Anthroposophie - Eine Zusammenfassung nach einundzwanzig Jahren

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



1 



I 



RUDOLF STEINER 



ANTHROPOSOPHIE 

Eine Zusammenfassung 
nach einundzwarmg Jahren 

Zugleich eine Anleitung 
zu ihrer Vertretung vor der Welt 



Neun Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 19januar bis lO.Februar 1924 



1994 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte H. R. Niederhauser 



Die Vortrage wurden erstmals gedruckt in: 
«Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. 
Nachrichten fur deren Mitglieder», 1926 

1. Buch-Auflage unter dem Titel 
«Anthroposophie. Eine Einfiihrung 
in die anthroposophische Weltanschauung* 
Dornach 1927 

2. Auflage Dornach 1934 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1974 

5. Auflage unter dem Titel: 
«Anthroposophie. Eine Zusammenfassung 
nach einundzwanzig Jahren» 
Gesamtausgabe Dornach 1981 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994 



Bibliographie-Nr. 234 

Zeichnungen im Text nach den Wandtafelskizzen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff (siehe auch Seite 162) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
©1959 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck, Basel 

ISBN 3-7274-2342-0 



7,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grolSen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, da!5 sie schriftlich festge- 
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden muss en, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aulSert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermaften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Seite 

Erster Vortrag, Dornach, 19. Januar 1924 11 

Anthroposopkie, die Menschensehnsucht der Gegenwart 

Die zwei drangenden Fragen der Menschenseele. Der Mensch kann 
nicht an die Natur heran, ohne dafi er vernichtet wird. Die Natur 
kann nicht in das Innere des Menschen, ohne dafi sie zum Schein 
wird. Die traditionellen Antworten der alten Wissenschaft, Kunst 
und Religion tragen nicht mehr. Anthroposophie will eine neue Ant- 
wort geben. 

Zweiter Vortrag, 20. Januar 1924 27 

Das meditative Bewufitsein 

Die physische Natur wirkt durch Zerstorungskrafte auf den phy- 
sischen Leib. Was den Leib gestaltend aufbaut, stammt aus einer 
anderen Welt. Der Mensch nimmt aufiere Substanzen auf und gibt 
sie ab. Anfang und Ende der inneren Prozesse sind der aufieren 
Natur verwandt, nicht aber was als Verwandlung dazwischen liegt. 
Diese inneren Vorgange des menschlichen Organismus sind verwandt 
einem vergangenen Erdenzustand. Wir wiederholen in uns, was 
einmal im Erdenanfang war. Dieser friihere Erdenzustand kann 
beobachtet werden durch Meditation. Wesen der Meditation. Das 
Wahrnehmen des Atherischen und Astralischen in sich und in der 
Zeitentwicklung. 

Dritter Vortrag, 27. Januar 1924 43 

Der Ubergang vom gewohnlichen Wissen zur Initiationserkenntnis 

Die Beziehung des Menschen zu den Gestirnen und zum Weltall mufi 
ins Bewufitsein kommen. Die Aufgabe der Anthroposophie. Zwei 
Tore fiihren in die iibersinnliche Welt: das Tor der Sonne und das 
Tor des Mondes. Mond und Sonne geisteswissenschaftlich betrach- 
tet; ihre Beziehung zu Vergangenheit und Zukunft, zum Schicksal 
des Menschen. Menschen, die Eindruck machen auf unseren Ver- 
stand und andere, die auf unseren Willen wirken als Hinweis auf 
karmische Verhaltnisse. 

Vierter Vortrag, 1. Februar 1924 59 

Das erkraftete Denken und der zweite Mensch. Das Atmungsweben 
und der Luftmensch 

Mit dem gewohnlichen Denken konnen wir das Naturratsel und das 
Seelenratsel nicht losen. Verstarkung des Denkens durch Meditation 



fiihrt zum Erleben eines zweiten Menschen und dessen Zusammen- 
hang mit der Sternenwelt. Der physische Mensch und das Feste; 
der Flussigkeitsmensch und sein Zusammenhang mit dem Xthe- 
rischen. Das Leermachen des Bewufkseins fiihrt durch Inspiration 
zum Erleben des Hereinwirkens der geistigen Welt, des Astralischen. 
Das Astralische und der Luftmensch. Die Leier des Apollo als in- 
nere Musik. 

Funfter Vortrag, 2. Februar 1924 

Die Liebe als Erkenntniskraft. Die Icb-Organisation des Menschen 

Das Wesen des Atherischen und Astralischen. Der Atherleib als 
Zeitenorganismus. Der Astralleib aus dem geistigen hereinscheinend. 
Die Liebe als Erkenntniskraft. Der Initiationsschmerz. Das Erken- 
nen des Ich der vorigen Inkarnation. Das Hereinwirken des Ich in 
den Warmeorganismus. Das Wirken der moralischen Impulse aus 
den vorhergehenden Erdenleben durch den Warmemenschen. 

Sechster Vortrag, 3. Februar 1924 

Die waltenden Weltgedanken in der ausstrdmenden Atemluft. Das 
in den Warmeentwicklungen wirksame Ich 

Der Schlafzustand. Die Inhalte des inspirierten Bewufkseins treten 
wie Erinnerungen aus dem Schlafesleben auf. Ich und astralische 
Organisation im Wachen und Schlafen. Wesen der Inspiration und 
Intuition. Wahrend des Schlafes kehrt der Mensch in sein vorge- 
burtliches oder in ein fruheres Erdenleben zuriick. Metamorphose 
des Zeitbegriffes. Der Tod. Das Wesen der Erinnerung. Ausflieften 
der Erinnerungsbilder in den Kosmos nach dem Tode. Wechselwir- 
kung zwischen Mensch und Welt. 

Siebenter Vortrag, 8. Februar 1924 

Ober das Traumleben. Die Beziehungen des Traumlebens zur aufie- 
yen und inneren WirkUchkeit 

Betrachtung des Traumlebens als Ausgangspunkt einer geisteswissen- 
schaftlichen Betrachtung des Menschen und seines Zusammenhangs 
mit Vergangenheit und Zukunft. Die zwei Arten der Traume: 
Traume, die Aufieres abbilden und solche, die innere Vorgange sym- 
bolisch ausdriicken. In der ersten Traumart druckt sich das Ver- 
haltnis des Ich zur Welt, seine Willensstarke und -schwache aus; in 
der anderen Traumart greift der Astralleib ein. Diese Traumart hat 
eine Ahnlichkeit mit dem, wie Bilder in der Imagination erlebt wer- 
den. Hinweis auf das Verhaltnis von Imagination und Traumbild 
tax den inneren Organen. 



Achter Vortrag, 9. Februar 1924 132 

Die Beziehungen der Traumwelt zur imaginativen Erkenntnis. Das 
Scbuldigwerden gegeniiber dem Leben. Die Grundlage des Karma 

Das imaginative Wahrnehmen. Der dreigliedrige Organismus ima- 
ginary betrachtet. Sein Zusammenhang mit vergangenen und kiinf- 
tigen Erdenleben. Die Erinnerungen imaginativ betrachtet. Die 
Ruckschau nach dem Tode. Die moralischen Taten des Menschen 
imaginativ betrachtet. Das Erleben des Schuldigwerdens gegen- 
iiber dem "Weltall. Im Erleben der Ruckschau bildet sich das Kar- 
ma. Im Traum erleben wir unbewufit die geistige Seite des Tages- 
lebens. 

Neunter Vortrag, 10. Februar 1924 148 

Die Erinnerungsfahigkeit des Menschen 

Die Erinnerung vom physischen Leben aus betrachtet. Das Erinne- 
rungstableau nach dem Tode, sich schattenhaft auflosend ins Wel- 
tenall. Das Untertauchen in das geistige Gegenstuck der Erinnerun- 
gen in rucklaufigem Erdenleben und das Erleben der Gegenwerte des 
leidvollen Ausgleichs (Kamaloka). Es wird unser geistiges Selbst- 
bewufitsein. Der Eintritt in die geistige Welt. Das Erleben der gei- 
stigen Wesenheiten. Der Impuls zum Ausgleich in einem neuen Er- 
denleben. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 162 

Hinweise zum Texte 163 

Namenregister 164 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 165 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 167 



Die Original- Wandtafelzeichnungen 
von Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe 
«Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 

Band XV 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 19. Januar 1924 



Meine lieben Freunde, wenn ich nun versuchen werde, eine Art von 
Einfiihrung in die Anthroposophie selbst zu geben, so soil das so ge- 
schehen, dafi darinnen womoglich eine Anleitung zugleich gegeben 
ist fur die Art, wie man vor der Welt Anthroposophie heute vertreten 
kann. Aber ich will eben doch einige einleitende Worte der Sache 
noch vorausschicken. Es wird gewohnlich nicht genugend beriicksich- 
tigt, dafl das Geistige ein Lebendiges ist; und dasjenige, was lebt, mufi 
auch im vollen Leben erfalk werden. Wir diirfen einfach nicht, indem 
wir uns als dieTrager der anthroposophischen Bewegung in der Anthro- 
posophischen Gesellschaft fiihlen, gewissermafien die Hypothese vor- 
aussetzen, jeden Tag beginne die anthroposophische Bewegung. Sie ist 
eben mehr als zwei Jahrzehnte da, und die Welt hat Stellung zu ihr 
genommen. Daher mufi bei jeder Art, sich im anthroposophischen Sinne 
zur Welt zu verhalten, dies Gefuhl stehen, dafi man es zu tun hat 
mit etwas, wozu die Welt Stellung genommen hat; es mufi im Hinter- 
grunde stehen, dieses Gefuhl . Hat man dieses Gefuhl nicht und denkt, 
man vertritt einfach da im absoluten Sinne, wie man es auch vor 
zwei Jahrzehnten hatte machen konnen, Anthroposophie, dann wird 
man immer weiter und weiter darinnen fortfahren, diese Anthro- 
posophie vor der Welt in ein schiefes Licht zu bringen. Und das ist 
ja gerade genug geschehen. Es sollte eben dem ein Ende gemacht wer- 
den auf der einen Seite, und es sollte auf der anderen Seite demgegen- 
iiber ein Anfang gegeben werden durch unsere Weihnachtstagung. Diese 
darf nicht ohne Auswirkung bleiben, wie ich schon nach den verschie- 
densten Richtungen hin angedeutet habe. 

Gewifi, es kann nicht jedem Mitgliede der Anthroposophischen 
Gesellschaft zugemutet werden, irgendwie sozusagen nun sich neue 
Impulse zu geben, wenn ihm das nicht seiner Seelenverfassung nach 
gegeben ist. Jeder hat das Recht, weiter, ich mochte sagen, ein teil- 
nahmsvolles Mitglied zu sein, das die Dinge aufnimmt, und das sich 
damit begniigt, die Dinge aufzunehmen. Wer aber teilnehmen will 



an der Vertretung der Anthroposophie vor der Welt in irgendeiner 
Form, der kann nicht voriibergehen an dem, was ich auseinanderge- 
setzt habe. In dieser Beziehung mufi in die Zukunft hinein nicht nur 
in Worten, sondern im Tun die vollste Wahrheit herrschen. 

Nun, meine lieben Freunde, ich werde noch ofter solche einleiten- 
den Worte sprechen. Wollen wir nun damit beginnen, eine Art von 
Einfuhrung in die anthroposophische Weltanschauung zu geben. 

Wer iiber Anthroposophie etwas sprechen will, mufi voraussetzen, 
dafi zunachst dasjenige, was er sprechen will, eigentlich nichts an- 
deres ist als im letzten Grunde das, was das Herz seines Zuhorers 
durch sich selber sagt. In aller Welt ist niemals durch irgendeine In- 
itiations- oder Einweihungswissenschaft irgend etwas anderes beab- 
sichtigt gewesen, als auszusprechen, was im Grunde genommen die 
Herzen derjenigen durch sich selbst sprechen, die das Betreffende ho- 
ren wollen. So dafi eigentlich das im allereminentesten Sinne der Grund- 
ton anthroposophischer Darstellung sein mufi, aufzutreffen auf das, 
was das tiefste Herzensbediirfnis derjenigen Menschen ist, die Anthro- 
posophie notig haben. 

Wenn man heute auf diejenigen Menschen hinschaut, die iiber die 
Oberflache des Lebens hinauskommen, so sieht man, daft alte, durch 
die Zeiten gehende Empfindungen einer jeden Menschenseele sich er- 
neuert haben. Man sieht, dafi die Menschen heute in ihrem Unterbe- 
wulksein schwere Fragen haben, Fragen, die nicht einmal in klare 
Gedanken gebracht werden konnen, geschweige denn durch dasjenige, 
was in der zivilisierten Welt vorhanden ist, eine Antwort finden konnen. 
Aber vorhanden sind diese Fragen. Und sie sind tief vorhanden bei 
einer grofien Anzahl von Menschen. Sie sind eigentlich vorhanden 
bei alien wirklich denkenden Menschen der Gegenwart. Wenn man 
aber diese Fragen in Worte fafit, so scheint es zunachst, als ob sie weit 
hergeholt waren, und sie sind doch so nahe. Sie sind in aller unmittel- 
barster Nahe der Menschenseele, der denkenden Menschen. 

Zwei Fragen kann man aus dem ganzen Umfang der Ratsel, die 
heute den Menschen bedriicken, zunachst stellen. Die eine Frage, sie 
ergibt sich fur die Menschenseele dann, wenn diese Menschenseele 
auf das eigene menschliche Dasein schaut und auf die Weltumge- 



bung. Die Menschenseele sieht den Menschen hereinkommen durch 
die Geburt in das irdische Dasein. Sie sieht das Leben verlaufen zwi- 
schen der Geburt oder Empfangnis und dem physischen Tode. Sie 
sieht dieses Leben verlaufen mit den mannigfaltigsten inneren und 
aufieren Erlebnissen. Und diese Menschenseele sieht auch draufien 
die Natur, all die Fiille der Eindriicke, die da an den Menschen her- 
ankommen, und die nach und nach die Menschenseele erfullen. 

Und da steht nun diese Menschenseele im Menschenleibe und schaut 
vor alien Dingen eines: Die Natur nimmt eigentlich alles dasjenige 
auf, was die Menschenseele vom physischen Erdendasein sieht. Wenn 
der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann nimmt die 
Natur in ihren Kraften durch irgendein Element - feuerbestattet oder 
erdbestattet zu werden, ist ja kein so grofier Unterschied - es nimmt 
die Natur durch irgendein Element den menschlichen physischen Leib 
auf. Aber was tut sie mit diesem physischen Leib? Sie vernichtet ihn. 
Die Menschenseele schaut gewohnlich nicht nach, welche Wege die 
einzelnen Substanzen dieses physischen Menschenleibes nehmen; aber 
wenn man an denjenigen Statten, wo eine eigentiimliche Art von Be- 
stattung ist, einmal Betrachtungen anstellt, dann vertieft sich sozu- 
sagen dieses eindrucksvolle Nachsehen dessen, was die Natur mit all- 
dem unternimmt, was am Menschen physisch-sinnlich ist, wenn der 
Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Es gibt ja unter- 
irdische Gewolbe, da werden die menschlichen Leichname aufbewahrt, 
abgeschlossen, aber an der Luft aufbewahrt. Sie vertrocknen. Und 
was hat man nach einiger Zeit? Man hat nach einiger Zeit an diesen 
Leichen die verzerrte menschliche Gestalt, bestehend aus schon in sich 
zerstaubtem kohlensaurem Kalk. Und wenn man nur ein wenig diese 
kohlensaure Kalkmasse, die in Verzerrung die menschliche Gestalt 
nachahmt, riittelt, so zerfallt sie in Staub. 

Das gibt einen tiefen Eindruck dessen, was die Seele uberkommt, 
wenn sie nachsieht, was eigentlich geschieht mit dem, wodurch alles 
von dem Menschen verrichtet wird zwischen Geburt und Tod. Und 
der Mensch sieht dann auf die Natur hin, die ihm seine Erkenntnis 
liefert, aus der er alles, was er Einsichten nennt, eigentlich schopft, 
und sagt sich: Diese Natur, die hervorspriefien lafit aus ihrem Schofie 



die wunderbarste Kristallisation, diese Natur, welche jeden Friihling 
aus sich hervorzaubert die spriefienden, sprossenden Pflanzen, diese 
Natur, welche die berindeten Baume jahrzehntelang erhalt, diese Na- 
tur, welche die Erde anfullt mit den Tierreichen der mannigfaltigsten 
Art, von den grofiten Tieren bis zu den winzigsten Bazillen, diese 
Natur, welche hinaufschickt dasjenige, was sie als Wasser in sich tragt 
in die Wolken, diese Natur, auf die herunterstrahlt dasjenige, was 
doch in einer gewissen Unbekanntschaft von den Sternen herunter- 
stromt, diese Natur, sie verhalt sich zu dem, was der Mensch inner- 
halb ihrer zwischen Geburt und Tod an sich tragt, so, dafi sie es bis 
in die vollstandigste Verstaubung vernichtet. Fur den Menschen ist die 
Natur mit ihren Gesetzen die Vernichterin. Man steht vor der mensch- 
lichen Gestalt; diese menschliche Gestalt, die man im Auge hat mit all 
dem Wunderbaren, das sie an sich tragt - und sie tragt das Wunder- 
bare an sich, denn sie ist vollkommener als alle anderen Gestalten, 
welche auf der Erde auffindbar sind -, diese menschliche Gestalt, sie 
steht da. Und auf der anderen Seite steht die Natur mit ihren Stei- 
nen, mit ihren Pflanzen, mit ihren Tieren, mit ihren Wolken, mit 
Fliissen und Bergen, mit alledem, was aus dem Sternenmeere herab- 
strahlt, was von der Sonne auf die Erde herunterstromt an Licht und 
Warme, und diese Natur, sie duldet in ihrer eigenen Gesetzmafiigkeit 
nicht die menschliche Gestalt. Dasjenige, was als Mensch dasteht, 
wenn es der Natur ubergeben wird, wird zerstaubt. Das sieht der 
Mensch. Er bildet sich nicht Ideen dariiber, aber in seinem Gemiite 
sitzt es tief . Jedesmal, wenn der Mensch vor dem Anblicke des Todes 
steht, setzt es sich tief in sein Gemiit hinein. Denn nicht aus blofiem 
egoistischem Gefiihl heraus, nicht aus einer blofien oberflachlichen 
Hoffnung, fortzuleben nach dem Tode, formt sich wiederum tief im 
Gemiite unterbe,wufk eine Frage, die unendlich bedeutungsvoll in der 
Seele sitzt, die Gliick und Ungliick der Seele bedeutet, auch wenn sie 
nicht formuliert wird. Und alles dasjenige, was fur das Bewufitsein 
schicksalsmafiig beim Menschen auf Erden Gliick und Ungliick bedeu- 
ten mag, es ist im Grunde genommen ein Geringfiigiges gegeniiber dem, 
was sich an Unsicherheit des Fuhlens formuliert aus dem Anblicke 
des Todes. Denn da formuliert sich die Frage also: Woher kommt diese 



menschliche Gestalt? Ich sehe hin zu dem wunderbar geformten Kri- 
stall, ich sehe hin zu den Gestalten der Pflanzen, ich sehe hin zu den 
Gestalten der Tiere, ich sehe hin, wie die Fliisse uber die Erde rollen, 
ich sehe die Berge, ich sehe alles das, was aus den Wolken spricht, was 
von den Sternen herunter spricht. Ich sehe alles das, so sagt sich der 
Mensch, aber von alledem kann nicht die menschliche Gestalt kom- 
men, denn alles das hat nur Vernichtungskrafte, Zerstaubekrafte fur 
die menschliche Gestalt an sich. 

Und da entsteht die bange Frage vor dem menschlichen Gemiite, 
vor dem menschlichen Herzen: Wo also ist die Welt, aus der die 
menschliche Gestalt kommt? Wo ist sie, diese Welt? - Aus dem An- 
blick des Todes geht die bange Frage hervor: Wo ist die Welt, diese 
andere Welt, aus der die menschliche Gestalt kommt? 

Sagen Sie nicht, meine lieben Freunde, dafi Sie diese Frage noch 
nicht in dieser Weise formuliert gehort haben. Wenn man hinhort 
auf das, was die Menschen aus ihrem Kopfe heraus der Sprache an- 
vertrauen, hort man diese Frage nicht formuliert. Wenn man hintritt 
vor die Menschen, und die Menschen die Klagen ihrer Herzen vor- 
bringen - sie bringen manchmal die Klagen ihrer Herzen vor, indem 
sie irgendeine Kleinigkeit des Lebens auffassen und uber diese Klei- 
nigkeit des Lebens allerlei Betrachtungen anstellen, die sie als Nuance 
in ihre ganze Schicksalsfrage einfugen -, wer diese Sprache des Her- 
zens versteht, der hort das Herz sprechen aus dem Unterbewufiten 
heraus: Welches ist die andere Welt, aus der die menschliche Gestalt 
kommt, da doch der Mensch dieser Welt mit seiner Gestalt nicht an- 
gehort? 

Und so stellt sich vor den Menschen hin die Welt, die er erblickt, 
die er anschaut, die er wahrnimmt, uber die er seine Wissenschaft 
formt, die Welt, die ihm die Unterlage gibt fur die Wirkungen seiner 
Kunst, die Welt, die ihm die Griinde gibt fur seine religiose Verehrung, 
so stellt sich hin diese Welt, und der Mensch steht auf Erden und hat in 
den Tiefen seines Gemiites das Gefiihl: Dieser Welt gehore ich nicht an; 
es mul5 eine andere geben, die mich aus ihrem Schofie in meiner Ge- 
stalt hervorgezaubert hat. Welcher Welt gehore ich an? - So tont es 
aus den Herzen der Menschen der Gegenwart. Das ist die umfassende 



Frage. Und wenn die Menschen unbefriedigt sind in dem, was ihnen 
die heutigen Wissenschaften geben, so ist es aus dem Grunde, weil sie 
diese Frage in den Tiefen ihres Gemiites stellen und die Wissenschaf- 
ten weit davon entfernt sind, irgendwie auch nur diese Frage zu be- 
riihren: Welches ist die Welt, der der Mensch eigentlich angehort? - 
denn die sichtbare Welt ist es nicht. 

Meine lieben Freunde, ich weifi ganz gewifi: Das, was ich zu Ihnen 
gesprochen habe, nicht ich habe es gesprochen, ich habe nur dem, 
was die Herzen sprechen, Worte verliehen. Und darum handelt es 
sich. Denn nicht darum kann es sich handeln, an die Menschen irgend 
etwas heranzutragen, was den Menschenseelen selber unbekannt ist - 
das kann Sensation geben — , sondern darum handelt es sich, kann es 
sich allein handeln, dasjenige in Worte zu bringen, was die Menschen- 
seelen durch sich selber sprechen. Was der Mensch auch von sich sel- 
ber nur ansieht, was er von seinen Mitmenschen ansieht, soweit es 
sichtbar ist, es gehort nicht in die iibrige sichtbare Welt hinein. Kein 
Finger - so kann sich der Mensch sagen -, den ich an mir habe, ge- 
hort in diese Welt der Sichtbarkeit herein, denn diese Welt der Sicht- 
barkeit tragt fur jeden Finger blofi die Vernichtungskrafte in sich. 

Und so steht der Mensch zunachst vor dem grofien Unbekannten. 
Aber er steht vor diesem Unbekannten, indem er sich selber als einen 
Angehorigen dieses Unbekannten ansehen mufi. Das heifk aber mit 
anderen Worten, in bezug auf alles dasjenige, was der Mensch nicht 
ist, ist es urn ihn herum geistig licht; in dem Augenblicke, wo der 
Mensch auf sich selbst zurucksieht, verdunkelt sich die ganze Welt 
und es wird finster, und der Mensch tappt im Finsteren, indem er 
das Ratsel seines eigenen Wesens durch die Finsternis tragt. Und so 
ist es, wenn der Mensch sich von aufien ansieht, wenn er sich drin- 
nenstehen findet in der Natur als ein aufteres Wesen. Er kann als 
Mensch an diese Welt nicht heran. 

Und wieder, nicht der Kopf, aber die Tiefen des Unbewufiten 
formulieren sich Fragen, die Unterfragen sind dieser allgemeinen 
Frage, die ich eben erortert habe. Indem der Mensch sein physisches 
Dasein, das sein Werkzeug ist zwischen Geburt und Tod, betrachtet, 
weifi er: Ohne diese physische Welt kann ich dieses Dasein zwischen 



Geburt und Tod gar nicht leben, denn ich mufi fortwahrend Anlei- 
hen machen bei diesem Dasein der sichtbaren Welt. Jeder Bissen, den 
ich in den Mund nehme, jeder Trunk Wasser ist aus dieser Welt der 
Sichtbarkeit, der ich ja gar nicht angehore. Ich kann ohne sie im phy- 
sischen Dasein nicht leben. Habe ich eben einen Bissen zu mir ge- 
nommen aus einer Substanz, die ja dieser sichtbaren Welt angehdren 
mufi, und gehe ich unmittelbar, nachdem ich diesen Bissen zu mir ge- 
nommen habe, durch die Pforte des Todes, in dem Augenblicke gehort 
dasjenige, was der Bissen in mir ist, den Vernichtungskraften dieser 
sichtbaren Welt an. Und dafl er in mir selbst nicht den Vernichtungs- 
kraften angehort, davor mufi ihn mein Wesen, mein eigenes Wesen 
bewahren. Aber nirgends drauflen in der sichtbaren Welt ist dieses 
eigene Wesen zu finden. Was tue ich denn mit dem Bissen, den ich in 
den Mund nehme, was tue ich mit dem Trunk Wasser, den ich in den 
Mund nehme, durch mein eigenes Wesen? Wer bin ich denn, der die 
Substanzen der Natur empfangt und umwandelt? Wer bin ich denn? 
Das ist die zweite Frage, die Unterfrage, die aus der ersten entsteht. 

Ich gehe nicht nur, indem ich mich in ein Verhaltnis setze zu der 
Welt der Sichtbarkeit, durch die Finsternis, ich handle in der Fin- 
sternis, ohne zu wissen, wer handelt, ohne zu wissen, was das Wesen 
ist, das ich als mein Ich bezeichne. Ich bin ganz hingegeben an die 
sichtbare Welt; aber ich gehore ihr nicht an. 

Das hebt den Menschen heraus aus der sichtbaren Welt. Das lafit 
ihn sich selber erscheinen als Angehorigen einer ganz anderen Welt. 
Und die bange, die grofie Zweifelsfrage steht da: Wo ist die Welt, 
der ich angehore? - Und je mehr die menschliche Zivilisation vor- 
geschritten ist, je mehr die Menschen intensiv denken gelernt haben, 
desto mehr ist diese Frage eine bange Frage geworden. Und sie sitzt 
heute in den Tiefen der Gemiiter. Die Menschen teilen sich, insofern 
sie der zivilisierten Welt angehoren, eigentlich nur in zwei Klassen 
in bezug auf diese Frage. Die einen drangen sie hinunter, wiirgen sie 
hinunter, bringen sie sich nicht zur Klarheit, aber leiden darunter, 
als unter einer furchtbaren Sehnsucht, dieses Menschenratsel zu 16- 
sen; die anderen betauben sich gegenuber dieser Frage, reden sich 
allerlei Dinge aus dem aufieren Dasein vor, um sich zu betauben. Und 



in dem sie sich betauben, tilgen sie in sich selber das feste Gefiihl des 
eigenen Seins aus. Nichtigkeit befallt ihre Seele. Und dieses Gefiihl der 
Nichtigkeit sitzt heute im Unterbewufiten unzahliger Menschen. 

Das ist die eine Seite, die eine grofie Frage mit der erwahnten Un- 
terfrage. Sie erspriefit, wenn der Mensch sich von aufien ansieht und 
sein Verhaltnis als Mensch zwischen Geburt und Tod zur Welt auch 
nur ganz gedampft, unterbewufit wahrnimmt. 

Die andere Frage aber entsteht, wenn der Mensch in sein eigenes 
Inneres sieht. Da ist der andere Pol des menschlichen Daseins. Da 
drinnen sitzen die Gedanken. Sie bilden die aufiere Natur ab. Der 
Mensch stellt durch seine Gedanken die auftere Natur vor. Der Mensch 
entwickelt Empfindungen, Gefuhle iiber die aufiere Natur. Der Mensch 
wirkt durch seinen Willen auf die aufiere Natur. Der Mensch sieht 
zunachst auf sein eigenes Inneres zuriick. Das wogende Denken, Fuh- 
len und Wollen steht vor seiner Seele. So steht er mit seiner Seele in 
der Gegenwart darinnen. Dazu kommen die Erinnerungen an gehabte 
Erlebnisse, die Erinnerungen an Dinge, die man in friiheren Zeiten des 
gegenwartigen Erdendaseins gesehen hat. Das alles fiillt die Seele aus. 
Was ist es? 

Nun bildet sich der Mensch nicht klare Ideen iiber dasjenige, was 
er da eigentlich in sich drinnen behalt; aber das Unterbewuflte bildet 
diese Ideen. Eine einzige Migrane, die die Gedanken verscheucht, 
macht sogleich das Innere des Menschen zu einer Ratselfrage. Und 
jeder Schlafzustand macht es zu einer Ratselfrage, wenn der Mensch 
regungslos daliegt und ihm die Moglichkeit fehlt, durch seine Sinne 
sich in Korrespondenz mit der Aufienwelt zu setzen. Der Mensch 
fiihlt, sein physischer Leib muf$ rege sein, dann treten die Gedanken, 
die Gefuhle, die Willensimpulse in seiner Seele auf. Aber der Stein, 
den ich soeben betrachtet habe, der vielleicht diese oder jene Kristall- 
gestalt hat - ich wende mich von ihm ab, nach einiger Zeit wende ich 
mich ihm wieder zu er ist so geblieben, wie er ist. Mein Gedanke, 
er steigt auf, er stellt sich als Bild in der Seele dar, er glimmt wieder 
hinunter. Er wird als unendlich viel wertvoller empfunden als die 
Muskeln, als die Knochen, die der Mensch in sich tragt, aber er ist 
etwas Verfliegendes, er ist ein blofies Bild. Er ist weniger als ein Bild, 



das ich an der Wand hangen habe; denn das Bild, das ich an der Wand 
hangen habe, bleibt eine Zeitlang bestehen, bis es durch seine Substanz 
zerfallt. Der Gedanke fliegt voriiber. Der Gedanke ist ein Bild, das 
fortwahrend entsteht und vergeht, ein fluktuierendes, ein kommen- 
des und gehendes Bild, ein Bild, das in seinem Bilddasein sein Genugen 
hat. Und dennoch, blickt der Mensch in das Innere seiner Seele 
hinein, er hat nichts anderes als diese Vorstellungsbilder. Er kann 
nichts anderes sagen als: sein Seelisches besteht in diesen Vorstellungs- 
bildern. 

Noch einmal blicke ich auf den Stein hin. Er ist da draufien im 
Raume. Er bleibt. Ich stelle ihn jetzt vor, ich stelle ihn in einer Stunde 
vor, ich stelle ihn in zwei Stunden vor. Der Gedanke verschwindet 
immer wiederum dazwischen, er mufi immer erneuert werden. Der 
Stein bleibt draufien. Was tragt den Stein von Stunde zu Stunde? Was 
lafit den Gedanken fluktuieren von Stunde zu Stunde? Was erhalt 
und bewahrt den Stein von Stunde zu Stunde? Was vernichtet den 
Gedanken immer wiederum, so dafi er neuerdings angefacht sein mufi 
an dem aufleren Anblick? Was ist das, was den Stein erhalt? Man 
sagt: Er ist. Das Sein kommt ihm zu. - Dem Gedanken kommt nicht 
das Sein zu. Der Gedanke kann die Farbe des Steins erfassen, der Ge- 
danke kann die Form des Steins erfassen; aber dasjenige, wodurch 
der Stein sich bewahrt, kann er nicht fassen. Das bleibt draufien. Das 
blofie Bild tritt in die Seele hinein. 

Und so ist es mit jeglichen Dingen der aufieren Natur in dem Ver- 
haltnis zur Menschenseele. Der Mensch kann auf diese Menschenseele 
hinblicken auf sein eigenes Inneres. Die ganze Natur spiegelt sich in 
dieser Menschenseele. Aber seine Seele hat nur fluktuierende Bilder, 
die gewissermafien die Oberflachen der Dinge abheben, aber das In- 
nere der Dinge dringt nicht in diese Bilder hinein. Ich gehe mit mei- 
nen Vorstellungen durch die Welt. Ich hebe iiberall die Oberflache 
von den Dingen ab, aber dasjenige, was die Dinge sind, bleibt drau- 
fien. Ich trage meine Seele durch diese Welt, die mich umgibt, aber 
diese Welt bleibt draufien. Und dasjenige, was drinnen ist, an das 
kommt die Aufienwelt mit ihrem eigentlichen Sein nicht heran. Und 
wenn der Mensch im Anblicke des Todes vor der Welt, die ihn um- 



gibt, so dasteht, mufl er sich sagen: Dieser Welt gehore ich nicht an, 
denn ich dringe an diese Welt nicht heran, mein Wesen gehort einer 
anderen Welt an; diese Welt, ich kann an sie nicht herandringen, so- 
lange ich im physischen Leibe lebe. Und dringt mein Leib nach meinem 
Tode an diese auflere Welt heran, so kann er nicht heran, denn dann ist 
jeder Schritt, den er macht, Vernichtung fiir ihn. Da draufien ist die 
Welt. Dringt der Mensch in sie hinein, sie vernichtet ihn, sie duldet 
ihn nicht in sich mit seiner Wesenheit. Will aber die aufiere Welt in 
die Menschenseele hinein, so kann sie das auch nicht. Die Gedanken 
sind Bilder, die auflerhalb des Wesens, des Seins der Dinge stehen. 
Das Sein der Steine, das Sein der Pflanzen, das Sein der Tiere, das 
Sein der Sterne, der Wolken, es kommt nicht herein in die Menschen- 
seele. Eine Welt umgibt den Menschen, die nicht an seine Seele heran 
kann, die draufien bleibt. 

Auf der einen Seite bleibt der Mensch - es wird ihm das klar im 
Anblicke des Todes - aufierhalb der Natur. Auf der anderen Seite 
bleibt die Natur aufierhalb seiner Seele. Der Mensch blickt sie als ein 
Xufleres an. Es muft ihm die bange Frage aufsteigen nach einer ande- 
ren Welt. Der Mensch blickt nach dem, was ihm am intimsten, am 
vertrautesten ist in seinem eigenen Inneren. Der Mensch blickt hin 
nach jedem Gedanken, nach jeder Vorstellung, nach jeder Empfin- 
dung, nach jedem Gefuhl, nach jedem Willensimpuls: an nichts dringt 
die Natur, in der er lebt, heran; er hat sie nicht. 

Da ist die scharfe Grenze zwischen dem Menschen und der Natur. 
Der Mensch kann nicht an die Natur heran, ohne dafi er vernichtet 
wird. Die Natur kann nicht in das Innere des Menschen hinein, ohne 
dafi sie zum Schein wird. Der Mensch hat, indem er sich selber in die 
Natur hineindenkt, die krasse Vernichtung allein, die er vorstellen 
mu£. Der Mensch hat, indem er in sich hineinblickt und fragt: Wie 
steht die Natur zu meiner Seele? - nichts anderes als den wesenlosen 
Schein in seiner Seele von der Natur. 

Aber indem der Mensch diesen Schein in sich tragt von Mineralien, 
Pflanzen, Tieren, Sternen, Sonnen, Wolken, Bergen, Fliissen, und in- 
dem er in sich tragt in seiner Erinnerung den Schein von all den Er- 
lebnissen, die er durchgemacht hat mit diesen Reichen der aufieren 



Natur, hat der Mensch, indem er alles dieses als sein flutendes Inne- 
res erlebt, aufsteigend in diesem Fluten sein eigenes Seinsgefiihl. 

Und wie ist es nun? Wie erlebt der Mensch dieses Seinsgefiihl? 
Er erlebt es etwa in der folgenden Weise. Das kann man vielleicht 
nur durch ein Bild ausdriicken. Man schaue hin auf ein weites Meer. 
Die Wogen gehen auf und ab. Da eine Woge, dort eine Woge, iiber- 
all Wogen, die von sich aufbaumendem Wasser herriihren. Da wird 
der Blick gefesselt durch eine besondere Woge. Denn diese eine be- 
sondere Woge zeigt, daft in ihr etwas lebt, daft das nicht blofi auf- 
gepeitschtes Meer ist, daft hinter dieser Woge etwas lebt. Aber das 
Wasser umhullt dieses Lebende von alien Seiten. Man weifi nur, daft 
etwas drinnen lebt in dieser Woge, aber man sieht auch in dieser 
Woge nichts anderes als das dieses Leben umhiillende Wasser. Die Woge 
sieht aus wie die anderen Wogen. Nur an der Starke ihres Auf- 
springens, an der Kraft, mit der sie sich hinstellt, hat man das Gefiihl, 
da lebt etwas Besonderes in ihr. Sie geht wieder hinunter, diese Woge. 
An einer anderen Stelle erscheint sie wiederum, wiederum verdeckt 
das Wasser der Woge dasjenige, was sie innerlich belebt. So ist es mit 
dem Seelenleben des Menschen. Da wogen auf Vorstellungen, Gedan- 
ken, da wogen auf Gefiihle, da wogen auf Willensimpulse; uberall 
Wogen. Eine der Wogen, die taucht herauf in einem Gedanken, in 
einem Willensentschlufi, in einem Gefiihl. Ich ist da drinnen. Aber 
die Gedanken oder die Gefiihle oder die Willensimpulse, sie ver- 
decken wie das Wasser in der Wasserwoge das Lebendige. Sie ver- 
decken dasjenige, was als Ich drinnensteckt. Und der Mensch weifi 
nicht, was er selbst ist. Denn alles, was sich ihm zeigt an der Stelle, 
von der er nur weifi: da wogt mein Selbst herauf, da wogt mein eige- 
nes Sein herauf, all dasjenige, was sich ihm zeigt, ist nur Schein. Der 
Schein in der Seele verdeckt das Sein, das ja ganz gewifi da ist, das 
der Mensch erfiihlt, innerlich erlebt. Aber der Schein deckt es ihm 
zu, wie das Wasser der Wasserwoge ein Lebendiges zudeckt, das her- 
aufkommt aus den Tiefen des Meeres, das man nicht kennt. Und der 
Mensch fiihlt sein eigenes wahres Wesen verhiillt durch die Schein- 
gebilde seiner eigenen Seele. Und es ist, als ob der Mensch sich fort- 
wiihrend an sein Sein anklammern wollte, als ob er es irgendwo erfas- 



sen wollte. Er weifl, es ist da. Aber in dem Augenblicke, wo er es er- 
fassen will, entschlupft es ihm schon wieder, eilt von ihm fort. Der 
Mensch ist nicht imstande, das, was er weifi, was er ist, ein seiendes 
Wesen, in dem Gewoge seiner Seele zu erfassen. Und wenn dann der 
Mensch darauf kommt, dafi dieses wogende Scheinleben der Seele 
etwas zu tun hat mit jener anderen Welt, die ihm vor die Vorstellung 
tritt, wenn er in die Natur hinausschaut, dann, dann tritt erst recht ein 
furchtbares Ratsel auf . Das Naturratsel ist wenigstens ein solches, das 
sozusagen im Erleben vorhanden ist. Das Ratsel der eigenen Seele ist 
nicht im Erleben vorhanden, weil es selber lebt, weil es sozusagen le- 
bendes Ratsel ist, weil es auf die fortdauernde Frage des Menschen: 
Was bin ich? - dasjenige vor ihn hinstellt, was blofier Schein ist. 

Indem der Mensch in das eigene Innere blickt, wird er gewahr, dafi 
dieses Innere ihm fortwahrend die Antwort gibt: Ich zeige dir von 
dir selbst nur einen Schein; und schreibst du dich von einem geistigen 
Dasein her, ich zeige dir in deinem Seelenleben von diesem geistigen 
Dasein einen Schein. 

Und so treten priifende Fragen von zwei Seiten an das Menschen- 
leben heute heran. Die eine Frage, sie entsteht daraus, dafi der Mensch 
gewahr wird (Tafelanschrift): 
Tafel 1* Es giebt eine Natur, aber der Mensch / kann an diese Natur nur 

heran, / indem er sich von ihr vernichten laflt. 
Die andere (Tafelanschrift): 

Es giebt eine Menschenseele, aber die Natur / kann an diese 

Menschenseele nur heran, indem / sie zum Scheingebilde wird. 
Diese beiden Erkenntnisse leben in dem Unterbewufitsein des heutigen 
Menschen. 

Und nun wendet sich der Mensch hin zu dem, was da lebt, aus 
alten Zeiten in unsere Gegenwart herein ubertragen. Da steht die un- 
bekannte Natur, die des Menschen Vernichterin ist; da steht das 
Scheingebilde der Menschenseele, an das diese Natur nicht herange- 
bracht werden kann, obzwar der Mensch sein physisches Dasein nur 
unter den Anleihen an diese Natur vollenden kann. Da steht der 
Mensch sozusagen in einer doppelten Finsternis. Und die Frage taucht 
auf: Wo ist die andere Welt, der ich angehore? 



22 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 162. 



Und die geschichtliche Tradition steigt auf. Da gab es einmal eine 
Wissenschaft, die sprach von dieser unbekannten Welt. Man wendet 
sich zuriick in alte Zeiten. Man bekommt grofie Ehrfurcht vor dem, 
was alte Zeiten wissenschaftlich bekunden wollten von dieser ande- 
ren Welt, die Uberall in der Natur drinnenliegt. Wenn man aber die 
Natur nur richtig zu behandeln weift, enthullt sich vor dem mensch- 
lichen Blick diese andere Welt. 

Aber das neuere Bewufltsein hat diese alte Wissenschaft fallen ge- 
lassen. Sie gilt nicht mehr. Sie ist uberliefert, aber sie gilt nicht mehr. 
Der Mensch kann nicht mehr das Vertrauen haben, dafi ihm das- 
jenige, was einmal die Menschen in einer alten Zeit wissenschaftlich 
iiber die Welt erkundet haben, heute auf seine bange Frage, die aus 
diesen zwei unterbewufiten Tatsachen sprieftt, Antwort gibt. Da tut 
sich ein zweites vor dem Menschen kund: die Kunst. 

Aber wiederum zeigt sich in der Kunst eines. In der Kunst zeigt 
sich, wie aus alten Zeiten Kunstbehandlung heraufkommt: Durch- 
geistigung des physischen Stoffes. Der Mensch kann durch Tradition 
manches von dem empfangen, was an alter kunstlerischer Durchgei- 
stigung erhalten geblieben ist. Aber gerade wenn in seinem Unter- 
bewufttsein eine echte Kunstlernatur sitzt, fuhlt er sich heute unbe- 
friedigt, weil er dasjenige nicht mehr handhaben kann, was selbst 
noch Raffael hineingezaubert hat in die menschliche irdische Gestalt 
als den Abglanz einer anderen Welt, der der Mensch mit seinem ei- 
gentlichen Sein angehort. Wo ist denn heute der Kunstler, der die phy- 
sisch-irdische Substanz in einer solchen Weise stilvoll zu behandeln 
weifi, dafi diese physisch-irdische Substanz den Abglanz jener ande- 
ren Welt zeigt, der der Mensch eigentlich angehort? 

Bleibt als drittes aus alten Zeiten traditionell erhalten die Religion. 
Sie weist die menschliche Empfindung, das menschliche Frommsein 
auf jene andere Welt hin. Einstmals ist diese Religion dadurch ent- 
standen, dafi der Mensch die Offenbarungen der Natur, die ihm ei- 
gentlich so fern steht, empfangen hat. Und wenn wir den geistigen 
Blick um Jahrtausende zurucksenden, dann treffen wir auf Menschen, 
die auch gefuhlt haben: Es gibt eine Natur, aber der Mensch kann an 
diese Natur nur heran, indem er sich von ihr vernichten lafit. 



Ja, auch die Menschen vor Jahrtausenden haben das in den Tiefen 
ihrer Seele empfunden; aber sie blickten hin - noch bei den Agyp- 
tern war das so - auf den Leichnam, der gewissermaften wie in eine 
Art Weltenmoloch hineingeht in die auftere Natur, als Leichnam ver- 
nichtet wird. Sie sahen nach; aber sie sahen: in dasselbe Tor, hinter 
dem der menschliche Leichnam vernichtet wird, geht auch die mensch- 
liche Seele. Niemals hatten diese Agypter ihre Mumien gebildet, wenn 
der Mensch nicht, nachschauend in alten Zeiten der Seele, gesehen 
hatte: durch dasselbe Tor hindurch, durch das der Leichnam geht, 
hinter dem die Leichname vernichtet werden, geht auch die Seele. Aber 
die Seele geht weiter. Diese Menschen der alten Zeiten fiihlten, wie 
diese Seele grofter und grofier wird und aufgeht in den Kosmos. Und 
dann sahen sie dasjenige, was in die Erde hinein verschwunden ist, 
in die Elemente hinein verschwunden ist, sie sahen es wie wiederum 
aus den Weltenweiten, aus den Sternen zuriickkommen; sie sahen im 
Tode die Menschenseele verschwinden, zunachst hinter das Tor des 
Todes, dann hinter dem Tor des Todes sahen sie diese Menschenseele 
auf dem Wege zur anderen Welt, und sie sahen sie wieder zuriickkom- 
men aus den Sternen. Das war die alte Religion: Weltenoffenbarung. 
Weltenoffenbarung aus der Stunde des Todes, Weltenoffenbarung aus 
der Stunde der Geburt. Die Worte haben sich erhalten. Der Glaube hat 
sich erhalten. Aber dasjenige, was er enthalt, hat es noch einen Bezug 
zur Welt? 

Es ist in weltenfremder Literatur, religioser weltenfremder Litera- 
tur und Tradition erhalten. Es steht feme der Welt selbst. Und keine 
Beziehung mehr kann der Mensch der gegenwartigen Zivilisation von 
dem, was ihm religios uberliefert ist, zu demjenigen erblicken, was 
jetzt die bange Frage ist. Denn er schaut in die Natur hinaus, sieht 
allein, indem er auf den Tod hinblickt, den menschlichen physischen 
Leib durch das Tor des Todes gehen und jenseits des Todes der Ver- 
nichtung anheimfallen. Dann sieht er hereinkommen durch die Ge- 
burt die menschliche Gestalt. Und er mufi sich sagen: Woher kommt 
sie? Uberall, wohin ich schaue, erblicke ich nichts, woher sie kommt. 
Denn aus den Sternen sieht er sie nicht mehr kommen, wie er nicht 
mehr den Blick dafiir hat, sie jenseits der Pforte des Todes zu erblik- 



ken. Und Religion ist zum inhaltslosen Worte geworden. Der Mensch 
hat urn sich herum in der Zivilisation dasjenige, was alte Zeiten als 
Wissenschaft, als Kunst, als Religion besessen haben. Aber die Wis- 
senschaft der Alten ist fallengelassen worden. Die Kunst der Alten 
wird nicht mehr in ihrer Innerlichkeit empfunden, und was ihr als 
Ersatz entgegentritt, ist dasjenige, was der Mensch nicht aus der phy- 
sischen Substanz heraufheben kann bis zum Erstrahlen des Geistigen 
in dem physischen Stoffe. 

Und geblieben ist aus alten Zeiten das Religiose. Aber das Reli- 
giose kniipft nirgends an die Welt an. Trotz des Religiosen bleibt 
die Welt im Verhaltnis zum Menschen jenes Ratsel. Dann blickt der 
Mensch in sein Inneres hinein. Er hort die Stimme des Gewissens 
sprechen. In alten Zeiten war die Stimme des Gewissens die Stimme 
desjenigen Gottes, der die Seele fuhrte iiber die Regionen hin, in de- 
nen der Leichnam vernichtet wird, der die Seele fuhrte und ihr die 
Gestalt gab zum irdischen Leben: Derselbe Gott war es, der dann in der 
Seele sprach als die Stimme des Gewissens. Jetzt ist auch die Stimme 
des Gewissens aufierlich geworden. Die Moralgesetze ftihren sich 
nicht mehr zuriick auf die gottlichen Impulse. Der Mensch blickt 
zunachst auf das Historische. Der Mensch blickt auf dasjenige, was 
ihm aus alten Zeiten geblieben ist. Er kann nur die Ahnung haben: 
Die beiden grofien Daseinsfragen haben die Alten in anderer Weise 
empfunden, als du sie heute empfindest; daher haben sie sich in einer 
gewissen Weise Antwort geben konnen. Du kannst dir nicht mehr 
Antwort geben. Die Ratsel schweben vor dir, vernichtend fur dich, 
weil sie dir nach dem Tode nur deine Vernichtung, weil sie deiner 
Seele im Leben nur den Schein zeigen. 

So steht einmal der Mensch heute vor der Welt. Und aus dieser 
Empfindung heraus entstehen jene Fragen, die Anthroposophie be- 
antworten soli. Die Herzen sprechen aus diesen beiden Empfindun- 
gen heraus. Und die Herzen sprechen: Wo ist die Welterkenntnis, 
welche diesen Empfindungen gerecht wird? 

Diese Welterkenntnis mochte Anthroposophie sein. Und sie mochte 
so iiber Welt und Menschen sprechen, dafi wiederum etwas da sein 
kann, was verstanden werden kann mit dem modernen Bewufitsein, 



wie verstanden worden ist alte Wissenschaft, alte Kunst, alte Religion 
mit dem alten Bewufitsein. Anthroposophie hat durch die Stimme des 
menschlichen Herzens selber ihre gewaltige Aufgabe. Sie ist nichts 
anderes als Menschensehnsucht der Gegenwart. Sie wird leben miissen, 
weil sie die Menschensehnsucht der Gegenwart ist. Das, meine lieben 
Freunde, will Anthroposophie sein. Sie entspricht dem, was der Mensch 
am heifiesten ersehnt fur sein aufieres, fur sein inneres Dasein. Und die 
Frage entsteht: Kann es heute eine solche Weltanschauung geben? Der 
Welt hat diese Antwort zu geben die Anthroposophische Gesellschaft. 
Die Anthroposophische Gesellschaft mufi den Weg finden, die Herzen 
der Menschen aus ihren tiefsten Sehnsuchten heraus sprechen zu las- 
sen. Dann werden diese menschlichen Herzen eben auch die tiefste 
Sehnsucht nach den Antworten empfinden. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 20. Januar 1924 



Gestern hatte ich darauf hinzuweisen, wie der Mensch nach zwei 
Seiten hin sich betrachten kann, und wie nach diesen zwei Seiten hin 
an den Menschen das Welten- und das Menschenratsel herantritt. Wenn 
wir noch einmal hinblicken auf dasjenige, was sich uns gestern erge- 
ben hat, so sehen wir auf der einen Seite das, was zunachst auf die- 
selbe Weise wahrgenommen wird wie die aufiere physische Welt. Wir 
sehen den menschlichen physischen Leib. Wir nennen ihn deshalb 
physischen Leib, weil er fur unsere physischen Sinne so vor uns da- 
steht wie die aufiere physische Welt. Aber wir miissen zugleich geden- 
ken des gewaltigen Unterschiedes gerade dieses physischen Menschen- 
leibes von der aufieren physischen Welt. Und wir haben diesen ge- 
waltigen Unterschied gestern daran wahrzunehmen gehabt, dafi in 
dem Augenblicke, wo der Mensch, durch die Pforte des Todes tretend, 
den physischen Leib den Elementen der aufieren physischen Welt iiber- 
geben mufi, dafi in diesem Augenblicke dieser physische Leib von der 
aufieren Natur vernichtet wird. Die aufiere Natur hat also nicht in 
ihren Aufbaukraften, sondern in ihren Zerstorungskraften dasjenige, 
womit sie den menschlichen physischen Leib behandelt. Und wir miis- 
sen daher das, was dem menschlichen physischen Leib seine Gestalt 
gibt von der Geburt oder von der Empfangnis bis zum Tode, ganz 
aufierhalb der physischen Welt suchen. Wir miissen von einer zunachst 
anderen Welt sprechen, die diesen physischen Menschenleib aufbaut, 
denn die aufiere physische Natur kann ihn nicht aufbauen, sie kann 
ihn nur vernichten. 

Aber auf der anderen Seite sind zwei Dinge da, welche diesen phy- 
sischen Menschenleib in ein ganz nahes Verhaltnis zur Natur bringen. 
Auf der einen Seite bedarf dieser physische Menschenleib der Sub- 
stanzen fur seinen Aufbau, gewissermafien als seiner Baumaterialien, 
obwohl das im uneigentlichen Sinne gesprochen ist, er bedarf der Sub- 
stanzen der aufieren Natur, oder wenigstens konnen wir sagen, er be- 
darf der Aufnahme der Substanzen der aufieren Natur. 



Und doch, wenn wir, sei es in den Ausscheidungen, die sich er- 
geben, sei es, dafi der ganze physische Leib des Menschen uns nach 
dem Tode als Leichnam entgegentritt, wenn wir das betrachten, was 
dieser physische Leib nach aufien offenbart, so sind es doch wiederum 
die Substanzen der aufieren physischen Welt; denn wo wir auch die- 
sen physischen Leib betrachten, seien es die einzelnen Ausscheidun- 
gen, sei es die Abscheidung des ganzen physischen Leibes mit dem 
Tode, er stellt sich uns dar als offenbarend dieselben Substanzen, die 
wir auch in der aufieren physischen Welt finden. So daft wir sagen 
mtissen: Was auch immer in diesem Wesen des Menschen vor sich geht, 
Anfang und Ende der inneren Prozesse, der inneren Vorgange sind 
verwandt der aufieren physischen Welt. 

Aber die materialistische Wissenschaft zieht aus der eben erwahn- 
ten Tatsache einen Schlufi, der ganz und gar nicht gezogen werden 
kann. Wenn wir auf der einen Seite sehen, dafi der Mensch durch 
Essen oder Trinken oder durch Atmen die Substanzen der aufieren 
physischen Welt in sich aufnimmt, dafi er durch Ausatmen, Ausschei- 
den oder im Tode diese Substanzen wiederum an die aufiere Welt ab- 
gibt als solche Substanzen, die mit denen der aufieren Welt iiberein- 
stimmen, so konnen wir doch nur sagen, dafi wir es da mit einem An- 
fang und mit einem Ende zu tun haben. Was dazwischen im mensch- 
lichen physischen Leibe vor sich geht, das ist damit nicht ausgemacht. 

Man spricht so leichten Herzens von dem Blute, das der Mensch 
in sich tragt. Aber hat jemals ein Mensch dieses Blut im lebenden 
menschlichen Organismus selber untersucht? Das kann man ja gar 
nicht mit physischen Mitteln. So dafi also nicht ohne weiteres der ma- 
terialistische Schlufi gezogen werden darf : dasjenige, was in den Kor- 
per hineingeht und was wieder aus ihm herausgeht, das ist auch in 
dem menschlichen Organismus drinnen. 

Aber jedenf alls sehen wir, schon wenn die Aufnahme von aufieren 
physischen Substanzen, sagen wir zum Beispiel im Munde beginnt, 
dafi sogleich eine Verwandelung eintritt. Wir brauchen ja nur ein 
Kornchen Salz in den Mund zu nehmen, sofort mufi es aufgelost wer- 
den. Es tritt sofort eine Verwandelung ein. Der menschliche physische 
Leib in seinem Inneren ist nicht gleich der aufieren Natur. Er verwan- 



delt dasjenige, was er aufnimmt und verwandelt es wiederum zuriick. 
So dafi wir im menschlichen physischen Organismus etwas zu suchen 
haben, was in seinem Anfange bei der Aufnahme der physischen Sub- 
stanzen ahnlich ist der aufieren Natur, was bei seiner Ausgabe ahn- 
lich ist der aufieren Natur. Dazwischen aber liegt dasjenige, was eben 
erst erkannt werden mufi im Menschenwesen. 



Tafel 2 

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Stellen Sie sich einmal dasjenige schematisch vor, was ich gesagt 
habe (siehe Zeichnung). Wir haben das, was der menschliche physische 
Organismus aufnimmt, und wir haben das, was er ausgibt, auch als 
seinen ganzen Leib ausgibt. Dazwischen liegen die Vorgange, die im 
menschlichen Organismus vor sich gehen zwischen der Aufnahme und 
der Ausgabe. Wir konnen gar nicht bei dem, was der menschliche phy- 
sische Organismus aufnimmt, irgend etwas iiber das Verhaltnis des 
Menschen zur aufieren Natur sagen. Denn man mochte das ausspre- 
chen: Wenn es schon so ist, dafi die aufiere physische Natur den Leich- 
nam des Menschen vernichtet, auf lost, zerstaubt, der Mensch zahlt der 
aufieren Natur in bezug auf seinen eigenen Organismus das wiederum 
zuriick. Er lost auch alles auf, was er von der aufieren Natur empf angt. 
Also wenn wir bei denjenigen Organen beginnen, durch die der Mensch 
Physisches aufnimmt, kommen wir zu keinem Verhaltnis zur aufieren 
Natur, denn die vernichten die aufiere Natur. Wir kommen allein zu 
einem Verhaltnis des Menschen zur aufieren Natur, wenn wir auf das 
hinschauen, was der Mensch ausscheidet. Mit Bezug auf die Gestalt, 
die der Mensch ins physische Leben hereintragt, ist die Natur eine Zer- 
storerin; in bezug auf dasjenige, was er ausscheidet, nimmt sie das auf, 
was der menschliche Organismus liefert. So dafi der menschliche phy- 
sische Organismus an seinem Ende sich selber ganz ungleich, aber der 
aufieren Natur sehr ahnlich wird. Der menschliche physische Orga- 
nismus macht sich der aufieren Natur erst ahnlich, indem er aus- 
scheidet. 



Wenn Sie dies bedenken, dann werden Sie sich sagen: Draufien 
in der Natur sind die Substanzen der verschiedenen Naturreiche. Sie 
sind heute nun einmal, wie sie eben geworden sind; aber sie sind ganz 
gewifi nicht immer so gewesen. Das gibt selbst die physische Wissen- 
schaft zu, dafi, wenn man zuriickgeht im Zeitenverlaufe und man zu 
alten Zustanden des Irdischen kommt, diese ganz anders sind als 
heute; also dasjenige, was uns draufien in den Reichen der Natur um- 
gibt, ist erst zu dem geworden, was es heute ist. Und wenn man auf 
den menschlichen physischen Leib hinsieht, so mufi man sich sagen: 
Der menschliche physische Leib vernichtet, was er aufnimmt, zunachst 
in sich, verwandelt es - wir werden schon darauf kommen, dafi er es 
in Wirklichkeit vernichtet, aber sagen wir zunachst verwandelt je- 
denf alls mufi er es zu einem gewissen Zustande bringen, aus dem heraus 
er es dann weiterfuhren kann bis zu der heutigen physischen Natur. 
Das heifit, wenn Sie sich auf der einen Seite irgendwo im menschlichen 
Organismus einen Anfang denken, wo die Substanzen beginnen sich 
bis zu den Ausscheidungen hin zu entwickeln, und dann die Erde sich 
Tafel 2 denken (siehe Zeichnung), so mufi die Erde nur in einer langen Zeit 
irgendwo irgendwie zuriickgehen zu einem Zustande, in dem sie ein- 
mal war, und in dem heute das Innere des menschlichen physischen 
Organismus ist. Sie miissen sagen: Es mufi irgendwo in der Vergangen- 
heit die ganze Erde in einem Zustande gewesen sein, worin heute irgend- 
etwas im Inneren des Menschen ist. Und in der kurzen Spanne Zeit, 
in der sich im menschlichen Organismus ein in ihm organisch Verwo- 
benes in die Ausscheidungen verwandelt, in dieser kurzen Zeit wieder- 
holen die inneren Vorgange des menschlichen Organismus dasjenige, was 
im Laufe langer Zeitraume von der Erde selber vollzogen worden ist. 

Wir schauen daher auf die aufiere Natur und sagen uns: Dasjenige, 
was heute aufiere Natur ist, es war einmal ganz anders. Aber wenn wir 
auf den Zustand, in dem diese aufiere Natur einmal war, hinschauen 
und etwas ahnliches finden wollen, dann miissen wir in unseren eige- 
nen Organismus hineinschauen. Da ist noch der Erdenanfang drin- 
nen. Jedesmal, wenn wir essen, kommen die Efimaterialien im Inne- 
ren durch die Verwandelung, die sie durchmachen, in einen Zustand, 
in dem die ganze Erde einmal war. Und die Erde hat im Laufe langer 



Zeitraume sich weiter entwickelt, ist das geworden, was sie heute ist. 
Wir haben dasjenige, was im Menschen vorhanden ist als ein Zustand 
seiner verzehrten Nahrungsmittel, die sich entwickeln bis zu den Aus- 
scheidungen. In dieser Entwickelung eines kurzen Zeitraumes liegt, 
kurz wiederholt, der ganze Erdenprozeft. 

Sehen Sie, man kann auf den Friihlingspunkt blicken, in dem jahr- 
lich im Friihling die Sonne aufgeht. Er verschiebt sich, er schreitet 
vorwarts. In alten Zeiten, sagen wir im agyptischen Zeitraum, war 
der Friihlingspunkt im Sternbilde des Stieres. Er ist fortgeschritten 
durch das Sternbild des Stieres, des Widders, steht heute im Stern- 
bild der Fische. Und dieser Friihlingspunkt lauft immer weiter und 
weiter. Er lauft im Kreise herum. Er mufi nach einiger Zeit wieder- 
um zuruckkommen. Der Sonnenaufgangspunkt durchlauft einen Him- 
melskreis in 25 920 Jahren. Die Sonne durchlauft diesen Kreis jeden 
Tag. Sie geht auf, sie geht unter und durchlauft dabei dieselbe Bahn, 
die der Friihlingspunkt durchlauft. Wir blicken auf den langen Zeit- 
raum von 25920 Jahren als der Umlaufszeit des Friihlingspunktes. 
Wir blicken auf den kurzen Zeitraum eines Sonnenauf- und -unter- 
ganges bis zum Zuruckkommen wiederum zum Aufgangspunkte - auf 
einen vierundzwanzigstundigen Zeitraum blicken wir. Da durchlauft 
die Sonne denselben Kreis in kurzer Zeit. 

So ist es mit dem menschlichen physischen Organismus. Im Laufe 
langerer Jahre hat die Erde aus Substanzen bestanden, die gleich denen 
sind, die wir in uns tragen, wenn wir einen gewissen Grad der Ver- 
dauung erreicht haben, gerade den Zwischenpunkt zwischen der Auf- 
nahme und der Ausscheidung, wo sich die Aufnahme in die Ausschei- 
dung verwandelt; da tragen wir in uns den Erdenanfang. In kurzer 
Zeit bringen wir es bis zu der Ausscheidung. Da sind wir der Erde 
ahnlich. Da werden die Stoffe in der Form, wie sie heute sind, der 
Erde iibergeben. Wir tun mit unserem Ernahrungsprozefi im physi- 
schen Leib etwas ahnliches, wie es die Sonne tut bei ihrem Umgang 
gegeniiber dem Friihlingspunkte. Wir diirfen daher hinausschauen auf 
das physische Erdenrund und diirfen sagen: Heute ist dieses physische 
Erdenrund bei Gesetzen angekommen, welche die Gestalt unseres phy- 
sischen Organismus auflosen. Aber diese Erde mufi einmal in einem 



Zustande gewesen sein, wo auf sie Gesetze wirkten, die heute unse- 
ren physischen Organismus dahin bringen, wo eben die Nahrungsmit- 
tel sind, wenn sie zwischen Aufnahme und Ausscheidung in der Mitte 
drinnenstehen. Das heiftt, wir tragen die Gesetze des Erdenanfangs 
in uns. Wir wiederholen dasjenige, was einmal auf der Erde da war. 

Nun, so konnen wir sagen: Wenn wir unseren physischen Orga- 
nismus ansehen als dasjenige, das die aufieren Stoffe aufnimmt und 
sie wiederum abschiebt in der Form von aufteren Stoffen, so ist dieser 
physische Organismus in einem gewissen Sinne also hinorganisiert auf 
die Aufnahme und Ausscheidung der heutigen Substanzen; aber in sich 
tragt er etwas, was im Erdenanfange vorhanden war, was heute die 
Erde nicht mehr hat, was aus ihr verschwunden ist, denn die Erde hat 
die Endprodukte, nicht aber die Anfangsprodukte. Wir tragen also 
etwas in uns, was wir suchen mussen in sehr, sehr alten Zeiten innerhalb 
der Konstitution der Erde. Und was wir so in uns tragen, was zunachst 
die Erde als Ganzes nicht hat, das ist dasjenige, das den Menschen hin- 
aushebt iiber das physische Erdendasein. Das ist dasjenige, was den 
Menschen dazu bringt, sich zu sagen: Ich habe in mir den Erdenanfang 
bewahrt. Ich trage, indem ich durch die Geburt ins physische Dasein 
hereintrete, immer etwas in mir, was die Erde heute nicht hat, aber 
vor Jahrmillionen gehabt hat. 

Sie sehen daraus, daft wir, wenn wir den Menschen eine kleine 
Welt nennen, nicht bloft Rucksicht darauf nehmen konnen, wie die 
Welt um uns herum heute ist, sondern daft wir iiber den heutigen 
Zustand in die Entwickelungszeiten hineingehen mussen, daft wir, um 
den Menschen zu verstehen, uralte Erdenzustande ins Auge fassen 
mussen. 

Dasjenige, was auf diese Art an dem Menschen noch vorhanden 
ist, was die Erde nicht mehr hat, kann aber dennoch vor der mensch- 
lichen Beobachtung auftreten. Und das geschieht dadurch, daft der 
Mensch zu dem greift, was man meditieren nennen kann. Man ist ge- 
wohnt, die Vorstellungen, durch die man die aufiere Welt wahrnimmt, 
einfach in sich entstehen zu lassen, die aufiere Welt durch diese Vor- 
stellungen abzubilden. Und in den letzten Jahrhunderten hat sich der 
Mensch so stark gewohnt, nur die aufiere Welt abzubilden, daft er 



gar nicht dazu kommt, sich innerlich bewuftt zu werden, daft er auch 
selber Vorstellungen von innen heraus frei bilden kann. Solche Vor- 
stellungen von innen heraus frei bilden, heiftt meditieren: sich im 
Bewufttsein durchdringen mit Vorstellungen, die nicht von der aufie- 
ren Natur kommen, mit Vorstellungen, welche aus dem Inneren her- 
ausgeholt werden, wobei man vorzugsweise aufmerksam ist auf die- 
jenige Kraft, die diese Vorstellungen heraustreibt. Man kommt dann 
dazu, zu fiihlen, wie wirklich im Menschen ein zweiter Mensch steckt, 
wie wirklich im Menschen etwas innerlich fiihlbar werden kann, was 
man so erlebt, wie zum Beispiel die Muskelkraft, mit der man einen 
Arm ausstreckt - man erlebt diese Muskelkraft am Menschen. Wenn 
man denkt, erlebt man gewohnlich nichts; aber durch das Meditieren 
ist es moglich, die Gedankenkraft, die Kraft, durch die man die Ge- 
danken bildet, in einer solchen Weise zu verstarken, daft man sie in- 
nerlich so erlebt wie die Muskelkraft, wenn man den Arm ausstreckt. 
Und das Meditieren hat einen Erfolg, wenn man sich zuletzt sagen 
kann: Ich bin eigentlich in meinem gewohnlichen Denken ganz pas- 
si v. Ich lasse mit mir etwas geschehen. Ich lasse mich von der Natur 
ausstopfen mit Gedanken. Aber ich will mich nicht weiter ausstop- 
fen lassen mit Gedanken, sondern ich versetze in mein Bewufttsein hin- 
ein diejenigen Gedanken, die ich haben will, und ich gehe von einem 
Gedanken zu dem anderen iiber nur durch die Kraft des inneren Den- 
kens selber. - Da wird das Denken immer starker und starker, wie 
die Muskelkraft starker wird, wenn man den Arm gebraucht. Da merkt 
man zuletzt, daft dieses Denken ebenso ein Spannen, ein Tasten, ein 
innerliches Erleben ist wie das Erleben der Muskelkraft. Hat der 
Mensch sich so innerlich erlebt, daft er sein Denken in sich fiihlt, wie 
man sonst nur die innere Muskelkraft fiihlt, dann tritt sofort das- 
jenige vor sein Bewufttsein, was er zunachst in sich tragt als Wieder- 
holung eines alten Erdenzustandes. Er lernt erkennen diejenige Kraft, 
welche die von ihm genossenen Speisen im physischen Leibe um- 
wandelt und wiederum zuruckverwandelt. Und indem er dazu kommt, 
in sich diesen hoheren Menschen zu erleben, der so real ist, wie nur der 
physische Mensch ist, kommt er zugleich dazu, die aufteren Dinge der 
Welt nun auch mit diesem erkrafteten Denken anzuschauen. 



Nun, meine lieben Freunde, denken Sie sich: mit einem solchen 
erkrafteten Denken schaue ich auf einen Stein, meinetwillen auf ei- 
nen Salzwiirfel oder auf einen Quarzkristall. Ich schaue mit dieser in- 
nerlichen Erkraftung auf einen Stein. Da ist es so, daft es mir vor- 
kommt, wie wenn ich einem Menschen begegne: den habe ich doch 
schon gesehen? Ich erinnere mich dadurch, dafi ich ihn wieder vor 
mir sehe, an Erlebnisse, die ich vor zehn, zwanzig Jahren mit ihm ge- 
habt habe. Mittlerweile war er meinetwillen in Australien oder irgend- 
wo. Dasjenige, was jetzt als Mensch vor mich hintritt, zaubert mir 
herauf das Erlebnis, das ich mit ihm vor zehn oder zwanzig Jahren 
gehabt habe. Schaue ich einen Salzwiirfel, schaue ich einen Quarz- 
kristall an mit dem erkrafteten Denken, sofort steht vor mir, wie dieser 
Salzwiirfel, dieser Quarzkristall einmal war, wie wenn die Erinnerung 
an einen Urzustand der Erde aufgehen wiirde. Damals aber war dieser 
Salzwiirfel nicht hexaedrisch, also nicht sechsflachig, sondern alles war 
in einem welligen, webenden Steinweltenmeer. Der Urzustand der Erde 
geht so auf, wie an den gegenwartigen Gegenstanden eben eine Erinne- 
rung aufgeht. 

Und dann blicke ich zum Menschen zuriick, und ganz derselbe 
Eindruck, den ich sonst vom Urzustand der Erde habe, stellt sich mir 
dar in einem zweiten Menschen, den der Mensch in sich tragt. Und 
ganz derselbe Eindruck stellt sich mir dar, wenn ich nun nicht Steine 
ansehe, sondern wenn ich Pflanzen ansehe. Und ich komme dazu, 
mit einem gewissen Recht neben dem physischen Leib von einem 
Atherleib zu sprechen. Die Erde war einstmals Ather. Sie ist aus dem 
Ather das geworden, was sie heute ist in ihren unorganischen, in ihren 
leblosen Dingen. Die Pflanze tragt noch dasjenige in sich, was ein ur- 
alter Zustand der Erde war. Und ich selber auch: als einen zweiten 
Menschen, als den Atherleib des Menschen. 

Das alles, was ich Ihnen schildere, kann Beobachtungsgegenstand 
des erkrafteten Denkens werden. So dafi wir sagen konnen: Gibt sich 
der Mensch Miihe, das erkraftete Denken zu haben, dann schaut er 
an sich, an der Pflanze, und indem er auf die Mineralien sieht, in Er- 
innerung an uralte Zeiten, die die Mineralien wachrufen, aufier dem 
Physischen Atherisches. 



Nun aber, was weifi man denn aus dem, was einem so in einer ho- 
heren Beobachtung entgegentritt? Man weifi daraus, dafi die Erde ein- 
mal in einem atherischen Zustande war, dafi der Ather geblieben 
ist, dafi er heute noch die Pflanzen durchsetzt, die Tiere durchsetzt, 
denn auch an ihnen nimmt man ihn wahr, dafi er den Menschen durch- 
setzt. 

Aber nun tritt ein weiteres auf . Die Mineralien erblicken wir ather- 
frei. Die Pflanzen erblicken wir mit Ather begabt. Aber wir lernen 
zu gleicher Zeit den Ather uberall sehen. Er ist heute noch da. Er 
fullt den Weltenraum aus. Er nimmt nur nicht teil an der aufieren 
mineralischen Natur. Er ist uberall da. Und wenn ich nur die Kreide 
aufhebe, da merke ich, in dem Ather geht allerlei vor. Oh, das ist 
ein verwickelter Prozefi, ein verwickelter Vorgang, wenn ich die Kreide 
aufhebe. Mein Arm und meine Hand heben die Kreide auf. Dasjenige, 
was da meine Hand tut, das ist die Entwickelung einer Kraft in mir. 
Diese Kraft in mir ist wahrend des wachen Zustandes vorhanden; wah- 
rend des schlafenden Zustandes ist sie nicht vorhanden. Wenn ich das, 
was der Ather tut, verfolge, die geschilderte Verwandlung der Nah- 
rungsmittel, so ist das durch den Wach- und durch den Schlafzustand 
hindurch vorhanden. Das konnte man zunachst, wenn man oberflach- 
lich ware, beim Menschen bezweifeln, aber bei den Schlangen nicht, 
denn die schlafen, urn zu verdauen. Aber dasjenige was dadurch ge- 
schieht, dafi ich den Arm hebe, das kann nur im wachen Zustand ge- 
schehen. Der Atherleib hilft mir nichts zu diesem Heben. Aber den- 
noch, wenn ich nur die Kreide hebe, mufi ich Atherkrafte iiberwinden, 
mufi ich in den Ather hineinwirken. Aber der eigene Atherleib kann 
das nicht. Ich mufi also einen dritten Menschen in mir tragen, der 
das kann. 

Diesen dritten Menschen, ihn finde ich nicht in irgend etwas ahn- 
lichem draufien in der Natur zunachst. Diesen dritten Menschen, der 
sich bewegen kann, der Dinge heben kann, der seine eigenen Glie- 
der heben kann, ihn finde ich nicht in der aufieren Natur. Aber die 
aufiere Natur, in der uberall Ather ist, die tritt ja in Beziehung zu 
diesem, sagen wir, Kraftemenschen, zu diesem Menschen, in den der 
Mensch selber die Kraft seines Willens hineingiefit. 



Zunachst kann man diese innere Krafte-Entfaltung nur wahrneh- 
men an sich selber durch ein inneres Erleben. Wenn man aber die 
Meditation weiter treibt, wenn man nicht nur das innerlich tut, dafi 
man Vorstellungen selber schafft, von einer Vorstellung zur ande- 
ren ubergeht, um so das Denken zu erkraften, sondern wenn man, 
nachdem man ein solches kraftvolles Denken sich errungen hat, es 
innerlich wieder abschafft, sich ganz leer im Bewufitsein macht, dann 
erreicht man etwas Besonderes. Ja, wenn man sich von den gewohn- 
lichen Gedanken, die man passiv erwirbt, freimacht, schlaft man ein. 
In dem Augenblick, wo der Mensch nicht mehr wahrnimmt, nicht 
mehr denkt, schlaft er ein, weil das gewohnliche Bewufitsein eben 
passiv erworben ist. 1st es nicht da, schlaft er ein. Aber wenn man die 
Krafte entwickelt, durch die man das Atherische sieht, hat man einen 
innerlich erstarkten Menschen. Man fuhlt die Gedankenkrafte, wie 
man sonst die Muskelkrafte fiihlt. Wenn man diesen erstarkten Men- 
schen wiederum wegsuggeriert, dann schlaft man nicht ein, dann ex- 
poniert man sein leeres Bewufttsein der Welt. Dann tritt dasjenige ob- 
jektiv in den Menschen herein, was der Mensch spurt, indem er seine 
Arme bewegt, indem er geht, indem er seinen Willen entfaltet. In der 
Welt des Raumes ist dasjenige nirgends zu finden, was da als Krafte 
im Menschen wirkt. Aber es tritt in den Raum herein, wenn man in 
der Weise, wie ich es geschildert habe, leeres Bewufitsein erzeugt. 
Dann entdeckt man auch objektiv diesen dritten Menschen im Men- 
schen. Schaut man dann wiederum in die aufiere Natur hinaus, dann 
merkt man: Ja, der Mensch hat einen Atherleib, die Tiere haben einen 
Atherleib, die Pflanzen haben einen Atherleib. Die Mineralien haben 
keinen. Die erinnern nur an den urspriinglichen Erdenather. Aber iiber- 
all ist Ather. Wo man hinschaut, hingeht, iiberall ist Ather. Aber er 
verleugnet sich. Warum? Weil er sich nicht als Ather gibt. 

Sehen Sie, wenn Sie mit dem meditativen Bewufitsein, wie ich es 
zunachst geschildert habe, an die Pflanzen herantreten, so haben Sie 
ein Atherbild. Treten Sie an den Menschen heran, Sie haben ein Ather- 
bild. Wenn Sie aber an den allgemeinen Ather in der Welt heran- 
treten, dann sind Sie so, wie wenn Sie im Meere schwimmen wiir- 
den: Oberall ist nur der Ather. Er gibt kein Bild; aber er gibt in dem 



Momente ein Bild, wo ich nur die Kreide erhebe: da erscheint im 
Atherischen ein Bild, wo mein dritter Mensch seine Kraft entwickelt. 

Stellen Sie sich dieses Bild vor: Die Kreide liegt da zunachst, meine 
Hand ergreift die Kreide, hebt sie auf. Das Ganze kann ich ja meinet- 
willen nachbilden in Augenblicksaufnahmen. Das, was sich da ent- 
wickelt, das hat im Ather ein Gegenbild. Aber dieses Gegenbild im 
Ather wird erst in dem Momente gesehen, wo ich durch das leere 
Bewulksein wahrnehmen kann, wo ich den dritten Menschen wahr- 
nehmen kann, nicht den zweiten atherischen Menschen, sondern wo ich 
den dritten Menschen wahrnehmen kann. Das heifk, der allgemeine 
Weltenather wirkt nicht als Ather, er wirkt so wie der dritte Mensch. 




Tafel 2 



Und ich kann sagen: Ich habe zunachst den physischen Leib (Oval), 
dann den atherischen Leib, den ich wahrnehme durch das meditative 
Bewufitsein (gelb), dann den dritten Menschen, ich nenne ihn den astra- 
lischen Menschen (rotlich). Ringsherum iiberall habe ich aber dasje- 
nige, was hier das zweite war in der Welt, den Weltenather (gelb). 
Dieser Weltenather, er ist zunachst wie ein unbestimmtes Athermeer. 



Nun, in dem Moment, wo ich irgend etwas, was von meinem drit- 
ten Menschen kommt, in diesen Ather hineinstrahle, da antwortet er 
mir, wie wenn er gleich ware meinem dritten Menschen; da antwortet 
er mir nicht atherisch, da antwortet er mir astral. So dafi ich iiberall 
im weiten Athermeere durch meine eigene Tatigkeit etwas entfessele, 
was meinem eigenen dritten Menschen ahnlich ist. 

Wenn ich mich nun frage: Was ist denn das, was ich da entfessele? 
Was ist denn das, was da sonst im Atherischen als ein Gegenbild ist? 
Ich hebe die Kreide auf, meine Hand geht von unten nach oben. Das 
Atherbild geht von oben nach unten. Es ist das richtige Gegenbild. 
Es ist eigentlich ein astralisches Bild, aber es ist ein blofies Bild. Aber 
dasjenige, durch das dieses Bild hervorgerufen wird, ist der heutige 
reale Mensch. Lerne ich nun durch dasjenige, was ich friiher gesagt 
habe, zuriickschauen in der Erdenentwickelung, lerne ich dasjenige, 
was kurz wiederholt wird auf die Art, wie ich es beschrieben habe, 
anwenden auf die grofie Entwickelung, da stellt sich mir dann das 
Folgende heraus: 




Ich habe den heutigen Erdenzustand (siehe Zeichnung). Ich gehe 
zuriick zu einer Athererde. In der finde ich noch nicht dasjenige, was 
da durch mich entfesselt wird im umliegenden Ather. Ich mu!5 noch 



weiter zuriickgehen und komme zu einem noch fruheren Erdenzu- 
stand, in dem die Erde gleich meinem eigenen Astralleib war, in dem 
die Erde astralisch war, in dem die Erde ein Wesen war, wie mein 
dritter Mensch selber ist. Und dieses Wesen, ich mufi es suchen in 
langst vergangenen Zeiten, in viel mehr vergangenen Zeiten, als die- 
jenigen sind, in denen die Erde eine Athererde war. Aber indem ich 
da weit zuriickgehe in der Zeitenentwickelung, ist es wirklich nicht 
anders, als wenn ich im Raume einen fernen Gegenstand sehe, meinet- 
willen ein Licht, das bis hierher leuchtet. (Es wird gezeichnet.) Es ist Tafel3 
dort, es leuchtet bis hierher, entwickelt Bilder, geht bis hierher. Hier 
habe ich es verlassen; hier habe ich fur den Raum nur die Zeit. Das- 
jenige, was meinem eigenen Astralleib gleich ist, war in uralten Zei- 
ten vorhanden, aber es ist immer noch da. Die Zeit hat nicht aufge- 
hort zu sein, sie ist noch da. Und wie im Raume das Licht bis hierher 
leuchtet, so wirkt dasjenige, was in einer langst vergangenen Zeit liegt, 
in die heutige Gegenwart herein. Es ist also im Grunde genommen die 
ganze Zeiten twickelung noch da. Es ist nicht verschwunden, was ein- 
mal da war, wenn es so etwas ist, wie dasjenige, was im aufieren Ather 
meinem eigenen astralischen Leibe ahnlich ist. 

Ich komme da also zu etwas, was im Geiste vorhanden ist und die 
Zeit zum Raume macht. Und es ist nicht anders, als wenn ich meinet- 
willen durch einen Telegraphen weithin korrespondiere; so korres- 
pondiere ich, indem ich die Kreide aufhebe und ein Bild im Ather 
erzeuge, mit demjenigen, was fur die aufiere Anschauung langst ver- 
gangen ist. 

Wir sehen, wie der Mensch in die Welt hineingestellt wird in einer 
ganz anderen Weise, als ihm das zunachst erscheint. Aber wir begrei- 
fen auch, warum fur den Menschen Weltratsel auf tauchen. Der Mensch 
fuhlt in sich, wenn er sich das auch nicht klarmacht - heute macht es 
ja nicht einmal die Wissenschaft sich klar -, der Mensch fuhlt in sich, 
daft er ein Atherisches hat, das die Speisen umwandelt und wiederum 
zunickverwandelt. Er findet das in den Steinen nicht, sondern die 
Steine waren in uralten Zeiten noch vorhanden als allgemeiner Ather. 
Aber in diesem allgemeinen Ather ist wirksam dasjenige, was noch 
weiter zuriickliegt. Der Mensch tragt also eine uralte Vergangenheit 



schon, wie wir sehen, in zweifacher Weise in sich: eine spatere Ver- 
gangenheit in seinem Atherleib und eine noch weiter zuriickreichende 
Vergangenheit in seinem Astralleibe. 

Wenn der Mensch sich heute der Natur gegeniiberstellt, betrach- 
tet er eigentlich gewohnlich nur das Leblose. Das Lebendige selbst 
in den Pflanzen betrachtet er nur dadurch, dafl er die Substanzen 
und die Gesetze in den Substanzen, die er im Laboratorium erkun- 
det hat, dann auf die Pflanzen anwendet. Das Wachsen lafit er aus, 
er kummert sich nicht um das Wachsen, um das Leben in den Pflan- 
zen. Die heutige Wissenschaft betrachtet ja schon die Pflanzen so 
wie einer, der ein Buch in die Hand nimmt und bloft die Buchstaben- 
formen anschaut und nicht liest. So betrachtet die heutige Wissen- 
schaft alle Dinge der Welt. 

Ja, im Grunde genommen, wenn man so ein Buch aufschlagt und 
nicht lesen kann, miissen einem die Formen sehr ratselhaft erschei- 
nen. Man kann doch wirklich nicht begreifen, warum da eine Form 
Tafel3 ist, die just so ausschaut: b } a, dann eine solche: /, und eine solche: d - 
bald. Was tut das nebeneinander? Es ist ja ratselhaft. Das ist ja 
ein Weltratsel. - Das, was ich Ihnen dargelegt habe als eine Betrach- 
tungsart, ist ein Lesenlernen in der Welt und im Menschen. Und durch 
das Lesenlernen kommt man allmahlich der Losung der Ratsel nahe. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, ich wollte Ihnen heute nur einen 
allgemeinen Gang des Menschensinnens geben, durch den man hin- 
ausgelangen kann aus dem verzweiflungsvollen Zustand, in dem der 
Mensch sich befindet, und den ich Ihnen gestern geschildert habe. 
Wir werden aufsteigend betrachten, wie man im Lesen der Erschei- 
nungen draufien in der Welt und im Lesen der Erscheinungen im Men- 
schen immer weiter und weiter dringen kann. 

Damit aber macht man schliefilich Gedankengange durch, die dem 
heutigen Menschen ganz ungewohnt sind. Und was ist das Gewohn- 
liche? Das Gewohnliche ist, dafi nun die Menschen sagen: Das ver- 
stehe ich nicht. - Aber was heifit denn das: Das verstehe ich nicht? - 
Das heilk nichts anderes als: es stimmt mit demjenigen, was mir in 
der Schule beigebracht worden ist, nicht iiberein, und ich bin gewohnt 
worden, so zu denken, wie ich in der Schule angeleitet worden bin. 



Aber die Schule baut doch auf der richtigen Wissenschaft auf . Ja, aber 
diese richtige Wissenschaft! Wer ein bifichen alt geworden ist wie ich, 
hat mancherlei da miterlebt. So erlebte man zum Beispiel, daft fiir 
jenen Prozeft, den ich hier ja auch heute angedeutet habe, Aufnahme 
von Nahrungsmitteln, Verwandlung von Nahrungsmitteln im mensch- 
lichen Organismus, verschiedenerlei notwendig ist. Man zahlt auf: Ei- 
weiftstoffe, Zucker und Starkeprodukte, Fette, Wasser und Salze, das 
ist fiir den Menschen notwendig. Nun experimentiert man. 

Wenn man so etwa zwanzig Jahre zuruckgeht, da haben die Ex- 
perimente ergeben, daft der Mensch im Tag mindestens 120 Gramm Tafel3 
Eiweift zu sich nehmen miisse, sonst konne er nicht leben. Das war 
vor zwanzig Jahren Wissenschaft. Was ist heute Wissenschaft? Heute 
ist Wissenschaft, daft man mit 20 bis 50 Gramm ausreicht. Das ist 
heute Wissenschaft. Dazumal war es Wissenschaft, daft man, wenn man 
die 120 Gramm nicht hat, ein kranker Mensch wird, unterernahrt 
wird. Heute ist Wissenschaft, daft es nicht zutraglich ist, mehr als hoch- 
stens 50 Gramm zu haben, man reicht aber auch mit 20 aus. Und 
wenn man mehr genieftt, so bilden sich im Darm faulige Substanzen, 
die den Korper mit einer Art von Selbstvergiftung behandeln. Es ist 
also schadlich, mehr als 50 Gramm Eiweift aufzunehmen. Das ist heute 
Wissenschaft. 

Aber das ist ja nicht nur Wissenschaft, das ist zu gleicher Zeit 
Leben. Denn denken Sie sich nur einmal, vor zwanzig Jahren, als es 
wissenschaftlich war, daft man mindestens 120 Gramm Eiweift haben 
muft, wurde den Menschen gesagt: Ihr miiftt halt solche Nahrungs- 
mittel zu euch nehmen, wobei ihr 120 Gramm Eiweift in euch be- 
kommt. - Man miiftte dann bei dem Menschen auch voraussetzen, 
daft er das alles bezahlen kann. Das geht in die Nationalokonomie 
hinein. Man hat sorgfaltig dazumal beschrieben, wie es unmoglich ist, 
durch Pflanzenkost zum Beispiel diese 120 Gramm Eiweift aufzu- 
nehmen. Heute weifi man, daft die notige Eiweiftmenge bei jeder Nah- 
rung in den Menschen kommt; denn wenn er einfach geniigend Kar- 
toffeln iftt, er braucht nicht einmal viel zu essen, wenn er Kartoffeln 
iftt mit etwas Butter, so gibt das die notige Menge Eiweiftstoff. Es ist 
heute ganz absolut wissenschaftlich sicher, daft das so ist. Und dabei 



ist die Sache noch so: Wenn der Mensch sich anftillt mit den 120 
Gramm Eiweifi, wird sein Appetit hochst unsicher. Wenn er aber bei 
einer Nahrung bleibt, die ihm die 20 Gramm Eiweifi liefert, und es 
passiert ihm wirklich einmal, dafi er eine Nahrung zu sich nimmt, 
die nicht die 20 Gramm hat, durch die er also unterernahrt wiirde, 
so schmeckt es ihm nicht mehr. Sein Instinkt wird wiederum sicher. 
Nun ja, dabei gibt es natiirlich immer noch unterernahrte Menschen. 
Das kommt von anderen Dingen, das kommt dann jedenfalls nicht 
von zu geringem Eiweifi. Aber es gibt ganz sicher zahllose Menschen, 
die, weil sie mit Eiweift sich uberfiittern, Selbstvergiftungen durch- 
machen und allerlei andere Dinge. 

Ich will jetzt nicht sprechen iiber die Natur der Infektionskrank- 
heiten, aber am leichtesten ist der Mensch zuganglich fur die soge- 
nannte Infektion, wenn er 120 Gramm Eiweifi zu sich nimmt. Da 
kriegt er am leichtesten Diphtherie oder selbst Pocken. Wenn er nur 
20 Gramm zu sich nimmt, wird er sehr schwer angesteckt. 

Es war also einmal wissenschaftlich: Man braucht soviel Eiweifi, 
dafi man sich damit selbst vergiftet und dafi man sich jeder moglichen 
Ansteckung dadurch aussetzt. Das war vor zwanzig Jahren Wissen- 
schaft! Ja, sehen Sie, was man so denkt, das liegt in der Richtung des 
Wissenschaftlichen; aber wenn man anschaut, was in ganz wichtigen 
Dingen vor ganz kurzer Zeit wissenschaftlich war und was heute wis- 
senschaftlich ist, dann kommt man doch zu einer wesentlichen Er- 
schutterung dieses Wissenschaftlichen. 

Das ist etwas, was man auch als ein Gefuhl aufnehmen mufi, wenn 
jetzt etwas auftritt wie die Anthroposophie, die das Denken, das ganze 
Sinnen des Menschen, die ganze Seelenverfassung eben in eine andere 
Richtung bringt, als diejenige ist, die nun eben gang und gabe ist. Ich 
wollte also nur sozusagen auf etwas hinweisen, was zunachst wie eine 
Anleitung erscheint, in ein anderes Sinnen und in ein anderes Denken 
hineinzukommen. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 27. Januar 1924 



Heute mochte ich noch einen der Vortrage halten, in dem ich hin- 
weisen mochte von einem gewissen Gesichtspunkte aus auf die Be- 
ziehung des exoterischen Lebens zu dem esoterischen Leben, ich konnte 
auch sagen, auf den Obergang vom gewohnlichen Wissen zu der In- 
itiationserkenntnis, wobei das durchaus gilt, was ich bei der Beschrei- 
bung der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft, in dem Mittei- 
lungsblatt fiir Mitglieder, schon vorgebracht habe: dafl namlich alles, 
was Initiationswissenschaft ist, wenn es in die entsprechenden Ideen 
gebracht wird, durchaus von jedem Menschen, der nur vorurteilslos 
genug ist j eingesehen werden kann. So dafi man nicht sagen kann, man 
miisse erst selber der Initiation teilhaftig werden, um dasjenige zu 
durchschauen, was von seiten der Initiationswissenschaft gesagt wer- 
den kann. Aber ich mochte heute die Beziehung desjenigen, was als 
Anthroposophie auftritt, zu dem, was ihre Quelle, die Quelle der An- 
throposophie, die eigentliche Initiationswissenschaft ist, das mochte 
ich heute einmal erortern, und dann werden die drei Vortrage, die 
ich nun mit dem heutigen zusammen zu halten habe, eine Art Einlei- 
tung bilden zu dem, was nun das nachste Mai kommen wird als Vor- 
trage in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft: die Glie- 
derung des Menschen nach physischem Leib, Atherleib und so weiter. 

Wenn wir uns das heutige Bewufitsein des Menschen ansehen, so 
miissen wir sagen: Er steht auf der Erde da, schaut in die Weiten des 
Kosmos hinaus, ohne bei sich zu fiihlen eine Beziehung desjenigen, 
was ihn auf der Erde umgibt, und seiner selbst zu diesen Weiten des 
Kosmos. Denn man nehme nur einmal, wie abstrakt beschrieben wird, 
was Sonne ist, von all denjenigen, die heute Anspruch darauf machen, 
giiltige Erkenntnis zu vertreten. Man nehme, wie alles das beschrieben 
wird von den gleichen Menschen, was Mond ist, wie wenig eigentlich 
daran gedacht wird, ob denn, abgesehen davon, dafi einem die Sonne 
im Sommer warm macht, im Winter einen kalt lafit, dafi der Mond 
ein beliebter Genosse von Liebenden ist in gewissen Verhaltnissen, ob 



abgesehen davon, an die Beziehung des Menschen, der auf der Erde 
hier wandelt, zu den Weltenkorpern gedacht wird. 

Und dennoch, man braucht, um diese Beziehungen zu erkennen, 
nur ein wenig jenen Blick in sich zu entwickeln, von dem ich Ihnen 
in der vorletzten Stunde hier sprach, den Blick fur das, was Menschen 
einmal gewulk haben, Menschen, die naher standen der grofSen Welt 
als die heutigen Menschen, Menschen, die ein naives Bewufttsein ge- 
habt haben, mehr einen Erkenntnisinstinkt gehabt haben als eine ver- 
standesmaftige Erkenntnis, die aber dennoch zu sinnen wuftten iiber 
die Beziehung der einzelnen Gestirne zum Wesen und Leben des Men- 
schen. 

Nun, diese Beziehung des Menschen zu den Gestirnen und damit 
zu dem ganzen Weltenall, sie mufi wiederum in das Bewufitsein der 
Menschen hinein. Und sie wird hineinkommen, wenn Anthroposophie 
in der richtigen Weise gepflegt wird. 

Der Mensch vermeint heute, sein Schicksal, sein Karma hier auf 
der Erde zu haben; er blickt nicht nach den Sternen hinauf, um in 
ihnen Andeutungen fiir dasjenige zu finden, was Menschengeschick 
ist. Anthroposophie soli eben den Anteil des Menschen an der iiber- 
sinnlichen Welt ins Auge fassen. Aber alles, was den Menschen zu- 
nachst umgibt, gehort ja eigentlich nur zu seinem physischen Leib 
und hochstens zu seinem Atherleib. Und wenn wir noch so weit hin- 
ausschauen in die Sternenwelten, wir sehen die Sterne durch ihr Licht. 
Licht ist eine Athererscheinung. Alles was wir in der Welt wahrneh- 
men durch das Licht, ist eine Athererscheinung. So dafi wir noch so 
weit hinausblicken konnen im Weltenall, iiber das Atherische kommen 
wir, indem wir einfach den Blick herumschweifen lassen, nicht hinaus. 

Aber das menschliche Wesen geht ins Ubersinnliche. Der Mensch 
tragt sein iibersinnliches Wesen aus dem vorirdischen Dasein in das 
irdische herein, und er tragt es nach dem Tode wiederum hinaus, dieses 
ubersinnliche Wesen, sowohl aus dem physischen wie aus dem athe- 
rischen Wesen. 

Im Grunde genommen ist nichts von den Welten, die der Mensch 
betreten hat, bevor er auf die Erde herabgestiegen ist, die er betreten 
wird, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen sein wird, es ist 



nichts von diesen Welten im weiten Umkreise, der um uns herum 
auf der Erde oder im Kosmos draufien ist. 

Aber zwei Tore sind, die hinausfiihren aus der Welt des Physischen 
und aus der Welt des Atherischen in das Obersinnliche hinein. Das 
eine Tor ist der Mond, das andere Tor ist die Sonne. Und wir ver- 
stehen Mond und Sonne nur im rechten Sinne, wenn wir uns bewufit 
werden, dafl sie Tore sind zur iibersinnlichen Welt, Tore zur iiber- 
sinnlichen Welt, die sehr viel zu tun haben mit dem, was der Mensch 
als sein Schicksal hier auf der Erde erlebt. 

Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus zunachst einmal 
das Mondendasein. Der Physiker weifi nichts iiber dieses Mondenda- 
sein, als dafi durch den Mond das zuriickgeworfene Sonnenlicht er- 
scheint. Er weifi: Mondenlicht ist ein zuriickgeworfenes Sonnenlicht. 
Aber dabei bleibt er stehen. Er berucksichtigt nicht, dafi dasjenige, 
was als solcher Weltenkorper vor unserem physischen Auge als Mond 
sichtbar wird, einmal verbunden war mit unserem Erdendasein. 

Der Mond war einmal eingegliedert in das Erdendasein; er war 
ein Stuck Erde. Er hat sich in Urzeiten von der Erde losgetrennt und 
wurde ein eigener Weltenkorper draufien im Himmelsraume. Aber 
nicht nur das, dafi er ein eigener Weltenkorper im Himmelsraume 
wurde, was zuletzt ja doch auch als eine physische Tatsache ausge- 
legt werden kann, ist der Fall, sondern noch etwas wesentlich an- 
deres. 

Wer mit vollem Ernste zuruckgeht in der Betrachtung der Mensch- 
heitszivilisation und Menschheitskultur, der findet, wie in alten Zei- 
ten iiber die Erde eine Urweisheit verbreitet war, eine Urweisheit, 
von der eigentlich vieles abstammt von dem, was noch in unsere Zei- 
ten hereinragt und eigentlich viel gescheiter ist als dasjenige, was heute 
durch die Wissenschaft erkundet werden kann. Und wer sich von die- 
sem Gesichtspunkte aus zum Beispiel einmal die Veden Indiens oder 
die Jogaphilosophie betrachtet, der wird vor alien Dingen eine tiefe 
Ehrfurcht bekommen vor dem, was ihm da mehr in dichterischer 
Form, in einer heute ungewohnten Form entgegentritt, was aber noch 
eigentlich um so mehr Ehrfurcht einflofien mufi, je mehr er sich da- 
rein vertieft. Und wenn man nicht mit der heutigen trockenen, niich- 



ternen Art an diese Dinge herantritt, sondern wenn man sie in all 
ihrer innerlich aufriittelnden und doch tiefen Weise auf sich wirken 
laflt, dann kommt man eben dazu, auch aus aufieren Dokumenten es 
begreiflich zu finden, wenn Geisteswissenschaft, Anthroposophie, sa- 
gen mufi aus ihren Erkenntnissen heraus: Es hat einmal eine, wenn 
auch nicht in Form des Verstandes auftretende, sondern mehr in dich- 
terischer Form iiber unsere Erde sich ausbreitende Urweisheit gegeben. 

Aber der gegenwartige Mensch ist ja durch seinen physischen Leib 
darauf angewiesen, dasjenige, was ihm an Weisheit entgegentritt, im- 
merhin so zu begreifen, daft das Werkzeug dieses Begreifens das Ge- 
hirn ist. Dieses Gehirn als Werkzeug des Begreifens hat sich erst im 
Laufe langer Zeiten entwickelt. In der Zeit, als die Urweisheit auf 
Erden war, war ein heutiges Gehirn nicht vorhanden. Die Weisheit 
war dazumal Geschopfen eigen, die nicht in einem physischen Leib 
lebten. 

Es gab einmal Genossen der Menschen auf der Erde, die nicht in 
einem physischen Leib lebten. Und das waren die groften Urlehrer 
der Menschheit, die von der Erde verschwunden sind. Nicht nur daft 
der physische Mond in den Weltenraum hinausgegangen ist, diese We- 
senheiten sind mit dem Monde in das Weltenall hinausgegangen. So 
daft derjenige, der mit wirklicher Einsicht nach dem Monde hinsieht, 
sich sagt: Da droben ist eine Welt, welche Wesen in sich hat, die einmal 
hier auf Erden unter uns lebten, uns gelehrt haben in unseren fruheren 
Erdenleben, und die sich jetzt nach der Mondenkolonie zuriickge- 
zogen haben. Nur dann, wenn man in dieser Art die Dinge betrachtet, 
kommt man auf die Wahrheit. 

Nun, der Mensch innerhalb seines physischen Leibes kann heute 
eigentlich nur, wenn ich so sagen darf, in ganz schwachem Aufgufi 
dasjenige betrachten, was einmal Urweisheit war. Er besafi etwas von 
dieser Urweisheit in uralten Zeiten, wo eben diese Urweisheitslehrer 
die Lehrer der Menschen waren. Da nahm er auf mit seinem Instinkt, 
nicht mit dem Verstande, diese Urweisheit auf denjenigen Wegen, 
durch die hohere Wesenheiten ihm sich offenbaren konnten, als nur 
solche Wesenheiten, die in einem physischen Leibe sind. 

Und so weist uns all dasjenige, was mit dem Monde zusammen- 



hangt, auf die menschliche Vergangenheit. Diese menschliche Vergan- 
genheit ist fur den heutigen Menschen abgestreift. Er hat sie nicht 
mehr. Aber er tragt sie doch in sich. Und wahrend wir zwischen un- 
serer Geburt und unserem Tode mit jenen Wesenheiten, von denen 
ich eben gesprochen habe, die einstmals Erdenwesen waren, jetzt Mon- 
denwesen geworden sind, wahrend wir in unserem heutigen Zustande 
zwischen Geburt und Tod mit diesen Wesenheiten nicht eigentlich 
uns begegnen, begegnen wir ihnen sehr wohl im vorirdischen Dasein, 
in dem Dasein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und das- 
jenige, was wir in uns tragen und was uns immer weist iiber unsere 
Geburt hinaus in ein friiheres Dasein, was herauftont aus unserem Un- 
terbewufitsein, nicht zur vollen verstandesmafiigen Klarheit kommt, 
was daher vielfach mit Gemiit und Gefuhl des Menschen zu tun hat, 
das weist nicht nur den Instinkt der Liebenden nach dem Monden- 
schein hin, sondern das weist gerade denjenigen nach dem Monden- 
schein hin, der auf diese unterbewufiten Impulse der menschlichen Na- 
tur einen Wert legen kann. 

Dasjenige, was wir unbewufit in uns tragen, das weist uns nach 
dem Monde hin. Und ein Zeugnis dafiir mag uns schon das sein, 
dafi eben der Mond einmal mit der Erde vereinigt war, und die We- 
sen, die ihn bewohnen, auch einmal mit der Erde vereinigt waren. 
In dieser Art ist der Mond ein Tor zum Obersinnlichen. Und wer ihn 
richtig studiert, der wird auch aus seiner aufieren physischen Beschaf- 
fenheit einen Anhaltspunkt dafiir gewinnen, dafi er ein Tor zum Ober- 
sinnlichen ist. 

Denn versuchen Sie nur einmal, sich die Art zu vergegenwartigen, 
in der der Mond mit seinen Bergen und so weiter beschrieben wird. 
All das weist Sie darauf hin, dafi diese Berge, diese ganze Monden- 
konfiguration, so nicht sein konnen, wie sie auf der Erde sind. Es 
wird ja immer betont, dafi der Mond keine Luft, kein Wasser hat 
zum Beispiel. Es ist anders. Es ist eben so mit der Mondenkonfigura- 
tion, dafi sie ist, wie die Erdenkonfiguration einmal war, ehe sie ganz 
mineralisch geworden ist. 

Ich fiihre Ihnen das heute aphoristisch an. Ich miifite eine ganze 
Anzahl meiner Biicher vorlesen, miifite manches aus Zyklen vorlesen, 



wenn ich das zusammenfassen sollte als Ergebnis desjenigen, was hier 
schon entwickelt worden ist, was ich jetzt vorbringe. Aber ich will 
zunachst nur charakterisieren, einleitend, wie Anthroposophie vor- 
geht. Sie fiihrt in der Art, wie ich es gezeigt habe, aus dem Physischen 
wiederum hinaus in das Geistige. Und naturgemafi denken lernt der 
Mensch durch Anthroposophie, wahrend er ja heute gar nicht na- 
turgemafi denken kann. 

Sehen Sie, der Mensch weifi heute, dafi die physische Substanz sei- 
nes Leibes oftmals in seinem Erdenleben ausgewechselt wird. Wir 
schuppen fortwahrend ab. Wir schneiden uns die Nagel. Aber so geht 
alles aus dem Inneren nach der Oberflache, und schliefilich ist das- 
jenige, was im Zentrum unseres Leibes ist, an der Oberflache. Wir 
schuppen es ab. Und keiner von Ihnen, meine lieben Freunde, darf 
glauben, dafi dasjenige, was von Fleisch und Blut, uberhaupt von phy- 
sischer Substanz heute hier auf diesem Stuhle sitzt, auch da gesessen 
hatte, wenn Sie vor zehn Jahren dagewesen waren. Das alles ist aus- 
getauscht. Was ist denn geblieben? Ihr Seelisch-Geistiges ist geblie- 
ben. Davon weifi man heute wenigstens, wenn man es auch nicht im- 
mer bedenkt, dafi alle die Menschen, die heute hier auf ihren Stuhlen 
sitzen, nicht dieselben Muskeln und dieselben Knochen gehabt hatten 
vor zehn oder zwanzig Jahren, wenn sie hier gesessen hatten. 

Wenn die Leute nach dem Mond hinaufschauen, so haben sie so 
ungefahr das Bewufitsein: dasjenige, was die aufiere physische Sub- 
stanz des Mondes ist, war vor Jahrmillionen schon so. Es war nam- 
lich ebensowenig so, wie der heutige physische Leib des Menschen vor 
zwanzig Jahren so war. Allerdings, die physischen Substanzen der 
Sterne tauschen sich nicht so schnell aus. Aber so lange brauchen 
sie nicht dazu, als die Physiker heute fur die Sonne berechnen. Diese 
Rechnungen stimmen todsicher, aber sie sind f alsch. Ich habe das friiher 
schon ofter erwahnt. Sehen Sie, ich sagte, Sie konnen berechnen, wie 
sich die innere Konfiguration Ihres Herzens zum Beispiel verandert, 
sagen wir, von Monat zu Monat. Nun rechnen Sie es aus durch drei 
Jahre hindurch. Und Sie rechnen dann ganz exakt, wie nun diese Kon- 
figuration des Herzens vor dreihundert Jahren war, oder wie es in 
dreihundert Jahren sein wird. Sie kriegen sehr schone Zahlen heraus. 



Die Rechnung ist absolut richtig. Rechnungen konnen ganz richtig 
sein, aber das Herz war ja noch nicht da vor dreihundert Jahren, wird 
auch nach dreihundert Jahren nicht da sein. 

So rechnen aber heute die Geologen. Sie beobachten die Schichten 
der Erde, rechnen aus, wie sich diese Schichten im Laufe der Jahr- 
hunderte verandern, multiplizieren die Sache und sagen: Nun ja, vor 
zwanzig Millionen Jahren war es so! Es ist genau dieselbe Rechnung 
mit demselben Sinn - nur war alles das von der Erde vor zwanzig Mil- 
lionen Jahren noch nicht da und wird nach zwanzig Millionen Jahren 
wieder nicht da sein. 

Aber ganz davon abgesehen: Geradeso wie der Mensch dem Stoff- 
wechsel unterliegt, so unterliegen alle Himmelskorper dem Stoffwech- 
sel. Und wenn Sie hinaufsehen nach dem Monde: vor einer gewis- 
sen Anzahl von Jahrtausenden war die Substanz, die wir heute sehen, 
ebensowenig in dem Monde drlnnen, wie Ihre Substanz vor zehn Jah- 
ren auf dem Stuhl gesessen hat. Dasjenige, was den Mond erhalt, das 
sind die Wesenheiten, das ist das Geistig-Seelische in ihm; geradeso 
wie das Geistig-Seelische in Ihnen das ist, was Sie erhalt. 

Und erst, wenn wir wissen, dafi einmal der physische Mond hin- 
ausgegangen ist in den Weltenraum! Aber dasjenige, was da physisch 
hinausgegangen ist, das wechselt fortwahrend seine Substanz, dieje- 
nigen Wesenheiten aber, die den Mond bewohnen, sie bleiben auf ihm, 
die sind das Bleibende, ganz abgesehen nun von ihrem Wandel auch 
durch wiederholte Mondenleben und so weiter; aber darauf wollen 
wir heute nicht eingehen. 

Wenn man den Mond derart betrachtet, so bekommt man schon 
eine Art Wissenschaft vom Monde, die sich nicht nur in den Kopf, 
die sich in das Herz des Menschen einschreibt. Man bekommt eine 
Beziehung zu dem geistigen Kosmos, betrachtet den Mond als das 
eine der Tore zu dem geistigen Kosmos. Alles was in den Tiefen 
unseres Wesens drunten vorhanden ist, nicht nur die unbestimmten 
Liebesgefuhle, um es nochmals zu erwahnen, sondern alles was in den 
unterbewufiten Tiefen der Seele vorhanden ist, was das Ergebnis ist 
fruherer Erdenleben, hangt mit dem Mondendasein zusammen. Mit 
demjenigen, was unser gegenwartiges Dasein ist, mit dem entreiften 



wir wis dem Mondendasein. Fortwahrend entreifien wir uns dem Mon- 
dendasein. Wenn wir durch unsere Sinne nach aufien sehen oder horen, 
wenn wir mit unserem Verstande denken, wenn wir also dasjenige, 
was nicht aus den Tiefen des Seelenlebens heraufkommt und was wir 
deutlich als ein Vergangenes, das in uns wirkend war, erkennen, wenn 
wir nicht das betrachten, sondern wenn wir betrachten, was uns im- 
mer wieder in die Gegenwart hereinreifit, dann werden wir ebenso 
an das Sonnendasein gewiesen, wie wir durch das Vergangene an das 
Mondendasein gewiesen werden. Nur dafi die Sonne auf uns wirkt 
auf dem Umwege durch den physischen Menschenleib. Wenn wir uns 
selbstandig durch unsere Willkiir dasjenige aneignen wollen, was uns 
die Sonne gibt, so mussen wir eben diese Willkiir, diesen Verstand in 
Erregung bringen. Und mit dem, was wir Menschen heute durch un- 
seren regsamen Verstand einsehen, durch unsere Vernunft, kommen 
wir lange nicht so weit, als wir instinktiv dadurch kommen, dafi ein- 
fach eine Sonne im Weltenall ist. 

Ein jeder weifi, oder kann es wenigstens wissen, dafi die Sonne nicht 
nur uns jeden Morgen aufweckt, um uns aus der Finsternis zum Licht 
zu rufen, sondern dafi die Sonne in ihm Quell der Wachstumskrafte 
ist, aber auch Quell der seelischen Wachstumskrafte. 

Dasjenige, was in diesen seelischen Kraften aus der Vergangenheit 
heriiberwirkt, hangt mit dem Monde zusammen, dasjenige, was in der 
Gegenwart wirkt, aber wozu wir uns eigentlich durch unsere Willkiir 
erst entwickeln werden in der Zukunft, das hangt von der Sonne ab. 

Ebenso wie der Mond auf unsere Vergangenheit weist, so weist 
uns die Sonne auf die Zukunft. Und wir blicken hinauf zu den bei- 
den Gestirnen, zu dem des Tages, zu dem der Nacht, und blicken 
oben auf die Verwandtschaft dieser beiden Gestirne, denn sie sen- 
den uns beide dasselbe Licht. Und wir blicken in uns, blicken auf all 
dasjenige, was in unser Schicksal einverwoben ist durch das, was wir 
in der Vergangenheit durchgemacht haben als Menschen und erblik- 
ken in diesem in unser Schicksal als Vergangenes Einverwobenes un- 
ser inneres Mondendasein. Und wir erblicken in dem, was immerzu 
als Schicksal bestimmend herantritt in der Gegenwart, das Sonnen- 
hafte, nicht nur dasjenige, was in der Gegenwart wirkt, sondern was 



in die Zukunft hineinwirkt. Und wir sehen, wie sich Vergangenes 
und Zukiinftiges im Menschenschicksal ineinanderwebt. 

Und wir konnen im Menschenleben dieses naher betrachten, wie 
also Vergangenes und Zukiinftiges zusammenhangt. Nehmen wir an, 
zwei Menschen f inden sich zu irgendeiner Lebensgemeinschaft in einem 
gewissen Lebensalter. Wer nicht nachdenkt iiber so etwas, wer nicht 
nachsinnt, nun, der sagt: Da war ich, da war der andere, da war der 
Ort, zum Beispiel Miillheim, und in Miillheim haben wir uns gefun- 
den. - Er denkt nicht weiter dariiber nach. 

Derjenige der defer nachdenkt, verfolgt das Leben des einen, der 
vielleicht dreifiig Jahre alt geworden ist, das des anderen, der viel- 
leicht ftinfundzwanzig Jahre alt geworden ist, als sie sich gefunden TafeU 
haben. Er wird sehen konnen, wie merkwiirdig, wie wunderbar das 
Leben dieser beiden Menschen von ihrer Geburt auf Erden an, Schritt 
fur Schritt sich so entwickelt hat, dafi sie zuletzt an diesem Ort sich 
zusammengefunden haben. Man kann schon sagen: Von den entfern- 
testen Orten finden sich die Leute dann irgendwo einmal in der Mitte 
des Lebens zusammen. Und es ist so, als ob sie alle ihre Wege so ange- 
ordnet hatten, daft sie sich zusammenfinden. 

Aber das alles konnen sie ja nicht mit Bewulksein voneinander ge- 
macht haben, denn sie hatten sich noch gar nicht gesehen, oder we- 
nigstens nicht so beurteilt, dafi sie in einer solchen Weise sich finden. 
Das alles verlauft im Unbewu/ken. Wir machen die Wege zu wich- 
tigen Lebensabschnitten, zu wichtigen Lebenspunkten im tiefsten Un- 
bewufiten. Und aus diesem Unbewufiten heraus wird das Schicksal 
zunachst gewoben. 

Wenn wir dann solch einen Menschen horen wie Goethes Freund 
Knebel, der im hochsten Alter gesagt hat: Schaue ich zuriick in mein 
Leben, so kommt es mir vor, als ob jeder Schritt derart angeordnet 
gewesen ware, dafi ich an einem bestimmten Punkte zuletzt ankom- 
men mufite -, so fangen wir an, solche lebenserfahrenen Leute zu ver- 
stehen. 

Dann aber tritt der Moment ein, wo dasjenige, was nun zwischen 
diesen Menschen sich abspielt, in vollem Bewufitsein sich abspielt. 
Sie lernen sich kennen, sie lernen ihre Eigenschaften, Temperamente, 



Charaktere kennen, sie finden Sympathien oder Antipathien mitein- 
ander und so weiter. 

Priifen wir nun, wie das mit dem Weltenall zusammenhangt, so 
fmden wir: Dasjenige, was Mondenkrafte sind, war wirksam in den 
Wegen, die die Menschen genommen haben bis zu dem Momente, wo sie 
sich gefunden haben. Dann beginnt die Sonnenwirkung. Da treten sie 
gewissermafien in das helle Licht der Sonnenwirkung ein. Da sind sie 
mit ihrem eigenen Bewufitsein immer dabei und da beginnt Zukunft 
die Vergangenheit zu beleuchten, wie draufien im Weltenall die Sonne 
den Mond beleuchtet. Und indem die Zukunft die Vergangenheit be- 
leuchtet, erhellt wiederum die Vergangenheit die Zukunft des Men- 
schen, wie der Mond die Erde mit zuriickgeworf enem Lichte beleuchtet. 

Nun fragt es sich aber, ob wir im Leben auch unterscheiden kon- 
nen zwischen den Dingen, die sonnenhaft im Menschen sind, und 
denen, die mondenhaft im Menschen sind. Schon das Gefiihl kann 
manches doch unterscheiden, wenn man es tiefer und nicht oberflach- 
lich nimmt. Schon in der Kindheit, schon in der Jugend des Men- 
schen begegnet dieser anderen Menschen, die nur in ein aufieres Ver- 
haltnis zu ihm treten, an denen er vorubergeht, die an ihm voriiber- 
gehen, vielleicht aber trotzdem recht viel mit ihm zu tun haben. Sie 
alle waren in der Schule; der geringste Teil von Ihnen kann sagen, dafi 
er Lehrer gehabt hat, zu denen er tiefere Beziehungen gehabt hat; 
aber es wird immerhin den einen oder den anderen geben, der sich 
sagen wird: O ja, da war ein Lehrer, der hat auf mich einen solchen 
Eindruck gemacht, dafi ich habe werden wollen wie er; oder auch, 
er hat auf mich einen solchen Eindruck gemacht, dafi ich ihn am lieb- 
sten von der Erde wegwunschte. Es kann Antipathie sein, es kann 
Sympathie sein. 

Und auch im spateren Leben tritt das so ein. Wir finden andere 
Menschen. Sie beschaftigen sozusagen unseren Verstand nur, hoch- 
stens den asthetischen Sinn. Denken Sie nur, wie oft kommt es vor, 
dafi jemand einen anderen Menschen kennengelernt hat; trifft er dann 
da oder dort Menschen, die den auch kennen, so verstandigt man sich 
miteinander, indem man ihn fiir einen Prachtskerl oder einen ekel- 
haf ten Kerl erklart. Es ist ein asthetisches Urteil, oder aber es ist ein ver- 



standesmafiiges Urteil. Es gibt aber anderes. Es gibt menschliche Be- 
ziehungen, die nicht blofi im Verstande oder im asthetischen Urteil 
sich erschopfen, sondern die auf den Willen gehen, und zwar sehr stark 
auf den Willen gehen, wo wir nicht blofi in der Kindheit sagen, wir 
mochten so werden wie dieser, oder wir mochten ihn wegwiinschen 
von der Erde - wenn ich die radikalen Dinge anfuhre -, sondern wo 
wir im tiefsten Unterbewuflten in unserem Willen beriihrt werden, 
wo wir sagen: Der Mensch, der uns da begegnet, ist nicht nur von uns 
angeschaut worden so, dafi wir ihn gut oder bose, gescheit oder toricht 
finden und dergleichen mehr, sondern wir mochten gerne das tun aus 
uns heraus, was sein Wille will, und wir mochten gar nicht den Ver- 
stand anstrengen, um ihn zu beurteilen; wir mochten all das, was er 
als Eindruck auf uns gemacht hat, in unseren Willen aufnehmen. 

Es gibt diese zwei Verhaltnisse zu den Menschen. Die einen wir- 
ken auf unseren Verstand oder hochstens auf den asthetischen Sinn; 
die anderen wirken auf unseren Willen, in unsere tiefere seelische We- 
senheit hinein. Wofur ist das ein Zeugnis? Sehen Sie, wirken Men- 
schen auf unseren Willen, fassen wir nicht nur eine starke Antipathie 
oder Sympathie, sondern mochten wir willentlich das, was wir als 
Sympathie und Antipathie empfinden, ausleben, dann waren diese 
Menschen mit uns im vorigen Erdenleben irgendwie verbunden. Ma- 
chen die Menschen nur einen Eindruck auf unseren Verstand oder 
asthetischen Sinn, dann treten sie in unser Leben herein, ohne mit uns 
im vorigen Erdenleben verbunden gewesen zu sein. 

Aber schon daraus sehen Sie: Im Menschenleben, im menschlichen 
Schicksal namentlich, wirken zusammen Vergangenheit und Gegen- 
wart in die Zukunft hinein. Denn dasjenige, was wir nun mit den 
Menschen erleben, trotzdem sie nicht in unseren Willen hineinspre- 
chen, das wird im folgenden, im zukiinftigen Erdenleben wiederum 
zum Ausdruck kommen. 

So wie in derselben Bahn Sonne und Mond kreisen, miteinander 
eine Beziehung haben, so haben im Menschen wesen Vergangenheit: 
Menschen-Mondenhaftes, und Zukunft: Menschen-Sonnenhaftes mit- 
einander zu tun. Und wir konnen schon dazu kommen, zu Sonne und 
Mond hinaufzuschauen und in ihnen nicht nur die aufieren Lichtkor- 



per zu sehen, sondern das, was uns in den Weiten des Kosmos draufien 
unser eigenes Schicksal in seinem Ineinanderverwobenwerden abspie- 
gelt. Wie zu gewissen Zeiten das Mondenlicht in das Sonnenlicht, das 
Sonnenlicht in das Mondenlicht ubergeht, so gehen in unsere Schick- 
sale immer Vergangenheit und Zukunft ineinander iiber, verweben sich 
ineinander. Ja, im einzelnen Falle der Menschenbeziehung verweben 
sie sich ineinander. 

Nehmen wir die Wege, die die Menschen durchgemacht haben, 
der eine durch dreifiig Jahre, der andere durch funfundzwanzig Jahre. 
Sie treffen sich. Alles, was sie durchgemacht haben, der eine bis zum 
fiinfundzwanzigsten Jahre, der andere bis zum dreifiigsten Jahre, ge- 
hort dem Mondenhaften im Menschen an. Jetzt aber, indem sie sich 
kennenlernen, indem sie sich bewuftt gegenubertreten, treten sie in das 
Schicksalmaflig-Sonnenhafte ein und verweben nun Zukunft und Ver- 
gangenheit miteinander, um wiederum weiter das Schicksal zu weben 
fur kiinftige Erdenleben. 

Und so sieht man an der Art und Weise, wie das Schicksalhafte 
an den Menschen herantritt, wie in dem einen Falle Mensch auf Mensch 
wirkt nur auf den Verstand, auf den asthetischen Sinn, im anderen 
Falle aber auf den menschlichen Willen und das mit dem Willen ver- 
bundene Gefiihl. 

Sehen Sie, so weit, als ich Ihnen bisher die Dinge erzahlt habe - 
wie gesagt, ich will heute nur aphoristisch erzahlen, um Ihnen den 
Weg der Anthroposophie und den Weg ihrer Quelle, der Initiations- 
wissenschaft, darzulegen, wir werden es in der Zukunft in alien Ein- 
zelheiten genau machen -, so weit kann dieses durch unmittelbare Er- 
kenntnis von jedem erlebt werden. Und man kann erkennend auf das 
Schicksal hinblicken. Jenes eigentumliche, innere intime Herauftau- 
chen des anderen Menschen in einem selbst weist auf vergangenes 
Karma hin. Wenn ich einen Menschen so empfinde, daft er eigent- 
lich mich innerlich ergreift, nicht nur in den Sinnen und im Ver- 
stande, sondern innerlich erfafit, dafi mein Wille daran engagiert ist, 
wie er mich erfafit, ist er karmisch aus der Vergangenheit mit mir 
verknupf t. Mit einem etwas f eineren, intimeren Sinne kann der Mensch 
also fiihlen, wie ein anderer mit ihm karmisch verknupft ist. 



Wenn nun aber dasjenige eintritt, was als eine gewisse Stufe beim 
Menschen kommen kann, wenn er durchmacht, was ich beschrieben 
habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» oder 
im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi», dann erlebt 
er die ganze Sache noch in wesentlich anderer Weise. Wenn also beim 
Menschen die Initiation eintritt, dann erlebt er nicht nur den anderen 
Menschen, mit dem er karmisch verknupft war, in der Art, dafi er 
sich sagt: Er wirkt auf meinen Willen, er wirkt in meinem Willen -, 
sondern er erlebt den anderen Menschen tatsachlich personlich in sich. 
Und tritt einer, der initiiert ist, einem anderen Menschen, mit dem 
er karmisch verbunden ist, entgegen, dann ist dieser andere Mensch 
so in ihm mit einer selbstandigen Sprache, mit selbstandigen Aufie- 
rungen und Offenbarungen, dafi er aus ihm spricht, wie sonst ein 
Mensch, der neben uns steht, zu uns spricht. Was also sonst nur ge- 
fiihlt wird im Willen, die karmische Verbindung, die tritt fur den 
Initiierten so auf, dafl der andere Mensch aus ihm redet, wie sonst 
ein neben ihm stehender Mensch. So da$ also fur den mit Initiations- 
wissenschaft Ausgestatteten das karmische Gegeniibertreten bedeu- 
tet: der andere Mensch wirkt nicht nur auf seinen Willen, sondern 
er wirkt in ihm so stark, wie sonst ein neben ihm stehender Mensch 
wirkt. 

Sie sehen, dasjenige, was sonst in einer unbestimmten, blofl wil- 
lens- und gemutshaften Weise sich ankiindigt fur das gewohnliche Be- 
wufitsein, das wird fiir das hohere Bewufitsein zur volligen Konkret- 
heit erhoben. Sie werden sagen: Ja, dann geht aber derjenige, der 
initiiert ist, in sich mit dem Biindel all der Leute herum, mit denen er 
karmisch verbunden ist. - Es ist aber auch so. Erkenntnis erlangen 
beruht eben nicht blofi darauf, dafJ man etwas mehr reden lernt, als 
die anderen Leute reden, aber geradeso redet wie diese, sondern es ist 
wirklich das Erwerben eines anderen Stiickes Welt. 

Will man also reden dariiber, wie Karma in den Menschen wirkt, 
so dafi ihr gegenseitiges Schicksal gezimmert wird, so mufi man die 
Bekraftigung seiner Rede hernehmen konnen von dem Wissen, wie 
die anderen Menschen in einem reden, wie sie wirklich zu einem Stuck 
des eigenen Menschen werden. 



Stellt man das aber dann dar, so braucht es fiir den, der nicht 
initiiert ist, nichts Jenseitiges zu bleiben, sondern er kann sich sagen 
und wird es sich bei gesunden Sinnen sagen: Gewifi, sprechen hore 
ich den, der mit mir karmisch verbunden ist, nicht in mir; aber ich 
fiihle ihn. Ich fiihle ihn in meinem Willen und in der Art und Weise, 
wie mein Wille aufgeruttelt wird durch ihn. - Und man lernt ver- 
stehen diese Aufriittelung des Willens. Man lernt dasjenige verstehen, 
was man im gewohnlichen Bewufitsein erlebt, und was man durch 
nichts anderes verstehen kann als dadurch, daft man es hort aus der 
Initiationswissenschaft schildern in seiner wahren konkreten Bedeu- 
tung. 

Worauf es mir aber heute ganz besonders ankam, das ist dies, dafi 
nun wirklich das, was sonst in einer gewissen nebulosen Art in das 
Bewufitsein eintritt, dieses Gefiihl von karmischer Verknupftheit mit 
dem anderen, fiir den Initiierten ein konkretes Erlebnis wird. Und so 
wie man das fiir das Karma, fiir das Schicksal des Menschen schil- 
dern kann, so kann man das schildern fiir alles dasjenige, was Initia- 
tionswissenschaft wirken kann. 

Es kann noch manches andere dem Menschen ankiindigen, wie er 
karmisch mit einem anderen verbunden ist. Einzelne von Ihnen wer- 
den wissen, wenn sie das Leben betrachten: Man begegnet Menschen 
im Leben, von denen man nicht traumt; man kann lange mit ihnen 
zusammenleben, man kann nicht von ihnen traumen. Anderen Men- 
schen begegnet man - man kriegt sie aus dem Traume gar nicht wieder 
los. Kaum hat man sie gesehen, so traumt man schon in der nachsten 
Nacht von ihnen, und immer wieder und wiederum treten sie in den 
Traumen auf . 

Traume sind dasjenige, was im Unterbewufiten besonders figu- 
riert. Menschen, von denen wir gleich traumen, wenn wir sie erleben, 
das sind sicher solche, mit denen wir karmisch verbunden sind. Men- 
schen, von denen wir nicht traumen konnen, machen nur einen ober- 
flachlichen Eindruck auf unsere Sinne; wir begegnen ihnen im Le- 
ben, ohne dafi wir karmisch mit ihnen verbunden sind. 

Was in den Tiefen unseres Willens lebt, ist wie ein wacher Traum. 
Und fiir den Initiierten wird dieser wache Traum eben ein vollinhalt- 



liches Bewufitsein. Daher hort er denjenigen, der karmisch mit ihm 
verbunden ist, aus sich sprechen. Selbstverstandlich bleibt er immer 
verniinftig, so dafi er nicht herumgeht und mit alien moglichen Leu- 
ten, die mit ihm sprechen, dann auch aus diesen als Initiierter spricht; 
aber er gewohnt sich unter Umstanden auch an, in ganz konkreter 
Weise, auch wenn er ihnen nicht raumlich gegenubersteht, die Men- 
schen, die mit ihm karmisch verbunden sind und aus ihm sprechen, 
wie im Zwiegesprach richtig anzusprechen, wobei durchaus Dinge zu- 
tage treten, die auch eine reale Bedeutung haben. Doch das sind Dinge, 
die ich dann in der Zukunft einmal schildern werde. 

So kann man das Bewufltsein des Menschen vertiefen beim Hin- 
aufschauen in die Weiten des Kosmos, so kann man es vertiefen beim 
Hineinschauen in den Menschen. Und je mehr man in den Menschen 
selber hineinschaut, desto mehr lernt man dasjenige verstehen, was 
in den Weiten des Kosmos ist. Man sagt sich dann: Ich blicke nicht 
mehr in der Weise blofi in die Gestirnswelt hinein, dafi ich da leuch- 
tende Scheiben oder leuchtende Kugeln sehe, sondern es erscheint mir 
das, was im Kosmos draufien ist, als kosmisch gewobenes Schicksal. - 
Die menschlichen Schicksale auf der Erde sind dann die Abbilder der 
kosmisch gewobenen Schicksale. Und wenn man grundlich weifl, dafi 
sich die Substanz in einem Weltenkorper andert, austauscht, wie die 
Substanz des Menschen, dann wird man wissen, dafi es gar keinen 
Sinn hat, von abstrakten Naturgesetzen blofi zu reden. Diese Gesetze 
sind ja ganz gut, aber nicht fur die Erkenntnis. Man darf die Naturge- 
setze nicht als etwas ansehen, was Erkenntnis gibt. Es ist damit ge- 
radeso wie bei Versicherungsgesellschaften. Man versichert dort sein 
Leben. Wodurch konnen solche Versicherungsgesellschaften bestehen? 
Dadurch, dafi man eines Menschen wahrscheinliche Lebensdauer aus- 
rechnet. Aus der Anzahl derjenigen Menschen, die von so und so viel 
Fiinfundzwanzigjahrigen das dreifiigste Lebensjahr erreichen und so 
weiter, kann man dann ausrechnen, wie viele Jahre wahrscheinlich ein 
Dreifiigjahriger noch lebt; danach versichert man ihn. Und man kommt 
gut durch mit der Versicherung. Das Versicherungsgesetz gilt. Aber 
keinem Menschen wurde es einf alien, das mit seinem innersten Wesen 
nun in Einklang zu bringen. Sonst miifite er doch sagen: Ich bin dazu- 



mal mit dreiftig Jahren versichert worden, weil mein wahrscheinlicher 
Tod mit funfundfiinfzig Jahren eintritt. Er miifite sich sagen: Jetzt 
mufi ich doch sterben mit funfundfiinfzig Jahren. Er wird niemals die 
Konsequenz daraus ziehen, trotzdem die Rechnung durchaus stimmt; 
aber die Konsequenz bedeutet gar nichts fur das wirkliche Leben. 

Naturgesetze sind auch nur errechnet. Sie sind gut dafiir, dafi wir 
sie technisch verwenden konnen; sie sind gut dazu, Maschinen machen 
zu konnen, wie wir die Menschen versichern konnen nach Versiche- 
rungsgesetzen; aber in das Wesen der Dinge fiihren sie nicht hinein. 
In das Wesen der Dinge fiihrt nur das wirkliche Erkennen der Wesen- 
heiten selber hinein. 

Was die Astronomen ausrechnen an Naturgesetzen des Himmels, 
das ist im Menschenleben wie die Versicherungsgesetze. Was eine wirk- 
liche Inhiationswissenschaft iiber das Wesen dessen, was da als Sonne 
und Mond ist, erkundet, das ist so, wie wenn ich denjenigen, der nach 
seiner Police lange gestorben sein miifite, nach zehn Jahren doch noch 
finde. Es lag in seinem Wesen, weiterzuleben. 

Das wirkliche Geschehen hat im Grunde genommen gar nichts mit 
den Naturgesetzen zu tun. Die Naturgesetze sind gut fur die Anwen- 
dung der Krafte. Aber die Wesenheit mufi durch Initiationswissen- 
schaft erkannt werden. 

Nun, damit habe ich Ihnen den dritten der Vortrage gegeben, 
durch die ich eigentlich nur andeuten wollte, wie der Ton sein soil 
in der Anthroposophie. Wir werden nun beginnen, die Konstitution 
des Menschen in etwas anderer Weise zu schildern, als es in meiner 
«Theosophie» geschehen ist, aufbauend eben eine anthroposophische 
Wissenschaft, eine anthroposophische Erkenntnis aus den Fundamen- 
ten heraus. Sehen Sie die drei Vortrage, die ich bisher gehalten habe, 
gewissermafien als Probe an, wie anders als das gewohnliche Bewufit- 
sein dasjenige Bewufitsein spricht, das in die wirkliche Wesenheit der 
Dinge hineinfiihrt. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 1. Februar 1924 



Ich werde nun in den mehr elementarischen Betrachtungen, die ich in 
der letzten Zeit begonnen habe, heute nach einer gewissen Richtung 
hin fortfahren. Ich habe in dem ersten Vortrage dieser Serie darauf 
aufmerksam gemacht, wie von zwei Seiten her dem Menschen das 
wirklich innerliche Herzensbediirfnis erwachst, die Wege der Seele 
zur geistigen Welt hin zu finden, oder wenigstens zu suchen. Die eine 
Seite ist diejenige, die von der Natur her kommt, die andere Seite ist 
diejenige, die von der inneren Erfahrung, von den inneren Erlebnis- 
sen her kommt. 

Nun wollen wir uns heute doch noch einmal in ganz elementarer 
Weise diese beiden Seiten des menschlichen Lebens vor Augen stel- 
len, um dann zu sehen, wie tatsachlich im Unterbewuflten Impulse 
wirken, die von da aus den Menschen in alles hineintreiben, was er 
an Erkenntnis anstrebt aus den Bediirfnissen seines Lebens heraus, was 
er an Kiinstlerischem anstrebt, was er an Religiosem anstrebt und so 
weiter. Ich mochte sagen, Sie konnen ganz einfach den Gegensatz, 
den ich hier meine, an sich selbst in jedem Augenblicke betrachten. 

Nehmen Sie eine ganz einfache Tatsache: Sie sehen sich selber in 
irgendeinem Teil Ihres Korpers einmal an. Sie sehen Ihre Hand an. 
Sie sehen Ihre Hand genau ebenso an, was zunachst das Anschauen, 
die Erkenntnis betrifft, wie Sie irgendeinen Kristall, irgendeine 
Pflanze, irgend etwas in der Natur anschauen. 

Indem Sie diesen Teil Ihres physischen Menschen sehen und mit 
der Anschauung durch das Leben gehen, finden Sie eben jenes, ich 
mochte sagen, in das ganze menschliche Erleben tragisch Eingreifende, 
von dem ich gesprochen habe. Sie finden, das, was Sie da sehen, wird 
einmal Leichnam, wird zu etwas, von dem man sagen mufi: Nimmt 
die aufiere Natur es auf, so hat diese aufiere Natur eben nicht die 
Fahigkeit, nicht die Macht, etwas anderes zu tun damit, als es zu zer- 
storen. In dem Augenblicke, wo der Mensch innerhalb der physischen 
Welt Leichnam geworden ist und in irgendeiner Form dieser Leichnam 



den Elementen iibergeben wird, ist keine Rede mehr davon, dafl die 
menschliche Gestalt in all das Substantielle, das Sie anschauen konnen 
an sich selbst, hineingegossen ist, das diese menschliche Gestalt er- 
halten kann. 

Nehmen Sie alle Naturkrafte zusammen, die Sie zum Inhalte irgend- 
welcher aufieren Wissenschaft machen konnen, alle diese Naturkrafte 
sind einzig und allein imstande, den Menschen zu zerstdren, aufzu- 
bauen niemals. Jede vorurteilsfreie Betrachtung, die nicht aus der 
Theorie heraus, sondern aus den Erfahrungen des Lebens heraus ge- 
holt ist, fuhrt dazu, sich zu sagen: Wir schauen urn uns herum die Na- 
tur, die wir begreifen - wir wollen jetzt nicht von dem reden, was 
zunachst durch aufSeres Erkennen nicht zu begreifen ist -, wir schauen 
die Natur, insofern sie zu begreifen ist. Ja, wir sind als Menschheit in 
der neueren Zeit so stolz darauf geworden, das, was wir durch unsere 
Einsicht in die Natur erhalten, als die Summe der Naturgesetze anzu- 
sehen; wir fiihlen uns ungemein vorgeschritten, indem wir so und so 
viele Naturgesetze kennengelernt haben. Das Reden iiber den Fort- 
schritt ist sogar durchaus berechtigt. Aber es ist doch einmal so, dafi 
alle diese Naturgesetze in ihrer Wirkungsweise nur die eine Moglichkeit 
haben, den Menschen zu zerstoren, ihn niemals zu bilden. Die mensch- 
liche Einsicht gibt ja zunachst keine Moglichkeit, etwas anderes durch 
das Hinausschauen in die Welt zu erhalten als diese den Menschen 
zerstorenden Naturgesetze. 

Nun blicken wir in unser Inneres. Wir erleben, was wir unser See- 
lenleben nennen: unser Denken, das ja mit einer ziemlichen Klarheit 
vor unserer Seele stehen kann; wir erleben unser Fiihlen, das schon 
weniger klar vor unserer Seele steht, und unser Wollen; nun, das steht 
mit voller Unklarheit vor der Seele. Denn zunachst kann kein Mensch 
mit dem gewohnlichen Bewulksein davon sprechen, dafi er eine Ein- 
sicht darin hat, wie irgendeine Absicht, einen Gegenstand zu ergrei- 
fen, hinunterwirkt in diesen ganzen komplizierten Organismus von 
Muskeln und Nerven, um Arme und Beine zuletzt zu bewegen. Das- 
jenige, was da hineinarbeitet in unseren Organismus, vom Gedan- 
ken ausgehend bis zu dem Augenblick, wo wir wieder den Gegen- 
stand gehoben sehen, ist in volliges Dunkel gehiillt. Aber es wirkt 



ein unbestimmter Impuls in uns zuriick, herauf, der uns sagt: Ich will 
das. - Dadurch schreiben wir uns auch das Wollen zu. Und so sagen 
wir von unserem Seelenleben, wenn wir in uns hineinschauen: Nun 
ja, wir tragen in uns ein Denken, ein Fuhlen, ein Wollen. 

Aber nun kommt die andere Seite, die schon in einer gewissen 
Beziehung wiederum ins Tragische hineinfuhrt. Wir sehen, daft mit 
jedem Schlafe dieses ganze Seelenleben des Menschen versinkt und 
jedesmal beim Aufwachen neu entsteht. So dafi, wenn wir einen Ver- 
gleich gebrauchen wollen, wir sehr gut sagen konnen, dieses Seelen- 
leben ist so wie eine Flamme, die ich anziinde und dann wieder aus- 
losche. 

Aber wir sehen mehr. Wir sehen, dafi mit gewissen Zerstdrungen 
in unserem Organismus dieses Seelenleben mit zerstort wird. Wir se- 
hen aufierdem dieses Seelenleben abhangig von der korperlichen Ent- 
wickelung dieses Organismus. Im kleinen Kinde ist es traumhaft vor- 
handen. Es wird allmahlich heller und heller. Aber dieses Hellerwer- 
den hangt ja ganz mit der Entwickelung des korperlichen Organis- 
mus zusammen. Und wenn man alt wird, wird es wiederum schwa- 
cher. Das Seelenleben hangt mit der Entwickelung und mit der Deka- 
denz des Organismus zusammen. Wir sehen also, wie das aufflammt, 
abglimmt. 

So gewifi wir auch wissen: Das, was wir da als seelisches Leben 
haben, hat ganz gewifi ein Eigenleben, ein Eigendasein, aber es ist 
abhangig in seinen Erscheinungen von dem physischen Organismus, 
so ist das doch nicht alles, was wir iiber dieses Seelenleben sagen kon- 
nen. Sondern dieses Seelenleben hat einen Einschlag, der vor alien 
Dingen dem Menschen wertvoll sein mufi im Leben, denn von diesem 
Einschlag hangt eigentlich sein ganzes Menschentum, seine mensch- 
liche Wiirde ab. Das ist der moralische Einschlag. 

Wir konnen noch so weit in der Natur herumgehen, moralische 
Gesetze konnen wir aus der Natur nicht gewinnen. Die moralischen 
Gesetze miissen ganz innerhalb des Seelischen erlebt werden. Aber 
sie miissen auch innerhalb des Seelischen befolgt werden konnen. Es 
mufi also eine Auseinandersetzung blofi im Inneren des Seelischen 
sein. Und wir miissen es ansehen als eine Art Ideal des Moralischen, 



dafi wir als Menschen auch Moralprinzipien folgen konnen, die uns 
nicht aufgedrangt sind. Solange wir sagen miissen: Das, was uns un- 
sere Triebe, Instinkte, Leidenschaften, Emotionen und so weiter auf- 
drangen, ist in uns - gut, es mufi der Mensch dies oder jenes verrich- 
ten; der Mensch kann nicht ein abstraktes Wesen werden, das blofi 
moralischen Gesetzen folgt. Aber das Moralische beginnt eben doch 
erst dann, wenn diese Emotionen, Triebe, Instinkte, Leidenschaften, 
Temperamentsausbriiche und so weiter unter die Herrschaft dessen 
gebracht werden, was einer rein seelischen Auseinandersetzung mit 
den rein geistig erfafiten moralischen Gesetzen entspricht. 

In dem Augenblicke, wo wir uns unserer menschlichen Wurde recht 
bewufit werden und fiihlen, dafi wir nicht sein konnen wie ein Wesen, 
das nur von der Notwendigkeit getrieben wird, da erheben wir uns 
tatsachlich in eine Welt, die eine ganz andere ist als die natiirliche 
Welt. 

Und was nun das Beunruhigende ist, was, solange eine mensch- 
liche Entwickelung besteht, immer dazu gefuhrt hat, uber das unmit- 
telbar sichtbare Leben hinauszustreben, das riihrt eigentlich - so sehr 
dabei unterbewufite und unbewufite Momente mitspielen - von die- 
sen Gesetzen her, dafi wir uns auf der einen Seite anschauen als kor- 
perliches Wesen, aber dieses korperliche Wesen angehorig sehen einer 
Natur, die es nur zerstoren kann; dafi wir auf der anderen Seite uns 
innerlich erfahren als ein seelisches Wesen; dieses seelische Wesen aber, 
das gHmmt auf, das glimmt ab, und ist doch mit unserem Wertvollsten 
verbunden, mit dem moralischen Einschlag. 

Und es ist nur einer ganz tiefen Unehrlichkeit unserer Zivilisation 
zuzuschreiben, wenn die Menschen sich in einer furchtbaren Illusion 
einfach uber das hinwegsetzen, was in diesem polarischen Gegensatze 
zwischen dem Anschauen des Aufieren und dem Erfahren des Inne- 
ren besteht. Erfafit man sich, ohne eingeengt zu sein in jene Faden, 
in jene Maschen, in die wir hineingezwangt werden heute durch un- 
sere Erziehung, dadurch, dafi diese Erziehung nach einem ganz be- 
stimmten Ziele hin tendiert - hebt man sich ein wenig uber dieses Ein- 
gezwangtsein hinaus, dann kommt man doch gleich dazu, sich zu sa- 
gen: Du, Mensch, du tragst in dir dein Seelenleben, dein Denken, 



dein Fiihlen, dein Wollen. Das hangt zusammen mit der Welt, die 
dir vor alien Dingen wertvoll sein mufi, mit der moralischen Welt, 
vielleicht mit dem, womit diese moralische Welt wieder zusammen- 
hangt, mit dem religiosen Quell alles Seins. Aber das, was du als See- 
lenleben, als diese innerliche Auseinandersetzung hast, wo ist es denn, 
wahrend du schlafst? 

Man kann natiirlich iiber diese Dinge philosopbisch phantasieren 
oder phantastisch philosophieren. Dann kann man sagen: Der Mensch 
hat in seinem Ich, das heifit in dem gewohnlichen Ich-Bewufitsein, 
eine sichere Grundlage - das beginnt bei dem heiligen Augustinus 
so zu denken, das setzt sich fort iiber Cartesius, das gewinnt einen 
etwas koketten Ausdruck im Bergsonianismus der Gegenwart aber 
jeder Schlaf widerlegt das. Denn von dem Augenblicke, wo wir ein- 
schlafen, bis zu dem Augenblicke, wo wir aufwachen, verfliefit eine 
Zeit fur uns. Wenn wir auf sie zuruckschauen im wachen Zustande, 
so ist das Ich eben nicht da als Erlebnis innerhalb dieser Zeit. Es ist 
ausgeloscht. Und was da ausgeloscht ist, hangt mit dem Wertvollsten, 
mit dem moralischen Einschlag in unserem Leben zusammen. 

So dafi wir sagen miissen: Dasjenige, wovon wir in brutaler Weise 
iiberzeugt sind, dafi es da ist, unser Leib, der ist ganz gewifi aus der 
Natur heraus entstanden. Aber die Natur hat nur die Macht, ihn zu 
zerstoren, auseinanderzustieben. Dasjenige, was wir auf der anderen 
Seite erfahren, unser eigenes Seelenleben, das entschliipft uns in je- 
dem Schlafe; das ist abhangig von jedem Aufstieg oder Abstieg un- 
serer Leiblichkeit. Sobald man sich ein wenig erhebt iiber die Zwangs- 
lage, in die der heutige Zivilisationsmensch durch seine Erziehung 
versetzt ist, sieht man sofort ein, dafi - mogen auch noch so viele un- 
terbewufite, unbewufite Elemente da mitspielen - jedes religiose, jedes 
kiinstlerische, iiberhaupt jedes hohere Streben der Menschen durch die 
ganze menschliche Entwickelung hindurch an diesen Gegensatzen 
hangt. 

Gewifi, Millionen und aber Millionen von Menschen machen sich 
das nicht klar. Aber ist es denn notig, dafi sich der Mensch das, was 
fur ihn zum Lebensratsel wird, ganz klar macht? Wenn die Men- 
schen von dem, was sie sich klarmachen, leben sollten, so wiirden 



sie bald sterben. Der grofite Teil des Lebens verfliefit eben in dem, 
was aus unklaren, unterbewufiten Tiefen in die allgemeine Lebens- 
stimmung herauffliefit. Und wir diirfen nicht sagen, nur derjenige 
empfinde die Lebensratsel, der sie in einer intellektuell klaren Weise 
formulieren kann und einem auf dem Prasentierteller bringt: erstes 
Lebensratsel, zweites Lebensratsel und so weiter. Auf diese Menschen 
ist sogar das Allerwenigste zu geben. Dasjenige, was da wie tief unten 
sich bewegt, das smd die Lebensratsel, die eben erlebt werden. - Da 
kommt irgendein Mensch. Er hat das oder jenes, vielleicht etwas sehr 
Alltagliches zu sprechen; aber er spricht so, dafi er mit der Aussicht, 
aus seinem Sprechen etwas zu erreichen fiir das Leben, durchaus nicht 
froh wird. Er will etwas, will es wieder nicht. Er kommt nicht zum 
Entschlufl. Er fiihlt sich nicht recht wohl bei dem, was er selber denkt. 
Ja, woher kommt das? Weil er keine Sicherheit hat in den unterbe- 
wufiten Tiefen seines Wesens iiber die eigentliche Grundlage des Men- 
schenwesens und der Menschen wiirde. Er fiihlt die Lebensratsel. Und 
das, was er fiihlt, kommt eben aus dem polarischen Gegensatz her- 
aus, den ich charakterisiert habe: Dafi man sich auf der einen Seite 
nicht halten kann an die Leiblichkeit, auf der anderen Seite nicht 
halten kann an die Geistigkeit, wie man sie erlebt; denn die Geistig- 
keit wird einem fortwahrend klar als ein Auf- und Abglimmendes, 
und die Leiblichkeit wird einem als dasjenige klar, was aus der Natur 
stammt, was aber von der Natur nur zerstort werden kann. 

Und so steht der Mensch da. Auf der einen Seite schaut er nach 
aufien hin seinen physischen Leib an. Sein physischer Leib gibt ihm 
fortwahrend ein Ratsel auf. Auf der anderen Seite schaut er sein See- 
lisch-Geistiges an, und dieses Seelisch-Geistige gibt ihm fortwahrend 
ein Ratsel auf. Und dabei ist das grofite Ratsel dieses: Wenn ich nun 
wirklich einen moralischen Impuls empfinde und mull meine Beine 
in Bewegung setzen, um irgend etwas zur Realisierung dieses mora- 
lischen Impulses zu tun, so komme ich in die Lage, meinen Korper 
aus dem moralischen Impuls heraus zu bewegen. Ich habe einen mora- 
lischen Impuls, sagen wir den Impuls eines Wohlwollens. Er wird 
wirklich zunachst rein seelisch erlebt. Wie dieser Impuls des Wohl- 
wollens, der rein seelisch erlebt wird, hinunterschiefit in die Korper- 



lichkeit, ist fur das gewohnliche Bewufltsein nicht zu durchschauen. 
Wie kommt ein moralischer Impuls dazu, Knochen in Bewegung zu 
setzen durch Muskeln? Man kann solch eine Auseinandersetzung als 
theoretisch empfinden. Man kann sagen, das uberlassen wir den Phi- 
losophen, die werden dariiber schon nachdenken. Gewohnlich macht 
es die heutige Zivilisation so, dafl sie diese Frage den Denkern iiber- 
laflt, und dann das, was die Denker sagen, verachtet oder wenigstens 
gering schatzt. Nun ja, dabei wird nur der menschliche Kopf froh, das 
menschliche Herz nicht; das menschliche Herz empfindet dabei eine 
nervose Unruhe und kommt nicht zu irgendeiner Lebensfreude, Le- 
benssicherheit, Lebensgrundlage und so fort. Von der Art des Den- 
kens aus, die schon einmal die Menschheit seit dem ersten Drittel des 
15. Jahrhunderts angenommen hat, die so grofiartige Erfolge auf dem 
Gebiete der aufieren Naturwissenschaft errungen hat, gelangt man eben 
durchaus nicht dazu, irgend etwas dazu beitragen zu konnen, diese 
beiden Dinge, Ratselhaftigkeit des menschlichen physischen Leibes, 
Ratselhaftigkeit der menschlichen Seelenerfahrungen, irgendwie zu 
durchdringen. Und gerade aus der klaren Einsicht heraus in dieses 
kommt Anthroposophie und sagt sich: GewifS, das Denken, wie es sich 
nun einmal herausgebildet hat in der Menschheit, ist machtlos ge- 
geniiber der Wirklichkeit; wir mogen noch so viel denken, wir kon- 
nen mit unserem Denken nicht im geringsten in ein aufieres Natur- 
geschehen unmittelbar eingreifen. Aber mit unserem blofien Denken 
konnen wir auch nicht in unseren eigenen Willensorganismus eingrei- 
fen. Man mufi nur einmal die ganze Machtlosigkeit dieses Denkens 
grundlich empfinden, dann wird man schon den Impuls erhalten, uber 
dieses gewohnliche Denken hinauszugehen. 

Aber man kann nicht hinausgehen durch Phantasterei, man kann 
auch nicht von irgendeinem anderen Orte aus anfangen, uber die 
Welt nachzudenken, als vom Denken. Nun ist es aber ungeeignet, 
dieses Denken. Da handelt es sich darum, daft man eben einfach durch 
die Lebensnotwendigkeiten dazukommt, von diesem Denken aus ei- 
nen Weg zu finden, durch den dieses Denken sich tiefer in das Sein, 
in die Wirklichkeit hineinbohrt. Und dieser Weg bietet sich nur durch 
dasjenige, was Sie zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man 



Erkenntnisse der hoheren Wei ten ?» als die Meditation beschrieben 
finden. 

Wir wollen uns dies heute nur skizzenhaft vor die Seele stellen, 
denn wir wollen sozusagen die Skizze eines anthroposophischen Ge- 
baudes in ganz elementarer Art liefern. Wir wollen wieder anfangen 
mit dem, womit wir vor zwanzig Jahren angefangen haben. Wir 
konnen sagen: Die Meditation besteht eben darinnen, das Denken in 
anderer Weise zu erleben, als man es gewohnlich erlebt. Heute erlebt 
man das Denken so, dafi man sich von aufien anregen lafit; man gibt 
sich hin an die aufiere Wirklichkeit. Und indem man sieht und hort 
und greift und so weiter, merkt man, wie sich gewissermafien im Er- 
leben das Aufnehmen von aufieren Eindriicken fortsetzt in Gedan- 
ken. Man verhalt sich passiv in seinen Gedanken. Man gibt sich hin 
an die Welt, und die Gedanken kommen einem. Auf diese Weise kommt 
man nie weiter. Es handelt sich darum, dafi man beginnt, das Denken 
zu erleben. Das tut man, indem man einen einfach uberschaubaren 
Gedanken nimmt, diesen leicht uberschaubaren Gedanken im Bewufit- 
sein gegenwartig sein lafit, das ganze Bewufitsein auf diesen uberschau- 
baren Gedanken konzentriert. 

Es ist nun ganz gleichgiiltig, was dieser Gedanke fur die aufiere 
Welt bedeutet. Worauf es ankommt, ist lediglich, dafi man das Be- 
wufitsein mit Aufierachtlassung von allem anderen Erleben auf die- 
sen einen Gedanken konzentriert. Ich sage, es mufi ein iiberschau- 
barer Gedanke sein. Sehen Sie, ich wurde einmal gefragt von einem 
sehr gelehrten Manne, wie man meditiert. Ich gab ihm einen furcht- 
bar einfachen Gedanken. Ich sagte ihm, es kame nicht darauf an, ob 
der Gedanke irgendeine aufiere Realitat bedeute. Er solle denken: 
Weisheit ist im Licht. - Er solle immer wieder und wieder seine ganze 
Seelenkraft dazu verwenden, zu denken: Weisheit ist im Licht. - Ob 
das nun wahr oder falsch ist, darauf kommt es nicht an. Es kommt 
ebensowenig darauf an, ob irgend etwas ein weltbewegendes Ding 
ist oder ein Spiel, wenn wir unseren Arm anstrengen, um es in Be- 
wegung zu setzen und immer wieder in Bewegung zu setzen. Wir 
verstarken dadurch unsere Armmuskeln. Wir verstarken unser Den- 
ken, indem wir uns anstrengen, immer wieder und wiederum diese 



Tatigkeit auszuuben, gleichgultig was der Gedanke bedeutet. Wenn 
wir uns immer wieder und wieder seelisch anstrengen, ihn im Bewufit- 
sein gegenwartig zu machen und das ganze Seelenleben darauf zu kon- 
zentrieren, so verstarken wir unser Seelenleben, wie wir die Muskel- 
kraft unseres Armes verstarken, wenn wir sie immer wieder und wie- 
der auf dieselbe Tatigkeit hin konzentrieren. Aber wir miissen einen 
leicht iiberschaubaren Gedanken haben. Denn haben wir den nicht, 
so sind wir alien moglichen Rankiinen der eigenen Organisation aus- 
gesetzt. Man glaubt ja gar nicht, wie stark die suggestive Kraft ist, 
die von Reminiszenzen des Lebens und dergleichen herkommt. In dem 
Augenblick, wo man nur einen komplizierteren Gedanken faftt, kom- 
men gleich von alien moglichen Seiten damonische Gewalten, die ei- 
nem dies oder jenes ins Bewufitsein hineinsuggerieren. Man kann nur 
sicher sein, daft man mit voller Besonnenheit in der Meditation lebt, 
mit derselben Besonnenheit, mit der man sonst im Leben steht, wenn 
man vollbewuflter Mensch ist, wenn man tatsachlich einen ganz iiber- 
schaubaren Gedanken hat, in dem nichts anderes drinnenstecken kann 
als das, was man gedanklich erlebt. 

Wenn man so die Meditation einrichtet, mogen alle moglichen Leute 
sagen: Du unterliegst einer Autosuggestion oder dergleichen -, das ist 
naturlich alles unsinniges Zeug. Das hangt lediglich davon ab, ob man 
es dahin bringt, einen iiberschaubaren Gedanken zu haben oder ob man 
einen Gedanken hat, der irgendwie durch unterbewufite Impulse in ei- 
nem wirkt. Nun hangt es allerdings davon ab - ich habe das of tmals ge- 
sagt -, was der Mensch fiir Fahigkeiten hat; bei dem einen dauert es 
lang, bei dem anderen kurz. Aber der Mensch kommt durch solche 
Konzentration dazu, sein Seelenleben, insofern es denkendes See- 
lenleben ist, zu verstarken, in sich zu erkraften. Und das Ergebnis 
wird eben dann nach einiger Zeit dieses, daft der Mensch sein Denken 
nicht so erlebt wie im gewohnlichen Bewufitsein. Im gewohnlichen 
Bewufitsein erlebt der Mensch so seine Gedanken, daft sie machtlos da- 
stehen. Es sind eben Gedanken. Durch solche Konzentration kommt 
der Mensch dazu, die Gedanken auch wirklich so zu erleben wie ein 
innerliches Sein, wie er erlebt die Spannung seines Muskels, wie er er- 
lebt das Ausgreifen, um einen Gegenstand zu erfassen. Das Denken 



wird in ihm eine Realitat. Er erlebt gerade, indem er sich immer mehr 
und mehr ausbildet, einen zweiten Menschen in sich, von dem er vor- 
her nichts wuflte. 

Und dann beginnt fiir den Menschen der Augenblick, wo er sich 
sagt: Nun ja, ich bin der Mensch, der sich zunachst aufterlich an- 
schauen kann, wie man die Dinge der Natur anschaut. Ich fuhle 
innerlich sehr dunkel meine Muskelspannungen, aber weifi eigentlich 
nicht, wie meine Gedanken in diese Muskelspannungen hinunterschie- 
fien. Aber wenn der Mensch also, wie ich es geschildert habe, sein Den- 
ken verstarkt, dann fuhlt er gewissermafien rinnen, stromen, pulsie- 
ren das erkraftete Denken in seinem Wesen. Er fuhlt einen zweiten 
Menschen in sich. Aber dies ist ja zunachst eine abstrakte Bestimmung. 
Die Hauptsache ist, daft in dem Augenblicke, wo man diesen zweiten 
Menschen in sich fuhlt, die aufierirdischen Dinge einen so anzugehen 
beginnen, wie einen vorher nur die irdischen Dinge angegangen haben. 
Ich meine die raumlich aufierirdischen Dinge. In dem Augenblicke, 
wo Sie fiihlen, wie der Gedanke innerliches Leben wird, wo Sie das 
rinnen fiihlen wie die Atemziige, wenn Sie auf sie aufmerksam sind, in 
dem Augenblicke fiigen Sie zu Ihrer ganzen Menschlichkeit etwas 
Neues hinzu. Vorher zum Beispiel fiihlen Sie: Ich stehe auf meinen 
Beinen. Da unten ist der Boden. Der Boden tragt mich. Ware er nicht 
da und bote mir die Erde nicht einen Boden, ich miifite ins Bodenlose 
versinken. Ich stehe auf etwas. 

Nachher, wenn Sie Ihr Denken in sich erkraftet haben, den zwei- 
ten Menschen in sich fiihlen, da beginnt fiir den Augenblick, wo Sie 
sich besonders fiir diesen zweiten Menschen interessieren, das was 
Sie irdisch umgibt, Sie nicht mehr so stark wie vorher zu interessie- 
ren. Nicht als ob man ein Traumer, ein Sch warmer werden wiirde. 
Man wird es nicht, wenn man in einer innerlich klaren und ehrlichen 
Weise zu solchen Stufen der Erkenntnis vorriickt. Man kann ganz 
gut wiederum mit aller Lebenspraxis in die Welt des gewohnlichen 
Lebens zuriick. Man wird nicht ein Phantast, der sagt: Ach, ich habe 
die geistige Welt kennengelernt, die irdische ist minderwertig, wesen- 
los, ich beschaftige mich nur mehr mit der geistigen Welt. Bei einem 
wirklichen geistigen Weg wird man nicht so, sondern man lernt erst 



recht das aufiere Leben schatzen, wenn man wiederum in dasselbe zu- 
riickkehrt. Und die Momente, wo man aus demselben herausgeht in 
der Art, wie ich es geschildert habe, und wo das Interesse sich heftet 
an den zweiten Menschen, den man in sich entdeckt hat, konnen ohne- 
dies nicht lange festgehalten werden; denn werden sie in innerlicher 
Ehrlichkeit festgehalten, dann gehort eine grofie Kraft dazu, und diese 
Kraft kann man nur durch eine gewisse Zeit, die im allgemeinen nicht 
sehr lange ist, auf einmal aufrechterhalten. 

Aber verbunden ist dieses Hinlenken des Interesses auf den zwei- 
ten Menschen damit, dafi einem die raumliche Umgebung der Erde 
so wertvoll zu werden beginnt wie sonst dasjenige, was auf der Erde 
herunten ist. Man weifi, der Erdboden tragt einen. Man weifi, die Erde 
gibt einem aus ihren verschiedenen Naturreichen die Substanzen, die 
man essen mufi, damit der Leib immer fort und fort durch die Nah- 
rung die Anregung erhalt, die er braucht. Man weif5, wie man auf diese 
Weise mit der irdischen Natur zusammenhangt. Geradeso wie man in 
den Garten gehen mufi, um sich dort ein paar Kohlkopfe zu pfliicken, 
sie dann zu kochen, damit man sie ifit, wie also notwendig ist das- 
jenige, was da draufien im Garten ist, wie es einen Zusammenhang hat 
mit dem, was man zunachst als erster, physischer Mensch ist, so lernt 
man jetzt erkennen, was einem der Sonnenstrahl, was einem das Mon- 
denlicht ist, was einem all dasjenige ist, was Sternengefunkel um die 
Erde herum ist. Und man erlangt eine Moglichkeit, uber dasjenige, was 
raumlich um die Erde herum ist, nach und nach in bezug auf den zwei- 
ten Menschen so zu denken, wie man vorher gedacht hat mit Bezug auf 
seinen ersten physischen Leib, in bezug auf seine physische Erdenum- 
gebung. 

Und man sagt sich: Dasjenige, was du da in dir tragst als Muskeln, 
als Knochen, als Lunge, Leber und so weiter, das hangt zusammen 
mit dem Kohlkopf oder dem Fasanen und so weiter, die da draufien 
in der Welt sind. Dasjenige aber, was du jetzt als zweiten Menschen in 
dir tragst, was du dir zum Bewufksein durch die Verstarkung deines 
Denkens gebracht hast, das hangt zusammen mit Sonne und Mond, 
mit dem ganzen Sterngefunkel, das hangt zusammen mit der raum- 
lichen Umgebung der Erde. Man wird vertraut, eigentlich vertrauter 



mit der raumlichen Umgebung der Erde, als man so als gewohnlicher 
Mensch, wenn man nicht gerade Nahrungsmittelhygieniker oder so 
etwas ist, mit der irdischen Umgebung vertraut ist. Man gewinnt wirk- 
lich eine zweite, zunachst raumlich zweite Welt. 

Man lernt sich als einen Bewohner der Sternenwelt ebenso ein- 
schatzen, wie man sich vorher eingeschatzt hat als einen Bewohner 
der Erde. Vorher hat man sich namlich nicht als einen Bewohner der 
Sternenwelt eingeschatzt; denn die Wissenschaft, die nicht bis zum 
Erkraften des Denkens geht, bringt es nicht dazu, dem Menschen das 
Bewufitsein beizubringen, dafi er fur einen zweiten Menschen einen 
solchen Zusammenhang mit der raumlichen Erdenumgebung hat, wie 
er als physischer Mensch mit der physischen Erde hat. Das kennt sie 
nicht. Sie rechnet; aber was da die Rechnung selbst der Astrophysik 
und so weiter zutage fordert, all das liefert ja nur Dinge, die den Men- 
schen eigentlich nichts angehen, die hochstens seine Wifibegierde be- 
friedigen. Denn schliefilich, was hat es denn fur eine Bedeutung fur 
den Menschen, fur das, was er innerlich erlebt, wenn man weifi, wie 
man sich nun denken kann - stimmen tut es ja noch aufierdem nicht -, 
dalS der Spiralnebel in den «Jagdhunden» entstanden ist oder noch 
heute in seinen Gestaltungen verlauft. Es geht ja den Menschen nichts 
an. Der Mensch steht zur Sternenwelt so, wie irgendein leibfreies We- 
sen, das von irgendwoher kame und auf der Erde sich aufhielte, zu der 
Erdenwelt stiinde, das keine Nahrung und so weiter zu nehmen 
brauchte, sie nicht zum Stehen brauchte und so weiter. Aber tatsach- 
lich, der Mensch wird aus einem blofien Erdenburger ein Weltenbtir- 
ger, wenn er in dieser Weise sein Denken erkraftet. 

Und nun entsteht ein ganz bestimmter Bewufitseinsinhalt. Es ent- 
steht der Bewufitseinsinhalt, der sich in der folgenden Weise charak- 
terisieren lafit. Wir sagen uns: Dafi Kohlkopfe sind, Getreide draufien 
ist, das ist gut fur uns, das baut uns den physischen Leib auf, wenn ich 
diesen Ausdruck, der nicht ganz richtig ist, jetzt gebrauchen darf 
nach der allgemeinen trivialen Anschauung; es baut uns unseren phy- 
sischen Leib auf. Und ich konstatiere einen gewissen Zusammenhang 
zwischen dem, was da draufien in den verschiedenen Reichen der Na- 
tur ist, und meinem physischen Leib. 



Aber mit dem erkrafteten Denken beginne ich einen ebensolchen 
Zusammenhang zu konstatieren zwischen meinem zweiten Menschen, 
der in mir lebt und demjenigen, was im aufierirdischen Raum uns 
umgibt. Man sagt sich zuletzt: Wenn ich in der Nacht hinausgehe und 
mich nur meiner gewohnlichen Augen bediene, sehe ich nichts. Wenn 
ich bei Tag hinausgehe, macht mir das Sonnenlicht, das aufierirdische, 
alle Gegenstande sichtbar. Ich weifi zunachst nichts. Wenn ich mich 
blofi auf die Erde beschranke, so weifi ich: da ist ein Kohlkopf, dort 
ist Quarzkristall. Ich sehe beides durch das Sonnenlicht, aber ich inter- 
essiere mich auf Erden nur fiir den Unterschied zwischen dem Kohl- 
kopf und dem Quarzkristall. 

Nun beginne ich zu wissen: ich bin selber als zweiter Mensch aus 
dem gemacht, was mir den Kohlkopf und den Quarzkristall sichtbar 
macht. Das ist ein ganz bedeutsamer Sprung, den man in seinem Be- 
wulksein macht. Es ist eine vollige Metamorphose des Bewulkseins. 
Und von da ab beginnt das, dafi man sich sagt: Stehst du auf der Erde, 
so siehst du das Physische, das mit deinem physischen Menschen zu- 
sammenhangt; erkraftest du dein Denken und wird ebenso wie vor- 
her das Physische der Erde fiir dich eine Welt war, die dich angeht, 
das aufierirdische raumliche Dasein eine Welt, die dich angeht, nam- 
lich dich und den Menschen, den du erst in dir entdeckt hast, dann 
schreibst du, so wie du der physischen Erde den Ursprung deines phy- 
sischen Leibes zuschreibst, dem kosmischen Ather, durch dessen Wir- 
kungen die irdischen Dinge erst sichtbar werden, dein zweites Dasein 
zu. Und du sprichst jetzt aus deiner Erfahrung heraus, so, dafi du 
sagst, du hast deinen physischen Leib und du hast deinen Atherleib. - 
Es macht natiirlich nicht den Inhalt einer Erkenntnis, wenn man blofl 
systematisiert und den Menschen aus verschiedenen Gliedern bestehend 
denkt, sondern es macht erst eine wirkliche Einsicht, wenn man die 
ganze Metamorphose des Bewufitseins ins Auge fafit, die dadurch ent- 
steht, dafi man einen solchen zweiten Menschen in sich wirklich ent- 
deckt. 

Ich greife mit meinem physischen Arm, und meine physische 
Hand umfafit einen Gegenstand. Ich fuhle gewissermafien die Stro- 
mung, die da greift. Durch dieses Erkraften des Gedankens fiihlt man 



den Gedanken, wie er in sich beweglich nun auch eine Art Tasten im 
Menschen bewirkt, eine Art Tasten, das nun auch in einem Organis- 
mus lebt, in dem atherischen Organismus, in dem feineren ubersinn- 
lichen Organismus, der ebenso da ist wie der physische Organismus, 
der nur nicht mit dem Irdischen zusammenhangt, der mit dem Aufier- 
irdischen zusammenhangt. 

Jetzt kommt der Moment, wo man genotigt ist, ich mochte sagen, 
wiederum um eine Stufe herunterzusteigen; denn zunachst kommt 
man schon durch ein solches imaginatives Denken, wie ich es beschrie- 
ben habe, dazu, dieses innerliche Ertasten eines zweiten Menschen in 
sich zu fiihlen, kommt auch dazu, das im Zusammenhange zu sehen 
mit den Weiten des Weltenathers, wobei Sie sich unter diesen Worten 
nichts vorstellen sollen als dasjenige, wovon ich eben geredet habe, 
nicht von irgendwoanders her einen Inhalt dazu nehmend. Aber man 
ist jetzt genotigt, um weiterzukommen, wiederum zu dem gewohn- 
lichen Bewufksein zuruckzukehren. 

Nun, sehen Sie, da liegt es uns nahe, wenn wir an den physischen 
Leib des Menschen denken, in der Art, wie ich es eben jetzt beschrie- 
ben habe, uns zu fragen: Wie steht dieser physische Leib des Men- 
schen denn eigentlich zu der Umgebung? Er steht ganz zweifellos zu 
der physischen Erdenumgebung in einer Beziehung, aber wie? 

Wenn wir den Leichnam nehmen - er ist ja ein getreues Abbild 
des physischen Menschen auch wahrend des Lebens -, ja, dann sehen 
wir in scharfen Konturen Leber, Milz, Niere, Herz, Lunge, Knochen, 
Tafeis Muskeln, Nervenstrange. Das kann man zeichnen, das hat scharfe 
Konturen. Dadurch ist es ahnlich dem Festen, ahnlich demjenigen, 
was in festen Formen vorkommt. Aber mit diesem Konturierten im 
menschlichen Organismus hat es seine eigene Bewandtnis. Es gibt ei- 
gentlich nichts Trugerischeres als jene Handbucher, die heute von 
Anatomie oder Physiologie handeln, denn die Menschen kommen zu 
der Ansicht: da ist eine Leber, das ist das Herz und so weiter; sie sehen 
das alles in scharfen Konturen und stellen sich vor, daft die scharfe 
Konturiertheit wesentlich ist. Man stellt sich schon den menschlichen 
Organismus so wie ein Konglomerat von festen Dingen vor. Das ist 
er gar nicht, hochstens zu 10 Prozent, die iibrigen 90 Prozent sind 



nichts Festes im menschlichen Organismus, sind flussig oder gar luft- 
formig. Der Mensch ist zu 90 Prozent mindestens eine Wassersaule, 
wenn er lebt. So dafi man sagen kann: Der Mensch gehort allerdings 
seinem physischen Leibe nach der festen Erde an, dem, was die alteren 
Denker im besonderen die Erde genannt haben; aber dann beginnt das- 
jenige, was im Menschen flussig ist. Man wird nicht eher auch in der 
aufieren Wissenschaft zu einer verniinftigen Anschauung uber den 
Menschen kommen, ehe man nicht wiederum den festen Menschen fiir 
sich unterscheidet und dann den Flussigkeitsmenschen, dieses inner- 
liche Wogen und Weben, in dem es wirklich ausschaut wie in einem 
kleinen Meere. 

Aber einen eigentlichen Einflufi auf den Menschen hat das Irdische 
nur in bezug auf das, was in ihm fest ist. Denn auch draufien in der 
Natur konnen Sie sehen, wie da, wo das Flussige beginnt, sofort eine 
innere Gestaltungskraft auftritt, die mit einer sehr grofien Einheitlich- 
keit wirkt. 

Wenn Sie das gesamte Flussige unserer Erde nehmen, ihr Wasser: Tafels 
es ist ein grofier Tropfen. Wenn das Wasser frei sich gestalten kann, 
wird es tropfenformig; iiberall wird das Flussige tropfenformig. 

Dasjenige, was erdig ist, fest ist, sagen wir heute, das tritt in be- 
stimmten Gestalten auf, die man als besondere Gestalten erkennen 
kann. Das Flussige hat immer das Bestreben, tropfig zu werden, die 
Kugelform anzunehmen. 

Und woher kommt denn das? Nun, wenn Sie den Tropfen, ob 
er nun klein ist oder ob er erdengrofi ist, studieren, so finden Sie iiber- 
all, der Tropfen ist das Abbild des ganzen Weltenalls. Selbstverstand- 
lich ist es nach heutigen gewohnlichen Begriffen falsch, aber es ist so 
zunachst nach dem Anblick - und wir werden in der nachsten Zeit 
schon sehen, wie dieser Anblick doch gerechtfertigt ist -, es ist nach 
dem Anblick richtig: das Weltenall erscheint uns wie eine Hohlkugel, 
in die wir hineinschauen. 

Jeder Tropfen, ob er klein oder grofi ist, erscheint uns als eine Tafels 
Spiegelung des Weltenalls selber. Ob Sie den Regentropfen nehmen, 
oder ob Sie das ganze Erdengewasser nehmen, da sehen Sie an der 
Oberflache ein Bild des Weltenalls. Sobald man namlich ins Flussige 



hineinkommt, kann man dieses Fliissige nicht mehr aus den irdischen 
Kraften erklaren. Wenn Sie die unendlichen Bermihungen sehen wer- 
den, oder mit Bewufttsein anschauen werden, die Kugelform des Er- 
dengewassers aus den irdischen Kraften selber zu erklaren, so werden 
Sie finden, wie vergeblich diese Bemuhungen sind. Aus der irdischen 
Anziehungskraft und so weiter erklart sich nicht die Kugelform des 
Erdengewassers. Die Kugelform des Erdengewassers ist nicht durch 
Anziehungskraft, sondern durch Druck von aufien zu erklaren. Da 
kommen wir sogleich dazu, auch in der aufieren Natur einzusehen, 
dafi wir zur Erklarung des Fliissigen aus dem Irdischen hinausgehen 
miissen. Und von da aus kommen Sie nun zum Erfassen dessen, wie 
es beim Menschen ist. 

Solange Sie bei dem, was im Menschen fest ist, bleiben, konnen 
Sie beim Irdischen bleiben, wenn Sie seine Gestalt verstehen wollen. 
In dem Augenblicke, wo Sie an sein Fliissiges herankommen, brau- 
chen Sie den in diesem Fliissigen wirkenden zweiten Menschen, zu 
dem Sie durch das erkraftete Denken kommen. 

Jetzt sind wir zum Irdischen wieder zuriickgekehrt. Wir finden im 
Menschen das Feste. Das erklaren wir mit unseren gewohnlichen Ge- 
danken. Was im Menschen flussig ist, konnen wir seiner Form nach 
nicht verstehen, wenn wir nicht in ihm wirksam denken diesen zwei- 
ten Menschen, den wir im erkrafteten Denken in uns selber als den 
Atherleib des Menschen erfiihlen. 

Und so konnen wir sagen: Der physische Mensch wirkt im Festen, 
der atherische Mensch wirkt im Fliissigen. Der atherische Mensch ist 
damit noch immer etwas Selbstandiges naturlich; aber sein Mittel, zu 
wirken, ist das Fliissige. 

Und nun handelt es sich darum, weiterzukommen. Denken Sie, 
wir haben nun wirklich uns so weit gebracht, dieses erkraftete Den- 
ken innerlich zu erleben, also den atherischen Menschen, diesen zwei- 
ten Menschen zu erleben; das setzt voraus, dafi wir eine starke innere 
Impulsivitat entfalten. 

Nun, Sie wissen ja, wenn man sich ein bifichen anstrengt, so kann 
man nicht nur sich zum Denken anregen lassen, sondern sich sogar 
die Gedanken wiederum verbieten. Man kann aufhoren zu denken. 



Das besorgt die physische Organisation. Wenn man miide wird und 
einschlaft, dann hort man auf zu denken. Nun, es wird schwerer, 
das, was man mit aller Anstrengung in sich hineinversetzt hat, dieses 
erkraftete Denken, das Ergebnis der Meditation, auch wiederum will- 
kiirlich auszuloschen. Ein gewohnlicher machtloser Gedanke ist ver- 
haltnismafiig leicht auszuloschen. Man haftet schon mehr innerlich- 
seelisch an dem, was man da an erkraftetem Denken in sich entwickelt 
hat. Man mufi dann eine starkere Kraft gewinnen konnen, um es sich 
wieder absuggerieren zu konnen. Dann aber tritt etwas Besonderes ein. 

Wenn Sie das gewohnliche Denken haben, nun ja, es ist angeregt 
von der Umgebung oder von den Erinnerungen an die Umgebung. 
Wenn Sie irgendeinen Gedankenweg machen, dann ist ja noch die 
Welt da. Sie schlafen ein, dann ist sie auch noch da. Aber Sie haben 
sich ja gerade aus dieser Welt der Sichtbarkeit hinausgehoben im 
erkrafteten Denken. Sie haben sich in Zusammenhang gebracht mit 
der aufierirdisch raumlichen Umwelt. Sie betrachten das Verhaltnis 
der Sterne jetzt zu sich, wie Sie friiher das Verhaltnis der Gegen- 
stande der Reiche der Natur um sich herum betrachtet haben. Sie 
haben sich mit alledem jetzt in Beziehung gesetzt. Jetzt konnen Sie 
das unterdrucken. Aber indem Sie es unterdrikken, ist auch die aufiere 
Welt nicht da, denn Sie haben ja eben Ihr Interesse diesem erkrafteten 
Bewufitsein zugewendet. Da ist die aufiere Welt nicht da. Sie kom- 
men zu dem, was man leeres Bewufitsein nennen kann. Das gewohn- 
liche Bewufitsein kennt die Leerheit des Bewufitseins nur im Schlafe; 
dann ist es aber Unbewufitsein. 

Aber das ist ja eben, was man jetzt erreicht: voll bewufit zu blei- 
ben, keine aufieren sinnlichen Eindrucke zu haben und dennoch nicht 
zu schlafen, blofi zu wachen. Aber man bleibt nicht blofi wachend. 
Jetzt, wenn man das leere Bewufitsein dem Unbestimmten, dem iiber- 
all Unbestimmten entgegensetzt, jetzt dringt die eigentliche geistige 
Welt herein. Man sagt: Da kommt sie. Wahrend man friiher nur hin- 
ausgesehen hat in die aufierirdische physische Umgebung, die eigent- 
lich atherische Umgebung ist, wahrend man das Raumliche gesehen 
hat, kommt jetzt wie von unbestimmten Fernen durch dieses Kos- 
mische herein von alien Seiten ein Neues, das eigentliche Geistige. Das 



Geistige kommt von dem Weltenende zuerst herein, wenn man die- 
sen Gang, den ich beschrieben habe, durchmacht. 

Und jetzt tritt zu der friiheren Metamorphose des Bewufkseins 
ein Drittes hinzu. Jetzt sagt man sich: Du tragst deinen physischen 
Leib an dir und deinen Atherleib, den du im erkrafteten Denken 



Tafel 5 




ergriffen hast, und du tragst noch etwas an dir - ich bitte, ich rede 
von der Welt der Scheinbarkeit, wir werden in den nachsten 
Tagen sehen, inwiefern es berechtigt ist. Indem da von dem Athe- 
rischen geredet wird (blau): aus dieser Welt des Raumlichen 
kommt es, aber was da weiter ist aufierhalb (rotlich), das kommt 
herein vom Unbestimmten. Man verliert auch das Bewulksein, dafi 
es aus dem Raumlichen kommt; das durchsetzt einen wie ein dritter 
Mensch. Durch den Ather des Kosmos lauft es heran, durchsetzt einen 
als ein dritter Mensch. Und man beginnt mit Recht durch Erfahrung 
davon zu reden: man hatte den ersten Menschen, den physischen Men- 
schen; den zweiten Menschen, den atherischen Menschen; den dritten 



Menschen, den astralischen Menschen - stoften Sie sich nicht an Wor- 
ten, das wissen Sie ja, dafi Sie das nicht sollen -, man tragt den astra- 
lischen Menschen, den dritten Menschen, an sich. Der kommt aus dem 
Geistigen, nicht blofi aus dem Atherischen. Man kann von dem Astral- 
leibe, von dem astralischen Menschen reden. 

Und jetzt geht man weiter. Jetzt sagt man sich: Ich atme ein, ich 
verbrauche meinen Atem zu meiner inneren Organisation, ich atme 
aus. - 1st es denn wirklich wahr, dafi das, was sich die Leute vorstellen 
als ein Gemisch, ein Gemenge von Sauerstoff und Stickstoff, kommt 
und fortgeht? 

Sehen Sie, was da kommt und fortgeht, das ist nach den Anschau- 
ungen der gegenwartigen Zivilisation aus physikalischem Sauerstoff 
und Stickstoff und einigem anderen zusammengesetzt. Aber derjenige, 
der dazukommt, nun aus dem leeren Bewufksein heraus dieses Her- 
anlaufen mochte ich sagen, des Geistigen durch den Ather zu erle- 
ben, der erlebt im Einatmungszug dasjenige, was gestaltet ist nicht aus 
dem Ather blofl, sondern von etwas aufier dem Ather, aus dem Gei- 
stigen heraus. Und man erlernt allmahlich im Atmungsprozesse einen 
geistigen Einschlag in den Menschen erkennen. Man lernt erkennend 
sich zu sagen: Du hast einen physischen Leib. Er greift in das Feste 
ein; das ist sein Mittel. Du hast deinen atherischen Leib, Der greift in 
das Flussige ein. Indem du ein Mensch bist, der nicht nur fester Mensch, 
Flussigkeitsmensch ist, sondern indem du in dir deinen Luftmenschen 
tragst, dasjenige, was luftformig ist, gasformig, kann eingreifen der 
dritte, der astralische Mensch. Durch dieses Substantielle auf der Erde, 
durch das Luftformige, greift der astralische Mensch ein. 

Niemals wird das, was im Menschen flussige Organisation ist, die 
innerlich ein ebenso regelmafiiges Leben hat, aber ein fortwahrend ver- 
anderliches, fortwahrend wandelndes Leben hat, mit dem gewohnlichen 
Denken erfafit; das, was so Flussigkeitsmensch ist, das wird nur mit 
dem erkrafteten Denken erfafit: Mit dem gewohnlichen Denken er- 
fassen wir konturiert den physischen Menschen. Und weil unsere Ana- 
tomie und Physiologie blofi mit dem gewohnlichen Menschen rech- 
nen, so zeichnen sie 10 Prozent vom Menschen auf. Aber das, was der 
Mensch ist als Flussigkeitsmensch, das ist in einer fortwahrenden Be- 



wegung, das zeigt nie eine feste Kontur. Da ist es so, da wieder anders, 
da lang, da kurz. Was in fortwahrender Bewegung ist, das erfassen 
Sie nicht mit den rechnenden konturierten Begriffen, das erfassen Sie 
mit den Begriffen, die in sich beweglich sind, die Bilder sind. Den athe- 
rischen Menschen im Flussigkeitsmenschen erfassen Sie in Bildern. 

Und den dritten Menschen, den astralischen Menschen, der im luft- 
formigen Menschen wirkt, den erfassen Sie nur, wenn Sie ihn nun nicht 
blofi in Bildern, sondern auf eine noch andere Art ergreifen. Riicken 
Sie namlich in Ihrem Meditieren immer weiter und weiter fort - und 
ich beschreibe damit den abendlandischen Meditationsprozefi -, dann 
merken Sie von einem bestimmten Punkte Ihrer Obungen an, dafi der 
Atem in Ihnen etwas fiihlbar Musikalisches wird. Als innere Musik 
erleben Sie den Atem. Sie erleben sich als von innerer Musik durch- 
webt und durchwellt. Den dritten Menschen, der physisch der Luft- 
mensch ist, geistig der astralische Mensch ist, den erleben Sie als ein 
inneres Musikalisches. Sie ergreifen da den Atem. 

Der orientalische Meditant hat das direkt gemacht, indem er sich 
auf das Atmen konzentriert hat, das Atmen unregelmaflig gemacht 
hat, das Joga-Atmen eingefuhrt hat, um darauf zu kommen, wie der 
Atem im Menschen webt und lebt. Er hat dadurch direkt hingearbeitet 
auf das Ergreifen dieses dritten Menschen. 

Und so kommen wir zu dem, was dieser dritte Mensch ist, und 
konnen heute zunachst sagen: Durch eine Vertiefung der Einsicht, 
durch eine Erkraftung der Einsicht kommen wir dazu, zunachst am 
Menschen zu unterscheiden den physischen Leib, der auf Erden in 
festen Formen lebt und auch mit den irdischen Reichen in Zusam- 
menhang steht; den zweiten, den Flussigkeitsmenschen, in dem aber 
ein immer bewegliches Atherisches lebt, der nur in Bildern erfafit 
werden kann, in Bildern aber, die bewegte Bilder sind, bewegte Pla- 
stik; den dritten Menschen, den astralischen, der sein physisches Ab- 
bild hat in alledem, was die Einatmungsstromung macht. Sie kommt 
herein, sie ergreift die innere Organisation, breitet sich aus, arbeitet, 
verwandelt sich, stromt wiederum aus. Das ist ein wunderbares Wer- 
den. Das kann man nicht zeichnen, hochstens symbolisch, aber in 
Realitat nicht. Ebensowenig konnen Sie das zeichnen, wie Sie die 



Tone einer Violine zeichnen konnen. Symbolisch konnen Sie es, aber 
Sie miissen das musikalische Gehor darauf richten, daft Sie innerlich 
horen. Nicht das aufierlich tonende Horen, sondern das innerlich mu- 
sikalische Horen miissen Sie darauf lenken. Das Atmungsweben miis- 
sen Sie innerlich horen. Den astralischen Leib des Menschen miissen 
Sie innerlich horen. Es ist der dritte Mensch. Es ist derjenige Mensch, 
den wir erfassen, wenn wir vorriicken zum leeren Bewufttsein und 
dieses leere Bewufttsein ausfiillen lassen durch dasjenige, was uns ein- 
inspiriert wird. 

Nun, es ist wirklich die Sprache gescheiter, als die Menschen sind, 
weil die Sprache aus den Urzeiten kommt. Daft man das Atmen ein- 
mal eine Inspiration genannt hat, hat seinen tiefen Grund, wie iiber- 
haupt die Worte unserer Sprache viel mehr sagen, als wir heute mit 
unserem abstrakten Bewufttsein in den Worten fuhlen. 

Das sind die Dinge, die uns zunachst fuhren konnten zu den drei 
Gliedern der Menschennatur, zum physischen Leib, Atherleib, Astral- 
leib, die sich aufiern durch den Luftmenschen, den Fliissigkeitsmen- 
schen, den festen Menschen, die in den Gebilden des festen Menschen, 
in den sich verwandelnden Gestalten des Fliissigkeitsmenschen, in dem, 
was den Menschen durchzieht als eine innere, im Gefuhle erlebbare 
Musik, ihre physischen Gegenbilder haben. Das schonste Abbild die- 
ser innerlichen Musik ist ja das Nervensystem. Das ist erst aus dem 
astralischen Leib, aus der innerlichen Musik heraus gebaut. Daher das 
Nervensystem an einer bestimmten Stelle diese wunderbare Gestaltung 
zeigt (es wird gezeichnet): das Riickenmark, daran sich die verschie- Tafeis 
denen Strange gliedernd. Das alles gibt zusammen ein wunderbares, 2^ 
musikalisches Gefiige, das fortwahrend im Menschen wirkt, in das 
Haupt herauf wirkt. 

Eine Urweisheit, die noch im Griechentum lebendig war, fuhlte 
im Inneren des Menschen dieses wunderbare Instrument, das da ist, 
denn durch das ganze Riickenmark geht ja herauf die veratmete Luft. 
Die Luft, die wir einatmen, zieht ein in den Riickenmarkskanal, schlagt 
herauf nach dem Gehirn. Diese Musik wird wirklich ausgefiihrt, nur 
bleibt sie dem Menschen unbewufit. Er findet nur dasjenige, was oben 
sich abstolk, im Bewufitsein vor. Da ist es die Leier des Apollo, dieses 



innerliche Musikinstrument, das die instinktive Urweisheit im Men- 
schen noch erkannt hat. Ich habe friiher auf diese Dinge aufmerksam 
gemacht, allein ich will ja jetzt ein Resume* geben von dem, was im 
Laufe von zwanzig Jahren innerhalb unserer Gesellschaft entwickelt 
worden ist. 

Morgen werde ich weiterschreiten zu dem vierten Gliede der 
menschlichen Natur, der eigentlichen Ich-Organisation, um dann zu 
zeigen, wie diese verschiedenen Glieder der menschlichen Natur zu- 
sammenhangen mit des Menschen Leben auf Erden und des Menschen 
iiberirdischen oder aufierirdischen sogenannten Ewigkeitsleben. 



FONFTER VORTRAG 
Dornach, 2. Februar 1924 



Es ist von mir ausgefiihrt worden, wie man den Menschen gliedern 
soli in den physischen Leib, den atherischen Leib, den astralischen 
Leib, und wie man durch eine gewisse Obung der eigenen Erkenntnis- 
krafte, der Krafte des Gemiites und Willens, dahin kommen kann, 
eine tiefere Einsicht in diese Gliederung des Menschen zu erhalten. 
Diese Gliederung, die wir beim Menschen erblicken, finden wir auch 
draufien in der Welt. Nur miissen wir uns klar sein daruber, dafi ein 
betrachtlicher Unterschied ist zwischen dem, was wir in der Welt fin- 
den aufierhalb des Menschen, also in der aufiermenschlichen Welt, 
und in der Innenwelt des Menschen selbst. 

Wenn wir zunachst die physische Welt betrachten, und wir kon- 
nen sie eigentlich nur betrachten in Ankniipfung an das feste, erdige 
Dasein, dann kommen wir dazu, verschiedene Stoffe zu unterschei- 
den. Ich brauche auf die Einzelheiten nicht einzugehen. Sie wissen ja, 
wenn der Anatom kommt und dasjenige, was vom lebenden Menschen 
ubriggeblieben ist, nachdem dieser durch die Pforte des Todes gegan- 
gen ist, den Leichnam, untersucht, dann hat dieser Anatom nicht no- 
tig - wenigstens glaubt er es nicht notig zu haben, und innerhalb ge- 
wisser Grenzen hat er ein Recht zu diesem Glauben an irgend etwas 
anderes zu denken als an die irdischen Stoffe, die er auch findet im 
aufiermenschlichen Dasein. Er untersucht, was im aufiermenschlichen 
Dasein vorhanden ist an Salzen, an Sauren, an anderen zusammenge- 
setzten oder einfachen Stoffen, er untersucht dann dasjenige, was der 
menschliche Organismus enthalt. Und er findet sozusagen nicht no- 
tig, seine physikalischen, seine chemischen Kenntnisse zu erweitern. 

Der Unterschied tritt ja nur hervor, wenn man die Dinge mehr 
im Grofien betrachtet, wenn man eben auf das aufmerksam wird, was 
ich so stark betont habe: dafi dieser menschliche Organismus in sei- 
ner Gesamtzusammenfassung als Totalitat nicht aufrechterhalten wer- 
den kann von der aufiermenschlichen Natur, sondern der Zerstorung 
unterliegt. So dafi wir sagen konnen: im festen, erdigen Physischen 



finden wir nicht sehr viel Unterschied zunachst zwischen dem, was 
auflermenschlich und dem, was innermenschlich ist. Grofieren Unter- 
schied aber miissen wir schon anerkennen in dem, was Atherisches ist. 

Ich habe Sie ja aufmerksam darauf gemacht, wie das Atherische 
eigentlich auf uns herunterblickt aus der aufierirdischen Welt, und 
wie aus dem Atherischen herein alles, ob es ein grofier oder ein klei- 
Tafel6 ner Tropfen ist, rund gemacht wird, kugelig gemacht wird (es wird 
gezeichnet). Und diese Tendenz, aus dem Kraftezusammenhang des 
Atherischen heraus ein Kugeliges zu gestalten, erstreckt sich auch auf 
den Atherleib des Menschen. Eigentlich haben wir fortwahrend mit 
Bezug auf unseren Atherleib damit zu kampfen - natiirlich geschieht 
das alles im Unterbewufiten -, die Kugelform zu uberwinden. Der 
menschliche Atherleib, so wie er nun einmal ist, ist sehr angepaflt in 
seiner Form, in seiner Gestaltung dem menschlichen physischen Leib. 
Er hat nicht so feste Grenzen, er ist in sich beweglich; aber wir konnen 
in ihm auch unterscheiden eine Kopfpartie, eine Rumpfpartie, undeut- 
lich die GliedmalRenpartien, da verschwimmt der Atherleib. So dafi es 
so ist, dafi wenn wir einen Arm bewegen, der Atherleib, der sich sonst 
der Form des menschlichen Organismus anpafit, nur etwas herausragt 
Tafel 6 iiber denselben, wahrend er nach unten auseinandergeht?Dieser Ather- 
rechts a k er j as Universum, durch den Kosmos eigentlich die 

Tendenz, Kugelform anzunehmen. Gegen diese Kugelform mufi eben 
dasjenige, was als hoheres Wesen im Menschen ist, der astralische 
Mensch und der Ich-Mensch kampfen. Das plastiziert heraus aus der 
Kugelform eben diese Form, die sich der menschlichen Gestalt an- 
paflt. So daft wir sagen konnen: Der Mensch stellt sich als Athermensch 
in die allgemeine Atherwelt so hinein, dafi er in sich zusammenschlieflt 
eine Eigenform aus dem Atherischen; wahrend ringsherum alles Athe- 
rische darnach trachtet, soweit Gestaltung in Betracht kommt, Ku- 
geliges zu gestalten aus dem Flussigen. Beim Menschen wird das Fliis- 
sige, wenn ich mich so ausdriicken darf, eben menschenahnlich, aber 
das geschieht durch innere Krafte. Da arbeiten die inneren Krafte den 
aufieren kosmischen Kraften entgegen. 

Noch starker ist dieses Entgegenarbeiten beim astralischen Men- 
schen. Das Astralische kommt ja sozusagen wie aus dem Unbestimm- 



82 



* Siehe Hinweis 




ten, wie ich Ihnen gestern angedeutet habe, hereingestromt. Und dieses 
Astralische wirkt im auflermenschlichen irdischen Dasein so herein- 
stromend (siehe Pfeile im grunen Kreis), dafi es aus der Erde heraus TafeU 
die Pflanzenform kraftet, die noch deutlich dieses Folgen dem Astra- 
lischen zeigt. Denn es sind ja die Astralkrafte, die die Pflanze aus der 
Erde herausholen. Die Pflanze selbst hat nur einen Atherleib; aber 
die astralischen Krafte sind es, die sie herausholen aus der Erde. Beim 
Menschen ist der astralische Leib aufterordentlich kompliziert, und 
man nimmt ihn wirklich so wahr, wie ich ihn gestern dargestellt habe, 
als ein inneres Musikalisches, als ein wirbelndes Leben, als ein weben- 
des Leben, als innere Regsamkeit und alles das, was, wenn ich mich 
so ausdrucken darf, gespiirte, empfundene Musik ist; wahrend man 
alles andere Astralische von aufien radial einstromend findet. Und 
dieses radial Einstromende, das wird eben in die menschliche astra- 
lische Form verwandelt. Da kommen komplizierte Dinge zum Vor- 
schein. (Es wird gezeichnet.) TafeU 
Sagen wir zum Beispiel, es strome von einer Seite her ein Astra- rechts 



lisches ein; die menschliche Wesenheit biegt dieses Astralische in der 
verschiedensten Form um, um es sich dienstbar zu machen und einzu- 
gliedern, so dafl der Mensch sich seinen Astralleib aus den radial ein- 
stromenden Astralkraften erzwingt, konnte man sagen, durch seine 
eigene innere Wesenheit. 

Nun, sehen Sie, man kann aber doch sagen: Wenn man den see- 
lisch-geistig gescharften Blick hinauswendet in den Kosmos, bekommt 
man schon die Auffassung des Atherischen und man bekommt auch 
den Eindruck: das Atherische ist dasjenige, was macht, daft wir von 
der Erde wegstreben; wahrend wir durch die Schwere der Erde mit 
der Erde zusammengehalten werden, streben wir durch das Atherische 
weg. Im Wegstrebenden ist eigentlich das Atherische tatig. Sie brau- 
chen dabei nur folgendes zu denken: das menschliche Gehirn ist un- 

Tafel7 gefahr 1500 Gramm schwer. Eine Masse, die 1500 Gramm schwer ist, 
die auf die feinen Blutgefafie driicken wiirde, die unter dem Gehirn 
sind, wiirde diese ganz zerquetschen. Wiirde unser Gehirn wirklich 
seine 1500 Gramm Schwere haben im lebenden Menschen, konnten 
wir natiirlich nicht die Blutgefafie, die unter dem Gehirn sind, haben. 
Aber innerhalb des lebenden Menschen wiegt ja das Gehirn hochstens 

Tafel 7 20 Gramm. Soviel wird, weil das Gehirn im Gehirnwasser schwimmt 
und um das Gewicht des verdrangten Wassers leichter wird, das Ge- 
hirn leichter, ungeheuer viel leichter; so wirkt das Gehirn eigentlich 
wegstrebend vom Menschen. Und in diesem Wegstreben wirkt das 
Atherische. So dafi man sagen kann: gerade am Gehirn veranschau- 
licht sich das, was da vorliegt, aufterordentlich stark. 

Sie haben das Gehirn im Gehirnwasser schwimmend. Dadurch ver- 
mindert sich sein Gewicht von 1500 Gramm auf etwa blofi 20 Gramm. 
Also bloft etwa 20 Gramm schwer ist unser Gehirn, nimmt also in 
seiner Wirksamkeit in aufierordentlich geringem Mafie an unserer phy- 
sischen Leiblichkeit teil. Da f indet das Atherische ungeheuer viel Mog- 
lichkeit, hinaufzuwirken. Das Gewicht wirkt hinunter, aber das Ge- 
wicht wird aufgehoben. Im Gehirnwasser entwickelt sich vorzugs- 
weise die Summe der atherischen Krafte, die uns weghebt von dem 
Irdischen. Wir wiirden ja, wenn wir unseren physischen Leib zu tra- 
gen hatten mit all seinen Schwerekraften, einen Sack haben, an dem 



wir zu schleppen hatten. Aber jedes Blutkorperchen schwimmt ja, ver- 
liert von seinem Gewicht. 

Es ist eine alte Erkenntnis, diese von dem Gewichtsverlust im Fliis- 
sigen. Sie wissen ja, daft sie dem Archimedes im Altertum zugeschrie- 
ben worden ist. Er badete einmal und merkte, als er das Bein aus dem 
Badewasser herausstreckte, wieviel schwerer es ist, als wenn er das 
Bein im Badewasser drinnen hielt, und da rief er: Ich hab's gefunden! 
Heureka! Ich hab's gefunden! - Namlich, dafi jeder Korper im Fliis- 
sigen so viel leichter wird, als die Fliissigkeitsmasse betragt, die er ver- 
drangt. Wenn Sie also den Archimedes sich im Badewasser vorstel- 
len, das physische Bein (es wird gezeichnet), und dann jenes Bein aus Tafel 7 
Wasser geformt, so wird das physische Bein so viel weniger schwer rechts 
sein im Wasser, als dieses Wasserbein hier wiegt. Um das wird es leich- 
ter sein. Und so wird unser Gehirn im Gehirnwasser drinnen um so 
viel leichter, als die Gehirnfliissigkeit von der Grofie des physischen 
Gehirns betragt. Man nennt es in der Physik Auftrieb. Also in diesem 
Wegstreben durch das Flussige wirkt das Atherische, wahrend das 
Astralische zunachst angeregt wird durch die Atmung, durch das Luft- 
formige, das in den menschlichen Organismus hereinkommt. Und in- 
dem das Luftformige seinen Weg durchmacht durch den Menschen und 
in ungeheuer feinem, zerstiebtem Zustande im Haupte anlangt, wirkt 
in dieser Luftverteilung, Luftorganisierung, das Astralische. 

So kann man wirklich in dem Stofflichen, in dem festen, erdigen 
Stoff lichen das Physische sehen; in dem Fliissigen, namentlich wie 
seine Wirkung im Menschen ist, das Atherische; in dem Luftformigen 
schon das Astralische. 

Es ist die Tragik des Materialismus, daft er nichts von der Materie 
weifi, wie sie in Wirklichkeit in den verschiedenen Gebieten des Da- 
seins wirkt. Das ist gerade das Merkwiirdige, dafi der Materialismus 
so unwissend ist iiber die Materie. Er weifi gar nichts u'ber die Wirkung 
der Materie, weil man dariiber erst etwas erfahrt, wenn man die in 
der Materie wirksame Geistigkeit, die die Krafte darstellen, ins Auge 
fassen kann. 

Und so ist es: Schreitet man durch die Meditation vor zu der ima- 
ginativen Erkenntnis, von der ich Ihnen schon gesprochen habe, so 



findet man in allem Wasserweben der Erde zugleich das Atherische. 
Es ist vor einer wirklichen Erkenntnis kindisch, zu glauben, dafi in 
alledem, was da webt - nehmen Sie das Meer, das Flufiwasser, die auf- 
steigenden Nebel, die herabfallenden Wassertropfen, die sich formen- 
den Wolken, nehmen Sie das alles zusammen -, zu glauben, dafi da 
nur dasjenige enthalten ist, was der Physiker und der Chemiker vom 
Wasser wissen, es ist eigentlich kindisch gegeniiber einer wirklichen 
Erkenntnis. Denn in alledem, was da draufien ist in dem machtigen 
Tropfen der Wassererde, in demjenigen, was fortwahrend aufsteigt in 
Dunstesform, sich zu Wolken formt, herunterkommt in Nebel und 
Regen, was sich sonst auf der Erde durch das Wasser zutragt - das 
Wasser hat ja eine ungeheure Tatigkeit bei der Bildung der verschie- 
denen Erdstrukturen -, in alledem wirken die Atherstromungen, das 
Atherweben, das sich einem enthullt, wenn man das Denken so er- 
kraftet hat, wie ich es auseinandergesetzt habe: in Bildern. Oberall ist 
im Hintergrunde dieses Wasserwebens das Weben der Imagination, der 
Weltimagination, und - gewissermaflen von riickwarts kommend in 
diese Weltimagination - uberall diese astralische Weltenspharenhar- 
monie. 

Nun ist es aber so beim Menschen, dafi man in ihm alle diese Ver- 
haltnisse ganz anders findet als aufierhalb des Menschen. Wenn man 
ins Aufiermenschliche schaut mit dem in der Art gescharften Blick, 
wie ich es Ihnen angedeutet habe, da findet man sozusagen die Welt 
zunachst aufgebaut aus dem Physischen, unmittelbar an der Erde haf- 
tend; dem Atherischen, das schon den Kosmos erfiillt; dem Astrali- 
schen, das da einstromt, wesenhaft einstromt. So dafi man wirklich 
nicht etwa blofi ein allgemeines abstrakt astralisches Weben hat, son- 
dern Wesen da hereinkommen, Wesen, die seelisch-geistig sind, so wie 
der Mensch auch in seinem Korper seelisch-geistig ist. Das schaut man. 

Schaut man dann auf den Menschen zuriick, so findet man auch 
im Menschen fur dasjenige, was draufien atherisch ist, entsprechend 
seinen Atherleib. Aber dieser Atherleib zeigt sich nicht so, dal$ Sie 
TafeU sagen konnen (es wird gezeichnet): da ist der physische Mensch, dann 
rechts ist das der Atherleib. Gewifi, man kann es so zeichnen, aber das ist 
nur ein festgehaltener Ausschnitt. Sie sehen niemals blofi den gegen- 



wartigen Atherleib, sondern wenn Sie einen Menschen in bezug auf 
seinen Atherleib betrachten, dann sehen Sie diesen Ausschnitt, den 
man zeichnen kann, angrenzend an dasjenige, was vorangeht. Sie sehen 
immer den ganzen Atherleib bis zu der Geburt hin. Das Zeitliche ist 
ein Einheitliches. Sie konnen nicht, wenn Sie einen zwanzigjahrigen 
Menschen vor sich haben, den zwanzigjahrigen Atherleib blofi sehen, 
sondern Sie sehen alles, was im Atherleib geschehen ist bis zu der Ge- 
burt hin und noch etwas daruber hinaus. Da wird wirklich die Zeit 
zum Raum. So wie Sie, wenn Sie in eine Allee hineinschauen und die 
Baume durch die Perspektive einander immer nahergeriickt werden, 
so wie Sie also in die ganze Allee hineinsehen dem Raume nach: so 
schauen Sie den Atherleib, wie er gegenwartig ist, an, sehen aber zu- 
riick das ganze Gebilde, das ein zeitliches Gebilde ist. Der Atherleib 
ist ein Zeitorganismus. Der physische Leib ist ein Raumesorganismus. 
Der physische Leib ist jetzt ja abgeschlossen. Der Atherleib ist immer 
als Ganzes da, entsprechend der vergangenen Lebensdauer wahrend 
dieses Lebens. Das ist eine Einheit. Daher konnten Sie eigentlich den 
Atherleib nur zeichnen oder malen, wenn Sie Wandelbilder malen 
konnten; nur mit einer grofieren Geschwindigkeit miifiten Sie malen. 
Was man als augenblickliche Gestaltung zeichnet oder malt, ist eben 
nur ein Durchschnitt, verhalt sich dem ganzen Atherleib gegeniiber 
so, wie wenn Sie einem Baum den Stamm durchschneiden und dann 
zeichnen, was Sie da sehen im Durchschnitt. So ist es, wenn Sie den 
Atherleib in einem Schema zeichnen, eben nur ein Durchschnitt, denn 
der ganze Atherleib ist ein zeitlicher Verlauf . Und man kommt, in- 
dem man diesen zeitlichen Verlauf iiberblickt, sogar etwas iiber die 
Geburt, ja sogar iiber die Empfangnis hinaus bis zu einem Punkte, wo 
man schaut, wie der Mensch heruntergestiegen ist aus seinem vorirdi- 
schen Dasein zu diesem jetzigen Erdendasein, und sich sozusagen als 
Letztes, das er durchgemacht hat, bevor er von einem Elternpaar kon- 
zipiert wurde, Substantiality aus dem allgemeinen Weltenather her- 
angezogen und zu seinem eigenen Atherleib gebildet hat. 

So dafi Sie also, sobald Sie vom Atherleib sprechen, nicht anders 
sprechen konnen, als indem Sie das zeitliche Leben des Menschen bis 
iiber die Geburt hinaus iiberblicken. Das, was man als den Ather- 



leib in einem bestimmten Zeitmomente ansieht, ist nur eine Abstrak- 
tion; das Konkrete ist der zeitliche Verlauf . 

Beim astralischen Leib ist es noch anders. Auf den astralischen 
Leib des Menschen kommt man in der Art, wie ich Ihnen das gestern 
gesagt habe. 

Das kann ich Ihnen nur schematisch zeichnen. Es mulS ja auch in 
der Zeichnung fur Sie der Raum zur Zeit werden. Nehmen wir an, 

Tafd7 am 2. Februar 1924 betrachten Sie den astralischen Leib eines Men- 
schen. Hier ware der Mensch (es wird gezeichnet) und wir betrach- 
ten seinen astralischen Leib. Ja, es macht der Mensch diesen Eindruck: 
da ist sein physischer Leib, da ist sein Atherleib, und da kann man auch 
seinen astralischen Leib betrachten. Es macht den Eindruck, wie ich 
es in meinem Buche «Theosophie» beschrieben habe. Es ist so. Aber 
kommt man zu der eigentlich inspirierten Erkenntnis, wie ich sie ge- 
stern beschrieben habe, die gegenuber dem leeren Bewufitsein auftritt, 
dann gelangt man zu folgender Einsicht. Dann sagt man sich: Das- 
jenige, was da als astralischer Leib im Menschen gesehen wird, das ist 
eigentlich nicht am 2. Februar 1924 vorhanden, sondern wenn der 
Mensch, dessen astralischen Leib man betrachtet, zwanzig Jahre alt 
geworden ist, so mufi man die Zeit zuriickverfolgen. Sie kommen dann 

Tafel7 hin, meinetwillen zu dem Januar 1904, und Sie bekommen die Ein- 
sicht: da eigentlich ist erst in Wirklichkeit dieser astralische Leib da, 
und weiter zuriick ins Unbegrenzte, weiter zuriick, da ist er eigentlich 
erst. Er ist gar nicht mitgegangen durch das Leben, er ist da geblieben. 
Hier ist nur eine Art Schein. - Es ist so, wie wenn Sie in eine Allee 
hineinschauen wiirden (es wird gezeichnet): da geht es weiter, es sind 
die letzten Baume, sie sind sehr nahe; dahinten steht eine Lichtquelle. 
Ja, Sie konnen hier den Schein des Lichtes noch haben, aber die Licht- 
quelle ist doch dahinten, die ist nicht hervorspaziert, damit hier der 
Schein des Lichtes ist. 

So ist der astralische Leib auch da geblieben (es wird auf die Zeich- 
nung verwiesen), wirft nur seinen Schein in das Leben herein. Der 
astralische Leib ist eigentlich in der geistigen Welt geblieben, ist nicht 
mitgegangen in die physische Welt. Wir stehen unserem astralischen 
Leibe nach immer vor unserer Empfangnis, vor unserer Geburt und 



Empfangnis in der geistigen Welt drinnen. Es ist so, wie wenn wir, 
wenn wir 1924 zwanzig Jahre alt geworden sind, eigentlich doch 
geistig noch lebten vor dem Jahre 1904, und nur einen Fuhler vor- 
gestreckt hatten in bezug auf den astralischen Leib. 

Sie werden sagen: Das ist eine schwierige Vorstellung. Schon, aber 
Sie wissen, es hat einmal einen spanischen Konig gegeben, dem hat 
man gezeigt, wie kompliziert das Weltengebaude ist. Da hat der spa- 
nische Konig gemeint, wenn er das Weltengebaude gemacht hatte, 
hatte er es einfacher gemacht. Das mag schon der Mensch denken, 
aber die Welt ist eben in Wirklichkeit nicht einfach, und der Mensch 
schon gar nicht, sondern man muft sich etwas anstrengen, um das zu 
erfassen, was der Mensch ist. 

Sie schauen also, indem Sie nach dem astralischen Leib schauen, 
direkt in die geistige Welt hinein. Astralisches um sich haben Sie 
nur in der auflermenschlichen Welt. Wenn Sie die Menschen anschauen, 
schauen Sie in die geistige Welt hinsichtlich ihrer astralischen Leiber 
hinein. Sie sehen direkt dasjenige, was der Mensch selber, bevor er auf 
die Erde heruntergestiegen ist, in der geistigen Welt durchgemacht 
hat. 

Sie werden sagen: Aber mein astralischer Leib wirkt doch in mir. 
Das tut er auch, selbstverstandlich tut er das; aber denken Sie sich, 
hier ware irgendein Wesen (es wird gezeichnet), das hatte irgend- 
welche Stricke und wiirde durch diese Stricke, die mechanisch ver- 
bunden waren, etwas verrichten. Weit weg im Raume tritt die Wir- 
kung von einem Wesen auf, das eben hier ist. So ist es hier mit der 
Zeit. Ihr astralischer Leib ist da geblieben, aber er streckt seine Wir- 
kungen eben durch das ganze Leben aus. Wenn Sie also heute eine 
Wirkung Ihres astralischen Leibes beachten, so hat die ihren Ursprung 
in der Zeit, die langst vergangen ist, wo Sie, noch bevor Sie auf die 
Erde heruntergestiegen sind, in der geistigen Welt waren. Die Zeit 
wirkt da herein. Die Zeit ist, mit anderen Worten, da geblieben fur 
das Geistige. Und derjenige, der glaubt, dafi das Vergangene in dem, 
was in der Zeit wirklich lebt, nicht mehr da sei, der gleicht einem 
Menschen, der in einem Eisenbahnzug sitzen wiirde, fortfiihre, und 
einer sagte ihm: Du, das war doch eine schone Gegend, die wir da 



durchfahren haben und der Mensch, der also einfaltig ware, wiirde 
sagen: Ja, scheme Gegend, aber sie ist ja verschwunden, sie ist ja gar 
nicht mehr da. - Solch ein Mensch wiirde also glauben, wenn er mit 
dem Eilzug voriibergefahren ist an einer Gegend, dann sei sie ver- 
schwunden, sei nicht mehr da. Geradeso gescheit ist es, wenn der 
Mensch glaubt, was in der Zeit vergangen ist, sei nicht mehr da. Es 
ist eben fortwahrend da, es wirkt in ihn herein. Der 3. Januar 1904 
in seinem geistigen Bestande ist noch da, geradeso wie das Raumliche 
da ist, wenn Sie durchgefahren sind; es ist da, und es ist so da, dafi es 
hereinwirkt in die Gegenwart. 

So dafi, wenn Sie Ihren astralischen Leib so beschreiben, wie ich 
es in meiner «Theosophie» getan habe, dann miissen Sie, urn die Ein- 
sicht zu einer vollstandigen zu machen, eben sich bewufit werden, 
dafi das, was da wirkt, der Schein desjenigen ist, was eigentlich weit 
zuriickliegend wirkt. Sie sind als Mensch wirklich ein Komet, der 
seinen Schweif weit zuriick in die Vergangenheit erstreckt. Man kann 
nicht anders eine wirkliche Einsicht in die menschliche Wesenheit 
gewinnen als dadurch, dafi man auf die neuen Begriffe kommt. 

Die Menschen, die glauben, dafi man mit denselben Begriffen, die 
man hier fur die physische Welt hat, auch in die geistige Welt ein- 
treten kann, die sollten Spiritisten werden, nicht Anthroposophen. 
Da, nicht wahr, versucht man alles Geistige, nur ein bifichen dtinner, 
gerade auch in den gewohnlichen Raum, wo die physischen Men- 
schen herumgehen, hereinzuzaubern. Aber das ist eben kein Geistiges. 
Das sind nur feine Ausschwitzungen, selbst die Scbrenck-Notzing- 
schen Phantome sind nur feine Ausschwitzungen des Physischen, sehr 
diinne Ausschwitzungen, die noch in ihrer Gestaltung den Nachklang 
des Atherischen haben. Es sind blofie Phantome; sie sind nicht ein 
wirklich Geistiges. 

Wenn Sie die Sache so betrachten, dann werden Sie sich sagen: 
In der aufiermenschlichen Natur sind die hoheren Welten gegenwar- 
tig. Beim Menschen kommen wir sogleich in die Zeit hinein, in seinen 
zeitlichen Verlauf, wenn wir die aufeinanderfolgenden Welten be- 
trachten. Man kann aber beim Menschen auch noch weiterdringen 
in der Erkenntnis. Und da mundet die Erkenntnis ein in ein Element, 



von dem man heute in unserer philistros-materialistischen Zeit nicht 
zugeben will, dafi es auch ein Erkenntniselement sein kann. 

Ich habe Ihnen als die erste Stufe der Erkenntnis diejenige vorge- 
wiesen, die - nun ja, die groben, robusten physischen Dinge um uns 
herum erblickt durch die Sinne. Die zweite Art war die des erkraf- 
teten Denkens, wo man die sich bewegenden Bilder der Welt in sich 
auffafit. Die dritte Art war die inspirierte, wo man dasjenige wahr- 
nimmt, was sich wesenhaft in diesen Bildern ausspricht, was hinein- 
tont wie ein Spharenmusikalisches, aber wesenhaft. Nimmt man das 
beim Menschen wahr, dieses wesenhaft Spharische, dann wird man 
nicht blofi aus der Materie hinausgefuhrt, sondern aus der Gegenwart 
hinausgefiihrt in das vorirdische Leben des Menschen, in sein Da- 
sein, das er gehabt hat als geistig-seelisches Wesen, bevor er auf die 
Erde herabgestiegen ist. Diese inspirierte Erkenntnis erlangt man, 
wenn man das leere Bewufitsein herstellt, nachdem man vorher das 
erkraftete Denken gehabt hat. 

Den weiteren Aufstieg in der Erkenntnis erlangt man dadurch, 
daft man die Kraft der Liebe zu einer Erkenntniskraft macht. Nur 
darf es nicht die triviale Liebe sein, von der allein in unserer mate- 
rialistischen Zeit zumeist gesprochen wird, sondern es mufi diejenige 
Liebe sein, die imstande ist, sich eins zu fiihlen mit einem Wesen, 
das man selber nicht ist innerhalb der physischen Welt; also wirklich 
fiihlen konnen das, was in dem anderen Wesen vorgeht, ebenso wie 
das, was in einem selbst vorgeht, ganz aus sich herausgehen konnen 
und wieder aufleben in dem anderen Wesen. Im gewohnlichen Men- 
schenleben bringt sich dieses Lieben nicht bis zu einem solchen Grade, 
der notwendig ist, um die Liebe zu einer Erkenntniskraft zu machen. 
Da muft man schon zuerst dieses leere Bewufitsein hergestellt haben, 
mufi auch einige Erfahrungen mit dem leeren Bewufitsein gemacht ha- 
ben. Ja, dann macht man etwas durch, was freilich viele Menschen 
nicht suchen, indem sie nach hoherer Erkenntnis streben. Da macht 
man namlich etwas durch, was man nennen konnte den Erkennt- 
nisschmerz, das Erkenntnisleid. 

Wenn der Mensch irgendwo eine Wunde hat, dann schmerzt ihn 
das. Warum? Weil sein geistiges Wesen dadurch, dafi der physische 



Leib verletzt wird, an dieser Stelle den physischen Leib nicht richtig 
durchdringen kann. Aller Schmerz riihrt davon her, daft man irgend- 
wie den physischen Leib nicht durchdringen kann. Und wenn man an 
etwas Aufierlichem Schmerz erlebt, so ist es auch aus dem Grunde, 
weil man sich damit nicht vereinigen kann. Hat man das leere Be- 
wufitsein erlangt, in das eine ganz andere Welt als diejenige, an die 
man gewohnt ist, hereinflutet, dann hat man fur die Momente, in de- 
nen man diese inspirierte Erkenntnis hat, den ganzen physischen Men- 
schen nicht, dann ist alles wund, dann schmerzt alles. Das mufi man 
zunachst durchmachen. Man mufi sozusagen das Verlassen des phy- 
sischen Leibes als richtigen Schmerz, als richtiges Leid durchmachen, 
um zur inspirierten Erkenntnis zu gelangen, urn dazu zu gelangen im 
unmittelbaren Anschauen, nicht blofi im Begreifen. Das Begreifen na- 
tiirlich kann ganz schmerzlos vor sich gehen und sollte von den Men- 
schen erlangt werden, indem sie eben auch nicht durch den Initiations- 
schmerz hindurchgehen. Aber um zu dem zu kommen, dasjenige be- 
wufit zu erleben, was der Mensch eigentlich an sich hat aus dem vorge- 
burtlichen Dasein, was noch aus der geistigen Welt geblieben ist und 
in einen hereinwirkt, um dazu zu kommen, dazu gehort zunachst das 
Hiniibergehen iiber den Abgrund des ganz allgemeinen, ich mochte 
sagen universellen Leides, universellen Schmerzes. 

Und dann kann man die Erfahrung des Auflebens in einem ganz 
Andern haben, dann lernt man erst die hochstpotenzierte, die hochst- 
gradige Liebe, die darinnen besteht, dafi man wirklich nicht abstrakt 
sich selbst vergessen kann, sondern sich ganz aufter acht lassen kann 
und ganz in das Andere hiniiberkommen kann. Und wenn diese Liebe 
in Verbindung mit der hoheren, inspirierten Erkenntnis auftritt, dann 
hat man eigentlich erst die Moglichkeit, mit all der Lebenswarme, mit 
all der Gemutsinnigkeit, mit all der Herzensinnigkeit, die natiirlich 
etwas Seelisches ist, in das Geistige hineinzukommen. Und das mufl 
man, wenn man weiterkommen will in der Erkenntnis. Die Liebe mufi 
in diesem Sinne eine Erkenntniskraft werden. Denn wenn diese Liebe, 
die als Erkenntniskraft dann auftritt, eine gewisse Hohe erreicht hat, 
eine gewisse Intensitat, dann kommen Sie hiniiber durch Ihr vorir- 
disches Dasein in das vorige Erdenleben. Sie schlupfen hiniiber durch 



das Ganze, was Sie durchgemacht haben zwischen Ihrem letzten Tode 
und dem gegenwartigen Erdenleben, in das friihere Erdenleben, in das, 
was man die vorhergehenden Inkarnationen nennt. 

Sehen Sie, dazumal sind Sie auch in einem physischen Leibe auf 
der Erde gewandelt, selbstverstandlich. Aber von all dem, was da 
physischer Leib an Ihnen war, ist ja nichts geblieben; das ist alles 
in die Erdenelemente aufgesogen worden, von dem ist nichts da. Das- 
jenige, was Ihr innerstes Wesen war in der damaligen Zeit, das ist 
ganz geistig geworden, das lebt in Ihnen als ganz Geistiges. 

Wahrhaftig, unser Ich wird, indem es durch die Pforte des Todes 
geht, durch die geistige Welt geht bis zu einem neuen Erdenleben, ganz 
geistig. Und wer glaubt, es mit ganz gewohnlichen Kraften des all- 
taglichen Bewufitseins erringen zu konnen, der kann es nicht errin- 
gen. Man kann es nur erringen, wenn die Liebe in der Weise hochst- 
gesteigert ist, wie ich es angefuhrt habe. Denn der, der wir waren im 
friiheren Dasein, der ist ebenso aufter uns, wie ein anderer Mensch 
in der Gegenwart au&er uns ist. Derselbe Grad von Aufiensein haftet 
unserem Ich an. Gewifi, es wird dann unser Eigentum. Wir erleben es 
als uns selbst, aber wir miissen erst so lieben lernen, dafl diese Liebe 
gar nichts Egoistisches hat. Es ware ja etwas Furchtbares, wenn man 
in seine vorige Inkarnation sich verlieben wiirde im gewohnlichen 
Sinne des Wortes. Es mufi die Liebe im hochsten Sinne gesteigert wer- 
den, dafi man eben diese vorige Inkarnation zugleich als etwas ganz 
anderes erleben kann. Und dann dringt man, wenn die Kraft der Er- 
kenntnis durch das leere Bewufitsein aufsteigt zu der Kraft der Er- 
kenntnis durch die hochstgesteigerte Liebe, dann gelangt man zu dem 
vierten Gliede der menschlichen Wesenheit, zu dem eigentlichen Ich. 

Der Mensch hat seinen physischen Leib. Durch den lebt er in jedem 
Augenblick in der physischen Gegenwart der Erde. Der Mensch hat 
seinen Atherleib. Durch den lebt er eigentlich fortdauernd bis ein 
Stiickchen vor seine Geburt hin, wo er sich den Atherleib gesammelt 
hat aus dem allgemeinen Weltenather. Nun hat er seinen Astralleib. 
Durch den lebt er durch das ganze Dasein zwischen seinem vorigen 
Tode und diesem Heruntersteigen auf die Erde. Und dann hat er sein 
Ich. Da lebt er ins vorige Erdenleben hinein. So dafi wir beim Men- 



schen uberall, wo wir von seiner Gliederung sprechen, sprechen mus- 
sen von seiner Ausdehnung in der Zeit. Wir tragen unser voriges Ich- 
Bewufitsein unterbewufit in der Gegenwart in uns. Und wie tragen 
wir es in uns? Ja, wenn Sie das studieren wollen, wie wir es in uns 
tragen, dann miifiten Sie aufmerksam werden darauf - und das ist 
auch der Weg dazu, an das Ich heranzukommen wie der Mensch 
nun hier in der physischen Welt nicht nur fester Leib ist, nicht nur 
ein fliissiger Mensch, ein luftformiger Mensch, sondern wie der Mensch 
ja ein Warmeorganismus ist. Primitiv, wenigstens sehr partiell weifi 
das schon jeder; wenn er Fieber mifit, so bekommt er verschiedene 
Fieberangaben, je nach den verschiedenen Stellen des Organismus, wo 
er mifit. Aber so ist es durch den ganzen menschlichen Organismus 
hindurch. Eine andere Temperatur haben Sie oben im Kopfe, eine an- 
dere in der grofien Zehe, eine andere innerlich in der Leber, eine andere 
innerlich in der Lunge. Sie sind ja nicht nur das, was Sie in einem 
anatomischen Atlas in festen Konturen gezeichnet finden; Sie sind ein 
Flussigkeitsorganismus, der in fortwahrender Bewegung ist; Sie sind 
ein Luftorganismus, der Sie immerfort durchdringt, wie wenn Sie da 
immer ein machtiges Symphonisches, Musikorganisches durchdrange. 
Und Sie sind bei alledem ein wogendes, warm-kalt Organisiertes, ein 
Warmeorganismus, und in diesem Warmeorganismus leben Sie selber 
drinnen. Das spiiren Sie auch. Schliefilich haben Sie nicht ein sehr star- 
kes Bewufitsein davon, dafi Sie, sagen wir, in einem Schienbein- oder in 
einem anderen Knochen leben, auch nicht ein starkes Bewufitsein da- 
von, daft Sie in Ihrer Leber leben oder in den Saften Ihrer Gefafie. 
Aber dafi Sie in Ihrer Warme leben, davon haben Sie ein starkes Be- 
wufitsein, wenn Sie das auch nicht differenzieren, wenn Sie auch nicht 
sagen: Da ist meine Warmehand, da ist mein Warmebein, da ist meine 
Warmeleber und so weiter; aber es ist da, und ist es einmal gestort, 
ist nicht die menschlich angemessene Differenzierung im Warmeorga- 
nismus vorhanden, dann spiiren Sie es als Erkrankung, als Schmerz. 

Wenn man das Atherische schaut, wenn man mit dem entwickel- 
ten Bewufitsein zur Bildhaf tigkeit, zur Imagination gedrungen ist, dann 
hat man webende Bilder. Nimmt man das Astralische wahr, hat man 
die Weltenspharenmusik. Die dringt an einen heran, oder auch sie 



dringt aus uns heraus. Denn unser eigener Astralleib fiihrt uns zuriick 
in unser vorirdisches Dasein. Und gehen wir weiter zu jener Erkennt- 
nis, die sich aufschwingt bis zur intensivsten Liebe, wo die Liebeskraft 
Erkenntniskraft wird, wo wir zunachst unser eigenes Dasein aus ei- 
nem vorigen Erdenleben hereinfluten sehen in unser gegenwartiges Er- 
denleben, so spiiren wir dieses vorangehende Erdenleben in der nor- 
malen Differenzierung unseres Warmeorganismus, in dem wir drin- 
nen leben. Das ist die wirkliche Intuition. Da leben wir drinnen. Und 
wenn irgendein Impuls in uns aufsteigt, das oder jenes zu tun, so wirkt 
dies ja nicht nur, wie es im astralischen Leib ist, aus der geistigen Welt 
heraus, sondern von noch weiter zuriick aus dem friiheren Erdenleben. 
Das friihere Erdenleben wirkt in die Warme Ihres Organismus herUber 
und erzeugt diesen oder jenen Impuls. Schauen wir in dem irdisch- 
festen Menschen den physischen Leib, in dem fliissigen den atherischen 
Leib, in dem luftformigen den astralischen Leib, so schauen wir in 
dem Warmemafiigen des Menschen das eigentliche Ich. Das Ich der 
gegenwartigen Inkarnation ist nie fertig; das bildet sich. Das eigent- 
liche, in den unterbewufiten Tiefen wirkende Ich ist das des vorigen 
Erdenlebens. Und vor dem schauenden Bewufksein nimmt sich ein 
Mensch, dem Sie gegeniibertreten so aus, dafi Sie sagen: Hier steht 
er; ich erblicke ihn zunachst so wie er dasteht, mit meinen aufieren 
Sinnen. Ich schaue dann das Atherische, ich schaue das Astralische, 
dann aber hinter ihm den anderen Menschen, der er war in der vo- 
rigen Inkarnation. 

In der Tat, je weiter dieses Bewufitsein ausgebildet wird, desto mehr 
erscheint - perspektivisch macht sich das so (es wird gezeichnet) - das Tafel 6 
menschliche Haupt der gegenwartigen Inkarnation, etwas dariiber lmks 
das menschliche Haupt der vorigen Inkarnation, etwas dariiber das 
menschliche Haupt der noch weiter zuriickliegenden Inkarnation. In 
Zivilisationen, die von diesen Dingen durch ein instinktives Bewufit- 
sein noch etwas geahnt haben, finden Sie Bilder, wo hinter dem deut- 
lich gezeichneten Antlitz, das auf das gegenwartige Erdenleben be- 
zogen wird, ein anderes, etwas weniger deutlich gemaltes ist, und 
ein noch weniger deutlich gemaltes als drittes. Es gibt solche agyptische 
Bilder. Derjenige, der erblickt, wie eigentlich hinter dem Menschen 




der Gegenwart der Mensch der vorigen Inkarnation und der weiter 
zuriickliegenden Inkarnation aufsteigt, versteht solche Bilder. Und es 
ist erst eine Realitat, von dem Ich zu sprechen als dem vierten Gliede 
der menschlichen Natur, wenn man zugleich das zeitliche Dasein zu 
den vorigen Inkarnationen zurikkerweitert. 

Das alles wirkt im Warmemenschen. Die Inspiration kommt noch 
an einen heran von aufien oder von innen. In der Warme steht man 
selber drinnen. Da ist die Intuition, die wahre Intuition. Ganz anders 
erlebt man die Warme als irgend etwas anderes an sich. 

Jetzt aber, wenn Sie das so betrachten, dann kommen Sie iiber 
eines hinaus, was gerade dem Menschen der Gegenwart, wenn er wirk- 
lich unbefangen mit seiner Seele zu Werke geht, ein grofies Ratsel 
aufgeben sollte. Ich habe von diesem Ratsel gesprochen. Ich sagte, 
wir fuhlen uns moralisch verbindlich gegeniiber gewissen Impulsen, 
die uns rein geistig gegeben sind. Wir wollen sie ausfiihren. Wie das 
in die Knochen, in den Muskel schiefit, wozu wir uns moralisch ver- 
bunden fuhlen, das kann man zunachst nicht einsehen. Wenn man 
aber weifi, dafi man sein Ich aus der vorigen Inkarnation, das schon 
ganz geistig geworden ist, in sich tragt, dafl dieses Ich in die Warme 
hereinwirkt, dann hat man den Ubergang da in diesem Warmemen- 
schen. Auf dem Umwege durch das Ich der vorigen Inkarnation wir- 



ken die moralischen Impulse. Da bekommen Sie erst den Obergang 
vom Moralischen ins Physische. Wenn Sie blofl die gegenwartige Na- 
tur betrachten und den Menschen als einen Ausschnitt aus der Na- 
tur, bekommen Sie diesen Obergang nicht. 

Denn wenn Sie die gegenwartige Natur betrachten, so konnen Sie 
folgendes sagen: Nun ja, da draufSen ist die Natur; der Mensch nimmt 
ihre Stoffe auf, baut sich seinen Organismus auf - so naiv kindlich 
stellt man sich das vor -, ist also ein aus den Stoffen der Natur zu- 
sammengeschweifiter Ausschnitt aus der Natur. Schon. Jetzt fiihlt er 
aber plotzlich: es gibt moralische Impulse, und er soli sich danach rich- 
ten. Er soli nur einen einzigen Schritt machen im Sinne dieser mora- 
lischen Impulse. Ich mochte wissen, wie dieser Ausschnitt aus der Na- 
tur das anfangt? Der Stein kann es nicht; das Kalzium kann es nicht; 
das Chlor kann es nicht; der Sauerstoff kann es nicht; der Stickstoff 
kann es nicht, alles das kann es nicht. Der Mensch, der aus dem zu- 
sammengeschweifk ist, soil es plotzlich konnen: er empfindet einen 
moralischen Impuls, und er soil sich danach richten, da er doch aus 
alledem zusammengeschweiftt ist, was das nicht kann. 

Aber in alledem, was da zusammengeschweifit ist, entsteht etwas, 
namentlich auf dem Umwege durch den Schlaf , was durch den Tod 
geht, was immer geistiger und geistiger wird und ein nachstes Mai in 
den Leib hineingeht. Nun 
…[truncated]