen Menschheit.
Wir haben ja schon gestern in dieser Beziehung auf manches hinge-
wiesen, haben darauf hingewiesen, wie manches neu verstanden wer-
den muB, was, scheinbar gut begriindet, von da oder dort in das
Geistesleben der Menschheit hereinleuchtet. Sie miissen sich ja klar
dariiber sein, daB, wenn mit Impulsen, die in solcher Art begriindet
sind, ernst gemacht wird, sich dann - so wie heute nun einmal der
Verlauf des Lebens ist - gegen diesen Ernst und gegen diese Impulse
iiberhaupt der Widerstand erhebt, der Widerstand des Hasses, der
Widerstand des Neides, der Widerstand der Furcht, der aus der Klein-
lichkeit der Menschen kommt, und so weiter. Nur das griindliche
Verstandnis der Dinge kann iiber die vielen Hindernisse hinweg-
helfen, denen der Bekenner eines solchen geistigen Umschwunges
ausgesetzt ist. Denn dieses griindliche Verstandnis ist ja geeignet,
der Seele auch Starke zu geben, so daB diese Seele manchem ge-
wachsen ist, was gerade gegen die ernstesten Bestrebungen im
Weltengetriebe immer sich geltend gemacht hat. Und so wollen
wir denn heute das gestern Gesagte durch manches andere noch
erganzen.
Ich habe gestern darauf hingewiesen, wie man durchaus - gerade
wenn man auf geisteswissenschaftlichem Boden steht - objektiv sein
kann gegen alle andern Geistesstromungen, wie man durchaus andere
Geistesstromungen nicht zu verkennen braucht. Von diesem Ge-
sichtspunkte aus habe ich gesagt, daB mit Bezug auf gewisse Punkte
die Vertreter des katholischen Klerus bei manchen gegenwartigen
auBerkirchlichen philosophischen, theologischen Auseinandersetzun-
gen durch ihre Schulung den Nichtkatholiken iiberlegen sind. Gerade
jetzt leben wir in einer Zeit, in der jeder, der mit Weltanschauungs-
fragen ernst machen will, sich mit solchen Dingen auseinandersetzen
sollte. Sowohl die Weltanschauungsstromungen wie auch die sozialen
Stromungen der Gegenwart fordern dieses. Die Versuchungen, die
gerade von gut geschulter Seite ausgehen, konnten narnlich zuweilen
groB werden, und es kdnnte das, was da vorgebracht wird, dann nicht
durchschaut werden, nicht erkannt werden in seiner eigentlichen Be-
deutungslosigkeit gegenuber den groBeren Forderungen der Gegen-
wart, wenn man sich nicht auf eine ganz griindliche Betrachtung ein-
laBt. Die Versuchungen, den Einwendungen gut geschulter Gegner
geisteswissenschaftlicher Bestrebungen zu verfallen, sie sind in der
Tat nicht gering in der Gegenwart. Allerdings, wenn die Menschen
genugend Unterscheidungsvermogen hatten, wenn sie sich bestreben
wiirden, einzugehen auf die Tatsache der Begriindetheit, der breiten
Begriindetheit dieser Geisteswissenschaft, so wiirden sie solchen Ver-
suchungen wenig ausgesetzt sein. Aber solches Unterscheidungsver-
mogen ist ja nur selten. Was als Geisteswissenschaft sich in die Welten-
stromung einfiigen will, so wie wir das auffassen, das erklart ja man-
cherlei Angriffe, und erklart auch AngrifFe gerade von dem Gesichts-
punkt des katholischen Bekenntnisses zum Beispiel. Aber notwendig
ist es schon, sich mit solchen Dingen zu befassen aus dem Grunde,
weil in dem Chaos, das hereinbrechen wird, und das leider die Men-
schen viel zu wenig wiirdigen, viel zu wenig beachten, weil in diesem
Chaos auch mancherlei, was von katholischen Bekenntnisinhalten aus-
geht, verwirrend stehen wird.
Nun mochte ich Sie heute bekanntmachen mit der Richtung des
Urteiles, das so ein richtiger katholischer Bekenner gegen das eine
oder andere in der Geisteswissenschaft schon vorbringen kann, wenn
er voraussetzen kann, daB er unverstandige Leser oder Zuhorer findet.
Einer der gebrauchlichsten Einwande gegen die hier gemeinte Geistes-
wissenschaft ist ja der, daB sie Pantheismus sei. Einer der Hauptein-
wande, die zum Beispiel gemacht wurden in den Aufsatzen des
Jesuiten Zimmermann in den «Stimmen der Zeit», ist der, daB diese
Geisteswissenschaft Pantheismus sei.
Sie wissen, ich habe iiber diesen Punkt ofter gesprochen; Sie wis-
sen, wie ich charakterisiert habe, daB gerade der banale Pantheismus,
der so viele Kreise in der Gegenwart beherrscht, im Ernste nur iiber-
wunden werden kann durch das Eintreten in die konkrete geistige
Welt, von der die Geisteswissenschaft spricht. Natiirlich ist es auf sol-
dier Seite, von der die genannten Einwande kommen, nicht beab-
sichtigt, der wirklichen Wahrheit auf den Grund zu gehen, vielmehr
ist es ihr Bestreben, mit Berechnung alles dessen, was als Vorurteile
innerhalb einer gewissen Bekenntnisanhangerschaft lebt, solche Dinge
vorzubringen, die eine gewisse Suggestions- und hypnotisierende
Wirkung haben. Pantheismus ware ja die Anschauung, daB in alledem,
was sich als Natur ausbreitet, was sich iiberhaupt als Erscheinungswelt
ausbreitet, das Gottliche lebe, daB gewissermaBen die Natur selber als
eine unmittelbare OfFenbarung des Gottlichen anzusehen sei. Gerade
gegen diesen verwaschenen Pantheismus, der nur immer davon
spricht, es breite sich die Erscheinungswelt aus und hinter ihr sei
Geist, Geist, Geist, habe ich mich immer gewandt. Ich habe immer
darauf aufmerksam gemacht, wie dies das gleiche ist, wie wenn je-
mand auf dem physischen Plan nicht eingehen wollte darauf, daB da
Tulpen und Rosen und Lilien sind, sondern nur Pflanzen, Pflanzen,
Pflanzen! - Geisteswissenschaft geht eben auf die einzeinen konkreten
geistigen Wesenheiten ein, spricht nicht in pantheistischer Weise im
allgemeinen vom Geiste. Ein anderes Charakteristikon des Pantheis-
mus ist dieses, daB man sagt: Der Pantheismus will die auBere Natur-
welt nicht trennen von dem Gottlich-Geistigen, er will beide mitein-
ander vermischen. - Nun, man muB schon Jesuit sein, um sich den An-
schein zu geben, daB man den Glauben hat, da, wo so gesprochen
wird von der konkreten Stellung der in sich selber individualisierten,
in sich selber personlich und iiberpersonlich bestehenden Wesenheiten
der hoheren Hierarchien, konne von einer Vermischung dieser gan-
zen Welt der Hierarchien mit der auBeren Natur die Rede sein. Wer
wirklich denken kann, wird mit dem Vorwurf des Pantheismus gegen-
uber einer solchen Charakteristik der Hierarchienwelt und ihrer ein-
zelnen Wesenheiten gegenuber der Natur iiberhaupt nichts anfangen
konnen.
Bleibt noch das einzige, was nun in jenen Aufsatzen in den «Stim-
men der Zeit» besonders hervorgehoben wird, daB davon gesprochen
wird - was in der katholischen Kirche als haretisch gelten soli - inner-
halb meiner Geisteswissenschaft, daB in der Seele des Menschen das
Gottliche lebt, daB die Seele des Menschen selber ein Tropfen in dem
Meere des Gottlichen ist. Solche und ahnliche Ausspruche werden da
zusammengestellt, und die werden hingestellt als Ketzereien inner-
halb des katholischen Bekenntnisses.
Also es wird darauf hingewiesen, wie die Lehre, daB in der Seele
unmittelbar ein Gottliches leben soli, ketzerisch und zu verdammen
sei. Ein vernunftiger Mensch konnte gewiB sagen: Es ist nicht not-
wendig, daB du mich erst aufmerksam machst auf solche Torheiten. -
Aber darauf kommt es nicht an; darum handelt es sich nicht. Sondern
es muB sich darum handeln, daB diese Dinge eine reale Rolle spielen
in der Welt, daB diese Dinge da, wo man tauschen will, eine ganz gewal-
tige Rolle spielen werden, und daB man schon aufmerksam sein muB auf
diese Dinge. Sie hangen aber mit noch anderem zusammen. Und nun
wollen wir einmal absehen von dem oder jenem wirklich gemachten
Angriffe und uns einmal jemanden vor die Seele fiihren, der entweder
im Jesuitismus lebend, stumpf gemacht ist in bezug auf das eigene
Nachdenken, oder der bewuBt darinnen lebt, das heiBt, der also
weiB, daB er fur sich selber ja iiber die Dinge nicht nachzudenken
braucht, sondern daB er nur im Sinne des offiziell anerkannten
Bekenntnisses die Glaubigen zu beurteilen hat, sei es so oder so;
und fiihren wir uns einmal vor Augen, wie die Auseinandersetzun-
gen eines solchen Menschen gegenuber dem geisteswissenschaft-
lichen Wege selbst beschaffen sein konnen. Ich sage Ihnen da also
nichts anderes als - die Durchschnittsmeinung mochte ich nicht
sagen, weil Meinung da nicht richtig am Platze ist - die Durchschnitts-
aussage eines offiziellen Vertreters der romisch-katholischen Kirche
gegenuber dem Wege der Geisteswissenschaft, wie er von einem Be-
kenner von heute gegangen wird.
Der wiirde etwa sagen : Ja, auf solchem Wege, wie er von der Gei-
steswissenschaft zur Erringung der iibersinnlichen Einsichten an-
empfohlen wird, auf solchem Wege darf der katholische Christ nicht
gehen. Denn alle Kirchenvater und Kirchenlehrer - so wird der jetzige
Kleriker etwa sagen - verdammen einen solchen Weg. Ein solcher
Weg fiihrt ja dazu, daB der Mensch in sich besondere Fahigkeiten
hervorrufen soli, um in die iibersinnliche Welt hinaufzukommen. Das
aber ist ketzerisch, das darf iiberhaupt nicht angestrebt werden. Alles,
was angestrebt werden darf von einem rechtglaubigen Katholiken, ist
das, was die Kirchenlehrer als die «rechtmafiige Beschauung» gelten
lassen. Diese rechtmaBige Beschauung, die laBt ja der gegenwartige
romisch abgestempelte Kleriker gelten. Was versteht er darunter?
Sie werden sich einen Begriff machen konnen von dem, was er dar-
unter versteht, wenn Sie unterscheiden zwischen zweierlei Gaben, die
im Sinne der rechtglaubigen katholischen Kirche der Mensch, der
glaubige Katholik haben kann. Die eine von den Gaben sind die so-
genannten Gratiae gratis datae, die ubernaturlichen Gnadengaben,
konnte man sagen, die Charismen. Die andern Gaben sind diejenigen,
welche man nennen kann die allgemein-menschlichen Gaben. Die
auBerordentlichen Gaben, die Charismen, sind als eine besondere
Gnadengabe auBerordentlichen Menschen verliehen, durfen aber auch
nicht angestrebt werden, so befiehlt die Kirche. Als Beispiel wiirde
etwa angefuhrt werden die Jungfrau von Orleans. Dagegen darf an-
gestrebt werden eine gewisse Erhohung des allgemeinen Seelen-
lebens, die aber den Menschen nicht zu auBerordentlichen Fahigkei-
ten bringt, sondern nuv. zu einer Steigerung der allgemeinen mensch-
lichen Fahigkeiten. Eine solche Steigerung der allgemeinen mensch-
lichen Fahigkeiten bewirkt jedoch, daB jeder Mensch - so sagt die
heutige romisch-katholische Kirche - in die Lage kommen kann, von
dem Heiligen Geiste durchdrungen zu werden.
Also sagen wir so: Der gewohnliche Sterbliche denkt etwas, oder
fuhlt etwas, oder tut etwas. Er ist nach dem Gebote der Kirche, nach
dem Gebote des Staates verpflichtet, diese Dinge so und so zu tun;
er kann sich bemiihen, mit seinem gewohnlichen sterblichen Nach-
denken seine Handlung kirchengemaB, staatsgemaB - das heiBt ja
dann im Sinne der Kirche gottesgemaB - auszuuben. Aber er kann
auch bemerken, wenn er sonst ordentlich ist als katholischer Christ,
daB der Heilige Geist ofter eingreift in sein Handeln, Denken, Fiihlen,
und daB er dann gewisse Tugenden, die ihm sonst Schwierigkeiten
machen, leichter ausfuhrt, weil der Heilige Geist in ihm wirkt. Das
darf aber nicht etwa so angestrebt werden, als wollte der Mensch uber
den gewohnlichen Status des menschlichen Strebens hinausgehen und
besondere Fahigkeiten entwickeln, um in die ubersinnliche Welt ein-
zudringen. Alles solches Streben ist verwerf lich.
Nun, damit habe ich Ihnen charakterisiert, was ein richtig abge-
stempelter romisch-katholischer Kleriker einwenden wiirde gegen das-
jenige, was zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe-
ren Welten?» steht. Er wiirde sagen: Da sind besondere Fahigkeiten
angestrebt, die ihn in den Stand setzen sollen, sich mit der geistigen
Welt in einer gewissen Weise zu vereinigen. Das darf er aber nicht. Er
darf nur rein passiv sich verhalten, bis er bemerkt, daB in sein Gemiit
herein die Impulse des Heiligen Geistes kommen und nicht eine qua-
litative Anderung seines Verhaltens bewirken, sondern nur eine Stei-
gerung, gewissermaBen eine Erleichterung im Tugendhaftsein, eine
Erleichterung in den andern Fahigkeiten, die der Mensch auf dem
aufieren physischen Plane ausiibt.
Das konnen Sie heute nicht nur gegen unsere Geisteswissenschaft,
sondern Sie konnen das lesen gegen alle Bestrebungen, die darauf hin-
auslaufen, daB der Mensch anstreben will, aus sich heraus einen sol-
chen Menschen zu erzeugen, der eine geistige Welt um sich herum
ebenso erblickt, wie der physische Mensch mit seinen physischen Sin-
nen eine physische Welt um sich herum erblickt. Das ist auch alien
denjenigen gelaufig, die da glauben, auf dem ganz festen Boden des
von Rom aus diktierten christlichen Glaubens zu stehen. Und im
weitesten Umkreise wird derjenige heute als ein Ketzer angesehen,
der anders iiber diese Dinge denkt, als ich es Ihnen eben charakteri-
siert habe. Man muB sich, wenn man so etwas bespricht, immer klar-
machen, daB diese Dinge eine reale Rolle spielen in der Welt, daB
diese Dinge auf Millionen von Menschen heute noeh immet einen
ungeheuren EinfluB haben. Man muB nicht so egoistisch sein, zu mei-
nen, weil man selbst mit diesen Dingen glaubt fertig zu sein - aber
auch nur glaubt fertig zu sein -, brauche man sich nicht darum zu
kiimmern. Das gerade ist der groBe Schaden der Gegenwart, nament-
lich auch mit Bezug auf die soziale Bewegung, daB die Menschen so
egoistisch sind, daB sie nur immer auf die Bediirfnisse der eigenen
Seele sehen und nicht hkiblicken wollen auf das, was Mensch mit
Mensch verbindet, auf das, was durch Millionen und Millionen von
Menschen als treibender Impuls geht, und was dann, wenn es zur
rechten Zeit hervorbricht, dies oder jenes iiberfluten kann, was in
dieser oder jener Form so auftritt, wie jetzt eben die Dinge auftreten
in der Welt. Es ist heute notwendig, auch iiber die Quellen dieser
Dinge und iiber die notwendige Stellung zu diesen Dingen sich auf-
zuklaren.
Nun berufen sich in der Regel die in Rom abgestempelten Kleriker
auf die Kirchenlehrer. Sie gehen zuriick auf die Kirchenlehrer friihe-
rer Jahrhunderte und leiten aus deren Aussagen das ab, wovon sie
glauben, daB es ubereinstimme mit dem, was ich Ihnen eben charakte-
risiert habe. Nun kann ich Ihnen ja natiirlich nicht stundenlange Vor-
lesungen halten iiber die Lehre der Kirchenlehrer, aber ich mochte
Sie doch auf einiges in dieser Richtung aufmerksam machen, nament-
lich darauf, welche Stellung der Mensch des BewuBtseinszeitalters,
das mit dem 15. Jahrhundert begonnen hat, zu diesen Dingen ein-
nehmen kann.
Erstens also miissen wir ins Auge fassen, daB der Weg in die gei-
stige Welt, wie ihn die Geisteswissenschaft meint, fiir ketzerisch ge-
halten wird. Das sagen die heute rechtmaBig romisch abgestempelten
Kleriker. Zweitens miissen wir beachten, daB der Vorwurf erhoben
wird, Geisteswissenschaft spreche davon, daB der Mensch des Gott-
lichen teilhaftig werden konne in seiner eigenen Seele, und das sei
ketzerisch, wie wiederum die in Rom abgestempelten Kleriker des
Katholizismus heute sagen.
Wollen wir einmal genauer ansehen, was ein auBerlich - aber nicht
innerlich, wie wir gleich nachher sehen werden - sehr anerkannter
Kirchenlehrer, auBerlich sehr auch von Rom anerkannter Kirchen-
lehrer, iiber so etwas sagt, wie die Beschauung, von der ich Ihnen ja
einiges Charakteristische vorhin angefiihrt habe. Johannes vom Kreu%
spricht zum Beispiel iiber dasjenige, was Beschauung werden soli fur
den rechtmaBigen, christfich-katholischen Glaubigen, der durch diese
Beschauung iiber den bloBen, allgemeinen Kirchenglauben hinaus-
kommen soil zu einer Art hoherer Anschauung von detn Gottlichen,
das die Welt durchpulst. Das erlaubt auch heute die katholische Kir-
che, daB durch Beschauung der Mensch hinausgelangt iiber das, was
nur allgemeiner Glaube ist. Aber sie verbietet, daB der Mensch hin-
ausgelange zu iibersinnlichen Fahigkeiten, Fahigkeiten, die in die
iibersinnliche Welt so hineinfiihren, wie die auBeren Sinne in die Sin-
nenwelt hineinfiihren. Nun sagt der heilige Johannes vom Kreuz : Die
Zeit ist gekommen - er meint die Zeit der Beschauung -, wo das
Nachdenken und die Betrachtung, welche die Seele vorher mit ihren
eigenen Kraften vornahm, nachgerade auf horen und sich die Seele
der vormaligen Geniisse und fiihlbaren Freuden beraubt sieht.
Also diesen Zustand gibt der heilige Johannes vom Kreuz zu, daB
man schweigen laBt das gewdhnliche Nachdenken, wodurch man sich
auseinandersetzt mit den Dingen des physischen Planes, die man
durch die Sinne wahrnimmt und durch den Verstand begreift; daB
man sich enthalt also der gewohnlichen Betrachtung, welche die Seele
mit ihren eigenen Kraften vornimmt, daB auch die Geniisse, welche
die Seele in solchen Betrachtungen und in solchem Verhaltnis zur
auBeren Natur hat, auf horen. Das gibt er zu.
Zu einem Zustand der Diirre und Trockenheit verurteilt - sagt er
dann weiter -, kann die Seele nicht mehr Erwagungen mit ihrem Ver-
stande anstellen. - Also indem man die Sinne verschKeBt, indem man
den Verstand stillstehen laBt - das fordert er als Herbeifiihrung zur
Beschauung kommt man mit der Seele in eine Art Diirre und Trok-
kenheit. Dadurch kommt man eben zu jener Teilhaftigkeit mit dem
gottlichen Wesen, die der heilige Johannes vom Kreuz fur erlaubt
halt. Also wenn die Seele nicht mehr Erwagungen mit ihrem Ver-
stande anstellt, noch auch eine sinnliche Stiitze findet, da bereichern
sich nicht mehr die Sinne; den Nutzen hat der Geist, ohne daB er
etwas von den Sinnen empfangt. Daraus ergibt sich, daB in diesem
Zustande Gott der Haupthandelnde ist.
Also fassen Sie die Sache genau auf. Der heilige Johannes vom
Kreuz sagt: Der Mensch kann das Nachdenken einstellen, die Auf-
nahme von auBeren Wahrnehmungen durch die Sinne auch einstellen,
die Seele kann passiv werden, die Seele tut von sich selbst aus nichts
mehr. Dadurch wird Gott in der Seele der Haupthandelnde. Er selber
unterweist die Seele und gibt ihr eine eingegossene Erkenntnis mit.
Er schenkt ihr in der Beschauung ganz geistige Giiter, die Erkenntnis
und Liebe Gottes zumal, ohne daB die Seele sich im Nachdenken iibt
oder andere t)bungen vornimmt, die sie nicht mehr wie vordem ver-
richten kann.
Nehmen Sie diese Worte eines auch heute in Rom als rechtmaBig
anerkannten Kirchenvaters, des sogar heilig gesprochenen Johannes
vom Kreuz, nehmen Sie diese Worte und stellen Sie sie gegeniiber
dem Vorwurf des Pantheismus, der gerade neulich gegen Geistes-
wissenschaft erhoben worden ist, weil Geisteswissenschaft davon
spreche, daB zum Beispiel das Seelenleben sich wie ein Tropfen ver-
halte im Meere der Gottlichkeit, also selbst gottlichen Wesens sei, was
nach den heute predigenden und glaubigen Klerikern ketzerisch ist.
Aber der heilige Johannes vom Kreuz beschreibt die Moglichkeit, zu
einem passiven Zustand der Seele zu kommen, wo das Nachdenken
und das Sinnenwahrnehmen ausgeschlossen ist, und wo Gott in der
Seele der Haupthandelnde ist, wo Gott, nach den Worten des Johan-
nes vom Kreuz, der Seele in der Beschauung ganz geistige Giiter
schenkt, wo er selber die Seele unterweist und ihr eine eingegossene
Erkenntnis mitteilt.
Nun frage ich Sie: Was sollen diese Worte fur einen Sinn haben,
wenn man jetzt behauptet, daB die menschliche Seele niemals in einen
realen Zusammenhang mit dem gottlichen Wesen gebracht werden
soli? Was soli es fur einen Sinn haben, wenn Johannes vom Kreuz
sagt: Gott ist in der Seele der Haupthandelnde - und es doch ketze-
risch sein soli, davon zu sprechen, daB des Menschen Seele mit
Gott in einen unmittelbaren wissentlichen Zusammenhang gebracht
werden soli? - Wenn man sagt, die Seele verhalte sich zu dem Gesamt-
Gottlich-Geistigen wie der Tropfen im Meere, der gleicher Wesenheit
ist mit dem gesamten Meereswasser, eben ein Tropfen aus dem Meere
ist - diirfte das als unerlaubter Pantheismus aufgefaBt werden, wenn
Wahrheit waltete, wenn doch gleichzeitig anerkannt wird, daB ein
rechtmaBiger Kirchenvater, der heilige Johannes vom Kreuz, die
Moglichkeit zugibt, daB Gott der Haupthandelnde in der mensch-
lichen Seele wird ! Dieses Faktum miissen Sie sich vor die Seele riik-
ken, um zu erkennen, wie weit heute Wahrheit in den offlziellen Stro-
mungen waltet: daB man sich gleichzeitig beruft auf solche Lehrer wie
den heiligen Johannes vom Kreuz, der ja wahrhaftig mit noch viel
deutlicheren Worten, namlich um popular zu den Menschen zu spre-
chen, einen «Pantheismus» lehrt - wenn man das Pantheismus nen-
nen will - als die Geisteswissenschaft. Aber diese halt man fiir ketze-
risch, und was tut man? Man laBt den heiligen Johannes vom Kreuz
als maBgebenden Kirchenvater gelten, und betnigt die Leute, indem
man ihnen sagt : Der Pantheismus ist nicht erlaubt. - Das heiBt aber
doch: Niemand darf behaupten, es sei ketzerisch, wenn man sagt,
Gott sei in der Seele unmittelbar anwesend, so daB die menschliche
Seele das wissen kann.
Nein, heute sollen die Leute nicht gedankenlos sein; sie diirfen
nicht gedankenlos sein, wenn nicht noch groBeres Ungluck iiber die
Menschheit hereinbrechen soli. Heute sollen sich die Menschen bewuBt
vorhalten konnen, daB eine solche Entstellung der Wahrheit offiziell
durch die Welt geleitet werden kann.
Und ein anderer Ausspruch des heiligen Johannes vom Kreuz ist:
Die inneren Giiter, die diese schweigende Beschauung der Seele ein-
driickt, ihr selbst unbewuBt, sind unschatzbar. Kurz, sie sind nichts
anderes als die iiberaus geheimnisvollen und ungemein zarten Salbun-
gen des Heiligen Geistes, der, da er Gott ist, als Gott handelt: Der
Heilige Geist handelt als Gott in der Seele unmittelbar - sagt der
heiUge Johannes vom Kreuz; das ist katholisch gewesen zur Zeit des
Johannes vom Kreuz, das heiBt, vor dem Beginn des BewuBtseins-
zeitalters - und wirkt und iiberflutet insgeheim die Seele mit Reich-
tumern und Gaben und Gnaden in einem MaB, daB es nicht zu be-
schreiben ist. - In der Beschauung - das ist ein anderer Ausspruch des
heiligen Johannes vom Kreuz - ist man empfangend. - Und ein ande-
rer Satz des heiligen Johannes ist der folgende : In der Beschauung ist
es Gott, der da wirkt - in der Seele drinnen namlich.
Und nun frage ich Sie: Was soli es nun heiBen, wenn irgerideiner
von denjenigen, die heute uber die Ketzerei schreiben, sagt, es sei
ketzerisch, zu behaupten, Gott sei wesenseins mit der menschlichen
Seele !
So liegen eben die Dinge. Aber so schlafrig sind die Menschen, daB
sie heute gar nicht darauf achten, wie gewirtschaftet wird mit der
Wahrheit. DaB eine so furchtbare Katastrophe in die Welt herein-
gekommen ist, beruht aber letzten Endes doch darauf, daB man sich
so wenig um dasjenige kiimmert, was als Wahrheit durch die Welt ge-
leitet wird. Darauf beruht es auch, daB die Wahrheit so gehaBt werden
kann, wie sie heute noch immer von gewissen Leuten gehaBt wird.
Insbesondere bemiiht sich heute der in Rom abgestempelte Kleriker
immer wieder und wiederum zu betonen, daB kein Unterschied herr-
schen sollte zwischen den gewohnlichen Fahigkeiten, wie sie der Glau-
bige im Glauben entwickelt, und jener Steigerung des Glaubens, die
in der Beschauung zum Ausdrucke kommt. Es soli kein Unterschied
bestehen oder hochstens ein Gradunterschied, denn wenn ein wirk-
licher Unterschied angestrebt werde, so sei das ketzerisch. Der heilige
Johannes vom Kreuz sagt aber: Der Unterschied besteht darin, daB
man beim Glauben nur dunkel sieht, in der seelischen Anschauung
inn - er meint Gott - aber unverhiillt schaut. - Das war dazumal
katholisch, als der heilige Johannes vom Kreuz vor der Entstehung
des Zeitalters der BewuBtseinsseele die Dinge niedergeschrieben hat.
Aber was heute von diesen Dingen als Katholizismus herrscht, das ist
der Schatten von dem, das ist nicht mehr das Licht. Eigentlich sehr
schon fur die damalige Zeit beschreibt Johannes vom Kreuz den
mystischen Erkenntnisweg, den Weg ins Ubersinnliche hinein, indem
er sagt: Die enge Pforte, das ist die Nacht der Sinne. Um durch sie
hindurchzugehen, muB die Seele sich von sich selbst frei machen und
losschalen. - Fur die damalige Zeit ist das so gesprochen, wie man
heute nicht von Rom aus, aber in der Geisteswissenschaft spricht. Die
Geisteswissenschaft ist die wirkliche Fortsetzung solcher edler Be-
strebungen in die geistige Welt hinaus, wie sie bei Johannes vom
Kreuz auftreten. Nur ist sie die Fortsetzung eben fur die heutige Zeit.
Sie rechnet mit dem Fortschritt der Menschheit.
Die enge Pforte ist die Nacht der Sinne. Um durch sie hindurch-
zugehen, muB die Seele sich von sich selbst frei machen und los-
schalen. Und indem sie alsdarm den Glauben, der mit den Sinnen
nichts zu schaffen hat, sich zum Fiihrer nimmt, wandelt sie auf dem
engen Weg der zweiten Nacht zu der Nacht der Geister. Und sehr
schon beschreibt der heilige Johannes vom Kreuz diese Vereinigung
mit dem Gottlich-Geistigen: Die Vereinigung vollzieht sich, wenn die
zwei Willen, jener der Seele namlich und der gottliche Wille, gleich-
formig werden.
Man kann nicht deutlicher ausdriicken, daB ein gottlicher Wille da
ist, der durch die Welt waltet, und ein Eigenwille der Seele, und beide
ineinander aufgehen in der Beschauung. Das soli aber heute ketzerisch
sein. Die Wahrheit wiirde man ehrlich vertreten, wenn man sagen
wiirde: Der heilige Johannes vom Kreuz ist heute kein Heiliger mehr,
sondern er ist ein Ketzer. - Das wiirde, wenn er seine Behauptungen
aufrechterhalten wollte, der romische Kleriker verpflichtet sein zu
sagen.
Also der heilige Johannes vom Kreuz sagt: Die Vereinigung voll-
zieht sich, wenn die zwei Willen, jener der Seele namlich und der gott-
liche Wille, gleichformig werden -, das heiBt, wenn in dem einen
nichts ist, was dem andern widerstrebt. Nun aber, auf dem Gebiete
der rechtmaBigen romisch-katholischen Klerikerschaft ist man sehr
darauf aus, den bloBen sogenannten Glaubigen und auch den niede-
ren Klerikern den Weg zur eigenen Erkenntnis zu versperren. Daher
weist man heute, obwohl man eigentlich solche Leute wie den Johan-
nes vom Kreuz verleugnet, doch immer wieder und wiederum auf
solche Menschen hin wie Johannes vom Kreuz. Man weist darauf
bin, daB Johannes vom Kreuz ja nur dann erlaubt hatte, daB man sich
der Beschauung zuwendet, wenn den Menschen drei Zeichen dazu
auffordern.
Das erste Zeichen, durch das die Seele sich aufgefordert fuhlen
konnte, sich der Beschauung, also der mystischen Beschauung zuzu-
wenden, das ware die Unfahigkeit, zu betrachten und sich der Ein-
bildungskraft zu bedienen, der Widerwille gegen die auBere Betrach-
tung. Also wenn die Seele Widerwillen empfindet gegen die Aufnahme
der Sinneswahrnehmung und gegen das Nachdenken, so ist der Zeit-
punkt gekommen, wo sie sich passiv hingeben darf dem Willen Gottes .
Das zweite Zeichen ware die Wahrnehmung, daB man keine Lust
mehr hat, die Einbildungskraft der Sinne mit besonderen auBeren
und inneren Eindriicken zu beschaftigen. Also das erste, daB man
miide geworden ist, das zweite, daB man keine Lust mehr hat. Das
dritte innere Zeichen ware die Empfindung der innersten Freude, die
die Seele hat mit dem Alleinsein - also nicht mit dem Sinneswahrneh-
men und Nachdenken - und mit der bloBen Aufmerksamkeit auf das
Gottliche.
Nun, Sie werden nicht mit Verstandnis lesen konnen, was in dem
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» steht,
wenn Sie nicht, allerdings abgestimmt auf unsere Zeit, sich sagen
werden: Mit jenen drei Zeichen kann ich erst recht vollstandig ein-
verstanden sein. - Es ist gar nichts einzuwenden gegen diese drei Zei-
chen. Man muB ihnen nur Verstandnis im Sinne der unmittelbaren
Gegenwart entgegenbringen. Betrachten wir einmal diese drei Zei-
chen, die also der heilige Johannes vom Kreuz als diejenigen Zeichen
betrachtet, auf die hin die Seele sich der mystischen Beschauung zu-
wenden darf, also sich hinwenden darf zum Wege in die geistige,
ubersinnliche Welt hinein.
Das erste Zeichen ware Unfahigkeit, zu betrachten und sich der
Einbildungskraft zu bedienen, ein Widerwille gegen die Betrachtung.
Wir miissen bedenken, diese Worte sind geschrieben in der Zeit, als
das BewuBtseinszeitalter noch nicht angebrochen war. Nun bricht das
BewuBtseinszeitalter iiber die Menschheit herein, nun kommen die
Betrachtungen des Menschen iiber die Natur, so wie sie die neuere
Naturwissenschaft darbietet. Man muB doch wirklich rechnen mit der
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Man muB damit rech-
nen, daB der heilige Johannes vom Kreuz nicht Menschen um sich
hatte, die durchzogen und durchtrankt waren von denjenigen Vor-
stellungen, die heute aus der Naturwissenschaft iiberall hintraufeln,
Der heilige Johannes vom Kreuz hatte nur Menschen um sich, die
glaubig in die katholische Kirche gingen, die ihre Weltanschauung
von dem Glauben empfingen, der gepredigt wurde von den Kanzeln
der katholischen Kirche. Zu denen muBte man anders sprechen als zu
Menschen des 20. Jahrhunderts, welche durchtrankt sind von natur-
wissenschaftlichen Anschauungen. Was heiBt denn das eigentlich:
durchtrankt von naturwissenschaftlichen Anschauungen? Alle Men-
schen sind es heute, ob sie es zugeben oder nicht, bis zum letzten
Bauern in die letzte Hutte hinein, wenn er nicht gerade ein Analpha-
bet ist; und selbst Analphabeten sind heute schon in ihren Denk-
formen von naturwissenschaftlichen Vorstellungen durchdrungen.
Wer aber heute die Welt anschaut, wie man sie nach dem Sinn der
heutigen Welt anschauen mu6, der muB — weil die naturwissenschaft-
lichen Vorstellungen ihm nur iiber das Tote berichten - zu der Ein-
sicht kommen, wenn er ein lebendiges Erkenntnisbediirfnis hat, daB
diese naturwissenschaftlichen Betrachtungen ihn unfahig machen, bei
ihnen stehenzubleiben. Es tritt genau das ein, was der heilige Johan-
nes vom Kreuz im ersten Zeichen beschreibt. Durch die naturwissen-
schaftliche Vorstellungsart selbst ist dieses Zeichen erfullt. Dazumal,
als er schrieb, war es bei einigen erfullt, heute ist es bei alien erfullt,
die iiberhaupt anfangen zu denken. Diesen Unterschied muB man in
Betracht ziehen. Wvirde der heilige Johannes vom Kreuz heute schrei-
ben, dann wiirde er sagen: GewiB, dazumal muBte denjenigen Men-
schen, die sich unfahig fiihlten, auBerlich die Dinge zu betrachten und
die Einbildungskraft in Bewegung zu setzen, die mystische Beschau-
ung empfohlen werden. Heute sind alle, die nur den unfruchtbaren
naturwissenschaftlichen Vorstellungen hingegeben sind, in einem be-
stimmten Zeitpunkt unfahig, nur diesen unfruchtbaren naturwissen-
schaftlichen Vorstellungen sich hinzugeben, namentlich dann, wenn
sie Sehnsucht haben in ihrer Seele, iiberhaupt einen Weg zum Gotdich-
Geistigen zu finden. Der heilige Johannes vom Kreuz sprach zu eini-
gen wenigen Kandidaten; heute sind die Kandidaten alle denkenden
Menschen. Das bedeutet gerade den Fortschritt der Menschheit. Also
es wird gerade heute das erfullt, was der heilige Johannes vom Kreuz
von dem Zeichen dann als erfullt annimmt, wenn der im naturwissen-
schaftlichen Zeitalter lebende Mensch nun gerade jenen Drang fuhlt.
Das zweite ist die Wahrnehmung, daB man keine Lust mehr hat,
die Einbildungskraft der Sinne mit besonderen auBeren oder inneren
Einbildungen zu beschaftigen. In dem Augenblicke, wo die Natur-
wissenschaft nicht anders kann, als dem Menschen nur eine Betrach-
tung geben, eine Anschauung dariiber, wie er sich aus der Tierheit
herauf entwickelt hat, da entsteht doch wahrhaftig in der Seele die
Wahrnehmung, daB man keine Lust mehr hat, bloB das zu betrach-
ten, was in der auBeren Welt die Sinne offenbaren! Die offenbaren
eben, daB der Mensch von der Tierheit abstammt; da hat man keine
Lust mehr. Da wendet man sich dann, weil die Zeit eingetreten ist -
dazumal nur fur einige, jetzt fur alle denkenden Menschen -, gerade
im Sinne des Johannes vom Kreuz zu dem, was Entwickelungs-
anschauung ist, namlich zu dem Weg in die geistige Welt hinein.
Das dritte ist das Erleben der Freude in der Empflndung, im Inner-
sten der Seele, im Alleinsein in der Aufmerksamkeit auf Gott. Nun,
diese innigste Freude wird ganz gewiB jeder empfinden, der in diesem
naturwissenschaftlichen Zeitalter nur diejenigen Begrifte aufgenom-
men hat, welche die Naturwissenschaft ihm bietet, sobald er den Weg
finden kann in die ubersinnliche Welt hinein.
Wiederum stehen wir vor der Tatsache, vor der bedeutsamen Tat-
sache, daB gerade neuere Geisteswissenschaft so recht das erfullt, was
fur seine Zeit in seinem Sinne solch ein Mensch wie Johannes vom
Kreuz forderte. Nur schreitet der Strom der Entwickelung weiter,
und heute nimmt sich die Erfullung anders aus, als sie sich dazumal
ausgenommen hat. Es kommt etwas anderes noch dazu. Wer heute
hineinschaut mit ehrlichem Wahrheitssinn in die Menschheitsentwik-
kelung, der sagt sich: Weil wir eingetreten sind in das naturwissen-
schaftliche Zeitalter, muB der Sinn fur ubersinnliche Erkenntnis in
den Menschen wachgehalten werden. Es werden einfach solche For-
derungen wie die des Johannes vom Kreuz erfullt, wenn der Mensch
heute den Weg betritt, der vorgezeichnet wird zum Beispiel in «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Betritt er aber heute
diesen Weg, dann offenbart sich ihm nicht das, was sich in jener Zeit
geoffenbart hat, als der heilige Johannes vom Kreuz geschrieben hat,
sondern es offenbart sich dem Menschen das, was heute im Wege der
Menschenentwickelung liegt. Und da kann man dann nicht mehr so
sprechen, wie bloB im Sinne des positivistischen Christentums der
heilige Johannes vom Kreuz gesprochen hat. Denn es liegt die ernste
Tatsache vor, auf die wit gestern und schon ofter hingewiesen haben:
daB heute der Mensch entweder unbewuBt oder bewuBt in einer ge-
wissen Beziehung an dem Hiiter der Schwelle vorbeikommt. Da lernt
er erkennen, wie er nicht nur von einem Einheitsgotte, sondern wie
er von den gottlichen Hierarchien sprechen muB. Da lernt er erken-
nen, wie er das Ahrimanische und Luziferische kontrastieren muB mit
den gottlichen Hierarchien. Aber wie die katholische Kirche bis zum
Jahre 1822 die Menschen abhalten wollte, an den Kopernikanismus
zu glauben, so will sie heute die Menschen abhalten, in die wirklich
von der Zeit notwendig geforderten ubersinnlichen Erkenntnisse ein-
zutreten. Warum? Weil sie nicht will, daB die Menschen aufmerksam
werden auf das, was aus geistigen Hohen in die Menschheitsentwicke-
lung hineinstromen will.
GewiB, es mag auch einige geben und es gibt einige, die in gewis-
sem Sinne ehrlich das Folgende sagen: Der Mensch ist ja heute wirk-
lich nicht vorbereitet, mit seiner Seele unmittelbar dem entgegenzu-
treten, was aus der geistigen Welt hereinkommt; das gereicht ihm nur
zum Unheil. Er kann dann, wenn er vor den Hiiter der Schwelle hin-
tritt, Tauschung nicht von Wirklichkeit unterscheiden. Also machen
wir ihm moglichst graulich davor, selber sich auf den Weg des Geisti-
gen zu begeben, damit er nicht gefahrdet werde. - Es mag solche
Leute geben, sie rechnen nicht mit den Notwendigkeiten der Zeit,
sie rechnen mit einer eingeschrankten, bornierten Vorstellung, aber
sie konnen vielleicht ehrlich sein. Aber die Mehrzahl derer, die solche
Dinge sagen, wie : daB man sich heute nicht auf den Weg der uber-
sinnlichen Erkentnisse begeben diirfe -, die meinen die Dinge nicht so.
Von den verschiedensten Seiten wird aus einem gewissen Angstgefuhl
gegen die Wahrheit das Hereinfluten dieser Wahrheit zuruckgehalten.
Dieses Angstgefuhl, das haben weithin ausgedehnte Kirchenbekennt-
nisse in ihren offiziellen Vertretern; das haben aber auch gewisse
maurerische und ahnliche Gesellschaften. Ich habe von ejnem andern
Gesichtspunkte schon darauf aufmerksam gemacht. Auch da gibt es
innerhalb dieser Gesellschaften einige Leute, die ja von ihrem Ge-
sichtspunkte aus ehrlich sind; aber die Kraft, mit der sie den Fort-
schritt der Menschheit auf halten, die ist furchtbar stark. Da liegt nam-
lich das Folgende vor. Da sind Leute, besonders in den Hochgrad-
orden, die sagen: Der Mensch ist in der Regel nicht recht reif dafiir,
daB ihm die geistige Welt unmittelbar vorgefiihrt wird, daher halte
man ihn von dem unmittelbaren Eintritt in die geistige Welt zuriick,
man lasse ihn nicht eintreten, man lasse ihn nur herankommen an die
Ausiibung der in gewissen alten Ritualien vorgeschriebenen Zeremo-
nien. Man verweise ihn an allerlei Symbole, die ihn nicht unmittelbar
in die geistige Welt einfiihren, nur symbolisch die Sache vorfiihren,
aber auch da womoglich an Symbole, die ein recht groBes Alter
haben. - Ich habe Ihnen ja gesagt, daB in dieser Beziehung gewisse
maurerische Orden, nun sagen wir, es im Gegensatze mit dem Lieb-
lingsimpuls der meisten Damen halten. Die meisten Damen sind nam-
lich gerne jung, die meisten maurerischen Gesellschaften sind gerne
so alt wie moglich ! Da weist man moglichst auf ein uraltes Ritual hin
oder auf uralte Traditionen. Nicht immer, obwohl sehr haufig, ist das
unwahrhaft gemeint; aber es ist manchmal schon ehrlich gemeint,
wenn man sagt: Die Ritualien, die uralt sind, konnen, wenn sie heute
vor den Menschen vollzogen werden, sie nicht mehr gefahrden, denn
sie sind abgebraucht, sie sind erstarrt, sie sind nur noch die Schatten
dessen, was sie gewesen sind. Und auBerdem haben ja die Menschen-
seelen so lange mit diesen Ritualien gelebt beziehungsweise mit den
Symbolen und mit dem, was sie darstellen; sie haben sich daran ge-
wohnt: sie werden nicht mehr schockiert von dem Eindruck einer
unmittelbar erlebten Wahrheit. Mache man die Leute mit recht Altem
bekannt, was nur noch seinem Schatten nach vorhanden ist, dann
werden sie weniger gefahrdet.
Alle diese Dinge mogen ja vertreten werden, aber sie miissen ab-
fallen vor der Notwendigkeit, die heute durch die Zeitenwende geht.
Das Unheil, das kommen wiirde, wenn der Mensch die hereinbre-
chende geistige Flutwelle zuriickstoBen wiirde, das wiirde groBer sein
als alles iibrige Unheil. Die wirkliche Pflicht gegeniiber alien Geistern
der Welt, die mit der Menschheitsentwickelung zusammenhangen, ist
die, den Menschen bekanntzumachen mit dem, was doch heute sich
unbedingt im UnterbewuBten, einfach durch die heutigen Weltgesetze,
in der Seele eines jeden Menschen vollzieht. Im Zeitalter der BewuBt-
seinsseele das heraufzurufen ins BewuBtsein, das ist eine Notwendig-
keit. Und auch mit Bezug auf das, was heute so gewaltig als soziale
Forderungen auftritt, ist es notwendig, daB man heute kennenlernt,
was eigentlich in den Menschenseelen vorhanden ist. Denn auBerlich
wird das Dasein immer maskenhafter, immer bloB phanomenaler. Es
ist durchaus die Moglichkeit vorhanden, daB man heute in seiner
Seele so erlebt, daB man vorbeigeht an dem Hiiter der Schwelle, aber
durch den Materialismus der Zeit das BewuBtsein davon zuriick-
drangt. Aber was man zuriickdrangt, was nicht bewuBt wird, das ist
doch deshalb nicht etwa nicht da; es ist trotzdem da. Irgendein
Mensch geht hindurch durch den Hiiter der Schwelle - aber durch die
Zeitbildung drangt er das zuriick. Das, als was es sich dann darstellt,
das kann etwas ganz anderes sein. Es konnen die Taten Lenins sein,
es konnen die Taten irgendeines Spartakusmenschen sein. Darauf muB
man aufmerksam sein in der Gegenwart, daB wir in dem Zeitalter
angekommen sind, wo durch die Tauschungsimpulse des Materialis-
mus in einer die Menschheit in schlimmster Weise gefahrdenden Art
Durchgange durch gewisse geistige Impulse sich auBerlich maskieren
konnen.
Ernst ist die Zeit. Aber allem Ernst wird wirklich Rechnung ge-
tragen, wenn man bloB den ehrlichen Willen hat, mit seinem gesunden
Menschenverstand auf die Interpretation dessen einzugehen, was
durch eine wirkliche Geisteswissenschaft herausgeholt werden kann
aus der geistigen Welt. Davon wollen wir dann morgen weiter
sprechen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 5. Januar 1919
Sie werden aus den gestrigen Betrachtungen ersehen haben, wie leicht
der ganze Entwickelungsgang der Menschheit miBzuverstehen ist,
und wie er insbesondere von vielen Seiten in der Gegenwart miBver-
standen wird zum Schaden sowohl der gegenwartigen Erkenntnis wie
auch zum Schaden des gegenwartigen sozialen Strebens der Mensch-
heit. Wir wollen heute einmal einige Ergebnisse der Geisteswissen-
schaft vor unsere Seele fiihren, die solcher Art sind, daB sie, ich mochte
sagen, von der andern Seite hineinleuchten konnen in Dinge, die
ratselhaft sind, wenn man sich auf die Vorstellungen beschrankt, die
sich die Gegenwart von ihnen macht. Ich habe Ihnen gesagt, daB der
Mensch mit der Gegenwart mir dann zurechtkommen wird, wenn er
sich entschlieBt, durch ein Hingehen zum Geisteswege sich wirklich
neu zu orientieren, sowohl in bezug auf sein Verhaltnis zur auBeren
Natur, da die alten Orientierungsmittel nicht mehr ausreichen, wie
auch mit Bezug auf das Verhaltnis von Mensch zu Mensch, da auch
da die alten Orientierungsmittel nicht mehr ausreichen, um einzu-
sehen, welche Impulse fur die gegenwartige soziale Struktur der
Menschheit notig sind. Man muB sich ja, will man in diesen Dingen
zurechtkommen, ganz ernstlich vor die Seele riicken, daB so, wie der
Mensch heute im Erdendasein zwischen Geburt und Tod hinein-
gestellt ist in die Welt, er nur die auBere OfFenbarung der eigentlichen
Wesenhek sieht, wie er auch eigentlich nur zu der auBeren OfFen-
barung seines Mitmenschen in ein Verhaltnis tritt.
Das Leben gestaltet sich fur die verschiedenen Epochen der
Menschheitsentwickelung verschieden, und wir bemuhen uns, diese
Dinge gerade mit Bezug auf den gegenwartigen Menschen wirklich
zu studieren. Denn in der gegenwartigen Zeitepoche entscheidet sich
fur den Erdenmenschen sehr viel. Bis ins 15. Jahrhundert, und, man
konnte sagen, weil die Dinge nicht gleich auf einen Schlag voriiber-
gehen, bis in die Gegenwart herein stand der Mensch eigentlich noch
immer mehr oder weniger unter der Erbschaft alter Begriffe, alter
Impulse. Dieser funfte nachatlantische Zeittaum ist ja in einer gewis-
sen Beziehung mit Bezug auf die menschliche Entwickelung etwas
AuBerordentliches. Denn nicht wahr, Sie wissen: Wenn man die ge-
samte Erdenentwickelung nimmt, so gliedert sie sich in sieben auf-
einanderfolgende groBe Epochen, von denen die vierte die atlantische
war, die jetzige funfte die nachatiantische ist; dann wiirde die sechste,
dann die siebente kommen. In der atlantischen Periode liegt gewisser-
maBen eine Art Entscheidung. Denn bis dahin war ja das gesamte
Erdendasein ^ine Wiederholung vom friiheren Saturn-, Sonnen-,
Mondendasein. In der atlantischen Periode liegt eine Art Entschei-
dung, aber eben nur ein Anfang einer Entscheidung. Nur vorbereitet
haben sich da die Dinge, die sich eigentlich erst ausbilden sollen in der
folgenden Erdenentwickelung. So daB der Mensch bis zur atlantischen
Zeit eigentlich nur dasjenige war, was er als Saturn-, Sonnen- und
Mondenmensch in andern Formen schon war. In der atlantischen Zeit
aber war er nur in Andeutung dasjenige, was er als eigentlicher Erden-
mensch werden soli. Dann geht es weiter, und jetzt sind wir in der
funften nachatlantischen Periode. In der nachatlantischen Periode,
durch die urindische, urpersische Entwickelung und so weiter traten
schon immer bestimmtere und bestimmtere Verhaltnisse auf. Aber die
griechisch-lateinische Zeit, die vierte nachatlantische Periode, liefert
wiederum doch nur eine Art Wiederholung, wenn auch in anderer
Form, dessen, was in der Atlantis auf einem andern Daseinsniveau
schon vorhanden war. Erst jetzt in der funften nachadantischen
Periode, in einer Zeit, die seit dem 15. Jahrhundert begonnen hat,
steht der Mensch gewissermaBen so in seiner Gesamtentwickelung
drinnen, daB so recht merkbare, in seinem Wesen merkbare neue Im-
pulse auftreten. Sie waren friiher nicht so merkbar; jetzt treten sie in
seinem Wesen merkbar auf, und noch immer haben sie sich nur an-
gedeutet. Die furchtbaren katastrophalen Ereignisse in unserer Zeit,
von denen man schon sagen kann, daB sie die Menschheit ganz kolos-
sal erschuttern werden, sie sind der Ausdruck dafur, daB sich neue
Verhaltnisse in die Menschheitsentwickelung hereinbegeben. Und ich
habe Ihnen ja angedeutet, wie diese neuen Verhaltnisse von einer ge-
wissen Seite her dadurch zu charakterisieren sind, daB man darauf
hinweist, wie man deutlich wahrnimmt ein Hereinfluten einer geisti-
gen Welle, herruhrend gewissermaBen von einem Aufsteigen in der
Entwickelung der Geister der Personlichkeit.
Nun bemerkt man, wenn man geisteswissenschaftlich gerade diese
eigentiimliche Seelenverfassung ins Auge faBt, in welcher der Mensch
der Gegenwart hier auf der Erde ist, man bemerkt gegenwartig also
in geisteswissenschaftlicher Anschauung recht stark, wie der Mensch
sich eigentlich der Offenbarungen des Naturseins sowohl wie des
Seins seiner Mitmenschen nur dann bewuBt ist, wenn er wahrnimmt,
oder wenn er auBerlich wollend tatig ist und nichts weiB von den
wirklichen Wesenheiten, in die er eben doch in einer gewissen Weise
hineinwachsen muB im Laufe seiner Entwickelung, und in die er hin-
eingewachsen sein wird, wenn die Entwickelung weitergegangen sein
wird. Der Mensch ist ja, wie Sie wissen, in der Welt so drinnenste-
hend, daB er, wenn man grob charakterisiert, die umliegende Welt
wahrnimmt im Mineralreich, im Pflanzenreich, im Tierreich und in
seinem eigenen Reich, im Menschenreich. Das ist dasjenige, was sicht-
bar um den Menschen herum ist. Und im sichtbaren Menschenreich
spielt sich ja auch ab dasjenige, was aus dem Wollen hervorgeht und
was in der sozialen Struktur eine gewisse Ordnung finden soil.
Nun, es haben die Menschen vielfach nachgedacht - aber mit einem
ungeniigenden Denken nachgedacht -, wie der Mensch zu seiner Um-
gebung steht. Man hat die Ergebnisse dieses Nachdenkens in ver-
schiedenen Erkenntnistheorien verarbeitet. Aber es kann bei diesen
Erkenntnistheorien nicht sehr viel herauskommen. Und dasjenige,
was heute schulmaBig in diesen Erkenntnistheorien den jungen Leu-
ten, die dann philosophisch zu der Welt sprechen sollen, gelehrt wird,
das ist wirklich recht ungemigendes Zeug. Denn eine wahre Einsicht
in das, was sich da eigentlich in der Menschenumgebung offenbart,
gewinnt man ja doch nur, wenn man die Sache geisteswissenschaft-
lich betrachtet. Auf der einen Seite kann der Mensch hinblicken auf
das mineralische und auf das Pflanzenreich, auf der andern Seite auf
das Tierreich und das menschliche Reich selbst. Beides, sowohl Mine-
ralreich und Pflanzenreich wie Menschenreich und Tierreich, enthullt
sich ihm so, daB er, wenn er jetzt im theoretischen Sinne ehrlich ist,
in der Enthiillung, in der Offenbarung "Widerspruche bemerkt. Er
kann nicht zurechtkommen mit der Art, wie sich ihm auf der einen
Seite das Mineralreich, das Pflanzenreich, auf der andern Seite das
Tierreich und Menschenreich offenbart. Und wenn die Menschen
glauben zurechtzukommen, so riihrt das nur von einer gewissen
Stumpf heit her. Sie wollen nicht auf alle die Zweifel, welche heraus-
spriihen aus der Beobachtung der Naturreiche, eingehen, weil sie zu
bequem sind dazu. Nun aber, wenn man etwas vordringt in der Er-
kenntnis, wenn man sich etwas schult in der Richtung, die angegeben
ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», dann ver-
wandelt sich in einer gewissen Beziehung sowohl der Anblick des
Mineral- und Pflanzenreiches wie auch der Einblick in das Verhaltnis
zu Tier- und Menschenreich. Die Menschen haben unbewuBt heute
schon in hohem Grade eine eben nicht zum BewuBtsein kommende
Empfindung von dieser Verwandlung. Aber es bleibt eben unbewuBt,
so wie ich gesagt habe, daB unbewuBt heute der Mensch in der ganz
naturlichen Entwickelung vor den Hiiter der Schwelle hintritt. Es ist
eigentlich immer eine gewisse Furcht vor der Wahrheit, welche die
Menschen unbewuBt abhalt, nun wirklich so vorzudringen, daB sie zu
dieser Verwandlung kommen. Ich rede in Imaginationen, in Imagina-
tionen, die in Worte umgesetzt sind. Man kann die Dinge nicht anders
wirklich trefTend charakterisieren. Denn wenn man in sich lebendig
macht dasjenige, was man lebendig machen kann, indem man auf sich
das anwendet, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» beschrieben ist, so wird man, mit dieser verwandelten Er-
kenntniskraft hinblickend auf das Mineral- und Pflanzenreich, immer
etwas empfinden wie Furcht. Nicht wahr, Sie mussen nicht erschau-
ern, nicht eine Gansehaut bekommen bei der Charakteristik dieser
Verhaltnisse. Die Menschen gehen ihnen aus dem Wege, weil sie
Furcht haben: daraus mussen Sie schon verstehen, daB natiirlich,
wenn man solche Verhaltnisse schildert, es auch so ist, daB man eine
gewisse Gansehaut bekommen kann; deshalb haben ja eben die Leute
gerade Furcht. Es ist immer etwas bei der vorgeriickten Erkenntnis,
wenn man das Mineralreich und Pflanzenreich dann ins Auge faBt,
wie Leichengeruch, den man empfindet, ein Leichengeruch, der einem
wie in einem lebendigen Gefiihl das charakterisiert, was im Mineral-
und Pfianzenreich lebt. Dagegen, wenn man das Tier- und das Men-
schenreich in der verwandelten Erkenntnis anschaut, dann hat man
immer eine Empfindung, die man so charakterisieren kann, daB man
sagen mochte: Eigentlich - nicht wahr, Sie verzeihen mir, daB ich
diese Imagination in Worte umsetze - bleiben doch die Menschen,
auch die vorgeriicktesten, solange sie in diesem physischen Leibe wei-
len, gegeniiber dem, was in ihnen in Wirklichkeit steckt, immer Kin-
der, richtige Kinder. Es ist einfach wahr, daB im Menschen viel mehr
steckt, als er herausentwickem kann, herausoffenbaren kann aus sei-
nem Wesen zwischen Geburt und Tod.
Sie sehen daraus, weil man ja in dieser ubersinnlichen Erkenntnis
vom Schein allmahlich immer mehr zu der wahren Wirklichkeit auf-
steigt, daB - indem man diese Welt auBen, so wie sie ist, ansieht, be-
trachtet man es eigentlich nur mit einem Schein zu tun hat. Denn
der Leichengeruch, von dem ich Ihnen gesprochen habe, und die
Kinderei der Menschen - verzeihen Sie - verhullen sich. Der Leichen-
geruch findet, wenn ich so sagen darf, an unserem physischen Men-
schen eine zu stumpfe Nase, die atherische Nase ist nicht geniigend
ausgebildet. Und die Kinderei der Menschen, die laBt uns nicht recht
zum Gestandnis kommen, daB sie da ist, weil wir als Menschen schon
einmal zu eingebildet sind dazu. Aber so ist doch die Sache. Und in-
dem man dies, was ich eben jetzt charakterisiert habe, auseinander-
halt, weist man ja zu gleicher Zeit darauf hin, daB im Menschen viel
mehr steckt, als betatigt werden kann. Man kann sich dann die Frage
aufwerfen: Ja, in Mineralien, in Pflanzen nimmt der Mensch keine
Wirklichkeiten wahr; in Tieren, und nicht einmal in seinem eigenen
Menschenwesen, nimmt er auch nicht Wirklichkeiten wahr. Worauf
ist denn eigentlich dann der Mensch eingestellt hier auf der Erde? -
Er ist namlich merkwiirdigerweise eingestellt auf Wesen, die weder
dem mineralischen und Pfianzenreich, noch dem Tier- und Menschen-
reich angehoren, sondern die zwischendrinnen liegen. Auf eine Art
Pflanzentiere oder Tierpflanzen ist er eingestellt. Wenn es Wesen
geben wiirde hier auf der Erde, die weder Pflanzen noch Tiere sind,
sondern die bloBe Pflanzennatur haben in bezug auf ihre innere Orga-
nisation, aber die gehen konnten, Wesen, welche nicht Muskel und
Blut hatten, sondern welche in ihrer Anatomie so waren wie die Pflan-
zen, die nur solche Zellen hatten und solche Gewebe wie die Pflanzen,
die sich aber willkurlich bewegen konnten wie die Tiere, oder wenn
auf unserer Erde Tiere herumwandeln wiirden, die eben, wenn sie
sterben, so etwas hinterlassen wie eine Pflanzenleiche: dann wiirde
fur solche Wesen der Mensch in seiner ganzen Seelenverfassung wirk-
lich eingestellt sein. Die wiirde er, solche Wesen wiirde der Mensch
eigentlich hier in seinem Erdendasein fassen konnen. Aber das Merk-
wurdige ist wiederum : Diese Wesen konnen ihrerseits nicht im Erden-
dasein sein, diese Wesen sind nur in andern Welten zu finden. Sie
sind ihrerseits so, daB sie im Erdendasein nicht gedeihen konnten.
Also man kann sagen: Dem Menschen fehlt eigentlich dasjenige Er-
kenntnisvermogen - und das ist in der Gegenwart besonders sicht-
bar -, welches ihn befahigt, unmittelbar einzudringen in das Wesen
von Mineralien und Pflanzen und auch von Tieren und Menschen.
Und die Wesen, die er wohl unmittelbar wahrnehmen wiirde ihrer
ganzen Konstitution nach, die konnen wieder sich nicht auf der Erde
aufhalten. So merkwiirdig steht der Mensch mit Bezug auf sein Ver-
haltnis zu der umgebenden Natur.
Aber auch zu sich selbst steht der Mensch hier auf der Erde in
einem merkwurdigen Verhaltnisse. Der Mensch ist auf der einen Seite
ein vorstellendes Wesen. Wenn er aber das Vorstellungsvermogen
betatigt, dann verliert er im Vorstellen seine eigene Wesenheit. Und
diese eigene Wesenheit, die im Vorstellen nicht zutage treten kann,
die hat er eigentlich nur dadurch, daB etwas, der Wille, aus dem Un-
bewuBten heraufwirkt. Wiirde der Wille nicht heraufwirken, wiirden
wir nicht den Willen in uns verspiiren, die ganze Welt kame uns ge-
spenstig vor, wenn wir sie nur vorstellen konnten. Wir wiirden eine
gespenstige Welt vor uns haben, so wie ungefahr die Welt der natur-
wissenschaftlichen Begriffe ist; die ware dann wirklich unsere Welt,
Denken Sie sich, wenn die Welt so ausschauen wiirde, wie die Natur-
wissenschafter oder Zoologen es beschreiben, denken Sie, wenn nichts
anderes da ware, als was in Buchern iiber Botanik und Mineralogie
steht - die wirklichen Pflanzen und Gesteine enthalten ja viel mehr,
als was in den Biichern steht, aber denken Sie sich, Sie wiirden gefuhrt
in eine Welt, wie sie in den Biichern beschrieben ist, wo nicht mehr
da ware, als was in den Biichern beschrieben ist: es ware nur eine
Gespensterwelt, eine richtige Gespensterwelt. Nur dadurch ist diese
Welt keine Gespensterwelt, daB immer der Wille mitspricht. Wenn Sie
fliegen konnten, nicht mlt einem Apparat, sondern selbst fliegen, das
heiBt, wenn Sie keinen Boden unter den FiiBen brauchten, konnten
Sie sich also frei bewegen ohne Boden, dann wiirden Sie nahe daran
kommen, die Welt so gespenstig wahrzunehmen. Sie wiirde Ihnen,
wenn Sie nur im wachen Zustande mit den Augen die Welt verfolgen
wiirden, sehr gespenstig schon erscheinen; nicht so stark, wie der
Naturforscher sie beschreibt, aber sie wiirde Ihnen da schon sehr ge-
spenstig erscheinen. Sie haben ein solides Gefuhl von dem Welten-
dasein nur dadurch, daB Sie mit den FiiBen auf dem Boden stehen.
Und dieses Driicken mit Ihren FiiBen auf den Boden, das gibt Ihnen
das Gefuhl, das mit dem Willen verwandt, das nur eine Abschwa-
chung des Willens ist, daB Sie nicht bloB in einer Gespensterwelt sind,
sondern in einer soliden Welt. Wenn Sie dieses Gefuhl nicht hatten,
sondern nur sehen wiirden, dann wiirde Ihnen die Welt sehr gespen-
stig vorkommen. Was im UnterbewuBten sich abspielt, das sagen Sie
sich namlich nicht. Im UnterbewuBten spielt sich stets das ab, daB
eigentlich der Mensch sich sagt, im UnterbewuBten sagt er es sich:
Ja, eigentlich schaut die Welt wie ein Gespenst aus ! Aber wenn die
Welt so ware, wie sie mir meine Augen zeigen, da konnte ich nicht fest
stehen, da miiBte ich untersinken. Und ich sinke doch nicht unter, also
ist die Welt nicht so, wie sie mir meine Augen zeigen. - Dieser SchluB
wird im UnbewuBten fortwahrend gemacht. So kompliziert ist das
ganz gewohnliche, alltaglichste Verhaltnis zur Welt. Es ist immer ein
unbewuBter SchluB, der in gewisser Beziehung aus dem Willen stammt.
Also beim bloBen Vorstellen fehlt uns eigentlich - wenn ich mich
jetzt gelehrt, das heiBt, pedantisch ausdriicken will - das Subjekt, das
fallt heraus. DaB wir ein Subjekt haben, uns mit der Welt zusammen-
fiihlen, kommt aus dem Willen.
Und wiederum, wenn wir wollen, wenn wir den Willen entwickeln,
da fehlt uns eigentlich das Objekt. Das Objekt, das kommt uns gar
nicht ordentlich solid zum BewuBtsein. Wenn ich einfach dieses
Buchelchen hier von der linken Seite zur rechten Seite heruberheben
will und es auch wirklich tue - ja, das eigentliche Objekt des Wol-
lens, das kommt nicht zum BewuBtsein. Sie sehen den Weg, den das
Buchelchen macht, die Vorstellung, die gespenstet so hinein in das
Wollen, aber das eigentliche Objekt des Wollens kommt nicht zum
BewuBtsein. So daB der Mensch sowohl, indem er vorstellend ist, wie
auch, indem er wollend ist - das ist wiederum grotesk ausgesprochen,
weil man eine Imagination in Worte kleiden muB -, daB der Mensch
eigentlich sowohl als Vorstellender wie als Wollender, verzeihen Sie,
ein Knippel ist. Er stellt gespenstig vor und will eigentlich unvoll-
standig. Was der Mensch wirklich ist, das ist eigentlich weder in der
Vorstellung noch im Willen ganz drinnen, das ist wiederum in der
Mitte drinnen zwischen dem Vorstellen und dem Willen. Aber da ist
die Sache so, daB uns das nicht zum BewuBtsein kommen kann im
gewohnlichen Leben. Geradeso wie in die auBere Natur das Pflanzen-
tier nicht eintreten kann, so kann dem Menschen nicht zum BewuBt-
sein kommen, was er eigentlich ist. Deshalb habe ich Ihnen von einem
andern Gesichtspunkte diese Tatsache ofter ausgesprochen, indem ich
Ihnen sagte: Das eigentliche Ich nimmt der Mensch wahr wie em
Loch in den Ereignissen des Lebens. Nicht wahr, man muB sich dar-
iiber nur klar sein, daB man Locher auch wahrnehmen kann. Vom
Schlafen weiB der Mensch nichts, er wacht, schlaft, wacht, schlaft,
wacht, schlaft; aber indem er sein Leben iiberblickt, da stellt sich ihm
das ausgesparte BewuBtsein, das BewuBtseinsloch in den Lebenslauf
hinein, und er sieht gerade so, wie wenn er eine Flache hat, die weiB
ist und die schwarze Locher hat, wo er eigentlich nichts sieht, so
sieht er die BewuBtseinslocher des Schlafes. Aber so ist es mit
unserem Ich auch in unserem Wachleben. Unser Ich wird nicht in
Wahrheit ins BewuBtsein hereingehoben, sondern im BewuBtsein
ist von diesem Ich nur ein Loch, und die Wahrnehmung dieses
Loches macht uns darauf aufmerksam, daB wir eben das wirkliche
Ich haben.
Diese Dinge, die dem heutigen groben Menschen noch wie eine
Spintisiererei erscheinen, sie miissen allmahlich ein elementares Be-
wuBtsein der Menschen werden. Denn man kann nicht in der Zukunft
auf solche Glaubensvorstellungen das Leben griinden, wie man es in
vergangenen Zeiten hat griinden konnen, weil noch die Reste und die
Nachwirkungen atavistischen Hellsehens vorhanden waren. In der
Zukunft wird man auf deutlich durchschaubare Grundlagen das Leben
stellen miissen. Zu den alltaglichen Vorstellungen wird das gehoren
miissen, daB man auf das Mineral- und Pflanzenreich so hinschaut, wie
Goethe hingeschaut hat, der nur das Phanomen angesehen hat, der
nicht geglaubt hat, daB in dem Phanomen etwas anderes als hochstens
die Grundphanomene, die Urphanomene sich ofFenbaren, aber daB die
Phanomene nicht in Gedanken ausdriickbare Naturgesetze ofFenbaren.
Nach Naturgesetzen hat Goethe nie geforscht, das ware ihm sehr
phantastisch erschienen. Die Phanomene hat er verfolgen wollen,
denn es zeigt uns die auBere Welt im mineralischen und Pflanzen-
reiche nichts als die Wahrnehmungen, die Erscheinungen. So muB
der Mensch hinschauen auf die auBere Welt, daB er sich bewuBt ist:
Ich sehe im Mineral- und Pflanzenreich eigentlich nur die AuBenseite;
und wenn ich dem Tier- und Menschenreiche gegenuberstehe, sehe
ich eigentlich auch nur etwas, was wie ein Embryo des ganzen Wesens
ist. - Das muB auch so sein. Sehen Sie, im Mineral- und Pflanzen-
reiche sind ja in Wirklichkeit vorhanden Wesen, die sich nur nach
einer gewissen Seite hin enthullen, wenn der Mensch sie anschaut, weil
sie, ich mochte sagen, sich nicht anders enthullen konnen. Denn im
Mineral- und Pflanzenreiche lebt etwas, was man vollstandig nur er-
kennt, wenn man - nun verstehen Sie mich recht - zuriickblickt auf
diejenige Welt, aus der man herausgekommen ist, als man durch die
Geburt dieses physische Dasein angetreten hat. Konnten Sie mit
jenem BewuBtsein, das iiber die Geburt nach riickwarts hinausgeht,
gedachtnismaBig behaftet bleiben nach der Geburt, konnten Sie also
das Geborenwerden als ein solches Ereignis in Ihrem Leben betrach-
ten, wie etwa, sagen wir, den Obergang vom fiinfzehnten zu dem
sechzehnten Jahre, wiirde nicht nach riickwarts der Faden des Be-
wuBtseins abreiBen, weil das BewuBtsein ganz andersartig war vor
der Geburt beziehungsweise vor der Empfangnis, so wiirden Sie
ohne weiteres eine ganz andere Ansicht iiber das Mineral- und Pflan-
zenreich bekommen, als Sie nur dadurch bekommen, daB Sie sie an-
schauen vom Standpunkte des Lebens zwischen Geburt und Tod.
Derm Sie wiirden sich dann folgendes sagen: Ich bin herausgetreten
aus dem geistigen Reich durch die Geburt. Ich bin hier in dieses phy-
sische Reich eingetreten. Warum habe ich denn das getan? Warum
bin ich denn da nicht drinnen geblieben in dem geistigen Reiche?
Warum hat es mich denn iiberhaupt auf die Erde heruntergelockt? -
Denn man kann von einem solchen Locken sprechen. Da konnten Sie
dann sagen, wenn Sie sich erinnern konnten: Es hat mich auf die Erde
heruntergelockt aus dem Grunde, weil plotzlich im Laufe meiner Ent-
wickelung zwischen Tod und neuer Geburt ich in eine Sphare hinein-
kam, wo es so aussah, als ob gewisse Wesen herausgeflohen waren,
als ob sie eigentlich drinnen sein sollten, fehlten und nicht drinnen
sind. - Wenn ich mich grob ausdriicken darf : In der letzten Zeit vor
der Geburt erlebt man in der geistigen Welt auf Schritt und Tritt, daB
einem da Wesen fehlen, die eigentlich hergehoren und die nicht da
sind. Es zeigt alles : diese Wesen fehlen. Und tritt man jetzt durch die
Geburt, so sind in den Mineralien und in den Pflanzen diese Wesen
da, aber wie Verbannte, wie wenn diese Wesen verbannt waren aus
der Welt, in der man drinnen war, und wie wenn sie nicht vollstandig
gedeihen konnten, halb sterben wiirden und daher den Leichengeruch
bilden, halb sterben wiirden in der Welt, in die man eingetreten ist.
Man sehnt sich vor der Geburt nach der Bekanntschaft mit gewissen
Verbannten. Man weiB nur: Da sind verbannte Wesen, aber wo sind
die? Da geht man in die physische Welt heraus und nimmt sie wahr,
aber, ich mochte sagen, einbalsamiert, mumifiziert. Denn in der Welt,
in die man eingetreten ist, konnen sie nicht anders sein als einbalsa-
miert, als mumifiziert, vertrocknet. Das ist die vollstandig richtige
Empfindung, wenn man der Mineral- und pflanzlichen Welt so gegen-
ubertritt, daB man in ihr die Wesen sieht, die verbannt sind aus der
geistigen Welt, aus der Sphare, in der man gerade war, bevor man in
das physische Leben eintreten muBte.
Und wenn man auf Tiere und Menschen hinschaut und ihre Kin-
derei sieht, dann kommt man darauf, wenn man einen Blick auf die
tiefere Wesenheit entwickeln kann, daB diese Tiere und Menschen, so
wie sie einmal in der Welt hier sind, in der wir zwischen Geburt und
Tod leben, nie fertig werden, nie eigentlich ihr ganzes, durch ihr
Innenwesen bedingtes Leben zum AbschluB bringen. Wer Tiere rich-
tig anschaut, wer sie anschauen kann mit vollstandiger innerer leben-
diger Erkenntniskraft, der weiB zwar, daB die Tiere nicht unsterb-
lich sind, aber er weiB auch, daB die Tiere die ganze Tragik dieser
Nichtunsterblichkeit in ihren Gruppenseelen durchmachen. Die Grup-
penseelen sind ja hinausdauernd iiber das individuelle Leben des Tie-
res ; aber dasjenige, was hier auf der Erde ist von den Tieren, das ist,
wie ich schon neulich sagte, eigentlich krank, das ist so, daB es ver-
dirbt, weil es in eine andere Welt gehort und in diese Welt hinein ver-
bannt ist. Und der Mensch seiner auBeren physischen Gestalt nach ist
auch in diese Welt hinein verbannt ; daher bleibt er verkriippelt, bleibt
ein Kind. Der Mensch bleibt ein Kind. Das Tier ist uberhaupt in sei-
nem Wesen seiner physischen Gestalt nach vertrocknet, denn das, was
zu Tier und Mensch gehort, das findet man, wenn man durch den Tod
geht und in die geistige Welt unmittelbar eintritt, die man nun nach
dem Tode betrachtet. Denn eigentlich beschreibt man einen Kreis in
dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt. Das, was einem ver-
borgen bleibt hier vom Tier- und Pflanzenreich, weswegen man wahr-
nimmt, daB Tiere und Menschen Verbannte sind aus der geistigen
Welt - der Mensch der auBeren physischen Gestalt nach -, das nimmt
man zunachst wahr, indem man durch die Pforte des Todes eintritt in
die geistige Welt. Da macht man eine Entwickelung durch, und man
kommt dazu, daB einem immer mehr und mehr nach dieser Welten-
mitternacht, die ich in dem Mysteriendrama beschrieben habe, klar
wird : Da fehlt etwas, und was da fehlt, das ist gewissermaBen davon-
gelaufen aus der geistigen Welt. Dem lauft man nach durch die Ge-
burt und findet es dann im mineralischen und Pflanzenreich auf der
physischen Erde. Uber das Mineral- und pflanzliche Reich ist man
eigentlich nicht erstaunt, wenn man durch die Geburt ins Dasein tritt,
denn man hat es erwartet. DaB man auch hier auf der physischen Erde
Tiere findet und den Menschen mit einer auBeren Gestalt, die nur
vollkommener ist, aber an das Tier erinnert, das ist etwas, was einen
einigermaBen erstaunt, nachdem man geboren worden ist mit der Be-
wuBtseinsveranlagung. Man fangt aber an, es zu begreifen, wenn man
weiG : Mit dieser auBeren Gestalt der Tiere und Menschen ist ja ein
Anfang gegeben, der erst weiterwachst in der Welt, in die man ein-
tritt durch die Todespforte.
Man konnte sagen: Fiir die abstrakten und vollstandig ausgedorrten
Glaubensvorstellungen, die noch geblieben sind-fniher waren jadiese
Vorstellungen viel lebendiger und gaben dem Menschen wirklich
etwas - in unser BewuJBtseinszeitalter herein, fiir die steht zu unvermit-
telt [nebeneinander] dasjenige, was die Menschen hier in der physi-
schen Welt wahrnehmen, und dasjenige, was sie sich vorstellen sollen,
daB es der Welt zugrunde liegt, welche der Mensch durchlebt zwischen
dem Tod und einer neuen Geburt. Das, was der Mensch durchlebt zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt, bleibt deshalb heute den
Menschen so zweifelhaft und kann so leicht von dem grob materiali-
stischen Geiste geleugnet werden, weil ja der Mensch, indem er in das
Zeitalter der BewuBtseinsseele, das heiGt, ins inteliektuelle Zeitalter
eingetreten ist, dadurch nur in Spiegelbildern im BewuBtsein lebt,
wie ich ausgefuhrt habe. Er kann also auch nur in Spiegelbildern le-
ben, wenn er iiber die Wahrnehmungen hinausgeht, in die ihm, wie ich
Ihnen angedeutet habe, im Aufstehen der FiiBe der Wille hineinspielt.
Aber wenn kein Wille hineinspielt - und ins unsterbHche Leben nach
dem Tode spielt ja kein Wille hinein - und der Mensch nur darauf an-
gewiesen ist, in den Spiegelbildern des Vorstellens das vor seine Seele
zu riicken, was die Welt ist zwischen dem Tod und einer neuen Ge-
burt, dann wird ihm diese Welt zweifelhaft, nicht nur gespenstig, son-
dern zweifelhaft. Ja, man kann sogar folgendes sagen: Wenn sich die
Menschen darauf versteifen wiirden, nur Naturwissenschaften gelten
zu lassen, nur die gespenstige Welt sich vor Augen zu riicken, welche
die Naturwissenschaft gibt, so haben sie eigentlich recht, das Leben zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt, uberhaupt das Leben nach
dem Durchgang durch die Todespforte zu leugnen. . Denn was die
Naturwissenschaft gibt, sind ja nur Bilder, ist ja gespenstig. Und das
hort auch auf, indem der Mensch durch die Todespforte tritt. Die
Naturwissenschaft kann nichts enthalten von dem, was der Mensch
erlebt in dem Reiche nach dem Tode und vor der Geburt. Denn sehen
Sie: In den Mineralogiebiichern und in den Botanikbiichern und in
aliem, was damit zusammenhangt, Physiologie, Geologie und so wei-
ter, in all den Vorstellungen, die Sie iiberhaupt aufnehmen konnen
iiber Pflanzen und Mineralien, da konnen Sie ja nur etwas aufnehmen
iiber Wesen, die hier hinein verbannt sind in die physische Welt. Und
wiederum in den Tieren und in den Menschenkorpern konnen Sie
auch nur etwas wahrnehmen, was hier hinein verbannt ist - auch in
den Zoologiebiichern und Anthropologiebiichern -, und damit setzt
sich ja im Grunde, wenn man das im weitesten Sinne denkt, alles Wis-
sen zusammen: Sie konnen nur dasjenige wahrnehmen, was hier in
der Verbannung lebt. Aber wenn Sie bedenken, daB vor der Geburt
Ihnen die Wesen gerade fehlen - also da sind sie ja nicht -, die Sie
hier erleben nach der Geburt, daB in Tieren und Menschen dasjenige
erlebt wird, was hier nicht vorhanden ist, so werden Sie begreifen, daB
in das gewohnliche naturwissenschaftliche Vorstellungsleben gar
nichts von dem unsterblichen Leben hereingehen kann, daB die Natur-
wissenschaft von sich aus ganz recht hat, wenn sie sich um das un-
sterbliche Leben gewissermaBen nicht kiimmert, weil sie in Bildern
lebt. Und daher ist es so, daB in dem Zeitalter seit dem 15. Jahrhun-
dert, in dem die naturwissenschaftlichen Vorstellungen alle Kreise
beherrschen, der Mensch auf der einen Seite gewissermaBen die
robuste, rohe Natur hat, die ihm eigentlich allein als Wirklichkeit gilt,
und auf der andern Seite ein Reich, das er nur mit den abgeschwachten
Spiegelbildern des Zeitalters der BewuBtseinsseele erreichen will, wo
es ihm eigentlich so vorkommt, wie wenn er sich sagt: Nun, indem
ich darauf komme, daB das nur Spiegelbilder sind, die ich da denke -
und im UnterbewuBtsein kommt er darauf, denn dann wird er
ein Zweifler an der Unsterblichkeit -, dann ware ich, wenn ich
glaubte, daB diese Spiegelbilder und auch mein eigenes Spiegelbild
nach meinem Tode noch da seien, ebenso dumm, wie wenn ich
glaubte, daB mir aus dem Spiegel an der Wand die Menschen ent-
gegenkommen, daB sie nicht bloB sich spiegelten, sondern mir
entgegenkamen.
Es liegt einfach im Charakter dieses Zeitalters der Entwickelung
der BewuBtseinsseele, daB dem Menschen, wenn er nicht aufriicken
will zu einer geistigen Erfassung der Welt, immer mehr und mehr
der Zusammenhang schwindet mit der Welt, in die er eintritt, wenn
er durch die Todespforte ttitt. Und es schwindet ihm aus der Vor-
stellung, es schwindet ihm aus dem bewuBten Leben, aber es schwin-
det ihm nicht aus der Sehnsucht. Und selbst die schlimmsten Unsterb-
lichkeitsleugner haben in ihren Untergriinden in der Willenssphare,
aus der ja die Sehnsucht stammt, sie haben Sehnsucht, von der Welt
etwas zu erfahren, in die der Mensch durch die Todespforte eintritt,
aus der er herausgetreten ist, indem er durch die Geburtspforte ge-
gangen ist. Sehnsucht haben sie. An dieser Sehnsucht ist sogar die
Gegenwart krank. Und die mancherlei Krankheiten der Gegenwart
driicken sich aus, weil diese Sehnsucht in den Menschen waltet und
der Mensch keine bewuBten Vorstellungen fur diese Sehnsucht finden
kann. Wenn etwas in unserer Willenssphare lebt, was der Mensch mit
der Vorstellung nicht bewaltigen kann - man muB da wiederum sehr
radikale Begriffe entwickeln, wenn man iiber diese Dinge redet -,
dann fangt er an zu toben. Das ist das Wesen des Tobens, der Tob-
sucht, daB etwas in der Willenssphare lebt, was der Mensch nicht mit
seinem Vorstellungsvermogen umfassen kann. Und wenn die Men-
schen sich nicht dazu bequemen werden, einzugehen auf die Erfas-
sung der geistigen Welt, um durch das Erfassen der geistigen Welten
dasjenige zu umfassen, was in der Willenssphare sich schon heraus-
gestaltet, dann wird die Toberei in der Welt immer groBer und groBer
werden, die Toberei, die sich heute als das nachste Stadium nach dem
nicht eintretenden, aber von den Menschen immer erhofften Friedens-
schluB eben fur die Menschen einstellt. Das ist nicht etwas, woniber
man reden kann wie in einem Kegelklub, wo man nach den gewohn-
lichen philistrosen Vorstellungen meint, da oder dort iiber das oder
jenes Abhilfe schaffen zu konnen, indem man sich verstandigt, nein,
das ist etwas, was mit dem tiefsten Wesen der menschlichen Entwicke-
lung zusammenhangt. Der Mensch kann sich nicht dagegen strauben,
daB dasjenige in ihm sich entwickelt, was in seine Willenssphare ein-
tritt. Daniber hat er keine Macht. Er kann nur sich dazu entschlieBen,
bewuBt in die Geistessphare so einzudringen, daB er das verstehen
lernt, was in seine Willenssphare eindringt. Dadurch wird an Stelle
der Toberei geordnetes Menschen2usammenleben sich entwickeln
konnen in der Zukunft.
Sie sehen, es ist keine Angelegenheit, die den Menschen nur sub-
jektiv angeht, daB der Mensch sich hinwende zur geistigen Welt, die
sich offenbaren will durch eine besondere Welle des Geschehens in
unserer Zeit, sondern es ist eine objektive Notwendigkeit, daB der
Mensch sich der geistigen Welt zuwendet im Zeitalter der BewuBt-
seinsseele. Denn Veranderungen sind eben eingetreten in der Mensch-
heitsentwickelung.
Bis zu dem Zeitpunkt, in dem sich abgespielt hat im Erdenleben
das Mysterium von Golgatha, kam alles das, was der Mensch brauchte,
urn in der Welt hier einigermaBen sicher zu stehen, eben aus dem
Schlafe. Man hat anders geschlafen, wenn das auch die heutigen Phy-
siologen nicht zugeben, vor dem Mysterium von Golgatha, als man
jetzt schlaft. Solche prophetischen Naturen, denen sich in Traumen so
GroBattiges geoffenbart hat wie den hebraischen Propheten, die gibt
es daher auch in dieser Form nicht mehr; denn den Seinen gibt es der
Herr heute nicht mehr im Schlafe. Er hat es ihnen gegeben. Das ist
eben der groBe Ubergang in der Entwickelung. Und nicht nur den
prophetischen Naturen wurden die Bilder der Zukunft gegeben, son-
dern die Gedanken wurden den Menschen noch bis in die griechische
Zeit hinein aus dem Schlaf heraus gegeben. Wenn man aufwachte,
brachte man sich die Gedanken mit. Es war der menschliche Organis-
mus noch so konstruiert, daB man sich die Gedanken mitbrachte. Das
hat noch eine Weile nachgewirkt, obschon die Sache so war, daB die
Menschen eigentlich schon im 15. Jahrhundert kopflos geworden
sind - verzeihen Sie! -, das heiBt: Der Kopf war nicht mehr recht zu
brauchen, der Kopf konnte nicht mehr aus dem Schlaf heraus die
Gedanken mitbringen.
Es ist schon ein Resultat der Geisteswissenschaft, zu erkennen, daB
unser Kopf seit dem 15. Jahrhundert ein recht viel weniger brauch-
bares Werkzeug geworden ist, viel vertrockneter ist, als er vorher
war. Aber so recht bemerklich macht sich das erst in der Gegenwart,
und es wird sich immer mehr bemerklich machen, wenn nicht ein Er-
satz geschaffen wird, so daB das Ausgedunstete des Kopfes wiederum
von der geistigen Welt her ersetzt wird. Denn bis in unsere Zeit, bis
in das 19. Jahrhundert herein, da war noch immer die andere Natur,
die Brustnatur des Menschen gewohnt an das, was der Kopf aus dem
Schlafe heraus noch wahrend der griechisch-lateinischen Zeit bekam.
Die Brustnatur war daran gewohnt, und da haben die Menschen noch
die nachwirkenden Impulse in ihre Kopflosigkeit herein gehabt. Sie
war noch daran gewohnt; ich mochte sagen, die Geste des Gedankens,
den Schatten des Gedankens hatten die Menschen noch. Aber auch
dieser Schatten wird vergehen, die Menschen werden gar keine Ge-
danken haben, wenn sie sich nur ihrem Kopfe iiberlassen wollen. Und
so ist es ja auch, und es zeigt sich darin, dafi die Menschen nicht den-
ken wollen. Immer weniger wollen sie denken. Sie mochten auf der
einen Seite sich von der Natur die Gedanken diktieren lassen, am
liebsten bloB experimentieren und sich vom Experiment sagen lassen,
was sie denken sollen. Selber denken mochten die Menschen nicht.
Dazu haben sie auch gar kein rechtes Vertrauen, denn was sie aus-
denken, das, meinen sie, ist ja doch keine Wirklichkeit. Es ist ja auch,
wenn man die bloBen Gedanken nimmt, keine Wirklichkeit. Aber
man kann gewaht werden: Das Denken, nicht die Gedanken, das muB
aktiv werden. Dieses Aktivwerden des Denkens, das kommt von dem
Hereinspielen der geistigen Welt. Und Sie konnen heute, wenn Sie
wirklich anfangen, aktiv zu denken, gar nicht anders, als die geistige
Welt in sich hereinspielen zu lassen. Sonst denken Sie nicht, sonst
denken Sie so wenig, wie die Naturforscher heute denken, die sich am
liebsten vom Experiment oder der Naturforschung alles diktieren las-
sen mochten, oder so wenig, wie heute die sozialen Forscher denken,
die eigentlich, weil sie nicht aktiv sein wollen, weil sie nicht wirklich
soziale Impulse erfassen, welche nur in der Aktivitat erfaBt werden
konnen, mit dem arbeiten, was historisch erforscht werden kann, was
Vererbung ist. Denken Sie doch nur einmal, wie die Menschen darauf
verfallen sind, weil sie nicht mehr selbst die Impulse haben, durch
welche die soziale Struktur geschaffen werden kann, zuriickzuschauen
in die Zeit, wo noch Gedanken sich gebildet haben. Die Menschen
sehen nur von einem falschen Gesichtswinkel aus die Sache an.
Rousseau war es, der den Menschen den Naturzustand vorgemacht
hatte, weil er es spiirte: aus der Gegenwart kann man nichts gewin-
nen, wenn man nicht aktiv wird im Sinn der Erkenntnis hoherer Wel-
ten. Und der moderne Sozialismus, der ergeht sich am Hebsten dar-
innen, Urzustande der Menschheit zu studieren - das ist ja dasjenige,
worein sich besonders die Sozialisten vertiefen primitive Zustande
zu studieren, zu studieren an allerwildesten Urvolkern und primitiv-
sten Volkern, um zu verstehen, wie die Menschen in der sozialen
Zusammenfassung sein sollen. Wer mit diesen Sachen bekannt
ist, der weiB das. Oberall eine gewisse Furcht vor dem, was so
notwendig hereindringt als die erste Morgenrote des Zusammen-
hangs mit der geistigen Welt, eine gewisse Furcht vor dem aktiven
Denken.
Daher versteht man so schwer dasjenige, was auf aktives Denken
Anspruch macht, wie zum Beispiel meine « Philosophic der Freiheit».
Da sind die Gedanken anders, als die heut iiblichen Gedanken sind.
Und beim Lesen dieses Buches horen die Menschen manchmal sehr
bald auf zu lesen, aus dem einfachen Grunde : sie mochten es lesen wie
ein anderes Buch. Aber, nicht wahr, die andern Bucher, die man heute
besonders gern hat, nun, die liest man, setzt sich hm auf die Chaise-
longue, legt etwas den Riicken zuriick, dann wird man moglichst
passiv und lafit so die Gedankenbilder vorbeigehen. Manche Men-
schen betreiben ja das Lesen schlieBlich iiberhaupt nur noch so. Be-
triigen Sie sich nicht, indem Sie glauben, daB sie die Zeitungen oft-
mals anders lesen, diese Menschen - nicht wahr, die Anwesenden sind.
immer ausgenommen, selbstverstandlich -, es mischen sich nur manch-
mal Emotionen hinein, Sorgen hinein; aber auch die Zeitungen, die
so sensationell aufgenommen werden, die werden auch so gelesen,
daB die Bilder so vorbeihuschen. Ja, so laBt sich so etwas, wie es ver-
sucht worden ist darzustellen in der « Philosophic der Freiheit», nicht
lesen. Da muB man sich immerfort einen Ruck geben, damit diese
Gedanken einen nicht einschlafern. Denn darauf ist nicht gerechnet,
daB man auf der Chaiselongue bloB sitzt. Man kann ja sitzen, selbst-
verstandlich, kann sogar den Riicken zurucklehnen, aber man muB
dann versuchen, aus dem ganzen Menschen, gerade dadurch, daB man
die auBere Leiblichkeit in Ruhe gebracht hat, das innere geistig-
seelische Wesen in Bewegung zu setzen, so daB das ganze Denken in
Bewegung kommt. Anders geht es nicht vorwarts, sonst schlaft man
ein. Es schlafen auch viele dabei ein, und das sind nicht einmal die
unehrlichsten. Die unehrlichsten sind diejenigen, welche die «Philo-
sophie der Freiheit» lesen wie ein anderes Buch und dann glauben,
dafi sie wirklich die Gedanken verfolgt haben. Sie haben sie nicht ver-
folgt, sondern sie haben sie nur so iibersetzt wie Worthulsen; sie lesen
nur so die Worte und nehmen nicht heraus, was eigentlich aus den
Worten erst folgt, wie wenn man am Feuerstein den Stahl schlagt.
Das ist schon dasjenige, was beansprucht werden muB von dem, was
in der Gegenwart und in der nachsten Zukunft in die Menschheits-
entwickelung eingreifen muB, denn dadurch wird die Menschheit all-
mahlich in gesunder Art sich in die geistige Welt hinauf erheben. An
dem aktiven Denken wird sich entzunden die innere Verwandtschaft
des Menschen mit der geistigen Welt, und dann wird der Mensch
immer weiter hinauf kommen. Er kann ja heute schon sehr weit kom-
men, wenn er solche Dinge beobachtet, wie sie in «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben sind. Aber auch da
ist hinlanglich darauf hingedeutet, daB es doch notwendig ist, daB das
koharente, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, das zusam-
menhangende Denken, wo niemals der Gedankenfaden abreiBt, son-
dern alles am Gedankenfaden verfolgt wird, vorzugsweise entwickelt
werde.
Aus alten Zeiten mischt sich in diese heute noch mehr oder weniger
unklar und unbewuBt gebliebene Sehnsucht, mit dem bewuBten Den-
ken aufzuriicken in die Sphare, wo die Geister sind - was man kann -,
es mischt sich erst recht hinein ein miides Verharrenwollen beim in-
koharenten Denken. Ich habe schon neulich darauf aufmerksam ge-
macht: Es ist den Menschen unbequem, immer fortschreiten zu sol-
len mit dem bewuBten Denken von Schritt zu Schritt. Sie mochten
Heber durch ein mehr unbewuBtes, nicht mit den Gedanken zu ver-
folgendes Gebiet gehen, und dann erst wiederum den nachsten Schritt
machen, nicht wahr? Es ist nicht so, daB man Geisteswissenschaft,
wie sie hier gemeint ist und die, wie Sie wissen, in gesunder Weise
rechnet mit dem steten Verfolgen der Gedanken, nicht verstehen
kann, wenn man die Gedanken wirklich rege macht; sondern es wiin-
schen die Menschen nur, sie anders zu verstehen, als man sie verstehen
muB. Statt eines steten Verfolgens des Gedankens wiinschen die Men-
schen, daB der Gedankenfaden immer abreiBt. Wenn Sie sich ver-
tiefen in das, was Ihnen die Geisteswissenschaft gibt, dann konnen
Sie, wenn Sie sich nur wirklich energisch vertiefen - haben Sie Geduld,
das kann im heutigen Zeitalter nur in Andeutungen noch vorhanden
sein -, schon heute, indem Sie die Kraft der Gedanken entwickeln,
um mit den Gedanken Saturn, Sonne und Mond zu verfolgen, wie sie
in meiner «Geheimwissenschaft im UmriB» beschrieben sind, diese
Entwickelung bis da herein verfolgen, wo der Mensch dasteht in der
Welt, und bis in Ihr eigenes Leben dringen, und mit dem also inten-
siver gemachten Gedanken Ihr eigenes Leben durchdringen. Dann
kommen Sie zu gewissen, wenn auch anders aussehenden, als man es
haben wollte, aber durchaus in dem Zusammenhange, in der Koharenz
des Denkens liegenden Vorstellungen, die Sie aufklaren iiber Ihr
Wesen, iiber die Art, wie Sie sind, iiber Ihren Charakter. Sie konnen
namlich, indem Sie wirklich lebendig machen, was iiber Saturn, Sonne
und Mond und dann iiber die Erdenentwickelung gesagt ist, und das
anwenden auf sich als einzelnen Menschen, fortschreiten bis zu Ihrem
eigenen Wesen, nur miissen Sie mit dem Gedanken fortgehen zu Ihrer
Selbstanschauung, nicht den Gedanken abreiBen lassen, sondern ko-
harent den Gedanken lassen, ihn zusammenhangen lassen. Das, was
der Mensch heute auf diese Weise rechtmaBig beginnt, klart ihn bis
zu dem Grade, bis zu dem er aufgeklart sein soil, iiber sein eigenes,
personliches Wesen auf. In diese Sehnsucht, die aber beim Menschen
mehr oder weniger unbewuBt noch vorhanden ist, mischt sich etwas
anderes hinein mit dem AbreiBen des Gedankenfadens, so etwas Er-
rechnetes. Der Mensch mochte iiber sein Wesen Auf klarung gewin-
nen. Was tut er? Er nimmt eine alte, antiquierte Wissenschaft, die
durchaus in bezug auf ihre Ehrwiirdigkeit nicht herabgesetzt werden
soil, selbstverstandlich, aber die einer Erklarung bedarf, wenn sie in
das neue Zeitalter hereingestellt werden soil, und rechnet, wobei er
alle Augenblicke den Gedankenfaden abreiBen laBt, Sternkonstella-
tionen aus; nachher kann der Gedankenfaden abreiBen, und rein
auBerlich, ohne Denken soli sich entwickeln dieses Wesen des Men-
schen, so wie er dasteht auf der Erde.
Sehen Sie: Die romisch-katholische Kirche, wie ich gestern dar-
gestellt habe, verleugnet dasjenige, was heute das Allernotwendigste
ist; aber gerade wenn man so etwas nimmt wie die Beschreibung der
inneren Beschauung des Johannes vom Kreuz, so kann dieses erfullt
werden, wenn man heute im Sinne der Entwickelung lebt, entspre-
chend «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?». Was in
diesem Buche enthalten ist, das ist - gerade fur die heutige Zeit - die
Befolgung desjenigen, was ein Mensch wie der heilige Johannes vom
Kreuz will, wahrend die katholische Kirche das ableugnet und heute
noch immer die alte Art des Johannes vom Kreuz auch auf den heu-
tigen Menschen angewendet wissen will, wie es auch manche Men-
schen tun. Sie wollen nicht, weil sie zu bequem sind, jenes aktive
Leben im Geiste, das schon auf einer sehr stark wirkenden Stufe vor-
handen ist, wenn man solche Vorstellungen aufnimmt, wie sie in der
Geisteswissenschaft gegeben werden. Sie wollen das in gebrauchliche-
ren Gedanken bis in die unmittelbare Gegenwart herein fortsetzen,
wollen lieber beim alten bleiben, damit ihnen herausspringe aus den
Ungedanken dasjenige, was sie aufklaren soil iiber ihren gegenwar-
tigen Menschen. Selbstverstandlich ist iiber das also Ehrwurdige kein
absprechendes Urteil gefallt; aber hingewiesen werden muB von alien
Seiten darauf, daB man dasjenige nicht verleugnen darf, was in den
geistigen Notwendigkeiten der gegenwartigen Menschheitsentwicke-
lung, die in das Zeitalter der BewuBtseinsseele eintritt, eben gelegen
ist. Darum handelt es sich, daB man wirklich versteht, was heute von
dem Menschen gewollt wird in der Weltenentwickelung. Ich glaube,
wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf - es ist ja nur eine «facon
de parler» daB aus dem rechten Empfinden gerade desjenigen, was
die Menschen heute unbequem finden und nicht wollen, immer mehr
und mehr sich die bessere Stellung zur Geisteswissenschaft ergeben
wird, und erst, wenn sich diese bessere Stellung zur Geisteswissen-
schaft ergibt, dann wird diese auch das soziale Leben befruchten.
Dann wird der Mensch iiber das Menschenleben sich aufklaren kon-
nen, weil er dann nur die starken Gedanken hat, um sich iiber das
Menschenleben aufzuklaren. Denn bei dieser Aufklarung iiber das
Menschenleben, da leidet der gegenwartige Mensch an einem sehr
miBlichen Umstande. Ob Sie Leninist oder Trotzkist oder ob Sie
Marxist sind, oder ob Sie sonst irgendwie denken, die soziale Struktur
des Menschen in der richtigen Weise auszuformen: in alldem lebt ein
miBlicher Umstand, der nicht durchschaut wird, auch praktisch nicht
durchschaut wird, wenn man nicht von Geisteswissenschaft sich be-
fruchten laBt. Nicht wahr, der Mensch ist ja nun einmal ins Zeitalter
der BewuBtseinsseele eingetreten. Er muB bewuBt entwickeln das-
jenige, was als soziale Struktur sich erhebt. Anders geht es gar nicht.
Er muB bewuBt drinnenstehen in der Welt; es ist einmal notwendig,
daB der Mensch bewuBt drinnensteht. Nur soli er auch das Verhaltnis
von Mensch zu Mensch, das Leben in der Sozietat, das soziale Leben
bewuBt auffassen. Daran hindert ihn namlich ein miBlicher Umstand.
Das Fatale ist, daB der Mensch immer nur einen Menschen vorstellen
kann. Genau ebenso, wie nicht zwei Menschen - physische Menschen,
meine ich -, wie nicht zwei Dinge - physische Dinge meine ich jetzt
wiederum - gleichzeitig an einem Ort sein konnen, was das Gesetz
der Undurchdringlichkeit ausmacht, so konnen im menschlichen Be-
wuBtsein nicht gleichzeitig zwei Menschen sein, gleichzeitig zwei
Menschen wirklich real vorgestellt werden. Das ist sehr wichtig, daB
man das beriicksichtigt. Aber man kann nicht mit dem andern Men-
schen leben, ohne daB man ihn vorstellt, und man kann auch kein
Wissen iiber das soziale Zusammenleben ausbilden, ohne daB man
den andern Menschen vorstellt. Aber heute ist es so, daB der Mensch,
weil er immer nur einen Menschen vorstellen kann, es gewohnlich
vorzieht, nur sich vorzustellen, seinen Menschen vorzustellen. Und
das soziale Denken begniigt sich auch damit, ein Zusammenleben zu
fordern, wo immer nur der Mensch selbst von sich vorgestellt wird.
Der Mensch kommt nicht los von der Vorstellung seines Selbstes ; er
redet sich oft ein, davon loszukommen, aber er kommt in Wirklich-
keit heute noch nicht leicht davon los. Nur wenn er sich bemiiht, die
Zumutungen zu erfullen, die durch die Geisteswissenschaft gestellt
sind, dann gewinnt er allmahlich die Moglichkeit, von sich etwas los-
zukommen. Denn Geisteswissenschaft setzt solche Gedanken in die
Welt, die sehr weite Perspektiven erreichen. Dadurch kommt der
Mensch in die Gewohnheit hinein, von sich loszukommen. Wie der
Mensch heute, wenn er Spiritist wird, noch egoistischer wird, als er
friiher schon war, so wird er selbstloser, wenn er auf dem andern
Wege, auf dem Wege der Geisteswissenschaft in die geistige Welt ein-
dringen will. Daher ist Geisteswissenschaft nicht bloB die Uberliefe-
rung einer Wissenschaft, sondern ist tatsachlich dasjenige, was fur die
Erziehung der gegenwartigen Menschheit zum sozialen Leben un-
bedingt notwendig ist. Daher wird auch kein Heil entstehen, wenn
man nicht in diesem Punkt anfangt, wenn man nicht wirklich daran
denkt: bei dem Vorstellen muB angefangen werden. Man kann nicht
sozial reformieren, wenn man nicht beim Schulwesen anfangt, beim
Unterricht der Menschen anfangt. Und versaumt man dieses, so ver-
saumt man die Moglichkeit, daB die Menschen Begriffe aufnehmen,
welche ihre Sehnsuchten umfassen. Und sie werden immer tobsiich-
tiger werden, die Menschen, Wenn ich mich radikal ausdriicken
will.
Also so ist der innere Zusammenhang. Man mochte nur, daB gerade
dieser innere Zusammenhang uberschaut wiirde. Man mochte, daB
vor alien Dingen dieser innere Zusammenhang gefiihlt werde von
jedem, welcher an die Geisteswissenschaft herantritt und in ihr bis zu
dem einen oder bis zu dem andern Punkt leben mochte. Das ist etwas,
was iiberlegt sein will von jedem, der es mit der Geisteswissenschaft
und mit der geisteswissenschaftlichen Bewegung ernst nehmen will.
Es laBt sich nicht gut iibersehen, es laBt sich nicht gut auBer acht las-
sen, daB, wenn man zur Geisteswissenschaft in eine Beziehung tritt,
von der Geisteswissenschaft in gewissem Sinne die Anforderung an
das Menschengemut ja gestellt wird, die Interessen iiber die engen
personlichen Interessen hinaus zu erweitern. Es ist wirklich so, daB,
indem von Geisteswissenschaft gesprochen wird, man einfach von
Dingen spricht, welche notwendig machen, wenn man sich in ein
richtiges Verhaltnis zu ihnen setzen will, daB der Mensch sich von
seinen engsten Interessen loslost. Er soil nur keine Angst bekommen,
daB er deshalb ein unpraktischer Mensch wird; er wird ein viel prak-
tischerer. Dasjenige, in das sich die Menschen nach und nach hinein-
gebracht haben dadurch, daB sie so ungeistig geworden sind, das ist
ja nur der Glaube, daB sie praktisch sind. In Wirklichkeit sind ja die
Praktiker heute furchtbar unpraktische Leute. Und die Praktiker
haben ja eigentlich diese Katastrophe der Menschheit herbeigefuhrt.
Und darinnen liegt schon etwas ungeheuer Wichtiges, da6 man eigent-
lich immer voraussetzen muB, wenn man recht verstehen will das
Geisteswissenschaftliche: Loslosen muB man sich von seinen engsten
Interessen. Man muB etwas loskommen von seiner unmittelbaren
Personlichkeit, denn es tut nicht gut, wenn man in die geisteswissen-
schaftliche Bewegung die engen personlichen Interessen hereintragt.
Das bewirkt gerade immer irgendeinen Unfug in dem Verhaltnis,
durch das man zur Geisteswissenschaft in Beziehung tritt. Darinnen
liegt ja natiirlich auch dasjenige, was heute die geisteswissenschaft-
liche Bewegung noch schwierig macht. Manchmal haben die Men-
schen theoretisch und abstrakt den guten Willen, in die Geisteswissen-
schaft hineinzugehen mit ihrem eigenen Denken und Fuhlen und
ihrem Wollen, aber sie bringen doch nicht ganz die Kraft auf, nun
wkklich in die Losgelostheit einzutreten, die doch schon einmal ge-
fordert werden muB, um richtig zu verstehen, was vom Standpunkt
der Geisteswissenschaft aus gesprochen wird. Also eine Art von Gei-
steszustand, der nicht ohne weiteres in der heutigen Welt vorhanden
ist, sondern wovon vielfach das Gegenteil in der heutigen Welt vor-
handen ist, der wird gefordert, wenn geisteswissenschaftliche Be-
wegung heilsam sein soil. Denn dadurch unterscheidet sich das ehr-
liche Vorbringen geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse von allem
andern, was in der Gegenwart auftritt, daB dieses ehrliche Vorbringen
geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse ja auch keine personliche An-
gelegenheit ist, nicht das Vorbringen einer personlichen Meinung.
Wiirde ich die Ansicht haben mussen, daB ich nur personliche Mei-
nungen vortrage, daB ich nicht dasjenige vortrage, was sich eben
heute offenbart, was gerade der Menschheit notwendig ist, so wiirde
ich lieber schweigen. Denn personliche Meinungen und personliche
Aspirationen geltend zu machen in einer geisteswissenschaftlichen Be-
wegung, das ist eigentlich etwas Unerlaubtes. E>as sollte nicht statt-
flnden. Gerechtfertigt ist eine solche Bewegung, wie sie hier angestrebt
wird, nur dann, wenn vorKegt der Wille, nur das vorzubringen, was
sich aus der geistigen Welt heraus beobachten laBt.
Nicht wahr, wenn Sie erzahlen, wie irgendeine Stadt ausschaut, so
konnen Sie ja unter Umstanden interessant oder langweilig erzahlen,
aber wie die Stadt ausschaut, hangt doch nicht von Ihnen ab. Sie er-
zahlen Objektives. So wenig muB, was Sie selbst wollen, was Sie
selbst meinen, in der Geisteswissenschaft zum Ausdruck kommen. Es
muB das geistig Beobachtete in der Geisteswissenschaft nach den heu-
tigen Anforderungen wirken. Wer selbst nur Personliches eigentlich
wollen kann, der kann das, was in einer geisteswissenschaftlichen Be-
wegung walten soli, eigentlich deshalb doch nur mangelhaft verste-
hen. Er verwechselt immer dasjenige, was in einer geisteswissenschaft-
lichen Bewegung, wie sie hier gemeint ist, walten soil, mit etwas
anderem, was so recht erst wiederum aus der Personlichkeit genom-
men ist. Wie viele kommen an die Geisteswissenschaft heran und
mochten gerade dasjenige, was ihnen paBt als ihre Meinung, durch
die Geisteswissenschaft gerechtfertigt haben. Mit jenem offenen Sinn,
der notwendig ist fur das Empfangen der Geisteswissenschaft, ist man
nicht immer ausgeriistet. Man ist vielmehr oftmals an die Geistes-
wissenschaft herankommend mit etwas ganz anderem als diesem offe-
nen Sinn. Man hatte gern, wenn dies oder jenes wahr ware und man
dann auf irgendeine Weise - indem man zugibt, der geisteswissen-
schaftliche Forscher kann liber die Wahrheit etwas wissen - sich ein-
redet: Das, was man selber meine, das sage er. Dann ist einem das
angenehm. Aber man muB diesen feinen Unterschied bemerken; es ist
ein feiner Unterschied, aber es ist ein ungeheuer weithin strahlender
Unterschied, ein weithin bedeutsamer Unterschied, ob man nun wirk-.
lich die Mitteilungen aus der geistigen Welt aufnehmen will, oder ob
man eigentlich nur bestatigt haben will, was einem selbst als Meinung
gefallt. Und man wird nur in sorgfaltigster Selbsterforschung, in ge-
wissenhafter Selbsterforschung den Unterschied finden. Den Unter-
schied bemerkt mancher nicht, der zur Geisteswissenschaft heran-
kommt; aber dieser Unterschied muB bemerkt werden. Und bemerkt
man diesen Unterschied, dann wird man schon gewahr werden, daB
durch eine geisteswissenschaftliche Bewegung etwas von einem neuen
Lebensstrom, der vorher nicht da war, gehen muB. Es kann wirklich
nicht so sein, daB eine geisteswissenschaftliche Bewegung nur ein
sanfter Windzug ist, der dem entgegenkommt, der die Philisterhaftig-
keit seines bisherigen Daseins dieser Geisteswissenschaft entgegen-
bringt und nun glaubt, dasjenige, was er so gern fur wahr erkennen
wiirde aus dieser Phiiisterhaftigkeit heraus, bekraftigt zu sehen durch
diese Geisteswissenschaft.
Geht man in diesem Punkte ernst und gewissenhaft vor, will man
nicht bloB das bestatigt haben, was man eigentlich selber meint, dann
wird man sich auch auseinandersetzen mit mancherlei Dingen, die
gerade in einer geisteswissenschaftlichen Bewegung als, ich mochte
sagen, neue Dinge auftreten miissen, und die zum Schaden werden
miissen, wenn man sie nicht beachtet. In einer solchen im Anfange
begriffenen Bewegung, wie es die geisteswissenschaftliche Bewegung
ist, kann manches zum Schaden gereichen, was in alten, vertrockneten
Bewegungen, die nichts mehr niitzen, oder wenig niitzen, nicht so
sehr zum Schaden gereichen kann. In solche Feinheiten miiBte man
sich eigentlich einlassen. Mit dem Bestreben, seine eigenen Meinun-
gen, seine eigenen Aspirationen nur bekraftigt zu sehen von der gei-
steswissenschaftlichen OfTenbarung her, hangt es dann zusammen, daB
man eigentlich ein merkwiirdiges Retuschieren entfaltet mit Bezug auf
dasjenige, was auftritt, ganz naturgemaB auftritt innerhalb einer gei-
steswissenschaftlichen Bewegung. Man muB in der geisteswissen-
schaftlichen Bewegung darauf aufmerksam sein, daB Erscheinungen
mit Menschen nicht so genommen werden konnen wie in einem
Kegelklub oder sonst irgendwo, wo sich die Menschen in ihrer gan-
zen Breite, die sie durch die AuBenwelt bekommen haben, wo sie
nichts Neues zu bekommen brauchen, enthiillen konnen. Man muB
schon ernst machen damit, daB man nicht durch seine eigenen Vor-
stellungen die Intentionen der Geistesforschung bezeugen soil, son-
dern man muB da wirklich sich bereit machen, die Dinge aufzuneh-
men. Man soli sich doch vorstellen, daB da etwas hereinflieBen will in
die Welt, das immer weiter und weiter sich ausbreiten soil, so daB
man alles, was man aufnimmt, eigentlich mit dem BewuBtsein auf-
nehmen sollte: Man wird manche Zusammenhange, die man jetzt
noch nicht iiberschaut, erst spater iiberschauen. - Diesen guten Wil-
len, gewissermaBen immer alles als Vorbereitung aufzunehmen, wird
ja derjenige ganz gewiB nicht haben, der personliche Aspirationen in
den geisteswissenschaftlichen Betrieb hineintragt, denn der will so
schnell wie moglich mit den Dingen fer tig werden und biegt die Dinge
nach seinen gewohnlichen Meinungen um. Er biegt nicht seine Mei-
nungen nach der Geisteswissenschaft um, sondern er biegt die geistes-
wissenschaftlichen Erkenntnisse nach seinen Meinungen um. Und so
stellt sich oftmals besonders so etwas heraus, wie das ist, was ich in
der folgenden Art charakterisieren mdchte.
Nicht wahr, der Geisteswissenschafter muB ja die Welt in einer
gewissen Weise beurteilen, die Welt der Natur und auch die Welt der
Menschen. Darinnen besteht ja die geisteswissenschaftliche Erzie-
hung, daB man sich und seine Umwelt und sein Verhaltnis zur Umwelt
neu beurteilen lernt, daB man etwas tiefer hineinschauen lernt in die
Welt. Nun kommt es sehr haufig vor, wenn es sich darum handelt,
daB, sagen wir, das Verhaltnis von drei Menschen wirkt, gesagt wird:
Ja, der Geisteswissenschafter B beurteilt den Menschen A in einer
bestimmten Weise. - Und sehen Sie, sobald man nur ein wenig die
Sphare iiberschreitet, die die gewohnliche Philistersphare ist, die ja
heute haufig ist, dann konnen sich immer zwei Standpunkte geltend
machen mit Bezug auf eine solche Urteilsbildung von Mensch zu
Mensch. Der eine Standpunkt ist der Standpunkt der Vernunftigkeit,
der zweite Standpunkt ist der Standpunkt des Mitgefuhles. So daB
der B den A beurteilen kann, und je nachdem eine innere Notwendig-
keit vorliegt, kann der B dem A gegeniiber bald einmal irgend etwas
tun aus reinem Mitgefuhl. PaBt es dann dem C, die Sache abzulehnen,
weil er nicht weiter daruber nachdenkt, weil er nicht voraussetzt: da
konnte eine Notwendigkeit vorliegen des reinen Mitgefuhles, dann
urteilt der aus reiner Vernunftigkeit und sagt: Wie kann man so etwas
machen! - Oder aber es spricht diese innere Notwendigkeit so, daB
man nun einmal nicht das Mitgefuhl, sondern aus gewissen Griinden,
die vorliegen, die Vernunftigkeit walten MBt Ja, wenn es dem andern
besser paBt, so laBt er jetzt das Mitgefuhl sprechen, und nun verurteilt
er und sagt : Was ist der B fur ein nichtmitfuhlender Mensch ! Was ist das
fur ein liebloser Mensch, was ist das fur ein trockener Vernunft-
mensch ! Der beurteilt das nur von dem Standpunkt der Vernunftig-
keit aus! - Und so konnen die starksten Verkennungen entstehen
gerade bei demjenigen, der sich bemiiht, den inneren Nerv des Da-
seins zu ergreifen, wo er manchmal etwas aus dem Vernunftigen,
manchmal gerade etwas aus Mitgefuhl tun muB. Wenn es dem andern
dann paBt, so beurteilt er das, was aus Vernunft geschehen ist, nach
dem Gesichtswinkel des Mitgefuhls, das, was aus Mitgefuhl gesche-
hen ist, nach dem Gesichtswinkel der Vernunft, und er kann immer
verurteilen oder loben, je nachdem er will. Zum Richtigen kommt
man nicht auf diesem Wege, zum Richtigen kommt man nur, wenn
man sich erst fragt: Ich muB den Fall mir anschauen, ich muB an-
schauen, aus welchem Grunde hier Mitgefuhl oder Vernunftiges ge-
waltet hat. - Dadurch entstehen die kleinen MiBverstandnisse des
Lebens, die sich oftmals zu den furchtbarsten Verheerungen inner-
halb des menschlichen Zusammenlebens auswachsen, und liber die
uns gerade hinwegtragen soli dasjenige, was die geisteswissenschaft-
liche Erziehung in uns macht. Denn das Leben ist so, daB es sich
dualistisch auBert, und weil es sich dualistisch auBert, kann man
immer, je nachdem es einem paBt, irgendeinen Fall beurteilen. Das
wird aber ganz wenig in Betracht gezogen, und das wird vor alien
Dingen nicht in Betracht gezogen gegeniiber der geisteswissenschaft-
lichen Lehre selber. Die muB auch aus gewissen Intentionen in die
Welt gesetzt werden. Je nachdem es einem paBt, kann man den einen
oder den andern Standpunkt im einzelnen Fall wahlen, wenn man
nicht eingeht auf dasjenige, was aus tieferen Griinden heraus der Gei-
stesforscher tun muB. Er kann oftmals miBverstanden werden. Und
wenn man nicht eingeht auf dasjenige, was er tun muB aus innerer
Verpflichtung gegenuber den Tatsachen, dann kann man alles miB-
verstehen, denn die Welt auBert sich einmal dualistisch.
Man kann zum Beispiel in folgenden Fehler verfallen: Man kann
gerade, wenn man so recht darauf aus ist, das zu wollen, das bestatigt
zu haben, was einem paBt, in den schlimmsten Autoritatsglauben ver-
fallen. Gerade auf dem Gebiete, auf dem auch Geisteswissenschaft
tatig sein will, die nur den Menschen zum ganz freien, auf sich selbst
stehenden Wesen machen will, kann naturlich der Autoritatsglaube
sich geltend machen, tut es auch im weitesten Umfange sehr haufig.
Aber der andere Pol des Autoritatsglaubens ist der AutoritatshaB.
Und im Grunde genommen ist ein Mensch, der nicht durch Eingehen
auf die Tatsachen, die geofFenbart werden aus der geistigen Welt, sich
zur Geisteswissenschaft hingedrangt fuhlt, sondern der von der Auto-
ritat getragen diese Wahrheiten haben will und der an Autoritat glau-
ben will, weil das bequemer ist, als auf die Dinge einzugehen, er ist
so, daB er furchtbar leicht uberspringen kann vom Autoritatsglauben,
der immer eine bestimmte Art von Autoritatsliebe hat, zum Autori-
tatshaB. Und solche Erscheinungen, wie sie gerade in unserer Bewe-
gung aufgetreten sind, dieses Uberspringen von blinder Autoritats-
anbetung, die manchmal mit einer gewissen Schamlosigkeit sogar ein-
gestanden wird in dem Momente, wo man dann zum HaB iibergegan-
gen ist, dieses Ubergehen von blinder Autoritatsanbetung zum HaB,
das ist schon etwas, was innerlich als eine Gefahr vorliegt. Das ist sehr
wichtig, daB man diese Zusammenhange ins Auge faBt, denn diese
Zusammenhange sind es, welche ungeheuer schwierig machen, eine
geisteswissenschaftliche Bewegung heute in einer gedeihlichen Weise
zu gestalten. Sie muB in gedeihlicher Weise um des Heiles der Mensch-
heit willen gestaltet werden.
Ich habe in meinem Leben eine ganze Anzahl von Menschen ge-
funden, die geistige Menschen waren, die ehrlich gesucht haben nach
einem Weg in die Geisteswissenschaft hinein, in, nun eben, so oder
so geartete Geisteswissenschaft hinein, die auch in einer gewissen
Weise vorgeriickt waren in ihrer Entwickelung. Ein gewisser Typus
daraus waren Enttauschte, solche, die in irgendeiner von den jetzigen
spirituellen Bewegungen enttauscht worden waren, und die einem
dann da oder dort begegnet sind. Wie viele sind von der Blavatsky-
Bewegung, der Besant-Bewegung, andern Bewegungen heute ent-
tauscht! Die charakteristische Erscheinung ist nicht die, daB so
kuriose Umschlage stattfinden, wie sie gerade bei uns in der anthropo-
sophischen Bewegung stattfinden, sondern daB man da Leute finder,
die in einer gewissen Weise geistig fortgeschritten sind; nachlangeren
Zeiten findet man sie wiederum, aber sie sagen: Sie haben total un-
recht! - Das ist nicht selten, daB man solche Menschen trifft. Die
Geistigkeit ist heute iiberhaupt nicht sehr haufig, aber solche Men-
schen gibt es schon, die einem nach einiger Zeit sagen: Sie haben
eigentlich unrecht, denn sehen Sie, daB man die Dinge, die Sie da in
der Geisteswissenschaft verkiinden, offentlich verkiindigt vor den
Menschen, das hat doch gar keinen Sinn! Die Menschen sind doch
nicht geneigt, sie anzunehmen, sie sind doch gar nicht reif dazu. Es
hat nur einen Sinn, in sich selber das auszubilden und einsam damit
zu bleiben. - Solche Menschen habe ich viel gefunden, die das sagen!
Und es ist geradezu ein Charakteristikon des geistig wirklich fort-
geschrittenen Menschen, daB es ihm gar nicht mehr einfallt, zu seinen
Mitmenschen dariiber zu sprechen, sondern er behalt die Sache bei
sich. Dieser Menschen gibt es gar nicht so wenige in der Welt. Ich
habe mit diesen Menschen nie einverstanden sein konnen nach dem,
was ich von der geistigen Welt erkenne, aus einem gewissen inneren
Grund. Diese Menschen wirken ja niitzlich im geistigen Zusammen-
hang, aber es werden diese Menschen zu Einsiedlern, wenn sie auch
manchmal ganz in gesellschaftlichem Zusammenhange bleiben. Man
kann ja Einsiedler werden, nicht wahr, trotzdem man Lackstiefel tragt
und ein Hotelleben fuhrt. Man sieht dann also dieses zweifache Men-
schenleben, das eine Anzahl von Menschen fiihren; sie sind sogar
moderne Hotelmenschen, haben Lackstiefel und meinetwillen sogar
Zylinderhut, aber fiihren dieses auBere Leben, um sich zu maskieren,
um sich innerlich zu verbergen, haben ihr innerliches Geistesleben,
das sie ihren Mitmenschen nicht mitteilen wollen. Das erscheint einem
als ein Tun, das nicht richtig ist, das ein Versiindigen gegen die
Menschheit ist. Denn es ist ja richtig: Solche Menschen wirken schon
im geistigen Leben, es geht in die geistige Stromung hinein, was sie
erleben; der Mensch ist ja nicht bloB ein abgeschlossenes Wesen, also
was er erlebt, hat in der geistigen Welt einen Wert und seine Bedeu-
tung - aber es spielt da immer die Zeitfrage eine Rolle. Solche Men-
schen, die gegenwartig so leben wie manche, die ich kennengelernt
habe, auf solche Weise, die wirken schon etwas in der geistigen Welt,
aber das kommt erst zur Reife nach langer Zeit, in spateren Zeit-
epochen der Menschheit. Dann kann aber und wiirde ganz gewiB,
wenn es nur solche immer gabe, die ja als Eremiten ihr geistiges Sein
entwickeln und nicht lehten wollen dasjenige, was sie wissen aus der
geistigen Welt, was sie in sich entwickelt haben, dann wiirde die
auBere Menschheit in der Zeit, wo die Friichte dieser Leute reif wer-
den, schon so verfallen sein, daB sie es nicht mehr aufnehmen konnte.
Die Erdenentwickelung wiirde gefahrdet sein, es wiirde der AnschluB
versaumt werden. Wir leben eben in der heutigen Zeit so, daB diese
gewissen geistigen Wahrheiten, von denen wir sprechen, unbedingt
der Menschheit mitgeteilt werden miissen. Es geht nicht mit der Ge-
sinnung, die zum Beispiel ein Bekannter von mir auBerte, der in ge-
wissem Sinne ein geistig fortgeschrittener Mensch war. Er kam nach
Berlin. Ich sagte zu ihm, ob er nicht von mir einen Vortrag horen
wolle, nur um zu sehen, wie da die Bewegung getrieben wird - es ist
jetzt schon lange her -, da sagte er: Nein, einen Vortrag halten und
zu den Leuten zu sprechen, das hat doch keinen Zweck ! Uns auf ein
Stiindchen zusammenzusetzen und so ein biBchen zu reden, das ist mir
sehr angenehm, aber geistige Dinge moglichst aus dem Spiele lassen;
die muB jeder mit sich selber abmachen! - So einen Hoflichkeits-
besuch sich gegenseitig machen, von Alltaglichkeiten reden, das ist
das beste gerade bei dieser Art geistig strebsamer Menschen. Und
diese Gesinnung findet sich sehr haufig. Es ware behaglicher, solch
einer Gesinnung gemaB nachzuleben. Und behaglich ist es gerade
nicht in der Gegenwart, vor die Menschheit hinzutreten und das-
jenige, was man mitzuteilen als eine Verpflichtung empfindet, mit-
zuteilen. Aber das sollte bei einer geisteswissenschaftKchen Bewegung
durchaus beriicksichtigt werden, daB aus einer inneren Notwendigkeit
heraus gewirkt wird, daB es nicht eine Wahl ist, sondern die Emhal-
tung einer Verpflichtung, was so geschieht.
Ich habe diese Worte am SchluB der heutigen Betrachtungen an-
gebracht, weil ich immer wieder die Gelegenheit ergreifen mochte,
auf das aufmerksam zu machen, was notwendig ist, wenn man ernst
machen will, so wie ernst gemacht werden sollte mit einer geistes-
wissenschaftlichen Bewegung in der Gegenwart. Denn dasjenige, was
sonst aus einer solchen geisteswissenschaftKchen Bewegung gemacht
werden kann, wenn personliche Aspirationen, personlicher Ehrgeiz
hereingetragen werden, das kann zu schweren Schaden fuhren, muB
zu schweren Schaden fuhren. Es hat ja auBerdem noch die Schatten-
seite, daB derjenige, der selbst nur meint, Personliches durch die Gei-
steswissenschaft bestatigt zvl finden, gar nicht unterscheiden kann, ob
der andere die Sache nun auch bloB aus personlichen Ambitionen
treibt. Dadurch kommen dann die allerschlimmsten Verhangnisse.
Nun, ich wollte auf solche Dinge hinweisen. Wir sprechen dann am
nachsten Freitag wiederum weiter.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 10. Januar 1919
Als gespf ochen worden ist von dem, was die Menschen der Gegen-
wart abhalt, sich zur Anerkennung der geistigen Welt zu finden, wie
sie durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gemeint
sein muB, so ist hingewiesen worden auf zwei Dinge in der mensch-
lichen Seelenverfassung, die diese Abhaltung in der menschlichen
Seele bewirken. Das ist auf die Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit gegen-
iiber der Anerkennung des Geistes, und auf die Interesselosigkeit
gegeniiber der wirklichen Gestalt des geistigen Lebens. Nun mochte
ich gerade heute auf diese Dinge von einem Gesichtspunkte aus ein-
gehen, von dem aus ich bisher noch weniger auf sie hingewiesen habe.
Wenn solche Dinge besprochen werden, so muB immer beriicksich-
tigt werden, daB der gewohnliche, gesunde Menschenverstand - ich
habe es oft gesagt - ausreicht, um alle Dinge der Geisteswissenschaft
zu verstehen, um alle Dinge der Geisteswissenschaft vorurteilslos in
sich aufzunehmen. Man hat, wenn ich so sagen darf, in unserer Gegen-
wart durch diese Tatsache, daB der richtig angewandte gesunde Men-
schenverstand ausreicht, um die Dinge der geistigen Welt zu ver-
stehen, in einem gewissen Sinne durch dieses bloBe Verstehen, durch
das vorurteilslose Aufnehmen alles dasjenige, was der untersuchende
Geisteswissenschafter selbst von der geistigen Welt hat. Und man hat,
wenn man nur den Mut und das Interesse hat, diese Dinge durch den
gesunden Menschenverstand aufzunehmen, dann selbst die Moglich-
keit, langsam und allmahlich, je nachdem es das eigene Karma ge-
stattet, in diese geistige Welt aufzusteigen. Das ist schon heute not-
wendig und wird immer mehr alien Menschen notwendig sein, die
geistige Welt einfach im gesunden Menschenverstande so verstehen
zu lernen, wie von der geistigen Welt in der Geisteswissenschaft ge-
sprochen wird. Wie weit der Mensch sich reif machen kann, selbst in
die geistige Welt hineinzuschauen, das ist eine ganz andere Frage, das
ist eine Frage, welche auch nur abgemacht werden kann in jedem ein-
zelnen intimsten Seeleninneren, und die auch jeder in diesem Seelen-
inneren richtig abmachen wird, wenn er einfach durch den gesunden,
nicht durch naturwissenschaftliche oder andere Dinge beeintrachtig-
ten Menschenverstand die Dinge der geistigen Welt zu verstehen
sucht.
Nun handelt es sich vor alien Dingen darum: Warum vermeiden es
so viele Menschen, diesen gesunden Menschenverstand heute so wal-
ten zu lassen, daB er dasjenige verstehen kann, oder bereit ist, es auf-
zunehmen, was aus der Geisteswissenschaft kommt? Nun, xiber diese
Frage kann man sich etwas unterrichten, wenn man hort, wie es eigent-
lich mit den Dingen und Wesen der geistigen Welt aussieht, wenn der
Geistesforscher in diese Welt eintritt. Altere Zeiten haben ihre Ein-
geweihten iiber vieles anders sprechen lassen in bezug auf die geistige
Welt, als heute gesprochen werden muB. Aber es gibt selbstverstand-
lich auch vieles, was in alteren Zeiten ahnlich gesagt werden konnte,
wie es heute noch gesagt werden kann. So namentlich ist immer in
einer Weise, die heute noch richtig ist, ausgesprochen worden, was
eigentlich geschieht, wenn ein Mensch in einem seelisch unreifen Zu-
stande in die geistige Welt eintreten will. Heute kann ja das so ge-
schehen, daB der Mensch sich sagt: Ach was, gesunder Menschen-
verstand! - Den muB man aber mindestens anstrengen, wenn man die
geistige Welt erfassen will! Diese Anstrengung lieben die Menschen
nicht; sie lieben es mehr, auf Autoritatsglauben hin das oder jenes an-
zuerkennen. Gesunden Menschenverstand lieben heute die Menschen
wirklich viel weniger, als sie glauben, und da mochten sie gewisser-
maBen diesen Gebrauch des gesunden Menschenverstandes umgehen
und mochten, was ihnen leichter diinkt, wenn auch vielleicht das Ur-
teil unbewuBt gefallt wird, durch allerlei Briiten, das sie dann Medi-
tation nennen und dergleichen, in die geistige Welt direkt eindringen.
Gerade das ist sehr verbreitet, daB man eigentlich in die geistige Welt
eindringen mochte mit Umgehung des gesunden Menschenverstan-
des. Da haben aber schon altere in diese Dinge Eingeweihte das Rich-
tige gesagt und wiederholen es heute immer wiederum. Wenn jemand
unreif in seiner ganzen Seelenverfassung eindringen will in die geistige
Welt, dann kommt es nur allzuleicht vor, daB er nach einiger Zeit
seinen ganzen Versuch scheitern laBt; so ungefahr schekern laBt, daB
ihm ein Gefiihl zuriickbleibt, welches ahnlich ist dem, wenn man eine
heiBgluhende Kohle anfaBt und in dem Zwischenzustand ist, sich zu
verbrennen oder abzuiassen. Diese Empfindung ist eine solche, die
sehr haufig auftritt bei Meditanten. Sie versuchen nicht, in demselben
MaGe ihren gesunden Menschenverstand waken zu lassen wie den
Eifer bei den sogenannten Ubungen, die ja an sich selbstverstandlich
sehr berechtigt sind. Aber es ist immer betont worden: Der gesunde
Menschenverstand darf nicht ausgeschlossen werden, und er muB
aktiv, emsig angewendet werden. Wenn man versucht, eine Zeitlang
so zu iiben, daB man den gesunden Menschenverstand ausschlieBt,
namentlich auch eine gewisse moralische Selbstzucht ausschlieBt, die
man sich eben noch nicht erworben hat, dann tritt eben dieses Eigen-
tumliche ein, daB man das Ganze so empfindet, wie wenn man mit
den Fingern gluhende Kohlen beriihrt, oder vielmehr nicht ganz be-
riihrt, sondern zuriickzuckt. So zucken die Menschen vor der geisti-
gen Welt zuriick. Wie gesagt, es ist das immer betont worden. Es ist
betont worden, weil es eine Erfahrung ist, die unzahlige Lehrer der
Geisteswissenschaft in fruheren Zeiten, als sie atavistisch betrieben
worden ist, gemacht haben, eine Erfahrung, die auch in der Gegen-
wart sehr vielfach gemacht werden kann. Es wird das betont, aber
wir miissen heute einmal darauf sehen, was der Grund ist, warum
diese Empfindung des Anriihrens und Zuriickzuckens wie vor glii-
hender Kohle eigentlich eintritt.
Nun konnen wir, wenn wir Verstandnis suchen fur diese Tatsache,
uns an eine Grundwahrheit unserer Geisteswissenschaft erinnern, die
uns vollig gelaufig ist, namlich daran, wie wir uns als Menschen ver-
halten, wenn wir unser voiles Leben, das zwischen Wachen und Schla-
fen wechselt, ins Auge fassen. Wenn wir die alten Ausdrucke bei-
behalten, so konnen wir sagen, daB wir, wahrend wir schlafen, den
physischen Leib und den atherischen Leib im Bette liegen lassen und
mit dem Ich und dem astralischen Leib in der Welt, die uns sonst um-
gibt, ausgeflossen sind, wenn ich mich so ausdriicken darf. Wir sind
dann nicht in dem Gehause unseres Leibes, wenn wir schlafen, wir
sind in der Welt ringsumher ausgegossen. Unser BewuBtsein als das
eines Menschen ist dann, wenn wir schlafen, so gering. Wenn der
Schlafzustand nicht durch Traume unterbrochen wird, was eine ge-
wisse Erhohung der Intensitat des BewuBtseins bedeutet, sondern
wenn wir den traumlosen Schlaf ins Auge fassen, dann ist unser Be-
wuBtsein so gering, daB wir nicht die unendlich bedeutsame Summe
von Erlebnissen gewahr werden, die wir durchmachen, wenn wir in
dem Zustande zwischen Einschlafen und Aufwachen sind. Nun ist
gerade das, was wir wirklich ins Auge fassen sollen, nicht das abstrakte
Wort: Im Schlafe sind wir im Ich und im astralischen Leib auBer dem
physischen Leibe -, sondern das sollen wir ins Auge fassen, daB unser
Leben ein ungeheuer reiches ist zwischen dem Einschlafen und dem
Aufwachen. Wir wissen es nur nicht, weil unser BewuBtsein dann
geschwacht ist, weil unser Schlaf bewuBtsein noch nicht so stark ist
wie dasjenige BewuBtsein, das wir mit dem Werkzeuge des physischen
Leibes verbinden konnen. In der Tat, ein ungeheuer intensives Er-
leben findet statt vom Ich und vom astralischen Leib innerhalb der
Welt, in der wir sonst auch drinnen sind, ein intensives Erleben. Nur
wird der Mensch durch seinen gewohnlichen Erdenzustand behiitet
davor, dieses Leben unmittelbar wahrzunehmen, dieses Leben, das
man entfaltet, indem man sich, wenn ich mich so ausdriicken darf, als
Ich und astralischer Leib hindurchzwangt durch dieselben Dinge zu-
nachst, in denen wir auch dann sind, wenn wir im Wachzustande uns
unseres physischen Leibes und seiner Werkzeuge bedienen. Das Leben
im Schlafzustand ist ein ungeheuer reiches. Aber dieses Leben hort
nicht auf, wenn wir aufwachen und in unseren physischen Leib und
Atherleib untertauchen. Wir sind auch dann durch unser Ich und
durch unseren astralischen Leib mit unserer Umwelt verbunden in
einer Weise, von der das gewohnliche BewuBtsein keine Ahnung hat.
Nur wird es eben nicht bemerkt. Man kann nun dieses Verhaltnis
gerade genauer ins Auge fassen. Man kann sich fragen : Wie ist denn
das nun eigentlich, was da als Verhaltnis unseres Seelisch-Geistigen
zu unserem Physisch-Leiblichen sich ergibt?
Es ware fur unseren gegenwartigen Erlebniszustand eine sehr
schlimme Sache, wenn wir immerfort - was wir gar nicht tun, aber
wenn wir es taten, muBten wir es immerfort tun, wir konnten gar
nicht anders - wahrnehmen muBten, was wir schlafend mit den Din-
gen drauBen im Raum und in der Zeit erleben. Unser Leib namlich
hat eine gewisse Eigentumlichkeit gegeniiber diesen Erlebnissen. Er
schwacht, so kann man sagen, diese Erlebnisse ab. Alles das, was wir
eigentlich in Wahrheit erleben mit unserer Umweit, das schwacht
unser Leib ab, und wir nehmen nur die Abschwachung unseres Lei-
bes wahr, nicht unsere wirklichen Erlebnisse. Unsere wirklichen Er-
lebnisse verhalten sich zu dem, was wir durch unseren Leib von unse-
rer Umgebung wahrnehmen - und das ist ein sehr, sehr treffendes
Bild, weil es eigentlich nicht bloB ein Bild ist, sondern einer okkulten
Wirklichkeit entspricht -, unser Leib oder die Erlebnisse unseres Lei-
bes verhalten sich zu unseren wirklichen Erlebnissen, wie sich das
Sonnenlicht, das auf den Stein scheint und vom Stein so zuriick-
kommt, so daB wir den Stein sehen konnen, zu dem wirklichen Son-
nenlichte verhalt, das uns oben von der Sonne entgegenschaut. Sehen
Sie auf den Stein, auf den das Sonnenlicht fallt: Sie konnen den Stein
anschauen, das reflektierte, das zuriickgeworfene Licht konnen Sie
mit Ihren Augen vertragen. Wenden Sie sich vom Stein zur Sonne
und schauen starr in die Sonne, werden Sie geblendet. So ist es un-
gefahr mit dem Verhaltnis unserer wirklichen Erlebnisse gegeniiber
unserer Umweit zu dem, was wir durch die Werkzeuge unseres Leibes
erleben. Das, was wir wirklich mit der Umgebung erleben, hat die
Starke des Sonnenlichtes, und dasjenige, was wir durch die Werk-
zeuge des Leibes erleben, hat von dieser Starke bloB jene Abschwa-
chung, welche das abgeschwachte Licht, das uns irgendein Gegen-
stand zuriickwirft, von der Starke des Sonnenlichtes hat. Wir sind
Sonnenwesen in unserem innersten Menschen; aber wir konnen es
jetzt noch nicht ertragen, Sonnenwesen zu sein. Daher miissen wir,
so wie wir mit unseren auBeren physischen Augen sehen miissen auf
das abgeschwachte Sonnenlicht, weil uns das direkte Sonnenlicht blen-
det, unsere Umgebung wahrnehmen durch das abgeschwachte Erleb-
nis unseres Leibes und seiner Werkzeuge, weil wir nicht unmittelbar
uns entgegenstellen konnen dem, was wir wirklich von unserer Um-
gebung erleben. Wir sind tatsachlich so als Menschen, wie wenn wir
geblendet waren vom Sonnenstrahl, und das, was wir von uns und
von der Welt wissen, ist nicht unseres Wesens, ist nicht, als wenn es
unmittelbar erlebt wiirde im stromenden Sonnenstrahl, sondern ist so
wie das Licht, das uns zuriickgeworfen wird von den Gegenstanden
und das unsere Augen nicht mehr blendet. Daraus konnen Sie aber
entnehmen, daB wenn Sie nun aufwachen in der Welt, die das ge-
wohnliche BewuBtsein nicht ertragen kann, Sie das Gefiihl haben,
wie wenn Sie im Sonnenstrahl drinnen wiiren, wie wenn Sie wirklich
mit dem Sonnenstrahl leben wiirden. Und in der wirklichen Erfahrung,
im wirklichen Erlebnis ist es sogar der sehr konzentrierte Sonnenstrahl.
Da haben Sie die Tatsache fur dasjenige, was oftmals gesagt wird,
daB die Leute wie heiBgliihende Kohlen das geisteswissenschaftliche
Erlebnis wegwerfen. Sie kommen in eine Region des Erlebens hinein,
in der so erlebt wird, wie das seelische Erlebnis ist, wenn Sie sich
physisch den Finger verbrennen: da zucken Sie zunachst zuriick, wol-
len ihn nicht verbrennen. Sie diirfen nur das, was ich sage, naturlich
nicht umkehren: Niemand kann dadurch, daB er sich physisch den
Finger verbrennt, zum geistigen Erlebnisse kommen. Deshalb sagte
ich - in der Geisteswissenschaft muB immer genau gesprochen wer-
den wie das seelische Erlebnis, wenn man sich den Finger verbrennt.
Tatsachlich ist es so, daB der Eintritt in die geistige Welt zunachst
durchaus nicht dasjenige ist, was im Menschen eitel Seligkeit bewirkt,
sondern dieser Eintritt in die geistige Welt ist ein solcher, daB er - es
gibt naturlich viele andere solche Erlebnisse - erkauft werden muB
mit jener inneren, man konnte schon sagen Unseligkeit, welche man
erlebt, wenn man sich zum Beispiel durch Feuer verbrennt. Geistig
erlebt man zunachst genau dasselbe mit den Dingen und Wesenheiten
und Vorgangen der geistigen Welt, wie wenn man sich zum Beispiel
verbrennt. Die wirklichen Erfahrungen der geistigen Welt miissen
durch solche leidvollen Erlebnisse erworben werden. Dasjenige, was
von diesen Erfahrungen der geistigen Welt Seligkeit bereitet, was
Befriedigung dem Leben gibt, das ist der Gedankennachglanz. Das
kann derjenige, der durch Mitteilung diese Erlebnisse bekommt und
durch den gesunden Menschenverstand sie auffaBt, ebenso haben wie
derjenige, der eintritt in die geistige Welt. Nur miissen naturlich ein-
zelne Menschen in die geistige Welt eintreten, sonst wiirde niemals
irgend etwas erfahren werden konnen von der geistigen Welt.
Diese Tatsache, die ich angefuhrt habe, die muB beriicksichtigt
werden. Es ist im Grunde genommen nicht so schwierig, schon aus
auBeren Tatsachen das zu entnehmen, was ich jetzt auseinandergesetzt
habe. Sie werden uberall finden, da wo im Ernste, nicht scharlatan-
haft, von der geistigen Welt gesprochen wird, da6 immer gesprochen
wird von dem Durchgang nicht durch freudige, sondern durch leid-
volle Erlebnisse. Und Sie wissen, wie oft ich es besprochen habe, daB
derjenige, der sich ein wenig wirkliche Erkenntnisse der geistigen
Welt im Leben erworben hat, auf die Schmerzen seines Lebens, auf
das Leid seines Lebens nicht unwirsch zuriickblickt. Denn ein solcher
sagt sich: Die Freuden, die erhebenden Momente des Lebens nehme
ich gewiB als eine gottliche Gabe dankbar hin und juble iiber mein
Schicksal, daB mir solche freudvolle, erhebende Momente zuteil ge-
worden sind; aber meine Erkenntnisse habe ich von meinen Schmer-
zen, meine Erkenntnisse habe ich von meinen Leiden. - Das wird
jeder sagen, der wirkliche Erkenntnisse der geistigen Welt erworben
hat. Hier auf der physischen Erde lassen sich Erkenntnisse der geisti-
gen Welt nicht anders als auf diese Weise erwerben.
Und nun konnen Sie es verstehen, warum die Leute zuriickzucken
vor dem Verstandnisse der geistigen Welt, trotzdem dieses Verstand-
rds mit dem gesunden Menschenverstand zu erwerben ist. Man zuckt
ja gewohnlich nur vor dem nicht zuriick im Verstehen, vor dem man
auch nicht zuriickzuckt im auBeren Leben. Nun waren Sie naturlich
hochst unvernunftig und narrisch, wenn Sie sich willkurlich die Fin-
ger verbrennen wollten, um einmal auch zu wissen, wie das ist. Und
wiederum, wenn Sie sich die Finger verbrennen, so geben Sie so
wenig auf das seelische Erlebnis dabei acht, daB Sie auch da nicht
eine eigentliche Erfahrung erwerben, wie es ist, wenn man sich die
Finger verbrennt. Ja es gibt sogar eine psychologische Tatsache,
welche richtig nur aufgefaBt wird, wenn man sie in dem Lichte sieht,
das aus diesen Erkenntnissen flieBt. Sie werden vielleicht schon be-
merkt haben - ich spreche das nicht zu einem einzelnen von Ihnen,
denn jedem einzelnen mute ich das naturlich nicht zu, sondern ich
glaube selbstverstandlich nur, daB er von diesen Dingen gehort hat -,
aber Sie werden es von andern gehort und an andern gemerkt haben,
daB sie, wenn sie sich die Finger verbrennen, schreien. Nun, warum
schreien manche Menschen, wenn sie sich die Finger verbrennen?
Aus dem einfachen Grunde, weil man durch dieses Schreien das
seelische Erlebnis dabei iibertont. Die Menschen schreien und jam-
mern iiberhaupt bei Schmerzen, um sie sich zu erleichtern. Und so
konnen sie auch nicht den vollen Inhalt des Schmerzes im vollen Be-
wuBtsein dann erleben, wenn sie schreien; das ist wirklich ein t)ber-
tonen des Leides, die AuBerung des Leides. Kurz, der Mensch hat im
gewohnlichen Leben nicht viel Erfahrung iiber diejenigen Dinge, die
in der geistigen Welt erfahren werden. Dennoch liegt das vor, daB
man durch den gesunden Menschenverstand die Dinge begreifen
kann, weil sie uberall Analogien haben in der auBeren physischen
Welt, in der wir unsere Erfahrungen machen. Unverstandlich sind die
Dinge des geistigen Lebens eben durchaus nicht, aber man muB sich
dazu entschlieBen, gewisse Seeleneigenschaften zu steigern, zum Bei-
spiel den Mut. Man muB einfach den Mut haben, den man gewohnlich
nicht hat, wenn man etwas tut, wovor man zuriickzuckt, weil es weh
tut. Diesen Mut muB man haben, denn in die geistige Welt einzudrin-
gen, tut immer weh. Also man muB gewisse Seelenkrafte steigern.
Das ist notwendig, das wollen aber sehr viele Menschen in der Gegen-
wart nicht, Seeleneigenschaften steigern in der systematischen Weise,
wie es angegeben ist zum Beispiel in meinem Buch «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?». Wiirden sie sie steigern, dann
wiirde auch in ihrem BegrifFsvermogen, in ihrem gesunden Menschen-
verstand leicht walten dasjenige, was notwendig ist, um durch diesen
gesunden Menschenverstand die Erlebnisse des Fingers in der geisti-
gen Welt, das in diesem Sinrie nun, wie ich es geschildert habe, ein
leidvolles ist, zu verstehen. Wir leben einmal in einer Epoche, in der
eine solche Steigerung der menschlichen Seelenverfassung notwendig
ist, weil sonst die Menschheit ihr Erdenziel nicht erreichen kann, weil
sonst Katastrophe iiber Katastrophe eintreten muBte und endlich das
Chaos kommen wiirde.
Nun habe ich aber, indem ich diese Dinge erortert habe, gerade in
dieser Zeit, in der es ganz besonders notwendig ist, ein anderes stark
betont. Das ist, daB man mit jener Abschwachung der Seelenverfas-
sung, die nun schon einmal vorhanden ist beim gegenwartigen Men-
schen, vorziiglicher Naturforscher im gegenwartigen Sinne des Wor-
tes sein kann, und man kann auch mit diesem Verstande, der nicht
der gesunde Menschenver stand ist, sondern der durch naturwissen-
schaftliche Autoritat hochgetragene Menschenverstand ist, dasjenige,
was die AuBenseite unserer physischen Umgebung ist, gerade gut
verstehen; man kann es nicht innerlich geistig verstehen, aber man
kann die AuBenseite gerade gut verstehen. Was man aber nicht kann
mit den Begriffen, welche die Natiirwissenschaft gibt, nicht kann mit
dem, was gerade an Aufwendung des Denkens die heutige Mensch-
heit gewohnt ist, das ist: Ordnung bringen in die nach und nach
chaotisch werdende soziale Struktur des menschlichen Zusammen-
lebens. Mit andern Worten: Die sozialen Forderungen der Gegenwart
und der nachsten Zukunft, sie werden niemals losbar sein durch das-
jenige, was das Denken iiber die Natur und Naturerscheinungen ge-
nannt werden kann. Gerade in diesem Punkte mussen unsere Zeit-
genossen noch ungeheuer viel lernen. Gerade in diesem Punkte gehen
einmal unsere Zeitgenossen nicht mit dem, was Geisteswissenschaft
aus dem innersten Verstandnis des Wesens unserer Welt heraus sagen
muJB. Geisteswissenschaft muB ja trotz aller Einwande, die immer
mehr und mehr heute gemacht werden, gerade in diesem Punkte
sagen: Wie auch herumgepfuscht und herumgedoktert wird auf dem
Gebiete der sozialen Fragen, all dieses Herumpfuschen und Herum-
doktern wird zu nichts fiihren, ja im Gegenteil, es wird zu noch gro-
Berer sozialer Verwirrung fuhren, als es in einzelnen Gebieten des
Erdendaseins schon da ist, wenn nicht anerkannt wird, daB die Ein-
sichten in die sozialen Fragen nur aus der geistigen Erfassung des
Weltendaseins kommen konnen. Die sozialen Fragen mussen geistes-
wissenschaftlich gelost werden. Alles iibrige ist auf diesen Gebieten
Dilettantismus.
Da mussen wir, um von einem gewissen Gesichtspunkte aus iiber
die Dinge zu sprechen, uns an das andere wenden. Was die Menschen
gegenwartig so sehr abhalt, an das Geisteswissenschaftliche heran-
zudringen, das ist die Interesselosigkeit gegeniiber dem geistigen
Leben. Diese Interesselosigkeit gegeniiber dem geistigen Leben haben
ja fast alle Naturforscher der Gegenwart. Sie sind gleichgultig gegen-
uber dem geistigen Leben. Sie negieren es oder bringen in Gesetze,
was sie mit den physischen Sinnen beobachten, was sich durch das
Mikroskop oder Teleskop beobachten laBt; aber sie haben kein Inter-
esse an dem, was jeder Blick, jeder wirkliche BHck in die Natur ver-
rat: daB hinter den Naturerscheinungen und Naturtatsachen Geistiges
waltet. Aber insbesondere ist diese Interesselosigkeit gegeniiber dem
Geiste heute vorhanden bei denen, die in den sozialen Fragen herum-
pfuschen und herumdoktern wollen. Und da liegt noch ein besonde-
rer Grund vor.
Aus mancheriei Dingen, die ich in der letzten Zeit besprochen habe,
werden Sie entnehmen konnen, daB wir in einem ganz besonderen
inneren Seelenleben sind, wenn wir als Mensch dem Menschen gegen-
iiberstehen. Ich habe es radikal ausgedriickt, in welcher Seelenverfas-
sung wir da sind, wenn wir als Mensch dem Menschen gegeniiber-
stehen. Ich habe Ihnen gesagt: Eigentlich hat das einander Gegeniiber-
stehen von Mensch zu Mensch auf uns immer etwas Einschlaferndes.
Wir schlafen mit Bezug auf die innersten Eigentiimlichkeiten unseres
Menschenwesens eigentlich ein durch die Gegenwart des andern
Menschen. DaB wir durch unser auBeres Verhalten iiber dieses Ein-
schlafen getauscht werden, das ist nicht zu verwundern. Denn gewiB,
wir sehen mit Augen den andern Menschen, wir reichen ihm so-
gar die Hand und betasten ihn, aber das hindert doch nicht, daB unser
tieferes menschliches Wesen durch den andern Menschen eingeschla-
fert wird. So wie wir abends mit Bezug auf die auBere Natur ein-
schlafen, so schlaft etwas in uns ein durch die Gegenwart des andern
Menschen. Aber wenn es einschlaft, hort es deshalb nicht auf, wirk-
sam zu sein. Und so finden immerfort Wirkungen von Mensch zu
Mensch statt im sozialen Leben, iiber die die Menschen gerade da-
durch, daB sie mit Menschen zusammen sind, kein klares BewuBtsein
haben konnen. Gerade das Wichtigste im sozialen Leben entgeht den
Menschen in bezug auf das gewohnliche BewuBtsein, weil fur dieses
Wichtigste im sozialen Leben eigentlich gerade das Vorstellungsver-
mogen eingeschlafert wird und der Mensch instinktiv handelt. Kein
Wunder, daB im sozialen Leben heute, wo im Bildvorstellen der In-
tellekt am leichtesten einzuschlafern ist, die wustesten Instinkte wal-
ten und sogar als wiisteste Instinkte fur ganz berechtigt erklart wer-
den, weil das klare Denken iiber diese Dinge einfach durch das Zu-
sammensein von Mensch und Mensch eingeschlafert wird. Aber in
dem Augenblicke, wo der Mensch in die geistige Welt eintritt, da
wacht das auf, was eingeschlafert wird, da wird klar, was zwischen
Mensch und Menschen waltet. Da konnen daher auch gefunden wer-
den die Losungen der sogenannten sozialen Fragen und sozialen For-
derungen. Die konnen also nur gefunden werden, wie ich schon ein-
mal hier sagte, jenseits der Schwelle des sinnlichen BewuBtseins. Und
was die Menschheit wird haben wollen in der Zukunft von sogenann-
ten Losungen der sozialen Fragen, das wird, wenn es wahre Losun-
gen der sozialen Fragen sein sollen, nur gewonnen werden konnen
auf dem Wege der Geisteswissenschaft, das heiBt, der Wissenschaft
vom Ubersinnlichen, weil alles Zusammenleben der Menschen in sei-
nen intimeren Unterlagen ubersinnlicher Natur ist.
Wenn man aber diejenigen Dinge geistig erleben will, die sich auf
Mensch und Menschheit beziehen, die sich auf die menschliche soziale
Struktur beziehen, da mu6 man in sein ganzes Vorstellungsvermogen,
in alles das, was man erlebt, etwas hineinbringen, wovon Sie gleich
sehen werden, daB es heute im gewohnlichen BewuBtsein kaum vor-
handen ist. Es gibt nur eines hier in der physischen Welt an Empfin-
dungen, an Gefuhlen, welche gleich sind mit den Empfindungen und
Gefuhlen, die jemand haben muB, wenn er nicht wesenlos, sondern
wesentlich die sozialen Gesetze, die sozialen Impulse erforschen will.
Das gibt es nur eingeschrankt hier in der physischen Welt, und zwar
dann, wenn ein vollstandig gesundes, ein vollstandig richtiges Ver-
haltnis vorhanden ist zwischen Vater, Mutter und Kind, im Heran-
ziehen von Vater, Mutter und Kind. In allem, was sonst erlebt werden
kann im Umkreis der Welt zwischen Mensch und Mensch, gibt es
das nicht zunachst fur das gewohnliche BewuBtsein.
Nun versuchen Sie, diese Mutterliebe sich klarzumachen, jene
Liebe, welche die Mutter entfaltet, wenn sie ein Kind unmittelbar
geboren hat, diese ganz selbstverstandlich aus der Natur quellende
Mutterliebe zum Kinde - Sie konnen es schon in diesem Radikalismus
tun und fragen Sie jetzt, ob in all den wissenschaftlichen Unter-
suchungen, welche Gelehrte gewohnlich pflegen - auch solche Ge-
lehrte, welche sozialwissenschaftliche Untersuchungen machen -, diese
Mutterliebe waltet? Diese Mutterliebe muB man haben zu den Ge-
danken, die man iiber die soziale Struktur entfaltet, wenn diese
Gedanken wesentlich sein sollen und nicht wesenlos. Es gibt im
menschlichen Leben nichts anderes, was sozial richtig gedacht sein
konnte, als dasjenige, welches mit Mutterliebe sozial gedacht ist.
Und nun nehmen Sie die verschiedenen sozialen Reformatoren und
sozialen Denker. Versuchen Sie zum Beispiel so etwas auf sich wirken
zu lassen, wie die Schriften von Karl Marx, Schmolkr oder Roscher,
oder wen Sie wollen, und fragen Sie sich, ob diese, indem sie ihre
sogenannten sozialpolitischen Gesetze ausdenken, in diesem Ausden-
ken der sozialpolitischen Gesetze dasselbe walten lassen, was sonst in
der Mutterliebe zu dem Kinde lebt, wenn sich diese Mutterliebe ge-
sund entfaltet? Aber auf das muB man hinweisen: Eine gesunde
Losung der sogenannten sozialen Frage ist nicht anders moglich, als
wenn diese Losung kommt von Denkern, welche - Sie werden ver-
stehen, was ich meine, wenn ich mich jetzt so ausdriicke - Mutterliebe
entfalten konnen beim Losen ihrer Probleme. Es ist eine sehr mensch-
liche Sache, von der die Losung der sozialen Forderungen in der
Gegenwart abhangt. Es ist nicht eine Sache des Scharfsinns oder der
gewohnlichen Klugheit oder des Gelehrtenglaubens, sondern es ist
eine Sache der Erhohung der Liebefahigkeit bis zu dem Grade, wie
sich Mutterliebe entfaltet, oder wir konnen auch sagen, die unmittel-
bare, intime Liebe in dem Zusammenleben von Vater, Mutter und
Kind.
Nun werden Sie mit Recht einen Einwand machen. Sie werden
sagen: Nun, auf der Erde ist die Sache schon einmal so eingerichtet,
daB die soziale Struktur gewissermaBen zu ihrer engsten Kleinheit die
Familie hat, und auf der Erde ist diese Familie als solche selbstver-
standlich voll berechtigt, und es kann doch nicht die ganze Mensch-
heit eine Familie werden ! - Das ist ein Einwand, der natiirlich sofort
kommen wird. Aber wenn man ausdenken soil soziale Gesetze mit
Mutterliebe, so muBte eigentlich daraus folgen, daB die ganze Mensch-
heit eine Familie wird. Das kann naturlich nicht sein. Nur derjenige,
der sich Rechenschaft davon gibt, was ein wahrer Gedanke und kein
scharlatanhaft abstrakter Gedanke ist, der wird sich gestehen miissen,
daB natiirlich so unmittelbar der Mensch sich nicht zu jedem Kinde so
verhalten kann wie zu seinem Kinde, daB nicht jedes Kind sich zu
jeder andern Frau, zu jedem andern Mann so verhalten kann, wie es
sich zum Vater, zur Mutter verhalt und so weiter. Also kann nicht
die ganze Menschheit eine Familie werden. Das ist ganz richtig, aber
eben weil das richtig ist, liegt eine andere Notwendigkeit vor. Wir
konnen so, wie wir als physische Menschen hier auf der physischen
Erde leben, ganz und gar nicht aus der ganzen Menschheit eine
Familie griinden, und wer das wollte, der wiirde naturlich einen Un-
sinn wollen. Aber wir konnen es in anderem Sinne doch. Und in ande-
rem Sinne muB es sogar geschehen. Zum physischen Menschen kon-
nen wir nicht so stehen, wie Vater, Mutter und Kind stehen. Aber
wenn in der Menschheit Platz greifen wird die Erkenntnis, daB in
jedem Menschen ein Geistig-Seelisches lebt, daB in jedem Menschen
durch die A
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