Das Johannes-Evangelium im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem Lukas-Evangelium

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



DAS JOHANNES -EVANGELIUM 

IM VERHALTNIS 
ZU DEN DREI ANDEREN EVANGELIEN 
BESONDERS ZU DEM LUKAS-EVANGELIUM 

Ein Zyklus von vierzehn Vortragen, 
gehalten in Kassel vom 24. Juni bis 7. Juli 1909 



1984 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dotnach 

Die Herausgabe besorgte Paul G.Bellmann 



1. Auflage, Berlin 1910 (Zyklus 8) 

2. Auflage, Dornach 1928 

3. Auflage, Dornach 1940 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959 

5., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1975 

6. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1984 



Bibliographie-Nr. 112 

Siegel auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung Dornach/Schweiz 
©1959 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schuler AG, Biel 

ISBN 3-7274-1120-1 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 
1900-1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
daB in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
ofFentlichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Kassel, 24. Juni 1909 9 

Die Anthroposophie als die neue Verkiindigung des Christus- 
Ereignisses. Die Johannes-Christen. Der Sinn des Christus-Ereignisses. 
Die Geburt des hoheren Ich im Menschen und die Wiedergeburt des 
gottlichen Ich in der Menschheit. 

Zweiter Vortrag, 25. Juni 1909 27 

Die Akasha-Chronik. Die lebendige geistige Geschichte. Die Gotter sind 
geistig geblieben, und die Menschen als ihre Nachkommen sind physisch 
geworden. Der Weg des Menschen nach oben. Die Menschheitsfuhrer. 
Der Logos. Die Geburt des Logos, des Christus im Jesus von Nazareth. 

Dritter Vortrag, 26. Juni 1909 46 

Die Viergliedrigkeit des Menschen. Pflanze und Tier. Die Metamor- 
phosen der Erde. Die drei Gruppierungen auf dem alten Monde: Stier- 
Menschen, Lowen-Menschen und Adler-Menschen. Ihre geistigen 
Gegenbilder als Urbilder auf der Sonne. Die «Diener des Logos». 

Vierter Vortrag, 27. Juni 1909 65 

Die hierarchischen Wesenheiten unseres Sonnensystems und die Reiche 
der Erde. 

Funfter Vortrag, 28. Juni 1909 84 

Die menschliche Entwickelung innerhalb der verschiedenen Verkor- 
perungen unserer Erde. Luzifer und Ahriman und das Reich der gottlich- 
geistigen Wesenheiten. Der EinfluB Luzifers auf den Menschen und die 
Verwandlung dieses Einflusses ins Gute durch die Tat des Christus. 

Sechster Vortrag, 29. Juni 1909 101 

Die atlantischen Orakel, Die nachatlantischen Einweihungsstatten. Die 
J ohannes-Taufe. 



Siebenter Vortrag, 30. Juni 1909 120 

Die Taufe mit Wasser und die Taufe mit Feuer und Geist. Das Verstehen 
des Christus-Impulses in den verschiedenen Epochen der Menschheits- 
entwickelung. 

Achter Vortrag, 1. Juli 1909 137 

Die Mysterien der Einweihungen. Die Auferweckung durch den 
Christus Jesus. Lazarus-Johannes. Das Damaskus-Ereignis. 

Neunter Vortrag, 2. Juli 1909 157 

Die kunstlerische Komposition des Johannes-Evangeliums. Die 
stufenweise Steigerung der Christus-Kraft im Vollzug der Zeichen und 
Wunder. 

Zehnter Vortrag, 3. Juli 1909 178 

Was geschah bei der Johannes-Taufe? Das Eindringen der Christus- 
Kraft bis in das Knochensystem. Die Herrschaft des Christus iiber die 
Gesetze des Knochensystems und die Besiegung des Todes. 

Elfter Vortrag, 4. Juli 1909 200 

Die Harmonisierung der inneren Krafte des Menschen durch den 
Christus-Impuls. Die Zusammenhange des Mysterienwesens mit den 
Verkiindigungen und den Evangelien. 

Zwolfter Vortrag, 5. Juli 1909 218 

Das Versiegen des uralten Weisheitsgutes und seine Wiedererneuerung 
durch den Christus-Impuls. Die Bedeutung des Mysteriums von 
Golgatha fur die menschliche Entwickelung auf unserer Erde. 

Dreizehnter Vortrag, 6. Juli 1909 239 



Die kosmische Bedeutung des Mysteriums von Golgatha. Die 
Uberwindung des Todes durch die Beseitigung des luziferisch- 
ahrimanischen Einflusses. Der Tod als Lebenspender. Der erste AnstoB 
und Keim zum Sonne-Werden unserer Erde. Die Ausstrahlung der 
Christus-Kraft in den atherischen Leib des Menschen. Die Wirkung des 
Christus-Lichts und seine Widerspiegelung im Umkreis der Erde als 
Geistessphare. Der Heilige Geist. 



VlERZEHNTER VORTRAG, 7. Juli 1909 259 

Die Efde als Leib des Christus und als neuer Licht-Mittelpunkt. Das 
Abendmahl als Vorstufe fiir die mystische Vereinigung mit dem 
Christus. Paulus als Verkiinder des geistig-lebendigen Christus. Die 
sieben Stufen der christlichen Einweihung. Reinkarnation und Karma. 
Der Tod als Samen der ewigen Ichheit. Geist-Erkenntnis ist 
Lebensfeuer. 

Hinweise 285 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 289 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 291 



ERSTER VORTRAG 



Kassel, 24.JUIU 1909 



In einem groBen Teil der strebenden Menschheit wurde gerade an dem 
heutigen Tag des Jahres ein bestimmtes Fest gefeiert. Und diejenigen, 
die sich hier in dieser Stadt mit uns Freunde der anthroposophischen 
Bewegung nennen, haben einen gewissen Wert darauf gelegt, daB diese 
Reihe von Vortragen beginnen konne gerade an diesem heutigen Tage, 
am Johannistage. Der Tag des Jahres, der damit bezeichnet wird, war 
ein Fest bereits im alten Persertum. Da feierte man an einem Tage, der 
etwa einem heutigen Junitage entsprechen wiirde, das Fest der soge- 
nannten Wasser- und Feuertaufe. Im alten Rom feierte man an einem 
ahnlichen Junitage das Fest der Vesta; das war wiederum das Fest der 
Feuertaufe. Und wenn wir zuriickgehen in die Zeit der europaischen 
Kultur vor dem Christentum und in diejenigen Zeiten, in denen das 
Christentum noch nicht verbreitet war, da finden wir wiederum ein sol- 
ches Junifest, ein Fest, das zusammenfiel mit der Zeit, in welcher die 
Tage am langsten, die Nachte am kiirzesten geworden sind, wo die 
Tage wiederum beginnen abzunehmen, wo die Sonne also wiederum 
beginnt, einen Teil ihrer Kraft zu verlieren, die sie allem Wachstum und 
allem Gedeihen der Erde spendet. Wie ein Riickgang, ein nach und 
nach eintretendes Verschwinden des Gottes Baldur, den man verkniipft 
dachte mit der Sonne, so erschien dieses Junifest unseren europaischen 
Vorfahren. Und in den christlichen Zeiten wurde allmahlich dieses Ju- 
nifest das Johannesfest zur Feier des Vorlaufers des Christus Jesus. Da- 
mit kann es auch fiir uns gewissermaBen zum Ausgangspunkt werden 
derjenigen Betrachtungen, die wir fur die nachsten Tage anstellen wol- 
len iiber dieses bedeutsamste Ereignis in der Menschheitsentwickelung, 
das wir die Tat des Christus Jesus nennen. Diese Tat, ihre ganze Bedeu- 
tung fiir die Menschheitsentwickelung, und wie sie sich darstellt zu- 
nachst einmal in der bedeutsamsten christlichen Urkunde, in dem Evan- 
gelium des Johannes, und dann im Vergleich damit in den anderen 
Evangelien, die Betrachtung dariiber wird der Gegenstand dieses Vor- 
tragszyklus* sein. 



Der Johannistag erinnert uns daran, daB dieser groBten Individuali- 
tat, die an der Menschheitsentwickelung teilgenommen hat, vorange- 
gangen ist ein Vorlaufer. Damit beriihren wir gleich einen wichtigen 
Punkt, den wir sozusagen auch wie eine Art Vorlaufer als Betrachtung 
an den Ausgangspunkt unserer Vortrage stellen mussen. Im Verlaufe 
der Menschheitsentwickelung treten immer wieder und wieder tief be- 
deutsame Ereignisse auf, die ein starkeres Licht ausbreiten als andere Er- 
eignisse. Von Epoche zu Epoche sehen wir, wie solche wesentlichen 
Ereignisse in der Geschichte zu verzeichnen sind. Und immer wieder 
wird uns gesagt, daB es Menschen gibt, welche in einer gewissen Bezie- 
hung vorauswissen, vorausverkunden konnen solche Ereignisse. Da- 
mit wird zugleich klargemacht, daB diese Ereignisse nicht willkiirlich 
sind, sondern daB derjenige, der hineinsieht in den ganzen Sinn und in 
den ganzen Geist der Menschheitsgeschichte, weiB, wie solche Ereig- 
nisse kommen mussen, und wie er selber zu arbeiten hat, vorbereitend 
zu arbeiten hat, damit sie eintreten konnen. 

Wir werden in den nachsten Tagen noch ofter zu sprechen haben von 
dem Vorlaufer des Christus Jesus. Heute wollen wir ihn zunachst nur 
unter dem Gesichtspunkt betrachten, daB er einer derjenigen war, wel- 
che durch besondere Geistesgaben defer hineinschauen konnen in den 
Zusammenhang der Menschheitsentwickelung und dadurch wissen, 
daB es ausgezeichnete Punkte gibt innerhalb dieser Menschheitsent- 
wickelung. Daher war er geeignet, dem Christus Jesus die Wege zu 
ebnen. Wenn wir aber auf den Christus Jesus selber sehen, um sozusa- 
gen sogleich an den Hauptgegenstand unserer Betrachtung zu kom- 
men, so mussen wir uns klarmachen, daB wahrhaftig nicht umsonst ein 
groBer Teil der Menschheit die Zeitrechnung einteilt in eine Epoche 
vor der Erscheinung des Christus Jesus auf Erden und in eine Epoche 
nach derselben. Damit zeigt dieser Teil der Menschheit, daB er eine 
Empfindung hat von der einschneidenden Bedeutung des Christus- My- 
steriums. Aber das, was wahr ist, was wirklich ist, das muB immer wie- 
der und wieder in neuen Formen und in neuen Arten der Menschheit 
verkundet werden. Denn die Bedurfhisse der Menschheit andern sich 
von Zeit zu Zeit. Unsere Zeit braucht in gewisser Beziehung eine neue 
Verkiindigung auch dieses groBten Ereignisses der irdischen Mensch- 



heitsentwickelung, des Christus-Ereignisses, und diese Verkiindigung 
will die Anthroposophie sein. 

Diese anthroposophische Verkiindigung des Christus-Mysteriums 
ist nichts dem Inhalte nach Neues, auch nicht fur uns. Sie ist aber etwas 
Neues in bezug auf die Form. Denn das, was hier in den nachsten Tagen 
wird ausgesprochen wet den, das wurde in engeren Kreisen auch inner- 
halb unserer Kultur und unseres Geisteslebens seit Jahrhunderten aus- 
gesprochen. Das eine nur unterscheidet die heutige Verkiindigung von 
jeder vorhergehenden : daB sie zu einem groBeren Kreise sprechen darf. 
Diejenigen kleineren Kreise, in denen dieselbe Verkiindigung seit Jahr- 
hunderten schoninnerhalb unseres europaischen Geisteslebens ertonte, 
sie hatten dasselbe Zeichen, das Ihnen hier [im Vortragssaal] entgegen- 
schaut, das Rosenkreuz, als ihr Symbolum anerkannt. Und so darf 
wohl auch jetzt, wo diese Verkiindigung in unserer Gegenwart vor 
ein grofieres Publikum tritt, wiederum das Rosenkreuz als das Sym- 
bolum dieser Verkiindigung gelten. Lassen Sie mich zunachst wieder- 
um sinnbildlich charakterisieren, worauf ungefahr diese Rosenkreuzer- 
Verkiindigung iiber den Christus Jesus fufit. 

Die Rosenkreuzer sind eine Gemeinschaft, die seit dem vierzehnten 
Jahrhundert innerhalb des europaischen Geisteslebens ein geistiges, ein 
echt geistiges Christentum pflegten. Diese Rosenkreuzer-Gesellschaft, 
die, abgesehen von alien auBeren geschichtlichen Formen, die tiefste 
Wahrheit des Christentums an den Tag zu bringen suchte fur ihre Be- 
kenner, diese Gesellschaft nannte ihre Bekenner immer auch « Johan- 
nes-Christen ». Wenn wir den Ausdruck Johannes-Christen verstehen 
werden, dannwerden wir den ganzenGeist und die Gesinnung der fol- 
genden Vortrage, wenn auch nicht mit dem Verstande erklaren, so 
doch wenigstens ahnend erfassen konnen. 

Sie wissen, das Johannes-Evangelium, diese gewaltige Urkunde des 
Menschengeschlechtes, beginnt ja mit den Worten : « Im Urbeginne war 
das Wort. Und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort. 
Dieses war im Urbeginne bei Gott.» 

Das Wort - oder der Logos - war also im Urbeginne bei Gott. Und 
von ihm heiBt es weiter, daB das Licht in die Finsternis schien, und daB 
die Finsternis zunachst das Licht nicht begriff; daB dieses Licht in der 



Welt war, daB es unter den Menschen war, daB diese Menschen aber 
wiederum nur eine kleine Anzahl unter den ihrigen zahlten, die das 
Licht zu begreifen vermochten. Dann erschien das fleischgewordene 
Wort als ein Mensch, in einem Menschen, dessen Vorlaufer der Taufer 
war, der Johannes. Und nun sehen wir, wie diejenigen, die etwas begrif- 
fen haben von der Bedeutung dieser Erscheinung des Christus auf Er- 
den, sich klarzumachen bemuhen, was der Christus eigentlich ist, und 
wie der Schreiber des Johannes-Evangeliums unmittelbar darauf hin- 
weist, daB das, was in dem Jesus von Nazareth als tiefste Wesenheit 
lebte, nichts anderes war als das, woraus auch alle andern Wesenhei- 
ten entstanden sind, die um uns herum sind, - daB es der lebendige 
Geist, das lebendige Wort, der Logos selbst war . 

Aber auch die andern Evangelisten haben sich, ein jeder nach seiner 
Art, bemuht darzustellen, was in dem Jesus von Nazareth eigentlich er- 
schienen ist. Da sehen wir zum Beispiel, wie der Schreiber des Lukas- 
Evangeliums bemuht ist zu zeigen, wie etwas ganz Besonderes erschie- 
nen ist, als durch die Taufe des Christus Jesus durch Johannes den Tau- 
fer der Geist sich vereinigte mit dem Leibe des Jesus von Nazareth. Und 
dann stellt uns der Schreiber des Lukas-Evangeliums weiter dar, wie 
dieser Jesus von Nazareth der Abkommling von Vorfahren ist, die weit, 
weit hinaufreichen. Da wird uns gesagt, daB der Stammbaum des Jesus 
von Nazareth hinaufreicht bis zu David, bis zu Abraham, bis zu Adam, 
ja bis zu Gott selber. Wohlgemerkt, im Lukas-Evangelium ist uberall 
darauf hingewiesen: Jesus von Nazareth war der Sohn des Joseph, 
Joseph war der Sohn des Eli, der war ein Sohn des Matthat. . ., dann: 
der war ein Sohn des David, und weiter heiBt es dann: der war ein 
Sohn des Adam, und Adam war Gottes ! Das heiBt, der Schreiber des 
Lukas-Evangeliums legt einen besonderen Wert darauf, daB von die- 
sem Jesus von Nazareth, mit dem sich der Geist vereinigt hat bei der 
Taufe des Johannes, eine gerade Abstammungslinie hinaufgeht bis zu 
dem, den er den Vater des Adam, den Gott, nennt. Solche Dinge muB 
man durchaus wortlich nehmen. 

Im Matthaus-Evangelium wird versucht, diesen Jesus von Nazareth 
wiederum seinem Stammbaum nach bis hinauf zu Abraham zu fuhren, 
dem sich der Gott geoffenbart hat. 



Dadurch, und durch manches andere audi, durch viele Worte, die wir 
in den Evangelien finden konnen, wird die Individuality, die der Tra- 
ger des Christus ist, und die ganze Erscheinung des Christus als 
etwas hingestellt, was nicht nur eine der groBten, sondern was die 
groBte aller Erscheinungen in der Menschheitsentwickelung ist. Da- 
durch ist doch unbedingt ausgedriickt, was man mit schlichten Worten 
in der folgenden Art sagen kann : Wenn der Christus Jesus von denen, 
die seine GroBe ahnen, angesehen wird als die wichtigste Erscheinung 
in der Menschheitsentwickelung der Erde, dann muB dieser Christus 
Jesus irgendwie zusammenhangen mit dem Wesentlichsten und Heilig- 
sten im Menschen selbst. Es muB also innerhalb des Menschen selber 
etwas geben, was man unmittelbar auf das Christus-Ereignis beziehen 
kann. Konnten wir denn nicht die Frage aufwerfen: Wenn der Christus 
Jesus wirklich entsprechend den Evangelien das wichtigste Ereignis 
der Menschheitsentwickelung ist, muB sich dann nicht iiberall, in jeder 
von all den Seelen der Menschen etwas finden, was Bezug hat zu dem 
Christus Jesus? 

Das ist es auch, was insbesondere den Johannes-Christen der Rosen- 
kreuzer-Gesellschaften das Wichtigste und Wesentlichste war: daB sich 
in jeder Menschenseele etwas findet, was unmittelbar Bezug hat, was 
ein Verhaltnis hat zu dem, was in Palastina durch den Christus Jesus 
geschehen ist. Und wenn der Christus Jesus fur die Menschheit das 
groBte Ereignis genannt werden kann, dann muB. auch in der Men- 
schenseele das, was dem Christus-Ereignis entspricht, das GroBte und 
Bedeutungsvollste sein. Was kann das sein? Darauf haben sich die 
Schiiler der Rosenkreuzer geantwortet : Fur jede Menschenseele gibt es 
etwas, was man bezekhnet mit den Worten «Erweckung» oder «Wie- 
dergeburt» oder « Initiation ». Wir wollen sehen, was mit diesen Wor- 
ten gemeint ist. 

Wenn wir den Blick richten auf die verschiedenen Dinge um uns her- 
um, die unsere Augen sehen, die unsere Hande greifen, dann sehen wir, 
wie diese Dinge entstehen und vergehen. Wir sehen, wie die Blume ent- 
steht und vergeht, wie die ganze Vegetation des Jahres herauf kommt 
und wieder hinuntergeht. Und wenn es auch Dinge gibt in der Welt, wie 
die Berge und Felsen, die den Jahrhunderten zu trotzen scheinen, schon 



in dem Sprichwort « Steter Tropfen hdhlt den Stein » driickt es sich aus, 
daB die Menschenseele eine Ahnung davon hat, daB selbst die majesta- 
tischen Felsen und Berge den Gesetzen der Verganglichkeit unterwor- 
fen sind. Und der Mensch weiB : Es entsteht und vergeht das, was selbst 
auferbaut ist aus den Elementen; es entsteht und vergeht das, was der 
Mensch nicht nur seine Leiblichkeit nennt, sondern was er nennt sein 
«vergangliches Ich». Aber diejenigen, welche da wissen, wie man in 
eine geistige Welt gelangen kann, die wissen auch, daB der Mensch 
zwar nicht durch Augen und Ohren und durch die anderen Sinne hin- 
eindringt in diese geistige Welt, daB er aber dorthin gelangen kann 
durch den Weg der Erweckung, der Wiedergeburt, der Initiation. - 
Und was wird wiedergeboren? 

Der Mensch, wenn er in sein Inneres blickt, kommt zuletzt dazu, zu 
sagen : Was mir in meinem Innern entgegentritt, das ist das, wozu ich 
«Ich » sage. Dieses Ich unterscheidet sich schon durch den Namen von 
alien Dingen der AuBenwelt. Zu einem jeden Ding der AuBenwelt kann 
man den Namen von auBen hinzufugen: zu dem Tisch kann jeder 
«Tisch», zu der Uhr jeder «Uhr» sagen. Niemals aber kann der Name 
«Ich » an unser Ohr klingen, wenn er uns selbst bedeuten soli; denn das 
«Ich» muB im Innern ausgesprochen werden. Fur jeden anderen sind 
wir ein «Du». Dadurch schon findet der Mensch, wie sich diese Ich- 
Wesenhek unterscheidet von dem, was sonst in ihm und um ihn herum 
ist. Aber nun kommt das hinzu, was die Geistesforscher aller Zeiten 
immer wieder und wieder aus ihren eigenen Erlebnissen fur die Mensch- 
heit betont haben : daB innerhalb dieses Ich ein anderes, ein hoheres Ich 
geboren wird, geboren wie das Kind aus der Mutter. 

Wenn der Mensch uns in seinem Leben entgegentritt, konnen wir 
sagen : Wir sehen ihn zuerst als Kind, wie er ungeschickt in bezug auf 
die auBere Umgebung die Dinge anschaut, wie er dann nach und nach 
lernt, die Dinge zu begreifen, nach und nach verstandig wird und an 
Intellekt und Willen wachst; wir sehen, wie der Mensch zunimmt an 
Kraft und Energie. Aber es gibt Menschen, die nicht nur in dieser Weise 
zunehmen, sondern es hat auch immer solche Menschen gegeben, die 
noch zu einer hoheren Entwickelung gelangen iiber der gewohnlichen, 
die dazu kommen, daB sie sozusagen ein zweites Ich finden, das zu dem 



ersten Ich vermag «Du» zu sagen, wie das Ich selbst zur AuBenwelt 
und zu seinem Leibe «Du » sagt, das gewissermaBen hinunterschaut auf 
dieses erste Ich. 

So steht es als ein Ideal vor der Menschenseele, und so tritt es als eine 
Wirklichkeit ein fur diejenigen, welche die Anweisungen der Geistes- 
forscher befolgen und sich sagen: Das Ich, von dem ich bisher wuBte, 
nimmt teil an der ganzen AuBenwelt, es ist mit der AuBenwelt vergang- 
lich. Aber in mir schlummert ein zweites Ich, dessen sich die Menschen 
nicht bewuBt sind, aber sich bewuBt werden konnen, das ebenso ver- 
bunden ist mit dem Unverganglichen, wie das erste Ich mit dem Ver- 
ganglichen und Zeitlichen verbunden ist. Und mit der Wiedergeburt 
kann dies hohere Ich ebenso hineinschauen in eine geistige Welt, wie 
das niedere Ich durch die Sinne - Augen, Ohren und so weiter - in 
die sinnliche Welt schauen kann. Was man so Erweckung, Wiederge- 
burt, Initiation nennt, das ist das groBte Ereignis der menschlichen 
Seele auch nach der Ansicht derjenigen, die sich Bekenner des Rosen- 
kreuzes nannten. Sie wuBten, daB mit diesem Ereignis der Wiedergeburt 
des hoheren Ich, das auf das niedere Ich herabschauen kann, wie der 
Mensch auf die auBeren Gestalten schaut, das Ereignis des Christus 
Jesus zusammenhangen muB. Das heiBt, wie fur den einzelnen Men- 
schen innerhalb seiner Entwickelung eine Wiedergeburt stattfinden 
kann, so ist fur die ganze Menschheit eine Wiedergeburt eingetreten 
mit dem Christus Jesus. Was fur den einzelnen Menschen ein inneres, 
wie man sagt, mystisch-geistiges Ereignis ist, was er als die Geburt sei- 
nes hoheren Ich erleben kann, das ist in der AuBenwelt, in der Ge- 
schichte, mit dem Ereignis von Palastina durch den Christus Jesus fur 
die ganze Menschheit eingetreten. 

Wie stellte sich das zum Beispiel einem Menschen dar wie dem, der 
das Evangelium des Lukas geschrieben hat? Er konnte sich sagen: 
Der Stammbaum des Jesus von Nazareth fuhrt hinauf bis zu Adam und 
Gott selber. Was heute Menschheit ist, was heute im physischen Men- 
schenleibe wohnt, das stieg einst herunter aus gottlich-geistigen Hohen, 
das ist aus dem Geiste geboren, das war einmal bei Gott. Adam war der- 
jenige, der aus den geistigen Hohen in die Materie heruntergeschickt 
worden ist; er ist in diesem Sinne der Sohn des Gottes. Es war also einst 



ein gottlich-geistiges Reich, sagte sich der Schreiber des Lukas-Evan- 
geliums ; das verdichtete sich gleichsam zu dem verganglichen irdischen 
Reich: Adam entstand. Adam war ein irdisches Abbild des Sohnes des 
Gottes, und von Adam stammen die Menschen ab, die im physischen 
Leibe sind. Und in diesem Jesus von Nazareth lebte auf eine besondere 
Weise nicht nur das, was in jedem Menschen lebt, und was sonst in dem 
Menschen ist, sondern es lebte in ihm etwas, was man nur finden kann 
seiner Wesenheit nach, wenn man sich bewuBt wird, daB das Wesent- 
liche im Menschen vom Gottlichen abstammt. In dem Jesus von Naza- 
reth ist noch etwas ersichtlich von dieser gottlichen Abstammung. Der 
Schreiber des Lukas-Evangeliums findet sich daher genotigt zu sagen: 
Seht euch an den, der durch den Johannes getauft worden ist. Er hat be- 
sondere Kennzeichen an sich fur das Gottliche, aus dem urspriinglich 
der Adam abstammt. Das kann sich in ihm erneuern. Wie der Gott her- 
abgestiegen ist in die Materie und als Gott verschwunden ist im Men- 
schengeschlecht, so erscheint er wieder. Die Menschheit konnte in 
ihrem Innersten, Gottlichen wiedergeboren werden in dem Jesus von 
Nazareth. - Es wollte der Schreiber des Lukas-Evangeliums sagen: 
Wenn wir den Stammbaum des Jesus von Nazareth hinaufverfolgen bis 
zu seinem Ursprung, so finden wir den gottlichen Ursprung und die 
Eigenschaften des Gottes- Sohnes in ihm in einer erneuerten Weise 
wieder und mehr, als es in der bisherigen Menschheit sein konnte. 

Und der Schreiber des Johannes-Evangeliums betonte nur noch 
scharfer, daB in dem Menschen etwas Gottliches lebt, und daB dieses 
Gottliche in seiner groBartigsten Gestalt erschien als der Gott und der 
Logos selber. Der Gott, der gleichsam in die Materie hinein begraben 
wurde, wird wiedergeboren als Gott in dem Jesus von Nazareth, das 
wollten diejenigen sagen, die also ihre Evangelien einleiteten. 

Und jene, welche die Weisheit dieser Evangelien fortsetzen wollten, 
wie sagten sie? Wie sagten die Johannes-Christen? Also sagten sie: Im 
einzelnen Menschen gibt es ein groBes, gewaltiges Ereignis, das man 
nennen kann die Wiedergeburt des hoheren Ich. Wie das Kind aus der 
Mutter geboren wird, so wird das gottliche Ich geboren aus dem Men- 
schen. Die Initiation, die Erweckung ist moglich, und wenn sie einmal 
eingetreten ist - so sagten die, welche etwas davon verstanden -, dann 



wird etwas anderes wichtig als das, was vorher wichtig war. Was da 
wichtig wird, das wollen wir uns einmal durch einen Vergleich naher- 
bringen. 

Denken wir, wir haben einen Menschen vor uns, der siebzig Jahre 
geworden ist, aber einen erweckten Menschen, der sein hoheres Ich ge- 
wonnen hat. Und denken wir uns, es ware im vierzigsten Jahre gewe- 
sen, daB er die Wiedergeburt, die Erweckung seines hoheren Ich, er- 
lebt hat. Ware damals jemand an ihn herangetreten und hatte sein Le- 
ben beschreiben wollen, so hatte er sich sagen konnen : Ich habe hier 
einen Menschen vor mir, der sein hoheres Ich eben geboren hat. Das ist 
derselbe, den ich vor fiinf Jahren in dieser Lage, und in jener Lage vor 
zehn Jahren gekannt habe. - Und wenn er uns hatte darstellen wollen 
die Identitat dieses Menschen, wenn er uns hatte zeigen wollen, daB 
dieser Mensch einen ganz besonderen Ausgangspunkt schon bei seiner 
Geburt hatte, dann wiirde er die Jahre von vierzig zuriick in bezug auf 
sein physisches Dasein verfolgen, und dieses physische Dasein, so wie 
es in Betracht kommt, beschreiben im Sinne dessen, der vom geistes- 
wissenschaftlichen Standpunkt aus spricht. Mit dem vierzigsten Jahre 
ist aber in diesem Menschen ein hoheres Ich geboren. Von jetzt ab iiber- 
strahlt das hohere Ich die ganzen Lebensverhaltnisse. Jetzt ist das ein 
neuer Mensch. Jetzt ist uns nicht mehr wichtig, was vorher da war, jetzt 
handelt es sich darum, daB wir vor allem erkennen, wie das hohere Ich 
von Jahr zu Jahr zuniramt und sich weiterentwickelt. Wenn dann dieser 
Mensch siebzig Jahre alt geworden ist, dann wurden wir uns erkundi- 
gen, welchen Weg vom vierzigsten bis zum siebzigsten J ahre das hohere 
Ich durchgemacht hat. Und wichtig wiirde fur uns sein, daB es das echt 
geistige Ich ist, das er uns in seinem siebzigsten Jahre darbietet, wenn 
wir uns zu dem bekennen, was damals vor dreiBig Jahren in der Seele 
dieses Menschen geboren worden ist. - So machten es die Evangelien- 
schreiber, und so machten es im Zusammenhange damit die Johannes- 
Christen des Rosenkreuzertums mit dem Wesen, das wir den Christus 
Jesus nennen. 

Die Evangelienschreiber hatten sich die Aufgabe gestellt, zunachst 
zu zeigen, daB der Christus Jesus seinen Ursprung hat in dem Urgeiste 
der Welt, in dem Gott selber. Der Gott, der in der ganzen Menschheit 



verborgen gelebt hat, tritt in dem Christus Jesus besonders hervor. Das 
ist derselbe Gott, von dem das Johannes-Evangelium sagt, daB er im 
Urbeginn, von Anfang an da war. Dieses Interesse : zu zeigen, daB eben 
dieser Gott in dem Jesus von Nazareth war, das hatten die Evangelien- 
schreiber. Diejenigen aber, welche bis in unsere Zeit hinein die urewige 
Weisheit fortzusetzen hatten, sie hatten jetzt das Interesse, zu zeigen, 
wie das hohere Ich der Menschen, wie der gottliche Geist der Mensch- 
heit, der durch das Ereignis von Palastina in dem Jesus von Nazareth 
geboren wurde, wie er derselbe geblieben und bewahrt worden ist bei 
all denen, die das rechte Verstandnis dafur gehabt haben. 

Wie wir bei dem von uns zum Vergleich gestellten Menschen be- 
schrieben haben, daB er im vierzigsten Jahre sein hoheres Ich geboren 
hat, so haben die Evangelienschreiber den Gott im Menschen beschrie- 
ben bis zu dem Ereignis in Palastina : wie sich der Gott entwickelt hat, 
wie er wiedergeboren ist und so weiter. Diejenigen aber, die zu zeigen 
hatten, daB sie die Fortsetzer sind der Evangelienschreiber, sie muBten 
darauf hinweisen, daB das die Zeit ist der Wiedergeburt des hoheren 
Ich, wo man es nur zu tun hat mit dem geistigen Teil, der jetzt alles 
andere uberstrahlt. Die, welche sich Johannes-Christen nannten und 
das Rosenkreuz zu jhrem Symbolum hatten, die sagten: Gerade das, 
was fur die Menschheit wiedergeboren ist als das Geheimnis von dieser 
Menschheit hoherem Ich, das ist bewahrt worden. Das ist bewahrt wor- 
den von jener engeren Gemeinschaft, die von dem Rosenkreuzertum 
ihren Ausgang genommen hat. Sinnbildlich ist diese Kontinuitat ange- 
deutet: Jene heilige Schale, aus welcher der Christus Jesus gegessen 
und getrunken hat mit seinen Jiingern, die man den «Heiligen Gral» 
nennt und in der das Blut, das aus der Wunde floB, aufgefangen wurde 
durch Joseph von Arimathia, sie ist, wie erzahlt wird, durch Engel 
nach Europa gebracht worden. Ihr wurde ein Tempel gebaut, und die 
Rosenkreuzer wurden die Bewahrer dessen, was da war in dem Ge- 
faBe, das heiBt dessen, was das Wesen des wiedergeborenen Gottes aus- 
machte. Das Mysterium von dem wiedergeborenen Gotte waltete in der 
Menschheit : das ist das Grals-Mysterium. 

Das ist das Mysterium, das wie ein neues Evangelium hingestellt 
wird und von dem gesagt wird: Wir sehen hinauf zu einem solchen 



Weisen, wie dem Schreiber des Johannes-Evangeliums, der da sagen 
konnte: Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und 
ein Gott war das Wort. Das, was im Urbeginne bei Gott war, das ist 
wiedergeboren worden bei dem, den wir haben leiden und sterben se- 
hen auf Golgatha, und der auferstanden ist. - Diese Kontinuitat des 
gottlichen Prinzips durch alle Zeiten hindurch, und die Wiedergeburt 
dieses gottlichen Prinzips, das wollte der Schreiber des Johannes-Evan- 
geliums darstellen. Aber alle, die solches darstellen wollten, die wuB- 
ten: Das, was von Anfang an war, ist erhalten geblieben. Im Anfange 
war das Mysterium vom hoheren Menschen-Ich; im Gral war es auf be- 
wahrt; mit dem Gral blieb es verbunden, und im Gral lebt das Ich, das 
verbunden ist mit dem Ewigen und Unsterblichen wie das niedere Ich 
mit dem Verganglichen und Sterblichen. Und wer das Geheimnis des 
Heiligen Gral kennt, der weiB, daC aus dem Holz des Kreuzes hervor- 
geht das lebendig sprieBende Leben, das unsterbliche Ich, das symboli- 
siert ist durch die Rosen am schwarzen Kreuzesholz. So ist das Geheim- 
nis des Rosenkreuzes etwas, was wie eine Fortsetzung des Johannes- 
Evangeliums sich ausnehmen kann. Und wir konnen geradezu in bezug 
auf das Johannes-Evangelium und das, was es fortsetzt, die folgenden 
Worte sagen: 

«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein 
Gott war das Wort. Dieses war im Urbeginne bei Gott. Alles ist durch 
dasselbe geworden, und ohne durch dieses ist nichts von dem Entstan- 
denen geworden. In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht 
der Menschen. Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finster- 
nis hat es nicht begriffen.» Nur einige der Menschen, die etwas hatten 
von dem, was nicht aus dem Fleisch geboren ist, die begriffen das Licht, 
das in die Finsternis schien. Da aber ist das Licht Fleisch geworden und 
wohnte unter den Menschen in der Gestalt des Jesus von Nazareth. 

Nun konnte man ganz im Sinne des Geistes des Johannes-Evange- 
liums sagen : Und das, was als Christus in dem Jesus von Nazareth lebte, 
war das hohere gottliche Ich der ganzen Menschheit, des wiedergebo- 
renen, in Adam als in seinem Ebenbilde irdisch gewordenen Gottes. 
Dieses wiedergeborene Menschen-Ich setzte sich fort als ein heiliges 
Geheimnis, wurde auf bewahrt unter dem Symbolum des Rosenkreuzes 



und wird heute verkiindet als das Geheimnis des Heiligen Gral, als das 
Rosenkreuz. 

Dasjenige, was in jeder Menschenseele als das hohere Ich geboren 
werden kann, das weist uns hin auf die Wiedergeburt des gottlichen Ich 
in der Entwickelung der ganzen Menschheit durch das Ereignis von 
Palastina. Wie in jedem einzelnen Menschen das hohere Ich geboren 
wird, so wird in Palastina das hdhere Ich der ganzen Menschheit, das 
gottliche Ich geboren, und es wird erhalten und weiter entwickelt in 
dem, was sich hinter dem Zeichen des Rosenkreuzes verbirgt. 

Aber wenn wir des Menschen Entwickelung betrachten, haben wir 
nicht nur dieses eine groBe Ereignis, die Wiedergeburt des hoheren 
Ichs, sondern auBer diesem einen groBen eine Menge kleinerer. Bevor 
der Mensch sein hoheres Ich gebaren kann, bevor dieses groBe, umfas- 
sende, durchdringende Erlebnis fur die Seele eintreten kann - die Ge- 
burt des unsterblichen Ichs im sterblichen miissen umfassende Vor- 
stufen durchschritten werden. Der Mensch muB sich in der mannigfal- 
tigsten Weise vorbereiten. Und wenn er in sich das groBe Erlebnis ge- 
habt hat, durch das er sich sagt: Jetzt fuhle ich etwas in mir, jetzt weiB 
ich etwas in mir, das hinunterschaut auf mein gewohnliches Ich, 
wie mein gewohnliches Ich auf die Sinnesdinge herunterschaut, jetzt 
bin ich ein Zweites in dem Ersten ; jetzt bin ich hinaufgeschritten in die- 
jenigen Reiche, wo ich mit den gottlichen Wesenheiten vereint bin, - 
wenn der Mensch dieses Erlebnis gehabt hat, dann kommen andere, 
weitere Stufen, die er zu durchschreiten hat, zwar anderer Natur als die 
Vorstufen, die aber doch auch zu durchschreiten sind. 

So haben wir das eine groBe, einschneidende Ereignis, die Geburt des 
hoheren Ich in jedem individuellen Menschen. Aber auch in der ganzen 
Menschheit haben wir eine solche Geburt : die Wiedergeburt des gott- 
lichen Ichs. Und dann gibt es vorbereitende Stufen dazu, und Stufen, 
die auf dieses einschneidende Ereignis folgen miissen. Auf die vorbe- 
reitenden Stufen sehen wir zuriack von dem Christus-Ereignis aus. Da 
sehen wir andere groBe Erscheinungen innerhalb der Menschheitsent- 
wickelung, sehen, wie es nach und nach herankommt, dieses Christus- 
Ereignis, wie etwa der Schreiber des Lukas-Evangeliums sagte: Erst 
war ein Gott, ein Geist-Wesen in Geisteshohen. Es ist heruntergestie- 



gen in die materielle Welt, und es ist Mensch geworden, Menschheit 
geworden. - In dem Menschen, wie er sich entwickelt, konnte man 
zwar sehen, daB ihm der Gott zugrunde Hegt. Aber den Gott konnte 
man nicht sehen, wenn man nur mit auBeren physischen Augen die 
Menschheitsentwickelung ansah. Der Gott war sozusagen hinter der 
irdisch-physischen Welt, und da sahen ihn diejenigen, die da wuBten, 
wo er ist, die hineinschauen konnten in seine Reiche. 

Gehen wir einmal zuriick bis in die erste Kultur nach einer groBen 
Katastrophe, bis in die uralt-indische Kultur. Da sehen wir sieben groBe 
heilige Lehrer, die man als die heiligen Rischis bezeichnet. Sie weisen 
hinauf auf ein hoheres Wesen, von dem sie sagten: Unsere Weisheit 
kann dieses hohe Wesen ahnen, aber nicht kann unsere Weisheit dieses 
hohe Wesen schauen ! Die sieben heiligen Rischis sehen viel. Jenseits 
ihrer Sphare aber ist dieses hohe Wesen, das sie nannten «Vishva Kar- 
man». Und Vishva Karman ist ein Wesen, das zwar die geistigeWelt er- 
fiillte, aber jenseits dessen war, was sonst das hellseherische Menschen- 
auge in diesen Zeiten schauen konnte. Dann kam die Kultur, die man 
henannt hat nach ihrem groBen Fuhrer Zarathustra, und Zarathustra 
sagte zu denen, die er zu fiihren hatte : Wenn das hellseherische Auge 
auf die Dinge der Welt sieht, auf die Mineralien, Pflanzen, Tiere und 
Menschen, so sieht es hinter diesen Dingen allerlei geistige Wesenhei- 
ten. Aber dasjenige geistige Wesen, dem der Mensch sein eigentliches 
Dasein verdankt, das in des Menschen tiefstem Ich einmal leben muB, 
das sieht man noch nicht, wenn man die Dinge der Erde anschaut, nicht 
mit physischen und nicht mit hellseherischen Augen. - Wenn aber der 
Zarathustra seinen hellseherischen Blick zur Sonne hinauf richtete, 
dann - sagte er - sieht man nicht nur die Sonne, sondern, wie man bei 
dem Menschen eine den Menschen umgebende Aura sieht, so sieht man 
bei der Sonne die groBe Sonnen-Aura, Ahura Mazdao. - Und die groBe 
Sonnen-Aura ist es, die einmal auf eine Weise, die spater charakterisiert 
werden soil, den Menschen hervorgebracht hat. Der Mensch ist das 
Abbild des Sonnengeistes, des Ahura Mazdao. Auf der Erde aber 
wohnte er noch nicht, der Ahura Mazdao. 

Und dann kommt die Zeit, in welcher der hellsichtig werdende 
Mensch beginnt, in dem, was ihn auf der Erde umgibt, den Ahura 



Mazdao zu sehen. Der groBe Moment ist eingetreten, wo das gesche- 
hen konnte, was in Zarathustras Zeiten noch nicht moglich war. Wenn 
Zarathustras hellsichtiges Auge sich offhete und sehen konnte, was im 
irdischen Blitz, was im Donner sich kundgab, da war es nicht Ahura 
Mazdao, war es nicht der groBe Sonnengeist, der das Urbild der 
Menschheit ist. Aber wenn er sich zur Sonne wendete, da sah er Ahura 
Mazdao. - Als Zarathustra in Moses einen Nachfolger gefunden hatte, 
da offnete sich des Moses hellseherisches Auge, und er konnte dann se- 
hen im brennenden Dornbusch und im Feuer auf Sinai denjenigen 
Geist, der sich ihm ankiindigte als «ehjeh asher ehjeh», als der «Ich 
bin, der da war, der da ist, der da sein wird», der Jahve oder Jehova. 
Was war da geschehen? 

Seit jener Vorzeit, seit der Erscheinung des Zarathustra, vor der Er- 
scheinung des Moses auf der Erde, war der Geist, der friiher nur auf der 
Sonne war, heruntergewandert zur Erde. Er leuchtete in dem brennen- 
den Dornbusch, leuchtete in dem Feuer von Sinai auf. Er war in den 
Elementen der Erde. Und noch eine Zeit, und der Geist, den die groBen 
Rischis erahnten, von dem sie aber sagen muBten : Unsere Hellsichtig- 
keit kann ihn noch nicht sehen, - der Geist, den der Zarathustra auf der 
Sonne suchen muBte, der im Blitz und Donner dem Moses sich kund- 
gab, war in einem Menschen erschienen, in dem Jesus von Nazareth. 
Das war die Entwickelung : aus dem Weltenall heruntergestiegen zu- 
nachst bis zu den physischen Elementen, dann bis in einen menschlichen 
Leib hinein ; da erst war das gottliche Ich, von dem der Mensch stammte 
und auf das der Schreiber des Lukas-Evangeliums den Stammbaum des 
Jesus von Nazareth zuruckfuhrt, wiedergeboren. Da war das groBe Er- 
eignis der Wiedergeburt des Gottes im Menschen eingetreten. 

Da sehen wir zuriick auf die Vorstufen. Vorstufen also hat auch die 
Menschheit durchgemacht. Und diejenigen, die mit der Menschheit 
fortgeschritten waren als ihre fruheren Fiihrer, auch sie muBten diese 
Vorstufen durchmachen, bis einer von ihnen so weit gekommen war, 
daB er der Trager des Christus werden konnte. So sehen wir, wie sich vor 
einer geistigen Betrachtung die Entwickelung der Menschheit darsteilt. 

Und noch etwas anderes ist wichtig. Was die heiligen Rischis als 
Vishva Karman verehrten, was Zarathustra als den Ahura Mazdao der 



Sonne ansprach, was Moses als «ehjeh asher ehjeh» verehrte, das 
muBte in einem einzelnen Menschen, in dem Jesus von Nazareth, in 
begrenzter irdischer Menschlichkeit er scheinen. So weit muBte es kom- 
men. Aber daB in einem solchen Menschen, wie es der Jesus von Naza- 
reth war, diese hohe Wesenheit wohnen konnte, dazu war Mannigfal- 
tiges notwendig. Dazu muBte der Jesus von Nazareth selbst schon auf 
einer hohen Stufe stehen. Nicht ein jeder Mensch konnte der Trager 
eines solchen Wesens werden, das in die Welt kommt in der geschilder- 
ten Weise. 

Nun wissen wir, die wir an die Geisteswissenschaft herangetreten 
sind, daB es eine Wiederverkorperung gibt. Daher miissen wir uns sa- 
gen, daB der Jesus von Nazareth - nicht der Christus - viele Verkorpe- 
rungen hinter sich hatte, und daB er iiber mannigfaltigste Stufen in den 
fruheren Verkorperungen hinweggeschritten war, bevor er Jesus von 
Nazareth werden konnte. Das heiBt nichts anderes als : Jesus von Naza- 
reth selber muBte ein hoher Eingeweihter werden, bevor er der Chri- 
stus-Trager werden konnte. Wenn nun ein hoher Eingeweihter gebo- 
ren wird, wie unterscheidet sich da eine solche Geburt und das nach- 
herige Leben von der Geburt und dem nachherigen Leben eines ge- 
wohnlichen Menschen? Im allgemeinen kann man annehmen, daB der 
Mensch, wenn er geboren wird, wenn auch nur annahernd, nach dem 
gestaltet ist, was von einer fruheren Verkorperung kommt. So ist es 
aber nicht bei einem Eingeweihten. Der Eingeweihte konnte kein Fiih- 
rer der Menschheit sein, wenn er nur das in seinem Innern hatte, was 
ganz dem AuBeren entspricht. Denn sein AuBeres muB der Mensch 
auf bauen nach den Verhaltnissen der auBeren Umgebung. Wenn ein 
Eingeweihter geboren wird, muB in seinen Korper hinein eine hohe 
Seele kommen, die schon in fruheren Zeiten Gewaltiges in der Welt er- 
lebt hat. Daher ist bei alien solchen die Sage, daB ihre Geburt in anderer 
Weise erfolgte als bei anderen Menschen. Warum und wie? 

Die Frage « Warum ? » haben wir eben schon beriihrt : weil ein umfas- 
sendes Ich, das fruher schon Bedeutsamstes durchgemacht hat, sich mit 
dem Leib verbindet. Aber der Leib kann anfangs nicht das aufnehmen, 
was sich als die geistige Natur in diesen Leib verkorpern will. Daher ist 
es bei einer Wesenheit, die als ein hoher Eingeweihter in einen vergang- 



lichen Menschen hinein verkorpert wird, notwendig, daB mehr als bei 
einem anderen Menschen das sich wiederverkdrpernde Ich von vorn- 
herein die physische Gestalt umschwebt. Wahrend bei einem gewohnli- 
chen Menschen die physische Gestalt bald nach der Geburt ahnlich 
ist und angepaBt ist der geistigen Gestalt oder der menschlichen Aura, 
ist die menschliche Aura eines Eingeweihten, der wiedergeboren wird, 
leuchtend. Es ist der geistige Teil, der ankiindigt, daB hier mehr vor- 
handen ist, als man im gewdhnlichen Sinne sehen kann. Was kiindigt 
dieses Geistige an? Es kiindigt an, daB nicht nur in der physischen Welt 
ein Kind geboren ist, sondern daB in der geistigen Welt etwas vorge- 
gangen ist 1 Das wollen dieErzahlungen sagen, die an alle wiedergebore- 
nen Eingeweihten sich anschlieBen: Nicht nur ein Kind wird geboren; 
sondern in dem Geistigen wird etwas geboren, was nicht umfaBt wer- 
den kann durch das, was da unten geboren wird. - Wer erkennt aber das ? 
Nur der jenige erkennt es, der selber ein hellsichtiges Auge fur die geistige 
Welt hat. Daher wird erzahlt, daB bei der Geburt des Buddha ein Ein- 
geweihter erkannte, daB hier ein anderes Ereignis vorging als sonst bei 
der Geburt eines Menschen. Daher wird von dem Jesus von Nazareth 
erzahlt, daB ihn erst einmal der Taufer vorherzuverkundigen hatte. 

Wer einen Einblick in die geistigen Welten hat, der weiB, daB der 
Eingeweihte kommen muB und wiedergeboren wird, und er weiB, daB 
das ein Ereignis in der geistigen Welt ist. Das wuBten aber auch die drei 
Konige aus dem Morgenlande, die da gekommen sind, um zu opfern 
bei der Geburt des Jesus von Nazareth. Und dasselbe wird auch darge- 
stellt durch den eingeweihten Priester im Tempel, der da sagt : Jetzt 
mag ich gerne sterben, nachdem meine Augen denjenigen gesehen ha- 
ben, der das Heil der Menschheit sein wird ! 

So sehen wir, daB wir hier genau zu unterscheiden haben : Wir haben 
einen hohen Eingeweihten, der wiedergeboren wird als Jesus von Na- 
zareth, von des sen Geburt gesagt werden muB : Es wird ein Kind gebo- 
ren. Aber mit diesem Kinde erscheint etwas, was nicht umfaBt werden 
wird durch den physischen Leib des Kindes. - Und dann haben wir mit 
diesem Jesus von Nazareth zugleich etwas gegeben, was in der geistigen 
Welt eine Bedeutung hat, was erst nach und nach diesen Leib hinauf 
entwickeln wird bis zu einem Punkt, wo dieser Leib reif sein wird fiir 



diesen Geist. Als aber dieser Leib reif war fur diesen Geist, da ist auch 
das Ereignis geschehen, wo der Taufer herantritt an den Jesus von Na- 
zareth, und wo ein hoherer Geist sich heruntersenkt, mit dem Jesus von 
Nazareth sich verbindet, wo der Christus in den Jesus von Nazareth 
einzieht. Da aber kann derjenige, der als der Taufer der Vorlaufer des 
Christus Jesus war, sagen: Ich trat in die Welt. Ich war derjenige, der 
einem Hoheren den Weg bereitet hat. Ich habe mit meinem auBeren 
Munde verkiindet, daB das Gottesreich, das Reich der Himmel nahe ist, 
daB die Menschen den Sinn andern sollen. Ich bin unter die Menschen 
getreten und habe davon sprechen konnen, daB ein besonderer Impuls 
in die Menschheit kommen wird. Wie die Sonne im Friihling weiter her- 
aufgeht, um zu verkundigen, daB etwas Neues aufsprieBt, so bin ich er- 
schienen, um zu verkundigen dasjenige, was da aufsprieBt in der 
Menschheit als das wiedergeborene Menschheits-Ich! 

Da aber, als das Menschliche in dem Jesus von Nazareth am hochsten 
gestiegen war, so daB der menschliche Leib des Jesus von Nazareth ein 
Ausdruck des Geistes des Jesus von Nazareth war, da wurde er auch 
reif, in der Johannes-Taufe den Christus in sich aufzunehmen. Der Leib 
des Jesus von Nazareth war entfaltet wie die helle Sonne am Johannis- 
tage im Juni. Das war vorherverkiindet worden. Dann sollte der Geist 
aus dem Dunkel heraus geboren werden wie die Sonne, die bis zum Jo- 
hannistage immer mehr und mehr an Kraft gewinnt, immer wachst und 
wachst und dann beginnt abzunehmen. So war das, was der Taufer zu 
verkundigen hatte. Er hatte zu verkundigen, wie die Sonne heraufzieht 
in immer hoherem Glanz bis zu dem Punkte, wo er sagen konnte : Der- 
jenige, den die alten Propheten verheiBen haben, der aus den geistigen 
Reichen heraus der Sohn der geistigen Reiche genannt worden ist, er 
ist erschienen! - Bis zu dem Punkte hat Johannes der Taufer gewirkt. 
Dann aber, wenn die Tage wieder kiirzer werden, wenn das Dunkel 
wieder uberhandnimmt, dann soil durch die Vorbereitungen das innere 
Geisteslicht leuchten, soli immer heller und heller werden, wie der 
Christus in dem Jesus von Nazareth auf leuchtet. 

So sah der Johannes den Jesus von Nazareth herankommen. Und er 
empfand das Heranwachsen des Jesus von Nazareth als sein eigenes 
Abnehmen, und wie das Zunehmen der Sonne. Ich werde von jetzt an 



abnehmen, sagt er, wie die Sonne vom Johannistage an abnimmt. Er 
aber wird zunehmen, er, die geistige Sonne, und aus der Verfinsterung 
heraus leuchten! - So hat er sich angekiindigt. So hat begonnen die 
Wiedergeburt des Menschheits-Ich, von der die Wiedergeburt eines je- 
den individuellen hoheren menschlichen Ich in der Menschheit ab- 
hangt. 

Damit ist das wichtigste Ereignis in der Entwickelung des einzelnen 
Menschen charakterisiert: die Wiedergeburt dessen, was als Unsterb- 
liches aus dem gewohnlichen Ich hervorgehen kann. Sie ist gekmipft 
an das groBte Ereignis, an das Christus-Ereignis, dem nun die folgen- 
den Stunden gewidmet sein sollen. 



ZWEITER VORTRAG 



Kassel, zy]um 1909 

Wenn vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus iiber ein solches 
Thema gesprochen wird, wie es das unsrige ist, so geschieht das nicht 
etwa in dem Sinn, daB irgendeine Urkunde, irgendein Schriftwerk, das 
im Laufe der Menschheitsentwickelung entstanden ist, zugrunde gelegt 
wird, und nun etwa auf die Autoritat dieses Schriftwerkes hin diese 
oder jene Tatsachensumme beleuchtet wird. So geschieht es in der Gei- 
steswissenschaft nicht. Sondern was geschehen ist im Laufe der Mensch- 
heitsentwickelung, das wird von der Geisteswissenschaft ganz unab- 
hangig von alien Dokumenten erforscht; und dann erst, wenn der Gei- 
stesforscher mit den Mitteln, die unabhangig von einer jeden Urkunde 
sind, iiber die betreffenden Pinge geforscht hat und sie zu charakteri- 
sieren weiB, wird an die betrefFende Urkunde herangegangen und nach- 
gesehen, ob sich auch in den Urkunden findet, was man zunachst ganz 
unabhangig von einer jeden Uberlieferung erforscht hat. Also alles, was 
iiber den Verlauf irgendwelcher Ereignisse in diesen Vortragen gesagt 
wird, das ist nicht etwa bloB in dem Sinne gesagt, daB es aus der Bibel, 
aus den vier Evangelien geschopft ist, sondern es sind die Ergebnisse 
der von alien Evangelien unabhangigen Geistesforschung. Aber bei 
jeder Gelegenheit soli darauf hingewiesen werden, daB alles, was der 
Geistesforscher erkunden und beobachten kann, in den Evangelien und 
namentlich im Johannes-Evangelium wiedergegeben wird. 

Es gibt ein merkwiirdiges Wort des groBen Mystikers Jakob Bohme. 
Uber das Wort wundern sich nur diejenigen, welche auBerhalb des Rah- 
mens der Geisteswissenschaft stehen. Jakob Bohme macht einmal dar- 
auf aufmerksam, daB er redet von den vergangenen Zeiten der Mensch- 
heitsentwickelung - etwa von der Personlichkeit des Adam - wie von 
Erlebnissen, die sich unmittelbar um ihn herum abspielen, und er sagt: 
Vielleicht konnte mancher fragen: Bist du denn dabei gewesen, als 
Adam auf der Erde wandelte? Und unumwunden antwortet Jakob 
Bohme : Jawohl, ich bin dabei gewesen ! - Und das ist ein merkwiirdiges 
Wort. Denn die Geisteswissenschaft ist tatsachlich in der Lage, das, was 



geschehen ist, und sei es auch vor noch so langen Zeiten, wirklich mit 
den Augen des Geistes zu beobachten. Ich mochte in der Einleitung nur 
mit einigen allgemeinen Worten darauf hinweisen, worauf das bemht. 

Alles, was in der sinnlich-physischen Welt geschieht, das hat ja sein 
Gegenbild in der geistigen Welt. Wenn sich eine Hand bewegt, so ist 
nicht nur das vorhanden, was Ihr Auge als die sich bewegende Hand 
sieht, sondern hinter der sich bewegenden Hand, hinter dem Augenbild 
der Hand liegt zum Beispiel mein Gedanke und mein Wille : die Hand 
soli sich bewegen. Es liegt iiberhaupt ein Geistiges dahinter. Wahrend 
das Augenbild, der sinnliche Eindruck derHandbewegung vorbeigeht, 
bleibt das geistige Gegenbild in der geistigen Welt eingeschrieben und 
hinterlaBt immer eine Spur, so daB wir, wenn wir das geistige Auge 
geoffnet haben, von alien Dingen^ die geschehen sind in der Welt, die 
Spuren verfolgen konnen, die da zuriickgeblieben sind von ihren gei- 
stigen Gegenbildern, Nichts kann geschehen in der Welt, ohne daft es 
solche Spuren gibt. 

Nehmen wir an, es laBt der Geistesforscher den Blick zuruckschwei- 
fen bis zu Karl dem GroBen oder bis in die romische Zeit oder in das 
griechische Altertum. Alles, was da geschehen ist, ist seinen geistigen Ur- 
bildern nach durch Spuren erhalten geblieben in der geistigen Welt und 
kann dort geschaut werden. Dieses Schauen der Spuren, welche alle Ge- 
schehnisse in der geistigen Welt zuriicklassen, nennt man das «Lesen 
in der Akasha-Chronik». Es gibt eine solche lebendige Schrift, die das 
geistige Auge sehen kann. Und wenn der Geistesforscher Ihnen die Er- 
eignisse von Palastina oder die Beobachtungen des Zarathustra be- 
schreibt, so beschreibt er nicht das, was in der Bibel, was in den Gathas 
stent, sondern er beschreibt, was er selbst in der Akasha-Chronik zu 
lesen versteht. Und dann wird eben nachgeforscht, ob das, was in der 
Akasha-Chronik entziffert worden ist, sich auch in den Urkunden, in 
unserm Falle in den Evangelien, findet. Es ist also gegeniiber den Ur- 
kunden ein vollig freier Standpunkt, den die Geistesforschung ein- 
nimmt. Gerade darum aber wird sie die eigentliche Richterin sein iiber 
das, was in den Urkunden vorkommt. Wenn uns aber in den Urkunden 
das gleiche entgegentritt, was wir in der Akasha-Chronik selbst zu ver- 
folgen in der Lage sind, dann ergibt sich fur uns, daB diese Urkunden 



wahr sind, und ferner, daB sie jemand geschrieben haben muB, der auch 
in die Akasha-Chronik zu schauen vermag. Viele der religidsen und 
anderen Urkunden des Menschengeschlechtes erobert die Geisteswis- 
senschaft auf diese Weise wieder. An einem besonderen Kapitel der 
Menschheitsentwickelung, an dem Johannes-EvangeHum und seiner 
Beziehung zu den anderen Evangelien wollen wir uns das, was jetzt ge- 
sagt worden ist, veranschaulichen. Aber Sie diirfen sich nicht vorstellen, 
daB die Akasha-Chronik, die geistige Geschichte, die wie ein aufge- 
schlagenes Buch vor dem geoffneten Auge des Sehers daliegt, etwa wie 
eine Schrift der gewohnlichen Welt ist. Eine Art lebendiger Schrift 
ist sie, und wir wollen versuchen, uns das an dem Folgenden klar- 
zumachen. 

Nehmen wir an, der Blick des Sehers schweift zuriick - sagen wir in 
die Zeit des Casar. Casar hat dies und das getan, und insofern er es auf 
dem physischen Plan getan hat, haben es seine Zeitgenossen gesehen. 
Alles hat eine Spur zuruckgelassen in der Akasha-Chronik. Wenn man 
aber zurucksieht als Seller, dann sieht man die Taten so, wie wenn man 
ein geistiges Schattenbild oder ein geistiges Urbild vor sich hatte. Den- 
ken Sie sich noch einmal die Bewegung der Hand. Das Augenbild kon- 
nen Sie als Seher nicht erblicken; aber die Absicht, die Hand zu bewe- 
gen, die unsichtbaren Krafte, welche die Hand bewegt haben, die wer- 
den Sie immer sehen. So ist alles zu sehen, was in den Gedanken des Ca- 
sar gelebt hat, sei es, daB er diese oder jene Schritte machen oder diesen 
oder jenen Kampf fuhren wollte. Alles, was die Zeitgenossen gesehen 
haben, ist ja aus seinen WiUensimpulsen hervorgegangen, hat sich ja 
realisiert durch die unsichtbaren Krafte, die hinter den Augenbildern 
stehen. Aber das, was hinter diesen Augenbildern stand, ist wirklich wie 
der wandelnde und handelnde Casar zu sehen, wie ein Geistesbild des 
Casar, wenn man zurtickblickt als geistiger Seher in die Akasha- 
Chronik. 

Nun konnte jemand, der in solchen Dingen nicht bewandert ist, sa- 
gen : Wenn ihr uns erzahlt von vergangenen Zeiten, so glauben wir, 
daB das alles nur Traumerei ist. Denn ihr kennt aus der Geschichte, was 
der Casar getan hat, und glaubt dann durch eure machtige Einbildung 
irgendwelche unsichtbaren Akasha-Bilder zu sehen. - Wer aber in die- 



sen Dingen bewandert ist, der weiB, daB es um so leichter ist, in der 
Akasha-Chronik zu lesen, je weniger man dieselben Dinge aus der 
auBeren Geschichte kennt. Denn die auBere Geschichte und ihre Kennt- 
nis ist geradezu eine Storung fur den Seher. Wenn wir an ein bestimmtes 
Lebensalter kommen, so haftet uns mancherlei Erziehung an aus un- 
serer Zeit heraus. Auch der Seher kommt mit der Erziehung seines Zeit- 
alters zu demjenigen Zeitpunkt, wo er sein seherisches Ich gebaren 
kann. Er hat gelernt aus der Geschichte, er hat gelernt, wie Geologie, 
Biologie, wie die Kulturgeschichte und Archaologie ihm die Dinge 
iiberliefern. Das alles stort eigentlich den Blick und kann ihn befangen 
machen fur das, was in der Akasha-Chronik zu lesen ist. Denn in der 
auBeren Geschichte darf man durchaus nicht etwa dieselbe Objektivitat 
suchen und dieselbe Sicherheit, die bei der Entzifferung der Akasha- 
Chronik moglich ist. Bedenken Sie nur einmal, wo von es in der Welt 
abhangt, daB dieses oder jenes « Geschichte » wird. Da sind von irgend- 
einem Ereignis diese oder jene Urkunden erhalten geblieben, wahrend 
andere, und vielleicht gerade die wichtigsten, abhanden gekommen 
sind. An einem Beispiel konnen wir sehen, wie unsicher alle Geschichte 
sein kann. 

Unter den mancherlei dichterischen Planen Goethes, die liegen ge- 
blieben sind, und die ja fur den, der sich naher auf Goethe einlaBt, eine 
schone Beigabe werden zu den groBen herrlichen Werken, die er uns 
abgeschlossen gegeben hat, unter diesen Planen befindet sich auch das 
Fragment einer Nausikaa-Dichtung. Er wollte eine Nausikaa dichten. 
Es sind aber nur wenige Skizzen vorhanden, wo er sich aufgeschrie- 
ben hat, wie er diese Dichtung ausfiihren wollte. So hat er ja vielfach 
gearbeitet, manchmal einige Satze hingeworfen, und oft ist nur wenig 
davon erhalten geblieben. So auch von der Nausikaa. Einige Zettel sind 
da, worauf einige Notizen stehen. Nun hat es zwei Menschen gegeben, 
die beide versucht haben, diese Nausikaa nachzudichten. Beide waren 
Forscher : der Literaturhistoriker Scherer und Herman Grimm. Aber Her- 
man Grimm war nicht nur ein Forscher, sondern auch ein phantasie- 
voller Denker; es ist derselbe, von dem auch die Schriften stammen 
«Das Leben Michelangelos » und iiber « Goethe ». Herman Grimm tat 
es, indem er versuchte, sich in den Geist Goethes hineinzufinden, und 



sich fragte : Wenn Goethe so und so war, wie wiir de er wohl dann eine 
solche Gestalt wie die in der Odyssee vorkommende Nausikaa aufge- 
faBt haben? Da hat er dann mit einer gewissen MiBachtung dieser 
historischen Urkunde eine Nausikaa in der Idee Goethes nachgedichtet. 
Scherer, der liberal 1 nach dem forschte, was schwarz auf weiB an Doku- 
menten vorhanden ist, sagte, eine Nausikaa Goethes darf man nur nach- 
konstruieren auf Grund des vorhandenen Materials. Und er versuchte 
ebenfalls eine Nausikaa zu konstruieren, aber nur aus dem, was sich aus 
diesen Zetteln ergab.Da sagte Herman Grimm: Wennes nun aber vor- 
gekommen ist, daB der Kammerdiener Goethes einige von den Zetteln, 
auf denen gerade etwas sehr Wichtiges stand, genommen hat und mit 
ihnen eingeheizt hat? Ist irgendeine Garantie gegeben, daB diese vor- 
handenen Zettel uberhaupt in Betracht kommen neben den anderen, 
mit denen vielleicht eingeheizt worden ist? 

So wie mit diesem Beispiel kann es mit aller Geschichte sein, die auf 
Urkunden gebaut ist. Und es geht sehr oft auch so. Wenn man auf Ur- 
kunden baut, darf man niemals auBer acht lassen, daB gerade die wich- 
tigsten zugrunde gegangen sein konnen. Daher haben wir in der Ge- 
schichte nichts anderes als eine « fable con venue ». Wenn aber der Seher 
diese « fable convenue» mitbringt und die Dinge in der Akasha-Chronik 
ganz anders sieht, dann hat er Miihe, an das Akasha-Bild zu glauben. 
Und die, welche zum auBeren Publikum gehoren, werden ihn dann an- 
fahren, wenn er aus der Akasha-Chronik irgendeine Sache anders er- 
zahlt. Daher ist es dem, der in diesen Sachen bewandert ist, am aller- 
liebsten, wenn er von alten Zeiten reden kann, von denen keine Urkun- 
den da sind, wenn er von langst vergangenen Entwickelungsstadien 
unserer Erde sprechen kann. Dariiber gibt es keine Urkunden. Da be- 
richtet die Akasha-Chronik am allertreuesten, weil man am wenigsten 
dabei durch die auBere Geschichte gestort wird. Aus diesen Bemerkun- 
gen mogen Sie entnehmen, daB niemand, der in solchen Sachen bewan- 
dert ist, je auf den Gedanken kommen wird, daB die Schilderungen der 
Akasha-Chronik irgendwie ein Nachklang dessen sein konnten, was 
man schon aus der auBeren Geschichte weiB. 

Wenn wir nun dem groBen Ereignis, iiber dessen Sinn wir gestern 
einige Andeutungen gemacht haben, nachforschen in der Akasha-Chro- 



nik, so finden wir in der Hauptsache das Folgende. Das ganze Men- 
schengeschlecht, soweit es auf der Erde lebt, stammt ab aus einem gei- 
stigen Reich, aus einem geistig-gottlichen Dasein. Wir konnen sagen: 
Bevor irgendwie die Moglichkeit vorhanden war, daB ein auBeres phy- 
sisches Auge Menschenkorper sah, irgendeine Hand Menschenkorper 
greifen konnte, war der Mensch als eine geistige Wesenheit vorhanden, 
und in den altesten Zeiten war er vorhanden als Teil der gdttlich-geisti- 
gen Wesenheiten. Er ist herausgeboren als ein Wesen aus gottlich-gei- 
stigen Wesenheiten. Die Gotter sind sozusagen die Vorfahren der Men- 
schen, und die Menschen sind die Nachkommen der Gotter. Die Gotter 
brauchten Menschen zu ihren Nachkommen, weil sie gewissermaBen 
nicht imstande waren, ohne solche Nachkommen herunterzusteigen in 
die physisch-sinnliche Welt. Die Gotter setzten damals in anderen Wel- 
ten ihr Dasein fort und wirkten von auBen herein auf den Menschen, 
der sich nach und nach auf der Erde entwickelte. 

Und nun muBten die Menschen von Stufe zu Stufe jene Hindernisse 
iiberwinden, die das Erdenleben bewirkte. Was sind das fur Hinder- 
nisse? 

Das ist ja das Wesentliche fur den Menschen, daB die Gotter geistig ge- 
blieben sind, und die Menschen als ihre Nachkommen physisch gewor- 
den sind. Der Mensch, der das Geistige nur als das Innerliche des Phy- 
sischen hatte und als auBeres Wesen physisch geworden war, muBte alle 
die Hindernisse, die eben das physische Dasein gab, uberwinden. Inner- 
halb des materiellen Daseins muBte er sich weiterbilden. Dadurch ent- 
wickelte er sich von Stufe zu Stufe herauf, wur de immer reifer und rei- 
fer, und dadurch wurde es ihm immer mehr und mehr moglich, sich 
hinaufzuwenden zu den Gottern, aus deren SchoB er herausgeboren ist. 
Also ein Heruntersteigen von den Gottern und ein Sich-wieder-Hinauf- 
wenden zu den Gottern, um die Gotter nach und nach wieder zu errei- 
chen und sich wieder mit ihnen zu vereinigen, das ist der Weg des Men- 
schen durch das Erdenleben. Damit der Mensch aber diese Entwicke- 
lung durchmachen konnte, muBten einzelne menschliche Individuali- 
taten immer etwas schneller als die andern sich entwickeln, den andern 
voraneilen, um deren Fuhrer und Lehrer zu werden. Solche Fiihrer und 
Lehrer stehen dann innerhalb der ubrigen Menschheit und finden sozu- 



sagen den Weg zu den Gottern friiher zuriick als die andern. So daB 
wir uns vorstellen konnen : In einem bestimmten Zeitalter haben die 
Menschen eine gewisse Entwickelungsreife erlangt; da ahnen sie viel- 
leicht nur den Riickweg zu den Gottern, aber haben es noch weit bis 
dahin. Es ist ein Funke dieses Gottlichen in dem Menschen, aber in den 
Fiihrern ist jeweilig mehr vorhanden. Sie stehen naher dem Gottlichen, 
das der Mensch wieder erreichen soil. Und das, was in diesen Fiihrern 
der Menschheit lebt, das erblickt derjenige, dessen Auge fur das Gei- 
stige geofTnet ist, als das Wesentliche und die Hauptsache an ihnen. 

Nehmen wir an, irgendein groBer Fiihrer der Menschheit stiinde vor 
einem andern Menschen, der diesem Fiihrer zwar nicht ebenbiirtig 
ware, aber doch iiber den Durchschnitt der Menschen hinausragte. 
Dieser Mensch, nehmen wir an, hat eine lebendige Empfindung dafiir, 
daB der andere ein groBer Fiihrer ist, daB das Geistige, das die iibrigen 
Menschen erlangen sollen, schon in einem hoheren Grade in ihm vor- 
handen ist. Wie wiirde solch ein Mensch diesen Fiihrer schildern? Er 
wiirde etwa sagen: Da steht vor mir ein Mensch, ein Mensch im physi- 
schen Leibe wie die andern. Aber der physische Leib ist das Unbedeu- 
tende an ihm, das kommt gar nicht in Betracht an ihm. Wenn ich aber 
das geistige Auge auf ihn richte, dann erscheint mir mit ihm verbunden 
ein machtiges Geistwesen, ein gottlich-geistiges Wesen. Und das ist so 
bedeutend, daB ich alle Aufmerksamkeit nur auf dieses gottlich-geistige 
Wesen lenke und nicht auf das, was physisch bei ihm erscheint wie an 
einem anderen Menschen. ~ So erofFnet sich dem geistigen Seher an 
einem Menschheitsfuhrer etwas, was an Wesenheit die ganze iibrige 
Menschheit iiberragt, und was er ganz anders beschreiben muB. Denn 
er beschreibt, was er mit dem geistigen Auge daran sieht. 

Diejenigen, welche heute die maBgebende Stimme in der OfFentlich- 
keit haben, die wiirden sich freilich iiber solch einen iiberragenden 
Menschheitsfiihrer lustig machen. Wir sehen ja, wie heute schon ver- 
schiedene Gelehrte damit anfangen, GroBen in der Menschheit vom 
psychiatrischen Standpunkt aus zu behandelnl Erkennen wiirden ihn 
nur diejenigen, welche ihren geistigen Blick gescharft haben. Die aber 
wiirden wis sen, daB er kein Narr oder Schwarmer ist, und auch nicht 
einfach ein «begabter Mensch », wie Wohlwollendere ihn vielleicht be- 



zeichnen, sondern daB er zu den groBten Gestalten des Menschheits- 
lebens im geistigen Sinne gehdrt. So wiirde es heute sein. Aber in der 
Vergangenheit war es doch noch etwas anders, und auch noch in einer 
Vergangenheit, die gar nicht so weit hinter uns liegt. 

Wir wissen ja, daB die Menschheit in bezug auf ihr BewuBtsein ver- 
schiedene Metamorphosen durchgemacht hat. Alle Menschen haben 
einstmals ein dumpfes, dammerhaftes Hellsehen gehabt. Selbst zu der 
Zeit, als der Christus gelebt hat, war das Hellsehen noch bis zu einem 
gewissen Grade entwickelt, und in fruheren Jahrhunderten noch mehr, 
wenn es auch nur noch ein Schattenbild von dem Hellsehen der atlan- 
tischen und der ersten nachatlantischen Zeiten war. Nach und nach ver- 
schwand erst das hellseherische BewuBtsein der Menschen. Es waren 
aber immer noch einige unter den Menschen verstreut, die es kannten, 
und auch heute noch gibt es solche, die «natur-hellsehend» sind, die 
ein dumpfes Hellsehen haben und daher unterscheiden konnen in bezug 
auf die geistige Wesenheit des Menschen. 

Nehmen wir die Zeit, in der fur das alte indische Volk der Buddha 
erschienen ist. Damals war es noch nicht so wie heute. Heute wiirde die 
Erscheinung eines Buddha, wenn sie noch gar in Europa geschahe, gar 
nicht irgendwie besonders respektiert werden. Aber zu Buddhas Zeiten 
war das anders. Denn es gab dazumal noch eine groBe Anzahl von Men- 
schen, die sehen konnten, was da eigentlich vorging: daB mit dieser 
Buddha-Geburt etwas ganz anderes geschehen war als mit irgendeiner 
andern gewohnlichen Geburt. In den Schriften des Morgenlandes, und 
gerade in denjenigen Schriften, die mit tiefstem Verstandnis diese Sache 
behandeln, wird die Buddha-Geburt im groBen Stile, mochte man sa- 
gen, beschrieben. Da wird erzahlt, daB « der GroBen Mutter Ebenbild » 
die Konigin Maya war, und daB ihr vorhergesagt worden war, sie 
wiirde ein machtiges Wesen zur Welt bringen. Als dann dieses Wesen 
geboren wurde, kam es als eine Friihgeburt auf die Welt, 

Sehr haufig ist das eines der Mittel, um ein bedeutendes Wesen in die 
Welt zu schicken: es eine Friihgeburt sein zu lassen, weil dann das 
menschliche Wesen, in das sich das hohere geistige Wesen verkorpern 
soil, sich nicht so griindlich mit der Materie vereinigt, als wenn es die 
vollstandige Reifezeit ausgetragen wird. 



Es wird nun weiter in den bedeutsamen Schriften des Morgenlandes 
berichtet, daB in demselben Augenblick, als der Buddha geboren wurde, 
er erleuchtet war, und die Augen sogleich aufschlug und sie nach den 
vier Hauptpunkten der Welt richtete, nach Norden, Siiden, Osten, We- 
sten. Und ferner wird uns gesagt, daB er sogleich sieben Schritte 
machte, und daB die Spuren dieser sieben Schritte eingegraben sind in 
den Boden, wo er sie machte. Und auch gesprochen hat er gleich, so 
wird uns gesagt, und die Worte, die er sprach, lauteten: «Dies ist das 
Leben, in welchem ich vom Bodhisattva zum Buddha werde, die letzte 
der Verkorperungen, die ich auf dieser Erde durchzumachen habe.» 

So sonderbar solch eine Mitteilung fur den materialistisch denken- 
den Menschen von heute erscheint,und so wenig man sie ohne weiteres 
materialistisch deuten darf, so wahr ist sie fur den, der die Dinge mit 
geistigen Augen zu schauen vermag. Und es waren eben damals noch 
Leute, die aus einer natiirlichen Hellsehergabe heraus geistig zu schauen 
vermochten, was mit dem Buddha geboren war. Es sind sonderbare 
Satze, die ich Ihnen aus morgenlandischen Schriften jetzt uber den 
Buddha mitgeteilt habe. Heute sagt man, das sei Sage und Mythe. Der- 
jenige aber, der diese Dinge versteht, der weiB, daB sich da etwas ver- 
birgt, was gegeniiber der geistigen Welt Wahrheit ist. Und solche Er- 
eignisse, wie die Buddha-Geburt, bedeuten nicht bloB etwas im engen 
Kreise der Personlichkeit, die da geboren ist, sondern sie bedeuten 
etwas fur die Welt, strahlen gleichsam geistige Krafte aus. Und die, 
welche noch in Zeiten lebten, als die Welt empfanglicher war fur gei- 
stige Krafte, die sahen, daB wirklich bei der Geburt des Buddha geistige 
Krafte ausgestrahlt wurden. 

Es ware sehr billig, wenn jemand jetzt sagen wollte: Warum ge- 
schieht denn das heute nicht mehr? Oh, es sind heute auch Wirkungen 
da, nur ist der Seher dazu notig, um sie zu sehen. Denn es gehort nicht 
bloB dazu, daB derjenige da ist, von dem die Krafte ausstrahlen, sondern 
auch der andere, der sie annimmt. In den Zeiten, als die Menschen noch 
spiritueller waren, waren sie auch noch empfanglicher fur solche Aus- 
strahlungen. Daher ist wieder eine tiefe Wahrheit dahinter, wenn uns 
gesagt wird, daB bei der Geburt des Buddha Krafte wirkten, die heilen- 
der und versohnender Natur waren. Das ist nicht bloB eine Sage, son- 



dern tiefe Wahrheiten stecken dahinter, wenn gesagt wird, daB damals, 
als der Buddha zur Welt kam, diejenigen, die sich vorher gehaBt hatten, 
jetzt sich in Liebe vereinten, die sich gestritten hatten, nun in Lobreden 
sich begegneten, und so weiter. 

Wer mit dem Auge des Sehers die Entwickelung der Menschheit 
iiberblickt, dem erscheint sie nicht wie einem Historiker als ein ebener 
Weg, der hochstens ein wenig von denen iiberragt wird, die man als 
historische Gestalten gelten laBt. DaB es auch Hohen und Berge gibt, 
das wollen die Menschen nicht zugeben, das vertragen sie nicht. Wer 
aber mit geistigen Augen die Welt iiberblickt, der weiB, daB es mach- 
tige Hohen, machtige Berge gibt, die iiber den Weg der iibrigen Mensch- 
heit hinausragen. Das sind eben die Fiihrer der Menschheit. 

Worauf beruht nun solche Fuhrerschaft der Menschheit? Eine solche 
Fuhrerschaft beruht darauf, daB der Mensch nach und nach die Stufen 
durchmacht, die ihn zum Leben in der geistigen Welt fuhren. Eine der 
Stufen haben wir gestern als die wichtigste gezeigt: die Geburt des 
hoheren, des geistigen Ich. Und wir haben gesagt, daB es Vorstufen und 
daB es Nachstufen gibt. Aus dem, was wir gestern gesagt haben, kon- 
nen Sie ersehen, daB dasjenige, was wir als das Christus-Ereignis be- 
zeichnen, die machtigste Erhebung in der Menschheitsentwickelung ist, 
und daB eine lange Vorbereitung notwendig war, damit sich das Chri- 
stus-Wesen in dem Jesus von Nazareth verkorpern konnte. Um diese 
Vorbereitungen zu verstehen, ist es notig, daB wir uns dieselbe Erschei- 
nung ein wenig im kleinen vor Augen fuhren. 

Nehmen wir an, ein Mensch tritt den geistigen Erkenntnispfad in 
irgendeiner Verkorperung an, das heiBt er macht irgendwelche von den 
tlbungen - von denen wir auch noch sprechen werden -, welche die 
Seele immer geistiger und geistiger gestalten, immer empfanglicher 
machen fur das Geistige und sie dem Zeitpunkt entgegenfuhren, wo 
sie das hohere, unvergangliche Ich gebiert, das in die geistige Welt hin- 
einschauen kann. Viele Erlebnisse macht der Mensch bis dahin durch. 
Nun darf man sich nicht vorstellen, daB der Mensch irgend etwas iiber- 
eilen kann in geistiger Beziehung. In Geduld und Ausdauer muB so 
etwas durchgemacht werden. Nehmen wir also an, ein Mensch beginnt 
mit einer solchen Entwickelung. Sein Ziel ist die Geburt des hoheren 



Ich. Aber er bringt es nur bis zu einer gewissen Stufe. Er erreicht ge- 
wisse Vorstufen zu der Geburt des hoheren Ich. Nun stirbt er und wird 
dann wiedergeboren. Jetzt kann zweierlei eintreten, wenn ein solcher 
Mensch, der in einer Verkorperung eine gewisse geistige Schulung 
durchgemacht hat, wiedergeboren wird. Entweder er kann den Drang 
fiihlen, sich wieder einen Lehrer zu suchen, um sich zeigen zu lassen, 
wie er rasch das wiederholt, was er vorher durchgemacht hat, und wie 
er zu den entsprechend hoheren Stufen hinauf kommt. Oder er sucht 
aus irgendwelchem Grunde keinen solchen Weg. Auch da wird sich 
sein Leben oft anders gestalten als bei einem andern Menschen. Bei 
einem Menschen, der etwas von dem Erkenntnispfad bereits durchge- 
macht hat, wird das Leben auch ganz von selbst etwas bringen, das sich 
ausnimmt wie Wirkungen der Erkenntnishohe, die er schon in der vor- 
hergehenden Verkorperung erreicht hat. Er wird anderes erleben, und 
die Erlebnisse werden einen anderen Eindruck auf ihn machen, als es 
bei anderen Menschen der Fall ist. Und dann wird er an solchen Erleb- 
nissen aufs neue erreichen, was er friiher durch sein Streben erlangt hat. 
In der friiheren Inkarnation muBte er von Punkt zu Punkt strebend tatig 
sein. Im nachsten Leben, wo ihm sozusagen wiederholentlich das Leben 
selbst bringt, was er friiher erstrebt hat, da tritt es gleichsam von auBen 
an ihn heran, und es kann sein, daB er in ganz anderer Form die Ergeb- 
nisse der friiheren Inkarnation erlebt. So kann es geschehen, daB ihm 
schon in der Kindheit in irgendeinem Erlebnis etwas entgegentritt, was 
auf sein ganzes Gemiit einen solchen Eindruck macht, daB die Krafte, 
die er sich in der vorherigen Inkarnation angeeignet hat, wieder in ihm 
erstehen. Nehmen wir an, ein solcher Mensch habe in einer Inkarnation 
eine bestimmte Stufe der Weisheitsentwickelung erlangt. In der nach- 
sten Inkarnation wird er wiedergeboren als ein Kind wie jeder andere. 
Aber mit sieben oder acht Jahren macht er irgend etwas Schweres 
durch. Das hat auf seine Seele die Wirkung, daB alles das wieder her- 
auskommt, was er sich friiher als Weisheit errungen hat, so daB er jetzt 
wieder auf der friiher erreichten Stufe stent und von da zu der nachsten 
hinanschreiten kann. Nun nehmen wir weiter an, er bemiihe sich jetzt, 
um einige Stufen weiter zu kommen. Er stirbt wieder. In der nachsten 
Inkarnation kann es wieder so gehen. Wieder kann ein auBeres Erlebnis 



an ihn herantreten, das ihn gleichsam auf die Probe stellt, wodurch 
dann wieder zutage kommt zuerst das, was er in der vorvorigen Inkar- 
nation sich erarbeitet hat, dann das, was er in der vorigen Inkarnation 
erlangt hat, und dann kann er wiederum eine Stufe hoher steigen. 

Sie sehen daraus, daB wir das Leben eines solchen Menschen, der 
schon friiher gewisse Stufen der Entwickelung durchschritten hat, nur 
begreifen, wenn wir solches in Rechnung ziehen. Da ist zum Beispiel 
eine Stufe, die man bald erreicht, wenn man erst auf dem Erkenntnis- 
wege strebt, das ist die Stufe des sogenannten heimatlosen Menschen, 
desjenigen Menschen, der hinauswachst iiber die unmittelbaren Vorur- 
teile der nachsten Umgebung, der frei wird von dem, was ihn an alien 
moglichen Gangelbanden der nachsten Umgebung zieht. Der Mensch 
braucht dadurch nicht pietatlos zu werden, er kann sogar um so pietat- 
voller sein. Aber er muB frei sein von den Banden der nachsten Umge- 
bung. Nehmen wir den Fall, daB ein solcher Mensch in einem Stadium 
stirbt, wo er sich hindurchgearbeitet hat zu einer gewissen Freiheit und 
Unabhangigkeit. Nun wird er wiedergeboren, und da kann es sein, daB 
verhaltnismaBig friih ein Erlebnis auftritt, wodurch das Gefiihl der 
Freiheit und Unabhangigkeit wiedergeboren wird. Gewohnlich ge- 
schieht es dadurch, daB der BetrefFende seinen Vater oder irgendeinen, 
mit dem er sonst verbunden ist, verliert, oder auch, daB dieser Vater 
sich nicht gut gegen ihn benimmt, ihn vielleicht verstoBt oder derglei- 
chen mehr. Das teilen uns getreulich die Sagen der verschiedenen Vol- 
ker mit; denn in diesen Dingen sind die Mythen und Sagen der Volker 
wirklich weiser als die heutige Wissenschaft. Da werden Sie iiberall den 
Typus flnden, daB der Vater den Auftrag gibt, daB das Kind ausgesetzt 
werde ; das Kind wird von Hirten aufgefunden, wird von ihnen genahrt, 
aufgezogen und spater zu seinem Beruf zuruckgebracht, wie zum Bei- 
spiel Chiron, Romulus und Remus. Um das wiedererstehen zu lassen, 
was sie sich in friiheren Inkarnationen bereits errungen hatten, dazu 
sollten sie sozusagen durch den Verrat ihrer Heimat an ihnen selber ge- 
langen. Auch die Sage von der Aussetzung des Odipus gehort dahin. 

Nun konnen Sie sich auch denken, daB, je weiter der Mensch ist - sei 
es auf der Stufe der Geburt seines hoheren Ich, oder dariiber hinaus -, 
desto reicher an Erlebnissen auch sein Leben sein muB, damit er dahin 



kommt, daB er wieder ein neues Erlebnis durchmacht, das er fruher 
noch nicht hatte. 

Derjenige, welcher jene machtige Wesenheit, die wir den Christus 
nennen, in sich verkdrpern sollte, konnte diese Mission natiirlich nicht 
in einem beliebigen Lebensalter iibernehmen. Dazu muBte er erst nach 
und nach reif werden. Kein gewohnlicher Mensch konnte das iiberneh- 
men. Das muBte schon eirier sein, der durch viele Leben hindurch hohe 
Grade der Einweihung erlangt hatte. Was da geschehen muBte, das er- 
zahlt uns treulich die Akasha-Chronik. Sie berichtet uns, wie durch 
viele Leben hindurch eine Individuality von Stufe zu Stufe gestrebt 
hat zu hohen Einweihungsgraden. Dann wurde sie wiedergeboren, und 
nun machte sie in dieser irdischen Verkorperung Erlebnisse durch, die 
zunachst vorbereitend waren. Aber in dem, was sich da verkorpert 
hatte, lebte bereits eine Individualist, welche hohe Stufen durchge- 
macht hatte. Ein Eingeweihter war es, der dazu bestimmt war, in einem 
spateren Zeitpunkt seines Lebens die Christus-Individualitat in sich 
aufzunehmen. Die Erlebnisse, die nun dieser Eingeweihte zunachst hat, 
sind Wiederholungen seiner fruheren Einweihungsstufen. Dadurch 
wird aus der Seele alles das herausgeholt, wozu sich diese Seele fruher 
aufgeschwungen hat. 

Nun wissen wir : Der Mensch besteht aus dem physischen Leib, dem 
Atherleib, dem astralischen Leib und dem Ich. Wir wissen aber auch, 
daB im Verlaufe des Menschenlebens zunachst mit der physischen Ge- 
burt nur der physische Leib des Menschen geboren wird, daB dann 
bis zum 7. Jahre der Atherleib des Menschen noch umgeben ist mit 
einer Art Ather-Mutterhulle, und mit dem 7. Jahre, mit dem Zahnwech- 
sel, diese Ather-Mutterhulle ebenso zuriickgestoBen wird wie die phy- 
sische Mutterhiille, wenn der physische Leib in die auBere physische 
Welt hineingeboren wird. Dann spater mit der Geschlechtsreife wird 
in ahnlicher Weise eine astralische Hiille hinweggestoBen, und der 
astralische Leib wird geboren. Mit dem 21. Jahre ungefahr wird dann 
das Ich geboren, aber auch wieder nur nach und nach. 

Nachdem wir durchgegangen haben die Geburt des physischen Lei- 
bes, die des Atherleibes mit dem 7. Jahre, des astralischen Leibes mit 
dem 14. bis 15. Jahre, haben wir in ahnlicher Weise eine Geburt der 



Empfindungsseele, der Verstandesseele und der BewuBtseinsseele zu 
beachten ; und 2 war wird mit dem 2 1 . Jahre ungefahr die Empfindungs- 
seele geboren, mit dem 28. Jahre die Verstandesseele und ungefahr mit 
dem 3 5. Jahre die BewuBtseinsseele. 

Nun werden wir sehen, daB die Christus-Wesenheit in einem Men- 
schen der Erde sich nicht fruher verkorpern konnte, nicht friiher Platz 
haben konnte in diesem Menschen, als bis die Verstandesseele vollstan- 
dig geboren war. Es konnte also die Christus-Wesenheit in jenem Ein- 
geweihten, in den sie hineingeboren wurde, nicht vor dem 28. Jahre sich 
verkorpern. Das zeigt uns auch die geistige Forschung. Zwischen dem 
28. und dem 35. Jahre zog die Christus-Wesenheit ein in diejenige In- 
dividualitat, die als ein groBer Eingeweihter die Erde betrat, und dann 
nach und nach unter dem Glanze, unter dem Lichte dieser groBen We- 
senheit alles das entwickelte, was der Mensch sonst ohne diesen Glanz, 
ohne dieses Licht entwickelt, namlich den Atherleib, den astralischen 
Leib, die Empfindungsseele und die Verstandesseele. So konnen wir also 
sagen : Bis zu diesem Lebensalter haben wir in dem, der berufen war, 
der Christus-Trager zu werden, einen groBen Eingeweihten vor uns, 
der nach und nach die Eilebnisse durchmacht, welche endlich alles das 
herausbringen, was er in friiheren Inkarnationen erlebt und sich erar- 
beitet hat an Eroberungen der geistigen Welt. Dann tritt fur ihn die 
Moglichkeit ein, sich zu sagen : Jetzt bin ich da, ich opfere alles hin, was 
ich habe. Ich will kein selbstandiges Ich welter sein, Ich mache mich 
zum Trager des Christus. Der soil in mir wohnen, und von jetzt ab in 
mir alles sein ! 

Diesen Zeitpunkt, in dem der Christus sich in eine Personlichkeit der 
Erde verkorperte, deuten alle vier Evangelien an. Mogen sie auch sonst 
Verschiedenheiten haben, diesen Zeitpunkt, in dem der Christus in den 
groBen Eingeweihten gleichsam hineinschlupft, den deuten alle vier 
Evangelien an: Es ist die Johannes-Taufe. In jenem Augenblick, den 
der Schreiber des Johannes-Evangeliums so klar bezeichnet, indem er 
sagt, daB der Geist herunterstieg in der Gestalt einer Taube und sich 
vereinigte mit dem Jesus von Nazareth, da haben wir die Geburt des 
Christus, da wird in der Seele des Jesus von Nazareth der Christus als 
ein neues, hoheres Ich geboren. Bis dahin hat ein anderes Ich, das eines 



groBen Eingeweihten, sich so weit entwickelt, daB es reif war zu diesem 
Ereignis. 

Und wer sollte geboren werden in die Jesus von Nazareth- Wesen- 
heit? 

Das haben wir gestern bereits angedeutet : der Gott, der von Anfang 
an da war, der sich sozusagen in der geistigen Welt gehalten hat und die 
Menschen sich einstweilen entwickeln lieB, der sollte jetzt herunter- 
steigen und sich in dem Jesus von Nazareth verkorpern. - Deutet uns 
etwa der Schreiber des Johannes-Evangeliums das an? - Wir brauchen 
nur einmal in dieser Beziehung die Worte des Evangeliums ernst zu 
nehmen. Lesen wir zu diesem Zwecke den Anfang des Alten Testa- 
mentes : 

«Im Anfange (oder im Urbeginne) schuf Gott Himmel und Erde. 
Und die Erde war wiist und leer, und es war wirre und finster uber 
dem Abgrund. Und der gottliche Geist schwebte liber den Wassern. » 

Stellen wir uns die Situation vor : Der Geist Gottes schwebte uber 
den Wassern. Unten stent die Erde mit ihren Reichen als den Nachfol- 
gern des gottlichen Geistes. Unter ihnen entwickelt sich eine Individua- 
list so weit, daB sie diesen Geist, der uber den Wassern schwebte, in sich 
aufnehmen kann. Was sagt der Schreiber des Johannes-Evangeliums? 
Er sagt uns, daB der Taufer Johannes erkannt hat, daB die entspre- 
chende Wesenheit da war, von der im Alten Testament die Rede ist. Er 
sagt: «Ich sah, daB der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel, 
und blieb auf ihm.» Er wuBte, wenn der Geist auf einen herabfahrt, 
dann ist das der, der da kommen soli: der Christus. Da haben Sie den 
Anfang der Weltentwickelung, den \iber den Wassern schwebenden 
Geist, da haben Sie den mit dem Wasser taufenden Johannes und den 
Geist, der erst uber den Wassern schwebte, der jetzt in die Individuali- 
st des Jesus von Nazareth hineinfahrt. Man kann nicht in grandioserer 
Weise, als der Schreiber des Johannes-Evangeliums es tut, das Ereignis 
von Palastina ankniipfen an jenes andere Ereignis, das im Anfange 
derselben Urkunde erzahlt wird, an welche das Evangelium sich an- 
schlieBt. 

Aber auchin anderer Weise kniipft der Schreiber des Johannes-Evan- 



geliums an diese alteste Urkunde an. Er tut es gerade mit den Worten, 
mit denen er ausdriickt, daB sich mit dem Jesus von Nazareth dasselbe 
verbindet, was von Anfang an geschaffen hat an aller Erdenentwicke- 
lung. Wir wissen ja, daB die ersten Worte im Johannes-Evangelium 
heiBen: 

«Im Urbeginne war das Wort (oder der Logos), und das Wort (oder 
der Logos) war bei Gott, und ein Gott war das Wort (oder der 
Logos). » 

Was ist der Logos? und wie war er bei Gott? Nehmen wir einmal 
den Anfang des Alten Testamentes da, wo wir diesen Geist vor uns ha- 
ben, von dem es heiBt : 

«Und der gottliche Geist schwebte iiber den Wassern. Und der gott- 
liche Geist rief : Es werde Licht! Und es ward Licht.» 

Halten wir das fest, und driicken wir das jetzt etwas anders aus. H6- 
ren wir zu, wie der gottliche Geist das Schopfungswort durch die Welt 
ruft. Was ist es, das Wort? Im Urbeginne war der Logos, und der gott- 
liche Geist rief, und es geschah das, was der Geist rief. Das heiBt: In 
dem Wort war Leben. Denn wenn nicht Leben darinnen gewesen ware, 
so hatte es nicht geschehen konnen. Und was geschah? Es wird erzahlt : 

«Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht. » 

Und jetzt nehmen wir wieder das Johannes-Evangelium. 

«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein 
Gott war das Wort.» 

Nun war das Wort hineingestromt in die Materie, war da gleichsam 
die auBere Gestalt der Gottheit geworden. 

«In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.» 

So kniipft der Schreiber des Johannes-Evangeliums direkt an die 
alteste Urkunde an, an die Genesis. Nur mit etwas anderen Worten deu- 
tet er auf denselben gottlichen Geist hin. Und dann macht er uns klar, 
daB es der gottliche Geist ist, der dann erscheint in dem Jesus von Naza- 



reth. Darin ist der Schreiber des Johannes-Evangeliums mit den an- 
deren Evangelisten einig, daB mit der Johannes-Taufe des Jesus von 
Nazareth der Christus in dem Jesus von Nazareth geboren wird, und 
daB der Jesus von Nazareth vorher sich wohl dazu vorzubereiten hatte. 
Und wir miissen uns dariiber klar sein, daB alles, was uns vom Leben 
des Jesus von Nazareth vorher erzahlt wird, nichts anderes ist als eine 
Summe von Erlebnissen, die uns seinen Aufstieg in die hoheren Welten 
in fruheren Inkarnationen darlegen, wie er alles, was er in sich hatte, in 
seinem astralischen Leib, seinem Atherleib und seinem physischen 
Leib, nach und nach zubereitet hat, um endlich den Christus aufnehmen 
zu konnen. 

Derjenige, welcher das Lukas-Evangelium geschrieben hat, sagt so- 
gar in etwas paradigmatischen Worten, daB der Jesus von Nazareth sich 
in jeglicher Beziehung vorbereitet hat auf dieses groBe Ereignis, auf die 
Geburt des Christus in ihm. Welches die einzelnen Erlebnisse sind, die 
ihn heraufgefiihrt haben bis zu dem Christus-Erlebnis, davon wollen 
wir morgen sprechen. Heute wollen wir noch darauf hinweisen, wie der 
Schreiber des Lukas-Evangeliums mit einem einzigen Satze sagt: Der, 
der den Christus aufgenommen hat, hat sich wohl vorbereitet in den 
vorhergehenden Jahren. In seinem astralischen Leib ist er so tugendvoll 
und edel und weise geworden, wie er werden muBte, damit der Chri- 
stus in ihm geboren werden konnte. Und auch seinen Atherleib hat er 
so reif gemacht und seinen physischen Leib so geschmeidig und schon, 
daB der Christus in ihm sein konnte. 

Man braucht das Evangelium nur richtig zu verstehen. Nehmen wir 
im zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums den 5 2. Vers. Freilich so, 
wie dieser Vers in den gewohnlichen Bibeln steht, wird er nicht das sa- 
gen, was ich jetzt eben gesagt habe. Dort heiBt dieser 5 2. Vers des zwei- 
ten Kapitels: «Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei 
Gott und den Menschen.» Man mochte ja noch einigen Sinn damit ver- 
binden, wenn ein solcher Mensch, wie der Schreiber des Lukas-Evan- 
geliums, von Jesus von Nazareth sagt, daB er zunahm an Weisheit. 
Wenn er aber dann als ein wichtiges Ereignis erzahlt, daB er an « Alter » 
zunahm, so ist das nicht ohne weiteres verstandlich, derm das ist doch 
etwas, was man nicht besonders hervorzuheben braucht. DaB es den- 



noch geschieht, deutet darauf hin, daB hier noch etwas anderes vorlie- 
gen muB. Nehmen wir einmal den 5 2. Vers des zweiten Kapitels im 
Urtext: 

xal 'Irjcrou? 7rpo£X07TT£V sv ryj coyly, xai Y]Xtx£a xod x^P tTt Tcapa &£G> 
xal avO-pco7CQt<;. 

Das ist in Wirklichkeit aber folgendes : «Er nahm zu an Weisheit », 
das heiBt, er bildete seinen astralischen Leib aus. Wer da weiB, an was 
der griechische Geist bei dem Worte yjXixia (helikia) dachte, der kann 
Ihnen sagen, daB hier jene Entwickelung gemeintist, die der Atherleib 
durchmacht, wodurch Weisheit allmahlich zur Fertigkeit wird. Sie wis- 
sen, daB der astralische Leib die Eigenschaften ausbildet, die zum ein- 
maligen Gebrauch da sind; das heiBt, man versteht einmal etwas und 
hat es verstanden. Der Atherleib bildet das, was er entwickelt, als Ge- 
wohnheiten, Neigungen und Fertigkeiten aus. Durch immerwahrende 
Wiederholung geschieht es. Das, was Weisheit ist, wird zur Gewohn- 
heit. Man fuhrt es aus, weil es einem in Fleisch und Blut iibergegangen 
ist. Also dieses Zunehmen an «Reife» bedeutet es. Ebenso wie der 
astralische Leib an Weisheit, so ist der Atherleib gewachsen an edlen 
Gewohnheiten, an Gewohnheiten zum Guten, Edlen und Schonen. 
Und das dritte, woran der Jesus von Nazareth zunahm, x^P 1 ? (charis), 
heiBt in Wirklichkeit das, was als Schonheit sich offenbart und sichtbar 
wird. Alle anderen Ubertragungen sind nicht richtig. Wir miissen uber- 
setzen, daB er zunahm an «anmutiger Schonheit », daB sich alsoauch 
sein physischer Leib schon und edel bildete : 

«Und Jesus nahm zu an Weisheit (in seinem astralischen Leibe), an 
reifen Neigungen (in seinem Atherleibe), und an anmutiger Schon- 
heit (in seinem physischen Leibe), so daB das sichtbar war Gott und 
den Menschen.» 

Da haben Sie die Schilderung des Lukas, die uns zeigt, wie er wuBte, 
daB derjenige, welcher den Christus in sich aufnehmen sollte, die drei- 
fache Hiille, den physischen Leib, Atherleib und astralischen Leib, zur 
hochsten Entfaltung auszubilden hatte. 

Auf diese Weise werden wir erkennen, daB man in den Evangelien 



wiederfinden kann, was die Geisteswissenschaft, unabhangig von den 
Evangelien, sagt. Dadurch ist die Geisteswissenschaft gerade eine Kul- 
turstromung, die uns die religiosen Urkunden wiedererobert, und diese 
Wiedereroberung wird nicht nur ein Ereignis des menschlichen Wis- 
sens und Erkennens sein, sondern eine Erobemng des Gemutes und des 
Vet standnisses, in Gefuhi und Empfindung. Und ein solches Verstand- 
nis brauchen wir besonders, wenn wir dieses Ereignis, den Einschlag 
des Christus in die Menschheitsentwickelung, begreifen woUen. 



DRITTER VORTRAG 



Kassel, 26.Juni 1909 



Diejenigen von Ihnen, welche wiederholt Vortragszyklen oder iiber- 
haupt Vortrage aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft von mir ge- 
hort haben, sie haben das eine oder das andere aus den Tatsachen der 
hoheren Welten schon von den verschiedensten Seiten her dargestellt 
bekommen. Und die eine oder die andere Wesenheit, die eine oder die 
andere Tatsache ist uns entgegengetreten in dem einen oder in dem 
andern Gebiet und wurde dann immer von dieser oder jener Seite her 
beleuchtet. Es kann dabei vorkommen - und ich mochte insbesondere 
heute darauf hinweisen, damit nicht MiBverstandnisse einreiBen -, daB 
scheinbar, obenhin'betrachtet, Widerspriiche vorhanden sind, wenn 
diese oder jene Wesenheit, diese oder jene Tatsache einmal von der 
einen, ein anderes Mai von der andern Seite beleuchtet wird. Wenn Sie 
aber genau zusehen, dann werden Sie finden, daB gerade durch eine 
solche verschiedenartige Beleuchtung die komplizierten Tatsachen der 
geistigen Welten erst klar werden konnen. Ich muBte das sagen, weil ich 
gewisse Tatsachen, welche dem weitaus groBten Teil der heutigen Zu- 
horer von einer gewissen Seite her schon bekannt sind, heute wiederum 
zum Teil von einer neuen Seite her werde beleuchten mussen. Gerade 
wenn wir die tiefste Urkunde des Neuen Testamentes nehmen, die un- 
ter dem Namen des Evangeliums nach Johannes bekannt ist, und die 
bedeutungsvollen Worte lesen, mit denen wir unsere gestrige Betrach- 
tung geschlossen haben, dann wird uns ja bald klar, daB schier unendli- 
che Geheimnisse des Weltenwerdens und des Menschenwerdens schon 
in diesen ersten Worten des Johannes-Evangeliums liegen. Wir werden 
vielleicht noch im Laufe unserer Betrachtungen Gelegenheit haben, zu 
zeigen, warum die groBen Darsteller der geistigen Ereignisse oftmals 
gerade die groBen, umfassenden Wahrheiten in kurzer, paradigmati- 
scher Art zum Ausdruck bringen, wie das in den ersten Versen des Jo- 
hannes-Evangeliums geschehen ist. Heute wollen wir in einer anderen 
Weise, als das gestern geschehen ist, auf gewisse bekannte Tatsachen 
der Geisteswissenschaft zuriickkommen und sehen, wie sie uns in dem 



Johannes-Evangelium wieder entgegentreten. Die verhaltnismaBig 
einfachsten Tatsachen der Geisteswissenschaft sollen es sein, von de- 
nen wir ausgehen. 

Von dem Menschen, wie er in seinem alltaglichen Lebenszustande 
vor uns stent, wissen wir, daB er aus vier Gliedern besteht : dem physi- 
schen Leib, dem Ather- oder Lebensleib, dem astralischen Leib und dem 
Ich. Wir wissen, daB das tagliche Leben des Menschen so wechselt, daB 
er vom Morgen, da er aufwacht, bis zum Abend, da er einschlaft, diese 
vier Glieder seiner Wesenheit organisch miteinander verbunden, inein- 
ander hat. Wir wissen, daB, wenn der Mensch nachts schlaft, der phy- 
sische Leib und der Atherleib im Bette liegen, und daB herausgehoben 
sind aus dem physischen Leib und dem Atherleib der astralische Leib 
und der Ich-Trager, oder das Ich kurzweg. 

Nun miissen wir uns eines heute ganz besonders klarmachen. Wenn 
wir einen Menschen vor uns haben in dem jetzigen Entwickelungszu- 
stand, so haben wir diese Vierheit, physischen Leib, Atherleib, astrali- 
schen Leib und Ich, als eine ineinandergefugte Notwendigkeit. Wenn 
wir dann in der Nacht diesen Menschen im Bette liegen sehen, und da 
nur der physische Leib und der Atherleib im Bette liegen, so hat gewis- 
sermaBen dieser im Bette liegende Mensch den Wert einer Pnanze. 
Denn die Pnanze, wie sie uns in der auBeren Welt erscheint, besteht ja 
aus dem physischen Leib und dem Ather- oder Lebensleib ; sie hat in 
sich keinen astralischen Leib und kein Ich. Dadurch unterscheidet sie 
sich vom Tier und vom Menschen. Das Tier erst hat einen astralischen 
Leib, und der Mensch erst hat ein Ich in sich. Daher konnen wir sagen : 
Vom Abend bis zum Morgen liegen im Bette der physische Leib und 
der Atherleib vom Menschen ; da ist er gleichsam ein Wesen wie eine 
Pnanze und doch wieder nicht wie eine Pnanze. Das miissen wir uns 
klarmachen. 

Wenn eine freie Wesenheit, eine selbstandige Wesenheit heute exi- 
stiert, die keinen astralischen Leib und kein Ich hat, die bloB besteht aus 
physischem Leib und Atherleib, dann muB sie aussehen wie eine Pnanze, 
dann muB sie eine Pflanze sein. Der Mensch ist aber, wenn er im Bette 
liegt, iiber den Wert der Pflanze hinausgewachsen, weil er im Laufe der 
Entwickelung zu seinem physischen Leib und seinem Atherleib hinzu- 



fugte den astralischen Leib, den Trager von Lust und Leid, Freude und 
Schmerz, von Trieb, Begierde und Leidenschaft, und hinzufiigte den 
Ichtrager. Jedesmal aber, wenn ein hdheres Glied zu einer Wesenheit 
hinzugefiigt wird, andert sich auch bei dieser Wesenheit alles an den 
niederen Gliedern. Wiirde man zu der Pflanze, wie sie uns heute als ein 
Wesen drauBen in der Natur entgegentritt, hinzufugen einen astrali- 
schen Leib, wiirde ein astraUscher Leib diePflanze nicht bloB oben um- 
saumen, sondern sie durchdringen, so wiirde das, was wir in der Pflari- 
zensubstanz die Pflanze durchdringen sehen, tierisches Fleisch werden 
miissen. Denn der emdringende astralische Leib verwandelt eben die 
Pflanze so, daB die Substanz tierisches Fleisch wird. Und entsprechend 
ahnlich muBte die Pflanze umgestaltet werden, wenn sie in der physi- 
schen Welt ein Ich in sich hatte. Daher konnen wir auch sagen : Wenn 
wir ein Wesen vor uns haben, das wie der Mensch nicht nur den physi- 
schen Leib hat, sondern unsichtbare, hohere, iibersinnliche Glieder sei- 
ner Natur, so finden sich die ubersinnlichen Glieder in den niedersten 
Gliedern ausgedriickt. So wie Ihre inneren Seeleneigenschaften ober- 
flachlich ausgedriickt sind in Ihren Gesichtsziigen, in Ihrer Physiogno- 
mic, so ist Ihr physischer Leib auch ein Ausdruck fur die Arbeit des 
astralischen Leibes und des Ich. Und der physische Leib stellt nicht nur 
sich selbst dar, sondern er stellt auch einen physischen Ausdruck dar 
der physisch unsichtbaren Glieder des Menschen. 

So ist des Menschen Driisensystem und alles, was wir dazu zahlen, 
ein Ausdruck des Atherleibes im Menschen. Alles, was wir zum Nerven- 
system zahlen, ist ein Ausdruck des astralischen Leibes, und alles, was 
wir zum Blutsystem zahlen, ein Ausdruck seines Ichtragers. Also im 
physischen Leibe selber haben wir wieder eine Vierheit zu unterschei- 
den, und nur der, welcher einer grobsinnlichen Weltanschauung hul- 
digt, kann die verschiedenen Substanzen im menschlichen physischen 
Leibe als gleichwertig bezeichnen. Was uns als Blut durchpulst, ist eine 
solche Substanz dadurch geworden, daB in dem Menschen ein Ich 
wohnt. Das Nervensystem ist so gestaltet und von einer solchen Sub- 
stanz, weil uns im Menschen ein astralischer Leib entgegentritt. Und 
das Driisensystem ist so geworden dadurch, daB im Menschen ein 
Atherleib ist. Wenn Sie das beachten, werden Sie leicht einsehen, daB 



im Grunde genommen das Menschenwesen vom Abend, wo der 
Mensch einschlaft, bis zum Morgen, wo er aufwacht, ein in sich wider- 
spruchsvolles Wesen ist. Man mochte sagen, es sollte eine Pflanze sein, 
ist aber doch keine Pflanze. Denn eine Pflanze hat nicht in ihrer physi- 
schen Substanz den Ausdruck des astralischen Leibes, das Nervensy- 
stem, und auch nicht den Ausdruck des Ichs, das Blutsystem. Eine sol- 
che physische Wesenheit, wie es der Mensch ist, mit Driisen-, Nerven- 
und Blutsystem, kann nur bestehen, wenn in ihr sich findet ein Ather- 
leib, ein astralischer Leib und ein Ich. 

Nun verlassen Sie aber als Mensch in bezug auf Ihren astralischen 
Leib und Ihr Ich in der Nacht Ihren physischen Leib und Ihren Ather- 
leib. Sie verlassen sie sozusagen schnode, machen sie zu einem in sich 
widerspruchsvollen Wesen. Wenn hier nichts Geistiges geschehen 
wiirde von Ihrem Einschlafen an bis zum Aufwachen und Sie bloB 
Ihren astralischen Leib und Ihr Ich herausziehen wiirden aus physi- 
schem Leib und Atherleib, dann wiirden Sie Ihr Nerven- und Ihr Blut- 
system am Morgen zerstort finden, denn die konnen nicht bestehen, 
wenn sie nicht einen astralischen Leib und ein Ich in sich haben. Daher 
geschieht, wahrnehmbar fur das hellseherische BewuBtsein, das Fol- 
gende. 

In dernselben MaBe, als sich Ich und astralischer Leib herausziehen, 
sieht der Hellseher, wie ein gottliches Ich und ein gottlicher astralischer 
Leib hineintreten in den Menschen. In der Tat ist auch in der Nacht, 
vom Einschlafen des Menschen bis zum Aufwachen, ein astralischer 
Leib und ein Ich, oder wenigstens ein Ersatz dafur, im physischen Lei- 
be und Atherleibe. Wenn des Menschen Astralisches sich herauszieht, 
zieht ein hoheres Astralisches in den Menschen hinein, um ihn zu er- 
halten bis zum Aufwachen, und ebenso ein Ersatz fur das Ich. Daraus 
sehen Sie also, daB im Bereiche unseres Lebens, in der Sphare unseres 
Lebens, noch andere Wesenheiten am Werke sind, als sich zunachst in- 
nerhalb der physischen Welt zum Ausdruck bringen. In der physischen 
Welt bringen sich zum Ausdruck die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere, 
die Menschen. Diese Menschen sind zunachst innerhalb unserer physi- 
schen Sphare die hochsten der Wesenheiten. Sie allein haben einen phy- 
sischen Leib, einen Atherleib, einen astralischen Leib und ein Ich. 



Aus der Tatsache, daB in der Nacht der astralische Leib und das Ich 
sich herausziehen aus physischem Leib und Atherleib, daraus konnen 
Sie entnehmen, daB der astralische Leib und das Ich eine gewisse Selb- 
standigkeit heute noch haben, daB sie sozusagen sich absondern und 
eine gewisse Zeit des alltaglichen Lebens so abgesondert von dem 
physischen und atherischen Trager leben konnen. 

Es zeigt sich uns also in der Nacht folgendes. Ebenso wie der mensch- 
liche physische Leib und der menschliche Atherleib bei Tag Trager 
sind des menschlichen Ich und des menschlichen astralischen Leibes - 
also gerade der innerlichsten Glieder des Menschen werden sie des 
Nachts Trager oder Tempel von hoheren astralischen und Ich-Wesen- 
heiten. Jetzt sehen wir das, was im Bette Hegt, anders an, denn darin- 
nen ist ja auch vorhanden ein Astralisches, aber ein gottlich-geistiges 
Astralisches, und auch ein Ich, aber ein gottlich-geistiges Ich. Wir 
konnen in gewisser Weise sagen: Wahrend der Mensch schlaft in be- 
zug auf seinen astralischen Leib und sein Ich, wachen in ihm und er- 
halten aufrecht das Gefuge seiner Organisation diese Wesenheiten, die 
nun auch zum Bereiche unseres Lebens gehoren, die einziehen in unse- 
ren physischen Leib und Atherleib, wenn wir diese letzteren verlassen. 
Eine solche Tatsache kann uns viel lehren; und insbesondere, wenn 
wir sie zusammenhalten mit gewissen Beobachtungen des Hellsehers, 
kann sie uns manchen AufschluB geben iiber die Entwickelung des 
Menschen. Wir wollen gerade diese Tatsache des Unterschiedes zwi- 
schen Wachen und Schlafen einmal mit den groBen geistigen Ent- 
wickelungstatsachen in Zusammenhang bringen. 

Zwar erscheinen des Menschen astralischer Leib und des Menschen 
Ich als die hochsten, als die innerlichsten Glieder der Menschennatur, 
aber keineswegs zeigen sie sich als die vollkommensten. Vollkommener 
als der astralische Leib ist ja schon fur eine oberflachliche Betrachtung 
der physische Leib. Ich habe ja auch hier schon vor zwei Jahren dar- 
auf hingewiesen, wie der physische Leib des Menschen uns immer be- 
wundernswerter erscheint in bezug auf sein ganzes Gefuge, je mehr 
wir in ihn hineinschauen. An dem Wunderbau des menschlichen Her- 
zens und des menschlichen Gehirnes kann nicht nur der Verstand sein 
ramniertes intellektuelles Erkenntnisbedurfnis befriedigen, wenn er sie 



anatomisch untersucht, sondern derjenige, der mit seiner Seele an sie 
herangeht, empfindet sein asthetiscb.es und moralisches Gefuhl geho- 
ben, wenn er sich sagen kann, welche erhabenen, weisheitsvollen Ein- 
richtungen in diesem physischen Leibe sind. 

So weit ist der astralische Leib heute noch nicht. Er ist der Trager 
von Lust und Leid, Trieben, Begierden und Gemissen und so weiter, 
und wir miissen uns sagen, daB der Mensch in bezug auf seine Begier- 
den zu allerlei Dingen in der Welt greift, die durchaus nicht dazu dienen, 
die weisheitsvollen und kunstvollen Einrichtungen des Herzens oder 
des Gehirnes zu fordern. Durch seine GenuBsucht sucht sich der 
Mensch Befriedigung zu verschafFen durch Dinge, die, wie der KafFee, 
Herzgifte oder ahnliches sind. Darin liefert er den Beweis, daB der 
astralische Leib Sehnsucht hat nach Genussen, die zum Beispiel den 
weisheitsvollen Einrichtungen im menschlichen Herzen schadlich sind : 
Jahrzehnte hindurch halt das Herz stand gegen solche Herzgifte, die 
der Mensch aus der GenuBsucht seines astralischen Leibes heraus zu 
sich nimmt. Daraus konnen Sie sehen, daB der physische Leib vollkom- 
mener ist als der astralische. Wenn auch in der Zukunft der astralische 
Leib einmal ungleich vollkommener sein wird, heute ist der physische 
Leib in seiner Entwickelung am vollkommensten. Das ruhrt davon her, 
daB der physische Leib in der Tat das alteste ist unter den Gliedern der 
menschlichen Natur. Er stellt den Beweis dar, daB an diesem physischen 
Leibe schon gearbeitet wurde, lange bevor unsere Erde entstanden ist. 

Das, was die heutige, aus bloBen materialistischen Vorstellungen 
herausgewachsene Weltentstehungslehre sagt, ist ja weiter nichts als 
eine materialistische Phantasie; ob sie nun Kant-Laplacesche Theorie 
oder als irgendeine neuere Theorie so oder so genannt wird, darauf 
kommt es nicht an. Um das auBere Gefiige unseres Weltsystems zu be- 
greifen, dazu sind diese materialistischen Phantasien allerdings von 
Nutzen, aber sie taugen nicht, wenn wir das, was hoher ist als die auBe- 
ren Augenbilder, begreifen wollen. 

Die geistige Forschung zeigt uns, daB ebenso, wie der Mensch von 
Verkorperung zu Verkorperung geht, auch ein Weltkorper wie unsere 
Erde fruher in uralten Zeiten andere Gestaltungen, andere planetari- 
sche Zustande durchgemacht hat. Ehe unsere Erde geworden ist, war 



sie in einem anderen planetarischen Zustand. Sie war das, was man in 
der Geistesforschung den «alten Mond» nennt. Das ist nicht der heu- 
tige Mond, sondern ein Vorfahr unserer Erde als planetar ische Wesen- 
heit. Und ebenso, wie sich der Mensch von einer friiheren Verkorpe- 
rung in die heutige hineinentwickelt hat, so hat unsere Erde sich von 
dem alten Mond zur Erde entwickelt. Der alte Mond ist gleichsam eine 
vorhergehende Verkorperung der Erde. Wiederum eine vorherge- 
hende Verkorperung des alten Mondes ist die Sonne, nicht die heutige 
Sonne, sondern auch wieder ein Vorfahr unserer heutigen Erde. Und 
endlich ein Vorfahr dieser alten Sonne ist der alte Saturn. Diese friihe- 
ren Zustande hat unsere Erde durchgemacht : einen Saturnzustand, 
einen Sonnenzustand, einen Mondenzustand. Und jetzt ist sie in ihrem 
Erdenzustand angekommen. 

Der erste Keim zu unserem physischen Leibe ist auf dem alten Saturn 
gelegt worden. Wir konnten auch sagen : Nichts von alledem, was heute 
den Menschen umgibt, nichts von unserem gegenwartigen Tierreich, 
Pflanzenreich, nichts von unserem heutigen Mineralreich war auf die- 
sem uralten Weltenkorper vorhanden, den wir als den alten - nicht als 
den heutigen - Saturn bezeichnen. Aber es war vorhanden auf ihm die 
erste Anlage des heutigen physischen Menschenleibes. Dieser physi- 
sche Menschenleib bestand in ganz anderer Weise als heute. Er war 
dazumal im ersten Keimzustande vorhanden, und dann entwickelte er 
sich wahrend der Saturnentwickelung. Und als diese zu Ende war, da 
ging der alte Saturn ebenso durch eine Art Weltennacht hindurch, wie 
der Mensch durch ein Devachan geht, um zu einer nachsten Verkorpe- 
rung zu kommen. Und dann wurde der Saturn Sonne. 

Und wie die Pflanze aus dem Keim entsteht, so erstand nun wiederum 
auf der alten Sonne der physische Menschenleib. Nach und nach wurde 
dieser physische Menschenleib durchdrungen von einem Ather- oder 
Lebensleib, so daB also auf der Sonne zu der Keimanlage des physi- 
schen Leibes hinzukam der Ather- oder Lebensleib. Der Mensch war 
keine Pflanze, aber er hatte den Wert einer Pflanze. Er bestand aus phy- 
sischem Leib und Atherleib, und sein Bewufttsein dazumal war ahnlich 
dem SchlafbewuStsein oder ahnlich dem Bewufksein, das die ganze 
Pflanzendecke der physischen Welt um uns herum heute hat. Das Son- 



nendasein ging zu Ende; wiedemm kam eine Weltennacht, oder wenn 
wir so sagen wollen, ein Welten-Devachan. Nachdem die Sonne durch- 
gegangen war durch dieses Welten-Devachan, verwandelte sie sich in 
den alten Mondenzustand. 

Und wiederum spriefien diejenigen Teile der menschlichen Wesen- 
heit hervor, die schon auf Saturn und Sonne da waren : des Menschen 
physischer Leib und Atherleib. Und hinzu kam wahrend der Monden- 
entwickelung der astralische Leib. Jetzt hatte der Mensch physischen 
Leib, Atherleib und astralischen Leib. Sie sehen daraus, dafi der physi- 
sche Leib, nachdem er auf dem Saturn entstanden war, auf dem Monde 
bereits seinen dritten Zustand durchmachte. Der Atherleib ist auf der 
Sonne dazugekommen, er wurde jetzt zu einer zweiten Vollkommen- 
heitsstufe heraufgehoben. Der astralische Leib, der eben erst hinzuge- 
kommen war, stand auf dem Monde auf seiner ersten Stufe. 

Nun geschieht auf dem Monde etwas, was wahrend Saturn und Sonne 
nicht geschehen konnte. Wahrend die Saturn- und Sonnenentwicke- 
lung den Menschen als ein verhaltnismaBig einheitliches Wesen ent- 
hielt, trat in einem bestimmten Zustand der alten Mondenentwicke- 
lung folgendes auf. Es spaltete sich der ganze Weltenkorper in zwei 
Glieder : in eine Sonne und in einen Nebenplaneten dieser Sonne, in den 
Mond. Wahrend wir also bei der Saturnentwickelung gewissermaBen 
von einer planetarischen Entwickelung sprechen, und ebenso auch bei 
der Sonne, sprechen wir bei dem Monde nur fur die erste Zeit dieser 
Mondenentwickelung von einer Entwickelung. Das kommt daher, weil 
zuerst alles, was unsere Erde, Sonne und Mond ist, in diesem einen alten 
Weltenkorper in einem Zustande beisammen war. Dann entstehen zwei 
Korper. Was da als Sonne entsteht, ist nicht unsere Sonne, noch auch 
die alte Sonne, die wir vorhin erwahnt haben. Es ist ein besonderer Zu- 
stand, der von dem alten Monde als ein Sonnenzustand sich ausson- 
derte, und es entsteht daneben ein aufierhalb dieser Sonne befindlicher, 
diese Sonne umkreisender Planet, den wir wiederum nun den « alten 
Mond » nennen. Welches ist nun der Sinn dieser Spaltung unseres Er- 
denvorgangers wahrend der alten Mondenentwickelung? 

Der Sinn dieser Spaltung ist der, daB mit der Sonne, die sich abspal- 
tete, die hoheren Wesenheiten und die feineren Substanzen aus der gan- 



zen Masse herausgingen, als Sonne herausgingen. Die groberen Sub- 
stanzen und die niederen Wesenheiten blieben bei dem alten Monde zu- 
riick. So haben wir jetzt wahrend der alten Monden-Entwickelung statt 
eines Weltenkorpers zwei Korper: einen Sonnenkorper, der hohere 
Wesenheiten beherbergt, und einen Mondenkorper, der niedere We- 
senheiten beherbergt. Ware das Ganze zusammengeblieben und die 
Spaltung nicht geschehen, dann hatten gewisse Wesenheiten, die sich 
auf dem abgespaltenen Monde entwickelten, das Tempo der Sonnen- 
wesen nicht mitmachen konnen. Sie waren nicht reif dazu. Sie muBten 
daher die groberen Substanzen absondern und sich einen gesonderten 
Schauplatz bauen. Aber auch die hoheren Wesenheiten hatten mit die- 
sen groberen Substanzen nicht vereinigt bleiben konnen; das wurde 
ihren schnelleren Fortschritt gehemmt haben. Auch sie brauchten einen 
besonderen Schauplatz der Entwickelung, und das war die Sonne. 

Schauen wir uns jetzt die Wesenheiten an, die sich auf der alten Sonne 
finden nach der Abspaltung, und diejenigen, die den alten Mond nach 
der Abspaltung bewohnen. Wir wissen ja, daB wahrend des Saturnzu- 
standes der physische Menschenleib veranlagt worden ist, daB auf der 
Sonne hinzugekommen ist der Atherleib, und auf dem Monde der astra- 
lische Leib. Nun waren diese menschlichen Wesenheiten, oder wenn wir 
so sagen diirfen, diese Urmenschen auf dem Monde in der Tat mit dem 
abgespaltenen Monde gegangen. Sie waren es eben, die nicht mitma- 
chen konnten die rasche Entwickelung der Soimenwesen, jener Wesen- 
heiten, die sich mit der Sonne abgespalten hatten und die nun innerhalb 
der feineren Substanzen und Materie auf der Sonne lebten. Daher ver- 
groberten sich auch diese Menschenwesen wahrend der Mondenent- 
wickelung. Wir finden also wahrend der Mondenentwickelung den 
Menschen in einem Zustand, wo er besteht aus physischem Leib, Ather- 
leib und astralischem Leib. Er hatte also jene Stufe der Entwickelung, 
welche das heutige Tier hat. Auch das Tier hat physischen Leib, Ather- 
leib und astralischen Leib. Nur diirfen Sie sich nicht vorstellen, daB der 
Mensch auf dem alten Mond wirklich ein Tier gewesen ware. Die Ge- 
stalt des Menschen auf dem alten Monde schaute ganz anders aus als 
das irdische Tierwesen heute. Sie wiirde Ihnen sehr phantastisch er- 
scheinen, wenn ich sie Ihnen schildern wollte. Also wir finden sozusa- 



gen von unserem heutigen Menschen auf diesem alten Monde Vorfah- 
ren, welche physischen Leib, Atherleib und astralischen Leib hatten, 
und die, nachdem sich das Ganze von der Sonne abgespalten hat, diese 
Glieder verharten, in sich grober machen, als es geschehen ware, wenn 
sie bei der Sonne geblieben waren. 

Nun hatte aber das, was sich mit der Sonne abgespalten hatte, auch 
diese dreifache Entwickelung durchgemacht : Saturn-, Sonnen- und 
Mondenentwickelung. Nur ging alles dieses sozusagen die Sonnenrich- 
tung, wahrend die Vorfahren der Menschen die Mondenrichtung gin- 
gen. Bei diesen Wesenheiten, die mit der Sonne mitgegangen sind, kon- 
nen wir ebenso ein Dreigliedriges unterscheiden, das durchaus parallel 
geht mit der Dreigliedrigkeit des Menschen. Auch auf der Sonne waren 
Wesenheiten, die es sozusagen zu drei Gliedern gebracht hatten. Nur, 
statt daB sie diese drei Glieder nach der Abspaltung zur Vergroberung 
getrieben hatten, waren die drei Glieder jetzt zur Verfeinerung gekom- 
men. Denken Sie sich den Vorgang so : Nach der Abspaltung werden 
die menschlichen Vorfahren grobere Wesenheiten, als sie fruher waren, 
sie verharten sich. Die entsprechenden Wesenheiten auf der Sonne da- 
gegen verfeinern sich. Was aus dem Menschen dadurch geworden ist, 
dafi er wahrend der Mondenentwickelung einen astralischen Leib be- 
kommen hat, das bringt ihn in einer gewissen Weise herunter zur Stufe 
der Tierheit. Die Wesenheiten, die das nicht mitmachen, die sich die 
feineren Substanzen zur Sonne heraufholen, die verfeinern sich. Wie 
also sich der Mensch auf dem Monde verhartet, so entstehen auf der 
Sonne Wesenheiten von einer hohen Geistigkeit. Diese Geistigkeit be- 
zeichnet man in der Geisteswissenschaft als die Gegenbilder dessen, was 
sich auf dem Monde entwickelte. 

Auf dem Monde entwickelten sich die Menschen sozusagen zum 
Wert des Tieres, obwohl sie keine Tiere waren. Nun hat man immer mit 
einer gewissen Berechtigung da, wo Tierisches auftritt, Tiere verschie- 
dener Stufen unterschieden. Die Tier- Menschen auf dem Monde traten 
ganz wesentlich verschieden in drei Stufen auf, die man in der Geistes- 
wissenschaft bezeichnet als die Stufe des «Stieres», des «L6wen» und 
des «Adlers». Das sind gleichsam typische Gestaltungen der Tierheit. 
Es waren also auf dem alten Monde drei verschiedene Gruppierungen: 



Stier-Menschen, Lowen-Menschen und Adler-Menschen. Wenn wir 
auch mit diesen Namen durchaus nicht die heutigen Tiere Stier, Lowe 
und Adler bezeichnen diirfen, so ist doch in einer gewissen Weise die 
herabgekommene Natur jener Urmenschen, die man auf dem Monde als 
Lowen-Menschen bezeichnen muB, in den Katzenarten ausgedriickt. 
Und in dem Charakter der Huftiere ist ausgedriickt die herabgekomme- 
ne Natur derjenigen Menschen, die man als Stier-Menschen bezeichnet, 
und so weiter. Das war die vergroberte Natur nach einer dreistufigen 
Entwickelung. Auf der Sonne aber waren die geistigen Gegenbilder 
davon vorhanden. Da waren auch drei Gruppen. Wahrend die Ent- 
wickelung des Astralischen auf dem Monde diese drei verschiedenen 
Tier-Menschen bildete, entstanden die entsprechenden geistigen Men- 
schen auf der Sonne, und zwar als engelartige Wesenheiten, geistige 
Wesenheiten, die man auch bezeichnet - jetzt aber als geistige Gegen- 
bilder - als Lowe, Adler und Stier. Wenn Sie also nach der Sonne hin- 
blicken, so haben Sie geistige Wesenheiten, von denen Sie sich sagen : 
Sie stellen mir dar die schonen, weisheitgestalteten Urbilder! Und auf 
dem alten Mond haben Sie etwas wie verhartete Abbilder dessen, was 
da oben auf der Sonne ist. Aber es gibt noch etwas, was dahinter als ein 
Geheimnis ruht. 

Diese Abbilder unten auf dem Mond sind nicht ohne Zusammenhang 
mitihren geistigen Gegenbildern auf der Sonne. Da haben wir auf dem 
alten Mond eine Gruppe von Urmenschen, die Stier-Menschen, oben 
auf der Sonne eine Gruppe von Geistwesen, die man als die Stier- 
Geister bezeichnet, und es besteht ein geistiger Zusammenhang zwi- 
schen Urbild und Abbild. Denn die Gruppenseele ist das Urbild und 
wirkt als Urbild auf die Abbilder. Die Krafte gehen von der Gruppen- 
seele aus und dirigieren unten das Abbild: der Lowen-Geist dirigiert 
die Wesenheiten, die als Lowen-Menschen sein Abbild sind, der Adler- 
Geist die Adler-Menschen und so weiter. Waren diese Geister, die da 
oben sind, mit der Erde vereinigt geblieben, waren sie gebunden ge- 
blieben an ihre Abbilder, hatten sie in ihren Abbildern wohnen miissen, 
so hatten sie sich nicht riihren konnen, hatten die Krafte nicht ausiiben 
konnen, die sie ausiiben muBten zum Heil und zur Entwickelung der 
Abbilder. Sie muBten sich sagen : Wir miissen jetzt in einem hoheren 



Stile sorgen fur das, was sich auf dem Monde entwickeln muB! Der 
Stier-Geist sagte sich:Ich muB sorgen fur die Stier-Menschen. Auf dem 
Monde unten kann ich fur mein eigenes Fortkommen nicht die Bedin- 
gungen finden. Dazu muB ich auf der Sonne wohnen und muB von der 
Sonne aus meine Krafte herunterschicken zu den Stier-Menschen. - 
Ebenso war es mit dem Lowen-Geist und ebenso mit dem Adler-Geist. 
So ist der Sinn der Entwickelung. Gewisse Wesenheiten brauchten 
einen hoheren Schauplatz als die Wesenheiten, die sozusagen ihr physi- 
sches Abbild waren. Diese physischen Abbilder brauchten einen niede- 
ren, minderen Schauplatz. Damit die geistigen Wesenheiten wirken 
konnten, muBten sie sich die Sonne herausziehen und von auBen her 
ihre Krafte niedersenden. So also sehen wir, wie auf der einen Seite eine 
Entwickelung sozusagen heruntergeht, auf der anderen Seite eine Ent- 
wickelung hinaufsteigt. 

Nun geht die Entwickelung des alten Mondes weiter. Dadurch, daB 
die geistigen Wesenheiten von auBen auf ihre Abbilder wirken, vergei- 
stigen sie den Mond, so daB er sich spater wieder mit der Sonne vereini- 
gen kann. Die Urbilder nehmen wieder die Abbilder auf, saugen sie 
gleichsam auf. Es bildet sich wieder ein Welten-Devachan, eine Welten- 
nacht. — Man nennt das auch ein «Pralaya», wahrend man jene Zu- 
stande, wie Saturn, Sonne, Mond, « Manvantaras » nennt. - Nach die- 
ser Weltennacht geht aus dem Dunkel des WeltenschoBes hervor unser 
Erdenzustand, der dazu berufen ist, den Menschen so weit zu bringen, 
daB er zu dem physischen, Ather- und astralischen Leib noch das Ich 
oder den Ichtrager hinzufugen kann. 

Aber jetzt muB alles das noch einmal wiederholt werden, was sich 
fruher schon entwickelt hat. Das ist ein kosmisches Gesetz : wenn k- 
gendein hoherer Zustand entstehen soil, muB vorher wiederholt wer- 
den, was fruher schon da war. Zuerst muBte die Erde also noch einmal 
durchmachen den alten Saturnzustand. Noch einmal entwickelte sich 
wie aus dem Weltenkeim heraus die erste Anlage zu dem physischen 
Leib. Dann kommt eine Wiederholung des Sonnenzustandes und eine 
Wiederholung des Mondenzustandes. 

Noch sind Sonne, Erde und Mond zu einem Korper vereinigt. Dann 
tritt eine Wiederholung dessen ein, was fruher schon geschehen war : 



es spaltet sich die Sonne wieder ab. Wiederum gehen mit der Sonne 
heraus jene hoheren Wesenheiten, die diesen hoheren Schauplatz der 
Entwickelung brauchen. Sie nehmen mit sich die feineren Substanzen, 
damit sie sich darinnen eben ihren Weltenschauplatz begriinden kon- 
nen. Also es trennt sich von der Erde, die damals noch den Mond in 
ihrem Leib hatte, die Sonne und nimmt jene Wesenheiten mit, die reif 
sind, auf der Sonne ihr weiteres Fortkommen zu finden. Sie konnen sich 
denken, daB unter diesen Wesenheiten vor alien Dingen diejenigen wa- 
ren, die friiher als die Urbilder funktioniert hatten. Alle diese Wesenhei- 
ten, welche wahrend der alten Mondenzeit die richtige Reife erlangt 
hatten, die schritten vorwarts und konnten infolgedessen nicht mehr in 
den groberen Substanzen und Wesenheiten wohnen, welche die Erde 
plus Mond in sich hatte. Sie muBten sich loslosen, muBten sich auf der 
neuen Sonne, der heutigen Sonne, ein neues Dasein begriinden. 

Was waren das fur Wesenheiten? Es waren die Nachkommen derje- 
nigen Wesenheiten, die schon auf der Sonne wahrend des alten Mon- 
denzustandes sich entwickelt hatten als Stier-Geist, Lowen-Geist und 
Adler-Geist. Und die hochsten, die fortgeschrittensten von ihnen, das 
waren solche, die die Natur von Adler, Lowe und Stier in sich vereinigt 
hatten zu einer harmonischen Einheit. Die fortgeschrittensten geistigen 
Wesenheiten, die jetzt auf der Sonne ihren Wohnplatz nahmen, das 
waren die Wesenheiten, welche man bezeichnen kann als « Menschen- 
Urbilder», als « Geistes-Menschen » im eigentlichen Sinne. Also den- 
ken Sie sich, daB unter jenen geistigen Wesenheiten, die wahrend der 
alten Mondenzeit auf der Sonne als Stier-Geist, Adler-Geist, Lowen- 
Geist zu finden waren, es solche gegeben hat, die eine hohere Stufe der 
Entwickelung erlangt hatten. Sie sind die eigentlichen Geistes-Men- 
schen, die jetzt auf der Sonne vorzugsweise ihren Wohnplatz einneh- 
men. Sie sind sozusagen geistige Gegenbilder dessen, was sich daunten 
auf der abgetrennten Erde plus Mond entwickelt. Da unten entwickeln 
sich aber die Nachkommen derjenigen Gestalten, die auf dem alten 
Monde waren. Nun konnen Sie sich denken : Da schon auf dem alten 
Monde in einer gewissen Beziehung eine Verdichtung, eine Verhartung 
dieser Wesenheiten eingetreten war, so muBten jetzt die Nachkommen 
dieser Wesenheiten des alten Mondes erst recht mit der Anlage zur 



Verdichtung, zur Verhartung, zur Vertrocknung erscheinen. Es tritt in 
der Tat fur den abgespaltenen Teil, der dazumal Erde plus Mond ent- 
hielt, eine traurige, ode Zeit ein. Oben auf der Sonne ein immer frische- 
res und regeres Entwickeln, ein immer volleres Leben - unten auf der 
Erde Traurigkeit, Ode, eine immer mehr und mehr hervortretende 
Verhartung. 

Nun trat etwas ein, was allein die Weiterentwickelung moglich ge- 
macht hat : Das, was der heutige Mond ist, spaltete sich heraus aus dem 
gemeinsamen Weltenkorper Erde plus Mond, und das, was heute Erde 
ist, blieb zuriick. Damit gingen die grobsten Substanzen heraus, die die 
Erde in eine vollige Verhartung hineingetrieben hatten, und die Erde 
wurde befreit von dem, was sie zur volligen Verodung gebracht hatte. 

Im Beginn also unserer Erdenentwickelung war die Erde mit der 
heutigen Sonne und dem heutigen Monde vereinigt. Ware die Erde bei 
der Sonne geblieben, so hatte der Mensch nie zu der heutigen Entwicke- 
lung kommen konnen ; er hatte nicht Schritt halten konnen mit einer 
Entwickelung, wie sie die Wesen auf der Sonne brauchten. Da oben 
entwickelte sich nicht der Mensch, wie er auf der Erde lebt; da ent- 
wickelte sich ein geistiges Urbild des Menschen, wovon im Grunde ge- 
nommen der heutige Mensch, wie er uns in der physischen Gestalt ent- 
gegentritt, nur ein Abbild ist. Ware aber anderseits der Mond in der 
Erde geblieben, so ware der Mensch allmahlich vertrocknet, ware mu- 
mifiziert worden und hatte keine Entwickelungsmoglichkeit auf der 
Erde gefunden. Die Erde ware ein oder, trockener Weltenkorper ge- 
worden. Start der Menschenkorper, wie sie heute auf der Erde sind, 
ware etwas entstanden wie tote Denkmaler, die wie vertrocknete Men- 
schen herausgewachsen waren aus dem Erdengrund. Das wurde ver- 
hindert, indem der Mond sich herausspaltete und mit den grobsten Stof- 
fen in den Weltenraum hinausging. Dadurch entstand auf der Erde die 
Moglichkeit, daB zu dem, was in den Nachkommen der Gestalten des 
alten Mondes als physischer, Ather- und astralischer Leib vorhanden 
war, in entsprechender Weise das Ich hinzukam, so daB der Mensch ge- 
rade dadurch die Befruchtung mit dem Ich erleben konnte, daB die 
Krafte von Sonne und Mond von auBen wirkten und sich da die 
Waage hielten. 



Auf der Erde fand der Mensch seine Weiterentwickelung. Was vom 
alten Mond heriibergekommen war, das stellte in einer gewissen Bezie- 
hung eine Entwickelung nach unten dar, in einen niederen Zustand 
hinein. Jetzt aber empfing er eine neue Anfeuerung, einen Antrieb nach 
oben. Wahrend dieser ganzen Zeit entwickelten sich die entsprechen- 
den geistigen Wesenheiten, die sich mit der Sonne abgespalten hatten, 
immer weiter und weiter. 

Was war dadurch moglich geworden, daB sich der Mond von der 
Erde abgespalten hatte? Das konnen Sie sich leicht denken, wenn Sie 
einen Vergleich gebrauchen. Denken Sie sich einmal, wir hatten vor 
uns einen Block von hartem Eisen, und, sagen wir, wir seien Menschen 
von mittlerer Muskelstarke. Wir klopfen und klopfen und wollen das 
Eisen breit klopfen, wir konnen ihm aber keine Form beibringen. Erst 
wenn wir die Substanz durch Schmelzen weich machen, dann konnen 
wir sie formen. So etwas war mit der Erde eingetreten, nachdem die 
grobsten Substanzen mit dem Monde herausgegangen waren. Jetzt 
konnten die Erdenwesen geformt werden. Jetzt griffen jene Wesenhei- 
ten aufs neue ein, die auf der Sonne ihren Schauplatz hatten, und die 
bereits wahrend des alten Mondzustandes von der Sonne aus auf den 
alten Mond als die Gruppenseelen eingegriffen hatten. Vor der Mond- 
abtrennung waren die Substanzen zu dicht. Jetzt machten sich diese 
Wesenheiten geltend, die ihren Schauplatz auf der Sonne hatten, mach- 
ten sich als Krafte geltend, die den Menschen nach und nach in seiner 
heutigen Gestalt ausgestalteten und bildeten. 

Betrachten wir das ein biBchen genauer. Denken Sie, Sie hatten sich 
auf diesen alten Weltenkorper stellen konnen, der aus Erde plus Mond 
bestand. Da wurden Sie gesehen haben drauBen die Sonne. Waren Sie 
auch noch hellseherisch gewesen, so wurden Sie die geistigen Wesen- 
heiten gesehen haben, die wir vorhin geschildert haben. Auf der Erde 
wurden Sie gesehen haben eine Art von Verhartung, von Verodung, 
und Sie hatten sich sagen konnen : Ringsumher ist nichts als Verodung. 
Alles scheint tot zu sein auf der Erde. Die Krafte der Sonne konnen 
nicht EinfluB gewinnen auf das, was sich vorbereitet, ein groBes Lei- 
chenerdenfeld zu werden. - Und dann hatten Sie es erlebt, wie die Mond- 
masse sich heraussonderte aus der Erde. Weich und bildsam und pla- 



stisch waren die Substanzen der Erde geworden, und nun hatten Sie 
sich sagen konnen: Alles ist bildsam und plastisch geworden; die 
Krafte, die von der Sonne heruntergehen, finden jetzt wieder die Mog- 
lichkeit, zu wirken. Da hatten Sie gesehen, wie jetzt die Stier-Geister wie- 
der EinfluB gewinnen konnten auf die Menschenwesen, die Abbilder 
dieser Stier-Geister waren, und ebenso bei den Lowen-Geistern und bei 
den Adler-Geistern. Und Sie hatten sich gesagt : DrauBen ist der Mond. 
Er hat seinen schadlichen EinfluB dadurch gedampft, daB er heraus- 
gegangen ist und jetzt nur noch von der Feme her wirkt. Dadurch hat 
er die Erde fahig gemacht, daB die geistigen Wesenheiten wieder auf 
sie wirken konnen. 

Morgen werden wir sehen, was fur ein Bild sich dem Hellseher dar- 
bietet, wenn er aus der Akasha-Chronik die weiter zuruckliegenden 
Bilder der Entwickelung in der Vergangenheit verfolgt. 

Wir blicken zuriick zum alten Saturnzustand und sagen uns : da ist 
gebildet worden die erste Anlage zum physischen Leibe des Menschen. 
Was wir heute als physische Leibesgestaltung ansehen, das bildete sich 
auf dem Saturn zuerst wie aus dem Weltenchaos heraus. Dann kam der 
Sonnenzustand. Zu der ersten Gestalt des physischen Leibes kam 
hinzu der Atherleib. Auf dem alten Monde kam hinzu das astralische 
Element, sowohl bei denjenigen Gestalten, die sich auf dem abgespal- 
tenen Monde weiter entwickelten, als auch bei den Geistern auf der 
abgespaltenen Sonne. Auf dem Monde leben die auf Tierwert stehen- 
den Abbilder, auf der Sonne leben die geistigen Urbilder. Auf der Erde 
endlich hat sich allmahlich ein Zustand herausgebildet, durch den der 
Mensch fahig wurde, wieder das in sich aufzunehmen, was wahrend 
der Mondentwickelung als astralisches Element auf der Sonne sich ent- 
wickelt hat und das nun in ihm als Kraft wirkte. Und jetzt verfolgen wir 
diese vier Zustande, wie sie uns geschildert werden im Johannes-Evan- 
gelium. 

Diejenige hohe Kraft, welche aus dem Weltenchaos heraus wahrend 
der Saturnentwickelung den geistigen Keim zur physischen Menschen- 
gestalt liefert, nennt der Schreiber des Johannes-EvangeUums den « Lo- 
gos ». Was auf der Sonne hinzukam*und sich dem eingliederte, was auf 
dem Saturn entstanden war, nennt er das « Leben », - was wir in ent- 



sprechender Weise den Ather- oder Lebensleib nennen. Was auf dem 
Monde hinzukam, nennt er das « Licht », denn es ist das geistige Licht, 
das astralische Licht. Dieses astralische Licht bewirkt auf dem abgespal- 
tenen Monde eine Verhartung, auf der Sonne selber eine Vergeisti- 
gung. Was als ein Vergeistigtes entstanden war, das konnte sich weiter- 
entwickeln und entwickelte sich auch weiter. Und als die Sonne sich 
auf der Erde neuerdings abspaltete, da schien das, was sich auf der drit- 
ten Stufe entwickelt hatte, in den Menschen hinein. Aber der Mensch 
war da noch nicht fahig, das zu schauen, was da von der Sonne hinein- 
schien. Es gestaltete am Menschen, wirkte als Kraft, schauen aber 
konnte der Mensch es nicht. 

Was wir uns so als das Wesentliche der Saturnentwickelung klarge- 
macht haben, das sprechen wir jetzt aus mit den Worten des Johannes- 
Evangeliums : 

«Im Urbeginne war der Logos. » 

Nun gehen wir zur Sonne. Sprechen wir den Tatbestand aus, wie 
das, was auf dem Saturn entstanden war, auf der Sonne sich weiter- 
entwickelte, so sagen wir: Der Atherleib kam hinzu: 

«Und der Logos war das Leben.» 

Auf dem Monde kam hinzu die astralische Wesenheit, sowohl bei 
der korperlichen wie auch bei der geistigen Art: 

«In dem belebten Logos wurde das Licht. » 

Das Licht entwickelt sich weiter, auf der einen Seite zum hellseheri- 
schen Licht, als sich die Sonne von der Erde abspaltete, auf der anderen 
Seite mit dem Menschen zur Finsternis. Denn als er das Licht aufneh- 
men sollte, da verstand er, der die Finsternis war, das Licht nicht. 

So lesen wir, wenn wir das Johannes-Evangelium beleuchten aus der 
Akasha-Chronik heraus, in folgender Weise uber die Weltentwicke- 
lung : 

Im Urbeginne wahrend der Saturnentwickelung war alles entstanden 
aus dem Logos. Wahrend der Sonnenentwickelung war in dem Logos 
das Leben. Und aus dem belebten Logos entstand wahrend der Mond- 



entwickelung das Licht. Und aus dem leuchtend-belebten Logos ent- 
stand wahrend der Erdentwickelung auf der Sonne das Licht in einer 
erhohten Gestalt, die Menschen aber in einem Zustande der Finsternis. 
Und von der Sonne schienen die Wesenheiten, welche die fortgeschrit- 
tenen Stier-, Lowen-, Adler- und, Menschen-Geister waren, als Licht 
herunter auf die Erde in die sich bildenden Gestalten der Menschen. 
Die waren aber die Finsternis und konnten das Licht, das da herunter- 
schien, nicht begreifen. - Nur durfen wir uns darunter nicht das phy- 
sische Licht vorstellen, sondern das Licht, das die Summe der Ausstrah- 
lungen der geistigen Wesenheiten war, der Stier-, Lowen-, Adler- und 
Menschen-Geister, welche die Fortsetzung der geistigen Entwickelung 
des Mondes waren. - Was herunterstromte, war das geistige Licht. Die 
Menschen konnten es nicht aufnehmen, verstanden es nicht. Sie wur- 
den in ihrer ganzen Entwickelung dadurch gefordert, aber ohne daB sie 
ein BewuBtsein dafur hatten: «Das Licht schien in die Finsternis, aber 
die Finsternis konnte das Licht nicht begreifen. » 

So stellt paradigmatisch der Schreiber des Johannes-Evangeliums 
diese groBen Wahrheiten hin. Und diejenigen, welche solches wuBten, 
die wurden von jeher genannt die «Diener» oder «Priester des Logos, 
wie er von Urbeginn war ». Ein solcher Priester oder Diener des Logos, 
wie er von Urbeginn war, der spricht also. Im Lukas-Evangelium fin- 
den wir im Grunde genau dasselbe in der Einleitung. Versuchen Sie ein- 
mal, mit richtigem Verstandnis zu lesen, was der Schreiber des Lukas- 
Evangeliums sagt. Er will Nachricht geben von den Dingen, die von 
Anfang an geschehen sind, « wie uns das gegeben haben, die es von An- 
fang selbst gesehen, und Diener des Wortes gewesen sind». 

Und wir glauben daran, daB Diener des Wortes oder des Logos diese 
Urkunden geschrieben haben. Wir lernen daran glauben, wenn wir aus 
der eigenen geistigen Forschung sehen, wie die Dinge waren, wenn wir 
sehen, wie durch Saturn, Sonne und Mond unsere Erdentwickelung 
wird. Wenn wir dann in den umfassenden Worten des Johannes-Evan- 
geliums und in den Worten des Lukas-Evangeliums sehen, daB wir das 
unabhangig von jeder Urkunde wiederfinden konnen, dann lernen wir 
diese Urkunden wieder schatzen und sagen uns : Sie sind uns ein Doku- 
ment dafiir, daB sie hingeschrieben sind von solchen, die in der geisti- 



gen Welt lesen konnten, und sie sind uns ein Verstandigungsmittel mit 
denen, die in der Vorzeit gelebt haben. Wit schauen ihnen in gewisser 
Beziehung ins Auge und sagen : Wir erkennen euch ! - indem wir das, 
was sie erkannt haben, wiederfinden in der Geisteswissenschaft. 



VIERTER VORTRAG 



Kassel, 27.Juni 1909 

Die gestrige Betrachtung hat ihren Ausgangspunkt davon genommen, 
daB im alltaglichen Menschenleben ein solcher Wechsel der Zustande 
im Menschen eintritt, daB der Mensch wahrend der Nacht, vom Abend, 
wo er einschlaft, bis morgens, wo er aufwacht, seinen physischen Leib 
und seinen Ather- oder Lebensleib im Bette liegen hat, und daB drauBen 
ist auBer dem Bette, was wir astralischen Leib und Ich nennen. Zu glei- 
cher Zeit muBten wir aber betonen, daB das, was im Bette liegen bleibt - 
physischer Leib und Atherleib -, nicht weiterbestehen konnte, wenn 
nicht ein gottlich-geistiges Astralisches und ein gottlich-geistiges Ich 
hineindringen wiirde. Mit anderen Worten : Der Wechsel in diesen Zu- 
standen des menschlichen Lebens im Alltag besteht darin, daB der 
Mensch des Abends, wenn er einschlaft, mit seinem menschlichen Ich 
und seinem menschlichen Astralleib seinen physischen Leib und Ather- 
leib verlaBt, daB dafiir aber einziehen in diesen physischen Leib und 
Atherleib gottlich-geistige astralische Wesenheiten und gottlich-gei- 
stige Ich- Wesenheiten. Im Tageszustande ist es dann so, daB der 
Mensch selber mit seinem astralischen Leib und seinem Ich seinen phy- 
sischen Leib und Atherleib ausfullt. Das war das eine, was wir gestern 
an die Spitze unserer Betrachtung stellten. 

Das andere aber war das, was wir gewonnen haben dutch eine umfas- 
sende Betrachtung unserer ganzen menschlichen Entwickelung durch 
die friiheren Verkorperungen unserer Erde - Saturn, Sonne, Mond - 
hindurch. Wir haben auch Einzelheiten aus dieser umfassenden Betrach- 
tung besprochen. Es hat sich uns ergeben, daB in bezug auf den Fort- 
schritt unseres Erdenplaneten eine Spaltung seit der Mondenentwicke- 
lung eingetreten 1st, daB gewisse Wesenheiten, die sozusagen niedere, 
mindere Substanzen brauchten zur Weiterentwickelung, sich abspalte- 
ten mit dem alten Mond, und daB sich hohere Wesenheiten geistigerer 
Art als eine altere Form der Sonnenentwickelung abgespaltet haben. 

Wir haben dann gesehen, wie sich beide Teile spater wieder verbun- 
den haben, wie sie gemeinsam durch ein Welten-Devachan oder Pralaya 



durchgegangen und dann zur Erdentwickelung gekommen sind. Diese 
Erdentwickelung ist wiederum so verlaufen, daB eine Wiederholung 
der Sonnenabspaltung eintrat, so daB wir eine Zeitlang Erde plusMond 
als einen groberen, dichteren Korper, und die Sonne mit hoheren, er- 
habeneren Wesenheiten als einen besonderen, feineren Korper haben. 
Wir haben gesehen, daB die Erde, wenn sie mit der Mondensubstanz 
verbunden geblieben ware, hatte veroden, verharten miissen, daB alles 
Leben auf ihr erstorben oder, besser gesagt, mumifiziert ware. Es 
muBte zu einer bestimmten Zeit der Mond mit dem, was er heute in sich 
schlieBt, herausgeworfen werden aus der Erdentwickelung. Dadurch 
trat gleichsam mit dem, was sich als menschliche Wesenheit entwickeln 
sollte, ein VerjungungsprozeB ein. Wir haben gesehen, wie die erhabe- 
nen Wesenheiten, die auf der Sonne ihren Fortschritt genommen hat- 
ten, nicht einwirken konnten auf die menschlichen Substanzen und 
Wesenheiten, bevor der Mond sich abgespalten hatte, daB sie dann aber 
verjungend wieder auf sie wirken konnten, so daB die eigentliche 
Menschheitsentwickelung erst moglich war von dem Zeitpunkt an, wo 
sich der Mond von der Erde abgetrennt hatte. Diese Mondabspaltung 
bedeutet etwas ungeheuer Wichtiges fur die ganze Entwickelung, 
und wir wollen sie heute noch genauer ins Auge fassen. Vorerst aber 
wollen wir nur darauf aufmerksam machen, wie sich die beiden Aus- 
gangspunkte unserer gestrigen Betrachtung sozusagen zusammen- 
schlieBen. 

Wir sehen uns den Menschen an, wie er wahrend des Tageslebens vor 
uns steht. Da ist er eine Wesenheit, bestehend aus physischem Leib, 
Atherleib, astralischem Leib und Ich. Jetzt sehen wir uns den Menschen 
an wahrend seines Nachtschlafens, wo er, seinem physischen und Ather- 
leibe nach, im Bette liegt. Da sieht das hellseherische BewuBtsein, wie 
hohere Wesenheiten hineinziehen in den physischen Leib und Ather- 
leib. Wer sind diese Wesenheiten? Es sind eben die Wesenheiten, von 
denen wir haben sagen konnen, daB sie ihren Schauplatz im allgemeinen 
auf der Sonne haben. Das ist keine Unmoglichkeit. Nur wer sich alles 
Geistige physisch vorstellt und alles Physische anwenden mochte auf 
die Vorstellungen geistiger Wesenheiten, der allein konnte sagen: Wie 
konnen Sonnenwesen, die auf der Sonne wohnen, in der Nacht in einen 



physischen und atherischen Menschenleib einziehen? - Fur Wesenhei- 
ten, die auf einer so erhabenen Hohe stehen, daft sie die Sonne bewoh- 
nen, gibt es nicht dieselben raumlichen Bedingungen wie fur solche, 
die in der physischen Welt sind. Solche Wesenheiten konnen ganz gut 
die Sonne bewohnen und dennoch ihre Krafte wahrend der Nacht in 
den physischen Leib des Menschen hineinsenden. Wir konnen also sa- 
gen: Bei Tage wacht der Mensch, das heiBt, er bewohnt seinen physi- 
schen Leib und Atherleib. In der Nacht schlaft er, das heifit, er ist auBer- 
halb seines physischen Leibes und seines Atherleibes. Die Gotter oder 
andere auBerirdische Wesenheiten wachen in bezug auf des Menschen 
physischen Leib und Atherleib wahrend der Nacht. Wenn das auch eine 
halb bildliche Redensart ist, so ist sie doch durchaus zutreffend. Wir 
wissen also, woher die Wesenheiten kommen, die einziehen miissen in 
unseren physischen Leib und Atherleib wahrend der Nacht. Und so 
schlieBen sich fur uns diese beiden Punkte zusammen. 

Aber wir werden gleich sehen, dafi diese Wesenheiten nicht nur in 
bezug auf das Nachtleben ihre Bedeutung haben, sondern daB sie nach 
und nach auch Bedeutung gewinnen in bezug auf das Tagesleben. Vor- 
erst aber miissen wir, um uns die ganze Bedeutung des Mondaustrittes 
aus der Erdentwickelung klarzumachen, noch einiges andere be- 
trachten. Wir wollen heute auch die anderen Wesenheiten, die um uns 
herum sind, in bezug auf ihre Entstehungsweise betrachten. 

Wenn wir auf den Saturn noch einmal zuriickblicken, konnen wir 
sagen : Dieser Saturn besteht nur aus Menschen. Es ist noch kein Tier- 
reich, kein Pflanzenreich und kein Mineralreich auf ihm vorhanden. Die 
ganze Saturnkugel ist nur aus den ersten Menschenanlagen zusammen- 
gesetzt. Wie eine Brombeere aus den einzelnen Beerchen, so war der 
Saturn aus Menschen zusammengesetzt. Und was zu dem Saturn ge- 
horte, das umgab ihn und wirkte von dem Umkreis her auf den Saturn. 
Wir fragen uns jetzt einmal: Woher ist denn das gekommen, was dem 
Menschen auf dem alten Saturn die erste Anlage zu seinem physischen 
Leibe gegeben hat? In gewisser Beziehung konnen wir sagen, daB es von 
zwei Seiten her gekommen ist. Hohere geistige Wesenheiten haben ihre 
eigene Substanz zunachst ausgegossen. Ein groBes Opfer ist auf dem 
alten Saturn geschehen, und die Wesenheiten, die dieses Opfer voll- 



bracht haben, nennen wir im Sinne der christlichen Esoterik die «Thro- 
ne ». Es kann sich menschliches Denken und selbst menschliches Hell- 
sehen kaum vermessen, hineinzusehen in jene erhabene Entwickelung, 
die die Throne vorher durchmachen muBten, bevor sie imstande wa- 
ren, das hinzuopfern, was die erste Anlage bilden konnte fur den 
menschlichen physischen Leib. Versuchen wir, ein wenig zu verstehen, 
was ein solches Opfer heiBt. 

Wenn Sie das Ihnen bekannteste Wesen, den Menschen, heute be- 
trachten, werden Sie sagen : Der Mensch, wie er heute ist, fordert ge- 
wisse Dinge von der Welt und gibt gewisse Dinge der Welt. Goethe hat 
das sehr schon in den Worten zusammengefaBt : «Das menschiiche Le- 
ben verflieBt in der Metamorphose zwischen Nehmen und Geben.» 
Der Mensch muB nicht nur die physische Nahrung von der AuBenwelt 
nehmen, auch sein Verstand muB seine Nahrung aus der AuBenwelt 
schopfen. Dadurch wachst er und bekommt das, was er zu seiner eige- 
nen Entwickelung braucht. Dadurch entwickelt er aber auch Fahigkei- 
ten, wiederum zu geben, was er an Ideen und Empfindungen und zu- 
letzt an Liebe ausreift. DaB er etwas aus der Welt nimmt, anderes wie- 
derum gibt an die Umgebung, dadurch werden seine Fahigkeiten im- 
mer hoher und hoher. Er wird ein verstandiger und intellektueller 
Mensch, kann Begriffe entwickeln, die er hinopfern kann dem gemein- 
schaftlichen Menschheitsleben. Es entwickelt der Mensch Gefuhle und 
Empfindungen, die sich zur Liebe umgestalten, und wenn er diese Ge- 
fuhle und Empfindungen den Mitmenschen darbringt, dann belebt er 
seine Mitwesen. Wir brauchen uns nur vor die Seele zu rufen, wie be- 
lebend die Liebe auf die Mitwesen wirken kann, wie der, der wirklich 
imstande ist, Liebe auszugieBen auf die Mitmenschen, durch seine Liebe 
allein beleben und trosten und erheben kann. Da hat der Mensch die 
Gabe, etwas hinzuopfern. Aber wenn wir uns noch soviel erwerben in 
bezug auf solche Opfermoglichkeit, gegen die der Throne ist es gering. 
Die Entwickelung aber besteht darin, daB ein Wesen immer mehr und 
mehr die Fahigkeit erlangt, hinzuopfern, bis es zum SchluB imstande 
ist, sozusagen die eigene Substanz und Wesenheit hinzuopfern, es als 
die hochste Seligkeit empfindet, das hinzugeben, was es als StofF und 
Substanz entwickelt hat. 



Es gibt solche hohe Wesenheiten, die dadurch zu einer hoheren Stuf e 
des Daseins aufsteigen, daft sie ihre eigene Substanz hinopfern. Ein ma- 
terialistisches Gemut wird natiirlich wiederum sagen : Wenn Wesenhei- 
ten so weit gekommen sind, daB sie ihre eigene Substanz hinopfern, 
wie konnen sie da zu einer hoheren Stufe aufsteigen? Da opfern sie sich 
ja selbst, da ist ja von ihnen nichts mehr vorhanden! - Das sagt das 
materialistische Gemut, denn es kann nicht begreifen, daB es ein gei- 
stiges Dasein gibt, daB ein solches Wesen erhalten bleibt, wenn es das 
wiederum hingibt, was es nach und nach aufgenommen hat. Die Throne 
waren auf dem Saturn auf einer solchen Stufe, daB sie ausgieBen konn- 
ten die Substantialitat, die sie sich wahrend der vorherigen Entwicke- 
lung angeeignet hatten. Dadurch steigen sie selbst zu einer hoheren 
Stufe der Entwickelung empor. Und was da ausrloB von den Thronen, 
wie etwa das, was die Spinne aus sich heraussetzt, um ihr Netz zu spin- 
nen, das war zunachst die Grundlage zum Bilden des physischen Men- 
schenleibes. Dann kam noch eine andere Art von Wesenheiten hinzu - 
nicht so hoch stehend wie die Throne die wir die « Geister der Per- 
sonlichkeit» nennen, oder die «Urkrafte», «Archai» im Sinne der 
christlichen Esoterik. Diese Geister der Personlichkeit durcharbeiteten 
gleichsam das, was von den Thronen ausgeflossen war. Und aus dem 
Zusammenwirken dieser beiden Wesenheiten entstand die erste An- 
lage des physischen Menschenleibes. 

Wahrend langer Zeitraume wurde diese physische Menschenleib- 
Anlage ausgearbeitet. Dann kam, wie wir gestern schon erwahnt ha- 
ben, eine Weltennacht oder ein Weltendevachan, und es entstand die 
zweite Verkorperung der Erde, die Sonnenstufe. Die Menschen kamen 
wiederum heraus, andere geistige Wesenheiten kamen jetzt hinzu: Das 
waren die «Feuergeister» oder «Erzengel» im Sinne der christlichen 
Esoterik, und die « Geister der Weisheit» oder «Kyriotetes». Die hat- 
ten es jetzt zumeist zu tun mit der Fortentwickelung dessen, was als 
physischer Menschenleib wiedererschien. Und hinopfern konnten jetzt 
die Kyriotetes, die Herrschaften oder Geister der Weisheit, ihre Sub- 
stantialitat, und es floB das, was wir den Atherleib nennen, in den physi- 
schen Leib ein. Den bearbeiteten zusammen mit den Geistern der Per- 
sonlichkeit die Feuergeister oder Erzengel. Dadurch wurde der Mensch 



jetzt zu einem Wesen vom Werte der Pflanze entwickelt. Wir konnen 
sagen : Auf dem Saturn war der Mensch vom Werte unseres Minerals. 
Unsere Mineralien haben bloB einen physischen Leib. Auf dem Saturn 
hatte der Mensch auch nur einen physischen Leib; daher war er noch 
im mineralischen Dasein. Auf der Sonne war der Mensch vom Wert 
der Pflanze; er hatte einen physischen und einen Atherleib. 

Nun kommt etwas, was wir uns als einen ganz besonders wichtigen 
BegrifT aneignen miissen, wenn wir die voile Entwickelung verstehen 
wollen. 

Ich sage immer gern in diesem Falle, daB es ein solches Ereignis, wie 
es in unserem gewohnlichen Leben zur Sorge und auch zum Arger der 
Eltern gibt: daB namlich Kinder sitzen bleiben, das Ziel einer Klasse 
nicht erreichen und repetieren miissen - auch im Kosmos gibt. Es 
bleiben gewisse Wesenheiten hinter dem Ziel einer kosmischen Stufe 
zuriick. So sind gewisse Geister der Personlichkeit, die auf dem Sa- 
turn das Ziel flatten erreichen sollen, zunickgeblieben. Sie hatten nicht 
alles dazu getan, was notig gewesen ware, um dem Menschen den 
Wert des Minerals zu geben und ihn so zu seiner Vollendung gerade 
auf dieser Stufe zu bringen. Solche Wesenheiten miissen dann wahrend 
der nachsten Stufe nachholen, was sie vorher unterlassen haben. In 
welcher Weise konnten nun diese Geister der Personlichkeit, die da 
zunickgeblieben waren, wahrend des Sonnendaseins wirken? Sie konn- 
ten nicht eine Wesenheit schaffen, wie es der Mensch auf der Sonne 
hatte sein sollen, eine Wesenheit mit physischem Leib und Atherleib. 
Dazu waren die Feuer geister notwendig. Sie, diese Geister der Person- 
lichkeit, konnten auf der Sonne auch nur das schaffen, was sie auf dem 
Saturn geschaffcn hatten : eine physische Anlage vom Wert des Mine- 
rals. Dadurch entstanden wahrend der Sonnenzeit durch ihren Ein- 
fluB Wesenheiten, die um eine Stufe tiefer standen. Diese Wesenheiten 
bildeten nun ein niedrigeres Reich gegeniiber dem Menschenreich. Das 
sind die Vorfahren unseres heutigen Tierreiches. Wahrend unser heu- 
tiges Menschenreich auf der Sonne bereits zum Werte der Pflanzen vor- 
geschritten war, stand unser heutiges Tierreich auf der Sonne im 
Werte eines mineralischen Wesens, hatte bloB physischen Leib. So 
kam unser Tierreich in seiner Anlage hinzu zum Menschenreich. 



Wir fragen uns also : Welches von all den Wesen, die uns umgeben, 
hat die alteste Entwickelung hinter sich? Wer ist der Erstgeborene un- 
serer Schopfung? Der Mensch! Und die anderen Wesenheiten sind da- 
durch entstanden, daB die Entwickelungskrafte, die mit dem Men- 
schendasein verbunden sind, das, was auf einer anderen Stufe hatte 
Mensch werden konnen, zuruckbehalten und dann auf einer spateren 
Stufe zu einem niedrigeren Wesen haben werden lassen. Hatten die zu- 
ruckgebliebenen Geister der Personlichkeit die Arbeit auf dem Saturn 
verrichtet, die sie auf der Sonne verrichteten, dann ware nicht das Tier- 
reich entstanden. 

Ebenso - das brauche ich jetzt nur anzudeuten - entstand wahrend 
des Mondes das Folgende: Der Mensch riickte hinauf, indem er durch 
gewisse Wesenheiten, die wir Engel nennen, und durch andere hohere 
Geister, durch die « Geister der Bewegung » - in der christlichen Ter- 
minologie : «Dynamis » - den astralischen Leib erhielt. Dadurch wurde 
der Mensch wahrend des Mondendaseins ein Wesen vom Werte des 
Tieres. Diejenigen Wesenheiten aber, die als ein zweites Reich wahrend 
des Sonnendaseins entstanden waren, erhielten jetzt auf dem Monde 
zum groBten Teil den Wert von Pflanzen. Das waren die Vorlaufer un- 
serer Tiere. Dann kamen hinzu, wiederum durch geistige Wesenheiten, 
die in der angedeuteten Weise zuruckgeblieben waren, diejenigen We- 
sen, die heute unserem Pflanzenreich angehoren. Auf der Sonne gab es 
noch kein Pflanzenreich, nur Menschen- und Tierreich. Auf dem 
Monde kam erst das Pflanzenreich hinzu. Ein Mineralreich, wie es heute 
der Grund und Boden ist, auf dem alles iibrige stent, gab es auf dem 
Monde noch nicht. So entwickelten sich die Reiche nach und nach. Das 
hochste der Reiche, das Menschenreich, hat sich zuerst entwickelt. So 
etwas wie ein AusgestoBenes von diesem Menschenreich, etwas Zu- 
riickgebliebenes davon ist das Tierreich. Und was noch weiter zuriick- 
blieb, das wurde das Pflanzenreich. 

Als die alte Mondenentwickelung vollendet war, begann die Erden- 
entwickelung. Von dieser Erdenentwickelung haben wir geschildert, 
wie sich Sonne und Mond von der Erde trennten. Wahrend dieser Zeit 
kamen alle die Keime der fruheren Reiche wieder zum Vorschein : Tier- 
reich, Pflanzenreich, und zuletzt, als der Mond noch mit seiner Sub- 



stanz mit der Erde vereinigt war, das Mineralreich. Gerade dadurch, 
daB das Mineralreich hinzukam als die feste Grundlage, geschah die 
Verhartung und Vertrocknung, welche die Erde so verodete. Denn das 
Mineralreich, das uns heute umgibt, ist nichts anderes als das, was aus- 
geschieden ist aus den hoheren Reichen. Ich habe schon friiher darauf 
aufmerksam gemacht, daB Sie nur einmal denkend zu betrachten brau- 
chen, was die heutige Wissenschaft anerkennt. Dann werden Sie sich 
schon vorstellen konnen, wie das Mineralreich nach und nach ausge- 
schieden worden ist. Denken Sie, daB die Steinkohle, ein richtiges mi- 
neralisches Produkt, aus der Erde herausgeholt wird. Was war denn die 
Steinkohle vor langer, langer Zeit? Baume waren es, die auf der Erde 
wuchsen, Pflanzen, die zugrunde gingen und eben zu Steinmassen, zu 
Mineralien wurden. Was Sie jetzt als Steinkohle herausgraben, das wa- 
ren einst Pflanzenmassen. Also ist das ein Produkt, das erst ausgeschie- 
den ist; urspriinglich waren statt der Steinkohlen Pfianzenwesen da. So 
werden Sie sich auch vorstellen konnen, daB auch alles iibrige, was den 
Grund und Boden unserer Erde bildet, aus hoheren Reichen ausge- 
schieden ist. Denken Sie nur einmal, wie heute noch gewisse minerali- 
sche Produkte Ausscheidungen sind aus tierischen Wesenheiten, als 
Gehause der Schnecken, der Muscheln und so weiter. Alles Minera- 
lische war friiher nicht da; es ist erst im Laufe der Zeit ausgeschieden 
worden. Auf der Erde erst kam das Mineralreich hinzu, und es bildete 
sich deshalb, weil auf der Erde noch immer solche Wesenheiten vor- 
handen waren und jetzt auch noch so wirkten, wie sie auf dem Saturn 
gewirkt hatten. Das Mineralreich kam iiberhaupt zustande durch die 
Tatigkeit der Geister der Personlichkeit, und auf alien hoheren Stufen 
sind solche Wesenheiten tatig. Aber wenn die Entwickelung so fort- 
gegangen ware, dann waren so viele mineralische Einschlage gekom- 
men, so viele Verhartungen und Verdichtungen, daB die ganze Erde 
nach und nach verodet ware. 

Nun kommen wir an einen wichtigen Punkt der Entwickelung unse- 
rer Erde. Wir stellen uns vor, wie die Sonne sich schon getrennt hat, und 
wie mit den feinsten Substanzen auch die Wesenheiten herausgegangen 
sind, die nun auf der Sonne geistige Wesenheiten sind. Wir schauen uns 
die Erde an, wie sie verodet, wie ihr mineralischer Einschlag immer 



dichter und dichter wird, wie dadurch aber auch die Gestalten auf ihr, 
auch die menschlichen Gestalten, immer vertrockneter werden. Da- 
mals schon fand ein gewisser Wechsel in den Lebenszustanden der 
menschlichen Wesenheiten statt. Ich mochte es Ihnen an der Pflanzen- 
entwickelung veranschaulichen, was damals auch fur die Menschen 
eintrat. 

Aus dem unscheinbaren Samenkorn sprieBt die Pflanze im Fruhling 
heraus, entfaltet sich bis zur Bliite und Frucht und verwelkt wiederum 
wahrend des Herbstes. Was das Auge wahrend des Friihlings und Som- 
mers erfreut, das verschwindet im Herbst, und es bleibt auBerlich, phy- 
sisch nur Unscheinbares iibrig. Aber wenn Sie glauben wollten, daB 
wahrend des Winters nichts von dem eigentlichen Wesen der Pflanze 
vorhanden ware, oder es allein im physischen Samenkorn suchen wiir- 
den, dann wiirden Sie die Pflanze schlecht verstehen. So wie sie heute 
ist, besteht die Pflanze allerdings aus physischem Leib und Atherleib, 
aber wenn man sie hellseherisch anschaut, ist sie oben auch von einer 
astralischen Wesenheit, wie von einem Saum umgeben. Und diese astra- 
lische Wesenheit wird von einer Kraft belebt, die von der Sonne, von 
dem Geistigen der Sonne her, zur Erde stromt. Fur das hellseherische 
BewuBtsein ist jede Bliite umgeben wie von einer Wolke. Diese Wolke 
atmet das Leben, das zwischen Sonne und Erde ausgetauscht wird. 
Wahrend des Friihlings und Sommers, wahrend die Pflanzen sprossen 
und sprieBen, naht sich etwas von dem Sonnenwesen und umspielt die 
Pflanzen an der Oberflache. Kommt der Herbst, dann zieht sich das 
astralische Wesen zuriick, es vereinigt sich mit dem Sonnenleben. Wir 
diirfen sagen: Das, was Pflanzenastralitat ist, sucht im Fruhling seinen 
physischen Pflanzenleib auf der Erde auf, verkorpert sich, wenn auch 
nicht in demselben, so doch an demselben. Im Herbste dann kehrt es zur 
Sonne zuriick und hinterlaBt nur den Keim. Gleichsam zum Pfande 
hinterlaBt es den Keim, darnit es sich wiederum zuriickfindet zu seiner 
physischen Wesenheit. 

In gleicher Art war eine Art Austausch zwischen den physischen 
Menschenwesenheiten und den Sonnenwesenheiten, wenn auch die 
Gestalt der Menschen noch primitiv und einfach war. Und es gab Zei- 
ten, da wirkten die Sonnengeister so herunter, daB sie die Menschen- 



leiber mit Astralitat umspielten, wie heute die Pnanzenastralitat vom 
Friihling bis zum Herbst die Pflanzen umspielt. Wir kbnnen also fur 
diese Zeiten davon sprechen, daB das astralische Wesen des Menschen 
in gewisser Beziehung durch gewisse Epochen hindurch vereinigt war 
mit dem physischen Leib auf der Erde, daB es dann sich zuriickzog zur 
Sonne unfl wiederum zuriickkam. Zuriickgelassen wurde in dem, was 
physisch war, nur der Keim. 

Aber die Erde verhartete immer mehr und mehr. Und da stellte sich 
dann etwas heraus, was von groBer Wichtigkeit ist und was ich beson- 
ders festzuhalten bitte. Wahrend friiher, als die Sonne eben erst die 
Erde verlassen hatte, es noch moglich war, daB die astralischen Wesen- 
heiten, welche die Erde verlieBen, sich wieder mit dem physischen Leib 
vereinigten, wenn sie nach ihrer Trennung wieder zuriickkamen, so 
wurde durch den immer mehr zunehmenden MondeinfluB dieser Kor- 
per da unten, den die heruntersteigenden Wesenheiten beziehen woll- 
ten, so sehr verhartet, daB sie nichts mehr mit ihm anfangen konnten. 
Da haben Sie das jetzt genauer geschildert, was ich Ihnen gestern mehr 
abstrakt schildern konnte. Ich sagte : Es verloren die Sonnenkrafte die 
Moglichkeit, die Substanzen auf der Erde zu gestalten. Konkreter aus- 
gednickt, kann man sagen: Die Substanzen vertrockneten, und die 
Wesenheiten fanden nicht mehr geeignete Leiber. Das bewirkte auch 
die Verbdung der Erde, und die Menschenseelen, die wieder herunter- 
steigen wollten, fanden endlich, daB sich die Leiber fur sie nicht mehr 
eigneten. Sie muBten sie sich selbst uberlassen, und nur die Leiber mit 
den starksten Kraften konnten sich hinuberretten iiber diese Ver- 
odungszeit. Diese Verbdung erreichte ihren hbchsten Gipfel, als der 
Mond noch in der Erde drinnen war und eben heraus wollte. Da waren 
die Seelen, die noch Menschenseelen sein wollten, nicht mehr imstande, 
diese Leiber zu beziehen. Nur noch wenige Menschen bewohnten da- 
mals die Erde. Wie ein allmahliches Aussterben auf der Erde nimmt 
sich diese Verbdung aus. Und man schildert die Zustande ziemlich ge- 
nau, wenn man sagt: Als der Mond herausging, da waren nur noch 
ganz wenige Menschen vorhanden, die es ausgehalten hatten, daB das, 
was sich mit den Gestalten unten vereinigen wollte, sich wirklich ver- 
einigte. 



Nun muB ich diese Verhaltnisse noch genauer schildern. Gehen wir 
noch einmal zunick zu dem Zeitpunkt, nachdem die Mondenentwicke- 
lung abgelaufen war, und die Erde wiedererstand aus dem Welten- 
schoBe heraus. Da erstand sie nicht etwa wie der alte Saturn, sondern 
was sich da herausentwickelte, hatte in sich die Nachwirkungen alles 
dessen, was fruher geschehen war. Es war nicht bloB physische Materie 
damit verbunden, sondern alle die Wesenheiten auch, die da gewirkt 
hatten. DaB die Throne sich mit dem Saturn vereinigten, das bedeutet, 
daB sie mit der ganzen Entwickelung verbunden blieben; und sie ka- 
men wieder heraus, als aus dem Dunkel des WeltenschoBes die Erde 
sich wieder heraushob. Ebenso kamen wieder heraus die Geister der 
Personlichkeit, die Geister der Bewegung und so weiter> und auch die 
Menschen-, Tier- und Pflanzenkeime, denn das alles war darinnen. 

Unsere physische Wissenschaft stellt Hypothesen auf, die die reinen 
Phantasien sind. Da wird heute bei der Weltentstehungslehre die Theo- 
rie aufgestellt, daB es einstmals einen groBen Weltennebel gegeben ha- 
be, der bis iiber den Saturn hinausreichte. Ein solcher Weltennebel aus 
bloBen Diinsten oder Dampfen ist eine phantastische Vorstellung - den 
hat es nie gegeben. Wenn man nur mit auBeren physischen Augen hatte 
sehen konnen, was da vorging, dann hatte man allerdings so etwas 
wahrnehmen konnen; man hatte in der Tat eine riesige Nebelmasse ge- 
sehen. Aber in dieser Nebelmasse war etwas, was physische Augen 
nicht hatten sehen konnen : alle die Wesenheiten, die mit dieser Ent- 
wickelung verbunden waren! DaB sich sparer alles gliederte und ge- 
staltete, das ist nicht durch eine bloBe rotierende Bewegung zustande 
gekommen, sondern durch die Bedurfnisse der Wesenheiten, die mit 
dem Ganzen verknupft waren. Sie werden iiber diese Sachen erst eine 
vernunftige Anschauung gewinnen, wenn Sie sich ganz und gar losge- 
macht haben von dem, was heute die schulmaBige Anschauung ist, was 
unseren Kindern eingeimpft wird von Anbeginn der Schule an. Da 
wird den Kindern gesagt, daB die alten Zeiten nur kindliche Anschau- 
ungen und Vorstellungen gehabt haben: Diese armen alten Inder ha- 
ben geglaubt an einen Brahma, der den ganzen Weltenraum ausgefullt 
hat! Und solch ein Mensch, wie ein alter Perser, hat geglaubt an den 
Ormuzd, den guten Gott, und den ihm entgegengesetzten Ahriman ! 



Und gar die alten Griechen mit ihrer ganzen Menge von Gottheiten, 
Zeus, Pallas Athene und so weiter ! Das wissen wir doch heute, daB das 
alles von der Volksphantasie, von einer kindlichen Vorstellung ausge- 
dachte Wesenheiten sind! Und gar die Gotter der alten Deutschen, 
Wotan, Thor, das sind mythologische Figuren, dariiber sind wir langst 
hinaus! Wir wissen heute, daB solche Gotter nichts zu tun hatten mit 
der Entwickelung der Welt. Da war anfangs ein groBer Umebel im 
Weltenraum, der hat angefangen zu rotieren. Da hat er zuerst einen Ball 
von seiner Masse losgestoBen. Dann hat er weiter rotiert; da hat sich 
mit der Zeit ein zweiter Ball losgelost, dann ein dritter Ball usw. Aber 
diese Vorstellungen sind nur die Form einer heutigen, physikalisch- 
kopemikanischen Mythologie. Das wird ebenso von einer anderen My- 
thologie abgelost werden. Nur haben die fruheren Mythologien gegen 
diese heutige Form das voraus, daB sie wahrer sind als die spateren, die 
nur das Abstrakte, nur das ganz auBere Materielle herausgeschalt ha- 
ben. Das muB man sich immer wieder vor Augen halten, daB es recht 
bequem ist, den Kindern vorzumachen, wie schon plausibel sich ein 
solches Weltsystem bildet: Man nimmt einen fettartigen Tropfen, 
schneidet aus einem Kartenblattchen eine kreisformige Scheibe, steckt 
sie in der Aquatorrichtung hindurch, steckt von oben eine Nadel hin- 
durch und bringt es ins Wasser; da schwimmt es. Nun fangt man an, 
das Ganze zu drehen, «wie sich der Weltennebel einst gedreht hat», 
sagt man. Da bildet sich erst eine Abplattung, dann lost sich los ein 
Tropfen, ein zweiter Tropfen, ein dritter Tropfen, und ein groBer Trop- 
fen bleibt in der Mitte zuriick : Ein kleines Weltsystem ist entstanden ! 
Und man kann jetzt recht plausibel machen: Wie sich im kleinen das 
darstellt, so ist es auch im groBen gegangen. Diejenigen, die eine solche 
Betrachtung anstellen, vergessen nur das eine, was bei anderen Gele- 
genheiten recht schon sein kann zu vergessen : sich selbst. Sie vergessen, 
daB sie selbst da oben drehen. Der ganze Vergleich wiirde nur gelten, 
wenn so ein wackerer Professor sich herbeilieBe zu sagen : Wie ich da 
stehe und die kleine Nadel drehe, so ist drauBen ein Riesenprofessor 
und sorgt dafur, daB das Ganze in Rotation kommt und sich die Plane- 
ten abspalten, wie wir es mit dem Fett-Tropfen im kleinen bekamen. - 
In diesem Falle mochte das noch hingehen. 



Wir wissen, daB kein Riesenprofessor die Nadel drauBen dreht, son- 
dern daB da Wesenheiten aller Grade vorhanden sind, und daB diese 
geistigen Wesenheiten es sind, die die entsprechende Materie an sich 
Ziehen. Die Wesenheiten, die bestimmte Lebensverhaltnisse brauchten, 
zogen die Materie, wenn sie zur Sonne gingen, zu sich hin, nahmen sie 
sich und bildeten sich den Schauplatz durch die Macht ihrer Geistes- 
krafte; und wieder andere Wesenheiten trennten sich die Erdensub- 
stanz ab. Geist ist es, der bis in das kleinste materielle Teilchen, bis ins 
Atom, wenn wir es so nennen wollen, hineinwirktl Und unwahr ist es, 
wenn man der bloBen Materie eine Wirkungsweise zuschreibt. Erst 
dann wird man verstehen, wie es im kleinsten Raumesteil zugeht, wenn 
man versteht, daB Geist hineinwirkt bis in den groBten Raumesteil. 
Und zwar nicht Geist im allgemeinen, von dem man sagt, «es ist eben 
im allgemeinen Geist in dem Materiellen », ein «Allgeist» oder ein 
«Urgeist». Da konnten Sie wieder alles mogliche hineinriihren. Damit 
ist es nicht getan. Wir miissen die «Geister» in ihrer Konkretheit er- 
kennen, in ihren Einzelheiten und in ihren verschiedenen Lebensbe- 
durfnissen. 

Und jetzt will ich Ihnen etwas als Erganzung sagen zu dem, was wir 
schon gestern beriihren konnten, zu der Tatsache, daB sich die Sonne 
von Erde plus Mond trennte, und daB sich dann wiederum der Mond 
von der Erde lostrennte. Das ist im Hauptverhaltnis richtig, aber 
dieses Bild muB erganzt werden. 

Bevor sich die Sonne trennen konnte, erwies sich schon die Notwen- 
digkeit fur gewisse Wesenheiten, sich besondere Schauplatze abzu- 
trennen. Das, was sie abtrennten, figuriert heute als die auBeren Plane- 
ten Saturn, Jupiter und Mars. Wir konnen also sagen: In der allgemei- 
nen Materie, wo Sonne und Mond drinnen waren, waren auch Saturn, 
Jupiter und so weiter drinnen, und gewisse Wesenheiten trennten sich 
zuerst mit diesen Weltenkorpern heraus. Das waren Wesenheiten, die 
solche Lebensbedurfhisse hatten, wie sie gerade durch ein Leben auf 
diesen Planeten befriedigt werden konnten. Dann trennte sich mit den 
hdchsten Wesenheiten die Sonne los, und es war zuriickgeblieben Erde 
plus Mond. Das entwickelte sich weiter, bis der Mond in der geschil- 
derten Weise herausgeworfen wurde. Aber nicht alle Wesenheiten, die 



mit der Sonne gegangen waren, waren fahig, auch die Sonnenentwicke- 
lung mit2umachen. Wenn wir etwa bildlich sprechen durfen - es ist 
schwer, Worte aus der prosaischen Sprache dafur zu finden ; daher ist es 
manchmal notwendig, vergleichsweise zu sprechen -, dann konnen wir 
sagen : Als sich die Sonne losspaltete, glaubten gewisse Wesenheiten, sie 
konnten es ertragen, die Reise der Sonne mitzumachen. In Wirklichkek 
konnten es nur die hochsten Wesenheiten, die anderen muBten sich 
spater herausspalten. Und dadurch, da6 sich diese Wesenheiten beson- 
dere Schauplatze schufen, entstanden Venus und Merkur. So sehen wir 
die Abspaltung von Saturn, Jupiter, Mars vor der Trennung der Sonne 
von der Erde. Nachher spalten sich von der Sonne ab Venus und Mer- 
kur, und dann trennt sich der Mond von der Erde. 

So haben wir diese Entwickelung einmal aus dem Geiste heraus vor 
uns hingestellt. Wir haben die Entwickelung unseres Sonnensystemes 
so begrifFen, daB wir auf den verschiedenen Weltkorpern die verschie- 
denen Wesenheiten haben. Wenn wir dies vor unsere Seele hingestellt 
haben, dann konnen wir uns jetzt auch die Antwort auf die Frage geben : 
Was geschah denn mit jenen geistig astralischen Wesenheiten, die als 
Menschen herunter wollten und unten verhartete Leiber fanden, die sie 
nicht beziehen konnten ? 

Nicht alle konnten sich mit den Sonnengeistern vereinigen, dazu wa- 
ren sie auch nicht reif. So geschah denn folgendes : Diejenigen Wesen- 
heiten, welche die Leiber auf der Erde verlassen muBten, zogen sich auf 
eine Weile auf Saturn, Jupiter, Mars zuruck. Wahrend unten die Erde 
verodet, wahrend sie nur Leiber erzeugt, die nicht imstande sind, 
menschliche Seelenwesenheiten aufzunehmen, haben wir die Tatsache, 
daB die Seelen sich hinauf begeben in diese planetarischen Welten, um 
dort zu warten, bis die Zeit eingetreten ist, wo sie wiederum fur sich 
Menschenleiber finden. 

Nur ganz wenige, nur die starksten Menschenleiber waren imstande, 
Seelen in sich aufzunehmen, um das Leben hiniiberzuretten iiber die 
Mondkrisis. Die anderen Seelen gingen hinauf zu den anderen Wel- 
tenkorpern. Und dann wurde der Mond hinausgestoBen aus der Erde. 
Dadurch konnten wiederum die Sonnenkrafte wirken auf die mensch- 
lichen Gestalten. Die menschliche Gestalt erhielt einen neuen Antrieb 



und wurde wieder weich und biegsam und plastisch; und in diese pla- 
stisch gestalteten Menschenleiber konnten diejenigen Seelen wieder 
einziehen, welche auf Saturn, Jupiter und so weiter gewartet haben. 
Wahrend diese Seelen friiher die Erde verlassen muBten, kamen sie jetzt 
nach dem Mondaustritt nach und nach zuriick und bevolkerten die 
durch die Erfrischung neuerstehenden menschlichen Leiber. So haben 
wir nach dem Mondaustritt eine Zeit, wo immer neue und neue Leiber 
herauskommen. Wir haben iiber die Mondkrisis hinuber nur eine ganz 
geringe Anzahl von Menschen. Nachkommen haben die Menschen 
immer gehabt. Aber die Seelen konnten, wenn sie herunter kamen, die 
Gestalten nicht brauchen und lieJBen sie verkummern. Das Menschen- 
geschlecht starb nach und nach aus* Als aber wieder die Neubelebung 
eingetreten war, da waren die Nachkommen derjenigen Menschen, 
welche die Mondkrisis uberdauert hatten, wiederum fahig, die Seelen 
von Saturn, Jupiter, Mars aufzunehmen. Die Erde wurde nach und 
nach mit Seelen bevolkert. Und jetzt konnen Sie begreifen, was fur ein 
bedeutendes, tief einschneidendes Ereignis dieser Austritt des Mondes 
war. Es anderte sich eigentlich alles durch den Mondaustritt. 

Betrachten wir noch einmal die Entwickelung vor dem Mondaus- 
tritt. Wir haben ansprechen mussen den Menschen als den Erstgebo- 
renen unserer Schopfung. Er entstand schon wahrend des Saturns. Auf 
der Sonne kam dann hinzu das Tierreich, auf dem Monde das Pflanzen- 
reich, und das Mineralreich ist auf der Erde hinzugekommen. Jetzt 
aber, von dem Mondaustritt an, wird die Sache anders. Wenn der Mond 
nicht ausgetreten ware, ware alles auf der Erde erstorben. Zuerst die 
Menschen, dann die Tiere, zuletzt die Pflanzen. Die Erde ware mumi- 
fiziert worden. Davor ist die Erde durch den Mondaustritt gerettet 
worden. Es lebte alles wieder auf und erfuhr eine Erfrischung. Wie ge- 
schah nun diese Wiederauflebung? 

Was das tiefste Reich war, das Mineralreich, das brauchte am we- 
nigsten dazu. Das Pflanzenreich war wohl in einer gewissen Weise aus- 
gedorrt, aber es konnte auch schnell wieder aufleben. Auch das Tier- 
reich konnte sich in einer gewissen Beziehung nach und nach herauf 
entwickeln. Am spatesten konnten die Menschengestalten zu ihrer 
Geltung kommen, um die Seelen, die ihnen aus den hochsten Regionen 



der Welt zunossen, aufzunehmen. Es kehrt sich also die ganze Entwik- 
kelung um nach dem Mondaustritt. Wahrend vorher zuerst das Men- 
schenreich, dann das Tierreich, dann das Pflanzenreich und zuletzt das 
Mineralreich entstand, ist jetzt das Mineralreich am ehesten fahig, die 
wiederbelebenden Krafte zur Geltung zu bringen. Dann kommt das 
Pflanzenreich und entwickelt sich zu den hdchsten Formen hinauf, 
dann das Tierreich, und zuletzt erst kann sich das Menschenreich zu 
den hochsten Formen hinauf entwickeln. Nach dem Mondaustritt kehrt 
sich der ganze Sinn der Entwickelung um. Und die Wesenheiten, die 
sozusagen am langsten haben warten konnen, um sich mit ihrem Gei- 
stigen dem Physischen zu vereinigen, das sind solche, die,im hochsten 
Sinne des Wortes, nach dem Mondaustritt in eine geistigere Sphare hin- 
aufgestiegen sind. Jene, welche mit ihrer geistigen Entwickelung fru- 
her zum AbschluB gekommen waren, sind auf einer weniger vollkom- 
menen Stufe zuriickgeblieben. Nach dem Mondaustritt erscheinen 
die Zuriickgebliebenen friiher. Sie werden leicht begreifen konnen, 
warum. 

Betrachten wir einmal irgendeine Menschenseele, oder irgendein see- 
lisches Wesen, das sich friiher wegen der Verhartung nicht hat verkor- 
pern wollen. Das konnte etwa folgende Uberlegung haben, wenn wir 
das wieder in menschliche Sprache iibertragen: Soil ich mich jetzt ver- 
korpern oder soli ich noch warten? Nehmen wir an, der Mond sei noch 
nicht sehr lange drauBen, die Dinge also noch sehr hart. Das Wesen 
aber, das sich verkorpern will, hat es eilig; es geht also unter alien Um- 
standen herunter und nimmt mit den noch nicht weit nach vorwarts 
entwickelten Korpern vorlieb. Dadurch muB es sozusagen auf einer 
niedrigeren Stufe stehen bleiben. Ein anderes Wesen sagt sich: Ich 
warte lieber langer und bleibe noch eine Weile im Weltenraum, bis die 
Erde ihre physische Wesenheit noch mehr erleichtert und verdiinnt hat. 
Eine solche Wesenheit wartet also bis zu einem spateren Zeitpunkt, und 
es gelingt ihr dadurch, diejenige Wesenheit, in die sie sich verkorpert, 
physisch zu bearbeiten, physisch zu ihrem Ebenbild zu machen. So 
mussen alle die Wesenheiten, die sich zu fruh verkorpern, auf unterge- 
ordneten Stufen stehen bleiben. Diejenigen, die warten konnen, kom- 
men zu den hoheren Stufen. Unsere hoheren Tiere sind deshalb auf der 



Tierstufe stehen geblieben, weil sie nicht haben warten konnen nach 
dem Mondaustritt. Die haben vorlieb genommen mit den Korpern, die 
sie gerade haben erhalten konnen. Diejenigen, die spater herunterka- 
men, konnten die Korper nur gestalten zu den niederen Menschenras- 
sen, die ausstarben oder im Aussterben waren. Dann kam ein Zeit- 
punkt, der gerade recht war, wo sich die Seelen mit den Leibern verei- 
nigten, und der schuf dasjenige, was eigentlich menschlich entwicke- 
lungsfahig war. 

So sehen wir eine Verodung der Erde bis zum Mondaustritt, dann 
ein Wiederaufbluhen der Erdenverhaltnisse nach dem Mondaustritt, 
und von da ab wieder ein Herabsteigen derjenigen Wesenheiten, die 
von der Erde fortgegangen waren, weil ihnen die Erde zu schlecht 
wurde. Aber das bezieht sich jetzt nicht nur auf die Wesenheiten, die 
nur den hoheren Menschen bilden, sondern auf noch andere Wesenhei- 
ten, die zu ganz anderen Dingen herunterstiegen, als um den Menschen 
heranzubilden. Auch da handelt es sich darum, daB immer der richtige 
Zeitpunkt abgewartet wird, damit ein solches Wesen einen Korper auf 
der Erde beziehen kann. 

Gehen wir zuriick in die indische Zeit. Da gab es Menschen auf einer 
hohen Stufe der Entwickelung. Gerade wie die von Mars, Saturn und 
Jupiter herunterkommenden Seelen ihre Leiber aufsuchten, so suchten 
hohere Wesenheiten hoher stehende Leiber auf, um im Innern des 
Menschen zu wirken. Nehmen wir die groBen heiligen Lehrer der alten 
Inder, die Rischis : einen Teil ihrer Wesenheit stellten sie zur Verfii- 
gung; gewisse hohere Wesenheiten nahmen in ihnen Wohnung. Aber 
andere hohere Wesenheiten sagten : Nein, wir warten, bis da unten noch 
andere Wesenheiten sind, die selbst eine hohere Entwickelung durch- 
machen. Wir mogen noch nicht herunter, wir bleiben noch oben, bis 
die Menschen ihr Inneres noch reifer gemacht haben; dann steigen wir 
herunter, denn jetzt finden wir das Innere der Menschen nur wenig 
vorbereitet fur uns. 

Dann sagten sich wahrend der persischen Kultur gewisse hohere We- 
senheiten: Jetzt konnen wir heruntersteigen in das menschliche Innere, 
wie es sich bis jetzt entwickelt hat. - Und ebenso wahrend der agypti- 
schen Zeit. 



Diejenige Wesenheit aber, welche die hochste war unter den Son- 
nenwesenheiten, wartete noch immer. Von auswarts her schickte sie 
ihre Krafite zu den heiligen Rischis hinunter. Die heiligen Rischis schau- 
ten hinauf zu demjenigen, den sie Vishva Karman nannten und von 
dem sie sagten : Vishva Karman ist auBer unserer Sphare. - Er wartete, 
denn er sagte sich : Noch nicht ist das menschliche Innere so weit vor- 
bereitet, daB ich darin Platz haben kann. - Dann kam die persische Kul- 
tur. Da sah Zarathustra zur Sonne hinauf und sah Ahura Mazdao in der 
Sonne. Aber immer noch stieg diese hohe Wesenheit nicht in die irdi- 
sche Sphare hinunter. Dann kam die agyptische Kultur und die Kultur 
desjenigen Volkes, das am langsten gewartet hatte. Und es kam der- 
jenige Mensch, der am langsten wartete, der sein Inneres durch viele 
Inkarnationen bereits entwickelt hatte. Da schaute das Sonnenwesen 
herunter, sah das Innere dieses Menschen, der in dem Jesus von Naza- 
reth wohnte und der sein Inneres bereit gemacht hatte. Das hochste der 
Sonnenwesen sah herunter und sagte : Wie einst die niederen Wesen- 
heiten heruntergestiegen sind, um die Leiber aufzubauen, so steige ich 
jetzt herunter und nehme das Innere desjenigen Menschen ein, der am 
langsten gewartet hat. - GewiB, es haben sich auch schon fruher hohere 
Wesenheiten mit den Menschen vereinigt. Aber der, der am langsten 
gewartet hatte, der nahm den Chris tus in sich auf; der war bei der Jor- 
dantaufe so weit, daft derselbe Geist, der bis dahin sich in den Spharen 
des Weltenraumes gehalten hatte, heruntersteigen und sich mit seinem 
Innern vereinigen konnte. Der Christus war seit der Johannes-Taufe in 
dem Leibe des Jesus von Nazareth, weil die den Jesus von Nazareth 
durchwirkende Individuality durch wiederholte Inkarnationen die 
Reife erlangt hatte, in dem so durchgeistigten Leibe diesen hohen Geist 
aufzunehmen. 

Dieser Christus-Geist war immer da. Aber nach der Abtrennung des 
Mondes muBten alle Wesenheiten erst heranreifen. Erst kamen nach und 
nach die niedersten Wesenheiten heraus, die am wenigsten hatten war- 
ten konnen ihrem geistigen Teile nach, dann immer hohere und hohere 
Wesenheiten. Und als der Mensch sein Inneres immer hoher hat ent- 
wickeln konnen, und als die Zeit gekommen war, da der Jesus von 
Nazareth die Reife erlangt hatte, den Christus in sich aufzunehmen, da 



konnte derjenige, der die Fahigkeit des hoheren Schauens hatte, sagen: 
«Ich habe gesehen, wie der Geist auf ihn hinabfuhr ! » Und was konnte 
der, auf den der Geist herabgefahren war, sagen, wenn er sprechen lieB, 
was jetzt in seinem Innern lebte? Es war ja dasselbe Wesen, das die Ri- 
schis als Vishva Karman kannten. Was hatte Vishva Karman von sich 
sagen miissen, nicht wenn die Rischis gesprochen hatten, sondern wenn 
er gesprochen hatte? Er ist ja der hohe Sonnengeist, der als Geist im 
Lichte wirkt; er hatte sagen miissen: Ich bin das Licht der Welt! - Was 
hatte Ahura Mazdao sagen miissen, wenn er hatte von sich sprechen 
wollen ? Ich bin das Licht der Welt ! - Und was sprach derselbe Geist, da 
ein Mensch reif geworden war, um ihn in sich aufzunehmen? Wie 
spricht das, was friiher im Weltenraum, auf der Sonne war, jetzt aus 
einem Menschen heraus? «Ich bin das Licht der Welt! » 

Was aus Weltenhohen heruntergeklungen hat auf die Erde als die 
innerste Selbstcharakteristik des leitenden kosmischen Geistes, wir ho- 
ren es wiederklingen aus einem menschlichen Innern, da das Wesen 
selbst in einem menschlichen Innern Platz genommen hat. Da tont es 
aus dem Jesus von Nazareth, als der Christus in ihm ist, mit Recht: 

«Ich bin das Licht der Welt!» 



FttNFTER vortrag 



Kassel, 28.Juni 1909 



Wenn wir den Menschen in seiner heutigen Gestalt betrachten, wie er 
sich zusammensetzt aus physischem Leib, Atherleib, astralischem Leib 
und Ich, so stellt sich fur das hellseherische BewuBtsein vor alien Din- 
gen die wichtige Tatsache heraus, daB der physische Leib und der 
Atherleib in bezug auf GroBe und Form - wenigstens fur die oberen 
Partien des Menschen - annahernd gleich sind. Namentlich wenn wir 
uns den Kopf des Menschen denken, wie er sich uns physisch darstellt, 
so fallt er fast ganz mit dem Atherteil des Kopfes zusammen; nur etwas 
ragt nach alien Seiten der Atherkopf des Menschen liber den physischen 
Kopf hinaus. Das ist bei den Tieren durchaus nicht der Fall. Schon bei 
den hoheren Tieren ist ein gewaltiger Unterschied vorhanden zwischen 
der Form und GroBe des Atherteils des Kopfes und dem physischen 
Kopfe. Wenn Sie ein Pferd zum Beispiel mit hellseherischem BewuBt- 
sein betrachten, werden Sie sehen, daB weit iiber den physischen Kopf 
und in ziemlich anderer Gestalt, als dieser ist, der Atherkopf hinaus- 
ragt. Wenn ich Ihnen aufzeichnen wiirde, was fur ein Gebilde der Ele- 
fant iiber seinem Russel und iiber dem Kopfe hat, wurden Sie recht er- 
staunt sein iiber die Wesenheit eines solchen Tieres. Derm was die phy- 
sische Wahrnehmung von einem solchen Tiere sieht, ist ja nur der ver- 
festigte physische Teil in der Mitte. Diese Tatsache wollen wir einmal 
ins Auge fassen. 

Des Menschen Vollkommenheit auf unserem physischen Plan be- 
ruht imGrunde genommen darauf, daB sich sein Atherleib so stark mit 
seinem physischen Leibe deckt. Das war aber nicht immer der Fall. Es 
gab in den Zeiten unserer Erdentwickelung, die wir in den letzten Be- 
trachtungen verfolgt haben, auch Epochen, wo des Menschen Ather- 
leib durchaus nicht in dieser Weise zusammenfiel mit dem physischen 
Leibe, wie es heute der Fall ist. Ja es besteht der Fortschritt des Men- 
schen im Laufe seiner Entwickelung darin, daB nach und nach der iiber 
den physischen Leib hinausragende Atherleib hineinkroch gleichsam 
in den physischen Leib und allmahlich mit ihm zur Deckung kam. Nun 



ist es wesentlich, ins Auge zu fassen, daB dieses Durchdringen von 
Atherleib und physischem Leib zu einer ganz bestimmten Zeit der Erd- 
entwickelung stattfinden muBte, wenn die Menschheit in der richtigen 
Art ihre Entwickelung durchmachen sollte. Ware der Atherleib des 
Menschen friiher zur Deckung gekommen mit dem physischen Leib, 
so wiirde der Mensch eine gewisse Stufe der Entwickelung zu friih er- 
langt und sich in ihr verhartet haben, so daB er hatte stehen bleiben miis- 
sen. DaB er eine gewisse Entwickelungsmoglichkeit erlangte, das riihrt 
davon her, daB dieses Decken in einem ganz bestimmten Zeitpunkt 
stattgefunden hat. Dazu miissen wir uns einmal genauer die Entwicke- 
lung anschauen, die wir in groBen Umrissen gestern und vorgestern vor 
unser geistiges Auge fuhrten. 

Wir stellen uns noch einmal vor, daB im Beginne unserer Erdent- 
wickelung die Erde vereinigt war mit der Sonne und dem Monde. Da- 
mals war der Mensch aus seiner Keimanlage, die den physischen Leib, 
Atherleib und astralischen Leib in sich hatte, wiedererstanden. Er war 
sozusagen in seiner ersten Erdenform so da, wie er eben sein konnte, 
als die Erde noch die Sonne und den Mond in sich enthielt. Diese Zeit 
der Erdentwickelung, die der Mensch durchmachte und sein Planet mit 
ihm, nennt man gewohnlich in der geisteswissenschaftlichen Literatur 
die «polarische Zeit » der Erdentwickelung. Zu erklaren, warum sie die 
polarische Zeit heiBt, wiirde heute zu weit fiihren, nehmen wir diesen 
Namen einfach hin. Dann kommt die Zeit, in der die Sonne sich an- 
schickt aus der Erde herauszugehen, wo diejenigen Wesenheiten, die 
sozusagen nicht mit den groberen oder grober werdenden Substanzen 
der Erde weitergehen konnen, sich mit den feineren Substanzen der 
Sonne von der Erde trennen. Diese Zeit nennen wir die hyperboraische 
Zeit. Dann kommt ein Zeitalter, in dem die Erde nur noch mit dem 
Monde vereint ist, wo ein fortdauerndes Veroden unseres Erdenlebens 
stattfindet. Wir haben gestern gesehen, wie die Menschenseelen diese 
Erde verlassen, und wie da nur verkummerte Menschengestalten zu- 
ruckbleiben. Es ist die Zeit, die man in der geisteswissenschaftlichen 
Literatur die lemurische Zeit nennt. In dieser Zeit findet die Abtren- 
nung des Mondes von der Erde statt, und es erfolgt auf der Erde eine 
Wiederbelebung aller Reiche, die sich auf ihr begriindet haben. Die ge- 



ringste Wiederbelebung braucht das Mineralreich; das Pflanzenreich 
braucht schon etwas mehr, das Tierreich noch mehr, und das Mcn- 
schengesclilecht braucht der bedeutsamsten, starksten Krafte, damit es 
sich weiterentwickeln kann. Diese Neubelebung beginnt mit dem Aus- 
tritt des Mondes. Wir haben da nur eine kleine Anzahl von Menschen, 
wie wir es gestern besprochen haben, und diese Menschen bestehen aus 
den drei Gliedern, die sie wahrend der Saturn-, Sonnen- und Mond- 
entwickelung aufgenommen haben, zu denen die Anlage zum Ich sich 
auf der Erde zugesellt hat. 

Aber der Mensch ist dazumal, beim Austritt des Mondes aus der 
Erde, noch nicht in jener fleischlichen Substanz vorhanden, in der er 
uns spater entgegentritt. Er ist in den feinsten Materien jener Zeit vor- 
handen. In der lemurischen Zeit war die Erde in einem Zustand, da£ 
zum Beispiel vieles von dem, was heute als festes Mineral vorhanden 
ist, noch flussig, aufgelost war in den andern Substanzen, die heute als 
Wasseriges abgetrennt sind, wie zum Beispiel das Wasser. Es war die 
Zeit, wo die Luft noch durchsetzt war mit dichten Dampfen der man- 
nigfaltigsten StofFe. Reine Luft, reines Wasser im heutigen Sinne war 
im Grunde genommen in dieser Zeit nicht vorhanden, oder wenigstens 
nur in den kleinsten Gebieten der Erde. Also in den damals reinsten 
Substanzen pragte der Mensch seinen fluchtigen, feinen Leib aus. Hatte 
er dazumal in einer groberen Substanz seinen Leib ausgepragt, so wiirde 
sich die Form dieses Leibes zu einem ganz bestimmten UmriB, zu einer 
Gestalt mit scharfen Konturen ausgebildet haben. Diese Konturen 
wiirden sich vererbt haben auf die Nachkommen, und das Menschen- 
geschlecht ware dabei stehengeblieben. In einer solchen Materie durfte 
der Mensch seine Gestalt nicht schaffen, er muBte vielmehr dafur sor- 
gen, daft er die Materie seiner Leiblichkeit frei nach den Impulsen der 
Seele bewegen konnte. So weich war die Materie dazumal, in der sich 
sein Leib auspragte, daft sie nach alien Richtungen hin dem Antriebe 
des Willens folgte. Heute konnen Sie Ihre Hand ausstrecken, aber Sie 
konnen nicht durch Ihren Willen die Hand drei Meter lang machen. Sie 
konnen nicht Materie bezwingen, weil die Form sich so vererbt, wie sie 
heute ist. Das war damals nicht der Fall. Der Mensch konnte beliebig 
gestaltet werden, konnte die Form auspragen, wie es seine Seele wollte. 



Das war sozusagen Bedingung fur die weitere Entwickelung des Men- 
schen, daft er nach dem Herausgang des Mondes-sich in den weichsten 
Massen verkorperte, so daB sein Leib noch plastisch und biegsam war 
und der Seele in einer jeden Beziehung folgte. 

Nun kam die Zeit, in welcher ailmahlich gewisse Teile der Materie, 
die heute zu unserem Leben so notwendig sind, das Wasser und die 
Luft, sich reinigten von dem, was sie an dichter Materie enthielten, wo 
sich sozusagen aus dem Wasser heraustrennte, was fruher darin aufge- 
iost war. Wie in einem erkaltenden Wasser aufgeloste Substanzen zu 
Boden fallen, so fiel die aufgeloste Materie gleichsam zum Erdboden 
herunter. Das Wasser wurde frei, aus der Luft wurde die Materie her- 
ausgetrennt, Luft und Wasser bildeten sich. Der Mensch war imstande, 
zu seinem Auf bau diese verfeinerte Materie zu benutzen. 

Aus diesem dritten Zeitalter lebten die Menschen ailmahlich hinuber 
in eine Zeit der Erdentwickelung, die wir die atlantische nennen, weil 
wahrend dieser Zeit der Hauptteil des Menschengeschlechtes auf einem 
heute untergegangenen Weltteil lebte, der zwischen dem heutigen Ame- 
rika und Europa und Afrika gelegen war, da, wo jetzt der Atlantische 
Ozean ist. Nachdem also der lemurische Zeitraum noch eine Weile ge- 
dauert hatte, entwickelten sich die Menschen auf dem atlantischen {Con- 
tinent weiter. Und da geschah alles das, was ich Ihnen jetzt zu beschrei- 
ben habe, und auch vieles von dem, was wir gestern schon anzufiihren 
hatten. 

In dem Augenblicke, als der Mond die Erde verlieB, waren ja auf der 
Erde die wenigsten von den Menschenseelen, die spater verkorpert wa- 
ren. Da waren ja die Menschenseelen verteilt auf die verschiedenen 
Weltenkorper. Wahrend der letzten lemurischen Zeit und der ersten 
atlantischen Zeit kamen diese Menschenseelen herunter. Wenige Men- 
schen, sagte ich Ihnen, hatten die Krisis wahrend der lemurischen Epo- 
che erleben konnen, denn nur die Starksten, die vor dem Mondenaus- 
tritt diese erhartende, noch nicht wieder erweichte Materie beziehen 
konnten, hatten sich uber diese Mondkrisis der Erde erhalten. Als sich 
aber dann alles aufweichte, was sich wahrend der Mondkrisis verhartet 
hatte, als sich Nachkommen bildeten, die nicht durch die Vererbungs- 
verhaltnisse in feste Konturen gepreBt, sondern beweglich waren, da 



kamen nach und nach wieder die Seelen von den verschiedenen Plane- 
ten herunter und bezogen diese Leiber. Diejenigen Gestalten allerdings, 
welche ganz friih physisch wurden nach der Mondabtrennung, behiel- 
ten die feste Gestalt durch Vererbung und konnten menschliche Seelen 
auch nicht nach der Mondabtrennung aufnehmen. Wir konnen uns ge- 
radezu den Vorgang so vorstellen, daB diese Seelen das Bediirfhis ha- 
ben, wieder herunterzukommen auf die Erde. Da unten entstehen die 
mannigfaltigsten Gestalten, Nachkommen der Gestalten, die iibrigge- 
blieben waren nach der Mondabtrennung, und unter diesen gibt es die 
verschiedensten Grade der Verhartung. Diejenigen Menschenseelen, 
iiberhaupt diejenigen Seelenwesenheiten, die in einer gewissen Bezie- 
hung am wenigsten jetzt schon den Drang hatten, sich ganz mit einer 
Materie zu vereinigen, wahlten sich nun die weichsten dieser Gestalten 
und verlieBen sie auch bald wieder. Dagegen waren die anderen Seelen- 
wesen, die sich jetzt schon mit den verharteten Gestalten vereinigten, 
an diese Gestalten gefesselt, und infolgedessen blieben sie zuruck in der 
Entwickelung. Gerade die dem Menschen nachststehenden Tiere sind 
dadurch entstanden, daB gewisse Seelen, die aus dem Weltenraum her- 
untergestiegen sind, nicht haben warten konnen. Sie haben zu friih die 
Leiber unten aufgesucht und sie zu festbegrenzten Gestalten gemacht, 
bevor sich diese Leiber ganz durchdringen konnten mit dem Atherleib. 
Die Menschengestalt ist so lange plastisch geblieben, bis sie sich ganz 
an den Atherleib anpassen konnte. Dadurch entstand jene Deckung, 
von der ich gesprochen habe, und die sich ungefahr im letzten Drittel 
der atlantischen Zek vollzog. Vorher war es so, daB der menschliche 
Seelenteil, der da herunterkam, den Leib fliissig erhielt und dafur sorgte, 
daB der Atherleib nicht vollstandig mit irgendeinem Teil des physischen 
Leibes zusammenschmolz. Dieses Zusammengreifen von Atherleib 
und physischem Leib geschah an einem ganz bestimmten Zeitpunkt. 
Erst wahrend der atlantischen Epoche nahm der menschliche physische 
Leib eine bestimmte Konfiguration an und fing an, sich zu verharten. 

Ware an diesem Zeitpunkt der atlantischen Entwickelung nichts an- 
deres geschehen, ware sonst gar nichts eingetreten, dann wiirde die 
Entwickelung anders verlaufen sein, als es in Wirklichkeit geschehen 
ist. Dann wiirde der Mensch von einem friiheren BewuBtseinszustand 



zu einem spateren ziemlich rasch iibergegangen sein. Bevor der Mensch 
volHg vereint war in bezug auf seinen physischen und seelischen Teil, 
war er ein hellseherisches Wesen, aber dieses Hellsehen war ein dam- 
merhaftes, ein dumpfes. Der Mensch hatte die Moglichkeit, in die gei- 
stige Welt hineinzuschauen, aber er konnte nicht zu sich «Ich» sagen, 
er konnte sich nicht von der Umgebung unterscheiden. SelbstbewuBt- 
sein fehlte ihm. Das trat in dem Punkt der Entwickelung ein, wo sich 
der physische Leib mit dem Atherleib vereinigte. Und wenn nichts an- 
deres geschehen ware, hatte in verhaltnismaBig kurzer Zeit das Fol- 
gende stattgefunden. 

Der Mensch hatte vor diesem Zeitpunkt ein BewuBtsein von der 
geistigen Welt. Er konnte die Tiere, Pflanzen und so weiter nicht deut- 
lich sehen, wohl aber ein Geistiges um sie herum. Er wiirde zum Bei- 
spiel die Gestalt des Elefanten nicht deutlich gesehen haben, aber das 
Atherische, das sich iiber dem physischen Leibe des Elefanten ausdehnt, 
das wiirde er gesehen haben. Dieses BewuBtsein der Menschen wiirde 
nach und nach geschwunden sein, das Ich wiirde sich ausgebildet haben 
beim Zusammenfallen des physischen und atherischen Leibes, und der 
Mensch wiirde wie von einer anderen Seite her die Welt an sich haben 
herankommen sehen. Wahrend er fruher hellseherische Bilder geschaut 
hatte, wiirde er von diesem Zeitpunkt an eine AuBenwelt wahrgenom- 
men haben, aber zugleich auch die geistigen Wesenheiten und geistigen 
Krafte, die dieser AuBenwelt zugrunde Hegen. Er wiirde das physische 
Bild der Pflanze nicht so gesehen haben, wie wir es heute sehen, sondern 
gleichzeitig mit diesem physischen Bild hatte er das geistige Wesen der 
Pflanze wahrgenommen. Warum ist nicht im Verlaufe der Entwicke- 
lung das dumpfe HellseherbewuBtsein einfach abgelost worden von 
einem GegenstandsbewuBtsein, das aber zugleich den Menschen Gei- 
stiges hatte wahrnehmen und wissen lassen? 

Das ist deshalb nicht geschehen, weil gerade wahrend der Monden- 
krisis, als der Mensch wieder auf lebte, Wesenheiten auf ihn EinfluB 
nahmen, die man als zuriickgeblieben bezeichnen muB, die aber hoher 
sind als der Mensch. Wir haben schon verschiedene solcher hoheren 
Wesenheiten kennengelernt. Wir wissen, daB es solche gibt, die zur 
Sonne hinaufgestiegen sind, und andere, die zu anderen Planeten ge- 



gangen sind. Aber es gab auch geistige Wesenheiten, die das Pensum, 
das sie auf dem Monde hatten erledigen sollen, nicht erledigt hatten. 
Diese Wesenheiten, tieferstehend als die Gotter, hoherstehend als der 
Mensch, bezeichnen wir nach ihrem Fiihrer, nach dem hochsten, stark- 
sten unter ihnen, dem Luzifer, als die luziferischen Wesenheiten. 

In der Zeit <Jer Mondenkrisis hatte sich der Mensch so weit entwik- 
kelt, daB er seinen physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib und 
sein Ich hatte. Das Ich verdankte er dem EinfluB der «Geister der 
Form », wie er seinen astralischen Leib den « Gei§ tern der Bewegung », 
seinen Atherleib den «Geistern der Weisheit» und seinen physischen 
Leib dem EinfluB der « Throne » verdankt. Die Geister der Form - 
«Exusiai» oder «Gewalten» in der christlichen Esoterik - waren es, 
die es moglich machten, daB der Keim des Ich hinzukam zu den anderen 
drei Gliedern. Wenn nun der Mensch nur in der normalen Entwicke- 
lung gestanden hatte und alle die Wesenheiten um ihn herum ihre ent- 
sprechenden Aufgaben durchgemacht hatten, dann wiirden gewisse 
Wesenheiten auf seinen physischen Leib gewirkt haben, andere auf sei- 
nen Athetleib, andere auf seinen astralischen Leib und wieder andere 
auf sein Ich, wir konnen sagen, so wie es sich gehort hatte, jede Art auf 
das Glied, zu dem sie gehorte. Jetzt aber waren diese auf der Mondes- 
stufe zuruckgebliebenen Wesenheiten da, die luziferischen Wesenhei- 
ten, Hatten sie richtig weiterwirken konnen, dann waren sie berufen 
gewesen, auf das Ich zu wirken. Sie hatten auf dem Monde aber nur ge- 
lernt, auf den astralischen Leib zu wirken, und das hatte etwas Bedeut- 
sames zur Folge. Waren diese luziferischen Geister nicht dagewesen, so 
wiirde der Mensch seine Ich-Anlage in sich aufgenommen haben und 
sich bis zum letzten Drittel der atlantischen Zeit so entwickelt haben, 
daB er das dammerhafte HellseherbewuBtsein vertauscht hatte mit dem 
auBeren GegenstandsbewuBtsein. So aber drangen, gleichsam wie 
Strahlen von Kraften, die Wirkungen der luziferischen Geister in sei- 
nen astralischen Leib hinein. Worin bestanden diese Wirkungen? 

Der astralische Leib ist der Trager der Triebe, Begierden, Leiden- 
schaften, Instinkte und so weiter. Der Mensch wiirde ganz anders im 
Aufbau seines astralischen Leibes geworden sein, wenn die luziferi- 
schen Geister nicht an ihn herangekommen waren. Er wiirde dann nur 



Triebe entwickelt haben, die ihn mit Sicherheit gefiihrt und nur vor- 
warts gebracht hatten. Die Geister wiirden ihn geleitet haben zu dem 
Anschauen der Welt in Gegenstanden, hinter denen die geistigen We- 
senheiten sichtbar geworden waren. Aber Freiheit, Enthusiasmus, 
Selbstandigkeitsgefiihl und Leidenschaft fur dieses Hdhere wiirden ihm 
gefehlt haben. Der Mensch wurde verloren haben das alte Hellseher- 
bewuBtsein. Die Herrlichkeit der Welt hatte er angeschaut wie eine Art 
Gott, denn er ware ein Glied der Gottheit geworden. Und diese An- 
schauung der Welt hatte in seinem Verstande ihr Spiegelbild erschaffen 
mit einer groBen VoUkommenheit, Aber der Mensch ware eben nur 
wie ein groBer Spiegel des Universums in seiner Vollkommenheit ge- 
wesen. 

Nun gossen die luziferischen Geister vor diesem Zeitpunkt in den 
astralischen Leib hinein Leidenschaften, Triebe, Begierden, die sich 
mit dem vereinigten, was der Mensch auf seinem Entwickelungsweg 
in sich aufnahm. Dadurch konnte er nicht nur der Sterne ansichtig wer- 
den, sondern zu gleicher Zeit dafur auf flammen, Enthusiasmus entfa- 
chen und Leidenschaft, nicht nur den vergottlichten Trieben des astra- 
lischen Leibes folgen, sondern eigene Triebe entfalten aus seiner Frei- 
heit heraus. Das hatten ihm die luziferischen Geister in seinen astrali- 
schen Leib hineingegossen. Aber damit hatten sie ihm zugleich etwas 
anderes gegeben : die Moglichkeit zum Bosen, zur Siinde. Die hatte er 
nicht gehabt, wenn er Schritt fur Schritt von den erhabeneren Gottern 
gefiihrt worden ware. Die luziferischen Geister haben den Menschen 
frei gemacht, ihm Enthusiasmus eingepflanzt, aber ihm zu gleicher Zeit 
die Moglichkeit der niederen Begierden gegeben. Der Mensch hatte, 
bei einem normalen Entwickelungsgange, sozusagen mit einem jegli- 
chen Ding die normalen Empfindungen verkniipft. So aber konnten 
ihm die Dinge der Sinneswelt mehr gefallen, als sie ihm hatten gefallen 
sollen. Er konnte mit seinem Interesse haften an den Dingen der Sinnes- 
welt, Und die Folge war, daB er friiher, als es sonst geschehen ware, in 
diese physische Verhartung hineinkam. 

Der Mensch ist also friiher zu einer festen Gestalt gekommen, als es 
bei den gottlich-geistigen Wesenheiten sozusagen beschlossen war. 
Eigentlich hatte er in dem letzten Drittel der atlantischen Zeit aus einer 



luftigen zu einer festen Gestalt heruntersteigeri sollen. So aber ist er vor 
dieser Zeit heruntergestiegen und ein festes Wesen geworden. Es ist 
das, was uns in der Bibel als der Siindenfall beschrieben wird. Das ist 
der luziferische EinfluB, der sich da geltend macht. Wir haben aber 
auch in den Zeiten, die wir jetzt betrachtet haben, hohe geistige Wesen- 
heiten, die auf das Ich des Menschen wirken, das sie ihm geschenkt 
haben. Die lassen die Krafte einstromen, die den Menschen vorwarts 
bringen in seiner Bahn im Kosmos in demselben MaBe, als wiederum 
diese Menschenwesenheiten herunterkommen und sich mit den Men- 
schenkorpern vereinigen. Sie halten ihre Hand schiitzend uber ihn. 
Auf der anderen Seite aber sind jene Wesenheiten, die sich nicht auf- 
geschwungen haben, um auf das Ich zu wirken. Die wirken nun auf 
den astralischen Leib des Menschen und entwickeln in ihm ganz beson- 
dere Triebe. 

Wenn wir das physische Menschenleben wahrend dieser Zeit be- 
trachten, so stellt sich uns ein Abbild dieser beiden widerstrebenden 
Machte dar, der gottlich-geistigen Machte, die auf das Ich wirken, und 
der luziferischen Wesenheiten. Wenn wir ein wenig die geistige Seite 
des Vorganges verfolgen, so konnen wir uns sagen : Wahrend die Erde 
verodet war, sind die Menschenseeien hinaufgegangen zu den ver- 
schiedenen Weltenkorpern, die zu unserem Sonnensystern gehoren. 
Jetzt kehren diese Seelen wieder zuriick, je nachdem sie Leiber finden 
in der physischen Vererbungslinie. Wenn Sie daran denken, daB gerade 
bei der Mondabtrennung die Erde am wenigsten bevolkert ist, so kon- 
nen Sie sich vorstellen, daB sich das Menschengeschlecht von wenigen 
Menschen aus verzweigte. Nach und nach vermehrt es sich, und im- 
mer mehr und mehr Seelen steigen herunter und bevolkern die Leiber, 
die auf der Erde entstehen. Lange Zeit hindurch war es so, daB nur von 
den wenigen Menschen, die zur Zeit der Mondabtrennung da waren, 
Nachkommen entstanden. Auf diese Menschen wirkten die hohen Son- 
nenkrafte selber. Diese Menschen hatten sich ja stark genug gehalten, 
um den Sonnenkraften einen Angriffspunkt zu geben auch wahrend 
der Mondenkrisis. Alle diese Menschen und ihre Nachkommen fuhlten 
sich sozusagen als «Sonnenmenschen» . Machen wir uns das einmal klar. 

Stellen Sie sich der Einfachheit wegen vor, daB iiberhaupt wahrend 



der Mondenkrisis nur ein Menschenpaar da war. Ich will nicht dariiber 
entscheiden, ob es wirklich so war. Dieses Menschenpaar hat Nachkom- 
men, diese haben wiederum Nachkommen,und so weiter. So verzweigte 
sich das Menschengeschlecht. Solange nun im engeren Sinne eine bloBe 
Nachkommenschaft der alten Sonnenmenschen da war, so lange war 
bei all diesen Menschen vermoge ihres alten Hellsehens auch noch ein 
ganz besonderer BewuBtseinszustand vorhanden. Der Mensch hatte 
damals nicht nur ein Gedachtnis fur das, was er selber erlebte von seiner 
Geburt an oder, wie es heute der Fall ist, von einem Zeitpunkt an, der 
spater liegt als die Geburt, sondern er erinnerte sich an alles, was der 
Vater, der GroBvater und so weiter erlebt hatte. Das Gedachtnis ging 
hinauf bis zu den Vorfahren, zu all denen, mit denen er blutsverwandt 
war. Das kam davon her, weil in gewisser Beziehung iiber alle diejeni- 
gen, die miteinander blutsverwandt waren und die ihre Abstammung 
noch zuriickleiteten bis zu den Menschen, welche die Mondabtrennung 
iiberdauert hatten, die Sonnenkrafte ihre Hand hielten. Die Sonnen- 
krafte hatten das IchbewuBtsein hervorgerufen und hielten es aufrecht 
durch die ganze Blutslinie hindurch. Nun vermehrte sich das Menschen- 
geschlecht, und die Seelen, die in den Weltenraum gegangen waren, 
kamen zuriick auf die Erde. Aber diejenigen Seelen, in denen die 
Sonnenkrafte stark genug waren, fuhlten, trotzdem sie herunter gekom- 
men und mit ganz anderen Spharen als mit der Sonne verwandt waren, 
immer noch diese Sonnenkrafte. 

Dann aber kamen Zeken, in denen diese Seelen, wenn sie spatere Nach- 
kommen waren, den Zusammenhang mit den Sonnenkraften verloren. 
Und damit verloren sie diese gemeinsame Erinnerung mit ihren Vor- 
fahren. Und je mehr sich das Menschengeschlecht vermehrte, desto 
mehr ging dieses lebendige BewuBtsein verloren, das mit der Bluts- 
vererbung verbunden war. Und zwar ging es dadurch verloren, daB 
denjenigen Machten, welche die Menschen vorwarts leiteten und ihnen 
das Ich einpflanzten, gegeniibertraten die luziferischen Machte, die auf 
den astralischen Leib wirkten. Sie wirkten all dem entgegen, was die 
Menschen zusammenkittete. Sie wollten dem Menschen Freiheit, 
SelbstbewuBtsein beibringen. Es war also so, daB die altesten Men- 
schen nach der Mondabtrennung «Ich» sagten nicht nur zu dem, was 



sie selbst erlebten, sondern auch zu dem, was ihre Vorfahren erlebt 
hatten. Sie fuhlten das gemeinsame Sonnenwesen, das im Blute wirkte. 
Und auch als das schon erstorben war, fuhlten zum Beispiel diejenigen, 
welche vom Mars gekommen waren, das Band, das sie mit dem schiit- 
zenden Geiste des Mars vereinigte. Die Nachkommen der vom Mars 
Niedergestiegenen fiihlten, eben weil sie sich aus Mars-Seelen rekru- 
tierten, das Schiitzende, das von dem Mars-Geist ausging. 

Gegen dieses Gefuhl von Gruppen, in denen die Liebe waltet, ver- 
suchten die luziferischen Geister ihren AngrifF. Sie wuBten gegeniiber 
dem gemeinsamen Ich, das in solchen Gruppen sich auspragte, das indi- 
viduelle Ich des Menschen zu kultivieren. 

Wenn wir in die alten Zeiten zuriickblicken, finden wir iiberall, je 
weiter wir zuriickgehen um so mehr, GemeinschaftsbewuBtsein gebun- 
den an die Blutsverwandtschaft. Und je mehr wir vorwarts kommen, 
desto mehr schwindet dieses BewuBtsein, und immer mehr fiihlt der 
Mensch sich selbstandig, fiihlt er, daft er ein individuelles Ich gegen- 
iiber dem gemeinsamen Ich entwickeln soil. So wirken zwei Reiche in 
dem Menschen : das* Reich der luziferischen Gei
…[truncated]