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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Initiations -Erkenntnis
Die geistige und physische Welt- und
Menschheitsentwickelung
in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft,
vom Gesichtspunkt der Anthroposophie
Dreizehn Vortrage, 2 Ansprachen,
2 Fragenbeantwortungen,
gehalten in Penmaenmawr
vom 18. bis 31. August 1923
Mit Zeichnungen, Notizbucheintragungen
und weiteren dokumentarischen Erganzungen
2000
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe der 4. Auflage besorgten
Michaelis Messmer und Ulla Trapp
1. Auflage Dornach 1927
2. Auflage,
mit den Nachschriften verglichen und durchgesehen
Freiburg i. Br. 1956 und Dornach 1960
3. Auflage, neu durchgesehen
Gesamtausgabe Dornach 1982
4. Auflage, mit den Stenogrammen verglichen und erganzt
Gesamtausgabe Dornach 2000
Bibliographie-Nr. 227
Zeichnungen im Text nach den Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners
und Skizzen der Stenografin, ausgefuhrt von Michaelis Messmer
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 2000 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-2271-8
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) ghedert
sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schluft des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, daft seine frei gehal-
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft - schriftlich festgehalten wurden, da sie von ihm als «miind-
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren.
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
lalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieret hat,
mufi gegemiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schluft dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Die Wiedergaben der Original- Wandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise)
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe:
«Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band XIII
INHALT
Rudolf Steiners Lehrtatigkeit in England
11
(Vorwort von Marie Steiner zur 1. Buchausgabe 1927)
Begrussungsansprache, Penmaenmawr, 18. August 1923 . 23
Erste Schritte zur imaginativen Erkenntnis
Schwierigkeiten der Selbsterkenntnis. Mensch und Naturkrafte. Die
Erinnerung. Der Mensch als Raum- und Zeitenwesen. Initiations-
Erkenntnis in Vergangenheit und Gegenwart. Der Guru. Illusionen
der Mystiker. Wege der Meditation. Der Wille im Denken. Selbster-
kenntnis: Ubergang von der Raumes- in die Zeitenwelt. Das Lebens-
tableau: Die Zeit wird zum Raum. Das Glucksgefuhl der imagina-
tiven Erkenntnis. Das leere Bewufksein. Unsterblichkeit und Unge-
borenheit.
Inspiration und Intuition
Die lebendige Kraftwelt der Gedanken. Das aurische Schauen der
Farben. Das leere Bewufitsein. Die innere Stille. Die negative Hor-
barkeit. Erleben des kosmischen Schmerzes. Die Astralwelt. Errin-
gen der Intuition durch Steigerung der Liebefahigkeit. Gewinnung
des aktiven Denkens durch Riickwartsvorstellen. Erleben geistiger
Wesen durch sich steigernde Selbstiiberwindung. Ziel der Initia-
tionswissenschaft heute und in fruheren Zeiten. Vom Geist zur
Natur und von der Natur zum Geist.
Fragenbeantwortung, 20. August 1923, abends ... 71
Dritter Vortrag, 21. August 1923 81
Neue und alte Initiationswissenschaft
Gedankliches Verstandnis der geistigen Welt notwendig. Geisteswis-
senschaft: Versunkene Erinnerung. In der geistigen Welt ist im
Gegensatz zur physischen die gerade Linie der langste Weg zwischen
zwei Punkten. Alte Initiationswissenschaft erinnert an Schlaferleb-
nisse, die neue an Vorgeburtliches. Wachen und Schlafen. Der
Mensch im kosmischen Liebesdasein als Licht- und Warmewesen.
Der Morgentraum als Stauungsphanomen.
Erster Vortrag, 19. August 1923
29
Z we iter Vortrag, 20. August 1923
51
Fragenbeantwortung, 21. August 1923, abends .... 99
VlERTER VORTRAG, 22. August 1923
110
Das Traumleben
Die Bilder des Traumes, sein dramatischer Verlauf. Bild fur die
auflosende Kraft des Traumes: Glas Wasser, in dem Salz aufgelost
wird. Unberechtigte Anwendung der Naturgesetze auf kosmische
Verhaltnisse. Arrhenius (Nebulium). Traum in Opposition zu den
Naturgesetzen. Das Chaos. Die Quintessenz. Astralleib von den
Naturgesetzen befreit. Das Ich arbeitet wahrend der Nacht an der
Vorbereitung kunftigen Geistseins, wo sittliche Impulse die Kraft
von Naturgesetzen haben. Der Traum als Fenster in die Geistwelt.
Des Menschen Beziehungen zu den drei Welten
Warum das Chaotische des Traumes? Der Schleier des Chaos ist die
Schwelle der geistigen Welt. Dahinter drei Welten, die in Beziehung
stehen zur menschlichen Dreiheit: Haupt-, rhythmisches und Stoff-
wechsel-Gliedmafiensystem. Substantielles und Aktivitat. Die War-
ming des Hiiters. Traumleben fruher und jetzt. Durcheinandergera-
ten der drei Welten beim Uberschreiten der Schwelle ohne Beach-
tung des Hikers.
Sechster Vortrag, 24. August 1923 148
Das Geistwalten in der Natur
Das Sinnliche und das Geistig-Moralische im Traum. Trauminter-
pretation. Hinter dem Chaosschleier des Traumes erscheint die gott-
lich-geistige Wesenheit der Welt. Das Geistige traumend im Pflan-
zenkeim und im Embryo, schlafend im Mineral. Erwartungsstim-
mung in den schlafenden Elementarwesen. Die besondere seelische
Atmosphare in Penmaenmawr. Stehenbleiben der Imagination. Drui-
denheiligtumer. Vision, Ahnung, zweites Gesicht.
Siebenter Vortrag, 25. August 1923 166
Das Ineinanderspielen der verschiedenen Welten
Der Nachtwandlertypus, der Jakob Bohme-Typus, der Swedenborg-
Typus. Das Ponderable, das Leuchtende, das Voile der physischen
Welt; das Imponderable, das Finstere, das Leere der geistigen Welt.
Die Mondenkrafte im Nachtwandler. Exakte Clairvoyance. Das
zweite Gesicht von Jakob Bohme: Uberrest der Sonnenentwicklung
Funfter Vortrag, 23. August 1923
128
der Erde. Zauberspiegel. Oberlin, Paracelsus. Warme und Kalte -
Saturn - Swedenborg. Das realisierte Spiegelbild.
Achter Vortrag, 26. August 1923 185
Die Schlaferlebnisse des Menschen
als Vorverkiinder der Erlebnisse nach dem Tode
Verhaltnis zwischen Schlafen und Wachen. Einverweben der Erinne-
rung nach zwei bis drei Tagen. Schlaf und Tod. Das Ablegen des
Atherleibes nach dem Tode. Ubergang der erworbenen Gedanken-
schatze an das Universum. Mensch als Pflegestatte der Gottergedan-
ken. Die dreidimensionale, zweidimensionale und eindimensionale
Welt. Die verborgenen eindimensionalen Sonnenstrahlen in Steinset-
zungen. Beurteilung unserer Handlungen durch den Kosmos. Ruck-
erleben nach dem Tode des im Erdenleben Verschlafenen. Friiher
Ankniipfung an den letzten Bodhisattva; heute kann nur Christus
Fiihrer sein im Leben zwischen Tod und neuer Geburt.
Neunter Vortrag, 27. August 1923 203
Die Erlebnisse zwischen dem Tode und einer neuen Geburt
Ubergang vom Physischen zum Moralischen. Schonheit beruht auf
Schmerz. Sphare der drei ehernen Notwendigkeiten (agyptische
Mysterien). «Ex deo nascimur». Christus als Fiihrer: «In Christo
morimur». Geistes-Erwachen: «Per spiritum sanctum reviviscimus».
Umkehrung der Zeit nach dem Tode. «Das Rad der Geburten».
Gefahr, den Zusammenhang mit der geistigen Welt zu verlieren.
Autos und Schreibmaschinen. Gegengewicht durch geistige Arbeit
erforderlich.
Zehnter Vortrag, 28. August 1923 233
Das geistig-kosmische Dasein des Menschen
nach dem Tode
Zusammenleben mit den geistigen Hierarchien, entkorperten Men-
schenseelen, Elementarwesen. Die kosmischen, im Lichte lebenden
Gedanken und die aus dem Erdenleben nachwirkenden Gedanken.
Das Leben mit den Geistern von Mond, Venus, Merkur, entspre-
chend dem Erdenleben mit Kopf, Herz, Gliedmaften. Die Urlehrer
auf dem Mond. Das Leben in der Sonne, mit Mars, Jupiter, Saturn.
Fiihrer der Menschenseelen friiher Bodhisattvas, jetzt Christus. Die
Planetoiden als Kolonien von Jupiter und Saturn.
Elfter Vortrag, 29. August 1923 241
Das Erleben der Weltvergangenheit
Entwicklung kiinftigen Karmas mit den Mondenwesenheiten. 2160
Jahre urspriinglich vorgesetzte Zeit zwischen zwei Verkorperungen,
entsprechend dem Vorriicken des Friihlingspunktes um ein Zeichen.
Nach der Seelenwelt des Mondes das Geisterland der Sonne. Der
Geistkeim der nachsten Inkarnation. Das Erleben der Erd- und
Weltvergangenheit. Die Bodhisattvas. Das Mysterium von Golgatha.
Die Gnosis (Pistis Sophia). Von der Mondenweisheit zur Sonnen-
weisheit. Spaltung der Menschheit in Ost und West. Zivilisations-
symptome (Auto, Schreibmaschine, Grammophon).
Zwolfter Vortrag, 30. August 1923 259
Die Evolution der Welt
im Zusammenhang mit der Evolution des Menschen
Menschliches Innere: Weltenvergangenheit. Menschliche Umwelt:
Weltenzukunft. Kopf: Vergangenheit; GliedmajRen: Zukunft. Gehen,
Sprechen, Denken des Menschen und ihre Metamorphosen in den
zukiinftigen Entwicklungsstadien des Kosmos. Das Geistige im
Sinnlichen: Nachweis der Wirksamkeit kleinster Verdunnungen
durch L. Kolisko. Die Homoopathie.
Dreizehnter Vortrag, 31. August 1923 279
Das Einziehen des Menschen in die Epoche der Freiheit
Einheit der Natur- und Moralgesetze in der hochsten Hierarchic
Ubergang von der Determination zur Freiheit. Das Jahr 333. Veran-
derungen im menschlichen Astralleib. Die Aufgabe des Christus.
Gesundende Krafte durch das Mysterium von Golgatha. Die Gnosis.
Verschollene Dichtung aus den ersten Jahrhunderten. «Christus ver-
us phosphorus». Entstehung der Dogmen. Dantes «G6ttliche Komo-
die». Die Wiederkunft Christi. Tendenzen moderner Wissenschaft:
Breuer, Freud, Jung, Oliver Lodge. Okkulte Gefangenschaft.
Abschiedsansprache, 31. August 1923, abends .... 299
ANHANG
Rudolf Steiner
Notizbucheintragungen / Brief an Miss Maryon / 2 Reiseberichte . 314
Dokumente zur international Summer School» 365
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Hinweise zum Text 373
Korrigenda / Personenregister 381
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 387
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 389
Rudolf Steiners Lehrtatigkeit in England
Rudolf Steiner sprach oft und gern iiber Geisteswissenschaft in
England.
In der Bereitwilligkeit zur Entgegennahme geisteswissenschaft-
licher Wahrheiten herrscht in England eine gewisse Grofiziigigkeit:
man stent den unbegrenzten Moglichkeiten freier gegeniiber. Es ist
die Furcht geringer vor der Niederlage des eigenen, schwer erober-
ten Kopfwissens; der Eigensinn in der Abwehr des Neuen, Unbe-
kannten sitzt weniger tief; man ist nicht so stark verbohrt in seine
gelehrte Eitelkeit. Mehr Wagemut ist vorhanden, ein kiihneres
Ausschreiten zur Eroberung der unbekannten Welten.
Was das gegenwartige England zu einem Volk vereinigt hat, sind
die eroberungsdurstigen Stamme verschiedener Nationen. Nach
der romischen Invasion die erobernden germanischen Angelsach-
sen, welche die einheimische keltische Bevolkerung der Britonen
und Gaelen zuriickdrangten und bis zu der nordwestlichen Kiiste
Frankreichs hiniiberwarfen; eindringende Friesen und Danen; er-
obernde franzosierte Normannen. Mehrfach wurde so Britannien
erobert und seine Volker dann zusammengeschweifk nach hartem
gegenseitigem Ringen. Doch was daraus entstand, war eine starke,
selbstbewufite Einheit, ein stolzes, die Gesamtheit durchdringendes
Selbstgefiihl, eine Kraft des Hinaustragens eigenen Wesens hinein
in andere Volkssubstanzen. Die Seelenkrafte, entnommen der
Eigenart verschiedener Volksindividualitaten, hielten sich die Waa-
ge. Zum Staatsbewufitsein gesteigertes Einzelbewufttsein durch-
drang sie und hielt die Krafte im Gleichgewicht. So konnte diese
vielgliedrige Volkseinheit nunmehr trotzen alien Angriffen, die
von aufien kamen, in s einem meerumbrandeten, meerumfriedeten
Eiland tatkraftig sich zur selbstbewuftten Selbstandigkeit entfalten
und zur Eroberung der Welt hinausschreiten.
Noblesse oblige. Eines seiner Kraft so sicheren Volkes ware es
unwiirdig, Gedankenfreiheit zu unterbinden, Gewissensfreiheit zu
ersticken, Betatigungsfreiheit zu hemmen, sowohl in geistigen wie
auch in Staats- und Menschheitsangelegenheiten. So ist denn auch
England das Land, wo am ungehindertsten das Suchen nach dem
Geist sich hat entfalten diirfen. Staatsgewalt und Kirchenzwang
haben es nicht auszuloschen vermocht; auch nicht Geheimorgani-
sationen mit Femgerichten.
Hatte Rudolf Steiner in englisch sprechenden Landern so wirken
konnen, wie er es in Mitteleuropa getan hat, sein Name lebte jetzt
auf aller Zungen. Er ware weder totgeschwiegen noch gebrandmarkt
worden; man hatte nicht nach seiner Ehre und seinem Leben gefahn-
det, um ihn unschadlich zu machen. So aber mulke er in einer fur die
Zuhorer fremden Sprache dort reden zur Zeit des starksten Deut-
schenhasses; eine noch so korrekte Ubersetzung konnte dem kiinst-
lerischen Schwung seiner Rede nie gerecht werden.
Und trotzdem drang sein Wirken durch. Ein treuer Kreis von
Schulern schlofi sich um ihn und lenkte die Aufmerksamkeit der
Fernstehenden auf den iiberragenden Geistesforscher. Der Krieg
drohte dann, wie iiberall, die schon erweckten Keime zu ersticken;
sie rangen sich jedoch langsam zu neuem Leben durch.
Schon drei Jahre nach Kriegsabschlufi war es Rudolf Steiner mog-
lich, zunachst am Goetheanum in Dornach, fur ein englisches Audi-
torium liber padagogische Fragen zu sprechen. Mrs. Millicent Mak-
kenzie, die bekannte englische Padagogin, stand an der Spitze jenes
Interessentenkreises, der aus England in die Schweiz hinuberkam,
um aus neuen geistigen Quellen Licht fur Erziehungsprobleme zu
schopfen. Die damals gegebenen Impulse wirkten fort. Zunachst
erhielt Rudolf Steiner eine Einladung, um im April 1922 anlaElich
der Geburtstagsfeiern fur Shakespeare in Stratford-on-Avon iiber
kiinstlerische und Erziehungsfragen zu sprechen. «Das Drama in
seiner Beziehung zur Erziehung» lautete das Thema zweier Vortra-
ge, «Shakespeare und die neuen Ideale» das andere. Ein gliickliches
Omen, an Shakespeares Geist ankniipfend, iiber Volkerhafi hinweg,
in gemeinsamem Geistesstreben sich zu finden. Shakespeare, den
Goethe fur die Welt wiederentdeckt hat, den der Erbauer des Goe-
theanum aus seinem geistigen Wissen heraus in jenes Licht riicken
konnte, das aus dem Geistesweltgeschehen heraus ihn umbrandet
und ihn zum Problem fiir ein materialistisches Zeitalter macht, an
das sich herumtastende Hypothesen ziemlich ratios hangen. Der
stolzen Anerkennungsfreude des grofken Sohnes Englands wiirdig
sind die FestKchkeiten, die sich in Stratford an die Erinnerungsfeier
schliefien und an der die Vertreter der verschiedenen Lander im
Festzuge teilnehmen. Offiziell war Deutschland noch nicht vertre-
ten, dafur durch Rudolf Steiner geistig und dadurch realer. Das
Band war wieder gekniipft, und schon im August 1922 konnte
Rudolf Steiner vor einem ansehnlichen Kreise von Interessenten
sprechen iiber Erziehungsfragen, in Oxford, der entzuckend scho-
nen, das Mittelalter aber noch in sich bergenden Universitatsstadt.
Die acht Vortrage iiber Padagogik und die daran sich anschlie-
fienden Debatten fiihrten zur Griindung der «Educational Union»
unter dem Vorsitz von Mrs. Millicent Mackenzie. Das Ziel dieser
Vereinigung war, den Gedanken Rudolf Steiners iiber Erziehung
Zugang zu verschaffen in weiteren Kreisen und insbesondere in
englischen und amerikanischen padagogischen Verbanden.
Solchen Veranstaltungen schlossen sich immer Vortrage iiber
Geisteswissenschaft an in London und am Orte selbst. Verbunden
damit waren auch Darstellungen in eurythmischer Kunst, ausge-
fiihrt durch Kiinstlerinnen des Goetheanum. Die Eurythmie, eine
Bewegungskunst, die in ihren Tendenzen sich stiitzt auf die geistig
wahrnehmbaren Schwingungen des in der Luft ertonenden, im
Ather weitervibrierenden gesprochenen Wortes oder erklingenden
Tones, ist ein Quell der Wiederbelebung fiir alle Kiinste und ein
nicht geniigend hoch einzuschatzender Erziehungsfaktor fiir die
geistbediirftige, heranwachsende Menschheit. Von Rudolf Steiner
dem geistigen Leben abgelauscht, dargereicht in einem Augenblik-
ke, wo Bitten um Aufklarung in diesen Dingen ihn umdrangten,
entstand auf Grund urspriinglicher theoretischer Angaben, die in
die Tat umgesetzt wurden von fleifiigen Schiilern und so immer
weitere Ratschlage sich zuzogen, die dann zu Offenbarungen wur-
den, eine neue Kunst, die wirksam sich in das Kulturleben der
Gegenwart hineingestellt hat.
Die Begeisterung, welche die junge Kunst unter Rudolf Steiners
Freunden in London ausgelost hat, fiihrte zu einem herrlichen
Resultat. Es konnte schon im Juni 1926 ein Vortrags- und Theater-
saal in einer der besten Verkehrsgegenden Londons eroffnet wer-
den (Park Road 33 NW), der den Namen tragt «Rudolf Steiner
Hall». In gliicklicher Weise verband der Architekt Mr. Wheeler die
durch die Strafienverhaltnisse Londons bedingten Baunotwendig-
keiten mit Inspirationen, die er dem Baugedanken Rudolf Steiners
in Dornach entnahm. Das Haus dient vor allem der Verbreitung
des Wortes und der kirns tlerischen Intentionen Rudolf Steiners.
Und auch die padagogischen Impulse fiihrten zu praktischen
Resultaten. Zunachst hatte sich die Vorsteherin eines schon be-
stehenden Landerziehungsheims in einer entziickenden friiheren
Dominikaner-Abtei in der Nahe Londons, Kings Langley Priory,
bereit erklart, ihr Schulwesen allmahlich umzuwandeln nach den
Erziehungsgedanken Rudolf Steiners. Mift Cross, die Leiterin von
Kings Langley Priory School, mufite mit einer gewissen Zeitpause
rechnen, um schon bestehende Einrichtungen in neue Erziehungs-
methoden umzuwandeln; sie hat tapfer und treu diesem Ziele nach-
gestrebt und keine Miihe und Enttauschung gescheut. Schon nach
dem Padagogischen Weihnachtskurs in Dornach begann Mift Cross
ihren Entschlufi in die Tat umzusetzen. Die schneller drangten und
eine Schule wiinschten, die im Weichbilde von London selbst un-
mittelbar von den Erziehungsprinzipien Rudolf Steiners ausgehen
wiirde, konnten ihr Ideal in verhaltnismaftig kurzer Zeit zur Aus-
fiihrung bringen. Im Jahre 1923, nach einem zweiwochigen Zyklus
padagogischer Vortrage Rudolf Steiners in Ilkley, reifte deren Ent-
schlu£. Und im Juni 1926 konnten wir schon in Streatham, einem
freundlichen Vororte Londons, eine ausgezeichnet funktionierende
Schule mit ihr angeschlossenem Internat besuchen, die kraftig und
freudig arbeitet und auch schon durch eine padagogische Tagung
das Interesse auf sich lenkte: «The New School».
Die sympathische Sitte der englischen «Summer Schools» (Som-
merschulen) brachte es mit sich, daft Rudolf Steiner nicht nur Orte
mit weithallenden Namen besuchte, wie London, Oxford, Stratford,
sondern auch entfernte Gegenden, die einen interessanten Einblick
gewahren in die Vielseitigkeit des englischen Daseins. Da uberrascht
den Auslander vor allem der merkwiirdig starke Kontrast zwischen
modernstem kommerziell-industriellem Betrieb und defer Weltab-
geschlossenheit. Die Welt der Autos, Motoren, Grammophone,
Radios, das sausende Tempo des Verkehrs, die Oberflachlichkeit
des modernen Kulturlebens grenzt unmittelbar an tiefe Weltabge-
schiedenheit, an weit hinter dem Mittelalter zuriickliegende Kultur-
erinnerungen, an geologische Formationen, die einen fast zuriick-
versetzen in jene Zeiten, da die Kontinente sich aus den Wassern
erhoben. Man kann solche Eindmcke haben, wenn man in De-
vonshire durch die Einoden von Dartmoor streift, um dann an den
Kusten von Cornwall den sausenden Ansturm der Ozeanwogen vor
den Felsenruinen des Artusschlosses in Tintagel zu erleben. Das in
den Bauten Englands so wunderbar konservierte Mittelalter schafft
einen herrlichen Ubergang, der solche Kontraste fur ein starkes
Miterleben ertraglich macht. Man kann gut verstehen, wie es fur den
Englander eine Wesensnotwendigkeit sein mull, bis in manche
Trachten und Gebrauche, bis in sein Gildenleben hinein das Mit-
telalter zu konservieren. Es starkt sein Selbstgefiihl, starkt auch sein
Nationalbewulksein und wappnet ihn gegen die iiberflutende Sozia-
lisierung, die die erste Axt an den machtigen Stamm eines imperia-
listischen Systems legt. Es baut auch fur das asthetische Bewufitsein
jene Briicke zur altersgrauen Vergangenheit, die unheimlich leben-
dig ihn anschaut aus Mooren und Bergkuppen, aus Erdformationen,
aus dem sie durchraunenden, durchrinnenden Atherweben.
Einen ersten Eindruck solcher Kontraste vermittelte uns im
August des Jahres 1923 der Besuch in Ilkley. Man fahrt durch
schwarzestes Industriegebiet: Leeds, Bradford, monstrose schwar-
ze Hauser, Ungeheuer, die wiirdig sind einer Strindberg-Holle.
Ilkley ist ein freundlicher Ort zu Fiifien der Moorhiigel von
Yorkshire. Da redet schon uralte Vergangenheit zu uns, da findet
man oben auf dem Moore jener Hiigel Druidensteine, Dolmen und
eingravierte Zeichen, die die Sprache jener Innerlichkeit reden,
welche die damalige Kultur mit dem Geiste verband.
Aber das alles erlebt man noch viel starker in Wales, im sagen-
haften Lande Merlins, der in Waldesrauschen und Meeresschaum
sein lieb stes Zaubergewand hatte. Aus Ilkley fiihrt der Zug durch
iibervolkertes, schwarzes, schienendurchstrecktes Industriegebiet,
an den Fabrikmassen von Manchester vorbei zu hell anmutendem
freundlichem Gelande. Es winken die mittelalterlichen Mauerzin-
nen von Chester, es blinken die blauen Buchten der herannahenden
Irischen See. Mowen und andere Seevogel, in grofien Heerlagern
gereiht, verkiinden, daft bald ihr ungestortes Reich beginnt. Mach-
tige Zwingburgen steigen empor, groftartig im Schwung ihrer Li-
nien, welche die Talweiten bezwingen und dem Fels sich vermah-
len. Das Reich der Barone, die kein Konig und keine Kirche nie-
derringen konnte, drangt sich der Seele imponierend auf. Nun ist
alles Dichtung geworden, Dichtung der in Stein und Efeu weben-
den Natur. Oben auf den Felsen das Heldenepos, unten bei den
weichen Schafherden auf griiner Weide die Idylle: in dem an sanftes
Meereswogen erinnernden Beben ihrer aneinandergeschmiegten
Riicken zittert der Puis des Weltenrhythmus.
Der in diesem Lande festgehaltene Zeitenpulsschlag fiihrt uns
durch das Mittelalter hindurch zur hier stehengebliebenen nordi-
schen Antike. Sie war - aber sie ist noch. Sie ist so stark da in der
wilden Schone ihrer Natur, in der Kraft ihrer Elemente, in dem
Lachen der Sonne durch halbe Wolkenbriiche hindurch, daft die
Moderne ihr nicht viel anhaben kann. Sie verschwindet in dieser
Umgebung.
Wenn auch unten am Buchtgestade die Autos in langen Rei-
hen sausen fast wie in Piccadilly: sie sind unwesentlich in diesem
Bilde. Nach oben strebt der Blick, wo zunachst freilich die
Industrie die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Machtige Wunden
sind in den Bergriicken hineingeschlagen; die Steinbriiche, the
quarries. Schwarz und finster liegen die dienenden Dorfer da,
ohne stilorganische Verbindung mit der sie umgebenden Natur.
Schienen, Dampfkarren, Sprengvorrichtungen haben sich in das
Urgestein hineingebohrt, zerreifien seine Adern. Aber es ist
starker als sie, trotzt ihnen, lacht ihrer, je nachdem die Atmo-
sphare den Berg lost oder hartet. Die Luft- und Lichtsphare
herrscht hier: die jagenden Wolken, der fliegende Wind, der
immer neu niederprasselnde Regen, oder seine lustigen Schauer,
die funkelnde Sonne, die mit ihrer Heiterkeit den Aufruhr der
Elemente bezwingt, um sich schnell wieder zu verhiillen. Das
scherzt und spielt durcheinander, tobt und droht, duckt sich und
freut sich und jagt und fegt: eine herrliche, brausende Jugend
inmitten ehrfurchtgebietender Zeugen grauen Altertums. Dort
aber hinter den Bergen lebt die Vergangenheit, steht in gewalti-
gen dauernden Bildern da; zu ihr zieht es auch heute den
suchenden Menschen hin; zu ihr pilgert er empor, die steilen
Abhange hinan, den Kampf nicht scheuend mit den aus den
Schluchten herauspfeifenden, pfeilenden Winden. Bald ist er
herrlich belohnt. Das Buchtgestade entschwindet dem Blick;
strahlendes Gelb, tiefleuchtendes Violett in weit ausgedehnten
hangenden Fluren umgeben ihn, Ginster und Heidekraut. Es
flammt und ruht, es winkt und lodert, die Farbe iiberwaltigt.
Doch fur das Verweilen im Genufi ist hier die Natur zu rauh.
Das Ringen mit dem Wind wird miihevoller; jeder Schritt mufi
erkampft werden. Bald ist nur noch Gestein um uns, diirres
Gras und Moos. Man mufi sich stemmen, man mufi sich wehren,
um nicht niedergerissen zu werden; man stofit vor und atmet
neue Kraft im Trinken der Linien, der Farben des Horizonts.
Die Druiden haben es ihren Wallfahrern nicht leicht gemacht.
Welch hohes Fest mufi es aber gewesen sein, welche Grofiziigig-
keit im festlichen Zug, wenn von alien Seiten des Umkreises aus
den Dorfern herauswallte, empor zur Bergkuppe, das Volk der
Hange und Taler. Welch Atmen der Einsamkeit, welch Raunen der
Ode, der Tiefe, der Weite. Dort oben war man dem Alltag fern, der
Gottheit nah. Hier redeten Geistwesen durch die Elemente, hier
schrieb die Sonne ihre Schrift in die harrenden Schatten; Steine
waren dieser Zeichen gewartig, im Kreis gestellt den Tierkreis-
bildern entsprechend; je nachdem die Sonne durch ein Tierkreis-
zeichen schritt, pragte sie sich dem Schatten des Steins ein, und
der eingeweihte Druide las das Geheimnis ab.
Gen Osten gewendet stand ein Stein, der des Gottes Strahlen-
pfeil entgegennahm, wenn die Sonne aufstieg. Durch waagrechtes
Lagern iiber senkrechten Steinen wurden Schattenraume gebildet,
in denen wiederum die Sonne ihre Sprache schrieb. So verkehrte
der licht- und schattenkundige Priester mit der geistigen Welt,
ablesend die Gebote, die bestimmend eingriffen in die Ordnung
des Jahres, der Arbeit, der Feste, der Gesetze und Sitten. So wurde
Gotterweisheit entgegengenommen und zu Menschenweisheit ura-
gewandelt.
Wie lebendig wirkte dies alles noch in diesem Lande, wo von
neuem die alte Weisheit in ihrer Metamorphose und zeitgeschicht-
lichen Entwickelung, entsprechend den Forderungen der Gegen-
wart, gelehrt werden konnte.
In anderer Weise konnte sie hier gelehrt werden als in Deutsch-
land, wo die erkenntnistheoretische Grundlage, die wissenschaft-
liche Fundierung vor allem hatte geschaffen werden miissen. Di-
rekter konnte man hier vor einem englischen Publikum an den
Geist herantreten, unmittelbarer. Die Stimmung und den Mut dazu
konnte eine Umgebung geben, wie diejenige von Penmaenmawr
mit ihren festgehaltenen Imaginationen,
Und dies ist die Frucht der Vortragstatigkeit Rudolf Steiners in
England. Sie gab die Moglichkeit, von einer anderen Seite heranzu-
treten an das Erfassen der Geschichte der geistigen Welt- und
Menschheitsentwickelung.
Penmaenmawr: fremdes Raunen im Klang der Laute, fremder
Hauch, aber ewiger und geistdurchlassiger; nicht festhaltend, nicht
stauend, wie das, was durch die Mischung des keltischen Idioms
mit dem angelsachsischen geworden ist; geheimnisvoll spriihend
die Sprache in vielen ihrer winddurchhauchten Laute.
Rudolf Steiner las bewegt die Sprache dieser in der Vergangen-
heit webenden atmospharischen und atherischen Welt, wandelte
die Weisheit von damals in die Weisheit von heute um, ergoft in sie
die Ich Kraft, die den Menschen zu Gott zuruckfahrt, so im Her-
gang und Hingang den Kreis schlieftend, ihn fur die Menschheit
durchlaufend. Wenn Vergangenheit und Zukunft in eines Men-
schen Bewufksein ihren geistigen Brennpunkt finden, so die Ewig-
keit umfassend, ist fur immer der Menschheit gegeben das Erleben
der geistigen Welt- und Menschheitsentwickelung.
Dornach, Dezember 1926.
Marie Steiner
Erkenntnis soil werden innerlich-seelischer
Opferdienst des Menschen
RUDOLF STEINER
22
BEGRUSSUNGSANSPRACHE
Penmaenmawr, 18. August 1923
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Die iiberaus freundlichen, herzlichen Worte, welche Mr. Dunlop
und Mr. Collison gesprochen haben zur Begriiftung von Frau Dr.
Steiner und mir selbst, veranlassen mich, einige Worte schon heme
zu sprechen vor dem Beginn der morgen anfangenden Vortrage. Es
hat mich auEerordentlich befriedigt, dafi Mr. Dunlop im Verein mit
seinen Helfern und Helferinnen diesen Sommerkursus iiber An-
throposophie hat veranstalten wollen, und ich hoffe, dafi durch
dasjenige, was den Inhalt dieses Sommerkursus bilden wird, die
verehrten Zuhorer, die ich auch hier von mir aus auf das herzlichste
begriifte, doch einige Befriedigung haben mochten.
Mit ganz besonderer Freude hat mich erfullt die Wahl des The-
mas durch Mr. Dunlop, denn es wird mir dadurch die Moglichkeit
geboten sein, dasjenige, was Anthroposophie gerade in bezug auf
die Gegenwart und wohl auch die nachste Zukunft zu sagen hat,
anzukniipfen an die altesten Weistiimer und das alteste Geistesle-
ben der Menschheit. Allerdings, in einer gewissen Beziehung ist es
ja notwendig - und ich gestehe, ich verstehe darinnen aus dem
Geiste und Sinn unserer Zeitzivilisation heraus das einladende
Komitee ganz vollkommen dafi wir schon bei der Hauptsache
der Veranstaltung fur einen anthroposophischen Kursus, fur An-
throposophisches iiberhaupt, etwas aus der Rolle fallen. Denn in
jenen altesten Zeiten, an die man sich so gern erinnert, weil sie
die altesten Weistiimer der Menschen iiber die geistige Heimat der
Seelen enthiillten, zu diesen altesten Veranstaltungen, in denen
diese Weistiimer gepflogen wurden, da versammelten sich die
Menschen zu Zeiten, die sie sich schwer abrangen von demjenigen,
was sie sonst Tag fur Tag im Jahreslauf beschaftigte. Es waren
Zeiten, die gewissermafien dem Universum, dem Kosmos abgese-
hen waren, und bei denen man nicht fragte: Haben wir irgendwel-
che weltlichen Angelegenheiten zu versaumen, wenn wir uns zu
diesen Festivitaten des Jahres - die dem Kosmos abgelesen waren
- zur Pflege der Wissenschaft, zur Kenntnis vom Geiste, urn die
Mysterien herum versammeln ?
Wir konnen das nicht so tun, denn zum Beispiel im Winter
haben wir alle, insofern wir uns in Sommerschulen vereinigen, eben
etwas anderes zu tun. Wir konnen also diese alte Gepflogenheit
nicht mehr einhalten. Und so miissen wir uns heute, da Anthropo-
sophie ja wohl erst in der Zukunft die Zivilisation ergreifen soil,
dann vereinigen, wenn wir unsere Sommerferien haben, in der Zeit,
wo wir gewissermafien nichts anderes zu tun haben. Wir miissen
Sommerreisen machen und Festesreisen, wir miissen unsere Ferien
dazu beniitzen, um Anthroposophie zu pflegen.
Nun, Mr. Dunlop hat ja schon erwahnt, was einem dabei alles
passieren kann; aber selbst wenn es uns passiert ware, daft wir den
einen oder den anderen Koffer etwa verloren hatten auf der Reise
- Anthroposophie ware ja nicht darinnen gewesen, und wir hatten
sie trotzdem ganz wohlbehalten hierherbringen konnen. Denn
Anthroposophie soli ja eben gerade hinwegfiihren iiber dasjenige,
was materiell im Raume und in der Zeit passieren kann. Anthropo-
sophie wird gerade bei der Besprechung des von diesem Komitee
gewahlten Themas zunachst hinauffuhren konnen in die altesten
Zeiten der Menschheitsentwicklung, in welcher eine lebendige
Wissenschaft die Grundlage war fur alles dasjenige, was Zivili-
sation, was Kultur in sich geschlossen hat. Dasjenige, was der
Mensch erkennen konnte auf seinem Weisheitswege, waren nicht
tote Ideen, das war der lebendige Geist selber, der dann einfliefien
konnte in das kiinstlerische Schaffen, der einfliefien konnte in das
religiose Erleben, und der durch kiinstlerisches Schaffen, durch
religioses Erleben den Menschen hinauffiihrte in diejenigen Gebie-
te, wo er schauen kann jene Wesenheiten, die sonst - nur unbe-
stimmt, aber doch deutlich - als die ethischen, als die moralischen
Ideale sprechen.
Im Laufe der Menschheitsentwicklung hat sich dasjenige, was
einstmals eine iiberwaltigende Einheit bildete - Wissenschaft,
O A
Kunst, Religion, moralisch-soziales Leben - getrennt. Der eine
Baum der menschlichen Gesamtentwicklung hat vier Aste getrie-
ben: Wissenschaft, Kunst, Religion, Sittlichkeit. Das war notwen-
dig innerhalb der Menschheitsentwicklung, weil nur dadurch jeder
einzelne dieser Zivilisationszweige sich zu der ihm notigen und der
Menschheit notigen Starke hat entwickeln konnen.
Aber wir stehen heute einmal in jenem wichtigen Zeitpunkt der
menschlichen Entwicklung, in dem der Mensch jene Einseitigkeiten,
die sich herausgebildet haben dadurch, dafi dasjenige, was einstmals
eine Totalitat war und in vielen Zweigen sich entwickelt hat, nicht
mehr mit demjenigen vereinigen kann, was sein Gesamtwesen inner-
lichst aus dem Seelischen, aus dem Geistigen, aus alien unterbewufi-
ten und auch unbewulken inneren Machten heraus zur Erfiillung
seines ganzen Menschtums fordern mufi. Wir stehen wirklich in
einem wichtigen Zeitpunkte der Menschheitsentwickelung. Jene
Briider, die eine Mutter haben - Wissenschaft, Kunst, Religion, Sitt-
lichkeit, soziales Leben - sie verlangen, nachdem sie eine Weile in
der Welt allein gewandert sind, wiederum zuruckzukommen zu je-
nem Heim, wo die gemeinsame Mutter geschaut werden kann. Und
wir konnen heute nicht mehr auf denselben Wegen zu dem Geistes-
licht der Menschheit kommen, auf denen eine alte Menschheit dazu
gekommen ist. Die Menschheit ist in einer lebendigen Entwicklung.
Die heutige Menschheit ist eine andere als diejenige, die in den alten
indischen, agyptischen, chaldaischen, griechischen Mysterien dasje-
nige angestrebt hat, was einstmals die Mutter alles Wissens und
Konnens der Menschheit nach dem Geistigen und dem Materiellen
hin war. Wir miissen heute neue Wege gehen, weil wir eine neue
Menschheit geworden sind.
Von diesen neuen Wegen, die der Gegenwart geziemen, die in
die Zukunft hineinfuhren konnen, von diesen neuen Wegen zum
Geiste hin mochte Anthroposophie sprechen, und sie wird viel-
leicht auch dasjenige, was fur die Gegenwart und fur die nachste
Zukunft gesagt werden soil, am besten sagen konnen, wenn es
gelingt, wenigstens skizzenhaft das Thema zu gestalten, welches
das verehrte Komitee fur diesen Sommerkurs ausgewahlt hat.
Und von besonderer Befriedigung wird es sein, daft wir einige
Vorstellungen werden veranstalten konnen aus derjenigen Kunst
heraus, die zwar noch in ihrem Anfange ist, die aber dennoch viel-
leicht gerade deshalb, weil sie in einem vollen Ringen nach ihrem
eigenen Wesen ist, am besten zeigt, wie wiederum aus dem Geiste
heraus auch ein Kiinstlerisches heute noch geschaffen werden soil
und auch geschaffen werden kann.
Es wird natiirlich nur moglich sein, ein Weniges von dem, was
man gern bringen mochte, in der kurzen Zeit, die uns zur Verfii-
gung steht, zu geben. Aber dennoch, wenn man das Herz erfiillt
hat von der Empfindung der Notwendigkeit, Anthroposophie heu-
te durch die Welt stromen zu lassen, so ist man auch aus diesem
Herzen heraus mit warmer Dankbarkeit erfiillt gegeniiber denen,
welche die Moglichkeit geben, dasjenige, was Anthroposophie ger-
ne fur die Weiterentwicklung der Menschhekszivilisation erstreben
mdchte, auf irgendeinem Gebiete zum Ausdrucke zu bringen.
Aus all diesen Gefuhlen heraus diirfen Sie mir es glauben, dafi
ich aus tiefster Seele, aus warmem Herzen heraus Mr. Dunlop,
Mrs. Merry, alien Mitgliedern des Komitees, welche dazu beigetra-
gen haben, daft diese Veranstaltung stattfinden kann, danke. Dieses
Dankgefuhl, das geht ja wahrhaftig auch aus dem Verstandnis des-
sen hervor, was ein solches Komitee alles zu schaffen hat, bevor
eine solche Veranstaltung beginnen kann.
Geradesowenig wie in den nachsten Tagen Sie, meine sehr ver-
ehrten Anwesenden, die Miihen sehen werden - was ich nur so
nebenbei erwahnen mochte -, die zum Beispiel notwendig sind
hinter den Kulissen fur eine eurythmische Vorstellung, geradeso-
wenig denkt man ja sehr haufig an alle die breiten, weiten Miihen,
welche ein solches Komitee hat. Derjenige freilich, der - ich kann
nicht sagen wiederholt, sondern «wiederholt zum Quadrat» in sol-
chen Komitees war -, der sieht, wenn er ankommt zu einer solchen
Veranstaltung, in die blassen Gesichter der Komitee-Mitglieder,
und er weifi dann geniigend zu wiirdigen, was alles vorangegangen
ist und welche Angste, welche Sorglichkeiten auch noch unmittel-
bar vor der Veranstaltung und wahrend der ganzen Veranstaltung
durch die Seelen solcher Komitee-Mitglieder Ziehen. Derjenige, der
solche Dinge aus reenter Lebenserfahrung heraus zu beurteilen
vermag, der also mit Sachkenntnis den Grad der Blasse der Komi-
tee-Mitglieder zu taxieren versteht, der kann wirklich mit voller
Warme sein Dankesgefiihl zum Ausdruck bringen. Das sei auch
zum Ausdrucke gebracht, sowohl im Namen von Frau Dr. Steiner,
die so freundlich begriiftt worden ist, als auch von meiner Seite
selbst.
Ich hoffe nur, daft wir durch dasjenige, was wir beitragen sollen
zu den Veranstaltungen der nachsten Tage, Ihnen diese Tage so
befriedigend machen konnen, als es in unseren Kraften liegt, und
daft wir einen Teil wenigstens der Erwartungen erfullen konnen,
die Sie mitgebracht haben hierher zu dieser Veranstaltung. Denn
auch das wis sen wir: auch die Erwartungen verliert man nicht mit
den Koffern, auch die bringt man in voller Schwere mit. Und es ist
dann wiederum aufterordentlich schwierig, diese Erwartungen zu
erfullen.
Aber Anthroposophie als solche ist dann etwas, was eigentlich
der gegenwartigen Menschheit so tief in die Seele sprechen sollte
aus den Bediirfnissen der gegenwartigen Zivilisation heraus, aus
den Bediirfnissen, die ein jeder, das voile Menschtum Fiihlender,
in sich tragt, daft auch dann, wenn mit schwachen Kraften
verhaltnismaftig Schwaches nur geleistet werden kann, immerhin
schon etwas wenigstens in den Absichten liegen kann. Und diese
Absichten brauchen wir. Wir sehen ja uberall, wie die Mensch-
heit mit demjenigen, was sie sich in den letzten drei bis vier
Jahrhunderten an einer so gloriosen aufterlich materiellen Kultur
begriindet hat, nicht mehr auskommt. Diese ist nun einmal wie
ein materieller Korper, der sich in aller materiellen Vollkommen-
heit iiber einen groften Teil der Erde ausgebreitet hat, der aber,
wie alles, was leben soil, nach Seele und Geist verlangt. Und
Anthroposophie wird ja schlieftlich dem, was in so glorioser
Weise in der aufterlich-materiellen Zivilisation in der neueren
Zeit als Korper entstanden ist, Seele und Geist verleihen. Wie sie
bei allem, was sie tut, von diesem Geiste beseelt ist, so soli auch,
wie ich hoffen darf, dieser Geist waken wahrend der Tage dieser
Sommerschule. Und ich selber mochte Sie heute aus diesem
Geiste heraus auf das allerherzlichste in Frau Dr. Steiners und
meinem Namen begriifien!
ERSTER VORTRAG
Penmaenmawr, 19. August 1923
Erste Schritte zur imaginativen Erkenntnis
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Die Welt in ihrer Entwickelung zu begreifen wurde zu alien Zeiten
gebunden an das Begreifen des Menschen selbst. Und es ist ja in
weitesten Kreisen bekannt, daft der Mensch stets in den Zeiten, in
denen man nicht allein auf das materielle Dasein gesehen hat, son-
dern auch auf das geistige, aufgefaftt worden ist als ein Mikrokos-
mos, als eine kleine Welt; das heiftt aber, er wurde so aufgefaftt, daft
man in ihm, in seinem Wesen, in seiner Tatigkeit, in seinem ganzen
Auftreten in der Welt eine Konzentration aller Weltgesetze, aller
Tatigkeiten, iiberhaupt des ganzen Wesens der Welt sah. Man
wollte in solchen Zeiten streng geltend machen, daft ein Weltver-
standnis nur moglich ist auf Grundlage eines Menschenverstand-
nisses.
Nun ergibt sich aber da sofort fur den wirklich Unbefangenen
eine Schwierigkeit. Der Mensch steht in dem Augenblicke, wo er
zu einer sogenannten Selbsterkenntnis, die ja nur die wahre Men-
schenerkenntnis sein kann, kommen will, vor sich selbst als vor
dem allergroftten Ratsel, und er mulS sich nach einiger Zeit der
Selbstbeobachtung gestehen, daft sein Wesen, so wie es in der Welt,
die ihn fur die Sinne umgibt, zum Vorschein kommt, nicht voll-
standig auch vor seiner Seele, vor ihm selber, ausgebreitet ist. Der
Mensch mufi sich gestehen, daft ein Teil seines Wesens fur die ge-
wohnliche Sinnesentfaltung unbekannt, verborgen bleibt. Und so
steht der Mensch vor der Aufgabe, vor der Welterkenntnis in der
Selbsterkenntnis erst sein wahres Wesen zur Entwickelung zu
bringen, sein wahres Wesen erst aufzusuchen.
Eine sehr einfache Uberlegung kann dem Menschen zeigen, wie
in der Welt, die ihn fur seine Sinne umgibt, sein wahres Wesen,
seine innere Aktivitat als Personlichkeit, als Individualitat, nicht
vorhanden sein kann. Denn in dem Augenblicke, in dem der
Mensch durch die Pforte des Todes geht, ist er als Leichnam den-
jenigen Gesetzen, derjenigen Weltwesenheit hingegeben, die ihn
sonst fur die Sinne umgibt. Den physisch toten Menschen ergreifen
die Naturgesetze, jene Naturgesetze, welche drauften in der Welt
der Sichtbarkeit wirksam sind. Dann aber lost sich jener Zusam-
menhang, den man als Menschenorganisation zu bezeichnen hat,
auf; dann zerfallt der Mensch, je nach der Bestattungsart, in kiir-
zerer oder langerer Zeit.
Eine einfache Uberlegung zeigt also, dafi jene Gesetze, die wir als
die Summe unserer Naturgesetze bezeichnen miissen, indem wir sie
aufterlich durch die Sinnesbeobachtung kennenlernen, einzig und
allein dazu geeignet sind, die menschliche Organisation aufzulosen,
aber nicht aufzubauen. Und suchen miissen wir nach denjenigen
Gesetzen, nach derjenigen Aktivitat, die also eigentlich fur das Er-
denleben von der Geburt bis zum Tode, oder schon von der Emp-
fangnis bis zum Tode kampfen gegen die Krafte, die Gesetze der
Auflosung. Wir sind in jedem Augenblicke unseres Lebens durch
unser wahres inneres Menschenwesen Kampfer gegen den Tod.
Und schauen wir uns in der Sinneswelt um, in demjenigen Teil
der Sinneswelt, den der Mensch heute einzig und allein begreift, in
der mineralisch leblosen Welt, so ist sie eben beherrscht von den-
jenigen Kraften, die fur den Menschen den Tod bedeuten. Denn es
ist nur eine Illusion der heutigen Naturforscher, daft es einmal
gelingen konnte, mit den Gesetzen, die die auftere Sinneswelt gibt,
auch nur die Pflanzen zu begreifen. Man wird das nicht. Man wird
nahe an das Begreifen der Pflanzen herankommen und das mag ein
Ideal sein, aber schon die Pflanze, geschweige denn das Tier oder
den physischen Menschen selbst wird man jedenfalls durch die-
jenigen Gesetze nicht erforschen konnen, die uns in der aufieren
Sinneswelt umgeben.
Wir sind als Erdenwesen zwischen Konzeption und Tod in
unserer wahren Innerlichkeit Kampfer gegen die Naturgesetze.
Und wir haben, wenn wir zur menschlichen Selbsterkenntnis wirk-
lich aufriicken wollen, diejenige Aktivitat zu erforschen, die da im
Menschenwesen wirkt als ein Kampf gegen den Tod. Ja, man wird
auch, wenn man das Menschenwesen vollstandig erforschen will,
von welcher Erforschung eben gerade in diesen Vortragen die Rede
sein soil, zu zeigen haben, wie durch die Erdenentwickelung der
Mensch dazu kommen konne, dafi seine inneren Aktivitaten
schlieftlich fiir das Erdendasein dem Tode unterliegen, daft der Tod
Sieger wird iiber die verborgenen, ihn bekampfenden Krafte.
Das alles ist zunachst nur bestimmt, Sie aufmerksam zu machen
auf die Richtung, welche die Betrachtungen dieser Tage nehmen
sollen. Denn die Wahrheit desjenigen, was ich jetzt sage, wird sich
erst durch die einzelnen Vortrage selber ergeben konnen. Wir kon-
nen also zunachst durch eine blofte unbefangene Beobachtung des
Menschenwesens darauf hinweisen, wo wir die eigentliche Inner-
lichkeit des Menschen, die Personlichkeit, die Individualist, zu
suchen haben. Wir haben sie nicht im Reiche der Naturkrafte, wir
haben sie aufterhalb des Reiches der Naturkrafte zu suchen.
Aber es ergibt sich noch ein anderer Fingerzeig - nur Fingerzei-
ge mochte ich zunachst geben -, das ist der: Wenn wir als Erden-
menschen leben, so leben wir dem Augenblicke hingegeben. Auch
da braucht man nur unbefangen genug zu sein, um die ganze Trag-
weite dieser Behauptung einzusehen. Wenn wir sehen, wenn wir
horen, wenn wir sonst durch Sinne wahrnehmen, sind wir dem
Augenblicke hingegeben. Dasjenige, was vergangen ist, und das-
jenige, was zukiinftig ist, kann weder auf unser Ohr, noch auf
unser Auge, noch auf irgendeinen anderen Sinn irgendeinen Ein-
druck machen. Wir sind dem Augenblicke und damit dem Raume
hingegeben.
Was ware aber der Mensch, wenn er nur dem Augenblicke und
nur dem Raume hingegeben ware? Dafiir haben wir ja zum Beispiel
durch die auftere Naturbeobachtung geniigend Beweise, daft der
Mensch nicht Mensch im vollen Sinne des Wortes bleibt, wenn er
nur dem Augenblicke und dem Raume hingegeben ist. Das bezeugt
die auftere Krankheitsgeschichte mancher Menschen.
Man weifi von Menschen zu erzahlen - die Falle sind gut unter-
sucht -, welche in einem gewissen Augenblicke ihres Lebens sich
nicht erinnern an dasjenige, was sie vorher erlebt haben, die dem
Augenblicke iiberlassen bleiben. Sie machen in diesem Augenblicke
die unsinnigsten Sachen. Sie nehmen sich, ganz im Widerspruche
mit ihrem bisherigen Leben, ein Eisenbahnbillett, fahren bis zu
einer gewissen Station, tun alles dasjenige, was aus dem Verstande
heraus fur den Augenblick getan werden kann, tun es sogar geist-
reicher, raffinierter, als sie es sonst getan hatten. Sie gehen zur rich-
tigen Zeit zum Mittagsmahl, sie verrichten alle Dinge des Lebens
zur richtigen Zeit. Wenn sie an der Endstation angekommen sind,
bis zu der das Billett reicht, nehmen sie sich wieder, vielleicht im
Widerspruche mit der ersten Fahrt, ein Billett. So irren sie manch-
mal Jahre in der Welt herum, bis sie sich an irgendeinem Orte
finden; da wissen sie nicht, wo sie sind. Da ist ausgeloscht in ihrem
Bewujfttsein alles dasjenige, was sie vom Nehmen des ersten Eisen-
bahnbilletts aus oder vom Weggehen vom Hause aus getan haben,
und die Erinnerung beginnt erst wieder fur diejenige Zeit, die vor-
her verflossen war. Und damit kommt ihr Seelenleben und iiber-
haupt ihr ganzes menschliches Erdendasein in ein Chaos hinein. Sie
fuhlen sich nicht mehr so mit ihrem ganzen Menschen verbunden,
wie sie sich fruher verbunden gefuhlt haben. Sie waren stets dem
Augenblicke hingegeben, konnten sich im Raume stets in der rich-
tigen Art orientieren, aber sie haben das innerliche Zeitgefiihl, die
Erinnerung verloren.
In dem Augenblicke, da der Mensch das innerliche Zeitgefiihl,
den innerlichen realen Zusammenhang mit seiner Vergangenheit
fur das Erdenleben verliert, kommt er in ein Lebenschaos hinein.
Das blofie Raumeserleben kann ihm nichts helfen fur die Gesund-
heit seines totalen Wesens.
Das heifk aber mit anderen Worten: Der Mensch ist mit seinen
Sinnen stets dem Augenblicke hingegeben, und er kann sogar in
Krankheitsfallen sein Dasein fur den Raum, fur den Augenblick
absondern von dem gesamten Menschendasein; aber er bleibt nicht
im vollen Sinne des Wortes Mensch.
Wir werden da auf etwas hingewiesen, was im Menschen aus
dem Raume herausfallt und nur der Zeit angehort. So daft wir
sagen miissen: 1st fiir den Menschen das Raumeserleben eines, so
ist das Zeiterleben ein anderes, das immer in ihm gegenwartig blei-
ben mufi, denn die Erinnerung mufi die Vergangenheit in ihm ge-
genwartig machen, wenn sein Wesen total vorhanden sein soil. So
ist das Anwesendsein in der Zeit fiir den Menschen etwas Unerlafi-
liches, etwas, was er haben mufi. Die Zeit als Vergangenheit ist aber
niemals im gegenwartigen Augenblicke vorhanden. Der Mensch
mufi sie stets fur sein Erleben in den gegenwartigen Augenblick
hineintragen. Es miissen also Krafte zur Konservierung der Ver-
gangenheit in dem Menschen vorhanden sein, die nicht aus dem
Raum stammen, die also nicht im Sinne raumlich wirkender Natur-
gesetze aufzufassen sind, die aufierhalb des Raumes liegen.
Das sind Fingerzeige, die uns darauf hinweisen, dafi der Mensch,
wenn er zum Mittelpunkt der Welterkenntnis gemacht wird, also
ausgehen mufi von einer Selbsterkenntnis, dafi der Mensch dann
vor alien Dingen dasjenige erst aufsuchen mufi in sich, was ihn
selbst aus dem Raumesdasein, das heifit aus demjenigen Dasein,
von dem uns einzig und allein die Sinne erzahlen, heraushebt und
ihn zum Zeitwesen in diesem Raumesdasein macht. Der Mensch
mufi daher appellieren an Erkenntniskrafte in ihm, die nicht an die
Sinne, die nicht an die Raumeswahrnehmungen gebunden sind,
wenn er sein eigenes Wesen wahrnehmen will. Und gerade im ge-
genwartigen Augenblicke der Menschheitsentwickelung, wo die
Naturwissenschaft in einer so aufierordentlich bedeutsamen Weise
den Menschen hineinfiihrt in die Raumesgesetze, ist das wahre
Menschenwesen aus Griinden, die auch in diesen Vortragen sich
zeigen werden, fiir die menschliche Anschauung im allgemeinen
stark verlorengegangen.
Im gegenwartigen Augenblicke wird es daher ganz besonders
notwendig sein, auf diejenigen inneren Erlebnisse hinzuweisen, die
den Menschen zunachst, wie Sie gesehen haben, aus dem Raum in
die Zeit und ihre Erlebnisse hineinbringen. Und davon ausgehend,
so werden wir sehen, kommt er iiberhaupt in die geistige Welt
hinein.
Jene Erkenntnis, welche von dem Sinnlichen iibergefiihrt hat ins
Ubersinnliche, hat man zu alien Zeiten die Erkenntnis durch Initia-
tion genannt, die Erkenntnis von dem, was den eigentlichen Impuls
der Menschenwesenheit ausmacht, was das Aktive der Personlich-
keit, das Aktive der Individuality 1st. Und von dieser Initiations-
Erkenntnis, insofern sie dem gegenwartigen Menschen moglich ist,
habe ich in diesen Vortragen zu sprechen. Denn von dieser Initia-
tions-Erkenntnis aus soil ja hier Weltenentwickelung und Men-
schenentwickelung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
betrachtet werden.
Ich werde also zunachst davon zu sprechen haben, wie man zu
einer solchen Initiations-Erkenntnis kommen kann. Schon in der
Art und Weise, wie man iiber diese Dinge gegenwartig spricht,
unterscheidet sich die Initiations-Erkenntnis der Gegenwart be-
deutsam von der Initiations-Erkenntnis der Vergangenheit. In der
Initiations-Erkenntnis der Vergangenheit rangen sich einzelne Leh-
rer der Menschheit durch zum Schauen des Ubersinnlichen in Welt
und Mensch. Schiller, welche einen gefuhlsmafiigen, rein menschli-
chen Eindruck hatten von demjenigen, was in solchen Lehrern des
Ubersinnlichen lebte, fanden sich bei solchen Lehrern ein und nah-
men dasjenige, was diese ihnen darbieten konnten auf die nicht
erzwungene, aber durch den Eindruck der Personlichkek gegebene
Autoritat hin an.
Daher werden Sie fur die gesamte Menschheitsentwickelung
bis zur Gegenwart immer geschildert finden, wie sich Einzel-
schulerschaft unter die Autoritat eines Lehrers, eines «Guru»,
autoritativ zu beugen hatte. Schon in diesem Punkte, wie in so
vielen anderen, die uns in diesen Vortragen noch entgegentreten
werden, kann Initiationswissenschaft der Gegenwart nicht den-
selben Weg gehen, wie Initiationswissenschaft der Vergangenheit.
Der Guru sprach sich niemals iiber den Weg aus, durch den er
selbst zu seiner Erkenntnis gekommen ist. Und von einem
offentlichen Mitteilen des Weges zur hoheren Erkenntnis war
iiberhaupt in alteren Zeiten nicht die Rede. Diese Mitteilungen
wurden einzig und allein geiibt in den Mysterienstatten, die fiir
diese alteren Zeiten die hohen Schulen auf dem Wege des Uber-
sinnlichen waren.
Heute wiirde ein solcher Weg gegeniiber dem allgemeinen
Menschheitsbewulksein, zu dem wir uns im gegenwartigen histori-
schen Augenblicke hinaufgerungen haben, nicht mehr moglich
sein. Daher ist derjenige, welcher von iibersinnlichen Erkenntnis-
sen spricht, heute selbstverstandlich veranlalk, zu sagen zunachst,
wie man zu solchen iibersinnlichen Erkenntnissen komme. Dabei
mufi es dann jedem wieder iiberlassen bleiben, wie er sich selber
mit Bezug auf seinen Lebensweg zu diesen Ubungen des Korpers,
der Seele und des Geistes verhalt, durch die man zur Entwickelung
jener Krafte im Menschenwesen kommt, die iiber die Naturgesetze
und iiber den gegenwartigen Augenblick hinausschauen in das
wahre Wesen der Welt, und damit auch in das wahre Wesen des
Menschen. Es wird daher der selbstverstandliche Gang der Be-
trachtungen dieser Vortrage sein, dafi ich zunachst wenigstens
einiges andeutungsweise sage iiber die Art und Weise, wie sich
gerade der gegenwartige Mensch Erkenntnisse des iibersinnlichen
erwerben kann.
Dabei mul? man ausgehen von dem Menschen, so wie er eben
ist, so wie er sich hineinstellt ins Erdendasein gegeniiber dem Rau-
me, gegeniiber dem gegenwartigen Augenblicke. Der Mensch um-
falk seelisch-korperlich - ich sage das mit vollem Bedacht: seelisch-
korperlich - als Erdenwesen ein Dreifaches: das denkende, das
fuhlende und das wollende Wesen. Und wenn wir hinschauen auf
alles dasjenige, was im Bereich des Denkens, im Bereich des Fiih-
lens, im Bereich des Wollens liegt, dann haben wir den Anteil des
menschhchen Wesens an dem Erdendasein umfafit.
Sehen wir uns zunachst den wichtigsten Teil desjenigen an,
durch das sich der Mensch in das Erdendasein hineinstellt. Das ist
zweifellos das denkerische Wesen des Menschen. Denn dieses den-
kerische Wesen des Menschen gibt ihm die voile Klarheit iiber die
Welt, die er als Erdenmensch braucht. Das Gefiihl bleibt dunkel,
unbestimmt gegeniiber dem lichtvollen Denken. Und gar erst das
Wollen: jene Tiefen des Menschenwesens, aus denen das Wollen
hervorquillt, die sind zunachst fur das gewohnliche Beobachten ja
ganz unerreichbar.
Bedenken Sie nur, was Sie vom Wollen in der gewohnlichen
Welt, im gewohnlichen Erleben haben. Sie entschliefien sich, sagen
wir, einen Stuhl zu holen und ihn an einen anderen Platz zu setzen.
Sie haben den Gedanken, diesen Stuhl von dort dahin zu tragen.
Das sehen Sie in der Vorstellung. Dann geht dasjenige, was in Ihrer
Vorstellung liegt, auf eine Ihnen vollig unbekannte Weise in Blut
und Muskeln hinunter. Was nun geschieht in Blut und Muskeln
und Nerven, wahrend Sie hingehen, den Stuhl heben, ihn hierher-
tragen, das haben Sie wiederum nur in der Vorstellung. Sie stellen
es vor. Aber die eigentliche innere Aktivitat, dasjenige, was da in-
nerhalb Ihrer Haut vor sich geht, das bleibt Ihnen vollig unbewufit.
Erst wieder der Erfolg ist Ihnen im Gedanken ersichtlich.
So ist das Wollen das Allerunbewufiteste wahrend der wachen
Tatigkeit. Von der Schlaftatigkeit des Menschen werden wir spater
sprechen. Wahrend der wachen Tatigkeit ist das Wollen ganz im
Dunkel, in der Finsternis geblieben. Und eigentlich weifi man von
dem, was vom Gedanken ausgehend im Wollen geschieht, so we-
nig, als man im gewohnlichen Erdenleben wei$ von dem, was mit
einem geschieht vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Man ver-
schlaft die innere Natur des Wollens auch wahrend des Wachens.
Nur das Vorstellen, nur das Denken ist dasjenige, was Klarhek in
das menschliche Erdenleben hineinbringt.
Das Fiihlen steht dann zwischen dem Wollen und dem Denken.
Und wie zwischen dem Schlafen und Wachen das Traumen steht
als ein unbestimmtes, chaotisches Vorstellen, ein halbes Schlafen,
ein halbes Wachen, so steht das Fiihlen zwischen dem Wollen und
dem Vorstellen drinnen und ist eigentlich ein wachendes Traumen
der Seele. Dasjenige, wovon wir also als dem Nachsthegenden im
Menschen auszugehen haben, ist dennoch das Vorstellen, das Den-
ken. Aber wie verlauft dieses Denken im gewohnlichen Erden-
leben?
Es spielt eine durchaus passive Rolle in unserem ganzen
menschlichen Erdenwesen. Man sei nur dariiber vollstandig ehrlich
in der Selbstbeobachtung. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen
gibt sich der Mensch der Aufienwelt hin. Er lafit die Sinneseindriik-
ke iiber sich kommen, und es verbinden sich mit den Sinnesein-
dnicken Vorstellungen. Wir gehen von den Sinneseindriicken hin-
weg, oder die Sinneseindriicke gehen von uns hinweg. Es bleiben
die Vorstellungen in der Seele. Sie verwandeln sich nach und nach
in Erinnerungen. Aber, wie gesagt, wenn man ehrlich ist als Erden-
mensch in der Selbstbeobachtung, dann wird man sich sagen miis-
sen: in diesen Vorstellungen, die man da im gewohnlichen Leben
gewinnt, liegt eigentlich nichts anderes enthalten, als einzig und
allein dasjenige, was von der Aufienwelt, von der Sinnesbeobach-
tung in die Seele hereingekommen ist. Man suche nur einmal in
ehrlicher, unbefangener Weise dasjenige auf, was man in der Seele
tragt; irgendwo wird man finden, daft es durch einen aufteren Ein-
druck veranlafit worden ist.
In dieser Beziehung geben sich insbesondere die nicht bis in die
Tiefe dringenden - ich sage das ausdriicklich -, die nicht bis in die
Tiefe dringenden Mystiker Illusionen hin. Sie glauben, durch eine
mehr oder weniger dunkle innere Trainierung zu inneren Einsich-
ten zu kommen iiber dasjenige, was der Welt als ein hoheres Gott-
liches zugrunde liegt. Sie sprechen oftmals davon, diese halben
oder Viertelmystiker, wie ihnen ein inneres Seelenlicht aufgegangen
ist, wie sie das oder jenes geistig geschaut haben.
Derjenige, der nun wirklich genau und ehrlich mit der Selbstbe-
obachtung vorgeht, der wird aber sehen konnen, wie viele mysti-
sche Schauungen auf nichts anderes zuriickgehen als auf aufiere
Sinneserlebnisse, die umgeandert worden sind im Laufe der Zeit.
Und so paradox es scheinen mag, es kann einen vierzigjahrigen
Mystiker geben, der da glaubt, einen unmittelbar imaginativ-visio-
naren Eindruck zu haben - nun, ich will etwas Konkretes setzen -
von dem Mysterium von Golgatha, indem er innerlich-geistig die-
ses Mysterium von Golgatha sieht. Er fuhlt sich nun ungeheuer
innerlich gehoben. Derjenige, der ein guter Psychologe ist, kann
nun nachgehen, wie das Erdenleben dieses vierzigjahrigen Mysti-
kers verlaufen ist, und er findet, daft er als zehnjahriger Knabe ganz
voriibergehend bei einem Besuche, zu dem ihn sein Vater mitge-
nommen hat, irgendwo ein kleines Bildchen gesehen hat. Dieses
kleine Bildchen, das sich auf das Mysterium von Golgatha bezog,
hat damals geringen Eindruck auf seine Seele gemacht; aber es
blieb, es wandelte sich um, ging in die tiefen Untergriinde der Seele
hinunter, und im vierzigsten Lebensjahre stieg es auf als eine grofie
mystische Schauung. Das ist dasjenige, was man vor alien Dingen
betonen mufi, wenn man es iiberhaupt wagt, mehr oder weniger
offentlich heute von den Wegen zu iibersinnlicher Erkenntnis zu
sprechen. Denn derjenige, der sich diese Wege leicht macht, der
wird in der Regel dilettantisch nur von diesen Wegen sprechen
konnen. Gerade derjenige, der ein Recht haben will, von mystisch-
iibersinnlichen Wegen zu sprechen, der mufi gewissermafien alles
kennen, was zu Irrtumern auf diesem Gebiete fiihren kann. Der
mufi genau kennen, wie die gewohnliche Selbsterkenntnis eigent-
lich nur umgewandelte aufiere Eindriicke zumeist enthalt, und wie
wahre Selbsterkenntnis heute gesucht werden mufi durch eine in-
nere Entwickelung, durch ein Herausholen von Kraften der Seele,
die von vornherein nicht da sind. Da mufi man denn hinschauen
gerade auf die Passivitat des gewohnlichen Denkens. Das gewohn-
liche Denken schafft sich die Eindriicke so, wie die Sinne es wollen.
Das Friihere ist auch im Denken friiher, das Spatere ist auch im
Denken spater. Das Obere ist im Denken oben, das Untere ist im
Denken unten. Und so folgt der Mensch fur das gewohnliche
Vorstellen nicht nur im gewohnlichen Leben, sondern auch in der
Wissenschaft nur passiv den Vorgangen, die sich in der aufieren
Welt abspielen. Unsere Wissenschaft ist ja so weit gekommen, ge-
radezu es als ein Ideal anzusehen, darauf zu kommen, wie die
Dinge sich in der aufieren Welt abspielen, ohne dafi das Denken
den geringsten Einflufi darauf nimmt. Unsere Wissenschaft sieht es
als ihr Ideal an, bei ihren Forschungsmethoden das Denken so
passiv wie moglich zu gestalten. Damit tut sie auf ihrem Gebiete
ganz recht. Sie kommt auf ihrem Gebiete zu den allergrofiten Fort-
schritten, wenn sie gerade diese Methode beobachtet. Aber sie
kommt immer mehr und mehr von dem wahren Wesen des Men-
schen ab. Denn da ist der erste Schritt in denjenigen Methoden
zum iibersinnlichen Erkennen, die man Meditation, Konzentration
in bezug auf die inneren Seelenkrafte, oder auch noch anders
nennen kann, da ist die erste Anforderung diese, den Ubergang
zu finden vom rein passiven Denken zum inneren Aktiven des
Denkens.
Und wenn ich ganz elementar zunachst den ersten Schritt cha-
rakterisiere, so mufi er sich so hinstellen: Statt sich von auften an-
regen zu lassen zu irgendeiner Vorstellung, nehme man eine Vor-
stellung, die man rein aus dem Inneren heraus selber geholt hat,
stelle sie in den Mittelpunkt des Bewufttseins. Es kommt gar nicht
darauf an, ob diese Vorstellung, wie man sagt, wahr ist, denn es
kommt darauf an, daft sie aktiv ganz aus dem Seeleninneren heraus-
geholt ist. Daher ist es auch nicht gut, wenn man eine solche Vor-
stellung aus der Erinnerung herausholt, denn in dem Erinnerten
kleben die mannigfaltigsten unbestimmten Eindriicke an alien un-
seren Vorstellungen. Holen wir also selbst etwas aus der Erinne-
rung heraus, dann sind wir nicht sicher, was wir alles passiv mit-
denken, ob wir wirklich unsere Meditation in aktivem Sinne inner-
lich einrichten.
Daher kann man in dreifacher Weise verfahren. Man kann aller-
dings ganz selbstandig vorgehen. Da nehme man eine moglichst
einfache, leicht iiberschaubare Vorstellung, von der man weift, man
habe sie im gegenwartigen Augenblicke gemacht. Sie entspricht
nichts, an das man sich bloft erinnert. Also, man mache sich mei-
netwillen auch eine moglichst paradoxe Vorstellung, eine Vorstel-
lung, die bewuftt abweicht von all dem, was man passiv empfangen
kann. Man mufi nur sicher sein der Aktivkat, der innerlichen
Tatigkeit, durch die die Meditation geworden ist.
Oder ein Zweites besteht darinnen, daft man zu jemandem geht,
der auf diesem Gebiet Erfahrungen hat, und sagt: Gib mir einen
Meditationsinhalt. Dadurch kann man in die Angst verfallen, daft
man abhangig werde von dem betreffenden Menschen. Nun, wenn
man sich bewuftt bleibt, daft man ja von dem Momente ab, wo man
den Meditationsinhalt empfangen hat, jeden Schritt nun selbstandig
in eigener innerer Aktivitat macht, nur die Gelegenheit herbei-
gefiihrt hat, etwas Neues zu bekommen, was man noch nicht selbst
gedacht hat, das deshalb etwas Neues ist, was man mit innerer
Aktivitat ergreifen mufi, weil es eben von einem anderen kommt,
wenn man sich dessen bewufit bleibt, so tritt ja die Abhangigkeit
nicht ein. Namentlich mufi man danach handeln im Sinne eines
solchen Bewufitseins.
Das Dritte endlich ist: Man kann auch in einer zunachst, ich
mochte sagen, unsichtbaren Art sich einen Lehrer suchen. Man
nehme irgendein Buch, von dem man weifi, man habe es ganz
sicher niemals in der Hand gehabt; dann schlage man es auf, wo es
fallt, lese irgendeinen Satz. Man ist auf diese Weise sicher, einen
ganz neuen Satz zu bekommen, an den man sich heranmachen mufi
in einer inneren Aktivitat. Man mache diesen Satz zu seinem Me-
ditationsinhalt, oder eine Figur, die man in einem solchen Buche
gefunden hat, irgend etwas, das man auf die Weise gefunden hat,
dafi man ganz sicher sein kann, man stand noch nicht davor. Das
ist die dritte Art. Auf diese Weise kann man sich aus dem Nichts
selber einen Lehrer schaffen. Der Umstand, dafi man sich das Buch
aufgesucht hat, dafi man gelesen hat, dafi man den Satz oder die
Figur oder irgend etwas anderes an sich hat herankommen lassen,
das ist der Lehrer.
Es gibt also durchaus heute die Moglichkeit, so auf den Weg zu
den hoheren Welten zu kommen, dafi man sicher sein kann: In die
Aktivitat des Denkens, in die man dabei iibergeht, greift ungerecht-
fertigterweise keine andere Macht ein. Und das ist das Wesentliche
fur den heutigen Menschen. Denn wir werden gerade im Laufe der
Vortrage sehen, dafi dasjenige, was beim heutigen Menschen, dann
insbesondere, wenn er sich zu einer hoheren Welt hinaufentwik-
keln will, ganz besonders notwendig ist, die Achtung, die Schat-
zung seines freien Willens ist. Und schatzt man den freien Willen
nicht, wie soil sich denn iiberhaupt die innere Aktivitat heranbilden
lassen! In dem Augenblicke, wo einer von dem anderen abhangig
wird, ist sein Wille gehemmt. Und darauf kommt es gerade an bei
einer heute moglichen Meditation, dafi der Mensch sie vollbringt
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aus der inneren Aktivitat, aus dem Willen im Denken, der sonst bei
der passiven aufieren Betrachtung, und gerade bei der heutigen
Wissenschaft, am wenigsten geschatzt wird.
Auf diese Weise kommt man hinein in ein aktives Denken. Wie
schnell nun die Entwickelung geht, das hangt ganz von der Wesen-
heit des Menschen selber ab. Der eine kann es in drei Wochen
erreichen, wenn er immer wiederum, am besten dieselben Ubungen
macht, der andere in fiinf Jahren, der andere in sieben Jahren, ein
anderer in neunzehn Jahren und so weiter. Das Wesentliche ist, dafi
man niemals aus der Energie, den Ubergang zu suchen zu dieser
Aktivitat des Denkens, herauskommt. Aber man lernt in einem
gewissen Zeitpunkte wirklich ein anderes Denken kennen als das-
jenige, was man vorher hatte. Man lernt ein Denken kennen, das
nicht in passiven Bildern verlauft wie das gewohnliche Denken,
sondern man lernt ein Denken kennen, das innerlich ganz aktiv ist,
das Kraft ist, von dem man weifi, obwohl man es klar durchmacht:
es ist Kraft, wie es Kraft ist, wenn ich den Arm hebe, wenn ich mit
dem Finger zeige. Man lernt ein Denken kennen, in dem man sich
fiihlt als in einem Krafttrager des eigenen menschlichen Wesens.
Man lernt ein Denken kennen, das - ich spreche dabei nicht bild-
lich, sondern ich spreche die konkrete tatsachliche Wahrheit aus -
anstoften kann, von dem man weift, es kann anstoften. Von dem
gewohnlichen Denken weift man, das stofk nirgends an. Wenn ich
an eine Wand renne und eine Beule bekomme, da habe ich mir
meinen physischen Leib angestofien, mit meiner Tastkraft angesto-
£>en. Meine Tastkraft beruht darauf, daft ich meinen Leib den Din-
gen entgegenstellen kann. Ich stofie an. Das gewohnliche passive
Denken stolk nicht an, das stellt bloft das Angestofienwerden vor.
Denn das gewohnliche passive Denken ist eben nicht eine Realitat,
es ist Bild. Das Denken, zu dem man auf die geschilderte Weise
kommt, ist Realitat, ist etwas, in dem man lebt. Das stofk so an, wie
der Finger anstofit an die Wand. Und wie man weifi, man kann mit
dem Finger nicht liberall durch, so weift man in dem realen Den-
ken, in das man da hineinkommt, man kann mit ihm nicht liberall
durch. Das ist der erste Schritt. Diesen ersten Schritt raufi man
machen, das eigene Denken durch Aktivierung zu einem seelischen
Tastorgan zu machen, so da$ man sich darinnen fuhlt, wie wenn
man so dachte - wie man sonst schreitet, wie man sonst greift,
tastet -, da$ man weifi: man lebt in einem Wesen, nicht blofi in dem
gewohnlichen Denken, das ja nur abbildet, sondern man lebt in
einer Realitat, in einem seelischen Tastorgan, zu dem man selber als
Mensch ganz geworden ist.
Das ist der erste Schritt, den man zu machen hat, da£ sich einem
das Denken verwandelt, so da£ man in sich fuhlt: Du bist ja jetzt
selber ganz der Denker geworden. Das rundet sich alles. Und es ist
nicht so mit diesem Denken, wie es mit dem physischen Tasten ist.
Da ist einem der Arm angewachsen, und man ist, wenn man aus-
gewachsen ist, schon richtig gewachsen. Aber beim aktiv geworde-
nen Denken ist es wie bei einer Schnecke, die ihre Fiihler vorstrek-
ken und wieder zuriickziehen kann. Man lebt in einem allerdings
kraftvollen Wesen, aber in einem innerlich beweglichen Wesen, das
vorgeht und wieder zuriick, das innerlich aktiv ist. Man kann also
mit einem langgestreckten Tastorgan in der geistigen Welt, wie wir
dann sehen werden, herumtasten, oder man kann zuriickziehen,
wenn es einem geistig wehtut.
Das sind die Dinge, die allerdings von demjenigen, der iiber-
haupt an das wahre Menschenwesen herankommen will, ernst
genommen werden mussen: die Verwandlung des Menschen zu
einem ganz anderen Wesen. Denn man schaut nicht dasjenige, was
der Mensch eigentlich ist, wenn man nicht zuvor die Moglichkeit
hat, im Menschen selber etwas ganz anderes zu schauen als dasje-
nige, was die irdische Sinnlichkeit darbietet. Und das, was durch
Aktivitat des Denkens entwickelt wird, ist das erste iibersinnliche
Glied des Menschen. Ich werde es spater genauer schildern. Wir
haben zunachst den physischen Leib des Menschen, den man mit
den gewohnlichen Sinnesorganen wahrnehmen kann, der ja auch
als Widerstand da ist, wenn man mit den gewohnlichen Tastorga-
nen tastet. Wir haben dann das erste iibersinnliche Glied des Men-
schen - man kann es Atherleib, man kann es Bildekrafteleib nen-
nen, wie man will, auf den Ausdruck kommt es nicht an, man
braucht nur eine Terminologie. Ich werde es also Ather- oder Bil-
dekrafteleib in der Zukunft nennen. Man hat darinnen das erste
ubersinnliche Glied des Menschen, das in einem hoheren Tasten, in
einem Tasten, zu dem man das Denken umgewandelt hat, tatsach-
lich so wahrnehmbar ist, wie die physischen Dinge auften fur das
physische Tasten wahrnehmbar sind. Denken wird zum iibersinn-
lichen Tasten. Und diesem ubersinnlichen Tasten wird der Ather-
oder Bildekrafteleib des Menschen erfaftbar, erschaubar im
hoheren Sinne. Das ist sozusagen der erste wirkliche Schritt in die
ubersinnliche Welt hinein.
Gerade die Art und Weise, wie ich versucht habe darzustellen, daft
das Denken iibergeht in ein Erleben einer inneren Kraftwirklich-
keit, wird Sie auch darauf aufmerksam machen, wie wenig dieser
wirklichen spirituellen Entwickelung gegeniiber Einwande eine
Bedeutung haben, wie der: Wer so in die geistige Welt hineinkom-
men will, der gibt sich vielleicht irgendwelchen Phantasien hin; er
unterliegt Autosuggestionen. - Das ist ja dasjenige, was zunachst
auftritt, daft die Leute sagen: Derjenige, der nach solcher Entwik-
kelung reden will von den hoheren Welten, der gibt ja nur wieder
die Bilder seiner Autosuggestion. Die Leute kommen dann und
sagen einem: Aber es gibt ja doch die Moglichkeit, daft jemand, der
oftmals Limonade getrunken hat, nur an Limonade zu denken
braucht, dann fuhlt er auch die sogenannte physiologische Erschei-
nung des Waftrigen im Munde, wie wenn er Limonade tranke. Es
gabe so starke Autosuggestionen.
Das ist alles wohl der Fall, und die Dinge, die der Physiologe,
der Psychologe erkenntnismaftig erreichen kann, miissen eben
durchaus zur Handhabe der notigen Vorsichtsmaftregeln gut be-
kannt sein, gerade praktisch gut bekannt sein dem, der auf einem
richtigen Wege, wie ich ihn hier schildern will, auf einem wahren
Wege in die geistige Welt hineinkommt. Ich kann demjenigen, der
glaubt, er konne selbst Limonade verschlingen durch Autosugge-
stion, wenn er gar keine Limonade hat, erwidern: Das kann man ja;
aber man soil mir den herbeifiihren, der sich schon durch eine
solche vorgestellte, autosuggerierte Limonade den wirklichen
Durst geloscht hat! Da beginnt eben der Unterschied, ob etwas nur
in der passiven Vorstellung vorhanden ist oder ob etwas in dem
Menschen als Erlebnis entsteht. Durch den Gesamtzusammenhang
mit der realen Welt erreichen wir es, dafi wir rein geistig, spirituell,
durch eine Aktivierung des Denkens in einer Weise in der Welt
drinnenstehen, dafi das Denken fur uns wird wie zum Tasten.
Dann tasten wir natiirlich nicht den Tisch oder den Stuhl, sondern
dann lernen wir eben, innerhalb der geistigen Welt zu tasten, sie zu
beriihren, mit der geistigen Welt in reale Beziehung zu kommen.
Und wir lernen gerade auf diese Weise durch das Aktivieren den
Unterschied kennen zwischen mystisch-phantasierter Autosugge-
stion und dem Erleben der geistigen Wirklichkeit.
Diese Einwande kommen also alle nur davon, dafi man noch
nicht wirklich hineingeschaut hat in die Art und Weise, wie die
moderne Initiationswissenschaft ihren Weg schildert, sondern nur
von aufien urteilt, nachdem man gerade die Namen einer Sache
hochstens gehort hat, oder ganz aufierlich, oberflachlich Kenntnis
von den Dingen genommen hat. Derjenige, der in der geschilderten
Weise hineinkommt in die geistige Welt, zu einem Beriihren, Ta-
sten der geistigen Welt, der weift zu unterscheiden, ob er sich nach-
traglich blofi vorstellt dasjenige, was er erlebt hat durch sein akti-
viertes Denken, oder ob er durch dieses aktivierte Denken wirklich
wahrnimmt. Man kann ja auch im gewohnlichen Leben dasjenige
unterscheiden, was man erlebt, wenn man ungeschickterweise mit
dem Finger in die Flamme greift, oder wenn man sich hinterher
vorstellt: Da ist die Flamme, ich greife mit dem Finger hinein. Das
ist ein lebendiger Unterschied, das eine tut wirklich weh, das ande-
re stellt bloft den Schmerz vor. Und diesen Unterschied erlebt man
auf einem hoheren Gebiete zwischen demjenigen, was blofi vorge-
stellt ist von den hoheren Welten, und demjenigen, was drinnen
erlebt ist.
Nun, das erste, was man erlebt auf diese Weise, ist eben die
wahre Selbsterkenntnis des Menschen. Denn so, wie fur die Augen-
blickserkenntnis im Leben vor uns stehen der Tisch, die Stiihle, die
ganze Halle hier in ihrer Schonheit, die nicht gehende Uhr und so
weiter, wie das alles im aufieren Raumesleben vor uns stent, eine
Augenblickswahmehmung gibt, so riickt sich vor das real geworde-
ne Denken, vor das aktivierte Denken die zeitliche Welt, und zwar
zunachst die zeitliche Welt des eigenen menschlichen Selbst. Das-
jenige, was man erlebt hat, und was sonst bloft im Erinnerungsbilde
als einem Vorstellungsbilde heraufgeholt werden kann ins Bewufit-
sein, das stellt sich einem wie ein gegenwartiges Tableau hin, in
dem das langst Vergangene gegenwartig ist. Das wird ja auch ge-
schildert von Leuten, die einen Schock bekommen haben durch die
Lebensgefahr, in der sie gestanden haben beim Ertrinken und so
weiter, und es wird auch heute schon konstatiert von ganz materia-
hstisch denkenden Menschen - ich setze das immer dazu -, dafi die
Betreffenden in Lebensgefahr Befindlichen ein Tableau ihres eige-
nen Erdenlebens seelisch vor sich haben. Das riickt sich in der Tat
vor den, der in dieser Weise sein Denken aktiviert hat, wie auf
einmal vorhanden, als Tableau vor die Seele von dem Zeitpunkte
an, von dem an man denken gelernt hat im Erdenleben, bis zu dem
gegenwartigen Zeitpunkte. Die Zeit wird zum Raume. Was vergan-
gen ist, wird gegenwartig. Ein Bild steht da. Das Charakteristische,
uber das ich morgen noch naher werde sprechen miissen, das ist,
daft man nun zwar, weil die Sache bildahnlich ist, noch eine Art
Raumgefuhl hat, aber nur ein Raumgefuhl. Denn diesem Raum,
den man jetzt erlebt, dem fehlt die dritte Dimension. Man erlebt
nirgends jetzt eine dritte Dimension, sondern iiberall den Raum
nur in zwei Dimensionen; so daft man bildhaft erkennt. Deshalb
nenne ich diese Erkenntnis auch die imaginative Erkenntnis; die
Erkenntnis, die so, wie die Malerei, in zwei Dimensionen arbeket,
die eben eine Bild-Erkenntnis zunachst ist, eine in zwei Dimensio-
nen sich darstellende Erkenntnis.
Sie konnen die Frage aufwerfen: Wenn ich dastehe und in zwei
Dimensionen erlebe, wie ist es denn, wenn ich vorwartsschreite
und wieder in zwei Dimensionen erlebe?
Dazwischen ist eben kein Unterschied. Die dritte Dimension
fallt als Erlebnis vollstandig aus. Ich werde bei spaterem Anlafi
davon zu sprechen haben, wie in unserer Zeit, weil man kein Be-
wufttsein mehr hat von diesen Dingen, die Menschen die vierte
Dimension suchen, um in das Geistige hineinzukommen. Die
Wahrheit ist, daft, sobald man vom Physischen ins Geistige vor-
schreitet, nicht eine vierte Dimension entsteht, sondern die dritte
Dimension wegfallt. Und man mufi tatsachlich einmal sich einleben
auf diesem Gebiete in die Realitat, so wie man sich ja auch in bezug
auf anderes in die Realitat eingelebt hat. Wie die Leute einmal
geglaubt haben, daft die Erde eine Scheibe ist, und man da an ir-
gend etwas kommt, was unbestimmt verlauft, wo die Welt mit
Brettern verschlagen ist, also an das Ende gekommen ist, und wie
es ein Fortschritt war, als man wuftte, man kommt wiederum zum
Ausgangspunkte zuruck, wenn man die Erde umsegelt, so wird es
ein Fortschritt sein in dem inneren Erfassen der Welt, wenn man
wissen wird: Man setzt nicht erste, zweite, dritte Dimension in die
vierte Dimension fort, wenn man in das Geistige geht, sondern
kehrt wiederum zu der zweiten zuruck. Und wir werden sehen,
wie man zu der ersten sogar wieder zuriickkehrt. Das ist die Wahr-
heit. Es zeigt sich in der aufteren Weltbetrachtung unserer Zeit, daft
man in ganz aufterlicher Weise, ich mochte sagen, wie zahlend nur
vorgeht: Erste Dimension, zweite Dimension, dritte Dimension -
es muft auch eine vierte Dimension geben. Nein, man kehrt zur
zweiten Dimension zuruck, die dritte hebt sich auf, und man erhalt
eine wirkliche imaginative Erkenntnis, die zuerst vorhanden ist im
eigenen Selbst wie in einem Lebenstableau, so daft man wie iiber-
schaut im gegenwartigen Augenblicke in gewaltigen Bildern - ich
werde dariiber noch genauer sprechen - dasjenige, was man im
Erdenleben durchgemacht hat, wie man von innen heraus dieses
Erdenleben durchgemacht hat.
Es ist noch ein betrachtlicher Unterschied gegeniiber den bloften
Erinnerungen. Die bloften Erinnerungsbilder, die treten so auf, daft
man das Gefiihl hat, in der Erinnerung lebt dasjenige hauptsach-
lich, was von auften an Vorstellungen der Welt herangekommen ist,
was man erfahren hat an Lust, Schmerz, was einem die anderen
Menschen getan haben, wie die anderen Menschen an einen heran-
getreten sind. Das erlebt man vorzugsweise in der blofi vorstel-
lungsmafiigen Erinnerung. In diesem Tableau, von dem ich spre-
che, erlebt man anders. In der blofien Erinnerung - sagen wir, man
ist vor zehn Jahren einem Menschen begegnet - erlebt man, wie der
Mensch an einen herankommt, was er einem tut, Gutes, Boses und
dergleichen. In diesem Lebenstableau aber erlebt man, wie man
selbst den ersten Blick nach diesem Menschen gerichtet hat, was
man getan hat, wie man erlebt hat, um seine Liebe zu erwerben,
was man empfunden hat. Man empfindet also dasjenige in diesem
Lebenstableau, was von innen nach aufien sich entwickelt, wahrend
die blofte Erinnerung das gibt, was von auften nach innen sich
entwickelt.
Man kann also sagen, da£ in diesem Lebenstableau etwas wie ein
Erlebnis ist in unmittelbarer Gegenwart, bei dem nicht eines nach
dem andern sich stellt, wie in der Erinnerung, sondern eines neben
das andere im zweidimensionalen Raume. Man kann dieses Lebens-
tableau sehr wohl vom blofien Erinnerungstableau unterscheiden.
Nun dasjenige, was man dabei erreicht, das ist, dafi man die
innere Aktivitat, das aktive Erleben der eigenen Personlichkeit ge-
steigert hat. Das ist das Wesentliche daran. Man lebt intensiver,
man entwickelt intensiver die Krafte, die aus der eigenen Person-
lichkeit ausstrahlen. Man mufi, wenn man dies erlebt hat, nun zu
einem weiteren Schritte aufsteigen. Den tut eigentlich keiner gern.
Und zu diesem weiteren Schritte gehort dasjenige, was man eigent-
lich nennen kann die denkbar starkste innere Uberwindung. Denn
dasjenige, was man in dem Erleben dieses Tableaus hat, was man in
diesen Bildern hat, in denen sich einem das Erleben vor die Seele
stellt, das ist selbst fur diejenigen Dinge, die schmerzlich waren, als
sie wirklich erlebt wurden in der Vergangenheit, ein subjektives
Glucksgefuhl. Dasjenige, was verbunden ist mit dieser imaginativen
Erkenntnis, ist ein ungeheuer starkes subjektives Glucksgefuhl.
Aus diesem subjektiven Glucksgefuhl sind alle diejenigen reli-
giosen Ideale und Schilderungen hervorgegangen, die, wie zum
Beispiel die Schilderungen des Mohammedanismus, das Leben au-
fier dem Erdenleben sich in gliickbringenden Bildern vorstellen.
Das ist aus dem Erlebnis dieses Gliicksgefuhls in der Imagination
hervorgegangen.
Dieses Gliicksgefiihl mull man, wenn man den nachsten Schritt
machen mufi, zunachst vergessen. Denn jetzt ist notwendig, daft
man, nachdem man zuerst willkurlich, wie ich es geschildert habe,
durch Meditation, Konzentration des Denkens, dieses Denken ak-
tiviert hat, nachdem man durch dieses aktivierte Denken zu dem
Tableau seines eigenen Lebens aufgestiegen ist - jetzt ist es not-
wendig, daft man alles das aus dem Bewufttsein mit aller Kraft
wiederum ausschaltet.
Nun, das Ausschalten des Bewufitseinsinhaltes geht ja im ge-
wohnlichen Leben manchmal ganz leicht. Diejenigen Menschen,
die Examina machen wollen, die haben ja viel zu klagen iiber das
Ausschalten von Bewufttseinsinhalten, die eigentlich da sein soli-
ten. Und das gewohnliche Schlafen ist ja schliefilich nichts anderes
als das Ausschalten des alltaglichen Bewufttseinsinhaltes. Aber
auch dieses Ausschalten geschieht passiv. Denn derjenige, der zum
Examen geht, wird ganz gewift dasjenige, was er weift, nicht be-
wufk ausschalten. Das geschieht passiv. Das tut der Mensch aus
seiner Schwache, aus seiner schwachen Gegenwartskraft heraus.
Aber gerade nachdem diese Kraft verstarkt worden ist, mufi dieses
Ausschalten fur den nachsten Schritt der iibersinnlichen Erkenntnis
nun geschehen.
Nun tritt es in der Tat sehr leicht ein, daft man dadurch, daft
man alle Seelenkrafte auf einen solchen selbstgewahlten Inhalt kon-
zentriert hat, einen gewissen Hang hat, bei diesem Seeleninhalte zu
bleiben, und dadurch, daft ein Gliicksgefiihl mit diesem Tableau
verkniipft ist, bleibt man gern dabei. Man halt es gem fest. Aber
man mufi jetzt in der Lage sein, dasjenige, was man durch eine Art
Erhohung der Kraft angestrebt hat, wiederum auszuloschen aus
dem Bewufttsein. Es ist das schwieriger eben als das Ausloschen im
gewohnlichen Leben, wie ich angedeutet habe.
Sie werden ja wissen: Wenn man dem Menschen die Sinnesein-
driicke nach und nach entzieht, wenn man den Menschen dazu
bringt, daft er nichts sieht, wenn man den Raum dunkel macht,
wenn man alles still macht, so daft er nichts hort, zuletzt auch die
Tasteindriicke unterdrikkt werden, so schlaft der Mensch ein. Die-
ses leere Bewufttsein, bei dem der Mensch sonst einschlaft, das mufi
willkiirlich herbeigefuhrt werden. Aber der Mensch mull, indem er
alle Bewufttseinseindriicke, auch alle selbstgemachten Bewuftt-
seinseindriicke ausloscht, nur wach sein. Das ist das Bedeutsame:
nur wach sein, die Kraft, die innere Aktivitat haben, nur wach zu
sein, und keine aufteren Eindriicke, keine selbstgemachten Erleb-
nisse mehr zu haben. Das ist die Herstellung des leeren Bewuftt-
seins, aber des vollerlebten leeren Bewufttseins.
Dann, wenn man auf diese Weise dasjenige, was man gerade
durch erhohte Krafte ins Bewufttsein hereingebracht hat, wiederum
ausschaltet, leeres Bewufttsein herstellt, dann bleibt dieses Bewuftt-
sein nicht leer, denn dann tritt die zweite Stufe der Erkenntnis ein,
die man im Gegensatze zu der imaginativen Erkenntnis die inspi-
rierte Erkenntnis nennen kann. Da versetzen wir uns in die Mog-
lichkeit, wenn wir solches leeres Bewufttsein nach solcher Vorbe-
reitung errungen haben, daft sich uns, wie sonst fur das Auge die
sichtbare Welt, [fur das Ohr] die horbare Welt vor uns hinstellt,
daft sich jetzt die geistige Welt vor unsere Seele hinstellt. Jetzt ist
es nicht mehr das eigene Erleben, sondern es ist die auf uns ein-
dringende auftere geistige Welt, die sich nun vor uns hinstellt. Und
wenn wir so stark sind, daft wir nicht nur einzelne Partien, die wir
uns erarbeitet haben, ausschalten, sondern das ganze Lebenstableau
auf einmal ausschalten konnen, so daft wir es kommen lassen
konnen, wieder ausschalten konnen, so daft wir, nachdem wir das
Lebenstableau gehabt haben, leeres Bewufttsein herstellen, nur wa-
chen - dann tritt wiederum als erstes in dieses leere Bewufttsein
herein das vorirdische Leben, das der Mensch zugebracht hat, be-
vor er durch die Empfangnis in einen irdischen Leib herunterge-
stiegen ist. Dies ist die erste wirkliche iibersinnliche Erfahrung, die
man macht nach Herstellung des leeren Bewufttseins: das eigene
vorirdische Leben anzuschauen. Von diesem Momente an kennt
man die Unsterblichkeit des Menschen von einer Seite her, die
heute gar nicht betont wird. Heute spricht man immer nur von der
Unsterblichkeit. Da lernt man gar nicht die Wirklichkeit kennen.
Unsterblichkeit ist die Verneinung des Todes. Gewifi, die ist so
wahr wie die andere Seite - wir werden dariiber viel zu sprechen
haben -, aber dasjenige, was man durch die Erkenntnis zuerst ken-
nenlernt auf dem Wege, den ich nur skizzieren konnte, das ist nicht
die Unsterblichkeit, die Negation des Todes, sondern die Ungebo-
renheit, die Negation der Geburt. Das Ungeborene ist dem Men-
schen ebenso wesenhaft wie die Unsterblichkeit. Und wenn man
einmal wiederum verstehen wird, da£ die Ewigkeit diese zwei Sei-
ten hat, die Unsterblichkeit und die Ungeborenheit, dann wird man
erst erkenntnismaftig wiederum eindringen konnen in das Dauern-
de, in das wahrhaft Ewige im Menschen.
Die neueren Sprachen haben alle das Wort Unsterblichkeit
noch; aber das Wort Ungeborenheit, das die alteren Sprachen wohl
gehabt haben, haben sie verloren. Zuerst hat man verloren die eine
Seite der Ewigkeit, die Ungeborenheit, und jetzt, im materialisti-
schen Zeitalter, ist der Erkenntnis des Menschen der tragische
Augenblick vorgesetzt, in dem man verlieren kann auch die Un-
sterblichkeit, indem man iiberhaupt nichts mehr wissen will im
Gebiete der rein materialistischen Weltanschauung von demjeni-
gen, was als Geistiges, als Spirituelles im Menschen lebt.
Ich konnte Ihnen heute nur die allerersten Schritte, und diese
nur skizzenhaft, anfuhren von dem Wege hinein in die iibersinn-
lichen Welten. Wir werden weiteres zu charakterisieren haben in
den nachsten Tagen und dann aufriicken zu demjenigen, was eben
auf diesem Wege erkannt werden kann iiber den Menschen und die
Welt in Gegenwart, Vergangenheit und demjenigen, was ihm not-
wendig ist zu wissen auch fur das Kunftige.
ZWEITER VORTRAG
Penmaenmawr, 20. August 1923
Inspiration und Intuition
Stellen wir uns noch einmal vor die Seele, wohin die neuere Initia-
tion fiihrt, nachdem die ersten Schritte zur imaginativen Erkenntnis
einen Erfolg gehabt haben. Der Mensch kommt dazu, daft seine
vorhergehende, abstrakte, rein ideelle Gedankenwelt von einer in-
nerlichen Lebendigkeit durchzogen wird. Dadurch stehen vor ihm
nicht mehr die unlebendigen Gedanken, die im passiven Erkennen
erworben werden, sondern eine innere lebendige Kraftwelt, welche
er so fiihlt, wie er sonst sich durchpulst fiihlt von seinem Blute
oder durchstromt von seinem Atem. Es handelt sich also darum,
daft das ideelle Element des Denkens iibergeht in ein reales, das
innerlich erlebt wird. Dann sind auch jene Bilder, die vorher die
Gedanken waren, nicht mehr abstrakt, nicht mehr schattenhaft,
nicht mehr blofte Projektion der Auftenwelt, sondern sie sind in-
nerlich erfullt von lebendigem Dasein. Sie sind wirkliche Imagina-
tionen, die man, wie ich schon gestern angedeutet habe, zwei-
dimensional erlebt, aber nicht so erlebt, wie wenn man etwa vor
einem in der physischen Welt gemalten Bilde stiinde - wer so er-
lebt, erlebt Visionen, nicht Imaginationen -, sondern man erlebt so,
als ob man mit seinem eigenen Wesen, das nun auch die dritte
Dimension verloren hat, in dem Bild selbst drinnen sich bewegte.
Man sieht also dasjenige, was man da erlebt, nicht etwa so, wie man
in der physischen Welt sieht. Alles, was sich noch so zeigt wie in
der physischen Welt, ist eben Vision. Wirkliche hohere Erkenntnis
ist erst da, wenn die Imagination so erlebt wird, daft man zum
Beispiel in ihr Farben nicht mehr so schaut, wie man in der phy-
sischen Welt Farben schaut, sondern daft man die Farben erlebt.
Wie erlebt man die Farben? Nun, wenn Sie in der physischen Welt
Farben wahrnehmen, so haben Sie ja auch bei den verschiedenen
Farben verschiedene Erlebnisse. Sie nehmen das Rot wahr wie
etwas, was Sie attackiert, was auf Sie losspringen will. Der Stier
wehrt sich dagegen, gegen dieses auf ihn losspringende Rot, das er
viel starker erlebt als der Mensch, bei dem alles abgeschwacht ist.
Wenn Sie das Grim erleben, haben Sie in sich etwas wie eine
Gleichmafiigkeit, ein keinen Schmerz, aber auch keine besondere
Lust bereitendes Erlebnis. Wenn Sie Blau erleben, haben Sie die
Empfindung der Hingabe, der Demut. Nun kann man sich recht
durchdringen mit diesen verschiedenen Erlebnissen, die man in der
physischen Welt an den Farben hat, und man kann dann wieder
erkennen, wenn einem in der geistigen Welt etwas so attackierend
entgegenkommt, wie das Rot in der physischen Welt attackierend
ist, dafi dies entspricht der roten Farbe. Wenn einem etwas entge-
genkommt, demgegenuber man in die Stimmung der Demut
kommt, so ist das dasselbe Erlebnis wie in der physischen Welt das
Erlebnis der blauen oder blauvioletten Farbe, und man kann dann
in abgekiirzter Redeweise sagen, man habe Rot, man habe Blau in
der geistigen Welt erlebt. Sonst miifite man immer, wenn man ge-
nau sprechen wollte, sagen, man habe so etwas erlebt, wie man
erlebt, wenn man in der physischen Welt Rot schaut, oder in der
physischen Welt Blau schaut. Damit man diese fortwahrende lange
Ausdrucksweise nicht habe, kiirzt man sie ab und spricht davon,
dafi man ein aurisches Sehen hat, ein aurisches Schauen, das sich
differenziert nach Rot, Grim, Blau und so weiter.
Aber dabei ist durchaus zu beobachten, dafi dieses Ubertreten in
das Ubersinnliche, dieses Abstreifen alles Sinnlichen und doch
konkrete Erleben immer da ist. Und eben in diesem konkreten
Erleben fiihlt man dasjenige, was ich gestern geschildert habe, wie
wenn das Denken ein den ganzen menschlichen Organismus aus-
fullendes Tastorgan wird, so daft man geistig sich fiihlt wie ab-
tastend eine neu auftretende Welt, die eigentlich jetzt noch nicht
die wirkliche Geisteswelt ist, sondern die das ist, was ich nennen
mochte die Bildekraftewelt oder die Atherwelt. Wer den Ather
wirklich kennenlernen will, mufi ihn in dieser Art erfassen. Alles
Spekulieren iiber den Ather, alles begriffliche Nachdenken fiihrt
nicht zur wirklichen Erkenntnis des Athers. In diesem, man moch-
te sagen, verwirklichten Denken lebt man nun selber mit seinem
eigenen Bildekrafte oder Atherleib. Aber man lebt auf eine andere
Art, als man bisher in der physischen Welt gelebt hat. Die Art, wie
man darinnen lebt in dieser atherischen Welt, ich mochte es durch
einen Vergleich sagen.
Wenn Sie einen Finger an Ihrem Organismus betrachten, so ist
er ein lebendiges Glied an diesem Organismus. Schneiden Sie ihn
ab, so ist er nicht mehr, was er vorher war. Er stirbt ab, er lebt
nicht mehr. Und hatte der Finger ein Bewulksein, dann wiirde er
sich sagen: Ich bin nur etwas am Organismus, ich habe kein selb-
standiges Wesen. So aber mufi man sagen in dem Augenblicke, wo
man in imaginativer Erkenntnis in der atherischen Welt drinnen-
steht. Da fiihlt man sich nicht mehr als ein abgetrenntes, individua-
lisiertes Wesen, sondern als ein Glied der ganzen atherischen Welt,
des ganzen atherischen Kosmos, und man weiE nachher, daft man
zur Individuality, zur Personlichkeit nur dadurch gemacht worden
ist, daft man einen physischen Leib an sich hat. Der physische Leib
individualisiert. Der physische Leib ist dasjenige, was einen zu
einem abgesonderten Wesen macht.
Wir werden schon sehen, daft wir auch in der geistigen Welt
individualisiert werden konnen, aber davon spater. Steigt man, so
wie ich es beschrieben habe, zunachst in die geistige Welt hinauf,
so muft man sich durchaus fiihlen als ein Glied innerhalb des athe-
rischen Kosmos. Und wiirde man in bezug auf den Atherleib je-
mals abgeschnitten von dem kosmischen Ather, so wiirde man
atherisch absterben. Das ist sehr wichtig zu erfassen, damit wir
dann gut verstehen konnen, was iiber den Durchgang des Men-
schen durch die Pforte des Todes gesagt werden mufi, was aber
spater kommt.
Nun ist begleitet - ich deutete das auch schon gestern an - dieses
bildhafte Erleben, das zum Lebenstableau wird iiber das ganze
Leben hin, das wir von der Geburt bis zum gegenwartigen Augen-
blicke im Erdendasein verbracht haben, es ist begleitet dieses ganze
Erleben im Atherischen von einem aufterordentlich starken Gliicks-
gefiihl. Das ist zunachst das erste, und zwar dem Menschen aufter-
ordentlich wohlgefallige hohere Erlebnis, dieses Durchstromen der
ganzen Bilderwelt mit einem innerlich erfalken Gliicksgefiihl.
Dann muft man, wie ich schon gestern angedeutet habe, was
man in dieser Weise sich errungen hat an Imagination, an eigenem
Lebenstableau, wiederum aus dem Bewulksein willkurlich ver-
schwinden lassen konnen. Man muft das Bewulksein leer werden
lassen konnen. Und erst, wenn man das Bewufksein leer hat, dann
versteht man, wie sich die Dinge in der geistigen Welt eigentlich
verhalten. Denn dann weifi man: Alles, was man vorher gesehen
hat, war noch nicht die geistige Welt, war blofi ein imaginatives
Tableau der geistigen Welt. Jetzt erst, wenn man angekommen ist
auf der Stufe, wo das Bewufitsein leer geworden ist, jetzt erst
stromt, wie die physische Welt durch die Sinne, so die geistige Welt
durch das tastende Denken in uns ein. Wir beginnen jetzt erst, ein
wirkliches Erlebnis, eine wirkliche Erfahrung der geistigen Welt zu
gewinnen, der geistigen Aufienwelt. In unserem Lebenstableau
hatten wir ja auch nur unsere Innenwelt. Die imaginative Erkennt-
nis gibt nur die Innenwelt, die sich aber vor der hoheren Erkennt-
nis als eine Bilderwelt charakterisiert. Und sie gibt die Bilder des
Kosmos. Der Kosmos selber und unsere eigene wahre Wesenheit,
wie sie vor der Geburt, vor dem irdischen Dasein war, die treten
erst in der Inspiration auf, wenn die geistige Welt von auften in uns
einstromt. Wenn wir aber zu dieser Herstellung des leeren Be-
wulkseins kommen, dann ist unsere Seele erfiillt vom blofien
Wachsein zunachst, und wir miissen in diesem blofien Wachsein zu
einer gewissen inneren Stille, Ruhe kommen konnen. Diese Ruhe
kann ich nur in der folgenden Art charakterisieren.
Denken wir uns, wir waren in einer ganz gerauschvollen Stadt.
Wir horen um uns herum das Gebrause dieser Stadt. Es ist schreck-
lich, sagen wir uns, wenn es uns umtont und umsaust von alien Sei-
ten. Denken wir uns in eine so recht moderne GroEstadt, London
zum Beispiel. Aber denken wir jetzt, wir verlassen die Stadt. Und
indem wir Schritt fur Schritt weitergehen aus der Stadt hinaus, wird
es immer stiller und stiller. Denken wir uns recht hinein in dieses
Abnehmen des Horbaren. Es wird immer stiller und stiller. Endlich
kommen wir, sagen wir, in einen Waid, wo alles ganz still ist, wo
wir gar nichts mehr hdren, wo alles schweigt urn uns. Wir sind da
gewissermaften angekommen beim Nullpunkt des Horbaren.
Nun kann aber die Sache noch weitergehen. Und da darf ich
einen trivialen Vergleich gebrauchen, um Ihnen das Weitergehen zu
zeigen. Denken wir uns, wir haben in unserer Brieftasche Geld.
Wir geben von Tag zu Tag immer mehr aus; das Geld wird immer
weniger und weniger, wie die Horbarkeit immer weniger und
weniger wird, wenn wir von der Stadt weggehen. Und endlich
kommt der Tag, wenn wir nichts einnehmen, wo wir gar nichts
mehr drinnen haben in der Brieftasche. Wir vergleichen diese Null
mit der Stille. Aber was tun wir jetzt, wenn wir auch noch weiter
essen wollen? Wir machen Schulden. Ich will das zwar nicht gerade
anraten, aber ich meine es vergleichsweise. Wieviel haben wir dann
in unserem Portemonnaie ? Weniger als Null. Und je mehr Schul-
den wir machen, desto weniger und weniger als Null haben wir.
Nun stellen wir uns vor, dasselbe trate fur die Stille ein. Es ware
nicht nur absolute Ruhe, der Nullpunkt der Stille da, sondern es
ginge weiter, es ware das Negative vom Horen da, stiller als still,
schweigsamer als schweigsam; das trate ein. Das mufi in der Tat
eintreten, wenn wir durch eine, so wie gestern geschildert, ver-
scharfte Kraft zur Herstellung dieser inneren Ruhe und Schweig-
samkeit kommen. Dann aber, wenn wir zu dieser inneren negativen
Horbarkeit kommen, zu dieser Ruhe, die grower ist als die Ruhe
Null, dann sind wir so in der geistigen Welt drinnen, daft wir sie
nicht bloft schauen, sondern daft sie auch zu uns tont. Dann erhoht
sich das vorher Geschaute durch das Tonende zu einer mehr leben-
digen Welt. Dann stehen wir in der wirklichen geistigen Welt
darinnen. Dann sind wir gewissermaften an das andere Ufer des
Daseins gegangen fur die Augenblicke, in denen wir driiben sind.
Jenseits dieses Ufers verschwindet die gewohnliche Sinneswelt, wir
befinden uns in der geistigen Welt. Wir miissen allerdings, wie ich
spater ausfiihren werde, ordentlich vorbereitet sein, dafi wir jeder-
zeit wiederum zuriickkehren konnen. Aber es tritt noch etwas ein.
Es tritt eine Erfahrung ein, die der Mensch vorher niemals hat
machen konnen. Dasjenige, was ich geschildert habe als ein inner-
lich ganz erlebtes, umfassendes, ich mochte sagen, kosmisches
Gliicksgefiihl, das verwandelt sich in diesem Augenblicke, wo wir
das leere Bewufitsein mit der Ruhe herstellen, in einen ebenso
umfassenden seelischen Schmerz, in ein ebenso umfassendes seeli-
sches Leid. Und wir machen die Erfahrung, dafi die Welt aufgebaut
ist auf Grundlage des kosmischen Schmerzes, beziehungsweise ei-
nes kosmischen Elementes, das vom Menschen nur im Schmerz
erlebt werden kann. Und wir lernen durchdringend jene Wahrheit
kennen, die so gern mifiachtet wird von der nur nach aufierem
Gliick suchenden Menschheit, wir lernen die Wahrheit kennen, daft
alles Dasein zuletzt aus dem Schmerze geboren sein mufi. Und man
darf, wenn man in dieser Art bis zu dem kosmischen Schmerz-
erlebnis eingedrungen ist in die Initiations-Erkenntnis, das Fol-
gende aus wirklichem innerem Wissen heraus sagen:
Wir betrachten unser Auge. Dieses Auge, das uns in der physi-
schen Welt die Herrlichkeit dieser Welt offenbart, das fur uns be-
deutet, daft wir iiberhaupt neun Zehntel unseres Lebensinhaltes
bekommen fur das physische Dasein zwischen der Geburt und
dem Tode, dieses Auge ist hineingelagert in eine Korpervertiefung,
die urspriinglich in ihrem Werden eine Verwundung des Korpers
in Wirklichkeit darstellt. Dasjenige, was heute nur entstehen kann,
wenn man den Korper verwundend aushohlt, das hat die Hohlun-
gen gebracht. Die aufiere Entwickelungsgeschichte stellt sich das
viel zu neutral, viel zu gleichgiiltig vor. Dasjenige, was zu den
Augenhohlen gefiihrt hat, in die dann hineingedrangt worden ist
von aufien - das zeigt auch schon die physische Entwickelungsge-
schichte - der Augapfel, die Augenhohlung, sie ist entstanden in
der Zeit, als der Mensch noch ein unbewufkes Wesen war, aus
einem solchen Geschehen, das, wenn es ins Bewufitsein herauf-
gehoben wiirde, eine schmerzliche Verwundung des Organismus
bedeutet hatte. So aber ist der ganze menschliche Organismus her-
ausgeboren aus einem Elemente, das, wenn es erlebt wiirde mit
dem Bewufksein, das der Mensch heute hat, als Schmerzerlebnis da
ware. Und man empfindet gerade tief auf dieser Stufe der Erkennt-
nis, wie alles Gliick, alle Lust, alle Seligkeit in der Welt hervorgeht
aus dem Boden des Schmerzelementes, wie die Pflanze aus dem
Erdboden, der eigentlich immer Schmerz bedeutet, hervorgeht.
Wiirden wir als Menschen in einem Augenblicke verwandelt
werden konnen in die Substanz des Erdbodens und unser Bewuftt-
sein behalten, so wiirde das eine unendliche Steigerung unserer
Schmerzgefiihle zur Folge haben. Oberflachlinge sagen, indem man
ihnen diese Tatsache, die sich aus der geistigen Welt heraus offen-
bart, kundgibt: Aber ich habe mir die Gottheit anders vorgestellt;
ich habe gedacht, daft die Gottheit so machtig sei, daft sie alles aus
dem Ghicke hervorgehen lassen kann, wie wir Menschen es haben
wollen. Solche Menschen gleichen eben dem Konig von Spanien,
dem man ein plastisches Bild des Weltenalls, des Sternenganges
einmal vor Augen gestellt hat, der sich ungeheuer anstrengen muft-
te, um zu begreifen, wie diese Bewegungen geschehen, wie das alles
ist, und der es zuletzt doch nicht begriffen hat und dann gesagt
hat: Hatte es Gott mir iiberlassen, so hatte ich die Welt einfacher
gemacht!
Nun, das ist im Grunde genommen das Erkenntnis- und Religi-
onsgefiihl vieler Menschen: hatte ihnen die Gottheit die Welt zu
erschaffen iiberlassen, sie hatten diese Welt einfacher gemacht.
Aber diese Menschen wissen eben nicht, wie naiv sie sprechen.
Und eine wirkliche Initiationswissenschaft kann nicht zu demjeni-
gen bloft fiihren, was die Menschen gliicklich macht, sondern sie
muft die Menschen dazu fiihren, ihr Wesen und ihre Bestimmung
im Hervorgange aus der Welt in Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft wirklich zu begreifen. Da braucht man geistige Tatsachen
statt eines bloften Inhaltes, der einem von vornherein gefallt. Aber
man wird zuletzt auch - das sollen auch diese Vortrage darstellen
- gerade durch das Erlebnis dieser Tatsachen, auch nur durch das
begriffliche Erkennen dieser Tatsachen, ein gutes Snick innerer
Befriedigung auch fur das Erdenleben aufnehmen konnen. Ja, man
wird dasjenige aufnehmen konnen, was der Mensch braucht fur das
Erdenleben, um ein ganzer Mensch zu sein, wie er seine einzelnen
physischen Glieder braucht, um ein ganzer Mensch zu sein.
Diejenige Welt, die man in dieser Art betritt, wenn man tiber die
Imagination hinausgekommen ist in die Stille des Daseins, aus der
heraus scheinend in Farben, wie ich es angedeutet habe, aus der
heraus tonend sich die geistige Welt kundgibt, diese Welt ist eine
wesentlich andere als diejenige, die wir mit den Sinnen wahrneh-
men. Und man bemerkt, wenn man mit dieser Welt mitlebt - und
mitleben mufi man mit der geistigen Welt, wenn sie fur einen vor-
handen sein soil -, man bemerkt, da£ alle sinnlich-physischen Din-
ge und alle sinnlich-physischen Vorgange aus dieser geistigen Welt
in Wirklichkeit hervorgegangen sind. So dafi der Mensch als Erden-
mensch eigentlich nur eine Halfte der Welt sieht; die andere ver-
birgt sich ihm, bleibt okkult. Und sie offenbart sich, ich mochte
sagen, aus alien Spalten; und aus allem Geschehen der physisch-
sinnlichen Welt heraus west Geistiges, zunachst in den Bildern der
Imagination, dann in demjenigen, was sie selber schopferisch geben
kann, in der Inspiration. In dieser Welt der Inspiration kann man
heimisch werden. Man findet in ihr dann eben die Urspriinge aller
Erdendinge, aller Erdenschopfungen. Man findet in ihr, wie ich
schon angedeutet habe, das eigene vorirdische Dasein. Ich habe -
auf Namen kommt es nicht an, man braucht eine Terminologie -
nach dem Gebrauch, den man in alterer Zeit gehabt hat, diese Welt,
die also jenseits der imaginativen liegt, die astralische genannt. Und
dasjenige, was man selber aus dieser Welt an sich tragt, was man
schon mitgebracht hat in den physischen und in den atherischen
Leib herein, das kann man dementsprechend den astralischen Leib
des Menschen nennen. In diesen ist erst eingeschlossen gewisserma-
fien die eigentliche Ich-Organisation. So dafi sich der Mensch fur
eine hdhere Erkenntnis als ein viergliedriges Wesen erweist, beste-
hend aus seinem physischen Leib, seinem Ather- oder Bildekrafte-
leib, seinem astralischen Leib und seiner Ich-Organisation. Zu die-
ser Ich-Organisation riickt man aber nur auf durch einen weiteren
Schritt in iibersinnlicher Erkenntnis, durch denjenigen Schritt, den
ich in meinen Buchern, namentlich in dem Buche «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?» - das ins Englische unter dem
Titel «Initiation» iibersetzt ist - genannt habe die Intuition.
Man kann sehr leicht den Ausdruck Intuition miftverstehen,
weil zum Beispiel derjenige, der Phantasie hat, der dichterisches
Vermogen hat, die gefiihlsmafiigen Empfindungen von der Welt,
die er hat, auch schon Intuition nennt. Aber das ist eine dunkle,
blofi gefiihlte Intuition. Sie ist aber doch verwandt mit demjenigen,
was ich Intuition hier nenne. Denn wie der Mensch vollstandig hier
als Erdenmensch seine sinnliche Wahrnehmung hat, so hat er einen
Abglanz der hochsten Art der Erkenntnis der Intuition durch das
irdische Gefiihl und den irdischen Willen. Er wtirde sonst kein
sittliches Wesen sein konnen. So daft dasjenige, was sich dunkel,
ahnungsvoll fur den Menschen im Gewissen kundgibt, ein Abglanz
ist, gewissermafien ein Schattenbild des Hochsten, das nun erst in
der wahren Intuition, in der hochsten dem Menschen zunachst als
Erdenmenschen moglichen Erkenntnisart erscheint.
Der Mensch hat wirklich als Erdenmensch etwas von dem Un-
tersten, und wiederum ein Schattenbild des Obersten, das erst in
der Intuition erreichbar ist. Gerade die mittleren Gebiete fehlen
ihm zunachst vollstandig als Erdenmenschen. Die mull er sich er-
werben: Imagination und Inspiration. Die Intuition in der reinen,
lichtvollen Innerlichkeit mufi er sich auch erwerben; aber er hat
gerade in der sittlichen Empfindung, im Inhalt des sittlichen
Gewissens ein irdisches Abbild desjenigen, was dann als Intuition
auftritt. So daft man auch sagen kann: Wenn der Mensch als ein
Initiierter, Erkennender zu einem wirklichen intuitiven Erkennen
der Welt aufsteigt, so wird ihm die Welt, die er sonst nur in Na-
turgesetzen kennt, so innerlich, so mit ihm verbunden, wie fur ihn
als Erdenmenschen sonst nur die sittliche Welt ist. Und das ist
gerade das Bedeutsame in der Menschenwesenheit auf Erden, daft
wir wie mit einem innersten dunklen Erahnen hangen an dem
Allerhochsten, was wiederum nur der entwickelten Erkenntnis in
seiner wahren Gestalt zuganglich ist.
Der dritte Schritt des hoheren Erkennens, der notwendig ist, um
in die Region der Intuition zu kommen, der kann nur durch die
hochste Ausbildung einer inneren Fahigkeit erlangt werden, die
man in der heutigen materialistischen Zeit iiberhaupt nicht zu den
Erkenntniskraften rechnet. Nur durch die hochste Ausbildung und
Vergeistigung der Liebefahigkeit kann dasjenige errungen werden,
was in Intuition sich offenbart. Es raufi dem Menschen moglich
werden, die Liebefahigkeit zu einer Erkenntniskraft zu machen.
Wir bereiten uns schon gut auf diese vergeistigte Liebefahigkeit
vor, wenn wir uns in einer gewissen Weise losreifien von unserem
Hangen an den aufSeren Dingen, wenn wir zum Beispiel zur regel-
maftigen Ubung machen, die Dinge, die wir erlebt haben, nicht in
der Erlebnisfolge vorzustellen, sondern riickwarts verlaufend.
Wir sind ja mit unserem passiven Denken ganz - ich mochte
sagen wie Menschensklaven - hingegeben an die Ereignisse der
Welt. Ich habe schon gestern gesagt: Wir denken auch im Gedan-
kenbilden das Friihere friiher, das Spatere spater. Wenn wir ein
Drama auf der Biihne ablaufen sehen, dann hat es zuerst den ersten
Akt, den zweiten, dritten, vierten, fiinften Akt. Wenn wir uns aber
dazu aufschwingen konnen, ganz am Ende anzufangen mit dem
Vorstellen, dann dasjenige, was unmittelbar friiher war, dann das-
jenige, was im Anfange des fiinften Aktes ist, dann zuriickgehen
zum vierten Akt, dann zuriickgehen zum dritten, zum zweiten,
zum ersten Akt, dann reiften wir uns ganz los von dem Verlauf,
den die Welt auflerlich hat. Wir stellen riickwarts vor. So verlauft
die Welt nicht. Wir miissen eine bedeutende, rein aus dem Innern
herausgeholte Kraftanstrengung vollbringen, um rein riickwarts
vorzustellen. Dadurch reifien wir die innere Tatigkeit unserer Seele
los von dem Gangelbande, an dem wir sonst fortwahrend gezogen
werden, und dadurch bringen wir dieses innere geistig-seelische
Erleben allmahlich bis zu jenem Punkt, wo sich das Geistig-
Seelische wirklich losreiEt vom Korperlichen und auch vom
Atherischen.
Vorbereiten kann sich gut der Mensch zu einem solchen Losrei-
£en, wenn er in der Lage ist, jeden Abend seine Tageserlebnisse
riickwarts vorzustellen, dasjenige zuerst vorzustellen, was man zu-
letzt erlebt hat, dann riicklaufend, aber womoglich auch die Einzel-
heiten riicklaufend vorzustellen, so daft man, wenn man eine Treppe
hinaufgestiegen ist, zuerst sich vorstellt oben auf der obersten Stufe,
dann auf der vorletzten, dritten und so weiter riickwarts hinunterge-
hend sich vorstellt dasjenige, was man hinaufgehend vollbracht hat.
Sie werden sagen: Man erlebt so viel am Tage, das dauert lange.
Nun, man mache zunachst episodisch wirklich das zunachst, daft
man das Hinauf- und Hmuntergehen iiber eine Treppe umgekehrt
vorstellt: Hinunter- und Hinaufgehen; dann bekommt man eine
innere Beweglichkeit, so da£ man nach und nach wirklich in drei,
vier Minuten den ganzen Tagesverlauf des Lebens riickwartsbewe-
gend vorstellen kann. Damit hat man aber eigentHch doch nur die
Halfte, im Grunde das Negative dessen vollbracht, was man zur
Steigerung, zur geistigen Ausbildung der Liebefahigkeit braucht.
Denn die mufi bis zu jenem Punkte kommen, wo man liebevoll
verfolgt jedes Wachsen der Pflanze - im gewohnlichen Leben sieht
man ja das Wachsen der Pflanze nur, wie es sich im Raume gestal-
tet; man macht es nicht mit -, wenn man mitmacht jedes einzelne,
was im Pflanzenwachstum sich zeigt, wenn man untertaucht in die
Pflanze, mit seiner Seele selber diese Pflanze wird, wenn man selber
wachst, bluht, selber die Friichte der Pflanze tragt, wenn man also
ganz untertaucht, wenn einem die Pflanze so wert wird, wie man
selber sich ist; wenn man dann in derselben Weise zur Vorstellung
des Tierischen hinauf, zur Vorstellung des Mineralischen hinunter-
steigt, wenn man fiih.lt, wie das Mineralische sich gestaltet zum
Kristall, wenn man gewissermafien ein inneres Wohlgefallen ent-
wickeln kann an diesem sich Bilden von Flachen, von Kanten, von
Ecken, wenn man schon in dem Wahrnehmen dieser Flachen, Kan-
ten und Ecken ein inneres Wohlgefallen hat, und wenn man beim
Zerspalten, Zerkliiften des Minerals etwas empfinden kann wie ein
Schmerzgefiihl, das durch die eigene Wesenheit zuckt -, wenn man
in dieser Weise mitfiihlend, ja nicht nur mitfuhlend, sondern in der
Seele mitwollend wird mit allem Naturgeschehen.
Es mufi dem vorausgehen eine wirkliche, auf alle Menschen sich
erstreckende Liebefahigkeit. Man wird die Natur nicht in der ge-
schilderten Weise richtig lieben konnen, wenn man nicht zuerst
Liebefahigkeit fur alle Menschen sich errungen hat. Dann, wenn
man in dieser Art verstandnisvolle Liebefahigkeit fur die Menschen
und fur die ganze Natur errungen hat, dann stellt sich dasjenige
ein, daE das, was sich uns zunachst wahrnehmbar macht, sagen wir,
in den aurischen Farben, in dem spharischen Tonen, da£ das sich
rundet, konturiert zu wirklichen geistigen Wesenheiten.
Aber das Erleben dieser geistigen Wesenheiten ist anders als das
Erleben der physischen Dinge. Wenn ich ein physisches Ding vor
mir habe, zum Beispiel die Uhn ich stehe hier, die Uhr ist da; ich
kann sie nur erleben im Anschauen, sie hat eine Entfermmg von
mir. Ich stehe mit ihr in Raumesbestimmung drinnen.
So kann man niemals ein geistiges Wesen wirklich erleben. Ein
geistiges Wesen mufi man erleben, indem man in dasselbe ganz
untertaucht, indem man also gerade anwendet die Liebefahigkeit,
die man zunachst an der Natur entwickelt hat. Geistige Intuition
ist nur moglich durch Anwendung - in der Stille, in dem, was leer
ist fur das Bewufksein - desjenigen, was man an Liebefahigkeit an
der Natur entwickeln kann. Denken Sie sich einmal, Sie haben
diese Liebefahigkeit an Mineralien, Pflanzen, Tieren, an Menschen
entwickelt. Sie stehen nun darinnen in der Leere des Bewufkseins.
Um Sie herum ist jene negative, unter der Null liegende Ruhe. Sie
empfinden das Leid, das auf dem Grunde des ganzen Weltenda-
seins ist; es ist das Leid zu gleicher Zeit der Einsamkeit. Noch
nichts ist da. Aber die aus dem Innern aufquillende Liebefahigkeit,
die in der mannigfaltigsten Weise differenziert ist, die fiihrt Sie
dazu, dasjenige, was nun in der Inspiration auftritt, das Schaubare,
das Horbare, wirklich auch mit dem eigenen Wesen zu durch-
dringen. Sie tauchen durch diese Liebefahigkeit unter in das eine
Wesen, dringen ein in das andere Wesen.
Die Wesenheiten, die ich geschildert habe in meinem Buche
«Geheimwissenschaft» - «Occult Science» -, diese Wesenheiten
der hoheren Hierarchien, die erlebt man nun mit; die werden rea-
les, wesenhaftes Weltdasein. Man erlebt ebenso eine konkrete gei-
stige Welt, wie man durch Auge und Ohr und durch das Gefiihl,
durch die Warme eine konkrete physische Welt erlebt. Aber man
mui? bis zu dieser Stufe vorgedrungen sein, wenn man zu einer dem
Menschen ganz besonders wesentlichen Erkenntnis kommen will.
Ich habe gesagt, wie durch die Inspiration das vorirdische, rein
geistige Dasein in unsere Seele hineinragt, wie wir durch diese In-
spiration erst kennenlernen, was wir waren, bevor wir durch die
Konzeption in einen irdischen Leib heruntergestiegen sind. Wenn
wir hellseherisch, wie ich es jetzt geschildert habe, durch Liebe-
fahigkeit eindringen konnen in die geistigen Wesen, dann offenbart
sich uns auch dasjenige, was das Menschenwesen erst in seinem
inneren Erleben vollstandig macht. Es offenbart sich dasjenige, was
jetzt vor der Zeit des Lebens in der geistigen Welt liegt; es offen-
bart sich dasjenige, was wir waren, bevor wir zu dem letzten gei-
stigen Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt aufge-
stiegen sind. Es offenbart sich das vorige Erdenleben, und nach und
nach die anderen vorhergehenden Erdenleben. Denn dieses wahre
Ich, das in wiederholten Erdenleben vorhanden ist, das kann sich
nur offenbaren, wenn man die Liebefahigkeit so weit gesteigert hat,
daft einem das andere Wesen, das draufien in der Natur oder in der
Geisteswelt ist, so lieb geworden ist, wie man sich nur selber in
Eigenliebe lieben kann. Aber niemals wird der Eigenliebe zugang-
lich das wahre Ich, das durch wiederholte Geburten und Tode
geht. Die wiederholten Erdenleben offenbaren sich dem Menschen
erst, wenn er nicht mehr in der Eigenliebe lebt fur Erkenntnisau-
genblicke, sondern in jener Liebe, die die Eigenliebe ganz vergessen
kann und in dem objektiven Wesen so leben kann, wie man sonst
in seinem physischen Dasein, sich liebend, mit der Eigenliebe lebt.
Denn dieses Ich des vorhergehenden Erdenlebens ist so objektiv
fur dieses jetzige Erdenleben geworden, wie nur irgendein aufierer
Stein oder eine Pflanze fur uns ist, wenn wir im Raume aufier ihm
stehen. Wir miissen gelernt haben, dasjenige, was uns zunachst fur
die gegenwartige subjektive Personhchkeit ganz objektiv, ganz
fremd geworden ist, in objektiver Liebe zu erfassen. Wir miissen
uns iiberwunden haben im gegenwartigen Erdendasein, um iiber-
haupt irgendeinen Einblick bekommen zu konnen in ein vorher-
gehendes Erdendasein.
Wenn wir aber also die Erkenntnis entwickeln, dann stellt sich
das vollstandige Leben des Menschen eben dar als ein solches, das
durchgeht wie in Wellenschwingungen durch irdische Daseinsstu-
fen von der Geburt oder Empfangnis bis zum Tode, und wiederum
durch rein geistige Daseinsstufen von dem Tode bis zu einer neuen
Geburt, urn wiederum zur Erde zuriickzukehren und so weiter.
Das vollstandige Erdenleben stellt sich dar als wiederholte Durch-
gange durch Geburten und Tode mit dazwischenliegenden Leben
in rein geistigen Welten. Das ist erst eine Erkenntnis, die durch die
Intuition erworben werden kann als eine reale, erfahrungsmaftige
Erkenntnis,
Ich habe Ihnen den Weg der Initiations-Erkenntnis schildern
miissen - skizzenhaft zunachst wie er gegangen werden muft
gerade in unserer Zeit, im gegenwartigen Entwickelungspunkte der
Menschheit, um zu einer wirklichen geistigen, spirituellen Erkennt-
nis des Wesens der Welt und des Menschen zu kommen. Initia-
tions-Erkenntnis hat es aber gegeben, so lange es eine Menschheit
gibt. Sie hat zu den verschiedenen Zeiten der Menschheitsentwik-
kelung verschiedene Gestalten annehmen miissen. Weil der Mensch
ein Wesen ist, das eigentlich durch jedes folgende Erdenleben in
einer anderen Weise mit seiner Seele geht, so ist auch dasjenige, was
in den einzelnen Epochen der Weltentwickelung innerhalb der
Menschheit erscheint, durchaus voneinander verschieden. Die ein-
zelnen Unterschiede werden wir im Laufe der nachsten Tage noch
kennenlernen; heute mochte ich nur das folgende sagen: Gerade
mit Bezug auf dasjenige, was als Initiations-Erkenntnis gegeben
werden mufi, war es in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung
ganz anders als heute. Wir konnen zuruckgehen um Jahrtausende
- alles Genauere wird sich auch spater ergeben - und wir finden
weit zu riickliegend vor dem Mysterium von Golgatha eine ganz
andere Art, wie der Mensch sich zu der natiirlichen und zu der
geistigen Welt verhalt als heute, und dementsprechend auch eine
ganz andere Initiationswissenschaft, als heute die rechte fur den
Menschen ist. Heute haben wir eine sehr, sehr weit entwickelte
Naturwissenschaft. Ich will nicht von den hochsten Partien der
Naturwissenschaft reden, sondern nur von demjenigen, was den
Kindern vom sechsten, siebenten Lebensjahre an als eine Aller-
weltsweisheit beigebracht wird. Da nimmt das Kind ja auch auf in
einem verhaltnismaftig friihen Lebensalter heute jene Gesetzmaftig-
keit, die, sagen wir, ankniipft an das kopernikanische Weltensy-
stem; und von diesem kopernikanischen Weltensystem aus baut
man Hypothesen dariiber, wie das Weltenall entstehen kann. Man
spricht da von der Kant-Laplaceschen Hypothese, die zwar revi-
diert ist, die aber im wesentlichen auch heute noch vor dem Men-
schen steht. Man sieht im wesentlichen auf einen Urnebel hin, wie
man ihn ja heute noch durch die entsprechenden physikalischen
Experimente veranschaulichen kann, in dem man Anfangszustande
des Weltensystems sieht; man sieht hin auf einen Urnebel und
nimmt an, aus diesem Urnebel heraus seien durch rotierende Krafte
die Planeten entstanden, die Sonne zuriickgeblieben. Man denkt
sich dann, wie aus diesem besonderen Ring, der sich dann zur Erde
zusammengeballt hat, der aus dem Urenkel abgespalten ist, sich die
weiteren Wesen durch Differenzierung gebildet haben, Mineralien,
Pflanzen, Tiere, zuletzt auch der Mensch. Und man beschreibt das
zunachst in rein naturwissenschaftlichem Sinne.
Man macht das den Kindern ganz begreiflich, indem man eine
Art demonstrierenden Exerzitiums ausftihrt, das ja sogleich alles
klarmacht. Man nimmt ein Oltropfchen, einen Tropfen von einer
FKissigkeit, die auf dem Wasser schwimmt, bringt es in der Aqua-
torgegend auf ein Kartenblatt, steckt oben eine Stecknadel hinein
und dreht nun das Kartenblatt. Man kann nun zeigen, wie sich da
zuerst ein auEerstes Tropfchen absondert, das rotiert, dann ein
zweites Tropfchen und so weiter, und man bekommt ein ganz klei-
nes Planetensystem aus Ol, mitten drinnen die Sonne. Wenn man
das gesehen hat als Kind, warum sollte man nicht hochst plausibel
finden das Hervorgehen des ganzen Planetensystems aus dem
Urnebel? Man hat es ja mit eigenen Augen gesehen, nachgebildet
gesehen.
Es ist nun sehr schon, wenn man im Leben, im moralischen
Leben, sich selbst vergessen kann, aber im Demonstrieren von
Naturerscheinungen sollte man sich nicht selbst vergessen. Die
ganze Geschichte von dem Oltropfchen hatte sich ja nicht entwik-
kelt, wenn man nicht dastehen wiirde und mit der Hand die Steck-
nadel gedreht hatte. Man mu!5 also das hinzurechnen. Man muE
notwendigerweise, wenn das gelten soil als Hypothese, einen riesig
groften Schullehrer hinaussetzen in das Weltenall, als der Urnebel
zuerst gedreht worden ist und eigentlich fortwahrend gedreht wird;
sonst hat man nicht den Gedanken in seiner Urwesenhek vor sich.
Aber das ist ja gerade die Eigentiimlichkeit des materialistischen
Zeitalters, daft Viertels- und Achtels- und noch starkere Bruche der
Wahrheit gedacht werden, und dafi das sich mit einer ungeheuren
Suggestion in die Menschenseele einlebt. So leben wir heute in einer
einseitigen Anschauung von der Natur und ihrer Gesetzmafiigkeit.
Ich konnte nun vieles anfuhren, das Ihnen auf den verschieden-
sten Gebieten klarmachen wiirde, wie der Mensch von heute hin-
ausgeht in die Natur und deshalb, weil er das mitbekommt aus der
heutigen Zivilisation heraus, die Natur in einer - wie man sie nennt
- kausalen Gesetzmafiigkeit sieht. Das durchdringt sein ganzes
Dasein von heute. Die geistige Welt kann er hochstens durch die
religiose Tradition noch festhalten. Will man zu der wirklichen
geistigen Welt aufsteigen, dann mufi man einen inneren Entwicke-
lungsgang durchmachen durch Imagination, Inspiration, Intuition,
wie ich das geschildert habe. Man mufi also durch die Initiations-
wissenschaft gefiihrt werden von der gesetzmafiigen Durchdrin-
gung oder wenigstens von dem Glauben an die gesetzmaftige
Durchdringung des naturalistischen Daseins zu der Erfassung des
Geistigen. Alle Initiationswissenschaft muft heute darauf gehen,
den Menschen von der ihm heute selbstverstandlichen, natiirlichen
Erfassung des Kosmos hmzufiihren zu der spirituellen Erfassung
des Kosmos.
Das Umgekehrte war in der alten Initiationswissenschaft vor
Jahrtausenden vorhanden. Da hatten die Mysterienweisen, die Lei-
ter der Initiationsstatten, die dazumal Schule und Kirche und
Kunststatten zugleich waren, eine Menschheit um sich, welche
eigentlich in dem Sinne von Natur nichts wufke, wie die heutige
Menschheit es weifi seit der kopernikanischen Weltanschauung,
eine Menschheit, die aber instinktiv innerlich Geistig-Seelisches
auch als Kosmisches erlebte, dieses Geistig-Seelisch-Kosmische in
Mythen, in Legenden brachte, die wir heute in der allgemeinen
Zivilisation nicht mehr verstehen. Uber sie werden wir auch noch
ausfiihrlicher zu sprechen haben. Aber dasjenige, was Erleben war,
war instinktives seelisches, geistiges Erleben. Und das war dem
Menschen dasjenige, was ihn wie mit traumhaften Bildern, Imagi-
nationen wahrend seines Wachdaseins erfiillte. Immer kamen aus
dem Inneren der Urmenschheit heraus diese dann zu Legenden, zu
Mythen, zu Gottersagen ausgebildeten traumhaften Imaginationen.
In denen lebte man. Man sah hinaus in die Welt, und man erlebte
seine traumhaften Imaginationen. Dann erlebte man: wenn man
nicht in diesen traumhaften Imaginationen lebte, lebte man in dem
Naturdasein. Man sah den Regenbogen, die Wolken, die Sterne, die
uber den Himmel eilende Sonne, man sah die Flusse, man sah die
Berge in ihrem Werden, in ihrem Wesen, man sah die Mineralien,
die Pflanzen, die Tiere.
Und das alles, was man da sah mit den Sinnen, das wurde gerade
fur die Urmenschheit das groEe Ratsel. Denn der Zeitpunkt, den
ich meine - es gab friihere oder spatere Zeiten, in denen die Zivi-
lisation anders war -, aber der Zeitpunkt, den ich meine, der einige
Jahrtausende zuriickliegt vor dem Mysterium von Golgatha, in
dem empfand die Menschheit sich innerlich begliickt, wenn sie ihre
traumhaften Imaginationen hatte. Und die auEere Sinnenwelt, in
der man nur dasjenige sah von Regenbogen, von Wolken, von der
ziehenden Sonne, von Mineralien, von Pflanzen und Tieren, was
das Auge sah - durch das man auch nur dasjenige in der Sternen-
welt schaute, was dann registriert wurde im vorkopernikanischen,
also im ptolemaischen Weltsystem -, diese aufiere Welt der Sinne,
die kam in jenem Zeitpunkt der allgemeinen Menschheit so vor,
dafi sich diese allgemeine Menschheit sagte: Ich mit meiner eigenen
Seele lebe doch in einer gottlich-geistigen Welt. Da draufien ist eine
entgotterte Natur. Die Quelle hat keine Geistigkeit, indem ich sie
anschaue; der Regenbogen hat keine Geistigkeit; die Mineralien, die
Pflanzen und die Tiere und die anderen physischen Menschen
haben keine Geistigkeit, indem ich sie aufterlich mit den Sinnen
anschaue. Und es erschien die Natur wie eine von der gottlichen
Geistigkeit abgefallene universale Welt.
Diese Empfindung der Menschheit lebte in jener Zeit, wo man
den ganzen Kosmos in seiner Sichtbarkeit wie ein von dem Gott-
lich-Geistigen Abgefallenes erblickte. Und man brauchte nicht nur
abstrakte Erkenntnis, um diese zwei Erlebnisse miteinander zu
verbinden, das innerliche Gott-Erleben in sich und das aufiere
Erleben einer abgefallenen Sinneswelt, man brauchte eine Erkennt-
nis, die zu gleicher Zeit Trost dafiir war, daft man als Mensch dieser
aufteren abgefallenen Sinneswelt mit seinem physischen, mit sei-
nem atherischen Leibe angehorte. Man brauchte Trost, der einem
besagte, wie sich diese abgefallene Sinneswelt zu derjenigen verhalt,
die man erlebt durch ein instinktives Imaginieren, durch ein traum-
haft-dunkles, aber auch fur die damaligen Verhaltnisse hinreichen-
des Erleben der geistigen Welt. Erkenntnis mulke Trost sein. Und
Trost suchten diejenigen, die nun zu den Mysterien hineilten, ent-
weder als Menschen, welche nur dasjenige, was in den Mysterien
aufterlich gegeben werden konnte, wollten als solchen Trost, oder
auch als Schiller solcher Weltenweisen, um eingeweiht zu werden
gegeniiber den Geheimnissen des Daseins, gegenuber dem Ratsel,
das sich so vor die Menschheit hinstellt.
Jene alten Mysterienweisen, die zugleich Priester und Lehrer
und Kiinstler waren, die machten durch alles dasjenige, was auch
noch geschildert werden mull, was in ihren Mysterien vorhanden
war, dieser Menschheit klar, daft auch in der abgefallenen Welt, in
der rieselnden Quelle, in dem bliihenden Baum, in der bliihenden
Blume, in dem sich zum Kristall formenden Mineral, in dem er-
scheinenden Regenbogen, in der fliehenden Wolke und in der zie-
henden Sonne dieselben gottlich-geistigen Gewalten leben, die der
Mensch instinktiv in seiner traumhaften Imagination erlebte. Sie
stellten dieser Menschheit dar die Versohnung der gottabgefallenen
Welt mit der gottlichen Welt, die der Mensch in seinen instinktiven
Imaginationen wahrnahm. Sie brachten der Menschheit die trost-
volle Erkenntnis; sie waren ihr die Erloser durch eine Erkenntnis,
die die ganze Natur wiederum zu einer gotterfullten auch fiir das
menschliche Anschauen machte, denn der Mensch suchte eben
diese trostende Erkenntnis in den Mysterien.
Wir sehen daher, wie gemeldet wird von diesen alteren Zeiten
der Menschheitsentwickelung, dafi gerade dasjenige - das wird
noch von dem Griechentum gemeldet -, was wir heute den jiing-
sten Kindern in der Schule beibringen, dafi die Sonne stillstehe und
die Erde sich ringsherum drehe, dafi das in den Mysterien wie eine
Geheimwissenschaft bewahrt worden ist. Dasjenige, was bei uns
ganz aufierliche Erkenntnis ist, war damals Geheimwissenschaft.
Die Erklarung der Natur, die war damals Geheimwissenschaft.
Heute ist, wie jeder ersehen kann, der den Entwickelungsgang der
Menschheit innerhalb unserer Zivilisation durchlebt, was ja eigent-
lich jeder denkende Mensch tut, der erzogen und unterrichtet wird,
heute ist die Natur mit ihren Gesetzen dasjenige, in das sich der
Mensch einlebt. Dafiir hat sich die geistige Welt zuriickgezogen.
Die alten traumhaften Imaginationen haben aufgehort. Der Mensch
empfindet die Natur als dasjenige, in dem er zunachst nicht voile
Befriedigung hat, das ihm neutral vorgefuhrt wird, nicht wie ein
abgefallenes sundhaftes Weltenall, wie ein abgefallener Kosmos,
sondern wie ein Kosmos, der durch eine innere Notwendigkeit so
sein mufi, wie er eben ist. Dann erfiihlt der Mensch sein Selbstbe-
wulksein, dann lernt er erkennen in jenem einzigen Punkte die
Geistigkeit, dann spurt er den inneren Drang, der das innere Selbst
an Gott wieder kntipfen will. Und dann hat er notig, dafi jetzt zu
der Naturerkenntnis, entsprechend dieser Naturerkenntnis, er in
die geistige Welt hineingefiihrt werde durch eine neue Initiations-
wissenschaft. Die alte Initiationswissenschaft konnte vom Geiste,
den der Mensch instinktiv erlebte, in seinen Mythen verkorperte,
ausgehen und zur Natur hinfuhren. Die neue Initiationswissen-
schaft mufi von demjenigen, was dem Menschen heute erstes Erleb-
nis ist, indem er seine Naturgesetze wahrnimmt, an die er dann
glaubt, sie mufi von dieser Naturerkenntnis ausgehen und zuriick
den Weg in die geistige Welt durch Imagination, Inspiration, Intui-
tion zeigen.
So haben wir in der Entwickelung der Menschheit ein paar Jahr-
tausende vor dem Mysterium von Golgatha denjenigen wichtigen
Zeitpunkt, in dem die Menschen ausgingen von einem instinktiven
Geist-Erleben, urn zu jenen Begriffen und Ideen hinzukommen als
der .auftersten Geheimwissenschaft, die die Naturgesetze umfalke.
Heute erlebt man schon als Kind die Naturgesetze. Vor dieser
Nuchternheit, vor dieser Prosa des Lebens, vor diesem Naturalis-
mus hat sich zunachst die geistige Welt in dem Innern des Men-
schen zuriickgezogen. Und heute mufi eine Initiationswissenschaft
umgekehrt den Weg weisen von der Natur hin zu der Geistigkeit.
Die Natur war fur eine alte Menschheit in der Finsternis, der Geist
war im Hellen. Die alte Initiationswissenschaft hatte von dem
Geistig-Hellen hineinzufiihren das Licht, das dort entnommen, in
die naturliche Finsternis, damit auch diese erhellt wurde. Die heu-
tige Initiationswissenschaft hat auszugehen von demjenigen Lichte,
das aufierlich naturalistisch durch Kopernikus, Giordano Bruno,
Galilei, Kepler, Newton und so weiter in die aufiere Natur hinein-
geworfen wird. Da ist dann dieses Licht zu nehmen aus der Tot-
heit, zu beleben, und der Weg zu machen zu dem Geiste, der in
seinem eigenen Lichte durch einen umgekehrten Weg gegeniiber
dem alten Initiationsweg gesucht werden mui
Davon will ich dann morgen weitersprechen.
FRAGENBE ANTWORTUNG
Penmaenmawr, 20. August 1923, abends
Es wurden Fragen gestellt iiber das Wesen der Imagination, Inspiration und
Intuition. Der Wortlaut der Fragen ist von der Stenografin nicht notiert
worden.
Rudolf Steiner: In bezug auf die Frage der Schwierigkeit mit einem
solchen Wort wie «Imagination» mochte ich das folgende be-
merken:
Wenn wir ein Wort aufnehmen, um einen bedeutsamen Inhalt
wiederzugeben, so sollte man immer auf die urspriingliche Wortbe-
deutung zuriickgehen und eigentlich nicht fragen: «Welche Bedeu-
tung gibt man dem Worte gerade augenblicklich in der Umgangs-
sprache?»,* denn im Grunde ist es bei alien gegenwartigen Um-
gangssprachen so, dafi sie die Worte verflacht haben. Ich habe
schon heute morgen auf etwas aufmerksam machen miissen, was
aber eine innerliche Berechtigung hat. Das Wort «Intuition» wird
ja auch in einem, ich mochte sagen, alltaglichen Sinne gebraucht,
aber mit Recht, weil die hochste Erkenntnis iiber das geistige Le-
ben fur das sittliche Gebiet bis in das einfachste, ja primitivste
Menschengemiit herunterkommen mul5. Fiir ein solches Wort wie
«Imagination» konnen wir ein ganz Gleiches nicht sagen, und man
sollte daher zunachst sich an einem solchen Worte immer klar
machen, was in ihm alles steckt. In dem Augenbiicke, wo Sie Vor-
und Nachsilbe des Wortes losschalen und auf das Mittlere gehen,
da kommen Sie unmittelbar auf «Magie». «Magie» steckt in dem
Worte «Imagination»: es ist eine Verinnerlichung des Magischen.
Wenn Sie auf eine solch urspriingliche Bedeutung des Wortes zu-
riickgehen, dann werden Sie finden, dafi derjenige Sprachgebrauch,
der heute zugrunde liegt, eben ein durchaus verflachter ist.
Das Wort «Imagination» wird in der englischen Sprache auch fiir «Phantasie»
gebraucht.
Nun mochte ich gern wissen, was man eigentlich in der Anthro-
posophie und iiberhaupt bei einer spirituellen Vertiefung machen
soli, wenn man nicht die Anforderung stellt: alle Worte miissen
zuriickgefiihrt werden zu ihrer vertiefteren Bedeutung.
Sehen Sie, man mufi schon so etwas wie Anthroposophie so
ernst nehmen, da£ man sich auch diesen Gedanken einmal klarma-
chen mufi: Kann man Anthroposophie in der heutigen Umgangs-
sprache iiberhaupt darstellen in Wirklichkeit? Kann man in irgend-
einer Umgangssprache iiberhaupt so Bedeutendes iiber Anthropo-
sophie sagen? - Nun, alle Umgangssprachen enthalten urspriing-
lich etwas Vertieftes, und man kann in alien heutigen Umgangs-
sprachen zuriickgehen zu diesen vertiefteren Bedeutungen.
Wenn man heute von «Imagination» spricht und das Wort auch
anwendet fur dasjenige, was sich der Phantasie einverleibt, so hat
man eben das Wort blofi fur das genommen, was man einzig und
allein heute von einem inneren Erleben kennt. Die meisten Men-
schen meinen ja heute, wenn von innerem Erleben die Rede ist, das
sei alles phantastisch, und sie bezeichnen dann das Phantastische als
das Imaginative. Sie haben von ihrem Standpunkte aus ganz recht.
Aber wenn man nicht den Willen hat, zuriickzugehen zu einer
solchen ursprlinglichen Bedeutung, wie sie in dem Wort «Imagina-
tion» liegt, dann wird es sehr schwer werden, Anthroposophie
iiberhaupt in die Sprache hereinzubekommen.
Man mul5 sich folgendes klar machen: Sehen Sie, in dem Worte
«Magie» liegt Mannigfaltiges. Zunachst liegt dasjenige in dem
Worte «Magie», was ich etwa folgendermafien umschreiben moch-
te: Wir sehen, wenn wir heute wissenschaftlich neugierig sind, in
das Mikroskop hinein, und wir sehen dann dasjenige, was klein ist
in der Welt, auf dieses Kleine in der Welt - sei es das ersehnte
Atom, das ja heute auch experimentell gezeigt wird, sei es irgend-
eine Keimanlage -, auf dieses Kleine ist die heutige materialistische
Wissenschaft immer neugierig. Aber in dem Augenblicke, wo wir
zu den wirklichen Ursachen der Dinge gehen, wo wir dahin gehen,
wo die schopferischen Krafte und Machte der Dinge sind, da kom-
men wir nicht zu dem Kleinen, sondern da kommen wir zu dem
GrofSen. Und das Schopfen aus dem Grofien heraus, das Schopfen
aus dem Gewaltigen, Imposanten, dasjenige, was Schopferkrafte
umfafit, die den kleinen Menschen iiberragen, das in entsprechen-
der Weise hereinzubekommen in die menschliche Seele, das heifk:
das Magische verdichten, so daft es in der Verdichtung von der
menschlichen Seele empfangen und erlebt werden kann.
Und so, wie man es mit dem Worte «Imagination» machen soil,
so sollte man es eben auch mit alien anderen Worten, die gebraucht
werden, machen. Es spricht doch heute fast jeder Mensch von In-
spiration. Ich spreche ihm das Recht nicht ab - warum sollte ich es
ihm absprechen, denn jeder hat auf dem Niveau, auf dem er sich
bewegt, das Recht, das Wort «Inspiration» zu gebrauchen -, aber
jeder spricht heute, sogar wenn ihm ein Witz einfallt, von inspi-
rations Nun, natiirlich kommt man mit dieser Interpretation des
Wortes «Inspiration», wenn man es so gebraucht, nicht zurecht fur
die Wege der hoheren Erkenntnis. Aber machen wir es wiederum
uns zum Grundsatze, die Worte in den jetzigen Zivilisationsspra-
chen so zu betrachten, wie man einstmals den Menschen uberhaupt
betrachtet hat.
Denken Sie doch nur: Noch im 18. Jahrhundert beschaftigte
man sich hier in England und auf dem Kontinente iiberall sehr viel
mit dem sogenannten Martinismus, mit der Philosophic, die von
Saint-Martin stammte, vor allem mit seinem Buch: «Des erreurs et
de la verite». Ja, in «Edimbourg» erschien 1775 ein Buch, das in alle
europaischen Sprachen iibersetzt worden ist, ein Buch, das in der
damaligen Art sozusagen das Spirituelle behandelte, ein letzter
Auslaufer fur die Art der spirituellen Betrachtung, wie sie noch
moglich war bis ins 18. Jahrhundert und bis in den Beginn des 19.
Jahrhunderts herein, wie sie heute aber nicht mehr moglich ist.
Nun, wenn wir eine der Hauptideen des Buches von Saint-Mar-
tin «Des erreurs et de la verite» nehmen, dann finden wir, daft da
der Mensch in seiner Totalitat als Erdenwesen wie abgefallen gese-
hen wird von seiner urspriinglichen Grofte; da wird der - ich
mochte sagen noch vollstandige Mensch - des Stindenfalles bezich-
tigt. Der Mensch war einmal im Sinne Saint-Martins noch ein
gewaltiges Wesen, umgiirtet mit dem sogenannten heiligen Panzer,
der ihm magisch diente, ihn magisch machte gegeniiber alien Kraf-
ten und Wesenheiten der Welt, die ihm vielfach feindlich waren.
Der Mensch lebte an jenera. Orte, der bezeichnet wird von Saint-
Martin als der Ort der sieben heiligen Baume, was dann in der
religiosen Legende, oder fruher meinetwillen in der Bibel, als das
Paradies bezeichnet wird. Der Mensch war begabt mit der feurigen
Lanze, durch die er seine entsprechende Macht ausiibte, und so
weiter. All die Dinge, die da urspriinglich dem Menschen zu-
geschrieben werden, von denen wird gesagt, dafi der Mensch sie
durch seine eigene vorirdische Schuld verloren habe; es wird dem
Menschen sogar in seinem vorirdischen Zustande eine furchtbare
Siinde zugeschrieben, die heute zu nennen selbst schon im sozialen
Leben etwas Schockantes habe. Und so wird dargestellt der
Mensch als ein Wesen, das von seiner urspriinglichen GroEe herun-
tergefallen ist. Und der ganze Martinismus, die ganze Philosophic
des Saint-Martin, stellt sich eigentlich die Aufgabe, zu zeigen, was
der Mensch sein konnte, wenn er nicht heruntergefallen ware von
seiner urspriinglichen Grofte.
Nun, diese Zusammenhange konnen heute nicht mehr vollstan-
dig lebendig gemacht werden; sie sind eben der letzte Auslaufer
derjenigen Anschauungsweise, die ich heute morgen als die alte
Anschauungsweise geschildert habe. Innerhalb der modernen In-
itiations wiss ens chart mussen wir von der naturwissenschaftlichen
Erkenntnisweise ausgehen - nicht von der Naturwissenschaft
selbst, aber von der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise -,
denn das wird den Menschen im Laufe der nachsten Zukunft allein
befriedigen konnen. Allein, in bezug auf Spezialgebiete werden wir
doch, wenn wir wirklich das Anthroposophisch-Inhaltliche, iiber-
haupt alles Inhaltliche irgendeines spirituellen Strebens durchdrin-
gen wollen mit der notigen Stimmung, mit dem notigen Auf-
schwung der Seele, mit dem heiligen Enthusiasmus, mit dem wir es
durchdringen sollen, um es wirklich zu verstehen - wenn wir das
wollen, dann werden wir nicht die Worte aus der gewohnlichen
Umgangssprache heraus nehmen diirfen, sondern wir mussen die
Worte so ansehen, als ob eigentlich alle Worte bis zu unserer
Zivilisation herunter einen Siindenfall durchgemacht hatten. Die
Worte sind heute nicht mehr dasjenige, was sie waren: es sind siind-
hafte Wesen geworden. Sie sind in die Materie heruntergestiirzt und
bezeichnen nicht mehr dasjenige, was sie bezeichnet haben, als sie
einstmals noch nahestanden derjenigen Stufe der Menschheitsent-
wicklung, in der sie in den Mysterien gebraucht worden sind. Und
wir miissen schon in gewissem Sinne einen Ruck nach aufwarts
machen in dem Fiihlen der Worte. Wir miissen uns bemiihen, nicht
stehen zu bleiben bei dem, was allgemeine Umgangssprache ist;
sonst haftet den Worten eben auch die Farbe, das Timbre an, wie
es diese Worte in der Umgangssprache haben. Am leichtesten wird
es im Grunde genommen heute, von den im Siindenfall begriffenen
Worten hinaufzusteigen zu einer Art sakraler Bedeutung der Worte
bei der hebraischen Sprache. Fur diejenigen Sprachen, die mehr
gebraucht worden sind innerhalb des neuzeitlichen Lebens mit
seinen durch und durch unsakramentalen Interessen, fur diese Spra-
chen ist es natiirlich schwierig, hinaufzuriicken zu der Siindlosig-
keit der Worte - wenn ich mich so ausdriicken darf es ist nicht
so schlimm gemeint, aber in einer gewissen Beziehung miissen wir
schon das tun. Und so miissen wir uns klar sein: das Wort «Inspi-
ration» ist heute bis zu der Siindhaftigkeit heruntergefallen, wo
jeder, der einen Witz macht, schon sagt, er sei inspiriert. - Warum
denn nicht? Im Grunde genommen brauchen die Verfasser, auch
die Zeichner von Witzblattern sehr viel Inspiration im heutigen
Sinne, aber es ist heute eine profanierte Inspiration.
Aber gehen wir zuriick zu dem Worte in seiner urspriing-
licheren Bedeutung, dann werden wir in sehr tiefe Regionen des
Menschenstrebens gefiihrt.
Da mu$ ich Sie dann erinnern an die Art und Weise, wie zum
Beispiel im Indischen sich noch - auf dekadenter Stufe - eine herr-
liche, bewundernswiirdige Erkenntnisart erhalten hat, die einstmals
viel bedeutsamer war als sie heute ist, die aber nicht, wie man das
heute mufi, ausging direkt vom Denken, sondern die ausging von
einer ganz bestimmten Regulierung oder auch Irregulierung des
Atmungsprozesses. Innerhalb der urspriinglichen Yogamethode
handelte es sich darum, den Atmungsprozeft, der sonst immer
unbewufit im Menschen verlauft, zur Bewulkheit zu erheben. Das
kann man dadurch, daft man den Rhythmus von Einatmung,
Atemanhalten, Ausatmung anders gestaltet, als er sich dann gestal-
tet, wenn das Atmen unbewuftt verlauft. Gibt man dem Atem-
rhythmus andere Zahlenverhaltnisse, als Sie im gewohnlichen all-
taglichen Atmen sie haben, dann atmet man also im Verhaltnis zum
Einatmen, Atemanhalten und Ausatmen anders. Auf solchem ande-
ren Gestalten und Formen des Atmens beruhte im wesentlichen
dasjenige, was man die Yogamethode nennt. Diese Yogamethode
brachte dadurch den ganzen Atmungsprozeft zum Bewufksein. Der
Mensch atmete dadurch, dafi er vollbewufit den Atmungsrhythmus
anderte: es ging die Atmungsstromung bewuftt in die Blutzirkula-
tion hinein. Der ganze Mensch durchwellte und durchwebte sich
mit einem veranderten Atmungsrhythmus. Und geradeso, wie wh-
im Sehstrahl oder im Horstrahl die sinnliche Beobachtung empfan-
gen, wie wir durch das Sehen empfangen Kenntnis der Farben der
umliegenden Dinge, wie wir durch den Horstrahl empfangen
Kenntnis von den Tonen, die von den umliegenden Dingen aus-
gehen, so empfand derjenige, der den Atmungsrhythmus zu einem
erhohten, zu einem magischen Wahrnehmen machte, der empfand
das Seelisch-Geistige, er nahm wahr im Atmungsprozesse das ihn
durchdringende Seelisch-Geistige. In dem Augenblicke, wo der
Atmungsprozefi vollstandig bewufit wird, und wo gleichzeitig die-
jenige Seelendisposition vorhanden war, die etwa sieben-, achttau-
send Jahre vor unserer Zeitrechnung in Siidasien driiben vorhanden
war, in diesem Augenblicke schickte man durch diesen geanderten
Atmungsrhythmus nicht nur die physische Luft in den Korper
hinein mit diesem Durchwellenden und Durchwallenden, sondern
man schickte in diesen stromenden Atem in sich Seele und Geist
hinein, und man erlebte Seele und Geist, insofern Seele und Geist
des Menschen in diesem stromenden Atem sind.
Nun kann man materiell die Einatmung ja «Inspiration» nennen
- das ist das Wortliche. Vergeistigt man die Inspiration, so tut man
das, was im alten Indien geschehen ist: dann wird man mit der
vergeistigten Inspiration, mit dem durchseelten und durchgeistigten
Atem wie irgendein gedankliches Wesen wahrnehmend erleben.
Dann hat man es mit dem zu tun, was eigentlich urspriinglich immer
- auch im Nicht-Indischen, im Europaischen - das Wort «Inspira-
tion» bedeutete. Wir miissen also auch, wenn wir vom Wort in-
spiration sprechen, aufriicken, ich mochte sagen, zu der Siindlosig-
keit des Wortes. Und aus diesem Grunde habe ich mich eigentlich
immer gestraubt - trotzdem immer von alien moglichen Seiten
solche Vorschlage gemacht worden sind - sogenannte «populare»
Biicher iiber Anthroposophie zu schreiben. Natiirlich ware das ein
sehr Leichtes. Aber auch der Anfanger soli eigentlich nicht ganz
populare Biicher iiber Anthroposophie in die Hand bekommen,
sondern er soli an anthroposophischen Biichern etwas haben, woran
er sich - ich meine es geistig - die Zahne ausbrechen kann, wo er
sich furchtbar bemiihen mufi, das ist etwas, was nicht leicht geht!
Denn in dieser Bemiihung, in der Uberwindung desjenigen, was
man eben iiberwinden mufi, wenn man etwas Schwerverstandliches
sich zum Verstandnis bringt, liegt zu gleicher Zeit etwas anderes.
Wenn man namlich so wie - ja, wie soli ich sagen? - wie eine
Volksrede popular Anthroposophie empfangt, dann hat man auch
einen anderen Geschmack und eine ganz andere Gesinnung gegen-
iiber den Wortbedeutungen, dann zieht man die Wortbedeutungen
in ihre Siindhaftigkeit herunter. Wenn man aber sich die Zahne
ausbeifien mufi an der Schwierigkeit eines Anfangerbuches, dann
bekommt man auch Geschmack, in die Worte sich zu vertiefen.
Man kann ja dabei sogar an manches Historische erinnern. Se-
hen Sie einmal nach, wie Jakob Bohme wunderbar iiber die Worte
erst nachsinnt, tief nachsinnt, bevor er sie gebraucht. Ganze Wel-
ten, mochte ich sagen, destilliert Jakob Bohme erst aus den Worten
heraus, bevor er die Worte gebraucht. Und so liegt die Stellung in
bezug auf so etwas wie «Imagination» oder «Inspiration» oder
«Intuition» oder anderer Worte, wie man sie im gewohnlichen
Leben gebraucht, auf einem tieferen Niveau als man gewohnlich
annimmt. Und so meine ich schon, dafi man eigentlich nicht versu-
chen sollte, Worte, die mit Recht gebraucht werden - «Imagina-
tion», «Inspiration» - durch andere zu ersetzen, sondern das man
eher dafiir wirken sollte, fiir das anthroposophische Sichverstan-
digen diese Worte zu ihrer Siindlosigkeit etwas zu erheben, wenig-
stens solange man es mit der Anthroposophie zu tun hat. Wenn
man wiederum in das gewohnliche Leben hinausgeht, so kann man
ja naturlich wiederum in die Stindhaftigkeit der Worte verf alien, da
schadet es ja nichts. Und so konnte gerade eine solche Gesinnung
gegeniiber dem Worte der anthroposophischen Vertiefung aufier-
ordentlich zugute kommen. Also, ich meine, wer sich bewuftt wird,
was in dem Wort «Imagination» steckt, wiirde am Ende sogar,
wenn er ein Fanatiker ist, nach einem Gesetz schreien, welches das
Wort Imagination fiir dieses «Phantasie» -Spiel zu gebrauchen ver-
bietet, damit solch ein Wort gewahrt bleibe demjenigen Gebiet, wo
es eigentlich mit Recht angewendet wird.
Zu der Frage: «Wer oder was erkennt im Menschen?» mochte ich
das folgende sagen: Es ist leider so, da$ diese Fragen wirklich
schneller gestellt sind, als sie beantwortet werden konnen, und man
muE auf sehr vieles zu sprechen kommen, wenn man eine so weit-
reichende, umfassende Frage beantworten soil. Man mufi sich klar
machen, wenn eine solche Frage aufgeworfen wird, was denn
eigentlich der Inhalt der heute morgen vorliegenden Ausfuhrungen
war. Nicht wahr: um was handelt es sich denn, wenn wir so spre-
chen von den Wegen zur ubersinnlichen Erkenntnis, wie ich heute
morgen und auch schon gestern gesprochen habe? Es handelt sich
darum, wie dieses menschliche Seelische, das in der gegenwartigen
Inkarnation bei irgendeinem Menschen vorhanden ist, wie dieses
Geistig-Seelische, das also in einem physischen Leib zwischen der
Geburt oder Empfangnis und dem Tode vorhanden ist, wie dieses
aufsteigt zu dem allmahlichen Erkennen erstens der atherischen
Bildekraftewelt in der Imagination, zweitens durch die Stille, die
ich geschildert habe, durch das leere Bewufksein, in der Inspira-
tion, zu dem Erkennen der vorgeburtlichen Welt. Und dann, durch
die Intuition, die durch die besondere Ausbildung der Liebefahig-
-7f1
keit erreicht wird, kommt man dann eben bis zu der Anschauung
des vorigen, oder man konnte auch sagen der vorigen Erdenleben,
derjenigen Erdenleben also, die dem Menschen - wie ich ja heute
morgen ausgefuhrt habe - so objektiv schon gegeniiberstehen, wie
irgendein aufterer Gegenstand oder Vorgang der Natur, oder mei-
netwillen konnte ich auch sagen wie ein anderer Mensch einem
objektiv gegeniibersteht. Stehe ich im gewohnlichen sozialen Leben
einem andern Menschen gegeniiber, so bin ich ja, durch die innere
Verwandtschaft des gleichen Menschengeschlechts, mit dem betref-
fenden Menschen verwandt, aber ich stehe ihm objektiv gegeniiber.
So objektiv wie einem andern Menschen, so mufi ich meinen vori-
gen Inkarnationen gegeniiberstehen, wenn ich sie in Wahrheit
wahrnehmen will. Dann lernt man erkennen mit dem Seelisch-
Geistigen, das eben im gegenwartigen Erdenkorper verkorpert
ist, das eigentliche, wahre Ich, das durch die wiederholten Erden-
leben geht.
Nun scheint mir die Frage dahin zu gehen: Wer ist es eigentlich,
oder was ist es im Menschen, was nun dieses wahre Ich, das durch
die wiederholten Erdenleben geht, erkennt, oder welches Glied im
Menschen ist es? - Diese Frage selber, meine sehr verehrten Anwe-
senden, ist eigentlich keine Frage, die einen wirklichen, konkreten
Inhalt hat. Es wird gefragt nach dem Subjekt des Erkennens. Dieses
Subjekt des Erkennens ist eben jenes Ich, das im gegenwartigen
Erdenleibe verkorpert ist, das schwingt sich dann auf zu der Er-
kenntnis. Das wahre Ich erreicht man also nur so, da£ man zu-
nachst mit seinem Bewufksein dasjenige umfalk, was in das Erden-
leben zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist; dann lebt man
in dem Ich auf einer gewissen Stufe; man lebt in diesem Ich, aber
man erkennt noch nicht das wahre Ich, das durch viele Geburten
und Tode geht. Aber durch die Methoden, die ich geschildert habe,
wird eben dieses hohere Ich, das man im Erdenleben tragt, indem
es sich selber bis zur Selbstlosigkeit bringt, fahig gemacht, das
wahre Ich zu erkennen.
Und bedenken Sie: Sie verandern ja wahrend dieses Erkenntnis-
weges das Subjekt. Erstens haben wir es zu tun mit dem Ich, das
zwischen Geburt und Tod lebt; das erkennt noch gar nicht das
wahre Ich. Jetzt schwingt sich dieses Ich auf und ist zunachst der
Erkenner des wahren Ich, das durch wiederholte Erdenleben geht.
Dadurch identifiziert es sich in der Tat erkennend mit dem wahren
Ich. Also, es wird, indem es eine Metamorphose durchmacht, die-
ses hohere Ich in das wahre Ich erhoben. Und dann, wenn es in das
wahre Ich erhoben ist, kann es auch das wahre Ich erst erkennen.
So also konnen wir nicht fragen: Wer oder was im Menschen
erkennt?, sondern wir miissen sagen: Was im gewohnlichen Leben
erkennt im Menschen, das wird an sich schon zu einem andern Ich
gemacht, es geht durch eine Metamorphose, indem es eben auf-
steigt von der Imagination durch die Inspiration zur Intuition.
Dann aber ist es fur das Erkennen ein verwandeltes Ich. Aber die
Verwandlung ist gerade dazu da, um das wahre Ich zu erreichen.
DRITTER VORTRAG
Penmaenmawr, 21. August 1923
Neue und cdte Initiationswissenschaft
Ein zunachst sehr berechtigter Einwand mit Bezug auf die Beschaf-
tigung mit Anthroposophie kann der sein, dafi ja dasjenige, was an-
throposophisch, was in bezug auf die spirituellen Welten an Tatsa-
chen erforscht wird, abhangig ist davon, dafi man eine solche
menschliche Entwickelung durchmacht, wie ich sie beschrieben
habe, wie sie nur herausgeholt werden kann aus tieferliegenden
menschlichen Wesenskraften, bevor man an diese Tatsachen der ho-
heren Welten herankommt. So dafi also eigentlich jeder, so konnte
man sagen, der noch nicht eine solche Entwickelung durchgemacht
hat, der es also noch nicht dazu gebracht hat, das Schauen iibersinn-
Hcher Tatsachen und iibersinnlicher Wesenheiten durch sich selbst
zu erleben, nicht priifen konne, ob dasjenige der Wahrheit ent-
spricht, was durch den Erforscher dieser Welten gesagt wird. Und es
wird ja auch vielfach, wenn in der Offentlichkeit iiber den Inhalt der
geistigen Welt gesprochen wird, wenn irgendwo dartiber Mitteilun-
gen gemacht werden, sehr haufig der Einwand erhoben: Was sollen
mit diesen Ideen von einer ubersinnlichen Welt diejenigen nun
machen, die noch nicht diese iibersinnliche Welt schauen konnen?
Es beruht gerade dieser Einwand auf einem volligen Irrtum. Er
geht aus davon, daft man zu dem Menschen, zu dem man uber die
ubersinnlichen Welten spricht, von etwas vollig Unbekanntem
spricht. Allein das ist gar nicht der Fall. Nur ist wiederum ein ganz
bedeutsamer Unterschied mit Bezug auf die Initiationswissenschaft
nach dieser Richtung zwischen demjenigen, was heute gegenwartig
das Richtige ist auf diesem Gebiete, und demjenigen, was einstmals
in jenen alten Zeiten das Richtige war, von denen ich gestern in
meinem Vortrage gesprochen habe.
Erinnern Sie sich, wie ich den Weg in die geistigen Welten dar-
gestellt habe. Er fiihrt dazu, sagte ich, dafi man zuerst in einem
machtigen Lebenstableau dasjenige sieht, was der eigenen Person-
Hchkeit an Erlebnissen, an Erfahrungen einverleibt ist in diesem
Erdenleben. Man iiberschaut auf einmal dieses im Erdenleben
Durchgemachte. Dann sprach ich davon, da£, wenn man von der
imaginativen Erkenntnis aufsteigt zu der inspirierten, man dann
durch das leere Bewufitsein, durch die absolute innere Stille und
Ruhe dahin komme, das vorirdische Leben zu iiberblicken, dafi
man also eingefiihrt werde in diejenige geistige Tatsachenwelt, die
der Mensch durchgemacht hat zwischen dem letzten Tode und
seinem jetzigen Herabsteigen auf die Erde.
Nun miissen Sie bedenken, da$ ja jeder Mensch, bevor er auf die
Erde herabgestiegen ist, diese Erlebnisse gehabt hat. Es gibt keinen
Menschen, der nicht diese Erlebnisse gehabt hat in voller Realitat,
von denen der Erforscher der geistigen Welt zu sprechen hat. Und
wenn nun der Erforscher der geistigen Welt diese zunachst un-
bekannten Tatsachen in Worte kleidet, so appelliert er ja nicht in
Wirklichkeit an etwas dem Menschen ganz Unbekanntes, sondern
er appelliert an dasjenige, was jeder Mensch vor seinem Erdenleben
durchgemacht, erfahren hat. Und es ist in Wirklichkeit nichts an-
deres als ein Hervorrufen von kosmischen Erinnerungen, an die
der Erforscher der geistigen Welten appelliert.
Alles dasjenige, wovon der Erforscher der geistigen Welten
spricht, ist in Ihnen alien, sitzt in Ihren Seelen. Nur ist es beim
Ubergang vom vorirdischen Leben in das irdische Leben vergessen
worden. Und man tut als Erforscher der geistigen Welten im
Grunde genommen nichts anderes als dieses: man erinnert den
Menschen an etwas, was er vergessen hat.
Man stelle sich nur einmal vor, man trete fur das blofie Erden-
leben an einen Menschen heran. Man habe eine genaue Erinnerung
an dasjenige, was man vor zwanzig Jahren mit ihm erfahren hat. Er,
der andere, habe das vollig vergessen. Nun spricht man mit ihm
und kann dadurch dasjenige, was man selber deutlich noch in der
Erinnerung tragt, in dessen eigener Erinnerung hervorrufen.
Ganz derselbe Vorgang, nur ins Hohere iibersetzt, liegt zugrun-
de, wenn ich von hoheren Welten zu Ihnen spreche; der einzige
Unterschied ist nur der, daft dasjenige, was im vorirdischen Dasein
erlebt worden ist, viel griindlicher vergessen worden ist als das im
Erdenleben Erlebte. Aber nur weil man dem Gefiihle nach eine
Abneigung, eine Antipathie hat, sich nun ganz intensiv zu fragen:
Findest du in deiner Seele etwas, was zustimmen kann demjenigen,
was der Erforscher der geistigen Welten sagt? - nur weil man dieses
Antipathiegefiihl hat, dringt man nicht tief genug in die Seele hin-
unter, wenn man sozusagen dem zuhort, oder liest, was der Gei-
stesforscher sagt. Daher glaubt man, er spreche von irgend etwas,
das nur er allein weift, und man konne es nicht priifen. Man kann
es ganz gut priifen, wenn man sich nur dem Vorurteil entzieht, das
aus der eben charakterisierten Antipathie hervorgeht. Denn zu-
nachst ruft der Geistesforscher nur alles dasjenige in das Gedacht-
nis, was von jedem Menschen im vorirdischen Dasein erlebt
worden ist.
Nun konnte man sagen: Wozu wird man denn wahrend seines
Erdenlebens noch extra veranlaftt, nachzudenken iiber dasjenige,
was man ja durch die Einrichtung des Kosmos, man konnte auch
sagen durch den Ratschluft der Gotter, in seinem aufierirdischen
Dasein erlebt? Und es gibt wiederum Menschen, die sagen: Ja,
wozu soli ich mich vor meinem Tode mit einer solchen Erkenntnis
der ubersinnlichen Welten beschaftigen? Denn ich kann ja warten,
bis ich gestorben bin, da wird mir, wenn es liberhaupt vorhanden
ist, das alles entgegentreten.
Dies aber beruht auf einer vollstandigen Verkennung des irdi-
schen Lebens. Die Tatsachen, von denen der Geistesforscher
spricht, sind von jedem Menschen im vorirdischen Dasein erlebt
worden, nicht aber die Gedanken dariiber. Und die Gedanken
dariiber konnen nur erlebt werden im Erdendasein. Und nur die im
Erdendasein erarbeiteten Gedanken iiber die iibersinnliche Welt
konnen wir durch die Pforte des Todes durchtragen, und nur dann
verstehen wir die Tatsachen, die wir durchleben zwischen dem
Tode und einer neuen Geburt.
Man mochte, wenn man drastisch schildern wollte, sagen: Im
Grunde genommen ist das Leben eines Menschen in der gegenwar-
tigen Evolution der Menschheit ein aufterordentlich schwieriges,
wenn er innerhalb seines Erdendaseins sich kerne Gedanken erwirbt
iiber die iibersinnliche Welt. Er kommt dann, wenn er durch die
Pforte des Todes geschritten ist, nicht zu einer wirklichen Erkennt-
nis desjenigen, was ihn da umgibt. Es umgibt ihn, aber er kommt
nicht zu einem Verstandnis. Das Verstandnis fur dasjenige, was
nach dem Tode erlebt wird, mu£ errungen werden im Erdendasein.
Wir werden dann in den weiteren Schilderungen sehen, daft das fur
eine Menschheit der friiheren Zeit anders war. Aber im gegenwar-
tigen Evolutionsmomente der Menschheit ist es eben so, daft die
Menschen immer mehr und mehr darauf angewiesen sein werden,
hier auf Erden sich das Verstandnis fur dasjenige zu erobern, was
sie zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in der iibersinn-
lichen Welt erleben. Und so kann man sagen: Geisteswissenschaft
ist, wenn sie heute zu der Offentlichkeit spricht, voll berechtigt,
denn jedermann kann sie priifen, weil, wenn er geniigend tief in
die eigene Seele sich hinein versetzt, er sich nach und nach sagen
wird: Dasjenige, was da durch den Geistesforscher gesagt wird,
leuchtet mir ja ein. Es ist so, als ob ich es einmal erlebt habe, als
ob mir jetzt nur die Gedanken gegeben werden iiber dasjenige, was
ich einmal erlebt habe. Und aus diesem Grunde ist es so sehr
notwendig, daft man, wenn man iiber Geisteswissenschaft, iiber
spirituelle Erkenntnisse spricht, auch wirklich die Sprache etwas
anders wahle, als man das im gewohnlichen Leben tut. Es handelt
sich darum, daft derjenige, der an die Geisteswissenschaft herantritt,
schon durch die Art und Weise, wie gesprochen wird, den Eindruck
bekommt: Da erfahre ich ja etwas, was in der sinnlichen Welt gar
nicht gilt, was in der sinnlichen Welt vielfach ein Unsinn ist.
Sehen Sie, die Gegner kommen dann und sagen: Was da aus der
spirituellen Erkenntnis heraus gesagt wird, das ist ja ein Unsinn,
eine Phantasterei. - Solange man bloft die sinnliche Welt kennt und
kennen will, hat man ja recht mit einer solchen Aussage, denn es
schaut eben die iibersinnliche Welt anders aus als die sinnliche.
Und erst derjenige, der verzichtet darauf, an sinnlichen Vorurteilen
zu hangen, und der tiefer in sein eigenes Seelenwesen hineinschiirft,
der sagt sich dann: Was der Geistesforscher sagt, das ist nur eine
Anregung, damit ich dasjenige, was ich schon in der Seele habe,
selbst aus dieser Seele herausziehe.
Vieles natiirlich spricht dagegen, sich ein solches Gestandnis zu
machen. Aber man mull schon sagen, in bezug auf das Verstandnis
der iibersinnlichen Welten ist dieses Selbstgestandnis das aller-,
allernotwendigste. Und man wird sehen, dafi selbst die schwierig-
sten Dinge begreiflich werden, wenn man in dieser tiefen Weise auf
das eigene Selbst eingehen will.
Zu diesen schwierigsten Dingen sind ohne Zweifel zu rechnen
die mathematischen Wahrheiten. Dasjenige, was in der Mathematik
erkannt wird, das halt man fur etwas absolut Richtiges. Nun ist das
Eigentumliche, daft selbst die Mathematik, die Geometrie aufhort,
richtig zu sein, wenn man in die geistigen Welten hineinkommt. Da
handelt es sich darum - ich mochte das an einem ganz einfachen
Beispiel klarmachen -, daft man ja die alte Euklidische Wahrheit als
ein Axiom, wie man es nennt, als eine Selbstverstandlichkeit ken-
nenlernt, sich von Jugend auf daran gewohnt. Es wird zum Beispiel
als eine Selbstverstandlichkeit hingestellt: Wenn ich einen Punkt A
habe und einen Punkt B, so ist der kiirzeste Weg zwischen diesen
zwei Punkten die gerade Linie. Jeder andere Weg, jeder krumme
Weg ist langer.
Auf dieser Erkenntnis, die selbstverstandlich ist fur die -physi-
sche Welt, beruht ein grower Teil unserer Geometrie. In den geisti-
gen Welten ist es umgekehrt. Da ist die gerade Linie, die man von
A nach B nimmt, der langste Weg. Jeder andere Weg ist kiirzer,
weil jeder andere in der geistigen Welt frei gegangen werden kann.
Hat man die Vorstellung, wenn man in A ist, daft man nach B
kommen soli, so kommt man durch diese blofte Vorstellung auf
jedem krummen Wege leicht hin; aber den geraden Weg einzuhal-
ten, also in jedem einzelnen Punkte der Geraden einzuhalten diese
einzige Richtung, das ist das Schwerste, das verlangsamt am aller-
meisten. Daher braucht man am allerlangsten, wenn man in der
geistigen Welt eine Gerade durchmessen will im zweidimensio-
nalen oder im eindimensionalen Raum.
Derjenige, der etwas nachdenkt iiber die Aufmerksamkeit und,
wie ich oft jetzt sagte, in die Seele tief hineinschurft, was eigentlich
die Aufmerksamkeit bedeutet, der kommt darauf, daft das, was der
Geistesforscher aus seiner Erfahrung heraus sagt, auch in dieser
Beziehung richtig sein miisse. Denn er sagt sich: Wenn ich beliebig
herumlaufe, da durchmesse ich meinen Weg leicht -, und dieses
Herumlaufen braucht sich nicht blo$ zu beziehen auf ein wirk-
liches Ablaufen von Strecken, sondern auf das, was man taglich tut;
die meisten Menschen hantieren ja vom Morgen bis zum Abend.
Sie hantieren so, dafi sie eigentlich wenig aufmerksam sind, dafi sie
mehr das tun, was in der Gewohnheit liegt, was sie gestern getan
haben, was die Leute sagen, dafi man tun soil und so weiter. Da
geht die Arbeit schnell vonstatten. Aber bedenken Sie, wenn Sie bei
jedem einzelnen Punkte Ihres Tagesdaseins intensiv aufmerksam
sein miissen auf dasjenige, was Sie tun, probieren Sie es einmal, Sie
werden schon sehen, wieviel langsamer das zustande kommt.
Nun, in der geistigen Welt gibt es iiberhaupt nichts ohne Auf-
merksamkeit. In der geistigen Welt gibt es keine Gewohnheit. In
der geistigen Welt gibt es das Wortchen «man» nicht, man mufi zu
dieser Zeit lunchen, man mufi zu dieser Zeit dinieren und so weiter.
Dieses «man», man zieht sich bei dieser Gelegenheit diese oder jene
Kleider an und so weiter, das alles, was unter dem Wortchen
«man» eine so grofie Rolle spielt in der physischen Welt, besonders
in der heutigen Zivilisation, das alles gibt es nicht in der geistigen
Welt. In der geistigen Welt muE jeder kleinste Schritt, ja, was noch
kleiner ist als ein Schritt, mit der eigenen Aufmerksamkeit verfolgt
werden. Das driickt sich schon aus, wenn man den Satz ausspricht:
In der geistigen Welt ist die Gerade der langste Weg zwischen zwei
Punkten. So hat man den Gegensatz: In der physischen Welt ist die
Gerade der kiirzeste Weg zwischen zwei Punkten. In der geistigen
Welt ist die Gerade der langste Weg zwischen zwei Punkten.
Geht man nur tief genug in die Seele hinein, so wird man auf-
merksam darauf, wie man ein wirkliches Verstandnis fiir diese
Sonderbarkeiten aus der Seele herausholen kann, und man wird
dann immer mehr und mehr zu dem Selbstgestandnis kommen:
Was der Geistesforscher sagt, das ist eigentlich alles eine Weisheit,
die in mir selbst sitzt. Ich brauche nur daran erinnert zu werden.
Parallel damit kann ja heute schon jeder, weil auch die Schritte
zur Aneignung der ubersinnlichen Erkenntnis in solchen Schriften
wie «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», das als
«Initiation» iibersetzt ist, und so weiter gegeben werden - es kann
jeder auch heute, soweit es sein Schicksal, sein Karma moglich
macht, wie wir noch sehen werden, diesen Weg gehen und so eine
eigene Anschauung fur die geistige Welt erlangen. Dadurch erlangt
er dann die Anschauung fur die Tatsachen. Das Verstandnis fur die
Ideen der geistigen Welt, das ist aber durch die angedeutete Selbst-
erkenntnis fur das beim Antritte des Erdenlebens Vergessene
durchaus zu erringen.
Man kann sagen, daft die Erkenntnis der geistigen Welt, wenn sie
in Ideen mitgeteilt wird, von jedem verstanden werden kann, daft
also zum Verstehen desjenigen, was der Geistesforscher vorbringt,
nur der unbefangene, gesunde Menschenverstand, der nur tief ge-
nug in die Seele hineinschurfen muft, notwendig ist. Zum Erfor-
schen der geistigen Tatsachen, zum Hineinkommen in die geistige
Welt, also zum Sprechen in urspriinglicher Weise von den Tat-
sachen der geistigen Welt gehort naturlich das Durchmachen des
Erkenntnisweges selbst. Daher ist es berechtigt, von den geistigen
Welten, wenn sie durch den einen oder durch den anderen be-
kanntgeworden sind, zu sprechen in voller Offentlichkeit heute;
denn dasjenige, was sich heute der Mensch aneignet im Leben, nur
durch seine Schul-Erkenntnisse, ist jene Verstandniskraft, jene
Unterscheidungskraft, durch die er vordringen kann eben auch
zum Verstandnisse dessen, was die Geisteswissenschaft vorbringt.
Aber auch in dieser Beziehung war es fur eine Menschheit der
alteren Zeit anders, als es fur die Menschheit der Gegenwart ist.
Daher war das Verhalten derjenigen, welche in den Mysterien
lehrten, welche in den Mysterien Kunst und Religion trieben, ein
anderes, als das des Geistesforschers heute sein kann. Heute muft
derjenige, der von geistigen Erkenntnissen spricht zu seiner Um-
welt, durchaus darauf bedacht sein, seine Ideen so anzuordnen, daft
sie wirkliche Erinnerungen anregen an das vorirdische Leben. Man
muft heute gewissermaften zu den zuhorenden Menschen so spre-
chen, oder man mufi dasjenige, was man schreibt fur die lesenden
Menschen, so einrichten, daft es darstellt Erinnerungen an das vor-
geburtliche Leben.
Man mochte sagen: Jedes Reden iiber geisteswissenschaftliche
Dinge ist so, daft man eigentlich an den Zuhorer herantritt mit dem
Appell: Hore dasjenige, was man sagt, schaue tief genug in deine
Seele hinein und du wirst finden, daft das eigentlich in deiner Seele
selber drinnen sitzt, und du wirst darauf kommen, daft du ja das
alles nicht im Erdenleben gelernt haben kannst, da dir keine Blume,
keine Wolke, keine Quelle, nichts das sagt, da dir auch nicht Wis-
senschaft, die nur auf die Sinne und den Verstand baut, dir das
jemals sagen kann; du wirst darauf kommen, daft du dir das mit-
gebracht hast ins Erdendasein, daft du vor dem Erdendasein Dinge
mitgemacht hast, die wie durch eine kosmische Erinnerung zuriick-
lassen in deiner Seele dasjenige, was durch den Geistesforscher
angeregt wird. Es ist allerdings also ein Appell an das tiefste Innere
der Menschenseele, der durch den Geistesforscher getan wird.
Aber es ist nicht die Zumutung, man solle etwas Fremdes in sich
aufnehmen, sondern lediglich der Appell, man solle sich erinnern
an dasjenige, was gerade das tiefste Eigentum der Menschenseele
selber ist.
So war es nicht bei den Menschen der alteren Zeit. Da muftten
die Mysterienweisen, die Priester, anders vorgehen, denn die Men-
schen der alteren Zeiten hatten eine ihnen von selbst kommende
Erinnerung an ihr vorirdisches Dasein. Vor einigen Jahrtausenden
zweifelte auch der primitivste Mensch nicht daran, daft in seiner
Seele etwas sitzt, was er sich aus einem iibersinnlichen Leben in das
sinnliche mit heruntergebracht hat, denn er erfuhr das jeden Tag in
traumahnlichen Imaginationen. Er hatte etwas in seiner Seele, von
dem er sich sagte: Das hat mir nicht das Auge gegeben, das den
Baum anschaut, das hat mir nicht das Ohr gegeben, das die Nach-
tigall singen hort, das hat mir nicht irgendein anderer Sinn gegeben,
sondern das ist da in meiner Seele. Das konnte ich in mich nicht
aufnehmen, seit ich im Erdendasein bin, das war da, als ich herun-
terstieg zum Erdendasein, und als mir von einem anderen Men-
schenleib aus wahrend meiner Embryonalzeit der physische Leib
der Erde gegeben worden ist, da war schon dasjenige da in mir, was
jetzt in mir in traumhaften Imaginationen aufleuchtet. Das habe ich
umkleidet mit einem physischen Menschenleib.
Man hatte also in jenen alteren Zeiten dem Menschen nichts
gesagt, wodurch er weitergekommen ware in seiner Entwickelung,
wenn man ihn aufmerksam auf dasjenige gemacht hatte, auf das
man gerade den modernen Menschen zuallererst aufmerksam raa-
chen mufi: dafi er eine Erinnerung hat - eine unterbewufite Erin-
nerung zunachst, die aber durch Anregung ins Bewufttsein herauf-
gerufen werden kann - von einem vorirdischen Dasein. In den
alteren Mysterien mufite vielmehr der Mensch auf ein ganz anderes
aufmerksam gemacht werden.
In den alteren Zeiten, da hatte der Mensch, man mochte sagen,
ein tiefes Weh gerade iiber das Schonste in der Sinneswelt. Er sah
die Blume. Er sah sie in ihrer wunderbaren Schonheit aus dem
Erdboden heraussprossen, die Bliite entfalten. Er sah ferner das
Wohltatige, das fur ihn die Blume hatte. Er nahm wahr die rieseln-
de Quelle mit all der Schonheit, die sie enthullen kann, wenn man
ihr entgegentritt inmitten eines Baumschattens. Er nahm wahr
selbstverstandlich durch seine Sinne das Erfrischende einer solchen
Quelle. Aber dann, dann sagte er sich: Das alles ist ja wie abgefal-
len, wie siindhaft abgefallen von derjenigen Welt, die ich in mir
trage, die ich hereingebracht habe ins physische Dasein, als ich
herunterstieg aus geistigen Welten. Und die Mysterienlehrer hatten
die Aufgabe, nun dem Menschen klarzumachen, daft auch in der
Blume, daft auch in der rieselnden Quelle, daft auch in dem Rau-
schen des Waldes, im Nachtigallengesang und iiberall geistige
Wesenheit wirkt und webt, daft auch da iiberall geistige Wesen zu
find en seien. Sie hatten dem Menschen die grofte Wahrheit beizu-
bringen: Dasjenige, was in dir lebt, lebt auch in der aufteren Natur.
Denn der Mensch hat mit Weh, mit Leid gerade damals auf die
auftere Welt hingesehen, in der Zeit, da er die frischesten, die emp-
fanglichsten Sinne hatte fur diese aufiere Welt, in der Zeit, in der
am wenigsten der Intellekt ihn iiber Naturgesetze aufgeklart hat,
sondern in der er mit primitiven Sinnen diese Aufienwelt angesehen
hat. Ihre Schonheit, ihre sprieftende, sprossende Schonheit, sie
drang in seine Augen, sie drang in seine Ohren, sie drang in die
anderen Sinne; aber er konnte all das nicht anders als mit Weh
empfinden. Gerade an der Schonheit empfand er das tiefste Weh,
weil er es nicht vereinigen konnte mit dem, was als der Inhalt sei-
nes eigenen vorgeburtlichen Daseins in seiner Seele lebte. Und so
hatten die Mysterienweisen die Aufgabe, zu zeigen, wie das Gott-
lich-Geistige in allem, auch in den Sinnesdingen wohnt. Gerade die
Geistigkeit der Natur hatten die alten Weisen den Menschen klar-
zumachen.
Das aber konnten sie nur, wenn sie einen anderen Weg einschlu-
gen, als man heute einschlagt. 1st es heute notwendig, die Menschen
vor alien Dingen darauf hinzuweisen, daft sie sich erinnern ihres
vorgeburtlichen Daseins, so war es fur diese alten Mysterienlehrer
notwendig, eine ganz andere Erinnerung hervorzurufen bei denje-
nigen Menschen, die sie um sich hatten.
Der Mensch vollbringt wahrend seines irdischen Daseins sein
Leben rhythmisch in zwei Zustanden, eigentlich in drei Zustanden:
in Wachen, Traumen, Schlafen. Das Schlafen verlauft unbewufit.
Einen solchen unbewufken Schlafzustand, obwohl er etwas anders
war als der der heutigen Menschen, den hatten auch schon die Men-
schen alterer Epochen. Sie schliefen auch, verfielen auch in einen
Zustand, in dem keine Erlebnisse in die Seele, in das Bewufksein
heraufkamen. Aber der Mensch lebt ja auch vom Einschlafen bis
zum Aufwachen. Wir sterben ja nicht beim Einschlafen und werden
nicht neu geboren beim Aufwachen, sondern wir haben ein Leben
auch als Seele, als Geist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und
fur das gewohnliche alltagliche Bewulksein ist dieses Erleben, dieses
eigene Erleben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen vollstan-
dig ausgeloscht. Der Mensch erinnert sich an dasjenige, was er
wachend oder hochstens noch traumend erlebt; aber er erinnert sich
im gewohnlichen Bewufttsein nicht an das, was er zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen im traumlosen Schlaf erlebt. Daran
erinnert er sich nicht. Die alten Mysterienlehrer behandelten ihre
Schiiler, und durch die Ideen, die sie in die Welt setzten, die ganze
Menschheit, die zu ihnen kam, so, daft nun fur diese alteren Zeiten
der Menschheit - in bezug auf die Geschichte «altere Zeiten» -
wachgerufen wurde dasjenige, was im Schlaf erlebt wurde.
Die neuere Initiations-Erkenntnis hat zu erinnern an dasjenige,
was vor dem Erdendasein in der Menschenseele gelebt hat. Die
Initiation der alten Zeiten hatte den Menschen in der Initiations-
Erkenntnis an dasjenige zu erinnern, was er im taglichen Schlaf e
erlebte. So daft von diesen alten Mysterienlehrern alle Erkenntnis-
se, die sie in Ideen kleideten, so angeordnet wurden, daft sich dann
die Schiiler oder diejenigen, die es horten, sagen konnten: Die
sagen uns ja nichts anderes, als was wir in jedem Schlafe durch-
machen. Wir driicken es nur hinunter in das Unbewuftte, aber wir
machen es wahrend jedes Schlafzustandes durch. Es 1st ja gar nichts
Unbekanntes, was uns da die Mysterienpriester vorsagen, sondern
sie sind nur durch ihre Einweihung darauf gekommen, dasjenige zu
schauen, was man fur das gewohnliche Bewufttsein wahrend des
Schlafes nicht schaut, was man eben durchlebt.
Ebenso war es das Wachrufen einer Erinnerung an etwas, was
der Mensch durchlebt hat im Schlafe, in jener alten Initiationsweis-
heit, wie es heute das Wachrufen der Erinnerung an das vorirdische
Dasein ist. Aber das ist eines der unterscheidenden Merkmale alte-
rer Initiation und neuerer Initiation, daft eben durch die alte Initia-
tion der Mensch erinnert wurde an dasjenige, was er sonst im all-
taglichen Bewufttsein verschlief, das heiftt woran er sich im Tages-
bewufttsein nicht mehr erinnerte. Ins Tagesbewufttsein wurden von
den alten Mysterienweisen die Nachterlebnisse heraufgeholt, und
die wiesen den Menschen darauf hin: In der Nacht lebst du mit
deiner Seele in der geistigen Welt, die in jeder Quelle lebt, in jeder
Nachtigall, in jeder Blume lebt. In jeder Nacht gehst du in das-
jenige hinein, das du nur anschaust, nur wahrnimmst durch deine
Sinne wahrend des Tages.
Und dann konnte der Mensch iiberzeugt sein, daft die Gotter,
die er in seinem wachen Traumen erlebte, auch in der Natur drau-
fien vorhanden sind. So zeigte, indem er ihm den Inhalt des Schla-
fes zeigte, der alte Mysterienweise seinem Schiiler, daft es drauften
in der gegenwartigen Natur gottlich-geistige Wesenheiten gibt, wie
der neuere Geistesforscher die Aufgabe hat, dem Menschen zu
zeigen, daft er, bevor er auf die Erde heruntergestiegen ist, in der
geistigen Welt als geistiges Wesen unter geistigen Wesen lebte und
sich hier auf dieser Erde in Begriffen, in Ideen erinnernd wieder
erschaffen kann dasjenige, was er im vorirdischen Dasein erlebt hat.
In der heutigen Initiationswissenschaft lernt man die wirklichen
Tatsachen kennen, die den S chlaf von dem Wachen unterscheiden,
wenn man aufsteigt von der Imagination zu der Inspiration. Das-
jenige, was der Mensch selber ist als Seele, als Geist vom Einschla-
fen bis zum Aufwachen, das wird ihm erst anschaulich fur die
wirkliche inspirierte Erkenntnis; wenn der Mensch aufsteigt zur
imaginativen Erkenntnis, kommt er zu seinem Lebenstableau.
Wenn er dieses Lebenstableau ausbildet im blofien Wachen, im
leeren Bewufttsein, in der kosmischen Stille, wie ich sie beschrieben
habe, so tritt zunachst als Inspiration aus dem Kosmos in seine
Seele herein das vorirdische Dasein. Dann aber tritt auch in der
Inspiration die Wesenheit von ihm selbst auf, wie diese Wesenheit
als geistige und seelische zwischen dem Einschlafen und Auf-
wachen ist.
Dasjenige, was im Schlaf unbewuftt bleibt, das wird fur die In-
spiration bewuftt. Man lernt hinschauen auf dasjenige, was man tut
als Seele und Geist im schlafenden Zustande, und man wird dann
gewahr: beim Einschlafen geht eigentlich das Geistig-Seelische aus
dem physischen Leibe und aus dem Atherleib heraus. Man laftt im
Bette zuruck den physischen Leib und den Ather- oder Bildekraf-
teleib, wie er in der Imagination erscheint, und wie ich ihn Ihnen
beschrieben habe. Und dasjenige, was hohere Glieder der mensch-
lichen Natur sind, was man nennen kann astralischen Leib - ich
habe auch das schon angefiihrt - und die eigentliche Ich-Organisa-
tion, die gehen heraus aus dem physischen Leib und dem Atherleib
und gehen beim Aufwachen wiederum in diese beiden Leiber zu-
riick. Jene Spaltung unseres Wesens, die wir durchmachen jedesmal
beim rhythmischen Ubergang vom Wachen zum Schlafen, die kann
erst ihrer Tatsachlichkeit nach durch die Inspiration wirklich ge-
schaut, erkannt werden. Und da nimmt man denn wahr, wie alles
dasjenige, was wir uns aneignen im gewdhnlichen wachen Leben
durch unser Denken, durch unsere Gedankenwelt, wie das wirklich
im Bette zuriickbleibt. Unsere Gedanken, die wir uns erarbeiten,
unsere Gedanken, fiir die wir so gequalt werden wahrend unserer
Schulzeit, all dasjenige, was wir uns als unsere Gescheitheit erwor-
ben haben fiir unsere irdische Intelligenz, das miissen wir bei dem
physischen Leib mit dem Atherleib jedesmal, wenn wir einschlafen,
zuriicklassen. Wir nehmen aus unserem physischen und unserem
Atherleib in die geistige Welt, in der wir schlafen, als Ich und astra-
lischer Leib nur heriiber etwas, was ganz anders ist als dasjenige,
was wir erleben wahrend des Wachzustandes. Wenn wir iibergehen
vom Wachen zum Schlafen, so erleben wir etwas, was wir aber
nicht zum Bewufksein bringen im gewohnlichen Bewufitsein. Da-
her mufi ich Ihnen, indem ich Ihnen von diesen Erlebnissen spre-
che, so sprechen, dafi die Ideen Begriffe vorstellen, in die ich die
Darstellungen dessen zu kleiden haben werde, was der Mensch
zwar erlebt, aber nicht weift fiir das gewohnliche Bewufitsein,
woran er sich in der im ersten Teil meines heutigen Vortrages an-
gedeuteten Erinnerung aber auch wirklich innerhalb des gesunden
Menschenverstandes besinnen kann. Dieses Nachdenken iiber die
Dinge der Welt in den Schattenbildern der wirklich lebendigen
Gedanken lassen wir zuriick im Einschlafen und leben uns ein in
eine Welt, in der wir eigentlich nicht in demselben Sinne denken
wie hier in der irdischen Welt, sondern in der wir dasjenige, was
ist, erleben, innerlich erleben. Der Mensch erlebt in der Tat wah-
rend des Schlafens unbewufit das Licht. Uber dasjenige, was das
Licht tut, wie das Licht im Verhaltnis zu den Dingen Schatten,
Farben erscheinen lafit, iiber das denken wir nach, wahrend wir im
wachen Leben sind, und wir haben Gedanken uber das Licht und
die Wirkungen des Lichtes. Diese Gedanken lassen wir, wie gesagt,
zuriick. Aber in das webende, lebende Licht gehen wir im Schlafe
selber hinein. Wir giefien uns aus in das webende, lebende Licht.
Und so wie wir hier als Erdenmensch wahrend des Tages, wenn
wir unsern physischen Leib an uns tragen, auch mit unserer Seele
und unserem Geiste durch die Luft gehen, wie wir iiber den Erd-
boden gehen, so treten wir zunachst als Schlafender in das weben-
de, wellende Licht ein und werden selber zu einer Wesenheit, zu
einer Substanz von webendem, lebendem Licht. Wir werden Licht
im Licht.
Nur, wenn dann der Mensch inspiriert wird von dem, was er
selber in jeder Nacht wird, wenn das also in ihm im wachenden
Bewulksein aufsteigt, dann weift er zugleich: da lebst du wahrend
des Schlafes wie eine Lichtwolke selber in dem kosmischen Lichte.
Aber das bedeutet nicht blofi als Lichtsubstanz im Lichte leben,
sondern das bedeutet in den Kraften leben, die fur das wache
Leben Gedanken werden, in Gedanken erfafk werden.
Das Licht, das man erlebt, ist iiberall von schaffenden Kraften
durchzogen, von demjenigen durchzogen, was nun in den Pflanzen
innerlich wirkt, was in den Tieren innerlich wirkt, was aber auch
selbstandig als geistige Welten vorhanden ist. Man erlebt nicht etwa
das Licht so, wie man es hier in der physischen Welt erlebt, son-
dern das webende, lebende Licht ist eben - wenn ich mich un-
eigentlich so ausdriicken darf - der Korper von geistigem Weben
und auch von einzelnen geistigen Wesenheiten.
Hier in der physischen Welt steht man als Mensch in seiner
Haut eingeschlossen. Man sieht andere Menschen in ihre Haut ein-
geschlossen. Dort, wahrend des Schlafzustandes, ist man Licht im
Lichte, und andere Wesen sind Licht im Lichte. Aber man nimmt
das Licht nicht mehr als Licht wahr, so wie man es gewohnt wor-
den ist hier auf der physischen Welt als Licht wahrzunehmen, son-
dern - wenn ich mich jetzt in Bildhaftigkeit ausdriicken darf -
wesenhafte Lichtwolke, die wir selber sind, nimmt wesenhafte
Lichtwolke, die objektiv ist, wahr. Aber diese wesenhafte Licht-
wolke, die objektiv ist, die ist ein anderer Mensch, oder ist irgend-
ein Wesen, das die Pflanzenwelt belebt, oder ist ein Wesen, das
iiberhaupt niemals in einem physischen Leib sich inkarniert, son-
dern immerfort in der geistigen Welt ist.
Das Licht wird also da nicht als irdisches Licht erlebt, sondern
als lebendig wesende Geistigkeit. Und Sie wissen ja, man lebt als
physischer Mensch hier auf der Erde noch in etwas anderem. Man
lebt in der Warme, die man physisch wahrnimmt. Der Mensch
weift, wenn es ihm warm ist, wenn es ihm kalt ist. Er heizt sich
seine Zimmer, wenn es ihm kalt ist. Er weifi also, daft er auf sinn-
liche Art hier fur das gewohnliche Bewufitsein im Warmen oder
Kalten lebt. Aber das, was er im Warmen oder Kalten erlebt, das
fiihlt er eben. Das ist das Fiihlen, das Empfinden von Warme und
Kalte.
Geht man jetzt beim Einschlafen aus seinem physischen und
seinem Atherleib heraus, so lebt man, ebenso wie man als Licht im
Lichte lebt, selber als Warmesubstanz in der Warmesubstanz des
Kosmos. Man ist also nicht blofi Lichtwolke sozusagen, sondern
man ist von Warme durchwellte und durchwebte Lichtwolke, und
dasjenige, was man wahrnimmt, tragt wiederum in sich die Warme.
Aber so, wie man in dieser Wesenhaftigkeit als Geistig-Seelisches
im Schlafzustande nicht das Licht als Licht erlebt, sondern als
lebendiges Geistiges, wie man sich selber als lebendiges Geistiges
weifi und die anderen Wesenheiten als lebendige geistige Wesenhei-
ten erlebt, wenn es einem bewufk wird durch die Inspiration, so ist
auch dieses, was man da mit Bezug auf die Warme durchmacht.
Man kann nicht auskommen in der geistigen Welt, auch fur die
Inspiration nicht auskommen, wenn man etwa blofi die Vorstellun-
gen mitbringen wollte, die man hier in der irdischen Welt sich
erworben hat. Geradeso wie man sich eine andere Vorstellung iiber
den kiirzesten Weg zwischen zwei Punkten aneignen mufi, so mufi
man sich eben fur alle Dinge andere Inhalte der Seele aneignen.
Und so wie man, indem man sich als Licht im Lichte erlebt, eigent-
lich als Geist in der Geisterwelt erlebt, so erlebt man sich, indem
man sich als Warme in der kosmischen Warme erlebt, nicht in
Warme, wie man sie gewohnt ist, in der sinnlichen Welt anzusehen,
sondern man erlebt sich in der Welt der webenden, kraftenden
Liebe; als die Liebewesenheit, die man selber ist im Ubersinnlichen,
erlebt man sich unter Wesenheiten, die gar nicht anders sein kon-
nen, als aus Liebe ihre eigene Essenz zu ziehen, die gar nicht anders
sein konnen, als indem sie ihr Liebesdasein in einem allgemeinen
kosmischen Liebesdasein haben. So erlebt man sich zunachst zwi-
schen dem Einschlafen und dem Aufwachen in einem geistgesattig-
ten Liebesdasein.
Deshalb miissen wir, wenn wir iiberhaupt in diese Welten hinein-
kommen wollen, worinnen wir ja selbst jeden Tag sind zwischen
dem Einschlafen und Aufwachen, die Liebefahigkeit erhohen, denn
sonst bleibt uns diese Welt, die wir durchmachen zwischen dem
Einschlafen und Aufwachen, naturlich eine fremde Welt. Hier in
dieser Welt waltet ja nicht die vergeistigte Liebe, sondern eigentlich
nur der von der Sinnlichkeit durchtrankte Triebzustand der Liebe.
Die vergeistigte Liebe waltet aber in der geistigen Welt so, wie ich es
eben jetzt geschildert habe. Und will man daher dazu kommen,
dann auch drinnenzustehen in der Welt mit Bewufitsein, in der man
ja eigentlich mit dem Erleben jede Nacht drinnensteht, so kann man
das nur, wenn man zunachst die Liebefahigkeit in der Weise aus-
bildet, wie ich es gestern charakterisiert habe.
Nun, man kann ja zu sich selbst gar nicht kommen ohne Liebe-
fahigkeit, denn es mufi einem ewig verschlossen werden dasjenige,
was man in einem dritten Teil seines Lebens, wahrend des Schla-
fens, auch auf Erden in Wahrheit ist, wenn man es nicht erforschen
konnte durch die Ausbildung, die Erhohung der Liebefahigkeit.
Dasjenige, was der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen
erlebt, mulke ewig ein dunkles Ratsel fur die Erdenwesen bleiben,
wenn diese Erdenwesen nicht in der Liebefahigkeit vorriicken
mochten, um auf diese Weise ihr eigenes Wesen, wie sie es in dem
anderen Zustande zwischen dem Einschlafen und Aufwachen er-
leben, auch zur Erkenntnis zu bringen. Die Form aber der Gedan-
kentatigkeit, die wir entwickeln, wenn wir unseren physischen und
unseren Ather- oder Bildekrafteleib an uns tragen, also im wachen-
den Zustand, die lassen wir im Bette zuriick; die kommt, wahrend
wir schlafen, in eine einheitliche Bewegung mit dem ganzen Kos-
mos hinein. Wiirde der Mensch sich wirklich aufklaren konnen
iiber dasjenige, was da nun im physischen und Atherleib wahrend
der Nacht geschieht, so wiirde er wahrnehmen konnen von auften,
wenn er als warmendes Lichtwesen lebt, wie der Atherleib die
ganze Nacht fortdenkt.
Denken konnen wir, wenn wir mit unserer Seele gar nicht dabei
sind, denn dasjenige, was wir im Bette liegen lassen, das treibt die
Denkwellen immer weiter und weiter fort. Das denkt fort. Und
wenn wir des Morgens aufwachen, dann tauchen wir unter in das-
jenige, was im Bette liegen geblieben ist und fortgedacht hat. Wir
treffen unsere eigenen Gedanken am Morgen wieder an. Die sind
nicht abgestorben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Wir
sind nur nicht dabeigewesen. Und ich werde morgen zu schildern
haben, wie man, wenn man nicht dabei ist, viel gescheiter sein
kann, viel intelligenter, als man ist, wenn man wahrend des Tag-
wachens mit seiner Seele bei den Gedanken ist. Dasjenige, was da
wahrend der Nacht gedacht wird, wenn man nicht dabei ist, ist
oftmals viel gescheiter im Menschen als dasjenige, was er denkt
vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wenn er dabei ist mit seiner
Seele.
Aber jedenfalls, heute wollte ich andeuten, daft da in dem
Atherleib und physischen Leib fortgedacht wird und daft, wenn
wir des Morgens aufwachen und einen Traum versptiren, dieser
Traum gewissermaften andeutet: Deine Seele staut sich, wenn sie
aufwacht und untertaucht in den Atherleib und physischen Leib.
Da ist der physische Leib; da der Atherleib, der Bildekrafteleib;
und da ist die astralische Organisation und die Ich-Organisation,
das taucht am Morgen unter in den physischen Leib und Ather-
leib. Aber beim Untertauchen geschieht etwas, wie wenn eine
dichtere Welle, eine dichtere Woge in das Diinnere hineintaucht;
es entsteht eine Stauung. Und diese Stauung, die da entsteht,
wird erlebt als Morgentraum. Das Ich und der astralische Leib,
die in der Nacht im Lichte und in der Warme gewoben haben,
die tauchen in die Gedanken hinein, verstehen die Gedanken
nicht gleich, bringen sie durcheinander, und diese Stauung wird
erlebt als der Morgentraum.
Nun, was das Traumen weiter ist, wie dieses Traumen eigentlich
ratselhaft im ganzen Menschenleben drinnensteht, und wie das
Verhaltnis des Schlafens und Wachens weiter ist, das wollen wir
dann morgen betrachten.
FRAGENBEANTWORTUNG
Penmaenmawr, 21. August 1923
Es wurden schriftliche Fragen eingereicht, deren Wortlaut sich aber nicht
erhalten hat.
Zu der ersten Frage iiber das Wesen des Schlafes:
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Vielleicht ist es doch angemessen, ein paar Worte iiber diese Fra-
gen, die hier gestellt worden sind, zu sagen. Zunachst wundert sich
ein Fragensteller dariiber, wie wenig die Fachmedizin sich kiim-
mert urn die Vorgange wahrend des Schlafzustandes. - Ja, man
braucht sich eigentlich dariiber nicht zu verwundern, denn die ge-
genwartige Naturwissenschaft ist ja zu ihrer Grofie gerade nur
dadurch gelangt, daft sie absieht von allem Geistigen, daft sie sich
beschrankt auf alles dasjenige, was nicht geistig ist; aber man kann
den Schlafzustand und alles, was mit ihm zusammenhangt, wirklich
nicht studieren, ohne daft man den Gang findet von der physischen
Welt in die geistige Welt. Deshalb ist es sehr erklarlich, daft heute
in der Fachmedizin hochstens von den Grenzzustanden des Wa-
chens und Schlafens gesprochen wird, aber nicht eigentlich iiber
dasjenige, was von dem Schlafzustand in den Wachzustand hinein-
ragt und umgekehrt. Gerade morgen werde ich innerhalb meines
Vortrages iiber diese Bilder sprechen. Es ist immer besser, wenn
diese Fragen im Zusammenhange besprochen werden.
Nun wird ja davon gesprochen, daft es Menschen gibt, die sich
an gar nichts erinnern, was sie wahrend des Schlafzustandes erlebt
haben, daft es aber Menschen gibt, die sich an alles mogliche erin-
nern. Ja, da mochte ich wenigstens vorher die Frage stellen: Woher
weifi man denn, ob dasjenige, was ein Mensch erzahlt, wenn er
wach geworden ist von seinem Schlafen, ob das, woran er sich
erinnert, wirklich alles ist, was er erlebt hat im Schlaf ? Woher weifi
man denn, wann die Dinge stimmen, die er angibt? Natiirlich,
wenn die Dinge aufierlich priifbar sein sollen, dann raul? man den
Grad seines Schlafes priifen. Es kann durchaus sein, daft in den
Schlaf zunachst manches vom Wachen hineintont. Aber diese Din-
ge konnen nicht in einer leichten Weise genommen werden, son-
dern miissen exakt gepriift werden; so daft nicht von vornherein die
allgemeine Ansicht eine Bedeutung haben kann, daft manche Men-
schen alles mogliche von ihrem Schlafe erzahlen. Da ist alles sorg-
faltig zu priifen, und ich werde selber noch einiges in den Vortra-
gen zu erzahlen haben iiber dasjenige, was Menschen im Schlafe
erleben. Und so werden Sie sehen, daft das, was mit der hier vor-
liegenden Frage wahrscheinlich gemeint ist, aufterordentlich wenig
von dem umfafit, was der Mensch wirklich jede Nacht zwischen
dem Einschlafen und Aufwachen erlebt, wenn er iibergeht in eine
ganz andere Welt und wenn er auch auf eine ganz andere Art er-
lebt. Das ist dasjenige, was beriicksichtigt werden mufi. Deshalb ist
es schon gut, wenn man gerade bei dieser Frage vielleicht die nach-
sten Vortrage abwartet; da wird sich schon von selbst einiges mo-
difizieren. Es ist also nicht so, daft ich nicht eingehen mochte auf
diese Fragen, das ist gar nicht der Fall, sondern manche Dinge
konnen erst in den Vortragen beantwortet werden, und dann be-
antworten sie sich vollstandiger und sachgemafier, als man sie so
aufterhalb der Zeit beantworten kann. Also nicht Unfreundlichkeit
ist es, wenn etwas aufgeschoben wird, sondern es ist wirklich ganz
sachgemaft.
Zu der Frage iiber die Wirkung von Alkohol und ahnlichen Substanzen:
Nun will ich noch einen Augenblick auf etwas zuruckkommen, was
gewiinscht wird: Physische Substanzen haben ja gewisse geistige
Krafte in sich. Daft etwas physische Substanz ist, das ist eigentlich
nur der auftere Schein; physische Substanzen haben schon geistige
Krafte in sich. Nun sehen Sie, ich habe heute morgen gesagt: Im
gewohnlichen Schlaf sind Ich und astralischer Leib abgesondert
vom atherischen Leib und vom physischen Leib, die im Bette liegen,
und ich habe gesagt, der Mensch denkt manchmal gescheiter, wenn
er nicht dabei ist mit seinem Seelenleben, als wenn er dabei ist.
Nun haben manche physische Substanzen die Eigentiimlichkeit,
dafi sie, ohne den Menschen in Schlaf zu bringen, das Ich und den
astralischen Leib lockern. Diese Wirkung hat unter Umstanden
schon der gewohnliche Alkohol. Wenn dann eine etwas irregulare
Verbindung zwischen dem atherischen Leib und dem Sprachorgan
oder dem Denkorgan doch noch vorhanden ist, dann kann der
Mensch unter Umstanden so sprechen oder schreiben, daft er mit
seinem Ich oder astralischen Leib herausgelockert ist, und es
schreibt dann dasjenige, was im atherischen Leibe fortschwingt,
und das kann durchaus etwas viel Bedeutenderes sein als das, was
der Mensch spricht oder schreibt, wenn er mit Ich und astralischem
Leib dabei ist. Man darf naturlich diese Dinge nicht bis zu prak-
tischen Mafiregeln treiben; man darf selbstverstandlich nicht
behaupten, daft jemand dadurch ein guter Dichter werden kann,
wenn er in dieser oder jener Weise sich dem Opiumgenufi hingibt,
aber auf der andern Seite sind diese Dinge durchaus der Realitat
entsprechend. Man kommt dabei in eigentlich recht gefahrliche
Kapitel des menschlichen Lebens hinein. Und fur sehr viele Er-
scheinungen in der Welt hat man notwendig, wirklich notwendig,
diese Zusammenhange zu kennen. Man versteht manchen Men-
schen in seinen Leistungen gar nicht, wenn man nicht weift, unter
welchem Einflusse substantieller Art - rein aufierlich materiell - er
etwas gestaltet hat. Es ist moglich zum Beispiel bei Nietzsche,
ebenso wie bei Coleridge, in einigen ihrer Werke wenigstens, jede
einzelne Art und Weise des Ausdrucks als das Fortschwingen des
Atherleibes in selbstandiger Weise wirklich zu interpretieren.
Also wir mussen schon uns zugestehen: dieser Atherleib in uns,
der ist eine sehr, sehr gescheite Wesenheit. Und er ist eigentlich
gehindert durch dasjenige, was wir im astralischen Leib und im Ich
konnen im Wachzustande, seine Gescheitheiten immer zum Aus-
drucke zu bringen. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen,
was fur eine Summe von Gescheitheit vorhanden ist, wenn eine
Anzahl von Menschen irgendwo versammelt sind! Nur sind immer
die Ichs und die astralischen Leiber die Hinderer, diese Gescheit-
heit zur Oberflache kommen zu lassen. Das ist ja dasjenige, was ich
immer ausgedriickt habe auch in meinen Vortragen: das Ich ist
eigentlich das Baby im Menschen, es ist am allerunentwickeltsten.
, Zu der Frage in Bezug auf Geruchwahrnehmungen:
Beziiglich der einzelnen Sinneswahrnehmungen, die man gewohnt
ist in der physischen Welt zu haben, ist ja dieses zu sagen, dafi in
der Art, wie diese Sinneswahrnehmungen in der physischen Welt
vorhanden sind, sie nicht etwa unmittelbar in der geistigen Welt
gesucht werden diirfen. Gerade aus diesem Grunde habe ich mich,
als ich tiber Farben gesprochen habe, sehr prazise auszudriicken
versucht. Ich habe gesagt, dafi das Erlebnis in der geistigen Welt
darin besteht, daft man dasselbe erfahrt bei einem geistigen Ein-
druck wie man das erfahrt bei einer bestimmten Farbenwahrneh-
mung. Und ich sagte: Man hat, wenn man in der physischen Welt
das Rot wahrnimmt, ein bestimmtes inneres Erlebnis, das Gefiihl,
daft einem irgend etwas Attackierendes entgegenkommt, wahrend
man zum Beispiel bei dem Blauen die Empfindung hat, daft man
sich selber dermitig hingeben miisse dem, was in der Farbe sich
offenbart. Wenn man sich diese Erlebnisse klar macht, alles Attak-
kierende des Roten, das Demuterzeugende der blauen oder blau-
violetten Farbe, dann kann man bei Wahrnehmungen in der geisti-
gen Welt, wenn man dasselbe innere Erlebnis hat wie an dem Rot
oder an dem Blau in der physischen Welt, davon sprechen, daft
man in der geistigen Welt das dem Rot oder Blau Korrespondie-
rende hat. In dem Augenblicke - und zwar gerade dann, wenn man
zu der imaginativen Erkenntnis ubergeht - verwachst man mit dem
Gegenstand, und das ganze Erleben ist ein anderes als in der phy-
sischen Welt, so daft man gerade Farbwahrnehmungen der geisti-
gen Welt gegeniiber eben dieses Drinnenstehen in der Farbe hat;
dadurch gewinnt das ganze Erlebnis einen anderen Charakter.
Aber es ist trotzdem vollberechtigt, von Farbwahrnehmungen in
der geistigen Welt zu sprechen, - vollberechtigt, daft man beim
Auftreten von geistigen Wesenheiten oder Entitaten wirklich ein
Rotes, ein Blaues, ein Grimes und so weiter erlebt. Das ist aus dem
Grunde berechtigt, weil auch dann, wenn die Farben in der physi-
schen Welt erscheinen, die Farben durchaus nicht dasjenige sind,
als was sie heute zum Beispiel in der Physik angeschaut werden,
sondern die Farben sind immer, wo sie erscheinen, physische Pro-
jektionen, Abschattierungen aus der geistigen, aus der astralischen
Welt heraus. So daft, wenn man irgendwo - sagen wir das Rot
hat -, so hat man die im Physischen gegebene Abschattung, den
physischen Schatten von einem Vorgang in der geistigen, in der
astralischen Welt, der, wenn man ihn unmittelbar erlebt, eben einen
attackierenden Eindruck
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