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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE
UND AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE
1904-1914
Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Eso-
terischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 264
Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen
Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Dokumente und Vortrage Bibliographie-Nr. 265
Anweisungen fiir eine esoterische Schulung
Aus den Inhalten der Esoterischen Schule Bibliographie-Nr. 245
Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener und zukiinftiger Entwickelungs-
geheimnisse des Menschen. Aus den Inhalten der Esoterischen Schule
Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904 und dem 2. Januar
1906 Bibliographie-Nr. 93
Grundelemente der Esoterik
Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen, gehalten in
Berlin vom 26. September bis 5. November 1905 Bibliographie-Nr. 93a
RUDOLF STEINER
Grundelemente der Esoterik
Notizen von einem esoterischen Lehrgang
in Form von einunddreiBig Vortragen,
gehalten in Berlin vom 26. September
bis 5. November 1905
1987
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1972
2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1976
3. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1987
Erstmals abgedruckt in «Was in der Anthroposophischen
Gesellschaft vorgeht - Nachrichten fur deren Mitglieder»
19. Jg. (1942) Nrn. 43-52 und 20. Jg. (1943) Nrn. 1-36
Bibliographie-Nr. 93a
Zeichnungen im Text nach Skizzen in den Nachschriften,
ausgefiihrt von Leonore Uhlig
Einbandgestaltung von B. Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1972 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-0935-5
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte ursprunglich, daB seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, muB gegeniiber alien Vortrags veroffentlichungen sein Vor-
behalt benicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
liber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluB
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Vorbemerkung des Herausgebers 13
ERSTER VORTRAG, Berlin, 26. September 1905 17
Bedeutung des Schlangensymbols. Wirbellose und Wirbeltiere.
Sonnengeflecht und Ruckenmarkssystem. Innere Betrachtung des
Menschen mit Hilfe des Kundalinifeuers. Zwolf BewuBtseins-
stufen: sieben des Menschen, fiinf der schaffenden Gotter. Die
zwolf Apostel als die zwolf vom Christus durchlaufenen BewuBt-
seinsstufen.
ZWEITER VORTRAG, 27. September 1905 22
Tatigkeit, Weisheit, Wille: drei Leitvorstellungen in der Esoterik.
Das Leben nach dem Tode. Das Auftreten des Hiiters der Schwelle
als Doppelganger. Die Bedeutung von Christi Siihnetod. Ulfilas
EinfluB auf die deutsche Sprache. Das Chaos der Tatigkeit des
Westens und die Ruhe der Weisheit des Ostens.
dritter vortrag, 28. September 1905 30
BewuBtseinsstufen der drei Naturreiche und des Menschen. Die
Pflanzenwelt als Sinnesorgan der Erde. Das Orientierungsorgan
an der Pflanzenwurzel und das entsprechende Orientierungsorgan
im menschlichen Ohr. Das Kreuz als Symbol fur die Entwickelungs-
richtung von Mensch, Tier und Pflanze. Das BewuBtsein der Pflan-
zen auf dem Mentalplan; jenes sensitiver Pflanzen, Idioten und
Tiere auf dem Astralplan; der Mineralien auf dem hoheren Mental-
plan. Das BewuBtsein des Menschen auf dem physischen Plan und
seine Entwickelung zu hoheren BewuBtseinsstufen. Das Sphinx-
ratsel als Hinweis auf die zukiinftige Gestalt des Menschen.
vierter VORTRAG, 29. September 1905 38
Vom BewuBtsein der Bienen und der Ameisen. Alchimie und der
Stein der Weisen. Das Verhaltnis der Naturreiche zueinander. Das
Wesen des Menschen der Zukunft.
funfter vortrag, 30. September 1905 44
Die Zustande der Korper: fest, fliissig, gasformig; die vier Ather-
arten : Warme-, Licht-, chemischer und Lebensather und ihr Leben
auf den sieben Planen. Zusammenhang zwischen passiven und
aktiven Organen: Ohr und Sprache bzw. Kehlkopf; Herz und
Schleimkorper (Hypophyse); Auge und Zirbeldruse (Epiphyse).
Die Entwickelung der Hypophyse zu einem aktiven Warmeorgan,
der Epiphyse zu einem aktiven Sehorgan. Tolstoj. Ulfilas.
SECHSTER vortrag, 1. Oktober 1905 50
liber den Unterschied zwischen empfangenden und schopferischen
Wesenheiten im Zusammenhang mit der Blavatskyschen Reihen-
folge der sieben Wesensstufen, zu welcher der Mensch gehort:
1. Empfangende Elementarwesen; 2. der Mensch als ein emp-
fangendes und schopferisches Zwischenwesen; 3. der «reine
Mensch» der vorlemurischen Zeit: Adam Kadmon und die Ent-
wickelung der warm- und kaltbliitigen Tiere; 4. Bodhisattvas:
schopferisch gewordene Menschen zur Regelung der fortdauern-
den Entwickelung; 5. Nirmanakayas: iiber die Erde hinaus-
reichende Schopferwesen, die neue Impulse in die Erdenentwicke-
lung bringen konnen; 6. Pitris (Vater): sich selbst hinopfern
konnende Wesen; 7. die eigentlichen Gotter. - Herz und Galle.
SIEBENTER vortrag, 2. Oktober 1905 56
Die Entwickelung der Wesenheiten auf dem alten Mond. Mond =
Kosmos der Weisheit. Jehova, eine Rangstufe der Hierarchien.
Ubergang vom alten Mond zur Erde. Beginn der menschlichen
Inkarnationen: Vereinigung zweier verschiedenartiger Wesen-
heiten (geistiger und physischer Teil) mit der Folge von Geburt
und Tod. Karma: Das MaB des Ausgleiches in der allmahlichen
gegenseitigen Anpassung des geistigen und physischen Teiles. Ver-
gangene und zukiinftige Entwickelung der Sprache im Zusammen-
hang mit BewuBtsein, Leben, Form.
achter vortrag, 3. Oktober 1905 60
Reinkarnation, Kulturentwickelung und Tierkreis. Christentum
und Reinkarnationslehre. Wasser- oder WeingenuB in Beziehung
zur Reinkarnationserkenntnis. Der Trappistenorden. Die Augusti-
nische Pradestinationslehre.
neunter vortrag, 4. Oktober 1905 67
Der physische Korper als altester und vollkommenster Teil des
viergliedrigen Menschen. SelbstbewuBtsein und Sinnesbeobach-
tung. Sieben Sinne im Verhaltnis zu sieben Planen und Stoff-
zustanden. Die Veranlagung der kunftigen Jupiternatur aus den
Gedanken, Gefuhlen und Willensimpulsen des gegenwartigen
Menschen. Der Materialismus, eine karmische Folge der fruheren
idealistischen Periode. Die Stadtegrundung und die Lohengrin-
Sage. Ursachen von Krankheiten.
zehnter vortrag, 5. Oktober 1905 74
Der dem physischen Korper entgegengesetzt gebildete Ather-
korper: der weibliche Atherkorper des Mannes und der mannliche
Atherkorper der Frau. Die Formen und Farben des Astralleibes
und seine Umhullung: das aurische Ei. Die Entwickelung des
aurischen Eies der Menschen durch sieben Formzustande der Erde.
Die Abgliederung des aurischen Eies des Menschen. Das individua-
lisierte Astrallicht. Das Lesen im Akasha.
elfter vortrag, 6. Oktober 1905
Der Anteil des Menschen an der physischen, astralen und mentalen
Welt. Die Entwickelung des SelbstbewuBtseins wahrend des Her-
untersteigens zum physischen Plan. Der Wiederaufstieg zu den
hoheren Planen durch Erziehung zur Selbstlosigkeit in Wunschen
und Gedanken. Die Moglichkeit zur Freiheit auf dem physischen
Plan. Wirkung und Gegenwirkung als Technik des Karmas.
zwolfter vortrag, 7. Oktober 1905
Die Entstehung des menschlichen Korpers. Das Kundalinifeuer
als Forschungsmittel okkulter Anatomie. Die Arbeit der Deva-
krafte an den Leibeshullen und die allmahliche Ablosung der Deva-
krafte durch das Ich. Das Wirken der Devas im Leben nach dem
Tode. Aufenthalt im Devachan und Wiederverkorperung. Das
Leben nach dem Tode bei Selbstmord und gewaltsamem Tod.
DREIZEHNTER VORTRAG, 8. Oktober 1905
Die Gotterlehre des Dionysius Areopagita. Die Kirchenstruktur,
ein auBeres Abbild der inneren hierarchischen Ordnung der Welt.
Die Umformung von Flora, Fauna und Mineralreich durch die
Arbeit des Menschen nach dem Tode. Vom Wirken und der
Wesenheit der Devas und der Planetengeister.
vierzehnter vortrag, 9. Oktober 1905
Der Aufenthalt des Menschen im Devachan zwischen dem Tode
und einer neuen Geburt. Die Bildung devachanischer Organe auf
Erden durch geistige Tatigkeit und seelische Verhaltnisse (Zweig-
leben). Die physische Welt als Welt der Ursachen, das Devachan
als Welt der Wirkungen. Drei Stufen der Chelaschaft. Die achte
Sphare. Die zwolf Nidanas oder Karmakrafte.
FUNFZEHNTER VORTRAG, 10. Oktober 1905
Die Impulsierung der europaischen Geschichte vom 14. Jahr-
hundert bis zur Franzosischen Revolution durch die Rosenkreuzer.
In den Schulen der Rosenkreuzer wurde elementare Theosophie
gelehrt. Die drei Begriffe Weisheit, Schonheit, Gewalt im Zu-
sammenhang mit der Verwandlung des Mineral-, Pflanzen- und
Tierreiches. Die zwolf Karmakrafte (Nidanas).
SECHZEHNTER vortrag, 11. Oktober 1905 121
Die Wirkungsweise des Karmas in bezug auf Taten, Worte und
Gedanken. Der Gegensatz zu Karma: das Schaffen aus dem Nichts.
Das Erleben des Nirvana.
SIEBZEHNTER vortrag, 12. Oktober 1905 128
Die drei Stufen des Gedankenlebens: abstrakter Gedanke, Imagi-
nation, Intuition. Vater, Sohn (Wort) und Heiliger Geist oder
erster, zweiter, dritter Logos. Karma und die fiinf Skandhas.
achtzehnter vortrag, 16. Oktober 1905 137
Der Mensch der atlantischen und der lemurischen Zeit. Der zwei-
fache Ursprung der Menschennatur und ihre Vereinigung in der
lemurischen Zeit. Die achte Sphare. Die Zweigliedrigkeit des
physischen, atherischen und astralischen Leibes des Menschen der
Gegenwart.
neunzehnter vortrag, 17. Oktober 1905 144
liber einige Arten von Elementarwesen in der Astralwelt. Asurische
Wesenheiten. Jehova als Gott des heruntersteigenden Kama-
prinzips; Christus, das hinaufsteigende Buddhiprinzip. Schwarze
und weiBe Magie. Naturliche und kiinstliche Elementarwesen.
zwanzigster vortrag, 18. Oktober 1905 151
liber Wesen und Erfahrungen in der Astralwelt. Schwarze und
weiBe Magie. Notwendigkeit einer starken Schulung zur Beurtei-
lung der Astralwelt. Technik der Reinkarnation. Das Erinnerungs-
tableau unmittelbar nach dem Tode und die Zukunftsvision vor
der neuen Geburt.
einundzwanzigster vortrag, 19. Oktober 1905 159
Von der Technik der Reinkarnation: das Gesetz von Wirkung und
Gegenwirkung in bezug auf Handlungen, Gefiihle und Gedanken.
Die Notwendigkeit der kunstlerischen Betatigung fiir das theo-
sophische Leben. Der Durchgang durch die Astral- und die Deva-
chanwelt im Leben nach dem Tode und die Vorbereitung des
nachsten Erdenlebens.
zweiundzwanzigster vortrag, 24. Oktober 1905 168
Das Problem des Todes als BewuBtseinsfrage. Die Zweiheit:
innerer Wesenskern (Monade) und physisch-astralischer Mensch;
deren verschiedenartige Entwickelung bis zu ihrer Vereinigung
in der lemurischen Zeit. Die Entstehung des Karma. Weisheit,
Schonheit, Starke als Spiegelbilder von Manas, Buddhi und Atma.
dreiundzwanzigster vortrag, 25. Oktober 1905 178
Die Befruchtung mit dem Geiste (Monade) in der lemurischen Zeit.
Die Vorstufen der Erdenentwickelung: Saturn, Sonne und Mond.
Die Sonnen- und Mondvorfahren des Menschen. Gegensatz der
Intentionen Jehovas und des luziferischen Prinzips. Entstehung
der Zweigeschlechtlichkeit sowie von Geburt und Tod. Umkeh-
rung der Erdachse. Entstehung des Urkarmas. Kampf zwischen
Jehova und Luzifer. Christentum und die Lehre von Inkarnation
und Karma.
VIERUNDZWANZIGSTER VORTRAG, 26. Oktober 1905 190
Uberblick iiber die Erdenentwickelung I: Rassen, Globen, Runden.
funfundzwanzigster vortrag, 27. Oktober 1905 197
Uberblick iiber die Erdenentwickelung II: Planeten oder BewuBt-
seine, Runden oder Elementarreiche, Globen oder Formzustande;
in christlicher Bezeichnung: Macht, Reich und Herrlichkeit.
SECHSUNDZWANZIGSTER vortrag, 28. Oktober 1905 203
Uberblick iiber die Erdenentwickelung III: Die vierte Erdenrunde.
Die Abspaltung von Sonne und Mond. Die Vereinigung des Astral-
leibes des Menschen mit der Monade. Das Eingreifen der luziferi-
schen Wesenheiten und der Kampf zwischen Jehova und Luzifer.
Elementarwesen in der atlantischen Zeit. Entstehung der Metalle.
Die Namen der Wochentage im Zusammenhang mit der planetari-
schen Entwickelung.
SIEBENUNDZWANZIGSTER vortrag, 30. Oktober 1905 .... 212
liber die drei Logoi oder Form, Leben und BewuBtsein (Schop-
fung aus dem Nichts) als drei Stufen der Entwickelung. Uber
Elementarwesen und iiber die Entstehung astraler Wesenheiten
durch die physischen Handlungen der Menschen.
achtundzwanzigster vortrag, 31. Oktober 1905 222
Uber die Sinne im Zusammenhang mit den Atherarten. Zusammen-
hange zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Die Entwicke-
lung verschiedener BewuBtseinszustande durch die Epochen der
nachatlantischen Zeit hindurch.
neunundzwanzigster vortrag, 3. November 1905 .... 232
Karmawirkungen in Volkerzusammenhangen. Zeit- und Volks-
krankheiten. Klassengegensatz und Volksmoral. Der Kampf
Michaels gegen den Gott Mammon in den siebziger Jahren des
19. Jahrhunderts. Der Kampf aller gegen alle und sein Gegen-
mittel durch den Grundsatz der Briiderlichkeit. Entstehung der
SauerstofFatmung. Zusammenhang von Freiheit mit Geburt und
Tod und Krankheit. Ursprung des Fiebers. Das Ratsel der Sphinx,
ein Zukunftsgeheimnis.
dreissigster vortrag, 4. November 1905 240
Die Entwicklung der verschiedenen Ernahrungsformen. Ent-
stehung und Bedeutung des Weingenusses. Der Sozialismus des
Westens und des Ostens als Sozialismus von Produktion und
Konsumtion.
einunddreissigster vortrag, 5. November 1905 251
Von der alten Atlantis und der Bildung der funften Wurzelrasse
oder der nachatlantischen Zeit. Die Entwickelung der nach-
atlantischen Zeit durch die indische, persische, chaldaische und
europaische Kultur. Der heutige Materialismus. Die Vorbereitung
einer neuen spirituellen Kultur als Aufgabe Mitteleuropas.
Schematische Ubersicht der Weltentwickelungsstufen .... 263
Hinweise 266
Erklarung indisch-theosophischer Ausdrucke 281
Personenregister 284
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 285
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
287
VORBEMERKUNG DES HERAUSGEBERS
Rudolf Steiner schildert in seiner Autobiographic «Mein Lebens gang», wie
er um die Jahrhundertwende aufgefordert wurde, vor einem damals sehr
kleinen theosophischen Kreis in Berlin theosophische Vortrage zu halten.
Er erklarte sich dazu bereit, betonte aber, nur iiber dasjenige sprechen zu
konnen, was in ihm selbst als Geisteswissenschaft lebt. Seine erste Vortrags-
reihe vom Winter 1900/01 erschien auf Wunsch des Kreises zusammen-
gefaBt als Buch «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens
und ihr Verhaltnis zu modernen Weltanschauungen». Da die darin ent-
haltenen Ergebnisse seiner eigenen Geist-Erkenntnis auch in der allgemei-
nen Theosophischen Gesellschaft akzeptiert wurden, gab es « keinen Grund
mehr, vor dem theosophischen Publikum, das damals das einzige war, das
restlos auf Geist-Erkenntnis einging, nicht in meiner Art diese Geist-
Erkenntnis vorzubringen. Ich verschrieb mich keiner Sektendogmatik;
ich blieb ein Mensch, der aussprach, was er glaubte aussprechen zu konnen
ganz nach dem, was er selbst als Geistwelt erlebte.»
Im nachsten Winter - 1901/02 - erfolgte eine zweite Vortragsreihe, die
zu der im Sommer 1902 erschienenen Schrift «Das Christentum als
mystische Tatsache» zusammengefaBt wurde. Unmittelbar darauf wurde
mit Rudolf Steiner als Generalsekretar die Deutsche Sektion der Theo-
sophischen Gesellschaft gegrundet. Hier «konnte ich nun vor einer sich
immer vergroBernden Zuhorerschaft meine anthroposophische Tatigkeit
entfalten. Niemand blieb im Unklaren dariiber, daB ich in der Theosophischen
Gesellschaft nur die Ergebnisse meines eigenen forschenden Schauens vor-
bringen werde.»
Das war der Beginn einer immer intensiver werdenden geisteswissen-
schaftlichen Vortragstatigkeit. Im Juni 1903 erschien die erste Nummer des
von ihm begrundeten und herausgegebenen «Luzifer» (spater «Lucifer-
Gnosis»), «Zeitschrift fiir Seelenleben und Geisteskultur - Theosophie»
und im Fruhjahr 1904 das grundlegende Werk «Theosophie - Einfiihrung
in iibersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung». Gleichzeitig
erfolgte im «Luzifer» die Darstellung des Schulungsweges mit den Auf-
satzen «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» und die Dar-
stellung einer geisteswissenschaftlichen Kosmologie mit den Aufsatzen
«Aus der Akasha-Chronik».
So wurde die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft von
Rudolf Steiner und seiner engsten Mitarbeiterin Marie von Sivers, spatere
Marie Steiner, nach und nach zu einer weitreichenden mitteleuropaischen
geisteswissenschaftlichen Bewegung aufgebaut. Sie war von Anfang an die
von Rudolf Steiner vertretene anthroposophische Abteilung, die sich spater
auf Grund interner Schwierigkeiten zur Anthroposophischen Gesellschaft
verselbstandigte.
Zu der Zeit, da Rudolf Steiner den hier erstmals in Buchform erschei-
nenden Lehrgang iiber «Grundelemente der Esoterik» gab, befand sie
sich noch im Anfangsstadium ihrer Entwickelung. Daher gebraucht Rudolf
Steiner auch noch durchgehend die Ausdrucke «Theosophie» und «theo-
sophisch» und fur die Bezeichnung der planetarischen Entwickelung, der
Wesensglieder des Menschen und so weiter noch die in der theosophischen
Literatur iibliche theosophisch-indische Terminologie, an welche die Zu-
horer damals gewohnt waren. Uber den Wert dieser Terminologie spricht
er sich besonders im 15. Vortrag dieses Kurses aus. In seinen damaligen
Aufsatzen und seinem Werk «Theosophie» verwendete er jedoch schon
Ausdrucke, von denen er 1903 in der Zeitschrift «Luzifer» sagte, daB er
sie «aus gewissen Grunden einer okkulten Sprache entlehne, die in den
Bezeichnungen von der in den verbreiteten theosophischen Schriften etwas
abweiche, in der Sache aber naturlich mit ihnen vollig iibereinstimme».
Spater ersetzte er auch in seinen Vortragen die indisch-theosophischen
Ausdrucke immer mehr durch solche, die unserer europaischen Kultur
angemessen sind. Die fiir diesen Kursus notwendigen Worterklarungen
durch die heute gelaufigen Ausdrucke finden sich am Schlusse des Bandes.
Die in den Vortragen auBerdem haufig auftretenden Bezugnahmen auf
die Schriften von H. P. Blavatsky sind daraus zu erklaren, daB sich die da-
maligen Zuhorer intensiv mit diesem Lehrgut der Grunderin der Theo-
sophischen Gesellschaft beschaftigten und sich auf Grund der schwer-
verstandlichen Darstellungen oft mit Fragen an Rudolf Steiner wandten.
So erlautert er immer wieder Angaben Blavatskys aus deren Hauptwerk
«Die Geheimlehre», vor allem dem dritten Band, den Abhandlungen iiber
«Esoterik».
Der ganze Kursus war eigentlich eine interne mundliche Unterweisung,
also weder offentlich noch fiir den allgemeinen Mitgliederkreis bestimmt,
sondern nur fiir wenige aktive Mitglieder, die personlich hierzu eingeladen
waren. Sie sollten dadurch eine gewisse Grundlage fiir ihre eigene Zweig-
arbeit erhalten. Aus diesem Grunde gibt es auch keine vollstandige steno-
graphische Nachschrift, sondern nur Notizen, die sich einige Zuhorer fiir
ihren personlichen Gebrauch gemacht haben. Diese Horernotizen haben
einen stark aphoristischen Charakter, der zu beriicksichtigen ist, wenn
manche Gedankengange infolge der gekurzten Zusammenziehung oder
auch infolge von Liicken nicht immer ganz klar zu erfassen sind. Wenn
heute diese Notizen trotzdem in die Gesamtausgabe eingereiht erscheinen,
so deshalb, weil sie im ganzen gesehen sicher zuverlassig sind, und auch,
weil durch sie wertvolle Aspekte geisteswissenschaftlicher Menschen- und
Weltbetrachtung festgehalten wurden, die sich in dieser Form in den spate -
ren Vortragen Rudolf Steiners nicht mehr finden. Zur Verdeutlichung und
Erganzung mancher Punkte, insbesondere kosmologischer Natur, sollte
man die ungefahr gleichzeitig geschriebenen Werke «Aus der Akasha-
Chronik» und «Theosophie» heranziehen.
H.W.
I
Berlin, 26. September 1905
Bei jedem esoterischen Lehrgang kommt es darauf an zu lernen, wie
wir die Dinge um uns her anzuschauen haben. Jeder Mensch emp-
findet natiirlich bei einer Blume und alien Dingen der Umgebung
irgend etwas. Es kommt aber darauf an, einen hoheren Standpunkt zu
gewinnen, tiefer hineinzuschauen, bestimmte Schauungen mit jedem
Ding zu verbinden. Darauf beruht zum Beispiel die tiefsinnige Medizin
des Paracelsus. Er spiirte, fiihlte, sah die Kraft einer bestimmten
Pflanze und die Verwandtschaft dieser Kraft mit einer entsprechenden
im Menschen. So sah er zum Beispiel, auf welches Organ des Menschen
die Kraft der Digitalis purpurea (roter Fingerhut) wirkt.
Wir wollen uns diese Art, die Dinge zu betrachten, an einem be-
sonderen Beispiele klarmachen. Alle Religionen haben Symbole. Uber
diese Sinnbilder kann man heute vieles horen, was vielfach aber nur
eine auBere willkiirliche Auslegung ist. Die tiefen religiosen Symbole
sind aber aus dem Wesen der Dinge selbst herausgeholt. Besprechen
wir zum Beispiel das Schlangensymbol, wie es Moses in den agyp-
tischen Geheimschulen mitgeteilt worden war. Was ihn begeisterte,
was ihm die Intuition gab, wollen wir besprechen.
Es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen all denjenigen
tierischen Lebewesen, welche eine Wirbelsaule haben, und denjenigen,
welche, wie die Kafer, Mollusken, Wiirmer und so weiter, keine
Wirbelsaule haben. Das ganze Tierreich zerfallt in die Hauptabtei-
lungen der Wirbeltiere und der Wirbellosen. Bei den wirbellosen
Tieren kann man sich nun die Frage vorlegen: Wo haben diese Tiere
ihre Nerven? - Denn der Hauptnervenstrang geht sonst durch die
Wirbelsaule hindurch. Die Wirbellosen haben aber auch ein Nerven-
system, und zwar findet es sich ebenso beim Menschen wie bei den
Wirbeltieren. Bei diesen verlauft es auBen, langs der Wirbelsaule, bis
es sich in der Leibeshohle ausbreitet. Dies nennt man das sympathische
Nervensystem mit dem Sonnengeflecht. Es ist dasselbe System, wel-
ches auch die wirbellosen Tiere besitzen, nur daB es bei den Wirbel-
tieren und beim Menschen weniger Bedeutung hat. Dieses System
steht in einem viel engeren Zusammenhang mit der iibrigen Welt als
das Nervensystem in Kopf und Riickenmark des Menschen. Man
kann die Tatigkeit der letzteren im Trancezustand ausloschen, dann
tritt das sympathische Nervensystem in Tatigkeit. So geschieht es
zum Beispiel bei den Somnambulen. Das somnambule BewuBtsein
erstreckt sich auf das ganze Leben der Umgebung und geht iiber in
die anderen Wesen um uns her. Die Somnambulen fiihlen die Dinge
in sich. Der Lebensather ist nun das Element, das uns iiberall um-
stromt. Im Sonnengeflecht hat er seine Vermittlung. Konnten wir
nur mit dem Sonnengeflecht wahrnehmen, so wiirden wir in einer
intimen Gemeinschaft mit der ganzen Welt leben. Diese intime Ge-
meinschaft ist bei den wirbellosen Tieren vorhanden. Ein solches
Tier fiihlt zum Beispiel eine Blume in sich. Das wirbellose Tier ist
im Erdensystem etwas Ahnliches wie beim Menschen Auge und Ohr.
Es ist ein Teil des Organismus. Es gibt tatsachlich einen gemein-
schaftlichen geistigen Organismus, welcher durch die wirbellosen
Tiere wahrnimmt, sieht, hort und so weiter. Der Erdengeist ist ein
solcher gemeinschaftlicher Organismus. Alles was wir so um uns ha-
ben, ist ein Korper fur diesen gemeinschaftlichen Geist. Wie sich
unsere Seele Augen und Ohren schafft, um die Welt wahrzunehmen,
so schafft sich diese gemeinschaftliche Erdenseele die wirbellosen
Tiere als Augen und Ohren, um in die Welt hineinzusehen und
hineinzuhoren.
In der Entwickelung der Erde kam nun ein Zeitpunkt, wo in dem
gemeinsamen Leben und Weben des Erdengeistes eine Besonderung
eintrat. Es schloB sich ein Teil ab, wie in ein Rohr hinein. Erst als
dieser Zeitpunkt eintrat, war es iiberhaupt moglich, daB Wesen ent-
stehen, die auch Sonderwesen werden konnen. Die anderen sind Glie-
der einer Erdenseele. Jetzt erst beginnt ein besonderer Grad von
Sonderung. Jetzt beginnt erst die Moglichkeit, daB einmal etwas zu
sich «Ich» sagen kann. Diese Tatsache, daB zwei Epochen auf der
Erde sind, erstens die Epoche, in der es auf der Erde noch keine
Tiere gab mit einem in ein Knochenrohr eingeschlossenen Nerven-
system, zweitens die Epoche, in welcher dann solche entstanden,
wird in alien Religionen besonders ausgedriickt. Die Schlange
schlieBt zuerst das selbstlose, ungesonderte Schauen des Erdengeistes
in ein Rohr ein, und bildet so den Grund zur Ichheit. Das pragten
die esoterischen Lehrer den Schiilern ein, so daB sie es empfinden
konnten: Sent ihr die Schlange an, so sent ihr das Merkzeichen fur
euer Ich. - Dabei muBten sie lebhaft empfinden, daB das zusammen-
gehort, das selbstandige Ich und die Schlange. So wurde diese Emp-
findung von der Bedeutung der Dinge um uns her ausgebildet. So
durchdrangen die Schiiler ein jegliches Natur wesen mit dem richtigen
Empfindungsgehalt. Mit dieser Empfindung ausgeriistet war auch
Moses, als er herausging aus den agyptischen Geheimschulen, und
so stellte er die Schlange als Symbol auf. Man lernte in jenen
Schulen nicht so abstrakt, wie man heute lernt, sondern indem man
aus dem eigenen inneren Erleben heraus die Welt erfassen lernte.
Es gibt eine Beschreibung des Menschen auf Grund der auBer-
lichen Untersuchung der einzelnen Teile seines Organismus. Aber in
alten mystischen und okkulten Werken kann man den Menschen
ebenfalls beschrieben finden. Diese Beschreibungen sind aber aufganz
andere Weise zustande gekommen als durch anatomische Unter-
suchungen. Sie sind sogar weit genauer und viel richtiger, als was
der Anatom von heute beschreibt, denn dieser beschreibt nur den
Leichnam. Die alten Beschreibungen sind so gewonnen, daB die
Schiiler durch Meditation, durch innere Erleuchtung sich selbst
sichtbar wurden. Durch das sogenannte Kundalinifeuer kann der
Mensch sich von innen heraus betrachten. Es gibt verschiedene
Stufen dieser Betrachtung. Die genaue, richtige Betrachtung tritt
zuerst symbolisch auf. Wenn der Mensch sich zum Beispiel auf sein
Riickenmark konzentriert, sieht er in der Tat immer die Schlange.
Er traumt vielleicht auch von der Schlange, weil diese das Wesen
ist, das auBerlich in die Welt hinausversetzt wurde, als das Riicken-
mark sich bildete und auf dieser Stufe stehengeblieben ist. Die
Schlange ist das auBerliche, in die Welt hinausversetzte Riicken-
mark. Diese bildhafte Art, die Dinge zu sehen, ist das astrale Schauen
(Imagination). Aber erst durch das mentale Schauen (Inspiration)
ergibt sich die vollige Bedeutung.
Dieser Erkenntnisweg fiihrt den Menschen dazu, den Zusammen-
hang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos zu erkennen, daB
er sich aufteilen kann in die Natur, daB er sich sagen kann, zu
welchem Teil der Welt jedes einzelne seiner Organe gehort. Die
altgermanische Mythe laBt den Riesen Ymir so aufgeteilt werden.
Aus seiner Gehirnschale wird das Himmelsgewolbe gemacht, aus
seinen Knochen die Gebirge und so weiter. Das ist die mytho-
logische Darstellung von dem inneren Schauen. Bei jedem Stuck in
der Welt sieht der Esoteriker den Zusammenhang mit irgend etwas
in ihm selbst. Die innere Verwandtschaft tritt dann hervor. Dieses
Schauen muB intensiv ausgebildet werden. Alle Religionen weisen auf
solche intensive Ausbildung hin. In den Evangelien wird auch dar-
auf hingewiesen. Der Esoteriker sagt sich: Alle Dinge der Umwelt,
Stein, Pflanzen und Tiere, sind Merkzeichen meiner eigenen Ent-
wickelung; ich konnte nicht sein, wenn nicht diese Reiche da waren. -
Dieses BewuBtsein erfiillt uns nicht nur mit dem Gefiihl, daB wir
hinausgestiegen sind iiber diese Reiche, sondern auch mit der Er-
kenntnis, daB wir ohne sie nicht sein konnten.
Es gibt sieben Grade des menschlichen BewuBtseins: Trance-
bewuBtsein, Tiefschlaf-, TraumbewuBtsein, WachbewuBtsein, psychi-
sches, iiberpsychisches und spirituelles BewuBtsein, Eigentlich gibt es
im ganzen zwolf BewuBtseinsstufen; die fiinf anderen sind schopfe-
rische BewuBtseins stufen. Es sind solche der Schopfer, der schaf-
fenden Gotter. Diese hangen mit den zwolf Tierkreiszeichen zu-
sammen. Diese zwolf Stufen muB der Mensch nacheinander durch-
machen. Er stieg auf durch das Trance-, Tiefschlaf- und Traum-
bewuBtsein bis zum heutigen hellen TagesbewuBtsein. Auf den fol-
genden planetarischen Entwickelungsstufen wird er noch hohere Be-
wuBtseinsstufen erreichen. Alle, die er schon durchgemacht hat, hat er
auch in sich. Der physische Korper hat das dumpfe TrancebewuBt-
sein, wie es auf dem alten Saturn vom Menschen erworben wurde.
Der Atherkorper des Menschen hat das BewuBtsein des traumlosen
Schlafes, wie es auf der alten Sonne entstand. Der Astralkorper
traumt, so wie er auch im Traume wahrend des Schlafes traumt.
Das TraumbewuBtsein stammt aus der alten Mondenzeit. Auf der
gegenwartigen Erde erreicht der Mensch das WachbewuBtsein. Das
Ich hat das helle TagesbewuBtsein.
Die hohere Entwickelung besteht darin, daB sich das, was im
Wesen ist, hinaussetzt, so wie der Mensch die Schlange hinausgesetzt
hat und dabei die Schlange auf einer hoheren Stufe in seinem Riicken-
mark beibehalt. Bei einer noch weiteren Entwickelung werden die
Menschen nicht nur Steine, Pflanzen und Tiere in die Welt hinaus-
setzen, sondern BewuBtseinsstufen. In einem Bienenstock sind zum
Beispiel dreierlei Wesen, die eine gemeinsame Seele haben. Scheinbar
ganz getrennte Wesen wirken gemeinsam. So wird es auch einmal
beim Menschen sein; er wird seine Organe trennen. Alle einzelnen
Gehirnmolekiile wird er bewuBt von auBen her dirigieren miissen.
Dann ist er ein hoheres Wesen geworden. So wird es auch mit den
BewuBtseins stufen sein. Man kann sich ein hohes Wesen denken, das
alle zwolf BewuBtseinsstufen aus sich herausgesetzt hat. Es selbst
ist dann als Dreizehntes da und wird sich sagen: Ich konnte das, was
ich bin, nicht sein, wenn ich nicht diese zwolf BewuBtseins stufen
aus mir herausgesondert hatte. - Diesen Fall haben wir in Christus
mit den zwolf Aposteln. Die zwolf Apostel stellen die BewuBtseins-
stufen dar, durch die Christus hindurchgegangen ist. Das erkennt man
im Johannes-Evangelium durch die Schilderung der FuBwaschung,
im dreizehnten Kapitel, durch die angedeutet wird, daB Christus es
den Aposteln verdankt, daB er die hohere BewuBtseinsstufe erreicht
hat: Wahrlich, merket euch das, es ist der Diener niemals hoher zu
achten als der Herr. - Das hoherentwickelte Wesen hat die anderen
auf der Bahn zuriickgelassen und ist nun selbst der Diener der
anderen geworden. Nicht viele Menschen verstehen den Sinn dieser
Worte, doch werden sie, wenn sie diese Erzahlung horen, durch die
Empfindung vorbereitet zum Verstehen. Wir sind zum Beispiel in den
ersten Jahrhunderten nach Christus durch diese Erzahlungen in der
Empfindung vorbereitet worden. Sonst ware unser Kausalkorper
nicht vorbereitet, um jetzt die Wahrheit aufzunehmen. Durch die
bildliche Form wird die Seele vorbereitet. Darum haben friiher
die groBen Weisen den Menschen Marchen erzahlt mit dem groBen
Ausblick auf die Zukunft. Auch heute haben die Lehrer schon einen
Begriff davon, was in Zukunft durch die Lehren der Theosophie
bewirkt wird. Heute hat der Mensch Gut und Bose in sich. Das wird
in der Zukunft auBerlich in die Erscheinung treten als ein Reich des
Guten und ein Reich des Bosen. Und wie die Guten die Bosen
dereinst zu behandeln haben, das wird in der Seele veranlagt durch
die theosophischen Begriffe von heute. Zuerst wurden den Menschen
Bilder gegeben, jetzt erhalten sie die Begriffe, und in der Zukunft
haben sie danach praktisch zu handeln.
II
Berlin, 27. September 1905
Wir wollen uns heute beschaftigen mit drei wichtigen Vorstellungen,
die zusammenhangen mit den Teilen der menschlichen Natur. Sie
bilden sozusagen einen Leitfaden durch die ganze Welt. Es sind dies:
Tatigkeit oder Bewegung, Weisheit, die auch Wort genannt wird, und
drittens Wille. Wenn wir von Tatigkeit sprechen, meinen wir damit
eigentlich etwas sehr Allgemeines. Der Esoteriker aber sieht in der
Tatigkeit zunachst die Grundlage des ganzen Weltenalls, wie es uns
umgibt. Die erste Gestalt des Weltenalls ist fur den Esoteriker ein
Produkt der Tatigkeit. Fur den gewohnlichen Menschensinn erscheint
die Welt als etwas Fertiges; der Esoteriker aber sagt sich, was vor-
liegt, ist ein Produkt der Tatigkeit. Was scheinbar fertig ist, ist eine
Stufe fortschreitender Tatigkeit, ein Durchgangspunkt. Die ganze
Welt ist fortwahrend in Tatigkeit. Diese Tatigkeit ist eigentlich
Karma.
Wenn man vom Menschen spricht, spricht man von seinem Astral-
korper als von Karma, als von Tatigkeit. Eigentlich ist der Astral-
korper dasjenige, was dem Menschen am nachsten steht. Was der
Mensch erlebt, so dafi es entscheidet iiber sein Wohl und Wehe, iiber
Lust und Leid, das geht von seinem Astralkorper aus. Liebe, Leiden-
schaft, Freude, Schmerz, Ideal, Pflicht hangen zusammen mit dem
Astralkorper. Wenn man von Lust und Leid, Trieben, Wiinschen
und Begierden spricht, so spricht man vom Astralkorper. Der Mensch
erlebt fortwahrend den Astralkorper, der Seher aber sieht die Form
des Astralkorpers. Dieser Astralkorper ist in einer fortwahrenden Um-
wandlung begriffen. Zuerst ist er undifferenziert, solange der Mensch
noch nicht daran gearbeitet hat. Der Mensch arbeitet aber fort-
wahrend daran in unserer Zeit. Wenn er unterscheidet zwischen Er-
laubtem und Verbotenem, arbeitet der Mensch von seinem Ich aus
hinein. Seit der Mitte der lemurischen Zeit bis zur Mitte der sechsten
Wurzelrasse arbeitet der Mensch an seinem Astralkorper.
Warum arbeitet der Mensch daran? Er arbeitet deshalb an seinem
Astralkorper, weil auf dem Gebiet der Tatigkeit jede einzelne Tatig-
keit einen Gegenschlag hervorruft. Jeder Schlag ruft einen Gegen-
schlag hervor. Wenn wir mit der Hand iiber die Tischplatte fahren,
so wird sie heiB. Die Warme ist der Gegenschlag zu unserer Tatig-
keit. So ruft jede Tatigkeit eine andere hervor. Dadurch, daB gewisse
Tiere in die finstern Hohlen von Kentucky einwanderten, brauchten
sie ihr Augenlicht nicht mehr, sondern nur empfindliche Tastorgane,
damit sie sich zurechtfinden konnten. Die Folge war, daB das Blut
von den Augen abzog und sie blind wurden. Dies war die Folge
ihrer Tatigkeit, des Einwanderns in die Hohlen von Kentucky.
Der menschliche Astralkorper ist in fortwahrender Tatigkeit. Darin
besteht sein Leben. Diese Tatigkeit nennt man im engeren Sinne
das menschliche Karma. Was ich heute tue, hat seinen Ausdruck im
Astralkorper. Wenn ich jemanden schlage, ist das Tatigkeit und ruft
einen Gegenschlag hervor. Das ist die ausgleichende Gerechtigkeit:
Karma. Tatigkeit ist ein Schlag, der einen Gegenschlag hervorruft.
Damit muB dann der Begriff von Ursache und Wirkung verbunden
werden. Im Karma ist immer etwas Unausgeglichenes; es fordert im-
mer etwas anderes.
Das zweite in der menschlichen Natur und im Weltenall ist:
Weisheit. Ebenso wie Karma etwas Unausgeglichenes ist, hat Weisheit
etwas von Ruhe, Ausgeglichenheit. Darum nennt man sie auch Rhyth-
mus. Alle Weisheit ist der Form nach Rhythmus. Im Astralkorper
ist vielleicht viel Sympathie, dann ist viel Grimes in der Aura. Dieses
Grim wurde einmal als Gegenfarbe herausgefordert. Dem Griinen
entsprach urspriinglich ein Rot, ein selbstsiichtiger Instinkt. Das hat
sich durch Tatigkeit, Karma, in Grim verwandelt. In der Weisheit,
im Rhythmus ist alles fertig, ausgeglichen. Im Menschen ist alles
Rhythmische, Weisheitsvolle im Atherkorper. Der Atherkorper ist
daher das am Menschen, was die Weisheit reprasentiert. Im Ather-
korper herrscht Ruhe, Rhythmus.
Der physische Korper reprasentiert eigentlich den Willen. Wille
ist im Gegensatz zur bloBen Ruhe das Schopferische, das hervor-
bringt. So haben wir folgenden Aufstieg: erstens Karma, Tatigkeit,
das Unausgeglichene; zweitens Weisheit, das zur Ruhe Gekommene;
drittens Wille, ein so iibervolles Dasein, daB es sich hingeben kann.
Also Tatigkeit, Weisheit, Wille sind die drei Stufen, in denen alles
Dasein verflieBt.
Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus den Menschen, wie
er vor uns steht. Zunachst hat der Mensch seinen physischen Korper.
Wie der Mensch gegenwartig ist, hat er auf den physischen Korper
gar keinen EinfluB. Was der Mensch physisch ist und tut, ist von
auBen, von schopferischen Kraften gemacht. Er kann die Bewegung
seiner Gehirnmolekiile nicht selber regeln, er kann den Blutumlauf
nicht von sich aus beherrschen. Das soil eben nur sagen, daB der
physische Korper ohne den Menschen hergestellt ist und ihm auch
erhalten wird von anderen Kraften. Er ist ihm gleichsam nur ge-
liehen worden. Der Mensch wird hineininkarniert in einen physischen
Korper, der ihm von anderen Kraften hergestellt worden ist. Auch
der Atherkorper ist in gewisser Beziehung fur ihn von anderen
Machten hergestellt. Dagegen ist der Astralkorper teilweise von
anderen Machten, teilweise vom Menschen selbst geformt. So viel wie
vom Astralkorper vom Menschen selbst geformt ist, wird zum Karma
des Menschen. Was er selbst hineingearbeitet hat, muB eine karmische
Wirkung haben. Das ist auch das Unsterbliche, das Nichtvergehende
an ihm. Der physische Korper ist durch das Karma anderer Wesen
zustande gekommen; aber der Teil des Astralkorpers des Menschen,
in den er seit der lemurischen Zeit hineingearbeitet hat, der ist sein
Karma. Erst wenn der Mensch den ganzen Astralkorper durch-
gearbeitet hat, dann ist er auf der Stufe der Freiheit angelangt.
Dann ist der ganze Astralkorper von innen heraus umgewandelt.
Der Mensch ist dann ganz Ergebnis seiner Tatigkeit, seines Karmas.
Wenn wir irgendeine Entwickelungsstufe herausgreifen, so hat da
der Mensch einen Astralkorper, der zum Teil seine eigene Arbeit ist.
Was so seine eigene Arbeit ist, lebt aber im Atherkorper und im
physischen Korper. Im physischen Korper lebt, was der Mensch
aus sich gemacht hat, und durch den physischen Korper lebt es in
der physischen Welt. Er wiirde nicht zu Begriffen von der physischen
Welt kommen konnen, wenn er nicht durch seine Organe in ihr ar-
beitete. Was der Mensch im Astralkorper erlebt, arbeitet er in sich
hinein. Bei dem, was er in der physischen Welt beobachtet, sind
seine drei Hiillen tatig. Wenn er zum Beispiel eine Rose sieht, sind
alle drei Hiillen daran beteiligt. Er sieht zunachst rot. Daran ist der
physische Korper beteiligt. In einer Camera obscura macht die Rose
denselben Eindruck. Zweitens wird aber diese Rose vom Menschen
aufgefaBt im Atherkorper als lebendige Vorstellung. Drittens erfreut
die Rose den Menschen, und daran ist sein Astralkorper beteiligt.
Das sind die drei Stufen menschlicher Beobachtung. Es arbeitet das
Innerste des Menschen durch die drei Korper in die auBere Welt.
Was der Mensch von der AuBenwelt aufnimmt, nimmt er durch diese
drei Korper auf.
Allen diesen Dingen, die sich auf die Tatigkeit des Menschen oder
Karma beziehen, liegt die Begierde zugrunde. Der Mensch brauchte
sich nicht zu betatigen, wenn er keine Begierde hatte. Er hat aber
die Begierde, teilzunehmen an der Umwelt. Daher nennen wir seinen
Astralkorper auch seinen Begierdenkorper.
Es besteht ein innerer Zusammenhang zwischen der Tatigkeit des
Menschen und seinen Organen. Fur die niedrigsten und hochsten
Triebe braucht der Mensch seine Organe. Auch in der Kunst braucht
er sie. Wenn der Mensch einmal alles aus der Welt gleichsam heraus-
gesogen hat, braucht er keine Organe mehr. Zwischen Geburt und
Tod gewohnt sich der Mensch, die Welt durch seine Organe anzu-
schauen. Diese Gewohnung muB er nach dem Tode langsam ab-
streifen. Will er auch dann noch seine Organe zum Anschauen der
Welt gebrauchen, so befindet er sich in dem Zustand, den man
Kamaloka nennt. Es ist ein Zustand, in welchem noch Begierde da
ist, durch die Organe zu schauen, die aber nicht mehr da sind. Wenn
der Mensch sich nach dem Tode sagen konnte, daB er keine Organe
mehr brauchen wolle, so wiirde es fur ihn kein Kamaloka mehr
geben. Im Devachan nun wird alles dasjenige von innen angeschaut,
ohne Organe, was der Mensch vorher im Leben durch seine Organe
ringsherum wahrgenommen hat.
Karma, die Tatigkeit des Menschen durch den Astralkorper, ist
etwas Unausgeglichenes. Indem die Tatigkeit aber nach und nach
in einen Zustand des Gleichgewichts kommt, ergibt sich eine Aus-
gleichung. Wenn man ein Pendel anschlagt, geht es nach und nach
ins Gleichgewicht iiber. Jede unausgeglichene Tatigkeit geht zuletzt
iiber in etwas Ruhendes. Wenige UnregelmaBigkeiten lassen sich beob-
achten, aber wenn die UnregelmaBigkeiten unendlich zahlreich sind,
gleichen sie sich wieder aus. Man kann zum Beispiel durch ein Instru-
ment die UnregelmaBigkeiten beobachten, welche in einer Stadt durch
das Fahren der elektrischen Bahnen verursacht werden. In einer
kleinen Stadt, wo die Bahnen nicht so viel in Bewegung sind,
zeigt das Instrument fortwahrend starke Schwankungen, aber in einer
groBen Stadt, wo die Bewegung viel starker und haufiger ist, ist
das Instrument viel mehr in Ruhe, weil die vielen UnregelmaBig-
keiten sich ausgleichen. So ist es auch im Devachan mit einer jeden
UnregelmaBigkeit.
Im Devachan sieht der Mensch in sich hinein. Er beobachtet,
was er aufgenommen hat; so lange muB er es beobachten, bis es in
einen rhythmischen Zustand gelangt ist.
Ein Schlag ruft einen Gegenschlag hervor; aber durch viele Ver-
mittlungen kommt erst der Gegenschlag zuriick. Die Wirkung dauert
aber in der Zwischenzeit fort. Wie Schlag und Gegenschlag zusam-
menhangen, das wird im Devachan zur Weisheit umgearbeitet. Was
der Mensch zur Weisheit umgearbeitet hat, verwandelt sich beim Men-
schen in Rhythmus, im Gegensatz zur Tatigkeit. Was sich in Rhyth-
mus verwandelt hat, das geht iiber in den Atherkorper. Man ist
nach dem Devachan weiser und besser geworden, weil man alle Er-
fahrungen im Devachan verarbeitet hat. Was von dem Astralkorper
an Vibrationen in den Atherkorper hineingearbeitet worden ist, das
ist unsterblich. Wenn der Mensch stirbt, bleibt erhalten, was er von
dem Astralkorper umgearbeitet hat, und von dem Atherkorper das
kleine Stiickchen, das er bearbeitet hat; der iibrige Teil des Ather-
korpers lost sich auf im Weltenather. Soweit der Mensch dieses kleine
Stiickchen Atherkorper bearbeitet hat, ist sein Atherkorper unsterb-
lich. Darum findet er dann bei seinem Wiederkommen dieses Stiick-
chen Atherkorper wieder. Was er braucht, um dieses Stiickchen
Atherkorper zu erganzen, das bestimmt die Dauer seines Aufenthaltes
im Devachan.
Wenn ein Mensch soweit ist, daB er seinen ganzen Atherkorper
so umgewandelt hat, dann braucht er kein Devachan mehr. Dies ist
bei dem ausgebildeten Geheimschiiler der Fall, der seinen Ather-
korper so umgewandelt hat, daB der ganze Atherkorper nach dem
Tode verbleibt und nicht durch das Devachan hindurchzugehen
braucht. Das nennt man das Verzichtleisten auf Devachan. Man kann
einen Menschen am Atherkorper arbeiten lassen, wenn man sicher ist,
daB er nichts Ubles mehr in die iibrige Welt hineinbringt; er wiirde
sonst seine schlechten Instinkte in die Welt hineinarbeiten. In der
Hypnose kann es sein, daB der Hypnotisierte die schlechten Instinkte
des Hypnotiseurs in die Welt hineinarbeitet. Beim normalen Men-
schen verhindert der physische Korper, daB man den Atherkorper
nach alien Richtungen zerren und ziehen kann. Wenn sich der
physische Korper aber in Lethargie befindet, kann man in den
Atherkorper hineinarbeiten. Wenn man einen Menschen hypnotisiert
und schlechte Instinkte in ihn hineinarbeitet, so bleiben diese auch
nach dem Tode vorhanden. Viele Praktiken der schwarzen Magier
bestanden darin, daB sie auf diese Weise sich willige Diener schufen.
Regel der weiBen Magier ist, niemanden in anderem MaBe in seinen
Atherleib hineinarbeiten zu lassen, als seine Instinkte schon durch die
Katharsis hindurchgegangen sind. Im Atherkorper herrscht Ruhe und
Weisheit. Wenn etwas Schlechtes hineinkommt, kommt dieses
Schlechte zur Ruhe und bleibt dadurch.
Bevor der Mensch als Schiiler bis zu dem Punkte gefiihrt wird,
daB er willkiirlich an seinem Atherkorper arbeiten kann, muB er
wenigstens teilweise in die Lage kommen, das Karma zu beurteilen,
Selbsterkenntnis zu erlangen. Darum darf Meditation nicht ohne fort-
wahrende Selbsterkenntnis, Selbstschau vorgenommen werden. Da-
durch wird erreicht, daB der Mensch im rechten Augenblick den
Hiiter der Schwelle sieht: das Karma, das er noch abzutragen hat.
Wenn man diese Stufe in normalem Zustande erreicht, bedeutet das
nichts anderes als die Erkenntnis des noch vorhandenen Karmas.
Fange ich an, in den Atherkorper hineinzuarbeiten, muB ich mir
vorsetzen, das Karma, das noch da ist, auszugleichen. Es kann vor-
kommen, daB der Hiiter der Schwelle auf abnorme Weise auftritt.
Das geschieht, wenn der Mensch eine so starke Anziehung hat zu
dem einen Leben zwischen Geburt und Tod, daB er wegen des
geringen MaBes an innerer Tatigkeit nicht lange genug im Devachan
bleiben kann. Wenn der Mensch sich zu sehr gewohnt hat, nach
auBen zu schauen, hat er im Inneren nichts zu sehen. Er kommt
dann bald ins physische Leben zuriick. Seine Begierden bleiben dann
vorhanden, das kurze Devachan ist bald voriiber; und wenn er zuriick-
kehrt, ist das Gebilde seiner friiheren Begierden noch im Kamaloka
vorhanden; er trifft es dann noch an. Er verkorpert sich. Da mischt
sich zu seinem neuen Astralkorper der alte hinzu; das ist das vorher-
gehende Karma, der Hiiter der Schwelle. Er hat dann sein friiheres
Karma fortwahrend vor sich, dies wird eine eigentumliche Art von
Doppelganger.
Viele von den Papsten der beriichtigten Papstezeit, wie zum Bei-
spiel Alexander VI., haben solche Doppelganger in der nachsten
Inkarnation gehabt. Es gibt Menschen, und zwar jetzt gar nicht selten,
die ihre friihere niedere Natur fortwahrend neben sich haben. Das ist
eine spezifische Art von Wahnsinn. Das wird immer starker und
heftiger werden, weil das Leben im Materiellen sich immer mehr aus-
breitet. Viele Menschen, die jetzt ganz im materiellen Leben aufgehen,
werden in der nachsten Inkarnation die abnorme Form des Hiiters
der Schwelle neben sich haben. Wiirde nicht der spirituelle EinfluB
jetzt sehr stark ausgeiibt, so wiirde eine Art epidemischen Sehens
des Hiiters der Schwelle eintreten als Folge der materialistischen
Kultur. Ein Vorbote ist die Nervositat unseres Jahrhunderts. Sie ist
eine Art Aufgehen in der Peripherie. Alle Nervosen von heute wer-
den gehetzt sein durch den Hiiter der Schwelle in der nachsten
Inkarnation. Sie werden gehetzt werden in eine zu friihe Inkarnation,
eine Art kosmischer Friihgeburt. Was wir mit der Theosophie anzu-
streben haben, ist eine geniigend lange Devachanzeit, um solche zu
friihe Inkarnationen zu vermeiden.
Von diesem Gesichtspunkte aus ist der Eintritt Christi in die Welt-
geschichte zu betrachten. Vorher wurde jeder, der zu einem Leben in
Christo kommen wollte, dahin gebracht, daB er ins Mysterium ein-
treten muBte. Der physische Leib wurde dort lethargisch gemacht,
und nur von der reinen Priesterschaft wurde dem Astralleib zu-
gefiigt, was noch an seiner Reinigung fehlte. Das war die Ein-
weihung.
Dadurch aber, daB Christus in die Welt kam, geschah es, daB der,
der sich zu ihm hingezogen fiihlte, von ihm einen Ersatz [fur diese
alte Art der Einweihung] bekommen kann. Es ist immer moglich,
daB man durch die Verbindung mit Christus seinen Astralkorper so
weit gereinigt erhalt, daB man ihn ohne Schaden fur die Welt in
seinen Atherkorper hineinarbeiten kann. Wenn man das bedenkt,
bekommt das Wort von dem stellvertretenden Siihnetod eine ganz
andere Bedeutung. Es ist dies gemeint unter dem Siihnetod Christi.
Den Tod in den Mysterien hatte zuvor jeder erleiden miissen, der
die Reinigung erlangen wollte. Nun hat ihn der Eine erlitten fur alle,
so daB durch die welthistorische Einweihung Ersatz geschaffen ist
fiir die alte Einweihung. Durch das Christentum ist vieles Gemein-
schaftliche geschaffen worden, was friiher nicht gemeinschaftlich war.
Die wirksame Kraft driickt sich dadurch aus, daB durch Innenschau,
durch wahre Mystik, die Gemeinschaft mit Christus moglich ist. Das
wurde auch in die Sprache hineingelegt. Der erste christliche Ein-
geweihte Europas, Ulfilas, hat es in die deutsche Sprache selbst hinein-
gelegt, daB der Mensch in der Sprache das «Ich» fand. Andere
Sprachen driicken diese Beziehung zum Ich durch eine besondere
Form des Zeitwortes aus, zum Beispiel im Lateinischen «amo», aber
die deutsche Sprache setzt das Ich hinzu. «Ich» ist: J.Ch. = Jesus
Christus. Das ist mit Absicht in die deutsche Sprache hineingelegt,
es ist nicht Zufall. Es sind die Eingeweihten, welche die Sprache
geschaffen haben. So wie man im Sanskrit das AUM fur die Trinitat
hat, haben wir fur das Innere des Menschen das Zeichen «ICH».
Dadurch war ein Mittelpunkt geschaffen worden, durch den die Lei-
denschaften der Welt sich in Rhythmus verwandeln konnen. Sie miis-
sen sich durch das Ich rhythmisieren. Dieser Mittelpunkt ist wortlich
der Christus.
Alle westlichen Nationen haben die Tatigkeit, die Leidenschaften
entwickelt. Ein Impuls vom Osten mu6 kommen, um in dieselben
Ruhe hineinzubringen. Ein Vorbote davon ist schon Tolstojs Buch
«Uber das Nichtstun». In der Tatigkeit des Westens finden wir viel-
fach ein Chaos. Das vermehrt sich immer noch. Die Spiritualitat des
Ostens soil in das Chaos des Westens einen Mittelpunkt bringen. Was
lange Zeit hindurch geiibt wird als Karma, das geht in Weisheit iiber.
Weisheit ist die Tochter von Karma. Alles Karma findet seinen Aus-
gleich in Weisheit. Ein Weiser, der auf einer bestimmten Stufe an-
gekommen ist, heiBt ein Sonnenheld, weil sein Inneres rhythmisch
geworden ist. Sein Leben ist ein Abbild der Sonne, die in rhythmi-
schen Bahnen den Himmel durchwandert.
Das Wort «AUM» ist der Atem. Der Atem verhalt sich zum Wort,
wie der Heilige Geist zu Christus, wie das Atma zu dem Ich.
Ill
Berlin, 28. September 1905*
Es gibt in der Entwicklung drei Dinge, die man unterscheiden mu6:
Form, Leben und BewuBtsein. Heute wollen wir iiber die BewuBt-
seinsformen sprechen.
Wir konnen Pflanzen und niedere Tiere so ansehen, als ob hohere
Wesen durch sie ihre Sinne in die Welt hinausstreckten, um die Welt
* Siehe Hinweis auf Seite 268.
durch sie anzuschauen. Gehen wir zunachst aus von den Sinnes-
organen der Pflanzen. Wenn man von Sinnesorganen der Pflanzen
spricht, so mu6 man sich dariiber klar sein, da6 man es nicht nur
mit den Sinnesorganen der einzelnen Pflanzen zu tun hat, sondern
mit Wesenheiten in hoheren Welten. Die Pflanzen sind gleichsam nur
die Fiihlhorner, die die hoheren Wesen ausstrecken. Das hohere
Wesen informiert sich durch die Pflanzen.
Alle Pflanzen haben, namentlich an den Wurzelspitzen, doch auch
an anderen Stellen, Zellen, in denen sich Starkekorner befinden.
Auch bei sonst nicht starkehaltigen Pflanzen sind diese Starkekorner
an der Wurzelspitze. Die Liliengewachse zum Beispiel, die sonst
keine Starke haben, besitzen in den Zellen an der Wurzelspitze diese
Starkekorner. Diese Starkekorner sind lose, beweglich, und es kommt
darauf an, ob die Korner an der einen oder der anderen Stelle liegen.
Sobald sich die Pflanze ein biBchen wendet, fallt das eine Starke-
korn nach der anderen Seite. Das kann die Pflanze nicht vertragen.
Sie wendet sich dann wieder so, da6 die Starkekorner an die richtige
Stelle zu liegen kommen. Und zwar liegen diese Starkekorner sym-
metrisch zur Schwerkraftlinie der Erde. Die Pflanze wachst aufrecht,
weil sie die Richtung der Schwerkraft spiirt. Die Starkekorner spiiren
die Schwerkraft. Bei der Beobachtung der Starkekorner an den Wur-
zelspitzen lernen wir eine Art von Sinnesorgan kennen. Es ist fur die
Pflanze der Sinn fur die Schwerkraft. Dieser Sinn gehort nicht nur
zur Pflanze, sondern zur Seele der ganzen Erde, die nach diesem Sinn
die ganze Pflanze wachsen la6t.
Das hat zunachst eine elementare Bedeutung. Die Pflanze richtet
sich nach der Schwerkraft. Nimmt man nun ein Rad, zum Beispiel ein
Wasserrad, in das man Pflanzen hineinsetzen kann, und dreht das Rad
mitsamt den Pflanzen, so kommt zur Schwerkraft eine andere Kraft
hinzu: die Kraft der Umdrehung. Die ist dann in jedem Punkt der
Pflanzen, und es wachsen die Wurzeln der Pflanze und die Stengel in
der Richtung der Tangente des Rades, in der Richtung der Tangential-
kraft, und nicht der Schwerkraft. Darnach richten sich dann auch die
Starkekorner in ihrer Lage.
Betrachten wir nun das menschliche Ohr. Da haben wir zunachst
den auBeren Gehorgang, dann das Trommelfell, und im inneren Ohr
die Gehorknochelchen: Hammer, AmboB und Steigbiigel - ganz
winzig kleine Knochelchen. Das Horen beruht darauf, daB durch diese
kleinen Knochelchen die anderen Organe in Schwingung geraten.
Innen finden wir weiter drei halbkreisformige, hautige Kanale in den
Richtungen der drei Dimensionen angeordnet. Diese sind mit einer
Fliissigkeit angefiillt. Dann finden wir weiter im Ohr das Labyrinth,
ein schneckenformiges Gebilde, angefiillt mit ganz feinen Harchen.
Jedes ist wie die Saite in einem Klavier auf einen bestimmten Ton
gestimmt. Das Labyrinth steht in Verbindung mit dem Hornerv, der
nach dem Gehirn geht.
Uns interessieren hauptsachlich die drei halbkreisformigen Kanale.
Sie stehen zueinander in den drei Richtungen des Raumes. Sie sind
angefiillt mit ahnlichen Dingen wie die Starkekorner der Pflanze, mit
Horsteinchen. Wenn diese zerstort sind, kann der Mensch sich nicht
aufrechthalten oder aufrechtgehen. Bei einer Ohnmacht kann durch
Andrang des Blutes nach dem Kopfe der Organismus in den drei
Kanalen gestort werden. Auf den drei halbkreisformigen Kanalen
beruht der Orientierungssinn des Menschen. Das ist derselbe Sinn,
der sich bei der Pflanze als Gleichgewichtssinn an der Wurzelspitze
befindet. Was dort an der Wurzelspitze sich befindet, ist beim Men-
schen oben am Kopfe ausgebildet.
Wenn man die ganze Evolution iiberschaut, Pflanze, Tier, Mensch,
so findet man bestimmte Beziehungen zwischen ihnen. Die Pflanze
''""'wets''
ist der umgekehrte Mensch. Das Tier steht mitten drinnen. Die Pflanze
hat ihre Wurzeln in den Boden gesenkt und richtet die Organe der
Sexualitat zur Sonne empor. Kehrt man die Pflanze halb um, so
hat man das Tier. Kehrt man sie ganz um, so hat man den Menschen.
Das ist die urspriingliche Bedeutung des Kreuzzeichens: Pflanzen-
reich, Tierreich, Menschenreich. Die Pflanze senkt ihre Wurzeln in
den Boden. Das Tier ist die halb umgekehrte Pflanze. Der Mensch
ist die ganz umgekehrte Pflanze. Darum sagt Plato: Die Welten-
seele ist an das Kreuz des Weltenleibes gespannt.
f
Tieh ?
I
pfiatue
Bei der Pflanze liegt das Richtungsorgan in der Wurzelspitze, beim
Menschen im Kopf. Was bei dem Menschen der Kopf ist, ist bei der
Pflanze die Wurzel. Warum nun beim Menschen der Richtungssinn
zusammenhangt mit dem Gehorsinn, hangt damit zusammen, daB der
Gehorsinn derjenige Sinn ist, der den Menschen in ein hoheres Reich
erhebt. Die letzte Fahigkeit, die der Mensch errungen hat, ist die
Fahigkeit des Sprechens. Das Sprechen hangt wiederum zusammen
mit dem aufrechten Gang, der ohne den Richtungs- oder Gleich-
gewichtssinn nicht moglich ware. Der Ton, den der Mensch durch
das Sprechen hervorbringt, ist die aktive Erganzung zu dem passiven
Horen. Was bei der Pflanze bloBer Orientierungssinn ist, ist bei dem
Menschen Gehorsinn geworden, der den alten Orientierungssinn in
sich tragt in den drei halbkreisformigen Kanalen, die sich nach den
drei Raumesdimensionen richten.
Jedes Wesen hat ein BewuBtsein. Auch die Pflanze hat ein solches;
aber dieses BewuBtsein liegt auf dem Devachanplan, auf dem menta-
len Plan. Wenn man das BewuBtsein der Pflanze aufzeichnen wollte,
muBte man es in folgender Weise zeichnen:
Menfatplan
Asf-Kjlplan
Die Pflanze kann uns auch Rede und Antwort stehen, nur muB
man lernen, sie auf dem Mentalplan zu beobachten. Da sagt die
Pflanze uns ihren eigenen Namen.
Bei dem Menschen reicht das BewuBtsein bis auf den physischen
Plan herunter. Das BewuBtsein des Menschen hier hangt mit dem-
selben Organ zusammen, mit dem die Pflanze in der Erde befestigt
ist. Den Menschen lernen wir erst wahrhaft kennen, wenn wir sehen,
wie er die Sprache hervorbringt und in ihr das Wort «Ich» aus-
spricht. Dieses Ich wurzelt auf dem Mentalplan. Ohne die Fahigkeit,
das Wortchen «Ich» zu sprechen, wiirden wir die Gestalt des Men-
schen auch fur ein Tier halten konnen.
Die Pflanze wurzelt im Mentalplan, und der Mensch wird gerade
durch das Gehororgan ein Bewohner des Mentalplanes. Daher ver-
binden wir das «Es denkt» mit der Sprache. Das Ohr ist eine hohere
Ausbildung des Richtungssinnes. Weil der Mensch sich im Verhaltnis
zur Pflanze umgewendet und dann wiederum dem Geist zugewendet
hat, hat er im Gehororgan das alte Uberbleibsel des Richtungs-
sinnes. Er gibt sich selbst die Richtung. Es sind also zwei entgegen-
gesetzte BewuBtseinsarten: Das BewuBtsein der Pflanze auf dem
Mentalplan und das BewuBtsein des Menschen hier, der sein Wesen
von der Mentalwelt in die physische Welt hinuntertragt. Dieses
irdische BewuBtsein des Menschen nennt man das kama-manasische.
Unsere Sinnesorgane haben nun auch alle fur sich ein BewuBtsein.
Diese verschiedenen BewuBtseine: das BewuBtsein des Sichtbaren,
Horbaren, Riechbaren und so weiter werden in der Seele zusammen-
gefaBt. Manasisch wird das BewuBtsein erst dadurch, daB die einzel-
nen BewuBtseine zusammengefaBt werden in dem Seelenzentrum.
Ohne dieses Zusammenfassen wiirde der Mensch zerfallen in seine
OrganbewuBtseine. Diese sind urspriinglich ausgebildet worden durch
das Sonnengeflecht, durch das sympathische Nervensystem. Als der
Mensch selbst noch eine Art Pflanze war, da hatte er auch noch nicht
das BewuBtsein auf dem physischen Plan. Da bildete das hohere
BewuBtsein erst die Organe aus.
Im tiefen Trancezustand schweigt das zentrale BewuBtsein. Dann
sind die einzelnen Organe bewuBt und der Mensch fangt an, mit der
Magengrube, mit dem Sonnengeflecht zu sehen. Solch ein BewuBt-
sein hatte die Seherin von Prevorst. Sie beschreibt richtige Licht-
gestalten, die aber nur von dem OrganbewuBtsein beobachtet wer-
den. Das unterste BewuBtsein ist dasjenige des Minerals. Ein etwas
zentrierteres BewuBtsein, etwas mehr dem BewuBtsein des jetzigen
Menschen ahnlich, ist das astrale BewuBtsein. DaB sich das BewuBt-
werden im ganzen Astralkorper gebildet hat, hat seinen Ausdruck
im Riickenmark. Da nimmt der Mensch die Welt analog den Traum-
bildern wahr. Solch ein BewuBtsein haben nur Menschen, deren
physisches Gehirn nicht zur Tatigkeit kommt. Idioten zum Beispiel
sehen die Welt in Bildern; ihr Seelenleben ist analog dem Traum-
leben. Sie konnen nur sagen, daB sie nichts wissen von dem, was
um sie her vorgeht. Auch andere Wesen in der Welt haben ein ahn-
liches BewuBtsein.
Wenn der Mensch das astrale BewuBtsein entwickelt, so daB er die
Traume bewuBt erlebt, dann kann er folgendes vornehmen: Wir neh-
men an, wir sind imstande, dieses BewuBtsein auszubilden und stellen
uns dann der Blume «Venusfliegenfalle» gegeniiber. Wenn wir sie
lange genug anschauen und sie ganz allein auf uns wirken lassen,
dann bekommt man in einem bestimmten Moment das Gefiihl, daB
der Mittelpunkt des BewuBtseins sich vom Kopf herabsenkt und in
die Pflanze hineinkriecht.* Man ist dann bewuBt in der Pflanze und
sieht durch die Pflanze die Welt. Man muB sein BewuBtsein in die
Pflanze hineinverlegen. Dann wird man sich klar dariiber, wie es in
* Siehe Hinweis auf Seite 268.
diesem Wesen seelisch aussieht. Man erlebt dann diese Seele. Bei einer
sensitiven Pflanze ist das BewuBtsein ganz ahnlich dem BewuBtsein
eines Idioten; nicht ein bloB mentales BewuBtsein. Sie hat das Be-
wuBtsein bis zum astralen Plan heruntergebracht. Es gibt demnach
zweierlei Arten von Pflanzen: solche, die nur auf dem mentalen Plan
bewuBt sind, und solche, die es auch auf dem astralen Plan sind.
Gewisse Tierarten haben auch ein BewuBtsein auf dem astralen
Plan, der auch der Plan des IdiotenbewuBtseins ist. Helena Petrowna
Blavatsky weist besonders aufindische Nachtinsekten, Nachtfalter hin.
Zum Beispiel haben auch die Spinnen ein astrales BewuBtsein; die
feinen Spinnennetze werden eigentlich vom Astralplan herein gespon-
nen. Die Spinnen sind bloB die Werkzeuge fur die astrale Tatigkeit.
Die Faden werden vom Astralplan herein gesponnen. Auch die
Ameisen haben, ahnlich wie die Spinnen, ein BewuBtsein auf dem
Astralplan. Dort hat der Ameisenhaufen seine Seele. Daher sind die
Handlungen der Ameisen so geordnet.*
Ein BewuBtsein haben auch die Mineralien. Das liegt auf dem
hoheren Mentalplan, auf hoheren Partien als dasjenige der Pflanzen.
Blavatsky nennt es kama-pranisches BewuBtsein. Der Mensch kann
spater auch dieses BewuBtsein erlangen mit Aufrechterhaltung
seines jetzigen BewuBtseinszustandes. Er braucht dann nicht mehr in
einen physischen Korper hineinzukommen, nicht mehr inkarniert zu
werden. Die Steine sind unten auf dem physischen Plan und ihr
BewuBtsein ist in den oberen Partien des Mentalplanes. Von oben
ordnet es die Kristalle an. Wenn der Mensch sein BewuBtsein einmal
da hinauftragen kann, dann bildet er sich aus den Mineralien der Welt
selbst seinen physischen Leib.
Die drei Teile des Gehirns miissen spater ganz getrennt werden
(Denken, Fiihlen, Wollen). Da muB das BewuBtsein des Menschen
iiber sein Gehirn herrschen, wie beim Ameisenhaufen das hohere
BewuBtsein herrscht. Wie man da Arbeiter, Mannchen und Weibchen
unterscheiden kann, so findet spater auch im Gehirn eine genaue
Unterscheidung in drei Teile statt. Dann ist der Mensch planetarischer
Geist, ein Schopfer, der die Dinge selbst schafft. Wie der Erdengeist
* Siehe Hinweis auf Seite 268.
die Erdkruste baut, so wird dann der Mensch auch einen Planeten
bauen. Dazu muB er ein kama-pranisches BewuBtsein haben. Heute
hat er nur ein kama-manasisches BewuBtsein. Das besteht darin, daB
das OrganbewuBtsein mit dem Verstand (Manas) durchtrankt, durch-
setzt wird. Das BewuBtsein wird, wie Blavatsky sagt, rationalisiert.
Der ProzeB der Rationalisierung vollzieht sich vom Tier bis zum
Menschen. Das bloBe OrganbewuBtsein kann die Ziele erkennen,
kennt aber nicht die Mittel zur Erreichung der Ziele. Das rationali-
sierte BewuBtsein kann die Mittel dirigieren. Blavatsky sagt ganz
richtig: «Zum Beispiel hat ein in einem Zimmer eingeschlossener
Hund den Instinkt, herauszukommen, aber er kann nicht, weil sein
Instinkt nicht geniigend verniinftig geworden ist, um die notwendigen
Mittel zu ergreifen, wahrend der Mensch sofort die Situation erfaBt
und sich frei macht.»
Wir unterscheiden also mit Blavatsky:
1. Das OrganbewuBtsein, das unsere Organe haben.
2. Das astrale BewuBtsein der Tiere und gewisser Pflanzen und
auch der Idioten.
3. Das kama-pranische BewuBtsein der Steine, das sich auch der
Mensch spater erwirbt.
4. Das kama-manasische BewuBtsein, das VerstandesmaBige.
Auf diese Weise muB man das Kreuz des Weltendaseins auseinander-
gliedern.
Der eigentliche Sinn des Kreuzes liegt unendlich tief. Auch die
alten Sagen sind aus solchen Tiefen heraufgeholte Bilder. Der
Menschenseele wurde ein groBer Dienst erwiesen durch die Sagen,
solange der Mensch friiher die Wahrheiten der Sagen gefiihlsmaBig
verstehen konnte. Zum Beispiel ist da die alte Sphinxsage. Die
Sphinx gab das Ratsel auf: Am Morgen geht es auf vieren, am
Mittag auf zweien und am Abend auf dreien? Was ist das? - Es ist
der Mensch! Zuerst, am Morgen der Erde, ging der Mensch auf
vieren, in seinem tierischen Zustand. Die vorderen GliedmaBen
waren damals auch noch Bewegungsorgane. Dann hat er sich auf-
gerichtet. Die GliedmaBen traten in zweierlei Arten auseinander und
die Organe teilten sich in die physisch-sinnlichen und die geistigen
Organe. Er ging dann auf zweien. In ferner Zukunft werden die
unteren Organe abfallen und die rechte Hand. Nur die linke Hand
und die zweiblattrige Lotusblume bleiben. Dann gent er auf dreien.
Darum hinkt auch der Vulkan. Seine Beine sind in der Riickbildung
begriffen, sie horen auf, etwas zu sein. Am Ende der Evolution, in
der Vulkanmetamorphose der Erde, wird der Menschdas dreigliedrige
Wesen sein, das die Sage als Ideal andeutet.
IV
Berlin, 29. September 1905
Wir haben von dem BewuBtsein der verschiedenen Naturreiche
gesprochen. Die Organe des Menschen haben ein OrganbewuBtsein;
abnorm findet sich dieses BewuBtsein bei den Idioten. Es ist das
astrale BewuBtsein, welches auch nachtliche Insekten, Ameisen,
Spinnen und so weiter, besitzen. Ein ganz andersgeartetes BewuBt-
sein treffen wir bei den Bienen an. Wir wollen das Beispiel der
Bienen benutzen, um zu zeigen, wie man zu solchen Wahrheiten
kommt und sie dann zur Orientierung in der Welt benutzt.
Eine okkulte Schulung ist etwas ganz anderes als unsere gewohn-
liche Schulung; sie geht nicht wie diese darauf aus, viel Lehrstoff
in den Schiiler hineinzupfropfen. In einer strengen okkulten Schulung
bekommt der Schiiler gar keinen Lehrstoff, sondern einen markigen
Satz mit innerer Kraft. So war es auch in friiheren Zeiten. Den Satz
muBte der Schiiler meditieren bei vollstandiger innerer Windstille.
Das hatte die Wirkung, daB er zuletzt innerlich ganz licht, ganz
durchleuchtet wurde. Wenn nun der Mensch dazu gelangt ist, sich
selbst zu durchschauen, kann er sein BewuBtsein in andere Wesen
hineinversenken. Dazu muB man genau den Punkt hinter der Augen-
mitte erfaBt haben, dann von dort das BewuBtsein hinunterfiihren
bis ins Herz. Dann kann man sein BewuBtsein in andere Dinge ver-
setzen, zum Beispiel kann man dann ergriinden, was in einem
Ameisenhaufen lebt.
Dann kann man auch das Leben in einem Bienenstock wahr-
nehmen. Dabei stellt sich aber eine Erscheinung ein, die man sonst
nicht auf der Erde erlebt. Im Treiben des Bienenstockes erlebt man
etwas, was iiber unser irdisches Dasein hinausgeht, was sonst auf der
Erde nicht wieder existiert. Was auf den anderen Planeten vorgeht,
kann nicht ausgedacht werden. Man kann zum Beispiel nicht erfahren,
was auf der Sonne oder auf der Venus vorgeht, wenn man nicht die
Prozedur vornehmen kann, sich in das Leben und Treiben einer
Bienengenossenschaft hineinzuversetzen. Die Biene hat nicht den gan-
zen Evolutionsweg durchgemacht wie wir. Sie ist in ihren Anfangen
nicht mit derselben Evolutionskette verkniipft wie die anderen Tiere
und die Menschen. Das BewuBtsein des Bienenstockes, nicht der
einzelnen Bienen, ist ein ungeheuer hohes. Die Weisheit dieses
BewuBtseins wird der Mensch erst im Venusdasein erreichen. Dann
wird er das BewuBtsein haben, welches notwendig ist, um aus sich
heraus zu bauen mit einem Stoff, den er aus sich heraus erzeugt. Die
Ameisen bauen den Ameisenhaufen aus allem moglichen zusammen,
aber bauen noch keine Zellen. Das Zellenbauen ist auf den hoheren
Planen etwas ganz anderes. Man lernt durch das Versetzen des Be-
wuBtseins in den Bienenstock hinein, durch Annahme des Venus-
bewuBtseins, etwas ganz anderes als sonst auf der Erde ist, man lernt
etwas vorausnehmen von dem, was bei unserem Venusdasein eintreten
wird, das absolute Zuriicktreten des Sexuellen. Bei den Bienen ist
das Sexuelle nur der einen Konigin zuerteilt. Das Kamisch-Sexuelle
ist fast vollstandig ausgeschaltet; die Drohnen werden getotet. Was
sich tatsachlich vollzieht in der spateren Menschheit, haben wir hier
vorgebildet, und die Arbeit ist das hochste Prinzip. Man kann nur
durch den Impuls des Geistes befahigt werden, sich in den Bienen-
staat hineinzuversetzen.
Wir wollen nun, um weiterzukommen, den wahren Begriff der
Alchimie entwickeln. Noch im 18. Jahrhundert konnte man im deut-
schen «Reichsanzeiger» Artikel iiber Alchimie lesen. Kortum, der
Dichter der «Jobsiade», war einer der bedeutendsten Alchimisten
des 18. Jahrhunderts. In einigen Artikeln ist damals die Rede von der
sogenannten Urmaterie, die mit dem Stein der Weisen zusammen-
gebracht wird. Kortum, der in der Sache tief darinnen stand, sagte
damals: Den Stein der Weisen suchen, ist sehr schwer, aber er ist
iiberall, denn ihr begegnet ihm jeden Tag, kennt ihn sehr gut, habt
inn jeden Tag in der Hand, wiBt aber nicht, daB dies der Stein der
Weisen ist. - Dies ist eine treffende Beschreibung.
In der Natur ist alles unendlich weise eingerichtet, mit einer un-
endlich weisen Okonomie. Alle kamisch lebenden Wesen - Tiere und
Menschen - und alle pranisch lebenden Wesen - Pflanzen - stehen in
einer Wechselbeziehung. Wir atmen Sauerstoff ein und Kohlensaure
aus. Das tun die Tiere auch. Wiirde das nun einfach fortdauern,
so wiirde die Luft bald ganz voller Kohlensaure sein. Aber die
Pflanzen assimilieren Kohlensaure und atmen Sauerstoff aus. Tiere
und Menschen konnen nicht ohne Pflanzen leben. Nun besteht Koh-
lensaure aus Kohlenstoff und Sauerstoff. Den Kohlenstoff behalten die
Pflanzen in sich und den Sauerstoff atmen sie aus. Der Mensch da-
gegen nimmt den Sauerstoff auf und verwandelt ihn durch seinen
LebensprozeB, indem er ihn mit dem Kohlenstoff verbindet, zur Koh-
lensaure. Die Pflanzen bauen aus dem zuriickbehaltenen Kohlenstoff
ihren Korper auf.
In friiheren Zeiten sah die Erde anders aus als jetzt. Da wuchsen
auch in den hiesigen Gegenden Walder von riesigen Farnkrautern
und Schachtelhalmen. Diese sind untergegangen. Zunachst iiberzog
sich dann die Erde mit einer Torfschicht, die von den Pflanzen-
leichnamen iibrigblieb; dann verwandelten sich die friiheren Walder
aus Farnkrautern und Schachtelhalmen in die riesigen Kohlenlager
der Erde. Das Gestein der Erde ist so nach und nach aus dem Pflanzen-
reich oder aus dem Tierreich entstanden. Wenn man eine Steinkohle
anschaut, kann man sich sagen, diese war einstmals Pflanze. Wenn
man weiter zuriickginge, konnte man auch die Pflanzen finden, aus
denen Bergkristalle, Malachit und so weiter entstanden sind. Der mitt-
lere Giirtel der Alpen ist vor der Steinkohle aus den uralten Pflanzen
entstanden. Ein Diamant ist genau dasselbe wie eine Steinkohle.
Die Natur hat aus einer noch alteren Kohle als die jetzige den Diamant
geschaffen. So ist auch der Bergkristall aus Pflanzen entstanden.
Das Kalkgestein ist aus Tieren abgesondert. Der Jura ist zum Bei-
spiel eine solche Kalkansammlung. Er war friiher von Meer bedeckt
und ist von Meertieren, von ihren abgesonderten Schalen und Gehau-
sen gebildet worden. So ist also das jiingere Kalkgebirge aus Tieren,
das Urgestein aus Pflanzen entstanden. Das Pflanzenreich geht allmah-
lich ins Gesteinreich iiber. Alles Feste auf der Erde ist aus einer
Pflanzenerde geworden. Diesen MineralisierungsprozeB kann man stu-
dieren bei der Entstehung der Kohle durch die Pflanzen.
Das Mineralreich, wie es jetzt abgesondert wird, ist nur wahrend
der vierten Runde vorhanden. Nach derselben wird das ganze Mineral-
reich vom Menschen durchgeistigt sein. Er ackert es mit seinem Geiste
um. Alles was der Mensch heute tut, die ganze Industrie, ist Umarbei-
tung des Mineralreiches. Wenn einer einen Felsen abtragt, um die
Steine bei einem Hausbau zu verwenden, wenn er einen Dom baut, al-
les ist Artifizierung des Mineralreiches. In der vierten Runde kann der
Mensch das Mineralreich kiinstlich verarbeiten. Mit der Pflanze dage-
gen kann der Mensch jetzt nichts anfangen. Das ganze Mineralreich
wird der Mensch durcharbeiten. Im groBen MaBe geschieht das durch
die schwingende Elektrizitat, die keinen Draht mehr braucht. Da arbei-
tet man bis in die Molekiile und Atome hinein. Am Ende der vierten
Runde wird der Mensch das ganze Mineralreich durchgearbeitethaben.
Von der fiinften Runde an wird der Mensch dasselbe tun mit dem
Pflanzenreich. Er wird bewuBt den ProzeB durchmachen konnen, den
die Pflanze jetzt durchmacht. Wie die Pflanze Kohlensaure aufnimmt
und aus dem Kohlenstoff den Korper aufbaut, wird der Mensch der
fiinften Runde auch aus den Stoffen seiner Umgebung sich seinen
Korper selbst schaffen. In der fiinften Runde wird die Geschlecht-
lichkeit aufgehort haben. Der Mensch muB dann selbst an seinem
Korper arbeiten, ihn selbst herstellen. Denselben ProzeB, den Kohlen-
stoff zu verarbeiten, den die Pflanze jetzt unbewuBt durchmacht, wird
der Mensch dann bewuBt machen. Er wird den Stoff verwandeln, wie
heute die Pflanze die Luft in Kohlenstoff verwandelt. Das ist die
wahre Alchimie. Kohle ist der Stein der Weisen. Der Mann, der im
18. Jahrhundert darauf hindeutete, wies hin auf den ProzeB der Um-
wandlung, den die Pflanzen jetzt vollziehen und der vom Menschen
spater vollzogen wird.
Wenn man auf den hoheren Planen das BewuBtsein studiert, wie es
im Bienenstock arbeitet, so lernt man, wie der Mensch spater selbst
Materie hervorbringen wird. Der Korper des Menschen wird in Zu-
kunft auch aus Kohlenstoff aufgebaut sein; er wird dann sein wie ein
weicher Diamant. Man wird dann den Korper nicht von innen bewoh-
nen, sondern inn vor sich haben als auBeren Korper. So sind heute
die Planeten von den Planetengeistern aufgebaut. Von einem Wesen,
das einen Korper braucht, der von anderen hergestellt wird, schafft
man sich um zu einem emanierenden, offenbarenden Wesen. Der
Mensch wird dann ein Wesen mit drei GliedmaBen sein: der Mensch
am Abend, der auf dreien geht, wie die Sphinx sagt. Die urspriing-
lichen vier Organe haben sich differenziert. Zuerst waren die Hande
auch Bewegungsorgane. Dann wurden sie Organe fur das Geistige.
Spater werden nur noch drei Organe da sein: Das Herz als Buddhi-
organ, die zweiblattrige Lotusblume in der Augenmitte und die linke
Hand als Bewegungsorgan. Auf diese Zukunft bezieht sich auch die
Angabe Blavatskys [von einer zweiten Wirbelsaule]. Die Zirbeldriise
und die Schleimdriise organisieren eine zweite Wirbelsaule, die sich
spater mit der anderen vereinigt. Die zweite Wirbelsaule wird vom
Kopf vorn heruntergehen.
Um solche Leitfaden zu erhalten, muB man das BewuBtsein hinein-
bringen in eine Wesenheit, die hoher steht als wir jetzt in unserem
gewohnlichen irdischen Entwickelungsverlauf stehen.
Dies alles wurde in den Geheimschulen gelehrt und in einem gewis-
sen Sinne praktisch geiibt. Man muB sich daran gewohnen, die Denk-
weise in diese Richtung zu bringen. Dann wird man eine Empfin-
dung in sich entwickeln, nichts wertlos zu finden, sondern bei jedem
Ding den Wert herauszuerkennen. Es gibt nichts in der ganzen Natur,
was wir wegdenken konnten, ohne daB die ganze Natur dadurch zer-
stort wiirde.
Auch der Ameisenhaufen hat ein viel hoheres BewuBtsein als der
gegenwartige Mensch. Das BewuBtsein des Ameisenhaufens befindet
sich auf den oberen Partien des Mentalplanes. Das BienenbewuBt-
sein befindet sich dagegen auf den oberen Partien des Buddhiplanes.
Wodurch ist nun das AmeisenbewuBtsein hineingekommen in unsere
Erde? Das geschah durch Wesen, die hoher stehen als wir, die den
ProzeB schon durchgemacht hatten, sich selbst ihren Korper zu schaf-
fen. Mannchen, Weibchen und Arbeiter, die drei Glieder des Ameisen-
haufens sind der Korper eines hoheren geistigen Wesens. Der
Menschengeist kommt allmahlich auch dahin, sich in drei Teile zu
spalten. Wille, Gefiihl und Denken werden beim Geheimschiiler ge-
trennt. Die Gehirnmolekiile gehen in drei Gruppen auseinander. Der
Geheimschiiler muB dann von sich aus ein bestimmtes Gefiihl mit
einer Vorstellung verbinden. Wenn er Elend sieht, muB er, um Mit-
leid zu empfinden, dieses Gefiihl bewuBt hinzufiigen. Vorne am Kopfe
liegt die Denkpartie, oben die Partie des Fiihlens, am Hinterkopf
die des Wollens. Der Geheimschiiler lernt diese bewuBt in Verbindung
zu setzen. Spater gehen diese drei Teile ganz auseinander. Er muB
die drei Partien dann so dirigieren, wie ein Ameisenhaufen die Mann-
chen, Weibchen und Arbeiter.
Nun kann man fragen, warum hohere Wesen sich manifestieren in
einem Ameisenhaufen. Aber wenn die Ameisensaure nicht erzeugt
wiirde, so wiirde die ganze Erde anders sein. Die vorausschauende
Weisheit hoherer Intelligenzen gehorte dazu, den Moment vorauszu-
sehen, wann die Ameisensaure in die Erde hineinkommen muBte.
So kann man die ganze Erde umfassen mit dem BewuBtsein, so daB
man weiB und erkennt, was da drinnen lebt und ist. So war es bei
Paracelsus, der sich darnach seine Vorstellungen bildete, wie die Dinge
als Heilmittel verwendet werden konnen, weil er wuBte, in welchen
Beziehungen sie zum Menschen und seinen Organen standen. So hangt
tatsachlich Digitalis purpurea mit dem Herzen zusammen und kann
daher immer noch mit Recht dafiir verwendet werden. Jetzt sucht man
nach neuen Heilmitteln durch Experimentieren, indem man ihre Wir-
kung an einer Anzahl Menschen ausprobiert. Damals suchte man Heil-
mittel durch Intuition, weil man die inneren Zusammenhange beob-
achtete. Die so gefundenen Heilmittel behalten immer ihre Wirkung,
wahrend sich bei den anderen gewohnlich im Laufe der Zeit Nach-
teile zeigen, die bei der ersten Beobachtung dem Experimentieren-
den entgangen sind.
V
Berlin, 30. September 1905
Es wird immer betont, daB man, um okkult vorwartszukommen,
moglichst positiv und moglichst wenig negativ sein soil, daB man
weniger sprechen soil von dem, was nicht ist, als von dem, was ist.
Wenn das im gewohnlichen Leben gefordert wird, so ist das eine Vor-
bereitung fur die Arbeit im Okkulten. Der Okkultist muB nicht
fragen: Hat der Stein Leben? -, sondern: Wo ist das Leben des Steins,
wo ist das BewuBtsein des Mineralreiches zu finden? - Das ist die
hochste Form des Nichtkritisierens. Gerade den hochsten Fragen
gegeniiber muB man diese Gesinnung ausbilden.
Im gewohnlichen Leben unterscheidet man drei Zustande der Kor-
per: das Feste, das Fliissige und das Gas- oder Luftformige. Fest muB
man unterscheiden von mineralisch. Auch Luft und Wasser sind
mineralisch. In den theosophischen Schriften rechnet man noch vier
andere feinere Stoffarten dazu. Das nachste namlich, was feiner ist als
die Luft, ist dasjenige Element, das sie ausdehnt, sie dem Rauminhalt
nach immer groBer macht. Was die Luft so auseinandertreibt, ist die
Warme; es ist eigentlich ein feiner atherischer Stoff, der erste Ather-
grad, der Warmeather. Nun folgt als zweite Atherart der Lichtather.
Korper, die leuchten, senden einen Stoff aus, den man in der Theo-
sophie als Lichtather bezeichnet. Die dritte Atherart ist der Trager
alles dessen, was die feinsten Stoffe formt, der formende Ather, auch
chemischer Ather genannt. DaB sich Sauerstoff und Wasserstoff ver-
binden, bewirkt dieser Ather. Und der allerfeinste Ather ist der, der
das Leben bildet: Prana oder Lebensather.
Die Wissenschaft wirft alle vier Atherarten zusammen. Aber sie wird
sie allmahlich doch in dieser Weise herausfinden. Unsere Bezeich-
nung ist die im Sinne der Rosenkreuzer, wahrend die indische Lite-
ratur von vier verschiedenen Graden des Athers spricht.
Nehmen wir zunachst alles das, was fest ist. Was fest ist, hat schein-
bar kein Leben. Wenn man sich mit dem Leben in das Feste hinein-
versetzt, was dadurch geschieht, daB man wach in dem Zustand lebt,
den man als Traumwelt bezeichnet und dann das Feste aufsucht, zum
Beispiel sich in eine felsige Gebirgslandschaft hineinversetzt, dann
fiihlt man in sich selbst das eigene Leben verandert, man fiihlt sich
von einem Leben durchrieselt. Man ist nicht mit dem BewuBtsein dort,
sondern mit dem eigenen Leben, dem Atherkorper; man ist dann an
einem Ort, in einem Zustande, den man den Mahaparinirvanaplan
nennt. Auf diesem Mahaparinirvanaplan ist das Leben des Festen.
Dieser Plan ist der andere Pol des Festen. DaB man dann mit dem
Leben auf dem Mahaparinirvanaplan war, kann man aus anderen Wir-
kungen wahrnehmen. Wenn man von dort zuruckkommt, hat man die
Einwirkung von Wesen im Mahaparinirvana-Zustande erfahren. Dort
hat der feste Stein sein Leben.
Als zweites folgt das Fliissige, das Wasser. Wenn man sich im
Traumzustand ins Meer versetzt, als ob man selbst Meer ware, dann
versetzt man sich mit dem Leben des Fliissigen auf den Parinirvana-
plan. Durch diese Prozedur weiB man etwas von den verschiedenen
Planen.
Drittens, wenn man sich in das Luftformige versetzt im Traum, so
befindet man sich auf dem Nirvanaplan. Nirvana heiBt wortlich «ver-
loschen», in Luft verloschen, so wie man ein Feuer ausloscht. Wenn
man darin das Leben sucht, ist man mit dem eigenen Leben auf dem
Nirvanaplan. Der Mensch atmet Luft ein. Wenn er das Leben der
Luft in sich erlebt, dann ist das der Weg, um auf den Nirvanaplan
zu kommen. Daher die Atemiibungen der Jogis. Niemand kann den
Nirvanaplan erreichen, wenn er nicht wirklich Atemiibungen macht.
Es sind nur dann Hathajoga-Ubungen, wenn sie auf der falschen Stufe
gemacht werden. Sonst sind sie Rajajoga-Ubungen. Man atmet tat-
sachlich das Leben ein, den Nirvanaplan.
Viertens: Unter dem Nirvanaplan ist der Buddhi- oder Shushupti-
plan. Da hat die Warme das Leben. Wenn Buddhi im Menschen ent-
wickelt wird, wird alles Kama in Selbstlosigkeit, in Liebe umge-
wandelt. Diejenigen Tiere, welche keine Warme entwickeln, sind auch
leidenschaftslos. Auf hoheren Stufen muB der Mensch diese Leiden-
schaftslosigkeit wieder erreichen, weil er sein Leben auf dem
Shushuptiplan hat.
Fiinftens kommt der Devachan- oder Mentalplan. Da hat der Licht-
ather sein Leben. Das Sonnenlicht lebt auf dem Devachanplan;
daher die innere Beziehung zwischen Weisheit und Licht. Wenn man
das Licht im TraumbewuBtsein erlebt, so erlebt man darin die Weis-
heit. Immer, wenn Gott sich im Lichte offenbarte, ist das der Fall
gewesen. Im brennenden Dornbusch, das heiBt im Licht, erschien
Jehova dem Moses, um die Weisheit zu offenbaren.
Der sechste ist der Astralplan. Auf dem lebt der chemische Ather.
Wenn man somnambul ist, nimmt man auf dem Astralplan die Eigen-
schaften der Chemikalien, die chemischen Eigenschaften wahr, weil
auf dem Astralplan der chemische Ather wirklich sein Leben hat.
Der siebente ist der physische Plan. Da lebt der Lebensather in
seinem eigentlichen Elemente. Beim Lebensather nimmt man das Le-
ben wahr. Der Lebensather wird auch atomistischer Ather genannt,
weil er auf diesem Plan sein eigenes Leben, seinen eigenen Mittel-
punkt hat. Was auf demselben Plan lebt, hat auf demselben Plan seinen
Mittelpunkt.
Tatsachlich enthalt alles, was wir um uns haben, die sieben Plane. Sie
sind tatsachlich um uns. Man muB nur fragen: Wo hat das Feste, wo
das Gasformige sein Leben? - und so weiter.
Wir haben nun gehort, daB die Warme ihr eigenes Leben auf dem
Buddhi- oder Shushuptiplan hat. So bestehen bestimmte Beziehungen
zwischen alien Dingen. Auffallig ist die Beziehung zwischen dem Ohr
und dem Sprechen. Das Ohr war in der Evolution viel friiher vor-
handen als das Sprechen. Das Ohr ist das Aufnahmeorgan, die Sprache
ist das Hervorbringungsorgan fiir den Ton. Diese zwei Dinge, Ohr
und Sprache, gehoren im wesentlichen zusammen. Der Ton, wie er
erscheint, ist die Wiedergabe von Schwingungen in der Luft, und
ein jeder Ton entspringt einer besonderen Schwingung. Die Pythago-
reer sagten: Wenn ihr studiert, was drauBen, auBer euch im Ton ist,
dann studiert ihr die Arithmetik der Luft. - Der gleichformige
Raum ware ein tonloser, der arithmetisch durchorganisierte ist ein
tonender Raum. Da hat man ein Beispiel, wie man hineinblicken
kann in die Akasha-Chronik. Kann man sich aufschwingen, die innere
Arithmetik, die vom Ton im Raume bleibt, wahrzunehmen, so kann
man jederzeit einen Ton Wiederhoren, den ein Mensch gesprochen hat.
Zum Beispiel kann man horen, was Casar beim Ubergang iiber den
Rubikon gesprochen hat. Die innere Arithmetik des Tones bleibt vor-
handen in der Akasha-Chronik. Dem Ton entspricht etwas von dem,
was man Manas nennt. Was dem Ohr Ton ist, ist Weisheit der Welt.
Man hort die Weisheit der Welt, indem man den Ton wahrnimmt.
Man bringt die Weisheit der Welt hervor, indem man selber spricht.
Das, was in unserem Sprechen arithmetisch ist, bleibt in der Akasha-
Chronik vorhanden. Der Mensch driickt sich unmittelbar in der Weis-
heit aus, wenn er hort oder spricht. Das Denken ist die Form, in der
der Mensch jetzt seinen Willen in der Sprache zum Ausdruck bringen
kann. Nur im Denken konnen wir jetzt den Willen entfalten. Erst
spater kann der Mensch iiber das Denken hinaus seinen Willen im
Wort entfalten.
Die nachste Stufe hangt zusammen mit der Warme. Die Aktivitat
des Menschen haben wir zu suchen in dem, was er als innere Warme
ausstrahlt. Aus dem, was aus der Warme folgt: Leidenschaften,
Triebe, Instinkte, Begierden, Wiinsche und so weiter, entsteht das
Karrna. Wie nun das Parallelorgan zum Ohr das Sprechorgan ist,
so ist zu der Warme des Herzens das Parallelorgan der Schleim-
korper, die Hypophyse. Das Herz nimmt von auBen die Warme auf,
wie das Ohr den Ton. Dadurch nimmt es die Warme der Welt wahr.
Das entsprechende Organ, das wir haben miissen, damit wir bewuBt
die Warme hervorbringen konnen, ist der Schleimkorper im Kopfe,
der jetzt nur am Anfange seiner Entwickelung steht. So wie man mit
dem Ohr wahrnimmt und mit dem Kehlkopfe hervorbringt, nimmt
man die Warme der Welt auf im Herzen und stromt sie wieder aus
durch den Schleimkorper im Gehirn. Ist diese Fahigkeit erworben,
dann ist das Herz zu dem Organ geworden, wozu es eigentlich
werden soil. Darauf beziehen sich die Worte in «Licht auf den Weg» :
«Eh' vor den Meistern stehen kann die Seele, muB ihres Herzens
Blut die FiiBe netzen.» Dann stromt unser Herzblut aus, wie jetzt
unsere Worte die Welt iiberfluten. Spater wird die Seelenwarme die
Menschen iiberfluten.
Etwas tiefer in der Evolution als das Warmeorgan, steht das
Sehorgan. In der Entwickelung folgten aufeinander Hororgan, War-
meorgan, Sehorgan. Das Sehorgan ist noch ganz auf der Stufe, daB es
nur aufnehmen kann. Das Ohr nimmt schon aus dem Ton, zum Bei-
spiel aus dem Glockenton, das innerste Wesen wahr. Die Warme muB
uns von dem Wesen selbst zustromen. Das Auge hat nur ein Bild,
das Ohr hat die Wahrnehmung des innersten Wesens. Das Wahr-
nehmen der Warme ist ein Aufnehmen einer Ausstrahlung. Ein Organ
wird nun auch das aktive Organ zum Auge werden. Das ist heute
veranlagt in der Zirbeldriise, Epiphyse, welches Organ den Bildern,
die das Auge heute erzeugt, Wirklichkeit verleihen wird. Diese beiden
Organe, Zirbeldriise und Schleimkorper, miissen sich als aktive Or-
gane zum Sehorgan (Auge) und Warmeorgan (Herz) hinzuentwik-
keln. Die Phantasie ist heute die Anlage zu dem spateren Schaffen.
Jetzt hat der Mensch hochstens die Imagination. Spater wird er
magische Kraft haben. Das ist die Kriyashakti. Diese Kraft ent-
wickelt sich in demselben MaBe, in dem sich physisch die Zirbel-
driise entwickelt.
In dem gegenseitigen Verhaltnis von Ohr und Kehlkopf haben wir
ein Vorbild. Das Denken wird dann spater durchdrungen von der
Warme, und noch spater lernt der Mensch selbst schaffen. Zuerst
lernt er ein Bild schaffen; dann Ausstrahlung schaffen, hinaus-
senden; dann Wesenheiten schaffen. Die Freimaurerei nennt diese drei
Krafte: Weisheit, Schein (Schonheit) und Gewalt. (Siehe Goethes
«Marchen».)
Die Warme hat ihr Leben auf dem Shushuptiplan. Diese in
bewuBter Weise zu verwerten, ist dem moglich, der das Leben der
Warme kennt und beherrscht, wie der Mensch heute das Leben der
Luft in gewisser Weise beherrscht. In der Entwickelung muB sich
der Mensch jetzt nahern den Kraften des Shushuptiplanes (Buddhi-
Manas). Die fiinfte Unterrasse (Kulturperiode) hat hauptsachlich die
Aufgabe, Kama-Manas zu entwickeln. Manas findet man in allem,
was in den Dienst des Menschengeistes gestellt ist. Doch im Grunde
genommen steht alles dies jetzt im Dienste von Kama. Die hochsten
Errungenschaften des Geistes sind in den Dienst von Kama gestellt.
Unsere Zeit hat die hochsten Krafte in den Dienst dieser Bediirf-
nisse gestellt, die das Tier auch ohne diese Errungenschaften befrie-
digt.
Jetzt mu6 aber auch schon Buddhi-Manas entwickelt werden. Der
Mensch muB etwas mehr lernen als Sprechen. Es muB sich mit dem
Sprechen eine andere Kraft verbinden, wie wir das in den Schriften
von Tolstoj finden. Es kommt dabei nicht so sehr auf das an, was er
sagt, sondern daB hinter dem, was er sagt, eine elementare Kraft steht,
die etwas von dem Buddhi-Manas hat, das in unsere Kultur hinein-
kommen muB. Tolstojs Schriften wirken deshalb so stark, weil sie in
bewuBtem Gegensatz zu westeuropaischer Kultur etwas Neues, Ele-
mentares enthalten. Die Art Barbarei, die noch darin liegt, wird spater
ausgeglichen werden. Tolstoj ist bloB ein ganz kleines Werkzeug einer
hoheren geistigen Kraft, die auch hinter dem gotischen Initiierten
Ulfilas stand. Diese geistige Kraft gebraucht Tolstoj als ihr Werkzeug.
VI
Berlin, 1. Oktober 1905
Wir wollen uns heute die Stufenfolge der Wesenheiten, zu denen
der Mensch gehort, vorfiihren. Der Mensch ist eben, so wie er jetzt
ist, ein Wesen, das geworden ist, das nicht immer so war wie jetzt.
Er hat nicht nur andere Stufen vor und hinter sich, sondern auch
neben sich, so wie das Kind heute den Greis neben sich hat als
andere Entwickelungsstufe. Wir wollen uns heute sieben Stufen von
Wesenheiten vorfiihren. Dazu miissen wir uns erst den Unterschied
klarmachen zwischen empfangenden und schopferischen Wesen-
heiten.
Mit unserem Auge nehmen wir zum Beispiel eine Farbe, Rot oder
Grim wahr. Insofern sind wir empfangende Wesen. Die Farbe muB
aber erst hervorgebracht werden, damit wir sie wahrnehmen konnen;
es steht uns also ein Wesen gegeniiber, welches die Farbe, zum Bei-
spiel das Rot hervorbringt. Hierdurch erkennt man die Stufenfolge
der Wesenheiten. Wenn man alles, was unseren Sinnen entgegentritt,
zusammenfaBt, so muB die Seele da sein, damit es empfangen werden
kann; aber es muB auch das Gegenteilige davon da sein, damit es uns
entgegengebracht werden kann. Es gibt Wesenheiten, die offenbaren
konnen. Diese haben einen mehr gottlichen oder Devacharakter.
Wesenheiten, die mehr zum Empfangen geeignet sind, haben einen
mehr elementaren Charakter. Gottliche Wesenheiten sind offen-
barender Natur. Elementarwesen sind empfangender Natur.
Hier haben wir auf diesem Gebiete die schopferische Weisheit, die
drauBen schafft, und die Weisheit, die empfangen wird von der
menschlichen Seele. Im Lichte ist Weisheit und in alien Sinneswahr-
nehmungen enthiillt sie sich. Hinter dem, was sich offenbart, muB
man die Offenbarer vermuten, Wesen mit Willensnatur; die Weisheit
ist das, was sich offenbart.
Der Mensch ist ein dazwischenstehendes Wesen. Auf der einen
Seite, zum Beispiel hinsichtlich aller Sinneseindriicke, ist er ein
empfangendes Wesen, hinsichtlich des Denkens aber ist er ein schaf-
fendes Wesen. Nichts gibt ihm den Gedanken, wenn er ihn nicht zum
Wahrnehmen hinzu schafft* So ist er also auf der einen Seite ein
empfangendes, und auf der anderen Seite ein schaffendes Wesen. Das
ist ein wichtiger Unterschied. Stellen wir uns vor, daB der Mensch
imstande ware, ebenso wie er heute Gedanken schafft, alles, was er
wahrnimmt, Tone, Farben und so weiter zu schaffen. Heute ist er nur
auf einem Gebiete, im Denken schaffend und braucht, um Sinneswahr-
nehmungen zu haben, schopferische Wesen um sich herum. Auf dem
Gebiete der Hervorbringung seiner eigenen Wesenheit ist er schaf-
fend gewesen im Anfange dieser Entwickelung. Er hat sich damals
selbst seinen Organismus geschaffen. Jetzt braucht er andere Wesen
dazu. Der Mensch muB sich jetzt in einer leiblichen Gestalt in-
karnieren, die von auBen her bestimmt ist. Er neigt da noch mehr
den elementaren Wesenheiten zu als auf dem Gebiete des Wahr-
nehmens und des Denkens.
Denken wir uns nun, daB der Mensch auch Tone, Farben und
andere Sinneswahrnehmungen und seine eigene Wesenheit hervor-
bringen konnte. Dann haben wir den Menschen, der vor der lemu-
rischen Rasse da war und den man den «reinen» Menschen nennt.
Unrein wird der Mensch dadurch, daB er nicht sein ganzes Wesen
selbst erzeugt, sondern anderes in seine Wesenheit hineingliedert.
Dieser reine Mensch ist Adam Kadmon genannt worden. Wenn die
Bibel anfangs vom Menschen spricht, spricht sie von diesem reinen
Menschen. Dieser reine Mensch hatte noch nichts Kamisches in sich.
Die Begierde kam erst, nachdem er anderes in sich eingegliedert
hatte. So entstand die zweite Stufe der Menschheit, der kamarupische
Mensch. Nur eine Unterabteilung desselben ist das hohere Tier. Ohne
warmes Blut gibt es kein selbstandiges Kamarupa in den Wesenheiten.
Die nicht warmbliitigen Tiere werden von anderen Wesenheiten diri-
giert. Alle warmbliitigen Tiere stammen vom Menschen ab.
Zuerst haben wir also den reinen Menschen, der tatsachlich bis
zur lemurischen Zeit ein iibersinnliches Dasein fiihrte, und alles,
was an ihm ist und lebt, aus sich selbst hervorbrachte.
* Siehe Hinweis auf Seite 270.
Die heutigen kaltbliitigen Tiere und die Pflanzen haben sich in
einer anderen Weise entwickelt als die warmbliitigen Tiere. Die heute
da sind, sind Uberbleibsel von machtigen, riesengroBen, merkwiir-
digen Wesenheiten. Einige von diesen kann die Wissenschaft nach-
weisen. Das sind dekadente, herabgekommene Tiere, die von denen
abstammen, die der reine Mensch benutzt hat, um sich in ihnen zu
verkorpern, damit er einen Korper hatte fiir das Kamische. Zuerst
hatte der reine Mensch noch keine Verkorperung gefunden auf der
Erde. Er schwebte noch iiber den Verkorperungen. Von diesen
groBen, gewaltigen Wesenheiten (Tieren) benutzte der Mensch die
vollkommensten, um sich in ihnen zu inkarnieren. Er hat sich diese
Wesenheiten angegliedert, und dadurch war er imstande, eigenes
Kama hineinzubringen. Einige dieser Wesenheiten entwickelten sich
weiter und wurden nun zu den Atlantiern und zu der gegenwartigen
Menschheit. Doch nicht alien ist es gelungen sich anzupassen. Diese
wurden die niederen Wirbeltiere; zum Beispiel Kanguruhs sind solche
miBlungenen Bildungen auf dem Wege [zum Menschen], wie Topfer-
waren, die man zuriicklaBt.
Nun wurden vom Menschen Versuche gemacht, das Kama in die
Tiergestalten hineinzubringen. Das Kama ist eigentlich erst in der
jetzigen menschlichen Gestalt darinnen, und zwar im Herzen, in der
Blutwarme, im Blutkreislauf. Immer wieder wurden Versuche ge-
macht, und so ging es hoher hinauf von Stufe zu Stufe. MiBlungene
Versuche sehen wir zum Beispiel in den Faultieren, den Kanguruhs,
den Raubtieren, den Affen und Halbaffen. Diese alle blieben auf der
Strecke zuriick. Die warmbliitigen Tiere sind miBlungene Versuche
menschlicher Kamabildung. Alles was an Kama in ihnen ist, konnte
der Mensch auch in sich haben; aber er hat es in ihnen abgeladen,
denn diese Art Kama konnte er nicht brauchen.
Es gibt einen wichtigen okkulten Grundsatz: Jede Eigenschaft hat
zwei entgegengesetzte Pole. So finden wir, wie positive und negative
Elektrizitat sich gegenseitig erganzen, oder Warme und Kalte, Tag
und Nacht, Licht und Finsternis und so weiter. So hat auch jede
Kamaeigenschaft zwei entgegengesetzte Seiten. Zum Beispiel hat der
Mensch im Lowen die Wut aus sich herausgesetzt, die auf der anderen
Seite, wenn er sie veredelt, die Kraft ist, die ihn zu seinem hoheren
Selbst hinauffiihren kann. Die Leidenschaft soil nicht vernichtet, son-
dern gelautert werden. Der negative Pol muB hinaufgefiihrt werden
zu einer hoheren Stufe. Dieses Lautern der Leidenschaft, dieses
Hinauffiihren ihres negativen Poles nannte man bei den Pythagoreern
die Katharsis. Zuerst hatte der Mensch in sich die Wut des Lowen
und die List des Fuchses. Die Wut wurde von ihm dann sozusagen
im Lowen fixiert und die List im Fuchse. So ist also das warmblutige
Tierreich ein Bilderbogen von Kamaeigenschaften. Heute ist vielfach
die Ansicht verbreitet, daB das «Tat tvam asi», das «Das bist du»,
als etwas unbestimmt Allgemeines aufzufassen sei, aber man muB sich
etwas Bestimmtes darunter denken. Zum Beispiel beim Lowen muB
der Mensch sich sagen: Das bist du! - So haben wir im warm-
bliitigen Tierreich den kamarupischen Menschen vor uns ausgebreitet.
Vorher bestand nur der reine Mensch: Adam Kadmon.
Der Naturphilosoph Oken, der in der ersten Halfte des 19.Jahr-
hunderts Professor in Jena war, hat diese Ideen alle erkannt und
sie grotesk ausgesprochen, um die Menschen daraufzustoBen. Es
findet sich bei ihm ein Beispiel, welches auf ein noch friiheres
Stadium des Menschen hinweist, ehe er das kaltbliitige Tierreich
abgegliedert hatte. Oken hat den Tintenfisch mit der menschlichen
Zunge in Beziehung gebracht. Wenn man auf die Analogie der Zunge
mit dem Tintenfisch eingeht, dann hat das eine okkulte Bedeutung.
Nun haben wir auch Wesenheiten, die jetzt erst anfangen, gleichsam
als Nebenprodukte erzeugt zu werden. Der Mensch hat die List des
Fuchses herausgesetzt und behalt den Gegenpol dazu zuriick. In der
List des Fuchses beginnt aber auch ein Keim von etwas anderem
sich herauszubilden; zum Beispiel ahnlich wie der schwarze Schatten
eines Gegenstandes durch das von auBen hereintretende Licht einen
Halbschatten hat. Wir gliederten in dem Fuchse die List aus unserem
Inneren ab. Nun wird ihm von der Peripherie Geist zugefiihrt. Die
Wesenheiten, die auf diese Weise von der Peripherie aus im Ka-
mischen wirken, sind die Elementarwesen. Das was der Fuchs von uns
bekommen hat, ist in ihm Tier; was von auBen her an ihn angeglie-
dert wird vom Geiste, ist Elementarwesen. Er ist auf der einen Seite
durch den Geist der Menschheit, und auf der anderen Seite durch
ein Elementarwesen entstanden.
Wir unterscheiden also: erstens Elementarwesen, zweitens den
kamarupischen Menschen, drittens den reinen Menschen, viertens den
Menschen, der in einer gewissen Beziehung den reinen Menschen
iiberwunden hat, der das, was auBen um ihn herum ist, aufgenom-
men hat und schopferisch tatig ist. Er hat alles, was es im Erden-
dasein um ihn herum gibt, beriihrt und aufgenommen. Das bringt
ihm die Plane, die Vorschriften, die Gesetze, die das Leben schaffen.
Einst war der Mensch vollkommen, und er wird es auch wieder wer-
den. Aber es ist ein groBer Unterschied zwischen dem, was er war
und dem, was er sein wird. Was auBen um ihn herum ist, wird
spater sein geistiges Eigentum geworden sein. Was auf der Erde von
ihm erworben worden ist, wird spater Fahigkeit des Menschen,
schopferisch tatig zu sein. Das ist dann sein innerstes Wesen ge-
worden. Einer, der die ganzen irdischen Erfahrungen aufgenommen
hat, so daB er von einem jeglichen Dinge weiB, wie es verwertet
werden kann und so ein Schopfer geworden ist, wird ein Bodhisattva
genannt, das heiBt ein Mensch, der Bodhi, die Buddhi der Erde,
genugsam in sich aufgenommen hat. Dann ist er reif, aus den inner-
sten Impulsen heraus zu wirken. Die Weisen der Erde sind noch
nicht Bodhisattvas. Auch fur einen Weisen gibt es immer noch Dinge,
in denen er noch nicht vermag sich zurechtzufinden. Erst wenn man
das gesamte Wissen der Erde in sich aufgenommen hat, um schaffen
zu konnen, ist man ein Bodhisattva. Buddha, Zarathustra zum Bei-
spiel, waren Bodhisattvas.
Wenn der Mensch sich noch weiter hinaufentwickelt, so daB er
nicht nur ein Schopfer auf der Erde ist, sondern Krafte hat, die
iiber die Erde hinausgehen, dann steht es ihm frei, diese hoheren
Krafte zu gebrauchen oder weiter auf der Erde zu wirken. Er kann
dann von fremden Welten etwas auf die Erde hereinbringen. Eine
solche Zeit war da, bevor der Mensch sich zu inkarnieren begann, in
dem letzten Drittel der lemurischen Zeit. Der Mensch hatte den
physischen Korper, den Ather- und den Astralkorper ausgebildet.
Diese Teile seines Wesens hatte er sich aus der friiheren Erden-
entwickelung mitgebracht. Die zwei nachsten Impulse, Kama und
Manas, hatte er nicht auf der Erde rinden konnen; sie liegen nicht
in der Entwickelungskette der Erde. Der erste neue AnstoB (Kama)
war nur als Kraft auf dem Mars zu finden. Kurz bevor der Mensch
sich inkarnierte, kam er hinzu. Der zweite AnstoB (Manas) kam
vom Merkur in der fiinften Unterrasse der Atlantier, bei den Ur-
semiten. Diese neuen Antriebe muBten durch noch hdhere Wesen-
heiten, durch die Nirmanakayas von anderen Planeten auf die Erde
gebracht werden. Vom Mars brachten sie Kama, vom Merkur Manas
hinzu. Die Nirmanakayas sind noch eine Stufe hoher als die Bodhi-
sattvas. Diese konnen die fortdauernde Entwickelung regeln; etwas
Fremdes aber konnen sie nicht hineinbringen, das konnen nur die
Nirmanakayas. Noch um eine Stufe hoher als die Nirmanakayas
stehen diejenigen Wesenheiten, welche man Pitris nennt. Pitris = Va-
ter. Denn die Nirmanakayas konnen wohl etwas Fremdes in die
Entwickelung hineinbringen, aber sie konnen nicht sich selbst hin-
opfern, sich hinopfern als Substanz, so daB sie auf dem nachsten
Planeten einen neuen Zyklus hervorbringen konnen. Das konnen die
Pitris, die Wesenheiten, die sich auf dem Monde ausgebildet hatten
und nun heriibergekommen waren; sie sind der AnstoB zur Erden-
entwickelung geworden. Wenn der Mensch durch alles hindurch-
gegangen ist, dann ist er imstande, ein Pitri zu werden. Die nachste,
noch hohere Stufe, die man nur noch nennen kann, sind die eigent-
lichen Gotter.
So haben wir also sieben Stufen von Wesenheiten: Erstens die
Gotter, zweitens Pitris, drittens Nirmanakayas, viertens Bodhisattvas,
fiinftens reine Menschen, sechstens Menschen, siebentens Elementar-
wesen. Das ist die Reihenfolge, von der Helena Petrowna Blavatsky
spricht.
Hier konnen wir noch die Frage anschlieBen, was fur ein Organ
es ist, das den Menschen kamarupisch gemacht hat. Es ist das Herz
mit den Adern und dem Blut, das durch den Korper pulsiert. Das
Herz hat einen physischen Teil, einen atherischen Teil - Aristoteles
spricht von diesem, da man friiher nur den Athermenschen fur wich-
tig hielt - und einen astralen Teil. Das atherische Herz steht in Ver-
bindung mit der zwolfblatterigen Lotusbliite. Von den physischen
Organen haben nicht alle auch astrale Teile, so ist zum Beispiel die
Galle nur physisch und atherisch, das Astrale fehlt.
VII
Berlin, 2. Oktober 1905
Helena Petrowna Blavatsky hat in der «Geheimlehre» Jehova einen
Mondgott genannt. Das hat einen tieferen Grund. Um das zu ver-
stehen, miissen wir uns die Weiterentwickelung des Menschen klar-
machen. So wie der Mensch jetzt ist, sind seine hoheren Krafte
durcheinandergemischt. Seine Hoherentwickelung besteht darin, daB
das hohere Selbst aus den niederen Kraften und Organen heraus-
geschalt wird.
Das Gehirn zerfallt in drei wirkliche Teile: in ein Denk-, Gefiihls-
und Willensgehirn. Diese drei Partien werden spater wie die drei
Teile eines Ameisenhaufens von auBen vom Menschen dirigiert
werden. Die Teile nun, aus denen das Hohere herausgeschalt wird,
bleiben aber dann nicht so, wie sie heute sind, sondern sie steigen
dann noch um eine Stufe herunter. Das ist der Grund, warum
manche Menschen bei einer einseitigen geistigen Entwickelung
moralisch schlechter werden. Bei der abendlandischen Geisteskultur
ist dafiir weniger Gefahr vorhanden, denn die abendlandische Wissen-
schaft zwingt noch nicht aus dem unteren Korper das hohere Geistige
herauf. Mit der Theosophie dagegen nimmt der Mensch tatsachlich
eine Weisheit auf, durch die das Ich zum Teil herausgerissen wird
aus der gewohnten Organumgebung. Wenn ein Mensch, der theo-
sophische Lehren aufnimmt, bis dahin nur durch das ihn umgebende
Konventionelle ein anstandiger Mensch war, so kann der schlechtere
Mensch, der bis dahin verborgen blieb, dann tatsachlich heraus-
kommen. Solche Erscheinungen kann man beobachten. Oft kommt
die schlimme Natur gerade dadurch heraus, daB man sich mit Gei-
stigem beschaftigt, ohne gleichzeitig das Moralische zu starken. Diese
Tatsache bringt eine gewisse Tragik mit sich. Die Theosophische
Gesellschaft hatte tatsachlich auch zu leiden in dieser Beziehung.
Einige Gelehrte, die auf dem Gebiete des abendlandischen Wissens
ganz tiichtige Menschen gewesen waren, haben darunter gelitten, daB
sie in die Theosophische Gesellschaft kamen; bei ihnen ist die niedere
Natur herausgekommen, ohne von der hoheren beherrscht zu werden.
Dasselbe Gesetz findet man auch in groBerem MaBstabe. Die
Wesenheiten, die wir auf dem alten Monde antreffen, hatten ihre
Denkkraft noch nicht in einem physischen Gehirn. Die Denkkraft
der Mond-Nirmanakayas, Bodhisattvas, Pitris und reinen Menschen
arbeitete noch nicht in einem physischen Gehirn, sondern in der Ather-
masse um sie her. Auf dem alten Monde war in der Umgebung
nicht bloB Luft, sondern Ather, der mit Weisheit erfiillt ist. Die
Gedanken waren auf dem alten Monde nicht in den einzelnen Wesen-
heiten, sondern sie schwirrten im Ather herum. Man nennt daher
im Okkultismus den Mond auch den Kosmos der Weisheit. Warme-
ather und andere Atherformen umgaben den Mond. Darin lebten
Verstand und Vernunft, wie sie jetzt im Gehirn des Menschen
leben. Dieser Zustand aber unterlag einer Entwickelung. Im Anfange
der Mondenentwickelung pragte sich die Weisheit noch in schonen
Gestalten aus. Die Wesenheiten, die nur die unteren Teile des Men-
schen, den physischen Korper, den Atherkorper und den Astralkorper
hatten, wurden von den Weisheitsstromen dirigiert. Bei der Weiter-
entwickelung stiegen nun die drei unteren Korper tiefer herunter.
Als die Mondenentwickelung zu Ende war, waren die Wesenheiten,
die weise waren, aber die Weisheit nicht in einem Gehirn hatten, so
weit gekommen, daB sie diese niederen Korper ganz verlassen konn-
ten. Diese Wesen, die nun Pitris geworden waren, die nicht mehr
in solche physische, Ather- und Astralkorper hineinzugehen brauch-
ten, waren die Scharen der Elohim mit verschiedenen Graden. Die
unterste Rangstufe dieser Elohim ist die Jehova-Stufe. Also ist Jehova
eine wirkliche Mondengottheit, die auf dem Monde durch die phy-
sische Entwickelung hindurchgegangen ist. Er hat aber auf dem
Monde die physische Umgebung niemals denkerisch durch ein Gehirn
verarbeiten konnen. Nur sein physischer, Ather- und Astralkorper
hatten die physische Umgebung verarbeitet. Aber als Bilder hatte er
sie verarbeitet. Das Denken schwebte dariiber. Der Name Jehova
bezeichnet nicht ein einzelnes Wesen, sondern eine Rangordnung in
der Hierarchie. Viele Wesen konnen den Jehova-Rang einnehmen
oder in inn hineinriicken. Eliphas Levi hat wiederholt betont, daB
man es bei den Bezeichnungen wie Jehova, Archangelol, Angeloi und
so weiter mit Rangordnungen zu tun hat.
Die ersten, die als Menschen auf der Erde unterrichtet wurden,
bekamen diesen Unterricht von Jehova in Bildern. Daher ist die
Genesis eine Summe von groBen Bildern; die Bilder, die Jehova
auf dem Monde erlebt hatte.
Wahrend sich auf dem Monde einerseits nur die niedere Wesen-
heit des Menschen, physischer, Ather- und Astralkorper, ausbildete,
ist andererseits die obere Trinitat gehegt und gepflegt worden.
Diese war auch herangereift, nachdem auf dem alten Saturn Atma,
auf der alten Sonne Buddhi, auf dem alten Monde Manas veranlagt
wurden. Diese konnten sich dann auf der Erde weiterentwickeln.
Was vom physischen, Ather- und Astralkorper heriiberkam vom alten
Monde auf die Erde, das sind die grotesken Tiere, in die sich das
Atma-Buddhi-Manas nach und nach einhiillen konnte. Die Mond-
pitris hatten den schlechteren Teil iibriggelassen, hatten dafiir aber
Atma, Buddhi, Manas gehegt und gepflegt in objektiver Weise. Sie
brachten es durch ihre Pflege fertig, daB dadurch auf der Erde ein
Denker entstehen konnte. Wenn man die auBeren Geschopfe auf dem
Monde ansieht, so sind das die Hiillen, welche den Menschen um-
geben haben, nicht die Menschen selbst. Die Hiillen waren deshalb
zu brauchen, weil aus ihnen das herausgegangen war, was not-
wendig war... (Liicke im Text.) Nun konnte sich die iibrige Materie
zusammenballen zu dem Gehirn. Der Anlage nach war der Stoff zum
Gehirn da, konnte sich aber erst kondensieren, nachdem die Pitris
heraus waren.
Der ProzeB vor der lemurischen Zeit ist ein vorbereitender. Der
Menschenleib wird so ausgearbeitet, daB sich das Atma-Buddhi-
Manas hineinsenken kann. Dieses hat sich mit Kamamasse umgeben.
Denken wir uns nun eine schleimige, gallertartige Wesenheit, die sich
aus dem, was von dem Monde gekommen ist, herausringt. Das ist
eine physische Grundlage. AuBerdem ist vorhanden Atma-Buddhi-
Manas und ein Astralkorper, den diese um sich herum organisiert
haben. Diese Prinzipien bearbeiten nun die gallertartige Masse
von auBen, bis sie von dieser Masse von innen heraus Besitz er-
greifen konnen. Das Geistige durchdringt schlieBlich das Physische.
Jetzt haben sich eigentlich zwei verschiedenartige Wesenheiten ver-
einigt. In dem Augenblick, als das Gehirn gebildet ist, gehen sie
ineinander auf. Dadurch kamen nun auch Geburt und Tod in die
Erdenentwickelung. Friiher hatten die Menschen den physischen Leib
selbst aufgebaut; spater wird es wieder so sein. Weil sich aber zwei
Wesenheiten vereinigt haben, die nun annahernd zusammenpassen,
haben wir Geburt und Tod, und jeder Zeitraum zwischen Geburt
und Tod ist ein fortwahrender Versuch, diese zwei verschiedenen
Wesenheiten einander besser anzugleichen; ein Hinundherpendeln, bis
endlich ein rhythmischer Zustand eintritt.
Bis in die Mitte der sechsten Wurzelrasse (Hauptzeitalter) wird das
fortdauern, bis dieser rhythmische Zustand erreicht ist und das eine
Wesen dem anderen ganz angepaBt sein wird. Und Karma ist nichts
anderes als das MaB des Ausgleiches, zu dem es der Mensch schon
gebracht hat. In einer jeden Inkarnation erreicht man einen bestimmten
Grad der Anpassung. Man muB nach jeder Inkarnation wieder zum
Devachan aufsteigen, um zu iiberschauen, was man noch zu tun hat.
Erst wenn der Ausgleich erreicht ist, ist Karma iiberwunden und
der Mensch kann etwas Neues, die wahre Weisheit, Buddhi, auf-
nehmen ; die muB bis dahin gehegt und gepflegt werden.
Die zukiinftige Entwickelung muB vorbereitet werden. Was der
Mensch jetzt schon von sich gibt als Vorbereitung des zukiinftigen
Menschen, ist das Wort, die Sprache. Was der Mensch spricht,
bleibt in der Akasha-Chronik. Es ist die erste Anlage fur den zu-
kiinftigen Menschen. Die Sprache ist die Halfte des friiheren Fort-
pflanzungsvermogens. Durch die Sprache pflanzt der Mensch sich
geistig fort. Damit hangt beim Manne die Anderung der Stimme zu-
sammen. Die Halfte des Sexuellen ist auf die Sprache iibertragen
worden. Die Stimme ist das spatere Fortpflanzungsorgan. Im Alt-
hebraischen hat man dasselbe Wort fur das Sexuelle und die Sprache.
Jetzt denkt der Mensch, und der Gedanke geht durch den Kehlkopf
nach auBen. Die nachste Stufe ist, daB das Gefiihl nach auBen geht,
die Warme. Dann wird das Wort der Ausdruck der inneren Korper-
warme sein. Das kann geschehen, wenn der Schleimkorper (die
Hypophyse) im Gehirn entwickelt sein wird. Die darauffolgende
Stufe tritt ein, wenn die Zirbeldriise (Epiphyse) entwickelt ist. Dann
wird nicht nur das durchwarmte Wort nach auBen gehen, sondern
das Wort wird bleiben, wird gestaltet sein durch den Willen, der
dann darin lebt. Wenn man dann das Wort sagt, wird es zu einem
wirklichen Wesen.
Damit hangt zusammen das: «Ich denke, ich fiihle, ich bin» (Wille).
Das Wort in dieser Weise ist «das Wort», das sich verwandelt vom
Gedanken in Gefiihl, dann in Willen. Das ist ein dreifacher ProzeB:
Zuerst ist das Wort «BewuBtsein» (im Denken), dann «Leben» (das
durchwarmte Wort), und zuletzt «Form», das durch den Willen
gestaltete Wort. Dieses letztere ist das objektiv gewordene Wort.
So folgen auch hier aufeinander: BewuBtsein, Leben, Form. Alles
was heute Form ist, ist von friiher her durch solch einen ProzeB
entstanden. Der physische Korper, die Form, ist der reifste Korper;
weniger reif sind der Atherkorper, das Leben, und der Astralkorper,
das BewuBtsein.
VIII
Berlin, 3. Oktober 1905
Die verschiedenen Reinkarnationen der menschlichen Individuality
sind eine Art Hin- und Herpendeln, bis eine rhythmische Ruhe ein-
getreten ist, und der hohere Teil des Menschen in dem Physischen
einen passenden Ausdruck, ein geeignetes Werkzeug gefunden hat.
Ungefahr seitdem es Reinkarnationen des Menschen gibt, ist die
Stellung von Sonne, Mond und Erde, so wie es sie jetzt gibt, vor-
handen. Wir miissen begreifen, daB der Mensch zu dem groBen kos-
mischen Organismus dazugehort. In den Zeiten, in denen im Leben
der Menschheit groBe Veranderungen eintreten, geschehen auch im
Kosmos gewaltige Veranderungen. Friiher, ehe es die Reinkarnation
gab, waren Sonne, Mond und Erde noch nicht getrennt wie jetzt.
Kant und Laplace haben nur vom physischen Plan aus beobachtet,
und insofern ist ihre Theorie ganz richtig. Sie kannten aber nicht
den Zusammenhang mit geistigen Kraften. Als aus dem urspriing-
lichen Feuernebel Sonne, Mond und Erde als getrennte Korper ent-
standen, begann auch der Mensch sich zu inkarnieren. Wenn die In-
karnationen des Menschen wieder aufhoren werden, wird auch die
Sonne wieder mit der Erde verbunden sein. Im GroBen wie im Ein-
zelnen muB man diese Beziehungen des Menschen zum Universum
beriicksichtigen.
Sie werden oft gehort haben, daB der Mensch sich gewohnlich
nach einer Periode von etwa zweitausend Jahren reinkarniert. Man
kann priifen, wann etwa die Menschen, die gegenwartig leben, friiher
inkarniert waren. In der Regel findet man die Seelen, die jetzt in-
karniert sind, um 300 bis 400 nach Christi Geburt. Daneben finden
sich andere, die zu verschiedenen Zeiten inkarniert waren, einige vor-
her, einige spater. Doch gibt es einen anderen Weg, die Inkarnationen
zu bestimmen, einen Weg, der sicherer zum Ziele fiihrt. Man kann
sagen: Wiirden die Menschen, die heute sterben, in kurzer Zeit wie-
derkehren, so wiirden sie fast dieselben Verhaltnisse antreffen wie
jetzt. Aber es soil der Mensch moglichst viel auf der Erde lernen.
Das kann nur stattfinden, wenn er bei der nachsten Inkarnation
etwas Neues vorfindet, das wesentlich anders ist als die friiheren
Verhaltnisse.
Man versetze sich einmal zuriick in die Zeit um 600 bis 800 vor
Christus, das ist ungefahr die Zeit, in der die Ilias und Odyssee ent-
standen sind. Bei den vorgeschrittenen Volkern der damaligen Zeit
gab es ganz andere Lebensverhaltnisse als jetzt. Man wiirde zum Bei-
spiel erstaunt sein zu sehen, mit welchen komischen Instrumenten man
aB. Damals lernten die Menschen auch noch nicht schreiben. Die
groBen Dichtungen wurden miindlich iiberliefert. Wenn ein Mensch
aus der damaligen Zeit heute reinkarniert wird, so mu6 er als Kind
ganz andere Dinge lernen als damals. Er mu6 jetzt als Kind schreiben
lernen. Der Strom der Kultur ist inzwischen weitergegangen. Man
mu6 den Strom der Kultur von der Entwickelung der einzelnen
Seele unterscheiden. Als Kind mu6 man die Kultur nachholen, und
aus dem Grunde mu6 man als Kind wiedergeboren werden.
Wir miissen nun fragen: Wodurch treten auf der Erde so durch-
aus neue Verhaltnisse auf? - Das hangt mit dem Fortschreiten des
Friihlingspunktes der Sonne zusammen. Ungefahr 800 vor Christus
fing die Sonne an, im Friihling im Sternbild des Widders, des Lam-
mes aufzugehen. Jedes Jahr riickt sie ein Stiickchen weiter mit dem
Friihlingspunkt. Dadurch verandern sich die Verhaltnisse auf der
Erde immer ein klein wenig. In dem Sternbild des Widders stand
die Sonne um 800 vor Christus. Noch friiher stand sie im Sternbild
des Stiers, noch friiher in dem der Zwillinge und noch friiher in
dem des Krebses. Jetzt geht sie schon seit einigen Jahrhunderten
im Sternbild der Fische auf. Nachher kommt der Wassermann. Mit
dem Vorriicken der Sonne von einem Sternbild zum anderen hangt
auch das Fortschreiten der Kulturen zusammen.
In der Zeit, als die Sonne im Sternbild des Krebses stand, erreichte
die alte Vedenkultur der Inder, die Kultur der Rishis, ihren Hohe-
punkt. Die Rishis, diese noch halbgottlichen Wesenheiten unter-
richteten die Menschen. Die atlantische Kultur war zugrunde ge-
gangen; ein neuer Einschlag kam. Dies nennt man im Okkultismus
einen «Wirbel». Darum setzt man auch fur das Tierkreisbild, in
dem in der damaligen Zeit die Sonne stand, das Zeichen des
Krebses:
Der Krebs bedeutet einen neuen Einschlag, einen Wirbel.
Die zweite Kultur wird bezeichnet mit dem Sternbild der Zwil-
linge. Begriffen wurde damals die Zwillingsnatur der Welt, die
Gegensatze in der Welt, Ormuzd und Ahriman, das Gute und das
Bose. Daher reden die Perser auch von den Zwillingen.
Die dritte Kultur ist die der Sumerer in Vorderasien und der alten
Agypter. Das Sternbild des Stiers entspricht ihr. Daher wird in Asien
der Stier verehrt und in Agypten der Apis. Die sumerische Sprache
war damals in Babylonien, Assyrien und so weiter, die Sprache der
Weisheit. Dann geriet der Stier in Dekadenz und es tauchte der
Widder auf. Der erste Hinweis darauf ist die Sage vom Goldenen
Vlies.
Die vierte Kultur ist die des Widders oder Lammes; Christus steht
in dem Zeichen des Widders oder Lammes, darum nennt er sich das
Lamm Gottes.
Als fiinfte Kultur folgte die auBerlich materielle Kultur im Stern-
bild der Fische. Diese entwickelte sich hauptsachlich vom 12.Jahr-
hundert an und erreichte ihre Hone um das Jahr 1800. Dies ist die
Kultur der fiinften Unterras se, der Gegenwart.
Im Sternbild des Wassermanns wird in der Zukunft das neue
Christentum verkiindet werden. «Wassermann» ist auch derjenige, der
es bringen wird, der auch schon da war: Johannes der Taufer. Er
wird auch spater Christus vorangehen, wenn die sechste, die spiri-
tuelle Unterrasse gegriindet werden wird. Die theosophische Bewe-
gung soil die Vorbereitung sein fur jenen Zeitpunkt.
Im Neuen Testament wird der Ausdruck «auf dem Berge» ver-
schiedene Male gebraucht. «Auf dem Berge» heiBt: Im Mysterium,
im Inneren, im Intimen. - Auch die Bergpredigt ist nicht als eine
Volkspredigt aufzufassen, sondern als eine Belehrung der Jiinger im
Intimen. Die Verklarung auf dem Berge hat man auch in diesem
Sinne zu verstehen. Jesus ging mit den drei Jiingern Petrus, Jako-
bus und Johannes auf den Berg. Da heiBt es, die Jiinger waren
entriickt; da erschienen Moses und Elias neben Jesus. Fur einen
Moment waren Raum und Zeit ausgeloscht; sie befanden sich mit
ihrem BewuBtsein auf dem Mentalplan. Die physisch nicht mehr da
waren, Moses und Elias, erschienen. Als wirkliche Erscheinung
hatten sie vor sich das: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das
Leben.» Der Weg = Elias, Moses = die Wahrheit, Christus = das
Leben. Das erschien hier den Jiingern in wesenhafter Form. Jesus
sagte auch einmal zu ihnen: «Elias ist wieder erschienen; Johannes
war Elias, man hat ihn nur nicht erkannt.» - Aber er sagte weiter:
«Saget es niemandem, bis ich wieder erscheine.» - Das Christentum
sollte durch zwei Jahrtausende hindurch nicht die Reinkarnation
lehren. Nicht aus Willkiir, sondern aus einem Erziehungsgrund soil-
ten die Menschen zwei Jahrtausende lang nichts davon wissen. Im
Johannes-Evangelium wird daraufhingedeutet durch das Wunder bei
der Hochzeit von Kana, wo Wasser in Wein verwandelt wird. In den
alten Mysterien wird nur Wasser verabreicht, in den christlichen
Mysterien aber Wein. Denn bei der Priesterschaft sollte durch den
WeingenuB das Wissen von der Reinkarnation ausgeloscht werden.
Wer Wein genieBt, kann zu keiner wahren Erkenntnis von Manas,
Buddhi, Atma kommen. Er kann niemals die Reinkarnation be-
greifen. Unter dem Wiederkommen meint Christus das Wieder-
erscheinen in der sechsten Unterrasse, wo er uns verkiindet wird
vom «Wassermann». Die Theosophie fiihrt tatsachlich das Testament
des Christentums aus und arbeitet diesem Zeitpunkt vor.
Jedesmal wenn die Sonne von einem Tierkreisbild in ein anderes
vorriickt, gehen einschneidende Veranderungen in der Kultur vor
sich. Dazwischen vergeht ein Zeitraum von ungefahr zweitausend-
sechshundert Jahren. Nehmen wir den Zeitpunkt, als die Sonne in
das Zeichen des Widders oder Lammes trat, um 800 vor Christus
und 1800 nach Christus, so sind es zweitausendsechshundert Jahre.
Ungefahr um 1800 traten wir in das Zeichen der Fische ein. Damit
kam die materielle Kultur auf die Hone. Sie bereitete sich vor im
Mittelalter, jetzt hat sie begonnen wieder abzufluten. Um das Jahr 4400
tritt die Menschheit in das Zeichen der spirituellen Kultur, des
Wassermannes. Das bereitet sich aber auch schon friiher vor.
Mit der Konstellation verandern sich also auch die Verhaltnisse.
Mit dem Vorriicken von einem Sternbild zum anderen treten auch
neue Verhaltnisse ein, so da6 das Wiedergeborenwerden einen Sinn
hat. Ungefahr alle zweitausendsechshundert Jahre wird der Mensch
wiedergeboren. Aber die Erfahrungen, die er als Mann und als Frau
macht, sind so grundverschieden, da6 man zwei solcher Inkarnationen,
als Mann und als Frau, als eine zahlt. Es vergehen ungefahr ein-
tausenddreihundert Jahre zwischen zwei Inkarnationen als Mann oder
als Frau, und ungefahr zweitausendsechshundert Jahre zwischen sol-
chen doppelten Inkarnationen, wenn man beide als eine rechnet. Der
Mensch ist eigentlich nur dem physischen Leibe nach Mann oder
Frau. Wahrend der physische Korper mannlich ist, ist der Ather-
korper weiblich und umgekehrt, wahrend der physische Korper
weiblich ist, ist der Atherkorper mannlich. Erst der Astralkorper
ist mannlich und weiblich zugleich. Der Mensch tragt das entgegen-
gesetzte Geschlecht als Atherkorper in sich. Also ist der Mann
atherisch weiblich, die Frau ist atherisch mannlich. Die physische
Frau hat daher auch viele verborgene Mannereigenschaften, die
physische Inkarnation ist nur exoterisch vorhanden. So macht der
Mensch jedesmal ein Sternbild durch als Mann und als Frau. Daher
sagte der Meister auch zu Sinnett, daB der Mensch in einer Unterras se
ungefahr zweimal inkarniert wird. Okkult werden die beiden In-
karnationen als eine zusammen gerechnet. Es muB eine Zeit kommen,
in der die Frau sich tatsachlich der Manneskultur annahert. In der
jetzigen Frauenbewegung ist die Vorbereitung zu einer ganz anderen
spateren Frauenbewegung zu erkennen. Die Zweigeschlechtlichkeit
wird in Zukunft einmal ganz iiberwunden werden.
DaB die Reinkarnationslehre wahrend etwa zwei Jahrtausenden
ganz unterdriickt wurde, hatte einen besonderen Grund. Der Mensch
sollte die Wichtigkeit des einen Lebens kennen und schatzen lernen.
Jeder Sklave im alten Agypten war noch iiberzeugt davon, daB er
wiederkommen werde, daB er einmal Herrscher sein werde statt
Sklave, daB er aber Karma abzutragen habe. Darum war ihm das eine
Leben nicht so wichtig. Die Menschen sollten aber nun lernen, festen
Boden unter den FuBen zu gewinnen, darum sollte wahrend einer
Inkarnation die Reinkarnation unbekannt bleiben. Christus hat deshalb
geradezu verboten, daB etwas von Reinkarnation gelehrt werden solle.
Aber von 800 vor Christus bis ungefahr um 1800 nach Christus war
der Zeitraum vergangen, da fast alle Menschen durch die eine In-
karnation hindurchgegangen waren, ohne von Reinkarnation etwas zu
erfahren. Die groBen Meister haben die Aufgabe, nicht immer gleich
die ganze Wahrheit zu lehren, sondern nur das, was die Menschen
brauchen. Das NichtbewuBtsein von der Reinkarnation kam in diesem
Zeitraum poetisch zum Ausdruck in Dantes «Gottlicher Komodie».
Innerhalb der Monchsesoterik ist die Reinkarnation dagegen wohl
noch gelegentlich gelehrt worden. Die Trappisten miissen durch
eine Inkarnation hindurch schweigen, damit sie in der nachsten gute
Redner wiirden. Sie werden mit Absicht auf diese Weise zu guten
Rednern erzogen, denn die Kirche kann diese brauchen. Als der
heilige Augustinus die Pradestinationslehre aufstellte, war er durch-
aus konsequent. Weil im Zeitalter des Materialismus nicht die Re-
inkarnation gelehrt werden sollte, muBte die Augustinische Pradesti-
nationslehre aufkommen. Nur auf diese Weise konnten die ver-
schiedenen Verhaltnisse unter den Menschen erklart werden.
Hiermit hangt nun wiederum das tief Materialistische des [tradi-
tionellen] Christentums zusammen, das darin liegt, daB das Jenseits
von einem physischen Dasein abhangig gemacht wurde. Diese ma-
terialistische Lehre des Christentums hat gleichsam ihre Friichte ge-
tragen. Heute hat man iiberhaupt kein BewuBtsein mehr vom Jen-
seits. Die Sozialdemokratie ist die letzte Konsequenz des traditio-
nellen Christentums. Jetzt muB aber ein neuer Einschlag in die Welt
kommen. Wenn ein Zyklus aufhort, kommt ein neuer Einschlag. Das
Christentum hat dem nach und nach aufdammernden materialistischen
Zeitalter vorgearbeitet. Um die materialistische Kultur herbeizu-
fiihren, muBten die Menschen durch eintausenddreihundert Jahre
hindurch eine solche Lehre haben, wie das Christentum sie brachte,
daB der Mensch von dem einen Erdenleben die ganze Ewigkeit
abhangig macht. Das stadtische Biirgertum ist dann der eigentliche
Begriinder des materialistischen Zeitalters. Das Spirituelle muBte
schon zur Zeit Christi von dem rein Materiellen verraten werden.
Judas Ischarioth muBte Christus verraten. Aber man kann sagen:
Hatte es keinen Judas gegeben, so gabe es auch kein Christentum.
Judas ist der erste, der am Gelde hangt, das heiBt an der materiellen
Kultur. In Judas inkarniert sich die ganze materielle Zeit. Diese
materielle Zeit hat das Spirituelle verdunkelt und verdiistert. Christus
wird durch seinen Tod der Erloser der materiellen Zeit.
IX
Berlin, 4. Oktober 1905
Wir wollen versuchen, den physischen Korper etwas genauer zu
verstehen. Bei der Zusammensetzung des Menschen unterscheiden
wir gegenwartig vier Glieder: den physischen Korper, den Ather-
korper, den Astralkorper und das Ich. Bei dem Studium des phy-
sischen Korpers miissen wir jetzt auf Einzelheiten eingehen. Der
Mensch war schon etwas, als er von einem sehr weit zuriickliegenden
Dasein zum Saturndasein heriiberkam. Der physische Korper ist das
alteste und vollkommenste Glied, das der Mensch heute hat. Der
physische Korper ist vierteilig, das sind die anderen Korper nicht.
Er war schon auf dem Saturn in der Anlage entwickelt. Der Ather-
korper kam erst auf der Sonne hinzu. Da entwickelte sich der phy-
sische Korper zu groBerer Vollkommenheit. Der Astralkorper kam
auf dem Monde dazu; da machte der physische Korper noch eine
weitere Stufe durch. Auf der Erde kam nun noch das Ich hinzu, und
der physische Korper machte eine vierte Stufe durch. So ist der
physische Korper sozusagen schon in der vierten Schulklasse, wah-
rend der Atherkorper in der dritten, der Astralkorper in der zweiten
und das Ich in der ersten Klasse sind.
Daher hat nur der physische Korper als solcher ein SelbstbewuBt-
sein, die anderen drei Korper nicht. In dem Augenblick, wo der
Mensch seine physischen Sinnesorgane schlieBt, wenn er schlaft, hort
das SelbstbewuBtsein auf; wenn er sie nach auBen aufschlieBt, hat er
SelbstbewuBtsein. SelbstbewuBtsein gewinnt man dadurch, daB man
mit seinen Organen die Umgebung beobachten kann. Nur der phy-
sische Korper ist so weit, daB er seine Organe nach auBen auf-
schlieBen kann. Wenn der Ather- und der Astralkorper mit ihren
Organen die Umgebung beobachten konnten, wiirde der Mensch
auch in ihnen SelbstbewuBtsein erlangen. Aber dazu gehoren Organe.
Der physische Korper hat sein SelbstbewuBtsein auch nur durch
seine Organe. Diese Organe des physischen Korpers sind die Sinne.
Wir wollen die Sinne in ihrer Stufenfolge betrachten. In Wahrheit
gibt es zwolf Sinne. Davon sind fiinf schon physisch und zwei andere
werden wahrend der weiteren Entwickelung auf der Erde noch phy-
sisch werden. Die fiinf Sinne, die wir schon haben, sind Geruch, Ge-
schmack, Sehen, Tasten, Horen. Zwei andere Sinne wird der Mensch
nach und nach noch zu richtigen physischen Sinnen entwickeln.
Diese zwei sind veranlagt im Schleimkorper (Hypophyse) und in der
Zirbeldriise (Epiphyse). Diese werden die zwei kiinftigen Sinne noch
herausbilden in dem physischen Korper. Sieben Sinne kommen in
Betracht fur den physischen Korper. Um die Sinne in ihrer Stufen-
folge zu verstehen, miissen wir uns klarmachen, daB der Mensch,
sofern er ein selbstbewuBtes Wesen ist, aufeinem absteigenden Bogen
ist. Wenn auch der Korper auf dem aufsteigenden Bogen ist, so sind
doch die Sinne auf dem absteigenden.
Von den oberen Grundteilen des Menschen entwickelte sich auf
dem Saturn Atma, auf der Sonne Buddhi und auf dem Monde Manas.
Die Monade hat sich einst auch stiickweise zusammengefiigt und zog
dann in der lemurischen Zeit in das selbstgezimmerte Haus ein. Jetzt
ist die Monade heruntergestiegen auf die vierte Stufe: Atma, Buddhi,
Manas, Kama-Manas. Der absteigende Bogen driickt sich in der Sin-
nesentwickelung aus. Eigentlich war anfangs auf dem Saturn nur ein
Sinn vorhanden, der Geruchssinn. Die spater entstehenden Sinne
miissen von hoheren zu immer tieferen Regionen herabsteigen.
In der Natur unterscheiden wir das Feste, das Fliissige, das Luft-
formige, den Warmeather, den Lichtather, den chemischen Ather und
den Lebensather. Das sind die sieben Stufen des Stofflichen. Beim
Heruntersteigen hat der Mensch diese Stufen von oben nach unten
durchgemacht. Als die Entwickelung begann, konnte der erste
menschliche Lebenskeim sich erst im Lebensatherischen auBern.
Dem entspricht als Sinn der Geruch. Da hatte der Mensch den
ersten Sinn, den Geruchssinn, von dem jetzt nur noch ein Nachklang
vorhanden ist. Das Feste hat, wie wir vor einigen Tagen gesehen
haben, sein Leben eigentlich auf dem Mahaparinirvanaplan, das Fliis-
sige auf dem Parinirvanaplan, das Luftformige auf dem Nirvana-
plan, das Warmeatherische auf dem Buddhiplan, das Lichtatherische
auf dem Mentalplan, das Chemischatherische auf dem Astralplan, das
Lebensatherische auf dem physischen Plan; daher konnen wir da auch
von dem atomistischen Ather sprechen.
Verhdltnisse der Plane
Stoff^ustande und
Sinne
1. Physischer Plan
2. Astralplan
3. Mentalplan
4. Buddhi- oder Shushupti-
Lebensatherisches Geruch
Chemischatherisches Geschmack
Lichtatherisches Sehen
plan
5. Nirvanaplan
6. Parinirvanaplan
7. Mahaparinirvanaplan
Warmeatherisches
Gasartiges, Luft
Fliissiges
Festes
Tasten
Horen
Schleimkorper
Zirbeldriise
Ein Korper kann nur dann gerochen werden, wenn er bis an das
Geruchs organ herantritt, mit ihm in Beriihrung kommt. Das Geruchs-
organ muB sich mit dem Stoffe selbst vereinigen. Riechen heiBt, mit
einem Sinn wahrnehmen, der mit dem Stoffe selbst eine Verwandt-
schaft eingeht.
Als zweite Stufe haben wir das Chemischatherische. Da entwickelte
sich der Geschmackssinn. Der beruht darauf, daB das, was man
schmecken soil, sich auflost. Da haben wir es nicht mit dem Stoff
selbst zu tun, sondern mit dem, was aus dem Stoff gemacht wird. Es
ist dies ein chemisch-physischer ProzeB, durch den erst etwas anderes
aus dem Stoffe gemacht wird. Die Zunge kann das vornehmen, sie
kann erst auflosen und dann schmecken.
Die dritte Stufe befindet sich im Lichtatherischen. Dort entwickelt
sich das Sehen. Da nehmen wir nicht wahr, was chemisch-physisch
zerlegt ist, sondern wir nehmen wahr ein Bild des Gegenstandes, wel-
ches durch das auBere Licht zubereitet wird.
Das vierte ist das Warmeatherische. In dem entwickelt sich der
Tastsinn. Da nimmt man nicht mehr ein Bild wahr, sondern weniger
als ein Bild. Die Warme ist ein am Korper voriibergehender Zu-
stand, ein dem Korper nur in dem Momente eigener Zustand. Vom
Tastsinn sprechen wir hier als Warme und Kalte empfindend, er ist
eigentlich «Warmesinn».
Fiinftens haben wir das Luftformige. Das entspricht dem Gehor-
sinn. Da nehmen wir nicht mehr einen Zustand des betreffenden
Korpers wahr, sondern was uns der Korper sagt. Da gehen wir in das
Innere des Korpers hinein. Beim Ton der Glocke interessiert uns diese
selbst nicht mehr, nicht das AuBere der Glocke, der Stoff, sondern
was sie von ihrem Inneren 2u verraten hat. Das Horen ist ein Sich-
Verbinden mit dem, was sich als das Geistige im Stofflichen ankiindigt.
Auf dieser Stufe geht die Sinnestatigkeit vom Passiven ins Aktive
uber. Der passiv aufgenommene Ton wird im Menschen aktiv in der
Sprache. Darin gibt der Mensch das Seelische von sich.
Als sechstes haben wir das Fliissige. Der Sinn fur das Fliissige ist
der Schleimkorper. Dieser ist im Gehirn lokalisiert, in einem lang-
lich zylindrischen Korper.
Als siebentes folgt das Feste. Die Zirbeldriise ist der Sinn fur das
Feste.
Spater wird der Mensch, so wie er jetzt spricht und auf die Luft
EinfluB hat, auch auf das Fliissige einen EinfluB gewinnen. Das «ich
denke» und der Gedanke iiberhaupt bringt sich in der Luft zum
Ausdruck, und zwar in Formen wie zum Beispiel ein Kristall. Auf der
nachsten Stufe wirkt auch das Gefiihl in dem Gedanken mit. Die
Entwicklung geht zuriick. Die Warme des Herzens driickt sich dann
in Schwingungen aus und flieBt mit dem Gedanken zusammen nach
auBen. Und die letzte Stufe hat der Mensch erreicht, wenn er wirk-
liche Wesen schafft, die bleibend sind; wenn er durch das Wort den
Willen hinausbringt. Das Gefiihl hinauszubringen, ist ein bloBer Uber-
gang. Wenn der Mensch durch den Willen schaffend wird, dann
werden die Wesen, die er hervorbringt, wirklich da sein.
Der Mensch wird spater in die Umgebung hinausbringen, was er
fiihlt. Das wird sich dem Element des Fliissigen mitteilen. Das ganze
Fliissige des nachstfolgenden Planeten (des Jupiter) wird ein Ausdruck
dessen werden, was die Menschen fiihlen. Heute sendet der Mensch
die Worte hinaus; sie sind im Akasha eingeschrieben. Da bleiben sie,
wenn auch die Luftwellen zerrinnen. Daraus wird spater der Jupiter
geformt. Wenn also der Mensch heute heillose Reden fiihrt, so wer-
den auf dem Jupiter heillose Baugeriiste aufgefiihrt werden! Darum
muB so viel geachtet werden auf das, was man spricht, darum muB
so viel Wert darauf gelegt werden, daB der Mensch seine Rede be-
herrscht. Spater wird der Mensch auch sein Gefiihl hinaussenden; der
Zustand der Jupiterfliissigkeit wird ein Ergebnis der Gefiihle auf
Erden sein. Was der Mensch heute spricht, wird dem Jupiter die
Gestalt geben; was er fiihlt, wird ihm die innere Warme geben. Was
nun der Mensch heute in seinen Willen hineinlegt, das werden die
einzelnen Wesen sein, die den Jupiter bewohnen werden. Der Jupi-
ter wird aufgebaut werden von den Grundkraften der menschlichen
Seele.
Wie wir heute das Felsengeriist der Erde ableiten konnen aus frii-
heren Zustanden, so wird das Felsengeriist des Jupiter das Ergebnis
unserer Worte sein. Das Meer des Jupiters, die Warme des Jupiters
entsteht aus den Gefiihlen der jetzigen Menschen. Die Wesen des
Jupiters entstehen aus dem menschlichen Willen. So schafft der Be-
wohner des vorhergehenden Planeten tatsachlich die Grundlage fiir
den nachstfolgenden. Und Wesen, die heute noch iiber... (Liicke im
Text) schweben, wie einstmals die Monade iiber unserer Erde, werden
sich auf dem Jupiter darin verkorpern. Es wird dann eine Art jupiter-
lemurische Rasse geben. Dann werden die Wesen da sein, die wir als
die Pitris geschaffen haben. So wie wir die grotesken Gestalten vom
Monde bezogen haben, werden diese Wesen dann die Gestalten be-
wohnen, die wir mit unserer Zirbeldriise entwickeln.
Wir bauen weiter an dem Hause fiir nachfolgende, zukiinftige
Monaden. Eine ganz ahnliche Prozedur lag zugrunde, als der Mensch
vom Monde sich zur Erde heriiberentwickelte. Das wird so recht
anschaulich machen, wie alles AuBere im Grunde genommen von
innen heraus geschaffen wird.
Der bloB physische Korper ist schwer zu sondern von dem, was
sich durch des Menschen Verirrungen gebildet hat. Ein Buckliger hat
seinen Buckel dem Astralen, dem Karma zu verdanken. Die auBere
Gestalt, die Physiognomie und so weiter sind vom Karma abhangig.
Was den physischen Korper modifiziert, ist also von den hoheren
Korpern abhangig. Wenn man alles abzieht, was von dem Karma ab-
hangt, so ist der physische Korper tatsachlich weise eingerichtet. Alles
was krank ist, sind Verirrungen, die sich im physischen Korper aus-
driicken. Alle Krankheiten sind Unrechte in der Vergangenheit gewe-
sen; alles Unrecht wird Krankheit in der Zukunft sein. Wenn die
Menschen wiirdig sein werden, werden sie die festen Wesen, die sie
schaffen werden, auch zu ebensolchen weisheitsvollen Korpern schaf-
fen.
Alle Weisheit, Gefiihl und Wille werden in der nachsten Evolu-
tion wirklich als Gestalt und Wesen da sein. In alien alten Religionen
wird der physische Korper, da er so weisheitsvoll aufgebaut ist, ein
Tempel genannt. Es ist nicht recht, vom physischen Korper als von
der niederen Natur zu sprechen, denn das Niedrige im Menschen liegt
eigentlich in den hoheren Korpern, die heute noch babyhaft sind.
Hier konnen wir auch einen wichtigen karmischen Zusammenhang
betrachten. Wir leben in einer materialistischen Zeit und sie ist die
Folge einer vorhergehenden Zeit. Diese materialistische Zeit hat nicht
nur auBerlich, sondern auch innerlich viel geleistet. Man denke zum
Beispiel an so etwas wie die Abnahme der Sterblichkeit durch
hygienische MaBnahmen. Das ist in der Tat ein Fortschritt, durch
die auBeren hygienischen Einrichtungen hervorgebracht. Ein solcher
auBerer Fortschritt ist immer eine karmische Wirkung der Fortschritte,
die friiher im Inneren gemacht wurden. Diese physischen Fort-
schritte sind die Folge der innerlichen Fortschritte des Mittelalters.
Es wird deshalb heute sehr zu Unrecht auf das «finstere» Mittel-
alter zuriickgeblickt. Unsere bedeutendsten Materialisten sind zuerst
idealistisch erzogen worden, zum Beispiel Haeckel, Biichner, Moleschott.
Daher sind ihre Systeme gedanklich so schon geschlossen, aber das
verdanken sie ihrer idealistischen Erziehung. Der heutige Materialis-
mus ist in der Tat der auBere Ausdruck der vorhergehenden idealisti-
schen Periode.
Man muB auch jetzt fur die Zukunft vorarbeiten. Als die kar-
mische Wirkung der friiheren idealistischen Periode im Materialismus
eintrat, da muBte auch ein neuer Anfang des Idealismus und des
Spiritualismus gemacht werden. Nach diesem Gesetz richteten sich
die fiihrenden Individualitaten, als sie die theosophische Bewegung
ins Leben riefen.
Im 14. Jahrhundert stand man mitten in der Zeit der Stadtegriin-
dung. In wenigen Jahrhunderten waren in alien europaischen Kultur-
landern selbstandige Stadte entstanden. Der Burger ist nun der Be-
griinder des Materialismus im praktischen Leben. Im Mythus von
Lohengrin wurde dies zum Ausdruck gebracht. Lohengrin, der Ab-
gesandte der Gralsloge, war der weise Fiihrer, der im Mittelalter ein-
griff und die Stadtegriindung vorbereitet hat. Er hat den Schwan bei
sich als Symbol; der Initiierte des dritten Grades ist der Schwan. Das
BewuBtsein wird immer als etwas Weibliches dargestellt. Elsa von
Brabant reprasentiert das BewuBtsein des materialistischen Stadte-
sinns. Das spirituelle Leben aber muB gerettet werden; das geschieht
dadurch, daB Christian Rosenkreutz den Rosenkreuzerorden begriin-
dete. Das spirituelle Leben blieb in den Geheimschulen. Heute nun
ist der Materialismus auf die Spitze getrieben. Darum muBte in unserer
Zeit ein neuer Einschlag kommen. Dieselbe Bewegung griff damals
ein, die heute durch die Theosophie die elementaren Lehren des
spirituellen Lebens popular macht, um wieder ein neues Inneres zu
schaffen, das sich spater im AuBeren zeigen kann. Das Innere driickt
sich immer spater im AuBeren aus. Eine Krankheit ist die karmische
Folge einer friiheren verkehrten Tat, zum Beispiel einer Luge. Wenn
eine solche real wird, so wird sie eine Krankheit. Seuchen gehen auf
weit zuriickliegendes Unrecht der Volker zuriick. Sie sind etwas Un-
vollkommenes, das von innen nach auBen geriickt ist.
Der sechste Sinn ist das Kundalinilicht im ausstrahlenden Warme-
gefiihl; der siebente ist der synthetische Sinn.
X
Berlin, 5. Oktober 1905
Wenn man den Menschen in seiner ganzen Wesenheit nimmt, sieht
man zunachst den physischen Korper, dann den Ather- und den
Astralkorper. Den physischen Korper des Menschen kann jeder se-
hen. Der Atherkorper wird sichtbar, wenn man sich den physischen
Korper durch einen scharfen Willensakt absuggeriert. Dann bleibt der
Raum des physischen Korpers ausgefiillt mit dem Atherkorper. Den
Atherkorper betrachtet der Okkultist eigentlich als den untersten
Korper. Es ist der Korper, nach dem der physische Mensch gebildet
ist. Nach der absteigenden Linie ist der Atherkorper dem physischen
Korper entgegengesetzt gebildet; nur nach der aufsteigenden Linie
sind sich beide gleich. Das Weib hat einen mannlichen Atherkorper
und der Mann einen weiblichen Atherkorper.
Um den Atherkorper herum tritt der Astralkorper auf. Der Astral-
korper ist die auBere Form fur alle seelischen Inhalte; fur Leiden-
schaften, Affekte, Triebe, Begierden, Lust und Unlustgefiihle, Enthu-
siasmus und so weiter. Er manifestiert sich in den mannigfaltigsten
Formen. Ringsherum zeigen sich Wolkenbildungen; er erstrahlt in
den verschiedensten Farben. Manchmal hangen einzelne Gebilde wie
Fetzen daran. Die Formen und Farben sind verschieden und wech-
seln. Grim zeigt Sympathie und Mitleid mit den Mitmenschen an.
Die unteren Schichten der Bevolkerung zeigen viel Rot im Astral-
korper, Braunrot, Ziegelrot, Blutrot. Besonders bei Droschken-
kutschern ist eine solche rote, auf die niederen Leidenschaften hin-
weisende Farbe haufig zu beobachten.
Das ganze Gewoge des Astralkorpers nun ist bei jedem Menschen
eingeschlossen in eine eiformige Umhiillung. Diese hat eine blaue
Grundfarbung und zeigt im wesentlichen in der Mitte des Gehirns
eine dunkelviolette Stelle. Diese eiformige Umhiillung nennt Helena
Petrowna Blavatskj das aurische Ei. Bei kleinen Kindern ist das
aurische Ei vorherrschend; bei ihnen treten darin viel helle, lichte
Farbenwolken auf. In den unteren Partien haben aber auch kleine
Kinder oft dunkle Wolken, die auf Niedriges deuten. Das ist das ver-
erbte Karma, das sie mit ihren Voreltern gemeinsam haben. Das sind
die Siinden der Vater. Bis zur siebenten Generation vererben sich
diese Siinden der Vater. Die Eigenschaften der Menschen konnen
zusammenhangen bis zum siebenten UrgroBvater. Nach der siebenten
Generation loscht sich die Vererbung aus. Man rechnet drei Genera-
tionen wahrend eines Jahrhunderts. Der Mensch von heute zeigt also
immer noch etwas Gutes oder Schlechtes von den guten oder
schlechten Eigenschaften der Vorfahren des 17. Jahrhunderts. So kann
man durch zweihundert Jahre oder noch etwas mehr einen Blick
werfen auf die Voreltern.
Um zu sehen, wie das aurische Ei sich gebildet hat, miissen wir die
Entwicklung eines Weltenkorpers betrachten. Den Zustand der Erde,
der unserer Betrachtung am nachsten liegt, nennen wir den physischen
Zustand. Man nennt in der theosophischen Literatur einen Form-
zustand einen Globus und spricht daher vom physischen Globus.
Als physischer Globus ist die Erde der vierte Globus in einer Ent-
wickelung von sieben Zustanden. Es gingen dem physischen Globus
drei andere Zustande voran und drei weitere folgen noch. Bevor die
Erde physisch wurde, war sie astral. Alles was auf der Erde lebte, war
damals nur astral vorhanden. Wenn der Mensch durch die sechste und
siebente Wurzelrasse (Hauptzeitalter) gegangen sein wird, wird er so
vergeistigt sein, daB er wieder eine astrale Form haben wird. In die-
sem zukiinftigen astralen Formzustand wird aber alle Frucht der Ent-
wickelung enthalten sein.
Sieben Formzustande bilden zusammen eine Runde. Die Erde
macht jetzt ihre vierte Runde durch, und diese ist die mineralische.
Die Aufgabe des Menschen ist es, wahrend dieser Zeit das Mineral-
reich zu verarbeiten. Es ist schon Arbeit am Mineralreich, wenn
der Mensch einen Feuerstein nimmt und einen Keil zurechthammert,
mit dem er andere Dinge bearbeitet. Wenn er Felsen abtragt und
aus den Steinen Pyramiden baut, wenn er aus Metallen Werkzeuge
macht, wenn er den elektrischen Strom in einem Netz iiber die Erde
fiihrt, bearbeitet der Mensch das Mineralreich. So verwendet der
Mensch das ganze Mineralreich in seinem Dienst. Er macht die Erde
vollstandig zu einem Kunstwerk. Wenn der Maler Farben nach sei-
nem Manas kombiniert, bearbeitet er auch das Mineralreich. Wir
sind jetzt in der Mitte dieser Tatigkeit und in den nachsten Rassen
(Hauptzeitaltern) wird es ganz umgearbeitet werden, so da6 zuletzt
kein Atom mehr auf der Erde sein wird, das nicht vom Menschen
bearbeitet worden ist. Friiher haben sich diese Atome immer mehr
verfestigt; jetzt aber treten sie wieder immer mehr auseinander. Die
Radioaktivitat hat es friiher gar nicht gegeben, daher konnte man sie
friiher gar nicht entdecken. Die gibt es erst seit einigen Jahrtausen-
den, weil jetzt die Atome sich immer mehr zersplittern.
Wenn die vierte Runde zu Ende sein wird, wird das ganze Mineral-
reich durch die Hand des Menschen gegangen sein. Wenn er das
Mineralreich ganz durchgearbeitet hat, mu6, damit die Frucht dieser
Arbeit erscheinen kann, die Erde iibergehen in einen astralen Zustand.
Darin konnen sich die Formen entfalten. Darnach geht die Erde iiber
in einen mentalen Globus und dann in den hoheren mentalen Zu-
stand, den arupischen. Dann verschwindet die Erde iiberhaupt aus
diesen Zustanden in einem kleineren Pralaya. Sie geht dann wieder in
einen neuen arupischen Zustand der nachsten, der fiinften Runde iiber,
dann in einen rupamentalen, dann in einen astralen Zustand; darnach
erscheint sie wieder physisch. Alles was der Mensch in der vierten
Runde in das Mineralreich hineingearbeitet hat, erscheint dann wieder
und wachst in der fiinften Runde als Pflanzenreich auf; zum Beispiel
der Kolner Dom wachst in der nachsten Runde als Pflanze auf.
Zwischen dem letzten arupischen Zustande der vierten Runde und
dem ersten arupischen Zustande der fiinften Runde geht die Erde
durch ein Pralaya hindurch. In der fiinften Runde erscheint dann das
friihere Mineralreich in all seinen Formen als Pflanzenreich. In dem
arupischen Zustand der fiinften Runde ist alles enthalten, was der
Mensch verarbeitet hat in der mineralischen Runde. Das erscheint
wieder zunachst im arupischen Zustande, im reinen Akasha. Man
nennt diesen Zustand eben «Akasha». Zuerst befindet sich am An-
fang jeder neuen Runde alles im Akasha. Spater sind nur Abdriicke
im Akasha. So haben wir also in diesen Abdriicken im Akasha die
ganze Erde mit all ihren Wesen. Beim Ubergang von der dritten zur
vierten Runde erscheinen auch alle Wesen, die in der dritten Runde
entstanden waren, am Anfange der vierten Runde im Akasha wieder.
Bei der weiteren Entwickelung aus dem Akasha mu6 sich das ganze
verdichten, es mu6 eine dichtere Form annehmen. Das geschieht im
Rupazustand der Erde. Diese mehr materielle Form nennt man im
Okkultismus, zum Beispiel auch an einigen Stellen bei H. P. Blavatsky,
den Ather. In dieser Athererde ist alles nur in Gedanken enthalten.
Alle Wesen waren in Gedanken enthalten in dieser Athererde. Aber
dahinter bleibt doch das Akasha als eine Grundlage bestehen. Der
Ather verdichtet sich wieder weiter zum Astrallicht. Im Astrallicht
strahlt der dritte Globus (Formzustand), die Astralerde auf; sie strahlt
ganz im reinsten Astrallicht, und zwar ist dieses Astrallicht ganz von
demselben Stoff, in dem spater das aurische Ei des Menschen erstrahlt.
Namentlich findet es sich in dieser Weise bei ganz jungen Kindern,
die erst wenige Monate alt sind. Darauf geht die Erde iiber in ihren
jetzigen, den physischen Zustand. Dann wird sie die eigentliche Erde
und wird dabei immer physischer und physischer. In demselben MaBe
aber, in dem sie immer physischer und physischer wird, gliedert sie
die einzelnen aurischen Eier fur die Menschheit ab. Die gliedern sich
so ab, als wenn in einem gefiillten WassergefaB das Wasser einerseits
zu Eis gefriert und andererseits in Tropfen verperlt. So gliedert sich
auf der einen Seite die physische Erde ab, und auf der anderen Seite
verperlen die aurischen Eier fur die Menschenentwickelung.
Zunachst tritt das aurische Ei als Undifferenziertes auf. Es ist aber
in Wahrheit nicht undifferenziert. Es verhalt sich damit ahnlich wie
mit folgendem: Haben wir eine Kochsalzlosung, so ist das eine gleich-
mafiige grauliche Masse; lassen wir sie stehen, so gliedern sich die
schonen Kochsalzwiirfel heraus. Im aurischen Ei sind die Krafte ver-
anlagt gewesen, die der Atherleib, der Linga sharira, herausarbeitet.
Aus dem, was feste Erde geworden ist, kommt dann spater auch das
heraus, was schon friiher auf dem Monde eine Entwickelung durch-
gemacht hatte. Das hat die Anlage zu den niederen Reichen bis zu
den ersten Wirbeltieren, bis zur Schlange. Was an Tieren darauf
folgt bei den Wirbeltieren, das war auf dem Monde noch nicht da,
das kam erst auf der Erde hinzu. Die wirbellosen Tiere kamen also
aus der Erde heraus, als sie sich zur physischen Erde verdichtete,
auch die Pflanzen und das Steinreich.
Zu der Zeit, als sich das alles herausgegliedert hatte, waren die
Menschen in die lemurische Zeit gekommen. Der immer dichter
werdende Mensch entwickelte sich von der ersten, der polarischen
Rasse hiniiber zur zweiten, der Rasse der Hyperboraer. Darauf folgte
die lemurische Zeit; da setzt die Entwickelung der Wirbeltiere ein,
die sich erst von da an entwickelt haben.
So unterscheiden wir: Erstens Akasha, zweitens Ather, drittens
Astrallicht, viertens Erde, fiinftens Aurisches Ei.
Das nennt man einen Wirbel. Bis zur Erde, dem vierten Form-
zustand, wurde die Erde immer dichter. Um den Preis, daB sie sich
so immer mehr verdichtete, individualisierte sich das Astrallicht,
nachdem das Feste sich herausgeschoben hatte. Die aurischen Eier
der Menschen sind das individualisierte Astrallicht. Daher kann man
in dem Astrallicht lesen; nicht die Handlungen, aber die Emotionen,
die damit verbunden sind, kann man in dem Astrallicht lesen. Zum
Beispiel hat Cdsar den Gedanken gefaBt, iiber den Rubikon zu gehen,
was sich bei ihm verkniipfte mit bestimmten Gefiihlen und Leiden-
schaften. Die damalige Handlung entspricht einer Summe von astra-
lischen Impulsen. Die physischen Handlungen auf dem physischen
Plane sind tut alle Ewigkeit vergangen. Das Ausschreiten des Casars
kann man im Astrallicht nicht mehr sehen; aber der Impuls, der ihn
dazu trieb, ist in dem Astrallicht geblieben. Die kamischen (astra-
len) Korrelate von dem, was auf dem physischen Plan vorgeht, blei-
ben im Astrallicht. Man muB sich daran gewohnen, von alien phy-
sischen Wahrnehmungen abzusehen und nur die kamischen Impulse
zu sehen. Diese muB man festhalten und bewuBt ins Physische
zuruckiibersetzen. Es hat keinen Sinn, nach etwas zu suchen, was so
aussehen wiirde, wie wenn man die Sachen photographiert hatte.
Die groBten Impulse der Weltgeschichte kann man aber im Astral-
licht nicht mehr lesen, denn die Impulse der groBen Eingeweihten
waren leidenschaftslos. Wer daher nur im Astrallichte liest, fur den
ist das ganze Werk der Initiierten nicht da; zum Beispiel der Inhalt
des Buches «Les grands Inities» von Edouard Schure hatte im Astral-
licht nicht gefunden werden konnen. Solche Eindriicke sind nur im
Ather aufgeschrieben. Was man von dem, was die groBen Eingeweih-
ten getan haben, im Astrallicht lesen kann, beruht auf einer Tau-
schung, weil man nur die Folge des Auftretens der groBen Einge-
weihten lesen kann aus den Impulsen ihrer Schiiler. Schiiler und
ganze Volker haben lebhaft und leidenschaftlich empfunden bei den
Handlungen der groBen Initiierten, und dies ist im Astrallicht geblie-
ben. Es ist aber so schwer, die innersten Motive der groBen Ein-
geweihten zu studieren, weil sie nur im Ather vorhanden sind.
Die kosmischen Ereignisse - solche Umwandlungen wie die von
Atlantis - stehen nun noch hoher, nicht mehr im Ather, sondern im
eigentlichen Akasha. Das ist die Akasha-Chronik. Diese hangt aber
in gewisser Weise trotzdem mit den untersten Angelegenheiten der
Menschen zusammen. Denn der Mensch steht in Verbindung mit den
groBen Ereignissen des Kosmos. Jeder einzelne Mensch ist mit allge-
meinen Strichen in der Akasha-Chronik zu finden. Was dort ist, setzt
sich fort und fungiert hinein in den Ather und in das Astrallicht. Der
einzelne Mensch wird immer klarer erkennbar, je mehr man ihn in den
niedrigeren Gebieten sucht. Und man muB alle diese Gebiete studie-
ren, um den eigentlichen Mechanismus des Karma zu verstehen.
XI
Berlin, 6. Oktober 1905
Wie Karma wirkt, wollen wir uns heute veranschaulichen und uns
klarmachen, wie es sich in den sogenannten drei Welten verhalt. Alle
anderen Welten auBer diesen drei, kommen fur die menschliche Ent-
wickelung wenig in Betracht, wohl aber die physische, astrale und
mentale Welt. Wahrend des Zustandes des Tagwachens sind wir in
der physischen Welt; da haben wir in einer gewissen Beziehung die
physische Welt rein vor uns. Wir miissen nur unsere Sinne hinaus-
richten, um die physische Welt rein vor uns zu haben. Aber in dem
Augenblick, da wir die physische Welt mit Interesse ansehen, ihr mit
unserer Empfindung entgegentreten, sind wir schon zum Teil in der
astralischen Welt und nur zum Teil wirklich in der physischen Welt.
Nur die Anfange zu einem rein in der physischen Welt leben, sind
im Menschenleben vorhanden; zum Beispiel wenn man ein Kunst-
werk, ohne den Wunsch, es besitzen zu wollen, rein kontemplativ be-
trachtet. Solche Betrachtung eines Kunstwerkes ist ein wichtiger seeli-
scher Akt, wenn man, sich selbst vergessend, daran rein als an einer
mentalen Aufgabe arbeitet. Dieses reine, sich selbst vergessende in
der physischen Welt leben, ist sehr selten. Der Mensch betrachtet die
Natur nur selten in reiner Kontemplation, sondern empfindet noch
vieles andere dabei. Dennoch ist das selbstlose Leben in der physi-
schen Natur das Allerwichtigste, denn nur dadurch kann er ein Selbst-
bewuBtsein haben; in alien anderen Welten ist der gewohnliche
Mensch jetzt noch in eine Welt des UnbewuBten getaucht.
In der physischen Welt ist der Mensch nicht nur selbstbewuBt, er
kann in ihr auch selbstlos werden. Sein TagesbewuBtsein ist aber
noch nicht selbstlos, wenn er sich nicht selbst vergiBt. Daran hindert
ihn nicht die physische Welt, sondern das Hereinspielen der Astral-
und Mentalwelt. Wenn er aber sich selbst vergiBt, dann ist die Sonder-
heit verschwunden und er findet sein Selbst drauBen ausgebreitet. Der
Mensch kann gegenwartig aber nur im physischen Leben dieses Selbst-
bewuBtsein ohne Sonderheit ausbilden. Das SelbstbewuBtsein nennen
wir das Ich. Der Mensch kann nur selbstbewuBt werden an der Um-
gebung. Erst wenn er Sinne gewinnt fur eine Welt, dann wird er in
der betreffenden Welt selbstbewuBt. Jetzt hat er nur Sinne fiir die
physische Welt, aber die anderen Welten spielen fortwahrend in das
SelbstbewuBtsein hinein und triiben es. Wenn die Empfindungen
hineinspielen, so ist das die astrale Welt; wenn der Mensch denkt, so
spielt die mentale Welt in das BewuBtsein hinein.
Die Gedanken der meisten Menschen sind nichts anderes als Spiegel-
bilder der Umgebung. In den wenigsten Fallen hat der Mensch Ge-
danken, die nicht mit seiner Umgebung zusammenhangen. Nur dann
hat er solche hoheren Gedanken, wenn ihm die Sinne erwachen fiir
die mentale Welt, so daB er nicht nur die Gedanken denkt, sondern
sie als Wesen um sich herum sieht. Dann hat er das SelbstbewuBt-
sein der mentalen Welt, wie es der Chela, der Eingeweihte besitzt.
Wenn der Mensch versucht, um sich her erst die physische Welt,
dann alle Triebe, Leidenschaften, Gemiitsbewegungen und so weiter
verschwinden zu lassen, dann bleibt bei den meisten kein Gedanke
iibrig. Versuchen wir uns nur vorzustellen, was alles den Menschen
beeinfluBt, insofern er in Raum und Zeit lebt. Man versuche alles das
sich vor die Seele zu rufen, was mit dem Orte, an dem wir leben, und
mit der Zeit, in der wir leben, zusammenhangt. All das, was die Seele
fortwahrend an Gedanken hat, hangt ab von Raum und Zeit. Das hat
alles einen verganglichen Wert. Deshalb muB der Mensch von dem
bloBen Abspiegeln des Sinnlichen dazu iibergehen, einen ewigen
Gedankeninhalt in sich leben zu lassen, um allmahlich devachanische
Sinne zu entwickeln. Ein Satz, wie der aus «Licht auf den Weg»:
«Bevor das Auge sehen kann, muB es der Tranen sich entwoh-
nen», gilt fur alle Zeiten und an alien Orten. Wenn man einen sol-
chen Satz in sich leben laBt, dann lebt in uns etwas, das jenseits von
Raum und Zeit liegt. Das ist ein Mittel, eine Kraft, die devachani-
schen Sinne nach und nach in der Seele erwachen zu lassen und die
Sinne zu erwecken fiir das Ewige in der Welt.
So verhalt sich der Anteil des Menschen an den drei Welten. Der
Mensch ist aber erst allmahlich in diese Lage gekommen. Er war nicht
immer in der physischen Welt, er ist erst nach und nach physisch
geworden, hat erst nach und nach Sinne bekommen. Vorher war er
auf den hoheren Planen. In die physische Welt kam er vom Astral-
plan herunter und vorher von dem Mentalplan. Diesen teilen wir ein
in zwei Abteilungen, den unteren Mentalplan oder Rupaplan, wo
schon alles differenziert ist, und in den oberen Mental- oder Arupa-
plan, wo noch alles undifferenziert, samenhaft ist. Der Mensch ist her-
untergestiegen von dem Arupaplan durch den Rupaplan und den
Astralplan zum physischen Plan. Erst auf dem physischen Plan ist der
Mensch selbstbewuBt geworden. Auf dem Astralplan ist er jetzt noch
nicht selbstbewuBt, und auf dem Rupa- und Arupaplan ist er es noch
weniger. Auf dem physischen Plan traten dem Menschen zum ersten-
mal Gegenstande von auBen entgegen, unmittelbar in seiner Um-
gebung. Wenn iiberhaupt einem Wesen Gegenstande von auBen ent-
gegentreten, dann ist der Anfang zum SelbstbewuBtsein gemacht.
Auf den oberen Planen war das Leben noch ganz im Inneren be-
schlossen. Als der Mensch auf dem Astralplan lebte, hatte er nur
eine Wirklichkeit, die aus seinem eigenen inneren Leben aufstieg.
Ein richtiges BilderbewuBtsein hatte er da. Wenn dies auch lebhaft
war, so waren es in Wirklichkeit doch nur Bilder, die in seinem
Inneren aufstiegen. Die heutigen Traume sind ein schwacher Rest
davon. Wenn zum Beispiel ein astraler Mensch sich etwa Salz gena-
hert hatte, so hatte das Salz unbewuBt auf ihn gewirkt und es ware
ein Bild davon in ihm aufgestiegen. Das Bild des salzigen Ge-
schmackes ware in seinem Inneren aufgestiegen. Wenn er auf einen
anderen Menschen zugegangen ware, der ihm sympathisch gewesen
ware, so hatte er ihn nicht von auBen gesehen, sondern es ware in
ihm ein Gefiihl der Sympathie aufgestiegen. Es war dieses Leben
im Astralen ein Leben vollstandiger Selbstheit und Sonderheit. Erst
auf dem physischen Plane kann der Mensch seine Sonderheit auf-
geben, indem er mittels der Sinnesorgane Gegenstande wahrnimmt,
zusammenschmilzt mit der Umwelt, mit dem Nicht-Ich. Darin liegt
die Wichtigkeit des physischen Planes. Ohne daB der Mensch den
physischen Plan betreten hatte, ware er iiberhaupt nie dazu gekom-
men, die Sonderheit aufzugeben und seine Sinne nach auBen zu
kehren. Tatsachlich beginnt hier die Arbeit an der Selbstlosigkeit.
Alles andere als die reine Kontemplation der auBeren physischen
Dinge ist noch mehr dem Ego angehorend. Man muB sich gewoh-
nen, auf hoheren Planen ebenso selbstlos zu leben, wie man es auf
dem physischen Plane, wenn auch bis jetzt nur sparlich, angefangen
hat. Die Gegenstande des physischen Planes zwingen den Menschen,
selbstlos zu werden und dem Gegenstande, der nicht «Ich» ist, etwas
zu geben. In bezug auf die Wiinsche, auf das, was in der Seele liegt,
richtet sich der Mensch noch nach seiner Begierde. Er muB auf dem
physischen Plane lernen zu entsagen, seine Wiinsche zu entselbsten.
Das ist die erste Stufe.
Die nachste Stufe ist, sich nicht nach seinen eigenen Wiinschen,
sondern nach denen, die von auBen kommen, zu richten. Wenn der
Mensch sich ferner bewuBt und aus dem eigenen Willen heraus nicht
nach den Gedanken richtet, die in ihm aufsteigen, sondern sich
bewuBt fremden Gedanken hingibt, dann schwingt er sich auf zum
Devachanplan.
Deshalb miissen wir in den hoheren Welten etwas auBer uns Lie-
gendes aufsuchen, um uns ihm, wie in der physischen Welt den
Gegenstanden, hinzugeben. So muB man die Wiinsche der Initiierten
betrachten. Der Geheimschiiler lernt die Wiinsche, die die richtigen
fur die Menschheit sind, kennen, und er richtet sich nach ihnen, wie
man sich durch den auBeren Zwang nach den sinnlichen Gegenstan-
den richtet. Kultur und Erziehung der Wiinsche fiihren uns auf den
Astralplan.
Wenn man nun auch in Gedanken selbstlos wird und die ewigen
Gedanken der Meister der Weisheit durch die Seele ziehen laBt - durch
die Konzentration und Meditation iiber die Gedanken der Meister -,
dann nehmen wir auch die Gedanken der Umwelt wahr. Der Geheim-
schiiler kann schon auf dem Astralplan ein Meister sein, auf dem
Mentalplan konnen das aber nur die hoheren Meister.
Der Mensch steht zunachst als physische Natur vor uns. Er lebt
gleichzeitig in der astralen und mentalen Welt, hat aber SelbstbewuBt-
sein nur in der physischen Welt. Er muB die ganze physische Welt
durchwandeln, bis er sein SelbstbewuBtsein durchtrankt mit allem,
was die physische Welt ihn lehren kann. Hier sagt der Mensch zu sich:
Ich. - Sein Ich verbindet er mit den Dingen um sich herum, er lernt es
erweitern durch die Kontemplation, es flieBt hinaus und wird eins mit
den Gegenstanden, die es ganz und gar begriffen hat. Hatten wir
schon die ganze physische Welt begriffen, so wiirden wir sie gar nicht
mehr brauchen; dann hatten wir sie in uns. Nur einen Teil hat aber
der Mensch von der physischen Welt jetzt schon in sich. Der Mensch,
der als Lemurier geboren wird in seiner ersten Inkarnation, der sein
Ich nur eben hinausrichtet auf die physische Welt, der weiB noch nicht
viel von ihr. Wenn aber die letzte Inkarnation des Menschen kommt,
muB er die ganze physische Welt mit seinem Ich vereinigt haben.
In der physischen Welt ist der Mensch sich selbst iiberlassen, da
leitet ihn niemand, da ist er in Wahrheit gottverlassen. Als er aus der
astralen Welt herauskam, da haben ihn die Gotter verlassen. Er sollte
lernen, in der physischen Welt sein eigener Herr zu werden. Daher
kann er hier nur so leben, wie er tatsachlich lebt: zwischen Irrtum
und Wahrheit hin- und herpendelnd. Er muB tappen und sich seinen
Weg selbst suchen. Nun tappt er zum groBen Teil im Finstern. Da
ist sein Blick nach auBen gewendet, er ist frei zwischen den Dingen,
aber auch dem Irrtum ist er ausgesetzt. Auf dem Astralplan hatte
der Mensch keine solche Freiheit; da wurde er von den hinter ihm
stehenden Machten gedrangt und getrieben. Wie eine Art Marionette
hing er da noch an den Drahten der Gotter; die muBten ihn da noch
fiihren. Insofern der Mensch auch heute ein seelisches Wesen ist, leben
die Gotter noch in ihm. Da sind Freiheit und Unfreiheit noch stark
gemischt. Die Wiinsche wechseln fortwahrend. Dieses Aufundab-
wogen der Wiinsche kommt von innen heraus. Das sind die Gotter,
die in dem Menschen wirken.
Noch unfreier ist der Mensch auf dem Rupaplan der Mentalwelt,
und noch unfreier auf dem Arupaplan der hoheren Mentalwelt. Der
Mensch wird allmahlich frei auf dem physischen Plan, je mehr er
durch Erkenntnis irrtumsunvermogend geworden ist.
In demselben MaB, in dem man den physischen Plan durchackert
und erkennt, erlangt man die Fahigkeit, die Dinge, die man in der
physischen Welt gelernt hat, auf den Arupaplan hinaufzutragen. Der
Arupaplan ist an sich formlos, bekommt aber Formen durch das
menschliche Leben. Der Mensch sammelt Lektionen auf dem phy-
sischen Plan und tragt diese, als in der Seele festgewordene Formen,
auf den Arupaplan. In den griechischen Mysterien nannte man daher
die Seele eine Biene, den Arupaplan einen Bienenkorb und die
physische Erde ein Blumenfeld. Das wurde in den griechischen
Mysterien gelehrt.
Was hat nun die Seele auf den physischen Plan hinuntergetrieben ?
Es ist der Wunsch, die Begierde; man kommt nie anders auf einen
niedrigeren Plan herunter als durch den Wunsch. Vorher war die
Seele in der astralen Welt; die astrale Welt ist die Wunsches weit.
Alles was die Gotter in der astralen Welt in den Menschen hinein-
gepflanzt haben, war die reine Wunschwelt. Das Hervorragendste
an diesen vorlemurischen Wesen war der Wunsch nach Physischem.
Der Mensch war damals ganz gierig nach dem Physischen; er hatte in
sich eine unbewuBte, blinde Gier nach Physischem. Diese Gier ist
nur durch die Befriedigung zu stillen. Durch die Vorstellungen,
durch die Erkenntnisse, die er gewinnt, durch das, was der Mensch
von der physischen Welt erkannt hat, schwindet diese Gier nach
Physischem.
Die Seele geht nach dem Tode auf den Astralplan und von dort
auf den Rupa- und Arupaplan. Was sie erworben hat, lagert sie da ab.
Was sie aus der physischen Welt noch nicht mitgebracht hat, was noch
unerkannt ist, treibt sie wieder hinunter, das erzeugt die Gier nach
neuen Inkarnationen. Wie lange sie auf dem Arupaplan bleibt, richtet
sich nach dem MaB dessen, was der Mensch auf dem physischen Plane
gewonnen hat. Bei dem Wilden ist das nur sehr wenig, daher findet
bei ihm nur ein schwaches Aufblitzen auf dem Arupaplan statt. Dann
geht er wieder herunter zur physischen Welt. Wer hier in der phy-
sischen Welt alles gelernt hat, braucht nicht mehr aus dem Arupa-
plan herauszugehen, braucht nicht mehr auf den physischen Plan
zuriickzukehren, denn er hat seine Pflicht in der physischen Welt
getan.
Der Mensch ist seinem astralischen Wesen nach heute noch halb
der astralen Welt angehorig. Halb ist die Haut des Astralen durch-
brochen und er nimmt die Welt des Physischen durch die Sinne wahr.
Wenn er dahin gelangt, auf dem Astralplan so zu leben wie jetzt auf
dem physischen Plan, dort in ahnlicher Weise Beobachtungen machen
lernt, dann tragt er auch die Wahrnehmungen des astralen Planes auf
den Arupaplan hinauf. Was er dann da hinauftragt vom Astralplan,
flieBt aber vom Arupaplan noch hoher, hiniiber auf den nachst-
hoheren, den Buddhiplan. Auch was er heute auf dem Rupaplan durch
Meditation und Konzentration erreicht, nimmt er mit auf den Arupa-
plan und iibergibt es dort noch hoheren Planen.
Was am Menschen astral ist, ist halb nach der physischen Welt und
halb nach hoheren Welten geoffnet. Wo es nach der physischen Welt
geoffnet ist, laBt er sich von den Wahrnehmungen der Sinneswelt
bestimmen. Nach der anderen Seite wird er von oben her bestimmt.
Ebenso ist es mit seinem Mentalkorper. Dieser wird auch zum Teil
von auBen, zum Teil von der inneren Welt durch die Gotter, die
Devas, bestimmt. Weil das so ist, darum muB der Mensch traumen
und schlafen.
Jetzt konnen wir auch das Wesen des Schlafes und des Traumens
verstehen. Traumen heiBt, sich den inneren Devakraften zuwenden.
Der Mensch traumt fast die ganze Nacht, nur erinnert er sich nicht
daran. Der Mentalkorper wird wahrend des Schlafes fortwahrend
von den Devas bestimmt. Der Mensch hat noch kein SelbstbewuBt-
sein auf den hoheren Planen, daher ist er im Traum nicht selbst-
bewuBt. Auf dem Astralplan fangt er an, es zu werden. Im tiefen
Schlaf befindet er sich auf dem Mentalplan. Da ist er noch gar nicht
selbstbewuBt. Nur auf dem physischen Plan wacht der Mensch. Da ist
das Ich da, es lebt sich aus auf dem physischen Plan. Das astrale Ich
kann sich auf dem physischen Plan noch nicht ausleben, daher muB
das astrale Ich zeitweise aus dem Menschen heraus. Er muB schlafen,
damit es heraus kann. Die Zustande des Traumens und Schlafens
sind nur eine Wiederholung friiherer Entwickelung. Auf dem astralen
Plan hat der Mensch getraumt; auf dem mentalen hat er geschlafen.
Diese Zustande wiederholt er heute jede Nacht. Erst wenn er sich
auch Sinne fur die anderen Plane erworben hat, dann traumt er nicht
mehr und schlaft nicht mehr, sondern er nimmt dort Wirklichkeiten
wahr. Der Geheimschiiler lernt solche Wirklichkeiten auf dem astralen
Plan wahrnehmen. Er hat dann dort eine Wirklichkeit um sich. Wer
sich noch hoher entwickelt, hat auch im tiefen Schlaf eine Wirklich-
keit um sich. Da tritt dann die Kontinuitat des BewuBtseins ein.
Diese Reihe feiner Begriffe muB man verstehen, dann kann man
begreifen, warum der Mensch, wenn er auf den hoheren Planen gewe-
sen ist, wieder herunterkommt. Das was er noch nicht weiB, was er
noch nicht erkannt hat, was die Buddhisten Avidya, Unwissenheit,
nennen, treibt ihn zuriick ins physische Dasein. Avidya ist die erste
der Karmakrafte. Nach der buddhistischen Lehre gibt es zwolf
Karmakrafte, die den Menschen heruntertreiben. Diese heiBen zusam-
men Nidanas. Wenn der Mensch allmahlich heruntersteigt, zeigt sich,
wie die karmischen Effekte eingreifen. Avidya ist der erste Effekt.
Es ist der entgegengesetzte Pol von dem, daB der Mensch auf den
physischen Plan kommt. Da er den physischen Plan betritt und sich
dort mit etwas verbindet, so ruft dies eine Reaktion hervor. Immer
ruft Aktion Reaktion hervor. Alle Dinge, die der Mensch in der
physischen Welt tut, rufen auch eine Reaktion hervor und wirken
zuriick als Karma. Wirkung und Gegenwirkung ist die Technik, der
Mechanismus von Karma.
XII
Berlin, 7. Oktober 1905
Wenn vom physischen Korper die Rede ist, haben die meisten eine
sehr unklare, verworrene Vorstellung von dem, was eigentlich der
physische Korper ist. Wir haben ja eigentlich nicht den rein physi-
schen Korper, sondern eine Zusammensetzung von dem physischen
Korper mit den hoheren Kraften vor uns. Physisch ist auch ein Stuck
Bergkristall. Aber das ist dem Wesen nach etwas ganz anderes, als das
menschliche Auge oder das Herz, die doch auch physisch sind. Das
Auge und das Herz sind Teile des physischen Korpers, aber vermischt
mit den hoheren Gliedern des Menschen und dadurch wird im Physi-
schen etwas ganz anderes bewirkt als beim iibrigen Physischen.
Sauerstoff und Wasserstoff haben wir auch im Wasser vor uns, aber
sie sehen da ganz anders aus, als wenn wir sie beide fur sich sehen
oder fur sich haben. Dann treten sie uns ganz anders entgegen. Im
Wasser haben wir eine Mischung der beiden vor uns. Was uns nun
im physischen Korper des Menschen entgegentritt, ist auch eine
Mischung aus dem Physischen mit dem Ather- und dem Astralkorper.
Das physische menschliche Auge ist ahnlich einer photographischen
Kamera, denn wie in der Kamera entsteht darin ein Bild der Umwelt.
Wenn man nun von dem physischen Auge alles abzieht, was in der
Kamera nicht entsteht, dann hat man erst das Spezifische des phy-
sischen Auges. So muB man auch von dem ganzen physischen Korper
alles abziehen, was nicht rein physisch ist, dann hat man erst das, was
man im Okkultismus den physischen Korper nennt. Dieser kann un-
mittelbar nicht leben, nicht denken, nicht fiihlen. Da bleibt dann
iibrig ein sehr weise eingerichteter auBerst komplizierter Automat,
ein rein physikalischer Apparat. Diesen ganz allein gab es nur auf der
Saturnstufe des menschlichen Daseins. Damals waren die Augen nicht
anders vorhanden denn als kleine Kameras. Was darin von der
Umwelt als Bild entworfen wurde, kam zum BewuBtsein einer Deva-
wesenheit. In der Mitte des Saturnkreislaufes waren die sogenannten
Asuras (die Archai) reif, den Apparat zu benutzen. Diese waren dazu-
mal auf der Stufe der Menschheit. Sie benutzten diesen Automaten
und die Bilder, die darin entstanden. Sie selbst waren nicht darinnen,
sondern auBerhalb und benutzten nur die Bilder; ahnlich wie wir uns
jetzt photographischer Apparate bedienen konnen, um Bilder einer
Landschaft aufzunehmen. Der physische Korper des Menschen war
also dazumal ein von auBen aufgefiihrter, architektonischer Aufbau
eines physikalischen Apparates. Das ist die erste Stufe des mensch-
lichen Daseins.
Die zweite Stufe der Ausbildung war die Durcharbeitung dieses
physikalischen Apparates mit dem Atherleib. Da wurde er ein lebender
Organismus. Das driickte sich dann auch aus in der Konfiguration
des Korpers. Der Automat war aufgebaut aus einer ziemlich festen
undifferenzierten Masse, ahnlich wie heute eine Geleemasse ist, wie
ein weicher Kristall.* Im zweiten Kreislauf, in dem Sonnendasein,
wurde der physische Automat nun von dem Atherkorper durch-
zogen. In diesem Sonnenkreislauf entstand auch das Sonnengeflecht
(Solarplexus), das darnach benannt ist, weil das ein wirkliches Organ
ist, von dem heute nur noch Rudimente vorhanden sind. Es arbeitet
sich ein Nervensystem in den physikalischen Apparat hinein. Bei
den Pflanzen ist noch etwas Ahnliches vorhanden. Das ist die zweite
Stufe.
Aber diese Stufen sind nicht abgeschlossen; die Entwicklung geht
graduell weiter. Ein solches wirksames Agens ist das Sonnengeflecht
auch noch heute bei den Tieren, die kein Riickenmark ausbilden.
Alle wirbellosen Tiere sind noch einzelne Ausbildungen zuriickgelas-
sener Stufen desjenigen, was friiher veranlagt war. Die Wirbeltiere
hat der Mensch erst auf der Erde aus sich herausgesetzt. Friiher war
der Mensch noch ahnlich organisiert wie heute etwa der Krebs. Der
Mensch ist heute iiber die damalige Stufe hinausgeschritten, wahrend
der Krebs stehengeblieben ist. Uberraschend ist es, daB das ganze
Innere des Krebses eine gewisse Ahnlichkeit mit dem menschlichen
Gehirn hat. Es gibt tatsachlich eine Ahnlichkeit zwischen der inneren
Krebsgestalt und dem menschlichen Gehirn. Auch der Krebs ist ein-
geschlossen in eine harte Schale wie das menschliche Gehirn. Nachdem
* Siehe Hinweis auf Seite 273.
der Mensch ein Riickenmark ausgebildet und die oberen Wirbel um-
gestaltet hatte, warf er die harte Schale ab. Der Krebs hat sich nicht
weiter entwickelt. Er hat sich an die auBere Umgebung angepaBt
durch eine harte Schale, die ihm das sein muBte, was dem Menschen
die schiitzende Hiille der ganzen iibrigen Korperlichkeit ist.
Die dritte Stufe ist die, auf der das Ganze umorganisiert wird
von dem hineinarbeitenden Astralleib. Das Umorganisieren ist ver-
kniipft mit der Ausbildung des Herzens und dem Durchstromen mit
dem warmen Blut. Das Fischherz ist auf dem halben Wege stehen-
geblieben. Das Herz wird gleichmaBig in dem MaBe ausgebildet als
die innere Korperwarme zunimmt; das heiBt nichts anderes als das
Einziehen des Astralen in den Korper hinein.
Das Riickenmark mit dem Gehirn ist das Organ des Ich. Dieses ist
von der dreifachen Schutzhiille des Astral-, Ather- und physischen
Leibes umgeben. Nachdem das Organ des Ich (Riickenmark und
Gehirn) vorbereitet worden ist, legt sich das Ich in das bereitgemachte
Bett hinein und Riickenmark und Gehirn treten als Organe des Ich in
dessen Dienst.
So setzt sich der vierfache Mensch zusammen. Das ist das Quadrat
der Pythagoreer:
1. Das Riickenmark und das Gehirn sind das Organ des Ich.
2. Das warme Blut und das Herz sind das Organ des Kama
(Astralleib).
3. Der Solarplexus (Sonnengeflecht) ist das Organ des Ather-
korpers.
4. Der eigentliche physische Korper ist ein komplizierter physi-
kalischer Apparat.
So hat man den Menschen vierfach aufgebaut.
Was wir jetzt beschrieben haben, das nennt man im Okkultismus
wieder einen Wirbel, etwas, das von auBen hereinbaut und sich mit dem
vereinigt, was innen sich aufbaut. Physischer Korper, Ather- und
Astralkorper haben den Menschen aufgebaut. Dann macht sich der
Punkt des Ich geltend, und dieses baut nun von innen heraus. Das
sind die vier Teile des Menschen. So rinden wir im AuBeren einen Ab-
druck des viergliedrigen Menschen. Alle Weiterentwickelung ist eine
solche, daB der Mensch von diesem Punkt des Ich aus bewuBt alles
durchmacht, was er vorher schon unbewuBt durchgemacht hat.
Um heute zu erkennen, daB das so ist, muB man zunachst erfor-
schen, was geschehen ist, als sich unser Ich ausgebildet hat. Wir
miissen da unseren Standpunkt sozusagen unterhalb eines gewissen
Organes nehmen. Das ist auBerordentlich geistreich ausgedriickt in
der Buddha-Legende. Es heiBt ja in der Legende, daB Buddha unter
dem Bodhibaume verweilte, bis er zur Erleuchtung kam, um zu hohe-
ren Stufen, zum Nirvana zu gelangen. Buddha muBte dazu unter das
Gehirn, unter das Organ des BewuBtseins kommen. Das heiBt, die
Wege, die er vorher unbewuBt durchgemacht hatte, muBte er bewuBt
wieder durchmachen. Unter dem groBen Gehirn sitzt mehr im Hinter-
kopf das baumformig gebildete kleine Gehirn. Unter dieses hat sich
Buddha gestellt. Das kleine Gehirn ist der Bodhibaum. Das zeigt, wie
das, was so tiefe Legenden sagen, der menschlichen Entwickelung
selbst entnommen ist.
Alle Dinge, die jetzt durch die Anatomie allein bekannt sind, wur-
den damals auf ganz andere Weise bekannt. Die okkulten Forscher
untersuchten mit Hilfe des Kundalinilichtes. Ein Schiiler wurde in
folgender Weise darauf vorbereitet. Er kam zu einem Meister. Wurde
er von diesem als zuverlassig erkannt, so bekam er als Unterricht nicht
etwa eine Lehre - heute ist das anders geworden, heute muB der
Mensch durch den Verstand und die Begriffe seinen Weg nehmen -,
sondern der Meister sagte ihm etwa: Du muBt jeden Tag mehrere
Stunden, zunachst etwa sechs Wochen lang, in Meditation verbringen
und dich einem der ewigen Satze hingeben, dich ganz in ihn vertiefen. -
Heutzutage kann der Mensch das nicht, weil das Leben mit der heu-
tigen Kultur zu viele Anforderungen an ihn stellt. Damals aber medi-
tierte der Schiiler sechs bis zehn Stunden taglich. Er kann das jetzt
nicht, ohne sich aus der Kultur herauszuziehen. Damals brauchte der
Schiiler fast keine Zeit fur die Kultur. Seine Nahrung fand er drau-
Ben. Er verwendete daher seine Zeit zur Meditation, vielleicht zehn
Stunden ununterbrochen. Da kam er sehr bald dazu, daB er den
damals noch nicht so dicht gewordenen Korper dahin brachte, daB
im Inneren das Kundalinilicht erwachte. Dieses ist fur das Innere,
was fur die AuBenwelt das Sonnenlicht ist. In Wahrheit sehen wir
auch drauBen nicht Gegenstande, sondern das zuriickgestrahlte Son-
nenlicht. In dem Augenblicke, wo wir imstande sind, mit Hilfe des
Kundalinilichtes die Seele zu beleuchten, wird die Seele so sichtbar,
wie ein von der Sonne beschienener Gegenstand. So erleuchtet sich
fur den Jogaschiiler allmahlich der ganze innere Leib. Alle alten
Anatomien sind von innen, durch innere Beleuchung gesehen. So
redeten die [indischen] Monche, die ihre Erfahrungen in Legenden
umsetzten, von dem, was sie durch das Kundalinilicht geschaut
hatten.
Wir miissen uns jetzt fragen, wie an den verschiedenen mensch-
lichen Teilen gearbeitet wird. An dem, was zum Gehirn und zum
Riickenmark gehort, arbeitet der Mensch erst auf dem physischen
Plane bewuBt durch das menschliche Ich... (Liicke im Text.) Auf
anderes hat der Mensch zunachst keinen EinfluB. Er hat zum Beispiel
keinen EinfluB auf den Umlauf des Blutkreislaufes. Nach und nach
bilden sich erst solche Dinge heraus. Da arbeiten andere Geister,
Devanaturen mit, so daB alle Wesen, sofern sie einen Blutkreislauf
haben, darauf angewiesen sind, daB Devakrafte diesen regeln. Den
Astralleib durchsetzen und bearbeiten auBere Devakrafte. Die nied-
rigsten arbeiten am Astralleibe. Hohere Krafte arbeiten am Ather-
leib und noch hohere Devas am physischen Korper, an dem voll-
kommensten, den der Mensch hat. Der Astralleib ist bedeutend weni-
ger vollkommen als der physische Korper. Das physische Herz ist
tatsachlich sehr gescheit, aber was dumm ist, ist der Astralkorper,
der dem Herzen alle moglichen Herzgifte zufiihrt. Das Vollkom-
menste am Menschen ist der physische Leib, weniger vollkommen
ist der Atherleib, noch weniger vollkommen ist der Astralleib. Das
was eben anfangt, das «Baby» im Menschen, ist das Ich. Das ist der
viergliedrige Mensch, der in sich das Ich enthalt, wie der Tempel
die Statue eines Gottes.
Die ganze menschliche Kulturentwickelung ist nichts anderes als
das Hineinarbeiten des Ich in den Astralleib, ein Ausbilden des
Astralleibes. Erfiillt mit Begierden, Trieben und Leidenschaften tritt
der Mensch in das Leben ein. Indem er diese Triebe, Begierden und
Leidenschaften iiberwindet, arbeitet er das Ich in den Astralleib hin-
ein. Wenn die sechste Wurzelrasse, das sechste Hauptzeitalter voll-
endet sein wird, wird das Ich ganz in den Astralleib hineingearbeitet
sein. Bis dahin ist der Astralleib immerfort darauf angewiesen, von
den Devakraften unterstiitzt zu werden. Solange das Ich nicht den
ganzen Astralleib durchsetzt hat, so lange miissen Devakrafte die
Arbeit unterstiitzen.
Die zweite Entwickelung, die auf die Kulturentwickelung folgt, ist
die Entwickelung des Geheimschiilers. Der arbeitet das Ich bis in den
Atherleib hinein. Dadurch werden die Devakrafte auch im Atherleib
nach und nach abgelost von der eigenen Arbeit des Ich. Da fangt der
Mensch dann auch an, sich nach und nach selbst zu durchschauen.
Wir konnen nun fragen, was bedeutet der Astralleib, wozu hat der
Mensch einen Astralleib ? - Dazu, um dem Menschen auf dem Um-
wege iiber die Begierde Veranlassung zu geben, das zu tun, was er
sonst nicht getan hatte: sich auf den physischen Plan zu begeben.
Denn bevor der Mensch auf dem physischen Plane objektiv erken-
nen kann, mu6 er seine Wiinsche und Begierden aufihn richten. Ohne
diese hatte er nicht eine objektive Weltbetrachtung, auch nicht Pflich-
ten und Moral entwickeln konnen. Erst durch eine nach und nach
erfolgende Umwandlung der Begierden werden diese in Pflichten oder
Ideale umgewandelt. Diesen Weg muBte der Mensch machen durch
die antreibende, die organisierende Kraft des Astralleibes.
Der Atherleib ist der Trager der Gedanken. Was Gedanke im In-
neren ist, ist Ather von auBen, so wie die Begierde im Inneren
Astrales von auBen ist. Aber erst wenn das reine Denken beginnt,
wird in die Astralimpulse Athermaterie hineingestrahlt. Solange die
Gedanken noch nicht rein sind, haben wir rings um die Atherform
herum Astralmaterie. Also was man Gedankenformen nennt, ist zu-
sammengesetzt aus einem Kern von Athermaterie, umringt von
Astralmaterie. Langs der Nervenbahnen gehen die Strome der so-
genannten abstrakten Gedanken, die aber in Wirklichkeit die aller-
konkretesten sind, denn sie sind Atherkrafte. Sobald der Mensch
iiberhaupt anfangt zu denken, arbeitet er schon das Ich in seinen
Atherkorper hinein. Wenn der Mensch stirbt, wird es klar, da6 der
physische Korper mit dem Ich nichts zu tun hat. Es ist jede Leitung
von diesem zum Ich nach dem Tode unterbrochen. Die Leitung fand
vorher indirekt durch die anderen Korper statt. Wenn diese fort sind,
hat der Leichnam gar keine Beziehung mehr zum Ich. Da nehmen
ihn die auBeren Devakrafte an sich, er wird wieder in die physische
Umwelt hineinorganisiert. Das Wort «verwesen» bedeutet nicht nur
vergehen, sondern zu dem Wesen werden, aus dem der Korper hervor-
gegangen ist. Das ist beziiglich des physischen Korpers zu sagen.
Das hollandische Wort «lichaam» bedeutet nicht Leichnam, sondern
den mitherumgetragenen physischen Korper.
Auch der Atherkorper ist zum groBen Teil noch im gleichen Fall
wie der physische Korper. Er wird ebenso nach dem Tode von den
Devas aufgenommen und geht dann wieder in dem allgemeinen Kreis-
lauf auf. Aber vom Atherkorper bleibt, was der Mensch selber hinein-
gearbeitet hat und lost sich nicht auf. Es ist das, was spater bei der
Wiederverkorperung einen Mittelpunkt bildet, um den das andere sich
herumkristallisiert. Dieses Stiickchen bleibt bei jedem Menschen vom
Atherkorper vorhanden. Ebenso bleibt vom Astralleib so viel vor-
handen, als der Mensch hineingearbeitet hat. Erst wahrend des letz-
ten Drittels der sechsten Wurzelrasse wird bei alien normal sich ent-
wickelnden Menschen der ganze Astralleib erhalten bleiben.
Die Entwickelung beginnt also damit, daB der Mensch bewuBt den
Astralleib bearbeitet. Die Arbeit des Chela, des Geheimschiilers, ist
ferner, den Atherleib umzuarbeiten. Er ist mit der Chelaschaft fertig,
wenn nach dem Tode der ganze Atherleib erhalten bleibt. Der Auf-
enthalt im Devachan ist notig, um die Organisation des Atherleibes
immer wieder neu moglich zu machen. Das kleine Stiickchen des
Atherleibes, welches der Mensch anfangs ins Devachan tragt, kann
sich zum volligen Atherleib auswachsen, dadurch daB die Bedingun-
gen dazu im Devachan geschaffen werden.
Dies macht begreiflich, wie es sich mit dem Aufenthalt im
Devachan verhalt. Wenn der Mensch am Beginn seiner Entwickelung
steht und nur ganz wenig von seinem Atherleib umgearbeitet hat,
kann er nur ganz kurze Zeit im Devachan bleiben. Das fehlende
Stuck des Atherleibes miissen ihm die auBeren Devas ersetzen. Wenn
er sich weiter entwickelt, verweilt er immer langer im Devachan,
dann nimmt die Dauer des Aufenthaltes dort zu. Die Zeit, die er dort
verbringt, wachst also im Verhaltnis zur eigenen Ausbildung. Weiter
fortgeschrittene Menschen werden aber manchmal aus anderen Ur-
sachen friiher wieder inkarniert, zum Beispiel weil man sie in der Welt
braucht.
Wenn der Chela stirbt, ist der ganze Atherleib da. Also kann der
Chela auf dieser Stufe auf Devachan verzichten, weil eben der Ather-
leib vollstandig ausgearbeitet ist. Dann tritt nach einer ganz kurzen
Zeit eine Wiederverkorperung ein. Er wartet zunachst in der Astral-
welt als in einer Ubergangsstation, bis er von seinem Meister eine
bestimmte Mission erhalt. Dann kann er seinen Atherleib wieder be-
ziehen, um sich dann wieder zu verkorpern.
Bis dahin ist ein Zweifaches zur Entwickelung notwendig, nam-
lich daB die Dinge, die man nicht selbst im Inneren ausbilden kann,
von auBen hineingebaut werden. Von auBen muB nachgeholfen wer-
den. So wird im Devachan von auBeren Devamachten der Atherleib
wieder erganzt. Gegensatze sind der physische Plan und das Deva-
chan. Dazwischen liegt Kamaloka, eine Ubergangsstation, eine Uber-
gangsstufe, ein Zwischenzustand, der dadurch bewirkt wird, daB der
Mensch zusammenhangt mit dem, worin er hineingearbeitet hat. Der
Astralleib fiihrt den Menschen auf den physischen Plan, auf dem er
sich nach auBen richtet. Die Begierden lernen dort an den auBeren
Dingen Geschmack gewinnen. Ist der Mensch gestorben, so hort die
Gier nach den auBeren Gegenstanden nicht sogleich auf, obwohl er
keine Organe mehr hat, um mit ihnen in Verbindung zu treten. Die
Gier bleibt, aber die Organe fehlen. Dieses Begehren der auBeren
Welt muB sich der Mensch im Kamaloka abgewohnen. Das Kama-
loka gehort eigentlich gar nicht zur normalen Entwickelung hinzu;
es ist nur ein Abgewohnungszustand. Weil der Mensch seine Wiinsche
nicht mehr physisch befriedigen kann, weil er keine Organe mehr fur
die physische Welt hat, deshalb tritt Kamaloka ein.
Wenn der Mensch Selbstmord begeht, hat er sein Ich mit dem
physischen Korper identifiziert. Daher entsteht nachher um so heftiger
die Gier nach dem physischen Korper. Er kommt sich dann vor wie
ein ausgehohlter Baum, wie einer, der sein Ich verloren hat. Er hat
dann einen fortwahrenden Durst nach sich selbst.
Wenn der Mensch gewaltsam getotet wird, ist er in einer ahnlichen
Lage. Bei dem Menschen, der eines gewaltsamen Todes stirbt, bleibt
bis zu der Zeit, zu der er sonst gestorben ware, das Suchen nach
seinem physischen Korper, nach seinem Selbst. Dieses Suchen kann
sich in schlimmen Reaktionen geltend machen. Bei dem, der durch
Gewalt getotet wird, ruft dies in gewissen Fallen eine ungeheure Wut
hervor gegen die, die seinen Tod verursacht haben. So verwandelt
sich bei dem Hingerichteten der StoB in GegenstoB. So haben von der
Astralwelt aus die Seelen von Russen, die aus politischen Griinden
hingerichtet worden waren, gegen die eigenen Landsleute gekampft
auf Seiten der Japaner. Das geschah im Russisch-Japanischen Krieg,
es ist aber durchaus keine allgemeine Regel.
XIII
Berlin, 8. Oktober 1905
Dieser Vortrag soil ein zwischen die anderen geschobener sein, der
auf manches in den anderen Vortragen Licht werfen kann. Uber das
Wirken und die Wesenheit der Devas wollen wir heute sprechen.
Es ist in der Gegenwart sehr schwer, von Gottern oder Devas zu
sprechen, aus dem Grunde, weil selbst die Menschen, die noch auf
dem positiven religiosen Standpunkt stehen und noch einen Glauben
an die Gotter haben, doch kein lebendiges Verhaltnis mehr zu den
gottlich-geistigen Wesenheiten haben. Dieses lebendige Verhaltnis zu
Gottern, das heiBt zu Wesenheiten, die hoch uber dem Menschen
stehen, ist eben im Laufe der Zeit des Materialismus verschwun-
den. Insbesondere im Laufe der materialistischen Entwicklung, wel-
che sich in dem Zyklus von der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert
bis in unsere Zeit hinein abspielte, ist dieser lebendige Zusammen-
hang mit den Gottern geschwunden. Es macht da wenig Unterschied,
ob ein Mensch auf dem darwinistisch-materialistischen Standpunkt
steht, oder ob er noch mehr oder weniger religios von den Got-
tern spricht. Es kommt viel mehr darauf an, das BewuBtsein in sich
lebendig zu machen, da6 man selbst von niederen Stufen des Daseins
aufgestiegen ist und zu hoheren Stufen noch aufsteigen wird. Man muB
empfinden, da6 man zu allem, zu dem was unter uns ist und zu dem
was iiber uns ist, eine Verwandtschaft hat.
Die Lehre von den Gottern ist zuerst in ein System gebracht wor-
den von dem Schiiler des Apostels Paulus, Dionysius dem Areopagiten.
Sie ist aber erst im 6. Jahrhundert aufgeschrieben worden. Die Gelehr-
ten leugnen deshalb die Existenz des Dionysius Areopagita und
sprechen von den Schriften des Pseudo-Dionysius, als ob man erst im
6. Jahrhundert alte Uberlieferungen zusammengestellt habe. Der
wahre Sachverhalt ist nur zu konstatieren durch das Lesen in der
Akasha-Chronik. Die Akasha-Chronik aber lehrt, daB Dionysius wirk-
lich in Athen gelebt hat, da6 er von Paulus eingeweiht worden ist
und von ihm den Auftrag erhalten hat, die Lehre von den hoheren
Geistwesen zu begriinden und besonderen Eingeweihten zu erteilen.
Gewisse hohe Lehren wurden damals niemals aufgeschrieben, son-
dern nur durch miindliche Tradition fortgepflanzt. Auch die Lehre
von den Gottern wurde so von Dionysius seinen Schiilern gegeben
und von diesen wiederum weitergegeben. Der direkte Schiiler wurde
dann mit Absicht wieder Dionysius genannt, so da6 der letzte, der die
Lehre von den Gottern aufschrieb, einer in dieser Reihe war, die alle
Dionysius genannt wurden.
Diese Lehre von den Gottern, wie sie Dionysius gegeben hat, um-
faBt dreimal drei Glieder der gottlichen Wesenheiten. Die hochsten
drei sind:
Seraphim, Cherubim, Throne.
Die nachste Stufe umfaBt die:
Herrschaften, Machte, Gewalten.
Die dritte Stufe umfaBt die:
Urkrafte oder Anfange, Erzengel und Engel.
Sooft in der Bibel steht «am Anfang», bezieht sich das auf die Ur-
krafte oder Anfange. «Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde»,
das heiBt: Der Gott des Anfangs, der auf dieser Stufe steht, schuf
Himmel und Erde. - Es war eine von den Urkraften der dritten Ab-
teilung der Hierarchies
Uber den Seraphim stehen dann gottliche Wesenheiten von solcher
Erhabenheit, daB das menschliche Fassungsvermogen nicht ausreicht,
um sie zu begreifen. Nach der dritten Stufe folgt die vierte Hierarchie:
Der Mensch, als der zehnte in der ganzen Reihe.
Die Namen der Hierarchien sind keine Eigennamen, sondern Namen
fur gewisse BewuBtseinsstufen des groBen Universums, und die Wesen
riicken von einer Stufe zur anderen. Eliphas Levi hat das klar gese-
hen und betont, daB man es bei diesen Namen mit Rangstufen zu tun
hat, mit Hierarchien.
Auf denselben Dionysius, der die Lehre von den Gottern zusam-
mengestellt hat, geht auch das Prinzip der Kirchenorganisation zu-
riick. Die kirchliche Hierarchie sollte nur ein auBeres Abbild sein
fur die innere Hierarchie der Welt. Dieser grandiose Gedanke ware
nur dann durchzufiihren gewesen, wenn die Zeit dafiir reif gewesen
ware, dies alles in seiner richtigen Gestalt zu verstehen. Dionysius
hatte seinen Schiilern eine solche Lehre uber die Kirche hinterlassen,
daB diese, wenn sie hatte veroffentlicht werden konnen, eine gewal-
tige, groBartige Organisation dargestellt haben wiirde. Man hat da-
mals versucht, die Lehren so fortzupflanzen, daB der Faden nie abriB
von einem Lehrer zum anderen, der dann auch den Namen weiter-
fiihrte. Darum ist es gar nicht so wunderbar, daB noch im 6. Jahr-
hundert ein Dionysius die Lehren niederschrieb. Ein allgemeines Ver-
standnis konnten diese Lehren aber nicht finden, weil die Mensch-
heit dazu noch nicht reif war. So sind sie wie eine Art Testament.
Je weiter wir zuriickgehen, desto lebendigere Begriffe haben die
Menschen gehabt von Wesenheiten, die uber den Menschen stehen.
Nun wollen wir einen Begriff davon entwickeln, wie der Mensch -
der gewohnliche Mensch unserer heutigen Durchschnittskultur - den
Gottern begegnet. Nach dem Tode macht der Mensch zunachst das
Kamaloka durch, den Zustand, in dem er sich allmahlich von den
Gewohnheiten des Erdenlebens loslost und von den Begierden frei
wird. Der Aufenthalt im Kamaloka ist im wesentlichen nur in den
ersten Zeiten manchmal furchtbar und graBlich. Darauf macht der
Mensch diejenige Kamalokazeit durch, wo er sich von den feineren
Zusammenhangen mit der irdischen Welt zu lautern hat. Dieser Auf-
enthalt im Kamaloka ist nicht nur fiir den Menschen wichtig, sondern
die Tatigkeit des Menschen in den hoheren Kamalokazustanden kann,
wie wir sehen werden, auch in der iibrigen Welt gebraucht werden.
Nach dem Kamaloka geht er in den Devachanzustand iiber, in dem
er sich all das erarbeitet, was notwendig ist, um mit den Fahig-
keiten, die er sich erworben hat, einen neuen Atherkorper aufzu-
bauen. Auf dem Arupaplan des Devachans hat er alles dasjenige nie-
derzulegen, was er sich auf dem physischen Plan erarbeitet hat.
Darum nannten die griechischen Priester in der Esoterik die Seele
eine Biene, den Arupaplan einen Bienenkorb und den physischen
Plan das Blumenfeld.
Der Mensch braucht aber nicht etwa untatig zu sein auf den hohe-
ren Gebieten. Wahrend er durch das Kamaloka und den niederen
Devachanplan hindurchgeht, konnte es scheinen, daB er da nichts
anderes zu tun hat als ausreifen zu lassen, was er friiher begonnen
hat. Aber der Mensch ist da auch nicht untatig; so daB es fiir die
ganze Welt von Bedeutung ist, daB er diese Zustande durchmacht.
Die neue Inkarnation des Menschen hat nur dann einen Zweck,
wenn der Mensch bei einer neuen Inkarnation Zustande antrifft, die
wesentlich verschieden sind von den friiheren. Normalerweise kommt
der Mensch zuriick, wenn die Verhaltnisse so verschieden sind, daB
er vollig neue vorfindet, so daB er vollig Neues hinzubaut. Das ge-
schieht in dem Weltenzeitraum, nachdem die Sonne von einem Stern-
bild zum nachsten vorgeriickt ist. Zum Beispiel gegen 800 vor Chri-
stus stand die Sonne im Friihling zuerst im Sternbild des Lammes
bis ungefahr 1800 nach Christus. Jetzt steht sie bei Friihlingsanfang
im Sternbild der Fische. Zweitausendsechshundert Jahre vergehen,
bis sie von einem Sternbild zum anderen vorriickt. In dieser Zeit
andern sich die Verhaltnisse ganz griindlich. Mit diesen Zeiten hangt
die Wiederverkorperung zusammen. In der Zeit wird der Mensch
gewohnlich einmal als mannliches und einmal als weibliches Indi-
viduum verkorpert. Man ist in einer Inkarnation eigentlich nur ein
halber Mensch. Eine mannliche und eine weibliche Inkarnation geho-
ren zusammen. Durch die ganz andersgearteten physischen Verhalt-
nisse auf der Erde ist nun eine neue Inkarnation nicht zwecklos.
Wenn zum Beispiel eine Inkarnation eines Menschen zur Zeit Homers
war (Sternbild des Widders oder Lammes, Jason, das Goldene Vlies),
so hat er damals etwas ganz anderes durchgemacht, als er jetzt durch-
machen wiirde.
Diese Inkarnationen waren an sich scheinbar ein ganz mechanischer
ProzeB. Es gibt aber nichts AuBeres, was nicht im Inneren bewirkt
wird. Man muB sich angewohnen, iiberall von dem konkreten Geist
zu reden, ihn aufzusuchen und zu sehen, was wirklich geschieht.
Wenn man sich die Flora und die Fauna Europas ansieht, so hat
man in unserer Weltperiode drei Giirtel zu unterscheiden: einen west-
lichen, einen mittleren und einen ostlichen. Der ostliche Giirtel fallt
zusammen mit dem slawischen Volke, der mittlere mit dem germa-
nischen und der westliche mit dem romanischen Volke. Der Materia-
list glaubt, die Menschen hatten sich den Verhaltnissen angepaBt, aber
das ist nicht so. Die Volker haben sich die p
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