Das Johannes-Evangelium

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge  vor  mitgliedern 
der  anthroposophischen  gesellschaft 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vorfragsmrk  Rudolf  Steiners 


Die  Gesamtausgabe  der  Werke  Rudolf  Steiners  (1861—1925)  gliedert 
sich  in  die  drei  groBen  Abteilungen:  Schriften  —  Vortrage  —  Kiinst- 
lerisches  Werk  (siehe  die  Ubersicht  am  SchluB  des  Bandes). 

Von  den  in  den  Jahren  1900  bis  1924  sowohl  offentlich  wie  fiir  die 
Mitglieder  der  Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesell- 
schaft  zahlreichen  frei  gehaltenen  Vortragen  und  Kursen  hatte  Rudolf 
Steiner  ursprunglich  nicht  gewollt,  daB  sie  schriftlich  festgehalten 
wiirden,  da  sie  von  ihm  als  «miindliche,  nicht  zum  Druck  bestimmte 
Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  unvollstan- 
dige  und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbreitet 
wurden,  sah  er  sich  veranlaBt,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  die- 
ser  Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner- von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Be- 
stimmung  der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften 
und  die  fiir  die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da 
Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nach- 
schriften selbst  korrigieren  konnte,  muB  gegeniiber  alien  Vortragsver- 
offendichungen  sein  Vorbehalt  beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben 
nur  hingenommen  werden  miissen,  daB  in  den  von  mir  nicht  nachge- 
sehenen  Vorlagen  sich  Fehlerhaftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur 
als  interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offent- 
lichen  Schriften  auBert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie 
«Mein  Lebensgang»  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wordaut  ist  am 
SchluB  dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  gleicher- 
maBen  auch  fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche  sich  an 
einen  begrenzten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissenschaft  ver- 
trauten  Teilnehmerkreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867—1948)  wurde  gemaB  ihren 
Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe 
begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  dieser  Ge- 
samtausgabe. Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den 
Textunterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


RUDOLF  STEINER 


DAS  JOHANNES -EVANGELIUM 


Ein  Zyklus  von  zwolf  Vortragen 
gehalten  in  Hamburg 
vom  18.  bis  31.  Mai  1908 


1995 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nur  teilweise  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung 

Die  Hetausgabe  besorgten  Paul  Jenny  und  Paul  G.  Bellmann 


1.  Auflage  (Zyklus  3)  Berlin  1909; 
2.,  mit  wesendichen  Anderungen  versehene  Auflage 
(Zyklenform)  Berlin  1912:  3.  Auflage  (Zyklenform) 
Bedin  1915;  4.  Auflage  Dornach  1928; 
5.  Auflage  Dornach  o.  J.  (1939);  6.  Auflage  Dornach  1949 

Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe,  Dornach: 

7.,  durchgesehen  Auflage  1955; 
8.  Auflage  1962;  9.,  neu  durchgesehene  Auflage  1975; 
10.  Auflage  1981;  11.  Auflage  1995 


Bibliographie-Nr.  103 

Saturn-Siegel  auf  dem  Umschlag  und  Einband  nach  Entwurf  von  Rudolf  Steiner 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung,  Dormch/Schweiz 
©  1995  by  Rudolf  Steiner-NachlaBverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  WB-Druck,  Rieden 

ISBN  3-7274-1030-2 


IN  HALT 


ERSTER  VORTRAG,  Hamburg,  18.  Mai  1908   

Die  Lehre  vom  Logos 

Die  gottlich-geistige  Art  des  Johannes-Evangeliums.  Widerspriiche  in 
den  Evangelien.  Das  Johannes-Evangelium  und  die  drei  anderen  Evan- 
gelien.  Der  «schlichte  Mann  aus  Nazareth»  der  «aufgeklarten  Theo- 
logies Das  Eindringen  des  Materialismus  in  das  religiose  Leben.  Die 
Lehre  vom  Logos.  Die  Sprache  als  menschliche  Fahigkeit.  Der  Mensch 
und  die  anderen  Naturwesen:  Was  zuletzt  in  der  Zeit  und  im  Raume 
erscheint,  war  im  Geiste  zuerst  da.  Der  Ursprung  des  Menschen  aus 
dem  gottlichen  Schopferwort  und  seine  Heraufentwickelung  zum  logos- 
oder  wortbegabten  Wesen. 

ZWEITER  VORTRAG,  19.  Mai  1908   

Christliche  Esoterik.  Der  gottliche  Vormensch 
Der  physische  Leib  des  Menschen  als  vielfach  umgestaltetes  Wesen. 
Ein  physisches  Wesen  kann  nicht  bestehen,  wenn  es  nicht  zu  einem 
Atherleib,  astralischen  Leib  und  einem  Ich  hinzugehort.  Die  Lehre 
der  christlich-esoterischen  Schule  von  Athen.  Der  Sinn  der  Entwicke- 
lung  durch  die  Inkarnationen  hindurch.  Im  Astralleib  ist  heute  schon 
gottliches  Geistselbst,  im  Atherleib  gottlicher  Lebensgeist  und  im  phy- 
sischen  Leib  gottlicher  Geistesmensch  vorhanden.  Die  Fahigkeit  des 
Wortes  kam  an  das  Menschenwesen  mit  dem  Erdendasein  heran.  Der 
physische  Menschenleib  hat  sein  Urbild  in  dem  Logos;  der  Logos 
ward  Leben  auf  der  Sonne;  auf  dem  Monde  gliederte  sich  der  astra- 
lische  Leib  ein,  der  Lichtleib,  das  Leben  ward  Licht;  auf  der  Erde' 
trat  das  Ich  hinzu.  Zum  Verstandnis  des  Johannes-Prologs. 

DRITTER  VORTRAG,  20.  Mai  1908   

Die  Mission  der  Erde 

Die  Entwickelung  des  Ichs,  des  vollen  Selbstbewulkseins  und  die  Ent- 
wickelung  der  Erde  und  der  Erdenmenschheit.  Das  dumpfe  hellsehe- 
rische  Bewufitsein  wahrend  der  lemurischen  Zeit  und  unser  heutiges 
waches  Tagesbewufitsein.  Die  Erde  ist  der  planetarische  Zustand  fur 
die  Entwickelung  der  Liebe.  Der  alte  Mond,  der  Planet  oder  der  Kos- 
mos  der  Weisheit.  Der  Trager  der  Liebe  kann  nur  das  selbstandige  Ich 
sein.  Die  geistigen  Liebeskrafte  der  sechs  Elohim  der  Sonne  und  die 
Kraft  der  Liebe,  die  Jahve  dem  Menschen  einpflanzt.  Der  Christus 
Jesus  als  die  Verkorperung  des  Logos.  Esoterisches  Christentum  und 
urspriingliche  Gnosis.  Der  Christus  als  Bringer  des  freien  «Ich-bin»- 
Bewufitseins. 


VlERTER  VORTRAG,  22.  Mai  1908   

Die  Auferweckung  des  Lazarus 

Zum  Aufbau  des  Johannes-Evangeliums.  Wie  die  Einweihung  in  den 
alten  Mysterien  vor  sich  ging.  Die  Auferweckung  des  Lazarus:  die 
Einweihung  des  Jiingers,  «den  der  Herr  lieb  hatte»,  durch  Christus 
selbst.  Ober  den  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums.  Johannes  der 
Taufer  als  Vorbereiter  und  Vorverkunder  des  Christus.  Der  Johannes- 
Prolog  (in  der  Cbersetzung  durch  Rudolf  Steiner).  Das  individuelle 
Ich  und  seine  Herauslosung  aus  dem  Gruppen-Ich.  Der  emgeborene 
Sohn.  Liebe  als  freie  Gabe  des  Ich.  Vergeistigung  der  Liebe.  Im  Chri- 
stus-Prinzip  liegt  die  Oberwindung  des  Gesetzes.  Die  Hochzeit  zu 
Kana. 

FUNFTER  VORTRAG,  23.  Mai  1908    ..  .  

Die  vorchristliche  Einweihung.  Die  Hochzeit  zu  Kana 

Das  Johannes-Evangelium  zerfallt  in  zwei  Teile:  in  den  Teil  vor  der 
Auferweckung  des  Lazarus  und  in  den  Teil  nach  der  Auferweckung. 
Die  sieben  Grade  der  vorchristlichen  Einweihung.  Das  Gesprach  mit 
Nathanael.  Die  Hochzeit  zu  Kana.  Die  Mission  des  Christus:  dem 
Menschen  die  voile  Kraft  des  Ich,  die  innere  Selbstandigkeit  in  die 
Seele  zu  bringen.  Der  Dionysoskult  und  die  Aufgabe  des  Alkohols. 
Das  Gesprach  mit  Nikodemus  und  das  Gesprach  mit  der  Samariterin. 
Die  Heilung  des  Sohnes  des  Konigischen.  Das  letzte  Zeugnis  Johannes 
des  Taufers  iiber  Jesus. 

SECHSTER  VORTRAG,  25.  Mai  1908   

Das  Ich-Bin 

Das  Gesprach  mit  Nikodemus.  Der  Mensch  in  der  lemurischen  und 
atlantischen  Zeit.  Der  Mensch  ist  einstmals  geboren  worden  aus  Luft 
und  Wasser  und  er  mufi  spater  im  Geiste  wiedergeboren  werden.  Der 
«Menschensohn» .  Moses  als  Vorverkunder  des  Gottes,  der  das  ver- 
korperte  «Ich-Bin»  ist.  «Manna»,  Manas  oder  Geistselbst  und  das 
«Brot  des  Lebens»,  Buddhi  oder  Lebensgeist. 

SlEBENTER  VORTRAG,  26.  Mai  1908   

Das  Mysterium  von  Golgatha 

Das  Mysterium  von  Golgatha:  die  Vereinigung  des  Sonnen-Logos  mit 
der  Erde.  Veranderung  in  der  Aura  der  Erde.  Durch  das  Mysterium 
von  Golgatha  hat  die  Erde  die  Kraft  in  sich,  die  sie  mit  der  Sonne 
wieder  zusammenfuhren  wird.  Der  Christus  ist  der  Geist  der  Erde 
und  die  Erde  sein  Leib.  Die  Ausbildung  der  hoheren  Wesensglieder: 
Manas,  Buddhi  und  Atma.  Die  Entwickelung  des  Menschen  geschieht 
dadurch,  dafi  er  von  seinem  Ich  aus  nach  und  nach  Astralleib,  Ather- 


leib  und  physischen  Leib  durchlautert  und  durchkraftet.  Die  Heilung 
des  Blindgeborenen.  Christus  und  das  Karmagesetz;  Christus  und  die 
Ehebrecherin. 

ACHTER  VORTRAG,  27.  Mai  1908   

Die  Entwickelung  des  Menschen  im  Zusammenhang  mit  dem 
Christus-Prinzip 

Die  Erscheinung  des  Christus  Jesus  in  der  nachatlantischen  Zeit.  Die 
Atlantierziige  nach  dem  Osten.  Die  uralt-indische,  die  uralt-persische 
und  die  agyptisch-babylonisch-assyrisch-chaldaische  Kulturepoche.  Die 
alteste  romische  Zeit.  Beziehungen  zwischen  der  agyptischen  und 
unserer  Kulturepoche.  In  der  mittleren  der  nachatlantischen  Kulturen, 
im  griechisch-lateinischen  Zeitalter,  tritt  der  Christus  Jesus  auf  der 
Erde  auf;  der  Gott  selbst  tritt  als  Mensch,  als  Einzelpersonlichkeit  auf, 
ist  unter  den  Menschen  im  Fleisch  verkorpert. 

NEUNTER  VORTRAG,  29.  Mai  1908   

Die  prophetische  Kunde  und  die  Entwickelung  des  Christen- 
tums 

Der  Bewufkseinszustand  des  atlantischen  Menschen.  Der  Bewufit- 
seinswandel  in  den  ersten  drei  nachatlantischen  Kulturepochen.  Pro- 
phetische Vorverkiindigung  des  Ich-Bin,  des  Logos,  des  Christus.  Das 
althebraische  Prinzip.  Die  griechisch-lateinische  Epoche:  der  Mensch 
stelk  seine  eigene  Geistigkeit,  sein  Ich  verobjektiviert  hinaus  in  die 
Welt.  Agyptische  Pyramide,  griechischer  Tempel  und  gotischer  Dom. 
Das  Christus-Ereignis  mufite  in  die  vierte  Epoche  fallen.  «Mutter 
Jesu»  und  «Heiliger  Geist». 

ZEHNTER  VORTRAG,  30.  Mai  1908   

Das  Wirken  des  Christus- Impulses  innerhalb  der  Menschheit 
Die  sieben  «Rassen»  der  atlantischen  Zeit  und  die  sieben  «Kultur- 
epochen»  der  nachatlantischen  Zeit.  In  der  atlantischen  Zeit  mufite  der 
Mensch  seinen  physischen  Leib  zu  einem  Werkzeug  des  Ich  machen, 
in  den  einzelnen  nachatlantischen  Kulturepochen  macht  er  auch  die 
anderen  Glieder  seiner  Wesenheit  zu  Ich-Tragern.  Die  kunftige  Manas- 
Kultur  und  die  kunftige  Buddhi-Kultur.  Die  drei  Zeitepochen  der  Ge- 
schichte  des  Christentums:  1.  Die  Zeit  der  Vorverkiindigung  des 
Christentums  bis  zum  Erscheinen  des  Christus  Jesus,  2.  das  tiefste 
Heruntertauchen  des  menschlichen  Geistes  in  die  Materie  und  die 
Vermaterialisierung  selbst  des  Christentums  und  3.  die  geistige  Erfas- 
sung  des  Christentums  durch  anthroposophische  Vertiefung.  Die 
Hochzeit  zu  Kana.  Wie  durch  drei  Weltentage  hindurch  der  Christus- 
Impuls  innerhalb  der  Menschheit  wirkt. 


ELFTER  VORTRAG,  30.  Mai  1908    183 

Die  christliche  Einweihung 

Das  Wesen  der  Einweihung.  Der  Eingeweihte  mufi  ein  «heimatloser 
Mensch»  werden,  ein  objektiver  Mensch  im  vollen  Sinne  des  Wortes; 
er  mufi  die  Keime  aufnehmen  zu  der  grofien  Bruderliebe.  Chrisms  ist 
der  Geist  der  Erde  und  die  Erde  ist  der  Leib  Christi.  Worauf  die 
Wahrnehmung  in  einer  hoheren  Welt  beruht.  Meditation,  Konzen- 
tration  und  Kontemplation.  Die  drei  Methoden  der  Einweihung.  Die 
sieben  Stufen  der  christlichen  Einweihung. 


ZWOLFTER  VORTRAG,  31.  Mai  1908    195 

Das  Wesen  der  Jungfrau  Sophia  und  des  Heiligen  Geistes 

Das  Prinzip  der  Einweihung.  «Katharsis»  oder  Reinigung:  die  Be- 
arbeitung  des  astralischen  Leibes  durch  Meditation  und  Konzentration. 
Das  Durcharbeiten  der  Gedanken  der  «Philosophie  der  Freiheit». 
Abdruck  des  Astralleibes  im  Atherleib.  «Photismos»  oder  Erleuch- 
tung.  Selbsterkenntnis  und  Selbstbefruchtung.  Die  « Jungfrau  Sophia», 
der  gelauterte  Astralleib  und  der  «HeiIige  Geist»,  das  kosmische  Wel- 
ten-Ich,  das  die  Erleuchtung  bewirkt.  Namengebung  zur  Zeit  der 
Evangehen.  Die  christliche  Esoterik  nennt  die  Mutter  Jesu  die  «Jung- 
frau  Sophia».  « Jesus  von  Nazareth»  und  der  «Christus  Jesus».  Das 
Ich  des  Jesus  von  Nazareth  verlafit  bei  der  Johannes-Taufe  dessen 
Korper  und  fortan  ist  in  ihm  der  Christus-Geist,  der  aus  ihm  spricht, 
Auf  Golgatha  flofi  der  Christus  selbst  ein  in  das  Wesen  der  Erde.  Im 
Johannes-Evangelium  sind  verborgen  die  Krafte  zur  Entfaltung  der 
« Jungfrau  Sophia».  Maria  Magdalena  und  der  Auferstandene.  Die 
Erscheinung  des  Auferstandenen  am  See  Genezareth.  Der  unglaubige 
Thomas.  Die  Wiederkunft  des  Christus  im  Atherischen.  Die  welt- 
historische  Bedeutung  der  anthroposophischen  Geisteswissenschaft. 


Hinweise 

Zu  dieser  Ausgabe    218 

Hinweise  zum  Text    218 

Namenregister   220 

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften   221 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe      ....  223 


ERSTER  VORTRAG 
Hamburg,  18.  Mai  1908 

Unsere  Vortrage  iiber  das  Johannes-Evangelium  werden  ein  dop- 
peltes  Ziel  haben.  Das  eine  wird  sein,  die  geisteswissenschaftlichen 
BegrifTe  als  solche  zu  vertiefen  und  nach  mancherlei  Richtungen  hin 
zu  erweitern;  und  das  andere  Ziel  ist  gerade  dies,  durch  diejenigen 
Vorstellungen,  die  uns  dabei  vor  die  Seele  treten  werden,  die  groBe 
Urkunde  des  Johannes-Evangeliums  selbst  uns  nahezubringen.  Das 
bitte  ich  festzuhalten,  daB  die  Vortrage  nach  diesen  beiden  Richtun- 
gen hin  gemeint  sind.  Es  soli  sich  nicht  etwa  bloB  handeln  um  Aus- 
einandersetzungen  iiber  das  Johannes-Evangelium,  sondern  an  der 
Hand  desselben  wollen  wir  in  tiefe  Geheimnisse  des  Daseins  ein- 
dringen,  und  wir  wollen  durchaus  festhalten,  wie  eigentlich  die 
geisteswissenschaftliche  Betrachtungsweise  beschaffen  sein  muB, 
wenn  sie  anknupft  an  irgendeine  der  groBen  historischen  Urkunden, 
die  uns  durch  die  verschiedenen  Religionen  der  Welt  iiberliefert 
worden  sind. 

Man  konnte  namlich  glauben,  wenn  der  Vertreter  der  Geisteswis- 
senschaft  iiber  das  Johannes-Evangelium  spricht,  er  wolle  das  in  dem 
Sinne  tun,  wie  es  sonst  auch  vielfach  geschieht:  einfach  eine  solche 
Urkunde  zugrunde  legen,  um  aus  ihr  diejenigen  Wahrheiten,  um 
die  es  sich  handelt,  zu  schopfen,  und  diese  Wahrheiten  auf  die 
Autoritat  der  religiosen  Urkunden  hin  vorbringen.  Das  kann  aber 
nimmermehr  die  Aufgabe  geisteswissenschaftlicher  Weltenbetrach- 
tung  sein.  Sie  muB  eine  vollig  andere  sein.  Wenn  die  Geisteswissen- 
schaft  ihre  wirkliche  Aufgabe  gegeniiber  dem  modernen  Menschen- 
geist  erfullen  will,  dann  muB  sie  zeigen,  daB  der  Mensch,  wenn  er  nur 
seine  inneren  Krafte  und  Fahigkeiten  gebrauchen  lernt,  die  Krafte 
und  Fahigkeiten  des  geistigen  Wahrnehmens,  daB  er  dann,  wenn  er 
sie  anwendet,  eindringen  kann  in  die  Geheimnisse  des  Daseins,  in  das, 
was  in  den  geistigen  Welten  hinter  der  Sinnenwelt  verborgen  ist.  DaB 
der  Mensch  durch  den  Gebrauch  der  inneren  Fahigkeiten  zu  den  Ge- 
heimnissen  des  Daseins  vordringen  kann,  daB  er  zu  den  schopfe- 


rischen  Kraften  und  Wesenheiten  des  Universums  durch  seine  eigene 
Erkenntnis  gelangen  kann,  das  muB  der  modernen  Menschheit  immer 
mehr  2um  BewuBtsein  kommen. 

Und  so  miissen  wir  sagen,  daB  die  Geheimnisse  des  Johannes- 
Evangeliums  unabhangig  von  jeder  Tradition,  von  jeder  historischen 
Urkunde  von  dem  Menschen  gewonnen  werden  konnen.  Man 
mochte,  um  das  ganz  deutlich  zu  sagen,  einmal  in  einer  extremen 
Weise  das  aussprechen.  Dann  konnte  man  so  sagen:  Nehmen  wir 
an,  durch  irgendein  Ereignis  gingen  alle  religiosen  Urkunden  dem 
Menschen  verloren  und  dieser  behielte  nur  die  Fahigkeiten,  die  er 
gegenwartig  hat,  dann  miiBte  er  trotzdem  -  wenn  er  sich  nur  die 
Fahigkeiten,  die  er  hatte,  bewahrt  -  in  die  Geheimnisse  des  Daseins 
eindringen  konnen;  er  miiBte  hingelangen  konnen  zu  den  gottlich- 
geistigen  schaffenden  Kraften  und  Wesenheiten,  die  hinter  der  physi- 
schen  Welt  verborgen  sind.  Und  die  Geisteswissenschaft  muB  durch- 
aus  auf  diese,  von  alien  Urkunden  unabhangigen  Erkenntnisquellen 
bauen.  Dann  aber,  wenn  man  also  unabhangig  forscht,  wenn  man 
unabhangig  von  alien  Urkunden  die  gottlich-geistigen  Geheimnisse 
der  Welt  erforscht  hat,  dann  geht  man  an  die  religiosen  Urkunden. 
Dann  erst  erkennt  man  sie  in  ihrem  wahren  Werte.  Denn  dann  ist  man 
in  einer  gewissen  Weise  frei  und  unabhangig  von  ihnen.  Man  erkennt 
in  ihnen  dann,  was  man  zuvor  selbstandig  gefunden  hat;  wer  einen 
solchen  Weg  gegemiber  den  religiosen  Urkunden  eingeschlagen  hat, 
von  dem  konnen  Sie  sicher  sein,  daB  diese  Urkunden  niemals  an  Wert 
fur  ihn  verlieren,  niemals  etwas  verlieren  von  der  Ehrfurcht  und 
Verehrung,  die  man  ihnen  gegeniiber  haben  kann.  Durch  einen  Ver- 
gleich  mit  etwas  anderem  lassen  Sie  uns  einmal  klarmachen,  um  was 
es  sich  dabei  handelt. 

Es  konnte  jemand  sagen:  Euklid,  der  alte  Geometer,  hat  uns  zu- 
erst  jene  Geometrie  gegeben,  die  heute  ein  jedes  Schulkind  lernt  auf 
einer  gewissen  Stufe  des  Schulunterrichts.  Aber  ist  das  Lernen  der 
Geometrie  durchaus  gebunden  an  dieses  Buch  von  Euklid?  Ich  frage 
Sie,  wie  viele  lernen  heute  die  elementare  Geometrie,  ohne  eine 
Ahnung  zu  haben  von  dem  ersten  Buch,  in  das  Euklid  die  elemen- 
tarsten  Dinge  iiber  Geometrie  hineingelegt  hat?  Sie  lernen  die  Geo- 


metrie  unabhangig  von  dem  Buche  des  Euklid,  weil  sie  einer  Fahig- 
keit  des  Menschengeistes  entspringt.  Dann,  wenn  man  Geometrie 
aus  sich  gelernt  hat  und  hinterher  an  das  groBe  Geometriebuch  des 
Euklid  kommt,  weiB  man  dies  in  der  richtigen  Weise  zu  wiirdigen; 
denn  erst  dann  findet  man  das,  was  man  sich  zu  eigen  gemacht  hat, 
und  lernt  die  Form  schatzen,  in  der  die  entsprechenden  Erkenntnisse 
zum  ersten  Male  aufgetreten  sind.  So  kann  man  heute  die  groBen 
Weltentatsachen  des  Johannes-Evangeliums  durch  die  im  Menschen 
schlummernden  Krafte  finden,  ohne  von  dem  Johannes-Evangelium 
etwas  zu  wissen,  wie  der  Schiiler  die  Geometrie  lernt,  ohne  von  dem 
ersten  Geometriebuche  des  Euklid  etwas  zu  wissen. 

Wenn  man,  ausgenistet  mit  dem  Wissen  iiber  die  hdheren  Welten, 
an  das  Johannes-Evangelium  herantritt,  sagt  man  sich:  Was  liegt 
denn  da  vor  in  der  Geistesgeschichte  der  Menschheit?  Die  tiefsten 
Geheimnisse  der  geistigen  Welten  sind  hineingeheimniBt  in  ein  Buch, 
sind  der  Menschheit  gegeben  in  einem  Buche.  Und  da  wir  vorher 
wissen,  was  Wahrheiten  iiber  die  gottlich-geistigen  Welten  sind,  er- 
kennen  wir  dann  erst  die  gottlich-geistige  Art  des  Johannes-Evange- 
liums in  dem  richtigen  Sinne,  und  das  wird  iiberhaupt  der  richtige 
Sinn  sein,  sich  solchen  Urkunden  zu  nahern,  welche  iiber  geistige 
Dinge  handeln. 

Wenn  sich  solchen  Urkunden,  welche  iiber  geistige  Dinge  handeln, 
Leute  nahern,  welche  sehr  gut  der  Sprache  nach  alles  verstehen,  was 
in  solchen  Urkunden  liegt,  wie  zum  Beispiel  im  Johannes-Evange- 
lium, also  bloBe  Philologen  -  und  selbst  die  theologischen  Forscher 
einer  gewissen  Art  sind  heute  eigentlich  nur  Philologen  in  bezug 
auf  den  Inhalt  solcher  Biicher  -,  wie  verhalt  sich  der  Vertreter  der 
Geisteswissenschaft  zu  solchen  Forschern?  Nehmen  wir  nochmals 
den  Vergleich  mit  der  Geometrie  des  Euklid.  Wer  wird  denn  der 
richtigere  Ausleger  sein?  Der  gut  mit  Worten  in  seiner  Art  iiber- 
setzen  kann  und  gar  keine  Ahnung  hat  von  den  geometrischen  Er- 
kenntnissen?  Es  wird  etwas  Sonderbares  herauskommen,  wenn  ein 
solcher  sich  an  die  Geometrie  des  Euklid  machen  wird,  wenn  er 
vorher  gar  nichts  von  der  Geometrie  versteht!  Lassen  Sie  aber  den 
Ubersetzer  selbst  einen  unbedeutenden  Philologen  sein,  er  wird, 


wenn  er  Geometrie  versteht,  das  Buch  in  der  richtigen  Weise  wiirdi- 
gen  konnen.  So  verhalt  sich  gegeniiber  vielen  anderen  Forschern  der 
Vertreter  der  Geisteswissenschaft  zum  Johannes-Evangelium.  Viel- 
fach  wird  es  gegenwartig  so  erklart,  wie  die  Philologen  die  Geo- 
metrie des  Euklid  erklaren  wiirden.  Geisteswissenschaft  aber  liefert 
aus  sich  die  Erkenntnisse  der  geistigen  Welten,  die  im  Johannes- 
Evangelium  aufgezeichnet  sind.  So  ist  der  Geisteswissenschafter  dem 
Johannes-Evangelium  gegeniiber  in  derselben  Lage  wie  der  Geo- 
meter dem  Euklid  gegeniiber:  er  bringt  schon  mit,  was  er  in  dem 
Johannes-Evangelium  finden  kann. 

Wir  brauchen  uns  nicht  bei  dem  etwa  erhobenen  Vorwurf  aufzu- 
halten,  daB  auf  diese  Weise  manches  in  die  Urkunde  hineingesehen 
werde.  Wir  werden  bald  sehen,  da6  der,  welcher  den  Inhalt  ver- 
steht, nicht  notig  hat,  etwas  in  das  Evangelmm  hineinzulegen,  was 
nicht  darin  ist.  Wer  die  Art  der  geisteswissenschaftlichen  Auslegung 
versteht,  wird  sich  bei  diesem  Vorwurf  nicht  besonders  aufhalten. 
Wie  andere  Urkunden  nicht  an  Wert  und  Verehrung  verlieren,  wenn 
man  ihren  wahren  Inhalt  erkennt,  so  ist  dies  auch  mit  dem  Johannes- 
Evangelium  der  Fall.  Es  erscheint  dem,  der  eingedrungen  ist  in  die 
Geheimnisse  der  Welt,  als  eines  der  allerbedeutungsvollsten  Doku- 
mente  im  menschlichen  Geistesleben. 

Wir  konnen  uns  dann  fragen,  wenn  wir  uns  genauer  auf  den  Inhalt 
des  Johannes-Evangeliums  einlassen :  Wie  kommt  es  denn,  wenn  dem 
Geistesforscher  das  Johannes-Evangelium  als  eine  so  bedeutungs- 
volle  Urkunde  erscheint,  daB  es  gerade  von  Theologen,  die  doch  zu 
Erklarern  berufen  sein  sollten,  immer  mehr  und  mehr  in  den  Hinter- 
grund  gegeniiber  den  anderen  Evangelien  gedrangt  wird?  Dies  soil  als 
eine  Vorfrage  beruhrt  werden,  bevor  wir  in  das  Johannes-Evangelium 
selbst  eintreten. 

Sie  alle  wissen,  daB  in  bezug  auf  das  Johannes-Evangelium  merk- 
wiirdige  Anschauungen  und  Gesinnungen  Platz  gegriffen  haben.  In 
alten  Zeiten  wurde  es  verehrt  als  eine  der  tiefsten  und  bedeutungs- 
vollsten  Urkunden,  welche  der  Mensch  hatte  iiber  das  Wesen  und 
den  Sinn  des  Wirkens  des  Christus  Jesus  auf  Erden ;  und  in  den  alte- 
ren  Zeiten  des  Christentums  ware  es  wohl  niemandem  eingefallen, 


dieses  Johannes-Evangelium  nicht  als  ein  wichtiges  geschichtliches 
Denkmal  fiir  die  Ereignisse  in  Palastina  aufzufassen.  In  neueren 
Zeiten  ist  es  anders  geworden,  und  gerade  die,  welche  glauben,  am 
festesten  zu  stehen  auf  dem  Boden  geschichtlicher  Forschung,  haben 
am  meisten  den  Grund  unterwiihlt,  auf  dem  eine  solche  Anschauung 
iiber  das  Johannes-Evangelium  stand.  Seit  einer  Zeit,  die  ja  schon 
nach  Jahrhunderten  zahlt,  hat  man  angefangen,  aufmerksam  zu  wer- 
den  auf  die  Widerspriiche,  die  sich  in  den  Evangelien  finden.  Da 
hat  sich  besonders  unter  den  Theologen  nach  mancherlei  Schwan- 
kungen  das  folgende  herausgestellt.  Man  hat  gesagt:  Es  kommen 
viele  Widerspriiche  in  den  Evangelien  vor,  und  man  konne  sich 
keinen  klaren  Begriff  machen,  wie  es  kommt,  daB  von  vier  Seiten  in 
den  vier  Evangelien  die  Ereignisse  in  Palastina  in  verschiedener 
Weise  erzahlt  werden.  Man  sagte:  Wenn  wir  die  Darstellungen  neh- 
men,  die  nach  Matthaus,  nach  Markus,  nach  Lukas,  nach  Johannes 
gegeben  werden,  so  haben  wir  so  viele  verschiedene  Angaben  iiber 
dieses  und  jenes,  daB  man  unmoglich  glauben  kann,  daB  sie  alle 
mit  den  historischen  Tatsachen  ubereinstimmen.  Das  wurde  nach 
und  nach  die  Gesinnung  derjenigen,  die  diese  Dinge  erforschen 
wollten. 

Nun  hat  sich  in  neuerer  Zeit  die  Anschauung  gebildet,  daft  man 
in  bezug '  auf  die  drei  ersten  Evangelien  einen  gewissen  Einklang 
iiber  die  Darstellung  der  palastinensischen  Ereignisse  sich  bilden 
konne,  daB  das  Johannes-Evangelium  aber  in  einer  weitgehenden 
Art  abweiche  von  dem,  was  die  drei  ersten  Evangelien  erzahlen, 
und  daB  deshalb  in  bezug  auf  die  historischen  Tatsachen  mehr  den 
drei  ersten  Evangelien  geglaubt  werden  miisse  und  das  Johannes- 
Evangelium  weniger  geschichtliche  Glaubwurdigkeit  habe.  So  ist 
man  allmahlich  dazu  gekommen,  zu  sagen:  Dieses  Johannes-Evange- 
lium ist  iiberhaupt  nicht  in  derselben  Absicht  entstanden  wie  die 
drei  ersten.  Diese  Evangelien  wollten  nur  erzahlen,  was  sich  zu- 
getragen  hat;  der  Verfasser  des  Johannes-Evangeliums  aber  habe 
diese  Absicht  gar  nicht  gehabt,  sondern  eine  ganz  andere.  Und  man 
hat  aus  verschiedenen  Griinden  der  Annahme  sich  hingegeben,  daB 
das  Johannes-Evangelium  iiberhaupt  verhaltnismaftig  spat  nieder- 


geschrieben  worden  sei.  Wir  werden  auf  diese  Dinge  noch  zu  spre- 
chen  kommen.  Ein  groBer  Teil  der  Forscher  glaubt,  daB  das  Johannes- 
Evangelium  erst  im  dritten  oder  vierten  Jahrzehnt  des  zweiten  christ- 
lichen  Jahrhunderts  niedergeschrieben  worden  sei,  vielleicht  auch 
schon  im  zweiten  Jahrzehnt  des  zweiten  Jahrhunderts;  und  daher 
sagten  sie  sich:  Also  ist  das  Johannes-Evangelium  niedergeschrieben 
in  einer  Zeit,  wo  das  Christentum  in  einer  bestimmten  Form  sich 
schon  ausgebreitet  hatte,  wo  es  vielleicht  auch  schon  Gegner  hatte. 
Diese  oder  jene  Gegner  waren  aufgetreten  gegen  das  Christentum, 
und  diejenigen,  die  diese  Meinung  annehmen,  sagten  sich:  In  dem 
Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  haben  wir  einen  Menschen  vor 
uns,  der  insbesondere  bestrebt  war,  eine  Lehrschrift  zu  geben,  eine 
Art  Apologie,  etwas  wie  eine  Verteidigung  des  Christentums  gegen- 
iiber  den  Stromungen,  die  sich  dagegen  erhoben  hatten.  Nicht  aber 
hatte  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  die  Absicht  gehabt, 
die  historischen  Tatsachen  treu  zu  schildern,  sondern  zu  sagen,  wie 
er  sich  zu  seinem  Chris tus  stelle.  -  So  sehen  viele  nichts  anderes 
in  dem  Johannes-Evangelium  als  eine  Art  religios  durchstromten 
Gedichtes,  das  der  Schreiber  aus  einer  religios-lyrischen  Stimmung 
heraus  in  bezug  auf  seinen  Christus  niedergeschrieben  habe,  um 
auch  andere  zu  begeistern  und  in  dieselbe  Stimmung  zu  bringen. 
Vielleicht  wird  man  nicht  iiberall  mit  so  extremen  Worten  diese 
Meinung  eingestehen.  Wenn  Sie  aber  die  Literatur  studieren,  wer- 
den Sie  finden,  daB  dies  eine  weitverbreitete  Meinung  ist,  die  vielen 
unserer  Zeitgenossen  sehr  zur  Seele  spricht,  ja,  es  kommt  eine 
solche  Meinung  der  Gesinnung  unserer  Zeitgenossen  geradezu  ent- 
gegen. 

Seit  einigen  Jahrhunderten  hat  sich  innerhalb  der  Menschheit,  die 
immer  mehr  zum  Materialismus  in  ihrer  Gesinnung  gekommen  ist, 
eine  gewisse  Abneigung  herausgebildet  gegen  eine  solche  Auf- 
fassung  des  geschichtlichen  Werdens  uberhaupt,  wie  sie  uns  gleich 
in  den  ersten  Worten  des  Johannes-Evangeliums  entgegentritt.  Den- 
ken  Sie  doch  nur  daran,  daB  die  ersten  Worte  keine  andere  Erkla- 
rung  zulassen,  als  daB  in  dem  Jesus  von  Nazareth,  der  gelebt  hat 
im  Anfange  unserer  Zeitrechnung,  verkorpert  war  eine  Wesenheit 


hochster  geistiger  Art.  Der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums 
konnte  nach  seiner  ganzen  Art  nicht  anders,  indem  er  von  Jesus 
spricht,  als  beginnen  mit  dem,  was  er  das  «Wort»  oder  den  « Logos  » 
nennt;  und  er  konnte  nicht  anders  als  sagen: 

« Dieses  Wort  war  im  Urbeginne,  und  alles  ist  durch  das  Wort  ent- 
standen.»  (i,  2-3) 

oder  durch  den  « Logos  ».  Nehmen  wir  dieses  Wort  einmal  in  seiner 
vollen  Bedeutung,  dann  miissen  wir  sagen:  Der  Schreiber  des  Johan- 
nes-Evangeliums sieht  sich  gedrangt,  den  Urbeginn  der  Welt,  das 
Hochste,  wozu  sich  der  Menschengeist  erheben  kann,  als  Logos  zu 
bezeichnen  und  zu  sagen :  « Alle  Dinge  sind  durch  diesen  Logos,  den 
Urgrund  der  Dinge,  gemacht! »  Und  dann  setzt  er  fort  und  sagt: 

«Dieser  Logos  ist  Fleisch  geworden  und  hat  unter  uns  gewohnet.» 
C1*  14) 

Das  heiBt  nichts  anderes  als:  Ihr  habt  ihn  gesehen,  der  unter  uns 
gewohnt  hat;  ihr  werdet  ihn  nur  verstehen,  wenn  ihr  ihn  nehmt  so, 
daB  in  ihm  dasselbe  Prinzip  wohnte,  durch  das  alles,  was  um  euch 
herum  ist  an  Pflanzen,  Tieren  und  Menschen,  gemacht  ist.  —  Will 
man  nicht  in  verkiinstelter  Weise  interpretieren,  so  muB  man  sagen, 
daB  im  Sinne  dieser  Urkunde  ein  Prinzip  allerhochster  Art  sich  ein- 
mal im  Fleische  verkorpert  hat.  Vergleichen  wir  die  Anforderung, 
die  mit  solcher  Vorstellung  an  des  Menschen  Herz  gestellt  wird,  mit 
dem,  was  heute  mancher  Theologe  sagt.  Sie  konnen  es  gegenwartig 
in  theologischen  Werken  lesen  und  in  Vortragen  in  mannigfacher 
Weise  horen :  Wir  appellieren  nicht  mehr  an  irgendein  ubersinnliches 
Prinzip;  uns  ist  derjenige  Jesus  am  liebsten,  den  uns  die  drei  ersten 
Evangelien  schildern,  denn  das  ist  der  «schlichte  Mann  aus  Naza- 
reth »,  der  anderen  Menschen  ahnlich  ist. 

Das  ist  in  gewisser  Art  ein  Ideal  geworden  fur  viele  Theologen. 
Die  Menschen  haben  das  Bestreben,  alles,  was  geschichtlich  gewor- 
den ist,  moglichst  auf  gleiche  Stufe  zu  stellen  mit  allgemein  mensch- 
lichen  Ereignissen.  Es  stort  die  Menschen,  daB  ein  so  Hoher  heraus- 
ragen  soil,  wie  es  der  Christus  des  Johannes-Evangeliums  ist.  Daher 


sprechen  sie  von  diesem  als  von  der  Apotheose  Jesu,  des  «schlichten 
Mannes  von  Nazareth »,  der  ihnen  deshalb  so  gefallt,  weil  sie  sagen 
kdnnen:  Wir  haben  ja  auch  einen  Sokrates  und  andere  groBe  Man- 
ner. -  Er  unterscheidet  sich  ja  von  diesen  anderen,  aber  sie  haben 
doch  einen  gewissen  MaBstab  an  einer  gewohnlichen  banalen  Mensch- 
lichkeit,  wenn  sie  sprechen  konnen  vom  «schlichten  Manne  aus 
Nazareth ».  Dies  Sprechen  vom  «schlichten  Manne  aus  Nazareth », 
das  Sie  heute  schon  in  zahlreichen  theologischen  Werken,  auch  in 
theologisch-akademischen  Schriften  vorfinden,  in  dem,  was  man  die 
«aufgeklarte  Theologie»  nennt,  das  hangt  zusammen  mit  dem  seit 
Jahrhunderten  herangebildeten  materialistischen  Sinne  der  Mensch- 
heit;  denn  diese  giaubt,  daB  es  nur  Physisch-Sinnliches  geben  konne 
oder  daB  nur  dieses  eine  Bedeutung  habe.  In  denjenigen  Zeiten  der 
Menschheitsentwickelung,  in  welchen  der  Blick  der  Menschheit  noch 
hinaufgegangen  ist  zu  dem  Ubersinnlichen,  konnte  der  Mensch  sagen : 
AuBen,  in  der  auBeren  Erscheinung  mag  diese  oder  jene  historische 
Personlichkeit  sich  gewiB  vergleichen  lassen  mit  dem  schlichten 
Manne  aus  Nazareth,  aber  in  dem,  was  als  Geistiges  und  Unsicht- 
bares  in  dieser  Personlichkeit  war,  da  ist  dieser  Jesus  von  Nazareth 
ein  Einzigerl  Als  man  aber  den  Hinblick  und  den  Einblick  in  das 
Obersinnliche  und  Unsichtbare  verloren  hatte,  verlor  man  auch  den 
MaBstab  fur  alles,  was  iiber  den  Durchschnitt  der  Menschheit  hinaus- 
ragte,  und  das  zeigte  sich  ganz  besonders  in  der  religiosen  Auf- 
fassung  des  Lebens.  Dariiber  geben  Sie  sich  nur  gar  keiner  Tau- 
schung  hin !  Der  Materialismus  ist  zuerst  eingedrungen  in  das  religiose 
Leben.  Viel,  viel  weniger  gefahrlich  fur  die  geistige  Entwickelung  der 
Menschheit  ist  der  Materialismus  in  bezug  auf  die  auBeren  natur- 
wissenschaftlichen  Tatsachen  als  in  bezug  auf  die  Auffassung  der 
religiosen  Geheimnisse, 

Wir  werden  zu  sprechen  haben  -  als  ein  Beispiel  -  iiber  die  wahre 
spirituelle  Auffassung  des  Abendmahls,  die  Verwandlung  von  Brot 
und  Wein  in  Fleisch  und  Blut,  und  wir  werden  im  Laufe  dieser  Vor- 
trage  horen,  daB  durch  diese  spirituelle  Auffassung  das  Abendmahl 
wahrhaftig  nicht  an  Wert  und  Bedeutung  verliert.  Aber  es  wird  eben 
eine  spirituelle  Auffassung  sein,  die  wir  kennenlernen  werden.  Und 


die  war  auch  die  alte  christliche  Auffassung,  als  noch  mehr  spiri- 
tueller  Sinn  war  unter  der  Menschheit;  sie  gait  noch  in  der  ersten 
Halfte  des  Mittelalters.  Da  wuBten  viele  die  Worte:  «Dies  ist  mein 
Leib...;  dies  ist  mein  Blut!»  (Markus  14,  22  und  24),  so  aufzufassen, 
wie  wir  das  kennenlernen  werden.  Aber  diese  geistige  Auffassung  ging 
im  Laufe  der  Jahrhunderte  notwendigerweise  verloren.  Wir  werden 
die  Griinde  dafiir  kennenlernen.  Da  gab  es  im  Mittelalter  eine  sehr 
merkwiirdige  Stromung,  die  tiefer,  als  Sie  es  glauben  mogen,  einge- 
drungen  ist  in  die  Gemiiter  der  Menschheit,  denn  wie  die  Seelen  sich 
nach  und  nach  entwickelt  und  was  sie  erlebt  haben,  konnen  Sie  von 
der  heutigen  Geschichte  sehr  wenig  erfahren.  Um  die  Mitte  des  Mittel- 
alters ist  eine  tiefgehende  Stromung  vorhanden  in  den  christlichen 
Gemiitern  Europas ;  denn  es  war  von  autoritativer  Seite  aus  der  ehe- 
malige  spirituelle  Sinn  der  Abendmahlslehre  ins  Materialistische  um- 
gedeutet.  Die  Menschen  konnten  sich  bei  den  Worten:  «Dies  ist  mein 
Leib . . . ;  dies  ist  mein  Blut »,  nur  vorstellen,  daB  ein  materieller  Vor- 
gang,  eine  materielle  Umwandlung  von  Brot  und  Wein  in  Fleisch  und 
Blut  geschehe.  Was  fruher  geistig  vorgestellt  wurde,  ring  man  an,  im 
grob  materiellen  Sinne  sich  vorzustellen.  Hier  schleicht  sich  der  Mate- 
rialismus,  lange  bevor  er  die  Naturwissenschaft  ergreift,  ein  in  das 
religiose  Leben. 

Und  ein  anderes  Beispiel  ist  nicht  minder  bedeutsam.  Glauben 
Sie  nicht,  daB  in  irgendeiner  der  maBgebenden  Erklarungen  der 
« Schopfungsgeschichte »  im  Mittelalter  die  sechs  Schopfungstage  so 
genommen  worden  sind  als  Tage,  wie  sie  heute  sind,  als  Tage  von 
vierundzwanzig  Stunden.  Keinem  der  maBgebenden  theologischen 
Lehrer  ware  das  auch  nur  eingefallen;  denn  sie  haben  verstanden, 
was  in  den  Urkunden  stent,  Sie  haben  noch  gewuBt,  einen  Sinn  zu 
verbinden  mit  den  Worten  der  Bibel.  Hat  es  denn  einen  Sinn  iiber- 
haupt  gegeniiber  der  Schopfungsurkunde,  von  vierundzwanzigstiin- 
digen  Schopfungstagen  zu  sprechen  in  unserer  heutigen  Art?  Was 
heiBt  denn  ein  Tag?  Ein  Tag  heiBt  das,  was  durch  das  Umdrehungs- 
verhaltnis  der  Erde  gegeniiber  der  Sonne  bewirkt  wird.  Von  Tagen 
im  heutigen  Sinne  konnen  Sie  nur  reden,  wenn  die  Verhaltnisse 
zwischen  Sonne  und  Erde  und  ihre  Bewegung  so  vorgestellt  werden, 


wie  sie  heute  sind.  DaB  aber  Sonne  und  Erde  in  solchen  Verhalt- 
nissen  zueinander  gestanden  haben,  wird  in  der  Genesis  erst  vom 
vierten  Zeitraum,  vom  vierten  «Tage  »  der  Schopfung  erzahlt.  «Tage  » 
konnen  daher  iiberhaupt  erst  am  vierten  Tage  der  Schopfungs- 
geschichte  anfangen.  Vorher  ware  es  sinnlos,  sich  Tage  vorzustellen, 
wie  sie  heute  sind.  Da  erst  iiberhaupt  am  vierten  «Tag»  die  Einrich- 
tung  kommt,  wodurch  Tag  und  Nacht  moglich  werden,  konnte 
vorher  nicht  von  Tagen  im  heutigen  Sinne  die  Rede  sein!  Wieder 
kam  die  Zeit  herauf,  wo  die  Menschen  nicht  mehr  wuBten,  daB 
damit  die  geistige  Bedeutung  von  Tag  und  Nacht  gemeint  sei,  wo 
man  sich  nur  denken  konnte,  daB  solche  Zeit,  die  man  sich  in  physi- 
schen  Tagen  vorzustellen  hat,  moglich  ist.  So  wurde  fur  einen  mate- 
rialistisch  denkenden  Menschen,  selbst  fur  einen  Theologen,  ein  Tag, 
wie  er  heute  ist,  auch  der  Schopfungs -«Tag  »,  weil  er  nur  jenen 
kennt. 

Ein  alterer  Theologe  redete  anders  iiber  solche  Dinge.  Ein  solcher 
sagte  sich  vor  allem,  daB  in  den  alten  religiosen  Urkunden  nichts 
Unnotiges  an  wichtigen  Stellen  steht.  Als  ein  Beispiel  dafur  wollen  wir 
eine  Stelle  betrachten.  Man  nehme  einmal  im  2.Kapitel  des  ersten 
Buches  Mose  den  zi.  Vers;  da  heiBt  es: 

«Da  lieB  Gott,  der  Herr,  einen  tiefen  Schlaf  fallen  auf  den  Men- 
schen, und  er  entschlief.» 

Auf  diese  Stelle  legten  die  alten  Erklarer  einen  ganz  besonderen  Wert. 
Diejenigen,  die  sich  schon  ein  wenig  befaBt  haben  mit  der  Entwicke- 
lung  der  geistigen  Krafte  und  Fahigkeiten  des  Menschen,  werden  wis- 
sen,  daB  es  verschiedene  Arten  von  BewuBtseinszustanden  gibt,  daB 
dasjenige,  was  wir  heute  bei  dem  Durchschnittsmenschen  « Schlaf » 
nennen,  nur  ein  vonibergehender  BewuBtseinszustand  ist,  der  sich 
kiinftig  -  wie  heute  schon  bei  den  Eingeweihten  -  umwandeln  wird  in 
einen  BewuBtseinszustand,  wo  der  Mensch  leibbefreit  hineinsieht  in 
die  geistige  Welt.  Deshalb  sagte  der  Erklarer :  Gott  lieB  Adam  in  einen 
tiefen  Schlaf  fallen,  und  da  konnte  er  wahrnehmen,  was  er  mit  den 
physischen  Sinneswerkzeugen  nicht  wahrnehmen  konnte.  Das  ist  ge- 
meint als  ein  hellseherischer  Schlaf,  und  was  erzahlt  wird,  ist  das,  was 


man  erfahrt  in  einem  hoheren  BewuBtseinszustand;  daher  fallt  Adam 
«in  einen  Schlaf».  Dies  war  eine  alte  Erklarung;  und  man  sagte,  es 
wiirde  auch  nicht  erwahnt  werden  in  einer  religiosen  Urkunde,  «Gott 
lieB  einen  tiefen  Schlaf  fallen  auf  den  Menschen»,  wenn  er  auch  schon 
fruher  in  einen  Schlaf  verfallen  ware.  Darauf  werden  wir  hingewiesen, 
daB  es  der  erste  Schlaf  ist,  und  daB  der  Mensch  fruher  in  BewuBtseins- 
zustanden  war,  wo  er  noch  geistige  Dinge  standig  wahrnehmen 
konnte.  Das  ist  es,  was  den  Leuten  erzahlt  wurde. 

Heute  handelt  es  sich  nun  darum,  zu  zeigen,  daB  es  einmal  ganz 
spirituelle  Erklarungen  der  biblischen  Urkunden  gegeben  hat,  und 
daB  der  materialistische  Sinn,  als  er  herauf  kam,  das  hineingelegt  hat, 
was  heute  in  der  Bibel  von  den  aufgeklarten  Leuten  bekampft  wird. 
Das  hat  erst  der  materialistische  Sinn  gemacht,  was  er  nun  selbst  be- 
kampft. So  sehen  Sie,  wie  in  der  Tat  der  materialistische  Sinn  in  der 
Menschheit  heraufgezogen  ist  und  wie  dadurch  das  wahre,  echte, 
wirkliche  Verstandnis  fur  die  religiosen  Urkunden  verlorengegangen 
ist.  Wenn  die  Geisteswissenschaft  ihre  Aufgabe  erfiillen  und  dem 
Menschen  zeigen  wird,  welche  Geheimnisse  hinter  dem  physischen 
Dasein  liegen,  dann  wird  man  schon  erkennen,  wie  diese  Geheimnisse 
in  den  religiosen  Urkunden  geschildert  werden.  Der  auBere  triviale 
Materialismus,  den  heute  die  Menschen  fur  so  gefahrlich  halten,  ist  nur 
die  letzte  Phase  des  Materialismus,  denich  Ihnen  geschildert  habe.  Erst 
wurde  die  Bibel  materialistisch  interpretiert.  Hatte  nie  ein  Mensch  die 
Bibel  materialistisch  erklart,  so  hatte  auch  nie  in  der  auBeren  Wissen- 
schaft  ein  Haeckel  die  Natur  materialistisch  erklart;  und  was  im  vier- 
zehnten  und  funfzehnten  Jahrhundert  als  Grund  gelegt  worden  ist  in 
religioser  Beziehung,  das  ging  als  Frucht  im  neunzehnten  Jahrhundert 
auf  in  der  Naturwissenschaft ;  und  das  hat  dazu  gefiihrt,  daB  es  unmog- 
lich  ist,  dem  Johannes-Evangelium  gegeniiber  zu  einem  Verstandnis 
zu  kommen,  wenn  man  nicht  in  die  geistigen  Urgriinde  eindringt.  Man 
kann  den  Wert  des  Johannes-Evangeliums  nur  dann  unterschatzen, 
wenn  man  es  nicht  versteht.  Und  weil  diejenigen,  die  es  nicht  mehr 
verstanden  haben,  angekrankelt  waren  von  einer  materialistischen 
Gesinnung,  erschien  es  ihnen  eben  in  dem  vorhin  geschilderten 
Lichte. 


Ein  ganz  einfacher  Vergleich  wird  erklaren,  in  welcher  Art  das 
Johannes-Evangelium  von  den  drei  andern  abweicht. 

Denken  Sie  sich  einen  Berg.  Auf  dem  Berge  und  am  Bergabhange 
stehen  auf  gewissen  Hohen  verschiedene  Menschen,  und  diese  ver- 
schiedenen  Menschen  -  sagen  wir  drei  -  zeichnen  nun  ab,  was  sie 
unten  sehen.  Jeder  wird  es  nach  der  Stelle,  wo  er  stent,  verschieden 
zeichnen;  aber  gewiB  ist  jedes  von  diesen  drei  Bildern  doch  wahr 
fur  den  Standpunkt,  um  den  es  sich  handelt.  Und  derjenige,  der  nun 
oben  auf  dem  Gipfel  steht  und  das  zeichnet,  was  unten  ist,  wird 
wieder  einen  andern  Anblick  gewinnen  und  schildern.  So  ist  der 
Anblick  der  drei  Evangelisten,  der  Synoptiker  Matthaus,  Markus, 
Lukas,  gegeniiber  dem  des  Johannes,  der  nur  von  einer  andern  Stelle 
aus  die  Sache  beschreibt.  Und  was  haben  gelehrte  Erklarer  nicht  alles 
herbeigetragen,  um  dieses  Johannes-Evangelium  begreiflich  zu  ma- 
chen!  Manchmal  muB  man  sich  wirklich  wundern,  was  alles  von  den 
exakten  Forschern  gesagt  wird,  was  so  leicht  zu  durchschauen  ware, 
wenn  nicht  unsere  Zeit  eine  Zeit  des  denkbar  groBten  Autoritats- 
glaubens  ware.  Der  Glaube  an  die  unfehlbare  Wissenschaft  ist  heute 
auf  dem  hochsten  Punkt  angekommen ! 

So  ist  denn  gleich  der  Eingang  des  Johannes-Evangeliums  etwas 
sehr  Schwieriges  fur  den  materialistisch  angehauchten  Theologen  ge- 
worden.  Die  Lehre  von  dem  Logos  oder  Wort  hat  den  Leuten  groBe 
Schwierigkeiten  gemacht.  Sie  sagen  sich:  Wir  mochten  doch  so  gern, 
daB  alles  einfach,  schlicht  und  naiv  ist,  und  da  kommt  dann  das 
Johannes-Evangelium  und  spricht  von  so  hohen  philosophischen 
Dingen,  von  dem  Logos,  dem  Leben,  dem  Lichte!  -  Der  Philologe 
ist  gewdhnt,  immer  zu  fragen,  woher  das  stammt.  Mit  neueren  Wer- 
ken  macht  man  es  nicht  anders.  Lesen  Sie  die  Werke  iiber  den  Goethe- 
schen  « Faust ».  Uberall  finden  Sie  nachgewiesen,  woher  dieses  oder 
jenes  Motiv  stammt;  da  werden  durch  Jahrhunderte  zum  Beispiel 
alle  Biicher  aufgestobert,  um  zu  sehen,  woher  Goethe  das  Wort  vom 
«Wurm»  hat,  das  er  gebraucht.  Und  so  fragt  man  auch:  Woher  hat 
Johannes  den  Begriff  des  « Logos »?  Die  anderen  Evangelisten,  die 
zu  dem  einfachen,  schlichten  Menschenverstand  gesprochen  haben, 
driicken  sich  nicht  so  philosophisch  aus.  Nun  sagte  man  weiter,  der 


Schreiber  des  Johannes-Evangeiiums  ware  eben  ein  Mensch  mit  grie- 
chischer  Bildung  gewesen,  und  dann  wies  man  darauf  hin,  daB  die 
Griechen  in  Philo  von  Akxandrien  einen  Schriftsteller  haben,  der  auch 
von  dem  Logos  spricht.  Also  dachte  man  sich,  daB  in  gebildeten 
griechischen  Kreisen,  wenn  man  von  etwas  Hohem  sprechen  wollte, 
man  von  dem  Logos  sprach,  und  daher  hat  der  Johannes  das  auf- 
genommen.  Und  so  nahm  man  das  wieder  fur  einen  Beweis,  daB  der 
Schreiber  des  Johannes-Evangeiiums  nicht  auf  derselben  Oberliefe- 
rung  gefuBt  hat,  auf  der  die  Schreiber  der  andern  Evangelien  fuBten, 
sondern  -  so  sagte  man  -  er  hat  sich  beeinflussen  lassen  von  der 
griechischen  Bildung  und  dementsprechend  die  Tatsachen  umgepragt. 
Und  gerade  die  Anfangsworte  des  Johannes-Evangeiiums 

«Im  Urbeginne  war  das  Wort,  und  das  Wort  war  bei  Gott,  und  ein 
Gott  war  das  Wort.» 

beweisen,  daB  der  philonische  « Logos  »-Begriff  in  den  Geist  des 
Schreibers  des  Johannes-Evangeiiums  eingedrungen  ist  und  die  Dar- 
stellung  beeinfluBt  hat ! 

Solchen  Leuten  mdchte  man  nur  einmal  den  Anfang  des  Evange- 
liums  des  Lukas  dagegenhalten: 

«  Sintemalen  sich  viele  unterwunden  haben,  Rede  zu  fiihren  von  den 
Ereignissen,  so  unter  uns  geschehen  sind, 

wie  uns  das  uberliefert  haben  diejenigen,  die  von  Anfang  selbst 
Augenzeugen  und  Diener  des  Wortes  gewesen  sind, 
deshalb  habe  ich  es  fur  gut  befunden,  nachdem  ich  das  alles,  wie  es 
von  Anfang  war,  mit  FleiB  erforscht,  dir  zu  erzahlen,  mein  guter 
Theophilus.»  (Lukas  i,  1-3) 

Hier  steht  am  Anfange  gerade,  daB  das,  was  er  erzahlen  will,  Uber- 
lieferung  ist  derjenigen,  die  « Augenzeugen  und  Diener  des  Wortes 
gewesen  sind».  Es  ist  sonderbar,  daB  Johannes  das  aus  der  griechi- 
schen Bildung  haben  soli  und  daB  Lukas,  der  doch  nach  dieser  An- 
sicht  zu  den  schlichten  Mannern  gehorte,  ebenfalls  von  dem  « Logos  » 
spricht!  Solche  Dinge  sollten  selbst  die  autoritatsglaubigen  Menschen 
darauf  aufmerksam  machen,  daB  es  wirklich  nicht  eigentlich  exakte 


Griinde  sind,  die  zu  solchen  Resultaten  fuhren,  sondern  Vorurteile; 
die  materialistische  Brille  ist  es,  die  diese  Anschauung  iiber  das 
Johannes-Evangelium  heraufgebracht  hat,  daB  es  in  der  eben  charak- 
terisierten  Weise  neben  die  anderen  Evangelien  hinzustellen  sei,  - 
was  wir  leicht  daraus  entnehmen  konnen,  daB  auch  im  Lukas-Evange- 
iium  die  Rede  davon  ist.  Was  von  denen  gesagt  wird,  die  da  Augen- 
zeugen  und  Diener  des  Logos  gewesen  sind,  das  bedeutet,  daB  von 
dem  Logos  in  den  alten  Zeiten  gesprochen  wurde  als  von  etwas,  was 
die  Leute  kannten  und  mit  dem  sie  vertraut  waren.  Und  das  ist  es, 
was  wir  uns  jetzt  besonders  vor  die  Seele  fuhren  miissen,  damit  wir 
tiefer  eindringen  konnen  in  die  ersten  paradigmatischen  Satze  des 
Johannes-Evangeliums . 

Wovon  spricht  derjenige,  der  damals  das  Wort  « Logos  »  oder  das 
Wort  «Wort»  gebrauchte  in  unserm  Sinne?  Wovon  spricht  er? 

Nicht  durch  theoretisches  Erklaren  und  abstraktes  begrifFliches 
Auseinandersetzen  kommen  Sie  zu  dieser  Vorstellung  des  Logos, 
sondern  Sie  miissen  sich  durch  das  Gemiit  in  das  ganze  Empfindungs- 
leben  aller  derjenigen  hineinversetzen,  die  so  von  dem  Logos  ge- 
sprochen haben.  Auch  diese  Leute  haben  die  Dinge  um  sich  herum 
gesehen.  Aber  es  geniigt  nicht,  daB  der  Mensch  bloB  das  ansieht,  was 
um  ihn  herum  ist,  sondern  es  kommt  darauf  an,  wie  sich  daran  die 
Empfindungen  seines  Herzens  und  seines  Gemiites  kniipfen,  wie  er 
dies  oder  jenes  fur  hoher  oder  niedriger  halt,  je  nachdem,  was  er  in 
ihnen  sieht.  Sie  alle  richten  Ihre  Blicke  auf  die  Sie  umgebenden 
Naturreiche,  auf  Mineralien,  Pflanzen,  Tiere  und  Menschen.  Sie  nen- 
nen  den  Menschen  das  vollkommenste,  das  Mineral  das  unvollkom- 
menste  Geschopf.  Innerhalb  der  betreffenden  Naturreiche  unter- 
scheidet  man  wieder  hoher  und  niedriger  stehende  Wesen.  Zu  den  ver- 
schiedenen  Zeiten  empfanden  die  Menschen  das  ganz  verschieden. 

Diejenigen,  die  im  Sinne  des  Johannes-Evangeliums  sprachen,  emp- 
fanden vor  allem  eines  als  etwas  ganz  Bedeutsames :  Man  sah  herunter 
auf  das  niedere  Tierreich  und  lieB  den  Blick  schweifen  hinauf  bis  zu 
dem  Menschen  -  und  verfolgte  etwas  ganz  Bestimmtes  in  dieser  Ent- 
wickelungsrichtung.  Da  sagte  ein  solcher  Bekenner  der  Logoslehre: 
Eines  ist  es,  was  uns  am  tiefsten  den  Vorzug  der  hoheren  Wesen  vor 


den  niederen  darstellt:  die  Fahigkeit,  das,  was  im  Innern  lebt,  nach 
auBen  durch  das  Wort  tonen  zu  lassen,  den  Gedanken  der  Umwelt  im 
Wort  mitzuteilen.  Es  wiirde  ein  solcher  Bekenner  der  Logoslehre 
gesagt  haben:  Sieh  dir  an  das  niedere  Tier!  Es  ist  stumm,  es  driickt 
nicht  aus  seinen  Schmerz  oder  seine  Lust  -  Nehmen  Sie  die  niederen 
Tiere:  sie  zirpen  oder  geben  andere  Tone  von  sich  usw.;  aber  es  ist 
das  das  auBere  Schaben  und  Reiben  der  physischen  Organe,  die  da 
tonen,  wie  ein  Hummer  es  auch  kann.  Je  hoher  wir  hinauf  kommen, 
desto  mehr  entwickelt  sich  die  Fahigkeit,  daB  sich  das  Innere  im  Ton 
manifestiert  und  das,  was  die  Seele  erlebt,  im  Ton  mitteilt.  Und  des- 
halb,  sagte  man,  steht  der  Mensch  iiber  den  anderen  Wesen  so  hoch, 
weil  er  nicht  nur  imstande  ist,  mit  Worten  zu  bezeichnen,  was  seine 
Lust  oder  sein  Schmerz  ist,  sondern  weil  er  das,  was  iiber  das  Person- 
liche  hinausgeht,  was  geistig,  unpersonlich  ist,  in  Worte  zu  fassen,  in 
Gedanken  auszudriicken  vermag. 

Und  man  sagte  nun  unter  diesen  Bekennern  der  Logoslehre :  Es  gab 
eine  Zeit,  bevor  der  Mensch  in  seiner  heutigen  Gestalt  da  war,  in  der 
es  ihm  moglich  ist,  sein  innerstes  Erlebnis  in  Worten  nach  auBen  er- 
tonen  zu  lassen.  Es  gab  vorher  eine  andere  Zeit.  Es  hat  lange  Zeit 
gebraucht,  daB  sich  unsere  Erde  bis  zu  der  heutigen  Gestalt  hindurch- 
entwickelte.  -  Wir  werden  horen,  wie  diese  Erde  geworden  ist.  - 
Wenn  wir  aber  die  friiheren  Zustande  priifen,  finden  wir  den  Men- 
schen  in  seiner  heutigen  Gestalt  noch  nicht  und  auch  keine  Wesen, 
die  von  innen  heraus  ertonen  lassen  konnen,  was  sie  erleben.  Mit 
stummen  Wesen  beginnt  unsere  Welt,  und  nach  und  nach  erst  zeigen 
sich  Wesen  und  erscheinen  auf  unserem  Wohnplatz,  die  die  innersten 
Erlebnisse  nach  auBen  tonen  lassen  konnen,  die  des  Wortes  machtig 
sind.  Aber  das,  was  vom  Menschen  heraus  am  spatesten  erscheint  - 
sagten  sich  die  Bekenner  der  Logoslehre  -,  das  war  in  der  Welt  selbst 
am  fruhesten  da.  Wir  denken  uns,  der  Mensch  war  in  seiner  heutigen 
Gestalt  in  friiheren  Erdzustanden  noch  nicht  da;  aber  in  unvollkom- 
mener,  stummer  Gestalt  war  er  da  und  hat  nach  und  nach  sich  bis 
zum  logos-  oder  wortbegabten  Wesen  heraufentwickelt.  DaB  er  das 
konnte,  ruhrt  davon  her,  daB  das,  was  bei  ihm  zuletzt  erscheint,  das 
schopferische  Prinzip,  in  einer  hohern  Wirklichkeit  von  Anfang  an 


da  war.  Was  sich  losringt  aus  der  Seele,  das  war  das  gottliche  schop- 
ferische  Prinzip  im  Anfang.  Das  Wort,  das  aus  der  Seele  tont,  der 
Logos,  war  im  Anfang  da,  und  der  Logos  hat  die  Entwickelung  so 
gelenkt,  daB  zuletzt  ein  Wesen  entstand,  in  dem  er  auch  erscheinen 
konnte.  Was  zuletzt  in  der  Zeit  und  im  Raume  erscheint,  war  im 
Geiste  zuerst  da. 

Wenn  Sie  einen  Vergleich  nehmen  wollen,  um  sich  das  klar- 
zumachen,  so  konnen  Sie  ungefahr  sagen :  Hier  habe  ich  diese  Blume 
vor  mir.  Diese  Blumenkrone,  diese  Blumenglocke,  was  war  sie  vor 
einiger  Zeit?  Es  war  ein  kleines  Samenkorn.  Darinnen  war  der  Mog- 
lichkeit  nach  diese  weiBe  Blumenglocke.  Ware  sie  nicht  der  Moglich- 
keit  nach  darinnen  gewesen,  diese  Blumenglocke  hatte  nicht  ent- 
stehen  konnen.  Und  woher  kommt  das  Samenkorn?  Es  kommt  wieder 
von  einer  solchen  Blumenglocke  her.  Dem  Samenkorn  geht  die  Blute 
voran;  und  so,  wie  die  Blute  der  Frucht  vorangeht,  so  hat  sich  das 
Samenkorn,  aus  dem  diese  Bliite  entstanden  ist,  herausentwickelt  aus 
einer  gleichen  Pflanze.  So  betrachtete  der  Bekenner  der  Logoslehre 
den  Menschen  und  sagte  sich:  Gehen  wir  zuriick  in  der  Entwicke- 
lung, so  finden  wir  in  friiheren  Zustanden  den  noch  stummen  Men- 
schen, der  nicht  des  Wortes  fahig  war;  aber  wie  der  Same  von  der 
Bliite  herkommt,  so  kommt  der  stumme  Menschensame  von  dem 
sprechenden,  wortbegabten  Gotte  im  Urbeginn  her.  Wie  das  Mai- 
glockchen  den  Samen  und  der  Same  wieder  das  Maiglockchen  erzeugt, 
so  erzeugt  das  gottliche  Schopferwort  den  stummen  Menschensamen ; 
und  als  das  gottliche  Schopferwort  hineinschlupft  in  den  stummen 
Menschensamen,  um  darin  wieder  aufzugehen,  tont  aus  dem  Men- 
schensamen das  ursprungliche  gottliche  Schopferwort  hervor.  Gehen 
wir  zuriick  in  der  Menschheitsentwickelung,  so  treffen  wir  ein  unvoll- 
kommenes  Wesen,  und  die  Entwickelung  hat  den  Sinn,  daB  zuletzt  als 
Bliite  der  Logos  oder  das  Wort,  das  das  Innere  der  Seele  enthullt,  er- 
scheint. Es  erscheint  im  Anfange  der  stumme  Mensch  als  Samen  des 
logosbegabten  Menschen,  und  dieser  geht  hervor  aus  dem  logos- 
begabten  Gotte.  Es  entspringt  der  Mensch  aus  dem  nicht  wortbegab- 
ten, stummen  Menschen,  aber  zuletzt  ist  im  Urbeginn  der  Logos  oder  das 
Wort.  -  So  dringt  derjenige,  der  die  Logoslehre  im  alten  Sinne  er- 


kennt,  vor  zu  dem  gottlichen  Schopferwort,  das  der  Urbeginn  des 
Daseins  ist,  worauf  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  im  An- 
fange  hinweist.  Horen  wir,  was  er  im  Anfange  sagt : 

«Im  Urbeginne  war  das  Wort,  und  das  Wort  war  bei  Gott,  und  ein 
Gott  war  das  Wort.» 

Heute,  will  er  sagen,  wo  ist  heute  das  Wort?  Heute  ist  auch  das 
Wort  da,  und  das  Wort  ist  beim  Menschen !  und  ein  Menschliches 
ist  das  Wort!  Und  so  knupft  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums 
den  Menschen  an  den  Gott  an,  und  wir  horen  in  der  Tat  eine  fur 
jedes  Menschenherz  leicht  begreifliche  Lehre  ertonen  im  Beginne 
dieses  Johannes-Evangeliums. 

Ich  wollte  Ihnen  heute  in  diesem  einleitenden  Vortrag  mit  allgemei- 
neren  Worten  einmal  mehr  vom  Empfindungs-  und  Gefuhlsstand- 
punkt  aus  schildern,  wie  urspninglich  ein  Bekenner  der  Logoslehre 
solche  Worte  des  Johannes-Evangeliums  empfunden  hat.  Und  nach- 
dem  wir  uns  so  in  die  Stimmung  hineinversetzt  haben,  wie  sie  war, 
als  zuerst  diese  Worte  gehort  wurden,  werden  wir  um  so  besser  die 
Moglichkeit  haben,  in  den  tiefen  Sinn,  der  diesem  Johannes-Evange- 
lium  zugrunde  liegt,  einzudringen. 

Wir  werden  weiter  sehen,  wie  das,  was  wir  Geisteswissenschaft 
nennen,  wahrhafte  Wiedergabe  ist  des  Johannes-Evangeliums,  und 
wie  die  Geisteswissenschaft  uns  in  die  Lage  versetzt,  dieses  Johannes- 
Evangelium  um  so  griindlicher  zu  verstehen. 


ZWEITER  VORTRAG 


Hamburg,  19.  Mai  1908 

Die  ersten  Worte  des  Johannes-Evangeliums  riihren  in  der  Tat  gleich 
an  die  tiefsten  Weltgeheimnisse.  Man  sieht  das,  wenn  man  die  ihnen 
2ugrunde  liegenden  geisteswissenschaftlichen  Wahrheiten  vor  die 
Seele  hintreten  laBt ;  und  wir  werden  tief  hineingreifen  miissen  in  die 
spirituelle  Erkenntnis,  wenn  uns  diese  ersten  Worte  des  Evangeliums 
im  richtigen  Lichte  erscheinen  sollen.  Manches,  was  denjenigen  von 
Ihnen  recht  wohl  bekannt  ist,  die  sich  langere  Zeit  mit  der  anthropo- 
sophischen  Weltanschauung  befaBt  haben,  werden  wir  uns  nur  kurz 
dabei  ins  Gedachtnis  zuriickrufen  miissen.  Wir  werden  aber  gewisse 
elementare  Wahrheiten  der  anthroposophischen  Weltanschauung 
heute  durchdringen  miissen  mit  weiteren  Ausblicken  in  verschiedene 
bedeutsame  kosmische  Geheimnisse. 

Nur  ganz  kurz  brauchen  wir  uns  einmal  das  Wesen  des  Menschen 
vor  Augen  zu  fiihren,  wie  dieses  Wesen  sich  uns  darstellt  in  der 
geisteswissenschaftlichen  Betrachtung,  zunachst  fur  die  Zeit  vom 
Morgen,  wenn  der  Mensch  aufwacht,  bis  zum  Abend,  wenn  der 
Mensch  wiederum  in  Schlaf  versinkt.  Wir  wissen,  daB  der  Mensch 
besteht  aus  dem  physischen  Leib,  dem  Ather-  oder  Lebensleib,  dem 
Astralleib  und  dem  Ich.  Diese  vier  Glieder  der  menschlichen  Wesen- 
heit  sind  aber  in  derjenigen  Verbindung,  die  wir  ihnen  normalerweise 
fur  den  Wachzustand  zuschreiben,  wirklich  nur  so  da  wahrend  dieses 
Wachzustandes.  Insbesondere  ist  notwendig,  daB  wir  uns  vor  die 
Seele  riicken,  daB  wahrend  des  Schlafzustandes  in  der  Nacht  der 
Mensch  im  Grunde  genommen  eine  ganz  andere  Wesenheit  ist;  denn 
seine  vier  Glieder  sind  dann  in  einer  ganz  anderen  Art  zusammen- 
gefiigt  als  wahrend  des  Tagwachens.  Wenn  der  Mensch  schlaft,  liegen 
der  physische  Leib  und  der  Atherleib  im  Bette;  der  Astralleib  und 
das  Ich  sind  in  einer  gewissen  Weise  losgelost  aus  dem  Zusammen- 
hang  mit  dem  physischen  Leibe  und  dem  Atherleibe,  sind  also  -  wenn 
wir  das  Wort  nicht  im  rein  raumlichen,  sondern  im  geistigen  Sinne 
verstehen  -  auBerhalb  des  physischen  Leibes  und  des  Atherleibes. 


So  ist  also  der  Mensch  wahrend  der  Nacht  eine  Wesenheit,  die  eigent- 
lich  aus  zwei  Teilen  besteht:  aus  dem,  was  im  Bette  liegen  geblieben 
ist,  und  dem,  was  sich  aus  dem  physischen  Leibe  und  dem  Ather- 
leibe  herausgetrennt  hat.  Nun  mussen  wir  uns  vor  alien  Dingen  klar- 
machen,  da6  wahrend  der  Nacht  -  von  dem  Augenblicke,  wo  der 
Mensch  einschlaft,  bis  zu  dem  Augenblicke,  wo  er  am  Morgen  wieder 
aufwacht  -  dasjenige,  was  im  Bette  liegen  bleibt,  der  physische  und 
der  Atherleib,  wenn  sie  verlassen  wiirden  von  dem,  was  sie  den  Tag 
hindurch  erfullt  -  von  dem,  was  im  Astralleib  und  im  Ich  lebt  -,  daB 
sie  dann  als  solche  gar  nicht  bestehen  konnten.  Und  hier  ist  es,  wo  wir 
uns  ein  wenig  tiefer  in  die  Weltgeheimnisse  einlassen  mussen. 

Wenn  wir  des  Menschen  physischen  Leib  vor  uns  haben,  mussen 
wir  uns  klarmachen,  daB  dieser  physische  Menschenleib,  den  wir  mit 
Augen  sehen  und  mit  Handen  wahrnehmen,  einen  langen  Entwicke- 
lungsprozeB  hinter  sich  hat.  Er  hat  diesen  EntwickelungsprozeB 
durchgemacht  im  Verlaufe  der  ganzen  Entwickelung  unseres  Erd- 
planeten.  Schon  bekannt  ist  es  denjenigen,  die  sich  ein  wenig  mit  dieser 
Materie  befaBt  haben,  daB  unsere  Erde  fruhere  Zustande  durch- 
gemacht hat.  So  wie  der  Mensch  von  Verkorperung  zu  Verkorperung 
hindurchgeht,  wiederholte  Erdenleben  durchmacht,  so  hatauch  unsere 
Erde,  bevor  sie  in  denjenigen  Zustand  gekommen  ist,  in  dem  sie 
heute  ist,  andere  Zustande  durchgemacht.  Es  gibt  ebenso  fruhere 
Verkorperungen  eines  Planeten,  wie  es  fruhere  Verkorperungen  eines 
Menschen  gibt.  Alles  in  der  groBen  Welt  und  in  der  kleinen  Welt 
unterliegt  dem  Gesetze  der  Wiederverkorperung.  Und  unsere  Erde 
war,  bevor  sie  diese  unsere  Erde  wurde,  durch  einen  Zustand  durch- 
gegangen,  den  wir  den  «alten  Mond»  nennen,  weil  der  heutige  Mond 
ein  abgesplittertes  Stuck  dieses  alten  Planeten  ist.  Also  nicht  der 
heutige  Mond  ist  gemeint,  wenn  wir  von  dem  « alten  Monde  »  spre- 
chen,  sondern  ein  ahnlicher  Planet,  wie  die  heutige  Erde  einer  ist.  - 
Ebenso  nun  wie  beim  Menschen  ein  Zeitraum  liegt  zwischen  einer 
Verkorperung  und  einer  neuen  Geburt,  so  liegt  ein  Zeitraum  zwischen 
der  Verkorperung  unseres  Planeten,  den  wir  als  Erde  bezeichnen,  und 
desjenigen,  den  wir  als  den  alten  Mond  bezeichnen.  Und  ebenso  ist 
es  mit  dem  Zustande  unseres  Planeten,  den  wir  als  « Sonne »  be- 


zeichnen.  Ein  Zustand,  den  man  als  Sonne  bezeichnet,  ging  dem 
Mondenzustande  unseres  Planeten  voran,  und  dem  Sonnenzustande 
ging  wieder  ein  Saturnzustand  voran.  So  konnen  wir  zuruckblicken 
auf  drei  friihere  Verkorperungen  unseres  Planeten. 

Unser  physischer  Menschenleib  hat  seine  allererste  Anlage  erhalten 
auf  dem  alten  Saturn.  Damals  auf  diesem  alten  Saturn  bildete  sich 
eine  -  von  dem  heutigen  menschlichen  Leibe  freilich  ganz  ver- 
schiedene  -  erste  Anlage  des  physischen  Menschenleibes.  Alles,  was 
heute  vom  Menschen  vorhanden  ist  auBer  dem  physischen  Men- 
schenleibe,  war  auf  diesem  alten  Saturn  noch  nicht  vorhanden.  Erst 
als  der  Saturn  sich  in  die  Sonne  verwandelte,  also  wahrend  der  zweiten 
Verkorperung  unseres  Erdplaneten,  kam  zu  diesem  physischen  Leib 
der  Atherleib  hinzu,  durchtrankte,  impragnierte  ihn.  Und  was  war 
die  Folge?  Die  Folge  war,  daB  der  physische  Menschenleib  eine  Ver- 
wandlung  durchmachte:  er  wurde  anders  gestaltet,  er  erlangte  eine 
andere  Art  und  Weise  seines  Daseins.  So  steht  wahrend  der  Sonnen- 
verkorperung  unserer  Erde  der  physische  Leib  auf  der  zweiten  Stufe 
seines  Daseins.  Wodurch  hat  er  diese  zweite  Stufe  erlangt?  Dadurch, 
daB  er  -  wahrend  er  auf  dem  Saturn  noch  maschinenhaft,  automatisch 
war  -  auf  der  Sonne  ein  innerlich  lebendiger  Leib  wurde.  Der  Ather- 
leib, der  hineingeschlupft  war,  gestaltete  den  physischen  Leib  um. 
Auf  dem  Monde  schlupfte  in  diesen  Zusammenhang  von  physischem 
Leib  und  Atherleib  der  Astralleib  hinein.  Da  wurde  wiederum  der 
physische  Leib  umgestaltet,  ein  drittes  Mai  gestaltet,  der  Atherleib 
erst  ein  zweites  Mai.  Auf  der  Erde  endlich  kam  zum  physischen  Leib, 
Atherleib  und  astralischen  Leib  das  Ich  hinzu,  und  das  Ich,  das  jetzt 
hineinschlupfte  in  diesen  dreifachen  Zusammenhang,  gestaltete  diesen 
physischen  Leib  wiederum  um,  so  daB  er  endlich  dieser  komplizierte 
Zusammenhang  wurde,  der  er  heute  ist.  Es  ist  also,  was  Sie  heute  als 
den  menschlichen  physischen  Leib  vor  sich  haben,  ein  vielfach  um- 
gestaltetes  Wesen,  und  er  ist  so  kompliziert,  wie  er  heute  erscheint, 
nur  dadurch  geworden,  daB  er  vier  Entwickelungszustande  durch- 
gemacht  hat. 

Wenn  wir  von  unserem  heutigen  physischen  Leibe  sprechen  und 
sagen,  er  bestehe  aus  denselben  physischen  und  chemischen  Stoffen 


und  Kraften  wie  drauBen  im  Kosmos  die  Mineralien,  dann  miissen 
wir  uns  aber  auch  klarmachen,  daB  zwischen  diesem  physischen 
Menschenleibe  und  dem  Mineral  doch  noch  ein  gewaltiger  Unter- 
schied  ist.  Wir  betonen,  wenn  wir  in  ganz  elementarer  Art  sprechen, 
den  Unterschied  des  physischen  Menschenleibes  von  dem  physischen 
Leibe  eines  Minerals,  oder  sagen  wir  eines  Bergkristalls,  dadurch, 
daB  wir  sagen:  Der  Bergkristall  behalt,  wenn  er  nicht  von  auBen 
zerstort  wird,  seine  Form.  Der  physische  Leib  des  Menschen  kann 
durch  sich  selbst  nicht  seine  Form  behalten;  er  hat  sie  nur  dadurch 
und  nur  so  lange,  als  ein  atherischer  Leib,  ein  astralischer  Leib  und 
ein  Ich  in  ihm  sind.  In  dem  Augenblicke,  wo  sich  Atherleib,  astra- 
lischer Leib  und  Ich  von  ihm  trennen,  beginnt  der  physische  Leib 
etwas  ganz  anderes  zu  werden,  als  er  zwischen  Geburt  und  Tod  ist: 
Er  folgt  den  Gesetzen  der  physischen  und  chemischen  Stoffe  und 
Krafte  und  zerfallt,  wahrend  der  physische  Leib  des  Minerals  erhalten 
bleibt. 

Etwas  Ahnliches  ist  mit  dem  Atherleibe  der  Fall.  Nachdem  sich 
unmittelbar  nach  dem  Tode  Atherleib,  astralischer  Leib  und  Ich  von 
dem  physischen  Leibe  getrennt  haben,  geht  nach  einiger  Zeit  auch 
der  Atherleib  aus  der  Verbindung  mit  dem  astralischen  Leibe  und 
dem  Ich  heraus  und  lost  sich  auf  im  Weltenather,  wie  sich  der  phy- 
sische Leib  im  Erdreich  auflost.  Es  bleibt  dann  von  dem  Atherleibe 
nur  jener  Extrakt  zuriick,  von  dem  wir  ofter  gesprochen  haben;  der 
bleibt  mit  dem  Menschen  vereint.  So  konnen  wir  sagen,  daB  der 
physische  Leib  des  Menschen  in  einer  gewissen  Beziehung  allerdings 
von  demselben  Wert  ist  wie  das  um  uns  herumliegende  Mineralreich. 
Aber  wir  miissen  uns  doch  den  groBen  Unterschied  vor  die  Seele 
riicken,  der  zwischen  dem  Mineralreich  und  dem  physischen  Men- 
schenleibe besteht. 

Es  konnte  jemand  sagen:  Ja,  eben  ist  gesagt  worden,  auf  dem 
Saturn  war  unser  physischer  Leib  noch  nicht  durchsetzt  von  einem 
Atherleibe,  nicht  von  einem  astralischen  Leib  und  nicht  von  einem 
Ich,  denn  die  kamen  erst  auf  der  Sonne,  dem  Monde  und  der  Erde 
hinzu;  da  war  also  wirklich  der  physische  Leib  des  Menschen  - 
konnte  man  sagen  -  von  dem  Werte  eines  Minerals.  -  Nun  aber 


haben  wir  angefiihrt,  wie  drei  Verwandlungen  dieses  physischen 
Leibes  einander  folgten  auf  diesen  alten  Zustand,  in  dem  er  wahrend 
des  Saturndaseins  war.  Auch  das  heutige  Mineral,  das  Sie  als  ein 
totes  Mineral  vor  sich  haben,  kann  unmoglich  bestehen  so,  daB  es 
bloB  einen  physischen  Leib  in  sich  hat.  Machen  Sie  sich  klar,  daft  zwar 
fiir  diese  unsere  physische  Welt  das  richtig  ist,  was  gesagt  wird  und 
gesagt  werden  muB :  daft  das  Mineral  nur  einen  physischen  Leib  habe. 
Hier  in  der  physischen  Welt  hat  das  Mineral  bloB  einen  physischen 
Leib,  aber  absolut  richtig  ist  das  nicht.  Genau  ebenso  wie  der  phy- 
sische Leib,  wenn  er  vor  uns  steht,  in  sich  seinen  Atherleib,  seinen 
astralischen  Leib  und  sein  Ich  hat,  die  dazu  gehoren,  so  hat  auch  das 
Mineral  nicht  bloB  physischen  Leib,  sondern  auch  Atherleib,  astra- 
lischen Leib  und  Ich;  nur  befinden  sich  diese  hoheren  Glieder  seiner 
Wesenheit  in  hoheren  Welten.  Das  Mineral  hat  einen  Atherleib,  der 
ist  nur  in  der  sogenannten  astralischen  Welt;  das  Mineral  hat  einen 
astralischen  Leib,  der  ist  nur  in  der  sogenannten  devachanischen 
oder  himmlischen  Welt,  und  es  hat  ein  Ich,  nur  ist  das  in  einer  noch 
hoheren  oder  geistigen  Welt.  Also  unterscheidet  sich  der  physische 
Menschenleib  von  dem  physischen  Leibe  eines  Minerals  dadurch, 
daB  der  physische  Menschenleib  hier  in  dieser  physischen  Welt  im 
wachen  Zustand  seinen  Atherleib,  seinen  astralischen  Leib  und  sein 
Ich  in  sich  hat;  das  Mineral  aber  hat  hier  seinen  Atherleib,  seinen 
astralischen  Leib  und  sein  Ich  nicht  in  sich,  denn  wir  wissen  ja,  daft 
es  auBer  unserer  Welt  noch  andere  Welten  gibt.  Die  Welt,  die  wir  mit 
unseren  Sinnen  gewdhnlich  wahrnehmen,  sie  wird  durchdrungen  von 
der  astralischen  Welt  und  diese  wieder  von  der  Devachanwelt,  die  in 
eine  niedere  und  in  eine  hohere  devachanische  Welt  zerfallt. 

Der  Mensch  ist  nun  dem  Mineral  gegeniiber  dadurch  ein  bevor- 
zugtes  Wesen,  daB  er  beim  Tagwachen  seine  anderen  drei  Glieder  in 
sich  hat.  Das  Mineral  hat  in  sich  selbst  diese  Glieder  nicht;  sondern 
wir  miissen  uns  das  so  vorstellen,  daB  das  Mineral  gar  nicht  voll- 
standig  ist  auf  dem  physischen  Plan.  Denken  Sie  sich  einen  mensch- 
lichen  Fingernagel.  Sie  werden  mir  zugeben,  diesen  menschlichen 
Fingernagel  konnen  Sie  nirgends  in  der  Natur  drauBen  als  fiir  sich 
bestehende  Wesenheit  finden;  denn  er  setzt  voraus,  wenn  er  wachsen 


soli,  den  iibrigen  menschlichen  Organismus;  er  kann  nicht  ohne  die- 
sen  sein.  Denken  Sie  sich  nun  ein  kleines  Wesen,  das  nur  Augen  habe, 
um  Ihre  Fingernagel  zu  sehen,  aber  keine  Fahigkeit,  um  Ihren  iibrigen 
Organismus  zu  sehen.  Da  wiirde  ein  solches  kleines  Wesen  durch  den 
ganzen  iibrigen  Raum  hindurchschauen,  aber  nur  Ihre  Fingernagel 
sehen.  So  sind  die  Mineralien  hier  gleichsam  nur  die  Fingernagel,  und 
Sie  betrachten  die  Mineralien  nur  vollstandig,  wenn  Sie  in  hohere 
Welten  aufsteigen.  Da  haben  sie  ihren  Atherleib,  astralischen  Leib  und 
so  weiter  und  hier  nur  ihre  physischen  Glieder.  Das  alles  wollen  wir 
recht  fest  ins  Auge  fassen,  um  uns  klarzumachen,  daB  es  in  hoherer 
geistiger  Wirklichkeit  eben  gar  kein  Wesen  geben  kann,-  das  nicht  in 
irgendeiner  Art  Atherleib,  astralischen  Leib  und  Ich  hatte.  Ein  phy- 
sisches  Wesen  kann  gar  nicht  bestehen,  wenn  es  nicht  zu  einem  Ather- 
leib, astralischen  Leib  und  einem  Ich  hinzugehort. 

Nun  aber  herrscht  zwischen  allem,  was  heute  schon  gesagt  worden 
ist,  eigentlich  ein  gewisser  Widerspruch.  -  Es  ist  gesagt  worden,  der 
Mensch  sei  in  der  Nacht,  wenn  er  schlaft,  ein  ganz  anderes  Wesen  als 
bei  Tag,  wenn  er  wacht.  Bei  Tag  ist  uns  dieses  Menschenwesen  ganz 
erklarlich:  da  steht  es  als  eine  viergliedrige  Wesenheit  vor  uns.  Nun 
aber  treten  wir  an  den  schlafenden  Menschen  heran  und  betrachten 
ihn  seiner  physischen  Wesenheit  nach.  Da  haben  wir  physischen  Leib 
und  Atherleib  im  Bette  liegen,  und  Astralleib  und  Ich  sind  drauBen. 
Da  ergibt  sich  der  Widerspruch,  daB  wir  ein  Wesen  vor  uns  hatten, 
das  verlassen  ware  von  Astralleib  und  Ich.  Der  Stein  schlaft  nicht; 
sein  Atherleib,  Astralleib  und  Ich  durchdringen  ihn  nicht,  aber  sie 
bleiben  stets  in  derselben  Verbindung  mit  ihm.  Beim  Menschen  geht 
jede  Nacht  der  Astralleib  und  das  Ich  heraus.  Er  kiimmert  sich  in  der 
Nacht  nicht  um  seinen  physischen  Leib  und  Atherleib  und  iiberlaBt 
diese  jede  Nacht  sich  selber.  Diese  Tatsache  wird  nicht  immer  ganz 
genau  iiberdacht.  Jede  Nacht  geht  mit  dem  Menschen  diese  Ver- 
wandlung  vor  sich,  daB  er  als  eigentlicher  geistiger  Mensch  Abschied 
nimmt  von  seinem  physischen  Leibe  und  Atherleibe,  die  er  sich  selber 
iiberlaBt.  Nun  aber  konnen  diese  nicht  fur  sich  bestehen;  denn  kein 
physischer  Leib  und  auch  kein  Atherleib  kann  fur  sich  bestehen,  selbst 
der  Stein  muB  durchdrungen  sein  von  semen  hoheren  GUedern.  Und 


da  werden  Sie  leicht  begreifen,  daB  es  ganz  unmoglich  ist,  daB  Ihr 
physischer  Leib  und  Ihr  Atherleib  wahrend  der  Nacht  im  Bette  bleiben 
ohne  einen  Astralleib  und  ein  Ich.  Was  geschieht  denn  aber  wahrend 
der  Nacht?  Ihr  Astralleib  und  Ihr  Ich  sind  nicht  in  dem  physischen 
Leibe  und  dem  Atherleibe,  aber  dafiir  ist  ein  anderes  Ich  und  ein 
anderer  astralischer  Leib  in  ihnen !  Hier  ist  es,  wo  Sie  vom  Okkultis- 
mus  aus  auf  das  gottlich-geistige  Sein  hingewiesen  werden,  auf  hohere 
geistige  Wesenheiten.  Wahrend  in  der  Nacht  Ihr  Ich  und  Ihr  astra- 
lischer Leib  heraus  sind  aus  Ihrem  physischen  Leibe  und  Ihrem  Ather- 
leibe, sind  im  physischen  und  Atherleibe  der  Astralleib  und  das  Ich 
hoherer  gottlich-geistiger  Wesenheiten  tatsachlich  tatig.  Und  das 
kommt  von  folgendem : 

Wenn  Sie  den  ganzen  Hergang  der  Menschheitsentwickelung  be- 
trachten  vom  Saturnzustand  durch  den  Sonnen-  und  Mondzustand 
hindurch  bis  zur  Erde,  so  werden  Sie  sagen:  Auf  dem  Saturn  war  ja 
auch  bloB  der  physische  Menschenleib  vorhanden;  da  war  kein 
menschlicher  Atherleib,  kein  menschlicher  Astralleib  und  kein  mensch- 
liches  Ich  in  dem  physischen  Leibe.  Aber  bestehen  konnte  dieser 
physische  Leib  damals  fur  sich  allein  ebensowenig,  wie  heute  der 
Stein  allein  bestehen  kann.  Der  physische  Leib  konnte  damals  nur 
dadurch  bestehen,  daB  er  durchzogen  wurde  von  dem  Atherleibe, 
Astralleibe  und  Ich  gottlich-geistiger  Wesenheiten.  Gottlich-geistige 
Wesenheiten  wohnten  darinnen,  und  die  blieben  auch  wohnen.  Und 
als  auf  der  Sonne  ein  eigener  Atherleib  in  diesen  physischen  Leib 
hineinkam,  da  vermischte  sich  sozusagen  nur  der  menschliche  kleinere 
Atherleib  mit  dem  friiheren  Atherleib  gottlich-geistiger  Wesenheiten. 
Und  so  war  es  schon  auf  dem  Saturn;  auch  auf  dem  Saturn  war  der 
physische  Leib  durchdrungen  von  gottlich-geistigen  Wesenheiten. 
Und  jetzt  kommen  wir,  wenn  wir  das  richtig  verstanden  haben,  zu 
einem  tieferen  Verstandnis  des  heutigen  Menschen,  und  wir  sind  in 
der  Lage,  jetzt  das  zu  wiederholen  und  besser  zu  verstehen,  was  in  der 
christlichen  Esoterik  von  Anfang  an  gelehrt  worden  ist. 

Diese  christliche  Esoterik  wurde  ja  immer  gepflegt  neben  der 
auBeren  christlichen  exoterischen  Lehre.  Es  ist  von  mir  schon  ofter 
darauf  hingewiesen  worden,  daB  der  groBe  Apostel  des  Christentums, 


Pau/usy  seine  gewaltige,  flammende  Rednergabe  dazu  benutzt  hat,  den 
Volkern  das  Christentum  zu  lehren,  daB  er  aber  auch  gleichzeitig  eine 
esoterische  Schule  begriindet  hat,  deren  Vorsteher  Dionysius  Areopa- 
gita  war,  der  in  der  Apostelgeschichte  (17,  34)  erwahnt  wird.  In  dieser 
christlich-esoterischen  Schule  zu  Athen,  die  unmittelbar  von  Paulus 
selbst  begriindet  war,  wurde  die  reinste  Geisteswissenschaft  gelehrt. 
Und  was  da  gelehrt  wurde,  werden  wir  jetzt  einmal  vor  unsere  Seele 
hinfuhren  konnen,  nachdem  wir  die  Bausteine  dazu  uns  in  den  vorher- 
gehenden  Betrachtungen  zusammengetragen  haben. 

Auch  in  dieser  christlich-esoterischen  Schule  wurde  gesagt:  Be- 
trachtest  du  den  Menschen,  wie  er  als  wachender  Tagesmensch  vor 
dir  steht,  so  besteht  er  aus  physischem  Leib,  Atherleib,  astralischem 
Leib  und  dem  Ich,  wenn  auch  die  Worte  nicht  genau  dieselben  waren, 
wie  sie  heute  gebraucht  werden,  aber  darauf  kommt  es  nicht  an.  Dann 
wurde  aber  auch  darauf  hingewiesen,  wo  der  Mensch  in  seiner  Ent- 
wickelung  gegenwartig  steht.  Dieser  Mensch,  wie  er  aus  diesen  vier 
GUedern  besteht,  bleibt  gar  nicht  so,  wie  er  uns  erscheint.  Wenn  wir 
den  Menschen  rein  aus  den  vier  Gliedern  aufgebaut  betrachten  wollen, 
miissen  wir  nicht  den  gegenwartigen  Menschen  betrachten,  sondern 
da  miissen  wir  weit  zuriickgehen  in  der  Entwickelung  -  bis  in  die 
lemurische  Zeit.  In  der  lemurischen  Zeit  gesellte  sich  zu  dem  Men- 
schen, der  damals  aus  physischem  Leib,  Atherleib  und  astralischem 
Leib  bestand,  auch  noch  das  Ich  hinzu.  Da  konnte  man  im  reinen 
Sinne  sagen:  Der  Mensch  bestand  aus  physischem  Leib,  Atherleib, 
astralischem  Leib  und  Ich.  Nun  ist  seither  jeder  Mensch  durch  viele 
Verkorperungen  hindurchgegangen.  Was  ist  nun  der  Sinn  dieser  Ent- 
wickelung durch  die  Inkarnationen  hindurch?  Der  Sinn  dieser  Ent- 
wickelung durch  die  Inkarnationen  hindurch  ist  der,  daB  von  Ver- 
korperung  zu  Verkdrperung  das  Ich  arbeitet  an  sich,  daB  es  um- 
gestaltet  die  drei  Glieder  seiner  Wesenheit.  Es  beginnt  zunachst  mit 
der  Umgestaltung  seines  Astralleibes.  Bei  keinem  heutigen  Durch- 
schnittsmenschen  ist  dieser  astralische  Leib  so,  wie  er  war,  bevor  das 
Ich  in  der  ersten  Erdenverkorperung  an  ihm  gearbeitet  hat.  In  der 
ersten  Erdenverkorperung  wandelte  das  Ich  von  innen  heraus  gewisse 
Vorstellungen,  Empfindungen  und  Leidenschaften  um,  die  dem  Men- 


schen  urspriinglich  gegeben  waren;  und  von  Inkarnation  zu  Inkarna- 
tion  wird  durch  die  Arbeit  des  Ich  immer  mehr  umgewandelt.  So  daB 
wir  sagen  konnen :  Der  Mensch  hat  nicht  nur  heute  die  vier  GHeder : 
physischen  Leib,  Atherleib,  astralischen  Leib  und  Ich,  sondern  er  hat 
durch  die  Arbeit  des  Ich  innerhalb  des  astralischen  Leibes  einen  Teil, 
der  das  Geschopf  des  Ich  selber  ist.  Und  bei  jedem  Menschen  zerfallt 
heute  der  Astralleib  in  zwei  Teile:  einen  vom  Ich  umgewandelten 
Teil  und  einen  vom  Ich  nicht  umgewandelten  Teil.  Und  immer  weiter 
wird  das  gehen.  Es  wird  fur  jeden  Menschen  eine  Zeit  kommen,  wo 
sein  ganzer  astralischer  Leib  ein  Geschopf  seines  Ich  sein  wird.  Man 
hat  sich  gewohnt,  in  der  morgenlandischen  Weisheit  den  Teil  des 
astralischen  Leibes,  der  vom  Ich  schon  umgestaltet  ist,  Manas  zu 
nennen,  deutsch:  Geistselbst.  Dadurch  besteht  der  Mensch  immer 
noch  aus  seinen  vier  Gliedern;  aber  wir  konnen  da  jetzt  fiinf  Teile 
unterscheiden :  physischen  Leib,  Atherleib,  astralischen  Leib,  Ich  und 
als  fiinften  Teil  den  umgewandelten  Teil  des  astralischen  Leibes, 
Manas  oder  Geistselbst.  So  daB  wir  sagen  konnen:  Bei  jedem  Men- 
schen ist  der  astralische  Leib  so,  daB  er  Manas  oder  Geistselbst  ent- 
halt;  das  ist  ein  Werk  des  Ich,  ein  Produkt  der  Arbeit  des  Ich.  Weiter 
wird  der  Mensch  arbeiten  an  sich.  Die  Erde  wird  weitere  Verkorpe- 
rungen  durchmachen.  Der  Mensch  erlangt  nach  und  nach  die  Fahig- 
keit,  die  heute  schon  von  dem  Eingeweihten  erlangt  werden  kann: 
daB  er  auch  an  seinem  Atherleibe  arbeitet.  Ja,  der  Durchschnitts- 
mensch  arbeitet  heute  auch  schon  daran;  und  soviel  von  seinem  Ather- 
leibe umgestaltet  ist  zu  einem  Produkt  des  Ich,  nennen  wir  dies  die 
Buddhi  oder  den  Lebensgeist.  Und  zuletzt  kommt  der  Mensch  dazu, 
seinen  physischen  Leib  umzugestalten  vom  Ich  aus ;  und  soviel  er  am 
physischen  Leib  vom  Ich  aus  umgestaltet,  nennen  wir  dies  Atman  oder 
den  Geistesmenschen. 

Lassen  wir  den  Blick  schweifen  auf  eine  feme,  feme  Zukunft,  wenn 
die  Erde  andere  Planetenformen,  andere  Verkorperungen  durch- 
gemacht  haben  wird,  wenn  sie,  wie  wir  im  Okkultismus  sagen,  durch 
den  Jupiterzustand,  den  Venuszustand  und  den  Vulkanzustand  ge- 
gangen  sein  wird.  Dann  wird  der  Mensch  auf  einer  wesentlich  hoheren 
Stufe  stehen  und  wird  umgewandelt  haben  seinen  ganzen  astralischen 


Leib  in  Manas  oder  Geistselbst,  seinen  ganzen  Atherleib  in  die  Buddhi 
oder  den  Lebensgeist,  und  seinen  ganzen  physischen  Leib  in  Atman 
oder  den  Geistesmenschen. 

Vergleichen  wir  einmal  diesen  Menschen,  wie  er  am  Ende  unserer 
Erdenlaufbahn  vor  uns  stehen  wird,  rnit  dem  Menschen,  wie  er  am 
Anfange  der  Erdenlaufbahn  da  war.  Im  Anfang  war  von  diesem 
Menschen  nur  der  physische  Leib  vorhanden.  Durchdrungen  war 
dieser  physische  Leib  von  dem  Atherleib,  Astralleib  und  Ich,  aber  die 
gehorten  gbttlichen,  hoheren  Wesenheiten  an;  die  wohnten  nur  dar- 
innen.  Am  Ende  der  Erdenlaufbahn  ist  der  Mensch  durchdrungen 
von  seinem  Ich;  und  dieses  sein  Ich  wohnt  selber  in  dem  Astralleib, 
wenn  es  als  Manas  oder  Geistselbst  den  astralischen  Leib  durchzogen 
hat.  Dieses  Ich  hat  dann  den  Atherleib  durchzogen,  er  ist  ganz  und 
gar  durchsetzt  von  der  Buddhi  oder  dem  Lebensgeiste;  und  der 
physische  Leib  ist  ganz  und  gar  durchzogen  von  Atman  oder  dem 
Geistesmenschen,  den  Produkten  des  Ich.  Ein  ganz  gewaltiger  Unter- 
schied  zwischen  dem  Menschen  am  Anfange  seiner  Entwickelung 
und  dem  Menschen  am  Ende  seiner  Entwickelung!  Gerade  aber, 
wenn  wir  uns  diesen  Unterschied  recht  vor  die  Seele  fiihren,  wird  das, 
was  von  mir  absichtHch  als  ein  Widerspruch  hingestellt  worden  ist, 
der  Schlafzustand,  erklarlich  werden.  Gerade  aus  der  Form,  wie  die 
christliche  Esoterik  dies  erklart  hat,  wird  uns  alles  verstandlich  wer- 
den. Wir  miissen  uns  klar  werden:  Was  ist  denn  das,  wenn  die  Erde 
am  Ziel  ihrer  Entwickelung  angelangt  sein  wird,  was  uns  dann  als 
physischer  Leib  entgegentritt?  Der  physische  Leib  von  heute?  Der 
ist  es  ganz  und  gar  nicht!  -  sondern  das,  was  das  Ich  aus  diesem 
physischen  Leibe  gemacht  haben  wird.  Ganz  durchgeistigt  wird  dieser 
physische  Leib  sein,  ebenso  der  Atherleib  und  ebenso  der  astralische 
Leib.  Durchgeistigt  war  er  aber  auch  schon,  und  auch  der  Atherleib 
und  der  astralische  Leib,  bevor  der  Mensch  von  seinem  Ich  aus  sie 
durchgeistigte.  Selbst  der  Stein  ist  heute,  wie  wir  gesagt  haben,  durch- 
geistigt vom  Atherleibe,  Astralleibe  und  Ich,  die  in  hoheren  geistigen 
Welten  lebend  zum  Stein  gehoren.  So  werden  wir  verstehen,  daB  die 
christliche  Esoterik  recht  hat,  wenn  sie  sagt:  Ja,  das,  was  wir  heute  vor 
uns  haben  als  physischen  Menschenleib,  das  kann  der  Mensch  noch 


nicht  beherrschen;  denn  der  Mensch  ist  noch  nicht  am  Ende  seiner 
Entwickelung  angelangt,  wo  er  von  seinem  Ich  aus  bis  in  den  physi- 
schen  Leib  hinein  arbeiten  wird.  Auch  was  er  im  Atherleib  hat,  kann 
er  noch  nicht  beherrschen;  das  wird  er  erst  beherrschen  konnen,  wenn 
die  Erde  im  Venuszustande  sein  wird.  Der  Mensch  kann  also  von 
seinem  Ich  aus  noch  nicht  physischen  Leib  und  Atherleib  beherrschen. 
Dann  erst  kann  er  sie  beherrschen,  wenn  er  Buddhi  und  Atma  aus- 
gebildet  haben  wird.  Aber  es  muB  ein  solcher  physischer  und  Ather- 
leib auf  geistige  Art  beherrscht  werden.  Es  muB  dasjenige,  was  der 
Mensch  selbst  dem  physischen  Leibe  und  dem  Atherleibe  einst  geben 
kann,  auch  jetzt  schon  in  ihnen  sein.  Auch  heute  miissen  die  geistigen 
Teile  schon  im  Atherleibe  und  im  physischen  Leibe  sein,  die  einst  das 
Ich  ihnen  geben  kann.  Diese  waren  im  Anfange  schon  darinnen  im 
physischen  Leibe,  als  der  Mensch  auf  dem  Saturn  war;  sie  waren  in 
ihm,  als  er  auf  der  Sonne  war,  und  sie  sind  in  ihm  geblieben.  So  sagt 
die  christliche  Esoterik  mit  Recht:  Im  physischen  Menschenleibe  ist 
heute  schon  das,  was  einst  in  ihm  sein  wird,  wenn  der  Mensch  am 
Gipfel  seiner  Entwickelung  sein  wird,  aber  es  ist  gottlicher  Atman, 
es  ist  gottlich-geistige  Wesenheit;  und  es  ist  im  Atherleib  schon  die 
Buddhi  drinnen,  aber  sie  ist  gottlicher  Lebensgeist.  Und  der  Astral- 
leib  des  Menschen,  haben  wir  gesagt,  bestehe  aus  zwei  Teilen,  aus 
dem  Teile,  den  der  Mensch  schon  beherrscht,  und  dem,  den  er  noch 
•nicht  beherrscht.  Was  ist  denn  nun  in  dem  drinnen,  was  er  noch  nicht 
beherrscht?  Auch  ein  Geistselbst,  aber  gottliches  Geistselbst !  Nur  in 
dem  Teile  des  astralischen  Leibes,  in  dem  das  Ich  schon  tatig  war  seit 
der  ersten  Inkarnation,  ist  das  eigentliche  Geistleben  des  Menschen. 
So  haben  wir  den  Menschen  vor  uns. 

Sehen  wir  ihn  jetzt  an  im  Wachzustande.  Was  werden  wir  sagen? 
Der  physische  Leib,  wie  er  uns  erscheint,  ist  nur  die  AuBenseite. 
Innen  ist  er  das,  was  man  atmische  Wesenheit  nennt.  Innen  ist  er 
von  gottlich-geistiger,  von  hoherer  Wesenheit,  er  wird  durchsetzt 
von  gottlich-geistiger,  hoherer  Wesenheit.  Ebenso  ist  es  beim  Ather- 
leib. AuBen  ist  er  das,  was  den  physischen  Leib  zusammenhalt, 
innen  ist  er  gottlicher  Lebensgeist.  Und  selbst  der  Astralleib  ist  durch- 
zogen  von  gottlichem  Geistselbst.  Nur  der  umgewandelte  Teil  des 


Astralleibes  ist  etwas,  was  das  Ich  aus  diesem  ganzen  Zusammen- 
hange  sich  schon  erobert  hat. 

Betrachten  wir  jetzt  einmal  den  schlafenden  Menschen.  Da  ver- 
schwindet  dieser  Widerspruch  auf  der  Stelle.  Wir  treten  an  den 
schlafenden  Menschen  heran,  sehen  hier,  daB  der  Mensch  als  Astral- 
leib  und  Ich  drauBen  ist.  Der  Mensch  verlaBt  jede  Nacht  ruhig  seinen 
physischen  Leib  und  seinen  Atherleib.  Wiirde  er  den  physischen  Leib 
verlassen,  ohne  daB  ein  Gottlich-Geistiges  dafiir  sorgen  wiirde,  dann 
wiirde  er  am  Morgen  seinen  physischen  Leib  zerstort  wiederfinden. 
Das  gottlich-geistige  Physische  und  ein  gottlich-geistiges  Atherisches 
ist  darinnen,  und  das  bleibt  darin,  wenn  der  physische  Leib  und  Ather- 
leib im  Bette  liegen  und  Astralleib  und  Ich  heraus  sind.  Physischer 
Leib  und  Atherleib  sind  durchzogen  von  gottKch-atrnischem  und 
gottlich-buddhischem  Wesen. 

Sehen  wir  jetzt  einmal  zuriick  an  den  Anfang  unserer  Erdenent- 
wickelung,  als  noch  gar  nichts  vom  Ich  im  Menschen  erobert  war. 
Als  der  Mensch  vor  seiner  ersten  Inkarnation  war,  da  war  das  Ich 
noch  nicht  verbunden  mit  den  drei  Gliedern,  physischem  Leib,  Ather- 
leib und  astralischem  Leib.  Vom  Monde  kamen  heruber  physischer 
Leib,  Atherleib  und  astralischer  Leib,  und  erst  auf  der  Erde  kam  das 
Ich  hinein.  Dagegen  aber  war  in  ihnen  das  gottliche  Ich;  sie  hatten 
nicht  bestehen  konnen,  wenn  nicht  dieses  gottliche  Ich  sie  ganz  durch- 
setzt  hatte.  Der  Astralleib  war  von  einem  gottlichen  Geistselbst  durch- 
zogen,  der  Atherleib  von  einem  gottlichen  Lebensgeist,  und  der 
physische  Leib  war  von  einem  GottHch-Atmischen  oder  Geistesmen- 
schen  durchzogen.  -  Und  jetzt  blicken  wir  noch  weiter  zuriick  auf 
Mond-,  Sonnen-  und  Saturnentwickelung.  Auf  dem  Saturn  war 
der  gottliche  Lebensgeist,  der  noch  in  der  Nacht  den  im  Bette  lie- 
genden  Menschen  bewohnt,  so,  daB  er  den  Menschenleib,  und 
zwar  den  physischen  Leib,  geformt  hat  als  etwas  Mineralisches ;  in 
dem  Sonnenzustand  formte  er  ihn  als  etwas  Pflanzliches ;  auf  dem 
Monde  konnte  er  ihn  formen  als  etwas,  was  Lust  und  Schmerz  emp- 
finden,  aber  noch  nicht  «Ich»  zu  sich  sagen  konnte.  Diese  untersten 
Stufen  hat  er  durchgemacht.  Und  jetzt  treten  wir  hinuber  in  die 
eigentliche  Erdenverkorperung. 


Da  sollte  der  physische  Menschenleib  durch  eine  weitergehende 
Verwandlung,  die  er  durchzumachen  hatte,  noch  vollkommener  wet- 
den,  als  er  vorher  war.  Was  hat  er  vorher  nicht  gekonnt?  Was  war 
ihm  ganz  fremd?  Was  hatte  der  gottliche  Geist  bei  sich  behalten?  Was 
hatte  er  noch  gar  nicht  dem  menschlichen  Leibe  anvertraut?  Das  war 
die  Fahigkeit,  aus  dem  Innern  heraus  seine  Seelenhaftigkeit  ertonen 
zu  lassen !  Stumm  war  dieser  auf  der  Tierstufe  stehende  Menschenleib 
auf  dem  Monde.  Die  Fahigkeit,  das  Innere  nach  auBen  ertonen  zu 
lassen,  war  noch  bei  Gott.  Die  war  noch  nicht  seinem  eigenen  Wesen 
anvertraut.  Wenn  es  auch  Tierwesen  gibt,  welche  heute  schon  tonen 
konnen,  so  ist  das  doch  etwas  anderes ;  sie  stehen  noch  in  ganz  anderen 
Zustanden,  zwar  tonen  sie,  aber  es  tont  die  Gottheit  in  ihnen.  Das 
Aussprechen  des  inneren  Seelenhaften  in  Worten  wurde  dem  Men- 
schen  erst  auf  der  Erde  zuteil.  Vorher  waren  die  Menschen  stumm. 
Diese  Fahigkeit  des  Wortes  kam  an  das  Menschenwesen  also  mit  dem 
Erdendasein  heran. 

Betrachten  wir  jetzt  einmal  das  Ganze,  was  wir  uns  heute  vor  die 
Seele  gestellt  haben,  dann  werden  wir  sagen:  Die  ganze  Entwickelung 
ist  so  gelenkt  worden,  daB  die  Fahigkeit  zu  sprechen,  das  Wort, 
urspriinglich  bei  Gott  war  und  daB  Gott  zuerst  die  Vorbedingungen 
geschaffen  hat,  daB  der  physische  Apparat  die  Fahigkeit  bekam,  von 
innen  heraus  dieses  Wort  tonen  zu  lassen.  Alles  wurde  so  gelenkt  und 
geleitet.  Wie  die  Blume  in  ihrem  Samen,  so  war  der  tonende,  der 
sprechende  Mensch,  der  wort-  und  logosbegabte  Mensch  schon  im 
Samen  auf  dem  Saturn  da.  Doch  war  das  Tonen  im  Samen  verborgen ; 
es  entwickelte  sich  erst  aus  dem  Samen,  so  wie  die  ganze  Pflanze  im 
Samen  verborgen  ist  und  sich  aus  ihr  entwickelt. 

Nun  sehen  wir  einmal  zuriick  auf  den  physischen  Menschenleib, 
wie  er  schon  auf  dem  Saturn  war,  und  fragen  uns:  Woher  kommt 
dieser  physische  Menschenleib?  Was  ist  sein  letzter  Urgrund?  Ohne 
was  konnte  er  niemals  die  ganze  Entwickelung  durchgemacht  haben? 
Er  kommt  von  dem  Logos  oder  von  dem  Wort.  Denn  damals  auf 
dem  Saturn  schon  wurde  er  so  gelenkt,  dieser  physische  Menschen- 
leib, daB  er  spater  ein  sprechender  wurde,  ein  Zeuge  fur  den  Logos. 
DaB  Sie  heute  so  geformt  sind,  daB  dieser  Menschenleib  die  heutige 


Form  hat,  riihrt  davon  her,  daB  dem  ganzen  Plan  unserer  Schopfung 
das  «Wort »  zugrunde  lag.  Auf  das  Wort  hin  ist  der  ganze  Menschen- 
leib  hingeordnet,  und  von  Anfang  an  ist  er  so  veranlagt,  daB  zuletzt 
das  Wort  aus  ihm  herausspringen  konnte.  Wenn  deshalb  der  eso- 
terische  Christ  auf  diesen  physischen  Menschenleib  blickt  und  fragt: 
Was  ist  sein  ursprungliches  Urbild,  und  was  ist  sein  Abbild?  dann 
sagt  er  sich:  Dieser  physische  Menschenleib  hat  sein  Urbild  in  dem 
Worte  oder  dem  Logos ;  der  Logos  oder  das  Wort  wirkte  von  Anfang 
an  im  physischen  Menschenleibe.  Und  der  Logos  wirkt  noch.heute: 
Wenn  der  physische  Menschenleib  im  Bette  liegt  und  verlassen  ist 
vom  Ich,  dann  wirkt  der  gottliche  Logos  in  den  vom  Menschen 
verlassenen  Wesensgliedern.  Fragen  wir  nach  dem  ersten  Ursprung 
des  physischen  Leibes,  so  sagen  wir:  Das  erste  ist  der  Logos  oder 
das  Wort. 

Und  jetzt  gehen  wir  weiter  in  der  Entwickelung.  Der  Saturn  ging 
in  den  Sonnenzustand  uber;  dem  menschlichen  physischen  Leibe 
wurde  der  Lebensleib  eingegliedert.  Aber  was  muBte  eintreten,  damit 
der  Fortgang  so  geschehen  konnte,  wie  er  eben  geschehen  ist? 

Wahrend  auf  dem  Saturn  der  physische  Leib  eine  Art  Maschine, 
eine  Art  Automat  war,  aber  ganz  und  gar  durchdrungen  und  gehalten 
von  dem  Logos,  gliederte  sich  auf  der  Sonne  der  Lebensleib  ein,  und 
darin  wirkte  der  gottliche  Lebensgeist.  Auf  dem  Saturn,  werden  wir 
sagen,  ist  der  Menschenleib  ein  Ausdruck  des  Logos.  Der  Saturn 
vergeht;  dieser  Menschenleib  verkorpert  sich  neu  in  der  Sonne;  da 
gliedert  sich  dem  physischen  Leibe  ein  der  Lebensleib,  durchdrungen 
von  dem  Lebensgeist.  Der  Logos  ward  Leben  in  der  Sonne,  indem  er 
den  Menschen  auf  eine  hohere  Stufe  brachte.  Der  Logos  ward  Leben 
auf  der  Sonne!  Und  jetzt  gehen  wir  weiter.  -  Auf  dem  Monde  glie- 
derte sich  dem  Menschen  ein  der  astralische  Leib.  Was  ist  der  astra- 
lische  Leib?  Er  erscheint  ja  dem  hellseherischen  BewuBtsein  auch 
heute  als  eine  Aura,  die  den  Menschen  umgibt.  Er  ist  ein  Lichtleib,  der 
nur  in  dem  gegenwartigen  BewuBtsein  nicht  gesehen  werden  kann. 
Aber  er  ist,  wenn  er  im  hellseherischen  BewuBtsein  gesehen  wird, 
Licht,  geistiges  Licht;  und  unser  physisches  Licht  ist  nur  umgestal- 
tetes  geistiges  Licht.  Auch  das  physische  Sonnenlicht  ist  die  Ver- 


korperung  des  geistig-gottlichen  aurischen  Weltenlichtes.  Das  liegt 
ihm  zugrunde.  Es  gibt  in  der  heutigen  Welt  ein  Licht,  das  dem  Men- 
schen  von  der  Sonne  zustromt.  Aber  auch  ein  anderes  Licht  gibt  es, 
das  von  seinem  inneren  Lichte  ausstromt.  Auf  dem  Monde  leuchtete 
der  astralische  Leib  des  Menschen  noch  fur  die  um  inn  befindlichen 
Wesen.  So  kam  auf  dem  Monde  der  astralische  Lichtleib  des  Menschen 
hinzu  zum  physischen  Leibe  und  Atherleibe. 

Und  jetzt  betrachten  wir  den  ganzen  Fortgang  der  Entwickelung. 
Auf  dem  Saturn  haben  wir  den  physischen  Leib  als  den  Ausdruck  des 
Logos.  Auf  der  Sonne  kommt  hinzu  der  Atherleib  als  der  Ausdruck 
des  Lebensgeistes :  Der  Logos  ward  Leben.  Auf  dem  Monde  kommt 
hinzu  der  Lichtleib:  Das  Leben  ward  Licht!  Und  so  haben  wir  den 
Hergang  der  Entwickelung  des  Menschenleibes.  -  Als  der  Mensch 
die  Erde  betrat,  war  er  ein  Geschopf  der  gottlich-geistigen  Wesen- 
heiten.  Damals  war  er  dadurch  vorhanden,  daB  in  seinem  physischen 
Leibe,  in  seinem  Atherleibe,  in  seinem  astralischen  Leibe  lebte  der 
Logos,  der  Leben  war  und  der  Licht  ward.  Und  jetzt,  was  geschah 
auf  der  Erde?  Fur  den  Menschen  und  im  Menschen  trat  das  Ich 
hinzu.  Dadurch  aber,  daB  das  Ich  hinzutrat,  wurde  der  Mensch  fahig, 
nicht  nur  zu  leben  im  Lichte,  im  Leben,  sondern  er  wurde  fahig,  von 
auBen  das  alles  zu  betrachten,  sich  gegeniiberzustellen  dem  Logos, 
dem  Leben,  dem  Lichte.  Dadurch  wurde  das  alles  fur  ihn  materiell,  er- 
langte  materielles  Dasein.  -  Und  wenn  wir  den  Gedanken  so  weit  ge- 
bracht  haben,  dann  haben  wir  ungefahr  genau  den  Punkt  fixiert,  bei 
dem  wir  das  nachste  Mai  beginnen  wollen  und  zeigen,  wie  aus  dem  aus 
der  Gottlichkeit  herausgeborenen  Menschen  der  heutige  Ich-begabte 
Mensch  eigentlich  geworden  ist.  Denn  wir  sehen,  daB  vor  dem  heutigen 
Ich-begabten  Menschen  der  gottliche  Vormensch  vorhanden  war. 
Was  der  Mensch  sich  durch  sein  Ich  erobert  hat,  entreiBt  er  jede  Nacht 
dem  physischen  Leibe  und  dem  Atherleibe;  was  immer  in  ihm  war, 
bleibt  darinnen  und  versorgt  den  physischen  Leib  und  den  Atherleib, 
wenn  der  Mensch  sie  treulos  verlaBt  und  sich  nicht  um  sie  kiimmert. 
Da  steckt  sie  drinnen,  jene  urspningliche  geistig-gottliche  Wesenheit. 

Alles,  was  wir  jetzt  versucht  haben  mit  den  Ausdriicken  der  christ- 
lichen  Esoterik  als  tiefes  Geheimnis  des  Daseins  hinzustellen,  und 


was  gelaufig  war  denen,  die  «Diener  des  Logos  »  waren  in  den  ersten 
Zeiten,  das  wird  in  groBen,  lapidaren  Satzen  in  dem  Johannes-Evange- 
lium  unzweideutig  gesagt.  Man  muB  diese  ersten  Worte  nur  in  der 
richtigen,  sinngemaBen  Weise  iibersetzen.  Wirklich  richtig  iibersetzt, 
geben  diese  Worte  den  Tatbestand,  den  wir  jetzt  eben  hingestellt 
haben.  Stellen  wir  diesen  Tatbestand,  damit  wir  den  Wert  ganz  genau 
verstehen,  noch  einmal  vor  unsere  Seele  hin. 

Im  Anfange  war  der  Logos  als  das  Urbild  des  physischen  Men- 
schenleibes,  und  er  lag  zu  Grunde  alien  Dingen.  Alle  Tiere,  Pflanzen, 
Mineralien  sind  spater  entstanden.  Auf  dem  Saturn  war  von  all  dem 
wirklich  der  Mensch  nur  vorhanden;  auf  der  Sonne  kam  das  Tier- 
reich  hinzu,  auf  dem  Monde  das  Pflanzenreich  und  auf  der  Erde  das 
Mineralreich.  Auf  der  Sonne  ward  der  Logos  Leben,  und  auf  dem 
Monde  ward  er  Licht;  und  das  trat,  als  der  Mensch  Ich-begabt  war, 
hin  vor  den  Menschen.  Aber  der  Mensch  muBte  lernen  zu  erkennen, 
was  der  Logos  war  und  als  was  er  zuletzt  zum  Vorschein  kommt.  Zu- 
erst  war  der  Logos,  dann  ward  er  Leben,  dann  Licht,  und  dieses  Licht 
lebt  im  Astralleibe.  In  das  menschliche  Innere,  in  die  Finsternis,  in  die 
Nichterkenntnis  schien  das  Licht  hinein.  Und  das  Erdendasein  hat  den 
Sinn,  daB  der  Mensch  im  Innern  die  Finsternis  iiberwindet,  damit  er 
das  Licht  des  Logos  erkennen  kann. 

Laptdare,  vielleicht  -  wie  mancher  sagen  wird  -  schwer  verstand- 
liche  Worte  sind  daher  die  ersten  Worte  des  Johannes-Evangeliums. 
Aber  sollte  denn  das,  was  das  Tiefste  in  der  Welt  ist,  durch  triviale 
Worte  gesagt  werden?  Ist  es  nicht  eine  sonderbare  Auifassung,  gera- 
dezu  ein  Hohn  auf  die  Heiligkeit,  wenn  gesagt  wird,  zum  Begreifen 
einer  Taschenuhr  ist  es  notig,  daB  man  mit  seinem  Verstand  tief  ein- 
dringt  in  das  Wesen  der  Sache,  aber  zum  Begreifen  des  Gottlichen  in 
der  Welt  miisse  der  einfache,  schlichte,  naivste  Menschenverstand  aus- 
reichen!?  Es  ist  schlimm,  daB  fur  die  gegenwartige  Menschheit  sich 
das  ereignet  hat,  daB,  wenn  auf  die  Tiefen  der  religiosen  Urkunden 
hingewiesen  wird,  gesagt  wird:  Ach,  wozu  alle  diese  komplizierten 
Auseinandersetzungen,  das  muB  alles  schlicht  und  einfach  sein !  -  Aber 
kein  anderer  als  derjenige,  der  die  gute  Absicht  hat  und  den-guten 
Willen,  sich  zu  vertiefen  in  die  groBen  Weltentatsachen,  dringt  ein  in 


den  tiefen  Sinn  solcher  Worte,  wie  sie  im  Beginne  des  tiefsten  der 
Evangelien,  in  dem  Johannes-Evangelium,  stehen.  Diese  sind  eine 
Umschreibung  dessen,  was  wir  eben  ausgefiihrt  haben. 
Und  jetzt  iibersetzen  wir  uns  die  Anfangsworte : 

«Im  Uf  beginne  war  das  Wort,  und  das  Wort  war  bei  Gott,  und  ein 
Gott  (oder  gottlich)  war  das  Wort. 
Dieses  war  im  Urbeginne  bei  Gott. 

Alles  ist  durch  dasselbe  geworden,  und  auBer  durch  dieses  Wort  ist 
nichts  von  dem  Entstandenen  geworden. 

In  ihm  war  das  Leben,  und  das  Leben  ward  das  Licht  der  Menschen. 
Und  das  Licht  schien  in  die  Finsternis,  aber  die  Finsternis  hat  es 
nicht  begriffen.» 

Wie  die  Finsternis  nach  und  nach  zum  Begreifen  kommt,  das  erzahlt 
im  weiteren  das  Johannes-Evangelium. 


DRITTER  VORTRAG 


Hamburg,  20.  Mai  1908 

Gestern  haben  wir  gesehen,  welch  tiefer  Inhalt  in  den  ersten  Wotten 
des  Johannes-Evangeliums  verborgen  ist,  und  wir  konnen  unsere  Be- 
trachtungen  dahin  zusammenfassen,  daB  wir  sagen:  Wir  haben  ge- 
sehen, daB  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  hindeutet  auf  das 
Werden  des  Vormenschen  in  urferner  Vergangenheit,  hindeutet  dar- 
auf,  wie  im  Sinne  der  christlichen  Esoterik  alles  zuruckgefuhrt  wird 
auf  das  Wort  oder  den  Logos,  der  schopferisch  war  schpn  wahrend 
der  alten  Saturnzeit,  der  dann  geworden  ist  zum  Leben,  und  dann  zum 
Licht,  -  zum  Leben,  wahrend  unsere  Erde  ihren  Sonnenzustand 
durchgemacht  hat,  -  zum  Licht,  wahrend  sie  den  alten  Mondzustand 
durchgemacht  hat.  Das,  was  also  unter  dem  EinfluB  gottlich-geistiger 
Krafte  und  Wesenheiten  der  Mensch  geworden  ist  im  Laufe  der  drei 
planetarischen  Zustande,  wurde,  als  die  Erde  eben  unser  heutiger 
Planet  geworden  war,  durchdrungen  von  dem  menschlichen  Ich.  So 
daB  man  sagen  kann :  Wie  eine  Art  Same  kam  von  dem  alten  Monde 
heruber  auf  die  Erde  eine  Wesenheit,  bestehend 

aus  physischem  Leib,  hervorgegangen  aus  dem  gottlichen  Urworte, 
aus  Ather-  oder  Lebensleib,  hervorgegangen  aus  dem  gottlichen 
Leben, 

aus  astralischem  Leib,  hervorgegangen  aus  dem  gottlichen  Lichte. 
Im  Innern  dieser  Wesenheit  wurde  wahrend  des  Erdendaseins  das 
Licht  des  Ich  selbst  entzundet.  Diese  dreifache  Leiblichkeit:  physi- 
scher  Leib,  Atherleib  und  Astralleib,  wurde  fahig,  in  sich  das  «Ich- 
bin»  zu  sprechen,  so  daB  wir  in  einer  gewissen  Weise  die  Entwicke- 
lung  der  Erde  nennen  konnen  die  Entwickelung  des  «Ich-bin»,  des 
SelbstbewuBtseins  des  Menschen.  Und  dieses  «Ich-bin»,  diese  Fahig- 
keit  des  vollen  SelbstbewuBtseins  kam  im  Laufe  der  Entwickelung 
der  Erdenmenschheit  langsam  und  allmahlich  erst  heraus.  Wir  miissen 
uns  klar  machen,  wie  die  Entwickelung  der  Erdenmenschheit  war, 
insofern  in  ihr  langsam  und  allmahlich  das  Ich,  das  voile  Selbst- 
bewuBtsein  ins  Dasein  trat. 


Es  gab  eine  Zeit  in  unserer  Erdenentwickelung,  wir  nennen  sie  die 
alte  lemurische  Zeit;  es  ist  die  alteste  Zeit,  in  welcher  innerhalb  des 
Erdendaseins  der  Mensch  in  der  Form  auftrat,  in  welcher  er  heute 
iiberhaupt  vorhanden  ist.  Zum  erstenmal  trat  das  in  der  alten  lemu- 
rischen  Zeit  ein,  was  wir  nennen  die  Verkorperung  des  Ich,  der 
eigentlichen  innersten  Wesenheit  des  Menschen,  in  den  drei  Leibern, 
im  astralischen  Leib,  Atherleib  und  physischen  Leib.  Dann  kam  die 
atlantische  Zeit,  wo  der  Mensch  gewohnt  hat  zum  groBten  Teil  auf 
dem  alten  atlantischen  Kontinente,  einem  Landergebiete,  das  heute 
den  Boden  des  atlantischen  Ozeans  bildet,  das  untergegangen  ist  durch 
die  groBe  atlantische  Flut,  deren  Andenken  sich  in  den  Sintflut-Sagen 
fast  aller  Volker  erhalten  hat.  Der  Mensch  verkorperte  sich  dann, 
seiner  innersten  Wesenheit  nach,  in  aufeinanderfolgenden  Verkorpe- 
rungen  bis  in  unsere  Tage  hinein  wahrend  der  nachatlantischen  Zeit. 
Wirklich  waren  unsere  Seelen  in  einer  dreigliedrigen  Wesenheit,  be- 
stehend  aus  physischem  Leibe,  Atherleibe  und  astralischem  Leibe,  wie 
wir  sie  kennengelernt  haben,  zum  erstenmal  in  der  lemurischen  Zeit 
verkorpert.  Was  vorhergegangen  ist,  soli  einer  spateren  Betrachtung 
iiberlassen  bleiben.  -  Weit  zuriickgehen  miissen  wir  also,  wenn  wir 
den  Gang  der  Entwickelung  in  Betracht  Ziehen,  und  es  entwickelt 
sich  der  Mensch  nur  langsam  und  allmahlich  zu  seinem  heutigen  Da- 
sein.  Was  nennen  wir  im  Okkultismus  in  geisteswissenschaftlichem 
Sinne  «unser  heutiges  Dasein»? 

Unser  heutiges  Dasein  nennen  wir  einen  BewuBtseinszustand,  wie 
ihn  der  Mensch  heute  hat  vom  Morgen,  wo  er  aufwacht,  bis  zum 
Abend,  wo  er  einschlaft.  Da  sieht  der  Mensch  durch  seine  auBeren 
physischen  Sinne  die  Dinge  um  sich  herum.  Vom  Abend,  wo  er  ein- 
schlaft, bis  zum  Morgen,  wo  er  aufwacht,  sieht  er  die  Dinge  um  sich 
herum  nicht.  Warum  ist  das  so?  Wir  wissen,  das  ist  aus  dem  Grunde 
so,  weil  fur  die  heutigen  Entwickelungsverhaltnisse  wahrend  der 
Tageszeit  der  eigentliche  innere  Mensch,  also  Ich  und  astralischer 
Leib,  im  physischen  Leibe  und  Atherleibe  auf  dem  physischen  Plane, 
das  heiBt  in  der  physischen  Welt  sind.  Da  kann  sich  der  astralische 
Leib  und  das  Ich  der  physischen  Sinnesorgane  bedienen,  in  die  Welt 
hinaushoren  und  hinaussehen  und  die  physischen  Dinge  wahrnehmen. 


Vom  Abend,  wo  der  Mensch  einschlaft,  bis  zum  Morgen,  wo  er  auf- 
wacht,  sind  Ich  und  astralischer  Leib  auBerhalb  der  physischen  Welt, 
auf  dem  Astralplan.  Da  sind  sie  abgesondert  von  physischen  Augen 
und  physischen  Ohren,  da  konnen  sie  nicht  wahrnehmen,  was  um 
sie  herum  ist.  Dieser  Zustand,  ein  solcher  Wechsel  im  Menschen 
zwischen  Tagwachen  und  Nachtschlafen,  hat  sich  erst  langsam  und 
allmahlich  entwickelt.  Das  war  noch  nicht  so,  als  der  Mensch  in  der 
alten  lemurischen  Zeit  zum  ersten  Male  eine  physische  Verkorperung 
durchgemacht  hat.  Da  war  der  Mensch  nur  eine  sehr  kurze  Zeit  des 
Tages  -  keineswegs  so  lange  wie  heute  -  seinem  Ich  und  Astralleibe 
nach  in  seinem  physischen  Leibe  drinnen.  Dadurch  aber,  daB  der 
Mensch  langere  Zeit  auBerhalb  seines  physischen  Leibes  war,  nur 
kurzere  Zeit  wachend  hineinstieg  in  den  physischen  Leib,  war  das 
Leben  wahrend  der  lemurischen  Zeit  iiberhaupt  noch  ein  ganz  anderes. 
DaB  der  Mensch  wahrend  der  Nacht  ganz  bewuBtlos  ist,  wenn  er 
nicht  gerade  traumt,  trat  sehr  langsam  und  allmahlich  ein.  Ganz  anders 
war  das  BewuBtsein  bei  Tag  und  Nacht  wahrend  der  lemurischen  Zeit 
noch  verteilt.  Da  hatten  die  Menschen  alle  noch  ein  dumpfes  hell- 
seherisches  BewuBtsein.  Wenn  sie  in  der  Nacht  auBerhalb  des  physi- 
schen Leibes  waren  in  der  geistigen  Welt,  da  nahmen  sie  um  sich 
herum  -  wenn  auch  nicht  so  klar,  wie  der  Mensch  heute  am  Tage  die 
physischen  Dinge  sieht  -  die  geistige  Welt  wahr.  Wir  diirfen  dieses 
Wahrnehmen  nicht  einfach  mit  dem  heutigen  Traumen  vergleichen. 
Der  heutige  Traum  ist  nur  wie  ein  letzter  ganz  verkummerter  Rest 
dieses  alten  Hellsehens.  Allerdings,  solche  Bilder  nahm  der  Mensch 
damals  wahr,  wie  er  sie  auch  heute  im  Traume  wahrnimmt;  aber  diese 
Bilder  hatten  eine  sehr  wirkliche  Bedeutung.  Machen  wir  uns  einmal 
klar,  was  diese  Bilder  fur  eine  Bedeutung  hatten. 

In  den  alten  Zeiten  konnte  der  Mensch,  wenn  er  wahrend  eines 
kurzen  Teils  der  24  Stunden,  der  viel  geringer  war  als  heute,  im 
TagesbewuBtsein  lebte,  die  auBeren  physischen  Korper  nur  ganz 
dumpf,  wie  in  einem  Nebel  eingehiillt,  sehen.  DaB  man  die  physi- 
schen Dinge  so  sah  wie  heute,  kam  erst  ganz  langsam.  Am  Tage 
sah  der  Mensch  damals  die  ersten  Anklange  an  die  physischen  Korper, 
eingehiillt  in  Nebel,  so  wie  Sie  heute,  wenn  Sie  an  einem  Nebeltage 


des  Abends  durch  die  StraBen  gehen,  die  Laternen  vom  Nebel  um- 
geben  sehen  wie  von  einer  Art  von  Lichtaura.  Das  ist  ja  nur  schein- 
bar,  aber  so  sah  der  Mensch  die  physischen  Korper  zuerst  um  sich 
herum  auftauchen.  Und  wenn  er  in  Schlaf  kam,  versank  er  nicht  in 
BewuBtlosigkeit,  sondern  dann  tauchten  wahrend  des  Schlaf  bewuBt- 
seins  Bilder  auf,  Bilder  in  Farben  und  in  Formen.  Um  den  Menschen 
herum  war  dann  eine  Welt,  gegen  welche  die  lebendigste  Traumwelt 
von  heute  nur  ein  schwacher  nebelhafter  Nachklang  ist.  Diese  Bilder 
bedeuteten  Seelisches  und  Geistiges  in  der  Umgebung. 

Wenn  also  dazumal  der  Mensch  am  Beginne  seiner  Erdenlaufbahn 
sich  einem  ihm  schadlichen  Wesen  wahrend  der  Nachtwanderung 
naherte,  sah  er  dies  nicht  so,  wie  es  heute  gesehen  wird  -  also  nicht 
einen  Lowen,  der  sich  ihm  naherte,  als  eine  Lowengestalt  — ,  sondern 
er  sah  aufsteigen  ein  Farben-  und  Formenbild,  und  das  zeigte  ihm 
instinktiv:  Da  ist  fur  dich  etwas  Schadliches,  das  friBt  dich  und  da 
muBt  du  ausweichen.  Das  waren  wirkliche  Abbilder  des  Geistig- 
Seelischen,  das  um  den  Menschen  herum  vorging.  Alles  Geistig- 
Seelische  wurde  in  der  Nacht  gesehen,  und  ganz  langsam  und  all- 
mahlich  geschah  die  Entwickelung  so,  daB  der  Mensch  immer  langere 
Zeit  untertauchte  in  seinen  physischen  Leib,  immer  kiirzer  wurde  die 
Nacht,  immer  langere  Zeit  dauerte  der  Tag.  Und  je  mehr  der  Mensch 
sich  einwohnte  in  seinen  physischen  Leib,  desto  mehr  verschwanden 
die  nachtlichen  hellseherischen  Bilder,  desto  mehr  tauchte  das  heutige 
TagesbewuBtsein  auf.  Aber  wir  diirfen  nicht  vergessen,  daB  ein  wirk- 
liches  echtes  SelbstbewuBtsein,  wie  es  sich  der  Mensch  wahrend  des 
Erdendaseins  erringen  soil,  nur  zu  erringen  ist  durch  ein  Unter- 
tauchen  in  den  physischen  Leib.  Nicht  als  ein  selbstandiges  Wesen  hat 
sich  der  Mensch  friiher  gefuhlt,  sondern  als  ein  GUed  der  gottlich- 
geistigen  Wesenheiten,  denen  er  entsprossen  ist.  Wie  die  Hand  sich 
fuhlt  als  ein  Glied  des  Organismus,  so  fuhlte  sich  der  Mensch,  als  er 
noch  ein  dumpfes  Hellsehen  hatte,  als  einen  Teil  des  gottlich-geistigen 
BewuBtseins,  des  gottlichen  Ich.  Nicht  «Ich-bin»  hatte  der  Mensch 
von  sich  gesagt,  sondern  «Gott  ist  -  und  ich  in  ihm». 

Nun  aber  war,  wie  wir  immer  mehr  begreifen  werden,  der  Erde, 
welche  in  ihrer  Entwickelung  drei  friihere  Stufen  durchgemacht  hatte 


als  Saturn,  Sonne  und  Mond,  eine  ganz  besondere  Mission  vor- 
behalten.  Glauben  Sie  nicht,  daB  man  die  Planetenzustande  so  neben- 
einander  betrachten  kann,  daB  ein  Planet  dem  anderen  gleichwertig  sei. 
Von  einer  bloBen  Wiederholung  des  schon  einmal  Dagewesenen  kann 
in  der  gottlichen  Schopfung  nicht  die  Rede  sein.  Jedes  Planetendasein 
hat  eine  ganz  bestimmte  Aufgabe.  Unsere  Erde  hat  die  Mission,  daB 
die  Wesen,  die  sich  auf  ihr  entwickeln  sollen,  das  Element  der  Liebe 
bis  zur  hochsten  Entfaltung  auszubilden  haben.  Liebe  soil  die  Erde 
ganz  und  gar  durchdringen,  wenn  die  Erde  am  Ende  ihrer  Entwicke- 
lung  angekommen  ist.  -  Machen  wir  uns  klar,  was  das  heiBt:  Die  Erde 
ist  der  planetarische  Zustand  fur  die  Entwickelung  der  Liebe. 

Wir  sagen  in  der  Geisteswissenschaft,  der  Erde  ging  der  alte  Mond 
voran.  Dieser  alte  Mond  hatte  als  planetarische  Stufe  auch  eine  Mis- 
sion. Er  hatte  noch  nicht  die  Aufgabe,  die  Liebe  auszubilden,  er  sollte 
der  Planet  oder  der  Kosmos  der  Weisheit  sein.  Vor  unserem  Erden- 
zustand  hat  unser  Planet  durchgemacht  die  Stufe  der  Weisheit.  Eine 
einfache,  man  mochte  sagen,  logische  Betrachtung  kann  Ihnen  das 
veranschaulichen.  Sehen  Sie  sich  um  in  der  Natur  unter  alien  ihren 
Wesenheiten.  Nicht  mit  Ihrem  bloBen  Verstande  sehen  Sie  sie  an, 
sondern  mit  Ihren  Herzens-  und  Gemutskraften,  und  Sie  werden 
uberall  Weisheit  finden,  die  in  der  Natur  ausgepragt  ist.  Diese  Weis- 
heit, von  der  hier  gesprochen  wird,  ist  so  gemeint,  daB  sie  wie  eine 
Art  geistiger  Substanz  allem  zugrunde  liegt.  Betrachten  Sie  alles,  was 
Sie  wollen,  in  der  Natur.  Nehmen  Sie  zum  Beispiel  ein  Stuck  Ober- 
schenkelknochen,  da  werden  Sie  sehen:  Das  ist  nicht  eine  massive 
Masse,  sondern  eine  feine,  hin  und  her  gehende  Reihe  von  Balken,  die 
zu  einem  wunderbaren  Geriist  angeordnet  sind.  Und  wer  nachforscht, 
nach  welchem  Gesetze  sie  aufgebaut  sind,  der  findet,  daB  das  Gesetz 
befolgt  ist,  nach  welchem  mit  dem  kleinsten  Aufwand  von  Material 
die  groBte  Kraft  entfaltet  wird,  um  Trager  des  Oberleibes  des  Men- 
schen  zu  sein.  Unsere  Ingenieurkunst  ist  noch  nicht  so  weit,  ein 
solches  kunstvolles  Geriist  auszubauen,  wie  es  die  alles  durchwaltende 
Weisheit  da  aufgebaut  hat.  Solche  Weisheit  wird  der  Mensch  erst 
sparer  haben.  Gottliche  Weisheit  durchsetzt  die  ganze  Natur;  mensch- 
liche  Weisheit  kommt  erst  nach  und  nach  dazu.  Im  Laufe  der  Zeit 


wird  menschliche  Weisheit  innerlich  das  erreichen,  was  gottliche  Weis- 
heit  in  die  Erde  hineingeheimniBt  hat. 

Aber  in  demselben  Sinne,  wie  die  Weisheit  auf  dem  Monde  vor- 
bereitet  worden  ist,  so  daB  sie  sich  jetzt  iiberall  auf  der  Erde  findet, 
wird  auf  der  Erde  die  Liebe  vorbereitet.  Konnten  Sie  hellseherisch 
zuriickblicken  auf  den  alten  Mond,  so  konnten  Sie  sehen,  daB  nicht 
in  alien  Dingen  damals  eine  solche  Weisheit  war;  manche  Dinge 
wiirden  Sie  noch  unweise  finden.  Erst  durch  die  ganze  Monden- 
entwickelung  hindurch  pragte  sich  die  Weisheit  hinein  in  die  Dinge, 
und  als  der  Mond  in  seiner  Entwickelung  fertig  war,  da  war  alles  so 
davon  durchzogen,  daB  iiberall  Weisheit  darinnen  war. 

Die  innerliche  Weisheit  zog  in  den  Menschen  erst  ein  auf  der 
Erde  mit  dem  Ich.  Diese  innerliche  Weisheit  muB  aber  der  Mensch 
erst  nach  und  nach  entwickeln.  Ebenso  wie  sich  auf  dem  Monde  die 
Weisheit  entwickelt  hat,  so  daB  sie  jetzt  da  ist  in  den  Dingen,  so  ent- 
wickelt  sich  jetzt  die  Liebe.  Zuerst  trat  sie  in  der  niedrigsten  Gestalt, 
in  der  sinnlichen,  wahrend  der  lemurischen  Zeit  ins  Dasein.  Im  Laufe 
des  Erdendaseins  wird  sie  sich  aber  immer  mehr  und  mehr  vergeisti- 
gen,  bis  zuletzt,  wenn  die  Erde  am  Ende  ihrer  Entwickelung  an- 
gelangt  sein  wird,  das  ganze  Dasein  von  Liebe  durchzogen  sein  wird  - 
wie  es  heute  von  Weisheit  durchzogen  ist  -  durch  das  Wirken  der 
Menschen,  wenn  diese  ihre  Aufgabe  erfullen  werden. 

Und  die  Erde  wird  ubergehen  in  einen  kiinftigen  planetarischen 
Zustand.  Diesen  nennen  wir  Jupiter.  Die  Wesen  aber,  die  auf  dem 
Jupiter  so  herumwandeln  werden  wie  die  Menschen  auf  der  Erde, 
die  werden  ebenso  in  alien  Wesen  die  Liebe  herausduftend  finden, 
die  sie  als  Mensch  selbst  hineingelegt  haben  wahrend  des  Erden- 
daseins, wie  die  Menschen  heute  die  Weisheit  in  alien  Dingen  finden. 
Dann  werden  die  Menschen  ebenso  die  Liebe  aus  ihrem  Innern  heraus 
entwickeln,  wie  jetzt  die  Menschen  nach  und  nach  die  Weisheit  heraus- 
entwickeln  werden.  Die  groBe  kosmische  Liebe  wird  dann  die  Dinge 
durchdringen,  die  jetzt  auf  der  Erde  ihr  Dasein  beginnt. 

Der  materialistische  Sinn  glaubt  nicht  an  die  kosmische  Weisheit, 
sondern  nur  an  die  menschliche.  Wenn  die  Menschen  mit  unbefan- 
genem  Sinn  hineinsehen  wiirden  in  den  Lauf  der  Entwickelung,  so 


wiirden  sie  sehen,  daB  alle  kosmische  Weisheit  am  Anfange  so  weit 
war,  wie  die  menschliche  Weisheit  erst  am  Ende  der  Erde  sein  wird. 
In  den  Zeiten,  in  denen  man  mit  Benennungen  noch  genauer  war  als 
gegenwartig,  nannte  man  die  im  Menschen  wirkende  subjektive  Weis- 
heit Intelligenz,  im  Gegensatze  zur  objektiven  kosmischen  Weis- 
heit. Gar  nicht  achtet  der  Mensch  darauf,  daB  dasjenige,  was  er  im 
Laufe  des  Erdendaseins  erfindet,  die  gottlich-geistigen  Wesenheiten 
sich  bereits  wahrend  des  Mondendaseins  erobert  und  der  Erde  ein- 
gepflanzt  haben.  Nehmen  wir  ein  Beispiel  dafiir. 

Wie  wird  den  Kindern  in  der  Schule  schon  eingetrichtert  der  groBe 
Fortschritt,  den  die  Menschen  gemacht  haben,  durch  die  Erfindung 
des  Papiers  zum  Beispiel.  Nun,  die  Wespen  erzeugten  das  Papier 
schon  viele  tausend  Jahre  vorher;  denn  das,  was  die  Wespen  in  ihren 
Nestern  bauen,  besteht  aus  genau  derselben  Substanz,  aus  der  das 
menschliche  Papier  hergestellt  wird,  und  das  wird  genau  auf  dieselbe 
Weise  erzeugt,  nur  durch  den  LebensprozeB.  Der  Wespengeist,  die 
Gruppenseele  der  Wespen,  die  ein  Teil  ist  der  gottlich-geistigen 
Substanz,  ist  die  Erfinderin  des  Papiers  schon  viel  friiher  gewesen.  - 
So  tappt  der  Mensch  eigentlich  immer  hinter  der  Weltenweisheit  nach. 
Im  Prinzip  ist  alles,  was  der  Mensch  im  Laufe  der  Erdenentwickelung 
erfinden  wird,  schon  in  der  Natur  enthalten.  Was  aber  der  Mensch 
wirklich  der  Erde  geben  wird,  das  ist  die  Liebe,  die  sich  von  der 
sinnlichsten  zur  vergeistigtsten  Art  entfalten  wird.  Das  ist  die  Aufgabe 
der  Erdenentwickelung.  Die  Erde  ist  der  Kosmos  der  Liebe. 

Was  ist  denn  aber,  so  fragen  wir,  notwendig  zur  Liebe?  Was  gehort 
denn  dazu,  daB  ein  Wesen  ein  anderes  lieben  kann?  Dazu  ist  notig,  daB 
dieses  Wesen  sein  voiles  SelbstbewuBtsein  habe,  ganz  selbstandig  sei. 
Kein  Wesen  kann  ein  anderes  im  vollen  Sinne  lieben,  wenn  diese  Liebe 
nicht  eine  freie  Gabe  ist  gegenuber  dem  anderen  Wesen.  Meine  Hand 
liebt  nicht  meinen  Organismus.  Nur  ein  Wesen,  das  selbstandig  ist,  das 
losgeschniirt  ist  von  dem  anderen  Wesen,  kann  dieses  lieben.  Dazu 
muBte  der  Mensch  zu  einem  Ich- Wesen  werden.  Das  Ich  muBte  der 
dreifachen  menschlichen  Leiblichkeit  eingepflanzt  werden,  damit  die 
Erde  ihre  Mission  der  Liebe  durch  den  Menschen  ausfuhren  kann. 
Deshalb  werden  Sie  verstehen,  daB  in  der  christlichen  Esoterik  gesagt 


wird:  Ebenso,  wie  andere  Krafte,  zuletzt  die  Weisheit  wahrend  des 
Mondendaseins,  von  den  Gottern  heruntergestromt  sind,  stromt  die 
Liebe  wahrend  des  Erdendaseins  in  dieses  ein;  und  der  Trager  der 
Liebe  kann  nur  das  selbstandige  Ich  sein,  das  sich  nach  und  nach  im 
Laufe  der  Erdenentwickelung  herausbildet.  Aber  der  Mensch  muB  zu 
allem  ganz  langsam  vorbereitet  werden,  auch  zu  der  gegenwartigen 
Art  seines  BewuBtseins.  Setzen  wir  den  Fall,  gleich  in  der  alten  lemuri- 
schen  Zeit  wiirde  der  Mensch  untergetaucht  sein  in  seinen  physischen 
Leib,  er  hatte  damals  schon  die  voile  auBere  Wirklichkeit  gesehen.  Er 
hatte  sich  dann  in  diesem  schnellen  Tempo  die  Liebe  nicht  einpflanzen 
konnen !  Er  muBte  nach  und  nach  erst  zu  seiner  Erdenmission  heran- 
gefiihrt  werden.  Ohne  daB  er  schon  sein  voiles  SelbstbewuBtsein  hatte, 
ohne  daB  er  schon  so  weit  war,  im  hellen  TagesbewuBtsein  die  Gegen- 
stande  um  sich  herum  wahrzunehmen,  wurde  ihm  in  seinem  dammer- 
haften  BewuBtsein  unbewuBt  der  erste  Unterricht  der  Liebe  gegeben. 
So  sehen  wir,  daB  wahrend  der  ganzen  Zeiten,  wahrend  der  Mensch 
noch  ein  altes,  traumhaftes  HellseherbewuBtsein  hatte,  wahrend  die 
Seele  also  lange  Zeit  auBerhalb  des  Leibes  war,  dem  Menschen  in 
einem  dammerhaften,  noch  nicht  selbstbewuBten  Zustande  die  Liebe 
eingepnanzt  wird.  Stellen  wir  ihn  uns  einmal  so  recht  vor  die  Seele, 
diesen  Menschen  der  alten  Zeit,  der  noch  nicht  auf  der  Hohe  des 
vollen  SelbstbewuBtseins  angelangt  ist. 

Der  Mensch  schlaft  des  Abends  ein;  aber  kein  schroffer  Ubergang 
vom  Wachen  zum  Schlafen  findet  statt.  Bilder  tauchen  auf,  lebendige 
Traumbilder,  die  aber  einen  lebendigen  Bezug  haben  zu  der  geistigen 
Welt.  Das  heiBt,  der  Mensch  lebte  sich  wahrend  des  Einschlafens  in 
die  geistige  Welt  ein.  Da  traufelte  ihm  in  das  dammerhafte  BewuBt- 
sein der  gottliche  Geist  die  ersten  Keime  alles  Liebeswirkens  ein.  Was 
sich  durch  die  Liebe  im  Laufe  der  Erdenentwickelung  offenbaren  soil, 
das  stromt  zuerst  wahrend  der  Nacht  in  den  Menschen  ein.  Der  Gott, 
der  die  eigentliche  Erdenmission  auf  die  Erde  bringt,  ofTenbart  sich 
zuerst  zu  nachtlicher  Zeit  dem  dumpfen,  alten  hellseherischen  Be- 
wuBtsein, bevor  er  sich  dem  hellen  TagesbewuBtsein  offenbaren  kann. 
Dann,  langsam  und  allmahlich,  werden  die  Zeiten,  in  denen  der 
Mensch  in  dem  dumpfen  hellseherischen  Zustande  ist,  kiirzer,  das 


TagesbewuBtsein  immer  langer,  die  aurischen  Saume  um  die  Gegen- 
stande  werden  immer  unbedeutender,  die  Gegenstande  bekommen 
immer  festere  Grenzen.  Vorher  hat  der  Mensch  die  Sonne,  den  Mond 
mit  einem  machtigen  Hof  gesehen,  alles  wie  in  einer  Nebelmasse 
liegend.  Langsam  erst  reinigt  sich  der  ganze  Anblick,  und  es  treten 
feste  Grenzen  an  den  Dingen  auf.  In  diesen  Zustand  ist  der  Mensch 
allmahlich  gekommen.  Was  da  der  Mensch  auBerlich  sieht,  wahrend 
die  Sonne  die  Erde  bescheint  und  ihm  durch  das  sichtbare  Licht  das 
ganze  Erdendasein,  Mineralien,  Pflanzen  und  Tiere  ofTenbart,  das 
empfindet  der  Mensch  als  die  Offenbarungen  des  Gottlichen  in  dem 
AuBeren. 

Was  ist  denn  im  Sinne  der  christlichen  Esoterik  das,  was  im  hellen 
TagesbewuBtsein  sichtbar  wird,  woraus  sich  die  Erde  im  weiten  Um- 
fange  zusammensetzt?  Es  ist  eine  Offenbarung  der  gottlichen  Krafte, 
eine  auBere  materielle  Offenbarung  des  innerlich  Geistigen!  Wenn 
Sie  den  Blick  hinaus  auf  die  Sonne  richten  oder  auf  das,  was  Sie  auf 
der  Erde  finden:  Es  ist  eine  Offenbarung  des  Gottlich-Geistigen. 
Dieses  Gottlich-Geistige  in  der  heutigen  Gestalt,  wie  es  allem  zu- 
grunde  liegt,  was  dem  hellen  TagesbewuBtsein  erscheint,  die  unsicht- 
bare  Welt  hinter  dieser  ganzen  sichtbaren  Tageswelt,  das  nennt  die 
christliche  Esoterik  den  « Logos »  oder  das  «Wort».  Denn  wie  der 
Mensch  zuletzt  das  Wort  in  sich  selber  aussprechen  kann,  so  ist  zuerst 
alles,  das  Tierreich,  Pflanzenreich,  Mineralreich,  aus  dem  Logos  ent- 
standen.  Alles  ist  eine  Verkorperung  dieses  Logos.  Und  so,  wie  Ihre 
Seele  unsichtbar  in  Ihrem  Innern  waltet  und  sich  auBerlich  einen  Leib 
schafft,  so  schafft  sich  in  der  Welt  ein  jedes  Seelische  den  ihm  passenden 
auBeren  Leib  und  ofFenbart  sich  durch  irgendein  Physisches. 

Wo  ist  denn  nun  der  physische  Leib  des  Logos,  von  dem  das 
Johannes-Evangelium  spricht  und  den  wir  uns  heute  immer  mehr 
zum  BewuBtsein  bringen  wollen?  Wo  ist  der  physische  Leib  des 
Logos?  Am  reinsten  erscheint  dieser  auBere  physische  Leib  des  Logos 
zunachst  im  auBeren  Sonnenlicht.  Das  Sonnenlicht  ist  nicht  bloB 
materielles  Licht.  Fur  die  geistige  Anschauung  ist  es  ebenso  das  Kleid 
des  Logos,  wie  Ihr  auBerer  physischer  Leib  das  Kleid  fur  Ihre  Seele 
ist.  Wenn  Sie  ebenso  zu  einem  Menschen  stehen,  wie  heute  die  Mehr- 


zahl  der  Menschen  zur  Sonne  stent,  so  konnen  Sie  nicht  den  anderen 
Menschen  kennenlernen;  da  wiirden  Sie  sich  211  jedem  Menschen, 
der  eine  fuhlende,  denkende,  wollende  Seele  hat,  so  stellen,  daB  Sie 
nicht  ein  Seelisch-Geistiges  bei  ihm  voraussetzen,  sondern  bloB  einen 
physischen  Leib  abtasten  und  glauben,  daB  der  dann  auch  aus  Papier- 
mache  sein  konnte.  Wenn  Sie  aber  durchdringen  wollen  zu  dem 
Geistigen  im  Sonnenlicht,  dann  miissen  Sie  es  so  betrachten,  wie  wenn 
Sie  von  der  leiblichen  Seite  eines  Menschen  aus  das  Innere  kennen- 
lernen. Wie  Ihr  Leib  sich  zu  Ihrer  Seele  verhalt,  so  verhalt  sich  das 
Sonnenlicht  zu  dem  Logos.  In  dem  Sonnenlichte  stromt  ein  Geistiges 
der  Erde  zu.  Dieses  Geistige  ist,  wenn  wir  nicht  nur  den  Sonnenleib, 
sondern  auch  den  Sonnengeist  zu  fassen  vermogen,  dieser  Geist  ist 
die  Liebe,  die  herunterstromt  auf  die  Erde.  Nicht  allein  weckt  das 
physische  Sonnenlicht  die  Pflanzen,  so  daB  diese  verkiimmem  rmiBten, 
wenn  das  physische  Sonnenlicht  nicht  auf  sie  wirkte,  sondern  mit  dem 
physischen  Sonnenlichte  stromt  die  warme  Liebe  der  Gottheit  auf  die 
Erde;  und  die  Menschen  sind  dazu  da,  die  warme  Liebe  der. Gottheit 
in  sich  aufzunehmen,  zu  entwickeln  und  zu  erwidern.  Das  konnen  sie 
aber  nur  dadurch,  daB  sie  selbstbewuBte  Ich-Wesen  werden.  Nur  dann 
konnen  sie  die  Liebe  erwidern. 

Als  die  Menschen  anfingen  in  der  ersten  Zeit,  zuerst  nur  kurze 
Zeit  in  ihrem  Tagesleben  zu  verweilen,  da  konnten  sie  nichts  ver- 
nehmen  von  dem  Lichte,  das  zugleich  die  Liebe  entzundete.  Das 
Licht  schien  in  die  Finsternis,  aber  die  Finsternis  konnte  noch  nichts 
begreifen  von  dem  Lichte.  Und  ware  dem  Menschen  dieses  Licht, 
das  zugleich  die  Liebe  des  Logos  ist,  nicht  anders  geoffenbart  worden 
als  nur  durch  die  kurzen  Tagesstunden,  der  Mensch  hatte  dieses  Licht 
der  Liebe  nicht  begriffen.  Aber  in  dem  dumpfen  hellseherischen 
TraumbewuBtsein  jener  alten  Zeit  stromte  doch  die  Liebe  in  den 
Menschen  ein.  Und  jetzt  blicken  wir  hinter  das  Dasein  auf  ein  groBes 
Mysterium  der  Welt,  unserer  Erde,  auf  ein  wichtiges  Mysterium. 

Fassen  wir  es  einmal,  daB  sozusagen  die  Lenkung  der  Welt  fur 
unsere  Erde  so  war,  daB  eine  Zeit  hindurch  auf  unbewuBte  Art  dem 
Menschen  die  Liebe  einstromte  durch  ein  dammerhaftes  Hellseher- 
bewuBtsein  und  ihn  innerlich  vorbereitete  zur  Aufnahme  der  Liebe 


im  vollen  hellen  TagesbewuBtsein.  -  Wir  haben  gesehen,  daB  unsere 
Erde  allmahlich  der  Kosmos  geworden  ist,  der  die  Mission  der  Liebe 
durchzufuhren  hat.  Die  Erde  wird  beschienen  von  der  heutigen 
Sonne.  Wie  der  Mensch  die  Erde  bewohnt  und  die  Liebe  nach  und 
nach  sich  aneignet,  so  bewohnen  die  Sonne  andere,  hohere  Wesen, 
weil  die  Sonne  auf  einer  hoheren  Stufe  des  Daseins  angekommen  ist. 
Der  Mensch  ist  Erdenbewohner,  und  Erdenbewohner  sein,  bedeutet 
ein  Wesen  sein,  das  sich  die  Liebe  aneignet  wahrend  der  Erdenzeit. 
Ein  Sonnenbewohner  in  unserer  Zeit  bedeutet  ein  Wesen,  welches  die 
Liebe  entziinden  kann,  welches  die  Liebe  einstromen  lassen  kann. 
Nicht  wiirden  die  Erdenbewohner  die  Liebe  entwickeln,  sie  nicht  auf- 
nehmen  konnen,  wenn  nicht  die  Sonnenbewohner  ihnen  die  reife 
Weisheit  schicken  wiirden  mit  den  Lichtstrahlen.  Indem  das  Licht  der 
Sonne  auf  die  Erde  herunterstromt,  entwickelt  sich  auf  der  Erde  die 
Liebe.  Das  ist  eine  ganz  reale  Wahrheit.  Die  Wesenheiten,  die  so  hoch 
stehen,  daB  sie  die  Liebe  ausstromen  konnen,  haben  die  Sonne  zu 
ihrem  Schauplatze  gemacht. 

Es  waren  da,  als  der  Mond  fertig  war  mit  seiner  Entwickelung, 
sieben  solcher  Hauptwesenheiten,  die  so  weit  waren,  daB  sie  Liebe 
ausstromen  konnten.  Hier  beriihren  wir  ein  tiefes  Mysterium,  das  die 
Geheimwissenschaft  enthiillt.  -  Da  ist  im  Beginne  der  Erdenentwicke- 
lung  der  kindliche  Mensch,  der  die  Liebe  aufnehmen  sollte  und  bereit 
war  zur  Aufnahme  des  Ich,  und  auf  der  anderen  Seite  die  Sonne,  die 
sich  abspaltete  und  zu  einem  hoheren  Dasein  aufstieg.  Auf  dieser 
Sonne  konnten  sich  entwickeln  sieben  Hauptlichtgeister,  die  zu  glei- 
cher  Zeit  die  gebenden  Geister  der  Liebe  waren.  Nur  sechs  von  ihnen 
nahmen  auf  der  Sonne  Wohnung;  und  das,  was  uns  im  Lichte  der 
Sonne  physisch  zustromt,  enthalt  in  sich  die  geistigen  Liebeskrafte 
dieser  sechs  Lichtgeister  oder  der  sechs  Elohim,  wie  wir  sie  in  der 
Bibel  finden.  Einer  spaltete  sich  ab  und  ging  einen  anderen  Weg  zum 
Heile  des  Menschen,  er  wahlte  sich  nicht  die  Sonne,  sondern  den 
Mond  zu  seinem  Aufenthalte.  Und  dieser  eine  der  Lichtgeister,  der 
freiwiilig  auf  das  Sonnendasein  verzichtete  und  sich  den  Mond 
wahlte,  ist  kein  anderer  als  derjenige,  den  das  Alte  Testament  «Jahve  » 
oder  «Jehova  »  nennt.  Dieser  eine,  der  sich  den  Mond  zum  Aufenthalt 


wahlte,  ist  derjenige,  der  vom  Monde  aus  die  reife  Weisheit  auf  die 
Erde  stromte  und  dadurch  die  Liebe  vorbereitete. 

Jetzt  schauen  Sie  einmal  auf  dieses  Mysterium,  das  hinter  den 
Dingen  ist.  Die  Nacht  gehort  dem  Monde,  und  sie  gehorte  in  einem 
viel  groBeren  MaBe  dem  Monde  in  jener  alten  Zeit,  als  der  Mensch 
noch  nicht  von  der  Sonne  die  Kraft  der  Liebe  empfangen  konnte, 
als  er  noch  nicht  im  direkten  Lichte  diese  Kraft  der  Liebe  empfangen 
konnte.  Da  empfing  er  die  reflektierte  Kraft  der  reifen  Weisheit  vom 
Mondenlichte.  Sie  stromte  ihm  zu  von  dem  Mondenlicht  wahrend 
der  Zeit  des  NachtbewuBtseins.  Jahve  nennt  man  daher  den  Regierer 
der  Nacht,  der  den  Menschen  vorbereitete  auf  die  Liebe,  die  spater 
wahrend  des  vollen  TagbewuBtseins  entstehen  sollte.  So  schauen  wir 
zuriick  auf  die  alte  Menschheitszeit,  wo  geistig  der  Vorgang  statt- 
fand,  der  durch  die  Himmelskorper  nur  symbolisiert  wird,  wo  Sie  die 
Sonne  auf  der  einen  Seite,  den  Mond  auf  der  anderen  Seite  haben. 

Wahrend  der  Nacht,  zu  gewissen  Zeiten,  sendet  uns  der  Mond  die 
reflektierte  Sonnenkraft  zu.  Es  ist  dasselbe  Licht,  das  uns  auch  von  der 
Sonne  zukommt.  So  strahlte  zuriick  in  den  alten  Zeiten  Jahve  oder 
Jehova  die  Kraft  der  reifen  Weisheit,  die  Kraft  der  sechs  Elohim, 
und  diese  Kraft  stromte  er  wahrend  der  Zeit  des  Nachtschlafens  in  die 
Menschen  ein  und  bereitete  sie  vor,  so  daB  sie  fahig  wurden,  auch 
spater  die  Kraft  der  Liebe  nach  und  nach  wahrend  des  tagwachen 
BewuBtseins  zu  bekommen. 

Die  Zeichnung  soli  in  symbolischer  Weise  andeuten  den  tagwachen 
Menschen,  wo  physischer  Leib  und  Atherleib  abhangig  sind  vom 
Gottlichen,  und  das  Ich  und  der  Astralleib  auf  dem  physischen  Plane 
im  physischen  Leibe  und  Atherleibe  sind;  da  wird  von  auBen  das 
ganze  System  des  Menschen  beschienen  von  der  Sonne.  Von  der 
Nacht  wissen  Sie  jetzt,  daB  sie  eine  viel  langere  war  und  viel  wir- 
kungsvoller  fur  den  Menschen  uralter  Vorzeit.  Da  sind  Astralleib 
und  Ich  aus  physischem  Leib  und  Atherleib  heraus;  da  ist  das  Ich 
ganz  in  der  astralischen  Welt,  und  der  astralische  Leib  wird  von  auBen 
hineingesenkt  in  den  physischen  Leib  so,  daB  er  aber  seiner  ganzen 
Wesenheit  nach  doch  in  das  Geistig-Gottliche  eingebettet  ist.  Da  kann 
die  Sonne  nicht  direkt  auf  den  menschlichen  Astralleib  scheinen  und 


in  ihm  die  Kraft  der  Liebe  entziinden.  Da  wirkt  der  Mond,  der  das 
Sonnenlicht  reflektiert,  durch  Jahve  oder  Jehova.  Der  Mond  ist  das 
Symbolum  fur  Jahve  oder  Jehova,  und  die  Sonne  ist  nichts  anderes 
als  das  Symbolum  fur  den  Logos,  der  die  Summe  der  anderen  sechs 
Elohim  ist.  Nur  symbolisch  soil  diese  Zeichnung,  die  Sie  studieren 
mogen,  liber  die  Sie  meditieren  mogen,  das  andeuten.  Und  wenn  Sie 


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dariiber  nachdenken,  werden  Sie  finden,  welch  tiefe  Mysterienwahr- 
heiten  darin  dargestellt  sind :  daB  lange  Zeit  hindurch  dem  nachtlichen 
BewuBtsein  durch  Jahve  die  Kraft  der  Liebe  dem  Menschen  ein- 
gepflanzt  wurde  auf  unbewuBte  Art.  So  wurde  der  Mensch  vor- 
bereitet,  damit  er  nach  und  nach  selbst  den  Logos,  die  Kraft  seiner 
Liebe  empfangen  konnte.  Wie  war  das  moglich?  Wie  konnte 
denn  das  geschehen?  -  Jetzt  kommen  wir  zu  der  anderen  Seite  des 
Mysteriums. 

Wir  haben  uns  gesagt,  daB  der  Mensch  zur  selbstbewuBten  Liebe 
auf  der  Erde  berufen  war.  Er  muBte  also  einen  Fiihrer,  einen  Lehrer 
wahrend  des  hellen  TagesbewuBtseins  haben,  der  ihm  so  gegeniiber- 
trat,  daB  er  ihn  wahrnehmen  konnte.  Nur  wahrend  der  Nacht,  im 


dammerhaften  BewuBtsein  konnte  ihm  die  Liebe  eingepflanzt  werden. 
Nach  und  nach  aber  muBte  etwas  eintreten,  etwas  mit  voller  Tat- 
sachlichkeit  eintreten,  was  dem  Menschen  moglich  machte,  auBen, 
physisch  das  Wesen  der  Liebe  selber  zu  sehen.  Wodurch  konnte  das 
eintreten?  Das  konnte  nur  dadurch  eintreten,  daB  das  Wesen  der 
gottlichen  Liebe,  des  Logos,  ein  Wesen  auf  der  Erde  wurde  -  ein 
fleischliches  Wesen  auf  der  Erde,  wie  es  der  Mensch  auf  der  Erde 
durch  seine  Sinne  wahrnehmen  konnte.  Weil  der  Mensch  zur  Wahr- 
nehmung  durch  seine  auBeren  Sinne  sich  entwickelte,  muBte  der  Gott, 
der  Logos,  selbst  ein  Sinneswesen  werden.  Er  muBte  in  einem  fleisch- 
lichen  Leibe  auftreten.  Das  geschah  durch  den  Christus  Jesus,  und  die 
historische  Erscheinung  des  Christus  Jesus  bedeutet  nichts  anderes, 
als  daB  die  Krafte  der  sechs  Elohim  oder  des  Logos  sich  verkorpert 
haben  in  dem  Jesus  von  Nazareth  im  Anfange  unserer  Zeitrechnung,  - 
in  ihm  real  da  waren  in  der  Welt  der  Sichtbarkeit.  Darauf  kommt  es  an. 
Das,  was  in  der  Sonne  an  innerer  Kraft  liegt,  die  Kraft  der  Logosliebe, 
nahm  physische  Menschengestalt  an  in  dem  Leibe  des  Jesus  von 
Nazareth.  Denn  so  wie  ein  anderer  auBerer  Gegenstand,  wie  ein 
anderes  Wesen,  so  muBte  dem  Menschen  auf  der  Erde  fur  sein  Sinnes- 
bewuBtsein  der  Gott  in  leibhaftiger  Gestalt  entgegentreten.  Was  ist 
daher  diese  Wesenheit,  die  uns  im  Beginne  unserer  Zeitrechnung  als 
der  Christus  Jesus  entgegentrat?  Sie  ist  nichts  anderes  als  die  Ver- 
korperung  des  Logos,  der  sechs  anderen  Elohim,  denen  vorbereitend 
der  eine,  der  Jahve-Gott  vorangegangen  ist.  Und  diese  eine  Gestalt 
des  Jesus  von  Nazareth,  in  welcher  der  Christus  oder  der  Logos  in- 
karniert  war,  bringt  daher  das,  was  fruher  immer  nur  von  der  Sonne 
auf  die  Erde  herniederstromte,  was  nur  im  Sonnenlichte  enthalten  ist, 
sie  bringt  es  in  das  Menschenleben,  in  die  Menschheitsgeschichte 
selbst  hinein:  «Der  Logos  ward  Fleisch».  Das  ist  das,  worauf  das 
Johannes-Evangelium  den  groBten  Wert  legt. 

Und  es  muBte  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  gerade  auf 
diese  Tatsache  den  groBten  Wert  legen.  Denn  wahr  ist  es :  Nachdem 
einige  der  eingeweihten  Christus-Schuler  verstanden  hatten,  um  was 
es  sich  handelt,  da  traten  auch  andere  auf,  die  das  nicht  im  vollen 
MaBe  verstehen  konnten,  -  die  zwar  voll  verstanden,  daB  allem 


Materiellen,  allem,  was  uns  stofflich  entgegentritt,  ein  Seelisch- 
Geistiges  zugrunde  liegt;  was  sie  aber  nicht  begreifen  konnten,  war, 
daB  sich  in  einem  einzelnen  Menschen  fur  die  physisch-sinnliche  Welt 
physisch  sichtbar  der  Logos  selbst  einmal  verfleischlichte.  Das  konn- 
ten sie  nicht  verstehen.  Dadurch  unterscheidet  sich  das,  was  uns  in 
den  ersten  christlichen  Jahrhunderten  als  die  «  Gnosis  »  entgegentritt, 
von  dem  wahren  esoterischen  Christentum.  Der  Schreiber  des  Jo- 
hannes-Evangeliums  hat  mit  kraftigen  Worten  darauf  hingewiesen: 
Nein,  nicht  sollt  ihr  ansehen  den  Christus  als  iibersinnliches,  unsicht- 
bar  bleibendes  Wesen,  das  allem  StorTlichen  zugrunde  liegt,  sondern 
ihr  sollt  Wert  darauf  legen,  daB  das  Wort  Fleisch  geworden  ist,  daB 
es  unter  uns  gewohnet  hat!  Das  ist  der  feine  Unterschied  zwischen 
dem  esoterischen  Christentum  und  der  ursprunglichen  Gnosis.  Die 
Gnosis  kennt  den  Christus  ebenso  wie  das  esoterische  Christentum, 
aber  nur  als  eine  geistige  Wesenheit,  und  sieht  hochstens  in  dem  Jesus 
von  Nazareth  einen  mehr  oder  weniger  an  diese  geistige  Wesenheit 
gebundenen  menschlichen  Verkiinder.  Sie  will  festhalten  an  dem  un- 
sichtbar  bleibenden  Christus.  Dagegen  ist  das  esoterische  Christentum 
immer  im  Sinne  des  Johannes-Evangeliums  gewesen,  das  auf  dem 
festen  Boden  des  Wortes  stand: 

«Und  der  Logos  ist  Fleisch  geworden  und  hat  unter  uns  gewohnet. » 
(I.  14) 

Und  derjenige,  der  da  in  der  sichtbaren  Welt  war,  ist  eine  wirkliche 
Verkdrperung  der  sechs  anderen  Elohim,  des  Logos ! 

Damit  also  ist  die  Erdenmission,  das,  was  aus  der  Erde  werden 
sollte  durch  das  Ereignis  von  Palastina,  erst  richtig  in  die  Erde  ein- 
getreten.  Vorher  war  alles  Vorbereitung.  Als  was  muBte  sich  also 
der  Christus,  der  in  dem  Leibe  des  Jesus  von  Nazareth  wohnte,  vor- 
zugsweise  bezeichnen? 

Er  muBte  sich  vorzugsweise  bezeichnen  als  den  groBen  Bringer 
und  den  Verlebendiger  des  selbstbewuBten  freien  menschlichen 
Wesens.  Fassen  wir  diese  lebendige  Christus-Lehre  einmal  in  kurze, 
paradigmatische  Satze.  Dann  miissen  wir  sagen:  Die  Erde  ist  dazu 
da,  dem  Menschen  das  voile  SelbstbewuBtsein,  das  «Ich-bin»  zu 


geben.  Vorher  war  alles  nur  Vorbereitung  zu  diesem  SelbstbewuBt- 
sein,  zum  «Ich-bin»;  und  der  Christus  ist  derjenige,  der  den  Impuls 
gibt,  daB  die  Menschen  alle  -  jeder  als  einzelnes  Wesen  -  empfinden 
konnen  das  «Ich-bin».  Jetzt  erst  ist  der  machtige  Impuls  gegeben, 
der  die  Menschen  auf  der  Erde  mit  einem  gewaltigen  Ruck  nach  vor- 
warts  bringt.  Wir  konnen  das  verfolgen  beim  Vergleich  des  Christen- 
tums  mit  der  alttestamentlichen  Lehre.  In  der  alttestamentlichen  Lehre 
fuhlte  der  Mensch  noch  nicht  vollstandig  das  «Ich-bin»  in  seiner 
eigenen  Personlichkeit.  Er  hatte  noch  einen  Rest  dessen,  was  geblieben 
war  von  der  alten  Zeit  des  traumerischen  BewuBtseins,  wo  der 
Mensch  sich  nicht  als  ein  Selbst  fuhlte,  sondern  als  Glied  der  gott- 
lichen  Wesenheit,  wie  das  Tier  heute  noch  ein  Glied  der  Gruppenseele 
ist.  Von  der  Gruppenseele  sind  die  Menschen  ausgegangen,  und  zum 
individuellen  selbstandigen  Dasein,  das  in  jedem  Einzelmenschen  das 
«Ich-bin»  fuhlt,  sind  sie  fortgeschritten.  Und  der  Christus  ist  die 
Kraft,  die  die  Menschen  zu  diesem  freien  «Ich-bin»-Bewu6tsein  ge- 
bracht  hat.  Uberschauen  wir  das  einmal  in  seiner  vollen  innerlichen 
Bedeutung. 

Der  Bekenner  des  Alten  Testaments  fuhlte  sich  noch  nicht  so  ab- 
geschlossen  in  seiner  einzelnen  Personlichkeit  wie  der  Bekenner  des 
Neuen  Testaments.  Der  Bekenner  des  Alten  Testaments  sagte  noch 
nicht  in  seiner  Personlichkeit:  Ich  bin  ein  Ich.  Er  fuhlte  sich  in  dem 
ganzen  alten  jiidischen  Volke  und  fuhlte  das  «Gruppen-Volks-Ich». 
Versetzen  wir  uns  einmal  lebendig  in  das  BewuBtsein  eines  solchen 
alttestamentlichen  Bekenners.  So,  wie  der  wirkliche  Christ  das  «Ich- 
bin»  fuhlt  und  allmahlich  immer  mehr  fuhlen  lernen  wird,  so  fuhlte 
der  Bekenner  des  Alten  Testaments  nicht  das  «Ich-bin».  Er  fuhlte 
sich  als  ein  Glied  de's  ganzen  Volkes  und  schaute  hinauf  zu  der 
Gruppenseele,  und  wenn  er  das  aussprechen  wollte,  sagte  er:  Mein 
BewuBtsein  reicht  hinauf  bis  zum  Vater  des  ganzen  Volkes,  bis  zu 
Abraham;  wir  -  ich  und  Vater  Abraham  -  sind  eins.  Ein  gemeinsames 
Ich  umfaBt  uns  alle;  und  da  erst  fiihle  ich  mich  geborgen  in  der 
geistigen  Substantialitat  der  Welt,  wenn  ich  in  der  ganzen  Volks- 
substanz  mich  ruhen  fiihle.  -  So  sah  der  Bekenner  des  Alten  Testa- 
ments hinauf  bis  zum  Vater  Abraham  und  sagte :  Ich  und  der  Vater 

n 


Abraham  sind  eins.  In  meinen  Adern  nieBt  dasselbe  Blut  wie  in 
Abrahams  Adern.  -  Und  den  Vater  Abraham  fuhlte  er  wie  die 
Wurzel,  aus  der  jeder  einzelne  Abrahamite  als  ein  Glied  hervor- 

ging- 

Da  kam  der  Christus  Jesus  und  sagte  zu  seinen  nachsten  intimsten 
Eingeweihten :  Bisher  haben  die  Menschen  bloB  geurteilt  nach  dem 
Fleisch,  nach  der  Blutsverwandtschaft;  die  war  fur  sie  das  BewuBt- 
sein,  daB  sie  in  einem  hoheren,  unsichtbaren  Zusammenhange  ruhten. 
Ihr  aber  sollt  an  einen  viel  geistigeren  Zusammenhang  glauben,  an 
den,  der  weiter  geht  als  die  Blutsverwandtschaft.  Ihr  sollt  an  einen 
geistigen  Vatergrund  glauben,  in  dem  das  Ich  wurzelt,  der  geistiger 
ist  als  jener  Grund,  der  das  judische  Volk  als  Gruppenseele  verbindet. 
Ihr  sollt  glauben  an  dasjenige,  was  in  mir  und  in  jedem  Menschen 
ruht,  und  das  ist  nicht  nur  eins  mit  Abraham,  das  ist  eins  mit  dem 
gottlichen  Weltengrunde !  Daher  betonte  der  Christus  Jesus  im  Sinne 
des  Johannes-Evangeliums : 

«Bevor  der  Vater  Abraham  war,  war  das  <Ich-bin> ! »  (8,  5  8) 

Nicht  nur  bis  zu  dem  Vater-Prinzip,  das  bis  zu  Abraham  reicht,  geht 
mein  Ur-Ich  hinauf,  sondern  mit  dem,  was  den  ganzen  Kosmos  durch- 
pulst,  ist  das  Ich  eins ;  bis  zu  dem  geht  meine  Geistigkeit  hinauf. 

«Ich  und  der  Vater  sind  eins! »  (10,  30) 

Das  ist  das  wichtige  Wort,  das  man  fiihlen  muB;  dann  wird  man 
den  Ruck  fiihlen,  der  die  Menschen  ergriff  und  die  Menschheits- 
entwickelung  weiter  brachte  durch  jenen  Impuls,  den  das  Erscheinen 
des  Christus  Jesus  gab.  Der  Christus  Jesus  war  der  groBe  Beleber 
des  «Ich-bin». 

Und  nunmehr  versuchen  wir  ein  wenig  darauf  hinzuhorchen,  was 
seine  intimsten  Eingeweihten  sagten,  wie  sie  das  ausdnickten,  was 
sich  ihnen  da  offenbarte.  Sie  sagten:  Bisher  hat  keine  einzelne  fleisch- 
liche  Menschlichkeit  existiert,  der  man  diesen  Namen  des  «Ich-bin» 
so  beilegen  durfte,  als  der,  der  als  der  erste  die  ganze  Bedeutung  des 
«Ich-bin»  in  die  Welt  gebracht  hat.  Und  daher  nannten  sie  das 
«Ich-bin»  den  Namen  des  Christus  Jesus.  Das  war  der  Name,  in  dem 


sich  die  intimsten  Eingeweihten  verbunden  fuhlten,  in  dem  Namen, 
den  sie  also  verstanden,  den  Namen  «Ich-bin». 

So  miissen  Sie  sich  in  die  wichtigsten  Kapitel  des  Johannes-Evange- 
liums  vertiefen.  Wenn  Sie  also  jenes  Kapitel  nehmen,  wo  das  Wort 
stent:  «Ich  bin  das  Licht  der  Welt!»,  da  miissen  Sie  das  wortlich 
nehmen,  ganz  wortlich.  Das  «Ich-bin»,  das  da  zum  ersten  Male  im 
Fleische  auftrat,  was  ist  es?  Dasselbe,  was  im  Sonnenlichte  als  Logos- 
kraft  der  Erde  zustromt.  Oberall  haben  Sie  in  dem  ganzen  8. Kapitel, 
vom  1 2.  Vers  angefangen,  das  gewohnlich  iiberschrieben  ist  «Jesus, 
das  Licht  der  Welt»,  die  Umschreibung  dieser  tiefen  Wahrheit  von 
der  Bedeutung  des  «Ich-bin».  Lesen  Sie  das  Kapitel  so,  daB  Sie  iiberall 
das  «Ich»  oder  das  «Ich-bin»  betonen  und  wissen,  daB  das  «Ich-bin» 
der  Name  war,  auf  den  sich  die  Eingeweihten  verbunden  fuhlten. 
Dann  verstehen  Sie  es,  dann  erscheint  Ihnen  dies  Kapitel  so,  daB  Sie 
es  etwa  in  der  Art  lesen  miiBten : 

«Da  redete  Jesus  zu  seinen  Jiingern  und  sprach:  Was  <Ich-bin>  zu 
sich  sagen  kann,  das  ist  die  Kraft  des  Lichtes  der  Welt;  und  wer  mir 
nachfolgt,  der  wird  bei  hellem  lichtem  TagesbewuBtsein  dasjenige 
sehen,  was  diejenigen  nicht  sehen,  die  in  der  Finsternis  wandeln.» 

Diese  aber,  die  dem  alten  Glauben  anhingen,  daB  nur  auf  eine  nachtli- 
che  Art  das  Licht  der  Liebe  dem  Menschen  eingepflanzt  werden  kann, 
die  da  die  Pharisaer  genannt  wurden,  die  antworteten:  «Du  berufst 
dich  auf  dein  <  Ich-bin  >,  wir  aber  berufen  uns  auf  den  Vater  Abraham. 
Da  fiihlen  wir  die  Kraft,  die  uns  berechtigt,  als  selbstbewuBte  Wesen 
aufzutreten ;  da  fuhlen  wir  uns  stark,  wenn  wir  einsinken  in  den  gt- 
meinsamen  Ichgrund,  der  bis  zum  Vater  Abraham  hinauffuhrt.» 

« Jesus  sprach:  Wenn  man  in  dem  Sinne  vom  <Ich>  redet,  wie  ich 
rede,  da  ist  das  Zeugnis  wahr;  denn  ich  weiB,  daB  dieses  <Ich>  von 
dem  Vater,  von  dem  gemeinsamen  Urgrund  der  Welt  kommt,  und 
wohin  es  wieder  geht.»  (8,  14) 

Und  nun  der  wichtige  Satz,  Kap.  8,  Vers  15,  den  Sie  wortlich  in  fol- 
gender  Weise  iibersetzen  miissen : 


«Ihr  beurteilt  alles  nach  dem  Fleische.  Ich  aber  beurteile  nicht  das 
Nichtige,  das  im  Fleische  ist. 

Und  wenn  ich  urteile,  so  ist  mein  Urteil  ein  wahres.  Denn  dann  ist 
das  Ich  nicht  allein  fur  sich,  sondern  das  Ich  ist  vereint  mit  dem 
Vater,  von  dem  das  Ich  herstammt.»  (8,  15-16) 

Das  ist  der  Sinn  dieser  Stelle,  So  sehen  Sie  iiberall  den  Hinweis 
auf  den  gemeinsamen  Vater.  Und  wir  werden  den  Vaterbegriff  noch 
genauer  uns  vor  die  Seele  fiihren  konnen.  -  So  sehen  Sie,  wie  das 
Wort:  «Ehe  denn  der  Vater  Abraham  war,  war  das  <Ich-bin>»  die 
Quintessenz  der  christlichen  Lehrworte  lebendig  in  sich  enthalt. 

Wir  haben  uns  heute  vertieft  in  die  Worte  des  Johannes-Evange- 
liums,  mehr,  als  wir  es  hatten  tun  konnen,  wenn  ich  sie  in  auBerer 
Weise  interpretiert  hatte.  Wir  haben  diese  Worte  aus  der  Geistes- 
weisheit  hergeleitet,  insofern  wir  auf  einige  wichtige  Worte  des  Jo- 
hannes-Evangeliums  angespielt  haben,  die  gerade  das  Wesentliche 
des  Christentums  bezeichnen.  Wir  werden  sehen,  wie  uns  gerade 
dadurch,  daft  wir  erst  solche  Kern-  und  Urworte  des  Evangeliums 
verstehen,  Licht  und  Klarheit  in  das  ganze  Johannes-Evangelium 
hineinkommen  wird. 

Nehmen  Sie  das  alles  als  etwas,  was  als  Lehre  in  der  christlichen 
esoterischen  Schule  gelehrt  worden  ist,  die  der  Schreiber  des  Johannes- 
Evangeliums  auf  die  Art,  wie  wir  das  besprechen  werden,  auf- 
geschrieben  hat,  um  sie  der  Nachwelt  zu  uberliefern  fur  diejenigen, 
die  da  wirklich  eindringen  wollen  in  dessen  Sinn. 

Wie  man  das  wirklich  noch  tiefer  tun  kann,  davon  in  dem  nach- 
sten  Vortrag. 


VIERTER  VORTRAG 


Hamburg,  22.  Mai  1908 


Es  durfte  aus  den  drei  bisherigen  Vortragen  einigermaBen  hervor- 
gegangen  sein,  daB  man  im  Johannes-Evangelium  die  geisteswissen- 
schaftlichen  Wahrheiten  wiederzufinden  in  der  Lage  ist.  Aber  ebenso 
durfte  klar  geworden  sein,  daB  es  notwendig  ist,  um  diese  Wahrheiten 
zu  finden,  jedes  Wort  dieses  Johannes-Evangeliums  wirklich  auf  die 
Goldwaage  zu  legem  Es  kommt  bei  dieser  religiosen  Urkunde  in  der 
Tat  darauf  an,  daB  der  wirkliche,  echte  Wortlaut  absolut  verstanden 
wird.  Denn  alles  ist  in  dieser  Urkunde,  wie  wir  noch  an  verschiedenen 
Fallen  sehen  werden,  von  der  denkbar  tiefsten  Bedeutung,  Aber  nicht 
nur  der  Wortlaut  dieses  oder  jenes  Satzes  kommt  in  Betracht,  sondern 
es  kommt  auch  noch  etwas  anderes  in  Betracht.  Das  ist  die  Gliederung, 
die  Komposition,  die  Zusammensetzung  der  Urkunde.  Fur  solche 
Dinge  hat  eigentlich  der  heutige  Mensch  nicht  mehr  ganz  die  rechte 
Empfindung.  Viel  mehr  von  architektonischem  Auf  bau,  von  innerer 
Gliederung  haben  die  alten  -  wenn  wir  sie  so  nennen  diirfen  -  Schrift- 
steller  in  ihre  Werke  hineingelegt,  als  man  gewohnlich  glaubt.  Sie 
brauchen  sich  nur  an  einen  verhaltnismaBig  spaten  Dichter  zu  er- 
innern,  um  das  bekraftigt  zu  finden:  an  Dante.  Wie  ist  in  der  «Gott- 
lichen  Kom6die»  alles  architektonisch  aufgebaut  in  Gliedern,  denen 
die  Dreizahl  zugrunde  liegt.  Und  nicht  umsonst  schlieBt  ein  jeder  Teil 
von  Dantes  Komodie  mit  den  Worten  « Sterne ».  Das  nur,  um  an- 
zufiihren,  wie  architektonisch  die  alten  Schriftsteller  ihre  Sache  auf- 
gebaut haben.  Und  insbesondere  diirfen  wir  bei  den  groBen  religiosen 
Urkunden  diesen  architektonischen  Aufbau  niemals  aus  den  Augen 
verlieren,  denn  er  bedeutet  unter  Umstanden  sehr  viel.  Man  muB  diese 
Bedeutung  allerdings  erst  herausfinden. 

Da  ist  zu  erinnern,  daB  am  Ende  des  io.Kapitels  des  Johannes- 
Evangeliums  ein  Satz  steht,  den  wir  in  der  Erinnerung  behalten  wol- 
len.  Da  heiBt  es  im  41.  Vers: 

«  Und  viele  kamen  zu  ihm  und  sprachen :  Johannes  tat  kein  Zeichen, 
aber  alles,  was  Johannes  von  diesem  gesagt  hat,  das  ist  wahr.» 


Das  heiBt,  wir  finden  in  diesem  Vers  des  10.  Kapitels  einen  Hinweis 
darauf,  daB  das  Zeugnis,  das  iiber  den  Christus  Jesus  abgegeben  wird 
durch  Johannes,  wahr  ist;  es  wird  durch  ein  besonderes  Wort  das 
ausgedriickt,  daB  dies  Zeugnis  wahr  ist.  -  Und  nun  kommen  wir  an 
den  SchluB  des  Johannes-Evangeliums  und  finden  da  einen  ent- 
sprechenden  Vers.  Da  heiBt  es  im  24.  Vers  des  21. Kapitels: 

«Dies  ist  der  Jiinger,  der  von  diesen  Dingen  zeuget,  und  hat  dies 
geschrieben;  und  wir  wissen,  daB  sein  Zeugnis  wahrhaftig  ist.» 

Da  haben  wir  also  am  SchluB  des  Ganzen  eine  Angabe  dariiber, 
daB  das  Zeugnis  dessen,  der  berichtet,  ein  wahrhaftiges  ist.  Solche 
Kongruenzen  und  Harmonien,  daB  da  oder  dort  mit  einem  Wort 
etwas  Besonderes  gesagt  wird,  sind  niemals  ohne  Bedeutung  in  den 
alten  Schriften;  und  gerade  hinter  dieser  Kongruenz  verbirgt  sich 
etwas  Bedeutsames.  Und  wir  werden  unsere  Betrachtungen  in  das 
rechte  Licht  riicken,  wenn  wir  auf  dessen  Grund  hinweisen. 

Es  steht  in  der  Mitte  des  Johannes-Evangeliums  eine  Tatsache, 
ohne  deren  Verstandnis  iiberhaupt  das  Johannes-Evangelium  nicht 
begriffen  werden  kann.  Unmittelbar  hinter  der  Stelle,  wo  dieses  Wort 
zur  Bekraftigung  des  Wahrheitszeugnisses  angefiihrt  wird,  steht  das 
Kapitel  iiber  die  Auferweckung  des  Lazarus.  Durch  dieses  Kapitel 
iiber  die  Auferweckung  des  Lazarus  zerfallt  das  ganze  Johannes- 
Evangelium  in  zwei  Teile.  Und  es  ist  hingewiesen  am  Ende  des  ersten 
Teiles  darauf,  daB  fur  alles  dasjenige,  was  behauptet  wird,  was  be- 
kraftigt  werden  soil  iiber  den  Christus  Jesus,  das  Zeugnis  des  Taufers 
Johannes  gelten  soil;  und  es  ist  ganz  am  Ende  darauf  hingewiesen, 
daB  fur  alles  das,  was  nach  dem  Kapitel  iiber  die  Auferweckung  des 
Lazarus  steht,  das  Zeugnis  des  Jiingers  gelten  soil,  von  dem  wir  ofter 
horen  die-Worte:  «den  der  Herr  lieb  hatte»  (13,  23).  Was  bedeutet 
denn  iiberhaupt  die  « Auferweckung  des  Lazarus  »  ? 

Ich  erinnere  Sie  daran,  daB  nach  der  Erzahlung  iiber  die  Auf- 
erweckung des  Lazarus  ein  scheinbar  ratselhafter  Satz  im  Johannes- 
Evangelium  steht.  Stellen  Sie  sich  einmal  die  ganze  Situation  vor: 
Der  Christus  Jesus  vollbringt  das,  was  man  im  gewohnlichen  Sinne 
ein  Wunder,  im  Evangelmm  selbst  ein  «Zeichen»  nennt:  die  Auf- 


erweckung  des  Lazarus.  Und  nachher  stehen  mehrere  Satze,  die  da 
besagen:  «Dieser  Mensch  tut  viele  Zeichen»  (n,  47),  und  alles  fol- 
gende  weist  darauf  hin,  daB  die  Anklager  keine  Gemeinschaft  mit  ihm 
haben  wollen  wegen  dieser  Zeichen.  Wenn  Sie  diese  Worte  lesen,  wie 
sie  auch  immer  iibersetzt  sein  mogen  -  es  ist  auch  schon  in  meinem 
« Christentum  als  mystische  Tatsache»  von  mir  darauf  hingewiesen 
worden  so  miissen  Sie  fragen:  Was  liegt  denn  da  eigentlich  zu- 
grunde?  Die  Auferweckung  eines  Menschen  bestimmt  gerade  die 
Gegner,  gegen  den  Christus  Jesus  aufzutreten.  Warum  regt  die  Geg- 
ner  gerade  die  Auferweckung  des  Lazarus  so  auf?  Warum  beginnt 
gerade  da  die  Verfolgung?  -  Ein  jeder,  der  zu  lesen  versteht,  muB 
einsehen,  daB  sich  in  diesem  Kapitel  ein  Mysterium  verbirgt.  Dieses 
Mysterium,  das  sich  dahinter  verbirgt,  ist  nichts  anderes  als  die  Mit- 
teilung  dariiber,  wer  eigentlich  der  wirkliche  Autor  des  Johannes- 
Evangeliums  ist,  wer  eigentHch  das  alles  sagt,  was  im  Johannes- 
Evangelium  gesagt  wird.  Um  das  zu  verstehen,  miissen  wir  einmal 
einen  Blick  werfen  auf  das,  was  wir  die  «Einweihung»  in  den  alten 
Mysterien  nennen.  Wie  ging  diese  Einweihung  in  den  alten  Mysterien 
vor  sich? 

Ein  Mensch,  der  eingeweiht  worden  war,  konnte  selbst  Erlebnisse, 
Erfahrungen  haben  in  den  geistigen  Welten,  so  daB  er  ein  Zeuge 
werden  konnte  der  geistigen  Welten.  Diejenigen,  die  reif  befunden 
wurden,  eingeweiht  zu  werden,  wurden  in  diese  Mysterien  hinein- 
gezogen.  Uberall  -  in  Griechenland,  bei  den  Chaldaem,  bei  den 
Agyptern,  bei  den  Indern  -  gab  es  solche  Mysterien.  Da  wurden  die 
Einzuweihenden  lange  unterrichtet  ungefahr  in  den  Dingen,  die  wir 
heute  in  der  Geisteswissenschaft  lernen;  und  wenn  sie  gemigend 
unterrichtet  waren,  folgte  das,  was  ihnen  den  Weg  offnete,  um  selbst 
zu  schauen.  Aber  in  den  alten  Zeiten  konnte  das  auf  keine  andere 
Weise  bewirkt  werden  als  dadurch,  daB  der  Mensch  in  bezug  auf 
seine  vier  Glieder:  physischen  Leib,  Atherleib,  Astralleib  und  Ich, 
in  einen  ganz  besonderen  Zustand  versetzt  wurde.  Was  da  geschah 
mit  dem  Einzuweihenden,  war,  daB  er  durch  den  Initiator,  durch  den 
Einweihenden,  der  die  Sache  verstand,  dreieinhalb  Tage  in  einen 
totenahnlichen  Zustand  versetzt  wurde.  Das  geschah  aus  folgendem 


Grunde.  Wenn  der  Mensch  namlich  im  heutigen  Entwickelungs- 
zyklus  im  gewohnlichen  Sinne  schlaft,  so  liegen  sein  physischer  Leib 
und  Atherleib  im  Bette,  das  Ich  mit  dem  Astralleib  ist  herausgehoben. 
Der  Mensch  kann  dann  nicht  irgendwelche  geistigen  Ereignisse  urn 
sich  herum  wahrnehmen,  weil  sein  Astralleib  noch  nicht  die  geistigen 
Sinnesorgane  hat,  urn  in  der  Welt,  in  der  der  Mensch  dann  ist,  wahr- 
zunehmen.  Erst  wenn  sein  astrahscher  Leib  und  sein  Ich  wieder 
hineinschliipfen  in  seinen  physischen  und  Atherleib,  sich  wieder  der 
Augen  und  der  Ohren  bedienen,  nimmt  der  Mensch  wieder  die  phy- 
sische  Welt,  das  heifit  iiberhaupt  eine  Umwelt  warir.  Durch  das,  was 
die  Einzuweihenden  gelernt  hatten,  wurden  sie  fahig,  die  geistigen 
Sinnesorgane  ihres  astralischen  Leibes  herauszubilden.  Wenn  sie  nun 
so  weit  waren,  daB  ihr  astralischer  Leib  diese  Sinnesorgane  aus- 
gebildet  hatte,  muBte  dafiir  gesorgt  werden,  daB  alles,  was  der  astra- 
lische  Leib  in  sich  aufgenommen  hatte,  sich  in  den  Atherleib  ein- 
driickt,  wie  die  Worte  eines  Petschafts  sich  in  den  Siegellack  ein- 
driicken.  Das  ist  das,  worauf  es  ankommt.  Alle  Vorbereitungen  fur 
die  Einweihung  beruhten  darauf,  daB  der  Mensch  sich  solchen  inneren 
Vorgangen  hingab,  welche  seinen  astralischen  Leib  umorganisierten. 
Der  Mensch  war  auch  seinem  physischen  Leibe  nach  einmal  so,  daB 
er  keine  Augen  und  Ohren  hatte  wie  heute,  sondern  gleichgultige 
Organe  an  dieser  Stelle ;  wie  Tiere,  die  nie  dem  Licht  ausgesetzt  waren, 
keine  Augen  haben.  Das  Licht  formt  heraus  das  Auge,  der  Ton  bildet 
heraus  das  Ohr.  Was  der  Mensch  durch  Meditation,  Konzentration 
ubt,  und  was  er  dadurch  innerlich  erlebt,  wirkt  so  wie  Licht  auf  das 
Auge,  Ton  auf  das  Ohr.  Dadurch  wird  der  astralische  Leib  um- 
geformt,  und  dadurch  werden  herausgeholt  die  Erkenntnisorgane,  um 
zu  schauen  in  der  astralischen,  der  hoheren  Welt.  Jetzt  sind  sie  aber 
noch  nicht  fest  genug  in  dem  Atherleibe;  sie  werden  dadurch  fest, 
daB  das,  was  im  astralischen  Leibe  zunachst  sich  bildet,  eingepragt 
wird  in  den  Atherleib.  Solange  aber  der  Atherleib  im  physischen 
Leibe  steckt,  ist  es  nicht  moglich,  daB  das,  was  durch  die  Obungen 
erreicht  wird,  sich  auch  wirklich  abdriickt  im  Atherleibe.  Dazu  muBte 
ehedem  der  Atherleib  herausgehoben  werden  aus  dem  physischen 
Leibe.  Wenn  also  in  den  dreieinhalb  Tagen  des  totenahnlichen  Schlafes 


der  Atherleib  herausgehoben  war  aus  dem  physischen  Leibe,  driickte 
sich  alles  das,  was  im  Astralleibe  vorbereitet  war,  ab.  Der  Mensch 
erlebte  die  geistige  Welt.  Wurde  er  dann  wieder  durch  den  Priester- 
Initiator  zuruckgerufen  in  den  physischen  Leib,  so  war  er  ein  Zeuge 
dessen,  was  in  den  geistigen  Welten  vorgeht,  durch  sein  eigenes 
Zeugnis. 

Diese  Prozedur  ist  eben  durch  die  Erscheinung  des  Christus  Jesus 
unnotig  geworden.  Dieser  dreieinhalb  Tage  lange  todahnliche  Schlaf 
kann  nunmehr  durch  die  von  Christus  ausgehende  Kraft  ersetzt  wer- 
den.  Denn  wir  werden  gleich  sehen,  da8  im  Johannes-EvangeUum 
die  starken  Krafte  liegen,  daB  heute  der  Astralleib,  auch  wenn  der 
Atherleib  im  physischen  Leibe  drinnen  ist,  die  Starke  hat,  trotzdem 
abzudriicken,  was  vorher  in  ihm  vorbereitet  war.  Dazu  muBte  aber 
erst  der  Christus  Jesus  da  sein.  Vorher  waren  die  Menschen  nicht  so 
weit,  daB  ohne  die  charakterisierte  Prozedur  das,  was  im  astralischen 
Leibe  durch  Meditation  und  Konzentration  vorgebildet  war,  im 
Atherleibe  hatte  abgedriickt  werden  konnen.  -  Das  war  ein  Vorgang, 
der  sich  oft  in  den  Mysterien  abgespielt  hat:  Ein  einzuweihender 
Mensch  wird  durch  den  Priester-Initiator  in  einen  todahnlichen  Schlaf 
gebracht;  darauf  wird  der  Betreifende  durch  die  hoheren  Welten  ge- 
fiihrt ;  dann  wird  er  wieder  zuruckgerufen  durch  den  Priester-Initiator 
in  seinen  physischen  Leib,  und  nunmehr  ist  er  durch  sein  eigenes 
Erlebnis  ein  Zeuge  der  geistigen  Welten. 

Das  wurde  immer  im  tiefsten  Geheimnis  vollbracht,  und  nichts 
wuBte  die  auBere  Welt  von  den  Vorgangen  in  den  alten  Mysterien. 
Durch  den  Christus  Jesus  sollte  an  die  Stelle  der  alten  Einweihung 
eine  neue  treten,  durch  jene  Krafte  hervorgebracht,  von  denen  wir 
noch  zu  sprechen  haben.  Es  sollte  gleichsam  der  SchluBpunkt  gemacht 
werden  mit  der  alten  Form  der  Einweihung.  Aber  es  sollte  ein  Uber- 
gang  gemacht  werden  von  der  alten  in  die  neue  Zeit !  Fur  den  Uber- 
gang  sollte  jemand  noch  einmal  auf  die  alte  Art  eingeweiht  werden, 
aber  in  die  christliche  Esoterik.  Das  konnte  nur  der  Christus  Jesus 
selbst  tun  -  und  es  sollte  der  Einzuweihende  jener  sein,  der  da 
Lazarus  genannt  wird.  « Diese  Krankheit  ist  nicht  zum  Tode  »  (i  i,  4), 
heiBt  es  da;  sie  ist  der  dreieinhalbtagige  todahnliche  Schlaf.  Darauf 


wird  deutlich  hingewiesen.  Sie  werden  sehen,  daB  es  2 war  in  einer  sehr 
verschleierten  Darstellung  geschieht,  daB  sie  sich  aber  fiir  den,  wel- 
cher  eine  solche  verschleierte  Art  iiberhaupt  entziffern  kann,  als  Ein- 
weihung  darstellt. 

Die  Individuality  des  Lazarus  sollte  so  eingeweiht  werden,  daB 
dieser  Lazarus  ein  Zeuge  von  den  geistigen  Welten  werden  konnte. 
Und  es  wird  uns  ein  Wort  gesagt,  das  in  der  Mysteriensprache  ein 
sehr  bedeutsames  ist,  es  wird  uns  gesagt,  «daB  der  Herr  den  Lazarus 
lieb  hatte».  Was  bedeutet  «lieb  haben»  in  der  Mysteriensprache?  Es 
driickt  aus  das  Verhaltnis  des  Schulers  zum  Lehrer.  «Den  der  Herr 
Heb  hatte »  ist  der  intimste,  der  eingeweihteste  Schiiler.  Den  Lazarus 
hat  der  Herr  selbst  eingeweiht,  und  als  ein  Eingeweihter  erhob  sich 
Lazarus  aus  dem  Grabe,  das  heiBt  aus  seiner  Einweihungsstatte.  Und 
dasselbe  Wort  «den  der  Herr  lieb  hatte»  wird  uns  immer  spater  von 
Johannes  gesagt  -  oder  sagen  wir  besser  -  von  dem  Verfasser  des 
Johannes-Evangeliums ;  denn  der  Name  «Johannes»  wird  nicht  ge- 
nannt,  es  ist  eben  derjenige,  der  der  Lieblingsjiinger  ist,  und  auf  den 
das  Johannes-Evangelium  zuruckzufuhren  ist.  Das  ist  der  auferweckte 
Lazarus  selbst.  Und  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  wollte 
damit  sagen :  Was  ich  zu  sagen  habe,  habe  ich  zu  sagen  kraft  der  Ein- 
weihung,  die  mir  von  dem  Herrn  selbst  zuteil  geworden  ist.  -  Daher 
unterscheidet  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  wohl,  was  vor 
der  Auferweckung  des  Lazarus,  und  das,  was  nach  der  Auferweckung 
des  Lazarus  geschieht.  Vor  der  Auferweckung  des  Lazarus  wird  ein 
alter  Eingeweihter  angefuhrt,  ein  solcher,  der  gekommen  ist  zu  der 
Erkenntnis  des  Geistes,  und  es  wird  betont,  daB  sein  Zeugnis  wahr 
ist.  -  Was  aber  iiber  die  tiefsten  Dinge  zu  sagen  ist,  iiber  das  Myste- 
rium  von  Palastina,  dariiber  spreche  ich  selbst,  ich,  der  Auferweckte ; 
dariiber  kann  ich  aber  erst  nach  der  Auferweckung  sprechen.  -  Daher 
haben  wir  in  dem  ersten  Teile  des  Johannes-Evangeliums  das  Zeugnis 
des  alten  Johannes,  in  dem  zweiten  Teil  das  Zeugnis  des  neuen  Jo- 
hannes, den  der  Herr  selbst  eingeweiht  hat.  Denn  derselbe  ist  der 
auferweckte  Lazarus.  So  erfassen  wir  dies  Kapitel  erst  seinem  wirk- 
lichen  Sinne  nach.  Es  steht  da,  weil  Johannes  sagen  wollte :  Ich  be- 
rufe  mich  auf  mein  iibersinnliches  Sehen,  nicht  auf  mein  Wahr- 


nehmen  in  der  physischen  Welt;  ich  erzahle  euch,  was  ich  gesehen 
habe  in  der  geistigen  Welt  dadurch,  daB  mir  der  Herr  die  Einweihung 
hat  zuteil  werden  lassen. 

So  mussen  wir  die  Charakteristik  des  Christus  Jesus,  wie  sie  uns 
entgegentritt  in  den  ersten  Kapiteln  des  Johannes-Evangeliums  bis 
zum  SchluB  des  io.Kapitels,  zuruckfuhren  auf  die  Erkenntnis,  die 
sozusagen  auch  einer  haben  konnte,  der  nicht  im  tiefsten  Sinne  schon 
eingeweiht  war  durch  den  Christus  Jesus  selbst. 

Nun  werden  Sie  sagen:  Ja,  wir  haben  doch  selbst  in  diesen  Vor- 
tragen  die  tiefen  Worte  iiber  den  Christus  Jesus  gehort  als  den  ver- 
korperten  Logos,  als  das  Licht  der  Welt  und  so  weiter.  -  Das  ist  nicht 
weiter  verwunderlich,  daB  diese  tiefen  Worte  iiber  den  Christus  Jesus 
schon  in  den  ersten  Kapiteln  ausgesprochen  werden.  Denn  in  den 
alten  Mysterien  war  der  Christus  Jesus,  das  heiBt  der  Christus,  der  in 
Zukunft  erscheinen  sollte  in  der  Welt,  nicht  etwa  eine  unbekannte 
Wesenheit.  Und  alle  Mysterien  wiesen  hin  auf  Einen,  der  da  kommen 
sollte.  Daher  nennt  man  die  alten  Eingeweihten  «  Propheten  »,  weil  sie 
iiber  einKiinftiges  zu  prophezeien  hatten.  Darum  hatten  gerade  dieEin- 
weihungen  denZweck,  klar  erkennen  zu  lassen,  daB  sich  in  der  Zukunft 
der  Menschheit  der  Christus  enthiillen  werde.  So  ging  aus  dem,  was  er 
damals  schon  wissen  konnte,  fur  den  Taufer  die  Wahrheit  hervor,  die 
ihn  prophezeien  lassen  konnte,  daB  derjenige,  von  dem  gesprochen 
worden  ist  in  den  Mysterien,  vor  ihm  stehe  in  dem  Christus  Jesus. 

Wie  nun  das  Ganze  zusammenhangt,  wie  der  sogenannte  Taufer 
selbst  zu  dem  Christus  Jesus  steht,  das  wird  sich  uns  am  klarsten  zeigen, 
wenn  wir  uns  zweierlei  Fragen  beantworten. 

Die  eine  ist  die:  Wie  stellt  sich  der  Taufer  selbst  in  seine  Zeit 
hinein?  Und  die  andere  geht  zuriick  auf  die  Erklarung  verschiedener 
Dinge  im  Anfang  des  Johannes-Evangeliums. 

Wie  stellt  sich  der  Taufer  in  seine  Zeit  hinein?  Was  ist  der  Taufer 
eigentlich?  Er  ist  einer,  der  -  ebenso  wie  die  anderen,  die  etwas  in 
den  Einweihungen  gehort  haben  -  den  Hinweis  erhalten  hat  auf  den 
kommenden  Christus,  der  aber  als  der  Einzige  hingestellt  wird,  dem 
gegeniiber  dem  Christus  Jesus  das  rechte  Geheimnis  aufgeht :  daB  der 
Erschienene  eben  der  Christus  ist.  Nun  sahen  die,  welche  mit  «Pha- 


risaer »  oder  mit  anderen  Namen  .bezeichnet  wurden,  in  dem  Christus 
Jesus  einen  solchen,  der  eigentlich  ihrem  alten  Einweihungsprinzip 
widerstrebte,  der  in  ihren  Augen  etwas  tat,  was  sie  in  ihrem  konserva- 
tiven  Sinne  nicht  zugeben  konnten.  Sie  sagten,  weil  sie  eben  kon- 
servativ  waren:  Es  muB  bei  dem  alten  Einweihungspiinzip  bleiben!  - 
Und  dieser  Widerspmch:  immer  von  dem  zukiinftigen  Christus  zu 
sprechen,  aber  niemals  den  Zeitpunkt  eintreten  zu  lassen,  wo  er  wirk- 
lich  da  sei,  das  ist  es  eben,  was  ihrem  Konservatismus  zu  Grunde 
liegt.  Daher  muBten  sie,  als  der  Christus  Jesus  den  Lazarus  einweihte, 
es  als  einen  Bruch  mit  der  alten  Mysterien-Tradition  ansehen.  «Der 
Mensch  tut  viele  Zeichen ! »  Mit  dem  konnen  wir  keine  Gemeinschaft 
haben!  -  Er  hat  nach  ihrer  Auffassung  die  Mysterien  verraten,  das- 
jenige  zu  einemOffentlichen  gemacht,  was  in  denTiefen  der  Mysterien- 
Geheimnisse  eingeschlossen  sein  sollte.  Und  jetzt  begreifen  wir,  daft 
dies  ihnen  wie  ein  Verrat  war  und  als  der  Grund  erschien,  daB  sie 
gegen  ihn  auftreten  muBten.  Daher  beginnt  damit  der  Umschlag,  die 
Verfolgung  des  Christus  Jesus. 

Als  was  erweist  sich  nun  der  Taufer  in  den  ersten  Kapiteln  des 
Johannes-Evangeliums  ? 

Erstens  als  ein  solcher,  welcher  die  Mysterienwahrheit  von  dem 
Christus,  der  da  kommen  sollte,  gar  wohl  weiB,  so  gut  weiB,  daB  dies 
alles  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  selber  wiederholen 
kann,  was  auch  schon  der  Taufer  hat  wissen  konnen,  wovon  er  sich 
iiberzeugt  hat  durch  das,  was  wir  kennenlernen  werden. 

Wir  haben  gesehen,  was  die  allerersten  Worte  des  Johannes-Evange- 
liums bedeuten.  Wir  wollen  jetzt  auf  das  ein  wenig  Rucksicht  nehmen, 
was  iiber  den  Taufer  selbst  gesagt  wird.  Legen  wir  es  uns  aber  in 
moglichst  richtiger  Obersetzung  noch  einmal  vor.  Nur  die  ersten 
Worte  haben  wir  bis  jetzt  gehort. 

«Im  Urbeginne  war  das  Wort,  und  das  Wort  war  bei  Gott,  und  ein 

Gott  war  das  Wort. 

Dieses  war  im  Urbeginne  bei  Gott. 

Alles  ist  durch  dasselbe  geworden,  und  auBer  durch  dieses  ist  nichts 
von  dem  Entstandenen  geworden. 


In  diesem  war  das  Leben,  und  das  Leben  war  das  Licht  der  Men- 
schen. 

Und  das  Licht  schien  in  die  Finsternis,  aber  die  Finsternis  hat  es 
nicht  begriffen. 

Es  ward  ein  Mensch;  gesandt  war  er  von  Gott,  mit  seinem  Namen 
Johannes. 

Dieser  kam  zum  Zeugnis,  auf  daB  er  Zeugnis  ablege  von  dem 

Lichte,  und  daft  durch  ihn  alle  glauben  sollten. 

Er  war  nicht  das  Licht,  sondern  ein  Zeuge  des  Lichtes. 

Denn  das  wahre  Licht,  das  alle  Menschen  erleuchtet,  sollte  in  die 

Welt  kommen. 

Es  war  in  der  Welt,  und  die  Welt  ist  durch  es  geworden,  aber  die 
Welt  hat  es  nicht  erkannt. 

In  die  einzelnen  Menschen  kam  es  (bis  zu  den  Ich- Menschen  kam 
es);  aber  die  einzelnen  Menschen  (die  Ich-Menschen)  nahmen  es 
nicht  auf. 

Die  es  aber  aufnahmen,  die  konnten  sich  durch  es  als  Gottes  Kinder 
offenbaren. 

Die  seinem  Namen  vertrauten,  sind  nicht  aus  Blut,  nicht  aus  dem 
Willen  des  Fleisches,  und  nicht  aus  menschlichem  Willen,  sondern 
aus  Gott  geworden. 

Und  das  Wort  ist  Fleisch  geworden  und  hat  unter  uns  gewohnt, 

und  wir  haben  seine  Lehre  gehoret,  die  Lehre  von  dem  einzigen 

Sohn  des  Vaters,  erfullt  von  Hingabe  und  Wahrheit. 

Johannes  leget  Zeugnis  fur  ihn  ab  und  verkiindet  deutlich:  Dieser 

war  es,  von  dem  ich  sagte :  Nach  mir  wird  derjenige  kommen,  der 

vor  mir  gewesen  ist.  Denn  er  ist  mein  Vorganger. 

Denn  aus  dessen  Fiille  haben  wir  alle  genommen  Gnade  iiber 

Gnade. 

Denn  das  Gesetz  ist  durch  Moses  gegeben,  die  Gnade  und  die 
Wahrheit  aber  ist  durch  Jesus  Christus  entstanden. 
Gott  hat  niemand  bisher  mit  Augen  geschaut.  Der  eingeborene 
Sohn,  welcher  im  Innern  des  Weltenvaters  war,  er  ist  der  Fiihrer  in 
diesem  Schauen  geworden.»  (i,  1-18) 


Das  sind  diejenigen  Worte,  die  ungefahr  den  Sinn  dieser  ersten 
Satze  des  Johannes-Evangeliums  wiedergeben.  Dazu  miissen  wir,  ehe 
wir  an  ihre  Erklarung  gehen,  noch  eines  fugen.  Als  was  erklart  sich 
denn  Johannes  selber?  -  Sie  erinnern  sich,  daB  geschickt  wird,  um 
auszukundschaften,  wer  Johannes  der  Taufer  sei.  Priester  und  Leviten 
kommen,  die  ihn  fragen  sollen,  wer  er  sei.  Warum  nun  die  vorher- 
gehende  Antwort  gegeben  wird,  werden  wir  noch  sehen.  Jetzt  wollen 
wir  nur  beriicksichtigen,  was  er  selber  sagt.  Er  sprach: 

«Ich  bin  die  Stimme  eines  Rufers  in  der  Einsamkeit.»  (i,  23) 

Das  sind  die  Worte,  die  da  stehen.  «Ich  bin  die  Stimme  eines  Rufers 
in  der  Einsamkeit ! »  In  der  Einsamkeit  steht  da  -  ganz  wortlich  -  iv 
xfj  ipTjixw.  Im  Griechischen  bedeutet  das  Wort  «Eremit»  «der  Ein- 
same».  Nun  werden  Sie  es  begreifen,  da6  es  richtiger  ist,  zu  sagen: 
«Ich  bin  die  Stimme  eines  Rufers  in  der  Einsamkeit »  -  als:  «Ich  bin 
die  Stimme  eines  Predigers  in  der  Wiiste. »  Und  wir  werden  alles,  was 
in  den  Anfangsworten  des  Johannes-Evangeliums  angefiihrt  ist,  besser 
verstehen,  wenn  wir  diese  Selbstcharakteristik  des  Johannes  uns  vor 
Augen  fiihren.  Warum  nennt  er  sich  «die  Stimme  eines  Rufers  in  der 
Einsamkeit»? 

In  dem  Entwickelungsgange  der  Menschheit  haben  wir  gesehen, 
daB  die  eigentUche  Erdenmission  die  Entwickelung  der  Liebe  ist,  daB 
sie  aber  nur  denkbar  ist,  wenn  sie  als  freiwillige  Gabe  von  selbst- 
bewuBten  Menschen  gegeben  wird,  und  daB  sich  der  Mensch  nach 
und  nach  sein  Ich  erobert  und  daB  das  Ich  langsam  und  allmahlich 
sich  hineinsenkt  in  die  Menschennatur.  Wir  wissen,  daB  die  Tiere  als 
solche  kein  einzelnes  Ich  haben.  Wenn  der  einzelne  Lowe  «Ich»  sagen 
konnte,  ware  damit  nicht  das  einzelne  Tier  gemeint,  sondern  das 
Gruppen-Ich  in  der  astralischen  Welt;  alle  Lowen  wiirden  dazu  «Ich» 
sagen.  So  sagen  ganze  Gruppen  von  gleichgeformten  Tieren  zu  dem 
im  Astralischen  ubersinnlich-wahrnehmbaren  Gruppen-Ich  « Ich  ».  Das 
ist  der  groBe  Vorzug  des  Menschen  vor  den  Tieren,  daB  der  Mensch 
ein  individuelles  Ich  hat.  Aber  das  individuelle  Ich  entwickelt  sich  erst 
nach  und  nach.  Der  Mensch  fing  auch  an  mit  einem  Gruppen-Ich,  mit 
einem  Ich,  welches  einer  ganzen  Gruppe  von  Menschen  angehorte. 


Wenn  Sie  zuriickgehen  wiirden  zu  alten  Volkern,  zu  alten  Rassen, 
iiberall  wiirden  Sie  finden,  daB  die  Menschen  urspriinglich  kleine 
Gruppen  bildeten.  Bei  den  germanischen  Volkern  brauchten  Sie  gar 
nicht  einmal  weit  zuriickzugehen.  In  den  Schriften  des  Tacitus  konnen 
Sie  mit  Handen  greifen,  daB  der  ein2elne  Germane  mehr  halt  von  sei- 
nem  ganzen  Stamm  als  von  seiner  Individuality.  Der  einzelne  fiihlt 
sich  mehr  als  Glied  des  Cheruskerstammes  oder  des  Sigambrerstam- 
mes  denn  als  eine  einzelne  Persdnlichkeit,  und  daher  tritt  auch  der 
einzelne  ein  fur  das  Schicksal  des  ganzen  Stammes ;  es  ist  auch  gleich- 
giiltig,  wer  aus  dem  Stamme  eine  Beleidigung  racht,  wenn  einem  ein- 
zelnen  Gliede  oder  dem  Stamme  eine  Beleidigung  widerfahren  ist. 
Dann  tritt  im  Laufe  der  Zeit  das  ein,  daB  einzelne  Leute  heraustreten 
aus  der  Stammeszusammengehdrigkeit,  so  dafi  die  Stamme  durch- 
brochen  werden  und  nicht  mehr  kompakt  bleiben.  Aus  dem  Gruppen- 
seelencharakter  hat  sich  auch  der  Mensch  entwickelt  und  nach  und 
nach  sich  hinaufgeschwungen  dazu,  in  der  Einzelpersonlichkeit  das 
Ich  zu  empfinden. 

Wir  konnen  gewisse  Dinge,  besonders  die  religiosen  Urkunden, 
nur  verstehen,  wenn  wir  dies  Geheimnis  von  den  Gruppenseelen,  von 
den  Gruppen-Ichen  wissen.  Bei  den  Volkern,  bei  denen  es  schon  zu 
einer  gewissen  Wahrnehmung  des  eigenen  Ich  gekommen  war,  gab 
es  noch  immer  ein  Ich,  das  sich  nicht  nur  iiber  raumliche,  gleich- 
zeitig  lebende  Gruppen,  sondern  auch  iiber  zeitUche  Gruppen  aus- 
dehnte.  Heute  ist  das  Gedachtnis  der  Menschen  so,  daB  sich  der  ein- 
zelne nur  noch  an  seine  Jugendzeit  erinnert.  Aber  es  gab  eine  Zeit,  in 
der  noch  ein  anderes  Gedachtnis  vorhanden  war,  wo  sich  der  Mensch 
nicht  nur  an  seine  Taten  erinnerte,  sondern  wo  er  sich  auch  an  die 
Taten  seines  Vaters,  seines  GroBvaters  erinnerte  wie  an  seine  eigenen. 
Das  Gedachtnis  reichte  hiniiber,  weit  in  die  Blutsverwandtschaft  der 
Ahnen  bis  zum  Stammvater,  dessen  Blut  herunterfloB  durch  die  Ge- 
nerationen.  Jahrhundertelang  erhielt  sich  mit  dem  Blute  das  Gedacht- 
nis, und  ein  Enkel  oder  ein  SproB  eines  Stammes  sagte  zu  den  Taten, 
zu  den  Gedanken  seiner  Vorfahren  «Ich»  wie  zu  sich  selber.  Man 
empfand  sich  da  nicht  eingeschlossen  zwischen  Geburt  und  Tod,  son- 
dern man  empfand  sich  als  Glied  der  Generationenreihe,  deren  Mittel- 


punkt  der  Ahne  war.  Denn  das  ist  der  Zusammenhalt  des  Ich,  daB  man 
sich  eben  der  Taten  des  Vaters,  des  GroBvaters  und  so  weiter  erinnerte. 
In  alten  Zeiten  wurde  das  schon  auBerlkh  durch  die  Namengebung 
ausgedriickt.  Der  Sohn  erinnerte  sich  nicht  nur  an  seine  eigenen  Taten, 
sondern  auch  an  die  des  Vaters,  GroBvaters  und  so  weiter.  Das  Ge- 
dachtnis ging  durch  die  Generationen  weit  hinauf.  Alles,  was  so  das 
Gedachtnis  umfaBte,  hieB  in  alten  Zeiten  zum  Beispiel  «Noah»,  hieB 
«Adam».  Damit  sind  nicht  die  einzelnen  Menschen,  sondern  die  Iche 
gemeint,  die  jahrhundertelang  das  Gedachtnis  bewahrten.  Dies  Ge- 
heimnis  verbirgt  sich  auch  hinter  den  Patriarchennamen.  Warum  leb- 
ten  die  Patriarchen  so  lange?  Es  ware  einem  in  alten  Zeiten  gar  nicht 
eingefallen,  den  einzelnen  Menschen,  der  zwischen  Geburt  und  Tod 
steht,  mit  einem  Namen  zu  benennen.  Adam  erhielt  sich  jahrhunderte- 
lang im  Gedachtnis,  weil  gerade  die  raumliche  und  zeitliche  Begren- 
zung  fur  die  alte  Namengebung  gar  nicht  in  Betracht  kam. 

So  loste  sich  nach  und  nach  langsam  das  menschliche  Einzel-Ich  aus 
der  Gruppenseele,  aus  dem  Gruppen-Ich  heraus;  der  Mensch  kam 
nach  und  nach  zum  BewuBtsein  seines  Einzel-Ichs.  Vorher  fiihlte  er 
sein  Ich  in  der  Stammeszugehorigkeit,  in  der  Gruppe  von  Menschen, 
mit  denen  er  blutsverwandt  war,  entweder  im  Raume  oder  in  der  Zeit ; 
daher  der  Ausspruch:  «Ich  und  der  Vater  Abraham  sind  eins! »,  das 
heiBt,  sind  ein  Ich.  Und  da  fiihlte  sich  der  einzelne  geborgen  in  einem 
Ganzen,  weil  das  gemeinsame  Blut  durch  alle  Adern  hinunterrollte, 
durch  alle  Mitglieder  des  betreffenden  Volkes.  Aber  die  Entwickelung 
ging  vorwarts:  Die  Zeit  wurde  reif,  wo  gerade  innerhalb  dieser  Volker 
die  Menschen  ihr  Einzel-Ich  empfinden  sollten. 

Den  Menschen  das  zu  geben,  was  sie  brauchten,  um  sich  sicher  und 
fest  zu  fuhlen  in  diesem  einzelnen  individuellen  Ich,  das  war  die  Mis- 
sion des  Christus.  So  mussen  wir  auch  das  Wort  auffassen,  das  so 
leicht  miBverstanden  werden  kann :  « Wer  nicht  verleugnet  Weib  und 
Kind,  Vater  und  Mutter,  Bruder  und  Schwester,  der  kann  nicht  mein 
Jtinger  sein!»  (Mark.  10,  29).  Das  mussen  wir  nicht  in  dem  trivialen 
Sinn  auffassen,  daB  jemand  eine  Anweisung  erhalt,  der  Familie  davon- 
zulaufen;  sondern  es  ist  gemeint:  Ihr  sollt  fuhlen,  daB  ein  jeder  von 
euch  ein  Einzel-Ich  ist  und  daB  dieses  Einzel-Ich  unmittelbar  mit  dem 


geistigen  Vater,  der  durch  die  Welt  flutet,  eins  ist.  Fruher  sagte  der 
Bekenner  des  Alten  Testaments:  «Ich  und  der  Vater  Abraham  sind 
eins  »,  weil  das  Ich  sich  in  der  Blutsverwandtschaft  ruhen  fiihlte.  Jetzt 
sollte  frei  werden  das  Sich-eins-Fiihlen  mit  dem  geistigen  Vater- 
grunde.  Nicht  mehr  sollte  die  Blutsverwandtschaft  die  Gewahr  bilden, 
daB  der  Mensch  zu  einem  Ganzen  gehort,  sondern  das  Wissen  von 
dem  rein  geistigen  Vaterprinzip,  mit  dem  alle  eins  sind. 

So  soli  uns  durch  das  Johannes-Evangelium  gesagt  werden,  daB 
der  Christus  der  groBe  Impulsgeber  ist  fiir  das,  was  der  Mensch 
braucht,  um  sich  ewig  in  seinem  einzelnen,  individuellen  Ich  zu  fuhlen. 
Das  ist  der  Umschwung  von  dem  alten  Bunde  zu  dem  neuen  Bunde, 
daB  der  alte  Bund  immer  etwas  von  Gruppenseelenhaftigkeit  hat,  wo 
das  eine  Ich  sich  zugesellt  fuh.lt  zu  den  anderen  Ichen  und  weder  sich 
noch  die  andern  Iche  recht  fuhlt,  dafiir  aber  das,  worin  sie  gemeinsam 
geborgen  sind,  das  Volks-Ich  oder  Stammes-Ich  mitempfindet. 

Wie  muBte  sich  denn  nun  ein  Ich  fuhlen,  das  so  weit  reif  ge- 
worden  war,  um  nicht  mehr  den  Zusammenhang  mit  den  anderen 
individuellen  Personlichkeiten  der  Gruppenseele  zu  fuhlen?  Wie 
muBte  das  vereinzelte  Ich  empfinden  in  einer  Zeit,  in  der  man  sagen 
konnte :  Nicht  mehr  ist  die  Zeit,  in  der  man  als  eine  wirkliche  mensch- 
Hche  Lebenswahrheit  empfinden  kann  die  Zusammengehorigkeit 
mit  anderen  Personen,  mit  alien  Ichen,  die  zu  einer  Gruppenseele 
gehoren;  aber  der  muB  erst  kommen,  der  der  Seele  das  geistige 
Lebensbrot  gibt,  wodurch  das  einzelne  Ich  seine  Nahrung  erhalt.  - 
Das  Einzel-Ich  muBte  sich  einsam  fuhlen,  und  der  Vorganger  des 
Christus  muBte  sagen:  Ich  bin  ein  Ich,  das  sich  herausgeschalt  hat, 
sich  einsam  fuhlt.  Und  gerade  weil  ich  gelernt  habe,  mich  einsam 
zu  fuhlen,  fiihle  ich  mich  als  ein  Prophet,  dem  das  Ich  in  der  Ein- 
samkeit  die  richtige  Geistes-Nahrung  gibt.  -  Deshalb  muBte  sich 
der  Verkimder  als  ein  Rufer  in  der  Einsamkeit  bezeichnen,  das  heiBt 
als  das  schon  vereinsamte,  von  der  Gruppenseele  vereinsamte  Ich, 
das  da  schreit  nach  dem,  wodurch  das  Einzel-Ich  Nahrung  be- 
kommen  kann.  «Ich  bin  die  Stimme  eines  Rufers  in  der  Einsam- 
keit.»  Da  horen  wir  wieder  die  tiefe  Wahrheit:  Jedes  menschliche 
individuelle  Ich  ist  ein  ganz  auf  sich  gestelltes;  ich  bin  die  Stimme 


des  Ich,  das  losgelost  ist  und  das  seinen  Grund  sucht,  auf  dem  es 
als  losgelostes  Ich  stehen  kann.  Jetzt  verstehen  wir  die  Stelle:  «Ich 
bin  die  Stimme  eines  Rufers  in  der  Einsamkeit. » 

Um  genau  die  Worte  des  Johannes-Evangeliums  zu  verstehen, 
miissen  wir  uns  ein  wenig  hineinfinden  in  die  Art  und  Weise,  wie 
iiberhaupt  damals  Namen  und  Bezeichnungen  gegeben  worden  sind. 
So  abstrakt  und  nichtssagend  wie  heute  war  die  Namengebung  da- 
mals nicht.  Und  wenn  die  Ausleger  der  biblischen  Urkunden  nur  ein 
klein  wenig  bedenken  wollten,  wieviel  damit  gesagt  wird,  dann  wiirde 
manche  triviale  Auslegung  nicht  ans  Tageslicht  treten.  Ich  habe 
schon  darauf  hingewiesen,  daB,  wenn  der  Christus  sagt:  «Ich  bin 
das  Licht  der  Welt »  (8,  1 2),  damit  wirklich  gemeint  ist,  daB  er  der  erste 
war,  der  fur  das  «Ich-bin»  den  Ausdruck  und  Impuls  gegeben  hat. 
Daher  muB  immer  da,  wo  das  «Ich-bin»  steht  in  den  ersten  Kapiteln, 
dieses  «Ich-bin»  ganz  besonders  betont  werden.  Alle  Namen  und  Be- 
zeichnungen in  den  alten  Zeiten  sind  in  einer  gewissen  Weise  durchaus 
real  und  zu  gleicher  Zeit  tief  symbolisch  gebraucht. 

Nach  zwei  Richtungen  hin  werden  hier  oft  gewaltige  Irrtiimer  be- 
gangen.  Nach  oberflachlicher  Betrachtung  konnte  mancher  sagen :  Ja, 
nach  einer  solchen  AufFassung  ist  ja  vieles  symbolisch  gemeint,  und  auf 
eine  solche  Auslegung,  wo  alles  nur  symbolisch  gemeint  sein  soli, 
lassen  wir  uns  nicht  ein,  da  verfluchtigt  ihr  ja  die  historischen  bibli- 
schen Ereignisse!  Und  diejenigen,  die  ganz  und  gar  nichts  verstehen 
von  den  geschichtlichen  Ereignissen,  mogen  sagen:  Das  ist  alles  nur 
symbolisch  gemeint.  -  Aber  diejenigen,  die  so  sprechen,  verstehen 
eben  nichts  von  dem  Evangelium.  Nicht  die  historische  Realitat  wird 
durch  eine  symbolische  Erlauterung  geleugnet,  sondern  es  muB  betont 
werden,  daB  die  esoterische  Erklarung  beides  umfaBt:  die  AufFassung 
der  Tatsachen  als  historische,  und  indem  sie  historisch  sind,  bedeuten 
sie  selbst  zugleich  das,  was  wir  ihnen  beilegen.  Freilich,  wer  nur  die 
brutalen  auBeren  Tatsachen  sieht,  namlich  einen  Menschen,  der  ir- 
gendwo  zu  einer  Zeit  geboren  ist,  der  wird  nicht  begreifen,  daB  dieser 
Mensch  noch  etwas  anderes  ist  als  bloB  ein  Mensch  mit  dem  betrefFen- 
den  Namen,  dessen  Biographie  man  schreiben  kann.  Wer  aber  den 
geistigen  Zusammenhang  kennt,  der  wird  verstehen  lernen,  daB  der 


Mensch,  der  geboren  ist  an  einem  bestimmten  Orte,  daB  dieser  leben- 
dige  Mensch  auBerdem  noch  ein  Symbolum  fiir  seine  Zeit  ist,  und  daB 
man  durch  seinen  Namen  ausdriickt  seine  ganze  Bedeutung  fur  die 
Entwickelung  der  Menschheit. 

Symbolisch  und  historisch  zugleich,  nicht  nur  das  eine  und  nicht 
nur  das  andere,  das  ist  es,  um  was  es  sich  handelt  bei  der  wirklichen 
Evangelien-Erklarung.  Und  so  werden  wir  bei  fast  alien  Ereignissen 
und  Hinweisungen  sehen,  daB  der  Johannes  oder  der  Schreiber  des 
Johannes-Evangeliums,  der  eigentlich  in  ubersinnlichen  Wahrneh- 
mungen  sieht,  zugleich  die  Ereignisse  und  die  OfFenbarung  tiefer 
geistiger  Wahrheiten  sieht:  Er  hat  im  Auge  die  historische  Gestalt 
des  Taufers,  er  sieht  auf  die  historische  Gestalt  hin;  zugleich  ist  ihm 
aber  auch  die  wirkliche  historische  Gestalt  das  Symbolum  fur  alle 
Menschen,  die  in  den  alten  Zeiten  schon  berufen  waren,  das  Ich  sich 
einzupragen,  die  aber  erst  auf  dem  Wege  dazu  waren,  denen  hinein- 
scheinen  konnte  das  Licht  der  Welt  ins  einzelne  Ich,  nicht  aber  fiir 
diejenigen,  die  noch  nicht  in  der  Lage  waren,  das  Licht  der  Welt  in 
ihrer  Finsternis  zu  begreifen.  Das,  was  als  Leben,  als  Licht  und  Logos 
in  dem  Christus  Jesus  erschienen  ist,  es  hat  schon  immer  in  der  Welt 
geleuchtet;  nicht  aber  haben  die  es  erkannt,  die  erst  im  Reifwerden 
begriffen  waren.  Immer  war  das  Licht  da.  Denn  ware  das  Licht  nicht 
dagewesen,  so  hatte  iiberhaupt  nicht  die  Anlage  zu  dem  Ich  ent- 
stehen  konnen.  Noch  auf  dem  Monde  war  von  dem  heutigen  Men- 
schen nur  vorhanden  physischer  Leib,  Atherleib  und  astralischer  Leib ; 
kein  Ich  war  darinnen.  Nur  weil  sich  das  Licht  so  umgewandelt  hat, 
wie  es  auf  der  Erde  scheint,  hatte  es  die  Kraft,  die  einzelnen  Iche  zu 
entzunden  und  langsam  zum  Heranreifen  zu  bringen:  «Das  Licht 
schien  in  die  Finsternis;  aber  die  Finsternis  konnte  es  noch  nicht 
begreifen  »  (i,  5).  «In  die  einzelnen  Menschen  kam  es  »,  bis  zu  den  Ich- 
Menschen  kam  es;  denn  die  Ich- Menschen  hatten  gar  nicht  entstehen 
konnen,  wenn  es  nicht  in  sie  durch  den  Logos  gegossen  worden  ware. 
«Aber  die  Ich- Menschen  nahmen  es  nicht  auf.»  Nur  einzelne  nahmen 
es  auf,  die  Eingeweihten ;  die  erhoben  sich  zu  den  geistigen  Welten; 
die  trugen  immer  den  Namen  «  Kinder  Gottes »,  weil  sie  eine  Erkennt- 
nis  hatten  von  dem  Logos,  von  dem  Licht  und  Leben,  und  immer 


davon  Zeugnis  ablegen  konnten.  Einzelne  waren  es,  die  immer  schon 
durch  die  alten  Mysterien  wuBten  von  den  geistigen  Welten.  Was  lebte 
denn  in  ihnen?  Es  lebte  in  ihnen  dasjenige,  was  im  Menschen  ewig  ist. 
Ganz  bewuBt  lebte  das  in  ihnen.  Sie  fuhlten  schon  vor  das  groBe  Wort: 
«Ich  und  der  Vater  sind  Eins»  (10,  30),  namlich  Ich  und  der  groBe 
Urgr und  sind  Eins !  Und  das  Tiefste,  was  sie  im  BewuBtsein  trugen, 
ihr  eigenes  Ich,  das  hatten  sie  nicht  von  Vater  und  Mutter,  sondern  sie 
hatten  es  durch  die  Initiation  in  die  geistige  Welt.  Nicht  aus  dem  Blute 
und  nicht  aus  dem  Fleische  und  nicht  aus  eines  Vaters  oder  einer 
Mutter  Willen,  sondern  «aus  Gott»,  das  heiBt  aus  der  geistigen  Welt- 
hatten  sie  es.  -  Da  haben  Sie  die  Erklarung  der  Worte,  daB  die  groBe 
Anzahl  der  Menschen,  trotzdem  sie  schon  die  Anlage  zum  Ich- Men- 
schen hatten,  das  Licht  nicht  aufnahmen,  daB  es  wohl  herab  kam  bis  zu 
dem  Gruppen-Ich,  daB  aber  die  einzelnen  es  nicht  aufnahmen.  Diejeni- 
gen,  die  es  aber  aufnahmen  -  das  waren  nur  wenige  -,  die  konnten  sich 
durch  es  zu  Gottes  Kindern  machen;  die  ihm  aber  vertrauten,  sind  es 
aus  Gott  geworden  durch  die  Einweihung.  Das  gibt  uns  ein  klares 
Bild.  Damit  aber  alle  Menschen  mit  Erdensinnen  den  daseienden  Gott 
erkennen  konnten,  muBte  er  in  der  Art  auf  der  Erde  erscheinen,  daB 
man  ihn  mit  leiblichen  Augen  sieht,  das  heiBt  er  muBte  eine  neischliche 
Gestalt  annehmen,  weil  eine  solche  Gestalt  nur  mit  den  leiblichen 
Augen  gesehen  werden  kann.  Fruher  konnten  ihn  nur  die  Eingeweih- 
ten  in  den  Mysterien  sehen;  jetzt  aber  hatte  er  zum  Heile  aller  Fleisch- 
gestalt  angenommen:  «Das  Wort  oder  der  Logos  war  Fleisch  gewor- 
den»  (1,  14).  So  kniipft  der  Schreiber  des  Johannes-Evangeliums  die 
historische  Erscheinung  des  Christus  Jesus  an  die  ganze  Evolution  an. 
«Wir  haben  seine  Lehre  gehort,  die  Lehre  von  dem  eingeborenen 
Sohne  des  Vaters  »  (1,  14).  Was  ist  das  fur  eine  Lehre?  Was  sind  denn 
die  andern  Menschen  fur  geborene? 

Man  nannte  in  den  alten  Zeiten,  in  denen  die  Evangelien  geschrie- 
ben  wurden,  «zweigeboren»  diejenigen,  die  vom  Fleische  geboren 
sind.  Sie  nannte  man  zweigeboren,  sagen  wir  durch  die  Vermischung 
des  Blutes  von  Vater  und  Mutter.  Was  nicht  aus  dem  Fleische  geboren 
ist  und  nicht  durch  die  Menschenwirkung  und  nicht  durch  die  Ver- 
mischung des  Blutes  entstanden  ist,  das  ist  «aus  Gott  geboren »;  das 


ist  «eingeboren».  Diejenigen,  die  fruher  «Gotteskinder»  genannt 
wurden,  waren  immer  schon  in  gewisser  Weise  die  «Eingeborenen»; 
und  die  Lehre  von  dem  Gottessohn  ist  die  Lehre  von  dem  «Ein- 
geborenen».  Der  physische  Mensch  ist  der  «  Zweigeborene  »,  der 
Geistesmensch  ist  der  «Eingeborene».  Das  diirfen  Sie  nicht  so  auf- 
fassen,  als  ob  es  hieBe  «hineingeboren»,  nein,  eingeboren  ist  der 
Gegensatz  zu  zweigeboren,  Und  das  Wort  deutet  darauf  hin,  daB  der 
Mensch  auBer  der  physischen  Geburt  auch  eine  geistige  Geburt 
durchmachen  kann,  namlich  die  Vereinigung  mit  dem  Geiste,  die 
Geburt,  durch  die  er  eingeboren,  ein  Kind  oder  Sohn  der  Gottheit 
wird.  Und  eine  solche  Lehre  -  gehort  werden  konnte  sie  erst  durch 
den,  der  das  Fleisch  gewordene  Wort  darsteilte.  Durch  ihn  wurde  die 
Lehre  allgemein,  «die  Lehre  von  dem  eingeborenen  Sohne  des  Vaters, 
erfiillt  von  Hingabe  und  Wahrheit»  (i,  14).  «Hingabe»  muB  hier  bes- 
ser  iibersetzt  werden,  weil  man  es  zu  tun  hat  zwar  mit  einem  Herausge- 
borenwerden  aus  der  Gottheit,  aber  mit  einem  Zusammenbleiben  und 
zu  gleicher  Zeit  mit  der  Hinwegnahme  aller  Illusion.  Diese  letztere 
kommt  nur  aus  dem  Zweigeboren-sein  und  umschlieBt  den  Menschen 
mit  Sinnestauschungen,  im  Gegensatz  zu  dieser  einen  Lehre,  die  die 
Wahrheit  bringt  in  dem  Christus  Jesus,  wie  er  stand  und  wohnte  unter 
den  Menschen  als  der  verkorperte  Logos.  Johannes  aber  nannte  sich  - 
das  bedeutet  es  wortlich  - :  der  Vorlaufer,  Vorganger,  der,  der  voran- 
geht  zur  Verkiindigung  des  Ich.  Johannes  bezeichnet  sich  selbst  als 
den,  der  zwar  wuBte,  daB  dies  Ich  in  dem  einzelnen  selbstandig  werden 
muB,  der  aber  Zeugnis  abzulegen  hatte  von  dem,  der  da  kommen 
wird,  um  dies  zu  bewirken.  Er  sagte  deutlich:  Der,  der  da  kommen 
wird,  ist  das  «Ich-bin  »,  das  ewig  ist,  das  wirklich  von  sich  sagen  kann : 
Bevor  Abraham  war,  war  «Ich-bin».  Johannes  konnte  sagen:  Das  Ich, 
von  dem  hier  die  Rede  ist,  es  ist  vor  mir  gewesen;  es  ist  zu  gleicher 
Zeit,  trotzdem  ich  sein  Vorganger  bin,  mein  Vorganger;  ich  lege 
Zeugnis  ab  von  dem,  was  vorher  in  jedem  Menschen  war;  «nach  mir 
wird  der  kommen,  der  vor  mir  gewesen  ist»  (1,  15). 

Und  nun  werden  bedeutsame  Worte  gesagt:  «Denn  aus  dessen  Fiille 
haben  wir  alle  entnommen  Gnade  iiber  Gnade»  (1,  16).  Viele  Men- 
schen gibt  es,  die  sich  Christen  nennen  und  die  iiber  das  Wort  «Fulle» 


hinweglesen,  die  sich  bei  diesem  Wort  nichts  besonders  Genaues 
denken.  «Pleroma»  heiBt  nach  dem  Griechischen  «die  Fiille».  Das 
steht  auch  im  Johannes-Evangelium:  «Denn  aus  dem  Pleroma  haben 
wir  alle  entnommen  Gnade  iiber  Gnade ! »  Ich  sagte,  jedes  Wort  des 
Johannes-Evangeliums  muB  man,  wenn  man  es  iiberhaupt  verstehen 
will,  auf  die  Goldwaage  legen.  Was  ist  denn  nun  Pleroma,  die  Fiille? 
Nur  der  kann  es  verstehen,  der  da  weiB,  daB  man  in  den  alten  Myste- 
rien  von  dem  Pleroma  oder  der  Fiille  als  von  etwas  ganz  Bestimmtem 
gesprochen  hat.  Denn  man  hat  damals  schon  die  Lehre  vertreten,  daB, 
als  sich  zuerst  offenbarten  diejenigen  geistigen  Wesenheiten,  die  bis 
zur  Gottlichkeit  aufgestiegen  waren  wahrend  des  alten  Mondes,  die 
Elohim,  einer  sich  von  ihnen  trennte :  Einer  bheb  auf  dem  Mond  und 
strahlte  von  dort  zuriick  die  Kraft  der  Liebe,  bis  die  Menschen  ge- 
niigend  reif  waren  fur  das  Licht  der  iibrigen  sechs  Elohim.  So  unter- 
schied  man  Jahve,  den  Einzelgott,  den  Riickstrahler  und  die  aus  sechs 
bestehende  Fiille  der  Gottheit,  « Pleroma ».  Da  aber  mit  dem  Gesamt- 
bewuBtsein  des  Sonnenlogos  der  Christus  gemeint  ist,  muBte  man, 
wenn  man  auf  ihn  hindeutete,  sprechen  von  der  Fiille  der  Gotter. 
Diese  tiefe  Wahrheit  verbirgt  sich  dahinter:  «Denn  aus  dem  Pleroma 
haben  wir  alle  entnommen  Gnade  iiber  Gnade. » 

Nun  gehen  wir  weiter,  indem  wir  uns  zuriickversetzen  in  die 
Gruppenseelenzeit,  wo  der  einzelne  sein  Ich  fiihlte  als  Gruppen-Ich. 
Betrachten  wir  nun,  was  als  soziale  Ordnung  in  der  Gruppe  lebte. 
Die  Menschen  leben  ja  doch,  insofern  sie  sichtbare  Menschen  waren, 
als  einzelne.  Sie  fiihlen  zwar  das  Gruppen-Ich,  aber  fur  die  Sinne 
waren  sie  einzelne.  Da  sie  sich  noch  nicht  als  einzelne  fiihlten,  konn- 
ten  sie  auch  noch  nicht  die  Liebe  in  vollem  MaBe  innerlich  haben. 
Der  eine  liebt  den  anderen,  weil  er  blutsverwandt  mit  ihm  ist.  Die 
Blutsverwandtschaft  ist  die  Grundlage  aller  Liebe.  Die  Blutsver- 
wandten  Iiebten  sich  zuerst,  und  aus  der  Blutsverwandtschaft  geht 
auch  die  Liebe  hervor,  sofern  sie  nicht  Geschlechtsliebe  ist.  Von 
dieser  Gruppenseelenliebe  sollen  sich  die  Menschen  immer  mehr  und 
mehr  befreien  und  die  Liebe  als  freie  Gabe  des  Ich  darbringen.  Am 
Ende  der  Erdenentwickelung  werden  die  Menschen  es  erreichen,  daB 
eine  Zeit  kommt,  in  welcher  das  selbstandig  gewordene  Ich  in  seinem 


Innersten  aus  voller  Hingabe  den  Impuls  hat,  das  Rechte  und  das  Gute 
zu  tun.  Weil  das  Ich  diesen  Impuls  hat,  tut  es  das  Rechte,  tut  es  das 
Gute.  Wenn  die  Liebe  so  vergeistigt  ist,  daB  niemand  anderes  wollen 
wird,  als  zu  tun,  was  das  Richtige  ist,  dann  ist  das  erfullt,  was  der 
Christus  Jesus  in  die  Welt  bringen  wollte.  Denn  das  ist  eines  der  Ge- 
heimnisse  des  Christentums,  daB  es  lehrt :  Schaut  hin  auf  Christus,  er- 
fullt euch  mit  der  Kraft  seiner  Gestalt,  versucht  zu  werden  wie  er, 
thm  nachzufolgen ;  dann  wird  euer  befreites  Ich  so,  daB  es  kein  Gesetz 
braucht,  daB  es  als  ein  in  seinem  Innersten  freies  Wesen  das  Gute,  das 
Rechte  tut.  So  ist  Christus  der  Impulsbringer  der  Freiheit  vom  Ge- 
setz, so  daB  das  Gute  nicht  wegen  des  Gesetzes,  sondern  als  Impuls 
der  im  Innern  lebenden  Liebe  getan  wird. 

Dieser  Impuls  wird  aber  noch  den  ganzen  Rest  der  Erdenzeit  zu 
seiner  Entwickelung  brauchen.  Der  Anfang  dazu  ist  durch  den  Chri- 
stus Jesus  gemacht  worden,  und  immer  wird  die  Christusgestalt  die 
Kraft  sein,  welche  die  Menschen  dazu  erziehen  wird.  Solange  die 
Menschen  nicht  reif  waren,  ein  selbstandiges  Ich  zu  empfangen,  so- 
lange sie  als  Glieder  einer  Gruppe  existierten,  muBten  sie  durch  ein 
auBerlich  geoffenbartes  Gesetz  sozial  geregelt  werden.  Und  auch 
heute  sind  die  Menschen  noch  nicht  in  alien  Dingen  iiber  die  Grup- 
pen-Iche  hinaus.  In  wie  vielen  Dingen  ist  der  Mensch  heute  durchaus 
nicht  individueller  Mensch,  sondern  ein  Gruppenwesen !  Der  Mensch, 
der  heute  schon  ein  freies  Wesen  ware  -  man  nennt  ihn  den  «Heimat- 
losen»  auf  einer  gewissen  Stufe  der  esoterischen  Schulerschaft  -,  der 
ist  doch  noch  ein  Ideal!  Wer  sich  freiwillig  hineinstellt  in  das  Welten- 
wirken,  der  ist  individuell,  der  wird  nicht  durch  das  Gesetz  geregelt. 
Im  Chris tus-Prinzip  Hegt  die  Oberwindung  des  Gesetzes:  «Denn  das 
Gesetz  ist  durch  Moses  gegeben;  die  Gnade  aber  durch  Christus  »  (i, 
17).  Als  Gnade  bezeichnete  man  im  christlichen  Sinne  die  Fahigkeit 
der  Seele,  aus  dem  Innern  heraus  das  Gute  zu  tun.  Die  Gnade  und  die 
im  Innern  erkannte  Wahrheit  ist  durch  Christus  entstanden.  Sie  sehen, 
wie  tief  eingreifend  dieser  Gedanke  fur  die  ganze  Menschheitsevolu- 
tion  ist. 

Friiher  wurden  diejenigen,  die  eingeweiht  wurden,  zu  hoheren 
geistigen  Wahrnehmungsorganen  gebracht.  Mit  auBeren  Augen  hat 


vorher  niemals  einer  einen  Gott  gesehen.  Der  eingeborene  Sohn,  der 
im  Innern  des  Vaters  ruht,  der  ist  der  erste,  der  uns  dahin  gefiihrt  hat, 
auf  die  Weise  einen  Gott  zu  schauen,  wie  Menschen  auf  der  Erde 
mit  Erdensinnen  ihre  Umgebung  sehen.  Vorher  war  der  Gott  unsicht- 
bar  geblieben.  Er  offenbarte  sich  im  Ubersinnlichen  durch  den  Traum 
oder  durch  etwas  anderes  in  den  Einweihuhgsstatten.  Jetzt  war  der 
Gott  historisch-sinnliche  Tatsache,  eine  fleischliche  Gestalt  geworden. 
Das  liegt  in  den  Worten:  «Gott  hat  bisher  noch  niemand  gesehen. 
Der  eingeborene  Sohn,  welcher  im  Innern  des  Weltenvaters  war,  er  ist 
der  Fiihrer  in  diesem  Schauen  geworden»  (i,  18).  Er  hat  die  Menschen 
dazu  gebracht,  mit  den  Erdensinnen  einen  Gott  zu  sehen. 

So  sehen  wir  allerdings,  wie  scharf  und  bedeutsam  im  Johannes- 
Evangelium  auf  das  historische  Ereignis  in  Palastina  hingewiesen 
wird  und  mit  welch  paradigmatischen,  fest  umrissenen  Worten,  die 
aber  durchaus  auf  die  Goldwaage  gelegt  werden  miissen,  wenn  wir 
sie  zum  Verstandnisse  des  esoterischen  Christentums  benutzen  wollen. 
Und  nun  werden  wir  in  den  nachsten  Vortragen  sehen,  wie  dieses 
Thema  weiter  ausgefiihrt  und  zugleich  gezeigt  wird,  daB  der  Christus 
nicht  nur  der  Fiihrer  derjenigen  ist,  die  mit  der  Gruppenseele  zu- 
sammenhangen,  sondern  wie  er  in  jeden  einzelnen  Menschen  kommt 
und  gerade  das  individuelle  Ich  mit  seinem  Impuls  ausstatten  will. 
Die  Blutsverwandtschaft  bleibt  ja  bestehen,  aber  die  Geistigkeit  der 
Liebe  tritt  hinzu.  Und  dieser  Liebe,  die  vom  freien  Ich  zum  freien  Ich 
geht,  gibt  er  den  Impuls.  Fur  den  in  der  Einweihung  BegrifFenen  ent- 
hiillt  sich  Tag  fur  Tag  eine  Wahrheit  nach  der  anderen.  Eine  wichtige 
Wahrheit  enthullt  sich  immer  am  dritten  Tage.  Das  ist  die,  wo  man 
vollig  verstehen  lernt,  daB  in  der  Entwickelung  der  Erde  ein  Punkt 
ist,  wodurch  sich  die  an  das  Blut  geknupfte  materielle  Liebe  immer 
mehr  vergeistigt.  Das  ist  das  Ereignis,  das  veranschaulichen  soil  den 
Obergang  von  der  reinen  Blutsliebe  zu  der  geistigen  Liebe.  Darauf 
wird  hingewiesen  mit  bedeutungsvollen  Worten  von  dem  Christus 
Jesus,  wenn  er  sagt:  Es  wird  eine  Zeit  kommen,  die  meine  Zeit  ist, 
wo  die  wichtigsten  Dinge  geschaffen  werden  durch  Menschen,  die 
nicht  mehr  durch  Blutsverwandtschaft  zusammenhangen,  sondern 
durch  solche,  die  als  einzelne  fur  sich  stehen.  Diese  Zeit  muB  aber  erst 


kommen.  -  Der  Christus  selber,  der  den  ersten  Impuls  gibt,  sagt  bei 
einer  wichtigen  Gelegenheit,  daB  sich  dieses  Ideal  einmal  erfiillen 
wird,  daB  aber  seine  Zeit  noch  nicht  gekommen  ist.  Er  deutet  pro- 
phetisch  darauf  hm,  als  die  Mutter  dasteht  und  ihn  auffordert,  etwas 
zu  tun  fur  die  Menschheit,  als  sie  gleichsam  darauf  anspielt,  sie  habe 
ein  Recht,  ihn  zu  veranlassen  zu  einer  wichtigen  Tat  fur  die  Menschen. 
Da  erwidert  er:  J  a,  was  wir  heute  tun  konnen,  das  hat  noch  etwas  zu 
tun  mit  den  Blutsbanden,  mit  dem  Verhaltnis  von  «mir  und  dir»; 
«denn  meine  Zeit  ist  noch  nicht  gekommen  »  (2,  4).  DaB  eine  solche 
Zeit  kommt,  wo  der  Einzelne  fur  sich  stehen  muB,  ist  mit  der  Erzah- 
lung  der  Hochzeit  zu  Kana  ausgednickt ;  und  die  AufForderung  «  Sie 
haben  nicht  Wein! »  (2,  3)  wird  von  Jesus  so  beantwortet,  daB  er  sagt: 
«Das  ist  etwas,  was  noch  mit  <mir  und  dir>  zu  tun  hat;  meine  Zeit,  die 
ist  noch  nicht  gekommen.»  Daher  stehen  da  die  Worte  «von  mir  zu 
dir»  und  «meine  Zeit  ist  noch  nicht  gekommen».  Was  da  steht  im 
Text,  deutet  auf  dieses  Geheimnis  hin.  Wie  vieles  andere  ist  auch  diese 
Stelle  immer  recht  grob  iibersetzt  worden.  Nicht  «Weib,  was  habe  ich 
mit  dir  zu  schaffen?»  sollte  dastehen,  sondern  «Was  geht  da  von  mir 
zu  dir?».  So  fein  und  subtil  ist  der  Text,  aber  bloB  verstandlich  fur  die, 
die  ihn  verstehen  wollen.  Wenn  aber  immer  wieder  diese  religiosen 
Urkunden  heute  von  allerlei  Leuten  erklart  werden,  mochte  man  doch 
fragen:  Haben  denn  die,  welche  sich  Christen  nenen,  gar  keine  Emp- 
findung  dabei,  wenn  sie  Christus  —  nach  unrichtiger  Ubersetzung  — 
den  Ausspruch  tun  lassen:  «Weib,  was  habe  ich  mit  dir  zu  schaffen?» 

Bet  vielem,  was  sich  heute  Christentum  nennt  und  sich  beruft  auf 
das  Evangelium,  muB  man  fragen :  Haben  sie  denn  das  Evangelium? 
Es  handelt  sich  darum,  daB  man  das  Evangelium  erst  habe.  Und  bei 
einer  solch  tiefen  Urkunde,  wie  es  das  Johannes-Evangelium  ist, 
handelt  es  sich  wirklich  darum,  daB  man  erst  jedes  Wort  auf  die  Gold- 
waage  legt,  um  es  in  seinem  rechten  Werte  zu  erkennen. 


FUNFTER  VORTRAG 


Hamburg,  23.  Mai  1908 


Bei  den  Betrachtungen  iiber  das  Johannes-Evangelium  diirfen  wir 
nirgends  die  ganz  prinzipielle  Auseinandersetzung  auBer  acht  lassen, 
die  wir  gestern  gepflogen  haben,  namlich,  daB  wir  es  in  dem  ur- 
spriinglichen  Verfasser  des  Johannes-Evangeliums  zu  tun  haben  mit 
dem  von  dem  Christus  Jesus  selbst  eingeweihten  Lieblingsschiiler. 
Es  konnte  jemand  nun  natiirlich  fragen:  Ja,  ist  denn,  ganz  abgesehen 
von  dem  okkulten  Wissen,  auch  vielleicht  ein  auBeres  Zeugnis  dafiir 
vorhanden,  durch  welches  der  V
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