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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vorfragsmrk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861—1925) gliedert
sich in die drei groBen Abteilungen: Schriften — Vortrage — Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf
Steiner ursprunglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten
wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte
Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit die-
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Be-
stimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften
und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da
Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nach-
schriften selbst korrigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortragsver-
offendichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben
nur hingenommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachge-
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent-
lichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wordaut ist am
SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleicher-
maBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an
einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft ver-
trauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867—1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge-
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den
Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
RUDOLF STEINER
DAS JOHANNES -EVANGELIUM
Ein Zyklus von zwolf Vortragen
gehalten in Hamburg
vom 18. bis 31. Mai 1908
1995
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nur teilweise durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Hetausgabe besorgten Paul Jenny und Paul G. Bellmann
1. Auflage (Zyklus 3) Berlin 1909;
2., mit wesendichen Anderungen versehene Auflage
(Zyklenform) Berlin 1912: 3. Auflage (Zyklenform)
Bedin 1915; 4. Auflage Dornach 1928;
5. Auflage Dornach o. J. (1939); 6. Auflage Dornach 1949
Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Dornach:
7., durchgesehen Auflage 1955;
8. Auflage 1962; 9., neu durchgesehene Auflage 1975;
10. Auflage 1981; 11. Auflage 1995
Bibliographie-Nr. 103
Saturn-Siegel auf dem Umschlag und Einband nach Entwurf von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dormch/Schweiz
© 1995 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by WB-Druck, Rieden
ISBN 3-7274-1030-2
IN HALT
ERSTER VORTRAG, Hamburg, 18. Mai 1908
Die Lehre vom Logos
Die gottlich-geistige Art des Johannes-Evangeliums. Widerspriiche in
den Evangelien. Das Johannes-Evangelium und die drei anderen Evan-
gelien. Der «schlichte Mann aus Nazareth» der «aufgeklarten Theo-
logies Das Eindringen des Materialismus in das religiose Leben. Die
Lehre vom Logos. Die Sprache als menschliche Fahigkeit. Der Mensch
und die anderen Naturwesen: Was zuletzt in der Zeit und im Raume
erscheint, war im Geiste zuerst da. Der Ursprung des Menschen aus
dem gottlichen Schopferwort und seine Heraufentwickelung zum logos-
oder wortbegabten Wesen.
ZWEITER VORTRAG, 19. Mai 1908
Christliche Esoterik. Der gottliche Vormensch
Der physische Leib des Menschen als vielfach umgestaltetes Wesen.
Ein physisches Wesen kann nicht bestehen, wenn es nicht zu einem
Atherleib, astralischen Leib und einem Ich hinzugehort. Die Lehre
der christlich-esoterischen Schule von Athen. Der Sinn der Entwicke-
lung durch die Inkarnationen hindurch. Im Astralleib ist heute schon
gottliches Geistselbst, im Atherleib gottlicher Lebensgeist und im phy-
sischen Leib gottlicher Geistesmensch vorhanden. Die Fahigkeit des
Wortes kam an das Menschenwesen mit dem Erdendasein heran. Der
physische Menschenleib hat sein Urbild in dem Logos; der Logos
ward Leben auf der Sonne; auf dem Monde gliederte sich der astra-
lische Leib ein, der Lichtleib, das Leben ward Licht; auf der Erde'
trat das Ich hinzu. Zum Verstandnis des Johannes-Prologs.
DRITTER VORTRAG, 20. Mai 1908
Die Mission der Erde
Die Entwickelung des Ichs, des vollen Selbstbewulkseins und die Ent-
wickelung der Erde und der Erdenmenschheit. Das dumpfe hellsehe-
rische Bewufitsein wahrend der lemurischen Zeit und unser heutiges
waches Tagesbewufitsein. Die Erde ist der planetarische Zustand fur
die Entwickelung der Liebe. Der alte Mond, der Planet oder der Kos-
mos der Weisheit. Der Trager der Liebe kann nur das selbstandige Ich
sein. Die geistigen Liebeskrafte der sechs Elohim der Sonne und die
Kraft der Liebe, die Jahve dem Menschen einpflanzt. Der Christus
Jesus als die Verkorperung des Logos. Esoterisches Christentum und
urspriingliche Gnosis. Der Christus als Bringer des freien «Ich-bin»-
Bewufitseins.
VlERTER VORTRAG, 22. Mai 1908
Die Auferweckung des Lazarus
Zum Aufbau des Johannes-Evangeliums. Wie die Einweihung in den
alten Mysterien vor sich ging. Die Auferweckung des Lazarus: die
Einweihung des Jiingers, «den der Herr lieb hatte», durch Christus
selbst. Ober den Schreiber des Johannes-Evangeliums. Johannes der
Taufer als Vorbereiter und Vorverkunder des Christus. Der Johannes-
Prolog (in der Cbersetzung durch Rudolf Steiner). Das individuelle
Ich und seine Herauslosung aus dem Gruppen-Ich. Der emgeborene
Sohn. Liebe als freie Gabe des Ich. Vergeistigung der Liebe. Im Chri-
stus-Prinzip liegt die Oberwindung des Gesetzes. Die Hochzeit zu
Kana.
FUNFTER VORTRAG, 23. Mai 1908 .. .
Die vorchristliche Einweihung. Die Hochzeit zu Kana
Das Johannes-Evangelium zerfallt in zwei Teile: in den Teil vor der
Auferweckung des Lazarus und in den Teil nach der Auferweckung.
Die sieben Grade der vorchristlichen Einweihung. Das Gesprach mit
Nathanael. Die Hochzeit zu Kana. Die Mission des Christus: dem
Menschen die voile Kraft des Ich, die innere Selbstandigkeit in die
Seele zu bringen. Der Dionysoskult und die Aufgabe des Alkohols.
Das Gesprach mit Nikodemus und das Gesprach mit der Samariterin.
Die Heilung des Sohnes des Konigischen. Das letzte Zeugnis Johannes
des Taufers iiber Jesus.
SECHSTER VORTRAG, 25. Mai 1908
Das Ich-Bin
Das Gesprach mit Nikodemus. Der Mensch in der lemurischen und
atlantischen Zeit. Der Mensch ist einstmals geboren worden aus Luft
und Wasser und er mufi spater im Geiste wiedergeboren werden. Der
«Menschensohn» . Moses als Vorverkunder des Gottes, der das ver-
korperte «Ich-Bin» ist. «Manna», Manas oder Geistselbst und das
«Brot des Lebens», Buddhi oder Lebensgeist.
SlEBENTER VORTRAG, 26. Mai 1908
Das Mysterium von Golgatha
Das Mysterium von Golgatha: die Vereinigung des Sonnen-Logos mit
der Erde. Veranderung in der Aura der Erde. Durch das Mysterium
von Golgatha hat die Erde die Kraft in sich, die sie mit der Sonne
wieder zusammenfuhren wird. Der Christus ist der Geist der Erde
und die Erde sein Leib. Die Ausbildung der hoheren Wesensglieder:
Manas, Buddhi und Atma. Die Entwickelung des Menschen geschieht
dadurch, dafi er von seinem Ich aus nach und nach Astralleib, Ather-
leib und physischen Leib durchlautert und durchkraftet. Die Heilung
des Blindgeborenen. Christus und das Karmagesetz; Christus und die
Ehebrecherin.
ACHTER VORTRAG, 27. Mai 1908
Die Entwickelung des Menschen im Zusammenhang mit dem
Christus-Prinzip
Die Erscheinung des Christus Jesus in der nachatlantischen Zeit. Die
Atlantierziige nach dem Osten. Die uralt-indische, die uralt-persische
und die agyptisch-babylonisch-assyrisch-chaldaische Kulturepoche. Die
alteste romische Zeit. Beziehungen zwischen der agyptischen und
unserer Kulturepoche. In der mittleren der nachatlantischen Kulturen,
im griechisch-lateinischen Zeitalter, tritt der Christus Jesus auf der
Erde auf; der Gott selbst tritt als Mensch, als Einzelpersonlichkeit auf,
ist unter den Menschen im Fleisch verkorpert.
NEUNTER VORTRAG, 29. Mai 1908
Die prophetische Kunde und die Entwickelung des Christen-
tums
Der Bewufkseinszustand des atlantischen Menschen. Der Bewufit-
seinswandel in den ersten drei nachatlantischen Kulturepochen. Pro-
phetische Vorverkiindigung des Ich-Bin, des Logos, des Christus. Das
althebraische Prinzip. Die griechisch-lateinische Epoche: der Mensch
stelk seine eigene Geistigkeit, sein Ich verobjektiviert hinaus in die
Welt. Agyptische Pyramide, griechischer Tempel und gotischer Dom.
Das Christus-Ereignis mufite in die vierte Epoche fallen. «Mutter
Jesu» und «Heiliger Geist».
ZEHNTER VORTRAG, 30. Mai 1908
Das Wirken des Christus- Impulses innerhalb der Menschheit
Die sieben «Rassen» der atlantischen Zeit und die sieben «Kultur-
epochen» der nachatlantischen Zeit. In der atlantischen Zeit mufite der
Mensch seinen physischen Leib zu einem Werkzeug des Ich machen,
in den einzelnen nachatlantischen Kulturepochen macht er auch die
anderen Glieder seiner Wesenheit zu Ich-Tragern. Die kunftige Manas-
Kultur und die kunftige Buddhi-Kultur. Die drei Zeitepochen der Ge-
schichte des Christentums: 1. Die Zeit der Vorverkiindigung des
Christentums bis zum Erscheinen des Christus Jesus, 2. das tiefste
Heruntertauchen des menschlichen Geistes in die Materie und die
Vermaterialisierung selbst des Christentums und 3. die geistige Erfas-
sung des Christentums durch anthroposophische Vertiefung. Die
Hochzeit zu Kana. Wie durch drei Weltentage hindurch der Christus-
Impuls innerhalb der Menschheit wirkt.
ELFTER VORTRAG, 30. Mai 1908 183
Die christliche Einweihung
Das Wesen der Einweihung. Der Eingeweihte mufi ein «heimatloser
Mensch» werden, ein objektiver Mensch im vollen Sinne des Wortes;
er mufi die Keime aufnehmen zu der grofien Bruderliebe. Chrisms ist
der Geist der Erde und die Erde ist der Leib Christi. Worauf die
Wahrnehmung in einer hoheren Welt beruht. Meditation, Konzen-
tration und Kontemplation. Die drei Methoden der Einweihung. Die
sieben Stufen der christlichen Einweihung.
ZWOLFTER VORTRAG, 31. Mai 1908 195
Das Wesen der Jungfrau Sophia und des Heiligen Geistes
Das Prinzip der Einweihung. «Katharsis» oder Reinigung: die Be-
arbeitung des astralischen Leibes durch Meditation und Konzentration.
Das Durcharbeiten der Gedanken der «Philosophie der Freiheit».
Abdruck des Astralleibes im Atherleib. «Photismos» oder Erleuch-
tung. Selbsterkenntnis und Selbstbefruchtung. Die « Jungfrau Sophia»,
der gelauterte Astralleib und der «HeiIige Geist», das kosmische Wel-
ten-Ich, das die Erleuchtung bewirkt. Namengebung zur Zeit der
Evangehen. Die christliche Esoterik nennt die Mutter Jesu die «Jung-
frau Sophia». « Jesus von Nazareth» und der «Christus Jesus». Das
Ich des Jesus von Nazareth verlafit bei der Johannes-Taufe dessen
Korper und fortan ist in ihm der Christus-Geist, der aus ihm spricht,
Auf Golgatha flofi der Christus selbst ein in das Wesen der Erde. Im
Johannes-Evangelium sind verborgen die Krafte zur Entfaltung der
« Jungfrau Sophia». Maria Magdalena und der Auferstandene. Die
Erscheinung des Auferstandenen am See Genezareth. Der unglaubige
Thomas. Die Wiederkunft des Christus im Atherischen. Die welt-
historische Bedeutung der anthroposophischen Geisteswissenschaft.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 218
Hinweise zum Text 218
Namenregister 220
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 221
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 223
ERSTER VORTRAG
Hamburg, 18. Mai 1908
Unsere Vortrage iiber das Johannes-Evangelium werden ein dop-
peltes Ziel haben. Das eine wird sein, die geisteswissenschaftlichen
BegrifTe als solche zu vertiefen und nach mancherlei Richtungen hin
zu erweitern; und das andere Ziel ist gerade dies, durch diejenigen
Vorstellungen, die uns dabei vor die Seele treten werden, die groBe
Urkunde des Johannes-Evangeliums selbst uns nahezubringen. Das
bitte ich festzuhalten, daB die Vortrage nach diesen beiden Richtun-
gen hin gemeint sind. Es soli sich nicht etwa bloB handeln um Aus-
einandersetzungen iiber das Johannes-Evangelium, sondern an der
Hand desselben wollen wir in tiefe Geheimnisse des Daseins ein-
dringen, und wir wollen durchaus festhalten, wie eigentlich die
geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise beschaffen sein muB,
wenn sie anknupft an irgendeine der groBen historischen Urkunden,
die uns durch die verschiedenen Religionen der Welt iiberliefert
worden sind.
Man konnte namlich glauben, wenn der Vertreter der Geisteswis-
senschaft iiber das Johannes-Evangelium spricht, er wolle das in dem
Sinne tun, wie es sonst auch vielfach geschieht: einfach eine solche
Urkunde zugrunde legen, um aus ihr diejenigen Wahrheiten, um
die es sich handelt, zu schopfen, und diese Wahrheiten auf die
Autoritat der religiosen Urkunden hin vorbringen. Das kann aber
nimmermehr die Aufgabe geisteswissenschaftlicher Weltenbetrach-
tung sein. Sie muB eine vollig andere sein. Wenn die Geisteswissen-
schaft ihre wirkliche Aufgabe gegeniiber dem modernen Menschen-
geist erfullen will, dann muB sie zeigen, daB der Mensch, wenn er nur
seine inneren Krafte und Fahigkeiten gebrauchen lernt, die Krafte
und Fahigkeiten des geistigen Wahrnehmens, daB er dann, wenn er
sie anwendet, eindringen kann in die Geheimnisse des Daseins, in das,
was in den geistigen Welten hinter der Sinnenwelt verborgen ist. DaB
der Mensch durch den Gebrauch der inneren Fahigkeiten zu den Ge-
heimnissen des Daseins vordringen kann, daB er zu den schopfe-
rischen Kraften und Wesenheiten des Universums durch seine eigene
Erkenntnis gelangen kann, das muB der modernen Menschheit immer
mehr 2um BewuBtsein kommen.
Und so miissen wir sagen, daB die Geheimnisse des Johannes-
Evangeliums unabhangig von jeder Tradition, von jeder historischen
Urkunde von dem Menschen gewonnen werden konnen. Man
mochte, um das ganz deutlich zu sagen, einmal in einer extremen
Weise das aussprechen. Dann konnte man so sagen: Nehmen wir
an, durch irgendein Ereignis gingen alle religiosen Urkunden dem
Menschen verloren und dieser behielte nur die Fahigkeiten, die er
gegenwartig hat, dann miiBte er trotzdem - wenn er sich nur die
Fahigkeiten, die er hatte, bewahrt - in die Geheimnisse des Daseins
eindringen konnen; er miiBte hingelangen konnen zu den gottlich-
geistigen schaffenden Kraften und Wesenheiten, die hinter der physi-
schen Welt verborgen sind. Und die Geisteswissenschaft muB durch-
aus auf diese, von alien Urkunden unabhangigen Erkenntnisquellen
bauen. Dann aber, wenn man also unabhangig forscht, wenn man
unabhangig von alien Urkunden die gottlich-geistigen Geheimnisse
der Welt erforscht hat, dann geht man an die religiosen Urkunden.
Dann erst erkennt man sie in ihrem wahren Werte. Denn dann ist man
in einer gewissen Weise frei und unabhangig von ihnen. Man erkennt
in ihnen dann, was man zuvor selbstandig gefunden hat; wer einen
solchen Weg gegemiber den religiosen Urkunden eingeschlagen hat,
von dem konnen Sie sicher sein, daB diese Urkunden niemals an Wert
fur ihn verlieren, niemals etwas verlieren von der Ehrfurcht und
Verehrung, die man ihnen gegeniiber haben kann. Durch einen Ver-
gleich mit etwas anderem lassen Sie uns einmal klarmachen, um was
es sich dabei handelt.
Es konnte jemand sagen: Euklid, der alte Geometer, hat uns zu-
erst jene Geometrie gegeben, die heute ein jedes Schulkind lernt auf
einer gewissen Stufe des Schulunterrichts. Aber ist das Lernen der
Geometrie durchaus gebunden an dieses Buch von Euklid? Ich frage
Sie, wie viele lernen heute die elementare Geometrie, ohne eine
Ahnung zu haben von dem ersten Buch, in das Euklid die elemen-
tarsten Dinge iiber Geometrie hineingelegt hat? Sie lernen die Geo-
metrie unabhangig von dem Buche des Euklid, weil sie einer Fahig-
keit des Menschengeistes entspringt. Dann, wenn man Geometrie
aus sich gelernt hat und hinterher an das groBe Geometriebuch des
Euklid kommt, weiB man dies in der richtigen Weise zu wiirdigen;
denn erst dann findet man das, was man sich zu eigen gemacht hat,
und lernt die Form schatzen, in der die entsprechenden Erkenntnisse
zum ersten Male aufgetreten sind. So kann man heute die groBen
Weltentatsachen des Johannes-Evangeliums durch die im Menschen
schlummernden Krafte finden, ohne von dem Johannes-Evangelium
etwas zu wissen, wie der Schiiler die Geometrie lernt, ohne von dem
ersten Geometriebuche des Euklid etwas zu wissen.
Wenn man, ausgenistet mit dem Wissen iiber die hdheren Welten,
an das Johannes-Evangelium herantritt, sagt man sich: Was liegt
denn da vor in der Geistesgeschichte der Menschheit? Die tiefsten
Geheimnisse der geistigen Welten sind hineingeheimniBt in ein Buch,
sind der Menschheit gegeben in einem Buche. Und da wir vorher
wissen, was Wahrheiten iiber die gottlich-geistigen Welten sind, er-
kennen wir dann erst die gottlich-geistige Art des Johannes-Evange-
liums in dem richtigen Sinne, und das wird iiberhaupt der richtige
Sinn sein, sich solchen Urkunden zu nahern, welche iiber geistige
Dinge handeln.
Wenn sich solchen Urkunden, welche iiber geistige Dinge handeln,
Leute nahern, welche sehr gut der Sprache nach alles verstehen, was
in solchen Urkunden liegt, wie zum Beispiel im Johannes-Evange-
lium, also bloBe Philologen - und selbst die theologischen Forscher
einer gewissen Art sind heute eigentlich nur Philologen in bezug
auf den Inhalt solcher Biicher -, wie verhalt sich der Vertreter der
Geisteswissenschaft zu solchen Forschern? Nehmen wir nochmals
den Vergleich mit der Geometrie des Euklid. Wer wird denn der
richtigere Ausleger sein? Der gut mit Worten in seiner Art iiber-
setzen kann und gar keine Ahnung hat von den geometrischen Er-
kenntnissen? Es wird etwas Sonderbares herauskommen, wenn ein
solcher sich an die Geometrie des Euklid machen wird, wenn er
vorher gar nichts von der Geometrie versteht! Lassen Sie aber den
Ubersetzer selbst einen unbedeutenden Philologen sein, er wird,
wenn er Geometrie versteht, das Buch in der richtigen Weise wiirdi-
gen konnen. So verhalt sich gegeniiber vielen anderen Forschern der
Vertreter der Geisteswissenschaft zum Johannes-Evangelium. Viel-
fach wird es gegenwartig so erklart, wie die Philologen die Geo-
metrie des Euklid erklaren wiirden. Geisteswissenschaft aber liefert
aus sich die Erkenntnisse der geistigen Welten, die im Johannes-
Evangelium aufgezeichnet sind. So ist der Geisteswissenschafter dem
Johannes-Evangelium gegeniiber in derselben Lage wie der Geo-
meter dem Euklid gegeniiber: er bringt schon mit, was er in dem
Johannes-Evangelium finden kann.
Wir brauchen uns nicht bei dem etwa erhobenen Vorwurf aufzu-
halten, daB auf diese Weise manches in die Urkunde hineingesehen
werde. Wir werden bald sehen, da6 der, welcher den Inhalt ver-
steht, nicht notig hat, etwas in das Evangelmm hineinzulegen, was
nicht darin ist. Wer die Art der geisteswissenschaftlichen Auslegung
versteht, wird sich bei diesem Vorwurf nicht besonders aufhalten.
Wie andere Urkunden nicht an Wert und Verehrung verlieren, wenn
man ihren wahren Inhalt erkennt, so ist dies auch mit dem Johannes-
Evangelium der Fall. Es erscheint dem, der eingedrungen ist in die
Geheimnisse der Welt, als eines der allerbedeutungsvollsten Doku-
mente im menschlichen Geistesleben.
Wir konnen uns dann fragen, wenn wir uns genauer auf den Inhalt
des Johannes-Evangeliums einlassen : Wie kommt es denn, wenn dem
Geistesforscher das Johannes-Evangelium als eine so bedeutungs-
volle Urkunde erscheint, daB es gerade von Theologen, die doch zu
Erklarern berufen sein sollten, immer mehr und mehr in den Hinter-
grund gegeniiber den anderen Evangelien gedrangt wird? Dies soil als
eine Vorfrage beruhrt werden, bevor wir in das Johannes-Evangelium
selbst eintreten.
Sie alle wissen, daB in bezug auf das Johannes-Evangelium merk-
wiirdige Anschauungen und Gesinnungen Platz gegriffen haben. In
alten Zeiten wurde es verehrt als eine der tiefsten und bedeutungs-
vollsten Urkunden, welche der Mensch hatte iiber das Wesen und
den Sinn des Wirkens des Christus Jesus auf Erden ; und in den alte-
ren Zeiten des Christentums ware es wohl niemandem eingefallen,
dieses Johannes-Evangelium nicht als ein wichtiges geschichtliches
Denkmal fiir die Ereignisse in Palastina aufzufassen. In neueren
Zeiten ist es anders geworden, und gerade die, welche glauben, am
festesten zu stehen auf dem Boden geschichtlicher Forschung, haben
am meisten den Grund unterwiihlt, auf dem eine solche Anschauung
iiber das Johannes-Evangelium stand. Seit einer Zeit, die ja schon
nach Jahrhunderten zahlt, hat man angefangen, aufmerksam zu wer-
den auf die Widerspriiche, die sich in den Evangelien finden. Da
hat sich besonders unter den Theologen nach mancherlei Schwan-
kungen das folgende herausgestellt. Man hat gesagt: Es kommen
viele Widerspriiche in den Evangelien vor, und man konne sich
keinen klaren Begriff machen, wie es kommt, daB von vier Seiten in
den vier Evangelien die Ereignisse in Palastina in verschiedener
Weise erzahlt werden. Man sagte: Wenn wir die Darstellungen neh-
men, die nach Matthaus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes
gegeben werden, so haben wir so viele verschiedene Angaben iiber
dieses und jenes, daB man unmoglich glauben kann, daB sie alle
mit den historischen Tatsachen ubereinstimmen. Das wurde nach
und nach die Gesinnung derjenigen, die diese Dinge erforschen
wollten.
Nun hat sich in neuerer Zeit die Anschauung gebildet, daft man
in bezug ' auf die drei ersten Evangelien einen gewissen Einklang
iiber die Darstellung der palastinensischen Ereignisse sich bilden
konne, daB das Johannes-Evangelium aber in einer weitgehenden
Art abweiche von dem, was die drei ersten Evangelien erzahlen,
und daB deshalb in bezug auf die historischen Tatsachen mehr den
drei ersten Evangelien geglaubt werden miisse und das Johannes-
Evangelium weniger geschichtliche Glaubwurdigkeit habe. So ist
man allmahlich dazu gekommen, zu sagen: Dieses Johannes-Evange-
lium ist iiberhaupt nicht in derselben Absicht entstanden wie die
drei ersten. Diese Evangelien wollten nur erzahlen, was sich zu-
getragen hat; der Verfasser des Johannes-Evangeliums aber habe
diese Absicht gar nicht gehabt, sondern eine ganz andere. Und man
hat aus verschiedenen Griinden der Annahme sich hingegeben, daB
das Johannes-Evangelium iiberhaupt verhaltnismaftig spat nieder-
geschrieben worden sei. Wir werden auf diese Dinge noch zu spre-
chen kommen. Ein groBer Teil der Forscher glaubt, daB das Johannes-
Evangelium erst im dritten oder vierten Jahrzehnt des zweiten christ-
lichen Jahrhunderts niedergeschrieben worden sei, vielleicht auch
schon im zweiten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts; und daher
sagten sie sich: Also ist das Johannes-Evangelium niedergeschrieben
in einer Zeit, wo das Christentum in einer bestimmten Form sich
schon ausgebreitet hatte, wo es vielleicht auch schon Gegner hatte.
Diese oder jene Gegner waren aufgetreten gegen das Christentum,
und diejenigen, die diese Meinung annehmen, sagten sich: In dem
Schreiber des Johannes-Evangeliums haben wir einen Menschen vor
uns, der insbesondere bestrebt war, eine Lehrschrift zu geben, eine
Art Apologie, etwas wie eine Verteidigung des Christentums gegen-
iiber den Stromungen, die sich dagegen erhoben hatten. Nicht aber
hatte der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Absicht gehabt,
die historischen Tatsachen treu zu schildern, sondern zu sagen, wie
er sich zu seinem Chris tus stelle. - So sehen viele nichts anderes
in dem Johannes-Evangelium als eine Art religios durchstromten
Gedichtes, das der Schreiber aus einer religios-lyrischen Stimmung
heraus in bezug auf seinen Christus niedergeschrieben habe, um
auch andere zu begeistern und in dieselbe Stimmung zu bringen.
Vielleicht wird man nicht iiberall mit so extremen Worten diese
Meinung eingestehen. Wenn Sie aber die Literatur studieren, wer-
den Sie finden, daB dies eine weitverbreitete Meinung ist, die vielen
unserer Zeitgenossen sehr zur Seele spricht, ja, es kommt eine
solche Meinung der Gesinnung unserer Zeitgenossen geradezu ent-
gegen.
Seit einigen Jahrhunderten hat sich innerhalb der Menschheit, die
immer mehr zum Materialismus in ihrer Gesinnung gekommen ist,
eine gewisse Abneigung herausgebildet gegen eine solche Auf-
fassung des geschichtlichen Werdens uberhaupt, wie sie uns gleich
in den ersten Worten des Johannes-Evangeliums entgegentritt. Den-
ken Sie doch nur daran, daB die ersten Worte keine andere Erkla-
rung zulassen, als daB in dem Jesus von Nazareth, der gelebt hat
im Anfange unserer Zeitrechnung, verkorpert war eine Wesenheit
hochster geistiger Art. Der Schreiber des Johannes-Evangeliums
konnte nach seiner ganzen Art nicht anders, indem er von Jesus
spricht, als beginnen mit dem, was er das «Wort» oder den « Logos »
nennt; und er konnte nicht anders als sagen:
« Dieses Wort war im Urbeginne, und alles ist durch das Wort ent-
standen.» (i, 2-3)
oder durch den « Logos ». Nehmen wir dieses Wort einmal in seiner
vollen Bedeutung, dann miissen wir sagen: Der Schreiber des Johan-
nes-Evangeliums sieht sich gedrangt, den Urbeginn der Welt, das
Hochste, wozu sich der Menschengeist erheben kann, als Logos zu
bezeichnen und zu sagen : « Alle Dinge sind durch diesen Logos, den
Urgrund der Dinge, gemacht! » Und dann setzt er fort und sagt:
«Dieser Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet.»
C1* 14)
Das heiBt nichts anderes als: Ihr habt ihn gesehen, der unter uns
gewohnt hat; ihr werdet ihn nur verstehen, wenn ihr ihn nehmt so,
daB in ihm dasselbe Prinzip wohnte, durch das alles, was um euch
herum ist an Pflanzen, Tieren und Menschen, gemacht ist. — Will
man nicht in verkiinstelter Weise interpretieren, so muB man sagen,
daB im Sinne dieser Urkunde ein Prinzip allerhochster Art sich ein-
mal im Fleische verkorpert hat. Vergleichen wir die Anforderung,
die mit solcher Vorstellung an des Menschen Herz gestellt wird, mit
dem, was heute mancher Theologe sagt. Sie konnen es gegenwartig
in theologischen Werken lesen und in Vortragen in mannigfacher
Weise horen : Wir appellieren nicht mehr an irgendein ubersinnliches
Prinzip; uns ist derjenige Jesus am liebsten, den uns die drei ersten
Evangelien schildern, denn das ist der «schlichte Mann aus Naza-
reth », der anderen Menschen ahnlich ist.
Das ist in gewisser Art ein Ideal geworden fur viele Theologen.
Die Menschen haben das Bestreben, alles, was geschichtlich gewor-
den ist, moglichst auf gleiche Stufe zu stellen mit allgemein mensch-
lichen Ereignissen. Es stort die Menschen, daB ein so Hoher heraus-
ragen soil, wie es der Christus des Johannes-Evangeliums ist. Daher
sprechen sie von diesem als von der Apotheose Jesu, des «schlichten
Mannes von Nazareth », der ihnen deshalb so gefallt, weil sie sagen
kdnnen: Wir haben ja auch einen Sokrates und andere groBe Man-
ner. - Er unterscheidet sich ja von diesen anderen, aber sie haben
doch einen gewissen MaBstab an einer gewohnlichen banalen Mensch-
lichkeit, wenn sie sprechen konnen vom «schlichten Manne aus
Nazareth ». Dies Sprechen vom «schlichten Manne aus Nazareth »,
das Sie heute schon in zahlreichen theologischen Werken, auch in
theologisch-akademischen Schriften vorfinden, in dem, was man die
«aufgeklarte Theologie» nennt, das hangt zusammen mit dem seit
Jahrhunderten herangebildeten materialistischen Sinne der Mensch-
heit; denn diese giaubt, daB es nur Physisch-Sinnliches geben konne
oder daB nur dieses eine Bedeutung habe. In denjenigen Zeiten der
Menschheitsentwickelung, in welchen der Blick der Menschheit noch
hinaufgegangen ist zu dem Ubersinnlichen, konnte der Mensch sagen :
AuBen, in der auBeren Erscheinung mag diese oder jene historische
Personlichkeit sich gewiB vergleichen lassen mit dem schlichten
Manne aus Nazareth, aber in dem, was als Geistiges und Unsicht-
bares in dieser Personlichkeit war, da ist dieser Jesus von Nazareth
ein Einzigerl Als man aber den Hinblick und den Einblick in das
Obersinnliche und Unsichtbare verloren hatte, verlor man auch den
MaBstab fur alles, was iiber den Durchschnitt der Menschheit hinaus-
ragte, und das zeigte sich ganz besonders in der religiosen Auf-
fassung des Lebens. Dariiber geben Sie sich nur gar keiner Tau-
schung hin ! Der Materialismus ist zuerst eingedrungen in das religiose
Leben. Viel, viel weniger gefahrlich fur die geistige Entwickelung der
Menschheit ist der Materialismus in bezug auf die auBeren natur-
wissenschaftlichen Tatsachen als in bezug auf die Auffassung der
religiosen Geheimnisse,
Wir werden zu sprechen haben - als ein Beispiel - iiber die wahre
spirituelle Auffassung des Abendmahls, die Verwandlung von Brot
und Wein in Fleisch und Blut, und wir werden im Laufe dieser Vor-
trage horen, daB durch diese spirituelle Auffassung das Abendmahl
wahrhaftig nicht an Wert und Bedeutung verliert. Aber es wird eben
eine spirituelle Auffassung sein, die wir kennenlernen werden. Und
die war auch die alte christliche Auffassung, als noch mehr spiri-
tueller Sinn war unter der Menschheit; sie gait noch in der ersten
Halfte des Mittelalters. Da wuBten viele die Worte: «Dies ist mein
Leib...; dies ist mein Blut!» (Markus 14, 22 und 24), so aufzufassen,
wie wir das kennenlernen werden. Aber diese geistige Auffassung ging
im Laufe der Jahrhunderte notwendigerweise verloren. Wir werden
die Griinde dafiir kennenlernen. Da gab es im Mittelalter eine sehr
merkwiirdige Stromung, die tiefer, als Sie es glauben mogen, einge-
drungen ist in die Gemiiter der Menschheit, denn wie die Seelen sich
nach und nach entwickelt und was sie erlebt haben, konnen Sie von
der heutigen Geschichte sehr wenig erfahren. Um die Mitte des Mittel-
alters ist eine tiefgehende Stromung vorhanden in den christlichen
Gemiitern Europas ; denn es war von autoritativer Seite aus der ehe-
malige spirituelle Sinn der Abendmahlslehre ins Materialistische um-
gedeutet. Die Menschen konnten sich bei den Worten: «Dies ist mein
Leib . . . ; dies ist mein Blut », nur vorstellen, daB ein materieller Vor-
gang, eine materielle Umwandlung von Brot und Wein in Fleisch und
Blut geschehe. Was fruher geistig vorgestellt wurde, ring man an, im
grob materiellen Sinne sich vorzustellen. Hier schleicht sich der Mate-
rialismus, lange bevor er die Naturwissenschaft ergreift, ein in das
religiose Leben.
Und ein anderes Beispiel ist nicht minder bedeutsam. Glauben
Sie nicht, daB in irgendeiner der maBgebenden Erklarungen der
« Schopfungsgeschichte » im Mittelalter die sechs Schopfungstage so
genommen worden sind als Tage, wie sie heute sind, als Tage von
vierundzwanzig Stunden. Keinem der maBgebenden theologischen
Lehrer ware das auch nur eingefallen; denn sie haben verstanden,
was in den Urkunden stent, Sie haben noch gewuBt, einen Sinn zu
verbinden mit den Worten der Bibel. Hat es denn einen Sinn iiber-
haupt gegeniiber der Schopfungsurkunde, von vierundzwanzigstiin-
digen Schopfungstagen zu sprechen in unserer heutigen Art? Was
heiBt denn ein Tag? Ein Tag heiBt das, was durch das Umdrehungs-
verhaltnis der Erde gegeniiber der Sonne bewirkt wird. Von Tagen
im heutigen Sinne konnen Sie nur reden, wenn die Verhaltnisse
zwischen Sonne und Erde und ihre Bewegung so vorgestellt werden,
wie sie heute sind. DaB aber Sonne und Erde in solchen Verhalt-
nissen zueinander gestanden haben, wird in der Genesis erst vom
vierten Zeitraum, vom vierten «Tage » der Schopfung erzahlt. «Tage »
konnen daher iiberhaupt erst am vierten Tage der Schopfungs-
geschichte anfangen. Vorher ware es sinnlos, sich Tage vorzustellen,
wie sie heute sind. Da erst iiberhaupt am vierten «Tag» die Einrich-
tung kommt, wodurch Tag und Nacht moglich werden, konnte
vorher nicht von Tagen im heutigen Sinne die Rede sein! Wieder
kam die Zeit herauf, wo die Menschen nicht mehr wuBten, daB
damit die geistige Bedeutung von Tag und Nacht gemeint sei, wo
man sich nur denken konnte, daB solche Zeit, die man sich in physi-
schen Tagen vorzustellen hat, moglich ist. So wurde fur einen mate-
rialistisch denkenden Menschen, selbst fur einen Theologen, ein Tag,
wie er heute ist, auch der Schopfungs -«Tag », weil er nur jenen
kennt.
Ein alterer Theologe redete anders iiber solche Dinge. Ein solcher
sagte sich vor allem, daB in den alten religiosen Urkunden nichts
Unnotiges an wichtigen Stellen steht. Als ein Beispiel dafur wollen wir
eine Stelle betrachten. Man nehme einmal im 2.Kapitel des ersten
Buches Mose den zi. Vers; da heiBt es:
«Da lieB Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf fallen auf den Men-
schen, und er entschlief.»
Auf diese Stelle legten die alten Erklarer einen ganz besonderen Wert.
Diejenigen, die sich schon ein wenig befaBt haben mit der Entwicke-
lung der geistigen Krafte und Fahigkeiten des Menschen, werden wis-
sen, daB es verschiedene Arten von BewuBtseinszustanden gibt, daB
dasjenige, was wir heute bei dem Durchschnittsmenschen « Schlaf »
nennen, nur ein vonibergehender BewuBtseinszustand ist, der sich
kiinftig - wie heute schon bei den Eingeweihten - umwandeln wird in
einen BewuBtseinszustand, wo der Mensch leibbefreit hineinsieht in
die geistige Welt. Deshalb sagte der Erklarer : Gott lieB Adam in einen
tiefen Schlaf fallen, und da konnte er wahrnehmen, was er mit den
physischen Sinneswerkzeugen nicht wahrnehmen konnte. Das ist ge-
meint als ein hellseherischer Schlaf, und was erzahlt wird, ist das, was
man erfahrt in einem hoheren BewuBtseinszustand; daher fallt Adam
«in einen Schlaf». Dies war eine alte Erklarung; und man sagte, es
wiirde auch nicht erwahnt werden in einer religiosen Urkunde, «Gott
lieB einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen», wenn er auch schon
fruher in einen Schlaf verfallen ware. Darauf werden wir hingewiesen,
daB es der erste Schlaf ist, und daB der Mensch fruher in BewuBtseins-
zustanden war, wo er noch geistige Dinge standig wahrnehmen
konnte. Das ist es, was den Leuten erzahlt wurde.
Heute handelt es sich nun darum, zu zeigen, daB es einmal ganz
spirituelle Erklarungen der biblischen Urkunden gegeben hat, und
daB der materialistische Sinn, als er herauf kam, das hineingelegt hat,
was heute in der Bibel von den aufgeklarten Leuten bekampft wird.
Das hat erst der materialistische Sinn gemacht, was er nun selbst be-
kampft. So sehen Sie, wie in der Tat der materialistische Sinn in der
Menschheit heraufgezogen ist und wie dadurch das wahre, echte,
wirkliche Verstandnis fur die religiosen Urkunden verlorengegangen
ist. Wenn die Geisteswissenschaft ihre Aufgabe erfiillen und dem
Menschen zeigen wird, welche Geheimnisse hinter dem physischen
Dasein liegen, dann wird man schon erkennen, wie diese Geheimnisse
in den religiosen Urkunden geschildert werden. Der auBere triviale
Materialismus, den heute die Menschen fur so gefahrlich halten, ist nur
die letzte Phase des Materialismus, denich Ihnen geschildert habe. Erst
wurde die Bibel materialistisch interpretiert. Hatte nie ein Mensch die
Bibel materialistisch erklart, so hatte auch nie in der auBeren Wissen-
schaft ein Haeckel die Natur materialistisch erklart; und was im vier-
zehnten und funfzehnten Jahrhundert als Grund gelegt worden ist in
religioser Beziehung, das ging als Frucht im neunzehnten Jahrhundert
auf in der Naturwissenschaft ; und das hat dazu gefiihrt, daB es unmog-
lich ist, dem Johannes-Evangelium gegeniiber zu einem Verstandnis
zu kommen, wenn man nicht in die geistigen Urgriinde eindringt. Man
kann den Wert des Johannes-Evangeliums nur dann unterschatzen,
wenn man es nicht versteht. Und weil diejenigen, die es nicht mehr
verstanden haben, angekrankelt waren von einer materialistischen
Gesinnung, erschien es ihnen eben in dem vorhin geschilderten
Lichte.
Ein ganz einfacher Vergleich wird erklaren, in welcher Art das
Johannes-Evangelium von den drei andern abweicht.
Denken Sie sich einen Berg. Auf dem Berge und am Bergabhange
stehen auf gewissen Hohen verschiedene Menschen, und diese ver-
schiedenen Menschen - sagen wir drei - zeichnen nun ab, was sie
unten sehen. Jeder wird es nach der Stelle, wo er stent, verschieden
zeichnen; aber gewiB ist jedes von diesen drei Bildern doch wahr
fur den Standpunkt, um den es sich handelt. Und derjenige, der nun
oben auf dem Gipfel steht und das zeichnet, was unten ist, wird
wieder einen andern Anblick gewinnen und schildern. So ist der
Anblick der drei Evangelisten, der Synoptiker Matthaus, Markus,
Lukas, gegeniiber dem des Johannes, der nur von einer andern Stelle
aus die Sache beschreibt. Und was haben gelehrte Erklarer nicht alles
herbeigetragen, um dieses Johannes-Evangelium begreiflich zu ma-
chen! Manchmal muB man sich wirklich wundern, was alles von den
exakten Forschern gesagt wird, was so leicht zu durchschauen ware,
wenn nicht unsere Zeit eine Zeit des denkbar groBten Autoritats-
glaubens ware. Der Glaube an die unfehlbare Wissenschaft ist heute
auf dem hochsten Punkt angekommen !
So ist denn gleich der Eingang des Johannes-Evangeliums etwas
sehr Schwieriges fur den materialistisch angehauchten Theologen ge-
worden. Die Lehre von dem Logos oder Wort hat den Leuten groBe
Schwierigkeiten gemacht. Sie sagen sich: Wir mochten doch so gern,
daB alles einfach, schlicht und naiv ist, und da kommt dann das
Johannes-Evangelium und spricht von so hohen philosophischen
Dingen, von dem Logos, dem Leben, dem Lichte! - Der Philologe
ist gewdhnt, immer zu fragen, woher das stammt. Mit neueren Wer-
ken macht man es nicht anders. Lesen Sie die Werke iiber den Goethe-
schen « Faust ». Uberall finden Sie nachgewiesen, woher dieses oder
jenes Motiv stammt; da werden durch Jahrhunderte zum Beispiel
alle Biicher aufgestobert, um zu sehen, woher Goethe das Wort vom
«Wurm» hat, das er gebraucht. Und so fragt man auch: Woher hat
Johannes den Begriff des « Logos »? Die anderen Evangelisten, die
zu dem einfachen, schlichten Menschenverstand gesprochen haben,
driicken sich nicht so philosophisch aus. Nun sagte man weiter, der
Schreiber des Johannes-Evangeiiums ware eben ein Mensch mit grie-
chischer Bildung gewesen, und dann wies man darauf hin, daB die
Griechen in Philo von Akxandrien einen Schriftsteller haben, der auch
von dem Logos spricht. Also dachte man sich, daB in gebildeten
griechischen Kreisen, wenn man von etwas Hohem sprechen wollte,
man von dem Logos sprach, und daher hat der Johannes das auf-
genommen. Und so nahm man das wieder fur einen Beweis, daB der
Schreiber des Johannes-Evangeiiums nicht auf derselben Oberliefe-
rung gefuBt hat, auf der die Schreiber der andern Evangelien fuBten,
sondern - so sagte man - er hat sich beeinflussen lassen von der
griechischen Bildung und dementsprechend die Tatsachen umgepragt.
Und gerade die Anfangsworte des Johannes-Evangeiiums
«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein
Gott war das Wort.»
beweisen, daB der philonische « Logos »-Begriff in den Geist des
Schreibers des Johannes-Evangeiiums eingedrungen ist und die Dar-
stellung beeinfluBt hat !
Solchen Leuten mdchte man nur einmal den Anfang des Evange-
liums des Lukas dagegenhalten:
« Sintemalen sich viele unterwunden haben, Rede zu fiihren von den
Ereignissen, so unter uns geschehen sind,
wie uns das uberliefert haben diejenigen, die von Anfang selbst
Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind,
deshalb habe ich es fur gut befunden, nachdem ich das alles, wie es
von Anfang war, mit FleiB erforscht, dir zu erzahlen, mein guter
Theophilus.» (Lukas i, 1-3)
Hier steht am Anfange gerade, daB das, was er erzahlen will, Uber-
lieferung ist derjenigen, die « Augenzeugen und Diener des Wortes
gewesen sind». Es ist sonderbar, daB Johannes das aus der griechi-
schen Bildung haben soli und daB Lukas, der doch nach dieser An-
sicht zu den schlichten Mannern gehorte, ebenfalls von dem « Logos »
spricht! Solche Dinge sollten selbst die autoritatsglaubigen Menschen
darauf aufmerksam machen, daB es wirklich nicht eigentlich exakte
Griinde sind, die zu solchen Resultaten fuhren, sondern Vorurteile;
die materialistische Brille ist es, die diese Anschauung iiber das
Johannes-Evangelium heraufgebracht hat, daB es in der eben charak-
terisierten Weise neben die anderen Evangelien hinzustellen sei, -
was wir leicht daraus entnehmen konnen, daB auch im Lukas-Evange-
iium die Rede davon ist. Was von denen gesagt wird, die da Augen-
zeugen und Diener des Logos gewesen sind, das bedeutet, daB von
dem Logos in den alten Zeiten gesprochen wurde als von etwas, was
die Leute kannten und mit dem sie vertraut waren. Und das ist es,
was wir uns jetzt besonders vor die Seele fuhren miissen, damit wir
tiefer eindringen konnen in die ersten paradigmatischen Satze des
Johannes-Evangeliums .
Wovon spricht derjenige, der damals das Wort « Logos » oder das
Wort «Wort» gebrauchte in unserm Sinne? Wovon spricht er?
Nicht durch theoretisches Erklaren und abstraktes begrifFliches
Auseinandersetzen kommen Sie zu dieser Vorstellung des Logos,
sondern Sie miissen sich durch das Gemiit in das ganze Empfindungs-
leben aller derjenigen hineinversetzen, die so von dem Logos ge-
sprochen haben. Auch diese Leute haben die Dinge um sich herum
gesehen. Aber es geniigt nicht, daB der Mensch bloB das ansieht, was
um ihn herum ist, sondern es kommt darauf an, wie sich daran die
Empfindungen seines Herzens und seines Gemiites kniipfen, wie er
dies oder jenes fur hoher oder niedriger halt, je nachdem, was er in
ihnen sieht. Sie alle richten Ihre Blicke auf die Sie umgebenden
Naturreiche, auf Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen. Sie nen-
nen den Menschen das vollkommenste, das Mineral das unvollkom-
menste Geschopf. Innerhalb der betreffenden Naturreiche unter-
scheidet man wieder hoher und niedriger stehende Wesen. Zu den ver-
schiedenen Zeiten empfanden die Menschen das ganz verschieden.
Diejenigen, die im Sinne des Johannes-Evangeliums sprachen, emp-
fanden vor allem eines als etwas ganz Bedeutsames : Man sah herunter
auf das niedere Tierreich und lieB den Blick schweifen hinauf bis zu
dem Menschen - und verfolgte etwas ganz Bestimmtes in dieser Ent-
wickelungsrichtung. Da sagte ein solcher Bekenner der Logoslehre:
Eines ist es, was uns am tiefsten den Vorzug der hoheren Wesen vor
den niederen darstellt: die Fahigkeit, das, was im Innern lebt, nach
auBen durch das Wort tonen zu lassen, den Gedanken der Umwelt im
Wort mitzuteilen. Es wiirde ein solcher Bekenner der Logoslehre
gesagt haben: Sieh dir an das niedere Tier! Es ist stumm, es driickt
nicht aus seinen Schmerz oder seine Lust - Nehmen Sie die niederen
Tiere: sie zirpen oder geben andere Tone von sich usw.; aber es ist
das das auBere Schaben und Reiben der physischen Organe, die da
tonen, wie ein Hummer es auch kann. Je hoher wir hinauf kommen,
desto mehr entwickelt sich die Fahigkeit, daB sich das Innere im Ton
manifestiert und das, was die Seele erlebt, im Ton mitteilt. Und des-
halb, sagte man, steht der Mensch iiber den anderen Wesen so hoch,
weil er nicht nur imstande ist, mit Worten zu bezeichnen, was seine
Lust oder sein Schmerz ist, sondern weil er das, was iiber das Person-
liche hinausgeht, was geistig, unpersonlich ist, in Worte zu fassen, in
Gedanken auszudriicken vermag.
Und man sagte nun unter diesen Bekennern der Logoslehre : Es gab
eine Zeit, bevor der Mensch in seiner heutigen Gestalt da war, in der
es ihm moglich ist, sein innerstes Erlebnis in Worten nach auBen er-
tonen zu lassen. Es gab vorher eine andere Zeit. Es hat lange Zeit
gebraucht, daB sich unsere Erde bis zu der heutigen Gestalt hindurch-
entwickelte. - Wir werden horen, wie diese Erde geworden ist. -
Wenn wir aber die friiheren Zustande priifen, finden wir den Men-
schen in seiner heutigen Gestalt noch nicht und auch keine Wesen,
die von innen heraus ertonen lassen konnen, was sie erleben. Mit
stummen Wesen beginnt unsere Welt, und nach und nach erst zeigen
sich Wesen und erscheinen auf unserem Wohnplatz, die die innersten
Erlebnisse nach auBen tonen lassen konnen, die des Wortes machtig
sind. Aber das, was vom Menschen heraus am spatesten erscheint -
sagten sich die Bekenner der Logoslehre -, das war in der Welt selbst
am fruhesten da. Wir denken uns, der Mensch war in seiner heutigen
Gestalt in friiheren Erdzustanden noch nicht da; aber in unvollkom-
mener, stummer Gestalt war er da und hat nach und nach sich bis
zum logos- oder wortbegabten Wesen heraufentwickelt. DaB er das
konnte, ruhrt davon her, daB das, was bei ihm zuletzt erscheint, das
schopferische Prinzip, in einer hohern Wirklichkeit von Anfang an
da war. Was sich losringt aus der Seele, das war das gottliche schop-
ferische Prinzip im Anfang. Das Wort, das aus der Seele tont, der
Logos, war im Anfang da, und der Logos hat die Entwickelung so
gelenkt, daB zuletzt ein Wesen entstand, in dem er auch erscheinen
konnte. Was zuletzt in der Zeit und im Raume erscheint, war im
Geiste zuerst da.
Wenn Sie einen Vergleich nehmen wollen, um sich das klar-
zumachen, so konnen Sie ungefahr sagen : Hier habe ich diese Blume
vor mir. Diese Blumenkrone, diese Blumenglocke, was war sie vor
einiger Zeit? Es war ein kleines Samenkorn. Darinnen war der Mog-
lichkeit nach diese weiBe Blumenglocke. Ware sie nicht der Moglich-
keit nach darinnen gewesen, diese Blumenglocke hatte nicht ent-
stehen konnen. Und woher kommt das Samenkorn? Es kommt wieder
von einer solchen Blumenglocke her. Dem Samenkorn geht die Blute
voran; und so, wie die Blute der Frucht vorangeht, so hat sich das
Samenkorn, aus dem diese Bliite entstanden ist, herausentwickelt aus
einer gleichen Pflanze. So betrachtete der Bekenner der Logoslehre
den Menschen und sagte sich: Gehen wir zuriick in der Entwicke-
lung, so finden wir in friiheren Zustanden den noch stummen Men-
schen, der nicht des Wortes fahig war; aber wie der Same von der
Bliite herkommt, so kommt der stumme Menschensame von dem
sprechenden, wortbegabten Gotte im Urbeginn her. Wie das Mai-
glockchen den Samen und der Same wieder das Maiglockchen erzeugt,
so erzeugt das gottliche Schopferwort den stummen Menschensamen ;
und als das gottliche Schopferwort hineinschlupft in den stummen
Menschensamen, um darin wieder aufzugehen, tont aus dem Men-
schensamen das ursprungliche gottliche Schopferwort hervor. Gehen
wir zuriick in der Menschheitsentwickelung, so treffen wir ein unvoll-
kommenes Wesen, und die Entwickelung hat den Sinn, daB zuletzt als
Bliite der Logos oder das Wort, das das Innere der Seele enthullt, er-
scheint. Es erscheint im Anfange der stumme Mensch als Samen des
logosbegabten Menschen, und dieser geht hervor aus dem logos-
begabten Gotte. Es entspringt der Mensch aus dem nicht wortbegab-
ten, stummen Menschen, aber zuletzt ist im Urbeginn der Logos oder das
Wort. - So dringt derjenige, der die Logoslehre im alten Sinne er-
kennt, vor zu dem gottlichen Schopferwort, das der Urbeginn des
Daseins ist, worauf der Schreiber des Johannes-Evangeliums im An-
fange hinweist. Horen wir, was er im Anfange sagt :
«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein
Gott war das Wort.»
Heute, will er sagen, wo ist heute das Wort? Heute ist auch das
Wort da, und das Wort ist beim Menschen ! und ein Menschliches
ist das Wort! Und so knupft der Schreiber des Johannes-Evangeliums
den Menschen an den Gott an, und wir horen in der Tat eine fur
jedes Menschenherz leicht begreifliche Lehre ertonen im Beginne
dieses Johannes-Evangeliums.
Ich wollte Ihnen heute in diesem einleitenden Vortrag mit allgemei-
neren Worten einmal mehr vom Empfindungs- und Gefuhlsstand-
punkt aus schildern, wie urspninglich ein Bekenner der Logoslehre
solche Worte des Johannes-Evangeliums empfunden hat. Und nach-
dem wir uns so in die Stimmung hineinversetzt haben, wie sie war,
als zuerst diese Worte gehort wurden, werden wir um so besser die
Moglichkeit haben, in den tiefen Sinn, der diesem Johannes-Evange-
lium zugrunde liegt, einzudringen.
Wir werden weiter sehen, wie das, was wir Geisteswissenschaft
nennen, wahrhafte Wiedergabe ist des Johannes-Evangeliums, und
wie die Geisteswissenschaft uns in die Lage versetzt, dieses Johannes-
Evangelium um so griindlicher zu verstehen.
ZWEITER VORTRAG
Hamburg, 19. Mai 1908
Die ersten Worte des Johannes-Evangeliums riihren in der Tat gleich
an die tiefsten Weltgeheimnisse. Man sieht das, wenn man die ihnen
2ugrunde liegenden geisteswissenschaftlichen Wahrheiten vor die
Seele hintreten laBt ; und wir werden tief hineingreifen miissen in die
spirituelle Erkenntnis, wenn uns diese ersten Worte des Evangeliums
im richtigen Lichte erscheinen sollen. Manches, was denjenigen von
Ihnen recht wohl bekannt ist, die sich langere Zeit mit der anthropo-
sophischen Weltanschauung befaBt haben, werden wir uns nur kurz
dabei ins Gedachtnis zuriickrufen miissen. Wir werden aber gewisse
elementare Wahrheiten der anthroposophischen Weltanschauung
heute durchdringen miissen mit weiteren Ausblicken in verschiedene
bedeutsame kosmische Geheimnisse.
Nur ganz kurz brauchen wir uns einmal das Wesen des Menschen
vor Augen zu fiihren, wie dieses Wesen sich uns darstellt in der
geisteswissenschaftlichen Betrachtung, zunachst fur die Zeit vom
Morgen, wenn der Mensch aufwacht, bis zum Abend, wenn der
Mensch wiederum in Schlaf versinkt. Wir wissen, daB der Mensch
besteht aus dem physischen Leib, dem Ather- oder Lebensleib, dem
Astralleib und dem Ich. Diese vier Glieder der menschlichen Wesen-
heit sind aber in derjenigen Verbindung, die wir ihnen normalerweise
fur den Wachzustand zuschreiben, wirklich nur so da wahrend dieses
Wachzustandes. Insbesondere ist notwendig, daB wir uns vor die
Seele riicken, daB wahrend des Schlafzustandes in der Nacht der
Mensch im Grunde genommen eine ganz andere Wesenheit ist; denn
seine vier Glieder sind dann in einer ganz anderen Art zusammen-
gefiigt als wahrend des Tagwachens. Wenn der Mensch schlaft, liegen
der physische Leib und der Atherleib im Bette; der Astralleib und
das Ich sind in einer gewissen Weise losgelost aus dem Zusammen-
hang mit dem physischen Leibe und dem Atherleibe, sind also - wenn
wir das Wort nicht im rein raumlichen, sondern im geistigen Sinne
verstehen - auBerhalb des physischen Leibes und des Atherleibes.
So ist also der Mensch wahrend der Nacht eine Wesenheit, die eigent-
lich aus zwei Teilen besteht: aus dem, was im Bette liegen geblieben
ist, und dem, was sich aus dem physischen Leibe und dem Ather-
leibe herausgetrennt hat. Nun mussen wir uns vor alien Dingen klar-
machen, da6 wahrend der Nacht - von dem Augenblicke, wo der
Mensch einschlaft, bis zu dem Augenblicke, wo er am Morgen wieder
aufwacht - dasjenige, was im Bette liegen bleibt, der physische und
der Atherleib, wenn sie verlassen wiirden von dem, was sie den Tag
hindurch erfullt - von dem, was im Astralleib und im Ich lebt -, daB
sie dann als solche gar nicht bestehen konnten. Und hier ist es, wo wir
uns ein wenig tiefer in die Weltgeheimnisse einlassen mussen.
Wenn wir des Menschen physischen Leib vor uns haben, mussen
wir uns klarmachen, daB dieser physische Menschenleib, den wir mit
Augen sehen und mit Handen wahrnehmen, einen langen Entwicke-
lungsprozeB hinter sich hat. Er hat diesen EntwickelungsprozeB
durchgemacht im Verlaufe der ganzen Entwickelung unseres Erd-
planeten. Schon bekannt ist es denjenigen, die sich ein wenig mit dieser
Materie befaBt haben, daB unsere Erde fruhere Zustande durch-
gemacht hat. So wie der Mensch von Verkorperung zu Verkorperung
hindurchgeht, wiederholte Erdenleben durchmacht, so hatauch unsere
Erde, bevor sie in denjenigen Zustand gekommen ist, in dem sie
heute ist, andere Zustande durchgemacht. Es gibt ebenso fruhere
Verkorperungen eines Planeten, wie es fruhere Verkorperungen eines
Menschen gibt. Alles in der groBen Welt und in der kleinen Welt
unterliegt dem Gesetze der Wiederverkorperung. Und unsere Erde
war, bevor sie diese unsere Erde wurde, durch einen Zustand durch-
gegangen, den wir den «alten Mond» nennen, weil der heutige Mond
ein abgesplittertes Stuck dieses alten Planeten ist. Also nicht der
heutige Mond ist gemeint, wenn wir von dem « alten Monde » spre-
chen, sondern ein ahnlicher Planet, wie die heutige Erde einer ist. -
Ebenso nun wie beim Menschen ein Zeitraum liegt zwischen einer
Verkorperung und einer neuen Geburt, so liegt ein Zeitraum zwischen
der Verkorperung unseres Planeten, den wir als Erde bezeichnen, und
desjenigen, den wir als den alten Mond bezeichnen. Und ebenso ist
es mit dem Zustande unseres Planeten, den wir als « Sonne » be-
zeichnen. Ein Zustand, den man als Sonne bezeichnet, ging dem
Mondenzustande unseres Planeten voran, und dem Sonnenzustande
ging wieder ein Saturnzustand voran. So konnen wir zuruckblicken
auf drei friihere Verkorperungen unseres Planeten.
Unser physischer Menschenleib hat seine allererste Anlage erhalten
auf dem alten Saturn. Damals auf diesem alten Saturn bildete sich
eine - von dem heutigen menschlichen Leibe freilich ganz ver-
schiedene - erste Anlage des physischen Menschenleibes. Alles, was
heute vom Menschen vorhanden ist auBer dem physischen Men-
schenleibe, war auf diesem alten Saturn noch nicht vorhanden. Erst
als der Saturn sich in die Sonne verwandelte, also wahrend der zweiten
Verkorperung unseres Erdplaneten, kam zu diesem physischen Leib
der Atherleib hinzu, durchtrankte, impragnierte ihn. Und was war
die Folge? Die Folge war, daB der physische Menschenleib eine Ver-
wandlung durchmachte: er wurde anders gestaltet, er erlangte eine
andere Art und Weise seines Daseins. So steht wahrend der Sonnen-
verkorperung unserer Erde der physische Leib auf der zweiten Stufe
seines Daseins. Wodurch hat er diese zweite Stufe erlangt? Dadurch,
daB er - wahrend er auf dem Saturn noch maschinenhaft, automatisch
war - auf der Sonne ein innerlich lebendiger Leib wurde. Der Ather-
leib, der hineingeschlupft war, gestaltete den physischen Leib um.
Auf dem Monde schlupfte in diesen Zusammenhang von physischem
Leib und Atherleib der Astralleib hinein. Da wurde wiederum der
physische Leib umgestaltet, ein drittes Mai gestaltet, der Atherleib
erst ein zweites Mai. Auf der Erde endlich kam zum physischen Leib,
Atherleib und astralischen Leib das Ich hinzu, und das Ich, das jetzt
hineinschlupfte in diesen dreifachen Zusammenhang, gestaltete diesen
physischen Leib wiederum um, so daB er endlich dieser komplizierte
Zusammenhang wurde, der er heute ist. Es ist also, was Sie heute als
den menschlichen physischen Leib vor sich haben, ein vielfach um-
gestaltetes Wesen, und er ist so kompliziert, wie er heute erscheint,
nur dadurch geworden, daB er vier Entwickelungszustande durch-
gemacht hat.
Wenn wir von unserem heutigen physischen Leibe sprechen und
sagen, er bestehe aus denselben physischen und chemischen Stoffen
und Kraften wie drauBen im Kosmos die Mineralien, dann miissen
wir uns aber auch klarmachen, daB zwischen diesem physischen
Menschenleibe und dem Mineral doch noch ein gewaltiger Unter-
schied ist. Wir betonen, wenn wir in ganz elementarer Art sprechen,
den Unterschied des physischen Menschenleibes von dem physischen
Leibe eines Minerals, oder sagen wir eines Bergkristalls, dadurch,
daB wir sagen: Der Bergkristall behalt, wenn er nicht von auBen
zerstort wird, seine Form. Der physische Leib des Menschen kann
durch sich selbst nicht seine Form behalten; er hat sie nur dadurch
und nur so lange, als ein atherischer Leib, ein astralischer Leib und
ein Ich in ihm sind. In dem Augenblicke, wo sich Atherleib, astra-
lischer Leib und Ich von ihm trennen, beginnt der physische Leib
etwas ganz anderes zu werden, als er zwischen Geburt und Tod ist:
Er folgt den Gesetzen der physischen und chemischen Stoffe und
Krafte und zerfallt, wahrend der physische Leib des Minerals erhalten
bleibt.
Etwas Ahnliches ist mit dem Atherleibe der Fall. Nachdem sich
unmittelbar nach dem Tode Atherleib, astralischer Leib und Ich von
dem physischen Leibe getrennt haben, geht nach einiger Zeit auch
der Atherleib aus der Verbindung mit dem astralischen Leibe und
dem Ich heraus und lost sich auf im Weltenather, wie sich der phy-
sische Leib im Erdreich auflost. Es bleibt dann von dem Atherleibe
nur jener Extrakt zuriick, von dem wir ofter gesprochen haben; der
bleibt mit dem Menschen vereint. So konnen wir sagen, daB der
physische Leib des Menschen in einer gewissen Beziehung allerdings
von demselben Wert ist wie das um uns herumliegende Mineralreich.
Aber wir miissen uns doch den groBen Unterschied vor die Seele
riicken, der zwischen dem Mineralreich und dem physischen Men-
schenleibe besteht.
Es konnte jemand sagen: Ja, eben ist gesagt worden, auf dem
Saturn war unser physischer Leib noch nicht durchsetzt von einem
Atherleibe, nicht von einem astralischen Leib und nicht von einem
Ich, denn die kamen erst auf der Sonne, dem Monde und der Erde
hinzu; da war also wirklich der physische Leib des Menschen -
konnte man sagen - von dem Werte eines Minerals. - Nun aber
haben wir angefiihrt, wie drei Verwandlungen dieses physischen
Leibes einander folgten auf diesen alten Zustand, in dem er wahrend
des Saturndaseins war. Auch das heutige Mineral, das Sie als ein
totes Mineral vor sich haben, kann unmoglich bestehen so, daB es
bloB einen physischen Leib in sich hat. Machen Sie sich klar, daft zwar
fiir diese unsere physische Welt das richtig ist, was gesagt wird und
gesagt werden muB : daft das Mineral nur einen physischen Leib habe.
Hier in der physischen Welt hat das Mineral bloB einen physischen
Leib, aber absolut richtig ist das nicht. Genau ebenso wie der phy-
sische Leib, wenn er vor uns steht, in sich seinen Atherleib, seinen
astralischen Leib und sein Ich hat, die dazu gehoren, so hat auch das
Mineral nicht bloB physischen Leib, sondern auch Atherleib, astra-
lischen Leib und Ich; nur befinden sich diese hoheren Glieder seiner
Wesenheit in hoheren Welten. Das Mineral hat einen Atherleib, der
ist nur in der sogenannten astralischen Welt; das Mineral hat einen
astralischen Leib, der ist nur in der sogenannten devachanischen
oder himmlischen Welt, und es hat ein Ich, nur ist das in einer noch
hoheren oder geistigen Welt. Also unterscheidet sich der physische
Menschenleib von dem physischen Leibe eines Minerals dadurch,
daB der physische Menschenleib hier in dieser physischen Welt im
wachen Zustand seinen Atherleib, seinen astralischen Leib und sein
Ich in sich hat; das Mineral aber hat hier seinen Atherleib, seinen
astralischen Leib und sein Ich nicht in sich, denn wir wissen ja, daft
es auBer unserer Welt noch andere Welten gibt. Die Welt, die wir mit
unseren Sinnen gewdhnlich wahrnehmen, sie wird durchdrungen von
der astralischen Welt und diese wieder von der Devachanwelt, die in
eine niedere und in eine hohere devachanische Welt zerfallt.
Der Mensch ist nun dem Mineral gegeniiber dadurch ein bevor-
zugtes Wesen, daB er beim Tagwachen seine anderen drei Glieder in
sich hat. Das Mineral hat in sich selbst diese Glieder nicht; sondern
wir miissen uns das so vorstellen, daB das Mineral gar nicht voll-
standig ist auf dem physischen Plan. Denken Sie sich einen mensch-
lichen Fingernagel. Sie werden mir zugeben, diesen menschlichen
Fingernagel konnen Sie nirgends in der Natur drauBen als fiir sich
bestehende Wesenheit finden; denn er setzt voraus, wenn er wachsen
soli, den iibrigen menschlichen Organismus; er kann nicht ohne die-
sen sein. Denken Sie sich nun ein kleines Wesen, das nur Augen habe,
um Ihre Fingernagel zu sehen, aber keine Fahigkeit, um Ihren iibrigen
Organismus zu sehen. Da wiirde ein solches kleines Wesen durch den
ganzen iibrigen Raum hindurchschauen, aber nur Ihre Fingernagel
sehen. So sind die Mineralien hier gleichsam nur die Fingernagel, und
Sie betrachten die Mineralien nur vollstandig, wenn Sie in hohere
Welten aufsteigen. Da haben sie ihren Atherleib, astralischen Leib und
so weiter und hier nur ihre physischen Glieder. Das alles wollen wir
recht fest ins Auge fassen, um uns klarzumachen, daB es in hoherer
geistiger Wirklichkeit eben gar kein Wesen geben kann,- das nicht in
irgendeiner Art Atherleib, astralischen Leib und Ich hatte. Ein phy-
sisches Wesen kann gar nicht bestehen, wenn es nicht zu einem Ather-
leib, astralischen Leib und einem Ich hinzugehort.
Nun aber herrscht zwischen allem, was heute schon gesagt worden
ist, eigentlich ein gewisser Widerspruch. - Es ist gesagt worden, der
Mensch sei in der Nacht, wenn er schlaft, ein ganz anderes Wesen als
bei Tag, wenn er wacht. Bei Tag ist uns dieses Menschenwesen ganz
erklarlich: da steht es als eine viergliedrige Wesenheit vor uns. Nun
aber treten wir an den schlafenden Menschen heran und betrachten
ihn seiner physischen Wesenheit nach. Da haben wir physischen Leib
und Atherleib im Bette liegen, und Astralleib und Ich sind drauBen.
Da ergibt sich der Widerspruch, daB wir ein Wesen vor uns hatten,
das verlassen ware von Astralleib und Ich. Der Stein schlaft nicht;
sein Atherleib, Astralleib und Ich durchdringen ihn nicht, aber sie
bleiben stets in derselben Verbindung mit ihm. Beim Menschen geht
jede Nacht der Astralleib und das Ich heraus. Er kiimmert sich in der
Nacht nicht um seinen physischen Leib und Atherleib und iiberlaBt
diese jede Nacht sich selber. Diese Tatsache wird nicht immer ganz
genau iiberdacht. Jede Nacht geht mit dem Menschen diese Ver-
wandlung vor sich, daB er als eigentlicher geistiger Mensch Abschied
nimmt von seinem physischen Leibe und Atherleibe, die er sich selber
iiberlaBt. Nun aber konnen diese nicht fur sich bestehen; denn kein
physischer Leib und auch kein Atherleib kann fur sich bestehen, selbst
der Stein muB durchdrungen sein von semen hoheren GUedern. Und
da werden Sie leicht begreifen, daB es ganz unmoglich ist, daB Ihr
physischer Leib und Ihr Atherleib wahrend der Nacht im Bette bleiben
ohne einen Astralleib und ein Ich. Was geschieht denn aber wahrend
der Nacht? Ihr Astralleib und Ihr Ich sind nicht in dem physischen
Leibe und dem Atherleibe, aber dafiir ist ein anderes Ich und ein
anderer astralischer Leib in ihnen ! Hier ist es, wo Sie vom Okkultis-
mus aus auf das gottlich-geistige Sein hingewiesen werden, auf hohere
geistige Wesenheiten. Wahrend in der Nacht Ihr Ich und Ihr astra-
lischer Leib heraus sind aus Ihrem physischen Leibe und Ihrem Ather-
leibe, sind im physischen und Atherleibe der Astralleib und das Ich
hoherer gottlich-geistiger Wesenheiten tatsachlich tatig. Und das
kommt von folgendem :
Wenn Sie den ganzen Hergang der Menschheitsentwickelung be-
trachten vom Saturnzustand durch den Sonnen- und Mondzustand
hindurch bis zur Erde, so werden Sie sagen: Auf dem Saturn war ja
auch bloB der physische Menschenleib vorhanden; da war kein
menschlicher Atherleib, kein menschlicher Astralleib und kein mensch-
liches Ich in dem physischen Leibe. Aber bestehen konnte dieser
physische Leib damals fur sich allein ebensowenig, wie heute der
Stein allein bestehen kann. Der physische Leib konnte damals nur
dadurch bestehen, daB er durchzogen wurde von dem Atherleibe,
Astralleibe und Ich gottlich-geistiger Wesenheiten. Gottlich-geistige
Wesenheiten wohnten darinnen, und die blieben auch wohnen. Und
als auf der Sonne ein eigener Atherleib in diesen physischen Leib
hineinkam, da vermischte sich sozusagen nur der menschliche kleinere
Atherleib mit dem friiheren Atherleib gottlich-geistiger Wesenheiten.
Und so war es schon auf dem Saturn; auch auf dem Saturn war der
physische Leib durchdrungen von gottlich-geistigen Wesenheiten.
Und jetzt kommen wir, wenn wir das richtig verstanden haben, zu
einem tieferen Verstandnis des heutigen Menschen, und wir sind in
der Lage, jetzt das zu wiederholen und besser zu verstehen, was in der
christlichen Esoterik von Anfang an gelehrt worden ist.
Diese christliche Esoterik wurde ja immer gepflegt neben der
auBeren christlichen exoterischen Lehre. Es ist von mir schon ofter
darauf hingewiesen worden, daB der groBe Apostel des Christentums,
Pau/usy seine gewaltige, flammende Rednergabe dazu benutzt hat, den
Volkern das Christentum zu lehren, daB er aber auch gleichzeitig eine
esoterische Schule begriindet hat, deren Vorsteher Dionysius Areopa-
gita war, der in der Apostelgeschichte (17, 34) erwahnt wird. In dieser
christlich-esoterischen Schule zu Athen, die unmittelbar von Paulus
selbst begriindet war, wurde die reinste Geisteswissenschaft gelehrt.
Und was da gelehrt wurde, werden wir jetzt einmal vor unsere Seele
hinfuhren konnen, nachdem wir die Bausteine dazu uns in den vorher-
gehenden Betrachtungen zusammengetragen haben.
Auch in dieser christlich-esoterischen Schule wurde gesagt: Be-
trachtest du den Menschen, wie er als wachender Tagesmensch vor
dir steht, so besteht er aus physischem Leib, Atherleib, astralischem
Leib und dem Ich, wenn auch die Worte nicht genau dieselben waren,
wie sie heute gebraucht werden, aber darauf kommt es nicht an. Dann
wurde aber auch darauf hingewiesen, wo der Mensch in seiner Ent-
wickelung gegenwartig steht. Dieser Mensch, wie er aus diesen vier
GUedern besteht, bleibt gar nicht so, wie er uns erscheint. Wenn wir
den Menschen rein aus den vier Gliedern aufgebaut betrachten wollen,
miissen wir nicht den gegenwartigen Menschen betrachten, sondern
da miissen wir weit zuriickgehen in der Entwickelung - bis in die
lemurische Zeit. In der lemurischen Zeit gesellte sich zu dem Men-
schen, der damals aus physischem Leib, Atherleib und astralischem
Leib bestand, auch noch das Ich hinzu. Da konnte man im reinen
Sinne sagen: Der Mensch bestand aus physischem Leib, Atherleib,
astralischem Leib und Ich. Nun ist seither jeder Mensch durch viele
Verkorperungen hindurchgegangen. Was ist nun der Sinn dieser Ent-
wickelung durch die Inkarnationen hindurch? Der Sinn dieser Ent-
wickelung durch die Inkarnationen hindurch ist der, daB von Ver-
korperung zu Verkdrperung das Ich arbeitet an sich, daB es um-
gestaltet die drei Glieder seiner Wesenheit. Es beginnt zunachst mit
der Umgestaltung seines Astralleibes. Bei keinem heutigen Durch-
schnittsmenschen ist dieser astralische Leib so, wie er war, bevor das
Ich in der ersten Erdenverkorperung an ihm gearbeitet hat. In der
ersten Erdenverkorperung wandelte das Ich von innen heraus gewisse
Vorstellungen, Empfindungen und Leidenschaften um, die dem Men-
schen urspriinglich gegeben waren; und von Inkarnation zu Inkarna-
tion wird durch die Arbeit des Ich immer mehr umgewandelt. So daB
wir sagen konnen : Der Mensch hat nicht nur heute die vier GHeder :
physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib und Ich, sondern er hat
durch die Arbeit des Ich innerhalb des astralischen Leibes einen Teil,
der das Geschopf des Ich selber ist. Und bei jedem Menschen zerfallt
heute der Astralleib in zwei Teile: einen vom Ich umgewandelten
Teil und einen vom Ich nicht umgewandelten Teil. Und immer weiter
wird das gehen. Es wird fur jeden Menschen eine Zeit kommen, wo
sein ganzer astralischer Leib ein Geschopf seines Ich sein wird. Man
hat sich gewohnt, in der morgenlandischen Weisheit den Teil des
astralischen Leibes, der vom Ich schon umgestaltet ist, Manas zu
nennen, deutsch: Geistselbst. Dadurch besteht der Mensch immer
noch aus seinen vier Gliedern; aber wir konnen da jetzt fiinf Teile
unterscheiden : physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib, Ich und
als fiinften Teil den umgewandelten Teil des astralischen Leibes,
Manas oder Geistselbst. So daB wir sagen konnen: Bei jedem Men-
schen ist der astralische Leib so, daB er Manas oder Geistselbst ent-
halt; das ist ein Werk des Ich, ein Produkt der Arbeit des Ich. Weiter
wird der Mensch arbeiten an sich. Die Erde wird weitere Verkorpe-
rungen durchmachen. Der Mensch erlangt nach und nach die Fahig-
keit, die heute schon von dem Eingeweihten erlangt werden kann:
daB er auch an seinem Atherleibe arbeitet. Ja, der Durchschnitts-
mensch arbeitet heute auch schon daran; und soviel von seinem Ather-
leibe umgestaltet ist zu einem Produkt des Ich, nennen wir dies die
Buddhi oder den Lebensgeist. Und zuletzt kommt der Mensch dazu,
seinen physischen Leib umzugestalten vom Ich aus ; und soviel er am
physischen Leib vom Ich aus umgestaltet, nennen wir dies Atman oder
den Geistesmenschen.
Lassen wir den Blick schweifen auf eine feme, feme Zukunft, wenn
die Erde andere Planetenformen, andere Verkorperungen durch-
gemacht haben wird, wenn sie, wie wir im Okkultismus sagen, durch
den Jupiterzustand, den Venuszustand und den Vulkanzustand ge-
gangen sein wird. Dann wird der Mensch auf einer wesentlich hoheren
Stufe stehen und wird umgewandelt haben seinen ganzen astralischen
Leib in Manas oder Geistselbst, seinen ganzen Atherleib in die Buddhi
oder den Lebensgeist, und seinen ganzen physischen Leib in Atman
oder den Geistesmenschen.
Vergleichen wir einmal diesen Menschen, wie er am Ende unserer
Erdenlaufbahn vor uns stehen wird, rnit dem Menschen, wie er am
Anfange der Erdenlaufbahn da war. Im Anfang war von diesem
Menschen nur der physische Leib vorhanden. Durchdrungen war
dieser physische Leib von dem Atherleib, Astralleib und Ich, aber die
gehorten gbttlichen, hoheren Wesenheiten an; die wohnten nur dar-
innen. Am Ende der Erdenlaufbahn ist der Mensch durchdrungen
von seinem Ich; und dieses sein Ich wohnt selber in dem Astralleib,
wenn es als Manas oder Geistselbst den astralischen Leib durchzogen
hat. Dieses Ich hat dann den Atherleib durchzogen, er ist ganz und
gar durchsetzt von der Buddhi oder dem Lebensgeiste; und der
physische Leib ist ganz und gar durchzogen von Atman oder dem
Geistesmenschen, den Produkten des Ich. Ein ganz gewaltiger Unter-
schied zwischen dem Menschen am Anfange seiner Entwickelung
und dem Menschen am Ende seiner Entwickelung! Gerade aber,
wenn wir uns diesen Unterschied recht vor die Seele fiihren, wird das,
was von mir absichtHch als ein Widerspruch hingestellt worden ist,
der Schlafzustand, erklarlich werden. Gerade aus der Form, wie die
christliche Esoterik dies erklart hat, wird uns alles verstandlich wer-
den. Wir miissen uns klar werden: Was ist denn das, wenn die Erde
am Ziel ihrer Entwickelung angelangt sein wird, was uns dann als
physischer Leib entgegentritt? Der physische Leib von heute? Der
ist es ganz und gar nicht! - sondern das, was das Ich aus diesem
physischen Leibe gemacht haben wird. Ganz durchgeistigt wird dieser
physische Leib sein, ebenso der Atherleib und ebenso der astralische
Leib. Durchgeistigt war er aber auch schon, und auch der Atherleib
und der astralische Leib, bevor der Mensch von seinem Ich aus sie
durchgeistigte. Selbst der Stein ist heute, wie wir gesagt haben, durch-
geistigt vom Atherleibe, Astralleibe und Ich, die in hoheren geistigen
Welten lebend zum Stein gehoren. So werden wir verstehen, daB die
christliche Esoterik recht hat, wenn sie sagt: Ja, das, was wir heute vor
uns haben als physischen Menschenleib, das kann der Mensch noch
nicht beherrschen; denn der Mensch ist noch nicht am Ende seiner
Entwickelung angelangt, wo er von seinem Ich aus bis in den physi-
schen Leib hinein arbeiten wird. Auch was er im Atherleib hat, kann
er noch nicht beherrschen; das wird er erst beherrschen konnen, wenn
die Erde im Venuszustande sein wird. Der Mensch kann also von
seinem Ich aus noch nicht physischen Leib und Atherleib beherrschen.
Dann erst kann er sie beherrschen, wenn er Buddhi und Atma aus-
gebildet haben wird. Aber es muB ein solcher physischer und Ather-
leib auf geistige Art beherrscht werden. Es muB dasjenige, was der
Mensch selbst dem physischen Leibe und dem Atherleibe einst geben
kann, auch jetzt schon in ihnen sein. Auch heute miissen die geistigen
Teile schon im Atherleibe und im physischen Leibe sein, die einst das
Ich ihnen geben kann. Diese waren im Anfange schon darinnen im
physischen Leibe, als der Mensch auf dem Saturn war; sie waren in
ihm, als er auf der Sonne war, und sie sind in ihm geblieben. So sagt
die christliche Esoterik mit Recht: Im physischen Menschenleibe ist
heute schon das, was einst in ihm sein wird, wenn der Mensch am
Gipfel seiner Entwickelung sein wird, aber es ist gottlicher Atman,
es ist gottlich-geistige Wesenheit; und es ist im Atherleib schon die
Buddhi drinnen, aber sie ist gottlicher Lebensgeist. Und der Astral-
leib des Menschen, haben wir gesagt, bestehe aus zwei Teilen, aus
dem Teile, den der Mensch schon beherrscht, und dem, den er noch
•nicht beherrscht. Was ist denn nun in dem drinnen, was er noch nicht
beherrscht? Auch ein Geistselbst, aber gottliches Geistselbst ! Nur in
dem Teile des astralischen Leibes, in dem das Ich schon tatig war seit
der ersten Inkarnation, ist das eigentliche Geistleben des Menschen.
So haben wir den Menschen vor uns.
Sehen wir ihn jetzt an im Wachzustande. Was werden wir sagen?
Der physische Leib, wie er uns erscheint, ist nur die AuBenseite.
Innen ist er das, was man atmische Wesenheit nennt. Innen ist er
von gottlich-geistiger, von hoherer Wesenheit, er wird durchsetzt
von gottlich-geistiger, hoherer Wesenheit. Ebenso ist es beim Ather-
leib. AuBen ist er das, was den physischen Leib zusammenhalt,
innen ist er gottlicher Lebensgeist. Und selbst der Astralleib ist durch-
zogen von gottlichem Geistselbst. Nur der umgewandelte Teil des
Astralleibes ist etwas, was das Ich aus diesem ganzen Zusammen-
hange sich schon erobert hat.
Betrachten wir jetzt einmal den schlafenden Menschen. Da ver-
schwindet dieser Widerspruch auf der Stelle. Wir treten an den
schlafenden Menschen heran, sehen hier, daB der Mensch als Astral-
leib und Ich drauBen ist. Der Mensch verlaBt jede Nacht ruhig seinen
physischen Leib und seinen Atherleib. Wiirde er den physischen Leib
verlassen, ohne daB ein Gottlich-Geistiges dafiir sorgen wiirde, dann
wiirde er am Morgen seinen physischen Leib zerstort wiederfinden.
Das gottlich-geistige Physische und ein gottlich-geistiges Atherisches
ist darinnen, und das bleibt darin, wenn der physische Leib und Ather-
leib im Bette liegen und Astralleib und Ich heraus sind. Physischer
Leib und Atherleib sind durchzogen von gottKch-atrnischem und
gottlich-buddhischem Wesen.
Sehen wir jetzt einmal zuriick an den Anfang unserer Erdenent-
wickelung, als noch gar nichts vom Ich im Menschen erobert war.
Als der Mensch vor seiner ersten Inkarnation war, da war das Ich
noch nicht verbunden mit den drei Gliedern, physischem Leib, Ather-
leib und astralischem Leib. Vom Monde kamen heruber physischer
Leib, Atherleib und astralischer Leib, und erst auf der Erde kam das
Ich hinein. Dagegen aber war in ihnen das gottliche Ich; sie hatten
nicht bestehen konnen, wenn nicht dieses gottliche Ich sie ganz durch-
setzt hatte. Der Astralleib war von einem gottlichen Geistselbst durch-
zogen, der Atherleib von einem gottlichen Lebensgeist, und der
physische Leib war von einem GottHch-Atmischen oder Geistesmen-
schen durchzogen. - Und jetzt blicken wir noch weiter zuriick auf
Mond-, Sonnen- und Saturnentwickelung. Auf dem Saturn war
der gottliche Lebensgeist, der noch in der Nacht den im Bette lie-
genden Menschen bewohnt, so, daB er den Menschenleib, und
zwar den physischen Leib, geformt hat als etwas Mineralisches ; in
dem Sonnenzustand formte er ihn als etwas Pflanzliches ; auf dem
Monde konnte er ihn formen als etwas, was Lust und Schmerz emp-
finden, aber noch nicht «Ich» zu sich sagen konnte. Diese untersten
Stufen hat er durchgemacht. Und jetzt treten wir hinuber in die
eigentliche Erdenverkorperung.
Da sollte der physische Menschenleib durch eine weitergehende
Verwandlung, die er durchzumachen hatte, noch vollkommener wet-
den, als er vorher war. Was hat er vorher nicht gekonnt? Was war
ihm ganz fremd? Was hatte der gottliche Geist bei sich behalten? Was
hatte er noch gar nicht dem menschlichen Leibe anvertraut? Das war
die Fahigkeit, aus dem Innern heraus seine Seelenhaftigkeit ertonen
zu lassen ! Stumm war dieser auf der Tierstufe stehende Menschenleib
auf dem Monde. Die Fahigkeit, das Innere nach auBen ertonen zu
lassen, war noch bei Gott. Die war noch nicht seinem eigenen Wesen
anvertraut. Wenn es auch Tierwesen gibt, welche heute schon tonen
konnen, so ist das doch etwas anderes ; sie stehen noch in ganz anderen
Zustanden, zwar tonen sie, aber es tont die Gottheit in ihnen. Das
Aussprechen des inneren Seelenhaften in Worten wurde dem Men-
schen erst auf der Erde zuteil. Vorher waren die Menschen stumm.
Diese Fahigkeit des Wortes kam an das Menschenwesen also mit dem
Erdendasein heran.
Betrachten wir jetzt einmal das Ganze, was wir uns heute vor die
Seele gestellt haben, dann werden wir sagen: Die ganze Entwickelung
ist so gelenkt worden, daB die Fahigkeit zu sprechen, das Wort,
urspriinglich bei Gott war und daB Gott zuerst die Vorbedingungen
geschaffen hat, daB der physische Apparat die Fahigkeit bekam, von
innen heraus dieses Wort tonen zu lassen. Alles wurde so gelenkt und
geleitet. Wie die Blume in ihrem Samen, so war der tonende, der
sprechende Mensch, der wort- und logosbegabte Mensch schon im
Samen auf dem Saturn da. Doch war das Tonen im Samen verborgen ;
es entwickelte sich erst aus dem Samen, so wie die ganze Pflanze im
Samen verborgen ist und sich aus ihr entwickelt.
Nun sehen wir einmal zuriick auf den physischen Menschenleib,
wie er schon auf dem Saturn war, und fragen uns: Woher kommt
dieser physische Menschenleib? Was ist sein letzter Urgrund? Ohne
was konnte er niemals die ganze Entwickelung durchgemacht haben?
Er kommt von dem Logos oder von dem Wort. Denn damals auf
dem Saturn schon wurde er so gelenkt, dieser physische Menschen-
leib, daB er spater ein sprechender wurde, ein Zeuge fur den Logos.
DaB Sie heute so geformt sind, daB dieser Menschenleib die heutige
Form hat, riihrt davon her, daB dem ganzen Plan unserer Schopfung
das «Wort » zugrunde lag. Auf das Wort hin ist der ganze Menschen-
leib hingeordnet, und von Anfang an ist er so veranlagt, daB zuletzt
das Wort aus ihm herausspringen konnte. Wenn deshalb der eso-
terische Christ auf diesen physischen Menschenleib blickt und fragt:
Was ist sein ursprungliches Urbild, und was ist sein Abbild? dann
sagt er sich: Dieser physische Menschenleib hat sein Urbild in dem
Worte oder dem Logos ; der Logos oder das Wort wirkte von Anfang
an im physischen Menschenleibe. Und der Logos wirkt noch.heute:
Wenn der physische Menschenleib im Bette liegt und verlassen ist
vom Ich, dann wirkt der gottliche Logos in den vom Menschen
verlassenen Wesensgliedern. Fragen wir nach dem ersten Ursprung
des physischen Leibes, so sagen wir: Das erste ist der Logos oder
das Wort.
Und jetzt gehen wir weiter in der Entwickelung. Der Saturn ging
in den Sonnenzustand uber; dem menschlichen physischen Leibe
wurde der Lebensleib eingegliedert. Aber was muBte eintreten, damit
der Fortgang so geschehen konnte, wie er eben geschehen ist?
Wahrend auf dem Saturn der physische Leib eine Art Maschine,
eine Art Automat war, aber ganz und gar durchdrungen und gehalten
von dem Logos, gliederte sich auf der Sonne der Lebensleib ein, und
darin wirkte der gottliche Lebensgeist. Auf dem Saturn, werden wir
sagen, ist der Menschenleib ein Ausdruck des Logos. Der Saturn
vergeht; dieser Menschenleib verkorpert sich neu in der Sonne; da
gliedert sich dem physischen Leibe ein der Lebensleib, durchdrungen
von dem Lebensgeist. Der Logos ward Leben in der Sonne, indem er
den Menschen auf eine hohere Stufe brachte. Der Logos ward Leben
auf der Sonne! Und jetzt gehen wir weiter. - Auf dem Monde glie-
derte sich dem Menschen ein der astralische Leib. Was ist der astra-
lische Leib? Er erscheint ja dem hellseherischen BewuBtsein auch
heute als eine Aura, die den Menschen umgibt. Er ist ein Lichtleib, der
nur in dem gegenwartigen BewuBtsein nicht gesehen werden kann.
Aber er ist, wenn er im hellseherischen BewuBtsein gesehen wird,
Licht, geistiges Licht; und unser physisches Licht ist nur umgestal-
tetes geistiges Licht. Auch das physische Sonnenlicht ist die Ver-
korperung des geistig-gottlichen aurischen Weltenlichtes. Das liegt
ihm zugrunde. Es gibt in der heutigen Welt ein Licht, das dem Men-
schen von der Sonne zustromt. Aber auch ein anderes Licht gibt es,
das von seinem inneren Lichte ausstromt. Auf dem Monde leuchtete
der astralische Leib des Menschen noch fur die um inn befindlichen
Wesen. So kam auf dem Monde der astralische Lichtleib des Menschen
hinzu zum physischen Leibe und Atherleibe.
Und jetzt betrachten wir den ganzen Fortgang der Entwickelung.
Auf dem Saturn haben wir den physischen Leib als den Ausdruck des
Logos. Auf der Sonne kommt hinzu der Atherleib als der Ausdruck
des Lebensgeistes : Der Logos ward Leben. Auf dem Monde kommt
hinzu der Lichtleib: Das Leben ward Licht! Und so haben wir den
Hergang der Entwickelung des Menschenleibes. - Als der Mensch
die Erde betrat, war er ein Geschopf der gottlich-geistigen Wesen-
heiten. Damals war er dadurch vorhanden, daB in seinem physischen
Leibe, in seinem Atherleibe, in seinem astralischen Leibe lebte der
Logos, der Leben war und der Licht ward. Und jetzt, was geschah
auf der Erde? Fur den Menschen und im Menschen trat das Ich
hinzu. Dadurch aber, daB das Ich hinzutrat, wurde der Mensch fahig,
nicht nur zu leben im Lichte, im Leben, sondern er wurde fahig, von
auBen das alles zu betrachten, sich gegeniiberzustellen dem Logos,
dem Leben, dem Lichte. Dadurch wurde das alles fur ihn materiell, er-
langte materielles Dasein. - Und wenn wir den Gedanken so weit ge-
bracht haben, dann haben wir ungefahr genau den Punkt fixiert, bei
dem wir das nachste Mai beginnen wollen und zeigen, wie aus dem aus
der Gottlichkeit herausgeborenen Menschen der heutige Ich-begabte
Mensch eigentlich geworden ist. Denn wir sehen, daB vor dem heutigen
Ich-begabten Menschen der gottliche Vormensch vorhanden war.
Was der Mensch sich durch sein Ich erobert hat, entreiBt er jede Nacht
dem physischen Leibe und dem Atherleibe; was immer in ihm war,
bleibt darinnen und versorgt den physischen Leib und den Atherleib,
wenn der Mensch sie treulos verlaBt und sich nicht um sie kiimmert.
Da steckt sie drinnen, jene urspningliche geistig-gottliche Wesenheit.
Alles, was wir jetzt versucht haben mit den Ausdriicken der christ-
lichen Esoterik als tiefes Geheimnis des Daseins hinzustellen, und
was gelaufig war denen, die «Diener des Logos » waren in den ersten
Zeiten, das wird in groBen, lapidaren Satzen in dem Johannes-Evange-
lium unzweideutig gesagt. Man muB diese ersten Worte nur in der
richtigen, sinngemaBen Weise iibersetzen. Wirklich richtig iibersetzt,
geben diese Worte den Tatbestand, den wir jetzt eben hingestellt
haben. Stellen wir diesen Tatbestand, damit wir den Wert ganz genau
verstehen, noch einmal vor unsere Seele hin.
Im Anfange war der Logos als das Urbild des physischen Men-
schenleibes, und er lag zu Grunde alien Dingen. Alle Tiere, Pflanzen,
Mineralien sind spater entstanden. Auf dem Saturn war von all dem
wirklich der Mensch nur vorhanden; auf der Sonne kam das Tier-
reich hinzu, auf dem Monde das Pflanzenreich und auf der Erde das
Mineralreich. Auf der Sonne ward der Logos Leben, und auf dem
Monde ward er Licht; und das trat, als der Mensch Ich-begabt war,
hin vor den Menschen. Aber der Mensch muBte lernen zu erkennen,
was der Logos war und als was er zuletzt zum Vorschein kommt. Zu-
erst war der Logos, dann ward er Leben, dann Licht, und dieses Licht
lebt im Astralleibe. In das menschliche Innere, in die Finsternis, in die
Nichterkenntnis schien das Licht hinein. Und das Erdendasein hat den
Sinn, daB der Mensch im Innern die Finsternis iiberwindet, damit er
das Licht des Logos erkennen kann.
Laptdare, vielleicht - wie mancher sagen wird - schwer verstand-
liche Worte sind daher die ersten Worte des Johannes-Evangeliums.
Aber sollte denn das, was das Tiefste in der Welt ist, durch triviale
Worte gesagt werden? Ist es nicht eine sonderbare Auifassung, gera-
dezu ein Hohn auf die Heiligkeit, wenn gesagt wird, zum Begreifen
einer Taschenuhr ist es notig, daB man mit seinem Verstand tief ein-
dringt in das Wesen der Sache, aber zum Begreifen des Gottlichen in
der Welt miisse der einfache, schlichte, naivste Menschenverstand aus-
reichen!? Es ist schlimm, daB fur die gegenwartige Menschheit sich
das ereignet hat, daB, wenn auf die Tiefen der religiosen Urkunden
hingewiesen wird, gesagt wird: Ach, wozu alle diese komplizierten
Auseinandersetzungen, das muB alles schlicht und einfach sein ! - Aber
kein anderer als derjenige, der die gute Absicht hat und den-guten
Willen, sich zu vertiefen in die groBen Weltentatsachen, dringt ein in
den tiefen Sinn solcher Worte, wie sie im Beginne des tiefsten der
Evangelien, in dem Johannes-Evangelium, stehen. Diese sind eine
Umschreibung dessen, was wir eben ausgefiihrt haben.
Und jetzt iibersetzen wir uns die Anfangsworte :
«Im Uf beginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein
Gott (oder gottlich) war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Alles ist durch dasselbe geworden, und auBer durch dieses Wort ist
nichts von dem Entstandenen geworden.
In ihm war das Leben, und das Leben ward das Licht der Menschen.
Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es
nicht begriffen.»
Wie die Finsternis nach und nach zum Begreifen kommt, das erzahlt
im weiteren das Johannes-Evangelium.
DRITTER VORTRAG
Hamburg, 20. Mai 1908
Gestern haben wir gesehen, welch tiefer Inhalt in den ersten Wotten
des Johannes-Evangeliums verborgen ist, und wir konnen unsere Be-
trachtungen dahin zusammenfassen, daB wir sagen: Wir haben ge-
sehen, daB der Schreiber des Johannes-Evangeliums hindeutet auf das
Werden des Vormenschen in urferner Vergangenheit, hindeutet dar-
auf, wie im Sinne der christlichen Esoterik alles zuruckgefuhrt wird
auf das Wort oder den Logos, der schopferisch war schpn wahrend
der alten Saturnzeit, der dann geworden ist zum Leben, und dann zum
Licht, - zum Leben, wahrend unsere Erde ihren Sonnenzustand
durchgemacht hat, - zum Licht, wahrend sie den alten Mondzustand
durchgemacht hat. Das, was also unter dem EinfluB gottlich-geistiger
Krafte und Wesenheiten der Mensch geworden ist im Laufe der drei
planetarischen Zustande, wurde, als die Erde eben unser heutiger
Planet geworden war, durchdrungen von dem menschlichen Ich. So
daB man sagen kann : Wie eine Art Same kam von dem alten Monde
heruber auf die Erde eine Wesenheit, bestehend
aus physischem Leib, hervorgegangen aus dem gottlichen Urworte,
aus Ather- oder Lebensleib, hervorgegangen aus dem gottlichen
Leben,
aus astralischem Leib, hervorgegangen aus dem gottlichen Lichte.
Im Innern dieser Wesenheit wurde wahrend des Erdendaseins das
Licht des Ich selbst entzundet. Diese dreifache Leiblichkeit: physi-
scher Leib, Atherleib und Astralleib, wurde fahig, in sich das «Ich-
bin» zu sprechen, so daB wir in einer gewissen Weise die Entwicke-
lung der Erde nennen konnen die Entwickelung des «Ich-bin», des
SelbstbewuBtseins des Menschen. Und dieses «Ich-bin», diese Fahig-
keit des vollen SelbstbewuBtseins kam im Laufe der Entwickelung
der Erdenmenschheit langsam und allmahlich erst heraus. Wir miissen
uns klar machen, wie die Entwickelung der Erdenmenschheit war,
insofern in ihr langsam und allmahlich das Ich, das voile Selbst-
bewuBtsein ins Dasein trat.
Es gab eine Zeit in unserer Erdenentwickelung, wir nennen sie die
alte lemurische Zeit; es ist die alteste Zeit, in welcher innerhalb des
Erdendaseins der Mensch in der Form auftrat, in welcher er heute
iiberhaupt vorhanden ist. Zum erstenmal trat das in der alten lemu-
rischen Zeit ein, was wir nennen die Verkorperung des Ich, der
eigentlichen innersten Wesenheit des Menschen, in den drei Leibern,
im astralischen Leib, Atherleib und physischen Leib. Dann kam die
atlantische Zeit, wo der Mensch gewohnt hat zum groBten Teil auf
dem alten atlantischen Kontinente, einem Landergebiete, das heute
den Boden des atlantischen Ozeans bildet, das untergegangen ist durch
die groBe atlantische Flut, deren Andenken sich in den Sintflut-Sagen
fast aller Volker erhalten hat. Der Mensch verkorperte sich dann,
seiner innersten Wesenheit nach, in aufeinanderfolgenden Verkorpe-
rungen bis in unsere Tage hinein wahrend der nachatlantischen Zeit.
Wirklich waren unsere Seelen in einer dreigliedrigen Wesenheit, be-
stehend aus physischem Leibe, Atherleibe und astralischem Leibe, wie
wir sie kennengelernt haben, zum erstenmal in der lemurischen Zeit
verkorpert. Was vorhergegangen ist, soli einer spateren Betrachtung
iiberlassen bleiben. - Weit zuriickgehen miissen wir also, wenn wir
den Gang der Entwickelung in Betracht Ziehen, und es entwickelt
sich der Mensch nur langsam und allmahlich zu seinem heutigen Da-
sein. Was nennen wir im Okkultismus in geisteswissenschaftlichem
Sinne «unser heutiges Dasein»?
Unser heutiges Dasein nennen wir einen BewuBtseinszustand, wie
ihn der Mensch heute hat vom Morgen, wo er aufwacht, bis zum
Abend, wo er einschlaft. Da sieht der Mensch durch seine auBeren
physischen Sinne die Dinge um sich herum. Vom Abend, wo er ein-
schlaft, bis zum Morgen, wo er aufwacht, sieht er die Dinge um sich
herum nicht. Warum ist das so? Wir wissen, das ist aus dem Grunde
so, weil fur die heutigen Entwickelungsverhaltnisse wahrend der
Tageszeit der eigentliche innere Mensch, also Ich und astralischer
Leib, im physischen Leibe und Atherleibe auf dem physischen Plane,
das heiBt in der physischen Welt sind. Da kann sich der astralische
Leib und das Ich der physischen Sinnesorgane bedienen, in die Welt
hinaushoren und hinaussehen und die physischen Dinge wahrnehmen.
Vom Abend, wo der Mensch einschlaft, bis zum Morgen, wo er auf-
wacht, sind Ich und astralischer Leib auBerhalb der physischen Welt,
auf dem Astralplan. Da sind sie abgesondert von physischen Augen
und physischen Ohren, da konnen sie nicht wahrnehmen, was um
sie herum ist. Dieser Zustand, ein solcher Wechsel im Menschen
zwischen Tagwachen und Nachtschlafen, hat sich erst langsam und
allmahlich entwickelt. Das war noch nicht so, als der Mensch in der
alten lemurischen Zeit zum ersten Male eine physische Verkorperung
durchgemacht hat. Da war der Mensch nur eine sehr kurze Zeit des
Tages - keineswegs so lange wie heute - seinem Ich und Astralleibe
nach in seinem physischen Leibe drinnen. Dadurch aber, daB der
Mensch langere Zeit auBerhalb seines physischen Leibes war, nur
kurzere Zeit wachend hineinstieg in den physischen Leib, war das
Leben wahrend der lemurischen Zeit iiberhaupt noch ein ganz anderes.
DaB der Mensch wahrend der Nacht ganz bewuBtlos ist, wenn er
nicht gerade traumt, trat sehr langsam und allmahlich ein. Ganz anders
war das BewuBtsein bei Tag und Nacht wahrend der lemurischen Zeit
noch verteilt. Da hatten die Menschen alle noch ein dumpfes hell-
seherisches BewuBtsein. Wenn sie in der Nacht auBerhalb des physi-
schen Leibes waren in der geistigen Welt, da nahmen sie um sich
herum - wenn auch nicht so klar, wie der Mensch heute am Tage die
physischen Dinge sieht - die geistige Welt wahr. Wir diirfen dieses
Wahrnehmen nicht einfach mit dem heutigen Traumen vergleichen.
Der heutige Traum ist nur wie ein letzter ganz verkummerter Rest
dieses alten Hellsehens. Allerdings, solche Bilder nahm der Mensch
damals wahr, wie er sie auch heute im Traume wahrnimmt; aber diese
Bilder hatten eine sehr wirkliche Bedeutung. Machen wir uns einmal
klar, was diese Bilder fur eine Bedeutung hatten.
In den alten Zeiten konnte der Mensch, wenn er wahrend eines
kurzen Teils der 24 Stunden, der viel geringer war als heute, im
TagesbewuBtsein lebte, die auBeren physischen Korper nur ganz
dumpf, wie in einem Nebel eingehiillt, sehen. DaB man die physi-
schen Dinge so sah wie heute, kam erst ganz langsam. Am Tage
sah der Mensch damals die ersten Anklange an die physischen Korper,
eingehiillt in Nebel, so wie Sie heute, wenn Sie an einem Nebeltage
des Abends durch die StraBen gehen, die Laternen vom Nebel um-
geben sehen wie von einer Art von Lichtaura. Das ist ja nur schein-
bar, aber so sah der Mensch die physischen Korper zuerst um sich
herum auftauchen. Und wenn er in Schlaf kam, versank er nicht in
BewuBtlosigkeit, sondern dann tauchten wahrend des Schlaf bewuBt-
seins Bilder auf, Bilder in Farben und in Formen. Um den Menschen
herum war dann eine Welt, gegen welche die lebendigste Traumwelt
von heute nur ein schwacher nebelhafter Nachklang ist. Diese Bilder
bedeuteten Seelisches und Geistiges in der Umgebung.
Wenn also dazumal der Mensch am Beginne seiner Erdenlaufbahn
sich einem ihm schadlichen Wesen wahrend der Nachtwanderung
naherte, sah er dies nicht so, wie es heute gesehen wird - also nicht
einen Lowen, der sich ihm naherte, als eine Lowengestalt — , sondern
er sah aufsteigen ein Farben- und Formenbild, und das zeigte ihm
instinktiv: Da ist fur dich etwas Schadliches, das friBt dich und da
muBt du ausweichen. Das waren wirkliche Abbilder des Geistig-
Seelischen, das um den Menschen herum vorging. Alles Geistig-
Seelische wurde in der Nacht gesehen, und ganz langsam und all-
mahlich geschah die Entwickelung so, daB der Mensch immer langere
Zeit untertauchte in seinen physischen Leib, immer kiirzer wurde die
Nacht, immer langere Zeit dauerte der Tag. Und je mehr der Mensch
sich einwohnte in seinen physischen Leib, desto mehr verschwanden
die nachtlichen hellseherischen Bilder, desto mehr tauchte das heutige
TagesbewuBtsein auf. Aber wir diirfen nicht vergessen, daB ein wirk-
liches echtes SelbstbewuBtsein, wie es sich der Mensch wahrend des
Erdendaseins erringen soil, nur zu erringen ist durch ein Unter-
tauchen in den physischen Leib. Nicht als ein selbstandiges Wesen hat
sich der Mensch friiher gefuhlt, sondern als ein GUed der gottlich-
geistigen Wesenheiten, denen er entsprossen ist. Wie die Hand sich
fuhlt als ein Glied des Organismus, so fuhlte sich der Mensch, als er
noch ein dumpfes Hellsehen hatte, als einen Teil des gottlich-geistigen
BewuBtseins, des gottlichen Ich. Nicht «Ich-bin» hatte der Mensch
von sich gesagt, sondern «Gott ist - und ich in ihm».
Nun aber war, wie wir immer mehr begreifen werden, der Erde,
welche in ihrer Entwickelung drei friihere Stufen durchgemacht hatte
als Saturn, Sonne und Mond, eine ganz besondere Mission vor-
behalten. Glauben Sie nicht, daB man die Planetenzustande so neben-
einander betrachten kann, daB ein Planet dem anderen gleichwertig sei.
Von einer bloBen Wiederholung des schon einmal Dagewesenen kann
in der gottlichen Schopfung nicht die Rede sein. Jedes Planetendasein
hat eine ganz bestimmte Aufgabe. Unsere Erde hat die Mission, daB
die Wesen, die sich auf ihr entwickeln sollen, das Element der Liebe
bis zur hochsten Entfaltung auszubilden haben. Liebe soil die Erde
ganz und gar durchdringen, wenn die Erde am Ende ihrer Entwicke-
lung angekommen ist. - Machen wir uns klar, was das heiBt: Die Erde
ist der planetarische Zustand fur die Entwickelung der Liebe.
Wir sagen in der Geisteswissenschaft, der Erde ging der alte Mond
voran. Dieser alte Mond hatte als planetarische Stufe auch eine Mis-
sion. Er hatte noch nicht die Aufgabe, die Liebe auszubilden, er sollte
der Planet oder der Kosmos der Weisheit sein. Vor unserem Erden-
zustand hat unser Planet durchgemacht die Stufe der Weisheit. Eine
einfache, man mochte sagen, logische Betrachtung kann Ihnen das
veranschaulichen. Sehen Sie sich um in der Natur unter alien ihren
Wesenheiten. Nicht mit Ihrem bloBen Verstande sehen Sie sie an,
sondern mit Ihren Herzens- und Gemutskraften, und Sie werden
uberall Weisheit finden, die in der Natur ausgepragt ist. Diese Weis-
heit, von der hier gesprochen wird, ist so gemeint, daB sie wie eine
Art geistiger Substanz allem zugrunde liegt. Betrachten Sie alles, was
Sie wollen, in der Natur. Nehmen Sie zum Beispiel ein Stuck Ober-
schenkelknochen, da werden Sie sehen: Das ist nicht eine massive
Masse, sondern eine feine, hin und her gehende Reihe von Balken, die
zu einem wunderbaren Geriist angeordnet sind. Und wer nachforscht,
nach welchem Gesetze sie aufgebaut sind, der findet, daB das Gesetz
befolgt ist, nach welchem mit dem kleinsten Aufwand von Material
die groBte Kraft entfaltet wird, um Trager des Oberleibes des Men-
schen zu sein. Unsere Ingenieurkunst ist noch nicht so weit, ein
solches kunstvolles Geriist auszubauen, wie es die alles durchwaltende
Weisheit da aufgebaut hat. Solche Weisheit wird der Mensch erst
sparer haben. Gottliche Weisheit durchsetzt die ganze Natur; mensch-
liche Weisheit kommt erst nach und nach dazu. Im Laufe der Zeit
wird menschliche Weisheit innerlich das erreichen, was gottliche Weis-
heit in die Erde hineingeheimniBt hat.
Aber in demselben Sinne, wie die Weisheit auf dem Monde vor-
bereitet worden ist, so daB sie sich jetzt iiberall auf der Erde findet,
wird auf der Erde die Liebe vorbereitet. Konnten Sie hellseherisch
zuriickblicken auf den alten Mond, so konnten Sie sehen, daB nicht
in alien Dingen damals eine solche Weisheit war; manche Dinge
wiirden Sie noch unweise finden. Erst durch die ganze Monden-
entwickelung hindurch pragte sich die Weisheit hinein in die Dinge,
und als der Mond in seiner Entwickelung fertig war, da war alles so
davon durchzogen, daB iiberall Weisheit darinnen war.
Die innerliche Weisheit zog in den Menschen erst ein auf der
Erde mit dem Ich. Diese innerliche Weisheit muB aber der Mensch
erst nach und nach entwickeln. Ebenso wie sich auf dem Monde die
Weisheit entwickelt hat, so daB sie jetzt da ist in den Dingen, so ent-
wickelt sich jetzt die Liebe. Zuerst trat sie in der niedrigsten Gestalt,
in der sinnlichen, wahrend der lemurischen Zeit ins Dasein. Im Laufe
des Erdendaseins wird sie sich aber immer mehr und mehr vergeisti-
gen, bis zuletzt, wenn die Erde am Ende ihrer Entwickelung an-
gelangt sein wird, das ganze Dasein von Liebe durchzogen sein wird -
wie es heute von Weisheit durchzogen ist - durch das Wirken der
Menschen, wenn diese ihre Aufgabe erfullen werden.
Und die Erde wird ubergehen in einen kiinftigen planetarischen
Zustand. Diesen nennen wir Jupiter. Die Wesen aber, die auf dem
Jupiter so herumwandeln werden wie die Menschen auf der Erde,
die werden ebenso in alien Wesen die Liebe herausduftend finden,
die sie als Mensch selbst hineingelegt haben wahrend des Erden-
daseins, wie die Menschen heute die Weisheit in alien Dingen finden.
Dann werden die Menschen ebenso die Liebe aus ihrem Innern heraus
entwickeln, wie jetzt die Menschen nach und nach die Weisheit heraus-
entwickeln werden. Die groBe kosmische Liebe wird dann die Dinge
durchdringen, die jetzt auf der Erde ihr Dasein beginnt.
Der materialistische Sinn glaubt nicht an die kosmische Weisheit,
sondern nur an die menschliche. Wenn die Menschen mit unbefan-
genem Sinn hineinsehen wiirden in den Lauf der Entwickelung, so
wiirden sie sehen, daB alle kosmische Weisheit am Anfange so weit
war, wie die menschliche Weisheit erst am Ende der Erde sein wird.
In den Zeiten, in denen man mit Benennungen noch genauer war als
gegenwartig, nannte man die im Menschen wirkende subjektive Weis-
heit Intelligenz, im Gegensatze zur objektiven kosmischen Weis-
heit. Gar nicht achtet der Mensch darauf, daB dasjenige, was er im
Laufe des Erdendaseins erfindet, die gottlich-geistigen Wesenheiten
sich bereits wahrend des Mondendaseins erobert und der Erde ein-
gepflanzt haben. Nehmen wir ein Beispiel dafiir.
Wie wird den Kindern in der Schule schon eingetrichtert der groBe
Fortschritt, den die Menschen gemacht haben, durch die Erfindung
des Papiers zum Beispiel. Nun, die Wespen erzeugten das Papier
schon viele tausend Jahre vorher; denn das, was die Wespen in ihren
Nestern bauen, besteht aus genau derselben Substanz, aus der das
menschliche Papier hergestellt wird, und das wird genau auf dieselbe
Weise erzeugt, nur durch den LebensprozeB. Der Wespengeist, die
Gruppenseele der Wespen, die ein Teil ist der gottlich-geistigen
Substanz, ist die Erfinderin des Papiers schon viel friiher gewesen. -
So tappt der Mensch eigentlich immer hinter der Weltenweisheit nach.
Im Prinzip ist alles, was der Mensch im Laufe der Erdenentwickelung
erfinden wird, schon in der Natur enthalten. Was aber der Mensch
wirklich der Erde geben wird, das ist die Liebe, die sich von der
sinnlichsten zur vergeistigtsten Art entfalten wird. Das ist die Aufgabe
der Erdenentwickelung. Die Erde ist der Kosmos der Liebe.
Was ist denn aber, so fragen wir, notwendig zur Liebe? Was gehort
denn dazu, daB ein Wesen ein anderes lieben kann? Dazu ist notig, daB
dieses Wesen sein voiles SelbstbewuBtsein habe, ganz selbstandig sei.
Kein Wesen kann ein anderes im vollen Sinne lieben, wenn diese Liebe
nicht eine freie Gabe ist gegenuber dem anderen Wesen. Meine Hand
liebt nicht meinen Organismus. Nur ein Wesen, das selbstandig ist, das
losgeschniirt ist von dem anderen Wesen, kann dieses lieben. Dazu
muBte der Mensch zu einem Ich- Wesen werden. Das Ich muBte der
dreifachen menschlichen Leiblichkeit eingepflanzt werden, damit die
Erde ihre Mission der Liebe durch den Menschen ausfuhren kann.
Deshalb werden Sie verstehen, daB in der christlichen Esoterik gesagt
wird: Ebenso, wie andere Krafte, zuletzt die Weisheit wahrend des
Mondendaseins, von den Gottern heruntergestromt sind, stromt die
Liebe wahrend des Erdendaseins in dieses ein; und der Trager der
Liebe kann nur das selbstandige Ich sein, das sich nach und nach im
Laufe der Erdenentwickelung herausbildet. Aber der Mensch muB zu
allem ganz langsam vorbereitet werden, auch zu der gegenwartigen
Art seines BewuBtseins. Setzen wir den Fall, gleich in der alten lemuri-
schen Zeit wiirde der Mensch untergetaucht sein in seinen physischen
Leib, er hatte damals schon die voile auBere Wirklichkeit gesehen. Er
hatte sich dann in diesem schnellen Tempo die Liebe nicht einpflanzen
konnen ! Er muBte nach und nach erst zu seiner Erdenmission heran-
gefiihrt werden. Ohne daB er schon sein voiles SelbstbewuBtsein hatte,
ohne daB er schon so weit war, im hellen TagesbewuBtsein die Gegen-
stande um sich herum wahrzunehmen, wurde ihm in seinem dammer-
haften BewuBtsein unbewuBt der erste Unterricht der Liebe gegeben.
So sehen wir, daB wahrend der ganzen Zeiten, wahrend der Mensch
noch ein altes, traumhaftes HellseherbewuBtsein hatte, wahrend die
Seele also lange Zeit auBerhalb des Leibes war, dem Menschen in
einem dammerhaften, noch nicht selbstbewuBten Zustande die Liebe
eingepnanzt wird. Stellen wir ihn uns einmal so recht vor die Seele,
diesen Menschen der alten Zeit, der noch nicht auf der Hohe des
vollen SelbstbewuBtseins angelangt ist.
Der Mensch schlaft des Abends ein; aber kein schroffer Ubergang
vom Wachen zum Schlafen findet statt. Bilder tauchen auf, lebendige
Traumbilder, die aber einen lebendigen Bezug haben zu der geistigen
Welt. Das heiBt, der Mensch lebte sich wahrend des Einschlafens in
die geistige Welt ein. Da traufelte ihm in das dammerhafte BewuBt-
sein der gottliche Geist die ersten Keime alles Liebeswirkens ein. Was
sich durch die Liebe im Laufe der Erdenentwickelung offenbaren soil,
das stromt zuerst wahrend der Nacht in den Menschen ein. Der Gott,
der die eigentliche Erdenmission auf die Erde bringt, ofTenbart sich
zuerst zu nachtlicher Zeit dem dumpfen, alten hellseherischen Be-
wuBtsein, bevor er sich dem hellen TagesbewuBtsein offenbaren kann.
Dann, langsam und allmahlich, werden die Zeiten, in denen der
Mensch in dem dumpfen hellseherischen Zustande ist, kiirzer, das
TagesbewuBtsein immer langer, die aurischen Saume um die Gegen-
stande werden immer unbedeutender, die Gegenstande bekommen
immer festere Grenzen. Vorher hat der Mensch die Sonne, den Mond
mit einem machtigen Hof gesehen, alles wie in einer Nebelmasse
liegend. Langsam erst reinigt sich der ganze Anblick, und es treten
feste Grenzen an den Dingen auf. In diesen Zustand ist der Mensch
allmahlich gekommen. Was da der Mensch auBerlich sieht, wahrend
die Sonne die Erde bescheint und ihm durch das sichtbare Licht das
ganze Erdendasein, Mineralien, Pflanzen und Tiere ofTenbart, das
empfindet der Mensch als die Offenbarungen des Gottlichen in dem
AuBeren.
Was ist denn im Sinne der christlichen Esoterik das, was im hellen
TagesbewuBtsein sichtbar wird, woraus sich die Erde im weiten Um-
fange zusammensetzt? Es ist eine Offenbarung der gottlichen Krafte,
eine auBere materielle Offenbarung des innerlich Geistigen! Wenn
Sie den Blick hinaus auf die Sonne richten oder auf das, was Sie auf
der Erde finden: Es ist eine Offenbarung des Gottlich-Geistigen.
Dieses Gottlich-Geistige in der heutigen Gestalt, wie es allem zu-
grunde liegt, was dem hellen TagesbewuBtsein erscheint, die unsicht-
bare Welt hinter dieser ganzen sichtbaren Tageswelt, das nennt die
christliche Esoterik den « Logos » oder das «Wort». Denn wie der
Mensch zuletzt das Wort in sich selber aussprechen kann, so ist zuerst
alles, das Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich, aus dem Logos ent-
standen. Alles ist eine Verkorperung dieses Logos. Und so, wie Ihre
Seele unsichtbar in Ihrem Innern waltet und sich auBerlich einen Leib
schafft, so schafft sich in der Welt ein jedes Seelische den ihm passenden
auBeren Leib und ofFenbart sich durch irgendein Physisches.
Wo ist denn nun der physische Leib des Logos, von dem das
Johannes-Evangelium spricht und den wir uns heute immer mehr
zum BewuBtsein bringen wollen? Wo ist der physische Leib des
Logos? Am reinsten erscheint dieser auBere physische Leib des Logos
zunachst im auBeren Sonnenlicht. Das Sonnenlicht ist nicht bloB
materielles Licht. Fur die geistige Anschauung ist es ebenso das Kleid
des Logos, wie Ihr auBerer physischer Leib das Kleid fur Ihre Seele
ist. Wenn Sie ebenso zu einem Menschen stehen, wie heute die Mehr-
zahl der Menschen zur Sonne stent, so konnen Sie nicht den anderen
Menschen kennenlernen; da wiirden Sie sich 211 jedem Menschen,
der eine fuhlende, denkende, wollende Seele hat, so stellen, daB Sie
nicht ein Seelisch-Geistiges bei ihm voraussetzen, sondern bloB einen
physischen Leib abtasten und glauben, daB der dann auch aus Papier-
mache sein konnte. Wenn Sie aber durchdringen wollen zu dem
Geistigen im Sonnenlicht, dann miissen Sie es so betrachten, wie wenn
Sie von der leiblichen Seite eines Menschen aus das Innere kennen-
lernen. Wie Ihr Leib sich zu Ihrer Seele verhalt, so verhalt sich das
Sonnenlicht zu dem Logos. In dem Sonnenlichte stromt ein Geistiges
der Erde zu. Dieses Geistige ist, wenn wir nicht nur den Sonnenleib,
sondern auch den Sonnengeist zu fassen vermogen, dieser Geist ist
die Liebe, die herunterstromt auf die Erde. Nicht allein weckt das
physische Sonnenlicht die Pflanzen, so daB diese verkiimmem rmiBten,
wenn das physische Sonnenlicht nicht auf sie wirkte, sondern mit dem
physischen Sonnenlichte stromt die warme Liebe der Gottheit auf die
Erde; und die Menschen sind dazu da, die warme Liebe der. Gottheit
in sich aufzunehmen, zu entwickeln und zu erwidern. Das konnen sie
aber nur dadurch, daB sie selbstbewuBte Ich-Wesen werden. Nur dann
konnen sie die Liebe erwidern.
Als die Menschen anfingen in der ersten Zeit, zuerst nur kurze
Zeit in ihrem Tagesleben zu verweilen, da konnten sie nichts ver-
nehmen von dem Lichte, das zugleich die Liebe entzundete. Das
Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis konnte noch nichts
begreifen von dem Lichte. Und ware dem Menschen dieses Licht,
das zugleich die Liebe des Logos ist, nicht anders geoffenbart worden
als nur durch die kurzen Tagesstunden, der Mensch hatte dieses Licht
der Liebe nicht begriffen. Aber in dem dumpfen hellseherischen
TraumbewuBtsein jener alten Zeit stromte doch die Liebe in den
Menschen ein. Und jetzt blicken wir hinter das Dasein auf ein groBes
Mysterium der Welt, unserer Erde, auf ein wichtiges Mysterium.
Fassen wir es einmal, daB sozusagen die Lenkung der Welt fur
unsere Erde so war, daB eine Zeit hindurch auf unbewuBte Art dem
Menschen die Liebe einstromte durch ein dammerhaftes Hellseher-
bewuBtsein und ihn innerlich vorbereitete zur Aufnahme der Liebe
im vollen hellen TagesbewuBtsein. - Wir haben gesehen, daB unsere
Erde allmahlich der Kosmos geworden ist, der die Mission der Liebe
durchzufuhren hat. Die Erde wird beschienen von der heutigen
Sonne. Wie der Mensch die Erde bewohnt und die Liebe nach und
nach sich aneignet, so bewohnen die Sonne andere, hohere Wesen,
weil die Sonne auf einer hoheren Stufe des Daseins angekommen ist.
Der Mensch ist Erdenbewohner, und Erdenbewohner sein, bedeutet
ein Wesen sein, das sich die Liebe aneignet wahrend der Erdenzeit.
Ein Sonnenbewohner in unserer Zeit bedeutet ein Wesen, welches die
Liebe entziinden kann, welches die Liebe einstromen lassen kann.
Nicht wiirden die Erdenbewohner die Liebe entwickeln, sie nicht auf-
nehmen konnen, wenn nicht die Sonnenbewohner ihnen die reife
Weisheit schicken wiirden mit den Lichtstrahlen. Indem das Licht der
Sonne auf die Erde herunterstromt, entwickelt sich auf der Erde die
Liebe. Das ist eine ganz reale Wahrheit. Die Wesenheiten, die so hoch
stehen, daB sie die Liebe ausstromen konnen, haben die Sonne zu
ihrem Schauplatze gemacht.
Es waren da, als der Mond fertig war mit seiner Entwickelung,
sieben solcher Hauptwesenheiten, die so weit waren, daB sie Liebe
ausstromen konnten. Hier beriihren wir ein tiefes Mysterium, das die
Geheimwissenschaft enthiillt. - Da ist im Beginne der Erdenentwicke-
lung der kindliche Mensch, der die Liebe aufnehmen sollte und bereit
war zur Aufnahme des Ich, und auf der anderen Seite die Sonne, die
sich abspaltete und zu einem hoheren Dasein aufstieg. Auf dieser
Sonne konnten sich entwickeln sieben Hauptlichtgeister, die zu glei-
cher Zeit die gebenden Geister der Liebe waren. Nur sechs von ihnen
nahmen auf der Sonne Wohnung; und das, was uns im Lichte der
Sonne physisch zustromt, enthalt in sich die geistigen Liebeskrafte
dieser sechs Lichtgeister oder der sechs Elohim, wie wir sie in der
Bibel finden. Einer spaltete sich ab und ging einen anderen Weg zum
Heile des Menschen, er wahlte sich nicht die Sonne, sondern den
Mond zu seinem Aufenthalte. Und dieser eine der Lichtgeister, der
freiwiilig auf das Sonnendasein verzichtete und sich den Mond
wahlte, ist kein anderer als derjenige, den das Alte Testament «Jahve »
oder «Jehova » nennt. Dieser eine, der sich den Mond zum Aufenthalt
wahlte, ist derjenige, der vom Monde aus die reife Weisheit auf die
Erde stromte und dadurch die Liebe vorbereitete.
Jetzt schauen Sie einmal auf dieses Mysterium, das hinter den
Dingen ist. Die Nacht gehort dem Monde, und sie gehorte in einem
viel groBeren MaBe dem Monde in jener alten Zeit, als der Mensch
noch nicht von der Sonne die Kraft der Liebe empfangen konnte,
als er noch nicht im direkten Lichte diese Kraft der Liebe empfangen
konnte. Da empfing er die reflektierte Kraft der reifen Weisheit vom
Mondenlichte. Sie stromte ihm zu von dem Mondenlicht wahrend
der Zeit des NachtbewuBtseins. Jahve nennt man daher den Regierer
der Nacht, der den Menschen vorbereitete auf die Liebe, die spater
wahrend des vollen TagbewuBtseins entstehen sollte. So schauen wir
zuriick auf die alte Menschheitszeit, wo geistig der Vorgang statt-
fand, der durch die Himmelskorper nur symbolisiert wird, wo Sie die
Sonne auf der einen Seite, den Mond auf der anderen Seite haben.
Wahrend der Nacht, zu gewissen Zeiten, sendet uns der Mond die
reflektierte Sonnenkraft zu. Es ist dasselbe Licht, das uns auch von der
Sonne zukommt. So strahlte zuriick in den alten Zeiten Jahve oder
Jehova die Kraft der reifen Weisheit, die Kraft der sechs Elohim,
und diese Kraft stromte er wahrend der Zeit des Nachtschlafens in die
Menschen ein und bereitete sie vor, so daB sie fahig wurden, auch
spater die Kraft der Liebe nach und nach wahrend des tagwachen
BewuBtseins zu bekommen.
Die Zeichnung soli in symbolischer Weise andeuten den tagwachen
Menschen, wo physischer Leib und Atherleib abhangig sind vom
Gottlichen, und das Ich und der Astralleib auf dem physischen Plane
im physischen Leibe und Atherleibe sind; da wird von auBen das
ganze System des Menschen beschienen von der Sonne. Von der
Nacht wissen Sie jetzt, daB sie eine viel langere war und viel wir-
kungsvoller fur den Menschen uralter Vorzeit. Da sind Astralleib
und Ich aus physischem Leib und Atherleib heraus; da ist das Ich
ganz in der astralischen Welt, und der astralische Leib wird von auBen
hineingesenkt in den physischen Leib so, daB er aber seiner ganzen
Wesenheit nach doch in das Geistig-Gottliche eingebettet ist. Da kann
die Sonne nicht direkt auf den menschlichen Astralleib scheinen und
in ihm die Kraft der Liebe entziinden. Da wirkt der Mond, der das
Sonnenlicht reflektiert, durch Jahve oder Jehova. Der Mond ist das
Symbolum fur Jahve oder Jehova, und die Sonne ist nichts anderes
als das Symbolum fur den Logos, der die Summe der anderen sechs
Elohim ist. Nur symbolisch soil diese Zeichnung, die Sie studieren
mogen, liber die Sie meditieren mogen, das andeuten. Und wenn Sie
ft
O
dariiber nachdenken, werden Sie finden, welch tiefe Mysterienwahr-
heiten darin dargestellt sind : daB lange Zeit hindurch dem nachtlichen
BewuBtsein durch Jahve die Kraft der Liebe dem Menschen ein-
gepflanzt wurde auf unbewuBte Art. So wurde der Mensch vor-
bereitet, damit er nach und nach selbst den Logos, die Kraft seiner
Liebe empfangen konnte. Wie war das moglich? Wie konnte
denn das geschehen? - Jetzt kommen wir zu der anderen Seite des
Mysteriums.
Wir haben uns gesagt, daB der Mensch zur selbstbewuBten Liebe
auf der Erde berufen war. Er muBte also einen Fiihrer, einen Lehrer
wahrend des hellen TagesbewuBtseins haben, der ihm so gegeniiber-
trat, daB er ihn wahrnehmen konnte. Nur wahrend der Nacht, im
dammerhaften BewuBtsein konnte ihm die Liebe eingepflanzt werden.
Nach und nach aber muBte etwas eintreten, etwas mit voller Tat-
sachlichkeit eintreten, was dem Menschen moglich machte, auBen,
physisch das Wesen der Liebe selber zu sehen. Wodurch konnte das
eintreten? Das konnte nur dadurch eintreten, daB das Wesen der
gottlichen Liebe, des Logos, ein Wesen auf der Erde wurde - ein
fleischliches Wesen auf der Erde, wie es der Mensch auf der Erde
durch seine Sinne wahrnehmen konnte. Weil der Mensch zur Wahr-
nehmung durch seine auBeren Sinne sich entwickelte, muBte der Gott,
der Logos, selbst ein Sinneswesen werden. Er muBte in einem fleisch-
lichen Leibe auftreten. Das geschah durch den Christus Jesus, und die
historische Erscheinung des Christus Jesus bedeutet nichts anderes,
als daB die Krafte der sechs Elohim oder des Logos sich verkorpert
haben in dem Jesus von Nazareth im Anfange unserer Zeitrechnung, -
in ihm real da waren in der Welt der Sichtbarkeit. Darauf kommt es an.
Das, was in der Sonne an innerer Kraft liegt, die Kraft der Logosliebe,
nahm physische Menschengestalt an in dem Leibe des Jesus von
Nazareth. Denn so wie ein anderer auBerer Gegenstand, wie ein
anderes Wesen, so muBte dem Menschen auf der Erde fur sein Sinnes-
bewuBtsein der Gott in leibhaftiger Gestalt entgegentreten. Was ist
daher diese Wesenheit, die uns im Beginne unserer Zeitrechnung als
der Christus Jesus entgegentrat? Sie ist nichts anderes als die Ver-
korperung des Logos, der sechs anderen Elohim, denen vorbereitend
der eine, der Jahve-Gott vorangegangen ist. Und diese eine Gestalt
des Jesus von Nazareth, in welcher der Christus oder der Logos in-
karniert war, bringt daher das, was fruher immer nur von der Sonne
auf die Erde herniederstromte, was nur im Sonnenlichte enthalten ist,
sie bringt es in das Menschenleben, in die Menschheitsgeschichte
selbst hinein: «Der Logos ward Fleisch». Das ist das, worauf das
Johannes-Evangelium den groBten Wert legt.
Und es muBte der Schreiber des Johannes-Evangeliums gerade auf
diese Tatsache den groBten Wert legen. Denn wahr ist es : Nachdem
einige der eingeweihten Christus-Schuler verstanden hatten, um was
es sich handelt, da traten auch andere auf, die das nicht im vollen
MaBe verstehen konnten, - die zwar voll verstanden, daB allem
Materiellen, allem, was uns stofflich entgegentritt, ein Seelisch-
Geistiges zugrunde liegt; was sie aber nicht begreifen konnten, war,
daB sich in einem einzelnen Menschen fur die physisch-sinnliche Welt
physisch sichtbar der Logos selbst einmal verfleischlichte. Das konn-
ten sie nicht verstehen. Dadurch unterscheidet sich das, was uns in
den ersten christlichen Jahrhunderten als die « Gnosis » entgegentritt,
von dem wahren esoterischen Christentum. Der Schreiber des Jo-
hannes-Evangeliums hat mit kraftigen Worten darauf hingewiesen:
Nein, nicht sollt ihr ansehen den Christus als iibersinnliches, unsicht-
bar bleibendes Wesen, das allem StorTlichen zugrunde liegt, sondern
ihr sollt Wert darauf legen, daB das Wort Fleisch geworden ist, daB
es unter uns gewohnet hat! Das ist der feine Unterschied zwischen
dem esoterischen Christentum und der ursprunglichen Gnosis. Die
Gnosis kennt den Christus ebenso wie das esoterische Christentum,
aber nur als eine geistige Wesenheit, und sieht hochstens in dem Jesus
von Nazareth einen mehr oder weniger an diese geistige Wesenheit
gebundenen menschlichen Verkiinder. Sie will festhalten an dem un-
sichtbar bleibenden Christus. Dagegen ist das esoterische Christentum
immer im Sinne des Johannes-Evangeliums gewesen, das auf dem
festen Boden des Wortes stand:
«Und der Logos ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet. »
(I. 14)
Und derjenige, der da in der sichtbaren Welt war, ist eine wirkliche
Verkdrperung der sechs anderen Elohim, des Logos !
Damit also ist die Erdenmission, das, was aus der Erde werden
sollte durch das Ereignis von Palastina, erst richtig in die Erde ein-
getreten. Vorher war alles Vorbereitung. Als was muBte sich also
der Christus, der in dem Leibe des Jesus von Nazareth wohnte, vor-
zugsweise bezeichnen?
Er muBte sich vorzugsweise bezeichnen als den groBen Bringer
und den Verlebendiger des selbstbewuBten freien menschlichen
Wesens. Fassen wir diese lebendige Christus-Lehre einmal in kurze,
paradigmatische Satze. Dann miissen wir sagen: Die Erde ist dazu
da, dem Menschen das voile SelbstbewuBtsein, das «Ich-bin» zu
geben. Vorher war alles nur Vorbereitung zu diesem SelbstbewuBt-
sein, zum «Ich-bin»; und der Christus ist derjenige, der den Impuls
gibt, daB die Menschen alle - jeder als einzelnes Wesen - empfinden
konnen das «Ich-bin». Jetzt erst ist der machtige Impuls gegeben,
der die Menschen auf der Erde mit einem gewaltigen Ruck nach vor-
warts bringt. Wir konnen das verfolgen beim Vergleich des Christen-
tums mit der alttestamentlichen Lehre. In der alttestamentlichen Lehre
fuhlte der Mensch noch nicht vollstandig das «Ich-bin» in seiner
eigenen Personlichkeit. Er hatte noch einen Rest dessen, was geblieben
war von der alten Zeit des traumerischen BewuBtseins, wo der
Mensch sich nicht als ein Selbst fuhlte, sondern als Glied der gott-
lichen Wesenheit, wie das Tier heute noch ein Glied der Gruppenseele
ist. Von der Gruppenseele sind die Menschen ausgegangen, und zum
individuellen selbstandigen Dasein, das in jedem Einzelmenschen das
«Ich-bin» fuhlt, sind sie fortgeschritten. Und der Christus ist die
Kraft, die die Menschen zu diesem freien «Ich-bin»-Bewu6tsein ge-
bracht hat. Uberschauen wir das einmal in seiner vollen innerlichen
Bedeutung.
Der Bekenner des Alten Testaments fuhlte sich noch nicht so ab-
geschlossen in seiner einzelnen Personlichkeit wie der Bekenner des
Neuen Testaments. Der Bekenner des Alten Testaments sagte noch
nicht in seiner Personlichkeit: Ich bin ein Ich. Er fuhlte sich in dem
ganzen alten jiidischen Volke und fuhlte das «Gruppen-Volks-Ich».
Versetzen wir uns einmal lebendig in das BewuBtsein eines solchen
alttestamentlichen Bekenners. So, wie der wirkliche Christ das «Ich-
bin» fuhlt und allmahlich immer mehr fuhlen lernen wird, so fuhlte
der Bekenner des Alten Testaments nicht das «Ich-bin». Er fuhlte
sich als ein Glied de's ganzen Volkes und schaute hinauf zu der
Gruppenseele, und wenn er das aussprechen wollte, sagte er: Mein
BewuBtsein reicht hinauf bis zum Vater des ganzen Volkes, bis zu
Abraham; wir - ich und Vater Abraham - sind eins. Ein gemeinsames
Ich umfaBt uns alle; und da erst fiihle ich mich geborgen in der
geistigen Substantialitat der Welt, wenn ich in der ganzen Volks-
substanz mich ruhen fiihle. - So sah der Bekenner des Alten Testa-
ments hinauf bis zum Vater Abraham und sagte : Ich und der Vater
n
Abraham sind eins. In meinen Adern nieBt dasselbe Blut wie in
Abrahams Adern. - Und den Vater Abraham fuhlte er wie die
Wurzel, aus der jeder einzelne Abrahamite als ein Glied hervor-
ging-
Da kam der Christus Jesus und sagte zu seinen nachsten intimsten
Eingeweihten : Bisher haben die Menschen bloB geurteilt nach dem
Fleisch, nach der Blutsverwandtschaft; die war fur sie das BewuBt-
sein, daB sie in einem hoheren, unsichtbaren Zusammenhange ruhten.
Ihr aber sollt an einen viel geistigeren Zusammenhang glauben, an
den, der weiter geht als die Blutsverwandtschaft. Ihr sollt an einen
geistigen Vatergrund glauben, in dem das Ich wurzelt, der geistiger
ist als jener Grund, der das judische Volk als Gruppenseele verbindet.
Ihr sollt glauben an dasjenige, was in mir und in jedem Menschen
ruht, und das ist nicht nur eins mit Abraham, das ist eins mit dem
gottlichen Weltengrunde ! Daher betonte der Christus Jesus im Sinne
des Johannes-Evangeliums :
«Bevor der Vater Abraham war, war das <Ich-bin> ! » (8, 5 8)
Nicht nur bis zu dem Vater-Prinzip, das bis zu Abraham reicht, geht
mein Ur-Ich hinauf, sondern mit dem, was den ganzen Kosmos durch-
pulst, ist das Ich eins ; bis zu dem geht meine Geistigkeit hinauf.
«Ich und der Vater sind eins! » (10, 30)
Das ist das wichtige Wort, das man fiihlen muB; dann wird man
den Ruck fiihlen, der die Menschen ergriff und die Menschheits-
entwickelung weiter brachte durch jenen Impuls, den das Erscheinen
des Christus Jesus gab. Der Christus Jesus war der groBe Beleber
des «Ich-bin».
Und nunmehr versuchen wir ein wenig darauf hinzuhorchen, was
seine intimsten Eingeweihten sagten, wie sie das ausdnickten, was
sich ihnen da offenbarte. Sie sagten: Bisher hat keine einzelne fleisch-
liche Menschlichkeit existiert, der man diesen Namen des «Ich-bin»
so beilegen durfte, als der, der als der erste die ganze Bedeutung des
«Ich-bin» in die Welt gebracht hat. Und daher nannten sie das
«Ich-bin» den Namen des Christus Jesus. Das war der Name, in dem
sich die intimsten Eingeweihten verbunden fuhlten, in dem Namen,
den sie also verstanden, den Namen «Ich-bin».
So miissen Sie sich in die wichtigsten Kapitel des Johannes-Evange-
liums vertiefen. Wenn Sie also jenes Kapitel nehmen, wo das Wort
stent: «Ich bin das Licht der Welt!», da miissen Sie das wortlich
nehmen, ganz wortlich. Das «Ich-bin», das da zum ersten Male im
Fleische auftrat, was ist es? Dasselbe, was im Sonnenlichte als Logos-
kraft der Erde zustromt. Oberall haben Sie in dem ganzen 8. Kapitel,
vom 1 2. Vers angefangen, das gewohnlich iiberschrieben ist «Jesus,
das Licht der Welt», die Umschreibung dieser tiefen Wahrheit von
der Bedeutung des «Ich-bin». Lesen Sie das Kapitel so, daB Sie iiberall
das «Ich» oder das «Ich-bin» betonen und wissen, daB das «Ich-bin»
der Name war, auf den sich die Eingeweihten verbunden fuhlten.
Dann verstehen Sie es, dann erscheint Ihnen dies Kapitel so, daB Sie
es etwa in der Art lesen miiBten :
«Da redete Jesus zu seinen Jiingern und sprach: Was <Ich-bin> zu
sich sagen kann, das ist die Kraft des Lichtes der Welt; und wer mir
nachfolgt, der wird bei hellem lichtem TagesbewuBtsein dasjenige
sehen, was diejenigen nicht sehen, die in der Finsternis wandeln.»
Diese aber, die dem alten Glauben anhingen, daB nur auf eine nachtli-
che Art das Licht der Liebe dem Menschen eingepflanzt werden kann,
die da die Pharisaer genannt wurden, die antworteten: «Du berufst
dich auf dein < Ich-bin >, wir aber berufen uns auf den Vater Abraham.
Da fiihlen wir die Kraft, die uns berechtigt, als selbstbewuBte Wesen
aufzutreten ; da fuhlen wir uns stark, wenn wir einsinken in den gt-
meinsamen Ichgrund, der bis zum Vater Abraham hinauffuhrt.»
« Jesus sprach: Wenn man in dem Sinne vom <Ich> redet, wie ich
rede, da ist das Zeugnis wahr; denn ich weiB, daB dieses <Ich> von
dem Vater, von dem gemeinsamen Urgrund der Welt kommt, und
wohin es wieder geht.» (8, 14)
Und nun der wichtige Satz, Kap. 8, Vers 15, den Sie wortlich in fol-
gender Weise iibersetzen miissen :
«Ihr beurteilt alles nach dem Fleische. Ich aber beurteile nicht das
Nichtige, das im Fleische ist.
Und wenn ich urteile, so ist mein Urteil ein wahres. Denn dann ist
das Ich nicht allein fur sich, sondern das Ich ist vereint mit dem
Vater, von dem das Ich herstammt.» (8, 15-16)
Das ist der Sinn dieser Stelle, So sehen Sie iiberall den Hinweis
auf den gemeinsamen Vater. Und wir werden den Vaterbegriff noch
genauer uns vor die Seele fiihren konnen. - So sehen Sie, wie das
Wort: «Ehe denn der Vater Abraham war, war das <Ich-bin>» die
Quintessenz der christlichen Lehrworte lebendig in sich enthalt.
Wir haben uns heute vertieft in die Worte des Johannes-Evange-
liums, mehr, als wir es hatten tun konnen, wenn ich sie in auBerer
Weise interpretiert hatte. Wir haben diese Worte aus der Geistes-
weisheit hergeleitet, insofern wir auf einige wichtige Worte des Jo-
hannes-Evangeliums angespielt haben, die gerade das Wesentliche
des Christentums bezeichnen. Wir werden sehen, wie uns gerade
dadurch, daft wir erst solche Kern- und Urworte des Evangeliums
verstehen, Licht und Klarheit in das ganze Johannes-Evangelium
hineinkommen wird.
Nehmen Sie das alles als etwas, was als Lehre in der christlichen
esoterischen Schule gelehrt worden ist, die der Schreiber des Johannes-
Evangeliums auf die Art, wie wir das besprechen werden, auf-
geschrieben hat, um sie der Nachwelt zu uberliefern fur diejenigen,
die da wirklich eindringen wollen in dessen Sinn.
Wie man das wirklich noch tiefer tun kann, davon in dem nach-
sten Vortrag.
VIERTER VORTRAG
Hamburg, 22. Mai 1908
Es durfte aus den drei bisherigen Vortragen einigermaBen hervor-
gegangen sein, daB man im Johannes-Evangelium die geisteswissen-
schaftlichen Wahrheiten wiederzufinden in der Lage ist. Aber ebenso
durfte klar geworden sein, daB es notwendig ist, um diese Wahrheiten
zu finden, jedes Wort dieses Johannes-Evangeliums wirklich auf die
Goldwaage zu legem Es kommt bei dieser religiosen Urkunde in der
Tat darauf an, daB der wirkliche, echte Wortlaut absolut verstanden
wird. Denn alles ist in dieser Urkunde, wie wir noch an verschiedenen
Fallen sehen werden, von der denkbar tiefsten Bedeutung, Aber nicht
nur der Wortlaut dieses oder jenes Satzes kommt in Betracht, sondern
es kommt auch noch etwas anderes in Betracht. Das ist die Gliederung,
die Komposition, die Zusammensetzung der Urkunde. Fur solche
Dinge hat eigentlich der heutige Mensch nicht mehr ganz die rechte
Empfindung. Viel mehr von architektonischem Auf bau, von innerer
Gliederung haben die alten - wenn wir sie so nennen diirfen - Schrift-
steller in ihre Werke hineingelegt, als man gewohnlich glaubt. Sie
brauchen sich nur an einen verhaltnismaBig spaten Dichter zu er-
innern, um das bekraftigt zu finden: an Dante. Wie ist in der «Gott-
lichen Kom6die» alles architektonisch aufgebaut in Gliedern, denen
die Dreizahl zugrunde liegt. Und nicht umsonst schlieBt ein jeder Teil
von Dantes Komodie mit den Worten « Sterne ». Das nur, um an-
zufiihren, wie architektonisch die alten Schriftsteller ihre Sache auf-
gebaut haben. Und insbesondere diirfen wir bei den groBen religiosen
Urkunden diesen architektonischen Aufbau niemals aus den Augen
verlieren, denn er bedeutet unter Umstanden sehr viel. Man muB diese
Bedeutung allerdings erst herausfinden.
Da ist zu erinnern, daB am Ende des io.Kapitels des Johannes-
Evangeliums ein Satz steht, den wir in der Erinnerung behalten wol-
len. Da heiBt es im 41. Vers:
« Und viele kamen zu ihm und sprachen : Johannes tat kein Zeichen,
aber alles, was Johannes von diesem gesagt hat, das ist wahr.»
Das heiBt, wir finden in diesem Vers des 10. Kapitels einen Hinweis
darauf, daB das Zeugnis, das iiber den Christus Jesus abgegeben wird
durch Johannes, wahr ist; es wird durch ein besonderes Wort das
ausgedriickt, daB dies Zeugnis wahr ist. - Und nun kommen wir an
den SchluB des Johannes-Evangeliums und finden da einen ent-
sprechenden Vers. Da heiBt es im 24. Vers des 21. Kapitels:
«Dies ist der Jiinger, der von diesen Dingen zeuget, und hat dies
geschrieben; und wir wissen, daB sein Zeugnis wahrhaftig ist.»
Da haben wir also am SchluB des Ganzen eine Angabe dariiber,
daB das Zeugnis dessen, der berichtet, ein wahrhaftiges ist. Solche
Kongruenzen und Harmonien, daB da oder dort mit einem Wort
etwas Besonderes gesagt wird, sind niemals ohne Bedeutung in den
alten Schriften; und gerade hinter dieser Kongruenz verbirgt sich
etwas Bedeutsames. Und wir werden unsere Betrachtungen in das
rechte Licht riicken, wenn wir auf dessen Grund hinweisen.
Es steht in der Mitte des Johannes-Evangeliums eine Tatsache,
ohne deren Verstandnis iiberhaupt das Johannes-Evangelium nicht
begriffen werden kann. Unmittelbar hinter der Stelle, wo dieses Wort
zur Bekraftigung des Wahrheitszeugnisses angefiihrt wird, steht das
Kapitel iiber die Auferweckung des Lazarus. Durch dieses Kapitel
iiber die Auferweckung des Lazarus zerfallt das ganze Johannes-
Evangelium in zwei Teile. Und es ist hingewiesen am Ende des ersten
Teiles darauf, daB fur alles dasjenige, was behauptet wird, was be-
kraftigt werden soil iiber den Christus Jesus, das Zeugnis des Taufers
Johannes gelten soil; und es ist ganz am Ende darauf hingewiesen,
daB fur alles das, was nach dem Kapitel iiber die Auferweckung des
Lazarus steht, das Zeugnis des Jiingers gelten soil, von dem wir ofter
horen die-Worte: «den der Herr lieb hatte» (13, 23). Was bedeutet
denn iiberhaupt die « Auferweckung des Lazarus » ?
Ich erinnere Sie daran, daB nach der Erzahlung iiber die Auf-
erweckung des Lazarus ein scheinbar ratselhafter Satz im Johannes-
Evangelium steht. Stellen Sie sich einmal die ganze Situation vor:
Der Christus Jesus vollbringt das, was man im gewohnlichen Sinne
ein Wunder, im Evangelmm selbst ein «Zeichen» nennt: die Auf-
erweckung des Lazarus. Und nachher stehen mehrere Satze, die da
besagen: «Dieser Mensch tut viele Zeichen» (n, 47), und alles fol-
gende weist darauf hin, daB die Anklager keine Gemeinschaft mit ihm
haben wollen wegen dieser Zeichen. Wenn Sie diese Worte lesen, wie
sie auch immer iibersetzt sein mogen - es ist auch schon in meinem
« Christentum als mystische Tatsache» von mir darauf hingewiesen
worden so miissen Sie fragen: Was liegt denn da eigentlich zu-
grunde? Die Auferweckung eines Menschen bestimmt gerade die
Gegner, gegen den Christus Jesus aufzutreten. Warum regt die Geg-
ner gerade die Auferweckung des Lazarus so auf? Warum beginnt
gerade da die Verfolgung? - Ein jeder, der zu lesen versteht, muB
einsehen, daB sich in diesem Kapitel ein Mysterium verbirgt. Dieses
Mysterium, das sich dahinter verbirgt, ist nichts anderes als die Mit-
teilung dariiber, wer eigentlich der wirkliche Autor des Johannes-
Evangeliums ist, wer eigentHch das alles sagt, was im Johannes-
Evangelium gesagt wird. Um das zu verstehen, miissen wir einmal
einen Blick werfen auf das, was wir die «Einweihung» in den alten
Mysterien nennen. Wie ging diese Einweihung in den alten Mysterien
vor sich?
Ein Mensch, der eingeweiht worden war, konnte selbst Erlebnisse,
Erfahrungen haben in den geistigen Welten, so daB er ein Zeuge
werden konnte der geistigen Welten. Diejenigen, die reif befunden
wurden, eingeweiht zu werden, wurden in diese Mysterien hinein-
gezogen. Uberall - in Griechenland, bei den Chaldaem, bei den
Agyptern, bei den Indern - gab es solche Mysterien. Da wurden die
Einzuweihenden lange unterrichtet ungefahr in den Dingen, die wir
heute in der Geisteswissenschaft lernen; und wenn sie gemigend
unterrichtet waren, folgte das, was ihnen den Weg offnete, um selbst
zu schauen. Aber in den alten Zeiten konnte das auf keine andere
Weise bewirkt werden als dadurch, daB der Mensch in bezug auf
seine vier Glieder: physischen Leib, Atherleib, Astralleib und Ich,
in einen ganz besonderen Zustand versetzt wurde. Was da geschah
mit dem Einzuweihenden, war, daB er durch den Initiator, durch den
Einweihenden, der die Sache verstand, dreieinhalb Tage in einen
totenahnlichen Zustand versetzt wurde. Das geschah aus folgendem
Grunde. Wenn der Mensch namlich im heutigen Entwickelungs-
zyklus im gewohnlichen Sinne schlaft, so liegen sein physischer Leib
und Atherleib im Bette, das Ich mit dem Astralleib ist herausgehoben.
Der Mensch kann dann nicht irgendwelche geistigen Ereignisse urn
sich herum wahrnehmen, weil sein Astralleib noch nicht die geistigen
Sinnesorgane hat, urn in der Welt, in der der Mensch dann ist, wahr-
zunehmen. Erst wenn sein astrahscher Leib und sein Ich wieder
hineinschliipfen in seinen physischen und Atherleib, sich wieder der
Augen und der Ohren bedienen, nimmt der Mensch wieder die phy-
sische Welt, das heifit iiberhaupt eine Umwelt warir. Durch das, was
die Einzuweihenden gelernt hatten, wurden sie fahig, die geistigen
Sinnesorgane ihres astralischen Leibes herauszubilden. Wenn sie nun
so weit waren, daB ihr astralischer Leib diese Sinnesorgane aus-
gebildet hatte, muBte dafiir gesorgt werden, daB alles, was der astra-
lische Leib in sich aufgenommen hatte, sich in den Atherleib ein-
driickt, wie die Worte eines Petschafts sich in den Siegellack ein-
driicken. Das ist das, worauf es ankommt. Alle Vorbereitungen fur
die Einweihung beruhten darauf, daB der Mensch sich solchen inneren
Vorgangen hingab, welche seinen astralischen Leib umorganisierten.
Der Mensch war auch seinem physischen Leibe nach einmal so, daB
er keine Augen und Ohren hatte wie heute, sondern gleichgultige
Organe an dieser Stelle ; wie Tiere, die nie dem Licht ausgesetzt waren,
keine Augen haben. Das Licht formt heraus das Auge, der Ton bildet
heraus das Ohr. Was der Mensch durch Meditation, Konzentration
ubt, und was er dadurch innerlich erlebt, wirkt so wie Licht auf das
Auge, Ton auf das Ohr. Dadurch wird der astralische Leib um-
geformt, und dadurch werden herausgeholt die Erkenntnisorgane, um
zu schauen in der astralischen, der hoheren Welt. Jetzt sind sie aber
noch nicht fest genug in dem Atherleibe; sie werden dadurch fest,
daB das, was im astralischen Leibe zunachst sich bildet, eingepragt
wird in den Atherleib. Solange aber der Atherleib im physischen
Leibe steckt, ist es nicht moglich, daB das, was durch die Obungen
erreicht wird, sich auch wirklich abdriickt im Atherleibe. Dazu muBte
ehedem der Atherleib herausgehoben werden aus dem physischen
Leibe. Wenn also in den dreieinhalb Tagen des totenahnlichen Schlafes
der Atherleib herausgehoben war aus dem physischen Leibe, driickte
sich alles das, was im Astralleibe vorbereitet war, ab. Der Mensch
erlebte die geistige Welt. Wurde er dann wieder durch den Priester-
Initiator zuruckgerufen in den physischen Leib, so war er ein Zeuge
dessen, was in den geistigen Welten vorgeht, durch sein eigenes
Zeugnis.
Diese Prozedur ist eben durch die Erscheinung des Christus Jesus
unnotig geworden. Dieser dreieinhalb Tage lange todahnliche Schlaf
kann nunmehr durch die von Christus ausgehende Kraft ersetzt wer-
den. Denn wir werden gleich sehen, da8 im Johannes-EvangeUum
die starken Krafte liegen, daB heute der Astralleib, auch wenn der
Atherleib im physischen Leibe drinnen ist, die Starke hat, trotzdem
abzudriicken, was vorher in ihm vorbereitet war. Dazu muBte aber
erst der Christus Jesus da sein. Vorher waren die Menschen nicht so
weit, daB ohne die charakterisierte Prozedur das, was im astralischen
Leibe durch Meditation und Konzentration vorgebildet war, im
Atherleibe hatte abgedriickt werden konnen. - Das war ein Vorgang,
der sich oft in den Mysterien abgespielt hat: Ein einzuweihender
Mensch wird durch den Priester-Initiator in einen todahnlichen Schlaf
gebracht; darauf wird der Betreifende durch die hoheren Welten ge-
fiihrt ; dann wird er wieder zuruckgerufen durch den Priester-Initiator
in seinen physischen Leib, und nunmehr ist er durch sein eigenes
Erlebnis ein Zeuge der geistigen Welten.
Das wurde immer im tiefsten Geheimnis vollbracht, und nichts
wuBte die auBere Welt von den Vorgangen in den alten Mysterien.
Durch den Christus Jesus sollte an die Stelle der alten Einweihung
eine neue treten, durch jene Krafte hervorgebracht, von denen wir
noch zu sprechen haben. Es sollte gleichsam der SchluBpunkt gemacht
werden mit der alten Form der Einweihung. Aber es sollte ein Uber-
gang gemacht werden von der alten in die neue Zeit ! Fur den Uber-
gang sollte jemand noch einmal auf die alte Art eingeweiht werden,
aber in die christliche Esoterik. Das konnte nur der Christus Jesus
selbst tun - und es sollte der Einzuweihende jener sein, der da
Lazarus genannt wird. « Diese Krankheit ist nicht zum Tode » (i i, 4),
heiBt es da; sie ist der dreieinhalbtagige todahnliche Schlaf. Darauf
wird deutlich hingewiesen. Sie werden sehen, daB es 2 war in einer sehr
verschleierten Darstellung geschieht, daB sie sich aber fiir den, wel-
cher eine solche verschleierte Art iiberhaupt entziffern kann, als Ein-
weihung darstellt.
Die Individuality des Lazarus sollte so eingeweiht werden, daB
dieser Lazarus ein Zeuge von den geistigen Welten werden konnte.
Und es wird uns ein Wort gesagt, das in der Mysteriensprache ein
sehr bedeutsames ist, es wird uns gesagt, «daB der Herr den Lazarus
lieb hatte». Was bedeutet «lieb haben» in der Mysteriensprache? Es
driickt aus das Verhaltnis des Schulers zum Lehrer. «Den der Herr
Heb hatte » ist der intimste, der eingeweihteste Schiiler. Den Lazarus
hat der Herr selbst eingeweiht, und als ein Eingeweihter erhob sich
Lazarus aus dem Grabe, das heiBt aus seiner Einweihungsstatte. Und
dasselbe Wort «den der Herr lieb hatte» wird uns immer spater von
Johannes gesagt - oder sagen wir besser - von dem Verfasser des
Johannes-Evangeliums ; denn der Name «Johannes» wird nicht ge-
nannt, es ist eben derjenige, der der Lieblingsjiinger ist, und auf den
das Johannes-Evangelium zuruckzufuhren ist. Das ist der auferweckte
Lazarus selbst. Und der Schreiber des Johannes-Evangeliums wollte
damit sagen : Was ich zu sagen habe, habe ich zu sagen kraft der Ein-
weihung, die mir von dem Herrn selbst zuteil geworden ist. - Daher
unterscheidet der Schreiber des Johannes-Evangeliums wohl, was vor
der Auferweckung des Lazarus, und das, was nach der Auferweckung
des Lazarus geschieht. Vor der Auferweckung des Lazarus wird ein
alter Eingeweihter angefuhrt, ein solcher, der gekommen ist zu der
Erkenntnis des Geistes, und es wird betont, daB sein Zeugnis wahr
ist. - Was aber iiber die tiefsten Dinge zu sagen ist, iiber das Myste-
rium von Palastina, dariiber spreche ich selbst, ich, der Auferweckte ;
dariiber kann ich aber erst nach der Auferweckung sprechen. - Daher
haben wir in dem ersten Teile des Johannes-Evangeliums das Zeugnis
des alten Johannes, in dem zweiten Teil das Zeugnis des neuen Jo-
hannes, den der Herr selbst eingeweiht hat. Denn derselbe ist der
auferweckte Lazarus. So erfassen wir dies Kapitel erst seinem wirk-
lichen Sinne nach. Es steht da, weil Johannes sagen wollte : Ich be-
rufe mich auf mein iibersinnliches Sehen, nicht auf mein Wahr-
nehmen in der physischen Welt; ich erzahle euch, was ich gesehen
habe in der geistigen Welt dadurch, daB mir der Herr die Einweihung
hat zuteil werden lassen.
So mussen wir die Charakteristik des Christus Jesus, wie sie uns
entgegentritt in den ersten Kapiteln des Johannes-Evangeliums bis
zum SchluB des io.Kapitels, zuruckfuhren auf die Erkenntnis, die
sozusagen auch einer haben konnte, der nicht im tiefsten Sinne schon
eingeweiht war durch den Christus Jesus selbst.
Nun werden Sie sagen: Ja, wir haben doch selbst in diesen Vor-
tragen die tiefen Worte iiber den Christus Jesus gehort als den ver-
korperten Logos, als das Licht der Welt und so weiter. - Das ist nicht
weiter verwunderlich, daB diese tiefen Worte iiber den Christus Jesus
schon in den ersten Kapiteln ausgesprochen werden. Denn in den
alten Mysterien war der Christus Jesus, das heiBt der Christus, der in
Zukunft erscheinen sollte in der Welt, nicht etwa eine unbekannte
Wesenheit. Und alle Mysterien wiesen hin auf Einen, der da kommen
sollte. Daher nennt man die alten Eingeweihten « Propheten », weil sie
iiber einKiinftiges zu prophezeien hatten. Darum hatten gerade dieEin-
weihungen denZweck, klar erkennen zu lassen, daB sich in der Zukunft
der Menschheit der Christus enthiillen werde. So ging aus dem, was er
damals schon wissen konnte, fur den Taufer die Wahrheit hervor, die
ihn prophezeien lassen konnte, daB derjenige, von dem gesprochen
worden ist in den Mysterien, vor ihm stehe in dem Christus Jesus.
Wie nun das Ganze zusammenhangt, wie der sogenannte Taufer
selbst zu dem Christus Jesus steht, das wird sich uns am klarsten zeigen,
wenn wir uns zweierlei Fragen beantworten.
Die eine ist die: Wie stellt sich der Taufer selbst in seine Zeit
hinein? Und die andere geht zuriick auf die Erklarung verschiedener
Dinge im Anfang des Johannes-Evangeliums.
Wie stellt sich der Taufer in seine Zeit hinein? Was ist der Taufer
eigentlich? Er ist einer, der - ebenso wie die anderen, die etwas in
den Einweihungen gehort haben - den Hinweis erhalten hat auf den
kommenden Christus, der aber als der Einzige hingestellt wird, dem
gegeniiber dem Christus Jesus das rechte Geheimnis aufgeht : daB der
Erschienene eben der Christus ist. Nun sahen die, welche mit «Pha-
risaer » oder mit anderen Namen .bezeichnet wurden, in dem Christus
Jesus einen solchen, der eigentlich ihrem alten Einweihungsprinzip
widerstrebte, der in ihren Augen etwas tat, was sie in ihrem konserva-
tiven Sinne nicht zugeben konnten. Sie sagten, weil sie eben kon-
servativ waren: Es muB bei dem alten Einweihungspiinzip bleiben! -
Und dieser Widerspmch: immer von dem zukiinftigen Christus zu
sprechen, aber niemals den Zeitpunkt eintreten zu lassen, wo er wirk-
lich da sei, das ist es eben, was ihrem Konservatismus zu Grunde
liegt. Daher muBten sie, als der Christus Jesus den Lazarus einweihte,
es als einen Bruch mit der alten Mysterien-Tradition ansehen. «Der
Mensch tut viele Zeichen ! » Mit dem konnen wir keine Gemeinschaft
haben! - Er hat nach ihrer Auffassung die Mysterien verraten, das-
jenige zu einemOffentlichen gemacht, was in denTiefen der Mysterien-
Geheimnisse eingeschlossen sein sollte. Und jetzt begreifen wir, daft
dies ihnen wie ein Verrat war und als der Grund erschien, daB sie
gegen ihn auftreten muBten. Daher beginnt damit der Umschlag, die
Verfolgung des Christus Jesus.
Als was erweist sich nun der Taufer in den ersten Kapiteln des
Johannes-Evangeliums ?
Erstens als ein solcher, welcher die Mysterienwahrheit von dem
Christus, der da kommen sollte, gar wohl weiB, so gut weiB, daB dies
alles der Schreiber des Johannes-Evangeliums selber wiederholen
kann, was auch schon der Taufer hat wissen konnen, wovon er sich
iiberzeugt hat durch das, was wir kennenlernen werden.
Wir haben gesehen, was die allerersten Worte des Johannes-Evange-
liums bedeuten. Wir wollen jetzt auf das ein wenig Rucksicht nehmen,
was iiber den Taufer selbst gesagt wird. Legen wir es uns aber in
moglichst richtiger Obersetzung noch einmal vor. Nur die ersten
Worte haben wir bis jetzt gehort.
«Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein
Gott war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Alles ist durch dasselbe geworden, und auBer durch dieses ist nichts
von dem Entstandenen geworden.
In diesem war das Leben, und das Leben war das Licht der Men-
schen.
Und das Licht schien in die Finsternis, aber die Finsternis hat es
nicht begriffen.
Es ward ein Mensch; gesandt war er von Gott, mit seinem Namen
Johannes.
Dieser kam zum Zeugnis, auf daB er Zeugnis ablege von dem
Lichte, und daft durch ihn alle glauben sollten.
Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des Lichtes.
Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in die
Welt kommen.
Es war in der Welt, und die Welt ist durch es geworden, aber die
Welt hat es nicht erkannt.
In die einzelnen Menschen kam es (bis zu den Ich- Menschen kam
es); aber die einzelnen Menschen (die Ich-Menschen) nahmen es
nicht auf.
Die es aber aufnahmen, die konnten sich durch es als Gottes Kinder
offenbaren.
Die seinem Namen vertrauten, sind nicht aus Blut, nicht aus dem
Willen des Fleisches, und nicht aus menschlichem Willen, sondern
aus Gott geworden.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Lehre gehoret, die Lehre von dem einzigen
Sohn des Vaters, erfullt von Hingabe und Wahrheit.
Johannes leget Zeugnis fur ihn ab und verkiindet deutlich: Dieser
war es, von dem ich sagte : Nach mir wird derjenige kommen, der
vor mir gewesen ist. Denn er ist mein Vorganger.
Denn aus dessen Fiille haben wir alle genommen Gnade iiber
Gnade.
Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben, die Gnade und die
Wahrheit aber ist durch Jesus Christus entstanden.
Gott hat niemand bisher mit Augen geschaut. Der eingeborene
Sohn, welcher im Innern des Weltenvaters war, er ist der Fiihrer in
diesem Schauen geworden.» (i, 1-18)
Das sind diejenigen Worte, die ungefahr den Sinn dieser ersten
Satze des Johannes-Evangeliums wiedergeben. Dazu miissen wir, ehe
wir an ihre Erklarung gehen, noch eines fugen. Als was erklart sich
denn Johannes selber? - Sie erinnern sich, daB geschickt wird, um
auszukundschaften, wer Johannes der Taufer sei. Priester und Leviten
kommen, die ihn fragen sollen, wer er sei. Warum nun die vorher-
gehende Antwort gegeben wird, werden wir noch sehen. Jetzt wollen
wir nur beriicksichtigen, was er selber sagt. Er sprach:
«Ich bin die Stimme eines Rufers in der Einsamkeit.» (i, 23)
Das sind die Worte, die da stehen. «Ich bin die Stimme eines Rufers
in der Einsamkeit ! » In der Einsamkeit steht da - ganz wortlich - iv
xfj ipTjixw. Im Griechischen bedeutet das Wort «Eremit» «der Ein-
same». Nun werden Sie es begreifen, da6 es richtiger ist, zu sagen:
«Ich bin die Stimme eines Rufers in der Einsamkeit » - als: «Ich bin
die Stimme eines Predigers in der Wiiste. » Und wir werden alles, was
in den Anfangsworten des Johannes-Evangeliums angefiihrt ist, besser
verstehen, wenn wir diese Selbstcharakteristik des Johannes uns vor
Augen fiihren. Warum nennt er sich «die Stimme eines Rufers in der
Einsamkeit»?
In dem Entwickelungsgange der Menschheit haben wir gesehen,
daB die eigentUche Erdenmission die Entwickelung der Liebe ist, daB
sie aber nur denkbar ist, wenn sie als freiwillige Gabe von selbst-
bewuBten Menschen gegeben wird, und daB sich der Mensch nach
und nach sein Ich erobert und daB das Ich langsam und allmahlich
sich hineinsenkt in die Menschennatur. Wir wissen, daB die Tiere als
solche kein einzelnes Ich haben. Wenn der einzelne Lowe «Ich» sagen
konnte, ware damit nicht das einzelne Tier gemeint, sondern das
Gruppen-Ich in der astralischen Welt; alle Lowen wiirden dazu «Ich»
sagen. So sagen ganze Gruppen von gleichgeformten Tieren zu dem
im Astralischen ubersinnlich-wahrnehmbaren Gruppen-Ich « Ich ». Das
ist der groBe Vorzug des Menschen vor den Tieren, daB der Mensch
ein individuelles Ich hat. Aber das individuelle Ich entwickelt sich erst
nach und nach. Der Mensch fing auch an mit einem Gruppen-Ich, mit
einem Ich, welches einer ganzen Gruppe von Menschen angehorte.
Wenn Sie zuriickgehen wiirden zu alten Volkern, zu alten Rassen,
iiberall wiirden Sie finden, daB die Menschen urspriinglich kleine
Gruppen bildeten. Bei den germanischen Volkern brauchten Sie gar
nicht einmal weit zuriickzugehen. In den Schriften des Tacitus konnen
Sie mit Handen greifen, daB der ein2elne Germane mehr halt von sei-
nem ganzen Stamm als von seiner Individuality. Der einzelne fiihlt
sich mehr als Glied des Cheruskerstammes oder des Sigambrerstam-
mes denn als eine einzelne Persdnlichkeit, und daher tritt auch der
einzelne ein fur das Schicksal des ganzen Stammes ; es ist auch gleich-
giiltig, wer aus dem Stamme eine Beleidigung racht, wenn einem ein-
zelnen Gliede oder dem Stamme eine Beleidigung widerfahren ist.
Dann tritt im Laufe der Zeit das ein, daB einzelne Leute heraustreten
aus der Stammeszusammengehdrigkeit, so dafi die Stamme durch-
brochen werden und nicht mehr kompakt bleiben. Aus dem Gruppen-
seelencharakter hat sich auch der Mensch entwickelt und nach und
nach sich hinaufgeschwungen dazu, in der Einzelpersonlichkeit das
Ich zu empfinden.
Wir konnen gewisse Dinge, besonders die religiosen Urkunden,
nur verstehen, wenn wir dies Geheimnis von den Gruppenseelen, von
den Gruppen-Ichen wissen. Bei den Volkern, bei denen es schon zu
einer gewissen Wahrnehmung des eigenen Ich gekommen war, gab
es noch immer ein Ich, das sich nicht nur iiber raumliche, gleich-
zeitig lebende Gruppen, sondern auch iiber zeitUche Gruppen aus-
dehnte. Heute ist das Gedachtnis der Menschen so, daB sich der ein-
zelne nur noch an seine Jugendzeit erinnert. Aber es gab eine Zeit, in
der noch ein anderes Gedachtnis vorhanden war, wo sich der Mensch
nicht nur an seine Taten erinnerte, sondern wo er sich auch an die
Taten seines Vaters, seines GroBvaters erinnerte wie an seine eigenen.
Das Gedachtnis reichte hiniiber, weit in die Blutsverwandtschaft der
Ahnen bis zum Stammvater, dessen Blut herunterfloB durch die Ge-
nerationen. Jahrhundertelang erhielt sich mit dem Blute das Gedacht-
nis, und ein Enkel oder ein SproB eines Stammes sagte zu den Taten,
zu den Gedanken seiner Vorfahren «Ich» wie zu sich selber. Man
empfand sich da nicht eingeschlossen zwischen Geburt und Tod, son-
dern man empfand sich als Glied der Generationenreihe, deren Mittel-
punkt der Ahne war. Denn das ist der Zusammenhalt des Ich, daB man
sich eben der Taten des Vaters, des GroBvaters und so weiter erinnerte.
In alten Zeiten wurde das schon auBerlkh durch die Namengebung
ausgedriickt. Der Sohn erinnerte sich nicht nur an seine eigenen Taten,
sondern auch an die des Vaters, GroBvaters und so weiter. Das Ge-
dachtnis ging durch die Generationen weit hinauf. Alles, was so das
Gedachtnis umfaBte, hieB in alten Zeiten zum Beispiel «Noah», hieB
«Adam». Damit sind nicht die einzelnen Menschen, sondern die Iche
gemeint, die jahrhundertelang das Gedachtnis bewahrten. Dies Ge-
heimnis verbirgt sich auch hinter den Patriarchennamen. Warum leb-
ten die Patriarchen so lange? Es ware einem in alten Zeiten gar nicht
eingefallen, den einzelnen Menschen, der zwischen Geburt und Tod
steht, mit einem Namen zu benennen. Adam erhielt sich jahrhunderte-
lang im Gedachtnis, weil gerade die raumliche und zeitliche Begren-
zung fur die alte Namengebung gar nicht in Betracht kam.
So loste sich nach und nach langsam das menschliche Einzel-Ich aus
der Gruppenseele, aus dem Gruppen-Ich heraus; der Mensch kam
nach und nach zum BewuBtsein seines Einzel-Ichs. Vorher fiihlte er
sein Ich in der Stammeszugehorigkeit, in der Gruppe von Menschen,
mit denen er blutsverwandt war, entweder im Raume oder in der Zeit ;
daher der Ausspruch: «Ich und der Vater Abraham sind eins! », das
heiBt, sind ein Ich. Und da fiihlte sich der einzelne geborgen in einem
Ganzen, weil das gemeinsame Blut durch alle Adern hinunterrollte,
durch alle Mitglieder des betreffenden Volkes. Aber die Entwickelung
ging vorwarts: Die Zeit wurde reif, wo gerade innerhalb dieser Volker
die Menschen ihr Einzel-Ich empfinden sollten.
Den Menschen das zu geben, was sie brauchten, um sich sicher und
fest zu fuhlen in diesem einzelnen individuellen Ich, das war die Mis-
sion des Christus. So mussen wir auch das Wort auffassen, das so
leicht miBverstanden werden kann : « Wer nicht verleugnet Weib und
Kind, Vater und Mutter, Bruder und Schwester, der kann nicht mein
Jtinger sein!» (Mark. 10, 29). Das mussen wir nicht in dem trivialen
Sinn auffassen, daB jemand eine Anweisung erhalt, der Familie davon-
zulaufen; sondern es ist gemeint: Ihr sollt fuhlen, daB ein jeder von
euch ein Einzel-Ich ist und daB dieses Einzel-Ich unmittelbar mit dem
geistigen Vater, der durch die Welt flutet, eins ist. Fruher sagte der
Bekenner des Alten Testaments: «Ich und der Vater Abraham sind
eins », weil das Ich sich in der Blutsverwandtschaft ruhen fiihlte. Jetzt
sollte frei werden das Sich-eins-Fiihlen mit dem geistigen Vater-
grunde. Nicht mehr sollte die Blutsverwandtschaft die Gewahr bilden,
daB der Mensch zu einem Ganzen gehort, sondern das Wissen von
dem rein geistigen Vaterprinzip, mit dem alle eins sind.
So soli uns durch das Johannes-Evangelium gesagt werden, daB
der Christus der groBe Impulsgeber ist fiir das, was der Mensch
braucht, um sich ewig in seinem einzelnen, individuellen Ich zu fuhlen.
Das ist der Umschwung von dem alten Bunde zu dem neuen Bunde,
daB der alte Bund immer etwas von Gruppenseelenhaftigkeit hat, wo
das eine Ich sich zugesellt fuh.lt zu den anderen Ichen und weder sich
noch die andern Iche recht fuhlt, dafiir aber das, worin sie gemeinsam
geborgen sind, das Volks-Ich oder Stammes-Ich mitempfindet.
Wie muBte sich denn nun ein Ich fuhlen, das so weit reif ge-
worden war, um nicht mehr den Zusammenhang mit den anderen
individuellen Personlichkeiten der Gruppenseele zu fuhlen? Wie
muBte das vereinzelte Ich empfinden in einer Zeit, in der man sagen
konnte : Nicht mehr ist die Zeit, in der man als eine wirkliche mensch-
Hche Lebenswahrheit empfinden kann die Zusammengehorigkeit
mit anderen Personen, mit alien Ichen, die zu einer Gruppenseele
gehoren; aber der muB erst kommen, der der Seele das geistige
Lebensbrot gibt, wodurch das einzelne Ich seine Nahrung erhalt. -
Das Einzel-Ich muBte sich einsam fuhlen, und der Vorganger des
Christus muBte sagen: Ich bin ein Ich, das sich herausgeschalt hat,
sich einsam fuhlt. Und gerade weil ich gelernt habe, mich einsam
zu fuhlen, fiihle ich mich als ein Prophet, dem das Ich in der Ein-
samkeit die richtige Geistes-Nahrung gibt. - Deshalb muBte sich
der Verkimder als ein Rufer in der Einsamkeit bezeichnen, das heiBt
als das schon vereinsamte, von der Gruppenseele vereinsamte Ich,
das da schreit nach dem, wodurch das Einzel-Ich Nahrung be-
kommen kann. «Ich bin die Stimme eines Rufers in der Einsam-
keit.» Da horen wir wieder die tiefe Wahrheit: Jedes menschliche
individuelle Ich ist ein ganz auf sich gestelltes; ich bin die Stimme
des Ich, das losgelost ist und das seinen Grund sucht, auf dem es
als losgelostes Ich stehen kann. Jetzt verstehen wir die Stelle: «Ich
bin die Stimme eines Rufers in der Einsamkeit. »
Um genau die Worte des Johannes-Evangeliums zu verstehen,
miissen wir uns ein wenig hineinfinden in die Art und Weise, wie
iiberhaupt damals Namen und Bezeichnungen gegeben worden sind.
So abstrakt und nichtssagend wie heute war die Namengebung da-
mals nicht. Und wenn die Ausleger der biblischen Urkunden nur ein
klein wenig bedenken wollten, wieviel damit gesagt wird, dann wiirde
manche triviale Auslegung nicht ans Tageslicht treten. Ich habe
schon darauf hingewiesen, daB, wenn der Christus sagt: «Ich bin
das Licht der Welt » (8, 1 2), damit wirklich gemeint ist, daB er der erste
war, der fur das «Ich-bin» den Ausdruck und Impuls gegeben hat.
Daher muB immer da, wo das «Ich-bin» steht in den ersten Kapiteln,
dieses «Ich-bin» ganz besonders betont werden. Alle Namen und Be-
zeichnungen in den alten Zeiten sind in einer gewissen Weise durchaus
real und zu gleicher Zeit tief symbolisch gebraucht.
Nach zwei Richtungen hin werden hier oft gewaltige Irrtiimer be-
gangen. Nach oberflachlicher Betrachtung konnte mancher sagen : Ja,
nach einer solchen AufFassung ist ja vieles symbolisch gemeint, und auf
eine solche Auslegung, wo alles nur symbolisch gemeint sein soli,
lassen wir uns nicht ein, da verfluchtigt ihr ja die historischen bibli-
schen Ereignisse! Und diejenigen, die ganz und gar nichts verstehen
von den geschichtlichen Ereignissen, mogen sagen: Das ist alles nur
symbolisch gemeint. - Aber diejenigen, die so sprechen, verstehen
eben nichts von dem Evangelium. Nicht die historische Realitat wird
durch eine symbolische Erlauterung geleugnet, sondern es muB betont
werden, daB die esoterische Erklarung beides umfaBt: die AufFassung
der Tatsachen als historische, und indem sie historisch sind, bedeuten
sie selbst zugleich das, was wir ihnen beilegen. Freilich, wer nur die
brutalen auBeren Tatsachen sieht, namlich einen Menschen, der ir-
gendwo zu einer Zeit geboren ist, der wird nicht begreifen, daB dieser
Mensch noch etwas anderes ist als bloB ein Mensch mit dem betrefFen-
den Namen, dessen Biographie man schreiben kann. Wer aber den
geistigen Zusammenhang kennt, der wird verstehen lernen, daB der
Mensch, der geboren ist an einem bestimmten Orte, daB dieser leben-
dige Mensch auBerdem noch ein Symbolum fiir seine Zeit ist, und daB
man durch seinen Namen ausdriickt seine ganze Bedeutung fur die
Entwickelung der Menschheit.
Symbolisch und historisch zugleich, nicht nur das eine und nicht
nur das andere, das ist es, um was es sich handelt bei der wirklichen
Evangelien-Erklarung. Und so werden wir bei fast alien Ereignissen
und Hinweisungen sehen, daB der Johannes oder der Schreiber des
Johannes-Evangeliums, der eigentlich in ubersinnlichen Wahrneh-
mungen sieht, zugleich die Ereignisse und die OfFenbarung tiefer
geistiger Wahrheiten sieht: Er hat im Auge die historische Gestalt
des Taufers, er sieht auf die historische Gestalt hin; zugleich ist ihm
aber auch die wirkliche historische Gestalt das Symbolum fur alle
Menschen, die in den alten Zeiten schon berufen waren, das Ich sich
einzupragen, die aber erst auf dem Wege dazu waren, denen hinein-
scheinen konnte das Licht der Welt ins einzelne Ich, nicht aber fiir
diejenigen, die noch nicht in der Lage waren, das Licht der Welt in
ihrer Finsternis zu begreifen. Das, was als Leben, als Licht und Logos
in dem Christus Jesus erschienen ist, es hat schon immer in der Welt
geleuchtet; nicht aber haben die es erkannt, die erst im Reifwerden
begriffen waren. Immer war das Licht da. Denn ware das Licht nicht
dagewesen, so hatte iiberhaupt nicht die Anlage zu dem Ich ent-
stehen konnen. Noch auf dem Monde war von dem heutigen Men-
schen nur vorhanden physischer Leib, Atherleib und astralischer Leib ;
kein Ich war darinnen. Nur weil sich das Licht so umgewandelt hat,
wie es auf der Erde scheint, hatte es die Kraft, die einzelnen Iche zu
entzunden und langsam zum Heranreifen zu bringen: «Das Licht
schien in die Finsternis; aber die Finsternis konnte es noch nicht
begreifen » (i, 5). «In die einzelnen Menschen kam es », bis zu den Ich-
Menschen kam es; denn die Ich- Menschen hatten gar nicht entstehen
konnen, wenn es nicht in sie durch den Logos gegossen worden ware.
«Aber die Ich- Menschen nahmen es nicht auf.» Nur einzelne nahmen
es auf, die Eingeweihten ; die erhoben sich zu den geistigen Welten;
die trugen immer den Namen « Kinder Gottes », weil sie eine Erkennt-
nis hatten von dem Logos, von dem Licht und Leben, und immer
davon Zeugnis ablegen konnten. Einzelne waren es, die immer schon
durch die alten Mysterien wuBten von den geistigen Welten. Was lebte
denn in ihnen? Es lebte in ihnen dasjenige, was im Menschen ewig ist.
Ganz bewuBt lebte das in ihnen. Sie fuhlten schon vor das groBe Wort:
«Ich und der Vater sind Eins» (10, 30), namlich Ich und der groBe
Urgr und sind Eins ! Und das Tiefste, was sie im BewuBtsein trugen,
ihr eigenes Ich, das hatten sie nicht von Vater und Mutter, sondern sie
hatten es durch die Initiation in die geistige Welt. Nicht aus dem Blute
und nicht aus dem Fleische und nicht aus eines Vaters oder einer
Mutter Willen, sondern «aus Gott», das heiBt aus der geistigen Welt-
hatten sie es. - Da haben Sie die Erklarung der Worte, daB die groBe
Anzahl der Menschen, trotzdem sie schon die Anlage zum Ich- Men-
schen hatten, das Licht nicht aufnahmen, daB es wohl herab kam bis zu
dem Gruppen-Ich, daB aber die einzelnen es nicht aufnahmen. Diejeni-
gen, die es aber aufnahmen - das waren nur wenige -, die konnten sich
durch es zu Gottes Kindern machen; die ihm aber vertrauten, sind es
aus Gott geworden durch die Einweihung. Das gibt uns ein klares
Bild. Damit aber alle Menschen mit Erdensinnen den daseienden Gott
erkennen konnten, muBte er in der Art auf der Erde erscheinen, daB
man ihn mit leiblichen Augen sieht, das heiBt er muBte eine neischliche
Gestalt annehmen, weil eine solche Gestalt nur mit den leiblichen
Augen gesehen werden kann. Fruher konnten ihn nur die Eingeweih-
ten in den Mysterien sehen; jetzt aber hatte er zum Heile aller Fleisch-
gestalt angenommen: «Das Wort oder der Logos war Fleisch gewor-
den» (1, 14). So kniipft der Schreiber des Johannes-Evangeliums die
historische Erscheinung des Christus Jesus an die ganze Evolution an.
«Wir haben seine Lehre gehort, die Lehre von dem eingeborenen
Sohne des Vaters » (1, 14). Was ist das fur eine Lehre? Was sind denn
die andern Menschen fur geborene?
Man nannte in den alten Zeiten, in denen die Evangelien geschrie-
ben wurden, «zweigeboren» diejenigen, die vom Fleische geboren
sind. Sie nannte man zweigeboren, sagen wir durch die Vermischung
des Blutes von Vater und Mutter. Was nicht aus dem Fleische geboren
ist und nicht durch die Menschenwirkung und nicht durch die Ver-
mischung des Blutes entstanden ist, das ist «aus Gott geboren »; das
ist «eingeboren». Diejenigen, die fruher «Gotteskinder» genannt
wurden, waren immer schon in gewisser Weise die «Eingeborenen»;
und die Lehre von dem Gottessohn ist die Lehre von dem «Ein-
geborenen». Der physische Mensch ist der « Zweigeborene », der
Geistesmensch ist der «Eingeborene». Das diirfen Sie nicht so auf-
fassen, als ob es hieBe «hineingeboren», nein, eingeboren ist der
Gegensatz zu zweigeboren, Und das Wort deutet darauf hin, daB der
Mensch auBer der physischen Geburt auch eine geistige Geburt
durchmachen kann, namlich die Vereinigung mit dem Geiste, die
Geburt, durch die er eingeboren, ein Kind oder Sohn der Gottheit
wird. Und eine solche Lehre - gehort werden konnte sie erst durch
den, der das Fleisch gewordene Wort darsteilte. Durch ihn wurde die
Lehre allgemein, «die Lehre von dem eingeborenen Sohne des Vaters,
erfiillt von Hingabe und Wahrheit» (i, 14). «Hingabe» muB hier bes-
ser iibersetzt werden, weil man es zu tun hat zwar mit einem Herausge-
borenwerden aus der Gottheit, aber mit einem Zusammenbleiben und
zu gleicher Zeit mit der Hinwegnahme aller Illusion. Diese letztere
kommt nur aus dem Zweigeboren-sein und umschlieBt den Menschen
mit Sinnestauschungen, im Gegensatz zu dieser einen Lehre, die die
Wahrheit bringt in dem Christus Jesus, wie er stand und wohnte unter
den Menschen als der verkorperte Logos. Johannes aber nannte sich -
das bedeutet es wortlich - : der Vorlaufer, Vorganger, der, der voran-
geht zur Verkiindigung des Ich. Johannes bezeichnet sich selbst als
den, der zwar wuBte, daB dies Ich in dem einzelnen selbstandig werden
muB, der aber Zeugnis abzulegen hatte von dem, der da kommen
wird, um dies zu bewirken. Er sagte deutlich: Der, der da kommen
wird, ist das «Ich-bin », das ewig ist, das wirklich von sich sagen kann :
Bevor Abraham war, war «Ich-bin». Johannes konnte sagen: Das Ich,
von dem hier die Rede ist, es ist vor mir gewesen; es ist zu gleicher
Zeit, trotzdem ich sein Vorganger bin, mein Vorganger; ich lege
Zeugnis ab von dem, was vorher in jedem Menschen war; «nach mir
wird der kommen, der vor mir gewesen ist» (1, 15).
Und nun werden bedeutsame Worte gesagt: «Denn aus dessen Fiille
haben wir alle entnommen Gnade iiber Gnade» (1, 16). Viele Men-
schen gibt es, die sich Christen nennen und die iiber das Wort «Fulle»
hinweglesen, die sich bei diesem Wort nichts besonders Genaues
denken. «Pleroma» heiBt nach dem Griechischen «die Fiille». Das
steht auch im Johannes-Evangelium: «Denn aus dem Pleroma haben
wir alle entnommen Gnade iiber Gnade ! » Ich sagte, jedes Wort des
Johannes-Evangeliums muB man, wenn man es iiberhaupt verstehen
will, auf die Goldwaage legen. Was ist denn nun Pleroma, die Fiille?
Nur der kann es verstehen, der da weiB, daB man in den alten Myste-
rien von dem Pleroma oder der Fiille als von etwas ganz Bestimmtem
gesprochen hat. Denn man hat damals schon die Lehre vertreten, daB,
als sich zuerst offenbarten diejenigen geistigen Wesenheiten, die bis
zur Gottlichkeit aufgestiegen waren wahrend des alten Mondes, die
Elohim, einer sich von ihnen trennte : Einer bheb auf dem Mond und
strahlte von dort zuriick die Kraft der Liebe, bis die Menschen ge-
niigend reif waren fur das Licht der iibrigen sechs Elohim. So unter-
schied man Jahve, den Einzelgott, den Riickstrahler und die aus sechs
bestehende Fiille der Gottheit, « Pleroma ». Da aber mit dem Gesamt-
bewuBtsein des Sonnenlogos der Christus gemeint ist, muBte man,
wenn man auf ihn hindeutete, sprechen von der Fiille der Gotter.
Diese tiefe Wahrheit verbirgt sich dahinter: «Denn aus dem Pleroma
haben wir alle entnommen Gnade iiber Gnade. »
Nun gehen wir weiter, indem wir uns zuriickversetzen in die
Gruppenseelenzeit, wo der einzelne sein Ich fiihlte als Gruppen-Ich.
Betrachten wir nun, was als soziale Ordnung in der Gruppe lebte.
Die Menschen leben ja doch, insofern sie sichtbare Menschen waren,
als einzelne. Sie fiihlen zwar das Gruppen-Ich, aber fur die Sinne
waren sie einzelne. Da sie sich noch nicht als einzelne fiihlten, konn-
ten sie auch noch nicht die Liebe in vollem MaBe innerlich haben.
Der eine liebt den anderen, weil er blutsverwandt mit ihm ist. Die
Blutsverwandtschaft ist die Grundlage aller Liebe. Die Blutsver-
wandten Iiebten sich zuerst, und aus der Blutsverwandtschaft geht
auch die Liebe hervor, sofern sie nicht Geschlechtsliebe ist. Von
dieser Gruppenseelenliebe sollen sich die Menschen immer mehr und
mehr befreien und die Liebe als freie Gabe des Ich darbringen. Am
Ende der Erdenentwickelung werden die Menschen es erreichen, daB
eine Zeit kommt, in welcher das selbstandig gewordene Ich in seinem
Innersten aus voller Hingabe den Impuls hat, das Rechte und das Gute
zu tun. Weil das Ich diesen Impuls hat, tut es das Rechte, tut es das
Gute. Wenn die Liebe so vergeistigt ist, daB niemand anderes wollen
wird, als zu tun, was das Richtige ist, dann ist das erfullt, was der
Christus Jesus in die Welt bringen wollte. Denn das ist eines der Ge-
heimnisse des Christentums, daB es lehrt : Schaut hin auf Christus, er-
fullt euch mit der Kraft seiner Gestalt, versucht zu werden wie er,
thm nachzufolgen ; dann wird euer befreites Ich so, daB es kein Gesetz
braucht, daB es als ein in seinem Innersten freies Wesen das Gute, das
Rechte tut. So ist Christus der Impulsbringer der Freiheit vom Ge-
setz, so daB das Gute nicht wegen des Gesetzes, sondern als Impuls
der im Innern lebenden Liebe getan wird.
Dieser Impuls wird aber noch den ganzen Rest der Erdenzeit zu
seiner Entwickelung brauchen. Der Anfang dazu ist durch den Chri-
stus Jesus gemacht worden, und immer wird die Christusgestalt die
Kraft sein, welche die Menschen dazu erziehen wird. Solange die
Menschen nicht reif waren, ein selbstandiges Ich zu empfangen, so-
lange sie als Glieder einer Gruppe existierten, muBten sie durch ein
auBerlich geoffenbartes Gesetz sozial geregelt werden. Und auch
heute sind die Menschen noch nicht in alien Dingen iiber die Grup-
pen-Iche hinaus. In wie vielen Dingen ist der Mensch heute durchaus
nicht individueller Mensch, sondern ein Gruppenwesen ! Der Mensch,
der heute schon ein freies Wesen ware - man nennt ihn den «Heimat-
losen» auf einer gewissen Stufe der esoterischen Schulerschaft -, der
ist doch noch ein Ideal! Wer sich freiwillig hineinstellt in das Welten-
wirken, der ist individuell, der wird nicht durch das Gesetz geregelt.
Im Chris tus-Prinzip Hegt die Oberwindung des Gesetzes: «Denn das
Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade aber durch Christus » (i,
17). Als Gnade bezeichnete man im christlichen Sinne die Fahigkeit
der Seele, aus dem Innern heraus das Gute zu tun. Die Gnade und die
im Innern erkannte Wahrheit ist durch Christus entstanden. Sie sehen,
wie tief eingreifend dieser Gedanke fur die ganze Menschheitsevolu-
tion ist.
Friiher wurden diejenigen, die eingeweiht wurden, zu hoheren
geistigen Wahrnehmungsorganen gebracht. Mit auBeren Augen hat
vorher niemals einer einen Gott gesehen. Der eingeborene Sohn, der
im Innern des Vaters ruht, der ist der erste, der uns dahin gefiihrt hat,
auf die Weise einen Gott zu schauen, wie Menschen auf der Erde
mit Erdensinnen ihre Umgebung sehen. Vorher war der Gott unsicht-
bar geblieben. Er offenbarte sich im Ubersinnlichen durch den Traum
oder durch etwas anderes in den Einweihuhgsstatten. Jetzt war der
Gott historisch-sinnliche Tatsache, eine fleischliche Gestalt geworden.
Das liegt in den Worten: «Gott hat bisher noch niemand gesehen.
Der eingeborene Sohn, welcher im Innern des Weltenvaters war, er ist
der Fiihrer in diesem Schauen geworden» (i, 18). Er hat die Menschen
dazu gebracht, mit den Erdensinnen einen Gott zu sehen.
So sehen wir allerdings, wie scharf und bedeutsam im Johannes-
Evangelium auf das historische Ereignis in Palastina hingewiesen
wird und mit welch paradigmatischen, fest umrissenen Worten, die
aber durchaus auf die Goldwaage gelegt werden miissen, wenn wir
sie zum Verstandnisse des esoterischen Christentums benutzen wollen.
Und nun werden wir in den nachsten Vortragen sehen, wie dieses
Thema weiter ausgefiihrt und zugleich gezeigt wird, daB der Christus
nicht nur der Fiihrer derjenigen ist, die mit der Gruppenseele zu-
sammenhangen, sondern wie er in jeden einzelnen Menschen kommt
und gerade das individuelle Ich mit seinem Impuls ausstatten will.
Die Blutsverwandtschaft bleibt ja bestehen, aber die Geistigkeit der
Liebe tritt hinzu. Und dieser Liebe, die vom freien Ich zum freien Ich
geht, gibt er den Impuls. Fur den in der Einweihung BegrifFenen ent-
hiillt sich Tag fur Tag eine Wahrheit nach der anderen. Eine wichtige
Wahrheit enthullt sich immer am dritten Tage. Das ist die, wo man
vollig verstehen lernt, daB in der Entwickelung der Erde ein Punkt
ist, wodurch sich die an das Blut geknupfte materielle Liebe immer
mehr vergeistigt. Das ist das Ereignis, das veranschaulichen soil den
Obergang von der reinen Blutsliebe zu der geistigen Liebe. Darauf
wird hingewiesen mit bedeutungsvollen Worten von dem Christus
Jesus, wenn er sagt: Es wird eine Zeit kommen, die meine Zeit ist,
wo die wichtigsten Dinge geschaffen werden durch Menschen, die
nicht mehr durch Blutsverwandtschaft zusammenhangen, sondern
durch solche, die als einzelne fur sich stehen. Diese Zeit muB aber erst
kommen. - Der Christus selber, der den ersten Impuls gibt, sagt bei
einer wichtigen Gelegenheit, daB sich dieses Ideal einmal erfiillen
wird, daB aber seine Zeit noch nicht gekommen ist. Er deutet pro-
phetisch darauf hm, als die Mutter dasteht und ihn auffordert, etwas
zu tun fur die Menschheit, als sie gleichsam darauf anspielt, sie habe
ein Recht, ihn zu veranlassen zu einer wichtigen Tat fur die Menschen.
Da erwidert er: J a, was wir heute tun konnen, das hat noch etwas zu
tun mit den Blutsbanden, mit dem Verhaltnis von «mir und dir»;
«denn meine Zeit ist noch nicht gekommen » (2, 4). DaB eine solche
Zeit kommt, wo der Einzelne fur sich stehen muB, ist mit der Erzah-
lung der Hochzeit zu Kana ausgednickt ; und die AufForderung « Sie
haben nicht Wein! » (2, 3) wird von Jesus so beantwortet, daB er sagt:
«Das ist etwas, was noch mit <mir und dir> zu tun hat; meine Zeit, die
ist noch nicht gekommen.» Daher stehen da die Worte «von mir zu
dir» und «meine Zeit ist noch nicht gekommen». Was da steht im
Text, deutet auf dieses Geheimnis hin. Wie vieles andere ist auch diese
Stelle immer recht grob iibersetzt worden. Nicht «Weib, was habe ich
mit dir zu schaffen?» sollte dastehen, sondern «Was geht da von mir
zu dir?». So fein und subtil ist der Text, aber bloB verstandlich fur die,
die ihn verstehen wollen. Wenn aber immer wieder diese religiosen
Urkunden heute von allerlei Leuten erklart werden, mochte man doch
fragen: Haben denn die, welche sich Christen nenen, gar keine Emp-
findung dabei, wenn sie Christus — nach unrichtiger Ubersetzung —
den Ausspruch tun lassen: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?»
Bet vielem, was sich heute Christentum nennt und sich beruft auf
das Evangelium, muB man fragen : Haben sie denn das Evangelium?
Es handelt sich darum, daB man das Evangelium erst habe. Und bei
einer solch tiefen Urkunde, wie es das Johannes-Evangelium ist,
handelt es sich wirklich darum, daB man erst jedes Wort auf die Gold-
waage legt, um es in seinem rechten Werte zu erkennen.
FUNFTER VORTRAG
Hamburg, 23. Mai 1908
Bei den Betrachtungen iiber das Johannes-Evangelium diirfen wir
nirgends die ganz prinzipielle Auseinandersetzung auBer acht lassen,
die wir gestern gepflogen haben, namlich, daB wir es in dem ur-
spriinglichen Verfasser des Johannes-Evangeliums zu tun haben mit
dem von dem Christus Jesus selbst eingeweihten Lieblingsschiiler.
Es konnte jemand nun natiirlich fragen: Ja, ist denn, ganz abgesehen
von dem okkulten Wissen, auch vielleicht ein auBeres Zeugnis dafiir
vorhanden, durch welches der V
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